P R O L O G
Ladonnas Macht ist gebrochen. Vier Jahre hatte sie mit Hilfe ihres einzigartigen wie unheilvollen Feuerrosenzaubers viele Zaubereiministerien unterjocht. Nach ihrer Entmachtung fielen die noch nicht aus ihrem Bann befreiten in einen unaufweckbar erscheinenden Tiefschlaf. Die Ministerien werden bis auf weiteres von außenstehenden Hexen und Zauberern aus der Liga gegen dunkle Künste betrieben. Doch das kann und soll kein Dauerzustand bleiben. Außerdem müssen viele durch Ladonnas Treiben aufgeworfene Fragen abschließend geklärt werden, unter anderem was mit den von ihr gesammelten Zaubergegenständen und Aufzeichnungen geschieht oder was den Umgang mit anderen Zauberwesen wie Kobolden und Veelas angeht.
Nachdem Ladonnas Blutsiegelzauber um den Weinkeller der Girandelli-Villa verfliegt versuchen mehrere Gruppen von Hexen und Zauberern, die dort angehäuften Artefakte und Aufzeichnungen aus aller Welt zu erbeuten. Albertrude Steinbeißer gelingt es mit einem flächendeckenden Betäubungszauber, die Konkurrenten auszuschalten und sich in den Besitz deutscher und altägyptischer Zaubergegenstände zu bringen. Dabei trifft sie eine kleinwüchsige Frau mit gläsernem Helm und silbernem Bogen, die von Albertrudes Betäugungszauber weit fortgeschleudert wird. Die Kleinwüchsige ist die Koboldstämmige Diana Camporosso, der Ladonna kurz vor ihrem Verschwinden den erbeuteten Seelenglashelm des Koboldgeheimbundgründers Deeplook aufgesetzt und dessen darin lauernden Geist Dianas Gedanken und Willen unterworfen hat. Diana will nun Königin der Kobolde und damit Ladonnas Nachfolgerin werden. Sie sammelt mit Hilfe von Deeplooks Wissen überlebende Mitglieder des Geheimbundes der Kobolde um sich. Diese glauben, Deeplook sei der vorherrschende Geist im unfreiwillig angenommenen Körper der koboldstämmigen Hexe. Sie versuchen Gringotts zu übernehmen. Das misslingt, weil einer der Gringottszweigstellenleiter bereits unter dem Bannwort des schlafenden Königs steht und die Aktion an die Ministerien verrät. So bleibt Diana nur, sich nach Afrika zurückzuziehen, wo noch Schlupfwinkel des Geheimbundes sind.
In den USA wird lebhaft diskutiert, ob es nicht ein neues Zaubereiministerium oder einen neuen magischen Kongress der USA geben soll. Diesen bevorzugen die zehn mächtigsten Zaubererfamilien, darunter die Greendales und die Southerlands und arbeiten darauf hin, dieses Ziel zu erreichen.
In Europa ist noch unklar, was mit den ehemaligen Unterworfenen des Feuerrosenzaubers geschieht. Außerdem gilt es, den von Ladonna verursachten Kriegszustand mit anderen Zauberwesen zu beenden. Julius Latierre hofft darauf, einen Frieden zwischen den Menschen und Veelas herbeiführen zu können. Die französische Zaubereiministerin plant eine Rundreise, um mit anderen Zaubereiministerien darüber zu verhandeln. Bevor Julius am 16. März aufbricht erfährt er noch, dass seine Frau Millie und seine mit ihm und ihr in einer Dreiecksbeziehung zusammenlebende Schwiegertante Béatrice gleichzeitig von ihm schwanger geworden sind. Mit dieser Erkenntnis und mit der Hoffnung auf eine europaweite Verständigung zwischen magischen Menschen und Zauberern begibt er sich mit der hochrangig besetzten Abordnung des Zaubereiministeriums auf eine Reise für den Frieden zwischen Menschen und denkkfähigen Zauberwesen. Dabei gelingt es ihm und der französischen Abordnung, mit allen Nordeuropäischen Delegationen wichtige Vereinbarungen zu treffen. Julius ist erleichtert, dass Russland und alle anderen Länder, in denen Veelas und ihre mit Menschen gezeugten Nachkommen leben, einen ähnlichen Friedensvertrag schließen wollen wie er in Frankreich verfasst wurde.
In Ägypten üben Mitglieder der Bruderschaft des blauen Morgensterns die Amtsgeschäfte aus. Doch als die afrikanischen Zaubereiministerien zu einer Konferenz in Kenia einladen kommt es zur Machtrückeroberung durch die Familie Al-Assuani. Diese wollen die von Ladonna Montefiori entführten Zaubergegenstände aus Ägypten wiederhaben, vor allem jene Artefakte, die zu den zwölf Schätzen des Nils gehören.
Worum es sich dabei handelt erfährt Julius, nachdem ihm Béatrice einen in das Familiendenkarium ausgelagerten Traum zeigt, den ihr Ashtaria geschickt hat. Er erfährt den Grund, warum Millie es erlaubt hat, dass Béatrice noch ein Kind, diesmal möglicherweise eine Tochter, von ihm empfangen durfte. Denn Béatrice wird von Ashtaria, die als Vorbild der ägyptischen Muttergöttin Isis gegolten hat, eine magische Halskette aus jenen zwölf Schätzen zum Erwerb angeboten, die Kette der Isis, die ihrer Trägerin, sofern sie bis dahin kein Menschenleben genommen hat, neunfache Kraft auf alle heilsamen Zauber verleihen soll aber eben nur von Hexen getragen werden kann, die bereits einmal Mutter wurden.
Mit diesem unglaublichen Wissen und möglichem Vermächtnis in Aussicht reist Julius mit der französischen Ministeriumsdelegation auf die Insel Malta, wo es zum Treffen mit den Mittelmeeranrainern, darunter den Ägyptern kommt. Julius erfährt, dass das spanische Zaubereiministerium nicht beabsichtigt, den Friedensvertrag mit den Veelas zu übernehmen und dass Ägypten alle ehemaligen Fluchbrecher von Gringotts zur Fahndung ausgeschrieben hat.
Gleichzeitig baut Diana Camporosso ihre Rangstellung in dem im Neuaufbau befindlichen Geheimbund der Kobolde aus. Doch sie plant auch, mit den ehemaligen Feuerrosenschwestern Kontakt aufzunehmen. Vor allem in Afrika will sie eine sichere Basis finden. dabei gerät sie zunächst an Ullituhilia, die Tochter des schwarzen Felsens. Diese kann sie mit vier Todespfeilen aus Anhors Bogen bewegungslos machen und denkt, sie getötet zu haben. Doch als sie die Pfeile wieder aus dem Körper zieht erholt sich die Abgrundstochter. Diana hat eine neue starke Feindin. Außerdem gerät sie an die in einem mächtigen Ankerartefakt überdauernde Vampirherrscherin Akasha und ihre treuen Nachtkinder. Diese hatten bereits versucht, normale Menschen für sich einzuspannen, um Getreuen nach Amerika zu schicken. Doch der ausgewählte Transporteur stand bereits auf einer Todesliste der von aller Welt für tot gehaltenen Campoverde-Geschwister. Diese lassen das Privatflugzeug des von Akashas Untertanen erwählten Waffenschiebers aus Nordafrika über dem Atlantik explodieren und mit ihm Boten Akashas.
Diana Camporosso sucht die verbliebenen Schwestern auf und plant mit ihnen eine Neuauflage unter neuem Namen. Als Hauptquartier wählt sie eine Höhle eines ehemaligen Vampirherrschers. Nachdem sie die dort überdauernden Blutwürmer besiegen konnte plant sie die Neugründung eines dunklen Hexenordens.
In den USA bereiten sich alle magischen Menschen darauf vor, einen neuen magischen Kongress zu wählen. Doch findet diese Idee nicht überall Zustimmung. Außerdem erhebt sich dort eine Gruppierung, die einen außerlegalen Feldzug gegen alle angeblich dunklen Hexen führen will. Unruhen und Widerstand drohen, die Wiedervereinigung der US-amerikanischen Zaubererwelt zu verhindern. Dies wiederum bekümmert die zehn wichtigsten Familien dort, die ihrerseits ihre Hoffnungen in die Neuauflage des MAKUSAs setzen.
In Texas und anderen US-Staaten kommt es zum Widerstand gegen die Wiedereinsetzung des MAKUSAS. Ein Nachfahre des dunklen Magiers Durecore steuert über eine Reihe besonderer Zauberbilder die Aktionen gegen Regionaladministrationen. Die zehn mächtigsten Familien der Staaten müssen sich zusammenraufen, alte Rivalitäten zu begraben und unterstützen die Neuordnung der USA. Zeitgleich jagd die von Ladonnas Rosenzauber an den Rand des Wahnsinns gedrängte Atalanta Bullhorn danach, alle ihr missfallenden Hexen zu fangen und zu töten. Doch Anthelia sorgt dafür, dass ihre eigenen Schwestern unbehelligt bleiben. Weil Bullhorns Vorgehen zu grausam ist wird ihr Tun von den noch regierenden Regionaladministrationen als Verbrechen eingestuft.
Nachdem es gelingt, den Anstifter der Anschläge und Störversuche zu stellen wird dieser von einem lebendigen, offenbar teilbeseelten Hut Durecores verschlungen. Dieser wiederum wird mit einem Basiliskenzahn zerstört.
Atalanta Bullhorn lässt sich von Anthelia zu einer Bergregion bei Los Angeles locken, wo sie auf die Anführerin der Spinnenhexen trifft und sich mit ihr duelliert. Es endet damit, dass Anthelia Atalanta wieder in eine langstielige Rose verwandelt und diese dem neuen MAKUSA überlässt. Bullhorns illegale Organnisation wird zerschlagen.
Am 4. Juli wird Godiva Cartridge zur ersten Präsidentin des neuen MAKUSAS gewählt. Sie trifft sich heimlich mit Anthelia und schließt mit ihr einen Burgfrieden. Solange Anthelia keine Menschen innerhalb der USA behelligt darf sie ihren Orden weiterführen.
Die Zaubereiministerien wissen, dass es noch zu viele Widersacher auf der Welt gibt. Es dauert auch nicht mehr lange, bis sich neues Unheil regt. Die selbsternannte Kaiserin der Nachtschatten entsteigt wie von sich selbst geboren dem kristallinen Uterus, ihrem Ankerartefakt und trachtet danach, die vergangenen Monate aufzuholen. Vor allem zielt sie auf die Werwölfe und Vampire. Bei den Lykanthropen kommt es im Mai 2007 zum Führungswechsel. León del Fuego will eine gezielte Anwerbung von neuen Mitgliedern in den Reihen der südamerikanischen Zaubereiministerien. Doch seine Machtübernahme verläuft nicht so vollkommen, weil Lunera Tinerfeño, die einstige Anführerin noch lebt und ihn nicht anerkennen will. Um sie zu unterwerfen behauptet er, dass er über den Sohn ihres getöteten Kampfgefährten Fino Gewalt auf ihre Tochter Lykomeda ausüben kann. Lunera versendet darauf eine Gegendrohung, dernach der nun verwaiste Sohn Finos zur Gefahr für die Gefolgschaft Leóns wird und bietet ihm an, das bei einem Treffen auf Tenerifa zu klären. Als sie mit den beiden Kindern dort eintreffen und in Streit geraten überkommt sie und Leóns Abordnung ein heftiger Betäubungszauber. Als sie daraus erwachen sind beide Kinder fort. Sie konnten nicht ahnen, dass die Töchter des reinen Mondes die beiden Kinder überwachten und die Gelegenheit nutzten, jemanden mit einem starken Zaubergegenstand zum Treffpunkt zu schicken. Hierbei handelt es sich um Julius Latierre, den die Mondtöchter im Traum anrufen und dann, als er trotz gewisser Gewissensbisse dazu bereit ist, zwei Kinder von ihren Elternteilen fortzuholen, mit der Macht der Mondtöchter dorthin verfrachtet wird, wo sich die beiden Gruppen der Lykanthropen treffen. Der ihm mitgegebene Gegenstand betäubt sämtliche Werwölfe, so dass er die zwei Kinder aufnehmen und von der Macht der Mondtöchter getragen in deren Burg zurückreisen kann. Wochen später kehrt er noch einmal zur Mondburg zurück, um die von den Mondtöchtern vorsorglich vollständig an Körper und Geist wiederverjüngten Kinder und deren dort versteckten Elternteile in die Delourdesklinik zu bringen, von wo aus sie in ein geschüztes Haus gebracht werden.
León del Fuego kassiert noch zwei weitere Niederlagen. Zum einen manipuliert die Schattenkaiserin Mondordensmitglieder, in dem sie sie zu schattenlosen, einem umgekehrten Mondzyklus unterworfenen Gehilfen macht, deren Veränderung für übliche Werwölfe lebensbedrohlich ist. Zum zweiten schafft es die Schattenkaiserin, den mexikanischen Stützpunkt Leóns zu finden und treibt dessen Insassen fast zur völligen Niederlage. Nur von Leóns magisch begabter Gefährtin Bocafina erstellte Notfallportschlüssel befördern alle außer Gefahr. Der Stützpunkt vergeht nach der Evakuierung im Glutball in einer Sekunde freigesetzter fünf Stunden Sonnenlicht. Außerdem besteht seit der versuchten Unterwerfung Luneras und dem versuchten Zwang auf das Mitglied eines mächtigen Werwolfclans Streit zwischen den kriminellen Lykanthropen. León erkennt, dass seine Führungsmacht ins Wanken gerät. Doch kann er nichts tun, um seine Feinde zu besiegen.
Die Vampirgötzin Gooriaimiria entlockt dem in ihrem geistigen Corpus eingeschlossenen Iaxathan die Herstellung besonderer Rüstungen, die schier unzerstörbar sind und gegen alle auftreffenden Schadensformen schützen. Um die Rüstungen anfertigen zu lassen lockt Gooriaimiria mit ihren Dienerinnen zwanzig Schmiede, die alte Ritterrüstungen anfertigen können, in eine versteckte Burg bei Killarney. Unter der magischen Kontrolle von Gooriaimirias Dienerinnen schmieden diese Fachkundigen die Schattenrüstungen nach. Gooriaimiria erhofft sich dadurch eine bessere Streitmacht und die Möglichkeit, den Traum von Nocturnia wieder aufleben zu lassen. Die Rüstungen erweisen sich über Wochen als schier unzerstörbar und überwinden sogar die bisher wirksamen Vampirblutresonanzkristallbarrieren. So will sich Gooriaimiria wieder Fachleute für Viren und Mikrobiologie zusammenfangen, um mit deren Hilfe ein neues Vampirwerdungsgift erstellen zu lassen. Doch weil auch Vita Magica dies voraussieht bringen ihre Greifkommandos unbeabsichtigt mit magischen Fernortungsimplantaten versehene Gefangene in den Sammelstützpunkt. Vita Magica schickt erst von Zaubereiministerien entwickelte Vampirbetäubungsgasladungen dorthin, um dann mit einem Stoßtrupp alle Wissenschaftler einzusammeln und dann alle betäubten Vampire mit sich spontan entladenden Sonnenlichtkugeln zu töten.
Dann erweist sich, dass die schier unzerstörbaren Rüstungen eine entscheidende Schwäche haben. Berührung mit voller Lebenskraft steckender Baumsamen entkräften die Rüstungen und sprengen sie schließlich von ihren Trägern ab. Das dies funktioniert hat Julius Latierre von Temmie erfahren, die nicht wollte, dass er deshalb mit den Abgrundstöchtern spricht, die ihm anbieten, ihn über die Rüstungen aufzuklären. Gooriaimiria verordnet eine vorgezogene und ausgedehnte Winterruhe, um ihre verbliebenen Kämpfer und Dienerinnen vor der nun weltweiten Jagd auf Vampire zu verstecken.
Die Schattenkaiserin ist wegen ihrer Erfolge derartig übermütig, dass sie mit Thurainillas Wissen und können Lahilliotas Stützpunkt angreift. Mit ihren Armeen aus Nachtschatten und Dementoren kann sie ddie dort lebenden Ameisenmenschen außer Gefecht setzen und sich mit ihrer Macht bis zu Lahilliotas Königinnenkammer durchkämpfen. Dort erwarten sie aber auch dei Töchter der Lahilliota. Diese schaffen es, Thurainillas Seele aus dem Seelengefüge der Schattenkaiserin herauszulocken. So erfahren sie deren Entstehungsnamen: Birgute Hinrichter. Dieser wirkt bei Nennung auf die Schattenkaiserin wie ein Imperius-Fluch. Sie wird von den Abgrundstöchtern in ihre eigene Zuflucht zurückgetrieben und kehrt in ihren Ankergegenstand zurück. Die Abgrundstöchter behalten sich vor, sie als Helferin gegen die Vampire einzusetzen. Jedoch lassen sie sie ihren Nachtschatten befehlen, im freien zu bleiben, bis die Sonne sie auslöscht. Ullituhilia fängt Thurainillas freigekommene Seele auf und wird sie als ihre Tochter neu zur Welt bringen.
Völlig im verborgenen wird Bellatrix Lestranges Schwester Narzissa mit dem vergessenen Erbe konfrontiert, dem im alten Richtbaum Dairons eingelagerten Ungeborenen, den Anthelia Bellatrix entriss. Da der Ungeborene mit der Zeit ein eigenes Bewusstsein und eigene Begierden entwickelt will die dem Baum innewohnende Intelligenz ihn loswerden und gaukelt Narzissa in ihren Träumen vor, große Macht zu erlangen, wenn sie sich dem Richtbaum hingibt. Als dies geschieht überträgt er den zum Menschenkeim verkleinerten Sohn Bellatrixes in Narzissas Schoß. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als ihrem Mann per Gedächtniszauber vorzugeben, er habe das nun in ihr heranwachsende Kind gezeugt.
Nach dem Kampf zwischen Werwölfen, Vampiren und Nachtschatten sieht es nach einer etwas ruhigeren Zeit aus. Doch erweist sich dies als voreilige Hoffnung. Denn die entmachtete Rosenkönigin Ladonna hat bereits vor Jahrhunderten ein unheilvolles Erbe hinterlassen. Auf einer unortbar gezauberten Vulkaninsel südöstlich von Santorini hat sie zu ihrer ersten Lebzeit ein mit magischen und mechanischen Fallen gesichertes Versteck angelegt, in dem sie alles gehortet hat, was ihr Macht verhieß oder ihr selbst gefährlich werden konnte. Dort hat sie auch die von ihr geplünderten Geheimarchive der von ihr zeitweilig unterworfenen Zaubereiministerien versteckt. Gemäß Ladonnas Willen, dass die Insel ein Jahr und einen Tag nach dem Verschwinden ihrer Seele aus der Welt für ausschließlich Hexen betretbar sein kann besteht die Gefahr, dass die dort gelagerten Dinge in falsche Hände fallen können. Die transvitale Entität, in der Ladonnas Seele aufgegangen ist, schafft es zwar, die auf magisch beschriebenen Obsidiantafeln hinterlassenen Wegbeschreibungen von ehemaligen Mitschwestern an die jeweiligen Zaubereiministerien aushändigen zu lassen. Doch eine der Tafeln gelangt in die Hände der deutschen Nachtfraktion der schweigsamen Schwestern. Außerdem hat die TVE keine Möglichkeit, Diana Camporosso zu beeinflussen, in deren Besitz ebenfalls eine der schwarzen Tafeln ist. Sie nutzt die Verbindung zu den Hexen Laurentine Hellersdorf und Louiselle Beamont, diesen ebenfalls die Lage von Ladonnas letztem Versteck zu vermitteln. Diese geben das erhaltene Wissen an die Liga gegen dunkle Künste und die schweigsamen Schwestern Frankreichs weiter. Es beginnt ein Wettlauf zu jener Vulkaninsel.
Am 3. Dezember 2007 treffen eine Delegation deutscher Ministeriumshexen zusammen mit Albertrude Steinbeißer, sowie 21 Hexen aus dem Orden Hecates, die unsichtbare Diana Camporosso und Anthelia bei der Insel ein und erzwingen sich den Weg durch die Kammern und Korridore. Albertrude nutzt die Gelegenheit, um die mit ihr reisenden und eigentlich auf sie aufpassenden Lichtwächterinnen zu betäuben und in leicht transportierbare Formen zu verwandeln. Unterwegs durch die Gänge und Schächte treffen sie, Anthelia und Diana aufeinander. Anthelia entgeht knapp einem von Dianas Todespfeilen, weil ihre magische Zweitgestalt gegen diese gepanzert ist. Es gelingt den eigentlich konkurrierenden Hexen Albertrude und Anthelia, die größtenteils unsichtbare Widersacherin zurückzudrängen, bis sie in den drei Kammern ankommen, in denen alle Bücher, Ausrüstungsgegenstände und Waffen lagern, die Ladonna in ihrem ersten und zweiten Leben zusammengerafft hat. Dort wird Diana von der sich als Wächterin am Fluss der Rastlosen Seelen bezeichneten Entität gefunden und fortgetragen. Die TVE will, dass Diana ihren Herrschaftsanspruch aufgibt und statt dessen für das Wohl von Menschen und Kobolden eintritt. Sie malt ihr aus, dass ein hemmungsloses Machtstreben in Einsamkeit und Selbstvernichtung enden mag und setzt sie auf einer Insel in Nordkanada ab, von wo Diana nur sehr schwierig in ihr Versteck zurückkehren kann. Indes klauben Anthelia und Albertrude viele Bücher zusammen, die sie tragen können und verschwinden auf unterschiedliche weise, bevor die 21 Hecate-Jüngerinnen eintreffen und mit dem Zerstörungszauber Hecates Tränen die Hinterlassenschaften vernichten. Sie können dem dadurch entfachten Aufruhr und dem davon ausgelösten Vulkanausbruch gerade noch entkommen. Die Insel Ladonnas vergeht in einer gewaltigen Eruption, jedoch ohne verheerendes Nachbeben.
Die Familie Latierre bekommt am 8. November 2007 die drei angekündigten Neuzugänge. Die drei erwachsenen Apfelhausbewohner klären mit Hera Matine und Blanche Faucon, dass die von Béatrice geborene Chloris Agrippine ebenso eine „Notlösung“ ist wie die Geburt von Félix. Am 8. Dezember feiern die Apfelhausbewohner die Ankunft der drei neuen Hexen mit ihren Freunden und Verwandten. Nachdem Ladonnas letztes Vermächtnis offenbar vernichtet wurde und sich das wütende Wehklagen der Ministerien gelegt hat, die ihre dunklen Geheimarchive verloren haben, hoffen alle auf bessere Zeiten im Jahr 2008.
Bei der Durchsicht der gemachten Beute stoßen Anthelia und Albertrude unabhängig voneinander auf Dinge, die große Macht, aber auch den Untergang der magischen und nichtmagischen Menschheit bedingen können.
092. CANOPUS‘ UMHANG
by Thorsten OberbosselDie Nacht vom 01. zum 2. September 1859
Erst hatte er ein wenig Angst gehabt, weil er dachte, da über ihm würden viele Feuergeister am Himmel tanzen oder nach Leuten suchen, die sie fangen und fressen wollten. Grüne, violette, bläuliche und rote Lichter schwirrten ganz leise über ihnen am Himmel herum, da wo sonst nur der Mond und die Sterne waren. Der gerade mal acht Jahre alte Bube, den seine Eltern Canopus genannt hatten, weil er auf einer Reise durch die Südsee im Licht des Sternes zur Welt gekommen war, der so hieß, kannte schon die Sternbilder vom Nordhimmel und die vom Südhimmel und wusste auch, warum der Mond da oben einmal als silberne Sichel da war und dann mal als runde Silberscheibe mit dunklen Flecken, die ihm ein Gesicht gaben. Doch das mit den farbigen Lichtern kannte er noch nicht. Sein Onkel Antares Goldregen, der den Mond, die Sonne und alle Sterne ganz gut kannte, hatte auch nicht gewusst, was das sollte. Er hatte was von Nordlichtern erzählt, die über dem Eisland zu sehen waren. Doch hier in Greifenberg gab es nur im Winter Eis und Schnee. Also konnten es diese Nordlichter nicht sein. Dann hatte auch noch das ganze Erdkraftmesszeug von Canopus‘ Vater Ortwin ganz wilde Sachen gemacht. Es hatte Funken gesprüht. Die sich auf den ganz großen Magneten in der Erdkugel einstellenden Nadeln hatten mal nach links und mal nach rechts ausgeschlagen. Das hatte den Onkel darauf gebracht, dass etwas den großen Erdmagneten zum wackeln brachte und dass deshalb die sonst nur über dem Eisland zu sehenden Lichter jetzt eben auch in der versteckten Siedlung Greifenberg zu sehen waren.
Jetzt, wo Canopus das wusste, dass es eben nur die Nordlichter waren, die weiter zu ihnen hingerutscht waren, hatte er keine Angst mehr. Jetzt wollte er alles wissen, wo die Lichter genau herkamen und warum die sonst nur weiter am Nordpol zu sehen waren und was das mit dem großen Erdmagneten zu tun hatte, der allen zeigte, wo Norden und Süden war, wenn gerade keine Sonne da war.
Canopus war von seinem Onkel abgeholt worden, um sich in der Sternwarte von Burg Greifennest die vielen geisterhaften Lichter durch die langen Fernrohre anzusehen. der sehr wichtig aussehende Zauberer, den er mit Graf Greifennest ansprechen musste, hatte das erlaubt. Er durfte es nur nicht den anderen Kindern erzählen, damit die nicht auf ihn böse wurden, dass er schon mehrere Jahre früher als üblich in der Schulburg sein durfte.
„Sehr spannend, nicht wahr, junger Mann?“ fragte der Graf, der wie sein Onkel durch eines der Fernrohre blickte. Neben ihm stand ein anderer Zauberer, der Magister Eisenstein hieß und hier in der Burg auch ein Lehrer war. Der hatte ähnliche klickende und rasselnde Geräte dabei wie Canopus‘ Vater.
„Weiß das wer, wie die Lichter gemacht werden? Zündet da oben wer Feuerwerk an?“ fragte Canopus, während er kurz auf die klickenden und rasselnden Geräte schaute und sah, dass Magister Eisenstein sehr überrascht guckte.
„Es gibt da Sternenkucker und Alchemisten, die sich darüber die Köpfe heißreden und viele viele lange Briefe und Bücher geschrieben haben, warum es diese Lichter gibt“, sagte Onkel Antares, den die anderen Kinder hier Magister Goldregen nennen mussten. „Die Seeräuber aus dem Norden, die sich Wikinger genannt haben, haben geglaubt, dass Kriegerinnen ihres obersten Gottes in ihren glitzernden Rüstungen durch den Himmel geritten sind, um die Geister ihrer totgeschlagenen Kameraden abzuholen und sie zu einem Ort namens Walhalla zu bringen. Früher haben auch unsere Vorfahren, also die lange lange vor uns hier gewohnt haben, das geglaubt. Ja, und als die Leute dann aufhörten, an den Gott Odin und seine Kriegerinnen zu glauben haben sie vermutet, dass das Eisen, was in vom Himmel runterfallenden Steinen drin ist, als zerriebenes Pulver vom großen Erdmagneten angezogen wird und genauso ganz weit oben in der Luft verbrennt wie Sternschnuppen. Ja, und ein sich für ganz schlau haltender Berufskollege von mir und dem Herrn Eisenstein, der da alle seine Magnetkraftausrichtungsweiser zusammenhalten muss hat vermutet, dass das dauernde Feuer, das in der Sonne brennt, dieses Eisenpulver versprüht, weil dieses Feuer anders brennt als das was wir auf der Erde machen können“, erzählte der Onkel von den ersten Vermutungen, was die vielen bunten Lichter da oben sein sollten. Der erwähnte Magister Eisenstein wandte sich um und sagte:
„Ja, aber wir Alchemisten, also die Leute, die das erforschen, was mit den Stoffen auf der Erde so möglich ist, haben die Sonneneisentheorie bis heute nicht widerlegen können. Denn wie dein Onkel vor wenigen Tagen selbst herausgefunden hat kamen die Himmelslichter, die auch Aurora Borealis heißen, nachdem auf der Sonne große, weiße Feuersäulen losgebrochen sind. Kann sein, dass dabei eine Menge Sonneneisenpulver in den leeren Raum zwischen Sonne und Erde gespuckt wurde. Ja, und ich habe herausgefunden, dass diese Lichter und der mit ihnen auftretende magnetische Sturm auch elektrische Leitungen stören. Nachdem die Leute die nicht zaubern können angefangen haben, die Elektrizität und die Magnetkräfte genauer zu erforschen auch herausbekommen haben, dass beides immer zusammen ist gibt es auch einige, die sagen, dass da von der Sonne kein Eisenpulver kommt, sondern was elektrisches, was aber sonst ganz wenig ist, dass es nur die Luft über dem Nord- und dem Südpol zum leuchten bringt. Ja, und die Tiere, die die Kraft des Erdmagneten brauchen, um zu wissen, wo sie hinlaufen oder hinfliegen sollen kommen durcheinander, weil die Kraftrichtung sich ständig ändert. Es gibt keine Ordnung, wo jemand sagen kann, dass etwas nur in eine Richtung geht.“
„Aber es ist offenbar ein Zusammenhang, dass die sehr weit südlich leuchtenden Nordlichter mit den weißen Flammenstößen aus der gelben Sonnenscheibe zu tun haben und dass wir nicht wissen, ob das schon das heftigste ist, was wir zu erwarten haben“, sagte Onkel Antares. Canopus fragte ihn deshalb ein wenig verunsichert:
„Kann das dann für uns gefährlich werden, wenn das da oben bis zu uns nach unten runterkommt?“
„Sagen wir so, für alle, die mit dem Erdmagneten zu tun haben oder sich nach dem Mond und den hellen Sternen richten ist das jetzt schon gefährlich. Die Kobolde haben Gringotts zugemacht, weil sie dort wohl Schwierigkeiten haben. Die Zwerge maulen, weil sie heftige Kopfschmerzen haben, und die Tierwesen aus dem Tiergarten hier in Greifenberg rennen und springen ganz rammdösig herun. Deshalb ist es für uns ja wichtig, rauszufinden, was da oben gerade los ist. Deshalb habe ich auch Briefe an andere Sternenkundelehrer geschickt, was die so mitbekommen. Das ist sicher sehr spannend“, sagte Onkel Antares.
„Allein schon die Frage, wo diese ganzen Aurora-Lichter zu sehen sind und ob die, die Erdmagnetmessgeräte haben denselben wilden Wichtelreigen zu sehen kriegen wie ich hier gerade oder wie Ihr Schwager, Kollege Goldregen. Daraus könnte eine genaue Karte erstellt werden, wie sich dieser Aufruhr über die ganze Welt verteilt“, sagte Magister Eisenstein und sah sich eines seiner Geräte an, weil das gerade sehr laut klackte und dann klapperte wie ein vom Wind geschüttelter Fensterladen. „Holla, nicht nur die Nord-Süd-Achse wird betroffen, sondern auch die Abstände der über die Erde verlaufenden Kraftlinien zum Boden. Das ist für wahr ein außergewöhnliches Spektakel.“
„Ich muss mit Kastellan Steinpfortner prüfen, ob alles, was auf die Kräfte der Erde abgestimmt ist in Balance ist“, seufzte der Graf. „Bitte beobachten Sie die Erscheinungen weiter, meine Herren!“ Die beiden großen Zauberer und der kleine sagten „Ja, machen wir.“
Als Canopus nach den vielen vielen Lichtspielen am Himmel und dem Klicken und Rasseln der Erdmagnetmessgeräte doch mehr als einmal pro Minute gähnen musste sagte Onkel Antares mit sanfter aber dennoch fester Stimme: „Ich glaube, der junge Herr Hertzsprung möchte jetzt doch besser ins Bett. Außerdem will ich keinen Zank mit deiner Mutter kriegen, Canopus.“
„Aber das ist echt ganz aufregend da oben. Wenn das alles Zeugs von der Sonne ist, dann kann das sicher ganz genau rausgefunden werden, wenn wer weiß, welche Farbe was macht, wenn es verbrennt.“
„Da hat er völlig recht, wenn es nicht doch mit einer Art elektrischem Atem der Sonne zu tun hat“, sagte Eisenstein und setzte sich schnell an das Fernrohr, an dem der Direktor der Burg vorhin noch gesessen hatte. Dann hörten sie von unten viele Schritte und ein Tuscheln. „“Oha, die ganz neugierigen aus der Schule wollen hier rauf“, zischte Magister Eisenstein. „Sollen die ihren Neffen hier sehen?“ fragte er noch.
„Nein, nicht unbedingt“, sagte Onkel Antares. Dann zog der seinen Zauberstab, der fast so lang wie Canopus‘ Arm von der Hand bis zum Ellenbogen war, hielt ihn über Canopus und wisperte etwas, das sich wie „Absconde te in umbra novae lunae!“ klang. Canopus spürte, wie ein eiskalter Hauch über ihn kam, als bliese ein bitterkalter Wind ihm auf den Kopf und bis runter zu den Füßen. Dann fühlte er ein kurzes Zittern. Dann sah er, dass er von sich nichts mehr sah. Dafür hörte er das Klicken, Rasseln und Klappern der Magnetanzeigegeräte lauter und sah alles so hell, als wenn es jetzt schon Mittag wäre. Onkel Antares klappte sofort das Durchguckteil des Fernrohres hoch, damit Canopus nicht weiter da reingucken konnte. Dann nahm er ihn in eine halbe Umarmung. „Ich bring dich an denen vorbei. Nichts sagen. Die sollen nicht wissen, dass du hier warst, Canopus“!, fauchte Onkel Antares so laut wie der Blasebalg von Schmied Robur Feuerkessel. Canopus erkannte, dass er besser tat, was der Onkel befahl, auch wenn es nicht so streng klang wie von seinem Vater selbst.
Er fand es sehr spannend, dass er sich gerade nicht selbst sehen konnte, während Onkel Antares ihn an den nach oben steigenden großen Schülern vorbei nach unten brachte. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen, die jungen Herrschaften. Ich besorge mir nur neues Pergament für die Notizen. Sie dürfen aber schon mal erste Beobachtungen notieren, wenn Sie schon die Freigabe von ihren Hausvorstehern haben. In der nächsten Stunde diskutieren wir, wer was gesehen hat und welche Vermutungen sich daraus ergeben. Danke.“
„O Mann! Wir wollen doch nur die verirrten Nordlichter gucken“, maulte einer der wohl sechzehn Jahre alten Burschen.
Onkel Antares brachte seinen Neffen vor das große Tor von Greifennest. Dort hielt er ihn noch einmal richtig an der Hand und zog ihn in etwas, dass ihn ganz fest und ganz dunkel einschnürte. Doch bevor sich Canopus davor erschrecken konnte war es auch schon wieder um. Sie standen jetzt vor dem Haus von Canopus Mama und Papa, Regula und Ortwin.
„Antares, wieso bist du alleine hier. Ist was mit dem Jungen?“ fragte Canopus‘ Mama sehr aufgeregt. „Ich habe ihn kurzerhand in den Schatten des Neumondes eingehüllt, weil ich keinen Tarnumhang habe und der andere Unsichtbarkeitszauber bei diesem Lichtspektakel da oben merkwürdigerweise nicht vollständig wirkt, Regula. Ich mach das mal eben wieder rückgängig“, sagte Onkel Antares. Er zielte mit dem Zauberstab dahin, wo er wusste, dass Canopus‘ Kopf war und murmelte was, das nach „Ex umbra novae lunae emergito!“ klang.
Canopus fühlte nun was, dass wie von unten durch seine Füße bis zum Kopf hochsteigendes warmes Wasser war. Dann meinte er, von silbernen Lichtern umschwirrt zu werden. Dann war alles wieder viel dunkler und leiser als vorher. Ja, es war jetzt so dunkel, wie es nachts sein sollte, abgesehen von den immer wieder da oben aufleuchtenden Nordlichtern.
„Hallo Canopus! Hat dein Onkel dir gezeigt, wo die bunten Lichter herkommen?“ fragte Canopus‘ Mama. Dann sah sie den Onkel an und zischte ganz leise: „Lass das in Zukunft sein, den Jungen mit solchen Zaubern zu belegen, wenn du nicht weißt, ob das auch klappt, Antares!“
„Ja, Regula“, grummelte Onkel Antares so wie Canopus, wenn ihm wer sagte, dass er was machen sollte, worauf er keine Lust hatte oder er wusste, dass er was verkehrtes gemacht hatte. Dann hieß es für Canopus, sich für’s Bett fertig zu machen. Woher die bunten Lichter kamen und warum die den großen Erdmagneten durcheinanderbrachten wusste er zwar noch nicht. Aber er entschied sich an diesem Tag, dass er, wenn er groß war, das und alles andere, was am Himmel und in der Erde passierte ganz genau herauszukriegen, damit andere Jungen irgendwann nur gesagt bekommen mussten, was da oben oder in der Erde los war. Ja, er wollte das rausfinden. Wenn er selbst als Schüler in die Burg durfte und bei seinem Onkel Antares Sternenkunde und bei dem Magister Eisenstein das Zaubern auf nicht lebende Sachen lernte bekam er sicher die richtigen Ideen, um das, was er in dieser Nacht mitbekommen hatte erklären zu können. Aber auch dieser Zauber, der ihn irgendwie weggemacht hatte, ohne dass er wirklich weg war, der war sehr toll gewesen. Den wollte er auch lernen, wenn er endlich einen Zauberstab bekam und lerrnen durfte, damit zu zaubern.
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26.04.2003
Jahre waren Vergangen, dass der einzige, der in die große Steinhalle eintreten konnte die drei Sperren passiert hatte und einen Blick auf das geworfen hatte, was in der großen Halle aufbewahrt wurde. Da er selbst jede Verwendung ablehnte ging es nur darum, sicher zu sein, dass alles dort aufbewahrte weiterhin sicher verborgen blieb. Die letzte und wirksamste Zusatzabsicherung ließ sich auch nicht überwinden, sondern pausierte an einem bestimmten Tag und nur für gerade einmal fünf Stunden. Verpasste der Zutrittsberechtigte dieses Zeitfenster, so kam er entweder nicht mehr an das, was ihm überantwortet worden war oder er mochte selbst bis zur nächsten Pause des Schutzzaubers eingeschlossen werden. Keiner wusste, ob jemand darin wach und beweglich blieb oder wie versteinert erstarrte, bis er wieder freigegeben wurde. Weil jener, der als einziger hierherfand und Zutrittsberechtigt war das nicht am eigenen Leibe herausfinden wollte war er die wenigen Male, die er hier unten gewesen war, im Mittel des offenen Zugangsfensters geblieben. Doch das war eben schon mehr als zwanzig Jahre her, und sonst hatte sich noch niemand hierhergewagt.
Das an der frei von Sonne, Mond und Sternen beschienenen Welt bereits der 26. April des in Europa geltenden Jahres 2003 angebrochen war erfassten nur die unter der Halle verbauten Zeitflussankersteine. Dass es oben nun genauso dunkel war wie hier unten spielte keine Rolle.
Es begann mit einem leichten Beben der Erde. Dieses Beben schwoll innerhalb von drei Atemzügen zu einem gewaltigen Aufruhr an, der die tief unter dem Berg verlaufenden Stollen und Kavernen wanken machte. Ein bedrolich tiefes Grollen und Brummen klang von den langen Gängen, schmalen und breiten Schächten, winzigen Kammern und riesigen Hallen verstärkt und blies zu den Erschütterungen auch den Staub von Wänden und Decke. Dann blitzte es grellblau auf. Ein mehrfaches, peitschenartiges Knallen hallte über das Dröhnen der aufgewühlten Erde wider. Erst spannte sich ein blauer Lichtbogen zwischen zwei Wänden. Dieser gab ein hohes, schwirrendes Geräusch wie eine Million aufgescheuchter Mücken von sich. Dann krachte es dumpf. Im Boden klafften kopfgroße Löcher. Innerhalb einer Sekunde schoss brausend eine blutrot flirrende Lichtsäule in Form einer langgezogenen Elipse aus dem Boden bis zur viele Dutzend Meter hohen Hallendecke empor. Aus dieser entluden sich knisternd, prasselnd, knackend und schwirrend abermilliarden Funken in die Umgebung. Sie rasten bis zu den Wänden, wo sie spotzend zerstoben. Die eliptische Lichtmauer flackerte immer wilder. Dann fiel sie mit einem hol und metallisch nachhallenden Knall in sich zusammen. Für einen winzigen Moment schimmerte ein silbergraues Leuchten. Dann war alles vorbei. Das Beben klang mit derselben Geschwindigkeit ab, wie es sich aufgeschaukelt hatte. Dann war es so still wie in einer altehrwürdigen Gruft und dunkel wie in einer bewölkten Neumondnacht ohne Lampenschein und Kerzenflamme. Die lautlos und sachte tätigen Zeitflussspürer konnten nun wieder die übliche Wechselwirkung zwischen der Erde und den Gestirnen erfassen. Doch ihnen war nicht möglich, die Ursache jenes eindeutig magischen Aufruhrs zu erkennen. Allerdings hatte dieser Aufruhr alles überladen, was gegen dunkle Zauberkräfte und feindliche Gedanken wirkte. Ja, und weil zu einem der Sicherheitszauber auch ein Blutopfer gehörte war dieser Zauber überfüttert worden und hatte sich für alle Zeit entladen. Denn jener, der ihn hier eingerichtet hatte, war nicht auf den Einfall gekommen, ihn mit gesonderten Abfangzaubern gegen dunkle Kraftströme auszustatten. Somit waren zwei der drei Zutrittsabsicherungen vergangen. Nur eine war noch da, weil sie bereits im gesondert geschützten Bereich wirkte und daher von allem weltlichen, auch einer übermächtigen Woge dunkler Magie, nicht zerstört werden konnte.
Weil jene übermächtige Woge dunkler Zauberkraft nicht nur an diesem verborgenen Ort wütete, sondern wahrhaftig um die ganze Welt brauste rief sie eine Unzahl von Schwierigkeiten hervor. Diese mussten behoben werden. Auch fiel jenem, der diesen Ort bisher wenige male betreten hatte nicht ein, dass die hier unten wirkenden Absicherungen durch jene dunkle Woge überladen und zerstört worden waren. So blieb es still und dunkel.
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04.01.2008
Anthelia/Naaneavargia wusste, dass sie viel mehr aus den Höhlen von Ladonnas letztem Versteck hätte bergen können, wäre sie nicht auf Albertrudes besonderes Sehvermögen angewiesen gewesen. Die unsichtbare Bogenschützin, die verfluchte Pfeile verschießen konnte, hatte ihr deutlich gemacht, wie angreifbar sie trotz ihrer Macht, ihrer Kenntnisse und ihrer Fähigkeiten immer noch war. Denn sie hatte von dieser Frau, laut Albertrude eine kleinwüchsige Person, vielleicht Zwergen- oder Koboldstämmig, keine geistige Ausstrahlung fühlen können. Sie, die sie als Anthelia und als Naaneavargia daran gewöhnt war, versteckte oder unsichtbare Gegner schon aus sicherer Entfernung wahrnehmen zu können, erkannte, dass Ladonna ihr da eine gefährliche Erblast hinterlassen hatte. Denn es war klar, dass dieses kleine Frauenzimmer den Bogen mit den Todespfeilen nur von Ladonna bekommen haben konnte. Sie wiederum musste ihn mit den anderen Artefakten aus Ägypten entführt haben, als sie die Wiederverkörperung des dunklen Pharaos besiegt hatte. Die Ägypter und Italiener stritten sich bisher unter Ausschluss der Öffentlichkeit darum, wer wann wem was zurückzugeben hatte. Doch das änderte nichts an der Sache, dass es da eine Hexe gab, die sich nicht nur unsichtbar machen konnte, sondern auch ihre Gedanken und Gefühle vollständig abschotten konnte und dass diese Hexe eine Waffe besaß, die selbst den gefürchteten und deshalb unverzeihlichen Todesfluch übertraf. Ohne Naaneavargias erworbene Fähigkeit, sich im unmittelbaren Gefahrenfall oder wenn sie es wollte in eine schwarze Riesenspinne zu verwandeln wäre sie bei dem Abenteuer im Vulkan getötet worden.
Immerhin hatte es sich erwiesen, dass die zur vollen Kraft erweckte Feuerklinge Yanxothars die Todespfeile zerstören konnte. Ebenso half auch der schwarze Spiegel, der auf ihn treffende Schadenszauber fünfmal so stark zurückschleudern konnte. Auch das hatte die Fremde einen Todespfeil gekostet. Wenn es keine Aufzeichnungen mehr gab, wie genau diese Geschosse gemacht wurden musste sie also aufpassen, wen sie damit angriff. Doch wenn sie die Unsichtbarkeit und einen Schutz gegen Fernerfassung ihrer Gedanken beherrschte konnte sie aus sicherer Entfernung lautlos und größtenteils unbemerkbar zuschlagen und töten.
Womöglich hätte der Kampf mit dieser kleinwüchsigen Bogenschützin noch bis zum Vulkanausbruch angedauert, wenn diese grüne transvitale Entität nicht aufgetaucht wäre und die unsichtbare Gegnerin ergriffen und fortgeschafft hätte. Die Verschmelzung aus Anthelia und Naaneavargia würde sich wohl noch in hundert Jahren an diese Begegnung erinnern. Als Albertrude schon mit einem Portschlüssel verschwunden war hatte diese mächtige Erscheinung mehr als Geist und Mensch ihr noch eine rein gedankliche Botschaft übermittelt: „Strebe nicht danach, die ganze Welt beherrschen zu wollen. Du würdest sie nur in Schutt und Asche legen und dann als einsame, dich selbst verachtende Seele zurückbleiben, bis der Tod sich deiner erbarmt und aus der Welt trägt. Kein Herrscher und keine Herrscherin bei gesundem Verstand will eine zerstörte Welt ohne Volk beherrschen, und wer zu viel will wird dort enden, wo alles begann, im Nichts und ohne weltlichen und geistigen Reichtum.“ Auch hatte diese grün leuchtende Erscheinung behauptet, die Bogenschützin habe ihr gehört. Sie hatte sich als Wächterin am Fluss der Rastlosen Seelen bezeichnet, eine Anspielung auf die im Glauben der Veelas und ihrer Nachkommen bestehende Vorstellung, dass die sich an die Gesetze des Miteinanders haltenden in den Schoß ihrer Urmutter Mokusha zurückkehren würden und die gegen die Gesetze verstoßenden Seelen in einem ewig fließenden Strom gefangen sein würden, in dem sie rastlos schwimmen mussten und allein mit ihrer Schuld dahintrieben.
Alles in allem konnte sich Anthelia/Naaneavargia nur bedingt über die Ausbeute ihres Ausfluges ins Mittelmeer freuen. Sie wusste nun, dass sie mindestens vier Gegner hatte, die auch ihr gefährlich werden konnten. Ebenso musste sie davon ausgehen, dass sich Albertrude viele für sie wichtige und machtverheißende Aufzeichnungen angeeignet hatte. Auch das sollte ihr zu denken geben, weil in Albertrude der Geist und das Wissen der dunklen Großmeisterin Gertrude Steinbeißer eingekehrt war und das, was früher nur Albertine gewesen war, unterworfen hatte. Sie war dadurch schon eine zu beachtende potenzielle Gegnerin der obersten Spinnenschwester. Mit dem gesammelten Wissen aus dunklen Archiven konnte sie ihr über den Kopf wachsen. Im Augenblick waren beide Zweckverbündete, Schwestern im Sinne, dass alle Hexen Schwestern sein sollten. Doch irgendwann würde der Tag kommen, wo Albertrude Steinbeißer sich offen gegen Anthelia stellen würde. War es am Ende ein Fehler gewesen, sie nicht in Ladonnas letztem Versteck zu töten? Hätte diese grüne übermächtige TVE das zugelassen? Am Ende hätte die Anthelia auch noch ergriffen und irgendwo abgesetzt, wo sie keinem mehr gefährlich werden konnte. Dann fiel Anthelia noch was ein: Diese Entität hatte sich wohl vor über einem Jahr Ladonnas Seele einverleibt. Anders war ja nicht zu erklären, dass sie deren Nachlass aus der Welt schaffte. Was, wenn dieses grüne Überwesen ihre Seele in sich einverleibt und den Körper als leere Hülle zurückgelassen hätte? Ailanorar, Naaneavargias Bruder, hatte erwähnt, dass sie und er unter einem Zauber standen, der als Rachefluch ihre Seelen mit den Kräften des Windes verband und sie zu Luftgeistern machte, die mächtiger als einfache Elementargeister waren. Als der Geist dieser japanischen Hexenmatriarchin den Geist des dunklen Wächters in sich eingelagert hatte, da hatte Anthelia gedroht, dass ihr das nicht bekommen würde, sie mit Leib und Seele zu verschlingen. Doch jetzt musste sie sich die Frage stellen, ob das überhaupt stimmte. Die gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es nicht stimmte beunruhigte die sich bis vor wenigen Wochen noch für sehr mächtig haltende Hexenmeisterin. Am Ende hatte ihr diese selbsternannte Wächterin am Fluss der rastlosen Seelen aufgezeigt, dass es doch einen Weg gab, sie aus der Welt zu schaffen, ohne sich vor ihrer Rache fürchten zu müssen. Das durfte niemand erfahren, auch und vor allem nicht Albertrude Steinbeißer. Ja, dass sie auf deren Hilfe angewiesen war ärgerte sie mehr als sie sich darüber freute, interessante Aufzeichnungen erbeutet zu haben. Doch am Ende erhielt sie eine gewisse Erkenntnis: Die grüne TVE, die sich als Wächterin am Fluss der rastlosen Seelen bezeichnete, wollte noch nicht, dass Anthelia starb. Sie hielt sie offenbar für wichtig genug, in der Welt zu bleiben und ihren eigenen Weg fortzusetzen, womöglich, weil sie selbst nicht die Zeit hatte, sich um alles zu kümmern. Deshalb durften sie und auch Albertrude weiterleben. Deshalb sollten sie weitermachen. Also wollte sie weitermachen. Diese so entscheidende Feststellung hob Anthelia/Naaneavargias eingetrübte Stimmung wieder an.
Sie studierte die Bücher, die sie erbeutet hatte. Darin standen Erkenntnisse über alte Zaubertränke aus der sumerischen und altägyptischen Epoche, aber auch Hexenzauber, die auf den Kult der großen Mutter zurückgingen, aus deren Bild sich viele Muttergöttinnen und Fruchtbarkeitsgöttinnen entwickelt hatten wie die griechische Hecate und Zeus‘ Frau Hera, Aphrodite und Demeter oder auch die indische Göttin Kali, die sowohl für die Liebe und das neue Leben aber auch für Tod und Zerstörung stand, die personifizierte Zeit, die alles gebiert und wieder verschlingt. Offenbar gab es die aus den weiblichen Vertrauten von Feuer, Erde, Luft und Wasser hervorgegangenen Gemeinschaften noch, die aus uralter magie eine Glaubensrichtung gesponnen hatten, die Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung in sich bargen. Für Ladonna mussten diese Bücher eine Fundgrube an Erkenntnissen gewesen sein. Dann würden sie es auch für Anthelia sein, auch wenn das Wissen und Können Naaneavargias ihr schon einen großen Vorsprung vor den gegenwärtigen Hexen und Zauberern verschaffte.
Als sie die große Landkarte mit der Überschrift Tumuli Titanium genauer studierte dachte sie daran, wie wichtig den Altaxarroin damals die Verbindung mit den unmittelbaren Nachbarerdteilen war, aber auch dass sie bereits Asien, das südliche Eisland und das heutige Australien bereist und erschlossen hatten. Sie war ja das lebende Beispiel, wie weit der Einfluss Altaxarrois damals gereicht hatte. Dennoch waren auf der Karte eben nur die Erdteile, die an das heute als durchgängiges Weltmeer namens Atlantik angrenzten. Sie erkannte an den aus dem alten Reich stammenden Zeichen für Ruhe, Kraft und Gefahr, dass es auf der Karte zwanzig Stellen gab, die dem Zeichner wichtig gewesen waren. Als sie eine solche Bezeichnung auf einer Insel weit im Norden erkannte nickte sie. Auf jener Insel, die Spitzbergen oder Svalbard hieß und vom Zeichner in weißen lateinischen Buchstaben mit „Terra Hyperborealis“ bezeichnet wurde hatte es wahrhaftig das Grab eines solchen gefährlichen, turmhohen Kriegers gegeben. Dessen Waffe, ein viele Menschenlängen großer und entsprechend schwerer Kriegshammer, war von norwegischen Nichtmagiern geborgen worden und weil sich ein Zauberer darangehängt hatte zu seinem gewalttätigen Eigenleben erwacht. Der daran hängende Zauberer war für wenige Minuten zu einer Wiederverkörperung jenes Turmkriegers geworden, der den Hammer angefertigt und mit seiner Seele verbunden hatte. Also hatte jemand wahrhaftig erfahren, wo die übermächtigen Kriegerinnen und Krieger und ihre Waffen begraben worden waren. Von den zwanzig Stellen lagen jedoch zehn im Atlantik. Dort kam so schnell niemand hin. Aber zehn dieser bezeichneten Stellen verteilten sich auf dem europäischen, afrikanischen und südamerikanischen Erdteil. Gut, jetzt waren es nur noch neun, weil der mit seinem Kriegshammer verbundene Turmkrieger irgendwo im Nordmeer versunken war. Dann fand sie noch in den alten Bezeichnungen versteckte Flecken, die wie stark verkleinerte Spitzbogenfenster aussahen. Mit dem Zauber „Sentio Falcoculos verschaffte sie sich das vorübergehende Sehvermögen eines Greifvogels, was bei Gegenständen aus großer Nähe eine Sichtvergrößerung erlaubte. So konnte sie die in mit gestrichelten Linien abgegrenzten Feldern angebrachten Zeichen erkennen, die ebenfalls in der Zauberschrift Altaxarrois verfasst worden waren. Sie prüfte zuerst die Stelle, wo die schlafende Schlange gewesen war und las dort wahrhaftig in der verkleinerten Schrift:
Donnerschlägers Ruhestatt bei seinem beinlos schlafenden Gegner.
Weckt nicht den einen, noch den anderen!
„Wohl wahr“, dachte Anthelia/Naaneavargia, als sie das gelesen hatte. Also kannte der Zeichner – oder waren es mehrere, nicht nur die Stellen, wo Turmkrieger begraben worden waren, sondern auch deren Namen und offenbar auch Besonderheiten. Das hatte sicher auch Ladonna interessiert, auch wenn sie die alte Schrift nicht hatte lesen können. Hmm, oder hatte sie die alten Schriften lesen können? Die oberste Spinnenhexe musste aufpassen, Ladonna nicht auch noch nach deren Tod zu unterschätzen. Denn warum hätte sie diese Karte als so wichtig einstufen können, um sie in ihren ganz geheimen Schatzkammern zu verstecken. Immerhin stammte sie von den Veelas ab und die Veelas waren Nachkommen der alten Völker. Wenn die sich nicht nur die Sprache, sondern auch die Schriften von damals bewahrt hatten hatte Ladonna das hier durchaus lesen und verstehen können.
Jetzt von sehr großem Interesse getrieben las die Führerin der Spinnenschwestern die weiteren Kennzeichnungen. Einer der im atlantischen Ozean begraben sein musste hatte in seinem Leben „Wellenbergreiter“ geheißen und war von einem um das Meeresgebiet streitenden Gegner getötet worden. Welche Waffe er damals geführt hatte stand nicht dabei. Regelrecht elektrisiert war Anthelia, als sie im Gebiet zwischen Europa und Afrika eine Markierung fand die mit „Mannestod, Mutter der unbesiegbaren Klinge“ bezeichnet wurde. Natürlich hatte es auch Turmkriegerinnen gegeben. Sonst hätten sich diese Überwesen nicht über zwei Generationen hinweg zu unbeherrschbaren Überriesen entwickelt, die nur in großen, kampfstarken Gruppen von mächtigen Zauberern niedergeworfen werden konnten. Den meisten auf der Karte verewigten war laut Markierungstext dieses Schicksal widerfahren. Sollte sich wer aus Naivität oder Dreistigkeit trauen, einen von denen aufzuwecken und dessen neuer Wirtskörper zu werden würde das für die Menschheit ein rabenschwarzer Tag ohne nachfolgenden Morgen werden. Womöglich hatte Ladonna genau das erkannt und deshalb diese Karte versteckt. Denn es stimmte ja, dass kein Herrscher ein zerstörtes und unfruchtbares Land ohne Volk beherrschen wollte, zumindest wenn er oder sie bei klarem Verstand war und nicht so größenwahnsinnig wie der dunkle Wächter oder der Waisenknabe Tom Riddle alias Lord Voldemort. So galt es, dachte Anthelia/Naaneavargia, alles erbeutete vor allem daraufhin zu überprüfen, wie es für alle Menschen und den Planeten Erde zur Gefahr werden konnte und ob es geboten war, dieses Wissen weiterhin geheimzuhalten. Obb Albertrude auch so dachte?
Die oberste Hexe des Ordens der schwarzen Spinne verstaute die neuen Beutestücke in einer Truhe tief im Keller ihres sowieso schon hochgesicherten Hauptquartieres und Wohnsitzes. Sie bezauberte die Truhe mit dem Blutsiegelzauber, dass nur sie sie berühren und in sie hineingreifen konnte und mit einem diesen verstärkenden Erdzauber. die noch neun auf festem Erdboden liegenden Gräber der Titanen wollte sie bewachen lassen. Doch wie wollte sie das anstellen? Dazu müsste sie ihre Schwestern ins Vertrauen ziehen und riskieren, dass diese sich zumindest damit trugen, den begrabenen Kriegerinnen neue Körper zu geben. Sie musste den anderen ja dann erklären, dass wer immer sich darauf einließ unterworfen bleiben würde, bis die wiederverkörperte Turmkriegerin getötet wurde, was an sich sehr schwierig war. Vielleicht sollte sie sich erst einmal selbst die alten Gräber ansehen, nicht in sie eindringen, sondern prüfen, ob sie immer noch belegt waren. Durch die Erfahrung mit der schlafenden Schlange wusste sie, auf welche Ausstrahlung sie zu achten hatte. Auch würde ihr die Kenntnis der alten Erdzauber helfen. Ja, erst einmal nachsehen, ob der Zeichner der Karte die Wahrheit festgehalten hatte oder nur dem Hörensagen nachgegangen war. Nur weil das Grab von Donnerschläger bei seinem letzten Gegner wirklich dort gewesen war, wo die schlafende Schlange geruht hatte hieß es nicht, dass es für alle anderen neun Gräber stimmte. so beschloss sie am vierten Tag des gerade begonnenen Jahres 2008, eine Reise um die Welt zu machen, sobald sie sichergestellt hatte, dass niemand von ihren Schwestern sie vermisste und auch sicherstellte, dass Albertrude ihr nicht auf die Spur kam. Die könnte am Ende denken, es sei ihr größter Triumph, die Titanin Mirianshaia, also Mannestod oder Naanroiyanmiria, die Frau des Unlandfeuers, des Weltenbrandes, aufzuwecken.
Also galt es Delegierte zu bestimmen, die in der Zeit ihrer Abwesenheit die Angelegenheiten des Spinnenordens regelten. Für den Fall, dass sie doch unmittelbar benötigt wurde fertigte sie sieben Portschlüssel an, die sie augenblicklich von welchem Ort der Welt auch immer in ihr Hauptquartier zurückbringen konnten.
Als ihre Reiseroute feststand rief sie alle die Schwestern zu sich hin, denen sie immer noch uneingeschränkt vertrauen konnte. Diesen erzählte sie, dass sie Hinweise erhalten habe, wo noch Hinterlassenschaften Ladonnas zu finden waren, die nicht in falsche Hände geraten durften und die dann auch gefährlich für sie alle werden mochten. Das war nicht einmal gelogen. Sie teilte dann die Aufgaben zu. Portia sollte überwachen, ob die neue MAKUSA-Präsidentin Godiva Cartridge irgendwas vorhatte, was unmittelbar mit dem Spinnenorden zusammenhing. Beth McGuire sollte ihre Kontakte überwachen, um zu erfahren, wann sich Vita Magica wieder regte. Denn nun, wo Ladonna aus der Welt war mussten sie damit rechnen, dass diese Bande, die Hexen dazu zwang, von irgendwelchen Zauberern neue Kinder zu kriegen, aus ihren Verstecken trat und weitermachte. „Ihr seid alle mit mir einer Meinung, dass wir machtbewussten Hexen es nicht zulassen dürfen, dass eine Gruppe von fortpflanzungswahnhaften Leuten uns wie niedere Zuchthennen behandelt, ohne dafür bezahlen zu müssen“, sagte Anthelia. Beth McGuire, die wegen jener Gruppierung unfreiwillig zwei Kinder bekommen hatte, nickte am heftigsten. „Ladonna hatte in diesem Punkt vollkommen recht, dass solche Widerlinge auszulöschen sind, ob wie bei ihr mit Feuer oder mit anderen Mitteln. Hauptsache, deren Treiben endet. Also passt ihr anderen auch gut auf!“ gab sie ihren Ordensschwestern noch mit. Dann wünschte sie allen Erfolg bei ihren Taten im Namen der schwarzen Spinne. Danach legte sie sich erst einmal zur Ruhe. Ab dem 6. Januar würde sie die einzelnen Punkte ansteuernund hoffen, dabei nicht Albertrude, den Abgrundstöchtern oder der unsichtbaren Bogenschützin über den Weg zu laufen.
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Letzter Sonntag im August 1861
„Zum großen Lindwurm, jetzt wollen sie auch bei uns in Greifennest so ein Dampf und qualm speiendes Eisenungetüm haben, wie die Engländer es seit zehn Jahren haben“, murrte Ortwin Hertzsprung, als er am Morgen dieses so wichtigen Tages die Feenstimme aufschlug. Sein Sohn Canopus fragte, wer sie waren und was für ein eisernes Ungetüm er meinte.
„Deine Schule, Junge. Die Burg Greifennest, hat mit den Stimmen der Schulräte und dem Siedlungsrat von Greifenberg beschlossen, dass hier bei uns auch so ein Eisenbahnhof hinkommt, wie die Engländer den für ihre Schule Hogwarts gebaut haben und dafür in einem Maglo-Eisenbahnhof eine versteckte Einsteigeplattform einbauen mussten“, sagte Ortwin Hertzsprung. „Offenbar sind den Herrschaften unsere bewährten Flussschiffe und Reisetore nicht mehr schnell genug. Ach ja, wegen der Maglo-Abkömmlinge“, sagte er noch. Die dürfen ja nicht durch die Tore in den Zauberersiedlungen wie bei uns. Bin gespannt, was sie dem alten Kuno Wolkenstein geboten haben, dass der Maglo-Dampfwagen nach Greifenberg reinlassen will.“
„Ortwin, bei allem Stolz auf unsere Zaubererabkunft, du weißt genau, dass wir ohne die Zufallsgeborenen aus der nichtmagischen Welt längst der verderblichen Inzucht zum Opfer gefallen wären“, wandte Canopus‘ Mutter Regula ein. „Also nimm es bitte als notwendige Maßnahme zur Kenntnis. Abgesehen davon werden die zwölf Eisenbahn-Ungetüme ja nicht frei im Dorf herumfahren, sondern in einem unterirdischen Haus unter dem Greifenberg da selbst anhalten. Die Zwerge sind ja schon damit beauftragt, einen entsprechend tiefen, breiten und langen Stollen zu graben und auszukleiden. In zehn Jahren sollen die ersten Eisenbahnzüge dort anhalten.“
„Ja, und dann ist es mit unserer Ruhe hier in Greifenberg vorbei“, grummelte Ortwin. Doch Regula widersprach ihm wieder. „Komm, Ortwin. Da steht überdeutlich, dass der Siedlerrat von Greifenberg darauf bestanden und es im Vertrag verbindlich durchgesetzt hat, dass diese Eisenbahn nur zu Schuljahresbeginn, Ferienbeginn und -ende und zum Schuljahresende fahren darf. Sie wollen es eben nicht so machen wie die Briten, die von London bis Hogsmeade die eine Eisenbahn gebaut haben, um alle Hogwarts-Schüler auf einmal zur Schule hin oder von dort fortzubringen. Also werden wir höchstens dann was davon mitbekommen, wenn wie heute ein Schuljahr beginnt, die Ferien anfangen oder das Schuljahr endet.“
„Wie du und dein Bruder euch für diesen Dampfmaschinenunfug begeistern könnt will mir nicht in den Kopf. Dann sollen die Maglo-Kinder, die zufällig genug Zauberkraft haben, um in der Burg lernen zu dürfen eben mit diesen Krach- und Qualmdingern anreisen. Dann wissen die anständigen Zaubererkinder gleich auch, woher die kommen“, sagte Canopus‘ Vater.
Na ja, Mama, der Papa hat da schon recht. Ich las in der Zeitung für neue Geräte der Zauberkunst, dass die Maglos durch die Erfindung von Dampfmaschinen und der Erforschung der Elektrizität meinen, alles machen zu können und machen zu dürfen, was wir locker mit Zaubern machen. Am Ende wollen die noch eiserne Vögel bauen, auf oder in denen sie durch die Luft fliegen können, weil die jetzt die Lust drauf gekriegt haben, wo die rausgefunden haben, dass heiße Luft in einem feuerfesten Ballon nach oben zieht und sie da Körbe mit Menschen drin dranhängen können. Die werden irgendwann immer dreister, die Maglos.“
„Ja, und dann bauen die wohl noch Maschinen, mit denen sie in den Weltenraum hinauffliegen und gar bis zum Mond oder zu den Planeten fliegen können, ohne Angst vor der immer dünneren Luft da oben zu kriegen“, grummelte Ortwin Hertzsprung.
„Komm, das wird nie passieren, Ortwin. Ihr Besendrechsler von Donnerkeil habt doch rausbekommen, dass es weiter oben immer kälter wird und die Luft immer dünner ist und dass Flugbesen gerade einmal so hoch wie die höchsten Alpenberge aufsteigen können, ohne vor lauter Anstrengung zitternd abzustürzen. Wie sollen denn die Maglos da mit welchen Ballonen oder anderen Flugapparaten hinkommen, ohne zu erfrieren oder zu ersticken, wo die weder den Warmhaltetrank, noch den Kopfblasenzauber machen können?“ fragte Canopus‘ Mama.
„Jaja, ist ja gut, Regula“, knurrte Ortwin. „Am besten freuen wir uns, dass unser Canopus wie jeder anständige Bewohner von Greifenberg mit der Erstklässlerkutsche zur Burg hinauffahren kann und zu den Sonnenwendferien durch das Reisetor gehen kann, wie alle, die da schon ein halbes Jahr und länger untergebracht sind.“
„Ja, das sollten wir tun“, sagte Regula.
So geschah es, dass Canopus Hertzsprung am Abend des letzten Augustsonntags mit dem in Greifenbergs Gewandstube gekauftem hellen Prinzipianerumhang bekleidet zwischen anderen Jungen und auch Mädchen stand und darauf wartete, von Kastellan Steinpfortner abgeholt und in von je zwei greifenberger Wolkenrössern gezogenen Kutschen die sich windende Straße zur Burg hinaufgefahren zu werden.
Endlich waren alle da, die zur Burg wollten. Die Prinzipianer fuhren nun in blütenweißen Kutschen den Berg hinauf. Die ebenso blütenweißen, mit schwanenartig wirkenden Flügeln versehenen Wolkenrösser zogen die Kutschen so schnell nach oben, dass alle in den Kutschen sitzenden meinten, sie flögen.
„Für größere Reisen haben sie sogar Asgardschwäne aus dem Norden“, wusste einer der Schüler, Hauke Wellenkamm, der durch ein Reisetor von der vor Maglos versteckten Insel Feensand herübergekommen war.
Als die Schülerinnen und Schüler den äußeren Burghof betraten und die sechseckige Mauer bestaunten sahen sie auch die vier Türme, in denen sie alle wohnen sollten. Dann ging es in einen gleichseitig viereckigen Vorraum zu einer großen Halle. Dort mussten sie warten, bis sie von der stellvertretenden Direktrix Magistra Heckengrün in der Reihenfolge der Nachnamen aufgerufen wurden. Canopus war der zwanzigste von dieses Jahr achtzig neuen Schülerinnen und Schülern. Als er auf den hochlehnigen Sitz auf dem aus Silber, Gold, Eisen und Eichenholz gemachten Speichenrad der Entscheidungen saß schloss er die Augen. Es sollte ihm nicht schwindelig werden.
Unter gleichmäßigem Händeklatschen und Fußaufstampfen der bereits fest zugeteilten Schülerinnen und Schüler wurde er erst zwölfmal mit immer größerer Geschwindigkeit herumgewirbelt. Dann lief das Rad frei. Laut dem, was Graf Alarich vor dem Andrehen gesagt hatte würde sich das Rad im Freilauf entschließen, für welches der vier Schulhäuser Canopus geeignet war. Kam er nach Erzenklang wie sein Vater, oder würde er ein Bewohner des Hauses Taubenflug wie seine Mutter und sein Onkel Antares?
Unsichtbare Arme umschlangen Canopus einen Atemzug bevor das Rad mit einem kräftigen Ruck anhielt. Er hörte ein fröhliches Juchzen und lautes Klatschen von dem Tisch her, dem er nun genau zugewandt war. Er öffnete seine Augen und sah den mit blütenweißer Decke überzogenen Tisch des Hauses Taubenflug. „Iste puer in domum Taubenflugum de hodie habitat! – Dieser Knabe wohnt ab heute im Hause Taubenflug!“ rief Magistra Leonora Heckengrün, von der Canopus wusste, dass sie seit bald dreißig Jahren das Haus Mondenquell führte. Die Taubenflug-Schülerinnen und -schüler jubelten noch einmal laut. Denn die wussten ja, dass Canopus‘ Onkel Antares ebenfalls dort gewohnt hatte. Also stand Canopus auf, als der Stuhl auf dem Rand des Rades ihn freigab. Er ging mit erhobenem Kopf zu den auf ihn wartenden Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern zu. Damit war er eigentlich dort, wo er gehofft hatte, dass er hinkam. Sicher, Sonnengold und Erzenklang hätten ihm auch gut gepasst. Aber es hieß, dass Taubenflug-Bewohner am besten mit den Vorgängen am Himmel zurechtkamen. Außerdem würde es seine Mutter freuen, dass er dort untergekommen war, wo sie und ihr älterer Bruder, sein Onkel Antares, untergekommen waren.
Am Abend, als er seine neuen Hauskameraden besser kennengelernt hatte, schickte er noch die ihm von seiner Großmutter Auriga geschenkte Waldohreule los, damit seine Eltern wussten, wie seine Einschulung verlaufen war.
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Die Nacht der Wintersonnenwende 1886
Auch wenn er den Abend mit seiner Frau sehr wild und laut hatte ausklingen lassen wurde der 35 Jahre alte Zauberer Canopus Hertzsprung bereits um drei Uhr wieder wach. Seine seit zehn Jahren angetraute Frau Birte atmete ruhig neben ihm. Sie schlief offenbar noch. Sollte er ebenfalls noch zwei bis drei Stunden schlafen? Irgendwie war er zu wach, um jetzt noch einmal einzuschlafen. Zwar fühlte er das leichte Ziepen in Rücken und Gliedern, das ihm verriet, dass er sich mal wieder richtig doll ins Zeug gelegt hatte. Doch das hinderte ihn nicht daran, so behutsam er konnte aufzustehen und irgendwas zu machen, um sich abzulenken. Möglichkeiten hatte er wahrlich genug.
Zunächst begab sich der für einen Zauberer noch junge Magiewissenschaftler, der sowohl Thaumaturgie, Alchemie und beobachtende Astronomie studiert und erprobt hatte, in das Gästebad. Denn das große Badezimmer, dass er und Birte benutzten lag zu nahe am Schlafgemach. Als er in den Spiegel über dem polierten Granitwaschtisch sah blickte ihm ein noch leicht erschöpft wirkendes, bartloses Gesicht mit bei Tag blassblauen Augen entgegen. Das nachtschwarze Haar hing wirr und struwelig um seinen Kopf. Doch das war kein Problem. Nach der Morgenwäsche kämmte sich der dreifache Zauberwissenschaftler die wilde Mähne glatt. Wenn der Geburtstag des christlichen Heilsbringers kam und seine Mutter Regula und seine Schwiegertante Immi vorbeischwirrten um zu sehen, ob die zwei miteinander verkuppelten nicht doch bald den ersehnten Nachwuchs vorstellen konnten, würde er sich die Haarpracht bis auf eine halbe Fingerlänge herabstutzen lassen, allein schon, damit Birte sich nicht vorhalten lassen musste, ihren Angetrauten ungepflegt herumlaufen zu lassen. Auch wollte sein Onkel mütterlicherseits vorbeikommen, wenn sicher war, dass seine Schwiegertante Irmela genannt Immi wieder außer Sicht- und Hörweite war. Der hatte ihm nämlich eine Überraschung versprochen.
„Sternwarte oder Laboratorium? Das ist hier die Frage“, dachte Canopus Hertzsprung. Hier, 100 Meter unterhalb des Gipfels des Wendelsteins, konnte er bei Nacht gute Ausblicke in den Sternenhimmel genießen. Vier verschiedene, durch eingewirkte Nachführzauber eigenständig ein anbefohlenes Himmelsobjekt im Blick behaltende Fernrohre standen ihm zur Verfügung. Doch weiter unten im Keller lagen seine und Birtes ganz private Laboratorien, gut getrennt durch mit Gesteinhärtungszauber verstärkte, anderthalb Ellen dicke Granitwände. Sie war eine veritable Kräuterhexe, die immer mal wieder neue Zaubertrankrezepturen ausprobierte und die magischen Eigenschaften exotischer Zauberkräuter und -pilze ausprobierte. Er dagegen stellte immer wieder Versuche mit materiebeeinflussenden Zaubern und wechselwirkenden Stoffen an. Dabei konnte es durchaus die eine oder andere Explosion geben, die nur deshalb nie zur Vernichtung von Haus und Bewohnern geführt hatte, weil beide einen dauerhaften Kraftkerker um die Laboreinrichtungen errichtet hatten.
Gerade forschte Canopus Hertzsprung an einer von Zauberstabträgern möglichen Nachahmung von Koboldsilber. Er hatte da was gelesen, dass die alten Ägypter das dem Mond zugeordnete Silber mit den Schalen aus silbernen Eiern veredeln konnten, um so eine noch bessere Beziehung zwischen Mond-, Erd- und Heilszaubern hinzubekommen. Welche Tiere solche Eier legten war erst im 18. Jahrhundert enthüllt worden, als britische Zauberer das Geheimnis der Mischwesen aus Schlange und Vogel ergründet hatten, die in ihrer natürlichen Heimat Indien Occamy genannt wurden. Allerdings wurde davor gewarnt, einer Occamyhenne ihr Gelege wegzunehmen, weil diese eine magische Verbindung zu jedem Ei hielt und dem Eierdieb sehr entschlossen und aufgebracht nachstellte. Wer nicht schnell genug mehr als eine Million Schritte zwischen sich und die bestohlene Bruthenne brachte konnte am Ende von dieser getötet und zur Nahrung für die nächste Brut verarbeitet werden, hieß es. Daher galt dieses besondere Silber als noch wertvoller als das aus den Tiefen der Erde gegrabene Bergbausilber.
Canopus war es über Beziehungen seiner Frau zu indischen Kräuterkundlerinnen gelungen, vier frisch gelegte Occamyeier zu erhalten und deren Schale behutsam zu zerlegen. Das Innere, das zu seiner großen Erleichterung noch nicht angebrütet war, konnte er zu weiteren Studien magisch aktiver organischer Stoffe heranziehen. Wenn er nicht bald herausfand, wie die Ägypter deren Silberanteil mit Bergbausilber vermischt hatten musste er wieder lange sparen, um Nachschub zu bekommen oder gar selbst ins ferne Indien reisen, um einer Occamyhenne ihr Gelege zu rauben, was ihm vielleicht auch noch gehörigen Ärger mit den dort residierenden Zauberern einbringen konnte.
Im Augenblick war ihm nicht nach alchemistischen Forschungen. Ihn reizte es, den vor 105 Jahren von einem nach England ausgewanderten magielosen Astronomen entdeckten siebten Planeten zu beobachten, der erst Georgs Stern und dann doch gemäß der Tradition der Namensvergabe nach Uranus genannt worden war. Dieser Wilhelm Herschel und seine Schwester Caroline hatten diesen bis dahin unentdeckten Himmelskörper mehr durch Zufall gefunden. Die beiden großen Vereinigungen magischer Astronomen hatten lange gebraucht, die Entdeckung anzuerkennen, bis die größten Teleskope den Planeten Uranus sichtbar gemacht hatten und dessen Natur als weiterer Umkreiser der Sonne bestätigt war, auch wenn der dazu sehr viele Jahrzehnte brauchte. Auch wurde von den Mitgliedern der Congregatio secretorum Siderum diskutiert, ob dieser Planet wie die anderen frei beweglichen Himmelskörper am Nachthimmel Quelle für mächtige Zauber sein konnte, wo er mit bloßen Augen nicht zu erkennen war und wo er so langsam um die Sonne kreiste. Für Canopus war es jedoch ein interessantes Forschungsobjekt. Daher nutzte er wie gerade jetzt die Gelegenheit, den nach der Personifizierung des Himmelsgewölbes benannten Planeten zu beobachten und seine Eigenschaften zu studieren. Am Ende war es ihm vergönnt, daraus alchemistische oder thaumaturgische Möglichkeiten zu entwickeln. Natürlich wusste er, dass die Kräfte des Himmels im ganzen so groß waren, dass kein einzelner Zauberer und auch keine Hexe damit herumspielen durfte. Am Ende hob noch wer die ganze Welt aus den Angeln. Aber sowas hatten sie damals auch schon von den Kräften von Sonne und Mond behauptet.
Canopus Onkel Antares hatte ihm vor zwei Jahren einen Objektivaufsatz geschenkt, mit dem er einen schwach leuchtenden oder widerscheinenden Körper bis auf halbe Sonnenhelligkeit verstärken konnte und dann noch das Licht in die von jenem der Magie entsagenden Alchemisten Isaac Newton entdeckten Einzelfarben zu zerlegen. Er wählte das entsprechende Fernrohr aus und flüsterte in das ohrenförmige Symbol im Messingrring um die Okularlinse: „Finde und folge Uranus!“ Das um drei Achsen schwenkbar montierte Teleskop bewegte sich lautlos und suchte den Himmel ab. Dabei nutzte es die in seiner Halterung eingeprägte Sternkartenbezauberung, die er vor fünf Jahren hatte einarbeiten können. Dann erzitterte das Teleskop kurz. Canopus drehte an der Trommel mit den vier Okularen, bis er das mit der höchsten Vergrößerungsstufe vor den Augen hatte. Dann konnte er ihn sehen, den ganz weit entfernten Himmelskörper, der wie die anderen Planeten schon seit Anbeginn der Zeit die Sonne umrundete. Für Canopus war es schon befremdlich, dass dieser Körper auf die Seite gedreht wirkte und sich nicht in derselben Art drehte wie die bereits vorher bekannten Planeten. Das war schon einmal ein interessanter Anstoß für mögliche magische Eigenschaften.
Der Nachteil der Helligkeitsverstärkung lag darin, dass der umgebende Himmel viel früher zu hell wurde, um Einzelheiten ferner Körper zu beobachten. Auch Daher musste Canopus die Zeit vor der astronomischen Morgendämmerung ausnutzen.
Er erkannte drei helle Punkte, die so dicht bei Uranus standen, dass sie keine fernen Sterne waren. Natürlich hatte dieser Planet auch Monde, wie Jupiter und Saturn. Laut der Übernommenen Vereinbarung aus der nichtmagischen Welt hießen die nach Figuren aus Theaterstücken von William Shakespeare, weil sie ja von einem Engländer entdeckt worden waren und den Sternenguckern langsam die Namen aus der griechisch-römischen Mythologie ausgingen.
Canopus notierte sich die gesehenen Merkmale und auch, in welchen Teilfarben Uranus widerschien. Als sich der Nachthimmel wegen der Helligkeitsverstärkung erst grau und dann immer heller verfärbte beendete Canopus seine Nachtstudien. Womöglich würde seine Frau bald aufwachen und nach ihm rufen. Er schrieb sich noch auf, wann er die ersten Uranusmonde in welchem Abschnitt des Nachthimmels gesehen hatte. Dann ließ er das Fernrohr zusammenschnurren und schloss die Schutzkuppel der Sternwarte.
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25.12.1886
Der Weihnachtstag verlief für die Eheleute Hertzsprung wie in allen gemeinsamen Jahren zuvor. Erst waren Birtes Eltern Kreszenzia und Aloisius Wiesenrain zu Besuch gekommen. Dann war Canopus‘ verwitwete Mutter Regula zu Besuch gekommen, um sich zu erkundigen, wie es ihrem Sohn ging. Er konnte ihr die gewisse Enttäuschung ansehen, weil Birte immer noch nicht schwanger war, geschweige denn einen kleinen Hertzsprung vorzeigen konnte. Spät abends war dann noch der in der Burg Greifennest als Astronomie- und Zauberkunstlehrer tätige Bruder von Canopus‘ Mutter, Antares Goldregen, vor dem als 100-Sterne-Haus registrierten Wohnhaus auf halber Höhe des Wendelsteins appariert. „Immie auch da?“ fragte er zunächst. „Nein, die spielt wohl die Heiratsvermittlerin bei ihren Verwandten in Schweden“, erwiderte Canopus.
Antares Goldregen grinste. „Okay, dann habe ich genug Zeit, um mit dir zwei Sachen zu besprechen. Zunächst die Geschenke“, sagte er und förderte aus seinem grasgrünen Drachenhaut-Rucksack vier Geschenkpakete zu Tage. „Ich hoffe, die machen dir und Birte Freude. War nicht leicht, da ranzukommen.“
„Hoffentlich nicht so teuer wie eine Anschaffung, die Birte mir ermöglicht hat“, sagte Canopus. Seine Frau verzog ihr rundes Gesicht und nickte dann verdrossen.
„Ich habe noch genug Leute, die mir die eine oder andere Gefälligkeit schulden. In der alten Römersiedlung Colonia am Rhein nennen sie das Klüngel. Aber sei es drum“, sagte der hoch aufgeschossene Zauberer, der von Haar und Augenfarbe her Canopus‘ Vater hätte sein können.
„Ui, ein Aufwärmtopf der Größe zwei“, freute sich die leidenschaftliche Küchenhexe Birte Hertzsprung, als sie das größere der zwei Geschenke auspackte. „Damit kann ich dir dann auch mal was bereitstellen, ohne dass du gleich die ganze Küche durcheinanderbringen musst, Canopus“, sagte sie noch. „Ich dachte mir, dass du den Topf wertschätzt. Es gibt nicht viele Haushaltshexen, die einen sich selbst erhitzenden Topf haben möchten. Die Gebrauchsanweisung ist übrigens feuerfest“, erwiderte Antares Goldregen.
„Oh, ein Vitalis-Smaragd. Hoffentlich hast du dafür nicht Haus und Hof veräußern müssen, Onkel Antares“, sagte Birte, als sie das kleinere Paket öffnete und einen achtflächigen Körper aus reinem Smaragd freilegte. „Wie erwähnt, da war noch jemand, der mir einen Gefallen schuldete, in dem Fall ein Edelsteinschleifer aus Antwerpen, dem ich vor meiner Rückkehr auf die Burg Greifennest noch ein paar große Klunker beschaffen konnte, von denen er und ich sicher waren, dass sie genug eigenmagisches Potential besitzen. Du hast also schon von den Vitalis-Smaragden gehört, Birte?“
„Onkel Antares, das war vor einem Jahr das große Thema in allen kräuterkundlichen Journalen, dass es möglich sein soll, durch das Schleifen eines ausreichend großen reinen Smaragden einen Träger von Lebenskraftaufspürung und Lebenskraftausstrahlung zu formen. Damit kann ich die von grünen Pflanzen ausstrahlende Lebenskraft einsammeln und bei Bedarf als heilsame Kraft wieder ausstrahlen, um entgiftende Tränke zu potenzieren oder direkt auf äußere oder innere Verletzungen einzuwirken, die nicht mit einfachen Heilzaubern beseitigt werden können. Immerhin hatte diese der Zauberei widerstrebende Klosterfrau damals recht, dass die alles Leben bedingende Kraft aus dem Grün der Pflanzen und der Luft entspringt und der Smaragd das damit verbundene Mineral ist.“
„Wir von der Alchemistenzunft debattieren immer noch über all die alten Thesen, welche Steine gegen welche Gebrechen helfen“, erwiderte Canopus darauf.
„Das ist schon ein guter Übergang zu dem, was ich dir besorgt habe, Canopus. Fröhliches Sonnenwendfest!“ entgegnete Antares Goldregen.
Canopus öffnete zunächst das kleinere Paket. Darin steckte ein Klumpen aus goldgelbem Mineral, ein Stück Sonnenquarz. Dieses Mineral war bei mit der Elementarkraft Feuer verbundenen Zaubern hantierenden Magiern sehr beliebt, zumal es fast so gut wie das der Sonne verbundene Gold die aus Äggypten, der griechisch-römischen Welt und dem Wissensschatz der keltischen Druiden stammenden Sonnenzauber fokussieren konnte. Vampirjäger wie Birtes Vetter Timon Bärenzahn waren hellauf begeistert, wenn sie Sonnenquarz bekamen, um damit Eichenbolzen zu verstärken, die dann mit dem Sonnensegenszauber belegt nur zu treffen brauchten, um einen überagressiven Vampir zu töten und zu Asche verbrennen zu lassen, als habe der sich mehr als eine Minute lang der Sonnenstrahlung ausgesetzt.
„Mir war klar, dass du immer noch an neuen Sonnenzaubern forschst und daher sicher ein wenig Fokusmaterie benötigst. Ich hoffe nur, du schaffst es nicht aus Versehen, das Feuer der Sonne selbst in dein Haus zu beschwören und es damit niederzubrennen.“
„Dann hättest du ihm das nicht schenken dürfen“, grummelte Birte, die die Experimentierlust ihres Mannes besser kannte als ihr lieb war.
„Ich weiß wohl, dass das ewige Feuer der Sonne ein unbändiges und auch zerstörungsträchtiges Ding ist, das besser nicht auf Erden entzündet werden darf, wenngleich ja immer noch zu klären ist, was dieses Feuer in Gang hält, ob die Obskuritätskompressionstheorie von Ignatio Pontidori gilt oder die Quintessenzilluminationsthese von Chrysochiros von Thessalien gültig ist, die besagt, dass mit Hilfe des fünften Elements verbrannte Stoffe in ihren Ursprung zurückversetzt werden und dabei neues, viel helleres Licht und viel viel mehr Hitze ausgestrahlt werden können.“
„Ja, oder ob die These gilt, dass in den Sternen ein Vorrat der Substantia non Grata enthalten ist, die mit den umgebenden Stoffen im selbstvernichtenden Kampf liegt“, fügte Antares dem noch hinzu.
„Du siehst, geliebtes Eheweib, dass es noch eine ganze Menge zu erforschen gibt“, sagte Canopus und legte schnell nach, dass er nicht beabsichtige, jene Substantia non Grata herzustellen, von der es hieß, dass ein Staubkorn davon eine ganze Ansiedlung in Asche und Rauch aufgehen lassen konnte. Dann packte er schnell noch das größere ihm zugedachte Geschenk aus und strahlte mit der Wintersonne um die Wette, als er eine originalgeträue Nachbildung jenes Steines fand, den französische Soldaten bei Rosette in Ägypten gefunden hatten und den die Engländer nach dem Sieg über die napoleonische Armee in Ägypten zur Beute erhalten hatten. Damit ließen sich nun sämtliche in zwei altägyptischen Schriften erstellten Aufzeichnungen übersetzen, wer des altgriechischen mächtig genug war. „Ich weiß, dass du bei deinem klammheimlichen Ausflug vor fünf Jahren einige Texte über das Wesen der stofflichen Welt aus Alexandria mitgebracht hast, Canopus. Vielleicht gelingt es dir, die Geheimnisse der alten Ägypter zu enthüllen, sofern du genug Zeit hast.“
„Wieso sollte ich keine Zeit dafür haben, Onkel Antares. Ich lebe von den Veröffentlichungen ganz gut, wie du selbst weißt. Immerhin konnte ich einige wichtige Brücken zwischen Alchemie und Astralzauberei schlagen, von denen die gegenwärtigen Thaumaturgen und Alchemisten sehr gut profitieren und ich deshalb Anerkenntnishonorare erhalte.“
„Hmm, ja, und da sind wir schon bei mersten der beiden Punkte, über die ich mit dir sprechen wollte, werter Neffe. Gut, Birte, du magst gerne dabei bleiben und zuhören. Aber beklage dich nicht, falls es dich langweilt.“
„Hat es was mit der Congregatio Secretorum Siderum zu tun, Onkel Antares. Ich hörte ein Flüstern, dass man dich gerne in Rom haben würde, falls ihre Gnaden Gräfin Ophelia III. Greifennest dich entbehren kann“, sagte Canopus.
„Vom eigenen Torraum mit Hui durch den gegnerischen Mittelring, Neffe“, erwiderte Antares Goldregen. „Ja, man geruhte, mich als Nachfolgekandidaten für den freigewordenen Sitz im hohen Rat der CSS vorzuschlagen. Bis zum ersten Mai 1887 darf ich mir Zeit lassen, ob ich die Berufung annehmen mag oder sie noch einmal alle Kandidaten über neunundvierzig Jahre überprüfen sollen, um einen lebenslangen Sitz zu vergeben“, sagte Antares Goldregen.
„Ja, und wie ich dich kenne fühlst du dich sicher sehr geehrt, wo du schon seit zwanzig Jahren in der CSS Mitglied bist“, sagte Canopus, dem schwante, wohin dieses Gespräch führen sollte. Auch Birte argwöhnte, was ihr Schwiegeronkel erreichen wollte.
„Dann möchtest du ihm hier vorschlagen, deinen Posten in der Burg zu übernehmen, wo das Mindestalter für einen Lehrer achtundzwanzig Jahre ist“, sagte Birte. Antares Goldregen blickte sie und dann Canopus erst verhalten an. Dann nickte er ihr und ihm zu. „Es tut immer sehr gut, mit Leuten zu sprechen, die nicht lange um den glühenden Kessel herumreden“, sagte er. „Ja, Gräfin Ophelia hat von der möglichen Berufung erfahren und mit mir nach Verabschiedung der Schüler in die Christtagsferien darüber gesprochen, ob ich diese Berufung annehmen möchte und falls ja, ob ich einen würdigen Nachfolger kenne, so dass sie keine all zu langwierige Auswahl treffen muss. Denn sie vertraut mir.“
„Ja, und ich bin der eine würdige, oder sind da noch andere, die du ihr empfohlen hast?“ fragte Canopus. „Da du wie ich in Haus Taubenflug gewohnt hast und deine Veröffentlichungen zu Herschels neuem Planeten und die erwähnten Brücken zwischen himmels- und Erdmagie auch in der Sammlung freier Veröffentlichungen in der Astronomiesektion und Zauberkunstsekktion unserer Schulbücherei ausliegen ist die Direktrix sehr daran interessiert, deine Fähigkeiten zu prüfen. Bekanntermaßen ist ein guter Forscher nicht auch gleich ein begabter Lehrmeister. Abgesehen davon wird sie ja 1908 ihre sechsunddreißig Jahre vollenden und dann die Schulleitung an ihre Tochter Aurora XII. abgeben und dann wohl zur Stuhlmeisterin der deutschsprachigen Heilerzunft berufen. Die junge Gräfin Aurora ist eine begeisterte Alchemistin und Thaumaturgin. Womöglich könnte das für dich auch sehr vorteilhaft sein.“
„Ja, und ihr Söhnchen Odoaker, dass mit mir in derselben Jahrgangsstufe war ist ein Sonnengoldler, den man mehr oder weniger mit Nachdruck dazu bringen musste, eine ehemalige Mondenquellerin zu heiraten, wie es bei denen von Greifennest uralte Sitte ist“, grummelte Canopus. Er musste an die worthaften und ja auch vorkommenden magischen Händel mit jenem Enkel der amtierenden Schulleiterin denken. Odoaker der Selbstverliebte, so hatten sie nicht nur außerhalb von Sonnengold den nach Aurora XII. gesicherten Schulleiter genannt. Dennoch empfand Canopus bei der Vorstellung, mindestens sechsunddreißig Jahre lang mit einer sehr interessierten Fachhexe am selben Ort zu sein schon verlockend. Das Gehalt eines Magisters von Burg Greifennest war auch sehr ansprechend und anders als seine Honorare regelmäßig. Ja, und mit den Vergütungen aus seinen Veröffentlichungen zusammen konnte er ein gemachter Zauberer werden, der seinen vielleicht doch mal auf die Welt findenden Nachkommen eine sichere Lebensgrundlage hinterlassen konnte.
„Bis wann muss ich mich entscheiden, ob ich deine Empfehlung annehmen und mich bei Gräfin Ophelia der Heilsamen vorstellen soll, Onkel Antares?“ fragte Canopus Hertzsprung.
„Spätestens bis zur nächsten Walpurgisnacht. Dann muss ich mich ja festlegen, ob ich die Berufung in den hohen Rat der CSS annehme oder sie respektvoll und höflich ausschlage“, erwiderte Antares Goldregen.
„Gut, am vierzehnten Februar habe ich ja meinen sechsten Quadratzahlgeburtstag, der ja so wichtig in der magischen Welt ist“, erwiderte Canopus. Bis dahin werde ich mir das überlegen“, fügte er noch hinzu.
„Hmm, sechster Quadratzahlgeburtstag? Äh, ja, sechsunddreißig. Aber das ist doch erst die fünfte Quadratzahl“, meinte Birte.
„Man hat sich darauf verständigt, dass die Eins als erste natürliche Zahl alle geo- und stereometrischen Eigenschaften besitzt, die alle natürlichen Zahlen erreichen können, also auch als Quadrat- und Kubikzahl anerkannt wird“, sagte Antares. Daher gilt die Vier als zweite, die Neun als dritte und die weiteren eben als folgenden Quadratzahlen, so die Gesellschaften für Arithmantik, Alchemie und auch die CSS und die AS“, dozierte Antares Goldregen. „Die Sechsunddreißig ist also die sechste Quadratzahl. Daher ist ihre Symbolkraft noch höher als ehedem schon“, fügte er noch ganz wie ein Schullehrer sprechend hinzu. Canopus nickte nur beipflichtend. Dann sagte Onkel Antares noch: „Gut, das nehme ich als vorübergehende Aussage zur Kenntnis. Wohl gemerkt kannst du bis spätestens zum dreißigsten April klar entscheiden, ob du dich auf die Stelle bewerben sollst oder nicht. Solltest du dich dagegen entscheiden ist es auch nicht so wild. Dann suchen die Gräfin und ich bis zum Schuljahresende noch aussichtsreiche Kandidatinnen oder Kandidaten. Ach ja, Hedwig Säuselbach, die gerade das Haus Taubenflug leitet, hat sich auch schon lobend über dich geäußert und würde deine Kandidatur unterstützen.“
„Hmm, ich hörte, dass Magistra Säuselbachs jüngere Schwester Hubertine sich auf die freiwerdende Stelle von Magistra Diana Falkenstoß bewerben will, wenn diese aufhört“, sagte Birte Hertzsprung. „Ja, das trifft zu, und ja, ich kenne den Tratsch über die nicht ganz so harmonische Beziehungen der zwei Schwestern und die Rivalitätsgerüchte, weil Hubertine eine Mondenquellerin war und Hedwig als Taubenflugerin ausgewählt wurde. Aber deine Fachkollegin Leonora Heckengrün wird laut eigener Aussage noch mindestens zehn Jahre lang die Mondenqueller betreuen“, sagte Antares Goldregen zu Birte. Diese nickte beipflichtend. Offenbar deckte sich das mit dem, was sie selbst schon erfahren hatte.
„Gut, wie erwähnt werde ich frühestens zu meinem sechsunddreißigsten Geburtstag überlegen, ob ich die Stelle als Astronomielehrer und Zauberkunstlehrer für die Klassen über Intermedianer anstrebe oder weiterhin meine privaten Forschungen betreibe“, stellte Canopus noch einmal klar und fügte hinzu: „Langweilig wird es mir auf keinen Fall.“
Nachdem dieses für Onkel Antares so wichtige Thema abgehandelt war ging es noch darum, dass der morgenländische Zauberrat darüber beriet, ob man abendländischen Zauberern Zugang zu den magischen Erkenntnissen der alten Kulturen der Sumerer, Babylonier, Hetiter und Ägypter gewähren sollte. Arabische Zauberer befürworteten das, während die Ägypter, Perser und Türken widersprachen, weil sie zum einen die machtvollen Errungenschaften der Vorfahren schützen wollten und zum zweiten argwöhnisch waren, weil es in Mitteleuropa immer mehr Hexen gab, die in einstige Männerdomänen vorzudringen vermochten und jene Ablehner die Gefahr sahen, dass ihre Zaubereigeheimnisse auch den ihrer Meinung nach unwürdigen Hexen zugänglich werden könnten.
„Ja, und deshalb wollte ich dir und jedem anderen persönlich mitteilen, dass es erst einmal geboten ist, alle aus erworbenen Unterlagen aus Ägypten oder Babylon gewonnenen Erkenntnisse zurückzuhalten und erst einmal nichts davon zu veröffentlichen. Die Osmanen haben sich mehrere Augen und Ohren in unserer Zauberergemeinschaft gekauft, die vor allem darauf achten sollen, dass keine unerwünschten Veröffentlichungen herumgehen, solange der Rat der morgenländischen Zauberer das nicht ausdrücklich gestattet.“
„Will sagen, was ich mit Hilfe deines Weihnachtsgeschenkes herausfinde darf ich erst am 30. Februar im Jahre Irgendwann veröffentlichen“, grummelte Canopus Hertzsprung. Birte meinte dazu: „Dabei wissen die Türken und Ägypter, dass sich wirklich kluge und gerissene Hexen die Errkenntnisse von damals auf ihren eigenen Wegen beschaffen. Sie dürfen es nur nicht zugeben oder gar erlauben, dass eine Hexe ähnlich mächtige Zauber ausführen kann wie ein Zauberer. Bei denen dürfen Hexen gerade mal Heiltränke und -salben anrühren und den hochmächtigen Bartträgern neue Zauberkinder gebären.“
„Ja, auf den Punkt gebracht, werte Schwiegernichte“, erwiderte Antares Goldregen ohne Spur von Gefühlsregung.
„Gut, danke für die Warnung, Onkel Antares. Dann werde ich alles, was ich mit deinem Weihnachtsgeschenk herausfinde erst einmal für mich behalten oder es hinbiegen, dass ich die Erkenntnisse von anderer Stelle habe, beispielsweise aus Atlantis.“
„Hallo, Atlantis? Du vertrittst also die Vorreichthese vom Ex-Magister Honorius Silberpfortner, der alle Gemeinsamkeiten der Kulturen auf dieses Vorreich zurückführt“, grinste Antares Goldregen.
„Habe ich so nicht gesagt. Ich meine nur, dass ich alles, was ich aus den Anregungen aus Ägypten herauslesen und erarbeiten kann auf einen anderen Ursprung zurückführen muss. Na ja, aber irgendwo haben mich Magister Silberpfortners Darlegungen schon beeindruckt, und vor allem, dass es noch Wissende gibt, die die uralten, machtvollen Zauber der Atlanter kennen und an ihre Nachkommen weitergeben sollen. Dankward Weidenstock hing ja damals an dessen Lippen. Der behauptete ja, aus einer Familie zu stammen, die sich auf eine aus dem Orient stammende Zaubererdynastie berufen könne“, gab Canopus etwas aus der eigenen Schulzeit zum besten.
„Gut, ich teile der Gräfin mit, dass ich mit dir gesprochen habe und du dich interessiert zeigst, aber eben noch Bedenkzeit benötigst. Ja, was die altägyptischen Geheimnisse angeht weißt du ja jetzt, dass du sie besser erst einmal nicht im „Goldenen Kessel“ oder dem thaumaturgischen Journal veröffentlichen möchtest, wenn du keinen Krach mit lebenden Mumien oder gemeinen Flaschengeistern kriegen möchtest“, fasste Onkel Antares noch einmal die Ergebnisse der beiden Gesprächsthemen zusammen. Canopus bejahte beides.
„Wann bitte war eine lebende Mumie in Europa?“ wollte Birte wissen. „Vor fünf Jahren, als zwei sehr vorwitzige Zauberer im sogenannten Tal der Könige ein Grab öffneten und den darin stehenden, mit Silberspangen verriegelten Sarkophag gleich mitnahmen, weil die ägyptischen Zauberräte hinter ihnen her waren. Als sie den Steinkasten aufmachten entstieg diesem die durch einen alten Fluch am Leben gehaltene Mumie eines blutrünstigen Kriegers. Manche vermuteten den einstigen Pharao Amenemhet. Doch es war nur ein abtrünniger Hooruspriester, der dazu verdammt war, solange am Leben zu bleiben, bis er mit den Wellen des Meeres in Berührung kam. Vorher hat die Mumie jedoch noch hundert Menschen erwürgt oder durch Verletzungen mit ihrem Fluch infiziert, dass die ihr wie eine Armee Inferi gefolgt sind“, erwiderte Antares Goldregen.
„Gut, lasse ich mal als Erzählung gelten“, grummelte Birte. Canopus nickte nur.
Nachdem Onkel Antares noch einmal Canopus‘ Sternwarte besichtigt und einen Blick durch alle Teleskope geworfen hatte kehrte er in sein eigenes Wohnhaus bei Köln zurück, um dort den Rest der Weihnachtsferien mit den Mitgliedern der Congregatio Secretorum Siderum zu korrespondieren, wohl auch um auszuloten, ob er da selbst in deren hohenRat berufen werden wollte.
„Was machst du, wenn Onkel Antares es sich noch einmal überlegt und doch weiter in der Burg bleiben will?“ fragte Birte ihren Mann nach dem Zubettgehen. „Das was ich die letzten achtzehn Jahre gemacht habe, mein Wissen erweitern, neue Ideen prüfen und deren Ergebnisse veröffentlichen, wenn ich erkenne, dass sie mehr zum guten als zum schlechten verwendet werden können“, sagte Canopus.
„Ja, ist das dann nicht sogar eine Art Stilllegung, wenn du nur noch für den Lehrbetrieb von Burg Greifennest arbeiten sollst?“ wollte Birte wissen. „Ein Jahr muss ich arbeiten, sieben Jahre kann ich arbeiten, um vielleicht in die Wahl eines Hausvorstehers gezogen zu werden. Ich muss aber nicht dauernd dort sein, Birte. Ach, du meinst, wir zwei hätten dann nicht mehr so viel Zeit zusammen?“
„Ja, das auch. Aber vor allem weiß ich von dir, dass du für die Erforschung der stofflichen Welt und des Himmels brennst. Du würdest in Burg Greifennest mit teils aufmüpfigen, teils überdrehten Mädchen und Jungen zu tun bekommen, von denen längst nicht jeder deine Kenntnisse zu würdigen weiß. Ich habe ihn nicht darauf angesprochen. Doch ich habe es Onkel Antares angesehen, dass er heilfroh ist, diesen Beruf abzugeben und weit von den aufgedrehten Jungzauberern und -hexen fortzukommen.“
„Gut, er ist da dreißig Jahre Lehrer und hat wohl auch gedacht, Taubenflugs Vorsteher zu werden“, setzte Canopus an. „Aber die werte Hedwig Säuselbach hat sich da häuslich eingerichtet und wird wohl nur mit den Füßen voran aus dem Taubenflugturm getragen werden, sofern dieser Zank mit ihrer jüngeren Schwester den Schulbetrieb nicht vergiftet.“
„Ja, du hast ja noch Zeit, dir das zu überlegen. Nur wird das dann wohl nicht mehr viel mit dem oder der kleinen Hertzsprung“, meinte Birte leise und mit einem herausfordernd erregten Ton. Canopus erwiderte darauf: „Dann nutzen wir doch die Zeit, die wir haben, Liebste.“ Das war der Auftakt für eine weitere wilde Nacht, auch wenn Birte gerade nicht in ihrer fruchtbaren Phase war.
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25.01.1887
Seiner Frau hatte er erzählt, er würde die ganze Nacht in der Sternwarte zubringen, um den Planeten Uranus zu beobachten. Ihm waren nämlich einige Ideen gekommen, welche Zauber er mit diesem Planeten verknüpfen konnte. Natürlich galt der Grundsatz, dass neue Zauber grundsätzlich auf klar erkennbare oder verfügbare natürliche Grundlagen bezogen sein mussten. Denn wer was bewirken wollte musste etwas klar vor dem inneren Auge oder Ohr haben, wovon die Kraft kam und worauf er einwirken wollte. In der magischen Theorie hieß dass, dem Fluss von der Quelle zum Ziel den Weg zu ebnen, einen geistigen Kanal zu schaffen, durch den die übernatürlichen Kräfte auf das überfließen konnten, auf das sie wirken sollten, auch um klarzustellen, dass ein Zauber sich nicht wie ein flüchtiges Gas in alle Richtungen ausdehnte und unbeherrscht und zeitlich unbestimmt andauerte und dabei mehr Verdruss als Erfolg bescherte. Das hatten die keltischen Druiden und die griechischen Zauberkundigen schon gewusst. Wenn er also den Planeten Uranus, besser seine Existenz und die mit ihm verknüpften Eigenschaften ausnutzen wollte, dann musste er bei der Entwicklung neuer Zauber genau darauf achten, dass sie beherrschbar blieben und selbst Fehler in den Zauberkomponenten keinen Weltuntergang herbeiführten. Dazu war es auch wichtig, sich mit dem mythischen Namensträger des neuen Planeten zu befassen, so wie es die Vorfahren mit den frei sichtbaren Himmelskörpern und Sternbildern auch getan hatten.
Als er jedoch ganz aus Neugier mit dem originalgetreuen Nachbau des Steins von Rosette eine aus zehn Papyri geformte Schriftensammlung übersetzte sprang es ihn förmlich in die Augen, dass er tatsächlich den Schlüssel zur nimmer versiegenden Kraft des Mondes in die Hände bekommen hatte. Denn abgesehen von der Bestätigung, dass er dafür Occamysilber brauchte und von den einst vier ihm zugespielten Eiern noch die säuberlich aufgeteilten Schalen von drei Eiern hatte hieß es auch, dass er Silber aus vier Himmelsrichtungen, das zu je einer der vier Phasen des Mondes geschürft wurde zusammenmischen sollte, und zwar im Verhältnis ein Anteil Occamysilber mit zwölf Teilen Bergbausilber. Dann hieß es noch, dass dieses Silber in Öfen geschmolzen werden sollte, in denen der blauweiße Mondstein verbaut war. Das kannte er bereits von jenen Ergebnissen, die auf das auf Lykanthropen tödlich wirkende Silber bezogen waren. Ja, und als er auf dem vorletzten Papyrus las, dass der die Zauber, die das Licht und /oder die unsichtbare Bindungskraft des Mondes mit der Erde als Quelle besaßen am stärksten und dauerhaftesten wirken konnte, wer körperlich neun mal vier Sonnenkreise frei geatmet hatte erschauerte es ihn. Das hieß, dass er, der in wenigen Wochen 36 Lebensjahre vollenden würde, solche mächtigen Mondzauber auf Gegenstände wirken oder auf sich oder lebende Wesen sprechen konnte. Das mit dem aus vier Himmelsrichtungen zu vier verschiedenen Mondphasen geschürftem Silber bekam er hin. Ja, und vom Occamysilber her reichte sein Vorrat in seinem privaten, gut abgeschirmten Laboratorium auch. Dann las er noch, dass Bestandteile aus dem Mond verbundenen Wesen, davon auch solchen, die sich Menschenaugen entziehen konnten, zu guten Trägern solcher mächtigen Zauber gemacht werden konnten strahlte er. Hatte er nicht von einem ehemaligen Schulkameraden, der die Tierwesen Afrikas erforschte gehört, dass es dort Wesen gab, die sich unsichtbar machen konnten? Schwindeaffen und Schwindeschweine hatte er diese Wesen genannt. Die Engländer nannten den Schwindeaffen Demiguise, weil er mal da und mal verhüllt, also unsichtbar war und das schweineartige Tier Tebo nach einem afrikanischstämmigen Zaubertierhüter aus Uganda, der es zuerst geschafft hatte, ein solches Tierwesen lebend zu erbeuten und seine Unsichtbarkeit zu erforschen. Magizoologisch hießen die besonderen Tiere Pongulus argenticapillis und Sus varivisibilis africana.
„Tja, Onkel Antares. Da werde ich mal sehen, wer mir noch den einen oder anderen Gefallen schuldet“, dachte Canopus. Ihm schwebte schon vor, ein Kleidungsstück aus mindestens zwei Mondverbundenen oder natürlich unsichtbar werdenden Tierwesenbestandteilen zu fertigen und es mit dem von den Ägyptern Schlüsselsilber genannten, dass er jedoch als Fokussilber benennen wollte zu verstärken. Falls er es hinbekam, bis zum ersten Mai 1927 solch ein Kleidungsstück zu fertigen konnte er beruhigt die neue Anstellung antreten. Ihm fiel nämlich noch ein, dass er auf einer Erkundungsreise in Griechenland die Mondwechselschafe kennengelernt hatte, deren Wolle bei Vollmond weiß und bei Neumond pechschwarz war und dazwischen von dunkelgrau bis silberweiß und zurück variierte. Sein Reiseführer Belerophon akrogaios hatte ihm verraten, dass die Wolle dieser Schafe die bei der Schur enthaltenden Mondeigenschaften speichern und bei der Weiterverarbeitung behalten würde, so dass Vollmondwolle die magischen Eigenschaften des Mondlichtes verstärkte und Neumondwolle zur Herstellung von Tarnkleidung verwendet oder als Schutzmittel gegen beißwütige Lykanthropen verwendet werden konnte. Wenn er also ein Kleidungsstück haben wollte, das mit nützlichen Mondzaubern belegt werden sollte und diese vielfach stärker wirkten als durch direktes Aufsprechen mittels Zauberstab, aber nur zeitweilig wirkten, dann musste er sich eigentlich nur überlegen, welche Mondeigenschaften er ausnutzen wollte. Wichtig war erst einmal das reine Kleidungsstück ohne Silbereinfügungen, oder vielleicht doch.
„Womöglich kann ich dem werten Bombyx Güldenhand was vom Sonnenquarz abgeben, damit er mir einen langen, gut zu tragenden Umhang fertigt, den ich mit Fokussilberschließen versehen kann“, dachte Canopus. Dann dachte er auch daran, dass Birtes Vetter Timon Bärenzahn, ein Vampirjäger aus Österreich, sehr daran interessiert war, mit Sonnenquarz besetzte Kleidung oder Waffen zu haben und dass der seine eigenen Kontakte zu den Griechen spielen ließ, um ihm Mondwechselschafswolle zu beschaffen, ohne dass da lange nachgefragt wurde. Dann hatte er die klare Vorstellung, was für ein Umhang das werden sollte, dass er vier Schließen besitzen sollte und als eine Eigenschaft den Zauber „Umbra Novae Luna“ enthalten sollte, den bis heute perfekten Tarnzauber, der selbst vor Aufspürzaubern wie Vivideo, Revelius Vitalis und Homenum Revelius verbarg, solange die Ausdauer des Anwenders reichte und es dunkle Nacht war. Ja, wenn er so einen Umhang hinbekam, bevor er sich festlegen musste, ob er als Magister astronomiae zur Burg Greifennest ging, hatte er womöglich sein persönliches Meisterstück. Ja, und falls die Zeit nicht reichte musste er es sich eben überlegen, ob ihm seine Forschungen wichtiger waren als das Gefühl, jungen Hexen und Zauberern brauchbare Kenntnisse über die Himmelskunde beizubringen und seinem Onkel Antares ein gutes Gewissen zu verschaffen, dass er keine schmerzliche Lücke im Lehrkörper von Burg Greifennest hinterließ.
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09.02.2004
Drei Bilder und dazugehörige Berichte lagen auf dem mit drei Lagen Leder bezogenen Mahagonischreibtisch, der halb so breit wie das Arbeitszimmer war. Das hieß schon was. Denn das Arbeitszimmer maß in der Breite sechs Meter und in der Tiefe fünf. Allein der Tisch und die Größe eines Arbeitszimmers sagten überdeutlich, dass hier jemand wichtiges, wohlhabendes residierte. Jener wichtige, wohlhabende Inhaber dieses Büros, das er in hanseatischer Tradition als Heimkontor bezeichnete, studierte gerade die Berichte zu den Fotos. diese zeigten eine Frau vor einem steinernen Labortisch, einen älteren Herren in zünftiger Bergsteigerkluft mit einer Hand an einem Kletterseil und einen gerade erst vierzigjährigen Mann vor drei Computerbildschirmen. Dem wichtigen Mann gegenüber saß ein Mann Anfang fünfzig, der hier und heute die Freigabe für ein gewagtes Unternehmen erhalten wollte. Er war sich des Vorrechtes wohl bewusst, in dieses Zimmer vorgelassen worden zu sein und die Zeit des Inhabers zu beanspruchen. Aber er durfte ihn nicht bedrängen.
„Die drei hast du dir ausgesucht, Hotte?“ fragte der Kontorinhaber. „Liest sich ganz gut, wenngleich ich bisher dachte, dass Computerfritzen und Sport nicht zusammengehen. Aber wenn das hier so stimmt ist der Bursche ja doch wohl geeignet. Aber die Dame, bist du dir sicher, dass sie mit den anderen keine Probleme bekommen wird?“
„Sie ist integer und verfügt neben der nötigen Kondition über das nötige Wissen, um uns beizustehen, wenn’s brenzlig werden sollte. Sonst hätte ich zwei Männer anfragen müssen, der eine Biologe und der andere approbierter Arzt. Ich denke aber, dass wir vier eine ausreichend große Gruppe sind, um mit der Menge an Ausrüstung und Proviant umzugehen und uns trotzdem durch sehr enge Gänge schlängeln zu können, Erich.“
„Nur vier? Können die alle denn die Sprachen. Gut, du kannst verschiedene afrikanische Amtssprachen. Doch die anderen nicht. Steht hier zumindest nicht drin. Der Elektronikbändiger war nach seinen Jahren als Leutnant des Heeres mehrere Jahre in den Staaten, auch am MIT – alle Achtung! – in Afrika bisher nicht. Die frau Doktor hier war zwar schon in Tansania und Südafrika, hat aber keine entsprechenden Sprachkenntnisse außer vielleicht für den Touristengebrauch, wie ich. Und der Bergvagabund hier, den du aufgetan hast war nur in den Rocky Mountains und den Alpen unterwegs und hat da auch Höhlen beklettert. Mir wäre es sehr lieb, wenn du noch wen in die Gruppe mit reinnimmst, der fließend Swahili kann und überhaupt sechs Sprachen fließend beherrscht, sehr sportlich ist, Schwimmer, Kickboxer, Langstreckenläufer und Kletterer. Der kann auch mit Bergsteigerausrüstung und spricht wohl auch nerdisch genug, um mit deinem Elektronikfachmann zurechtzukommen, zumal der sich für viele SF- oder Fantasy-Geschichten interessiert. Muss er von mir haben.“
„Moment mal, Erich, du willst, dass dein Sohn mitkommt, mit mir, auf eine clandestine Erkundung?“
„Gerade weil sie clandestin ist wird es ihn begeistern und vor allem, dazu bringen, sich bei euch voll reinzuhängen, statt seine fraglos vorhandene Intelligenz mit bisher ertragslosen Studien zu vertun. Der soll sich langsam mal entscheiden, was genau er im Leben machen will, wenn er nicht schon meinen Chefsessel erben will.“
„Erich, wenn du mir sagst, dass ich ihn mitnehmen soll nehme ich ihn mit. Aber ich kann nicht dafür garantieren, dass wir alle unversehrt aus der Sache rauskommen. Diese alte Kultstätte könnte gesichert sein wie ein altägyptisches Königsgrab oder voller giftiger Gase sein wie ein unzureichend bewettertes Kohlebergwerk.“
„Nimm ihn mit, Hotte! Heidi hat sich in den Kopf gesetzt, den noch vor seinem 38. Geburtstag mit wem zu verheiraten. Da soll er endlich wissen, was genau er im Leben machen will.“
„Da wir das ja schon vertraglich fixiert haben, dass du unseren Ausflug sponsorst, Erich, bin ich dir gegenüber Weisungsgebunden“, seufzte der Besucher im eher durchschnittlichen Anzug mit weißem Hemd und dezentgrauer Krawatte. „also, ist es eine verbindliche Personalentscheidung von dir?“ Sein Gegenüber, gekleidet in einen sündteuren Anzug mit Seidenkrawatte, nickte und bejahte dann auch mit Worten. „Ihr wollt bis zum 20. März verreisen. Wenn du ihn bis zu unserem Frühlingsball wieder mitbringst nimm ihn mit!“ sagte der Kontorinhaber. Sein Gegenüber nickte nun auch.
„Ich glaube, das wird der Heidi nicht gefallen“, raunte der Besucher. „Da muss sie durch. Sie will ihm eine Ehefrau aufdrängen, ich will, dass er sein eigenes Geld verdient. Der wird sonst zum Playboy. Irgendwann habe ich auch keine Lust mehr, ihm teure Studienreisen oder gefährliche Sporturlaube zu bezahlen. Da zahle ich lieber für etwas, wo er seinen Abenteuertrieb und seine Sprachbegabungen und seine athletischen Fähigkeiten sinnvoll einbringen kann, und sei es, euch aus der Kacke zu ziehen.“
„Ich bin nur Hochschullehrer und kein Psychologe, Erich. Aber dann muss ganz klar sein, in welchem Verhältnis er und ich bei dieser Reise stehen.“
„Du bist der Leiter, er einer deiner mit allen anderen gleichberechtigter Mitarbeiter. Vielleicht kriegst du es in ihn rein, Verantwortung und Teamgeist zu zeigen“, sagte der Besitzer dieses Arbeitszimmers.
„Gut, Erich. Also alles förmlich. Aber dann gibst du grünes Licht für die drei anderen?“
„Sowas von grünes Licht, Hotte“, erwiderte der Mann, der von seinem Besucher mit Vornamen angesprochen wurde. Das war auch ein höchst seltenes Vorrecht.
„Ist er im Haus?“ fragte der, der Hotte genannt wurde. „Im Schwimmbad, zehn Kilometer abschwimmen. Danach wird er sich wohl wieder irgendwas von Star Trek angucken oder eins von den alten Groschenheften lesen, auf die sie ihn im Internat gebracht haben.“
„Nur nicht zu überheblich, Erich. Ich kann mich gut erinnern, dass du in deinem Heimkino alle Folgen von „Raumpatrouille Orion“ hintereinander weggeguckt hast. Aber lassen wir das besser. Willst du ihn raufholen und fragen?“
„Mach ich morgen. Wenn ihr in den Jet einsteigt ist er mit an Bord, mit unterschriebenem Arbeitsvertrag. Ab da siezt ihr beide euch nur noch. Das kriege ich mit ihm klar, vor allem wenn ich ihm davon vorschwärme, dass er wohingehen kann, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist.“
„Das kann ich nicht garantieren, Erich. Wenn diese Höhlen früher eine meso- oder neolithische Tempelstätte oder eine Nekropole waren könnten wir höchstens dahingehen, wo sehr lange schon kein Mensch mehr gewesen ist.“
„Wird ihm auch gefallen. Zumal er auch als euer Übersetzer und Mobilitätsmanager auftreten soll. Ihr könnt ja schließlich nicht mit der Gulfstream bis zum Eingang hinfliegen.“
„Oh, du gibst uns die weiße Möwe. Bedenke, wo wir hinfliegen!“
„Ach ja, dass es da, wo ihr hinwollt immer wieder Krawall zwischen Regierungstruppen und einer Rebellenarmee gibt weißt du sicher.“ Hotte nickte. Das war schließlich eine der Gefahren, in die sie geraten konnten. „Nur so viel, geht allen aus dem Weg und verratet besser auch keinem, wo ihr genau hinwollt. Am Ende fischen euch die Rebellen da ab und wollen Lösegeld. Oder die Regierung beschließt, euch einen Schutzdienst anzubieten und will dafür Extrageld. Das Wort „clandestin“ gilt für die Dauer von der Landung da bis zum Abflug von da! Das schreibe ich noch in den Arbeitsauftrag mit rein, damit die drei anderen kapieren, dass es kein Schulausflug wird.“
„In Ordnung, Erich. du schickst mir den fertigen Vertrag mit deiner Unterschrift, und ich schicke dir eine von mir und den anderen unterschriebene Kopie zurück. Deine Faxnummer gilt doch noch?“
„O ja, die gilt noch“, sagte Erich und deutete auf eines der Geräte, die auf dem Schreibtisch bereitstanden. Dann piepte etwas. „Deine zwanzig Minuten sind um, Hotte. Gute Reise und bring mir alle wieder zurück!“
Hotte verließ das Büro, dass bald doppelt so groß wie sein eigenes war. Auf dem Flur traf er seine Schwester, die Gattin des Büroinhabers. Sie zog ihn mit reinen Gesten in die Richtung ihres eigenen Rückzugsraumes, vornehm als Boudoir bezeichnet. Er sparte sich diesmal die Witze über die plüschige Ausstattung und die vielen bunten Schnittblumen in Vasen aus echtem Silber. Sie bot ihm einen Platz an. Er setzte sich.
„Du willst also wirklich dahin, weil du glaubst, da Spuren alter Kulturen zu finden, Hotte“, fragte sie ihn. „Ja, will ich. Ja, und dein Mann hat mir regelrecht nahegelegt, euren Filius mitzunehmen. Ich mach es davon abhängig, ob der auch zustimmt und mit in Jet einsteigt.“
„Wie, du sollst ihn mitnehmen?“ fragte sie. „Wielang wollt ihr verreisen?“ Er sagte es ihr. „Und was genau soll er machen, außer für euch mit den Afrikanern reden?“ Er erwähnte es kurz, denn er sah nicht ein, dass sie nichts davon wissen durfte. Sie blickte ihren Bruder streng an, obgleich sie die jüngere von ihnen beiden war. Dann sagte sie: „Gut, drei Aufgaben, Hotte. Er soll was verantwortliches tun, soll sich ins Team einfügen und du bringst ihn gesund an Leib und Seele wieder nach Hause. Kannstdu mir das versichern.“
„Bei so einer Reise gibt es keinen Garantieanspruch, Heidi. Ich kann höchstens zusagen, dass ich ihn nicht in akute Gefahrenstellen reinrennen lasse und ihn natürlich mit allen wieder zurückbringen will.“
„Also heißt das ja, du nimmst diese Aufgaben an?“ „Ich habe deinem Mann bereits eine verbindliche Zusage wegen des Personals gemacht, Heidi.“
„Dann sieh zu, dass du ihn unversehrt zurückbringst. Er soll am Frühlingsanfangsball teilnehmen.“
„Och, hat es mit der Einladung zum Wiener Opernball nicht geklappt?“ fragte er schnippisch. „Du kennst die Antwort, Hotte. Streu kein Salz in eine offene Wunde!“ knurrte Heidi. „Immerhin darf ich einen geborenen Österreicher mitnehmen, hat dein Mann mir erlaubt.“ Sie nickte verstehend. Dann beugte sie sich zu ihm hin und raunte ihm zu:
„Bring ihm bei, verantwortlich zu handeln, im Team zu arbeiten und dann bring ihn wieder nach Hause!“ Hotte nickte nur resignierend. Er wollte das nicht, zwischen den Stühlen hängen.
Wenige Minuten später durfte er das oppulente Anwesen mit seinem Opel Omega verlassen und in sein eigenes, bescheideneres Haus zurückkehren.
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06.01.2008
Es war schon ein erhabener, zur Ehrfurcht gebietender Anblick, fand die Reiterin auf einem sie und sich unsichtbar machenden Besen. Gerade versank eine orangerot glühende Sonnenscheibe mit immer röter werdendem Hof zwischen den rauchenden Gipfeln vor sich hinbrodelnder Vulkane. Die Strahlen des scheinbar in der Erde versinkenden Tagesgestirnes verfingen sich in den Rauchschwaden der Feuerberge und zerfaserten zu flammenlosen Feuererscheinungen. Das Feuer des Himmels und das aus der Erde vereinten sich. Auch wenn die Besenreiterin selbst den Kräften der kühlen, steinharten bis lebensfruchtbaren Erde anvertraut war hatte sie doch auch viele Zauber des Feuers erlernt und verwendet. Auch kannte sie die Geschichten des alten Reiches über die ewige Ehe zwischen Madra, der großen Mutter Erde und Goorfaiyanmrian, dem großen Vater Himmelsfeuer. Die kamen wohl von Beobachtungen wie dieser, dachte die unsichtbare Besenreiterin.
Das Einzige, was ihrer Meinung nach diesen erhabenen, seit Urzeiten immer wiederkehrenden Anblick störte war die Stadt, die in einem Talkessel zwischen den Feuerbergen eingebettet war. Über ihr wölbte sich wabernd eine im Sonnenuntergangslicht orangeviolette Dunstglocke. Diese stammte aber nicht aus einem der alten Vulkanschlote, sondern aus tausenden Heizungs- und Fabrikkaminen und aus über einer Million Auspuffrohren der mit Brennöl fahrenden Motorwagen aller Größen und Verwendungsarten. Hier in der Nähe dieser Stadt, die Quito hieß und die Hauptstadt des Landes bildete das nach dem Äquator benannt war, sollte das Grab von Naanroiyanmiria liegen, einer der gefürchteten Turmkriegerinnen, die wohl aus dem Wissen und Wirken der Feuervertrauten hervorgegangen war. War sie überhaupt hier begraben? Um diese Frage zu beantworten war die unsichtbare Besenreiterin in diese Gegend gereist.
Anthelia/Naaneavargia flog einen weiten Bogen um Quito und schlängelte sich zwischen zwei erstarrten Lavahängen hindurch. Nun hatte sie die Sonne rechts von sich und genoss deren Widerschein an den übrigen Bergen. Links voraus ragte ein weiterer alter Feuerberg in den Himmel. Aus ihren erdkundlichen Studien wusste sie, dass dieser Berg Cotopaxi hieß und dass sie den mit ihrem Besen nicht überfliegen konnte, weil ihr tarnfähiger Besen vom Typ Harvey 8 nur bis 4500 Metern flugstabil blieb. Der Cotopaxi reichte noch an die 1300 Meter über diese Flughöhenbegrenzung hinaus. Sie hätte vielleicht doch einen der modernen Bronco Parsec akquirieren sollen. Doch der hatte dann den Nachteil, dass er nicht tarnfähig war.
Anthelia folgte der Beschreibung, die sie sich auf Grund jener alten Karte notiert hatte, welche sie aus Ladonnas letztem Versteck, ebenfalls einem Vulkan, besorgt hatte. Sie musste an Cotopaxi vorbeifliegen, dann eben noch an die umgerechnet 100 Kilometer weiter gen Mittag und dann auf eine hundert mal hundert Manneslängen messende Ebene achten. Dort sollte sich Naanroiyanmirias Grab befinden.
Es war nicht Anthelias Absicht, das Grab der Turmkriegerin zu öffnen um nachzuforschen, ob sie wahrhaftig darin lag. Sie wollte genau das Gegenteil, nämlich dass niemand das Grab der Titanin fand, öffnete und was immer noch darin war herausholte. Leider hatte ihr der in seinem Schwert gebannte Geist des Feuerfürsten Yanxothar nicht geantwortet, als sie ihn auf geistiger Ebene nach der dem Feuer verbundenen Turmkriegerin gefragt hatte. Sein Schwert diente ihr zwar gehorsam und zuverlässig. Doch sein Geist meldete sich nur dann bei ihr, wenn etwas ihn da selbst interessierte oder bedrängen wollte. So musste die oberste der Spinnenhexen darauf verzichten, weitere Einzelheiten über die Titanin Naanroiyanmiria zu erhalten.
Anthelia brauchte knapp eine Stunde. Ihr Besen bebte bedenklich zwischen ihren Beinen. Das, was sie dabei spürte, erregte sie eigentlich sehr wohlig. Doch weil sie wusste dass diese Regung der Protest des Besens wegen des Fluges in solcher Höhe über dem Meeresspiegel war sorgte sie sich um ihre eigene Flugsicherheit. Doch nun war sie hier und würde erst umkehren, wenn sie den Ort auf starke Zauber unter der Erde überprüft hatte.
Trotzdem die Sonne immer weiter hinter den westlichen Bergen versank und es von Minute zu Minute immer dämmeriger wurde wollte sie nicht riskieren, enttarnt zu werden. Also verzichtete sie auf eine Landung.
In nur zehn Metern über dem Grund rief sie jenen Zauber auf, der viele hundert Meter in die Tiefe wirkte und alles Gestein durchdrang. Sie steuerte ihren unsichtbaren Flugbesen behutsam in eine von innen nach außen drehende Spiralbahn und tastete dabei den unter ihr liegenden Boden ab. Bisher fand sie nichts unnatürliches. Erst als die vierte Runde zu zwei Dritteln vollführt war erzitterte ihr Zauberstab, und sie fühlte ein in ihrem Schädel nachbrummendes Beben in ihrem Körper. Dort unten, im Bett aus erstarrter Lava und gepresster Asche ruhte wahrhaftig etwas, das nicht dazu passte. Die Heftigkeit, mit der ihr Suchzauber erschüttert wurde ließ keinen Zweifel zu. Die Art der Ausstrahlung mochte passen. Da unten war etwas, das eine starke Abwehrmagie aufbot, um den nach ihm tastenden Zauber zurückzuweisen.
Anthelia beschloss nun doch zu landen, nachdem sie mit ihren Gedankenspürsinnen erfasst hatte, dass sich derzeit kein intelligentes Wesen außer ihr in diesem Bereich aufhielt.
Kaum berührten ihre Füße den festen Boden erlosch die Tarnbezauberung, und sie hörte ein mehrstimmiges Brummen in ihrem Kopf. Nun konnte sie quasi sehen, dass unter ihr, an die zweihundert ihrer Längen im Felsgestein versteckt, etwas mehr langes wie breites ausgestreckt lag, schnurgerade und mit einem wabernden Rand und wild erzitternder Spitze in Nordrichtung. Anthelia fühlte, dass ihr Zauberstab Anstalten machte, ihr aus der Hand zu springen. Sie hob den endgültig für sich gewonnenen Stab des dunklen Wächters und beendete damit den Untersuchungszauber. Nun hielt sie den silbergrauen Stab ganz ruhig und unbeeinflusst in ihrer Hand.
„Ein Speer“, dachte Anthelia. Auf die ihr bekannten Maße eines Turmkriegers hochgerechnet war es ein schlanker Speer, der sowohl zum werfen wie zum stoßen geeignet war und der vor allem eine mit sehrstarker Magie angereicherte Spitze aufwies. In ihrer Vorstellung sah sie, wie eine an die zwanzig Meter aufragende Frau einen an der Spitze hellrot glühenden Speer führte und alles was sie damit traf schlagartig in Flammen aufging oder gleich zu glühender Asche zerfiel. So oder ähnlich mochte es damals geschehen sein, dachte Anthelia/Naaneavargia. Jetzt wusste sie auf jeden Fall, dass die bezeichnete Stelle auf der Karte ihre Richtigkeit hatte. So blieben ihr noch acht Stellen, die sie überprüfen wollte. Denn in all den Jahrtausenden mochte es ja doch den einen oder die andere gegeben haben, welcher es gewagt hatte, eines der Gräber zu öffnen. Immerhin schilderten nicht wenige Mythologien Schlachten zwischen Göttern und riesenhaften Widersachern, die die Welt verheert hatten.
Die mit den alten Zaubern der Erde vertraute Spinnenhexe beschloss, noch eine Stunde zu warten und dann weit genug weg von Quito wieder zu disapparieren. Sie könnte zwar auch in die Erde einsinken und darin mit Erdstoßgeschwindigkeit reisen. Doch bei den ganzen vor sich hinbrodelnden Vulkanen war die Gefahr zu groß, in eine Magmablase hineinzugeraten. Das würde die Wirkung des Erddurchquerungszaubers augenblicklich beenden und konnte sie schneller töten als sie denken mochte. Also wollte sie sich lieber auf das besinnen, was sie schon als Anthelia sehr gut beherrschte.
Wie beschlossen verschwand die höchste Schwester der schwarzen Spinne eine Stunde nach ihrer Entdeckung aus der Region um Quito und zugleich aus Ecuador, ohne dass das dortige Zaubereiministerium von ihrem Besuch erfuhr.
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03.02.1887
Birte war mit ihrer kräuterkundigen Kameradin Gisela Geißblatt in Österreich unterwegs, um in den Bergen nach Wintertaugras zu suchen. Dieses wuchs immer nur in den letzten Winterwochen und eignete sich frisch verarbeitet als Zutat zu einem Erkältungsvorbeugetee. Abgesehen davon wollte Gisela ihrer Kameradin zeigen, wo es noch Mondhüte gab, Pilze, die ausschließlich bei Mondlicht zu sehen waren und die als Wirkungsverstärker des Wachhaltetrankes geeignet waren, wenn die sonstigen Zutaten nicht in großer Menge verfügbar waren.
Canopus Hertzsprung wusste, dass Birte dann erst am Morgen des folgenden Tages zurückkehren würde. Da sie beide die Nacht zum Hexenfeiertag Imbolk, den die Jesusanbeter Mariä Lichtmess nannten, nach dem bunten Vogel gerufen hatten war er ein wenig ausgelaugt. Doch mit einer kleinen Dosis Wachhaltetrank holte er sich die nötige Kraft und Ausdauer zurück. Denn er wollte die Gelegenheit nutzen, um eigenes Fokus- oder Schlüsselsilber zu mischen. Es war ihm nämlich gelungen, zertifiziertes Bergbausilber aus Osten, Süden, Westen und Norden zu bekommen und dabei sogar so, dass das östliche Silber bei zunehmendem, das südliche bei vollem, das westliche bei abnehmendem und das nördliche Silber bei Neumond aus der Erde gegraben worden war. Getreu den aus den ägyptischen Anleitungen gelesenen Angaben mischte er erst diese vier Silberproben und kam auf insgesamt 72 Bayerische Lot, was ihn schon sichtlich erfreute. Als er die Mischung in seinem Mondsteinofen unterhalb des Wohnhauses zuverlässig angerührt hatte gab er dieser noch sechs Bayerische Lot pulverisiertes Occamy-Silber bei und ließ die so entstandene Mischung noch einmal im Ofen verflüssigen. Als er sicher war, dass er die für geeignet angegebene Mischung aus der Schmelze holte war er froh, dass er die Hitze- und Rauchgasdichte Atemmaske trug. Denn das neue Gemisch sprühte zunächst silberne Funken, bevor es erkaltete. Gemäß der Zubereitungsanweisung musste er die erstellte Menge nun solange ruhen lassen, wie ein ruhiges Herz für zwei Schläge pro Wiegelöffel dauerte. Die Angabe eines altägyptischen Wiegelöffels in gebräuchliche Gewichtseinheiten umzurechnen war für den Astronomen und Alchemisten kein Akt. So konnte er die mit einfachen Stimmbefehlen stellbare Laboruhr auf die nötige Zeit einstellen, die das neue Silber ruhen musste, bevor er es weiterverarbeiten konnte.
Er nutzte die Zeit, um eine genaue Skizze zu machen, wie er das Silber zu acht Einzelstücken für vier Schließen weiterschmieden wollte und wie viel davon er absondern musste, um acht Schließösen zu machen, die bereits bei der Herstellung des Umhangs in den Stoff eingearbeitet werden sollten. Dabei viel ihm ein, dass er am Besten noch zwei bis drei Lot Silber zu einem möglichst langen Faden auswalzen wollte. So kam er darauf, dass er von den 78 Lot Fokussilber zwei brauchte, um eine Fadenrolle zu spinnen, die ausreichte, einen Umhang zu durchziehen. Das hatte er nicht zum ersten mal gemacht. Sein Schulfreund, Zauberschneidermeister Bombyx Güldenhand, hatte schon häufiger Edelmetalldrähte fast so dünn wie ein Frauenhaar von ihm erhalten. Auch deshalb ging Canopus davon aus, dasss der Meister mit Nadel, Faden und Schere ihm den Umhang quasi zum Freundschaftspreis machen würde. Er würde ihm jedoch noch die Hälfte des von Onkel Antares geschenkten Sonnenquarzes überlassen und ja womöglich eine eigene Gefälligkeit in Aussicht stellen, um sich des Schweigens seines Freundes zu versichern. Denn solange er nicht wusste, ob sein Vorhaben den gewünschten Erfolg erzielte durfte niemand außenstehendes wissen, was er da vorhatte.
Als er mit der Skizze für alles fertig war verließ er seine Werkstatt noch einmal, um fünf Eulenbriefe zu versenden. Einer ging an den griechischen Thaumaturgen Melampos Akrogaios, der ihm mindestens zehn Pfund bei Neumond geschorener Mondwechselschafwolle beschaffen sollte. Zwei andere Briefe gingen nach Afrika, von wo er Tebohaut und Demiguisenfell haben wollte. Einen Brief schrieb er an einen Kollegen, der ihm neuen Mondstein schicken sollte, falls er weitere Experimente vorhatte. Den letzten Brief schrieb er an die Gesellschaft der Geheimnisse der Himmelskörper (CSS), um die Ergebnisse seiner Uranus-Beobachtungen zu veröffentlichen. Noch hatte er keine klare Vorstellung, wie der neue Planet für die Zauberei auf der Erde eingebunden werden konnte. Doch es erschien ihm wichtig, dass mögliche Konjunktionen mit Saturn, Jupiter oder anderen Planeten oder die Zeiten der Opposition genauer berechnet und tabellarisch festgehalten wurden. Am Ende mochte sich herausstellen, dass Uranus die Wirkung von astralen oder siderischen Zaubern – die Fachzauberwelt war sich nicht einig, welche Bezeichnung höchst offiziell sein sollte – immer schon mitbeeinflusst hatte. Im Nachhinein konnte sowas für künftige Zauberkunststücke wertvoll sein.
Als er alle Briefe fertiggeschrieben hatte apparierte er in das Silberwallviertel, dem nur von Zaubererweltbürgern Bayerns bewohnte Viertel im Norden von München. Dort besuchte er das Postamt und wählte für alle fünf Briefe die schnellsten Eulen aus. Auch wenn die Gebühren für Expresseulen je ein Einheitsgoldstück betrugen zahlte er sie gerne, wenn er dadurch mehr als einen Tag Zustellzeit einsparte. Auch fügte er dem Porto die Rücksendegebühr bei, damit die Empfänger die Eulen ohne Selbstkostenpreis zurückschicken konnten.
Wieder zurück im 100-Sterne-Haus auf halber Höhe des Wendelsteins stieg er erneut in das verborgene Laboratorium hinunter. Hierzu musste er erst eine silberbeschlagene Eisentür mit einem Clavunicus-Schlüssel und dem Abdruck seiner Zauberstabhand öffnen. Drei Treppen weiter unten musste er dann den linken Abzweig in den Felsenkeller nehmen und dort eine weitere Tür auf dieselbe Weise aufsperren.
Als er in seinem Laboratorium war prüfte er die eingestellte Uhrzeit. Er hatte wohl noch zwei Stunden Zeit, bis das von ihm hergestellte Silber lange genug geruht hatte, um weiterbearbeitet zu werden. Denn er wollte heute noch die acht Teilstücke für die vier Schließen, die acht Ösen und die Silberfäden herstellen. Wer wusste schon, wann seine Frau wieder einen ganzen Tag unterwegs sein würde.
Zwischendurch prüfte er noch den Lichteinlassschacht, über den durch ein ausgeklügeltes System zueinander versetzter Spiegel das Licht von Sonne oder Mond hereingeleitet werden konnte. Er konnte sogar ein Linsensystem am unteren Ende befestigen, um das eingeleitete Licht zu einem haardünnen Strahl zu bünden. Bei einfallendem Sonnenlicht konnte er damit selbst feuerfeste Keramikplatten durchbohren, ohne lästiges Bohrklein zu erzeugen. Er hatte damit sogar schon winzige Beschriftungen in Metallplatten eingebrannt. Mondlicht war leider erheblich schwächer. Doch er hoffte darauf, mit einem Rest des neuen Silbers und einem Triamantstichel, den er über Umwege aus dem Werkzeugladen eines Zwerges bekommen hatte, einen mit Mondkraft aufladbaren Gravierstichel zu erhalten. Wenn er schon einen Umhang herstellen wollte, der die Kräfte des Mondes in sich einfangen und nutzbar machen sollte, dann wollte er alles von A wie Anfertigung bis Z wie Zauberfolge mit Hilfe der Mondmagie hinbekommen.
Es dauerte noch, bis die Wanduhr mit scheppernden Glockenschlägen das Ende der Wartezeit verkündete. Dann betrachtete er das geschmiedete silber. Ja, damit konnte er arbeiten.
Wie geplant trennte er von dem erstarrten Klumpen genug ab, um acht Ösen zu schmieden und mit Hilfe einer Drahtwalze und einer stimmlich steuerbaren Drahtspindel zwei Bayerische Lot Fokussilber zu einem viele Ellen langen Faden auszuwalzen und zu spinnen. Am Ende hatte er eine beachtlich dicke Rolle gewickelt. Dann heizte er den Mondsteinofen noch einmal an, um das Silber weich genug zum Schmieden zu machen. Er machte noch einige Kraftübungen für die Arme, um seine Muskeln geschmeidig und warm genug zu machen. Dann legte er los, mit verschiedenen Hämmern und Zangen alles zurechtzuklopfen, wie er es haben wollte. Für diese schweißtreibende Arbeit brauchte er weitere vier Stunden. Doch dann lagen sie vor ihm, acht Teile die zu vier ineinander verhakbaren Schließen verbunden werden konnten. Er feilte die Ösen noch entsprechend aus, dass die Schließen hineingesteckt und dann sicher verbunden werden konnten.
Als er das alles erledigt hatte legte er die fertigen Silberstücke so aus, dass das durch den Lichteinlassschacht geleitete Mondlicht sie gleichmäßig bescheinen konnte. Sicher war sicher, dachte er.
Als er sah, dass alles so war, wie er es alleine hinbekommen konnte verließ er das Laboratorium und verschloss es sorgfältig. Er stieg die Treppen hinauf und versperrte die silberbeschlagene Eisentür von außen. Er musste sich nicht um das Laboratorium kümmern, weil er den Lichteinlass so eingestellt hatte, dass der sich bei Dämmerungsbeginn von alleine schloss und nach Abenddämmerungsende von selbst öffnete, um genug Mondlicht einzulassen.
Birte war noch nicht zurückgekehrt. Gut, so musste er ihr auch nicht erzählen, dass er den ganzen Tag im Laboratorium gearbeitet hatte. Er machte sich bettfertig und legte sich hin.
Am nächsten Morgen weckte ihn Birtes fröhlicher Ruf. Sie hatte wahrhaftig einen großen Korb mit Mondhüten mitgebracht, die nun bei hellem Tageslicht wie brauner Erdboden aussahen. „Davon bereite ich uns beiden genug für drei Tage Wachhaltetrank zu, Liebster. Dann habe ich immer noch was übrig, um es an Merilla Heckenwurz zu verteilen. Die kann auch nicht genug von Mondhutextrakt haben.“
„Rührt sie damit nicht auch diese blitzblaue Lösung an, mit der sie gebärenden Hexen den Unterleib einschmiert, um sie dehnbarer zu machen?“ fragte Canopus Hertzsprung.
„Das stimmt, Canopus. Das war schon ein gewaltiger Erfolg, als herauskam, dass Mondhutpulver und die Bestandteile anderer Pflanzen diese blaue Dehnbarkeitssalbe möglich machen. Die genaue Rezeptur ist aber nur Heilerinnen vorbehalten“, erwiderte Birte. Dann fragte sie, was er den ganzen langen Tag gemacht hatte. Er erzählte ihr, dass er die Ruhe genutzt hatte, um einen Artikel für die CSS über seine Uranus-Beobachtungen zu schreiben und zu verschicken und bei der Gelegenheit noch alten Freunden Nachrichten zugeschickt hatte. Damit log er nicht einmal. Birte erzählte ihm, wo sie überall war und wie anstrengend es gewesen war, Mondhüte zu finden, zumal sie dabei festgestellt hatte, dass das Nachtlichtgras, dass auch nur bei Mondschein sichtbar wurde, jetzt auch in den Alpen spross, wo es hieß, dass es ein ausgesprochenes Heidekraut war und wegen seiner nur bei Vollmond silbern leuchtenden Erscheinung von einem Witzbold aus Lüneburg als Feenkraut bezeichnet wurde. Die Kräuterkundler und Heiler rätselten noch, wozu es nützlich war. Einige spekulierten, dass wer es berührte von jeder bösen Zauberei freigemacht wurde oder vor Flüchen und Aufspürzaubern beschützt wäre. Doch das mochte ein Zaubererweltmärchen sein, weil sich keiner vorstellen mochte, warum ein Kraut bei Vollmond so hell wie das Mondlicht selbst schimmern konnte, wenn es keinen heilsamen Zweck hatte.
„Von wegen Flüche tilgen oder mildern, Birte, da habe ich doch was im „goldenen Kessel“ gelesen, dass jemand mit einem Trank experimentiert, der die Beißlust und Willensunfähigkeit verwandelter Lykanthropen beheben soll, damit jene, die davon trinken, zwar die Verwandlung erdulden müssen, aber in diesen Stunden klar denken können und keinen arglosen Menschen anfallen. Vielleicht taugt dieses sogenannte Feenkraut ja dafür. Mondhutextrakt ist da jedenfalls drin, hat der, der darüber veröffentlicht hat eingestanden.“
„Oh, dann wäre dieser Trank was für Timons Schwager Andrusch. Den hat doch so ein armer Teufel vor zehn Jahren mit dem Werwutkeim angesteckt“, sagte Birte. Canopus nickte. „Ich halte dich und ihn jedenfalls auf dem Laufenden, wenn ich erfahre, dass dieser Trank zuverlässig wirkt und möglichst keine Nebenwirkungen hat. Dann hättest du sogar noch weitere Abnehmer für Mondhutpilze.“ Birte stimmte dem sehr gerne zu.
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12.02.1887
Bombyx Güldenhand betrieb seine thaumaturgische Schneiderwerkstatt im Dorf Ginstermoor im Norden Deutschlands. Hier wohnten an die zweihundert Hexen und Zauberer mit ihren Familien. Die meisten davon schätzten die Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie mochten weder die Nähe von magielosen Menschen, die sie abfällig Maglos nannten, noch wollten sie in einer von Klatsch und Tratsch überfluteten Dorfgemeinschaft wie auf Feensand, der Frankfurter Blaubirnengasse oder dem Münchener Silberwallviertelwohnen. Jeder hier wohnende hatte mindestens zweihundert Schritt freies Grundstück um das eigene Haus herum. Weil es sich um ein Moorgebiet handelte standen die Häuser auf wasserfest imprägnierten Holzpfählen ähnlich jenen am Bodensee. Wer was mit Alchemie oder Schmiedekunst zu schaffen hatte hatte sich für genug Gold Granitplatten kommen lassen, um neben dem eigenen Haus eine wasserdichte und feuerfeste Werkstatt in den Boden einbauen zu können.
„Lutz, nicht so schlampig abzählen. Die Nähte müssen ganz genau einen halben Fingerbreit voneinander entfernt sein!“ Herrschte Meister Güldenhand seinen Gesellen Lutz Leineweber an. Dieser war in Gedanken wohl schon wieder bei der Rosenkelch-Annegret. Seitdem die seinen aus Einhornschweifhaar geflochtenen Verlobungsring angenommen hatte schwebte der auf einer rosaroten Wolke und war nur durch lauten Zuruf und eindrucksvoll vor dem Gesicht geschwungener Elle dazu zu bringen, dass er sich sein Hochzeitsgeld noch verdienen musste.
„‚tschuldigung, Meister. Aber bei diesem Stoff kriege ich den Abstand nie so hin wie es soll“, erwiderte Lutz. „Junge, das ist doch sowas von einfach“, knurrte sein Meister und zeigte ihm noch einmal, wie er die Abstände zwischen den zu setzenden Nahten ganz genau feststellen konnte. „So, und das machst du jetzt gefälligst noch einmal, bevor der ganze gute Stoff verschnitten wird und ich noch mal zu der Königin von Ginstermoor hinkrabbeln muss, um neuen Stoff zu erbitten. Für jede Quadratelle unbrauchbaren Stoff setzt es was aufs Hinterteil, damit das klar ist!“ rief er. Damit adressierte er auch gleich die fünf Lehrbuben, die ihre Näh- und Zuschneideübungen machten.
Die Türglocke bimmelte und verhieß einen Kunden. Bombyx Güldenhand straffte sich, soweit sein dürrer kleiner Körper das hergab. Er trat in den Laden, wo er die Vorführkleidung aushängen hatte. Als er den nur einen Finger breit längeren aber dafür doppelt so breit wie er gebauten Zauberer im himmelblauen Umhang sah strahlte er ihn an. „Ah, der Sternengucker vom Wendelstein. Was verschlägt dich so weit nach Norden. Sag jetzt nicht, dass deine Holde ein Umstandskleid erwerben möchte.“
„Wenn ja, würde sie es bei ihrer Schulkameradin Kräuselspinner-Kathie anfertigen lassen“, sagte der Zauberer im himmelblauen Umhang. Dann deutete er auf den grasgrünen Vorhang an der Ostseite. „Können wir das in deiner Meisterstube besprechen, was ich vorhabe?“ fragte er.
„Oh, wieder was geheimes“, flüsterte Güldenhand. „Geht klar, alter Schulkamerad“, wisperte er. Dann rief er: „Lutz, pass auf den Laden auf. Muss was geschäftliches klären!“
„Ja, Meister!“ rief Lutz Leineweber.
In der zum Klangkerker gemachten Meisterstube, wo Ellen, Maßbänder und andere für Feinarbeiten nötige Werkzeuge und Utensilien sowie der feuerfeste Eisenschrank mit den Geschäftsbüchern aufbewahrt wurden packte der Besucher wortwörtlich aus. Er holte aus dem aufgesetzten sonnengelben Wanderrucksack mehrere nachtschwarze Wollknäuel, einen Ballen silbern glänzenden seidenweichen Fells, mehrere Quadratellen große silbergraue Lederstücke und dann noch eine dicke Rolle mit haardünn gewalztem und gedrillten Silberfäden und zum Schluss noch ein Pfund goldgelb glitzerndes Sonnenquarz. Danach verriet er dem Schneider, was er aus den mitgebrachten Stoffen gefertigt haben wollte und erzählte ihm auch, was der Schneidermeister noch nicht über Schwindeaffenhaar oder Tebohaut wusste. Von den Mondwechselschafen und ihrer sich dem Mond anpassenden Wolle hatte der jedoch schon gehört und diese auch schon häufiger verarbeitet, meistens die weiße Vollmondwolle, die sogar so dünn gesponnen werden konnte, dass sie fast an Einhornschweifhaar herankam.
„Und du meinst, mit dem Umhang könntest du sowas wie den Mondfriedenszauber dauerhaft und mindestens doppelt so stark wie sonst wirken?“ fragte Güldenhand.
„Das ist jetzt erst mal nur eine Brückenstudie wie das Sonnenwärmesammeltuch, mit dem ich uns beiden vor einem Jahr eine weitere Einnahmequelle gesichert habe. Falls gelingt, was ich vorhabe könnte das was für Werwolfschützen oder Vampirjäger sein.“
„Ja, dann aber mal die Frage vom Schneider zum Sternengucker: Wieso hast du dir die schwarze Neumondwolle besorgt und nicht die blütenweiße Vollmondwolle? Die ist doch für Mondzauber viel besser geeignet“, hakte Güldenhand nach.
„Ja, das ist eben ein Teil des Versuches, Bombyx. Zum einen ist die Neumondwolle um zwei Drittel billiger pro Pfund als die Vollmondwolle. Zum zweiten will ich ja durch von mir angefertigte Silberschließen mit den gewünschten Zaubern prüfen, ob das schon reicht, um starke Mondzauber zu wirken. Wenn das bei der Neumondwolle klappt ist das bei der Vollmondwolle noch viel besser. Dann lohnt es sich auch, diese anzuschaffen.“
„Das verstehe ich. Gut, im Schmieden bist du mir ja über. Öhm, die Schließen und die Ösen machst du mir dann also selbst?“ fragte Güldenhand. „Habe ich schon fertig und auch eine Skizze, wie der Umhang aussehen soll. Der muss nicht maßgeschneidert sein. Ich las, dass die Tebohaut und das Fell des Demiguisen so elastisch sind, dass sich daraus angefertigte Kleidung fast wie eine zweite Haut oder wie ein Hauch Luft tragen.“
„Demiguisehaar wird zur Anfertigung von Tarnumhängen genutzt. Allerdings dürfen die nicht mehr als zwölf Stunden pro Tag der Sonne ausgesetzt sein, sonst lässt die darin eingewirkte Tarnzauberei nach, wenn der Umhang nicht die doppelte Zeit unter dem klar erkennbaren Mondlicht ausgelegt wird. Außerdem ist der Stoff so empfindlich, dass ein Eisennagel ihn komplett auftrennen kann und damit den Fluss der Magie unterbricht. Ich hörte mal was von einem undurchdringlichen Tarnumhang, der reißfest ist und nicht per Aufrufezauber vom Träger fortgeholt werden kann. Aber das ist wohl doch nur ein Märchen.“
„Du meinst den unentdeckbaren und unzerstörbaren Tarnumhang, den der dritte Bruder vom Tod persönlich bekommen haben soll, während sein älterer Bruder einen unbesiegbar machenden Zauberstab und der zweite einen Stein zur Herbeirufung von Verstorbenen bekommen haben soll“, erinnerte sich der Kunde des Schneidermeisters. „Joh, ganz genau, Sternengucker.
„Also gut, ich schneider dir den Umhang. Ich muss nur deinen Entwurf abändern, damit das mit den Eingewirkten Silberfäden was taugt, alter Junge. Aber kein Problem, hast das schon gut vorgearbeitet. Die Tebohaut als Innenseitengrundlage. Die verbinde ich mit den Fäden aus Demiguisenhaar so, dass ich möglichst feine Nähte hinbekomme. Die Wolle mit dem restlichen Silberfaden als Außenstoff, mit Kapuze und Stricken. Ich denke, wenn ich das alleine mache und dafür das Haar des Demiguisen verwende kann ich da auch solide Schnüre für unter dem Kinn anbringen, damit dir keiner die Kapuze vom Kopf reißen oder der Wind sie andauernd wegblasen kann. Ich kann den Stoff mit Impervius-Lösung imprägnieren, damit da weder Wasser noch Feuer durchkommt, ist dir das recht?“
„Wie erwähnt geht es mir darum, die Bezauberungen einwirken zu können. Ich denke an mindestens Mondfrieden und noch einen weiteren. Wenn deine Schutzlösung das hergibt kein Problem. Ansonsten mache ich das erst mit meinen alchemistischen Mittelchen, wenn ich alles so weit habe.“
„Und das Ding ist geheime Verschlusssache? Als was soll ich es dann verbuchen?“
„Als das, was du erst vermutet hast, als wetterbeständiges, gleichwarm bezauberbares Umstandskleid, das vom ersten bis zum neunten Monat bequem getragen werden kann“, sagte der Kunde. Bombyx Güldenhand lachte laut. „Das gebe ich dem Lutz demnächst als Zwischenprüfungsstück auf, wenn der seine Braut heimführt.“
„Die Rosenkelch-Annie, die Nichte von Königin Ginstermoor persönlich?“ fragte der Kunde, der eigentlich nicht viel von Klatsch und Tratsch hielt.
„Joh, genau die, Sternengucker. Aber näheres erst aus der Feenstimme. Königin Hildegund III. Ginstermoor legt äußersten Wert auf Diskretion. Weiß eh nicht, wie der Lutz die Annie rumgekriegt hat. Einhornschweif als Verlobungsringmaterial gut und schön. Aber die Ginstermoor’sche kann sich ein eigenes Einhorngestüt leisten, falls sie das will.“
„Die vertragen sich aber nicht mit Sumpfläufern, Zwirnbändiger“, erwiderte der Kunde mit dem besonderen Anliegen.
„Auch wieder wahr. Die Ginstermoors machen mit den blauen Riesenkötern mehr Gold als mit menschenscheuen Einhörnern. So viele frische Jungfrauen können die sich ja nicht zusammenrammeln … Oha, gut, dass der Klangkerker in Tätigkeit ist“, schnitt sich der Schneider den eigenen unflätigen Redefluss ab.
„gut, dann lasse ich alles hier und das halbe Pfund Sonnenquarz. Da kannst du ja auch was mit anfangen.“
„Gut, und ich verbuche deinen Auftrag als Anfertigung eines über neun Monate hinweg tragbaren Umstandskleides für gehobene Ansprüche. Öhm, aber um die dreißig Goldstücke Mindestarbeitszeitlohn kommst du wohl nicht herum, Sternengucker.“
„Ja, damit deine Holde dir weiterhin gutes Essen machen kann und deine zwei Gesellen und fünf Lehrbuben auch nicht verhungern müssen, Halsab-Schneider“, erwiderte der Kunde grinsend.
„Gut, Handschlag oder magisch bindender Vertrag?“ Der Kunde hielt die rechte Hand hin, und beide schlugen ein. Das galt bei den Beiden genauso wie ein geschriebener Vertrag.
Als Güldenhand mit dem überlassenen Material alleine war dachte er: „Was du wohl wieder im Schilde führst, Canopus Hertzsprung.“ Er konnte sich noch gut an die federleichten Stiefel erinnern, die das Laufen so stark vereinfachten und sicher machten, dass ein höhenängstlicher Zauberer damit fast so schnell auf allen Untergründen laufen konnte wie ein Besenflieger. Die waren mit den Beweglichkeitszaubern des Merkurs belegt und hielten bei schonender Nutzung mehr als zehn Jahre. Allerdings bevorzugten viele Zauberer fliegende Besen oder brachten sich heimlich fliegende Teppiche aus dem Morgenland mit.
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14.02.1887
Birte hoffte, dass sie jetzt in der „erfolgreichen Phase“ ihres allmonatlichen Leibeskreises sei. Daher nutzten sie und ihr Mann Canopus es aus, um auf für Ehegatten erlaubte, ganz wilde Weise in dessen 36. Geburtstag hineinzufeiern. Entsprechend erschöpft aber glücklich schliefen sie dann, bis die Morgensonne bereits gelb über dem östlichen Horizont erstrahlte.
„So, die Küche ist erst mal für dich nicht mehr erlaubt“, erklärte Birte, als sie die wie zu jedem Geburtstag üblichen Aussperr- und Verhüllungszauber ausgeführt hatte, nachdem Canopus die Küche verlassen hatte. Nur eine erwachsene Hexe im Besitz eines fruchtbaren Leibes konnte durch die Barriere treten, die sie errichtet hatte. Außerdem hing der Nebelvorhang zwischen Küchentür und Wohnstube, der von einer gewissen Genoveva Wolkenheim erfunden worden war. Der war von innen her völlig durchsichtig, aber von außen ein sanft wabernder grauweißer Nebel, durch den keine Einzelheiten in der Küche zu erkennen waren. „Bis morgen früh bleibt die Küche für dich verboten, mein geliebter Gatte“, flötete Birte, als Canopus wie in jedem Jahr versuchte, die Barriere zu durchqueren und dafür unangenehm im Unterleib gezwickt und mindestens einen ganzen Schritt zurückgestoßen wurde.
Canopus nutzte die Zeit, die seine Frau in der Küche weilte, um die eingetroffene Geburtstagspost zu sichten. Jene Freunde und Verwandte, die sowieso zum Fest kommen würden – er hatte wegen der besonderen Zahl zweiundsiebzig Gäste eingeladen – schrieben nur, dass sie sich schon freuten, mit ihm die symbolträchtige Quadratzahl zu feiern, die zugleich ja auch die dritte Wiederkehr der auch in der Zaubererwelt wegen ihrer ganzzahligen Teiler verehrten Zwölf enthielt. In den deutschen Landen galt die Sechsunddreißig seit vielen Jahrhunderten als dritte große Zahl im Leben, nach der zehn der Einschulung und der Siebzehn der Volljährigkeit, weil sie genau zwischen der zweimal acht und zweimal neun lag. Danach kam dann ihr zweifaches, die Zweiundsiebzig, dann die Einhundert und dann, wer das schaffte, die Einhundertvierundvierzig, die Quadrierung der Zwölf.
Immerhin hatten es alle zweiundsiebzig Geladenen geschafft, an diesem Tag nichts wichtigeres erledigen zu müssen. So konnte Canopus den Festsaal seines Hauses dekorieren und auf der davon erreichbaren Terrasse genug Tische aufstellen, um alle bis vier Uhr eingetroffenen Gäste unterzubringen. Er prüfte noch einmal, ob der dauerhaft wirksame Tarnzauber wirkte, der das 100-Sterne-Haus auf halber Höhe des Osthanges des Wendelsteins vor nichtmagischen Blicken verbarg. Als er sicher war, dass die von ihm und vielen anderen als „Maglos“, also Magielose bezeichneten Leute immer noch einen besonders schroffen Felshang zu sehen bekommen würden stellte er mit Blick auf seine silberne Taschenuhr fest, dass er bis Mittag noch zwei volle Stunden Zeit hatte.
Die ihm verbleibende Zeit nutzte er, um die vier geschmiedeten Schließen mit entsprechenden Zauberzeichen zu versehen. Er hatte sich dazu entschlossen, die germanischen Runen zu benutzen, die laut der alten Mythen von Allvater Wodan selbst ergründet worden waren, als er neun Tage und neun Nächte an den Ästen des Weltenbaumes Yggdrasil hing, um die Geheimnisse von Leben und Tod zu erhalten. Bei der Auswahl ging er von einem abnehmenden Mond von Vollmond bis Neumond aus, um die Schließen von unten bis oben einzugravieren. Als er eine Stunde vor Mittag damit fertig war verband er die acht Einzelteile der Schließen mit dem nachtschwarzen Umhang aus bei Neumond geschorener Mondwechselschafswolle über silbergrauer Tebohaut. Der Umhang besaß eine faltbare Kapuze, die dann, wenn er die volle Wirkung wünschte, entfaltet und übergestreift werden konnte. Mit Schnüren, die zum Teil aus Schwindeaffenfell bestanden, konnte die Kapuze unter jedem Kinn befestigt werden. Das wahrlich wichtigste, was er noch auszuführen hatte, wollte und durfte er erst ausführen, wenn es Nacht war und er durch den schmalen Schacht das Mondlicht in seine Werkstatt einleiten konnte.
Seine Werkstattuhr und Birtes drei Schläge auf die Küchenglocke verrieten, dass nun Mittagszeit war. Canopus beeilte sich, den fast fertigen Umhang sorgfältig zusammenzufalten und in seinem Schrank für besondere Dinge einzuschließen. Um Zeit zu sparen disapparierte er aus seiner Werkstatt, um gleich vor der Wachkammer im Wohngeschoss zu erscheinen.
Weil Birte ja ein großes, mehrgängiges Festessen in Vorbereitung hatte gab es mittags eine würzige Hühnersuppe mit nicht ganz so großen Fleischstücken. Anschließend zog sich Birte wieder in die Küche zurück. Dort konnte er nicht hineinapparieren, weil Birte den Locorefusus-Stein ans Licht geholt hatte, einen ähnlichen, wie Canopus ihn auch in seiner Werkstatt auf dem höchsten Regal abgelegt hatte.
Der heute zu feiernde Zauberer legte nun die Tischkarten aus, damit die zusammensitzen konnten, die sich gerne miteinander unterhielten und weit genug von ihren erklärten Widersachern entfernt sitzen sollten. Vor allem musste er sicherstellen, dass sein Onkel Antares nicht in normaler Sprechweite von seiner Schwiegertante Irmela Apfelzweig entfernt saß. Denn die gute Tante Immi konnte es nicht lassen, unverheirateten Hexen und Zauberern einzureden, sich doch bald zu trauen. Ihr und seiner Mutter Regula hatte er es zu verdanken, dass Birte und er seit zehn Jahren verheiratet waren. Ja, und Antares Goldregen genoss sein Witwerdasein, nachdem er fast drei Jahre um seine verstorbene Frau Alkmene getrauert hatte. Der wollte nicht noch mal heiraten und sich daher auch von keiner selbsternannten Heiratsvermittlerin einreden lassen, welche junge Hexe oder gut situierte Witwe zu ihm passen mochte.
Da seine Schulfreunde mit ihren Ehegattinnen zum Fest erscheinen würden hatte er einen Tisch alleine für „Die alte siebenerBande mit Anhang“ vorgesehen. Von denen hatten auch schon sechs Nachwuchs. Daher musste er noch hochbeinige Kinderstühle hinstellen, die selbst bei wildestem Kippelversuchen nicht umfallen konnten. Dass er davon zwanzig Stück hatte verdankte er seinem vor zwei Jahren bei einem Flugbesentest abgestürzten Vater Ortwin, der ein ebenso begeisterter Thaumaturg gewesen war wie Canopus, eben nur, dass er sich auf magische Holzarbeiten verstand und viele nützliche Dinge für das eigene Zuhause geschreinert und gezimmert hatte. Der hatte ihm auch schon drei weiße Wiegen verehrt, wohl auch, weil er hoffte, damit die Ankunft eines Enkelsohnes zu beschleunigen. Den noch lebenden Großeltern von Birte und ihm selbst wies er einen eigenen Tisch zu, damit sie von der wilden und lauten Jugend nicht behelligt wurden, wenn sie das nicht wollten.
Als er alle Tischkarten sorgfältig aufgestellt hatte durfte er die Gedecke für das Abendessen von seiner Frau entgegennehmen und auf den blütenweiß gedeckten Tischen unterbringen. Dann deckte er noch die Tische auf der Terrasse mit Kaffeegeschirr und ließ genug Platz in der Mitte, um die sicher gleich vorgestellte Geburtstagstorte unterzubringen. Für die ihm überreichten Geschenke hatte er einen einzelnen langen Tisch in den Festsaal befördert, der mit einer grünen Unterdecke und einer himmelblauen Überdecke geschmückt war. Unter der blauen Decke konnten alle Geschenke bis zur feierlichen Enthüllung versteckt werden.
Es war kurz vor vier, als Birtes Eltern Kreszenzia und Aloisius eintrafen. Da Kreszenzia eindeutig eine Hexe mit fruchtbarem Schoße war konnte sie mühelos in die Küche und ihrer Tochter bei den Vorbereitungen zusehen oder auch helfen.
Als erster Gast traf Bombyx Güldenhand ein, der höchst zufrieden dreinschaute und einen Rucksack und ein Geschenkpaket mitbrachte. „Ich habe deinen Rucksack verbessert und ihn jetzt nicht nur mit einem zehnmal höheren Rauminhaltszauber versehen als vorher, sondern ihn auch von innen her feuerfest gemacht, damit dir nicht das passiert, was dem guten Ferdi Gänsekiel passiert ist, als er sein Schreibzeug und eine noch brennende Öllampe in den Rucksack gestopft hat und keine fünf Minuten später nur noch Rauch und Ruß aus dem Rucksack gequollen sind und der Rucksack danach nicht mmal mehr als Restleder getaugt hat“, sagte Güldenhand und übergab Canopus den Rucksack. Canopus dankte. Das Geschenkpaket des Schneiders aus der Ginstermoorgemeinde legte er auf den dafür vorgesehenen Tisch und bot dem frühen Gast schon mal Kaffee und belegte Semmeln an.
Nun trafen die übrigen Gäste nacheinander ein, teilweise auf Besen reitend, dann auch durch den ans Flohnetz angeschlossenen Kamin „100-Sterne-Haus“ oder sie apparierten einzeln oder Seit an Seit. Zu lezterer Gruppe gehörte auch der in einem gelbroten Festumhang mit rubinrotem Zaubererhut gewandete Antares Goldregen. Dessen Eltern, die zugleich Canopus Großeltern mütterlicherseits waren, reisten auf einem bereits bedenklich zitternden Familienbesen an, der seine beste Zeit schon weit hinter sich hatte. Irgendwann, so hatte Onkel Antares seinem Vater Eridanus prophezeit, würden er und dessen Frau Berenike mit diesem Besen abstürzen und mitten auf dem Münchener Marienplatz oder dem Hamburger Jungfernstieg zwischen die Maglos krachen. Die Vergessenstruppler des jeweiligen Zaubererbundes würden dann womöglich soviel Strafgebühr pro eingesetzter Fachperson verlangen, dass der große Goldregenhort in den Verliesen der Frankfurter Kobolde ganz und gar aufgezehrt würde. Weil Antares‘ Vater ihm diese düstere Vorhersage nicht verzeihen konnte saßen er und Onkel Antares ebenfalls weit genug voneinander fort.
Auch die restlichen fünf Mitglieder von Canopus‘ alter Siebenerbande trafen mit ihren Frauen, Männern und Kindern ein. Trotzdem es in der Einladung hieß, dass „ab vier Uhr nachmittags“ die Kaffeetafel eröffnet werden sollte dauerte es doch bis halb fünf, bis alle Gäste vollzählig waren.
Unter lautem Beifall ließ Birte die mit sechsunddreißig in weißgoldenen Flammen brennenden Geburtstagskerzen vor sich her auf die Terrasse schweben. die über den Kaffeetischen schwebende bunte Leuchtblase, in der eine golden schimmernde 36 um ihre Hochachse rotierte, erstrahlte noch eine spur heller, als Birte den großen Silberteller mit der Torte in der Mitte des mittleren Tisches herabsinken ließ.
Die Versammelten sangen das in der deutschsprachigen Zaubererwelt beliebte Geburtstagslied „Heute sei dein Sein gepriesen“. Hierbei stellte sich mal wieder heraus, dass die Hexen unter den Gästen mehr Wert auf schönen Gesang legten als die Zauberer. Canopus nahm den gesungenen Glückwunsch mit der nötigen Dankbarkeit entgegen. Dann wurde es still. Er trat an den Tisch mit der Torte heran. Die darauf steckenden Kerzen schienen ihn zu erspüren. Denn sie brannten noch eine Spur heller. Er holte tief Luft und blies kräftig in die weißgoldenen Flammen hinein. Dabei wünschte er sich in Gedanken, dass sein neuer Mondkraftumhang gelang und er mit diesem noch sehr viel Freude und Erfolg haben würde. Dann endlich erlosch auch die letzte der sechsunddreißig Flammen im kräftigen Luftstrom aus seinen Lungen. Die Gäste applaudierten dem Geburtstagskind.
Er durfte nun die Torte anschneiden. Hierbei schnitt er von außen nach innen Einzelstücke ab, bis ein kreisrundes Mittelstück mit vier federkieldünnen Kerzen für ihn übrigblieb. Birte half ihm, die Tortenstücke an die Gäste zu verteilen. Dann durfte er sich zu ihr an den Tisch für nahe Verwandte stellen. Er bedankte sich noch einmal bei allen Gästen und verkündete: „Langt zu und erfreut euch dran!“
Da 72 hungrige Gäste mit einer großen Torte alleine nicht auskamen gab es noch zwei andere Kuchen, , die während der Kaffeetafel aufgetischt wurden. Die Gespräche drehten sich um den Tratsch aus den letzten Monaten. Es stand nun fest, dass Hubertine Säuselbach im kommenden Schuljahr die Stelle von Diana Falkenstoß als Lehrerin für magische Tierwesen übernehmen würde, ja sogar die Qualifikation als Kräuterkundemeisterin anstrebte, um nach Leonora Heckengrüns Abschied auch ihr Fach übernehmen und sich als Vorsteherin von Haus Mondenquell empfehlen mochte.
Canopus Hertzsprung nutzte die Versammlung von Freunden und Verwandten, um seinem Onkel Antares offiziell zu verkünden, dass er sich als dessen Nachfolger bewerben würde, sofern der Onkel weiterhin darauf bestand, nach dem laufenden Schuljahr seinen Abschied aus dem Lehrkörper von Burg Greifennest zu nehmen. Antares Goldregen bedankte sich formvollendet für diese ihn beruhigende Zusage und versprach, ihm baldmöglichst ein Gespräch mit der Schulleiterin Ophelia Gräfin Greifennest und den Schulräten zu verschaffen.
„Na, dann wird das aber wohl nichts mit den Enkeln, wenn du den überwiegenden Teil des Jahres aushäusig zubringen musst, mein Junge“, meinte Regula Hertzsprung und handelte sich teils mitleidige und teils schadenfrohe Blicke ein.
„Geliebte Mutter, auch wenn es von deiner Verwandtschaft und von Birtes Verwandtschaft her immer wieder das eine oder andere Gerücht gibt, warum wir bisher noch kein Kind haben, so kann ich dich beruhigen, dass wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben und ich an den Wochenenden genauso freibekommen kann wie dein großer Bruder Antares. Oder haben die die Regeln geändert, dass alle Lehrer, die keine Hausleiter sind, ebenfalls in der Burg zu wohnen haben, Onkel Antares?“
„Nein, die kein Schulhaus leiten und zumindest einen Ehepartner haben dürfen an den Wochenenden nach Hause. Ich als glücklicher Witwer bin natürlich gehalten, mit den Hausvorstehern und der Direktrix die Schüler zu behüten. Aber die erwähnte Hubertine Säuselbach darf jedes Wochenende zu ihrem Gatten reisen. die Kollegin Schieferberg ebenso, auch wenn sie schon über hundert Jahre mit ihrem Angetrauten zusammenlebt. Aber so einsame Wölfe wie Rufus Kienspan und ich erfreuen uns der Ruhe, wenn die Turmuhr zehn Uhr abends schlägt und alle minderjährigen Hexen und Zauberer in ihren Wohnsälen zu sein und zu bleiben haben.“
„Sag es nicht, dass du glücklich bist, wenn die ordnende und pflegende Hand fehlt, die deine Behausung zur warmen Heimstatt macht“, warf Tante Irmela ein. Doch Antares Goldregen überhörte dies wie so oft zuvor.
Nach der Kaffeetafel unterhielt sich Canopus mit den Gästen, die nicht unmittelbar in Hörweite gesessen hatten. So erfuhr er auch, was seine sechs ehemaligen Schulkameraden so anstellten. Der aus dem Hohen Norden von der Insel Feensand angereiste Hauke Wellenkamm wollte von ihm wissen, ob er ernsthaft in Greifennest anfangen würde und ob er darauf ausgehe, das Haus Taubenflug zu leiten. Canopus erwiderte:
„Ich bin zuversichtlich, dass ich dort sehr viel gutes bewirken kann, wenn ich die sich als sehr wirksam erweisenden Kenntnisse aus der Himmelskunde an dafür empfängliche junge Leute weitergeben kann. Ob ich irgendwann mal selbst das Haus Taubenflug leiten werde, weil ich dort selbst gewohnt habe, so mache ich das von drei Bedingungen abhängig: Zum einen muss der Schulrat und die Gräfin Greifennest meine Anstellung als Lehrer bewilligen. Des weiteren muss ich da selbst sieben Jahre untadelig und anerkannt unterrichten, um mich als berechtigt zu erweisen, ein Schulhaus zu leiten. Drittens und wichtigstens muss sich die im Augenblick die Leitung von Haus Taubenflug innehabende Magistra Hedwig Säuselbach aus freien Stücken oder auf Grund einer unverzeihlichen Verfehlung vorzeitig zu entlassen dazu bereitfinden, ihren Dienst in Burg Greifennest zu beenden. Solange sie dort arbeiten will und darf bleibt sie auch die Leiterin von Haus Taubenflug. Dies sind die drei Bedingungen, Hauke. Falls du das möchtest kannst du dies in der Feenstimme so zitieren. Ja, Ferdi, du darfst es auch im Zauberlandecho so erwähnen.“
„Das war ja schon richtig Druckreif, wie du den Hauke mit einer Antwort bedient hast“, wandte Canopus‘ Freund Kilian Heckendorn ein, der in der Besentischlerei Donnerkeil als Besenzureiter arbeitete.
„Es ist immerhin unser tägliches Brot, wichtige Neuigkeiten zu erfahrenund der interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren“, wandte Ferdinand Gänsekiel ein, weil er sich genauso wie Hauke Wellenkamm ja angesprochen fühlen durfte.
Canopus durfte dann noch von Kilian Heckendorns Frau Gerda ein Lob an seine Frau entgegennehmen, weil die Torte und die anderen Kuchen so lecker waren und der aufgetischte Bohnenkaffee nicht nur gut schmeckte, sondern auch herrlich anregte. Kilian sah seine Frau dafür so an, als wolle er gleich fragen, zu was diese angeregt wurde. Doch das würgte Canopus damit ab, dass er sagte: „Birte legt sich für Festtage immer besonders ins Zeug. Die hat Kochen und Backen zu ihrer zweithöchsten Leidenschaft erkoren, gleich nach der Kräuterkunde.“
„Das ist unverkennbar“, erwiderte Kilians Ehefrau darauf.
So unterhielt sich Canopus mit seinen Freunden und Verwandten weiter. Sein verschwägerter Vetter Timon Bärenzahn, der für die süddeutsche Nachttruppe arbeitete unterhielt sich mit ihm über die Ausbreitung von Werwölfen und Vampiren und dass die Zaubererwelt aufpassen müsse, dass diese ehemaligen Reinmenschen sich nicht die immer voller werdenden Großstädte als Verstecke und Jagdreviere erschlossen. Darauf erwiderte Canopus mit gewisser Besorgnis: „Die profitieren davon, dass die Zaubereigeheimhaltung so strickt durchgesetzt wird, dass die Anerkennung von Zauberwesen mit ansteckenden Flüchen nur Legenden und Märchen sind wie jene von den beiden hessischen Professorenbrüdern. Dazu kommen dann noch die als Unterhaltungslektüre entstandenen Schauerromane aus England und auch Deutschland, vor allem die Geschichte von dem aristokratischen Vampir, die ein gewisser John Polidori erfunden hat. Könnte mir vorstellen, dass es einige romantische Gemüter reizen könnte, sich von einem entsprechend kultivierten Blutsauger zum Gefährten oder zur Braut erwählen zu lassen und dadurch die Verbreitung dieses Blutfluches noch schneller voranschreitet als wo Vampire noch in dichten Wäldern oder auf entlegenen Heiden hausten wie die dunklen Hexen und Zauberer der vergangenen Jahrhunderte.“
„Jaja, von denen auch immer mehr in die immer dichter besiedelten Großstädte einsickern. Die Amerikaner haben ja schon herumgereicht, dass sie wohl eine eigene Truppe von Gesetzeswahrern gründen müssen, um die in großen Städten versteckten Dunkelmagier zu ergreifen“, erwiderte Timon. „Mein Vorgesetzter hat eine gehörige Portion Ablehnung erhalten, als er behauptete, wir sollten uns mit den Sittenund Gerätschaften der Maglos genauer vertraut machen, um in deren Siedlungen nach Vampiren oder Lykanthropen zu suchen. Die Gruppierung „Conservatio scientiae elevatae“, die sich als Behüter der alten Zaubererehre verstehen, haben fast seine Entlassung bewirkt. Außerdem haben die sich mit den Reinblütern von Sanguis Purus zusammengetan. Die lehnen weiterhin alles ab, was die Maglos so anstellen, vor allem wo die jetzt in immer größeren Stil anfangen, dampfgetriebene Maschinen zu verwenden. Der Kollege meinte sogar, weil die auch noch angefangen haben, die Kraft der Blitze zu bändigen würden die unbezähmbar größenwahnsinnig, weil alles, was früher nur mit Magie möglich war, auch ohne Zauberstab und Zauberspruch gehen könnte.“.“
„Timon, ehrlich gesagt tu ich das auch. Der eherne Wahnsinn, alles mit Dampfkraft anzurichten, wo früher Muskelkraft von Menschen oder Tieren genügt hat, wird uns eines Tages noch in heftige Schwierigkeiten treiben. Damit machen sie übrigens auch die gebändigte Elektrizität und haben schon rausbekommen, wie sie damit flammenloses Licht erzeugen können. Das könnte für Nachtschwärmer wie mich mal anstrengend werden, in der Nähe so beleuchteter Straßen zu arbeiten. Aber wir hatten es ja von den Halbmenschen und Gestaltwechslern. Was meinst du, muss passieren, dass deren Ausbreitung eingedämmt werden kann, ohne die Maglos darauf zu stoßen, dass es Hexen und Zauberer nicht nur in deren sogenannten Kinder- und Hausmärchen gibt?“
„Die Zauber sind bekannt und die stofflichen Mittel größtenteils verfügbar. Gegen Werwölfe reicht in Mondsteinöfen geschmolzenes Silber, gegen Vampire fließendes Wasser, Sonnenlicht und davon zehrende Kampfzauber oder die Enthauptung mit einem eisernen Schwert oder das Pfählen mit Eichenholzpflöcken oder -armbrustbolzen. Als Astralzauberkundiger kennst du die Sonnen- und Mondzauber gegen Vampire und Werwölfe ja genausogut wie ich. Eigentlich müsste jeder Nachttruppler ein Kleidungsstück haben, das einen dauerhaften Segen der Sonne ausstrahlt oder einen dauerhaften Mondfriedenszauber. Der letztere würde auch gegen Lykanthropen wirken, wenn er stark genug ist. Aber dazu bräuchte man eben auch reines Gold oder Silber. also bleiben wir wohl noch bei direkt vor Ort gegen Zielgeschöpfe ausgeführte Zauber und kostengünstige Kampfmittel. Im größten Gefahrenfall dürfen wir ja auch den tödlichen Fluch anwenden“, sagte Timon. Canopus nickte. Ihm ging durch den Kopf, dass er neben dem Zauber Umbra Novae Lunae womöglich noch bis zu drei weitere Mondzauber in seine im Keller versteckte Errungenschaft einwirken wollte. Er würde den Mondfriedenszauber auf jeden Fall dazunehmen.
Das große Festessen um acht Uhr abends geriet zum Triumph für Birte Hertzsprung. Es hatte ganze sieben Gänge und beinhaltete die Küche aus allen Deutschen Landen. Antares nutzte die lange Zeit, um mit Canopus über die Zukunft zu sprechen. Antares würde, sofern er den Sitz im hohen Rat der CSS bekam, eine ausführliche Studie präkolumbianischer Zauberkunst in Amerika beaufsichtigen, allein schon um herauszufinden, wie die so findigen Ureinwohner Amerikas es sich hatten bieten lassen, von ein paar hundert Spaniern und später Engländern und Franzosen überrannt und unterworfen zu werden. „Allerdings müssen wir dabei sehr, sehr behutsam vorgehen, um keine unterdrückten Vergeltungsgedanken an die Oberfläche zu spülen“, sagte Antares. „Außerdem hörte ich, dass die überlebenden der Inkas und Mayas ihre magischen Geheimnisse vor uns Weißen hüten und jeden töten wollen, der sie sich mit Gewalt oder List anzueignen trachtet.“ Canopus pflichtete ihm bei.
Gegen elf Uhr abends verließen alle Familien mit Kindern unter elf Jahren die Feierlichkeit. Am Ende blieben noch zwanzig Gäste übrig.
Weil unter den Gästen viele Astronomiebegeisterte waren endete Canopus‘ Geburtstagsfeier mit einer Besichtigung seiner hauseigenen Sternwarte. Durch die dort montierten fünf großen Fernrohre durften die Gäste den Mond und die Planeten betrachten und auch die neue Errungenschaft ausnutzen, das für natürliche Augen unsichtbare Wärmelicht zu sehen, dass der nichtmagische Astronom Wilhelm Herschel genauer beschrieben hatte, nachdem der von den Alchemisten als Abtrünniger bezeichnete Naturforscher Isaac Newton bei der Zerlegung von Sonnenlicht auf dessen Vorhandensein gestoßen war. Canopus lehnte nur die mit Dampfkraft betriebenen Maschinen der Nichtmagier ab, nicht deren Erkenntnisse auf dem Gebiet der natürlichen Himmelsbeobachtung.
Gegen zwei Uhr ging dann auch Onkel Antares, der sich so sehr über die Himmelsbeobachtungsrunde gefreut hatte, dass er erst vom Pingeln seiner Vielzwecktaschenuhr daran erinnert wurde, dass er noch ein paar Stunden Schlaf bekommen sollte, bevor er wieder in der Burg Greifennest zu sein hatte.
Müde vom langen Tag und den vielen Unterhaltungen legten sich Birte und Canopus Hertzsprung um drei Uhr in ihr geräumiges Himmelbett. Da sie ja schon in der vergangenen Nacht nach dem kleinen, bunten Vogel gerufen hatten bedurften sie keiner neuerlichen Anregung und konnten dem nicht mehr all zu fernen Morgen entgegenschlummern.
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20.02.1887
Es war so weit. Birte schlief tief und fest. Er hatte es geschafft, ohne sie wieder aufzuwecken aus dem Bett zu steigen und sich heimlich und leise in seine Mehrzweckräume im Felsenkeller zu begeben. Heute wollte er das Werk vollenden. Dazu stellte er den Lichteinlass auf größte Durchlässigkeit und richtete die darin angebrachten Spiegel so ein, dass sie dem Mondlicht folgten und möglichst ununterbrochen davon weiterleiteten, was das Wetter gestattete. In den letzten Nächten war es immer wieder bewölkt gewesen. Doch diese Nacht war sternenklar. Der Wind hatte sich so gedreht, dass von ihm getriebene Wolken an der gegenüberliegenden Flanke des Wendelsteins hängenbliebenund sich dort abregneten.
Canopus Hertzsprung empfand eine ähnlich berauschende Vorfreude wie vor dem Liebesakt mit seiner Frau in der Nacht zu seinem Geburtstag. Sein Herz klopfte wild und heftig bis hinauf zum Hals, als er den großen Schrank aufsperrte und den darin zusammengefalteten Umhang hervorholte.
Das neue Kleidungsstück fühlte sich an wie aus feinster Wolle mit einer hauchdünnen Lederunterseite. Die Außenseite war so dunkel wie eine sternenlose Neumondnacht. Nur die vier silbernen Schließen spiegelten das auf sie treffende Mondlicht eins zu eins. Probehalber schlüpfte Canopus in den Umhang hinein und bewegte sich so leise er konnte darin. Er schloss auch die Kapuze. Ja, er konnte sich frei und ohne Anstrengung bewegen. Also konnte er das Werk vollenden.
Zunächst zeichnete er einen drei Schritte durchmessenden Kreis mit silberner Zaubertinte. In den Kreis fügte er Runen des Mondes und der Dauer ein. Er zeichnete zwölf radiale Linien vom Mittelpunkt zum Außenrand. Der Mittelpunkt des Kreises lag genau unter dem Lichteinlassschacht, aus dem ein breiter, silberweißer Balken aus reinem Mondlicht bis zum Boden ragte und von dort wiederschien. Er legte den neuen Umhang mit den Schließen nach oben auf den Mittelpunkt. Bei Sonnenlichtzaubern oder auf die Planeten bezogenen Zaubern hätte er noch brennende Kerzen auf dem Kreisrand abgestellt. Doch weil er ausdrücklich Mondzauber ausführen wollte durfte kein in Kerzenwachs gebanntes Feuer entzündet werden.
Nun begann Canopus, auf der Innenseite des Kreises entlangzuwandern. Er ging dabei in derselben Richtung, wie die großen Himmelskörper die Erde umliefen. Auf jeder der zwölf Speichenlinien stimmte er einen alten Zauber über die Verbundenheit zwischen Erde, Mond und Lebewesen an. Dabei glitt seine Stimme von einer Speiche zur anderen um einen halben Ton höher, bis er, nachdem er die erste von vier Runden vollendete, eine Oktave höher klang als zu Beginn seines Beschwörungsaktes. Bei der zweiten, dritten und vierten Runde begann er dann wieder auf der untersten Tonstufe, die er ohne Anstrengung sprechen oder singen konnte. Jedesmal leuchteten die silbernen Speichen ein wenig heller auf, bis sie nach der vierten Runde dauerhaft doppelt so hell wie das einfallende Mondlicht leuchteten. Nun konnte er jene vier Zauber ausführen, mit denen er den Umhang dauerhaft belegen wollte, und die bei jeder verschlossenen Schließe stärker werden sollten.
Zunächst versah er den unverschlossenen Umhang mit einem dauerhaft wirkenden Schutzbann gegen alle aus Feuer stammender Gewalt, also offene Flammen bishin zu Waffen aus geschmiedetem oder gegossenem Metall bis auf Gold, weil dies der Sonne zugeordnet war und die Kraft des Mondes übertraf. Dann schloss er die erste Schließe und belegte diese mit dem Mondfriedenszauber, der den Träger gegen die Aggression nachtaktiver Zauberwesen und Tierwesen schützte. Die silberne Schließe flimmerte nach der dritten Wiederholung der Zauberformel, die immer aus einer der Haupthimmelsrichtungen gesprochen wurde. Dann schloss er die zweite Schließe und belegte diese mit dem Zauber „Duratio sub luna“, der unter freiem Mondlicht bleibenden Ausdauer, die den Anwender solange unermüdlich laufen, springen, schwimmen oder zaubern ließ, solange der Mond frei zu sehen war. Auf hoher See wirkte er sogar viermal so stark, weil der Mond die Wassermassen des Meeres an sich zu ziehen trachtete und das Licht von den Wogen besser widerschien. Das wussten die Astralmagier aber auch erst, seitdem der von ihnen für abtrünnig gehaltene Isaac Newton die Schwerkraft zwischen den Himmelskörpern beschrieben hatte.
Die dritte Schließe belegte er mit dem Zauber „Oculi Lunares“, der die Augen von tagaktiven Lebewesen befähigte, selbst bei dunkelster Nacht wie an einem unbewölkten Morgen sehen zu können und auch magisch unsichtbar gemachte Dinge oder Lebewesen zu erkennen. Wie auch bei den beiden vorangegangenen Zaubern wiederholte er die dazu nötige Formel gemäß Mondlaufrichtung aus jeder der Haupthimmelsrichtungen sprechend.
Der vierte und letzte Zauber, der bei allen verschlossenen Schließen in Kraft treten sollte war Umbra Novae Lunae, der Schatten des neuen Mondes. Er bewirkte, dass sein Anwender sich oder ein damit belegtes Lebewesen für den Zeitraum von bis zu zwei Stunden für alle Augen und Erkennungszauber unauffindbar machte. Mit den Schließen aus Fokussilber und über den Stoff aus Tebohaut, Schwindeaffenfell und Mondwechselschafswolle verteilt sollte der Zauber nicht nur ohne Ausdauerverbrauch des Trägers, sondern über die zwei Stunden hinaus wirksam bleiben, wie bei einem Tarnumhang aus Schwindeaffenhaar. Daher legte Canopus Hertzsprung besonderen Wert darauf, die dafür nötigen Zauberworte und geistigen Komponenten, nämlich die Gedanken an vor einem mondlosen Sternenhimmel tanzenden Schatten, so gründlich er konnte auszusprechen und zu bedenken. Als er zum vierten Male die dafür nötigen Worte, Gesten und Gedanken ausgeführt hatte erglühte der Umhang kurz wie aus reinem Mondlicht. Canopus fürchtete einen winzigen Augenblick, dass der Umhang nun doch verdorben war. Doch dann erkannte er, dass er alles richtig gemacht hatte. Sein neues Werk saugte nun noch das nötige Mondlicht ein, um alle darin eingetragenen Zauber dauerhaft zu speichern. Canopus musste nur darauf achten, nicht auf einer der zwölf Speichenlinien zu stehen, durch die der magische Austausch von Erd- und Mondkraft stattfand. Er wartete, bis der Umhang sich wieder nachtschwarz verfärbte. Als dies geschah stellte der Zauberer fest, dass zwei volle Stunden verstrichen waren. Das war eigentlich die Zeit, die der vierte und letzte Zauber andauern sollte. Hieß das, dass er diesen Zauber wirklich nur zwei Stunden pro Tag verwenden konnte?
Als der Umhang nicht mehr leuchtete wagte es Canopus Hertzsprung, ihn von der Kreismitte fortzuholen. Er schlüpfte wieder hinein. Dann verließ er den Zauberkreis. Kaum hatte er mit dem Umhang die silberne Außenlinie übertreten knisterte es leise. Der silberne Kreis zerfiel in einem silbernen Funkenregen und verschwand restlos. Nur die eigene körperliche Ausdauer seines Zeichners hatte ihn die in ihm gewirkten Zauber aushalten lassen.
Canopus prüfte nun mit verschiedenen alchemistischen Untersuchungsgeräten, ob der Umhang so wirkte wie er sollte. Dabei stellte er fest, dass die meisten Instrumente erst anschlugen, wenn sie den Umhangstoff berührten. Berührten sie eine der Schließen erzitterten sie sogar so stark, dass Canopus fürchtete, dass sie gleich zersprangen. Er war sich nun sicher, dass der Umhang wahrhaftig starke Zauber in sich aufgenommen hatte. Diese prüfte er nun. Bei den ersten drei verschlossenen Schließen stellte er fest, dass der Mondfriedenszauber immer stärker wirkte, sofern er den darauf kalibrierten Instrumenten trauen durfte. Als er dann die vierte Schließe schloss erbebte sein Körper für eine Sekunde. Dann sah er, dass er von sich selbst nichts mehr sah. Allerdings hörte er die tickenden Instrumente und vor allem die Wanduhr um ein vierfaches lauter als bisher. Auch sah er seinen Schatten nicht mehr, als er sich so stellte, dass das in den Raum eingeleitete Mondlicht nicht mehr von den Wänden wiederscheinen mochte. Egal wohin er sich stellte, er warf keinen Schatten. Er konnte sich auch nicht im Spiegel sehen, der über dem granitenen Waschbecken an der Wand hing. Er hob seine Hand so, dass er sicher war, sie sehen zu müssen. Doch trotz des im Umhang wirkenden Oculi-Lunares-Zaubers konnte er seine Hand nicht erkennen. Für wahr, der Schatten des Neumondes überwog auch den Erkennungszauber für magisch unsichtbare Dinge und Wesen.
„Meldeglocke in zwei Stunden mit Lautstärke eins!“ sprach Canopus und hätte sich fast die Ohren zugehalten, weil seine eigene Stimme für ihn klang wie ihm in beide Ohren zugleich hineingebrüllt. Die Wanduhr klickte vernehmlich und zeigte nun die beiden auf den Stand des kleinen Zeigers folgenden Ziffern in gleißend grünem Licht. Canopus schloss die Augen. Er erkannte, dass der Preis für seinen neuen, machtvollen Mondumhang eine Überempfindlichkeit von Augen und Ohren war. Das mochte die Achillesverse dieser Erfindung sein, erkannte der Freizeitthaumaturg und Kundige der siderischen Zauberkunst und Sternenkunde.
Während die von ihm erwähnten zwei Stunden verstrichen versuchte er andere Erkundungszauber, um sich doch noch zu sehen. Doch auch der Vivideozauber und der vor allem von Heilern genutzte Revelio-Vitalis-Zauber schlugen bei ihm nicht an. Er flutete seine Werkstatt mit einem Nebelzauber, um sich darin zu bewegen. Er erkannte dabei, dass sich seine Augen gleich nach Erreichen der größten Nebeldichte umstellten und er so sah, als sei kein Nebel im Raum. Er bewegte sich vor dem Spiegel und prüfte, ob sein Körper die Nebelschwaden aufwühlte und er dadurch indirekt sichtbar wurde. Doch entweder konnte er das gerade nicht sehen, weil seine Augen auf Durchdringung von verhüllendem Zauberwerk eingestimmt waren oder weil der Nebel von ihm nicht aufgewühlt wurde. So ließ er den Nebel wieder verschwinden, was er als leises Säuseln hörte und als leicht flirrenden Strudel in Zauberkraftausrichtung sehen konnte.
Weil er sich in der festgelegten Zeit von unbenötigtem Wasser erleichtern musste stellte er fest, dass er den Umhang lupfen konnte, ohne dass seine Füße und Beine sichtbar wurden. Sein Urinstrahl wurde auch erst sichtbar, als er mindestens eine Armlänge von ihm entfernt in den verschließbaren Nachttopf hineinpladderte.
Mit der für ihn wie eine kräftig läutende Kapellenglocke tönenden Lautstärke schlug die Meldeglocke an, die er sich eingerichtet hatte. Die beiden Ziffern auf der Uhr glühten hellrot. Bei normaler Sicht waren sie gerade mal so hell wie ruhig glühende Kolen, wusste Canopus Hertzsprung. Doch außer dass die Meldeglocke läutete geschah nichts. Der umfangreiche Unsichtbarkeitszauber seines Umhanges wirkte immer noch.
„Heureka!“ wisperte Canopus, weil er sich nicht traute, auch nur mit halber Lautstärke zu rufen. Er setzte sich auf einen der feuerfesten Stühle, auf denen er sich ausruhen konnte und befahl der Wanduhr: „Zeitzähler!“ „Zeitzählung beginnt!“ klang eine verflixt laute, reibeisenartige metallische Stimme aus der Uhr. Bei seinem üblichen Gehör war das nur ein halblautes Klingen wie gegen ein dünnes Blech gesprochen, wusste Canopus. Doch das war jetzt eher nebensächlich.
Die Stunden vergingen, ohne dass der Unsichtbarkeitszauber erlosch. Als sich dann das für ihn taghell gleißende Mondlicht erst bläulich und dann violett verfärbte wusste er, dass das Morgenrot heraufzog. Er öffnete die oberste Schließe. Der Umhang erbebte kurz. Dann war für ihn die Welt wesentlich dunkler und bedeutend leiser als in den letzten Stunden. Aber nun erkannte er sich selbst wieder. Er schloss noch einmal die oberste Schließe. Die Welt wurde wieder heller und lauter, dafür entschwand er selbst seinen eigenen Blicken und wohl auch denen aller anderen, wenn sie denn hier wären. Da hörte er auch das leise Quietschen von Sprungfedern und das Knarren von Holz. Das erkannte er sofort als Bewegung im Ehebett. Dann hörte er das Rauschen des zur Seite gezogenen Bettvorhanges. Seine Frau stand auf. Wenn die jetzt nach ihm rief war das für ihn sicher wie urwelthaftes Gebrüll in seinen Ohren. Schnell öffnete er wieder die oberste Schließe. Die Welt wurde wieder dunkler und leiser. Keine Sekunde später rief seine Frau: „Canopus, wo bist du?“
„In der Werkstatt, habe was ausprobiert, wovon Onkel Antares und ich es bei der Feier hatten, Liebes!“ rief er und erschrak nicht über seine eigene Lautstärke. „Ach ja, ihr Nachtkäuze. Aber dann trinkst du gleich Wachhaltetrank, weil ich keine Lust habe, dir das Essen ans Bett zu bringen, Liebster!“ rief Birte zurück. „Ja, mach ich!“ rief er zurück und öffnete schnell die restlichen Schließen des Umhangs. Dann sprach er: „Zeitzählung Ende!“ „Gezählt: drei Stunden, siebenundzwanzig Minuten und einunddreißig und zwei Zehntel Sekunden“, klang die nun metallische aber nur unterhalb üblicher Sprechlautstärke klingende Zauberstimme aus der Wanduhr. „Über fünf Stunden, womöglich sogar solange wie eine Nacht andauert“, dachte Canopus Hertzsprung und flüsterte noch einmal „Heureka!“
Mit dem bewahrtem Vergnügen eines Jungen, der ein neues, aufregendes und interessantes Spielzeug erhält beschloss Canopus Hertzsprung, in der nächsten Nacht weitere Versuche mit dem Umhang anzustellen, vor allem die Feuerunempfindlichkeit, sowie welche Zauber bei welcher Kombination verschlossener Schließen wirkten.
Er schloss den Umhang wieder sicher fort. Er würde ihn wohl sicherheitshalber in der nächsten Nacht von reinem Mondlicht beleuchten lassen, um ihn zu stärken. Vielleicht, so dachte er noch, war das aber auch nicht nötig, weil er ihn ja unter Anwendung eines Verbindungszaubers zwischen Erde und Mond gewirkt hatte und auch bei Tageslicht die unsichtbare Zugkraft des Mondes auf die Erde wirkte. Das waren noch Fragen, die er vor der möglichen Festanstellung als Magister für Astronomie klären wollte.
Wie seine Frau gefordert hatte trank er vor dem Frühstück genug Wachhaltetrank, um den Tag zu überstehen. Allerdings war er von dem Ergebnis seiner thaumaturgischen Versuche so aufgeregt, dass er wohl auch ohne den Trank durchgehalten hätte.
„Darf ich wissen, was genau du ausgeheckt hast, oder ist das ein Geheimnis unter Astralmagiern?“ fragte Birte ihn während des Frühstücks. „Hmm, wenn es vollumfänglich bestätigt ist, was ich vorhabe könnte es so heftig sein, dass die beiden großen Zaubererräte, ja auch die Zaubereiadministrationen in anderen Ländern sehr daran interessiert sein könnten und sich in Angeboten überbieten könnten, um es zu bekommen. Ich hatte mit Onkel Antares über verstärkende Astralzauber gesprochen, nachdem ich mit Vetter Timon über dessen gefährlichen Beruf gesprochen habe. Ich habe nun was geschmiedet, womit der Mondfriedenszauber verstärkt werden kann, der gegen Vampire und Werwölfe schützt. Dafür musste ich die halbe Nacht experimentieren.“
„Das hättest du mir gerne schon vor dem Zubettgehen sagen können, Canopus“, erwiderte Birte hörbar ungehalten. „Ich bin zwischendurch immer wieder wach geworden und habe gemerkt, dass du nicht neben mir warst. Ich ging aber davon aus, dass du mal wieder in den Nachthimmel guckst. Aber als du bei Morgenrot immer noch nicht zurück warst musste ich doch mal fragen.“
„Was dein gutes Recht ist, Birte“, erwiderte Canopus so ruhig er konnte. „Deshalb sage ich dir besser gleich, dass ich wohl noch zwei Nächte brauche, bis ich gesicherte Ergebnisse habe. Allerdings muss ich dafür nicht jede Nacht raus, sondern kann die Arbeit auf die jeweils übernächsten Nächte verteilen.“
„Du hast ja noch Zeit“, grummelte Birte.
Der restliche Tag verlief mit Sonnenbeobachtungen und dass er seiner Frau bei der Zubereitung von Mittag- und Abendessen half. Zwischendurch gingen beide hinaus und erfreuten sich an der Rundumsicht auf die benachbarten Alpenberge, die immer noch unter einer glänzenden Schneedecke lagen.
Abends hängte Canopus den neuen Mondkraftumhang noch einmal so auf, dass er in der Nacht von genug Mondlicht beschienen werden konnte. Tatsächlich glommen die vier nun offenen Schließen ein wenig heller als sonst.
Canopus vertraute darauf, dass sein alchemistisch-thaumaturgisches Privatlaboratorium gegen ausbrechendes Feuer und andere Zerstörungskräfte gut genug abgesichert war und legte sich mit seiner Frau ins Bett. Morgen nacht wollte er die weiteren Versuche mit dem Umhang machen.
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20.02.2004
Blitzblank und blütenweiß stand die Privatmaschine vom Typ Gulfstream G-200 auf dem Vorfeld. Die Leiter war ausgefahren. Die beiden von ihrer Firma eingeteilten Piloten führten die pflichtgemäße Außenbegehung durch. Jens Talkötter, der Chefpilot, blickte sich um. Gleich würden fünf Passagiere eintreffen, von denen er nur wusste, dass einer von ihnen ein Verwandter ihres Chefs war. Sein Copilot Arne Brookstetter prüfte gerade den Reifendruck. Gerade zogen sich die letzten Wartungstechniker zurück.
„Die Maschine ist aufgetankt. Die Passagiere können kommen“, sagte Brookstetter. Da trafen sie auch schon ein, vier Männer und eine Frau. Als Talkötter zwei von ihnen an den Gesichtern erkannte tippte er seinen Copiloten an. „Doch ein besonderer Familienausflug, Arne. Dein Paps schickt den Sohn vom stillen Teilhaber mit dessen Oheim auf eine Reise in die Wildnis. Die drei anderen sind wohl Hilfskräfte.“
„Moin Moin die Herren. Ist die Maschine ready for takeoff?“ fragte der jüngste der Reisegruppe, bevor der älteste ihn zurückpfeifen konnte.
„Alles klar für die große Reise“, sagte Brookstetter, bevor Talkötter ihn zur Ordnung rufen konnte. „Da kommt gleich eine Ladung Ausrüstung, gut verpackt in großen stoßfesten Rollkoffern. Bitte seien Sie uns bei der Verladung behilflich“, sagte der älteste der Fünfergruppe. Talkötter und Brookstetter bejahten es.
Eine halbe Stunde später bat Talkötter Hamburg Tower um Starterlaubnis. Er bekam sie. Fünf Minuten danach preschte der Jet mit flammenden Düsen über die Startbahn und stieg laut fauchend und heulend in den bewölkten Himmel über dem Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel hinauf. Wohin die Reise genau ging wussten nur die fünf Fluggäste. Wie die Reise enden würde wussten sie nicht.
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08.01.2008
Nachdem sie sich darüber Klarheit verschafft hatte, dass die Gegend größtenteils unbewohnt war war die höchste Schwester des Spinnenordens in vier Etappen über den Atlantik hinweggereist und auf ihrem tarnfähigen Besen in den europäischen Luftraum eingedrungen. Im Süden Lettlands wollte sie die zweite Stelle anfliegen, an der einer der turmhohen Krieger des alten Reiches mit seiner Waffe seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Der Überrise hatte laut der alten Karte Waldestod geheißen, wohl weil er sich vorzugsweise in dichten Wäldern aufgehalten hatte.
Auf dem Weg in einen dichten Wald des baltischen Landes dachte Anthelia darüber nach, ob Ladonna wie sie die Angaben auf der Karte überprüft hatte. War sie auch einmal hiergewesen, wohl in ihrem ersten Leben? Wenn ja, wie hatte sie geprüft, ob hier etwas oder jemand vergraben worden war? Falls sie das erkunden konnte wie sie, so blieb die Frage, was sie dann unternommen hatte. Sicher hatte sie nicht versucht, einen der Turmkrieger auszugraben. Denn das hätte Sardonia wiederum mitbekommen und somit auch sie, Anthelia. War ihr vielleicht nur wichtig gewesen, dass die Karte stimmte und es an zehn Orten auf der Erde gefährliche Hinterlassenschaften gab? Dann mochte sie damals, vor dem Duell mit Sardonia, ihre eigenen Schwestern eingeteilt haben, diese Stellen zu bewachen, so wie Anthelia dies vorhatte.
Die heimliche Kundschafterin fand erst keine Stelle, an der sie landen konnte. So beschloss sie, von einer Baumkrone aus den Erdboden zu durchforschen.
Als sie sich im Wipfel eines haushohen Nadelbaumes niedergelassen und gesichert hatte bestrich sie den Boden mit dem Tiefenerkundungszauber. Der schlug erst nicht an. Doch nachdem sie sich fast bis zum hinunterfallen nach vorne lehnte erbebte ihr Zauberstab wieder. Auch hier musste etwas mehr als hundert Manneslängen im Boden vergraben sein, das ihren Erkundungszauber wiederspiegelte. Also war es offensichtlich, dass auch die zweite Markierung auf der Karte stimmte. Sie konnte zwar jetzt nicht nachforschen, ob dort unten eine Waffe oder ein anderes mit dem Vorbesitzer verbundenes Stück Ausrüstung begraben lag. Doch dass dort etwas war genügte ihr, um nach der Rückkehr wen hierherzuschicken und die Stelle bewachen zu lassen.
wie bei ihrem ersten Zwischenhalt in der Vulkanlandschaft um Quito wartete sie noch eine Stunde, bevor sie wieder abreiste. Sie flog erst einige Dutzend Kilometer von der erkundeten Stelle fort und landete. dann. Sie verstaute den Besen in seinem reiß- und feuerfesten Futteral. Dann wirkte sie den Zauber, der sie scheinbar in eine bodenlose Tiefe hinabstürzen ließ. Doch als sie verschwunden war gab es keine Spur von einem Loch oder auch nur einer Einbuchtung im Erdboden. Mit der Geschwindigkeit einer Erdbebenwelle durcheilte die Verschmelzung aus Anthelia und Naaneavargia das Felsgestein, als bestünde es aus dünner Luft. So überwand sie in nur einer halben stunde jene Distanz, die zwischen hier und ihrem nächsten Ziel lag.
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22.02.-21.03.1887
In den folgenden Nächten stellte Canopus weitere Versuche mit seinem neuen Umhang an. Dabei fand er heraus, dass der völlige Unsichtbarkeitszauber nur wirkte, wenn alle vier Schließen verschlossen waren, dass der Mondfriedenszauber auch dann schon wirkte, wenn nur eine der vier Schließen geschlossen war und dass offenbar die vom eigenen Körper erwärmte Umgebungsluft nicht mit einem Wärmelichtaufspürer erkannt werden konnte, selbst wenn sie mehr als eine Armeslänge von der Wärmequelle entfernt war. Bei anderen Unsichtbarkeitszaubern war es Dank des Wissens um die Wärmestrahlung möglich, die erwärmte Umgebungsluft in halber bis ganzer Armeslänge vom unsichtbaren Körper entfernt sichtbar zu machen. Das sprach mal wieder für die von Thaumaturgen und Alchemisten heiß debattierte Ansicht, dass Wärme eine Form von Bewegung war und nicht nur aus Strahlung bestand wie es von offenem Feuer und Sonnenlicht her zu vermuten war.
Canopus führte über jeden seiner Versuche und dessen Ergebnisse Tagebuch, um später auf diesem Wissen aufbauend zu arbeiten oder es für den Fall einer Veröffentlichung bereitzuhalten.
Am Vorabend der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche gab sich Canopus einen Ruck und zog seine Frau ins Vertrauen. Denn für ein letztes entscheidendes Experiment brauchte er eine zweite lebende Person in seinem Laboratorium. Denn er wollte wissen, wie weit genau die Wirkung des Schattens des Neumondes reichte. Bei Berührung von toten Dingen wurden diese ebenso unsichtbar wie er, solange er sie unmittelbar am Körper trug oder festhielt. Das galt auch für brennende Öllampen oder Fackeln. Was würde sein, wenn er mit einem lebenden Wesen Körperkontakt bekam. Wurde er dann wieder sichtbar, wie es bei der nur mit dem Zauberstab ausgeführten Form von Umbra Novae Lunae geschah, blieb er weiterhin unsichtbar oder wurde gar die weitere Person, die ihn berührte ebenfalls unsichtbar oder etwas zwischen vollständig sichtbar bis geisterhaft durchsichtig? Das musste und das wollte er noch genau wissen, bevor er sich überlegte, was er mit seiner Errungenschaft anstellen sollte.
Es war schon dunkel, als Canopus und seine Frau das Laboratorium betraten. „Ich bin absolut sicher, dass weder dir noch mir ein Leid widerfährt, Birte. Ich möchte nur wissen, ob dieser Umhang von mir stärker ist als der einfache Verhüllungszauber des Mondes“, sagte Canopus und holte den Umhang aus dem gesicherten Schrank hervor. Birte blickte mit ihren bei Tag heidelbeerfarbenen Augen auf den nachtschwarzen Umhang, der wie aus reiner Nachtdunkelheit gewebt wirkte. Nur die vier Schließen glitzerten silbern im hereinfallenden Mondlicht. „Und den hast du von Bombyx Güldenhand schneidern lassen? Dann hat der garantiert auch die Muster für Beständigkeit und Dauerhaftigkeit eingewebt“, sagte Birte, nachdem sie den Umhang behutsam mit ihren Händen überstrichen hatte. „Aus welchen Materialien ist der Umhang genau, falls ich das wissen darf?“ wollte sie noch wissen.
„Bei Neumond geschorene Wolle von Mondwechselschafen, Lunovis polychromatus, der Haut afrikanischer Tebos, Sus varivisibilis africana und den gesponnenen Haaren eines Schwindeaffens Pongulus argenticapillis. Letzte beiden Bestandteile waren sehr schwer zu bekommen.“
„O ja, wohl wahr“, erwiderte Birte mit einer Mischung aus Verdrossenheit und Faszination. Denn ihr war gerade klar geworden, dass sie da was angefasst hatte, dass ein Viertel ihres Körpergewichtes in Gold kosten mochte. Weil Canopus das erkannte sagte er schnell: „Das habe ich nicht aus unserem Haushaltsverlies bezahlt, sondern aus jenem, dass Großvater Eridanus für Onkel Antares und mich befüllt hat, als der wusste, dass wir uns in kostspieligen Forschungen verlieren mochten.“
„Ja, vor allem ein paar sehr zweifelhafte afrikanische Gesellen, die magische Tiere erlegen“, erwiderte Birte. Dann deutete sie auf den Umhang und sagte: „Aber nun ist dieses Ding in der Welt, wie viele Tiere dafür auch haben sterben müssen. Also machen wir den Versuch, von dem du gesprochen hast und überlegen danach, was genau du damit anfangen magst.“
Canopus verzichtete auf eine gesprochene Antwort. Er zog sich den Umhang über und schloss drei der vier schließen. „Dann kündigte er an: „Achtung, ich verschließe nun die letzte Schließe. Dann werde ich für deine Augen verschwinden. Bekomm bitte keinen Schreck, wenn dich auf einmal eine Hand aus dem Unsichtbaren anfasst!“
„Wenn du mich nicht an besonders kitzligen Stellen anfasst“, erwiderte Birte Hertzsprung. Canopus nickte und schloss den Umhang vollständig.
Für Birte verschwand er unvermittelt. Sie hörte ihn nicht einmal mehr atmen. Erst als sie fragte, ob er noch im Raum war hörte sie ihn stöhnen: „Ui, wie laut. Kommt dem Schrei der Alraune nahe.“
„Scherzbold. Den kann nur beschreiben, wer ihn ohne Ohrenschützer hört. Und wer dies tut stirbt innerhalb weniger Augenblicke“, wisperte Birte. Canopus erkannte, dass er einer Kräuterhexe nichts von Alraunenschreien erzählen musste. Statt dessen streckte er seine rechte Hand nach ihr aus und berührte sie am linken Arm.
Ein kurzes Beben begleitet von einem Kälteschauer durchjagte beide. Dann sah Canopus, dass er seine Frau auch nicht mehr sah. Er fühlte jedoch, dass sie noch genau dort stand, wo er sie berührte. Dann zuckte sie von ihm zurück. Die Luft flimmerte, er fühlte ein Beben durch seinen Körper gehen und konnte sie wieder sehen. „Wie erschreckend. Auf einmal war alles heller und lauter hier, aber sehen konnte ich weder dich noch mich. Soll das die gewünschte Wirkung sein?“
„Das ist echt überwältigend“, sprach der unsichtbare Canopus. Dann klickte es metallisch und er stand wieder sichtbar vor seiner Frau. „Der Verhüllungszauber stärkt bei zunehmender Dunkelheit das Gehör auf den vierfachen Wert, ebenso die Lichtempfindlichkeit der Augen. Bei Tageslicht ist alles wie üblich, eben nur dass der Anwender unsichtbar und von den meisten Aufspürzaubern unauffindbar ist, so wie die erdabgewandte Seite des Mondes nicht enthüllt werden kann.“
„Und bei vollkommener Dunkelheit?“ fragte Birte nun mit der Neugier einer Forscherin. „Ich habe das mal ausprobiert, den Lichteinfallschacht zuzumachen. Da konnte ich alle Stellen, wo ich vorher mit den Händen angefasst habe als mittelrot leuchtende Abdrücke sehen und wegen der im Raum wirkenden Eigenwärme der Luft alles wie bei Ende der Abenddämmerung erkennen. Es stimmt also, dass dieser Zauber auch unsichtbare Wärmestrahlen sichtbar macht, wenn kein anderes Licht verfügbar ist. Infravision nannte Klaas Glasbrenner diesen Effekt. Er arbeitet an einem Zauber, der dem Strigoculus-Zauber verwandt ist und das Sehen von Wärmelicht ermöglichen soll.“
„Ich will gerne noch einen Versuch machen, Canopus. Nimm mich bei der Hand und verschließe den Umhang dann noch einmal!“
Canopus befolgte diese Aufforderung, weil er all zu gerne selbst wissen wollte, was dann passierte. Wieder durchfuhr ein leichtes Beben und ein Kälteschauer beide Körper. Doch es war diesmal nicht so heftig wie beim ersten mal. Auf jeden Fall wurden beide wieder unsichtbar, und die Welt um sie herum wurde schlagartig heller und lauter. So gingen sie beide behutsam durch das Laboratorium, wobei sie die freien Hände vorstreckten, um nicht mit Köpfen oder Knien an harte Werkbänke oder Gestelle zu stoßen. Nach ungefähr zwei Minuten öffnete Canopus die oberste Schließe. Beide wurden wieder sichtbar. „Was geschieht, wenn wir die Verbindung vor dem Schließen herstellen und dann einander loslassen?“ fragte Birte. Um das zu beantworten fassten sie sich beide noch einmal bei den Händen. Cannopus schloss den Umhang und ließ seine Frau los. Diese keuchte einen Moment lang auf. Dann erschien sie aus einem silbernen Flackern heraus. „Uhui, das war, als wenn mir wer die halbe Menge Blut aus dem Leib gesogen und gegen Bergquellwasser ausgetauscht hat. Brrr!“ bemerkte Birte zu dem, was ihr widerfahren war. Canopus ergriff noch einmal ihre Hand. Sogleich wurde sie wieder unsichtbar. „Jetzt genau anders herum, erst die Eiseskälte und dann das Gefühl, als pumpe mir wer zusätzliches Blut in die Adern“, bemerkte Birte laut zischend, was hieß, dass sie flüsterte, um ihre eigenen Ohren zu schonen.
„Das heißt, die Verbindung kann jederzeit geschlossen und getrennt werden, funktioniert jedoch nur zwischen lebenden Wesen“, sagte Canopus. Dann probierte er noch was aus. Er zog sich bei geöffnetem Umhang Drachenhauthandschuhe mit Antifluchbeschichtung über, schloss den Umhang und ergriff unsichtbar die Hand seiner Frau. Für einen winzigen Moment meinte er, in heißes Wasser hineinzufassen. Dann fühlten beide ein Beben und dann konnte er sie wie einen leicht silbern flimmernden Geist sehen. Zugleich fühlte er, wie etwas ihm Kraft aus dem Körper saugte. Sofort ließ er los. „Das war, als stünde ich in einem brodelnden Kessel auf einer heißen Herdplatte“, stieß Birte aus. „Das machen wir besser nicht noch einmal.“
„Ich hatte den Eindruck, als wenn jemand mir die Kraft durch Hände und Füße aus dem Körper sauge. Das hängt wohl mit der Verbindung zwischen Erde und Mond zusammen. Jedenfalls schirmt der Handschuh den Effekt nicht vollständig ab, sondern verfremdet ihn nur. Gut zu wissen, dass ich im vollständigen Tarnzustand nur die Leute berühren darf, mit denen ich auch zusammen unsichtbar werden will.“
„Ja, doch ist es nicht so, dass der Verhüllungszauber nur die Person tarnt, die ihn anwendet oder von einem außenstehenden auferlegt bekommt?“ wollte Birte wissen.
„Ja, in der geläufigen Version schon“, bestätigte Canopus mit einem gewissen triumphalen Unterton. „Dann hast du da was erfunden, was mehrere Leute zugleich unsichtbar macht, solange sie sich an den Händen halten. Ob ich das echt beruhigend finden soll weiß ich nicht. Öhm, Mach dich bitte wieder sichtbar! Ich rede nicht gerne wie in einen leeren Raum.“
Canopus wurde wieder sichtbar. „Canopus, bei all deiner Freude über das, was du da erschaffen hast und allem Respekt für deine Arbeit, aber das Ding solltest du besser keinem anderen zeigen oder ausleihen. Wer den Umhang trägt könnte den größten Unsinn anstellen, von einfachen Diebstählen bis zum mehrfachen Mord. Gut, Tarnumhänge gibt es ja schon seit Jahrhunderten. Aber die sind so selten und können mit bestimmten Aufspürzaubern wie Homenum Revelio überwunden werden. Dein Zauberumhang da macht ja nicht nur unsichtbar, sondern unauffindbar und kann, wenn ich das richtig verstanden habe, auch aus geschmiedetem oder gegossenem Metall bestehende Geschosse abwehren wie eine mehr als zehn Finger dicke Plattenrüstung. Das ist ein fast vollkommenes Hilfsmittel für gedungene Meuchelmörder. Ich kann und will dir nicht vorschlagen, den Umhang wieder zu vernichten, zumal er ja doch eine Menge Geld gekostet hat. Aber schließ den bitte wieder in deinem unzerstörbaren Schrank ein und lass ihn da, sofern du keinen eindeutig menschenfreundlichen Grund hast, ihn anzuziehen!“
„Gut, ich habe ja auch auf deine Meinung gehofft, Birte“, sagte Canopus und öffnete die drei restlichen Schließen, um den Umhang abzustreifen. „Ja, vernichten will ich ihn nicht. Es mag Gründe geben, wann ich ihn tragen werde. Doch ich erkenne deine Sorgen an, dass damit auch eine Menge Schaden angerichtet werden kann, wie ja leider alle nicht gleich als Waffe ausgelegten Erfindungen missbraucht werden können. Auch um mir darüber Klarheit zu verschaffen wollte ich diese Versuche mit dir machen, um nicht vor lauter Erfolgsglückseligkeit zur Redaktion vom „goldenen Kessel“ oder von „Zauberkunst heute“ oder „zeitgenössische Sternenzauber“ zu laufen. Abgesehen davon, dass die Herstellungskosten für so einen Umhang sehr hoch sind müssten für die Nachfolgemodelle unzählige Schwindeaffen und Tebos erlegt werden. Ich packe ihn wieder in den Schrank zurück und schließ ihn darin ein“, sagte Canopus Hertzsprung. Seine Frau Birte nickte sehr entschlossen.
Als Canopus den Umhang in den Schrank legte verstaute er auch das Notizbuch mit den Einträgen über die Versuche damit im Schrank. Er würde später noch eintragen, wie der Verhüllungseffekt auf berührte Lebewesen übergriff und nur solange bestand, wie die Berührung bestand.
„Und ich dachte schon, wir Kräuterkundler würden haarsträubende Züchtungen hervorbringen“, sagte Birte, als sich die Schranktür schloss. Canopus erwiderte: „Es mag sein, dass es irgendwann erforderlich ist, unerkennbar durch große Städte zu laufen und womöglich gegen feindselige Wesen zu kämpfen. Dafür behalte ich den Umhang.“
„Ja, aber bitte kein Wort davon zu Timon. Der ist beim Nachttrupp des Bundes süddeutscher Hexen und Zauberer und denen per Eid zu allen Auskünften verpflichtet, die er erteilen kann“, sagte Birte. Canopus bestätigte das. Dann verließen beide das Laboratorium.
Es dauerte noch einige Zeit, bis beide von den überwältigenden Versuchen aufgebrachten Eheleute wieder ruhig genug waren, dass sie einschlafen konnten. Kurz davor dachte Canopus daran, dass er noch vor dem Gespräch mit den Schulräten von Burg Greifennest beschließen würde, zu welchen Bedingungen er seinen Mondkraftumhang gebrauchen mochte und vor allem, wer außer Birte davon erfahren durfte und wer nicht.
Die Versuche mit dem Umhang hatten beide davon abgebracht, wie üblich den astronomischen Frühlingsbeginn mit einem weiteren wilden Beilager zu begrüßen. Doch morgen war ja auch eine Nacht.
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09.01.2008
Anthelia/Naaneavargia fuhr wie ein Erdgeist, der leibhaftige Teufel oder einfach nur wie ein Kobold aus dem sandigen Boden empor. Sie wollte jedoch nicht all zu nahe an jenem Ort sein, an dem sie ihre nächste Untersuchung durchführen wollte. Daher war sie knapp 100 Kilometer vom bezeichneten Punkt entfernt der Erde entstiegen. Den Rest wollte sie wieder auf dem Besen zurücklegen.
Es war eine kühle, sternenklare Nacht. Die Sterne schienen so tief über ihr zu hängen, dass sie meinte, sie pflücken zu können. Ihr Flug über den mal sandigen, mal felsigen Boden gefiel ihr. Bei Nacht war eine Wüste richtig annehmbar. Sie blieb dabei hundert Meter über dem Boden, bereit, ihren Erderkundungszauber einzusetzen.
Als sie nur noch dreihundert Meter von der Stelle entfernt war, an der sie ihre Suche beginnen wollte fing sie fremde Gedanken auf. Es waren keine rein instinkthaften Gedanken von hier lebenden Tieren. Da unten waren Menschen. Als sie noch ein wenig näher an die Quellen dieser Gedanken herankam erfasste sie auch die Sprache der Fremden. Es war das in Ägypten gebräuchliche Arabisch, das sie selbst erlernt hatte. Daher verstand sie jedes Wort. Es waren drei Schatzjäger, Leute, die für sich oder andere vergrabene oder versteckte Wert- oder Kultgegenstände suchten und sie heimlich außer Landes schafften, ohne dass das betreffende Land oder gar die regulären Archäologen was davon mitbekamen oder davon profitierten. Wehe die wussten was vom Grab des Turmkriegers Felsenbrecher. Gut, Zauberer waren das keine. Doch die Waffe des Turmkriegers ausbuddeln sollten sie nicht.
Wie ein unsichtbarer Geier kreiste die oberste Spinnenhexe über den drei Männern und belauschte deren Unterhaltung und auch, was sie nicht laut aussprachen. So erfuhr sie, dass die drei auf dem Weg in den Sudan waren, wo sie angeblich oder wahrhaftig einen Goldreif eines Amazonenstammes finden wollten. Was sie jetzt um diese Zeit hier wollten war einfach nur ihr Zelt aufbauen und schlafen. Das hieß jedoch für Anthelia, dass sie ihren Erkundungszauber nicht wirken durfte, solange diese Grabräuber hier herumschlichen. Sie entdeckte deren Fahrzeug, eine dieser Geländewagen, dafür gemacht, weitab von allen Straßen zu fahren. Sie erinnerte sich an die Erinnerungsübertragungen von Ben Calder und später Cecil Wellington, weshalb sie wusste, was diese großen kraftwagen konnten.
Die drei trauten der Gegend wohl nicht. Denn sie teilten Wachen ein. Jeder hatte schussbereite Pistolen, Kampfdolche und sogar ein schallgedämpftes Gewehr mit schneller Feuerrate vom Typ Kalaschnikow. Für jeden gewöhnlichen Menschen waren diese Männer lebensgefährlich. Für Anthelia wären sie allenthalben willkommene Bettgenossen. Doch als sie per Exosenso-Zauber einmal durch die Augen eines von denen sah kühlte ihre sonst leicht erhitzbare Leidenschaft schlagartig wieder ab. Nein, sie hatte einen Ruf, nnämlich nur intelligente, anziehend aussehende oder wichtige Geschlechtspartner an sich heranzulassen. Wollte sie jetzt echt warten, bis die drei wieder verschwanden? Nein, das war nicht nötig. Sie näherte sich dem Zelt und begann Sardonias Schlaflied zu singen. Der Wachhabende fuhr herum, wollte die Kalaschnikow auf die unsichtbare Sängerin richten und sackte dann zu boden. Anthelia sang mit ihrer warmen Altstimme weiter. Dann hörte sie, dass alle drei tief schliefen.
Sie brauchte nur einen Erkundungszauber in die Tiefe zu schicken und wusste, das auch hier ein alter Turmkrieger begraben war. also konnte sie im Grunde davon ausgehen, dass die Angaben auf der Karte stimmten. Vier von einstmals zehn Orten stimmten. Doch was machte sie mit den drei Schatzsuchern? Sie gab ihnen nur die Erinnerungen ein, dass sie ihre Wacheinteilung ordentlich durchgehalten hatten und nichts geschehen war, kein Gesang, kein tiefer Schlaf.
Als sie das erledigt hatte zog sie sich wieder zurück. Sie lud sich weit genug von dem Grab des Titanen mit neuer Ausdauer auf und flog zu einer Stelle, wo sie wieder im Erdboden verschwinden konnte. Die drei Grabräuber konnten morgen früh weiterziehen. Die wollten nichts vom vergrabenen Turmkrieger.
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25.03.1887
Canopus Hertzsprung hatte mit seiner Frau und mit ihrer Freundin Lisel Kesselgrund durchgespielt, welche Fragen ihm die Schulräte von Greifennest stellen mochten. Als er dann vor Gräfin Ophelia III. und den zwölf Schulräten im Turmzimmer von Burg Greifennest saß musste er sich sehr anstrengen, keine Nervosität aufkommen zu lassen.
Das Gespräch verlief in einer sehr ruhigen, sachlichen Stimmung. Die Gräfin, die in 21 Jahren ihr Amt an ihre Tochter Aurora XII. übergeben würde hielt sich zunächst zurück. Es ging um die bisherigen Errungenschaften des relativ jungen Astronomie- und Thaumaturgiefachzauberers. Immerhin wurden alle seine Zertifikate als rechtmäßig erworben anerkannt und ihm so die Rechtfertigung zuerkannt, sich auf ein freiwerdendes Lehramt zu bewerben. Antares Goldregen hatte bereits bekräftigt, dem Ruf der CSS nach Rom zu folgen, sofern es der Schulleitung möglich wurde, seine Stelle mit einem qualifizierten Nachfolgerr zu besetzen.
„Sie haben mitgeholfen, Bekleidungen herzustellen, die mit dauerhaft wirksamen Schutz- und Fortbewegungszaubern aus der Astralmagie belegt wurden. Bringt Ihnen diese Tätigkeit nicht genug ein, dass Sie nun auf eine Anstellung als Magister für Sternenkunde und / oder praktizierte Zauberkunst ausgehen?“ wollte Hauke Wellenkamms Mutter Hulda wissen, deren jüngste Tochter in diesem Jahr die Abschlussprüfungen der Ultimanerstufe ablegen würde.
„Magister Goldregen, der im Augenblick das Fach Astronomie lehrt, erhielt die Berufung in den hohen Rat der Congregatio Secretorum Siderum in Rom. Da ich ihm sehr viel zu verdanken habe möchte ich ihm gerne helfen, diesem Ruf zu folgen und zugleich von dem Wissen, was er mir ermöglicht hat, an die nächsten Generationen weiterzugeben. Die bisherigen Vorhaben wurden zu meiner vollsten Zufriedenheit abgeschlossen und bringen mir wahrhaftig ausreichend genug ein. Doch meine Gattin und ich planen eine Familie zu gründen. Da ist jeder sicher verdiente Bronzeheller willkommen“, erwiderte Canopus ruhig.
Nach den Fragen der Schulräte fragte die Gräfin selbst, für wie lange er das Lehramt für Astronomie übernehmen würde. Da er wusste, dass sich ein Lehrer oder eine Lehrerin für mindestens ein Jahr fest verpflichten musste sagte er unverzüglich: „Mindestens die nächsten zehn Jahre, sofern meine dienste der Schulleitung und den Schulräten behagen. Da ich selbst in der CSS sowie bei den Amici Stellarum Mitglied bin darf ich nicht ausschließen, dass die CSS auch mich in die Wahl für eine akademische Anstellung in der Zentralstelle gewinnen möchte. Doch ich bin sicher, dass dies nicht in den nächsten zehn Jahren geschieht, zumal ich dafür erst einmal die dafür nötigen sieben mal sieben Lebensjahre vollendet haben muss.“
„Das nur, um die nötige Planungssicherheit zu haben, dass wir keinen neuen Lehrer anstellen, der bereits nach nur einem Jahr den Dienst quittieren möchte, weil ihm die Arbeit mit pubertätsbedingt aufgewühlten bis aufsässigen Knaben und Mädchen missfällt. ich empfehle daher auch, dass Sie vor der Unterzeichnung eines Dienstanstellungsvertrages mit mir mindestens „Die Wallungen des Wachstums“ von Professor Melanchton Binsenfeld lesen, um sich geistig und seelisch darauf einzustimmen, was Ihnen bevorsteht und am besten noch „Standpunkte und Streitigkeiten – Konflikte und ihre gewaltlose Lösung“ von Professor Dr. Nikolaus Weidenstock, um die Grundlagen der Auseinandersetzungen zwischen Erziehungsbeauftragtem und Zögling zu verinnerlichen, wenngleich die eigene Erfahrung lehrt, dass die Praxis die Todfeindin aller Theorien ist. Doch es hat sich zumindest erwiesen, dass was die Erteilung von Unterricht und die Vorbringung von Argumenten betrifft die Formulierungsleitfäden von Weidenstock sehr hilfreich sind. Trauen Sie sich zu, die beiden Buchempfehlungen bis zum ersten Juni 1887 zu lesen, oder haben Sie noch private Forschungsprojekte, die sie bis dahin vollenden müssen?“ fragte die Gräfin, deren kirschrotes Haar im Schein der brennenden Lampen rotgolden flimmerte.
„Wenn Sie anmerken, dass es für eine Lehrperson nvorteilhaft bis nötig ist, diese Leitfäden zu kennen werde ich sie selbstverständlich lesen und hoffentlich weit genug verstehen, um zu erkennen, wann und wie sie mir bei der Unterrichtserteilung oder der Bewältigung von Auseinandersetzungen hilfreich sein können, Gräfin Greifennest.“ Die zwölf Schulräte sahen erst ihn und dann einander überrascht an. Mit dieser so kühlen Antwort hatten sie jetzt nicht gerechnet. Dann sagte Gräfin Greifennest: „Gut, dann vermerken wir Sie, Herr Hertzsprung, als in engere Auswahl gezogenen Kandidaten für die Nachfolge von Magister Goldregen ab dem Zeitraum des Schuljahres 1887-1888. Sie erhalten von meiner Amtsstelle eine formelle Antwort, ob die Auswahl zur festen Anstellung führt und wann ich Sie diesbezüglich zur Abzeichnung des nötigen Dienstanstellungsvertrages bitten werde. Ich bedanke mich für Ihre Zeit und Ihre sehr sachdienlichen und interessanten Ausführungen. Sie dürfen nun gehen.“
„Ich bedanke mich ebenfalls für Ihre Aufmerksamkeit und erwarte in der nötigen Geduld Ihre Antwort, wie immer diese Ausfallen mag“, sagte Canopus Hertzsprung. Dann verließ er die Burg Greifennest, wo zu dieser frühen Stunde der Unterricht im vollen Gange war. So bekam von den Schülerinnenund Schülern keiner mit, wie die Gräfin ihn durch die Tür im Erzenklangturm in das Treppenhaus führte, durch das es zur Plattform hinunter ging, über der ein Reisetor aufgerufen werden konnte, das direkt mit der Ankunftshalle im Gemeindehaus von Greifenberg verbunden war. Als Canopus durch dieses Tor die Burg verließ dachte er, dass sie ihm quasi schon die Stelle gegeben hatten. Denn keiner aus dem Schulrat hatte gegen seine Bewerbung protestiert. Gut, das konnten sie in seiner Abwesenheit immer noch tun. Doch so wie die Gräfin ihm die beiden Erziehungsratgeber anempfohlen hatte war das schon eine verbindliche Aufforderung, sich für die neue Anstellung bereitzumachen.
Wieder in seinem eigenen Haus berichtete er seiner Frau Birte, wie das Gespräch verlaufen war. „Dein Onkel Antares wird denen allen den glühenden Zauberstab an die Brust gesetzt haben, dass sie dich bloß nehmen sollen, falls sie nächstes Jahr einen Astronomielehrer haben wollen“, sagte Birte.
„Hat unsere Hausheilerin Merilla Heckenwurz nicht auch erwähnt, dass die amtierende Direktrix von Greifennest die Heilerin Arnica Kleegrün empfohlen hat, als sie sich auf die sechsunddreißig Jahre im Schulleiterturm vorbereitete?“
„wir haben sie ja noch als Schulheilerin kennenlernen dürfen, als ihr Vater Alarich die Burg geführt hat. Die hat schon damals gewusst, was sie wollte und wen sie wollte. Gut, ohne ihre Empfehlung hätte ich nicht diesen guten Einstieg in die Scola artium herbologicarum bekommen. Die hätte mich auch am liebsten in die Heilerzunft hineingetrieben. Aber weil dort nur lernenund arbeiten soll, wer mit Verstand und Herz dabei sein will wurde es eben wer anderes. Die wird froh sein, wenn sie ihrer Tochter Aurora den Bund mit den goldenen Schlüsseln in die Hand drücken darf und sich dann wieder voll der Heilkunde zuwenden darf. Nur werden sie sie da gleich zur Stuhlmeisterin berufen. Das weiß sie auch, und deshalb gilt für sie dasselbe wie für dich, die nötigen Leitfäden und Gesetze zu studieren. Aber mit der Aussage, dass die Praxis die Todfeindin aller Theorien ist hat sie leider recht. Zwischen Lernen, Wissen und erfahren liegen manchmal Welten für sich“, sagte Birte. Dann kam sie auf ein viel privateres Thema: „Falls wir es beim Frühlingsanfang wieder nicht geschafft haben sollten bleibt uns ja nur noch die Walpurgisnacht und die Sommersonnenwende. Mein Geburtstag am 21. September ist ja dann mitten in einer Schulwoche.“
„Hat die Heckenwurzlerin nichts gesagt, woran das liegen könnte?“ fragte Canopus Hertzsprung. „Sie hat angeboten, deine Saat und meine Eizellen zu untersuchen. Von meinen inneren Geschlechtsorganen her ist alles in Ordnung. Es kann auch daran liegen, dass mein Körper deine Saat vollständig abtötet, bevor sie ein reifes Ei befruchten kann. Aber bisher meint sie, läge es wohl doch eher an den Zeiträumen, wann wir zusammenliegen.“
„Das klären wir nach Ostern“, sagte Canopus verbindlich. Birte war einverstanden.
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05.04.1887
Weil bei Canopus‘ Frau die Monatsblutung einsetzte war klar, dass es auch diesmal nicht mit der Zeugung eines Kindes geklappt hatte. Daher ließen sich beide von der nahe bei wohnhaften Heilerin und Hebamme Merilla Heckenwurz untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass Birtes Befürchtung stimmte. Ihr Körper bekämpfte die von ihm ausgestoßenen Samenzellen gleich so gründlich, dass sie nicht bis zu einem fruchtbaren Ei gelangten. Dann hatte die Heilerin die Idee geäußert, zum Höhepunkt des Frühlings im Mai den von Onkel Antares geschenkten Vitalis-Smaragd unter das Bett zu legen und in ddessen belebendem Licht das eheliche Beilager zu vollziehen. Merilla Heckenwurz wies jedoch darauf hin, dass dabei auch gleich zwei oder drei Kinder auf einmal gezeugt werden mochten. Da sie als Hebamme eine klare und vor dem Heilertribunal beständige Aussage erbat ließ sie beide unterschreiben, dass sie eine von ihr ausgesprochene Empfehlung zur sicheren Kindeszeugung befolgen wollten, aber auch darüber unterrichtet worden seien, dass dabei mehr als ein Kind zur Zeit entstehen könnte. „Jedenfalls kann, sollte euer Vorhaben gelingen, die Geburt eines Kindes mit der Dehnbarkeitslotion und dem Vitalis-Smaragd erheblich erleichtert werden, Birte.“ Canopus‘ Frau beruhigte diese Auskunft. Vielleicht, so dachte Canopus, sperrte sich ihr Körper auch nur deshalb gegen eine Empfängnis, weil sie innerlich Angst vor allem hatte, was danach passierte.
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30.04.1887
Einen ganzen Mondkreislauf hatten sie ihn in dichten Wäldern ausgelegt, damit er die von den wachsenden, sprießenden und in Blüte kommenden Pflanzen ausstrahlende Lebenskraft in sich aufnehmen konnte. Sonnenlicht und Luft hatten ihn umflossen und ihm die hohe Kraft alles neuen und alles lebendigen einngeflößt, bis er im langsamen Gleichmaß der frische Luft ausatmenden Bäume, Sträucher, Gräser und Kräuter wirkenden grünen Kraft aus sich heraus im satten Grün leuchtete und in der Nacht als Wegweiser für jene diente, die seine eingesammelte Kraft nutzen wollten.
Jetzt lag er auf dem Boden unter einem breiten Bett mit himmelblauen Vorhängen und blauem Betthimmel und glühte nicht. Denn dazu musste er erst wieder angeregt werden.
An vor Nichtmagiern verborgenen oder unzugänglich gehaltenen Orten, nicht jenen, die bereits zu berühmt dafür waren, entflammten gerade die großen Feuer. Hexen und ihre Auserwählten Zauberer ritten auf fliegenden Besen um das Feuer herum, überflogen es und schrien ihre Lebensfreude in die letzte Nacht des Aprils hinein, um den Blütenmonat Mai, der auch als Wonnemonat bezeichnet wurde, angemessen zu begrüßen. Dort, wo ausschließlich erwachsene Hexen und Zauberer feierten kam es dann auch zu hemmungslosen Liebesakten. Nicht selten entstanden in jener wilden Wonnenacht neue magische Erdenkinder. Sie wurden als Walpurgisnachttänzerinnen oder -tänzer bezeichnet, weil ihre Entstehung ein ganz naher Tanz ihrer Eltern war.
In dieser Wonnenacht wollten Birte Hertzsprung und ihr auserwählter Zauberer Canopus die Kraft des neuen Lebens in sich vereinen und endlich den lange erhofften Nachkommen auf den Weg in die Welt rufen. Hatten sie früher die alte Kindergeschichte vom Regenbogenvogel erwähnt, wenn sie ihr eheliches Beilager meinten, so hofften sie nun auf die Kraft des frischen Grüns, die unter ihrem Bett darauf wartete, freigesetzt zu werden.
Das Bett begann zu wippen. Holz und Federung knarrten und quietschten im erst langsamen Rhythmus. Der achtflächige Körper wurde von den Schwingungen der Leidenschaft angeregt. Das in ihm gebündelte Leben erwachte. Mit der steigenden Erregung jener, die über ihm in immer noch lodernder Lust leibliche Liebe erlebten bahnte sich die Kraft der grünenden Pflanzen ihren Weg. Der Achtflächler begann leise im Rhythmus der über ihm keuchenden und stöhnenden zu glühen, bis er gleichmäßig immer heller erstrahlte, ein smaragdgrün leuchtendes Licht, dessen Rauminhalt immer größer wurde. Das grüne Licht ergoss sich in die umgebende Luft. Es durchdrang den immer heftiger durchschaukelnden Lattenrost und die darauf liegende Matratze. Es durchdrang die sich in wilden Bewegungen ergehenden Körper, die die allernächste Nähe erreicht hatten und sie auf Grund gemeinsamer Erfahrung erhielten, unabhängig davon, wer zu oberst und zu unterst lag. Die Körper der sich liebenden Eheleute wurden von der Kraft des neuen Lebens bestärkt und getrieben, sodass sie nicht erschöpften. Das smaragdgrüne Licht strahlte weiterhin mit gleichbleibender Helligkeit.
Als dann er und dann sie den Höhepunkt der Lust erreichte verstärkte sich das grüne Licht für wenige Atemzüge noch einmal, um dann wieder auf jene bestärkende Helligkeit zurückzufallen, die ausreichte, die beiden mit neuer Ausdauer zu erfüllen. So erschlaffte weder er noch erschöpfte sich sie. Deshalb erfolgte eine zweite, dritte und sogar vierte Woge wilder Wonne, bevor die beiden endlich genug voneinander hatten und von der grünen Kraft aus dem achtflächigen Vitalis-Smaragd erfüllt nebeneinander zu liegen kamen. Ihre Körper glühten vor Hitze. Haut und Haare waren schweißüberströmt. Doch sie beide fühlten eine Verbundenheit, die sie in all den zehn Jahren ihrer Ehe nicht füreinander empfunden hatten. Beide empfanden diese leidenschaftliche Vereinigung stärker als jene, mit der sie damals vor zehn Jahren in der Hochzeitsnacht einander angenommen und geliebt hatten.
Das grüne Licht, dass sie bis zum Ende des vierten Aktes erhellt und bestärkt hatte, glomm schwächer und schwächer, bis es auf die Ausdehnung des achtflächigen Smaragdes zusammenschrumpfte. Es pulsierte dann noch im gleichklang der zwei sich langsam beruhigenden Herzen über ihm. Dann erlosch es. Doch sein grüner Quellstein pulsierte weiter. Er hatte noch nicht alles Leben ausgestrahlt, das in ihn hineingeflossen war.
„Wir haben uns zu sehr auf einen bunten Vogel konzentriert, statt auf die wahre Lebensquelle“, keuchte Canopus Hertzsprung leise. „O ja, das haben wir wohl“, schnurrte Birte. Sie fühlte, wie ihr Schoß von den vier wilden Lakentänzen angestrengt pulsierte. Eigentlich wäre sie erst in zwei Tagen in ihrem fruchtbaren Zustand angelangt. Doch weil sie die Walpurgisnacht immer für das allernächste Zusammensein genutzt hatten wollte sie, eine Hexe, die Kraft des selten erschaffenen Vitalis-Smaragden ausnutzen. Sie wollte wissen, ob ihre Schulfreundin und Vertrauensheilerin Merilla Heckenwurz recht hatte. Falls ja, dann konnte diese in ihrem eigenen Heilertagebuch vermerken, dass die Geschichten um den Vitalis-Smaragden stimmten.
Sie atmeten beide die immer noch anregend frische Luft ein und wieder aus. Die wohlige Anstrengung wich einer immer stärkeren Müdigkeit. Fast übergangslos glitten sie beide in einen langen, wohltuenden Schlaf hinüber. Der grüne Achtflächler unter dem Bett bewachte diesen Schlaf.
Während anderswo in dieser Nacht dort, wo ausschließlich erwachsene Hexen und Zauberer miteinander die Hexennacht feierten ebenfalls wilde, durch Zaubertränke und jugendliche Leidenschaft angefachte Liebesakte stattfanden schlummerten die Hertzsprungs dem Morgen des ersten Mais entgegen. Ob sie nun den lang ersehnten Nachwuchs gezeugt hatten war ihnen in diesem Moment erst einmal egal.
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30.06.1887
Antares Goldregen hatte zum Anlass dieses feierlichen Aktes seinen rubinroten Festumhang und den orangeroten Zaubererhut angezogen. Um genau zwei Uhr Nachmittags, als der mächtige Hammer auf den glockenförmigen Helm des Erzenklangturms niedersauste und zwölf kräftige Schläge die Erzenklangstunde verkündeten trafen sich alle Schülerinnen und Schüler, sowie die Mitglieder des Lehrkörpers auf dem Innenhof des achteckigen Hauptgebäudes um den achteckigen Brunnen in der Mitte. Ophelia Gräfin Greifennest trug statt des üblichen königsblauen Umhangs ein smaragdgrünes Rüschenkleid mit sonnengelben Spitzen an Saum, Ärmeln und Kragen und hatte sich einen blütenweißen, nicht all zu hohen Spitzhut auf den kirschroten Haarschopf gesetzt. Antares blickte sich um und sah den noch relativ jungen Zauberer, der im mitternachtsblauen Festumhang mit Stehkragen und einem nachtschwarzen Spitzhut mit auf der Spitze reitendem Silberstern, der gerade auf das Podest mit allen hier versammelten Mitgliedern des Lehrkörpers hinaufstieg.
Als der zwölfte Schlag des Erzenklang-Hammers vollständig verklungen war erhob die Gräfin ihre Stimme und sagte: „Hochverehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Schülerinnen und Schüler. Ich habe heute um dieses außerordentliche Treffen aller unter freiem Himmel auf dem Hof der Gemeinschaft von Greifennest gebeten, weil ich Ihnen allen eine wichtige Ankündigung zu machen habe. Seit mehreren Monaten stand im Raume, dass unser über dreißig Jahre lang tätiger Magister für Astrononie und höhere Zauberkunst, Antares Goldregen, zum Ende dieses Schuljahres sein ehrenvoll und pflichtbewusst ausgeübtes Amt niederlegen wird, da er eine sehr hohe Auszeichnung von jenen erhielt, die sich wie er der Erforschung der Gestirne und ihrer Kräfte verschrieben haben. Sie trugen an ihn heran, einen Sitz in ihrem Hohen Rate zu übernehmen. Er konnte und wollte diesen Ruf nicht zurückweisen und bat mich darum, einen würdigen Nachfolger für ihn zu erwählen. Er schlug da selbst einen noch jungen Forscher der Himmel und der stofflichen Welt vor, den er für würdig und geeignet hält, sein Lehramt anzutreten und im besten Sinne und der ehrwürdigen Tradition unserer weithin gerühmten und geachteten Lehranstalt auszuüben. Wir, die Schulräte der Burg Greifennest und meine im Dienste der magischen Gelehrsamkeit stehende Person, prüften den Vorschlag und die damit erwähnte Person und erachteten sie als wahrlich geeignet, die Lehrtätigkeit unseres Magisters Goldregen fortzuführen. Sein Name lautet Canopus Hertzsprung.“ Die Gräfin machte nach dieser Verkündung eine rhetorische Pause. Tatsächlich raunten und tuschelten die versammelten Schülerinnen und Schüler hausübergreifend. Nicht wenige vor allem der Klassenstufen über Intermedianer kannten den Namen und die schriftlich vorhandenen Werke von Canopus Hertzsprung. Erst als wieder aufmerksames Schweigen einkehrte sprach die Gräfin weiter.
„Ich höre und sehe, dass vielen von Ihnen der Name und die bisherigen Verdienste des erwähnten und erwählten Nachfolgers von Magister Goldregen bereits vertraut sind. Ja, er ist es, der sich im beharrlichen Streben nach Vereinigung dessen, was die himmlischen Körper an Kräften aufbieten und den Gesetzmäßigkeiten der immer wandelbaren stofflichen Welt, bereiterklärt hat, seine Kenntnisse und Fähigkeiten in den Dienst Ihrer Ausbildung zu stellen. Canopus Hertzsprung, der als Schüler unserer Lehranstalt im Hause Taubenflug wohnen durfte, wird mit Beginn des Schuljahres 1887/1888 die Fächer Astronomie und Zauberkunst für die Klassen ab Postintermedianer erteilen. Er hat vor zwei Stunden, genau zum Flügelschlag der großen weißen Taube, den im Beisein der ältesten Schulräte, meiner Person und der Person meiner bereits vorgesehenen Nachfolgerin Aurora einen unbefristeten Dienstanstellungsvertrag unterzeichnet und wird mit Beginn des kommenden Schuljahres zum Vollmitglied unseres geachteten Lehrkörpers werden. Ich bin sehr erfreut, als Ihrer aller Schuldirektrix die bange Frage nach der Fortsetzung des Unterrichtes im Fache Astronomie geregelt zu haben. Für jene, die sich nach den Mittelprüfungen dazu entschließen, die Himmelskunde und höhere Zauberkunst zu den Fächern ihrer Hauptprüfung zu erwählen ergibt sich somit die Sicherheit, wer Ihnen die dazu nötigen Kenntnisse vermitteln wird. Ich nutze diesen Augenblick, mich in auch Ihrer aller Namen bei Magister Goldregen für die dreißig langen Jahre beflissener Arbeit zu bedanken, selbst wenn Astronomie nicht von jeder und jedem aus der Schülerschaft als wichtig genug angesehen wurde, dieses Fach bis zum finalen Examen zu belegen. Ich wünsche Ihnen, Kollege Goldregen, alles gute für Ihren weiteren Werdegang in den Reihen der Gesellschaft zur Erforschung der Geheimnisse der Himmelskörper. Mögen Ihre dort errungenen Verdienste weiterhin auch ein helles Licht auf Ihre Zeit in unserer geachteten Gemeinschaft von Greifennest werfen! Gratias ago, collega Goldregen! Gedankt sei Ihnen für Ihre ertragreiche Arbeit!“
Ob sie den neuen Lehrer wirklich ehrten oder nicht, alle Schülerinnen und Schüler und auch die künftigen Kollegen des Neuen klatschten laut und lange Beifall. Antares Goldregen nutzte die sich bietende Gelegenheit und gratulierte seinem Neffen und Nachfolger als erster. Dann folgte Ophelia Gräfin Greifennest. Ihr folgte dann ihre Tochter Aurora, zwölfte ihres Namens. Danach trat die mit ihren bereits siebzig Lebensjahren immer noch dunkelblonde Hedwig Säuselbach heran. Ja, und weil diese vor allen Augen dem Nachfolger von Antares Goldregen gratulierte, konnte ihre jüngere Schwester Hubertine nicht nachstehen. Während alle Schülerinnen und Schüler bereits darüber tuschelten, was sie von jenem neuen Lehrer zu erwarten haben mochten wisperte Hubertine: „Tja, dann haben Sie sich dafür entschieden, statt eigener Kinder die wilden Hexen und Zauberer aus anderen Familien erziehen zu wollen, Herr Hertzsprung. Hoffentlich werden Sie das nicht bald bereuen.“
„Das wurde mir schon von anderer Stelle gesagt, Magistra Säuselbach“, erwiderte Canopus Hertzsprung, wo sein Onkel und designierter Amtsvorgänger zuhörte. „Doch wie heißt es so schön: Wer wachsen kann kann in ein noch so übergroßes Kleidungsstück hineinwachsen. Wer nicht mehr wachsen will, dem wird alles irgendwann zu weit.“ Dem konnten die Zuhörenden nur beipflichten.
Als Canopus nach der schon feierlichen Verkündung durch das Reisetor im Erzenklangturm ins Gemeindehaus von Greifenberg überwechselte beglückwünschten ihn die dort wartenden Mitglieder der CSS, die sich freuten, dass er Antares Goldregens Amt übernehmen würde. Er begab sich in die Schenke Greifenkrug, wo er seine Frau Birte traf. Mit ihr genoss er ein leichtes Mittagessen. Danach reiste er mit ihr in sein Haus zurück. Dort war es an ihr, eine Ankündigung zu machen:
Canopus, ich darf dir, nachdem ich allen meinen Schulfreundinnen und meiner Mutter die freudige Mitteilung gemacht habe, verkünden, dass unser Tanz im Licht des Vitalis-Smaragden erfolgreich war. Merilla Heckenwurz hat die erfolgreiche Empfängnis festgestellt. Sie meint, es könnten zwei Kinder sein, will aber noch sicherheitshalber bis zum ersten August warten, um es genau festzulegen, ob es nur ein Kind oder mehrere sind. Das heißt, wir werden im nächsten Februar wen dazubekommen. Das Jahr 1888 wird also ein in jeder Hinsicht neues Jahr werden.“
Canopus umarmte seine Frau und freute sich mit ihr, dass es nach zehn Ehejahren doch noch was mit einem kleinen Hertzsprung werden würde. Im Augenblick war es auch egal, ob es nur ein Kind oder zwei sein würden, ob es ein Mädchen oder ein Bube sein würde. „Weiß es meine Mutter auch schon?“ fragte Canopus, nachdem seine Frau und er sich lange genug über die frohe Botschaft gefreut hatten. „Das darfst du ihr mitteilen, aber bitte, wenn ich dabei bin, damit ich ihr Gesicht sehen kann. Aber sage ihr bitte nichts von dem Vitalis-Smaragd. Am Ende will die sich den noch ausleihen, um sich noch einen Zauberer für weitere Kinder anzulachen.“
„Das fehlte noch“, grummelte Canopus. „Ich schließe den Smaragd besser zu dem Umhang in den gesicherten Schrank, damit beide sicher verwahrt bleiben“, sagte er noch. Seine Frau bestätigte das mit einem Nicken.
Noch am Abend dieses Tages erhielten sie Besuch von Regula, verwitwete Hertzsprung, geborene Goldregen. Canopus hatte sie eingeladen, weil er mit ihr und Birte sein neues Amt feiern wollte. Beim Abendessen verzichtete Birte auf jede Form von Alkohol. als dies Regula auffiel sah sie ihre Schwiegertochter erwartungsvoll an. Dann sagte Canopus: „Geliebte Mutter, ich darf dir mit ganzer Zustimmung meiner angetrauten Frau vermelden, dass du im Verlauf des kommenden Februars Oma werden wirst. Birtes Vertrauensheilerin hat bestätigt, dass sie wohl in der siebten oder achten Woche schwanger ist.“
„Wie, nachdem du dich dazu entschlossen hast, für Gräfin Ophelia und möglicherweise für ihre Nachfolgerin Aurora zu arbeiten habt ihr beiden es doch noch geschafft, ein Kind auf den Weg zu bringen? Das wird aber dann schwierig sein, dass du für es da bist um ihm als Vater den nötigen Halt und die Ausrichtung zu bieten, egal ob es ein Mädchen oder ein Bube werden wird“, erwiderte Regula Hertzsprung. Birte sah ihre Schwiegermutter verwundert an und schien zu überlegen, was sie darauf antworten sollte. Das übernahm Canopus.
„Zum einen sind Lehrer mit Ehepartnern oder gar Familien berechtigt, jedes Wochenende mit ihren Familienangehörigen zu verbringen, so die vertragliche Zusicherung, die ich mitunterschrieben habe. Zum anderen traust du meiner Frau hoffentlich zu, dass sie die Kraft und Entschlossenheit hat, während meiner Abwesenheit die von dir angemerkrte Ausrichtung und den Halt zu gewährleisten, dass dein Enkelkind oder deine Enkelkinder nicht ungeleitet durch die Welt stolpern müssen. Ich ging eigentlich davon aus, dass du dich mit uns freust, dass es doch noch möglich ist, dass unser Fleisch und Blut vermehrt wird. Früher hast du darauf gedrängt, dass wir endlich Nachwuchs hervorbringen. Was hat deine Ansicht darüber geändert?“
„Meine Ansicht hat sich dadurch geändert, dass ich davon ausging, dass ihr beiden eine gemeinsame Zeit mit dem Kind oder den Kindern verbringen könnt und dass ihr die viele freie Zeit, die ihr ja bisher hattet ausnutzen könnt, euer Wissen und eure Liebe weiterzugeben. Doch wenn du ab dem nächsten Schuljahr nur noch an den Wochenenden zu Hause sein kannst wird es für Birte anstrengend, für dich schwer abzuschätzen und für das Kleine, das gerade in Birtes Schoß heranwächst schwierig. Als dein Vater damals von mir erfuhr, dass ich dich unter meinem Herzen trug hat er seine bis dahin gepflegte Reisetätigkeit hintangestellt, um mir und dir jederzeit zur Seite stehen zu können. Das hat ihm nicht immer gefallen, nur noch im Innendienst zu arbeiten. Doch er hat es eingesehen, dass ein Kind beide Eltern zu möglichst jederzeit benötigen kann. Der Entschluss, dass du meinen Bruder im Lehramt nachfolgst, stand doch schon seit deinem Geburtstag fest. Er hat dich ja wohl lange genug beredet, dass du dich auf die freie Stelle bewirbst. Wieso habt ihr da nicht überlegt, ob es dann nicht doch vorbei ist, auf eigene Kinder hinzuarbeiten?“
„Weil unter anderem du das nicht eingesehen hättest, wenn wir das wirklich beschlossen hätten“, sagte Canopus. Dann sagte Birte: „Ja, und weil auch für Hexen eine zeitliche Frist gilt, bis wann sie gesunde Kinder bekommen können und ich deinen Sohn nicht nur seines einträglichen Berufes wegen geheiratet habe, Schwiegermutter. Wer hat mir denn durch mehr oder weniger große Blumensträuße immer wieder vorgeworfen, ich sei nicht die würdige Ehefrau für deinen Sohn, weil ich ihm keine Nachkommen gebäre? Wer hat mir denn immer wieder nahegelegt, überprüfen zu lassen, woran es denn liegt, dass ich ihm keinen Nachfolger gebären kann? Jetzt, wo diese Frage hoffentlich ein für alle mal beantwortet werden kann wirfst du meinem Mann vor, den falschen Zeitpunkt gewählt zu haben? Gut, dass wir zwei wissen, was wir wollen und wie wir es hinbekommen.“
„Ich weiß noch genau, was und warum ich es gesagt habe, werte Schwiegertochter“, erwiderte Regula Hertzsprung. „Aber wie gerade gesagt wollte und will ich auch, dass meine Enkel, ob nur einer oder mehrere, mit beiden Eltern zusammen aufwachsen können, um einen sicheren Halt zu haben. Mehr wollte ich nicht damit sagen, was ich gesagt habe.“
„Das nehmen wir mal zur Kenntnis“, erwiderte Birte schnippisch. Ihr Mann wagte es nicht, dazu was zu sagen, weil er sich zwischen zwei Stühlen wähnte. Pflichtete er seiner Mutter bei würde Birte es ihm übelnehmen, stimmte er seiner Frau zu mochte seine Mutter ihm das ein ganzes Leben lang vorhalten.
„Gut, ich erkenne an, dass ihr euch entschieden habt und dass es nun seinen Gang geht. Daher danke ich euch dafür, dass ihr mir persönlich verkündet habt, dass ihr beide nun doch noch eine Familie gründen werdet. Ich werde mich damit zurechtfinden, dass ihr entscheidet, wie genau das Kind oder die Kinder aufwachsen. Denn ich erkenne, dass jeder weitere Einwand dazu führen könnte, dass ihr mir das Besuchsrecht entzieht“, sagte Regula Hertzsprung. Birte sah sie verstört an. Canopus schwieg weiter. Dann raffte sich Regula Hertzsprung auf und umarmte ihre Schwiegertochter.
Statt einer fröhlichen Feier im kleinsten Kreis wurde es jedoch ein baldiger Abschied. Regula schützte vor, dass sie wegen einer Unpässlichkeit sehr müde sei und lieber frühzeitig zu Bett gehen wollte. Das nahmen ihr Sohn und ihre Schwiegertochter zur Kenntnis.
„Öhm, was mag sie derartig umgestimmt haben, dass die uns diesen Vortrag gehalten hat und dass sie jetzt glaubt, sie dürfte sich nicht mit dir oder mir anlegen, weil sie sonst nichts von ihrem Enkel mitbekommt?“ fragte Canopus seine Frau, nachdem Regula Hertzsprung durch den Flohnetzkamin verschwunden war.
„Das ist deine Mutter. Du kennst sie länger als ich“, erwiderte Birte vergrätzt. Auch wenn sie damit recht hatte half ihm das gerade nicht weiter. So konnte er nur hoffen, dass seine Mutter sich doch noch zu freuen schaffte, ohne Angst zu haben, die oder den Kleinen nicht besuchen zu dürfen.
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20.01.2008
Sie hatte einen langen Tag hinter sich gebracht. Nicht nur dass das Ministerium sie und vor allem ihre magischen Augen für mehrere Außeneinsätze eingespannt hatte, sondern auch, dass ihre Tochter Prunella langsam immer mehr in die Welt hinaustapsen und ihre Anwesenheit verkünden wollte. Doch genau das durfte bisher niemand außer ihr und Anthelia wissen. Man würde gezielte Fragen stellen, die sie nicht beantworten wollte und auch nicht beantworten durfte.
Seit 15 Jahren verfügte sie über einen Keller oder besser einen alten Bunker aus den Zeiten, wo das Gebiet im Spreewald noch zur sogenannten DDR gehört hatte. Hier wollten einst die Führer jener Einheitspartei sich in Sicherheit bringen, wenn die USA mit der damaligen Sowjetunion einen neuen Weltkrieg vom Zaun brach, bei dem die schlimmsten Vernichtungswaffen der Menschheit eingesetzt werden mochten.
Dass es den Bunker gab wusste sie schon seit siebzehn Jahren. Irgendwie hatte sie damals der Wichtel geritten, ihn zu einem Geheimversteck zu machen, sei es für heimliche Liebesnächte mit netten Hexen oder eben weil sie geheime Dinge fand, die nicht in Güldenbergs oder den beiden Wetterspitzes Hände geraten durften. Deshalb hatte sie die für den Rest der Menschheit geheimen Unterlagen über diese weitläufige, luxuriöse Anlage aus allen Akten herausgetilgt und alle, die davon wussten mit Gedächtniszaubern belegt, damit sie nichts mehr davon wussten. Auch hatte Albertine damals mit behutsamen Gesteins- und Metallhärtungszaubern die Festigkeit dieser Bunkeranlage auf das fünfzigfache gesteigert. Jetzt mochte selbst ein direkter Aufschlag einer großen Wasserstoffbombe nichts bewirken außer dass der Bunker wohl auf einem kurzfristigem Lavasee schwamm. Ebenso hatte sie die Wände mit dem aus England stammenden Fortiplumbummaterial ausgekleidet, dass die hundertfache Isolierwirkung von Blei besaß, jedoch einen zehnmal höheren Schmelzpunkt als das natürliche Blei. Insofern, so dachte die nun als Einheitspersönlichkeit Albertrude bestehende Hexe, hatte jene, deren Körper sie bewohnte, damals schon ganz im Sinne einer würdigen Nachfahrin von ihr, Gertrude, gehandelt.
In der Nacht vom 19. zum 20. Januar 2008 wollte sie weitere Bücher aus dem vollständig erbeuteten Archiv dunkler Aufzeichnungen durchsehen, mit was diese sich befassten und ob sie damit was anfangen konnte oder sie besser wieder ganz tief in einem Centinimusschrank verstauen sollte, damit kein anderer Mensch sie lesen konnte.
Ihre Tochter Prunella schlief in ihrem Kinderbettchen keine fünfzehn Meter entfernt in einer kleinen, mit Steinhärtungszauber und Undurchdringlichhkeitszauber gesicherten Kammer. So konnte ihre Mutter nun in dem zur Bibliothek ausgebauten Versammlungsraum, wo die hohen Herrschaften sich über die Zukunft ihrer Welt unterhalten wollten, ein Buch nach dem anderen durchblättern. Sie hatte nicht gewusst, dass allein im deutschen Archiv für dunkle Zauberei aberhundert Bücher eingelagert gewesen waren und wie schnell Ladonna die alle zusammengerafft und fortgeschafft hatte. Die alle durchzulesen konnte in Jahren ausarten. Dann hatte sie eine Inventarliste gefunden, die so alt aussah, dass sie schon vor dreihundert Jahren erstellt worden sein musste. Seitdem waren immer wieder neue Handschriften machtstrebender Dunkelmagier und -hexen dazugekommen. Nur Gertrudes wichtigste Errungenschaften hatten diese Aasgeier nicht in die Fänge bekommen und in ihr geheimes Nest verschleppt, dachte Albertrude. Immerhin fand sie ein von Gertrudes damaliger Gegnerin Claudia Morgenrot geschriebenes Manuskript mit dem Titel „Die dunklen Seiten der Sterne“. Es war laut Inventarliste neben dem Buch „Vires Noctis“, die Mächte der Nacht, abgelegt worden. Doch Ladonnas Getreuen hatten bei der Zusammenraffung des Archives einfach alle gleichgroßen Bücher in einen Centinimusschrank gepackt und den dann schrumpfen lassen. So war es, dass früher wohl in derselben Kategorie sortierte Bücher auf zehn oder zwanzig Verkleinerungsschränke verteilt waren. Sie fand auch altdeutsche Zaubersprüche und einen Aufsatz, ob die auch den Nichtmagiern bekanntgewordenen merseburger Zaubersprüche überhaupt wirken konnten, weil diese ja die Kräfte der germanischen Götter beschworen, an die in Skandinavien und den deutschsprachigen Ländern nur noch wenige Hexen und Zauberer glaubten. sie steckte diesen Aufsatz wieder fort. Mit reinem Theoriekram, der schon zu Gertrudes Zeit nicht gelöst worden war, wollte sie sich nicht aufhalten. Ein Buch über Sardonia versprach interessante Einzelheiten über die dunkle Matriarchin. Doch auch dafür wollte sie sich später erst Zeit nehmen.
Ein mit rotem Siegel verplombtes Buch zog ihre Aufmerksamkeit an. Das Siegel war ein mit Bienenwachs, Drachenblut und Menschenblut erstellter Schutz, der bei falscher oder unbefugter Behandlung den von ihm beschützten Gegenstand und den, der ihn untersuchen wollte verbrennen würde. Albertrude lächelte verächtlich. Was hatten die damals, wo Gertrude mit diesem Zaubersiegel die Verzeichnisse über ihre Schwestern verborgen hatte geschimpft, dass Gertrude gnadenlos mit allen Neugierigen umsprang. Tja, und dann hatten die diesen Zauber selbst benutzt, um ein Buch zu versiegeln? Womöglich waren diejenigen, die das Siegel gefahrlos brechen durften längst gestorben und zu Staub zerfallen. Was immer in diesem Buch stand, es war für jemanden offenbar zu gefährlich, es weiterhin lesbar zu lassen.
Albertrude besah sich das Siegel mit der in ihren Kunstaugen eingearbeiteten Fähigkeit der Aurenerkennung. Sofort erkannte sie die wie in der Zeit eingefrorenen Flammenmuster, die das Siegel durchzogen und auch in das verplombte Buch hineinreichten. Ignis dormiens, das schlafende Feuer, wartete auf den, der es weckte. Sie könnte das Siegel jederzeit gefahrlos öffnen. Doch sie wollte zum einen wissen, wer es angebracht hatte und ob der Zauberer oder die Hexe dafür gesorgt hatte, dass das Buch irgendwann gelesen werden konnte oder auf jeden Fall zerstört werden musste, wenn wer daran rührte. Aber das erschien ihr nicht logisch, ein Buch zu versiegeln, dass am besten zerstört wurde. Dann sah sie eine weitere Aura aus dem Buch selbst ausstrahlen und wusste, warum es nicht einfach so verbrannt oder zerrissen werden konnte.
Dieses Buch enthielt wohl durch entsprechend verteilte Beschwörungstexte einen aus vier Einzelnen Zaubern vereinten Dinocustos-Zauber, einen Schreckenswächter, ähnlich jenem, dem sie in Ladonnas letztem Versteck begegnet war. Für sie stellte sich der Zauber als eine langsam pulsierende Kugel mit acht dünnen, ebenso pulsierenden Fangarmen dar. Die Kugel war nicht völlig glatt. An der nach oben gekehrten Seite lugten vier warzenartige Erhebungen heraus, die sich im Blick ihrer Augen als im Restkörper eingezogene Köpfe erwisen. „Dinocustos sine gratia“, dachte die aus zwei Seelen vereinte Hexe. Das war der Meistergrad des Vergeltungsfluches. Hier waren vier Seelenfragmente von vier verschiedenen Menschen beiderlei Geschlechtes zusammengezwungen worden, um dieses nur in der Aurenerkennung wahrnehmbare Geschöpf zu bilden. Wurde solch ein Überwächter durch unsachgemäße Behandlung des von ihm belegten Gegenstandes in Kraft gesetzt brachte er nicht einfach die Person um, die ihn provoziert hatte, sondern er übernahm sie, besetzte sie wie es mächtige Geister konnten und machte sie gegen fast alle Zauber immun. Diese Person, ob Mann oder Frau, Greis oder Säugling, konnte dann im Falle feindlicher Handlungen zu dem Geschöpf werden, dass sich die Beschwörer – es mussten wahrlich vier oder mehr sein, – als höchste Vergeltungskreatur ausgedacht hatten. In diesem Fall war das ein krakenartiges Ungeheuer mit vier ausfahrbaren Köpfen. Doch starb der Mensch, der den Überwächter herausforderte, noch bevor dieser seinen Körper übernehmen und unterwerfen konnte, so verpuffte die ganze gnadenlose Grausamkeit und Todeslust der ihn beschwörenden in einem Farbenfrohen Lichterspiel. Dabei sollte dann der letzte Schrei der Wächterkreatur erklingen, den niemand mehr vergessen konnte. Das Siegel sorgte also dafür, dass keiner die Möglichkeit hatte, das Buch zu verderben.
„Wie heißt du denn?“ fragte Albertrude nur im Geiste und wechselte von der Aurensicht zur Durchdringungssicht, die in dunklen Räumen oder in tiefster Nacht auch wie Strigoculus oder Oculi Lunares wirkte.
„De umbra nigrissima interiore“ – über den schwärzesten inneren Schatten. Also gab es dieses Buch wahrhaftig. Es sollte im 15. Jahrhundert von einem Geisterbeschwörer namens Corvinius Montefractus aus dem Odenwald verfasst worden sein und die größten Zauber beinhalten, die aus Verstand und Seele eines Menschen abgerufen werden konnten, der nach der vollkommenen Macht strebte. Es hieß, er könne damit nicht nur Verstorbene in die Welt der Sterblichen zurückrufen und die in der Welt verbliebenen Geister zu willigen Sklaven machen, sondern auch den Anwender des Zaubers dazu befähigen, zwischen der Form eines Nachtschattens und eines Sterblichen zu wechseln. Das kam ihr doch sehr bekannt vor. War nicht der Diener dieser Dunkelheitstochter so ein Hybrid geworden? Dessen Existenz hatte sie ihre künstlichen Augen zu verdanken. Was war eigentlich aus dem geworden? Das musste sie doch irgendwann mal klären. Jedenfalls war dieses Buch die Anleitung, zu einem wahrhaftigen Dämonenfürsten zu werden. Kein Wunder, dass dessen Verfasser es mit einem Schreckenswächter höchster Ordnung versehen hatte. Allerdings musste er dafür doch vier unterschiedliche Seelen beiderlei Geschlechtes einsetzen. Für einen, der den Willen von Geistern unterwerfen konnte war das wohl kein Akt, musste die selbst mit dunklen Zaubern sehr vertraute Hexe anerkennen. Er hatte einfach vier Geister gerufen, womöglich welche, die zu Lebzeiten viel Schuld auf sich geladen hatten und deren Kraft in diesen Zauber gesteckt und sie dadurch zu einem vereinten, schlafenden Kunstdämon gemacht, der darauf lauerte, dass jemand das Buch beschädigte oder falsch las. Albertrude erkannte, wie glücklich sie sich schätzen musste, dass sie das Buch nicht so wie jemand anderes lesen musste. Gut, bei Gertrudes Testament hatte das nicht viel geholfen. Genau deshalb beschloss Albertrude, das Buch auch wieder gut fortzupacken. Ja, die im Archiv hatten schon gewusst, warum sie dieses Buch mit einem Vergeltungssiegel sicherten. Also galt es auch, jedes Buch erst einmal auf schlummernde Flüche zu prüfen. Das würde dauern. Doch noch einmal wollte sie keinem in etwas hineingeschriebenen Verwünschungszauber aufsitzen, auch wenn sie nun froh war, Albertrude zu sein.
So betrachtete sie die aus den Bücherschränken gezogenen Schriften erst mit der Aurenerkennung. Viele Bücher waren tatsächlich mit Flüchen bestückt, wohl Erfüllungsflüchen, die beim Lesen langsam in den Geist der oder des Lesenden einsickerten, aber auch tatsächlich Schreckenswächter höchsten Grades. Doch diese, so erinnerte sie sich, waren nichts im Vergleich zu jenem lauernden künstlich belebten Ding, was sie in der silberbeschlagenen Truhe in einer Amphore gesehen hatte. Doch wer wirklich alles wagte und immer mehr Kenntnisse erwarb konnte auch immer schlimmere oder mächtigere Ausprägungen starker Zauber schaffen. Nur ganz wenige wussten das so gut wie sie. Die meisten davon wollten die Welt beherrschen und stolperten dann doch über irgendwas, was sie falsch oder zu schwach eingeschätzt hatten. Sardonia stürzte über die Dementoren, Grindelwald über seine Fehleinschätzung Dumbledores, der Emporkömmling Tom Riddle, der sich Lord Voldemort genannt hatte stürzte zweimal über die Macht des mütterlichen Segens und weil er meinte, einen Zauberstab zu beherrschen, der unbesiegbar war, der sich aber jederzeit einen neuen Meister aussuchen konnte. Wo war der eigentlich abgeblieben? Vielleicht sollte sie das auch einmal klären, wenn sie aus der Rolle der Albertine Steinbeißer heraustreten konnte.
Sie fand auch Zaubertrankbücher, die wohl sehr menschenunfreundliche Gebräue erklärten und daher nicht einmal in der verbotenen Abteilung von Burg Greifennest bereitgelegt werden durften. Sie erkannte auf jeden Fall, dass es alles Einzelstücke waren oder es davon höchstens wenige Exemplare geben konnte. Die Bücher waren wohl bei Beutezügen zusammengeklaubt worden und wohl an die Nachfahren der Erbeuter vererbt worden. Womöglich hatte so manches Buch, darunter eben auch das über den schwärzesten inneren Schatten unzählige Menschenleben vernichtet. Außerdem fand sie Bücher in alten keltischen und altnordischen Runen. Bei einigen war sie sich sicher, dass es veritable Horkruxe waren, weil sie mit ihrer Aurensicht die geisterhaften Gesichter von Hexen und Zauberern erkennen konnte, die sie belauernd anblickten. Nein, sie war kein naives kleines Mädchen, das in solchen Büchern lesen und sich darin verlieren wollte, bis es keinen Weg mehr zurückgab. Oder wollte sie einen dieser Seelenanker herausfordern, mit ihr, einer Zwei-Seelen-Hexe zu kämpfen? Nein, wollte sie nicht, wenn es nicht unbedingt nötig war.
Nachdem sie mehrere Stunden damit zugebracht hatte, die Bücher auf ihre Bezauberung zu prüfen sortierte sie alle die in einen Centinimus-Bücherschrank aus, die sie in die hinterste Ecke stellen würde. So würde sie es jetzt jede zweite Nacht tun, bis sie wusste, mit welchen Aufzeichnungen sie sich gefahrlos genug beschäftigen konnte. Übermorgen wollte sie die italienischen Bücher und Handschriften prüfen.
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Februar 1888
Das erste Halbjahr war überstanden, und er hatte sich als würdiger Nachfolger seines Onkels Antares bewährt. Hedwig Säuselbach, die Vorsteherin von Taubenflug, hatte ihn sogar vor allen Mitgliedern des Lehrkörpers gelobt. Dennoch machte er sich sorgen. Denn eigentlich sollte sein erstes Kind bereits am zweiten Februar zur Welt kommen. Doch das Kind fühlte sich offenbar noch zu wohl in Birtes Bauch und genoss die vollkommene Behütung und Geborgenheit. Als er seine Sorgen mit der residenten Heilerin von Greifennest teilte fragte sie ihn, ob jemand aus seiner Familie länger als die üblichen vierzig Wochen im Mutterleib herangewachsen war. Da erst hatte er sich erinnert, dass sein Urgroßvater Perseus fast vier Wochen länger im Schoß seiner Mutter gesteckt hatte und sie ihn fast mit einem maglotypischen Kaiserschnitt auf die Welt geholt hätten, wenn da nicht die neuartige Dehnbarkeitslotion zur schmerzlosen Erweiterung von Hohlmuskeln erfunden worden wäre und er so auf relativ natürliche Weise geboren werden konnte. Es hatte sich herausgestellt, dass Perseus‘ Mutter eine reinrassige Riesin aus dem Ural zur Urgroßmutter hatte. Schulheilerin Arnica Kleegrün hatte darauf erwidert, dass Riesinnen durchschnittlich sechzehn Monate ihre Kinder austrugen. Das hatte seine eigenen Sorgen nicht wirklich beseitigt. Doch Birte hatte ihm versichert, dass sie sich weiterhin den anderen Umständen entsprechend wohlfühlte und „der Kleine“ sich auch noch regelmäßig bewegte.
Als dann am 29. Februar, dem alle vier Jahre wiederkehrenden Zusatztag, mit den anderen Posteulen eine Schleiereule aus den Alpen den Lehrertisch anflog war Canopus ganz aufgeregt. Tatsächlich hatte der Postvogel ihn zum Ziel. Als Canopus den Briefumschlag entgegennahm zitterten seine Hände. Dann las er unhörbar:
Hallo Canopus!
Auch wenn wir uns vor einer Woche noch darüber unterhalten haben, dass du gerne bei der Geburt dabei sein würdest haben Merilla und ich davon abgesehen, dich noch mitten in der Nacht anzueulen.
Gegen ein Uhr nachts ging es endlich los. Ich habe nicht gewusst, wie viel Schmerz das machen kann. Merilla kam sofort, weil ich ja den Wehenwarner umhatte. Mit Hilfe dieses blauen Zeugs hat sie dann meinen Unterleib eingeschmiert, dass der sich weit genug öffnen konnte. Zugleich hat sie verordnet, dass der grüne Stein unter dem Gebärstuhl liegen sollte. Das war auch wirklich nötig. Denn so konnte ich nicht nur die immer wieder aufkommenden Schmerzen besser aushalten, sondern bekam auch die nötige Ausdauer, um diese Pein durchzustehen.
Insgesamt fünf Stunden hat es gedauert, bis der kleine vollständig an der Luft war. Wir hatten uns ja darauf geeinigt, dass wir ihn Kepheus nennen wollten, weil in deiner Familie ja viele mit astronomischen Vornamen verzeichnet sind. Er wiegt stolze zehn Pfund und misst laut Merillas selbsttätigem Maßband ein ganzes Drittel meiner eigenen Körperlänge. Ich frage mich jetzt, wie ich das solange aushalten konnte. Andererseits ist es auch schon eine beachtliche Leistung. Ob das an dem Stein liegt, den dein Onkel uns geschenkt hat weiß ich nicht. Merilla Heckenwurz hat jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass der Kleine deshalb so lange in mir herangewachsen ist, weil er die in mich und dich eingeströmte Lebenskraft in eigenes Fleisch und Blut umsetzen wollte. Jedenfalls ist der kleine Kepheus jetzt da und hat auch schon lautstark seine Ankunft verkündet, dass es vom Wendelstein und seinen Bergnachbarn widergehallt hat. Merilla Heckenwurz hat mir mindestens zwei Wochen Bettruhe verordnet. Wenn du am nächsten Wochenende zu uns kommst wirst du ihn dir ja ansehen können.
In Stolz und Freude grüßt dich trotz der heftigen Schmerzen, die du mir zugefügt hast, dein dich liebendes Eheweib
Birte Evilyn Hertzsprung
Canopus konnte seine Freude nicht verbergen. Daher musste er am Nachmittag, als die letzte Stunde beendet war, eine kleine Willkommensfeier für den kleinen Hertzsprung für die Kolleginnen und Kollegen geben. Es fiel ihm schwer, zu erkennen, ob die mit ihm feiernden Kolleginnen und Kollegen ihre Freude über sein Familienglück wirklich empfanden oder nur heuchelten. Bei Gräfin Ophelia III. war er sich zumindest sicher, dass sie sich für ihn freute. Bei den Säuselbach-Schwestern wusste er nicht, ob sie Kinder als Lebenszweck oder als Lebenslast empfanden, obwohl jede von ihnen ja zwei Kinder bekommen hatte. Rufus Kienspan, der amtierende Vorsteher von Haus Sonnengold, schien dagegen eher froh zu sein, dass das Kinderkriegen von anderen erledigt wurde und er somit nichts dafür tun musste. Er hatte auch mal behauptet, dass das mit dem Kinderkriegen ein widerlicher Überrest der tierischen Abstammung des Menschen sei und Mutter Natur damit zeigen wollte, dass der Mensch ihr immer noch unterworfen war, auch wenn Zauberer und Nichtzauberer immer mehr versuchten, die Natur da selbst zu unterwerfen. Leonora Heckengrün, die amtierende Vorsteherin von Haus Mondenquell, die erst dann Lehrerin geworden war, als ihre drei Kinder aus dem Schulalter herausgewachsen waren, empfand die Vorstellung, dass etwas lebendiges von einem in der Welt verblieb als erhaben.
Es wurde elf Uhr Abends, als die Feier vorbei war. Die letzte Stunde des für Canopus in jeder Hinsicht besonderen Tages verbrachte der Astronomielehrer in der hauseigenen Sternwarte, um sich das Sternbild genauer anzusehen, nach dem sein Sohn benannt war. Dabei ging ihm durch den Kopf, was er mit seinem versteckten Meisterstück machen wollte. Timon Bärenzahn, der Vampirjäger, hatte von ihm einen Gürtel erhalten, in dem in vier Goldstücken der Zauber Aura Solis verankert war. Damit konnte er, wenn er einen Vampir antraf oder in den Wirkungsbereich eines Verfinsterungszaubers geriet scheinbar aus sich heraus so grell wie die Mittagssonne strahlen, was für sonnenempfindliche Nachtgeschöpfe unangenehm bis tödlich sein konnte. Das empfand Canopus als für einen Vampirjäger sogar noch besser als seinen Mondkraftumhang. Doch dann fiel ihm ein, dass er damit ja auch gegen Werwölfe und feindliche Zauberer und Hexen kämpfen oder sich vor diesen verbergen konnte. Aber was hatte seine Frau eingeworfen? Der Umhang taugte eher was für magische Mordbuben. Ja, deshalb lag dieser eben seit bald einem Jahr im gesicherten Schrank für besonders machtvolle Artefakte oder Aufzeichnungen. Doch nun wo der kleine Kepheus auf der Welt war sollte er sich schon die Frage stellen, wann er ihm diesen Umhang zeigen sollte. Dass er ihn den Umhang vererben würde stand ja seit dem Moment fest, seitdem Merilla Heckenwurz durch einen Einblickspiegel erkannt hatte, dass Birte einen Jungen trug. Dann kam ihm der Gedanke, irgendwo ein Versteck einzurichten, in das nur er und männliche Blutsverwandte von ihm eindringen konnten, wo er den Umhang und vielleicht irgendwann auch den Vitalis-Smaragd verstecken konnte, damit sein Sohn oder einer von dessen Söhnen eines Tages ein mächtiges Hilfsmittel haben mochte, um gegen Feinde zu bestehen.
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Letzter Samstag im Januar 2008
Es war sowas wie ein gemeinschaftlicher Neujahresvorsatz gewesen, sich jeden Samstag zu einer Sitzung in der Rue de Liberation 13 zu treffen. Das kam vor allem den beiden Beauxbatons-Professoren Faucon und Delamontagne zu gute. Doch auch die offiziell verwitwete Ministersgattin Nathalie Grandchapeau konnte samstags besser für mehrere Stunden verschwinden als am Sonntag, wenn sie sich bei verschiedenen Verwandten blicken lassen musste, um weiterhin gut mit den Didiers, Grandchapeaus und ihren Verwandten von ihren Eltern auszukommen. Das der kleine Demetrius in Wahrheit noch nicht geboren war und noch an die dreiunddreißig Jahre auf sich warten lassen würde wussten die unmittelbaren Verwandten mittlerweile, hatten aber Stillschweigevereinbarungen abgeschlossen. Auch deshalb galt es für Nathalie, sich mit ihren Verwandten gutzustellen, sofern die sie nicht drangsalierten.
Weil sie sich in Catherine Brickstons Haus trafen besaß sie auch die Moderationsvollmacht. Das sah sogar ihre eigene Mutter ein.
„Die Lage zwischen Italien und Ägypten ist angespannter denn jeh“, begann Catherine mit dem ersten von drei Themen, das vielleicht was mit dem alten Reich zu tun hatte, dessenwegen ihre Gemeinschaft bestand. „Die Ägypter drohen an, das Abkommen von Valetta am ersten März aufzukündigen, und zwar mit allen Mittelmeeranreinern, wenn sie bis dahin nicht alle aus den Verliesen von Gringotts Kairo entwendeten Artefakte zurückerhalten. Zaubereiminister Al-Assuani droht weiterhin mit dem Aussetzen aller Handelsverträge mit dem europäischen Ausland und den Zitat „ehemaligen Kolonien, die weiterhin Marionetten von England, Frankreich und Spanien sind“ Zitat Ende. Mit anderen Worten: Falls jene, die weitere Artefakte aus Ladonnas Raubgut im Besitz haben, diese nicht an Ägypten zurückgeben wird das ägyptische Zaubereiministerium alle internationalen Beziehungen beenden. Das heißt dann auch, dass alle rechtmäßig angemeldeten und genehmigten Forschungen abgebrochen werden. Madame Faucon kann uns dazu wohl gleich noch mehr erzählen, da sie bereits mit der Abteilung Akademischer Austausch der internationalen Zaubererkonföderation korrespondiert. Das heißt für unsere außerministerielle Vereinigung, dass es angehen kann, dass wir nicht mehr erfahren, was in Ägypten und den mit ihm zusammengehenden Maghrebstaaten vor sich geht, also auch all das, dass mittelbar oder unmittelbar mit dem versunkenen Reich Altaxarroi zu tun hat. Ui, jetzt habe ich richtig lange gesprochen. Nur die eine Frage an alle Zuhörenden in diesem Raum: Glaubt einer von euch, dass jene, die sich an Ladonnas Raubgut bedient haben oder hat, die Beute wieder hergibt?“ Alle sahen Catherine verdrossen an und schüttelten die Köpfe. Ob der warm und sicher verpackte Demetrius dies auch tat konnte keiner sehen. Erst als Nathalie sich den gerundeten Bauch tätschelte und dann noch einmal den Kopf schüttelte wussten sie, dass sie für ihren ungeborenen Sohn ebenfalls mit „nein“ geantwortet hatte. „Ich stelle fest, dass niemand in diesem Raum davon ausgeht, dass die von den Italienern nicht sichergestellten Schätze des Nils zurückgegeben werden. Somit besteht die Lage, dass wir, wenn Al-Assuani seine Drohung wahrmacht, ab dem ersten März womöglich keine Nachrichten aus Ägypten erhalten werden und unsererseits auch niemanden mehr dort hinschicken dürfen, der offiziell für uns tätig sein kann“, sagte Catherine. Dann sah sie nicht zufällig Julius Latierre an. Der nickte und hob die Hand zur offiziellen Wortmeldung. Catherine nickte und erteilte ihm das Wort, wie in einer Kabinetts- oder Parlamentssitzung.
„Werte Mitglieder des stillen Dienstes. Nathalie Grandchapeau und ich bekommen ja mit, wie sich im Zaubereiministerium immer wieder Leute beklagen, dass die Reise nach Malta womöglich ein Schlag ins Wasser gewesen sein kann. Durch meine Anerkennung als siebter Erbe Ashtarias habe ich zwar Kontakt zu einem Zauberer aus der Bruderschaft des blauen Morgensterns und kenne auch einen seiner Mitbrüder, der gegenüber uns Europäern etwas aufgeschlossener ist als die anderen. Ja, weil ich nicht weiß, wer für uns da in Ägypten Informationen beschaffen und falls nötig Einreisen oder Ausreisen ermöglichen kann, habe ich ein persönliches Problem. Denn wie ihr alle wisst hat eine Gruppe dieser Bruderschaft Madame Aurélie Odin und meine damalige Freundin Claire Dusoleil umgebracht, aus purer Angst vor einer düsteren Prophezeiung. Das ist mein eines Problem. Das zweite ist, ich erfuhr im Zuge meiner Anerkennung als siebter Erbe Ashtarias, dass es in Europa, Afrika und Südamerika insgesamt zehn Orte gibt, an denen Vorfahren der gegenwärtigen Riesen, die in den antiken Mythen als Titanen erwähnt werden, begraben wurden, und zwar mit ihren Waffen oder anderen Artefakten, mit denen sie seelisch verbunden waren. Ich weiß leider sicher, dass eines dieser Gräber im Grenzgebiet zwischen Ägypten und dem Sudan sein soll, unter vielen Dutzend Metern Wüstensand. Bisher gilt, dass niemand es öffnen wird, solange keiner weiß, dass es existiert. Falls jedoch wie zu befürchten ist Ägypten alle Verbindungen ins Ausland abbricht und der Sudan da mitziehen könnte werden wir nicht erfahren, ob dieses Grab eines Titanen angetastet wird oder nicht. Warum ist es den Kindern Ashtarias so wichtig? Ich erinnere an einen der Gründe, warum diese Gemeinschaft gegründet wurde. Es ging damals vor bald acht Jahren darum, dass auf einer Insel des Svalbard-Archipels ein übergroßer Hammer entdeckt wurde. Es stellte sich heraus, dass dieser Hammer eine urwelthafte Schlange in Schach hielt. Der Hammer gehörte einst einem überriesischen Krieger mit hoher Zauberkraft, der seine Seele und sein Leben an diesen Hammer gebunden hat. Wie die, die damals Informationsberechtigt waren wissen widerfuhr es einem norwegischen Ministeriumszauberer, der den Hammer berührte, dass er dadurch in so einen Überrisen verwandelt wurde und mitsamt dem Hammer an einem Hubschrauber über das Meer gezogen wurde. Er riss sich los, zerstörte mit dem Hammer den Hubschrauber und verlor den Griff an den Hammer. Der Zauberer wurde wieder auf seine natürliche Größe geschrumpft und starb beim Sturz ins Meer. Deshalb muss vermutet werden, dass die mit ihren Besitzern begrabenen Artefakte, wohl alles Waffen, diese verheerende Eigenschaft haben . Falls also jemand das in Afrika vermutete Grab öffnet und die darin liegende Waffe freilegt weckt das Begehrlichkeiten bei den Nichtmagiern, was materielle Bereicherung und / oder wissenschaftliche Forschung angeht. Findet ein Zauberer die Waffe und berührt sie unbedacht könnte er sich in die Wiederverkörperung deren Vorbesitzers verwandeln. Dann wäre das Versagen der Magiegeheimhaltung das kleinste uns drohende Übel. Wir würden sehr kalt und sehr brutal erwischt. Daher frage ich in die Runde, ob jemand von euch wen kennt, der oder die weiterhin für uns Augen und Ohren sein kann. Wohlgemerkt, wenn irgendwo eine riesenhafte Waffe aus Wüstensand, Felsboden oder ewigem Eis auftaucht bloß nicht mit nackten Händen anfassen! Ich denke nicht, dass wer das macht danach noch den eigenen Körper beherrscht.“
„Wir wissen ja, wo diese Gräber sind, nachdem du die Erlaubnis der Kinder Ashtarias erhiieltest, uns die Lageorte mitzuteilen, Julius“, setzte Blanche Faucon an, nachdem sie ordentlich bei Catherine ums Wort gebeten hatte. „Das Laveau-Institut will ja die nichtmagische Welt überwachen, um jede Aktivität zu erkennen, die sich um eine solche Grabstätte entwickelt. Ich muss dir auch leider beipflichten, dass es für Europäer sehr schwer ist, das Vertrauen von Morgensternbrüdern zu gewinnen oder einem von ihnen zu vertrauen. Aber jetzt frage ich doch mal unsere Gesprächsleiterin, wie ist das mit der Verbindung zu den Töchtern des grünen Mondes?“
Catherine nickte ihrer Mutter zu und beantwortete ihre frage. „Es besteht immer noch eine gewisse Verbindung, wenn auch inoffiziell und nur zu einer Kontaktperson, die ich im Rahmen der Sache mit dem unsichtbaren Rachedämon Otschungu kennenlernte. Allerdings gilt in den arabischen Ländern der Grundsatz, dass Hexen nur für die Fürsorge ihrer Familien und höchstens als beigeordnete Pflegekräfte erwünscht sind. Doch die Töchter des grünen Mondes unterhalten wichtige Verbindungen in die Unternehmen und Verwaltungsorganisationen der Zaubereiministerien, wenn ich auch gewisse moralische Bedenken über die Art dieser Verbindungen habe. Doch in dem Fall, dass Ägypten alle Verbindungen nach Europa und den ehemaligen Kolonien Europas beendet biete ich an, meine Kontakthexe bei den Töchtern des grünen Mondes zu fragen, inwieweit sie uns mit sicheren, also auf ihren Wahrheitsgehalt prüfbaren Nachrichten versorgen. Ich gebe jedoch zu bedenkn – was ich auch als Warnung ausdrücken könnte -, dass die Töchter des grünen Mondes für diese Bereitschaft mindestens eine Gegenleistung fordern können. Uneigennützigkeit dürfen wir nicht voraussetzen. Dann müssten wir uns darüber unterhalten, was für Gegenleistungen gefordert werden und ob wir bereit sind, diese zu erbringen. Falls diese für uns unerrfüllbar sind, verlieren wir höchst wahrscheinlich eine wichtige Nachrichtengrundlage aus dem Orient. Dies nur als vorausgeschicktes Bedenken meinerseits.“
„Die internationale Vereinigung des magischen Heils hat bisher von derartig isolationistischen Absichten Ägyptens nichts erfahren“, sagte Hera Matine, nachdem sie ums Wort gebeten hatte. „Das mag jedoch daran liegen, dass die Heilervereinigung größtenteils unabhängig von Zaubereiministerien ist. Das dies nicht zu hundert Prozent garantiert ist wissen wir leider aus dem dunklen Jahr in Großbritannien, wo Heilerinnen und Heiler in den Dienst des Psychopathen Riddle und seiner Bandenmitglieder gepresst wurden. Das kann auch in den arabischen Zaubereiministerien geschehen. Allerdings dürfte es dann ein gehöriges Aufsehen erregen, da unser Austausch an Kenntnissen und Heilmitteln gefährdet wäre. Doch solange die Heilerzünfte Arabiens und der arabischen Staaten frei mit ihren ausländischen Fachkolleginnen und Kollegen unterhandeln und Nachrichten austauschen dürfen biete ich an, über Zunftsprecherin Eauvive einen inoffiziellen Nachrichtenkanal einzurichten, um Ereignisse, die mit den Gräbern der Titanen zusammenhängen, frühzeitig genug zu erfahren. Jetzt frage ich aber als Heilerin und von hunderten von Familien als betreuende Hebamme erwählte Hexe, was wir denn tun können, sollte sich wiederholen, was auf dem Spitzbergen-Archipel geschehen ist. Wir müssten ja davon ausgehen, dass ein derartig beeinflusster Zauberer gerettet werden kann. Dann dürfen wir das, was aus ihm werden könnte nicht bedenkenlos töten. Andererseits gilt aber auch, dass wir alle beschützen, die unseren Schutz erbitten, verdienen oder von Natur aus erhalten. Gibt es da irgendwas von den Kindern Ashtarias, das uns verrät, was gegen diese Vorbilder der mythologischen Titanen getan werden kann, ohne sie zu töten?“
„Ich denke, das, was dem bedauerlichen Ministeriumszauberer in Norwegen passierte. Wenn die Waffe vom Körper des Verwandelten getrennt wird, kehrt sich wohl die Verwandlung wieder um“, sagte Julius. Hera nickte wild, ebenso Blanche Faucon, Catherine und Phoebus Delamontagne.
„Gut, das soll für dieses Thema alles sein, was wir besprechen können“, sagte Catherine. Dann kam sie auf das zweite Thema, die Frage nach jenem goldenen Wächter, den Julius einmal im Libanon angetroffen hatte. „Offenbar sammelt er immer noch Nachrichten aus der nichtmagischen Welt und sucht Zugang zur magischen Welt“, sagte Julius und erwähnte, was sein Kontakt zu den Sonnenkindern darüber zu berichten wusste. „Es kann jedoch jederzeit passieren, dass dieser Wächter wieder auftaucht. Wie ich euch berichtet habe gilt sein Dasein und sein Handeln der Vorherrschaft der begüterten Menschen, also der Menschen mit Magie. Er versteht wohl nicht, warum wir, die magische Menschheit, uns das haben bieten lassen, dass die nichtmagische Menschheit als vorherrschende Gruppe auf diesem Planeten auftritt. Möglicherweise denkt er sogar, es gebe nicht mehr so viele magisch begabte Menschen und wird jeden Plan so lange zurückhalten, bis er weiß, ob er seinem Daseinszweck dient. Wenn er herausbekommt, dass es noch tausende von magisch begabten Menschen gibt wird er womöglich sehr schnell in Aktion treten, vielleicht zu schnell, um gewarnt zu werden. Soweit ich weiß hat er fünf Stellvertreter auf jedem zur Zeit des alten Reiches bewohnten Kontinent, von Australien abgesehen. Aber ich bleibe dran.“
„Ja, aber sei bitte weiterhin vorsichtig, wie du mit den Sonnenkindern Kontakt aufnimmst“, sagte Nathalie Grandchapeau. „Bisher sind Demetrius und ich die einzigen aus dem Ministerium, die wissen, dass du noch regelmäßigen Kontakt hast.“
„Mir ist meine Freiheit sehr wichtig, Nathalie“, bekräftigte Julius. Dann ging es darum, ob es nicht günstiger sei, dem Wächter zuvorzukommen und dessen fünf Diener zu findenund lahmzulegen. Alle trugen nun was dazu bei, wie die fünf Diener gefunden werden konnten, ohne dass der große goldene Wächter dies mitbekam. Denn das war klar, wenn er mitbekam, dass seine Diener angegriffen wurden würde er zum einen wissen, dass es noch genug Hexen und Zauberer gab, denen er den Boden bereiten könnte und auch, dass sie nicht alle seine Freunde waren.
Eine Stunde später ging es um das dritte Thema, das tatsächlich mit dem alten Reich zu tun hatte. „Da wir mittlerweile wissen, dass jene, die sich als Göttin aller Nachtkinder bezeichnet, auf Wissen dunkler Thaumaturgen aus dem alten Reich zurückgreifen kann, so gilt es, herauszufinden, welche Mittel sie demnächst gegen uns einsetzen wird und inwieweit ihr Widerstand geboten werden kann“, eröffnete Catherine die Aussprache.
Julius wagte den Einwand, dass was die zunächst unzerstörbaren Rüstungen entkräftet hatte womöglich auch Blankwaffen wie Schwerter oder Streitäxte außer Gefecht setzen konnte. Doch eine Garantie wollte er nicht darauf abgeben. Er wiederholte seine Vermutung, dass die selbsternannte Göttin aller Vampire den von ihr eingefangenen Geist des Erzdunkelmagiers Iaxathan aushorche, was der alles wusste und so an Sachen kam, die eigentlich längst vergessen gehofft wurden. Wie genau sie das anstellte wusste er nicht. Auch war ja die Schattenkaiserin vernichtet oder jedenfalls entmachtet und ein sehr großer Teil ihrer Armee geknechteter Seelen vernichtet. Das hieß, dass bei einem neuerlichen Angriff auf die Menschheit nur lebende Menschen Widerstand leisten konnten.
„Immerhin wirkt die internationale Vampirüberwachung und bis heute haben sich keine Anbeter dieser Götzin aus dem Versteck getraut. Im Grunde schlafen alle Vampire, die früh genug erfahren haben, dass sie nicht erwünscht sind“, sagte Phoebus Delamontagne. „Doch wir müssen davon ausgehen, dass diese negative TVE, als die sich diese Götzin wohl erwiesen hat, Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte warten kann, bis niemand mehr an sie und ihre Jünger denkt. Vampire die gesättigt sind können sich in einen so tiefen Schlaf versenken, dass sie jahrhundertelang überleben können, auch wenn es heißt, dass Vampire maximal tausend Jahre alt werden können. Aber sie wird nicht völlig blind und taub bleiben wollen. Vielleicht hat sie Spione in unserer Welt, die ihr zu bestimmten Zeiten berichten, wie wir uns gerade fühlen, ja oder ob die Menschheit dabei ist, sich auch ohne sie auszulöschen. Dass sie das kann wissen hier in dieser Runde leider alle, entweder mit lautem Knall oder mit einem langen Winseln wegen der Vergiftung unserer Lebensgrundlagen oder der durch Abgase erzeugten Erwärmung der Lufthülle.“
„Ja, weshalb Ladonnas Saat am Ende doch noch aufgehen könnte, Leute“, quäkte nun die künstliche Kinderstimme aus dem Cogison, dass Nathalie um ihren Unterbauch gebunden trug. „Sie hat alle wieder darauf gebracht, dass die magielose Menschheit drauf und dran ist, unsere Welt zu verderben. Ladonnas Idee, allen die Energiegrundlage zu rauben könnte Schule machen, und es könnte Leute geben, die denen helfen, die das umsetzen wollen. Mehr wollte ich jetzt nicht dazu einwerfen, Maman und alle, die um dich und damit mich herumsitzen.“
„Ja, und damit verknüpfen wir Thema zwei und drei, liebe Mitglieder“, sagte Catherine. „Was machen wir, wenn sich Gruppen bilden, die wegen der Wut auf die nichtmagischen Maschinen und Waffen mit dem goldenen Wächter oder der Vampirgötzin zusammenarbeiten wollen?“
„wir haben das schon mehrmals erwähnt, dass die Aufgabe der Geheimhaltung scheinbar nötig wird, um eine Selbstvernichtung der Menschheit zu verhindern“, setzte Julius an, der von allen als am besten damit vertraut anerkannt wurde. „Nur wenn wir das machen werden sich Lager bilden, die uns entweder für die Rettung der Welt einspannen wollen, uns nur für die eigene Gesellschaftsgruppe oder das eine Volk verpflichten wollen oder die uns offen hassen, weil sie fürchten, dass wir uns den Hexenverfolgungen entzogen haben, um darauf zu lauern, dass die Menschheit am Abgrund steht, um sie hineinzustoßen oder doch noch die Herrschaft an uns zu reißen, ob in eigener Absicht oder im Namen einer menschenfeindlichen Gottheit oder eines Dämonenfürsten. Dies wiederum würde mit ziemlicher Sicherheit genau den Krieg herbeiführen, den wir eigentlich verhindern wollen. Es gibt leider schon mehr als eine Verschwörungstheorie im Internet, die Menschheit sei von feindlichen Mächten unterwandert, vorzugsweise Außerirdische. Aber in den USA gibt es angeblich noch dem Christentum verbundene Religionsgemeinschaften, die jede wissenschaftliche Erkenntnis leugnen und selbst nicht vor Gewalt zurückschrecken, um ihre Vorstellungen von Gottes Land auf Erden zu verwirklichen, ähnlich wie es die Machthaber im heutigen Iran geschafft haben und ihr Volk terrorisieren. Diese Gruppierungen, die alles technische und alles magische dem Teufel zuordnen, bekämen dann schlagartig Zulauf und Handlungsfreiheiten. Laut meiner Kontakte in die USA drohte das in den 1920er und 1930er Jahren bereits, als die sogenante Bewegung Neues Salem entstand und die Zaubererwelt von innen und außen bedroht wurde.“ Catherine nickte heftig. Als Zaubereigeschichtsexpertin kannte sie diese dunkle Ära auch noch, vor allem, weil Gellert Grindelwald sie ausnutzen wollte, um seine Eroberungspläne zu verwirklichen. Deshalb fügte sie Julius‘ Ausführungen hinzu: „Genau, und dann würden sich jene in der Zaubererwelt erheben, die uns vor die Wahl stellen, uns von aufgebrachten Nichtzauberern umbringen zu lassen oder die Vorherrschaft auf Erden zu erkämpfen, falls nötig mit Millionen von toten Nichtmagiern. Ja, und dann sind wir auch wieder bei diesem goldenen Wächter. Der würde dann zum begehrten Verbündeten und gleichzeitig zum Streitobjekt, volkstümlich auch Zankapfel genannt, weil die, die sich für die besseren herrinnen oder Herren der Welt halten ihn auf ihre Seite zu ziehen trachten werden. Das Ende würde so oder so schlimmer, als es die Apokalypse dieses Entzeitpredigers Johannes beschreibt.“
„Ja, und die Menschen würden nichts daraus lernen, wie sie unser aller Planeten lebenswert für künftige Generationen erhalten können“, sagte Julius noch. „Ich muss zugeben, dass ich auch schon oft darüber nachgedacht habe, ob es nicht für uns alle besser ist, wenn wir mit den nichtmagischen Menschen zusammenarbeiten. Ja, aber weil der Mensch an sich einerseits ein Herdentier ist, dass dem angeblich stärksten Führer hinterherrennt, andererseits aber selbst gern mehr als sein Nachhbar haben oder können will gäbe es die gerade ausgemalte Selbstvernichtung, wenn wir aus unseren Verstecken kommen und vor laufenden Fernsehkameras mit weltweiter Satellitenübertragung verkünden: „Die Hexenjäger von damals hatten recht, die Brüder Grimm, C. S. Louiss, Tolkien und auch George Lucas haben alle recht, es gibt Hexen und Zauberer.“ Das wäre dasselbe, wenn eine Gruppe Außerirdischer Wesen auf unserem Planeten landet und verkündet: „Hier sind wir. was braucht ihr? Was gebt ihr uns dafür?“ Mehr möchte ich im Moment nicht ausführen, warum wir uns immer noch nicht offenbaren sollten.“
„Jetzt werfe ich ganz provokant ein, dass sowohl Tom Riddle als auch Ladonna Montefiori keine Probleme damit gehabt hätten, sich zu offenbaren“, sagte Phoebus Delamontagne. Catherine und Julius sahen sich an. Julius nickte Catherine zu. Sie antwortete darauf: „Ja, aber nur und erst dann, wenn der eine oder die andere sichergestellt hätte, alle Machtzentren der Welt mit einem Schlag zu unterwerfen. Dass Riddle dies in der britischen Zaubererwelt geschafft hat ist bekannt. Wie Ladonna es beinahe in der ganzen Welt angestellt hätte leider auch. Auch das mit den dreitausend Verkehrsflugzeugpiloten hat gezeigt, wie zielgenau sie ihr wichtige Leute auf einen Schlag unterwerfen konnte. Die beiden Hexen, die Ladonna vor einem Jahr und einen Monat besiegt haben haben unserer Welt den vielleicht größten Dienst erwiesen. Nur dürfen sie sich wohl nicht offenbaren.“ Alle nickten. Nur eine in der Runde wusste, dass jene beiden Hexen keine vier Meter über ihnen mit ihrer gemeinsamen Tochter spielten. Doch sie hatte ihre Gründe, das nicht zu verraten.
„Mal eine Frage, da draußen in der hellen, luftigen Welt! Was ist mit Vita Magica?“ cogisonierte Demetrius.
„Bisher halten sie sich zurück oder haben genug Wege gefunden, unbeobachtet zu agieren“, sagte seine Mutter. Alle bejahten das. Hera erwähnte dazu noch, dass es bisher auch keine neuen Zeugungsaufforderungen gegeben habe, denn das hätte sie als Hebamme sicher erfahren. Ja, und weil schon eine Fragerunde eröffnet worden war wollten Hera, Blanche und Nathalie von Julius wissen, was er von den Veelas gehört habe, ob das Friedensabkommen in den slawischen Ländern hielt. „Bisher ganz gut. Zumindest sind die russischen Zauberer vernünftiger als die Nichtmagier, die wieder anfangen, der Sowjetzeit Tränen nachzuweinen und nur deshalb stillhalten, weil sie mit uns Westlern Handel treiben.“
„Noch jemand eine Frage?“ fragte Catherine. Keiner, ob geboren oder ungeboren wollte noch was wissen. „Dann darf ich in meiner Eigenschaft als von allen anerkannte Gesprächsleiterin und Inhaberin des Hausrechtes am Versammlungsort die heutige Sitzung für beendet erklären. Vielen Dank, das ihr alle da wart. Ich wünsche euch allen einen angenehmen Heimweg und noch einen erholsamen Abend.“ Alle verabschiedeten sich von ihr und verließen das Arbeitszimmer der Magiehistorikerin und Expertin für dunkle Wesen und Zauber. Jetzt mussten sie wieder leiser sprechen, weil sie aus dem Dauerklangkerker heraus waren.
Madame Faucon nahm Julius noch einmal bei Seite und sagte: „Sie werden demnächst eine höchst offizielle Anfrage von mir erhalten, mit mir und den Hausvorstehern in Beauxbatons über die bei uns eingeschulten Veelastämmigen informiert zu werden, Monsieur Latierre. Bis dahin eine angenehme und erfolgreiche Zeit!“
„Danke für die Mitteilung. Ich erwarte Ihre Anfrage“, sagte Julius.
Als er und Millie, die sich während der Aussprachen nur zu den Vampiren geäußert hatte wieder im Sonnenblumenschloss waren, um ihre Kinder abzuholen und Claudine zu sagen, dass ihre Maman sie jetzt wieder zurückhaben wollte mentiloquierte sie ihrem offiziell Angetrauten: „Wird Trice nicht gefallen, wenn die Ägypter alle Tore zuknallen.“
„Klären wir mit ihr, wenn wir alle wieder im Apfel sind“, erwiderte Julius auf dieselbe Weise. Dann flohpulverten sie aus dem Kamin der Brickstons in den des Sonnenblumenschlosses hinüber.
Claudine hatte die Erlaubnis bekommen, mit der großen Familie Latierre zu Abend zu essen. Da Miriam und ihre Mutter mit dem kleinen Alain auch da war teilte Ursuline es Catherine mit, dass Hippolyte Claudine nach dem Essen bei ihr vorbeibringen würde. Catherine erwiderte über Kontaktfeuer, dass sie sich sowas schon gedacht hatte und fragte, ob noch ein Platz am Tisch frei war. „Oh, ja, komm rüber, Mädchen“, hörten sie Ursulines Kopf wie aus einem tiefen Brunnenschacht antworten. Keine zwei Minuten später fauchte es im Flohnetzkamin des Châteaus Tournesol.
Beim Essen sprachen sie über Themen, die die Kinder nicht überforderten. Allerdings fing Hippolyte das Thema Afrika an, weil die Spiele-und-Sport-Abteilung bereits Probleme mit algerischen und ägyptischen Funktionären bekam, weil deren Zaubereiministerien wohl auf einen Krach mit Europa ausgingen. Daher sprachen sie über das, was sich aus den Zeitungen ergab oder nicht über Vertraulichkeitsstufe C3 lag. „Was hat die Liga erwähnt, dass sie die Grenzen ab März für alles und jeden zumachen wollen?“ fragte Ferdinand Latierre. Im Ministerium schwirrt sowas rum, dass die Streit mit Italien wegen aus Ägypten entführter Sachen haben und uns mit in die Sache reinziehen wollen, weil wir den Italienern nicht klarmachen, dass sie alles zurückzugeben haben, was Ladonna in Ägypten stiebitzt hat.“
„Schöne Verniedlichung von dem, wie Ladonna an ägyptische Sachen gekommen ist, Opa Ferdi“, erwiderte Millie darauf. Béatrice hörte solange zu, bis Julius sie fragte, ob Heilzunftsprecherin Eauvive was für den Fall angekündigt habe, dass Ägypten entweder horrende Zölle auf Heiltrankzutaten oder gebrauchsfertige Tränke erhebe oder gar nicht erst was exportieren oder importieren wollte.“
„Da Millie und du Pflegehelfer seid und hier nur Leute sitzen, denen ich vertrauen kann, Catherine eingeschlossen, so viel: Großheilerin Eauvive, unsere Zunftsprecherin, hat sich mit ihren Amtskollegen und Kolleginnen noch mal auf Malta getroffen, wo du und Barbara auch wart, Julius. Sie sagen ganz klar, dass der Auftrag der Heilerzunft über alle Landes- und Kulturgrenzen hinaus fortbesteht, magischen Menschen zu helfen, sobald sie magische Heilkunst benötigen und dass dazu alle bisherigen Vereinbarungen was Wissens- und Güteraustausch betrifft erhalten bleiben sollen. Der ägyptische Kollege erwähnte, nötigenfalls Exporte über Afrikanische Staaten südlich der Sahara zu ermöglichen. Aber weil dessen Schwager dem Al-Assuani-Clan angehört steht er mit jedem Fuß auf einem eigenen Flugteppich, hat Zunftsprecherin Eauvive es übersetzt.“
„Gibt es einen Bereich, wo diese Familie nicht mitbestimmt, was gemacht wird?“ fragte Julius. Seine Ehefrau klopfte ihm dafür auf die Schulter. „“Ja, die Hebammengilde in Ägypten. Da ist keine aus dem Al-Assuani-Clan drin“, erwiderte Béatrice. Julius verschluckte sich fast an dem Bissen exzellenten Hühnerfrikassee. Das war ja schon fast ein Steilpass vom Hüterraum bis ran an das Tor. Doch er sagte dann: „Dann hoffen wir mal, dass das so bleibt und der Clan nicht noch bestimmt, welche Familien Kinder bekommen dürfen und welche nicht.“
„Ruf da bloß keinen großen Drachen, Julius“, erwiderte Béatrice. Er dachte, sie habe ihn verstanden und wohl selbst schon was überlegt, wie sie diesen Umstand ausnutzen konnte.
Es ging dann noch um Quidditch. Im Moment führten die Lyonaiser Löwen die Liga vor den Millemerveilles Mercurios an. Babette hatte sich als Einwechseljägerin etabliert. In Beauxbatons führte die Mannschaft der Violetten mit hundert Punkten vor den grünen. Die Roten lagen zum Bedauern der geborenen Latierres mit zweihundert Punkten dahinter, nur zehn Punkte vor den Gelben. Julius grinste fast. Da sagte Hippolyte: „Wenn Miriam und Raphaelles Jungen dort eingeschult werden wird das wieder anders. Zehn Punkte vor den Gelben. Das ist ja echt traurig.“
„Ja, aber offenbar möglich“, erwiderte Julius. Seine beiden erwachsenen Mitbewohnerinnen knufften ihn dafür, während Hippolyte verdrossen dreinschaute. Deshalb wagte Julius es schon nicht, davon zu reden, was passierte, wenn Claudine eingeschult würde.
Nach dem Abendessen reisten Catherine und Claudine per Kamin ab und nahmen Grüße an Joe und Catherines Tante Madeleine und den kleinen Justin mit. Weil Claudine nun fort war konnten die anderen, die nicht im Schloss wohnten oder übernachten wollten durch die Versetzungsschränke in ihre jeweiligen Häuser überwechseln. So trafen Béatrice, Millie, Julius, Aurore, Chrysope, Clarimonde, Félix, Flavine, Fylla, Chloris, Hestia und Hidalga kurz vor zehn Uhr in ihrem eigenen runden Haus ein. Die Kinder wurden danach bettfertig gemacht und mit Gutenachtgeschichten in den Schlaf geschickt. Dann trafen sich die drei erwachsenen Hausbewohner im Musikzimmer, damit Julius und Millie Béatrice, die nicht offiziell zum stillen Dienst gehörte, über alles aufklärten, was dort besprochen wurde. Als sie damit fertig waren sagte Béatrice:
„Julius, wir hatten es ja schon davon, dass ich so oder so nicht offiziell nach Ägypten einreisen kann, um dann mit einer wertvollen Silberkette wieder auszureisen, die das halbe ägyptische Zaubereiministerium als einen der zwölf Schätze des Nils erkennt. Es kann also nur heimlich gehen, heimlich rein und wieder raus. Deshalb hoffe ich darauf, über deren Hebammengilde irgendwas zu regeln, wann der günstigste Zeitpunkt ist. Noch braucht Chloris meine Milch, und erst wenn ich sie auf andere Nahrung umgestellt habe planen wir beide das Unternehmen Silberkette, falls uns bis dahin kein besserer Name einfällt.“
„Ja, so verbleiben wir. Nur dass die Gefahr für dich ungleich größer wird, wenn die in Ägypten keine europäischen Hexen mehr ins Land lassen wollen.“
„Die wollen auch keine inländischen Hexen richtig groß werden lassen, Julius. Aber das kennst du ja aus der unschönen Affäre mit den Morgensternbrüdern, Aurélie und Claire“, erwiderte Béatrice, wohl wissend, bei Julius eine immer noch schmerzende Seelenwunde anzutippen. Er nickte deshalb nur.
Als Julius mit Millie im großen Ehebett lag wisperte sie trotz zugezogenen Schnarchfängervorhangs: „Al-Assuani spielt mit vielen Leben, auch mit seinem eigenen, Monju. Sollte diese Abriegelung die da lebenden Zauberer und Hexen immer ärmer machen könnten die aufstehen und den und seinen Clan ohne Klamotten und Trinkwasser in der Wüste aussetzen oder in einer freien Pyramide einschließen.“
„Ich fürchte, das weiß der auch und wird Vorsichtsmaßnahmen treffen, dass ihm keiner dumm kommt. Der ist von Ladonna unterworfen worden. Der ist auch jetzt schon paranoid genug. Dass der dann sowas startet ist eigentlich total …“
„Unlogisch? Krank? Irre?“ bot Millie ihrem Mann drei Antwortmöglichkeiten an. „Ja, lebensmüde. Wenn das nicht wegen der Silberkette der Isis wäre, dass Béatrice und du euch auf den Deal mit den Kleinen eingelassen habt würde ich sagen, dass uns die ganze ägyptische Zaubererpolitik quer am verlängerten Rücken vorbeigehen kann. Aber weil wir da demnächst was wollen kann ich das nicht mal denken“, seufzte Julius.
„Du hast gehört, was Trice gesagt hat. Erst will sie Chloris von ihren Nippeln entwöhnen, bevor sie was in der Richtung planen will. Vielleicht haben wir dann wieder eine ganz andere Lage da. Wie gesagt, Al-Assuani spielt mit vielen Leben“, erwiderte Millie.
„Hoffentlich nicht mit dem von Trice oder uns beiden, Mamille. Naacht!“ Er küsste seine Frau noch einmal innig. Sie knuddelte ihn. Er fühlte, dass auch sie noch genug Milch für die zwei kleinen Latierre-Töchter vorrätig hatte und drehte sich dann in seine Lieblingsschlafhaltung.
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30.06.1898
Es hieß, dass heute eine Entscheidung über die Leitung der vier Häuser bekanntgegeben würde. Denn Leonore Heckengrün hatte angedeutet, dass sie ihr seit drei Schulleitern und -leiterinnen ausgeübtes Amt der Hausvorsteherin von Mondenquell niederlegen würde. Ja, und was für den nun mehr als sieben Jahre amtierenden Astronomielehrer Canopus Hertzsprung wichtig war, dass Hedwig Säuselbach ebenfalls den Dienst quittieren würde. ihren Zauberkunstunterricht mochte dann Canopus mitübernehmen. Ob er zugleich auch das Haus Taubenflug übernehmen würde wusste er nicht. So recht wohl war ihm dabei nicht. Denn in diesem Sommer würde sein erstgeborener Sohn Kepheus hier eingeschult.
Endlich erhob sich Ophelia Gräfin Greifennest und wandte sich an die erwartungsvoll schweigende Zuhörerschaft. Sie bedankte sich bei leonora Heckengrün für 85 vollendete Jahre voller abwechslungsreicher, vor allem erbaulicher und förderlicher Zusammenarbeit. Sie betonte noch einmal, wie wichtig in Burg Greifennest Traditionen waren, auch und vor allem, dass sie brennende Fackeln waren, die wie bei einem Staffellauf von einem zum anderen weitergereicht wurden. Deshalb war auch ihre designierte Nachfolgerin Aurora XII. mit anwesend, die in zehn Jahren die Schulleitung übernehmen sollte. Ebenso erwähnte sie die verdienstreichen 50 Jahre, die Hedwig Säuselbach als Lehrerin für Zauberkunst und Leiterin des Hauses Taubenflug gearbeitet hatte. Da Canopus der einzige früher in Taubenflug wohnende Schüler war, der auch Zauberkunst unterrichtete und er seit 1895 jene obligatorischen sieben Jahre überstanden hatte, die ein künftiger Hausleiter mindestens vorweisen musste, stand sicher fest, dass sie ihn gleich vor versammelter Zuhörerschaft die Nachfolge antragen würde. Sie abzulehnen wäre ein unverzeihlicher Fehltritt und ein Skandal von internationaler Tragweite.
Er wartete jedoch ab, wen Leonora Heckengrün benennen würde. Als diese laut und deutlich Hubertine Säuselbach fragte, ob sie das Amt der Nachfolgerin übernehmen würde sagte diese laut und deutlich: „Ja, ich nehme dieses Amt an, Magistra Heckengrün.“ Canopus Sah, dass Hedwig Säuselbach verdrossen nickte. Dann stellte diese sich so, dass alle sie sehenund hören konnten.
„Nun, da auch ich nach vielen Jahrzehnten das Amt der Magistra für praktizierte und theoretische Zauberkunst an einen würdigeren weitergeben möchte, und Korbinian Katzengold sich bereits als würdiger Nachfolger hervorgetan hat, so verbleibt mir als Vorsteherin des Hauses Taubenflug, einen da selbst die Schulzeit lang wohnhaften Kollegen zu benennen, der mein Amt übernehmen wird. So frage ich nun, ist der Kollege Canopus Hertzsprung in diesem Saal anwesend?“ Canopus erhob sich von seinem Stuhl und trat vor. „So frage ich Sie, Kollege Hertzsprung, Sind Sie willens und bereit, die Schlüssel zum Sprechzimmer des Hausvorstandes von Haus Taubenflug entgegenzunehmen und alle Belange und Obliegenheiten jenes ehrenvollen Schulhauses zu verwalten und ehrenvoll zu hüten, bis der Tag kommt, an dem Sie selbst einen würdigen Nachfolger benennen mögen?“
„Ja, ich bin willens und bereit“, erwiderte Canopus. „Dann treten Sie bitte vor und empfangen Sie die Schlüssel zur Amtsstube des Hausvorstandes von Taubenflug!“ sprach Hedwig Säuselbach.
Canopus trat unter Beifall der Taubenflug-Bewohner vor und nahm den weißen Schlüsselbund mit insgesamt sieben Schlüsseln entgegen, zwei für die Türen zum Torhaus von Taubenflug, zwei für die Tür zum Treppenhaus von Erzenklang, durch die es zum für alle gültigen Reisetor nach Greifenberg ging, sowie die Schlüssel zur Amtsstube und den darin verstauten Aktenschränken.
Als Canopus die Schlüssel mit feierlichem Dank entgegengenommen hatte fing er den Blick von Hubertine Säuselbach ein. Er ging zu ihr hin. „Das war mir klar, dass meine große Schwester es nicht verwinden wird, dass ich ihr gleichrangig werde und dass Sie sie, einen ihrer Meisterschüler, zum Nachfolger erklärt hat, wo Ihr Herr Oheim sich ja noch früh genug davongemacht hat, um diese schwere Last nicht auf die Schultern zu nehmen. Ich hoffe sehr, wir beide kommen im Rat der fünf besser miteinander aus als ich mit dieser überheblichen Dame, die Ihnen gerade ihre Zimmerschlüssel gegeben hat.“
„Es steht mir nicht zu, mich über Ihr Verhältnis zu Magistra Hedwig Säuselbach zu äußern, Kollegin Säuselbach. Daher stimme ich Ihnen nur dahingehend zu, dass ich auf eine respektvolle und gedeihliche Zusammenarbeit hoffe.“
„O ja, vor allem, wo in diesem Jahr ihr Erstgeborener eingeschult wird. Das wird für Sie die erste große Herausforderung sein“, erwiderte Hubertine Säuselbach.
„Die der Kollege sicher besteht, weil ich ihm sonst sicher nicht zugetraut hätte, meine Zimmerschlüssel zu bekommen, werte Schwester“, sprach Hedwig Säuselbach, die sich von beiden unbemerkt genähert hatte.
„Nur, dass wir zwei hübschen wissen, wie schwierig es ist, den beruflichen Abstand zu wahren“, grummelte Hubertine, die über den unverhofften Einwand ihrer älteren Schwester sehr überrascht war. Canopus Hertzsprung hielt es für geboten, hier nichts zu sagen, bis er wieder persönlich angesprochen wurde. Hedwig Säuselbach wünschte ihm eine ruhige und sichere Hand, sowie ein Gespür für das Maß zwischen Strenge und Nachsicht, dass einem erfahrenen Lehrer dienlich war. Er bedankte sich für diesen Zuspruch und versprach, dem Haus Taubenflug alle Ehre zu machen.
Nach der Übergabezeremonie zeigte ihm Hedwig Säuselbach die Aktenschränke im Sprechzimmer. Zu seinen Obliegenheiten gehörte es, die Liste aller neuen und aller ehemaligen Schüler zu pflegen und die Stundenpläne für alle Klassen zu hüten, die von den großen Fünf, also der Schulleiterin und den vier Hausvorständen für jedes Schulhalbjahr erstellt werden mussten. Er fürchtete schon, dass ihm für seine astronomisch-thaumaturgischen Forschungsarbeiten nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Doch er hatte ja gewusst, dass er in die engere Auswahl gezogen werden mochte. Ja, und sein Onkel Antares hatte wahrhaftig früh genug den Dienst quittiert, um nicht in diese Position berufen zu werden. Wie lange mochte er nun in diesem Amt dienen, bis er selbst jemanden kannte, dem oder der er die Schlüssel für dieses Zimmer übergeben konnte? Vor allem, wie würde er damit zurechtkommen, wenn sein Sohn Kepheus wie er selbst in Haus Taubenflug einziehen würde. Oder würde er sogar enttäuscht sein, falls Kepheus bei den Mondenquellern unterkam wie Birte oder bei den Erzenklanglern wie sein verstorbener Großvater Ortwin?
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Letzter Sonntag im August 1898
Canopus dachte daran, wie er damals noch in Greifenberg gewohnt hatte. Damals hatten seine Eltern ihn nur vor dem Gemeindehaus abliefern müssen und er hatte auf den damals noch jungen Schulkastellan Anton Steinpfortner warten müssen, der die Neuen zusammenrief und auf die weißen Kutschen verteilte. Heute mussten er und seine Frau Birte ihren Sohn Kepheus zur Anlegestelle des Schnellseglers „Alpenwind“ bringen, der über die Donau und die Verbindungskanäle zum Rhein zum Nekkar fuhr und von dort aus gegen den Strom des Greifenbaches durch von Hexen und Zauberern vor jeder nichtmagischen Besiedlung bewahrten Teil des Schwarzwaldes bis nach Greifenberg. Dort würden alle Ankömmlinge, ob Prinzipianer oder Ultimaner vor dem Gemeindehaus zusammenkommen. Die Prinzipianer würden dann von Anton Steinpfortner abgeholt und in den weißen Kutschen den Greifenberg hoochgefahren, während die anderen durch das Reisetor im Gemeindehaus in den Erzenklangturm hinüberwechseln und sich auf dem Burghof versammeln konnten. Dann würden sie wohl durch den Eingang zum achteckigen Hauptgebäude mit den beiden Türmen gehen und sich auf dem Innenhof beim Brunnen treffen.
„In welches Haus auch immer die Kräfte von Greifennest dich zuteilen, mein Sohn, denke immer daran, dass du nicht alleine bist und dass du deinen eigenen Weg finden musst. Ich werde zwar nicht aufhören dein Vater zu sein. Doch wenn ich in der Burg bin bin ich für alle dort lernenden an Eltern Statt zuständig. Also renne nicht mit jeder Kleinigkeit zu mir, egal ob du in Haus Taubenflug landest oder nicht! Du würdest nur Spott und Verachtung ernten, wenn du damit prahlst, der Sohn eines Lehrers zu sein. Die, die es sowieso mitbekommen könnten zwar trotzdem finden, dich das spüren zu lassen, dass du angeblich oder wirrkklich mehr Vorteile hast als die. Aber lass dich vom Neid und dem Spott der anderen nicht zu dummen Dingen treiben. Lerne so früh du kannst deinen eigenen Weg zu erkennen und gehe diesen im Vertrauen auf deine eigenen Stärken und deine eigene Entschlossenheit. Gehe ihn aber immer so, dass du möglichst keinen Schritt darauf bereust und lass dich nicht dazu verleiten, dich auf Kosten anderer zu vergnügen, nur um für ein paar Minuten Spaß mehr Ablehnung als Anerkennung zu bekommen! Ich wünsche dir alles Glück und jeden Erfolg, den du dir mit deiner eigenen Arbeit verdienen kannst! Gute Reise, mein Sohn!“ gab Canopus dem schon zwei Drittel so groß wie seine Mutter gewachsenen Jungen mit. Dieser sah seinen Vater ein wenig verunsichert an. Dann schien er dessen Worte richtig verstanden zu haben und straffte sich. „Wenn ich nicht in das von dir geführte Haus reinkomme wirst du von mir so gut wie nichts mitkriegen, Vater.“
„Na ja, im Unterricht wirst du ihm schon begegnen, und er wird natürlich mitbekommen, wie du dich beträgst, – Kepheus“, sagte Birte. Sie hätte fast den seit zehn Jahren benutzten Kosenamen Phefi ausgesprochen. Doch gerade so erkannte sie noch, dass sie dem Jungen damit einen gehörigen Ballast an Spott und Häme auf die Schultern packen mochte.
Als das zweimastige Segelschiff mit den aus Oberbayern stammenden Greifennest-Schulkindern davonglitt wischte sich Birte kleine Tränen aus den Augen. „Ich weiß, es ist eine abgedroschene Phrase, Canopus, aber sie stimmt ja leider. Sie werden so schnell groß.“
„Ich stimme dir in beiden Punkten zu“, erwiderte Canopus.
„Wann musst du in der Burg sein?“ wollte sie wissen. „Eine Stunde vor dem Eintreffen der ersten Schülergruppe. Dann will die Gräfin mit uns eine kurze Besprechung halten. Ich muss dann mit dem alten Steinpfortner noch klären, ob alle Schlafsäle bezugsfertig sind und welche der fünfzig Schulelfen für Taubenflug eingeteilt sind. Ich werde dann wohl so nach zwei Stunden wissen, wo der junge Herr Hertzsprung die nächsten sieben Jahre wohnen wird“, fasste Canopus zusammen, wie sein Tag verlaufen würde. Seine Frau erwiderte: „Gut, ich werde deine Abwesenheit nutzen, um mit Merilla Heckenwurz nach Heilkräutern suchen.“ Er nickte ihr zu.
Bevor er nach Greifenberg apparierte prüfte er noch, ob alle Schutzbanne um sein alchemistisches Laboratorium mit voller Stärke wirkten. als er besonders noch einmal um den Schrank mit den geheimsten Aufzeichnungen und Versuchsergebnissen einen Bannkreis gezogen hatte, der nur ihn durchließ verschloss er die Zugangstür von außen. Ab nun wirkte auf jeden Schrank und jedes Regal ein Unentnehmbarkeits- und Verschlusszauber ein.
Als er im Gemeindehaus von Greifenberg apparierte traf er dort den nun seit sechzig Jahren im Dienst der Burg stehenden Kastellan Peter Steinpfortner, auch Herr aller Schlüssel genannt. Sein einst dunkelbraunes Haar wies mittlerweile mehrere silbergraue Stellen auf. Das gleiche galt für den pinselartigen Oberlippenbart, der in seinem ansonsten völlig glatt rasiertem Gesicht wuchs. Der Schuldiener trug einen goldenen Umhang mit dem kreisrunden Wappen von Greifennest und einen weißen Zylinder. Er hatte nie viel von spitzen Hüten gehalten, wusste Canopus.
„Ah, Sie sind überpünktlich, Magister Hertzsprung. Magistra Säuselbach hat mir eine Eule zugesandt, dass sie erst in zehn Minuten eintreffen kann, weil sie noch die für die Personalunion von Tierwesenkundelehramt und Kräuterkundelehramt nötigen Dokumente kopieren und jede Kopie beglaubigen lassen muss. Da war offenbar noch nicht alles vollständig.
„Und Magister Kienspan und Magister Katzengold?“ fragte Canopus. „Die sind schon oben in der Burg. Die wohnen da ja“, erwiderte Steinpfortner.
Als dann die neue Vorsteherin von Mondenquell eintraf ging es durch das Reisetor in das zweite Untergeschoss des Erzenklangturmes. Von dort aus ging es erst zum Turm Mondenquell. Canopus wartete draußen. Danach durfte er seinen Zuständigkeitsbereich aufsuchen und sich mit dem ältesten für sein Haus eingeteilten Elfen unterhalten, wann diese die für alle dort wohnenden Schüler zugänglichen Bereiche putzten und aufräumten. Danach traf er sich mit allen anderen Lehrerinnen und Lehrern im Wohnturm der Schulleiterin im kreisrunden Konferenzzimmer mit bodentifen Bleiglasfenstern, durch die das gesamte Schulgelände und der es umgebende Bergwald bis hinunter zum Dorf Greifenberg gesehen werden konnte.
Als er dann die Kolonne weißer Kutschen den serpentinenweg zur Burg hinauffahren sah fühlte er doch sowas wie Stolz und zugleich Anspannung. In einer der Kutschen saß sein Sohn Kepheus. Wo würde der hinkommen? Mit wem würde er einen Großteil seiner Zeit verbringen? Canopus wusste, dass er diese Fragen nicht offen stellen, sondern nur beobachten durfte.
Als dann die alle Jahre wieder erfolgende Zeremonie der Neuzuteilungen begann fühlte Canopus die innere Anspannung steigen. Zwanzig Mädchen und Jungen mit Nachnamen ohne H wurden zuerst zugeteilt. Davon landeten sechs bereits in Taubenflug. Dann kam schon „Hertzsprung, Kepheus Ortwin“ an die Reihe.
Canopus‘ Sohn trat in den Saal und setzte sich auf den Stuhl auf dem Rand des Rades der Entscheidung. Dieses begann sich zu drehen und nahm Fahrt auf. Nach den mindestens zwölf Umdrehungen kreiste es weiter, wobei es von runde zu runde etwas langsamer wurde. Canopus sah, dass Kepheus mit offenen Augen in den Saal blickte. Das Rad wurde langsamer und langsamer. Am Ende mochte es stehen bleiben, ohne dass die in ihm wirkenden Auswahlprüfzauber ein sicheres Haus für den jungen Hertzsprung erwählt hatten. Doch dann hielt das Rad mit einem leichten Ruck an. Kepheus blickte genau auf den Tisch, für dessen Haus er offenbar am besten geeignet war. Es war der wasserblaue Tisch von Mondenquell. Hubertine Säuselbach zwinkerte ihrem Kollegen Hertzsprung zu und wisperte unter dem Beifall der Mondenquell-Bewohner: „Tja, die Erbanlagen einer starken Hexe lassen sich nicht abbringen, auch wenn sie im Körper eines Zauberers eingebettet sind.“
Kepheus ging zielstrebig auf den Tisch der Mondenqueller zu und setzte sich zwischen Bertholde Eisenhut und Elfriede Ginstermoor hin. Er war bisher der einzige Knabe, der neu in Mondenquell wohnen sollte. Am Ende bekam der noch einen Schlafsaal für sich alleine, dachte Canopus.
Am Ende der Zuteilung, als „Weidenstock, Ulrich“, auf dem Rad der Entscheidung gereist war gab es in Mondenquell zehn neue Schülerinnen und vier neue Schüler. Kepheus würde also keinen eigenen Schlafsaal bekommen.
Am Abend nach dem Essen schrieb Canopus seiner Frau, wo der einzige Sohn untergekommen war und dass er mit einem der Weidenstocks zusammenwohnen würde. Die Weidenstocks galten als eine Familie, die angeblich oder wahrhaftig Zugang zu weiter als das Römerreich zurückreichenden Zauberkenntnissen haben sollte. Ulrichs Schwester Tabea war ja vor fünf Jahren auch in Mondenquell eingezogen.
jedenfalls wird der Junge mich nicht als Nachfolger im Amt eines Hausvorstehers von Taubenflug beerben. Da Mondenquell in all den Jahrhunderten nur Hexen als Hausvorstand hatte dürfte er dort auch nicht so aufsteigen. Warten wir also ab, wohin es ihn führen wird, dass er dort wohnt!
Als Canopus diese Zeilen geschrieben und die üblichen Grüße und Küsse angefügt hatte besuchte er den zweiten Turm des Hauptgebäudes, den Astronomieturm. Dort prüfte er die montierten Fernrohre und prüfte, ob das von ihm beantragte Wärmelichtobjektiv tadellos verbaut und einsatzbereit war. Für die beiden Oberen Klassen, die bei ihm noch auf die Abschlussprüfung hinarbeiteten wollte er eine Unterrichtseinheit zu unsichtbaren Nebelwolken und den in solchen gebetteten Lichtquellen abhalten. Er verfolgte nämlich die von einem Kollegen aus dem 17. Jahrhundert aufgestellte Hypothese, dass wenn die aufglühenden neuen Sterne ausbrannten und somit Sterne starben, anderswo auch Sterne neu geboren werden mochten, um den Nachthimmel in Gang zu halten. Allerdings war bis heute kein solches Sterrnennest gesehen worden, wusste er von seinem Onkel Antares. Mit dem Wärmelichtaufsatz auf dem großen Fernrohr mochte sich das ändern, auch wenn die CSS selbst solche Hilfsmittel besaß. Die akademischen Überlegungen lenkten ihn gut davon ab, dass er nun einen Sohn in Greifennest hatte, den er unterrichten, aber nicht bevorzugen durfte. Immerhin mochten Birte und ihre Mutter und auch Tante Immii stolz sein, dass Kepheus im Haus Mondenquell gelandet war und deshalb wohl die Anlagen für einen künftigen Braumeister oder Heiler besaß, statt nur in den Himmel zu gucken wie sein Vater.
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28.02.2004
Er mochte es nicht, mit dem verwegenen Filmhelden Indiana Jones verglichen zu werden. Denn wenn er loszog dann immer, wenn er sicher war, was er auch vorfinden würde. In dem Fall wollte der 50 Jahre alte Professor für Anthropologie zu einem Gebirgszug in Uganda, um den herum vor 50.000 Jahren eine erste sesshafte Stammesgemeinschaft gelebt haben sollte, vor allem, weil sie die weitläufigen Höhlen des Gebirrgszuges ausnutzen konnten. Daraus mochte sogar eine der ältesten Religionen der Menschheit entstanden sein. Allerdings war die Region umkämpft. Der um seine dritte Amtszeit ringende Präsident Museveni und die ihn bekämpfende LRA hatten sich in der Umgebung schon mehrere blutige Scharmützel geliefert. Wurden Sie von der einen oder anderen Partei gefangengenommen würde das für jemanden sehr teuer werden, und er müsste es dann wohl abstottern bis an sein lebensende.
Vier Leute hatte er sich ausgesucht: Dr. Gitta Hinze, Biologin mit Sanitäterausbildung, Ernst Altmoser, erfahrener Bergsteiger und Geologe, der der Liebe wegen aus seiner Heimat Tirol an die untere Elbe gezogen war, Fritz Kohlhas, Spezialist für Mess- und Kommunikationstechnik und zugleich erfahrener Amateurspeleologe und wegen des finanziellen Hintergrundes Erasmus Söderdiek, den Sohn seiner Schwester Heidi, die diesen Nachkommen eines alten hanseatischen Kaufmannsclans geheiratet hatte, der in Blankenese, München Grünwald, London Mayfair und angeblich auch im Malibu bei Los Angeles eine Villa stehen hatte und vom Frachtgutreeder zum Kreuzfahrtbaron aufgestiegen war. Erasmus sollte sich endlich einmal nützlich machen, wo er schon 30 Semester in verschiedenen Studienfächern zugebracht hatte und schon 37 Jahre alt war.
Sein Schwager Erich hatte ihnen einen der sechs Gulfstreams aus seiner exklusiven Reisefirma Stratotaxi zur Verfügung gestellt, mit zwei Piloten. Sie waren in der Ugandischen Hauptstadt Kampala gelandet. Dort stigen sie als scheinbar harmlose Rucksacktouristen aus. Dann hatten sie sich über den vielsprachlich begabten Erasmus von einem Etappenziel zum anderen durchgehangelt, bis sie am 28. Februar morgens vor einem Berg standen, den sie wegen der für Europäer unaussprechlichen Namen „Grauer Riese“ nannten. Erasmus hatte gemäß seiner Herkunft das abenteuerlustige Millionärssöhnchen gegeben und sich damit einen geländegängigen Großraumjeep ergattert, der zur Not mit Laufketten bestückt werden konnte wie ein kleiner Panzer. Burmester hatte sich wie der Teamleiter einer Agententruppe à la „Mission Impossible“ im Hintergrund gehalten und über die von Kohlhas beschaffte Kryptofunkverbindung mitgehört. Burmester dachte dabei daran, dass es sich in den Höhlen unter dem grauen Riesen erweisen würde, wie belastbar Erasmus sein konnte. Bei der ständigen Frotzelei mit dem altgedienten Bergkletterer Altmoser stand die wahre Prüfung der Teamfähigkeit seines Neffens noch bevor. Denn Altmoser, der mit seinen 60 Lenzen zehn Jahre älter als Burmester war, verstand sich als der eigentliche Anführer, der nur die anderen solange frei handeln ließ, bis sie in einer nur von ihm beherrschbaren Umgebung waren. Das sollte Burmester auch bedenken, dass Altmoser dann den Expeditionschef geben mochte, nach dem Motto: „Danke für’s herbringen. Aber ab hier übernehme ich.“
„Wo genau soll der Eingang sein?“ wollte Gitta Hinze wissen, als sie mit ihren großen Rucksäcken und den besonders präparierten Rollkoffern auf dem schmalen Plateau zusammenkamen. Erasmus, der Gefallen an Sonartechnik gefunden hatte, prüfte mit einem tragbaren Echolot die Wand, während Fritz Kohlhas die Umgebung mit einem von ihm selbst gebauten Dreistrahligen Lidar abtastete, um Verfolger zu Lande und zur Luft früh genug zu orten.
Erasmus suchte mit dem tellerförmigen Aufsatz des Echolotes die Wände ab, bis er grinste. „ah, da ist ein großer Hohlraum, aus dem es mehrfach widerhallt. Wir müssen dafür aber eine Tonne Gestein aus der Nische da herausbrechen. Aber das sieht so aus, als wenn der Brocken erst vor kurzem hier heruntergerutscht wäre oder von jemandem absichtlich in diese Nische da eingesetzt worden wäre.“
„Woran machen der Herr Kommerzienrat das fest?“ fragte Altmoser in seiner bereits bekannt leicht verächtlichen Weise.
„Weil, Herr Baron zu Krackselhausen, die Echolotung zeigt, dass der Felsen nicht aus der Wand heraus gewachsen ist, sondern davor aufgeschlagen ist, wohl nach einem Steinschlag. Deshalb halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass wir den mit dem Rollengeschirr und allen verfügbaren Stemmeisen da wegbugsieren können“, sagte Erasmus Söderdiek sehr von sich überzeugt. Burmester wollte schon einschreiten, um einen neuerlichen Zank zwischen dem gebürtigen Tiroler und dem hanseatischen Kreuzfahrtkronprinzen zu unterbinden. Doch das erledigte Fritz Kohlhas.
„Leute, ich melde, keine unerwünschten Zuschauer und auch keine erbosten Grundstückseigentümer in weniger als fünf Kilometern umkreis. Ich habe auch, soweit ich mich an den Plateaurand stellen konnte, weit genug nach oben gehalten und weder ein Flugzeug noch eine dieser neumodischen Drohnen erfasst. Also haben wir mindestens zehn Minuten Zeit, was immer sinnvolles zu tun.“
„Gut, Herr Kohlhas, Sie behalten die Umgebung unter Lidarüberwachung, solange Ihr kleiner Zauberstab dies hergibt. Wir untersuchen den Felsen und prüfen, ob wir ihn ohne Dynamit von der Stelle kriegen“, bestimmte Burmester. Sofort waren alle wieder friedlich, zumindest für die nächsten Minuten.
Es dauerte dann jedoch zwei Stunden, bis sie den an die drei Tonnen schweren Brocken vor der schmalen Eingangsöffnung weit genug davon gelöst hatten, dass sie ihn auf Rollen bis zur Kante des Plateaus schieben konnten und ihn dann, nachdem alle Halteseile und Rollen gelöst waren, mit einer gemeinschaftlichen Anstrengung den Berg hinunterstoßen konnten. Nun lag ein gerade einen Meter breiter und anderthalb Meter hoher Durchgang frei.
„Frau Doktor Hinze, bitte überwachen Sie die Luftzusammensetzung. Nicht dass wir in eine Methan- oder Schwefelgasblase hineingeraten!“ ordnete Burmester an. Da sagte Altmoser: „Aus der Höhle strömt freie Luft, und zwar zwei Grad wärmer als die Umgebungstemperatur. Das heißt, wir sind am oberen Ende eines dynamisch bewetterten Höhlensystems.“
„Danke für diese Information, Herr Altmoser“, erwiderte Burmester. Da meldete Kohlhas: „Achtung! ein Hubschrauber dringt in den Kontrollbereich ein, geschätzte Ankunft in zwei Minuten.“
„Will der zu uns?“ fragte Burmester schnell. „Kann ich so nicht bestätigen. Aber der Richtungsvektor zielt gerade auf uns. Maschine bleibt auf Theta 17 Grad.“
„Okay, die Dame und die Herren, alles an Ausrüstung aufnehmen und durch den Eingang. Eiltempo!“ befahl Burmester nun im Stil eines Armeeoffiziers. Sonst mochte er es nicht, den Befehlshaber zu geben. Doch hier wäre jede weitere Diskussion fatal.
Kohlhas und Burmester blieben als letzte zurück, als die anderen schon mit der Ausrüstung durch den Eingang waren. Erst als von drinnen drei Klopfzeichen zu hören waren, dass alles in Ordnung war schlüpften auch der Lidartechniker und der Expeditionsleiter in die Nische. „Köpfe runter, ich messe die Umgebung aus“, zischte Kohlhas. Alle duckten sich, um nicht in die Bahn der drei ausfächernden Laserstrahlen zu geraten.
„Oh, in hundert Metern Entfernung drei weiterführende Stollen, einer nach oben und zwei nach unten, davon einer wohl mit zehn Grad neigung“, sagte Kohlhas, während Erasmus Söderdiek gerade ein Richtmikrofon auspackte, um damit nach draußen zu lauschen. „Ich habe den Luftquirl deutlich in den Ohren. Der kommt genau hierher. Vielleicht ein Patrouillenflug der Regierung. Dann könnten hier irgendwo Rebellen stecken, Leute!“
„Gut, den abschüssigeren Gang nach unten! Bodenunebenheiten beachten, nur geradeaus weiterlaufen!“ befahl Burmester.
Die heimliche Fünfertruppe beeilte sich, mit ihrer Ausrüstung in den entsprechenden Stollen zu gelangen. Nach zwei Minuten geradeauslaufen erreichten sie eine T-förmige Abzweigung, wobei ein Gang nach oben und der andere weiter nach unten führte. Da sie keine Richtungsmarkierungen hinterlassen durften, falls jemand ihnen hinterherging beschloss Burmester, erst einmal weiter nach unten zu gehen, um später die Hauptrichtung durch die Schwerkraft zu bestimmen.
Erasmus Söderdiek und Fritz Kohlhas sicherten nach hinten ab. Der Hubschrauber entfernte sich laut Sonargerät wieder, und in den Gängen hinter ihnen bewegte sich nichts und niemand. Dennoch waren sie erst dann wirklich beruhigt, als sie am unteren Ende des Stollens in einer großen Halle ankamen, in der gut und gerne hundert schwere Lastwagen abgestellt werden konnten. Von hier aus zweigten fünf weitere Gänge ab.
„Ist wer hinter uns?“ flüsterte Professor Burmester seinen Leuten zu. Erasmus Söderdiek nahm diese Frage als Anweisung, mit der von Fritz Kohlhas ausgeborgten Sonarausrüstung zu lauschen. Er schlich zum gerade verlassenen Durchgang zurück, legte seine Finger auf die Lippen und klappte die Kopfhörer herunter. Dann hielt er das Richtmikrofon in den Gang und betätigte behutsam die Regler an der Aufnahmevorrichtung. Er lauschte zwei volle Minuten. Danach klappte er die Kopfhörer wieder nach oben und verstaute das kegelförmige Horchgerät. „Ich habe nur leises Windgeheul gehört, und dann auch nur, weil ich die Restschallverstärkung auf volle Stärke hochgedreht habe, dass ich selbst einen Floh hätte husten hören können“, meldete Erasmus Söderdiek. „Keine Schrittgeräusche, weder von Menschen noch Tieren. Ich hörte nicht mal tropfendes Wasser. Die Höhlen sind extrem ausgetrocknet, oder wie es volkstümlich heißt furztrocken. Melde, keine Verfolger!“
„Zum Bund kommen Sie mit dieser umständlichen Meldung nie hin, Herr Söderdiek“, spöttelte Kohlhas. „Der Zug dahin ist ja schon vor neunzehn Jahren abgefahren, als ich merkte, dass das sowieso nicht mein Ding ist“, sagte Söderdiek. „Ah, Zuvieldienstleistender?“ fragte Kohlhas. „In gewisser Weise. Mein alter Herr hat was hingebogen, dass ich bei einer Sozialeinrichtung die Buchführung machen durfte. Das wurde dann wie ordentlicher Zivildienst verbucht“, erwiderte Söderdiek völlig frei und unbedacht, dass Kohlhas oder Altmoser das in den falschen Hals bekommen mochten, weil beide Wehrdienst geleistet hatten.
„Klar, wessen Vater auf goldenen Klos Geld scheißt kann sich aus allem rauskaufen, was nur ein bisschen anstrengend ist, nicht wahr?“ erwiderte Altmoser prompt. Der Neid auf den Kreuzfahrtenkronprinzen klang unüberhörbar durch.
„Keine Streitigkeiten, wenn ich bitten darf!“ schritt Burmester ein. „Abgesehen davon, dass sie eine unmittelbare Gefahr durch hörbare Verfolger wohl unverzüglich und ohne genaue Umschreibung gemeldet hätten, Herr Söderdiek, richtig?“
„Dies trifft zu, Professor Burmester“, erwiderte Erasmus ruhig. Mit seinem Onkel und Expeditionschef sollte und wollte er sich nicht so kabbeln wie mit dem alten Altmoser oder dem Elektronikexperten Kohlhas.
„Wenn es hier kein freies Wasser gibt sollten wir uns nicht länger als eine Woche aufhalten, für die wir Frischwasser mitführen. Abgesehen davon müssen wir die vorsorglich mitgeführten Astronautenwindeln benutzen, um keine Ausscheidungen zu hinterlassen.“
„Toll“, knurrte Altmoser. „Wo die mir andauernd irgendwelchen Inkontinenzkram andrehen wollen.“ Burmester deutete auf die mitgeführten Rucksäcke mit daran angebrachten Schlafsäcken. „Gut, da es bereits später als 22:00 Uhr ist und wir es ja amtlich haben, dass die Höhlen ständig mit frischluft bewettert werden ordne ich als Expeditionsleiter an, dass wir uns hier niederlegen und bis fünf Uhr schlafen. Besser ist es, wenn wir drei Wachen aufstellen. Doktor Hinze, Sie dürfen die Nacht ganz durchschlafen, da ich Sie als begleitende Sanitätskraft mit ganzer Ausdauer zur Verfügung haben möchte. Ich übernehme die erste 2-Stunden-Wache“, bestimmte der Professor. Die Wache von eins bis drei wollte Fritz Kohlhas übernehmen. Erasmus Söderdiek wollte die Wache von drei bis fünf Uhr übernehmen und alle aufwecken. Burmester verkniff sich eine bissige Bemerkung, ob sie nicht dann lieber alle ihre mitgeführten Wecker stellen sollten. Er nickte die freiwillige Wacheinteilung ab. So blieben nur Ernst Altmoser und Dr. Hinze vom Wachdienst ausgenommen.
Wenige Minuten später lagen sie alle auf aufblasbaren dünnen Luftmatratzen in ihren Schlafsäcken, bis auf den Professor, der sich von Kohlhas und Erasmus das Richtmikrofon hatte erklären lassen. Es stand nun auf einem fünfbeinigen Stativ und horchte in den Gang hinein, durch den sie hereingekommen waren. Sollte es vorbestimmte Geräusche wie Schritte oder menschliche Stimmmuster einfangen sollte es über das mitgelieferte Armband einen Vibrationsalarm auslösen, der wiederum den Wachhabenden dazu bringen sollte, die anderen aufzuwecken. Im schlimmsten Fall, dem einer Entdeckung durch ugandische Regierungstruppen oder Rebellen mussten sie alle die Schlafausrüstung zurücklassen und versuchen, sich dem Zugriff der Verfolger zu entziehen.
Burmester nutzte die Wachstunden aus, um sich die fünf weiteren Stolleneingänge anzusehen. Da es nicht in Frage kam, sich voneinander zu trennen konnten sie sich ja nur für einen Stollen entscheiden. Er wollte es davon abhängig machen, durch welche Zugänge ein regelmäßiger Luftaustausch stattfand und wo eventuell eine Sackgasse war, von der aus die kalte Luft unten herausdrang und die wärmere Luft oben hineinströmte.
Bei zwei Gängen fand er jene statische Belüftung. Die drei anderen Gänge besaßen offenbar Verbindungen zu höher oder tiefer gelegenen Ausgängen. Burmester legte fest, dass sie erst die statisch belüfteten Stollen erkunden sollten. Er überblickte dann noch einmal die Ausrüstung. Altmoser hatte eine Bergsteigerausrüstung für bis zu drei Personen gleichzeitig mitgeführt. Dazu gehörten auch an die ein Kilometer besonders strapazierfähiges Seil, mehrere Haken, Karabiner und eine umschnallbare Vorrichtung zum schnellen abseilen. Er dachte daran, dass sie diese Ausrüstung wohl wieder brauchten, wenn sie sich später wieder zum unter einer felsgrauen Tarndecke versteckten Jeep hinunterhangeln mussten.
Er betrachtete die große runde Halle mit den fünf abzweigenden Stollen mit einem Infrarotsichtgerät aus Kohlhas‘ Schatzkiste für Mess- und Beobachtungstechniker. So sah die Umgebung in einem grünen Licht aus wie auf einem fremden Planeten oder in einem feenreich. Er dachte an die alten Sagen der Germanen über die neun Welten und dass die Zwerge in ihrer Welt auch gerne unterirdisch wohnten. Doch hier in Uganda gab es garantiert keine echten Zwerge oder Kobolde, sofern es die jemals gegeben hatte.
Gerade, als Burmester Fritz Kohlhas aufwecken wollte spürte er einen mehrere Sekunden andauernden Luftzug, gleich einem Windstoß. Zugleich vibrierte das Alarm-Armband, dass über eine Kurzstreckenfunkverbindung mit dem Horchgerät am Eingang verbunden war. Dann sah er noch auf das von Dr. Hinze aufgestellte Meteo-Set für Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Temperatur, sowie das angeschlossene CO2-Warngerät. Das Barometer war innerhalb der letzten Sekunden um satte dreißig Hektopascal gestiegen. Gleichzeitig zeigte das Hygrometer, dass die Luftfeuchtigkeit um zwei ganze Prozent gestiegen war, als habe jemand innerhalb der Höhlen eine Menge Wasserdampf freigesetzt.
Burmester weckte also nicht nur Kohlhas, sondern auch seinen Neffen Erasmus und den Bergveteranen Altmoser. Im Flüsterton berichtete er, was passiert war und fragte Altmoser, woran das liegen konnte.
„So wie Sie das sagen, Herr Professor kklingt das nach einer Wasserdampfverpuffung. Gibt es hier heiße Quellen?“
„Ich prüfe mal nach, was unser Horchkegel mitgeschnitten hat“, flüsterte Söderdiek, als er das Horchgerät vorsorglich ausgeschaltet hatte, um nicht noch mehr Alarm zu verursachen. Er nutzte die Aufzeichnung der letzten zwanzig Minuten vor einem vorbestimmten Alarmgrund und stellte fest: „Das Mikrofon hat vorhin die Echos eines niederfrequenten Fauchens aufgefangen und zugleich einen starken niederfrequenten Ton auf Grund der schwingenden Luftsäulen in den Gängen aufgenommen. Das ist sehr praktisch, dass Ihr Horchbesteck auch Infraschall aufnehmen kann, Herr Kohlhas.“ Burmester staunte doppelt. Sein Neffe lobte den Leutnant der Reserve und er sprach ihn korrekt und förmlich an. Das konnte er im Kalender markieren. Ja, der 29. Februar war ja schon angebrochen.
„Die Quelle für diesen Luftstoß liegt in einem der beiden scheinbar blinden Stollen. Was sagen Sie, Herr Altmoser, sollten wir das jetzt prüfen oder später?“
„Wenn es da eine Wasserdampfquelle gibt sollten wir das wissen, ob es die einzige ist, Herr Professor“, sagte Altmoser. Erasmus nickte heftig. Kohlhas willigte ebenfalls ein. Er fragte noch, ob sie die mitgereiste Biologin aufwecken sollten. Burmester überlegte und schüttelte dann den Kopf.
Wegen der Nachtsichtgeräte brauchten sie kein Licht zu machen. Kohlhas maß die Länge des Stollens mit seinem tragbaren Lidar aus und meldete im Flüsterton: „Der Stollen ist vier Kilometer lang und hat ein erst schwaches Gefälle, schätzungsweise ein Prozent. Aber am Ende knickt er merklich nach unten ab, so bis auf zwanzig Grad. Deshalb kann ich nicht sagen, wo genau er endet. Vorsicht geboten!“
Weil Altmoser und Söderdiek die besseren Kletterspezialisten waren sollte Kohlhas bei der Kameradin Hinze wachen und weiterhin den Eingang unter Überwachung halten.
Die drei anderen Männer gingen mit Bedacht durch den grobwandigen Stollen. Es war gut, dass sie Helme trugen. Denn immer wieder hing ein Stück Felsgestein so tief, dass sie sich tief darunter hindurchbücken mussten. Auch wurde der Stollen an einigen Stellen so eng, dass sie hintereinander hergehen mussten. Auch kam es vor, dass es entweder Vertiefungen oder hinderliche Erhebungen im Boden gab. Das war wie der reinste Hindernislauf. Erasmus Söderdiek meinte dazu: „Das wäre doch eine neue olympische Disziplin, Cave Hurdling, Hindernislauf durch naturgewachsene Höhlengänge.“ Altmoser verzog darüber nur sein Gesicht. Der Professor würdigte diesen eher scherzhaften Kommentar mit keinem Wort.
Wegen der Engstellen und Unebenheiten oben wie unten brauchten sie für die von Kohlhas ausgemessenen vier Kilometer fast vierzig Minuten. Dann kamen sie an das von Kohlhas angekündigte Gefälle. Altmoser schlug vor, einander mit Sicherungsseilen wie bei der Überquerung von Gletschern zu verbinden. Burmester und sein Neffe stimmten dem ohne irgendwelche Randbemerkung zu. Dann stiegen sie weiter und weiter den nun zwanzig Grad abfallenden Stollen hinunter. Burmester merkte, wie ihm das in die Kniegelenke ging, weil er sich ständig bremsen musste, um nicht von der Schwerkraft zum laufen getrieben zu werden. So schafften sie noch einen weiteren Kilometer in fünfzehn Minuten, bis vor ihnen eine schroffe Wand aufragte. Doch zwischen der Wand und dem Stollenende gähnte ein schacht.
Es handelte sich nicht um einen bergmännisch in die Tiefe hineingebauten Förderschacht mit glattem Rand, sondern um ein tiefes Loch mit einem unregelmäßigen Rand. Altmoser schaltete das bisheriege Infrarotsichtgerät aus und dafür die LED-Helmlampe ein. Er vertraute dann doch lieber dem gewohntenLicht. Nun blickte er besorgt hinunter und hielt dabei seinen Kopf so, dass die Helmlampe in den felsigen Schlund hinunterleuchtete. Er konnte damit jedoch nur die ersten sechzig Meter erhellen. Doch da war noch nicht das Ende vom Schacht.
Nun schalteten alle anderen auch die Helmlampen ein und verstauten die Infrarotbrillen. So konnten sie den Schacht besser betrachten.
„Herr Professor, ich bitte um die Erlaubnis, die Tiefe des Schachtes auf gute alte Steinzeitart auszumessen“, sagte Altmoser. „Hört wer von Ihnen dort unten etwas lebendiges?“ fragte Burmester. Alle knieten sich hin und lauschten nach unten. Doch da war nichts. Sie sahen nur die auf volle Stärke hochgeregelten weiß gemischten Lichtstrahlen ihrer hochmodernen Spiegelreflex-LED-Kopfleuchten. „Erlaubnis zum Wurf eines Tiefenlotungssteines erteilt, Herr Altmoser“, sagte Burmester. Sörendiek hob die Hand und schlug vor: „Wir könnten mit kurzen Hu- oder Ha-Lauten am Echo hören, wie tief es da runtergeht. Es kann ja auch sein, dass der Schacht nicht gerade nach unten führt und ein geworfener Stein auf der halben Höhe auf einem Vorsprung liegen bleibt.“
„Denken Sie, das wäre mir nicht bewusst?“ schnarrte Altmoser, der sich von diesem seiner Meinung nach verwöhnten Großstadtburschen nicht belehren lassen wollte. Burmester schritt sofort ein und sagte: „Das Ihnen das bewusst ist steht außer Zweifel, Herr Altmoser. Daher gehe ich auch davon aus, dass Sie den Stein möglichst mittig in den Schacht hinunterwerfen wollen. Aber Herrn Söderdieks Vorschlag ist auch sehr brauchbar. So können wir zumindest schon mal die Maximaltiefe erraten. Sie beide haben eine Stopuhrfunktion an ihren Armbandchronometern. Nutzen Sie diese bitte!“
Die beiden anderen Männer wählten die Stopuhrfunktion auf ihren Armbanduhren, die der Professor hochtrabend als „Chronometer“ bezeichnete. Burmester selbst hatte keine Stopuhr. Dafür trug er eine altmodisch analoge, stoß- und bis 50 Metern Tiefe wasserdichte Taucheruhr, ein nach seiner vierjährigen Dienstzeit bei den Froschmännern der Bundesmarine erworbenes Andenken. Die konnte zwar Stunden, Minuten und Sekunden anzeigen, aber nicht auf Datums- oder Stopuhrfunktionsweise umgeschaltet werden.
Der Expeditionsleiter zählte leise die fünf Sekunden bis zum Echoversuch herunter und rief laut „Ha!!!“ in den Schacht hinunter. Die beiden Mitarbeiter drückten auf Start und lauschten. doch wie Söderdiek und Altmoser schon befürchtet hatten kam nicht ein einziges Echo zurück, sondern drei, vier oder gar fünf, wobei nicht klar war, ob die beiden letzten Echos nicht schon Echos der Echos waren. „Ich erkenne an, dass dies zwar ein schönes Echo aber kein brauchbares Messergebnis ist“, sagte Söderdiek, nachdem er die Zeit vom Ha-Ruf bis zum letzten Echo gestoppt hatte und auf beachtliche 4,34 Sekunden kam. Altmoser hatte schon beim zweiten Echo gestoppt und da gerade einmal 1,67 Sekunden gemessen.
„Da brauchen wir noch mal den Zauberlichtstab von Herrn Kohlhas“, wisperte Erasmus, während Altmoser bereits überlegte, wie viel Seil und wie viel Sicherungshaken er für so einen Schacht verwenden wollte.
Söderdiek wurde beauftragt, durch den Stollen zurückzulaufen, um den Spezialisten für Lidartechnik zu holen. Bei der gelegenheit sollte er auch gleich Gitta Hinze und die Bergsteigerausrüstung mitbringen. als Erasmus Söderdiek weit genug von seinem Onkel und dem tiroler Bergkracksler entfernt war wagte er es, den Anstieg möglichst schnell zu erstürmen. Ja, das war dochmal eine richtige Herausforderung für einen Vielseitigkeitssportler wie ihn. Da er die Untiefen und Mulden im Boden und die herabhängenden Felsen im Gang schon kannte probierte er aus, ob er es zeitlich so hinbekam, den Oberkörper vorzubeugen oder den nötigen großenSchritt zu setzen, ohne Tempo zurücknehmen zu müssen. Als er dann zum zweiten mal mit dem behelmten Kopf gegen eine herabhängende Felskante knallte wusste er, dass er besser bedacht weiterlaufen sollte. Immerhin hatte er das erste Drittel des Weges in nur einem Drittel der Zeit geschafft wie für den Hinweg, wo es bergab gegangen war. Doch die beiden letzten Drittel nahm er in knapp der hälfte der Zeit, die sie zu dritt gebraucht hatten. Das waren insgesamt wieder an die zwanzig Minuten.
Bei Hinze und Kohlhas angekommen erstattete er bericht und schlug vor, gleich das große Besteck für Bodengeräuschanalysen und die Nachtsichtgeräte mitzunehmen. „Ja, und ich empfehle als vertraglich beauftragte Sanitätsfachkraft und approbierte Biologin die Mitnahme von je zwei Litern unseres Wasservorrates, für den Fall, dass wir länger an diesem erwähnten Schacht zu tun bekommen“, ergänzte Gitta Hinze. Dann hielt sie Söderdiek eine kleine Trinkflasche und eine Brausetablette hin. „Sie trinken auf jeden Fall jetzt schon was, Herr Söderdiek. So wie Sie aussehen haben sie den Weg durch den Stollen zum persönlichen Wettlauf gemacht.“
„Ja, und die Uhr und diese vertückten Unebenheiten haben mich geschlagen“, grummelte Söderdiek. Dann trank er aus der ihm dargebotenen Wasserflasche und schluckte die Vitamin- und Elektrolytetablette mit dem letzten Schluck Wasser hinunter.
Sie brauchten noch einmal an die fünf Minuten, um die Messgerätschaft und die Bergsteigerausrüstung zusammenzupacken und auf alle drei Mitglieder aufzuteilen. Kohlhas kümmerte sich natürlich vordringlich um die elektronische Ausrüstung. Söderdiek übernahm den mit federnden Rollen bestückten Schrankkoffer mit der Bergsteigerausrüstung, während Frau Hinze aus den mitgeführten Wassertanks fünf große Flaschen mit Wasser füllte und fest zuschraubte. Auch nahm sie die Infrarotsichtgeräte mit,mit denen sie vorhin schon den Windstoß aus dem Stollen geprüft hatten.
Der zweite Gang hinunter zum Stollenende dauerte wegen der mitgeführten Ausrüstung bald anderthalbmal so lange wie der erste Abstieg. Immerhin hatten sich Burmester und Altmoser weit genug vom gähnenden Schacht entfernt hingesetzt und das Taschenschachspiel verwendet, dass der Professor immer dabei hatte, weil er keine Gelegenheit zu einer interessanten Partie ausließ.
„Ich hätt‘ ihm nicht sagen dürfen, dass ich als kleiner Bub mal an Schulturnieren teilgenommen hab‘, Kreuz Donnerwetter!“ knurrte ihnen Altmoser entgegen. Offenbar hatte er gerade eine weitere von mehreren Partien verloren.
„Immerhin war es so nicht langweilig für uns“, erwiderte Burmester so knochentrocken wie dieses Höhlensystem unter dem grauem Riesen.
Fritz Kohlhas blickte an den beiden Vorbei zum Schacht hin. „Was habt ihr denn da gefunden, Leute?“ fragte er die zwei unterschiedlichen Kameraden. „Einen natürlichen Schacht, womöglich von einem urzeitlichen Wasserfall ausgespült und sehr herausfordernd“, knurrte Ernst Altmoser. „Ich habe während der Zeit, wo der junge Herr Kreuzfahrtkronprinz sie herbeigeholt hat doch noch drei große Steine da hinuntergeworfen. Einer prallte in ungefähr hundert Metern von einem Überhang ab und knallte wohl gegen die Wand, was ihn gebremst hat und er erst knapp eine Minute später mit kaum hörbarem und nur durch die Echobildung im Schacht hörbar unten aufschlug. Der zweite Stein blieb offenbar unterwegs auf einem Überhang liegen, weil der nämlich nicht so lange viel und das dem Aufprallknall folgende Echo nicht so lang anhielt. Den dritten habe ich dann so geworfen, dass der fiel und fiel und dann da unten gelandet ist. Ich dachte schon, der fällt dem Teufel selbst auf den gehörnten Schädel.“
„Das wollen wir nicht hoffen, weil der sonst Ihre Seele zur Entschädigung einfordern kommt“, erwiderte Kohlhas verwegen grinsend. Altmoser, dem man so nicht kommen durfte, knurrte den Elektronikfachmann an, er solle nicht spotten. „Sie haben doch mit dem Teufel und seiner knallheißen Behausung angefangen, nicht ich. Ich bin Laserschwertkämpfer, ich kenne nur die helle und die dunkle Seite der Macht“, konterte Kohlhas. Söderdiek grinste erheitert. Da sagte der Expeditionsleiter: „Ich habe gehofft, erwachsene und disziplinierte Männer engagiert zu haben, keine Pennäler. Also mehr Sachlichkeit bitte! Herr Kohlhas, walten Sie Ihres Amtes!“
Der Fachmann für elektronische Messgeräte holte die Lidarausrüstung aus dem mitgebrachten Koffer, stellte die handgeführte Emittereinheit auf eine mittlere Fächerung der Laserstrahlen ein und setzte die drahtlos damit zusammenwirkende LCD-Brille auf. Dann kniete er sich vor den Schacht und führte das durch eine Sicherungsschlaufe zusätzlich am Handgelenk befestigte Gerät so, dass dessen weniger als haardünnen Lichtbündel lotrecht nach unten führten. Kohlhas war nach nur wenigen Sekunden anzusehen, welche Herausforderung diese Ausmessung darstellte. Er kauerte wie erstarrt vor dem ausgefransten Einstieg und führte sein Messinstrument in verschiedenen Bewegungen, wobei er seinen Arm so steif wie möglich machte, um keine unnötige Auslenkung zu verursachen. Söderdiek dachte mal wieder heimlich, dass Kohlhas ein halber Cyborg war, eine durch an- und ausstöpselbare Anschlüsse bestehende Verschmelzung aus Mensch und Maschine. Doch laut würde er sowas niemals sagen, zumindest nicht wenn Kohlhas mit seinen organischen oder seinen superempfindlichen elektronischen Ohren zuhören könnte.
Burmester wurde langsam ungeduldig, während Altmoser sich schon gelangweilt zurücklehnte und wohl hoffte, dass sie noch vor dem ersten März fertig wurden. Hinze und Söderdiek beobachteten den Kollegen sehr genau. Denn Erasmus Söderdiek war genau wie Kohlhas ein sogenannter Nerd, jemand, der sich leidenschaftlich mit Computern, Elektronik und fiktiven Welten befasste. Hinze dachte wohl eher daran, ob da unten giftige Gase existierten. Deshalb wurde sie langsam ungeduldig. Doch genauso wie Professor Burmester wagte sie nicht, den Fachmann beim Walten seines Amtes zu stören.
Als Kohlhas endlich den Lidaremitter zurückzog und seine roboterhafte Starre von ihm abfiel waren glatte zehn Minuten vergangen. Es war schon 02:49 Uhr, las Söderdiek auf seiner hochpreisigen Digitaluhr mit Edelstahlgehäuse, stoßfester Abdeckung und wasserdicht bis 50 Metern Tauchtiefe ab.
„Ich hoffe, Ihre Zusammenfassung benötigt nicht so viel Zeit wie die Erfassung der Daten“, sagte der Professor, als Kohlhas an dem zur Ausrüstung gehörenden Minicomputer hantierte.
„Nicht nur Ihre Hoffnung ist berechtigt, Professor Burmester, die Dame und die Herren“, setzte Kohlhas an. „Zunächst das wichtigste: Der Schacht besteht aus vier Teilabschnitten mit unterschiedlicher Breite und Wandbeschaffenheit. Sein endgültiger Grund liegt beachtliche sechshundertzwanzig Meter plusminus fünfzig Zentimeter unter unserer gegenwärtigen Ebene.“ Er ließ diese Zahl erst mal einige Sekunden in den Köpfen seiner Zuhörenden nachhallen. Dann fuhr er fort: „Ich erwähnte vier Teilabschnitte. Diese Aussage basiert auf den Gefällgraden, die nicht wie bei montanen Anlagen oder Turmgebäuden lotrecht verlaufen, sondern einmal im Winkel von neunundachtzig Grad, dann im Winkel von vierundneunzig Grad, für das dritte Teilstück neunzig Grad,und dann am untersten Abschnitt sechsundachtzig Grad betragen. Der 90-Grad-Abschnitt ist dabei der einerseits längste, andererseits aber auch engste und beginnt in der relativen Tiefe von dreihundertfünfzig Metern und endet in der relativen Tiefe von fünfhundertundvier Metern. Die Zentimeterangaben lasse ich besser aus, da diese auf geringfügige Bewegungsabweichungen beim Ausmessen zurückführbar sein können. Es gibt naturgemäß keine ebenen Wände. Es gibt Vorsprünge, an denen ich vorbeizielen musste, sowie auch Einbuchtungen, die durch die beiden Peripherlaser bei größter Fächerung erfasst wurden, Löcher, Spalten, also alles was so in Jahrmillionen entstehen kann. Warum ich bei der Erwähnung der tiefsten Stelle was von plusminus fünfzig Zentimetern erwähnt habe kommt auch daher, dass auf dem Grund mehrere Unebenheiten erfasst wurden, die natürlich gewachsen sein könnten oder als Überbleibsel von Steinschlägen von vor X Jahrhunderten herumliegen. Ach ja, die breiteste Stelle liegt bei Schachtabschnitt zwei, also jenem mit vierundneunzig Grad gefälle. Sie beträgt zehn Meter. Die auf Abschnitt drei, also dem lotrechten Teilstück, beträgt fünfzig Zentimeter. Also, was auch immer diesen Schacht ausgeformt hat verlief nicht regelmäßig. Gut, bei natürlichen Abläufen eh völlig klar.“ Er machte noch einmal eine Pause, um die ganzen Angaben wirken zu lassen, sah aber alle so an, dass er noch was zu vermelden hatte. Dann kam sein größter Hammer, wie Söderdiek fand: „Ich konnte vom Schachtgrund aus den Beginn eines einzigen Abzweigungsstollens erfassen, der von der Höhe her einem erwachsenen Mann genug Platz bietet und mit einem verhältnismäßig geringen Gefälle von nur zehn Grad weiterführt. Aber Der Lidar konnte nur die ersten zwanzig Meter davon zeichnen. Ich wage die nicht unbegründete Behauptung, dass dieser Stollen eine Verlängerung des Schachtes darstellt und ich von hier oben nicht messen kann, wie lang diese ist und ob sie immer gleichbleibend verläuft. Sicher wissen wir ja nur, dass dieser Schacht statisch bewettert wird, was heißt, dass es da unten keine weiteren Stollen gibt, die an frei belüftete Abschnitte dieses Höhlensystems anschließen. Ende der Mitteilung! Wer die Daten selbst noch einmal nachlesen will, ich kopiere sie gerade auf einen USB-Stick und werde sie in den Formaten Excel, JPG und Geometrics aufbereiten.“
„Sie meinen, Sie haben bei ihrer Laserwedelei eine Karte von diesem Schacht gezeichnet?“ fragte Altmoser verdrossen. Ihm war dieser ganze Aufwand mit der Elektronik zu abgehoben und unverständlich.
„Das habe ich doch schon die ganze Zeit mit allen Messobjekten gemacht, einschließlich des Stollens hier, in dem wir gerade zusammenstehen“, wandte Kohlhas ein. „Achso, Herr Professor, ich erbitte die Erlaubnis, mit Little Ear in den Schacht hineinzulauschen. Big Ear steht ja auf Posten und belauscht den Zugang in den Berg.“
„Ich schließe mich dieser Bitte an“, sagte Gitta Hinze. „So bekommen wir zum einen heraus, ob es wirklich keinen dynamischen Luftaustausch im Schacht gibt und ob dort unten vielleicht eine Wasser- oder Gasquelle sprudelt.“
„Ich stimme den Experten zu und erlaube den Einsatz des tragbaren Richtmikorons“, sagte Burmester. Wir ziehen uns bis auf hundert Meter vom Schachtrand zurück. Herr Kohlhas, bitte geben sie drei Lichtblinks mit ihrem Helmscheinwerfer, wenn sie mit der Schallmessung beginnen!“ Kohlhas bejahte es und ging schon daran, die tragbare Horchvorrichtung mit den kleineren und nur ein fünftel so empfindlichen Richtmikrofon auszupacken.
Die vier anderen zogen sich zurück, bis sie 100 Meter vom Schachteinstieg entfernt waren. Dort setzten sie sich so, dass sie Kohlhas‘ Helmleuchte noch sehen konnten. Als diese dreimal blinkte hielten Söderdiek und Hinze den Atem an, um keine zusätzlichen Geräusche zu machen. Nur ihre Herzschläge und das Grummeln in ihren Verdauungsorganen konnten sie so nicht abstellen. Tatsächlich dauerte es eine volle Minute, bis drei neue Lichtblinks zu sehen waren. „Sie dürfen wieder nähertreten!“ hallte Kohlhas‘ Stimme durch den Stollen an ihnen vorbei und aus der angrenzenden Höhle durch den Stollen wieder zu ihnen zurück.
„Ich verstehe jetzt, wieso das für die Urvölker dieser Region ein Heiliger oder auch verwunschener Ort sein musste“, sagte Burmester ehrfürchtig wegen des vielfachen Widerhalls, der wie die Antworten von Dutzend unsichtbarer Geister anmutete.
„Nur so viel. Da unten fließt und strömt nichts, kein Wasser, kein Gas, keine schwingende Luftsäule im Stollen auf Grund eines durchziehenden Luftstroms. Allerdings habe ich im nahen Infraschallbereich ein nicht ganz so beruhigendes Knarren aufgefangen, das aus dem Schacht kommen kann oder aus dem Stollen“, sagte Kohlhas.
„Sie meinen, im Schacht gibt es Spannungsgeräusche, die auf Verschiebungen im Gestein hindeuten?“ fragte Söderdiek, der mal heraushängen lassen wollte, dass er auch einige Geologiekenntnisse erworben hatte. „Ja, oder der Nachklang eines vor nicht all zu langer Zeit stattgefundenen Erdbebens, Mindestens vor einem Monat, spätestens vor fünfzig Jahren, sagt mein seismologischer Schallauswerter“, erwiderte Kohlhas.
„Kein Knacken oder Knirschen, das auf aktuelle Gesteinsbewegungen hindeutet?“ fragte Hinze. „Nein, das hätte ich sofort als Alarmmeldung gekriegt. Das ist im Grunde dasselbe, wie die sehr schwachen aber messbaren Geräusche im Infraschallbereich, die eine mit vollen Kleiderbügeln behängte Stange im Kleiderschrank macht, weil die Wäsche daran zieht. Wenn wir den Schacht und den Stollen unberührt lassen könnten die die nächsten Jahrtausende so bleiben. Also, was machen wir damit?“
Sie haben Ihr Spielzeug bemüht, Herr Kollege Kohlhas, dann möchte ich noch eines von meinen Spielsachen einsetzen, um sicherzustellen, dass dort unten keine gefährliche Gasmischung lauert“, sagte Gitta Hinze. „Sie meinen diese Drohne mit dem Atmosphärenprüfer und der IR-Kamera?“ fragte der Professor. Immerhin hatte er ja die komplette Ausrüstungsliste absegnen und von seinem Schwager bezahlen lassen müssen. Gitta Hinze bejahte es. „Gut, dann bringen Sie dieses Gerät noch zum Einsatz, bevor wir entscheiden, ob wir jemanden da hinunterschicken oder nicht!“ erlaubte der Professor.
Gitta Hinze holte aus ihrer eigenen Messausrüstung einen suppentellergroßen Flugkörper mit vier Rotoren mit je vier Rotorblättern. Sie schloss Kohlhas‘ Laptopcomputer daran an und ließ sich von dem die lidargezeichnete Karte des Schachtes auf die Drohne überspielen. So konnte sie das fernsteuerbare Fluggerät größtenteils eigenständig fliegen lassen. In die Drohne waren unten Messvorrichtungen für die Luftgaszusammensetzung und vier Infrarotkameras mit zuschaltbaren IR-LED-Lampen verbaut, die im Bedarfsfall eine 360-Grad-Rundsicht simulieren konnten, ohne dass die Drohne sich in eine bestimmte Richtung drehen musste. Der Flugkörper besaß für seine Winzigkeit vier starke Elektromotoren und konnte bei vollem Akku bis zu einer Stunde operieren, ohne abzustürzen. Woher Gitta Hinze dieses Gerät hatte würde wohl ihr und Erich Söderdieks Geheimnis bleiben. Denn Erasmus‘ Vater kannte genug, die wen kannten, die sowas aus nicht näher zu erörternden Quellen beschaffen konnten. Auch deshalb blickte Altmoser kritisch auf das Ding, dass von unten wie ein leibhaftiges UFO aussah.
„Die Bienenkönigin ruft: Flieg Drohne, flieg!“ kommentierte Erasmus Söderdiek, als das kleine Fluggerät mit surrenden Rotoren aufstieg und sich über dem Schacht in Position brachte. „Das war jetzt sowas von zu erwarten, Herr Söderdiek“, grummelte Hinze, während sie sich die 3-D-Brille aufsetzte, welche die von der Drohne gemachten Infrarotaufnahmen in räumlicher Ansicht Wiedergab. Dann sank die surrende Flugscheibe im Schacht. „Bitte nicht hinterherleuchten wegen der auch bei LEDs noch geringfügigen Infrarotemission“, sagte Hinze, als Söderdiek dem silbergrauen Miniatur-Flugkörper hinterherblicken wollte.
Das Surren der Drohne verstärkte sich zu einem warem wilden Brummen und Schwirren, je tiefer die Drohne sank. Es wurde zwar auch leiser, verschwand aber nicht ganz. Nach zehn Minuten erreichte das Fluggerät den Schachtgrund. Gitta Hinze hielt die ausgefahrene Antenne der Fernsteuerung so, dass die Signale genau die Linie einhielten, wo sie bis ganz unten durchdringen konnten. Nach einer Minute ließ sie das Fluggerät wieder aufsteigen, wieder mit einem Meter pro Sekunde. Dabei machte die Drohne noch einmal Aufnahmen der Schachtinnenseite.
Als das scheibenförmige Fluggerät unfallfrei bei ihnen oben ankam und außerhalb des Schachtes landete überspielte Hinze alle Aufzeichnungen auf den Laptop. „Fassen wir zusammen, dass die Drohne Herrn Kohlhas‘ Messungen größtenteils bestätigt, ja sogar noch um wichtige Einzelbilder ergänzt hat und dass dort unten keine giftigen Gase in der Atmosphäre nachgewiesen werden konnten. Das widerum schließt einen vulkanischen Ursprung jener plötzlichen und drei Sekunden vorhaltenden Windböe aus, die genau von dort unten ausging“, dozierte Gitta Hinze. „Ja, und Kollege Kohlhas, auch wenn es Ihnen die Neidesblässe ins Gesicht treiben mag, auch die Drohne verfügt über einen Lidar auf Infrarotbasis. Damit habe ich, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, den von Ihnen erfassten Stollen weiter ausgemessen. Zwar kann der Lidar der Drohne nur zwei Kilometer weit reichen, aber so lang ist der Teil des Stollens, der in gerader Linie erfasst werden konnte. Das Gefälle scheint sich auch nicht zu ändern. Aber da können wir zwei ja noch mal die Perspektive mit der eingebauten Wasserwaage drüberlaufen lassen, falls dies gewünscht wird.“
„Öhm, Sie konnten oder wollten das Ding aber nicht in den Stollen reinschicken, oder?“ fragte Altmoser. „Es war schon schwer genug, die Funkverbindung im Schacht beizubehalten. Hätte ich sie in den Stollen geschickt würde sie jetzt immer noch dort unten herumfliegen und nach einem Weg immer weiter durch suchen, ohne dass ich sie zurückrufen könnte“, sagte Hinze.
„Was heißt, dass falls wir jemanden da runterschicken, um den Stollen abzugehen ein tragbares Funkgerät alleine nicht ausreicht“, sagte Söderdiek. Kohlhas und Hinze nickten beipflichtend.
„Sicher geh ich da runter. Jetzt will ich wissen, wo dieser Stollen endet“, sagte Altmoser. Söderdiek konnte nicht anders als den sehr stämmigen älteren Mann genau anzublicken. Dieser merkte das natürlich und blaffte: „Was glotzen Sie mich so abschätzend an wie ein Metzgersbursche ein schlachtreifes Rind, Herr Traumschiffflottenadmiralssohn?“
„Weil Ich wohl oder übel zwischen ihnen und mir vergleichen muss, wer von uns beiden besser durch diese von Frau Hinzes Silberhummel und Herrn Kohlhas‘ Lasertaster ermittelte Engstelle passt und dabei noch Einsatzausrüstung mitnehmen kann“, sagte Erasmus Söderdiek.
„Nicht so abfällig, die Herren“, schritt der Professor ein. Abgesehen davon entscheide ich, ob jemand dort hinunterklettert. Ein reines Ablassen per Seil ist wegen der Unebenheiten und Gefällwinkel nicht zu empfehlen. Also kann man nur hinunterklettern“, sagte Professor Burmester. Dann fragte er Kohlhas, wieviele Relaisgeräte er mitgenommen hatte. „Wie auf der Liste steht, zehn Repeater mit zehnfacher Empfangsempfindlichkeit und zehnfacher Nominalsendeleistung bei klar programmierter Frequenzabstimmung und Verschlüsselung. Die Repeater haben eine maximale Sendedauer von einer Stunde, wobei wir beim reinen Textfunk à la SMS pro Mitteilung einen Impuls von nur 0,1 Sekunden veranschlagen müssen, also im Bedarfsfall sechsunddreißigtausend Sendeimpulse absetzen können.“
„Ja, dann packen Sie mir gütigst vier oder fünf von diesen Verstärkerdingern und eines von den Textfunkgeräten ein“, sagte Altmoser.
Alle sahen den Professor an. Dieser überlegte kurz. Dann deutete er erst auf Kohlhas und sagte: „Bitte stellen Sie die erbetene Ausrüstung zusammen, Herr Kohlhas!“ Danach sah er seinen Neffen an: „Herr Söderdiek, bitte bereiten Sie sich darauf vor, in diesen Schacht dort hinabzusteigen und soweit die Funkstrecke es zulässt den Stollen bis zu dessen Ende abzugehen!“
„Öhm, Augenblick, der Herr Professor. Ich habe mehr Erfahrung im Kaminklettern als wie der Herr Söderdiek“, erhob Altmoser Einspruch. „Richtig, und genau deshalb sichern Sie HerrnSöderdieks Abstieg nach unten von hier aus und halten sich als Eingreifreserve für Rettungs- oder Ergänzungsmaßnahmen in Bereitschaft“, antwortete Burmester. Altmoser schien Luft zu verlieren wie ein Ballon, der nicht richtig zugeknotet wurde. Dann straffte er sich wieder und grinste ffeist. „Hast Gehört, Burschi, du musst dich mir vollends anvertrauen.“ „Bitte förmlich bleiben, Herr Altmoser“, schritt Burmester ein, während Erasmus Söderdiek ganz gelassen blieb. Er deutete auf die Bergsteigerausrüstung und fragte dann: „Soll ich unterwegs Sicherungshaken einschlagen, um für Sie andere eine besser zu bewältigende Strecke zu schaffen?“
„Ja, machen Sie das“, sagte Professor Burmester. Altmoser begriff, dass jeder weitere Einspruch überflüssig war. Zu gerne würde er dem Professor vor versammelter Gruppe vorhalten, seinen Neffen zu bevorzugen oder ihn wegen seines Alters oder seiner Figur zu diskriminieren. Doch am Ende hätte Burmester ihm wohl unkameradschaftliches Verhalten und Befehlsverweigerung unterstellt, immerhin etwas, dass er seinem Neffen schon klargemacht hatte, als dieser in das Team eintrat.
Noch einmal zwanzig Minuten verstrichen, bis von den einen Kilometer dünnes aber bis zu 250 Kilogramm belastbares Kunststoffseil 640 Meter mit achtförmigen Verbindungskarabinern zusammengefügt waren. In der Zeit suchte sich Söderdiek den flachesten Rucksack aus, in den er eine 2-Liter-Flasche mit Wasser, die Sicherungsringe für unterwegs und auf Anraten von frau Hinze auch vier Leuchtstäbe zu je zwei Stunden Licht von einem Viertel der Stärke der Helmleuchte einpackte. In die Außentasche seiner signalorangen Allwetterjacke packte er eine Tube Astronautennahrung, die Hinze für den Fall des hoffnungslosen Verirrens mitführte, so wie ein einfaches himmelblaues Notizbuch mit noch 100 unbeschriebenen Seiten und den datzugehörigen Kugelschreiber aus dem Werbemittelfundus seines Vaters. Dazu befestigte er an seinem linken Arm ein Armbandgerät, in dem Kohlhas‘ Laserkarte des Schachtes eingespeichert war und so als eine Art elektronisches Metermaß und Navigationshilfe diente. Rechts trug er ja schon seine Vielzweckuhr mit Infrarotschnittstelle für kurze Textbotschaften aus dem Computer, farblich und verschieden hell einstellbarer Anzeige, bis zu zehn Weckzeiten, Stopuhr oder Countdownuhr und natürlich Datumsanzeige. Dazu zog er sich noch Lederhandschuhe an, um unterwegs genug Halt zu haben, ohne sich an Seil oder Felswänden die Hände aufzuschürfen. An seinem Ausrüstungsgürtel hakte er mit Lenyards vier Funkverstärker mit von Kohlhas programmierter Frequenzabstimmung und Frequenzwechsel und ein dazu passendes Textfunkgerät so groß wie ein handelsübliches Mobiltelefon. In dieses programmierte er eine Routinemeldung mit einem Platzhalter für eine Meterangabe und eine Alarmbotschaft der Stufe Orange mit zwei variablen Textbausteinen für die Meterangabe und Art der benötigten Hilfe. Dann wurde ihm noch ein Helm mit LED-Leuchte und Normalbildkamera aufgesetzt, um Bilder der Umgebung zu machen. Die Kamera funktionierte auf Lautäußerungen wie „On!“ und „Off!“ Da die Expeditionssprache weiterhin Deutsch war. Dann erhielt er noch den Taschenkompass seines Onkels, um zu dokumentieren, in welcher Richtung der Stollen verlief.
„Von dem Schacht haben wir genug Bilder. Wenn Sie in den Stollen gehen schalten Sie die Kamera ein. Sie filmt mit 25 Bildern pro Sekunde und ist mit einem Festspeicher für zwei Stunden Videomaterial bestückt“, sagte Kohlhas. Söderdiek bejahte es, für den Fall, dass jemand Protokoll führte. Dann hakte er das freie Ende des Seils an seinem Gürtel ein. „Dann Glück auf, ihr Kumpel“, sagte Söderdiek und ließ sich in den Schacht hinunter.
„Herr Kohlhas, sie horchen zusetzlich mit Little Ear“, flüsterte Burmester dem Technikfachmann zu. Dieser nickte.
Über eine fest am Boden verankerte Rolle spulte sich nun das Seil langsam ab. Das kleine Gerät von Fritz kohlhas gab einen kurzen Dreiklangton von sich, als Söderdiek den ersten Meter im Schacht hinabgeklettert war. Ab jetzt würde es ihm alle zwanzig Meter den Zwischenstand anzeigen, damit er die Statusmeldung funken konnte.
„Ich bin jetzt selbst so’n halber Cyborg wie der Fritze Kohlhas“, dachte Erasmus Söderdiek, als er sich immer weiter nach unten vorarbeitete. Sicher könnte er bei breiter und lotrechter Schachtführung auch einfach nach unten durchsinken. Aber er war sich zum einen nicht sicher, ob der alte Altmoser die Freilaufbremse eingestellt hatte, dass er maximal mit einem Meter pro Sekunde sank und wusste von den Aufzeichnungen, dass ihm da unten einige spitze Felsvorsprünge auflauerten, gegen die er besser nicht stoßen sollte.
Tiefer und tiefer kletterte er am Seil gesichert nach unten, bis das Navigationsgerät an seinem linken Arm „20 m a-1, 03:19:20 Uhr“ anzeigte. Er fand einen sicheren Vorsprung und löste das Textfunkgerät vom Gürtel. Diese Lenyards waren eine superpraktische Erfindung, um mal schnell was zu befestigen oder wieder abzumachen, dachte er dabei einmal mehr. Er rief die Routinemeldung R1 auf und trug die Meterangabe 20 in das Variablenfeld ein. Dann schickte er die Nachricht los. Von weiter oben hörte er den Empfangsdreiklang von gleich zwei Funkgeräten, die auf sein Frequenz- und Verschlüsselungsschema eingestellt waren.
Wie von seinem Onkel verbindlich festgelegt schlug er einen Sicherungsring ein. Dafür brauchte er schon eine Minute. Für die Funkmeldung waren laut Uhrzeiteinblendung 30 Sekunden draufgegangen. Das hochgerechnet auf 31 Zwischenmeldungen und Sicherungsarbeiten kamen so schon 46 Minuten und 30 Sekunden Extrazeit zusammen. Die Kletterei alleine mochte zwischen 40 Minuten und mehr als eine Stunde dauern, je danach, wie schnell er vorankam. Er war gespannt, um wieviel Uhr er unten ankam.
Er kletterte weiter und weiter in die Tiefe, setzte alle 20 Meter die Routinemeldung ab und schlug einen weiteren Haken ein. Zumindest wurde so der Rucksack immer leichter und zog ihn nicht so hinunter. Als er die 200-Meter-Marke erreichte lauschte er noch einmal, ob er die Dreiklangtöne von oben noch hörte. Nein, keine Töne, es war ganz still, außer einem leisen Knistern, dass von dem von ihm aus der Wand gehämmerten Gesteinsmehl stammte, das sich seinen Weg nach unten suchte und dabei viele geisterhaft wispernde Echos machte. Als nicht mehr ganz unschuldiger Bergkracksler gefiel ihm dieses Geräusch nicht so gut. Das mochte aber daran liegen, dass er hier in einem unterirdischen Schacht herumkletterte, wo alle Geräusche verfremdet oder gar verstärkt werden konnten.
Er kletterte weiter nach unten und erreichte den zweiten Abschnitt, der quasi in die andere Richtung gebogen wurde, dass die Wand auf ihn zukam. Das Problem löste er damit, dass er sich umdrehte und so abstieß, dass er die gegenüberliegende Wand erreichte, um sich daran weiter nach unten zu hangeln. Als er die nächste Meldung absetzte wurde er gefragt, was das vorhin für ein Geräusch war. Da wusste er, dass Little Ear jede seiner Handlungen mithörte. Irgendwie beruhigte ihn das, dass Fritz Kohlhas dort oben sein verlängertes Ohr zu ihm herunterstreckte. Er erwähnte, warum er mal eben die Wandseite gewechselt hatte und erhielt das Lob und die Aufforderung, weiterzuklettern. Das lud ihm anderthalb weitere Minuten auf die Uhr.
Als er den Abschnitt Nummer drei erreichte wurde es im wahrsten Sinne des Wortes eng. Er musste seinen Bauch einziehen und sich schlangenhaft winden und drehen, um weitere Meter nach unten zu schaffen. Gut, abstürzen konnte er so nicht so einfach, auch wenn dieser Abschnitt kerzengerade nach unten reichte. Aber hier hängenbleiben wollte er auch nicht. Er dachte jetzt wieder an Altmoser, der sich ja förmlich aufgedrängt hatte, hier herunterzuturnen. Der hätte mit seinem Bauchansatz sicher Platzangst und Atemnot bekommen und wäre wahrscheinlich an der engsten Stelle steckengeblieben wie ein Korken im Flaschenhals. Flaschenhals! Er nannte diesen Abschnitt so. Das würde er bei der Nachbesprechung der Expedition vorschlagen. Stück für Stück schob und wand er sich durch den Schacht, bis er die nächste Zwischenmeldung absetzen musste. Da er nicht genug Platz hatte, um mit dem Bergsteigerhammer auszuholen, um den Sicherungsring einzuschlagen verschob er das auf die nächste 20-Meter-Marke.
Es war bereits 04:45 Uhr, als er endlich die tückische Engstelle passiert hatte und freier klettern konnte. Allerdings bestand hier auch die Gefahr, bei einem Fehlgriff in die Tiefe zu fallen. Also war noch mehr Konzentration gefordert.
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Für Professor Burmester waren die Strapazen der letzten vier Stunden offenbar zu viel gewesen. Er war einfach eingeschlafen. Deshalb hatten die drei anderen festgelegt, die Textfunkgeräte nur noch auf Vibrationsalarm laufen zu lassen. Altmoser sah Kohlhas immer wieder an, der mit seinen drahtlosen Ohrsteckern lauschte, was weiter unten passierte und immer dann, wenn Söderdiek anhielt, um die Meldung abzusetzen lauschte, ob er auch einen Sicherungsring in die Wand hämmerte. Eine extra für sowas eingerichtete Lärmschutzschaltung filterte alle Geräusche um eine halbe Sekunde vor und dämpfte alles was über der Erträglichkeitsgrenze lag auf schmerzfrei hörbar. So konnte Kohlhas die auch für alle anderen hörbaren Hammerschläge und deren Echos ertragen. Das Knistern und Knacksen gefiel dem Techniker jedoch nicht. Es störte die Übertragung der Klettergeräusche und verhieß seiner Ansicht nach nichts gutes. Da er selbst schon in Höhlen geklettert war wusste er, wie tückisch weiches Gestein sein konnte. Altmoser wusste das sicher auch.
„Für die Engstelle hat er bald eine dreiviertelstunde gebraucht“, wisperte Hinze, als sie die Meldung nach Durchquerung von Abschnitt 3 mitlas. „Ja, und?“ fragte Altmoser leise und blickte auf die sich wieder ein wenig schneller abspulende Seilrolle. Er musste aufpassen, den Verbindungsachter richtig weiterzuschieben, damit das nächste Seilstück reibungslos weitergeführt werden konnte.
„Der ist jetzt in Abschnitt vier. Wenn er im Tempo von eins und zwei weiterklettert kommt er um halb sechs unten an“, flüsterte Kohlhas.
„Tja, weil der zu vorsichtig ist. Ich wäre da die freien Strecken mit der Freilaufbremse runtergerutscht“, behauptete Altmoser mit verdrossener Miene.
„Wahrscheinlich hat er Sie deshalb nicht da runtergeschickt“, grummelte Kohlhas zu Altmoser. Dieser feixte nur und deutete auf die technische Ausrüstung. „Bleiben Sie auf Ihrer Baustelle, Herr Kohlhas!“ sagte Altmoser.
„Also, wenn das in dem Tempo weitergeht stelle ich die Frage, was wir alle da unten sollen, wenn da kein weiterer Ausgang ist“, meinte Altmoser nach zwanzig weiteren Minuten und den alle 20 Meter abgesetzten Funkmeldungen.
„Wenn er unten ist werden wir es erfahren, ob es sich lohnt“, wisperte Gitta Hinze. Im Grunde war sie neugierig, was wohl diesen Windstoß von vorhin ausgelöst hatte. Doch bisher gab es dazu keinen Hinweis, außer dass der aus einem mehr als zwei Kilometer langen Stollen gekommen war.
Das Seil hörte wieder auf, sich abzuspulen. Kohlhas lauschte und wiegte den Kopf. „Der ist wohl auf einem Vorsprung und wird gleich funken. Aber dieses Geprassel gefällt mir nicht. Am besten sagen wir ihm, wieder hochzukommen.“
„Weil Ihr Elektroohr juckt, wegen der paar Gramm rieselnden Gesteinsmehls, Herr Kohlhas? Gut, wecken Sie den Herrn Professor und sagen ihm das und … Upsi!“ stieß Altmoser aus und blickte auf die sich auf einmal schneller abspulende Seilrolle. Gerade griff die Freilaufbremse, die das Seil auf nur einen Meter pro Sekunde herunterbremste. Das Seil spulte sich nun mit dieser festgelegten Geschwindigkeit ab, so dass die nächsten zwanzig, dreißig, ja vierzig Meter in einem Viertel der Zeit vergingen, die sonst für zwanzig Meter benötigt wurde.
„Der Vorsprung ist unter ihm weggebrochen. Die Lärmschutzschaltung hat das Geräusch gerade noch rechtzeitig heruntergepegelt. Aber, Herr Altmoser, er hat nicht geschrien“, sagte Kohlhas. Dann lauschte er weiter, während sich das Kletterseil der nächsten Verbindungsacht näherte und Altmoser schnell hantierte, um diese sicher über die Rolle hinwegzuheben, damit das Seil weiter frei laufen konnte.
Ein lauter Schlag wie von Stein auf Stein klang von tief unten herauf. Gleichzeitig überschritt das Seil die 100-Meter-Marke im gebremsten Freilauf. „Der Brocken ist gelandet“, kommentierte Altmoser das Geräusch. Dann sah er, wie das Seil wieder langsamer wurde und dann mit einem Ruck anhielt.
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Fast hätte er vor Schreck geschrien, als der so einladend ausladende Felsvorsprung mit lautem Knack unter ihm wegbrach und in die Tiefe sauste, dicht gefolgt von ihm. Fast fünf Meter fiel er so frei. Dann zog etwas das Seil und damit seinen Gürtel und seine Hose stramm. Die Freilaufbremse war doch auf dem Posten, dachte Erasmus Söderdiek. Doch er fiel gerade in der Schachtmitte. Die Wände rauschten in mehr als fünf Metern Abstand an ihm vorbei. Gut, dann holte er die Dreiviertelstunde im Flaschenhals locker auf, dachte Söderdiek. Da er dachte, dass sie ihn von oben noch hörten wollte er keinen Laut von sich geben, dass ihn dieser schnelle Abstieg beunruhigte. Was ihn tatsächlich beunruhigte waren die von oben nachrutschenden Bröckchen, die kleine Staubwolken ausstoßend an ihm vorbeitrudelten. Er versuchte sich auszupendeln, damit er einen sicheren Halt an der nächsten Wand erwischte. Das musste er unbedingt mit denen oben durchtexten. Rums! Gerade knallte der von ihm aus der Wand gebrochene Felsbrocken ungebremst auf den Schachtgrund. Ui, gab das viele Echos, die mal von unten nach oben und dann wieder von oben nach unten an ihm vorbeiwummerten, wie bei einer schnellen Karussellfahrt, wenn er mal an den Musiklautsprechern vorbei und dann auf deren abgewandter Seite fuhr. Dann sah er den Halt, den er wollte. Er versetzte dem noch mit einem Meter pro Sekunde laufenden Seil eine leichte Schwingbewegung und landete wie eine Fliege an der Wand, nur dass er dabei mit Helm und dicker Jacke abbremsen musste. Dann hatte er genug Schwung verloren, um sich festzukrallen und mit den Füßen nach einem sicheren Vorsprung zu angeln. Als ihm das gelang löste er das Funkgerät und sicherte es mit der Schlaufe an der Hand.
An Prof. Burmester und die Kollegen!
Wie Sie alle mitbekommen mussten ist ein Stück Felsen unter mir weggebrochen.
Glückwunsch an den Konstrukteur der Seilwinde mit Freilaufbremse. Das Ding funktioniert.
Herabrieselndes Gesteinsmehl beunruhigt mich.
Schachtwandmaterial offenbar nicht ausreichend fest.
Frage: Soll ich den Abstieg fortsetzen oder umkehren?
Gez. E. S.
Er wartete eine Bange Minute, während um ihn herum weitere Gesteinsbbröckchen herabrieselten. Die wurden nicht wirklich weniger. Offenbar rutschte Material nach, dass von dem weggebrochenen Vorsprung gehalten worden war oder der Brocken hatte auf dem Weg nach unten noch mehr aus der Wand geklopft, dass die ganze Wand instabil wurde. Kam er so überhaupt noch nach oben?
Sein Funkgerät pingelte, und die Anzeige in neutralem Weiß verkündete:
An Kollegen Söderdiek!
Haben Ihren beschleunigten Abstieg mitverfolgt.
Ich empfehle Abbruch der Aktion und Rückkehr zu uns.
Erteile Herrn Altmoser entsprechende Anweisung.
Gez. Prof. H. B.
„Also dann, kommando zurück“, dachte Söderdiek ein wenig wehmütig, weil er es dem Altmoser da oben nicht zeigen konnte, warum er diese Klettertour machen musste und nicht der. Doch er merkte, dass auch dieser Vorsprung unter ihm wegzubrechen ansetzte. Gerade hatte er sein Funkgerät wieder per Lenyard am Gürtel befestigt, da fühlte er auch schon, wie der Gesteinsbrocken unter ihm nachgab. Vielleicht hing er gleich frei und wurde hochgezogen. Ob die von ihm angeschlagenen Ringe noch hielten?
Jetzt fiel er erst einmal wieder an die fünf Meter frei und wurde dann gebremst. Dabei fühlte er das Rucken im Seil und dass es immer weiter ausschwang. Söderdiek wusste, was das hieß. Seine angeschlagenen Führungsringe waren aus der Wand gebrochen. Dann sollte er jetzt bloß nicht nach oben gucken wie der Polier bei „Werner Beinhart“
Sein Vorteil war, dass die Schachtwände hier in Abschnitt 4, den er intern Delta genannt hatte weit genug auseinanderstanden, dass die Wahrscheinlichkeit von den losgebrochenen Ringen erwischt zu werden gering war. Ping! Da hatte ihn auch schon einer getroffen, aber wohl der letzte angeschlagene. Sein Helm hatte das aber locker ausgehalten.
Er sah schnell nach unten und erkannte, dass er nur noch fünfzig Meter zu bewältigen hatte. Er schwang weiter hin und her. Gesteinsstaub versuchte in seine Nase einzudringen. Das Seil erzitterte. Etwas musste es getroffen haben oder besser, das Seil war auf etwas getroffen. Er machte sich bereit für eine Landung nach Fallschirmspringerart. Deren Tradition nach, und damit es ihm Glück brachte rief er laut: „Geronimooooo!!!!“
Kling, einer der von oben an ihm vorbeigesausten Ringe hatte vor ihm den Schachtgrund erreicht. Dann waren es nur noch zehn, neun, acht Meter. Bereit zum Aufsetzen.
Als er mit den gestiefelten Füßen zuerst aufsetzte kullerte unter ihm Geröll weg. Er umfasste das noch nachrutschende Seil und bewahrte sich so vor dem Umfallen. Abrollen musste er sich nicht. Er trat fast ins leere, weil er genau da seinen Fuß hinsetzen wollte, wo eben noch ein Steinbrocken lag. Dann endlich stand er auf halbwegs sicherem Grund. „The Eagle has landed!!“ rief er in Anlehnung an die erste bemannte Mondlandung der Menschheitsgeschichte. Doch dann kämpfte sich die Sorge durch den Adrenalinrausch. Von oben fielen weitere Metallringe herunter. Doch auch weiteres Gesteinsmehl und größere Splitter. Dann hörte er es von weiter oben sehr ungemütlich kullern und vergaß fast den Vorsatz, bloß nicht mit dem freien Gesicht nach oben zu gucken. Er hörte einen größeren Gesteinsbrocken, der sich offenbar durch Abschnitt Flaschenhals drängelte. Das hieß, dass die darüber angeschlagenen Ringe ausgebrochen waren und dabei einen halben Steinschlag ausgelöst hatten. Da schrillte sein Funkgerät. Das war eine Gefahrenwarnung Stufe Rot. Tja, die da oben waren echt hellwach.
Er ging davon aus, dass ihn so keiner mehr nach oben holen würde. Deshalb klinkte er unverzüglich das Seil vom Gürtel und warf sich herum, weg vom Schacht. Dann rannte er von Instinkt und Verstand gleichermaßen gepeitscht in den einen sich anbietenden Gang hinein, ohne zu wissen, was dort an Hindernissen lauern mochte. Dabei fiel ihm ein, das er noch einen der mitgeführten Repeater absetzen und einschalten musste, wenn er mit denen oben weiterfunken wollte. Doch im Moment trieb ihn die Furcht vor dem, was hinter ihm passierte und die Gewissheit, dass er keine Zeit zum Plaudern hatte. Er rannte den geraden Stollen entlang. Dann hörte er das, womit er schon gerechnet hatte, als die ersten größeren Felsbrocken an ihm vorbeigepurzelt waren.
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„Altmoser, ziehn Sie ihn sofort wieder hoch!“ bellte Burmester, der noch dabei war, sich den unpassenden Schlaf aus den Augen zu reiben. Das Knistern, Prasseln und nun auch Rumpeln waren all zu deutlich.“Hat keinen Zweck, Herr Professor. Der Schacht stürzt gleich ein. Dann ist Ihr Neffe tot. Der muss da weg, wie wir alle!“ rief Altmoser und deutete auf die aufquellenden Staubwolken. Hinze nickte und deutete auf den Professor und alle anderen. „Wasser und Nahrung mitnehmen, und wer hat noch Funkgerät und Licht. Sonst alles hierlassen. Los!“ befahl nun Hinze. Altmoser nickte ihr beipflichtend zu. Kohlhas sah, dass die Seilwinde gerade wieder zum Stillstand kam. „Sechshunderteinundzwanzig, der ist unten, Leute!“ rief Kohlhas. „Dann warnmeldung raus und dann alle weg hier!“ rief Hinze.>
Burmester wollte sie und auch Altmoser zusammenstauchen, dass sie seinen Neffen nicht im Stich lassen durften und dass ihnen das noch leid tun würde. Er blickte in den Schacht, aus dem bereits erste Staubwolken quollen. Kohlhas hatte gerade sein Mikrofonbesteck eingepackt und lief bereits wie ein Hase vor dem Fuchs. Altmoser packte Burmester und zog ihn mit sich. „Frau Doktor schickt die mit ihr vereinbarte Gefahrenwarnung an uns alle. Weg hier, sonst retten’s kanen von uns“, brüllte ihm der Bergveteran unverschämt ins rechte Ohr.
Burmester dachte nicht an Gegenwehr. Die schreckliche Erkenntnis, dass sein Neffe gerade starb und dass er ihn auf dem Gewissen hatte, sowie der winzige Rest von Verstand, der ihm verriet, dass hierzubleiben nichts mehr bringen würde lähmten seine Bewegungen. So ließ er sich mitreißen. Dann hörte und spürte er, dass es hier wirklich gefährlich wurde. So überwand sein Überlebenstrieb die Disziplin und die Sorge um seinen Neffen. Hoffentlich hatte der auch erkannt, was los war und konnte sich noch in Sicherheit bringen.
Sie waren bereits mehr als einen Kilometer gelaufen, als das Verhängnis mit lautem Poltern und Krachen seinen Lauf nahm. „Atemschutztücher raus! Nicht frei atmen!“ befahl Hinze und ging wie eine geschulte Flugbegleiterin mit bestem Beispiel voran. Alle hatten sie diese feinmaschigen, reißfesten Stofftaschentücher bekommen. Altmoser hatte Hinze gefragt, ob sie sich damit die Nase putzen sollten. Hinze hatte darauf geantwortet: „Nein, Mund und Nase frei von Staub halten, falls wir in einen Steinschlag geraten.“ Kohlhas und Söderdiek hatten das sofort kapiert. Doch der achso erfahrene Altmoser hatte darauf nur gegrinst und in seinem Heimatdialekt sowas geutzt wie „Ihr seid nichts gewöhnt.“ Jetzt brauchten sie die Dinger, die sie für den Fall Steinschlag griffbereit in den oberen Jackentaschen trugen.
Weiter und weiter ging es durch den Stollen, während hinter ihnen ein wohl jahrmillionen alter Schacht zusammenbrach und dabei eine mit Tonnen von Steinstaub geschwängerte Druckwelle ausstieß.
Der Druck auf die Ohren nahm schmerzhaft zu. Sie fühlten, wie gepresste Luft und Staub sie voranschoben. Durch die Tücher keuchend kämpften sich Burmester und seine Mitarbeiter weiter und weiter. Sie mussten die große Halle erreichen. Da bestand freie Luftzirkulation.
Burmester dachte an seinen Neffen. Wenn der da unten von den Gesteinsbrocken getroffen wurde oder den Staub in die Lungen bekam würde er sterben. Niemand konnte ihm da unten helfen. Er hatte überhaupt keine Ahnung, was Erasmus Söderdiek dort unten erwartete. Einer hätte es ihm vielleicht sagen können, doch der war sehr weit fort und schlief um diese frühe Zeit sicher noch.
Sie rrannten, obwohl ihre Beine schmerzten. Sie keuchten, weil sie fast keine Luft mehr bekamen. Dann endlich erreichten Sie die große Halle. „In den zweiten Stollen da, den habe ich auf vier Kilometer ausgemessen und der hat Luftzirkulation!“ klang Kohlhas‘ Stimme durch das immer noch vor Mund und Nase gedrückte Tuch.
„Dann geht der Funkkontakt verloren“, stieß Burmester durch sein Taschentuch aus.
„Das ist er in dem Moment, als der Schacht einstürzte. Von da unten kommt kein Signal rauf, wenn da hunderttausend Tonnen Gestein im Weg liegen“, erwiderte Kohlhas. Dann zog Altmoser den Professor in den freien Stollen. So entkamen sie der immer noch wütenden Druckwelle und der Staubwalze. Doch was geschah mit Erasmus Söderdiek?
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01.07.1905
Die sieben Jahre waren um. Kepheus Hertzsprung hatte gestern sein Abschlusszeugnis von Hubertine Säuselbach erhalten. Darin waren die Prüfungsergebnisse der Ultimanerprüfungen noch nicht erfasst. Die würden als gesondertes Zeugnis von der Prüfungskommission versandt. Doch Canopus war zuversichtlich, dass sein Sohn die insgesamt neun von ihm belegten Fächer mit mindestens Annehmbar geschafft hatte. Er hatte alle Zauberstabfächer, sowie Zaubertränke, alte Runen, Kräuterkunde, Tierwesenkunde, Geschichte der Zauberei und auch das Fach Astronomie belegt. Canopus hatte ihn nicht dazu aufgefordert, dieses Fach bis zur höchsten Abschlussprüfung weiterzustudieren. Doch er war froh, dass er dem Jungen viel von seinem Wissen und den Theorien der ehemaligen Astronomen mitgeben konnte.
Von den akademischen Leistungen abgesehen war Kepheus zu einem hochgewachsenen, körperlich starken Jüngling herangewachsen, der sich dessen bewusst war, dass er der heimliche oder offene Schwarm junger Hexen war. Das lag nicht nur an seiner körperlichen Erscheinung, sondern auch daran, dass er gleich in der dritten Stunde seiner Schulzeit ungesagte Zauber ausgeführt hatte, auch wenn es der Zauber zum Erleuchten des Zauberstabes und zum Lichtlöschen war. Aber es war seit den Ergebnissen der Heiler Ruster und Simonowsky anerkannt, dass wer schon im Frühstadium der Pubertät oder gar davor ungesagt zaubern konnte dies sein ganzes langes Leben tun und die mächtigsten bekannten Zauber ausführen und wohl auch eigene mächtige Zauber entwickeln mochte. Auch wenn die empirische Feststellung von Ruster und Simonowsky sich auf die Abkömmlinge reiner Nichtmagiereltern bezogen, die irgendwann mal magisch begabte Vorfahren gehabt hatten, so galt Kepheus als durchaus beachtlicher und somit auch begehrenswerter junger Zauberer. Das erfüllte Canopus mit Stolz und Besorgnis zugleich. Denn mit großer Zauberkraft kam immer die Versuchung, sie zum eigenen Vorteil und zum Schaden anderer einzusetzen. Wer so gut wie Kepheus zaubern konnte stand auch all zu bald auf der Liste von heimlichen oder bereits aktenkundigen Dunkelhexen und dunklen Zauberern, die in einem sehr beachtlich zauberstarken Jüngling entweder einen wertvollen Helfer oder einen potenziellen Todfeind sehen mochten. War es da vielleicht ratsam, ihm vorzuschlagen, dass auch er ein Lehramt anstreben sollte, um vor solchen Versuchungen geschützt zu sein? Nein, das würde nichts bringen. Außerdem hatte Canopus beschlossen, seinem Sohn jeden Weg zu gewähren, der nicht in die Dunkelheit und Zerstörung führen würde. Wenn er ihm jetzt erzählte, dass er sich Sorgen machte mochte er damit eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ausstoßen und ihn erst recht auf dunkle Pfade locken, die immer enger und verschlungener wurden und links und rechts von tödlichen Abgründen gesäumt wurden. Wohin sowas führte hatte der Finstermagier Olek von Pilsen bewiesen, der vor einem Jahr versucht hatte, die Stadt Prag mit nachgebauten Golems zu erstürmen und sich mit seinen Gehilfen, den Rothüten, eine verheerende Zauberschlacht im Riesengebirge geliefert hatte, bei der er am Ende lichterloh brennend in die Elbe stürzte und ertrank. Doch er hatte vorher noch die Warnung ausgerufen, dass sein Meisterschüler ihn rächen und die Zaubererwelt gegen die immer wahnwitzigeren Magielosen vereinen würde. Seitdem debattierten die Lichtwächter, wer dieser Meisterschüler sein sollte. Oder war es eine Schülerin? Immerhin hatte Olek zwei Töchter gezeugt, die in Transsylvanien lebten.
Nein, Kepheus würde sicher kein Nachläufer eines Möchtegern-Zaubererweltkönigs oder einer dunklen Königin wie Sardonia vom Bitterwald oder Gertrude Steinbeißer werden, abgesehen davon, dass dunkle Hexen sich nur auf Hexen verließen und Zauberer als notwendiges kleines Übel zur Nachwuchssicherung betrachteten.
Als Kepheus mit allen anderen Ultimanern die Dankesworte von Gräfin Ophelia III. entgegengenommen hatte durfte er mit allen anderen Abschlussklässlern zuerst durch das Reisetor im Erzenklangturm gehen. Als Canopus seinem Sohn und dessen Schulkameradinnen hinterhersah fragte er sich, mit welcher der jungen Hexen er irgendwann bei ihm und Birte vorstellig werden würde. Immerhin könnte es ihm passieren, dass er Stella Sonnengold oder Halla Säuselbach heiratete. Wo er sich jedoch völlig sicher war, dass sein Sohn viel früher als er selbst auf Nachwuchs hinarbeiten würde. Die Blicke, die Kepheus in den drei letzten Jahren seinen Schulkameradinnen zugeworfen hatte zeigten, dass er auf der Suche war oder dass er die bereits eingegangenen Angebote prüfte. Immerhin hatte er mit vier Mädchen die Walpurgisnachtflüge erlebt, darunter eben Halla Säuselbach und Stella Sonnengold, die sich als zertifizierte Nachfahrin des Mitbegründers von Greifennest wie eine Märchenprinzessin verhielt, die davon ausging, wie die Königin Viktoria ein ganzes großes Reich zu regieren und sich unter den paradierenden Prinzen den besten heraussuchen konnte, um die Dynastie zu verlängern. Für den Sohn eines Astronomiezauberers passte der Name Stella doch gut als Name der Schwiegertochter. Doch Hubertine Säuselbach hatte auch schon mehrmals angedeutet, dass sie sich Canopus‘ hochbegabten und stattlich herangewachsenen Sohn auch gut als Schwiegergroßneffen vorstellen konnte, selbst wenn sie sonst ihrer großen Schwester nicht einmal die Butter auf dem Brot gönnte.
als Canopus nach der Verabschiedung der letzten Schüler in sein Haus auf dem Wendelstein zurückkehrte besichtigte er erst sein Laboratorium. Als er den verschlossenen und von einem Blutsiegelkreis umfassten Schrank ansah dachte er daran, dass er Kepheus irgendwann den schwarzen Mondkraftumhang vorführen würde, den er ihm vererben mochte. Oder sollte er ihm diesen bereits dann übergeben, wenn er wusste, dass Kepheus kein Unheil damit anrichten mochte? Da fiel ihm ein, dass er den Umhang ja mit Vollendung seines sechsunddreißigsten Lebensjahres „erhalten“ hatte. Ja, das war doch ein guter Ansatz. Er hatte jetzt bis zu neunzehn Jahre Zeit, zu beobachten, wie und mit wem sich Kepheus entwickeln würde und ob der diesen Umhang zum Nutzen und Wohl unschuldiger Menschen einsetzen mochte. Falls er doch den dunklen Pfaden folgte konnte er sich immer noch überlegen, ob er ihm den Umhang im Testament vermachen oder ihn doch noch vernichten sollte. Er starrte auf den mit glitzerndem Metall beschlagenen Schrank, als könne er in diesen hineinblicken. Doch er erhielt keine Antwort. Die Zukunft musste es zeigen, was er tun sollte.
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01.02.2008
Die Rundreise Anthelias zu den auf einer alten Landkarte verzeichneten Stätten, wo angeblich oder wahrhaftig die Leichen und Waffen der gefürchteten Turmkrieger des alten Reiches begraben waren ging nach dem Stop im ägyptisch-sudanesischen Grenzgebiet in den Urwald des Kongobeckens. Auch hier fand Anthelia eine magische Gegenkraft zu ihrem Erkundungszauber, was ihr verriet, dass unter ihr was mächtiges vergraben war, das kein magischer Mensch ausgraben oder gar mit bloßen Händen berühren sollte. Sollte sie nun, wo sie sicher war, dass die Karte stimmte die Erkundungsreise abbrechen? Nein, sie musste die genaue Lage jedes dieser Gräber erkunden und dann ihre vertrauenswürdigen Schwestern einteilen, sie zu bewachen, immer abwechselnd.
Sie wolte gerade fort, als sie in nur dreihundert Metern fremde Gedanken erfasste, Gedanken von Menschen. Sofort hob sie auf ihrem Harvey-Besen ab und wurde unsichtbar. Sie lauschte und erkannte, dass es zehn Männer waren, die wohl auf der Suche nach lohnenswertem Wild den Wald durchstreiften. Da sie Wilderei aus reiner Gewinnsucht ablehnte beschloss sie, diesen zehn Männern den Beutezug zu vergellen.
Zunächst einmal stieg sie auf ihrem Besen weit genug auf, um einen klaren Überblick zu haben. Dann sah sie den ersten der zehn Männer, deren Gedanken sie schon erfasst hatte. Niemand würde sie vermissen, selbst wenn sie Frauen und Kinder haben sollten. Doch, die Abnehmer ihrer gewilderten Trophäen würden sie vermissen. Aber nein! Die würden sich nach neuen Handlangern umsehen, ja womöglich glauben, dass jene, die bisher für sie gearbeitet hatten, sie hintergangen und betrogen hatten. Aber sie würden sie nicht finden, dachte Anthelia. Nein, sie würde sie nicht töten, sie nicht! Für eine Großmeisterin der Hexerei und Zauberei gab es viel wirksamere Methoden, Menschen zu bestrafen.
Sie flog auf die Gruppe zu, die gerade beschloss, auf die umstehenden Bäume hinaufzuklettern um von dort oben auf Nashörner oder ähnlich einträgliche Großwildtiere anzusitzen. Gleich würden sie wissen, wie schnell die Grenze vom Jäger zum Gejagten verschoben werden konnte.
Drei von denen waren schon unterwegs in die Baumwipfel. Gut, dann sollten sie dort bleiben, dachte Anthelia. Sie näherte sich leise und unsichtbar den Bäumen. Dann zielte sie auf den ersten und bewegte in vielfach geübter Weise ihren Zauberstab. Am Ende ihrer Geste und ihres ungesagten Zauberspruches knallte ein violetter Blitz aus ihrem Zauberstab und traf den Kletterer. Dieser verschwand scheinbar. Statt seiner turnte nun ein braunbehaarter kleiner Affe mit langem Schwanz den Baum hinauf und erschrak fast zu Tode. Die beiden Männer, die das mit ansahen erschraken selbst so sehr, dass sie keine Gegenwehr leisteten, als auch sie von je einem der violetten Blitze getroffen wurden und statt ihrer zwei weitere Kletteraffen in den Baum hinaufturnten. die sieben auf dem Boden warteten sahen, was hier geschah und griffen zu ihren Waffen. Doch zwei griffen auch zu tragbaren Geräten, die Anthelia als Funkgeräte erkannte. Das waren für sie die gerade gefährlicheren Gegner. Darum riskierte sie es, beschossen zu werden. Sie verwandelte die beiden mit den Funkgeräten in wild quiekende Warzenschweine. Da begannen die fünf verbliebenen aus ihren weitreichenden Jagdgewehren zu schießen.
Anthelia wechselte schnell die Position, als vier der ihr entgegengeschickten Geschosse knapp an ihr und ihrem Besen vorbeischwirrten. Dann antwortete sie mit einem sechsten, siebten und achten Verwandlungszauber. Da sie hier nur den letzten Zauber wiederholen musste vollstreckte sie ihr Urteil dreimal so schnell wie bei den beiden mit den Funkgeräten. Jetzt waren da nur noch zwei Wilderer in menschlicher Gestalt, die versuchten, durch eine Flucht in zwei verschiedene Richtungen dem Verhängnis zu entwischen. Doch die mussten laufen, während Anthelia auf ihrem Besen flog. So konnte sie in aller Ruhe erst einen und dann den zweiten von ihnen erjagen und ihm die Verwandlung in einen Warzenschweineber auferlegen. Zehn Wilddiebe, die Elefanten und Nashörner nur wegen Stoßzähnen oder Hörnern erlegten, würden nun dem Gesetz des Urwaldes unterliegen, Fressen oder gefressen werden. Gemäß den Berichten über langzeitverwandelte Menschen würden sie irgendwann ihre menschliche Persönlichkeit verlieren und auch geistig zu jenen Tieren werden, in deren Körper Anthelia sie gebannt hatte. Ihr war natürlich bewusst, dass sie damit nur einen kleinen Funken ausgetreten hatte, wenn anderswo größere Feuer loderten. Doch dieses kleine Erfolgserlebnis wgönnte sie sich.
Als sie nun weit genug von dem im Kongo begrabenen Turmkrieger entfernt war landete sie wieder. Sie überlegte, wo sie als nächstes hinreisen sollte. Dann verschwand sie in der Erde.
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„Ich könnte echt eifersüchtig werden, wie gerne die vier immer bei euch sind“, sagte Ursuline Latierre, als sie am ersten Februar Béatrices 38. Geburtstag im Apfelhaus am Farbensee von Millemerveilles feierten. Das Wetter war freundlich, wenn auch kühl. Die Kinder tobten sich auf dem von Millie und Julius eingerichteten Spielplatz aus. Auch Sandrines Zwillinge waren da, weil Aurore darum gebeten hatte, auch ein paar Klassenkameraden von sich dabeizuhaben. So richtig viele Kinder würden sie aber wohl erst wieder in den drei Tagen bei sich haben, wenn Flavine, Fylla und dann Aurore ihre Geburstagsfeiern haben würden.
Auch Laurentine, Louiselle und Lucine waren da, weil Julius ihnen angeboten hatte, die kleine Lucine mit den anderen Kindern spielen zu lassen. Da sich die Eltern bei der Aufsicht über die tobenden Kinder abwechselten konnten sie so wesentlich ruhiger als sonst miteinander sprechen und sich über die neuesten Ereignisse in der Zaubererwelt austauschen. Laurentine erwähnte, dass sie mehrere Einladungen aus Deutschland und den USA erhalten habe, dort wieder hinzureisen, um sich blicken zu lassen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen Louiselle gegenüber,weil sie den nichtmagischen Verwandten noch nicht auf die Nase binden wollte, dass sie einer alleinstehenden Frau mit Kind Obdachh und dann auch eine gesetzlich eingetragene Partnerschaft geboten hatte.
„Meine Großmutter Monique ist zwar von den Priestern der katholischen Kirche enttäuscht, hat aber wohl noch immer die katholischen Moralvorstellungen“, sagte sie. Julius und Béatrice hörten ihr geduldig zu, während Millie die laut juchzenden und lärmenden Kinder beaufsichtigte.
„Du meinst, sie würde dir sündhaftes Verhalten vorwerfen, wenn du ihr von Louiselle und Lucine erzählst?“ fragte Julius. Laurentine nickte. „Ich kann mich immer noch an diesen Zusammenstoß mit dem Küster auf dem Friedhof erinnern, als Louiselle und ich das Grab meiner Mutter besucht haben. Die halten alles was in der Bibel steht für einzig richtig und alles, was dem widerspricht automatisch für unrein und böse.“
„Na ja, Laurentine, aber wie ich deine und Julius‘ Berichte von euren Eltern verstanden habe gilt der Grundsatz, nur zu glauben, was man messen und analysieren kann auch für nicht mit der Bibel der Christen im Einklang lebenden Menschen. Dein Vater und der von Julius lehnten die Magie als existierende Größe ab, weil sie in ihrer Ausbildung gelernt haben, dass es das nicht geben kann und nur in Kindergeschichten vorkommen darf“, wandte Béatrice ein. „Ja, und dass deine Wohngemeinschaft mit Louiselle auch in der magischen Welt nicht so viele Freunde hat hast du ja auch schon erlebt. Da kann ich deine Sorgen verstehen. Ja, und das Lucine so aussieht, als sei sie deine Tochter wird irgendwann auch viele nachdenklich machen, nicht nur mich als Heilerin. Nicht, dass du sie verstecken sollst, je größer sie wird. Dafür ist sie ja bereits in Beauxbatons vorgemerkt, doch möchte ich dir und Louiselle empfehlen, euch früh genug damit auseinanderzusetzen, wie ihr es erklären wollt, wo genau Lucine herkommt, damit es euch nicht eiskalt erwischt.“
„Du meinst, Louiselle und ich sollten was absprechen, falls irgendwer Theorien in die Welt setzt, wie Louiselle zu ihrem Kind gekommen ist? Da arbeiten wir schon dran“, sagte Laurentine. Dass sie damit Béatrices, Millies und Julius‘ Verdacht zur Gewissheit machte bedachte sie in dem Moment nicht. Oder sie ging davon aus, dass es keinen Sinn hatte, Lucines Ähnlichkeit zu ihr abzustreiten um nicht noch höhere Wellen zu schlagen. Als es ihr klar wurde, dass sie indirekt zugegeben hatte, dass Lucine nicht die Tochter eines verstorbenen Mannes, sondern ihr Fleisch und Blut war errötete sie an den Ohren. Da sagte Julius: „Wir haben alle unsere Geheimnisse, Laurentine, und viele davon sind nur deshalb geheim, weil wir wissen, dass sie gehörigen Ärger einbringen könnten. Was immer ihr zwei hingekriegt habt hat wenigstens Hand und Fuß.“
„Und eine sehr durchdringende Stimme“, fügte Laurentine grinsend hinzu, weil Lucine gerade versuchte, über Flavines schrägen Gesang hinweg nach irgendwem oder irgendwas zu rufen.
Als Béatrice sich wieder mit ihren ehemaligen Klassenkameradinnen unterhielt ging es darum, wie Millie sich damit zurechtfand, dass sie zwei Kinder von Julius ausgetragen und geboren hatte. Béatrice erwiderte darauf, dass allein der Umstand, dass sie immer noch mit Millie und Julius unter demselben Dach wohnen durfte klarstellte, dass sie froh war, dass Julius‘ Kinder Félix und Chloris genauso zur Familie gehörten wie die von Millie geborenen Kinder.
„Und darfst du wieder auf dem Fünfzehner fliegen?“ fragte ihre große Schwester Hippolyte, als diese am Abend beim Essen neben dem Geburtstagskind saß. „Die Wochenbettphase ist schon lange um, und Hera hat mir gestattet, den Fünfzehner zu benutzen, auch um meinen Dienst als beigeordnete Heilerin und Hebamme wieder aufzunehmen.“
„Sind denn wieder neue Kinder in Millemerveilles unterwegs?“ fragte Hippolyte. „Zehn stück“, antwortete Béatrice. „Wir haben auch gedacht, dass nach den Frühlingskindern, die in diesem Jahr vier werden, so schnell keine neuen Kinder zur Welt kommen. Aber diejenigen, die in den vier Jahren erwachsen wurden und sich hier angesiedelt haben möchten auch gerne Kinder haben. Mehr darf ich wegen der Heilervertraulichkeit nicht erzählen.“
„Ja, und die, die vor vier Jahren auf die Welt kamen brauchen ja immer wieder einen Heiler oder eine Heilerin“, stellte Hippolyte fest. Béatrice konnte und wollte ihr da nicht widersprechen.
Weil die Kinder vom vielen Toben sehr müde waren beschlossen die Apfelhausbewohner, den großen Empfangs- und Festraum im Erdgeschoss zum großen Schlafsaal umzufunktionieren. Julius erstaunte alle, als er ungesagt für jedes Kind und jeden Elternteil einen plüschigen roten Schlafsack mit einem einzigen ungesagten Zauber heraufbeschwor. „Das freut mich, dass mir das tatsächlich gelungen ist und dass ihr euch auch freut, dass ihr nicht alle so spät noch nach Hause müsst. Morgen feiern wir schließlich Chrysopes sechsten Geburtstag, und ich gehe davon aus, dass die allermeisten von euch von ihr eingeladen wurden.“ Alle lachten.
Später lagen Millie und Julius in ihrem Ehebett und ließen den Tag noch einmal an sich vorbeiziehen. Am Ende sagte Julius: „Das wollte ich immer schon mal ausprobieren, zwanzig Schlafsäcke oder mehr auf einen Rutsch in einen Raum reinzuzaubern. Professor Dumbledore hat das in meinem allerersten Jahr gebracht, aberhundert Schlafsäcke in die große Halle zu beschwören, als wir wegen Sirius Black dazu aufgefordert wurden, die Nacht unter Lehreraufsicht in der großen Halle zu schlafen.“
„Jau! Ich meine, damals war das für euch ja alle eine gruselige Sache, weil ihr nicht wusstet, dass Black nicht der Massenmörder ist, als den ihn die Zaubererweltzeitungen und das Ministerium in London hingestellt haben. Aber ich kann das verstehen, dass dich damals alles beeindruckt hat, was ungesagt gezaubert werden konnte“, sagte Millie.
„Gut, mich haben sie da auch schon angeguckt wie das achte Weltwunder, weil ich da schon ungesagt Sachen machen konnte. Aber jetzt weiß ich, dass ich auf dem guten Weg bin, auch mal mehr als zweihundert Schlafsäcke zu beschwören.“
„Gut, an die fünfzig schwebende, brennende Kerzen hast du doch auch schon hingekriegt, wo ich froh bin, dass ich zehn auf einmal schaffe“, erwiderte Millie. Dann deutete sie auf den zugezogenen Vorhang. „Hat das geklappt mit dem freien Tag morgen?“
„Nathalie hat mir den Tag bewilligt, und Léto hat erwähnt, dass sie mich morgen wohl auch nicht braucht. Wir können also morgen für alle zusammen das Frühstück machen“, sagte Julius. Immerhin wollte er Chrysope an ihrem sechsten Geburtstag eine ähnlich große Freude machen wie seiner Erstgeborenen Aurore, die in diesem Jahr schon acht wurde. Wie schnell doch die Zeit verflog!
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1906-1909
Nur wer zum einen ein überragend gut examinierter junger Zauberer ohne familiäre Verpflichtungen war und zum anderen genug Gold zur Verfügung hatte konnte sich den Traum vieler Jungzauberer erfüllen und „die große Rundreise“ machen, einmal zu interessanten und / oder wichtigen Orten und Personen hin, die bisherigen Kenntnisse und Fähigkeiten erproben und neue Kenntnisse dazugewinnen, kontakte knüpfen und eigene Lebensaussichten überdenken, ja sich auch die Hörner abstoßen, wie es Timon Bärenzahn mal bezeichnet hatte. Das hatte seiner Cousine Birte zwar nicht sonderlich gefallen, weil sie auf häusliche und sittliche Ordnung beharrte. Doch wenn sie bedachte, dass Stella Sonnengold fast erreicht hatte, dass ihr Sohn Kepheus sie heiratete und dafür den Familiennaamen aufgab oder wie heftig Halla Säuselbach hinter ihm herschawenzerte wie eine rollige Katze, die einen drallen Kater gewittert hat, so empfand sie den Plan, sich in der Welt umzusehen als das kleinere übel.
Im Nachhinein waren Canopus und Birte auch erleichtert, als sie Ende 1907 aus allen Zeitungen erfuhren, dass die lebende Nachfahrin von Greifennestmitbegründer Sonnengold sich mit dem Sohn des kaiserlich-königlichen Hofzauberers Nepomuk von der blauen Höhe verlobt hatte. Wenn der Sohn, Simon von der blauen höhe, bereit war, seinen Nachnamen aufzugeben, damit die Linie Sonnengold bestehenblieb, dann sollte es eben so sein. Doch Halla schien noch zu warten, auch wenn sie in die höhere Schule für Zaubertrankbraumeisterinnen im zaubererdorf Wolkenwerder eingetreten war, die nur Hexen aus Mondenquell unterrichtete. Birte hatte dort selbst zwei Jahre gelernt, bis ihr klar geworden war, dass die Erforschung magischer Kräuter mehr zu bieten hatte als das Zusammenrühren ekliger Tierbestandteile, Pilze und Pflanzenteile zu mehr oder weniger appetitlichen Gebräuen.
Birte wusste irgendwann nicht mehr, ob das was ihr Sohn da schrieb erdichtet oder wahrlich erlebt war. Er schickte fast jede Woche eine Eule mit einer von diesen Modernen Ansichtskarten, die in magisch animierten Bildern Ausblicke auf schöne oder geschichtlich interessante Bauwerke oder Landschaften zeigte. Der Teich mit den vier großen und acht kleinen Zauber- und Tierwesen in Millemerveilles gefiel ihr noch. Dass Kepheus sich mit einer sehr umfassend begabten Hexe namens Claudine Rocher und einem Sternengucker namens Fabian Dusoleil unterhalten habe, der gerade Großvater eines kleinen Jungen geworden war nahm sie noch als wahrhaftig hin. Doch als er die Karte mit einem vorzeitlichen Steinkreis schickte und erwähnte, dass er in Spanien einen solchen Steinkreis besichtigt und dabei eine scheinbar uralte, schlummernde Zauberkraft verspürt hatte dachte sie, dass das mit den Steinkreisen doch nur uralter Aberglaube gewesen war.
Eine Karte mit der Ansicht des Schlosses Hogwarts über einem tiefschwarzen See enthielt den Text, dass Kepheus sich mit einem jungen Zauberer namens Albus Dumbledore und dessen überaus attraktiven Begleiter Gellert Grindelwald getroffen habe. Als er dann schrieb, dass Grindelwald vorhabe, die magische Welt zur alten Größe zurückzuführen und die Nichtmagier auf ihren Platz der Unterworfenen zurückstoßen wollte hatte Canopus geschrieben, dass Kepheus sich besser von diesem Burschen fernhalten sollte. Denn solche Ideen waren all zu Oft der Keim für dunkle Absichten. „Wer gutes will muss es tun und nicht fordern oder gar erzwingen, mein Sohn. Hüte dich vor solchen Reden und meide die, die sie führen!“
Ab da war erst einmal kein Brief mehr gekommen. Erst zwei Monate später kam eine schon wie eine Bitte um Vergebung verfasste Nachricht aus Irland.
Lieber Vater, geliebte Mutter!
Ich war jetzt fast zwei Wochen mit Albus und Gellert zusammen unterwegs, um nach Relikten alter Magier zu suchen. Grindelwald glaubt an das Märchen von den Heiligtümern des Todes und will sie suchen und Dumbledore dafür einspannen, ihm zu helfen, die magische Welt zu übernehmen. Vater, du hattest zur dreigeschwänzten Gorgone recht. Grindelwald ist ein angehender dunkler Lord, der die Welt zu einem Gefangenenlager für Zauberer und Hexenund einem Viehstall für versklavte Maglos umbauen will. Fast wäre ich auf sein Geschwätz vom größeren Wohl hereingefallen. Doch jetzt weiß ich, dass er damit nichts wirklich gutes vorhat. Ich musste bei Nacht und Nebel abtauchen und so tun, als hätte es mich vom fliegenden Besen gehauen. Ich bin jetzt auf einem Schiff nach Amerika. Da werde ich erst mal mindestens ein halbes Jahr bleiben, bevor ich mich wieder in Europa blicken lasse. Ich bitte für meine unbedachte Begeisterung für Grindelwalds Ideen um Entschuldigung und hoffe, dass ich derlei Unbedachtsamkeit nicht noch einmal begehe. Ich weiß jetzt zumindest, warum du gesagt hast, dass mit großer Begabung auch immer große Verantwortung und dunkle Versuchung einhergehen. Liebe Mutter, verzeih mir bitte, wenn ich an deinem Geburtstag nicht vorbeikommen kann. Aber ich muss im Moment davon ausgehen, dass dieser blonde Möchtegern-Weltherrscher genug dumme Leute findet, die ihm glauben und denken, sie würden wieder groß und wichtig, wenn sie hinter ihm herlaufen und auf sein Kommando Leute quälen oder umbringen. Dass Dumbledore das nicht kapiert hat kapiere ich nicht so recht. eine Hexe namens Bathilda Backshot, die sich überragend in Zaubereigeschichte auskennt und bald ein neues Standardwerk für Hogwarts rausgeben will behauptet, dass Dumbledore auf dem anderen Ufer der Liebe wandelt, was immer das heißt. Vielleicht ist er sodomist. Das wäre das einzige, was erklärt, dass er Grindelwald fast aus den Händen frisst.
Ich melde mich dann so im März nächstes Jahr, wenn ich meine Nordamerikarundreise durch habe. Von da nach Europa Eulen zu schicken ist verdammt teuer.
Es umarmt euch euer reiselustiger und um eine wichtige Erkenntnis reicher gewordener Sohn Kepheus.
Über Nordamerika berichtete er dann in einem zehnseitigen Brief ohne Ansichtskarte. Er hatte das Angebot erhalten, von Chile aus nach Australien überzusetzen, wo er sich den berühmten Felsenberg Eyers Rock, den die Eingeborenen Uluru nannten, ansehen wollte.
Die Eindrücke, die er von den australischen Naturmagiern und klugen Frauen beschrieb waren sehr vielseitig und für die übliche Überheblichkeit der Europäer anderen Völkern gegenüber sehr respektvoll. Das einzige, was ihn an der Besichtigung des wahrhaftig eine starke, ruhende Kraft ausstrahlenden roten Berges gestört hatte war, dass die dort lebenden klugen Frauen – so nannten sich die Magie praktizierenden Frauen – ihn nicht an jede Wand herangelassen hatten, weil sie dort in den Felsen eingeschriebene Geschichten aufbewahrten, die eben nur Frauen sehen, verstehen und im Gedächtnis behalten durften. Er hatte auch davon abgesehen, auf den Berg hinaufzusteigen, weil er den Glauben der Anangu achtete. Die hatten ihm zumindest erzählt, dass es um den Berg einst eine Schlacht zwischen Riesenvögeln und Eidechsenmenschen gegeben haben sollte.
1909 kehrte Kepheus wieder zurück nach Deutschland. er verkündete, dass er von Timon Bärenzahn in die Lichtwachen des vereinten Kaiserreiches eingeführt werden wollte, um zu den Sondertruppen gegen gefährliche Nachtgeschöpfe zu kommen. Er begründete seine Entscheidung für diesen riskanten Weg damit, dass er gerade auf seinen Reisen erfahren hatte, wie manipulativ dunkle Zauberer und Zauberwesen auftreten konnten und dass es wichtig sei, sie daran zu hindern, die Zaubererwelt und die nichtmagische Welt zu übernehmen.
Da Lichtwächter, die einmal eingeschworen waren, bis zum Ende der Dienstzeit nicht heiraten durften ging Kepheus auf den Vorschlag seiner Großtante Irmela ein, noch vor der Einberufung zu heiraten. Die Auserwählte war seine Hauskameradin Elfriede Ginstermoor, die Enkeltochter des amtierenden Dorfoberhauptes von Ginstermoor. Da Kepheus immer noch auf der Hut vor Schergen Grindelwalds war fand die Trauung nur im engsten Familienkreis und ohne öffentliche Bekanntmachung statt. Zwei Monate nach der Hochzeit schrieb sich Kepheus bei den Lichtwächtern ein und wurde Gefreiter.
„Du kannst ihm unmöglich den Umhang überlassen, Canopus. Du weißt, dass er über derlei besondere Ausrüstung Mitteilung machen muss“, zischte Birte ihrem Mann am Vorabend der Verabschiedung ihres Sohnes zu. Er wiegte den Kopf. Dann flüsterte er: „Ja, wenn er nur von Timon zum Vampirjäger ausgebildet würde könnte ich ihm den Umhang als besonderes und geheimes Geschenk übergeben. Aber du hast leider recht. Ich werde mir was ausdenken müssen, um das Stück nicht länger im Haus zu lassen und Kepheus eine Möglichkeit zu geben, ihn nur dann zu bekommen, wenn er keinem anderen davon erzählen muss.“
Am Tag darauf rückte Kepheus in die Lichtwachenkaserne Oberbayern ein. Er hatte sich für zehn Jahre verpflichtet. Denn nur so konnte er die Sondertruppenausbildung bekommen.
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08.02.2008
Draußen war es wieder tiefe Nacht. Das tat auch nichts zur Sache, da es in jenem Raum kein Fenster gab. Die, die sich dort mit mehreren Kisten voller verkleinerter Bücher zu schaffen machte brauchte auch kein frei einfallendes oder künstlich erzeugtes Licht. Ihre beiden Augen, eine Entschädigung für erlittene Blindheit im Auftrag des deutschen Zaubereiministeriums, konnten bei Dunkelheit ebensogut sehen wie am Mittag eines wolkenlosen Sommertages.
Albertrude Steinbeißer hatte sich nun die Schriften aus dem Archiv für dunkle Aufzeichnungen des italienischen Zaubereiministeriums vorgenommen. Weil sie sich mit dunklen Zaubern auskannte wie nur wenige gegenwärtige Hexen hütete sie sich davor, die erbeuteten Bücher und Handschriften ohne Handschuhe zu berühren.
Einige der Bücher hatte sie ja bereits bei ihrem Beutezug im aufgerüttelten Vulkan erkannt. Die wollte sie nun sorgfältiger sortieren. Das Buch über die Künste der Erschaffung von künstlichen Menschen, magisch getriebenen Automaten oder neuer Lebensformen von Giacchino Spalanzani würde sie zuerst einmal sicher verstauen, da sie es für typisch männlich hielt, ohne Beistand einer Hexe neues Leben zu erzeugen oder willfährige Maschinenwesen zu kommandieren. Dennoch würde sie sich irgendwann auch damit befassen müssen. Denn Spalanzanis Saat, viele natürliche Vorgaben mit thaumaturgischen Mitteln nachzubilden oder gar zu übertreffen, war ja längst aufgegangen. Sie selbst war ja ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Erschaffung künstlicher Sinnesorgane entwickelt hatte. Auch wenn die meisten Heiler und Heilerinnen es ablehnten, dem im 16. Jahrhundert wirkenden Magier, den sie auch „il Maestro delle Pupe“, den Herren der Puppen nannten, zu danken, so profitierten sie zum Teil von dessen Erkenntnissen über die menschliche Anatomie und die Versuche, wie die natürlichen Sinnesorgane arbeiteten. Womöglich war sie irgendwann darauf angewiesen, ihre vom Zaubereiministerium spendierten biomaturgischen Augen zu behandeln oder jemanden anzuleiten, die nicht zum Ministerium gehörte. Ja, am Ende brauchte gerade sie womöglich willfährige Automata, die von den Nichtmagiern Roboter oder Androiden genannt wurden. doch zur Zeit bestand für sie kein Bedarf.
Was sie da ohne das Wissen der einstigen Verwahrer an sich gebracht hatte war eine schon repräsentativ zu nennende Bandbreite dunkler Magie durch die Jahrhunderte von den alten Römern,, die sich auch das magische Wissen der eroberten Regionen angeeignet hatten, den Griechen, hier den sich gegenseitig bekämpfenden Lehren der Töchter Hekates, die das gewachsene Gefüge von Werden, Erhaltung und Vergehen im Ausgleich zwischen Magie und Natur wertschätzten, des Universalzauberers Hermes Trismegistos, der die Reinheit der Magie aus der Reinheit von Geist und Seele herleitete und alles der Natur unterworfene als tierhaft und deshalb schädlich verdammte und des Phorkys von Sparta, von dem auch Herpo der üble sein Handwerkszeug zur Schöpfung gefährlicher Tierwesen erworben hatte. Vor allem aber ging es den Zusammenraffern des italienischen Zaubereiministeriums offenbar darum, der magischen Welt zu verheimlichen, dass Hexen die wahrhaft mächtigen waren. Deshalb galt für sie wohl alles als Erzeugnis dunkler Magie, was diese Macht der Hexen bestätigte und jenen, die willens waren, das Wissen zu verwenden, vorzuenthalten, was alles möglich war. So fand sie die Quellentexte, aus denen das im 17. Jahrhundert entstandene Werk Potentia Matrium, eigentlich Potentia Matrum, entstanden war, von dem Gertrude damals gerne ein Exemplar gehabt hätte. Gundula Wellenkamm hatte sich eines der noch unter der Hand kursierenden zwanzig gebundenen Exemplare verschafft, wusste sie aus Albertines Wissen. Vielleicht, so beschloss die aus zwei Hexenseelen zu einer vereinigte Albertrude, sollte sie Gundula Wellenkamm doch bald beehren, um ihre auch vor anderen Mitschwestern versteckten Bücher und Handschriften zu sichten. Doch dazu musste sie eine Gelegenheit erhalten, sich aus der bisherigen Rolle herauszulösen.
Weitere Bücher über dunkle Zauber waren auch mit solchen belegt, wie Seelenfangflüche oder Fallenzauber, die bei unvorsichtiger Verwendung das Augenlicht oder den Tod herbeiführen konnten. In einem Buch namens „Das Flüstern des Tartarus“ sah sie mit ihrer Aurensicht die geisterhafte Form eines Menschens, der immer wieder zu einem schwarzen Knochengerüst abmagerte und dann wieder wie ein vollständiger Mensch aus Fleisch und Blut wirkte, und zwar im Takt von nur fünf Atemzügen Albertrudes. Sie erkannte, dass wohl bestimmte Textstellen ihr dieses Schicksal bereiten sollten, wenn sie sie laut oder auch nur halblaut las. Für wahr, die Archivare hatten schon einen sehr gefährlichen Beruf, wenn sie mit solchen Schriften zu tun hatten.
Ein Buch befasste sich mit der Erzeugung künstlicher Schattenwesen. So hatte Ladonna also jene angeblichen Nachtschatten erbrütet, die in Deutschland, Norwegen und anderswo die Zaubereiministerien aufgescheucht hatten, bis diese so leichtsinnig waren, sich an einem klar bestimmten Ort zu treffen, wo Ladonnas Feuerrosenzauber sie erwischen konnte.
Was sie vergeblich suchte war eine Inventarliste, wie sie sie bei den deutschen Büchern gefunden hatte. So blieb ihr nur, wie in den letzten langen Nächten Bücher nach Gefährlichkeit für ihre Leser, Interesse und derzeitiges Desinteresse auszusortieren und zu ordnen. Sie kam sich dabei vor wie die Heldin im Grimmschen Märchen „Aschenputtel“, nur dass sie hier keine fleißigen Tauben hatte, die ihr beim Sortieren helfen konnten.
Als sie endlich an die hundert Bücher und Manuskripte in die betreffenden Gruppen eingeordnet hatte stellte sie fest, dass es bereits drei Uhr morgens war. Da sie an diesem Tag noch einiges zu tun hatte blieb ihr also nichts als Wachhaltetrank zu nehmen, um bloß nicht erkennen zu lassen, wie lange sie konzentriert gearbeitet hatte. So bekamen ihre Kolleginnen und Kollegen nicht mit, dass unter ihnen eine Anwärterin auf die Vorherrschaft der Hexen über die Zauberer weilte.
Sie durfte mal wieder für das Ministerium die Zwerge auskundschaften. Zwar hielt sich König Malin VII. seit geraumer Zeit zurück. Doch das, so dachten viele, mochte nur die Ruhe vor dem Sturm sein. Wahrscheinlich hatte der gegen die Kobolde hetzende Zwergenkönig unter den Bergen des Schwarzwaldes versucht, Rückendeckung aus den anderen Zwergenreichen zu erhalten und hatte keine bekommen. Doch ob ihn das daran hindern mochte, alleine gegen die Kobolde zu Felde zu ziehen wollte niemand dafür zuständiges im Ministerium ausschließen. Daher waren Trägerinnen und Träger künstlicher Augen wie Albertrude abgestellt worden, Malins Reich weiterzubeobachten. Der schickte zwar immer wieder Boten, die sich in seinem Namen beschwerten. Doch die kamen immer mit der für ihn unerwünschten Nachricht zurück, dass die Beobachtung erst beendet würde, wenn er sich zu einem magisch bindenden Friedensvertrag mit Zauberern und Kobolden bereitfände. Tja, das lag diesem Kriegstreiber fern. Immerhin versuchten seine Krieger nicht mehr, die Beobachter zu verjagen oder zu verletzen. Das verdankten sie auch Albertrude, die mit ihrem Wissen die gegen sie geführten Angriffe der Zwergenwachen schmerzvoll vergolten hatte.
so verging dieser zwölfte Februar des Jahres 2008, bis Albertrude, die bei allen anderen immer noch Albertine Steinbeißer, die homophile Hexe war, ihren Dienst beenden konnte und sich schnurstracks in ihrem zusätzlich gesicherten Haus ins Bett legte, um genug Schlaf zu finden, damit die vorangegangene Nacht keine Schäden in ihrem Geist hinterließ.
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1914-1918
Alle die die Magielosen für irrsinnig hielten fühlten sich bestätigt. Seitdem der Thronfolger des österreichischen Kaisers von einem serbischen Jungspund ermordet wurde gab es Krieg in Europa. Dabei kamen all die neumodischen Waffenund Fahrzeuge mit Ölverbrennungsmotoren zum Einsatz, ja und sogar zigarrenförmige Luftschiffe und abenteuerliche Starrflügel-Flugmaschinen mit wirbelnden Antriebsflügeln tauchten über dem Kontinent auf. Sthalungeheuer auf klirrenden Laufketten walzten durch Städte und Felder und spien explodierende Geschosse gegen ihre Gegner.
Die Zaubererwelt war uneins, ob sie sich in diesen „ehernen Irrsinn“ einmischen und alle „mörderischen Verrücktheiten“ beenden sollte oder ob es mehr als sonst galt, sich aus allem herauszuhalten. Auf die Anfrage an die Schulleitung von Burg Greifennest, ob Kinder aus magielosen Familien nicht besser von der Zaubereiausbildung ausgeschlossen bleiben sollten erwiderte Aurora XII. Gräfin Greifennest, dass es eben genau deshalb so wichtig sei, diesen Kindern eine geordnete und überwachte Ausbildung zu bieten, weil diese sonst ihre Kräfte unkontrolliert nutzen und sich allen nichtmagischen Mitmenschen überlegen fühlen würden. Auch könnten dann solche Kinder als geheime Kriegswaffen missbraucht werden und damit die Geheimhaltung der Zauberei vollständig zerstört werden. Natürlich war es wichtig, diese Kinder so heimlich es ging aus ihren Familien zu holen und in Greifennest auszubilden. Dabei halfen auch die Lichtwachen aus, die Erfahrung darin hatten, Kampfhandlungen zu bestehen und Zeugen dieser Kampfhandlungen mit falschen Erinnerungen zu versehen. So entstand ein Einladungs- und Beförderungsverfahren, dass den umherspionierenden Kundschaftern der Kriegsparteien verborgen blieb. Die Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass die neuen Schüler von Greifennest männliche Verwandte hatten, die in den Krieg zogen und sie nun nicht mehr mitbekamen, wie es ihnen ging. Die Heilerzunft musste sich darüber beraten, wie Kindern und Jugendlichen, die erfuhren, dass ihre Väter oder Brüder im Krieg getötet wurden damit umgehen konnten.
Kepheus diente weiter bei den Lichtwächtern. Allerdings meldete er über Timon Bärenzahn, dass sich immer mehr von denen Grindelwalds Ideen zuwandten. Er hoffte, die zehn Jahre unversehrt zu überstehen. Mittlerweile wohnten er und seine Frau Elfriede im Dorf Ginstermoor, weit ab von allem Kriegswahnsinn.
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29.02.1924
Canopus hatte sich extra beurlauben lassen, um mit seinem Sohn und dessen Familie Kepheus 36 Geburtstag zu feiern. Das 100-Sterne-Haus glich einer magischen Festung. Mehrfache Schutzbanne, die ausschließlich namentlich festgelegte Zutrittsberechtigte ein- und ausließ, umwaberten das sowieso schon gegen nichtmagische Augen abgesicherte Haus. Grund dafür war, dass immer mehr reinglütige Zauberer mit Grindelwalds Ideen liebäugelten, eine Vorherrschaft der Zauberer würde die gesamte Welt heilen. Selbst wenn nicht geplant war, alle nichtmagischen Menschen zu töten, weil ja das eine oder andere magisch begabte Kind von denen abstammte, so erschien die Zukunft ungleich dunkler als während des gesamten Krieges. Es stellte sich die Frage, ob sie ein zweites dunkles Reich ähnlich dem Sardonias in Frankreich zu erwarten hatten.
Kepheus war stolz auf seinen gerade zwei Jahre alten Sohn Vettius, der bisher in der Obhut von dessen Mutter Elfriede und dessen Urgroßeltern aufwuchs, während Kepheus mit Timon Bärenzahn nach Wegen suchte, die Grindelwaldianer ausfindig zu machen, die bereits die Lichtwachen unterwanderten. Beide wussten, wie gefährlich das war. Doch sie waren sich auch sicher, dass jemand etwas gegen den wortgewandten, machtversessenen Zauberer unternehmen musste, der in der Schweiz und in Österreich bereits Gruppierungen begründet hatte, die sich „Verein zur Wahrung des größeren Wohls“ nannte und auch schon die Fühler nach Frankreich, Großbritannien und den Balkanstaaten ausstreckten.
„Es kann sein, dass Grindelwald mich immer noch auf der Liste hat, jetzt nicht mehr als aussichtsreichen Mitstreiter, aber als möglichen Gegner. Die einzigen, die ihm im Moment noch gefährlicher werden können als ich sind Claudine Rocher in Frankreich und Gregori Bakunin in Russland. Die eine will keinen Zauberer an der Macht, der sich für eine Art König hält. Der zweite sieht in Grindelwald einen Emporkömmling, der ihm den eigenen Weg zur Macht verderben könnte. Doch ich bin nicht so einfältig, dass ich nicht davon ausgehe, dass der Kerl sich nicht mehr für mich interessiert. Ja, und Dumbledore, den ich für einen sonst genialen Universalbegabten halte, tanzt zum Zischen dieser Giftschlange. Sonst würde ich behaupten, der könnte ihm noch ein Bein stellen.“
„Ja, aber du und Timon habt eine Truppe von heimlichen Kundschaftern aufgestellt. Das schreit doch fast danach, dass dich dieser Möchtegernkönig zum Feind erklärt“, sagte Canopus Hertzsprung.
„Ja, weil nichts tun ebenso gefährlich ist wie Widerstand zu leisten, Vater. Grindelwald hat im Osten schon mehrere hundert Anhänger, und in Deutschland und Österreich köderrt er die arbeitslos gewordenen Fürstenhofzauberer, dass sie selbst Fürsten werden und alles Gold der Welt zusammenraffen können, wenn sie Vergeltung an den Magielosen üben. Nein, er will sie nicht umbringen, weil ja von denen noch magisch begabte Kinder in die Welt gesetzt werden können. Aber er will herausfinden, unter welchen Umständen das geht und dann sicherstellen, dass jene Kandidaten wie in Zuchtbetrieben eingepfercht werden und der Rest dann in das Mittelalter zurückgeprügelt werden soll, ohne Dampfkraft, ohne Ölverbrennungsantriebe und ohne die für die Magielosen selbst schon wie Magie anmutende Elektrizität. Du hast ja von mir die Kopie der Veröffentlichung „der elektrische Geist aus der glühenden Flasche“ erhalten. Stellas kleiner Bruder Sören war so idiotisch, auszuführen, dass mit der gebändigten Elektrizität und dem von einem Berufsdenker namens Leipnitz entwickeltem binären Rechenverfahren Geräte möglich sein sollen, die auf diese Weise tausend Rechenaufgaben in einer Sekunde lösen und dadurch sogar andere Maschinen steuern können, ohne dass ein Mensch sie überwacht. Das hätte der Bursche besser mal für sich behalten. Denn jetzt glauben die Grindelwaldianer, dass die Magielosen mit diesem elektrischen Flaschengeist eines Tages auch die Zaubererwelt überrumpeln können. Ja, und noch so ein Mensch hat verzapft, dass die Nichtmagier endlich das Geheimnis des Sonnenfeuers gelüftet haben und es in Form von superheißen Brennöfen oder viele Quadratmeilen verheerenden Bomben ausnutzen wollen, angeblich, indem das Atom gespalten wird. Grindelwald ist ein Paranoiker. Der könnte diesen Unfug echt glauben, dass die Magielosen eines Tages all das können. Dann wird er davon ausgehen, keine Zeit mehr zu haben und gnadenlos auf alles eindreschen, was ihm gefährlich zu werden droht. Ich bin froh, dass Vettius an einem Fidelius-bezauberten Ort groß wird. Wo der ist weiß ich zwar, bin aber nicht der Geheimniswahrer.“
„Was gut so ist, mein Sohn. Aber wie erwähnt ist es uns dann erst recht sehr unangenehm, dass du in dieser Kundschaftertruppe bist“, sagte Birte Hertzsprung und blickte auf die ockergelb leuchtenden Wände und den frei in der Luft schwebenden Fernbeobachtungsabwehrkristall.
„Ja, und wie schon gesagt ist es gerade so, dass nichts zu tun gefährlicher sein kann als tätigen Widerstand zu leisten“, sagte Kepheus. Sein Vater wiegte nachdenklich den Kopf. Dann nickte er.
„Siehst du Birte, deshalb habe ich deinen Rat nicht befolgt, den du mir vor sechs Jahren gegeben hast“, sagte er zu Kepheus‘ Mutter. Weil Elfriede mithörte fragte sie, was er damit meinte. „Öh, das möchte ich hier und jetzt nicht weiter ausführen, Elli. Nur so viel, der Tag mag kommen, wo wir uns dazu entschließen müssen, zu kämpfen oder uns wehrlos niedermachen zu lassen.“
„Ja, und du hast sicher etwas getan, um nicht wehrlos zu bleiben“, sagte Elfriede Ginstermoor. „Unser Dorrf wurde schließlich auch mit Bannzaubern umgeben, die bei feindlichen Angriffen wirken. Wir wollten zwar eigentlich dieselbe Absicherung haben wie die Südfranzosen über Millemerveilles. Aber als mein Großvater hörte, wie Sardonia das damals angestellt hat wusste er, dass er dafür keine Mehrheit finden würde und dass ihm das die Vormannsstellung kosten würde.“
„Im Augenblick gehe ich nicht von einem offenen und viele hundert Opfer auf einmal kostenden Krieg aus, Canopus, Kepheus und Elli“, sagte Birte. „Grindelwalds Stärke liegt in seiner Beredtheit, in der Art, wie er die Schwächen seiner Zuhörer ausloten und für sich nutzen kann. Du selbst hast ja geschrieben, dass er dich fast für sich vereinnahmt hat, Kepheus.“ Kepheus nickte. „Dann wird er zunächst auf Überredungskunst setzen und nur dann Gewalt anwenden, wenn er sich unmittelbar bedrängt sieht.“
„Ja, und genau das meinte ich eben, wenn er denkt, die Magielosen könnten ohne Magie an die urkräfte der Natur rühren und nur aus gesteuerter Elektrizität bestehende Hilfsgeister erschaffen, die deren Maschinen steuern oder denen Vorrechnen, welche Handlung den größten Erfolg bringt. Wir wissen, was mit Magie alles geht. Die Magielosen versuchen immer mehr mit Elektrizität. Das Übermitteln von Nachrichten mit unsichtbaren Wellen und eben die Nutzung der verschiedenen Kraftformen wie Licht, Wärme und Bewegung mit Hilfe von Elektrostrom bringen die doch selbst darauf, kleine Götter zu sein. Wer braucht da noch Magie?“
„Ja, genau. Wenn die Frage gestellt wird werden sich leicht zu ängstigende Zeitgenossen bedroht fühlen. Denn wer keine Magie mehr braucht braucht auch keine Hexen und Zauberer. Ja, der wird diese wieder als größte Bedrohung empfinden, eben diesmal nur ohne Rechtfertigung mit einem Gott oder dessen dämonischen Gegenspieler“, sagte Canopus Hertzsprung. Birte begriff, welchen Denkfehler sie begangen hatte.
Als sie trotz der düsteren Stimmung Kepheus sechs mal sechsten Geburtstag feierten nahm Canopus seinen Sohn bei Seite und gab ihm eine Pergamentrolle. „Träufel etwas von deinem eigenen Blut darauf, um sie lesen zu können“, sagte er. „Ab heute kannst du auf das zugreifen, was ich vor vier Jahren für dich und jeden deiner männlichen Nachkommen eingelagert habe. Aber nichts zu Elli oder deiner Mutter. Die eine muss nicht wissen, was ich dir überlasse. Die andere hofft, dass ich es doch aus der Welt geschafft habe.“
„Was ist es genau?“ fragte Kepheus. „Dein größtes Erbe, mit keinem Gold zu kaufen. Ich wollte es eigentlich für Timon und andere wie ihn machen. Doch dann erkannte ich, dass es in falschen Händen auch zu einer heimtückischen Waffe werden kann. Du weißt, dass ich ein Großmeister der Astralzauber bin?“
„Ein Gegenstand, der einen in eine dauerhafte Sonnenlichtaura einschließt? Das haben Timon und seine Truppe doch schon längst“, sagte Kepheus. Dann überlegte er und nickte unvermittelt. „Halt mal, ja, da gibt es einen Zauber, der noch mächtiger ist. Öhm, den hast du nicht wirklich dauerhaft auf einen Gegenstand gelegt, Vater.“
„Da ich nicht weiß, ob wir von derselben Sache sprechen kann ich das weder bejahen noch verneinen“, sagte Canopus. Dann legte er die Finger auf seine Lippen, weil Elfriede und ihre Mutter in Hörweite kamen. Kepheus verbarg die scheinbar leere Schriftrolle in einer diebstahlsicheren Innentasche seines graublauen Nadelstreifenumhanges.
„Gut, ich danke dir, für was auch immer, Vater“, sagte er. Dann wandte er sich an seine Frau. „Elli, Vater und Mutter haben gefragt, ob Mutter nicht bis auf weiteres in unserem sicheren Haus wohnen kann, weil dieses Haus hier so abgelegen ist“, sagte Kepheus. Würdest du was dagegen haben, wenn wir mit den beiden morgen früh mit unserem geheimen Portschlüssel zusammen abreisen?“
„Nein, natürlich nicht, Kepheus. Aber was war das bitte gerade für eine Pergamentrolle?“
„Das war mein Testament, für den Fall, dass Greifennest überfallen und ich dabei getötet werden sollte“, erwiderte Canopus. „Es wird dann erst lesbar, wenn dies geschieht.“
„Öhm, Glaubst du wahrhaftig, dass es so düster kommt?“ fragte Elfriede Ginstermoor. „Ja, ich glaube das. Daher will ich ja auch, dass Birte mit euch zusammen in das geheime Haus reist, wenn ich morgen früh wieder in der Burg bin.“
„Womöglich ist das besser“, sagte Elfriede Hertzsprung geborene Ginstermoor.
Als es dunkel wurde schrillte es unvermittelt los wie von zehn gleichzeitig auf die Schwänze getretenen Katzen. Das weckte den gerade auf dem Sofa schlummernden Vettius Hertzsprung auf. Er schrie mit dem wilden Gejammer um die Wette. Gleichzeitig erbebte der Boden, und durch die Fenster waren hektisch flatternde Wolken aus silbernen und blauen Funken zu sehen. Das war eindeutig.
„Irgendwer oder irgendwas hat uns gerade auf die Liste böser Leute gesetzt“, rief Canopus gegen das schrille Jammern und das angstvolle Geschrei seines Enkels an. Dann rief er: „Katzenjammer aus!“ Sogleich trat wohltuende Stille ein. Doch diese hielt nur wenige Sekunden vor. Dann erbebte die Erde erneut, und neue Silberfunken wirbelten vor den Fenstern dahin. „Fall Altlicht!“ rief Canopus noch. Da erbebte der Boden erneut, diesmal mit einem tiefen Brummen. Das hielt jedoch nur drei Sekunden an. Dann wurde es wieder ganz still.
„So, solange es nacht ist finden die uns nicht mehr, auch wenn sie meinen, denselben Raum zu besetzen, in dem das Haus steht. Ja, und wenn die Sonne wieder aufgeht und das Haus aus der Entrückung zurückfällt verdrängt es alle nicht an seinen Ort gehörenden Körper, ob lebendig oder tot und strahlt für eine volle Stunde den Aura-Solis-Zauber aus“, sagte Canopus.
„Wie bitte hast du das denn hinbekommen, Schwiegervater?“ fragte Elfriede Hertzsprung beeindruckt, bevor sie sich um ihren Sohn kümmerte. „Eine nur auf fest mit der Erde verbundene Körper anwendbare Erweiterung eines Negativen Astralzaubers. Solange keine Sonne scheint ist unser Haus unauffindbar und unbetretbar.“ Er deutete auf eines der Fenster. Völlige Dunkelheit umgab das Haus, wo vorhin noch das Mondlicht die Umgebung erleuchtet hatte. „Hmm, ich habe einige Astralzauber und auch die negativen, also die auf Nachtdunkelheit bezogenen erlernt“, meinte Kepheus. Aber wie kann ein ganzes festes Haus so gründlich verschwinden, dass es nicht mehr gefunden wird? Ach ja, und was passiert am Morgen, wenn es wieder auffindbar wird?“
„Der Raum, den das Haus und seine Keller jetzt einnehmen verdrängt den Raum, der nach seiner Entrückung besetzt wurde. Abgesehen davon strahlt dann, wenn ich den Feindeszustand nicht für beendet erkläre für eine gewisse Zeit gleißendes Licht und für Menschen unerträgliche Hitze von ihm aus. Den dafür nötigen Zauber kennst du ja.“
„Aura Solis“, bestätigten Elfriede und Kepheus. Doch sie hatten bisher beide nicht gewusst, dass der auch als Abwehrzauber ein ganzes Haus umgeben konnte. Dann dachte Kepheus daran, dass der Schatten des Neumondes ja auch als stationärer Zauber gewirkt werden konnte, also warum nicht auch der Strahlenhauch der Sonne?
„Gehen Portschlüssel noch?“ fragte Elfride ihren Schwiegervater. „Weder Portschlüssel noch Flohpulverzauber noch das Apparieren“, sagte Canopus. „Du würdes in jedem Fall gegen eine eiskalte Mauer aus verfestigter Dunkelheit prallen und kurz vor der Bewusstlosigkeit wieder an deinen Ausgangsort zurückgeworfen. Eigentlich wollte ich dem Ministerium diesen Zauber längst beigebracht haben. Aber wegen dieses machiavellistischen Megalomanen habe ich davon abgesehen“, sagte Canopus. „Nur wen ich für vertrauenswürdig genug erkläre oder erst im Falle meines Todes, und wenn der, der mich beerbt mich nicht ums Leben gebracht hat, wird mein nächster männlicher Erbe, also du, Kepheus, diesen Zauber mit allem anderen erhalten, was ich als nur für uns bestimmt hinterlassen und versteckt habe.“
„Kommen wir bei aller akademischen Begeisterung für höhere Abwehrzauber noch einmal drauf, wer uns da angegriffen hat oder immer noch angreift?“ wollte Elfriede wissen. „Wer und warum jetzt will uns angreifen?“
„Entweder Grindelwald oder seine männliche oder weibliche Konkurrenz“, vermutete Kepheus und nannte die Namen ihr bekannter Hexenorden, die im Ruch standen, ebenfalls mit dunklen Kräften die Weltherrschaft anzustreben.
„Wir hätten vielleicht fragen sollen, wer es ist“, meinte Birte. „Am Ende war es das Zaubereiministerium.“
„Die wissen, dass ich das Haus mit Schutzbannen umfriedet habe und hätten mir eine Eule geschickt, wenn die was an mir auszusetzen hätten“, sagte Canopus. Dann deutete er in die Richtung der Tür zum Flur. „Ich habe da so eine dumpfe Ahnung, dass jemand uns mit Hilfe alter Ahnen ausspioniert hat“, sagte er ruhig. Denn noch wirkte der Klangkerkerzauber.
„Das meinst du nicht wirklich“, knurrte Birte. Doch ihr Mann beharrte darauf. Dann nickte sie. „Möglich ist das, wo die Ahnen ja auch Verbindung zur Burg haben. Müssen wir davon ausgehen, dass dort auch welche von Grindelwalds Spionen sind?“
„Auszuschließen ist das nicht, Schwiegermama“, wandte Elfriede ein. „Meine Familie verständigt und unterrichtet sich ja auch seit Jahrhunderten über Bilder von Ahnen und verschwägerten Anverwandten. Jeder, der mit Zaubermalerei zu tun hat weiß dass, dass in alle Richtungen offene Gemälde als Beobachtungs- und Nachrichtenübermittlungsmittel genutzt werden können. Wem hast du erzählt, dass du mit uns feiern wolltest, Schwiegerpapa?“
„Der Gräfin im Schulleiterzimmer, damit ich heute Sonderurlaub bekomme, zumal ich ja diese Nacht keinen Unterricht geben muss. Deshalb mag das eine oder andere Vollporträt mitbekommen haben, dass ich bis zum nächsten Morgen fort bin und warum“, erwiderte Canopus Hertzsprung.
„Ja, aber warum haben uns die Grindelwaldianer oder wer immer erst bei Dunkelheit angegriffen?“ wollte Birte wissen. „Weil die Gräfin und auch das Ministerium weiß, dass ich einen Aura-Solis-Schutzwall um das Haus gelegt habe, der bei Sonnenlichteinstrahlung in Kraft tritt, sobald ich fürchte, angegriffen zu werden. Ich hätte den zwar auch so in Kraft setzen können. Doch der hätte dann gerade mal fünf Minuten ausgereicht. Von dem anderen Zauber wissen sie nichts, weil nur ich den gewirkt habe, und zwar ungesagt und außerhalb der Blickwinkel jedes gemalten Vorfahren von dir oder mir.“
„Dann machen wir besser folgendes. Da wir nicht wissen, wer da genau als Spion gegen uns verwendet wurde oder unbeabsichtigt einem spionierenden Porträt zugearbeitet hat müssen wir sämtliche Bilder mit der Vorderseite zur Wand drehen“, sagte Kepheus. Seine Frau und seine Mutter nickten verdrossen. Denn Birte war es, die ja darauf bestanden hatte, Kopien von Bildern ihrer Ururgroßeltern und einer Urgroßtante ins Haus zu holen.
In den nächsten zwei Minuten führten die im 100-Sterne-Haus verbliebenen Familienangehörigen Kepheus‘ Vorschlag aus. Bilder, die zur Wand gedreht wurden und somit von jeder Beleuchtung abgeschnitten wurden verfielen in einen Tiefschlafzustand. Porträts mit der Fähigkeit, von sich aus wie nichtmagische Gemälde zu erstarren erstarrten in diesem Zustand, bis für mehr als eine halbe Minute natürliches oder künstliches Licht auf die gesamte Fläche traf. An die zehn Bilder mussten sie so zur Wand kehren. „Dann werden sie nicht mitbekommen, wie wir morgen im Schutz des Sonnenlichthauches das Haus verlassen. Ich muss auf jeden Fall in die Burg zurück, wenn ich nicht meinen Beruf verlieren will“, sagte Canopus Hertzsprung. Seine Familie bejahte das. Birte würde im mit Fidelius gesicherten Haus ihres Sohnes unterkommen. Also packte sie alles, was sie für unbedingt nötig hielt in ihren großen Schrankkoffer.
Weil Canopus ihnen versicherte, dass sie alle sicher schlafen konnten legten sie sich im Wohnzimmer auf Gästematratzen und Sofas, um bei Sonnenaufgang und der Rückkehr des Hauses in den üblichen Raum unverzüglich aufbrechen zu können.
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Sie sahen, wie es da, wo sie das Haus vermuteten, silbern aufblitzte. Offenbar hatten sie einen der Schutzzauber erschüttert. Ein kleinwüchsiger Mann mit leicht angespitzten Ohren lauschte und verzog das Gesicht. „Knirsch! Dieser widerliche Katzenjammerzauber ist auch hier als Warngeräusch eingesetzt worden. Aber ich höre immer noch nichts von den Leuten im Haus. Sicher Klangkerker“, grummelte der Lauscher, ein koboldstämmiger Zauberer, der nur deshalb mit den anderen mitmarschiert war, weil die ihm versprochen hatten, die aufmüpfigen Zwerge König Gaorins aus Deutschland zu verjagen.
„Noch mal den Oscillator Omnisphaericus!“ befahl der Anführer der aus zwölf Zauberern bestehenden Truppe, deren gemeinsames Kennzeichen ein auf dem Hut prangendes goldenes Dreieck mit einem senkrechten Strich und einem Punkt im inneren war.
„Ist die Portschlüsselüberwachung in Kraft?“ fragte der Anführer einen seiner Leute. „Noch nicht, weil starke Raumbezauberungen und …“ Ein kurzes Schnarren und ein metallischer Knall ertönten, und aus der rechten Umhangtasche des Gefragten drang pechschwarzer, nach verbranntem Haar und rostigem Metall riechender Qualm. Zugleich meinten alle, von einem Windstoß und einem Erdbeben erschüttert zu werden. Die bis dahin erbebende silberne Glocke brach mit leisem Prasseln in sich zusammen. „Wir haben den Schutzzauber niedergekämpft!“ frohlockte einer der zwölf. Doch der kleinwüchsige Lauscher, der sich gerade die Ohren wegen des scharfen Knalls rieb quengelte: „Fliegenhirn, von wegen niedergekämpft. Der hat sein Haus und alles was drin ist verschwinden lassen, und wir kriegen nicht raus, wohin, weil was überstarkes den Raumdurchdringungsspürer kaputtgemacht hat. Jetzt können wir nicht klären, ob das Haus an einen anderen Ort versetzt wurde oder in eine gesicherte Raumeinfaltung gehüllt wurde wie die Blaubirnengasse oder die Grünspangasse.“
„Ein Transpositionszauber?“ fragte ein anderer der, der gerade eben noch gejubelt hatte. „Dann hätten wir ein Flackern des Ortes sehen und ein mehr als fünf Sekunden dauerndes Beben spüren müssen“, schnarrte der Anführer dieses Kamftrupps. „Los, einen neuen Spatialperfusionsprüfer herschaffen!“
Als der, dessen Instrument gerade zerstört worden war ein Ersatzgerät beschaffte und ausrichtete erfolgte wieder ein Schrillen und ein metallischer Knall. Gleichzeitig wurde dem Anwender die behandschuhte Hand nach oben geschlagen, und eine neue schwarze Qualmwolke dehnte sich aus und biss allen in Nasen und Luftröhren, dass sie laut husten mussten.
„Das ist kein Transpositionszauber. Der hätte nur noch schwache Restschwingungen hinterlassen“, keuchte und prustete der Benutzer des nun zweiten zerstörten Gerätes.
Zwei der zwölf wurden durch Abzählvers dazu verdonnert, in den betreffenden Raum hineinzuapparieren. Das Ergebnis war, dass sie für einen Sekundenbruchteil wie schwarze Schatten aussehend erschienen und dann in ihre übliche Form zurückverwandelt aber besinnungslos zu boden fielen. Ein Sturmlauf zu Fuß brachte nur ein, dass sie unbehelligt über das Plateau hinweglaufen konnten, ohne auf Widerstand zu stoßen oder ein unsichtbares Haus zu treffen. Selbst der an und für sich schlaue Einfall, sich dabei genau das Haus vorzustellen, in das sie gehen wollten brachte nichts. Das Haus war und blieb verschwunden.
„Lohnt es sich, zu wachen?“ wollte der kleinwüchsige Zauberer wissen. „Ich muss diesem Kerl meine Hochachtung aussprechen. Der hat einen Weg gefunden, sich und wen sonst alles so zu verstecken, dass wir nicht an ihn herankommen. Womöglich hat er irgendwo einen Feindesspürzauber installiert, der das Haus solange versteckt, bis kein Feind mehr da ist und mag es dann auch erst nach einer uns nicht bekannten Zeit zurückbringen oder an dem Ort lassen, wo es gerade ist, nur dass dann die Insassen frei heraustreten können. Nein, wir stellen hier keine Wache auf. Morgen früh wiederzukommen bringt es auch nicht, weil dann sicher dieser vermaledeite große Sonnenlichtzauber in Kraft tritt, von dem unser kleiner zwitschernder Freund im Zaubereiministerium getrillert hat. Also, wir haben das Haus nicht erstürmen können. Das muss er einsehen.“
„Muss er das?“ fragte eine Stimme aus dem Unsichtbaren. Alle fuhren zusammen. Dann enthüllte sich eine Gestalt mit einem hell erleuchteten Zauberstab. Alle verbeugten sich und erbleichten zugleich. Er selbst war gekommen. „Ich würde mal sagen, Leute, unsere Informanten haben unzureichend berichtet, was dieser Canopus Hertzsprung alles an Schutzzaubern aufbieten kann. Er und sein Sohn sind dadurch noch gefährlicher für unsere Sache als ich das schon dachte. Ihr zieht euch zurück. Ich prüfe noch einmal, was hier geschehen ist. Womöglich kann ich das herausfinden und euch gescheiterte Truppe dann noch einmal herrufen, damit ihr meinen Auftrag erfüllt.“
„Jawohl, Herr“, sagte der Truppenführer eingeschüchtert.
Die Truppe disapparierte unbehelligt von hier. Der zurückgebliebene, blondhaarige Zauberer löschte das grelle Zauberstablicht. Dann zielte er mit seinem Zauberstab auf die Stelle, wo eigentlich ein Haus stehen musste. „Oculi noctis me secretum in obscuritatem monstrate nunc!“ stieß er aus. Vor dem Zauberstab des Beschwörers flimmerte die Luft. Der Zauberstab erzitterte so, dass ein mittelhohes Summen davon ausging. Mehr geschah jedoch nicht. Das konnte unmöglich sein, dachte der blonde Zauberer. Denn sein Zauberstab vermochte sonst alles zu überwinden, was sich ihm widersetzte. Ja, und der von ihm erfundene Enthüllungszauber, der vor allem bei Nacht alles sichtbar machte, was in der Dunkelheit geheimgehalten wurde hätte zumindest die Abmessung des anderen Zaubers enthüllen, wenn nicht sogar das Haus selbst als schatten- oder geisterhaftes Abbild zeigen müssen und auch verraten sollen, wie genau es geschützt wurde. Doch nichts davon geschah. Da begriff der blonde Zauberer, der ausgezogen war, sich die Welt zu unterwerfen, dass er und sein Zauberstab einen Meister gefunden hatten, den sie bisher weit unterschätzt hatten. Canopus Hertzsprung musste einen Zauber erlernt oder gar selbst erfunden haben, mit dem er auf Basis eines Rituals mit mehreren Kraftgegenständen sein Haus vor feindlichen Blicken und Zugriff verstecken konnte, ähnlich wie er es wohl mit dem Aura-Solis-Zauber getan hatte, vor dem er selbst schon gewarnt worden war. Er kam einfach nicht weiter. Denn ohne zu wissen, wogegen er anzaubern sollte nützte ihm auch sein besonderer Zauberstab nichts. So blieb ihm ebenfalls nur der erfolglose Rückzug. Er wusste auch, dass Canopus wohl vorgesorgt hatte, in die Burg Greifennest zurückzukehren. Diese zu erstürmen war noch schwieriger. Vor allem durfte er sich das vorerst nicht leisten, ohne die internationale Zauberergemeinschaft gegen sich aufzubringen. Nein, er musste eingestehen, dass Canopus mehr als genug Zeit gehabt hatte, sein Haus abzusichern. Sollte er dann auch davon ausgehen, dass dessen Sohn Kepheus nicht mehr auftauchte? Der würde sicher auch in sein Fidelius-Versteck zurückkehren, dass nur der Geheimniswahrer oder die Geheimniswahrerin kannte und nur ganz und gar freiwillig verraten konnte, ohne Imperius und ohne Veritaserum. So verschwand auch jener, der den Angriff auf Canopus‘ Haus befohlen hatte. Zurück blieb ein scheinbar naturbelassenes kleines Plateau auf halber Höhe des Wendelsteins.
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14.02.2008
Anthelia hätte gerne den in aller Welt als Tag der Liebenden gefeierten Valentinstag mit Ronin Sunnydale verbracht. Doch weil die seichte Unterhaltungsserie, in der dieser mitwirkte so erfolgreich war, dass er fast so viel Sicherheitsleute um sich hatte wie der amtierende US-Präsident und sie jeden Tag in einem anderen von zwölf gebuchten Studios drehten bekam sie keine Gelegenheit, ihn heimlich zu treffen. Auch wusste sie aus den Erinnerungen von ihm, dass sein Chef, der Filmproduzent Sam Cushing, schon argwöhnisch war, weil man ihm zugetragen hatte, dass sein Star sich in unregelmäßigen Abständen mit einer exotisch aussehenden und überragend anziehend wirkenden Frau traf, um mit ihr ins Theater zu gehen. Eigentlich hatte sie ihn auch nur kultiviert, weil sie damals in die Nähe der jungen Hexe Laurentine Hellersdorf herankommen wollte um auszuloten, wie sie gestimmt war und ob es sich lohnen würde, sie anzuwerben. Doch weil Sunnydale so intelligent, humorvoll und vor allem ausdauernd und gelenkig war hatte sie ihn häufiger getroffen und ihm weitere wilde Nächte beschert.
Wenn es also mit dem großen Star aus „Herzen am Horizont“ nicht ging, dann suchte sie sich eben weit von den USA einen Begleiter durch den Valentinstag. Da fiel ihr jener junge Mann ein, den sie damals auf einer mit damals noch nur Albertine Steinbeißer besuchten Party kennengelernt hatte. Damals waren sie auf der Jagd nach Nocturnia-Vampiren gewesen und hatten deshalb eine Halloweenfeier besucht. Da hatte sie in Verkleidung der bösen Hexe des Westens aus dem Kinderbuch über den Zauberer von Oz einen Burschen im Kostüm eines goldenen Samurais getroffen. Wo der wohnte wusste sie noch. Doch als sie in der Nähe des von ihm einst bewohnten Hauses eintraf und unsichtbar auf seine Gedankenausstrahlung lauschte erfuhr sie, dass er offenbar nicht mehr dort wohnte. allerdings fand sie einen Hausmeister, von dem sie wusste, dass der den Burschen damals noch mitbekommen hatte. Mit dem Imperius-Fluch brachte sie ihn dazu, an den jungen Mann zu denken. So erfuhr sie ohne direkte Legilimentik, dass ihr Ersatz für Sunnydale schon seit drei Jahren nicht mehr hier wohnte und wohl auch verheiratet war. Sie wischte mit „Mikramnesia“ die letzten fünf Minuten aus dem Bewusstsein des „Befragten“ und plante neu. Dann entschied sie sich dafür, in Italien auf Männerfang zu gehen. Diese Machos meinten ja alle, sie wären die, die vorgaben, was lief. So geschah es dann, dass sie den Rest vom Tag der Liebenden in einer verschwiegenen Herberge von Mailand zubrachte und mit wilder Leidenschaft in den nächsten Tag hineinfeierte. Dann wollte sie sich noch zwei der Titanengräber ansehen, ob diese immer noch unberührt waren. Danach wollte sie wieder in ihr Hauptquartier zurückkehren.
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01.03.1924
Als die ersten Sonnenstrahlen des ersten März über den östlichen Horizont tasteten erlosch der bisher wirksame Verhüllungszauber. Doch nur eine Zehntelsekunde später flammte eine für Menschenaugen undurchdringlich helle und für Vampire und Nachtschatten tödliche Kuppel um das Haus auf. Canopus verabschiedete sich von seinen Verwandten und disapparierte, um unmittelbar vor dem Burgtor von Greifennest herauszukommen. Birte, Elfriede, Kepheus und der kleine Vettius benutzten ein zerschlissenes, mit Kerzenwachsflecken besudeltes Tischtuch, das in Wirklichkeit ein Portschlüssel war und reisten damit zu einer Stelle, die irgendwo auf dem flachen Land lag. Hier gab Elfriede ihrer Schwiegermutter einen Zettel. Als sie ihn las erschien vor ihnen allen wie in den Raum hineinwachsend ein zweigeschossiges Blockhaus mit einem weiß rauchenden Schornstein. Aus einem der mit weißen Läden versehenen Fenster blickte eine ältere Frau und winkte die Ankömmlinge zur Tür. „Schnell, bevor doch noch wer ortet, wo ihr gelandet seid“, sagte sie.
„Kein Problem, Tante Ivora“, sagte Elfriede Hertzsprung und führte ihre Schwiegermutter zum Haus. Kaum waren sie alle durch die Tür getreten sah es so aus, als würde es immer schmaler, bis es völlig verschwand.
Canopus meldete sich über das Porträt von Thalia Taubenflug bei der Gräfin, die bereits in ihrem Sprechzimmer wartete, vielleicht schon seine Entlassungsdokumente ausfüllte, weil er nicht wie vereinbart um sieben Uhr morgens zurückgekehrt war. Als aus leerer Luft Aurora Greifennests Stimme erklang wunderte er sich nicht, dass sie ungehalten klang. Er antwortete auf ihre strenge Frage, was ihn aufgehalten habe, dass er seine Familie vor einem nächtlichen Überfall hatte schützen müssen und dabei einen die ganze Nacht vorhaltenden Zauber hatte einsetzen müssen. Daraufhin wurde er zu einem persönlichen Gespräch beordert.
Im runden Büro der amtierenden Schulleiterin hingen alle bisher hier residierenden Grafen und Gräfinnen von Greifennest als goldgerahmte Vollporträts aus und lauschten gespannt, was Canopus zu seiner Entschuldigung vorbrachte. Dabei lauschte die Gräfin vor allem auf das Ticken ihrer silbern gerahmten Wanduhr, die der einzigen Zugangstür gegenüberlag und vier verschiedenfarbige Zeiger besaß, einen goldenen Minutenzeiger, einen goldenen Stundenzeiger, einen silbernen Sekundenzeiger und einen rubinroten Zeiger, der scheinbar keine Funktion besaß und auf die als römische Zahl dargestellte Zwölf zeigte. Die Gräfin hörte ihm zu und schien dem Ticken der Uhr zu lauschen. Dann fragte sie: „Ja, und Sie möchten mir sicher nicht verraten, was genau Sie für einen Zauber erfunden haben, der selbst alle Aufspür- und Aufhebungszauber blockiert?“ „Mit Verlaub, Magistra Maxima, dies möchte ich in Anbetracht der sich entwickelnden Bedrohungslage als Familiengeheimnis der Hertzsprungs für mich behalten.“ Er vermied es gerade so, darauf hinzuweisen, dass wahrscheinlich ein zu Spionagezwecken missbrauchtes Zauberergemälde verraten hatte, dass Kepheus bei den Hertzsprungs gewesen war. Doch die Gräfin ahnte es wohl schon. Denn sie blickte die im Zimmer aushängenden Ahnenbilder an, die alle mit einer gewissen Entrüstung zurückblickten. doch niemand sagte was dazu.
„Gut, Kollege Hertzsprung. Dann werde ich das Entlassungsdatum und meine Unterschrift heute noch nicht eintragen, und den Begriff „unehrenhaft“ vorerst nicht in Erwägung ziehen. Sie hatten einen Grund, Ihre Familie zu schützen. Wenn das nicht erlaubt sein soll, wozu brauchen wir dann noch Familien?“
„Ich bedanke mich, Magistra Maxima“, sagte Canopus und durfte dann in sein eigenes Sprechzimmer zurückkehren, um sich auf die nächste Stunde mit den Postintermedianern von Taubenflug und Mondenquell vorzubereiten. Der restliche Tag verlief so gewohnt wie alle Tage davor. Nur wusste Canopus, dass sein Sohn Kepheus wohl in vier Jahren losziehen würde, um das ihm mit warmen Händen übergebene Erbe anzutreten, sofern er bis dahin am leben blieb. Denn erst dann, wenn wieder ein 29. Februar stattfand konnte das vor vier Jahren eingerichtete Versteck betreten werden und auch nur für einen Zeitraum von fünf Stunden.
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Da Kepheus Hertzsprung sich nicht in Ginstermoor oder anderswo blicken ließ, aber die von Grindelwald gedungenen Bilderspione in Canopus‘ Haus nicht erreichbar waren prüfte Grindelwald nur, ob das Haus immer noch verschwunden war. Als er den Ort anflog, an dem es eigentlich stand strahlte ihm gleißendhelles Licht entgegen, und eine schier drachenfeuerartige Hitze wehte ihm entgegen, dass sein Flugbesen zu rauchen begann. Er konnte gerade noch eine Wende vollführen, um nicht zu erblinden. Dabei traf sein Besenschweif auf die Quelle von Licht und Hitze und entflammte wie ein staubtrockenes Reisigbündel. Grindelwald hörte, roch und fühlte das hinter seinem Hinterteil brennende Feuer. Er schaffte es gerade noch, weit genug von der auf die Erde beschworenen Sonnenkuppel fortzufliegen und zu landen, bevor sein Besen gänzlich in Brand geriet. Er sprang ab und sah, dass er den Besen nicht mehr retten konnte. Deshalb stampfte er wütend auf, um dann mit einem energischen Schwung zu disapparieren. Sein Besen brannte derweil wie eine Fackel nieder. Die grell strahlende Kuppel verschwand wwieder. Die sie hervorbringenden Kraftquellen schöpften aus dem natürlichen Sonnenlicht neue Aufladung.
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Die Jare 1924 bis 1945
Die Hertzsprungs erfuhren bald, dass sie auf Grindelwalds Feindesliste standen. Nur die von allen Zaubererfamilien garantierte Unverheerbarkeit von Greifennest bewahrte Canopus davor, da selbst überfallen zu werden. Sein Sohn Kepheus wechselte derweil immer wieder den Zufluchtsort.
Zwischen 1925 und 1927 kehrte ein wenig Ruhe ein, da Grindelwald nun von vielen europäischen Zaubereiministerien gesucht wurde. Als er dann in den USA enttarnt und ergriffen wurde trauten sich seineAnhänger wieder aus den sicheren Verstecken hervor. Für Kepheus hieß das, sich nun selbst wieder zu verstecken. Er schickte seinem Vater eine Botschaft: „Dein und mein Erbe wird mich wecken, wenn es zu finden ist.“
Am 2. März 1928 erfuhr Canopus über seine internationalen Verbindungen, dass eine Gruppe von Grindelwaldanhängern, die von der Schweiz aus operierten, von einem unsichtbaren und unenttarnbaren Gegner überfallen und handlungsunfähig gemacht wurde. Als einziges Zeichen hinterließ dieser eine daumengroße Silbermünze mit einem durchgestrichenen Ohr und einem darunter eingravierten Blitz. Offenbar sollte das heißen, dass ein außerministerieller Gegenspieler Grindelwalds am Werk war. Canopus erahnte jedoch, wer sich hinter diesem Zeichen verbarg und sorgte sich um jenen. Denn er wusste, dass das dafür nötige Hilfsmittel dazu verführen konnte, sich für unbesiegbar zu halten. Aber er hoffte, dass der Nutzer sich dieser Gefahr und auch der mit seinem Erbe verbundenen Verantwortung bewusst war.
Zwischendurch versuchte Grindelwald, jenen Gegner persönlich zu stellen. Doch dieser hatte offenbar was mit, dass ihm Grindelwalds Nähe verriet. Bevor Grindelwald mit welchem Aufspürzauber auch immer den unsichtbaren und nicht mit Aufspürzaubern zu ortenden Gegner direkt angreifen konnte war der auch schon wieder verschwunden und mit ihm Aufzeichnungen über Grindelwalds Aktivitäten.
Canopus, der nicht daran dachte, sein Amt aufzugeben, solange Grindelwald ihn auf seiner Todesliste führte, erfuhr im Jahre 1930, dass es bei einem Zusammenstoß zwischen dem sich „Der lautlose Blitz“ nennenden und einem Greifkommando Grindelwalds zu einer Schmelzfeuerfreisetzung gekommen war. Das erschreckte ihn fast zu tode. Denn auch der stärkste Mondschild konnte nur für wenige Atemzüge gegen Schmelzfeuer schützen. Als er am Abend nach jener Nachricht die Gedankenbotschaft auffing, dass Kepheus gerade noch dem Schmelzfeuerangriff entwischt war, weil er vorsorglich Felix Felicis getrunken hatte, atmete Canopus auf.
Der „lautlose Blitz“ schlug jedoch nicht nur dort ein, wo Grindelwalds Leute waren, sondern traf auch die mit ihm paktierenden Vampire und Werwölfe, die von einem gewissen Ferox Garout angeführt wurden. Über verschiedene dunkle Kanäle, ja auch gemalte Boten, erfuhr Canopus, dass die Betroffenen unmittelbar vor dem Angriff eine verstärkte Furcht empfunden hatten.
Für Grindelwald kam nun noch erschwerend hinzu, dass sein einstiger Busenfreund Albus Dumbledore zu seinem schlimmsten Widersacher wurde und dass sein Plan, die Führerschaft über alle Zauberer zu übernehmen gescheitert war und jetzt alle gegen ihn aufbegehrten, die sich für stark genug hielten. Leider kostete es dabei vielen redlichen Zauberern und Hexen das Leben. Gräfin Greifennest, die Magistra Maxima, hielt fast jeden Morgen eine Rede, in der sie ihre Schüler und deren Familien dazu aufrief, keinen voreiligen Feldzug gegen Grindelwald zu führen, sondern sich ausschließlich zu verteidigen.
Die Jahre bis 1945 waren in vielerlei Hinsicht turbulent. Zum einen gewann die Reinblütigkeitsbewegung unter den Zauberern durch die in der nichtmagischen Welt erstarkende und um sich schlagende nationalsozialistische Bewegung an Zuspruch. Auch wenn die Zaubererwelt mit Hitlers Eroberungswahn und der systematischen Ausrottung ihm missfallender Menschen nichts zu tun haben wollte, weil er eben nur ein Magieloser war, hielten es Grindelwalds Leute für angebracht, diesen aus Österreich stammenden Hetzer und Tyrannen als das ideale Beispiel für den Größenwahn der Magielosen zu benutzen. Des weiteren hatte sich Grindelwald mit allen hellen und dunklen Orden Europas angelegt. Zwar gelang es ihm, starke Hexen und Zauberer zu töten und sie munkelten schon, er habe vielleicht einen unbesiegbaren Zauberstab. Doch seine Bewegung verlor dabei jede Rechtfertigung und schlug nur noch wild um sich. Dann kam der nächste große Krieg der Nichtmagier und mit ihm der Wahnsinn aus der Luft abgeworfener Brand- und Sprengbomben. Die russischen Zauberer und ihre Verbündeten bestanden darauf, die Magielosen zu züchtigen, falls nicht anders möglich ihrer ganzen Maschinen zu entledigen. Doch die Zaubereikonföderation lehnte dies ab und beschloss nur, dass die Kinder nichtmagischer Eltern, die als mögliche Zauberer und Hexen erkannt wurden, vorsorglich von ihren Eltern fortgeholt und diese durch Gedächtniszauber dahingehend behandelt werden sollten, dass sie den Sohn oder die Tochter nicht gehabt hatten.
Mit dem Ende jenes zerstörerischen und mörderischen Aufruhrs, der von den Geschichtlern als „zweiter Weltkrieg der Nichtmagier“ betitelt wurde, endete aber auch die Ära Grindelwald. Dumbledore hatte es in einem langen, schon an alte Göttersagen gemahnenden Duell geschafft, Grindelwald zu besiegen. Er wurde verhaftet und in seiner eigenen Tyrannenbastion Nurmengard eingekerkert, wo er nur von ihn Speise und Trank bringenden Hauselfen aufgesucht werden durfte. So endeten Wahn und irregeleitetes Streben sowohl in der magischen wie der nichtmagischen Welt. Doch wer sich mit den Machenschaften dunkler Hexen und Zauberer auskannte wusste, dass jemand aus Grindelwalds Fehlschlägen lernen und erneut die magische und nichtmagische Welt terrorisieren würde.
Als Canopus Hertzsprung sich nach Ende des Schuljahres 1944-1945 im 100-Sterne-Haus mit seinem Sohn traf beichtete ihm Kepheus, dass er bei seinen letzten Aktionen als lautloser Blitz auch unbescholtene Mitglieder der nichtmagischen Welt getötet hatte, nicht bewusst, aber durch sein Zutun. „Ich weiß jetzt, warum Mama dich davon abgebracht hat, mehr Umhänge zu machen, Papa. Das Ding ist wirklich eine sehr große Versuchung. Ich behalte ihn noch bis zum nächsten Tag, wo ich unser Familienversteck betreten kann. Dann werde ich ihn dort wieder einlagern und hoffentlich nie wieder auf die Idee kommen, ihn anzuziehen.“
„Vor allem musst du auf der Hut sein, dass keiner herausfindet, dass du der lautlose Blitz warst. Ja, und verrate keinem, was ich über das Versteck aufgeschrieben habe. Erst wenn ich nicht mehr sein sollte darfst du entscheiden, wann Vettius davon erfährt. Die Bedingungen gelten dann ja auch für ihn.“
„Stimmt es, dass du dein Amt zur Verfügung stellst?“ fragte Kepheus. „Ja, ich habe Lisel Windfang als meine Nachfolgerin als Leiterin von Taubenflug durchgebracht, weil die als Zauberkunstlehrerin mit Odoaker besser klarkommt. Als Astronomielehrer soll Hator Feuerschweif anfangen. Der war mit seiner Selbstverliebtheit im selben Schuljahr und Schulhaus. Außerdem steht Hator auf die neuen Lehren, von wegen dass in der Sonne Atome zu größeren Einheiten verschmolzen werden. Odoaker denkt, dass das auch mit Magie auf der Erde gelingt, zumal die Nichtmagier ja leider bewiesen haben, dass sie das Atom spalten können und mit der dabei freigesetzten Urkraft der Materie wohl auch jene Leichtkernverschmelzung erzwingen können, womit noch mehr Zerstörungsgewalt freigemacht werden kann, wie ein einzelner Funke einen zundertrockenen Scheiterhaufen entflammen kann. Da bin ich nicht mehr für zu haben.“
„Was machst du dann?“ fragte Kepheus. „Ich werde wieder Onkel Antares in einem Amt beerben. Der hat mich als Nachfolger von sich vorgeschlagen, wenn sein lebenslanger Sitz im Rat frei wird. Aber der alte ist zäh wie Drachenleder. Der könnte noch die Wende zum dritten Jahrtausend erreichen.“
„Das schafft auch der nicht, Papa“, sagte Kepheus. Dann verabschiedete er sich von seinem Vater.
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29.02.2004, früher Morgen
Das steinerne Inferno, so nannte er das, was da hinter ihm tobte. Der etwas mehr als 600 Meter tiefe Schacht, durch den er gerade erst hindurchgestiegen war, brach donnernd und dröhnend in sich zusammen. Die von den Gesteinsmassen verdrängte Luft stieß ihn unsanft voran, heulte in seinen Ohren. Er hatte noch rechtzeitig daran gedacht, das von seiner Kollegin Hinze erhaltene Tuch vor Mund und Nase zu drücken. Er wusste jedoch, dass ihn das nur rettete, wenn er weit genug von der ihn jagenden Staubwalze fortkam. Er dachte auch nicht mehr daran, eine Funkmeldung abzusetzen. Da war jetzt nichts mehr zu machen, auch nicht mit den Repeatern. Die hätten nur was getaugt, wenn die Signale freie Luft durchquert hätten. Aber er dachte an seinen Onkel Horst, genannt Hotte. Waren er und die drei anderen Expeditionsmitglieder noch rechtzeitig weggekommen? Sicher, die Hauptwucht der Katastrophe fand hier unten statt, weil ja alles nach unten krachte. Er rannte weiter und dachte nur noch daran, sein nacktes Leben zu schützen. Ohne es zu wissen legte er so innerhalb von anderthalb Minuten einen Kilometer zurück, ohne zu stolpern und ohne gegen etwas zu stoßen.
Die verdrängte Luft fegte wie ein wütender Orkan über ihn hinweg und an ihm vorbei. Nach einer Zeit, die Sekunden oder mehrere Minuten gedauert haben mochte flaute der stürmische Wind ab. Das Beben im Boden verklang. Dutzende von Echos und Folgeechos wummerten und grummelten mehr als zwanzig Sekunden aus dem vor ihm liegenden Stollenabschnitt und hallten vom hinter ihm liegenden Trümmerberg wider. Dann trat endlich Stille ein.
Erasmus Söderdiek keuchte durch das vor Mund und Nase gepresste Tuch und fühlte seine Beine schmerzen. Er stoppte seinen Lauf. Er lehnte sich an die gerade vom fliegenden Sand und Staub geschmirgelte Wand. Dann zählte er im Geist bis dreihundert. Erst dann wagte er es, sich umzudrehen, jederzeit bereit, sofort weiterzurennen, wenn ihm eine weißgraue Wand entgegenwogte. Doch der Staub hatte sich bereits gleichmäßig über die mehr als einen Kilometer Stollenlänge verteilt. Sicher, feinste Staubteilchen mochten noch durch die Luft fliegen. Doch offenbar hatte er das steinerne Inferno überlebt. Er dachte jetzt daran, was sie ihm noch gefunkt hatten, bevor der Höllenschacht hinter ihm zusammengekracht war. Er zog das Funkgerät hervor und wischte erst einmal den fingerdicken Staub von der Anzeige. Leicht knirschend bewegten sich die Tasten. Doch die Elektronik tat es noch. Er las die in roten fetten Großbuchstaben geschriebene Meldung:
EINSTURZGEFAHR!!
ALLE WEG VOM SCHACHT!
DURCH TUCH ATMEN!
EINSTURZGEFAHR!!
„Hätte nur noch „Rette sich wer kann“ gefehlt“, dachte Söderdiek. Tja, immerhin hatte er die Ratschläge befolgt. Offenbar hatte Gitta Hinze, die Biologin mit medizinischer Grundausbildung, solch einen Gefahrenfall vorhergesehen und die entsprechende Meldung programmiert, nicht nur an ihn, sondern alle. Ja, und jetzt saß er hier unten und wusste nicht, was oben passierte. Die oben dachten vielleicht, er sei tot. Ja, hätte ja nicht viel gefehlt. Er, Erasmus Söderdiek, würde in die Geschichte dieses Berges eingehen als der, der mal eben einen mehrere Millionen Jahre alten Schacht zum Einsturz gebracht hatte. Doch stimmte das? Hatte der Elektronikfritze Kohlhas nicht was von Infraschallgrummeln gesagt, als wenn sich das Gestein von einem Erdbeben erholen müsste? Er hatte nicht sagen können, wann das genau war. Nur soviel, man hätte es bedenken sollen. Er hätte sich weigern sollen, da runterzuklettern. Aber nein! Er wollte seinem Onkel Hotte Burmester zeigen, dass er kein Wohlstandsbubi war, der nur deshalb kein typischer Playboy war, weil seine Frau Mutter jedes Mädchen, das er mal länger als drei Minuten anguckte gleich zum Brautmodenschneider geschleppt hätte. Tja, falls er hier nicht mehr herauskam, weil es von hier aus keinen messbaren Ausgang gab, dann wurde das nichts mehr mit Hochzeit und Kindern, dachte er an die Adresse seiner Mutter, die sicher schon die nächste E-Mail an den großen Bruder losgeschickt hatte, ob es ihrem Sohn gut ergehe und vor allem, ob er folgsam und fleißig war. Folgsam war er. Er hatte die letzte zugefunkte Warnung beachtet und sich in Sicherheit gebracht. Fleißig war er auch, weil er diesen bereits angeknacksten Schacht zum Einsturz gebracht hatte, die lebende Abrissbirne Deluxe. Was brauchten sie da noch TNT und Dynamit? Schöne Grüße an AC/DC.
Als er endlich merkte, dass all diese Gedanken nur ein von seiner gestresten Psyche produziertes Ablenkungsmanöver waren, nämlich davon, dass er jetzt ganz alleine war und niemand ihn hier herausholen konnte und dass er womöglich in einer Woche verdursten würde, weil er gerade zwei Liter Wasser bei sich hatte, musste er sich erst einmal hinsetzen. Nein! Er wollte nicht losheulen. Sicher, außer ihm würde es keiner hören, und weil er eine von Dr. Hinze empfohlene Astronautenwindel trug passte das Verhalten gerade zu ihm. Doch er wolte nicht weinen. Als er sich diese Entscheidung mehrfach vorgesprochen hatte sprang er förmlich auf die Beine. Wenn er schon einmal hier war, dann wollte er zum Klabautermann und allen seinen Seeungeheuern wissen, warum er überhaupt hier heruntergeklettert war. Er wollte und musste und würde herausfinden, was am anderen Ende dieses langen Stollens war. Er wischte den Staub von seiner Uhr und lachte, weil er gleichzeitig auch das kleine Armbandgerät ansah, dass ihm Kohlhas mitgegeben hatte. Darin waren alle mit Lidartechnik erfassten Merkmale des Schachtes erfasst, sodass es für ihn wie ein Navigationsgerät gewesen war. Das Ding zeigte doch glatt: „620 m A-4, 05:11:33, Grund erreicht!“ Wahnsinn! Wie schlau das Ding doch war.
Jetzt war es genau 05:14:22 Uhr. Er hatte also nach der Landung auf dem Schachtgrund bis hierher an die drei Minuten geschafft. Aber hier half ihm kein Navigationsgerät weiter, weil kein GPS und keine gespeicherte Karte. Doch wo er nur zwei Richtungen hatte, zurück zum Ex-Schacht oder weiter zum Geheimnis um einen Unterirdischen Gang wollte er lieber letztes herausfinden, damit er schon nicht dumm starb, wenn er in dieser Gigagruft seine letzte Ruhe finden sollte.
Er merkte, dass seine Beine nicht so wollten wie er. Frau Hinze könnte ihm jetzt alle Muskeln aufzählen, die vom kleinen Zeh bis zum Hinterbackenmuskel in seinen Beinen steckten. Aber das merkte er gerade selbst. Abgesehen davon war er Sportler. Wer an seine Grenzen und darüber hinausgehen wollte musste Schmerzen erleiden können. Im Grunde galt das ja für jeden Menschen schon bei der Geburt, nur nicht für Leute wie ihn, die aus Termingründen der Mutter von einem geschickten Onkel Doktor per Kaiserschnitt geholt wurden. Tja, hier aus Mama Erdes dunklem Bauch würde ihn kein freundlicher Onkel Doktor mehr herausholen. Im Grunde mussten ja alle Menschen irgendwann entscheiden, ob ins Meer, wo alles Leben herkam oder in Mutter Erdes kühlen öhm, warmen Schoß. Stimmt, hier war es ziemlich warm. Das merkte er jetzt erst recht. Klar, er war über sechshundert Meter nach unten geklettert, und vorher waren sie schon über zweihundert Meter in die Tiefe hinabgestiegen. Ja, fast Steinkohlebergwerk. Dann mal Glück auf!
Erasmus Söderdiek schritt immer besser aus. Er verdrängte die Schmerzen in den Beinen. Ja, jetzt ging es ihm auch wieder besser. Er nahm das Tuch vom Mund und prüfte, ob er gleich loshusten oder eine MG-Salve herunterniesen musste.
Gemächlich legte er den nächsten Kilometer zurück. Da passierte was, mit dem er jetzt überhaupt nicht gerechnet hatte.
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Die Staubwalze kam zur Ruhe. Die verdrängten Luftmassen strömten heulend draußen vorbei und beruhigten sich. Die vier verbliebenen Expeditionsmitglieder um Professor Burmester blickten einander ratsuchend an. Jeder von ihnen war ein Experte oder eine Expertin in verschiedenen Sachen. Burmester merkte jedoch, dass seine Fachkenntnisse über die Entwicklung nichteuropäischer Kulturen hier gerade am wenigsten halfen. Gitta Hinze, die ihren strohblonden Bubikopf wie alle anderen unter einem stoßfesten Bergwerkshelm verbarg, konnte ihnen allen noch bei medizinischen Sachen helfen oder vielleicht verraten, welche Höhlentiere essbar waren, auch wenn sie bis jetzt nicht eine Assel und auch keine schlafenden Fledermäuse gefunden hatten. Wasser gab es in dieser Höhle ja auch keins. Das hieß, wenn sie noch länger hierblieben mussten sie verdursten. Fritz Kohlhas war der Fachmann für elektronische Messgeräte und der Computerfachmann der Runde. Ihm war eigentlich die Rolle der trojanischen Prinzessin Cassandra zugefallen. Er hatte sie schließlich vor dem Grummeln im Schacht gewarnt. War er, Burmester, dann Priamos? Ernst Altmoser, der wegen seiner sechzig Almensommer schon leicht beleibte Sohn Tiroler Bergbauern und ein As im Alpinismus, hatte seinen Job eigentlich sehr gut erledigt. Immerhin hatte er Burmesters Neffen Erasmus Söderdiek bis zum Schachtgrund bekommen, und zwar lebend. Doch wozu?
„Ich erbitte Ihre ehrliche Meinung, die Dame und die Herren. Sehen Sie eine Möglichkeit, Verbleib und körperlichen Zustand meines … öhm, von Herrn Söderdiek zu ermitteln und ihm, falls er noch am Leben sein sollte, Hilfe zu leisten?“ fragte Burmester in die Runde. Alle sahen ihn betrübt an. Dann sagte Kohlhas: „Wir haben den Schacht ja ausgemessen und auch dass dort keine freie Luft zirkuliert. Also ist dort unten nur dieser eine Stollen, der an jenen verwünschten Ort führt, von wo uns diese unerwartete Windböe entgegengeblasen wurde. Sollte Ihr Neffe, Herr Professor Burmester, dort unten noch leben und nicht an der Staubwalze erstickt sein, dann kann er zwar herausfinden, weshalb wir ihn dort hinuntergelassen haben. Aber er kann uns das nicht berichten, weil er von dort unten keine Funkverbindung mit uns aufbauen kann. Wir könnten nur versuchen, von einer anderen Stelle dieses vertückten Höhlensystems an ihn heranzukommen. Aber was hat er davon, wenn zwischen ihm und uns dann hundert Meter Felsmassiv liegen?“
„Herr Kohlhas hat es erwähnt, dass die Überlebensaussichten für Ihren Neffen sehr gering sind, falls er überhaupt noch lebt. Daher fürchte ich, dass selbst dann, wenn wir einen anderen Weg zu ihm finden sollten, jede Hilfe für ihn zu spät kommen wird, abgesehen davon, dass wir uns in diesem Höhlensystem verirren können und dann verhungern und verdursten werden. So grausam Ihnen das klingen mag, Professor Burmester, aber davon hat Ihr Neffe dann auch nichts mehr. Es wäre vielmehr wichtig, unsere Erlebnisse mit seinen Angehörigen zu teilen und ihnen zumindest die wenn auch traurige Gewissheit zu geben, dass er das Leben geführt hat, dass er führen wollte und wohl um kein Geld der Welt darauf verzichtet hätte, uns zu begleiten.“
„Dann bin i dran. Öhm, gut, auf Bundesdeutsch“, setzte Altmoser an, der sich wohl sehr anstrengte, nicht in Verzweiflung oder Selbstvorwürfen zu ertrinken. „Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, ihn da herauszuholen, ob lebend oder tot, damit wir ihn wenigstens nach Hause bringen können. Aber dafür brauchen wir eine Menge technisches Gerät, und damit meine ich nicht die Spielsachen vom Herrn Ingenieur Kohlhas, sondern Baumaschinen. Dafür müssten wir aber alle hier heraus und dann irgendwie mit der Ugandischen und Deutschen Regierung zusammenarbeiten, dass wir diese Bautruppe in die Höhle kriegen. Aber wie wahrscheinlich ist das, dass die uns das gestatten?“ Alle sahen ihn an, denn alle wussten die Antwort. Dann sahen die drei verbliebenen Expeditionsmitglieder ihren Teamleiter an, der gerade alles andere als Führungsambitionen zeigte. Dieser sagte dann hörbar betrübt: „Den einen Tag haben wir wohl noch. Ein Gutteil unserer Sonderausrüstung mussten wir zurücklassen, vor allem die Bergsteigerausrüstung von Herrn Altmoser. Also gilt es auch, einen Weg hier heraus zu finden, den wir ohne Seile und Klettergeschirr bewältigen können. Ich muss Ihnen allen leider beipflichten, dass ich für Herrn Söderdiek keine Überlebensmöglichkeiten mehr sehe. Ja, ich bin so Ehrlich zu Ihnen wie Sie zu mir, dass ich sogar hoffe, dass er doch noch unter dem Gestein im Schacht begraben wurde und nicht zu leiden hatte. Mir vorzustellen, dass er nun in diesem einen verwünschten Stollen hin und herläuft wie ein Tiger im Käfig macht mich wesentlich trauriger als die Vorstellung, dass er einen besonders exklusiven Platz für die ewige Ruhe gefunden hat. Ja, Herr Altmoser, und deshalb möchte ich auch davon absehen, die Trümmer des Schachts abzutragen, zumal dies, wie Sie ebenfalls ganz richtig erkannt haben, sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass wir die dafür nötigen Kräfte und Mittel erhalten. Wenn er im Schacht liegt, dann soll er dort ruhen, bis die Erde ihn von sich aus wieder hergibt, so wie mancher Gletscher seine Toten freigegeben hat. Also, suchen wir uns den Weg zurück ans Licht und sehen zu, ob wir unseren Geländewagen erreichen.“
Damit war es beschlossen, dass die nun auf vier Mitglieder geschrumpte Expedition Burmester diesen für sie alle zum Schicksalsberg gewordenen Ort verließ und sich so heimlich und leise wieder in die Heimat absetzten. Burmester wusste, dass ihm das schwerste dann erst bevorstand, die Aussprache mit seiner Schwester Heidi, ja und ganz sicher lebenslange Schuldvorwürfe von ihr, ihrem Mann und ja wohl auch von sich selbst.
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Er verstand es nicht. Doch es passierte. Anders als bei dem Höllenschacht, dem er gerade so entronnen war, kam es nun ohne Vorwarnung über ihn. Plötzlich blitzte sein Helmscheinwerfer grell auf und erlosch mit einem vernehmlichen Knistern. Er fühlte auch, dass die Stelle, wo er saß erhitzt wurde. Doch auch an seinem Gürtel strahlte etwas Hitze aus. An seinen Handgelenken vibrierte es wild und dann nichts mehr. Als die völlige Dunkelheit ihn umschloss konnte er sehen, wie die vier leistungsstarken Funkwellenverstärker immer heller glühten und auch das bisher zuverlässige Funkgerät schwach glomm, als brenne in ihm ein Stück Kohle. Ihm war klar, was das hieß. Etwas hatte ihn getroffen, oder er war in etwas hineingeraten, das schlagartig alle mitgeführte Elektronik überlastet hatte. Die Repeater glühten immer heller und heißer. Er drückte schnell alle vier Lenyards auf, an denen sie befestigt waren und ließ sie zu boden fallen. Dasselbe machte er mit dem Funkgerät. Doch da vor ihm gähnte die ewige Dunkelheit einer bis heute unberührten Höhle. Zumindest dachte er das. Es half nichts. Er rannte los, Die Arme schützend vor dem Gesicht verschränkt. Er lief wieder um sein Leben. Eine Ladung Adrenalin und die davon ausgelösten Endorphine fegten die Schmerzen aus seinen überanstrengten Beinen. Er mochte an die zweihundert Meter durch diesen seltsam regelmäßigen Gang gelaufen sein, als er das laute Knallen hinter sich hörte. Ein für seine nun auf die Dunkelheit eingestellten Augen hell wie der Tag wirkender Widerschein verriet ihm, dass hinter ihm grelle Lichter aufgeflammt waren. Aufgeflammt, das war wohl das Stichwort. Er wartete einige Sekunden in voller Deckung, bis er sicher war, dass ihm nichts mehr um die Ohren ffliegen würde. Dann drehte er sich um. Da sah er in mehr als zweihundert Metern Entfernung die roten Lichtflecken auf dem Boden. Das waren mal leistungsstarke Akkus gewesen, die sich mit einem feurigen Finale von der Erde verabschiedet hatten. Die Helmlampe hatte es auch so erwischt. Nur dass sie wohl schon einen Großteil ihrer Stromladung verbraucht hatte. Die beiden Armbandgeräte hatten wohl nur gewöhnliche Batterien und waren einfach überlastet ausgefallen. Jetzt stand er hier im Dunkeln. Er dachte daran, dass ihm Frau Hinze vier Chemolumineszenzstäbe aufgenötigt hatte. Jetzt musste er ihr noch im Nachhinein dafür danken. Er öffnete seinen Rucksack und holte eines der stoß- und bruchfest verpackten Hilfsmittel hervor. Er holte den für zwei Stunden Licht spendenden Plastikstab hervor und knickte ihn solange, bis es in ihm klirrte. Damit wurde die in der inneren Glasröhre enthaltene Substanz freigesetzt und konnte mit den um sie herum verteilten Substanzen abreagieren. Behutsam schwenkte er den grün aufglühenden Stab, bis dieser vollständig in einem geisterhaften Blassgrün erstrahlte. Das Licht mochte weniger Stark sein als der Helmscheinwerfer. Doch für ihn war es jenes kleinste Licht, dass in der größten Dunkelheit seinen eigenen Raum eroberte. Der Stab erwärmte sich nicht. Das Licht wurde auf ähnliche Weise erzeugt wie in den Leuchtorganen verschiedener Tiere der Nacht oder der Tiefsee. Zwei Stunden würde es für ihn leuchten. Das war der Vorteil dieser Dinger gegenüber allem, was Strom verbrauchte und solange sie verschlossen blieben harmloser als offene Flammen. Eins hatte er jetzt angebrochen, drei hatte er noch, insgesamt acht Stunden Hoffnung.
Er ging weiter und ließ die erkaltenden Überreste seiner Funkelektronik zurück. Er hoffte, dass sich die giftigen Schwaden so weit verteilten, dass er nicht deretwegen ersticken musste. Wie spät war es eigentlich, als dieser Elektrokill über ihn hereingebrochen war? Gleich halb sechs morgens am berühmt-berüchtigten 29. Februar. Einmal hatte seine Mutter ihm aus einer derben Laune heraus gebeichtet, dass wenn sie ein jahr später schwanger geworden wäre, er auch an diesem Tag auf die Welt gekommen wäre. Die armen Tröpfe, die heute geboren wurden, die mussten sich jedes Jahr anhören, dass sie keinen Geburtstag feiern konnten. Na ja, aber für die, die heute heirateten war das sicher auch lustig, nur alle vier Jahre den Hochzeitstag zu begehen und dann hundert Jahre später silberne Hochzeit zu feiern. Schon wieder diese abgedrehten Ablenkungsgedanken! Er musste sich konzentrieren, auch wenn er es niemandem sonst erzählen konnte, was er noch herausfinden würde. Aber er wollte es aufrecht und mit allem Ernst erfahren, bevor er den letzten Atemzug tat.
Da er ohne genaue Zeitangabe nicht existieren konnte, weil er es nie gemusst hatte, sang er leise ein Lied, bei dem jeder Taktschlag eine Sekunde dauerte und von dem er wusste, wie lange es war. Danach sagte er: „Beim letzten Ton war es rund fünf Uhr, dvierunddreißig Minuten und ein paar zerquetschte. Piep! Dann sang er das nächste Lied, ein ziemlich derbes Stück, für das seine Mutter ihm sicher noch mal eine runtergehauen hätte. Doch weil er wusste, wie lang es war passte es.
So kam er geschätzt um „Fünf Uhr, zweiundvierzig Minuten und irgendwas“ an das ende des Stollens. Als er sah, dass dieser in eine weitläufige Halle führte stieß er einen lauten Juchzer aus und genoss das ihn begrüßende Echo, als wenn alle Geister dieser Höhlen gekommen wären, um ihn in ihrer Mitte willkommen zu heißen. Manche Steinzeitmenschen mochten wohl genau das geglaubt haben, und die Griechen dachten ja auch, dass da eine Bergnymphe war, die alles nachsprach, was man ihr zurief.
Das Licht des Chemostabes reichte nicht ansatzweise in die Mitte der Halle, die sich vor ihm auftat. Was hätte er jetzt für ein funktionierendes Infrarotglas gegeben oder für Geordy Laforges Superspektralvisor?
„Hallihallo!“ rief er und genoss die ihm antwortenden Geisterstimmen aus den Ecken und von der Decke der Halle her. So lotete er aus, dass hier sicher die „MS Ocean Fairy“ mit Trockendock Platz finden mochte, das schwimmende Fünf-Sterne-Hotel für bis zu zweitausend Passagiere, auf dem er dreimal mitgefahren war, bis es ihm zu viel wurde, als „Der Sohn des Chefs“ oder „Der Kronprinz beehrt uns“ behandelt zu werden. Er war eher ein Indiana Jones oder Captain Kirk statt eines Traumschiffkapitäns oder Buchhalters.
Sollte er die Wände entlanglaufen oder in die Mitte der Halle vorstoßen, um zu prüfen, ob da der Grund für sein Hiersein war? Er richtete den Leuchtstab nach vorne und murmelte: „Licht der weisen Alchemisten, weise mir den rechten Weg!“ Er stutzte, als er es vor sich aufblinken sah. Ein schwaches, grünes blinkendes Licht kam genau aus der Mitte der von seinem Sonar auf zweihundert mal einhundert Meter mal fünfzig Meter geschätzten Halle. Das hatte er doch nicht ernsthaft durch den albernen Zauberspruch hinbekommen? Doch er hielt den Leuchtstab noch einmal nach vorne und sah wieder jenes grüne Licht. Ja, da war was, dass sein eigentlich schwächliches Chemolicht spiegelte. Spiegel? Das würde passen, bei einem leuchtenden Zauberstab und einer Anrufung aller Alchemisten, die dieses Licht möglich gemacht hatten. Das reizte ihn, genau auf dieses Licht zuzugehen. Dabei achtete er darauf, was auf dem Boden war.
So konnte er einem kreisrunden Loch ausweichen, dass sicher einige Meter in die Tiefe führte. Neh, nicht noch ein Schacht! Dann sah er eine lange tiefe Kluft vor sich im Boden. Er erlaubte sich die Frechheit, hineinzurufen und hörte erst nach einer Sekunde sein Echo. Wohl wahr, eine bodenlose Frechheit. Doch die viele Dutzend Meter tiefe Spalte war schmal genug, um darüber hinwegzusteigen. Dann kam die nächste Unglaublichkeit.
Noch heller als das Blinken eben glitzerte ihm eine goldgrüne gebogene Linie entgegen, Das sah jetzt doch verdammt nach einem magischen Bannkreis oder Schutzkreis aus. Als er sich die Linie näher betrachtete und sie dabei umschritt fielen ihm die darin eingearbeiteten Zeichen auf, alte Runen. Er hatte sowohl die keltischen aus Schottland wie auch die aus Skandinavien gelernt, um mit seinem schwedischen Studienkollegen geheime Briefe auszutauschen. Als er die Herkunft sicher zu erkennen glaubte fragte er sich, wie diese wohl goldene Kreislinie und die Runen hierher nach Uganda kamen. Vor allem aber fühlte er eine gewisse Enttäuschung und Faszination zugleich. Die Enttäuschung war, dass er doch nicht der erste Mensch sein konnte, der in diese Halle trat. Die Faszination war die, dass er hier einer superabgedrehten Sache auf die Spur gekommen war. Irgendwer hatte, wahrscheinlich weil er dran glaubte, diesen Zauberkreis gezogen, mit einer goldenen Farbe oder Tinte, die bis heute nichts an Glanz verloren hatte. Ja und er oder sie hatte eingeschrieben, wozu sie da war: „Gewähre dem Menschen, der bereits drei mal zehn und sechs mal eine Sonne unter der Sonne weilt Zutritt!“ Das war dann ja eine Altersbegrenzungslinie. Das war ja ein Hammer. Ja, und er durfte sie übertreten, weil er diese drei mal zehn und sechs mal eine Sonne unter der Sonne weilte, mindestens! Er wagte es und überquerte die goldene Linie. Nichts passierte. Was sollte da auch passieren, ein Fanfarensignal, geisterhafte Prophezeiungen in einer Sprache, die er nicht gelernt hatte oder die Überreichung eines Zellschwingungsaktivators für die relative Unsterblichkeit?
Als er den Stab wieder vorstreckte sah er, was ihn hierher gelockt hatte. Vor ihm stand, auf einem schwarzen, fünfeckigen Sockel, ein mit spiegelblanken Silberbeschlägen verzierter Schrank, an die zwei Meter breit und ohne Sockel anderthalb Meter hoch. Er umlief den Schrank und sah, dass er zwei Türen mit großen Knäufen hatte. Also, aus der Steinzeit stammte das Ding da nicht. Das konnte er ja auch schon an der Linie erkennen. Dann sah er an jeder der fünf Seiten des Sockels eine sich nach innen windende Spirale in verschiedenen Farben, jedoch durch das grüne Licht seines Leuchtstabes verfremdet. Konnte er den Schrank aufmachen? Er überlegte wie spät es war und dachte, dass es zehn Minuten vor sechs war.
Da er Handschuhe trug wollte er es wagen. Er ging auf den Schrank zu. Da meinte er, etwas würde ihn kalt anwehen wie ein Wintermorgenwind. Diese – er musste es Aura nennen – verblies die in dieser Tiefe der Erde herrschende Wärme. Doch er wagte es und berührte beide Türknäufe auf einmal. Unvermittelt wurde er von einer Kraft zurückgestoßen, wie die klirrendkalte Hand eines Eisriesens. Brrrr! Gleichzeitig klang in seinem Kopf die Stimme eines verärgerten Mannes: „Nein, du nicht!“ Nein! Das war jetzt aber doch nicht echt. Er kniff sich in den Arm, fühlte Schmerz und fragte sich, wie das hier ging. Magie kam bei ihm nur in seinen alten Rollenspieltagen vor, vor allem in San Francisco, wo er ein Auslandsjahr gemacht hatte und da mit Lynn, Bill, Greg, Jeff und Pri in den Welten von Kerkern und Drachen unterwegs gewesen war. Welchen Zauber Lynn dabei auf ihn ausgeübt und dass sie ihn damals vom Jungen in einen Mann verwandelt hatte wussten nur sie und er. Doch das hier war nicht diese Art von Magie.
Er versuchte es noch ein zweites und ein drittes mal. Bei jedem mal wurde er noch heftiger und eisiger zurückgewiesen und hörte die Stimme lauter: „Nein, du nicht!!“ rufen. Wieso konnte diese Stimme Deutsch. Oder war das so wie mit dem Babelfisch von Douglas Adams, der jede Sprache übersetzen konnte. Er wusste nur, dass er wohl beim vierten mal eine schallende Ohrfeige kriegen würde, wie damals der Kasperl, als er versucht hatte, aus dem Schloss von Petrosilius Zwackelmann zu flüchten. Er kam nicht an den Schrank und dessen Geheimnis. Gut, vielleicht hockte da ein eiskaltes Monster drin oder darin lag die Liste der mächtigsten Dämonen und Geister aus die jemand beschwören konnte. Er dachte auch an die Folgen aus Star-Trek, wo sie Sachen aus Geistergeschichten in eine Science-Fiction-Form übertragen hatten, wie den Salzvampir, die honigsüße Blutsaugerwolke oder den Geist von Jack The Ripper im Bordcomputer. Da kam ihm eine Idee: „Verrate mir, wessen du bist und wessen du sein wirst!“
Er hatte echt mit einer Antwort gerechnet. Doch was er bekam war was ganz anderes. Unvermittelt erfüllte graublauer Dunst den Ort und umschloss ihn. sein grüner Leuchtstab färbte sich hellblau und begann zu flackern. Gleichzeitig fühlte er, wie ihm der Boden unter den Füßen schwand. Jetzt trieb er in diesem weder warmen noch kalten Nebel. Dann hörte er wieder jene Stimme in seinem Kopf: „du hast es nicht bedacht, welche Zeit dir gegeben war. So schlafe dem nächsten mal entgegen! Schlafe tief und sorgenfrei!“ Er wollte schon aufbegehren. Doch da fühlte er, wie ihn die Müdigkeit überfiel. Alle Anstrengungen der letzten Stunden forderten hier und jetzt ihren Preis, oder war es was ganz anderes? Er konnte diese Frage nicht beantworten.
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Es war genau sechs Uhr morgens, als sie von einem lauten Pfeifen aus allen Richtungen aufgeschreckt wurden. Gleichzeitig spürten sie, wie der Boden leicht erbebte. Drei Sekunden dauerte dieses geisterhafte Pfeifen. Dann ebbte es mehr und mehr ab.
„Was bitte war das denn jetzt?“ wollte Altmoser wissen. „Klang wie ein Chor aus hundert kochenden Teekesseln“, mutmaßte Kohlhas. „Haben Sie den leichten Druckabfall bemerkt. Irgendwas muss Luft aus der Höhle gesaugt haben“, sagte Gitta Hinze. Jetzt scheint sich der Luftdruck wieder auszugleichen.“
„Faszinierend“, erwiderte Kohlhas und hob dabei die rechte Augenbraue.
„Wielange haben sie vor dem Spiegel üben müssen, um das hinzubekommen?“ fragte Gitta Hinze den Kollegen. „Öhm, seit mir die ersten Augenbrauen gewachsen sind“, sagte Kohlhas.
„Ja, in gewisser Weise war das doch der umgekehrte Effekt von vor fünf Stunden“, vermutete Hinze. Professor Burmester konnte ihr da nur beipflichten. Wo vorhin etwas Luft in die Höhlen hineingeblasen hatte war sie nun wieder abgesaugt worden. Das Pfeifen mochte daher kommen, dass diesmal keine freie Bahn für die Luft bestand, weil der Schacht ja … Alle zuckten wie unter einem Stromschlag zusammen. Was wenn Erasmus Söderdiek genau ins Zentrum dieses Phänomens hineingeraten war? Dann, so dachte Burmester wohl nicht alleine, dann wusste er genau, was sie alle hatten herausfinden wollen. Nur würde er es jetzt garantiert nicht mehr weitergeben können. „Wir suchen den Ausgang!“ bestimmte Burmester verdrossen. Also suchten sie den Ausgang. Sie gingen alle davon aus, dass Erasmus Söderdiek tot war. Dass sie sich irrten wussten sie nicht. Ja, und selbst wenn es ihnen jemand erklärt hätte hätten sie das nicht geglaubt, sondern nur für ein Märchen aus alter Zeit gehalten.
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05.12.1970
Seit drei Jahren trauerten Vettius Hertzsprung und seine Mutter um seinen Vater Kepheus. Der hatte sich nach dem Sturz von Grindelwald zum Jäger gefährlicher Geschöpfe weiterbilden lassen und war bei der Jagd auf eine Chimäre getötet worden. Vettius‘ Großmutter Birte hatte den Tod ihres einzigen Sohnes fast körperlich gespürt. Sie war aber schneller darüber hinweggekommen als ihr Mann Canopus. Der schien in den vier Wochen nach Kepheus‘ Tod um weitere hundert Jahre gealtert zu sein.
Der Brief kam am Morgen des fünften Dezembers. Die Zeitungen berichteten von einem neuen, gefährlichen Zauberer, der in Großbritannien hauste und sich Lord Voldemort nannte. „Merkt euch meinen Namen und erstarrt in Angst, sobald ihr ihn denkt“, ließ dieser laut Zeichnung gnädig am Leben gelassener Augenzeugen dämonenhaft aussehende Unhold immer verkünden, bevor er oder seine Mordbuben einen grünen Totenschädel mit einer züngelnden Schlange zwischen den Kifern über das Haus des letzten Opfers projizierte.
„Vettius, was ist los?“ wollte Vettius Frau Hildegunde wissen. Er blickte sie und seine Mutter Elli sehr betrübt an. Sein Gesicht war kreidebleich wie das eines Vampirs. Er entfaltete den Brief und las laut vor:
liebe Elli, und vor allem lieber Vettius. Ich habe gerade einen sehr betrüblichen Brief aus Rom bekommen, wo ja der Sitz der Congregatio Secretum Siderum ist. Canopus, mein über alles geliebter und geachteter Mann, ist um drei Uhr letzte Nacht vom Zentralturm des Castello die mille lune gestürzt, als er eines der dort montierten Fernrohre neu ausrichten wollte und dabei wohl das Gleichgewicht verloren hat. Signore Albavia, einer seiner Ratskollegen, hat einen Heiler gerufen. Doch der konnte nur noch den Tod feststellen. Sie haben mir ausdrücklich davon abgeraten, ihn mir noch einmal anzusehen. Morgen wird einer vom rat zusammen mit einem Überführungstrupp nach Deutschland kommen, um seine sterbliche Hülle für die Beisetzung in der Familiengruft der Hertzsprungs vorbereiten. Falls du, Vettius, mir in dieser sehr schweren Lage beistehen möchtest schreibe mir bitte, ob du zu mir an den Wendelstein kommst und für wie lange.
Ich fürchte, das mit der Abscheulichkeit, die deinen geliebten Vater umgebracht hat war zu viel für ihn. Sicher, ich denke heute auch noch oft an Kepheus, vor allem, dass er uns durch die Zeit mit Grindelwald geholfen hat. Doch ich bin sehr beruhigt, dass du, mein lieber Enkelsohn, mit der Frau deines Herzens zwei Söhne und zwei Töchter bekommen hast und so das Erbe von meinem Mann und von deinem Vater weiterleben wird. Grüß mir, auch wenn es sehr betrüblich ist, deine Frau Hilde und deine Mutter Elli. Ich hoffe, dass es ihr immer noch gut geht und sie darf mir gerne wieder schreiben, wenn ihr danach ist, mit jemandem zu reden, die ihren Mann gut kannte, bevor es dich gab, Vettius.
In tiefer Trauer grüßt
Birte Hertzsprung
„Natürlich reist du zu ihr hin, Vettius. Besprich mit ihr alles, was wichtig ist. Ich schreibe den Kindern und frage Graf Odoaker, ob er ihnen für den Tag der Trauerfeier freigeben wird, wenn wir wissen, wann dieser ist“, sagte Hildegunde mit dem Anlass entsprechender Miene.
„Mein Opa Canopus fällt von einem Turm, weil er Teleskope neu ausrichtet oder bestückt. Der hat mir immer gepredigt, mich mit einem Halteseil abzusichern, wenn ich auf einem Dach oder außerhalb einer Turmbrüstung zu tun habe“, stieß Vettius aus. „Aber an und für sich ein passendes Ende für einen Astonomen.“
„Ja, aber bitte nicht dein Ende, mein geliebter Ehemann“, sagte Hildegunde. Da kam Elfriede, Vettius‘ verwitwete Mutter herein. „Wessen Ende, Kinder?“ fragte sie. Vettius überwand sich und las ihr den Brief seiner Großmutter Väterlicherseits noch einmal vor. Dabei dachte er, dass nun er der lebende Erbe von canopus‘ geheimer Höhle war, die nur betreten konnte, wer von seinem Blut abstammte, ein Zauberer war und laut der goldenen Linie um das große Erbe sechsunddreißig Lebensjahre vollendet haben musste. Denn das, was hinter dem letzten Zugang lag war nichts für Halbwüchsige oder Jungspunde, die noch ausprobierten, wie weit sie die Welt aufrütteln konnten, ohne sie in Stücke zu schlagen oder selbst von ihr herunterzufallen.
„Gut, Hilde, du schreibst bitte an diesen rotschopfigen Schönling Odoaker, dass wir einen langjährigen geliebten Verwandten verloren haben. Der Name Canopus Hertzsprung steht ja auch groß und glänzend in der Chronik von Greifennest. Vesta, Alkione, Japetus und Prokyon werden dann sicher den freien Tag erhalten, wo sie sich bisher so vorbildhaft betragen haben. Oder soll ich diesen selbstverliebten Burschen anschreiben?“ fragte Elfriede ihre Schwiegertochter.
„Ich schreibe ihn selbst an, das werde ich noch hinbekommen, Schwiegermama“, sagte Hildegunde.
„Wo sie es ja geschafft haben, auf alle vier Häuser von Greifennest aufgeteilt zu werden stehen sie auch längst im großen Buch besonderer Geschichten von Burg Greifennest“, streute Vettius eine nicht ganz zum Anlass passende Bemerkung ein. ER konnte sich noch gut erinnern, wie der amtierende Magister Maximus, Schuldirektor Odoaker Graf Greifennest es seinem Großvater Canopus und ihm mitgeteilt hatte, dass Vesta eine Sonnengoldlerin, Alkione eine Mondenquellerin, Japetus ein Erzenklangler und Prokyon ein Taubenflugler geworden war. Unabhängig voneinander hatten sein Großvater und er geschrieben, dass somit die Hertzsprungs alle Eigenschaften in sich bargen, für die die Burg Greifennest stand und er, Magister Maximus Odoaker, stolz sein dürfe, dass er eine derartig vielfältige Familie behüten durfte.
„Natürlich reist du zu Birte, allein um sie nicht alleine zu lassen. Dieser Emporkömmling aus England, der meint, Grindelwald, Gertrude Steinbeißer und Sardonia übertreffen zu können, hat sowieso erst genug mit seinen altenglischen und schottischen Widersachern zu tun. Lichtwachengeneral Güldenberg hat ja angekündigt, alle namhaften Familien unseres geteilten Deutschlands gesondert bewachen zu lassen.“
„Ja, vor allem die aus dem Osten, damit die Kinder nichtmagischer Eltern nicht von deren paranoider Überwachungstruppe vermisst werden“, sagte Vettius verbittert. Er dachte daran, wie die Zaubererwelt Stunk gemacht hatte, als nach der großen Katastrophe namens zweiter Weltkrieg das Land in zwei unterschiedlich regierte Hälften aufgeteilt wurde. Aber weil das russische Zaubereiministerium nicht wollte, dass die Magiegeheimhaltung gefährdet wurde hatten sie zähneknirschend mitgeholfen, das Verschwinden von Kindern magieloser Eltern für die nichtmagischen Behörden nachvollziehbar zu tarnen.
„Gut, ich schreibe Oma Birte an, dass ich zu ihr hinkomme, wenn Opas sterbliche Hülle nach Hause kommt.“
„Wo die Kinder jetzt sicher in Greifennest sind möchte ich dich begleiten“, sagte Hildegunde Hertzsprung, die Tochter von Hilmar Säuselbach, dem ersten Sohn von Hubertine Säuselbach.
Vettius war sehr froh, dass seine Frau mit ihm reisen wollte. So schrieben sie die notwendigen Briefe. Birte Hertzsprung sollte dann formell bei Graf Odoaker dem Selbstverliebten um die Beurlaubung der vier Urenkel bitten. Vielleicht, so dachte Vettius, würde ihn und die gegenwärtige Vorsteherin von Haus Taubenflug, wo Canopus Jahrzehnte Lang gelehrt hatte, ebenfalls einladen.
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Wintersonnenwendtag im Jahre 1970
Außer, dass kein Gott und kein Jesus Christus um Beistand und gnädige Aufnahme der Seele des Verstorbenen angerufen wurde verlief die Beisetzung von Canopus Hertzsprung fast wie bei einem alten Fürsten, der die Last der zeitlichen Verantwortung ablegen und ins Reich seines Schöpfers heimkehren durfte. Dass Canopus‘ Tod vielleicht ein Akt des Suizids gewesen sein mochte irritierte die fünfzig geladenen Trauergäste ein wenig. Heinrich Güldenberg, Generalissimus der vereinten Lichtwachen und somit auf der dritthöchsten Stufe im Zaubereiministerium, trug einen dunkelblauen Samtumhang und einen schwarzen Zylinder. Als er den unmittelbaren Angehörigen kondoliert hatte wandte er sich an Vettius: „Ihr Großvater hat dem deutschen Zauberervolk eine Menge großer Dienste erwiesen, auch und vor allem als langjähriger Lehrer. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Freunde Eilenfried und Andronicus bei ihm über die Beziehung von Erde, Sonne und Mond gelernt haben und er uns die Geschichte von den weit im Süden sichtbaren Polarlichtern vor einhundertelf Jahren so lebhaft erzählt hat, dass wir dachten, das selbst erlebt zu haben. Mittlerweile sind Sie von der Sternenguckerzunft ja da schlauer, woran das gelegen hat, auch wenn es einige gibt, die das nicht glauben wollen, weil es auch auf Maglowissen basiert.“
„Ich werde das Erbe meines Großvaters und das meines Vaters in Ehren halten“, versprach Vettius und log damit nicht einmal. „Jaha, wenn Sie wissen, was genau Sie erben, Herr Hertzsprung“, erwiderte Güldenberg. Er klang dabei etwas merkwürdig, dachte Vettius. Wusste der etwa mehr als sein Großvater eigentlich mitteilen wollte.
Als Vettius noch den amtierenden Zaubereiminister traf musste er daran denken, wie sich Canopus mit dessen Vorvorgänger Vogel gestritten hatte, weil der der Meinung war, man hätte Grindelwald doch einfach mal gewähren lassen sollen, statt mit ihm Krieg zu führen. Na ja, am Ende hatte der es auch erkannt, welchen gefräßigen Drachen er da von der Kette lassen wollte.
So nahm Vettius die mal ehrlichen, mal geheuchelten Beileidsbekundungen zur Kenntnis und bedauerte eher seine Großmutter, die von allen Seiten zu hören bekam, welchen Verlust „sie alle“ hatten hinnehmen müssen. Der mittlerweile weißhaarige Schneidermeister Bombyx Güldenhand erwähnte, dass Canopus trotz seiner Unkenntnis von magischer Schneiderei doch sehr gute Ideen gehabt hätte.
Hauke Meerschaum, mittlerweile Miteigentümer der Feenstimme, sprach kurz von einem beeindruckenden Besuch in Rom, „da wo die Moggli nicht hinkamen“.
„Das war jetzt nicht dein Ernst, Onkel Rupert, dass du Oma Birte gefragt hast, ob sie noch in dem Haus auf dem Wendelstein wohnenbleiben will oder nicht besser in eine Zauberersiedlung umzieht“, musste Vettius seinen Onkel mütterlicherseits auf eine nicht ganz so taktvolle Äußerung ansprechen, die der sich geleistet hatte. „Was will die noch in dem Haus. Sie kann doch das kleine Häuschen im Silberwallviertel in München beziehen, was ihre Eltern ihr vererbt haben. Das Wendelsteinhaus ist doch viel zu groß für eine alleinstehende Hexe.“
„Sagt wer?“ schaltete sich Hildegunde ein. Rupert Ginstermoor sah sie so an, als habe sie gerade ein unanständiges Wort gebraucht oder ihm frech vor die Füße gepieselt. Doch sie blieb ruhig. „Oma Birte muss nicht ausziehen, nur weil du schon mit deinem Schulfreund Remus Untersteiger darüber verhandlst, ob er das Haus nicht zum Verkauf anbieten kann.“
„Hilde, du kennst es doch. Ist das Aas auch noch so klein, stellt sich bald ein Geier ein, und verpasst er’s doch einmal, frisst es fort ihm ein Schakal“, deklamierte Vettius einen Spottvers, der wohl schon so alt war wie vererbbares Eigentum. Rupert Ginstermoor sah seinen Neffen vergrätzt an. Doch weil sowohl Vettius als auch Elfriede und Hildegunde ihn tadelnd anblickten zog er sich zurück. „Es ist doch immer wieder dasselbe. Es gibt Leute, die nicht abwarten können, bis sich die Tür zur Gruft oder die Erde über dem Grab vollständig geschlossen hat“, knurrte Elfriede Hertzsprung. Dann begleiteten sie die trauernde Witwe in ihr Haus.
„Die Wintersonnenwende, das war seine Nacht, immer die längste Nacht des Jahres“, sinnierte Birte betrübt, als sie abends vor dem 100-Sterne-Haus saßen und ohne Teleskop in den Nachthimmel hinaufsahen. „Das wird sicher nicht einfach sein“, sagte Elfriede Hertzsprung. „Bist du sicher, dass du niemanden hast, der oder die mit dir zusammen hier leben möchte?“
„Ich habe hier alles, was ich brauche. Das Laboratorium von Canopus soll erst einmal verschlossen bleiben. Die wichtigsten Sachen hat er ja testamentarisch festgelegt. Hauptsache, ich komme noch in mein Zaubertranklabor“, sagte Birte Hertzsprung. „Aber die Sternwarte, die dürft ihr gerne demnächst abmontieren und bei euch irgendwo hinbauen. Dann muss ich nicht immer dran denken, wofür Canopus sein Leben gelassen hat, wo er noch kräftig genug war.“ Sie musste schlucken, um nicht loszuweinen. Vettius und seine Anverwandten übersahen das großzügig. Sie verbrachten noch die Zeit bis Mitternacht bei ihr. Dann kehrten sie in ihr geheimes Blockhaus zurück.
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04.03.2004
Little Ear, dem von Fritz Kohlhas so genannten Horchgerät, war es zu verdanken, dass die vier verbliebenen Mitglieder der Höhlenexpedition Burmester nicht in einen Trupp wartender Armeesoldaten hineingelaufen waren. Sie wollten eigentlich durch den bereits freigeräumten Ausgang nach draußen. Doch Kohlhas hatte die Umgebung vor dem Berg, den sie den grauen Riesen nannten, abgehört und dabei eindeutige Stiefelschritte und leise gesprochene Kommandos in einer afrikanischen Sprache, womöglich Swahili, aufgefangen. Da sie alle von Erasmus‘ Vater eingeschärft bekommen hatten, sich von allen einheimischen Bewaffneten fernzuhalten, ob reguläre Streitkräfte oder Aufständische, mussten sie sich absetzen. Sie mussten auch zusehen, dass sie nicht gefunden wurden, wenn die draußen wartenden beschlossen, in die Höhlen einzudringen.
„Wie viele Katzen braucht man um vier Mäuse zu fangen?“ flüsterte Gitta Hinze die Frage. Alle sahen die Biologin mit medizinischer Grundausbildung erst verdutzt an und nickten dann. Kohlhas wisperte die Antwort: „Nur eine, wenn sie weiß, wo das Mauseloch ist und sich davor hinsetzt wie im Gedicht von Heinz Erhardt.“
„Falls die da draußen auch Richtmikros haben sollten wir ab jetzt ganz leise laufen und bestenfalls nur noch über Lichtblinks kommunizieren“, flüsterte Burmester, nachdem er alle verbliebenen Expeditionsmitglieder in seine Nähe gewunken hatte. Altmoser verzog das Gesicht. Er war hier der einzige, der kein Morsealphabet konnte. Das hatte er in seiner Zeit bei den Gebirgsjägern des Österreichischen Bundesheeres nicht gelernt, weil sie da schon sowas wie Sprechfunk mit mehr oder weniger guter Verschlüsselungstechnologie benutzen konnten. Er konnte gerade mal das zum Weltwissen gehörende dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz für SOS. Daher beorderte Burmester Altmoser in seine nächste Nähe, wenn er ihm was zuflüstern wollte. Sie hofften alle, dass die Soldaten da draußen kein Deutsch konnten.
Mit Hilfe von Kohlhas geretteter Lidarvorrichtung und dem Lauschgerät Little Ear prüften sie alle Gänge, durch die freie Luft wehte. Denn sie wollten auf keinen Fall in eine Sackgasse geraten. Sie suchten nach einem anderen Ausgang aus dem Berg, ob weiter oben oder unten war egal, hauptsache weit genug weg von den auf sie wartenden Truppen. Ob diese so geduldig waren wie eine auf Mäuse wartende Katze war jedoch fraglich. am Ende kam eine ganze Kompanie, die sich gleichmäßig auf die Gänge aufteilte. Doch ohne die entsprechende Ausrüstung mochten die sich gnadenlos verirren. Darauf hofften Burmester und die verbliebenen Expeditionsmitglieder.
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05.03.2004
Erich Söderdiek, Schwager von Horst Burmester und Vater von Erasmus Söderdiek, erhielt am 5. März um elf Uhr Morgens die Mitteilung seines Geschäftsfreundes Wilhelm Brookstetter, dass die ugandische Regierung den Privatjet „sichergestellt“ habe und die beiden Piloten, von denen einer Willi Brookstetters Sohn Arne war, in „Schutzgewahrsam“ genommen habe. Angeblich seien Beweise aufgetaucht, dass die fünf Passagiere der Gulfstream G-200 keine Touristen seien, sondern die regierungsfeindlichen Kräfte, vor allem die Lord’s Resistance Army (LRA) unterstützen würden, da sie in ein von dieser Gruppierung bedrohtes Gebiet vorgedrungen seien und nachweislich mit Satellitenkommunikation gearbeitet haben. Sie hätten dadurch auch den Standort des von ihnen gemieteten Geländewagens ermittelt. Als wenn das nicht schon heftig genug wäre boten die Regierungsbeamten an, von einer Klage wegen Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten in Tateinheit mit Unterstützung regierungsfeindlicher bewaffneter Organisationen abzusehen, wenn die Firma Stratotaxi und ihre Teilhaber „guten Willen“ bewiesen und für eine schnelle und für die Regierung kostenfreie Rückkehr der sieben Deutschen sorgen könnten. Für Söderdiek hieß dass, eer sollte Lösegeld für seinen Sohn bezahlen.
Söderdiek lehnte Brookstetters Vorschlag ab, die Bundesregierung einzuschalten, weil er sich nicht zum Ziel von Boulevardmedien machen wollte. Außerdem wollte er bei dieser grün angepinselten Regierung nicht in irgendeiner Schuld stehen. Daher lehnte er das ab und ging auf den Vorschlag des von ihm beauftragten internationalen Anwaltes Donovan Hastings in London darauf ein, die Größe des „guten Willens“ auszuloten, den er beweisen sollte. „Mit wie vielen Nullen schreiben sie in Uganda „guter Wille?“ fragte er Hastings. „Kommt auf die Hintergrundfarbe an. In Uganda bevorzugen sie die Farbe Grün. Sie dürfen es aber niemals so rüberkommen lassen, dass die Regierung Lösegeld oder Schmiergeld verlangt hat, sondern so, dass Sie ihr möglichstes tun, um das Leben Ihres Sohnes und die Leben der anderen zu schützen“, so Hastings.
Am Ende des Tages, Söderdieks Frau Heidi kehrte gerade aus der Hamburger Universität zurück, wo sie Vorlesungen in mittelalterlicher Symbolik in öffentlichen Gebäuden gab, beschloss er, ihr nicht zu erzählen, dass der Privatjet und die zwei Piloten am nächsten Tag für schlappe vier Millionen Dollar, die Hälfte im Voraus bezahlt, nach Deutschland zurückkehren würden. Für die fünf Passagiere sollte bei deren Auffinden ein Unterhändler der schweizer Botschaft in Kampala deren Rückführung überwachen. Für Erasmus sollte er demnach anderthalb Millionen Dollar bezahlen, für seinen Schwager eine runde Million und für die drei anderen je 0,66 Millionen Dollar. Dafür bekam er die Garantie, dass die fünf nicht gleich von der ugandischen Armee oder der Polizei erschossen wurden, wenn man sie fand, und dass sie einen Heimflug erster Klasse bekamen. Er würde es über die gesonderte Unfallversicherung laufen lassen, die bei Personenschäden im Ausland bis zu vier Millionen pro Geschädigtem erstattete. Insofern kamen sie alle am Ende noch gut weg, hoffte Erich Söderdiek. Denn er hatte ausgerechnet, was wäre, wenn er das Flugzeug und seine Passagiere geleugnet hätte. Sie hätten Erasmus und seinen Onkel womöglich vor Gericht gestellt oder gleich da, wo sie sie fanden erschossen, womöglich noch mit Waffen, wie sie die LRA benutzte und es dann so hingestellt, dass diese Gruppierung die fünf auf dem Gewissen hatte.
Es fiel dem Herrn der zwanzig realen Traumschiffe sehr schwer, seine Wut und seine Sorgen um den gemeinsamen Sohn vor seiner Frau Heidi zu verbergen. Die durfte wirklich nichts erfahren. Am Ende kamen Horst und Erasmus doch ums Leben und es stellte sich heraus, dass es wegen seiner Unwilligkeit war, ihre Freiheit zu erkaufen. Das würde ihm nicht nur die Ehe kosten, sondern auch die Hälfte seines Barvermögens von vor einem Jahr, das sich da auf knapp 100 Millionen Euro belaufen hatte und gerade bei 110 Millionen Euro lag.
Um seine Wut und Bedrückung abzureagieren zog er in der privaten Schwimmsporthalle im dritten Untergeschoss seiner Villa fünfzig Bahnen, bis er so müde war, dass er fast im von Unterwasserscheinwerfern taghell erleuchtetem Becken versunken wäre.
Um Mitternacht lag er erschöpft im Bett und fiel sogleich in einen tiefen Schlaf.
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18.02.2008
Albertrude Steinbeißer hatte in den vergangenen Tagen mehr für das Ministerium tun müssen als sie gedacht hatte. Denn nun muckten die Kobolde wieder auf, die den Rauswurf ihres Vertrauten Giesbert Heller nicht hinnahmen und wieder mit Aussperrung der Kunden von Gringotts drohten. Das wiederum hatten wohl die unsichtbaren Augen und Ohren Malins mitbekommen, sodass der wieder meinte, Stimmung gegen die Kobolde zu machen. So war es Albertrude Steinbeißer nicht möglich, weiter in den erbeuteten Texten aus Deutschland und Italien zu lesen, ohne dass sie dafür jedesmal Wachhaltetrank hätte schlucken müssen. Erst am Abend des 18. Februars konnte sie sicher sein, dass man sie morgen nicht für langwierige Überwachungen benötigte. Das übernahmen nun die Lichtwachen selbst, allein schon um Kobolden und Zwergen zu zeigen, dass sie sie im Auge behielten.
Sie suchte unter den Büchern aus Deutschland nach solchen, die sich mit dunklen Astralzaubern befassten. Dabei vertiefte sie sich in „Die dunklen Seiten der Sterne“ und studierte die Verkehrungen ihr bekannter Astralzauber wie „Der Hauch der schwarzen Sonne“, der aus dem von ihr in Ladonnas letztem Versteck angewandten Hauch des Sonnenlichtes entwickelt worden war und noch stärker wirkte als der Mantel der Nacht, mit dem sich jemand in eine mitbewegende Zone aus tiefer Dunkelheit einhüllen konnte. Eigentlich hätte die dunkle Abwandlung auch Dementorenaura heißen können. Denn sie wirkte genauso wie die flächendeckende Dunkelheit und Kälte der Dementoren. Sie las auch über andere Zauber und verglich sie damit, was sie selbst schon darüber gelernt und als Gertrude auch angewendet hatte. Immerhin hatte sie einen Zauber erfunden, der ihr bis auf zwei Ausnahmen alle Sperrzauber aus dem Weg räumte und sie vor Fessel-, Erstarrungs- und Lähmzaubern beschützte. Dabei fand sie etwas, dass nur erkennen konnte, wer magische Augen hatte und mit der geheimen Schrift aus Gertrudes Zeit als Stuhlmeisterin der entschlossenen Hexen vertraut war. Denn die Schriftzeichen waren unsichtbar und standen auch nicht direkt neben- oder übereinander, sondern verteilten sich über mehrere Seiten des Buches, waren im Zweifelsfall nicht von Tintenflecken zu unterscheiden.
albertrudes Herz pochte gleich mit zehn Schlägen in der Minute mehr, als sie erkannte, dass da jemand eine Notiz in das Buch hineingeschrieben hatte, die weder der Eigentümer noch sonst wer finden und entziffern durfte. Sie nahm Schreibzeug und präparierte die Schreibfeder mit einem auf das Blut einer Hexe abgestimmten Verbergezauber. Dann begann sie zu entziffern, was eine ihr unbekannte Hexe aufgeschrieben hatte. Dafür brauchte sie mehr als zwei Stunden, weil ihre Augen ihr doch den einen oder anderen Streich spielten und schon Textzeichen erfassten, die erst fünf Wörter weiter eingepasst werden mussten. Ja, die Dame, die das hier aufgeschrieben hatte hatte sich wohl einen Plan zurechtgelegt, wie sie ihre Notiz im Buch verstecken musste, um sie später wieder lesen zu können. Aber womöglich war nicht beabsichtigt, das Buch aus der Hand zu geben, zumal es ja ein Familienerbstück gewesen war. Als sie endlich nach Knobeln und Umsortieren den vollständigen Text vor sich auf einer langen Pergamentrolle stehen hatte lautete dieser:
Nach meinem vierten Versuch mit dem von Xenia Ginstermoor erfundenen und nur von Mutter zu Tochter vererbten Trank des enthüllenden Traumes gelang es mir, die Geheimnisse dessen der mir anvertraut war vollständig aus ihm herauszuhorchen. Während der Trank wirkte und er tief schlief berichtete er von dem Erbe seines Vaters Canopus Hertzsprung, das er seinem erstgeborenen Sohn hinterlassen würde, sobald er sechsunddreißig Jahre alt ist. Ich hatte damals schon den Eindruck, dass dieser vielgelehrte Zauberer die Geheimnisse aus diesem Buch, in dem ich diese Notiz einschreibe, gründlicher studiert hat als er zugeben würde. Nur so erklärt es sich, was er geschafft hat und was er nur seinem Sohn Kepheus hinterlassen hat. Leider kann ich selbst nicht daran rühren, weil der alte Canopus dafür gesorgt hat, dass nur ein männlicher Blutsverwandter von ihm aus freien Willen in das Versteck eindringen kann. Doch hier der aus der erlauschten Offenbarung erstellte Text:
„mein Vater hat mir einmal einen besonderen Umhang gezeigt, den er für sich selbst angefertigt hat, als er gerade 36 Jahre alt war. Er erzählte, dass dafür die bei Neumond geschorene Wolle von griechischen Mondwechselschafen, die gegerbte Haut von afrikanischen Tebos, das seidenweiche Fell von Demiguisen und eine von ihm als Fokussilber bezeichnete Legierung aus Occamy- und Bergbausilber verwendet wurde. In diesen Umhang konnte er nach Fertigstellung vier mächtige Mondzauber einwirken. Die waren zu seinem eigenen Erstaunen so stark und ausdauernd, dass sie eine volle Nacht vorhalten oder auch bei Tag verwendet werden können.
Weil es ihm zu unsicher war, den Umhang und alle seine eigenen Forschungsergebnisse zu Hause aufzubewahren hat er für sich, mich und unsere Nachkommen ein Versteck angelegt, in dem er einen Schrank aus mit Schutzzaubern belegtem Silber aufgestellt hat. Er hat sich im afrikanischen Land Uganda, da wo sonst niemand sich herumtreibt, eine Stelle gesucht, von wo aus er alle Sternbilder sehen konnte, nach denen oder deren hellsten Sternen er und drei andere und ich benannt wurden. Er hat dann in monatelanger Arbeit Lichtwege in den Berg mit der Höhle hineingebohrt, durch die das Leuchten der hellsten Sterne gebündelt und auf fünf Stellen in der Höhle gelenkt wird. Diese Sternenbündel dienen als Kraftquelle für einen Fugittempus-Zauber, also einen, der einen Körper oder mehrere in einem bestimmten Raum in eine wenige Sekunden entfernte Zukunft versetzt, sodass keine gegenwärtigen Wesen und Kräfte sie erreichen können. Diesen Zauber hat er so eingestimmt, dass er sich nur öffnet, wenn mein nur alle vier Jahre wiederkehrender Geburtstag ist. Ja, und weil er sicher sein will, dass nur wer aus meiner Familie da herankommt hat er ihn so gewirkt, dass sich das Verhüllungsfeld nur zwischen dem ersten von ihr und dem ersten von mir öffnet. Um sicher zu sein, dass nur ein Blutsverwandter aus meiner Familie da rankommt hat er noch innerhalb des Wirkungsbereiches eine Alterslinie gezogen und außerhalb einen Herssanguinis-Zauber gewirkt, der nur die Träger eines bestimmten Blutes nähertreten lässt. Dabei hat er wohl auch eingeflochten, dass nur ein Mann an den verhüllten Schrank herantreten kann. Dazu hat er noch einen Feindesrückprellzauber als vermengung eines Zaubers der Venus und eines Zaubers des Mars eingewirkt. Ich weiß, dass der Schrank selbst schon mit einem Abweisezauber des Mondes belegt ist, dass nur der ihn öffnen darf, der weiß, dass er ein Nachfahre von Canopus ist.
Ich habe den Umhang selbst schon getragen und damit gegen die Feinde unserer Welt gekämpft, erst gegen Grindelwald und später gegen Vampire und Werwölfe. Der Umhang ist einfach nur genial, aber auch eine einzige Versuchung. Denn der Umhang enthält den Mondschildzauber, der gegen alle nicht auf Sonnenlicht basierende Zauber und Klingenwaffen die nicht aus Silber oder Goldd bestehen schützt, den Mondfriedenszauber, der in dieser Form mindestens viermal so stark wirkt wie sonst, den Zauber der Augen des Mondes, die durch Dunkelheit oder Tarnzauber verhüllte Körper erkennbar macht und, wenn alle vier Schließen verschlossen sind, den Zauber vom Schatten des Neumondes, der eine vollkommene Unsichtbarkeit und Unauffindbarkeit bewirkt, aber trotzdem einem die möglichkeit belässt, sich zu bewegen. Dabei kann ich sogar an jedem Arm einen anderen Menschen halten. Der wird dann mit unsichtbar und mit keinem Aufspürzauber auffindbar. Ja, und ich habe gelernt, dass entgegen der üblichen Wirkung jenes Zaubers, aus dem heraus keine Angriffszauber gewirkt werden können, das mit dem Umhang doch möglich ist. Genau deshalb ist der so eine große Versuchung, die nicht in falsche Hände geraten darf. Wenn ich den Umhang einmal aus dem Schrank geholt habe konnte ich ihn nur an einem nur mir durch Fidelius-Zauber verschlossenen Ort bringen. Doch mir ist das Versteck meines Vaters viel sicherer, weil ja erst mal wer wissen muss, wo genau die Höhle ist, von der aus die fünf Sternbilder ein Pentagramm auf den Boden bilden können. Ja, und wegen der ganzen anderen Sicherheitsvorkehrungen kann ich den Umhang an meinen Erstgeborenen weitergeben, wenn ich nicht mehr da bin.
Die ganzen Aufzeichnungen, die mein Vater sonst noch im Schrank verschlossen hat, habe ich mir nur einmal angesehen. Da sind drei von ihm erfundene bei, die sich auf den Planeten Uranus beziehen, ein reiner Schutzzauber und zwei so hart wie Thors Hammerschlag dreinschlagende Zauber, die sogar den geächteten Fluch übertreffen können. Ich werde die aber nicht anwenden. Die Versuchung des Umhangs ist schon groß genug.“
So konnte ich das rekonstruieren, was er in fünf Nächten auf die behutsamen Einflüsterungen ausgeplaudert hat. Also komme ich und auch keine Tochter von ihm und mir jemals da heran. Schade! Den Umhang hätte ich sicher gut gebrauchen können, um mich auf den Stuhl der ersten Sprecherin zu setzen, mächtiger als die große Sardonia und die nicht ganz so mächtige Gertrude Steinbeißer. Aber ich wollte es wenigstens aufgeschrieben haben, damit irgendwann doch eine Hexe das hier liest und versteht, was ich in Gertrudes Tintenfleckschrift geschrieben habe. Wenn nicht, bleibt es eben geheim und verschlossen.
Da hatte also eine entschlossene Hexe mit einem Trank laboriert, der jemanden dazu brachte, im Schlaf über geheimste Dinge zu plaudern und diesen Menschen auch noch gezielt auf bestimmte Dinge anzusprechen. Allein schon die Rezeptur dieses Trankes interessierte Albertrude. Mit der Zuweisung, nicht ganz so mächtig wie Sardonia gewesen zu sein, konnte sie leben, solange sie nicht gehalten war, der Schreiberin das Gegenteil zu beweisen. Ja, aber es stimmte ja. Wer diesen erwähnten Umhang trug war mächtiger als Sardonia mit ihrem Mantel und auch sie als Gertrude mit einem vervielfachten Mondschildzauber und auch mit jenem Zauber, der sie vor Angriffen oder Gefangenschaft schützte und ihr Zugang zu sonst sehr gut versperrten Orten gewährte.
Der 29. Februar. Sie hatte gehört, dass der Vater von Vettius Hertzsprung, dem amtierenden Astronomielehrer von Greifennest, an diesem Tag geboren wurde. Doch wann genau stand da in dieser versteckten Notiz nicht drin. Zwischen dem ersten von ihr und dem ersten von ihm, das war wiederum einfach. Viele Hexen, vor allem Hebammen, markierten die Länge einer Geburt vom ersten einer Senkwehe entspringendem Schrei der Gebärenden und dem ersten Schrei des Neugeborenen. Ein Umhang, der den Zauber „Umbra Novae Lunae!“verstärkte, den aber auch bei Körperkontakt auf bis zu zwei Begleiter ausdehnen konnte, das war wahrlich ein Geniestreich erster Güte. Gut, nachdem was sie von Canopus Hertzsprung gehört und gelesen hatte war der als Thaumaturg und Alchemist nicht weniger bewandert wie als Astronom und Astralzauberer. Alles zu verbinden brachte dann sowas machtvolles hervor, denn unenthüllbare Unsichtbarkeit war eine Macht für sich, wie Anthelia und sie ja erst vor kurzem wieder einmal erfahren hatten.
„Mit diesem Umhang und noch dazu mit diesen drei mir unbekannten Zaubern des Uranus kann ich das Werk von damals endlich fortsetzen und selbst Anthelia überflügeln. Allerdings muss ich dann auch was gegen Gedankenaufspürer wie sie und diese Zaubertrankpanscherin Fixus aus Beauxbatons machen.“ Da musste sie grinsen. Wenn sie wusste, was der um sein Familiengeheimnis gebrachte Zauberer mit Fokussilber meinte konnte sie damit sicher auch einen Gegenstand herstellen, der ihre Gedanken verhüllte. Velamen Mentis, der Gedankenschleier, half allen, die stark genug zaubern konnten und galt als ebensogut wie Okklumentik, eben nur, dass es riskant war, ihn zu wirken. Denn er konnte bei falscher Anwendung zum Wahnsinn führen und / oder die vollständige Erinnerung des Anwenders auslöschen. Falls es einen Weg gab, ihn dauerhaft auf einen geeigneten Trägergegenstand zu wirken konnte sie damit auch für Gedankenhörer unauffindbar werden. Ja, die unsichtbare Bogenschützin musste sowas an oder sogar in sich haben, weil Anthelia sie nicht mit ihrem Gedankenspürsinn erfassen konnte.
„In zehn Tagen ist der 29. Februar. Ich muss bis dahin herauskriegen, wo genau in Uganda diese tiefe Höhle sein soll und wie ich da ohne Wissen des Skatclubs und der Urwaldtrommler hinkomme. Hoffentlich hat sich Vettius den nicht schon geholt und weggepackt. Dann habe ich nur eine interessante Geschichte zu lesen bekommen“, dachte Albertrude Steinbeißer.
Doch die Begierde war entfacht. Sie, die Erbin Gertrudes, würde sich dieses Machtmittel verschaffen, von dem wohl außer Vettius Hertzsprung niemand wusste, außer jener, die damals dessen Vater ausgehorcht hatte. Lebte die noch? Falls ja, dann konnte sie sich immer noch an sie wenden, sogar höchst ministeriell. Denn dass sie für das Zaubereiministerium arbeitete wussten ja wirklich genug. Ja, und sie wusste auch, wer die betreffende Hexe war. Sie hatte ja alles aufgeschrieben, was sie erlauscht hatte. Wieso hatte die nicht auch danach gefragt, auf welchem Breiten- und Längengrad diese Höhle zu finden war? Sie setzte wohl voraus, dass das kein Akt war. Es ging ja darum, die fünf Namensgeber der Vorfahren zu kennen und Kepheus mit einzubeziehen. Kepheus war ein Sternbild in der Nähe des Himmelsnordpols, neben der als Himmels-W bezeichneten Kassiopeia. Canopus wiederum war der hellste Stern im Sternbild Kiel des Schiffes oder auch Carina, das überwiegend am südlichen Sternenhimmel zu sehen war. Also musste die Höhle bereits so gelegen sein, dass beide Sternbilder von ihr aus sichtbar waren. Sie musste jetzt unbedingt die Vorfahren von Vettius Hertzsprung ermitteln und erkunden, welche Sternennamen diese erhalten hatten. Auch wusste sie, dass das Ziel in Uganda liegen musste. Das würde sie in der verbleibenden Zeit schaffen. Ansonsten musste sie vier weitere Jahre warten. Doch das wollte sie nicht.
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21.02.2008
Anthelia war wieder zurück. An allen Orten, die sie überprüft hatte konnte sie jene ihre Erkundungszauber spiegelnden Kräfte im Boden finden. Auch in jenem Gebiet, wo die Kriegerin Mirianshara begraben worden war hatte sie starke Gegenströmungen erfühlt. Aber da war noch was, eine Art von Tarn- oder Abweisungszauber, um Leute wie sie von diesem Ort fernzuhalten. Für sie hieß das, dass dort bereits schon einmal jemand gegraben und welche Waffe auch immer freigelegt hatte. Womöglich war dabei einer der Ausgräber zum vorübergehenden Wirtskörper der Turmkriegerin geworden, war aber wohl von Mirianshara als nicht würdig oder unpassend erkannt worden. Anthelia konnte sich das sogar sehr gut vorstellen. Immerhin hatte sie damals selbst darauf bestanden, dass Barty Crouches entseelter aber atmender Körper erst umgewandelt wurde, bevor sie darin wiederverkörpert wurde. Wenn bei der Ausgrabung nur Zauberer mitgeholfen hatten konnte Miriansharas Geist vor lauter Wut erst mal alles kurz und kleingehauen und sich dann selbst getötet haben, um wieder aus diesem fremden Körper herauszukommen. Dabei hätte sie einfach nur ihre Waffe fallen lassen müssen, wusste Anthelia wegen der Sache mit dem Kriegshammer und der schlafenden Schlange. Jedenfalls konnte sie nun aus den Reihen der in Europa lebenden Mitschwestern Gruppen bilden, die über die dortigen Grabstätten wachten, ohne aufzufallen. Das ging nur durch ständige Wachablösungen. Sie sollten auch nicht zu nahe an jenen Orten sein, sondern eher beobachten, ob sich dort andere Hexen und Zauberer hinwagten. Doch was sie eindeutig unternehmen wollte war, Aktionspläne auszuarbeiten, falls doch der eine oder andere Turmkrieger erweckt werden sollte. Darum ging es ihr nun, nachdem sie wusste, dass es diese Gefahr gab.
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06.03.2004
Sie hatten es geschafft, einen weit ab vom Eingang gelegenen Ausgang aus dem Berg zu finden. Allerdings waren sie dabei auch mehr als 20 Kilometer von ihrem abgestellten Wagen entfernt herausgekommen. Mit dem Horchgerät Little Ear lauschte Kohlhas auf verdächtige Geräusche und vor allem Schritte. Wenn sie wen hörten, der ihnen nicht gefiel mussten sie in Deckung gehen. Denn hier draußen schützten sie keine verzweigten Gänge und Höhlen. Dann fing das hochempfindliche Mikrofon von Little Ear die Geräusche ein, die sie am wenigsten zu hören wünschten. Schüsse, weit entfernt zwar, aber eindeutig Schüsse aus Schnellfeuerwaffen.
„Wo genau ist das?“ wollte Burmester wissen, bevor er die geisterhaft verwaschenen Echos der Salven hörte. „“Da wo wir in den Berg eingedrungen sind, Professor. Ja, jetzt höre ich den Widerhall. Ui, gut das Little Ear eine Lärmschutzfilterung hat. Holla die Waldfee! Die beharken sich gerade in der Eingangshöhle. Das rattert und schwirrt jetzt wie bei der Landung in der Normandie.“
„Die sind irre. Die verlieren sich in den Höhlen, wenn die da reinrennen.“
„Wissen wir, ob wir nicht ganz viel Glück hatten, dass wir noch vor denen wieder da raus sind?“ fragte Burmester. Er dachte zurück an die Erlebnisse um den nur alle vier Jahre wiederkehrenden Tag, an dem sie meinten, einem besonderen Windphänomen auf die Spur kommen zu müssen und dabei ausgerechnet sein Neffe Erasmus, Garant für ihre finanzielle Sorglosigkeit, in einem instabilen Schacht verunglückte und dort wohl für die nächsten Jahrtausende oder Jahrmillionen begraben bleiben würde. Was hatte sie echt geritten, in diesen einen Stollen einzudringen? Auf jeden Fall wollte er nun, wo Kohlhas sie mit Hilfe der verbliebenen Mess- und Horchgeräte aus den Höhlen hinausgeführt hatte, keinen einzigen Menschen seiner Gruppe mehr verlieren.
„Wenn die Armee sich mit den Aufständischen schießt schickt sie gleich noch Hubschrauber“, sagte Burmester. Kohlhas nickte. „Kaum erwähnt, Professor, da höre ich schon die Infraschallwellen von mindestens einem Heli aus südwest. Der könnte unseren Weg überfliegen.“
„Okay, alle in Deckung da unter den Felsüberhang!“ befahl Burmester. „Wenn die IR-Geräte an Bord haben nützt uns die volle Deckung kein Stück“, wandte Altmoser ein. „Ja, aber wollen sie aus der Luft heraus abgeschossen werden wie eine Tontaube?“ fragte Hinze ihn und damit auch die anderen. Natürlich wollte das keiner. So eilten sie zum Berghang zurück und fanden einen Felsvorsprung, der breit genug war, um darunter vor Scheinwerferlicht sicher zu sein. Da kam die Maschine auch schon angeknattert. Ein meterbreiter, greller Lichtfleck tastete sich über den steinigen Weg, auf dem die vier Überlebenden vor einer Minute noch gelaufen waren.
Der Helikopter strich mit dem Höllenlärm seines Hauptrotors und seiner Turbine in nur zweihundert Metern über den Weg der Quelle der von Kohlhas und den anderen gehörten Schüsse zu. Der von ihm auf den Boden gebrannte Lichtfleck glitt nach links und rechts und entfernte sich mit der Flugmaschine. „Wenn die Aufständischen den Heli hören werden sie entweder mit allem um sich schießen was sie haben oder sich in den Höhlen einbunkern und da Hinterhalte legen. Das kann jetzt viele Tage lang so gehen, bis welche von den einen oder den anderen aus unserem Notausgang klettern, und dann haben wir die Kerle hier bei uns“, stellte Kohlhas eine Vermutung an.
„Das passt mir nicht, Herr Ingenieur, aber Wahrscheinlich haben Sie Recht“, knurrte Altmoser. „Mir passt das auch nicht, Herr Bergveteran“, erwiderte Kohlhas.
„Wie viel Akku haben Ihre Geräte noch, Herr Kohlhas?“ fragte Burmester.
„Ich habe den Lidar schon auf Sparflamme runtergefahren. Achso, die Antwort lautet für noch eine Betriebsstunde. Da wir die Einwegbatterien zurücklassen mussten war es das dann mit meinen Extrasinnen“, sagte Kohlhas.
„Gut gut! Wenn der nächste Heli hier anschwirrt geben wir mit den Knicklichtern Zeichen, dass wir uns ergeben. Egal was unser großer Sponsor dazu sagt. Ich will lieber von der amtlichen Armee als von geld- und machtgierigen Freischärlern erwischt werden, wenn wir die nicht mehr früh genug hören.“
„Im Moment hören wir die ganz gut“, meinte Altmoser und wies auf den Berg, aus dem wie Grüße aus einer längst vergangenen Schlacht die Echos ferner Schüsse zu ihnen hinausdrangen.
Eine halbe Stunde später hörte erst Little Ear die Infraschallwellen die Luft zerteilender Rotorblätter. Dann hörten es auch alle organischen Ohren, was da ankam.
Der Mond schien schwach zwischen den Bergen hindurch. Der sich nähernde Scheinwerferstrahl war bereits heller. „So sehen die unsere Lichter aber nicht“, meinte Altmoser.
Nur gleichmäßig leuchten, keine Blink- oder Blitzbewegungen, sonst halten die das für feindliches Feuer“, riet Kohlhas über den Lärm der anfliegenden Maschine hinweg. Dann war der Helikopter auch schon über ihnen. Sie hielten alle je zwei der letzten Leuchtstäbe in die Höhe, ganz ruhig, sich dem ausliefernd, was immer kommen sollte. Da ging der Scheinwerfer aus. Die plötzliche Dunkelheit war genauso schmerzlich wie aufblendendes Licht. Dann begann das laut schrillende und wummernde Fluggerät über ihnen zu kreisen wie ein Aasgeier. Offenbar musste die Besatzung Meldung machen, acht kleine, grüne Lichtpunkte am Boden zu sehen, die kein Mündungsfeuer waren. Dann erklang aus den Bordlautsprechern erst eine in Swahili und dann im verständlichen Englisch gesprochene Aufforderung: „Näher an den Berg ran und warten, bis wir gelandet sind! Kein Fluchtversuch und keine überhasteten Bewegungen! Unser Bordgeschütz hat Sie erfasst.“
„Leute, welche Farbe haben die von der LRA. Sind die genauso bleichgesichtig wie wir?“ fragte Kohlhas auf Englisch nach oben. Burmester hätte ihm dafür fast einen Faustschlag verpasst. Doch gerade so besann er sich, bloß keine hastige Bewegung auszuführen.
„Sind sie die Gruppe Bjurmister aus Deutschland?“ hörten sie unvermittelt eine andere Männerstimme fragen. Horst Burmester trat mit zwei langsamen Schritten vor und blickte nach oben, wobei er seine Augen schloss. Dieser Scheinwerfer war widerlich grell. „Gut, Platzmachen! Wir landen und nehmen Sie auf!“ rief die zweite Stimme über die Bordlautsprecher.
Der Hubschrauber wirbelte eine Menge Sand und Staub auf, als er nur fünfzig Meter von ihnen entfernt auf einer gerade ausreichenden Fläche landete. Keine fünf Sekunden später war die Seitentür offen, und fünf behelmte und schwerbewaffnete Männer in Uniformen sprangen aus der Maschine, deren Rotorblätter gerade so schnell kreisten, dass sie nicht abhob.
Die vier Überlebenden wurden von den Soldaten umstellt und dann in die Mitte genommen. Im Laufschritt ging es zum Helikopter. Bis auf Burmester hatten sie alle schon Hubschrauberflüge miterlebt und wussten, wie sie in den Helikopter einzusteigen hatten. Der war groß genug für zwanzig Mann. Offenbar hatte die Maschine schon Personal am Kampfplatz abgesetzt.
Altmoser kletterte mit weit vorgebeugtem Oberkörper in die Kabine hinein. „Brr, macht a Mordswind, dieser Teppichklopfer.“ Burmester wollte gerade darauf antworten, als über das wilde heulen der Turbine hinweg ein dumpfer, mehrfach nachhallender Knall erscholl. Zwei der Soldaten sprachen zueinander und lachten schadenfroh. Burmester konnte sich denken, was passiert war.
Die Zugestiegenen erhielten Kopfhörer mit angeschlossenen Mikrofonen und schnallten sich an. Als der Hubschrauber abhob fragte einer der Soldaten auf Englisch: „Wo ihr rausgekommen?“ Burmester wusste sofort, was die Frage sollte. Er wollte erst die Antwort verweigern. Doch als der Soldat eine schwere Armeepistole zog und auf Kohlhas zielte, den er als den jüngsten Mann der Runde erkannte sagte er: „Etwa fünf englische Meilen von hier, acht Kilometer in der Richtung weiter wo Sie herkommen.“
„Großer Eingang?“ fragte der Soldat, der gebrochenes Englisch sprach. „Spalt, schmal, nur so breit wie ein Mensch“, gab Burmester Auskunft, obwohl er wusste, dass er gerade wohl eine unbekannte Zahl von Menschen zu einem sehr langsamen, qualvollen Tod verurteilte. Hinze sah ihn verdrossen an, weil sie genau dasselbe dachte. Doch als auch ihr eine Pistole entgegengehalten wurde und „Frau ruhig!“ gerufen wurde. fragte sie sich wohl, ob sie so christlich war, ihr Leben für eine Gruppe gewaltbereiter Krieger einzutauschen, die ihr das womöglich nie gedankt hätten.
Wie Burmester befürchtete flog die Maschine erst in die Richtung weiter, aus der er und seine Gruppe gekommen waren. Offenbar hatte da vorne wer die Infrarotoptik im Blick. Denn er gab dem Piloten Anweisungen und dann ein Handzeichen. Der Scheinwerferstrahl reckte sich dem Berg entgegen und erfasste das schroffe Felsgestein. Sein Widerschein war weißgrau, bis auf eine pechschwarze Stelle, die eindeutig ein Spalt im Fels war, der das Licht restlos verschluckte. „Nur sie da rausgekommen?“ fragte der Soldat mit den offenbar unzureichenden Englischkenntnissen. „Ja, nur wir. Nur wir alleine“, erwiderte Burmester resignierend. Der Soldat gab es nach vorne weiter.
Jetzt stieg der Helikopter und beschleunigte, weg vom Berg. Womöglich war eine weitere Maschine im Anflug, die den gerade lokalisierten Ausgang unter feuer nehmen oder wie den ersten, den großen Eingang sprengen würde, damit niemand mehr entkam.
Sie waren bereits mehrere Minuten unterwegs, als ihnen vom Boden her Raketen entgegenschwirrten. „Stingers. Die haben Stingers“, erschrak Kohlhas. Doch in dem Moment schossen aus dem Hubschrauber unzählige kleine feurige Kometen mit langen flammenden Schweifen heraus. Die Raketen prallten darauf und explodierten weit genug von der Maschine entfernt. „Ja, und die Ugander haben offenbar moderne Raketenabwehrsysteme“, sagte Hinze. „Das ist der Teufelskreis des Wettrüstens. Hier in Afrika ist er noch immer wirksam.“
Den Rest der Flugreise verbrachten sie im trüben Angedenken ihres Kameraden und Verwandten Erasmus Söderdiek, von dem sie alle dachten, dass er entweder unter dem Trümmerhaufen des Schachtes begraben lag oder nun seit mindestens einem Tag verhungert und verdurstet war, falls ihn der merkwürdige Sog, den sie am 29. Februar um sechs Uhr morgens wahrgenommen hatten, nicht getötet hatte.
Gitta Hinze fühlte sich nicht wohl, wenn die Soldaten sie ansahen. In ihrem Kopf geisterten Schreckensbilder von hilflosen Frauen in einem rudel sexuell ausgehungerter Männer. Auch wenn sie alle gerettet worden waren, hieß das, dass sie unbehelligt blieb?
Erst einmal ging es zu einer Armeeniederlassung. Als sie dort aus dem Hubschrauber hinausgetrieben wurden dachten alle, gleich in einer Gefängniszelle zu landen. Doch dann kamen vier nach europäischer Geschäftsmode gekleidete Afrikaner und eine weiße Frau im Hosenanzug auf sie zu. Wer waren die.
„Guten Abend miteinand“, grüßte die Frau auf Deutsch mit einer Mischung aus schweizerischem und französischem Akzent. Dann stellte sie sich als Amélie Büttner vor und dass sie von der schweizer Botschaft entsandt worden sei, die Rückkehr der vermissten Expeditionsteilnehmer zu gewährleisten. Danach stellte sich einer der vier schnieke angezogenen Afrikaner als Golo Mbutu vom Handelsministerium vor. Die drei anderen waren vom Außen- und vom Sicherheitsministerium Ugandas.
„Handelsministerium?“ zischte Kohlhas. Doch Burmester bedeutete ihm, zu schweigen. Dann fragte die Frau, die sich als Amélie Büttner vorgestellt hatte, wo Erasmus Söderdiek verblieben sei. Zum einen zeigte sie damit, dass sie wusste, wer wer war und wer fehlte. Zum anderen konnte Burmester nun die mit den anderen abgestimmte Auskunft geben, die er auch jedem anderem, einschließlich seiner Schwester Heidi und ihrem steinreichen Ehemann geben würde. Die Abgesandte der schweizer Botschaft brachte ihr Bedauern zum Ausdruck. Dann übersetzte sie es auf Swahili. Das schien dem Vertreter des Handelsministeriums nicht zu gefallen. Doch sein Kollege aus dem Außenministerium rief ihn zur Ordnung. „Was für ein Film wird denn jetzt gedreht?“ fragte Kohlhas den Professor leise. „Klären wir, wenn wir aus dem Kino wieder raus sind, Fritz“, sagte der Professor. Es war das erste mal, dass er einen seiner Mitarbeiter beim Vornamen nannte.
„Wenn der Abspann mit den Namen der Beteiligten komt weiß ich es auch“, sagte Kohlhas. „Bitte nicht flüstern, das ist unhöflich“, rief die Schweizerin die Deutschen zur Ordnung. Dann machte sie zum Erstaunen der afrikanischen Männer eine klare Ansage: „Sie Alle geleiten mich mit meinem Helikopter nach Kampala. Ihre Pässe liegen bereits in der Botschaft. Sie werden Ihnen morgen früh ausgehändigt. Um acht Uhr geht eine Maschine der Swiss Air nach Zürich. Wir haben ein Sonderkontingent für diplomatische Reisende. Daher können Sie mit dieser Maschine mitfliegen. Das werden Sie tun, damit diese Angelegenheit zu einem für alle erfreulichen Abschluss kommt. Haben Sie das verstanden?“
„Vollständig“, sagte Burmester und fügte hinzu: „Gibt mir das auch die Gelegenheit, mich bei Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen von der Schweizer Botschaft zu bedanken, dass Sie für uns vermitteln.“
Als sie dann mit der Dame von der Botschaft in einem kleineren Hubschrauber mit den Hoheitszeichen der Schweiz davonflogen atmete Gitta Hinze hörbar aus.
„Hoffen wir, dass wir morgen früh gutes Wetter haben. Die schweizer Alpen von oben sind ein unvergleichlicher Anblick“, sagte Burmester.
Als sie dann in einem Gästetrakt der schweizer Botschaft in Drei Zimmern untergebracht waren fragte Kohlhas den Professor leise: „Glauben Sie, dass Herr Söderdieks Vater für uns was gezahlt hat, um uns da rauszuholen?“
„Vordringlich mich und ja, unseren wackeren Abenteurer Erasmus Söderdiek Nein, ich glaube es nicht, Herr Kohlhas, ich weiß es mit Sicherheit. Erstens hätte sonst keiner vom Handelsministerium auf uns gewartet. Zweitens hätten sich die Ugander nicht darauf eingelassen, dass die Schweizer uns abholen und nach Hause bringen. Drittens hätte der selbst Klaus Störtebeker sein halbes Geschäftsvermögen überlassen, wenn er davon ausgeht, dass sein Sohn nach Hause kommt. Der Ehevertrag mit meiner Schwester zwingt ihn dazu. Um so heftiger könnte es uns alle treffen, wenn er erfährt, dass ausgerechnet sein Sohn als einziger nicht mehr nach Hause kommt. Aber das muss und werde ich auf mich allein nehmen. Immerhin habe ich ihm angeboten, da runterzuklettern. Und jetzt bitte leise, schweizer Uhren gehen sehr genau, und die Wecker unter ihnen sind noch gründlicher.“
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28.02.2008
Unauffälligkeit, so lautete ihr Gebot der Stunde. Es war nicht einfach gewesen, für die Tage um den alle vier Jahre wiederkehrenden 29. Februar herum freizubekommen, ohne sich fragen lassen zu wollen, warum. Ihre Begründung war am Ende sehr bescheiden, aber glaubhaft: Sie hatte Post von einer Brieffreundin aus Kanada erhalten, die am 29. Februar ihren 48. Geburtstag begehen wollte und auf einem Landgut weitab der nichtmagischen Zivilisation feiern wollte. Damit konnte sie zwischen dem 28. Februar und dem 3. März verreisen. Viele hatten wohl auch hinter ihrem Rücken getuschelt, dass es eine geheime Liebschaft sei, mit der sich Albertine Steinbeißer ein paar herrliche Tage und Nächte machen wollte. Sollten sie doch, diese Klatschtanten und Gerüchteköche. Umso besser konnte sie ihre wahren Absichten verbergen.
Nachdem sie die Freistellung und die Ausreisegenehmigung erhalten hatte kam das eigentliche Problem. Wo genau war die Höhle? Das es eine Höhle war stand ja in den geheimen Notizen, die sie in jenem Buch über die dunklen Seiten der Sterne gefunden hatte. Sicher war auch, dass Canopus Hertzsprung mehrere Monate gebraucht hatte, einen genauen Lageort zu finden, der im Schnittpunkt eines magischenFünfecks liegen musste, dessen Ecken aus dem gebündelten Licht von fünf dort sichtbaren Sternbildern bestand, die jenen besonderen und raumgreifenden Zeittresor in Kraft hielten, damit der sich alle vier Jahre öffnete. Sie wusste noch nicht genau wann, deshalb musste sie bereits um Mitternacht am 29. Februar dort eintreffen und warten. Falls sie an der richtigen Stelle wartete und sich der Zeittresor öffnete musste sie womöglich innerhalb einer Stunde alles an sich nehmen, was dort war, durch alle Barrieren hndurch, die Canopus außerhalb der Zeitentrückung errichtet hatte. Denn falls Kepheus‘ Geburt nur eine Stunde gedauert hatte und sie nach dieser einen Stunde noch im Wirkungsbereich des Zeittresors war würde sie mit allem was noch drin war für weitere vier Jahre verschwinden. Ob sie diese vier Jahre bewusst erlebte, oder ob sie einfror und bei neuerlicher Öffnung wieder auftaute wusste sie nicht. Falls sie im Tresor gefangen weiterlebte würde sie in den vier Jahren verhungern und verdursten. Dann würde wer immer das nächste Zeitfenster nutzte eine zum halben Skelett verweste Albertrude Steinbeißer finden, von der nur die Augen noch intakt sein würden. Eine Horrorvorstellung für sie. Also galt es, keine Zeit zu verschenken.
Die Tage bis zum 28. Februar rätselte sie mit durchsichtigen Sternenkarten aus ihrem eigenen Bestand und einer beliebig vergrößerbaren Weltkarte, wo die Sternbilder zu sehen waren. Mittlerweile hatte sie die fünf Sternbilder ermittelt. Ein Blick in den Almanach der größten Astronomen der magischen Welt hatte ihr die gewünschten Namen geliefert. Eridanus war Canopus Großvater gewesen. Weil es Tradition in der Familie war, den ersten Sohn mit einem Sternen- oder Sternbildnamen zu benennen hieß der erstgeborene Sohn Antares, also der Leitstern im Skorpion, astronomisch α Scorpii. Dann hatten Canopus‘ Eltern noch eine Tochter bekommen, die sie Regula, die weibliche Form von Regulus, dem Leitstern des Löwen, astronomisch α Leonis nannten. Regula wurde die Mutter von Canopus, dem Leitstern im Kiel des Schiffes, also α Carinae. Damit waren alle fünf Sternbilder klar, Eridanus, Skorpion, Löwe, Kiel des Schiffes und Kepheus. Alle mussten am 29. Februar vollständig sichtbar sein. Das schränkte die Standorte ein. Einen Hinweis hatte sie bekommen, es war Uganda. Da Kepheus, der am Nordhimmel schon in der Nähe des Himmelspols zu finden war, nur bis zu zwei Grad über dem Erdäquator vollständig zu beobachten war galt es, bis dort zu suchen, Weiter südlich lohnte es sich schon nicht mehr. Immerhin konnten die vier anderen Sternbilder in diesem geringen Abstand zum Äquator vollständig beobachtet werden. Dann hatte sie heraus, wo ein Schnittpunkt liegen musste, an dem sich die fünf Linien treffen mussten, die ein Pentagramm ergaben. Sie notierte die Koordinaten und ließ den Ausschnitt Afrika über die Hälfte der Karte vergrößern. Dann hatte sie die Lage auf eine halbe Winkelsekunde genau. Ja, und dort lagen tatsächlich Berge, in denen es Höhlen geben konnte. Nun galt es, möglichst nahe an den ausgeknobelten Punkt heranzukommen und sich dabei weder von den nichtmagischen Soldaten noch von den Mitgliedern des ugandischen Zaubereiministeriums erwischen zu lassen. Wenn Hecate ihr ganz schlimm mitspielen wollte, dann warteten dort bereits Zauberer und Hexen des ugandischen Zaubereiministeriums, weil sie erfahren hatten, dass sich dort alle vier Jahre ein Zeittresor öffnete. Also galt es mal wieder, Maske zu machen und nicht als blondhaarige Albertine Steinbeißer zu verreisen. Da sie im Übungskurs mit ihren neuen Augen gelernt hatte, dass sie sich nur noch teilweise verwandeln konnte, Gesicht und Hautfarbe jedoch problemlos ändern konnte, beschloss sie sich als Afrikanerin auszugeben, die im Auftrag einer außerministeriellen Organisation die Wiederkehr einer magischen Verschiebung untersuchen sollte. Das hieß jedoch auch, dass sie die korrekte Kleidung jener Gegend tragen musste und nicht mit Albertines Zauberstab auftreten durfte, weil dessen Angaben ja wegen ihrer Ministeriumszugehörigkeit im internationalen Zauberstabverzeichnis, englisch International Wand Index I.W.I. verzeichnet war. Doch auch für den Fall hatte sie vorgesorgt. Während Ladonnas Eroberungsfeldzug und weil sie nach ihrer Wiedergeburt als Albertrude jederzeit damit rechnen musste, verdeckt gegen das Ministerium zu handeln, besaß sie drei Zauberstäbe. Sie prüfte, welcher von denen ihrem gewohnten Stab am nächsten kam. Als sie einen fünfzehn britische Zoll langen Stab aus Eschenholz mit dem Haar einer Einhornstute als passenden Ersatzstab ermittelt hatte packte sie einen Weltenbummlerrucksack mit allem was nötig war und reiste offiziell in Richtung Kanada aus Deutschland aus.
In der Grenzstation Kanadas angekommen ließ sie sich und ihren Standardzauberstab registrieren, zahlte die Einreisegebühr und flohpulverte sich in einen öffentlichen Kamin bei Winnipeg. Von dort aus apparierte sie dann über zwanzig Etappen nach Brasilien. Dort wiederum stellte sie einen wörtlich auslösbaren Portschlüssel her, den sie ortungssicher machte. Dann, am 28. Februar um 12:20 Uhr Ortszeit verschwand sie vom südamerikanischen Kontinent, um nach einer Reise von einer Minute nur drei Kilometer von jenem Bergmassiv entfernt anzukommen, in dem sie nach jener Höhle suchen wollte.
In Uganda war es bereits 18:23 Uhr. Wenn sie Pech hatte öffnete sich das Zeitfenster genau um Mitternacht. Also musste sie einiges wagen, um noch davor die Stelle zu finden, wo sie eine Spur von Magie erkennen konnte.
Da sie ihren eigenen Tarnbesen mitgebracht hatte war es für sie kein Akt, unsichtbar zu jenem Berg hinzufliegen, der den Koordinaten am nächsten lag. Dann fiel ihr was ein. ein Bildverpflanzungszauber mochte die natürliche Kraft der Sterne verfälschen oder gar auflösen. Auch hatte Kepheus unfreiwillig erzählt, dass sein Vater regelrechte Leitungen verlegt hatte, die das Licht der fünf Sternbilder bündeln konnten. Diese Leitungen mochten gerade haarfein bis metergroß sein. Auf jeden Fall mochte sie diese von oben her sehen, wenn sie ihre Augen auf die größte Vergrößerung einstimmte. Mit ihnen konnte sie alles auf zwei Kilometern so nahe sehen, als wenn es erst wenige Meter entfernt war. Das ging jedoch nur, wenn keine undurchsichtigen Hindernisse in der Ausrichtung standen. Doch um fünf nicht zufällig ein Pentagramm bildende Löcher zu sehen musste sie ja nur über dem Abschnitt kreisen, der den von ihr ermittelten Koordinaten am nächsten lag. Allerdings ragte der Berg an die dreitausend Meter auf. Das ging mit dem Harvey gerade noch soeben.
Die Sonne ging langsam unter. In der Umgebung waren keine fremden Menschen zu erkennen. Albertrude kreiste mit der niedrigsten Geschwindigkeit, die den Besen in der Luft hielt über dem Berg, flog Achten und Spiralen aus. Dann, um eine Minute vor acht Uhr abends, sah sie das nur federkielgroße Loch, dass in einen Schacht hinunterführte. Albertrude landete und lotete mit ihrem Ersatzstab die Tiefe aus. Doch ihr Erkundungszauber wurde regelrecht verschluckt, und ihr Zauberstab kühlte sich immer mehr ab. Doch statt sich zu erschrecken hätte sie fast einen Luftsprung gemacht. Diese Art von thermophager Kraftentzug war typisch für einen Kraftsammelzauber, der gemessen an der zu überwindenden Strecke viel Kraft aus dem dort hineinwirkenden Zauberstab saugte. Jetzt hatte sie sogar noch eine viel bessere Idee, um die vier anderen Löcher schneller zu finden. Sie erzeugte mit den auf dem Berg herumliegenden Gesteinsbrocken kleine Flugkörper, die knapp über dem Gipfel dahinflogen und ihn ständig umkreisten. Gerieten sie dabei in den Krafteinsauger von Canopus, wurden sie wie von Magneten angezogen und blieben dort liegen, wo sie landeten, bis die ganze in sie eingewirkte Magie ausgezehrt war und die Testkörper dabei womöglich unter den Wassergefrierpunkt abkühlten. Dann konnte es sogar passieren, dass die Testkörper zerplatzten, weil das in ihnen eingeschlossene Wasser zu Eis wurde und sich freisprengte.
Immer noch auf der Hut, nicht von plötzlich anstürmenden Zauberern erwischt zu werden schickte sie die Testkörper los. Innerhalb von dreißig Minuten wurde einer nach dem anderen aus der Luft herabgezogen und knallte förmlich auf eine Stelle. Dabei glomm er blau auf. Albertrude hatte genug zeit, um die sich bildende Figur genauer zu betrachten. Ja, da entstand ein Pentagon, das wenn die Außenlinien ausgelassen wurden, als Pentagramm erschien. Die Linien trafen sich an einem genau erkennbaren Punkt unter dem Berggipfel. Die Fläche des Gebildes betrug fünfzig mal fünfzig Meter. Falls Canopus die Licht- und Magieleitungen völlig lotrecht in den Berg hineingeführt hatte war dies wohl die Wirkungszone für den Zeittresor. Falls sie jedoch im 45-Grad-Winkel verliefen war die Fläche je danach, wie tief es hinunterging womöglich nur zwei Meter groß, wohl gemerkt, je danach, wie tief es hinunterging.
Albertrude sicherte noch einmal, dass niemand ihr Experiment beobachtet hatte oder bereits unterwegs war, um sie festzunehmen. Dann landete sie genau im Schnittpunkt der Pentagrammlinien.
Es war neun Uhr, als sie es schaffte, bis durch die Gesteinsschichten bis zu einem Hohlraum in hundert Metern tiefe zu sehen. Da sie wegen der zu erwartenden viele Dutzend Meter starken Felsmassen erst nur den Durchdringungsblick benutzen konnte musste sie hoffen, dass sie nicht in eine Apparatorenfalle hineinsprang. Sie überlegte kurz, ob sie es wagen sollte. Dann steckte sie ihren Besen in den Rucksack und wagte den Sprung.
Dunkelheit empfing sie. Ein schneller prüfblick mit der Aurenerkennung zeigte ihr, dass hier keine ihr feindliche Magie wirkte. Dann blickte sie wieder nach unten. Diesmal musste sie bis zu fünfhundert Meter tief schauen und fühlte ihre Augen erbeben. Doch dann hatte sie den nächsten Hohlraum. Sie prüfte, ob der groß genug für sie war und apparierte erneut.
Es war keine Kammer, sondern ein Stollen, in dem sie apparierte. Der Stollen verlief in sanften Windungen aus mehreren hunderte Metern hinter ihr mehrere Kilometer weit nach vorne. Ein gewisser Luftzug bewies ihr, dass der Stollen mit anderen Höhlen und wohl auch der Außenwelt verbunden war. Schnell blickte sie zur Decke, um zu sehen, ob die fünf Lichtleitungen noch zu sehen waren. Lichter sah sie keine. Mit der Aurenerkennung erfasste sie, dass von oben sich um sich selbst drehende Kraftstränge nach unten führten. Canopus hatte also wahrhaftig lotrechte Lichtbündelungs- und Weiterleitungen hinbekommen. Die gerade als Einheimische auftretende Albertrude, bei der nur die Augen verrieten, wer sie wirklich war, blickte nun weiter hinunter. Denn sie war sich sicher, dass sie jede Art von Magie sehen musste, die am Zielort wirkte. Einen Zeittresor hatte sie bisher nicht mit ihren neuen Augen gesehen. Das würde bestimmt spannend.
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10.03.2004
Kurt Möller, der Chauffeur von Erich Söderdiek, wartete persönlich am Terminal für Auslandsreisende des Flughafens Hamburg. „Jedenfalls müssen wir nicht nach Canossa gehen, sondern werden gefahren“, kommentierte Horst Burmester diesen Service, bevor der Chauffeur in Hörweite kam. „Professor Burmester, Frau Doktor Hinze, Herr Altmoser, Herr Kohlhas. Willkommen in Hamburg“, grüßte der in einer beigen Chauffeursuniform mit passender Mütze gekleidete Fahrer.
„Wir bedanken uns dafür, dass Sie uns abholen, Herr Möller. Auch wenn wir Ihrem Dienstherren eine sehr schlechte Nachricht überbringen müssen erachten wir es doch als großes Entgegenkommen, dass wir nicht mit einem Taxi zu ihm fahren müssen.“
„Ihr Telefonat mit Herrn Söderdiek wurde von ihm nicht an uns vom Dienstpersonal weiterberichtet. Er wirkte jedoch sehr betrübt.“
„Das deckt sich mit meiner Stimmungslage, Herr Möller. Mit welchem Wagen sind Sie da?“ fragte Burmester und erwartete „Mit dem alten VW-Bus“ zu hören zu bekommen. Doch es war, o Wunder, der diamantschwarze VW Phaeton, die Präsentationslimousine seines Schwagers.
Als sie alle im Fond des für bis zu sechs Personen ausgebauten Wagens platzgenommen hatten lenkte der Fahrer diesen vom Stellplatz in einer der Tiefgaragen des Flughafens Hamburg. Es ging dann aus Fuhlsbüttel hinaus in Richtung Altona und von da in das Stadtviertel Blankenese. Dort fuhren sie an der Elbe entlang bis zu einer Einfahrt zu einem großen Tor in einer weißen, vier Meter hohen Mauer. Der Chauffeur drückte auf einen Knopf am Lenkrad und hielt ihn niedergedrückt. Darauf tat sich das Tor auf. Der Phaeton glitt schnurrend über die breiten haarfein verfugten Granitplatten hinweg zwischen den Bäumen eines kleinen Parks vorbei, bis sich unvermittelt der Boden vor ihm absenkte und eine abschüssige Rampe bildete. Dabei gähnte ihnen ein rechteckiges Loch entgegen, in das der Wagen hineinsteuerte. Es ging mindestens zehn Meter unter die Oberfläche. Während sie hinabfuhren klappte die Rampe wieder nach oben und verschloss den Eingang mit einem massiven Block. Gleichzeitig ging eine Batterie von Xenonlampen an und leuchtete jeden Winkel des weitläufigen Raumes aus.
Außer Burmester war keiner der vier jemals hier unten gewesen. Daher staunten sie alle, als sie sahen, dass es eine Tiefgarage mit mehr als zwanzig freien, weiß markierten Stellplätzen gab. Vier weitere Fahrzeuge standen hier schon. Ein silberner Aston Martin DB5, ein blauer Jaguar F-Type, ein orangeroter VW-Bus Anno Blumenkinderzeit und ein himmelblauer Ford Transit. Der Phaeton fand seinen Platz neben dem silbernen Sportwagen.
„Okay, wir drehen hier einen neuen James-Bond-Film“, bemerkte Kohlhas. Möller hörte das und antwortete: „Das Originalauto konnte Herr Söderdiek nicht erwerben, aber einen fast original verarbeiteten Zwilling, der in den 1990ern noch mit einem bleifreies Benzin vertragenden Motor mit Katalysator ausgestattet wurde.
„Das silberne Gefährt ist nur für den Hausherren. Der Jaguar gehörte dem Junior“, gab Burmester den Herold und fühlte wieder diese große Schuld, weil er Erasmus in diesen Höllenschacht hineingeschickt hatte.
„Führen die Herrschaften gebrauchte Kleidung mit sich?“ fragte eine Frauenstimme aus einem Lautsprecher. „Wir haben unsere gebrauchte Kleidung entsorgt und uns in Zürich mit frischen, vorzeigbaren Wäschestücken ausgestattet, Frau Kröger!“ rief Burmester zur Antwort. „Dann bringen Sie die Herrschaften auf die Residenzetage!“ befahl die Frauenstimme.
„Wer war das bitte?“ fragte Altmoser verdutzt. „Frau Kröger, die Hauswirtschafterin, sie leitet die Abteilung Küche, Wäsche, Hausputz“, gab Burmester den Herold.
Später lernten sie dann noch Armin Klotwig kennen, den Majordomus und damit Vermittler zwischen dem Hausherren und der Dienerschaft, einem britischen Butler entsprechend. Olafsen saß womöglich in der Fernmeldezentrale und war das virtuelle Vorzimmer des Hausherren.
Der Hausherr und die Hausherrin erwarteten die vier Rückkehrer im hauseigenen, 30 Quadratmeter großen Arbeitszimmer des Hausherren mit bodentiefen Fenstern nach Osten und Süden, die eindeutig aus Panzerglas bestanden. Dort sollte Burmester die große Beichte ablegen, ohne Sack und Asche, aber mit unübersehbar schlechtem Gewissen. Die Dienerschaft blieb außen vor, wenn es um wichtige Einzelheiten der Familie ging. Kohlhas war sich jedoch sicher, dass mit der Zeit alles durchsickern würde, zumal die ihm begegneten Diener ja schon mitbekommen hatten, dass der Kronprinz fehlte.
Die große Beichte dauerte eine halbe Stunde, weil vor allem Heidi ihren Bruder mit Einzelheiten löcherte. Dann wurden alle anderen gefragt, ob sie Burmesters Aussage so bestätigten. Natürlich taten sie das, und ebenso natürlich hatten Herr und Dame des Hauses dies erwartet, wo sie alle schon mehr als eine Woche mit diesem großen Ballast auf der Seele herumlaufen mussten. „Und es gab keine Möglichkeit, diese Katastrophe vorherzusehen oder mit Ihren Gerätschaften zu ermessen, Herr Kohlhas?“ fragte Erich Söderdiek misslaunig. „Keine, Herr Söderdiek. Dass der Schacht eine Todesfalle war erwies sich erst, als jemand in ihn hinabstieg. Es hätte also auch Herrn Altmoser oder mich erwischen können, wenn Herr Söderdiek sich nicht bereiterklärt hätte, dort einzusteigen.“ Er verschwieg ihm jedoch, dass er vor dem Einstieg in den Schacht Infraschallwellen aufgenommen hatte, die auf ein früheres Erdbeben hindeuteten. Aber weil er das eben nicht genau bestimmen konnte hatte er das für unbedenklich erklärt. Das, so Burmester, sollte er aber auf gar keinen Fall erwähnen. Die Wahrheit hätte Erasmus auch nicht mehr zurückgeholt.
„Ich möchte sehr gerne noch einmal mit dem Herrn Professor alleine sprechen, die Herrschaften. Sie dürfen solange im Warteraum für hohe Gäste Platznehmen. Herr Klodwig wird Sie geleiten“, sagte Söderdiek mit schwer niedergehaltener Wut.
Als die drei anderen den Raum verlassen hatten sagte Heidi Söderdiek: „Du hattest drei ganz einfache Aufgaben: Gib dem Jungen was sinnvolles zu tun! Bring ihm verantwortliches Handeln bei! Bring ihn gesund an Leib und Seele mit zurück!“ Welche von den drei Aufgaben hast du eigentlich erfüllt, Hotte?“
„Eins und zwei, Heidi, sagte Burmester unerwartet gelassen klingend. „Weil ich ihm erlaubt habe, was wichtiges zu tun, und weil er für unsere Expedition eine Verantwortung übernehmen wollte ist er da hinuntergestiegen. Ich habe ihn gefragt, ob er dies tun will. Ich habe ihn nicht gezwungen. Herr Altmoser hat sich auch dafür angeboten.“
„Ja, und warum hast du den nicht geschickt? Natürlich, weil der in diesem engen Schacht steckengeblieben wäre wie ein Korken in der Weinflasche. Was hast du ihm als Begründung für deine Auswahl geboten? Er sei auf Grund seiner Erfahrung dafür geeignet, Erasmus und später euch andere abzusichern. Was hat euch geritten, alle fünf, in einen Schacht runterklettern zu wollen, von dem ihr außer ein paar Laserechodaten und einer zugegeben sehr anspruchsvollen Drohne nichts wusstet.“
„Ich habe dir erzählt, das es gefährlich werden kann, in unbekannte Höhlen einzudringen. Du wusstest das von deinen eigenen Tauchgängen, dass ein Fehltritt tödlich sein kann, Erich. Aber du hast ihn mir anempfohlen. Ja, und ich muss dir bei der Gelegenheit sagen, dass er sich mit dem blauen Jaguar da unten auf eurem unterirdischen Parkplatz schneller hätte totfahren können, als in einem natürlich entstandenen Schacht zu verunglücken. Dennoch hast du ihm dieses Auto gegeben, weil du dir sicher warst, dass er damit umgehen kann.“
„Hallo, ich habe … Es war nicht leicht, die ugandische Regierung davon abzubringen, euch für Rebellenkollaborateure zu halten“, sagte Erich Söderdiek. Seine Frau sah ihn fragend an. Dann sagte er: „Ich musste guten Willen beweisen, geschrieben mit sechs Nullen auf grünem Spezialpapier aus den USA. Also wage es nie wieder, mir derartig frechzukommen“, grummelte Söderdiek Senior. Seine Frau sah ihn an und sagte: „Wie viel war dir unser Sohn wert, wo du noch nicht wusstest, dass er tot ist, Erich?.
„Anderthalb Millionen US-Dollar wollte das Handelsministerium in Kampala für ihn haben, dass er sicher nach Hause kommt. Für dich, Hotte, wollten sie nur eine Million George Washingtons haben und für die drei anderen je zwei Drittel einer Million, zusammen also zwei.“
„Tu jetzt ja nicht so, als hättest du das aus deiner Tasche bezahlt oder nicht schon längst als geschäftlichen Verlust abgeschrieben, Erich. Erasmus erzählte mir von der Unfallversicherung, die auch im Fall von Lösegeldzahlungen einspringt. Die Firma sitzt, o Wunder, in Zürich. Also wer hat das Geld für uns bezahlt?“
Heidi Söderdiek sah erst ihren nach der großen Beichte erstaunlich aufmüpfigen Bruder an und dann ihren Mann. „Stimmt das. Hast du die fünf und damit unseren Sohn und meinen Bruder als geschäftliche Unkosten verbucht und dann noch eine Versicherung dafür zahlen lassen?“
„Öhm, heidi, ich wollte unseren Jungen wiederhaben, egal wie“, sagte er.
„Und wenn sie statt Geld Waffen von dir gefordert hätten?“ fragte Burmester. Seine Schwester funkelte ihn an. „Was meinst du kleiner Elfenbeintürmler, was diese Buschbanditen sich von dem Geld kaufen, vor allem, wo ich hörte, dass die Drähte zu Freikirchlern in den USA haben. Was meinst du wohl, wieso die sich schon solche Hubschrauber leisten können, die mit Hitzeködern ausgestattet sind, um Boden-Luft-Raketen abzuwehren?“
„Du hast nicht einmal daran gedacht, das Geld aus deinem Aktiendeepot abzuziehen oder mich zu fragen, ob ich von dem Goldvorrat was hergeben würde, um unseren Jungen wiederzukriegen?“ fragte Heidi Söderdiek.
„Heidi, ich habe gemäß aller mit dir getroffenen Vereinbarungen gehandelt, weil ich davon ausging, dass der da unseren Jungen heil zurückbringt, Kreuz Donner und Hagelschlag!“
„Der da ist mein Bruder und er ist mir auf jeden Fall genausoviel wert wie unser Sohn. Aber sogesehen spart diese ominöse Unfallversicherungsfirma ja dann anderthalb Millionen US-Dollar“, zähneknirschte Heidi Söderdiek. Dann sah sie ihren Bruder an. „Dann sind wir hier und heute fertig. Du und unsere Eltern erfahren, wann wir eine Trauerfeier ansetzen, wenn alle Formalitäten mit den Behörden überstanden sind. Raus mit dir!“
„Bin schon weg“, knurrte Horst Burmester zurück und verließ im Eilschritt das Kontor des Hausherren.
Die Zurückgekehrten durften wenigstens noch ein sättigendes Abendessen genießen, wobei sie jedoch die gute Hausmannskost bekamen, die den Dienern zugestanden wurde. Herr und Dame des Hauses speisten für sich allein in einem der schalldichten Räume, die als Musikzimmer dienten. Nur würde dem Hausherren die Aufführung seiner Frau sicher noch lange in den Ohren Klingeln. Horst Burmester hatte wohl noch einmal Glück gehabt, dass Heidi sich darin verbissen hatte, dass ihr Mann die Ausgaben für seinen Sohn von einer Versicherung bezahlen lassen würde wie ein kaputtes Auto oder eine gestohlene Mingvase. Er hatte Erasmus zu einem reinen Kostenfaktor degradiert. Ob ihm das gut bekommen würde. Jedenfalls würden sie wohl keinem außenstehenden was davon berichten. Womöglich mussten sie sich gerade ausdenken, was mit Erasmus passiert war, um die Boulevardmedien auf Abstand zu halten. Für Horst Burmester war es auch in Ordnung, wenn kein Reporter ihn mit Fragen traktierte.
Gegen Abend brachte Kurt Möller die vier Heimgekehrten mit dem Phaeton in die Stadt zurück. Burmester wurde bei seinem kleinen Haus in Pöseldorf abgesetzt. Die anderen bezogen Zimmer in einem Mittelklassehotel, froh, endlich wieder in Deutschland zu sein. Kohlhas dachte daran, dass sie das alles jeden 29. Februar erneut durchleben würden. Wie gut, dass dieser Tag nur alle vier Jahre kam. Doch er würde es keinem anderen Menschen erzählen, was er mitbekommen hatte. So erfuhr es niemand, schon gar nicht jener, den das alles im höchsten Maße alarmiert hätte.
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Die Jahre zwischen 1971 und 1982
Am 29. Februar 1972 suchte Vettius genau in der vorgegebenen Zeit jenen unterirdischen Raum im Schnittpunkt eines Pentagramms aus den hellsten vom Erdäquator aus sichtbaren Sternen auf. Das geheime Testament seines Vaters war einen Monat nach Canopus‘ Tod aufgetaucht. Darin stand eine Abfolge von nur Vettius bekannten Passwörtern. Außerdem war eine erdnusskerngroße Nachbildung eines Vitalis-Smaragden beigefügt, mit der Vettius die Sperre um den silbernen Schrank in der Mitte der Höhle aufheben und sich als legitimer Erbe ausweisen konnte. Einige Momente hatte er auf jenen nachtschwarzen, innen silbergrau schimmernden Umhang geblickt, mit dem sein Vater Kepheus auf Vampir- und Werwolfjagd gegangen war und mit dem er als Lautloser Blitz der Albtraum der Grindelwaldianer in Deutschland gewesen war. Ja, Grindelwald. Von dem sprach schon längst niemand mehr. Dafür war jener Zauberer, der seinen eigenen Namen zum Angstwort gesteigert hatte, immer brutaler und ließ Menschen verschwinden oder, was noch schlimmer war, hetzte sie gegen ihre eigenen Familienangehörigen auf, wenn die nicht so wollten wie er. Irgendwie schien die im Umhang schlummernde Aura mehrerer Mondzauber ihm zuzuflüsternn: „Nimm mich an und kämpfe im Namen deines Vaters gegen das neue Unrecht!“ So streifte er sich den Umhang für einige Minuten über, schloss ihn vollständig und überstand mal wieder den Schrecken, sich nicht mehr sehen zu können. Dann jedoch öffnete er den Umhang wieder und hängte ihn in den Schrank mit den Aufzeichnungen, unter anderem auch dem Versuchstagebuch, in dem genau beschrieben wurde, wie der Umhang hergestellt wurde. Als er den achtflächigen Vitalis-Smaragden in den Händen hielt fühlte er ein starkes Pulsieren. Das grüne Ding war immer noch mit freigiebig ausgestrahlter Lebenskraft grünender Pflanzen angefüllt. Er dachte daran, dass im Lichte dieses Steins sein Vater sowohl gezeugt als auch geboren worden war, also es ihn nur gab, weil sie damals diesen Stein hatten. Sollte er ihn seiner Oma Birte aushändigen, damit sie für ihre verbleibenden Lebensjahre eine gutartige Kraftquelle besaß? Oder sollte er den Stein für sich und Hildegunde behalten, um dessen belebende Magie selbst einmal auszuprobieren. Denn er erinnerte sich, was Opa Canopus über die wahrlich befruchtende Wirkung erzählt hatte, wo Oma Birte nicht in Hörweite gewesen war. Fast meinte er seinen Großvater wohlig keuchen und stöhnen zu hören. Doch halt! Das gehörte nur dem. Oder war dieser Stein fähig, die in seiner Nähe ausgelebten Leidenschaften in sich aufzunehmen und bei Berührung an einen empfänglichen Körper abzugeben? Vettius steckte den Stein in seine Tasche und schloss den Schrank. Wenn Oma Birte ihn nicht wiederhaben wollte, dann vielleicht doch er und Hildegunde.
Früh genug vor dem Ende der von Canopus festgelegten Zeit verließ dessen Enkelsohn die geheime Höhle wieder. Er übertrat die Alterslinie und durchquerte den warm auf seiner Haut prickelnden Blutsiegelwall, der nur unmittelbare männliche Blutsverwandte passieren ließ. Dann disapparierte er. Er bekam deshalb nicht mit, wie die kirchenschiffgroße Höhle für wenige Sekunden von einem graublauen Nebel erfüllt wurde und dann scheinbar auf die Hälfte ihrer Fläche zusammenschrumpfte. Dabei verschwanden auch der silberbeschlagene Schrank und die goldene Alterslinie. Doch sie waren nicht für immer fort. In vier Jahren würden sie wiederkommen.
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Die folgenden Jahre wurde Vettius immer wieder in Versuchung geführt, sich den Umhang zu holen. Doch weil das nur am 29. Februar ging und er danach irgendwo damit hinn musste verzichtete er darauf. Er schaffte es, dass seine Familie und seine mittlerweile doch in das Stadthaus ihres eigenen Onkels umgezogene Großmutter Birte Hertzsprung ein friedliches Leben führen konnten. Jener Zauberer, den sie mittlerweile den Unnennbaren oder den, dessen Name nicht genannt werden darf betitelten und seine Handlanger, die sich Todesser nannten, marodierten vor allem auf den britischen Inseln. Doch ihre menschenverachtenden Ideen blühten auch in Deutschland, Österreich und in der Schweiz immer wieder auf. Heinrich Güldenberg, der mittlerweile selbst zum Zaubereiminister erwählt worden war, um gegen „die englische Plage“ vorzugehen, hatte seinen Schulfreund Andronicus Eisenhut zum neuen Lichtwachenleiter und seinen anderen Freund Eilenfried Wetterspitz zum Sicherheitsleiter berufen. Der Skatclub, wie er in den weniger respektvollen Zeitschriften genannt wurde, schaffte es wahrhaftig, früh genug die Sympathisanten des britischen Massenmörders zu ermitteln und zu längeren Gefängnisstrafen zu verurteilen. Auch die Franzosen unter ihrem umsichtigen Zaubereiminister Armand Grandchapeau schafften es wohl aus Erfahrungen ihrer Geschichte, die Todesser von ihren Nordufern zu verjagen und auch mit den Kobolden weiterhin friedlich zusammenzuleben, die schon fürchteten, sie könnten wegen angeblicher Zusammenarbeit mit dem britischen Dunkelmagier des Landes verwiesen werden.
Odoaker Graf Greifennest, der Magister Maximus oder Direktor von Greifennest, unterhielt mit Billigung der Schulräte eine eigene Schutztruppe aus älteren Schülerinnen und Schülern, die im Falle eines Angriffs auf Greifennest kämpfen sollten. Doch es stellte sich heraus, dass der Unnennbare es eher auf Hogwarts absah, wohl weil er dort selbst zur Schule gegangen war. Doch nur sehr wenige Leute erfuhren, wie der, der nicht genannt werden durfte, als Schüler geheißen hatte. Warum seine Mutter diesen Massenmörder, der offenbar ein veritabler Psychopath war, als Emporkömmling bezeichnete wunderte ihn immer wieder. Wenn er sie darauf ansprach hieß es immer, dass sie das so meinte, weil sie aus der Geschichte und dem eigenen Erleben wusste, wie übermächtig dunkle Hexen und Zauberer werden konnten und dieser selbstherrliche dunkle Lord sowas von berechenbar war. Wer nicht auf seine Verlockungen einging wurde bedroht. Wer seine Drohungen nicht fürchtete verschwand oder wurde als schrecklich zugerichtete Leiche aufgefunden.
Als Vettius am 28. Februar 1980 wieder daran dachte, in die gesicherte Höhle zu gehen um diesen Umtrieben endlich Einhalt zu gebieten war es ihm, als habe seine Mutter seine Gedanken erfasst. Sie klopfte an seine Zimmertür und bat um Einlass. Dann sprach sie mit ihm über das, was Kepheus ihr von seinen haarsträubenden Geheimaktionen berichtet hatte. Danach sagte sie: „Ich weiß, du möchtest jetzt losziehen, dir diesen schwarzen Wunderumhang überziehen und diesem bleichgesichtigen Irren auf die platte Nase hauen. Doch bedenke, was dein Vater uns erzählt hat, als die Zeit von Grindelwald vorbei war! Du hast noch mehr vor im Leben als jede Nacht die Angst- oder Todesschreie von unschuldigen Menschen hören zu müssen, mein Junge. Überlasse diesen Verbrecher denen, die seine Schwachstellen kennen!“
„Welche da sind?“ fragte Vettius verbittert. „Seine Obsession, Hogwarts zu seiner ganz eigenen Schule umzubauen. Sein Hang zur übertriebenen Selbstdarstellung und eine Sammelleidenschaft, die schon einer Elster Ehre macht. Irgendwer wird das ausnutzen, vielleicht Dumbledore, öhm, vielleicht auch wer anderes. Ich habe deinen Vater an diese Ungeheuer verloren, erst seine Seele und dann seinen Körper. Ich möchte dich nicht auch an diese Widerlinge verlieren“, sagte sie. Er sah sie leicht verunsichert an. Doch dann begriff er. Wenn er jetzt loszog, um sich den Umhang zu holen würde alles wieder hochkochen, was sein Vater damit erlebt hatte. Ja, irgendwer mochte herausbekommen, dass die Hertzsprungs etwas besaßen, was als sehr gute Waffe eingesetzt werden konnte. Er hatte vier schulpflichtige Kinder. Die sollten nicht auf seiner Beerdigung trauern, bevor sie nicht selbst Enkelkinder hatten. Also ließ er den Umhang in der Höhle. Er ging davon aus, dass außer ihm und seiner unmittelbaren Familie niemand wusste, dass es dieses Kleidungsstück gab.
Als am 1. November 1981 die Nachricht um die Welt ging, dass der Unnennbare beim Versuch, einen gerade ein Jahr alten Jungen mit dem Todesfluch zu ermorden davon selbst getroffen und körperlich vernichtet wurde atmete auch Vettius Hertzsprung auf. Jetzt konnte er wieder ohne den ewigen Zwiestreit von Vorsicht und Bestreben, irgendwas tun zu müssen schlafen.
Nachdem Odoaker Graf Greifennest sein Amt an seine Tochter Adalberta abgegeben hatte und Vettius‘ jüngster Sohn Prokyon seine Abschlussprüfungen bestanden hatte beschloss Vettius, sich auf die freiwerdende Stelle als Astronomielehrer zu bewerben. Die nötigen Qualifikationen und Empfehlungen besaß er ja schon längst. Ebenso konnte er als Zauberkunstlehrer aushelfen, wenn Magister Katzengold, der Leiter von Erzenklang, sich überfordert fühlen sollte. Damit begann ein neuer und hoffentlich sehr langer, erbaulicher und friedlicher Lebensabschnitt für den Erben von Canopus Hertzsprung. Er dachte nicht mehr daran, was im geheimen Versteck ruhte. Er wusste nicht, dass sein eigener Vater vor zwanzig Jahren völlig unwissentlich die wichtigsten Passagen aus der Beschreibung von Canopus Hertzsprung ausgeplaudert hatte und diese Angaben im Archiv für geheime und mächtige Dinge und Kenntnisse gelandet waren. Das würde er erst mehrere Jahrzehnte später erfahren.
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26.12.2004
Weit fort bebte die Erde. Doch weil in der Nähe des Erdbebenherdes ein versunkener dunkler Kristall lag und dieser dabei zersprang jagten wild aufgeschaukelte Stränge starker Erdmagiekräfte durch den gesamten Erdball. Sie trafen auch auf jenes Bergmassiv in Uganda, dass vor wenigen Monaten Schauplatz einer Tragödie mit magischer Beteiligung geworden war.
Die Kalenderzauber, die den von ihnen gelenkten Zeittresorzauber steuerten, wurden kräftig aufgerüttelt. Beinahe wären sie aus den Fugen geraten, hätten sich womöglich zerstreut. Ob der auf den bestimmten Tag alle vier Jahre geprägte Öffnungszauber greifen mochte stand heftig auf dem Spiel.
Eine Stunde dauerte es, eine Stunde, in der die Welle von ost nach west und von West nach ost durch die unterirdischen Magiespeicher flutete. Dann war der Aufruhr vorbei. Die Kalenderzauber pendelten sich wieder ein. Doch sie brauchten einen vollen Tag, um die von Sonne, Erde und Mond vorgegebenen Tageszeiten richtig zu erfassen und den vorgeprägten Zeitablauf wieder einzuhalten.
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28.02.2008, später abend
Es war wie ein greller Blitz, der direkt von vorne auf sie traf. Nein, es war eine welle, die sie in jenes viel zu enge, lichtlose Zwischenstadium zwischen Ausgangsort und Zielort zurückstieß. Mit pochendem Schädel, Atemnot und schmerzenden Gliedern fand sie sich auf festem Boden liegend wieder. Sie konnte gerade nicht erkennen, wo genau sie war. Ihre künstlichen Augen gaukelten ihr ein irrsinniges Lichterspiel aus allen erkennbaren Farben vor. Dann beruhigte sich ihr biomaturgischer Sehsinn wieder. Auch die Atemnot und die Schmerzen in den Gliedern ebbten ab. Ihr wild wummerndes Herz beruhigte sich. Damit verschwanden auch die pochenden Kopfschmerzen. Sie konnte wieder klar denken und wieder scharf sehen.
Nun erkannte sie nicht nur, wo sie war, sondern wusste auch sofort, warum sie hier war. Sie lag unter freiem Himmel. Das Restlicht der Dämmerung versickerte gerade im Westen in den fernen Gipfeln und Tälern. Sie atmete ein und aus, Abendluft. Sie war auf dem Gipfel jenes Berges, in dem sich jenes Höhlengefüge befand, in dem sie das Erbe des Canopus Hertzsprung wähnte und zu dem sie gerade hinunterapparieren wollte. Die scheinbare Lichtentladung und der gnadenlose Gegenstoß waren die Auswirkung eines Locorefusus-Zaubers, um genau die Art von Eindringen zu verhindern, mit der sie möglichst schnell und genau an ihren Zielort gelangen wollte. Tja, damit hätte sie, Albertrude Steinbeißer, vereinigt aus zwei machtvollen und wissenden Hexenseelen, doch rechnen müssen. Sie schalt sich unvorsichtig, dass sie nur mit den unmittelbar vor Ort wirksamen Sicherungen gerechnet hatte und keinen Augenblick bedacht hatte, dass auch schon zu Canopus‘ Zeit das Apparieren eine jahrhundertealte Zauberfertigkeit war und dass es etliche Mittel gab, um unbefugtes Eindringen abzuweisen oder unvorsichtige Apparatorinnen wie sie gleich in einem ausbruchssicheren Gefängnis oder einer tödlichen Falle zu fangen. Wer wie Canopus mehr als hundert Lebensjahre Zeit hatte, um sein Erbe vor allen aufdringlichen Leuten zu schützen hatte auch einen Locorefusus-Zauber eingerichtet, der das Erbe schützte. Dann fiel ihr ein, dass dieser Zauber eine Sphäre von zwei Kilometern Radius erzeugte, in die hinein niemand apparieren konnte. Zwei sprünge hatte sie aber geschafft. Also musste die Abwehrsphäre auf dem Weg zwischen dem zweiten Zwischenstop und dem von ihr gesehenen Stollen zu wirken beginnen. Sie musste also erkunden, wo genau die Grenze verlief. Doch zuerst musste sie wieder in jene Höhle, aus der sie eigentlich ans Ziel überwechseln wollte. Das war nicht schwer. Denn die dort herumliegenden Leichname hatten ihre Sinne geschärft und damit auch ihr Ortsgedächtnis. Dort konnte sie also noch gefahrlos apparieren.
Als sie auf ihre silberne Weltzeituhr in Damenausführung sah erkannte sie, dass sie noch zwei Stunden Zeit hatte, um in die Nähe des Ziels zu gelangen. Denn falls pünktlich zu Beginn des 29. Februars jener Tresor aufging, in dem Canopus‘ Erbschaft eingeschlossen war, mochte der nach nur einer Stunde wieder zugehen und sich erst in vier Jahren wieder öffnen. Gut, das hatte sie schon häufig überlegt. Doch die gnadenlos davontickenden Sekunden und Minuten gemahnten sie, es immerfort zu bedenken. Natürlich konnte es auch sein, dass Kepheus‘ Geburt, auf deren Tag und Dauer dieser Tresor eingestimmt war, erst um elf Uhr abends begann und um einer Minute vor zwölf Uhr vollendet war. Aber darauf durfte sie sich nicht verlassen.
Sie überlegte, ob der eine Zauber, den Gertrude erfunden hatte und den sie somit als wohl einzige Hexe der Welt kannte, ihr durch die Absperrung helfen würde. Da fiel ihr ein, dass der Zauber in dem Moment endete, wo sie disapparierte, weil der Kraftstrom für den Zauber abriss. Also galt es, in die Nähe des Verstecks zu gelangen und sich auf den Füßen bis dorthin zu bewegen.
Sie apparierte unangefochten in jenem Stollen, in dem die Leichen getöteter Soldaten oder Militionäre lagen. Da sie nur die Wahl zwischen Durchdringungsblick oder Aurenerkennung hatte hatte sie vorher nicht erkennen können, wo die Absperrung begann. Jetzt blickte sie mit der Aurenerkennung nach unten. Doch wie sie befürchtet hatte war zwischen ihr und der Quelle des Locorefusus-Zaubers zuviel hartes Felsgestein. Deshalb wählte sie eine andere Vorgehensweise.
Sie blickte sich mit dem Durchdringungsblick ihrer magischen Kunstaugen um, suchte und erkannte weitere Kammern und Stollen. Einen Stollen wählte sie als Ziel aus. Der lag fast einen Kilometer quer ab vor ihr, getrennt durch Felsmassen und zwei Kavernen ohne Ein- und Ausgang. Sie disapparierte.
Diesmal warf sie nichts zurück. Sie kam genau dort an, wo sie hinwollte. Mit ihren Augen brauchte sie gerade kein sichtbares Licht. Sie und das Echo ihrer Schritte auf dem Felsboden verrieten ihr, dass der Stollen an die vier Meter aufragte. Das genügte für eine geübte Besenfliegerin. Sie öffnete ihren Rucksack und zog das Futteral mit ihrem Harvey-Besen hervor. Sie nahm den Besen behutsam heraus und legte die Schutzhülle wieder in den Rucksack. Dann saß sie auf dem Besen auf und hob ab.
Nach vorne gebeugt flog sie voran, dabei nur soweit blickend, dass sie nicht durch Hindernisse hindurchsah, sondern sie früh genug erkannte, um sie zu umfliegen. Dabei wählte sie bewusst die Gefällstrecke. Als sie an einer Abzweigung anlangte landete sie und blickte in die Richtung, wo ihr eigentliches Ziel zu finden war. Weil sie nun freie Sicht hatte konnte sie auf die Aurenerkennung wechseln. Keine Magische Barriere! Sie saß wieder auf und folgte dem nach unten führenden Gang, wobei sie doch schon durch sehr enge Stellen wedeln und sich winden musste. Einmal musste sie absitzen und auf allen vieren durch eine Engstelle krabbeln. Doch dann konnte sie einen Gutteil des Weges im Flug zurücklegen. Das sparte eine Menge Zeit, fand sie.
Sie suchte immer nach einem direkten Weg zum Zielpunkt, den sie nur deshalb anpeilen konnte, weil sie ihr Naviskop mithatte und an jeder Abzweigung befragen konnte. So fand sie endlich einen weiteren Stollen, der in die Tiefe führte und in einer großen Halle endete. Von hier aus gingen fünf Gänge ab. Sie überlegte, welcher davon der wahrscheinlichste Gang war. Von der Entfernung her mochte sie an die fünf oder sechs Kilometer vom Ziel entfernt sein. Der näher heranführende Gang wies keinen freien Luftaustausch aus. Er mochte also in einer Sackgasse enden. Je danach, wie lang der Stollen war musste sie dann wohl wieder umkehren oder nach einem anderen Zugang suchen. Die Logik gebot ihr, dass auch Canopus und seine Erben Kepheus und Vettius nicht am Zielort apparieren konnten. Also mussten sie einen freien Zugang zu jener Höhle aufrechterhalten haben. Doch der einzige Stollen, der näher an das Ziel führte war jener, der scheinbar in einer Sackgasse endete. Sie musste den Stollen prüfen.
Mit ihren Augen sah sie, dass es herabhängende Vorsprünge und aus dem Boden ragende Unebenheiten gab. Mit dem Besen da durchzufliegen war riskant, weil sie keinen Schutzhelm aufhatte. Doch sie musste sich schnell bewegen. Also saß sie doch auf ihrem Besen auf und flog mit vierfacher Schrittgeschwindigkeit in den Stollen ein. Mit angedeuteten Seitwärtsrollen, Wippbewegungen und Schlängelbewegungen aus früheren Quidditchübungen passierte sie ohne aufzusetzen die meisten Hindernisse. Dann sah sie etwas, was ihr verriet, dass hier schon mal wer war, jemand, der keinen Besen und keinen Zauberstab zur Hand hatte.
Sie flog auf die von bemerkenswert dickem Staub bedeckte Stelle zu, wo der Stollen gerade einen Knick um mehrere Grad nach unten machte. Da sah sie Seilrollen und mit dickem Staub bedeckte Kletterseile, Haken und Karabiner, aber auch einen rollbaren Wassertank und mehrere unter Staub begrabene Rucksäcke. Was sie auch mit ihren Augen nicht sah waren Leichen von Menschen. Wer immer hier gewesen war hatte alles schwer zu transportierende liegen gelassen und war geflüchtet. Womöglich vor den Staubmassen, die den Stollen ausgefüllt und sich mit der Zeit abgesetzt hatten. Das fand sie äußerst interessant.
Sie folgte dem stärker abfallenden Rest des Stollens und kam zu einer knapp fünfzig Meter breiten Grube, deren gegenüberliegendes Ende mit der rissigen, ebenfalls von Gesteinsstaubmassen bedeckten Wand abschloss. Da wurde der heimlichen Höhlenforscherin klar, was hier geschehen sein musste.
Behutsam atmend, um den hier verteilten, mit der Zeit fest gewordenen Staub nicht wieder aufzulockern sank sie den Besen waagerecht haltend in die Tiefe. Die Trichterförmige Grube nahm sie auf und schien sie zu verschlucken. Dann sah sie den Grund genau unter sich. Er war mindestens hundert Meter unterhalb des Randes. Sie landete auf dem Grund der Grube und prüfte, ob das Gestein sie trug. Es kullerte nur das lose Geröll unter ihren Stiefeln weg. Dann stand sie sicher auf festem Boden.
„Hier muss es einen Schacht gegeben haben, und irgendwie haben die Maglos den zum Einsturz gebracht. Womöglich liegen von denen noch welche unter den Trümmern“, dachte Albertrude ohne Anflug von Bedauern, sondern nur sachlich und mit ein wenig Verachtung. Konnte es sein, dass die nichtmagischen Höhlenkletterer auch auf der Suche nach Canopus‘ Erbe gewesen waren? Was hatten die angestellt, dass der Schacht, den es hier wohl mal gegeben hatte, zusammengestürzt war? Denn dass sie nicht lange danach hiergewesen waren verriet ja die eingestaubte Ausrüstung.
Sie blickte nun mit Durchdringungssicht durch dicht an dicht liegende Fels- und Geröllmassen bis nach unten. Dann sah sie gerade noch so, weil dort keine Tarnmagie wirkte, dass die zusammengepackten Trümmer auf massivem Fels lagen. Da war also der Grund des Schachtes. Auch sah sie Metallsplitter, die früher mal Kletterhaken gewesen sein mochten und meinte einzelne Fasern eines Kletter- oder Ablassseiles zu erkennen. Doch eine Leiche oder auch Teile einer Leiche sah sie nicht. Konnte es sein, dass wer immer dort hinuntergestiegen war schon weit genug vom Schachtgrund entfernt war, dass ihn der Einsturz und die davon aufgeworfene Staubwalze nichts mehr anhaben konnte? Dann musste es vom Schachtgrund aus mindestens einen weiteren Weg geben, der lang genug war, um vor der Druck- und Staubwelle in Sicherheit zu gelangen.
Albertrude blickte zuerst nach hinten und oben, soweit sie die Felsmassen durchdringen konnte. Sie lauschte. Niemand war zu sehen oder zu hören. Es herrschte die sprichwörtliche Grabesstille.
Albertrude kniete sich hin und atmete durch den Ärmel ihres Pullovers, um keinen Staub in Mund und Nase zu bekommen. Zwar hätte sie eine Kopfblase zaubern können, die konnte aber das Richtungshören auf Entfernungen verfremden. Sie blickte erst senkrecht in die Tiefe und dann immer weiter nach vorne, bis sie sah, womit sie gerechnet hatte. Vom Blickwinkel her mochte es noch an die fünfhundert Meter nach unten gehen, bevor ein von Geröll- und Felstrümmern verstopfter Eingang zu einem Stollen lag. Albertrude prüfte schnell mit ihrem Naviskop, wie nahe sie dem Zielpunkt war, knapp drei Kilometer. Also konnte sie da noch apparieren, sofern sie sich nicht verrechnet hatte. Falls doch würde sie diesmal nicht auf dem Berggipfel ankommen, sondern höchstens in einer freien Kammer hier unter dem Berg landen, weil massives Felsgestein sie im Transit durchreichte wie eine Erdstoßwelle. Der Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass sie gerade noch eine Stunde Zeit hatte, bis der 29. Februar begann. Würde die Zeit reichen, um anders dort hinunter zu gelangen? Sie dachte, ob sie sich nicht besser durch den eingestürzten Schacht hindurchgraben sollte. Wenn sie von unten nach oben wollte war das sicher ein Mittel. Doch von oben nach unten barg die Gefahr nachrutschender Trümmer in sich. Auch der Excavatus-Zauber, mit dem behutsam feste Körper ohne Hitze und Druckwelle pulverisiert werden konnten, brachte ihr nichts, wenn sie damit nur einen Kubikmeter in dreißig Sekunden ausheben konnte. Auf die geschätzte Tiefe des ehemaligen Schachtes bezogen bedeutete das einen Zeitaufwand von 15000 Sekunden. Sie rechnete das mal eben in Minuten um und erkannte, dass das schon mehr als die sechzig waren, die bis zum nächsten Tag fehlten. Als sie ganz genau 250 Minuten ausgerechnet hatte schüttelte sie den Kopf. So ging es nicht. Außerdem wusste sie nicht, ob der Stollen da unten wirklich zum gewünschten Ort führte. Doch er führte näher heran, also musste sie ihn prüfen. Da führte wortwörtlich kein Weg dran vorbei.
Sie wagte den zeitlosen Sprung und landete 500 Meter tiefer und ebenso weit in ihre Blickrichtung entfernt. Nichts und niemand wies sie gewaltsam zurück.
Zunächst blickte sie sich mit dem Enthüllungsblick um, der mit der Fernsicht kombinierbar war, solange kein magisches Hindernis dazwischengeriet. So sah sie, dass sie wahrlich am Grund eines eingestürzten Schachtes herausgekommen war und dessen Einsturz die ersten fünfzig Meter Stollen vollständig mit Trümmern und Staubmassen ausgefüllt hatten. Weiter nach vorne reichte der Stollen mehr als zwei Kilometer weit. Sie konnte sehen, wo sich noch Staub abgesetzt hatte. Dann staunte sie.
Knapp einen Kilometer voraus erkannte sie besonders dunkle Flecken, die kein abgesetzter Staub waren, sondern wie erstarrte Kuhfladen wirkten. Natürlich waren das keine Kuhfladen. Was sollte ein gewöhnliches Hausrind hier unten, wo sie früher im Bergbau Pferde eingesetzt hatten und keine Ochsen? Das waren eher die mit Staub verbackenen Überreste von etwas geschmolzenem und wieder erstarrtem. Da war offenbar etwas mit großer Hitzeauswirkung zersprungen oder zerlaufen wie Wachs im glühenden Kessel. Sie zählte fünf solcher Fladen. Dann blickte sie mit dem Sichtvermögen für die Auren von lebenden Wesen und magischen Kräften und sah mit der Kombination Fernblick und Aurensicht in der Ferne ein Muster aus mehreren Lichtgebilden, die wie von weiter weg zu ihr hinfliegende Linien aussahen und jeden Herzschlag von ihr kurz in ihre Richtung ausstrahlten und sich wider zurückzogen. Etwa fünfzig Meter im Wirkungsbereich jener nur für sie gerade sichtbaren Ausstülpungen befanden sich jene fünf dunklen Fladen auf dem Boden. albertrude nickte und grinste überlegen. Denn jetzt wusste sie, dass sie bis hierhin auf der richtigen Spur geblieben war und dass sie nur noch in jenes Lichtgebilde eindringen musste, um an den Ort zu kommen, den sie suchte. Denn das eindeutig aus Magie bestehende Geflecht mit den immer wieder nach außen dringenden Ausstülpungen war die sichtbare Aura eines Locorefusus-Zaubers, eben jenesZaubers, der sie vorhin so unsanft aus den Höhlen hinausbefördert hatte.
Sie wechselte auf Fernsicht und Nachtsicht. Das Lichtgebilde verschwand scheinbar. Doch nun konnte sie klar sehen, was vor ihr war. Sie holte ihren Besen wieder hervor und setzte sich darauf.
Sie überwand den halben Kilometer bis zur Begrenzung des Locorefusus-Zaubers. Als sie sicher war, darin einzudringen spürte sie nichts davon. Statt dessen musste sie wieder auf herabhängende oder aus dem Boden ragende Felsen achten und sich auf dem Besenstiel liegend durch Engstellen schlängeln. Insgesamt dauerte ihr Flug dadurch zehn Minuten. Unterwegs erkannte sie, wie tief der Staub in den Stollen hineingeblasen worden war. Dabei kam ihr der Gedanke, ob ein Zeittresor wie ein erscheinender Apparator soviel Luft verdrängte, wie er an fester oder gasförmiger Materie in sich aufbewahrt hatte und ob er beim Verschließen ein vorübergehendes Vakuum schuf, in das die im normalen Raum-Zeit-Gefüge verbleibende Luft hineinstürzte. Für das letzte sprach der viele Staub, der trotz der Stollenwindungen sehr tief hineingeraten war. Dann war es womöglich für sie gefährlich, in der unmittelbaren Nähe zu sein, wenn sich der Tresor öffnete. Doch sie wollte sich erst einmal die Stelle ansehen, wo er denn entstehen mochte und dann beschließen, was sie tat.
Als sie das Ende des Stollens erreichte sah sie eine Halle, die ungefähr 50 mal 50 Meter in der Fläche und knapp vierzig Meter in der Höhe maß. Sie erkannte mehrere kreisrunde Löcher im Boden und eine langgezogene, eliptische Furche im Boden. Da noch dreißig Minuten bis Mitternacht fehlten wagte sie es, sich die Vertiefungen anzusehen. Die Löcher waren die Ränder von knapp fünfzig Meter tiefen Trichtern, deren Wände glasiert aussahen, als habe jemand sie mit sonnenheißer Glut ausgeschmolzen. Ähnliches erkannte sie an der knapp 40 Meter langen und an der breitesten Stelle gerade zehn Meter breiten Elipse. Doch sonst war hier nichts. Sie wagte es, auf Aurenerkennung zu wechseln und erkannte, dass in der Decke nahe beim Eingang ein pulsierender Lichtbal war, aus dem andauernd Lichtentladungen die hier verlaufenden konzentrischen Linien und mindestens zwei Dutzend gerade mal fünfzig Zentimeter voneinander entfernten Speichen entlang nach draußen schossen. Ja, das war eindeutig ein Locorefusus-Zauber, der unerwünschtes Apparieren abwies. Nun konnte sie den konzentrischen Ringen und auf den Speichen stehenden Längengraden folgend nach oben sehen und ahnte, dass sie irgendwo da oben in dieses magische Geflecht hineingeraten und von diesem sofort wieder abgestoßen worden war. Je nach Stärke des Zaubers wurde jemand, der in ihn eindrang entweder nur bis zu seiner Wirkungsgrenze befördert oder genauso weit zurückgeworfen, wie sein Sprung in das Geflecht geführt hatte also im Höchstfall sogar über hunderte Kilometer zurück an den Ausgangsort. Irgendwo zwischen den beiden Extremen lag die Stärke dieses Zaubers. Nun blickte sie nach obenund suchte jene Lichteinlässe, durch die das Licht von fünf von hier aus sichtbaren Sternbildern gebündelt und bis hier geführt wurde. Doch sie erkannte sie nicht sofort, weil die Kraftlinien des Locorefusus-Zaubers ihren Blick für andere Magieausstrahlungen behinderten. Dann musste sie über ihre eigene Einfalt lachen. Natürlich lagen die Lichtbahnen der fünf Quellgestirne innerhalb des Wirkungsbereiches des Fugittempus-Tresores und waren somit auch für sie unsichtbar.
Während sie mit Nacht- und Wärmesichtvermögen die Löcher und die Furche noch einmal untersuchte erkannte sie in der Furche Einkerbungen und besah sie mit der Vergrößerungsfunktion ihrer Augen. Sie hatte sich gefragt, wo die anderen von Kepheus im Schlaf ausgeplauderten Absicherungen geblieben waren. Die hätte sie doch mit der Aurensicht erkennen müssen. jetzt wurde ihr klar, dass irgendwas diese Zauber zerstört haben musste, irgendwas mächtiges. Dann schlug sie sich fast vor den Kopf. Was hatte die gesamte Zaubererwelt in den letzten vier Jahren überstehen müssen? Antwort: Die dunkle Woge vom 26. April 2003 und die Erdmagiewoge in Folge des Seebebens im indischen Ozean vom 26. Dezember 2004. Diese beiden Ereignisse mussten die im gewohnten Raum-Zeit-Gefüge verbliebenen Zauber erschüttert und womöglich überladen und somit entladen haben. Vor allem die Welle aus dunkler Magie musste alle gegen sowas gerichteten Zauber überfordert haben, vielleicht auch den Blutsverwandtschaftsbann, der nur Zauberer von einer bestimmten Familie durchließ.
„Ab jetzt heißt es warten“, dachte Albertrude Steinbeißer. Sie war sich sicher, dass die Rückkehr von Canopus‘ Erbschaft einen gehörigen Luftstoß erzeugen würde. Das sollte sie besser nicht in unmittelbarer Nähe erleben. Sie beschloss bis in die Nähe der Locorefusus-Begrenzung zurückzufliegen und da im Schutz einer Kopfblase zu warten, falls nötig den ganzen 29. Februar.
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29.02.2008
Graublauer nebel. Das war es, was er gerade noch zu sehen bekam. Da war diese Stimme, die ihm befohlen hatte, zu schlafen, weil er den rechten Zeitpunkt verpasst hatte. Er schwebte mitten in diesem Nebel.
Wie am Ende eines Albtraumes meinte er unvermittelt in eine bodenlose Tiefe zu stürzen. Um sich herum hörte er ein lautes Heulen und Säuseln. Dann fühlte er etwas gegen seinen Körper drücken. Er öffnete seine Augen und sah gerade noch die letzten Reste eines graublauen, aus sich heraus leuchtenden Dunstes, der wie von einem tobenden Tornado zerquirlt wurde. Er meinte, einen starken Druck auf beiden Ohren zu fühlen und hörte ein hohes Pfeifen. Er fürchtete, sich ein Ohrenklingeln eingefangen zu haben. Dann erkannte er an den Echos, dass dieses Pfeifen aus großer Ferne zu ihm drang. Er atmete, er hörte, fühlte und sah. Er lebte also noch!
Er stellte fest, dass er auf dem Boden lag und gerade die Beine ausstreckte. Hatte er sie die ganze Zeit angezogen wie ein Kind im Mutterleib? Wie lange hatte er hier zugebracht, eine Sekunde, eine Stunde, eine Ewigkeit? Selbst wenn seine Uhr nicht von dieser gemeinen Kraft außer Gefecht gesetzt worden wäre, die auch seine anderen elektronischen Geräte erledigt hatte würde die ihm nur noch helfen, wenn weniger als drei Jahre vergangen waren. Solange konnte die leistungsstarke Batterie durchhalten.
Jetzt glühte etwas auf, was er erst gar nicht zuordnen konnte. Doch dann sah er es und wunderte sich nicht schlecht. Da neben ihm lag, gerade wieder vollständig in Gang gebracht, ein Chemolumineszenzstab, jener, den er nach dem Ausfall der Helmlampe angeknickt hatte, um wenigstens noch Licht zu haben, wenn er schon nichts mehr zu essen und zu trinken haben mochte. Wieso war der Leuchtstab jetzt erst wieder angegangen. Hätte der nicht nach zwei Stunden erlöschen müssen?
Erasmus Söderdiek, der Überlebende eines gewaltigen Einsturzes und Entdecker einer wahrhaft erstaunlichen Hinterlassenschaft, nahm den glühenden Leuchtstab in die linke, seine Handlungshand und hielt ihn in verschiedene Richtungen.
Alles war so wie bis – eben noch? Da war der schwarze, fünfeckige Sockel, auf dem ein silbern beschlagener Schrank stand. Wenn er den Stab nach vorne hielt sah er die den Sockel kreisförmig umschließende Linie, in der er alte Runen erkannt hatte, die angeblich oder wahrhaftig nur dem Zutritt gewährten, der drei mal zehn Sonnen und sechs mal eine Sonne auf der Welt war, mindestens, dachte Söderdiek und hob den Leuchtstab weiter an, um damit den Raum auszuleuchten. Das Licht reichte immer noch nicht zur Decke. Doch irgendwas meinte er da oben zu sehen, Lichtpunkte. Er dachte erst, seine zwischen Dunkelheit und Chemolicht wechselnden Augen spielten ihm einen Streich. Doch als er noch genauer hinsah erkannte er, dass sich die Lichtpunkte auf einer Stelle befanden.
Er nahm seinen Helm ab und legte ihn über den Leuchtstab. Somit wurde sein Licht abgedeckt. Es war nun so dunkel, wie es in einer tief unter der Erde liegenden Höhle sein musste. Dann blickte er nach oben und erkannte, dass die Lichtpunkte noch da waren. Es war kein verirrter Widerschein des Leuchtstabes und auch keine Überanstrengung seiner Augen. Von da oben glommen mehrere Lichtpunkte und erzeugten einen sichtbaren Widerschein auf dem Boden. Die Lichtpunkte lagen alle außerhalb der im Chemolicht glitzernden Kreislinie, aber wohl noch innerhalb der ebenso kreisförmigen, dutzende von Metern tiefen Spalte. Es waren insgesamt fünf farbige Lichter, die in einer bestimmten Anordnung leuchteten, ein Fünfeck, dessen Ecken auch die Zacken eines fünfstrahligen Sternes bilden mochten. – Ein Pentagramm!
„Wieder was magisches“, dachte Erasmus Söderdiek. Dann kamen ihm sehr trübe Gedanken. Wenn er hier eine Ewigkeit im Tiefschlaf zugebracht hatte wie Prinzessin Dornröschen oder der Comicheld Buck Rogers, dann konnten alle die er kannte längst tot sein. Ja, und er würde ihnen mit einer Menge Verspätung folgen. Das Ding hier war eine Zeitfalle oder besser eine Zeitgruft, ein in sich abgeschlossener Zeittresor, der zusätzlich zu dieser goldenen Linie und der Abweisung am Schrank sicherstellen sollte, dass niemand unbefugtes an den Schrank ging.
„Lohnt es sich da rauszugehen und nach zugucken, ob der Schacht noch eingestürzt ist?“ fragte sich Söderdiek. Dann fiel ihm was ein. Diese Gruft hatte sich genau am 29. Februar 2004 um ein Uhr nachts geöffnet. Dabei war von ihr Luft ins restliche Höhlensystem geblasen worden. Fünf stunden lang musste sie offengeblieben sein, lange genug, dass er sie erreichen und in sie eindringen konnte. Tja, und dann war Ladenschluss gewesen, dachte er. Was wenn die, die dieses außerhalb jeder Physik und irdischer Technologie liegende Konstrukt so geregelt hatten, dass es nur am 29. Februar aufging? Wer das wusste konnte dann was in den Schrank hineintun oder herausholen. Dann konnte es aber sein, dass er nur vier Jahre übersprungen hatte. Irgendwas hatte ihn eingefroren, eben wie Buck Rogers. Aber es musste ihn wenigstens niemand wachküssen, denn hier herunter kam kein Prinz. Und der wäre dann nicht gleich nach dem Aufwecken verschwunden. Aber vier Jahre waren auch eine lange Zeit. Falls die überhaupt nach ihm gesucht hatten, dann hatten die gemerkt, dass hier unten niemand mehr war und die Suche aufgegeben. Punkt aus Ende! Für die da oben war er auf jeden Fall tot. Lohnte es sich dann echt noch, da rauszugehen? Was war die Alternative? Er konnte hier warten, bis dieses Zeitfeld sich wieder schloss und ihn und den Schrank bis zum nächsten Schalttag aufbewahrte. Dann wieder fünf Stunden. Dann weitere Vier Jahre, und so weiter. Wollte er das? Nein. Wenn es sein musste, dann wollte er seinen Tod ohne ständige Pausen erwarten. Aber dann fiel ihm noch was ein, das ihm Hoffnung gab. Wer immer sich die Mühe gemacht hatte wie auch immer diese außerphysikalische Einrichtung zu bauen und einzustellen mochte irgendwann im fraglichen Zeitraum kommen und nachsehen, ob noch alles so war wie es sein sollte. Gut, der Schacht war eingestürzt. Das mochte dem Wesen schon den halben Tag versauen. Aber womöglich konnte es die Gesteinstrümmer wegbeamen oder desintegrieren oder sogar teleportieren. Tja, und falls nicht im 21. Jahrhundert, dann vielleicht im Zeitalter von Kirk, Picard & Co. Ja, da konnten sie ganze Felsmassen oder Erdreich auf einen Rutsch wegbeamen. Sollte er also warten? Da er noch an die fünf Stunden hatte wollte er wenigstens hinausgehen und nachsehen, ob sich in der Zeit irgendwas verändert hatte.
Er besah sich noch einmal das Fünfeck aus Licht und zog von den Lichtflecken auf dem Boden geistige Linien bis zu dem Sockel mit dem Schrank darauf. Ja, das passte. Der Sockel war sowas wie ein Sammelbehälter für die Energie, die mit dem Licht nach unten geschickt wurde. Im Licht des Leuchtstabes hatte er das nicht sehen können. Gut, jetzt wusste er es.
Nun nahm er den Helm hoch und gab das Leuchtstablicht frei. Er setzte den Helm auf und nahm den Stab wieder in die linke Hand. „Ein Spitzer Hut wäre wohl hier die angemessenere Kopfbedeckung, dachte er für sich. Er grinste und machte die aus seinem Märchenbuchwissen bekannten Zauberstabschwünge nach. „Fiat Lux nunc!“ rief er laut und inbrünstig aus und genoss mit kindlicher Begeisterung die vielen Echos seines Ausrufes aus dem Stollen. Gut, den gab es offenbar noch, dachte der Möchtegern-Lichtzauberer. Doch das leise, belustigte Kichern war kein Echo. Er zuckte zusammen. Dann dachte er, dass er sich das sicher einbildete. Außer ihm war doch keiner hier, weil der oder die ja dann schon längst in diesem Raum sein und ihn fragen würde, was er hier machte oder ihm gleich irgendwas mit oder ohne Magie überbraten würde. Er lauschte, bis das letzte „nunc!“ in weiter Ferne verklang, ohne Folgeechos auszulösen. Jetzt war es ganz still. Sollte er noch mal irgendwas magisches rufen und lauschen? Nein! Wenn da echt wer war konnte der oder die nur im Stollen stecken. Wollte er warten? Ach neh, die Frage hatte er sich in den letzten gefühlten Minuten schon mehrmals gestellt. Also wollte er es hier und jetzt wissen, ob er immer noch und wohl für alle Ewigkeit allein in dieser völlig seltsamen Höhle war.
Er verzichtete darauf, nach wem immer zu rufen. Wenn da wirklich wer war hatte der oder die ihn ja gerade laut genug gehört. Er ging los und überquerte erst die im Chemolicht grüngold glitzernde Linie und überstieg bedacht die schmale Bodenspalte. Er hielt den Leuchtstab nun nach vorne ausgestreckt und suchte den Ausgang. Als er merkte, dass ein Echotest schneller war stieß er ein kurzes „Ha!“ aus. Ja, Da wo die richtig lange nachklingenden Echos herkamen musste er hin.
Als auch das Licht seines Leuchtstabes den Stollenausgang erreichte sah er, dass er sich vorhin nicht verhört hatte. Denn da im Eingang stand jemand.
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Fast wäre Albertrude eingeschlafen. Sie hätte vielleicht doch Wachhaltetrank schlucken sollen. Doch diese Stille, die irgendwo zwischen Grabesstimmung und Erhabenheit lag, hatte sie eingelullt. Auch die Gewissheit, dass sie es spüren musste, wenn was geschah hatte sie beruhigt. Doch dann war sie wieder aufgeschreckt. Sie durfte nicht schlafen. Was wenn der Zeittresor sich ganz behutsam öffnen würde und sie die Zeit verschlief, die er offenblieb?
Um sich wachzuhalten untersuchte sie nun die dunklen Fladen auf dem Boden. Sie erkannte, dass das mal ein Gemisch aus Metall und Kunststoff gewesen war, das mit dem hereingetragenen Gesteinsstaub verbacken worden war. Ihr erster Gedanke hatte sie nicht getrogen. Etwas mit elektrischen Batterien musste hier verbrannt sein, etwas, das mit dem Locorefusus-Zauber zusammengestoßen war und das nicht vertragen hatte. Vielleicht waren es Akkupakete, um andere Geräte versorgen zu können.
Es war nach ihrer Uhr gerade eins am frühen Morgen des besonderen Tages im Jahr 2008, als sie vom anderen Stollenende her einen schlagartig auffrischenden Windstoß fühlte, der sie packte und davontrug. Sie rollte sich reflexartig so weit zusammen wie sie konnte, ihren Kopf zwischen den Armen bergend. Der Windstoß blies sie aus dem Bereich des Locorefusus-Zaubers hinaus und fast dorthin, wo der eingestürzte Schacht war. Von dort hörte sie ein immer lauteres Pfeifen. Dann fühlte sie, wie ein Gegendruck ihren unfreiwilligen Flug abbremste und sie für mehrere Sekunden in der Schwebe hielt. Dann flaute der unbändige Wind ab. Das laute Pfeifen wie von hundert gleichzeitig kochenden Teekesseln blieb noch, wurde jedoch leiser und leisr und sank in der Tonhöhe, als wenn jemand all die hundert Kessel nacheinander vom Herd nahm. Ein Säuseln blieb, während Albertrude aus einem Meter Höhe auf den Boden prallte und sich schnell weiterrollte, um den Aufprall abzufedern. Als sie endlich wieder still am Boden lag hörte sie durch die Kopfblase hindurch das Wimmern im eingestürzten Schacht. Ja, da wollte wohl noch verdrängte Luft nach draußen.
Albertrude besann sich nicht lange. Sie wusste, was dieser Aufruhr der Luft zu bedeuten hatte. Jetzt, wo der Wind verweht war konnte sie wieder auf den Besen. Sie holte ihn hervor, saß auf und flog gerademal so schnell, damit sie nicht mit den Überhängen zusammenstieß. Ihr Ziel war die Halle am anderen Ende des Stollens. Als sie jedoch das ferne Licht sah, das sich bewegte landete sie schnell wieder und so leise, dass es nicht einmal einen Nachhall erzeugte.
Sie blickte nun mit ihren Augen nach vorne und holte sich die Lichtquelle näher. Da erkannte sie, was es war. Es war ein Leuchtstab, ein praktisches Ding aus der magielosen Alchemistenküche der Maglos, ohne elektrischen Strom, hitzearm oder gar hitzelos und je nach Inhalt sehr hell oder mehrere Stunden leuchtend. Den Leuchtstab hielt ein Mann in einem reißfesten Anzug mit Helm auf dem Kopf und Stiefeln an den Füßen. Offenbar orientierte der sich gerade. Vorher war der noch nicht da gewesen. Sie sah an ihm vorbei und erkannte, dass sie am Ziel war. Ja, da war er, der silberne Schrank. Der Schrank stand auf einem schwarzen Sockel. Dann sah sie noch die Lichtflecken am Boden und konnte sie gleich als Eckpunkte eines Fünfecks zuordnen, die in geraden Linien mit den Kanten des Sockels verbunden waren. Ein siderischer Kollektor. Ja, Canopus war ein genialer Großmeister dieser Zauberei.
Der Bursche mit dem Leuchtstab forderte wieder ihre Aufmerksamkeit. Denn er blickte nach oben und sah wohl was, dass er nicht zuordnen konnte. Dann versteckte er den Leuchtstab unter seinem Schutzhelm und sah sich nun im Dunkeln um. Der Mensch war fraglos intelligent, erkannte Albertrude. Ja, und von der Statur her war er auch sehr stark und gelenkig. Von der Hautfarbe her, die sie nur bei sichtbarem Licht erkannte, war es ein Europäer. Der hatte also den Schachteinsturz überlebt, den er vielleicht selbst ausgelöst hatte. Der hatte die Elektronikgeräte mitgeführt, die unterwegs zerstört wurden. Jetzt erforschte er wohl die immer noch glimmenden Lichtflecken. Dem würde auffallen, dass sie fünf Säulen bildeten. Albertrude wartete ab. Als er dann wohl alles gesehen hatte, was er mit wohl natürlichen Augen im Dunkeln sehen konnte nahm er den Helm vom Boden und nahm den Leuchtstab wieder in die linke Hand. Oh, Linkshänder wie Claudi Morgenrot. Jetzt konnte sie seine heidelbeerblauen Augen und sein gerade mal einen Zentimeter langes mittelblondes Haar sehen, weil ihre Augen das grünliche aus dem Licht herausfilterten. Jetzt schwang er den Stab wie einen Zauberstab. Aus der Ferne von nur noch einem halben Kilometer hörte sie ihn rufen: „Fiat Lux nunc!“ Der Hall und die vielen Echos strichen wie unsichtbare Gespenster um Albertrude herum, klangen aus dem weit hinter ihr liegenden Ende des Stollens und hallten auch aus der Halle. Die Echos waren stark genug, dass sie Folgeechos zeugten. Das und dieser Magloversuch, auf Lateinisch die Welterleuchtung aus der Bibel nachzuahmen amüsierten die dem jüdisch-christlichen Gott und seinen selbsternannten Stellvertretern abgeneigte Hexe so sehr, dass sie unwillkührlich auflachen musste. Als sie merkte, dass der Mann über 36 sie gehört haben mochte zwang sie sich, ganz still zu bleiben. Natürlich lauschte der jetzt. Dann entschied er sich wohl dafür, die Halle zu verlassen. Als er losging beschloss sie, ihm entgegenzufliegen.
Auf dem Besen überwand sie die fehlenden fünfhundert Meter innerhalb von einer halben Minute. Diese Zeit brauchte der Fremde, um über die nun zu einem Kreis von fünfzig Metern Durchmesser ausgedehnte Bodenspalte hinweg auf den Stolleneingang zuzugehen. Er stieß noch einen kurzen Laut aus, wohl diesmal um zu hören, wo der Ausgang war. In dem Moment landete Albertrude Steinbeißer. Sie wurde sichtbar. Sie ließ ihren Besen auf dem Boden liegen und zog ihren Zauberstab. Dann sah sie, dass er sie sah.
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Im Ausgang zum Stollen stand eine Frau in einem Bergtouristenkostüm mit reißfester Bluse und einer im Leuchtstablicht graugrün aussehenden Hose. Sie trug Stiefel an den Beinen. Von der Hautfarbe her war sie Afrikanerin. Doch was Erasmus Söderdiek auffiel waren die leicht blaugrün durchsichtige Kugel um ihren ansonsten unbedeckten Kopf und der schlanke Holzstab in der rechten Hand. Dann meinte er noch was zu sehen, ein länglicher, im Chemolicht silbrig-grün glitzernder Stab, nein, eine Stange, nein, ein Besenstiel, der in einem kunstvollen, ebenso silber-grünen Licht glitzerte. Das passte gerade hierher. Eine Hexe mit silbernem Besen. Aber wozu brauchten Hexen Zauberstäbe? Die machten doch alles über Zaubersprüche und Zaubertränke klar wie Barbara Blocksberg und ihre Tochter Bibi. Vielleicht galt das aber in der echten Welt nicht und auch nicht in Afrika.
Er sah sie an, sie sah ihn an. Er wusste, dass sie ihn längst gehört hatte. Womöglich war sie es auch, die da vorhin leise gekichert hatte. Er fragte sich gerade, was sie von ihm hielt, dem Höhlenkletterer, der damit rechnete, hier zu sterben. War sie eine von denen, die den Schrank und alles damit zusammenhängende hier unten angebracht hatten?
Er sah, wie sie den Holzstab auf ihren Kopf richtete und wie daraufhin die durchsichtige Blase mit leisem Plopp verschwand, sodass sie einander nun frei ansehen und ansprechen konnten.
Er wagte es, einen Schritt weiter nach vorne zu gehen. Dann sah er sie noch einmal an und sagte „Jambo.“ Er fügte dem Wort noch einen Gruß an und dass er Höhlenforscher sei. Sie sah ihn verdrossen an, offenbar verstand sie ihn nicht. Dabei galt Swahili als eine der Amtssprachen in Uganda, oder hatte ihn dieses Zeitgefängnis auch noch in ein anderes Land versetzt. Er versuchte es mit Englisch und nannte dabei seinen Namen, aber mit deutscher aussprache. Darauf antwortete die andere total überraschend: „Ach, Sie sind Deutscher. Was macht einer, der nichts von der erhabenen Welt weiß hier an diesem Ort, Herr Söderdiek?“
„Wer will das wissen?“ begehrte er nun auf, um seine eigene Überraschtheit zu überspielen und der Frau da, die fließend Deutsch ohne Akzent sprach zu zeigen, dass er sich von ihrem Zauberstab und dem abgelegten Silberbesen nicht beeindrucken ließ.
„Xenia Felsgruber, Mitarbeiterin in der Abteilung für magische Geschichte im Ausland und Referentin für Hinterlassenschaften der Kolonialzeit“, sagte sie ruhig und so sicher, dass Erasmus ihr das erst einmal abkaufte. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie zaubern konnte. Womöglich weil er gerade aus einer Höhle kam, in der was wohl nur mit Magie erklärbares aufbewahrt wurde. Er hätte sie eigentlich fragen müssen, von welchem Planeten sie kam. Dafür fiel ihm ein, nach dem Datum zu fragen, sofern die noch in christlicher Zeitrechnung schrieben. „Neunundzwanzigster Februar zweitausendundachtt“, erwiderte die Fremde. Dann fragte sie ihn: „An welchem Tag sind Sie denn hier heruntergekommen? Ich gehe davon aus, dass der Schacht am anderen Ende hinter Ihnen zusammengebrochen ist.
„Oh, nur vier Jahre? Ach ja, der neunundzwanzigste Februar zweitausendundvier war das“, antwortete Söderdiek. „Eigentlich hätte ich längst verhungert sein müssen. Aber da drinnen ist was, das mich wohl schockgefroren und wieder aufgetaut hat.“
„Dann haben Sie gesehen, was da drinnen ist?“ Er nickte verdrossen. Was sollte es. Es gab nur den einen Zugang. Also konnte er ja nur da drinnen gesteckt haben. „Gut, dann bleiben Sie erst einmal hier, falls Sie lebend wieder hinaus wollen“, sagte die Fremde, die wie eine Afrikanerin aussah, aber Deutsch mit derselben nordischen Melodie sprach, die er selbst geerbt hatte.
Er wollte noch was sagen. Doch da zielte sie mit ihrem Zauberstab auf ihn. Plötzlich konnte er nichts mehr regen, keinen Arm, kein Bein und auch nicht seine Lippen. Er hatte kein lautes oder auch gezischtes Zauberwort gehört. Erstarrt wie versteinert musste er zusehen, wie sie an ihm vorbeiging. Er konnte sich nicht einmal umdrehen. Er konnte nur lauschen. Was er hörte waren ihre Schritte. Dann dauerte es einige Sekunden. Dann wieder Schritte. Dann meinte er sie etwas murmeln zu hören. Er verstand die Worte, weil es Latein war, das er mit Suma cum laude bestanden hatte. Deshalb begriff er auch, was sie damit wollte. Doch er musste warten, bis sie wieder an ihm vorbeikam und er sie sehen konnte.
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Dieser Höhlenforscher war vor vier Jahren wohl kurz vor dem Zufallen in den Zeittresor geraten. Immerhin war es keiner, der darin gefangene Lebewesen verhungern ließ sondern konservierte. Das sprach für die Gutmenschlichkeit von Canopus, keinen absichtlich zu töten oder zuzulassen, dass wegen ihm jemand starb, dachte Albertrude.
Sie ging an dem mit Erstarrungszauber belegten Mann vorbei. Dabei erkannte sie, dass der eigentlich all die Eigenschaften mitbrachte, die sie mit ihrem Fleisch und Blut vereinigen wollte, Gesundheit, Intelligenz, Unerschütterlichkeit. Ein anderer Maglo wäre doch jetzt bibbernd und um Hilfe und Gnade winselnd in der Halle geblieben, bis man ihn erlöst hätte. Doch im Moment galt ihre größere Aufmerksamkeit dem silbernen Schrank, der nun in einer doppelt so großen Halle in der Mitte stand. Der vorhin wie eine langgezogene Elipse beschaffene Bodenspalt war nun zu einem kreisförmigen Einschnitt geworden. Also hatte der Zeittresor ein Stück des Raumes eingeschlossen. Jetzt sah sie auch die fünf Lichtsäulen genauer, die den siderischen Kollektor mit kosmischer Energie erfüllten, dass der dann für vier Jahre eine so Große Menge Rauminhalt einschließen konnte. Sie blickte kurz mit Aurenerkennung auf den Schrank und sah, dass etwas ihn umgab, das mondlichtsilbern und im grünen Licht von Erdzaubern wechselte. Dan übertrat sie die Alterslinie. Das ging noch ohne Vorkehrungen, weil sie älter als 36 Jahre war. Aber dann musste sie was machen, um an den Schrank und dessen Inhalt zu kommen. Sie trat so weit vor, dass sie fast die von ihm ausstrahlende Aura berührte. Jetzt wusste sie auch, wofür diese stand: „Heres sub luna“, der unter dem Mond geborene Erbe. Ja, Canopus hatte an vieles gedacht, aber nicht an sie, die Wiederverkörperung Gertrude Steinbeißers.
Sie zielte mit dem Zauberstab auf ihren Unterbauch, den laut vieler Hexen Sitz der wahren Macht des Lebens, da dort neues Leben entstehen konnte. Dann wisperte sie: „Luna omnium libertatum!
Me permitte quod est datum!“
Dabei dachte sie an Mondstrahlen, die durch ein Schlüsselloch einer schwarzen Tür drangen und diese Tür dabei innerhalb der gesprochenen Worte in silbernem Licht auflösten, bis der ganze Mond frei zu sehen war. Fast fünf Jahre hatte Gertrude Steinbeißer gebraucht, um diese mentale Komponente zu finden, die mit dem Zauberspruch zusammenpasste und ihm die gewünschte Wirkung gab.
Sie hatte diesen Zauber in ihrem neuen Leben noch nicht ausgeführt. Dennoch war sie sehr erleichtert, das erst kalte und dann warme Strömen durch ihren Unterleib in alle Fasern ihres Körpers zu fühlen. Aus Ihrem Körper heraus begann ein silbernes Licht zu schimmern und breitete sich weiter aus. Sie fühlte wie ihre künstlichen Augen erbebten. Doch dann war es so, wie sie es gewohnt war. Von jener silbernen Aura umkleidet schritt sie voran und näherte sich dem Schrank. Sie steckte den Zauberstab fort um beide Hände freizuhaben. Dann griff sie entschlossen nach den beiden Türknäufen. Sie fühlte den Schrank erbeben, und der Sockel auf dem er stand spie silberne Funken aus, die von ihrer silbernen Aura abtropften wie Wasser von einer Glasscheibe. Sie drehte die Knäufe beide zugleich in verschiedene Richtungen. Ja, das klappte. Die beiden Türen gingen auf. Sie blickte in den Schrank hinein, der sich vorhin noch dem Durchblick ihrer Augen widersetzt hatte.
Der Schrank war unterteilt. Links waren gleichgroße Fächer eingebaut. Rechts gab es eine Querstange, an der ein Kleiderbügel hing. An diesem hing er, der außen nachtschwarze, innen silbergraue Umhang. Vier spiegelnde Schließen aus gediegenem Silber schimmerten im Restlicht des vom Eingang her leuchtenden Leuchtstabes. Es war ein Kapuzenumhang, der einen erwachsenen Mann problemlos vom Kopf bis zu den Waden hinabreichen mochte. Dafür war sie hierhergekommen. Ohne den Umhang würde sie nicht wieder gehen. Dann sah sie in die Fächer auf der linken Seite, während der Schrank weiter vibrierte, als stehe er auf bebender Erde.
Die Fächer enthielten Pergamentrollen, mehrere dicke Bücher und ein Notizbuch oder Tagebuch. Albertrude griff unter ihre reißfeste Bluse und zog einen kleinen Brustbeutel hervor, einen Practicus-Brustbeutel, der alles, was in ihn hineingesteckt wurde auf ein Hundertstel einschrumpfte und erleichterte. Sie zog ihn weit genug auseinander, dass sie alle Bücher aus dem Schrank und dann noch die Pergamentrollen hineinschieben konnte. Erst als nichts mehr in den Fächern war und sie auch mit ihrem Enthüllungsblick nichts mehr sehen konnte nahm sie den Umhang heraus, der in ihren Händen leicht erbebte. Offenbar widerstrebten die in ihm eingewirkten Mondzauber ihrem eigenen, ganz privaten Zauber. Gut, dann musste sie den gleich widerrufen. Das würde ihr einige Ausdauer abziehen. Doch die konnte sie sich problemlos von dem Burschen am Eingang zurückholen.
Sie legte den bibbernden Umhang erst einmal einige Meter vom Schrank fort und stieß die Türen zu. Sie drehte die Knäufe wieder auf Verschlussstellung. Dann nahm sie Ihren Zauberstab wieder zur Hand und zielte erneut auf ihren Unterleib und wisperte:
„Hoc mihi licit habeo.
ad Lunam magnam gratiam ago!“ wisperte sie. Daraufhin fühlte sie, wie ihr schwindelig wurde. Gleichzeitig wurde die silberne Lichtaura wieder in ihren Körper eingesogen. Sie hatte für einige Sekunden das Gefühl, Eis auszuscheiden. Dann war es vorbei. Sie merkte, dass sie einen Gutteil ihrer Tagesausdauer verbraucht hatte. Dann jedoch sah sie erleichtert auf den nachtschwarzen Kapuzenumhang am Boden. Sie bückte sich und hob ihn auf. Jetzt bibberte er nicht mehr. Somit wurde ihr klar, dass sie den Zauber, mit dem sie die Sperren im Schrank überwunden hatte nicht ausführen konnte, wenn sie den Umhang trug, und den würde sie tragen, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Es sei denn, der war nur eine Fälschung, eine pure Übertreibung. Dann musste sie ihn gleich ausprobieren.
Sie zog ihn sich über und setzte auch die Kapuze auf. Dann schloss sie die erste Schließe. Zu spüren war nichts. Doch sie konnte mit ihrem Blick für Magie erkennen, dass von ihr etwas silbernes ausging. Dann schloss sie die zweite Schließe. Das silberne Licht wurde nur für sie heller. Bei der dritten war es noch eine Spur heller. Zugleich fühlte sie, wie ihre Kunstaugen erzitterten und die Umgebung etwas verwaschen aussah. Wenn das der übliche Effekt auf sie war konnte sie den Umhang womöglich nicht benutzen, dachte Albertrude. Doch dann wagte sie es und schloss auch die vierte Schließe.
Es war wie ein weiterer kurzer Kälteschauer. Dann sah sie, dass sie nur die etwas flackernde Silberaura des Schrankes sowie das grüngoldene Flirren der Alterslinie und die ihr schon vertrauten Locorefusus-Stränge sah. Sie erkannte keine Aura um sich herum. Sie sah überhaupt nichts von sich. Selbst als sie die Hand vor ihre Augen hielt sah sie nichts. Als sie den Enthüllungsblick benutzte sah sie immer noch nichts. Sie war vollständig unsichtbar auch für Leute wie sie. Als sie ihre Augen mit den Fingern berührte fühlte sie, dass diese stark erwärmt waren, aber nicht heiß. Sie erkannte, dass sie mit dem Schließen der dritten Schließe wohl einen nur auf natürliche Augen wirkenden Zauber ausgelöst hatte, der mit ihren Kunstaugen widerstritt. Nur wo sie sich gerade selbst nicht sehen konnte blieben ihre Augen eben nur erwärmt. Sie konnte sie noch drehen und auf verschiedene Sichtarten umstellen. Damit war eine stille Befürchtung beseitigt, dass der Schatten des Neumondes ihre Augen zeitweilig oder dauerhaft blenden konnte. Tja, das wäre wohl der höchste Preis gewesen, den sie hätte zahlen müssen, dachte sie nun, wo diese Gefahr doch nicht eingetreten war. Vielmehr wallte immer größere Freude in ihr hoch und überlagerte die Schwäche, die sie sich selbst zugefügt hatte. Sie hatte einen vollkommenen Tarnumhang, den nicht mal jemand wie sie durchblicken konnte. Sie musste sich zwingen, nicht vor Glück laut aufzuschreien. Denn da draußen stand ja noch jemand. Was wollte sie mit dem anstellen? Erst einmal ausfragen. Dann forschen, ob er noch vermisst wurde. Wusste sie das, dann konnte sie sich immer noch entscheiden, was sie mit ihm anstellen wollte. Erst einmal wollte sie noch was überprüfen.
Sie öffnete den Umhang schnell wieder, wobei ihr für eine Sekunde die Augen flimmerten. Sie musste also zwei oder alle Schließen des Kleidungsstückes verschließen, wollte sie keinen dauernden Krach mit ihren so wertvollen Augen haben.
Sie trat an dem erstarrten Mann aus Deutschland vorbei, damit er sie wieder sehen konnte.
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Sie stand wieder vor ihm. Doch jetzt trug sie über ihren Normalosachen einen im Chemolicht völlig dunklen Umhang mit das Stablicht vollständig spiegelnden Verschlüssen. Sie sagte nichts zu ihm. Das beunruhigte ihn etwas. Vorhin hatte sie was von einem Mond aller Freiheiten gemurmelt und dass der ihr alles was gegeben war erlauben solle. War es dieser Umhang, den sie damit erbeuten wollte?
Sie stellte sich nun neben ihn hin und schloss alle vier Verschlüsse mit leisem, metallischen Klicken. auf einmal war sie weg wie verschwunden. Doch als eine Hand seinen rechten Arm ergriff wusste er, das sie nur unsichtbar war. Ja, und in dem Augenblick, wo sie seinen Arm griff sah er von sich auch nichts mehr. Selbst der in seiner linken Hand liegende Leuchtstab wurde stockdunkel.
„O, den Effekt hat keiner erwähnt“, hörte er die Stimme der unbekannten. Dann fühlte er, wie eine zweite Hand nach ihm tastete, sich erst unangenehm durch sein Gesicht wühlte, dann den Hals hinunterstrich, was merkwürdig angenehm war, über seine linke Schulter glitt bis zu seiner Hand und dann den dunkel gewordenen Stab aus der Hand herauspflückte. Dann fühlte er, wie an seinem rechten Arm gezogen wurde. Er wurde in der Haltung wie er war zur Seite gebeugt. Dann hörte er was auf den Boden auftitschen. Danach wurde er wieder in die senkrechte Haltung zurückgedrückt. Dafür leuchtete der Chemostab nun wieder so hell wie sonst. Doch er sah sich selbst nun nicht mehr. Er war gerade genauso unsichtbar wie die Fremde. „Gut, das wissen wir also jetzt auch“, hörte er die andere Murmeln. Dann ließ sie ihn wohl los. Er erschauerte kurz. Dann sah er, dass er sich wieder sehen konnte. Die Unsichtbarkeit wirkte also nur, wenn die Frau in dem eindeutig nicht aus einem Physiklabor stammenden Umhang ihn fest anfasste. Kohlhas hätte jetzt wohl Mr. Spock imittiert und mit dem Ausspruch „Faszinierend“ die Augenbraue gehoben. Faszinierend war es in der Tat, aber auch erschreckend. Denn jetzt war Söderdiek klar, dass Leute wie diese Frau und Teile wie dieser Umhang womöglich schon seit Angedenken neben den Normalos wie ihm existierten. Oder waren er und die nicht zaubern konnten die Freaks, und die Hexen und wohl auch Zauberer waren die wahre Krone der Menschenentwicklung?
„Das haben wir geklärt. Klären wir noch was anderes“, hörte er die Fremde sagen. Dann blieb sie still. „O, jemand will zu uns und findet die Eingangstür nicht. Gut, dann bring ich dich erst mal zu mir, und wir unterhalten uns später in Ruhe. Aber ich brauche schon was von dir. Nimm’s mir nicht übel!“
Er hörte sie noch „Transfusio Validitatis“ murmeln. Dann sah er aus dem rechten Augenwinkel ein rotes Licht auf ihn zublitzen und fühlte, wie etwas ihm Herzschlag für Herzschlag Kraft wegnahm. Seltsamerweise fühlte er keine Atemnot. Doch er merkte, wie er immer müder wurde, bis er wie bei einer Vollnarkose in ein tiefes, bodenloses, schwarzes Nichts zu stürzen meinte. Zeitgleich rauschte es immer lauter in seinen Ohren. Dann war da nichts mehr, kein Gefühl, keine Umgebung, keine Gedanken.
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Albertrude war erst sehr zufrieden über die Ergebnisse ihrer ganz einfachen Experimente gewesen. Doch mit der Gehörverstärkung des Umhangs, besser des Neumondschattenzaubers in ihm, gewahrte sie auch, dass in weiter Ferne Menschen riefen und sprachen. Die Echos in den Höhlen erschwerten eine Richtungsortung. Doch durch die Gehörverstärkung gelang es ihr doch, mal über sich und mal weiter vor sich Menschen zu hören. Sie sprachen einen afrikanischen Dialekt, den sie nicht konnte. Also musste sie von hier fort. Das nette an einem Locorefusus-Zauber war, dass man problemlos aus seinem Einflussbereich disapparieren konnte.
Sie kündigte dem Maglo an, dass sie ihn mit zu sich nehmen würde. Dann entzog sie ihm alle Tagesausdauer, dass er bewusstlos wurde und zwischen Schlaf und Tiefkoma hing. Davon konnte er sich erholen, wusste sie von mehreren Gelegenheiten, wo sie diesen Zauber ausgeführt hatte. So bekam er auch nicht mit, wie sie ihm erst den Erstarrungszauber löste, ihn auf Handgröße einschrumpfte, sicher in ihre Hosentasche steckte und dann ihren Besen aufhob und in die linke Hand nahm. Danach vollführte sie die übliche Drehung des Disapparierens. Sie fürchtete keinen Locattractus-Zauber. Denn was nur Ministeriumsbeamte auf dritthöchster Geheimhaltungsstufe erfuhren war, dass ein bereits bestehender Locorefusus-Zauber jeden Locattractus-Zauber überlagerte. Deshalb war es für Personen in seinem Wirkungsbereich völlig ungefährlich, aus ihm herauszudisapparieren. Wer immer dort oben unterwegs war würde nicht wissen, dass sie da war. Im Zweifelsfall würde man sie im Umhang auch nicht sehen und sicher auch nicht mit Aufspürzaubern erfassen können. Ach ja, so hatte sie bei der Gelegenheit auch ausprobiert, ob sie mit geschlossenem Umhang apparieren konnte.
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Kwame Mbutu war sofort mit seinen besten Jägern der Dunkelheit losgezogen, als die spärlich verteilten Spürvorrichtungen in seinem Land mehrfaches Apparieren in einer Gegend erfassten, wo kein Zauberer und auch keine Hexe gemeldet war. die Gegend war zudem unbesiedelt. Also wer wollte da was? Mbutu sollte das prüfen und klären.
Die zwanzig Mitarbeiter des ugandischen Zaubereiministeriums schafften es auf ihren leicht angejahrten Nimbus-2000-Besen an den Ort heranzufliegen. Doch als sie versuchten, sich im Berg zu verteilen, nachdem sie dort niemanden mit dem Menschenfinder geortet hatten, prallten er und fünf seiner Leute von etwas ziemlich üblem ab und fanden sich im Freien wieder. Also musste es irgendwo einen Locorefusus-Zauber geben, der das zeitlose Eindringen vereitelte. Da der aus Europa stammende Menschenfindezauber Homenum Revelius nur hundert Meter weit reichte musste der oder die Unbekannte oder die Unbekannten tief im Berg sein. Sie riefen sich gegenseitig zu, wer wo suchen sollte und öffneten die zwei verschütteten Höhleneingänge. Dabei sahen sie, dass diese nicht durch eine Naturgewalt verschüttet worden waren, sondern wohl durch Sprengstoffexplosionen oder Sprengzauber. Darauf konnte Mbutus Fachzauberer für ugandische Muggelangelegenheiten antworten. „Es gab hier vor vier Jahren einen Zusammenstoß zwischen denen von der LRA und der Armee von Museveni. Die Rebellen meinten, es sei eine gute Idee, die Armeesoldaten in die Höhlen zu locken und da mit Knallschusswaffen zu töten. Tja, aber die Armee hat dann erst den großen Eingang und dann später noch den kleinen Eingang gesprengt, dass die so verschüttet wurden, dass da keiner von denen mehr rauskam. Also, Brüder, da können noch verhungerte Muggels drin herumliegen. Nicht in Panik ausbrechen. Die können euch nichts mehr tun.“
„Sofern der, den wir suchen, kein Zombiemacher ist, der die für sich aufwecken will oder schon aufgeweckt hat“, grummelte Mbutu.
Es wurde aber schnell klar, dass die Toten, die sie fanden, nicht von einem dunklen Magier zu neuem Dasein erweckt worden waren. Als sie dann herausfanden, wo der Zauber wirkte wollten sie sich bis zu dessen Quelle durchgraben. Doch das war sehr gefährlich. Denn immer, wenn Steine aus dem Weg geschafft waren purzelten sofort andere nach. Da sie wussten, dass ein Locorefusus-Zauber einen Locattractus-Zauber überlagern konnte hofften sie darauf, jemanden von außerhalb beim ungemeldeten Apparieren erwischen zu können. Doch dem war nicht so.
Sie wühlten sich bis zur Morgenröte durch die Höhlen. Als sie dann in einem Stollen eintrafen, der von einem eingestürzten Schacht abzweigte, fanden sie nur eine weitere große Halle, in der nichts war außer Löchern im Boden und eine langgezogene Spalte im Boden.
Haben wir alles abgesucht?“ fragte Mbutu. Die Antwort war ein klares Ja. Also disapparierten sie aus dem Locorefusus-Bereich heraus. „Wer immer den Zauber eingerichtet hat, da unten ist nichts mehr. Womöglich ist der Zauber ein Überbleibsel eines Versteckes, dass mit der Woge böser Kräfte oder der Erderzürnungswelle vernichtet wurde. Da dort in den Höhlen niemand lebendes war und die Eingänge wieder verschlossen wurden können wir die Aktion als Übung abheften.“
„Als Übung?“ wollte einer von Mbutus Mitarbeitern wissen. „Wollen Sie etwa das Wort Fehlschlag in Ihren Bericht schreiben, Cado. Das war eine ausgedehnte Nachtübung, wie Höhlen durchsucht werden müssen, in denen irgendwo ein Locorefusus-Zauber wirkt. Nichts anderes war das“, beharrte Mbutu auf seiner Auslegung dieses Einsatzes. Der Zaubereiminister würde ihm da ganz sicher zustimmen.
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Da sie Camille und Florymont nicht enttäuschen durften hatten Millie und Julius ausgemacht, dass Millie mit Béatrice, sowie den größeren Mädchen Aurore, Chrysope und Clarimonde und den drei Säuglingen Chloris, Hestia und Hidalga ins Château Tournesol zu Lindas 44. Geburtstagsfeier reisen sollten und Julius mit Félix, Flavine und Fylla zu den Dusoleils, um den Vierlingsgeburtstag von Lavande, Alexandrine, Zoé und Mélisande zu feiern. Immerhin durften die vier doch jetzt ihren ganz richtigen Geburtstag feiern.
Jeanne holte die vier aus dem Apfelhaus mit ihrem Flugteppich, dem Regenbogenprinzen ab. Der war auch nötig. Denn so konnten Julius und die drei jüngsten eigenständig laufenden Kinder die Geschenke für die vier darauf packen, ohne dass eines davon runterfallen konnte.
Während sie unterwegs waren sinnierten Jeanne und Julius, wo diese vier Jahre schon wieder geblieben waren. Sie beide hatten damals den heutigen Geburtstagskindern auf die Welt geholfen. Jeanne war sogar als Hilfsnährmutter für ihre Mutter eingesprungen. Uranie hatte an dem Tag noch drei Kinder in sich getragen. Ja, die Frühlingskinder. So schnell konnten vier Jahre vergehen. Doch keiner von den beiden Erwachsenen sprach davon, warum es in dem einen Jahr 2004 so viele Kinder gegeben hatte und weshalb die Familien in Millemerveilles in den nächsten Wochen noch so viele vierte Geburtstage feiern durften. Bisher hatten die Urheber dieser vielen Frühlingskinder nichts angestellt, was verriet, dass sie immer noch tätig waren. Ladonna hatte zwar viele von denen getötet, weil sie es nicht hinnehmen wollte, dass Hexen zum Kinderkriegen gezwungen werden sollten. Doch alle hatte sie nicht erwischt. Ja, und wie so oft, wenn sich zwei Lager bekämpften: Die wahren Anführer hatten sich rechtzeitig absetzen können oder waren schlicht unauffindbar geblieben. Doch das mussten sie heute nicht ausdiskutieren.
Wie zu erwarten war begrüßte vielstimmiges Juchzen, Lachen und Kreischen die anfliegenden Gäste. Jeanne und Bertrand waren die ersten, die sich zu den vier Geburtstagskindern gesellten, während Julius mit Félix, Flavine und Fylla die Geschenke vom Teppich herunterholte und sie in das Wohnzimmer der Dusoleils brachten, um damit die große Wandelraumtruhe zu füttern. Mittlerweile hatten selbst Flavine und Fylla keine Angst mehr vor der schwarzen Leere in der Truhe. Sie wussten, dass man da als „Burtstagkind“ die tollsten Geschenke herausfischen konnte. Dann gratulierte Julius den vieren, die er als einer der allerersten zu sehen bekommen hatte. Er freute sich mit ihnen, dass sie heute wieder ein Jahr größer waren. Was das besondere an diesem Geburtstag war begriffen sie vielleicht erst in vier Jahren, wenn sie schon im zweiten Schuljahr sein würden.
„Ja, da haben wir euch in einen netten Gewissenskonflikt reingetrieben“, grüßte Camille den Familienvater aus dem Apfelhaus mit einem strahlenden Lächeln. „Och, wo wir genug Leute haben, die sich auf die Geburtstage aufteilen können, die so anstehen, Camille“, sagte Julius. „Aber der von Lavande, Alexandrine, Zoé und Mélisande ist und bleibt ja was besonderes. Immerhin waren sie die ersten Frühlingskinder von Millemerveilles.
„Und du hast mir damals sehr gut geholfen, sie auch sicher zur Welt zu bringen, Julius. Dass die jetzt so rumwuseln und quieken können verdanken sie auch dir“, lobte Camille den bereits mehrfach erprobten Geburtshelfer.
Julius grüßte auch Florymont. Der freute sich, dass Julius den Tag freibekommen hatte und bedankte sich bei ihm, dass er lieber zu quirligen, quiekenden und wuselnden Kleinhexen ging als in einem großen Schloss einer zeremoniellen Feier beizuwohnen.
„Als wenn du und Camille noch nie mit einem von uns bei Ursuline gefeiert hättest, Florymont“, antwortete Julius. Beide lachten.
Nach dem Geburtstagskerzenausblasen, Kuchen Essen und Kakao Trinken spielten die vier Jubilarinnen unter der Aufsicht von Dénise, die sich das trotz früherer Maulereien über noch mehr Kinder nicht hatte nehmen lassen, den ersten kalendergetreuen Geburtstag ihrer jüngsten Schwestern zu feiern. Vor allem freute sie sich, dass ihre Mutter und auch ihre Tante Uranie diese Mehrlingsschwangerschaft überstanden hatten. Die Erwachsenen über 24 Jahren unterhielten sich über die Zaubererweltpolitik. Ab morgen würde Ägypten seine Drohung wahrmachen und jede Ein- und Ausfuhr von am Nil wachsenden Heilkräutern und Pulvern nur dort lebender Zaubertierwesen durchziehen. Denn diejenigen, die sich an den Schätzen aus Ladonnas Keller bedient hatten oder bereits früher von ihr versorgt worden waren würden die erbeuteten Sachen nicht herausgeben.
„Es bleibt nur zu hoffen, dass die anderen afrikanischen Zaubereiminister diesen Unfug nicht mitmachen und Al-Assuani und seinen Clan auflaufen lassen“, meinte Bruno. „Ja, und wenn stimmt, was so in den italienischen Zeitungen verbreitet wird hat sich die eine Hexe, die mit diesen verfluchten Pfeilen schießen konnte aus dem Land abgesetzt. Keiner von denen weiß wohin, aber alle spekulieren sie fröhlich drauf los.“
„Wollen wir hoffen, dass diese Dame nicht bei uns in Frankreich auftaucht. Nachher unterstellen uns die Ägypter noch, dass wir sie versteckt halten“, wandte Jeanne ein und blickte schnell hinüber, weil sie Belenus zusammen mit Philemon sahen, dem diese Feier auch nicht so recht gefiel, aber er mitmusste, weil seine Mutter mit den drei kleinen auch hier war.
„Die sind auf Krawall gebürstet, Bruno und Jeanne“, sagte Julius. Beide grinsten. Sie hatten diesen Spruch aus der magielosen Welt schon mal gehört. Doch der kam so selten, dass es immer wieder lustig war, wenngleich die Konfrontationshaltung des ägyptischen Zaubereiministeriums alles andere als lustig war. So sagte Julius noch:
„Es ist nur eine C3-Sache, weil es eh von den Ägyptern in alle Zeitungen nördlich des Mittelmeers reingetextet wird. Aber die haben jetzt auch die Auslieferung aller ehemaligen oder immer noch amtierenden Fluchbrecher von Gringotts gefordert. Immerhin hätten sie jetzt eine Liste von allen, die von 1920 bis 2006 für Gringotts in Ägypten gearbeitet haben. Darunter ist auch Harry Potters Schwager Bill Weasley. Das ist für mich wiederum wichtig, weil der mit Fleur geborene Delacour verheiratet ist und auch schon zwei Kinder mit ihr hat. Deshalb muss ich aufpassen, dass ich in diesen Schlamassel nicht mit reingezogen werde. Deshalb freue ich mich um so sehr, dass wir heute alle hier zusammen feiern können.“
„Die wollen Bill Weasley ausgeliefert haben?“ fragte Jeanne. Sie erinnerte sich noch daran, ihn bei der dritten Aufgabe des trimagischen Turnieres in Hogwarts gesehen zu haben. Julius nickte. „Den und alle anderen, vor allem aber ihn und einen gewissen Warren Thybone, der nach einer Recherche von Madame Ventvit, Adrastée ein erfahrener Geisterkundler ist“, erwiderte Julius.
„Liefern die Briten ihre Bürger an andere Zaubereiministerien aus?“ fragte Bruno. „Nein, natürlich nicht“, sagte Julius. „Außerdem wurden sämtliche Fluchbrecher von Gringotts in einem Verfahren vor dem Gamot von Vorwürfen des gewerbemäßigen Diebstahls freigesprochen, da es nachweislich einen Vertrag zwischen den Kobolden und dem ägyptischen Zaubereiministerium gab, dass Fluchbrecher bei ihnen arbeiten dürfen. Offenbar hat der Feuerrosenduft Al-Assuanis Gedächtnis verblasen, dass der so einen Vertrag mitunterschrieben hat“, erwiderte Julius. Darauf sagte Camille: „Abgesehen davon haben wir Kräuterkundler über Olleande Champverd ein neues Abkommen mit den Nilanrainern geschlossen, dass wir denen für thaumaturgische Erzeugnisse die Heil- und Giftkräuter abkaufen, die bei denen wachsen. Allerdings haben sie eine Selbstabholerklausel in diesen Vertrag hineingeschmuggelt. Wer also was braucht muss selbst an die Quelle.“
„Die Quelle des Nils? Da gibt es meines Geowissens nach zwei“, scherzte Julius, der natürlich wusste, wie Camille es meinte.
„Beide gleichzeitig. Doppelt hält doppelt gut“, kam Jeanne ihrer Mutter mit einer Antwort zuvor, zumal sie das Thema ja auch was anging, als Apothekerin.
Um wieder zu fröhlicheren Themen zu kommen verriet Julius den stolzen Vierlingseltern, was Millie, Béatrice, Aurore und er für die vier ausgesucht oder selbstgemacht hatten. Vierjährigen konnte man ja nur Spielzeug oder Bilderbücher oder selbstgemalte Bilder schenken. „Wir haben auf jeden Fall drauf geachtet, Geschenke zu machen, mit denen alle vier was anfangen können und es hoffentlich keinen Zank gibt“, sagte Julius. Camille hoffte das auch.
Vor dem wegen der ganz jungen Geburtstagsgäste vorgezogenen Abendessen kam das Geschenkeauspacken dran. Julius und Félix freuten sich für die vier mit, als diese eine Wippe für zwei große oder vier kleinere Kinder aus der Truhe zogen. Auch freuten sich die vier über ein von Julius gemaltes Bild mit verschiedenfarbigen Luftballons. Weil es ja Mädchen waren waren die Farben alle hell, Sonnengelb, Barbiepink, Mintgrün und Himmelblau. Die Ballons trudelten durch das Bild, ließen mit schwirrenden Einblasstutzen ihre Luft ab und kamen wieder voll aufgeblasen von unten ins Bild zurückgeschwebt. „Das hatten wir mal auf einem Rechner als Bildschirmschoner, also einem Pausenprogramm, wenn nicht ständig an dem Gerät gearbeitet wird“, flüsterte Julius Florymont zu. „Du kannst offenbar immer noch gut animierbare Bilder malen“, sagte er. „Ich weiß, wieso Claire mit dir so gerne zusammen war“, seufzte er. Doch dann erkannte er, dass Trübsal hier gerade nicht angebracht war. Daher freute sich Florymont auch, als die vier Mädchen vier quietschbunte Wasserspielzeuge aus der Truhe zogen. „Dann kriegen die auch lust, Schwimmen zu lernen“, sagte Florymont, als Zoé Belisama eine schier endlos lange Schwimmnudel aus der Truhe herauszog. „Das ist für Übungen, wenn die Arme nicht mehr wollen und keiner untergehen will“, sagte Julius dazu. „Gut, dass man die zusammenrollen kann“, meinte Florymont dazu.
Um halb sechs trug die Mutter des Hauses den ersten von fünf Gängen auf. Wie alles an diesem Geburtstag war auch das Abendessen bunt gestaltet. Die Fleisch- und Gemüseportionen wurden vorher in kindermundgerechte Stücke geschnitten, um den Jüngsten keine Abenteuer mit scharfen Messern aufzuladen. Tatsächlich wurde es beim essen deutlich ruhiger. Julius hätte fast was von „gefräßigem Schweigen“ erwähnt. Aber es passte mal wieder.
Jeanne brachte Julius und die vom vielen Spielen und Toben müden Latierres zum Apfelhaus zurück. Béatrice war schon dort, zusammen mit Chrysope, Clarimonde und den allerjüngsten Apfelhausbewohnern. Millie und Aurore waren bei der Feier im Schloss. Béatrice wirkte ein wenig vergrätzt, hielt sich aber wegen der Kinder zurück. Erst als diese noch aufgedreht vom langen Nachmittag endlich in den Betten lagen winkte sie ihren nur für alle anderen heimlichen Geliebten ins Musikzimmer.
„Millie und Rorie machen gute Miene zu einem üblen Spiel. Ich habe mich fast mit Tante Cyn gestritten, wo die Kinder dabei waren. Sie meinte, ich hätte es doch echt nicht nötig, die Kinder anderer Leute zur Welt zu bringen, wo ich doch jederzeit einen eigenen Mann für sowas hätte finden können. Dann meinte sie, dass ich mich dann ja auch auf Babsies Hof hätte stellen und als zweibeinige Latierre-Kuh halten lassen können. Als Heilerin kenne ich ja echt üble Sprüche von Leuten, die ihre eigenen Ängste oder Leiden überspielen wollen. Aber was bei meiner werten Tante Cynthia gerade aus dem Lot ist verstehe ich nicht.“
„Ich glaube nicht, dass Temmie, Bellona und die anderen dich für voll genommen hätten, Trice“, sagte Julius scherzhaft. „Jedenfalls denken Tante Cynthia und Tante Diane jetzt, sie müssten nun, da ich ja wohl meine Pflicht und Schuldigkeit bei euch getan hätte, einen „zu mir passenden Zauberer“ finden, weil ich das ja offenbar nicht schaffe und jetzt, wo bekannt ist, dass ich zwei angebliche fremde Kinder ausgetragen und geboren habe, keinen mehr finden werde. Maman hat dann zugestimmt, dass ich unsere kleinen nach Hause bringe. Aurore kommt mal wieder nicht von Mamans Jüngsten los, und Linda will von Millie alles über diese ägyptische Handelssperre wissen, die ab morgen droht. Deshalb bin ich jetzt hier, und meine werten Tanten dürfen sich in meiner Abwesenheit die Mäuler zerfleddern, ob ich noch einmal „gut versorgt“ werde.
„Haben die das gesagt, wo Millie zuhören konnte?“ fragte Julius angespannt. „Natürlich nicht. Aber Lino wird es wohl mitgehört haben, ob sie wollte oder nicht. Die kleine Lydia ist übrigens sehr gut geraten, kommt vom Hauttyp und den Augen her auf ihre Mutter heraus, aber von den Haaren eindeutig auf Gilbert, nur dass ihre Haare bis auf die Schultern hängen“, sagte Béatrice. „Ach ja, und Lino wird noch einen gesprochenen Geburtstagsgruß für die vier ersten Frühlingskinder 2004 übersenden. Sie konnte verstehen, dass der Geburtshelfer nicht absagen durfte. Ihr hattet doch einen schönen Tag?“ Julius bejahte es und bedankte sich für diese berechtigte Hoffnung. Dann erzählte er Béatrice, was so alles passiert war.
Um kurz vor halb elf kam Millie mit einer fast schon schlafenden Aurore auf den Armen aus dem orangeroten Ortswechselschrank. Sie begrüßte ihren Mann und Béatrice leise und deutete zu Aurores Zimmer. „Glaubst du, wir könnten ihr morgen eine Entschuldigung schreiben, Julius.“
„Wo die morgen in den zwei ersten Stunden Singen und Musizieren hat, Millie. Glaubst du doch nicht, dass sie das auslassen möchte“, wisperte Julius. Dann half er Millie, die Erstgeborene bettfertig zu machen. Sie quengelte zwar, dass sie nicht Chloris, Hestia oder Hidalga war. Doch sie ließ es sich dann doch gefallen, dass Julius ihr eine Gutenachtgeschichte vorlas, bis sie einschlief.
„Und Trice hat dir das mit Großtante Cyn erzählt?“ fragte Millie, als sie mit ihm im Ehebett lag. „Verwandtschaft. Sie denken alle, sie hätten mitzubestimmen, was wer tun oder lassen soll, Mamille. Kannte ich vor allem von meinem seligen Onkel Claude und Tante Alison. Das waren noch Zeiten.“
„Okay, mehr brauchst du mir nicht zu erzählen“, meinte Millie.
So lagen sie noch einige Minuten nebeneinander. Dann waren beide eingeschlafen. So endete dieser besondere Tag im Jahr 2008. Sie und auch die allermeisten anderen Zaubererweltbewohner wussten nicht, wie besonders dieser 29. Februar gewesen war.
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01.03.2008
Albertrude hatte ihr afrikanisches Aussehen abgelegt und sich mit ihrem unortbaren Portschlüssel in ihr eigenes Haus in Deutschland zurückversetzt. Hierfür hatte sie den Umhang ganz geöffnet, weil sie nicht wusste, ob ein Portschlüssel jemanden portierte, der mit magischen Mitteln nicht erfasst werden konnte. Sie hatte den eingeschrumpften Höhlenforscher in ein fensterloses Badezimmer transportiert und ihn dort entschrumpft. Der Leuchtstab, den sie vorsorglich mitgenommen hatte, leuchtete immer noch. In dessen Licht betrachtete sie den erst befreiten und nun von ihr gefangenen genauer. Ja, der war sehr athletisch. Sie würde herausbekommen, was er so alles tat, um sich fit zu halten. Außerdem wollte sie alles über ihn wissen, was er früher so erlebt und erlernt hatte. Söderdiek, der Name sagte ihr was. Das war vor einem Jahr durch die Schlagzeilen der Maglos gegangen, dass sich auf dem eifler Nürburgring zwei spiel- und abenteuersüchtige Männer ein Rennwagenduell geliefert hatten. Einer fuhr einen nostalgischen silbernen Sportwagen aus England, der andere einen ebenso nostalgischen roten Wagen aus Deutschland. Tja, und als der im roten den im silbernen Wagen überholen wollte waren sie so heftig zusammengestoßen, dass beide Wagen sofort in Flammen aufgingen. Die beiden Fahrer konnten nur noch tot geborgen werden.
Sie hatte nur verächtlich den Kopf geschüttelt, weil beide dermaßen viel Maglogeld hatten, dass sie wohl dachten, selbst den Tod damit bestechen zu können. Jetzt wussten sie, dass das wenn überhaupt nur mit Magie gelang. Ja, und der im silbernen Wagen war ein Schiffsreisenfirmeninhaber namens Erich Söderdiek. Er hinterließ eine Frau, Heidemarie. Vier Jahre zuvor war der einzige Sohn bei einer Klettertour umgekommen. Ja, so konnte das wirklich behauptet werden. Aber sie musste noch mehr von diesem Jungen erfahren, bevor sie ihn aufweckte. Gefiel ihr nicht nur was sie sah, sondern auch, was er in sich barg, dann war er der Auserwählte, der Schlüssel zu ihrem, Gertrudes blauem Haus.
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Die Zeitungen berichteten lang und breit über das ab diesem ersten März in Kraft tretende Embargo aus den nordafrikanischen Staaten. Karim Al-Assuani machte seine lautstarke Drohung wahr. Ausländische Zauberer sollten bis zum fünften März das Land am Nil verlassen. Hexen wurden bereits aufgefordert, das Land zu verlassen, falls sie nicht verhaftet werden wollten. Al-Assuani stellte noch einmal klar, dass Ägyptens Pforten zur restlichen Zaubererwelt erst dann wieder aufgetan würden, wenn alle aus dem Land geschafften Beutestücke Ladonnas ins Land zurückgekehrt waren. Außerdem forderte er von Großbritanniens Zaubereiminister Kingsley Shacklebolt die Auslieferung „der Schatzdiebe“, die unter dem Mantel von Gringotts den Schmuggel von wertvollen und einmaligen Artefakten betrieben haben sollten. Vorher bräuchten die Briten sich keine Hoffnung auf eine Wiederaufnahme der gegenseitigen Handels- und Reisebeziehungen zu machen. Dagegen forderte der Hauptsprecher von Gringotts eine Amnestie für alle aus Ägypten ausgewiesenen Kobolde und eine Entschädigung aller koboldischen Gringotts-Mitarbeiter für den Verdienstausfall und für die erlittenen Demütigungen und drohte an, jedes Zaubereiministerium zu belangen, das von sich aus mit Ägypten handelte, solange „der Koboldfolterer“ Al-Assuani noch im Amt sei.
So sah es trotz des bald ins Land ziehenden Frühlings doch nach einer sehr langen und kalten Winterzeit aus.