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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Schwarzrücken geht ihm jetzt aus dem Weg, nachdem dieser helle mit den weißen Flecken ihn so heftig niedergekämpft hat, weil Schwarzrücken den nicht ans Fressen lassen wollte. Sternenstaub heißt der neue, hat Julius mir erzählt. Agrippine, in deren Tatzen das so fies singt wie bei den Glitzerweibchen in der Qualmhöhle, war etwas wütend, weil Schwarzrücken so heftig viele Schläge abbekommen hat und wollte Sternenstaub nicht mehr zu uns lassen. Wenn es dunkel ist läßt Millie den raus. Der wohnt nämlich bei ihr in der Wohnhöhle. Meine Jungen brauchen mich aber nötiger. Ich muß aufpassen, daß der neue die nicht totmacht, um mich wieder in Stimmung zu kriegen. "Ey, bleib da weg!" Rufe ich ihm wieder zu, weil der sich wieder vor meiner Wohnhöhle herumtreibt. Fliegenpilz kommt auch. Der will wohl riechen, ob der mich auch noch mit Jungen ... "Wuuueg daaa!" Brüllt Sternenstaub ihn an. Fliegenpilz brüllt "Hau ab!" zurück. Dann kämpfen die zwei. Ich bleibe besser bei den Jungen und paß auf, daß von den Männchen keiner an die rankommt. Die kämpfen ziemlich lange. Fliegenpilz ist gut und schnell. Sonst hätte die kleine Prinzessin den wohl auch nicht als Vater ihrer ersten Jungen haben wollen. Die schreien sich an, fauchen, knurren und hauen sich. Ah, jetzt ist Ruhe. Fliegenpilz geht weg. Der hat wohl verloren. Was für ein starkes Männchen. "Ey, du bleibst von meinen Jungen weg!" Rufe ich. Der will echt wieder zu mir rein. Ich habe Junge und will die großkriegen. Ich fauche den an, er sieht meine Jungen an. Ich zeige ihm alle Krallen an den Vorderpfoten und springe auf den zu. Fast kriege ich den bei seinem Schwanz. Doch der ist wwirklich schnell. Der läuft jetzt weit weg. Der weiß, daß ich den sonst totmache, wenn der an meine Jungen drangeht.

 

__________

 

"Na, vielleicht solltest du Dusty besser doch nachts im Palast lassen, Millie", wandte Julius ein, nach dem sich der neue Knieselkater schon das dritte Mal mit einem hier schon lebenden Kater geprügelt hatte. Professeur Fourmier hatte die Latierres einbestellt und darüber informiert, daß Rang- und Revierkämpfe meistens zu Gunsten des Revierinhabers ausgingen, aber Sternenstaub, den sie hier wegen der Gewohnheit bei der englischen Form Dusty für Stäubchen riefen, respektierte die Alteingesessenen nicht nur nicht, sondern war offenbar ein Eroberungstyp, der neue Reviere mal im Vorbeischleichen einsackte. Außer einem Kniesel mit schwarzem Rückenfell und silbernen Tigerstreifen und Fliegenpilz, Goldschweifs Schwiegersohn, hatte Dusty auch noch den bisher so heimlichen König der Schulkniesel Braunnase in einem heftigen Katerkampf vom Thron gestoßen. Nur Goldschweif jagte ihm noch gehörigen Respekt ein. Oder war es doch Angst. Sie hatte Julius erzählt, daß Sternenstaub immer zu ihren Jungen wollte. Julius wußte, daß Kater dazu neigen konnten, die frisch geworfenen Jungen von Katzen, die von anderen Katern begattet worden waren, totzubeißen, um die Kätzin früher in Paarungsstimmung zu bringen und gleichzeitig die Erbanlagen fremder Kater auszulöschen. Er hatte das auch schon in einem Dokumentarfilm über Löwen gesehen und dabei erfahren, daß auch schmusige Hauskater zu Kindermördern werden konnten, wenn die Mütter der Jungen nicht auf ihren Wurf aufpaßten. Aber Goldschweif paßte auf. Vor ihr kuschte dieser US-amerikanische Katzanova.

"Dusty hat wohl jetzt Ruhe. Die anderen Jungs kapieren das jetzt, daß er hier wohnt und auch was fressen will. Könnte halt demnächst passieren, daß der vier von den Mädels auf einmal beglückt, wenn der sich ein Vorauswahlrecht erkämpft hat", wandte Millie schmunzelnd ein, während sie den mondhlichtfarbenen Kater mit den weißen Tupfern kraulte und der das mit tiefem Schnurren bedachte.

"Laurentine meinte nur zu mir, daß sie Angst um ihren Kater Max hätte, wenn der Krach mit Dusty kriegt", erwiderte Julius.

"Wieso, steigt Laurentines Kater wieder den Knieselweibchen nach. Ich dachte, der hätte sich an Esmeralda von Carmen herangemacht", wunderte sich Millie.

"Ja, weil Carmen ihre Katze nicht hat sterilisieren lassen und die gerade rollig ist. Nachher gibt's Zoff mit deinem Schnurrkissen da, weil das auch meint, mit Carmens Esmeralda wilde Abenteuer zu erleben."

"Du hast doch gehört, was Professeur Fourmier gesagt hat. Wenn Dusty hier Junge hinkriegt, dann gehören die dem, dem die sie ausbrütende Katze gehört, ob Hauskatze oder Kniesel. Kann mir vorstellen, daß Carmen scharf auf Dustys Junge wäre. Halbkniesel gehen auch gut in der Zaubererwelt." Dem konnte und wollte Julius nicht widersprechen. So sprachen sie noch vom Spiel der gelben gegen die Weißen, daß einen Tag vorher stattgefunden hatte, und daß die Gelben Dank Sandrine mit 180 zu 40 Punkten für sich entschieden hatten, was die Mannschaft der Weißen richtig tief erschüttert hatte. Denn die hatten gute Jäger aufgeboten. Aber die Gelben brauchten nur drei schnelle Konter und bekamen noch den Schnatz, um das Spiel komplett anders aussehen zu lassen. In zwei Wochen würde Millies Mannschaft gegen die Blauen spielen. Ob Horus Dirkson sich da gegen die wendige Corinne Duisenberg durchsetzen konnte war fraglich. Aber die Roten waren eine Torfabrik. Julius war froh, daß seine Mannschaft gleich im ersten Spiel mit denen zu tun gehabt und Laertis Brochet als Jäger keine gute Figur gemacht hatte.

Als es kurz vor Mittagessenszeit war brachte Millie ihren Kniesel zurück in den roten Saal. Ob sie den Interfidelis-Trank trinken durfte wollten Professeur Fixus und Madame Rossignol erst klären, wenn das Halbjahr um war.

Julius unterhielt sich am Nachmittag mit Laurentine Hellersdorf über den im Februar beginnenden Apparierkurs des Zaubereiministeriums. Sie fragte ihn, wen sie als Lehrer oder Lehrerin kriegen mochten. Julius vermutete, daß nun, wo Millie schon die Lizenz habe, ihre große Schwester Martine den Kurs geben könne, da sie ja nicht mehr befangen sei. "Du hattest bei Monsieur Montferre die Privatstunden, richtig?" Fragte Laurentine. Julius nickte bestätigend. Dann räumte er noch ein: "Ich hatte aber auch mal einen Tag bei Millies großer Schwester, weil meine Schwiegertante Béatrice der Meinung war, ich sollte wie Millie auch die für Pflegehelfer oder geprüfte Ersthelfer wichtigen Sachen beim Apparieren können. Wenn die den Schulkurs hier macht wird es bestimmt sehr anspruchsvoll."

"Anstrengend meinst du wohl eher", grummelte Laurentine, die früher auch von allen Grünen Bébé gerufen worden war. Doch von einem propperen Kleinkind mit Pausbacken hatte sie nur noch die leicht untersetzte Statur. Vom Gesicht her wirkte sie nun schon wie eine zwanzigjährige, obwohl sie gerade einmal die wichtigen siebzehn Jahre voll hatte. Was so ein Hormonschub doch mit einem Körper anstellen konnte, dachte wohl nicht nur Julius.

"Also, ich habe es gut hingekriegt, bei ihr zu lernen", sagte Julius beruhigend. "Aber womöglich hat das Appariertestzentrum einen erfahrenen Lehrer, der das schon mehr als zwanzig Jahre macht."

"Die Mistral ist wohl auch ziemlich heftig drauf. Claire hat Céline und mir erzählt, was Jeanne ihr an nicht für die Familie allein bestimmten Sachen erzählt hat", erwiderte Laurentine und blickte Julius leicht betrübt an. Doch er lächelte und antwortete, daß Jeanne aber froh sei, so umfassend unterrichtet worden zu sein. Immerhin habe sie eine hohe Gesamtpunktzahl abgeräumt. "Na ja, ob ich das kann weiß ich nicht. Ich hab's meinen Eltern nicht erzählt, daß ihr mir den Kurs zum Geburtstag geschenkt habt. Papa ist nach wie vor der Meinung, daß ich nach dem mir aufgenötigten Besenflugtraining nichts mehr lernen soll, was die Gesetze der Physik austrickst. Damit meint er eher, daß ich nicht rauskriegen soll, wie ich mal eben zu Céline oder Belisama hinspringen kann, ohne daß er was gegen machen kann. Wird für die beiden und mich wohl ein Thema beim Elternsprechtag."

"Dann solltest du denen das doch irgendwie beibringen, bevor ihr eure paar Minuten bei Delamontagne nur über's Apparieren reden müßt", raunte Julius leise. Er hielt nicht viel von Geheimniskrämerei innerhalb der Familie, und Laurentine mußte sich echt nicht schämen, alles zu lernen, was Beauxbatons ihr und den anderen beibrachte. Die Lehrer hier achteten ja schon darauf, daß das alles im Rahmen von Anstand und Gesetzen blieb. Ein Gesetz des Apparierens hieß ja auch, nicht vor uneingeweihten Muggeln zu disapparieren oder beim Apparieren sicherzustellen, nicht gerade von mehreren Magielosen beobachtet werden zu können. Aurora Dawn hatte ihm diesbezüglich schon einiges erzählt, wie sie es hinbekommen mußte, unbeobachtet anzukommen oder zu verschwinden, wenn sie zu einem Noteinsatz gerufen wurde. Deshalb schlug er Laurentine vor, sich mit seiner australischen Bekannten darüber zu unterhalten, wie jemand innerhalb von Muggelsiedlungen apparieren konnte. "die hat bestimmt wichtigeres um die Ohren, als einer Schülerin Tips für's Apparieren zu geben", grummelte Laurentine. Julius schüttelte den Kopf. Denn er war ja das beste Beispiel dafür, daß sie eben doch noch genug Zeit fand, sich mit seinen Erlebnissen und Fragen zu befassen, auch wenn vieles von der magischen Bilderverbindung erledigt werden konnte. Laurentine nahm dann auch den Vorschlag an, sich nach erfolgreicher Apparierprüfung mit ihr über die Tricks zu unterhalten, wie Hexen in Muggelgegenden ungesehen herumspringen konnten. Spätestens bei Julius' siebzehntem Geburtstag könnten die beiden sich ja direkt treffen und unterhalten. Denn bisher habe Aurora Dawn es immer hinbekommen, bei seinem Geburtstag dabeizusein. Das lag wohl, wie Julius schmunzelnd einräumen mußte, auch daran, daß sie sich für seine Entwicklung irgendwie mitverantwortlich fühlte, seitdem sie es war, die ihm dabei geholfen hatte, die Sachen für Hogwarts zu kaufen und seine Eltern davon überzeugen konnte, daß er auf jeden Fall dort hinginge.

"Hmm, könnte bei dir so rübergekommen sein, daß ich Angst hätte, meinen Eltern zu sagen, was ich mache, und daß denen komplett egal ist, daß ich nach den Zauberergesetzen schon volljährig bin. Seitdem ich denen gesagt habe, daß ich trotz der Volljährigkeit nicht daran denke, Beauxbatons sausen zu lassen, ist die für sie nicht mehr von Belang." Julius konnte das nur mit gewissem Bedauern zur Kenntnis nehmen.

 

__________

 

Julius hatte schon irgendwie damit gerechnet, irgendwann eine Eule von Jeanne Dusoleil zu kriegen. So steckte er den Brief erst einmal fort, um ihn nach dem Unterricht zu lesen.

In der kommenden Verwandlungsstunde prüfte Professeur Dirkson sehr entschlossen, wer bereits gut mit ungesagten Zaubern hantieren konnte und erwähnte, daß dies bereits ein wichtiges Ziel für die Halbjahresprüfungen sei, sowie Madame Faucon ihr das beschrieben hatte. "Bis auf dich, Robert, der bei der Vivo-ad-Vivo-Verwandlung ohne hörbare Zauberformeln noch ein wenig üben möchtest, kann ich euch allen schon jetzt bestätigen, daß ihr die Zwischenprüfungen hinkriegen werdet. Julius, ich bin mir sicher, daß du bis zur Halbjahresprüfung die gegenständliche Selbstverwandlung auch ohne große Nervosität hinkriegst. Aber dafür haben wir ja im Freizeitkurs genug Zeit." Julius hatte nach den doch noch erfolgreich verlaufenden Verwandlungen in Nebelform oder flüssige Form die Verwandlung in an und für sich leblose Gegenstände einzuüben, was jedoch leichter fiel als die beiden Zustandsänderungszauber davor. Insofern hatte Professeur Dirkson recht behalten, daß das mit den Selbstverwandlungen nicht mehr so schwierig war, wenn jemand genug Rückverwandlungsmagie einlagern konnte. So widersprach er ihr nicht und führte die von ihr gestellten Aufgaben so gut aus, wie er konnte. Ihre Art, die Schüler zu beflügeln, das bestmögliche an Leistung zu bringen, hatte vor ihm nicht halt gemacht. Er war froh, daß sie ihn ranhielt. Auch Millie, die mittlerweile ein Schuljahr früher als ihre große Schwester die Zustandsformen zu wechseln lernte, empfand diese hohe Herausforderung als Ansporn und nicht als Überforderung. Sicher, für Millie waren die Fortschritte dabei nicht nur ein Erfolg gegenüber ihrer großen Schwester Martine, sondern gaben ihr auch die Zuversicht, daß sie diese Teile des Lehrplans dann schon in diesem Jahr erfüllen konnte, um im nächsten Schuljahr überwiegend mit der Verwandlung größerer Gegenstände und Tieren betraut zu werden, sollte sie im letzten Schuljahr bereits ein Kind erwarten. Laurentine dachte immer noch daran, in Claires Sinne zu handeln und das bestmögliche zu erreichen, was sie erreichen konnte. Sie hatte es bald heraus, die Fremdverwandlungen von Tieren und Menschen ohne hörbare Zauberformeln zu schaffen, ohne über mehrere Zwischenstufen gehen zu müssen. Denn damit behalfen sich noch viele, die den übergroßen Unterschied zwischen Ausgangsform und Endform nicht mit einer einzigen Zauberei überwinden konnten. Neben dem Umstand, ohne hörbares Wort zu zaubern forderte Professeur Dirkson wie ihre Kollegen auch eine Übung im immer schnelleren Zaubern. Wer es schaffte, die gewünschte Magie innerhalb einer Sekunde oder schneller wirksam werden zu lassen, der kam in der Zaubererwelt am weitesten voran. Wie hatte sich Professeur Bellart bei einer der letzten Zauberkunststunden so schön geäußert: "Wer mit bloßen Händen und Klebstoff eine zerbrochene Porzellankanne schneller reparieren kann als mit Zauberkraft wird nicht mal in einem Café eine Arbeit kriegen." Zur Bestätigung ihrer Worte hatte sie in nur fünf Sekunden mehrere Geschirrteile ohne sie zu beschädigen durch den ganzen Raum fliegen, sich Sortieren und aufstapeln lassen und ließ einen absichtlich ungebügelten Wäschestapel innerhalb einer Viertelminute zu einem faltenfreien, ordentlich gefalteten Stapel werden. Julius hatte bereits heraus, daß bei Zauberkunst, Verwandlung und auch der Abwehr dunkler Künste bei ausreichender Übung nicht mehr die kompletten Formeln gesprochen oder gedacht wurden. Wichtig waren die Bewegungsabfolge des Zauberstabs und die damit verknüpften Gedankengänge, die die zu sprechende Formel abkürzen konnten, wenn der verlangte Zauber bereits mehr als einmal ungesagt ausgeführt wurde. Denn anders war es nicht möglich, daß altgediente Hexen und Zauberer mit irritierend schnellen Zauberstabschwüngen die heftigsten Sachen zusammenzaubern konnten, die normalerweise durch manchmal umständliche Formeln aufgerufen wurden. Aber das ging eben nur durch die Übung mit den entsprechenden Zaubern. sicher, wer absolut gründlich sein wollte oder auf ein hervorragendes Ergebnis wertlegte, nahm sich die Zeit, die Zauberworte in Ruhe zu denken oder gar auszusprechen. Immerhin hatte Professeur Dirkson es mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des magischen Haushaltskurses schon klar herausgearbeitet, leckere Speisen innerhalb einer Minute zusammenzustellen.

Nach der Verwandlungsstunde, wo alle noch mal an den Sachen feilen durften, die ihnen noch nicht so gut gelangen, ging es im Zaubertierunterricht um die Abraxarieten, jene elefantengroßen, geflügelten Pferde, die vor allem zum Ziehen magischer Großraumluftfahrzeuge benutzt wurden. Da Julius mit diesen Wesen bereits sehr gründliche Erfahrungen hatte sammeln können und Millie wegen der Latierre-Kühe auch keine Probleme mit übergroßen Zaubertieren hatte, hielt Professeur Fourmier sich an die anderen Schüler, um deren Basiswissen abzuklopfen und ihnen die wichtigsten Sachen beizubringen. Belisama sollte am Ende des Unterrichts eine junge Stute mit einem Zweieraufsatz satteln, in dem zwei Reiter bequem sitzen konnten. Julius fühlte noch seine Beine, nachdem er die letzte Walpurgisnacht hinter Madame Maxime auf dem Rücken der Abraxarietenstute Aquitaine zugebracht hatte. Aquitaine war nun wieder trächtig. Natürlich war Pyrois, der Leithengst der schuleigenen Herde, der stolze Vater. Belisama durfte dann mit Julius auf dem gesattelten Pferd fliegen. Julius überließ ihr das Lenken, bis die Stute befand, jetzt ein wenig in der Luft herumtoben zu müssen und er sie mit den erlernten Kommandos und kräftigen Zügelbewegungen dazu brachte, wieder zu landen.

"Wenn die nur Whiskey trinken, wieso fliegen die so schnurgerade durch die Luft?" Wollte Plato Cousteau wissen. Professeur Fourmier gab die Frage an Julius weiter.

"Der Alkohol wird von denen anders verdaut als von den meisten anderen Tieren. Sie wandeln ihn irgendwie wieder in Zucker um, aus dem Alkohol durch Gährung ja entsteht und verheizen diesen Traubenzucker in ihren Fortbewegungsgliedern. Warum sie so gerne Whiskey saufen mag daran liegen, daß Whiskey aus Gerste gemacht wird, ähnlich wie Bier. Aber da Whiskey mehr Alkohol enthält, trinken sie lieber den. Gewöhnliche Pferde fressen gerne Hafer, um die darin enthaltene Kraft zu nutzen. Die Abraxarieten nehmen mit der vergorenen und verflüssigten Form der Gerste vorlieb, wenn genug Alkohol drinsteckt."

"Lesen Sie alle bis zur nächsten Stunde in Rhodogaster 'ambohns Lehrbuch über die Ernährungsweisen magischer Flugtiere das Kapitel über das Verdauungssystem der Abraxarieten nach und fertigen Sie darüber einen Aufsatz von zwei Pergamentrollen und eine gründliche Zeichnung mit Bezeichnung der Verdauungsorgane und ihrer besonderen Funktion im Zusammenhang mit der Alkoholverwertung an!" gab die Fachlehrerin ihren UTZ-Schülern auf. Viele blickten Plato vorwurfsvoll an, weil der das Thema mit der Alkoholverdauung überhaupt angesprochen hatte. Julius war sich jedoch sicher, daß die Lehrerin ihnen diese heftige Hausarbeit sowieso aufgegeben hätte. So sagte er nach dem Unterricht, als Caroline Plato als "Blöder Idiot" anblaffte: "Du glaubst echt, sie hätte Platos Frage nötig gehabt, wo das mit dem Whiskey die herausragendste Sache bei der Ernährung dieser Tiere ist und jemand mal ein Buch drüber geschrieben hat? Die hatte die Aufgabe schon klar im Kopf, bevor die uns heute einen guten Morgen gewünscht hat."

"Hat die Maxime dich das auch zusammenschreiben lassen?" Wollte Caroline wissen. Julius erwiderte, daß er diesen Abschnitt in erwähntem Buch tatsächlich einmal lesen und die Zeichnung kopieren sollte, als sie sich auf die Walpurgisnacht vorbereitet hatten. Caroline grummelte dann, daß er dann ja wohl die fünfzehn Notenpunkte dafür im Vorbeigehen einsacken konnte. Millie hielt es nun nicht mehr aus und schaltete sich auch in die Diskussion ein.

"Caro, wenn in dem Buch 'ne Zeichnung drin ist brauchst du die ja nur gescheit abzumalen und die entsprechenden Stellen mit den richtigen Abkürzungen zu beschriften. Das ist das kleinste Ding bei dieser Aufgabe. Mich stört bei der Sache eher das magizoologische Fachgeblubber von Hambone. Selbst meine Tante, die mit Zaubertieren keine Probleme hat, stöhnt immer wieder, wenn sie mit seinen Abhandlungen über "Die für magische Nutzanwendungen exquisiten Produkte magiphorer Individuen" reden will, weil sie begründen muß, warum Latierre-Kuhmilch auf heranwachsende Hexen Kraftfördernd wirkt. Aber das ist wohl für manche Leute auch wichtiges Zeug. Müssen wir eben alle durch. Du kannst Plato nicht als Idioten anquatschen, nur weil der eine echt wichtige Frage gestellt hat."

"Häng deine goldene Brosche nicht so heftig raus, Millie, wenn du nicht wie Bernie ohne Freundinnen rumlaufen willst", knurrte Caroline. Doch Millie blieb ruhig und erwähnte, daß sie mit keinem Wort angedeutet habe, daß sie als Saalsprecherin von ihr irgendwas verlange oder nicht. Belisama, die selbst eine goldene Saalsprecherinnenbrosche trug, nickte zustimmend und sagte dann noch: "Nur, weil du meinst, der Unterricht müßte nur Spaß machen mußt du meinen Saalkameraden nicht für einen Idioten halten, Caroline Renard. Am besten entschuldigst du dich bei ihm."

"Ey, du jetzt auch", knurrte Caroline. Belisama nickte entschlossen und deutete auf Plato Cousteau, der leicht verlegen dabeistand und sich anhörte, wie man über ihn redete. Caro zuckte jedoch nur mit den Schultern und ging ohne weiteres Wort davon.

"Die hätte wissen müssen, daß Professeur Fourmier uns mit dem Fachkoboldisch von magizoologischen Experten bedenkt. Wir sind doch keine Grundschulkinder mehr, die nur wissen müssen, wie viele Beine ein Abraxas-Pferd hat und wie es gefärbt ist", grummelte Belisama und wandte sich an Plato: "Laß dich von Caroline nicht einmachen, Plato. Die ist jetzt biestig, weil sie wohl mit dem Geschreibsel von - wie spricht der sich denn jetzt eigentlich aus? - nicht zurechtkommt."

"Hambone", beantwortete Julius die Frage und betonte das H am Anfang des Nachnamens, auch wenn die meisten Franzosen bei der Aussprache Probleme hatten. Er übersetzte den Namen mit Schinkenknochen, womit er bei den Mädchen belustigtes Kichern und bei Plato ein erheitertes Grinsen auslöste. "Wohl Muggelstämmiger", vermutete Plato. Julius kannte den gerade diskutierten Fachautoren nicht gut genug, um das zu bestätigen oder zu verneinen. Aber vielleicht würde das im Begleittext des Buches ja erwähnt, sofern Rhodogaster kein Slytherin war und er da wohl tunlichst kein Aufheben um seine Abstammung gemacht hätte, falls diese nicht absolut reinblütig gewesen sei. Dann gingen die Sechstklässler zum Mittagessen.

Den Aushang über den ab dem ersten Samstag im Februar stattfindenden, über zwölf Samstage gehenden Apparierkurs hatten sie alle schon längst zur Kenntnis genommen. Da Julius es bereits erlernt hatte interessierte ihn nur, wer sich dafür alles eintrug. Es war ja nicht selbstverständlich, daß jeder Sechstklässler den Kurs mitmachte. Aber aus dem grünen Saal war jeder Sechstklässler dabei. Laurentine hatte sich wohl richtig gefreut, ihren Nahmen auf die Teilnehmerliste zu setzen. Die Kursgebühr von zwölf Galleonen sollten die Teilnehmer eine Woche vor Beginn spätestens überwiesen haben. Laurentine hatte das heimlich erledigt, als sie wegen des Familiengerichtstermins wegen der Lépins im zaubereiministerium war. Die Bestätigung dafür reichte sie wie alle anderen mit ein.

Im Freizeitkurs Verwandlung mußte Julius unter der Aufsicht Constances und Mildrids mehrere Selbstverwandlungen in kleinere Möbelstücke hinbekommen. Er dachte dabei daran, wie die Montferre-Schwestern das in ihrem letzten Jahr erst vorgeführt hatten und wie Professeur Faucon sie einmal mit einem Rückverwandlungsblockierzauber beharkt hatte. Für Julius war es trotz der Erfahrungen mit der Selbstvernebelung und der einprägsamen Erinnerung an die erste vollständige Selbstverflüssigung immer noch unbehaglich, wenn er ein Stuhl oder eine Kommode sein sollte. Als er es gerade so noch schaffte, von einer kastanienbraunen Kommode in seine ursprüngliche Erscheinungsform zurückzukehren mußte er an die große Kommode der Dusoleils denken und was Jeanne darüber behauptet hatte. So abwegig war das ja wirklich nicht. Zumindest aber verlangte Professeur Dirkson nicht von ihm, zur Bettpfanne oder zum Nachttopf zu werden. Offenbar hatte sie von den bis zu diesem Jahr von allen Pflegehelfern für möglich gehaltenen Bestrafungen gehört und vermied entsprechende Aufgaben. Was ihm wesentlich mehr behagte war die Übung zum Schluß, nämlich die Gestaltwerdung der inneren Tierform. Diese mußte Julius zwar mit dem Zauberstab einleiten, auch und vor allem, um genug Rückverwandlungsmagie einzulagern. Aber die Wandlung vom sichtlich groß gewordenen jungen Zauberer zum stattlichen, schneeweißen afrikanischen Elefantenbullen verlief ohne festzustecken. Laurentine bewunderte es, wie er nach drei erfolgreichen Gestaltwechseln wieder so da stand, wie er vor dem Kurs noch gewesen war. Laurentine tauschte mit Constance einen verstehenden Blick aus, während Millie, die dieselbe Aufgabe hatte, unter körperlichen Anstrengungen langsam auf mehr als zwei Metern Höhe anwuchs, wobei ihre Kleidung zu einem braunen Pelz wurde und ihre Ohren zu großen, runden Hörorganen wurden, während ihre Kiefer zu einer haarigen Schnauze in die Länge gezogen wurden. Millie stöhnte wie bei einer höchst anstrengenden Übung oder unter großen Schmerzen. Doch am Ende stand an der Stelle der athletischen, viele ihrer Schulkameraden überragenden jungen Hexe eine muskulöse Braunbärin im Winterpelz. Julius gönnte sich die Frechheit, sie anzustacheln, sich schnell wieder zurückzuverwandeln, bevor sie zu müde dazu war, da Bären um diese Zeit noch im tiefsten Winterschlaf lägen. Millie brummte nur verächtlich und schüttelte die rechte Vordertatze mit den messerscharfen Krallen daran, die bei einem einzigen Hieb schon jemanden sehr übel aufschlitzen konnten. Doch es vergingen nur zehn Sekunden, bis sie, unter lautem Keuchen und Schnaufen, wieder in ihre angeborene Gestalt zurückkehrte. Laurentine blickte sie mit übergroßen Augen an und sagte in einer Mischung aus Ehrfurcht und Unbehagen: "Schade, daß mein magisches Endotherion nur eine Wildsau ist."

"Pennen die im Winter auch?" Fragte Millie und gähnte. "Hattest echt recht, Julius. Als ich voll in der inneren Tierform drin war dachte ich, ich müßte mich gleich hier hinlegen und schlafen. Tat auch ziemlich weh in den Knochen und im Bauch, als wenn da wer mit groben Fingern in mir rumkneten würde. Hätte fast die Rückwandlungsreserve verloren."

"Hmm, dann könntet ihr echt Animagi werden", meinte Laurentine. "Wenn ich auch mal gelesen habe, daß die meisten von denen kleinere oder wesentlich wendigere Tiere als Zweitgestalt ausgesucht haben."

"So heftig wie mich das gerade geschlaucht hat?" Fragte Millie. "Abgesehen davon dauert das wohl länger, sich ohne Zauberstab verwandeln zu können als mit, und die Gefahr, sich nicht mehr zurückverwandeln zu können ist auch ziemlich groß. Ich hätte es ja fast verpatzt, wenn mein Angetrauter mich nicht drauf gestoßen hätte, daß Bären gerade Winterschlaf halten. Und beim Animagus-Zauber mußt du dich voll auf die Tierverwandlung konzentrieren, darfst nicht wütend oder total belustigt sein."

"Solange du in der Tierform nicht lachen mußt, weil du sonst vergißt, wie du dich zurückverwandeln mußt", bemerkte Laurentine dazu. Millie sah sie dafür fragend an und hörte dann in einer Kurzfassung das deutsche Märchen vom Kalifen Storch. Julius erinnerte sich, zumal das darin erwähnte Zauberwort ja lateinisch war und "Ich werde verwandelt werden" oder "Ich will mich verwandeln" übersetzt werden konnte, wie er mittlerweile wußte, wo er in Eigenregie das Lateinlehrbuch durchackerte, daß er von seiner Mutter mal geschenkt bekommen hatte. Aber in "Wege zur Verwandlung" kam das Zauberwort Mutabor nicht als Auslöser für eine Selbstumwandlung vor.

"Sah schon sehr anerkennenswert aus, Mildrid", lobte Professeur Dirkson die Saalsprecherin der Roten. "Du würdest warscheinlich noch besser durch die Endotherion-Verwandlung kommen, wenn du die Brosche und das Armband nicht umhättest. Die senken deine Autotransfigurationsakzeptanz. Aber Julius hat sich offenbar schon mit seiner inneren Tiergestalt vertraut gemacht. Das kann daher rühren, daß er sie schon mehrmals körperlich und sinnlich erfahren hat. Sowas prägt sich ein und erleichtert den entsprechenden Zauber."

"Ich habe das mit der Bärin auch schon an mir ausprobieren lassen", sagte Millie dazu. Die Lehrerin erinnerte sich, daß sie selbst ja mal die inneren Tiergestalten nach außen gekehrt hatte und erwiderte darauf: "Aber wie erwähnt muß ich davon ausgehen, daß die Brosche und das Armband eine Selbstverwandlung immer erschweren. Um so leichter fällt es jemandem dann, wenn er ohne hochpotente Zaubergegenstände am Körper autotransfiguriert."

"Nett, daß ich dann im nächsten Jahr leichter mit dem Thema durchkomme", wisperte Laurentine. Doch Professeur Dirkson hörte es wohl, trotz des Lärms um sie herum, den in Affen oder Raben verwandelte Übungstiere veranstalteten.

"Hmm, das käme wohl auf einen Vergleich an", sagte die schwarzhaarige Lehrerin und deutete auf das Exemplar von "Wege zur Verwandlung" Band Nummer sieben, aus dem Millie und Julius die Selbstverwandlungsschritte gelernt hatten. "Lies dir das mal bis nächste Woche durch und sag mir dann, ob du dich traust, das zu überprüfen, ob es dir leichter fällt oder nicht!" Laurentine sah die Lehrerin verblüfft an. Dann stammelte sie: "Ähm, öh, ich meinte doch, daß ich ... also im nächsten Jahr erst ... wegen der Übung überhaupt. Soll ja doch ziemlich kompliziert und gefährlich sein ..."

"Angst vor dem eigenen Mut?" Fragte die Lehrerin vergnügt. Dann sagte sie: "Ich würde niemandem einen solchen Vorschlag machen, von dem ich nicht sicher wäre, daß demjenigen dabei keine bleibenden Schäden passieren, Laurentine. Ich meine, du siehst den anderen dauernd zu, wie sie mit Selbstverwandlungen herumprobieren. Es ist nicht immer so, daß jemand bis zum siebten Schuljahr warten muß, um das hinzukriegen. Mildrid hat bereits die Gasförmigkeits- und Selbstverflüssigungsverwandlung erlernt, die laut Schulbuch erst im ersten Halbjahr des UTZ-Jahres im Lehrplan drinsteht. Du bist ja schon volljährig und damit auch befugt, dir auszusuchen, ob du bereits schwierigere Zauberstücke erlernen oder anwenden möchtest. Deshalb darf ich dir das ja auch anbieten, daß du das noch in diesem Halbjahr lernst, aber nur, wenn du das von dir aus willst und keine Angst davor hast. Constance und Julius können dich jederzeit zurückverwandeln, wenn etwas nicht so läuft wie es soll, solange du nicht meinst, dich in eine Mischform verwandeln zu wollen wie einen Zentauren, eine Meerfrau oder eine dieser Horrorbienen, die wohl im letzten Jahr hier über Frankreich herumgeflogen sind. Zwischenstufen zwischen Ausgangs- und Zielform sind zwar lästig, aber nicht tödlich und auch nicht unumkehrbar. Ich glaube, Madame Faucon würde mich ohne Flohpulver zum Kamin hinausjagen, wenn ich irgendwem hier irgendwas einzureden versuchte, von dem oder der ich mir nicht sicher wäre, daß dabei nichts nachhaltiges passieren wird. Du kannst dir das ja überlegen. Kriege ich aber raus, daß du ohne Vorankündigung schon mit höheren Selbstverwandlungen herumprobierst, kriegst du Ärger mit mir oder darfst dann wie deine Gruppenkameraden nur noch UTZ-Jahresaufgaben durchführen. Das liegt jetzt also bei dir", sagte die Lehrerin klar an. Dann eilte sie zu einer Gruppe Fünftklässler hinüber, die die Abwesenheit der Kursleiterin ausnutzten und sich eine Art Verwandlungsduell lieferten. Einer hatte gerade eine Wühlmaus auf den Tisch gesetzt. Sein Kamerad hatte aus einem Meerschweinchen einen Kater gemacht. Da wurde die Maus zum Jagdhund und der Kater wuchs zum Wolf an. Da ging dann Professeur Dirkson dazwischen und tadelte die beiden Enthusiasten. Laurentine sah Constance und dann Julius an. In ihren dunkelblauen Augen stand die Frage, ob sie sich wirklich darauf einlassen sollte. So sagte Julius: "Sei froh, daß sie dich zumindest fragt, ob du dir das zutraust. Professeur Faucon hat mich nie gefragt, ob ich mir das zutraue, sondern hat gleich angesagt, was ich zu bringen hätte."

"Weil sie sich nicht damit langweilen lassen wollte, daß du immer mit "nein" geantwortet hättest, Julius", warf Millie spitzbübisch grinsend ein. Constance sah Laurentine an und bemerkte:

"Sagen wir es so, Laurentine, daß unsere frühere Verwandlungslehrerin ja ein paar Jahre länger unterrichtet hat und dadurch wußte, wen sie mit welchen Aufgaben drangsalieren konnte, ohne ihn oder sie kaputt zu machen. Professeur Dirkson ist noch nicht so lange bei uns. Genau deshalb denke ich, daß sie sich mit ihrer Vorgängerin immer wieder unterhält und bespricht, wem sie was abverlangen darf oder muß. Außerdem muß sie als neue Lehrerin ja noch mehr aufpassen, nichts falsch zu machen, weil sie ja sonst ganz schnell wieder aus Beauxbatons raus wäre. Ihr habt das doch mit Pivert erlebt, wie schnell das gehen konnte, und nachdem, was Céline mir von der Sache mit Dedalus erzählt hat ist Madame Faucon eine würdige Nachfolgerin von Madame Maxime." Dem mußten Laurentine, Millie und Julius unumwunden zustimmen. "Genau deshalb wird sich unsere neue Verwandlungslehrerin keinen Ausrutscher leisten, bei dem ein Schüler unrettbar in wer weiß was verwandelt bleibt. Aber als stellvertretende Saalsprecherin wirst du genauso heftig zum Strampeln getrieben wie Céline."

"Die aber nicht in diesem Kurs ist, Connie", entgegnete Laurentine. Constance nickte und sagte: "Eben, die nicht, aber du bist in diesem Kurs. Wolltest du von dir aus hier rein?"

"Das hatten wir doch schon", grummelte Laurentine. Constance, Millie und Julius nickten bestätigend. Laurentine nahm diese Regung als stille Anregung Constances und der beiden anderen, dann auch auszuloten, was ging und was nicht, solange sie dafür keine Noten bekam, wenn es nicht wie gewünscht oder gar befohlen klappte. So sagte Laurentine mit etwas mehr selbstsicherheit in der Stimme, daß sie sich das bis nächste Woche gut überlegen würde. Julius hingegen hatte während der ganzen Besprechung schon darüber nachgedacht, ob sich das für ihn auszahlen mochte, ein Animagus zu werden. Sicher, niemand zwang ihn dazu, und es gab auch keinenArbeitgeber, der ausdrücklich Animagi einstellen wollte. Außerdem war seine Tiergestalt etwas auffällig und zu groß, um überall herumzulaufen. Da war Professor McGonagalls Katzengestalt schon viel viel praktischer gewesen, und Madame Faucons Tiergestalt war zwar ziemlich groß, konnte aber fliegen. Er fragte sich einen Moment lang, ob Claire ihre innere Tiergestalt so toll gefunden hätte, daß sie unbedingt eine Animaga hätte werden wollen. Nur einmal hatte er das sehen dürfen, daß sie, wenn sie es darauf anlegte, als innere Tiergestalt einen Marienkäfer besaß. Aber Insekten lebten gefährlich, wußte er auch, obwohl er mit den kleinen, mit haarigen Fühlern bestückten Geschöpfen eigentlich nichts am Hut hatte. Corinne wollte Animaga werden und übte schon längst, die in ihrer Seele herumsummende Bienenkönigin immer wieder nach außen zu kehren. Sie hatte es mit ihrem besonderen Sinn wohl herausbekommen, daß er eine schwer niederzuhaltene Angst vor fliegenden Insekten hatte und blieb daher in dem Bereich des Kursraumes, der weit genug von ihm entfernt lag. Doch was brachte ihm ein Elefant? Sicher, er wäre dann stärker als drei Menschen, käme an Sachen dran, wo andere schon eine Leiter brauchten, könnte eine ganze Badewanne Wasser aussaufen und fußballgroße Haufen in die Landschaft fallen lassen. Aber warum er dann ausgerechnet blütenweiß war, obwohl er keine roten Augen wie ein mit Albinismus lebendes Tier oder Menschenwesen besaß, wußte er auch nicht. Jedenfalls war das gut zu überlegen, ob er sich der langwierigen Prozedur ständiger Übungen unterziehen und am Ende eine Registrierung beantragen sollte. Er beschloß, wie Laurentine darüber nachzudenken. Es zwang ihn ja wirklich niemand, und Millie sah so aus, als wolle sie ihre innere Tiergestalt noch besser annehmen lernen. Das würde dann aber aufhören, wenn sie beide die von den Mondtöchtern auferlegte Pflicht erfüllten und bis zum nächsten Jahr das erste Kind auf den Weg gebracht haben mußten. Da sich Millie immer wieder dazu äußerte, wie gerne sie Kinder haben würde, wäre das für sie dann wohl erledigt, eine Animaga zu werden, die aus jeder Situation heraus ohne Zauberstabverwendung die einmal erwählte Tiergestalt annehmen und wieder ablegen konnte.

Julius nahm sich nach der Schach-AG Zeit, um Jeannes Brief zu lesen. Sie schrieb:

Hallo Julius!

Sicher hast du schon damit gerechnet, daß ich dir eine Eule schicke, weil wir es ja um Weihnachten davon hatten, daß ich mir ziemlich sicher bin, auch bald wieder Mutter zu werden. Die Frage war ja nur, ob da ein Kind oder zwei in mir heranwachsen. Jetzt ist es amtlich. Hera hat bei ihrer letzten Untersuchung mit Einblickspiegel und Vergrößerungsglas zwei sauber voneinander getrennt wachsende Winzlinge in meinem Bauch liegen sehen können. Ob das beide Jungen, beide Mädchen oder von jedem ein Exemplar werden wissen wir natürlich noch nicht, weil ich zum Zeitpunkt, wo ich diesen Brief schreibe, gerade in der achten Woche bin, wo, wie wir zwei ja von Hera gelernt haben, das Geschlecht eines Kindes noch nicht klar ausgeprägt ist.

Ich fühle mich irgendwie zwischen zwei widersprüchlichen Empfindungen. Zum einen freue ich mich, weil Viviane gleich zwei Geschwister bekommt, die ziemlich zeitnah von ihr zur Welt kommen werden. Dann mache ich mir aber auch Sorgen, weil es mit zwei Kindern zugleich doch eine andere Sache ist als mit nur einem. Da muß ich mich wohl mit Barbaras Mutter drüber unterhalten, ob sie da andere Erfahrungen gemacht hat als mit nur einem Kind. Dann aber finde ich es recht spannend, eine Erfahrung zu machen, die aus meiner Familie keine andere gemacht hat. Weder Oma Aminette, noch Tante Cassiopeia, noch Maman hat gleich zwei auf einmal tragen dürfen. Hera hat mir aber versichert, daß sie außer Roseannes Zwillingstöchtern noch ein paar mehr auf die Welt geholt hat und die beiden Winzlinge und ich bei ihr gut aufgehoben sind. Das läßt mich aber wieder befürchten, daß sie mich in den anstehenden zweiunddreißig Wochen noch heftiger beglucken wird als damals, wo Viviane unterwegs war.

Doch im wesentlichen freue ich mich auf den Nachwuchs. Bruno kriegt das von mir erzählt, wenn ich diesen Brief losgeschickt habe. Der wird wohl fragen, warum alle anderen vor ihm davon erfahren. Du hast zumindest ein Recht darauf, es früh genug zu erfahren, weil ja nicht mal Viviane ohne deine Hilfe zur Welt gekommen wäre.

Ich habe Martine davon geschrieben. Mal gespannt, wie sie antwortet. Sage am Besten Millie noch nichts davon, bevor Martine ihr das schreibt!

Es grüßt dich in sehr sehr guter Hoffnung

 

Jeanne Dusoleil

 

 

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Die Woche verging mit dem, was der Lehrplan für die Sechstklässler für wichtig und/oder förderlich vorsah. In den Stunden bei Delamontagne ging es um die Bestimmung und Zerstreuung von Flächenflüchen, die Errichtung stabiler Schutzzauber, wobei hier ineinander verzahnende Abwehrzauber möglich waren, die Flüche abwehrten, feindliche Annäherung verhinderten oder Verborgenheit vor bösen Wesen bewirkten. Als sie einmal ein Zelt mit dem Flächenschild "Protego Totalum" und dem Breitband-Fluchzerstreuer "Salvio Hexia" belegt hatten durften die Schüler alle ihnen vertrauten Flüche darauf abfeuern, jedoch aus sicherem Abstand und nicht mit gerade darauf zielenden, sondern im leichten Winkel ausgerichteten Zauberstäben. Wie wichtig diese Verhaltensmaßnahme war erkannten sie rasch. Als Julius mit "Reducto Maxima" einen mit höchster Stärke losfliegenden Zerstäubungszauber auf das papierdünne Zelt losließ, krachte dieser wie aus einer kleinen Kanone abgefeuert dagegen und flog laut Fauchend im entgegengesetzten Winkel des Zauberstabs in den Himmel über dem Zelt.

"Diese Zauber sind Ortsgebunden", dozierte Delamontagne. "Sie wirken also nur auf die Gegenstände oder Personen, die sich zum Zeitpunkt des Aufrufes am davon zu schützenden Ort aufhalten. Daher wird bei einer vollständigen Schutzzauberei darauf geachtet, daß die davon zu schützenden innerhalb des Kreises bleiben, der die zu schützende Zone umschließt. Da es böswilligen Zauberern und Hexen gelingen mag, den einen oder anderen Zauber wieder aufzuheben ist es erforderlich, die Schutzzauber mit mentalen Schlüsseln zu versperren, also mit damit verbundenen Kennwörtern. Dann können die Zauber nur von dem zurückgenommen werden, der auch die Kennwörter kennt und bei der Rücknahme oder der Unterbrechung denkt. Sicher, fast jeder Schild kann gebrochen werden. Mir ist nur ein Zauber bekannt, der einen zu schützenden Ort unbrechbar umschließt, solange die mit ihm verbundenen Personen nicht länger als ein Jahr aus seiner Wirkungszone abwesend sind. Wie heißt dieser Zauber?" Millie, Laurentine, Belisama und Julius hoben ihre Arme. Die anderen sahen betreten auf den Lehrer, der gerade mit "Incendio" versuchte, das Zelt in Brand zu setzen. Doch der Feuerzauber zersprühte wie die Funken einer metergroßen Wunderkerze an der Zeltwand. Das bewirkte der Protego Totalum, der Flüche und Elementarzauber abwehrte. "Ja, Mademoiselle Lagrange?" Erteilte er dann Belisama Sprecherlaubnis.

"Das ist der Sanctuafugium-Zauber, Professeur Delamontagne. Er ist so umfangreich, daß ihn mindestens drei Zauberer ausführen müssen und wehrt jeden Fluch und jeden feindlichen Eindringling ab, ob magisch oder unmagisch", erwähnte Belisama. Der Lehrer nickte und gab ihr dafür zehn Bonuspunkte. Dann wollte er noch wissen, was mit verfluchten Personen oder Gegenständen passierte, die in die Wirkungszone gerieten. Millie konnte und durfte das beantworten. "Mein Stiefgroßvater mütterlicherseits wurde von Didiers Leuten mit Imperius dazu gezwungen, in das Schloß meiner Familie einzudringen. Als er dort ankam bekam er große Kopfschmerzen, und der Befehl war aus seinem Kopf heraus. Flüche werden zerstreut, sobald jemand die Schutzzone betritt." Laurentine hob wieder den Arm und blickte fragend auf den Lehrer.

"Hmm, und wenn wer einen ganz gewöhnlichen Verbrecher darauf bringt, ohne unter Imperius zu stehen in die Wirkungszone einzudringen?" Wollte sie wissen. Der Lehrer gab die Frage mit einer die Schüler überstreichenden Handbewegung weiter und erteilte Julius das Wort.

"Ich habe von der Fluchabwehrexpertin Madame Brickston und Madame Faucon erfahren, daß jeder Feind, also jemand, der einem was übles will, davon abgehalten wird, es auch zu tun, wenn er in den Sperrbereich eintritt. Gewöhnliche Gangster, ähm, Verbrecher, fühlen dann sowas wie einen Widerwillen oder vergessen, was sie vorhatten. Sanctuafugium wehrt bösen Willen ab, kann man vereinfacht zusammenfassen."

"Mademoiselle Lagrange erwähnte, es sei ein personenbezogener Zauber und benötige mindestens drei ihn kennende Magier zur Ausführung", faßte Delamontagne die Antwort Belisamas zusammen. "Ist jemanden bekannt, wie der zauber auf die von ihm zu schützenden Personen geprägt wird und welche Obergrenze ihn ausführender Magiekundiger es gibt?" Belisama, Millie und Julius hoben die Arme. Millie durfte wieder antworten.

"Soweit ich das mal gehört habe muß bei dem Zauber mindestens der Name eines zu schützenden einbezogen werden. Wenn eine ganze Familie oder Personengruppe geschützt werden soll muß der Familienname oder ein alle verbindendes Wort mit eingebaut werden. Das gilt dann aber wohl für alle, die mit der Familie oder dem verbindenden Wort friedlich zusammensein können. Ich weiß aber nicht, wie genau das geht. Ich weiß aber, daß es möglich ist, daß über zweihundert Zauberer den Zauber aufbauen Können. Die Wirkung ist dann auch um so stärker."

"Das stimmt, Madame Latierre. Zwanzig Bonuspunkte dafür", bestätigte Delamontagne. "Leider gibt es weltweit nur noch knapp vierhundert Zauberer, die die vollständige Ausführung des Zaubers beherrschen, weshalb er nicht als allgemein verfügbar bekannt ist. Außerdem setzt er hohe Anforderungen an jene, die ihn ausführen sollen. So dürfen sie während der Ausführung keine böswilligen Gedanken hegen, müssen frei von jeder Schuld am Tod eines Menschen sein und mit den anderen ein ungetrübt harmonisches Verhältnis führen. Madame Faucon, wie einige weitere aus der Liga zur Abwehr dunkler Künste, deren Mitglied zu sein auch ich mir schmeicheln darf, gehört zu dieser privilegierten Gruppe von Hexen und Zauberern. Eigentlich war sie bestrebt, ihn ihren bisherigen Schülern beizubringen, um sicherzustellen, daß er auch in Zukunft als Schutzzauber benutzt werden kann. Allerdings müssen hierbei hochkomplizierte Formeln silbe für Silbe erlernt werden, die die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Hinzu kommt, daß in Schulen leider immer eine gewisse Konkurrenz zwischen den Schülern besteht, so daß die Voraussetzung der vollständigen Harmonie schwer bis gar nicht zu erfüllen ist. Wer ihn erlernen möchte muß dies nach der Schule bei vollkommen vertrauten Mentoren tun, die nicht auf Zeit oder Leistungsvermögen drängen müssen. Daher können wir hier nur erwähnen, daß es diesen Zauber noch gibt und er von Mitgliedern der Liga jedem beigebracht werden kann, der es schafft, einen mit ihm harmonierenden Lehrmeister zu finden und sich auch an die anderen Voraussetzungen für die Ausführung von Sanctuafugium hält. Aber zu wissen, daß es diesen Zauber gibt gehört zum Pensum. Ja bitte?" Jacques Lumière hatte aufgezeigt. Der Bruder Barbara van Helderns sah Delamontagne provozierend an und fragte:

"Warum wurde dieser Zauber nicht um Beauxbatons gezogen, als die im letzten Jahr wußten, daß Didier und seine Leute uns beharken könnten. Dann wäre das mit den Säulen und mit diesen Schlangenbiestern nicht passiert.".

"Kann wer die Frage beantworten", gab Delamontagne Jacques' Einwand weiter. Julius hatte zwar eine Idee, wußte aber nicht, wie brauchbar sie als Erklärung herhielt. Dennoch zeigte er auf. Jacques sah ihn lauernd, Professeur Delamontagne herausfordernd und die anderen erwartungsvoll an.

"Ich habe die Bulletins de Beauxbatons durchgelesen. Es war bei den Gründern nicht so, daß die immer sehr gut zusammengearbeitet haben. So könnte es sein, daß die Gründer und alle nach ihnen davon ausgegangen sind, daß es immer Reibereien der einzelnen Zaubererfamilien geben würde und der Sanctuafugium ja auf eine bestimmte Personengruppe eingerichtet werden muß. Nur zu sagen, daß Schüler und Lehrer geschützt werden sollen hätte nicht gereicht, weil ja bestimmte Namen oder Zugehörigkeiten nötig waren. Der Zauber wäre dann immer wieder zusammengebrochen. Warum wir das letztes Jahr nicht damit machen konnten liegt wohl auch daran, daß viele Leute, die den Konnten untertauchen mußten. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, Sanctuafugium aufzubauen. Aber Beauxbatons stand ja schon unter Beobachtung, als Madame Maxime die Rücktrittsaufforderung bekam. Abgesehen davon, daß eben manche Zaubererfamilie mit einer anderen verfeindet ist und Beauxbatons Platz für die magisch begabten Kinder aus allen französischsprachigen Familien bieten will." Professeur Delamontagne wartete noch einige Sekunden und sagte dann:

"Wesentliche Punkte für die Nichteinrichtung des Zaubers waren zum einen die Muggelwelttarnung. Zweitens stimmt es, daß er immer auf eine bestimmte Person und die mit ihr verknüpften Personen bezogen ist. Damals wie heute ausschlaggebend war jedoch, daß es magische Wesen gibt, die nicht in diesem Zauber existieren können, weil deren Stameltern entweder durch bösartiges Zauberwerk entstanden oder sie innerhalb von Sanctuafugium nicht ihre natürlichen Lebensweisen zeigen konnten. Da von Anfang an darauf wert gelegt wurde, den angehenden Hexen und Zauberern den Umgang mit magischen Tierwesen beizubringen, mußte man statt Sanctuafugium andere, ähnlich gut gelagerte Zauber verwenden." Julius sah es ein. Aggressive Tierwesen hätten dann wohl fluchtartig den Bereich des Zaubers verlassen. Goldschweif konnte Magie wie Töne in Menschen und Gegenständen singen hören. Das Geflecht aus Schutzzaubern, das Beauxbatons umspannte, strahlte wohl nicht so heftig aus. Sanctuafugium mochte da wie eine Riesensonne im Vergleich zum umgebenden Weltraum wirken. Goldschweif würde ihn zwar als gute Kraft ansehen, sich aber wohl nicht mehr dazu durchringen können, Mäuse oder Ratten in der Umgebung zu jagen oder gegen ihr mißfallende Menschen vorzugehen oder ihren Mutterinstinkten zu folgen und ihre Kinder mit Krallen und Zähnen zu beschützen. So nahmen es auch die anderen Schüler zur Kenntnis, daß es zwar mächtige Schutzzauber gab, diese jedoch auch ihre Kehrseiten hatten. Als er wegen der natürlichen Lebensweise von Knieseln fragte erfuhr er jedoch, daß diese Zaubertiere nicht von ihren natürlichen Lebensweisen abwichen, jedoch eine Art Instinktbetäubung erleiden mochten, was ihren Spürsinn für verdächtige Lebewesen und die korrekte Richtung eines Weges anging. Bewiesen sei dies zwar nicht, aber bei anderen Zaubertieren bereits erkannt worden. Näheres dazu möge die entsprechende Fachkollegin auf Anfrage erwähnen. Delamontagne beschloß die Unterrichtsstunde damit, die Zusammenfassung aller großflächig wirksamen Schutz- und Bannzauber mit Nachweis ihrer erstmaligen Verwendung aus den empfohlenen Büchern zusammenzutragen und mindestens drei Pergamentrollen zu beschreiben. Ein gewisses Stöhnen drang aus den Kehlen der Schülerinnen und Schüler. "Sie haben meinen Unterricht als UTZ-Kurs erwählt, die Herrschaften. Dann sollten Sie auch darauf gefaßt und dazu bereit sein, alles zu lernen, was darin behandelt werden kann", schärfte der ehemalige Zaubereigegenminister seinen UTZ-Schülern ein. Julius wandte sich an seine Saalmitbewohner und sagte diesen, daß er ja die wichtigsten Bücher im Privatbesitz habe und sich gerne mit ihnen wegen der Hausaufgabe zusammensetzen würde. Millie sah ihn kurz an und fragte, ob sie bei den Besprechungen mit dabeisein oder sich von ihm die Bücher ausleihen durfte, wenn er mit den anderen alles wesentliche abgeschrieben hatte.

Im Zaubertrankunterrichtwaren die Gift- und Gegengifttränke an der Reihe, die aus so vielen Einzelkomponenten bestanden, daß es wichtig war, auf verschiedene Giftstoffe verschiedene Gegengifte anzusetzen. Professeur Fixus erwähnte jedoch, daß es einen Trank gäbe, der alle nichtmagischen Tier- und Pflanzengifte aufhob und die bereits davon angerichteten Schäden behob. Allerdings sei dies ein nur den Heilern zugängliches Rezept, und die Analyse des Trankes gestalte sich schwierig, weil darin einige Bestandteile magischer Lebewesen enthalten waren, die an sich schon über eine hohe Grundkraft verfügten und damit den sonst so wirksamen Specialis Revelio neutralisierten. Julius wußte natürlich, welchen Trank die Lehrerin meinte. Er trug ihn schließlich seit seinem zwölften Geburtstag immer bei sich. Und Millie hatte auch längst eine ausreichende Menge davon geschenkt bekommen.

"Fassen wir zum Ende des Halbjahres noch einmal die höheren Elementarzauber zusammen", setzte Professeur Bellart in der letzten Zauberkunststunde der Woche an: "Bitte führen Sie mir einzeln die stärksten davon vor!" Sie bat nun jeden Schüler in einen abgegrenzten Bereich, wo jeder mit Feuer-, Wasser, Wind- oder Erdbeeinflussungszaubern hantieren konnte. Julius hatte den Megadamas-Zauber erlernt, der jedes Gestein um ein vielfaches härter als üblich machte, ja sogar so hart, das damit diamanten wie Butter an einem Messer zerrieben werden konnten. Die Beziehung der Metalle zu den näheren Himmelskörpern hatten sie auch gelernt, so daß viele Feuerzauber, die mit goldenen Gegenständen verbunden wurden, stärker wirkten als mit anderen, weil in der Magie das Gold das Metall der Sonne war. Dabei erwähnte Professeur Bellart noch was, das Julius aufhorchen ließ:

"Es heißt nicht nur, die beinahe identische Widerscheinfähigkeit des Goldes im Vergleich zum Sonnenlicht bedinge diese Verknüpfung, sondern der Umstand, daß Gold zu jenen Materialien gehört, die von der Schöpfung aus einer mächtigen Energiequelle geschöpft wurde, eben wie die Sonne und alle Fixsterne. Der Astronom und Elementarkundler Atlas Rufus Viridianus behauptete vor siebenhundert Jahren sogar, daß um Gold zu erschaffen eine Sonne hatte sterben müssen, um deren Leichnam in das edle Metall zu verwandeln. Andere nennen das Gold Tränen der Sonne und beziehen sich darauf, daß unser Tagesgestirn, von dem alles Leben erhalten wird, beim Anbeginn der Schöpfung darum weinte, daß es so alleine mit seinen Kindern durch das weite All ziehen sollte. Was genau zutrifft weiß niemand so recht. Sicher ist, daß es durch Forschung und Erfindung erbracht wurde, daß Gold am besten mit allen die Sonne und die Elementarkraft Feuer betreffenden Zaubern zusammenwirkt." Julius hob den Arm und bekam Sprecherlaubnis:

"Das mit dem Tod anderer Sterne, um Stoffe wie Gold zu erzeugen denken auch Muggelwissenschaftler. Sie sagen, daß alles schwerer als Eisen beim explosiven Ende großer Sterne freigesetzt wurde, einer Supernova. Dabei wird so viel Energie frei, daß Materialien erbrütet werden, die nicht von sich aus in Energie erzeugende Prozesse eintreten können, wie sie in einem Stern stattfinden. Insofern hatte dieser Magister Viridianus da schon eine beachtenswerte Vorahnung."

"Gut, das würde jetzt Astronomie tangieren, wenn wir uns jetzt auf die Viridian-Chrysogenese oder die Stella-Mortua-Theorie einließen, Monsieur Latierre", erwiderte die Zauberkunstlehrerin. "Die These vom Tod mindestens eines Sterns, um aus seinem Leichnam Gold zu erschaffen wird ja seit ihrer Verkündung angefochten, weil damals die Magier der Meinung anhingen, Sterne seien zwar selbständig leuchtende Körper, jedoch als solche von Anbeginn der Zeit an in ihrer sichtbaren Form vorhanden gewesen und würden auch bis zum Ende des Universums so verbleiben. Gut, mittlerweile wissen auch wir in der Zaubererwelt, daß Sterne ein Leben führen können, das sie durch die zusammenfügende Schwerkraft gezeugt, durch ihre Entzündung geboren und von in sie einfließenden Kräften genährt werden und irgendwann auch erschöpft sind und sterben. Allerdings haben sich die meisten Zauberkunstexperten dahingehend geeinigt, daß nur die Sonne der Stern sei, der für uns wichtig ist, soweit es eben um Zauberkunst ginge. Ich habe die Viridian-Chrysogenese nur erwähnt, weil es Ihnen durchaus passieren kann, daß Sie später mit Zauberkunstexperten über den Grund für bestimmte Effekte ins Gespräch kommen und Sie dann nicht von dieser These überrascht werden mögen. Immerhin bezogen sich dunkle Magier und Hexen auch darauf, um die Afinität des Goldes für schwerwiegende Flüche zu rechtfertigen, daß Gold an sich auch das Produkt einer Zerstörungshandlung sei. Mehr wollte ich zu diesem Thema nicht erörtern." Laurentine hob den Arm:

"Soweit ich in "Zeitgenössische Zauberkunst" und "Magie und Materie" nachlesen konnte, merken es heutige Zauberer und Hexen auch, daß das Sonnensystem nicht das einzige wichtige Ding im Universum ist, Professeur Bellart. Es gibt sogar anerkannte Zauberkünstler, die den magielosen Wissenschaftlern Achtung aussprechen, daß sie nachprüfbare Beobachtungen machen konnten, deren Ergebnisse für die Zaubererwelt bis heute nicht wichtig waren, es aber wohl doch sein müßten. So hat der australische Zauberkünstler Optimus Lighthouse davon geschrieben, daß die auf der Erde vorkommende und nutzbare Magie abhängig von der Position des Sonnensystems in der Galaxis sei und durch die dort vorherrschenden Schwerkraftverhältnisse beeinflußt werden könnte. So behauptet er, daß es vor mehreren Tausend Jahren einfacher gewesen sein könnte, daß Metalle umgewandelt werden konnten, es aber schwieriger gewesen sein mochte, den Raum oder die Schwerkraft überwindende Zauber zu wirken. Ob die Magieverteilung und Wirksamkeit auf der Erde immer so bliebe könne also nicht mit Sicherheit behauptet werden, da ja mittlerweile jedem Schulkind mit einem kleinen Teleskop vor Augen geführt würde, daß selbst die Sterne sich verändern würden, was die alten Lehrmeister damals für absolut unerhört gehalten haben." Professeur Bellart nickte Laurentine zu und erwähnte dann noch, daß es für heute lebende Magiekundige unerheblich sei, was vor zweitausend oder mehr Jahren gelungen oder mißlungen sei, sofern die überlieferten Zauber heute noch wie beschrieben ausgeführt werden könnten. Julius, der in Beauxbatons zwei Jahre in der AG für Magietheorie war, die aus arithmantischen und zauberkunstbezogenen Gegebenheiten ein Modell für die Wirkungsweisen und Quellen der Magie besprochen hatte, nickte Laurentine anerkennend zu. Professuer Bellart konnte an den Äußerungen der Mitschülerin nichts unstimmiges oder abschätziges finden und bekräftigte deshalb nur noch mal, daß sie hier im praktischen Unterricht die Verwendung und die Auswirkung von Zaubern erlernten, natürlich auch das theoretische Gerüst über die ersten Verwendungen und die Entwicklung, sowie die ergründbaren Abstufungen und Untergruppen. Julius hatte nur den Eindruck, daß die Lehrerin nicht wollte, daß Theorien von Naturwissenschaftlern zur Grundlage einer Diskussion herangezogen wurden. Denn darüber müßte sie sich dann erst einmal selbst informieren, was dann aber den vorgegebenen Lehrplan umwarf. Darauf wollte sie es bestimmt nicht anlegen. So forderte sie von den Schülern weitere Einzelvorführungen von Elementarzaubern. Julius, der eine goldene Stecknadel mit fünf Segen der Sonne bezaubert hatte - an und für sich Abwehrzauber gegen Vampire - räumte dafür zwanzig Bonuspunkte ab, daß er begründen konnte, warum Gold einerseits sehr schwer zu bezaubern war, andererseits jedoch ungleich mehr magische Energie pro Rauminhaltsgröße aufnehmen konnte als die meisten anderen festen Stoffe. Eine neue Diskussion entzündete sich daran, daß Silber, da es mit dem Mond durch seinen ähnlichen Augenschein verbunden sei, von den ebenfalls mit dem Mond in Beziehung stehenden Hexen besser bezaubert werden konnte. André Deckers, der Zauberkunst als einziges zauberstabbezogenes Schulfach behalten hatte, fragte mit spitzbübischem Grinsen: "Könnte es nicht sein, daß eine Hexe die noch Jungfrau ist Silber anders bezaubern kann als eine die schon Großmutter ist? Und wie verhält es sich mit dem irgendwie vom Mond gesteuerten Fruchtbarkeitszyklus und der Bezauberung von Silber?"

"Sie mögen jetzt denken, mich zu beschämen oder Ihre Mitschülerinnen zu kränken, Monsieur Deckers", entgegnete Professeur Bellart ganz kühl, während die Mädchen aus dem weißen und gelben Saal höchst verlegen und die aus dem roten und blauen Saal abfällig grinsend zurückblickten. "Aber ich kann Ihnen mit absoluter Sicherheit bestätigen, daß sich die fähigkeiten, silberne Gegenstände zu bezaubern, nicht nach meinem körperlichen Befinden oder meinen geschlechtlichen Erfahrungen richten. Allerdings - da mögen Sie weiterhin ungebürlich infantil grinsen oder nicht, Monsieur Deckers - gibt es durchaus Zauber, die vorzugsweise von Hexen auf silberne Objekte gewirkt werden, bei denen diese kleine Fragmente ihres Körpers oder Körperflüssigkeiten verwenden und dabei auch von der Mondphase abhängig wirken. Diese gehören jedoch nicht zum Lehrstoff von Beauxbatons, weil hier nur die von beiden Geschlechtern ausführbaren Zauber unterrichtet werden sollen. In der Frühzeit der Akademie, wo die Gründungsmütter Eauvive und Delourdes noch reine Hexensäle betreuten, kam immer mal wieder die Frage auf, ob zauber, die auf das Geschlecht des sie anwendenden Magiekundigen bezogen waren, in Extrastunden unterrichtet werden sollten. Dies wurde jedoch nach der Auflösung der Trennung nach Geschlechtern wieder verworfen. Nur, um Ihre jugendliche Neugier zu befriedigen, Monsieur Deckers." André nickte. Eigentlich hatte der wohl gehofft, Professeur Bellart würde rot anlaufen oder ihm aufbrausend entgegenschleudern, daß dies unverschämt sei, sowas anzusprechen. Doch nichts dergleichen geschah. Julius dachte an den Zeitungsartikel über den Zombiemacher in den Staaten und das, was er von Professeur Delamontagne darüber gehört hatte. Sicher hatte die aus Anthelia und Naaneavargia entstandene Hexenlady uralte Mondzauber aus Altaxarroi benutzt, die die heutige Zauberkunst nicht kannte. Ob sie das konnte, weil sie eine Hexe war wußte er nicht. Er wußte nur, daß es Hexen gab, die eine sehr intensive Beziehung zum Mond besaßen. Wegen einer Gruppe von denen hieß er jetzt überhaupt Latierre mit Nachnamen. Deshalb sah er Andrés Frage absolut nicht als Geschwätz eines fast ausgewachsenen Burschen an, und Professeur Bellart offenbar auch nicht. Julius wunderte sich nur, daß André nicht ganz provokant fragte, ob Millie und er mehr darüber erzählen konnten. Doch vielleicht kam das noch, wenn kein Lehrer in Hörweite war.

Doch als die Stunden vorbei waren hielt sich André auffällig von den Latierres fern, als schäme er sich wegen irgendwas, mit ihnen zusammenzustehen. So konnte Millie ihrem Mann leise zuraunen: "Der wollte wohl, daß du und ich was über die Mondtöchter rauslassen. Dann hätte der so mutig sein und konkret danach fragen sollen."

"Hättest du ihm was erzählen wollen?" Fragte Julius.

"Was denn? Das bißchen, was wir von denen mitbekommen haben kapiere ich bis heute nicht, wie das genau ging. Ich weiß nur, daß wir von denen den Auftrag haben, im nächsten Jahr das erste Kind zu haben", wisperte Millie und zwinkerte ihrem Angetrauten herausfordernd zu. Für Julius war damit die Sache abgehakt. Dann sah Millie sich kurz um, wer noch in Hörweite ging und sagte halblaut: "Bernie darf auch mitmachen, wenn der Apparierkurs ist. Fixie wollte sie eigentlich erst nächstes Jahr zulassen. Aber die Lavalettes haben die Ausbildungsabteilung und die Personenverkehrsabteilung angeeult und angemerkt, daß Bernadette nur eine Klasse zurückgestuft wurde, nicht um ein Jahr jünger gemacht wurde und sie deshalb genauso wie alle anderen Sechzehnjährigen das Recht auf diesen Kurs habe, sofern sie die dafür fällige Gebür bezahlen wolle und könne."

"Seh ich vollkommen ein, Milli", bemerkte Julius ganz ruhig dazu. "An ihrer Volljährigkeit ändert sich ja nichts, ob sie in diesem Jahr die ZAGs wiederholt oder das erste der beiden UTZ-Jahre fertig hat. Die Altersbestimmungen sind ja über Beauxbatons erhaben." Seine Frau nickte. "Wollen nur hoffen, daß es deshalb keinen Krawall mit Caro und den anderen gibt, mit denen Bernie es sich verscherzt hat."

"Dich eingeschlossen?" Fragte Julius ganz bewußt herausfordernd. Millie überlegte einige Sekunden und nickte dann schwerfällig.

 

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Die Halbjahresprüfungen forderten von den UTZ-Schülern schon einiges. Die Siebtklässler wußten nun endgültig, daß es auf die entscheidenden Prüfungen zuging. Die Sechstklässler erfuhren, warum ihre Lehrer so hohe Grundanforderungen an ihre Schüler gestellt hatten. Wie von Professeur Dirkson angekündigt wurden Millie und Julius angehalten, die Zustandsänderungsform zu zeigen und im Fall von Julius auch schon verlangt, mehrere gegenständliche Selbstverwandlungen auszuführen. Laurentine hatte Professeur Dirksons Anregung aufgegriffen und ging die ersten vollständigen Verwandlungen an, jedoch nur von Mensch zu Tier und zurück. In den Zauberkunststunden ging es um die Elementarzauber. Julius war neben Laurentine, Millie und Apollo derjenige, der den kräftigsten Windzauber oder die schönsten Feuereisskulpturen hervorbringen konnte.

Eine gewisse Auflockerung nach der anstrengenden Prüfung bot die Partie Rot gegen Blau. Zwar war die Begegnung die bisher torreichste überhaupt und verdeutlichte die immense Form der Jäger. Apollo wurde so gut wie gar nicht gefordert. Falls doch, parierte er die gefährlichen Würfe auf seine Torringe und hielt die drei goldenen Reifen blitzsauber. Insgesamt fielen vierzig Tore für die Roten, bis Corinne Duisenberg sich mit einer gewagten Drehung um Horus Dirkson herumwarf und knapp vor ihm den Schnatz zu fassen bekam. Horus wirkte etwas bedröppelt, als das Spiel beendet war. Doch Millie und Patricia trugen ihren neuen Sucher wie einen gekrönten König auf Händen über den Platz, als der sich einfach davonmachen und wohl bei seinen Geschwistern Trost suchen wollte. Für Julius und Céline war damit klar, daß es mit der Titelverteidigung in diesem Schuljahr keine Selbstverständlichkeit war. Auch mochten die Blauen Dank Corinne Duisenberg jeden Schnatz kriegen, was in den fünf zu spielenden Runden schon mal 750 Punkte bedeutete.

 

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"Die Kursteilnehmer für die ministeriellen Unterweisungen in der Kunst des Apparierens treffen sich also am Nachmittag in der Aula", bekräftigte Madame Faucon bei der ersten Saalsprecherkonferenz im Februar und sah dabei alle Sechstklässler an, die die Brosche trugen. "Die Unterweisungen wird Monsieur Michel Montferre erteilen. Monsieur Latierre, Sie durften bei diesem Herren bereits im Sommer anläßlich der zuerkannten Volljährigkeit den Intensivkurs belegen. Monsieur Montferre hat mich gebeten, Sie zu fragen, ob Sie und Madame Latierre bei den Unterweisungen hospitieren, also als bereits erprobte und lizenzierte Apparatoren dabei sein möchten."

"Das hängt davon ab, ob die Mitschüler sich durch uns nicht unter Druck gesetzt fühlen", erwiderte Julius. "Meine Frau und ich haben unseren Übungsplan für die Samstage gut eingestimmt, daß wir die zwei Stunden am Nachmittag freihalten können. Ich möchte nur nicht, daß es bei den anderen wie Angabe rüberkommt, wenn Monsieur Montferre mich um Vorführapparitionen bitten sollte."

"Das Sie das gelernt haben konnte jeder in Millemerveilles lebende Schüler mitbekommen", wandte Sandrine Dumas ein, als sie um das Wort gebeten hatte. "Dann können das ruhig auch alle anderen sehen, die nicht in Millemerveilles wohnen", fügte sie noch hinzu. Belisama nickte. Corinne schenkte Julius ein aufmunterndes Lächeln, und Millie überlegte, ob sie echt in den Kurs mit einsteigen sollte, obwohl sie ja gerade deshalb in den Sommerferien die Prüfung gemacht hatte, um den Schulkurs nicht mitmachen zu müssen. Dann schien ihr jedoch aufzugehen, daß sie als amtierende Saalsprecherin für die anderen ein Vorbild sein sollte und daß sie ihre gute Prüfung nicht von ihrer Schwester geschenkt bekommen hatte. So nickte sie Julius zu. Dieser sagte dann klar und deutlich, daß er gerne mithelfen wollte, soweit er helfen könnte. Dann fragte Corinne nach den Quidditchspielen, weil in der sechsten auch Spieler aus den verschiedenen Mannschaften seien. Madame Faucon erwähnte, daß diese dann eine Sonderstunde am Sonntag Vormittag hätten, und zwar zwischen elf Uhr vormittags und ein Uhr Mittags. Julius hätte fast schon gefragt, ob das mit den Pflegehelferstunden über Kreuz geraten würde. Ihm fiel jedoch ein, daß Beauxbatons schon seit Jahrhunderten diesen Apparierkurs im üblichen Schulablauf einzuplanen hatte und wohl alle Fragen restlos geklärt wurden, weit bevor seine Urgroßeltern überhaupt geboren waren. "Allerdings gilt das nur für die Spieler, die an den betreffenden Samstagen auch zu spielen haben", verdeutlichte Madame Faucon noch.

"Die Listen, die ich Monsieur Montferre zukommen lies sind verbindlich. Sagen Sie dies bitte Ihren Mitschülern aus der sechsten Klasse. Wer durch Anmeldung und Gebür Eingang in die Teilnehmerliste erhielt hat diesen Kurs wie eine Unterrichtsstunde zu betrachten. Das hat Ihnen meine Vorgängerin zwar schon im letzten Jahr bestätigt. Ich sehe jedoch keine unnütze Zeitverschwendung darin, dies auch in diesem Jahr zu erwähnen, da manche ja doch nach den ersten Kursstunden der Meinung waren, auf die regelmäßige Teilnahme verzichten zu müssen. Neben den hierorts üblichen Disziplinarmaßnahmen kann gegen einen Schüler, der absichtlich die Kursstunden versäumt auch der Ausschluß aus dem Kurs ohne Rückerstattung der Anmeldegebür erfolgen, sowie eine Wiederzulassung zu diesem Kurs oder einem Ferienkurs für den Zeitraum von zwei bis drei Jahren untersagt werden. Die Instrukteure haben auch anderes zu tun, als säumigen Schülern nachzulaufen oder den Unterricht in die Länge zu ziehen, um solchen Schülern Anschluß zu ermöglichen. Nur das, damit Sie alle wissen, daß ich die bisher gepflegte Praxis in dieser Angelegenheit nicht abzuändern bereit bin", stellte Madame Faucon klar.

"Mademoiselle Lavalette ist zugelassen worden, richtig?" Fragte Leonie Poissonier, Millies Stellvertreterin. Madame Faucon und Professeur Fixus bestätigten dies durch Nicken.

"Wir bitten uns aus, daß die um eine Jahrgangsstufe zurückversetzte Mitschülerin denselben Respekt von Ihnen erfährt, den Sie Ihren gleichrangigen Mitschülern erweisen, und das gilt auch für die Damen und Herren aus dem himmelblauen Saal." Corinne und ihre drei Broschenträgerkollegen verzogen nur die Gesichter. "Es ist amtlich bestätigt worden, daß die Klassenstufe nicht über die gesetzliche Volljährigkeit erhaben ist und Schüler, die das siebzehnte Lebensjahr vollendet haben oder dies kurz nach dem Kurs tun oder - wie im Falle von Madame und Monsieur Latierre, bereits ein Jahr zuvor amtlich festgelegt wurde - einen Anspruch auf Zulassung zu einer zaubereiministeriellen Prüfung in der Fertigkeit des zeitlosen Ortswechsels haben, sofern sie den dafür vorgeschriebenen Unterricht erhielten. Insofern darf Mademoiselle Lavalette an diesem Kurs teilnehmen und gegebenenfalls nach bestandener Prüfung genau wie alle anderen erfolgreichen Kandidaten apparieren. Für Monsieur Perignon, der ja noch eine Klasse niedriger eingestuft ist, haben seine Eltern schriftlich bestätigt, ihn erst in den Sommerferien in einem Intensivkurs ausbilden lassen zu wollen, da sie fürchten, daß ihr Sohn von den Mitschülern aus der höheren Klasse nachteilige Bemerkungen zu hören bekäme. Ich versicherte zwar, daß wir derlei gegenseitige Abschätzigkeiten weder anregen noch hinnehmen würden. Doch die Perignons sind und bleiben der Meinung, daß ihr Sohn die ihm zaubereirechtlich zustehende Möglichkeit des Apparierens nach Erreichen der Volljährigkeit und bestandener Prüfung in der für ihn gebotenen Ruhe ausschöpfen solle. Ich bin sehr zuversichtlich, daß Sie alle dies im vollen Umfang verstanden haben." Alle nickten bestätigend. Dann ging es um andere Themen.

"Ob heute schon wer in den Holzreifen reinappariert?" Fragte Millie ihren Mann, als sie im Ostpark den klaren wenn auch kalten Februartag ausnutzten.

"Wir haben einen Intensivkurs über mehrere Stunden am Tag gehabt, Millie. Außerdem haben wir alle mit den ganzen Schulsachen so viel um die Ohren, daß viele wohl körperlich oder geistig Schwierigkeiten haben, gleich am ersten Tag zu disapparieren, ohne sich zu zersplintern.

"Ich bin auf jeden Fall froh, daß Martine nicht den Kurs gibt. Da hätten sich Leonie und Caro aber schön bei mir beschwert, wenn die bei deren Tempo nicht mitgekommen wären", sagte Millie mit hörbarer Erleichterung. Julius sah ihr in die rehbraunen Augen und erwiderte:

"Den Zoff kriege ich dann mit, weil Michel Montferre mich zur Prüfung hingetrieben hat. Der kann sich auch gut ranhalten."

"Ja, nur du bist nicht mit dem so heftig verwandt wie ich mit Tine", wandte Mildrid ein. Das konnte Julius nicht abstreiten, wenngleich er erst wieder nachdenken mußte, wie nahe verwandt er mit den Montferres war. Er dachte bei Bine und San an entfernte Cousinen und dachte wieder an Brittanys Hochzeit. Brittany könnte zu einer richtigen Schwiegercousine von ihm werden, sollte das mit seiner Mutter und ihrem Schwiegeronkel Lucky doch mal was geben. Bine und San Montferre waren durch die Heirat von Millie nicht so nah mit ihm verwandt, wie es Brittany Brocklehurst würde.

"Jedenfalls werde ich mich schön still verhalten, wenn der Kurs stattfindet. Bin mal gespannt, wie die anderen das sehen, wenn wir zwei dabei sind, obwohl wir das schon gelernt haben. Ich erinnere mich da an meinen Tanzkurs. Da waren auch ein paar elf- und zwölfjährige, die im Kinderkurs schon alle Prüfungsbälle durchgetanzt haben und haben hospitiert. Kann mir vorstellen, daß Michel Montferre das gerne ausnutzt, außer den drei Lehrern, die im Kurs assistieren noch zwei Schüler drin zu haben, die schon gelernt haben, wie es geht", sprach Julius eine Vermutung aus. Millie konnte das nicht verwerfen.

"Wie läuft denn das in Hogwarts. Haben Gloria und die anderen da was drüber gesagt?" Fragte Millie, die von Julius bisher nichts entsprechendes mitbekommen hatte.

"Das mit der Volljärhigkeit ist da auch angeführt worden. Pina schrieb mir, daß sie mit denen, die letztes Jahr wegen dem Terror-Trio überhaupt keinen Kurs hatten zusammenlernen dürfen. Dafür findet der Unterricht wohl in Hogsmeade statt. Professor McGonagall hat dafür die Erlaubnis aller Erziehungsberechtigten eingeholt, die bisher verboten haben, daß ihre Kinder oder Schutzbefohlenen dahingehen."

"Die haben wohl noch Angst wegen der Typen aus diesem Laden Eberkopf oder irgendwelchen Sabberhexen, die da rumschwirren, wie?" Wollte Millie wissen.

"Na ja, Aurora Dawns gemaltes Ich deutete was an, daß Professor Fielding wohl vor allem die muggelstämmigen Schüler anhält, sich in Hogsmeade nicht auf abgedrehte Sachen einzulassen."

"Stimmt, wo die grünen Biester gerne Frischfleisch jagen", knurrte Millie. "Aber mit Steinsalzpäckchen halten sie die locker auf Abstand", entgegnete Millie.

"Jedenfalls treffen die sich wohl in einem Lagerhaus, daß Hogwarts angemietet hat, weil die nicht auf freiem Platz apparieren dürfen, um nicht ganz unbeabsichtigt in Amerika oder Australien anzukommen", schloß Julius dieses Thema ab. Er hoffte, demnächst mehr aus Hogwarts zu hören. Zumindest hatte sich da alles wieder zum guten gewendet, und die vier neuen Lehrer, zu denen auch Auroras Mutter Regina, der mit im Sterling-Haus in den Schlamassel hineingeratene Roy Fielding und Glorias zweite Oma Grace Craft gehörten, hatten die Schule wieder zu dem gemacht, was sie sein sollte, ein Platz für alle magisch begabten Kinder, um die faszinierenden, wenn auch anstrengenden Zauber und Zaubertränke zu lernen. Zwar hatten Gloria und Auroras Bild-Ich unabhängig voneinander bestätigt, daß es immer mal wieder zwischen Megan Barley, der neuen Verteidigungslehrerin und Horace Slughorn, dem weiterhin amtierenden Zaubertrankleherer und Hauslehrer von Slytherin, zu schulweit bekannt werdenden Auseinandersetzungen über die Auffassung von Zauberer- und Hexenehre gekommen sei. Zumindest aber, so Gloria Porter, seien die Slytherins jetzt etwas kleinlauter als vor drei Jahren noch, weil viele von deren Verwandten flüchtige oder verurteilte Todesser waren. Goyle war wegen versuchten Mordes an Harry Potter und schwerer Sachbeschädigung und Verwendung unverantwortlicher Zauberei in Askaban gelandet, während Draco Malfoy sein letztes Jahr in Durmstrang zubrachte. Manchmal fragte sich Julius, ob er nicht lieber doch in Hogwarts geblieben wäre. Dann kam er jedoch zu der festen Überzeugung, daß er dort gnadenlos aus der Bahn geflogen wäre, frühestens als Umbridge dort herumgefuhrwerkt hatte. Hier in Beauxbatons hatte er besseren Halt gehabt, nicht nur was die Schule anging. Weil er das wußte trauerte er den alten Zeiten nicht so heftig nach.

"Sollen wir noch mal zu den Knieseln und kucken, wer Dustys nächste Babys kriegt?" Fragte Millie ihren Mann, als sie merkte, daß er ins Grübeln verfallen war. Julius kehrte in die Gegenwart zurück und stimmte zu. Allerdings konnten sie es den Kätzinnen nicht ansehen, das sie überhaupt Junge trugen. Die, die gerade einen Wurf zu versorgen hatten, hielten sich in ihren Rundbauten auf. Julius sah den Kniesel Fliegenpilz, dessen Name von der knallroten Fellfarbe und den weißen Tupfen darauf herrührte. Goldschweifs Schwiegersohn guckte sich wohl schon die nächste Kätzin aus, die seine Jungen kriegen sollte. Millie deutete auf die ausgefranste weiße Schwanzquaste von Fliegenpilz. "Die Haare sind noch nicht alle nachgewachsen, die Dusty dem ausgerupft hat."

"Wenn ich bedenke, daß Dusty trotz der ganzen Kratzer wie der König des Geheges herumstolziert wundert mich das wirklich, daß die anderen nicht noch zerrupfter aussehen", erwiderte Julius.

"Tante Babs hat das einmal mitbekommen, wie sich zwei zu nahe beieinander hingestellte Bullen beharkt haben. Uh, das hat gedauert, bis die beiden die ganzen Wunden und Prellungen verdaut haben. Das die beiden sich nicht gegenseitig vom Himmel geputzt haben war alles."

"Mit den großen Burschen will ich auch keinen Krach haben", gestand Julius ein. Dann deutete er auf die Rundbauten, wo Goldschweif und ihre Tochter, die kleine Prinzessin, ihre Jungen behüteten. Julius hatte die fünf Kinder von Fliegenpilz bisher nur einmal gesehen. Alle fünf hatten einen Pelz von signalroter Grundfarbe. Doch zwei der fünf trugen weiße Zickzackmuster wie aufgemalte Blitze, eines besaß goldene Streifen wie ein Tiger, das vierte glich dem Vater mit den weißen Tupfern, nur daß die Schwanzquaste silbern getönt war, und das fünfte war schneeweiß mit roten Pfoten, als trüge es Socken oder zarte Stiefel, was Julius an das Märchen vom gestiefelten Kater denken ließ. Professeur Fourmier, die mit Julius zusammen die neuen Würfe hatte besichtigen dürfen, hatte die fünf nach berühmten Zauberern und Hexen benannt. Da die Junkniesel mit den Blitzmustern Mädchen waren, hieß die Adrastea, nach einer berühmten Elementarmagierin des postsardonianischen Zeitalters und Hestia, nach der Ehefrau des Zauberers Prospero Montecello, der vor über vierhundert Jahren den Meteolohex-recanto-Zauber erfunden hatte. Die Tigerin hieß Begonie, nicht nach der Imkerin von Millemerveilles, sondern Begonie Dubois, die im 18. Jahrhundert die asiatischen Zaubertiere erforscht hatte und dabei wohl auch indischen Tigern begegnet sein mochte. Der schneeweiße mit den roten Pfoten hieß Albus, nach dem seligen Schulleiter von Hogwarts. Der letzte Kater hieß Adolar, nach Adolar graf Greifennest, der vor dreihundert Jahren die deutsche Zaubererschule Greifennest geleitet hatte. Dabei hatte sie Julius auch erzählt, daß sie durchaus davon ausging, die äußeren Erscheinungsmerkmale der Stammeltern Sternenstaubs zu sehen zu bekommen, sofern Dusty sich wahrhaftig mit Goldschweif oder ihren Töchtern einließe. Das wußte Millie schon alles. Insofern machte Julius darum kein weiteres Aufheben. Sie standen noch einige Minuten vor dem Knieselgehege, bevor sie weitergingen, um sich aus gebührendem Abstand noch ein paar der Zaubertiere anzusehen, bevor Mittagessenszeit war.

Die Aula war diesmal ohne jeden Illusionszauber. Die Wände wirkten bleich und abstoßend, als alle Sechstklässler und Bernadette Lavalette den Kursraum betraten. Sie trugen ihre gewöhnlichen Schulumhänge. Einigen war anzusehen, daß sie höchstgespannt waren, wie früh sie ihre erste Apparition hinbekamen. Die anderen schienen nicht mehr so recht zu wissen, ob sie hier wirklich hinwollten, Béatrice zum Beispiel, die neben Sandrine in die Aula eintrat. Belisama Lagrange wirkte angespannt, als hinge von diesem Kurs was ganz wichtiges ab. Bernadette wirkte überaus zufrieden, wenngleich sie auch noch hätte warten können und die Zeit für den Kurs lieber in der Bibliothek hätte sitzen können. Céline und Laurentine freuten sich einfach nur, jetzt diesen Kurs mitmachen zu dürfen. André wirkte angriffslustig, als wolle er dem ersten, der über ihn herzog ins Gesicht schlagen. Robert und Gérard zogen sich gegenseitig damit auf, daß wer am Ende des Schuljahres nicht apparieren könne, ziemlichen Krach mit der jeweiligen Freundin haben würde. Sie störte es nicht, daß die erwähnten Hexen in Hörweite standen. Irene Pontier sah Céline herausfordernd an, hielt sich aber mit Bemerkungen welcher Art auch immer zurück.

Als sämtliche Kursteilnehmer in der Aula standen, gesellten sich noch Professeur Bellart, Professeur Dirkson und Professeur Delamontagne dazu. Sie alle warteten auf den zaubereiministeriellen Ausbilder. Dieser erschien im lindgrünen Umhang zusammen mit der Schulleiterin, die hinter ihm die Tür verschloß.

"Ich begrüße Sie alle zur von der Abteilung für magischen Personenverkehr des französischen Zaubereiministeriums alljährlich veranstalteten Einführung in die Kunst des zeitlosen Ortswechsels, Mesdames, Mesdemoiselles et Messieurs. Ich hoffe sehr, Sie alle haben sich reiflich überlegt, wie wichtig Ihnen diese auf rein freiwilliger Basis angebotene Ausbildung ist und daß Sie, einmal zugelassen, die gesamten zwölf Samstage daran arbeiten mögen, sich für die abschließende Prüfung zu empfehlen, die für alle bis zum kommenden April volljährig gewordenen am ersten Samstag im April und für alle bis Ende Juli volljährig werdenden am ersten Samstag im den Schulferien angesetzt ist. Sie alle hier kennen sich von der bisher miteinander verbrachten Schulzeit und kennen die jeweiligen Fähigkeiten. Bevor ich das Wort an Monsieur Montferre vom Zentrum für die Ausbildung, Zulassung und Überwachung apparierender Hexen und Zauberer erteile, nur noch zwei Sätze: Ich bin froh, daß wir nach dem dunklen Jahr wieder eine freie und damit auch frei bewegliche Zauberergemeinschaft sind, deren Mitglieder an jeden Ort gelangen dürfen, der nicht die Lebens- und Bürgerrechte der magischen oder nichtmagischen Mitmenschen beeinträchtigt. Lernen Sie alle, was Sie lernen können, um sich in der Zauberergemeinschaft frei bewegen zu können! So erteile ich das Wort und den Fortgang der weiteren Stunden Monsieur Michel Montferre." Sie deutete auf ihren Begleiter, der mit kurzem Beifall begrüßt wurde. Michel Montferre trat nach vorne. Die anderen sahen nun, daß auch die Latierres im Raum standen, die doch, so wußten sie es doch alle, bereits den Kurs hinter sich gebracht hatten. Außer den Saalsprechern und deren Stellvertretern wußte ja niemand, daß die beiden jungen Eheleute hospitieren würden.

"Vielen Dank, Madame Faucon", ergriff Michel Montferre das ihm erteilte Wort. "Im Namen von Zaubereiminister Grandchapeau und der Abteilung für magischen Personenverkehr begrüße ich Sie alle recht herzlich zum amtlichen Einführungskurs der Apparition, der magischen Bewegung zwischen zwei Punkten ohne zeitaufwendige Fortbewegung. Ich weiß natürlich, daß viele von Ihnen eine gewisse Unsicherheit umfangen hält, ob er oder sie diese einfach aussehende und doch so schwere Kunst überhaupt erlernen kann. Aber ich darf Ihnen allen versichern, daß wir über 90 Prozent aller Kursteilnehmer erfolgreich durch die Prüfung zum Erwerb der Appariererlaubnis führen konnten." Die Schüler zählten mit ihren Blicken ab, wer als einer von zehn dann vielleicht durchrasseln mochte. "Die restlichen zehn Prozent schafften die Prüfung im zweiten Ansatz", fügte Michel Montferre deshalb noch mit einem freundlichen Lächeln hinzu. Dann bedankte er sich bei den Lehrern Delamontagne, Dirkson und Bellart, die als Sicherheitsüberwacher dem Kurs beiwohnen wollten, während Madame Faucon bereits wieder auf dem Weg in ihre Amtsräume war. "Soweit ich das aus den bisherigen Malen weiß, die ich Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger unterweisen durfte, wurde die sonst über Beauxbatons wirksame Appariersperre für den Bereich dieser Aula für eine Stunde aufgehoben. Aber Kontrolle geht immer vor reinem Glauben." Mit diesen Worten drehte er sich schwunghaft auf der Stelle und wechselte mit leisem Plopp zur anderen Seite der Aula hinüber, ehe ein Augenzwinkern vergangen war. "Ja, die partielle Freigabe ist wirksam", sagte er aus größerer Entfernung als eben und kehrte ebenso augenblicklich an seinen Ausgangspunkt zurück. Die meisten Schüler hatten schon magische Menschen apparieren oder Disapparieren sehen können. Nur die Kinder nichtmagischer Eltern erschraken über diese überwältigende Vorführung dessen, was sie jetzt auch lernen wollten. Laurentine, die vor Jahren in den Sommerferien in Millemerveilles gewohnt hatte, kannte es jedoch auch schon, wie Zauberkundige mal eben den Standort wechseln konnten. Einer der Muggelstämmigen aus dem blauen Saal warf ein, daß das wirklich wie Teleportation sei. Seine Kameraden, darunter Jacques Lumière, grummelten abfällig. Michel Montferre sah den Jungen an und nutzte die Gelegenheit, den Unterschied zwischen einer magischen Teleportation und dem Apparieren hervorzuheben, daß mit Teleportation immer die von außen bewirkte Ortsversetzung hauptsächlich von Gegenständen gemeint war und das Apparieren eben eine bewußt ausgeführte Eigenversetzung, ein bewußtes Erscheinen an einem entfernten Ort beinhaltete. Dann bat er Julius und Millie nach vorne. "Um Ihnen allen zu demonstrieren, daß ich durchaus in der Lage bin, Ihnen diese Kunst beizubringen habe ich Ihren Mitschüler, Monsieur Latierre, darum gebeten, trotz bereits erfolgreich bestandener Prüfung diesem Kurs beizuwohnen, um die durch seine eigenen Erfahrungen während der Ausbildung erworbenen Kenntnisse weiterzugeben, wer immer diese von ihm erfahren möchte. Das gleiche gilt für Madame Latierre. Ich habe zwar eine vieljährige Ausbildungspraxis. Doch erkenne ich an, wenn gleichaltrige Ihren Kameraden Hinweise geben können, die mir, einem eingeschliffenen Instrukteur, so nicht mehr einfallen, weil ich mich zu sehr auf die bewährten Erklärungen verlasse als auf Einzelerfahrungen. Monsieur Latierre, darf ich sie Fragen, ob Sie uns einmal vorführen möchten, wie es für einen jungen Zauberer wie Sie aussehen muß?" Julius erlaubte ihm, diese Frage zu stellen, was ein leises Lachen aller Mitschüler hervorrief. Michel Montferre erkannte, daß Julius ihn wohl zu wörtlich genommen hatte und fragte ihn nun direkter, ob er einmal eine kurze Strecke innerhalb der Aula apparierte. Er legte ihm hierfür einen rot-weiß gestreiften Holzreifen knapp zehn Meter entfernt vor die Füße. Julius nickte, hob seinen Zauberstab und ging innerhalb einer Sekunde alle drei Stufen des Appariervorgangs durch. Dann drehte er sich schnell auf der Stelle und verschwand mit leisem Plopp im Nichts, um keine Hundertstelsekunde später vollständig im vorgegebenen Ziel zu erscheinen. Die Schüler sahen ihn an wie ein Weltwunder. Dann sollte auch Millie einen ausgelegten Reifen durch Apparieren betreten, was sie nach einigen Sekunden Konzentration schaffte, ohne was von sich am Ausgangsort zurückzulassen. "Sie sehen, Mesdemoiselles et Messieurs, daß auch Sie diese Fertigkeit erlernen können. Ja bitte?" jacques hatte die Hand gehoben.

"Gut, daß Julius das rausgekriegt hat ist ja klar, weil die den wegen seiner Ruster-Simonowsky-Kraft eh schon halb durch die UTZs gejagt und dem jetzt auch schon die ganzen Bürgerrechte gegeben haben. Millie wurde wohl von ihrer überstrengen Schwester durch den brutalen Schnellkurs geprügelt, um die nicht zu blamieren. Aber das sagt echt nicht, daß wir bis April soweit sind."

"Sie sind der junge Monsieur Lumière, korrekt?" Erkundigte sich Monsieur Montferre. Jacques nickte heftig. "Nun, ich durfte Ihre Schwester Barbara mit dieser Kunst vertraut machen, und diese erreichte das erste Übungsziel bereits in der zweiten Kursstunde. Deshalb bin ich zuversichtlich, daß Sie nicht wesentlich später dieses erste Übungsziel erreichen werden." Danach begann er mit der theoretischen Grundlage, vor allem mit der Erwähnung der 3-D-Regel, die so immens wichtig war, um den eigenen Körper vollständig durch eine magische Verbindung zwischen Ausgangs- und Zielpunkt zu befördern, ohne etwas davon zurückzulassen. "Sie müssen mit jeder Faser Ihres Körpers und allem daran oder darin dort sein wollen, wo sie apparieren wollen. Über die theoretischen Grundlagen dürfen Sie dann in den freien Stunden nachlesen. Ich werde mit Ihnen zwar auch die Theorie des Apparierens erörtern, Sie und mich aber auch und vor allem mit der praktischen Umsetzung beschäftigen, da die Praxis der Tod jeder Theorie sein kann, wenn diese auf unzureichendem Wissen aufgebaut wurde", sagte der Instrukteur. Dann trieb er jeden Schüler an, genug Abstand von den Mitschülern zu nehmen, daß zwischen ihm und dem Nachbarn mindestens vier Meter Abstand waren. Die Aula, die mehr als tausend Personen fassen konnte, erlaubte eine großzügige Verteilung der weniger als siebzig Schülerinnen und Schüler. Dann erklärte er noch einmal, worauf es ankam und regte an, daß sie nun alle versuchen sollten, mit diesem Wissen die erste eigenständige Apparition ihres Lebens auszuführen. Julius und Millie standen derweil bei Professeur Delamontagne und Professeur Dirkson, während Professeur Bellart vom hinteren Bereich der Aula die sich postierenden Schüler überblickte. Vor den Kursteilnehmern regnete es Holzreifen von der Auladecke. Die hölzernen Zielkreise eierten einige Sekunden auf dem Boden herum, bevor sie ruhig vor den Apparierschülern zu liegen kamen. Bernadette fixierte den vor ihr liegenden rot-weißen Reifen wie eine Katze, die gleich losspringen will, um einen Vogel von einem Ast zu holen. Laurentine sah sich erst um und blickte dann konzentriert in den hölzernen Reifen. Julius konnte die entschlossenheit im Gesicht der Klassenkameradin erkennen. Sie wollte es wissen. Sie wollte es können. "Also, wie erwähnt, Ziel, Wille, Bedacht. Destination, Determination, Deliberation", sagte Michel Montferre. "Haben Sie keine Furcht, zu versagen. Oder sind Sie alle gleich nach Ihrer Geburt aufgestanden und im Dauerlauf davongerannt?" Lachen war die Reaktion. "Jede neue Fertigkeit will geübt werden. Sie ist nicht einfach da, weil jemand eine Nacht lang schläft. Also bitte, Konzentration auf das Ziel. Dann Konzentration darauf, leibhaftig und vollständig dort und nicht anderswo zu sein! Dann die mit erhobenem Zauberstab ausgeführte Drehung, um den Transit zu schaffen, um dort anzukommen. Die ersten beiden Stufen nicht aus der Konzentration verlieren!" Michel sah die Schüler an. Dann zählte er an. Als er "Drei!" Rief, hüpften die allermeisten nur nach oben, drehten eine halbe oder ganze Schraube und hatten Mühe, beim Aufkommen nicht über ihre Umhänge zu fallen. Dennoch war ein vernehmliches Plopp zu hören. Julius staunte nicht weniger als die neben ihm stehende Verwandlungslehrerin, die jedoch sofort ein anerkennendes Lächeln präsentierte. Fast alle waren an ihrem Ausgangsort geblieben. Auch Bernadette, die meinte, mit ihrem Grundwissen schon locker jedes Ziel erreichen zu können, stand immer noch zwei Meter von ihrem Zielreifen entfernt und blickte mißmutig auf das runde Stück Holz auf dem Boden. Doch Laurentine Hellersdorf stand mitten im Reifen, alles an ihr. Julius sah schnell auf den Boden. Nicht ein Haar hatte sie bei ihrer allerersten Übung zurückgelassen. Professeur Dirkson nickte der Schülerin zu, die jetzt erst begriff, daß sie die einzige war, die ohne einen Schritt zu tun den Standort gewechselt hatte. Eine Mischung aus Unglauben und aufkommendem Glücksgefühl zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Dann sagte sie schnell: "Pures Anfängerglück oder was?"

"Na ja, ohne sowas würden viele Anfänger leicht den Mut verlieren, junge Dame. Ähm, Moment, Mademoiselle 'ellersdorf", sagte Michel Montferre. Da Laurentine ja die Silberbrosche mit Namenszug trug war es für ihn nicht nötig, die Liste zu prüfen, mit wem er es zu tun hatte. Dann winkte er ihr zu, sich noch einmal an den Ausgangsort zu stellen.

"Sie ist keine Ruster-Simonowsky", flüsterte Delamontagne seiner Kollegin zu, weil die Schüler schon eifrig tuschelten, wie es kam, daß ausgerechnet eine Muggelstämmige so prompt Erfolg haben konnte. Julius sah Professeur Dirkson an und wisperte: "Sie wurde wohl auch schon mehrmals Seit an Seit mitgenommen. Daran wird's wohl auch liegen."

"Ohne entsprechendes Grundpotential und die mentale Ausrichtung reicht das nicht aus", widersprach Professeur Dirkson, bevor Michel Montferre um ungeteilte Aufmerksamkeit bat, wobei sie hören konnten, daß er durchaus auch durchsetzungsstark sein konnte. Als Vater von Zwillingstöchtern und Zwillingssöhnen brauchte er das ganz sicher. Er bat darum, den Versuch zu wiederholen. Erneut zählte er bis drei. Wieder hüpften die Schüler eher wie verhinderte Ballerinen kreisend auf der Stelle. Doch Laurentine stand wieder im Mittelpunkt des Reifens und fragte sich, warum sie die einzige war, wo ihre Eltern keinen Funken Magie im Körper hatten. War das vielleicht der innige, unbändige Wunsch, diesen Kurs erfolgreich durchzustehen? War es ihr heimliches Aufbegehren gegen die Abneigung ihrer Eltern? Julius wußte es nicht. Womöglich hätte er legilimentieren müssen, um das zu erfahren. Corinne mochte es vielleicht spüren, was Laurentine so dermaßen antrieb, daß sie als einzige den vorgegebenen Starterfolg erzielte, und das noch vollständig. Millie sah Julius an, als die anderen sich gegenseitig anspornten, beim nächsten Mal auch in den Reifen zu landen.

"Wenn ich das Tine schreibe fällt die vom Glauben ab oder beschimpft mich als Lügnerin. Da kann ich ja echt neidisch werden."

"Sieh dir Bernadette und Edith an. Die sind neidisch", raunte Julius. Professeur Dirkson räusperte sich leise und würgte damit die Unterhaltung der Eheleute ab.

"Was machen Sie genau, Mademoiselle 'ellersdorf?" Fragte Michel. Laurentine berichtigte ihn behutsam, was die Aussprache ihres Namens anging und antwortete dann klar vernehmlich, daß sie sich nur an die von ihm erwähnte Vorgabe halte, sich vollkommen auf das Ziel und den Wunsch, dort zu sein konzentriere, mehr nicht. Bernadette reichte diese Bemerkung, um die Selbstbeherrschung zu verlieren.

"mehr nicht. Dieses Mädchen, dessen Eltern mehr als drei Jahre dran gearbeitet haben, daß die durch jede Zauberprüfung rasselt, schafft vom ersten Augenblick an eine Apparition und weiß nicht, wie das geht. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Hat die vielleicht was am Körper, was sie beim Abspringen dahinbringt, wo sie sein soll, eine Apportationsvorrichtung, die mit dem Reifen verbunden ist?" Jetzt hob lautes Raunen an, und Laurentine vergaß ihre Freude über den unverhofften Starterfolg. Julius konnte ihr ansehen, daß Bernadettes Vorwurf sie tief traf. Abgesehen davon schien sie sich nicht sicher zu sein, ob da nicht vielleicht etwas dran war. Professeur Bellart trat nun vor und erbat wortlos das Wort vom Kursleiter. Als sie es erhielt sagte sie laut und klar, daß es von den nackten Aulawänden widerhallte: "Ich habe Sie alle beobachtet. Sie haben nur die Zauberstäbe benutzt, keine wie auch immer gearteten Vorrichtungen. Die einzige Vorrichtung, die eine Verbindung zwischen zwei räumlich voneinander getrennten Objekten ermöglicht ist ein Teleportal. Ein Portschlüssel erzeugt eine blaue Leuchtspirale bei der Abreise wie bei der Ankunft. Ein Teleportal äußert sich durch einen entsprechend hohen Lichtbogen sowie eine dunstige Ansicht des von ihm aus erreichbaren Zielortes. Diese Phänomene konnte ich im Fall von Mademoiselle Hellersdorfs Versuchen nicht beobachten. Abgesehen davon besteht unsererseits kein Grund, eine derartige Manipulation vorzunehmen."

"Sagen Sie. Aber was ist mit den Saalsprecherbroschen?" Hakte Bernadette nach. Das war jedoch taktisch verkehrt, weil Céline, Sandrine, Belisama und Gérard ja auch Broschen trugen und keinen Millimeter appariert waren. Professeur Bellart trat vor und ließ das rot-blaue Flackerlicht des Zauberfinders über die Reifen gleiten. In diesen wirkte wohl noch die Restmagie ihrer Apportation, was an kleinen, zerstiebenden goldenen Funken zu sehen war, aber keinerlei statischer Zauber, der sich durch eine viermal größere, goldene Abbildung des bezauberten Objektes geäußert hätte. Dann führte die Lehrerin noch einen Aufrufezauber für Laurentines Reifen und einige Fernlenkübungen aus. Professeur Dirkson verwandelte den Reifen in eine Blumenvase und wieder zurück. Beide bestätigten, daß der Holzreifen überhaupt nicht bezaubert war. Bei Laurentines Anfängerglück war also keine Manipulation im Spiel.

"Dann hat die was immer es ist am oder im Körper stecken", vermutete Bernadette und verlangte, daß Laurentine von Madame Rossignol auf unerlaubte Zaubergegenstände untersucht wurde. Doch Professeur Dirkson sah die Schülerin aus dem roten Saal an und sagte:

"Es kommt vor, daß Schüler gleich beim ersten Mal zwei Meter weit apparieren können, Mademoiselle Lavalette. Ihrer Kameradin nun unzulässige Mittel zu unterstellen ist höchst unkameradschaftlich. Außerdem ist es sehr peinlich, derartige Vorwürfe zu erheben, nur weil man selbst im Rahmen der üblichen Anfangsschwierigkeiten geblieben ist. Anstatt sich zu fragen, warum Mademoiselle Hellersdorf bereits zwei erfolgreiche Apparitionen ausführte, sollten Sie sich besser darauf besinnen, Ihre erste vollständige Apparition auszuführen. Da ich selbst zu denen gehöre, die bereits in der allerersten Kursstunde apparieren konnten bitte ich Sie darum, auf Ihre eigenen Ziele hinzuarbeiten und nicht die Erfolge oder Mißerfolge anderer zu bewerten. Der Kurs betrifft jeden von Ihnen als Einzelperson. Konkurrenz ist hier völlig unnötig. Jeder und jede ist hier, um für sich alleine auszuloten, ob er oder sie das Apparieren lernen und ausführen kann oder nicht. Wir haben noch genug Zeit, damit Sie alle das lernen." Offenbar imponierte es den anderen Schülern, daß die sonst die persönliche Anrede pflegende Verwandlungslehrerin diesmal so förmlich gesprochen hatte. Bernadette grummelte nur. Doch weil alle belustigt bis verärgert auf sie schauten, schwieg sie und kehrte auf ihren Platz zurück. Es erfolgten noch weitere Versuche. Doch bis zum achten Versuch blieb Laurentine die einzige, die wahrhaftig apparierte. Millie meinte in einer Pause, in der sich die Schüler über ihre ausbleibenden Erfolge unterhielten: "Zumindest waren die zwölf Galleonen gut angelegt, Julius."

"Céline sieht nicht so aus, als würde sie es Laurentine so richtig gönnen. Sieht richtig frustriert aus."

"Ich geh mal zu ihr, wenn Monsieur Montferre das erlaubt", schlug Millie vor und sah den Ausbilder an, der ihr zunickte. Sie apparierte zu ihm, um zu demonstrieren, daß es tatsächlich ging und sprach mit ihm. Dann begab sie sich zu Fuß zu Céline und sprach mit ihr. Als sie dann zurückkehrte sagte sie: "Ich habe ihr erklärt, wie Tine mir das innere Gefühl beschrieben hat, daß wer haben muß, um zu disapparieren und wie sich das bei mir angefühlt hat. Mal sehen!"

Der achte Versuch lief ab. jetzt schaffte es auch Patrice Duisenberg, die Übungsstrecke zu überwinden. Nach dem zehnten Versuch fiel Sandrine über dem Reifen herunter, ohne durch die Luft zu ihm gesprungen zu sein. Bernadette war zu verbissen, um die nötige Ruhe zu erreichen. Céline konnte nach dem zwölften Versuch auch apparieren, zumindest in den vorbestimmten Reifen. Doch dabei blieb Haar von ihrem Hinterkopf am Ausgangsort zurück. Julius meinte zu seiner Frau, daß ihr dieser Fehler doch auch passiert sei. Professeur Dirkson verband Haar und Körper der Saalsprecherin wieder. Nach dem dreizehnten Versuch schaffte es Céline, wie Laurentine vollständig zu apparieren. Weitere zehn Versuche später war auch Sandrine fähig, zumindest vollständig im Zielreifen zu erscheinen, wenngleich sie dabei aus dem Gleichgewicht geriet und hinschlug. Da sie Pflegehelferin war, konnte sie die am Holzring aufgeplatzten Lippen eigenständig heilen. Dann war der Kurstag für heute zu ende. Immerhin hatte es bis auf Célines Haarausfall keine Zersplinterung gegeben. Aber das Laurentine so dermaßen durchgestartet war überraschte sie wohl selbst am meisten.

"Die Lavalette wird jetzt sämtliche Bücher über das Apparieren durchlesen, um rauszukriegen, wie ich euch alle beschummelt haben soll", knurrte sie, nachdem sie die Glückwünsche von Céline und Julius entgegengenommen hatte. Dann grinste sie wieder und meinte: "Soll die doch. Nachher kommt raus, daß die Klassenzugehörigkeit doch wichtig ist, ob einer das lernen kann oder nicht."

"Da sind Millie und ich aber die Paradebeispiele, daß dem nicht so ist", erwiderte Julius. Doch Laurentine wußte die passende Erwiderung:

"Barbaras dummschwätzender Bruder hat's doch klar gesagt, daß du wegen deiner Grundkraft schon früher hättest apparieren können und Millie ganz sicher von ihrer Schwester nicht mehr nach Beaux gelassen worden wäre, wenn die das nicht auch gelernt hätte. Aber warum das bei mir gleich so heftig gut klappte. Ich meine, du hast erzählt, daß du erst beim dritten oder vierten Versuch was geschafft hast."

"Ich kann dir auch nicht sagen, woran es liegt, Laurentine. Am besten ist, du nimmst es hin, daß du es kannst und baust es einfach aus!"

"Könnte es an den Selbstverwandlungen liegen?" Fragte Laurentine. Julius verneinte es, weil ja alle aus der Verwandlungsklasse mit Selbstverwandlungen herumwerkelten.

"Ich bin keine Ruster-Simonowsky. Sonst hätten meine Eltern schon wesentlich früher Probleme wegen meiner Zauberkraft bekommen", erwiderte Laurentine.

"Vielleicht hast du als Hexe eine besondere Gabe, die jetzt erst rauskommt, Laurentine. Wir hatten es doch immer schon von diesen Mutanten, die ohne Unterricht teleportieren konnten und das durch einen Zufall oder eine Gefahrensituation herausgefunden haben. Vielleicht ist das deine besondere innere Begabung, daß du genau dort bist, wo du sein willst und das eben genau das ist, worauf es beim Apparieren ankommt."

"Ja, aber du hast mehr Zauberkraft im Blut, Julius. Wenn du schon nicht beim ersten Mal disapparieren konntest, warum dann ich?"

"Vielleicht hängt bei dir in der Ahnenlinie ein Hauself rum, Laurentine", scherzte Robert, der das Gespräch bis dahin still mitgehört hatte.

"Dann könnten meine Eltern das doch auch. Abgesehen davon glaube ich nicht, daß solche Wesen wie Gigie oder andere Elfen sich mit magielosen Menschen verpaaren lassen."

"Wenn man's ihnen befiehlt", feixte Robert. Julius fühlte sich dringend gefordert, dieser Spekulation den Boden zu entziehen. Er sagte ruhig aber entschlossen:

"Laurentine hat recht, daß eine Mensch-Hauselfen-Verbindung keine normalmenschengroßen Abkömmlinge hervorbringt. Abgesehen davon arbeiten alle Hauselfen unter der Aufsicht des Zaubereiministeriums und haben schon vor Jahrhunderten nur für bestimmte Zaubererfamilien geackert. Ich kann mir zwar vorstellen, daß der Halter eines Hauselfen dieses unterwürfige Wesen dazu anhalten kann, ihm geschlechtlich zu Willen zu sein. Aber wenn eine Hauselfe schwanger wird muß das registriert werden. Und wenn das auch noch ein Mischwesen zwischen Elf und Mensch ergeben sollte, hätte das irgendwo gestanden und die entsprechenden Abkömmlinge wären gesondert betreut, um nicht zu sagen, verwahrt worden. Abgesehen davon, daß nicht jede humanoide Zauberwesenart gesunde Nachkommen mit einer anderen Art hervorbringen kann. Halbriesen, Halbzwerge, Halbkobolde, ja, und bei Culie war's eine Sabberhexe, und Meermensch-Landmensch-Kombinationen soll es auch gegeben haben. Aber eben gerade, weil das ja irgendwer registriert hätte, schließe ich das aus, daß Laurentine irgendwo in der Vorfahrenreihe einen Hauselfen hat. Dann hätte sie auch deren telekinetische Begabung erben müssen und ganz bestimmt auch deren Tennisballaugen."

"Ja, aber was ist es denn verdammt noch mal dann?" Blaffte Robert, der offenbar auch frustriert war, daß er noch keinen Meter appariert war.

"Vielleicht eine erbliche Besonderheit, die nur herauskommt, wenn eine bestimmte besondere Handlung ausgeführt wird", beharrte Julius auf seiner Aussage. "Laurentine ist vielleicht dazu fähig, ihre Wünsche so zu konzentrieren, daß ihr Körper dort landet, wo sie ihn hinhaben will, das aber bisher nie so gemacht hat, wie Monsieur Montferre es ihr und uns erklärt hat, daß du dich darauf konzentrieren mußt, mit allem an und in dir irgendwo zu sein. Vielleicht liegt es aber auch an der genialen Abstimmung zwischen dir, Laurentine und deinem Zauberstab. Seitdem du ja beschlossen hast, doch alles zu lernen, was geht, legst du doch wunderbare Leistungen vor. Sonst hätte dich Professeur Dirkson wohl auch nicht in den Verwandlungskurs reingeholt."

"Stimmt, du konntest außer Julius als erste ungesagt zaubern", erkannte Céline Dornier. "Dann ist es wohl dein Zauberstab, beziehungsweise, wie du mit ihm verbunden wurdest. Was ist das noch einmal für einer?"

"Das Holz ist Eiche und der Kern ist Einhornschweifhaar", antwortete Laurentine.

"Hengst oder Stute?" Fragte Julius, der sich wegen seiner Mutter über besondere Zauberstabeigenschaften schlaugelesen hatte.

"Hmm, was hat Charpentier mir da erzählt, daß das Haar vom Schweif einer gerade trächtigen Stute gewesen sei, die er nur hat fangen können, weil er seine Großnichte dahingesetzt hat, wo das Tier immer langläuft."

"Was, hast du mir nie erzählt", erwiderte Céline. Laurentine nickte. "Weil ich dem Krempel nie so recht was habe abgewinnen können. Das Ding funktioniert eben. Mehr muß ich nicht wissen", erwiderte Laurentine.

"Aber hallo, das kann schon wichtig sein", erwiderte Céline, die nun offenbarte, daß sie auch was von Zauberstäben verstand. "Hat dir der alte Charpentier auch erzählt, was für ein Fohlen das Einhorn geboren hat?" Laurentine schüttelte den Kopf. "Und es ist nur ein Haar von dem Tier in deinem Zauberstab?" Fragte Julius. Laurentine prüfte es kurz nach, ohne den Stab anbrechen zu müssen. Dann sagte Céline: "Dann ist das der Zauberstab, der aus dem vereinten Haar einer Mutter und einer ungeborenen Tochter besteht, Laurentine. Ähnlich wie Veelahaare und Phönixfedern haben die in der Zauberstabkunde herausragende Bedeutung. Wenn eine Hexe so einen Zauberstab erwischt und er sie annimmt, wird er wahrhaftig zu einem Teil von ihr und verstärkt ihre Ausgangsfähigkeiten noch mehr. Dann ist klar, warum du uns alle, Julius eingeschlossen so heftig beim Apparierenlernen voraus bist."

"Das meinst du nicht wirklich, Céline?" Fragte Laurentine ungläubig. Einerseits war sie erleichtert, eine Erklärung für ihre unglaubliche Anfängerleistung zu haben. Andererseits war sie nun etwas enttäuscht, daß es nicht an ihr selbst liegen mochte. Céline nickte jedoch und bekräftigte: "Das ist bei einigen Fällen bestätigt worden, wo jungfräuliche Hexen mit dem Schweifhaar einer Einhornstute, die bei Erhalt des Haares eine Tochter trug, die Zauberkräfte der Hexe verstärkte. Deshalb kamst du auch so gut ans ungesagte Zaubern."

"Ja, aber, werte Céline, erst in der sechsten und nicht wie Julius in der ersten oder in der zweiten oder so?" Hakte Laurentine nach. Doch die Antwort kam ihr von alleine. "Weil ich mich dagegen gewehrt habe. Dieser Stab hat wohl gemerkt, daß ich ihn und das, was ich mit ihm machen sollte, nicht abkonnte."

"Tja, wie ein ungeliebtes Kind, das traurig ist, daß es nicht geliebt wird", erwiderte Céline darauf. "Erst als du deinen Zauberstab und das, was du damit machen wolltest liebhaben wolltest, hat er sich berappelt und ist mit dir quasi mitgewachsen, wie eben ein Kind im Bauch der Mutter wächst, wenn die Mutter anständig für es mitißt." Julius nickte. So eine Erklärung hatte auch im Buch über das Wirken von Zauberstäben gestanden, daß die Stäbe sich mit ihren Besitzern mitentwickelten und durch Harmonie oder Abneigung entsprechend stark oder schwach wirken konnten. Laurentine sah Julius und Céline an und prüfte noch einmal ihren Zauberstab. Der unterschied sich nicht sonderlich von dem Célines, die in einem Weißbuchenstab eine Phönixfeder drin hatte. Robert sah die drei an und fragte, ob sie alle echt glaubten, daß Zauberstäbe wie lebende Wesen seien. Céline nickte. Julius erwähnte dann auch, was sein Zauberstabmacher Ollivander ihm erzählt hatte und was bei der Schlacht von Hogwarts auf höchst eindrucksvolle Weise bestätigt worden war.

"Das kläre ich aber noch mal selbst ab, ob ihr mir da nicht einen vom grünen Pferd erzählt habt", grummelte Laurentine und verabschiedete sich in die Bibliothek.

"Binde das Bernadette nicht auf die Nase", gab ihr Julius noch leise mit. "Die soll ihren eigenen Kram erledigen." Laurentine nickte und verließ den grünen Saal.

"Schon unheimlich, daß so'n Stück Holz sich wie'n kleines Kind oder ein übermäßiger Beschützer verhalten kann", meinte Robert dazu. Céline entgegnete darauf, daß das Holz ja von einem Baum stamme und der Kern ja von einem magischen Tier sei, wobei Einhornschweif und Phönixschwanzfedern ja sogar von Tieren stammten, die nach der Entnahme noch weiterleben konnten. Insofern würden die Zauberstabmacher ja Leben in diesen Stäben konservieren, wenngleich es nur dann erwache, wenn es in der Hand eines magisch begabten Menschen liege.

"Ja, aber das eben mit Laurentine, daß sie ihren Zauberstab erst einmal liebhaben lernen mußte, das klingt für mich aber dann doch wie das Märchen von den drei Brüdern, die dem Tod über den Weg liefen", erwiderte Robert. "Oder die Geschichte vom Regenbogenvogel, oder daß so'n dicker Typ mit weißem Rauschebart mit einem Schlitten in einer Nacht allen Kindern Weihnachtsgeschenke bringen kann."

"Das mit dem Regenbogenvogel klärt ihr zwei besser für euch ab, wenn es euch paßt", erwiderte Julius darauf nur. "Und was den dikcn Kerl im roten Mantel angeht, so hält der einfach die zeit an und fliegt in Ruhe um die Erde, um allen Kindern, die auf der Artig-Liste draufstehen, die Geschenke zu bringen. Ho-ho-ho-ho."

"Neh is' klar", grummelte Robert. Doch dann mußte er grinsen. Aber Céline bestand darauf, daß ihre Deutung von Laurentines Anfängerglück auf die Verbindung zwischen ihr und ihrem Zauberstab zurückzuführen sei. Zumal das Fohlen, dessen magische Präsenz im Haar seiner trächtigen Mutter schon enthalten war, mittlerweile ja auch gewachsen sein mochte. Julius fragte dann, ob solche Zauberstäbe dann nicht schweineteuer sein müßten, weil Hexen, die solche Glückstreffer landeten doch mit der Zeit supergut würden.

"Einhörner lassen sich nur bedingt fangen, von unberührten Mädchen, Julius. Haben wir doch bei Armadillus, Maxime und Moulin gelernt. Denen kannst du aber nicht mit diesen Einblickspiegeln in den Unterleib reingucken um zu sehen, was sie gerade austragen, weil Einhörner was gegen magisch behandelte Gegenstände haben. Deshalb können die Zauberstabmacher ihnen die Schweife ja nur mit unmagischen Silberscheren abschneiden."

"Hast recht, Céline", erwiderte Julius darauf. Für ihn klang es plausibel, daß Laurentine die Kraft von zwei weiblichen Einhörnern im Zauberstab hatte, von denen das jüngere eben noch wachsen mußte und dieser Vorgang durch das magische Wachstum Laurentines fortgeführt wurde. Also konnte es passieren, daß seine früher so beharrlich gegen ihre Ausbildung aufbegehrende Mitschülerin eines Tages besser zaubern konnte als er, der Ruster-Simonowsky, in dem angestaute Magie aus zwei Ahnenlinien zusammengeführt worden war. Sollte er jetzt neidisch sein? Da fiel ihm was ein, was ihn schlagartig in eine seltsame Stimmung zwischen Freude und Ehrfurcht versetzte. Laurentines Zauberstab enthielt das Fragment eines Wesens, das gleichzeitig Mutter und Jungfrau gewesen war, als dieses Fragment ohne es zu töten entnommen wurde. Sollte er langsam doch anfangen, an Vorbestimmungen zu glauben? Dann dachte er daran, was Harry Potter ihm über den Stab erzählt hatte, mit dem Voldemort sich für unbesiegbar gehalten und dem dieser am Ende selbst zum Opfer gefallen war. Konnte es sein, daß Laurentine ihren ganz persönlichen, eben nur in ihrer Hand überragenden, unbesiegbaren Zauberstab besaß? Falls der Gedanke, den er einen Moment zuvor gehegt hatte noch dazugenommen wurde, ergab das, was Laurentine immer sagte, wenn sie nach ihrem Sinneswandel und ihrer Leistungssteigerung gefragt wurde einen ganz anderen aber nichts desto trotz erhabenen Sinn. Sie hatte immer erwähnt, deshalb nun alles zu können, weil sie wollte, daß Claires Bemühungen, ihr beizubringen, eine Hexe sein zu wollen, nicht für nichts und wieder nichts gewesen sein sollten. Gut, daß Laurentine wie die überwiegende Mehrheit aller Hexen und Zauberer nicht wußte, was mit Claire und ihrer Großmutter Aurélie wirklich passiert war. Oder wäre es vielleicht doch irgendwann richtig, ihr die Wahrheit -? Nein, besser nicht. Denn Laurentine würde Julius dann entweder als Lügner hinstellen, der sowas erzählte, um sich selbst in der Hoffnung zu halten, Claire sei nicht wirklich tot oder ihm die Schuld an ihrem Abgang aus der Welt geben. Dann konnte die Verbindung zwischen ihm und ihr, die über die Erinnerung an Claire Dusoleil erhalten wurde, in offene Ablehnung umschlagen. Wenn Laurentine diesen besonderen Zauberstab erwischt hatte, besser, dieser sich sie als seine ganz eigene Besitzerin ausgesucht hatte, dann sollte er das eben so gelten lassen und nichts anderes hineininterpretieren. Längst nicht alles auf der Welt hatte irgendeine höhere Bedeutung. Auch er nicht, der als Darxandrias Erbe und Erwecker der Stimme Ailanorars die Welt von Skyllians Schlangenmenschen befreit hatte.

Am Abend sprach Julius noch mit Millie über die Apparierstunde. "Bernie ist jetzt drauf aus, daß Laurentine wohl doch magische Vorfahren haben müsse, weil das nicht angehen könne, daß sie, eine reinblütige, gegen eine Muggelstämmige so alt aussehe", schnaubte Millie, als Julius mit ihr im Ostpark am Pavillon stand und auch zur eigenen Absicherung die Fernbeobachtungsschutzzauber ausprobierte, die Delamontagne ihnen beigebracht hatte. Julius nickte. Doch Millie legte nach: "Weißt du, was ich der dann gesagt habe, daß sie immer meint, allen überlegen sein zu müssen, ob im Unterricht, ob im Freizeitkurs oder sonst und daß sie deshalb sich selbst blockieren würde, weil die pure Angst, wortwörtlich auf die Nase zu fallen, sie nicht vom Fleck kommen ließe. Da wollte die mir natürlich dummkommen und erzählen, daß ich das gerade nötig hätte, wo ich nur in deinem Windschatten überhaupt schon so viel mehr erreicht hätte als sie, was mir sonst wohl nie gelingen würde und ich noch erkennen würde, daß ich ohne dich ein Nichts wäre. Da habe ich ihr empfohlen, sich bei Madame Rossignol vorzustellen und prüfen zu lassen, ob sie sich gerade nicht wohl fühle. Nur wenn ich von der höre, daß sie völlig gesund sei, könnte ich entscheiden, ob ich ihr dafür Strafpunkte reindrücken kann oder nicht. Da nahm sie das zurück, was sie gesagt hat. Ich glaube aber nicht, daß sie das wirklich zurücknehmen wollte, Monju."

"Im Grunde könntest du recht haben, daß ihr bescheuerter Ehrgeiz sie derartig blockiert, daß sie es nicht schafft, sich richtig locker zu machen. Seitdem sie mit Hercules schlußgemacht hat oder der mit ihr klemmt sie ja nur noch hinter den Büchern, wissen ja nicht nur wir. Und was das mit dem Windschatten angeht: Im Windschatten von jemandem kann nur bleiben, der in den Windschatten reingekommen ist und genau die Richtung einhält wie der, der den Windschatten bietet. Und du mußt das Tempo mithalten, auch wenn es für den Windschattenfahrer etwas leichter ist. Aber er darf nicht aus der Bahn geraten oder langsamer werden. Insofern laß die arme Bernadette das gerne als Bild dafür nehmen, was wir beide mit- und voneinander haben. Daß es mich ohne dich nicht mehr geben würde muß sie ja nicht wissen." Die letzten Worte hatte er ihr ins Ohr geflüstert und damit ihre düstere Stimmung deutlich aufgehellt. Millie knuddelte ihn kurz, bevor sie beide die ihnen immer noch auferlegten Sittlichkeitsregeln einhielten, solange sie in Beauxbatons waren. Julius dachte daran, daß diese Hexe mit dem rotblonden Haar ihm viermal das Leben gerettet hatte. Sie hatte ihm in Khalakatan übermittelt, wie er die Myriaklopen wirkungsvoll abwehren konnte. Sie hatte ihm im Haus der Sterlings mit ihrer Kraft und Camilles Heilsstern die nötige Energie geliefert, um den Haßdom zu sprengen. Sie hatte ihm geholfen, aus Ailanorars Seelenkerker freizukommen und damit die magische Flöte zu erobern, ihm gegen die Verführungsversuche Naaneavargias ins Gewissen geredet. Sie hatte ihm geholfen, die Wirkung des Skyllianri-Giftes lange genug hinauszuzögern, daß er davon befreit werden konnte. Und vor Weihnachten hatte sie ihm das rettende Zauberwort zumentiloquiert, mit dem er die mörderischen Illusionen in der Himmelsburg zerstreuen konnte. Ja, für eine, die angeblich nur in seinem Windschatten fuhr, hatte sie ihm schon oft übergroße Brocken aus dem Weg geräumt, an denen er trotz oder gerade wegen seiner besonderen Veranlagungen zerbrochen wäre. Das alles wußte Bernadette nicht. Und sie mußte das auch nicht wissen. Das gehörte den Latierres und denen, die ihr Vertrauen genossen und sie nicht angifteten oder verächtlich reden wollten.

 

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Was im Apparierkurs passiert war wurde zum Thema der Pflegehelferkonferenz am Sonntagmorgen. Millie erwähnte, daß Bernadette wohl noch in der Bibliothek nachgeforscht hatte, woran es liegen konnte, daß Laurentine so überragend in den Kurs eingestiegen war, obwohl sie gerade mal zwei Meter weit appariert war. Julius brachte unter dem Siegel des Internen an, was Céline vermutete. Madame Rossignol überlegte und erwiderte, daß es wahrhaftig Hexen und auch Zauberer gegeben habe, die durch den Kern ihrer Zauberstäbe mit der Zeit immer mächtiger wurden, weil die Zauberstabkerne sich quasi mit den Besitzern weiterentwickelt hätten. Das Phänomen, daß eine Hexe mit einem Zauberstab mit Einhornschweifkern am Ende der Zaubereiausbildung mehr als doppelt so gut zaubern konnte wie ein Altersgenosse ließ sich auch bei Zauberern mit Zauberstäben mit Drachenherzfaserkern beobachten, je nachdem wie jung die für den Zauberstabkern verwendeten Drachen waren.

"In meiner Heilerinnenausbildung habe ich natürlich auch über das Verhältnis zwischen Zauberstab und Zaubernder Person einiges gelernt, warum manche Zauberstäbe in der Hand bestimmter Hexen oder Zauberer für die einen und manche anderen Zauberstäbe für andere magische Ausführungen geeignet oder ungeeignet seien. Zwar ist die Zauberstabkunde eine Wissenschaft für sich, die nur durch ausgiebiges Studium und ebensolche Praxis durchdrungen und verstanden werden kann. Aber in der magischen Heilkunde ist es schon wichtig, über die Beziehung von Zaubernden und Zauberstäben ungefähr orientiert zu sein", sagte die Heilerin. "Falls das zutrifft, was deine Klassenkameradin vermutet hat, Julius, so ist Laurentine mit diesem Phänomen nicht die erste. Es gab in der langen Geschichte von Beauxbatons sieben Hexen, die durch diese Besonderheit von Einhornschweifen ihre Magie in den Ausbildungsjahren erheblich steigern konnten. Dabei stellte sich heraus, daß deren Zauberstäbe sich so sehr auf diese Hexen geprägt haben, daß sie von anderen Hexen oder gar Zauberern gar nicht benutzt werden konnten, sich ihnen sogar mechanisch verweigert haben, also sich nicht schwingen oder anderswie bewegen ließen. Allgemein anerkannt ist, daß uneingezauberte Zauberstäbe sich den idealen Zauberer oder die ideale Hexe aussuchen können, wobei die natürlich nicht aus den Schachteln springen und auf das Kind zeigen, das mit ihnen am besten zaubern kann. Du hast deinen Stab bei Ollivander in London erworben. Die meisten hier waren bei Monsieur Charpentier in der Rue de Camouflage. Es gibt natürlich noch Zauberstabmacher, die nicht so großen Wert auf die optimale Zusammenführung legen und trotzdem brauchbare Zauberstäbe verkauft haben. Daß jemand gleich beim allerersten mal die von einem Apparierlehrer vorgeschriebene Distanz überwinden kann kommt zwar selten vor. Aber Naturtalente sind möglich. Solange Laurentine keine Anzeichen für körperlich-seelisches Ungleichgewicht zeigt besteht für mich kein Anlaß, sie deshalb zu untersuchen, falls sie sich nicht von sich aus bei mir melden möchte, um zu klären, ob sie etwas außergewöhnliches an oder in sich hat. Ich kann euch nur noch einmal alle darauf hinweisen, daß es zu euren Verpflichtungen gehört, Schüler, die Krankheitssymptome zeigen oder unter den hier gestellten Anforderungen leiden, umgehend zu mir zu schicken oder selbst herzubringen, um zu ergründen, was die Ursache für die körperliche oder seelische Unpäßlichkeit ist. Mehr kann und möchte ich in dieser Angelegenheit nicht dazu sagen. Könnte nur passieren, daß die Saalsprecherkonferenz sich noch einmal mit diesem Thema befaßt, wenn ich die Reaktion von Bernadette richtig deuten darf."

"Meine Kollegin Leonie und ich bekamen bereits eine Eule von Professeur Fixus, daß wir uns heute Mittag mit ihr unterhalten sollen, weil Bernadette behauptet hat, Monsieur Montferre oder Professeur Delamontagne hätten irgendwas angestellt, damit Laurentine die Leute alle übertrifft, die gerade apparieren lernen wollen", erwähnte Millie. Madame Rossignol nickte. "Dann klärt das mit eurer Saalvorsteherin ab, wie ihr diese Angelegenheit mitbekommen habt!" Forderte die Heilerin sie auf.

Nach dem Abendessen erfuhr Julius, was bei der Unterredung mit Professeur Fixus herausgekommen war. "Bernadette hat echt gefordert, daß Laurentine sich für die Apparierstunden einen anderen Zauberstab ausborgen soll. Aber als Professeur Fixus dann vorschlug, Laurentine und Bernadette könnten für die Stunden ja die Zauberstäbe tauschen, wenn Bernie danach sei, so überragend apparieren zu können, da hat sie den Vorschlag schnell vergessen. Offenbar hat die da erst gemerkt, welchen Unfug sie verzapft hat."

"Und jetzt?" Fragte Julius.

"Unsere Saalvorsteherin wird nächste Woche Statt Professeur Dirkson dem Kurs beiwohnen und sich ansehen, ob jemand manipuliert hat oder nicht, damit es aus der Welt ist. Falls Bernadette wider besseres Wissen weiterbehaupten sollte, daß Michel Montferre oder euer Saalvorsteher Laurentine mit irgendwas besser aussehen lassen wollte als die anderen, könnte ihr der Ausschluß aus dem Apparierkurs blühen. Wie hat sich Professeur Fixus geäußert? "Der ministerielle Kurs für Apparition wird in der großen Annahme erteilt, daß die daran teilnehmenden über die nötige geistige Reife und Befähigung verfügen, die damit zusammengehende Verantwortung zu schultern. Daher wird er denjenigen angeboten, die kurz vor Vollendung des siebzehnten Lebensjahres stehen, um diesen nach Vollendung dieses wichtigen Lebensalters die entscheidende Prüfung abzuverlangen. Wenn Sie sich nicht damit zurechtfinden wollen, daß es Mitschüler gibt, die aus irgendwelchen Gründen, ohne gesetzwidrige Beeinflussung schneller Fortschritte machen können als Sie, muß ich mich doch ehrlich fragen, ob diese erwartete Geistesreife bei Ihnen vorliegt." Soweit unsere Saalvorsteherin. Da wurde Bernie sofort kleinlaut."

"Wer hat der eingeredet, sie müsse in allem die beste und alle anderen überragende sein?" Fragte Julius verdrossen. Millie konnte darauf keine Antwort geben. Da in dem Moment gerade ein anderes Pärchen in die Nähe des Pavillons kam ließen sie es auch bleiben, über Bernadettes Verärgerung beim Apparierkurs zu sprechen.

 

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Im Verwandlungsunterricht am Montag sollte Julius den anderen eine vollständige Selbstverwandlung in einen Gegenstand seiner Wahl vorführen. Er schaffte es, für einige Minuten als großer, dunkelbrauner Ledersessel aufzutreten. Dann erfuhren er und die anderen, daß die gegenständliche Selbstverwandlung die höchste Stufe der Verwandlung sei und wie bei allen anderen Verwandlungen von den Unterschieden der Erscheinung, Größe und Beschaffenheit abhinge. Dann erwähnte Professeur Dirkson jenes Buch, das die Whitesands Millie und Julius in die Vielraumtruhe gelegt hatten, in dem erwähnt wurde, daß es erwiesen sei, daß Hexen und zauberer je nach körperlich-seelischen Charaktereigenschaften leichter zu bestimmten Gegenständen werden konnten. "Dies für euch alle, damit ihr schon mal wißt, was in den nächsten anderthalb Schuljahren noch von euch verlangt wird", beschloß die Lehrerin die kurze Erwähnung. Laurentine fragte, welche Charaktereigenschaften es begünstigten, bestimmte Gegenstände zu werden.

"Nun, da du ja im Fortgeschrittenenkurs bereits auslotest, inwieweit du dich in andere Lebewesen verwandeln kannst verstehe ich deine Frage so, Laurentine, daß du bei den ersten anstehenden gegenständlichen Selbstverwandlungen herausfinden möchtest, welcher Gegenstand dein innerer Gegenstand ist", erwiderte die Lehrerin. "Nun, wenn jemand beispielsweise Wert auf Ordnung legt und von der Statur her groß und/oder ziemlich gut genährt ist, so kann es ihm oder ihr passieren, daß sein innerer Gegenstand ein Kleider- oder Wohnzimmerschrank ist, der sich durch Größe und Einteilbarkeit zum Ordnen von Gegenständen eignet. Ich persönlich traf auf einer Zusammenkunft von akademischen Verwandlungskünstlern einen Zauberer, der auf Grund einer schwer zu behandelnden Angst vor Feuer eine besondere Beziehung zu Wassereimern besitzt. Aus Gründen der privatsphäre darf und werde ich seinen Namen nicht erwähnen. Es kann vorkommen, daß jemand bei dem einen zauber, der ähnlich der inneren Tiergestalt, die ihr alle ja schon mal kennenlernen durftet, einen mit ihm oder ihr in Beziehung stehenden Gegenstand kennenlernte, den er oder sie so nicht als den passenden gesehen hätte. Natürlich heißt das nicht, daß jemand, der die vollständige, gegenständliche Selbstverwandlung erlernt, nur diesen einen Gegenstand verkörpern kann oder muß. Ich denke nämlich, daß euer Mitschüler Julius nicht unbedingt als gemütlicher Ohrensessel auftreten würde, wenn ich den von außen einwirkbaren Indikator für den inneren Gegenstand auf ihn anwenden sollte."

"Den haben Sie bei dieser einen Verwandlung an mir wohl auch nicht benutzt, weil ich garantiert kein rosarotes Sofakissen als inneren Gegenstand habe", meinte Laurentine, nachdem sie ordentlich um Sprecherlaubnis gebeten hatte. Die anderen Schüler lachten belustigt. Caroline meinte dann: "Mildrid wäre dann sicher ein Wickeltisch, eine Wiege oder ein Schnuller oder was." Millie lachte am lautesten über diese Vermutung. Sandrine errötete ein wenig. Professeur Dirkson ließ die Lachsalve verklingen und sagte dann ruhig:

"Nun, offenbar habe ich eure Neugier erweckt, weil ich euren Mitschüler Julius dazu motiviert habe, die vollständige Gegenstandsselbstverwandlung vorzuführen. Da ihr mit einigen Ausnahmen aber gerade mal auf der Höhe des zu dieser Zeit zu verinnerlichten Lehrplans und Lernfortschritts seid möchte ich dieses Thema gerne auf die Zeit nach den Jahresabschlußprüfungen vertagen. Ich biete jedem, der das von sich aus erbittet an, ihm oder ihr mit dem erwähnten Indikator vorzuführen, was für ein fester Gegenstand seiner körperlich-seelischen Eigenheiten entspricht. Ich war auch sehr überrascht, als das mit meinem inneren Gegenstand herauskam." Caroline fragte provokant, was das für einer sei. Zur Antwort deutete Professeur Dirkson kurz mit dem Zauberstab auf sich. Ihre Erscheinung verschwamm zu einem kurzen Flimmern. Dann stand da, wo sie gerade noch gestanden hatte ein großes Faß mit Zapfvorrichtung. Die Schüler bestaunten es mit gewissem Unbehagen. Da löste sich das Faß wieder auf und machte Professeur Dirkson Platz. "Warum ausgerechnet ein großes Wein- oder Metfaß weiß ich bis heute nicht", kommentierte sie ihre eigene Vorführung. "Einige, die mich kennen vermuten, daß dies der materielle Ausdruck dafür sei, daß ich gerne viel nützliches aufnehme und gerne davon zurückgebe. Aber das ist eine Deutung, keine unumstößliche Feststellung."

"Wie lange kann jemand denn so dastehen oder herumlaufen?" Fragte Sandrine etwas beklommen. Professeur Dirkson sah in die Runde, ob wer die Frage vielleicht beantworten konnte und blickte dann Julius an, der noch neben ihr stand, weil er ja gerade eben was für alle anderen vorgeführt hatte. Er sah, daß sie ihn herausfordernd ansah und hörte sie sagen, daß er das vielleicht beantworten könne.

"Ich habe nur beim Nachlesen über die Gefahren und Grundlagen der Selbstverwandlung gelesen, daß es schon vorkam, daß jemand nach einer oder zwei Wochen nicht mehr wußte, wer er oder sie eigentlich war und sich ganz in die Vorstellung ergeben hat, immer schon so ein Gegenstand gewesen zu sein. Das soll von dem Unterschied zur Ausgangserscheinung und der eigenen Willensstärke abhängig sein", erwiderte Julius. Sandrine und Belisama tauschten einen Blick aus. Millie lächelte verwegen, ebenso Patrice Duisenberg. Laurentine hob wieder die Hand und fragte, ob das dann nicht eine Form von Mord sei, wenn jemand jemanden über so einen langen Zeitraum in dieser Gegenstandsform verwandelt hielte. Darauf erwähnte Professeur Dirkson, daß diese Frage schon erörtert worden sei. Grundsätzlich sei eine gegenständliche Verwandlung ohne Willen des Verwandelten gleichbedeutend mit Freiheitsberaubung. In Beauxbatons gebe es jedoch eine Ausnahme, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen, die bereits seit der Gründung bestehe. Dabei sah sie die Pflegehelfer unter den Schülern an, die sachte nickten. Doch diese wußten es jetzt besser. Doch weil sie die Wahrheit über die so heftige Bestrafung von sehr unartigen Pflegehelfern nicht ausplaudern wollten, sagte keiner von denen etwas. Wer kein Pflegehelfer war hatte ja eh nichts damit zu tun, und die Pflegehelfer selbst erfuhren bei Erreichen der Volljährigkeit, was es eigentlich mit der Bettpfannenstrafe auf sich hatte. Professeur Dirkson erwähnte dann noch, daß es dann wie ein Mord gewertet wurde, wenn jemand unter einer Verwandlung in einen toten Gegenstand mutwillig zerstört würde. Denn dann erlösche der magische Zusammenhalt, um die bedauernswerte Person wieder zurückverwandeln zu können. Zwar könne der Gegenstand selbst magisch oder handwerklich repariert werden, sei dann aber eindeutig ein toter, seelenloser Gegenstand, ebenso wie ein allen Lebens beraubter Mensch eben nur noch ein toter Körper sei. Damit war die Frage wohl umfangreich genug beantwortet. Der Unterricht verlief dann weiter mit partiellen Selbstverwandlungen, bei denen die Mädchen sich andere Haar- oder Augenfarben verpaßten, die Jungen sich selbst einige Zentimeter größer oder breitschultriger machten oder sich weit ausladende Schnurrbärte oder bis zu unter den Bauchnabel wallende Bärte verpaßten und wieder verschwinden ließen. Caroline provozierte Professeur Dirkson, als sie sich eine dreimal so umfangreiche Oberweite zulegte, als sie von Natur aus besaß. Doch die Lehrerin konnte darüber nur grinsen. Sie sagte dann, daß jede Selbstverwandlung Kraft zehre und nur über wenige Tage beibehalten werden könne, wenn der damit hantierende nicht vor Erschöpfung zusammenbrechen wolle. "Falls du also findest, deine Körpermerkmale mehr herauszukehren als von Natur aus, Caroline, wird das dauerhaft auf deine übrigen Fähigkeiten gehen. Ich würde daher zur Steigerung der rein optischen Attraktivität andere Mittel vorschlagen, sofern du meinst, sowas nötig zu haben."

"Gilt das für alle Selbstverwandlungen?" Fragte Robert Deloire, der sich zu einem hünenhaften Recken von zwei Metern Größe verändert hatte.

"Hier gilt wie bei allen anderen magischen Ausführungen mit permanenter Wirkung auf Lebewesen, daß Zeit und Unterschied zwischen Ausgangs- und Zielerscheinungsform den Grad der Selbsterschöpfung bestimmen, Robert. Wenn du also findest, nur als großer Bursche herumlaufen zu wollen, wirst du feststellen, daß dir dafür andere körperliche Dinge immer schwerer fallen." Robert verstand sofort, worauf die Lehrerin anspielte. Die Jungen aus dem roten Saal grinsten verwegen, während Robert sich durch den nun allen bekannten Rückverwandlungszauber die angeborene Erscheinungsform wiedergab. Doch dann fragte er, warum das bei Julius anders ausgefallen sei. Julius erzählte dann noch einmal, daß er ja deshalb noch gewachsen sei, weil er ja Madame Maximes Blut in den Adern gehabt habe und das seinen Körper angeregt habe, sich der Spenderin anzupassen, zum glück, wie er mit einer gewissen verlegenheit anfügte, nur im Bezug auf die Körpergröße und Muskulatur. Er verschwieg, daß er durchaus während der Zeit in der Nähe Madame Maximes Tränke zur Unterdrückung weiblicher Körpermerkmale geschluckt hatte, um Madame Maximes Hormoncocktail zu verkraften und nicht als ihre eigene Tochter auszusehen. Dafür erntete er ein leises Lachen der anderen.

"Ihr habt mir gerade die geniale Anregung für die nächste Hausaufgabe geliefert", holte Professeur Dirkson aus. "Lest euch bitte durch und faßt es mir in einer ordentlichen Vergleichsliste zusammen, wie lange jemand durch partielle Selbstverwandlung frei von körperlich-geistigen Erschöpfungen bleibt, wobei Dauer und Unterschied zwischen den Erscheinungsformen zu berücksichtigen sind!"

millie hob die Hand und fragte, warum ein Animagus beliebig lange in der Tiergestalt verbleiben könne, wenn sonstige Selbstverwandlungen die Körperkraft auszehrten. Professeur Dirkson erläuterte darauf, daß ein Animagus durch die Übungen, in die von ihm gewünschte Tiergestalt zu wechseln, eine quasi Zweitidentität annehme und die vollständige Verwandlung eben die körperlichen Merkmale verändere, so daß ein in Tiergestalt herumlaufender Animagus von den sonstigen Auswirkungen einer Selbstverwandlung verschont bleibe. Allerdings könne es ihm oder ihr dann jedoch widerfahren, daß er, je länger er die Tiergestalt beibehalte, die natürlichen Verhaltensweisen dieser Tierart verinnerliche und je nach eigener Willensstärke irgendwann jeden Bezug zu seiner menschlichen Natur verliere. Patrice Duisenberg fragte dann, was mit einem Animagus passiere, der sich auf ein Leben mit natürlichen Exemplaren der von ihm gewählten Tierart einließe, beispielsweise als Wolf in einem Rudel oder als Ameise in einem Ameisenhaufen. Die Lehrerin fragte, ob sie das in der dritten Klasse nicht schon erwähnt bekommen hätten. Die meisten nickten. Patrice lief an den Ohren rosarot an, während Robert die Frage beantworten sollte.

"Hmm, Professeur Faucon hat uns damals gewarnt, daß Animagi, die zu heftig mit der von ihnen gewählten Tiergestalt zu leben lernten, Probleme bei der Rückverwandlung bekämen. Sie sagte auch, daß Animagae, die sich auf Fortpflanzung mit männlichen Originaltieren einließen, Gefallen daran finden könnten und im Zustand einer Schwangerschaft, sofern Säugetier-Animagae, nicht zu Hexen werden könnten, solange sie die Kinder oder Jungen auszutragen hätten. Zauberer, die Animagi würden, könnten dazu neigen, sich in das Tierweibchen zu verlieben und jeden Wunsch vergessen, je wieder zu Menschen zu werden."

"Ja, genau deshalb leben die meisten Animagi zölibatär, wie katholische Priester oder Ordensleute, lassen sich also nicht auf geschlechtliche Verbindungen zu natürlichen Exemplaren der von ihnen angenommenen Tiergestalt ein", bekräftigte Professeur Dirkson. Patrice sah die Lehrerin nun sehr verunsichert an und erwähnte dann auf deren Frage, warum sie das so umtreibe, daß eine Kameradin in der Verwandlungs-AG herausbekommen hatte, eine Katze zu sein und fast von einem der freilaufenden Kater oder Knieselmännchen besprungen worden sei und nur durch wilde Gegenwehr davongekommen sei.

"Ja, das ist die Gefahr bei der Animagus-Erscheinung. Vor vierhundert Jahren hat eine Hexe, die meinte, als Katzen-Animaga mehr Bewegungsfreiheit ausnutzen zu können, von einem in Hogwarts lebenden Kniesel Junge zu tragen bekommen. Sie konnte erst wieder menschliche Erscheinungsform annehmen, als sie die vier empfangenen Jungen entwöhnt hatte, die ihr danach jedoch zeit ihres Lebens nachgelaufen sind, sich dabei aber zu überaus intelligenten Exemplaren mit überragenden Fähigkeiten entwickelt hatten, darunter auch die, zu sprechen und zu lesen. Insofern empfehle ich das niemandem, der oder die Animagus-Ambitionen hat, sich auf derartige Erfahrungen einzulassen."

"Ihnen ist bekannt, daß eine registrierte Animaga in Hogwarts wohnt, die als Katze auftreten kann?" Fragte Julius die Lehrerin. Diese nickte bestätigend und erwähnte, daß diese jenen Vorfall sicher sehr gut kenne und sich davor hüte, in der Reichweite begattungswilliger Kater Tiergestalt anzunehmen.

Am Ende der Stunde erinnerte Professeur Dirkson ihre Schüler noch einmal an die erwähnte Hausaufgabe, die sie bis zum nächsten Montag zu erledigen hatten.

"Das fehlte noch, mich von Maximilian schwängern lassen oder von eurem neuen Kniesel, der bei Millie im Saal wohnt", zischte Laurentine Julius und Millie zu, als sie auf dem Weg zum Pausenhof waren.

"Hmm, ist denn dein inneres Tier nicht eine Bache?" Fragte Julius. Laurentine nickte, räumte jedoch ein, bis heute nicht zu wissen, warum ausgerechnet eine Wildsau.

Bernadette winkte Laurentine zu, als sie den Pausenhof erreicht hatten. Diese winkte Céline und Millie, mit ihr hinüberzugehen. Julius wollte sich zurückhalten, wurde aber von Millie angestachelt, dabei zu sein, da es sicher um Bernies Problem mit Laurentines Apparitionstalent gehe.

"Also, ich habe nur eine Frage an dich, Laurentine. Was für einen Zauberstab hast du?"

"Zum einen, Mademoiselle Lavalette, dürfte das für Sie keine Rolle spielen", setzte Laurentine an. "Zum anderen erwarte ich doch ein wenig mehr Respekt, wo Madame Faucon mich zur stellvertretenden Saalsprecherin erklärt hat. Aber um Ihre immer noch bestehenden Bedenken auszuräumen, ich habe einen Zauberstab mit Einhornschweifhaarkern. Ich hoffe mal, das genügt Ihnen."

"Ach neh, jetzt die Saalsprecherin herauskehren", grummelte Bernadette. Doch Céline und Millie sahen sie sehr warnend an, während Julius nur verächtlich den Kopf schütteln konnte. "Alles klar, dann kommt das wohl daher. Ich las was, daß Einhornschweife von trächtigen Stuten gerade bei Hexen eine Verstärkung der Grundkraft und des magischen Handlungsvermögens bewirken können. Dann freu dich mal drüber, daß du endlich was erfolgreich kannst, wo andere sich mit rumplagen müssen", knurrte Bernadette und wandte Laurentine den Rücken zu. Céline ergriff die ehemalige Jahrgangskameradin am Arm und drehte sie wieder um.

"Dann bedanke dich bitte bei meiner Kollegin, daß sie dir die Auskunft gegeben hat, die dir hilft, mit ihren Fähigkeiten klarzukommen. Denn sie hätte das nicht nötig gehabt, dir das zu sagen, Bernadette." Die Angesprochene sah Céline erst abfällig an. Doch weil diese eine goldene Brosche trug verkniff sie sich weitere Abfälligkeiten und tat, was Céline ihr aufgetragen hatte. Dann zog sie ab, um irgendwo auf dem Pausenhof vor sich hinzugrübeln, weil ihre ZAG-Klassenkameraden sie wohl links liegen ließen.

"So, ich hoffe, die kann jetzt endlich ruhig schlafen", knurrte Laurentine.

"Falls nicht, werfe ich die Madame Rossignol auf den Behandlungstisch", erwiderte Millie darauf nur. Da sie gerade so schön zusammenstanden sprachen sie noch über die Verwandlungsstunde und wo sie genau nachzulesen hatten, um die Aufgabe so locker wie möglich abhandeln zu können.

Im Tierwesenunterricht nach der Pause kündigte Professeur Fourmier an, daß sie am kommenden Donnerstag wieder in ein Tierwesenreservat reisen würden, wo sie echte Greife betrachten wollten, die hier in Beauxbatons nicht gehalten wurden. Sie sprachen über diese Mischwesen aus Löwe und Adler, die wesentlich unbändiger sein konnten als Hippogreife. Außerdem seien sie gegen niederstufige Flüche und Schockzauber immun, was sie zu hervorragenden Wachtieren mache, die in Südosteuropa, aber auch in Persien und Ägypten die Privatvermögen wichtiger Zaubererfamilien bewachten. Dann sprachen sie noch über das Mischwesen Sphinx, das wohl aus einer Laune uralter Magier aus Löwen- und Menschenkörper zusammengekreuzt worden sei. Auch diese Wesen seien nicht so leicht mit dem Schockzauber zu überwinden, zumal sie eine sehr kurze Reaktionszeit und eine dem Menschen überlegene Gewandtheit besäßen. Julius durfte erwähnen, daß beim Trimagischen Turnier in Hogwarts eine Sphinx in der dritten Aufgabe eingebunden gewesen war und daß diese Wesen es liebten, Rätsel zu stellen.

"Damit haben wir schon eine der beiden Möglichkeiten, ungeschoren an einer oder einem Sphinx - das Wort ist geschlechtsunabhängig - vorbeizukommen. Wer das von dem Wesen gestellte Rätsel lösen kann wird vorbeigelassen, egal vor welchem wichtigen Punkt das Wesen Wache hält. Die zweite Möglichkeit, an einer Sphinx vorbeizukommen, sofern Apparieren nicht möglich ist, besteht in der Verwendung des Infrunitus- oder Infrunita-Zaubers, der jemanden vom Erscheinungsbild und Geruch her als absolut ungenießbar erscheinen läßt, jedoch den unübersehbaren Haken hat, daß er alle Konzentration des Anwenders verlangt. Gerät der Anwender bei Ausführung des Zaubers aus der geistigen Balance, kann es ihm widerfahren, daß er nicht nur scheinbar, sondern wahrhaftig zu einem verrotteten, nicht mal für ausgewiesene Aasfresser annehmbaren Körper wird und stirbt. Wer mit mehr als zwei zauberkundigen Begleitern unterwegs ist kann eine Sphinx mit simultan gewirkten Schock- oder Lähmzaubern ausschalten, wobei die Bezauberung jedoch nicht länger als maximal zwei Stunden andauert. Erwacht die oder der Sphinx danach oder erhält die sonst beeinträchtigte Bewegungsfreiheit zurück, wird das Wesen ungemein wütend und jagt jene, die es überwunden haben, sofern es nicht mit körperlichen Fesseln gebunden wurde oder in einem Käfig steckt. Der Überwinder muß dann jedoch mehr als einen Tag aus der Sicht- und Riechweite verbleiben, um die Vergeltungswut des oder der Sphinx verebben zu lassen und sich dem Wesen wieder gefahrloser nähern zu können. Die Veranstalter des trimagischen Turnieres behalfen sich damit, die in die erwähnte Aufgabe eingebundene Sphinx vor der Abreise mit vergiftetem Fleisch zu füttern, in dem ein starkes Schlafelixier verrührt war. Die Sphinx konnte so nicht feststellen, wer sie betäubt hatte, um die sonst übliche Verärgerung an dieser Person abzureagieren. Die inteeligenteste Möglichkeit ist jedoch, die gestellten Rätsel zu lösen und somit unbehelligten Zutritt zu dem Ort zu erlangen, vor dem die oder der Sphinx postiert ist. In der Bibliothek liegen Bücher mit den zweihundert bekanntesten Sphinx-Rätseln aus, wenngleich eine Sphinx sich durchaus immer wieder neue Rätsel ausdenken kann. Wer sie löst hat sie dann meistens der Gesellschaft für angewandte Magizoologie mitgeteilt, die sämtliche je gelösten Rätsel archiviert hält. Wer das Rätsel nicht löst und nicht innerhalb einer Sekunde disapparieren konnte, konnte es leider nicht mehr weitergeben."

"Hmm, kann man eine Sphinx nicht auch dazu überreden, freiwillig irgendwo hin mitzukommen?" Fragte Caroline Renard.

"Nur solange sie genug zu Essen bekommt und der Transport nicht durch die Luft oder über das Meer erfolgt", erwähnte die Lehrerin. Sphingen gehören zu den Wesen mit der Verbundenheit zur Elementarkraft Erde, wenngleich es einige wenige Exemplare gab, die Flügel ausgebildet haben, allerdings deshalb, weil sie im Umkreis von mehreren Tagesmärschen keinen Fortpflanzungspartner wittern oder hören konnten", erläuterte Professeur Fourmier. Julius dachte daran, daß seine Mutter wohl kein Problem mit einer Sphinx haben würde, da sie gerne Rätsel löste und bestimmt über zweihundert Rätsel und ihre Lösungen kannte. Millie fragte noch, ob sie am Donnerstag auch eine Sphinx zu sehen bekämen und erfuhr wie alle anderen auch, daß diese Wesen in großen Reservaten in Griechenland, Ägypten und dem heutigen Iran gehalten würden und sie am Donnerstag nicht ins Ausland reisen würden, um den zu Stundenbeginn besprochenen Greif zu sehen.

"Sie erwähnten, daß Greife über zweihundert Jahre alt werden können, weil sie nahezu unverwundbar sind, sofern sie sich nicht gegenseitig angreifen", setzte Millie an, nachdem ihr das Wort erteilt war. "Wie sieht das denn mit dem Nachwuchs von denen aus?" Millies Mitschülerinnen kicherten zwischen albern und hilflos, während außer Julius alle Jungen verwegen bis verächtlich grinsten. Die Lehrerin gebot mit einer energischen Geste Ruhe und antwortete:

"Nun, ähnlich wie bei den Hippogreifen bekommen weibliche Greife lebende Jungen. Ein paarungsbereites Weibchen ist an einer dunklen Verfärbung ihres Schnabels zu erkennen und zeichnet sich im Metöstrus, also der Phase größter Fruchtbarkeit, durch einen zur Aggression tendierenden Ungehorsam aus. Greifhalter, die ein fruchtbares Weibchen besitzen, müssen dieses Tierwesen bei der ersten Dunkelfärbung ihrer Schnäbel entweder mit gehärteten Stahlketten an den zu bewachenden Ort fesseln oder während der fruchtbaren Zeit tunlichst aus dem Weg des Weibchens bleiben. Es stößt bei zunehmender Paarungsbereitschaft schrille Rufe aus, die womöglich auch Töne im für Menschenohren unhörbaren Bereich aufweisen. Erfolgt auf die Rufe keine Antwort eines paarungswilligen Männchens, so verbleibt das Weibchen am Ort seiner Unterbringung, greift aber alles und jeden an, der in seine Sichtweite gerät und kein männlicher Greif ist. Erhält es jedoch eine Antwort aus bis zu ungefähr siebenhundert Kilometern, fliegt es auf und steuert die Quelle der Antwort an, die ihr auf halbem Weg entgegenkommt. Da die meisten Greife in Gefangenschaft leben und die Halter die fruchtbaren Phasen weiblicher Greife kennen treffen sie meistens Vorsorge, daß ihre Weibchen nicht davonfliegen, um sich zu paaren. Allerdings gibt es die von mir bereits erwähnten Reservate, wo Greife bewußt als Wildformen gehalten werden, um die bei naturbelassenen Tieren besonders gut ausgeprägten Instinkte zu bewahren. Wenn hier ein Weibchen einen Paarungsruf ausstößt, kann es zu mehrfachen Antworten kommen, aber auch zu einer Reproduktionskompetition, also einem Wettstreit um die Paarungsrechte, nicht nur bei den Männchen, sondern auch unter den Weibchen. So berichtet der byzantinisch-griechische Greifenhüter Therianaxos von Mykene im 5. Jahrhundert von vier widerstreitenden Weibchen, die um die Fortpflanzung mit nur zwei Männchen rangen. die aus rein menschlicher Sichtweise brutal anmutenden Einzelheiten dieser Auseinandersetzung sind so detailliert, daß Beauxbatons die vollständige Übersetzung dieses Berichtes in der Abteilung für nur mit Lehrererlaubnis zu entleihende Bücher aufbewahrt. Am Ende der Schilderung von Therianaxos wird erwähnt, daß nur ein Weibchen flug- und fortpflanzungsfähig blieb und beide Männchen zur Begattung veranlaßte, bevor diese sich in ihrem Kampf gegenseitig dazu unfähig verletzen konnten. Diese Greifin wurde später zur Hüterin des Schatzes von Chrysophagos von Konstantinopel. Nach einer Tragzeit von acht bis zwölf Monaten bringt eine erfolgreich begattete Greifin ein bis drei Junge zur Welt. Da diese bei der Geburt noch keine ausgehärteten Schnäbel besitzen können sie an den wie bei Katzentieren üblich angeordneten Zitzen der Mutter milch saugen. Die Laktationszeit beträgt nach mehreren Beobachtungen der Magizoologen zwischen einem Jahr und achtzehn Monaten, wobei die Aggressionsschwelle der Mutter auf ein Zehntel der erwünschten Angriffslust absinkt. So kann es bei Mehrlingswürfen vorkommen, daß alle Jungen bis auf eines von der Mutter getötet werden. Auch kann es zu Fratrizid kommen, also zur Tötung schwächerer Geschwister durch die stärkeren. Kannibalismus konnte jedoch weder zwischen erwachsenen noch jungen Greifen beobachtet werden. Tote Artgenossen werden von den überlebenden verscharrt oder aus dem eigenen Revier hinausgetragen, um dort zu verwesen. Achso, die Aushärtung der Schnäbel erfolgt bei Junggreifen erst ein Jahr nach Beendigung der Laktationszeit. Bis dahin sind sie auf Fleischgaben ihrer Mutter angewiesen. Mit Aushärtung ihrer Schnäbel erwachen die Jagdinstinkte der Greifenjungen. Sind es Einzelne Exemplare werden sie von der Mutter noch fünf Jahre geduldet. Dann jedoch müssen sie spätestens ein eigenes Revier erhalten, in dem sie jagen können. Geschlechtsreif werden sie mit zwanzig Jahren. Ausgewachsen sind sie bei Vollendung des dreißigsten oder vierzigsten Lebensjahres. Bei Würfen mit mehr als einem Jungen wird das Wachstum durch die Nahrungskonkurrenz beschleunigt. Manche Magizoologen riskieren es daher, einen Wurf mehr als die fünf Jahre bei der Mutter zu belassen, wobei sie jedoch durch mechanische Absicherungen verhindern müssen, daß die Jungen sich gegenseitig umbringen oder von der immer ungeduldiger werdenden Mutter getötet werden. Solcherart gehaltene Greife sind dann schon mit zehn Jahren geschlechtsreif und mit zwanzig Jahren voll ausgewachsen, können dann aber nicht als ortsgebundene Wachgreife gehalten werden, weil sie nicht zum Verweil an einem bestimmten Ort gezwungen werden können. Sie eignen sich eher als Abschreckung gegen unbefugte Eindringlinge, als Alarm- und Abwehrgreife, wobei sie grundsätzlich alles attackieren, was nicht von ihren Hütern als zu diesen gehörig markiert wurde. In den allermeisten Fällen wollen die Anwärter auf Besitz eines Greifen jedoch ein Exemplar, daß zwar über ein hohes Maß an Wehrhaftigkeit und Angriffslust verfügt, jedoch dazu angehalten werden kann, den zugewisenen Standort nicht zu verlassen, beziehungsweise nicht weiter als einen Kilometer davon fortzufliegen." Die Lehrerin wartete, bis sich alle die Angaben notiert hatten und erwähnte dann noch, daß die Höchstzahl von Jungen eines Greifen bei sieben lag und vier der Jungen die Säuglingsphase überlebt hätten. Dann ging es noch um die meßbare Intelligenz und Verwendungsfähigkeit von Greifen, die von ihren Überwindern auch als Reittiere und Leibwächter abgerichtet werden konnten. Die Verständigung erfolgte hierbei durch hörbare Befehle oder Zwingsteine. Das konnten silber- oder goldhaltige Steine sein, die mit Runen und dem Blut von Herrn und Greif dazu bezaubert werden konnten, einen Basisbefehl aufnzunehmen, den der damit verbundene Greif gehorsam auszuführen hatte. Meistens wurden solche Hilfsmittel hergestellt, wenn die Greife bei ihren Besitzern eintrafen. Wurde der Zwingstein zerstört erlosch der damit garantierte Gehorsam, und der Greif konnte ziemlich wütend werden, weil in diesen Tieren der von Löwe und Adler erworbene Drang nach freier, eigener Lebensweise offen durchbrach. Daher behalfen sich Greifenhalter meistens mit unzerreißbaren Silberketten, die den Tieren um die Hälse geschmiedet wurden und in denen Glieder mit Machtrunen für Unterwerfung und Dauer enthalten waren. Diese Halsketten konnten von Zauberschmieden, die sich darauf verstanden, mit dem anderthalbfachen ihres Gewichtes in purem Gold bewertet werden. Das rief bei den Schülern ein höchsterstauntes "Oi" hervor. "Im Greifenreservat werden wir nur vier Greife vorfinden, die durch solche Ketten dazu veranlaßt werden, in ihrem zugeteilten Revier zu verbleiben", erwähnte die Lehrerin am Schluß noch. Dann gab sie den Schülern auf, die zusammengefaßten Angaben mit eigenen Worten auszuformulieren und Zeichnungen von Greifen und ihren Jungen anzufertigen und vor allem eine Liste über die möglichen Abwehrzauber gegen angreifende Exemplare niederzuschreiben. Da Greife eine hohe Magieresistenz besaßen, waren sie als Hybridwesen der Elementarkräfte Luft und Erde gegen metallische Waffen, Steine und Holz gefeit, konnten aber durch brennende Flüssigkeiten, Klingen oder Geschossen aus Eis oder ohne Magie benutzten Würgestricken überwältigt oder gar getötet werden. Ansonsten halfen wie bei Sphingen und Drachen hochpotente Schlafelixiere, von denen ein Tropfen in einem Liter Wasser schon ausreichte, um fünfzig erwachsene Menschen für zwei Stunden schlafen zu lassen. "Diese lernen dann jene, die bei meiner Kollegin Fixus in der Zubereitung von Zaubertränken unterrichtet werden", hatte Professeur Fourmier erwähnt. Am Ende der Stunde brummte allen Schülern der Kopf von den ganzen Erwähnungen, Namen und Berichten. Doch alle wußten, daß sie bei der näheren Erkundung lebender Greife nicht genug wissen konnten, wollten sie nicht ganz aus Versehen von einem solchen Geschöpf in der Luft zerrissen werden.

Am Nachmittag ging es im Verwandlungskurs mit den Selbstverwandlungen weiter. Millie hatte die Hürde überschritten, wo sie mehrere Schritte bis zur Mensch-zu-Tier-Selbstverwandlung benötigte. Allerdings lag ihr die innere Tiergestalt dabei immer noch am besten. Julius schaffte es, sich in unterschiedlich große Gegenstände zu verwandeln und genug Rückverwandlungsmagie einzulagern, um aus eigener Kraft seine menschliche Erscheinungsform zurückzugewinnen. Constance war auch schon über die Phase hinweg, wo sie die Gasform und die Selbstverflüssigung erproben mußte und wurde zu lebendigen Möbelstücken wie einem großen Sofa, einem Schrank, einem Schreibtisch oder einer Sitzbank. Millie fragte Professeur Dirkson am Ende nach praktischen Anwendungen dieser Kenntnisse.

"Erstens steigert es Ihre magische Kraft, sowie die Flexibilität bei der Bezauberung nicht sichtbarer Wesen und Objekte. Zweitens könnten Sie in einem Beruf arbeiten, bei dem Selbstverwandlungen zum Rüstzeug gehören, beispielsweise um sich zu tarnen oder aus aussichtslos wirkenden Situationen zu erretten. Die Selbsteinschrumpfung oder Selbstvergrößerung auf bis zum dreifachen der eigenen Ausgangsgröße kann unter Umständen dein Leben schützen oder retten, wenngleich die Beibehaltung der menschlichen Erscheinungsform bei verdreifachter Körpergröße sehr sehr viel Tagesausdauer kostet. Bei der selbsteinschrumpfung besteht die Gefahr, daß sie bei Beibehaltung über mehr als eine Schlafperiode durch Gewöhnung an die veränderte Wahrnehmung der Umwelt immer schwerer bis unmöglich umzukehren wird. Ich habe euch doch von dem Fall des Zauberers erzählt, der sich auf Selbsteinschrumpfung bis auf Flohgröße spezialisiert hat, um größtenteils unauffällig an Wachen und Türen vorbei in Schatzkammern oder besonders zu sichernde Bibliotheken zu gelangen. Er zog sich durch seine magischen Selbstschrumpfungen jedoch eine zunehmende Kleinwüchsigkeit zu. Am Ende seines Lebens war er gerade säuglingsgroß, als er seinen Kindern, die ihn schon um Haupteslänge überragten, seine ganzen Schandtaten gestand und die ganzen Abenteuer zu Pergament bringen ließ, die er im Kampf mit Katzen, Spinnen und Vögeln zu bestehen hatte, wenn er ungesehen von Wachgreifen oder menschlichen Wachen in gesichertes Gebiet vorstoßen mußte."

"Ja, das haben Sie uns erzählt", bestätigte Laurentine mit gewissem Unbehagen. "Und ich habe mehrmals davon geträumt, wie eines der Kinder in diesem Disneyfilm zwischn baumhohem Gras herumzulaufen, wo ein leicht exzentrischer Hobbywissenschaftler eine Maschine zur Einschrumpfung von Sachen und Lebewesen gebaut hat."

"Den kenne ich auch, war mit meinem seligen Gatten im Kino, als der neu auf den Markt kam", erwiderte Professeur Dirkson leicht betrübt. Julius kannte besagten Film natürlich auch. Er war da mit Lester und Malcolm im Kino gewesen und hatte in der folgenden Nacht von menschengroßen Wespen geträumt, die ihn heimgesucht hatten, weil in diesem Film im Verhältnis zu den verkleinerten Kindern gigantische Bienen vorkamen. Daher hatte er dem Film am Ende nicht gerade das Vergnügen abgewonnen, daß die meisten anderen Besucher hatten. Wohl deshalb war er im Punkte Selbsteinschrumpfung am Anfang auch wesentlich zaghafter vorgegangen als seine Kursteilnehmer. Aber daß eine Selbstvergrößerung auf dreifache Körpergröße lebenserhaltend sein konnte mochte bestätigte er sehr gerne, indem er noch einmal schilderte, wie Madame Rossignol ihn überwältigt hatte, als er unter den Auswirkungen des Schlangenmenschengiftes fast nicht mehr zu retten gewesen war. Dabei erwähnte er jedoch auch, daß sich die Schulheilerin vor seinen Augen aus einem Nachttopf in ihre menschliche Daseinsform verwandelt hatte, bevor sie bis auf Madame Maximes Größe angewachsen war. Er schloß mit den Worten: "... somit wäre ich heute nicht hier, wenn Madame Rossignol nicht so gut in Selbstverwandlungen wäre."

"Na ja, Julius und Millie, das kann aber auch zu üblem Schabernack oder wie bereits mit diesem Hieronimus Emsenbein zu echten Verbrechen mißbraucht werden", warf Constance Dornier ein. "Professeur Unittamo ist ja dafür berüchtigt, bei Verabredungen in anderer Gestalt am Treffpunkt zu lauern, daß jemand sie vermißt oder was mit ihr anstellt, was ihm oder ihr hinterher peinlich ist, und ich hörte davon, daß Wonnefeen Verwandlungen auch zu besonderen Zweierspielen verwenden."

"Von wem?" Fragte Millie herausfordernd, während Laurentine an den Ohren rosarot anlief, weil sie sich wohl schon einiges denken konnte.

"Von ihr da drüben", sagte Constance und deutete mit ihrer linken Hand auf ein schwarzhaariges Mädchen mit türkisen Augen, die Julius an den Bauzauberer Cimex Devereaux erinnerten. Millie grinste verschlagen.

"Tja, hat Martine schon behauptet, daß die nach den UTZs vielleicht zu den Goldröschen hinwill, für Laurentine, das sind die in einem festen Haus arbeitenden Wonnefeen in Frankreich. Aber 'ne Hexe, die da arbeiten will darf keine eigenen Kinder kriegen oder schon zur Welt gebracht haben. Also nix für dich und mich, Constance."

"Bei dem älteren Bruder den die werte Valentine hat kein Wunder", erwiderte Julius. "Aber dem könnte die da ja begegnen", fügte er noch hinzu. Professeur Dirkson hatte während dieses kurzen Abgleitens in nicht unmittelbare Themen schweigend dabeigestanden, etwas, was ihre Vorgängerin wohl nicht durchgehalten hätte, ohne klarzustellen, daß sie hier nicht über ihr unerwünschte Sachen zu reden hätten. Sie kam Constance mit einer Antwort zuvor und sagte:

"Das Leben mit Kindern ist auch wesentlich abwechslungsreicher als der Arbeitsalltag dieser Wonnefeen, die Damen und der Herr." Constance mußte darüber grinsen. Laurentine sah die Lehrerin verblüfft an, weil die so locker darüber sprach, und Millie lachte leise aber unüberhörbar. Dann meinte Professeur Dirkson: "So, bevor ich euch hier noch Anlaß zu seltsamen Anregungen liefere hier noch die nächsten Aufgaben für euch vier." Damit teilte sie neue Zettel aus, die Constance, Laurentine, Millie und Julius abarbeiten sollten, bevor sie zu der Gruppe um Valentine Devereaux hinüberging.

Nach dem Freizeitkurs langte Julius beim Abendessen so heftig zu, daß seine Klassenkameraden schon scherzten, er habe sich mit Millie darauf geeinigt, in der Familie die Kinder zu kriegen. Er nahm den Scherz locker auf und erwiderte, daß er bei den Übungen sich selbst hatte verdoppeln müssen und deshalb wohl jetzt zweifachen Hunger habe. Seine Kameraden glotzten ihn dafür ziemlich verdutzt an. Denn sich vorzustellen, sich selbst durch Verwandlung zu verdoppeln war schon heftig. Dazu kam noch, daß sie es Julius zutrauten, derartige Zauberstücke hinzubekommen. Doch als er vergnügt grinste und erwähnte, daß er einfach nur viele kleinere oder größere Selbstverwandlungen hatte ausführen müssen und deshalb wohl eine Menge Energie umgesetzt habe, knurrten ihn Robert und André verärgert an, daß er sie nicht so verladen solle. Gérard meinte jedoch dazu, daß sie nur zurückbekommen hätten, was sie Julius ausgeschenkt hatten.

Abends spielte er Schach gegen Laurentine Hellersdorf und brauchte vierzig Züge, um die Partie für sich zu entscheiden.

 

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Die Stunden bis zum erwähnten Ausflug in das Greifenreservat verliefen anstrengend wie interessant. Professeur Delamontagne verlangte weiterführende Schutz- und Bannzauber von seinen Schülern ab. Professeur Fixus ließ ihre Zaubertrankklasse einen Breitbandgegentrank gegen körperverunstaltende Gebräue zusammenbrauen. Professeur Milet verlangte umfangreiche Runenübersetzungen im Bezug zu Ausrichtung und Größe der Runen. Professeur Bellart ließ ihre Zauberkunstklasse mit ungesagten Elementarzaubbern der höheren Stufen herumwerkeln, wobei sie darauf aufpassen mußte, daß die Schüler nicht aus Versehen Brände ausbrechen ließen oder der Palast von Beauxbatons von einem Erdbeben erschüttert wurde. Demnächst würde sie transphysikalische Flächenzauber unterrichten, solche Zauber, die einen Raum mit einer bestimmte Naturgesetze aufhebenden Kraft durchdrangen, wie den Klangkerker, den schwerelosen Raum oder den geräuschlosen Raum, den Verfinsterungszauber oder den Luftblasenzauber, der das Eindringen von Wasser oder giftigem Rauch oder Gas in einen Raum verhindern konnte. Für Julius waren solche Zauber schon fast alte Hüte, weil er sie entweder häufig in Aktion erlebt oder in der Zauberkunst-AG auch schon ausgeführt hatte. Aber jetzt noch einmal gründlich damit vertraut gemacht zu werden erschien ihm wie eine gewisse Erholung und Anregung zugleich.

Jetzt standen sie wieder einmal im Ausgangskreis für die Reisesphäre. Professeur Fourmier rief die magischen Formeln für die Reise nach Paris auf. Als die rote Energiekugel sie alle umschlossen und davongetragen hatte, fragte sich Julius, ob sie einen Greif nur aus sicherer Entfernung beobachten konnten oder wie damals bei den Mantikoren an ein Gehege herantreten mußten. Als sie von Paris aus mit einer zweiten Reisesphäre in einer bergigen Landschaft ankamen wurden sie bereits von einem älteren Zauberer mit schwarzem Rauschebart und Blattgrüner Kleidung begrüßt, der sich als Monsieur Boitou vorstellte und einer der vier Wildhüter in diesem Reservat für Greife und Hippogreife war. Auf den eigenen Besen flogen die Schülerinnen und die Lehrerin hinter dem Wildhüter her, der sie über dem Revier herumführte, dabei jedoch immer schön außerhalb der durch gerade zweihundert Meter breite Korridore abgegrenzten Reviere der hier lebenden Zaubertiere entlangführte. Während die Hippogreife jedoch in Herden oder Rudel lebten, hatten die Greife, die die Hinterleiber von Löwen besaßen, die den Löwen eigene Rudelbildung abgelegt und bewachten eigene Reviere. "Ein Besenflieger hat nur eine Chance, einem Greif zu entgehen, wenn dieser meint, ihn angreifen zu müssen. eher aus dem Revier des Greifen davonzufliegen als von den Krallen oder Schnäbeln der Greife erfaßt zu werden", erwähnte der Wildhüter und holte mit einer sehr unmißverständlichen Armbewegung die fast in ein Greifenrevier einfliegende Caroline Renard in die walzenförmige Flugformation zurück. "Die bei uns lebenden Greife sind Annäherungen von Besuchern gewöhnt, solange diese nicht in den Reizraum von ihnen vordringen, also nicht weniger als zehn ihrer Körperlängen von ihnen entfernt bleiben. Allerdings darf niemand sich im Fluge nähern. Dann können sie ziemlich ungemütlich werden", erklärte der Wildhüter, während Professeur Fourmier Caroline fünf Strafpunkte wegen Mißachtung der aufgestellten Verhaltensregeln zusprach.

Als sie gelandet waren bildeten sie vier kleine Gruppen, die von je einem Wildhüter geführt wurden, um sich die hier wohnenden Greife aus großer Nähe anzusehen. "Sie können Froh sein, daß im Moment keine Jungtiere da sind und die Schreizeit erst im März wieder losgeht", sagte Monsieur Boitou. Professeur Fourmier wieß ihn darauf hin, daß er bitte "Paarungsrufzeit" sagen möge, um die Schüler nicht zu inkorrekten Formulierungen zu veranlassen. Der Wildhüter starrte sie dafür verdrossen an und meinte dann:

"Reicht mir schon aus, heute morgen von der Tierwesenbürovorsteherin angemault zu werden, Agrippine. Verscherzen Sie es sich nicht auch noch mit mir!"

"Dann stellen wir das besser noch einmal klar, was ich eigentlich durch unseren Briefwechsel als gesichert ansah", setzte die Lehrerin sehr ungehalten klingend an. "Ich bin nicht mehr einfach nur eine Kollegin in der Ausübung von hegerischen Tätigkeiten, sondern bin dafür verantwortlich, daß jugendliche Hexen und Zauberer den Umgang mit magischen Tierwesen erlernen und die für sie ungefährlichsten Verhaltensweisen befolgen. Dies verlangt von mir eine ausreichende Vorrangstellung den Schülern und einen gewissen Respekt mir gegenüber ab, solange mich mindestens ein Schüler begleitet."

"Ignoranten zu zeigen, wie die erhabensten Zaubertiere leben ...", grummelte der Wildhüter und sah dann auf Millie Latierre. "Die Mademoiselle ist eine Nichte von Madame Latierre?" Fragte er in Millies Richtung. Diese sah Professeur Fourmier an, die ihr zunickte, die Antwort selbst zu geben.

"von Madame Hippolyte bin ich die Tochter. Von Madame Ursuline Latierre bin ich die Enkeltochter. von den Hexen Barbara, Eleonore und Josianne Latierre bin ich eine Nichte. Welche Madame Latierre meinen Sie jetzt konkret, Monsieur?"

"Welche wohl, diese Barbara Latierre, die sich was auf ihre handzahmen Riesenkühe einbilden mag", grummelte Boitou. Millie bestätigte das mit einem nicken. Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Offenbar nahm sie es als natürliche Sache hin, daß ihre gestrenge Tante Barbara nicht darauf ausging, bei allen Untergebenen beliebt zu sein. Professeur Fourmier erwähnte dann noch, daß die Verwandtschaftsverhältnisse ihrer Schülerinnen und Schüler ebensowenig der Grund ihres Besuches seien wie das Verhältnis zwischen dem Wildhüter und der Leiterin der zauberministeriellen Behörde für magische Tierwesen und deutete mit ihrem rechten Arm auf einen der Greife, in dessen Revier sie gerade eingetreten waren. Sie fragte, ob jemand das Geschlecht des Tieres aus dieser Entfernung bestimmen könne. Die meisten ihrer Schüler zeigten auf. Belisama erkannte den Greif als erwachsenes Männchen, obwohl Greife im Verhältnis zu reinrassigen Löwen winzige Geschlechtsorgane hatten, solange sie nicht auf Begattung ausgingen. Dafür trugen sie einen dichten Kranz aus langen Federn um ihre Hinterköpffe, während die Weibchen nur flaumartiges Kopfgefieder aufwiesen und ein wenig kleiner als die erwachsenen Männchen waren. Die Schnäbel der goldengefärbten Mischwesen wiesen eine ockergelbe bis elfenbeinfarbene Farbgebung auf. Das vor ihnen gerade in Abwehrstellung gehende Männchen besaß einen fast weißen Schnabel, der wie bei einem Adler gekrümmt war. Boitou deutete auf einen kaum sichtbaren Silberstreifen, der den dünnen Hals des zaubertieres umgab. Professeur Fourmier nickte nur und erwähnte, daß sie die Schüler schon über diese Art von Halsschmuck unterrichtet habe. Sie gingen nun noch näher an den Greif heran, der vor einem kleinen, strohgedecktem Haus stand, das er offenbar bewachen sollte, falls er nicht sogar darin wohnte wie ein Hund in der Hundehütte. Als sie gerade noch dreißig Meter bis zu dem knapp drei Meter langen Greif zwischen sich hatten breitete das aus zwei verschiedenen Tieren zusammengekreuzte Zaubergeschöpf die mächtigen Adlerflügel aus und machte Anstalten, vom Boden abzuheben. Doch Boitou rief dem Greif ein kurzes Kommando zu und bewegte dabei seinen Zauberstab. Mit einem verärgerten Schrei, der wie Metall auf Metall klang klappte der Greif seine Schwingen wieder auf den Rücken zurück. Julius hatte genau sehen können, daß der löwenartige Schwanz mit der buschigen Quaste bedrohlich zu pendeln begonnen hatte und wies seine Mitschüler und die Lehrerin auf diese Geste hin, die ihm von Katzen und Knieseln bekannt war. Professeur Fourmier bestätigte das und erwähnte, daß der Greif offenbar schon sehr gereizt sei und nur der auszuführende Befehl ihn davon abgehalten habe, schon vor Verletzung der Reizraumgrenze loszufliegen und die Besucher anzugreifen. Sie bestand darauf, daß die Schüler einen etwas ruhigeren Greif zu sehen bekämen, wenngleich das hier in diesem Reservat wohl schwer möglich war. Sie bekamen noch einen goldbraunen Greif mit ockergelbem Schnabel zu sehen, der sie ohne Drohgebärden bis auf zwanzig Schritte herankommen ließ. Sie studierten seine Körperhaltung, die Art der Kopfbewegungen und die Schwanzstellung. So verfuhren sie bei fünf weiteren Greifen, wobei sie auch ein junges Weibchen zu sehen bekamen, dessen Schnabel an der Wurzel bereits eine dunkelbraune Verfärbung aufwies. "Sie steht offenbar vor dem ersten Östrus und könnte wann die volle Fruchtbarkeit erreichen?" Fragte sie ihre Schülerinnen und Schüler. Diese überlegten. Millie, Belisama, Leonie und Julius meldeten sich dann. Leonie tippte auf zwei weitere Wochen. Belisama schätzte den Höhepunkt des Fruchtbarkeitszyklus auf drei Wochen. Millie ging von vier Wochen aus und Julius sagte auch was von vier Wochen. Die Lehrerin sah alle an und erwiderte:

"Die erste Fruchtbarkeitsphase erreichen die jungen Greifinnen innerhalb von nur drei Wochen, wobei sich die Schnabelfärbung doppelt so schnell ändert wie bei Exemplaren, die bereits zehn oder zwanzig Paarungszyklen überstanden haben. Insofern erhalten Mademoiselle Lagrange zwanzig, Mademoiselle Poissonier zehn und Madame und Monsieur Latierre fünf Bonuspunkte für ihre Einschätzung." Der Wildhüter nickte und erwähnte, daß sie wohl in einer Woche den Keuschheitskäfig über dem "jungen Mädchen" aufstellen mußten, damit dieses nicht davonfliege. Millie fragte, ob die Greife wirklich keine Rückhalteringe tragen könnten, wie sie bei Latierre-Kühen und anderen fliegenden Zaubertieren ein Davonfliegen verhinderten. Boitou verzog nur das Gesicht und grummelte: "Lassen Sie sich von Ihrer übergescheiten Tante erzählen, daß Greife von sowas nicht zurückgehalten werden können, Mademoiselle!"

"Was ist denn das für eine Antwort, Monsieur Boitou", schnarrte Professeur Fourmier. Dann sagte sie: "Nun, Rückhalteringe wechselwirken mit entsprechenden Ankerobjekten im Zentrum des zugelassenen Bewegungsraumes, Madame Latierre und Sie anderen auch. Trägt ein Greif einen solchen Ring wird die Wechselwirkung vollständig unterbrochen. Nur ein direkt mit dem Tier wechselwirkender Gehorsamszauber im Ring kann es daran hindern, dem zugewiesenen Bereich zu entfliegen. Zwar verfügen Latierre-Kühe und Abraxas-Pferde ebenfalls über eine starke magische Durchdringung ihrer Körper. Die von Greifen ist jedoch so hoch, daß sie alle berührungslos auf sie treffenden Zauber ablenkt oder zerstreut. - Zeigen Sie uns einen!" Die Anweisung am Schluß galt dem Wildhüter. Dieser führte die Schulklasse zu einem großen Gebäude, in dem mehrere knapp zwanzig Meter große Gitterkonstruktionen ohne Boden von der Decke herabhingen. Am unteren Rahmen der bodenlosen Käfige waren je sechs starke Ringe angebracht. Sie dienten starken Ketten als Durchführungsösen. Damit konnten die Käfige, die von fliegenden Besen herabgesenkt wurden, schnell mit umstehenden Bäumen verankert werden, bis die paarungswilligen Greife sich wieder beruhigt hatten. "Wenn die einmal im Paarungsrausch sind lassen die sich kein Schlafelixier mehr ins Fleisch jubeln", erwähnte Monsieur Boitou dazu noch. "Wir werfen die Käfige dann über die kurz vor der totalen Schnabelschwärzung stehenden Greifinnen ab. Sind die einmal da drin flattern die nur im nun möglichen Bereich herum. Allerdings muß man dann diese Ohrschützer wie beim Hantieren mit Alraunen aufsetzen, um von denen nicht totgeschrien zu werden. Die Verankerungen müssen sein, weil es von denen, die wir zur Paarung herumfliegen lassen schon welche darauf anlegen, die Käfige vom Boden zu reißen oder umzuwerfen." Professeur Fourmier sah die Schüler an und forderte sie auf, sich diese Erwähnungen auch aufzuschreiben und in den Aufsatz über die Greife mit einzubeziehen. Einige ihrer Klasse verzogen die Gesichter, weil sie die Aufsätze wohl schon fertig hatten.

Der Rest des Ausfluges befaßte sich mit den ältesten und jüngsten Greifen im Reservat. Julius konnte sehen, daß auch altehrwürdige Zaubertiere grau bis schlohweiß eingefärbt sein konnten. Denn die ältesten Männchen besaßen silbernes Fell und schneeweißes Kopfgefieder, das nicht mehr so üppig war wie das der wesentlich jüngeren. Die Babygreife besaßen runde Gesichter und im Verhältnis zu den Köpfen riesenhafte, meistens braune oder goldene Augen, während die der erwachsenen Tiere weiß bis bernsteinfarben waren. Diese Merkmale und die fast schweinerüsselartigen Ausstülpungen, die mal feste, adlergleiche Schnäbel werden würden, ließen die neugeborenen bis einjährigen Greifenkinder wie beliebte Zeichentrickfiguren wirken. Allerdings deuteten die Krallen an den bereits vogelartig geschuppten Vorder und den pfotengleichen Hinterbeinen auf die Raubtiernatur hin, die in diesen kleinen Wesen schlummerte und langsam heranreifte. Welche Laute sie von sich gaben konnten die Schüler leider nicht hören, weil sie mindestens einen halben Kilometer von den Jungen und ihren wachsamen Müttern entfernt standen, wobei die Muttergreife immer wieder bedrohlich mit dem Schnabel klapperten und ihre langen Schweife schnell auspendeln ließen.

Als die Klasse wieder in Beauxbatons eingetroffen war entließ Professeur Fourmier sie mit den Worten in die Freizeit, daß sie die Aufsätze über Greife bis nächsten Montag fertighaben sollten.

In der fast nahtlos anschließenden Zaubertier-AG teilte die Fachlehrerin ihre Freizeitkursler für die verschiedenen Tierwesen ein, wobei sie die jüngeren zu den Knarls und Schwatzfratzen schickte, während die älteren sich um die geflügelten Riesenpferde und die Thestrale kümmern sollten. Da Julius die für die meisten unsichtbaren Flugtiere sehen konnte führte er die Aufsicht, während sie die skelettartigen Wesen fütterten. "Jetzt auf einen drauf und mal eben nach Paris", scherzte Marlon Bouvier aus der siebten Klasse. Julius erkannte den Scherz und entgegnete: "Paris ist doch langweilig. London oder New York wäre ein Abenteuer." Die meisten anderen lachten nur darüber. Julius schaffte es, eine Thestralstute dazu zu bewegen, deutlich sichtbare Fußabdrücke im erdigen Waldboden zu hinterlassen, stellte dabei aber fest, daß die Spuren schwächer waren als bei einem Tier dieser Größe und Gewichtsklasse zu erwarten wäre. Dann fing es an zu regnen, und die Thestrale flogen davon, um sich einen besseren Unterschlupf zu suchen. Julius dirigierte die Mitglieder seiner Teilgruppe ohne in einen Kasernenton verfallen zu müssen zurück zum Eingang der schuleigenen Menagerie. Professeur Fourmier war gerade dabei, einen wie eine stachelige Flipperkugel hin und herwuselnden Knarl einzufangen, der wohl versuchte, die dekorative Begrünung zu verwüsten. Grund dafür war einer der Drittklässler, der wohl meinte, die igelartigen Zaubertiere füttern zu wollen. Die Lehrerin deutete auf Julius und rief ihm zu: "Erklären Sie Monsieur Montbleu, warum der Knarl so rammdösig wurde!" Julius beschrieb daraufhin die Eigenheit dieser Zaubertiere, so paranoid zu sein, daß sie hingestellte Milch oder anderes Futter als Falle ansahen und darüber in solche Wut gerieten, daß sie ganze Gärten zerstören konnten. Armin Montbleu aus dem gelben Saal, der die ganze Zeit auf den wild umherschießenden Knarl gestarrt hatte, nickte mit schuldbewußter Miene. "Konntest du nicht wissen, wenn du mit diesen Tieren noch nichts zu tun hattest", bemerkte Julius dazu. Der Regen wurde stärker. Kalter Wind kam auf. Die Mädchen protestierten, weil das Wetter die Frisur ruinierte. Nur Millie blieb gelassen, weil ihre Parapluvius-Haarspange sie vor Regen schützte wie ein dicker, unsichtbarer, von Kopf bis Fuß reichender Regenmantel. Als die anderen Hexen wissen wollten, wo man sowas herbekam deutete sie auf Julius und erwähnte, daß sie diese Spange zum Geburtstag bekommen habe. Julius erwähnte, daß solche Schmuckstücke in Amerika zu kaufen seien. Er räumte jedoch ein, daß diese Haarspangen aber bestimmt auch in der Rue de Camouflage zu kaufen seien, um keine Eifersüchteleien vom Zaun zu brechen. Millie funkelte ihn zwar dafür an, daß er ihr das Gefühl der Überlegenheit verdorben hatte. Doch sie verlor darüber kein weiteres Wort. Immerhin hatte sie ihm ja bedeutet, ihren Mitschülerinnen zu sagen, wo er die Spange herbekommen hatte.

Weil der Regen unerträglich wurde führte Professeur Fourmier die AG-Mitglieder in die unterirdische Menagerie, wo die außereuropäischen Zaubertiere gehalten wurden. "Jackalopen und äquatoriale Kaiserfrösche werden Sie im Unterricht zwar erst in der fünften Klasse genauer kennenlernen. Aber das Wetter fordert uns ja auf, die restliche Zeit in geschlossenen Räumen zuzubringen." Sie deutete auf einen beinahe einen Meter großen Frosch in einem vier Meter großen Terrarium. Das grünbraune Amphibienwesen hockte auf schlammigem Untergrund, umgeben von schilfartigen Sumpfhalmen und sperrte sein breites Maul auf, um einen beinahe elefantenartigen Laut von sich zu geben. Armin schätzte den Riesenfrosch doppelt so groß wie einen Ochsenfrosch, den er mal in einem Zoo der Muggel gesehen hatte. "Die Beobachtung trifft zu. Der äquatoriale Kaiserfrosch Rana imperialis aequatorialis kann sogar dreimal so groß wie ein nordamerikanischer Ochsenfrosch werden. Hier sind es dann vor allem die Weibchen, die eine derart imposante Größe für rezente Amphibien erreichen. Kann mir von Ihnen wer sagen, warum die Weibchen so groß werden?" Die AG-Mitglieder sahen einander an. Da sie jetzt keinen regulären Unterricht hatten waren sie eigentlich nicht darauf aus, Fragen der Lehrerin zu beantworten und dabei womöglich danebenzuliegen. Armin nickte jedoch und erhielt das Wort.

"Wenn die sich so vermehren wie die kleinen Frösche ist das so, daß die Weibchen nach Entscheidung, wer von den Männchen am lautesten quakt den Sieger dieses Wettbewerbs auf den Rücken laden und solange mit sich herumtragen, bis das Weibchen ablaicht, also seine Eier legt. Die darf der glückliche dann mit seinem Sperma veredeln. Wie gesagt, das ist meine Erklärung, falls die Riesenfrösche da genauso Hochzeit machen wie die ganz kleinen."

"Absolut korrekt, Monsieur Montbleu. Da wir ja gerade nicht im Unterricht sind kann ich Ihnen dafür nur fünf Bonuspunkte zuerkennen, wobei ich Sie und alle anderen bitten möchte,bei einer Erklärung sachlichere Formulierungen zu wählen. Sollten Sie alle mal in magizoologischen Fachkreisen arbeiten macht eine wohlformulierte Aussage genausoviel aus wie ein gepflegtes Äußeres."

"Ist das da in dem Glaskasten ein Weibchen?" Fragte Mariette die Lehrerin, als der Frosch im Terrarium gerade seine blaßrosa Zunge aus dem Maul schießen ließ. Wie eine schleimige Peitschenschnur klatschte das Beutefangorgan des Frosches gegen das Glas, spannte sich straff und schnellte zurück in das Maul. An der Innenseite des Terrariums klebte ein dicker Schleimkleks.

"Das Exemplar dort ist ein gerade ausgewachsenes Männchen. Wir haben die Weibchen dort drüben", antwortete die Lehrerin und deutete auf drei weitere Terrarien, in denen wahrlich große Exemplare der Froschart hockten und mit ihren bleichen Kugelaugen suchend umherblickten. Die AG-Mitglieder notierten sich die ungefähre Größe der Frösche und lernten, daß sie im Juli ihre Laichzeit hätten. Dann würden die Männchen und Weibchen durch eine Schleusenröhre in ein zwanzigmal größeres Terrarium mit kleinem Wasserbehälter hinübergelassen, wo sie Hochzeit halten und ablaichen konnten. Die Kaulquappen würden vor dem Eintritt in die Metamorphose zu jungen Fröschen abgeschöpft und an magizoologische Einrichtungen in Europa weitergereicht, die diese Froschart erforschten oder wie im Tierpark von Millemerveilles interessierten Besuchern zeigten.

Die Schüler waren froh, als sie aus dem schwülheißen Raum mit den Riesenfröschen herauskamen. Ihre Kleidung klebte klamm an ihren Oberkörpern. Kondenzwasser perlte von ihren Haaren und Stirnen ab.

"Schon lustig, was für Biester Beaux im Keller hat", bemerkte Armin Montbleu zu Mariette, als sie auf dem Weg in den weißen Palast waren. Die Antwort der Drittklässlerin bekamen Millie und Julius nicht mehr mit, weil Professeur Fourmier sie zu sich rief.

"Bitte sorgen Sie dafür, daß Monsieur Stardust nicht noch einmal versucht, die frischen Würfe der residenten Knieselinnen heimzusuchen. Andernfalls dürfte er die nächsten Tage nicht überleben." Millie sah die Lehrerin abbittend an und versprach, daß sie den Kniesel nun nur noch am Tag freilaufen lassen würde und Nachts im Palast halten wolle, wenngleich Caroline und Leonie sicher sehr verärgert wären, wenn der Kniesel Ihnen sein Leid klagte, daß er nicht zu den anderen hinausdürfe.

"Dann sagen Sie Ihrer Neuerwerbung bitte, daß das das kleinste Übel sei. Selbst die hier eindeutig Revierherrschaft ausübenden Kater haben es gelernt, den säugenden Muttertieren und ihren Jungen fernzubleiben. Wenn Sie ernsthaft darauf hoffen, daß der amerikanische Kniesel mit Madame Goldschweif XXVI. noch einige Würfe zeugen möge, sollte er nicht gleich von ihr oder anderen laktierenden Knieselinnen beide Augen ausgekratzt bekommen oder gar totgebissen werden, selbst wenn er durchaus stark, schnell und gewandt ist. Knieselinnen mit Jungen sind gefährlicher als ein Latierre-Stier."

"Bei allem Respekt, Professeur Fourmier, aber das wage ich mal zu bezweifeln", erwiderte Millie auf diesen Vergleich. "Falls Sie möchten frage ich meine Tante, ob Sie Ihnen ihre Notizen über die bei ihr lebenden Latierre-Bullen zukommen läßt."

"Ich denke schon, daß eine wütende Knieselin einem solchen Bullen sehr arg zusetzen kann. Da würde diesem nur die Flucht in die Luft retten, bevor er womöglich vom Bullen zum Ochsen würde, falls Sie diesen Vergleich verstehen möchten, Madame Latierre."

"Wundere mich, daß Dusty noch keinen seiner Konkurrenten kastriert hat", amüsierte sich Millie. Julius brachte darauf den Spruch von der Krähe an, die einer anderen Krähe kein Auge aushackte. Wenn die Kater klärten, wer stärker, schneller und lauter sei, bevor es zu schweren Verletzungen käme, würden die es darauf beruhen lassen. Das Stardust meinte, die Würfe der Konkurrenten beschleichen zu müssen lag wohl daran, daß er hier nur seine eigenen Kinder zulassen wollte. Deshalb sah Millie es ein, den Kater nur noch am Tag draußen herumlaufen zu lassen. Julius schlug dann vor, daß Stardust oder Dusty einen Fernhaltering bekam, der ähnlich wirke wie ein Rückhaltering, eben nur, daß er ein Tier von einem bestimmten Ort fernhielte als es dort festzuhalten. "Ich habe mich schlaugelesen, daß die magische Ausstrahlung von diesen Ringen mit zunehmender Entfernung zum Ankerartefakt abnimmt und Dusty dadurch keine unnötige Belastung durch wahrnehmbare Zauberkräfte zu ertragen hat. Neben der mechanischen Wechselwirkung am zu sichernden Bereich dürfte die dabei freiwerdende Magieausstrahlung ihm zeigen, daß er dort nicht mehr hindarf, und die anderen Kniesel können sich an die Ausstrahlung des Ankers gewöhnen."

"Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, Monsieur Latierre. Aber ich sorge mich um die Magierezeption der residenten Kniesel. Können Sie das für mich ergründen, ob ein Ankerartefakt die Kolonie in der natürlichen Lebensführung beeinträchtigt?"

"Ich kann höchstens fragen, ob Goldschweif sich davon beeinträchtigt fühlt, Professeur Fourmier", schränkte Julius ein. Die Lehrerin nickte zustimmend und ordnete an, daß Julius am Samstag versuchen sollte, Goldschweif mit einem bereitgemachten Ankerartefakt zu konfrontieren. Allerdings solle er dabei tunlichst auf Ganzkörperschutzkleidung achten, falls die säugende Knieselin sich durch die Ausstrahlung bedroht fühle. Julius verstand es. Bis zur endgültigen Klärung des Sachverhaltes sollte Millie den neuen Kniesel eben nicht zur Nacht ins Freie lassen.

"Dann wird der mich vielleicht blöd angucken. Aber ich verstehe, daß seine Gesundheit wichtiger ist als seine Bewegungsfreiheit", grummelte Millie.

 

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Seitdem sicher war, daß Laurentine und ihr Zauberstab eine immer stärkere Beziehung zueinander gefunden hatten war nur noch Bernadette etwas ungehalten, daß Laurentine in der nächsten Apparierstunde gleich wieder von Anfang an vollständige Kurzstreckenapparitionen schaffte. Millie bot Bernadette an, ihr zu erklären, wie sie sich leichter auf die Apparierschritte einstimmen könne. Doch Bernadette fertigte sie knurrig ab, daß sie sich alles über das Thema gründlich durchgelesen habe. Caro und Leonie nahmen jedoch Millies Angebot an, schließlich sogar Sandrine und Belisama. Julius, dessen Apparierkunst ja auch durch seine hohe Grundkraft zu Stande gekommen war, sprach in den kurzen Pausen zwischen den von Michel Montferre angesetzten Übungseinheiten mit seinen Klassenkameraden, führte im für Apparierstunden von der allgemeinen Blockade freigemachten Aula einige Sprünge aus und nahm Robert und Gérard sogar Seit an Seit mit. Es kam heraus, daß die beiden bisher noch nie durch den Transit zwischen Ausgangs- und Zielort gezogen worden waren. "Eigentlich was, was keiner gerne über sich ergehen läßt", knurrte Robert, dem große Übelkeit ins Gesicht geschrieben stand.

Als im zweiten Abschnitt der heutigen Stunde neben Laurentine und den bereits in der ersten Stunde dazu fähigen auch André vollständig zu apparieren schaffte, gab das den anderen Mut ein, es demnächst auch mal zu schaffen.

"Können ist eines, wissen das andere, Madame, Mesdemoiselles et Messieurs. Deshalb lesen Sie sich bis zur nächsten Stunde bitte alle theoretischen Grundlagen der Apparition aus dem Buch von Kasimir Rosebridge durch!" Beschloß Michel Montferre die Stunde. Das brachte Bernadette zum lächeln. Denn das hatte sie ja schon längst getan.

Am Nachmittag zog sich Julius einen Drachenhaut-Schutzanzug an, der ähnlich einer Motorradfahrerkluft wirkte. Doch statt eines Sturzhelms trug er eine Gesichtsmaske und die Kopfhaube aus Acromantulafäden, die er von Aurora Dawn bekommen hatte. Er holte sich bei der Lehrerin mit den künstlichen Gliedmaßen einen merkwürdigen Gegenstand ab, der wie eine kleine Walze aus Bergkristall aussah, in deren Längsachse ein stecknadeldünner, goldener Stab steckte. "Pflanzen Sie diesen vor Goldschweifs Behausung senkrecht in den Boden ein. Die Berührung mit der Erde und die lotrechte Ausrichtung zum Himmel aktivieren seine magische Bereitschaft. Kann Goldschweif diese Ausstrahlung ohne Leid oder Verärgerung ertragen, pflanzen Sie den Anker im exakten Zentrum der Knieselanlage ein!" Julius bestätigte die Instruktionen durch ein Nicken. "Wenn Goldschweif, die wohl die magisensitivste Knieselin im Gehege ist, ohne Aggression oder Schmerz auf die Anwesenheit des Ankers anspricht, so induziere ich, daß dies für alle Kniesel gilt, sofern der Anker weit genug von den Behausungen entfernt ist." Julius überlegte kurz, ob er diese klare Festlegung treffen konnte. Doch wenn die Lehrerin und Zaubertierexpertin meinte, das ginge, konnte er es nur ausprobieren. Wenn es stimmte, dann klappte es. Wenn nicht, hatten beide was neues gelernt. Und zum Lernen waren sie ja in Beauxbatons.

Als Julius mit dem Fernhalteanker vor Goldschweifs Höhle stand hörte er sie knurren: "Nicht weiter zu mir, Julius. Die Kleinen trinken gerade!" Julius wartete in sicherem Abstand, bis Goldschweif erschöpft aus ihrer Höhle kam, die Zitzen noch gerötet vom gierigen Saugen der neuen Jungen. Zwei von denen tapsten hinter ihrer Mutter her und machten Anstalten, ihr an den goldenen Schweif zu springen. Julius sagte:

"Ich hab hier was mit der Kraft, das Dusty sicher von deinen und den anderen Jungen weghält. Aber ich muß wissen, ob dir oder wem anderen hier weh tut, wenn ich es in den Boden drücke." Goldschweif wischte mit ihrem Schwanz durch die Luft, weil gerade wieder eines ihrer Jungen daran ziehen wollte. Sie beäugte das walzenförmige Ding in Julius' Hand. Er senkte es vorsichtig herunter. Goldschweif sog Luft ein. Ihre Schnurrhaare strafften sich. Doch sie wirkte nicht alarmiert, sondern nur neugierig. "Singt leise und mit tiefen Tönen", verstand er ihre Lautäußerungen wie von einer Menschenfrau gesprochen. Julius setzte die knapp zwanzig Zentimeter lange Walze auf den Boden und drückte sie behutsam ein. Goldschweif wich einen Schritt zurück. "Noch tieferer Ton, nicht böse", hörte er ihre Äußerung. Er fragte sie, ob ihr das weh täte. Dann erklärte er, was die Walze machte. Goldschweif erwiderte nur für ihn hörbar: "Wenn der neue Kater dann nicht zu meinen Jungen kann mach das in den Boden, Julius." Julius suchte nun einen ort weit genug von den Wohnhöhlen entfernt. Aus einigen klang ihm bedrohliches Fauchen und Knurren der anderen Mutterkniesel entgegen. Dann grub er die Walze so tief in den Boden ein, daß nur noch ihre Oberseite herauslugte. Er sorgte dafür, daß sie so lotrecht wie möglich stand, indem er den Ausrichtungszauber Rectivertico benutzte, den Robert Deloire beim Aufhängen von Aurora Dawns Bild vorgeführt hatte. Mittlerweile wußte er, daß man damit nicht nur den Zauberstab als Lot benutzen konnte, sondern auch damit anvisierte Gegenstände lotrecht zum Erdboden ausrichten konnte. Als er den Anker fest im Boden vergraben hatte kehrte er zu Professeur Fourmier zurück, die außerhalb des Knieselgeheges gewartet hatte. Sie überreichte ihm einen dünnen, biegsamen Metallring, in dem Julius Runen erkennen konnte, die für Ort, Entfernung und Entgegenstellen standen und durch die Machtrunen "Beharre" und "entgegne" ihre endgültige Kraft erhielten, die dann nur noch durch den Aktivierungszauber geweckt werden mußte. Er suchte seine Frau im Westpark auf, wo sie Dusty in seinem Tragekorb hatte. Julius schickte sie mit einer Geste fort und fischte Dusty mit seinen Behandschuhten Händen aus dem Korb. Der Kater schlief. Millie hatte ein wenig Schlafdunst in den Korb gesprüht. So bestand für ihn keine Gefahr, von dem Kater angegriffen zu werden. Er legte ihm den offenen Ring um den Hals, bog ihn soweit zu, daß er den Hals gerade fest genug umschloß, um nicht abzurutschen, ohne den Kniesel zu erwürgen. Dann tipte er den Ring mit seinem Zauberstab an und murmelte: "Executo Incantatem!" Der Ring schloß sich nun und glühte in einem blauen Schimmer auf. Das blaue leuchten blieb einige Sekunden erhalten. Dann wurde der Metallring wieder so wie vorher, nur daß er jetzt fest geschlossen war. Julius winkte Millie wieder zu sich. Diese sah den Kniesel an und sagte zu Julius: "Wäre vielleicht einfacher gewesen, wenn die werte Professeur Fourmier mich einfach den Interfidelis-Trank hätte trinken lassen. Na ja, vor den Osterferien darf ich den wohl haben, sagt Madame Rossignol."

Dusty erwachte eine Viertelstunde nach dem Anbringen des Ringes und maulte, weil man ihn müde gemacht hatte. Dann erhob er sich und ging mit leicht einknickenden Schritten herum, bis seine Lebensgeister wieder vollends erwacht waren und er einfach davonstolzierte. Eine Minute später hörten sie ein protestierendes "Muuauuu!" vom Knieselgehege her. Der magisch aufgeladene Metallzaun alleine konnte das nicht bewirkt haben. Julius und seine Frau beobachteten, wie der Kniesel aus Viento del Sol um das Gehege herumlief und immer wieder versuchte, die letzten fünf Meter zum Zaun zurückzulegen, manchmal mit einem mächtigen Satz. Doch immer wieder federte ihn eine unsichtbare Absperrung wie ein senkrecht aufgerichtetes Trampolin zurück. Immer wieder knurrte und quängelte er. Immer wieder versuchte er, mit seinen Pfoten den Halsring zu packen und loszureißen. Er hatte sicher erkannt, daß dieses fremde Ding ihn davon abhielt, näher als zehn seiner Längen an das Knieselgehege heranzukommen. Noch einmal versuchte er es mit einem gewaltigen Sprung, mindestens vier Meter hoch und acht Meter nach vorne. Doch er prallte auf eine kräftig zurückfedernde Sperre, die ihn fast einen Rückwärtssalto schlagen ließ. Nur der geübten Bewegung seines Schweifes verdankte der Kater, daß er unversehrt auf allen vier Pfoten landete.

"Wie lange halten diese Ringe vor?" Wollte Julius noch mal wissen.

"Tante Babs muß die von den Kühen alle drei Monate nachladen, Julius. Aber die sind ja auch ein wenig größer."

"Pinkenbach, Millie. Kleinere Materiemenge führt zu kleinerer Ladefähigkeit. Aber drei Monate ist schon sehr verträglich."

Sternenstaub alias Dusty kam auf die beiden zu, die ihn mit hierhergebracht hatten und schüttelte sich angewidert. Dann blickte er Millie und Julius aus seinen mondhellen Katzenaugen an, als wolle er inständig darum bitten, ihm doch diesen gemeinen Halsring abzumachen, der ihn wohl davon abhielt, zu den anderen Knieseln zu gehen. Doch Millie und Julius blieben unerbittlich.

"Jetzt kannst du den Nachts wieder freilaufen lassen, Millie", sagte Julius. Millie nickte lächelnd. "Caro und Leonie werden es dir danken, Süßer", antwortete sie darauf.

 

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In der folgenden Woche geschah nichts außergewöhnliches, außer daß die Schüler neue Zauber lernten, die alten besser anwenden übten und sie bei Fourmier nach den Greifen weitere Zaubertiere durchnahmen, die eine gewisse Magieresistenz aufwiesen, wie die Riesenspinne Acromantula, von der es in der Menagerie von Millemerveilles einige Exemplare gab.

 

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"Ich erfuhr, daß Sie im vergangenen Sommer die beiden goldenen Zauberstäbe verliehen bekamen, Monsieur Latierre", eröffnete Professeur Delamontagne die nach dem Quidditchspiel erste Stunde Schutz vor zerstörerischem Zauberwerk. Julius nickte. Er trug den ihm verliehenen Orden nicht immer bei sich, weil ihm das schon etwas peinlich war, so hoch dekoriert zu sein. Allerdings hatte ihm Madame Faucon zwischen leisen Zeilen zu Verstehen gegeben, daß er diese Auszeichnung bei schuleigenen Festen als verbindlichen Bestandteil seiner Aufmachung zu tragen habe. Er erwähnte kurz, was damals noch Madame Maxime darüber gesagt hatte. "Natürlich erfuhr ich von meiner geschätzten Ligakameradin und jetzigen Vorgesetzten von dieser Ehre, Monsieur Latierre. Ist Ihnen auch bekannt, wer der letzte damit ausgezeichnete Schüler vor Ihnen war?" Julius nickte und nannte den Namen Lucian Binoche und erwähnte auch, daß das ein Vorfahre von Camille Dusoleil gewesen sei. "Ja, und natürlich daher auch Vorfahre von Ihnen, Monsieur Latierre", stellte der Lehrer heraus, daß Julius mit den Eauvives verwandt war, was hier eh alle wußten. "Insofern schon eine gewisse Tradition. Aber warum ich dies von Ihnen wissen wollte, Monsieur Latierre: Ist Ihnen auch bekannt, weshalb beziehungsweise für welches Verdienst Monsieur Lucian Binoche die beiden goldenen Zauberstäbe mit Platinfunken am Bande verliehen wurden?" Julius erfaßte, worauf der altgediente Abwehrkämpfer gegen dunkle Künste hinauswollte und sagte ruhig:

"Ich erfuhr, daß er eine Bedrohung von Beauxbatons abschmettern konnte, die als Vierschatten bekannt war. Ich hörte, daß es sich dabei um mächtige Kunstgeschöpfe der schwarzen Magie handelte. Wie die jedoch genau aussehen weiß ich leider nicht, oder vielleicht auch zum Glück nicht, Professeur Delamontagne."

"Da haben Sie aber noch einmal die Kurve bekommen, Monsieur Latierre", erwiderte der Lehrer leicht verdrossen dreinschauend. Er fuhr fort: "Wer damals vor einhundertneun Jahren Zeuge dieser Plage werden mußte, wünschte danach, niemals davon gehört zu haben, geschweige denn, diese Viererschatten gesehen und gespürt zu haben. Lucian Binoche, damals gerade so alt wie Sie, Monsieur Latierre, war ein erfahrener Runenschüler und besaß eine ähnlich gute Beziehung zu seinem Zauberstab wie Sie, Mademoiselle Hellersdorf." Er blickte Laurentine an, die leicht errötete. "Das muß Sie freuen und nicht beschämen, Mademoiselle Hellersdorf", ermahnte der Lehrer die ehemalige Unterrichtsverweigerin. "Woe war ich? Ja, die Viererschatten oder auch Vierschatten waren die Ausgeburt eines von dunklen Einflüssen verwirrten und zu üblen Handlungen getriebenen Zauberers, der mit seiner Durchschnittlichkeit nicht leben wollte und sich auf einen verhängnisvollen Pakt eingelassen hat. Muggel würden dies mit großer Berechtigung als Pakt mit dem Teufel erklären. Der zauberer, der sich selbst den Namen Miles Tenebrosus als Kampfnamen zulegte, erfuhr unter den erwähnten dunklen Einflüssen, wie er es anstellen konnte, die Seelen von vier getöteten Lebewesen gleicher Species und gleichen Geschlechtes zu einer schattenhaften Entität zusammenzufügen, die ähnlich den bereits erwähnten Nachtschatten durch Berührung körperliche und seelische Wärme entziehen konnte. Hinzu kam noch, daß diese finstere Kreatur auch dadurch Schaden anrichten konnte, indem sie den Schatten eines beseelten Wesens überdeckte und ähnlich einem Dementor eine Aura aus Dunkelheit ausbreiten konnte, in der die ungeschützten Menschen körperlich ausgelaugt wurden und somit zu einer leichten Beute werden konnten. Lediglich Sonnenlicht und die darauf bezogenen Zauber konnten die Schattenkreaturen schwächen, aber nicht vernichten. sie gewannen durch die einverleibte Seelenkraft ihrer Opfer immer mehr Größe und Kraft, und wer nur an seinem Schatten von ihnen berührt worden war, wurde mit dem Keim ihrer Existenz infiziert. Trafen vier Schattenberührte zusammen, und es war gerade Nacht oder fand an einem von Sonnenlicht unerreichbarem Ort statt, so fügten sich die vier Betroffenen zu einem neuen Viererschatten zusammen. Auf diese Weise konnten diese düsteren Ausgeburten sich fortpflanzen und sogar gezielt dafür sorgen, daß nicht sofort neue Abkömmlinge entstanden. Wer ein Schattenberührter war konnte mit den damaligen Mitteln der magischen Aufspürung nicht ergründet werden, weil der Keim nicht in den Körpern sondern eben den Schatten der Personen verborgen war. Dies machte die Suche und Bekämpfung existierender Viererschatten sehr schwierig bis nahezu aussichtslos. Lucian Binoche erfuhr aus einer nicht preisgegebenen Quelle, daß es sich bei diesen Geschöpfen um das Erbe eines düsteren Magiers aus ferner Vergangenheit handelte. Er erwähnte, daß die Erzeugung der Viererschatten wohl auf die magiefähigen Bewohner des von den meisten Menschen für reine Legende angesehenen Reiches zurückgingen, daß Ägypter und Griechen Atlantis genannt haben und das vor zehntausend Jahren plus minus anderthalb Jahrtausende zwischen Amerika, Afrika und Südeuropa zu finden gewesen sein soll. Man lachte Monsieur Binoche aus und unterstellte ihm Wichtigtuerei. Aber als die Viererschatten zu einer tödlichen Pest auszuufern drohten und die Sicherheit von Beauxbatons in Gefahr geriet und leider niemand die wirksamen Schutzmaßnahmen der Gründer in Kraft setzen konnte, wie es in Ihrem letzten Schuljahr möglich und bitternötig war, die Herrschaften, erkundete Lucian Binoche die Natur der Nachtschatten, Dementoren und Dunkelfelslern, zu denen wir auch noch mal kommen werden. Er fand aus einer wie erwähnt nur ihm allein bekannten Quelle heraus, daß die Viererschatten durch einen alten Sonnenanrufungszauber zerstört werden konnten, der ähnlich Sanctuafugium eine große Fläche vor Zaubern aus der Lichtlosigkeit schützen kann, aber nur ein volles Jahr vorhält und dann erst ein Jahr danach wieder gewirkt werden kann. Er half den Lehrern von Beauxbatons dabei, diesen Zauber aufzubauen und auszurichten. Als dann eine Armee dieser Ungeheuer auf die Schule vorrückte, fanden viele ehemalige Schüler und die Familien der dort gerade auszubildenden Jungen und Mädchen Zuflucht. Denn Millemerveilles konnte mit diesem Zauber nicht geschützt werden. Zwar konnten die Viererschatten nicht durch Sardonias Schutzglocke eindringen, legten jedoch einen Ring aus undurchdringlicher Dunkelheit und Kälte um das Dorf und trachteten danach, es unter einer Glocke arktischer Kälte erfrieren zu lassen. Binoches Zauber zersprengte die Viererschatten. Sie vergingen zu Rauch, der erst pechschwarz und dann blütenweiß davonwehte. Als der Ansturm der Viererschatten restlos vernichtet war, entsandte der Zaubereiminister mehrere Getreue, die den von Binoche erfundenen Schattenspürer mitführten, eine Erfindung, die Lucian ebenfalls aus der erwähnten ihm alleine bekannten Quelle geschöpft hatte. Jedenfalls war es damit nicht nur möglich, Schattenberührte zu finden, sondern deren infizierte Schatten von der eingewobenen Magie zu reinigen. Die Viererschatten um Millemerveilles wurden von Lucians Mutter Belisama vertrieben, die ebenfalls im Besitz nur ihrer Familie bekannter Kenntnisse und Gegenstände war, um dunkle Kreaturen auf Abstand zu halten. Als Binoche noch herausfand, daß die Viererschatten bei Sommersonnenwende in finstere Verstecke flohen wurde er vom Unterricht beurlaubt, um dem Ministerium zu helfen, konservierte Sonnenfeuerzauber in die georteten Verstecke zu werfen, wodurch die Viererschatten vollständig in Frankreich ausgerottet werden konnten. Allerdings gab es in Großbritannien und Deutschland noch welche, die sich jedoch nach dem großen Vernichtungsschlag zurückzogen. Binoche führte dann mit zwei zaubermächtigen Freunden, Adamas Silverbolt und Albus Dumbledore, einen Befreiungskampf in England. Und so vor etwa hundert Jahren soll dann Miles Tenebrosus gestellt worden sein, als er seinem oder seinen Herren ein neugeborenes Kind opfern wollte. Allerdings weiß außer dem leider 1984 verstorbenen Adamas Silverbolt niemand, wo genau das passierte. Die Identität des letzthin wegen seiner drohenden Niederlage getöteten Miles Tenebrosus wurde zur Geheimsache erklärt, um dessen Familie vor Nachstellungen wütender Hexen und Zauberer zu schützen. Da ich damals noch nicht geboren war kann ich nur das wiedergeben, was mir die Liga gegen dunkle Künste zu erwähnen erlaubt hat. Dieser hinterließ Silverbolt eine kurze Zusammenfassung seines Kampfes und daß der bedauernswerte Zauberer auch als Servus Speculi, als Diner, Knecht oder Sklave eines bestimmten Spiegels, hätte bezeichnet werden müssen. Was es mit dem erwähnten Spiegel auf sich hatte wollte Silverbolt nicht zu deutlich verraten. Den Ort, an dem sich dieser befinden sollte wurde von ihm aus seinen Erinnerungen ausgelagert, um ihn nicht unfreiwillig zum Übermittler dieser verheerenden Information werden zu lassen. Wir von der Liga konnten nur mutmaßen, daß der, der die Viererschatten erschuf oder erweckte, über diesen Spiegel Kontakt zu jenen Mächten erhielt, deren Einfluß und Anleitung ihn dazu trieb, diese Unwesen auf die Menschheit loszulassen. Auch kam durch Silverbolts Aufzeichnungen heraus, daß sein Widersacher drei totale Sonnenfinsternisse genutzt habe, um die ersten drei Viererschatten zu erzeugen."

Julius hatte bisher genauso aufmerksam zugehört wie seine Mitschüler. Doch als zum einen von düsteren Mächten, zum zweiten von einem diese kontaktierenden Spiegel gesprochen wurde, konnte er seine Aufregung nur noch schwer unterdrücken. Als Delamontagne jedoch erwähnte, daß der unheimliche Spiegelknecht oder finstere Soldat drei totale Sonnenfinsternisse ausgenutzt haben sollte, um diese Kreaturen zu erschaffen, konnte er nicht mehr an sich halten. Er warf förmlich den Arm in die Luft. Delamontagne sah ihn kurz an, machte jedoch eine zum warten auffordernde Geste und beendete seinen Vortrag mit den Worten: "Trotz des Sieges über Miles Tenebrosus oder Servus Speculi ist zu befürchten, daß die dunklen Kräfte oder Wesen, die ihn zur Geißel der Menschheit machten, immer noch in der Welt sind und wie eine Spinne im Netz darauf lauern, daß wieder jemand so töricht ist, mit ihnen in Kontakt zu treten. Was möchten Sie dazu sagen, Monsieur Latierre?" Julius atmete kurz durch und sprach:

"Wahrscheinlich möchten Sie uns das erzählen, weil wir in diesem Jahr in Europa wieder eine totale Sonnenfinsternis erleben können und Sie fürchten, daß jemand diesen düsteren Spiegel wiedergefunden hat, um der neue Spiegelknecht zu werden, richtig?"

"Sagen wir es so, Monsieur Latierre, Sie haben ja am eigenen Leibe erfahren müssen, daß es uralte Hinterlassenschaften gab und gibt, die durchaus das Ende der Menschheit herbeiführen können", erwiderte Professeur Delamontagne. "Auch hege ich keinen Grund, den niedergeschriebenen Aussagen meines britischen Ligakameraden seligen Angedenkens zu mißtrauen. Zwar ist vor nun fünfzehn Jahren ein wichtiger Erfolg verzeichnet worden, bei dem eine Kreatur dieser Macht endgültig besiegt werden konnte, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Quelle, aus der die Schlangenbestien stammten, noch immer besteht. Damals war Adamas Silverbolt Lehrer für die Abwehr dunkler Zauberei. Also das, was ich heute mache." Keiner lächelte oder grinste über diese wohl humorvoll gemeinte Ergänzung. "Er konnte einen anderen Diener dieser Macht stellen und vernichten, bezahlte diesen Sieg jedoch mit seinem Leben." Julius mußte sich sehr zusammenreißen, nicht hierund jetzt auszurufen, daß Silverbolt eben nicht tot war. Dem war vielmehr was ganz anderes passiert. Doch darüber durfte er hier nicht reden, weil das die Ereignisse vom ersten August 1997 betroffen hätte, über die er außer den unmittelbar beteiligten keinem was erzählen wollte. Doch womöglich wußte Delamontagne sowieso längst, daß Silverbolt nach dem verheerenden Fluch, der ihn erst immer jünger hatte werden lassen, als Baby Adrian Moonriver neu zu leben angefangen hatte. Im Grunde mochte dieser Zauberer, der das knurrige Gemüt eines scharfgemachten Dobermanns an den Tag legte, noch alles wissen, was damals passiert war. Sicher, wo jener Spiegel stand, von dem auch Temmie indirekt berichtet hatte, mochte er wirklich zur Sicherheit aller anderen ausgelagert haben. Denn wohl nur ein Nachkomme Ashtarias mochte sich in die Nähe dieses Artefaktes wagen können, ohne davon versklavt und zum Werkzeug des finsteren Fürsten Iaxathan gemacht zu werden. Binoches Schwiegermutter, die wie seine honighaarfarbene Klassenkameradin Belisama geheißen hatte, war bestimmt die rechtmäßige Trägerin jenes Heilssternes gewesen, den Aurélie Odin getragen hatte und der nun Camille Dusoleil gehörte. All die Gedanken und Gefühle aus der Zeit, wo er mit diesem Artefakt in Berührung gekommen war schossen wie ein Zeitrafferfilm durch seinen Kopf. So hörte er Jacques Lumière nur wie aus großer Ferne einwerfen:

"Das mit den kranken Schatten ist doch ganz fix zu lösen, indem die mit dem Kleptumbra-Zauber aufgesogen und weggepackt werden."

"Darf ich fragen, woher Sie von der Existenz dieses verwerflichen Zaubers wissen, Monsieur Lumière?" Drang Delamontagnes Frage durch den Sturm der Erinnerungen in Julius Kopf hindurch und ließ diesen schlagartig abebben. So sah er nun Jacques, der meinte, so lässig wie möglich dasitzen zu müssen und hörte ihn unbeeindruckt antworten:

"Das steht in einem Buch "Heil und Unheil" in der Bib von Millemerveilles. Meine werte Schwester, die hier mal Broschenträgerin war, hat mich da mal abgelegt, weil sie sich über irgendwas kräuterkundemäßiges schlaulesen wollte. Ich las das in diesem Buch, daß es diesen Zauber gebe und der von so 'nem Zauberer aus uralter Zeit namens Salazar Slittereng erfunden worden sein soll, allerdings nur nach Sonnenuntergang klappen würde. Damit könnte wem der Schatten weggezaubert werden und käme nicht mehr zurück, wenn der Schattenklauer den nicht von sich aus wieder rausrücken würde." Julius wußte nicht, was den Lehrer mehr verärgerte, daß Jacques einen solchen Zauber kannte oder so schnodderig darüber sprach, als wenn es sich nur um die Erlebnisse eines Straßenjungen aus Marseille handelte. Jedenfalls war Delamontagne ziemlich zornig, konnte jeder sehen.

"Zum einen, Monsieur Lumière und auch Sie anderen, ist die Erwähnung von Zaubern, die unmißdeutbar zum Schaden anderer Menschen entwickelt und angewendet wurden und werden ein sehr ernstes Thema, das mit dem gebotenen Respekt zu behandeln ist, insbesondere im Hinblick darauf, daß wir in diesem Unterricht die verantwortungsvolle Aufgabe haben, uns und unsere Mitmenschen vor solchen Zaubern zu schützen oder der Versuchung zu widerstehen, sie zu erlernen und anzuwenden. Zum zweiten - und wie oft muß ich oder sonst wer aus dem Lehrkörper Ihnen und Ihren Saalmitbewohnern diese Anweisung erteilen - gehört es sich für einen mit den Zauberergraden ausgezeichneten und auf die UTZ-Prüfung hinlernenden, sich einer sachlichen, stilistisch ansprechenden Wortwahl zu befleißigen, wenn er oder sie vor den Mitschülern und/oder Mitgliedern des Lehrkörpers von Beauxbatons etwas erwähnt, beschreibt oder zusammenfaßt. Drittens sollten Sie dringend Ihre Kenntnisse im Bezug auf die historisch wichtigsten Hexen und Zauberer der niedergeschriebenen Geschichte ergänzen, wodurch Sie und jeder andere frühzeitig erkennen kann, welche Motive diese personen umtrieben, dieses oder jenes zu erfinden und zu verwenden. Oder wollen Sie mir womöglich demnächst noch damit kommen, daß die von Sardonia erschaffenen Entomanthropen die Welternährungslage entscheidend verbessern können, weil sie im Vergleich zu unbehexten Honigbienen mehr Nektar einsammeln könnten?" Diesmal grinsten einige, auch wenn es dazu keinen Grund gab. "So bleibt mir leider nur, Ihnen für Ihre respektlose Art im Umgang mit schwerwiegenden Informationen, Benutzung einer Ihrem Alter und Ihrer Herkunft unpassenden Ausdrucksweise und der erwiesenen Ignoranz wichtiger Grundlagen vierzig Strafpunkte an Sie auszuteilen, Monsieur Jacques Lumière. Abgesehen davon habe ich lange genug in Millemerveilles wohnen dürfen um die dortige Bibliothek eingehend besuchen zu können. Das von Ihnen erwähnte Buch befindet sich zwar im Fundus dieser Bücherei, ist aber für minderjährige Hexen und Zauberer genauso unzugänglich wie ähnliche Titel in der Bibliothek von Beauxbatons, gerade um Gedanken an den Nutzen schädlicher Zauberei zu vermeiden."

"Gut, die Strafpunkte muß ich wohl schlucken, weil es Ihnen nicht paßt, wie ich rede und ich nicht einsehe, da groß was dran zu ändern. Aber das mit dem Buch war damals so. womöglich hat die, deren Job Sie jetzt machen und die Sie dazu bekniet hat, für sie hier zu arbeiten den Wälzer eingesackt und da in den Schrank gegen Minderjährige reingeworfen, als meine achso korrekte große Schwester unserer Mutter davon erzählt hat, daß ich in dem Ding geblättert habe und die nichts besseres zu tun hatte, als es Madame Faucon aufs Butterbrot zu schmieren", sprudelte es aus Jacques, der wohl damit rechnete, gleich den Sprechbann abzubekommen. Delamontagne ließ ihn jedoch ausreden und wartete einige Sekunden. Dann fragte er mit unheilvoller Betonung:

"Haben Sie sonst noch etwas zu sagen, Monsieur Lumière?" Der angesprochene schüttelte den Kopf. "Nun gut, dann sagen Sie besser bis zum Nachmittag auch nichts mehr. Taceto!" Mit dem letzten Wort stieß Professeur Delamontagne den Zauberstab vorwärts und erwischte Jacques, der meinte, den coolen Typen heraushängen lassen zu müssen, mit dem Sprechbann. Dann verhängte er noch einmal zwanzig Strafpunkte wegen respektloser Äußerung gegen die amtierende Schulleiterin und fragte dann in die Runde der noch sprechberechtigten: "Wer außer Monsieur Latierre weiß, wer Salazar sliserinn war?" Millie erhob die Hand, auch Robert, Sandrine, Belisama, Laurentine und Gérard zeigten nacheinander auf. Delamontagne prüfte mit dem Blick den doch recht ansehnlichen Wald erhobener Arme und nickte. "Wunderbar, doch einige. Dann schildern Sie vor allem Ihren Kameraden, die mit diesem Namen nichts anzufangen wissen, um wen es sich handelte, Mademoiselle Hellersdorf!" Laurentine erhob sich und überblickte die Mitschüler. Dann sprach sie so ruhig sie konnte: "Salazar Slifferin, S-l-y-t-h-e-r-i-n geschrieben, gehörte am Ende des achten Jahrhunderts zu den mächtigsten Zauberern der britischen Inseln. Wann er genau geboren wurde ist nicht recht bekannt. Es wird nur von Magiehistorikern wie Bathilda Backshot vermutet, daß er schon einhundert Jahre alt war, als er sich mit Rowena Ravenclaw traf, die ihm einen Vorschlag ihrer Bundesschwester Helga Hufflepuff und Godric Gryffindors übermittelte, eine Schule für magisch begabte Jungen und Mädchen zu gründen, in denen sie alle damals bekannten und im Laufe der Jahre dazukommenden Zaubersprüche und -tränke anzuwenden lernen sollten. Auch wenn Slifferin nicht so besonders begeistert darüber war, mit seinem erklärten Erzrivalen Gryffindor diese Schule zu bauen und zu betreiben erkannte er wohl doch, daß er dabei nur gewinnen würde, wenn er alle magisch begabten Jungen und Mädchen an einem Ort versammelte, um ihnen das beizubringen, was er für wichtig und richtig hielt. So wurde Hogwarts, die britische Schule für Hexerei und Zauberei, gegründet." Sie sah Julius an, der jedoch ganz ruhig zuhörte. "Die Schulchronik von Hogwarts, deren name mir gerade nicht mehr geläufig ist, erwähnt, daß er dort wohl zehn bis zwanzig Jahre unterrichtet haben soll. Allerdings habe er nur magisch begabte Kinder dort haben wollen, die über mehr als zwölf Generationen hinweg magische Vorfahren besessen hatten. Er überwarf sich mit Gryffindor, der jedes mit Magie begabte Kind dort aufnehmen und zu anständigen Hexen und Zauberern erziehen wollte. So kam es zu einem heftigen Streit zwischen Slytherin und Gryffindor. Weil zu befürchten stand, daß Hogwarts dadurch wieder geschlossen werden mochte, sprangen die beiden Gründungsmütter Ravenclaw und Hufflepuff Gryffindor bei. Die eine mahnte an, daß es unklug sei, magischen Kindern aus unmagischen Familien keine Führung und Ausbildung ihrer Kräfte zu geben. Die andere beteuerte, daß nicht die Herkunft wichtig sei, sondern die Bereitschaft, mit dem erlernbaren zum Wohl der Mitmenschen umzugehen. Wer davon jetzt welche Ansicht geäußert hat weiß ich leider auch nicht. Jedenfalls ist Slifferinn dann wutschnaubend aus Hogwarts ausgerückt. Er hat die drei anderen gewähren lassen, weil ihm klar wurde, daß auch die seiner Auffassung entsprechenden Hexen und Zauberer keine geordnete Ausbildung mehr hätten, wenn die Schule deshalb geschlossen und aufgelöst würde. Dabei hat er wohl was übles dort zurückgelassen, was lange als Legende angesehen wurde, eine Kammer des Schreckens mit einem grauenhaften Ungeheuer darin. Slifferinn soll zu den Parselmündern gehört haben, also Zauberern und Hexen, die sich mit Schlangen unterhalten können, wenn mir bis heute auch nicht klar ist, wie das geht, wo die Tierkundler der Muggelwelt herausgefunden haben, daß Schlangen größtenteils taub sind. Gut, es ging um Slifferinn. Er soll, so mehrere Chroniken und selbstverfaßte Tagebücher, noch fünfzig Jahre lang außerhalb von Hogwarts gewirkt haben. Wie und warum er starb erfuhr niemand. Feststeht nur, daß seine sterblichen Überreste in jener Sumpfburg gefunden wurden, in der er vor der Gründung von Hogwarts gewohnt haben soll. Über seine Vorfahren ist nichts näheres bekannt. Gesichert ist nur, daß er mit einer Hexe namens Styx Witherspoon und einer Hexe namens Heather Blackroot vier Kinder gezeugt hat, drei Söhne und eine Tochter. Die Söhne befolgten die Anweisung des Vaters, nie in Hogwarts zu unterrichten, solange dort nicht nur sogenante reinblütige Schüler aufgenommen würden. Seine Tochter Imelda heiratete jedoch einen Zauberer, der lange Zeit das Haus Slifferinn in Hogwarts leitete und dort Kräuterkunde und alte Runen unterrichtete. Imeldas erster Sohn Corvinus war dort auch mal Lehrer. Mehr kann ich im Moment ohne nachzulesen nicht sagen, Professeur Delamontagne."

"Auf jeden Fall waren das schon sehr wichtige Einzelheiten, Mademoiselle Hellersdorf. Zwanzig Bonuspunkte dafür. Gut, wir haben hier nicht Zaubereigeschichte, und meine Kollegin Professeur Pallas wird Ihnen allen wohl in den ersten Klassen oft genug gesagt haben, daß Geschichte keine klare und unparteiische Angelegenheit ist und es immer mehr Fragen als Antworten, immer mehr Lücken als Kenntnisse gibt. Aber das, was Sie uns gerade erläuterten deutet bereits darauf hin, daß sich erwähnter Zauberer nicht uneingeschränkt für das Wohl seiner Mitmenschen interessiert hat. Kann jemand von denen, die gerade noch um das Wort gebeten haben noch etwas dazu beitragen, was erhellt, wie genau Slifferinns Verhältnis zu den hellen und dunklen Formen der Magie beschaffen war?" Belisama zeigte nun auf.Sie erwähnte, daß sie vor zwei Jahren von der damaligen Gastschülerin Gloria Porter die französische Fassung der Geschichte von Hogwarts ausgeliehen hatte um zu erfahren, auf welche Schule sie und Julius mit der Ausbildung angefangen hatten. Sie erwähnte, daß Rowena Ravenclaw, wobei sie den Namen schwerfällig aussprach, für einen klugen Umgang mit den Kindern eingetreten war und nur solche Kinder in ihrem Schulhaus wohnen lassen wollte, die mit großer Klugheit und Voraussicht gesegnet waren. Helga Hufflepuff habe den Fleiß und die Kameradschaft gewürdigt und Gryffindor sei für Mut und Gerechtigkeit eingetreten. Von Slytherin wurde damals schon berichtet, daß er darauf ausgegangen sei, alles zu lernen und anzuwenden, was einem Zauberer uneingeschrenkte Macht über die magielosen Menschen bescherte. Der Umstand, daß solche Menschen auch magisch begabte Kinder hervorbringen konnten und die dann auch noch lernen sollten, alles damit anzustellen, was seiner Meinung nach nur Zauberer können durften, habe zu dem großen Streit zwischen ihm und Gryffindor geführt. Julius nickte sanft. Jedenfalls sei Slytherin nach dem Bruch mit den anderen Gründern wieder in seine Sümpfe zurückgekehrt und habe versucht, etwas zu erfinden, was magiebegabte Kinder ohne magische Eltern früh genug erkennen ließ um sie vor der Entfaltung der eigenen Magie umzubringen. Er sei wohl auch der wahre Erfinder der Mischwesen gewesen, die als Entomanthropen bekannt geworden seien. Vielleicht, so Belisamas zaghafte Vermutung, habe er auch diese Schlangenmenschen erschaffen. Da schaltete sich Julius ein, natürlich erst, als Delamontagne ihm dazu das Wort erteilte.

"Also was Slytherins Lebenslauf angeht habe ich das auch so in "Eine Geschichte von Hogwarts" gelesen. Ich habe das Buch sogar mit, wenn wer das noch mal genauer hören möchte. Aber was das mit den Schlangenmonstern angeht muß ich Mademoiselle Lagrange leider widersprechen. Die Schlangenmenschen entstammen nicht dem skrupellosen Schaffensdrang Salazar Slytherins, sondern sind wie die vorhin erwähnten Viererschatten auch, die Hinterlassenschaft finsterer Magier aus grauer Vorzeit. Als ich von einem von denen gebissen wurde und deshalb fast selbst zu so einem Ungeheuer geworden bin, hat Voldemort mich über eine durch die Verwandlung entstehende Gedankenverbindung zu unterwerfen versucht. Das fing damit an, daß ich eine sich wiederholende Stimme hörte, die "Sei mir verbunden" gesagt hat. Für mich klang sie wie die ständig wiederholte Durchsage eines Überwachungsautomaten in einem Flugzeug oder Fahrstuhl. Soweit ich hinterher mitbekommen konnte, hat der, vor dessen Namen ihr immer noch erschreckt, ein Artefakt an sich gebracht, mit dem er diese Wesen aufwecken und steuern konnte. Das hat aber auch diese grauen Riesenvögel aufgeweckt, die wohl damals dazu gezüchtet worden waren, die Schlangenmenschen zu bekämpfen und zu vernichten, wenn sie Überhand nehmen. ich bin mir sicher, daß jeder Magier vor Grindelwald und Sardonia diese Biester hätte nachzüchten können, wenn Slytherin die erschaffen hätte. Denn das mit den Entomanthropen stimmt wohl, wie ich von meinem unfreiwilligen Besuch in der Schreckensburg des Doktor Bokanowski mitbekommen durfte oder mußte. Slytherin hat wohl viele Ungeheuer gezüchtet oder finstere Zauber erfunden. Aber die Schlangenmenschen sind selbst für den zu mächtig gewesen."

"Na gut, Julius, mit Atlantis, das glauben ja nur wenige", wandte Belisama ein. Julius nickte. Er glaubte es ja auch nicht. Denn zu glauben hieß ja, es nicht zu wissen. Delamontagne griff noch einmal etwas auf, daß Laurentine angemerkt hatte:

"Sie erwähnten, daß die Tierkundler der nichtmagischen Welt ergründet hätten, daß Schlangen nichts oder sehr sehr wenig hören können, Mademoiselle Hellersdorf. Nun kann Ihnen Ihr Mitschüler Julius Latierre verbindlich versichern, daß es magische Methoden gibt, die Verständigung mit mindestens einem Tier zu ermöglichen. Auch durfte ich während dem erwähnten Verweil in Millemerveilles die Bienenzüchterin Begonie L'ordoux kennenlernen und erfuhr, daß sie einen befristet wirkenden Trank benutzt, der sie die Sprache der Bienen verstehen läßt, was ihre Arbeit ungemein erleichtert und ihr umfangreiche Erkenntnisse erschlossen hat. Ob ein Parselmund das Ergebnis solcher Zaubertrankexperimente war und warum diese Gabe sich an die Nachkommen vererben läßt ist der magischen Forschung bis heute ebenso unbekannt wie eine sichere Methode, die Geburt magisch begabter Kinder magisch nicht begabter Eltern vorherzusagen. Letzteres ist auch gut so, um solchen Ideen wie sie Slifferin und Voldemort hegten nicht doch noch zum Sieg zu verhelfen. Feststeht jedoch, daß Parselmünder mit Lauten zu Schlangen sprechen können, sobald sie eine Schlange sehen oder ihr Zischen hören können, von dem ja auch nicht restlos geklärt ist, warum ein gehörloses Wesen einen Warn- oder Angriffslaut ausstoßen soll." Die Schüler nickten. Laurentine durfte dann noch einmal beschreiben, wie die Zoologen der Muggelwelt diese Erkenntnis gewonnen hatten. Delamontagne nickte nur und sagte, daß Magie und Schall aber auch Gedanken und Schall miteinander in Beziehung stünden, weshalb es manche Zaubersprüche gebe, die laut ausgesprochen werden mußten und andere, deren Wortlaut nur konzentriert gedacht werden müsse. Julius durfte dann die Wirkung des Interfidelis-Trankes beschreiben, dem sie alle ja zu verdanken hatten, rechtzeitig gewarnt worden zu sein. Das erwähnte Julius zwar nicht, wußte jedoch, daß es den anderen klar sein mußte. Er sagte aber klar, daß dieser Trank nur zwischen einem magischen Menschen und einem magischen Tier oder Tierwesen funktioniere. Wie Madame L'ordoux ihre Bienen verständlich machte wisse er nicht, nur daß jeder diesen Trank benutzen könne, wie er auch schon ausprobieren durfte.

"Eigentlich wollte ich mit Ihnen die wirkungsweise des Sonnenzaubers durchgehen, mit dem die Viererschatten damals gestoppt werden konnten. Denn es stimt, daß jede totale Sonnenfinsternis, wie wir sie in diesem Jahr auch über Europa erleben dürfen, eine Möglichkeit bietet, finsterste Zauber gegen die Kraft der Sonne aufzurufen oder die dunklen Verkehrungen heilsamer Sonnenzauber anzuwenden. Aber Monsieur Lumières unstatthaft verächtlicher Einwurf und der Exkurs in das Leben und Können Slifferins haben doch etwas Zeit gekostet. Zu dem Kleptumbra-Zauber, den Monsieur Lumière so unbedacht erwähnt hat noch die wichtigsten Sachen, die Ich Sie niederzuschreiben anhalten möchte." Die Schüler machten sich zum Mitschreiben bereit. Als alle ihre mit Tinte getränkten Federn auf den Notizpergamenten aufsetzten diktierte der Lehrer: "Bei dem Schattendiebstahl-Zauber Kleptumbra handelt es sich um einen von Salazar Slytherin eher aus Langeweile heraus erfundenen Zauber, der dazu befähigt, den Schattenwurf eines toten Objektes oder Lebewesens zu neutralisieren, so daß der Eindruck entsteht, das Objekt oder Wesen sei für Licht durchlässig. Allerdings wirkt dieser Zauber sich auf Objekte alterungsbeschleunigend aus, da der geraubte Schatten die natürliche Balance der Materie stört. Bei Lebewesen kommt zu der rapiden Alterungsbeschleunigung noch ein vorangehendes Absterben der Empfindsamkeit hinzu, weshalb Menschen oder Tiere, denen auf diese Weise die natürliche Eigenschaft des Schattenwurfes entzogen wurde, dahinzuvegetieren beginnen und mit den auf sie einwirkenden Sinneseindrücken nichts mehr anzufangen wissen. In jedem Fall sterben Körper und Seelen von lebenden Wesen in einem zehntel der sonstigen Lebensspanne restlos ab. Sobald der Tod eintritt zerfällt der Leichnam oder Kadaver zu Asche, was durch die sich zerstreuende Kraft des Zaubers bewirkt wird, dessen materieller Fokus erschöpft ist. Neben der beschleunigten Alterung geht der Schattenraub auch mit einer ansteigenden Empfindlichkeit gegen Sonnenlicht einher. Deshalb wurde lange vermutet und in den Märchen und Legenden der Muggel immer wieder aufgegriffen, daß Vampire keinen Schattenwurf aufwiesen. Doch die Photophobie, also die körperliche Lichtunverträglichkeit der Vampire, rührt von deren veränderter Körpersubstanz her. Wer bemerkt hat, daß ihm oder einem seiner Mitmenschen der natürliche Schattenwurf abhandengekommen ist, kann diese Verhexung nur wieder umkehren, indem er ergründet, wer der Schattenräuber ist und bei Einfügung seines Namens die Formel "Restaurato Relationem (Name des geschädigten) lucis umbrarumque raptum per (Name des erkannten Schattendiebes)." Der Lehrer schrieb die Zauberformel an die Tafel und erwähnte noch, daß man sich dabei eine Szene vorstellen müsse, bei der das Verhältnis von Licht und Schatten schöne Erinnerungen hinterlassen habe. Für den Zauberer, der durch Neutralisation des Schattenwurfes mehr Macht über Zauber der Finsternis erlangen könne, wäre die Wiederherstellung des natürlichen Schattenwurfes gleichbedeutend mit einem mehrfachen Schockzauber, der im Verhältnis zur Dauer des schattenlosen Zustandes so heftig wirken könne, daß der sogenannte Schattenräuber sogar daran versterben könne. "Doch, werte Schülerinnen und Schüler, sollte dies das Los dessen sein, der jemandes Schattenwurf beeinträchtigt, um die eigene Macht über finstere Zauber zu steigern, dann hat er oder sie sich dies selbst zuzuschreiben, wenn der geschädigte sich auf diese Weise in das natürliche Spiel von Licht und Schatten zurückversetzt. Eine scheinbar humanere Methode ist es, den Schattenräuber zu zwingen, den Schattenwurf seines Opfers wiederherzustellen. Die freiwillige Wiederherstellung bewirkt zwar keinen solchen Schock wie der erzwungene Gegenzauber. Doch die dem Geschädigten widerfahrene Alterung wird dann den Schattenräuber selbst betreffen, also eventuell alle zu rasch verstrichene Lebenszeit auf einen Schlag von ihm abgehen. Daher wenden nur sehr skrupellose Magier, die selbst ihr eigenes Leben nicht wertschätzen, diesen zauber an. Von Voldemort ist bekannt, daß er es einmal versucht hat, um die Wirkung zu spüren. Doch nachdem sein Erzfeind Dumbledore den ihm abhandengekommenen Schatten zurückbeschwören konnte hat Voldemort davon abgelassen, diesen Zauber Slifferinns zu verwenden", beschloß Delamontagne sein Diktat. Er prüfte kurz die Mitschrift und verbesserte Schreibweisen. Dann gab er seinen Schülern auf, sich ausgiebig mit den Zaubern zu befassen, die gegen die aus natürlicher Dunkelheit entstehenden Kräfte anwirkten. Als die Pausenglocke läutete hielt er die Latierres noch zurück.

"Nun, ich weiß von Madame Faucon ja ausgiebig, wie es damals vor nun einem Jahr war, als die Schlangenmenschen Beauxbatons heimgesucht haben. Allerdings bitte ich Sie beide in Ihrem eigenen Interesse, nicht zu deutlich offenbar werden zu lassen, daß Sie im Bezug auf das alte Reich mehr wissen als die Mehrheit der magischen Menschheit. Ihnen, Monsieur Latierre, ist sicherlich auch aufgefallen, daß ich mit den brisantesten Details im Bezug auf Lucians Schwiegermutter tunlichst hinter dem Berg gehalten habe. Ich bitte Sie daher auch, Ihre Erfahrungen mit bestimmten Artefakten und ihren Besitzern nicht zum allgemeinen Wissensgut der Schülerschaft zu machen, da die betreffenden Personen großen Wert auf Unauffälligkeit legen und ein Recht auf ein ungestörtes Leben haben, wie auch ihre Angehörigen. Dies nur, weil wir im Unterricht gerade so haarscharf an derartigen Informationen entlangestreift sind." Julius erwiderte, daß ihm das klar sei und er schon aus eigenem Interesse nicht wollte, daß alle erfuhren, was er mit dem alten Reich zu tun gehabt hatte. Millie nickte beipflichtend. Sie sagte dann:

"Das gefällt mir auch nicht, daß mein Mann kein freies Leben hat, weil dieses alte Erbe an ihm dranhängt. Deshalb will ich das auch keinem auftischen, was er so erlebt hat oder kann." Delamontagne nickte sehr erleichtert und schickte die Latierres in die Pause.

Das Thema Viererschatten trieb Julius' Kameraden noch beim Mittagessen um. Gérard und Robert wollten von Julius wissen, ob der wisse, von wem Lucian Binoche seine Kenntnisse habe, wo er doch mit dessen Nachfahren sehr gut bekannt sei.

"Ich vermute stark, daß diese Quelle zum Familiengeheimnis der Eauvives gehört, mit denen Binoche ja auch verwandt war. Dann kann ich es entweder nicht herausfinden oder darf es dann nicht sagen, wenn ich es weiß, Gérard. Ich sage nur, daß die Liga gegen dunkle Künste wohl diesen alten Sonnenschutzdom-Zauber gelernt hat und wir von Professeur Delamontagne quasi mit der Nase drauf gestoßen wurden, daß wir den demnächst ganz gründlich lernen, weil ja eben in diesem Jahr wieder eine totale Sonnenfinsternis stattfindet."

"Ja, falls die, die sich Sardonias Erbin nennt auf die tolle Idee kommt, sich selbst ein paar Viererschatten zusammenzufluchen, wie sie das mit den Entomanthropen ja auch gemacht hat", knurrte Robert. Julius konnte das nicht vollkommen ausschließen. Mit dem Wissen aus dem alten Reich mochte Anthelia nun auch wissen, wie Iaxathans Viererschatten gemacht wurden, ohne diesen Höllenfürsten aufzusuchen und sich ihm auszuliefern. Die Meldungen in den beiden Zaubererzeitungen und auch im Tagespropheten, den Gloria ihm alle vier Wochen zukommen ließ, klangen beunruhigend. Denen nach trachtete die Vampirin, von der Brittany ihm erzählt hatte, nach einem Vampirreich auf Erden ohne festliegende Landesgrenzen. Anthelia hatte damals die Entomanthropen neugezüchtet, um die Schlangenmenschen zu bekämpfen. Was mochte der nun alles einfallen, wenn sie diesen Zombiemeister schon mit einem uralten Zauber erledigt hatte und sicher auch was gegen die beiden noch wachen Abgrundsschwestern hatte, die ihm selbst immer wieder Kopfschmerzen bereiteten. Denn so ganz klar ausschließen konnte er nicht, daß sein Onkel Claude bereits mit einer von denen zusammengetroffen war oder irgendwann noch zusammentreffen mochte. Denn als Richard Andrews' Bruder steckten in Onkel Claude wohl auch starke, jedoch nicht aktivierte Zauberkräfte. Wäre es vielleicht nicht ratsam gewesen, diese schlummernden Kräfte zu erwecken, jetzt, wo es einen Weg gab, dies zu tun? Andererseits konnte er jede mehr als vierfache Mutter und Hexe verstehen, daß die nicht für jeden knapp unter Außenwirkung festhängenden Typen den doch sehr intimen Ritualzauber zur Übertragung zusätzlicher Lebenskraft verwendete. Seine Schwiegergroßmutter Line hätte ihm wohl eine runtergehauen, wenn er sie gebeten hätte, seinen ignoranten Onkel mit ihrer Lebenskraft aufzuladen, um in diesem steckende Zauberkräfte anzukurbeln. Und Antoinette Eauvive hatte auch nur zu diesem Mittel gegriffen, weil sie nicht wollte, daß seine Mutter Millemerveilles verlassen oder dort im tiefsten Zauberschlaf untätig herumliegen mußte. Was Sophia Whitesand geritten hatte, Pinas Cousine Melanie und deren Bruder Mike derartig zu verändern war ihm nur von Pina erzählt worden. Sophia Whitesand war es darum gegangen, daß die Leelands nach dem ja doch erfolgten Abgang Voldemorts mit allem Wissen weiterleben konnten, daß sie erworben hatten. Daß Mike bei der Gelegenheit gleich ein kluges Hexenmädchen zur Mutter seines ersten Kindes gemacht hatte war wohl nicht die Folge dieses Rituals gewesen, half ihm aber nun, wirklich in der Zaubererwelt Halt zu finden. Um wie viel sein eigenes Magiepotential durch Ursuline Latierre aufgestockt worden war konnte er so nicht genau sagen. Immerhin verstand er deshalb einen gewissen Kirschbaum und hatte Darxandria zu einem brauchbaren Zweitkörper verholfen. Das wiederum hatte der Welt geholfen, die Schlangenkrieger loszuwerden. Ob Ursuline Latierre sich dessen bewußt war?

"Wir wissen ja immer noch nicht, ob die Erbin Sardonias noch lebt oder schon längst eine Nachfolgerin dran ist. Bei der Kiste mit diesem Atomvampir Volakin muß die sich ja eine gehörige Menge Strahlung eingefangen haben", tat Julius die Vermutungen über Anthelias Vorhaben ab. Robert bemerkte dazu nur, daß dieses Weib offenbar hundert Leben habe. Das konnte Julius leider nicht von der Hand weisen. Doch er durfte nicht erkennen lassen, daß er das besser wußte als die meisten anderen. So antwortete er:

"Klar, die leiht sich immer einen Körper nach dem anderen aus. Vielleicht darf Céline die auch mal beherbergen."

"Ey, das war jetzt fies", knurrte Robert sichtlich erbleicht. Julius entgegnete, daß eben durch solches Gerede derartig abgedrehte Vermutungen in Umlauf gerieten. Gérard nickte verhalten. Er dachte wohl daran, daß seine derzeitige Freundin Sandrine auch als Leihkörper für eine umhergeisternde Hexenmatriarchin herhalten konnte. Weil Julius das erkannte, wie wuchtig sein Scherz in die Stimmung seiner Klassenkameraden eingeschlagen hatte sagte er:

"Ich denke mal, die hat was ähnliches gemacht wie Lord Unnennbar, ihre Seele in etwas eingelagert, was länger hält als ein Menschenleben. Wer es findet muß zeigen, daß er, besser sie, das wert ist, mit diesem eingelagerten Seelenabdruck von ihr zusammenzuleben. Ich denke nicht, daß Céline, Sandrine oder Millie diesen Test bestehen würden. Da würde dieses Seelenfragment sich wohl tot und unsichtbar stellen." Seine Schulkameraden nickten schwerfällig. Julius fiel ein, daß Arcadia Priestley ihm mal erzählt hatte, daß Voldemorts Tagebuch die junge Ginny Weasley wie ein Dämon aus dem Gruselroman in Besitz genommen habe, um durch sie die Kammer des Schreckens aufzumachen und den darin schlummernden Basilisken auf Muggelstämmige loszulassen. Also sollte er das besser nicht zu sehr hoffen, daß seine Frau oder eine andere Hexe nicht doch von etwas ähnlichem unterworfen werden konnten, und sei es, daß doch mal wer die gruseligen Willenswickler Slytherins nachzüchten konnte. Mann! Wenn er vorhin alles erwähnt hätte, was er selbst über Slytherin rausbekommen mußte hätte Delamontagne wohl alle zu Madame Rossignol zur Ausgabe von Träumguttee geschickt.

Am Nachmittag trainierten die Grünen noch einmal für das am Samstag stattfindende Spiel gegen die Violetten.

Am Abend ging es im Zauberwesenseminar um die grünen Waldfrauen, auch Sabberhexen genannt. Julius war darauf gefaßt, die zu diesem Zweck eingeladene Vertreterin dieser nicht so ganz vertrauenswürdigen zauberwesen mit einem Devoluptus-Zauber die Laune zu vergellen, falls diese ihn anschmachtete. Millie hatte es nicht besonders toll gefunden, als er ihr das erzählt hatte, daß es einen Zauber gebe, der für einen Tag bis eine Woche jede Lust an was auch immer unterdrücken konte. Der von einer Vorfahrin Ceridwen Barleys erfundene Fluch war wohl als Abwehrzauber gegen notsüchtige Männer gedacht, unterschied aber nicht zwischen Männchen und Weibchen. Doch Julius brauchte seinen Zauberstab nicht hervorzuholen, weil die geladene Waldfrau gerade hochschwanger war und deshalb wohl keinen Fortpflanzungspartner suchte. Allerdings fragte er sich, als er den vorgetriebenen Bauch der kleinen, grünhäutigen Gestalt sah, ob das darin wachsende Kind nicht kurz nach der Geburt wieder dort landen würde, allerdings dann tot und gut durchgekaut. Offenbar war er nicht der einzige, den dieser Gedanke umtrieb. Denn Delamontagne fragte, wie lange Rashaubara die beiden Töchter, die sie gerade erwartete versorgen müsse, bevor sie eigenständig leben konnten. Mit einer entenhaft quäkigen Stimme antwortete das gerundete Geschöpf:

"Tja, da ich schon zwanzig Töchter rausgedrückt habe weiß ich das, daß ich die wohl in fünfzehn Sommern in eigene Wälder setzen muß, damit die alleine klarkommen. Aber zwei auf einmal hatte ich noch nie, und mich gibt's ja schon seit hundert Sommern." alle, die schon im Jahr davor im Zauberwesenseminar waren kannten das schon, daß die grünen Waldfrauen mehr als dreihundert Jahre alt wurden und problemlos noch mit zweihundert Jahren Nachwuchs bekommen konnten. Einer der jüngeren Teilnehmer sah die knapp über dem Boden in der Luft hängende Gestalt an und fragte hastig:

"Wer ist denn der Vater von denen?"

"Oh, das sage ich dir besser nicht, weil der so ängstlich ist, man könnte ihn auslachen. Aber der hat das mitgekriegt, daß ich seine Kinder kriegen werde", erwiderte Rashaubara mit breitem Grinsen. Julius lag es auf der Zunge, sie zu fragen, wo sie ihn heimgesucht und in ihren Bann gezogen hatte. Doch das übernahm Professeur Delamontagne:

"Nun, werte Rashaubara, es ist ja auch so, daß der Kindsvater wohl nicht unbedingt Vater werden wollte, nicht wahr? Natürlich möchten Sie keinem hier erzählen, wessen Kinder Sie tragen, weil Sie nicht wollen, daß der Kindsvater davon abgebracht wird, diese Kinder zu lieben, wenn alle um ihn herumlaufen und ihm das auszutreiben versuchen."

"Das auch", grinste die grüne Waldfrau. "Der hat mir schon drei Töchter und die beiden da in mir drin gemacht und ist bestimt noch sehr gut dazu zu kriegen, mir noch mal so viele zu machen. Deshalb kriegt das keiner zu hören, wer's ist."

"Sie betreiben Vergewaltigung und Freiheitsberaubung", schnarrte Corinne Duisenberg. "Natürlich wollen Sie nicht rauslassen, wessen Kinder sie da kriegen. Sie sind wohl nur froh, daß es keine Söhne sind."

"Mademoiselle Duisenberg, bitte mehr Selbstbeherrschung", ermahnte sie Delamontagne. Offenbar widerte es Corinne an, die Gefühlsschwingungen der Sabberhexe zu empfangen und zu wissen, daß sie sich den Menschen unterworfen hatte, dessen Kinder sie erwartete. Die letzte Sabberhexe war eine der gemäßigten Art, die sich auf eine offene Diskussion um ihre Lebensweise eingelassen hatte, ähnlich den Sangazons, die es nun nicht mehr gab.

"Junges Mädchen, wenn du so sehr ein Kind haben möchtest wirst du dir auch jemanden suchen, von dem du es kriegen willst. Und wenn dir das so wichtig ist wie mir wirst du den Ausgesuchten auch nicht groß fragen, ob er das will, daß du seine Kinder bekommst. Du wirst ihn solange umschwärmen, bis er es als große Ehre empfindet, seine Kinder von dir kriegen zu lassen. Tu nicht so, als wenn du besser damit umgingst als ich oder meine Waldschwestern." Corinne verzog das Gesicht. Doch sie unterdrückte jede weitere Reaktion. Millie bat ums Wort und sagte:

"Ja, nur daß Corinne oder ich keinen dazu zwingen werden, uns ein Kind in den Bauch zu legen. Der Vater von Ihren Kindern hat Sie ja nur an sich rangelassen, weil Sie ihn mit Ihren Kräften schwach und wehrlos gemacht haben. So kann jede Frau ein Kind von einem kriegen, den sie für dazu geeignet hält."

"Du wünschst dir doch auch schon längst eins", schnatterte die Sabberhexe und deutete mit ihren knorrigen Fingern zwischen Millie und Julius hin und her. "Ich kriege doch mit, wie du mit dem starken jungen Burschen verbunden bist, wohl um ihn bald dazu zu kriegen, dir wwas kleines zum tragen zu lassen."

"Mag sein, aber nur weil er und ich uns ganz freiwillig darauf einlassen und nicht, weil ich ihn mit irgendwas schwach und wehrlos halte", knurrte Millie zurück. Julius fühlte über die Herzanhänger die tiefe Erschütterung. Diese Sabberhexe hatte Millie kalt und heftig erwischt. Es war ein offenes Geheimnis, daß Millie lieber gestern als morgen das erste Baby von Julius kriegen wollte. Wenn man es dieser Waldfrau da irgendwie mitgeteilt hatte hatte die kein Problem, so eine psychologische Keule zu schwingen. Um so erstaunter war er über Millies nach außen hin gefaßte Reaktion. Früher wäre sie sicher gleich vor Wut auf wen immer losgegangen. Delamontagne schaltete sich wieder ein.

"Nun, solange uns Rashaubara nicht erzählen möchte, wer der Vater ihrer Kinder wird können wir auch nicht wissen, ob er glücklich darüber ist, ob er das wollte oder dazu gezwungen wurde. Und solange wir etwas nicht eindeutig wissen, die Herrschaften, gilt immer der Grundsatz: Erst Lernen, dann lärmen. Natürlich sind mir vielfältige Berichte bekannt, denen nach Artgenossinnen von Mademoiselle Rashaubara willensändernde Maßnahmen anwandten, um sich junge Männer gefügig zu machen. Doch heißt das nicht, daß das dann auch wirklich alle so machen und jederzeit."

"Nichts für ungut, Professeur Delamontagne. Aber das glaubenSie doch selbst nicht, was Sie uns jetzt da erzählen", entgegnete Patrice Duisenberg. "Wenn ich hundert fleisch fressende Löwen habe, dann ist es doch eher wahrscheinlich, das Löwe Nummer einhunderteins auch Fleisch frißt, als daß der Vegetarier ist."

"Nun, bei uns Menschen haben Sie das beste Beispiel dafür, daß selbst die geringste Wahrscheinlichkeit noch gültig bleibt", erwiderte der Lehrer. "Denn selbst wenn Sie tausend Menschen ohne Magie an sich vorbeilaufen lassen, kann der tausendunderste ein Zauberer oder eine Hexe sein, oder auf tausend Zauberer kommt ein Squib. Insofern können wir nicht komplett ausschließen, daß Mademoiselle Rashaubara und der Vater ihrer Kinder vollständig einvernehmlich miteinander verkehren. Es gibt unter den Zauberern einige Exzentriker, die es für herausragend halten, mit menschenähnlichen Zauberwesen lebensfähige nachkommen zu erzeugen. Ein geniales Beispiel für diese These sitzt rechts neben Monsieur Latierre."

"Ja, und Madame Maximes Vater wurde von deren Mutter höflich gefragt und mit viel Aufmerksamkeit und Liebe dazu ermuntert, eine süße kleine Tochter auf den Weg zu bringen", feuerte Belisama eine entsprechende Erwiderung in den Raum.

"Wissen wir leider nicht, weil wir Mademoiselle maximes Vater nicht fragen können", parierte Delamontagne. Dann deutete er wieder auf die Besucherin und sagte: "Nun, nach dem dunklen Jahr gilt in der magischen Welt wieder "Im Zweifel für den Angeklagten" und nicht "Schuldig bis zum Beweis der Unschuld". Insofern möchte ich die Erregung meiner Schülerinnen und Schüler entschuldigen, Mademoiselle Rashaubara." Die Sabberhexe kicherte verhalten und antwortete dann:

"Das ist die Angst. Angst macht böse oder einsam. Ich verstehe das gut, Monsieur Delamontagne. Aber ich merke, daß ich vielleicht doch besser in meinen Wald zurückfliegen soll. Die beiden werden mir hier immer schwerer, und ich will die nicht in einem Steinbau rausdrücken." Delamontagne nickte und gebot den anderen, hier auf ihn zu warten. Die anderen atmeten auf, als die grüne Waldfrau mit dem Lehrer aus dem kleinen Illusionszimmer verschwunden war. Millie raunte nur, daß ihr das noch gefehlt hätte, der Sabberhexe beim Gebären zusehen zu müssen, wo der Vater der Babys ganz sicher nicht freiwillig mit der zusammengekommen sei. Julius erinnerte sich auch noch zu gut an das, was Tim Abrahams ihm bei der Verhandlung gegen Dolores Umbridge erzählt hatte. Er selbst hatte sich aus jugendlichem Leichtsinn auf eine Affäre mit einer Sabberhexe eingelassen und hatte deren Tochter einen seiner Mitschüler ausgeliefert, weil diese Biester gerne Muggelstämmigen nachjagten, wohl weil in denen noch nicht zu viele Cousinen und Onkels eingekreuzt waren. Hauptsache die waren zeugungsfähig, und die werten Waldfrauen bekamen gesunde Töchter von denen. Die Söhne überlebten ihre Geburt nur solange, wie ihre Mütter ihnen Milch geben konnten. Das wußte auch Delamontagne. Er hatte mit seiner diplomatischen Art nur erreichen wollen, daß die Zauberwesen-AG-Mitglieder unbefangener an wahrhaftig vorgeführte Zauberwesen herangingen und sich nicht von weit verbreiteten Vorurteilen beeindrucken ließen. Julius dachte im ersten Anflug von Gehässigkeit, ob er nicht eine von Hallittis Schwestern fragen sollte, ob die nicht auch mal herkommen wollte. Denn was die Succubi anging, so würde Phoebus Delamontagne sicher keine Fürsprache für die Lebensweise dieser Wesen halten. Doch dann fiel ihm ein, daß er damit eine große Flasche aufmachen und einen ihn fressenden Flaschengeist freilassen würde. Er wollte sicher nicht wissen, wie man so eine Kreatur kontaktierte. Nachher konnte man die noch wie die Dämonen aus den Horrorromanen herbeirufen, beschwören und zum Dienst fordern, wenn man keinen Murks bei der Vorbereitung gemacht hatte. Nein, das wollte er dann besser schnellstens wieder vergessen.

Als Delamontagne zurückkehrte sagte er ganz ruhig: "Vertrauen Sie nicht immer auf die Absicherungen, die Damen und Herren. Zwar konnte uns Rashaubara in ihrem Zustand nicht so gefährlich werden wie eine körperlich unbelastete Vertreterin ihrer Art. Aber es war ihr schon anzumerken, daß sie sich in die Enge gedrängt fühlte. Jedes in die Enge gedrängte Lebewesen tendiert zum plötzlichen Angriff. Das sollte Ihnen im Umgang mit Zauberwesen und magischen Tieren immer bewußt sein. Ich verstehe zwar, daß Sie sich darüber aufregten, daß diese Waldfrau so überlegen auftritt, wenn es um ihre Fortpflanzung geht. Aber selbst Sie haben sicher bemerkt, wie nahe Sie Rashaubara an den Rand einer Unbeherrschtheit getrieben haben."

"Ich habe die Gier dieser Kreatur gefühlt und die Beklemmung ihrer ungeborenen Kinder. Ich habe schon schwangere Hexen und trächtige Tiere getroffen. Die alle zeichneten sich dadurch aus, daß die Ungeborenen sich voll und ganz geborgen fühlten und ihre Mütter nur Angst hatten, ihnen und den Kindern könnte was passieren. Rashaubara hat nur Überlegenheit und Gier empfunden, und ihre Kinder strahlten große Beklemmung aus, als fühlten sie sich wie Gefangene."

"Das würde ja nur gehen, wenn die beiden Kleinen schon ein entwickeltes Bewußtsein hätten", argwöhnte Belisama. "Ich würde mich dann wohl auch ziemlich beklommen fühlen, wenn ich in einem dunklen Sack voller Wasser hinge." Delamontagne schien diese Bemerkung sichtlich zu irritieren, auch was Corinne erwähnt hatte. Er fand wohl nicht so schnell die Worte, die er suchte. Erst nach einer Minute gespannter Erwartung sagte er seufzend:

"Gut, es mag sein, weil die beiden Kinder kurz vor der Geburt stehen und Zwillinge nun mal weniger Platz im Uterus haben als Einzelkinder und Rashaubara tatsächlich ganz kurz vor der Niederkunft steht. Ansonsten halte ich meinen Einwand von eben aufrecht, daß Sie beim Umgang mit Zauberwesen, von denen Sie wissen, daß diese potentiell gefährlich sind, mehr Behutsamkeit und Ruhe an den Tag legen. Denn ohne die Vorstellung lebender Exemplare intelligenter Zauberwesen wäre diese AG nur ein Viertel so viel wert. Mademoiselle Maxime erwähnte, daß Sie bereits mit dem Vampirehepaar Sangazon zu tun hatten. Sicher haben Sie da alle optimale Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Doch gegen die magische Stimme von Voixdelalune Sangazon hätten Sie wohl nicht viel ausrichten können."

"Ähm, Professeur Delamontagne, wenn Mademoiselle Maxime, die damals noch als Madame Ladirectrice angesprochen wurde, Ihnen alles erzählt hat, dann bestimmt auch das, daß die Schutzartefakte diebstahlsicher gemacht worden waren, daß nur sie sie hätte abnehmen können", wandte Patrice Duisenberg ein. Millie und Julius nickten bestätigend. Der Lehrer nickte dann auch. Offenbar hatte der Vergleich nicht helfen können, seine Fassung zurückzugewinnen. So sagte er dann nur noch: "Ich möchte Sie eben nur eindringlich darum bitten, während der Präsentation eines intelligenten Zauberwesens nicht mit aller Verachtung auf es einzureden, sondern es seine Erlebnisse oder Lebensweisen erklären lassen, wie Sie es bei den Hauselfen, bei Madame Léto oder den Vertretern der Zwerge und Kobolde gemacht haben." Alle grinsten unangebracht. Julius dachte auch daran, wie er fast damals mit diesem Zwerg aneinandergeraten war oder wie er die Sangazons verabscheut hatte. Sicher, wer Angst hatte konnte nichts neues lernen. Doch es stimte wohl schon, daß eine bestimmte Natur zu bestimmten Verhaltensweisen zwang und eine grüne Waldfrau eben nicht anders konnte, als sich unter den magischen Jungen mit nichtmagischen Eltern die Väter ihrer Kinder herauszufangen oder die Kinder normaler Menschen zu jagen und zu fressen, wenn man sie nicht daran hinderte. Vampire brauchten Blut, Abgrundstöchter die Lebenskraft geschlechtsreifer Menschen. Er selbst aß immer wieder Fleisch, obwohl Brittany und ihre Verwandten väterlicherseits das für barbarisch hielten. Was sollte er sich da über ein Wesen erhaben fühlen, daß seine Zauberkräfte und seine Körperausscheidungen benutzte, um die eigene Art zu erhalten? Die einzige Antwort darauf war der Gedanke an Tim Abrahams und den Muggelstämmigen, den er unter dem Einfluß einer Sabberhexe an deren Tochter ausgeliefert hatte. Bei dem Gedanken an Tim Abrahams fragte er sich, ob dessen Ehefrau nicht auch schon das erste gemeinsame Kind zur Welt gebracht hatte. Sollte er ihn anschreiben? Dann sollte er aber bestimmt nicht damit ansetzen, daß sie vor kurzem Besuch von einer schwangeren Sabberhexe gehabt hatten. Er dachte noch darüber nach, als Delamontagne die Zusammenkunft beendete und alle in ihre Säle zurückschickte.

Als sie beide in ihren eigenen Wohn- und Schlafsälen in den Betten lagen mentiloquierte Mildrid noch einmal mit Julius. "Ist dir auch aufgefallen, daß Delamontagne ziemlich geknickt war, als Corinne und Belisama das antippten, daß die beiden Sabberhexenbabys ein erwachtes Bewußtsein haben könnten?"

"Klar ist mir das aufgefallen, Mamille. Und ich kann mir auch denken, was den daran so runtergezogen hat."

"Achso, du meinst, daß er auch das denkt, was du mir über Weihnachten zugemelot hast?"

"Denkt oder konkret weiß, Mamille. Der erzählt uns längst nicht alles, was der aus der Liga so mitkriegt. Ich muß dabei auch an diesen gemeinsamen Traum von uns denken. Wir kennen das ja beide, wie sich das für ungeborene Kinder anfühlt. Für wen, der nicht gerade erst entstanden ist oder weiß, daß er nur eine magische Mütze abnehmen muß kommt das schon einer verschärften Einzelhaft im Wassertank gleich. Mum hat mir mal erzählt, daß es bei den Geheimdiensten sowas ähnliches gab, um Leute an den Rand des Wahnsinns zu treiben, weil sie für eine gewisse Zeit nichts mehr sehen, hören oder riechen konnten und um sich herum nur Dunkelheit und Stille hatten."

"Ja, aber so'n Wassertank oder Wassersack ist doch nur ein totes Ding, daß nicht mitbekommt, wie du dich fühlst, Monju", erwiderte Millie. "Wir haben ja unsere eigene Geburt nacherlebt, du meine und ich deine noch dazu. Das war für dich doch nicht so beklemmend, wie Corinne das bei dieser Rashaubara gefühlt haben will."

"Ja, aber nur weil ich wußte, daß mir keine Gefahr drohte und das alles schon lange zurücklag. Aber stell dir mal Larissa Swann vor, wie die erst gemeint hat, zu sterben und dann angefangen hat, ihre Umgebung zu fühlen. Die wußte vielleicht schon vor ihrem zweiten Urschrei, was mit ihr passierte. Ob die sich dabei immer ganz glücklich gefühlt hat?"

"Du hast mit der Kleinen gesprochen. Du hättest die ja fragen können", erwiderte Millie durch Wände und Säle unhörbar. Julius schickte zurück, daß sie das nicht beantworten wollte, weil das die Privatsphäre ihrer neuen Mutter berührt hätte." Millie erwiderte darauf nur, daß sie damit auch ihre eigene Privatsphäre gewahrt habe. Das konnte und wollte Julius nicht abstreiten. So wünschten sich beide noch eine gute Nacht.

 

__________

 

Julius und Millie halfen ihren Kameraden weiterhin beim Aparierkurs. Nur Bernadette lehnte es ab, sich von Millie Tips geben zu lassen. "Ich kam mit deiner Schwester schon nicht klar und muß mich von dir nicht auch noch rumkommandieren oder anleiten lassen", hatte sie einmal gesagt. Das war für Millie mehr als deutlich genug. Immerhin konnten jetzt immer mehr der Sechstklässler apparieren und dabei immer größere Strecken zurücklegen. In vier Wochen wollte Michel Montferre die ersten Freilandübungen machen. Endlich schaffte es auch Bernadette, nachdem Caroline sie damit aufgezogen hatte, daß sie endlich mal ihren Körper und Geist fühlen sollte anstatt darüber nachzudenken, in welcher Zeile stand, wie sie disapparieren konnte. Am Ende der Stunde hatten sie alle es zumindest einmal geschafft. Julius und Millie übten bei der Gelegenheit auch das Apparieren, um nicht einzurosten.

Dusty maulte immer noch über den Fernhaltering um seinen Hals. Zwar konnte er die anderen Kniesel in der Nacht beschnuppern. Aber die gerade Junge habenden Knieselinnen waren vor ihm sicher.

In der folgenden Woche ging es bei Zauberkunst um die Flächenzauber, wobei Julius zum ersten Mal den schwerelosen Raum hinbekam. In Delamontagnes Stunden übten sie Sonnenzauber und Abwehrmaßnamen gegen Dunkelheits- und Kältezauber. Sie besprachen weitere düstere Wesen wie die Inferi und Zombies und wie diese bekämpft werden konnten: Nämlich mit Feuer oder Enthauptung. In Verwandlung führte Julius nun immer bessere Selbstverwandlungen aus, während Laurentine auf Madame Faucons und Professeur Dirksons Fürsprache hin schon mit Autonebulation experimentierte, was Julius einige freie Minuten gab, um sich mit ungesagtem Schnellzaubern in Form zu bringen. Wer konnte schon wissen, ob er nicht irgendwann innerhalb von einer Sekunde aus einem Streichholz einen Kleiderschrank machen mußte.

Richtig entspannend war dagegen das Quidditchspiel Grün gegen Violett. Zwar überrumpelten die Violetten die Grünen in den ersten fünf Minuten und jagten den Quaffel sechsmal durch einen der drei Ringe. Doch dann rollte Angriff auf Angriff gegen das Tor der Violetten an. Dreizehn Tore in Folge, von denen jeder Jäger vier erzielen konnte, trieben die Violetten zu an Brutalität grenzenden Ausbruchsversuchen. Das wiederum brockte ihnen fünf Strafwürfe ein, so das Louis nach nur zwanzig Minuten das zwanzigste Tor erzielte. Ob es für die Violetten eine Erleichterung oder der Gipfel der Demütigung war konnte Julius nicht sagen. Doch als Monique den goldenen Schnatz erwischte und den Spielstand auf 380 zu 60 Punkten ausbaute, verloren die Violetten kein weiteres Wort. Der Jubel kam von den Grünen, den Gelben und den Blauen. Die Roten klatschten nur und sangen: "Rot Rot Rot. Die Schale wird doch rot!" Millie und Sandrine gehörten zu den ersten Gratulanten nach den Saalvorstehern. Professeur Paralax wußte wohl nicht, ob er seiner Mannschaft gratulieren sollte, nicht noch mehr Tore geschluckt zu haben oder ihnen Mut zusprechen sollte, daß es in der nächsten Runde andersherum laufen würde. Da es nur noch zwei gab war das auch kein Trost, dachte Julius.

"Den Schnatz kriegen wir auch im nächsten Spiel, Süße", feixte Gérard, der neben seiner Freundin bei Julius stand.

"Als wenn du Sucher bei denen wärest. Ich werde den schon kriegen, wenn Monique nicht hinsieht, Schnuckel, glaub's mir. Genau wie ich dich im Mai bei mir auf den Besen heben werde."

"Ähm, 'n bißchen früh wohl oder?" Erschrak Gérard. Doch Sandrine antwortete nicht darauf. Sie zog weiter, um Monique klarzumachen, daß das nächste Spiel nicht an den Schnatz für die Grünen zu denken war. "Die will doch nicht echt vor dem UTZ-Jahr heiraten", grummelte Gérard.

"Wieso nicht. Millie hat mich doch auch schon geheiratet", erwiderte Julius. Denn wenn eine Hexe den Zauberer ihrer Wahl auf ihr vorderes Besenende aufgabelte und für alle sichtbar mit ihm über dem Gelände herumflog, dann galt nach der alten Tradition eine Zweimonatsfrist bis zum Läuten der Hochzeitsglocken. Millie, die gerade bei Céline stand und ihr zu drei genialen Durchstoßmanövern ohne Dawn'schen Doppelachser gratulierte, hörte es gerade nicht, als Julius sagte: "Die hat mitbekommen, wie schnell du vom Haken sein kannst, wenn es ernst wird, Gérard. Deshalb wird Sandrine jetzt, wo sie an Millie und mir sieht, daß das auch in der Schule geht, darauf ausgehen, dich einzuholen und zu sichern."

"Ey, das ist jetzt fies, Julius. Ich kann dir dafür keine Strafpunkte reindrücken", knurrte Gérard. "Mach das zum Thema bei der SSK", konterte Julius. Doch genau das würde Gérard nicht im Traum tun. Denn dann konnte es ihm oder Sandrine passieren, daß geklärt wurde, ob die beiden schon einmal den Regenbogenvogel gerufen hatten. Mittlerweile kannte er Sandrine doch gut genug, daß sie nichts sagte, was sie nicht auch so meinte und nichts anleierte, hinter dem sie nicht stehen konnte. Robert, der gerade vorbeikam, um seiner Freundin zu gratulieren, hielt kurz an und fragte Gérard, was ihm über die Leber gelaufen sei. Er meinte nur, daß Sandrine wohl im Überschwang gemeint hatte, sie würde den Schnatz beim nächsten Spiel genauso locker erwischen wie sie ihn auf den Besen heben würde."

"Achso, und du möchtest dann lieber ein Schnatz sein und in Sandrines warmer, weicher Hand flattern als dir ihren Besen zwischen die Gräten friemeln zu lassen?" Fragte Robert vergnügt grinsend. Gérard schnarrte nur zurück, daß Robert es gerade nötig habe, wo Céline eifersüchtig auf Connie sei, daß die schon ein Kind hätte.

"Tja, wo die das ganz alleine großfüttern muß", erwiderte Robert und eilte schnell weiter, um den beiden Schulkameraden nicht zu zeigen, wie heftig ihn das getroffen hatte. Julius konnte sich gut vorstellen, daß nicht nur Sandrine schon mit dem Gedanken spielte, ihren festen Freund auf den Besen zu heben. "Könnt ihr das Sandrine nicht beibringen, noch ein Jahr zu warten? Ich meine, sie ist ein sehr nettes Mädchen, und ich kann mir das supergut vorstellen, mit der alt zu werden und ein paar Kinder und Enkel um mich rumlaufen zu haben. Aber du bist doch durch die Kiste mit Millie schon voll ausgebucht. An dir hängen doch schon alle Latierres dran, daß du nach Beauxbatons bei einem oder einer von denen anfängst, um der runden Hexenoma die ersten Urenkel groß und stark füttern zu können, wo Mogeleddie Martine hat abblitzen lassen."

"Gerade der sollte dir ein warnendes Beispiel sein, Gérard. Sandrines Eltern sind bestimmt auch leicht wütend zu machen, wenn ihre Tochter nicht den Typen auf den Besen heben kann, der lange genug um sie herumgelaufen ist. Sandrines Mutter ist auch noch drauf, meine Mutter aus dem Muggelverbindungsbüro abzuwerben, um sie in der grundschule von Millemerveilles fest anzustellen. Wenn Sandrine ein Wenig von deren Beharrlichkeit hat, wird sie dich nicht in Ruhe lassen, bis du mit ihr vor dem Zeremonienmagier stehst. Es sei denn, du verscherzt es dir komplett mit ihr. Aber dann bist du bei allen französischen Junghexen abgemeldet."

"Ich weiß ja, daß du da wohl aus gewisser Erfahrung sprichst, Goldtänzer", knurrte Gérard. "Dann lasse ich besser die anderen zu dir, die da gerade angerauscht kommen. Die kleine Dicke Duisenberg ist auch dabei."

"Die kann dir auch keine Strafpunkte geben", erwiderte Julius darauf. Dann waren Corinne und ihre ein Jahr jüngere Tante Patrice heran. Gérard setzte sich ab.

"Sandrine ist an Monique dran, daß die gelben den Schnatz kriegen, wie? Aber den hol ich mir im letzten Spiel von ihr ab, bevor sie ihre Hand dran hat. Jedenfalls sehr schön schnelle Manöver. Jetzt weiß ich, was ich in meine Truppe noch reinkriegen muß. Danke für die Vorführung!" Sie knuddelte Julius, der durch den Größenunterschied zwischen Corinne und sich selbst irgendwie daran dachte, was wäre, wenn sie ihn auf den Mund küssen wollte. Da schob Corinne aber schon ab und schlüpfte sehr gewandt zwischen den anderen sie überragenden Schülern hindurch vor Monique hin und sprach diese von unten her an. Offenbar hatte die Sucherin und Kapitänin der Grünen die Konkurrentin nicht gesehen und erschrak leicht. Louis wurde gerade selbst von einer Traube von Junghexen umschlossen, darunter Jacqueline Richelieu, Babette und Mayette Latierre. Julius fragte sich jungenhaft, ob das was wäre, Louis und Mayette? Dann wäre der Muggelstämmige auch in der Latierre-Familie und hätte Ursuline als Schwiegermutter. Dann würde Louis ja sein Onkel. Na, ob das so eine gelungene Vorstellung war? Mayette warf Julius einen Blick zu und löste sich aus dem Pulk ihrer Jahrgangskameradinnen.

"Wenn der auch so gut tanzen lernt wie der fliegt müßt ihr den gut wegschließen. Callie schmachtete den schon echt an", sagte Mayette vergnügt grinsend.

"Ich denke, da wird erst noch der Kasten mit den Nummern aufgestellt, die jede ziehen muß, die Louis gratulieren will. Abgesehen davon sieht der mir im Moment nicht danach aus, als wolle der sich jetzt schon festlegen."

"Da wird meine halbgroße Nichte Calypso nicht nach fragen, Julius. Die läßt dich doch nur in Ruhe, weil sie keinen Krach mit Millie und Hipp kriegen will. Aber wenn der Louis nicht bis nächsten Sommer eine an der Hand hat, hängt er an Callie dran oder Pennie. Die müssen das wohl noch ausknobeln."

"Falls Louis nicht findet, mit der Enkeltochter der Schulleiterin gut auszukommen. Aber das denkt der auch nur solange, wie er Babette noch nicht richtig kennt."

"Ey, wenn den eine Latierre haben will wird Babette das echt nicht abwürgen. Aber vielleicht steht der auf 'ne Violette mit einem superlangen Stammbaum von Hexen und Zauberern."

"Nächstes Jahr kommen Denise Dusoleil und Melanie Odin nach Beaux. Dann ist die Konkurrenz noch größer", trieb Julius den Scherz an den Rand der Unerträglichkeit. Mayette deutete nur auf Louis, der gerade versuchte, Babette und Jacqueline abzuwimmeln. Doch da kam gerade das zwillingspaar Calypso und Penthisilea Latierre angelaufen. Mayette grinste überlegen und stupste Julius kurz an, bevor sie davonlief. Julius dachte an jenes eine Quidditchspiel, nachdem Millie ihn vor großem Publikum einen Kuß auf den Mund gegeben hatte, wo er noch mit Claire zusammen gewesen war. Wenn Callie und Pennie ähnlich dreist waren konnte es Louis auch noch passieren was ihm paassiert war.

Millie stand gerade bei Céline. Julius ging hinüber und achtete nicht auf Callie und Pennie. Er unterhielt sich mit seiner Frau und seinen Mannschaftskameraden über die Erfolgsaussichten, daß Rot oder Grün den Pokal bei sich stehen haben würde. Erst nach ungefähr einer Viertelstunde traute er sich wieder zu Louis und dem Schwarm junger Hexen hinüberzusehen. Professeur Dirkson stand bei ihm und hatte offenbar alle anderen jungen Damen verscheucht. Louis wirkte ziemlich erschüttert. Julius beschloß, zu klären, was passiert war und eilte hinüber. "Huch, wir haben gewonnen, Louis. Wieso so erschüttert?" Fragte er. Louis sah ihn an und meinte:

"Öhm, diese beiden rotblonden Kraftriegel haben mich mehrmals hochgeworfen. Dann meinte die Ausgabe mit der Lockenfrisur, daß ich noch ein bißchen mehr essen müsse, weil sie sonst Angst hat, ich könnte ihr durch die Decke fliegen. Dann kam aber Professeur Dirkson und hat die beiden ruhig aber mit klarer Ansage dazu bekommen, mich in Ruhe zu lassen. Wenn ich mit 'ner Kampfdrone aus Walküristan zwischen die Laken wollte würde ich Professeur Fourmier anschreiben, ob die für sowas zu haben sei. Sag das den beiden bitte, daß ich keine Ken-Puppe bin, die man durch die Gegend feuern kann, ey!"

"Ey ist das falsche Zauberwort, Louis. Aber mir liegt auch was dran, denen ganz ruhig und ohne Strafpunkte zu erklären, daß zwei auf einmal eine zu viel sind. Dann hast du erst einmal Ruhe vor denen."

"Was ist los?" Wollte Millie wissen, die gerade ankam. Louis sah sie an und meinte, sie möge ihren beiden überzüchteten Cousinen bitte ausrichten, daß er nicht ihr lebendiges Spielzeug sei und sich die mit den Locken keine Hoffnungen machen sollte, sie könnte ihn durch eine Wohn- oder gar Schlafzimmerdecke feuern.

"Dann such dir langsam mal eine aus, Louis. Callie und Pennie merken das, daß du auf uns Mädels ansprichst, auch wenn du selbst das ziemlich unangenehm findest. Aber du bist bei Julius im grünen Saal gelandet und nicht bei den Gelben, und selbst die sind da nicht so zurückhaltend."

"Als wenn dich das abgehalten hätte, Millie", grummelte Julius. Seine Frau erwiderte ruhig: "Weil ich wußte, daß wenn nicht Claire dann nur ich, Süßer. Ich wußte das, und du hast es kapiert, daß du mit mir auch besser zurechtkommst als mit den anderen, die um dich herumgeschlichen sind." Dann wandte sie sich wieder an Louis: "Ich versuch noch mal mit Callie und Pennie zu reden, daß Jungs nicht so gerne von Mädchen in die Luft geworfen werden wollen. Womöglich haben die schon vergessen, was das mit Gérard ihnen und damit unserer Mannschaft eingebrockt hat. Aber was ich sagte meine ich auch, Louis. Du brauchst nur die Hand auszustrecken, und zwei von uns Mädels hängen dran. Fühl dich geehrt und glücklich, wenn du nicht auf Jungs stehst!"

"Setz das bloß nicht in Umlauf, sonst gibt es tierischen Streß", knurrte Louis. Julius räusperte sich und wandte ein, daß Millie ihm nicht vorschreiben wolle, wen er als Freundin haben wolle. Darauf meinte Louis:

"Ich habe beschlossen, daß ich erst mit der Schule durch sein will, bevor ich klar kriegen will, ob ich mit einer aus der Schule oder einer anderen was anfange. Das darfst du deinen übersteuerten Cousinen gerne so weitergeben."

"Im Mai ist Walpurgis. Ich habe von Marc, daß ihr zwei die Soziusflugprüfung gepackt habt. Das heißt für dich, daß dich sicher einige Hexen einladen werden. Einer von denen solltest du zusagen, wenn du keinen dauernden Krach mit allen von denen haben willst. Und so wie du meinst, gerade drauf zu sein willst du ganz sicher keinen Schwarm wütender Hexen um dich rumsurren haben."

"Steck's dir wohin, Mildrid Latierre!" Knurrte Louis gereizt. Millie wollte schon was erwiedern, als Julius sagte: "Nun, Millie kann dir natürlich keine Anweisungen für dein Privatleben geben, solange du nicht vor ihr krank herumläufst. Wir klären das mit Callie und Pennie. Aber was die Walpurgisnacht angeht stimmt das. Jungs, die eingeladen werden sehen das als Ehre an. Wenn sie jede Einladung ablehnen machen die sich locker unbeliebt. Und du hast durch das Turnier hier gerade sehr viele Sympathiepunkte gewonnen. Wenn du keine Einladung annimmst, und es sich rumspricht, wer dich alles eingeladen hat, kannst du die Sympathie locker wieder verlieren. Ich war zumindest froh, daß ich hier in Beaux schon gut untergebracht war." Louis winkte Julius und Millie näher heran. Millie lauerte, ob sie ihm nicht doch noch Strafpunkte aufhalsen sollte. Da sagte Louis: "meine Alten kippen voll aus den Latschen, wenn ich mir hier 'ne Freundin zulegen würde. Die halten mich immer noch für eine Art Mutant. Außerdem könnte ich in den Ferien doch mit keiner von denen telefonieren außer mit Babette oder Jacqueline, und die sind mir zu klein."

"Du hast also Angst, daß du feststellst, daß du mit einer von den Mädchen supergut klarkämst und deine Eltern darüber einen Herzinfarkt kriegen könnten oder was?" Fragte Julius. "Dann sage ich dir mal was. Mein Vater hat bis zu seinem unrühmlichen Abgang gemeint, ich sei abartig und hätte von Hogwarts oder Beauxbatons ferngehalten zu werden. Deine Eltern lassen dich immer noch hierherkommen. Die müssen doch wissen, daß hier auch viele junge Mädchen rumlaufen. Und wenn du im Quidditch supergut mithältst macht das bei denen Eindruck. Am besten wartest du drauf, wer dich zur Walpurgisnacht einläd. Dann kannst du ja aussuchen, hinter welcher du einen Abend bis Mitternacht sitzen möchtest. Vielleicht kriegst du das dann mit dir selber klar, was du willst. Ich habe das lernen müssen, daß ich nicht andauernd darauf schauen soll, was meinen Eltern paßt, sondern was für mich wichtig und richtig ist. Es tut mir heute noch weh, daß mein Vater so ein sturer Hund war und ich dem nicht zeigen konnte, daß ich immer noch ein Mensch bin. Also lass das alles ruhig und locker auf dich zukommen. Millie und ich klären mit Callie und Pennie, was da passiert ist und daß sie dir genauso Zeit geben sollen wie alle anderen. Die müssen nicht alles haben, was denen gerade mal gefällt."

"Also, Millie, ich bin nicht schwul - denke ich zumindest", knurrte Louis an Millies Adresse. "Aber ich habe echt keinen Bedarf, mich jetzt schon festzulegen und damit meine Ferien zu versauen, daß mir die Eltern von einer 'ne Einladung schicken, mich doch mal kennenzulernen. Abgesehen davon kenne ich deine werte Tante, als die wegen der beiden Dynamitschnepfen hier war. Das ist doch die im Cowgirlanzug, richtig? Die machte auf mich den Eindruck von 'ner totalen Spaßbremse. Die müßte ich ja mitheiraten, wenn ich eine von deinen Cousinen buchen würde. Steck denen das."

"Stimmt, mit Tante Babs kämst du nicht so gut klar wie mit Oma Line. Also häng dich an Mayette oder spann Marc Tante Pattie aus!" Scherzte Millie. Dann sagte sie schnell noch: "Okay, du kriegst deine Zeit. Aber das mit Walpurgis solltest du echt klarhaben, daß du eine Einladung annehmen mußt, wenn du mehr als eine kriegst. Und glaub's mir, das geht schnell rum, wer dich oder sonst einen von den Jungs einläd. Wer die Soziusprüfung geschafft hat setzt sich selbst auf die Teilnehmerliste. Hättest du dir also vorher überlegen sollen, ob du mit Tante Patricias derzeitigem oder endgültigem Anhang die Flugprüfung machst." Julius nickte und wünschte Louis noch einen erholsamen Tag.

"Ist der bescheuert. Der könnte die besten Mädels abschleppen und hat Bammel davor, daß dem seine Eltern ihm querkommen."

"Na ja, wenn deine Cousinen den mal eben einige Male in die Luft werfen. Soweit ich weiß hatte Pippi Langstrumpf auch keinen Ehemann, weil sie allen Männern zu stark war."

"Also langsam wird dieses Buch über dieses Wundermädel fällig. Marc hatte es auch schon häufig von der. Aber die sah wohl eher wie eine der Montferre-Mädels aus, richtig?"

"Nur daß Bine und San keine Sommersprossen haben", erwiderte Julius darauf. Das brachte seine Frau zum lachen.

In einem der Parks trafen sie Calypso und Penthisilea. Julius fragte die beiden, ob sie seinen neuen Jägerkameraden einschüchtern wollten, daß er beim Spiel gegen die gelben nicht mehr auf den Besen wolle. Callie meinte dazu:

"Der Typ ist süß, Julius, nicht so'n Angeber und Draufhauer. Wollte nur wissen, ob ich den noch hochheben kann. Ging noch zu gut. Der muß noch mehr wachsen und zunehmen."

"Nichts für ungut, Callie. Ich weiß, dir gefällt das, superstark zu sein und damit viele Jungs fertigmachen zu können. Aber es gibt welche, die kriegen erst Angst und dann eine Stinkwut, wenn sie andauernd fertiggemacht werden. Wenn du möchtest, daß Louis oder ein anderer Junge dich auch süß findet, solltest du den nicht bei der ersten Begegnung drei Meter in die Luft werfen."

"Es war nur ein Meter", berichtigte Callie ihn. Pennie grinste verschlagen. Dann meinte sie: "Callie fliegt auf euren Muggelstämmigen aus unserem Jahrgang. Sie will den für Walpurgis einladen."

"Genau wie du, dumme Gans", knurrte Callie. Millie sagte noch, daß Tante Babs bestimmt keine pure Latierre-Kuhmilch an die beiden weitergegeben hätte, wenn sie gewußt hätte, daß die beiden dadurch jeden Jungen vergraulen, der was hermachen würde. Pennie meinte dazu:

"Kannst sie ja antexten und dich für Callies heimlichen Schwarm ausheulen, Millie."

"Habe ich nicht nötig. Spätestens wenn Professeur Delamontagne bei Louis Probleme im Unterricht feststellt und Madame Rossignol den fragt, wie das kommt kriegt erst Professeur Fixus bescheid und dann Tante Babs. Da kann ich ganz locker zuhören, was dann passiert. Sei froh, daß ich nicht wie Tine bin. Die hätte dir und Callie gleich für diese Antwort schon dreißig Strafpunkte aufgeladen und für das Herumwerfen von Klassenkameraden vielleicht noch mal zwanzig. Ich bin wie erwähnt nicht so gestrickt."

"Der Typ wird schon klarkriegen, mit welcher er auf den Besen steigt", grummelte Pennie. Julius sagte, daß er Louis gebeten habe, sich die Zeit zu nehmen und klären solle, ob er eine Einladung annehme und wenn ja welche, weil die bestandene Soziusflugprüfung ihn ja doch irgendwie dazu verpflichte. Das kapierten die beiden vielleicht etwas frühreifen Schwiegercousinen. Sie zogen ab. Julius ging mit Millie einige Schritte weiter.

"Das ist eine gute Übung für unsere eigenen Töchter, Julius", raunte Millie ihrem Mann zu. Dieser stutzte und sagte leise:

"Eine von denen würde schon völlig reichen."

"tja, die muß aber erst mal in den kleinen Warteraum einziehen, Monju", säuselte Millie ihrem Mann ins Ohr. Dann erkannte sie, daß sie beide wohl zu nahe beieinanderstanden und nahm einen gewissen Abstand. Wenn sie im nächsten Jahr ein Ehegattenzimmer bekämen würde kein Hahn mehr nach den Anstandsregeln krähen. Aber im Moment galten diese verflixten Sonderregeln noch, die seit ihrer vorzeitigen Eheschließung in Kraft traten.

Den Nachmittag lang bereitete Julius mit den anderen die Siegesparty vor. Diese wurde wieder grandios, auch wenn Julius mehrere Tänze ausließ, um sicherzustellen, daß ganz junge Mitschüler nicht von älteren zum Wettsaufen angestiftet wurden. Wie bei der letzten Siegesfeier wurde um Mitternacht Zapfenstreich geblasen. Julius war gut erschöpft, Laurentine auch, weil er die ausgelassenen Tänze dafür mit manchmal vier Partnerinnen pro Tanz nachgeholt hatte. Ganz zum Schluß hatte er mit Céline getanzt, während Robert mit Laurentine tanzte. Nun war er sichtlich geschafft vom Tag und vom Erfolg.

 

__________

 

"Ihre Mithilfe hat sehr motiviert, Madame und Monsieur Latierre", begrüßte Michel Montferre die beiden am Sonntag nach der Pflegehelfersitzung. "Jetzt haben es wirklich alle geschafft zu apparieren. Wir vergrößern heute die Übungsstrecke. Wir sind noch wunderbar im Zeitplan." Julius konnte Apollos Fortschritte bewundern. Sandrine schaffte es nun auch jedes Mal, ohne zu zersplintern, wovor sie am Anfang die meiste Angst gehabt hatte, bis Millie ihr erklären konnte, wie sie sich ganz sicher darauf konzentrieren konnte, alles von sich an den Zielort zu bringen. Als die Anfangshürde überwunden war fiel es ihr immer leichter, wenngleich sie sich vor Übermut hütete.

"Ich glaube, ich rege das an, daß das Testzentrum im Sommer im Miroir eine Anzeige bringt, wer von den Sechstklässlern schon vor Weihnachten volljährig wird könne den Kurs in den Ferien machen und zu Weihnachten die Prüfungen ablegen. Die Idee Ihrer Schwägerin hat sich ausgezahlt", wisperte Michel Montferre, als Millie Céline anspornte, statt nur drei Meter gleich fünf Meter zu überspringen und es ihr mit einer Lockerheit vorführte, die nur durch viel Übung möglich geworden war.

"Na ja, an und für sich hätten Millie und ich wohl genug anderes zu tun gehabt. Und ganz auszuschließen ist das nicht, daß das einige doch heftig unter Druck gesetzt hat, daß sie und ich das schon gelernt haben", wisperte Julius dem Apparierlehrer zu.

"Habe ich gemerkt, vor allem bei der jungen Mademoiselle Lavalette. Offenbar kann sie es nicht verwinden, daß es Dinge gibt, wo sie nicht durch bloßes Studium zum Erfolg gelangt. Das haben meine großen Mädchen mir zumindest als Erklärung angeboten", raunte Michel Montferre, bevor er Apollo zurückpfeifen mußte, der gerade anlauf nehmen wollte. "Aus dem Stand, Monsieur Arbrenoir. Sie kommen nicht schneller an, wenn sie aus vollem Lauf disapparieren. Es kann Ihnen sogar eher passieren, daß ihre Füße aus dem Transit geraten und von Ihnen absplintern. Ich möchte keinen Krach mit Ihrer Frau Mutter oder mit Ihrer hiesigen Saalvorsteherin bekommen. Disapparieren immer aus ruhigem Stand, höchstens mit einem senkrechten Absprung. Jede sonstige Bewegung schadet eher, als sie nützt. Weitermachen!"

"Der kennt wohl doch Bücher von Raumschiffen, die erst bis knapp an die Lichtgeschwindigkeit beschleunigen müssen, um sauber in den fünfdimensionalen Hyperraum überzuwechseln", scherzte Julius. Er hatte mit Monsieur Montferre ja über die Vorstellungen der Muggel geredet.

"Wie war das noch mal mit dem Geräusch, Julius?" Julius erklärte ihm, was ihm Martine in der einen Übungseinheit erklärt hatte, und Apollo machte es nach, wie Julius mit leisem Plopp über zehn Meter hinwegapparierte. Céline schaffte es noch leiser.

"Wunderbar. So wie sich das für mich ergibt kommen Sie alle, die bis zum April volljährig sind durch die Prüfung, wenn Sie derartig gute Fortschritte machen. Nächste Woche machen wir noch Übungen in der Aula. Dann geht's in das freie Gelände", legte Monsieur Montferre die Marschroute fest.

Der restliche Sonntag verlief für die Schüler zwischen fünfter und siebter Klasse mit Lernen und Ausprobieren der aufgegebenen Zauberübungen. Julius hatte jedoch als Saalsprecher genug damit zu tun, seine Mitschüler zu beaufsichtigen, die meinten, auch Flüche oder weitreichende Verwandlungszauber einzuüben. Abends unterhielt er sich noch einmal mit Céline, Laurentine und Gérard über die anstehenden Apparierprüfungen und erwähnte, wie er das gelernt hatte und daß seine sonst so vorauseilende Grundkraft bei diesen Übungen am Anfang eher gestört als geholfen habe. Er ging mit ihnen die Theorie durch, bis die Klassenkameradin Jasmine dazukam und meinte, daß es von Céline und Laurentine nett gewesen wäre, sie auch zu fragen, ob sie sich mit Julius über die Appariertheorie unterhalten wollte. Julius bot ihr an, ihre Fragen noch zu beantworten. Doch sie erwiderte eingeschnappt: "Jetzt brauch ich das nicht kurz vor dem Schlafengehen. Ging auch nicht gegen dich, sondern an die Adresse der beiden Damen Broschenträgerinnen aus meinem Schlafsaal." Céline verwickelte die Jahrgangs- und Schlafsaalkameradin daraufhin in eine kurze, leise, aber doch hitzige Debatte über die Einteilung der eigenen Übungszeiten und daß sie, Jasmine, ja jedesmal mit anderen Sachen zu tun gehabt hätte, wenn Céline ihr gemeinsame Übungen oder die ganze Appariertheorieübungen angeboten habe. Julius nutzte die kurze Zeit, um sich mit Laurentine noch einmal über ihre Fortschritte zu unterhalten.

"Seitdem das mit meinem Zauberstab klar ist gehen jetzt immer mehr Zauber, die früher gerade so gingen auch ungesagt, Julius. Professeur Delamontagne meinte sogar, daß ich damit wohl sogar halb so lange brauche, um umfangreichere Zauber auszuführen. Na ja, wenn ich die Prüfung packe kann ich in den Osterferien wenigstens rüber zu Céline oder auch mal zu euch. Ach neh, ist ja Sardonias dunkle Schutzglocke über dem Dorf, die von außen kommende Aparatoren zurückwirft oder zerbröselt."

"Dann flohpulverst du eben von Célines Haus aus zu uns oder in die Wirtschaft von Caros Eltern rein", erwähnte Julius, wie Laurentine innerhalb weniger Minuten von Vorbach an der Französisch-deutschen Grenze nach Millemerveilles in der Provence reisen konnte.

"Meinen Eltern wird das so oder so nicht passen. Könnte denen einfallen, gleich bei Ferienbeginn mit mir eine weite Urlaubsreise zu machen, damit die vom ATZ mich nicht finden und deshalb die Prüfung nicht abnehmen können", grummelte Laurentine. "Dann wäre die ganze Übung und die eifersüchtigen Bemerkungen von Bernadette voll für den Müll."

"Glaubst du, Professeur Delamontagne und Madame Faucon wüßten das nicht längst, wie sie dich finden, wenn du ganz konkret anzeigst, daß du auf jeden Fall die Lizenzprüfung im Apparieren machen willst? Wenn die mich und/oder meine Eltern gesucht haben, haben die uns auch immer gefunden. Da kann sich deine Mutter gerne mit meiner unterhalten, wie gut das ging, ob wir in Australien waren oder meine Eltern in den Staaten. Briefe kamen da irgendwie immer an."

"Ich wollte dir nur sagen, daß ich das sehr gerne auch machen möchte, wenn das mit der Prüfung klappt", sagte Laurentine. Dann fragte sie, ob Gérard schon was erwähnt habe, ob Sandrine ihren siebzehnten irgendwie groß in der Schule feiern oder nachholen wolle. Julius gestand ein, daß er darüber noch nichts erfahren habe und wandte sich mit Laurentines Frage an Gérard.

"Die, die sie von den Schülern dabeihaben will kriegen bis zum ersten März 'ne Eule", hielt Gérard die Antwort parat. "Der Tag selbst ist ja der dritte. Müssen wir noch klären, wie das geht. Abgesehen davon spielt ihr ja zuerst mal gegen ihre Mannschaft Quidditch." Julius nickte. Grün gegen Gelb war die erste Partie der vorletzten Runde im Schulturnier und würde in zwei Wochen stattfinden.

"Mehr ist im Moment wohl auch nicht nötig", sagte Gérard dazu noch.

 

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Die beiden Wochen bis zum Spiel krochen mühsam dahin, weil die Lehrer, die zauberstabbasierte Fächer gaben, fast jede Stunde mit neuen Zaubern um die Ecke kamen, die zwar auf die bereits erlernten irgendwie aufbauten, aber doch gewisse Feinheiten verlangten, um nicht aus dem Ruder zu laufen. In Verwandlung wurde für alle Sechstklässler das Hantieren mit partiellen Selbstverwandlungen immer wichtiger. Professeur Dirkson stellte sehr umfangreiche Aufgaben. Schüler sollten zusehen, ihr äußeres perfekt dem geschlechtsgleichen Vorbild ihrer Wahl anzupassen. Millie und Julius waren da schon mit gegenständlichen Selbstverwandlungen zu Gange. Außerdem hatte Julius der Lehrerin gegenüber erwähnt, daß er wahrhaftig zum Animagus werden wollte. Millie hatte sich dem angeschlossen, weshalb sie nach den offiziellen Unterrichtsaufgaben unter Aufsicht der selbst als Animaga registrierten Lehrerin die entsprechenden Verwandlungsübungen machen durften. Ziel war ja, es bis zur Abnahme des der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe untergeordneten Animagus-Registrierungsamtes und den Ausschuß gegen den Mißbrauch der Magie die erwählte oder bevorzugte Tiergestalt ohne Zauberstab annehmen zu können, was ein Prozeß war, der auch bei alle zwei Tagen stattfindenden Übungen zwischen einem und zwei Jahren dauern würde. Wollte Millie in der Zeit wirklich das erste Kind bekommen, so schob sich dieser Lernvorgang um noch einmal zwei Jahre nach hinten, da Hexen, die Kinder trugen oder säugten jede Selbstverwandlung verboten war. Da Millie dem Kinderwunsch Vorrang vor dem Animaga-Status einräumte ging sie darauf ein, erst nach der Schulzeit, wenn das erste Familienmitglied auf der Welt war, intensive Übungen machen wolle, jedoch schon in Beauxbatons die Grundlagen einüben wolle.

In der Abwehr dunkler Künste reisten sie einmal nach Millemerveilles in die Schattenhäuser, wo sie neben den dort in mehrfachen Bannkreisen gefangenen niederen Nachtschatten, die fast wie natürlich geworfene Schatten wirkten, wenn sie nicht diese unheilvollen dunkelblau leuchtenden Augen besessen hätten, auch die dort verwahrten Golems kennenlernten.

"Wir kriegen zwar im Okzident wenig mit diesen künstlichen Erfüllungsgehilfen mächtiger Zauberer zu tun, sollten aber darauf gefaßt sein, daß sie von irgendwo im Morgenland auch wieder gegen die westliche Welt geschickt werden", sprach Professeur Delamontagne. "Immerhin hat der unheilvolle Dunkelmagier Tom Riddle alias Voldemort einen Golemmeister kultiviert, dessen Geschöpfe im Sommer 1996 in Großbritannien marodiert haben. Es ist also keine Zeitvergeudung, uns mit der Beschaffenheit und der Abwehr dieser durch umfangreiche Zauber erschaffenen Kunstwesen zu befassen", erwähnte Delamontagne. Dann sah er Caroline und Julius an und fragte sie, ob sie noch behalten hätten, was sie einmal im Ferienunterricht bei Madame Faucon gelernt hätten. Julius durfte dann den Verbannungszauber gegen Golems vorführen. Er hätte das steingraue, menschenähnliche Ungetüm in seinem Käfig mit säulenartigen Gittern auch vernichten können. Doch da dieses Geschöpf dazu da war, die Auswirkungen dunkler Machenschaften zu zeigen, durfte er das nicht. Monsieur Pierre, dem Sicherheitsverantwortlichen von Millemerveilles, wäre das sicher übel aufgestoßen, von irgendwoher einen echten Golem beschaffen zu lassen. Denn ein Bestandteil zur Herstellung dieser künstlichen Sklaven war Menschenblut. Nur wirklich skrupellose oder in unabwendbarer Bedrängnis befindliche Magier griffen auf Golems zurück. Das erwähnte auch der Fachlehrer, der in den Pausen, wo sie alle durch die Schattenhäuser gingen, Autogramme an gerade mit der Schule fertigen Hexen verteilen durfte, die ihn hier noch als Gegenminister kennengelernt hatten. Jedenfalls waren die UTZ-Schüler sichtlich beeindruckt, ergriffen und erschüttert, was mit dunklen Kräften und wesen so alles für Unheil angerichtet werden konnte.

Den Vortag der Begegnung zwischen Grün und Gelb verbrachten Julius und die anderen Mannschaftsmitglieder hauptsächlich mit leichten Sportübungen, um ihre Beweglichkeit und Ausdauer auf hohem Wert zu halten. Julius lieh Céline, Louis und den anderen seinen Schwermacher aus, um sie unter dessen Einfluß an ihre Leistungsgrenzen herankommen zu lassen. Sandrines Mannschaft hatte für freitag Abend noch einmal das Feld gebucht, gut bewacht von allen Mitschülern oberhalb der fünften Klasse, um jede Form der Spionage zu unterbinden. Denn den Gelben war klar, daß ein Sieg gegen die Grünen sie durchaus noch um die ersten drei Plätze mitspielen ließ, während sie bei einer Niederlage aufpassen mußten, daß sie nicht noch hinter die sehr ins Hintertreffen geratenen Weißen gerieten, die in dieser Runde gegen die Roten zu bestehen hatten und Millies und Apollos Mannschaft sich von dieser Mannschaft sicher mehr als die Schnatzfangpunkte holten. Und weil die Gelben in der letzten Runde des Turniers noch gegen die Roten ranmußten, wollten sie die Partie gegen die Grünen zumindest mit genug Punkten beenden, um in der oberen Tabellenhälfte zu bleiben, wenn sie schon nicht mehr um den Pokal mitspielen mochten.

 

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Julius wußte nicht, wie er sich fühlen sollte, daß er heute gegen Sandrines Mannschaft antreten würde. Bei der letzten Partie Grün gegen Gelb hatte sie noch nicht mitgespielt. Andererseits hatte er jetzt schon zwei Partien im direkten Kampf gegen seine Partnerin Mildrid überstanden. Das erste Spiel war zwar eine Katastrophe für die Grünen. Doch mit dem Eröffnungsspiel dieses Jahres hatten die Grünen ihre Anhänger ausreichend entschädigt. Wenn sie heute gegen die gelben gewannen, wurde der Pokal nur noch zwischen Grün und Rot ausgespielt, auch wenn Corinne beharrlich behauptete, daß der Pokal am Schuljahresende doch blau werden würde.

"Ich bin heilfroh, daß ich nie in die Mannschaft reinwollte", wandte sich Gérard nach dem Frühstück an Julius, der gerade die ihm zugeflogenen Eulenpostsendungen in seinem Practicus-Brustbeutel verstaute. Jetzt wollte er keine Briefe lesen, egal wie fröhlich oder traurig sie waren. Er hatte von Pina, Kevin und seiner Schwiegertante Barbara Post erhalten. Wenn das Spiel vorbei war würde er die Briefe lesen.

Es war für Julius immer wieder unheimlich und mitreißend zugleich, diese lautstarke Zuschauerkulisse, die sich auf den Tribünen um das ovale Spielfeld gebildet hatte. Selbst solche Schüler, deren Mannschaften heute nicht spielten hatten sich für eine der beiden Mannschaften heute entschieden. Die Roten hofften auf ein kurzes Spiel, bei dem vielleicht sogar die Gelben den Schnatz fingen. Denn dann wäre der Pokal schon so gut wie gewonnen. Die Blauen hofften darauf, daß die Grünen gewannen, damit es im letzten Spiel noch spannend blieb. Die Weißen waren für die Grünen, weil sie hofften, daß sie dann am Schuljahresende nicht den letzten Platz in der Turniertabelle abbekamen. Die Violetten hofften wie die Roten auf ein kurzes Spiel, wohl auch, weil sie sich noch Hoffnungen machten, die Blauen um den Wettbewerb um die Plätze drei und vier zu überholen, wenn sie ihre Spiele gegen die Blauen und die Weißen gewannen. Madame Faucon, die in ihrer Schulmädchenzeit selbst gespielt hatte, hielt trotz der ihr auferlegten Überparteilichkeit immer noch zu den Grünen, wußte Julius ganz sicher. Für sie war es immer schwer, ihre Gefühle zurückzuhalten, auch wenn sie sowieso schon viel Selbstbeherrschung an den Tag legte.

Constance Dornier trat wieder als Stadionsprecherin auf. Diese Rolle machte ihr trotz der erlebten Debakel der Weißen großen Spaß, hatte Céline ihren Mannschaftskameraden mitgeteilt. Sicher hätte sie gerne selbst noch einmal gespielt. Doch das zur Abschreckung möglicher Nachahmer verhängte Spielverbot sollte bis zum letzten Schultag Constances bestehen bleiben, selbst wenn sie bei Walpurgis wieder mitfliegen durfte, um zumindest noch einmal mitzuerleben, wie in Beauxbatons gefeiert wurde.

"Begrüßen Sie Sich, werte Kapitäne!" Forderte Professeur Beaufort die Mannschaftsführer auf. Monique zögerte ein wenig, dem sie um einen Kopf überragenden, breit gebauten Albert Simenon die Hand zu geben. Doch der Kapitän der Gelben, der in diesem Jahr die UTZ-Prüfungen ablegen würde, bot den friedlichen Eindruck eines menschengroßen Teddybären. Die Gelben wußten eh, daß sie dieses Jahr nur dem Geschick ihrer Sucherin verdankten, zum einen überhaupt Punkte erspielt und zum anderen die Partien früh genug beendet zu haben, bevor sie hoffnungslos eingestampft wurden.

"Der Schnatz ist frei und ist schon weit über dem Feld", bemerkte Constance. "Dieses Spiel wird auch als Duell zwischen den Sucherinnen gesehen. Ja, jetzt sind auch die beiden Klatscher frei ... und hätten den Schiedsrichter dabei fast gleich als erstes Opfer gefunden." Einige Zuschauer lachten, weil einer der schwarzen Bälle nach dem Auflassen aus der Kiste gleich auf Professeur Beaufort losgezischt war, dessen Frau und zwei Kinder mit Genehmigung Madame Faucons aus der Ehrenloge heraus zuschauen durften. Dann warf der Lehrer und Schiedsrichter den Ball nach oben, den alle Jäger zugleich haben wollten, den scharlachroten Quaffel.

Die Partie entwickelte sich bereits in den ersten zwanzig Sekunden zum Einbahnstraßenspiel. Die drei Jäger der Grünen kamen zuerst an den Quaffel und hielten ihn sicher in den eigenen Reihen, während sie auf das Tor der Gelben zurasten. Keine Zehn Sekunden nach Anpfiff der Begegnung hatten die Grünen auch schon die ersten zehn Punkte.

Die Jäger in den zitronengelben Umhängen schafften es nicht, den Abwurf ihres Hüters anzunehmen, um einen schnellen Angriff auf das Tor der Grünen zu fliegen, vor dem diesmal Céline die Abfangjägerposition besetzt hielt. Julius und Louis hatten sich im Verlauf der offiziellen Spiele und der vielen Übungseinheiten optimal aufeinander eingestimmt, so daß sie ohne lautes Wort quer über das Feld hinweg die Abwürfe und Zuspiele abklärten, wobei sie auch gekonnte Finten einbauten, um die gegnerischen Jäger zu verwirren. Die erste Minute endete mit dem vierten Tor in Folge für Saal Grün. Louis hatte drei Tore hintereinander geschafft und freute sich, weil ihm das gelang, was im Fußball als Hattrick bezeichnet wurde. Julius eröffnete die zweite Spielminute mit einer schnellen Weitwurfattacke, die der Hüter der Gelben zwar noch gerade so parieren konnte, beim Abwurf jedoch nicht seinen Kameraden, sondern Louis in Ballbesitz brachte. Dieser warf erneut auf einen der Torringe. Doch diesmal verlegte Sandrines Jahrgangskamerad Armin Wiesner den Weg zu den Ringen. Er bekam den Ball zwar unter Kontrolle, kam aber damit gerade zur Mitte des Spielfeldes. Dort verlegte ihm Julius den Weg zum Torraum, ohne die Dawn'sche Doppelachse anwenden zu müssen. Wiesner meinte, den Ball besser abspielen zu müssen. Doch der Paß landete bei Louis, der seinen direkten Gegenspieler mit einem halsbrecherischen Looping umzirkelt hatte und in Rückenlage den roten Ball unter den linken Arm bekam. Mit einer zulässigen Seitenrolle drehte er sich wieder in die übliche Flugstellung und war bereits zum Tor der Gelben unterwegs, wo zwei der drei Jäger dem Hüter zu Hilfe eilten. Doch die Treiber der Grünen hatten wohl genau darauf gehofft und belegten die gegnerischen Jäger mit einer hammerharten Klatscherattacke. So konnte Julius von Louis den Ball direkt vor dem Tor annehmen und innerhalb einer Sekunde zum fünften Tor ohne Gegentreffer verwerten. Die Treiber der gelben versuchten zwar, die Klatscher zu erfliegen und sie für eine Aktion gegen Louis und Julius bereitzumachen. Doch das gelang nicht. Julius und Louis lauerten auf den Abwurf. Doch der Hüter deutete auf einen seiner Kameraden und nickte ihm zu. Da manövrierten zwei der drei Jäger vor diesen, während der aufgeforderte, den Ball aus gerade einem Meter Entfernung von seinem Hüter zugepaßt bekam. Die Regeln verboten die direkte Überreichung des Quaffels von einem Hüter an einen Jäger seiner Mannschaft. Doch wenn der Ball bei der Annahme durch den Jäger nicht mehr vom Hüter berührt wurde konnte man so das Spiel aufbauen. Der erste echte Angriff der Gelben brandete zum Torraum der Grünen hinüber. Julius, Louis und Céline mußten sich beeilen, ihn vor Erreichen der Torwurfzone aufzufangen. Nun standen alle Jäger der beiden Mannschaften direkt gegenüber. Gelb war noch im Quaffelbesitz. Doch der brachte der Mannschaft nichts, weil ihre Gegner in Grasgrün nur darauf warteten, daß der rote Ball geworfen wurde. Ein senkrechter Wurf nach oben wurde von Céline abgefangen. Der Angriff der Gelben war gescheitert. Jetzt mußten die Gelben wieder zurück, weil Louis gerade durchstartete, um sich von Céline den Ball zupassen zu lassen. Die Treiber der Gelben versuchten, den neuentdeckten Starspieler der Grünen durch einen Schlag beider Klatscher in Bedrängnis zu bringen. Doch Louis warf sich flach auf seinen Besen und sauste unter den beiden schwarzen Bällen hindurch, die mit lautem metallischen Knall zusammenstießen. Funken sprühten von den beiden gefährlichen Bällen davon. Die Klatscher trudelten davon. Da war Louis aber schon in der gewünschten Zuspielposition und erhielt von Céline den Quaffel. Julius hielt sich in diesem Moment auch in der Nähe des Tores auf, hatte aber mit Céline und Louis ausgehandelt, daß bei einem Fernpaß so getan werden sollte, daß er den Ball bekäme, statt seiner aber Louis das scharlachrote Spielgerät übernehmen möge. Die Täuschung gelang. Louis erzielte weitere zehn Punkte. Dann lief die Partie über mehrere Minuten im gegenseitigen Blockieren. Die Gelben wußten, daß sie die Partie ohne Schnatzfang niemals mehr gewinnen mochten. Ihnen ging es jetzt darum, eine erdrückende Zahl an Gegentoren zu vermeiden. So zog sich die schnell gestartete Partie über eine Stunde, in der zwar die Grünen immer vor dem gegnerischen Tor blieben, aber den Quaffel nicht mehr so leicht durch einen der Ringe befördern konnten. Dennoch erzwang Saal Grün ein Tor nach dem anderen. Als Monique meinte den Schnatz zu sehen, mußte sie die sich gerade aufbauende Angriffslinie ihrer Kameraden unterbrechen. Doch als sie dort ankam, wo sie den Schnatz gesehen haben wollte, war nur leere Luft. Der goldene Ball sirrte mit wildem Flügelschlag gerade an Julius linkem Ohr vorbei. Er deutete auf Monique und auf sich. Doch da waren die Treiber der Gelben, die gerade die Klatscher unter Kontrolle brachten und auf Monique Lachaise anlegten. Wenn sie jetzt lospreschte würden die beiden Klatscher sie brutal vom Besen hauen. So verlor sie eine wertvolle Sekunde. Sandrine stürzte aus großer Höhe auf den Schnatz zu. Julius hatte gerade den Quaffel und warf ihn so, daß er in Célines Richtung flog und dabei den Schnatz streifte, der davon aufgeschreckt davonschwirrte. Sandrine stieß ins Leere. Monique, die die ihr geltende Klatscherattacke mit einem wahnwitzig anmutenden Sturzflug abgeschüttelt hatte, schoß wie ein auf seine Beute losgehender Hai von unten heran und schnappte den Schnatz mit ihren leicht rosig geschminkten Lippen. Als Sandrine gerade versuchte, den goldenen Ball noch zu packen, klatschte Monique ihre rechte Hand vor ihren Mund und warf sich aus Sandrines Flugbahn. Als sie die direkte Gegenspielerin um drei Längen abgeschüttelt hatte, nahm sie die Hand vom Mund. Sie hielt den Schnatz sicher fest. Beaufort pfiff die Partie ab. Die Grünen gewannen mit 380 Punkten ohne Gegentreffer. Sandrine landete schnell. Ihr war anzumerken, wie enttäuscht sie von sich selbst war. Fast hätte sie den Schnatz erwischt und damit zumindest noch einige Anstandspunkte erzielt. Damit würde es sich zwischen Monique und Corinne entscheiden, wer von beiden als ungeschlagene Sucherin das Turnier beenden würde, sofern Corinne im Spiel gegen die Violetten wieder so überragend spielte wie bisher.

"Uijuijuijuijui! Die Gelben sind aber komplett erledigt", meinte Louis, als er das niedergeschlagene Häuflein Mitschüler sah, daß sich fast zu einem zitronengelben Knäuel unter dem mittleren Ring ihres Tores versammelt hatte.

"Tja, die Roten müssen jetzt erst zusehen, wie sie die Weißen putzen", brüllte Julius über den Jubel der Anhänger von Saal Grün hinweg. Diese stimmten schon wieder an, daß der Pokal grün bleiben würde. Das konnten die Roten sich natürlich nicht gefallen lassen und rifen dagegen an, daß der Pokal garantiert rot würde. Die Blauen lachten über dieses Chorgefecht. Offenbar hofften sie auf die Rolle des lachenden dritten, wenn im letzten Spiel des Turnieres überhaupt Saal Blau gegen Saal Grün antreten würde.

"Einverstanden, dann eben mindestens vierhundert Punkte im nächsten Spiel", grüßte Millie ihren Mann, als es erlaubt war, die Spieler zu beglückwünschen oder zu trösten. Gérard war sofort zu seiner Freundin hinübergelaufen, auch wenn André und Robert ihn verächtlich anglubschten. Robert war natürlich zuerst bei Céline.

"Die Violetten fangen den Schnatz und machen bestimmt so um die fünf Tore", zog Julius seine Frau auf.

"Die sind gut gewesen, als es gegen die Gelben ging. Aber jetzt haben wir ja alle gesehen, daß das ja keine Leistung war. Erst machen wir die Violetten kleinlaut und holen uns von der Punktespendenaktion der Gelben auch noch mal so um die fünfhundert Punkte ab, Süßer. Ich hoffe doch sehr, daß du nicht dran kaputtgehst, wenn der Pokal den längst überfälligen roten Anstrich bekommt. Zweimal hintereinander grün auszusehen hat dem bestimmt gereicht."

"Ich habe nie was grünes an dem Pokal gesehen. Aber da stand immer unser Saalname drauf. Und das darf auch gerne so bleiben", erwiderte Julius. Millie machte anstalten, ihm auf den Mund zu küssen, um den ihr als Unfug erscheinenden Wortschwall zärtlich zu ersticken. Doch gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, daß diese spaßverderbenden Anstandsregeln das ihr und ihm sicher heftig verübeln würden. So beließ sie es bei einer kurzen, aber heftigen Umarmung. Dann sagte sie:

"Du wirst mir sicher den Pokal gönnen, wenn wir zwei nächstes Schuljahr wohl kein Quidditch spielen werden, oder?" Julius blickte in dieses wilde Entschlossenheit ausstrahlende, rehbraune Augenpaar, das von einer dichten Mähne rotblonden Haares umrahmt wurde und erwiderte mit verschwörerischer Betonung:

"Das der bei einer von unseren beiden Mannschaften bleibt ist doch schon klar. Aber reden wir nicht davon, wo Corinne und Belisama gerade auf dem Weg sind." Millie drehte ihren Kopf und schleuderte dabei Julius ihr ungebändigtes Haar ins Gesicht. Er sog den Duft der Haarpflegemixtur ein, die Millie sich bei Melanie Redlief besorgt hatte, um ihr Haar so fließend und raumfüllend zu erhalten. Er sah durch das rotblonde Gewirr nur, daß Belisama von links und Corinne von rechts auf ihn zukam. Corinne hatte wohl schon mit Monique Lachaise gesprochen. Denn die Kapitänin der Grünen grinste überlegen.

"Schade um Sandrines Mannschaft. Die waren echt gut in Form. Aber ihr habt die ja gar nicht zu ihren Spielzügen finden lassen", sagte Belisama. Julius sah nicht ein, warum er sich deshalb schuldig fühlen sollte und erwiderte:

"Achso, deshalb hat deine Saalmannschaft gegen die Gelben verloren, um denen nicht den Tag zu verderben." Belisama knurrte Julius an, daß er das besser nicht Constance hören lassen sollte. Er meinte dazu nur, daß er mit Constance nicht verheiratet sei und gegen die, mit der er verheiratet sei ohne Rücksicht gespielt habe. Corinne schaltete sich dann auch noch in die kurze Unterhaltung ein und sagte:

"Wenn das Turnier um ist stellen wir den Thron der unbesiegten Sucherin auf. Und ich werde mich draufsetzen. Das habe ich Monique schon klargemacht. Ihr könnt spielen wie ihr wollt, Julius. Aber wir kriegen den Schnatz, und wenn wir die Violetten auch so putzen wie ihr die Gelben gerade kriegen wir auch noch den Pokal. Wäre ein hübsches Abschiedsgeschenk an Professeur Pallas, wenn die meisten von uns im Sommer mit Beaux durch sind."

"Der Pokal bleibt grün", knurrte Monique, die Gerade von ihren Klassenkameraden wegkam um zu hören, was Corinne mit Julius zu bereden hatte. "Der bleibt bei Professeur Delamontagne im Büro stehen. Fertig!"

"Glaubst du aber, daß der zu Professeur Fixus umzieht, Monique. Sahst eben nicht so aus, als könntest du ohne Hilfe von den Treibern und Jägern den Schnatz fangen", feixte Millie. "Erst putzen wir die Weißen noch weißer. Dann machen wir gegen Bertis Truppe den Pokal klar."

"Nur wenn Horus bis dahin weiß, wie der Schnatz aussieht, Millie", konterte Monique. "Ihr hattet nur glück, daß ihr gerade geniale Jäger in der Mannschaft habt. Sonst hättet ihr gegen uns und Corinnes Mannschaft doch für keinen Knut Punkte abgeräumt."

"Meine Tante wird es freuen, daß du sie für eine geniale Jägerin hältst, Monique. Dann hat Oma Line die vierte Superjägerin in Folge ausgebrütet, nachdem meine Maman, Tante Barbara und Tante Eleonore schon den Quidditchpokal küssen durften. Und genau deshalb wird meine Tante Patricia dieses Jahr mit mir zusammen diese geniale Tradition fortsetzen."

"Gib nicht so an!" Knurrte Monique, während Corinne nur verächtlich dreinschaute. Millie nahm diesen Tadel jedoch ganz gelassen und deutete auf Sandrine, die gerade mit Gérard in einer sehr verboten aussehenden Umarmung dastand, ihr Gesicht im Schulterstoff seines Umhangs vergraben. "Die hat das wohl gerade bitternötig", sagte Millie leise, während Professeur Delamontagne zu den Grünen kam und Professeur Paximus die heute nicht so vom Glück bedachten Gelben trösten wollte.

"Ich bedanke mich bei Ihnen allen, daß Sie es geschafft haben, mit Anstand und Können zu gewinnen, Mademoiselle Lachaise und Monsieur Latierre. Ich bin erfreut, dieses Jahr eine so gut ausgebildete und miteinander harmonierende Mannschaft sehen zu dürfen. Ich wünsche Ihnen das Glück, daß Sie verdient haben, um auch aus der letzten Partie so erfolgreich hervorzugehen."

"Vielen Dank, Professeur Delamontagne", erwiderte Monique mit der erwarteten Höflichkeit, während Millie und Corinne nur verwegen grinsend danebenstanden. Professeur Delamontagne nickte und ging zu den anderen. Louis hatte es nicht geschafft, der Woge junger Hexen auszuweichen, die sich seinetwegen auf das Spielfeld ergossen hatte. So stand er nun von mindestens zehn Mädchen seiner Jahrgangsstufe umzingelt da. Doch Julius konnte auch welche aus dem violetten Saal und von den Weißen sehen, die gerade im ZAG-Jahr waren. Auch Babettes Hexenbande hatte sich zu den Gratulantinnen geschart.

"Eine von denen wird ihn auf ihren Besen heben, Julius", raunte Millie, die sah, wo ihr Mann gerade hinsah. "Walpurgis ist für den schon klar. Der wird mindestens sechs Einladungen kriegen."

"Tja, nur daß Babette und Jacqueline noch keinen auf dem Besen mitnehmen dürfen", feixte Julius, der sah, wie Babette und Jacqueline den einige Klassen höheren Mitschüler anhimmelten.

"Das Problem von dem hast du ja wohl nicht."

"Nur wenn Corinne, Belisama oder deine Cousinen mich nicht einladen", erwiderte Julius. "Könnte auch sein, daß Connie mich einläd."

"Da könnte ich nicht gegen anstinken, Julius, wenn Connie dich einläd", erwiderte Millie verwegen, keineswegs verärgert. "Das werden wir ja mitkriegen, wer dich einläd. Aber daß die Vigniers eine Hexe zur Schwiegertochter kriegen werden steht wohl auch schon fest."

"Sofern der nicht aus lauter Angst vor den ganzen Mädels was macht, um ohne Besen von hier runterzufliegen", konterte Julius.

"Neh, jetzt nicht mehr", erwiderte Millie darauf, als Louis gerade in der Umarmung von vier Gratulantinnen zugleich lag. Das wiederum schien die auf Anstand bedachte Madame Faucon von ihrem Ehrensitzplatz heruntergerufen zu haben. Denn sie eilte in ihrem mauvefarbenen Seidenumhang von der Tribüne herunter und steuerte zielstrebig auf das Knäuel aus jungen Hexen zu, dessen unfreiwilliges Zentrum ein muggelstämmiger Jungzauberer war, der erst nicht gewußt hatte, wie ihm geschah, daß er nach Beauxbatons gekommen war. Als schiebe die Schulleiterin einen unsichtbaren Rammbock vor sich her sprangen die Gratulantinnen von Louis fort und liefen hastig und mit hochroten Gesichtern davon. Louis stand nicht minder errötet da und sah die Schulleiterin an, die ihn gerade in eine landestypische, aber nicht so innige Umarmung schloß und ihm wohl etwas zuflüsterte.

"Wetten, daß die dem genau das steckt, was ich dem auch schon unter den Umhang gejubelt habe?" Fragte Millie. Julius war versucht, sie zu fragen, worum sie wetten wollte. Doch dann fiel ihm ein, daß er mit keiner Latierre wetten wollte, wenn er überhaupt jemals wieder irgendeine Wette anbieten oder annehmen würde. So sagte er knochentrocken:

"Vielleicht macht die dem klar, daß er Babette heiraten soll. So einen genialen Jäger in der Familie zu haben passiert der sonst nie wieder."

"Stimmt, Claudine und du wäret ja nicht gegangen", reizte Millie die unerwartet derbe Vermutung ihres Mannes weiter aus. Dieser sah schnell zu Madame Faucon hinüber, die gerade von Louis abließ, ihm flüchtig über den Kopf strich und dann auf die Eheleute Latierre zusteuerte.

"Es beruhigt mich ungemein, mit angesehen haben zu dürfen, daß Sie beide trotz der den Latierres eigenen Ungehemmtheiten doch gesittet in der Öffentlichkeit auftreten, Madame und Monsieur Latierre", begrüßte die noch nicht ganz ein Jahr amtierende Schulleiterin das Schülerehepaar. Julius erwiderte, daß Louis offenbar zu tiefst erschrocken sei, weil ihn gleich ein Dutzend Verehrerinnen überrumpelt habe.

"Das wirkt nur so, als sei ihm dies nicht geheuer, Monsieur Latierre. Ich mutmaße, daß er schon darüber nachdenkt, wessen Gunst er gewinnen möchte. Solange er sich dabei an die gültigen Umgangsformen zwischen Jungen und Mädchen hält mag er die außerschulischen Erfahrungen sammeln, die Jungen und Mädchen im Rahmen gesellschaftlich notwendiger Anstandsregeln einander vermitteln können. Aber auch nur, wenn seine schulischen Verpflichtungen nicht darunter leiden werden. Noch einen angenehmen Tag, Madame und Monsieur Latierre!" Sie umarmte Julius kurz nach Landesart und beglückwünschte die noch auf dem Feld verbliebenen Spieler der Grünen und spendete tröstende Worte für die beinahe hoffnungslos unterlegene Mannschaft der Gelben. Dabei schien sie Sandrine und Gérard nicht mit so freundlichen Worten zu bedenken, wie sie sie den Latierres gegenüber gebraucht hatte. Womöglich lud sie den beiden wegen einer viel zu innigen Umarmung mehrere Dutzend Strafpunkte auf. Doch das sollte Millie und Julius nicht kümmern.

Nach einer Pause von dreißig Minuten trafen die Saalsprecher im Konferenzraum der Schulleiterin zusammen. Während der Besprechung ging es auch um Cyril Southerland, der sich in den letzten Wochen auffallend ruhig verhalten hatte. Er war außerhalb des roten Saales eher in der Bibliothek anzutreffen und schien sich mit dem gleichen Feuereifer auf herausragende Prüfungen vorzubereiten, den er bei der Jagd nach möglichen Freundinnen an den Tag gelegt hatte. Apollo Arbrenoir, der ja für den Austauschschüler verantwortlich war meinte dazu:

"Es wird ihm sicher klar geworden sein, daß er in Beauxbatons keine junge Dame begeistern kann, die bereits das ZAG-Jahr überstanden hat. Zwar gibt's immer noch Probleme zwischen ihm und Gaston. Aber Cyril hat sich deutlich zurückgenommen, was das Thema Mädchen angeht. Vielleicht will der die ZAGs schon bei uns machen, bevor der in die Staaten zurückreist."

"Das müßte ich wohl wissen, weil mir diesbezügliche Vorhaben sicher schon nach den Weihnachtsferien mitgeteilt worden wären", erwiderte Madame Faucon mit einer für Julius unüberhörbaren Verdrossenheit in der Stimme. "Abgesehen davon, daß vorzeitige ZAG-Prüfungen von den Erziehungsberechtigten erbeten werden müssen und Monsieur Southerland sich im ersten Halbjahr nicht als ehrgeizig genug erwies, schon in diesem Sommer diese wichtige Hürde nehmen zu wollen. Sicher hat Monsieur Southerland sich erheblich verbessert, was die fehlenden Fertigkeiten und Kenntnisse angeht. Aber ich denke nicht, daß er wahrhaftig darauf ausgeht, dieses Schuljahr schon zu den ZAG-Prüfungen anzutreten. Inwieweit bestehen noch Meinungsverschiedenheiten zwischen Monsieur Perignon und Monsieur Southerland?"

"Och, meistens geht's um die Lebensart, die Küche und um diesen amerikanischen Sport Quodpot, ob der jetzt besser sein soll als Quidditch. Ansonsten vertragen sich die beiden größtenteils. Gaston hat es wohl endlich kapiert, welche Riesenchance Sie und die Schulräte ihm gegeben haben", erwiderte Apollo. Millie bat ums Wort und erhielt es.

"Ich habe eher den Eindruck, als wollten die beiden was bestimmtes erreichen und dürften sich deshalb nicht zanken. Wenn Monsieur Arbrenoir denkt, die hätten sich endlich vertragen, dann denke ich, daß die beiden was ausgemacht haben, wovon wir anderen nichts mitbekommen haben. Kann sein, daß Monsieur Southerland Gaston zeigen möchte, daß er eben auch mit seinem Kopf denken kann und nicht mit etwas anderem." Madame Faucon räusperte sich leise, nickte dann jedoch, weil Millie nicht auf ihr ungehörig erscheinende Einzelheiten anspielte. Doch Julius entging nicht, daß Madame Faucon mißtrauisch geworden war. Das konnte aber auch daher kommen, daß er, Julius, diesen US-amerikanischen Austauschschüler als hemmungslosen Schürzenjäger mit überholten Machomanieren kennengelernt hatte, die eben nicht bei den jungen Hexen in Beauxbatons zogen. Daß der dann gleich zum Bücherwurm wurde wäre ein größeres Verwandlungsstück, als alles, was in der Schule unterrichtet werden konnte. Aber warum er häufiger als sonst die Bibliothek besuchte erschloß sich ihm nicht. Im Grunde war das auch nicht sein Zuständigkeitsbereich. Die Mädchen aus dem grünen Saal hatten ihm klargemacht, daß er bei keiner von ihnen landen konnte. Die Jungs aus seinem Saal hatten mit Cyril nur im Unterricht zu tun. Also lag das bei Apollo oder Millie, was diesen Burschen so umgekrempelt hatte. Doch Millies Vermutung, Cyril und Gaston hätten was ausgeheckt ließ ihn auch ein wenig mißtrauisch werden. Gaston war ebenfalls ein leicht zu handgreiflichen Rangeleien verführbarer Bursche gewesen, der keine Probleme hatte, seine Meinung zu sagen, egal, wem diese paßte oder nicht. Außerdem klangen da innere Saiten bei ihm an, die er im Moment nicht recht zuordnen konnte. Doch im Moment hatte er andere Sorgen, nämlich die ganzen Erwartungen zu erfüllen, die die Lehrer an ihn stellten. Er konnte zumindest froh sein, wenn das die einzigen Sorgen blieben, nachdem Anthelia und Naaneavargia zu einer einzigen Person verschmolzen waren und er vermutete, daß Professeur Tourrecandide ihrer zur Vampirin gewordenen Schwester nur dadurch entgangen war, daß sie durch eine ihm noch unklare magische Verbindung verschwand und vielleicht irgendwann von irgendwem neu auf die Welt gebracht werden mochte. Dann lief da noch diese Vampirlady herum, vor der selbst gestandene Experten wie Delamontagne und Faucon einen gewissen Bammel hatten, weil die was bei sich hatte, was ihre Kräfte vervielfachte.

"Ich hoffe inständig, daß Monsieur Southerland die Bibliothek nur besucht, um das im ersten Halbjahr aufgewiesene Lerndefizit zu beheben, wo Prinzipalin Wright meiner Vorgängerin verbindlich bekräftigt hat, daß er sehr intelligent und zielstrebig sei", hörte Julius Madame Faucon noch sagen. Dann war das Thema durch. Es ging dann noch einmal um Laurentines besondere Beziehung zu ihrem Zauberstab. Dabei erwähnte diese, daß sie schon fürchten mußte, daß ihre Eltern sie nicht zur Prüfung nach Paris lassen würden. Da erwähnte Madame Faucon etwas, daß Julius fast schmerzhaft aufschreien ließ.

"Offenkundig haben Madame und Monsieur Latierre wegen anderer, wichtigerer Dinge nicht daran gedacht, Sie darauf hinzuweisen, daß die Prüflinge entweder in der Schule selbst aufgesucht werden oder, sofern da gerade Ferien sind, an ihren Wohnorten aufgesucht und zur Prüfung mitgenommen werden, sobald diese sich dazu entschlossen haben, die Apparitionslizenz zu erwerben. Madame und Monsieur Latierre wurden von Madame Mistral an ihrem Wohnort in Millemerveilles aufgesucht und zum Prüfungsort mitgenommen. Das ist eine seit der Zulassung von Kindern nichtmagischer Eltern zu den Prüfungen gängige wie bewährte Praxis, auch und gerade vor allem, weil manche Elternpaare im Erwerb der Apparitionslizenz eine totale Zerstörung ihrer Autorität wähnen und daher verhindern wollten, daß ihre Kinder diese Fertigkeit erlernen und nach bestandener Prüfung im Rahmen der gültigen Gesetze anwenden dürfen. Da Sie wohl bis zu den drei möglichen Terminen im April die Osterferien bei Ihren Eltern zubringen werden, wie ich vermute, werden Madame Mistral oder ein anderes Mitglied des Apparitionsüberwachungs- und -genehmigungsbüros Sie eben in Vorbach aufsuchen. Sollten Sie befinden, die Osterferien in den Mauern von Beauxbatons zu verbringen, wird die für Sie zuständige Amtsperson Sie eben hier aufsuchen. Gesetzt dem Fall, daß Sie die Prüfung verfehlen haben Sie ja in den Sommerferien die Gelegenheit einer Nachholprüfung. Sollten Sie, was ich im Moment für höchst unwahrscheinlich erachte, die im April mögliche Prüfung verfehlen, werden Sie eben die Gelegenheit zur Nachholprüfung erhalten und dann von dem zuständigen Ministerialbeamten an ihrem gemeldeten Wohnort aufgesucht. Sollte jemand befinden, Sie davon abhalten zu müssen, die Prüfung anzutreten, wird eine ministerielle Anfrage an Sie ergehen, ob es Ihr Wunsch sei, die Prüfung zu versäumen oder sie dazu genötigt wurden, dem vereinbarten Abholort fernzubleiben. Monsieur Latierre wird Ihnen sicherlich bereits erzählt haben, wie hoffnungslos es für seinen Vater ausging, ihn von seiner magischen Ausbildung abzuhalten. Sollten sie nach Entrichtung der Kursteilnehmergebühr nicht eindeutig und in Schriftform die Abnahme der Prüfung ablehnen, so gilt die Teilnehmergebür als verbindliche Zusage und damit verbundene Aufforderung, Ihre Teilnahme an der Prüfung zu gewährleisten. Ich hoffe, diese Mitteilung enthebt Sie weiterer Besorgnis, das von Ihnen angestrebte Ziel nicht erreichen zu dürfen. Ob Sie die Prüfung bestehen hängt dann natürlich von Ihrem erlernten Wissen und erprobten Können ab. Doch derzeit kann ich nichts finden, was Anlaß zur Besorgnis geben sollte. Sie können auch gerne heute Nachmittag Monsieur Montferre nach der gängigen Vorgehensweise fragen. Ich bin mir da absolut sicher, daß er meine Angaben im vollen Umfang bestätigen wird. Außerdem werden Ihre Eltern vor Beginn der Osterferien ja Gelegenheit erhalten, sich mit mir und den Kollegen vom Lehrkörper über Ihre Leistungen und angestrebten Ziele zu unterhalten. Es besteht dabei durchaus die gewisse Hoffnung, daß Ihre Eltern erkennen, daß Ihr Leben in der magischen Welt nur dann ohne Abweichungen stattfinden kann, wenn Sie alle damit einhergehenden Möglichkeiten erlernen und im Rahmen der erlaubten Grenzen ausnutzen. Also machen Sie sich bitte keine weiteren Gedanken darum, ob jemand Sie daran hindern mag, die Prüfungen zu versäumen!" Laurentine nickte schwerfällig. Julius war sich sicher, daß sie froh war, das zu hören, aber auch mit der Unsicherheit zu kämpfen hatte, wie sich das Verhältnis zwischen ihr und ihren Eltern entwickeln würde. Er fragte sich selbst, was seine Eltern sagen würden, wenn er nicht in einer Zaubererschule gelandet wäre und jetzt mit Lester und Malcolm, seinen Freunden aus weit zurückliegenden Tagen, darauf ausging, Motorrad zu fahren. Sicher, wenn er volljährig war konnte er auf und in allem zu fahren lernen, was er wollte. Nur die Bezahlung hätte da Probleme gemacht. Wenn sein Vater Motorradfahren für nicht standesgemäß oder für zu gefährlich gehalten hätte, hätte der ihm schlicht den Geldhahn zudrehen können. Genau das hatten Laurentines Eltern ja auch getan und darauf gehofft, daß ihre Tochter deshalb nicht an dem Kurs für zwölf Galleonen teilnehmen konnte. Das dürfte für die werten Herrschaften noch eine ziemlich knallharte Neuigkeit werden, wenn die erfuhren, daß ihr Töchterlein doch diesen unnatürlichen Fortbewegungskram gelernt hatte, vor allem wenn sie auch noch aufgebunden bekamen, daß Laurentine gleich von Anfang an apparieren konnte, wo die anderen keinen Millimeter von ihrem Startpunkt weggekommen waren.

Als die Konferenz der Saalsprecher mit der Schulleiterin und Professeur Fixus beendet war, ging es an die Siegesfeier für die Grünen. Julius klärte mit den älteren Schülern noch einmal ab, daß er diesmal ziemlich heftig mit Strafpunkten draufhalten würde, wenn er herausbekäme, daß die jüngeren zu Sachen wie Wetttrinken und anderen gesundheitsbedenklichen Sachen angehalten wurden. "Ich habe bei der Metnummer mit Pierre und Louis damals einen großen Sack Strafpunkte übergebraten bekommen. Den und noch ein paar hundert mehr kriegt dann jeder aufgeladen, der meint, Saufen sei erwachsen und müßte die Jungen dazu anhalten, sich die Birne wegzuschlucken. Ich hoffe mal, die Ansage kam bei jedem an." Die erwiesenen Sünder nickten verdrossen. Julius verabscheute es, autoritär aufzutreten. Doch offenbar, so hatte er hier lernen müssen, brauchten manche Leute klare Ansagen, was sie durften und was sie lassen sollten.

Bei der Quidditch-Siegesparty am Abend tanzte Jacqueline wieder mit Julius und erwähnte: "Louis ist ein süßer Junge, nicht so von sich überzeugt und überheblich. Aber der soll bloß nicht anfangen, was mit den beiden mit Latierre-Kuhmilch übersättigten Krawallzwillingen anzufangen. Der ist mehr wert als die beiden zusammen."

"Eh, du redest auch von meinen Schwiegercousinen, Jacqueline. Das kann ich denen nicht so weitergeben, was du gerade gesagt hast."

"Verlangt echt keiner von dir. Ich will nur, daß zumindest du, der die beiden Biester kennt weiß, wie ich die finde", erwiderte Jacqueline Richelieu darauf.

"Das beeindruckt die auch total", feixte Julius, der das Kleinmädchengehabe zwischen Jacqueline und den Latierre-Zwillingen für unter seiner Würde hielt.

"Klar, du meinst jetzt, daß das nicht dein Ding ist, Julius. Aber wenn der Louis wegen denen Streß kriegt hängst du da auch mit drin, weil die eben deine angeheirateten Cousinen sind und du mit der Brosche da am Umhang aufzupassen hast, daß dem Louis nix fieses passiert oder der schön in der Spur bleibt, die die dem in Beaux hingezogen haben."

"Jacqueline, ich fang jetzt ganz sicher nicht an, mich mit dir oder Callie und Pennie wegen eines Jungen rumzuzanken, der keiner von euch irgendwelche Andeutungen gemacht hat, daß mit ihm was laufen könnte. Wenn der sich für eine von euch Mädchen interessiert, kriegt ihr das früh genug mit, mit wem er zusammen rumläuft. Bis dahin ist jede Unterhaltung drüber vertane Zeit."

"Kapiere es, Julius. Du willst mit dem Krempel nix zu schaffen haben", erkannte Jacqueline es endlich. Julius konnte dazu nur zustimmend nicken.

Als er wieder einmal mit Babette auf der Tanzfläche stand meinte diese: "Louis ist wirklich süß. Aber der muß wohl noch rauskriegen, ob der auf Mädchen steht. Sah zwar so aus, als ihn die ganzen Gänse aus dem violetten Saal eingeknäuelt haben. Aber wenn ich das richtig mitgekriegt habe könnte der Probs kriegen, wenn Walpurgis angesagt ist und der trotz 'ner Einladung nicht hinter einer auf dem Besen will." Julius grinste über die Einfachheit von Babettes Wortwahl. War das echt Madame Faucons Enkeltochter? Sie sah von Haaren und Augenfarbe zumindest so aus. Aber wie viel James Brickston steckte in ihr drin, was ihr Vater ihr bei der Zeugung mitgegeben hatte? er sagte noch:

"Millie hat ihn auch schon angequatscht, daß er sich bald mal entscheiden soll, mit welcher was ginge, Babette. Du bist da im Moment ja noch abgemeldet, weil die Walpurgisnacht-Hexen alle den Schein für Soziusflüge haben müssen. Deine Schlafsaalkameradin Jacqueline hat auch schon rumgetönt, daß ihr das nicht egal ist, mit welcher er was anfangen könnte. Aber mich geht das nichts an. Da hängt euch bitte an Céline oder Laurentine dran, wenn die echt mal mehr Zeit als gerade nötig haben sollten!"

"Ich weiß, daß ich noch nicht mitfliegen darf, Julius. Brauchst du mir echt nicht dick auf's Brot zu streichen", schnarrte Babette verärgert. "Aber du kannst dem Louis trotzdem sagen, daß der vor mir keine Angst haben muß."

"Nicht vor dir, aber vor deiner Oma Blanche", konterte Julius und erwischte Babette ziemlich kalt. Denn auch diese hatte einen sehr ausgeprägten Respekt gepaart mit gesunder Furcht vor ihrer hochrangigen Großmutter. So sagte sie nur noch:

"Dann wird der Typ sich wohl eine suchen, die keine Oma bei den Lehrern von Beaux hat." Julius konnte das nur bestätigen, auch wenn er wußte, daß er Babette damit vielleicht ziemlich weh tat. Doch sie steckte es wohl lockerer weg, als er dachte. Denn sie sagte dann noch:

"Na ja,Gardie oder Jacqueline werden mich wohl einladen, wenn eine von denen den heiratet."

"Tja, falls der nicht mit Callie oder Pennie oder Mayette zusammenkommt."

"Ey, Mayettes Maman hat schon 'nen Muggelstämmigen in der Familie. Außerdem wird der Typ nix von deiner Tante Barbara halten, wenn der schon Muffensausen wegen Madame Blanche Faucon hat. Mayette sagt immer, daß ihre Schwester Babs die totale Spaßbremse in ihrer Familie ist. Sowas wird sich Louis garantiert nicht aufladen lassen." Julius mußte das wohl bestätigen. Barbara Latierre die jüngere war vom Auftreten her wesentlich ernster und strenger als seine Schwiegermutter Hippolyte oder deren Cousine Artemis. Dann kam Laurentine und klatschte ihn ab.

"Na, wieder kleine Mädchen mit Liebeskummer getröstet?" Fragte sie schnippisch.

"Meine Frau hätte da was gegen, wenn ich hier jedes Mädchen mit Liebeskummer trösten würde", versetzte Julius ebenso schnippisch. Laurentine grinste jedoch darüber. Julius erwähnte dann kurz, was die beiden kleinen Hexen für Sorgen hatten und erwähnte, daß für sowas ein Denkarium erfunden worden sei. Dann sagte Laurentine: "Mit Jacqueline muß ich mich bis nach den Prüfungen gutstellen. deren Tante Louisette darf auch schon Prüfungen abnehmen, und demnächst wohl auch deine Schwägerin Martine." Julius nickte.

Der Saalsprecher der Grünen war froh, daß sich die älteren Mitschüler an seine klare Ansage gehalten hatten. So konnte er um zwölf Uhr erschöpft aber glücklich in sein Bett steigen und den langen, herrlichen Tag beenden. Dabei fiel ihm ein, daß er die Briefe noch nicht gelesen hatte. Das würde er dann morgen nach dem Apparierkurs für Quidditchspieler tun.

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