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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Kevin machte ein mürrisches Gesicht, als er den Zwillingen Betty und Jenna entgegenblickte, die um halb zehn aus dem Kamin im tropfenden Kessel fauchten. Sein Vater hatte ihn mit einem Rucksack hier abgesetzt und ihm eingeschärft, sich ja anständig aufzuführen. Nicht nur, daß seine Eltern die Kiste mit dem tragbaren Sumpf und dem Feuerwerk nicht vergessen hatten. Sie nervten ihn immer noch damit, daß er sich gefälligst anständig bei Julius für die Rettung vor den Dementoren zu bedanken habe.

"Du hast mit den ZAGs gezeigt, daß du langsam erwachsen wirst, Kevin. Benimm dich also auch mal so!" Hatte sein Vater ihm am Morgen noch einmal vorgebetet. "Leg dich nicht mit den Dusoleils an! Die haben nur zugestimmt, weil Julius mit denen gut bekannt ist. Und sieh zu, daß du diese Angelegenheit mit Glorias jüngerer Cousine klärst, bevor die Redliefs uns noch was am Besenschweif flicken wollen!"

"Dad, wie du gerade mit mir redest hab' ich schon keine Lust mehr, zu Julius' Party zu gehen, wenn die eh so knochentrocken abgeht", hatte Kevin geknurrt. Doch seine Mutter hatte ihm darauf geantwortet, daß er durch eine wie auch immer begründete Absage jede Chance verderben würde, ernstgenommen zu werden. Außerdem hatte sie ihn mal wieder darauf hingewiesen, daß er froh sein müsse, daß er überhaupt noch zu irgendwas Lust haben konnte und daß er das denen nicht vergessen dürfe, die ihm geholfen hatten. Kevin hatte gefragt, wo er denn wohnen solle, weil ihm das bisher niemand erzählt habe.

"Wenn die Party bis nachts geht wirst du wohl bei den Dusoleils oder deren Bekannten unterkommen. Sie hätten sonst wohl was entsprechendes angekündigt", hatte sein Vater darauf vermutet. Tja, und jetzt hockte er im Schankraum vom tropfenden Kessel und sah die beiden kastanienbraunhaarigen Schwestern, die gestriegelt und geschniegelt aus dem Flohnetzanschluß heraushüpften.

"Du guckst so, als hätten wir uns von Filch seine lieblingspeitschen ausgeliehen", bemerkte Betty leicht verunsichert. "Haben deine Eltern dir geraten, bloß kein Wort zu sagen, oder was?"

"Die meinen, ich soll schön artig sein, kuschen und schweigen, bevor ich mal wieder was sagen oder machen könnte, was den feinen Leuten aus diesem Dorf nicht in den Kram paßt", grummelte Kevin. "Wieso muß Julius auch wieder bei diesen Leuten feiern, wo die in ihrem Haus 'nen ganzen Tanzsaal als Wohnzimmer haben? Das kapiere ich nicht."

"Du meinst, weil du die damals mit dem Sumpf und dem Feuerwerk geärgert hast und sie dich deshalb zum Parkputzen ranziehen wollten?" Fragte Jenna Hollingsworth schnippisch.

"Weil 'ne Party nicht mit gescheit rumquatschen und stocksteif rumhängen abgeht", erwiderte Kevin gereizt. Dann sah er wieder zum Kamin, durch den gerade Pina und Olivia Watermelon in den Pub hineinfauchten. Pina trug ein knöchellanges, himbeerfarbenes Seidenkleid, daß von der Flohpulverei weder Knitter noch Rußflecken abbekommen zu haben schien. Sie hatte ihr strohblondes Haar auf Nackenhöhe mit einer breiten Goldspange zusammengebunden und trug eine elegante, mitternachtsblaue Handtasche über die linke Schulter gehängt. Ihre jüngere Schwester trug ein himmelblaues Kleid mit silbernen Sternen und trug einen ggleichfarbigen Rucksack. Beide strahlten die Hollingsworths und Kevin an.

"Das wird bestimmt lustig, wenn wir gleich alle wieder durch den Kamin flutschen und dann über die Grenze dürfen", bemerkte Kevin bissig, als er die beiden Neuankömmlinge durch Nicken begrüßt hatte. Doch Pina meinte nur, daß sie wohl mit dem fahrenden Ritter bis Calais fahren würden. Glorias Vater hätte am Morgen noch bei den Hidewoods durch den Kamin geguckt und das angekündigt.

"Toll, dann kommt unser Gastgeber mit seiner Angetrauten mit Stanley Shunpikes purpurrotem Rumpelkarren angerattert und sammelt uns ein. Aber wie kommen wir nach der Fete nach Hause, ey?" Fragte Kevin mißmutig.

"Wir sind noch gar nicht da, und du denkst schon ans Nachhausefahren", wunderte sich Pina. Doch Jenna warf ihr einen vielsagenden Blick zu und zischte, daß Kevin was gegen Millemerveilles habe.

"Millemerveilles hat was gegen mich, Jenna. Dabei wollte ich diesen Sumpf nicht in deren rundem Park rauslassen. In dieser Froschfresseranstalt Beauxbatons hätte der ganz bestimmt mehr Spaß gebracht."

"Wollte dir Claires große Schwester nicht mal was überbraten, daß du immer einen quakenden Frosch ausspuckst, wenn du Froschfresser zu denen sagst?" Fragte Pina. Kevin schüttelte den Kopf.

"Die hat mehr damit zu tun gehabt, Julius zu beglucken und für ihre Schwester warmzuhalten", stieß Kevin aus. Dann merkte er schlußendlich, daß er doch was ziemlich gemeines abgelassen hatte und preßte die Lippen aufeinander. Jenna meinte deshalb noch:

"Fang bloß nicht von sowas an, Kevin, wo Claire an diesem abgedrehten Fluch gestorben ist! Das könnten die dir da echt voll übelnehmen."

"Ich werde mich hüten", schnarrte Kevin.

"Du hast deine ZAGs auch geschafft?" Fragte Pina Kevin, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

"Ein O in Tierwesen und je ein E in Zauberkunst, Astronomie und Kräuterkunde. Die Purplecloud hat mich bei Zaubertränken voll durchrasseln lassen, und mit 'nem A in Verwandlung wegen dieser Unittamo-Techniken habe ich die UTZ-Klassen bei Turner und bei McGonagall verzockt. Wenn ich da zumindest auch unter den Anforderungen geblieben wäre könnte ich die Prüfung in Hogwarts nachholen. Aber ein A gilt als bestanden. Immerhin kann ich noch Verteidigung gegen dunkle Künste und Zauberkunst machen. Geschichte der Zauberei braucht ja eh kein richtiger Mensch mehr."

"Du kannst doch das ZAG-Jahr wiederholen, sagen die in der Zeitung. Alle die letztes Jahr in Hogwarts waren dürfen doch die Klasse wiederholen", erinnerte Betty sie an die angedachten Pläne für Hogwarts.

"Ist wohl das beste, um gescheite ZAGs zu ziehen", grummelte Kevin. "Wie haben die denn bei euch reingehauen?"

"Betty und ich haben Os in Zauberkunst, Verwandlung und Kräuterkunde. Verteidigung gegen dunkle Künste ging mit einem E. Zaubertränke auch. Astronomie, Muggelkunde und Zaubereigeschichte sind mit A gerade noch über die Runden", berichtete Jenna. Wahrsagen fiel aber unten durch. Braucht ja auch keiner echt, wenn die Zukunft so schwer und so unklar zu sehen ist."

"Da habe ich noch ein E abgeräumt", erwähnte Kevin. Pina lauschte. Sie hatte keine ZAGs machen können, weil sie weder in Hogwarts noch Thorntails hatte lernen können. Wenn eh das ganze Jahr wiederholt würde brauchte sie die Nachholtermine in den Ferien auch nicht zu benutzen, obwohl ihre Lehrerinnen und Lehrer mit ihr und Olivia sehr gründlich geübt hatten.

"ich wiederhole auf jeden Fall das Jahr", sagte Pina. "Die gucken eh blöd, wenn Olivia und ich da wieder auftauchen und keiner weiß, wo wir abgeblieben sind."

"Wenn die euch zwei überhaupt noch reinlassen", feixte Kevin. "Wenn die euch zwei für tot erklärt haben könnt ihr ja schlecht in Hogwarts sein."

"Trollpopel", fauchte Olivia. Pina rümpfte die Nase, unterließ jedoch eine wie auch immer geartete Bemerkung ihrer Schwester oder Kevin gegenüber.

"Was wird das jetzt hier eigentlich?" Fragte Kevin. "Sollen wir jetzt hier abhängen, bis Julius mit seiner rotblonden Traumfrau hier reinschneit oder was?"

"Achso, wir möchten solange hier auf die Porters und Latierres warten", sagte Pina. Mums Patentante hat mir Galleonen mitgegeben, daß wir hier was trinken können, wenn ihr wollt."

"Hach ja, die feine Lady", spottete Kevin. "Die hat dir wohl auch dringend geraten, in diesem in Himbeersaft getränktem Spinngewebe zu verreisen, wie?"

"Keine Ahnung von anständiger Kleidung", fauchte Pina. "Da muß ich nichts weiter zu sagen."

"Sag dem Motzkopf doch ruhig, daß Tante Genevra uns die Sachen geschenkt hat, Pina!" Forderte Olivia ihre Schwester auf. Diese schüttelte jedoch ihren Kopf.

"Ey, wenn die Kuchen sich unterhalten schweigen die Krümel", blaffte Kevin Olivia an. "Ich finde eure Fummel total überzogen und damit bescheuert für 'ne einfache Fete. Wen wollt ihr mit sowas darstellen?"

"Erwachsene Hexen vielleicht?" Fragte Pina herausfordernd. "Du siehst auch nicht so aus, als wolltest du in Sportsachen hingehen."

"Meine Alten wollten, daß ich diesen bekloppten Festumhang anziehe, den sie mir damals besorgt haben, als das trimagische Turnier in Hogwarts abging. Ich soll den nochmal anziehen, bevor ich aus dem rausgewachsen bin", knurrte Kevin und strich mit einer verärgerten Handbewegung über seinen taubenblauen Festumhang mit steifem Kragen. "Dabei habe ich den Edelzwirn gar nicht mal gebraucht, weil es nur um die ab der vierten Klasse ging."

"Sofern niemand darunter von jemandem darüber eingeladen wurde", berichtigte Jenna den Klassenkameraden. Kevin kam ihr mit der Bemerkung zuvor, daß Julius seinen Festumhang gebraucht hatte, ebenso wie die Hollingsworths und Gloria. Dann kehrte erst einmal Ruhe ein, weil mehrere Hexen und Zauberer durch die Tür von der Winkelgasse her eintraten und nach dem alten Tom riefen, der gerade in der Vorratskammer herumkramte, um nach dem Frühstück für das Mittagessen vorbereitet zu sein.

Die Wartenden vertrieben sich die Zeit bis zur Ankunft der Latierres und Porters mit Gesprächen über Thorntails, weil Pina ja nicht wußte, wie es da zuging. Gegen halb elf klappte die zur Muggelstraße hinführende Tür auf, und Gloria Porter trat ein. Sie trug ein smaragdgrünes Seidenkleid mit Rüschen und winkte ihren Kameraden zu.

"Der Bus wartet vor der Tür. Habt ihr noch zu zahlen?" Fragte sie. Pina nickte und winkte dem kahlköpfigen Wirt. Sie drückte ihm drei Galleonen für die Getränke in die Hand und winkte den anderen, ihr zu folgen.

Als die Jugendlichen durch die muggelweltseitige Tür verschwunden waren wandte sich eine der Hexen an ihre Tischgenossin und flüsterte:

"Das waren die Watermelons. Hat Genevra sie doch bei sich aufgenommen."

"Hat Proserpina uns doch gesagt", erwiderte die Angesprochene fast flüsternd.

"Die gute hat jetzt genug neues um die Ohren", raunte darauf die eine. "Wann sollen wir zu ihr?"

"Um halb zwölf", kam die Antwort.

 

__________

 

Julius erwachte von einem merklichen Vibrieren auf seinem Brustkorb. Es war nicht das Zuneigungsherz, das ihn mit Millie verband, sondern irgendwas in seinem Brustbeutel, in dem er seine wertvollsten Sachen verstaut hatte. Als er hineinfischte, um die Quelle der wilden Vibrationen zu ermitteln, erkannte er, daß es sich dabei um den Zweiwegespiegel handelte, der ihn mit Lea verband. Er zog ihn heraus und sah hinein. Leas Gesicht blickte ihm aus dem silbernen Rahmen entgegen.

"Hallo, Morgen Julius. Ich wollte dir zum einen noch nachträglich alles Gute zum sechzehnten Geburtstag wünschen, auch von meinen Eltern. Mum konnte ja nicht selbst bei dir durchrufen, weil die gerade dabei war, meine erste Schwester rauszudrücken. Ganz draußen war die eine Minute vor zwölf, hat also mit dir zumindest am gleichen Tag im Jahr Geburtstag. Medea heißt sie, wie die Lady in Rot. Ich weiß nicht, warum Mum noch eine zweite Quängelliese unterm Umhang tragen mußte. Aber die kam um zwei Uhr ganz aus ihr raus und heißt Sarah. Mum meinte, du solltest das wissen, daß die beiden Plärrbälger jetzt ausgepackt sind, die du bei dem Umbridge-Prozeß noch in ihr hast rumkullern sehen dürfen."

"Oh, dann bestell deiner Mum bitte schöne Grüße von Millie und mir, daß wir euch herzlich zu den beiden neuen Familienmitgliedern gratulieren", sagte Julius. "Zumindest darfst du jetzt wohl wieder alleine draußen rumlaufen, wo die beiden auf der Welt sind."

"Falls meine überstrenge Mum nicht meint, mich jetzt wieder da reinzustopfen, wo ich auch mal drin war", knurrte Lea. "Dad ist zwar nicht sonderlich begeistert, weil Mum ihn verarscht und zum Babymachen gekriegt hat, damit jemand uns helfen wollte, was wichtiges zu besorgen. Aber ich fürchte, der verliebt sich in die beiden, wenn die nicht mehr so eingedötscht aussehen."

"Wie und warum auch immer, Lea, du bist jetzt eine große Schwester. Vielleicht gefällt dir das mal."

"Laß deine Mum noch wen ausbrüten, Muggelkind, dann reden wir zwei da noch mal drüber", fauchte Lea. "Wie gesagt soll ich euch das nur weitergeben, hat meine Mutter gesagt. Da ja klar ist, daß ein Muggelstämmiger keine Slytherin einläd, blieb mir ja nur die Spiegelverbindung."

"Ich wünsche dir auch noch einen schönen Tag", erwiderte Julius nur kühl. Dieser fast offene Vorwurf, sie nicht eingeladen zu haben paßte ihm nicht. Nur weil er ihr in Hogwarts über den Weg gelaufen war und die Schlacht gegen Voldemort von ihr mitbekommen hatte mußten die beiden ja echt nicht auf gute Kameraden machen. Abgesehen davon wurmte ihn das Verhältnis ihrer Verwandtschaft zu gewissen Hexenzirkeln. Sicher, Ceridwen Barley und ihre Tochter Galatea, ja wohl auch Hortensia Watermelon gehörten ebenfalls zu diesem Club, allerdings zur doch eher gemäßigten Seite, während Leas weibliche Verwandten wohl den etwas skrupelloseren von denen angehörten. Die Sache mit den beiden neuen Kindern war wohl eine Forderung der Gesamtsprecherin, um Lea mit diversen Hilfsmitteln auszurüsten. Womöglich ging es dabei darum, den Nachwuchs sicherzustellen.

Julius verdrängte die Gedanken an die Drakes und bereitete sich auf die Reise nach Millemerveilles vor. Die Vielraumtruhe stand bereits unten im Flur. Die Schlüssel hatte er behalten.

Nach dem Frühstück zogen sich alle Festtagstauglich um. Dann probierte Julius das neue Geschenk aus und rief der Truhe zu, ihnen zu folgen. Tatsächlich hob die große, ebenholzfarbene Wundertruhe vom Boden ab und schwebte eine Handbreit über dem Boden hinter Julius her, als hielte er sie mit einem Fernlenkzauber dazu an. Millie und Gloria flankierten Julius, während die Porters und Redliefs die Nachhut bildeten. Mr. Porter wies den Hauselfen Nifty und die gemalte Haushälterin Immaculata an, das Haus gut zu sichern und in Ordnung zu halten. Dann verschloß er die Haustür von außen.

Einige Schritte außerhalb der vom Fidelius-Zauber umfangenen Zone winkte Mr. Porter den fahrenden Ritter herbei und bezahlte für sie alle und die Truhe, weil Gepäckstücke größer als Handtaschen drei Sickel Extra kosteten, wenn sie einen Teil des freien Platzes beanspruchten.

"Wir fahren erst zum tropfenden Kessel und holen da noch Bekannte ab. Mit denen geht es dann nach Calais", legte Mr. Porter die Route fest.

"Calais? Das kostet dann aber eine Galleone und drei Sickel pro Fahrgast, wegen dem Umweg und der dadurch anfallenden Zeit", sagte der Schaffner leicht verlegen. Mr. Porter bestätigte, daß er das schon wußte und keine Probleme damit habe, die Fahrtkosten zu übernehmen. Dann ging es auch schon los.

"Ich hol ab, wer da ist", sagte Gloria zu Millie und Julius, als der dreistöckige Bus vor dem Eingang zum tropfenden Kessel hielt.

"Wir können nur zwei Minuten warten", hörte Julius den Schaffner. "Sonst kriegen wir Ärger mit der Verkehrsabteilung wegen unnötigen Aufenthalts auf Muggelstraßen." Ob und wie Gloria darauf antwortete konnte Julius nicht hören. Er dachte wieder an Leas kleine Schwestern. Eine von denen feierte jetzt mit ihm zusammen Geburtstag. Die andere hatte sich ein paar Stunden mehr Zeit genommen, obwohl Zwillingsgeburten doch sonst so kurz hintereinander abliefen. Wie dem auch sein mochte. Lea mochte das wohl nicht, jetzt mit zwei kleinen Schwestern zu leben. Er dachte dabei an Babette und Denise, die auch noch kleine Schwestern bekommen hatten. Denise mochte die kleine Chloé, während Babette schon anfing, ihre Sachen hochzulegen, damit die langsam auf die eigenen Füße kommende Claudine da nicht rankam.

Gloria hatte sie alle getroffen und brachte sie zurück zum Bus. Mr. Porter legte die ausgemachte Summe vor, damit Schaffner und Fahrer keine Probleme hatten und winkte den Watermelons, Hollingsworths und Kevin, zu Millie und Julius hinüberzugehen, die auf einem der Sofas saßen, die große Vielraumtruhe vor sich stehend.

"Ach du großer Drachenfurz! Hast du dieses Riesenteil von den Porters gekriegt, oder ist das 'ne Aussteuertruhe von Millies Eltern?" Entrutschte es Kevin. Julius sah den früheren Haus- und Klassenkameraden ganz gelassen an und erwiederte:

"Die wurde uns von jemandem geschenkt, der wollte, daß Millie und ich nicht die nächsten zwei Schuljahre darüber nachdenken müssen, wo wir unsere gemeinsamen Sachen reintun, wenn wir doch mal eine eigene Behausung finden."

"Klar, daß ihr mit diesem Riesenkarton da nicht durch die Flohnetzverbindung wolltet. Die Grenzleute schlucken Gold wie Abraxarieten den Maltwhiskey. Die hätten euch für das Möbelstück da glatt über dreißig Goldstücke abgeknöpft."

"Stimmt", erwiderte Gloria darauf. "Hat Dad auch gesagt."

Die Fahrt ging nicht sofort nach Frankreich. Der Bus befuhr auf seine übliche, ruckelige Weise erst einmal die britischen Inseln, bis keiner außer den Latierres und ihren Gästen mehr drin saß. Dann erst ging es im großen Sprung über den Kanal. Der Fahrer stieß immer wieder herbe Verwünschungen aus, als er sich auf der rechten Fahrbahnseite einordnen mußte und dabei immer wieder nach Links rutschte, wobei mehrere LKWs und Autos wie von unsichtbaren Mächten zur Seite gestoßen wurden. Die Fahrt dauerte insgesamt eine halbe Stunde. Doch dann waren sie endlich beim Hafen, wo die Kanalfähren eintrudelten, die trotz des Eurotunnels immer noch genug Passagiere und vor allem Ladungen Autos zu befördern hatten. Julius konzentrierte sich und schickte seiner Schwiegermutter die Nachricht: "Wir sind jetzt am Hafen nördlich." Keine zwei Sekunden später bekam er die Antwort unter seine Schädeldecke: "Wir kommen euch abholen!"

Die Fahrgäste verließen den fahrenden Ritter und bauten sich in einer langen Reihe draußen auf, während der Dreidecker laut ratternd zurücksetzte, dann fast am linken Fahrbahnrand lostuckerte, um dann mit einem Schlenkernach rechts auf die Straße zu fahren, Anlauf nahm und dann mit lautem Knall im Nichts verschwand.

"So, und wie kommen wir alle jetzt nach Millemerveilles. Portschlüssel ist ja wohl nicht die Antwort", meinte Kevin. Da tuckerte bereits ein veilchenblauer VW-Bus heran. Julius' halbzwergischer Schwiegervater Albericus steckte seinen kleinen Kopf zum Fenster auf der Fahrerseite heraus und rief allen zu, sie könnten einsteigen. Julius sollte jedoch zuerst die große Truhe in den Kofferraum lotsen. Die Klappe hob sich von alleine, und Julius bugsierte die neue Truhe durch Zurufen und Handzeichen wie ein Pferd oder einen dressierten Hund hinter sich her und hinein in den geräumigen Kofferraum. Dann kletterten alle an Bord. Julius wunderte sich keine Sekunde, daß sie alle auf den mit Kunstleder bezogenen Sitzbänken Platz fanden. Rauminhaltsvergrößerungszauber waren für ihn ja nichts neues. Er begrüßte noch Belisama Lagrange, die mit den Latierres angekommen war. Sie verkündete ihm nach dem nachträglichen Glückwunsch, daß sie die goldene Saalsprecherinnenbrosche der Weißen und ein O in allen Pflegehelferfächern bekommen habe. Julius durfte mit Millie zur Beifahrerseite einsteigen und sich neben seine Schwiegermutter hinsetzen. Als Millie auch saß und die Tür zugeklappt hatte, drückte Albericus Latierre verwegen auf die Hupe und trat dann auf das Gaspedal. "Außengrenze Millemerveilles!" Rief Millies Vater irgendwem zu, während er den Bus mit seinen kleinen Händen sicher in den Straßenverkehr vom Fährhafen einfädelte. Sie fuhren zehn Minuten. Dann waren hinter und vor ihnen keine Autos. Mit einem gewaltigen Hüpfer sprang der kleine Bus die gesamte Strecke bis auf einen einsamen Feldweg, der von hohen Bäumen und Sträuchern gesäumt wurde.

"So, hier müssen wir gleich alle raus, weil Motorwagen der Muggel, auch wenn sie der magischen Welt gehören in Millemerveilles nicht erlaubt sind", sagte Albericus Latierre. "Aber keine Angst. Die schicken uns eine ihrer Kutschen mit den Abraxaspferden vorne dran. Hipp und Tine begleiten euch bis zum Haus der Dusoleils. Ich bring meinen kleinen blauen Brummer wieder nach Hause und flohpulvere dann zu euch zurück."

"Geht klar, Albericus", sagte Julius ruhig und schlüpfte nach Millie zur Beifahrertür hinaus.

Da kam auch schon die fliegende Kutsche, von der Julius wußte, daß seine Mutter damit schon abgeholt worden war, als sie zu seinem dreizehnten Geburtstag nach Millemerveilles eingeladen worden war. Florymont Dusoleil entstieg dem von einem Abraxaspferd gezogenen Fuhrwerk. Kevin hatte schon befürchtet, Madame Delamontagne könnte sie hier begrüßen und ihm, Kevin, gleich mal verklickern, noch was in diesem Dorf zu erledigen zu haben.

"Ah, die ganze Truppe da", stellte Florymont Dusoleil fest. Er trug bereits einen lindgrünen Festumhang mit Stehkragen, wohl zu Liebe seiner Frau, die Kleidung in allen möglichen Grüntönen verehrte. Er blickte auf die Vielraumtruhe und nickte anerkennend, als Julius diese hinter sich her zur Kutsche kommandierte, ohne eine Zauberstabbewegung ausführen zu müssen.

"Das Patent möchten wir auch noch gerne haben", wisperte Monsieur Dusoleil, als die Truhe im Kutscheninneren verschwand. Dann bat er die Gäste, ebenfalls einzusteigen.

"Frag deinen Fast-Schwiegervater mal, ob das sein eigenes Wägelchen ist", zischte Kevin Julius auf Englisch zu. Dieser schüttelte jedoch den Kopf und bemerkte, daß die Kutsche eine von sieben war, die zum Abholen von Gästen gedacht war, die mit großem Gepäck anreisten oder aus anderen Gründen nicht durch die Kamine oder apparieren konnten oder wollten. Beim Apparieren hätten eh alle vor der Begrenzung ankommen und diese zu Fuß durchschreiten müssen, weil ein direktes hineinapparieren in Millemerveilles nicht gelang.

"Sie machen sich hoffentlich nicht zu große Umstände", versuchte Mrs. Porter, den Gastgeber zu beschwichtigen. "Wir erfuhren, daß bei Ihnen im Mai Nachwuchs ankam und wissen, daß dadurch mehr anfällt als vorher."

"Meine Frau bestand darauf, Julius' Geburtstagsfeier auszurichten", sagte Florymont. "Es ist gewissermaßen eine schöne Tradition geworden, ihn in diesen Tagen wieder bei uns zu haben. Und meine kleine Tochter bereitet uns im Moment mehr Freude als Last, nachdem sie uns ohne große Schwierigkeit geboren wurde."

"Julius erzählte was, daß zwei Babys bei Ihnen seien, weil Ihre Schwester, Mademoiselle Dusoleil, auch ein Kind bekommen hätte", klinkte sich Pina in die Unterhaltung ein, wohl um ihre Französischkenntnisse auszuprobieren. Florymont nickte und erwähnte, daß seine Schwester zugestimmt hatte, die Party zu feiern und jederzeit in ein für sie reserviertes Ruhezimmer zu verschwinden, falls es ihr zu laut oder lebhaft werde.

"Wir möchten nur bekunden, daß wir das nicht als Selbstverständlichkeit sehen, daß Sie uns alle in Ihr Haus lassen", bekräftigte Mrs. Porter. Florymont Dusoleil sah sie sehr ernst an und erwiderte:

"Wie erwähnt, Madame Porter, meine Frau und ich, auch Jeanne und Denise fühlen uns geehrt und verpflichtet, Julius und seinen Gästen ein schönes Fest auszurichten. Andernfalls hätte sich Professeur Faucon wohl auch dazu bereiterklärt, die Feier zu betreuen." Kevin hörte nur Professeur Faucon heraus und fragte leise nach, was gesagt worden war. Julius erwähnte nur, daß sie so oder so in Millemerveilles gefeiert hätten, und sei es bei Professeur Faucon. Gloria fragte nun danach, ob was bestimmtes geplant worden sei. Monsieur Dusoleil antwortete darauf nur, daß sie im wesentlichen miteinander reden, essen, tanzen und vielleicht auch musizieren wollten. Sie möge sich überraschen lassen. Kevin verhielt sich still. Erstens verstand er die Landessprache nicht und kam sich deshalb Gloria und jetzt auch Pina gegenüber mickrig vor. Zweitens wollte er nicht jetzt schon anbringen, daß er das nervig fand, extra hierhin zu reisen, wo Julius doch jetzt Flohpulveranschluß in diesem Haus in Paris hätte.

Die Kutsche flog über Millemerveilles hinweg und segelte zur Landewiese vor dem Haus Jardin du Soleil hinunter. Als das große, geflügelte Pferd mit allen vier Hufen zugleich aufsetzte und keine Sekunde darauf die Räder der kleinen Kutsche aufschlugen konnte Julius gerade noch sehen, daß Camille Dusoleil mit seiner Mutter im Garten war und dort mehrere große Tische mit Zauberkraft herrichtete.

"Willkommen im Garten der Sonne!" Verkündete Florymont, bevor er den Verschlag der Kutsche aufschwingen ließ. Dann bat er noch: "Bitte laßt und lassen Sie Julius zuerst aussteigen und den seinem Ehrentag bestimmten Warteplatz einnehmen!" Mrs. Porter nickte und übersetzte es ins Englische. Julius kletterte aus der Kutsche und ging über die breite, bis auf wenige Zentimeter gestutzte Wiese zum Haus der Dusoleils, wo ihm Jeanne schon entgegenkam.

"Schön, hat alles geklappt", stellte sie fest und winkte Julius heran. Sie deutete nach drinnen und bestätigte, daß er sich bitte auf den Begrüßungsstuhl setzen möge. Julius fragte, ob der nicht nur an den wirklichen Geburtstagen funktionierte. "Das ist wie mit eurer Truhe, Julius. Ein bis zwei Tage nach dem eigentlichen Tag sind sie noch auf den entsprechenden Jubilar eingestimmt. Also geh rein! Papa muß heute noch was erledigen." Julius fragte neugierig, ob es was langwieriges sei. Jeanne nickte schwerfällig und erwiderte: "Genaueres hat er weder Maman noch mir erzählt. Nur daß er sicherstellen muß, daß es bis spätestens morgen fertig ist. Er tut ganz geheimnisvoll. Aber irgendwie hängt da wohl auch Madame Delamontagne, die mir als neuer vollwertigen Bürgerin auch das Du angeboten hat, mit in der Sache drin. Aber mehr hat er nicht rüberkommen lassen. Dann muß das was ganz geheimes sein, daß keiner außer den unmittelbar beteiligten wissen darf." Julius nickte. Wie wichtig es war, manche Sachen geheimzuhalten wußte er ja aus ganz eigener Erfahrung. So verlor er kein weiteres Wort darüber und betrat das Haus. Er sah den hochlehnigen Holzstuhl, der einem Königsthron gleich bereitstand und setzte sich. Wie vor einem Jahr, wo er seinen fünfzehnten auch hier gefeiert hatte, der gleichermaßen sein Hochzeitstag geworden war. Ein Jahr war das schon wieder her. Ein Jahr, in dem er mit vielen anderen Licht und Schatten, Freude und Leid erlebt und Dinge erfahren und gelernt hatte, die sein bisheriges Leben radikal umgestellt hatten. Das Gefühl, auf dicken, warmen Daunenkissen zu sitzen erinnerte ihn an die unbeschwerte Zeit, die noch nicht so weit zurücklag und doch schon eine ganze Welt von ihm entfernt war. Er lehnte sich entspannt zurück und wartete, bis eine magische Stimme "Tritt ein, oh Gast! Genieß die Rast!" sagte. Die Tür schwang von alleine auf und gewährte den ersten Gästen einlaß, seiner Frau Mildrid und ihren Verwandten, von seinem Schwiegervater abgesehen. "Wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen", scherzte Millie und knuddelte ihn innig. Er erwiderte darauf: "Ähm, woher kenne ich Sie noch mal, Madame?" Beide lachten.

"Mutter kommt nachher kurz vorbei, wenn sie sicher ist, daß Miriam und Barbaras Jungs sich nicht gegenseitig totkreischen", sagte Hippolyte Latierre. Martine meinte noch:

"Ich habe das mit diesen Malfoys mitgekriegt. Ist schon ein Schlag ins Gesicht, daß die womöglich um eine Haftstrafe herumkommen."

"Das hat mich auch geärgert, Tine. Aber nach ein paar Nächten drüber geschlafen denke ich, daß die sich jetzt nicht mehr so aufblasen können wie vorher. Sie verlieren eine Menge Gold an die Staatskasse, von dem noch dazu Leute entschädigt werden, die sie mit ihrer kranken Weltanschauung verachtet haben und dürfen in den nächsten zwei Jahrzehnten nichts anfangen, was geld und Macht bringt. Insofern eine wesentlich heftigere Strafe als Gefängnis", erwiderte Julius darauf. Dann setzte er sich wieder hin, während Camille, die inzwischen das Wohnhaus durch die Gartentür betreten hatte, die Gäste ins Wohnzimmer lotste, wo sie die Geschenke für das Geburtstagskind deponierten.

Als die magische Begrüßung erneut erklang und die Tür aufschwang kamen die Eheleute Porter herein und beglückwünschten Julius noch einmal, obwohl sie ja schon gestern mit ihm gefeiert hatten. Camille lotste die beiden durch das Wohnzimmer zum Garten.

Es folgten die Redlief-Schwestern mit den Hollingsworths, Belisama, Gloria und Kevin. Kevin ließ sich von Gloria übersetzen, was Camille Dusoleil sagte:

"Wir heißen euch alle willkommen und freuen uns, daß ihr mit uns zusammen den Geburtstag unseres geschätzten Gastes Julius Latierre mitfeiern möchtet. Wer außer seine Anwesenheit noch etwas anderes als Geschenk mitgebracht hat möchte dieses bitte in der roten Truhe im Wohnzimmer unterbringen. Sie ist ja nicht zu übersehen." Kevin kannte dieses Wundermöbel mit dem Wandelrauminhalt ja schon vom letzten Mal und nickte.

Als vorerst letzte kam Jeanne herein, die sich auch im Namen ihres Mannes Bruno für die Einladung bedankte.

"Bruno kommt gleich noch vom Training. Viviane ist bei ihrer Patentante in Brüssel. Ich muß aufpassen, daß Barbara der nicht schon mit knapp einem Jahr ein Brautkleid anzieht, um sie mit ihrem Charles zu verheiraten, so wie sie die Kleine anschmachtet."

"Ui, Barbara hätte ich noch auf die Liste setzen sollen. Aber es sind ja auch so viele Leute eingeladen. Na ja, vielleicht nächstes Jahr in Paris, wenn ich siebzehn werde", erwiderte Julius.

"Sie trägt dir das nicht nach", entgegnete Jeanne geheimnisvoll lächelnd und mentiloquierte: "Weil sie bereits an wem anderem trägt. Aber das soll Bruno noch nicht wissen."

"Ach, weil er dann auch noch eins haben will?" Fragte Julius unhörbar.

"Da rede ich ja noch ein wichtiges Wort mit", mentiloquierte Jeanne. "Will Viviane erst aus den Windeln haben, bevor ich die für wen anderen bereitlegen möchte", beschloß sie noch. Julius war sich aber sicher, daß Jeanne sich das nicht lange gefallen ließ, daß ihre beste Freundin ihr um ein Kind voraussein würde. Er hatte von Line und anderen Müttern gelernt, daß das eine ähnliche Konkurrenz unter Frauen sein konnte, wie Körperkraft, Grips und Geld bei Männern. Auch dachte er daran, daß Barbara van Heldern, die er noch als Barbara Lumière kennengelernt hatte, einen ganzen Tag für die Geburt ihres ersten Kindes gebraucht hatte. Insofern war das schon beachtlich, daß sie so schnell danach wieder auf etwas ähnliches hinarbeitete. Dann flog ein Lächeln auf sein Gesicht, weil er daran dachte, daß Barbara van Heldern im verstrichenen Schuljahr ja nichts anderes tun konnte, wenn sie nicht in die feindliche Außenwelt wollte. Damit war das Thema für ihn aber gelaufen.

"Tante Uranie wartet, bis du alle mit dir angekommenen begrüßt hast. Sie paßt auf die beiden kleinen auf", sagte Jeanne nun für Ohren vernehmbar. Julius nickte und folgte seiner Beinahe-Schwägerin in das Zimmer, das sie selbst früher bewohnt hatte. Dort standen ein Bett, ein Tisch mit drei breiten Stühlen, ein gerade zusammengeklappter Wickeltisch und ein Schrank, in dem wohl die Babysachen verstaut waren. Auf einem der drei Stühle thronte Mademoiselle Uranie Dusoleil in einem praktischen Kostüm aus knielangem blauem Rock und weißer Bluse. In zwei blütenweißen Wiegen schlummerten die beiden nun zwei Monate alten Säuglinge Chloé und Philemon. Julius vermied es, laut zu sprechen und begrüßte Mademoiselle Dusoleil mit landestypischer Umarmung.

"Camille wird ab morgen für eine Woche meinen Sohn versorgen, wenn ich zur internationalen Astronomietagung nach Gran Canaria reise", sagte Mademoiselle Dusoleil. Julius wagte es nicht, sie zu fragen, ob sie mittlerweile Frieden mit ihrer Mutterrolle geschlossen hatte. Er fragte jedoch, ob Madame Delamontagne sie nicht wegen des Schachturniers angeschrieben hätte.

"Dem habe ich mich erfolgreich entzogen, weil ich als Mitglied der astronomischen Zauberer- und Hexenvereinigung Amici Stellarum schon vor dieser Tortur der Niederkunft eingeladen worden bin. Ich bin zumindest froh, den Kleinen da nicht mehr mit mir herumtragen zu müssen."

"Ich denke, Camille paßt gerne auf den kleinen Philemon auf", sagte Julius so unverbindlich wie es ging.

"Die denkt wohl, ich würde ihn ihr ganz lassen", erwiderte Uranie Dusoleil halblaut. "Mittlerweile weiß ich aber, daß er mehr von mir als von diesem Vagabunden hat, der ihn gezeugt hat. Außerdem wäre die ganze leidige Sache mit der Schwangerschaft ja für nichts gewesen, wenn ich den Kleinen jetzt irgendwem anderem überlassen würde. Eure Constance Dornier hat das ja auch so gesehen. Und was eine unausgegorene Schülerin erkennt sollte einer im Leben stehenden Hexe selbstverständlich sein."

"Da möchte ich mich nicht zu äußern, Uranie", erwiderte Julius. Sie nickte ihm anerkennend zu. Dann deutete sie auf die Tür.

"Camille und deine Mutter warten im Garten. Wenn du da erscheinst kann bald das Mittagessen serviert werden", sagte Uranie Dusoleil noch. Julius nickte und verließ so leise er konnte die improvisierte Babystation.

"Die anderen kommen in zwanzig Minuten", verkündete Camille, als Julius erst sie und dann seine Mutter durch Umarmung begrüßt hatte. Kevin blickte bereits sehr verwundert auf den schlanken Apfelholzzauberstab in der Hand von Martha Andrews.

"Dann wird das aber für dich ziemlich viel, Mittagstisch, Kaffeetrinken und vielleicht noch Abendessen", vermutete Julius.

"Ich habe genug Leute zur Hand, die mir helfen. Uranie paßt auf meine Kleine auf. Zumindest schön, daß sie mittlerweile ihre Säuglingsaversion abgelegt hat. War wohl doch die Angst vor der neuen Situation." Julius mentiloquierte ihr, daß Jeanne ihm das mit Barbara zugedacht hatte. Sie schickte zurück: "Die gute ist nicht unterzukriegen. Sie ist schon in der neunten Woche. Aber Bruno soll's erst bei Barbaras Geburtstag erfahren." Julius vermied jede mit den üblichen Sinnen wahrnehmbare Erwiderung. Statt dessen wandte er sich an seine Mutter und fragte sie leise, ob Camille sie als Hilfskraft engagiert habe.

"Sie meinte, wenn ich bei deiner Feier dabei sein soll müßte ich ihr bei der Vorbereitung helfen, und zwar so, wie sich das für Hexen gehört", erwiderte seine Mutter leicht verstimmt, mußte dann aber überlegen lächeln. "Mittlerweile kann ich einen Tisch unfallfrei decken und wieder abräumen, ohne den Tisch oder das daraufliegende anzufassen. Kevin guckt mich ja schon komisch an, weil er das natürlich noch nicht weiß."

"Ich habe es drüben in unserer alten Heimat nur den Porters und Redliefs erzählt, weil ich nicht wußte, ob das nicht über Umwege wer mitkriegt, der noch zur Terrorbande gehört."

"Dann denke ich mal, du kannst ihm das heute erklären."

"Und Sie bekamen ihr Baby genau in der Stunde, wo Sie-wissen-schon-wer seine ganze Macht verlor?" Fragte Pina Camille Dusoleil, die gerade sich schlängelnde Luftschlangen über den Tischen aufhängte, ohne sie an Haken oder Ästen befestigen zu müssen.

"War schon ein sehr merkwürdiger Zufall", erwiderte Camille. "Aber sogesehen bin ich auch verdammt stolz, das erste Kind der neuen Zeit geboren zu haben. Dein Französisch ist sehr schön, Pina. möchtest du auch einmal ein Austauschjahr wie Gloria machen?"

"Vielleicht nicht unbedingt das. Aber ich finde die Sprache sehr interessant und wollte sie lernen, weil eine Tante von mir sie in der Schule hatte", erwiderte Pina. Kevin ließ sich von Gloria übersetzen, was gesagt wurde. Er fühlte sich offenbar etwas alleine hier. Julius erkannte das und ging zu ihm an den Tisch.

"Was ist das mit deiner Mutter. Kann die jetzt doch zaubern und die haben sich all die Jahre vertan oder was?"

"Hmm, ich wollte das in London nicht rüberkommen lassen, Kevin, weil ich nicht weiß, wer von der alten Mörderbande noch unerkannt rumläuft und meinen könnte, jetzt doch noch recht zu kriegen. meine Mutter bekam, weil sie lange hier in Millemerveilles wohnte und einen bestimmten Trank trinken mußte, um hier überhaupt bleiben zu können, von einer entfernten, magischen Verwandten zusätzliche Lebenskraft und damit auch eigene Zauberkraft geschenkt. Damit muß sie jetzt klarkommen, weil sie ja nicht nach Hogwarts, Beauxbatons oder Thorntails kann."

"Zauberkraft geschenkt? Wie geht'n sowas?" Fragte Kevin irritiert. Julius erklärte es ihm im Flüsterton, weil er Pinas Unterhaltung mit Camille nicht stören wollte.

"Ähm, eine Hexe, die vier Kinder gekriegt hat pflanzt sich mit ganz nacktem Schoß auf die Füße und spricht so eine wiederholte Zauberformel, und dann fließt aus der was in wen anderen rein. Darfst du meinem Alten nicht erzählen. Der würde nach außen hin "Unrat" rufen und selbst jede Nacht einen feuchten Traum haben, weil er sich vorstellt, von wem er auf diese Weise hochgejubelt werden könnte. Ähm, wer die nette Tante war, die deine Mum mit Magie aufgefüllt hat willst du mir wohl nicht sagen, oder?"

"Es stand bei uns in der zeitung, Kevin. Es ist Madame Antoinette Eauvive, eine über mehrere Generationen zurückreichende Verwandte von Mum und mir", erwiderte Julius ganz gelassen.

"Eauvive? Ist das nicht die, die vor fünf Jahren das Buch über die Verstärkung von Murtlap-Essenz geschrieben hat? Ich habe mir das mal für Zaubertränke ausgeliehen, weil die Purplecloud 'nen Aufsatz über Wirkstoffe magischer Tierwesen haben wollte. die alte hatte mich voll auf der Abschußliste, weißt du ja." Julius nickte und erwähnte, daß er von dem Buch schon mal gehört hatte, aber wegen der ZAGs andere Sachen eher hatte lesen wollen.

"McGonagall meinte, ich könnte auch ohne Zaubertrank-ZAG ins nächste Jahr rein, weil ich doch genug Sachen gepackt habe. Aber ich denke, ich wiederhol mit Fredo, Marvin und Eric das Jahr noch mal ganz. Gloria will ja schon in die sechste rein, ebenso Betty und Jenna."

"Geht denn das, wenn du offizielle ZAGs geschafft hast?" Fragte Julius.

"Wenn meine Eltern und ich darauf bestehen schon, hat McGonagall gesagt. Oma Ernie hat dazu nur gemeint, daß es bei mir läge, ob ich lieber früher fertig werden wolle oder lieber bestimmte Sachen richtig hinkriege, mit denen ich später mal was machen kann."

"Ich für meinen Teil kann Gloria verstehen, daß sie mit ihren ZAGs gleich in der sechsten Klasse weitermachen will. Ich bin auch froh, daß ich die geschafft habe. Ich kapiere aber auch, daß du lieber noch mal ein ruhiges Jahr mit vertrauten Kameraden machen möchtest und sicher noch einige bessere Prüfungen ablegst als in Thorny, wo die ja nie sicher waren, ob sie euch überhaupt anerkennen."

"Dann haben wir das zumindest endgültig durch", erwiderte Kevin. Er fühlte sich offenbar von Julius in seiner Entscheidung bestätigt, lieber das Jahr zu wiederholen.

Pina unterhielt sich mit Jeanne über ihre kleine Tochter Viviane, während Gloria sich mit Kevin und Martha Andrews darüber unterhielt, wie das war, von einem auf den anderen Tag Hexe geworden zu sein. Julius indes nahm wieder in der Eingangsdiele Platz. Uranie Dusoleil leistete ihm Gesellschaft. Die beiden Babys würden sich schon melden, wenn sie was wollten.

Von der magischen Begrüßung willkommengeheißen betraten bald darauf Céline Dornier zusammen mit Laurentine Hellersdorf und Robert Deloire das Haus Garten der Sonne. Céline teilte Julius mit, daß sie wie zu befürchten stand die goldene Saalsprecherinnenbrosche zugeschickt bekommen hatte. "Und rate mal, wer meine Stellvertreterin ist!" Schickte sie noch nach. Julius überlegte, wen Madame Maxime für fähig genug befunden hatte, sie mit der Silberbrosche zu betrauen. Doch Laurentines verlegenes Gesicht deutete darauf hin, daß womöglich sie diejenige sein konnte. So sagte er so lässig wie möglich klingend: "Laurentine, nehme ich an." Die Erwähnte nickte betreten.

"Die schickten mir erst die ZAGs zu, in allen Praxisfächern Os, in Zaubertränken sogar ein E, in Astro sogar ein unterstrichenes O und allen anderen Fächern ein A. Dann kam vorgestern so'n Uhu zu uns nach Vorbach und warf mir einen Umschlag hin, in dem die Silberbrosche war. meine Eltern wollen Einspruch dagegen einlegen, weil sie fürchten, die in Beaux hätten mir absichtlich Supernoten gegeben, um mich schön an der Leine zu halten. Ich habe denen aber gesagt, sie würden voll vor eine Wand knallen, wenn sie meinten, sich beschweren zu müssen und ich die Noten und die Brosche wegen Claire gekriegt hätte, weil ich wollte, daß das, was sie mir alles beizubringen geschafft hat, nicht umsonst war. Tja, und dann kam noch Célines Brief an, weil sie natürlich mit ihrer Stellvertreterin gerne abstimmen möchte, was so anstehen könnte. Célines Eltern haben mich eingeladen, zwei Wochen bei ihr zu wohnen, um mir den Einstieg in die Zaubererwelt außerhalb von Beaux besser zu ermöglichen. Ich mach das, weil ich dabei vielleicht schon mit Leuten reden kann, die mir in Sachen Berufsaussichten was erklären oder Türen aufmachen können. Ich weiß von meinen Eltern, wie wichtig tolle Beziehungen sein können. Ein paar habe ich ja schon." Dabei deutete sie in Richtung Wohnzimmertür, wohl um zu zeigen, daß sie die Dusoleils meinte.

"Hast du mit Belisama schon gesprochen, Laurentine?" Fragte Julius. Diese schüttelte den Kopf. "Sie ist schon im Garten. Ich glaube, ihr beiden könnt schon mal abstimmen, wie ihr im nächsten Jahr bei den Saalsprecherkonferenzen zusammenarbeiten könnt", sagte Julius noch. Céline nickte und wandte ein, daß Laurentine vordringlich mit ihr über die Mädchen im grünen Saal Einig sein müsse. "Wer rückt für dich nach?" Fragte sie noch. Julius erwähnte es, daß es Gérard war.

"Tja, besser der als ich", erwiderte Robert Deloire darauf. "Na gut, mit einem A in Verwandlung wäre ich für Königin Blanche wohl auch nicht gerade der Vorzeigeschüler gewesen. Misttheorie. Die hat mich doch heftiger runtergezogen, als ich gehofft habe."

"Immerhin hast du es geschafft", meinte Céline dazu nur. "Dafür bist du bei Verteidigung gegen dunkle Künste großartig rübergekommen und bei Zauberkunst."

"Ja, hast recht, Céline", erwiderte Robert. Dann gingen die Gäste zum Wohnzimmer, um ihre mitgebrachten Geschenkpakete in die rote Truhe mit silbernen Beschlägen zu legen.

Sandrine Dumas brachte ihren Freund Gérard Laplace mit, der bereits am Morgen bei ihr eingetrudelt war.

"Wir dürfen also zusammen auf die Knirpse aufpassen", meinte Gérard. "Als ich die Silberbrosche abbekam war mir klar, daß sie dir die goldene verpassen würden, weil ich mir echt nicht vorstellen konnte, daß du nach dem ganzen Zeug, was du denen vorgeführt und überstanden hast kein Saalsprecher mehr sein dürftest", sagte Gérard. "Ich fürchte, das sind Mamans Erbanlagen. Die war damals auch Saalsprecherin, allerdings im letzten Jahr auch vergoldet. Kann mir wohl nicht passieren, wenn wir zwei ohne Probleme bis zu den UTZs durchkommen." Julius verstand die Andeutung und erwähnte noch einmal, daß ihm nicht daran gelegen war, die goldene Brosche der Saalsprecher zu bekommen. Sandrine grinste verhalten und drückte Julius an sich.

"Denkst du ich wollte die haben. Aber ich freue mich trotzdem, was wichtiges hinbekommen zu haben. Möchtest du mir verraten, wie bei dir die Pflegehelfer-ZAGs gelaufen sind?"

"Das lasse ich besser weg, weil sonst wer meinen könnte, mir hätten Sie zu einfache Sachen aufgegeben", erwiderte Julius verhalten. Sandrine drückte ihn noch fester an sich, daß er ihr Herz durch seinen Brustkorb schlagen fühlen konnte. "Also auch alles Os? Ich weiß, daß du nicht gerne erwähnst, wenn du etwas supergut kannst, solange es keiner von dir sehen will. Aber das ist doch echt nichts, wofür du dich schämen mußt, oder?"

"Du auch?" Fragte Julius sie leise, während Gérard schon stichelte, daß sie Krach mit Millie kriegen würde, wenn sie ihn noch enger an sich zöge. So sagte sie nur, daß das die fünf Os auf ihrer Prüfungsliste seien, sie aber alle anderen Fächer mit Erwartungen übertroffen geschafft habe.

"Wird Madame Rossignol freuen", erwähnte Julius.

"Denke ich auch", erwiderte Sandrine darauf. Dann ging sie mit ihrem Freund ins Wohnzimmer, während Julius den leichten Schwindelanfall überwinden mußte, den Sandrines innige Umarmung ihm bereitet hatte. Er dachte wieder einmal an jene Blumenwiese, auf der Claires aus dem Körper gerissenes Bewußtsein ihn hingeführt hatte. Sandrine hatte auch zu denen gehört, die sie, Claire als ihre mögliche Nachfolgerin vermutete. Doch sie hatte einen festen Freund, den er zu seinen neuen Schulfreunden zählte, und er war nun auf Jahr und Tag genau mit Mildrid Ursuline Latierre verheiratet. Freundschaft und Vertrauen waren für ihn zu wichtig, um irgendwelchen abenteuerlichen Gedanken nachzuhängen. So sah er Sandrines Umarmung als eine unmißverständliche Kameradschaftsgeste an, nicht mehr und nicht weniger.

Als nächster Gast traf Brittany Forester ein, die über das internationale Flohnetz nach Millemerveilles gereist war und einen breiten Rucksack auf dem Rücken trug. Julius erkannte, daß er sie nun größenmäßig eingeholt hatte und umarmte sie, wohl auch, um Sandrines Parfüm mit dem herben Kräuterduft Brittanys zu überlagern, falls Millie doch mal merkwürdige Gedanken haben mochte.

"Bei euch ist auch viel los gewesen, haben mir Mel, Myrna und Gloria schon erzählt", sagte Julius. "Das mit dieser Entomanthropenkönigin war schon eine ziemlich fiese Sache."

"Die hat mehrmals VDS und Cloudy Canyon angegriffen und dabei Leute umgebracht oder noch schlimmer", schnarrte Brittany. "Am besten reden wir nicht mehr darüber. Lino ist deshalb noch in Behandlung, und alte Schulfreunde von mir haben ihre Angehörigen verloren, weil diese dunkle Lady meinte, die alte Brut aus Sardonias Zeiten aufwecken zu müssen. Du hast wohl auch die Sache mit Leda Greensporn, der Enkelin einer bekannten Heilerin gehört, die sich von einem unbekannten hat schwängern lassen, oder?"

"Das Bild von der vor und nach der Geburt ihrer Kleinen war auch in der Hexenwelt in Frankreich", erwiderte Julius.

"Und du mußtest drei Monate hinter Madame Maxime herlaufen, weil diese Schlangenbiester bei euch dich gebissen haben und nur ihr Blut das Gift beseitigen konnte?" Wollte Brittany wissen. Julius bestätigte das. Er verschwieg ihr aber, welche heftigen Gefühle er in dieser Zeit hatte überstehen müssen.

"Jetzt hast du auf jeden Fall die richtige Größe, um einer gut gewachsenen Hexe ohne Verränkungen in die Augen sehen zu können. Freut sich Millie deshalb? Oder hätte sie's lieber gehabt, wenn du kleiner als sie geblieben wärest?"

"Sie ist noch nicht ganz ausgewachsen, Britt. Die kann mich immer noch locker überragen", erwiderte Julius. Uranie Dusoleil tauchte aus der Küche auf und begrüßte die Besucherin aus den Staaten. Da diese kein Französisch konnte bat Uranie sie auf Englisch, mögliche Mitbringsel in die rote Truhe im Wohnzimmer zu legen. Brittany nickte ihr zu und verabschiedete sich bis später.

Patrice Duisenberg kam mit Sixtus Darodi zusammen an. Julius bedankte sich für die Geburtstagsglückwünsche und erwähnte, sich zu freuen, daß fast alle Pflegehelfer da seien.

"Das hier soll ich dir von Corinne geben, hat sie mich gebeten", sagte Patrice und hielt Julius ein würfelförmiges Paket unter die Nase. Julius bedankte sich und deutete dann auf das Wohnzimmer. "Leg's da in die rote Truhe, auf der mein Name draufsteht, bitte!" Sagte er. Patrice nickte und ging mit Sixtus ins Wohnzimmer.

"Hallo Julius", begrüßte Aurora Dawn den jungen Briefbekannten, den sie nur wegen der Abneigung seines Vaters gegen die Zaubererwelt kennengelernt hatte. "Ich hörte, du hättest die ZAGs ausgezeichnet überstanden. Tante June hat gewisse Verbindungen spielen lassen, um das auszukundschaften, ob du nach dem ganzen Trubel gut über die Runden gekommen bist. Verträgst du dich noch gut mit Mildrid?"

"Es knirscht nur, weil ich ihr noch immer nichts Kleines zum Großfüttern anvertraut habe", erwiderte Julius schlagfertig.

"Ich weiß, die Latierre-Hexen sind alles Muttertiere. Deine Schwiegertante Béatrice tut zwar so, als wäre sie mit ihrem Leben zufrieden. Aber wehe dem, den sie doch mal auf den Besen hebt!" Grinste Aurora Dawn. Dann wurde sie wieder ernst. "Ich erfuhr auch, daß du als Zeuge gegen diese Kanalie Umbridge ausgesagt hast und auch mitbekommen hast, daß die überheblichen Malfoys wohl mit einer für die lächerlich kleinen Geldsumme von Askaban verschont bleiben. Wer kam auf die Idee, daß Todesser sich freikaufen können?"

"Frag das mal eure Zaubereiministerin, Aurora", stieß Julius aus. "Irgendwer hat befunden, daß Geldzahlung vor Haftstrafe zu gelten habe, um genug Entschädigungsgelder einzusacken."

"Tante June war nicht so begeistert. Um so mehr interessiert es sie, wie es deiner Mutter jetzt geht."

"Ich denke, wenn meine Mutter Lust hat, sich mit deiner Tante drüber zu unterhalten, können die beiden das ja per Eulen oder E-Mails klären."

"War schon eine sehr ungewöhnliche Sache", stellte Aurora fest. Dann dachte sie ihm zu: "Diese Spinnenfrau, der du begegnet bist ist noch im Buschland. Entweder fühlt sie sich dort wunderbar wohl oder weiß nicht, wo sie sonst hin soll. Ministerin Rockridge hat sie zur Tötung freigegeben, nachdem sie Muggel angegriffen hat."

"Hoffentlich könnt ihr sie auch so unschädlich machen", erwiderte Julius. Der Gedanke an Naaneavargia war als einziges vom dunklen Jahr übriggeblieben.

"Das wird nicht zuletzt an ihr hängen", entgegnete Aurora merklich verbittert. "Doch im Moment ist sie schön weit von hier fort, Julius. Also sollten wir uns lieber freuen, daß wir alle, die wir heute zusammenkommen können, dieses finstere Jahr überstanden haben." Julius nickte. Dann sah er Aurora nach, die ins Wohnzimmer ging, um dort etwas für ihn zu deponieren.

Als krönenden Abschluß der eintreffenden Gäste erschienen Madame Faucon, ihre Schwester madeleine und Catherine zusammen mit Babette und Claudine.

"Wir freuen uns, heute noch mit dir feiern zu dürfen, Julius", sagte Catherine. "Ich will übermorgen mit Babette und Claudine zu Joes Eltern rüber, damit sie Claudine wieder zu sehen bekommen."

"Auch mit dem Flugzeug?" Fragte Julius.

"Da Babette eindeutig und Claudine höchstwahrscheinlich Hexen wie ich sind gehen wir durch das Flohnetz und benutzen dann den fahrenden Ritter, von dem Gloria und die Hollingsworths erzählt haben."

"Die Rappelkiste", bemerkte Julius dazu. "Ist aber für Ausflüge aus der Zauberer- in die Muggelwelt gut geeignet."

"Ich darf Ihnen zusätzlich zu Ihrem Geburtstag auch noch meine Glückwünsche für das hervorragende Abschneiden bei den ZAG-Prüfungen sowie den Erwerb der Saalsprecherwürde des von Ihnen bewohnten Saales aussprechen", sprach ihn Madame Faucon nun ganz förmlich an. "Wie ich erfuhr erlangte Ihre Gattin ebenfalls ein ansehnliches Prüfungsergebnis und erwarb die Ehrung, als hauptamtliche Sprecherin des von ihr bewohnten Saales tätig zu werden", fügte sie noch hinzu. Julius bestätigte das. Er wollte schon fragen, was genau wegen Bernadette herausgekommen war. Doch Madame Faucon sagte rasch: "Diese wichtigen Etappenziele haben Ihnen beiden neben der Verpflichtung, diesen Leistungen immer gerecht zu werden, auch eine große Anerkennung eingetragen. Erweisen Sie sich bitte um Ihret Willen dieser Anerkennung als würdig! Näheres dazu erfahren Sie später." Julius fragte sich, was er noch näheres erfahren sollte. Sicher, Madame oder auch Professeur Faucon war die Hauslehrerin des grünen Saales und damit sicher auch erfreut, daß er Saalsprecher geworden war. Aber das erschien ihm zu selbstverständlich, als daß sie das extra hätte erwähnen müssen. Auch die Sache, daß er sich ab nun noch mehr in die ihm gestellten Aufgaben reinhängen mußte kam ihm zu selbstverständlich vor, als daß sie das noch einmal hätte anmerken müssen. Doch im Moment wollte sie wohl nicht weiter darauf eingehen. Denn sie winkte ihrer Schwester, ihrer Tochter und den beiden Enkeln zu, daß sie jetzt hinaus in den Garten wolle.

"Deine kinderreiche Schwiegergroßmutter wird wohl erst heute Nachmittag eintreffen", sagte Uranie, als Julius sich noch einmal auf den Begrüßungsstuhl setzen wollte. Millies Ehemann nickte und suchte dann die Gäste im Garten auf. Seine Mutter sprach gerade mit Aurora Dawn und Madeleine L'eauvite. Catherine hatte sich mit ihren Töchtern an den Tisch gesetzt, wo Jeanne mit ihrer zweitjüngsten Schwester Denise saß.

Julius wanderte nun ein wenig von Tisch zu Tisch und sprach mit denen, die er schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatte. Es ging um die Gerichtsverhandlungen in London, Paris und wo sonst noch. Brittany deutete an, daß ein Amtsenthebungsverfahren gegen Zaubereiminister Wishbone geprüft würde. Allerdings sei keiner der Ministerialbeamten in der Lage, den Aufenthaltsort des ranghöchsten Zauberers der USA zu verraten. Julius entsann sich, daß wegen eines ruchbar gewordenen Seitensprungs auch gegen den Präsidenten der USA dergleichen unternommen werden sollte, wenn genug Beweise für eine Verfehlung erbracht würden. So sagte er:

"Bill Clinton muß sich wohl auch bald wegen gewisser Freizeitspielchen ohne seine Frau vor einem Ausschuß verantworten. Könnte sein, daß sich ein neuer US-Präsident und ein neuer US-Zaubereiminister einander zur Amtseinführung beglückwünschen dürfen."

"Stimmt, hat Dad erwähnt, daß sie Billy Boy am Zeug flicken wollen, weil der seine Finger und was sonst noch alles nicht bei sich behalten hat und das nicht zugeben will. Könnte sowas ähnliches geben wie mit diesem spießigen Senator, der um Weihnachten rum eine ehemalige Schulkameradin in gesegnete Umstände versetzt hat und das im März herum so richtig hohe Wellen schlug." Julius erwähnte, daß er davon absolut nichts mitbekommen habe. "Dad hat jedenfalls das Vertrauen in unsere Politiker komplett verloren. Er meinte, daß die sonst immer so übermoralisch täten und dann hinten herum die größten Unanständigkeiten begingen", erwiderte Brittany darauf.

"Echt? Das weiß dein Vater jetzt erst?" Fragte Julius verächtlich zurück. Brittany funkelte ihn kurz mit ihren dunkelbraunen Augen an. Dann mußte sie schmunzeln.

"Klar, du bist wie Dad in der Muggelwelt aufgewachsen und hast vielleicht schon früh mitbekommen, was sich die Regierungsleute so rausnehmen oder nicht. Aber was diesen Senator angeht hat mich das heftig an die Mora-Vingate-Partys erinnert. Aber da hätte dieser Typ wohl nicht hingehen können."

"Wie erwähnt, Brittany. Es gibt einige Leute, die mit genug Macht im Rücken nur noch Mist bauen und dann hoffen, ihnen kommt keiner drauf oder die, die ihnen draufkommen mit Silber oder Blei ruhigstellen."

"Du meinst wohl Gold, Julius. Aber Blei? Werden daraus nicht die kleinen Kugeln für die Knallschußwaffen gemacht? Meinst du, die bringen Leute um, die ihnen gefährlich werden könnten?" Erschauderte Brittany.

"Hat es in einigen Ländern schon gegeben", erwiderte Julius kaltschnäuzig. "Aber in den Staaten wird das dann wohl mit Geld erledigt. Freikaufen ist ja schwer angesagt bei den reichen dieser Welt", seufzte er dann noch.

"Ich weiß, was du jetzt meinst, Julius. Wir haben es aus dem Kristallherold und dem Westwind, daß die Zaubereiminister erwiesenen anhängern dieses Todesserführers die Wahl lassen, Geld rauszurücken oder einzufahren, sofern sie keine vollendeten Morde begangen oder dabei freiwillig mitgeholfen haben", seufzte Brittany. "Könnte Wishbone einfallen, auch eine Riesenentschädigungssumme hinzulegen, um alle Anschuldigungen wegzuwischen."

"Sagen wir es so, was kann man dem genau vorwerfen? Wollte Julius wissen.

"Fortgesetzte Unterdrückung aller Hexen, unrechtmäßige Beschneidung von Einkommensgrundlagen, Freiheitsberaubung im Sinne einer Mißachtung der Reisefreiheit amerikanischer Mithexen und -zauberer, sowie unzureichende Maßnahmen gegen eine weitreichende Bedrohung, namentlich die unkontrollierbare Entomanthropenbrutkönigin. Könnte ihm einige Jahre Gefängnis eintragen", sagte Brittany. Dann meinte sie: "Besser wäre es, er tritt von seinem Amt zurück und sieht zu, daß er in weniger als einem Tag das Land für immer verläßt. Freunde und ganz sicher Freundinnen hat der keine mehr im Land."

"Dann werden die bald euer Ministerium stürmen und besetzen und Wishbone und die ihm doch noch loyalen Leute einkassieren", vermutete Julius.

"Wenn sie wüßten, wo er ist. Bei der Vernichtung dieser Brutkönigin hat er sich von einem Mitarbeiter vertreten lassen, der durch Vielsaft-Trank sein Doppelgänger wurde. Das stand zumindest im Kristallherold. War ein gefundenes Fressen für die Leute vom Herold, dem Minister Feigheit vorzuwerfen und bei der Gelegenheit noch die Frage zu stellen, ob Wishbone überhaupt noch in den Staaten sei und ob nicht ein Club von Doppelgängern seine Angelegenheiten verwalte. Nach der Sache mit diesem Bokanowski, die du ja besser mitbekommen hast, als dir lieb war, war das natürlich eine geniale Möglichkeit für die Reporter, Wishbones Amtsführung komplett lächerlich zu schreiben."

"Vielleicht ist das auch nur ein ganz armer, einsamer Mensch, der unbedingt alles kontrollieren wollte und am Ende über nix mehr die Kontrolle hatte", vermutete Julius etwas bekümmert.

"Schreibe das denen, die wegen ihm Gold und Anstellung verloren haben! Soweit ich weiß gehört Donata Archstone ja auch zu denen, die wegen Wishbones Ablehnung von Hexen in wichtigen Anstellungen gefeuert wurde."

"Die wird auch gerade auf mich hören", entgegnete Julius verhalten grinsend. Er erinnerte sich noch gut an die gestrenge Strafverfolgungsleiterin, die ihm einmal aus einer brisanten Lage herausgeholfen hatte und dann unbedingt von ihm wissen wollte, was er bei dem russischen Schwarzmagier Bokanowski erlebt hatte. Brittany nickte.

"Julius, kommst du mal bitte rüber!" Hörte er Kevin rufen. Brittany nickte ihm zu, womit sich eine Entschuldigung erübrigte. Er ging schnell zu Kevin, der gerade alleine mit Patrice Duisenberg am Tisch stand. Patrice wollte ihm wohl irgendwas sagen. Doch sie konnte ja kein Englisch, und er kein Französisch.

"Ich weiß nicht, was sie möchte. Kannst du mal übersetzen. Glo ist gerade auf dem Klo", begrüßte Kevin ihn. Julius sah sich um. Pina scherzte gerade mit Madeleine L'eauvite über irgendwas, vielleicht ganz lustiges für französische Hexen, und Madame Faucon hatte sich mit Aurora Dawn und seiner Mutter in eine Unterhaltung vertieft. So bat er Patrice, zu wiederholen, was sie Kevin sagen wollte.

"Ich habe ihn begrüßt und wollte von ihm wissen, ob seine Verwandten noch alle leben, wo er letztes Jahr so viel Angst hatte, sie könnten alle sterben", sagte Patrice. Julius überlegte schnell, wie er das anbringen konnte, ohne Kevin wütend zu machen. Dann übersetzte er es so, daß Patrice sich freue, daß ihm nichts passiert sei und sie hoffe, daß seine Eltern auch wieder ruhig schlafen könnten, wo die Gefahr vorbei sei.

"Hast du der nicht gesteckt, daß wer mich aus Hogwarts rausgeholt und mit meinen Eltern über den großen Wassergraben gehoben hat?" Fragte Kevin. Julius schüttelte behutsam den Kopf und fragte zurück, ob er ihr das hätte erzählen sollen. Kevin gab ihm dann zum Übersetzen auf, daß er und seine Eltern überlebt hätten, weil jemand sie im letzten Jahr aus England hinausgeschmuggelt habe. Allerdings sei seine Lieblingstante gestorben und in einem für Mädchen sicher ekelhaften Zustand gefunden worden. Er sei aber froh, daß seine Cousine noch rechtzeitig den Sprung über den Kanal nach Deutschland geschafft habe und jetzt mithelfe, die entstandenen Schäden zu reparieren.

"Also war das doch so, daß diese Mörder seine Tante erwischt haben?" Fragte Patrice. Julius nickte. Dann übersetzte er noch wenige Sätze, die sich darum drehten, daß Kevin in Thorntails war, jetzt aber wieder froh sei, nach Hogwarts zu gehen, daß in Beauxbatons wegen Didier auch lange Zeit eine sehr bedrückende Stimmung herrschte, aber sie jetzt alle froh seien, daß sie wieder Ruhe hatten und trotz der Leute, die in diesem Jahr gestorben seien das Leben irgendwie weitergehen solle. Dann ging Patrice weiter, um mit anderen Gästen zu plaudern, die womöglich keinen Übersetzer brauchten.

"Meinte die, sie müßte mich weiter bekümmern wie im letzten Sommer, wo ich so heftigen Bammel hatte wegen Tante Siobhan?" Fragte Kevin Julius.

"Sagen wir es so, Kevin. Sie wollte sich nur erkundigen, ob es dir jetzt wieder besser geht. Immerhin hast du es dir gefallen lassen, daß sie dich im Arm hielt, um dich zu trösten. Da hat sie wohl ein Recht, zu wissen, ob das was geholfen hat."

"Die läuft auch in dieser Hilfsheilertruppe von euch rum, nicht wahr?" Wollte Kevin wissen. Julius bejahte das. "Dann ist die wohl auf Beschützerin aboniert. Na ja, besser geht's uns ja doch irgendwie", grummelte Kevin. "Nur die ganzen Leute, die wegen der Todesserbande draufgingen kommen nicht mehr zurück."

"Da hast du recht, Kevin", erwiderte Julius betreten dreinschauend. Dann kehrte Gloria aus dem Haus zurück und erkundigte sich, ob etwas wichtiges los gewesen war. Kevin meinte nur lässig, daß eine von Julius' Kolleginnen gefragt habe, ob er sich jetzt wieder berappelt hätte. Julius ergänzte, daß Patrice sich erkundigt habe, ob Kevin nun wieder lachen könne. Dann hieß es auch, sich zum Mittagessen bereitzumachen. Julius suchte auch noch einmal kurz das Badezimmer auf und nahm dann am großen Tisch in der Mitte der aufgebauten Tische rechts von Camille Dusoleil Platz. Es gab zwar nur ein zweigängiges Mittagessen, aber dafür konnten alle so viel essen bis sie satt waren. Julius fühlte sich an dem großen Tisch mit den meisten Erwachsenen etwas merkwürdig, auch wenn seine Frau rechts von ihm saß und offenbar keine Probleme damit hatte, daß Professeur Faucon, Catherine und Martha am selben Tisch saßen. Nach dem Mittagessen konnten die Gäste im Garten herumlaufen und miteinander lockere Unterhaltungen führen. Julius hoffte Kevin und Myrna einmal unauffällig aus der ganzen Gästeschar herauslösen und für einige Minuten unvermißt unterzubringen. Denn ihm war klar, daß Myrna sehr gerne noch einmal mit Kevin über ihre gemeinsame Zeit in Thorntails sprechen wolle. Irgendwie mußte er das hinkriegen, ohne daß Kevin das mitbekam. So blieb ihm nur der Weg des Mentiloquismus. Er fragte Camille laut hörbar, wer von den vielen Flüchtlingen noch in Millemerveilles sei. Gedankensprechend fügte er hinzu: "Kevin Könnte mit Glorias Cousine Myrna was angefangen haben, was noch zu klären ist, bevor er wieder nach Hogwarts geht."

"Die meisten sind wieder in ihren Häusern. Millemerveilles ist wieder so ruhig wie vor Didiers Zeit", sagte Camille laut. Nur in Julius' Kopf klang ihre Stimme weiter: "Meinst du, er hätte ihr einen Antrag oder sowas gemacht?"

"Nun, weil ich ja nicht weiß, wo die alle hier heute Nacht noch hinkönnen, wenn ich daran denke, daß die Gästezimmer schon belegt sind." Mentiloquistisch hängte er noch an: "Myrna faßt das so auf, als habe Kevin sich mit ihr einlassen wollen, weil er von einer Mitschülerin in Thorntails bedrängt wurde und meinte, eine bestehende Beziehung vorschützen zu müssen."

"Die Unterbringung ist geklärt. Florymont, Blanche und Catherine haben eines der Varanca-Häuser angemietet und dort hingestellt, wo sonst deine Schwiegerverwandten mit ihren großen Kühen landen." Ohne Umweg über seine Ohren vernahm Julius von ihr dann noch: "Du möchtest also eine Situation schaffen, wo die beiden in Ruhe über das ganze reden können, ohne von zu vielen Mithörern umlagert zu sein. Kriegen wir hin." Laut sagte sie dann noch: "Ich kann die Kaffeetafel auch Madeleine und ihrer Adeptin überlassen. Chloé ist bei Uranie in guten Händen. Dann bringe ich schon mal welche von euch zu der Stelle, um zu zeigen, wo das ist." In unhörbarer Weise bestand sie jedoch darauf, daß jemand aufpaßte, daß die beiden sich nicht zerfleischten oder hemmungslos liebten. Julius wandte sich dann an Melanie und Myrna und erwähnte, daß Camille die Pause zwischen den Mahlzeiten nutzen wolle, um einigen von ihnen die Unterbringung für die Nacht zu zeigen. Melanie hatte ihren Bronco-Besen mit, Brittany ebenso. Dann wandte er sich noch an Kevin. Zu seiner Zufriedenheit konnte er wahrheitsgemäß behaupten, daß die Porters und Redliefs gerade mit Aurora Dawn und Professeur Faucon in ein Gespräch über die verschiedenen Schulen verwickelt waren. Kevin zeigte sich begeistert von dem Vorschlag, eines der berühmten Varanca-Häuser zu besichtigen, die wie räderlose Wohnwagen an jeden freien Platz gestellt und trotzdem mit allem Komfort eines festen Hauses betrieben werden konnten. Kevin hatte zwar keinen Besen mitgenommen, würde aber hinter Julius auf dem Ganymed 10 mitfliegen. Melanie kapierte, was Julius eigentlich vorhatte und tauschte mit Brittany und Myrna einige Gedanken aus. Zumindest hatte keiner was dagegen, daß Melanie und Myrna sich die Unterbringung schon einmal ansahen.

So kam es dann, daß fünf Minuten später drei Besen durch die Luft schwirrten. Vorne weg flog Camille Dusoleil auf einem Ganymed 8, dahinter flog Julius auf seinem Zehner zusammen mit Kevin. Die Nachhut bildeten die Redlief-Schwestern.

"Die anderen können dann zu Fuß gehen oder apparieren?" Fragte Kevin, während Julius eine Schleife über dem Zentralteich in der Dorfmitte zog.

"Nun, wenn Glorias Eltern schon mal mit Professeur Faucon ganz frei reden können, ohne daß es darum geht, ob Gloria nicht wieder zu uns kommt werden die nachher wohl wissen wollen, wo das Haus steht", erwiderte er, während er Camilles Luftakrobatik nachahmte. Die Mehrfache Hexenmutter genoß es wohl, eine Truppe junger Flieger anzuführen und flog ihnen diverse Manöver vor, die Julius trotz Sozius aber noch locker mitmachen konnte. Mel Redlief verzog zwar das Gesicht, als Camille einmal einen Looping mit anschließender 360-Grad-Drehung um die Besenlängsachse beschrieb. Doch weil Julius das locker nachmachte wollte Mel nicht nachstehen, auch wenn Myrna zwischen Angst und Erheiterung aufkreischte wie jemand in einer Achterbahn.

"Frag die mal, ob die früher Quidditch gespielt hat!" Forderte Kevin, der Julius' Flugkünste begeistert genoß.

"Hat sie", sagte Julius und preschte vor, um Camille zu fragen.

"Meine ganze Schulmädchenzeit und hier im Freizeitclub der mercurios", antwortete sie. Dann bog sie nach links ab und fegte knapp zehn Meter über hohe Baumwipfel dahin auf eine weite Wiese zu, die von sieben Meter hohen Hecken umfriedet wurde. Julius konnte das Etwas gut erkennen. Es sah aus wie ein zehn Meter hoher Fliegenpilz, ein schlanker, weißer Kegel, der einen feuerroten Schirm mit weißen Tupfern trug.

"Das ist eins von den Varanca-Häusern?" Fragte Kevin. "sieht ja scharf aus. Wie'n Fliegenpilz, Amanita Muscaria. Oder ist das ein durch Schwellzauber aufgeblasener Fliegenpilz?"

"Nein, das ist das gemietete Gästehaus", sagte Camille und übersprang die Hecke um die Wiese mit dem Besen. Julius überquerte die pflanzliche Umfriedung ohne großes Spektakel und landete neben ihr. "Die Geschwister Varanca haben in diesem Jahr diverse Variationen ihrer Dommobile, also ihrer Reisehäuser vorgestellt. Zurück zur Natur heißt ihre neue Kollektion. Die haben außer verschiedenen Pilzen auch Bäume, Bienenstöcke, Muscheln und Schneckenhäuser im angebot." Kevin schwang sich vom Besen und begutachtete das aufgebaute Reisehaus. Er schätzte ab, ob sie alle darin unterkommen konnten, wenn die hier in Frankreich so strengen Anstandsregeln beachtet wurden, daß alleinstehende Jungs nicht mit alleinstehenden Mädchen in einem Zimmer übernachteten.

"Kann man da schon mal reingehen und gucken, wo wir unterkommen?" Fragte Kevin. Camille nickte und holte einen silbernen Schlüssel hervor. Allerdings konnte niemand eine Haustür erkennen. Sie hielt den Schlüssel einfach in Richtung Riesenpilz und schien sich auf etwas zu konzentrieren. Da öffnete sich im breiten Fuß des Pilzkörpers ein senkrechter Spalt und wurde zu einer nach außen schwingenden Türe. Julius staunte. Offenbar hatte der magische Hausbau im letzten Jahr einen gewissen Fortschritt gemacht. Camille führte die kleine Gruppe nun hinein in einen mit blauem Teppich ausgelegten Flur, der sich kreisförmig um eine scheinbar freie Wendeltreppe wand und normale Türen in verschiedene Räume besaß.

"Ein rundes Haus? Da muß ich mich aber wohl dran gewöhnen", wandte Myrna ein. Melanie übersetzte es für Camille. Diese konnte zwar ein wenig Englisch. Doch wenn genug Leute um sie herum waren, die Französisch konnten, machte sie keinen Gebrauch davon.

"Sogesehen haben wir alle schon in einer runden Behausung geruht, bevor wir zur Welt kamen", sagte Camille und wartete, bis Mel das übersetzt hatte. Julius grinste nur, während Myrna überlegte, ob Mel sie jetzt veralbern wollte und Kevin Keck auf die Gastgeberin deutete, die trotz der schon zwei Monate zurückliegenden Schwangerschaft noch ein wenig rundlich aussah.

"Gucken wir uns die Zimmer mal an", schlug Kevin vor und erntete Zustimmung. Tatsächlich waren die Zimmer so gebaut, daß die nach außen gewölbte Außenwand einen Teilkreis beschrieb. Ganz erstaunt bemerkten sie alle, daß es hier Fenster gab, die wie gewöhnliche, wenn auch altmodisch wirkende Flügelfenster beschaffen waren. Julius fragte sich, wieso man die Fenster von außen nicht sah. kevin schien das ebenfalls wissen zu wollen und gab die Frage an die Kräuterhexe von Millemerveilles weiter.

"Die können aufgemacht werden", sagte sie und entriegelte eines der Fenster und ließ die würzige Sommernachmittagsluft herein. "Aber nur, wenn sie geöffnet werden, werden von außen Fensteröffnungen sichtbar. Sind sie zu, verschmilzt ihre Form mit der Erscheinungsform der Außenwand, um von außen die perfekte Illusion eines zwar übergroßen, aber doch natürlich gestalteten Körpers zu erhalten."

"Jau!" Stieß Kevin aus. Illusionszauber und Zauberkunsttricks gefielen ihm sehr.

Die Zimmer im Fußgeschoß des Pilzhauses waren kleine Gästezimmer. Über die Wendeltreppe ging es zur Mitteletage. Julius erkannte, daß die Treppe nicht so frei stand wie es von außen aussah. Tatsächlich sicherte eine hauchdünn wirkende Glaswand die spiralförmig nach oben verlaufende Stiege nach außen ab. "Unzerbrechliches Glas, bei einem schrumpfbaren Haus?" Fragte Julius Camille.

"Das fragst du eindeutig die falsche. Florymont rangelt schon mit den Varancas um die Erlaubnis, es in Lizenz nachformen zu dürfen."

"Das so viel Räume und Möbel in den schmalen Bau reingehen", staunte Kevin. Doch er wußte natürlich, daß das bei den Zauberern schon ein uralter Hut war, wo Zelte schon tragbare Wohnungen sein konnten. So war das für ein transportables Haus erst recht kein Thema, vier Badezimmer mit Marmorwannen, acht Schlafzimmer und eine große Aufenthaltshalle zu enthalten, die genau auf der Mitteletage des Pilzbaus lag und ein einziges rundumlaufendes Fenster besaß, durch das sie einen durch keinen Rahmen unterbrochenen Blick nach draußen hatten. Mel und Myrna kannten sowas ja von ihrem eigenen Haus und machten deshalb keine großen Worte darum. In der obersten Etage, bereits innerhalb des hutartigen Daches, fanden sich zwei Küchenräume mit bauchigen Eisenöfen und Herdplatten. Die Abluft konnte direkt nach außen entweichen und wurde zudem von einer magischen Abzugsvorrichtung entfernt. Dort lagen auch schon mehrere Baguettes, ganze Käseleiber und Marmeladenfässer, sowie mehrere Krüge mit goldgelbem Honig, wohl aus der Produktion der Imkerhexe L'ordoux.

"Für den einen Tag so'n Teil. Sind die Zimmerpreise hier so heftig?" Fragte Kevin. "Ich meine, mein Vater hat noch'n Vier-Mann-Zelt mit Badezimmer und Vorratsraum ..."

"Das Gasthaus wird noch von Muggelstämmigen bewohnt, die von Didier enteignet wurden und sich gerade noch hierher flüchten konnten. Sie bekommen erst im August ihre Häuser zurück."

"Häh? Didier ist seit Januar entmachtet. Wieso jetzt erst?" Fragte Julius.

"Weil einige Leute zu schlau sein wollten und Grundstücksgrößen angaben, die sie nicht besessen haben", knurrte Camille. "Die ehrlichen Eigentümer müssen deshalb warten, bis sie alle überprüft wurden, um keine ungerechte Verteilung zu machen. Die Häuser und Grundstücke waren zur Zeit des Didierregimes niedergebrannt worden. Das stand nicht in den Zeitungen, um keine Aasgeier aufzuscheuchen", ergänzte Camille dann noch. Dann mentiloquierte sie: "Am besten sehen wir jetzt zu, wie wir die beiden besagten für sich lassen. Ich denke, MeLanie wird schon auf ihre Schwester aufpassen." Julius schickte ein "Ja, will sie" zurück. So schlug Camille vor, daß sie die Zeit noch gerne in der grünen Gasse oder der Menagerie verbringen könnten. Kevin wollte natürlich in den Tierpark. Mel und Myrna gingen darauf ein. Julius schob vor, daß er sich mit seiner Mutter ausführlich über seine Reise nach England unterhalten müsse, bevor der richtige Partytrubel losging. Camille fragte ihn, wie er von hier aus nach Hause kommen wolle. Er sah Kevin und dann Camille an und fragte Kevin, ob er sich zutrauen würde, bei Madame Dusoleil als Sozius mitzufliegen. Kevin grinste überlegen und meinte:

"Ich habe keine Angst davor." Julius sagte dann, daß er auf seinem Besen schon mal zurückfliegen wolle. Die beiden Mädchen und die erwachsene Hexe nickten ihm zu. Er verließ dann das Pilzhaus durch die von innen leicht als solche erkennbare Haustür und bestieg seinen Besen. Im Katapultstart schoß er in einer Sekunde über die Wiese hinweg im flachen Winkel nach oben und über das Dorf, bis er die Zusatzbeschleunigung zurücknahm und im normalen, auch so schon beachtlichen Sporttempo des Besens in Richtung Dusoleil-Haus zurückschwirrte. War er jetzt sowas wie ein Kuppler, Heiratsvermittler oder Scheidungsrichter? Die Frage beschäftigte ihn auf dem kurzen Flug zurück zum Haus der Gastgeber. Als er angeflogen kam wollten sie alle wissen, wo Mel, Myrna und Kevin abgeblieben waren. Julius erzählte, daß Kevin sich gerne die magischen Tiere ansehen wolle und die beiden Mädchen das auch interessierte.

"Und warum hielt es dich nicht bei denen?" Fragte Brittany schalkhaft grinsend.

"Weil es mir schon komisch vorkommt, Gäste zu haben und mich für mehr als eine Viertelstunde abzusetzen. Vom Tierpark aus gibt es einen Flohnetzanschluß. Könnte sein, daß Madame Dusoleil dann gleich wieder hier ankommt. Abgesehen davon kann Mel apparieren und Myrna locker mitnehmen."

"Ich denke, junger Mann, das dürfte nicht der Grund sein, warum die drei gerade nicht bei uns sind", erklang Madame Faucons Stimme in seinem Kopf. Julius nahm neben Brittany Platz und schickte seiner Hauslehrerin zurück:

"Es gilt wohl noch was zu klären, wo die Redliefs und Kevin an einem Ort sind. Mehr möchte ich dazu nicht erwähnen."

"Soso", gedankenantwortete Madame Faucon. Mehr kam aber nicht.

"Du wolltest wohl Kevin und Myrna zusammenbringen, damit Kevin klärt, ob das mit Myrna nur ein Spiel oder echt war. Stimmt's?" Klang nun Brittanys Gedankenstimme in seinem Kopf. Er schickte nur ein "Stimmt", zurück. Damit war auch für Brittany die Sache erledigt.

Julius gesellte sich zu seiner Mutter, die gerade mit Belisama darüber sprach, wie die Wandlung von einer Muggelfrau zur Hexe bei ihren Verwandten angekommen war. Julius hörte erst interessiert zu, ging dann aber zu madeleine, die mit Denise, Babette und Claudine zusammensaß und sang. Uranie war wohl gerade im Haus bei den ganz kleinen.

"Lass dich von Blanche nicht noch mehr überfordern, Julius!" Wisperte Madame L'eauvite ihm zu, als Babette und Denise gerade über die Wiese rannten. "Ich weiß, daß sie dich wie einen Enkelsohn liebt. Aber sie ist und bleibt eine Lehrerin, die meint, aus jedem Schüler alles herauszuholen, was in ihm drinsteckt. Du hast die UTZ-Jahre vor dir und nebenbei die Jungs im grünen Saal zu betreuen. Ohne genug Erholungspausen wird dich das umhauen."

"Ich sehe zu, das zu machen, was geht und alles andere lockerer anzugehen", seufzte Julius, während Claudine mit schriller Stimme nach ihrer Schwester rief, weil sie wohl gerne auch den bunten Ball haben wollte, der bei jedem Fang oder jeder Bodenberührung ein anderes Farbmuster annahm. Noch konnte die Kleine nicht hinter ihrer großen Schwester herlaufen, auch wenn sie sich schon fast ohne an Stühlen festzuhalten bewegen konnte.

"Ich bring dich zu ihr rüber", sagte Julius, sah Madeleine an, die zustimmend nickte und lud sich die am Hinterteil gut gepolsterte Claudine auf die Schultern. Dann lief er los, darauf achtend, sein Gleichgewicht nie zu verlieren. Aber im Vergleich zu Corinne Duisenberg, die ihm mal auf den Schultern gehockt hatte, war Claudine ein echtes Fliegengewicht. So tollte er, die Kleine auf den Schultern, mit Babette und Denise über die Wiese, kickte den bunten Ball, fing ihn mal mit links, mal mit rechts auf oder ließ Claudine das bunte Rund in die Hände nehmen. Doch diese waren noch zu klein für den eigentlich schon kleinen Spielball, so daß der Ball immer wieder runterfiel. Julius setzte Claudine ab, um sie hinter dem Ball herkrabbeln zu lassen, wobei er aufpaßte, daß sie nicht zwischen den Blumenbeeten verschwand. Babette wollte auch mal auf seinen Schultern reiten. Julius erlaubte ihr das.

"Kannst du nicht mehr selber laufen, Babette?" Hörte Julius Madame L'eauvite amüsiert rufen.

"Das schon. Aber von so weit oben sieht alles so klein aus", rief Babette zurück. Julius sah derweil, daß Claudine mit ihrer rechten in die Blumenerde tauchte und lief, Babette noch aufgepackt, zu ihr hin.

"Ich glaube nicht, daß du das essen möchtest, Claudine", sagte er und hockte sich hin. Claudine zeigte ihm stolz dieses rötlichbraune Etwas, das sich zwischen ihren kleinen Fingern wand und schlängelte.

"Komm, du mußt keine Regenwürmer essen, Claudine", lachte Julius und nahm ihr den gefangenen Ringelwurm aus der Hand, um ihn zwischen zwei Blumen auf die Erde gleiten zu lassen, worauf sich der Gartennützling so schnell er konnte wieder eingrub.

"Die ist alles, was nicht schnell genug weglaufen oder -krabbeln kann", feixte Babette. Claudine warf derweil einen Brocken Erde nach Julius, weil der ihr den Regenwurm weggenommen hatte. Julius nahm den Treffer hin. Im Zweifelsfall mußte er eben gleich noch mal ins Bad und den Umhang säubern oder den von einer dazu berechtigten person sauberzaubern lassen.

"Am Besten nehm ich sie wieder, bevor Camille dich mit deinem Umhang in ihren Wasch-Trocken-Schrank einschließt", sagte Catherine, die unbemerkt hinter Julius appariert war. Sie las ihre kleine Tochter wieder auf und ging mit ihr zurück zu den anderen.

"Deine Mutter kann aber leise apparieren", stellte Julius anerkennend fest.

"Muß die ja können, wenn die mal wohin muß, wo sie keiner hören soll", bemerkte Babette dazu. Dann setzte sie ihr Spiel mit Denise fort. Julius kehrte zurück zu den anderen. Madame L'eauvite beseitigte ohne große Vorankündigung den Erdfleck von Julius' Umhang.

"Übst du schon an fremder Leute Kindern?" Frotzelte ihn Robert, der gerade mit Gérard zusammensaß, um die beiden Demoisellen Saalsprecherinnen Céline und Sandrine über ihre Zeitplanung reden zu lassen.

"Claudine wohnt im selben Haus wie meine Mutter und ich. Wollte nur mal sehen, wie schwer die jetzt ist. War kein Problem, die mal huckepack zu tragen."

"ich weiß, daß Millie wohl schon jeden Monat abzählt, den sie noch nicht von dir aufgefüllt wurde. Insofern kann ich das zum Teil verstehen, warum du das jetzt wissen willst."

"Ich habe auch schon viel von und mit deiner Nichte Cythera gelernt, Robert. Insofern habe ich keine Angst, wenn Millies Zählwerk aufhört und ein anderes dafür anspringt", gab Julius verrucht klingend zurück.

"Nichte? Cythera ist Célines Nichte. Aber noch bin ich nicht mit ihr ... Ähm, lassen wir besser erst einmal weg", grummelte Robert. Gérard fragte ihn keck, ob er sich minderwertig fühlte, weil Céline eine Brosche trug und er nicht.

"Was heißt, daß du wissen willst, ob ich mich bei euch beiden noch gut genug fühlen soll, Monsieur Dumas?"

"Laplace, Monsieur Deloire", erwiderte Gérard.

"In der siebten gabelt Sandrine dich auf ihren Tu-mir-nicht-weh-Ganni vier auf. Dann heißt du zwei Monate Später Dumas, weil Sandrine noch eine kleine Schwester hat. Ätsch!"

"Ach ja? Die Namensregel oder was. Dann müßtest du aber Dornier heißen, wenn Céline dich auf ihren Besen holt, Robert."

"Muß ich nicht, weil sie eine ältere Schwester hat, Ätsch bätsch!"

"Ähm, offenbar kann ich meine Übung mit fremder Leute Kinder noch fortsetzen", schaltete sich Julius ein, der das Getue der beiden irgendwo zwischen Kindergarten und Vorschule einsortierte, obwohl die beiden sich über nichts geringeres als ihre Beziehungen in der Wolle hatten.

"Tja, aber Connie wird wohl mit Cythera im Zubehör nicht so schnell wen auf ihren Besen heben", gab sich Gérard nicht geschlagen. Er hatte Julius' Einwand offenbar überhört.

"Trotzdem sagt die Namensregel ... Oh, das die erste von nur Töchtern, die heiratet, ihren Nachnamen mit dem Ehemann teilt. Au! Ob mein Vater das so will?"

"Hihi, da hast du es, Robert. Julius heißt doch auch nicht mehr Andrews."

"Zum einen wegen dieser Sonderregel und zum anderen, weil das bei den Latierres Tradition ist, daß ihr Nachname vorrang vor allen anderen hat, wenn geheiratet wird. Dadurch unterscheiden sie sich schließlich von den Lesauvages. Die Eauvives sind da ähnlich gestrickt. Aber ich habe mich wunderbar an den Namen gewöhnt, und die in meiner alten Heimat auch."

"War für die drüben wohl ziemlich heftig, daß du mit sechzehn schon verheiratet bist, wie?" Fragte Gérard keinesfalls verächtlich klingend. Julius nickte und erzählte den beiden nun, was er in Großbritannien erlebt und was er sich angesehen hatte. Robert fragte ihn, wie schwer ein Schwert und ein Schmiedehammer denn seien. Julius mußte zugeben, daß durch das Schwermachertraining und Madame Maximes Blutübertragung eine klare Einschätzung nicht möglich war. Aber er legte sich dann doch auf einige Pfund fest und suchte etwas, was sich für ihn ähnlich schwer anfühlte. "Also Babys sind nicht so schwer wie ein Schmiedehammer", sagte er dann.

"Haben wir gesehen", meinte Gérard. "Millie hat den kleinen von Mademoiselle Dusoleil mit einer Hand angenommen und mit der andren den Kopf abgestützt. Wieso ist der eigentlich bei Babys so groß?"

"Robert, das weiß doch wohl jeder halbwüchsige Mensch, daß Babys zuerst mit dem Kopf zur Welt kommen. Weil da das wichtigste drin ist - zumindest bei den meisten - und der Kopf noch keine festen Knochen drin hat, kann der für den restlichen Körper den Weg freimachen. Der Rest wächst dann langsam nach."

"Ey, willst du mir einen erzählen, du hättest von sowas Ahnung", knurrte Robert. Julius grinste. Besser und einfacher hätte er das jetzt auch nicht erklären können. Robert fand sogar eine Antwort auf seine Frage: "Klar, weil Sandrine sich auch schon Babysachen aussucht und sie will, daß du weißt, was mit ihr und dem Balg dann passiert, wenn du ihr eins zum tragen gibst."

"Öhm, das auch irgendwann mal. Man will ja als Mann nicht wie der letzte Vollidiot dastehen, wenn so'n Zaubererkind unterwegs ist." Julius nickte Gérard zu. Robert meinte, den Mitschüler noch ein wenig trietzen zu können, solange er dafür keine Strafpunkte bekommen würde und sagte:

"Und wer sagt dir, daß die kleinen Quängelbeutel mit dem Kopf zuerst an die Luft wollen?"

"Weil die eben irgendwann mal Luft holen wollen", erwiderte Gérard kühl. Robert meinte dann, fragen zu müssen, warum die Kleinen dann nicht schon vorher erstickten. Julius erklärte es ihm, während Sandrine wieder zu ihrem Freund herüberkam.

"Häh, Robert weiß das alles nicht?" Fragte sie. "Ich dachte, ihr hättet das alles besprochen, als Cythera unterwegs war. Abgesehen davon haben die Abgänger uns das doch in der Kabarettaufführung gezeigt."

"Die haben mit Céline drüber geredet, Sandrine und Julius. Ich habe mich für dieses Zeug nicht interessiert, weil ich das total bescheuert fand, daß Constance sich ein Kind hat andrehen lassen", schnaubte Robert. Julius schwieg dazu. Er hörte daraus nur Roberts Wut, daß dieser sich hier und jetzt als so ungebildet offenbart hatte. Sandrine meinte dazu nur:

"Das wußten wir nicht, daß dich das schon damals genervt hat, daß Leute über sowas reden und sich informieren, ohne dich mit einzubeziehen. Wundere mich nur, daß Céline dir das nicht alles erklärt hat, was wir ihr erklärt haben." Julius nickte. Robert verzichtete auf eine Antwort.

"Es ging auch nur darum, daß Julius mit den Kleinen von seiner Nachbarin gespielt hat und uns dann erzählt hat, daß ein Schmiedehammer schwerer als ein frisches Baby ist. Da wollte Robert nur wissen, warum die Kleinen dann so große Köpfe haben."

"Weil bei vielen Menschen schon bei der Geburt viel Gehirn drin ist", bemerkte Sandrine. Das saß. Julius wunderte sich, daß Sandrine, die eigentlich sehr friedlich und ausgleichend war so eine provokante Bemerkung vom Stapel ließ. Robert nickte nur.

"Ich soll dir schöne Grüße von Belisama und Millie bestellen, daß sie mit dir über Bernadette reden wollten. Könnte sein, daß die sich mit jemandem angelegt hat."

"Und das sollen wir klären?" Fragte Julius. "Abgesehen davon, daß das ein Ding des roten Saales ist können wir auch als Saalsprecher nichts dran drehen, was mit der ist oder nicht."

"Trotzdem sollten wir, wo wir heute hier so schön zusammensitzen, mal drüber reden, was da passiert ist", bestand Sandrine auf dieses Gespräch. Sie winkte ihrem Freund Gérard und bedeutete ihm, daß ihn das auch betreffe. So blieb Robert unvermittelt allein am Tisch. Er hatte nicht vor, zu Pina und den anderen Mädchen hinüberzugehen und wollte auch nicht zu den Erwachsenen, die über alles und nichts redeten.

Die Besprechung dauerte keine fünf Minuten. Die gerade hier zusammengetretenen Saalsprecher einigten sich darauf, das Thema Bernadette erst dann bei der SSK anzuschneiden, wenn diese sich irgendwie auffällig verhielt oder die Lehrer das Thema auf die Tagesordnung setzten. Solange wollten sie so tun, als sei sie im letzten Jahr nicht in der erlauchten Truppe gewesen.

"Tja, ob die Leute aus dem blauen oder Violetten Saal das so sehen", meinte Gérard dazu nur. Millie wandte nur ein, daß denen das wohl egal wäre und sie Bernies zwei grobe Fehler ja mitbekommen hätten. Dann wurde die Schule wieder aus dem Bereich der Gesprächsthemen ausgeschlossen. Es ging um die Quidditchliga, sowie die weiteren Aufräumarbeiten nach der Didier-Zeit. Julius erwähnte nun auch den anderen künftigen Saalsprecherkolleginnen und Kollegen gegenüber, was er in London erlebt hatte. So verging die Zeit, ohne daß Julius sich fragte, ob das mit Camille eingefädelte Treffen zwischen Kevin und Myrna einen Erfolg hatte oder nicht.

Um seine anderen Gäste nicht zu vernachlässigen ging Julius weiter zu den Porters, Redliefs und Catherine Brickstons Familie. Camille war mittlerweile zurückgekehrt und unterhielt sich mit Gloria Porter und Brittany Forester über den Zaubergarten von Viento del Sol.

"Die Eheleute Porter haben mich gefragt, inwieweit deine ZAG-Ergebnisse auf eine vorhergehende Beratung zurückzuführen seien oder nicht", erwähnte Madame Faucon. "Ich habe ihnen erklärt, daß unsere Besprechung lediglich zum Ziel hatte, deine Zukunftsaussichten auszuloten, ich dir jedoch nicht vorschrieb, welche Prüfungen du wie zu bestehen hättest."

"Aber, Blanche, du möchtest uns hier nicht erzählen, dir wäre nicht daran gelegen gewesen, unseren jungen Gastgeber so umfangreich zu fordern wie du es für möglich hieltest", widersprach Madame L'eauvite ihrer Schwester. "Dein Problem ist doch lediglich, daß Julius nicht von vorne herein auf eine Richtung festgelegt werden kann und du daher nicht weißt, in welche Richtung du ihn lenken möchtest."

"Ich lasse dir einiges mehr durchgehen als manchem anderem, geliebte Schwester. Aber ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß meine Kompetenz, angehende Hexen und Zauberer einzuschätzen und ihnen zu helfen, mit ihren Begabungen umzugehen größer ist als deine", erwiderte Madame Faucon ungehalten. Dann sah sie Julius an, weil ihr klar wurde, daß er sich wohl gleich wieder davonmachen würde, wenn erwachsene Leute über ihn redeten wie über ein kleines Kind. "Wir beide haben uns ja ausführlich genug darüber unterhalten, daß du mit deinen doch sehr breit gefächerten Fähigkeiten eine sehr große Auswahl an Berufen hast, sofern du nicht meinst, irgendwas für dich und andere schädliches in Angriff zu nehmen. Es ist mir klar, daß du dir doch relativ unbekannten Mitmenschen wie meiner Schwester nicht im einzelnen ausführen wolltest, was wir besprochen haben. Ich fürchte nur, daß diese jetzt, wo sie sich für die Ausbildung deiner Mutter zuständig fühlt, meint, die bisher so gedeihliche Zusammenarbeit zwischen mir und dir kritisieren zu müssen."

"Sagen wir es so, Madame Faucon, Ihre Schwester interessiert sich natürlich dafür, was ich mache, seitdem ich mit meiner Mutter in Catherines und Joes Haus wohne. Ich verstehe das auch, daß sie jetzt, wo meine Mutter eigene Zauberkräfte bekommen hat, wissen will, was bei ihr geht, wenn sie sehen kann, was bei mir geht. Außerdem habe ich ja noch zwei Jahre Zeit, mir was auszusuchen, was ich nach Beauxbatons mache, wenngleich ich da wegen der schon feststehenden Familienplanung genau überlegen muß, wo ich Beruf und Familie unter einen Hut bringen kann", sagte Julius.

"Ja, Julius, nur höre ich aus der Antwort meiner werten Schwester heraus, daß sie dir schon den für dich gültigen Stundenplan in die Hand drücken möchte, bevor ihr nach Beauxbatons zurückkehrt. Immerhin hast du ihr ja den Gefallen getan, in ihren Fächern den höchsten Erfolg bei den ZAG-Prüfungen hinzubekommen. Wie ich die gute Blanche kenne würde sie dir ewige Vorhaltungen machen, wenn du weder Verwandlung noch Abwehrzauber gegen schädliche Magieformen zu den UTZ-Prüfungen machst", sagte Madame L'eauvite. "Und, bevor du mir wieder meinst, deine Kompetenz vorzuhalten, geliebte Schwester Blanche, genau dadurch, daß ich Julius' Mutter helfen darf, ihre frischen Zauberkräfte zu erkunden und zu gebrauchen, habe ich doch einen gewissen Überblick, was in einem Jahr an neuem Wissen in sie reinpaßt und kann daher auch darauf schließen, warum es dir so am Herzen liegt, ihren Sohn bis zum Anschlag oder Zusammenbruch zu fordern. Ich möchte nur klarstellen, daß alles seine Grenzen hat und du den Jungen nicht zu einem reinen Lern- und Ausführautomaten machen möchtest. Er hat ganz richtig erwähnt, daß er jetzt schon für eine künftige Familie mitdenken muß. Das ist für mich aber auch nicht nur eine Frage von Einkommen, sondern auch von freier zeit und innerer Ruhe. Oder würdest du echt behaupten, ich hätte mein Leben vergeudet, weil ich nicht alles gemacht habe, was unsere Eltern meinten, was ich machen könnte?"

"Bevor das hier noch einmal in einen Kompetenzenstreit mit innerfamiliären Einzelheiten ausartet nur das, Madeleine: Mir war es wichtig, ist es gerade jetzt und wird es auch in Zukunft sein, daß die Schülerinnen und Schüler von Beauxbatons lernen, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse so sinnvoll sie können einzubringen, um auch und vor allem ihrem eigenen Leben mindestens einen bleibenden Wert zu geben. Worin ein Lebenswert besteht, darüber sind wir zwei uns ja schon seit unserer Kindheit nie so recht einig geworden. Deshalb nur soviel: Ich möchte, daß Julius die Möglichkeit erhält, für sich und alle, die ihm wichtig sind zu ermitteln, welchen Wert sein Leben erhalten soll und wie er diesen erlangt und ausbauen kann. Das kann ein umfangreiches Familienleben sein, eine Karriere in der magischen Forschung, der Erwerb von Geld und Anerkennung durch die Umsetzung von Ideen, ssowie auch die Befriedigung, seinen Mitmenschen bei wichtigen Sachen zu helfen oder ihnen einfach nur Dinge mitzugeben, die ihnen Freude machen oder bei der eigenen Lebensgestaltung weiterhelfen. Die Einteilung, was für ihn mehr wert haben mag oder nicht, muß ich ihm überlassen. Aber ich lasse mich von dir nicht davon abbringen, Julius und jeden anderen anzuleiten, die Methoden zu erlernen, um diese Entscheidung frei von äußerer Einflußnahme treffen zu können. So wie ich Julius gerade sehe weiß er das auch zu schätzen. Sonst hätte er zum einen nicht auf mein Angebot zurückgegriffen, sich mit mir über seine Zukunftsaussichten zu beraten, noch eine so umfangreich erfolgreiche ZAG-Prüfung absolviert. Julius, ich habe dir ja bei erwähnter Beratung gesagt, daß ich keinen Anlaß habe, dir von der Fortsetzung des Unterrichts in meinen Fächern abzuraten. natürlich sehe ich als Lehrerin die von mir unterrichteten Fächer als wichtig an, insbesondere die Protektion gegen destruktive Formen der Magie, welche du, geliebte Schwester, ja auch bis zu den UTZs erlernt hast." Madeleine nickte zwar, sah Julius aber mit einem gewissen Bedauern an und wandte sich direkt an ihn:

"Soweit stimmt alles, was meine Schwester sagt, Julius. Ich fürchte nur, und als eine der Mentorinnen deiner Mutter habe ich das Recht dazu, daß du deine Fähigkeiten nur als Werkzeuge siehst, nicht als Lebensqualitäten, die nicht nur nach Sinn oder Einträglichkeit beurteilt werden dürfen. Ich möchte nur, daß du, wenn du schon so früh auf ein Familienleben hinarbeiten wirst, nicht nur zusiehst, was dir was bringt, sondern was dir auch Spaß macht, natürlich ohne dabei anderen weh zu tun oder Angst zu machen. Sicher, im Umgang mit den unmagischen Mitmenschen ist das schnell passiert, daß sie Angst kriegen, wenn du zauberst. Das haben wir bei Josephs Eltern ja erleben müssen. Allerdings war mir das wichtig, diesen zu zeigen, daß wir, damit meine ich meine Schwester, meine Nichte Catherine und meine Großnichten Babette und Claudine, mit unseren Begabungen leben und sie nicht wegen irgendwelcher überholten Verdammungen verleugnen wollen. Die Geheimhaltung setzt uns schon eine feste Grenze, unsere Mitmenschen nicht zu ängstigen oder zu übervorteilen. Aber innerhalb unserer Gemeinschaft sollte es doch erlaubt sein, auch mal was zu tun, weil es einem Freude macht und nicht, weil man dafür gelobt wird oder Galleonen bekommt. Ich war auch in Beauxbatons und habe lange gebraucht, um mit der Strenge dort zurechtzukommen. Danach mußte ich dann lernen, nicht alles mit guten Vorsätzen oder Notwendigkeiten rechtfertigen zu müssen. Ich hoffe inständig, daß du weniger Zeit brauchst als ich, um dein Leben nicht nur als Erwerbsleben zu sehen, sondern eben auch als Geschenk der Schöpfung, an dem man auch Freude ohne daranhängende Verpflichtungen haben kann. Insofern bin ich sehr froh, daß du eine Lebensgefährtin abbekommen hast, die nicht nur danach lebt, was ihr das eine oder das andere bringt, sondern auch ihren Gefühlen und Bedürfnissen Raum gibt."

"Meine Eltern haben mich darauf getrimmt, erst einmal zuzusehen, daß ich was mache, wovon ich leben kann, Madame L'eauvite. Ich sehe da nichts verkehrtes drin. Aber ich kapiere auch, daß ich nicht nur für andere leben kann", erwiderte Julius und dachte daran, was Millie ihm mal gesagt hatte, als er noch mit Claire ging. Sie wollte sich nicht in eine lange Schlange von Leuten stellen, die meinten, ihm sagen zu müssen, was er zu tun und zu lassen habe. Er sah nun Catherine an und sagte: "Ich denke mal, durch dich, Catherine, weiß ich, wie das gehen kann, wichtiges und entspannendes machen zu können. Das kriege ich wohl auch noch raus."

"Das hoffe ich sehr", erwiderte Catherine, bevor ihre Mutter oder ihre Tante was sagen konnten. "Und du weißt ja, daß ich immer erreichbar bin, wenn was ist, womit du alleine nicht zurechtkommst. Dafür habe ich ja deiner Mutter und dir damals die Möglichkeit gegeben, bei uns zu wohnen und nach Beauxbatons zu wechseln. Ich habe mir das vorhin auch angesehen, wie locker du mit meinen Töchtern umgehen kannst. Ich kann mich nicht erinnern, daß dich dazu jemand angehalten hätte. Also bist du schon auf dem besten Wege, das was dir Spaß macht mit dem was nötig ist zu verbinden. Ich fürchte nur, daß jetzt, wo du mit den ZAGs durch bist, außer meiner Mutter noch andere finden könnten, dir zu diesem oder zu jenem raten zu müssen und einen gewissen Unmut äußern, wenn du dich nicht von der einen oder dem anderen beeinflussen läßt. Das einzig wichtige im Leben - da werden mir meine Mutter und meine Tante wohl beide zustimmen müssen - ist das Verhältnis derer die dich lieben, achten oder verehren zu denen, die dich hassen, verachten oder ablehnen. Sieh immer zu, daß die, die dich vermissen würden immer wesentlich mehr sind als die, die dich am liebsten nie in dieser Welt gesehen hätten! Das ist das einzig wirklich wichtige für alles, was du mal machen willst."

"Ich erkenne daß wir unseren jungen Gastgeber damit doch arg zusetzen, derartig weittragende Überlegungen hier und heute zu einem Abschluß zu bringen", sagte Madame Faucon ruhig. "Insofern stimme ich dir zu, Catherine, daß ein Wert des Lebens darin besteht, für möglichst viele Mitmenschen wichtig zu sein, ohne gleich Amt oder Würde erstreben zu müssen. So möchte ich gerne, bevor Julius meint, sich überfordert von uns abwenden zu müssen, noch auf etwas kommen, daß dich sicher interessieren dürfte, Julius: Deine Mutter wurde vom Dorfrat von Millemerveilles für würdig befunden, sowohl am Schachturnier als auch am Sommerball teilzunehmen. Entsprechende Einladungen werden heute noch verschickt. Ich gehe davon aus, daß du zum Schachturnier und in Begleitung deiner Gattin auch zum Sommerball eingeladen werden wirst."

"Weiß meine Mutter das schon?" Fragte Julius. "Ich meine, letztes Jahr durfte sie ja schon beim Sommerball mittanzen."

"Wie erwähnt werden die Einladungen wohl heute noch verschickt. Es könnte also sein, daß sie heute abend noch eintreffen, spätestens morgen früh", antwortete Madame Faucon. Julius nickte. Dann war ihm, als wolle die Lehrerin ihm noch etwas sagen, verkniff es sich jedoch. Statt dessen sagte Catherine:

"Könnte dann eine interessante Angelegenheit werden, weil deine Schwiegergroßmutter Ursuline als Titelverteidigerin wohl auch wieder mitspielen wird." Julius nickte ihr zu. Dann hörte er Camilles Gedankenstimme in seinem Kopf:

"Kommst du mal bitte zu mir rüber?" Er sagte schnell, daß er gerne noch einmal mit Aurora Dawn reden wolle, die gerade bei Camille saß und verabschiedete sich.

Bei Camille angekommen wurde er zuerst gebeten, sich hinzusetzen. Dann sagte Camille ruhig: "Ich habe die beiden Schwestern und Kevin am Eingang des Tierparkes abgeliefert. Sie werden wohl gegen vier zurückkehren. Melanie kann ja apparieren und hat auch schon zwei Leute Seit an Seit mitgenommen." Auf gedankensprachlichem Weg fügte sie hinzu: "Dein früherer Schulkamerad muß wohl heute lernen, daß das Leben zwar Spaß machen darf, aber nicht nur ein Spiel ist. Was immer er dir nachher erzählt, vorhält oder unterstellt, lasse dir davon nicht die Stimmung verderben!"

"Ich gehe davon aus, daß Melanie Kevin noch mal fragen möchte, ob er jetzt, wo er die ZAGs hat, nicht doch in Thorntails weiterlernen möchte. Aber die da drüben haben ihn, Gloria und die Hollingsworths ja nur solange geduldet, wie der Massenmörder in Großbritannien gewütet hat." Dann dachte er noch: "Ich lasse mir von dem so schnell nicht mehr die Stimmung vermiesen, Camille."

"Brittany erzählte uns gerade, daß sie in VDS Sonnenkraut anbauen möchten. Vielleicht reise ich demnächst dorthin und unterhalte mich mit den dortigen Kräuterkundlern", eröffnete Aurora Dawn. So ging es nun um die richtigen Anbaugebiete für magische Nutz- und Heilpflanzen. Camille flocht amüsiert ein, daß Trifolio sicher traurig wäre, wenn Julius mit einem bestandenen ZAG in seinem Fach nicht auch die UTZ-Prüfung machen würde. Abgesehen davon, so Camille weiter, könnte sie sich immer noch vorstellen, daß er einmal bei ihr in der grünen Gasse anfangen würde. Julius schloß das nicht grundsätzlich aus, zumal er ihren Aushang in Beauxbatons ja gelesen hatte.

"Und das mit der Heilerausbildung ist für dich im Moment aus dem Rennen?" Fragte Aurora Dawn. Julius erwähnte, daß die geltenden Regeln für Heiler ihn doch eher abschreckten, als die Vielfalt der Ausbildung und Berufsausübung ihn reize.

"Dann hätten sie diese Leda Greensporn sofort aus der Zunft weisen müssen, als sie ihre späten Mutterfreuden bekanntmachte", erwiderte Aurora leicht verächtlich. "Aber sie haben es ihr durchgehen lassen, weil sie das als wichtiges Experiment verkauft hat. Einer jungen Heilerin ohne wichtige Anverwandte in hohen Stellen der Zunft hätte man das nicht durchgehen lassen. Du siehst also, daß diese Regeln längst nicht oder nicht mehr so eisern oder golden sind wie die Zunft sie ausgibt."

"Vielleicht hat sie auch für eine andere Hexe das Kind ausgetragen, die nicht erwähnt werden wollte und die Heiler in den Staaten haben das erfahren und sie daher nicht rausgeworfen", vermutete Julius. "Madame Rossignol erwähnte es, daß Heilerinnen die Kinder andrer Hexen übernehmen und als ihre eigenen Kinder zur Welt bringen können. Das sei aber an sooo viele Bedingungen geknüpft, daß es höchst selten vorkäme."

"Der Gedanke kam mir auch schon", erwiderte Aurora Dawn. "Dann könnten diverse Gerüchte, die ich so hörte, doch was wahres enthalten."

"Was für gerüchte?" Fragte Julius, bei dem gerade eine innere Klingel ertönte.

"Daß ihre Cousine Daianira von einem unbekannten Muggel befruchtet worden sei. Da Daianira jedoch im April wegen dieser amerikanischen Entomanthropenkönigin starb wurde das nie so recht weiterverfolgt. Aber das ergäbe dann einen Sinn."

"Moment mal, daß dann ihre Cousine das ungeborene übernommen hat, weil die Gefahr bestand, daß Daianira bei der Abwehr dieser Brutkönigin draufginge?" Fragte Julius. Aurora nickte.

"Natürlich wollte sie dann nicht ans Licht kommen lassen, daß es nicht ihr eigenes Kind war und wohl das Andenken ihrer nicht ganz so unwichtigen Cousine schützen", vermutete Aurora Dawn. "Es wäre nicht das erste Mal, wo Hexen einander einen derartigen Gefallen erwiesen. Allerdings kam es nach der erfolgreichen Geburt des entsprechenden Kindes zu Streitigkeiten, wer nun als wahre Mutter zu gelten habe. Deshalb ist der Transgestatio-Zauber ja auch an so strenge Bedingungen geknüpft."

"Kannst du den auch, Aurora?" Fragte Julius. Aurora überlegte zwei Sekunden und erwiderte dann:

"Ich wollte ihn mal lernen. Aber durch meine Niederlassung und meine Ideen für Bücher bin ich nicht dazu gekommen, eine gerade selbst schwangere Kollegin zu bitten, ihn mit mir einzuüben. Ich weiß auch nicht, ob das dem Kind gegenüber nicht auch etwas gemein wäre, es als Versuchsstück zu sehen. Ich sehe aber ein, daß dieser Zauber, wenn er schon einmal existiert, von verantwortungsvollen Heilerinnen beherrscht werden sollte. Immerhin gibt es in der Sana-Novodies-Klinik die Hope-Goodlight-Station für muggelstämmige Hexenmütter, die nicht in ihrem eigenen Haus niederkommen möchten. Hope Goodlight war die durch Geburt zuerkannte Tochter von Pia Goodlight, einer Heilerin, die das Kind einer Freundin übernahm, die wegen dieses Kindes mit dem Tode bedroht und dann auch wirklich umgebracht wurde. Das hatte was mit den Shadelakes zu tun, Slytherins australischen Nachfahren. Jedenfalls bekam Pia Goodlight die Tochter ihrer Freundin wie ein selbst empfangenes Kind und zog dieses auf. Das meinst du wohl, Julius, daß Leda Greensporn eigentlich Daianiras Kind geboren hat und es nun gemäß dem Zuerkennungsrecht als ihr eigenes Kind großziehen wird."

"Sowas in der Richtung", erwiderte Julius. Doch richtig zufrieden war er mit dieser Erklärung nicht. Er war sich nicht sicher, ob das nicht eine ganz andere, wesentlich abgedrehtere Sache war, die da passiert war. Doch es würde ihm wohl keiner verraten, ob er da recht hatte oder auf dem Holzweg war. So wechselte er das Thema und fragte, ob Aurora eine Ireen Barnickle kannte, weil im Westwind erwähnt wurde, daß sie eine australische Austauschheilerin sei.

"Das war meine Studienkameradin, Julius", erwiderte Aurora lächelnd. "Und wir beide sehen einander noch als sehr gute Freundinnen an, auch wenn sie in der Sano oder jetzt bei den Yankees immer viel um die Ohren hat. Ich erfuhr das mit dieser Reporterin, die gerade von ihr behandelt wird. Die kann sich keine bessere Psychomorphologin wünschen."

"Wie klein die Welt doch ist", erwiderte Julius. Dann fiel ihm ein, daß das mit Lino ja auf die Wiederkehrerin und deren unkontrollierte Brutkönigin zurückging und vergaß das amüsierte Grinsen gleich wieder. Aurora erzählte ihm noch, was sie so während der Ausbildung erlebt hatte und berichtete auch von einem sehr turbulenten Halloween, wo böswillige Zauberer einen Flächenfluch ausgebreitet hatten, der jedes Kostüm und jede Maskierung zur scheinbaren Wirklichkeit zu werden, also die, die sich damit verkleideten, so zu verändern, daß sie körperlich und durch gewisse Verhaltensarten dem Vorbild entsprachen. Es habe menschengroße Mäuse und Katzen gegeben, scheinbare Vampire, ja sogar einen Feuer und Schwefel versprühenden Teufel, der mit tiefer Stimme das Ende der Welt ausgerufen habe. Camille meinte dazu nur:

"Was zeigt, daß es bei uns in der Zaubererwelt sehr schnell passieren kann, daß aus einem netten Spaß gefährlicher Ernst werden kann. Aber das darf dir bloß nicht als Grund dienen, keinen Spaß mehr haben zu wollen, Julius. Ich habe das eben mit halbem Ohr mitbekommen, daß sich Blanche und ihre Schwester immer noch drum zanken, auf wen du zu hören hast. Du mußt deinen Weg suchen und finden. Wir alle anderen können dir nur helfen, rauszukriegen, was du so machen kannst. Verschwende deine Jugend nicht damit, nur zu lernen und zu folgen! Dann verpaßt du einiges." Julius nickte. Millie hatte ihm ja diesbezüglich schon gezeigt, wie es auch anders ging. Ja, und Bernadette mochte ihm unbeabsichtigt gezeigt haben, daß Ehrgeiz und Übereifer allein einem das Leben versauen konnten.

Kurz vor dem Kaffeetrinken sollte Julius sich noch mal auf den Begrüßungsstuhl setzen, weil Madame Delamontagne und Ursuline Latierre noch vorbeikommen wollten. So wartete er ruhig. Doch zuerst kamen nur Mel, Myrna und Kevin. Kevin sah Julius verdrossen an, wohl weil der dachte, sein ehemaliger Schulkamerad habe ihn in eine miese Lage getrieben. Myrna nickte Julius zu, während Melanie ihn anlächelte.

"Na, war es interessant, Kevin. Siehst mir so aus, als hättest du dich zu Tode gelangweilt oder über irgendwen oder irgendwas geärgert", preschte Julius vor.

"Als wenn du das mit dieser Kräutertante in Grün nicht auf Mels Betreiben hin eingefädelt hättest, Mr. Latierre", schnarrte Kevin. "Aber da du dich ja früh genug abgesetzt hast hast du auch kein Recht, mehr darüber mitzukriegen. Aber um deine Frage wegen der Tiere da zu beantworten: Das war schon interessant, was da alles im Tierpark wohnt. Wäre bestimmt noch interessanter gewesen, wenn mir die beiden Schwestern da nicht was anderes aufgeladen hätten. Aber wie gesagt kriegst du davon nicht mehr zu hören. Nicht daß ich mal wieder Schuld haben soll, dir und deinen hochvorbildlichen Gästen den Tag verhunzt zu haben. Bis dann noch!"

Kevin ging durch das Wohnzimmer in den Garten. Myrna folgte ihm wortlos. Melanie verharrte einen Moment im Flur und mentiloquierte an Julius: "Die beiden haben sich heftig gestritten, weil Kevin Myrna für blöd hielt, daß sie meinte, er wolle mit ihr gehen. Mehr ist im Moment nicht wichtig." Dann ging sie weiter. Julius erkannte, daß Kevin offenbar jetzt ein arges Problem hatte. Denn Myrna würde sicher mit Gloria drüber reden, die dann zu ihrer Cousine halten würde und es Kevin bei sich bietenden Gelegenheiten immer wieder unter die Nase reiben würde. Hoffentlich hatte er damit keinen neuen Feind gewonnen. Doch andererseits mußte das wohl heute auf den Tisch, damit Kevin nicht so tun konnte, als wäre mit der Rückkehr nach Hogwarts alles vom letzten Jahr aus und erledigt.

Endlich traf Ursuline Latierre ein. Sie trug ein großes Paket unter ihrem rechten Arm, das fast wie ein neuer Besen aussah. Sie legte es kurz ab und umarmte Julius innig. "Jetzt erstickst du mir zumindest nicht an meinen prallen Rundungen", scherzte sie, weil Julius nun fast auf Augenhöhe mit der 1,95 m hohen Hexe stand. Julius meinte, daß ihre weiblichen Merkmale ja auch eher zur Lebenserhaltung als zum Umbringen gedacht seien.

"Das ist ganz richtig, Julius. Und zur Lebenserheiterung auch. Aber das kennst du ja auch schon", erwiderte Ursuline. "Olympe Maximes Lebenssaft hat dich jedenfalls anständig groß gemacht. Millie freut sich ganz sicher, so einen stabilen Burschen für schöne Stunden zu haben." Julius entgegnete, daß der Größenzuwachs das wohl abgerundet habe, was eh schon gut lief. Ursuline freute sich und wisperte ihm zu:

"Dann sieh zu, daß mein Urenkel bald unterwegs ist, Jungchen. Sonst kommt irgendwann noch ein Großonkel oder eine Großtante vor ihm an." Julius fragte sie, ob sie etwa schon wieder Mutter würde. "Leider noch nicht. Aber Ferdinand und ich arbeiten daran." Julius schwieg dazu. Für einen winzigen Moment dachte er an einen wilden Traum, den er in der Obhut Madame Maximes geträumt hatte und in dem die heißblütige Ursuline Latierre mitgespielt hatte. Wer sagte, daß ein Altersunterschied eine Beziehung unmöglich machen mußte? Sie schien zu erfassen, was gerade in ihm vorging und kuschelte sich warm und weich an ihn. Er fühlte unvermittelt einen heißkalten, wohligen Schauer, der ihm durch den Körper jagte. Weil er davon ausging, daß sie das sicher irgendwie merkte sagte er rasch:

"Ich finde es sehr schön, und beruhigend, daß du dich so gut gehalten hast, Oma Line. Wenn Millie das auch in sich hat, können wir wohl sehr lange sehr schöne Zeiten haben."

"Dann laß dir nicht zu viel Zeit mit Übungen, Süßer", schnurrte Ursuline. "Millie ist meine Enkelin. Die hat bestimmt schon ihre ungeborenen Kinder gehört, die "Maman, laß mich raus!" rufen.

"Vielleicht wollen die gar nicht raus", erwiderte Julius. "Immerhin müssen wir draußen so viel neu lernen und können und aushalten."

"Aber besser als einfach so rausgespült zu werden und zu versickern, Julius. Bis heute hat mir noch keines meiner Kinder vorgeworfen, ich hätte es nicht kriegen sollen."

"Der hat doch noch Zeit, Madame Latierre", schnarrte Madame Delamontagne, die unbemerkt durch die Haustür gekommen war und die letzten zwei Sätze mitgehört hatte. "Ich denke, Monsieur Latierre hat in seinem Leben mehr vor, als nur an Nachwuchs zu denken."

"Soll er ja auch nicht, werte Dorfrätin. Aber es ist mir wichtig, daß meine Kinder und Enkelkinder nicht nur für Gold leben, sondern auch an eigene Kinder denken. Da Sie selbst ja vorgeführt haben, daß Sie dem Vorlauf dazu nicht abgeneigt sind sollten Sie besser nicht darauf bestehen, meinen Verwandten was anderes einzureden."

"Sie waren und werden es wohl noch mit hundert sein, ein unbezähmbares Frauenzimmer", schnarrte Madame Delamontagne. Doch die Röte in ihrem Gesicht verriet Ursuline und Julius, daß Lines Bemerkung sie doch heftig getroffen hatte. War ja auch nicht so angenehm, beim Weintrinken erwischt zu werden, wo man sonst nur vom Wassertrinken predigte, erkannte Julius mit einer gewissen Schadenfreude. Doch dann nahm er sich zusammen und begrüßte die Sprecherin des Dorfrates von Millemerveilles mit der gebotenen Höflichkeit und Ehrerbietung. Diese beglückwünschte ihn noch nachträglich zum Geburtstag und freute sich, daß er diesen Tag wieder hier feierte. Dabei wirkte sie so, als wolle sie Julius noch etwas wichtiges sagen, müsse es aber noch für sich behalten. Ursuline trug derweil das längliche Paket ins Wohnzimmer und fütterte wohl die rote Wandelraumtruhe damit.

"Sie kennen doch meine Schwiegergroßmutter, Madame Delamontagne", sagte Julius. "Sie fühlt sich dann an wohlsten, wenn sie Mutter sein darf."

"Ich möchte dieses Thema nicht weiter ausreizen, als diese auf ihre Körperlichkeiten bezogene Person es schon über Gebühr tat", schnarrte Madame Delamontagne. "Deshalb möchte ich dir noch zu den erfolgreich bestandenen ZAG-Prüfungen gratulieren und dir meine Freude darüber bekunden, daß du die Hilfen und Angebote von mir und anderen so erfolgreich umgesetzt hast. Soweit mir bekannt wurde werden dir für fünf herausragende Ergebnisse zwei ZAG-Punkte gutgeschrieben, womit du bei zehn Fächern zwölf ZAGs für dich verbuchen darfst." Boing! Da hatte Julius es amtlich, daß die untersetzte, strohblonde Hexe ganz genau wußte, wie er abgeschnitten hatte und nun erst recht darauf ausging, ihm einen ihr genehmen Weg zu zeigen. Kein Wunder, daß sie sich mit seiner Schwiegeroma Line in die Wolle bekam, wenn diese eher andere Dinge als wichtig ansah als Lernen und arbeiten.

"Ich wollte Ihnen und denen, die mir geholfen haben und die heute auch hier sind damit meinen Dank zeigen, daß ich das, was Sie mir beigebracht oder zu dem Sie mir geholfen haben nicht für selbstverständlich oder unwichtig halte", erwiderte Julius am Rande der Heuchelei. Doch ihm war danach, sich nicht mit dieser Hexe da anzulegen, solange er keinen wirklich wichtigen Grund dazu hatte. Sie meinte dann nur:

"Du hast gezeigt, daß du bereit bist, deinen Weg aufrecht und mit der gebotenen Disziplin zu begehen. Doch du hast ihn gerade erst betreten, Julius."

"Das hoffe ich, weil ich ja sonst nicht mehr wüßte, was ich im Leben noch erreichen könnte", entgegnete er mit einer ihm selbst unheimlich erscheinenden Mischung aus Zustimmung und Dreistigkeit. Madame Delamontagne lächelte jedoch und drückte ihn noch einmal an sich.

"Wir und deine Ehefrau werden wohl in den nächsten Tagen noch genug Gelegenheit finden, miteinander zu plaudern. Zunächst möchte ich das Geschenk für dich dort niederlegen, wo es auf seine Enthüllung warten mag."

"Im Wohnzimmer steht die für Mildrid und mich gebaute Geschenketruhe bereit", erwiderte Julius ruhig. Beinahe hätte er auf Madame Delamontagnes gestelzte Ankündigung geantwortet: "Das alle mir zugedachten Geschenke bestimmte Behältnis harret Ihrer Gabe im Wohnzimmer meiner Gastgeber." Doch er verzichtete darauf, so zu antworten. Es reichte ja auch so, daß Madame Delamontagne wußte, wo sie das sehr kleine Päckchen unterbringen konnte. Julius fragte sich, was wohl darin sein mochte. Da er gerade gestern erst ein ganzes, eingeschrumpftes Klavier geschenkt bekommen hatte, traute er sich nicht mehr, den Inhalt eines Päckchens nach dessen äußerer Größe zu schätzen.

Er ging nun selbst wieder hinaus in den Garten, wo er die ehemaligen und derzeitigen Schulkameraden an einem Tisch zusammensitzen fand, während die Erwachsenen an den beiden anderen Tischen saßen. Line Latierre hatte im Vorbeigehen die Kinderbetreuung übernommen und tollte mit Denise, Babette und Claudine über die Wiese. Julius mußte wieder einmal anerkennen, wie gelenkig die gutgenährte Hexe mit ihren mehr als sechzig Lebensjahren noch war. Wieder ertappte er sich dabei, wie er sie als eine Ausgabe von Millie aus der Zukunft ansah. Er verglich deshalb schnell seine Schwiegermutter, Millie und seine Schwiegeroma Line und stellte fest, daß er echt Glück gehabt hatte, ähnlich wie damals, wo er Claires Oma Aurélie, ihre Tochter Camille und Claire unmittelbar miteinander vergleichen konnte.

Mit einem vernehmlichen Plopp apparierte Florymont Dusoleil auf der Spielwiese und bekam fast den von Babette getretenen Ball an den Kopf. Denise begrüßte ihren Vater mit einer Umarmung.

"Ach, warst du wieder unterwegs, Florymont?" Grüßte Ursuline den Hausherren amüsiert.

"Ich hatte was sehr wichtiges und auch schönes zu erledigen, Line. Aber Zum Kaffeetrinken bin ich ja noch rechtzeitig angekommen. Tag zusammen!" Rief Florymont in die Runde. Kevin sah Julius an. Er wirkte immer noch verärgert. Julius begrüßte Florymont noch einmal und bekundete für alle hörbar, daß er sich freute, daß er zur eigentlichen Feier doch noch hinkommen konnte. Dann ging er zu Kevin hinüber, der gerade dabei war, Glorias Blick auszuhalten.

"Mußtest du diese dicke Trulla noch einladen. Ich meine diese Delamontage, nicht die, die Millies Oma sein könnte."

"Zum einen sei froh, wenn die das gerade nicht gehört hat, Kevin, weil Madame Delamontagne, es nicht mag, als "Dicke Trulla" bezeichnet und dann noch nicht mal bei ihrem korrekten Namen genannt zu werden. Zum anderen habe ich dieser Frau den Umstand zu verdanken, daß ich nicht vor Umbridges Anti-Schlammblut-Kommission gezerrt wurde, was in direkter Folge auch heißt, daß du dich auch bei ihr bedanken darfst, daß du überhaupt noch gesund an Leib und Seele bist."

"Vielleicht auch nicht, weil die Umbridge mich ja dann nicht angepinkelt hätte", schnarrte Kevin. Gloria schnellte von ihrem Stuhl hoch und war mit einem Satz bei ihrem Immer-noch-Schulkamerad. Ansatzlos versetzte sie Kevin eine laut klatschende Ohrfeige. "Du undankbarer Troll! Die Umbridge hätte uns auch einkassiert, wenn sie Julius in die Finger bekommen hätte, weil wir zu gut mit ihm bekannt waren und sie die Gelegenheit benutzt hätte, den anderen in Hogwarts zu zeigen, daß man sich nicht mit Zauberern wie ihm einzulassen hätte. Aber Dankbarkeit siehst du ja als Schwäche an, wissen wir ja jetzt. Warum du in Ravenclaw wohnen darfst will mir gerade nicht in den Sinn", schrillte Gloria.

"Ey, blöd anfauchen lasse ich mich ja noch, Gloria. Aber du hast mir keine zu ballern, klar?"

"du hattest das aber nötig", schnarrte Gloria mit verengten Augen und pulsierender Stirnader. Die Schminke auf ihrem Gesicht überdeckte wohl die Wutröte.

"Sagt wer?" Knurrte Kevin. "Du hast dazu wenigstens kein Recht. Nur weil du'n Mädchen bist kannst du mir nicht einfach eine runterhauen, ey."

"Ach, kann ich nicht", erwiderte Gloria wütend und verpaßte Kevin auch noch eine Ohrfeige auf die andere Wange. "Glaubst du es jetzt, das ich das kann."

"Gloria, ist gut jetzt", bellte ihr Vater. "Benimm dich wie eine Dame und nicht wie eine gereizte Katze!"

"Siehst du, die Stimme deines Herrn und Erzeugers", feixte Kevin. Julius hatte diesem unangenehmen Geplänkel verdutzt und wortlos zugesehen. Jetzt sagte er laut und sehr entschieden:

"Es gibt Leute hier, die meinen, mir vorhalten oder vorschreiben zu müssen, wen ich alles zu meinen Festen einlade oder nicht. Das bringt mich jetzt, wo alle von mir eingeladenen Gäste auch da sind, darauf, euch und Ihnen hier allen zu sagen, wie sehr ich mich bedanke, daß auch alle herkommen konnten. Ich freue mich, daß wir alle heute, nachdem wir im letzten Sommer nicht wußten, ob nicht jemand ganz fieses den einen oder die andere umbringen würde, überlebt haben und heute hier feiern können. Ich bedanke mich auch bei allen, die mir in den letzten Jahren geholfen haben, daß ich heute überhaupt meinen sechzehnten Geburtstag mit euch und Ihnen feiern darf. Jeder und jede hier hat das verdient, heute dabei zu sein und ist mir willkommen. Ich möchte mich in diesem Zusammenhang auch bei Madame und Monsieur Dusoleil bedanken, daß sie zum einen vorgeschlagen haben, dieses Fest bei ihnen zu feiern und zum zweiten meine Wünsche bezüglich der Gästeliste ohne Einspruch berücksichtigt haben, wozu sie als Inhaber des Hausrechts durchaus das Recht gehabt hätten. Deshalb ist mir das besonders wichtig, da noch mal zu erwähnen, daß Sie und ihr alle hier für mich wichtig sind und daß ich Madame und Monsieur Dusoleil dafür danken muß, daß alle von mir eingeladenen Gäste hier sein dürfen. Mehr möchte ich im Moment nicht sagen. Danke für eure und Ihre Aufmerksamkeit!"

"So, und jetzt das ganze noch mal auf Englisch für sogenannte irische Trolle", knurrte Kevin. Gloria deutete auf den Tisch, wo seine Schulkameraden von Beauxbatons saßen und fing an, für Kevin zu übersetzen. Doch dieser sang trotzig "La-la-la! Bla-bla-bla!" So übersetzte Julius schnell, was er gesagt hatte und deutete auf die Dusoleils. "Also denk dran, daß die dich nicht hätten herkommen lassen müssen, bevor du dich wieder so albern aufführst!"

"Geh zu deinen erlauchten Gästen, Julius Latierre geborener Andrews. Das Ding mit diesem Alterungsfluch hat dich ja eh schon zu einem von denen gemacht!"

"Wenn du das meinst", erwiderte Julius ruhig und wandte ihm den Rücken zu.

Er verlor bei seinen Kameraden, zu denen sich nun auch Pina, ihre Schwester und die Redliefs gesellten kein Wort über das, was da gerade zwischen Gloria und Kevin passiert war. Er sah die große Geburtstagstorte, die von seiner Mutter per Fernlenkzauber aus dem Haus herausbugsiert und vor ihm sicher auf den Tisch abgesenkt wurde. Alle erwachsenen Zauberer klatschten Beifall für diese gelungene Telekinetikübung. Dann setzte sich Martha Andrews zur linken ihres Sohnes an den Tisch. Gloria kam alleine herüber. Kevin bockte wohl und wollte nicht an den größeren Tisch. Da stand Camille Dusoleil auf und ging zu Kevin hinüber. Julius horchte, was sie sagte. Doch trotz der Stille verstand er nichts. Er sah nur, wie sie ihren Rücken durchbog und Luft anhielt. Dann flüsterte sie Kevin wohl was ins Ohr und machte dabei eine einladende Geste gegen ihren Oberkörper. Kevin verzog das Gesicht, schüttelte sich und sprang dann von seinem Stuhl auf, um mit nur drei langen Schritten an den Tisch für die Jugendlichen zu eilen, wo er sich demonstrativ neben Laurentine setzte, schön weit weg von Myrna, Gloria oder Patrice. Julius überlegte, was Camille Kevin zugeflüstrt haben mochte. Ihre Gesten mochten darauf schließen lassen, daß ... Konnte sein, dachte er und fühlte, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln formten.

"Du darfst dir was wünschen", sagte Martha Andrews ihrem Sohn, als sie die sechzehn Kerzen mit "Onnilumos Candelas!" entzündet hatte, wofür sie auch von den Zauberschülerinnen und -schülern am Tisch Applaus bekam. Julius holte tief Luft. Die Torte heute war viermal so groß wie die kleine Torte bei den Porters gestern. Doch er schaffte es, mit einer einzigen Lungenfüllung alle sechzehn Kerzen wieder auszublasen. Dabei dachte er: "Ich wünsche mir, daß Kevin lernt, sich nicht mit jedem anzulegen!"

Julius schnitt die Torte an und verteilte sie auch selbst an seine Gäste. Danach sangen sie ihm alle ein Ständchen auf Französisch und Englisch. Anschließend wünschte er allen einen guten Appetit und begann zu essen. Weitere Kuchen erschienen von Camille aus der Küche apportiert auf dem Tisch. Als sie alle in gefräßigem Schweigen verharrten mentiloquierte Julius an Camille: "Hast du ihm Chloès Abendessen angeboten, Camille?"

"In die Richtung ging's", erhielt er Camilles amüsierte Gedankenantwort. "Ich fragte ihn, ob er noch keine Feste Nahrung zu sich nehmen könne und er Glück habe, daß ich ihm da gerade helfen könne, nicht zu verhungern. Da ist er dann doch schnell zu euch rüber." Julius mußte sich beherrschen, nicht zu grinsen. Denn auf Melo-Nachrichten durfte man keine sicht- oder hörbaren Reaktionen zeigen. Außerdem mußte das an dem Tisch nicht jeder wissen, was er gerade mit Camille ausgetauscht hatte. So verging eine Viertelstunde mit Kuchenessen und Kaffee- oder Teetrinken. Danach setzte das allgemeine Geplauder wieder ein. Julius sprach mit seinen Altersgenossen über Quidditch und Quodpot. Brittany, die mit Martine und Melanie am Tisch für junge Erwachsene saß hätte da bestimmt auch noch was zu sagen können. Doch Myrna, Gloria und Kevin konnten sich ja schon drüber auslassen. Millie, die wie Julius auch mehrmals Quodpot gespielt hatte, meinte nur, daß die Amerikaner wohl Probleme haben könnten, eine Quidditchmannschaft zusammenzustellen, um gegen die Konkurrenz aus Irland, Bulgarien und Frankreich zu bestehen. Myrna meinte dazu nur, daß die Mannschaft wohl kein Problem sei, weil es ja doch ein paar kleinere Quidditchvereine gebe. Aber die Leute in den Staaten würden kein echtes Interesse daran haben, selbst wenn die Mannschaft die Weltmeisterschaft gewinnen würde.

"Ist dasselbe Ding wie mit Fußball", sagte Julius. "Die hatten zwar vor vier Jahren die Weltmeisterschaft. Aber so richtig populär war die bei denen selber nicht. Sie waren eben gute Gastgeber."

"Quidditch ist nun einmal besser als Quodpot. Da beißt die Maus keinen Faden ab", warf Kevin ein. Myrna fand, das abstreiten zu müssen und hielt ihm vor, daß er das doch nur sagte, weil sie ihn nie richtig hatten mitspielen lassen. Kevin erwiderte darauf nur, daß er auch in Hogwarts nie in die Stammauswahl gekommen sei, aber trotzdem Quidditch für das bessere Spiel halte. Um einen Zank abzuwürgen meinte Gloria dazu noch, daß es bei beiden Spielen sehr ruppig zugehe und es für den einen oder den Anderen was interessantes oder ablehnenswertes gebe. Julius war froh, als es danach um aktuelle Musik ging, wo keine Nationalitäten berücksichtigt werden mußten. Sie sprachen über die verschiedenen Schulhäuser in Beauxbatons, Hogwarts und Thorntails und lobten die Backkünste der Hausherrin. Julius Mutter erwähnte, daß sie die Geburtstagstorte gebacken habe. Dabei hatte sie aber keine Zauberkräfte eingesetzt. Allerdings habe sie die Torte nur mitbringen dürfen, wenn sie sie ohne sie anzufassen auf den Tisch bringen und mit dem Kerzenanzündezauber die sechzehn Kerzen anstecken würde.

Nach der Kaffeetafel war das große Geschenkeauspacken an der Reihe. Dazu gingen alle in das geräumige Wohnzimmer. Julius sah die rote Truhe mit den Silberbeschlägen an. In goldenen Buchstaben standen sein Name und sein Geburtsdatum auf dem Deckel. Er sah sich um, ob alle Gäste auch wirklich zusahen und ging auf die Truhe zu. Diese sprang auf. Er kannte es schon, in die nachtschwarze, gähnende Leere hineinzugreifen, die alle für ihn bestimmten Geschenke verhüllte und nur für ihn greifbar machte, jede Minute nur eines. Er fühlte das Vibrieren in den Fingern, als flösse ein spürbarer elektrischer Strom hindurch. Dann bekam er ein schmales, offenbar langes Paket zu fassen. Er zog es lang und länger aus der Truhe und erkannte, daß es das Mitbringsel Ursulines war. Die Schenkerin schmunzelte sehr zufrieden, daß er ihr Geschenk zuerst ergriffen hatte.

"Du hast doch schon einen Besen", meinte Robert. Julius wußte auch nicht, was er mit einem weiteren Besen sollte. Zum Quidditch hatten Millie und er eigene Ganymed 10, und für größere Transportreisen stand ihnen die geflügelte Kuh Artemis zur Verfügung. Doch die war gerade trächtig, wußte er. So wickelte er das Geschenk aus dem himmelblauen Seidenpapier aus und entblößte einen kirschrot lackierten, auf Hochglanz polierten Besen mit langem Stiel und geschmeidigem, kometengleich herausragendem Schweif.

"Ach du großer Wichtel, ein Familienstecken", gab Kevin seinen Senf dazu. Ursuline, die ja hervorragend Englisch konnte, nickte Kevin zu. Céline eilte auf Julius zu und stieß erfreut aufgeregt aus: "Schön, der Ganymed 11 Matrimonium, der als reiner Einkaufs- und Familienbesen ausgeliefert wird. Da sind aber schon Sachen drin, die den Zwölfer auch besser als den Zehner machen. Bessere Polsterungszauber mit Bein- und Körperstützung, Windumlenkungszauber und Temperaturerhaltung. Das heißt, du kannst damit sogar über den Nordpol fliegen, ohne zu frieren oder über der Wüste, ohne zu schwitzen. Allerdings hat der keinen Katapultstart wie die Renner und kommt bei voller Ladung von bis zu sechshundert Kilogramm, verteilt auf eins bis vier Personen, gerade auf eine Reisegeschwindigkeit von einhundertneunzig Stundenkilometern. Dafür kann der aber einen vollen Tag fliegen, ohne auszuruhen und hat auch die beim Zehner schon bewährte Kursbeibehaltung serienmäßig."

"Man kann auch einen Tragekorb für einzelne Säuglinge, Zwillinge oder Kleinkinder daran festmachen", wußte Hippolyte Latierre noch einzuwenden.

"Dann möchte deine Schwester Temmie wohl gerade nicht mehr als Transporterin einsetzen?" Fragte Julius seine Schwiegermutter.

"Das klärst du besser mit Babs und Temmie selbst, wer da was für richtig oder falsch hält!" Erwiderte Hippolyte.

"Da kannst du mal sehen, Julius, daß die runde Omama dich schon auf ihre Urenkel einnorden will. Ich dachte, ihr hättet letztes Jahr diese eine Flügelkuh bekommen", warf Kevin ein.

"Die befindet sich gerade im Mittel ihrer ersten Tragzeit", wandte Hippolyte ein. "außerdem kann man mit einer Latierre-Kuh leider noch nicht überall landen."

"Macht aber doch was her, so'ne schneeweiße Flügelkuh", blieb Kevin hartnäckig. Julius bedankte sich bei Ursuline Latierre für den neuen Besen und lehnte ihn an die Wand. Dann griff er wieder in die Truhe hinein, wartete, bis er was zwischen seinen Fingern fühlte und zog das Paket von Brittany heraus. Diesem entnahm er einen kompletten Satz Miniaturen der Viento Del Sol Windriders, die von selbst herumfliegen konnten und sich einen winzigen Übungsquod zupaßten, sowie ein Buch über die Geschichte der Windriders von der ersten Saison bis heute. Melanie meinte dazu:

"Hätte ich gewußt, daß Britt dir ihre Mannschaftskameraden in Souvenirgröße besorgt, hätte ich dir die Rossfield Ravens auch besorgt, damit die gegeneinander antreten können."

"Das wäre in Beauxbatons sicher lustig geworden, wenn im Schlafsaal andauernd Quodpotpüppchen herumgebraust wären", meinte Kevin dazu. Julius übersetzte für alle, die kein Englisch konnten. Dann bedankte er sich bei Brittany und verfrachtete die vierzehn Spieler in die Schachtel zurück. Wieder zog er ein Geschenk aus der düsteren Leere der Truhe heraus, eine weitere Flasche des Antidots 999 und eine Flasche Sonnenkrauttinktur von Aurora Dawn, sowie das Buch "Heiler Familiensegen - Einfache Heilbehandlungen bei Kinderkrankheiten und alltäglichen Beschwerden" von Laura Morehead.

"Laura Morehead? Das ist doch die Sprecherin der Heiler in Australien, richtig?" Erkundigte sich Julius. Aurora nickte und bedeutete ihm, das Buch einmal aufzuklappen. Er tat es und fand neben dem Klappentext über die Autorin noch eine handgeschriebene Widmung:

Für den hoffnungsvollen Jungzauberer Julius Latierre geb. Andrews und seine ihm angetraute Herzenshexe Mildrid Ursuline Latierre in Anerkennung seiner bisherigen Erfolge in Hogwarts und Beauxbatons

 

Laura Morehead

 

"Was hast du eurer obersten Chefin über mich erzählt?" Fragte Julius Aurora Dawn.

"Das was mein Portrait aus Beauxbatons von dir zu berichten wußte und daß du mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit alle für die Heilzunft nötigen Fächer bestanden hast. Madame Maxime war so frei, über mein Portrait an mich weiterzuleiten, welche Ergebnisse du erzielt hast, Julius. Davon abgesehen dachte ich, daß euch das Buch über die umfassenden Heilzauber und -tränke bei der Behandlung von Umstandsbeschwerden, Kinderkrankheiten und sonstige Beschwerden sicher noch in der Bibliothek gefehlt hat." Julius blieb nur übrig, sich zu bedanken. Jetzt wußte auch schon die australische Oberheilerin Morehead seine ZAGs. Den Gedanken mochte Kevin wohl auch gerade denken. Denn er warf spöttisch grinsend ein:

"Tja, Julius, da wirst du wohl nach den UTZs bei den Heilern anklopfen, bevor sie dir ein Greifkommando schicken, um dich in ihre Ausbildungsstätten zu bringen."

"Da machst du auch noch Witze, wo diese fiesen Greifkommandos fast Tim Abrahams kassiert haben?" Fragte Pina Watermelon verbittert zurück. "Du hast heute echt einen Charme, gegen den 'ne Sabberhexe feengleich rüberkommt."

"Du hast doch da gar nichts zu sagen, wo deine Eltern mit dir fast ein Jahr irgendwohin abgetaucht sind und du deshalb erst gar nicht nach Hogwarts gekommen bist und ..."

"Aber meine Herrschaften", stieß Julius aus und erntete vergnügtes Lachen. Dann legte er Auroras Geschenk auf den Beistelltisch, wo die kleineren Geschenke unterkamen.

Nach weiteren Büchern über Musik, Zauberkunst und magische Tierwesen fand er von seiner Mutter ein Handbuch zur Bedienung eines Laptop-Computers mit Mobilfunkmodem sowie eines über die Neuerungen des Betriebssystems, speziell für tragbare Computer.

"Da elektronische Geräte in Millemerveilles so diskret behandelt werden mögen wie intime Verrichtungen - so habe ich es zumindest gelernt - und ich nicht wußte, ob der an diesen Büchern dranhängende Laptop in der Truhe nicht unrettbar durcheinandergekommen wäre, bekommst du ihn und das Modem später zu sehen", sagte seine Mutter. "Zusätzlich habe ich dir noch ein paar nützliche Programme zur Umrechnung der Pinkenbach'schen Gesetze im Bezug auf Material, Masse und Rauminhalt von Gegenständen installiert. Bei der ganzen Lernerei war das für mich eine schöne Ausgleichsbeschäftigung, die mathematisch nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeiten datenverarbeitungstechnisch umzusetzen."

"Wie, dann spuckt mir der kleine Rechner aus, wie viele Zauber ich auf denselben Gegenstand legen kann?" Fragte Julius. Seine Mutter nickte. Catherine und ihre Tante schmunzelten. Offenbar hatten sie seiner Mutter die ganzen Gesetze Pinkenbachs zum lernen gegeben, und die hatte mal eben alle muggelmathematischen Beziehungen daraus in Bits und Bytes gegossen. Wenn man die Stufeneinteilung der Objektbezauberungen in Logarithmen umwandeln konnte ging das sogar auszurechnen. Allerdings fragte sich Julius, was er mit einem tragbaren Rechner in der Zaubererwelt anfangen sollte, wenn er nach der Schule mit Millie irgendwo in der Zaubererwelt leben wollte. Florymont sah Martha Andrews an und trat zu ihr hin. Offenbar gratulierte er ihr oder fragte sie, wie sie das angestellt hatte. Doch Julius bekam davon nichts mit. Die, deren Geschenke noch nicht enthüllt waren, drängten ihn, weiter auszupacken. Millie revanchierte sich für die Geschenke zu ihrem Geburtstag mit einer aus Ton geformten Meerjungfrau mit grünem Fischschwanz und wasserblauen Augen. Die Haare hatte sie der Nixe korallenrot gefärbt. Dazu hatte sie ihm noch eine Ausgabe des Buches von Eileithyia Greensporn besorgt und für die fünfzehn Zentimeter lange Nixennachbildung ein großes, kugelförmiges Glas beschafft.

"Brunhilde hat mir mit den Animierungszaubern geholfen, Julius. Die schwimmt, sobald sie mit Wasser in Berührung kommt und kann sieben verschiedene Lieder singen, nach Tageszeit oder Temperatur des Wassers."

"Auch ein Grund, wieder nach Hogwarts zu gehen, Glo. Da gibt's die in echt", wandte Kevin ein, als Pina ihm Millies französische Erklärung übersetzt hatte.

"Wirkliche oder echte Meerjungfrauen", meinte Madame Delamontagne, Kevin berichtigen zu müssen. "Auch wenn du eher die erhabene Sprache unser aller keltischen Vorfahren erlernt hast solltest du die übliche Verkehrssprache deiner Heimat nicht verderben."

"Meine Eltern haben mir geraten, auf sowas nichts zu antworten", grummelte Kevin genervt. Julius konnte ihn diesmal sogar verstehen.

"Weise Voraussicht nenne ich dies wohl", bemerkte Madame Delamontagne. Julius bedankte sich bei seiner Frau und langte wieder in die Truhe hinein. Er erwischte das Geschenk der Brickstons, eine kleinere Ausgabe jenes Zauberradios, das im Moment in Paris stand, sowie eine weitere Centinimus-Bibliothek, allerdings noch ohne Inhalt. Die wußten schon, daß er sich bald wohl eine zweite zulegen mußte. Von den Dusoleils bekam er, wohl auch gleich zum Hochzeitstag, eine knapp zwei Meter hohe Standuhr mit einem in Messing eingerahmten Zifferblatt aus dunklem Holz und vier Zeigern ähnlich seiner Weltzeitarmbanduhr. Dazu einen großen Sack frischer Gartenerde und fünf Säckchen Saatgut, die mit dem Conservatempus-Zauber belegt waren, so daß Julius den Inhalt auch in Jahren noch ausbringen konnte. Julius meinte zu seiner Mutter:

"Ich hoffe, im Wohnzimmer bei uns ist noch genug Platz für das alles."

"Wird sich finden", sagte seine Mutter merkwürdig ernst klingend. Julius zögerte erst, wieder in die Truhe zu greifen. Dann fischte er Kevins Geschenk heraus. Es war ein einfacher Lederbeutel, der zwei fleischfarbene Handschuhe enthielt. Julius schwante, was es damit auf sich hatte. Immerhin hatte er sich selbst einen ähnlichen gekauft. Kevin sagte schnell:

"Die Sind für besondere Anlässe, Julius, wenn du deine Hände vor Schmutz oder Krankheiten schützen mußt." Julius nickte ihm zu. Madame Faucon glaubte das aber nicht sonderlich. Doch sie beließ es nur bei einem kritischen Blick. Julius hoffte nur, daß sie nicht legilimentierte. Weil wenn es wirklich Hand-ab-Handschuhe aus Weasleys Scherzartikelladen waren, sollte er das besser erst einmal nicht denken.

Danke Kevin, wird mir bei den UTZ-Stunden magische Geschöpfe und Kräuterkunde sicher wertvoll sein", erwiderte Julius. Dann holte er die weiteren Geschenke heraus.

Die Hollingsworths hatten bei den Dexters im Weißrosenweg ein Musikfaß besorgt, in das auf kleine Kristalle gebannte Musikstücke gelegt werden konnten. Pina und Olivia schenkten Julius und Millie selbstgemalte und mit den entsprechenden Zaubern lebendig gemachte Bilder, die verschiedene Naturansichten zeigten, durch oder über die verschiedene Tiere liefen, schwammen oder flogen.

"Jau, das wird an der Wand vom Schlafsaal aber dann eng", meinte Robert. Doch Pina nickte nur Millie und Julius zu, womit sie andeutete, daß die Bilder auch für sie mit waren und sie beide sich wohl aussuchen konnten, welche sie bei sich aufhängten. Die Eheleute Latierre und Martine schenkten ihm ein album, wo Hippolyte in guter Hoffnung und Millie von kurz nach der Geburt bis zur Entgegennahme des silbernen Schälchens für herausragende Verdienste einer Hexe in Beauxbatons photographiert war.

"Fotos sind dreidimensionale Ausschnitte aus der vierdimensionalen Existenz", schreibt Herbert George Wells in seinem Roman "Die Zeitmaschine", meinte Julius, als er das knapp hundert Bilder umfassende Album kurz durchgeblättert hatte. Line meinte dann mentiloquistisch:

"Nur ein Pech, daß Hipp kein Bild davon hat, wie deine Frau in ihr entstanden ist." Julius erkannte wieder einmal mehr, wie sinnvoll die Mentiloquismusmanieren waren. Sowas war wirklich nicht für alle Ohren geeignet. Er bedankte sich bei seinen Schwiegereltern und wollte das Album fortlegen, als zwei goldgerahmte Eintrittskarten herausrutschten. Er nahm sie auf und erkannte, daß es Ehrenlogenplätze für das Saisoneröffnungsspiel der Pariser Pelikane gegen die Millemerveilles Mercurios am vierzehnten August waren. Hippolyte merkte dazu an, daß die neue Saison einen Monat früher losginge, weil ja im Juli bis August des nächsten Jahres die Weltmeisterschaft angesetzt sei. Kevin glotzte entgeistert auf die Karten. Er dachte wohl, das seien schon welche für die kommende Weltmeisterschaft. Julius klärte ihn auf, daß es nur Saisoneröffnungskarten seien.

"Die hat doch die Fäden in der Hand, um dir locker zehn oder zwanzig Weltmeisterkarten ranzuziehen", sagte er mürrisch.

"Was du nicht sagst, Kleiner", erwiderte Hippolyte überlegen grinsend. Offenbar traf ihn die Anrede "Kleiner" heftiger als Glorias Ohrfeigen vorhin. Denn Kevin fuhr zusammen wie in den Bauch getreten und wandte sich beschämt ab. Pina, Gloria und Myrna grinsten mädchenhaft und nickten Millies Mutter zu.

Madame Faucons Geschenk war eine aus vier Dicken Büchern bestehende Sammlung für höhere Fluchabwehr, Bekämpfung von dunklen Elementarzaubern und Aufspürung und Beseitigung schlummernder Orts- oder Objektflüche. Dabei war noch ein Buch "dunkle und Helle Kräfte des Geistes", ein umfassendes Buch über alle in der westlichen Welt bekannten und verwendeten Arten der Mentalmagie. "Damit erhältst du in der berechtigten Hoffnung, dich nach den Ferien in den UTZ-Klassen Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie begrüßen zu dürfen, die für die beiden kommenden Jahre ausschlaggebenden Nachschlagewerke von mir zum Geschenk", bekundete Madame Faucon. "Natürlich steht es deiner Gattin frei, ebenso darin zu lesen, wenn sie ebenfalls dem höherstufigen Unterricht in der Abwehr schädlicher Zauberkräfte folgen möchte."

"Jetzt hat sie mich doch schon festgenagelt", dachte Julius. Doch andererseits rannte sie ja doch ein weit offenes Scheunentor bei ihm ein. So bedankte er sich ehrlich erfreut für diese wichtige Lektüre.

"Fast alle Geschenke raus bis auf das Winzding von Eleonore Delamontagne", dachte Julius, als seine Hand wieder im Truheninneren verschwunden war. Er zog noch eine flache, runde Schachtel heraus, von der er glaubte, sie enthalte einen Hut oder eine ähnliche Kopfbedeckung. Doch er fand darin eine knapp fünfzig Zentimeter durchmessende Platte, auf der in winzigen Nachbildungen Häuser und Wege, Parks und Gärten von Millemerveilles unter einer hauchdünnen, aber unzerbrechlichen und unbeschmutzbaren Glasglocke versammelt waren. Das war ein Gemeinschaftsgeschenk der Familie Lagrange, das Belisama in Stellvertretung überreicht hatte. "Das bieten sie jetzt als Souvenirs allen an, die hier während der Didierzeit und der Angst vor den Dementoren gewohnt haben", erklärte Belisama. Julius bedankte sich. Doch nun erkannte er, wie viel Zeug er schon wieder bekommen hatte. Sicher, wenn er das meiste davon in der neuen Vielraumtruhe unterbringen konnte blieb vielleicht nicht mehr viel übrig, was anderswo verstaut werden mußte. Aber das alles war Material für eine ganze, große Wohnung. Sollte das ein Hinweis sein, daß er sich bis zu seinem nächsten Geburtstag eine Wohnung ausgucken sollte?

Er griff noch einmal in die Truhe und zog nach nur fünf Sekunden das gerade acht Zentimeter lange Päckchen Madame Delamontagnes heraus. Es fühlte sich schwer an, war irgendwie weich, doch innen hart wie Holz, Stein oder Metall. Er packte es vorsichtig aus, weil er nicht abschätzen konnte, was es war. Zum Vorschein kam ein dunkelgrüner Lederbeutel ohne Knöpfe, Schnur oder Reißverschluß. Als er versuchte, das innere des Lederbehälters zu ertasten, fühlte er feine Vertiefungen im Leder. Er hielt das Objekt, das bei etwas heftigeren Bewegungen leicht klirrte, als schlügen Metallkörper gegeneinander, vor seine Augen und las:

Am rechten Orte
die rechten Worte
öffnen die Pforte.

Als er diesen kurzen, auf drei Zeilen verteilten Satz gelesen hatte verschwamm die eingeritzte Schrift und verging. Jetzt hielt er nur einen nahtlos geschlossenen, an der ganzen Oberfläche glatten Lederbeutel in der Hand. Alle starrten sowohl auf ihn als das Ding, das keiner einschätzen konnte.

"Was du da in Händen hältst, Julius Latierre, ist nichts geringeres als der Schlüssel zu deinem und Mildrids zukünftigen Leben", sagte Madame Delamontagne. Julius blickte sie verwundert an und fragte für alle hörbar auf Englisch:

"Sie sagen, der Schlüssel zu meinem und Mildrids Leben. Wenn ich das hier weglege oder verliere, heißt das aber nicht, daß Mildrid und ich kein gemeinsames Leben mehr haben, oder?"

"Nun, es ist vielleicht im Sog der Erhabenheit falsch formuliert", setzte Madame Delamontagne an. "Ich sage es besser so, daß ihr beiden mit diesem Geschenk bereits die Sorgen für eure zukünftige Wohnstatt von euren Seelen abgeladen bekommt. Das weitere werdet ihr beiden und eure direkten Anverwandten später erfahren."

"Zeig mal her, Julius!" Wagte sich Kevin vor. Doch Madame Delamontagne schüttelte den Kopf.

"Du würdest es nicht eine Sekunde in der Hand halten können, Kevin", sagte sie auf Englisch. Doch kevin kam bereits auf Julius zu, der ihm, weil er sich schon denken konnte, daß die Warnung nicht von ungefähr kam, ein leichtes Grinsen bot. Kevin streckte die Hand aus. Julius legte ihm die drucklose Lederblase in die Hand und zog seine Finger zurück. Da war es Kevin, als haue ihm jemand mit Urgewalt auf die Flache hand und warf den Arm nach unten und zurück. Der kleine Lederbeutel entfiel kevin und klatschte leise klirrend auf den Boden. Kevin verzog das Gesicht, bückte sich und griff danach. Doch als sei der Beutel mit dem Boden verwachsen bekam er ihn nicht angehoben.

"Diebstahlsicherung", knurrte Kevin. "Aber die geht doch nur, wenn der Besitzer das Etwas selbst bezaubert."

"Oder gewisse Zauber mit dem oder den Namen des oder der rechtmäßigen Eigentümer oder Benutzer verbunden werden und mit einem Auslösezauber auf magisch aktivierbares Material gebracht und darin verwirkt werden. In diesem Fall war es ein Satz, den Julius las. Sobald er ihn in Gedanken erklingen ließ, aktivierte sich die Kombination der Schutzzauber", erklärte die Dorfrätin. "Das ist höhere Zauberkunst und könnte im letzten Halbjahr der UTZ-Klasse auf dem Lehrplan stehen. So genau weiß ich das nicht, was in Hogwarts vor den Prüfungen unterrichtet wird."

"Dann kann nur Julius diese Blase anheben? Was ist denn das für Material?" Fragte Kevin.

Seeschlangenhaut. Eignet sich für personenbezogene Zauber genausogut wie Drachenhaut oder Gold", dozierte Madame Delamontagne. Madame Faucon, Brittany Forester und Jeanne Dusoleil nickten bestätigend.

"Und was heißt das, später. Dürfen wir hier das also nicht wissen?" Fragte Kevin leicht gereizt.

"Erst wenn Julius und Mildrid erfahren und angenommen haben, was sie damit erhalten haben. Vorher nicht", wandte sich nun Hippolyte Latierre an Kevin und übersetzte auch gleich für alle rein Französisch sprechenden Gäste mit. Damit war für Julius Klar, daß etwas ablief, wo zumindest seine Schwiegermutter und die Sprecherin des Dorfrates von Millemerveilles mit zu tun hatten.

"Gehe ich dann richtig davon aus", setzte Julius zu einer Frage an, während er völlig problemlos den kleinen Lederbeutel vom Boden auflas, "daß wir demnächst Post bekommen werden?"

"So verhält es sich", antwortete Madame Delamontagne. "Bis dahin reicht es aus, daß ihr beiden unbeschwert an die beiden noch anstehenden Schuljahre herangehen mögt, ohne euch zu fragen, ob ihr in Paris, Millemerveilles, London oder wo auch immer leben werdet."

"Es bleibt mir dann wohl erst einmal, mich für das Geschenk zu bedanken, Madame Delamontagne. Ob meine Frau das so sieht kann ich ja jetzt noch nicht wissen." Millie nickte ihm zu und sah dann ihre Mutter an, weil die gerade so verdächtig gut geantwortet hatte.

"Merkst du es endlich, Julius. Die verplanen dich komplett", stieß Kevin verstimmt aus. "Die werte Professor Faucon hat dir die von ihr für richtig gesehenen Schulbücher besorgt, damit du dich nicht drauf rausreden kannst, wegen der Preise nicht bei ihr im Unterricht zu lernen. Die rundliche Oma und Mutterhexe legt dir einen Familienstecken hin, damit du mit Millie, mit der du ja auch irgendwie zusammengekoppelt wurdest, schon mal an die kleinen Hosenscheißer denkst, die ihr darauf mitnehmen sollt. Die werten Gastgeber schenken dir einen verkleinerten Garten, damit ihr auch nur die Sachen anpflanzt, die sie für richtig halten, und die alles andere als verhungernd aussehende Madame Dorfrätin legt dir einen kleinen Beutel mit irgendwas aus Metall drin hin und sagt, daß ihr zwei euch keine Gedanken mehr machen sollt, wie und wo ihr mal unterkommt, was für mich heißt, daß die das schon beschlossen haben, bevor bei dir die siebzehnte Kerze auf der Geburtstagstorte fällig ist. Willst du echt so weitermachen, dich von jedem, der meint, dir wegen deiner Ruster-Simonowsky-Kräfte reinquatschen zu müssen rumschubsen oder irgendwohin tragen lassen? Ich dachte, du wolltest ein eigenständiger Zauberer werden." Alle schwiegen. Julius überlegte, wie er darauf antworten konnte. Daß er es mußte war klar. Kevin witterte im Schweigen eine Gelegenheit, noch einmal nachzulegen und sagte: "Dann hätte deine Mum dich erst gar nicht auf die Welt schubsen brauchen, wenn du lieber nur rumgetragen werden willst."

"Zum einen, Kevin, ich bin verdammt froh, daß meine Mutter mich rausgelassen hat. Weil sonst wüßte ich bis heute nicht, wie man einen Jigg tanzt oder wie Fruchtschaumschnecken schmecken", sagte Julius. "Zum zweiten werde ich nicht verplant, sondern kriege nur Geschenke. Wenn du das anders siehst tut es mir leid für dich. Zum dritten habe ich lernen müssen, daß mit viel Macht viel Verantwortung kommt, vor allem was in den Monaten zwischen Februar und Mai los war. Sicher nervt mich das manchmal an, wenn mir wer zu erzählen versucht, was ich besser zu tun oder zu lassen hätte. Aber genau das versuchst du ja jetzt auch. Du sagst mir, ich solle mich nicht rumkommandieren, verplanen oder sonst wie bestimmen lassen. Zum anderen meinst du, ich hätte schön im Mutterschoß bleiben sollen, weil ich mich da besser hätte rumtragen lassen. Abgesehen davon, daß du damit sagst, daß es mich nie hätte geben dürfen und damit nicht nur mich, sondern meine Eltern und Großeltern beleidigst, stellst du dich in eine Reihe mit den Geschwistern Carrow und der Ex-Kommissionsleiterin Dolores Umbridge. Die dachten nämlich auch, daß es mich besser nicht gegeben hätte." Gloria nickte, ebenso Catherine und Madame Delamontagne. Kevin erbleichte und wandte seinen Blick ab. Dann grummelte er noch:

"Du sagst, ich sei nicht besser als diese Kröte und diese beiden Auswürfe einer schmutzigen Sabberhexe? Den Drachenmist laß ich mir nich' anhängen, ey."

"Dann nimm das bitte zurück, was du meiner Mum und mir gerade zwischen den Zeilen an den Kopf geworfen hast!" Entgegnete Julius entschlossen. Die übrigen englischkundigen Gäste nickten ihm beipflichtend zu.

"Weißt du was, Typ, ich dachte, wir wären noch Freunde und du würdest kapieren, wie ich was meine. Aber diese Froschfresserakademie hat dich ja total verdreht, wohl auch die Kiste mit dem Alterungsfluch und daß dir Blut von der Maxime reingepumpt wurde, weil das angeblich das einzige war, um dich von diesem Schlangenmanngift zu kurieren. Aber das gibt dir kein Recht, mir an die Birne zu knallen, ich ticke genauso krumm wie Umbridge und Genossen!"

"Es gibt dir auch niemand das Recht, meiner Mum und mir zwischen den Zeilen unterzujubeln, sie hätte mich besser nicht zur Welt bringen sollen, es mich also nicht hätte geben sollen. Was hätte sie dann tun sollen, mich abtreiben? Bei euch im katholischen Irland ist das strafbar, und bei den Heilern in der Zaubererwelt ist das auch ein Verbrechen. Also nimm das bitte zurück, was du gesagt hast. Sonst kann ich die Frage, ob ich mich noch deinen Freund nennen kann nur noch mit Nein beantworten."

"Erst nimmst du den Müll zurück, ich ticke wie die Umbridge und die Carrows!" Stieß Kevin aus. Er war weiß wie die Wand. Daran las Julius ab, daß er dem vorlauten Jungen, der bisher ein guter Kamerad für ihn gewesen war, ziemlich heftig zugesetzt hatte. Genau das hatte er auch beabsichtigt. Deshalb sagte er ganz gelassen:

"Klingt zwar nach Kindergarten, aber du hast angefangen. Also bist du zuerst dran." Die Gäste, die Englisch konnten nickten zustimmend, vor allem Martha Andrews. Kevin schnaufte, streckte sich und entspannte sich. Dann sagte er kleinlaut:

"Okay, bevor du's in eine Zeitung reinsetzt, ich nehme das zurück, daß es bei dir so rüberkam, als dürfte es dich nicht geben und entschuldige mich auch bei Ihnen, Mrs. Andrews, wenn ich bei Ihnen so rüberkam, daß ich Ihnen einen Vorwurf oder sowas gemacht haben könnte. Jetzt zufrieden?"

"Gut, ich sehe, du bist doch noch ein Ravenclaw", erwiderte Julius. Gloria und Aurora grinsten. "Dann schlage ich vor, wir lassen es dabei bewenden."

"So einfach nicht, Julius. Wenn ich der Meinung bin, daß die dich hier alle an irgendwelchen Führstricken oder was sich sonst anbietet rumzerren, -schubsen und steuern, dann habe ich das Recht, das auch zu sagen", stieß Kevin aus.

"Hmm, und dieser ungehobelte Klotz soll die ZAG-Reife erlangt haben?" Fragte Madame Faucon Dione Porter. Diese sah verschämt zu Kevin und dann zu ihrem Mann hinüber.

"Da wir Kevins Eltern zugesichert haben, daß es keine Schwierigkeiten gibt, möchten wir uns für dieses unreife Betragen von Mr. Malone entschuldigen", sagte Mrs. Porter dann. "Ich muß wohl eingestehen, daß die Umstellung ihn heftiger betroffen hat, als wir es erkennen mochten. Da Mr. Malone offenbar gerade nicht in der Verfassung ist, sich angemessen zu betragen, bitte ich darum, daß mein Gatte ihn zu seinen Eltern nach Hause begleitet, bevor jemandem hier doch noch die Geduld reißt und es zu unliebsamen Konsequenzen kommt wie damals mit dem Sumpf und dem Feuerwerk." Das Wort Feuerwerk brachte Belisamas bergquellklare Augen zum funkeln. Julius schwangte, daß sie Kevin das nicht vergessen hatte, daß er mit Weasleys wildem Feuerwerk die Haare angekokelt hatte. Doch sie beherrschte sich sehr gut, mußte er anerkennen. Kevin hörte zwar, daß es um ihn ging, verstand Mrs. Porters französische Abbitte jedoch nicht.

"Nun, es ist vielleicht die bessere Lösung, wenn der junge Mann seine Unsicherheit in sicherer Umgebung überwindet", sagte Madame Delamontagne sehr kalt und übersetzte sofort für Kevin und die anderen englischsprachigen Gäste, daß gefragt worden sei, ob Kevin mit Mr. Porter zu seinen Eltern zurückreisen dürfe. Da verzog Kevin das Gesicht zu einer bleichen Maske der Beklemmung. Mr. Porter sah Kevin an und sagte:

"Um sowas ähnliches wie vor zwei Jahren zu vermeiden habe ich mit deinen Eltern Eulen ausgetauscht, daß ich dich sofort zu ihnen zurückbringe, falls sich sowas wieder androht. Ich sehe dir an, daß du mit dieser Aussicht sehr schwer zu kämpfen hast, Junge. Deshalb würde ich dir als die von deinen Eltern bestellte Aufsichtsperson für diese Reise dringend empfehlen, dich zu entscheiden, entweder Friedlich mit uns anderen zu feiern oder gleich nach Hause, mit der Aussicht, daß deine Eltern dich dann als einen unreifen, für Auslandsreisen unfähigen Burschen ansehen und entsprechend behandeln. Such es dir jetzt aus!"

"Meine Eltern haben nix davon gesagt, daß Sie auf mich aufpassen sollen", quängelte Kevin. "Ich wollte nur, daß Julius kapiert, wie die ihn hier vereinnahmen, rumschubsen und für ihre eigenen Sachen bei Laune halten wollen. Ist mir klar, daß die jetzt auf mich sauer sind, weil ich das geblickt habe und er aus der Nummer so nicht rauskommen kann.Wenn ich das eh nicht ändern kann, weil es schon zu spät dafür ist, dann halt ich eben das Maul", schnarrte Kevin.

"Kevin möchte offenbar um Entschuldigung bitten", sagte Mr. Porter auf Englisch. Seine Frau übersetzte es. kevin nickte. Dann sagte er:

"Okay, die Damen und Herren aus Millemerveilles und sonstwo aus der Umgebung von Beauxbatons, ich sehe ein, daß Julius bei Ihnen wohnt und daher zusehen muß, mit und bei Ihnen allen klarzukommen, von Millie bis rauf zu Ihnen, Professor Faucon. Ich habe mir nur gedacht, daß Sie Julius schon als erwachsenen Mann haben wollen, obwohl er erst so alt ist wie ich. Vielleicht haben Sie recht, und der ist schon erwachsen. Soll ja vorkommen, daß Vierzigjährige sich wie Kindergartenkinder benehmen und fünfzehnjährige schon keine Kinder mehr sein können, weil ihnen viel abverlangt wird und sie dafür viel neues ausprobieren dürfen." Er sah Millie herausfordernd an. Diese lächelte überlegen zurück. "Bevor Sie also meinen, ich hätte kein Hirn im Kopf und könnte klare Sachen nicht kapieren, sage ich noch mal, daß es mir leid tut, wenn ich Ihr nettes, friedliches Zusammenleben hier in Frage gestellt habe. Danke schön für alles, was Sie für Julius getan haben oder noch vorhaben. Ich hoffe, er ist Ihnen das echt wert."

"Entschuldigung trotz bestreitbarer Wortwahl angenommen", bestätigte Madame Delamontagne nach kurzem Blickaustausch mit Madame Faucon, Catherine und Hippolyte. Camille, die die Auseinandersetzung schweigend verfolgt hatte, strahlte nun alle an. Sie war die Familienmutter und offizielle Ausrichterin dieses Festes, das fast gründlich ins Wasser gefallen wäre. Da nun alle Geschenke ausgepackt worden waren - auch wenn das letzte seinen Sinn oder Wert noch zeigen mußte -, ging es wieder hinaus an die klare, würzige Sommerluft.

"Ich hoffe, das geheimnisvolle Etwas in dem Beutel war das wirklich wert", mentiloquierte Julius an Madame Delamontagne.

"Falls deine Freundschaft mit diesem ungehobelten Klotz das übersteht allemal", schickte Madame Delamontagne zurück. "Falls nicht, dann lag es weder an dir noch an uns."

Beim Abendessen fand Julius noch einmal Gelegenheit, mit Kevin zu reden. Er sagte locker: "Du gibst wohl nie auf, oder. Ich will es mir mit dir nicht verscherzen, Kevin. Aber ich möchte auch, daß du das mitbekommst, was die hier alle für mich angeschoben haben oder noch anschieben wollen. Wenn du wirklich mein Freund bleiben möchtest, bitte ich dich nur darum, das zu begreifen, daß die mich nicht kleinhalten wollen. Das habe ich zuerst auch gedacht. Aber ich habe gelernt, daß mit der Zauberkraft von mir doch irgendwo klargemacht werden muß, für wen und was ich die anwenden möchte. Außerdem hast du nicht mitkriegen können, wie das in Beauxbatons war, als Didier uns auszuhungern versucht hat, als keine Briefe mehr durchgelassen wurden, als allen Muggelstämmigen die Schreckensnachricht geschickt wurde, ihre Eltern, Freunde oder Verwandte seien gestorben und als die Schlangenmenschen kamen."

"Und du hast das nicht mitgekriegt, wie die in Thorntails Gloria, die Zwillinge und mich immer angeguckt haben, weil dieser Wishbone hat rumgehen lassen, daß wir da nix zu suchen haben. Hättest uns besser nach Greifennest oder zu den Aussis bei Aurora Dawn hinschaffen lassen sollen. Und das mit Myrna, wo du mit der wandelnden Milchtüte in Grün ja wohl dran gedreht hast, daß die mich für zwanzig Minuten für sich hatte, das war nur eine Übereinkunft, daß diese Mirella nicht meinte, mich für ihre Sammlung zu sichern. Das die Kleine was anderes darunter verstanden hat habe ich so nicht haben wollen."

"Deshalb war das ja richtig, daß ihr beiden euch darüber noch mal aussprecht, bevor Myrna mit dem Gefühl nach Thorntails zurückgeht, sie müßte sich für dich aufheben", erwiderte Julius abgebrüht. Weil er den Eindruck hatte, daß das bei Kevin in den falschen Hals rutschen mochte sagte er noch: "Ich hätte dir da nämlich keinen Rat geben können, wie du sie ohne Krach davon überzeugen konntest, daß von dir aus nichts zu erwarten ist. ich hatte bisher nur zwei echte Beziehungen. Das mit Claire hätte wunderbar werden können und das mit Millie lief so schnell an, daß ich selbst das erst nicht richtig glauben konnte. Ich habe also genausowenig Erfahrung damit, eine Beziehung zu beenden wie du oder Fredo oder sonst wer in unserem Alter."

"Fredo, der ist von Glen weg, weil Rommy Vane ihm besser zu gefallen anfing. Auch 'ne tolle Sache. Klar, daß du das nicht mitbekommen hast, wenn die bei euch keine Eulen mehr reinlassen wollten. Aber Glo und ich bekamen zumindest nach dem Ende von Du-weißt-schon-wem die neuesten Meldungen aus Hogwarts."

"Fredo hat Glenda abserviert oder die ihn?" Fragte Julius, der diese Neuigkeit, so unwichtig sie für ihn selbst sein mochte, doch mit gewissem Interesse zur Kenntnis nahm.

"Tja, hat die gute Rommy zu häufig getröstet, nachdem die dicke Sabberhexe Carrow der die Haare runtergeschabt hat. Bin mal gespannt, wie das mit den beiden weitergeht. Wenn das mit dir und Millie echt ganz sicher läuft, nicht nur zwischen den Bettlaken, dann sei froh. Fredo schrieb, daß Glenda ihm mehrere Stinker und drei Heuler zugeschickt hat. Ist ja wohl auch nicht nett, mit der Ausspannerin im gleichen Schlafsaal zu wohnen."

"Stinker? Ui, schon heftig. Glenda kann Heuler? Ich habe erst in diesem Jahr gelernt, wie die gehen."

"Drachenpipi, Julius. Das ist der pure Nasentöter." Julius dachte an Buttersäure und Ammoniak und stellte sich eine Kombination aus beidem Vor. Dabei meinte er, es in der Nase beißen zu fühlen und nickte heftig.

"wie dem auch sei, Julius. Ich kann dir nicht sagen, wie du mit dem ganzen Ruster-Simonowsky-Krempel klarkommen mußt. Wenn Millie meint, damit klarzukommen, daß ständig wer an dir rumquatscht ist die bestimmt härter im nehmen als ich. Mehr will ich zu dem Thema nicht sagen."

"Millie kann viel ab. Die hat 'ne große Schwester, mehrere Cousinen und mehrere Onkel und Tanten. Ich wüßte nicht, ob ich das alles aushielte."

"Tja, aber du hältst sie aus."

"Stimmt schon", erwiderte Julius. Dann fügte er noch hinzu: "Aber wenn dir Madame Dusoleil schon das Abendbrot ihrer Tochter Chloé anbietet, mußt du es ihr zumindest wert gewesen sein. Zumindest sah das für mich so aus, daß sie dich anlegen wollte."

"Hätte auch nicht mehr viel gefehlt", grummelte Kevin. "Aber bevor die mir Windeln umbindet und mich vor euch allen hier an ihren Dingern nuckeln läßt ... Nein danke!"

"Wie gesagt, Kevin. Wenn die so weit gegangen wäre, dann nur, weil du es ihr wert gewesen wärest. Also verkrach dich nicht noch mit ihr!"

"Das wäre fast deine Schwiegermummy geworden, nicht war?"

"Vielleicht nicht nur das, Kevin", seufzte Julius. "Damals, wo ich noch dachte, ich käme zur dritten Klasse zu euch nach Hogwarts zurück, haben sich Madame Delamontagne, Catherine Brickston, Madame Faucon und Camille heimlich drum gekäbbelt, bei welcher ich besser leben könnte. Wenn Mum genauso wie mein Vater gestorben wäre hätte sich das wohl neu entscheiden lassen."

"Die hätte dich dann wohl nicht als Adoptivsohn genommen, damit du nicht deine eigene Schwester hättest heiraten wollen", scherzte Kevin. Julius nickte, war sich da aber nicht mehr so sicher. So sagte er: "Jetzt würde ihr das ganz leicht fallen, so wie sie gerne um mich herumläuft."

"Also merkst du das schon, wer meint, dich rumführen zu müssen", fing Kevin doch noch einmal davon an. Julius nickte, sagte dann aber sofort:

"Sie bieten mir eine Menge an, was ich nach der Schule machen kann. Guck dir Laurentine an, deren Eltern die überhaupt nicht nach Beauxbatons lassen wollten! Die ist verdammt froh, daß sie doch noch willkommen ist und auch die ZAGs gepackt hat."

"Das Umbridge-Jahr hätte dich wohl auch vom Glauben abfallen lassen", grummelte Kevin. "Ich hätte da auch fast den großen Sprung gemacht wie die Weasleys. Aber dann hätte die mir bei ihrer Gerichtsverhandlung ganz überlegen ins Gesicht glotzen können und mich als Schwächling bezeichnen können. Deshalb wollte ich auch nicht sofort abzischen, als die Kröte über Hakennase Bin-doch-ein-guter Snape ihre Androhung weitergereicht hat. Aber die Mädels meinten, wir sollten uns besser geordnet absetzen, als uns von den Dementoren vernaschen zu lassen. Aber das habe ich dir ja schon erzählt." Julius nickte. Dann ging er zu seinem Platz zurück, weil Camille ihn herausfordernd ansah.

"Kevin ist schon süß. Aber er ist trotzdem ein kleiner Dummschwätzer", sprach Millie ihren Mann an, als sie beim dritten Gang waren. "Der blickt es nicht, daß er nur deshalb lebt, weil Leute wie meine Eltern, Oma Line, Königin Blanche und Dorfrätin Delamontagne dir geholfen haben, seinen sturen Hintern aus Hogwarts rauszubringen, bevor so'n Dementor sich an seiner Seele verschluckt hätte. Aber ich verstehe dich, daß du mit ihm auch weiter gut auskommen möchtest. Vielleicht findet er eine, die ihm hilft, seine wilden Sachen ordentlich abzureagieren, daß er danach den Kopf klar für wichtige Sachen hat."

"Dabei hast du mir doch immer erzählt, daß man zu seinen Gefühlen stehen soll", erwiderte Julius darauf.

"Ja, zu denen, die klären, was einem wichtig und richtig angenehm ist, Julius. Aber sich darauf zu berufen, nur weil man dummes Zeug geredet hat ist schwach."

"Findet Myrna wohl jetzt auch", seufzte Julius.

"Die findet Kevin immer noch süß und meint, er habe nur zu viel Angst, was echtes anzufangen, nachdem er mit seiner ersten Freundin wohl nicht richtig klargekommen ist."

"Auch so'ne Eifersuchtskiste", stöhnte Julius. Er wußte noch, daß Gilda Fletcher Kevin wegen Mirella angemotzt hatte.

"Irgendwann landet jeder Löffel in einem heißen Kessel. So will es die Natur."

"Du meinst, so steht es geschrieben in den Windungen der Desoxyribonukleinsäure", legte Julius nach.

"Wie kann man was in Säure reinschreiben. Willst du mich an deinem Geburtstagsnachfeiertag verladen, Süßer?"

"Neh, die gibt's echt. Das ist ein ganz langer Faden aus kristallisierter Säure, der zu einer Doppelspirale gedreht in jeder Körperzelle schwimmt. Da steht in einem Code, der nur aus vier Stoffen gebildet wird drin, wie ein Tier oder eine Pflanze auszusehen hat, wie lange zu wachsen ist und wann es Zeit für Nachwuchs ist."

"Ach, dann steht in meiner Säurespirale drin, daß im Nächsten Sommer was Kleines bei mir unten einzieht und in deiner, daß du das Kleine anschubst, das es auf dem richtigen Weg ist."

"Ich habe leider kein entsprechendes Vergrößerungsgerät und keinen Codeleser dafür mit, um das nachzulesen. Aber ich nehme mal an, daß das stimmt", sagte Julius.

"Dann sollten wir lieber noch was essen, damit wir nächsten Sommer auch fit genug sind", erwiderte Millie.

"Ich frage mich, was dieses Klimperbeutelchen, was Kevin so gegen die anderen aufgebracht hat enthält", kam Julius auf das geheimnisvolle Geschenk Madame Delamontagnes zu sprechen.

"Was sie gesagt hat, ein Schlüssel, womöglich zwei gleich aussehende, für dich einen und für mich einen. Nur was für ein Schloß die aufschließen wissen wir noch nicht."

"Ob Oma Line das so toll findet, wenn Madame Delamontagne das mit der Wohnungssuche für uns erledigt hat. Ich meine, ist ein bißchen früh, das jetzt schon zu klären, wo wir in Paris doch gut wohnen können."

"Wo Madame Delamomtagne und Oma Line sich so wunderbar verstehen wundert dich das, daß Virginies Maman ihre Verbindungen austestet, um für uns was klarzumachen, bevor Oma Line uns eine Zimmerflucht im Sonnenblumenschloß zeigt, damit Martha wieder auf eigenen Wegen wandeln kann?"

"Ich bin gespannt, wer da alles mit drinhängt in dieser Klimperbeutelnummer. Wenn das echte Schlüssel sind und nicht nur eine Umschreibung für was anderes, dann haben die irgendwo ein Haus aufgetan oder sowas. Nachdem ich heute den Fliegenpilz auf Demmies und Bellonas Landewiese gesehen habe halte ich das für möglich, mal eben eins aus dem Boden zu stampfen."

"Tja, und dann dürfte die Frage ganz klar beantwortet sein, wo es steht. Genau deshalb ist Kevin so angesprungen, weil er genau das geahnt hat, wo keiner hier hinterm Berg hält, daß er und vor allem die ganzen Sies dich hier einquartieren, und sei es, daß ich mit dir zusammenziehe."

"Würdest du das wollen, hier wohnen meine ich?" Fühlte Julius nach.

"Sagen wir so, das einzige Problem das ich hätte wäre, daß deine Pflegehelferausbilderin meine Kinder aus mir rauszieht, weil die sich so fies über Pa geäußert hat. Andererseits muß ich auch nicht von Oma Tetie betreut werden. Dann lieber Tante Trice."

"Gut, falls die uns demnächst anbieten, hier zu wohnen sage ich denen, daß wir unsere eigene Hebamme mitbringen wollen, weil sonst nichts zu machen sei", faßte Julius nicht ganz ernst gemeint zusammen.

"Dann wäre der Ärger komplett, und die werte Madame Matine würde dich glatt für unausgegoren ansehen und befinden, daß Tante Camille oder Tante Uranie dich gleich mit großfüttern dürfen und ich mir gefälligst wen andern zu suchen hätte."

"Du meinst, du würdest Hera Matine akzeptieren, um weiter mit mir zusammenzubleiben?"

"Sagen wir es so, ich mag dich lieber als großen Burschen als mir vorzustellen, daß die überstrenge Tante Uranie dich mit dem Neffen von Madame Villefort zusammen großzieht. Nachher verwechselt seine Tante ihn mit dir, und du müßtest eine Sardonianerin heiraten, um den Nachtschwestern Frischfleisch zu besorgen. Deshalb leg' ich's lieber nicht darauf an. Aber vielleicht steht das Haus oder was immer auch nicht in Millemerveilles, sondern ganz wo anders, vielleicht auch bei Bine und San in der Wohngegend. Dann könnten wir immer noch zwei gegen zwei Quidditch spielen."

"Das glaube ich jetzt nicht mehr, Millie. Madame Delamontagne hat mir zu entschlossen geklungen, als sie das mit dem Schlüssel sagte. Das hätte sie nicht, wenn es ein Häuschen irgendwo in Avignon oder Paris wäre."

"Dann warten wir ab, was uns da noch ins Haus steht", scherzte Millie. Julius lachte. Sie lachte auch, glockenrein und erfrischend.

Nach dem ausgedehnten Abendessen war Musik und Tanz. Florymont baute ein Magicomechanisches Orchester auf, das beschwingte Melodien spielte. Julius durfte mal wieder mit allen tanzbegeisterten Damen über den zum Tanzboden erklärten Rasen schwofen. Dabei kam er auch für einen langsamen Walzer mit Madame Faucon zusammen.

"Es ist immer wieder überraschend, wie unterschiedlich die Entwicklung eines jungen Menschen foranschreitet", sagte sie leise, als sie zum Wiener Walzer in Schwung kamen. "Dein Freund Kevin geht den Weg der grundlosen Provokation, obwohl gerade er hat lernen müssen, wie schnell er doch ausgeliefert sein kann. Du hingegen überlegst dir passende Worte und erkennst dir gebotene Hilfe und Zuwendungen an. Man könnte meinen, zwischen euch beiden lägen vier Jahre."

"Wie schon mal erwähnt vermutete ich ganz stark, daß die Blitzalterung um zwei Jahre mein Hirn vor einigem bewahrt hat, was normalaufwachsende Teenager so durchmachen."

"Du meinst Halbwüchsige, Julius. Unsere Sprache kennt genug Begriffe, ohne uns aus anderen Sprachen Wörter nehmen zu müssen. Aber im wesentlichen stimme ich dir zu. Aber wenn du dir deine Frau ansiehst. Sie hat sich trotz ihrer früheren Aufsässigkeiten in den beiden letzten Jahren sehr zur erwachsenen Hexe entfaltet. Gut, bei ihrer Schwester konnte ich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Insofern ist es wohl doch die richtige Konstellation, die euch zwei zusammengeführt hat. Und sie hat dich schließlich vor großem Ungemach beschützt, damals bei den Sterlings und im Februar beim Angriff der Skyllianri. Das hast du Kevin voraus, daß du weißt, wie wichtig Selbstbeherrschung und die Fähigkeit sind, die Folgen des eigenen Handelns zu überdenken und die für dich günstigen hinzunehmen, auch wenn sie dir zunächst unangenehm erscheinen."

"Wurden Sie von Madame Delamontagne informiert, was es mit diesem merkwürdigen Lederbeutel zu tun hat?" Schnitt Julius ein anderes Thema an.

"Sagen wir es so, ich bin in den dazu führenden Prozeß vollständig eingebunden. Näheres auszuführen obliegt jedoch erst einmal jemand anderem. Aber du mußt dich nicht all zu lange gedulden. So wie ich es erfaßt habe, wird dir und Mildrid demnächst schon die gebotene Aufklärung zu Teil werden." Dabei beließ Julius es dann auch.

Den letzten Tanz widmete er seiner Mutter. Diese wirkte leicht angespannt, ja irgendwie so, als stehe sie vor einer schwerwiegenden Entscheidung oder müsse sich auf eine unangenehme Lage einstimmen. So fragte Julius sie:

"Mum, hast du was? Du kommst mir so vor, als stünde da was an, was dir zusetzt."

"Das wirst du wohl bald erfahren, Julius. Nur so viel, für uns beide wird sich hoffentlich nichts ändern." Julius faßte es so auf, daß seine Mutter ihre neuen Zauberkräfte damit meinte. So sagte er:

"Du warst und du bleibst immer meine Mum, auch wenn ich mit Millie anderswo hinziehen sollte. Du bist aus der Familie die einzige, die ich noch um mich habe. Was Onkel Claude oder Tante Alison oder die anderen angeht ist da doch alles aus und vorbei."

"Du weißt noch, was ich dir damals erzählt habe, als dein Vater dich nach Eton schicken wollte?"

"Als wäre das erst gestern gewesen", erwiderte Julius darauf. Dann fragte er: "Meinst du, wir stehen jetzt schon vor einer weiteren heftigen Entscheidung? Millie und ich machen doch erst noch die beiden UTZ-Jahre."

"Tja, aber während der Zeit wirst du bereits die Pflichten dieser, jetzt unserer gemeinsamen Welt aufgeladen bekommen. Ich weiß nicht, was dann erst von dir verlangt wird. Und das ist das, was du gerade bei mir mitbekommst. Die Logik, der ich mich früher immer so sicher anvertraut habe, sagt mir, daß es keinen Weg zurück gibt. Deshalb hat mich Kevins unreifes Gerede von vorhin auch sehr tief getroffen. Du kannst nicht mehr zurück in meinen warmen Schoß. Sonst wäre alles wertlos gewesen, was wir und dein Vater miteinander erlebt haben. Du konntest dort nicht bleiben, du konntest dich nicht ewig herumtragen lassen, nicht ohne Schulbildung aufwachsen und jetzt, jetzt stehen die zwei wichtigsten Schuljahre aus und außerhalb von Beauxbatons wartet das Leben der Erwachsenen, das ständige Ringen um Einkünfte, Lebensfreude und Verpflichtungen."

"Du redest so, als sei ich gestern siebzehn oder achtzehn geworden und nicht erst sechzehn", stellte Julius mit gewisser Unsicherheit fest.

"Körperlich bist du schon achtzehn, mein Sohn. Du wurdest auf einen Schlag zwei Jahre älter. Das macht viel aus. Vor allem wo ich die jungen Damen Brittany, Melanie, Martine und Jeanne sehe, daß sie dich nicht mehr als kleinen Jungen empfinden, dann muß ich erkennen, daß ich dich auch nicht mehr als kleinen Jungen sehen darf. Deine Schwiegermutter hat sich da auch mal mit mir drüber unterhalten, wie wir euch zwei irgendwann in euer eigenes Leben entlassen können, wo wir beide euch noch als Babys in Erinnerung haben. Ich stelle nur fest, daß auch ohne die beiden übersprungenen Jahre die Zeit eh zu schnell umgegangen wäre."

"Traurig machen möchte ich dich nicht, Mum, das weißt du."

"Das weiß ich. Aber dieser Wunsch darf dich nicht kleinhalten. Du darfst deshalb nicht aufhören, weiter zu wachsen, wenn auch nicht Körperlich, dann zumindest geistig."

"Ich werde es versuchen, wegen dir", sagte Julius.

"Vor allem wegen dir und der Zukunft, in die Millie und du aufbrechen werdet. Das unentdeckte Land, Julius."

"Lustig, daß dir diese Umschreibung einfällt. Dabei hatte ich den Eindruck, dich interessierten die Star-Trek-Filme nicht."

"Insofern schon, um das Menschliche in einer technischen Zivilisation zu überblicken und mich immer wieder zu fragen, wie viel Seele ich in der Mathematik wiederfinden oder aus dieser entkoppelt betrachten muß. Aber das wird jetzt zu philosophisch, mein Sohn. Lassen wir uns besser von der Spannung leiten, was uns demnächst noch bevorsteht!" Beendete Martha dieses nicht so belanglose Geplauder. Dann endete auch der Tanz. auf der Landewiese ging eine von einem Abraxaspferd gezogene Kutsche nieder, in die die Gäste aus dem Ausland einstiegen, um zu jenem Haus zu fliegen, das wie ein Fliegenpilz aussah. Julius zog mit seiner Mutter in das Waldlandschaftsgästezimmer, während Aurora Dawn und Millie das Wiesenlandschaftszimmer belegten. Man wünschte sich noch eine gute Nacht. Morgen wollten Julius und Millie ihren Gästen bei der Abreise zusehen.

 

__________

 

Julius träumte in dieser Nacht von Hogwarts, wie er dort eingeschult wurde, wie er beim trimagischen Turnier zugesehen hatte und wie er durch die Bilderverbindung hinreiste, um Gloria, die Hollingsworths und Kevin rauszuholen. Als er erwachte hörte er seine Mutter tief und ruhig atmen. Er sah auf seine Armbanduhr. In seinem Geburtsland war es jetzt drei Uhr. Hier in Frankreich war es gerade vier. Er horchte auf das sanfte Pulsieren seines Herzanhängers. Es war langsam und ruhig. Millie schlief also auch gerade tief und fest. So schloß er die Augen und überließ sich noch einigen Stunden Schlaf.

 

__________

 

Mit lautem Muhen begrüßte die Miniaturtemmie den neuen Morgen. Julius hatte sie am Abend noch bereitgestellt. Aus dem Nachbarzimmer erklang ein fröhliches "Guten Morgen!" von Aurora Dawn. Aus dem Badezimmer trällerte Millie "Morgen, Martha und Julius!"

"Mann, ist die laut!" Nuschelte Julius' Mutter halbschläfrig. Julius ging zu der Nachbildung der besonderen Latierre-Kuh und strich ihr über das wie prall gefüllt wirkende Euter. Die Miniatur schnaufte behaglich.

"Millie ist im Badezimmer, Mum. Kannst noch ein bißchen schlafen."

"Warum muß die kleine Temmie auch unbedingt um sieben losbrüllen", grummelte Martha Andrews. "Habe gerade so schön davon geträumt, wie wir in Greenville waren."

"Greenville, Florida? Ach du meine Güte! Das ist doch schon zwölf Jahre her", erwiderte Julius. Damals hatte sein Vater die Beförderung zum Leiter der Kunststofferprobung erhalten. Für ihn selbst war das damals nicht so beeindruckend. Aber daß sie mit einem großen Flugzeug nach Amerika geflogen waren, wo sein Onkel Claude ihm auf dieser schönen bunten Kugel mit den großen, blauen Flächen gezeigt hatte, wo das war, daran konnte er sich noch erinnern. Das war Anfang Sommer, kurz bevor ihm das mit dem Sanderson-Haus passiert war. Gab es den Ort überhaupt noch? irgendwie wußte er nicht, ob dieses kleine Fischerdörfchen nur für Urlauber oder für einen Film gebaut worden war. Sollte er vielleicht mal im Internet nachsehen, wenn sie wieder in Paris waren.

"Kannst du mal sehen, Julius, was so Geburtstagsfeiern alles hochspülen", erwiderte seine Mutter. Er meinte, daß sie letztes Jahr davon geträumt hatte, ihn noch nicht geboren zu haben. Insofern sei das ein Fortschritt. Sie blickte ihn mit schlafverkrusteten Augen an und meinte:

"Du meinst, ich müßte nächstes Jahr dann von deiner Einschulung in Hogwarts träumen?"

"Das habe ich dir diese Nacht abgenommen, Mum", entgegnete Julius schlagfertig. Nebenan gluckerte Wasser im Abfluß. Millie hatte also gebadet. Wie lange war sie schon auf? Immerhin trug sie ihren Herzanhänger noch, wie er fühlte.

Als Millie Latierre im getupften Morgenrock vor dem Waldlandschaftszimmer auftauchte, das rotblonde Haar gestriegelt und federleicht um Kopf und Oberkörper wehend, wünschte sie ihren Verwandten einen guten Morgen. Julius durfte als nächster ins Bad. Als er fertig war gingen er und seine Frau hinunter in die Küche, wo Camille gerade zwei selbstgebackene Laiber Stangenbrot aus dem Ofen holte. Millie und Julius boten ihre Hilfe an, Geschirr nach draußen zu bringen, weil sie bei dem schönen Wetter im Garten frühstücken wollten. Julius verdrängte den Gedanken, mit Marmelade und Honig auf dem Tisch alle Wespen und Bienen der Umgebung anzulocken und half seiner Frau, das Geschirr hinauszubringen.

"Wer kommt denn sonst noch?" Erkundigte sich Julius, als er die Teller, Unterteller, Tassen und Löffel gezählt hatte und fünf mehr fand als gerade Leute im Haus waren.

"Blanche, also Madame Faucon kommt mit ihrer Schwester, sowie Catherine und ihren Töchtern zu uns", beantwortete Camille die Frage. "So gegen neun geht es rüber zum Varanca-Haus, um die anderen zu verabschieden", führte die Hausherrin dann noch aus.

Eine Viertelstunde später trafen Madame Faucon und ihre Verwandten ein. Catherine hatte für ihre jüngste Tochter einen hohen Kinderstuhl mit Klapptischchen mitgebracht. Offenbar wollte sie die Kleine langsam daran gewöhnen, mit anderen bei Tisch zu sitzen. Babette setzte sich zu Denise hin, schön weit weg von ihrer Oma Blanche.

 

Die Unterhaltung am Frühstückstisch drehte sich um Babettes Einschulung in Beauxbatons, wie Martha Andrews das Ende des Schuljahres in Millemerveilles zugebracht hatte und was Millie und Julius sich in London außer einem dunklen Gerichtssaal angesehen hatten. Julius verschwieg den Kindern gegenüber den großen Krater, der in seiner früheren Wohnstraße entstanden war. Catherine wußte jedoch schon von seiner Mutter, was er erlebt und wie er das hingenommen hatte. Doch sie nahm Rücksicht auf Babette, weil diese ja auch schon ein paarmal in der Winston-Churchill-Straße gewesen war. Dann ging es darum, daß die Brickstons morgen auch nach England wollten, um Joes Eltern zu besuchen. Madame Faucon würde jedoch in Frankreich bleiben, da wohl noch einiges wegen Beauxbatons zu erledigen sei. Madeleine L'eauvite erwähnte wie beiläufig, daß sie und Madame Matine noch auf Marthas Grundbefähigungsprüfung hinarbeiten wollten, um festzustellen, wann sie eine den ZAGs entsprechende Prüfung ablegen konnte, um offiziell zur Ausübung von magischen Berufen zugelassen zu werden. Julius' Mutter sagte nur: "Das ist echt fein. Julius und die anderen haben Urlaub, und ich muß wie eine Nachhilfeschülerin ranklotzen, um das Klassensoll doch noch zu erreichen." Madame Faucon entgegnete darauf:

"Wir hatten es gestern doch davon, daß Befähigung auch Verpflichtung heißt, Martha. Sie haben sich bereiterklärt, die Ihnen zugeflossene Begabung sinnvoll nutzen zu lernen. Andere haben für das, was Sie in den vergangenen neun Monaten erlernt haben acht Jahre Zeit. Ich verstehe es, daß Ihnen das eine gewisse Anstrengung abverlangt. Aber die Belohnung dafür ist die Mühe wert."

"Ich denke, ich kann froh sein, bei sehr gut ausgebildeten Leuten zu lernen", erwiderte Julius' Mutter.

"Hmm, wenn meine Mutter noch nicht die Grundbefähigungsprüfung abgelegt hat, gilt sie dann noch nicht als offiziell magisch begabt?" Fragte Julius.

"Worauf möchtest du hinaus, Julius?" Forschte Madame Faucon nach.

"Nun, soweit ich die Schachturnierregeln von Millemerveilles im Kopf habe dürfen daran nur magisch begabte Kinder und Erwachsene teilnehmen, die genug Spielpraxis haben, um zumindest über die erste Runde kommen zu können. Sollte diese Grundprüfung das ausmachen, ob meine Mutter als magisch begabt bestätigt wird, dürfte sie dann ja nicht mitspielen, solange diese Prüfung noch nicht angesetzt wurde."

"Ich denke, daran wird es nicht gemessen", entgegnete Madame Faucon. "Da sie ministeriell schon als magisch begabt geführt wird ist sie teilnahmeberechtigt, sofern sie in Millemerveilles wohnt, Gast einer hier wohnhaften Person oder Familie ist oder bei dem vorhergehenden Turnier mindestens das Halbfinale erreichen konnte. Insofern dürftet ihr, deine Mutter und du, heute noch eure verbindlichen Einladungen erhalten, wie ich die gute Eleonore Delamontagne kenne."

"Tja, ich durfte dieses Mal ja absagen", bemerkte Uranie Dusoleil dazu. Blanche Faucon nickte.

"Maman, dürfen Babette und ich nachher rüber zu Mayette?" Fragte Denise.

"Da müssen wir erst Mayettes Maman und Papa fragen, ob die das erlauben", erwiderte Camille. Catherine sah Babette an und sagte:

"Ich lasse dich nur dahin, wenn du mir versprichst, dich nicht wieder mit Patricia zu zanken, Babette. Mayettes Schwester Béatrice will wohl nicht immer um dich rumlaufen."

"Die hat angefangen, Maman. Die meinte, daß die in Millemerveilles mir außer Licht an und Licht aus nichts beigebracht haben, ey", stieß Babette trotzig aus.

"Dafür mußtest du ihr nicht gleich rote Funken ins Gesicht schießen. Am besten läßt du deinen Zauberstab hier, damit du dich dran gewöhnst, nicht gleich damit auf andere einzuhexen."

"Patricia hat ihren doch auch", widersprach Babette.

"Ja, nur sie weiß aus Beauxbatons, daß sie in den Ferien nicht hexen darf", wußte Catherine die passende Antwort. "Denk daran, daß du nach den Ferien nach Beauxbatons gehst! Da solltest du dich nicht schon vorab mit dortigen Schülerinnen verkrachen."

"Tante Pattie ist locker drauf, Catherine", wandte Millie ein. "Die hat das was auch immer lief schon am Abend mit dem Unterzeug abgelegt."

"Die ist doch nur frustig, weil sie ihren Süßen nicht besuchen darf, weil dem seine Eltern nicht wollen, daß 'ne Hexe bei denen zu Besuch kommt", feixte Babette. "Und Eulen darf die dem auch nicht mehr schicken, nachdem die letzte halb gerupft zurückgekommen ist."

"Tja, warum die sich gleich einen Muggelstämmigen ausguckt", erwiderte Denise darauf kindlich unbekümmert. Julius grinste und sah Millie an, die zurückgrinste. Doch beide sagten kein Wort. Martha Andrews wandte sich an Denise:

"Es gibt Eltern, die finden das ganz interessant, daß ihre Kinder Zauberschüler sind und wollen auch deren Freunde kennenlernen. Andere mögen das nicht oder haben richtig Angst, weil die Schulkameraden vielleicht was anstellen können, was die Eltern nicht beheben können." Denise ging da erst auf, was sie da angestoßen hatte. Babette grinste nun auch wie Millie und Julius.

"Patricia kommt auch zum Schachturnier?" Fragte Julius.

"Stimmt, Pattie kommt heute aus dem Château rüber, weil Bruno sie und Oma Line offiziell eingeladen hat, wahrscheinlich um Madame Delamontagne zu ärgern", erinnerte sich Millie. Jeanne nickte bestätigend. Sie sagte dann noch, daß sie nach dem Frühstück gleich zu ihrem Haus apparieren wolle, um sich zu erkundigen, ob Bruno und ihre entfernte Schwiegertante Ursuline sich nicht gegenseitig niedergeflucht hatten, wenngleich Ursuline sehr umgänglich mit ihren Verwandten war.

Vier Eulen segelten von oben über dem Frühstückstisch herab. Sie schwenkten erst zum Haupthaus hinüber, drehten dann aber doch ab und glitten mit wenigen Flügelschlägen zum großen Tisch im Garten hinüber. Eine Schleiereule steuerte Martha Andrews an. Ein Waldkauz nahm Kurs auf Mildrid. Die beiden letzten Eulen, ein winziger Sperlingskauz und ein majestätischer Uhu flogen Julius an.

"Fast das ganze Spektrum der Eulengrößen", bemerkte Julius, als er zunächst den Briefumschlag vom winzigen Bein des Sperlingskauzes nahm, der daraufhin sofort wieder davonschwirrte. Der Brief stammte von Madame Delamontagne und war die gerade erst erwähnte Einladung zum Schachturnier. Die Zusage würde er dann wohl morgen im Rathaus abgeben. Er war bereits auf Spielstufe D eingeteilt, der höchsten im Turnier angesetzten.

"Huch, was ist denn das? Öhm, Moment mal", hörte er Millies Verwunderung und steckte die Turniereinladung in seinen tannengrünen Umhang. Er sah seine Frau an, die gerade den aus mehreren Pergamentblättern bestehenden Brief las. Sie blickte abwechselnd zu Madame Faucon und ihm. Dann sagte sie:

"Julius, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Aber guck bitte mal nach, was der Uhu dir gebracht hat!" Julius nickte und nahm dem großen Eulenvogel den Briefumschlag ab, der sich merklich dick anfühlte. Madame Faucon sah ihm dabei zu und nickte sachte. Florymont Dusoleil und Catherine Brickston tauschten einen kurzen Blick aus, womöglich auch ein paar mentiloquierte Worte. Julius öffnete behutsam den Umschlag, auf dem in smaragdgrün stand:

 

Monsieur Julius Latierre
Waldlandschaftszimmer
Haus Jardin du Soleil
Millemerveilles
Frankreich

 

Als Absender waren die Abteilung für magische Ausbildung und Studien, sowie die Behörde für magische Familienfürsorge und Gesellschaftsangelegenheiten angegeben. War das schon wieder wegen der frühen Ehe zwischen ihm und Mildrid? Nein! Denn dann hätte da sein Geburtsname stehen müssen. Immerhin hatte das Didier-Regime ja schon versucht, seine Ehe mit Mildrid für ungültig zu erklären, um ihn aus dem Schutz der französischen Staatsbürgerschaft zu lösen und ihn nach England ausweisen zu können. Er nahm den obersten Pergamentbogen aus dem Umschlag und las:

Sehr geehrter Monsieur Latierre,

gemäß einer Anfrage seitens Zaubereiminister Armand Grandchapeau, sowie der amtierenden Leiterin der Beauxbatons-Akademie für französischsprachige Hexen und Zauberer, Madame Olympe Maxime, wurde beschlossen, nach Sichtung Ihrer Zauberergrad-Prüfungsergebnisse (ZAGs) im Zuge der von Ihnen und Madame Mildrid Ursuline Latierre für Ihre Schule sowie die gesamte französische Zaubererwelt erbrachten Leistungen dahingehend zu beraten, ob die Zusatzregelung 2 des Familienstandsgesetzes aus dem Jahre 1720 zur Anwendung kommen möge, dernach mit Erlaubnis der Erziehungsberechtigten eines minderjährigen Mitgliedes der Magischen Gemeinschaft ein Gremium aus sechs Hexen und sechs Zauberern, die mit diesem Mitglied offiziellen oder privaten Umgang pflegen, darüber befinden mag, ob mindestens ein, höchstens zwei Jahre vor vollendung des siebzehnten Lebensjahres auf bereits erreichte Mündigkeit erkannt werden kann. Hierbei gilt es, die dem Gremium aus sechs Hexen und sechs Zauberern bekannten, eigens erlebten und/oder schriftlich bezeugten Leistungen, Charaktereigenschaften und Fähigkeiten zu bewerten und darüber zu befinden, ob eine vorzeitige Feststellung der Mündigkeit eher vorteilhafte oder nachteilhafte Auswirkungen auf die betreffende Person haben wird. Gelangt das Gremium, das ohne Benachrichtigung des zu prüfenden zusammentritt zur Erkenntnis, daß nicht vorzeitig auf Erlangung der Volljährigkeit erkannt werden sollte, verbleibt die zu prüfende Person in Unkenntnis dieser Zusammenkunft und wird erst mit der Vollendung des siebzehnten Lebensjahres die offizielle Volljährigkeit erhalten. Gelangt das zusammengetretene Gremium nach der Beratung zu der Überzeugung, daß eine vorzeitige Feststellung der vollen Mündigkeit vorteilhaft für den Prüfling ausfällt und bestätigt dies mit mindestens sieben von zwölf Stimmen, so erfolgt die amtliche Umwandlung des gesellschaftlichen Status des Prüflings von Minderjährig zu Volljährig, wobei der Tag nach der Feststellung als Beginn der Gültigkeit vorgeschrieben ist. Da das gemäß der Zusatzregelung 2 des Familienstandsgesetzes von 1720 einberufene Gremium am Abend des 19. Juli 1998 zu einer einstimmigen Feststellung gelangte, Ihre Volljährigkeit bereits bei Vollendung des sechzehnten Lebensjahres festzustellen, erfolgt gemäß der erwähnten Regelung diese Mitteilung an Sie.

Hiermit werden Sie, Monsieur Julius Latierre geb. Andrews, geboren am 20. Juli 1982 in der Entbindungsstation des St.-Grace-Hospitals zu London, Großbritannien, offiziell davon in Kenntnis gesetzt, daß Sie ab dem 20. Juli 1998 mit allen Rechten und Pflichten eines volljährigen Mitgliedes der magischen Gemeinschaft Frankreichs und in internationaler Übereinkunft von 1923 somit auch der globalen Zauberergemeinschaft ausgestattet sind und somit für Ihr weiteres Leben eigenverantwortlich entscheiden dürfen und die daraus erwachsenden Folgen eigenverantwortlich tragen müssen. Zeitgleich wird Ihnen mitgeteilt, daß die von Minister Grandchapeau und Madame Maxime angeregte Zusammenkunft mit einstimmigem Beschluß auch darüber befand, daß Ihre Angetraute, Madame Mildrid Ursuline Latierre, geboren am 25. April 1982 im Haus der Familie Hippolyte und Albericus Latierre zu Paris, Frankreich, ebenfalls die vorzeitige Volljährigkeit zuerkannt bekommen soll, die zeitgleich mit der Ihnen zuerkannten Mündigkeit in Kraft tritt. Wir gratulieren Ihnen, Monsieur Latierre, sowohl zur glücklichen Vollendung Ihres sechzehnten Lebensjahres sowie zur vorzeitigen Erlangung der Mündigkeit. Damit wird die bisher nur durch Erlaubnis Ihrer Eltern bzw. Erziehungsberechtigten für gültig erkannte Ehe zur rechtskräftig geltenden Ehe ohne Einschränkungen erklärt.

Wir wünschen Ihnen noch einen angenehmen Tag und einen erfolgreichen Weg in Ihr eigenständiges Leben als Zauberer!

 

Lucian Lagrange   Leiter der Behörde für magische Familienfürsorge und Gesellschaft

 

 

Cicero Descartes   Leiter der Abteilung für magische Ausbildung und Studien

 

Anlage: Eine vollständige Zusammenfassung der Beratungen und eine Liste aller dem Zwölferrat angehörigen Hexen und Zauberer mit Unterschrift

"Öhm, Moment mal", sagte nun Julius, während alle ihn und Millie beobachteten. Ihm fiel auf, daß seine Mutter sichtlich angespannt wirkte, Catherine ihn und Millie immer wieder anstrahlte und Madame Faucon sehr ernst auf ihn blickte, während Florymont ein Gesicht machte, als wisse er etwas, dürfe es aber nicht verraten. "Hier steht drin, daß sechs Hexen und noch mal so viele Zauberer vor ein paar Tagen zusammengekommen sind, um zu beraten, ob man mir und auch Millie schon mit sechzehn alle Rechte gibt, die wir sonst erst mit siebzehn bekommen würden. Da die Ratsmitglieder alle zusammen dafür gestimmt haben, bekamen wir jetzt die Mitteilung", faßte Julius den Brief zusammen. Madame Faucon nickte. Julius war sich sicher, daß sie in diesem Zwölferrat mit dringesteckt hatte. Er nahm die beigefügten Blätter und fand diese Annahme auf Anhieb bestätigt. In zwei Spalten getrennt las er die Liste der sechs Hexen und Zauberer, gegliedert nach dem gesellschaftlichen Rang, den sie erreicht hatten. So standen Madame Maxime und Zaubereiminister Grandchapeau zu oberst. Dann kamen Professeur Austère Tourrecandide und Professeur Alexandre Énas. Darunter wurden Professeur Faucon und Monsieur Cicero Descartes aufgeführt. Darunter wurden Madame Delamontagne und Monsieur Pierre erwähnt. Diesen folgten Heilerin Madame Matine und Zeremonienmagier Monsieur Laroche. Ganz unten, aber sicher nicht unwichtig standen die Namen Belle Grandchapeau und Florymont Dusoleil. Von allen hatte er auch schon einmal die Unterschrift gelesen und konnte somit erkennen, daß sie tatsächlich diesem Rat angehört hatten. Die Zusammenfassung schilderte auf drei Seiten Pergament den Grund der Beratung, die angeführten Punkte für und gegen eine vorzeitige Volljährigkeit, wobei Julius zwei Punkte dagegen fand. Zum einen fürchteten Madame Matine, Monsieur Dusoleil und Belle Grandchapeau, daß die Erlebnisse mit der Abgrundstochter in Zusammenhang mit dem Verlust seines Vaters, sowie die Erlebnisse im letzten Jahr ihn seelisch sehr belasteten und er daher besser in Ruhe auf die Erlangung seiner Volljährigkeit hinwachsen möge. Der andere Punkt war der, daß er mit vorzeitiger Feststellung der Volljährigkeit bereits nach den ZAGs mit der Schulausbildung aufhören könnte. Vor allem Professeur Énas und Professeur Tourrecandide bekundeten, daß dies ein großer Nachteil für ihn würde und es eindeutig klar sein müsse, daß er von sich aus bis zu den UTZs weiterlernte, was durch Madame Delamontagne, Professeur Faucon und Florymont Dusoleil eindeutig bestätigt wurde. Da dieser Rat auf zeitgleiche Zuerkennung von ihm und Millie ausging wurden auch Punkte erwähnt, die für und gegen Millies vorzeitige Volljährigkeit sprachen. Hier wurden ihre Rivalitäten mit Bernadette Lavalette und ihre Ansicht, nicht nur für's Lernen zu leben als bedenklich eingestuft. Da das mit Bernadette jedoch eher von dieser ausginge und Mildrid sich nur zur Wehr setze, zumal im Laufe des ZAG-Jahres klar erkannt werden konnte, daß dieses Mißverhältnis eher auf Julius Latierre abziele, wurde dieser Punkt als nicht ausschlaggebend verworfen. Allerdings wurden wie bei Julius Bedenken angeführt, daß Millie bei vorzeitiger Volljährigkeit die Schule abbrechen könne, sowie ohne um Erlaubnis bitten zu müssen ein Kind empfangen könne, sofern die Empfängnis außerhalb von Beauxbatons stattfände, eine Mutterschaft jedoch die abschließende Ausbildung erschweren könne. Hier verwies Madame Matine darauf, daß es in Beauxbatons schon einige volljährige und anständig verheiratete Hexen gegeben habe, die im letzten Schuljahr ein Kind getragen und geboren hätten und trotzdem in den ihnen möglichen Fächern vorzeigbare Ergebnisse erzielen konnten. Professeur Faucon wandte ein, daß gerade in ihren Schulfächern körperbeeinflussende Zauber zur Anwendung kämen und es den Schul- und den Heilerregeln nach verboten war, eine werdende Mutter mutwillig mit körperbeeinflussenden Zaubern zu belegen. Da Selbstverwandlungen jedoch im Rahmen des Freizeitkurses gelehrt werden konnten, wäre es in dieser Hinsicht möglich, daß die entsprechenden Lernnachweise vor dem siebten Schuljahr erbracht werden könnten und bereits als Punkte der praktischen UTZ-Prüfung berücksichtigt werden konnten, sofern eine volljährige, verlobte oder verheiratete Schülerin bereits ein Kind einplane. Julius versank förmlich zwischen den Zeilen des Protokolls. Er meinte schon, alle Ratsmitglieder ihre Begründungen und Gegenargumente sprechen zu hören. Erst als er ganz unten anlangte und alle zwölf Unterschriften im Feld für Ja fand, kehrte sein Bewußtsein in das Hier und Jetzt zurück.

"Du hast zugestimmt, steht hier", wandte sich Julius an seine Mutter. Diese nickte schwerfällig. "Deshalb hast du gestern so betreten geguckt, weil du wußtest, daß dieser Zwölferrat dafür gestimmt hat." Wieder nickte Martha Andrews. Millie sah Professeur Faucon und Florymont Dusoleil an und sagte:

"Ich weiß nicht, ob ich das wirklich verdient habe. Aber ich bedanke mich, daß Sie, Madame Faucon und du, Onkel Florymont, mich doch schon für erwachsen genug haltet, daß ich nicht schon morgen aus Beauxbatons rausgehe. Vor allem jetzt, wo mir die goldene Brosche zugeschickt wurde, wäre das ja Madame Maxime gegenüber ziemlich fies, einfach so schlußzumachen. Und meine Eltern und Verwandten möchten mir auch nur Helfen, irgendwo unterzukommen, wenn ich UTZs habe. Aber wie ich das hier lese haben manche Leute aus dem Zwölferrat auch Angst gehabt, Julius könnte ebenfalls schon nach den ZAGs schlußmachen wollen. Da waren die ZAGs von ihm wohl noch nicht bei allen rumgegangen, wie?"

"Das war eine Conditio sine qua non, Mildrid, daß wir überhaupt zusammenkamen, nämlich zu wissen, wie Eure ZAGs ausgefallen sind, um diese als Zeugnis für eure Lernbereitschaft und Talente anführen zu können", bemerkte Madame Faucon dazu.

"Was für eine Kondition?" Fragte Millie. Babette grinste sie an. Offenbar wollte sie auch wissen, was ihre Oma da schon wieder ausländisches erzählte. Die stellvertretende Schulleiterin von Beauxbatons sah jedoch Julius an und nickte ihm zu, wie sie es im Unterricht tat, wenn sie einem Schüler das Wort erteilte oder ihn befragte.

"Conditio sine qua non sagten die alten Römer, die Latein als ihre Sprache benutzten, wenn ohne eine bestimmte Grundbedingung was nicht gemacht oder beschlossen werden konnte. Wörtlich also: Bedingung, ohne die nicht... Beraten, gearbeitet, gekämpft oder geheiratet werden darf. In unserem Fall gab es da wohl mehrere Grundbedingungen, wenn ich das richtig lese. Meine Mutter und deine Eltern mußten zustimmen. Die ZAGs mußten auf dem Tisch liegen. Tja, und dann ging es wohl darum, ob wir beide zusammen für volljährig erkannt werden können oder nur einer. Falls nur einer, so wäre sie bei beiden nicht anerkannt worden. Binäre logik, ganz ja oder ganz nein, alles oder nichts. Habe ich das richtig erkannt?" Er sah Madame Faucon an. Diese nickte und lächelte. Babette machte nur "Häh?", während Denise ihre Eltern und ihre große Schwester ansah, weil sie hoffte, die könnten ihr das richtig erklären.

"Also, das heißt, wenn nur eine von diesen Bedingungen nicht erfüllt gewesen wäre, hätte der Rat nicht zusammentreten dürfen?" Fragte Millie.

"Ja, oder die vorzeitige Volljährigkeit hätte nicht zuerkannt werden können", ergänzte Madame Faucon. "Sicher wäre es möglich gewesen, einem von euch beiden die vorzeitige Volljährigkeit zuzuerkennen, was dann aber nachteilhaft für Eure weitere Partnerschaft ausgefallen wäre, egal wer die Zustimmung gefunden hätte."

"Ey, erklär mir das noch mal wer, was da jetzt abgeht. Ist Julius jetzt schon siebzehn Jahre alt und Millie auch oder was?" Mischte sich Babette ein. Julius sah Madame Faucon an. Diese schüttelte jedoch den Kopf. Dafür sprach Catherine:

"Julius ist vorgestern sechzehn geworden. Daran ändert sich nichts, Babette. Es ist aber so, daß Jungen und Mädchen nicht alle gleich schnell erwachsen werden. Die einen können mit fünfzehn schon klar erkennen, wie sie leben und arbeiten können. Die anderen hängen noch mit zwanzig einfachen Albernheiten nach, ohne sich zu fragen, ob das gut oder schlecht für sie ist. Um nicht jeden einzelnen andauernd prüfen zu müssen ist das so, daß bei uns in der Zaubererwelt mit siebzehn alles erlaubt ist, aber das dann auch verantwortet werden muß. In ganz wenigen Sonderfällen, wie du das jetzt mitgekriegt hast, kann eine Gruppe von Leuten, die sich gut auskennen und den oder die kennen, um den oder die es geht, herausfinden, ob jemand schon mit sechzehn alles darf, aber dann auch für alles, was er oder sie anstellt voll verantwortlich ist." Julius hörte bei "alles darf" ein verheißungsvolles Klingeln in seinem Kopf. Dann dürfte er doch ab heute beantragen, das Apparieren zu erlernen. Gut, das kam in der sechsten eh dran. Aber theoretisch durfte er das jetzt schon lernen. Er sah Millie an, die ihn anstrahlte wie er wohl gerade strahlte. Sie dachte wohl schon an einen anschwellenden Unterleib, eine Wiege und forderndes Geschrei. Als habe er mit dieser Vermutung die Wirklichkeit geschaffen klang der langgezogene Schrei eines Säuglings aus dem Haus. Sofort fiel ein zweites Wickelkind in den Lärm einn. Millie empfand dies aber wohl eher als Musik, weil sie noch fröhlicher dreinschaute. Das Geplärre hielt jedoch nur eine halbe Minute vor. Dann beruhigten sich die beiden Babys.

"Also ihr dürft jetzt alles machen, was Erwachsene machen dürfen", faßte Babette an Millie und Julius gewandt zusammen. Dabei umspielte ein verwegenes Lächeln ihre Lippen. Madame Faucon erkannte wohl, was ihrer Enkeltochter da in den Sinn kam und sagte:

"Das stimmt, ma Chere. Aber sie müssen dabei auch alles hinnehmen, was dabei passieren kann und können nicht sagen, daß sie das nicht gewollt oder gewußt haben. Außerdem gelten in Beauxbatons Schulregeln, die auch für volljährige Hexen und Zauberer gelten. Die verbieten bestimmte Sachen, auch wenn die betreffenden Schüler erwachsen sind. Damit du das jetzt schon weißt und ich nicht in die für dich wie mich sehr unschöne Lage gerate, dich in Beauxbatons zu maßregeln."

"Die kommt nicht zu dir rein, Blanche. Die kommt zu deiner Kollegin Pallas in den Stall", fühlte sich Madame L'eauvite dazu berufen, ihre Meinung zu äußern. Ihre jüngere Schwester funkelte sie dafür saphirblau an. Doch Babettes Großtante steckte das locker weg.

"Dann eher zu den Roten", schnarrte Madame Faucon. "Da könnte Professeur Fixus in Zusammenarbeit mit der neuen Saalsprecherin auf sie aufpassen."

"o ja, ich geh bei Mayette mit ins Schlafzimmer, wenn wir nach Beaux gehen", freute sich Babette.

"Na, da freu dich besser nicht zu sehr, Babette", bremste Millie Babettes Freudentaumel. Ich habe mit Mayette, Patricia und Tante Babs' beiden Mädels schon in einem Zimmer geschlafen. Das hältst du vielleicht eine Woche aus, aber nicht ein ganzes Jahr. Abgesehen davon, daß ihr dann wohl nicht die einzigen seid."

"Kriegen wir raus", erwiderte Babette.

"Was habe ich da gesagt", stöhnte Madame Faucon. "Babette, ich werde dich nicht weniger lieben, wenn du nicht in den von mir betreuten grünen Saal zugeteilt wirst. Aber ich hoffe doch sehr, daß du doch mehr von meinen Anlagen hast als von Tante Madeleines Fachsen."

Tja, Hoffnung steht über aller Einsicht", feixte Madame L'eauvite. Dann wandte sie sich an Julius. "Aber wenn meine gute Schwester und die mit ihr beratenden Damen und Herren dich schon für volljährig ansehen, dann darfst du ab vorgestern auch zaubern, nicht wahr?" Julius zwinkerte ihr zu. Natürlich war damit die Beschränkung erledigt. Aber auf ihm lag doch noch dieser Aufspürzauber, zumindest in Frankreich.

"Das zu bestätigen liegt nicht in deiner Kompetenz, Madeleine", knurrte Madame Faucon.

Zwei weibliche Schleiereulen segelten aus dem aufklarenden Himmel herab und landeten punktgenau vor Millie und Julius. Julius nahm seinen Brief, der von Madame Delamontagne stammte.

Sehr geehrter Monsieur Latierre,

ich schickte meine Eule an Sie, nachdem ich erfuhr, daß Ihnen die amtliche Bestätigung zugeschickt wurde, daß Sie rückwirkend zum 20. Juli zusammen mit Ihrer Gattin die vorzeitige Volljährigkeit zuerkannt bekamen. Da ich, wie Sie sicherlich gelesen haben, zu den zwölf Beratenden gehörte, die darüber zu befinden hatten und es sich am Morgen des 19. Juli abzeichnete, daß Madame Maximes und Minister Grandchapeaus Antrag mit der nötigen Mehrheit angenommen würde, habe ich in Zusammenarbeit mit Monsieur Dusoleil, seiner Gattin Camille und den Familien Eauvive und Latierre erwogen, Ihnen und Ihrer Frau eine Ihnen alleine verfügbare Wohnstatt anzubieten, für deren Einrichtung Monsieur Dusoleil seine ganze Kompetenz in die Waagschale geworfen hat. Sie erhielten gestern Nachmittag bereits die passenden Schlüssel, die jedoch erst an Ort und Stelle verfügbar sein werden. Zuzüglich gilt es, die mit der Anerkenntnis Ihrer Volljährigkeit hinfällig werdende einschränkung Ihrer Magischen Aktivitäten aufzuheben. Für letzteres bitte ich Sie beide um halb zehn zu mir in mein Arbeitszimmer im Rathaus von Millemerveilles zu kommen. Dort werde ich sie auch fragen, ob Sie damit einverstanden sind, ab heute zur vollwertigen Gemeinschaft von Millemerveilles zu gehören. Sie haben die Wahl, dieses Angebot abzulehnen, was jedoch nicht bedeutet, daß die Ihnen zur Verfügung gestellte Wohnstatt damit hinfällig würde. Sie würde dann nur an einen Ort Ihrer Wahl versetzt. Allerdings möchte ich, ohne Sie übermäßig zu beeinflussen, nicht verhehlen, daß ich mich sehr freuen würde, wenn Sie unser Angebot annehmen und mit Ihrer Gattin in unsere Gemeinde einziehen und dort mit allen Rechten und Pflichten leben mögen.

Ich erwarte Sie beide also um halb zehn bei mir.

Mit freundlichen Grüßen

 

Eleonore Delamontagne Sprecherin des Dorfrates von Millemerveilles

 

Millie zeigte Julius ihren Brief. Er war von der Anrede abgesehen identisch mit dem, den Julius erhalten hatte.

 

Tja, in einer Stunde sollen wir da sein", faßte Millie zusammen.

"Madame Delamontagne schreibt, Sie hätten uns ein Haus oder was entsprechendes eingerichtet, Monsieur Dusoleil. Ist das ein festes Haus oder ein Reisehaus von den Varancas?"

"Kommt darauf an, ob ihr das Angebot des Dorfrates annehmen oder ablehnen möchtet, Julius. Wenn ihr annehmt, wird es ein festes Haus mit allem nötigen, auch Flohnetzanschluß. Wenn ihr anderswo hinziehen wollt schrumpfe ich es ein und bringe es dort fest unter, wo ihr es haben wollt, vom Château Tournesol oder Florissant abgesehen. Unsere in diesen Häusern wohnhaften Verwandten würden sich beleidigt fühlen, wenn ihr euer tragbares Haus mitbrächtet, wenn sie noch so viele freie Räume haben."

"Mit allen Rechten und Pflichten", wiederholte Millie einen Auszug aus dem Brief. "Das heißt dann aber auch, daß wir uns dann dem Heiler oder der Heilerin anvertrauen müssen, der oder die in der Nähe unserer Adresse arbeitet, richtig?"

"Wenn du meinst, daß du dir für euer Kind eine andere Hebamme als Hera wünschst oder mit ihr leben müßtest, wenn du hier wohnst, Millie, dann weise ich mal darauf hin, daß ich nicht in Millemerveilles wohne und Raphaelle Montferre in Avignon ja auch eine Heilerin und Hebamme gefunden hätte", wandte Catherine ein. Aurora sah sie und dann Millie an:

"Kennst du Madame Matine, Millie?" Diese nickte bestätigend. Dann sagte sie, daß diese wohl Krach wegen ihrer Oma väterlicherseits angefangen hatte. "Achso, und du möchtest eine, die deinen Vater und damit dich indirekt ablehnt nicht an deine privaten Körperteile ranlassen, geschweige denn dir von ihr erzählen lassen, wie du mit deinem Körper und allem was darin ist oder daraus hervorgeht umzugehen hast." Madame Faucon räusperte sich und deutete auf die Kinder. Doch Catherine und Camille wehrten diese Geste mit einem energischen Kopfschütteln ab. Aurora Dawn erhielt von Millie ein zustimmendes Nicken. Julius sah seine Frau an und sagte:

"Vielleicht ändert die ja ihre Meinung von euch, wenn wir hier wohnen und sie die Wahl hat, Tante Trice oder Schwiegeroma Lutetia das Feld überlassen zu müssen." Dann fragte er Aurora, wie das bei ihr in Sydney liefe. Diese erwähnte, daß sie das Vertrauen der ganzen Hexenmütter in der Umgebung erworben habe, weil sie keinen Unterschied mache und sie Hera nicht verstehen könne, warum sie nur wegen einer Zwergin in der näheren Ahnenreihe so abfällig sein sollte. "Vielleicht kläre ich das mal mit ihr von Kollegin zu Kollegin", bot sie noch an. Millie überlegte kurz und nickte dann.

"Im zweifelsfall kriege ich das erste Baby in Beauxbatons. Madame Rossignol kann das ja auch."

"Nur, wenn Sie sich an die bestehenden Verhaltensregeln halten", knurrte Madame Faucon. "Abgesehen davon dürften Sie dann nicht mehr in Ihrer Saalmannschaft mitspielen. Das hat Ihre Schwester Ihnen sicher brühwarm berichtet."

"Stimmt, das hat sie", bestätigte Millie überlegen lächelnd. Julius wußte, warum sie so lächelte. Falls im übernächsten Schuljahr wo auch immer ein neues trimagisches Turnier stattfand, würde Schulquidditch eh ausfallen. Madame Faucon funkelte Millie und ihn zwar erst an, mußte dann aber wohl erkennen, warum die beiden so überlegen aussahen. So sagte sie nichts mehr.

"Also, auch wenn Kevin gestern getönt hat, man würde mich hier festlegen wollen, wüßte ich nicht, warum ich nicht in Millemerveilles wohnen möchte. Hier ist es schön ruhig. Die Luft ist schön sauber. Ich muß nicht aufpassen, ob mir nicht der Zauberstab ausrutscht. Ich kann hier laufen, Quidditch spielen, im See der Farben baden, die grüne Gasse umpflügen und abends im Musikpark musizieren oder tanzen."

"Aber nur, wenn es nicht regnet", lachte Camille. Doch ihr Gesicht strahlte mit der Sonne um die Wette, die wie ein großer, weißgelber Ball im Osten am nun immer blauer leuchtenden Himmel emporkletterte.

"Ich habe es dir gestern gesagt, Julius, auch wenn er dein Freund ist hat Kevin keine Ahnung, was mit uns und den anderen hier läuft und sollte daher nicht reinquatschen. Achso, der und die anderen reisen ja gegen neun ab", erwiderte Millie.

"Stimmt, da sollten wir vorher hin", sagte Julius.

"Ich habe den Regenbogenprinzen rübergeholt", sagte Jeanne. "Auf dem kommen wir alle schnell zur großen Wiese rüber."

"Ich wollte eigentlich, daß Martha ihrem Sohn zeigt, wie gut sie schon fliegen kann", wandte Madame L'eauvite ein. Madame Faucon meldete auch an, daß sie Babette noch einmal eigenständig fliegen sehen wollte. Doch Camille und Catherine versicherten, daß sowohl die Beauxbatons-Einschulkandidatin wie auch die durch ein seltenes Ritual zur Hexe gewordene Martha Andrews ihre Flugkünste ausgefeilt hatten.

So versammelten sich alle nach dem Frühstück auf der Landewiese, wo Jeanne den von ihrer Großmutter Aurélie geerbten, persischen Flugteppich ausrollte, der seinem Namen entsprechend in allen Farben des Regenbogens glänzte. Auf ihm hatten bis zu zwölf erwachsene Menschen Platz, wußte Julius. Uranie Dusoleil gesellte sich mit den beiden Säuglingen Philemon und Chloé hinzu und bekam einen Platz in der Teppichmitte. Jeanne saß vorne. Julius zwischen Millie und seiner Mutter. Dann ging es los. Wie eine Fahrstuhlkabine hob der Teppich ab, stieg ohne Ruckeln oder sich schräg zu legen nach oben und glitt dann nach vorne, wobei er sanft an Fahrt gewann. Er folgte Jeannes in Altpersisch gegebenen Befehlen und schwenkte grazil in Richtung Zentralteich um. Es war kein Flugwind zu fühlen. Dieser wurde Dank diverser, eingewebter Zauberzeichen um die Passagiere herumgelenkt. So konnte der fliegende Teppich mit mehr als zweihundert Stundenkilometern dahinbrausen, ohne daß seine Reiter unterkühlten oder vom Wind nach hinten geschoben herunterfielen. So konnte der bunte Zauberteppich die Strecke zur großen, umpflanzten Wiese in wenigen Minuten zurücklegen.

"Da wird Kevin komisch kucken, wenn wir auf einem Flugteppich anrücken", wisperte Julius seiner Frau zu.

"Jeanne erzählte mir, daß diese Flugteppiche eigentlich nicht verkauft werden dürfen, weil sie westlichen Artefaktbestimmungen nach nicht zu bezaubernde Gegenstände seien", sagte Martha.

"Stimmt, da gab es vor vier Jahren einen Tumult, weil Ali Bashir, ein ägyptischer Teppichknüpfer, seine fliegenden Teppiche nach England hineinschmuggeln wollte", erinnerte sich Florymont Dusoleil. "Die Teppiche wurden beschlagnahmt und Ali Bashir wegen unerlaubter Einführung unzulässiger Zaubergegenstände zu einer schwindelerregenden Geldstrafe verurteilt."

"Immerhin darf ich jetzt offiziell auf diesem bunten Bodenschmuck mitfliegen", sagte Martha Andrews.

"Wie erwähnt, Martha, ich hätte dir deinen Besen zwischen die Beine gefädelt, damit du uns und deinem Sohn zeigst, daß du auch fliegen kannst", wandte Madame L'eauvite ein. "So'n Teppich ist doch nichts für lebhafte Hexen, eher was für gemütliche Familienausflüge."

"Ach ja?!" Rief Jeanne. "Das klären wir, wenn wir nachher unterwegs sind, Madeleine", fügte sie hinzu. Julius wunderte sich, daß Jeanne Madame Faucons Schwester duzte. Dann erkannte er, wie lächerlich dieser Gedanke war. Immerhin hatte Madame L'eauvite hier über ein halbes Jahr gewohnt. Ihr Ehemann hatte das wohl locker weggesteckt, daß sie für länger in Millemerveilles war oder hatte selbst genug um die Ohren. Oder der war mal froh, daß seine Frau wen anderen betüddeln durfte. Doch das ging ihn alles nichts an, wenn ihn keiner da mit hineinzog, erkannte er. Dann kam ihm zu Bewußtsein, was da heute mit ihm und Millie passierte. Ab heute mußten sie zwar keinen mehr fragen, ob sie dieses tun oder jenes lassen sollten. Aber dafür würden sie alle, die für seine bisherige Ausbildung zuständig waren, noch mehr darauf drängen, daß er ja seinen Weg in die Zaubererwelt erfolgreich beschritt. Vielleicht hatte Kevin doch irgendwo recht, und er wurde bis jetzt mal klar und mal klammheimlich in eine bestimmte Richtung gelotst. Doch Kevin wußte ja längst nicht alles von ihm. Wenn der gewußt hätte, daß Julius ein schweres Erbe angetreten hatte und noch dazu von einem Kniesel und einer geflügelten Kuh mit dem Geist einer alten Erzmagierin beratschlagt wurde, würde der erst recht verzweifeln. Dabei fiel ihm ein, daß, wenn sie ihn und Millie in Millemerveilles haben wollten, er dann auch Goldschweif in die Ferien mitnehmen konnte. Es wunderte ihn, daß Madame Maxime ihn noch nicht angeschrieben hatte.

Als der zwölf Meter hohe Fliegenpilz klar vorauslag gönnte Jeanne sich und ihren Mitreisenden noch ein paar schnelle Flugfiguren wie Achten, Spiralen und Dreiecke. Erst dann ließ sie den Regenbogenprinzen landen. Wie Julius erwartet und erhofft hatte stand Kevin mit vor Staunen weit offenem Mund da. Brittany Forester nickte Jeanne zu, die von dem Teppich heruntertrat.

"'n arabischer Bettvorleger, ich fass' es nich'", gab Kevin von sich, als alle von ihrem geknüpften Fluggerät herunter waren.

"Persisch, Kevin. Der Zauberer, der den geknüpft und bezaubert hat kommt aus dem Iran", berichtigte Julius den früheren Schulkameraden.

"Also ich verstehe, warum du so gerne hier wohnst, Julius. Du kriegst echt 'ne Menge geboten hier", erkannte Kevin. Julius überlegte, ob er mit der Nachricht des Tages, wenn nicht sogar des ganzen bevorstehenden Lebens rausrücken sollte. Doch dann dachte er, daß Kevin dazu bestimmt wieder einen dummen Spruch ablassen würde und ließ es bleiben, um die anstehende Verabschiedung nicht noch bitterer zu machen, als sie auch so schon sein mochte. Millie erkannte wohl, daß sie Kevin nicht mit dieser Neuigkeit kommen sollte und hielt sich an die Porters und Redliefs, während Julius mit Brittany und Kevin sprach und Kevin eine reibungslose Rückkehr nach Hogwarts wünschte und Brittany viel Erfolg für die neue Saison.

"Millie und du kommt doch rüber, oder? Am fünften August geht's gegen Mels Lieblingstruppe. Mom und Dad halten euch Bestimmt gerne wieder die beiden Zimmer frei."

"Das müssen wir noch klären, Britt. Am achtundzwanzigsten ist der Sommerball, und am vierzehnten August sind Millie und ich ja schon zur Quidditchsaisoneröffnung eingeladen", sagte Julius.

"Wenn wir das zwei Tage vorher wissen geht das noch klar", sagte Brittany. Dann umarmte sie Julius fest und zwinkerte Millie zu, die gerade mit Pina und Gloria sprach. "Jetzt hast du meine Größe erreicht, Julius. Jetzt brauche ich mich nicht mehr zu dir runterbücken." Sie gab ihm die zwei hier üblichen Wangenküsse und ließ dann erst von ihm ab.

"Mit der Braut wäre wohl auch was gegangen", meinte Kevin zu Julius, als Brittany zu Millie hinüberging.

"Tja, aber die kann noch besser austeilen und einstecken als ich, Kevin."

"Und die ißt Kaninchenfutter", knurrte Kevin. "Nur Grünzeugs. Das ist doch nichts für'n anständigen Mann."

"Deshalb ißt sie das ja und nicht du", konterte Julius. Kevin stutzte erst, dann verstand er den Witz in Julius Antwort.

"Gloria will wohl gleich mit der sechsten weitermachen. Pina und ich fangen noch mal mit der fünften an, haben wir gestern abend noch bequatscht. Ich hoffe, trotz der ganzen guten Ratschläge von denen allen hier kommst du auch mal zu was, was dir selbst Spaß macht. Wir schreiben uns dann, wenn Hogwarts wieder anfängt."

"Grüße deine Eltern von mir, Kevin. Und Gwyneth, unbekannter Weise."

"Die kommt übermorgen zu Besuch, will wissen, wie das in Thorny war. Denkst du, ich sollte der von Myrna erzählen?"

"Ich kenne deine Cousine nicht. Deshalb weiß ich das nicht", erwiderte Julius. Kevin nickte ihm zu. Dann wandte er sich Millie zu, die nun auf ihn zukam.

"Kommt gut nach Hause", wünschte er Pina und Olivia. Dieser gab er noch mit: "Und bestell Addy Moonriver einen schönen Gruß von mir!"

"Wenn der nach Hogwarts zurückkommt", schnarrte Olivia. Pina verabschiedete sich von Julius auf die hiesige Art und überließ ihn dann Gloria und ihren Cousinen. Myrna flüsterte ihm noch zu:

"Danke, daß du und die grüne Kräuterhexe mir die Gelegenheit klargemacht habt, mit Kevin zu reden. Sollte wohl nicht sein." Dann war Melanie an der Reihe.

"Britt will dir wieder ihren blauen Wolkenreiterumhang überziehen. Falls du das auch willst sehen wir uns dann ja, wenn ihre Mannschaft gegen die Ravens verliert."

"Oder umgekehrt", erwiderte Julius.

"Diesmal nicht, Julius. Die dicke Gildfork und ihr zahmer Goldesel haben ein paar gute Leute für die Mannschaft kriegen können. Da muß Britt sich warm anziehen und Venus am besten auch."

"Gute Leute, Mel? Ian McKarthy ist beim Testspiel gegen den Pot gedonnert und Boris Morovitch hat in der letzten Saison bei den Bugbears nur auf der Ersatzbank gehockt. Die haben die Gildforks voll verladen. Aber die haben eh zu viel Gold. Sie eine einzige hohle Blase purer Dekadenz und er ein Trottel, der sofort Männchen macht, wenn sie mit den Augen rollt", stieß Brittany verächtlich aus.

"Immerhin haben wir Morovitch, Britt. Paß besser auf, wenn der abhebt. Dann ist der Quod nämlich schon in eurem Pot."

"Das werden wir ja sehen, Mel", schnarrte Brittany. Julius grinste nur und sagte, daß er schon gerne noch mal rüberfliegen würde, jetzt, wo die apparierende Brutkönigin nicht mehr da sei.

"Wir gucken, was noch so geht", erwiderte Julius. Dann verabschiedete er sich von Gloria und wünschte ihr genug Durchhaltevermögen, um wieder in Hogwarts reinzukommen.

"Malfoy und Genossen sind jetzt abgemeldet, Julius. Bin gespannt, wen sie als neuen Lehrer für Verteidigung gegen dunkle Künste und für Muggelkunde anstellen. Und vielleicht kriegen wir auch einen neuen Verwandlungslehrer, wenn McGonagall nur noch Schulleiterin ist."

"Auf jeden Fall viel Glück, Gloria!" Wiederholte Julius seinen Wunsch von vorhin. Dann sah er zu, wie eine fliegende Reisekutsche die Gäste aufnahm und davonflog. Monsieur Dusoleil prüfte, ob noch etwas im Pilzhaus war, daß die Besucher vergessen haben mochten. Als dort nichts mehr war, machte er von außen noch einige Zauber, daß sich das Haus selbst reinigte. Als nach fünf Minuten Rauschen und Schrubbgeräuschen Stille eintrat, schrumpfte der Fliegenpilz innerhalb von zwei Sekunden auf wenige Zentimeter zusammen. Nun sah er so aus wie sein natürliches Vorbild. Julius sah den tiefen Abdruck im Gras. Doch Camille war schon mit handlichen Gartenzaubern dabei, die Wiese zu entkratern. "Repleno!" Hörte er sie rufen. Sofort füllte sich die tiefe Kuhle von außen nach innen mit Gestein und Erdreich. Camille streute dann mit "Fertilihumus!" noch frische Erde dazu und warf eine Handvoll pulverartiges Saatgut auf die planierte Stelle. "Herbacresco!" Rief sie, worauf ein grasgrünes Leuchten aus ihrem Zauberstab auf den Boden fiel. Innerhalb von einer halben Minute war nicht mehr zu sehen, wo mal das Haus der Varancas gestanden hatte. Frisches Grün wiegte sich im Sommerwind.

"Für kleine, schnellwüchsige Kräuter und Gräser ist das der beste Wachstumsanreger", bemerkte Camille, weil Julius ihr genau zugeschaut hatte.

"Schön, jetzt kann Temmie hier wieder grasen", erwiderte Julius frech.

"Ich denke, sie würde sich alleine hier langweilen. Ach ja, ihr wolltet ja zum Rathaus, nicht wahr?"

"Hmm, Moment." Julius prüfte, ob er alles mithatte, was er für wichtig hielt. Da kam Madame Faucon mit Millie zusammen und sagte: "Es ist dem Anlaß vielleicht angemessener, wenn ihr beiden Festgarderobe tragt. Könnte immerhin sein, daß Madame Delamontagne unseren Beschluß in die Zeitung bringen möchte."

"Dann rede ich mich wieder darauf raus, keine Aussagen machen zu dürfen", erwiderte Julius. Doch Madame Faucon schüttelte den Kopf.

"Offenkundig enthüllt es sich dir erst langsam, was das heißt, volljährig zu sein. Du kannst dich nicht mehr hinter Anweisungen von Eltern oder Erziehungsberechtigten verstecken, sondern mußt alles, was du tust aus eigener Überlegung tun und begründen. Vielleicht hält sich die gute Eleonore mit Zeitungsnachrichten noch zurück, bis sie weiß, ob ihr bei uns wohnenbleiben möchtet oder nicht. Aber das mit der Festgarderobe sollte schon sein."

"Dann müssen wir wohl schnell zurück", sagte Millie. Julius blickte auf seine Uhr. Zurückfliegen, umziehen, zum Rathaus flohpulvern oder fliegen in nur fünfzehn Minuten? Madame Faucon schien seine Gedanken erfaßt zu haben. Sie rief Jeanne und Florymont herbei. Keine zehn Sekunden später fühlte Julius, der sich bei Florymont festhielt, das so unangenehme und doch für ihn so begehrenswerte Gefühl des Zusammenstauchens in einem finsteren, jeden Laut unterdrückenden Durchgang. Begehrenswert? Ja, nicht wegen des Gefühls, sondern wegen der damit zusammenfallenden Möglichkeit, innerhalb eines Augenblicks über mehrere Dutzend Kilometer, wenn nicht sogar über einen Ozean hinweg den Standort zu wechseln.

"Millie, die von Jeanne Seit an Seit mitgenommen worden war, winkte Julius hinter sich her und eilte ins Haupthaus, nachdem Florymont die Tür mit seinem Zauberstab geöffnet hatte.

Einige Augenblicke waren sie nun alleine im Flur zwischen den Gästezimmern. Sie sahen sich an und standen sich gegenüber. Es dauerte zehn Sekunden, bis Julius das Schweigen brach. "Ich hoffe, daß du mit dieser neuen Lage gut klarkommst. Nichts wäre mir unangenehmer, als daß du meinetwegen Krach mit wem auch immer bekämst. Du mußt nicht zustimmen, in Millemerveilles zu wohnen, wenn du wegen Madame Matine oder der Gegend oder sonst was keine Lust hast. Ich ziehe auch gerne mit dir zu deinen Tanten und Cousinen ins Sonnenblumenschloß ein, falls dir das lieber ist."

"Ich soll mit dir da hinziehen, wo meine Eltern da nicht wohnen wollten, Monju? Als Besucherin bin ich da gerne. Aber was ich Babette über Mayette und die anderen gesagt habe stimmt, auch wenn wir in den letzten Jahren doch eigene Zimmer hatten. Nein, ich finde es hier shön. Kann zwar mal langweilig werden. Aber vielleicht sind wir zwei mal ganz froh, aus dem ganzen Trubel da draußen rauszukommen. Und abgesehen von deiner Pflegehelferausbilderin habe ich einen Grund, hier hinzuziehen, den ich dir bisher nicht verraten habe. Du weißt, daß damals viele meiner Vorfahren von Sardonia und ihren Mörderschwestern gejagt und umgebracht wurden. Martine hat das mal erwähnt, daß sie dieser alten Sabberhexe gerne eins auswischen und da, wo die gelebt hat, neue Latierres hinpflanzen will, wenn sie wen hat, der ihr die Saat ins Beet streut. Mogel-Eddie hat es ja verzockt. Aber wenn die uns beiden hier ganz ohne uns was dafür abknöpfen zu wollen ein Haus mit Grundstück hinstellen und sagen, daß wir hier wohnen und wachsen dürfen, wäre ich total bescheuert, das abzulehnen, Monju, nicht nur wegen der Genugtuung, die Latierres wieder in Millemerveilles anzusiedeln, sondern auch, weil ich mir Martines gehässige Kommentare nicht anhören will, daß ich die Gelegenheit verschenkt hätte, die sie gerne gehabt hätte. Gut, du wärest ja fast mit ihr zusammengekommen. Na ja, sollte ja nicht so sein. Aber ich wäre echt bescheuert, nein zu sagen, wenn die mich fragen, ob ich hier leben und eine Familie haben möchte. Und du willst doch auch nicht woanders wohnen. Du wohnst ja doch schon seit vier Jahren, mal bei den einen, mal bei den anderen. Aber wohnen tust du doch wirklich schon hier. Was die jetzt machen ist nur, daß sie dir einen eigenen Platz geben. So, und jetzt zieh dir deinen Festumhang an, Monju!"

"Wie Mylady wünschen", erwiderte Julius vergnügt grinsend. Er betrat das Waldlandschaftszimmer. Nach nur zwei Minuten trat er im weinroten Festumhang heraus. Millie kam ihm schon in einem meergrünen Festkleid entgegen. Ihre Haare hatte sie wieder hinter dem Nacken in eine Spange gezwengt. Sie begutachtete ihn wie Gloria, strich ihm kurz das hellblonde Haar zurecht und hakte sich rechts bei ihm unter.

"Hast du das geheimnisvolle Schlüsselbund?" Fragte Millie. Julius klopfte auf die rechte Innentasche seines Umhangs.

Draußen nahm Jeanne Millie wieder in Empfang, während Florymont Julius den Arm zum Seit-an-Seit-Apparieren anbot.

Noch einmal fühlte sich Julius wie in einem viel zu engen Gummirohr, daß ihm alles zusammenstauchte. So ähnlich hatte sich das in der ersten in sein Denkarium eingelegten Erinnerung auch angefühlt, nur daß es länger dauerte, dachte er. Da entstand auch schon die Welt um ihn herum neu.

"Wird wohl das lezte Mal sein, daß dich wer so mitnehmen muß, nicht wahr, Julius?" Fragte Florymont vergnügt.

"Nächsten Sommer kann ich das auch", erwiderte Julius vorfreudig.

Sie standen vor dem Rathaus. Die große Uhr auf dem kleinen Turm im Dach zeigte noch fünf Minuten bis halb zehn. Florymont und Jeanne wünschten den beiden viel Vergnügen. Dann waren die beiden Dusoleils einfach fort.

"Wird das jetzt unser wichtigster Weg, oder war es die Hochzeit?" Fragte Julius.

"Das hängt davon ab, ob wir beide es schaffen, das ganze Leben miteinander auszuhalten. Aber ich bin da sehr zuversichtlich. Ich habe das schon gespürt, als wir uns vor dem Arithmantikraum zum ersten Mal begegnet sind. Und das mit Ma und Pa hält noch, und das mit Oma Line und Opa Roland hat auch ein Leben lang gehalten und würde wohl noch, wenn der eigene Bruder nicht so ein eifersüchtiges Stück Dreck gewesen wäre", schnaubte Millie. Julius zwang sich, keine Erwiderung zu machen. Er hatte Millies leiblichen Großvater Roland in einer Lage nacherlebt, die diesen nicht gerade sympathisch hatte rüberkommen lassen. Sicher, durch dessen Verhalten war Hippolyte und damit auch Millie in die Welt gekommen. Doch vielleicht wäre Millie auch als schwarzhaarige mit saphirblauen Augen seine Frau geworden. Allerdings hätte sie dann andere Eigenschaften gehabt. Doch er kannte Catherine und stellte fest, daß wenn Millie Madame Faucons Enkeltochter geworden wäre, er genausogut mit ihr hätte zusammenleben können. Doch Vielleicht wäre sie dann zunächst wie Bernadette gewesen ... Nein, an die wollte er jetzt ganz bestimmt nicht denken. So schritt er auf das Eingangsportal des Rathauses zu. Hierher würde er in zwei Tagen zurückkehren, um erneut am Schachturnier teilzunehmen.

Es war ein Déjà Vu, fand Julius. Dieser Weg über den blau-weiß-roten Marmorboden, die Treppe hinauf in den Ersten Stock, dann nach Links durch den Gang mit dem hellen Teppich, der an verschiedenen Türen vorbeiführte, deren Schilder verkündeten, wer dahinter arbeitete. Vor einem Jahr war er ihn schon einmal mit Millie gegangen. Damals hatten sie noch ihre Eltern um Erlaubnis bitten müssen, einen wichtigen Schritt zum Leben zu tun. Jetzt gingen sie alleine bis vor das Sprechzimmer Madame Delamontagnes. Julius klopfte an. Nach einer Viertelminute erklang der Ruf: "Herein!"

Madame Delamontagne thronte hinter dem wuchtigen, hellen Schreibtisch. Diesmal standen nur drei Stühle auf der Seite der Eingangstür. Außer der in dunkelblauem Kleid mit goldenen Verzierungen steckenden Ratssprecherin befand sich noch ein grauhaariger, vollbärtiger Zauberer in diesem Raum. Er trug diesmal einen lindgrünen Umhang und auf dem Kopf einen walnußbraunen Zylinder. Das war der Zeremonienmagier Laroche, der für Hochzeiten und Beerdigungen zuständig war.

"Guten Morgen, Madame Delamontagne, Monsieur Laroche", begrüßte Julius die beiden. Millie schloß sich ihm an. Sie warteten höflich, bis ihnen zwei der freien Stühle angeboten wurden. Als sie saßen sagte Madame Delamontagne mit feierlicher Betonung:

"Es freut mich sehr, Ihnen als die erste, amtshandelnde Hexe in Ihrem neuen, eigenständigen Leben gegenübertreten zu dürfen, Madame und Monsieur Latierre. Es ist gerade ein Jahr und zwei Tage her, wo ich Sie beide hier begrüßt und vor Ihren Eltern gefragt habe, ob Sie wahrhaftig bereit seien, den gemeinsamen Weg durchs Leben zu gehen. Und heute treffen wir uns wieder. In Ihrer Abwesenheit wurde beschlossen, daß Sie beide bereits mit vollendeten sechzehn Lebensjahren genug geistige Reife erlangt haben, um das Leben erwachsener Mitglieder der Zauberergemeinschaft zu führen. Ich sehe, daß Sie diese Enthüllung wohl noch bewältigen müssen, aber bereits anerkennen, daß Sie heute einen wichtigen Tag erleben. Sie haben hoffentlich beide das an Sie gerichtete Schreiben vollständig gelesen." Millie und Julius nickten. "Sehr schön. Dann wissen Sie ja, daß Sie ab dem zwanzigsten Juli alle Rechte, aber auch alle Pflichten der magischen Gemeinschaft haben. Das heißt, Sie können sich Ihre Unterkunft, Ihren Beruf und Ihre Freizeitgestaltung aussuchen. Sie sind aber auch gehalten, zum gedeihlichen Miteinander innerhalb der magischen Gemeinschaft beizutragen, jeeden Erwerb, den sie erzielen, zu einem kleinen Teil der magischen Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen und mit allem Wissen und Können zu helfen, daß wir nach der zwar kurzen, aber doch viel zu langen dunklen Ära des wahnhaften Zauberers, dessen Namen die meisten nicht zu nennen wagen, wieder friedlich miteinander leben. Das schließt auch ein, daß Sie beide, wenn Sie nach der Eheschließung auch eine Familie gründen werden, Ihren Nachwuchs zum friedlichen Miteinander erziehen und ihm die bestmögliche Ausbildung gewähren mögen. Monsieur Laroche, der Ihnen ja hinlänglich bekannte Zeremonienmagier, wird gleich eine seltene, dennoch sehr erhabene Amtshandlung an Ihnen beiden vollziehen. Wie Sie ja wissen, vermögen die Beamten im Büro zur vernunftgemäßen Beschränkung der Magie, Jeden von Ihnen ausgeführten Zauber zu bestimmen und zu orten. Wie dies geschieht ist ein ministerielles Geheimnis. Nur so viel. Diese Spur heftet sich jedem magisch begabtem Menschen an, wenn er oder sie eine Zauberschule betritt und dort willkommengeheißen wird. So widerfuhr es Ihnen, Monsieur Latierre, als Sie als Julius Andrews nach Hogwarts kamen und erhielt sich auch, als Sie auf die Beauxbatons-Akademie wechselten. Durch die Änderung Ihres Nachnamens und der magischen bekräftigung des Eheschlusses wurde die für unser Land gültige Überwachung umgestellt. Doch wenn Sie jetzt bereits die vollen Lebensrechte erwachsener Zauberer und Hexen beanspruchen dürfen, heißt das nun auch, daß Sie die Ihnen bereits bekannten Zauberstücke frei von jeder Beschränkung ausüben dürfen. Ich möchte nur eine Frage beantwortet haben, die Madame Maxime und Professeur Faucon an mich richteten: Tragen Sie beide sich damit, Ihre Schulzeit in Beauxbatons bis zu den UTZ-Prüfungen fortzusetzen?" Millie sagte sofort, daß sie dies tun wolle. Julius bekräftigte seinerseits, daß er auch bis zu den UTZ-Prüfungen weiterlernen würde. Immerhin gebe es noch so viele Zauber, die er noch nicht könne und das gerade jetzt, wo er gelernt hatte, wie wichtig es sei, so viel wie möglich zu kennen und zu können, weiterlernen wolle. "Das wird Madame Maxime und Professeur Faucon erfreuen", sagte Madame Delamontagne. "Unabhängig von der Antwort wird MOnsieur Laroche nun die Spur von Ihnen nehmen. Nur amtliche Zeremonienmagier mit ministerieller Anweisung können und dürfen dies tun. Monsieur Laroche, ich bitte Sie nun, Ihres Amtes zu walten." Julius mußte einen Moment an Filme denken, wo nach den letzten Worten eines zum Tode verurteilten der Richter dem Henker befahl, seines Amtes zu walten. Doch er wurde nicht hingerichtet. Im Gegenteil. Er wurde befreit.

Der Zeremonienmagier erhob sich und trat zuerst auf Millie zu. Die Damen also auch hier zuerst, dachte Julius. Er sah, wie der sicherlich schon über sechzig Jahre alte Zauberer seinen Stab hob und leise einen tiefklingenden Singsang anstimmte. Julius spitzte die Ohren so gut er konnte. Aber er konnte beim besten Willen keine klar erkennbaren Worte verstehen. Er sah nur, wie die Luft über Millies Kopf zu flimmern begann und zu einem schwach silbrigem Flimmern wurde, das sie langsam von oben bis unten umhüllte. Dann berührte der Zeremonienmagier mit dem Zauberstab ihren Kopf und bückte sich, dabei immer noch seinen geheimnisvollen Singsang summend, bis zu ihrem rechten Fuß hinunter. Sie saß ganz ruhig auf dem Stuhl. Offenbar spürte sie nichts. Dann berührte Laroche ihren rechten Knöchel. Mit einem leisen Piff entlud sich ein blauer Blitz und versprengte das schwache, silberne Flimmern als Wolke goldener und blauer Funken. Millie schrak zusammen und keuchte, als habe sie gerade einen Heidenschrecken erlitten. Das war aber auch schon alles. Laroche erhob sich und tätschelte Millie väterlich die rechte Wange.

"Was war denn das?" Fragte sie. Doch Laroche machte nur Schsch und deutete dann auf Julius, der anstalten machte, aufzustehen.

"Bleiben Sie bitte sitzen, junger Mann! Ich kann diesen Zauber besser ausführen, wenn ich mich nicht zu sehr verränken muß", sagte Monsieur Laroche. Dann schritt er auf Julius zu und hob seinen Stab. Julius fühlte sofort eine Wirkung. Es war, als umschließe ihn ein warmes, aber festes etwas, als stecke er in warmer Erde oder Brotteig. Er hörte Laroches magisches Murmeln und konnte noch sehen, wie es silbern vor seinen Augen flimmerte. Dann verschwammen alle Eindrücke. Der Raum wurde zu einem grauen Nebel. Die Geräusche wurden zu einem verwaschenen Säuseln. Er hörte nun nicht mehr Laroches Gesumme, sondern Fetzen von rückwärts klingenden Wörtern. Er sah sich auf dem Regenbogenprinzen Jeannes, dann auf der Party gestern, dann im VW-Bus der Latierres. Die ihm zufliegenden und dann ungreifbar verwehenden Wörter klangen schneller, höher, hektischer. Und so wurden auch die Bilderfolgen schneller. Nein, es waren kurze, einzelne Ausschnitte. Er bei den Porters mit der Vielraumtruhe, dann bei der Verhandlung gegen die Carrows. Er sah die Malfoys. Er hörte jetzt ein immer höher und leiser werdendes Sirren und dachte einen Moment an eine alte Raumschiff-Enterprise-Folge zurück, bevor ihn der Strudel in umgekehrter Reihenfolge ablaufender Erinnerungen noch stärker fesselte. Er sah nun einzelne Bilder, die für ihn prägend waren, die Schuljahresabschlußzeremonie in Beauxbatons, wo er den Orden bekam. Er sah, wie sich Voldemort abrupt aufraffte und in einem grünen und roten Blitz triumphierend auf Harry Potter blickte. Dann sah er Madame Maximes Rücken, wie er hinter ihr auf Aquitaine durch die Walpurgisnacht ritt, die Schulleiterin in jener Denkariumsszene, die ihm helfen sollte, sich besser zu beherrschen, die Hexe namens Dodo, von der er geträumt hatte, Das Riesenbadezimmer Madame Maximes, den Skyllianri, der ihn gebissen hatte, die Wolkenhüter, Naaneavargia als Spinne und Frau, die gigantische blaue Erscheinungsform Ailanorars, Temmie, die Feuerlöwen Piverts, Pinas Gesicht ganz nah vor seinem, die violetten Schlieren des schwarzmagischen Energiedoms über dem Sterling-Haus, seine Hochzeit mit Millie, sich in leidenschaftlicher Liebe mit Millie, Bokanowski und die Wiederkehrerin, wieder sich und Millie, diesmal in der Mondfestung, Ammayamiria, Béatrice Latierre, wie sie er wurde. Ein Baby, das zur greisenhaft gealterten Gestalt seines Vaters wurde, Hallittis nackten Körper, Marie Laveaus Geist. Und so ging die rasende Reise durch die Erlebnisse weiter. Er sah eine grellgrüne Flamme, aus der Salazar Slytherin herauskam, Belles Gesicht vor sich in einem Spiegel, den Farbenteppich, Claire mit ihm tanzend. Dann Cedric Diggorys Leiche vor dem Heckenlabyrinth, die Meermenschen aus dem See, die vier Drachenweibchen, wieder Claire mit ihm tanzend, Professeur Faucons riesenhaftes Gesicht weit über ihm, Die Lehrer von Hogwarts. Er mit dem sprechenden Hut in der Hand, ihn aufsetzend. Er glaubte, jetzt bis zum Anfang seiner Sinneserlebnisse zurückzurasen, als etwas wie ein elektrischer Schlag durch seinen Körper raste. Für einen Moment hörte er einen Chor aus Stimmen schreien. Dann wirbelte die Welt um ihn herum und wurde zu Madame Delamontagnes Amtszimmer in Millemerveilles. Sein Herz raste. Er fühlte sich erhitzt. Er brauchte zwei Sekunden, bis er sich wieder beruhigte.

"Madame Delamontagne, die Spur ist erloschen", vermeldete der Zeremonienmagier.

"Das war eine Reise, die möchte ich so nicht noch mal erleben", seufzte Julius. Millie sah ihn an und nickte dann.

"Nun, die Spur ist hartnäckig. Sie zu löschen bedarf einer großen Beharrlichkeit. Sie wächst sich normalerweise von selbst aus, weil mit Vollendung des siebzehnten Lebensjahres die Anhaftung von allein erlischt. Doch sie ist nun restlos und unrückholbar vergangen", sagte Monsieur Laroche. Madame Delamontagne nickte und bedankte sich bei dem Zeremonienmagier. Danach sagte sie:

"Nun, so kommen wir zum zweiten Punkt der von mir erbetenen Zusammenkunft. MOnsieur Latierre, führen Sie das von mir als Geschenk empfangene Lederetui mit sich?" Julius nickte und holte den nahtlos verschlossenen Lederbeutel hervor. "Gut, dann möchte ich von Ihnen hören, ob Sie das von uns unterbreitete Angebot annehmen möchten, hier bei uns in Millemerveilles zu leben." Julius sah Millie an. Diese nickte. Er sagte:

"Ich freue mich und fühle mich sehr geehrt, daß Sie und die Gemeinde von Millemerveilles meine Frau und mich bei sich aufnehmen möchten und nehme Ihr angebot an."

"Ich bedanke mich im Namen meiner Familie, daß Sie mir und meinem Mann dieses Angebot gemacht haben und sage, daß ich es auch sehr gerne annehmen werde", bestätigte Mildrid mit zufriedenem Lächeln.

"Benötigen Sie mich dann noch, Madame Delamontagne?" Fragte Monsieur Laroche.

"Nein, Sie haben mir für heute den erbetenen Dienst erwisen, Monsieur Laroche. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag."

"Drei Hochzeiten und eine Willkommensfeier für ein neues Zaubererkind", erwiderte Laroche lächelnd. "Angenehmer kann ein Tag nicht verlaufen. Ich wünsche Ihnen beiden sehr viel Freude und Erfüllung in Ihrem Leben, Madame und Monsieur Latierre!" Millie und Julius bedankten sich und erwiderten den Gruß. Dann verließ der Zeremonienmagier zu Fuß das Sprechzimmer.

"Nun, das notiere ich mir dann gleich, und Sie beide dürfen das dann unterschreiben, daß Sie das Angebot des Dorfrates von Millemerveilles wahrzunehmen wünschen, bei uns zu leben. Ich bin sehr zuversichtlich, daß wir alle eine gedeihliche Gemeinschaft bilden werden. Insbesondere können wir, die Bewohner von Millemerveilles, damit auch unseren Dank abstatten, daß Sie, Monsieur Latierre und Ihre Frau Großmutter, Madame Latierre, damals so wirksam gegen die Dementoren geholfen haben." Die Ratssprecherin erhob sich, ging kurz um ihren Schreibtisch herum und schloß die Tür von innen. Dann zog sie den Schlüssel ab und verstaute ihn in ihrem Umhang.

"Da jetzt der permanente Klangkerker in Funktion ist möchte ich die Gunst der Abgeschirmtheit nutzen und mich bei dir, Julius recht herzlich bedanken, daß du uns diese Pest der Schlangenkrieger vom Hals geschafft hast. Ich weiß, daß der Preis zwar für dich hoch war. Aber ich durfte feststellen, daß du dadurch nicht nur körperlich, sondern auch seelisch erstarkt bist. Das hat mich auch bewogen, eurer vorzeitigen Mündigkeitsfeststellung zuzustimmen." Dann sah sie Mildrid an. "Mildrid, du weißt genau, daß ich mit deiner Großmutter diverse Meinungsverschiedenheiten auszufechten hatte und wohl noch haben werde. Um so erfreulicher empfand ich Professeur Faucons und Madame Maximes Bericht, daß du dich durch die Verantwortung, mit Julius alle Bonus- und Strafpunkte zu teilen, sehr gut entwickelt hast und deiner Mutter und deiner älteren Schwester zur Ehre gereichst. Deshalb bedanke ich mich auch inoffiziell, daß ihr beide bei uns wohnen wollt. Ich habe hier die entsprechenden Dokumente bereitliegn. Lest sie euch durch und unterschreibt dann an den angegebenen Stellen!"

Julius las, daß er mit seiner Frau ein Wohngrundstück knapp einen Kilometer vom See der Farben entfernt zugesprochen bekommen hatte. Das Ministerium, die Latierres und Eauvives, hatten zusammengelegt, um ihnen eine kreisrunde Parzelle von 200 Metern Durchmesser zu überlassen. Monsieur Florymont Dusoleil hatte den Vorschlag gemacht, dort eines der fixierbaren Varanca-Häuser aufzustellen und bereits provisorisch an das Wasserversorgungsnetz von Millemerveilles anzuschließen, so daß die Wassersammelzauber gegen andere Zauber ausgetauscht werden konnten. Julius stutzte. 200 Meter Durchmesser? Allein der Radius dieses Kreises zum Quadrat ergab schon zehntausend Quadratmeter. Da paßte das Grundstück in der Winston-Churchill-Straße achtmal rein. Mit einem gewissen Erschauern dachte er daran, daß der Krater, den die Todesser zur Vergeltung, ihn selbst nicht erwischt zu haben in den Boden gezaubert hatten, vielleicht so groß sein mochte. Hinzu kam dann noch, daß er diese Zahl mit der unauflösbaren Zahl Pi malnehmen mußte. Millie las den Brief, während er zu Rechnen anfing und feststellte, daß es ihm irgendwie leichter fiel als so schon, wo er die Mathematikergene seiner Mutter besaß. "Ui, das sind stolze einunddreißigtausendvierhundertfünfzehn und ein paar Kommastellen Quadratmeter", seufzte er nach einer halben Minute. "Wie viel kostet bei Ihnen in Millemerveilles gerade der Quadratmeter?"

"Das ist für euch beide unerheblich, da die Summe bereits gestern von den daran beteiligten Familien vorgebucht wurde. Wenn ihr jetzt nicht angenommen hättet, wäre sie wieder an die Unterstützer zurückbezahlt worden, abzüglich des Kaufpreises für das Fertiggebäude", sagte Madame Delamontagne. Julius las weiter, daß das Gebäude einen Drillingsflohnetzanschluß erhalten könne, sofern der endgültige Standort feststehe, daß das Grundstück innerhalb von drei Tagen begrünt werden könne und neben dem eigentlichen Wohngebäude auch ein Kleiner Lagerschuppen eingeplant sei. Julius fragte, ob die Zaubererwelt Grundsteuern für Wohneigentum kenne und hoffte, damit keinen schlafenden Hund zu wecken.

"Eine derartige Abgabe ist uns nicht bekannt. unsere Abgaben resultieren aus dem Handel, Dienstleistungen und Gewinnen aus Publikationen oder Lehrtätigkeiten", erwiderte Madame Delamontagne ruhig. Julius atmete auf. Zumindest würde da nichts anfallen. Also konnte jemand, der viel Gold hatte, ungefährdet in Grundstücke investieren, ohne Folgekosten befürchten zu müssen, solange es freie, also auch in der Muggelwelt freie Grundstücke waren. Wer in einer Muggelstadt wie Paris ein Grundstück kaufte mußte eben die dafür anfallenden Steuern bezahlen, vermutete Julius. Er las die Urkunden ganz durch und fand eine Liste von Ansprechpartnern, wenn er am Gebäude oder dem darum herum anlegbaren Gartengrundstück etwas machen lassen wollte. Das war ihm natürlich klar, daß Camille ihm den Garten machen wollte. Sonst hätten sie wohl auch nicht gleich so in die Vollen mit der Grundfläche gegriffen. Oder war das Haus so groß? Das würde er wohl gleich zu sehen bekommen. Dann las er noch den Anhang, eine Aufstellung der allgemeingültigen Regeln der Dorfgemeinschaft, sowas wie ein kleines Gesetzbuch. Darin fand er Artikel wie die Einhaltung einer maximalen Besenflughöhe, das Verbot dauerhaft lärmender Vorrichtungen, das Gebot, außer an gemeindeeigenen Fest- und Gedenktagen zwischen zwölf Uhr Mitternacht und sechs Uhr morgens keine laute Musik mehr zu machen, bei offenem Fenster lauthals zu sprechen, zu lachen oder andere Lautäußerungen von sich zu geben, nicht laut singend oder Pfeifend durch die Straßen zu gehen, zu rennen oder innerhalb von fünfzig Schritten mehr als einmal zu apparieren, weil nicht jeder es heraushatte, so leise wie ein behutsam aus dem Hals gezogener Weinflaschenkorken zu dis- und zu reapparieren. Natürlich wurden alle mutwilligen Schädigungszauber verboten, sowie die unzüchtige Annäherung an halbwüchsige Jungen und Mädchen untersagt, sowie das Entzünden offenen Feuers ohne schützende Begrenzung. Etwas stutzig machte ihn der Eintrag:

Ein vollwertiger Bürger Millemerveilles ist gehalten, jederzeit und mit allen Kenntnissen und Begabungen bei der Aufrechterhaltung der inneren Harmonie, sowie bei der Instandhaltung der gemeindeeigenen Anlagen zu helfen, sowie allen lauteren Hilfsgesuchen seiner oder ihrer Nachbarn zu entsprechen, soweit seine oder ihre Befähigung eine erfolgreiche Hilfeleistung ermöglichen.

Julius erkannte, daß das der Haken war, an den sie ihn hier gerne hängen wollten. Ein Ruster-Simonowsky-Zauberer konnte natürlich ein wenig mehr machen als ein Durchschnittszauberer. Wenn er dann mit den Super-ZAGs und womöglich ähnlich guten UTZs ankam, galt er als vielseitig und daher guter Ansprechpartner für seine Nachbarn, also alle, die innerhalb der umrissenen Dorfgrenze, der sardonianischen Schutzglocke, lebten. Alles in allem ein umfangreiches, aber doch sinnvolles Regelwerk. Julius unterschrieb, daß er es zur Kenntnis genommen hatte, dort, wo er seine Einwilligung zu bekunden hatte, als vollwertiger Bürger Millemerveilles anerkannt zu werden, womit er für die magische Personenverwaltung nun eine neue Adresse erhielt, sowie die Bestätigung, daß er mit dem Umfang des Wohngrundstückes und der Bebauung einverstanden war. Er hatte nur was von einem Gebäude von 113 Quadratmetern Grundfläche gelesen. Nicht gerade klein. Er fragte Madame Delamontagne, warum über Form und Größe des Wohngebäudes nichts genaueres beschrieben stünde.

"Weil das hier nur die Grundstücksurkunden inklusive Nutzungsvorhaben sind. Über das Gebäude selbst hat Monsieur Florymont Dusoleil die entsprechenden Unterlagen", erwiderte Madame Delamontagne. Millie fragte zum Regelwerk, was der Eintrag mit der ständigen Hilfsbereitschaft zu sagen hatte.

"Nicht mehr und nicht weniger, als daß du allen nicht zum Schaden anderer dienenden Bitten entsprechen möchtest, sofern deren Erfüllung in deiner Macht steht, also du etwas tun kannst, was jemand anderes nicht kann oder etwas legal erwerbliches legal beschaffst, was jemand anderes nicht beschaffen kann oder nicht weiß, woher", erklärte Madame Delamontagne.

"Im Klartext heißt das für Mildrid und mich, daß unsere Pflegehelferausbildung uns dazu verpflichtet, für Monsieur Delourdes oder Madame Matine bereit zu sein, wenn diese uns für kleinere Handreichungen anfordern", vermutete Julius.

"Das ist ein sehr klares Beispiel", lobte Madame Delamontagne. Millie wiegte den Kopf. Doch dann unterschrieb sie das Regelwerk, das Einbürgerungsgesuch und die Anerkennung des zugeteilten Grundstückes mit den aufgeführten Nutzungsbedingungen. Sie reichten die Dokumente an die Ratssprecherin, die davon mehrere Kopien machte, eine für ihren Nachfolger für gesellschaftliche Angelegenheiten, eine für das Zaubereiministerium und eine für Beauxbatons. Millie und Julius unterschrieben dann noch eine handschriftliche Bestätigung Madame Delamontagnes, daß die beiden jungen Eheleute das ihnen gemachte Angebot annehmen wollten. Dieses Pergament kopierte die Ratssprecherin zweimal und öffnete ein Fenster. Sie griff an ihren Hals und zog eine kleine Pfeife unter ihrem Umhang hervor. Als sie hineinblies, meinten Millie und Julius, das langgezogene Schuhuhen einer Eule zu hören. Tatsächlich kam keine zehn Sekunden später ein flinker Waldkauz zum Fenster herein. Madame Delamontagne faltete die Bestätigung zusammen, steckte sie in einen Umschlag, band diesen an das rechte Bein der Eule und schickte diese mit "Für Florymont Dusoleil beim See der Farben" auf die Reise. Dann schloß sie das Fenster wieder.

"So, wir haben jetzt wohl zehn Minuten Zeit", stellte die Ratssprecherin von Millemerveilles fest. "Achso, wenn Monsieur Dusoleil die Benachrichtigung erhält, sollte der Flohregulierungsrat auch in Kenntnis gesetzt werden, daß da ein Anschluß mit drei Kaminen als auswählbare Ein- oder Ausgänge vorgenommen werden möchte. Das erledigen Sie dann aber, wenn Sie Ihre neue Heimstatt in Augenschein genommen haben", erwähnte Madame Delamontagne noch. Dann verstaute sie die Kopien der Urkunden in einer fest verschließbaren Schublade ihres Schreibtisches. Danach holte sie den Türschlüssel wieder hervor und entsperrte das Schloß der Bürotür. Millie und Julius folgten ihr ohne dazu aufgefordert zu werden.

"Sind Sie zu Fuß oder per Apparition hergekommen?" Fragte die Ratssprecherin von Millemerveilles. Julius erwähnte, daß Florymont und Jeanne Dusoleil sie beide vor der Eingangstür abgesetzt hätten. "Gut, dann leihen wir uns drei Besen aus dem Ratsfundus aus", legte Madame Delamontagne fest.

In einem Raum des ersten Untergeschosses standen an die zwanzig Flugbesen, vom Ganymed 4 bis zum Ganymed 10. Da sie nicht sonderlich schnell fliegen mußten entliehen sie sich drei Ganymed 4. Madame Delamontagne hinterlegte eine Ausleihmitteilung und verschloß den Besenhangar des Rathauses wieder. Vor der Tür saßen sie auf und flogen los. Julius mußte sich erst an die etwas behäbigeren Flugeigenschaften des älteren Modells gewöhnen, bekam aber schon nach einer Minute das Gefühl für den Besen. Millie und er flogen parallel zueinander hinter Madame Delamontagne her, die nun die Richtung zum See der Farben einschlug, jene Attraktion von Millemerveilles, die magische Unterwassergärten und Wassermenschen beherbergte und in jedem Sommer von Interessierten unter der Führung von Camille Dusoleil und der Hexe Undine Neirides in die Tiefen des Sees hinabtauchten.

Schon aus großer Entfernung sahen sie das vom See gespiegelte Licht der Sonne. Julius dachte an seinen ersten Ausflug hierhin zurück. Das war vor nun vier Jahren, wo er das erste Mal länger in diesem Zaubererdorf seine Ferien verbracht hatte. Damals noch unfreiwillig, weil sein Vater versucht hatte, ihn von den Brickstons daran hindern zu lassen, pünktlich zum ersten September nach Hogwarts zurückzukehren. Pech für seinen Vater, daß Catherine Brickston wußte, wohin er zur Schule ging und warum und ihre Mutter bat, ihn bei sich aufzunehmen, weil sie bereits mit Babette zur Quidditch-Weltmeisterschaft in Großbritannien abreisen mußte. Diese schon fast in einem anderen Leben liegenden Ereignisse berichtete er Millie, nun, wo er die spiegelnde Wasserfläche sah.

"Tja, wärest du besser gleich nach diesem Trick deines Vaters nach Beauxbatons umgezogen", sagte Millie darauf. "Na ja, aber dafür durftest du ja noch das trimagische Turnier ansehen und mit der Reisekutsche zu uns kommen."

"Die ich ein paar Tage vorher geputzt habe, weil ich Madame Maxime zu einem ziemlich verwegenen Besenmanöver verleitet habe."

"Sie war es selbst schuld, Julius", erwiderte Madame Delamontagne von vorne. "Was setzt sie sich auf einen Besen und jagt tobenden Halbwüchsigen hinterher, wenn sie das auch anders hätte lösen können."

"Ich denke, das gehört wohl zu den einprägsamsten Sachen, die ihr je passiert sind", vermutete Julius mit gewissem Grinsen. "Genauso wie das mir sehr einprägsam war, die große, graublaue Kutsche von den Rädern bis zu den Dachplanken zu schrubben, Unterbodenreinigung natürlich mit inbegriffen. Aber nur von Außen, um die Privatsphäre der darin wohnenden nicht zu stören."

"Immerhin haben Sie dieses Fahrzeug ja dann doch einige Male von Innen betrachten dürfen, Monsieur Latierre", wandte Madame Delamontagne ein. Julius räumte ein, daß das zweite Mal nicht hätte sein müssen.

"Jetzt dem Fluß nach Nordwesten folgen!" Kommandierte Madame Delamontagne und führte die Dreierformation entsprechen. Dann ging es einen Kilometer vom Westufer des Sees und knapp einen halben Kilometer vom Lauf des drei Meter breiten Flußlaufs entfernt über den spärlichen Mischwald hinweg. Und dann sahen Millie und Julius zum ersten Mal jenes Gebäude, das sie ab heute für ihr restliches gemeinsames Leben bewohnen sollten.

Julius dachte erst, seinen Augen nicht recht trauen zu dürfen, als er den orangeroten Schimmer sah, der sich in der Mitte eines grasgrünen, kreisförmigen Platzes abhob. Als er den Besen verlangsamte und auf das von Madame Delamontagne angesteuerte Ziel heranglitt erkannte er einen kugelgleichen Körper mit fast ins Rot gehender, oranger Oberfläche, die erst wie ein Pickel und dann immer größer werdend aus dem grasgrünen Kreis herausragte. Zuerst dachte er an eine vollkommene Kugel. Doch beim Näherkommen konnte er erkennen, daß es sich nicht um einen vollkommenen Globus handelte. Jetzt sah es für ihn aus wie ein reifer Apfel, der im Gras lag. Doch der dazugehörige Baum war nicht zu sehen. Beim Anflug wuchs das Etwas weiter an, wurde melonengroß, wuchs scheinbar über Kürbisgröße Hinaus und konnte nun, wo sie knapp zweihundert Meter davon entfernt waren, mit den weit umstehenden Bäumen verglichen werden. Julius pfiff durch die Zähne, während Millie staunte. Da vor ihnen stand wahrlich ein Gebäude, eines, das der neuen Reihe der Varanca-Häuser entsprach. Hatte er gestern schon einen haushohen Fliegenpilz gesehen, so lag da vor ihnen ein reif und süß aussehender Riesenapfel, dessen Gesamtdurchmesser gute zwölf Meter betragen mochte. Der einer echten Frucht nachgebildete Körper lag mit dem dunkelgrünen Stiel nach oben. Das große Etwas besaß scheinbar eine nahtlose Oberfläche und ruhte in einer flachen Mulde im Boden, als sei es von einem mehrere hundert Meter hohen Baum herabgeplumpst und einfach so da liegen geblieben. Jetzt waren sie nur noch hundert Meter vom Rand der grünen Kreisfläche weg, in der sich wie feine, graue Adern Wege abzeichneten, die nicht geradlinig, sondern geschlängelt verliefen, einander umschnürten oder durchzogen. Dann konnte er noch einen im Vergleich zum Apfelbau winzigen kleinen Bruder jenes Fliegenpilzhauses ausmachen, der knapp zehn Meter vom Rand der Kreisfläche entfernt stand und eine dunkelrote Oberseite mit hellen, fast weißen, glitzernden Tupfern besaß. Er sah auch erdbraune Flecken, die eindeutig Aussparungen sein mochten. Aber er sah niemanden, der hier stand oder wartete.

"Das ist Ihr neues Haus, Madame und Monsieur Latierre", stellte Madame Delamontagne das runde Etwas mit einer ausladenden Armbewegung vor, bevor sie auf eine knapp zwanzig mal zwanzig Meter messende Wiese niederging und punktgenau landete. Millie und Julius folgten ihr.

"Wau, ein Apfelhaus", sagte Millie. "Wie groß ist das?" Julius schätzte die Höhe des fast vollkommenen Kugelbaus auf wahrlich zwölf Meter. Damit mochte es für Normalmenschen vier Etagen enthalten. Einen Moment lang stellte er sich den Riesen vor, der Hagrids Halbbruder war und dachte ihn sich neben dem orangeroten Riesenapfel. Ja, Grawp, wie der Gigant wohl hieß, reichte noch nicht an die Oberseite heran, die wie bei der Vorlage in der Mitte eingedellt war und einen kurzen Stiel genau in der Senkrechtachse besaß. Madame Delamontagne deutete jedoch von dem gewaltigen Etwas in Richtung Farbensee. Julius wandte den Kopf um und sah etwas buntes, einen winzigen Kleks Regenbogen unter blaßblauem Himmel. Es bewegte sich auf sie zu und wuchs dabei zu einem erst briefmarkengroßen und dann streichholzschachtelgroßen Rechteck an. Da kam der Regenbogenprinz, und auf ihm saßen die Dusoleils, Aurora Dawn, Catherine mit ihren Töchtern und ihre Mutter und ihre Tante, sowie Julius' Mutter Martha. Der Teppich segelte mit flatternden Fransen auf die drei auf der Landewiese wartenden zu, kam in der Luft zum stehen und sank wie ein landender Hubschrauber auf dem Haltepunkt genau auf den Boden.

"Na, was sagt ihr?" Grüßte Florymont Dusoleil, der neben seiner Tochter Jeanne gesessen hatte und nun eilig zu den Wartenden herüberkam.

"Ich frage mich jetzt ziemlich heftig, womit Millie und ich das verdient haben sollen", konnte Julius nur entgegnen. Der Anblick des runden Gebäudes überwältigte ihn. Oder war das vielleicht doch kein Haus?

"Den hätten wir euch überall hinlegen können", meinte Florymont. "Aber als Eleonore uns die Eule schickte, wir könnten ihn dort lassen, waren meine Frau und ich natürlich sehr glücklich, Millie und Julius. Ich habe bereits diverse Verbindungszauber vorgenommen, um euch mit Wasser zu versorgen. Ich werde das Haus jetzt unverrückbar machen, damit niemand es wieder einschrumpfen und wegtragen kann, falls er oder sie das Passwort dafür herausfinden sollte. Dann kommen wir zur Innenausstattung."

"Meine Dankbarkeit überwältigt mich", sagte Julius zu Camille, als diese vom Flugteppich herunterkam und auf Julius zuhielt. Sie deutete auf die weitläufigen Grasstücke und Erdflächen.

"Hier wuchs bis vor drei zwei Tagen noch Wald. Ich habe, als Florymont mir verriet, daß er sich was besonderes für dich ausgedacht hat, wo er viel Platz für braucht, mit meinen Mitarbeitern die meisten Bäume ausgegraben und an anderen, freien Stellen eingepflanzt und mit Baumpflegemixturen getränkt, um sie sich von der Versetzung erholen zu lassen. Wie du siehst haben meine Mitarbeiter schon die ersten Beete angelegt. Ich habe noch einige Tannen und Ulmen stehen gelassen. Ich gehe aber davon aus, daß du hier noch ein paar Bäume hinstellen möchtest."

"So'ne Riesenfläche hatten meine Eltern nicht", seufzte Julius. "über dreißigtausend Quadratmeter. Das ist ja schon halb so groß wie das Schloßgelände der Eauvives oder Latierres. Mindestens ein ganzer Fußballplatz paßt hier hin. Was sage ich, zwei oder drei ganze Fußballplätze oder ein Quidditchstadion. Fehlt euch der Platz nicht?"

"Apropos Quidditch und ob das mehr ist, als du meinst, verdient zu haben, Julius", erwiderte Camille, während ihr Mann bereits mit leicht schwingendem Zauberstab um das orangerote Apfelhaus herumschritt. "Wir werden bei der Weltmeisterschaft fünf Stadien unterhalten. Das Hauptstadion wird auf hunderttausend Zuschauerplätze erweitert. Darüber hinaus wird in jeder Haupthimmelsrichtung ein kleineres Stadion errichtet werden, von denen jedes zwischen zehn- und zwanzigtausend Besucher aufnehmen kann. Dafür müssen wir die absichtlich urwüchsig gebliebenen Flächen umgraben und vorbereiten. Insofern war das für meine Mitarbeiter und mich eine wunderbare Vorübung, wie bereits ausgewachsene Bäume so schonend es geht umgesetzt werden können. Notfalls müssen wir Bäume mit Pflanzenschrumpflösung behandeln und eine Zeit lang in dafür eingerichteten Schonungen unterbringen. Die praktische Übung hat uns gezeigt, wo die Organisation der Umpflanzungsarbeiten schon reibungslos abläuft und wo noch Verbesserungen anstehen. Und womit Millie und du das verdient habt, ein großes Grundstück zu bekommen: Nun, zum einen wissen wir von Millemerveilles, was wir dir zu verdanken haben, Julius. Denn ohne deine Hilfe wären Didiers Machenschaften nicht so schnell beendet worden. Zum anderen hätten wir den Ansturm der Schlangenkreaturen womöglich nicht mehr all zu lange abwehren können, weil wir zum einen niemanden dagehabt hätten, der uns erklärt, was ein Heißluftballon ist und wie er gebaut werden muß und zum anderen wohl nicht mehr als zwei oder drei Tage Widerstand leisten können."

"Catherine hat Joe zu euch gebracht. Der hat euch doch die Ballons erklärt", wandte Julius ein.

"Und deine Mutter, Julius. Und ohne das Experiment Antoinettes an deiner Mutter, um sie ohne den Trank bei uns weiterleben zu lassen, wäre keiner auf die Idee gekommen, auch Joseph Brickston entsprechend auszustatten."

Es prasselte laut, als vom Apfelbau her ein silberner Lichtbogen auf Florymonts Zauberstab übergriff. Dann, mit einem eleganten Spiralschwung, ließ Florymont seinen Stab nach oben schwingen, worauf aus der Zauberstabspitze mit lautem Knall ein gleißendblauer Blitz in den Himmel schlug.

"Huch, was macht Florymont da?" Fragte Julius, der sich zwar eine Antwort denken konnte, es aber genau wissen wollte.

"Entladungszauber, Julius. Er baut die nicht mehr benötigten zauber aus dem Haus kontrolliert ab", sagte Catherine, die nun neben Julius stand. Hinter ihr stand seine Mutter, die sich mit einem rosaroten Taschentuch immer wieder über die Augen tupfte und ein Gesicht machte, als müsse sie sich stark konzentrieren, einen unbändigen Schmerz auszuhalten. Da klatschte etwas wie eine unsichtbare Riesenpeitsche über sie alle hinweg, und die Luft flimmerte wie über heißem Wüstensand.

"Huh, sieht echt gefährlich aus", meinte Millie, als Florymont unter lautem Grummeln eine Art silbernen Nebel aus der Unterseite des Gebäudes heraufbeschwor und dann eine blutrote Stichflamme in die Erde schlagen ließ.

"Ich denke, der Trick dabei ist, die Zauber zu lassen, die noch gebraucht werden", erwähnte Julius. Catherine nickte.

"Normalerweise müssen auf ein Objekt gelegte Zauber in umgekehrter Reihenfolge ihres Aufrufs zurückgenommen werden", bemerkte sie. "Eine Entflechtung unter Erhalt erwünschter Bezauberungen ist ungleich schwerer und im Bezug zur Objektgröße auch gefährlicher."

"Hoffentlich passiert dabei nichts", unkte Julius. Da prasselte es auf der anderen Seite des Gebäudes, und mit lautem Knall entlud sich ein weiterer blauer Blitz in den klaren Himmel.

"Achso, wir waren bei dem Grund, warum wir von Millemerveilles euch so ein großes Grundstück überlassen können, Millie und Julius", griff Camille den vorherigen Gesprächsfaden wieder auf, während ihr Mann weitere Entladungszauber ausführte. "Es ist auch so, daß wir, also Florymont, Eleonore, Blanche, Hera und Ich längst wissen, daß du gerne hierherziehen würdest, wenn es ein freies Grundstück gibt. Gut, nach dem Ende von Didiers Herrschaft wandern die vorübergehend zu uns geflüchteten Hexen und Zauberer wieder in ihre früheren Wohnorte zurück. Vor allem die Muggelstämmigen möchten natürlich den Kontakt zur Welt ihrer Eltern nicht verlieren." Bums! Diesmal mußte Florymont einen besonders starken Zauber entladen haben. "Florymont, bist du noch da!" Rief Camille.

"Keine Sorge, Chérie, das war nur der letzte Rest vom Portabilitätszauber. Den haben die Varancas mit Aufspürsicherungen durchflochten, damit den nicht jeder kopieren kann. Es blieb mir nichts anderes übrig, als das ganze Geflecht aus den noch gewollten Zaubern herauszulösen und auf einen Schlag in die Erde abfließen zu lassen, weil nach oben sonst wohl eine Streuung entstanden wäre, die unsere Schutzglocke zum klingen gebracht hätte!" Rief Florymont zurück.

"Dann können wir jetzt rein?" Fragte Catherine.

"Ich muß erst die Auslenkungen auf die gewünschten Stärken zurückführen. In einer Minute dürften alle noch gebrauchten Zauber sich beruhigt haben", erwiderte Florymont und kam um das östliche Halbrund des Apfelhauses herum, wobei er sanfte Bewegungen mit dem Zauberstab ausführte, während er weiter im Uhrzeigersinn um das neue Haus schritt.

"Hast du das Lederbeutelchen von Madame Delamontagne eingesteckt, Julius?" Fragte Catherine, während Martha Andrews nun mit leicht geröteten Augen das orangerote Rund anblickte. Julius holte es hervor. Catherine schüttelte sanft den Kopf und vertröstete ihn auf gleich.

"Eleonore wird dir dann verraten, was du zu tun hast", sagte sie dann noch.

"So'n Riesengarten macht Riesenarbeit", meinte Millie und zwinkerte Camille zu. "Was nehmt ihr denn so pro Stunde?"

"Das meinst du hoffentlich nicht im Ernst, meine entfernte Nichte", entrüstete sich Camille. "Als wenn Jeanne oder Bruno mir was dafür geben würden, daß ich ihren Garten in Ordnung halte."

"Das machen wir meistens auch selbst", warf Jeanne herausfordernd ein.

"Habe ich gesehen, wie gut Bruno das macht", schnarrte Camille. "Wie dem auch sei, Millie und Julius. Ich werde während ihr in Beauxbatons seid immer wieder danach sehen und nur die notwendigsten Verrichtungen ausführen. Und falls ihr meint, ihr müßtet mir dafür was zurückgeben nehme ich kein Gold, sondern nur eine unmittelbare Gegenleistung als Bezahlung an. Worin die sich dann erschöpft kann ich jetzt noch nicht sagen."

"Abgesehen davon dürfte euch das Ministerium von der Spur lösen, die jeden von euch bewirkten Zauber meldet", meinte Aurora Dawn noch und zückte ihren Zauberstab, um ein unbepflanztes Stück Erde mit einem ungesagten Umgrabezauber zu bearbeiten. Madame Delamontagne sah sich berufen, die Besucherin aus Australien darauf hinzuweisen, daß diese Amtshandlung bereits vollzogen worden sei.

"Wir haben das an deinem Geburtstag abends besprochen, Julius", wandte sich Martha Andrews an ihren Sohn. "Irgendwann wäre der Tag gekommen, wo du mit Millie oder mit welcher Frau oder Hexe auch immer nicht mehr bei mir hättest wohnen wollen. Ich kenne es selbst zu gut, wie unangenehm es ist, als Erwachsene noch lange bei den Eltern zu wohnen. Ich war froh, zum Studium und später als Ehefrau genug Abstand zwischen meinen Eltern und mich gebracht zu haben. Auch wenn du erst gesagt hättest, daß es in Paris doch gegangen wäre, hättet ihr spätestens bei der Ankunft eures ersten Kindes mehr Platz gebraucht. Insofern mußte ich darauf gefaßt sein, daß der Tag käme, an dem du von mir wegziehst. So oder so wäre er zu früh gekommen. Daß dieser Tag heute ist macht mich zwar einerseits traurig. Aber wie gesagt wäre mir das auch in zwei oder zehn Jahren so gegangen."

"Du weißt, was Antoinette dir gesagt hat, Martha?" Wandte sich Camille an Julius' Mutter. Diese nickte und antwortete, daß sie nach Julius' möglichem Auszug auch ein Gemälde ihrer gemeinsamen Urahnin Viviane bekommen würde. Immerhin sei sie ja jetzt nicht nur die Mutter eines magischen Familienmitgliedes, sondern durch die von Antoinette erweckte Zauberkraft selbst ein magisches Familienmitglied geworden.

"Über die Bilder lassen sich gute Verbindungen halten, Mum. Abgesehen davon steht in der Grundstücksurkunde was von einem Flohnetzanschluß", wandte Julius ein. "Ich weiß, daß du mittlerweile ganz sicher darin bist, durch die Kamine zu reisen. Dann bin ich nicht aus der Welt und du nicht für mich oder Millie." Martha Andrews nickte.

"So, die Damen und Herren, wir können", verkündete Florymont und nickte Eleonore Delamontagne, Millie und Julius zu. Dabei ließ er seinen Zauberstab in die rechte Umhangtasche gleiten.

"Nun, Monsieur Latierre, Sie entsinnen sich ja hoffentlich noch, was auf dem Bergeetui stand, daß Sie von mir erhielten." Julius wiederholte den dreizeiligen Spruch auf dem Lederbeutel, der nach dem Lesen verschwunden war.

"Nun, der rechte Ort ist die Sütseite des nunmehr festen Wohnhauses, in direkter Linie zu jenem kleinen Nebengebäude dort", sagte sie und deutete auf den fliegenpilzartigen Bau, knapp vor der Grundstücksgrenze und von da aus direkt zur orangeroten Wand. Julius nickte. "Das Wort, um den Inhalt des Etuis freizugeben lautet Reifezeit", sagte sie. Julius nahm das Lederbeutelchen aus seinem Umhang und lief die sich windenden und streckenden Wege entlang zur südlichen Seite des Apfelhauses. Alle folgten ihm. Da war ein knapp drei Meter durchmessender Kreisbogen, der eine kurzgeschorene Wiese wie das Grün einer Golfbahn umfing. Ohne es gesagt bekommen zu müssen wußte er, daß er sich auf dieses Grasstück zu stellen hatte. Dann hob er das Etui und sagte vernehmlich: "Reifezeit!"

Erst meinte er nur, ein sachtes Vibrieren zu fühlen. Dann formte sich ohne jedes Geräusch ein gerader Riß auf der seinem Gesicht zugewandten Seite des Lederbeutelchens. Der Riß klaffte zur Öffnung auf und ließ das von halb rechts scheinende Sonnenlicht ins Innere fallen. Julius kniff die Augen zu, weil das Sonnenlicht unvermittelt hell und golden gespiegelt wurde. Als er mit fast zusammengekniffenen Augen hinsah, was er da freigelegt hatte, erkannte er zwei knapp sechs Zentimeter lange Schlüssel ohne Bärte. Sie wirkten wie noch lange nicht fertig. Doch Julius war sich sicher, daß sie voll einsatzbereit waren. Madame Delamontagne bedeutete Millie, zu ihm zu gehen. Julius nahm die beiden Schlüssel mit breiten Griffen aus dem nun offenen Lederbeutelchen und betrachtete sie vom direkten Sonnenlicht abgewendet. Sie trugen an beiden Seiten Runen, die Julius als "Verbundenheit" "Weg", "Sicherheit" und "Schutz" entzifferte. Winzig klein, unter den Runen eingraviert, standen in runder Schrift, bei der alle Buchstaben durch Linien miteinander verknüpft waren MILDRID URSULINE LATIERRE und JULIUS LATIERRE.

"Madame Latierre, Nehmen Sie den mit Ihrem Namen beschriebenen Schlüssel entgegen und halten sie ihn fest am Griff! Dann stellen Sie sich laut und vernehmlich vor! Monsieur Latierre, Sie tun dies bitte mit dem Schlüssel, der Ihren Namenszug enthält!" Wies Madame Delamontagne die beiden jungen Eheleute an. Julius verstand und gab Millie den mit ihrem Namen beschriebenen Schlüssel. Dann nahm er seinen am Griff und hielt ihn nach vorne gerichtet. "Ich bin Julius Latierre, geborener Andrews", sagte er laut. Millie hielt ihren Schlüssel auch nach vorne gestreckt und sagte laut, daß sie Mildrid Ursuline Latierre sei. Julius fühlte den zwischen seinen Fingern liegenden Schlüssel pulsieren, dann für einen Moment warm werden. Dann vibrierte er eine Sekunde lang, bevor er sich anfühlte wie vorher. Julius betrachtete ihn. Nun waren nur noch die Runen zu erkennen. Sein Namenszug war rückstandslos verschwunden.

"Na, haben die Schlüssel sich verändert?" Fragte nun Florymont. Julius bejahte es. Millie bestätigte es auch. "Dann haben sie euch als ihre einzig wahren Besitzer und Benutzer anerkannt", antwortete Florymont. "Wenn ihr jetzt die Tür öffnen möchtet, muß einer von euch bis auf zwei Schritte an die Wand heran und mit darauf zielendem Schlüssel flüstern, sagen, Rufen oder konzentriert denken, daß die Tür aufgehen soll. Ganz einfach."

"Jau", erwiderte Julius und preschte vor. Millie ließ ihn gewähren. Sie wartete, bis die anderen nachrückten. Julius hielt den Schlüssel mit dem berunten, bartlosen Ende auf die Wand und befahl: "Tür auf!" Es rasselte vernehmlich. Dann bildete sich ein bogenförmiger Spalt, der zu einer nach innen klappenden Tür wurde. Der rundbogenartige Durchgang war zwei Meter hoch und knapp anderthalb Meter breit. Kühle, nach trockenem Holz duftende Luft wehte heraus. Julius ging hindurch. Er landete in einer riesigen Halle, die wohl das ganze Stockwerk einnahm. Er konnte aber keine Säulen erkennen, die das ganze abstützten. Der Boden war weich wie dichtes, knöchelhohes Gras. Und tatsächlich sah er einen grasgrünen Bodenbelag, einen Teppich oder eine sonstige Polsterung. Er hörte, wie hinter ihm die Tür zufiel. Er dachte erst, nun in völliger Dunkelheit zu sein. Doch auf Halber Höhe zwischen Boden und Decke verlief eine Reihe nach außen gewölbter und von schmalen Zwischenstücken unterbrochener Fenster. Außerdem fiel von der Hallenmitte her gefiltertes Tageslicht herein. Die Senkrechtachse des Gebäudes bildete eine filigrane, weiße Wendeltreppe, die sich vom Boden bis zur Decke schwang und darin verschwand. Julius dachte erst nicht daran, daß die Tür gerade zugegangen war, sondern lief auf dem fast alle Schrittgeräusche schluckenden Grasersatzteppich bis zur Wendeltreppe. Er stellte fest, daß sie von jener hauchzarten, aber unzerbrechlichen Kristallwand umkleidet war wie die des Fliegenpilz-Hauses. Er umschritt die Mittelachse der Halle und erkannte, daß im nördlichen Teil ein wuchtiger Eisenofen mit Halterungen für Töpfe und Pfannen und ein breiter Granitkamin eingebaut waren. Neben dem Ofen waren gebogene Anrichten aus Granit, unter denen karussellartige Drehgestelle für Töpfe, Pfannen und andere Behälter angebracht waren. Er war nun auf dem letzten Viertel um die kristallumkleidete Wendeltreppe herum und sah auf die Haustür, die sich orangerot auf apfelgrüner Wand abhob. Es fehlten noch an die zwölf Meter Weg, als die Tür von selbst nach innen schwang. Millie stand auf der anderen Seite und grinste ihn an. Dann ließ sie jeden an sich vorbei, der und die mit Julius vor dem runden Haus gestanden hatte.

"Hui!" stieß Millie aus. "So groß wie die Eingangshalle bei Oma Line im Château Tournesol. Aber keine Möbel hier."

"Doch, da hinten ist eine komplette Küche, nur ohne Geschirr und Besteck", sagte Julius und hörte seine Stimme sanft nachhallen. Milie nickte.

"Was für eine imposante Empfangshalle. Aber die Fenster", wandte sich Martha Andrews an Camille und Florymont.

"Das sind echte Fenster. Allerdings sind sie mit einem Tarnzauber belegt, der sie von außen nicht erkennen läßt", sagte Florymont. "Nur wenn sie geöffnet werden können die Fensteröffnungen erkannt werden. Die Scheiben sind natürlich unzerbrechlich. War jetzt nicht leicht, den Portabilitätszauber herauszulösen, ohne die Unzerbrechlichkeit zu entfernen, weil beide miteinander verquickt waren."

"Hier ist also die große Versammlungshalle?" Fragte Aurora Dawn. Florymont holte aus seinem Umhang einen Lageplan aus runden Pergamentblättern und nickte. Dann sagte er noch: "Achso, was die Schlüssel angeht. Wer die Tür von außen öffnet und andere einlassen möchte muß solange draußen warten, bis alle durch die Tür sind, bevor er oder sie eintritt. Euer Vertrauen vorausgesetzt, daß ich euch noch nützliche Zauber in eurer Abwesenheit einrichten kann habe ich mir auch einen Zugangsschlüssel machen lassen, Millie und Julius. Wenn ihr einmal Kinder habt, denen ihr eigene Schlüssel anvertrauen möchtet, liegen noch weitere Schlüssel ohne Namensprägung in deinem Verlies in Gringotts Paris, Julius. Deine Mutter hat die für dich dort deponiert."

"Wie viele?" Fragte Millie. Julius wußte sofort, warum sie das wissen wollte.

"Im Moment sind es noch vier. Es können aber weitere Schlüssel nachbestellt werden", erläuterte Florymont. Dann deutete er auf die Treppe. "Von hier aus geht es noch drei Stockwerke nach oben und dann in den Wintergarten. Auf Stockwerk eins liegen zwei Badezimmer und mehrere als Schlaf- oder kleine Aufenthaltsräume mögliche Zimmer. Auf Stockwerk zwei gibt es größere Räume, die als Abstellräume oder Bibliotheken oder Schlafsäle für Besuchergruppen benutzt werden können. Auch liegt dort der zweite von drei anschließbaren Kaminen. Auf der dritten Ebene befinden sich noch ein Badezimmer, eine kleinere Küche mit Kamin und drei weitere Schlafräume für eine bis drei Personen, die aber auch als Esszimmer oder Speisekammern verwendet werden können. Tja, und ganz oben ist der für bis zu zwanzig Leute betretbare Wintergarten, eine Glaskuppel, die ähnlich bezaubert ist wie die Fenster."

"Was ist mit Licht?" Fragte Millie. Florymont deutete auf Kristallsphären an der Decke. "Ich habe die euch gestern schon auf die von mir erfundenen Zauber eingerichtet, Millie und Julius. Ihr könnt auch Kerzen anzünden. Die müssen aber in guten Haltern oder auf einem Tisch stehen. Sonst kann es passieren, daß die Flammen auf etwas anderes übergreifen."

"Oha, und unten ist nur die eine Tür", sagte Julius.

"Moment, dann könnte das Haus abbrennen?" Fragte Martha Andrews besorgt. Florymont beschwor statt eine Antwort zu geben eine große Steinplatte herauf, platzierte ein Holzscheit darauf und zündete dieses mit "Incendio" an. Doch kaum daß das Holzscheit richtig aufloderte schlug ein eisblauer Lichtkegel von der Decke herab, hüllte das Holzscheit ein und erstickte die Flammen in nur einer Sekunde restlos.

"Für den Zauber lasse ich mir die Lizenz geben", sagte Florymont. "Für öffentliche Gebäude oder Häuser, die in der Nähe von Feuerquellen liegen ist das optimal. Ein Feuerwitternder Brandlöschzauber, der alles bekämpft, was nicht in davon freigehaltenen Feuerstellen brennt und eine größere Einzelfläche als eine Kerzenflamme einnimmt. Den haben die sich patentieren lassen, um ihre Häuser auch für Reisen zu ihren berühmten Feuerbergen Vesuv und Ätna attraktiv zu machen. Zudem können bei Überschreitung bestimmter Temperaturen Wände mit Wasser gefüllt und nach Abklingen der Brandgefahr wieder getrocknet werden. Die haben schon was drauf, die Hexen und Zauberer vom Stiefel."

"Und was ist mit Sturmfluten und Wirbelstürmen?" Borhte Julius nun nach.

"Die Wände sind nach außen durch eine gekonnte Steigerung des Parapluvius-Zaubers wasserabstoßend. Und was Wirbelstürme angeht, so landen die portabel bleibenden Häuser nach dem Weggeweht werden durch Fallbremszauber unbeschädigt und richten sich wieder auf, wenn sie Schräglage erleiden. Den konnte ich auch rausnehmen und konnte das Haus fest mit dem Boden verbinden. Und bevor hier wer Erdbeben anführt oder blitze, so gilt für Erdbeben dasselbe wie nach Sturmverwehungen und für Blitze ein Auffangzauber, der die unschädlich in den Boden weiterleitet."

"Das ist eine Camping-Erfindung, Mum. Die mußten jedes Wetter einkalkulieren", bemerkte Julius.

"Jedes Wetter?" Fragte Martha. "Und was ist mit Kälte?"

"Ist dir zu heiß oder zu kalt, Martha?" Wollte Florymont wissen, der voll in seinem Element war.

"Hier ist es angenehm kühl im Vergleich zu draußen", sagte sie.

"Ein umfangreicher Temperaturerhaltungszauber, Martha. Eine Erweiterung des Aequicalorus-Zaubers, den dir Antoinette oder die gute Madeleine bestimmt noch beibringen werden."

"Eine Hyperthermoskanne, Mum. Du kannst einen Behälter oder Raum so bezaubern, daß alles, was drin ist nicht wärmer oder kälter wird", erklärte Julius seiner Mutter.

"Gut, das mit den physikalischen Gesetzen mußte ich ja schon für unzureichend im Vergleich zur Zaubererwelt akzeptieren, Julius und Florymont. Ich wollte nur wissen, wie diese Reisehäuser, wie dieser Riesenapfel wohl ursprünglich eins war, die unterschiedlichsten Klimabedingungen bewältigen."

"Als neues Mitglied der magischen Gemeinschaft ist das auch dein gutes Recht, alles zu erfahren, was an nutzbringenden Zaubern existiert, sofern keine Firma oder ein Einzelhandwerker ihre oder seine Gewinne macht", sagte Madeleine. Florymont nickte.

"Ich möchte jetzt die Räume sehen", tat Millie einen Wunsch kund. Julius nickte.

Es dauerte knapp eine Stunde, bis sie alle Räume einmal besucht hatten. Wie im Fliegenpilz-Reisehaus auch waren die an die Außenwände gebauten Räume nach außen gewölbt und besaßen schräge verlaufende Wände. Allerdings bestand die Möglichkeit, an den Innenwänden lotrechte Regale, Betten oder Sofas hinzustellen. Ein Raum wurde von Millie und Julius gleich als "Unser neues Schlafzimmer" festgelegt. Er lag auf der dritten Etage und besaß zwei große Fenster, die einen Blick von nordost bis südost boten. Um nicht vom Mondlicht oder einer zu frühen Morgenröte am Schlafen gehindert zu werden konnten aus den Fensterrahmen hauchdünne Stoffblenden heruntergezogen und unten eingehakt werden. Ansonsten blieben die Tarnzauber auf den Fenster auch von Licht aus dem Inneren undurchdringbar. Denn die Illusion, ein überdimensioniertes Naturerzeugnis vor sich zu haben sollte ja erhalten bleiben.

Gleich neben dem neuen Schlafzimmer der Latierres lag die obere Küche mit dem dritten Kamin. Hier konnten bis zu sechs Personen an einem Tisch sitzen. Zumindest kalkulierten Julius und Madame Faucon das so, weil der Platz ausreichte. Wie die untere Küche auch lag sie nach Norden ausgerichtet. Dann richteten sich Millie und Julius kleinere Zimmer als ihre eigenen Arbeitszimmer ein. Auf der ersten Etage von unten sollten zwei Gästezimmer eingerichtet werden. Die Zimmer der zweiten Etage sollten als Spiel- und Kinderzimmer herhalten, genauso wie die noch freien Zimmer der dritten Etage. Millie grinste Julius an, weil sie sieben Zimmer für Besucher oder Kinder zusammengezählt hatte.

Unter der kleinen Glaskuppel des Wintergartens ließen sich wohl mehrere Stühle und ein Runder Tisch unterbringen und vor den Fenstern eventuell Blumentöpfe, überlegten Millie und Camille.

Als sie dann wieder unten in der runden Halle mit den rundhum laufenden Fenstern waren bat Madame Delamontagne noch einmal um Aufmerksamkeit. Als ihr diese gewidmet wurde sprach sie: "Nun haben wir alle, denen Madame und Monsieur Latierre am Herzen liegen sehen dürfen, wie komfortabel und geräumig sie fortan wohnen dürfen. Ich nutze also mein Vorrecht als amtierende Ratssprecherin, Sie beide, Madame und Monsieur Latierre, in der Gemeinde von Millemerveilles recht herzlich willkommen zu heißen. Mein Kollege für gesellschaftliche Angelegenheiten wird sich wohl dann demnächst anschließen. Da Sie sehen konnten, daß nun auch Kamine für einen Flohnetzanschluß vorhanden sind würde ich Vorschlagen, daß Sie beide sich so bald Sie können umd die Einrichtung der Kaminverbindung bemühen, um die damit einhergehenden Möglichkeiten im vollen Umfang nutzen zu können. Damit zusammenhängend möchte ich Sie beide bitten, sich bis zum vierundzwanzigsten Juli einen verbindlichen Namen für Ihr Zuhause zu überlegen, der dann im Adressregister von Millemerveilles und der französischen Zaubererwelt geführt werden soll. Ich wiederhole mich sehr gerne, wenn ich sage, daß ich sehr erfreut bin, Sie beide als neue, vollwertige Mitbürger unseres erhabenen, traditionsreichen Ortes Millemerveilles begrüßen zu dürfen." Sie umarmte erst Millie, die etwas verkrampft darauf reagierte und dann Julius, der es als Anerkennungsgeste hinnahm. Danach nahm ihn Florymont bei Seite und flüsterte ihm zu:

"Draußen ist noch was für dich." Julius nickte und folgte dem Zauberkunstexperten durch die orangerote Haustür. Vor ihnen, knapp neunzig Meter entfernt, stand der kleine Fliegenpilz als Geräteschuppen oder was es sein sollte. Florymont deutete darauf. So gingen sie beide darauf zu.

"Du kannst für eure Flügelkuh eine große Wiese mit Umgrenzungshecke anlegen, wenn deine Schwiegertante sie dir hierherbringt. Vielleicht darfst du dann auch Goldschweif aus Beauxbatons mit herüberholen. Hier ist sie weit genug fort von Lauretta. Könnte ihr dann nur passieren, daß sie reine Hauskater wild macht, wenn sie rollig wird."

"Temmie wird wohl so schnell nicht mehr längere Strecken fliegen, schreibt meine Schwiegertante. Die trägt doch ein Kalb,und das wohl noch ein volles Jahr lang", sagte Julius.

"Wenn ich bedenke, was Camille und Jeanne mit ihren "Kälbern" im Bauch noch angestellt haben will ich besser nicht vermuten, was einer noch jungen Flügelkuh einfällt, um sich nicht zu langweilen", erwiderte Florymont und grinste geheimnisvoll. Wenn Camille ihm erzählt hatte, was Temmie so konnte dachte der sich seinen teil, erkannte Julius. Er deutete auf die freien Wegränder.

"Camille hat einige Bäume hier stehen gelassen. Aber eine Allee bis zum Gerätehaus wäre doch was."

"Das fällt dann doch in die Zuständigkeiten meiner Frau, Julius. Das klärst du dann mit Camille. Aber was jetzt kommt fällt eher in meine und wohl nur deine Zuständigkeiten", sagte er, als sie sich dem Schuppen näherten. Florymont holte einen gewöhnlichen Schlüssel hervor, der jedoch wie ein Sicherheitsschlüssel der Muggel aussah. Julius erkannte nun, daß die Tür des Schuppensdrei Schlösser besaß.

"Die sind nicht bezaubert. Das einzige, was überhaupt in dieser kleinen Hütte bezaubert ist ist die Energieversorgung. Wir sind jetzt weit genug von jeder dichteren Magiekonzentration weg. Deine Mutter sagte, daß sie im Haus von Blanche auch schon gut mit den Elektro-Fernverbindungsgeräten arbeiten konnte. Dann geht das hier erst recht." Er schloß die drei Schlösser nacheinander auf und gab Julius den an einer dünnen Schnur baumelnden Schlüssel. Er durfte dann auch die Tür öffnen.

Julius betrat einen großen Raum mit einem breiten Schreibtisch, auf dem ein niegelnagelneuer Laptop-Computer in einer sogenanten Dockstation ruhte, an der eine Externe Festplatte, eine Bildeinlese-Drucker-Kopier-und-Fax-kombination sowie jenes zu seinem Geburtstag in Form des Bedienungshandbuches angekündigte Satellitenmodem angeschlossen waren. Die Netzkabel waren an einer Merhfachsteckleiste mit Schalter angeschlossen, deren Stecker in der Steckdose einer Verlängerungsschnur steckten, die direkt mit einem Metallkasten verbunden war, von dem verschalte und wohl auch isolierte Leitungen zur Decke hinaufführten. Außerdem war noch eine Verlängerungsschnur angebracht, die zu einem weiteren Mehrfachstecker führte, an dem der kleine Fernseher aus Julius' früherem Zimmer und ein Radiorekorder mit CD-Spieler angeschlossen waren.

"Das ist das Geschenk deiner Mutter für den Fall, daß wir dich wirklich schon von ihr freisprechen wollten", erwiderte Florymont mit amüsiertem Grinsen. "Die Stromversorgung habe ich gemäß meinen Erfahrungen mit Blanches Haus auf diesem Schuppen nachgebaut. Damit schließt sich der kreis, den du damals eröffnet hast, als du Claire die Feuerperlenkette schenken wolltest und Camille und ich dir doch davon abgeraten haben. Denn die Perlen können in Verbindung mit einer von mir ergründeten Anordnung Licht und Wärme in diesen ständig die Polung wechselnden Elektrostrom umwandeln. Der Kasten da ist ein magnetisch abgeschirmter Umspanner. Transformator oder Trafo klingt mir doch zu sehr nach Transfiguration. Er verteilt und erhält den von den Sonnenlichtwandlern erhaltenen Strom in der Weise, wie die damit arbeitenden Geräte ihn benötigen und vertragen. Was nicht gebraucht wird fließt in ein umfangreiches Paket von Ladungsanhäufern, diesen Akkumulatoren, damit du auch bei Regen und Mondfinsternis noch ein paar Minuten Elektrizität erhalten kannst. Deine Mutter ist ja der Meinung, daß du den Kontakt zur magielosen Welt nicht gleich verlieren möchtest, wenn du in eine Zauberersiedlung ziehst. Hier sind die Geräte weit genug weg von jeder dichteren Magie. Hmm, das sagte ich ja schon. Aber sie können auch hier nimandes Anstoß erregen, der oder die Muggelmaschinen verabscheut."

"Meine Mutter hat sich ja schon wegen des Rechners und des Modems in Unkosten gestürzt", stellte Julius fest, als er die Erzeugnisse magieloser Technik überblickte und nicht wußte, ob das noch heftiger war als dieses Grundstück mit dem Apfelhaus darauf. Florymont ließ ihm einige Sekunden. Dann sagte er:

"Ich weiß nicht, wie viel Muggelgeld man dafür ausgeben muß, um das zu kaufen. Aber ich denke, deine Mutter hat das gerne ausgegeben, weil sie eben möchte, daß du das, was du aus deiner Welt kennst, nicht vergessen mußt. Ich weiß nicht, ob Mildrid das gutheißen würde, was deine Mutter und ich hier hingestellt haben. Aber wie ich nicht alles von Camille erbitten muß, was ich mir selbst beschaffen kann und auch nicht fragen muß, ob ich das haben oder benutzen darf gehe ich davon aus, daß Mildrid auch ein gewisses Verständnis dafür hat, daß du bestimmte Dinge zur Verfügung hast."

"Millie hat Muggelkunde gemacht und dabei einen O-ZAG gekriegt", antwortete Julius. "Das heißt für mich, daß es sie schon interessiert, was in der magielosen Welt geht."

"Im Zweifelsfall kannst du dich dann ja hierher zurückziehen, wenn dir die magische Welt zu abgeschieden vorkommt und deine alten Interessen wahrnehmen. So eine Stunde täglich oder so, bis sie dich ruft. Obwohl", er machte eine Pause und sah Julius sehr tiefgründig lächelnd an, "Leg's besser nicht drauf an, daß Mildrid dich immer aus dieser Enklave der Muggelwelt herausrufen muß. Ich habe eingehende Erfahrungen, wie das ist, wenn einem die Ehefrau immer vorhält, nicht pünktlich zum Abendessen zu kommen, nicht früh genug ins Bett zu finden oder andauernd irgendwas geheimnisvolles zu machen, anstatt mit der Familie zusammen zu sein. Also sieh besser zu, daß dieses Geräteaufgebot hier nicht eure gerade so schön aussehende Beziehung kaputtmacht! Ich hatte manchmal den Eindruck, daß Camille kurz davorstand, mich zu verlassen, weil ihr meine Arbeit zu zeitaufwendig war und auch ziemlich Gefährlich ist. Aber sie ist bei mir geblieben und hat mir im Mai noch ein süßes Mädchen geschenkt. Papa wollte zwar einen Enkelsohn, aber den hat dann eben Uranie ausgeliefert."

"Ich werde zusehen, daß ich mich nicht im Internet verstricke, daß ich die Abendessenszeit verpasse", sagte Julius. Dann probierte er den Laptop aus. Er ließ ihn hochfahren, prüfte die installierten Programme, testete das Kombigerät als Drucker und schaffte es, auf die Hauptseite einer Internet-Suchmaschine zu gehen. Das Modem war beachtlich schnell. Allerdings mochte es von den erreichbaren Satelliten abhängen, ob es störungsfrei arbeiten konnte. Den Fernseher würde er wohl über die dreiarmige Zimmerantenne betreiben. Er mußte ja auch nicht gleich hundert Programme haben. Als er nach knapp fünfzehn Minuten den Rechner herunterfahren wollte, klopfte es an die Tür. Martha Andrews und ihre Schwiegertochter baten um Einlaß.

"Deine Mutter meinte, du möchtest dir mit Florymont erst einmal alleine ansehen, was er und sie in diesen Schuppen gestellt haben. Klappt das alles?" Erkundigte sich Millie.

"Internet und der Kombi-Apparat zum Drucken, Faxen und Scannen klappen. Florymont hat aber gesagt, daß ich das ganze nicht zu lange laufen lassen soll, weil er nicht garantieren kann, daß immer genug Strom da ist", erwiderte Julius nicht ganz wahrheitsgemäß.

"Und wie lange ist lange?" Fragte Millie verschmitzt grinsend.

"So'ne Stunde oder zwei pro Tag höchstens, je nachdem, was ich zusammen laufen lasse", erwiderte Julius.

"Und ich darf dann das Haus warmhalten, Julius?" Tat Millie entrüstet. Doch ihr Lächeln sagte allen, die sie sahen, daß sie es nicht zu ernst meinte. "Ich sehe ein, daß du ein paar Muggelsachen behalten sollst, weil das doch auch viel Zeit gekostet hat, dir beizubringen, damit umzugehen. Aber ich hoffe doch, daß du nicht meinst, zu viel Zeit zu haben und dann nur noch hier in diesem Raum sitzen möchtest. Weil sonst müßte ich mich fragen, wer von uns beiden wo was verkehrt gemacht hat."

"Ich möchte das auch nicht, nur hier sitzen, Millie. Weil dann hätte ich dich letztes Jahr nicht heiraten müssen, wenn ich das wirklich so gewollt hätte", erwiderte Julius beschwichtigend. Florymont grinste jungenhaft. Offenbar fühlte der Zauberkunstexperte sich bestätigt.

"Ich kann dir ja auch zeigen, was damit so alles geht, soweit ich das noch kann, Millie. Oder wir können auch einfach mal das Neuste aus den Verkaufslisten der Muggelwelt hören wie die Lieder von den Spice Girls oder Céline Dion."

"Das ist ein Angebot, wenngleich ich unsere Céline verstehe, daß die mit dieser Säuselliese nix gemeinsam haben will. Aber die fünf, ähm, vier wilden Mädels aus deiner alten Heimat oder andre Frauen, die wissen, was sie wollen im Radio hören. Aber wie erwähnt, Julius, wenn du nur noch hier sitzen möchtest, wüßte ich nicht, wo da was bei uns verkehrt läuft und wie das dann abzustellen ist." Julius nickte. Dann fuhr er den Rechner wieder herunter und probierte den Fernseher aus, den er erst neu einstellen mußte, bis er zumindest die wichtigsten Programme der französischen Fernsehwelt schneefrei empfangen konnte. Dann wurde es auch langsam Zeit für das Mittagessen.

"Heute Mittag und Abend eßt ihr noch mal bei uns!" Legte Camille fest. "Wir haben noch so viel von gestern übrig. Auch die Kräuter-Nuß-Pastete, die Jeanne für Brittany gebacken hat ist noch nicht ganz verputzt."

"Obwohl Céline, Sandrine und Belisama davon probiert haben?" Wunderte sich Millie. Aber sie hatte die gewaltige Pastete aus cremig verkochenden Kräutern und verschiedenen, geriebenen Nußsorten auch probiert.

"Dann wollen wir mal zu euch nach Hause", sagte Julius zu Camille. Millie und er sahen noch einmal zum orangeroten Apfelhaus hinüber. Heute Nachmittag würden sie alleine zurückkehren, wenn sie sich sicher waren, wirklich unbehelligt zaubern zu dürfen.

Das Mittagessen fand diesmal im Esszimmer statt, weil diesüdfranzösische Sonne gerade grell und sengend vom Himmel schien. Sie sprachen über das Supergeschenk für die Latierres und was dafür von ihnen wohl erwartet würde.

"Also, mindestens mußt du bis zum Finale im Schachturnier bleiben, Julius", wandte Jeanne ein. "Dann mußt du zusehen, daß du mit Millie mindestens die silbernen Tanzschuhe gewinnst und obendrein meine kleine Schwester und meinen kleinen Cousin betreuen, wenn Maman euch den Garten fertigmacht."

"Fast unlösbare Aufgaben, wenn Millies Oma Line wieder mitspielt und ihre begabte Tochter Patricia auch mitspielen darf und meine Mutter. Was das Tanzen angeht ist da auch eine große Konkurrenz. Da erscheint mir das letzte einfacher", erwiderte Julius. Camille grinste ihn verwegen an und meinte:

"Du meinst, weil du Millie die ganzen Sachen überlassen müßtest, Julius? Aber ich denke, die Betreuung von Cythera hat dich sehr gut vorbereitet. Du mußt nicht an meiner Chloé üben, um keine Angst zu haben, wenn später mal jemand mit deinen Erbanlagen ankommt."

"Aber die Frage ist schon berechtigt, Camille", wandte Martha ein. "Ich habe das alles immer wieder überdacht und mich auch immer wieder gefragt, ob es einen Preis, eine Erwartung, eine Verbindlichkeit gibt. Nur weil mir nichts dergleichen einfällt komme ich nicht davon ab, daß dergleichen doch irgendwie erwartet wird."

"Martha und auch du Julius, wir haben euch immer gezeigt, daß wir nicht irgendeiner Gegenleistung wegen gerne mit euch zusammen sind", sagte Camille. Ihr Mann nickte beipflichtend. "Wir freuen uns einfach, wenn dein Sohn und seine Frau hier bei uns Wurzeln schlagen und richtig aufblühen können. Nach dem dunklen Jahr haben wir alle mehr neues Leben bitter nötig. Und was die Gegenleistungen angeht, wie kommst du darauf, daß nicht wir es sind, die das, was wir dir, sowie Millie und Julius jetzt bieten, nicht eine Gegenleistung für etwas ist, was die beiden schon erbracht haben?" Florymont grinste und sagte:

"Wüßte ich heute, was eine Solarzelle ist oder könnte einen Umspanner von einem Wechselrichter unterscheiden oder gar verstehen, warum ein magieloser Ballon große Lasten tragen kann? Diese Erkenntnisse bringen mich sehr weit in meiner eigenen Arbeit, weil ich mir bisher unbekannte Prinzipien verwenden kann oder mit einem Minimum an Zauberkraft ein Maximum an Erfolg erzielen kann. Camille hat deinen Sohn doch schon adoptiert, als er ihr damals in der Rue de Camouflage vor die Füße fiel." Er grinste Julius jungenhaft an. "Und ich freue mich, jemanden in der Nähe zu haben, der vielseitig kreativ ist. Bei der Gelegenheit hat meine Tochter Claire sehr schöne Jahre erlebt, auch wenn ich ihr und uns noch viele Jahre mehr gewünscht habe. Was Blanche und Eleonore angeht, so freuen die sich darauf, daß Julius nun nicht mehr irgendwo untertauchen kann, wenn das Schachturnier ist. Außerdem besteht die Möglichkeit, daß dein Sohn nach Beauxbatons etwas anfangen kann, was ihn und damit auch Millemerveilles in noch besserem Licht erstrahlen läßt. Daß er mit Millie zusammen ist ergibt bestimmt eine sehr interessante Vielfalt an möglichen Nachkommen, die dann in Hera Matines Zuständigkeit fallen."

"Sofern meine Oma Tetie oder meine Tante Béatrice das nicht anders sehen", wandte Millie ein.

"Das wird sich ergeben, wenn es soweit ist", meinte Jeanne. "Die hat mich auf die Welt geholt und Viviane ans Licht gehoben. Man kann mit ihr gut auskommen."

"Wenn man weder Zwergen- noch Riesenblut in der Ahnenlinie hat", grummelte Millie. Julius nickte ihr beipflichtend zu. Er wußte mittlerweile, daß in Millies Blutlinie irgendwo auch ein Halbriese vorgekommen war, was erklären konnte, warum ihre Schwester Martine und sie ihren Vater, einen Halbzwerg, trotz dessen Erbgut überflügelt hatten.

"Na ja, und Quidditch ginge bei euch beiden auch. Jetzt wo Janine aus Millemerveilles raus ist und nur noch für die Profis der Mercurios spielen möchte anstatt auch in ihrer Freizeit kämen zwei bereits ausgezeichnete Spiler für die Leute hier sehr gelegen, die nicht in die Mannschaft wollen oder können, aber doch mal zwischendurch spielen wollen", wandte Camille ein.

"Wir sind ja gerade erst angekommen", sagte Julius. "Gegen Chloé und Philemon sind wir ja richtig neu."

"Stapelst du wieder tief, Julius? Du warst in den Ferien doch mehr hier als sonst wo", wandte Millie ein. Jeanne nickte ihr zu. Julius nickte dann auch. Was sollte es, sich weiter den Kopf zu zerbrechen, warum sich die Leute hier diesen Aufwand gemacht hatten, ihn hier anzusiedeln? Das mit der Volljährigkeit war wohl auf Minister Grandchapeaus Mist gewachsen, weil er keine öffentliche Belohnung wegen der Friedenslagerbefreiungen und der Vernichtung der Skyllianri vergeben konnte.

"Aber euer Haus ist richtig toll", sagte Denise unbekümmert. "So'n richtig großer Apfel. Habe nicht gedacht, daß man in einem Apfel leben kann."

"Die Larven des Apfelwicklers können das wunderbar", warf Julius ein. Millie grinste darüber nur.

"Nur schade, daß es kein echter Apfel ist wie einer von dem Baum, der auf Claires Schlafhügel steht."

"Ist der schon richtig groß?" Fragte Julius Denise. Camille lächelte. Dann meinte sie:

"Wo wir dabei sind, Julius. "Der Baum, der in Paris steht kann wohl dort bleiben. Von dem Baum, von dem der Kern stammt kann ich euch beiden im Herbst gerne fünf Stück geben. Es hat sich ja gezeigt, daß der Baum auch für deine Mutter wächst. Dann möchte ich auch, daß er weiter für sie wächst."

"Falls ich nicht umziehe, Camille", wandte Martha ein. Julius hatte die Geschichte von dem Skyllianri noch in Erinnerung, den der kleine aber doch schon kraftvolle Apfelschößling im Garten der Brickstons abgewehrt hatte. Dann fiel ihm was ein. Doch das wollte er Millie erst fragen, wenn sie wieder alleine in ihrem Apfelhaus waren. Sollte er dieses Wort als magische Adresse anmelden? Doch dann kam ihm Denises Bemerkung noch einmal in den Sinnn, von wegen in einem Apfel zu leben. Wenn es nach Millie ging sollten da in den nächsten Jahren an die sieben Kinder leben. Dann schrie die große, runde Halle mit der Rundumfensterfront danach, immer wieder Gäste dort zu haben. Ein großer Apfel voller Leben, ein Apfel des Lebens an sich. Hieß es nicht in der Bibel, daß Adam und Eva wegen eines verbotenen Apfels aus dem Paradies und damit aus einem sorglosen wie uninteressantem Leben verstoßen wurden? Hieß es nicht andauernd, Isaac Newton hätte die Erkenntnis über die Schwerkraft gewonnen, weil ihm ein Apfel auf die Birne geplumpst war? Und merkwürdigerweise war es doch eine Verbindung zwischen fünf Apfelkernen, die Ammayamirias Band mit den lebenden Verwandten und Geliebten knüpfte. Warum nicht?

"Denise, du hast mich gerade auf einen genialen Namen für unser Haus gebracht. Haus Pomme de la Vie", rückte Julius mit seiner Idee heraus. "Allerdings nur dann, wenn Millie nichts dagegen hat. Immerhin will sie da ja irgendwie glücklich werden."

"Apfel des Lebens? Ich hatte schon überlegt, ob wir in der Richtung was finden. Ich hatte schon an sowas wie Liebesapfel, Glücksapfel oder Villa Rotbäckchen gedacht. Aber Apfel des Lebens steht für das alles zusammen, Julius. Nehmen wir", stimmte Milie zu und strahlte Julius und Denise an.

"Den können wir auch als Kaminanschlußnamen anmelden", sagte Julius. "Mum, wie war das bei dem in unserer bisherigen Wohnung. Wer kam auf den Namen Pont des Mondes?"

"Das war Catherine, Julius. Mir hat sie nur erzählt, sie wolle einen Kaminanschluß für mich und damit auch dich beantragen. Ich wußte nicht, daß die Namen frei gewählt werden können und nicht wie Haus- oder Telefonnummern von der zuständigen Behörde vergeben werden."

"Grundstück Millemerveilles zwei null eins drei sieben acht wäre ein ganz grauenhafter Name gewesen", schnarrte Florymont. "Außerdem kann man sich richtige Namen doch noch besser merken als lange Zahlen."

"Kann man das?" Fragte Martha. "Dann bringe ich dir besser nicht die ersten fünfzig Quadrat und Kubikzahlen bei, die ich als Spaß auswendig gelernt habe und dabei herausfand, wie man durch pures Addieren von einer zur nächsten Quadratzahl kommen kann."

"Ach das, die Zahlen die beim Malnehmen einer Zahl mit sich selbst was ergeben wo wenn es Steinchen wären alle so zusammengelegt werden können, daß sie ein Quadrat geben", sagte Denise. Martha und ihr Sohn nickten.

"Deshalb heißen die dann so, Julius?" Fragte Millie. Julius nickte. Um dann nicht zu lange auf mathematischen Sachen herumzureiten fragte er schnell:

"Wen muß ich wegen des Kaminanschlusses anschreiben, Florymont?"

"Du hast einen von denen mitgeheiratet, Julius", grinste Millie. "Wenn du den Anschluß morgen haben möchtest können wir das gleich mit Opa Ferdinand abklären. Seitdem sein früherer Chef Vestus Lumière sich freiwillig in eine andere Abteilung hat versetzen lassen darf der Neuzuteilungen und Anschlüsse bearbeiten." Julius hätte sich fast vor die Stirn geschlagen, weil ihm diese Möglichkeit nicht sofort eingefallen war. Allerdings wollte er das nicht als reine familiäre Gefälligkeit laufen lassen, sondern korrekt beantragen und als einer von vielen neuen magischen Bürgern ausführen lassen. Aber vielleicht erreichte ihn seine Eule noch vor Büroschluß. Oder mußte er dann doch einen gewissen Dienstweg einhalten?

"Francis ist noch in Paris, Mum?" Fragte er.

"Bei Catherine, solange du weg warst", sagte seine Mutter. "Aber ich denke, sie wird ihn dir mit seinem Tragekäfig demnächst rüberbringen."

"Willst du Opa Ferdinand einen amtlichen Antrag schicken, Julius?" Wunderte sich Millie.

"Ich habe mal gelernt, daß Sachen dann auch richtig sind, wenn sie richtig gemacht werden", erwiderte Julius und sah seine Mutter an, von der er das wohl so gelernt hatte. Millie lachte nur lauthals und erwiderte:

"Dann reicht das völlig aus, wenn du schreibst, daß wir beide mit Beschluß vom neunzehnten ab dem zwanzigsten bereits eigenständige Mitglieder der Zaubererwelt seien und wir deshalb von der Ortsgemeinde Millemerveilles aus Dankbarkeit für schon geleistete und noch anstehende Sachen ein fertiges Haus mit Kamin bekommen hätten und den gerne so schnell es geht anschließen möchten und ihm das persönlich ins Büro bringst. Soweit ich weiß nehmen die Flohregulierungsleute die Anträge auch von den Antragstellern selbst entgegen."

"Da sind wir auch schon bei dem, was ich meine, Millie. Flohregulierungsrat heißt diese Behörde. Das heißt für mich, daß der Chef davon nicht alleine bestimmt, wann und wo und wie schnell ein Anschluß aufgemacht wird, sondern erst einmal beraten wird, ob der Antragsteller dazu berechtigt ist, einen Anschluß zu haben, das vielleicht Probleme mit umliegenden Häusern geben könnte oder ob der Antragsteller den Anschluß für private oder gewerbliche Zwecke benutzen will, was darüber bestimmt, was derjenige dafür bezahlen muß."

"Was innerhalb von einer Woche erledigt werden kann, bei Kontakten zu wichtigen Mitgliedern sogar von heute auf morgen", sagte Florymont. "Was meinst du, wie schnell Jeannes und Brunos Kamin am Flohnetz hing, nur weil die deinen Schwiegeropa Ferdinand in der Verwandtschaft haben, Julius."

"Gut, aber irgendwie kam das von Madame Delamontagne so rüber, daß wir das zumindest korrekt beantragen, damit der Amtschimmel fleißig wiehern darf."

"Genau", grinste Jeanne. "Aber dabei darf er ruhig galoppieren und muß nicht im langsamsten Schritt gehen, Julius."

"In Ordnung, Julius. Dann machen wir das gleich so. Du schreibst deinen so wichtigen, korrekten Antrag und ich bringe den mit eigenen Händen zu Opa Ferdinand rüber, daß der den auf die Liste der demnächst zu regelnden Beratungen vom Flohregulierungsrat legt, und das ganz weit oben."

"Hier in der magischen Welt läuft viel mit klüngeln, Julius", amüsierte sich Martha Andrews. Julius sah das wohl ein. Außerdem hatte er durch die inoffiziellen Kanäle schon einiges bekommen oder erleben dürfen, was er ohne diese Verbindungen nicht einmal zu träumen gewagt hätte, vor allem, daß er mit seiner Mutter mal eben nach Paris umziehen durfte.

"alles klar, Millie, wir machen das so", sagte Julius zu.

Sie sprachen dann noch über die Einrichtung des Apfelhauses. Natürlich würden sie die ganzen Bilder dort aushängen, die nicht der unmittelbaren Verbindung mit anderen Portraits dienten. Auch konnte Julius die Vielraumtruhe dort schon sicher unterstellen und den Hausrat verteilen. Da sie beide sich ja schon darauf verständigt hatten, vorrangig die dritte Etage zu bewohnen, war das schon mal ein Anfang. Julius fragte, wer in Millemerveilles Möbel lieferte, da er heraufbeschworenen Tischen und Stühlen nicht lange über den Weg traute. Florymont gab ihm die Wegbeschreibung zum ortsansässigen Schreiner. Millie wollte dann für Tischtücher, Bettwäsche, Badezimmertextilien und Ziervorhänge sorgen. Klassische Rolleneinteilung, dachte Julius. Doch ihm war das recht, mal irgendwas zu machen, wo er nicht von Freunden oder Verwandten beraten werden mußte.

Nach dem Essen führten Millie und Julius einige Zauber aus, um zu sehen, ob ihnen deshalb ein Donnerwetter blühte. Doch nachdem Julius mehrere Apportierkunststücke, drei Invivo-ad-Invivo-Verwandlungen und eine Fernlenkung ausgeführt hatte war klar, daß wohl niemand mehr auf seinen Rauswurf aus Beauxbatons ausgehen würde. Dann schrieb er an den Flohregulierungsrat:

Sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder des Flohregulierungsrates,

Gemäß Familienstandszusatzregelung 2 von 1720 befand ein einberufener Rat aus sechs Hexen und sechs Zauberern, meiner Frau Mildrid und mir die vorzeitige Volljährigkeit zuzuerkennen. Im Zuge dessen, daß mehrere Mitglieder des erwähnten Zwölferrates Bürger von Millemerveilles sind, beschlossen diese, meiner Frau Mildrid Ursuline Latierre und mir ein Grundstück zu schenken, auf dem ein bodengebundenes Fertighaus mit drei Kaminen aufgesetzt wurde. Ich erfuhr, daß drei Kamine verfügbar sind, von denen jedoch nur einer zur Zeit als Zugang zum Flohnetz genutzt werden kann. Da das Haus, daß meine Frau und ich von uns wohl gesinnten Verwandten und Bekannten geschenkt wurde, die Form und Farbe eines reifen Apfels besitzt und wir beide nach unserem Endabschluß in Beauxbatons dort unsere Familie gründen möchten, sind wir auf den Namen Pomme de la Vie gekommen. Ich beantrage hiermit offiziell die Zuteilung und Einrichtung eines Kaminanschlusses unter dem Namen Pomme de la Vie, zum Ihnen nächstmöglichen Termin und erbitte eine schriftliche Bestätigung meiner Anfrage und, wie ich hoffe, einen Termin für den erwünschten Anschluß.

In der guten Gewißheit, bald von Ihnen hören zu dürfen verbleibe ich

Mit freundlichen Grüßen

 

Julius Latierre

 

Diesen Brief steckte er in einen Umschlag, schrieb als Adresse Flohregulierungsrat Frankreich darauf und gab ihn Millie. Diese benutzte dann den Kamin der Dusoleils, um in das Zaubereiministerium zu reisen, während Julius mit Florymont zum Apfelhaus zurückflog. Julius führte seinem Beinahe-Schwiegervater oder auch Beinahe-Adoptivvater vor, daß die Truhe hinter einem fliegenden Besen herfliegen konnte. Florymont staunte jedoch keineswegs. Er kannte dieses praktische Möbel schon.

"Das wird dir ab heute häufiger passieren, Julius. Millie nutzt alle einfachen Wege, die sie hat, während du weiterhin den korrekten Dienstweg einhalten möchtest. Da wird es wohl noch das ein oder andre geben, was euch beide zu kleinen Meinungsverschiedenheiten bringt. Aber eine Ehe wäre auch zu langweilig, wenn immer nur uneingeschränkte Einigkeit vorherrschen würde. Das wäre dann nämlich ein Zeichen, daß diese Ehe auf Unterwerfung eines Partners unter den Willen des anderen basiert und nicht auf gleichberechtigte Meinungen."

"Als Ehekrach habe ich das nicht gesehen. Da denke ich eher an fliegendes Geschirr und stundenlange Beschimpfungen oder sowas", erwiderte Julius.

"Habe ich auch nicht so gesehen. Ich wollte dir nur sagen, daß du jetzt nicht erschrickst, weil das heute Mittag nicht auf eine spontane Übereinstimmung hinauslief."

"Sehe ich das richtig, daß Millie und ich dann heute Abend schon im Pomme de la Vie übernachten sollen."

"Aurora reist heute abend schon ab. Nur frage ich mich, ob ihr in einem halbleeren Haus schlafen wollt."

"So wie Millie gerade drauf ist möchte sie das Haus heute noch fertig einrichten", erwiderte Julius.

"Tja, dann aber wohl nur, wenn du bei Monsieur Lachaise auch gleich ein großes Bett findest", erwiderte Florymont grinsend. Julius grinste zurück.

"Ich denke, das holen wir aus Paris herüber." Florymont sah nun verdutzt drein, nickte dann aber. Es war ja hinlänglich bekannt, daß Millie und Julius ein gemeinsames Schlafzimmer bei Martha Andrews hatten.

Wieder beim orangeroten Apfelhaus angekommen fiel Julius ein, daß er gar nicht gefragt hatte, ob es eine Türglocke gab.

"Normalerweise gibt es bei den Varanca-Häusern keine. Gut, daß du mich darauf bringst. Das richte ich dir sofort ein, bevor ihr mit der Möbelschlepperei loslegt."

"Wie genau?" Fragte Julius.

"Ich brauche vier oder fünf Sätze auf Englisch, womit jemand draußen rufen könnte, ob jemand zu Hause ist. ich nehme dann noch vier Sätze aus dem Französischen, oder einfach eure beiden Vor- und Familiennamen. Dann kann ich einen auf zehn Schritt Umgebung wirksamen Meldezauber an der Wand anbringen. Es ist ja jetzt wieder etwas Speichervermögen vorhanden. Wenn dann jemand im Wirkungsbereich des Zaubers die Sätze ruft kann ein Glockenton oder ein unüberhörbares Klopfen, ein Paukenschlag oder der markante Ruf eines Vogels erklingen. Such es dir aus!"

"Gab es da nicht ein französisches Zaubererkinderlied "Wie leuchtet mir der Apfelbaum"?" Wollte Julius wissen. Hecate Leviata hatte manches Kinderlied in ihrer wilden Art umgearbeitet.

"Das hat Claire auch gerne gehört und nachgespielt", sinnierte Florymont etwas trübselig. Dann strahlte er. "Genau das kriegt ihr als süßes Glockenspiel, wenn jemand vor eurem Haus ruft. Und sollte Ammayamiria befinden, bei euch vorbeizusehen, wird sie sich freuen."

"Stimmt, hat Claire mir mal in der Holzbläsergruppe vorgespielt. Ist aber schon ... einige Zeit her", erwiderte Julius, den Freude und Trauer zugleich überkamen. Doch dann sagte er, daß Florymont es so machen sollte. "Bei den Muggeln gibt es Gegensprechanlagen und Türsummer, also elektrische Öffnungsvorrichtungen", führte Julius noch an. "Aber ich denke, das hält uns fit, wenn wir vom dritten zum Erdgeschoß laufen können, wenn eine Appariersperre eingebaut werden sollte."

"Hämm, willst du wirklich eine haben, daß du in eurem Haus nicht apparieren kannst?" Fragte Florymont und strahlte mit jungenhaftem Vergnügen. Julius überlegte kurz und schränkte ein, daß es nur sein solle, daß fremde nicht einfach hereinapparieren konnten.

"Oh, dann haben wir zwei gleich noch was mehr vor, als eine große Truhe auszuräumen", sagte Florymont. "Das Kalibrieren auf die Hausbewohner oder deren direkte Blutsverwandte gehört immer wieder zu meinem Geschäft. Das kriegen wir, wenn Millie wieder bei uns ist. Erst die Truhe, dann die Türglocke." Julius stimmte zu.

Die Truhe schwebte auch nach der Landung hinter Julius her, der mit dem goldenen Schlüssel die unsichtbare Tür aufschwingen ließ. "Wie eine Zentralverriegelung bei einem neueren Auto", sagte er. Florymont meinte, daß es durchaus eine Zentralverriegelung sei, weil damit auch gleich alle Fenster geschlossen würden, wenn keiner mehr im Haus war und ein Schlüsselnutzer das Verschließen befehlen würde. Julius schluckte die unfeine Unterstellung, daß das klar sei, wo ein Vorurteil sagte, das in Italien viel gestohlen würde hinunter. Sicherheit sollte überall gleichwichtig sein, wenn auch nicht zu viel, wie Didier und Wishbone unfreiwillig bewiesen hatten.

Julius räumte alle Bücher aus der Truhe in die ihm geschenkte Centinimusbibliothek und ließ diese in normalgroßer Form in dem als Bibliotheks- und Leseraum ausgemachten zimmer stehen. Die Teller und Schüsseln konnte Julius in der oberen Küche in den dort schon eingebauten Schränken unterbringen, ebenso das Geschirr. Er fragte Florymont, warum er nur die Küchenschränke belassen aber alle anderen Möbel ausgeräumt hatte, weil ihm klar war, daß ein Reisehaus doch schon möbliert sein mußte.

"Weil das euer ganz eigenes Haus sein soll und von der Form abgesehen innen ganz von euch gestaltet werden soll. Aber wir kriegen genug Schränke, Tische, Stühle, Sessel, Sofas und Betten zusammen, um es aufzufüllen." Julius nickte zustimmend.

Als alle Alltagssachen aus der Truhe waren und Julius Florymont kurz die Utensilien für besondere Betätigungen gezeigt hatte meinte dieser:

"Die Herrschaften, die euch dieses Möbel geschenkt haben legen wohl wert darauf, daß ihr euch nie langweilt, wie."

"Eindeutig nicht", erwiderte Julius darauf.

Florymont disapparierte vor dem Apfelhaus und kehrte nach einer halben Minute mit einem Konservendosenartigen Ding zurück, das er Verbalkalibrator nannte. "Ist zwar nicht von mir erfunden worden, konnte aber in einigen entscheidenden Punkten verbessert werden, vor allem darin, daß bereits die Ähnlichkeit der Satzabstimmungen reicht, um den Zauber auszulösen. Früher konnten nur Wörter und Sätze in einwandtfreier Betonung und gleichbleibender Sprachmelodie den damit aufrufbaren Zauber in Kraft setzen." Julius nahm die silberne Dose, die oben einen kleinen Trichter hatte. Florymont bat ihn nun, mehrere Sätze in den Trichter zu rufen, die zeigten, daß jemand ins Haus wollte. So rief er hinein: "Millie, Julius, seid ihr da?! - Millie, bist du da?! Julius, bist du da? - Jemand zu Hause?! - Wer zu Hause?! - Hallo, ich möchte rein! ..." und das alles noch einmal auf Englisch. Etwas verwundert war er nur, daß er seine Wörter nicht hohl und blechern widerhallen hörte, wie früher, wenn er in ein Dosentelefon gerufen hatte. Es klang förmlich so, als würden seine Wörter geschluckt. Als er meinte, genug Auslösesätze eingefüllt zu haben, drehte er den Trichter nach rechts, bis ein leises Klicken verriet, daß der Kalibrator jetzt zu war, also keine weiteren Wörter mehr aufschnappen würde. Dann nahm Florymont die Konstruktion und umschritt damit das Apfelhaus in Zehn Schritten Abstand, wobei er immer wieder Zauberstabgesten zur Wand, zum Himmel und zum Boden machte. Nach jeder umrundung tippte er die Dose mit der Zauberstabspitze an, worauf diese kurz blau aufglühte und Funken senkrecht nach oben und unten sprühte. So umlief Florymont den Riesenapfel mehr als zehn Mal, bis keine blauen Leuchterscheinungen mehr aus der Zauberdose kamen. Dann schwang er ausladende Figuren und rief dabei eine Formel, die Julius mal in Professeur Faucons Buch über Gegenflüche und Meldezauber gelesen hatte. Dann hörte er den auslösenden Befehl: "Anuntiato anuntiandum!" Die Luft flimmerte, die Wand des Apfelhauses erstrahlte einen Moment noch heller als bereits im Sonnenlicht. Dann war es auch schon erledigt.

"So, der Zauber hält solange, wie das Haus steht", keuchte Florymont. Offenbar hatte die Zauberei ihm gut zugesetzt. "Die Schwierigkeiten bestanden in den schon eingewirkten Zaubern und der Konzentration auf die gewünschte Art der Meldung."

"Julius, wenn du noch bei unserem Haus bist bleib da! Onkel Otto, Gilbert, Tine, Bine, San und ich kommen mit Möbeln. Du brauchst Moniques Onkel nicht zu bemühen", hörte Julius Millies Gedankenstimme. Da Camille es wußte konnte es Florymont auch wissen, daß sie über den Herzanhänger mit ihm mentiloquieren konnte.

""Millie bringt mit der halben Verwandtschaft die Möbel an. Soviel zur Rollenverteilung", gab er denn auch weiter.

"Eindeutig, sie hat es eilig", stellte Florymont fest. "Die werden dann wohl fliegen, weil direkt zu uns hereinapparieren können sie ja nicht. Dann probier mal aus, ob mein Zauber so wirkt wie er soll!" Julius ging in das runde Haus und stieg bis zum Wintergarten hinauf. Es verging keine weitere Sekunde, da erscholl von einem sphärischen Glockenspiel gespielt jenes Kinderlied, das Claire mal nachgespielt hatte. Julius eilte die Wendeltreppe hinunter und dachte an den Antischwerkraftschacht von Thorntails. Dann öffnete er die Tür, und das Glockenspiel verhallte.

"Trotz guter Schalldämmung konnte ich es ganz leise hören", sagte Florymont. "Aber wohl nur, weil es hier gerade schön ruhig ist und ich mich darauf konzentriert habe.

"Ich schlage vor, wir gehen rein und lassen Millies Verwandtschaft ausprobieren, ob die einen der Auslöser treffen", brachte Julius eine Idee an. Florymont nickte. So gingen sie in die runde Halle im Erdgeschoß. Julius probierte die Kristallsphäre an der Decke aus und brachte sie zum leuchten und dann wieder zum erlöschen. Dann testete er den Wasserdruck und die Abwasserabführung im Badezimmer im ersten Stock. Bei der Gelegenheit wurde er überschüssige Stoffwechselrückstände los. Es dauerte dann noch eine halbe Stunde, bis er jemanden "Julius, zu Hause!" wispern hörte und das Glockenspiel einsetzte. Er öffnete die Tür. Zwischen Muggelweltaußenposten und Haustür standen vier rotblonde und zwei feuerrothaarige Besucher.

"Da habt ihr aber Glück. Ich wollte gerade zu Gringotts und mein Verlies leerräumen!" Rief Julius.

"Wegen der Möbel?" Fragte Millie. "Such uns welche aus, Julius! Unser Bett holen wir gleich noch aus Paris, wenn Martha ihren Kamin aufmacht."

"Wie, ich soll mir welche aussuchen, Millie!" Rief Julius.

"Wir haben mal einen halben Sack voll mitgebracht", sagte Otto Latierre, einer von Julius' Onkeln. "Oh, Florymont, hattest du deinen Nachbarn schon bei dem alten Ramus Lachaise angemeldet?"

"Sagen wir es mal so, Otto. Es wäre wohl sympathischer rübergekommen, wenn deine Nichte und dein Schwiegerneffe sich bei unseren niedergelassenen Handwerkern ihre Einrichtung zusammengesucht hätten. Aber angemeldet habe ich ihn nicht. Habe meine eigene Arbeit gesichert, bevor du noch meinen könntest, mir abgekupferte Komfortzauber einzuwirken."

"Was heißt abgekupfert, Florymont. Du hast auf der Zauberkunstkonferenz damals genug angedeutet, wie man dieses oder jenes anschieben kann. Oder hast du gehofft, nur Trollen und Hohlköpfen was zu erzählen? Aber ich will keinen Krach mit dir oder Camille haben, wo die uns vor zwei Wochen die Regenbogensträucher nachgestutzt hat." Sabine und Sandra, zwei sportlich aussehende, junge Hexen mit feuerroten Haaren und grünen Augen, eilten auf Julius zu und umarmten ihn.

"Da bist du endlich aus Maman Beaux schützendem Schoß raus, nachdem du lange an Madame Maximes Rocksaum hängen mußtest", sagte Bine. "Millie hat ihrem Opa ganz dreist einen Umschlag hingeknallt und gesagt: "Wir dürfen das, also tu uns bitte den Gefallen!" Wir, Michel und Raphaelle sind gerade bei deiner Schwiegermutter gewesen. Die hat dann gleich die halbe Familie angeschubst, uns das mal anzusehen, was die Leute euch hier hingelegt haben."

"Ich freue mich auf jeden Fall, daß ihr zwei gut über das Jahr gekommen seid", sagte Julius beiden zugewandt.

"Und die haben Millie und dich schon für groß und Erwachsen erklärt?" Fragte San. "Dann kannst du dich jetzt drauf gefaßt machen, daß eure Saalkönigin dir für die Ferien schon Selbstverwandlungen aufgibt, damit die dich im nächsten Jahr schon durch die UTZs kriegt, bevor Millie von dir was kleines kriegt", warf Sabine ein.

"Millie will noch ein Jahr Quidditch spielen, um den Pokal grün bleiben zu sehen", erwiderte Julius. Sandra Montferre lachte und sagte:

"Nicht, wenn die Kampfküken Callie und Pennie bei den Roten Treiber spielen dürfen. Da wirst du uns sehr doll vermissen, Julius."

"Okay, ihr zwei Zwillinge, der Bursche hat was zu tun!" Rief Otto Latierre und braitete eine riesige Plane aus. "Millie erzählte unterwegs was von sieben Kinderzimmern. Wollen wir schon ein paar Wiegen reintun?"

"Millie ist nicht deine Mutter, Onkel Otto", erwiderte Julius. Der angesprochene lachte. Gilbert Latierre grinste Julius an und fragte: "Hat die Chermot vom Miroir schon ein Interview mit dir ausgehandelt oder darf ich ein Vorrecht anmelden?"

"Ich weiß nicht, ob das echt schon alle Welt wissen darf, Gilbert", sagte Julius. "Deshalb möchte ich im Moment auf Zeitungsinterviews verzichten."

"Stimmt, weil dann gleich jeder Trollpopel fragt, was so besonderes an meiner Schwester sei, daß sie schon für volljährig erklärt wurde und ein großes Haus hingesetzt bekam", pflichtete Martine Julius bei. Dann durfte er sich mehrere verschiedene Stühle, runde, vier- bis zwölfeckige Tische verschiedener Größen und kleine und große Schränke ohne Bezauberung ansehen. Es gab mehrere Bänke, sogar solche, die sich rund biegen lassen konnten, dito Sofas in mehreren Größen und Farben, mehrere Bettgestelle, ja sogar Etagenbetten und doch einige Wiegen. Julius erinnerte sich daran, daß sie in Paris den riesigen Kleiderschrank und das Doppelbett hatten. Das hatten Otto und Gilbert nicht gebaut. Er fragte, ob das aus der Werkstatt von Bacinet & Söhne stammte. Das meiste ja, erhielt er zur Antwort. Nach knapp einer Stunde hatte er den Versammlungsraum mit langen Bänken, kleineren, runden Tischen und mehreren hochlehnigen Stühlen ausgestattet und in einem Viertel eine Sitzgruppe aus drei Sofas und zwei Sesseln um einen viereckigen Tisch ausgesucht. Tine meinte, daß ihn das bei einem anderen Möbelhändler mehr als dreihundert Galleonen gekostet hätte. Mehrere Betten und Beistelltische besetzten die Gästezimmer. Und auf der dritten Etage stimmte Julius zu, neben dem erwähnten Elternschlafzimmer ein Kinderzimmer mit einer Wiege einzurichten. Die Einräumarbeiten gingen weiter. Julius merkte dabei nicht, wie Millie mit den Montferres davongezogen war, um die Textilien zu besorgen.

"Okay, ein paar Zimmer lassen wir mal frei", sagte Julius erschöpft vom laufen. Tragen mußte er nichts. Alles wurde eingeschrumpft hochgebracht und an Ort und Stelle rückvergrößert. Dann kamen die drei Hexen vom Textilieneinkauf und schleppten große Bündel Tischdecken, Handtücher, Bettwäsche und für jeden kleineren Raum verschiedenfarbige Vorhänge an, die Florymont und Julius gemeinsam an mitgebrachten Leisten befestigten.

"Dann fehlt nur noch Millies großer Schrank und euer Wonnelager", flüsterte Bine Julius ins Ohr. Er sagte dazu nichts.

"So, Leute. Nur noch die beiden Möbel aus Paris. Dann kann die Einweihungsfete losgehen. Wann steigt die?" Fragte Otto Latierre.

"Auf jeden Fall nicht morgen", sagte Julius kategorisch. Millie verstand. "Ab übermorgen ist Schachspielen angesagt, dann bleibt nur der siebenundzwanzigste als freier Tag."

"Dann ist wieder Sommerball", sagte Millie. "Sagen wir doch einfach mal, erster August. Ginge das, Julius?"

"Hmm, jau, das geht", antwortete er. Immerhin konnte er an diesem Tag das zweite Mal im Jahr Geburtstag feiern. Florymont Dusoleil half dann noch, die ganzen Tragepakete zusammenzupacken. Dann winkte er Millie und Julius, mit ihm zu seinem Haus zurückzukehren.

"Alles klar, dann am ersten August!" Rief Sabine. Julius bestätigte das.

"Uff!" Gab Julius von sich, als alle, die ihm geholfen hatten, abgerückt waren und Millie und er alleine in der kreisrunden Eingangs- und Empfangshalle standen, die durch die Tische und Sitzmöbel schon nicht mehr so übergroß wirkte. "Hast du Opa Ferdinand gesagt, wir hätten jetzt schon ein eigenes Haus?"

"Der wußte das schon von Oma Line, die es von Brunos Vater hat, der es von Bruno hatte, der es von Jeanne gehört hat", antwortete Millie belustigt. "Ich dachte, du wärest längst dran gewöhnt, wie klein und verknotet die Zaubererwelt ist."

"Vor allem, wenn du in eine große Familie einheiratest, die einen eigenen Nachrichtendienst unterhält. Kann gut sein, wenn dann sofort Leute da sind, die einem helfen können, Sachen zu machen. Kann aber auch verdammt fies sein, wenn du dir ein dummes Ding leistest und das zwei Stunden später schon alle wissen, auch die, die es nicht wissen müssen", hielt Julius entgegen. Doch Millie hatte auch hier die passende Antwort parat.

"Das ist doch so wie in diesem Weltweitnetzwerk auf deinem Elektrorechner, Julius. Wenn du da was so hinschickst, daß da jeder drankommt, geht das in weniger als einer Stunde um die ganze Welt. Und da hast du dann überhaupt keinen Hauch Ahnung mehr, wer das alles von wem weiß oder wissen darf und wie oft das von denen, die drankommen auf den eigenen, im Netz verknoteten Rechnern gelagert wird. Ich habe zwar noch keinen gesehen, aber sage jetzt mal, daß das so ist wie mit diesen orientalischen Geisterwesen, den Dschinnen, die in einer Flasche eingesperrt waren, bis jemand die Flasche aufmacht und die rausläßt."

"Claires Oma Aurélie hat mir mal von diesen Wesen erzählt", setzte Julius an, um Millie zumindest zu beschreiben, wie diese Geisterwesen aussahen. Denn sein Ausflug in die Festung der Morgensternbrüder wollte er ihr bei allem, was sie doch von ihm wußte, nicht erzählen, schon gar nicht heute, wo morgen Claires sechzehnter Geburtstag gefeiert wurde.Er erwähnte die verschiedenen Typen, wie die vielarmigen Dunstgestalten und die Feuergeister.

"Kein wunder, daß viele Muggel in Arabien die gleich für böse halten."

"Nicht alle, Millie. Die unterscheiden da wohl schon zwischen gutartigen und bösartigen Dschinnen und echten Dämonen, also ganz bösen Geistern und Ungeheuern aus der Hölle. So genau kenne ich mich da zwar nicht aus, weil islamische Folklore mich früher nie so interessiert hat. Aber ein Kamerad aus der Grundschulzeit, der aus Pakistan nach England gezogen war, hat mir das mal erzählt."

"Irgendwie gruselig, sich vorzustellen, daß diese Wesen auf der Welt herumlaufen. Hat Claires selige Oma Aurélie dir auch erzählen können oder wollen, wo diese Dschinnen herkommen?" Wollte Millie wissen. Julius schüttelte den Kopf. Er wandte dann ein, daß über viele magische Wesen, die sie auch im Unterricht hatten, unklar sei, wie sie entstanden seien, wie ja auch noch lange nicht klar war, warum es wenige magisch begabte und sehr viele magielose Menschen gab.

"Stimmt, konnte uns bisher keiner erzählen", erkannte Millie. Dann kündigte sie noch an: "Aber zum Grund, warum die alle das wußten, also daß Opa Ferdinand mir das erzählt hat: Der Flohregulierungsrat kommt nur an einem Dienstag zusammen, wenn mindestens vier Anschlüsse wegen Umzug oder Todesfällen abgemeldet oder neue beantragt wurden. In den letzten drei Wochen haben sich eine Abmeldung und zwei neue Anträge gesammelt, unser ist also der vierte Tagesordnungspunkt. Deshalb werden die morgen wohl zusammenkommen. Die haben zwanzig Außendienstleute, die Kamine anschließen oder vom Netz abhängen. Kann also sein, daß, wenn die unseren Antrag als rechtmäßig einstufen und nicht noch was wissen wollen, übermorgen schon wer von denen bei uns anrücken kann. Das mit den drei Kaminen muß ja dann genau geprüft werden, wie das so gemacht wird, daß nur da wer rausfauchen kann, wo auch schon wer auf ihn wartet und nicht da, wo im Moment keiner rumläuft, schlimmstenfalls überhaupt keiner im Haus ist. Wenn die das wissen kriegen wir dann den Brief, ob der Anschluß erst in einer Woche oder gleich am nächsten Tag gemacht wird. Könnte also sein, daß wir beim Sommerball schon den Anschluß benutzen können. Dann wäre das auch kein Problem mehr, die Gäste für die jetzt schon geplante Einweihungsfete zu uns rüberkommen zu lassen. Wenn Opa Ferdinand keinen Krach mit Oma Line und den anderen haben will wird er das auch so drehen, daß wir noch vor Ende Juli den Anschluß haben. Er hat deinen Antrag nicht gelesen, wo ich dabei war. Ich habe ihm aber den Namen gesagt, den wir gerne hätten. Das ist ja auch noch ein Ding, daß die prüfen müssen, ob ein Name lächerlich klingt oder unanständig oder vielleicht ähnlich einem, der schon vergeben wurde. Da könnte es dran hängen, wie lange es echt dauert."

"Mit anderen Worten, Mamille, frühestens übermorgen, spätestens wenn wir beide wieder nach Beauxbatons müssen", faßte Julius das Gehörte zusammen. Millie nickte.

Um sicherzustellen, daß außer Millie und Julius, sowie von diesen abstammende Hexen und Zauberer die einzigen waren, die direkt im Apfelhaus apparieren konnten, vollführte Florymont mit beiden einen Zauber, den er "Reservatus Familiarum" nannte. Hierzu berührte er Kopf und Füße der beiden Hausbesitzer mit dem Zauberstab, wobei er kein Wort sagte. Allerdings erglühte nach jeder Berührung der entsprechende Körperteil in einer scharlachroten Aura, die irgendwie im Rhythmus des schlagenden Herzens pulsierte. Er schwang den Zauberstab zweimal in einem waagerechten und genausooft in einem senkrechten Kreis, wobei er leise einige Worte sprach. Dabei war es so, daß die scharlachrote Leuchterscheinung um Kopf und Füßen des gerade als Abstimmungshilfe dienenden Bewohners sich weiter ausdehnte. "Executo Incantatem!" Rief Florymont, nachdem er diese Prozedur an Millie und Julius ausgeführt hatte. Unvermittelt flossen die Leuchterscheinungen beider zusammen und dehnten sich völlig geräuschlos aus, während Florymonts Zauberstab gleichfarbige Funken versprühte, die sich mit den Leuchterscheinungen verbanden, diese förmlich aufluden und füllten. Es dauerte nur zwölf Sekunden, bis sie drei in einer in einem vereinten Rhythmus pulsierenden, scharlachroten Leuchterscheinung wie in glühendem Nebel standen, die dann genausolange vorherrschte und dann in Wänden und Körpern der beiden Bewohnern förmlich aufgesaugt wurde. Als sie restlos absorbiert war meinte Julius:

"Oh, unsere Anhänger haben sehr stark vibriert, als müßten sie unsere Herzen zum gleichen Schlag zwingen. War mir so, als würden unsere eigenen Herzen von außen gesteuert. Sollte das so sein?"

"Also, der Zauber gleicht die Herzschläge der als berechtigt festzulegenden Bewohner einander an, wenn die beiden verheirateten Hausbewohner mit den Abstimmungszaubern versehen sind und dieser zur Festlegung ihrer Appariermöglichkeit erweitert wird, so daß ein Gleichklang erzeugt wird", erwiderte Florymont ruhig. Eure beiden Anhänger haben den Prozeß offenbar verstärkt. Der Zauber ist jedenfalls so in Kraft getreten, wie ich ihn hinbekommen wollte. Alle Wände, Böden und Decken dieses Hauses sind nun auf eure Körper abgestimmt. Alle späteren Kinder von euch vereinigen ja Körpermerkmale und Blutanteile von euch und sind daher schon vor der Geburt apparitionsberechtigt. Damit haben wir euch jetzt mit eurem Haus verbunden, zumindest daß ihr nach erfolgreichem Apparierkurs hier direkt hineinploppen könnt. Jeder andere wird je nach Ausgangsort direkt an der Außenwand bis zu hundert Schritt entfernt zur Apparition gezwungen. Wer direkt vor der Tür anzukommen wünscht, kommt jedoch problemlos dort an."

"Tut das weh, wenn jemand versucht, direkt hier im Haus zu apparieren?" Wollte Julius wissen, der sich an die Abwehr um Bokanowskis Burg erinnerte.

"Kommt auf die Entfernung an, aus der jemand direkt bei euch rein will. Es kann einem wie ein Schlag gegen den Körper vorkommen oder ihm oder ihr so in die Knochen fahren wie ein magischer Energierückstoß. Zumindest ist das nichts, was jemand gerne noch mal erleben möchte. Allerdings ist das nicht so drastisch wie ein Apparitionswall, der alles und jeden in einem festgelegten Bereich abweist. Das führt dann unter Umständen zu sehr unangenehmen Überlastungen des Körpers", erklärte der Zauberkunsthandwerker. Dann bat er darum, sich auf einer der Bänke ein paar Minuten langzulegen, weil es doch anstrengend war, gegen bereits in den Wänden wirksame Zauber noch einen Familienzutrittsberechtigungszauber aufzubauen. Millie und Julius erlaubten ihm das. Sie gingen in den zweiten Stock, wo sie die eingerichtete Bibliothek überprüften und die Bücher den Sachgebieten nach ordneten.

Das magisch erzeugte Glockenspiel erklang warm und hallend. Millie schrak erst zusammen, weil sie nicht darauf gefaßt war, fing sich dann aber wieder. "War das schon so im Apfelhaus drin oder hat Florymont das reingezaubert, als ich unterwegs war?" Fragte sie. Julius sagte, daß Florymont das heute Nachmittag eingewirkt hatte. Dann öffnete er die orangerote Haustür.

"Da ihr wohl nichts essbares hier habt lade ich euch ein, noch mal zu uns zu kommen", sagte Camille, die vor der Tür gewartet hatte. "Morgen Nachmittag seid ihr übrigens auch eingeladen", sagte sie. Millie und Julius fragten nicht warum. Denn sie kannten den Grund. Camille hatte den langen Familienbesen mitgebracht, den Millie und Julius geschenkt bekommen hatten. Julius machte die Tür als letzter von außen zu und winkte dem Apfelhaus, wobei er konzentriert "Tür abschließen", dachte. Als er das vernehmliche Rasseln von mehreren ineinandergreifenden Riegeln hörte wußte er, daß das mit dem reinen Gedankenbefehl an den Schlüssel auch ging. Er steckte seinen goldenen Schlüssel gut weg. Camille saß am vorderen Ende des Besens auf, Millie in der Mitte und Julius dahinter. Es war wie auf einer Wippe, bei der es darauf ankam, das Gewicht eines Mitwippers durch möglichst weit hinten sitzen auszugleichen. Doch es ging sehr gut. Nach nur fünf Sekunden hatten sie den Besen soweit ausbalanciert, daß sie im gemütlichen Flug vom Haus Pomme de la Vie zum Haus Jardin du Soleil hinüberwechselten.

"Ich bin dann gleich mit Catherine und ihren Kindern in Paris und mach den Kamin auf, damit Otto und Albericus eure letzten Möbel rüberholen können", verkündete Martha Andrews nach dem fünfgängigem Abendessen. Julius bedankte sich. Er zwang sich, nicht vorfreudig oder sonstwie erregt auszusehen.

"Tja, Maman und Papa, dann habt ihr wieder das Haus ganz für euch", bemerkte Jeanne etwas frech klingend.

"Die müssen nicht heute schon alle raus", erwiderte Camille. "An für sich ist es doch schön, wenn wir alle bis mindestens morgen noch hier übernachten. Gut, Aurora, daß du gleich schon wieder zurück nach Sydney mußt verstehe ich. Aber du weißt ja, daß du gerne noch bis zum Sommerball hättest bleiben dürfen", sagte Camille Dusoleil. Millie überraschte ihre Schwiegermutter und Julius dann mit der Bemerkung: "Warum nicht, Camille. Martha hat ja nicht mitbekommen, wie wir uns schon eingerichtet haben. Außerdem haben wir nichts an Essen bei uns, was wir morgen frühstücken können. Falls Camille und Florymont das möchten, können wir drei gerne noch eine Nacht hier schlafen und morgen den Tag gemütlich angehen und da den Rest von den Möbeln rüberholen." Julius dachte kurz daran, daß er so auf eine mögliche Liebesnacht mit Mildrid verzichten müsse, verstand aber, was sie damit bezweckte und empfand das als sehr schön. Deshalb nickte er heftig und sah seine Mutter und die Gastgeber an.

"Das ist sehr nett von dir Millie, daß du das sagst", erwiderte Camille. Sie sah ihren Mann an. Der nickte ihr zu. "Selbstverständlich dürft ihr mindestens noch eine Nacht bei uns schlafen und frühstücken. Wir können dann mit euch zusammen einkaufen gehen und dann am Nachmittag zusammen Claires Geburtstag feiern." Martha Andrews verzog das Gesicht. Sie sah Millie und Julius und dann die Dusoleils verunsichert an. Camille straffte sich und fuhr fort: "Du brauchst dich nicht zu schämen oder verunsichert fühlen, Martha. Wir haben das letztes Jahr gemacht und möchten es dieses und nächstes Jahr auf jeden Fall auch noch einmal feiern. Das ist nicht, um jemandem vorzuwerfen, daß sie eigentlich noch hätte da sein müssen. Die, denen wir das zu verdanken haben laden wir ja auch nicht ein. Aber die, mit denen sie gut klarkam würde sie sicher weiter zusammensehen." Florymont und Jeanne nickten beipflichtend. Julius straffte sich und sagte:

"Ich bin sehr beruhigt, daß wir trotz dieser Sache, warum Claire nicht mehr körperlich bei uns ist, immer noch sehr gut miteinander klarkommen. Ich denke auch, daß Claire sehr glücklich ist, weil sie weiß, daß sich trotz oder gerade wegen meiner Hochzeit mit Millie nichts daran geändert hat."

"Gut, dann ist das wohl geklärt", sagte Florymont kurz und knapp.

Da Martha also nicht an diesem Abend nach Paris zurückreisen mußte vertrieben sich alle die Zeit bis zum Schlafengehen noch mit Hausmusik. Julius dachte an das Klavier, daß nun im Apfelhaus in einem größeren Zimmer auf dem zweiten Stock stand. Seine Mutter hätte es bestimmt gut einweihen können. Aber als Camille ihr anbot, mit ihr einen vierhändigen Satz auf dem Spinett zu spielen klang das auch sehr gut.

"Bist noch gut in Übung, Mum. Dann kannst du demnächst sicher auch mal was auf dem Klavier spielen, was wir von den Leuten bekommen haben, die mit mir auf der Party der Sterlings waren", bemerkte Julius.

"Tja, das macht die lange Zeit hier in Millemerveilles. Da konnten Camille und ich häufiger zusammen spielen", erklärte Martha ihre gute Spielpraxis. "Und das Klavier werde ich mir dann demnächst mal ansehen, wenn ihr euren Kaminanschluß habt."

Gegen zehn Uhr verabschiedeten sie sich von Aurora Dawn, die Julius alles gute für den nun begonnenen Lebensabschnitt wünschte. Gegen elf Uhr gingen die Bewohner und Gäste des Hauses dann schlafen. Martha deutete auf das Wiesenzimmer, als Julius sie in das Waldlandschaftszimmer begleiten wollte. "Jetzt, wo sie dich für erwachsen erklärt haben, wäre das doch ein Rückschritt, bei deiner Mutter zu übernachten, wenn deine Frau im selben Haus ist", wisperte sie. Julius überlegte, ob er dem jetzt zustimmen oder widersprechen sollte. Er entschied sich dann, seiner Mutter eine gute Nacht zu wünschen und ging in das Wiesenzimmer, wo Millie ihm mit Zauberkraft das bereits abgezogene Bett frisch bezog. Sie knuddelte ihn kräftig und meinte dann:

"Wir müssen es nicht hier tun, Julius. Morgen abend haben wir unser eigenes Bett wieder." Julius stimmte dem vollkommen zu und meinte dann noch:

"Die Wände hier sind auch nicht schalldicht. Vielleicht ist das ein Test meiner Mutter und der Dusoleils, ob wir uns rücksichtsvoll benehmen können, ohne dazu gezwungen zu sein."

"Sähe Camille und Florymont ähnlich", grinste Millie zurück. So legten sich beide in die knapp zwei Meter voneinander entfernt stehenden Einzelbetten und flüsterten noch leise miteinander, bis sie sich noch einmal eine gute Nacht wünschten.

 

__________

 

Unten hörte Julius die beiden Babys nacheinander losplärren. Es war gerade erst drei Uhr. Die beiden Kinder waren jetzt bei Camille im Schlafzimmer. Offenbar hatte Uranie sie gestern mit sich in einem Klangkerker gehabt, oder er hatte so tief geschlafen, daß er sie nicht hatte schreien hören können. Millie drehte sich in ihrem Bett einmal um und wisperte:

"Die fangen aber früh an."

"Dafür das sie schon mehr als zwei Monate auf der Welt sind", erwiderte Julius leise.

"Das hat bei Miriam auch gedauert, bis die ein halbes Jahr alt war, hat Ma mir geschrieben", entgegnete Millie. Da hörten die beiden Säuglinge auch schon mit ihrem fordernden Geschrei auf. "Also doch Hunger", bemerkte Millie dazu.

"Und du möchtest nicht doch noch ein Jahr nach Beauxbatons warten, um das in allernächster Nähe zu hören?" Fragte Julius.

"Nächsten Sommer hole ich die Wiege aus dem Nebenzimmer zu uns rein, Monju", wisperte Millie darauf nur. Julius gab nur halblaut zurück, daß vom Wiegenrücken keine Kinder kämen.

"Ist mir auch klar, Süßer", grinste Millie zurück. Dann wünschte sie Julius noch eine gute Restnacht und drehte sich wieder in ihre bevorzugte Schlafstellung.

Julius träumte dann von einer Walpurgisnachtfeier, wobei er erst hinter Claire saß, die sich im Flug in Millie verwandelte. Dann wurde Millie zu Temmie, die ihn auf ihrem Rücken trug und verspielt mit ihm hinauf in den Himmel flog, um dort ein langes Muhen von sich zu geben, daß den Himmel und alles um ihn herum erzittern ließ, bis es in schillernden Funken zerstob und Julius übergangslos in dem Gästebett lag, in dem eine Nacht zuvor noch Aurora Dawn geschlafen hatte.

"Morgen!" Rief Millie über das nun aus dem Nachbarzimmer klingende Muhen hinweg. Julius grüßte lautstark zurück. Von unten ertönte wieder das nacheinander einsetzende Babygeschrei.

"Ich bin wach!" Hörten sie durch die beiden Türen seine Mutter quängeln. Dann verstummte das Muhen. Claires sechzehnter Geburtstag war da.

Wieder frühstückten die Hausbewohner und Gäste im Garten. Dabei sprachen sie von der Zeit vor Hogwarts, und Millies und Claires Einschulung. Keiner fühlte sich unangenehm oder gar traurig. Als dann der Miroir Magique, die führende Tageszeitung eintraf, bangte Julius, daß irgendwer doch verraten haben mochte, daß Millie und er nun amtlich für volljährig erklärt wurden. Doch der Aufmacher war ein Artikel über den ersten Verhandlungstag gegen Flavio Maquis, den Architekten und Hauptüberwacher der Gefangenenlager, die Didier und Pétain als Friedenslager bezeichnet hatten.

"Sie rufen danach, dich als Hauptzeugin vorzuladen, Martha", kommentierte Florymont den Artikel. "Maquis hat gefordert, zu hören, was du über die Friedenslager gewußt hättest und warum du Didiers Pläne verraten und damit die gesamte Zaubererwelt gefährdet hättest."

"Soso, denkt er das immer noch, daß ohne die frühe Warnung alles besser geworden wäre?" Stieß Martha Andrews aus. "Ich dachte, der hätte gesehen, was in diesem Lager vier passiert ist, bevor ihn Delamontagne und Tourrecandide festnehmen konnten."

"Wenn der dann auch noch wüßte, daß du sein letztes sicheres Lager durch deinen Rechner ermittelt hast wäre der noch wütender auf dich, Martha", feixte Camille.

"Ich bereue das keinen Moment, das mit diesen sogenannten Friedenslagern ausgeplaudert zu haben und auch nicht, die beiden Standorte der versetzten Friedenslager ausgerechnet zu haben. Die haben gegen den schon genug Zeugen."

"Er will dich wohl als willfährige Muggelfrau hinstellen, die von Monsieur Delamontagne wie eine Marionette geführt wurde", wandte Julius ein. Seine Mutter stimmte dem zu und legte nach, daß Maquis da lange warten könne.

Außer dem Gerichtsreport stand noch etwas über die Vorbereitungen der kommenden Quidditchsaison und etwas über eine von England herübergeflüchtete Riesin, die in den Bergen untergebracht worden sei und dort einen Jungen geboren haben sollte.

"Das wird die werte Madame Matine nicht freuen, das zu lesen", feixte Millie. Julius nickte ihr zu. Dann las er laut vor, daß die Schulleiterin von Beauxbatons mit den Beamten aus der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe zusammenarbeite. Man habe die Ankunft der Riesin, die sich Meglamora nannte, geheimgehalten, bis klar sei, ob sie der allgemeinen Sicherheit wegen getötet oder in einem von Menschen weit entfernten Gebiet untergebracht werden sollte. Er las, daß Madame Maxime sich dafür einsetzte, der vor der Vergeltungswut der Feinde Voldemorts geflüchteten Riesin einen Platz in einem umfriedeten Gebiet zu geben, wo sie den Jungen unter Aufsicht des Ministeriums großziehen sollte. Sogar Barbara Latierre, seine Schwiegertante, sprach sich dafür aus, auf diese Weise mehr über das Verhalten von Riesenmüttern zu lernen.

"Dieses Riesenweib ist kurz vor Schuljahresende über den Kanal gekommen", stellte Julius nach dem Lesen fest. "Aber warum die Behörde auf Madame Maxime gehört hat erstaunt mich jetzt doch, wo sie sonst immer die Gefährlichkeit dieser Wesen herauskehren müssen."

"Hat wohl Tante Babs angeleiert, die so unterzubringen, daß die keinem was tun kann. Kann mir vorstellen, daß die das interessiert, zuzusehen, wie eine Riesin ihr Kind behandelt, und daß das auch Madame Maxime interessiert", erwiderte Millie. Julius dachte sich das auch. Damit konnte Madame Maxime, deren Entstehung und Geburt er in einer verfremdeten Weise geträumt hatte, klären, wie es damals mit ihr selbst gelaufen war. Womöglich interessierte das auch Hagrid. Diese Vermutung sprach er laut aus und erinnerte die Dusoleils daran, wer Hagrid war.

"Dann müßte er aber aus England rüberkommen", meinte Florymont. "Haben Jeanne und du nicht erzählt, er habe irgendwo im Osten seinen Halbbruder gefunden und nach England zurückgebracht?" Millie erwähnte dazu, daß sie und Julius diesen "kleinen Bruder" sogar gesehen hatten, als sie mit dem Fahrenden Ritter eine kurze Pause vor Hogwarts eingelegt hatten. "Könnte mir vorstellen, daß Hagrid den rüberbringt und ihn dieser Meglamora vorstellt. Nachher heiraten die beiden noch", scherzte Millie dann noch.

"Heiraten, Millie. Wenn diese Riesin wieder empfängnisbereit ist geht die los und greift sich den ersten, der ihr helfen kann, was neues zu kriegen", warf Julius ein. Millie nickte. Sie hatten das schließlich beide im Zauberwesenseminar zu hören gekriegt.

"Ist nicht gerade anständig, aber doch praktisch", erwiderte Florymont. Seine Frau funkelte ihn dafür zornig an und verwies darauf, daß Denise mit am Tisch saß. Diese war beim Vorlesen erst bleich geworden. Als sie dann aber hörte, daß diese Riesin nicht zu ihr nach Millemerveilles kommen konnte, hatte sie wieder aufgeatmet.

"Am besten gucken wir mal, was sonst noch drinsteht", sagte Julius, der die Zeitung gerade hatte und fand einen Vorlaufsbericht über das Schachturnier. Madame Delamontagne hatte der Zeitung ein kurzes Interview mit Auflistung der sicheren Teilnehmer geliefert.

"Huch, das müssen wir noch machen", erinnerte sich Martha. "Das gestern hat uns wohl davon abgehalten. Wundere mich, daß Madame Delamontagne uns noch keinen Heuler zugeschickt hat."

"Wenn wir spätestens heute mittag nicht zugesagt haben kommen gleich zwei", unkte Julius. Damit war klar, daß sie zuerst zum Rathaus mußten, um die Einladung mit der Zusage einzuwerfen. Dann wollten sie zum Friedhof, um Claires Schlafhügel zu besuchen, wie Denise das nannte. Danach wollte Camille Millie und Julius zeigen, wo sie frische Lebensmittel, Mehl und Gewürze bekamen, wobei sie dann auch einen Abstecher zum Bienenhof Madame L'ordouxes machen wollten. Julius erschauerte, wenn er an die Streichholzgroßen Bienen dachte, die um und über den Hof herumschwirrten. Doch er hatte es schon einmal überstanden und wollte vor Millie nicht verängstigt rüberkommen.

So flogen sie nach dem Frühstück auf einzelnen Besen los. Millie und Julius benutzten ihre Ganymed 10, während Martha Andrews auf ihrem eigenen Besen flog.

"Nächstes Jahr kommst du zur Walpurgisnacht zu uns", bemerkte Camille zu Julius' Mutter.

"Nicht, wenn ich da viele hundert andere Termine haben kann, Camille. Bei allem Respekt vor deiner Liebe zu dieser Art zu reisen. Den wilden Hexentanz lasse ich besser aus."

"Hundert Termine? An Walpurgis wirst du in Frankreich und anderswo in Europa keinen finden", widersprach Camille unerschüttert.

"Du sagst es, Camille. Nicht in Europa", wußte Martha Andrews eine passende Antwort.

Als Julius und seine Mutter die Teilnahme am Schachturnier schriftlich bestätigt hatten ging es vor den Friedhof von Millemerveilles, der sich aus einer Reihe konzentrischer Kreise und wie Radspeichen durch diese schneidenden Wege zusammensetzte. Zwischen den Wegen lagen die Grabhügel, Grabbeete und Grabgebäude. Wie es ein ungeschriebenes Gesetz verlangte, durfte der Friedhof nur auf eigenen Füßen ohne magische Ortsbewegungsmöglichkeiten überquert werden. Deshalb landeten sie alle vor dem Gebäude, in dem die Beerdigungszeremonien begonnen wurden. Die Besen geschultert mschritten die Dusoleils, Martha Andrews und die Latierres gemessen über die plattierten Wege hin zu einem mit Gras und Kräutern bewachsenen Hügel. Diesen zierten ein weißer Marmorstein, der Claires Lebensdaten trug und ein doch schon gut gewachsener junger Apfelbaum, der auf Julius eine starke Ausstrahlung von Kraft und Zuversicht ausübte. Letztes Jahr hatten Millie und er hier Ammayamiria getroffen. Doch die Verschmelzung aus den Seelen Claires und ihrer Großmutter Aurélie tauchte diesmal nicht auf. Einige Minuten standen sie auf dem Hügel und sprachen leise über das, was sie Claire gerne erzählen wollten. Julius schilderte seine Erlebnisse, die nicht zur Geheimsache erhoben worden waren und vor Denise auch erzählt werden konnten. Er wußte ja eh, daß Ammayamiria alles wußte, was ihm zugestoßen war. So dauerten die paar Minuten am Ende eine halbe Stunde. Camille legte ein paar rote Rosen auf die Kuppe des Grabhügels und wünschte ihrer zweitgeborenen Tochter weiterhin einen friedlichen Schlummer. Dann kehrten sie alle mit ruhigem Schritt und schweigend zum Eingangsgebäude zurück, wo sie ihre Besen bestiegen und weiterflogen, um für die Apfelhausbewohner und die Feier am Nachmittag noch frische Lebensmittel und haltbare Vorräte einzukaufen.

"Ihr habt noch keinen Wasch-trocken-Schrank und auch keinen Conservatempus-Vorratsschrank, nicht wahr?" Erkundigte sich Camille bei Millie und Julius.

"Stimmt, die beiden Sachen fehlen uns auch noch", sagte Julius.

"Dann holen wir die bei Monsieur Lachaise ab. Der muß nicht wissen, daß ihr anderswoher schon Möbel habt", sagte Florymont. "Ich erledige das. Camille fliegt mit euch allen einkaufen", bestimmte er und schwirrte ohne eine Antwort abzuwarten davon.

"Stimmt, die Haushaltsmöbel hätten Onkel Otto und Gilbert uns gestern noch bringen sollen", meinte Millie beschämt. Julius wandte ein, daß er da ja auch hätte dran denken können.

"Klar, ihr könnt ja keinen Kühlschrank anschließen, weil die Sonnenzellen alle auf dem pilzförmigen Geräteschuppen sind", sagte Martha.

Julius dachte an einen Markt oder etwas wie einen Lebensmittelladen. Doch Camille führte sie quer über das Dorf zu Höfen, wo es Gemüse, Salat, eingekochte Früchte, Eier und Milchprodukte direkt von den Erzeugern zu kaufen gab. Der Betreiber des führenden Milchhofes mit angeschlossener Molkerei war ein untersetzter Zauberer mit pechschwarzem Haar, blaßblauen Augen und Schnurrbart. Er war fröhlich und offenbar auch gut informiert. Er hatte wohl schon gehört, daß Millie und Julius nach Millemerveilles ziehen würden, weil sein Neffe Matthieu Florymont vorgestern beim aufbauen des Apfelhauses beobachtet habe und er einen Tag später von Madame L'ordoux erfahren habe, daß die beiden wohl dort wohnen würden. Er meinte zu Millie und Julius:

"Vielleicht hole ich mir doch drei von euren Flügelkühen rüber. Die können glatt das geben, was zehn meiner besten Milchkühe liefern können."

"Dafür fressen und saufen die aber auch so viel", bemerkte Julius dazu. Er dachte schon, daß sie wohl im nächsten Jahr Temmie auf ihrer Wiese haben mochten. Wenn die dann wirklich meinte, auch als Milchlieferantin dienen zu wollen, wären sie nicht mehr auf die Einkaufsflüge zum Milchhof angewiesen. Doch das wollte er dem rundlichen Landwirt nicht auf die Nase binden.

"Meine Tochter Io kommt ja dieses Jahr zu euch. Madame Andrews kennt sie ja schon", sagte Monsieur Augias Leblanc, der Milchviehhalter. "Die wollte schon zum Sommerball mit. Aber da habe ich der gesagt, daß die erst mal Walzer von Tango unterscheiden lernen müßte. Ich war in diesen Sachen auch nicht so doll." Julius vermied es, irgendwas dazu zu sagen. Martha erwähnte dann, daß Io sich im letzten Schuljahr sehr gut gemacht habe.

"Die wird mal gut rechnen und schreiben können, aber keine Milchviehhalter-Hexe", knurrte Monsieur Leblanc. "Muß meine Holde noch mal zusehen, uns doch noch wen für den Hof auszubrüten."

"Brüten, ich dachte, hier ginge es um Milchkühe", scherzte Julius. der Milchbauer lachte.

"Stimmt, wenn sie auf einem Ei sitzen und brüten würde hätte sie ja was mit Avian Cristegalle vom Gackerhof angefangen. Dann müßte ich mich mit dem glatt noch duellieren, zu wem das Küken dann Papa sagen darf." Dann meinte er: "Aber ihr müßt nicht immer zu mir hinfliegen, um Milch, Butter oder Käse zu kriegen. Ich habe fünf Uhus, die die Leute hier beliefern."

"Wir kommen darauf zurück, wenn wir länger am Stück hier wohnen", sagte Julius diplomatisch. Dann fragte er, ob Monsieur Leblancs Tochter nach dem Jupitermond Io benannt sei.

"'ne Idee von meiner Holden, weil die Titanie heißt, nach so'nem Mond vom Saturn oder Uranus. War damals bei Astro knapp an der Ehrenrunde und habe mir das Zeug nicht alles merken können, was ich heute eh nicht mehr brauche", sagte Monsieur Leblanc. Dann erwähnte er noch, daß sie sich dann wohl zumindest wieder vom weiten beim Sommerball sehen würden.

Nachdem sie mehrere große Krüge Milch und einige Sorten Käse und Butter erworben hatten, ging es zum Gewürzhändler, der auch verschiedene Mehlsorten anbot, die er von Mühlen der weiteren Umgebung bezog. Danach kam dann der Flug zum Bienenhof von Madame L'ordoux.

Julius mußte sich sehr zusammennehmen, bei den ersten ihn umschwirrenden Bienen einen klaren Kopf zu behalten. Camille blieb in seiner Nähe. Millie wußte auch, daß er eine doch noch nicht ganz ausgerottete Angst vor brummenden Insekten hatte, was durch die ihm begegneten Entomanthropen keineswegs erleichtert wurde. Doch er schaffte es, trotz der immer mehr werdenden Honigsammlerinnen, sicher zu Madame L'ordouxes Haus in Mitten meterhoher Bienenstöcke zu fliegen. Die Bienenzüchterin freute sich, Julius und Millie einmal außerhalb einer Festveranstaltung antreffen zu können und erzählte ihnen, daß sie über ihren speziellen Trank, der sie für eine kurze Weile verstehen ließ, was sich Bienen mitteilten, erfahren hatte, daß zwei hochgewachsene Menschenjungen bei einem großen, sonnenförmigen Etwas waren und nach Holz riechendes hineingetragen hätten.

"Das Ministerium hat noch nicht gefragt, ob Sie Chefin eines besonderen Geheimdienstes werden möchten?" Fragte Julius herausfordernd. Madame L'ordoux lachte nur und meinte, daß sie nur für sich selbst diesen allgegenwärtigen Nachrichtendienst benutzen wolle und sie ihre Bienen nicht zum Werkzeug eines Zaubereiministers machen wolle. Dann führte sie die beiden jungen Eheleute herum. Julius kannte die Bienenstadt ja schon aus dem Sommer, wo sich für ihn entschieden hatte, daß er nach Beauxbatons wechseln würde. Seine Mutter war wohl auch nicht besonders gut auf Insekten zu sprechen, weil sie immer wieder hektische Blicke um sich warf und immer wieder anstalten machte, ihr nahekommende Bienen fortzuschlagen. Doch ihr fiel wohl immer rechtzeitig ein, daß sie die kleinen Tiere damit erst recht zum Stechen bringen mochte. Millie fühlte sich auch nicht so ganz wohl, weil sie immer wieder Bienen aus ihrem Haar befreien mußte. Madame L'ordoux beschloß daraufhin, ein Räucherfläschchen zu nehmen, um die Bienen auf Abstand zu halten.

"Und ihr sucht jetzt Honig für euren Vorratsschrank?" Fragte sie die Besucher. Diese nickten. "Dann führe ich euch mal meine besten Sorten vor", kündigte sie an und geleitete ihre Gäste und Kunden ins Honiglager. Nach zwanzig Minuten hatten nicht nur Millie und Julius, sondern auch Camille und Martha einen Korb mit verschiedenen Fäßchen an den Besen hängen. Nun ging es zum Apfelhaus, wo Florymont gerade mit zwei großen Paketen hantierte, denen er die beiden magischen Entsprechungen für eine Kühl-Gefrier-Kombination und einen Waschtrockner entnahm.

"Der gute Ramus Lachaise fragte mich, ob ihr außer waschen und essen nichts anderes vorhättet. Da habe ich ihm gesagt, daß in dem Haus schon Möbel drin wären, weil das ja früher ein Varanca-Haus gewesen sei. Das fand er zwar ein wenig unsportlich, mußte es aber so hinnehmen. Sein Konkurrent Bacinet wird es ihm hoffentlich nicht auf die Nase binden, daß er euch seinen halben Laden fertiger Möbel überlassen hat."

"Danke, Florymont", sagte Julius. Ihm war es wichtig, sich mit den Nachbarn nicht zu verkrachen.

"Ich bau euch die beiden Schränke noch auf. Der Contemp-Schrank auf die dritte Etage, Millie und Julius?" Erkundigte sich Florymont noch. Beide nickten. Dann fernlenkte er den noch in Einzelteilen zerlegten, weißen Schrank hinauf zum dritten Stock. In der Küche fand er einen Platz, wo er ihn aufstellen konnte. Da die Bezauberung des Schrankes so intensiv war, daß nicht mehr viel Magie an ihm rühren oder in ihn hineingewirkt werden konnte, mußte Florymont den Schrank mit den Händen zusammenbauen. Julius las die Bauanleitung, der auch die Bedienungsanleitung beigefügt war. Darin stand, daß der Schrank neben einem Zeitverzögerungszauber zum Frischhalten von Lebensmitteln auch mit einem Rauminhaltsvergrößerungszauber belegt war, der zehnmal so viel in ihm Platz finden ließ, als die äußeren Abmessungen verrieten. Daneben mußte der Conservatempus-Zauber beim öffnen ja immer unterbrochen werden, um keine Verlaufsspannung zwischen innen und außen zu erzeugen. Bei abschraubbaren Deckeln wurde der Zauber von sich aus unterbrochen. Aber bei in den Scharnieren bleibenden Türen mußte ein gleichstarker Unterbrechungszauber in Kraft treten, wenn die Tür geöffnet wurde. Zudem waren die Wände innenseitig mit einem schwachen Selbstleuchtzauber belegt, um die Benutzung auch bei Nacht zu ermöglichen. Julius fragte, ob der Schrank Geräusche von sich geben würde. Florymont mußte lachen.

"Wenn die Tür zu ist wirkt der Zauber ganz geräuschlos wie bei deiner Heilcremedose, die Hera dir mal geschenkt hat oder bei Begonies Honiggläsern. Die sirren, klopfen oder summen doch auch nicht."

"Weil unsere Kühlvorrichtungen alle paar Minuten brummen, weil eine elektrische Pumpe das in den Kühlsystemen enthaltene Gas umwälzt, um die aufgekommene Wärme nach außen abzuführen", erklärte Martha Julius' Frage.

"Ich hätte mir vielleicht doch mal deine Elektrosachen ansehen sollen, Martha. Jetz habe ich ja ein wenig Ahnung von sowas", räumte Florymont ein. "Schon bemerkenswert, was die magielosen Menschen entdeckt und erfunden haben, um die verschiedenen Zauber zu ersetzen. Unsichtbares Herdfeuer, brummende Kühlkästen, die das Verderben von Lebensmitteln verlangsamen, Musikkästen, Fernsehbildgeräte und magielose Rundrufempfänger. Von den Elektrorechnern fange ich besser erst gar nicht an, weil Jeanne mich schon damit aufgezogen hat, was die alles können. Sei es. Der Schrank steht. Ich mach die Tür mal eben zu, damit der Hauptzauber anspringen kann und sich einränkt. Dann müssen wir nur eine echte Minute warten, bevor wir da die ganzen Milchsachen, Gemüse, Fleisch und Käse reintun können." So geschah es dann auch. Millie räumte mit Julius den Frischhalteschrank ein und schaffte es ihn gerade zur Hälfte zu füllen, obwohl sie mehrere Dutzend Eier, mehrere Kilo Gemüse, Salat, Fleisch und Milchprodukte einräumten. Das flächenförmige Leuchten war ein Weißgelb wie Sonnenlicht, nur wesentlich dunkler als das Original. Im oberen Badezimmer richtete Florymont den silberweißen Waschtrockenschrank ein, der mit einer muggelweltlichen Waschmaschine überhaupt nichts gemein hatte. Das Waschwasser wurde quasi per eingebautem Aguamenti-Zauber in den Innenraum beschworen. Kleine, mit dem Ratzeputzzauber belegte Bürsten und Schwämme gingen dann durch die Wäsche, die an mehreren Bügeln aufgehängt wurde. Man konnte in den Rauminhaltsvergrößerten Waschmitteltank einen großen Vorrat verschieden duftendes Seifenpulver einfüllen. War die Wäsche dann mit den eingewirkten Zaubern und Reinigungsmechanismen nicht weiter zu säubern verschwand das Wasser einfach durch einen Vanesco-Zauber, worauf ein Luftelementarzauber warme Luft sanft durch die Wäsche blies, bis keine Feuchtigkeit mehr vorhanden war. Das ganze konnte sieben bis zehn Stunden andauern, da hier nicht mit so hohen Temperaturen gearbeitet wurde wie bei einem elektrischen Wäschetrockner. Als diese magische Wasch-und-Trocken-Vorrichtung montiert und kurz geprüft worden war, ließ Camille Millie aus fünf verschiedenen Waschmittelsorten zwei kombinieren und bis zum Rand in das Vorratsfach einfüllen. Damit waren die letzten Haushaltstechnischen Anschaffungen einsatzbereit. Fehlten nur noch das Ehebett und der große Kleiderschrank.

Am Nachmittag saßen sie dann bei Kaffee und Kuchen. Alle trugen sie rote Kleidung, auch Camille, die sonst nur in Grün herumlief, und Millie, die sonst keinen Rotton in der Kleidung haben wollte, um einen guten Kontrast mit ihren rotblonden Haaren zu erhalten. Sie hatte sich extra ein kirschrotes Kleid angezogen, daß einer alten Geschichte nach von ihrer Urgroßmutter Barbara der Älteren zu ihrem Hochzeitstag getragen worden war. Natürlich war es nicht das Original. Aber Millie überlegte laut, ob sie bei ihrer Einweihungsfeier nicht gleich auch ihre Hochzeit richtig nachfeiern sollten. Julius widersprach ihr, weil das Hochzeitsfest wohl mit allen Anwohnern zu feiern wäre. Die Einweihungsfete konnten sie mit den unmittelbaren Nachbarn, Freunden und Verwandten feiern. Das würde noch einmal richtig ins Gold gehen und viel Arbeit kosten, dachte Julius. Doch jetzt hatte er zugesagt und wollte nicht als Drückeberger dastehen. Millie wandte dann ein, daß sie ja im Grunde mit Julius' Geburtstag ja auch ihre Hochzeit gefeiert hatten.

"Ihr wäret nicht die ersten, die nicht das halbe Dorf einladen, um zu heiraten", sagte Camille. "Vor fünf Jahren hat eine Hexe aus Avignon einen hier geborenen Zauberer erhört. Der hat sich mit der dann in Avignon trauen lassen, nur Freunde und Verwandte. Das hat ihm auch keiner übelgenommen."

"Ja, aber es sieht doch wirklich schon erhaben aus, viele Gäste um sich rum zu haben", wandte Jeanne aus eigener Erfahrung ein. Ihr Vater meinte dazu verächtlich: "Weil ich die Feier auch bezahlen konnte, meine Tochter."

"Erzähl nicht, daß Oma Aurélie und Opa Tiberius nicht ausgeholfen haben, Papa. Das würde dir Opa Tiberius ganz übel nehmen", widersprach Jeanne. Millie und Julius hörten schweigend zu. Weil sich Jeannes Hochzeit wunderbar als Aufhänger für eine weitere fröhliche Erinnerung aus Claires Leben anbot sagte Jeanne, daß Babette immer noch das Brautjungfernkleid habe und gerne noch das Lied spiele, womit sie Jeanne und Bruno in den Ehestand geleitet hätten.

"Das hätte meiner jungen Tante Patricia und meinen Cousinen Callie und Pennie gefallen, auch hinter mir als Brautjungfern heerzulaufen."

"Dann müssen wir das doch noch nachfeiern", meinte Jeanne. "Könnte mir vorstellen, daß Melanie und Babette auch noch einmal hinter einer Braut herlaufen wollen." Millie meinte dann aber, daß ein Brautkleid ja dann wohl unangebracht sei, weil das Weiß Unberührtheit verheiße. darauf meinte Julius:

"Brautjungfer heißt ja nicht, daß die Braut selbst noch Jungfrau sein muß." Seine Mutter blickte ihn zwar tadelnd an. Doch weil alle anderen lachten verbiß sie sich eine Zurechtweisung. Denise wollte dann wissen, was so lustig sei und was das heiße, unberührt sein. Jeanne erklärte ihr dann, daß das hieße, daß ein Mädchen noch nicht ganz nahe mit einem Jungen zusammengelegen habe. Julius' Mutter sah es ein, daß ein Mädchen, daß der Geburt seines Schwesterchens zusehen durfte auch schon wissen durfte, was Mann und Frau anstellen konnten, um ein Baby auf den Weg zu bringen.

"Denise glaubt seit vier Jahren schon nicht mehr an den Regenbogenvogel", sagte Jeanne Martha zugewandt. Um Julius' Mutter nicht weiter mit einem für sie wohl unangenehmen Gesprächsthema zu belasten redeten sie über die Musik, die Claire am liebsten gehört oder nachgespielt hatte. Das glitt dann in ein spontanes Hauskonzert unter freiem Himmel über, wobei sie auch das Lied spielten, daß beim ersten Sommerball von ihr für die Polonese gewünscht worden war. So verging der Nachmittag. Unter goldenrotem Sonnenuntergangslicht aßen sie zu Abend.

Gegen neun Uhr verabschiedete sich Martha Andrews von den Dusoleils und Latierres. Sie flohpulverte nach Paris zurück. Gegen ihre sonstige Art wagte sie sogar noch einen Scherz.

"Hmm, wenn ich kein Flohpulver mehr habe komme ich morgen nicht mehr zurück um zu spielen." Alle lachten. Florymont meinte dann:

"Abgesehen davon, daß Eleonore dich dann abholt, denke ich nicht, daß du dir das entgehen läßt, offiziell gegen Ursuline Latierre anzutreten oder mit deinem Sohn das Finale zu erreichen." Martha nickte bestätigend. Dann verschwand sie im grünen Zauberfeuer Richtung "Rue de Liberation!"

eine Minute später erschien ihr Kopf im Kamin und vermeldete, daß alles klar sei und sie Hippolyte bescheid geben wolle, daß das Bett und der Schrank abgeholt werden konnten.

 

"Na, ob die heute noch zu uns finden?" Fragte Julius seine Frau. Diese grinste nur, ohne was darauf zu antworten.

Gegen zehn Uhr hörte Julius Hippolytes Gedankenstimme im Kopf: "Wir sind jetzt gleich über Millemerveilles. Kommt uns bitte zu Eurem Haus entgegen!" Julius gab es an Florymont und seine Frau weiter.

"In Ordnung, habt ihr alles von euch griffbereit zusammengepackt?" Wollte der Hausherr des Jardin du Soleil wissen. Millie und Julius bejahten es und holten ihre Besen und Reisetaschen.

Sie starteten von der Wiese vor dem Wohnhaus und stiegen einhundert Meter nach oben. Dann nahmen sie Kurs auf das Ziel.

Einige Minuten später landeten Florymont, die jungen eheleute Latierre, sowie Otto Latierre mit seinem Vetter Gilbert und seiner Schwester Hippolyte.

"Hätten wir das vor drei Tagen gewußt,hätten wir Maman und Pattie bei euch unterkriegen können", flachste Otto Latierre. "Hat die sich euer Haus schon mal angesehen?" Fragte er noch.

"Nein, bis jetzt nicht", antwortete Millie. Julius legte verwegen grinsend nach:

"Obwohl ihr uns gestern schon eine Wiege reingestellt habt."

"Tja, aber da ist nur Luft drin", erwiderte Gilbert Latierre darauf. "Deshalb wird sie wohl warten, bis euer Ehebett auch drinsteht, um sich ernsthafte Hoffnungen machen zu können, daß da mal was anderes drin landet."

"Das sagt der, der nur nascht, aber nicht richtig ist, Gilbert", gab Otto darauf zur Antwort. Hippolyte grinste erst mädchenhaft. Doch dann nahm sie Millie und Julius zur Seite:

"Ich hoffe, ihr habt wirklich genug Voraussicht, um zu wissen, worauf ihr euch einlassen könnt und was ihr noch vorhabt. Ich habe die Verbindung zwischen euch ermöglicht. Ich hätte das ja auch kategorisch ablehnen können. Aber ich setze darauf, daß ihr beiden wißt, was ihr tun wollt und wofür. Mehr mütterlichen Rat wirst du für heute nicht mehr von mir kriegen, Millie. Und du, Julius, laß dich jetzt, wo dir alle Wege offenstehen, nicht verunsichern."

"Millie und ich wissen, wie unsere nächsten zwei Jahre laufen sollen, Hippolyte. wir werden zusehen, das so hinzukriegen, daß wir nicht aus dem Tritt kommen oder völlig neu planen müssen."

"Dann bringen wir die letzten fehlenden Dinge rein!" Rief seine Schwiegermutter.

Julius hatte die Ehre, seiner Schwiegerverwandtschaft die unsichtbare Tür zu öffnen. "Illuminato!" Rief er. Sofort leuchteten die an der Decke hängenden Leuchtkörper auf. Florymont hatte die Lichtschalterzauber schon vorgestern eingerichtet. So ging es mit den eingeschrumpften Möbeln die Wendeltreppe hinauf bis zum dritten Stock, wo sie erst eine kleine Wohnungsbesichtigung machten. Otto bewunderte den Conservatempus-Schrank und den Wasch- und Trockenschrank. Dann standen sie im auserwählten Schlafzimmer. Mondlicht ergoß sich durch die neunzig Grad umfassende Fensterfront. Neben den Fenstern hingen mitternachtsblaue Vorhänge mit silberweißen Mondsymbolen herab. Milie wurde gefragt, wer die Vorhänge ausgewählt hatte. Sie erwähnte, daß das in ihren Verantwortungsbereich gefallen sei, wo Julius die Möbel ausgesucht hatte. Auf jeden Fall war genug Platz in diesem Zimmer. Die Innenwände waren gerade, wenn auch im passenden Winkel zum Kreisausschnitt gezogen. An einer Wand wurde der Schrank aufgestellt und nach dem Entschrumpfen so zurechtgerückt, daß er nicht die Tür blockierte oder merkwürdig mit der anderen Wand zusammenstieß. Auch das Bett paßte locker in das Zimmer hinein, wobei das Kopfende auf die zwei gewölbten Fenster ausgerichtet wurde. Dann trafen sich alle noch einmal unten in der Halle. Hippolyte sagte dann zu Millie und Julius:

"Dann wünsche ich euch für alles, was ihr anfangt weitestgehende Einigkeit, aber auch eine Vielfalt an Ideen und gemeinsame Kraft für alles, was ihr beginnt. Ich hörte das mit eurer Einweihungsfeier. Kriegen alle Eulen mit Einladungen, die zu euch kommen dürfen?"

"Wir schicken nur an die welche ab, die weiter weg wohnen und für Flohnetz und Melo nicht erreichbar sind", erwiderte Julius. Dann bedankte er sich für die Hilfe beim Einrichten. Otto Latierre hieb ihm auf die Schultern und sagte:

"Sieh zu, daß du Maman nicht zu unausgeschlafen gegenübertrittst, Jüngling! Papa hat schon anklingen lassen, daß euer Anschluß übermorgen gemacht wird. Wenn du da schon mit dem Turnier durch bist triffst du seinen Ausführer Florian Flaubert."

"Der war schon in Paris bei uns", sagte Julius. Otto Latierre nahm dies mit einem sachten Nicken zur Kenntnis. Dann öffnete Julius die Tür und wartete, bis die Verwandten hinausgingen. Er sah noch, wie sie auf ihre Besen stiegen und davonflogen. Dann schloß er leise die Tür und befahl mit dem Schlüssel in der Hand. "Abschließen!"

"Tja, Monju! Wer hätte das vor zwei Jahren gedacht, daß wir jetzt in mehreren Kilometern Umkreis niemanden haben, der oder die uns stört."

"Außer Madame Rossignol", erwiderte Julius und zeigte sein Pflegehelferarmband vor.

"Dann sollten wir der guten Florence Rossignol besser mitteilen, das alles seine Ordnung hat", entgegnete Millie. Sie rief mit dem linken Zeigefinger auf dem weißen Schmuckstein Madame Rossignols Abbild hervor.

"Ah, möchtet ihr mir melden, daß man euch wahrhaftig alleine läßt?" Fragte die Heilerin von Beauxbatons. Millie und Julius bestätigten das. "Gut, dann muß ich keinen Heuler von den Dusoleils oder Madame Delamontagne befürchten. Erholt euch gut von den letzten Tagen, aber überanstrengt euch nicht!"

"Ich muß morgen schon Schach spielen", wandte Julius ein. "Da werde ich wohl zusehen, nicht zu müde zu sein."

"Nun, dann verbleibt mir nur, euch noch eine gute Nacht zu wünschen. Wenn ihr gut erholt seid, sehen wir uns in Beauxbatons wieder."

"Wir freuen uns schon", sagte Millie ohne Heuchelei. Julius bestätigte es. Dann verschwand das Abbild der Heilerin. Doch beide hattengesehen, daß Madame Rossignol lächelte.

"Hast du es gesehen, Mamille, die denkt daran, unser Baby zur Welt zu holen."

"Der würde ich das auch eher gönnen als dieser Hera Matine", erwiderte Millie. Julius erzählte ihr danach, was bei Cytheras Geburt so abgelaufen war. "Und trotzdem, Monju. Warum soll Cythera das einzige Kind sein, das schon da war, bevor es sprechen konnte?" Darauf konnte und wollte Julius nichts sagen. Denn er kannte die Frist der Mondtöchter.

"Dann sollten wir langsam mal sehen, wie gut wir hier die Nacht zubringen", erwiderte Millie und zwinkerte Julius auffordernd zu. Dieser umarmte sie flüchtig und ließ sie bei sich unterhaken. nicht zu langsam aber auch nicht zu eilig stiegen beide die Treppe hinauf.

 

_________

 

"Und du wolltest nicht gleich hin, Maman?" Fragte Patricia Latierre ihre Mutter.

"Erst wenn wir offiziell eingeladen werden, Pattie. Aber erst einmal wollen wir mal sehen, wo die vier Zaubererhüte hinwandern. Das dürfte für die gute Eleonore Delamontagne eine ziemlich unangenehme Vorstellung sein, daß die alle in einer Familie landen." Sie grinste über ihr rundes Gesicht und winkte ihrer dreizehnjährigen Tochter, besser jetzt schlafen zu gehen.

"Nacht, Jeanne und Bruno!" Rief Patricia.

"Nacht Pattie!" Rief Bruno Dusoleil. "Nacht, Tante Line!"

"Eine angenehme Nacht euch beiden!" Grüßte Ursuline Latierre zurück. Dann suchte sie das ihr zugeteilte Gästezimmer auf.

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