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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Babette Brickston war eine der ganz wenigen unterhalb der vierten Klasse, die den trimagischen Weihnachtsball miterleben durften. Sie unterhielt sich gerade mit Céline Dornier über das rauschende Fest, als Julius mit Gérard aus der Verbindungswand des Wegesystems der Pflegehelfer herauspurzelte. Céline winkte ihm sofort zu, machte Gérard gegenüber jedoch eine zurückweisende Handbewegung, die dieser mit einem heftigen Axelzucken bedachte.

"Nur mich?" Fragte Julius herausfordernd, als er alleine bei Céline und Babette ankam. Die Saalsprecherin der Grünen nickte heftig. Ihr schwarzer Schopf wehte dabei einmal vor und zurück. "Babette hat einen Brief von Denise bekommen, daß deren Cousine Melanie von deren Vater nach Millemerveilles gebracht wurde, weil deren Mutter offenbar vorhatte, sie nicht mehr nach Beauxbatons zurückzulassen. Aber das darf dir Babette selbst erzählen, für den Fall, daß es auch deine Frau was angeht", sagte Céline mit gewissem Unmut in Stimme und Miene.

"Huch, hat Mels Maman echt vor, ihre Tochter von Beauxbatons fernzuhalten?" Fragte Julius nun Babette. Die in der zweiten Klasse lernende Enkeltochter Madame Faucons verzog ihr Gesicht und funkelte einen Moment mit ihren saphirblauen Augen. Dann sagte sie schnippisch:

"Denise hat mir 'ne Eule geschickt, Julius. Im Brief von der stand was, daß es heftigen Zoff zwischen Denises Eltern, ihrem Onkel Emil und ihrer Tante Cassiopeia gegeben hat, weil Mels Eltern sich verkracht haben, wie das mit Melanie hier in Beaux weitergeht. Ihr wißt das ja, daß die überdrehte Madame Odin voll angenervt ist, weil ihre einzige Tochter bei den Roten gelandet ist und sich von Césars kleiner Schwester Celestine zeigen läßt, das Hexenkinder keine Vorzeigepüppchen bleiben müssen. Zumindest hat Césars und Celestines Maman der Maman von Denise was erzählt, das deren Schwägerin der mehrere Eulen geschickt hat, darunter sogar zwei Heuler, weil melanies Maman will, daß Celestine Melanie in Ruhe lassen soll. Dabei kam dann raus, daß Madame Odin ihre Tochter nicht mehr nach Beaux lassen will, weil die mit so unanständigen Mädels zusammenwohnen muß. Da sind dann deine Fast-Schwiegereltern zu den Odins hin und wollten wissen, was da dran stimmt oder falsch erzählt worden ist. Denise war mit, um auf Chloé aufzupassen, weil Mademoiselle Uranie mit ihrem Kleinen irgendwo in Südamerika ist, um da die Sterne anzugucken. Jedenfalls hat Denise mitgekriegt, daß sich ihre Eltern mit denen von Melanie voll laut gezofft haben und das damit aufgehört hat, daß Melanies Papa seiner Schwester gesagt hat, daß die dann eben Melanie solange bei sich wohnen lassen soll, bis seine Frau und er sich endgültig darüber klar haben, wie das mit Melanie weitergeht. Tja, und deshalb ist die jetzt bei Denise. Da Denises Maman melanies Patentante ist hat die gesagt, daß Melanie gerne bis zu ihrem Schulabschluß in Millemerveilles wohnen kann, wenn ihre Eltern damit nicht klarkommen, daß Melanie bei den Roten wohnt. Ob das so toll für Mel und Denise ist weiß Denise nicht. Mel schläft in Jeannes früherem Zimmer. Chloé wird wohl das kriegen, wo früher - ähm, wo Claire Früher gewohnt hat." Julius nickte Babette aufmunternd zu. Ihm war doch klar, daß Claires früheres Zimmer kein unberührbares Heiligtum war und freute sich sogar, daß die kleine Chloé es mit neuem Leben füllen würde. Er wollte aber erst wissen, was ihn das betraf. "Nur, damit Millie das mitkriegt, warum Melanie Vielleicht Probs kriegt, wenn sie nach den Ferien wieder hier ist."

"Hmm, hat Denises Maman was gesagt, daß Melanie Probleme mit einer möglichen Umstellung haben könnte? Wie sieht das aus, will Melanie nicht mehr nach Beauxbatons zurück, damit ihre Maman nicht böse auf sie ist?"

 

"Sowas hat mir Denise nicht geschrieben. das mußt du die dann selber fragen, Julius", erwiderte Babette.

"Die wird mir, einem Broschenträger, sicher nicht brühwarm erzählen, wenn sie keine Lust mehr auf Beauxbatons hat, Babette."

"Denkst du mir, wo ich Madame Faucons Enkeltochter bin?" Knurrte Babette. Julius konnte das nicht grundweg abstreiten. So sagte er nur noch:

"Gut, wenn Denise dir geschrieben hat, daß ich das Millie weitererzählen kann, dann mach ich das so, Babette. Abgesehen davon kriegen wir das ja eh mit, wenn wir über den Jahreswechsel nach Millemerveilles dürfen. Dein DQ gibt das ja auch her, weiß ich von Céline."

"Ja, tut es", knurrte Babette. "Ich darf dann wohl bei Madame Faucon mit den beiden anderen Damen vom trimagischen Turnier zusammenwohnen. Da könnte ich gleich hierbleiben."

"hat Madame Faucon sowas in der Richtung gesagt?" Fragte Julius.

"Neh, weil die mir sowas garantiert erst um die Ohren haut, wenn ich da nix mehr gegen machen kann", grummelte Babette. Julius grinste. Wie unwichtig doch so Sachen wie ein trimagisches Turnier oder eine anstehende Familiengründung sein konnten, wenn sie mit den Sorgen einer Zwölfjährigen verglichen wurden, dachte er mit gewisser Belustigung.

"Sind nur zwei Tage und eine Nacht, Babette. Das wirst du überleben", gab er zur Antwort. Sie verzog ihr Gesicht und grummelte was unverständliches. Dann sagte sie noch, daß ihre Eltern mit Claudine in Birmingham bei ihren muggelgroßeltern seien, um da in das Jahr 2000 hineinzufeiern.

"Oh, ist bestimmt lustig für deine Oma Jennifer, begründen zu dürfen, warum ihre erstgeborene Enkeltochter nicht mit ihr zusammen feiern wollte", gab Julius einen bissigen Kommentar dazu ab. Babette mußte nun verächtlich grinsen und sagte:

"Ist für meinen Papa heftiger, das zu sagen, warum ich nicht mit ihm mitgeflogen bin als für Oma Jennifer. Außerdem will Oma Jennifer auf große Dame machen und hat wichtige Leute eingeladen. Opa James muß am Silvestertag arbeiten und ist nicht gerade traurig drüber, daß er nicht bei der so wichtigen Party zu Hause sein muß. Ich bin da auch nicht traurig drüber. Aber wenn ich zwei Tage im selben Haus mit deiner früheren Schullehrerin und der grauhaarigen Gräfin zusammenwohnen muß weiß ich nicht, ob das echt besser is' als die Nobelfete bei Oma Jenn."

"Das kannst du nur rauskriegen, wenn du es mitkriegst", mußte Julius dazu loswerden. Babette nickte verdrossen. Dann sagte sie noch einmal, daß er das mit Melanie an seine Frau weitergeben könnte. Julius ging eh davon aus, daß Camille und Florymont Dusoleil ihm das auch erzählen mochten, wenn er sie in Millemerveilles traf.

Beim Frühstück langte er wieder mehr zu als früher. Gérard und Robert blickten ihn verstört an, weil er fast ein ganzes armlanges Baguette für sich verputzte und dazu noch eine Mischung aus Rührei und Orangenmarmelade in seinen Körper schaufelte. Kevin Malone, der wohl darauf bedacht war, keine unnötigen Strafpunkte einzusammeln grinste nur belustigt, sagte aber nichts dazu.

"Schlagen Millies Umstandsabgedrehtheiten jetzt bei dir durch? Sandrine mampft ja ähnliches Zeug wie du gerade", bemerkte Gérard dazu. Der durfte das ja fragen, weil er zum einen selbst gerade mit einer schwangeren Hexe zusammenlebte und zum zweiten keine Angst vor Strafpunkten haben mußte. Denn Saalsprecher durften sich gegenseitig weder Bonus- noch Strafpunkte zusprechen.

"Kann ich im Moment wohl nur mit Ja beantworten, Gérard", grummelte Julius. "Aber wenn ich versuche, das zu verdrängen, dann könnte Millie keinen Appetit mehr haben und zu wenig essen", sagte er. Kevin fragte ihn, warum er für seine Frau und das Kind mitessen müsse, wo er das Baby nicht im Bauch habe. Julius zeigte ihm nun den roten Herzanhänger und erklärte leise, daß er und Millie dadurch mitbekamen, wie der jeweils andere gerade drauf sei. Kevin erbleichte. Er konnte sich offenbar vieles vorstellen, daß über diese Verbindung zu Julius übersprang. Sich dann vorzustellen, ähnlich durch den Wind zu sein wie eine Frau mit Kind im Bauch machte ihm doch ein wenig Angst. Das wiederum gab Julius Oberwasser. Er sagte: "Genau deshalb wird dieses Schmuckstück nur an Leute verkauft, die genau wissen, daß sie miteinander so gut klarkommen, daß sie mit ihren jeweiligen Gefühlen keine Probleme kriegen, Kevin. Millie hat mir damals geholfen, als ich wegen der Schlangenmenschensache drei Monate lang Madame Maximes Blut im Körper hatte, um das Gift loszuwerden. Ich habe ihr versprochen, solange mitzuhelfen, daß sie nicht wegen des Babys aus der Spur fliegt. Mehr ist das nicht. Aber daß ich dabei auch alles esse, was sie gerade für nötig hält ist für mich auch nicht so einfach." Kevin nickte wortlos.

Den Tag an sich verbrachten die Schüler und Gastschüler mit der Erledigung von Hausaufgaben. Millie und Julius zogen sich hierfür in ihr gemeinsames Zimmer zurück. Gérard hatte es auch nicht nötig, die Mitschüler zu beaufsichtigen. Als sie mit der Aufgabe für Trifolio durch waren war das für Julius ein guter Ansatzpunkt, um Millie die von Babette erwähnten Neuigkeiten weiterzugeben.

"Ist doch klar, daß Cassie Odin da voll den Kürzeren zieht, wenn die echt meint, Mel von Beaux fernzuhalten. Die kann sogar froh sein, wenn sich Madame Faucon da nicht noch reinhängt. Aber darf Camille Melanie von ihren Eltern fernhalten, solange die gesund genug sind, sich um Mel zu kümmern?"

"Es ist wohl kein Zwang oder keine Verordnung, wohl eher ein angebot, Millie. Ich kann mir aber denken, daß Camille das richtig genossen hat, was zu haben, mit dem sie ihre Schwägerin aus der Flugbahn schupsen kann. Denn die braucht ja nur einen besorgten Brief an Madame Faucon zu schicken, daß Denise ihr was erzählt haben könnte, daß Melanie wohl nicht mehr nach Beauxbatons zurückgelassen werden könnte oder sowas."

"Ja, und dann passiert das, was mit dir oder mit Laurentine mal passiert ist", vermutete Millie und verzog kurz das Gesicht, weil sich in ihrem Körper wohl jemand ein wenig unangenehm gerührt hatte. Doch sofort strahlte sie wieder mit der Wintersonne um die Wette. Julius fühlte diesen blitzartigen Schauer von Unbehagen und Glückseligkeit.

"Ich weiß nicht, ob Babette mir alles erzählt hat, was Denise geschrieben hat. Dann weiß ich natürlich nicht, wie viel Denise mitgekriegt hat und ob sie das dann auch alles in den Brief reingeschrieben hat. Aber ich kann mir zumindest vorstellen, daß Camille diese heftige Keule geschwungen haben könnte, daß die Ausbildungsabteilung nachprüfen könnte, ob Cassiopeia Odin die Ausbildung ihrer Tochter behindere oder nicht."

"Ja, aber Zaubererweltgeborene Eltern von Beauxbatons-Schülern dürfen in bestimmten Situationen entscheiden, daß ihre Kinder da nicht mehr weiterlernen, Julius, wenn die nämlich andauernd nur Unsinn anstellen oder nicht die Sachen lernen, die wichtig sind. Aber es passiert sowas von selten, daß Eltern ihre Kinder von der Schule runternehmen, weil das für die selbst ja noch peinlicher wäre als für die Kinder."

"Ja, und die Begründung, daß ein Kind im falschen Wohnsaal gelandet ist dürfte schon so alt sein wie die Schule selbst, daß sie nicht für ausreichend gehalten wird", vermutete Julius mit einem unüberhörbar sarkastischen Unterton. Millie mußte lauthals lachen. Dabei entwich ihr ein lauter Rülpser, weshalb sie erst beschämt die rehbraunen Augen niederschlug und dann noch breiter grinste. Julius lachte ebenfalls.

"Wußte gar nicht, daß Trifolio so witzige Sachen wissen will", meinte Gérard, der ebenfalls die Ruhe des Ehegattenzimmers genoß, um seine Hausaufgaben zu machen, als er Julius und Millie auf dem Weg zum Abendessen traf.

"Es ging auch nicht um Trifolio, sondern um das Getue von Melanie Odins Eltern, weil Melanie in Millies Saal gelandet ist. Mehr mußt du nicht wissen."

"Dachte schon, daß diese Galgenranken doch was lustiges seien, von denen mir Sandrine erzählt hat."

"Die garantiert nicht", erwiderte Julius. Diese im zentralafrikanischen Regenwald heimische Pflanze siedelte auf großen Bäumen und besaß bewegliche, dünne Ranken, die eher wie Fangarme wirkten und neben Licht und Wasserdampf auch das in Menschen enthaltene Wasser saugten, wenn Menschen von ihnen lange genug stranguliert wurden und Tagelang an den Wirtsbäumen hängend für die Pflanze aussaugbar geworden waren.

"Verstehe schon, daß das Getue von der Odin nur mit einem Lachen ertragen werden kann", grummelte Gérard dann noch. Dann waren sie auch schon im für alle zugänglichen Teil des Palastes auf dem Weg zum Speisesaal.

 

__________

 

Die Spannung stieg in den nächsten Tagen. Die meisten hier wußten nicht, was sie sich unter der Jahreswendfeier in Millemerveilles vorstellen sollten. Auch daß es um das Jahr 2000 ging machte viele wohl sehr neugierig. Da Julius die Genehmigung Madame Faucons und Professor McGonagalls hatte, die Hollingsworths, Gloria, Pina und Kevin zu fragen, ob sie für die eine Nacht bei ihnen im Apfelhaus schlafen wollten traf Julius Gloria und Kevin in der Nähe des bunten Reisezeltes der Hogwarts-Abordnung. Er sah vier der Thestrale, die das fliegende Zirkuszelt hergezogen hatten über der Wiese herumfliegen. Gloria und Kevin konnten diese Zaubertiere nicht sehen, weil sie bisher davor bewahrt geblieben waren, einen Menschen sterben zu sehen. Julius wußte bis heute nicht, wer die beiden Hexen waren, die im dunklen Feuer der Abgrundstochter Hallitti zu Asche verbrannt waren. Aber denen verdankte er es, die skelettartigen Fluggeschöpfe sehen zu können.

"Gut, wir sind volljährig, und falls Gloria ausgerechnet in eurem orangen Riesenapfel von mir geschwängert wird müßten die und ich damit klarkommen", meinte Kevin auf Glorias Frage, ob das so überhaupt genehmigt wwürde. Sie verzog ihr Gesicht und fauchte ihn an:

"Denkst du, ich will Krach mit Mademoiselle Duisenberg kriegen und mir bei der Gelegenheit noch den Nachholtermin für die UTZs verderben, weil ich so geistesabwesend war, mit dir intim zu werden und nicht auf Empfängnisverhütung zu achten?"

"Moment, eh! Patrice kann mir nicht reinquatschen, mit wem ich was anfange. Abgesehen davon bin ich kein Vollidiot, der sich auf was einläßt, was nicht mehr umzudrehen ist", knurrte Kevin. Gloria konterte darauf, daß er wohl der einzige wäre, der nicht mitbekommen habe, daß Patrice Duisenberg sich durchaus was mit ihm vorstellte. Ob das jetzt so damenhaft war, wie Gloria gerne auftreten wollte, wußte Julius nicht und wollte es auch nicht wissen. Er hoffte nur, daß die beiden sich nicht ausgerechnet jetzt zu streiten anfingen, wo es darum ging, ob sie eine Nacht im Haus Pomme de la Vie in Millemerveilles wohnen durften.

"Ich wollte nur wissen, ob ihr zwei, Pina und die Hollingsworths bei Millie und mir übernachten wollt, wenn wir morgen zur großen Millenniumfete nach Millemerveillesrüberfliegen."

"Ich weiß nicht, wie man bei euch wohnt und möchte das gerne mal ausprobieren. Glo kennt das ja schon", tönte Kevin. Gloria bedachte ihn mit einem abfälligen Blick und erwiderte:

"Offenbar war unser Austauschjahr in Thorntails doch nicht sooo übel für dich, wie du sonst immer behauptest, Kevin Malone, daß du meinst, mich so anreden zu müssen wie die Leute von da, die das wohl schon über die Muttermilch kriegen, Vornamen bis auf eine Silbe runterzukürzen, Kev."

"Solange du nicht Kevey zu mir sagst wie deine Cousine Myrna", grummelte Kevin.

"Mit der du natürlich nur unangenehme Stunden erlebt hast", setzte Gloria sofort entgegen. Kevin erkannte, daß er da besser nichts mehr zu sagte und schwieg. Beide sagten jedoch zu, im Apfelhaus der Latierres zu übernachten, wenn es gestattet würde. So gab Julius die Zimmerbelegung an Professor McGonagall und Madame Faucon weiter. Madame Faucon bat Julius darauf noch einmal zu sich in ihr Sprechzimmer.

"Ich habe keine Einwände gegen Ihr Angebot. Allerdings bekam ich heute Mittag eine Eule von Madame Delamontagne, daß sie das Recht beansprucht, die trimagischen Champions unter ihrem Dach zu beherbergen. Sie berief sich dabei auf eine Übereinkunft von 1720, nach der der amtierende Ratssprecher von Millemerveilles wichtige Gäste aus dem Ausland grundsetzlich in seinem Haus beherbergen darf, sofern es keine fachbezogene Zusammenkunft wie ein Heiler-, Kräuterkundler-, oder Zauberkunstkongress sei. Mir war diese Übereinkunft zwar bekannt, ich ging jedoch davon aus, daß wir als Schulgemeinschaft von Beauxbatons den Status einer fachbezogenen Zusammenkunft erfüllen. Madame Delamontagne argumentierte hingegen, daß wir zum einen Ferien hätten, zum zweiten ja zu einem Fest anreisen würden und drittens kein Anlaß zu Neid und Streitigkeiten geschaffen werden dürfe, wer den trimagischen Champion von Hogwarts, Greifennest oder Beauxbatons beherberge. Daher macht sie dieses erwähnte Vorrecht geltend, das dann auch Mademoiselle Hellersdorf einschließt. Da ich im Moment keine Veranlassung sehe, Madame Delamontagne die Ausübung dieses Vorrechtes zu versagen, wollte ich Sie informieren, was im Bezug auf Mademoiselle Porter erwartet wird."

"Huch, irgendwie habe ich schon vermutet, daß sowas in der Richtung passiert", erwiderte Julius leicht ungehalten. "Haben Sie Madame Delamontagne bereits in Aussicht gestellt, daß meine Frau und ich meine früheren Schulkameraden bei uns wohnen lassen könnten?" Fragte er noch.

"Das wäre eine Beleidigung von Madame Delamontagnes Intelligenz und Menschenkenntnis, wenn ich Sie auf etwas hätte hinweisen müssen, was sich ihr sowieso erschließt", erwiderte Madame Faucon kühl.

"Gut, wenn das verbindlich ist, dann werde ich Mademoiselle Porter die veränderte Sachlage mitteilen", erwiderte Julius, wobei er sich nun der gehobenen Sprechweise Madame Faucons bediente. Diese wertete das nicht als Verächtlichmachung, sondern als Anerkenntnis des Ernstes der Lage. Julius hatte sich nie so recht für Politik begeistert. Aber er wußte schon, wie wichtig es für einen Würdenträger war, bestimmte Gesten zu machen und wie wichtig Dankbarkeit war.

"Hmm, Madame Delamontagne befindet sich hoffentlich sehr wohl", sagte Julius. Madame Faucon nickte bestätigend. "Sie empfindet die Ehre, die amtierenden Trimagischen Champions über das Jahreswendfest beherbergen zu dürfen als wichtig genug, um die mit ihrer augenblicklichen körperlich-seelischen Verfassung einhergehenden Anstrengungen als zweitrangig zu befinden", erwiderte Madame Faucon. "Abgesehen davon hätten Sie und vor allem Ihre Gattin ja ähnliche Probleme bei der Beherbergung von Gästen zu erwarten", fügte sie dem noch hinzu. Julius nickte. Ob Gloria zusammen mit Laurentine und Hubert bei der bereits zum dritten mal schwangeren Dorfratssprecherin wohnte oder bei der trotz großer Vorfreude und bedingungslosen Willens zur Familiengründung mit Unannehmlichkeiten ringenden Millie Latierre, spielte für die eine Nacht wirklich keine Rolle. So bedankte er sich artig für die erhaltene Mitteilung und kehrte zu Gloria Porter an das vierfarbige Reisezelt zurück.

"Ich kenne die Dame nur von den wenigen Treffen an deinen Geburtstagen und der Jubiläumsfeier von damals, wo ich hier das Austauschjahr hatte", sagte Gloria. "Aber mir ist bekannt, daß sie sehr auf Anstand und Folgsamkeit wert legt."

"Na ja, irgendwie werden Laurentine, Hubert und du da wohl keine Probleme kriegen, mal vielleicht von den Launen einer werdenden Mutter abgesehen."

"Dann kann das mit der Vorbildfunktion ja auch nicht so weit her sein", feixte Kevin. "Hätte nicht gedacht, doch noch froh zu sein, kein Hogwarts-Champion geworden zu sein. Paßt die dicke Trulla denn noch durch alle Türen, wenn die schon wieder wen neues im Ranzen hat?"

"Frag sie das, und sie wird dich dem Kleinen, den sie gerade austrägt als Schnuller in den Mund stecken", grummelte Julius. "Falls sie nicht befindet, daß du das in dich aufsaugen sollst, was das Kleine von ihr nicht weiterverdauen konnte." Kevin erbleichte, während Gloria sofort einsprang und sagte, daß derlei Strafen gegen die Zaubereigesetze verstießen und Julius das genau wisse.

"Ob ich das weiß ist gerade nicht wichtig, Gloria", erwiderte Julius. "Nur könnte es Madame Delamontagne in dem Moment entfallen, wenn Kevin ihr mit so einer unter seinem Verstand rangierenden Bemerkung kommt. Mehr möchte ich nicht dazu sagen."

"Ist auch wirklich nicht besonders geistreich, sowas zu fragen", erwiderte Gloria verdrossen. Kevin grummelte nur, daß er schon mal sein Taschengeld zählte, um dann doch in einem Ferienzimmer übernahchten zu können. Doch dann erkannte er, daß es wirklich nicht gerade erwachsen gewesen war, sich über die gerade nicht anwesende Dorfrätin derartig abfällig auszulassen. Offenbar, so mußte Julius stillschweigend erkennen, wirkte die in Beauxbatons gepflegte Disziplin doch langsam auf Kevins Verstand ein, wenn er merkte, mit wem er sich besser nicht weiter anlegen sollte, solange er nicht angegriffen wurde. Gloria sagte dann noch, daß sie eben dann nicht im Apfelhaus wohnen würde und bedankte sich noch einmal bei Millie und Julius für das Angebot.

 

__________

 

Julius grübelte darüber nach, ob er die kurze Reise nach Millemerveilles nicht nutzen sollte, sich mit weiteren Umhängen und Unterwäschestücken einzudecken. Der Blick in den Mannshohen Spiegel des Ehegattenzimmers zeigte ihm überdeutlich, daß er nicht mehr nur als athletisch und hochgewachsen, sondern auch mit einem sichtbar vorgewölbten Bauch gesegnet war. Irgendwie mußte er das auf die Reihe kriegen, Millies Hungeranfälle nicht zu seinen eigenen werden zu lassen, ohne ihr den Appetit zu verderben. Sicher, er brauchte nur den Anhänger abzulegen, um die Gefühlsverbindung zu beenden. Doch ob Millie dann mit der vollen Wucht ihrer eigenen Empfindungen zurechtkam und wie sie dann in der Schule klarkam wußte er nicht. Außerdem galt sein Wort, daß er ihr genauso mit ihren Gefühlen beistehen würde wie sie seine Gefühlslawinen ausgehalten hatte, während er Madame Maximes Blut im Körper hatte. Also besser erst mal passende Kleidung auf Vorrat besorgen.

Der Morgen des einunddreißigsten Dezembers grüßte mit leichter Bewölkung, als die Schüler von Beauxbatons und ihre Gäste aus Hogwarts und Greifennest um sieben Uhr am Austrittskreis der Reisesphären zusammenkamen. Julius hatte seine und Millies Festgarderobe in seiner Reisetasche. Kevin trug einen geräumigen Rucksack, während Gloria, die Hollingsworths und Pina unauffällig kleine Handtaschen trugen, von denen Julius aber wußte, daß diese mit einem Rauminhaltsvergrößerungszauber belegt waren wie sein Practicus-Brustbeutel. Da konnten ganze Kleider- und Schuhschränke drin verstaut werden.

Als Madame Faucon, die mit den beiden Gastschulleiterinnen den Feiertagsausflug mitmachen wollte, ihre Schützlinge in mehreren konzentrischen Ringen um die rote Kreisfläche versammelt hatte, verstärkte sie ihre Stimme mit dem Sonorus-Zauber und sprach: "Sehr geehrte Schülerinnen und Schüler aus Beauxbatons, Greifennest und Hogwarts! Für alle die, die bisher noch nicht in den Genuß der für Beauxbatons nützlichen Beförderungseinrichtung kamen, mit der die hier lernenden Schüler sowie die Angehörigen des Lehrkörpers an- und abzureisen pflegen: Wir werden gleich in vier Gruppen in jene rote Kreisfläche eintreten, um die Sie gerade versammelt sind. Sowohl die Kollegen Paralax, Pallas, Trifolio, wie auch meine Person, werden dann die uralte Magie beschwören, die eine umschließende Sphäre erzeugt, in der Sie und wir sicher von hier nach Millemerveilles reisen können. Innerhalb dieser Sphäre wirkt keine irdische Schwerkraft. Bitte bereiten Sie sich daher auf vier Sekunden Schwerelosigkeit vor! Am Zielpunkt wird jede aufgerufene Sphäre ihre Reisenden freigeben und damit dem Einfluß der Erdgravitation zurückgeben. Ich bitte die Schülerinnen und Schüler von Beauxbatons darum, den Gästen aus Greifennest und Hogwarts bei der Bewältigung der Reise zu helfen. Ich werde nun die Teilnehmer der ersten Reisegruppe in umgekehrter alphabetischer Reihenfolge ihrer Nachnamen aufrufen, die dann zusammen mit dem Kollegen Trifolio nach Millemerveilles reisen wird."

Kevin sah Julius verwundert an. Dieser fragte sich auch gerade, warum der Aufruf in umgekehrt alphabetischer Reihenfolge geschah. Doch dann dämmerte ihm, daß Madame Faucon so die Reihenfolge der Reisesphärenrufer abarbeitete, daß sie als letzte Kennerin dieser magischen Transportart die letzte Gruppe hinüberbringen konnte. Das sagte er auch Kevin.

Der Aufruf der Namen ging zügig über die Bühne, zumal Trifolio offenbar auch eine Liste der für seine Gruppe in Frage kommenden Schüler hatte und diese bereits per Blickkontakt und Gesten zum Vorrücken anhielt, noch bevor Madame Faucon die Namen laut ausgerufen hatte.

"Dann dürfen wir wohl mit Madame Faucon zusammen rüber", sagte Gérard Dumas zu Julius. Dieser nickte. Er ging davon aus, mit Paralax oder Pallas nach Millemerveilles versetzt zu werden. Er sah Pina, wie sie in den roten Kreis eintrat. Sie wirkte gelassen. Schließlich hatte sie die Reisesphäre ja bei der Quidditchweltmeisterschaft schon kennengelernt. Als die sonnenuntergangsrote Reisesphäre sich dann um die erste Gruppe schloß und mit lautem Knall im Nichts verschwand gab es bei den Gastschülern nicht wenige, die ein wenig unbehagt auf den nun wieder leeren Kreis blickten. Doch sie hatten keine Zeit zum Grübeln. Denn Madame Faucon rief bereits die nächsten Teilnehmer auf die rote Kreisfläche. Dabei waren auch die Champions "Rauhfels, Hubert" und "Porter, Gloria".

Millie, die Zwillinge Callie und Pennie, Patricia Latierre, Belisama und Julius gehörten tatsächlich zur dritten Gruppe, ebenso Kevin Malone und Professor McGonagall. Auch diese kannte bereits die Reisesphäre und war daher nicht so bekümmert, als in ihr alles und jeder völlig schwerelos wurde. Joseph Maininger sang innerhalb der hallenden Kugelschale aus Zauberkraft sogar ein Lied, an das sich Julius ganz entfernt erinnern konnte, wenngleich der Muggelstämmige Mitschüler aus München Deutsch sang. Professeur Pallas, die die Sphäre aufgerufen hatte mußte lachen. Darum vergaß sie fast die übliche Warnung vor Rückkehr ins gewohnte Raum-Zeit-Gefüge. Dann griff die Schwerkraft wieder nach ihnen allen. Julius hielt Millie sicher in einer halben Umarmung. Doch sie grinste nur.

"Sie dürfen froh sein, Junger Mann, daß für gesungene Texte in einer Fremdsprache keine Strafpunkte vergeben werden", grinste die Zaubereigeschichtslehrerin und Vorsteherin des himmelblauen Saales Joseph Maininger an. "Ich kann mir aber denken, wieso Ihnen ausgerechnet dieser Ohrwurm aus den frühen Achtzigern einfiel, den ich auf einer Studienreise nach Köln aus einem Rundfunkgerät der Muggelwelt erstmalig hören durfte. Aber unsere Reisesphären sind jedem bisher möglichen Raumfahrzeug zumindest in Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit überlegen."

"Okay, Kevin, wir stellen uns zu Pina hin, weil Gloria und Hubert ja gleich von Madame Delamontagne abgeholt werden, wenn ich das richtig erfaßt habe", sagte Julius und winkte Kevin zu sich und seiner Frau hin.

"Schon was los hier?" Fragte Kevin Julius leise, während die bereits eingetroffenen Lehrer die Ankommenden zu einer neuen großen Gruppe zusammentrieben wie Schäferhunde die Schafherde.

"Heilliges Kleeblatt", setzte Kevin leise an, als von außerhalb der den Ankunftskreis umstellenden Schirmblattbüsche her Madame Delamontagne in einem weiten, Gold-weißen Umhang herantrat. Die dritte Mutterschaft ließ sie noch fülliger als sonst schon wirken. Ihr Gesicht war rund wie ein Apfel geworden, und ihre Beine wirkten wie Säulen. Julius dachte in einem Moment daran, daß, wenn er Millies Hungerattacken nicht von sich fernzuhalten lernte, er in einigen Monaten genauso überfrachtet aussehen mochte. Doch genau deshalb imponierte ihn auch, wie die Sprecherin des Dorfrates von Millemerveilles ihr Körpergewicht und das in ihr wachsende Leben mit Stolz vor die Anreisenden trug. Er fragte sich, ob Eleonore Delamontagne jemals schlank und Rank wie ihre Tochter Virginie ausgesehen hatte. Jugendbilder von ihr hatte er bisher nicht zu sehen bekommen.

Mit lautem Knall rief ihn die vierte und letzte Reisesphäre aus Beauxbatons in die Gegenwart zurück. Babette eilte mit den anderen, zu denen die Hollingsworths, Laurentine und Lea Drake gehörten aus der blauen Kreisfläche heraus. Madame Faucon nahm Blickkontakt mit Madame Delamontagne auf, die Laurentine zu sich hinwinkte. Diese nickte. Julius hatte sie schließlich vorgewarnt.

"Jene, die bisher keine verbindliche Zusage von hier lebenden Verwandten und Bekannten hatten, wo sie für die Neujahrsnacht unterkommen bitte ich darum, mir zum Zentralen Platz zu folgen, um sie mit den Bürgerinnen und Bürgern bekannt zu machen, die für Sie Schlafplätze bereitstellen möchten.

Caroline Renard bedachte Madame Faucon und Madame Delamontagne mit einem verdrossenen Seitenblick. Womöglich ärgerte sie sich, daß ihre Eltern nicht gefragt worden waren, ob sie für alle Ausflügler einen Platz zur Verfügung stellen konnten. Sicher hatte es im Dorfrat entsprechenden Stress gegeben, konnte sich Julius vorstellen.

Madame Delamontagne winkte Gloria und Hubert zu, der nicht wußte, was die große, füllige Hexe von ihm wollte. Dann gesellten sich auch noch die Gräfin Greifennest und Professor McGonagall zu der strohblonden Ratssprecherin hin. Julius schwante, daß Eleonore Madame Faucon auch die Ehre vergellt hatte, die beiden Schulleiterkolleginnen zu beherbergen. Millie winkte den Hollingsworths und Pina zu, Julius hatte Kevin ja schon in Halblautsprechweite herangewunken.

Außerhalb des umpflanzten Reisesphärenkreises kam Julius nicht darum herum, die Dusoleils zu begrüßen. Denise winkte Babette und rief mit ihrer Kleinmädchenstimme: "Babette, du kannst auch zu uns!" Madame Faucon sah Denise tadelnd an, nickte dann aber und deutete von Babette auf die Dusoleils. Ein weiteres Nicken bestätigte ihrer Enkeltochter, daß sie zu Camille und Florymont hinübergehen konnte.

"Habt ihr auch volles Haus?" Fragte Julius Camille.

"Das mit Melanie hat dir Babette sicher drachenfeuerheiß erzählt. Die wohnt auf Anordnung Monsieur Descartes und Madame Eleonores für den Rest dieser Ferien und alle kommenden Ferien bei uns, weil meine werte Schwägerin tatsächlich vorhatte, sie wegen "falscher Saalzuweisung" von der Schule zu nehmen und das bereits bezahlte Schulgeld zurückzufordern. Dann schläft sie eben in Jeannes Zimmer, genau wie Babette. Falls deine Gastgeberpflichten dir doch noch genug Zeit lassen kannst du ja mit deiner Frau gerne heute Nachmittag zum Kaffeetrinken rüberkommen und, wenn sie möchten, auch eure Gäste mitbringen."

"Hat man Cassiopeia und Emil das Recht abgesprochen, die Schulbildung ihrer Tochter auszusuchen?" Fragte Julius.

"Cassiopeia ist noch unerträglicher geworden als sonst schon, Julius. Ich habe da einen bestimmten Verdacht. Aber den möchte ich nicht vor so vielen Leuten aussprechen."

"Wieso, kriegt die gute Cassiopeia auch wieder was kleines?" Mentiloquierte Julius und wunderte sich nicht schlecht, daß es in seinem Kopf wie aus einem Lautsprechernetz in einer Kathedrale widerhallte.

"Huch, wie kommst du da drauf?" Kam die zu erwartende Gegenfrage unter seiner Schädeldecke an. Er schickte zurück, daß er mittlerweile eine Ahnung habe, wie heftig das Gefühlsleben einer werdenden Mutter aus dem Tritt geraten konnte. Deshalb halte er das zumindest für möglich, wo Ursuline Latierre ja gleich vier neue Kinder erwarte.

"Auch ein Grund, warum Cassiopeia unser Haus im Besonderen und Millemerveilles im allgemeinen zur von ihr nicht mehr zu betretenden Zone erklärt hat", mentiloquierte Camille zurück. "Hera könnte ähnliche Ideen haben wie du", fügte sie noch als Erläuterung hinzu. Mit für alle hörbarer Stimme sprach sie dann weiter: "Außer Melanie und Babette sind auch Babettes Freundin Jacqueline und Endora Bellart bei uns einquartiert. Die schlafen in den Gästezimmern. Florymont und ich haben uns festgelegt, nur Schülerinnen aufzunehmen." Julius nickte nur zustimmend.

Jeanne sammelte Millies Cousinen und die jüngere Tante ein. Sie trug die im September geborenen Zwillinge Janine und Belenus in federleicht bezauberten Tragetüchern auf dem Rücken. Julius betrachtete die junge Mutter, die noch sehr füllig wirkte, aber mit der erst langsam über den Horizont lugenden Morgensonne um die Wette strahlte. Auch sie und den stolzen Dreifachvater Bruno begrüßte Julius.

"Schlimmer als Quidditchtraining", grummelte Bruno. Doch dann mußte er grinsen. "Aber auch spannender als ein Weltmeisterschaftsspiel. Hast du das gehört, was mit Schwiegertante Cassiopeia los ist?" Fragte er Julius. Dieser fragte zurück, von wem er das hätte hören sollen, wo er nur mit ihrer Tochter Melanie zu tun hatte.

"Eben wegen der. die selbstherrliche Hexe hat Césars Familie dumm angeschrieben, weil Césars Schwesterchen ihre ach so anständig erzogene Tochter verderben will oder so. Abgesehen davon zickt die alte genauso rum wie Jeanne in den ersten Monaten mit Janine und Belenus oder Jaja und Lennie, wie Belle-Maman Camille sie immer wieder nennt. Auch ein Grund, bloß nicht noch mal als Baby anzufangen, wenn einem die Großeltern da so abgedrehte Namen zurufen."

"Das dürfte den beiden vollkommen egal sein, solange sie liebgehabt werden", erwiderte Julius, der Bruno jedoch innerlich zustimmen mußte. Claire hatte ihn damals Juju genannt, als klar war, daß sie beide miteinander gingen. also war man auch als heranwachsender nicht sicher vor abgedrehten Kosenamen. Da war eben wichtig, wer einen so nannte und warum.

"Maman hat dich garantiert schon auf heute Nachmittag festgeklopft, Julius. Deshalb habe ich euch die zwei beiden hier schon jetzt mal mitgebracht, um zu zeigen, wie sie außerhalb von Jeannes warmem Wartesaal aussehen." Julius bekam unvermittelt von Jeanne den kleinen, rundlichen Jungen in die Arme gelegt, dessen Ankunft er in gewisser Weise miterlebt hatte, was Jeanne jedoch nicht wußte. Millie übernahm das kleine Mädchen, dessen schwarzes Haar bereits die ersten sachten Wellen zeigte, die für die Hexen aus der Odin-Dusoleil-Linie so typisch waren. Jeanne verwickelte Millie in eine kurze Unterhaltung über die bisher erlebte Schwangerschaft und erfuhr auch, daß Millie eine Tochter trug.

"Dann zieh dich warm an, wenn die Kleine deiner Mutter und dir nachschlagen will, Mildrid", erwiderte Jeanne darauf. Millie grinste nur und meinte, daß sie bis dahin wohl noch das eine oder andere Geschwisterchen zum Abreagieren ausgeliefert haben würde. Dann fragte sie, wo die kleine Viviane Aurélie denn jetzt sei und erfuhr, daß sie bei Brunos Eltern warte, bis die Familien ihre Gäste begrüßt und untergebracht hätten.

"Monsieur Latierre, Ihre Gästebelegung ist mir ja mitgeteilt worden", begrüßte Madame Delamontagne den jungen Mitbürger. Dieser bedankte sich noch mal für die Genehmigung, seine ehemaligen Mitschüler beherbergen zu dürfen. Das kam ihm selbst fast geheuchelt vor, wenn er daran dachte, daß er Gloria nicht bei sich unterbringen durfte. Dann fragte er nach Madame Delamontagnes Befinden.

"Die Ihnen hinlänglich bekannte Heilerin Hera Matine hat verfügt, daß nach dem Jahreswechsel ein vorübergehender Umzug von ihr zu mir stattfinde, um die Ankunft meines dritten Kindes ungefährdet stattfinden zu lassen", grummelte Eleonore Delamontagne. "Sie genießt es offenbar, mich an Stelle Ihrer Ehefrau umsorgen zu dürfen, nachdem Madame Jeanne Dusoleil ihre beiden Familienmitglieder im Leben begrüßen durfte. Hmm, haben Sie sich mit Ihrer Gattin solidarisiert, was die Nahrungsaufnahme angeht?" Fragte sie und deutete flüchtig auf Julius' runderen Bauch. Dieser wußte erst nicht, was er sagen sollte. Dann beschloß er, mit einem entschlossenen "Ja", zu antworten. "Dann sollten Sie besser neben Kraftübungen auch Gelenkigkeitsübungen in Ihre Körperertüchtigungsarbeit einbeziehen. Das werden Sie mir sicher zugestehen, daß ich mich in dieser Hinsicht exzellent auskenne."

"Wenn Sie das möchten, werde ich Ihnen da nicht widersprechen", erwiderte Julius. Irgendwie war ihm gerade so, als wolle Eleonore Delamontagne ihm durch einen Blumenstrauß sagen, daß er sich für eine sichtbare Gewichtszunahme nicht zu schämen brauche, wenn er die damit zusammengehenden Anstrengungen auf sich nahm.

"Wir sehen uns dann spätestens heute Abend zur großen Jahreswendfeier. Gleich werden noch die Glockenspieler und Trommler ihren üblichen Flug über das Dorf beginnen. Deshalb sind Sie ja so früh hier. Ähm, Da Sie ja Bürger von Millemerveilles sind dürfen Sie ja daran teilnehmen, falls Sie möchten." Julius erwähnte, daß er erst die Gäste unterbringen wolle. Falls das ging, sich in wenigen Minuten noch ein schrillbuntes Kostüm mit Glöckchen anzuziehen und eine der magisch verstärkten Schellentrommeln zu ergattern würde er schon gerne mitfliegen. Millie merkte das und deutete von sich auf die Gäste: "Wenn wir schon mal hier sind, und ich ja im Moment nicht auf einen Besen steigen darf, dann vertritt du uns Latierres beim Umzug. Ich kriege die Mädels auch alleine bei uns unter."

"Häh?" Stieß Kevin verdrossen aus, während Pina und die Hollingsworths amüsiert kicherten.

"Och joh, einen Prachtburschen haben wir ja auch dabei", setzte Millie noch hinzu. Julius nickte ihr zu und disapparierte mit der Reisetasche. Da er durch Florymonts Familienzutrittszauber problemlos innerhalb des runden Hauses beim Farbensee apparieren konnte hatte er seine und Millies Sachen in nur fünf Sekunden im gemeinsamen Schlafzimmer untergestellt und seinen Ganymed 10 geholt.

Julius sah zu, wie Millie mit den anderen per fliegender Kutsche zum Haus Pomme de la Vie hinüberflog, während er sich nach Verteilung der angereisten Schüler mit seinem Besen zum Gemeindehaus begab, wo er von Madame Roseanne Lumière freudestrahlend begrüßt wurde.

"Barbara und ihre Familie sind auch bei uns. Sie freut sich, daß ich ihr erlaubt habe, am Glockenspielflug teilzunehmen, nachdem Hera geprüft hat, daß sie gerade nicht für ein weiteres Kind mitessen muß."

"Hast du schon mit Camille geredet?" Fragte César Rocher, der Starhüter der Millemerveilles Mercurios, der trotz hunderter von Verehrerinnen noch bei seinen Eltern und der kleinen Schwester Celestine wohnte. er hatte sich einen knallroten Umhang mit dutzenden von handgroßen Schellen und Glocken angezogen und an seinem Besen auch noch einmal mehrere Vorrichtungen wie Bambusrohre und Bleche gehängt, die beim Fliegen zusammenschlagen und einen Höllenlärm machen konnten.

Julius fühlte, wie der blitzeblaue Umhang mit den grünen, orangen und gelben Verzierungen über seinem Bauch spannte. César bemerkte das und fragte, ob er jetzt ins gesetzte Alter käme, wo Millie ihn so früh zum Ruf nach dem Regenbogenvogel gebracht hatte.

"Wieviele Mädchen haben sich noch vor deiner Tür versammelt, damit du sie erhörst?" Fragte Barbara van Heldern, die gerade flugfertig im rosaroten Rüschenumhang mit goldenen Glocken und silbernen Schellen zu den wartenden Zauberern trat. César verzog nur das Gesicht und schwieg. Barbara begrüßte Julius mit einer innigen Umarmung. Sie hatte sich nach den beiden Kindern wieder auf ihre frühere athletische Körperform heruntergearbeitet, wirkte nur an den Armen dicker, weil wohl mit mehr Muskeln beladen. Sie erkundigte sich weit genug von Césars Ohren weg nach Millies Befinden und gab ihm mit, sie von ihr zu grüßen und daß sie und Gustav bei ihren Eltern untergekommen seien und bis zum fünften Januar noch Urlaub machen würden.

Als an die zweihundert junge bis altgediente Hexen und Zauberer in bunten Kostümen versammelt waren rief Roseanne Lumière die Teilnehmer am Umzug auf, ihre Besen zu besteigen. "Auf zum letzten Tag des Jahres. Mögen die guten Geister des kommenden Jahres unsere Musik hören und die bösen Geister vor unserer Lautstarken Wehr die Flucht ergreifen!" Rief sie wohl etwas traditionelles aus. Dann stiegen die Besenreiterinnen und -reiter in einer langestreckten Formation in den Himmel über Millemerveilles empor.

Julius freute sich. Zwischen Barbara und César flog er wilde Schlenker, Sturzmanöver und Steigflugeinlagen, wobei er die an seiner Kleidung hängenden Glocken und Schellen wild lärmen ließ. Immer wenn sie den zentralen Platz um den Teich mit den bronzenen Zaubergeschöpfen überflogen, zog sich die Formation zu einer langen Reihe von Einzelfliegern auseinander. Einige flogen als Besentandem, vor allem Ehepaare, deren Kinder groß genug waren, um einige Minuten ohne ihre Eltern zurechtzukommen. Nach dreißig Minuten landeten die Flieger wieder vor dem Gemeindehaus, wo eine jubelnde Menge aus Bürgern und Gästen ihnen applaudierte.

"Ich kann's noch", jubelte Julius seiner Frau zu, als er sie und die gemeinsamen Gäste erreichte.

"Sowas verlernt auch niemand, der mal auf einem anständigen Besen gesessen hat", erwiderte Millie. Dann gab sie Julius einen Brief. "Der lag bei uns im Briefkasten. Offenbar wollte jemand, daß wir den nicht in Beauxbatons kriegen", sagte sie. Julius zog sich einige Meter zurück und machte den Briefumschlag auf. Er erkannte sofort die Handschrift seiner Mutter. Sie schrieb ihm und Millie, daß sie sich nach langer Überlegung entschlossen habe, in Verwandlung, Protektion gegen destruktive Formen der Magie, Zauberkunst und Studium der nichtmagischen Welt die UTZ-Prüfungen anzutreten. Außerdem wohne sie gerade bei den Eauvives im Château Florissant, mit denen sie in das neue Jahr hineinfeiern wolle. Sie würde dort fern von Internet und Telefon die Freizeit ausnutzen, um die nötigen Zauber zu lernen und einzuüben. Er würde sie dann am Elternsprechtag in Beauxbatons sehen. Julius nickte Millie zu und steckte den Brief wieder fort.

"Dann sind wir junges Volk für uns", sagte er. Millie meinte leise, daß ihre Schwiegermutter wohl keine Lust hatte, sich mit Geneviève Dumas herumzuplagen, weil die sie immer noch nicht aufgegeben hatte. Julius konnte das nicht grundweg abstreiten.

Nach dem Besenflug über das Dorf begutachtete Julius mit seinen Gästen die Dekoration des weitläufigen Zaubererdorfes Millemerveilles. Für die Begrüßung des symbolträchtigen Jahres 2000 war einiges aufgeboten worden. Allein im Musikpark, wo die große Hauptveranstaltung stattfinden sollte, waren viele zusätzliche Attraktionen aufgebaut worden. Julius hatte es noch mitbekommen, daß in seiner Geburtsstadt London ein gewaltiges Riesenrad aufgebaut wurde, das zum Dauerbetrieb in das kommende Jahrhundert hinein weitere Touristen anlocken würde. Hier in Millemerveilles hatten sie eine Stufenpyramide aus Glas errichtet, die nur halb so hoch und breit war wie ihre steinernen Vorbilder in Ägypten. Das gläserne Bauwerk erstrahlte im Schein hunderter bunter Lampions. auf der obersten Plattestand ein Springbrunnen, der jedoch keine Fontäne aus Wasser, sondern aus farbigem Feuer in den Himmel schleuderte. Florymont Dusoleil, dem er beim Besichtigen der gläsernen Pyramide begegnete verriet ihm, daß diese Feuerfontäne gerade ein zehntel ihrer Höchstleistung lieferte und die Fontäne durch ineinander verzahnte Feuerelementarzauber sogar Bilder und Buchstaben darstellen konnte.

"Als Camille mich fragte, wie ich mit Nachnamen heiße und Chloé fast einmal Onkel zu mir gesagt hat wußte ich, daß ich eindeutig mehr Zeit mit dem hier verbracht habe als mit meiner Familie", scherzte Florymont, als er Julius einlud, das innere des Glasbaus zu besuchen. "Für Touristen kostet das dann zehn Sickel Eintritt, unser Palais des mille Chambres zu besuchen. Für Höhenkranke ist das aber nicht immer was, weil auch die Böden aus unzerbrechlichem und dabei gerade einen Zentimeter dickem Glas bestehen."

"Palast der tausend Gemächer?" Fragte Julius. Florymont nickte und tippte dann mit dem Zauberstab eine nur ihm bekannte Stelle in der Glaswand an.

"Wer keinen Plan von den Räumen mitnimmt kann sich da drinnen locker verlaufen. Aber ein guter Architekt hält sich genug Abkürzungen und Notausgänge offen", grinste er Julius an, als vor ihnen ein Teil der Glaswand zur Seite glitt.

Einige der tausend Gemächer waren undurchsichtig und enthielten Bilder, die die lange Geschichte Millemerveilles erzählten. Andere Räume erweckten den Eindruck, frei in der Luft zu schweben und aus fünfzig Metern Höhe auf das Dorf hinunterzublicken. Julius bestaunte sogar einen richtigen Dschungel, der innerhalb der oberen Stufen in einem lichtdurchfluteten Treibhaus kultiviert wurde.

"Da hat aber garantiert deine Frau dran gedreht, daß die Pflanzen hier wachsen. Aber die Bäume können bis zu hundert Metern hoch werden. Habt ihr da mit Rauminhaltsvergrößerung gearbeitet?"

"Das kannst du aber annehmen, Julius. Camille hat drei Abteilungen einrichten lassen, eine afrikanische, eine südostasiatische und eine südamerikanische. Ihre und deine gemeinsame Bekannte Aurora Dawn wurde zwar gebeten, noch ein paar australische Normalpflanzen hier unterzubringen, aber die ist gerade mit einer Fortbildung beschäftigt, die sie nicht aus Australien hinausläßt. Was genau sie macht wollte oder durfte sie Camille nicht erzählen, weil es Heilerinterna berühre, so Camille. Sie meinte aber sowas, daß sie im April mit ihrer Weiterbildung fertig sei und dann auf ein paar freie Tage hoffe."

"Hmm, davon hat mir die Verbindung mit ihr nichts erzählt", sagte Julius. "Aber Millie und ich haben ja mit der Schule und dem im Mai anstehenden Zuwachs genug zu tun", sagte Julius. Außerdem konnte er sich denken, daß es genug Sachen gab, über die Außenstehende nichts mitbekommen mußten. Vielleicht sollte er doch auf Antoinette und Béatrice hören und nach den UTZs eine Heilerausbildung anfangen. Andererseits zeigte ihm gerade diese Pyramide, wie spannend und vielseitig Zauberkunst sein konnte. Das wäre auch was für ihn, wenngleich er mit den Baumagiern, die damals Beauxbatons renovieren mußten, keine wirklich erfreulichen Erfahrungen gemacht hatte. Als habe er mit seinen Gedanken an damals einen Apportationszauber ausgelöst erschien aus einer der undurchsichtigen Kammern ein noch junger Zauberer in taubenblauer Montur. Seine türkisfarbenen Augen kannte Julius nur allzugut, zumal der auch noch eine jüngere Schwester hatte, die im letzten Sommer erst mit Beauxbatons fertig geworden war.

""So, Meister, Sardonias freier Fall ist jetzt auch klar. Ui, der junge Monsieur Latierre, da ist der werten Ex-Madame Maxime doch was entgangen", sagte er mit verwegenem Grinsen. Julius hatte damals auf eine ähnliche Bemerkung von diesem Zauberer einen Kinnhaken zur Antwort ausgeteilt. Jetzt, ohne die Wallungen fremden Blutes, konnte er sich besser beherrschen.

"Soweit ich das damals noch mitbekam hat Sie Ihnen doch ein Angebot gemacht, Monsieur Devereaux. Gilt das immer noch?" Fragte er unverfroren zurück.

"Öhm, hat die? Öhm, nicht schriftlich", grummelte Monsieur Cimex Devereaux. Florymont erkannte sofort, warum die beiden sich gerade so anpiekten und sagte schnell:

"Cimex, Julius, die Sache von damals ist bald zwei Jahre her. Ihr seid beide in der Zeit erwachsener geworden. Insofern braucht ihr euch nicht ausgerechnet hier zu käbbeln wie halbwüchsige Jungs."

"Sie sind der Chef, Meister", grummelte Cimex Devereaux und sah Julius noch mal an. "Außerdem will ich nicht dem seine Unterhaltszahlungen für den Braten übernehmen, den Massenmutter Lines Enkeltochter gerade im Ofen hat."

"Ich glaube nicht, daß Sie es nötig haben, den Neid Ihrer Schwester Valentine weiterzuverbreiten, Monsieur Devereaux", sagte Julius. Das brachte den Baumagier zum lachen.

"Die und neidisch? Schön wäre es, wenn die dazu Grund hätte. Na ja, soll hier nicht breitgetreten werden. Ich seh dann mal zu, daß ich zu meinen Leuten rauskomme, bevor die euch hier den ganzen Champagner wegsaufen, bevor das alte Jahr ganz um ist. Tschüs!"

"Ja, manches Wort trifft schmerzhafter als ein Kinnhaken", grinste Florymont, als der Bauzauberer sich eilig aus dem Staub gemacht hatte. Disapparieren ging in der Pyramide nicht, um den Nervenkitzel des durch das Labyrinth irrens nicht zu verderben.

"Bei den Mädels im roten Saal ging immer rum, daß Monsieur Devereaux' Schwester zu den Goldröschen gehen könnte", sagte Julius.

"Das ist sein Problem, einige Kollegen wollen sie da wirklich schon besucht haben, wenngleich die Damen aus dem Goldrosenhaus natürlich unter anderem Namen arbeiten, um ihre Anverwandten nicht ins Gerede kommen zu lassen. Auf jeden Fall ziehen Sie ihn jetzt damit auf, daß seine Schwester die wohl beiden vererbte Zügellosigkeit zu Galleonen machen würde und er "nur mauern" dürfe. Dabei hat es den Dorfrat einige tausend Galleonen gekostet, ihn und seine Truppe für die errichtung der Pyramide zu kriegen."

"Sardonias freier Fall, was ist das, Florymont?"

"Das ist die hohe dunkle Röhre im Zentrum dieser Pyramide, die von ganz oben bis zwanzig Meter unter den Boden geht. Wer Mutig und schwindelfrei ist kann da reinspringen. Allerdings fällt er dann in totale Finsternis rein und sieht nicht, wo der Boden ist. Er oder sie merkt dann nur, daß ihn ein Fallbremsezauber auffängt und er oder sie dann im Hui durch einen Verbindungstunnel aus dem Palais des mille Chambres hinausgefeuert wird."

"Echt?! Darf ich das ausprobieren?" Begeisterte sich Julius.

"Nicht, bevor ich das nicht getestet habe. Ich kann im Notfall eine eigene Fallbremse zaubern und weiß, nach wie vielen Sekunden ich den Boden erreichen muß. Aber wenn du morgen noch ein paar Stunden hier Zeit hast kannst du das gerne ausprobieren. Aber verlauf dich nicht im Labyrinth!"

"Ich werde Brotkrumen streuen, um nach Hause zu finden", erwiderte Julius.

"Das wird der Müllwegputzzauber nicht zulassen, Julius. Bei so vielen Besuchern, die Dreck und Schnipsel reinschleppen wird jeder Raum kurz nach Durchquerung mit mehreren Staubsammel-, Scheuer und Reinigungszaubern blitzblank geputzt. Das kannst du also vergessen. Aber wir verleihen auch Streckenpläne für alle, die nicht von sich aus den Ausgang finden wollen." Julius nickte.

In einem gewaltigen Spiegelsaal sah er sich so oft, daß er Florymont abkaufte, daß jeder Besucher zweitausendmal gespiegelt wurde. Das unheimliche daran war, daß die Spiegelbilder ein gewisses Eigenleben führten. Dann verließen sie die Pyramide durch einen waagerechten Schacht, der sie vom Zentrum aus zu einer Luke auf halber Höhe führte und der nur von den Bauzauberern und dem Wart für die eingebauten Zauber zu betreten war. Florymont stellte Julius dann den Architekten der Konstruktion, Monsieur Clement Duchamp vor, der nach dem in Ungnade gefallenen Flavio Maquis der gefragteste Architekt für magische Gebäude war.

Als er Millie und den Gästen von seinem Ausflug in den gläsernen Palast der tausend Gemächer erzählte wollte Kevin diesen Freifallschacht auch ausprobieren. Pina war da nicht so von begeistert und erwähnte "Diese Verrückten", die sich mit einem Gummiband an einem Fuß von Brücken oder Türmen hinunterstürzten.

"Nur, daß du hier genug Bremszauber bringen kannst, um keinen zu einem roten Fleck in der Landschaft werden zu lassen", meinte Kevin sehr überzeugt. Julius sagte darauf:

"Und falls doch putzen die eingebauten Putzzauber alles wieder sauber."

"I, das ist ja fies", erwiderte Betty Hollingsworth darauf.

"Hast du dem netten Mex D. gglatt noch einen Tiefschlag verpaßt, weil du ihn dran erinnert hast, wofür sich sein lieb Schwesterlein schon bei uns in Beaux warmgelaufen hat", bemerkte Millie noch dazu. Dann erwähnte sie, daß ihre Tante Béatrice vorbeigekommen sei, um sie und die noch auf das Leben hinwachsende Aurore zu untersuchen. Ihre Großmutter Ursuline habe auch den Kopf durch die Kaminverbindung gesteckt, um zu sehen, wie es Enkeltochter und Urenkelin gerade ging, vor allem, wie propper Millie gerade mit Umstandsbauch aussah.

"Tante Trice läßt schön grüßen, und sagt, daß du nicht aus Solidarität für mich und die Kleine mitessen mußt, da das was du ißt nicht bei Aurore ankommen kann."

"Ich schreibe sie noch mal an", sagte Julius.

Um zwei Uhr Nachmittags betrat Julius seinen fliegenpilzförmigen Geräteschuppen. Kevin, Pina, Millie und die Hollingsworths begleiteten ihn. Er schaltete sowohl den Fernseher als auch den tragbaren Computer mit Satellitenmodem ein. Nach nur einer kurzen Suchanfrage fand er eine Internetseite, auf der live aus Sydney die große Jahrtausendparty übertragen wurde. Das Feuerwerk an der hafenbrücke war imposant, und auch daß so viele Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Staatsangehörigkeit einander zujubelten und im Licht Privaten Feuerwerks das so lange in Zukunftsgeschichten für entscheidend angesehene Jahr begrüßten begeisterte die Bewohner und Gäste des Apfelhauses. Julius erwähnte, daß Aurora Dawn sicher auch was von der großen Feier mitbekam.

"Na ja, die wird in der Zaubererwelt wohl sicher genug zu tun haben. Tante Trice erwähnte sowas, daß manche Zauberer beim Jahreswechsel gerne was anstellen, was sie selbst nicht richtig kontrollieren können und dann Heiler und Katastrophenbereinigungszauberer rufen mußten", wandte Millie ein. Julius konnte da nur nicken. Er wollte auch kein Feuerwehrmann oder Notarzt sein, wenn an Silvester alle Leute meinten, mit gefährlichen Feuerwerkskörpern herumzuspielen und noch dazu bereits vor dem Jahreswechsel mehrere Gläser Bier oder Wein getrunken hatten, so daß sie die Sicherheitsregeln vergaßen. Sowas wurde dann bei den Muggeln als Großkampftag bezeichnet.

"Jedenfalls haben die Aussis kein Jahr-2000-Problem mit ihren Rechnern", stellte er noch fest, als sie eine halbe Stunde lang dem Treiben im mitternächtlichen Sydney zugesehen hatten. Pina nickte. Das lange befürchtete Chaos schien zumindest in Australien auszubleiben. Julius prüfte noch einmal, ob sein Computer 2000-sicher war und fand dabei einen kurzen Text seiner Mutter im Verzeichnis "Wartungsprotokolle", in dem sie ihm schilderte, welche Programme sie hatte neu installieren müssen, nachdem sie doch einige mit dem sogenannten Y2K-Fehler gefunden hatte. Kevin wollte dann natürlich wissen, was die Abkürzung Y2K bedeutete. Julius sagte, daß das für die englische Bezeichnung für das Jahr 2000 oder Jahr zwei Kilo stehen würde. Er schickte Aurora Dawn noch eine E-Mail und wünschte ihr und ihren Freunden in Australien ein schönes neues Jahr. Dann fuhr er den Rechner herunter und schaltete auch den Fernseher aus, auf dem die Neujahrsfeier im fernen Osten gezeigt worden war.

"Was hast du erzählt, daß euer neuer Jäger Louis Vignier mit seinen Eltern auf einem Schiff unterwegs ist, das so fährt, daß es einen Längengrad überquert, von dem aus östlich noch der vorherige Tag gilt?" Fragte Millie. Julius erklärte ihr und den zaubererweltgeborenen Gästen das mit der Datumsgrenze, so daß auf einem darüber nach osten fahrenden Schiff zweimal in das Jahr 2000 hineingefeiert werden konnte.

"Schon lustig, was die Muggel sich ausgedacht haben, um ihre Schiffe und Eisenbahnzüge und Flugzeuge in einem Plan laufen zu haben", sagte Betty Hollingsworth und bat Julius darum, ihr das mit der Datumsgrenze für ihre Mutter zu formulieren, die sicher auch hier in Millemerveilles zu Gast war. Er diktierte das, was er in einfachen Sätzen zusammenbringen konnte in die Flotte-Schreibe-Feder, die er von den Eltern der Hollingsworths geschenkt bekommen hatte und gab Betty den Zettel. Dann war für alle freies Herumstrolchen und Bestaunen angesagt.

Am Nachmittag folgten Millie, Pina und Julius der Einladung der Dusoleils. Kevin und die Hollingsworths trugen ihre Festgarderobe in ihren Rucksäcken mit sich herum und würden sich vor der großen Feier in einem der provisorischen Toilettenhäuser umziehen.

Weil Melanie Odin beim Kaffeetrinken dabei war vermied Julius es, über ihre Lage zu reden, obwohl es ihm förmlich auf der Zunge brannte, danach zu fragen, ob sie jetzt alle Ferien in Millemerveilles wohnen müsse. Erst als nach Kaffee und Kuchen, bei dem Kerzenleuchter mit einer die Zahl 2000 darstellenden Kerze zum Einsatz gekommen waren, zogen Babette, Denise, Melanie und Jacqueline los, um sich die vielen bunten Karussells und die Musikveranstaltungen zu Gemüte zu führen. Als Denise mit ihren Schulkameradinnen das Haus Jardin du Soleil verlassen hatte wollte Julius es endlich wissen. "Wie war und ist das jetzt mit Melanie und ihren Eltern? Könnte ja immerhin sein, daß Millie und ich das bei der Saalsprecherkonferenz oder bei den Pflegehelfern mal besprechen müssen."

"Nun, das berührt zwar eine Familienangelegenheit, aber ich kann Pina ja schlecht vor die Tür schicken wie ein Kleinkind. Ich hoffe mal, sie erzählt es keinem weiter, den es nicht betrifft", setzte Camille an, die zwar darüber sprechen wollte, es ihr jedoch auch ziemlich peinlich war, es zu erörtern. Pina sagte zu, nichts davon weiterzuerzählen. "Das ging schon vor Weihnachten los, daß meine Schwägerin fand, daß Melanie nach den Ferien einen Privatlehrer kriegen solle, da, so die Frau meines Bruders, das Umfeld für eine auf Anstand und Ordnung hinführende Erziehung ihrer einzigen Tochter auch im sonst so vorbildlichen Beauxbatons nicht gewährleistet sei, weil Madame Faucon es ablehne, Melanie noch einmal der Zuteilung zu unterziehen. wie genau diese geht erzähle ich hier besser nicht, weil das zu den Interna von Beauxbatons gehört, wie die Auswahl für die Schulhäuser von Hogwarts und Greifennest auch." Pina nickte. Außer ihr wußten hier eh alle, wie das ablief. Das Gloria ihr das jedoch schon längst erzählt hatte wollte sie Camille Dusoleil nicht auf die Nase binden. "Jedenfalls bekamen mein Mann und ich das mit, als wir bei einer Weihnachtsfeier meiner Schwiegereltern darüber sprachen. Meine Schwägerin wirkte da sichtlich unbeherrscht und stieß immer wieder aus, daß ihre Tochter auf dem Weg sei, zu einem ... ähm ... verdorbenen Luder zu werden. Das geht nicht gegen dich, Millie, zumal ich ja mal ähnlich von Bruno und seiner Verwandtschaft gedacht habe und es jetzt etwas besser weiß." Julius fühlte Millies aufwallenden Zorn. Doch beide beruhigten sich schnell wieder. "Jedenfalls führte das dazu, daß mein Bruder mich bat, Madame Faucon anzuschreiben, daß Melanie mit ihrer Cousine Denise wohl ruhiger auf die nötigen Prüfungen hinlernen könnte, wenn sie beide im selben Saal wohnten. Andernfalls könne er seine Frau nicht davon abhalten, Melanie von der Schule zu nehmen, weil er nicht wolle, daß sie, Melanie, zwischen ihm und ihr hin und hergerissen sei. Er selbst stimmt seiner Frau zu, daß viele Mädchen im roten Saal wenig von sogenanntem damenhaften Betragen hielten. Dann hatten wir es davon, daß Melanie nie lernen würde, mit anderen Hexen und Zauberern geordnet zusammenzuleben, wenn sie nur von einem teuren Privatlehrer unterrichtet würde und es sich in Beauxbatons blitzschnell rumsprechen würde, daß Melanie für diese Schule offenbar nicht geeignet sei. Da gab dann ein Wort das andere, weil meine schwägerin natürlich dachte, ich hätte ihre Tochter zur Idiotin erklärt. Tja, da meinte Florymont, daß wohl eher sie, also meine Schwägerin, eine Idiotin sei, wenn sie meine, ohne triftigen Grund die große Chance zu vermasseln, die Melanie in Beauxbatons habe. Nur unbelehrbare oder dumme Schüler kämen da nicht zurecht, hat er gesagt." Der erwähnte nickte heftig. Dann meinte sie zum mir, daß wenn ich besser mit den Anwandlungen eines Mädchens leben könne, das mit Mädchen aus "einschlägigen Familien" im selben Schlafsaal übernachte, sollte ich sie eben zu mir holen und in den Ferien beherbergen. Ich habe dann natürlich gesagt, daß ich mit dir, Millie, oder mit den Verwandten von Bruno oder César keine Probleme hätte und wenn das der einzige Weg sei, Melanie in Beauxbatons zu lassen, ich sie gerne in den Ferien bei mir wohnen ließe, weil ich als ihre Patentante ja auch daran interessiert sei, daß sie so gut wie möglich ausgebildet würde, um ein eigenes Leben führen zu können. Darauf meinte die Frau meines Bruders, daß sie mir Melanie nur übergeben würde, wenn ich eine Bescheinigung von Madame Faucon und Monsieur Descartes von der Ausbildungsabteilung beibringen würde, daß ich für sie verantwortlich sei, egal was ihr passiert. Das haben wir dann vorgelegt und Melanie gleich mitgenommen. Das hat Denise wohl an Babette geschrieben. Ehrlich gesagt war mir das nicht so recht, als ich das hörte, was Denise geschrieben hat. Aber jetzt sind die Wichtel auf dem Dach und wir müssen zusehen, sie wieder einzufangen, bevor es in Beauxbatons herumgeht, daß eine Schülerin dort angeblich nicht gescheit hat lernen können. Madame Faucon - wen wundert's - hat zugestimmt, daß Melanie in den Ferien bei uns wohnt. Offenbar findet sie selbst das als fies, daß ihre Mutter ihre neuen Schulfreundinnen für dumm oder unanständig hält, vor allem Celestine Rocher. Die kann sie jetzt noch häufiger sehen, als meine werte Schwägerin es erhofft hat."

"Na ja, aber irgendwann will Melanie sicher doch mal wieder mit ihren Eltern reden", wandte Julius ein.

"Nur dazu müßte ich sie dann zu Emil und seiner Frau hinbringen, da die in dem Moment, wo sie den amtlichen Schrieb von der Ausbildungsabteilung zu lesen bekommen haben erklärt haben, daß sie Millemerveilles und unser Haus nicht mehr betreten würden, bis wir "reuevoll" einsehen würden, daß die werte Madame Odin doch recht hat und ihre einzige Tochter keine anständige Hexendame werden würde."

"So ein Pech aber auch, daß die Broomswood-Akademie in den Staaten schon vor über einem Jahr zugemacht wurde und sämtliche Lehrerinnen von da alle miteinander aus der Weltgeschichte verschwunden sind", stieß Julius aus. Dann erwähnte er noch, daß auch Madame Faucon mal behauptet hatte, nie im Leben das Château Tournesol oder ein anderes Haus der Latierres zu betreten. Millie mußte darüber grinsen.

"Na ja, ich denke eher, meine werte Schwägerin hat im Moment Probleme, ihre ohnehin ungeübte Selbstbeherrschung zu bewahren. Womöglich ist ihr jetzt, wo beide Kinder nach Beauxbatons kamen und sie den ganzen Tag alleine in ihrem großen Haus sitzt klargeworden, daß sie nicht mehr die jüngste ist."

"Wieso alleine. Ich dachte, deine Schwägerin hat einen Beruf im Ministerium", wunderte sich Julius.

"Den hat sie gekündigt, als Monsieur Grandchapeau ihr in Aussicht gestellt hat, sie nach Martinique zu versetzen, wo sie für die Abteilung für internationalen magischen Handel mit den Vertretern der anderen Karibikinseln unterhandeln soll. Das hat sie als Versuch, sie aus dem Land zu jagen ausgelegt. Da könnte ich mir sogar vorstellen, daß sie da recht hat. Liegt aber dann wohl daran, daß sie sich in den Abteilungen des Ministeriums die wenigen Sympathien verdorben hat, weil sie meinte, in andere Familienangelegenheiten dreinreden zu können. Offenbar spielte sie sich als Heiratsvermittlerin auf und suchte wohl schon nach einer Partie für Melanie. Bei Denise hat sie sich das auch schon gewagt, als sie den elften Geburtstag gefeiert hat. Aber den Zahn haben Florymont und ich ihr sofort gezogen." Julius nickte heftig. Daß Cassiopeia Odin gemeint hatte, ihre minderjährigen Verwandten zu verkuppeln wußte er genausogut wie die Dusoleils. "Jedenfalls war die Stelle im Handelsbüro Martinique gerade frei. Jedenfalls hockt Cassiopeia seit nun zwei Monaten allein zu Hause, während mein Bruder für den Zauberbuchverlag Mansio Magica in der Welt herumreist und mit Filialen über französische Übersetzungen von Neuerscheinungen zu unterhandeln. Florymont hat ihr angeboten, ihr eine Tür zu den Cyrano-Werken aufzumachen, die noch nach mehrsprachigen Handelsvertretern suchen. Aber das wollte sie nicht. Das empfand sie als Abstieg."

"Abstieg? In der Muggelwelt gibt es genug ehemalige Regierungsbeamte, die nach ihrer politischen Karriere supergut bezahlte Posten in privaten Firmen an Land ziehen. Wenn sie das als Abstieg bezeichnet, dann ist die echt weltfremd", stieß Julius aus.

"Zumindest habe ich versucht, ihr zu helfen, wozu meine Frau, die ihre Meinung von ihrer Schwägerin hat nicht bereit war", knurrte Monsieur Dusoleil.

"Ich habe ihr angeboten, weil sie einen Herbologie-UTZ hat bei mir anzufangen. Aber das hat sie dann als totale Demütigung gesehen, für die Schwester ihres Mannes arbeiten zu gehen, weil sie sonst niemand nehmen wolle. Da bleibe sie lieber Haushexe, auch wenn ihre Tochter gerade auf dem Weg in die Verwahrlosung sei." Millie rümpfte die Nase, als Camille den letzten Teil sagte. Julius fühlte wieder, wie es in ihr und dann in ihm zu brodeln begann. Camille erkannte das wohl auch ohne die Zuneigungsherzverbindung und sagte: "Das behaupte ich nicht, sondern Madame Cassiopeia Odin, Millie." Millie nickte ihr zu.

"gut, wenn jemand in einer Firma oder Behörde Ärger macht und es peinlich wäre, ihn zu kündigen oder man Angst hat, daß dann noch mehr aufgewühlt wird machen das Vorgesetzte schon mal, ein Angebot weit weg von allem vorzulegen. Wird es angenommen, ist der Störenfried weit weg und kann keinen Schaden anrichten. Nimmt er es nicht an, kann ihm doch noch gekündigt werden", warf Julius ein. "Wegloben oder wegbefördern heißt das dann umgangssprachlich."

"War im Zentaurenverbindungsbüro kein Platz mehr frei?" Fragte Millie schnippisch.

"Nicht, seitdem das mit dem Einhornrevierüberwachungsamt zusammengelegt wurde", grinste Florymont Dusoleil. Pina fragte, warum es ein Zentaurenverbindungsbüro im Ministerium geben sollte, wo die Zentauren mit Menschen mit und ohne Magie nichts zu tun haben wollten. Darauf mußten sie alle lachen. Millie schlug sich dabei einmal auf den gewölbten Bauch und bekam postwendend von innen einen Schlag gegen die Bauchdecke. "Ui, glaube ich, daß dir das nicht gefallen hat", preßte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor. "Ich laß mich auch nicht von jemanden hauen, Kleines." Julius erklärte Pina dann, daß dieses Verbindungsbüro nur deshalb eingerichtet worden sei, weil Zentauren wie Kobolde und Zwerge Anrecht auf Gehör in der Zaubererwelt hätten. Da aber eben kein Zentaure mit dem Zaubereiministerium zusammenarbeiten wolle, würde jeder, der dort arbeiten müßte vor Langeweile umkommen. Deshalb hieße das wohl nicht nur in Frankreich, daß jemand, der ins Zentaurenverbindungsbüro versetzt werde, wohl demnächst ganz gekündigt würde.

"Mein japanischer Karatelehrer hat mir auch mal erzählt, daß es in seinem Heimatland Brauch sei, die unehrenhaft aufgefallenen Mitarbeiter in einer Firma in einem Büro möglichst nahe ans Fenster zu setzen, damit sie schon einmal sehen könnten, was außerhalb der Firma läge, bevor sie sie verlassen müßten, und vor allem, damit sie weit von dem zu ehrenden Vorgesetzten fort arbeiten müßten, was ja schon einer Entehrung gleichkommt", fügte er noch was hinzu, was er als kleiner Junge erzählt bekommen hatte.

"Na ja, ob sich Cassiopeia bald was neues sucht oder sich langweilt oder nicht wird die Zukunft zeigen", sagte Camille. "Jedenfalls haben Florymont und ich durchgesetzt, daß Melanie in den Ferien bei uns wohnt. Wenn sie zu ihren Eltern hin will werden wir das nicht verbieten. Aber dann wird einer von uns sie begleiten, hat Monsieur Descartes verfügt. Offenbar kennt er ähnlich gelagerte Fälle, dann aber eher aus der Muggelwelt." Julius nickte. So Fälle kannte er schließlich auch - zu gut.

"Ich hatte auch nicht gerade mitgekriegt, daß Melanie großes Heimweh hat. Das ging in Beaux ganz gut mit ihr los. Da waren andere Mädchen schlechter drauf, die bei uns in den roten Saal reinkamen", sagte Millie. "Dann kamen diese Briefe, sie solle bloß bei allem durchrasseln, um von der Schule zu fliegen. nur Pech, daß Professeur Fixus das mitbekommen hat. Aber gut zu wissen, wie das gerade mit ihr laufen soll. Wenn doch was ist, kann ich mit ihr drüber reden. Wenn das nicht zum offiziellen Saalsprecherthema wird oder Melanie deshalb bei Madame Rossignol auf dem Behandlungstisch landet müssen wir das auch nicht bei den Pflegehelfern erwähnen." Julius stimmte dem zu. Pina erkannte, wie wichtig es war, das nicht rumzuerzählen. Denn wie das mit Julius gelaufen war kannte sie selbst schließlich sehr gut.

"Was hat deine Hebamme gesagt, ob du noch auf einem Besen fliegen darfst?" Fragte Camille Millie.

"Nur wenn sie schon zwei Jahre tot und vermodert ist, Tante Camille", erwiderte Millie. "Solange ich für Julius' und meine Tochter atmen, essen, trinken und auf's Klo muß soll ich nicht mal dran denken, auf einem Besen zu fliegen."

"Diese Spielverderberinnen kenne ich auch", sagte Jeanne Dusoleil. "Okay, dann nehmen wir meinen Teppich, damit durfte Maman ja auch schon fliegen, als Claire schon ans Tor zur Welt geklopft hat." Camille verzog erst das Gesicht. Doch dann nickte sie.

Pina nahm das Angebot an, sich bei den Dusoleils umzuziehen. Im wesentlichen schlüpfte sie in das Kleid, das sie zum trimagischen Weihnachtsball getragen hatte. Allerdings schlang sie sich noch goldene Bänder um Hüfte und Arme und band sich mit Zauberkraft ihr blondes Haar so nach oben, das über ihrem Kopf die Zahl 2000 zu lesen stand. Dabei wäre sie fast auf die Seitenverkehrung im Spiegel hereingefallen. "Damit steche ich Glorias Millenniumsmähne locker aus", triumphierte sie, als sie mit Frisurfixierungslösung diese Haartracht für einen Tag unverwüstlich machte. Millie hatte ihre rotblonde Mähne mit der Leuchthaarlösung "Vulkanische Aussichten" aufgewertet, während Julius lediglich zusah, sein Haar glatt anliegen zu lassen. Camille trug natürlich was in Grün. Es wirkte wie ein Kleid aus vielen hellgrünen Blättern. Allerdings, so verriet sie Julius, dessen grün-goldenen Festumhang sie mal wieder bewunderte, daß ihr Kleid im Dunkeln leuchtete und bei Bewegungen schwache grüne Funken versprühte. Millie hatte Julius' Umhang mit jener Imprägnierlösung behandelt, die sie für ihr jadegrünes Ballkleid benutzte, um die deutliche Wölbung unter ihrem Bauchnabel geschmeidig umschließen zu lassen. Babette und ihre Schulfreundinnen trugen alle bunte Kleidchen und hatten sich kleine Glücksbringer in die Haare gesteckt. Denise trug einen verkleinerten Phönix im schwarzen Schopf, Babette einen leuchtendroten Marienkäfer mit vielen schwarzen Punkten. Jacqueline hatte zu ihrem rosaroten Kleid ein fröhlich grunzendes kleines Glücksschwein in ihr Haar gesteckt. Melanie trug ein vierblätteriges Kleeblatt, daß nicht aus Pappe, Plastik oder Blech war, sondern von Camille kurz vor dem Aufbruch gepflückt worden war. Julius dachte an Kevin, der wohl ähnlich geschmückt die irische Traddition hochleben lassen würde.

Unterwegs auf Jeannes buntem Flugteppich, der als Regenbogenprinz bezeichnet wurde, grüßten sie alle die auf Besen anreisenden Gäste. Viele apparierten wohl im Musikpark. Dort lud Camille die Gäste der Latierres ein, mit ihrer Familie am selben Tisch zu sitzen. Julius konnte Gloria sehen, die bei Eleonore Delamontagne am großen Ratstisch saß. Sie hatte ihre blonden Locken mit einer Lösung behandelt, die das Haar viermal so weit vom Kopf abstehen ließ wie üblich und dazwischen goldene Funken tanzten, die über dem Kopf den flackernden Schriftzug "Millennium Novum" bildeten.

"Also hier ist dieser Kram auch in die Hirne gefahren", grummelte Julius. "Die Muggel machen da so ein Gewese drum, daß ab morgen das neue Jahrtausend anfängt. Dabei hört mit 2000 das zwanzigste Jahrhundert erst auf."

"

"Jaja, wissen wir eigentlich, Julius. Aber diese Zahl schreit zu laut danach, für was besonderes gehalten zu werden. Alle, die wir hier sitzen und noch im nächsten Jahr ankommen kriegen so'ne Jahreszahl mit drei Nullen nicht wieder mit. Vielleicht 2100, aber garantiert nicht 3000", erwiderte Pina.

"Auch das ist mir klar, Pina. Aber die Zählung wird dadurch nicht anders."

"Ist doch auch nur unsere Zeitrechnung, Julius. Anderswo ist noch lange kein Jahr 2000 oder das Jahr 2000 schon seit über zweitausend Jahren geschichte", wußte Jeanne Dusoleil einzuwerfen. Auch das war Julius bekannt. Gäbe es noch die Pharaonen, hätten die schon das Jahr 4000 zu feiern. Die Mayas in Mittelamerika hatten auch vor dreitausend Jahren ihre Zeitrechnung angefangen. Die Juden zählten die Jahre nach dem aus den Stammbäumen der Bibel auszurechnenden Tag der Weltschöpfung, während die Muslime gerade rein zähltechnisch im 15. Jahrhundert lebten. Er erwähnte, was sich die Muggel früher über das Jahr 2000 Gedanken gemacht hatten, was es da alles geben oder nicht mehr geben würde, vom weltweiten Atomkrieg bis zur Menschheit, die wegen Luftverpestung nur noch in Bunkern leben konnte oder solchen, die bereits auf dem Mond oder dem Mars wohnten. All das war bisher nicht passiert. Und die Sachen, die passiert waren hatte kein Zukunftsdichter oder Wissenschaftler vorausgesehen, vor allem nicht den Zusammenbruch des kommunistischen Machtblocks in Osteuropa und Mittelasien. Und wer hätte vor zwei Jahren noch vermutet, daß Frankreich gegen Brasilien die Fußballweltmeisterschaft gewinnen würde? Es gab nur wenige Dinge, die sich wohl nie änderten, Die Jagd des Menschen nach Geld und Berühmtheit, die Angst vor Armut und Hunger und - wie er hoffte, die Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Doch gerade letztere schien durch das, was er über Melanie Odin und ihre Mutter mitbekommen hatte, auch nicht mehr so sicher zu sein. Er hoffte, daß Millie und er ein gutes Gegenbeispiel liefern konnten, daß es doch möglich war, ein Kind nicht als nach dem eigenen Wunschbild zu formendes Etwas zu sehen, sondern als eigenständiges, erst Schutzbedürftiges und dann zu respektierendes Wesen anzuerkennen. Ja, es gab Sachen, die änderten sich. Vor drei vier Jahren hätte er jeden ausgelacht, der ihm geweissagt hätte, daß er noch vor dem Oberschulabschluß ein Kind haben würde. Ja und hatte er nicht vor bald sieben Jahren noch geglaubt, Magie und Drachen gebe es nur in den Spielen von Kerkern und Drachen? Ja, dieses zwanzigste Jahrhundert hatte vieles gebracht, was düster oder fröhlich war. Es hatte zwei grausame Kriege der Muggel miterlebt, ebenso wie zwei größenwahnsinnige und grausame Magier. Außerdem waren dunkle und helle Hinterlassenschaften des alten Reiches wieder aufgetaucht und verhießen sowohl interessantes wie bedrohliches für die kommenden Jahre. Ja, und Julius kannte jemanden, die vielleicht miterleben würde, wie ein weiteres Jahr mit drei Nullen kam und wieder ging, wenn er, Millie und mehrere Generationen seiner Nachkommen schon längst vergessen waren. würden sie das sein? Falls Anthelia-Naaneavargia nicht mit zunehmendem Alter anfing, alles frühere zu vergessen, weil in ihr Gehirn sonst nichts neues mehr hineinpaßte, dann würde sie wohl daran denken, wer sie mit vier uralten Zaubern aus ihrer Zwangslage befreit hatte, ohne es zu wollen. Doch vielleicht wirkte das, was Naaneavargia unsterblich gemacht hatte nicht mehr so stark, und die neue Hexenführerin würde gerade ein halbes Jahrtausend lang leben und dabei langsam aber unaufhaltsam altern.

"Wo bist du wieder?" Fragte Millie ihren Mann, weil Julius sich einmal mehr in seinen Gedanken an früher, jetzt und irgendwann demnächst verloren hatte.

"Ich habe nur im kopf alles zusammengezählt, was in diesen Neunzehnhunderterjahren so alles passiert ist."

"Denk lieber dran, was nächstes Jahr passiert, Julius!" Schnurrte Millie.

"Ich hoffe nur gutes", erwiderte Julius.

"Das auf jeden Fall", schnurrte Millie und tätschelte sich den immer runder werdenden Bauch.

Als das große Festmahl aufgefahren wurde erstrahlten rings um den freien Platz im Musikpark hunderte von meterhohen Wunderkerzen, die scheinbar nicht herunterbrannten, sowie badewannengroße, frei schwebende Leuchtballons in Gold, Gelb, Rot, und Rosarot. Pina bestaunte, wie Julius und Millie so viel von allen Gängen in sich hineinschaufeln konnten. Als Millie einmal mittelscharfen Senf statt Sahne über eine Schale Erdbeeren verteilte verzog sie ihr Gesicht.

"Ich glaube, ich muß meine Mum mal fragen, was die so gegessen hat, als ich in ihr dringelegen habe. Brrr!"

"Probier das doch mal, Pina", mampfte Millie. Doch Pina schüttelte sich nur. Dafür langte sie jedoch zu, als große Blätterteigkugeln mit Überraschungsfüllungen aufgefahren wurden. Julius versuchte, sich gegen Millies Heißhunger zu stemmen. Zumindest schaffte er es, ihre Essensauswahl nicht auch noch in sich hineinzumampfen. Doch am Ende des Abends meinte er, daß Aurore und ein bis dahin unbemerktes Geschwisterchen bei ihm eingezogen seien.

"Das wüßte ich aber", meinte Millie zu Julius und klopfte ihm vorsichtig auf den nun auch vom vielen Essen gerundeten Bauch. Dann flüsterte sie ihm zu: "Sie mußte sich gerade erst wieder anders drehen, weil der Platz zu wenig wurde. Am besten gehe ich mal eben in eines der Häuschen da, bevor sie meint, ihre Füße auf meine Blase zu drücken." Sie erhob sich etwas schwerfällig und brauchte einige Sekunden, sich auszubalancieren. Dann ging sie jedoch ohne große Körperauslenkung davon.

"Wenn du da immer mithältst, solltest du Madame Rossignol fragen, ob sie dir nach dem Essen mit dem Ventervacuus-Zauber den nicht mehr benötigten Krempel aus dem Magen entfernt", meinte Jeanne. "Am Ende kannst du noch Eleonores Festkleid anziehen."

"Ich hoffe mal nicht, Jeanne. Aber das mit dem Ventervacuus-Zauber sollte ich mal erwähnen, wenn ich wieder in Beauxbatons bin. Aber dann kann es passieren, daß Millie deshalb wieder Hunger kriegt und dann wieder reinhaut. Ich weiß nicht, wie ich das verdrängen kann, ohne den Anhänger abzunehmen."

"Ich hab's auch ohne so einen Anhänger geschafft, Viviane, Janine und Belenus auszutragen", erwiderte Jeanne. Das sollte wohl aufmunternd rüberkommen, klang in Julius' Ohren aber eher wie eine Rüge. Deshalb sagte er:

"Nur mit dem Unterschied, daß du dich sofort, wenn was war in einen stillen Raum zurückziehen konntest und für dich bleiben konntest, während Millie jeden Tag mit anderen auch hormonübersteuerten Leuten zusammen ist. Ich kriege es bei Sandrine nicht mit, aber bei Gérard, daß die sehr heftig damit zu kämpfen hat, klar zu bleiben. Und woran das bei Sandrine liegt, daß sie das doch durchstehen will hast du sicher mitbekommen."

"War mir in dem Moment schon klar, als Hera Matine meinte, daß sie so früh eigentlich nicht noch einmal Zwillinge zu betreuen haben wollte und Sandrine und Gérard nur Glück hatten, daß sie beide in ein Zimmer gefunden haben. Kann sein, daß Sandrine deshalb stärker geworden ist, weil diese Saubande mit diesem Zeug ihren unbedingten Willen angeschoben hat, was sie gerade trägt unter allen Umständen auf die Welt zu bringen. Aber Millie will das freiwillig. Die wußte doch auch, worauf sie sich einließ, nachdem sie das mit Miriam oder ihren kleinen Tanten mitbekommen konnte und ja auch bei Cythera Dornier viel mitgeholfen hat."

"Stimmt alles, Jeanne. Aber etwas zu wollen und es dann durchzuziehen sind doch zwei paar Schuhe", wußte Julius eine halbwegs intelligente Erwiderung.

"Ich weiß, warum du das alles mit durchmachst, weil du Millie das zurückgeben möchtest, was sie dir gegeben hat, als du drei Monate an Madame Maximes Walpurgisnachtverbindung hängen mußtest und du von zu vielen Gefühlen überschwemmt worden bist, wo du früher gelernt hast, immer und überall selbstbeherrscht und überlegt handeln zu müssen. Deshalb willst du Millie helfen, mit ihren fremden Gefühlen zu leben, indem du ihr hilfst, ihre Selbstbeherrschung wiederzufinden, wenn sie verlorengeht."

"Der Umstand, daß deine kleine Cousine noch in einem Stück ist verdankt ihr dieser Verbindung", rückte Julius mit etwas heraus, daß er eigentlich nicht verraten wollte. Doch weil Jeanne ja über die Verbindung zwischen ihm und Millie wußte, warum nicht? Jeanne mentiloquierte ihm die Frage, was er damit meine, und er schickte zurück, daß er Millie einmal hatte helfen müssen, eine heftige Wut niederzuringen, weil sie da erfahren hatte, daß sie und ihre Familie für Melanies Mutter verdorbenes Pack seien. Jeanne schickte zurück:

"Verstehe, in Beaux sollte man sehen, sich nicht gleich über jeden total aufzuregen. Hoffentlich kapiert Gérard das auch, daß er Sandrine nicht wütend machen darf. Die hat genug rote Anteile in sich." Julius bestätigte das durch ein: "Weiß er mittlerweile".

Als Millie wieder zurück war nutzte Julius das Angebot an öffentlichen Bedürfniseinrichtungen. Er kam gerade rechtzeitig zurück, um den Eröffnungstanz mit seiner Frau zu bestreiten. Laurentine hatte Hubert Rauhfels als Tanzpartner. Sie blickte immer wieder zu Gloria Porter, die mit Plato Cousteau tanzte.

Als die tanzwilligen Festgäste durch mehrere langsame Tänze warm genug geworden waren, wurde auch zu schnelleren Tänzen aufgespielt. Dabei durfte Julius einmal mit Barbara van Heldern tanzen, die sich freute, mit einem mindestens gleichstarken Partner wild über das Parkett zu wirbeln.

"Das geht immer noch gut, mit dir zu tanzen, wie vor fünf Jahren", lobte Barbara Julius.

"Damals war ich aber wesentlich kleiner und leichter als heute", erwiderte er.

"Das war ich damals auch", grinste Barbara. "So ganz ist der Speck von zwei Schwangerschaften nicht von den Hüften gerutscht und ich mußte mehr Schnellkraft- und Bewegungsabstimmungsübungen machen, um auch mit dreißig Kilo Zusatzgewicht gut über die Runden zu kommen. Von denen sind wohl noch zehn Kilo gleichmäßig über meinen Körper verteilt."

"Das sieht man dir aber nicht an, Barbara. Wenn überhaupt hängt das jetzt in deinen Muskeln."

"Und in meiner Oberweite. Offenbar hat jemand befunden, ich sollte auch mal zwei zugleich anlegen wie Jeanne. Gustab meint aber, daß wir jetzt von jedem eins hätten und Zwillinge beiderlei Geschlechts wohl sehr selten seien. Aber das glaubt Jeanne, daß die mir um ein Kind vorausbleibt", grummelte sie. Julius hörte daraus eine gewisse Eifersucht, weil Jeanne als Zwillingsmutter mehr Zuwendung erhielt. Dann sagte Barbara noch:

"Ich denke aber, daß Millie und du schnell wieder auf übliches Gewicht runterkommt, wenn das Kleine erst einmal auf der Welt ist."

"Das hoffe ich auch, sonst kann ich nach Japan und als Sumoringer anfangen."

"Ich denke mal, Madame Rossignol wird das nicht zulassen, daß du aus Sympathie für Millie dein Gewicht verdoppelst, selbst wenn du von Knochen und Muskeln locker damit fertig würdest." Julius pflichtete ihr bei. Dann bedankte er sich für den schnellen Tanz.

Als Julius einmal mit Hera Matine tanzte riet sie ihm, noch bis Februar zuzusehen, durch genug Ausgleichsübungen die durch den geteilten Hunger aufkommende Gewichtszunahme in Grenzen zu halten. Ansonsten sollte er zumindest bei den Essenszeiten den Anhänger abnehmen, damit er nur mit seinem Hunger zu tun hatte. Julius versprach, mit Madame Rossignol darüber zu sprechen, wie Millies verstärkter Hunger unbeeinflußt gestilt werden konnte, ohne daß er ebenfalls doppelt bis dreimal so viel aß wie nötig war.

Als er mit Eleonore Delamontagne tanzte fühlte er, daß es nur auf die Körperübungen ankam, wie gut sich ein übergewichtiger Mensch bewegen konnte. Madame Delamontagne lobte ihn für seinen Mut und die Disziplin, das begonnene konsequent durchzustehen. "Längst nicht jeder Mann wagt es, die Gefühlswelt einer in guter Hoffnung befindlichen Frau zu teilen, sie auszuhalten, sich mit ihnen anzufreunden oder sie zumindest mit ihr zusammen niederzuhalten, um die eigene Selbstbeherrschung zurückzuerlangen."

"Sagen wir es so, ich habe einen gewissen Vorgeschmack bekommen, als das mit den Schlangenmenschen war und ich da erst einmal mitbekommen habe, wie heftig Gefühle einen umwerfen können. Genau deshalb möchte ich Millie dabei helfen, damit klarzukommen."

"Wie erwähnt, das ist sehr anerkennenswert."

"Sie werden wohl erst wieder erzählen, ob es ein Junge oder Mädchen ist, wenn das Kind auf der Welt ist, richtig?"

"Das war bisher sehr erfolgreich und wird es auch weiterhin sein. Allerdings sollte ich deiner Schwiegergroßmutter da nicht nacheifern und es nach der Geburt dieses Kindes bei dann dreien belassen, wenn ich schon die fragwürdige Ehre erhalten habe, in einen Club Mutter werdender Großmütter Aufnahme zu finden, den Madame L'eauvite und deine Schwiegergroßmütter mit Camille gegründet haben."

"Da sage ich besser nichts zu, weil ich nicht weiß, ob meine Mutter nicht eines Tages meint, mir doch noch ein Halbgeschwister vorzustellen", erwiderte Julius. Eleonore Delamontagne konnte das nicht vollkommen ausschließen, wo Martha Eauvive nun die Kraft von zwei Leben und noch dazu die mögliche längere Lebensdauer einer geborenen Hexe erhalten hatte.

Julius tanzte kurz vor der letzten Viertelstunde des Jahres 1999 noch mit Gloria, Pina und Bärbel. Dann kam die traditionelle Runde, wo alle ihre Sorgen des vergangenen Jahres auf einen Zettel schrieben und diese an Feuerwerkskörper gebunden wurden. Dieses Jahr sollten die Sorgen des verwehenden Jahrzehntes auf einen großen Zettel geschrieben werden. Julius überlegte, was ihm in den Neunzigern am meisten zu schaffen gemacht hatte und schrieb auf, daß er traurig war, daß sein Vater nichts von seiner Zaubereiausbildung gehalten hatte, das er noch trauriger war, daß sein Vater von dieser Abgrundstochter unterworfen worden war, das ihm leid tue, daß Claire Dusoleil nicht zur erwachsenen Hexe hatte aufwachsen dürfen und daß er besorgt sei, weil er nicht wisse, was nun aus der Hexengruppe Anthelias geworden sei. Womöglich schrieben Camille und Florymont ähnliche Sätze auf ihre Zettel. Das verband sie immer noch mit ihm. Sie hatten ihre Leben miteinander vereinigt.

Eine Minute vor Mitternacht flammten sechzig Bunte Lichter über dem Festplatz auf. Jede folgende Sekunde erlosch eines davon. Die Feiernden zählten ab den vierzig letzten Lichtern laut die letzten Sekunden des Jahres herunter. Dann waren es nur noch "Fünf! - Vier! - Drei! - Zwei! - Eins!" Als das letzte Licht des Jahres 1999 erlosch riefen alle laut aus "Prosit zweitausend! Möge das Jahr uns allen weniger Sorgen als Schmerzen bereiten!" Alle tranken sich mit den in den letzten zehn Sekunden vor Null in der Luft erschienenen Champagnergläsern zu. Nur Eleonore, Sandrine und Millie begnügten sich damit, ihre Ehemänner innig zu küssen, während über ihnen der Himmel aufriß und alle Regenbögen der Erde und alle Sternschnuppen des Sonnensystems auf einmal über dem Magierdorf in der Provence hereinbrachen. Laut krachend und wummernd zerbarsten grüne, blaue und silberne Leuchtkugeln und zeugten Schwärme von goldenen und violetten Kometen. Goldene, rosarote, blaue, weiße und smaragdgrüne Feuerräder zischten wie hausgroße fliegende Untertassen über den Nachthimmel und versprühten Grüße an die Welt. Jetzt konnte Julius erkennen, wie rings um den Musikpark gewaltige Vulkanausbrüche stattfanden. Die improvisierten Feuerberge schleuderten jedoch keine Lava und Asche, sondern rote, grüne, blaue, goldene und rosarote Drachen in den Himmel, bliesen turmhohe Fontänen aus farbigem Feuer in die Nacht hinauf und setzten Schwärme von Raketen und Leuchtkugeln frei, die bei ihren Explosionen unzählige Töchter gebaren, so daß der Nachthimmel in einem Meer aus buntem Feuer versank. Julius blickte zu der gläsernen Pyramide hinüber. Sie erstrahlte nun in einem gleißenden Gold, als habe sie den ganzen Tag das Licht von hundert Sonnen aufgesogen, um es nun wieder zurückzustrahlen. Der Feuerbrunnen auf dem Plateau schleuderte gerade eine vielfarbige Lichtsäule empor, einen wahren Turm aus reinem Zauberfeuer, der sich zu einer kreisrunden Feuerwolke ausdehnte, die mehrere hundert Meter über dem Grund zu einer rotierenden Sphäre wurde, in der eine fröhlich funkelnde, golden strahlende Zahl tanzte, die Zahl 2000. Die Ziffern mochten jede für sich zehn Meter oder höher sein. Jedenfalls hielt die nun zur goldenen Spirale gewordene Feuersäule die auf ihr wippende und kreisende Lichtsphäre so hoch über ihnen allen, daß jeder fürchtete, das magische Spektakel durchstoße die unsichtbare Glocke, die Millemerveilles überdeckte. Nun entschwirrten auch aus den überall versteckten Böllern große goldene Leuchtspähren, die jede für sich die Bezeichnung des gerade wenige Sekunden alten Jahres in sich trugen. Die vorhin entstandenen Feuerdrachen tanzten am Himmel, fingen die frei herumzischenden Leuchtkugeln ein, um sie als goldene Eier zu legen, aus denen weitere mit einander verschnörkelte Ziffernfolgen 2-0-0-0 schlüpften. blitze entfuhren den Feuerwolken, bauten flackernde Brücken zwischen den Lichtsäulen, über die nun aus unzähligen Leuchtkugeln der Satz "Millemerveilles wünscht allen Bewohnern und Gästen und der ganzen großen Welt ein glückliches, friedliches, erfolgreiches Jahr 2000." Das Wummern und Donnern der großen Böller übertönte fast die Jubelrufe und den wilden, ehrlichen Applaus für diese feurige Aufführung. Der Feuerbrunnen auf der Pyramide änderte seine Darstellung. Nun erschienen mehrere riesengroße Nachahmungen des legendären vogels Phönix, die mit lautem Trillern in den Nachthimmel stiegen. Dann galoppierten Einhörner aus silbernem Feuer über den Himmel und vollführten einen wilden Kreiseltanz. Wieder spuckte irgendwo eine der versteckten Feuerwerksbatterien eine Ladung Leuchtkörper aus. Die nun noch im freien Flug befindlichen Feuerwerkskörper flogen über der Dorfmitte zusammen. Es fauchte, knallte und zischte laut. Dann erklang ein von leisem Knistern unterlegter, fast reiner Dreiklangton, während alles Feuerwerk wie auf einen unhörbaren Befehl oder im Bann einer mächtigen Anziehungskraft zusammenflog und eine perfekte Nachbildung des Planeten Erde formierte, über dessen weißen Nordpol die nun wohl hochhaushohe Zahl 2000 im selben hellen Blau erstrahlte, das die Weltmeere vom einfallenden Sonnenlicht in den Weltraum zurückwarfen. Der Globus aus Zauberfeuer drehte sich nun. Julius mußte höchstbeeindruckt anerkennen, wie detailgenau die Feuerwerker diesen Effekt vorbereitet hatten. Er sah die Kontinente, ja sah sogar Längengrade, über denen kleine silberne Uhren prangten, die jede eine der Zeitzonen anzeigte, in die die Welt der Menschen eingeteilt war. Zehn Minuten lang hing dieser magische Feuerglobus am Nachthimmel. Dann zersprühte er zu billionen von Funken, die wie neugeborene Sterne den Himmel erleuchteten und dann eins mit ihren natürlichen, Jahrmilliarden alten Vorbildern wurden, bis nur noch das klare Bild des freien, unbewölkten Nachthimmels zu sehen war. Die Erde hatte ihre Kraft aus dem großen Universum. Und eines Tages würde sie diese Kraft an das Universum zurückgeben. Sie alle hier waren eins mit diesem Kreislauf der Natur. Heute fing ein neues Jahr an. Für Julius Latierre, der noch als Julius Andrews in das gerade mit Licht und Böllerknall vertriebene Jahrzehnt gegangen war, würde dieses Jahr wahrhaftig allerlei neues bringen. Er würde seine Tochter Aurore im Leben begrüßen, hoffentlich mit einem brauchbaren Abschlußzeugnis von Beauxbatons abgehen und ebenso hoffentlich ein für ihn einträgliches wie abwechslungsreiches Leben beginnen. Allerdings mischte sich in diese Vorausschau der winzige Tropfen Besorgnis, daß dieses Jahr und das ihm folgende Jahrhundert auch für ihn noch eine Menge unangenehmer Ereignisse bereithalten würde.

"Frohes neues Jahr, Julius Latierre! Dank sei deinen Eltern, daß es dich gibt!" Sprach Millie noch einmal zu ihm, als das große Feuerwerk erloschen war und die Feiernden allesamt wieder bei sich und ihren Nachbarn angekommen waren.

"Ich danke deinen Eltern, daß sie mir die Frau und Hexe geboren haben, die mein Leben so interessant und abwechslungsreich macht", erwiderte Julius das Kompliment.

"Da gibt es viele, die dir dabei helfen werden. und ich bin froh, daß die meisten von denen mit mir klarkommen", sagte Millie. Dann drückte sie ihren Mann noch einmal fest an sich. Er fühlte die Bewegungen unter ihrem Umhang. Ja, jetzt wußte er, daß etwas von ihm unterwegs war, daß sein Leben noch abwechslungsreicher machen würde.

Nachdem er das für den Anlaß wohl nötige Glas Champagner geleert hatte hielt sich Julius an Fruchtsaftmischungen, während Kevin hemmungslos dem kostenlosen Schaumwein zusprach. Julius lachte nur einmal und sagte: "Glaub nicht, daß das Zeug nicht noch mehr reinhaut als jeder Whisky, Kevin."

"Das Kribbelwasser ist zwar gewöhnungsbedürftig, geht aber gut ab", erwiderte Kevin darauf. Julius hoffte, daß er nicht am nächsten Tag eine Rechnung über mindestens zwei Liter Champagner serviert bekäme. Kevin mit Kater war sicher schon schwer genug auszuhalten.

Im Licht der überall in Millemerveilles weiterleuchtenden Feuersäulen tanzten die Festbesucher noch mehrere Tänze. Gegen zwei Uhr beendete er den letzten Tanz mit seiner Fast-Schwigermutter Camille. Diese wünschte ihm noch viel Glück für alles in diesem Jahr anstehende. Julius bedankte sich und wünschte ihr ebenfalls viel Glück und das richtige Durchhaltevermögen, wo sie nun mit zwei elfjährigen Mädchen und einem Kleinkind von bald zwei Jahren zurechtkommen mußte. Und Florymont wünschte er, daß er sein Ziel erreichen und den goldenen Hammer für den weltweit einfallsreichsten und erfolgreichsten Thaumaturgen des vergangenen Jahrzehnts bekommen möge.

Gegen drei Uhr lagen die Latierres und ihre Gäste in den Betten. Um das Apfelhaus legte sich die Ruhe der Neujahrsnacht. Madame Faucon würde erst um sechs Uhr Abends alle ihre Schüler wieder einsammeln und nach Beauxbatons zurückkehren.

 

__________

 

Julius wurde wieder als erster Wach. Zumindest glaubte er das. Er sah auf seine Uhr und las ab, daß es in Frankreich erst acht und in Großbritannien und Irland erst sieben Uhr morgens war. Er hatte also fünf Stunden geschlafen. Für ihn reichte das offenbar vollkommen aus, seitdem er Ursuline Latierres Lebensessenz eingeflößt bekommen und diese durch Madame Maximes Blutspende offenbar noch verstärkt wirksam gemacht hatte. Er überlegte, ob er einen Traum gehabt hatte. Doch er konnte sich an keinen erinnern. Seitdem er wußte, daß seine Träume zum Teil Sachen betrafen, von denen er bis dahin nichts gehört hatte, die aber in dem Moment wirklich oder zumindest in abgewandelter Form passierten, hatte er sich vorgenommen, jeden einprägsamen Traum in sein Denkarium einzufüllen, damit er später nachprüfen konnte, was davon zur Wirklichkeit geworden war. Heute Nacht hatte er aber eben nichts einprägsames geträumt. Er hörte auf Millies Atem, fühlte die Wärme, die von ihrem Kopf auf seinen strahlte und lauschte, ob er ihr Herz und das Aurores hören konnte. Doch dafür hätte er Wolfsohren oder Linda Knowles magische Ohren haben müssen. Er wußte nicht, ob er sich das einbildete, als eine Mädchenstimme "Hallo, wer zu Hause?!" Rief. Einen winzigen Moment dachte er, seine ungeborene Tochter habe aus Millies Leib heraus gerufen. Doch da brach das magische Glockenspiel "Wie leuchtet mir der Apfelbaum" in die bisher fast vollkommene Stille hinein. Julius erschrak. Millie wachte auf und rekelte sich.

"Mmmann, wie Spät?" Grummelte sie. Julius sagte ihr die Uhrzeit. "Haben wir Temmie in der Kiste dringelassen und dann die Türklingel", maulte sie. "Frag wer stört und sag der oder dem, vor mittag nicht noch mal zu klingeln, Monju!"

"Mach ich, Mamille", hauchte er seiner Frau zu und zog den Bettvorhang an seiner Seite auf. Leise schlüpfte er aus dem breiten Doppelbett und warf sich einen weinroten Morgenrock über. Der spannte sich aber schon ein wenig um den durch beharrliches Vielessen gewölbten Bauch. Julius unterdrückte eine Verwünschung. Er griff nach seinem Zauberstab, setzte seine Füße weit genug auseinander, daß sie mit seinen Schultern zwei gerade linien bildeten und drehte sich rasch in eine Disapparition.

Im großen runden Empfangs- und Festraum im Erdgeschoß des Apfelhauses öffnete er die von außen unerkennbare Haustür. Davor standen Patrice Duisenberg und ihre ein Jahr ältere Nichte Corinne, die trotz bestimmter Anforderungen ihrer neuen Quidditchlaufbahn immer noch kugelrund war. Julius occlumentierte sofort. Doch er wußte, daß die geborene Gefühlshorcherin Corinne das eher als Anregung empfand, wenn sie mit wem sprach, der seine Gefühlsausstrahlung vor ihr abschirmen konnte.

"Erst einmal ein frohes neues Jahr, Julius Latierre. Vor lauter tanzwütigen Frauenzimmern hatte ich ja keine Gelegenheit, dich kurz zu grüßen", sagte Corinne. Dann deutete sie auf ihre Tante.

"Sind wir zu früh hier?" Fragte Patrice. Julius grinste.

"Meine Frau grüßt schön und bittet darum, vor zwölf Uhr Mittags keinen Besucher einzulassen", sagte Julius direkt heraus. Patrice schlug verlegen die Augen nieder, während Corinne über ihr Mondgesicht grinste.

"Wir wollten auch nur mal sehen, ob euer Haus und ich von der Form her gut zusammenpassen", sagte Corinne. "Patrice deutete sowas an."

"Nicht ganz. Ihm fehlen die Arme, Beine, Kopf und noch so'n paar Sachen", erwiderte Julius.

"Noch so'n paar Sachen?" Fragte Corinne und straffte sich ein wenig. Julius nickte nur, ohne jedoch mehr zu erwähnen.

"Na ja, wenn noch alle schlafen wollen kommen wir besser später wieder. Falls ihr dann nicht im Haus seid sehen wir uns ja um sechs Uhr abends am Ausgangskreis", sagte Patrice. Julius nickte bestätigend. Corinne deutete auf seine untere Körperhälfte und grinste:

"Hm, wer von euch beiden kriegt jetzt das Baby?" Fragte sie keck, lächelte dabei jedoch so, wie ein Kind, das jemanden besänftigen will.

"Wenn ich es in mir rumkullern fühle ich. Aber bisher ist Millie diejenige, die was neues fühlen kann", sagte er leise. Corinne deutete dann auf Julius Brustkorb, wo das Zuneigungsherz hing.

"Verstehe, Millies Hunger ist auch deiner", erwiderte Corinne mit einem verstehenden Lächeln. Dann sah sie Patrice an. "Dein trimagischer Prinz schläft noch. Ich weiß nicht, ob Julius dich zu ihm läßt, um ihn wachzuküssen."

"Freches Balg", knurrte Patrice und lief übergangslos von der Stirn bis zum hals knallrot an. Julius sah Corinne an und wisperte:

"Also meine Tanten hätten mir für so eine Bemerkung glatt eine runtergehauen."

"Gute Idee", grummelte Patrice. Doch bevor sie eine wie auch immer geartete Vergeltung gegen ihre Nichte ausführen konnte ploppte es laut, und Corinne war weg.

"Man sieht sich dann später noch mal", murrte Patrice. Julius bejahte das. Dann verschwand auch Patrice aus einer geschmeidigen Drehung heraus im Nichts. Nur eine Staubspirale über dem Boden zeigte noch, wo sie gerade noch gestanden hatte. Julius nickte und ließ die Tür zufallen. Mit einer weiteren Kurzstreckenapparition wechselte er in die Wohnküche der dritten Etage und ging von dort in das gemeinsame Schlafzimmer zurück. Millie lag zwar noch im Bett, hatte die Decke jedoch gerade so weit hinuntergezogen, daß sie ihren hoffnungsvollen unterleib bedeckte. Julius sah ihr ins Gesicht und flüsterte: "Corinne und Patrice Duisenberg waren das. Patrice wollte wohl gucken, ob Kevin schon wach ist."

"Die Kleine ist jetzt auf jeden Fall wach. Hätte mir fast in die Hose gestrullert, weil die meinte, auf meine Blase drücken zu müssen. Offenbar meint sie, ich solle jetzt endlich ihr Frühstück einwerfen." Julius ließ sich gefallen, daß sie seine Hand nahm und sie unter die Decke auf ihren Bauch führte. Ja, er fühlte die spürbaren Ausbeulungen, meinte sogar, eine kleine Faust und den Kopf Aurores ertasten zu können.

"Ich bring euch was ans Bett", hauchte Julius seiner Frau zu. Diese strahlte ihn trotz immer noch schlaftrunkenen Augen an.

"Hi, Julius", grüßte Pina ihren Gastgeber, als dieser zur Wohnküche zurückkehrte. Sie war offenbar schon länger wach und ordentlich bekleidet und gestriegelt.

"Huch, du bist auch schon auf?" Fragte er leise, weil er nicht wußte, ob Betty, Jenna und Kevin nicht doch noch schliefen.

"Irgendwie ist das mit dem Met bei mir so, daß ich drei Stunden ganz tief schlafe und dann so wach werde, daß ich meine, ganze Bäume ausreißen zu können", erwiderte Pina. Dann fragte sie, wer geklingelt habe. Julius erwähnte, daß Patrice ihrer Nichte Corinne das Haus von außen hatte zeigen wollen und dabei wohl einen der Auslösesätze für die magische Türglocke erwischt habe.

"Ui, Kevins Verehrerin", spöttelte sie, wobei sie jedoch leise genug sprach, daß es außerhalb der Küche keiner hören konnte. Julius tat so, als habe er es überhört. Er fragte, ob sie auch schon Frühstücken wolle. Sie bejahte das.

Pina blieb in der Wohnküche, während Julius ein Tablett mit Heißer Schokolade, Croissants, zwei Baguettes mit Käse und Honig, eine kleine Schale mit Obst und ein Glas Traubensaft in das schlafzimmer trug und auf Millies Nachttisch absetzte. Dazu gab er ihr noch ein Leinentuch, um die Krümel von Bett und Nachthemd fernzuhalten. Er fühlte unvermittelt, wie ihn großer Hunger überkam. Als er sah, wie Millie anfing, das ihr gereichte Frühstück in sich hineinzustopfen, konnte er nur mit Mühe den Drang unterdrücken, ihr was vom Tablett zu stiebitzen.

"Mhaft mdu fon gefrühftückt?" Quetschte Millie eine Frage aus ihrem vollen Mund heraus.

"Ich habe erst mal dir was gebracht", stieß Julius aus. Der Heißhunger seiner Frau trieb ihn fast zum Wahnsinn. Wenn er nicht gleich auch was aß würde er ausrasten. Er entschuldigte sich, weil Pina ja auch noch in der Küche sei und verließ das Zimmer.

Als er Millie in nichts nachstehend die Hälfte eines armlangen Stangenbrotes mit mehreren Lagen Käse und kleinen Waldbeeren in sein Verdauungssystem hineinschob meinte Pina, daß es ihr unheimlich sei, wie heftig er zulangen konnte, als wäre er die Mutter und nicht der Vater des Babys. Julius fühlte Verlegenheit. Er erinnerte sich, was er vorgeschlagen bekommen hatte. Vielleicht ging das ja. Er war froh, als Millies Hunger erst einmal gestillt war. Sie würde wohl in zwei Stunden noch eine Kleinigkeit essen, und dann wieder viel zu Mittag, wußte er. Er sagte zu Pina:

"Ich kläre das mit unserer Schulheilerin, ob ich ohne Millies Bedürfnisse zu unterdrücken was dran machen kann, daß ich nicht zu heftig zulege. Ist mir ja selber schon etwas unheimlich."

"Ich hab's bei Prudence und den Frauen mitbekommen, die mit mir zusammen im Versteck waren, als die Todesser das Zaubereiministerium in ihren schmutzigen Händen hatten. Ist echt unheimlich, was eine werdende Mutter so verschlingen kann. Da denkst du am Ende, das Kleine käme genauso groß wie die Mutter auf die Welt, soviel wie es vom Essen mitbekommen hat."

"Das hoffe ich doch mal nicht", erwiderte Julius. Pina erkannte, was sie da gerade vermutet hatte und schüttelte den Kopf.

Betty und Jenna tauchten keine zwei Minuten später in der Wohnküche auf. Auch sie waren offenbar schon zu munter, um noch weiterzuschlafen. Außerdem hatten sie auch nicht so bei Met und Wein zugeschlagen wie Kevin.

"Kevin schläft sicher bis heute abend, bis wir wieder nach Beauxbatons müssen", feixte Jenna.

"Spätestens um zwölf werde ich ihn wohl aus den Federn scheuchen", erwiderte Julius.

Offenbar unterhielten sich Julius und die drei früheren Schulkameradinnen nicht leise genug, um Milie nach dem Frühstück weiterschlafen zu lassen. Sie gesellte sich noch dazu und verleibte sich bei der Gelegenheit noch einen Teller Rührei mit Schinken und Honig ein. Julius konnte das Hungergefühl diesmal weit genug zurückdrängen, um nicht ebenfalls noch mehr in sich hineinzustopfen.

Julius beschloß, die gerade zugeführten Kalorien durch intensives Lauftraining zumindest annähernd wieder zu verheizen. Dabei begegnete ihm Joseph Maininger, der heute die grüne Gasse besuchen wollte. Die beiden liefen im flotten Dauerlauf bis zur südlichen Eingangstür, wo Camille Dusoleil gerade eine Gruppe von Besuchern begrüßte. Julius fragte, ob Sepp Maininger mitgehen könne. Sie erlaubte es. Er selbst lief noch einige Runden um den Dorfteich, bevor er zum Apfelhaus zurückapparierte.

Tatsächlich hielt es Kevin lange im Bett aus. Erst als Julius um halb zwölf kräftig an seine Zimmertür klopfte rang er sich ein mißmutiges Murren ab.

"Ich glaube nicht, daß du bis sechs Abends im Bett bleiben willst. Denn dann müßtest du bis zu den Sommerferien hierbleiben!" Rief Julius. Kevin quengelte, daß er nicht aufstehen könne, weil irgendwer seinen Kopf bis zum platzen aufgeblasen habe. Doch das ließ Julius kalt. Er blieb hartnäckig. Kevin gab nach und quälte sich aus dem Bett.

Um zwölf Uhr erklang erneut das magische Türglockenspiel. Diesmal war Patrice alleine da. Julius flüsterte ihr zu, daß Kevin wegen der vielen Gläser Met und Champagner noch ziemlich angeschlagen sei. Darüber mußte Patrice jedoch lachen. Er winkte sie ins Haus und rief nach oben: "Kevin, hier ist Besuch für dich!"

"Eh, nich' so laut!!" Kam eine höchst gequälte Erwiderung zurück.

"Och, ich dachte, die Iren vertrügen mehr als die Franzosen", lachte Patrice laut genug, daß Kevin sie erkennen mußte.

"Was will die'n hier?" Kam Kevins Frage zurück. Patrice verzog das Gesicht, als habe ihr jemand vor das Schienbein getreten. Doch dann straffte sie sich und lief ohne Einladung oder aufforderung abzuwarten die von unzerbrechlichem Glas umkleidete Wendeltreppe hinauf.

"Kevin, ich hoffe, du bist nicht gerade nackt. Weil sonst müßtest du Patrice heiraten, wenn sie bei dir ankommt!" Warnte Julius Kevin vor. Doch der irische Schulkamerad aus Hogwartszeiten wankte bereits die Treppe aus dem zweiten Stock herunter.

"Hallo, Kevin. Klopfen die Zwerge?" Fragte Patrice keck.

"Neh, zwei Risen bollern von innen gegen meine Schädeldecke", maulte Kevin. "Was tun die in ihren Kribbelwein rein. Ich habe nach 'ner Flasche Maltwhisky nicht so einen Schädel gehabt wie nach dem Zeug letzte Nacht."

"Das war garantiert noch mehr als der Champagner", grinste Patrice und umarmte Kevin, der darauf nicht gefaßt war. Julius sicherte, daß Patrice und Kevin nicht die Treppe hinunterfielen und geleitete sie in den großen Festraum im Erdgeschoß. Kevin glubschte Julius mit verquollenen Augen an und fragte ihn, ob er ihn und Patrice jetzt wie eine Anstandshexe beaufsichtigen würde. Da glitt Millie von ihrem neuen, jadegrünen Leviportgürtel fast schwerelos gemacht von oben herunter. Kevin staunte über dieses Kunststück. Er fragte, ob Millie einen Fallbremsezauber auf sich angewendet habe.

So was in der Art. Nur besser einstellbar", erwiderte Millie und griff Kevins vorige Frage auf.

"Kevin, Patrice und du seid volljährig, und wir haben ferien, und wenn du findest, Patrice hier bei uns im Apfelhaus zur Frau machen zu wollen, können wir das gerne einrichten. Aber dann ist dir klar, daß du nicht unverheiratet mit deinen Leuten nach Hogwarts zurückfliegen wirst, egal ob du Patrice einen kleinen Kevin oder eine kleine Patrice zusteckst oder nicht." Patrice verzog das Gesicht. Sie war jedoch hart im nehmen und konterte:

"Nur kein Neid, weil du im Moment mit keinem richtig Liebe machen kannst, ohne daß dein Kleines deinem Angetrauten was wichtiges verbiegen könnte. Aber eine gute Idee wäre das, süße kleine rotblonde Wonneproppen. Aber nicht heute. Ich möchte in diesem Jahr die UTZs im Juli durchhaben und nicht bis 2001 warten müssen." Millie erkannte, daß ihr was Dreistigkeit anging eine ebenbürtige Gegnerin gegenüberstand. Julius fühlte ihre Verärgerung, weil sie das Thema angerissen hatte und die Unsicherheit, weil ihr nichts dazu einfiel. Kevin meinte dazu:

"Ich glaube nicht, daß ich gerade große Lust auf diesen Krempel habe, bei dem kleine bei rauskommen, Mädels. Dazu müßte ich erst mal diesen Riesenbrummschädel loswerden und zum zweiten eine finden, die meine Eltern nicht gleich in ihre Einzelteile zerfluchen, weil sie mich ihnen wegnehmen will."

"Stimmt, die kenne ich ja noch nicht. Der Elternsprechtag ist hoffentlich auch für die Leute aus Hogwarts und Greifennest", erwiderte Patrice ganz unbefangen. Julius hatte das bisher nicht gefragt. Wäre das mal in der Saalsprecherkonferenz erwähnt worden hätte Patrice das ja dann auch mitbekommen.

"Draußen ist es gerade schön. Wenn wir uns warm genug anziehen, dann können wir doch draußen mittagessen", schlug Jenna vor, die gerade von oben herunterkam. Der Vorschlag wurde gleich angenommen.

Patrice bugsierte Kevin zur Tür hinaus. Er maulte und quengelte zwar, wagte aber nicht, sich mit Gewalt gegen sie zu wehren.

Millie und Julius richteten mit ihren Erfahrungen aus dem magischen Haushaltskurs ein viergängiges Mittagessen an. Dieses fand großen Gefallen bei den Gästen, zu denen jetzt auch Patrice Duisenberg gehörte.

Den Nachmittag verbrachten die Latierres, Hollingsworths, Pina, Patrice und Kevin am Farbensee. Kevin wollte gerne noch einmal zu der Wassermenschensiedlung tauchen. Aber als er seinen linken Fuß zur Probe in das Wasser tauchte, befand er, daß es dafür wohl noch ein wenig zu kalt sei. Julius verschwieg ihm, daß er noch von einem Kältewiderstandstrank was da hatte. Denn er wußte nicht, ob man die Meerleute im Farbensee nicht vorher irgendwie fragen mußte, bevor man durch ihr Dorf schwamm. Es waren schließlich keine Zootiere, sondern fühlende, vernunftbegabte Wesen mit gewissen Lebensrechten und Anspruch auf Privatsphäre.

Gegen halb sechs machte Julius noch eine Runde durch Millemerveilles, um sich bei den Dusoleils, Delamontagnes und Lumières zu verabschieden. Dann räumten Millie und er die benutzte Bettwäsche und die Handtücher in einen Waschkorb. Die sachen wollten sie dann in den Osterferien in ihrem Wasch-Trocken-Schrank reinigen lassen.

Um Sechs Uhr abends standen sämtliche Ferienausflügler aus Beauxbatons, Hogwarts und Greifennest wieder am blauen Ausgangskreis. Diesmal rief Madame Faucon die Schüler in alphabetischer Reihenfolge von A bis Z auf, um die vier Reisegruppen zu formieren. Sie verschwand mit der ersten. Dann folgte Professeur Pallas mit der zweiten, Paralax mit der dritten und zum Schluß Trifolio mit der vierten Gruppe. Die wenigen, die wegen des nicht erreichten DQs in Beauxbatons zu bleiben hatten hielten es nicht für wichtig, die Ausflügler zu begrüßen. Die Blauen sahen ihre Hauskameraden Mésange Bernaud, Patrice Duisenberg und Jacques Lumière an, als wollten sie denen sagen, daß sie hier in Beauxbatons was verpaßt hätten.

Julius fiel auf, daß Gérard sichtlich verärgert dreinschaute, und Sandrine ebenfalls sehr ungehalten auftrat. Julius kam nicht umhin, ihre Figur mit der seiner Frau zu vergleichen. Jetzt war unübersehbar, daß Sandrine mehr zu tragen hatte als Mildrid Latierre. Beim Abendessen blieb Gérard wortkarg. Auf Fragen antwortete er nur mit sehr kurzen Sätzen oder nur mit Nicken oder Kopfschütteln. Robert fragte ihn deshalb: "Welcher Troll hat dir denn auf die Füße getreten, Gérard? Oder hat Sandrines Hebamme rausgekriegt, daß du nicht der Vater der zwei beiden bist?"

"Hast du gerade nötig, mich sowas zu fragen, Robert. Denkst du ich kriege das nicht mit, wie du dieses lange Elend aus Greifennest anglubschst, Barböll Weißengold?"

"Keinen Zank, Leute. Was immer da gerade bei dir krummläuft, Gérard. Außerdem denke ich nicht, daß Robert unbemerkt mit anderen Mädchen rumturteln kann, ohne daß das nicht irgendwer an Céline weitermeldet."

"Ich bin nicht Célines Eigentum", protestierte Robert. Gérard schwieg. Julius sagte auch nichts dazu.

Erst nach der Bettkontrolle für die Fünftklässler, als Julius und Gérard im Ehegattentrakt neben dem Krankenflügel standen, fragte Julius: "Ich möchte mit dir keinen Krach, Gérard und mit Sandrine noch weniger. Aber wenn da was schiefläuft, daß dich gerade so ungenießbar macht, dann möchte ich das bei allem Respekt vor deiner Privatsphäre wissen, ob es dich die restliche Zeit bis zum Sommer rumschupst, bevor du mit irgendwem voll den Ärger kriegst."

"Ich hatte eh vor, dir das zu erzählen, damit du nicht denkst, mit Sandrine und mir wäre es aus und vorbei", setzte Gérard an. "Ihr wißt doch, daß im Testament meines Großvaters väterlicherseits drinsteht, daß ich ein kleines Haus kriegen soll, sobald ich nachweislich verheiratet bin." Julius nickte. Millie kam gerade aus dem Bad. Sie trug schon einen Bademantel über ihrem Nachtzeug. "Ja, eigentlich habe ich gedacht, ich könnte mir das Haus mal ansehen, als ich bei Sandrines Eltern war und von da mal eben flohpulvern konnte. Ein Vetter meines Vaters, also ein Neffe meines Opas, hat die Kiste mit Martinique dazu benutzt, mein Anrecht auf das Haus zu bestreiten. Er hat das so ausgelegt, daß Sandrine mich ja genau deshalb zur frühen Eheschließung verleitet habe, weil sie davon ausging, daß ich dann bereits mein Erbteil einfordern könne und sie damit fein raus wäre. Jetzt seien auch noch zwei Kinder unterwegs, die unter sehr merkwürdigen Umständen gemacht worden seien. Damit sei die Bedingung verpatzt, daß ich frei von Zwängen oder Verpflichtungen geheiratet hätte. Dabei vergißt der glatt, daß die Party auf Martinique am Tag nach Frankreichs Sieg bei der Weltmeisterschaft gewesen ist und ich da schon seit bald zwei Wochen verheiratet war."

"Und das zieht dich natürlich runter, weil der Vetter deines Vaters jetzt meint, er dürfe das Haus erben?" Fragte Julius.

"Es zieht mich runter, weil dieser Typ offen behauptet hat, ich habe mich von Sandrine dabeikriegen lassen und das dann noch in irgendwelche Gerichtsakten reingeschrieben wird. Netterweise ist die betreffende Verhandlung am ersten Februar, voll im laufenden Halbjahr. Hat der sich gut ausgesucht, wo Sandrine und ich da nicht mal eben hinkönnen."

"Was wohl zu klären ist, ob ja oder nein", warf Julius ein. Millie nickte nur. Sagen wollte sie dazu nichts. Für Gérard kam es ja wirklich besenstielhart.

"Morgens um neun mal eben nach Paris? Ob Madame Faucon das erlaubt, weiß ich nicht. Wenn der Typ mit seinem Einspruch durchkommt dürfen Sandrine und ich nach dem Schuljahr zusehen, wo wir unterkommen, und das dann mit zwei Plärrbälgern."

"Du hast genau mitbekommen, was Maman gesagt hat, Gérard. Du und ich müssen nicht hungern und nicht im Freien schlafen", meldete sich Sandrine aus dem von ihr und Gérard bewohnten Zimmer und trat mit leicht auslenkenden Hüftbewegungen hervor.

"Ja, toll, ich bin der Mann, der ins Haus seiner Schwiegereltern ziehen muß, weil er kein Gold hat, eine eigene Unterbringung zu besorgen", knurrte Gérard. Julius hätte fast gesagt, daß Millie doch auch bei ihrer Schwiegermutter eingezogen sei, bis sie das Apfelhaus bekommen hatten. Doch genau weil das Gérard am wenigsten hören wollte sagte er besser nichts. Sandrine sagte:

"Es ist auf jeden Fall gemein, was Gérards Familie ihm da gerade verpaßt hat. Ich hoffe noch, daß das mit dem Testament geklärt werden kann. Und was unsere Babys angeht, Gérard, so können die am wenigsten dafür, daß sie entstanden sind. Also laß deine schlechte Laune bloß nicht an denen aus, noch bevor sie aus mir raus sind!"

"Ey, Sandrine, ich will keinen Streit mit dir oder mit sonst wem. Aber ich bin kein Golem oder Zombie, der sich einfach alles bieten lassen muß, ohne was dabei zu empfinden", stieß Gérard aus. Sandrine sah ihn sehr eindringlich an. Julius war sich sicher, daß sie bei nur einem falschen Wort ungeachtet ihres körperlichen Zustands auf ihren eigenen Mann oder sonstwen losgehen konnte, der sie und ihre ungeborenen Kinder beleidigte.

"Julius hat recht, daß wir das mit Madame Faucon klären müssen, ob wir an dem Tag nicht frei bekommen, um zu dieser Anhörung hinzugehen. Mir paßt es zwar auch nicht, irgendwelchen Ministeriumsleuten oder gleich dem ganzen Zaubergamot zu erzählen, wie das mit Roger und Estelle wirklich passiert ist. Aber wenn das hilft, dir zu helfen, werde ich das wohl tun."

"Das kannst du vergessen, Sandrine. Solange ich keine offizielle Vorladung habe schickt Königin Blanche mich doch nicht mal eben vor dem Unterricht nach Paris und hofft, daß ich zum Nachmittagsunterricht wieder da bin. Außerdem ginge das dann nur mit der Sphäre, weil die werte Tante Hera Matine dir Flohpulver und Portschlüssel verboten hat."

"Erzähl mir mal was neues", fauchte Sandrine. Dann zuckte es in ihrem Gesicht, weil irgendwo in den Tiefen ihres Leibes jemand wohl was für sie unangenehmes angestellt hatte.

"So, die Herrschaften, der Gang ist kein Diskussionsraum. Millie, Sandrine, ihr sucht euch entweder Sitzplätze oder geht in eure Zimmer", verlangte Madame Rossignol. "Und was diese Sache mit der aberkannten Erbschaft angeht, Gérard, so kann ich dir verbindlich verraten, daß Anfechtungen nur dann Erfolg haben, wenn die Begünstigten sich zu Lebzeiten des Erblassers gegen diesen vergangen haben oder gar dessen Tod herbeiführen wollten. Dein Verwandter setzt wohl zurecht darauf, daß dir nicht bekannt ist, was das magische Erbrecht beinhaltet. Aber ich habe es bei meinen Großeltern erlebt, deren Geschwister meinten, mehr abbekommen zu müssen, als ihnen testamentarisch vermacht wurde. Alle Einsprüche wurden abgewiesen. Aber wenn ihr meint, das weiterdiskutieren zu müssen kommt bitte zu mir ins Sprechzimmer! Ob ich es da mithöre oder über den hallenden Gang mitkriege ist gleich." Die Strenge in Stimme und Gesichtsausdruck überzeugte alle vier, daß sie besser keinen Streit mit der Schulheilerin anfingen.

So erzählten sie sich im Sprechzimmer erst noch mehr von lieben Verwandten, die mehr haben wollten und anderen nichts gönnten und dann, was sie gestern und heute so in Millemerveilles erlebt hatten. Gegen halb zwölf waren sie alle müde genug, sich schlafen zu legen.

 

__________

 

Madame Rossignol wollte sich das nicht länger ansehen, wie Julius meinte, die von Millie mitgefühlten Hungeranfälle durch reine Sportübungen auszugleichen. Als er am vorletzten Tag der Weihnachtsferien wieder einmal zwanzig Kilometer an der inneren begrenzung des ringförmigen grünen Forstes abgelaufen war, zitierte sie ihn per Pflegehelferarmband zu sich in ihr Behandlungszimmer.

"Du kannst sonst alles, was deine Frau an übersteigerten Gefühlen empfindet auffangen und in für euch beide ruhige Bahnen zurückbringen, Julius. Warum kannst du das nicht auch mit Millies Essensgelüsten?" Fragte ihn die Heilerin, als er geduscht und tagestauglich umgekleidet in ihrem Sprechzimmer saß.

"Weil ich keine Ahnung habe, ob ich Millie dadurch nicht daran hindere, genug für unsere Tochter mitzuessen", Madame Rossignol", antwortete Julius. Die Heilerin nickte verdrossen. Diese Antwort hatte sie wohl erwartet. Sie deutete auf seine Arme, Beine und den Bauch.

"Sicher kannst du überschüssige Nährstoffe durch viel Sport in Muskelgewebe umwandeln. Aber selbst das durch Mademoiselle Maximes Blutzufuhr gestärkte Muskelgewebe und Knochengerüst ist nur bis zu einem bestimmten Punkt trainierbar. Sicher kannst du mächtige Muskeln ausbilden, dann aber wohl auf Kosten deiner Gewandtheit. Aber du nimmst trotzdem mehr Nahrung zu dir, als dein Körper nötig hat. Und zu viel Sport kann im Zusammenspiel mit zunehmendem Körpergewicht auch eine Belastung für dein Herz werden. Ich hatte in meiner Ausbildung einen Patienten, der meinte, seine achtzig Kilogramm Übergewicht durch langsam steigende Lauf- und Kraftübungen abzubauen. Das ging auch bis zu dem Punkt, wo für sein Herz-Kreislaufsystem die Belastungsgrenze erreicht wurde. Es brach fast zusammen. Er mußte einsehen, daß mit reinen Bewegungsübungen alleine nichts auszurichten war." Julius dachte an unförmige Kraftmenschen, die zwar hunderte von Kilogramm anheben konnten, aber keinen 100-Meter-Lauf schaffen konnten, weil die für Schnellkraft nötigen Muskeln blockiert wurden. Ihm kam es auf Ausdauer, Schnellkraft und eine gewisse Stärke an.

"Sie haben mich sicher beim Dauerlauf beobachtet, Madame Rossignol. Ich mache zwischendurch auch Auflockerungs- und Schnellkraftübungen, die ich damals bei meinem Karatemeister gelernt habe. Dann laufe ich natürlich mit Zusatzgepäck herum und mache die empfohlenen Übungen mit dem Schwermacher. Jeanne Dusoleil meinte am Jahreswendtag, ich könnte ja mit dem Ventervacuus-Zauber überschüssiges Essen loswerden, bevor es verdaut wurde. Aber dann könnten wir ja gleich frisches Essen in den Müll werfen, ist mir eingefallen.""

"Das ist bedauerlicherweise das Argument, das auch für mich gegen diese Therapie spricht. Denn sonst, mein Junge, hätte ich das mit dir gleich angesetzt, als du anfingst, auch im Bauchraum mehr Volumen zu entwickeln. Der Zauber darf laut Heilervorschriften auch nur dann von Heilern angewendet werden, wenn mit der aufgenommenen Nahrung körperschädigende Stoffe aufgenommen wurden. Insofern hätte deine ehemalige Pflegehelferkollegin sich da gegen die auch für die Apothekerzunft gültigen Vorschriften vergangen, wenn sie in rein bester Absicht diesen Zauber an dir vorgenommen hätte. Hera Matine, meine bei euch residente Kollegin, hätte sie dann sogar vor dem Heilertribunal anklagen dürfen. Aber wir müssen und werden was anderes machen, um zuzusehen, daß du am Ende von Millies Schwangerschaft nicht selbst so aussiehst wie Sandrine kurz vor der Niederkunft und dich deshalb nicht mehr richtig bewegen und wegen Überbelastung des Kreislaufs auch nicht mehr richtig auf die Schule konzentrieren kannst. Wann hast du dich zum letzten Mal gewogen?" Fragte sie noch. Julius erwähnte, daß er in den Sommerferien zum letzten Mal auf die Waage gestiegen war. Da hatte er auf Grund seines Trainings und seiner Körpergröße ein Gewicht von fünfundneunzig Kilogramm auf die Waage gebracht.

"Dein Skelett ist durch die Zeit mit dem Blut Mademoiselle Maximes ebenfalls erheblich verdichtet und dadurch verstärkt worden. Ein Teil des Gewichtes dürfte also auf deinen sicher dreimal so starken Knochen liegen. Der Rest kam sicher von den Leibesübungen jeder Art." Sie kam nicht umhin, verwegen zu lächeln, als sie diesen letzten Satz sagte. Julius beherrschte sich jedoch gut genug, nicht zu grinsen. "Dann wollen wir doch mal sehen, wie viel du jetzt wiegst", sagte sie und deutete auf jene Personenwaage, die durch eine angebaute Körperlängenmeßvorrichtung über das erträgliche Gewicht Auskunft geben konnte. Julius nickte und stellte sich auf das nützliche Meßgerät. Madame Rossignol ließ dann noch seine Körperlänge genau ausmessen: "Einhundertunddreiundneunzig Zentimeter! Derzeitiges Gewicht mit Kleidung einhundertzwanzig Kilogramm!" Las die Heilerin laut ab. Julius nickte nur. Wäre er so groß geblieben, wie er vor Madame Maximes Blutspende war, würde er jetzt mit einem übergroßen Bauch herumlaufen und womöglich auch schon ein Doppelkinn haben. Womöglich half ihm auch nur, daß er schon seit frühester Schulzeit gerne Sport getrieben hatte. "Gut, wenn du fünfundneunzig Kilo vor Schuljahresbeginn gewogen hast, hast du jetzt schon fünfundzwanzig Kilogramm zugenommen. Das bestätigt leider meine Befürchtung, daß du bis zum Ende von Millies Schwangerschaft zwischen vierzig und sechzig Kilo zunehmen könntest. Sicher könnten wir mit Abführmitteln oder dem Ventervacuus-Zauber die überschüssige Nahrung vor der Resorbtion in den Blutkreislauf aus deinem Körper heraustreiben. Aber erstes dürfte dich körperlich und zeitlich ebenso belasten wie das Übergewicht selbst. Zweitens dürfen wir wie erwähnt nicht als ständige Therapie ausführen, eben weil Nahrung ein wertvolles Gut ist, das nicht verschwendet werden darf, indem sie ungenutzt vernichtet werden darf. Auch wenn es für so vieles einen nützlich erscheinenden Zauber gibt sollte gerade in der mit Magie lebenden Gesellschaft die Vernunft und die Wertschätzung des Lebens anderer Vorrang vor allem Nutzen haben. Gut, das ist mir wohl in der Heilerausbildung in Fleisch und Blut eingeprägt worden, zeigt aber gerade im Rückblick auf die Ereignisse der letzten vier Jahre, wie wichtig es ist, daß wir uns gesetze gegeben haben. Hmm, ich werde dich noch einmal zwei Wochen so leben lassen wie gerade eben. Dann werden wir sehen, wie viel du zugenommen hast. ich weiß, daß du dich in Millies Schuld siehst, weil sie dir bei der Bewältigung von überschießenden Gefühlen geholfen hat und auch wegen dem, was damals bei diesem Fest passiert ist, zu dem Madame Faucon dich sehenden Auges hingelassen hat. Aber falls du unter den von Millie übertragenen Empfindungen körperlich zu leiden anfängst muß ich euch die Benutzung der Herzanhänger untersagen, so leid mir das persönlich tut. Aber Millie wird dann, sollte dein Körper durch ihren Appetit übermäßig belastet werden, mit ihren eigenen Gefühlen zu leben lernen müssen, so wie Sandrine es ja auch hinbekommt und die meisten Hexen, die schon einmal mutter wurden damit klarkommen mußten, ihre überschwenglichen Gefühle zu ertragen oder mühevoll zu unterdrücken. Also, bis zum ende des Halbjahres in zwei Wochen gebe ich euch. Nimmst du in der Zeit mehr als ein Kilogramm pro Woche zu, werde ich die beiden Anhänger beschlagnahmen und bis zum Schuljahresende in Verwahrung halten. Ich hoffe, du bist so vernünftig, diese Maßnahme zu akzeptieren." Julius nickte. Er selbst hatte ja schon darüber nachgedacht, ob das so weitergehen konnte. Er bat jedoch darum, daß Millie über diese Sitzung informiert und nach ihrer Einschätzung gefragt wurde.

"Das machen wir nachher, wenn deine Frau die Angelegenheit mit Professeur Fixus geklärt hat, die anstand." Julius nickte wieder. Millie sollte wegen der Sache mit Melanie Odin mit der Saalvorsteherin des roten Saales sprechen, da diese eine offizielle Mitteilung von Camille und Florymont Dusoleil erhalten hatte, daß Melanie Odin bis auf weiteres die Ferien in Millemerveilles zubringen sollte.

Nach dem Abendessen, bei dem Julius wie Sandrine und Millie kräftig zulangte, kamen die Latierres bei der Heilerin noch einmal zusammen. Madame Rossignol legte Millie ihre Beobachtungen und Einschätzungen vor und erwähnte, daß sie wohl in zwei Wochen entscheiden müsse, ob die beiden die rubinroten Herzanhänger weitertragen durften oder nicht.

"Na ja, Gérard war vorgestern wegen eines blauen Auges bei Ihnen, Madame Rossignol. Nur weil er gesagt hat, daß Sandrine bald keine passenden Sachen zum anziehen mehr bekäme, wenn sie weiter so aufquelle", sagte Millie dazu. Julius erwähnte, daß er soeine Bemerkung nicht ablassen würde.

"Es ist schon richtig, daß Julius dich unbewußt oder bewußt gut ausgleicht, Millie. Deshalb dürfte es für dich auch sehr schwer sein, komplett auf dich selbst gestellt zu sein, vergleichbar mit dem Nachlassen von Bicranius Mixtur der mannigfachen Merkfähigkeit", erwiderte Madame Rossignol.

"Wenn ich ohne die Herzanhängerverbindung nicht mehr klar denken kann wäre das ja so, als hinge ich an einer Nabelschnur dran und nicht Aurore", warf Millie ein. "Dann sollten wir das gleich ausprobieren, solange noch Ferien sind und ich mich nachdem das mit Melanie Odin geklärt ist nicht groß aufregen muß", sagte Millie. Julius nickte ihr zu. Mit der Bemerkung, sie könne wohl ohne die Verbindung Probleme mit ihrem eigenen Gefühlsleben haben hatte Madame Rossignol sie wohl an einer empfindlichen Stelle gekitzelt, ja regelrecht provoziert. Um zu zeigen, wie ernst Millie es meinte griff sie nach der Kette, an der ihr anhänger befestigt war und versuchte, sie zu lösen. Julius fühlte in diesem Moment ein wildes Zucken und dann einen plötzlichen Druck auf seine Brust. Das unter dem Unterhemd pulsierende rubinrote Anhängsel drängte mit der Gewalt eines gegen den Körper gerammten Kopfes gegen seinen Brustkorb. Millie erbleichte, keuchte und ließ die Kette los. Da hörte auch der Druck auf Julius' Brustkorb wieder auf. Einen Moment meinte er, gleich in Todesangst fliehen zu müssen. Dann kehrte eine große Beruhigung in sein Bewußtsein zurück.

"Verdammt, das glaube ich jetzt nicht. Vor einem Monat ging das doch noch", keuchte Millie. "Julius, was hast du von mir mitbekommen?"

"Ich kann das nicht genau erklären. Es war so, als wolle der Teil des gemeinsamen Anhängers, den ich trage, mit Gewalt in meine Brust eindringen", sagte Julius.

"Ja, und bei mir war es so, als stieße jemand mir vom Bauch in die Brust und ziehe den Anhänger mit Gewalt dagegen. Ich konnte die Kette nur zwei Finger breit anheben", sagte Millie. Madame Rossignol wirkte auf einmal nicht mehr alles überblickend und regelnd, sondern verstört wie ein kleines Mädchen bei Gewitter. Sie blickte von Millie zu Julius und von Julius zu Millie. Ihr Gesicht nahm dabei einen immer bleicheren Farbton an.

"Führt mir das bitte mit freiem Oberkörper vor!" Sagte sie nach fünf Sekunden Verwirrtheit. Millie und Julius befolgten die Anweisung. Noch einmal versuchte Millie, ihre Kette mit einem Moment locker vor ihren bereits sichtlich vergrößerten Brüsten baumelndem Herzanhänger anzuheben. Da widerfuhr Julius wieder dieses Gefühl, als wolle sein Anhänger mit Gewalt durch Haut und Rippen in seinen Brustkorb hineindrängen. Millies Anhänger drückte auch mit Urgewalt gegen ihren Brustkorb. Er fühlte wieder einen Schauer von Todesangst. Erst als Millie ihre Kette losließ beruhigten sich die beiden Anhänger wieder. Madame Rossignols Blick huschte erneut von Millie zu Julius und zurück. Dann bat Sie Julius, er möge seinen anhänger abnehmen. Julius nickte und griff an die Kette. Doch kaum, daß er sie zwei Finger Breit nach oben gezogen hatte, war ihm, als hiebe eine mächtige Faust gegen seinen Brustkorb. Einen Moment blieb ihm die Luft weg. Er meinte, in einem Sumpf versunken zu sein. Er fühlte Todesangst, aber auch einen brennenden Schmerz in den Fingern, die die Kette umfaßten. Er versuchte es noch einmal. Doch er fühlte, wie sein Anhänger kurz davor war, sich unangespitzt durch seine Haut in die Brust zu bohren. Die Schmerzen in den Fingern waren wie immer stärkere elektrische Schläge. Er meinte, gleich sterben zu müssen, vermeinte, von irgendwo her ein lautes Wimmern zu hören, daß zu einem Schrei anwuchs. Er fühlte die Furcht, diesen Schrei laut zu hören und ließ die Kette los. Er bekam wieder Luft. Das Wimmern war verklungen, und der Anhänger lag wieder locker auf seiner gut beharrten Brust und pulsierte so wie zuvor. Tatsächlich flossen warme Kraftströme von dort in seinen Körper ein und verdrängten die letzten Spuren der körperlich-geistigen Belastung.

"Ich kann die Kette auch nicht abnehmen", sagte er nach fünf Sekunden. Millie erwähnte, daß sie einen Moment gedacht habe, Aurore würde von irgendwas gegen ihren Magen gedrückt und könnte den Hohlmuskel ihrer Gebärmutter und die Magenwand durchbrechen. Madame Rossignol erbleichte nun ganz. Sie deutete mit einer unbeholfenen Handbewegung auf die abgelegte Kleidung ihrer beiden Pflegehelfer, von denen eine auch ihre gegenwärtige Dauerpatientin war.

"Das hat uns keiner erzählt, daß diese Anhänger bei Eltern werdenden Paaren so anhänglich sind", sagte Julius, dem eine Idee kam, was da passiert war. Madame Rossignol schüttelte den Kopf.

"Das ist bisher auch noch nie vorgekommen. Ich kenne alle Berichte über diese Anhänger. Sie sind schon von mehreren Paaren getragen worden, während die Ehefrau oder Lebensgefährtin ein Kind trug. Da haben die Männer auch übersteigerte, aber noch nicht zu unkontrollierbarer Esslust ausartende Hungeranfälle erfahren. Aber sowas wie ihr das gerade beschreibt und ich sehen konnte ist absolut noch nicht passiert, selbst bei der goldenen Ausgabe für betuchte Ehepaare nicht. Und die sind viermal so stark wie eure Anhänger. Nach der Beschreibung Millies wechselwirkt ihr Anhänger offenbar mit dem Fötus, also eurer ungeborenen Tochter. Offenbar besteht zwischen ihr und Millies Anhänger eine magische Verbindung, die sich wegen der gewünschten Verbindung eurer beiden Anhänger dann auch auf deinen Teil des ursprünglich einheitlichen Artefaktes auswirkt, Julius. Das muß ich genauer untersuchen." Sie stand auf und ging zu einem Schrank, in dem sie ihre ganzen magischen Untersuchungsgerätschaften aufbewahrte. Sie nahm diverse kleine Geräte heraus und ordnete an, daß Millie sich auf den Behandlungstisch legte. Sie brauchte sich nicht noch einmal frei zu machen.

Als Madame Rossignol alle ihre Instrumente um sie herum aufgebaut hatte versuchte sie es, Julius den Anhänger abzunehmen. Dabei wiederfuhr ihm wieder dieses Gefühl des nahen Todes. Madame Rossignol zitterte, als sie versuchte, die Kette anzuheben. Dann ließ sie sie los. Währenddessen stöhnte Millie unter der plötzlichen Schwere des Anhängers, aber auch über das, was in ihrem Körper selbst vorging. Die Instrumente klickten, schnarrten und schnurrten. Dann beruhigten sich Menschen und Geräte wieder. Madame Rossignol betrachtete ihre Finger. Sie beruhigte sich nur wenig. Als sie dann die festgehaltenen Werte der wie auch immer stattgefundenen Messungen überprüfte erbleichte sie so wie ein Vampir.

"Das müssen wir unbedingt von den Heilern in der Delourdesklinik verifizieren lassen", stieß sie höchst beunruhigt aus. "Serena, sofort eine Untersuchung in der Mutter-Kind-Abteilung beantragen!" Rief sie der gemalten Ausgabe der Gründungsmütter Serena Delourdes zu. Diese nickte und verschwand nach links aus ihrem Bild.

"Was haben Sie gemessen, Madame Rossignol?" Fragte Julius.

"Das sich in Millies und deinem Kind Kraftlinien treffen, die bei Unterbrechungsversuch der Verbindung mindestens den Tod der Ungeborenen herbeiführen, aber wohl auch Millie und dich gefährlich beeinträchtigen. Deshalb werde ich das noch einmal von den Kollegen in der Mutter-Kind-Station der Delourdesklinik überprüfen lassen", sagte Madame Rossignol dazu.

Zwei Minuten Später tauchte Serena Delourdes' Bild-Ich wieder in seinem Gemälde auf und verkündete, das Madame Eauvive die Untersuchung gestattete. Julius fragte, was sie Sandrine und Gérard und dem Rest der Schülerschaft erzählen sollten? Madame Rossignol entgegnete darauf:

"Den meisten hier ist ja bekannt, daß ihr eine magische Verbindung errichtet habt. Wie diese sich auswirkt müssen die anderen zwar nicht wissen. Es ist nur zu klären, ob diese Verbindung durch Millies Schwangerschaft verändert wurde oder nicht. Der Rest liegt jetzt bei den Kollegen in der DK."

"Wie kommen wir rüber, wo Millie keine Portschlüssel- oder Flohpulverreisen machen darf?" Fragte Julius besorgt.

"Tja, für solche Eventualitäten haben wir Heilerinnen und Heiler die Innerttralisatus-Trage", sagte die Heilerin und ging zu dem Schrank, aus dem sie die Untersuchungsgeräte geholt hatte. Sie tippte mit dem Zauberstab eine Schublade an. Es klickte. Danach glitt die Schublade von alleine auf und gab eine Art zusammengefalteten Müllsack aus grünem Material frei. Madame Rossignol zog das zusammengefaltete Etwas aus der Schublade und breitete es auf dem Boden aus. Es sah wie eine nicht aufgeblasene Luftmatratze aus, auf die ein Schlafsack aufgenäht war. Millie wurde gebeten, sich nur in Unterwäsche auf die Liegefläche zu betten. Millie kniete behutsam nieder und entledigte sich der Oberbekleidung. Dann robbte sie auf die ausgebreitete Liegestatt. Madame Rossignol zog den Reißverschluß am schlafsackartigen Oberteil soweit zu, bis Millie vollständig in der Konstruktion verschwand. Julius wollte gerade einwerfen, daß sie jetzt keine Luft mehr bekam. Doch das Erstaunen, das seine Frau empfand, verriet ihm, daß sie wohl was anderes fühlte als Atemnot oder Platzangst.

"Ist ja heftig, ich kann ganz normal Luft holen", hörte er Millies Stimme leicht gedämpft durch das grüne Material klingen.

"Seit Constance hier in Beauxbatons ihr Kind trug habe ich einen der wenigen Notfalltragen", sagte Madame Rossignol. Dann tippte sie mit dem Zauberstab ein Ende der Vorrichtung an. Jetzt wurde aus dem Zwischending zwischen Luftmatratze und Schlafsack eine rrichtige Trage. Julius fragte Millie, ob sie gerade noch was sah. Sie erwähnte darauf: "Diese Zudecke ist durchsichtig wie Wasser, Julius."

"In Ordnung, du hinten, ich vorne!" Ordnete Madame Rossignol an und stellte sich so, daß sie die Trageholme ergreifen konnte, wenn Julius ihr half. Er nahm die geforderte Position ein und hob mit der Heilerin die Trage auf. Millie fühlte davon nichts. Das Hilfsmittel war wahrhaftig vollständig innerttralisiert, also schirmte die Getragene gegen die von außen einwirkenden Bewegungsveränderungen ab. Die Heilerin warf eine Prise Flohpulver in ihren Kamin und entfachte damit eine smaragdgrüne Feuerwand. Dann befahl sie Julius, die Trage in die Senkrechte zu heben, bis Millie aufrecht im Kamin stand, wobei sie aufpassen mußten, daß ihr Kopf nicht gegen die obere Kante stieß. "Lucine-Bourgeois-Station, Delourdesklinik!" Rief Madame Rossignol mit dem Mund nur einen Zentimeter von der grünen Feuerwand entfernt. Sofort erwachte die Julius längst vertraute Magie des Flohnetzes. Millie in ihrer merkwürdigen Tragekonstruktion begann unvermittelt herumzuwirbeln. Doch keine Sekunde später war sie in einem wilden Funkenwirbel verschwunden. "Du hinterher, wenn ich die Ankunftsbestätigung habe!" Ordnete Madame Rossignol an. Julius machte sich bereit, in den Kamin zu klettern.

"Ankunft erfolgt!" Meldete Serena Delourdes, die von ihrem Gegenstück in der Delourdesklinik informiert wurde. Julius fühlte auch, daß Millie froh war, diese Reise überstanden zu haben. Er stieg in den Kamin. Madame Rossignol rief für ihn das Ziel aus. Er schloß die Augen. Anders als seine Frau wurde er jedoch den Kräften des Flohnetzes ausgesetzt. Er wirbelte und trudelte, bis er mit einem Ruck auf festem Grund aufkam. Sofort zogen ihn vier weiche Hände aus dem Zielkamin frei. Er öffnete die Augen und erkannte zwei Hexen in zitronengelber Tracht. Auf dem Bauchstücken ihrer eng anliegenden Umhänge prangte das Bild eines von einer halb geschlossenen Hand umfaßten nach oben zielenden Wasserstrahls. Außerdem konnte er durch mehrere Wände die Schreie von Säuglingen hören. Ja, hier war er richtig.

"Das erste mal, daß wir einen männlichen Patienten behandeln, Monsieur Latierre. Deshalb bitten wir Sie, bis zum Eintreffen im Behandlungsraum leise zu sein", begrüßte ihn die ältere der beiden Heilerinnen. Julius konnte an dem Namensschild unter dem Symbol ihrer Klinik den Namen Alouette Laporte lesen. Die andere, die gerade fünf oder sechs Jahre älter als er sein mochte, hieß ihrem Namensschild nach Désirée Clairmont. Er nickte der älteren zu, von der er nur dachte, daß sie zumindest eine verantwortliche Stellung in dieser Heilstätte bekleidete.

Ohne ein Wort zu sagen folgte er den beiden Hexen über einen langen Gang an mehreren weißen Türen vorbei zu einem Raum mit einer grünen Tür, auf der "Betreuungsraum 3" zu lesen stand. Madame oder Mademoiselle Clairmont stupste die Tür mit ihrem Zauberstab an. Sie schwang geräuschlos nach innen und ließ die drei in einen auf ein Bett, zwei Instrumentenwagen und einen Schrank beschränkten Raum eintreten. Fenster gab es in diesem Raum keine. An der Decke hing eine dieser leuchtenden Kristallsphären, die Julius aus anderen magischen Gebäuden kannte. Die Tür ging zu. Heilerin Laporte zeichnete mit ihrem Zauberstab einen Stuhl, der erst ein wirbelnder Schemen war und dann als Festkörper aus einem Viertelmeter sicher auf dem Boden landete. "Dieser Raum ist ein Klangkerker, Monsieur Latierre. Ich bin Heilerin Alouette Laporte, die Leiterin der Lucine-Bourgeois-Station für Geburtshilfe und Säuglingspflege der Delourdesklinik." Julius sagte "Angenehm" und fragte, wo seine Frau untergekommen sei. "Madame Mildrid Latierre befindet sich im Behandlungsraum vier, einige Meter von hier fort. Außer dem Klangkerker wirkt keine Abschirmung. Das ist nötig, um den Vorgang zu prüfen, den die Kollegin Rossignol erwähnt hat. Bitte entkleiden Sie sich bis auf die Unterhose und legen Sie sich auf das Untersuchungsbett!" Die Frau kam echt schnell zur Sache, dachte Julius. Nüchterne Routine, keine Zeit für echte oder falsche Einfühlung. Das mochte vielleicht daran liegen, daß er keine werdende Mutter oder Wöchnerin war.

Da er darauf geprägt war, vernünftige Anweisungen ohne Verzögerung zu befolgen, war er innerhalb einer Minute wie befohlen fast nackt auf dem Untersuchungsbett. Er hatte seine Armbanduhr und den Brustbeutel mit seinen wertvollsten Besitztümern auf einen der kleinen Beistelltische gelegt. Nur das Pflegehelferarmband hatte er nicht abnehmen können. Das konnte jedoch Madame oder Mademoiselle Laporte erledigen. Julius sah, wie sie das silberne Armband zu seinen anderen Sachen legte. Er fragte, ob Madame Rossignol auch noch herkommen würde.

"Unsere Bestimmungen schreiben vor, daß die amtierende Schulheilerin von Beauxbatons bei mehr als zehn eingeschriebenen Schülern dort zu verweilen hat, sofern sie nicht in eigener Person zur Lösung eines Problems herangezogen werden muß, und das muß sie nicht. Was wir herausfinden erhalten die Kollegin Rossignol und die von Ihrer Frau beauftragte Kollegin Béatrice Latierre in einem ausführlichen Bericht."

"Madame Rossignol erwähnte, daß das, was meiner Frau und mir passiert ist noch nicht dokumentiert wurde", ergriff Julius die Gelegenheit, nach dem Umfang der Untersuchung zu forschen. "Wielange werden Sie benötigen, um genau zu sagen, was uns passiert ist und warum?"

"Höchstens zwanzig Minuten in der Wachphase. Dann werden Sie beide eine Nacht hier zubringen, um von den Incantationsinteraktionsüberwachungsgeräten erforscht zu schlafen, um eine vollständige Erfassung bei Schlaf- und Wachzustand zu erhalten. Da Sie Pflegehelfer sind und wie wir ja wissen bei der Quidditchweltmeisterschaft von unserer hochgeschätzten Kollegin Matine auch als Ersthelfer eingesetzt wurden verstehen Sie sicher, daß wir auf Gründlichkeit achten. Dazu gehört auch eine vollständige Anamnese, will sagen, wir möchten gerne von Ihnen erfahren, wann genau Sie sich den Zuneigungsanhänger beschafften und ob es davor oder danach magische Einwirkungen gab, in die Sie und ihre Frau körperlich oder seelisch verwickelt wurden." Julius hatte sich sowas schon gedacht. Doch einiges von dem wirklich heftigen, was ihn mit Millie verband, durfte er nicht verraten. Aber was er verraten konnte war, daß sie ihm bei der Sache mit den Schlangenmenschen geholfen hatte und er ja drei Monate Lang Madame Maximes Blut in den Adern hatte. Das war ja schließlich bei französischen und britischen Gerichtsprozessen protokolliert worden.

In gut sortierten Sätzen schilderte Julius zunächst, daß Madame Ursuline Latierre ihn zum Geschenk für die Hilfe bei der sicheren Beendigung ihrer Zwillingsschwangerschaft einem alten Ritual unterzogen hatte, das nur Hexen ausführen konnten, die bereits vier Kinder oder mehr geboren hatten. Das Vita-Mea-Vita-Tua-Ritual war den Heilerinnen bekannt. Sie warfen sich verstehende Blicke zu. Dann erwähnte er den Kauf der Anhänger in Viento del Sol, sowie die beinahe Verwandlung in einen Skyllianri und die drei Monate an Madame Maximes Seite. Das mit der Mondburg hatten die beiden Heilerinnen ja auch schon erfahren.

"Es zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, eine lückenlose Vorgeschichte zu kennen", dozierte Heilerin Laporte nach Julius' letzten Worten. "Dann wollen wir mal sehen, wie die Wechselwirkungen sich genau auswirken."

Heilerin Laporte stupste alle aufgereihten Instrumente an, die sofort ein emsiges Klicken, Rasseln und Ticken von sich gaben, als gelte es, die verstreichende Zeit in möglichst kleine Portionen aufzuteilen. Heilerin Clairmont verließ den Behandlungsraum. Nachdem sie die Tür von außen geschlossen hatte sagte Heilerin Laporte: "Wir werden jetzt sechs verschiedene Versuche machen. Erst versucht Ihre Frau, ihren Teil des Anhängers abzunehmen. Dann versuchen sie es. Dann wird die Kollegin Clairmont es bei Ihrer Frau versuchen. Danach ist es an mir, Ihnen den Anhänger abzunehmen. Schlußendlich werden Ihre Frau und Heilerin Clairmont es dann noch einmal zusammen versuchen. Gelingt es nicht, versuchen wir beide es, Ihren Anhänger abzulegen. Danach wissen wir sicher, welche Wechselwirkungen es gibt. Keine Angst, die Instrumente überwachen Ihre Vitalfunktionen und warnen früh genug, sollte durch die Versuche eine lebensgefährliche Beeinträchtigung ihres Körpers stattfinden. Wir wollen Sie nicht umbringen."

"Das können Sie sich hier, wo neues Leben zur Welt kommt wohl noch weniger leisten als in einer anderen Station", mußte Julius dazu einwerfen.

"Manchmal müssen wir um jedes werdende Leben kämpfen, weil dessen Trägerin meinte, sich nicht an die Grundsätze vernünftiger Ernährung und Tätigkeiten für werdende Mütter zu halten. Aber das betrifft Sie und Ihre Frau wohl nicht", sagte Heilerin Laporte.

"Wann fangen wir an?" Fragte Julius.

"Wenn Heilerin Clairmont Ihre Frau noch einnmal untersucht hat, ob ihre Schwangerschaft unbedenklich verläuft."

Es dauerte zehn Minuten, bis Heilerin Laporte Julius zunickte und ihn bat, sich jetzt zu entspannen. Offenbar mentiloquierten die Heilerinnen miteinander, dachte er. Da fühlte er wieder diesen heftigen Druck, als wolle der von ihm getragene Anhänger mit dem zigfachen seines Gewichtes in seinen Brustkorb eindringen. Er keuchte. Er fühlte diese Todesangst, meinte wieder, vollständig in einem tiefen Sumpf versunken zu sein und hörte ein klagendes Wimmern, das zu einem angstvollen Schrei anwuchs. Er hörte aber auch das warnende Pingeln und Piepen verschiedener Instrumente, während der Rest der um ihn gruppierten Überwachungsgeräte noch hektischer rasselte und noch lauter tickte und klickte als vor einer Minute noch. Dann ließ der Druck auf Julius' Brust, das Panik auslösende Gefühl, in tiefem Morast begraben zu sein und der Eindruck, einen fernen Anst- und Schmerzenslaut zu hören schlagartig nach. Die aufgebauten Instrumente beruhigten sich auch wieder. "Liegenbleiben!" Bellte Heilerin Laporte, als Julius Anstalten machte, sich aufzusetzen. Er bekam mit, wie die Chefin der Mutter-Kind-Station die Instrumente ablas. Fast jedes hatte einen schmalen Pergamentstreifen ausgespuckt. Viele hatten kleine Skalen wie die Instrumente der Muggelwelt. Bei einigen konnte Julius durchsichtige Zylinder erkennen, in denen eine silbrige Flüssigkeit wie wild schwappte. Als die Heilerin die Ablesung beendet und alle Werte aufgeschrieben hatte nickte sie Julius zu und befahl ihm: "Versuchen Sie nun, Ihren Anhänger abzulegen!"

Julius griff nach dem Anhänger und der Kette. Doch als er beides anhob, meinte er, jemand würde durch die Hand, die den Anhänger hielt innerhalb einer Zehntelsekunde alle Kraft absaugen. Wieder drückte der Anhänger mit vervielfachtem Gewicht gegen seine Brust. Wie vorhin bei Madame Rossignol meinte er, schmerzhafte Hitzewellen durch die Kette zu spüren. Er keuchte, fühlte wieder die aufkommende Angst und meinte, tief versunken zu sein. Er schaffte es nicht, den Anhänger abzustreifen. Um Luft ringend gab er den Versuch auf. Die Instrumente um ihn herum hatten wieder gepiept, gepingelt und rumort. Die Heilerin forderte ihn auf, den Arm zu bewegen, mit dem er das rubinrote Herz anzuheben versucht hatte. Er schaffte es. Mit einem in seinem Arm kribbelnden Diagnosezauber prüfte die Heilerin nach, ob Nerven, Muskeln oder Adern verletzt waren. Zu Julius' Erleichterung verlief diese Untersuchung ohne Befund. Eine Minute später überfiel Julius erneut dieses unerträgliche Gefühl, am Rande des Erstickens und der Unbeweglichkeit zu treiben und dabei eine Zentnerlast auf die Lungenflügel drücken zu haben. Doch so schnell diese Gefühle aufkamen, so schnell klangen sie auch wieder ab. Die Heilerin notierte auch die bei diesem Versuch registrierten Werte, von denen Julius nicht wußte, welche das waren und was sie aussagten. Zwei Minuten später - Heilerin Laporte hatte noch einmal die Ruhewerte der Instrumente notiert - glaubte Julius, jemand habe ihn mit einem Vorschlaghammer voll auf die Brust gedroschen. Die um ihn aufgepflanzten Überwachungsgeräte schienen förmlich vor Tätigkeit in Stücke zu springen. Doch das Gefühl verflog. Noch einmal wurde alles notiert, was die Instrumente in dieser gerade eine Sekunde dauernden Zeitspanne gemessen hatten. Die Heilerin wiegte den Kopf. Sicher bekam sie eine mentiloquistische Rückmeldung der Kollegin aus dem anderen Behandlungsraum. Sie warteten noch eine Minute. Dann versuchte Heilerin Laporte, Julius erst die Kette abzustreifen und dann noch den Anhänger abzunehmen. Beides mißlang, weil irgendwas die Kette für die Heilerin in einem Moment glühend heiß machte und beim anderen Mal den Anhänger wieder so schwer machte, daß Julius meinte, gleich davon erstickt zu werden. Diesmal ließ die Heilerin fünf Minuten verstreichen. Dann kamen die beiden letzten Versuche. Offenbar versuchte Heilerin Clairmont zusammen mit Millie, den Anhänger zu lösen. Doch Julius meinte, in einem immer enger werdenden glutheißen Ofenrohr festzustecken, während ihm das rubinrote Herz wieder wie ein Felsbrocken auf der Brust lag. Wieder hörte er laute Schreckensschreie und vermeinte diesmal, ein kleines Mädchen schreien zu hören. War das Aurore? Julius fühlte die Todesangst, gepaart mit steigender Wut, weil er hier hilflos herumlag. Dann war der Ansturm von körperlichen und seelischen Qualen auch schon wieder vorbei. Diesmal ließ die Heilerin vier Minuten verstreichen, wobei sie jede volle Minute die gerade gezeigten Werte notierte.

"Jetzt müssen wir beide es noch einmal versuchen", sagte Heilerin Laporte zu Julius. Diesem war nicht wohl dabei. Er hatte das untrügliche Gefühl, daß dieser Versuch ihn oder seine Frau oder das in ihr wachsende Kind umbringen würde, wenn es gelang, das rubinrote, aus einer hälfte bestehende Herz abzulegen. Doch er mußte da durch, mußte bestätigen, daß weder er noch ihren Verbundenheitsschmuck nicht ablegen konnten. So griff er mit beiden Händen an die Kette, während Heilerin Laporte mit silbernen Handschuhen den Anhänger selbst berührte, der die letzten Minuten weiterhin friedlich pulsiert und neue Kraft in ihn hineingepumpt hatte, als sei er eine verkleinerte Außenstelle seines natürlichen Herzmuskels. "Eins, zwei, drei", zählte die Heilerin an. Als sie "drei" sagte, zogen Julius und sie beide an Kette und Anhänger. Doch Julius meinte, unvermittelt in absoluter Dunkelheit zu sein und von einer überschweren Last plattgedrückt zu werden. Hitzewellen durchrasten seine Arme, lösten die Hände von der Kette. Dann kehrten alle Außenwahrnehmungen wieder zurück. Heilerin Laporte bewegte die Arme, als wären diese nach Monaten Ruhe erst jetzt wieder zu gebrauchen. Sie keuchte wie Julius, der gerade daran dachte, beinahe gestorben zu sein. Erst langsam fand er zu einer entspannten Haltung zurück.

"Beschreiben Sie mir bitte nun genau, wie Sie jeden Versuch empfunden haben!" Befahl die Heilerin, nachdem sie ein großes Pergamentblatt mit einer grünen Flotte-Schreibe-feder bestückt hatte. Julius berichtete nun so sachlich er konnte von seinen Eindrücken bei allen sechs Versuchen. Die Heilerin unterbrach ihn nicht. Erst als er geendet hatte sagte sie auch für die mitschreibende Zauberfeder:

"Von einem letzten Versuch, beide Anhänger gleichzeitig von den Probanden zu entfernen ist nach Ablesen aller bei den Versuchen ausgegebenen Werte dringend abzuraten, da offenbar eine wechselseitige magisch-physische Verbindung etabliert wurde, deren gewaltsame Trennung den Tod eines oder beider Probanden herbeiführen kann."

Julius sagte erst wieder was, als die Heilerin die Zauberfeder von der Seite gepflückt hatte. "Wird Madame Rossignol nicht gerade begeistern, daß wir die Anhänger nicht ablegen können", sagte Julius.

"Das werden wir wissen, wenn wir Ihren Schlaf überwacht haben. Vielleicht kommt dabei ans Licht, daß die Anhänger wenn nicht abgelegt, aber ihre Wirkung gemindert werden kann. Ich werde dafür auch die bereits heilmagisch dokumentierten Untersuchungen dieser Form magischer Verbundenheitsartefakte vergleichen. Eine abschließende Diagnose werde ich erst stellen, wenn wir Ihre Schlafwerte haben", erwiderte die Heilerin. Julius nickte. "Da wir auch ermitteln müssen, wie ihre körperlichen Werte bei Nahrungsaufnahme aussehen werden Sie und Ihre Frau Ihr Abendessen auf dem Untersuchungsbett einnehmen. Sie dürfen dabei sitzen, allerdings nicht aus dem Kreis der eingerichteten Überwachungsgerätschaften hinaus, weil dies dann als Exitus angezeigt wird und wir dadurch die laufenden Messungen erheblich verfremden würden. Selbes gilt für das Absetzen von Stuhl und Harn."

"Okay, die Station ist für sowas ausgelegt. Aber ich hoffe doch nicht, daß Sie mich hier auf diesem Bett füttern und wickeln wollen, um mich nicht aufstehen zu lassen", sagte Julius. Er fühlte eine gewisse Verärgerung, wobei er nicht wußte, ob sie von ihm alleine herrührte.

"Nein, Wickeln muß Sie niemand und Füttern auch nicht, Monsieur Latierre", sagte die Heilerin und ging an einen der Schränke. Sie holte einen Nachttopf mit Deckel heraus. "Wenn Sie im abgesteckten Kreis der Überwachungsgeräte bleiben können Sie diesen Topf hier benutzen, der einen Vertilgungszauber für organischen Abfall besitzt, der bei Schließen des Deckels in Kraft tritt." Julius atmete erleichtert auf. Er nickte.

Auf einem Wagen wurden Essen und Geschirr hereingefahren. Julius hatte den Auftrag, soviel zu essen, wie er meinte, essen zu müssen. Während dieser Zeit klickten, tickten, rasselten und schnurrten die um sein Bett postierten Prüfgeräte. Der Herzanhänger schickte ihm Millies unbändigen Appetit wie eine Aufforderung, den ganzen Wagen leerzufuttern. Natürlich trank Julius auch mehr. Die Chefin dieser Station kam erst wieder in den Behandlungsraum, als Julius den Wagen mit einem Stupser aus der Überwachungszone befördert hatte.

"Gut, Sie können gerne mit Ihrer Frau mentiloquieren. Dabei fallen für uns auch die entsprechenden Werte an, um zu erkennen, wie intensiv die geistige Verbindung zwischen Ihnen und Ihrer Frau durch die Anhänger aufrechterhalten wird." Sie bestrich die umstehenden Meßvorrichtungen mit ihrem Zauberstab und hängte an einige große Trommeln an, aus denen die Gerätschaften Pergamentstreifen einziehen und beschrieben wieder ausstoßen konnten. Dann wünschte sie Julius eine gute, und Angenehme Nachtruhe. "Um zehn löschen wir das Kristalllicht", sagte sie. Julius nickte. Er zog einen blütenweißen Pyjama an, dessen Hose und Hemd nach einer Sekunde Spannen sicher und angenehm um seinen Bauch anlagen. Sicher, hier wurden schwangere Hexen mit unterschiedlichen Bauchformen behandelt. Da war die klinikeigene Nachtkleidung entsprechend bezaubert, sich anzupassen.

Während Julius darauf wartete, überschüssiges Essen und Trinken wieder loszuwerden mentiloquierte er mit seiner Frau, die nach den sechs Versuchen sichtlich verdrossen geworden war.

"Jetzt haben wir es amtlich, daß wir die Anhänger nicht ablegen können. Aber warum das so ist wollte Laportes Angestellte mir nicht sagen."

"Die wollen erst alle für sie wichtigen Ergebnisse haben, Millie. Aber ich denke, es läuft darauf hinaus, daß wir durch die von Oma Line auf mich übertragene Lebenskraft und die Zeugung von Aurore nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch körperlich über sie miteinander verbunden sind."

"Das kannst du aber glauben, wo ich bei jedem Versuch meinte, die Kleine wolle durch Magen und Speiseröhre ans Licht kommen. Wenn diese Dinger da um mein Bett das auch mitgeschrieben haben wissen die sicher, daß Aurore stirbt, wenn die unns die Anhänger abnehmen können."

"Könnte sein", konnte Julius seiner Frau nur beipflichten. Millie schickte dann zurück, daß sie lieber noch was zu lesen mitgenommen hätte. Julius hatte zwar eine Menge Bücher im Brustbeutel. Doch wegen der Überwachung durfte er nicht aufstehen und eines oder zwei davon zu ihr rüberbringen. Außerdem hatte er das Gefühl, daß die Tür verriegelt war, daß nur die beiden Heilerinnen sie öffnen konnten, solange es keinen akuten Notfall gab, wie bei manchen Notausgängen, die im Brandfall aufgingen. So blieb den beiden eben nur, sich über die genauen Eindrücke zu unterhalten, was ihnen bei den Versuchen durch den Kopf gegangen war und sich in Vermutungen zu ergehen, wie ihre Mitschüler auf diese Untersuchung reagierten. Auch kommentierten sie, wie gründlich ihr Nachtgeschirr alles das verschwinden ließ, was sie nicht mehr im Körper behalten konnten.

Pünktlich um zehn dämmerte es. Das Licht in der Kristallsphäre an der Decke schrumpfte langsam zusammen. Dabei ging es von einem warmen Weißgelb zu einem orange und dann Blutrot über, ähnlich wie die unter dem Horizont versinkende Sonne dies Tat. Der Vorgang dauerte nur eine Minute. Dann umhüllte Julius absolute Dunkelheit. Er hörte nur die leisen Arbeitsgeräusche der ihn überwachenden Zaubergeräte. "Okay, Millie, die haben uns jetzt das Licht abgedreht. Sehen wir zu, daß wir Schlafen", schickte Julius einen letzten Gruß an seine Frau, bevor er sich unter die leichte Decke legte und zusah, in eine bequeme Einschlafhaltung zu finden. Tatsächlich lullten ihn die leise tickenden, klickenden und rasselnden Geräte mehr und mehr ein. Ihre Geräusche schienen mit ihm zusammen einzuschlafen, wurden leiser und langsamer. Doch sie halfen mit, ihn in den Schlaf hinüberzutragen.

 

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Julius träumte, er stiege aus seinem Körper heraus wie aus einem Schlafsack und schwebe durch die Dunkelheit des Behandlungszimmers, durch eine Wand hinaus in den von herabgedimmten Kristallsphären erleuchteten Korridor, durch eine andere Wand, auf ein Bett zu, in dem er seine Frau liegen sah. Unvermittelt wuchs alles um ihn herum an. Er wollte schreien. Doch er hatte keine Stimme. Dann fühlte er, wie er auf die nun zur vierfachen Größe angewachsene Millie zustürzte und ohne Widerstand in ihrem Unterleib landete. Dort konnte er wie durch einen Einblickspiegel seine ungeborene Tochter sehen, die sich gerade streckte, während um sie beide Millies Körpergeräusche klangen.

"So, habe ich dich jetzt mal hier. Warum willst du mich totmachen?" Fragte ihn eine vorwurfsvolle Kleinmädchenstimme. Julius sah seine und Millies Tochter, wie sie mit dem rechten Zeigefinger auf ihn deutete.

"Ich will dich nicht totmachen, Aurore. Ich will doch wie deine Maman, daß du zu uns kommst und bei uns groß wirst", erwiderte Julius. Hier, in dieser Welt vor der Welt, hatte er seltsamerweise wieder eine Stimme. Vielleicht war es auch besonders lauter Mentiloquismus oder eben nur Traumwerk.

"Warum habt ihr dann gemacht, daß ich fast ohne das gebohrt werden von hier wieder weg bin?" Schnarrte die Stimme des kleinen, noch weit vom eigenen Leben entfernten Mädchens.

"Weil deine Maman und ich möchten, daß ich auch ganz gesund und gut beweglich bin, wenn du zu uns kommst, Aurore. Wir wußten das nicht, daß wir dir damit weh tun oder dich vielleicht sogar totmachen können, wenn wir die Anhänger von uns weglegen."

"Ihr habt die an und du hast was von Mamans Oma in dir drin, was ich jetzt auch habe. Die roten Dinger machen, daß es mir gut geht, weil du Maman hilfst, daß ich bei ihr richtig groß werde. Aber das soll total gemein weh tun, von ihr gebohrt zu werden."

"Geboren", korrigierte Julius seine Tochter.

"Ist doch ganz egal, wie das gesagt wird. Du hängst mit Maman und mir zusammen. Wenn einer macht, daß das nicht mehr ist, bin ich nicht mehr da. Willst du, daß ich nicht mehr hier bin, was Maman ihren Bauch nennt?"

"Doch, ich will, daß du da bleibst und groß genug wirst, damit sie dich zu uns rausbringen kann, damit du bei uns wohnen und ganz groß werden kannst", beteuerte Julius aufrichtig. "Wir machen das nicht noch einmal. Wir wissen das jetzt, daß dir das weh tut."

"Wenn nicht bin ich eben ganz weg", grummelte Aurore Béatrice Latierre. "Mach wieder, daß du dahin kommst, wo du wohnst, bevor Maman wieder wach ist und Pipi machen muß. Denn wenn die mitkriegt, daß du jetzt auch hier bist, will die wohl haben, daß du bei ihr bleibst, weil sie sagt, daß sie dich genauso doll lieb hat wie mich."

"Ich weiß nicht, wie ich zu dir gekommen bin", sagte Julius.

"Stimmt, ich wollte ja, daß du bei mir bist. Dann will ich jetzt, daß du wieder da bist, wo du schläfst", erwiderte Aurore Béatrice und stieß Julius mit ihrer rechten Faust so kräftig an, das er nach hinten geworfen wurde und wie vorhin ohne Wiederstand durch Fruchtblase, Gebärmutter, Bauchdecke und Pyjamahose Millies über ihrem Bett hochstieg, wobei sie sichtlich schrumpfte. Der Schwung reichte aus, ihn aus dem Zimmer zu treiben und über den Korridor in das andere Zimmer zu befördern. Er sah seinen von den Zaubergerätschaften umstellten Körper im Bett liegen und fühlte, wie dieser ihn an sich zog. Übergangslos fand er sich wieder im Bett liegen. Das Klicken und Ticken, Rasseln und Schnurren der Prüfgeräte begrüßte ihn. Er schlug die Augen auf. Er war wieder da, wo er hingehörte.

"ja, ein gutes Gewissen ist doch das beste Ruhekissen", grummelte Julius leise. Er wollte auf seine Armbanduhr sehen. Doch die lag außerhalb seiner Reichweite, genauso wie sein Zauberstab und die anderen Habseligkeiten. Nur die Dunkelheit umgab ihn. Wohl deshalb hatte er geträumt, dort zu sein, wo Aurore noch auf ihre Ankunft hinwuchs. Er fragte sich allerdings, ob es nicht doch stimmte, daß Ungeborene vor ihrem großen Auftritt eine gewisse Persönlichkeit besaßen, von der wegen der Belastung unter der Geburt nichts mehr zu erkennen war? Doch dann verwarf er diese Antwort. Die Hindus glaubten an Wiedergeburt, ebenso die Buddhisten und einige Naturvölker. Er kam zu dem Schluß, daß Aurores Stimme nur sein schlechtes Gewissen gewesen war, daß ihm offenbart hatte, was passiert war und ihn vor die Wahl gestellt hatte, um Aurores Willen lieber zuzunehmen oder zu riskieren, daß sie ungeboren starb. Die Antwort war dieselbe, die er in diesem Traum gegeben hatte. Er wollte lieber alle Beschwernisse auf sich nehmen, um sicherzustellen, daß Aurore zur Welt kam. Er dachte einen Moment an den Catena-Sanguinis-Fluch. Doch der war das ganz sicher nicht, weil er sonst alle Schmerzen und das körperliche Unwohlsein seiner Frau erlitten hätte. Nein, es waren die Anhänger gekoppelt mit dem Lebenskraftritual und der in Aurore gebündelten Lebenskraft von ihm und Lines Enkeltochter. Ja, so mußte das sein. Sie hatten einen Kreis geschlossen, der nicht durchbrochen werden durfte, wollte er nicht, daß Millie, er oder Aurore starben. wie hatten Madame Faucon und Professeur Delamontagne bei der Sache mit Hanno Dorfmann gemahnt: Mancher Zauber, der gutartig aussieht kann sich bei der Anwendung auf Lebewesen unangenehm verändern, wenn keiner weiß, was diese Wesen bereits für Magie mit sich herumtrugen. Insofern wäre es vielleicht günstiger gewesen, auf die Herzanhänger zu verzichten, als klar war, daß Millie empfangen hatte. Doch jetzt war es zu spät für diese Einsicht.

Julius drehte sich noch einmal um. Er fühlte seinen vorgewölbten Bauch. Das war der Tribut, den er für sein erstes Kind entrichten mußte.

 

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Ein fröhliches Glockenspiel wie von einer großen Spieluhr weckte Julius aus dem Schlaf. Diesmal konnte er sich an keinen Traum erinnern.

Julius benutzte noch einmal den mit Ausscheidungsvernichtungszauber belegten Nachttopf, ohne den Kreis der Instrumente zu verlassen. Er wußte, daß er sich noch gründlich waschen oder duschen mußte. Da ging aber auch schon die Tür auf, und Alouette Laporte kam herein. Sie schloß die Tür und trällerte: "Einen wunderschönen guten Morgen, Monsieur Latierre. Es ist ein herrlicher Wintermorgen, richtig dafür gemacht, ein paar neue Menschen in dieser Welt willkommen zu heißen. Wie haben Sie geschlafen?""

"Von dem schönen Morgen sehe ich hier zwar nichts. Aber ich habe sehr gut geschlafen, wenngleich ich von ungeborenen Kindern geträumt habe. Passiert das jedem, der hier übernachtet?" Fragte Julius keck zurück.

"Das kann ich wohl jetzt bestätigen, wo Sie der erste männliche bereits auf eigenen Beinen in diese Station gelangte Übernachtungsgast sind, Monsieur Latierre", entgegnete Heilerin Laporte unerwartet locker und gekonnt. "Haben Sie von ihrer Tochter geträumt?" Fragte sie dann mit mehr Berufsernst in der Stimme.

"Ja, habe ich. Sie wollte wissen, was sie mir getan hätte, daß ich sie umbringen wollte", erwiderte Julius. Dieser Traum gehörte nicht zu denen, die er besser nur seinem Denkarium erzählte, wenngleich er das sicher nachher noch tun würde, falls die Chefhebamme da ihn wieder nach Beauxbatons lassen würde.

"Da hatte sie sicher allen Grund, zu fragen. Aber ich bin sicher, daß Sie ihr versprochen haben, nichts mehr zu tun, was ihr was böses tut", erwiderte die Heilerin. Julius setzte sich auf und deutete auf die Instrumente.

"Muß ich in diesem Überwachungsbereich noch frühstücken? Ich würde mich gerne anständig waschen oder duschen. Haben Sie auch Wasserschüsseln mit Nachfüllbezauberung im Schrank?"

"Ist nicht nötig, wo wir den Corpolavatus-Zauber beherrschen", erwiderte die Heilerin. Julius horchte auf. Er wollte gerade fragen, wie dieser Zauber ging, um ihn selbst ausführen zu können, da murmelte die Heilerin "Nudato!" Julius kam nicht mehr dazu, den Pyjama mit den Händen fest an seinem Körper zu halten, so schnell flogen ihm Jacke und Hose davon. Dann hob ihn eine unsichtbare Kraft aus dem Bett, hängte ihn an unsichtbare, nicht mit Händen greifbare Haltestricke. "Corpolavato!" Rief die Heilerin mit auf Julius deutendem Zauberstab. Unvermittelt sah er einen dichten Nebel um sich und fühlte warme Feuchtigkeit, aus der heraus er meinte, von starken Schwämmen abgeschrubbt zu werden, von Kopf bis zwischen die Zehen wirkte diese magische Waschwolke auf ihn ein, drang ihm sogar in die Ohren, und als er so unvorsichtig war, die Lippen weiter als einen Zentimeter auseinanderzumachen, sogar in die Mundhöhle. Er roch erfrischende Essenzen, die in diesem ihn umwirkenden Dunst gelöst waren. Er wollte was sagen. Doch immer, wenn er den Mund weiter aufmachte, meinte er, ein watteweicher warmer Knebel würde ihm in den Mund gestopft und drehe sich im wilden Takt der anderen ihn bearbeitenden Zauberkräfte. Eine halbe Minute mußte er das über sich ergehen lassen. Dann überflutete ihn eine Wärme, als bliese ihm ein wilder Wüstenwind ohne Sand entgegen, mindestens sechzig Grad warm. Einen Moment später war er wieder völlig trocken. Dann wurde er noch herumgewirbelt, und hing nun vollständig angekleidet über dem Fußboden. Die ihn bewachenden Artefakte pingelten in verschiedenen Melodien, während er dies alles über sich hatte ergehen lassen.

"Ab hier endet unsere Versuchsreihe. Wir haben alle relevanten Körperereignisse aufgezeichnet", sagte die Heilerin und ließ Julius wieder auf die Füße kommen. "Es ist noch eine Stunde bis zur in den Ferien gültigen Frühstückszeit. Da werden Sie beide wieder in Beauxbatons sein. Ich habe nachher mehrere Patientinnen, die heute niederkommen möchten. Da werde ich froh sein, genug Betten zur Verfügung stellen zu können."

"Huch, das hier ist auch ein Kreißsaal?" Fragte Julius und blickte über die spärliche Einrichtung.

"Saal klingt ein wenig nach Massenabfertigung, Junger Mann. Geburtsgemach nennen wir Heiler ein Zimmer, in dem ein Kind zur Welt kommt. Dabei ist es unabhängig, ob dieses Zimmer in einer Heilstätte wie der Delourdesklinik oder dem Haus der Mutter liegt", korrigierte Heilerin Laporte Julius. Dann baute sie alle Instrumente ab, die um Julius' Bett herumstanden und sammelte die auf Rollen gewickelten Pergamentstreifen ein, die Julius' Nachtaktivitäten festgehalten hatten.

"Die eine Stunde reicht, um Ihre mit den Aktivitäten Ihrer Frau und Ihrer ungeborenen Tochter zu vergleichen", kündigte Heilerin Laporte an. dann deutete sie auf den Beistelltisch, wo die Armbanduhr, der Brustbeutel, der Zauberstab und das silberne Armband lagen. Julius nahm seine Sachen an sich. Die Chefin der Lucine-Bourgeois-Station legte ihm das Pflegehelferarmband wieder an und schloß es. Es vibrierte einen winzigen Moment. "So, jetzt sind Sie wider für die Kollegin Rossignol verfügbar", bemerkte sie dazu.

Julius traf seine Frau auf dem Weg in das Büro der Stationsleiterin. Unterwegs konnten sie die ersten Schmerzenslaute niederkommender Patientinnen hören. Dann trafen sie im Büro ein. Julius erkundigte sich, ob die Gebärenden alle in so fensterlosen Räumen ihre Kinder bekamen, als sie in einem gemütlichen Raum saßen, an dessen Wänden Bilder der Heilerin mit einer Familie aus kleinem, untersetzten Zauberer und vier Kindern hingen. Dieser Raum besaß Fenster, oder zumindest Vorrichtungen, die als Fenster herhielten.

"In den als Geburtsgemächern dienenden Räumen können Umgebungsillusionen aufgerufen werden, die das Wohlbefinden der Mutter ermöglichen. Die hätten aber die magische Langzeituntersuchung erheblich verfälscht", gab Heilerin Laporte auskunft. Julius fiel ein magisches Foto im Großformat ein, daß die Stationsleiterin in jüngeren Jahren mit deutlichem Umstandsbauch zeigte. Da wußte er, daß sie wohl mit "Madame" angesprochen werden durfte.

"Das war, als mein erster Sohn Guillaume unterwegs war. Ich habe festgestellt, daß es auf Patientinnen, die mich hier konsultieren beruhigender und gleichermaßen disziplinierender wirkt, wenn sie sehen, daß ich aus ganz eigener Erfahrung weiß, was eine Mutterschaft bedeutet", erwähnte Madame Laporte, die Julius' Blick bemerkt hatte. Da klopfte es an die Tür. Die Heilerin wedelte mit dem Zauberstab. Dann ging die Tür auf. Madame Antoinette Eauvive, die oberste Chefin der Delourdesklinik und oberste Sprecherin der Heilerzunft in Personalunion betrat das Büro. Julius grüßte sie förmlich, auch wenn sie auch die Mater de Jure, die gesetzmäßig anerkannte magische Ziehmutter seiner Mutter war.

"Ich hoffe, Sie haben beide gut geschlafen. Das ist nämlich wichtig für unsere Untersuchung", sagte Antoinette Eauvive. Dann begann der Vergleich. Die Heilerinnen Eauvive, Laporte und Clairmont lasen sich gegenseitig Werte wie Herzschlag, Atemrhythmus, Uhrzeit und magische Schwingungen verschiedener Arten und Wirkungsrichtungen vor. Damit prüften sie in zehn Minuten drei Stunden Nachtruhe. Dann kam das, womit Julius schon innerlich gerechnet hatte, nachdem er aus diesem Traum vom Besuch bei seiner Tochter aufgewacht war.

"Oh, die Herzschläge von Madame Latierre und Monsieur Latierre sind drei Minuten lang hundertprozentig gleich, als wenn nur ein Herz geschlagen hätte. Das des Fötus schlug gemäß dem Entwicklungsstand schneller, aber rhythmusbezogen im Gleichtakt der parentalen Herzen. Dazu kommt eine verstärkung der bereits ermittelten Artefaktaktivitäten um zweihundert Prozent. Offenbar hat es in dieser Schlafphase eine Abstimmung zwischen Eltern und Kind gegeben. Eigentlich müßten wir Sie noch eine Woche hierbehalten und diesen Effekt auf Wiederholung prüfen. Aber ich unterstelle mal, daß diese Verbindung jede Nacht stattfindet, womöglich in Abhängigkeit, ob Sie beide in der selben Schlafphase sind oder nicht", sagte Madame Laporte. Madame Eauive verzog das Gesicht. Julius konnte sich schon denken, warum. Doch die Matriarchin des Eauvive-Clans hütete sich hier vor persönlichen Bemerkungen. Sie äußerte jedoch eine sachliche Vermutung:

"Wie wir ja alle erfahren haben vollzog Madame Ursuline Latierre mit ihrem damals noch zukünftigen Schwiegerenkelsohn das Geschenk der glücklichen Hexenmutter, auch als Vita-Mea-Vita-Tua-Ritual bekannt. Dabei fügte sie ihre gerade wenige Monate auf der Welt befindlichen Zwillingstöchter in das Ritual ein. Dieses wurde dadurch verstärkt. Der Grund für dieses kraftzehrende, wenn auch erhabene Ritual war, daß Monsieur Latierre sie damals durch unerbetene, aber höchst notwendige Ausdauerübertragung vor einer Fehlgeburt bewahrte. Mit anderen Worten, sie schloß über das Ritual einen vitalmagischen Kreis über ihre Kinder mit dem, der sie und diese Kinder am Leben gehalten hatte. Jetzt hat dieser Empfänger von Lebenskraft die Tochter der Tochter Ursuline Latierres zur Frau genommen und wiederum eine Tochter mit dieser gezeugt. Diese vollendete den vitalmagischen Kreis, beziehungsweise verstärkte ihn. Die beiden Verbundenheitsanhänger kommen noch als Verstärkung dazu, wobei hier nicht die Körper miteinander verbunden werden, sondern die Seelen. Jetzt ist aber durch diese seelische und körperliche Verbundenheit ein Kind entstanden, das zudem noch dasselbe Geschlecht hat wie die Vollzieherin des Rituals. Dadurch wurden alle drei sowohl psychisch wie physisch voneinander abhängig. Je weiter das Kind heranreift, desto stärker wirkt die Verbindung. Sie wird wohl erst bei der Vollendung der Geburt wieder abgeschwächt. Wir haben es also hier nicht mit jener verruchten Blutskette zu tun, der sich skrupellose Hexen bedienen, die die Väter ihrer Kinder unterwerfen wollen. Denn dann hätte Monsieur Latierre sämtliche Beschwerden seiner Frau und auch das Unwohlsein des von ihm gezeugten Kindes erlitten. Es ist ein Kreis, der bisher noch nicht in Heilkundlichen Texten erwähnt wurde. Ich bin geneigt, dieser magischen Verknüpfung mehr positives als negatives abzugewinnen, sofern sich herausstellt, daß alle drei darin einbezogenen unabhängig vom Befinden des jeweils anderen leben können. Im Moment versorgt Madame Latierre ihre Tochter noch über ihren Kreislauf mit. Erst die Entbindung wird zeigen, ob sie und Monsieur Latierre ihr restliches Leben nur mit getragenen Zuneigungsartefakten verbringen können, ja ihre zu erwartende Tochter ebenfalls ein ähnliches Artefakt tragen muß, um leben zu können. Es erweist sich einmal mehr, daß an lebenden Wesen gewirkte Mehrfachbezauberungen unerwartete und womöglich auch unerwünschte Nebenwirkungen ausbilden können." Millie und Julius nickten. Julius hatte es nach dem Traum von Aurore ja schon vermutet, was Madame Eauvive erwähnt hatte. Er bat noch ums Wort.

"Kann es sein, daß diese Verbindung auch durch die Hilfe meiner Frau bei dem Angriff eines Schlangenmenschen auf mich verstärkt wurde?"

"Da sie zwei magisch hochwirksame Flüssigkeiten im Körper hatten, will ich das als katalysierenden Faktor nicht ausschließen. Erst das Verwandlungsgift des Schlangenmenschen und dann das diesem entgegenwirkende Blut Madame Maximes, das zuvor durch biß eines Schlangenmenschen Abwehrkräfte gegen das Toxin selbst ausgebildet hat. Auf jeden Fall hat Madame Maximes Blut Ihren Körper sichtlich stärker gemacht, Monsieur Latierre. Das sehe ich auch daran, daß Sie trotz gleicher Nahrungsaufnahme wie Ihre Frau nur halb so viel zugenommen haben wie zu erwarten steht", sagte die oberste Heilerin Frankreichs.

"Moment, dann muß ich unsere Tochter hier zur Welt bringen?" Fragte Millie. "Und hat Julius dann Probleme, wenn ich sie rauslasse?"

"Wie erwähnt ist es eine rein vitalmagische Verknüpfung, die mehr auf Ihr Gefühlsleben und Ihre Ausdauer wirkt als auf das körperliche Befinden, Madame Latierre. Insofern können Sie Ihre Tochter gerne im Krankenflügel von Beauxbatons gebären, sofern Sie nicht darum bitten, hier bei uns zu entbinden. Heilerin Clairmont könnte in Abstimmung mit Ihrer erwählten Heilerin Béatrice Latierre Ihre Geburtshelferin sein."

"Nein, wenn Madame Rossignol sagt, Beauxbatons geht, dann bringe ich Aurore dort zur Welt", sagte Millie kategorisch. Der Gedanke, ihre Tochter dort zu bekommen, wo sie irgendwann mal selbst zur Schule gehen würde war schon erhaben, fand Millie. Julius hatte auch keine Einwände. Er war nur froh, daß er Millies Bauchschmerzen nicht fühlen würde. Doch die Gefühlslawine würde doppelt so heftig sein wie bei einem Vater, der nicht die Gefühle seiner gerade gebärenden Lebensgefährtin mitbekam. Darauf mußte er sich vorbereiten, möglichst ohne magische Beeinflussung seines Gehirns.

"Wir dürfen also unsere Herzanhänger nicht abnehmen", kam Julius wieder auf das eigentliche Thema zurück.

"Nicht vor der Vollendung der Geburt", wiederholte Madame Eauvive. Ihr war anzusehen, daß sie mit diesem Vorfall nicht glücklich war. Dann bestand sie noch darauf, der Vollständigkeit halber die letzten Stunden von Millies und Julius' Schlaf zu vergleichen. Danach sagte die oberste Heilerin von Frankreich:

"sie, Monsieur Latierre, werden zu den von Ihnen selbst ergriffenen Leibesertüchtigungsmaßnahmen noch den Abspecktrank Nummer zwei einnehmen, um die von Madame Rossignol prognostizierte Gewichtszunahme auf ein Viertel oder weniger zu senken. Denn ich würde jetzt nach dem, was wir nun wissen dringend davon abraten, daß sie weniger essen. Es würde dazu führen, daß Ihre Frau ebenfalls weniger ißt, was sich schädlich auf das Wachstum Ihres Kindes auswirken dürfte. Leider können wir nicht auf den Übershußfettabsauger zurückgreifen, mit dem die Kollegen in den vereinigten Staaten gerade erfolgreich gegen Adipositas behandeln können. Die Ausfuhrbeschränkungen verbieten das leider."

"Julius wollte schon einwerfen, daß das Cogison doch auch ausgeführt werden konnte. Doch das war sicher nur im Rahmen eines Experimentes erlaubt worden, um zu testen, ob größere Tierwesen damit behangen werden konnten. Es lag also an ihm, wie er die künftigen Kilos in Zaum hielt. Doch er war entschlossen, im Zweifelsfall hundert Kilo aufzulegen, um Aurore sicher auf die Welt kommen zu sehen. Allerdings dachte er jetzt auch an all die Jungen in seiner Grundschule, die wegen ihrer Korpulenz gehänselt wurden, von Sportlehrern schikaniert wurden und ständig irgendwelches Diätzeug hatten essen oder trinken müssen. Einige davon dürften noch heute zu klein für ihr Gewicht sein und in den Oberschulen noch mehr Probleme abbekommen haben, vor allem, wenn sie die ersten geschlechtlichen Erfahrungen machen wollten. Bei Mädchen fiel sowas noch schlimmer aus, wußte er, weil Kathy, eine Klassenkameradin von Moira und ihm, ständig damit genervt wurde, daß sie niemals gescheite Kleider anziehen könne. Tja, die ganzen Hungergestelle, die als Supermodels im Fernsehen und in Modemagazinen herumgereicht wurden, machten es für füllige Frauen auch nicht einfacher. An all das mußte Julius denken, während Millie fragte, ob es Sachen gab, die er essen konnte, um einfach satt zu werden, ohne anzusetzen.

"Ich bezweifel, daß Ihr Mann kiloweise Insekten vertilgen will, um sich satt zu fühlen, ohne überschüssige Fette zu sich zu nehmen. Außerdem muß er sich nach dem Bedürfnis von Ihnen und Ihrem Kind richten. Nicht wann er satt ist ist wichtig, sondern wann Sie meinen, genug für sich und ihre ungeborene Tochter gegessen zu haben", stellte Madame Laporte klar. Julius nickte Millie zu:

"Ich kriege das mit dem Abspecktrank und genug Sport in den Griff, Millie. Wenn du Hunger hast iß, was du meinst, was reingeht."

"Na toll, ich sehe jetzt schon runder aus als Martine, nicht vom Bauch oder der Oberweite her, sondern an den Beinen, Julius. Zu viel will ich auch nicht einwerfen."

"Verstehe ich", erwiderte Julius zustimmend.

"Da nun zumindest geklärt ist, was Sie drei - ich beziehe Ihr Kind als verbindenden Faktor mit ein - bis zur hoffentlich erfolgreichen Niederkunft miteinander verbunden bleiben werden, dürfen Sie nun zurück nach Beauxbatons. Madame Latierre, Sie werden hierfür wieder auf die Innerrtralisatus-Trage gebettet", legte Madame Eauvive fest. Madame Laporte nickte bestätigend.

Fünf Minuten später purzelte Julius hinter der Kombination aus Schlafsack und Luftmatratze aus dem Kamin im Krankenflügel von Beauxbatons. Madame Rossignol erfuhr, daß sie noch einen ausführlichen schriftlichen Bericht erhalten würde. Dann konnten die beiden Latierres frühstücken gehen. Sie hatten auch wieder großen Hunger.

Natürlich wollten viele wissen, warum Julius nicht den Weckdienst gemacht hatte. Er erwähnte, daß sie in der Delourdesklinik gerne wissen wollten, wie er und Millie körperlich und seelisch miteinander klarkamen. Kevin, der ja mittlerweile von den rubinroten Herzen wußte, fragte verwegen, ob das mit Julius' Hunger der letzten Wochen zu tun habe. Er erwiderte lässig, daß genau das der Grund gewesen sei, warum Madame Rossignol sie beide in das französische Zauberkrankenhaus überwiesen hatte. Was dabei herumgekommen sei ginge aber nur Madame Rossignol, Millie und ihn etwas an, stellte er unmißverständlich klar. Kevin maulte:

"Mal wieder geheimniskrämern, ey? Werde doch wohl fragen dürfen, was an euch zweien anders sein soll als an Sandrine und Gérard."

"Fragen darfst du", erwiderte Julius darauf. Gérard, der selbst nach der Enthüllung, wie er und Sandrine an ihre beiden Kinder gekommen waren wußte, wie schnell sich Leute ungefragt die Mäuler zerreißen konnten, schwieg. Robert Deloire grinste nur hinter vorgehaltener Hand. Kevin empfand es als Gemeinheit, nicht umfangreich unterrichtet zu werden. Julius erwiderte:

"Kevin, wenn das nur mich beträfe könnte ich dir das außerhalb vom Speisesaal sicher erzählen, sofern du das nicht weitertratschst. Da es aber auch meine Frau und ihr Befinden betrifft, und du dich bei ihr immer noch nicht für die Gemeinheiten entschuldigt hast, die du ihr und ihrer Verwandtschaft an den Kopf geknallt hast, finde dich bitte mit dem ab, was ich euch allen erzählen kann oder darf. Sei froh, daß noch Ferien sind!" Der letzte Satz kam bei Kevin an. Er hielt den Mund. Doch ein Lächeln überflog sein Gesicht. Julius wollte keinen schlafenden Drachen kitzeln und fragte deshalb nicht nach, was den Hogwarts-Schüler jetzt so erheiterte.

Nach dem Frühstück machte Julius mit Millie und Sandrine Gymnastikübungen, wobei er sich zusätzlich schwere Gummibeutel mit Wasser vor den Unterleib und über die Schultern band. Gérard nutzte das aus, daß dies kein offizieller Gymnastiktermin war und vertrieb sich die Zeit mit den letzten Hausaufgaben und mit den anderen Jungen aus dem grünen Saal. Als die drei ihre Konditions und Beweglichkeitsübungen beendet hatten fragte Sandrine Millie und Julius, ob die Leute in der Delourdesklinik was wegen der Herzanhängerverbindung gesagt hätten. Millie erwähnte, daß sie das zumindest untersucht hätten, weil das bei den Heilern dort noch nicht so bekannt gewesen sei. Julius sagte nur, daß er die Heileranweisung bekommen habe, wenn er schon Millies Gefühlslage teilte, zumindest einen Abspecktrank zu nehmen, um nicht heftiger als sie zuzulegen. Das erkannte Sandrine als die ihr zustehende Erläuterung an. Madame Rossignol, die im Stil einer resouluten Turnlehrerin die Übungen angewiesen und beaufsichtigt hatte sagte dazu noch:

"Madame Laporte, die Leiterin der Lucine-Bourgeois-Station für Mutterschaft und Säuglingspflege hat mich auch gefragt, ob du dadurch, wie du deine beiden Kinder empfangen hast, irgendwelche körperlichen Auffälligkeiten offenbart hast. Falls du das erlaubst, würde sie dich vor Ferienende zusammen mit Gérard auch gerne untersuchen. Nur, falls du das möchtest, Sandrine." Die Angesprochene hatte bei der Erwähnung, von neugierigen Heilerinnen untersucht zu werden, das mittlerweile deutlich rundere Gesicht verzogen. Doch dann nickte sie und sagte:

"Solange nicht darüber gesprochen werden muß, meine Kinder aus mir herauszuschneiden verzichte ich darauf, untersucht zu werden, Madame Rossignol. Am Ende meint eine von Ihren Kolleginnen noch, mir die Kinder mit diesem Transgestatio-Zauber aus meinem in ihren Bauch rüberzuzaubern, weil ich angeblich nicht in der Lage bin, die beiden ordentlich zu Ende zu tragen und hier in Beauxbatons zu kriegen. Deshalb verzichte ich auf die angebotene Untersuchung." Madame Rossignol nickte zustimmend. Neugier sollte auch bei den Heilern Grenzen haben, wenn es um die Privatangelegenheiten von Menschen ging. Nachher hielten die Sandrine echt für wegen des Animierungscoktails überstark aggressiv oder meinten, ihr einen Gegentrank einflößen zu müssen.

"Julius, du kommst nach jeder mahlzeit zu mir, um von dem Abspecktrank Nummer zwei zu trinken. Wenn du nicht möchtest, daß das andere mitbekommen, sieh zu, nicht beim Wandschlüpfen beobachtet zu werden!" Sagte die Schulheilerin. Julius bestätigte das.

So kam es, daß Julius nach dem Mittagessen mit bis zum Platzen gespannter Bauchdecke einen Moment nutzte, wo keiner außer ihm in einem Gang stand und wandschlüpfte in den Krankenflügel. Dort erwartete Madame Rossignol ihn bereits mit einem silbernen Kelch, in dem eine mattgrüne Flüssigkeit schimmerte, die Julius irgendwo zwischen Nasenschleim und zerstampftem Laub erschien. Ansatzlos stürzte er den Inhalt des Gefäßes in sich hinein. Er hatte diesen Trank einmal bei Madame Rossignol brauen dürfen, um zu zeigen, daß er ihn auch selbständig herstellen konnte. Er wußte theoretisch, wie der Trank wierken sollte. Er wandelte alle überschüssigen Fette in der aufgenommenen Nahrung in unverdaulichen Ballast um und führte zudem dazu, daß bereits angelegtes Körperfett hitzelos in Wasser und Kohlendioxyd zerlegt wurde. Das konnte zu einem erhöhten Harndrang führen und ein Gefühl von Druck auf den Lungen erzeugen, weil mehr verbrauchte Luft ausgeatmet werden mußte. Der Trank hieß deshalb Abspecktrank Nummer zwei, weil er neben diesen beiden Hauptwirkungen doppelt so heftig wirkte wie der leichtere Abspecktrank Nummer 1, der half, fettreiche Nahrung so zu verdauen, daß sie länger satthielt und die Gewichtszunahme verzögerte. Der stärkere Trank sollte hingegen bereits erreichtes Übergewicht verringern, und das, wenn die Therapie begonnen wurde, in einem Zeitraum von zwei Tagen pro Pfund Übergewicht. Das alles wußte Julius und machte sich bereit, in den nächsten fünf Minuten die Toilette aufzusuchen, um den ersten Schwung unverdaulicher Nahrung wieder loszuwerden.

Als der Trank in Julius' Körper gluckerte, merkte der Mann Mildrid Latierres jedoch, daß die Wirkung nicht so verlief, wie er gehofft hatte. Schweißperlen bildeten sich auf der Haut. Ihm wurde unvermittelt heißer, als habe jemand in seinen Eingeweiden einen Heizstab eingeschaltet. Außerdem fühlte er, wie seine Bauchdecke noch mehr angespannt wurde. Gleichzeitig merkte er, wie etwas von innen seine Lungen ausdehnte, ohne daß er Luft holte. Er stieß so kräftig er Konnte Luft aus, um einatmen zu können. Er hörte ein Brodeln in seinem Bauch und dachte an kochendes Wasser. Dann fühlte er, wie ihm gleichzeitig speiübel wurde und ein unbändiger Harndrang und Stuhlgang zu schaffen machte. Er wollte zur Tür. Doch da hatte Madame Rossignol ihm schon einen großen Nachttopf bereitgestellt und forderte ihn auf, sich da hineinzu erleichtern. Julius schaffte es gerade noch so, sich hinzusetzen. Er deutete auf seinen Mund und sagte, er müsse sich gleich übergeben. Da brach es auch schon aus ihm heraus, was sein Körper eigentlich erst in Stunden hätte absetzen müssen. Die Heilerin zog einen schalldichten Wandschirm zwischen ihm und der Zugangstür zum Behandlungszimmer. Es krachte, spritzte und dröhnte regelrecht, als Julius Mageninhalt in einer Übermenge Verdauungsgasen nach draußen flog. Julius fühlte starke Krämpfe und wußte, daß er den Brechreiz nicht mehr unterdrücken konnte. Da hatte die Heilerin ihm aber schon ein Auffangbecken aus Zink hingestellt, in das er nun auch über den Mund scheinbar nicht mehr aushaltbaren Mageninhalt hineinspuckte. Dabei stieß er immer wieder lautstark auf. Inzwischen breitete sich ein übler Gestank nach hundert faulen Eiern im Sprechzimmer aus. Julius fühlte, wie er regelrecht von innen leergeräumt wurde, als bliese jemand von Innen etwas auf, das alles aus Magen und Darm verdrängte, um dann in wilden und schmerzhaften Blähungen und Rülpsern nach außen drängte. Gleichzeitig meinte Julius, von innen her zu glühen. Er fürchtete schon, daß gleich Flammen aus seinem Körper schlagen würden. Sein Herz pochte rasend schnell. Schweiß schoß ihm aus sämtlichen Poren. Er fühlte sich so, wie damals, als Madame Maximes Blut in ihn hineingepumpt worden war und er nach der Umkehr der Schlangenmenschenverwandlung meinte, über vierzig Grad Fieber zu haben. Womöglich war das auch jetzt so. Madame Rossignol hatte sich eine Kopfblase gezaubert, um die mittlerweile dunstige Luft nicht mehr einatmen zu müssen. Immer noch brachen lautstarke Leibwinde oben und unten aus Julius Körper heraus. Doch er meinte immer noch, daß jemand ihn von innen aufblies wie einen Luftballon. Mittlerweile kam oben nur noch auf der Zunge brennende Magensäure heraus. Dann war es nur noch Luft, die ihn verließ. Alles, was er in der Blase hatte, war unter schmerzhaftem Druck in den rauminhaltsvergrößerten Nachttopf gespritzt. Weiteres Wasser brach als Schweiß aus seiner Haut hervor und benetzte ihn. Wenn das so weiterging drohte ihm nicht nur der Hitzschlag, sondern auch ein totales Austrocknen. Madame Rossignol beobachtete den Vorgang noch wenige Sekunden. Dann sprach sie den Lentavita-Zauber über ihren Patienten. Julius meinte, für einen Moment von einer ihn an allen Gliedern zuschnappenden Händen gepackt zu werden. Ein kurzer Kältestoß ging durch seinen überhitzten Körper. Dann sah er die Heilerin, die mehr als wieselflink zwischen ihren Vorratsschränken hin und herhuschte. Natürlich war es nur so, daß Julius' Körperfunktionen auf ein Zehntel des üblichen verlangsamt worden waren und damit auch sein zeitliches Sehvermögen. Er hörte aber auch die Geräusche, die die Heilerin mit ihren Geräten und Tinkturen machte so, als spiele jemand ein Tonband oder eine Klangdatei mit zehnfacher Geschwindigkeit ab. Das hätte er wohl sonst als faszinierendes Erlebnis verbucht. Doch die immer noch in ihm erzeugte Luft und die immer noch seinen Körper erfüllende Hitze verdarben ihm die Begeisterung gründlich. Dann kam Madame Rossignol mit einem Becher zurück, in dem eine smaragdgrüne Flüssigkeit schimmerte. Sie hob den Verzögerungszauber wieder auf. Dann rief sie noch: "Ventervacuus Totalus!" Julius fühlte, wie der Druck in seinem Magen für einen Moment schlagartig nachließ. Doch dann baute sich der überstarke Druck wieder auf. "Reducio Flatulenses!" Rief sie noch. Da sank der übermäßige Luftdruck in Julius Magen-Darm-Trakt. "Hier, trink das, bevor meine Zauber von deinem Stoffwechsel wieder aufgezehrt wurden!" Befahl Madame Rossignol. Julius nahm den Trank und kippte ihn schnell in sich hinein, auch wenn ihm danach war, alles gleich wieder auszuwürgen. Doch als der Trank in seinem Magen landete, fühlte er, wie die ihn peinigende Hitze verflog, wie der bald schon sintflutartige Schweißausbruch versiegte und die Mörderblähungen schlagartig aufhörten. Er keuchte, weil der von ihm selbst verbreitete Brodem ihm in den Atemwegen brannte. Doch zumindest war der Aufruhr in seinem Körper verebbt.

"Airenovata Desodorato Totalum!" Mit diesen beiden Zaubern sorgte die Heilerin zunächst für einen laut fauchenden Luftaustausch im Krankenflügel und danach für eine Vertilgung aller in der Luft schwebenden Geruchsstoffe. Julius erhielt endlich die Möglichkeit, von seinem Topf aufzustehen. Der ausgespiene Mageninhalt wurde gerade von einem Reststoffvertilgezauber in unschädliche Luft aufgelöst.

"Ui, ich dachte, aus mir explodiert gleich ein Feuerball", keuchte Julius, nachdem er eine Minute Erholung genossen hatte.

"Hätte vielleicht auch nicht mehr viel gefehlt. Verdauungsgase brennen bekanntlich, wenn sie mit einer Flamme in Berührung kommen. Ich habe schon allergische Reaktionen auf den Abspecktrank Nummer zwei beobachtet und kenne natürlich auch die Dokumentationen von Kollegen. Aber eine derartig heftige Unvertraäglichkeitsreaktion habe ich noch nie beobachten müssen. Trinke bitte gleich noch was von diesem Trank hier, der dein Blut von giftigen Rückständen reinigt, die beim Einatmen der Schwefelverbindungen gebildet wurden!"

Julius befolgte die Anweisung und fühlte sich gleich wohler. Dann sagte Madame Rossignol: "Ich werde es heute abend nach dem Abendessen mit einer eins zu vier Lösung probieren, ob du zumindest ein wenig des Abspecktranks Nummer 2 nehmen kannst. Mit dem Einser müssen wir gar nicht erst anfangen, der würde bei deiner derzeitigen Nahrungsaufnahme nicht viel ausrichten. Kommt es erneut zu dieser metabolischen Kommotion, will sagen, daß deine Verdauung und deine Temperaturregelung überheftig reagieren, müssen wir uns was anderes einfallen lassen. Notfalls muß ich dich dann zu meinen Kollegen in die Staaten überweisen lassen, damit sie mit ihrem Fettabsaugsystem gegen eine ungesunde Gewichtszunahme wirken können. Aber bevor wir das machen und du dadurch in die Lage kommst, das Schuljahr wiederholen zu müssen, finden wir noch weitere Möglichkeiten."

"Ich habe heute Morgen noch dran gedacht, ob es nicht möglich ist, das was ich esse aus meinem in Millies Magen zu teleportieren. Dann hätten wir alle drei was davon. Millie müßte nicht soviel essen, und ich müßte nicht zunehmen, und Aurore bekäme trotzdem genug Nährstoffe ab, um gesund heranzuwachsen."

"Interessante Idee. Da hat mich auch Madame Eauvive schon drauf angesprochen. Habt ihr zwei miteinander mentiloquiert?"

"Nein, das haben wir nicht. Das wäre dann wohl echte Telepathie, wenn ich das denke, was ihr eingefallen ist", erwiderte Julius.

"Das nicht auch noch, Julius. Reicht schon aus, daß du Millies Gefühlsregungen mitbekommst. Die Gedanken einer altgedienten Heilerin und leidenschaftlichen Clanmutter zu teilen dürfte deine eigene seelische Verfassung langfristig gefährden. Gehen wir davon aus, daß ihr beide logische Zusammenhänge und Auswege ersinnt und euch dabei dasselbe eingefallen ist!" Julius nickte beipflichtend.

"Wieso war das bei mir heftiger als bei César oder Corinne, die ja auch versucht haben, den Trank zu nehmen?"

"Bei denen war es eine reine Abwehrreaktion. Der Trank wurde mit dem aktuellen Mageninhalt erbrochen, kaum daß er eingenommen war. Die Verdünnung führte zu unliebsamen Magenkrämpfen. Was bei dir auftrat war nichts anderes als eine überbeschleunigte Verdauung und eine mindestens dreimal höhere Stoffwechselrate. Wenn ich dich nicht verlangsamt hätte wärest du in einer weiteren Minute vor Überhitzung und Austrocknung gestorben. Wenn die verdünnte Dosis nicht ausreicht, deine Zunahme zu verzögern, müssen wir uns wie erwähnt was anderes ausdenken, jetzt wo zertifiziert ist, daß die Herzanhängerverbindung nicht unterbrochen werden darf, solange deine und Millies Tochter noch nicht geboren wurde." Julius hätte beinahe gefragt, was passierte, wenn Aurore starb. Doch dieser Gedanke allein erschreckte ihn so sehr, daß er sich hütete, ihn überhaupt anzudeuten.

"Das Fachwort von der metabolischen Kommotion, gab es das schon immer oder haben Sie diesen Begriff gerade geprägt?" Wollte Julius nun wissen. Er hatte sich tatsächlich von dem Vorfall erholt und war wieder neugierig genug, zu hinterfragen, was mit und um ihn passierte.

"Der Begriff stammt nicht von mir, sondern von einer altgedienten Heilerin namens Melissa Thornapple, die über sechzig Jahre lang Niedergelassene Heilerin von Sydney und Umgebung war."

"Ach, das war die Vorgängerin von Aurora Dawn", wußte Julius. Seine australische Bekannte hatte ihm das einmal erzählt, daß sie von dieser über hundert Jahre alten Heilerin förmlich geangelt worden war, ihren Posten zu übernehmen.

"Genau die ist das. Sie tritt ab und zu noch bei Heilerkongressen als Zuhörerin auf. Sie hat zwar keine Behandlungserlaubnis mehr, wird jedoch wegen ihrer Verdienste um die Heilerzunft gerne noch als Gast bei Zusammenkünften gesehen."

"Ich dachte schon, Sie hätten mich zur Fallstudie erhoben oder erniedrigt oder wie auch immer."

"Das würde ich mir nie erlauben, mir anvertraute Schüler auf ihre Krankheiten oder heilmagisch relevanten Reaktionen zu reduzieren, Julius. Ich hoffe mal, das hast du nicht ernsthaft gedacht." Julius erkannte, daß er Madame Rossignol beinahe tödlich beleidigt hatte und beteuerte, daß er das nicht wirklich angenommen hatte. "Ich will nicht ausschließen, daß es Kolleginnen und Kollegen gibt, die Patienten nur noch als die von ihnen geäußerten Krankheitssymptome einstufen. Deshalb verstehe ich auch, was Sandrine so aufgebracht hat, weil ich ihr Madame Laportes Vorschlag übermittelt habe. Die werte Dame kann manchmal nicht zwischen Einfühlungsvermögen und nüchterner Diagnostik balancieren. Aber da du mit ihr wohl auf weiteres nicht mehr zu tun haben wirst können wir es dabei belassen." Julius nickte bestätigend. Dann gebot sie, daß Julius mindestens zwei Liter Wasser trank, um den überheftigen Flüssigkeitsverlust zu korrigieren.

Millie fragte Julius nach der fehlgeschlagenen Therapie, was ihm passiert war, weil sie sein Unbehagen und seinen Widerwillen verspürt hatte. Er erzählte es ihr im Schutz eines Klangkerkers im Ehegattenzimmer. "Würde mich nicht wundern, wenn ich in den nächsten zehn Jahren keinen Furz und keinen Rülpser mehr loslassen muß, wo ich heute so heftig viel Luft oben und unten abgelassen habe."

"Willst du darauf wetten, Julius?" Fragte Millie verwegen grinsend. Julius verneinte das. Nachher lauerte sie noch darauf, daß er aufstieß oder die Hinterbackentröte erklingen ließ. am Ende verlangte sie noch von ihm, zentnerweise Bohnengemüse und Zwiebeln zu essen, um zu testen, ob er recht hatte. Nein, das wollte er dann doch nicht.

Abends probierte er noch einmal den Trank in der von Madame Rossignol erwähnten Verdünnung. Es grummelte vernehmlich in seinem Bauch. Er fühlte einen gewissen Anstieg der Körpertemperatur. Doch es pendelte sich auf einen verträglichen Wert ein. Er fragte, warum das vorhin anders gelaufen war.

"Offenbar hat durch die Umwandlung deines Körpers eine Abwehr gegen alle das Verdauungssystem betreffenden Elixiere stattgefunden. Durch die Wechselwirkung von Schlangenmenschengift und Halbriesenblut wurde dein Stoffwechsel dahingehend verändert, daß alle ihn beeinflussenden Faktoren mit einer überheftigen Abwehr beantwortet werden. Im Grunde zeigst du jetzt die übliche Reaktion auf den Trank. Allerdings wissen wir noch nicht, wie sich die Einnahme auf dein Gewicht auswirkt. Falls durch die Verdünnung überhaupt keine Verzögerung der Zunahme bewirkt wird, müssen wir eine andere Therapie ansetzen"

 

__________

 

Die Ferien waren zu Ende. Alle Schülerinnen und Schüler unterhalb der vierten Klasse kehrten mit Hilfe der Reisesphären nach Beauxbatons zurück. Ab der letzten eingetroffenen Reisesphäre galten nun wieder die Regen für die Zuteilung von Bonus- und Strafpunkten. Julius bekam es mit, wie Gloria Kevin darauf hinwies. Dieser verzog nur das Gesicht. Er wußte, daß er sich in den vergangenen Wochen einige Sprüche geleistet hatte, die ihm im laufenden Schuljahr sicher einige Strafpunkte eingebrockt hätten.

Julius vertrug die auf ein Viertel verdünnte Menge des Abspecktranks Nummer 2. Das einzige, was ihn daran störte war, daß er jetzt noch häufiger zur Toilette mußte. Er hätte fast darum gebeten, jene von Eileithyia Greensporn erfundene Windel für erwachsene Patienten umgebunden zu bekommen. Doch das würde bei den Jungen seiner Jahrgangsstufe noch mehr Hohn und Spott auslösen als das ständige hinauslaufen, um nicht mehr benötigtes Wasser und Stuhl gesittet abzusetzen.

Sandrine erfuhr noch von ihrer Schwester, was nach dem Neujahresfest in Millemerveilles geschehen war. Sie beruhigte ihren Mann Gérard, daß die Angelegenheit mit dem Haus noch zu dessen Zufriedenheit geregelt werden konnte.

Louis Vignier mußte erkennen, daß nicht nur Endora Bellart auf ihn wütend war. Bereits am ersten Tag nach Ferienende fragte er Julius, was er machen könne, um die ganzen Mädchen nicht mehr so böse gucken zu machen. Julius dachte nach und kam auf das Buch, das Kevin ihm zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatte, obwohl er da gerade mit Einverständnis seiner Mutter und Millies Eltern geheiratet hatte. Er hatte das Buch jedoch noch in seiner Centinimus-Bibliothek. Vielleicht stand da ja was drin, ohne grob zu werden mit erzürnten Hexen fertig zu werden. Tatsächlich fand er heraus, daß "die zwölf narrensicheren Wege, eine Hexe zu bezaubern" in drei Hauptteile untergliedert waren: Wie gewinne ich Aufmerksamkeit und Zuneigung einer Hexe? Wie erhalte ich mir Ihre Gunst und ihre Liebe? Wie kann ich eine fehlgeschlagene Beziehung ohne großen Streit und bleibende Feindschaft beenden? Er stellte fest, daß das Buch eindeutig für halbwüchsige Jungen geschrieben worden war, allerdings von einem Verfasser und einer Verfasserin. Offenbar lag der Autorin etwas daran, unnötige Mißverständnisse von vorne herein auszuschließen. Er las sogar im Abschnitt über den Erhalt einer laufenden Beziehung, daß werdende Väter sich leicht die Zuneigung ihrer schwangeren Gefährtin verscherzen konnten, wenn sie andauernd meinten, dieser zu raten, wie sie zu leben hatte und daß es auch eher ungünstig war, die Heileranweisungen zu wiederholen und es besser war, der Gefährtin die Freiheit zu lassen, auch ohne ihn in alle ihre körperlichen Angelegenheiten einzuweihen, mit ihrer Lage leben zu lassen. Tatsächlich fand er im ersten und im dritten Teil einen Abschnitt, der Louis' Problem berührte. Im ersten Teil ging es darum, eine unerwünschte Verehrung zurückzuweisen, ohne die Verehrerin zu beleidigen. Im dritten Abschnitt stand bei "Weg Nummer elf", daß bei einer angespannten Beziehung eine als Dreischritt-Methode erwähnte Taktik benutzt werden konnte, wobei es darum ging, zunächst die verärgerte Hexe dazu zu verleiten, den Grund ihrer Verärgerung zu nennen. Der zweite Schritt bestand darin, ihr scheinbar nachzugeben, um dann im dritten Schritt die Lächerlichkeit ihrer Verärgerung zu demonstrieren und das eigene Handeln als für die Situation völlig richtig zu vermitteln. Doch grau war alle Theorie, wußte Julius aus seiner bisherigen Erfahrung. Sowas wie eine entstehende oder zerbrechende Partnerschaft ließ sich nicht in zwölf einfache Verhaltensprinzipien auflösen. Denn durch Millie wußte er, daß es nicht immer klappte, eine Verehrerin abzuwimmeln, auch wenn man eine feste Freundin hatte. So blieb Julius nur, Louis zu raten, er möge die ihn anfeindenden Mädchen dazu bringen, sich mit ihm zu treffen, um unter Aufsicht von ihm oder Céline abzuklären, wer sich was warum ausgerechnet hatte und wie sinnvoll das war. Notfalls konnte Julius darauf drängen, daß Louis als Pflegehelfer sicher sein mußte, mit niemanden hier in Feindschaft zu geraten. Doch ob das so klappte, wie er hoffte, das wußte er nicht.

Zunächst kamen die letzten Stunden im laufenden Halbjahr dran. Julius war froh, daß Millie in dieser Phase ihrer Schwangerschaft mehr ruhige als wechselhafte Phasen hatte. Nur das mit ihrem Hunger, den sie ohne es zu wollen auf ihn übertrug, wirkte auf ihn im wahrsten Sinne des Wortes erschwerend. Denn mit dem nach jeder Mahlzeit getrunkenen Quantum Abspecktrank stieg wie bei ihr die Häufigkeit, auch im ungünstigen Fall eine Toilette aufsuchen zu müssen. So mußte Julius einmal in einer Stunde Zauberkunst mitten in einer komplizierten Kombination von Zaubern um Austrittserlaubnis bitten. Als die Stunde vorbei war, fragte Professeur Bellart ihn, ob er nicht besser den Anhänger ablegte, um die von Millie übermittelten Stimmungen und Bedürfnisse loszuwerden. Er erwähnte ihr gegenüber, daß Madame Rossignol in Absprache mit den Heilerinnen der Delourdesklinik befunden hatte, daß dies zum jetzigen Zeitpunkt für seine Frau und damit das Kind riskant sei und er bereits entsprechende Maßnahmen ausführte, um nicht zu übergroßer Kugelform anzuschwellen.

Um noch locker sitzende Umhänge zu tragen, hatte er bei Madame Esmeralda mehrere Schulumhänge bestellt, in die er notfalls hineinwachsen konnte.

Nach zwei Wochen Abspecktranktherapie erwähnte Madame Rossignol: "Die Gewichtszunahme bei dir hat sich auf ein Kilogramm pro Woche eingestimmt. Millie befindet sich gerade in der vierundzwanzigsten Woche. Wenn wir die Verbindung zwischen dir und Millie erst nach Aurores Geburt trennen dürfen, wirst du von deinem jetzigen Gewicht ausgehend noch sechzehn Kilogramm zunehmen. Ohne den Trank wäre es dreimal so viel. Bei der Standarddosierung wäre die Zunahme umgekehrt worden. Aber das geht ja leider nicht."

"Toll! dann muß ich am Ende hundertfünfzig Kilogramm in Schwung bringen", erwiderte Julius darauf. Madame Rossignol erwähnte, daß ohne den Trank locker das Doppelte seines Idealgewichts erreicht werden könnte. Das sah Julius ein. Besser das kleinere Übel ertragen als das große. außerdem wollte er alle Konsequenzen aus der Vereinbarung mit seiner Frau tragen. Das er das genauso wörtlich tun würde wie sie amüsierte ihn dabei sogar.

"Also, mit den Bewegungsübungen, die du dir vorgenommen hast und die ich aus meiner eigenen Zeit als werdende Mutter erarbeitet habe verteilen wir zumindest überschüssige Kalorien auf nutzvolle Bereiche des Körpers. Wie haben deine anderen Saalsprecherkollegen das übrigens aufgefaßt, daß Millie und du von mir gegen augenscheinliche Vernunft angewiesen wurdet, die Anhänger zu tragen?"

"Na ja, Leonie Poissonier hat gemeint, daß ich ja nur weit genug von was essbarem wegbleiben müßte, um nicht zuzulegen, wie ihr Onkel, der mal eine Hungerkur gemacht hat, um über achtzig Pfund runterzutrainieren. Sandrine weiß ja aus eigener Erfahrung, was es heißt, einen unbändigen Hunger zu haben und daß eine Zunahme eine Belastung ist. Belisama und Patrice kennen ja die Geschichte, haben aber nichts verraten, weil Sie Madame Faucon ja einen ausführlichen Bericht geliefert haben und wir Pflegehelfer nichts über Patienten verraten dürfen, die freiwillig zu Ihnen kommen. Madame Faucon hat dann noch mal klargestellt, daß ich solange den von mir gewählten Unterricht besuchen soll, bis Sie mich für körperlich unfähig halten." Die Heilerin nickte. Dann schickte sie Julius wieder hinaus zu den anderen.

 

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Das zweite Schulhalbjahr begann. Alle UTZ-Kandidaten hatten die Zwischenprüfungen bestanden, auch Sandrine, Millie und Julius. Dieser hatte inzwischen mit Ursuline Latierre Kontakt aufgenommen, um sie zu fragen, ob sie ihm Tipps geben könne, um sich auch mit Zusatzgewicht gut bewegen zu können. Dasselbe hätte er auch Madame Delamontagne fragen können. Doch bei Eleonore wußte er nicht, wie sie jezt, wo sie selbst ein Kind erwartete, mit derartigen Anfragen umgehen konnte, auch wenn sie noch so höflich formuliert wurden.

Wie sein neues Aussehen sich auswirkte bekam er immer dann mit, wenn Jungen aus den oberen Klassen meinten, unbeobachtet zu sein und ihm schadenfroh nachblickten. Einmal sprach ihn ein Fünftklässler an, ob Millie und er sich noch nicht entschieden hätten, wer denn jetzt das Baby zur Welt bringen müsse. Darauf hatte Julius so ruhig er konnte geantwortet:

"Bis zum April wissen wir das. Falls du das bist, kriegst du es rechtzeitig zugesteckt, Hugo."

Einmal traf er Marc Armand, den Freund seiner Schwiegertante Patricia. Dieser sah ihn mit einer Mischung aus Verlegenheit und Verdrossenheit an. Als Julius ihn fragte, was er habe sagte Marc:

"Ich mußte dieses grüne Zeug saufen, um auf ein für deine Chefin angenehmes Gewicht runterzukommen und dich läßt die mit Millie um die Wette futtern, ohne daß sie dir diesen Trank verpaßt. Wie tickt die jetzt eigentlich?"

"Gut, ich werte das jetzt mal als Frage und sage, daß Madame Rossignol mir längst kleine Dosen von dem Trank verordnet hat, damit ich nicht so breit werde wie ich hoch bin. Außerdem mache ich jeden Tag knapp eine Stunde Ausdauersport und Schnellkrafttraining. Soweit ich weiß hat Patricia dich auch dazu bekommen, sowas zu machen, damit du weiter so viel essen kannst wie vorher."

"Wie gesagt, ich wollte nur wissen, warum die bei mir anders drauf war als bei dir jetzt. Daß Millie immer dicker wird war ja klar, als rumging, daß ihr ein Baby gemacht habt. Sandrine mit ihren Partyzwillingen ist ihr da ja sogar schon um einige Zentimeter Umfang voraus."

"Marc, bei allem Respekt vor der Persönlichen Meinung eines Mitschülers, ich glaube nicht, daß du es nötig hast, dich darüber aufzuregen, wenn andere Leute mit Übergewicht zu leben lernen müssen. Gut, ich weiß wie eklig der Trank aussieht und das der auch komisch schmeckt. Aber du fühlst dich doch seitdem wesentlich lockerer oder?"

"Ich habe gesagt, was ich sagen wollte. Wenn du meinst, mir dafür Strafpunkte ans Bein zu hängen, dann mach das."

"Wieso, hast du im Moment einen zu hohen DQ? Ich kann dir zwar Strafpunkte ans Bein hängen. Aber das überlasse ich dann doch besser Apollo, der ist großzügiger damit", sagte Julius. Marc Armand erkannte, daß er da wohl einen schlafenden Hund geweckt hatte. Er entschuldigte sich bei Julius und schob ab. Ja, der Junge war auch durch sein Wachstum wesentlich schlanker als zu seiner Einschulung vor dreieinhalb Jahren.

"na, hat die Rossignol dir gesagt, du solltest für das Balg mitessen oder warum züchtest du dir so'n Bierbauch zurecht?" Fragte der immer noch dünn wirkende Jean-Luc Dumont herausfordernd. Julius fühlte eine innere Wut. Doch wenn er diesen Hänfling da jetzt mit Gewalt anging bekam er am Ende noch Strafpunkte wegen dem. Er merkte schon, daß gerade die Freunde Jean-Lucs ihm immer komisch hinterherglotzten. Er sagte nun:

"Stimmt, eigentlich müßtest du das zulegen, was ich seit den Sommerferien zugelegt habe, Jean-Luc. Aber vielleicht findest du es ja toll, mit einem Besen verwechselt zu werden. Aber dann wundere dich nicht, wenn statt einer netten Hexe ein noch besser genährter Zauberer versucht, sich auf dich draufzusetzen und dein dünnes Kreuz in der Mitte durchbricht." Jean-Luc wollte wohl wegen des Besenvergleichs was sagen. Doch die Vorstellung, daß jemand vom Gewicht größer als das von Julius ihn mal eben in der Mitte durchbrechen könnte traf ihn doch härter als er wollte. Er zog ohne weiteres Wort ab.

Der erste Februar kam. Sandrine und Gérard hatten die offizielle Vorladung zum Zaubergamot. Madame Matine aus Millemerveilles holte sie und Gérard in Beauxbatons ab und verschwand mit ihnen in einem Reisesphärenzauber. Warum die beiden abreisen mußten wußte bald die ganze Schule. Denn Sandrines kleine Schwester hatte ihren Freundinnen erzählt, daß ihr Schwager Gérard wohl erwähnt hatte, daß er ein kleines Haus erben würde, jetzt aber jemand behauptete, das er das nicht bekommen dürfe, weil er sich nicht an die Abmachung im Testament gehalten hatte. Julius erkannte einmal mehr, daß Beauxbatons ein Dorf war. Am Nachmittag bekam er mit, wie die Greifennest-Schülerin Astrid Kienspan von mehreren rank und schlank gewachsenen Mädchen aus dem blauen Saal dumm angemacht wurde, weil sie angeblich zu langsam über den Schulhof gehe. Dabei bekam er mit, wie sie den drei Blauen aus der sechsten Klasse sagte, daß keiner hinter ihr hergewesen sei und falls doch sie sich im Zweifelsfall zusammenrollen und davonkullern würde, und das sollten die drei ihr mal nachmachen. Mit verächtlichem Kichern schoben die drei ab. Dabei sahen sie Julius. Der tat so, als habe er nicht mitbekommen, was passiert war. So hörte er eine der drei fragen:

"Na, Julius, nicht mehr so stämmig wie vor einem Jahr. Gut, daß du schon verheiratet bist, sonst müßte man dir glatt eine einfangen."

"Ich kenne genug Frauen, die auf gutgenährte Männer stehen, Christine", erwiderte Julius. "Denn gut und viel essen zu können oder nicht andauernd rumlaufen zu müssen ist der Beweis für eine volle Geldbörse. Erfüllten Tag noch, die Damen."

"Wer redet dir sowas ein, deine Frau oder deren dicke Oma?" Wollte Christine wissen. Julius sah die dunkelhaarige, knapp 1,70 Meter große Hexe genauer an und sagte dann:

"Kuck dich mal in der Muggelwelt um, wie die Leute aussehen, die viel Geld oder viel zu sagen haben. Und die haben häufig supertoll aussehende Frauen, die noch dazu an die zwanzig Jahre jünger sein können als diese Männer. Da sag mir noch mal, mir müßte man eine einfangen, wenn ich nicht schon verheiratet wäre!" Christine verzog das Gesicht. Sie war halbmuggelstämmig, wußte Julius. Sicher hatte sie schon im Fernsehen mitbekommen, wie hochrangige Leute aus einer Firma aussahen. Sie zog mit ihren beiden Klassenkameradinnen ab.

Am Abend kehrten die Dumas' sehr zufrieden von ihrem Ausflug nach Paris zurück. Madame Matine sah Julius, der gerade wieder Kalorien abstrampelte. Sie winkte ihm. "Die beiden hier haben dich und deine Frau ja eingeweiht. Wir haben gewonnen. Wir konnten den aus Familienstands- und Strafverfolgungsbeamten bestehenden Gremium klar und deutlich beweisen, daß Sandrine und Gérard die Eltern der Zwillinge in Sandrines Uterus sind und haben nebenbei noch aufgedeckt, daß der Anfechter des Testamentes einen Brief vorgelegt hat, der angeblich schon sechzehn Jahre alt sein sollte, aber mit Tinte geschrieben wurde, die erst vor zehn Jahren frei erhältlich gewesen war. Da hat jemand die umfassende Bildung einer Heilerin gründlich unterschätzt", eröffnete sie ihm mit einem überlegenen Lächeln. Dann verfiel sie wieder in jenen gestrengen Tonfall, den er besser von ihr kannte. "Aber Sandrine muß jetzt unbedingt in ihren Schlafraum. Die Aufregungen waren sehr nahe an einer Einweisung zu meinen Kolleginnen, zumal sie beinahe tätlich geworden wäre, als ihr dieser Frechling androhte, eine Untersuchung des Blutes ihrer Kinder zur Feststellung der Elternschaft anzusetzen." Sandrine grummelte. Doch sie nickte Madame Matine zu. Julius verabschiedete sich dann noch von der Heilerin und führte Gérard zum nächsten Wandstück. Auch Sandrine benutzte das Wegesystem, um in den Krankenflügel zu kommen. Madame Rossignol schickte Sandrine sofort zu Bett, während Gérard ihr und Julius erzählen sollte, was passiert war. Der Vetter von Gérards Vater hatte als Beweis, daß Gérard nicht der Erbe des kleinen Hauses sein sollte, einen angeblich zwei Jahre nach der Testamentsniederschrift verfaßten Ergänzungsbrief vorgelegt. Die zauber Scriptorvisus und Scriptum Audietur hatten Gérards verstorbenen Großvater sicht- und hörbar gemacht. Tatsächlich sollte Gérard erst dann das vermachte Haus bekommen, wenn er ein Jahr verheiratet sei und seine Frau in dieser Zeit kein Kind empfangen und/oder geboren hatte. Damit sollte ausgeschlossen werden, daß Gérard nur des Hauses wegen heiratete und nebenbei noch das Kind eines anderen Mannes oder Zauberers mitversorgen mußte. Angeblich habe der Kläger erst aus der Zeitung erfahren, daß Sandrine bereits schwanger nach Beauxbatons zurückgekehrt sei. Erst habe es so ausgesehen, als würde dieser Brief das Ende von Gérards Träumen vom eigenen Haus zerstören. Doch dann hatte Madame Matine den Richter aus der Familienstandsabteilung gefragt, ob der Brief bereits auf sein Alter untersucht worden sei. Außerdem konnte sie bezeugen, daß Sandrine von ihr genug Verhütungselixier mitgenommen habe. Die Beamten wollten wissen, wie man denn das Alter eines Briefes untersuchen sollte. Da hatte sie ihnen empfohlen, die Zusammensetzung der Tinte und ihre Verbundenheit mit dem Pergament des Briefes zu ermitteln. Da schon habe der Kläger einen Moment lang so dreingeschaut, als habe man ihn bei was verbotenem erwischt. Außer Sandrine war das aber keinem aufgefallen. Das Gericht ließ den Brief in eine Abteilung bringen, in der die Zusammensetzung von Tinte und Pergament untersucht werden konnte. Nach fünf Stunden war das Ergebnis da. Der Brief konnte nicht älter als vier Monate sein, und die verwendete Tinte wurde erst vor zehn Jahren verkauft. Wieso dann die beiden Zauber den Brief als von Gérards Großvater Alfonse angezeigt hattten, das sei dann der Gegenstand einer späteren Verhandlung gegen Gérards Verwandten wegen gesetzeswidriger Bereicherung unter Ausnutzung der Gerichtsbarkeit sowie Urkundenfälschung und Gebrauch gefälschter Urkunden zu Betrügerischen Zwecken. "Der kann froh sein, wenn die vom Gamot dem nicht den doppelten Verkaufswert von Opa Alfonses Häuschen und Grundstück abverlangen oder ihn dafür ins Gefängnis stecken. Ich werde nie wieder über Sandrines Hebamme motzen. Egal wie der das gefingert hat, es ist aufgeflogen. Und der hat nicht damit gerechnet, daß das Gericht den Brief noch gründlicher untersucht."

"Gefingert ist ein gutes Stichwort, Gérard", erwiderte Julius. "Kannte der die Handschrift deines Opas?" Gérard nickte. Julius hörte, daß der Kläger der Lieblingsneffe von Opa Alfonse gewesen sei und jede Woche mindestens drei Eulen hin und hergeflogen seien. "Damit hatte der genug Schriftproben, also Briefe, von denen er lernen konnte, wie dein Opa geschrieben hat. Der Scriptorvisus-Zauber soll, soweit ich das gelernt habe, eine Widerspiegelung des Körpers sein, der den Brief geschrieben hat. Scriptum Audietur funktioniert ähnlich. Dann braucht der Typ nur noch ein altes Haar deines Großvaters, als dieser noch gelebt hat und eine Dosis Vielsaft-Trank. Dann konnte der in Ruhe den Brief schreiben, bis die Wirkung des Trankes vorbei war", vermutete Julius weiter. Gérard verzog das Gesicht. Er wandte ein, daß die beiden Verfasseranzeigezauber dann doch vielleicht gestört würden. "Bei Scriptocopia und anderen Schriftveränderungszaubern ja, aber nicht, wenn nur der Körper des Schreibers verändert wurde und der dann noch die genaue Handschrift des zu imitierenden konnte", erwiderte Julius.

"Oh, das ist dann aber heftig. Dann dürfte ich ja keinem mehr einen Brief schreiben", erwiderte Gérard.

"Ich denke nicht, daß jeder so durchtrieben ist, den du anschreibst", beruhigte ihn Julius. "Aber wenn jemand Jahre Zeit hat, eine Handschrift zu lernen, um dann, wenn es ansteht, eine Testamentsergänzung in seinem Sinne aus dem Hut zu ziehen, muß das Häuschen ja mehr sein als eine kleine Hundehütte."

"Zehn Zimmer verteilt auf zwei Stockwerke", sagte Gérard. "Weil das Gericht um sieben mit allem durch war und wir noch was in Paris essen wollten, haben mein Vater und ich uns das Häuschen schon mal angeguckt. Den Schlüssel kriege ich allerdings erst, wenn ich die UTZs gepackt habe. Solange sollen wir noch bei Sandrines Eltern wohnen."

"Wieso denn das? Millie und ich wohnen doch schon über ein Jahr nicht mehr bei den Eltern."

"mein Vater hat Angst, daß ich womöglich die Reisesphäre nach Beauxbatons verpassen könnte, wenn keiner sicherstellt, daß ich den Ausgangskreis finde", grummelte Gérard. "Dabei weiß meine Mutter, wo das Haus steht. Die würde mich dann sicher abholen."

"sofern du nicht von deinem Recht gebrauch machen willst, die Ausbildung vorzeitig abzubrechen", erwiderte Julius.

"Das würde dann schweineteuer, weil ich dann alles zurückzuzahlen hätte, was meine Eltern für Beaux bezahlt haben. Abgesehen davon würde meine Mutter das als Beleidigung empfinden, wenn ihr einziger Sohn die Schule abbricht, in der sie unterrichtet, auch wenn ich nie bei ihr Unterricht gehabt habe. Neh, das probir' ich besser nich' aus, wie die dann drauf sind." Julius nahm das als klare Antwort zur Kenntnis.

 

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Die Unterrichtsstunden wurden immer anstrengender. Sie übten jetzt die Abwehr von Situationsflüchen, die auf bestimmte Personen, bestimmte Ereignisse oder zu einer bestimmten Zeit zuschlagen konnten. Hierbei mußten sie lernen, den Keim eines solchen Fluches zu orten, der sich im magischen Mittelpunkt des verfluchten Ortes verbarg und so winzig war, daß nur genaue Zauberstabausrichtung ihn erkennbar machte. Nur ungesagte Aufspürzauber konnten diesen Fluchkeim gefahrlos für den Suchenden enthüllen. Dann galt es, den Keimling in einen Einkapselzauber einzuschließen und dann einen Zerstreuungszauber zu wirken, der die Kraft des fluches ohne physische Wahrnehmbarkeit entlud. Allein um den magischen Mittelpunkt des Ortes zu finden bedurfte es viel Fingerspitzengefühl. Denn hierbei galt es, den Brennpunkt der fünf in der Magie bekannten Grundkräfte Erde, Feuer, Wind, Wasser und reines Metall zu ermitteln.

"Um den Nucleus Maledictionis sich gar nicht erst in einem Raum einnisten zu lassen gibt es vier verschiedene Präventivzauber, zu denen auch der Sanctuafugium-Zauber gehört", dozierte Professeur Delamontagne. Er erläuterte dann noch die anderen drei Zauber und erwähnte, diese neben den Flucherkennungszaubern in den nächsten drei Stunden einzuüben.

In Verwandlung mußten nun außer Sandrine und Millie alle die gegenständliche Selbstverwandlung beherrschen. Außerdem kam nun die Multiple Materialisation dran, mit der mehrere Gegenstände aus dem Nichts in den Raum hineinbeschworen wurden. Darin war Julius bereits vorgebildet. Aber auch Laurentine erwies sich als gut damit vertraut.

in Zauberkunst sollten Julius und die anderen die ersten simultanen Zauber aufrufen. Zunächst zwei leichte, bis am Ende des Schuljahres bis zu sechs zeitgleich wirkende Zauber.

Am vierzehnten Februar konnten die Schüler nachmittags wieder zum Valentinstag hinaus in das Gelände. Dabei kam heraus, daß Kevin und Patrice nicht nur beim Weihnachtsball gut miteinander zurechtkamen. Julius verbrachte einen angenehmen Nachmittag mit seiner Frau am Fluß, der durch die Ländereien von Beauxbatons eilte.

Das Verhältnis zwischen Louis und zehn seiner Mitschülerinnen hatte sich nicht groß verbessert. Endora Bellart und andere, die Louis erwähnt hatte, wollten nicht vor Céline oder Julius darüber reden, warum sie es gemein oder unfair fanden, daß Louis lieber mit einem Muggelschiff ins neue Jahr gefahren war, als mit einer von Ihnen den trimagischen Weihnachtsball zu besuchen. "Wenn der noch so klein ist, daß der nur mit seinen Eltern in die Ferien fahren kann lohnt es sich nicht, sich um ihn zu streiten", hatte Endora Bellart auf Célines Frage geantwortet. Louis hatte auch keine Lust, sich offen mit diesen Junghexen auseinanderzusetzen, die meinten, ihn umschwärmen zu müssen. "Wenn die nächstes Jahr wieder Quidditch spielen haben sie das mit dem Weihnachtsball vergessen, vielleicht schon zu Walpurgis", hatte Millie dazu bemerkt. Julius war drauf und dran, ihr das bedingungslos zu glauben.

Am siebzehnten Februar, also sieben Tage vor der zweiten Runde des trimagischen Turniers, stieg die Spannung wieder an. Was würden sich die Organisatoren ausdenken. Es hieß, es sei eine Gefahrensituation, die die Champions überstehen mußten. Das hieß alles und auch wieder nichts. Es konnten gefährliche Ungeheuer sein, die den Champions entgegengeschickt wurden, gefährlicher als die niederen Kreaturen im Würfel der Wirrsal. Das konnten Zauberfallen sein oder Mutproben, die bestanden werden mußten.

Madame Faucon zitierte nach dem Nachmittagsunterricht Laurentine und Céline zu sich in ihr Sprechzimmer. Julius vertrieb sich derweil die Zeit mit Robert, Gérard und Kevin in der Bibliothek.

"Was glaubst du, Julius, ob sie wieder Drachen bringen?" Fragte Kevin den ehemaligen Mitschüler.

"Glauben kann ich nichts. Kevin. Aber wenn sie von gefährlichen Situationen reden meinen sie sicher keine Knuddelmuff-Wurfmaschine", erwiderte Julius. Robert meinte dazu:

"Haben eure Spione noch nicht rausbekommen, was die in der zweiten Runde bringen wollen, Kevin?"

"Wir haben keine Spione", knurrte Kevin Robert an. "Aber wenn hier irgendwo auf dem Gelände ein Drache herumläuft möchte ich das vorher wissen."

"Wenn du auf dem Gelände rumläufst möchte der Drache das sicher auch wissen", konterte Gérard. Julius räusperte sich und sagte, daß sie wohl erst wirklich bescheid bekamen, wenn die zweite Runde anstehe.

"Ach ja, und warum ist Gloria dann mit McGonagall gerade bei eurer Chefin im Büro?" Fragte Kevin.

"Wohl, weil geklärt werden muß, ob die Champions fit genug für die zweite Runde sind. Madame Rossignol könnte Einspruch gegen erheben", sagte Julius.

"Stimmt, am Ende hat eure Gloria in den Weihnachtsferien mit Hubert Rauhfels wen kleines ins Leben getanzt und kann nicht mehr mitmachen", feixte Robert. Gérard und Julius fanden das ebensowenig witzig wie Kevin. Gérard, weil Robert sich mal wieder über junge Hexenmütter auslies, Kevin, weil es gegen seine Mitschülerin aus Hogwarts ging, und Julius wegen beidem zusammen.

"Das kannst du glauben, daß Gloria sich nicht vor Ende des Turniers auf sowas einläßt. Am Ende müssen sie in der zweiten Runde ein Einhorn einfangen. Und diese Tiere gehen eher zu unberührten Jungfrauen hin", wußte Julius.

"Eh, dann hätte der Sauerkrautfresser aber keine Chance", warf Kevin ein.

"Deshalb werden die wohl was anderes bringen", warf Robert ein. "Vielleicht Feuerlöwen. Mit denen kannst du es doch gut, Gérard."

"Dir erzähl' ich noch mal was", knurrte Gérard. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er nur mit Julius' Hilfe der Rache eines Feuerlöwenrudels entgangen war, nachdem er einer Feuerlöwin den Cruciatus-Fluch aufzuerlegen versucht hatte.

"Vielleicht besteht die Gefahr darin, sich selbst als böses Spiegelbild zu treffen. Das wäre wohl das gefährlichste, was man einem Champion schicken kann", wagte Julius noch eine Vermutung. Die anderen stutzten. Die bei Delamontagne Protektion wider destruktive Formen der Magie hatten kannten einen Fluch, der als Dunkler Widerpart bekannt war, bei dem eine greifbare Abbildung eines Lebewesens entstand, das alle Eigenschaften des Abzubildenden aufwies, eben nur, daß es gegen dessen Interessen handelte.

"Ich weiß nicht, was sie bringen werden. Ich denke auch, daß die Organisatoren diesmal nicht eine Woche vor der Runde alles auf das Gelände schaffen, was für die zweite Runde wichtig ist."

"Was macht dich da so sicher?" Fragte Kevin herausfordernd.

"Der Umstand, daß alle Valentinspärchen ohne Zugangsbeschränkungen auf dem Gelände herumlaufen konnten. Wenn irgendwo was gefährliches wäre hätte Madame Faucon sicher entsprechende Warnungen rausgegeben." Das sahen sie alle irgendwie ein.

Nach dem Abendessen bat Laurentine Julius und Céline auf ein Wort im Grünen Saal an einen freien Tisch.

"Habt ihr im Zaubertierunterricht mal was von den "Kindern der Elemente" gehört?" Fragte sie die beiden Goldbroschenträger ihres Saales. Céline schüttelte ihren Kopf. Julius zog die Stirn kraus und wiegte den Kopf. Dann erinnerte er sich wohl an etwas:

"In einem meiner vielen Bücher, die ich so im Lauf meiner Zauberschulzeit geschenkt bekommen und gekauft habe steht wohl was. Ich kann mich so entsinnen, daß ich im Monsterbuch der Monster und in "Helden und Horror - nichtmenschliche magische Geschöpfe zwischen Faszination und Verheerung"" was über Wesen gelesen habe, die als "Abkömmlinge oder Ausgeburten der vier großen Elementarkräfte gelesen habe. Ist aber schon einige Zeit her, und ich habe wegen anderer Sachen zum Lernen nicht zu genau reingeschaut. Ich habe die beiden Bücher mit. Aber Vorsicht bei dem Monsterbuch. Das Ding benimmt sich wie es heißt. Will sagen, es beißt."

"Madame Faucon hat uns Champions erzählt, wir müßten bei der zweiten Aufgabe was wichrtiges aus der Obhut dieser Kinder der Elemente holen. War mir schon klar, daß damit irgendwelche Monster gemeint sind. Aber weil ich keinen Zaubertierunterricht habe wie Gloria und Hubert bin ich da echt die gearschte", grummelte Laurentine.

"Na, Laurentine, nicht so Ausdrücke", meinte Céline, ihre Stellvertreterin zurechtweisen zu müssen. Julius indes holte den eingeschrumpften Bücherschrank nach Patent von Alexandria Agemo aus seinem sehr praktischen Brustbeutel hervor und fingerte mit der speziellen Pincette mit aufgepflanztem Vergrößerungsglas daran herum, bis er zwei Objekte hervorzog, die kleiner als Briefmarken waren und sich bei Schließen der beiden Winztüren zu dicken Büchern auswuchsen. Laurentine sah das eine Buch, das wild zitterte und von drei Stricken zusammengehalten wurde. Sie meinte sogar, ein verärgertes Fauchen zu hören, als handele es sich um eine in ein Buch verwandelte Raubkatze.

Nehmen wir erst mal "Helden und Horror" vor", gab Julius die Marschroute vor und öffnete ein Buch, das in blutrotes Leder mit goldener Beschriftung eingebunden war. Er suchte im Inhaltsverzeichnis entsprechende Stellen und strahlte dann. "Aha, da haben wir es doch. Es ist Französisch. Dann kannst du das auch lesen, Laurentine. Ich seh dann zu, das andere Buch ruhigzukriegen, um unverletzt drin lesen zu können." Laurentine nickte und nahm das Buch. "Seite einhundertdreizehn, Laurentine", sagte Julius ihr noch die korrekte Seitenzahl. Laurentine öffnete das Buch, schlug die angegebene Seite auf und las dann laut vor:

"Die Kinder der Elemente, so werden die intelligentesten, aber zugleich gefährlichsten magischen Geschöpfe der Erde genannt. Ausgehend von der in der Magie gültigen Einteilung der Welt in fünf, früher vier Elemente, Feuer, Wind, Wasser, und Erde, wobei später reines Metall als fünfte Elementarform anerkannt wurde, gibt es sieben Tier- und ein Geisterwesen, die als die Urkinder der ersten vier Elemente angesehen werden. Für die Elementarkraft Wasser stehen der Äquatorialatlantische Schreckenstaucher Octopanthropus oceanicus und der auch bei den Wassermenschen als grausamster Feind gefürchtete Seelenschlinger Megalomactans maritimus.Der Elementarkraft Wind sind die Geschöpfe Sphinx, magizoologisch Sphinx authenticus und die Harpyie, Harpyia horrenda zugeordnet. Der Erde sind die ostasiatische Riesenspinne Acromantula asiatica und der Basilisk, Basiliskus veritabilis zugeordnet. Dem Feuer sind nicht die Drachen, wie zu vermuten stand als die Kinder des Feuers zugeordnet, sondern die arabischen Feuerdschinnen, die zu den Geisterwesen gehören, sowie die polynesischen Lavataucher Ardentipedes pyrophagus. Die großen acht der Elemente stellen durch ihre Größe, Gewandtheit, angriffslust oder Verschlagenheit sowie Sprachbegabung und damit einhergehende Auffassungsgabe eine große Gefahr für tierisches Leben in ihrer Umgebung dar. näheres zu den erwähnten Geschöpfen in den entsprechenden Unterkapiteln."

"Okay, dann mal sehen", sagte Julius und löste die letzte Einschnürung um das Buch. Dabei streichelte er das immer wilder zitternde Buch, das Anstalten machte, ihm aus den Händen zu springen und seine Deckel aufzureißen. Erst nach dem vierten Streicheln beruhigte sich das Buch sichtlich. Julius konnte es wagen, die letzte Einschnürung zu lösen und streichelte es noch einmal mit den Fingern über den Buchrücken. Da klappte es von selbst auf. Er konnte das Inhaltsverzeichnis lesen. Laurentine bat ihn nun darum, die entsprechenden Tierwesen auszusuchen. Da das Buch alphabetisch gegliedert war fingen sie mit der Riesenspinne Acromantula an, die bis ins hohe Alter wuchsen und mit mehr als sechzig Jahren die Größe von Elefanten erreichen konnten. Sie häuteten sich alle zwei Jahre. Die Haut, das Gift und wenn möglich auch die Spinnseide fanden im magischen Handwerk willige Abnehmer. Das Gift wurde in der Zaubertrankbraukunst für besonders wirksame Schlaftränke und den Trank der hemmungslosen Kampfeslust benötigt. Feinde hatten diese Wesen nur, solange sie jünger als zwanzig Jahre waren. Allerdings war der Basilisk ihr gefürchtetster Feind, ebenso wie der aller anderen Spinnenwesen. Julius grinste. Mit Riesenspinnen hatte er so seine Erfahrungen, und daß er die bisher gefährlichste Begegnung mit einer solchen überlebt hatte verdankte er einem Zauber, den Millie ihm verraten hatte. So schrieb er für Laurentine eine Notiz, wie sie eine Acromantula garantiert auf Abstand halten konnte. "Geh mal davon aus, daß zumindest Gloria den auch gelernt hat. Insofern hast du ihr gegenüber keinen ungerechtfertigten Vorteil", sagte er und las Laurentine und Céline über den Basilisken vor, den sie wohl so nicht im Unterricht drannehmen würden. Denn wer keinen mit Mondsteinsilber hergestellten, unerhitzbaren Spiegel in den Blick des Basilisken halten konnte und ungeschützt in dessen Augen blickte starb auf der Stelle. Wer es schaffte, mit geschlossenen Augen gegen dieses Wesen zu kämpfen konnte an seinem mörderischen Gift sterben, gegen das nur Phönixtränen halfen. Laurentine erwähnte, daß sie dieses Sagentier auch aus der deutschsprachigen Welt kannte. "Der wird aus einem von einem Hahn gelegten Ei von einer Kröte ausgebrütet", richtig?" Fragte Laurentine. "Hmm, der Hahnenschrei ist tödlich für ihn. Dann müßte ich nur eine Aufnahme von einem Hahnenschrei kriegen, und bums liegt er da. Allerdings bräuchte ich dann die Gefahrensensitiven Sonnenbrillen von Douglas Adams, um früh genug vor dem Blick dieses Monsters geschützt zu werden."

"Häh?!" Machte Céline. Julius mußte leise lachen. Dann erzählte er Céline, daß ein humorvoller britischer Schriftsteller eine Veralberung von Zukunfts- und Raumfahrergeschichten geschrieben hatte und dabei auch eine besondere Sonnenbrille erwähnt hatte, deren Gläser sofort total verdunkelten, wenn eine Gefahr drohte, damit man diese Gefahr bloß nicht erblicken mußte.

"Hat unsere Lehrerin nicht so eine Schutzbrille, um dem Blick eines Basilisken zu entgehen?" Fragte Céline. Julius erinnerte sich auch daran. Doch dann meinte er, daß es ja unfair sei, wenn Laurentine sich diese eine Brille ausleihe, zumal ja weiterhin galt, daß die Champions nur mit ihren Zauberstäben in die Runde gingen.

"Dann müßte ich mir das Ding wohl herbeizaubern. Aber dann wäre ich gleich mit hier durch, weil Professeur Fourmier mich klar des Diebstahls überführt hätte und ich dann gleich die Koffer packen kann", grummelte Laurentine. "Dann geht das auch mit der Aufnahme eines Hahnenschreis nicht."

"Ich fürchte auch, daß eine Aufzeichnung nicht reicht, Laurentine. Der Hahn müßte schon lebendig sein. Parsel kannst du wohl auch nicht sprechen, oder?"

"Neh, kann ich nicht", erwiderte Laurentine. "Muß ich wohl lernen, mich selbst in einen Hahn zu verwandeln. Aber die geschlechtliche Autotransfiguration ist noch schwieriger als die gegenständliche. Außerdem müßte ich mich dabei auch in ein Tier verwandeln. Neh, nachher klappt das nicht oder ich kann mich nicht mehr zurückverwandeln. Aber hier laufen doch Hühner und zwei Hähne rum."

"Ich denke, wenn sie die ganze Palette der Elemente durchziehen wollen werden sie den Basilisken wohl weglassen", vermutete Julius.

"Ich will aber auf dieses Biest vorbereitet sein, Julius. vielleicht kann ich den mit diesem Einkapselungszauber kampfunfähig machen, mit dem sie dich mal im Duellierkurs außer Gefecht setzen wollten. Kannst du den?" Julius nickte verhalten, erwiederte dann aber, daß Millie ihn besser konnte und ihn ja bei den beiden Feuerlöwen auch schon angewendet hatte, die der kurzzeitige Tierlehrer Pivert mal nach Beauxbatons hatte bringen lassen. Laurentine fragte ihn, ob sie ihm den zauber beibringen würde. Julius erwiderte darauf, daß er ja für sie bei ihr anfragen könnte, ob sie sie darum bitten dürfe. Céline verzog zwar das Gesicht, nickte Laurentine und dann Julius aufmunternd zu.

Was die Feuerdschinnen anging gab das Monsterbuch nichts darüber her, weil diese Wesen zu den Geisterwesen gehörten. Doch das Buch "Helden und Horror enthielt ein Kapitel über diese morgenländischen Erscheinungen, mit denen Julius auch schon Bekanntschaft gemacht hatte. Doch darüber durfte und wollte er Laurentine nichts erzählen. Jedenfalls mußte er sich anstrengen, seine Trübsal zu verbergen, die ihn bei der Erinnerung an den Weg durch die Festung des alten Wissens der Morgensternbrüder überkam. "Feuerdschinnen entstehen, wenn ein zerstörungssüchtiger Mensch mit magischer Begabung mindestens fünfzig Menschen gewaltsam getötet hat und in der Gluthitze der Sonne einen Hitzschlag erleidet oder verdurstet. Hängt er an der irdischen Existenz, wird er zu einer Mischung aus Gespenst und Feuer. Feuerdschinnen leben von den durch Feuer oder Überhitzung sterbenden Tiere oder Menschen, deren Seelen sie in sich aufnehmen und dadurch stärker werden. Feuerdschinnen können zudem wie lebende Wesen Nachkommen zeugen, wobei sie in einer der Paarung ähnelnden Vereinigung die Kraft einverleibter Seelen in einer Glutkugel verdichten, die von dem weiblichen Feuerdschinn ein volles Jahr getragen und nur in Mitten eines großen Feuers als neuer Feuerdschinn ausgetrieben werden kann, der bereits nach seiner Geburt die Auffassungsgabe eines erwachsenen Menschen besitzt. Sie können nur durch Bannzauber gegen magisches Feuer, Geisterabwehrzauber oder die weißen Flammen von Luxor zurückgetrieben werden. Wer es schafft, durch ein Opfer eigenen Blutes und einen mit Zeichen der Unterwerfung und Beherrschung beschriebenen und mit den Worten der Geistertreue bezauberten Gefäß (Flasche, Vase, Krug oder Lampe) und den Worten der höheren Geister einen Feuerdschinn dazu zu zwingen, seinen wahren Namen zu verraten, kann ihn in erwähntes Gefäß befehlen und dort gefangenhalten, bis das Gefäß zerstört wird oder der bezwinger durch andere Kräfte als die des gefangenen Dschinns zu Tode kommt", las Laurentine. "Huch, dann gibt's wohl doch Flaschengeister und Aladins Wunderlampe", warf sie ein. Julius erwähnte, daß alle Sorten von Dschinnen wohl eingekerkert und einem lebenden Meister unterworfen werden könnten. Allerdings müßte der Zwang zur Unterwerfung wohl immer aufrechterhalten werden. Daß ein aus seinem Gefängnis freigelassener Dschinn dem, der ihn freiließ Wünsche zu erfüllen habe sei wohl tatsächlich nur ein Märchen. "Könnte sein, daß diese Dämonen dann auch nicht drankommen. Oder steht hier was von dieser weißen Flamme von Luxor?" Warf Laurentine ein und suchte nach einer entsprechenden Erwähnung. Julius fingerte bereits wieder an der eingeschrumpften Bibliothek herum und frohlockte, weil er "Magien des Morgenlandes" auch gerade mithatte.

"Du hast wohl auch damit gerechnet, Champion zu werden?" Erwiderte Céline auf Julius' Begeisterung. Er nickte verhalten. Er holte das Buch hervor und suchte. Tatsächlich fand er ein Kapitel über altägyptische Sonnen- und Feuerzauber und darin auch etwas über die weiße Flamme von Luxor. Er setzte die Flotte-Schreibe-Feder auf ein freies Stück Pergament und las laut vor, wie dieser Zauber genau ausgeführt werden mußte. Die magischen Worte aus der altägyptischen Sprache buchstabierte er gemäß der Lautschriftvorgaben, damit Laurentine sie bis zum vierundzwanzigsten auszusprechen lernen konnte. Jedenfalss ging es darum, einen Ort oder eine Person von dunklen Kräften freizubrennen. Auf Menschen reinen Herzens wirkte die Flamme wie die warme Brise beim Flohpulverfeuer. Bösartige Menschen oder erwiesene Mörder und Unterdrücker starben in dieser Art von Zauberfeuer. Feuerdschinnen konnten damit gefesselt und an einen dem Feuer verbundenen Gegenstand gebunden werden, bis sie ihren Wahren Namen verrieten. Damit lieferten sie sich dem Bezwinger aus und konnten diesen nicht mehr attackieren. Er konnte sie dann wie erwähnt in ein verschließbares Gefäß einsperren oder dazu auffordern, ihm nie wieder näher als einen Tagesmarsch zu kommen. Laurentine meinte dazu nur, daß sie ja keinen dem Feuer verbundenen Gegenstand mit hineinnehmen dürfe, wo immer sie die zweite Runde bestreiten mußte. Julius nickte. "Aber wenn du ein Stück geschmiedetes Eisen herbeizauberst wie ein Hufeisen kannst du diesen Gegenstand mit der weißen Flamme bezaubern und den Feuerdschinn daran fesseln. Gold als Metall der Sonne wäre zwar ideal, aber kann durch Apportation oder Aufrufezauber nicht beliebig herbeigeschafft werden, weil dagegen natürlich gefeit", erklärte Julius. Laurentine las bereits die lautsprachlichen Beschreibungen der zu sprechenden Zauberwörter und auch, daß nur Magier, die keinem Menschen etwas getan hatten, diesen Zauber wirken konnten.

"Wo kriege ich nur ein Hufeisen her, wo es hier keinen Hufschmied gibt?" Grummelte Laurentine. Julius erwähnte, daß es auch mit allen anderen vom Feuer berührten oder im Feuer geformten Materialien ginge, also auch Vulkangestein oder Diamanten.

"Da ist ja noch schwerer dranzukommen als an Hufeisen", erwiderte Laurentine. "Wahrscheinlich werden sie diese Feuerdschinnen dann auch nicht unbedingt bringen. Es sei denn, in der Runde können wir solche Sachen finden."

"Hm, kann ich mir vorstellen, daß das eine der Aufgaben ist, bei einem dieser Biester was zu finden, um ein anderes dieser Biester kampfunfähig zu machen oder gleich richtig zu killen. Dann also mal die Liste weiter durchackern", sagte Julius und schlug im Monsterbuch das Kapitel über Harpyien auf.

Es gab nur weibliche Harpyien, Mischwesen zwischen Frau und Greifvogel. Sie ernährten sich jedoch von Menschenfleisch und Menschenblut. Sie konnten mehrere Jahrhunderte alt werden. Hatten sie jedoch ein gewisses Alter erreicht, fingen sie junge Mädchen und hielten sie in ihrer Höhle solange gefangen, bis sie entkräftet waren. Dann saugten sie ihnen wie Vampire das Blut aus, aber damit auch ihre Seelen. Die vier bis fünf Eier, die sie kurz danach legten, enthielten die Seelen der gefangenen Mädchen, die dann von der Harpyie in zwei Monaten zu ihren Nachkommen erbrütet wurden. Schlüpften die jungen Harpyien, schwächten sie damit ihre Mutter so sehr, daß diese starb. Fraßen die jungen Harpyien das Fleisch ihrer toten Mutter, so wuchsen sie innerhalb von einem Tag zu ausgewachsenen Harpyien heran. Dann hatten sie jedoch nur einen halben Tag Zeit, weit genug voneinander fortzufliegen, daß sie sich weder hören, noch mit ihren adlergleichen Augen sehen noch magisch erspüren konnten. Wer nicht weit genug voneinander fortkam verfiel in einen unbändigen Drang, die zu nahe Schwester anzugreifen. Die diesen Kampf überlebte nahm die Lebenskraft der getöteten Schwester in sich auf und wurde damit zur Leitharpyie, die eine Gruppe aus bis zu fünf Artgenossinnen befehligen und zu Futterbringerinnen unterwerfen konnte. Nur Waffen aus Silber, Gold oder Einhornhorn konnten einer Harpyie Schaden zufügen. Außerdem fürchteten die Harpyien den Phönix und das Einhorn als Todfeinde. Starb eine Harpyie gewaltsam, so wurde eine ihrer Schwestern von dem Drang befallen, die fünf Nachkommen zu erbrüten, auch wenn sie weit vor der üblichen Zeit war. Starb gar eine Leitharpyie, so führte dies zu einem grausamen Nachfolgekampf unter den Harpyien ihrer Gruppe.

"Toll, Silberwaffen wie gegen Werwölfe. Auch in jedem Laden um die Ecke zu kriegen", grummelte Laurentine.

"Das Lied des Phönix kann sie vertreiben, ebenso die Illusion eines Einhorns, die um den Zauberkundigen herumlaufen soll. Oh, paßt für dich optimal, Laurentine. Denn hier steht, daß Zauberstäbe mit Einhornschweifkern diese Illusion beinahe greifbar erzeugen können, aber auch jeder andere Zauberstabkern diese Illusion erzeugen kann."

"Dann kriegen wir die Biester wohl, wenn Hubert und Gloria das auch irgendwie rauskriegen können", grummelte Laurentine und ließ sich von Céline ein echtes Einhorn beschreiben. Laurentine überlegte und begann dann einen kombinierten Illusionszauber zu wirken, bis aus silbrigem Nebel ein strahlendweißes Geschöpf entstand, daß einem grazilen Pferd ähnelte, auf dessen Stirn ein langes silbernes Horn wuchs. Die von Laurentine erschaffene, nur bildhaft vorhandene Einhornstute galoppierte dreimal um den Tisch herum. Das Geräusch ihrer Hufe klang so, als sei es ein wahrhaftig vorhandenes Tierwesen. Nicht wenige Bewohner des grünen Saales sahen diesen Zauber und staunten. Gabrielle Delacour und Pierre Marceau kamen herbei, ebenso Marie van Bergen und Louis Vignier. Das illusionäre Einhorn verbeugte sich vor Laurentine und berührte mit seinem Horn ihren Unterleib. Céline und Julius mußten grinsen.

"Du hast ein echtes Einhorn hergezaubert? Toll!" Staunte Gabrielle. Laurentine erwähnte, daß es nur eine Illusion sei. Doch als das von ihr gezauberte Scheinbild sie sanft zurückstieß erschrak sie. "Huch, aber irgendwie doch greifbar", stellte sie fest. "Hätte fast meinen V.-I.-Status verändert. Okay, Reveni Realitas!" Das gezauberte Einhorn wieherte verstört, bevor es in silbernen Nebel zerfloß, der dann übergangslos verschwand. "Ui, hat doch ein gewisses Eigenleben gehabt", stellte Laurentine fest. "Ich habe echt von diesem Wesen eine Art Vorwurf verspürt, daß ich es nicht mehr leben lassen wollte. Ui, wußte echt nicht, daß ich das auf Anhieb so heftig hinkriege", bemerkte Laurentine.

"Du hast wohl an das Einhorn gedacht, dessen Schweifhaar in deinem Zauberstab steckt", vermutete Céline. Laurentine nickte. "Dann hast du eine Art Seelenabdruck von ihm in die Illusion mit eingebaut und diese damit fast so greifbar gemacht wie das Vorbild", vermutete Céline. Julius nickte heftig. Das konnte sein, zumal Laurentine und ihr Zauberstab durch dessen Kern zu einer besonders erfolgreichen magischen Verbundenheit gefunden hatten. Er widerholte, daß er diesen Zauber für Laurentine für Optimal hielt.

"Die gibt's auch in echt, richtig?" Fragte Pierre. Gabrielle sah ihren Freund verdrossen an. "Genau wie Oma Léto, Maman und Fleur", grummelte sie. Pierre blickte sie abbittend an. Louis starrte Fleurs kleine Schwester so an wie es viele der Jungen taten. "Krieg du das erst mal hin, daß die anderen Mädels, die hinter dir herlaufen dich wieder liebhaben", blaffte Pierre Louis verärgert an. Louis errötete und nickte. Dann zogen sich die jüngeren zurück, weil Céline ihnen mit Gesten und Worten bedeutete, daß sie mit Laurentine wichtige Zauber für die nächste Runde bereden mußten. Da hier alle wollten, daß Laurentine und damit Beauxbatons das Turnier gewann wollte keiner ihr im Weg stehen.

"Diese Lavataucher leben in Vulkanen. Sie werden auch als Kinder Peles bezeichnet, der von den Polynesiern angebeteten Feuergöttin und Königin der Vulkane", las Julius den Abschnitt über die Lavataucher vor, die eine Mischung aus Affe und Feuergeist waren. Ihr fell brannte, wenn sie an der Luft waren in rotgoldenen Flammen. Sie konnten nur vom Feuer berührte organische oder mineralische Nahrung zu sich nehmen und konnten sich ähnlich wie Meerleute nur eine Stunde in freier Luft aufhalten. Sie konnten viele Feuerzauber ohne Zauberstab, fürchteten sich aber vor völliger Dunkelheit und Kälte, weshalb sie mit Eiswasserstrahlen oder gezauberten Eisbällen zurückgetrieben werden konnten. Gerieten sie in genug Wasser, das nicht vollständig von ihrer Hitze zum kochen gebracht werden konnte, so starben sie. Nach ihrem Tod wurden sie zu roten Steinfiguren. Am liebsten fraßen sie von ihrem oder andere Feuer getötete Lebewesen mit Magie, also auch Hexen und Zauberer. Wer es jedoch schaffte, sie in einem großen Kessel voll brennenden Öls zu locken, konnte sie für eine gewisse Zeit gefangenhalten und dabei ihre Haare ernten, die zerkleinert in Feuerschutztränken verrührt werden konnten. Wie alle bisher durchgegangenen Wesen waren sie sprachbegabt und wurden von den amerikanischen Zauberwesenkundlern als intelligente Zauberwesen eingeordnet.

"Dunkelheitszauber haben wir ja rauf- und runtergebetet", grummelte Laurentine. "Geht das auch, eine Kugel aus absoluter Dunkelheit um ein Wesen herumzzuzaubern, wenn ich den Vestinoctis-Zauber mit dem Novalunux-Zauber kombiniere, Julius?"

"Habe ich noch nicht ausprobiert. "Aber ich würde nicht den Vestinoctis-Zauber mit Novalunux Koppeln, sondern den Stellabsentia-Zauber, der einen Raum der Dunkelheit ohne das Licht der Gestirne um den Zauberkundigen legt. Das können wir gerne üben, ob die beiden Astralzauber zu koppeln sind und dann eine Kugelschale aus totaler Dunkelheit um einen Gegner erzeugen können." Um den Stellabsentia-Zauber zu üben lieh Julius Laurentine sein Buch über Astralzauber.

Bei dem Schreckenstaucher handelte es sich um eine Mischung aus Mensch und Krake, die vor viertausend Jahren erstmalig erwähnt worden war, womöglich als Folge eines magischen Unfalls. Auf einem großen grünen Kugelkörper mit acht bis zu fünf Meter langen Fangarmen saß der einen Meter durchmessende mit grünen Haaren bedeckte Kopf eines Menschen. "Hätte glatt eine Züchtung Bokanowskis sein können", war Julius' Kommentar zu diesem Wesen. Es lebte von allen im Meer lebenden Tieren, fing aber besonders gerne intelligente Wesen wie Delphine, Wassermenschen oder arglose Menschen, die in seinem Revier herumschwammen. Manchmal sei es auch schon vorgekommen, daß dieses Geschöpf kleinere Boote überfallen und deren Insassen in die Tiefe gezogen habe, um sie zu fressen. Wie natürliche Kraken konnten die Schreckenstaucher ihre Farbe wechseln, so daß sie sich dem Untergrund perfekt anpassen konnten, vermochten sogar, sich auszustrecken und so durch schmale Felsenspalten hindurchzuschlüpfen. Wie natürliche Weichtiere legten sie Eier. Als Feinde hatten sie Wassermenschen und Pottwale zu fürchten. Ihre Magie konnte in ihrer Umgebung die Bewegung von Wasser verändern, daß sie Strudel oder Wellen erzeugen konnten. Mit Feuerzaubern oder Vereisungszaubern war ihnen beizukommen, wenn man es schaffte, vor der Umschlingung eines Fangarms den Gegner zu Gesicht zu bekommen. Da sie bis auf einen Paarungsrausch alle zehn Jahre keinen Sinn für Gesellschaft von Artgenossen hatten vermehrten sie sich auch nicht so drastisch. Dennoch wurde vermutet, daß es in den äquatorialen Gewässern des Atlantiks und auch des Pazifiks noch hundert dieser Wesen gab, die in den Tiefseeregionen ihre Behausungen hatten.

Bei den Seelenschlingern handelte es sich um die Riesen unter den Wassermenschen, die bis zu zehn Meter groß werden konnten. Sie waren sprachbegabt und schimmerten silbern bis bbronzefarben. Sie würden wohl eher nicht in der nächsten Runde drankommen. Sie verschlangen vorzugsweise kleinere Schwertwale, zu denen auch Delphine gehörten, Wassermenschen oder arglose Schwimmer, wobei sie ihnen die Gliedmaßen abbissen und sie ansonsten lebendig hinunterschlangen, um von der in ihren Mägen erlöschenden Lebenskraft alles aufzunehmen. Sie wurden deshalb Seelenschlinger genannt, weil mit Wasserleuten gut auskommende Zauberer und Hexen berichteten, daß diese die Seelen verschlungener Artgenossen in den Leibern dieser Riesen klagen hören konnten. Die Seelenschlinger kamen vorzugsweise in den Bereichen des Meeres vor, die mehr als viertausend Meter tief waren. Trafen sie aufeinander, und es waren keine paarungswilligen Wesen, kam es zum Revierkampf, der bis zum Tod eines der beiden führte, egal ob es sich um männliche oder weibliche Exemplare handelte. Der Sieger war danach aber so geschwächt, daß ihm sogar Haie und Baracudas gefährlich werden konnten. Daher zogen sie sich auf den meeresgrund zurück und schlossen sich in einen kühlenden Eispanzer ein, bis die erlittenen Verletzungen verheilt waren, sofern ihnen nachsetzende Wassermenschen sie nicht aufstöberten und dann töteten, um einen gefährlichen Feind aus dem Weg zu räumen.

"Auf jeden Fall keine Kuschelhasen und Goldfische", grummelte Laurentine. "Gut, ich lerne alle die Zauber, die nötig sind, um gegen die alle kämpfen zu können. Klärst du das bitte mit Millie, ob ich von ihr diesen Einkapselungszauber lernen darf?" Julius bejahte das.

"Na klar bringe ich Laurentine den Zauber bei, damit die damit gegen mögliche Biester vorgehen kann", sagte Millie zu Julius, als sie sich abends in ihrem gemeinsamen Zimmer trafen. "Ich will ja auch, daß Beaux das Turnier gewinnt."

 

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"Guckt, da kommt unser Schwergewicht!" Hörte Julius einige Jungen von den Blauen hinter ihm herrufen, als er, doch nun gut mit den zugelegten Pfunden jonglierend, über den Pausenhof lief. Er mußte sich arg anstrengen, den gehässigen Tonfall zu überhören. Er hatte es seiner Tochter versprochen, alles zu tun, damit sie ungefährdet zu Ende ausgetragen und geboren werden konnte. Außerdem wollte er diesen Burschen da hinter ihm keinen Grund liefern, sich überlegen zu fühlen. So ging er weiter, bis er bei seiner Frau stand, die sich mit Laurentine unterhielt. Sie hatten in den drei vergangenen Tagen unter Madame Rossignols Aufsicht mit ihm nach Saalschluß den Incapsovulus-Zauber eingeübt. Morgen würde sich zeigen, ob Laurentine diesen und die anderen Zauber benötigte. Julius hatte mit ihr erarbeitet, daß die Zauberformel "Aggregato Stellabsentulux" die Kopplung der beiden Dunkelheit erzeugenden Astralzauber so ausrichtete, daß eine Kugel aus Finsternis auf einen Gegner geschleudert werden und diesen in einer Sphäre totaler Dunkelheit einschließn konnte, die nur durch den Zauber "Revoco Luminem Solis!" aus erwähntem Astralzauberbuch gesprengt werden konnte. Ob Gloria wußte, wie Lavataucher zu besiegen waren? Was Feuerdschinnen anging, so hatte sie sicher von ihrer Großmutter Jane einige Tipps bekommen, bevor diese im Rahmen der Operation Reichenbach alle Verbindungen zu ihren Verwandten gekappt und fast die ganze Welt in den Glauben versetzt hatte, sie sei gestorben. Außerdem gab es in der Bibliothek alle Bücher, aus denen Julius Laurentine vorgelesen oder die wichtigsten Zauber beigebracht hatte. Es war also nicht unfair Gloria oder Hubert gegenüber.

"Wenn das echt so läuft, wie Madame Rossignol das vorherberechnet hat muß ich langsam lernen, meine Beweglichkeit anders zu trainieren", meinte Julius zu Millie. Diese, von ihrer Schwangerschaft ebenfalls sichtlich gerundet, grinste darüber nur.

"Oma Line hat deinen Hilferuf vernommen, denke ich. Sie schickt dir sicher ihren ganz eigenen Übungsplan zu, wie sie sich bei allen zwölf bisherigen Kindern noch gelenkig genug gehalten hat."

"Wird wohl besser sein, wenn ich das lerne, bevor mir die Arme und Beine zu überladen werden", erwiderte Julius. Er war froh, daß der gerade getragene Schulumhang locker genug saß. Von jeder zubestellten Größe drei Stück war gut ins Geld gegangen. Aber wenn er sich nach Aurores Geburt wieder runterhungern konnte würde er die überschüssigen Umhänge bei Madame Arachne abliefern, damit die sie weiterverkaufen oder neu verarbeiten konnte.

Am Abend des Tages vor der zweiten Runde kündigte Madame Faucon an: "Da die zweite Turnierrunde eine sehr langwierige Angelegenheit zu werden vermag fällt der Nachmittagsunterricht morgen aus und wird durch eine straffere Durchführung des Unterrichts der nächsten Wochen aufgefangen. Ich bitte Sie, sich dieser Maßnahme als standhaft zu erweisen und die nötige Erhöhung der Anforderungen mit bester Leistungsbereitschaft zu bewältigen. Da wir vom Lehrkörper ebenfalls durch diese Situation mehr Einsatz zu bringen haben verstehen wir, daß es für sie alle schwerer wird. Doch wenn Sie alle das Klassenziel erreichen werden Sie alle, da bin ich mir sicher, sehr stolz auf sich und dankbar für unsere Einsatzbereitschaft sein. Vielen Dank!"

"War doch klar, daß wir nicht eben so locker durch das Turnierjahr schaukeln können", grummelte Kevin Malone. "Die hat das mit dem unterrichtsfreien Nachmittag doch nur zugelassen, um uns alle noch heftiger rannehmen lassen zu können."

"Ich sage da besser nichts zu, Kevin. Sonst würde das am Ende in Strafpunkten ausarten", erwiderte Julius darauf. Gérard sah Julius an, als wolle der gleich fragen, ob er seine Pflichten nicht mehr richtig ernstnahm. Doch er selbst hatte ja lernen müssen, daß mit der Zuteilung von Strafpunkten nicht nur Respekt, sondern auch Ablehnung zu verdienen war.

 

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Am nächsten Morgen erhielt Julius mehrere Posteulen. Eine war von seiner Schwiegergroßmutter Ursuline. Eine war von seiner Mutter, die seit der Geburt von Belles und Adrian Grandchapeaus Sohn Belles Arbeit mitmachen mußte und eine von Camille Dusoleil. Er las die Briefe jedoch erst nach dem Mittagessen. Seine Schwiegeroma Line hatte ihm einen mehrseitigen Übungsplan geschickt, wie er mit einem halben bis zwei Zentner Übergewicht noch beweglich bleiben konnte. Seine Mutter Martha Eauvive schrieb ihm, daß sie über Ostern im Château Florissant bleiben würde, um sich auf die Nachhol-UTZs vorzubereiten, die Anfang 2001 stattfinden sollten. Camilles Brief löste in ihm sowohl an Schadenfreude grenzende Erheiterung wie Unbehagen aus. Sie schrieb:

Hallo Julius!

Ich habe gerade ein wenig Zeit, wo Chloé gerade mit ihrem Vetter Philemon bei Jeanne und ihren drei Wonneproppen sind und die Grüne Gasse gerade ohne meine liebevollen Hände auskommt. Deshalb möchte ich dir persönlich schreiben, was sich bei uns in den letzten Wochen seit der Jahreswendfeier getan hat.

Florymont hat einen ministeriellen Großauftrag erhalten, seine neuartigen Schutzanzüge exklusiv für das französische Zaubereiministerium anzufertigen. Fünfhundert Stück soll er davon machen. Möglich ist auch, daß Grandchapeau seine europäischen Amtskollegen dazu bekommt, ebenfalls diese Duotectus-Anzüge zu bestellen. Jedenfalls ist er seitdem nur noch damit beschäftigt, die bestellten Anzüge zu machen. Ich bin froh, daß ich ihn noch dazu kriegen kann, zu frühstücken und Mittag- und Abendessen zu sich zu nehmen. Auch bin ich froh, daß er noch weiß, wo sein Bett steht.

Uranie hat es gewagt, einmal zu laut daran zu denken, daß sie mit ihrem Sohn in ein eigenes Haus umzieht, weil sie es leid ist, daß ihr alle einzureden wagen, daß sie sich mehr mit ihrer Mutterrolle anfreunden soll, wo der Kleine jetzt in das erste kritische Alter komt, dem, wo kleine Kinder schon schnell genug laufen können, um überall dahinzurennen, wo sie was interessantes sehen. Aber Florymont hat ihr in einer Stunde, die er mal die Werkstatt hat Werkstatt sein lassen klargestellt, daß Uranie mit dem Kleinen nur dort klarkommen kann, wo genug Kinder und junge Eltern wohnen. Außerdem würde Hera Matine sie überall finden, wenn sie sich nicht in mehrere Verbergezauber einschließen wolle, aus denen sie dann aber nicht hinauslaufen dürfe. Ich denke, das liegt bei ihr daran, daß sie nun nicht mehr wach genug ist, um ganze Nächte hindurch die Sterne anzugucken. Außerdem sind ihre Freunde aus der Astronomiegruppe zu ihr auf Abstand gegangen, weil diese die Abkunft Philemons und daß Uranie alles was sie unternehmen will von ihm abhängig machen muß verachten. Doch das würde sich nicht einrenken, wenn Uranie unser Haus verläßt und mit dem kleinen Philemon anderswo hinzieht. Ausschlaggebend war mein Einwand, daß Philemons Tante meinen könnte, sich nun mehr um die Erziehung des Kleinen zu kümmern, wenn Uranie unter Sardonias Abwehrglocke hervorkrabbelt. Das hat sie dann eingesehen.

Tja, und meine andere Schwägerin hat es doch tatsächlich geschafft, genau dann zwei Kinder in sich einziehen zu lassen, als mein Bruder für seinen Arbeitgeber mehr als zweitausend Kilometer von ihr entfernt war. Zumindest hat Madame Laporte aus der Delourdesklinik, die auch schon Argon und Melanie aus ihr herausgezogen hat, den Zeitpunkt der Empfängnis in die Woche zurückrechnen können, wo Emil im Senegal zu tun hatte. Magie kann vieles. Aber eine Zeugung über diesen großen Abstand hinweg hat noch kein Ehepaar hinbekommen. Jetzt sieht das ganz anders aus, was Cassiopeia für einen Wirbel um Melanie gemacht hat. Denn Emil hat Madame Laporte klar gesagt, daß seine Frau keinen Vorrat seiner Keimflüssigkeit aufbewahrt hat, um sich ohne ihn damit zu schwängern. Wir haben es bis heute noch unter der Decke halten können. Aber wenn Cassiopeia den ersten auffälligen Bauchansatz hat werden sich alle fragen, ob Emil ein glücklicher Zwillingsvater wird oder woher der Regenbogenvogel ihr die beiden zugesteckt hat. Sie selbst wollte da nichts zu sagen, schon gar nicht mir. Ich kann mir aber meinen Teil denken und werde demnächst trotz aller Freundlichkeit und Lockerheit sehr ernst dafür sorgen, daß Melanie bis zum Schulabschluß bei uns wohnen wird. Kann sein, daß du mich jetzt für altmodisch oder gar verklemmt hältst, wo du so gut mit den Latierres zurechtkommst. Aber ich denke, da würden mir auch Ursuline, Hippolyte und Millie zustimmen, daß ein gerade zur Frau heranwachsendes Mädchen nicht zum Zentrum einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihren Eltern werden darf, bei der es darum geht, ob sie zwei Geschwister oder Halbgeschwister dazubekommt. Uranie geht auf Grund der eigenen Erfahrung davon aus, daß Cassiopeia sich gelangweilt hat. Weil sie Melanie nicht mehr so herumkommandieren kann wie vor einem Jahr noch und jetzt in einem häufig leeren großen Haus hockt, könnte sie sich umgeschaut haben, ob sie noch jung genug für gewisse Abenteuer ist. Sollten die beiden kleinen, die jetzt das bemitleidenswerte Schicksal haben, in dieser Frau heranzuwachsen, aus einem solchen Ausflug entstanden sein, wird das mit Sicherheit noch Ärger geben. Denn Emil ist in der Hinsicht noch unerbittlicher als ich. Das ist das gestrenge Blut meines Vaters, das in ihm fließt. Jedenfalls läuft mein Antrag auf vollständige Übertragung der Fürsorge für Melanie auf meinen Namen. Emil hat angedeutet, daß er mir seine Tochter wohl gerne überlassen wird, zumal er sich jetzt fragt, ob Argon und sie überhaupt von ihm sind. Sicher, Melanie sieht meiner Mutter ähnlicher als Cassiopeia, als nicht von meinem Bruder zu sein. Argon hingegen hat wohl die Erbanteile seines Großvaters väterlicherseits geerbt. Der ist zwar auch dunkelhaarig. Aber näheres müßte dann ein heilmagischer Test ergeben. Ich habe Probleme damit, Emil davon abzuraten, Argons und Melanies genaue Abkunft überprüfen zu lassen, zumal sie beide im Stammbaum der Eauvives mit aufgeführt sind. Doch das, so meint er, hieße ja nur, daß sie seinen Nachnamen erhalten hätten. Ob der Stammbaum nur die Träger eines Namens oder die wahrhaftigen Blutserben anzeigt weiß ich im Moment nicht. Das soll er dann mit Antoinette bereden. Die kennt sich mit den Grundlagen der Familiengeschichtsschreibung hundertmal besser aus als ich und kann ihm in ihrer Eigenschaft als Heilerin dann auch gleich raten, ob er eine derartige Abkunftsuntersuchung erbitten soll oder besser nicht. Uranie sagt, daß die Familienstandsgesetze bei Abstreiten der Abkunft demjenigen, der die Untersuchung beantragt hat, jedes weitere Mitspracherecht bei Erziehung und Ausbildung abspricht. Auch deshalb soll Melanie offiziell bei uns bleiben, bis sie volljährig ist, um in einem solchen fall zu klären, daß ich, ihre Patin, ihr eine sichere Grundlage biete. Denn eine Patin oder ein Pate muß nicht blutsverwandt mit dem Patenkind sein. Ich hoffe, diese Angelegenheit wird nicht zu einer übermäßigen Schlammschlacht führen. Bitte erwähne außerhalb deiner Familie niemandem gegenüber davon, solange es nicht in einer der Zeitungen landet. Oja, Gilbert möchte es bitte nicht in die Zeitung setzen, solange keiner von uns, also Emil, Cassiopeia, Florymont oder ich ihm offiziell Rede und Antwort stehen möchten. Sage das bitte deiner Frau, wenn du ihr diesen Brief zeigst!

von dieser sehr beunruhigenden, ja aufwühlenden Wendung abgesehen freue ich mich richtig über meine Familie. Chloé ist ein rechter Wonneproppen geworden, fast so rund wie Baudouin Delamontagne. Jeannes Zwillinge wachsen ebenfalls sehr gut. Allerdings bin ich mir sicher, daß Jeanne nicht die einzige ist, die sie stillt. Doch wenn die beiden gut aufwachsen soll mir das egal sein. Viviane fegt bereits mit ihrem Spielzeugbesen über die Straßen und besucht häufig die Familie Clavier. Heras Nichte wird auch noch einmal Maman, im Oktober soll das Kleine ankommen. Vivianes, Janines und Belenus' stolzer Vater hat mit den Mercurios schon dreihundert Punkte Vorsprung. Selbst die Pelikane kommen an unsere Mannschaft nicht nahe genug ran, obwohl Sans und Bines Mannschaft ebenfalls schon dreihundert Punkte vor den Dijon Drachen haben, wo die kleine, gutgenährte Mademoiselle Duisenberg bisher jeden Schnatz gefangen hat. Um Ostern haben wir die Drachen bei uns zu Gast. Aber die Schnatzfangpunkte werden dann wohl in Millemerveilles bleiben.

Ich hoffe, euch dreien - muß ich bei dem Kleinen ja langsam so schreiben - geht es immer noch gut. Hera erwähnte sowas, daß du mit Millie um die Wette ißt und deshalb auch jetzt mehr auf die Waage bringst. Falls du Probleme damit haben solltest, weniger zu essen, weil du Angst hast, Millie könnte für euer Kind zu wenig essen, mein Mann hat damals, wo Jeanne von mir getragen wurde, auch aus Sympathie so viel gegessen wie ich. Er ist aber alles losgeworden, was er nicht auf den Hüften behalten wollte, als Jeanne an der Luft war und ich dann auch weniger gegessen habe. Bei Claire und Denise hat er dann lieber für sich alleine gegessen, um sich nicht noch mal so rund füttern zu lassen wie bei meiner Schwangerschaft mit Jeanne. Also hab keine Angst, wenn du mit Millie beim Essen mithalten mußt! Gut, es wird einige Spinner bei euch geben, die meinen könnten, dich deshalb dumm anzureden, um endlich was zu haben, was sie dir wegen der dir zugestandenen Sachen endlich um die Ohren hauen können. Aber du bist groß genug und vor allem erwachsen genug, um dieses Geschwätz als das zu vertragen, was es ist, hilfloses albernes Gerede von Leuten, die nur neidisch sind und meinen, das irgendwie an dir auslassen zu müssen. Du hast die Slytherins in Hogwarts und viele wirklich gefährlichen Sachen überstanden. Da wirst du das auch schaffen, für deine Tochter das dumme Gequatsche zu überhören. Meine Mutter hat in der Hinsicht auch ihre Erfahrungen gemacht und erkannt, daß es sich nicht lohnt, sich davon niederreißen zu lassen.

Ich wünsche euch auf jeden Fall eine aufregende, aber auch friedliche Zeit bis zu den Osterferien. Vielleicht ist die zweite Turnierrunde ja um, wenn mein Brief bei dir ankommt. Schreibe mir auf jeden fall, was genau drankam und wie die Champions abgeschnitten haben!

Es umarmt und küßt dich die dich immer noch sehr gernhabende

 

Camille Dusoleil

 

Julius war froh, daß außer Millie, die mit ihm im Ehegattenschlafzimmer saß, keiner mitbekam, was ihn gerade umtrieb. Millie fragte ihn, was Camille ihm denn so stimmungsaufwühlendes geschrieben hatte. Er gab ihr den Brief zu lesen. Als sie damit durch war umspielte ein verächtliches Grinsen ihr Gesicht. "Kuck mal, da hast du doch echt genau das geträumt, was dieser Frau jetzt passiert ist. Hätte nur noch gefehlt, daß der Regenbogenvogel dir das damals schon verraten hätte, daß Camilles Bruder nicht der Vater von den Kleinen sein kann. Aber das sollen die dann für sich klären. Ich weiß zumindest, von wem ich Aurore habe."

"Das ist ja heilmagisch doppelt und dreifach abgesichert", erwiderte Julius verwegen grinsend.

"Seid ihr für die zweite Runde angezogen?" Rief Madame Rossignol durch die geschlossene Tür. Julius und Millie bejahten das lautstark. Dafür bekam Millie einen ungehaltenen Stupser ihrer Tochter. "Die mag es nicht, wenn es um sie herum zu laut ist", kicherte Millie, als sie den leichten Schmerz überstanden hatte, den ein direkter Tritt in ihren Magen ausgelöst hatte.

In den Sonntagsumhängen versammelten sich alle Schüler aus Beauxbatons sowie die Gäste aus Hogwarts und Burg Greifennest vor dem Palast. Diesmal ging es nicht zum Quidditchstadion. Madame Faucon erklomm ein Podest und ersuchte um volle Aufmerksamkeit.

"Sehr geehrte Damen und Herren. Hier und heute erfolgt die zweite Runde des trimagischen Turnieres. Die Organisatoren haben sie als Prüfung der Bewältigung gefährlicher Gegenspieler und Erlangung wichtiger Hilfen für diese und die im Juni das Turnier beschließende Runde ausgelegt. Im Namen Madame Hippolyte Latierres und Monsieur Gustave Chaudchamps möchte ich noch einmal betonen, daß die Leitung des Turnieres genügend Vorkehrungen getroffen hat, das Leben der Champions zu erhalten und einzugreifen, wenn einer der drei in einer wirklich aussichtslosen Lage sein sollte. Doch weisen wir alle, die wir diese Runde überwachen, Sie, werte Champions, darauf hin, daß Sie nur dann mit unserem sofortigen Beistand zu rechnen haben, wenn Sie von sich aus um Ihre Herausnahme aus dieser Runde bitten oder die Bewältigung der Aufgabe sie an den Rand einer schwerwiegenden, ja tödlichen Verletzung bringen sollte. Nur, damit Sie drei nicht finden, es darauf ankommen zu lassen, daß wir Sie aus der Runde herausnehmen. Denn, werte Champions: Innerhalb dieser Runde müssen Sie wichtige Hinweise und Hilfsmittel für die abschließende Runde erlangen. Eine vorzeitige Herausnahme wird jeden aus der Runde herausgenommenen benachteiligen, unter Umständen sogar von der Teilnahme an der dritten Runde ausschließen, womit der Gesamtsieg unerreichbar werden dürfte. Damit wissen Sie nun, unter welchen Bedingungen Sie heute anzutreten haben, Mademoiselle Hellersdorf, Mademoiselle Porter und Monsieur Rauhfels. Über Art und exakte Durchführung der Runde wird sie Madame Hippolyte aufklären. Ich bitte Sie nun, mir zu folgen!" Damit stieg die Schulleiterin von ihrem Podest und ließ dieses mit einem Zauberstabwink im Nichts verschwinden. Wie sie befohlen hatte folgten ihr alle Schülerinnen und Schüler von Beauxbatons nach Klassenstufen eingeteilt. Professor McGonagall führte ihr Dutzend Hogwarts-Schüler, die Gräfin Greifennest ihre zwölf Schüler.

Julius wunderte sich nicht schlecht, als die Lehrerin den Weg zum Verbindungstor zwischen Beauxbatons und dem Schulstrand einschlug. Tatsächlich baute sie mit eingespielten Bewegungen das magische Teleportal auf, das die über mehrere hundert Kilometer reichende Entfernung zwischen hier und dem Mittelmeer auf die Länge eines einzigen Schrittes zusammenzog. Dann dämmerte es Julius, daß der Strand über einen Kilometer Breite verlief und um das Portal herum auch mehr als einen Kilometer ins Land hineinragte. Hier ließ sich also genug aufbauen, was die Schüler nicht bemerken durften. Da die Strandsaison ja seit den ersten Novembertagen beendet war wäre niemand auf die Idee gekommen, das Teleportal zu öffnen und hindurchzugehen.

Das erste, was Julius sah, war eine mächtige Tribüne, auf der alle Zuschauer Platz finden konnten. Darüber Hinaus wuselten mehrere Dutzend Ministerialhexen und Zauberer aus verschiedenen Abteilungen herum, darunter auch Julius' Schwiegertante Barbara, die nach dem dunklen Jahr das Tierwesenbüro leitete. Allein der Personalaufwand zeigte Julius und den meisten anderen, wie umfangreich diese Runde sein würde. Außer der Tribüne gab es an diesem Abschnitt des Mittelmeeres noch mehrere große Gebäude, die alle wie eine Verschmelzung aus Festung und Treibhaus aussahen. Denn ihre oberen Stockwerke bestanden aus Glas, gekrönt von dito gläsernen Dächern. Womöglich konnten die Zuschauer von dort oben hineinsehen, während die Champions nicht erkennen konnten, mit wem oder was sie es im inneren der Gebäude zu tun hatten. Julius zählte die Gebäude und stellte fest, daß es neun Stück waren, exakt im Quadrat angeordnet. Dann stellte er fest, daß in Längsrichtung verlaufend auf halber Höhe der Gebäude Verbindungsbrücken angelegt waren. Ihm dämmerte sofort, wozu die gut waren. Die Champions sollten wohl je für sich in ein Gebäude hinein und darin ihre Aufgaben erfüllen. Gelang dies, ging es über die für jeden ausgewählte Verbindungsbrücke ins nächste Gebäude hinüber. War dort alles erledigt kam der Gang ins letzte Gebäude. Jeder Champion hatte also durch drei Gebäude zu marschieren.

"Die Champions bitte zu Monsieur Chaudchamp und mir!" Rief Madame Hippolyte Latierre, die bis zur Ankunft der Schüler und Lehrer bei ihrer Schwester gestanden hatte.

"Ich danke dir und Millie noch mal für die Hilfe", sagte Laurentine zu Millie und Julius. "Ich hoffe, ich komme da mit heilen Knochen wieder raus", fügte sie hinzu.

"Du machst das schon, Laurentine. Viel Glück",sagte Julius der Mitschülerin, die nun als Beauxbatons-Champion die Ehre ihrer Schule verteidigen durfte. Noch hielt sie den Vorsprung vor den beiden anderen. Doch das konnte sich in dieser Runde komplett umkehren.

"Die anderen bitte auf die Tribüne. Saalsprecher von Beauxbatons bitte zu Professor McGonagall und Mir in die Ehrenloge!"

Wie bei der ersten Runde trafen die Saalsprecher mit den trimagischen Richtern zusammen in der Ehrenloge ein, einer mindestens fünf Meter höher gebauten quadratischen Vorrichtung, die über die restlichen Zuschauer hinwegblicken ließ. Millies Mutter und ihr Kollege Chaudchamp begrüßten gerade die drei Champions und führten sie um das drei mal drei Häuser messende Quadrat herum Richtung Meer. Es sollte offenbar von dort aus losgehen.

"Ob die echt diese Seelenschlinger und Schreckenstaucher da im Meer haben?" Fragte Céline Julius, als dieser sein Omniglas prüfte. Durch Wasser zu sehen ging damit leider nicht, weil alle anderen Funktionen einen Durchblickzauber nicht mehr vertragen hätten. Er konnte jedoch drei Boote sehen, die einen gläsernen Boden besaßen. In den Booten saßen ein Steuermann und je fünf Zauberer in Badekleidung. Womöglich waren das Einsatztaucher, um die Champions im Notfall aus dem Wasser zu holen. Madame Latierre sprach mit den Champions. Hubert wirkte leicht verstört. Gloria trug ein entschlossenes Gesicht zur Schau, und Laurentine nahm die Instruktionen mit einer Gelassenheit hin, als wolle man von ihr nur ein Rezept für Schokoladenkekse haben. Dann wurde jedem Champion ein Boot angewiesen. Die drei Turnierteilnehmer gingen an Bord. Die Boote legten ab und fuhren von Vortriebsmagie bewegt hinaus auf das um diese Jahreszeit aufgewühlte Meer. Mal durchpflügte das Boot mit Laurentine ein metertiefes Wellental. Mal wurde Glorias Boot von einer querlaufenden Woge emporgehoben und unsanft wieder abgesetzt. Julius benutzte die Ranholfunktion des Omniglases, während Madame Hippolyte Latierre die Tribüne enterte und in der Ehrenloge eintraf. Sie stellte sich so, daß sie in der Mitte der Loge stand und wirkte den Sonorus-Zauber.

"Sehr geehrte Zuschauer", begann sie, mit überall hinreichender Stimme zu sprechen. "In wenigen Minuten beginnt die zweite Runde des trimagischen Turnieres. Diese Runde wird den Champions vieles abverlangen, was Mut, Einsatzbereitschaft, Kreativität und Ausdauer angeht. Denn heute gilt es nicht, einfach durch ein Labyrinth zu kommen, sondern sich gefährlichen Gegnern zu stellen, sich geistig und magisch mit ihnen zu messen und dabei für die kommende runde wichtige Hinweise und Hilfsmittel zu erstreiten. Im Wasser, Messieurdames et Mesdemoiselles, begann alles Leben. Darin sind sich Muggel und Zauberer einig. Dort gibt es bis heute noch Geschöpfe, die uns sowohl faszinieren wie erschrecken. Daher wird der erste der vier Abschnitte dieser Runde auch dort beginnen, wo alles irdische Leben seinen Ursprung hat. Doch, werte Zuschauerinnen und Zuschauer, nicht nur das Leben wohnt unter Wasser, sondern auch der Tod. Sicher wollen und werden wir keinen der Champions umbringen oder durch Untätigkeit zulassen, daß einer von ihnen unrettbar verletzt oder getötet wird. Um zu sehen, was die Champions an den Orten tun, zu denen sie nun fahren, werden Madame Barbara Latierres Mitarbeiter gleich eine Vorrichtung in Gang setzen, die uns allen zeigt, was jeder Champion tut. Wer wird es schaffen, der Wiege allen Lebens als erster zu entsteigen und sich der nächsten Herausforderung zu stellen?"

"Julius suchte derweil die drei mal drei Gebäude ab und nickte, weil er wesen sah, mit denen er gerechnet hatte. Die frage war nur, wie herum die Champions vorgehen mußten, erst das Feuer oder erst die Erde? Dazwischen lag auf jeden Fall die Luft-Herausforderung, und Julius war froh, Laurentine einige wichtige Zauber beigebracht zu haben.

"Die Boote erreichen nun ihren Zielpunkt", kommentierte Madame Hippolyte Latierre, als die drei Bote im Abstand von drei Kilometern vom Strand entfernt sein mochten. Mit den Omnigläsern war jedenfalls nichts mehr zu unterscheiden. Die Boote ritten nun je einen Kilometer voneinander entfernt auf den Wellen, stiegen aber nur auf und ab, wobei sie sich keinen meter weiter vorwärts oder seitwärts bewegten. Ein Ortsverharrungszauber machte dies möglich.

Drei Zauberer entrollten silberne Leinwände, die mindestens dreißig meter breit und zwanzig Meter hoch sein mochten. Die Leinwände wurden auf je zehn Teleskopsäulen hochgezogen und an diese Säulen oben und unten verbindende Querstangen festgemacht. Madame Latierre holte drei schwarze Objekte wie Muschelschalen vor und sprach so, daß alle drei gleichzeitig ihre Stimme aufnehmen konnten. "Beginn der Runde jetzt! Jetzt! Jetzt!"

Die das Licht des Himmels spiegelnden Leinwände wurden erst Matt, dann zeigten sie ggraugrün wogendes Wasser. Es dauerte keine halbe Minute, da konnten die Zuschauer beobachten, wie jeder der drei Champions durch das Wasser glitt. Jeder von ihnen trug lange Badekleidung. Jeder hatte sich eine magische Luftblase um den Kopf gezaubert.

"Die konnte Harry Potter damals noch nicht", wußte Julius. Er dachte daran, daß der berühmte Junge, der jetzt eine Ausbildung zum Auroren machte, von irgendwoher Dianthuskraut genommen hatte, um in den schwarzen See von Hogwarts zu tauchen. Zumindest war er wohl vorher informiert worden, daß er tauchen mußte. Das wußten die Champions ja auch früh genug.

"Was hast du erzählt, was die mächtigsten Wassermonster sind außer den Riesenseeschlangen, Julius?" Fragte Millie ihren Mann. Er erklärte es ihr noch mal. Dabei sah er, wie Laurentine auf eine steinerne Plattform zutauchte. Zu sehen war dort nichts. Das mußte jedoch nichts heißen. Gloria wendete den Vivideozauber an, der die Lebensauren von Tieren und Pflanzen mit und ohne Magie zum leuchten brachte. Tatsächlich zeigte sich im grünen Licht ein wahrhaftes Ungeheuer, das auf dem Felsenrechteck lag. Acht zu einem Kreis ausgestreckte Fangarme liefen auf einen großen, runden Körper wie von einem Kraken zu. Doch über der klumpigen Verbindung der Arme stak ein übermenschlich großer Kopf auf einem ziehharmonikaartig zusammengefalteten Hals. die grüne Lebensaura ließ dieses Geschöpf an die dreißig Meter groß erscheinen. Doch das täuschte. Jedenfalls lag das Ungeheuer noch einen Moment still da. Als es jedoch gewahrte, daß es trotz seiner exzellenten Tarnung entdeckt worden war, schnellte es empor und jagte Gloria entgegen. Die mußte jetzt schleunigst zusehen, den Lebensquellenfinder zu löschen, um was auch immer unfallfrei zaubern zu können. Dies tat sie auch und erstrahlte unvermittelt in einem weißen Licht, als habe sie ihre Haut zur Weißglut erhitzt. Im Widerschein dieses blendenden Lichtes sah Julius wirbelndes Wasser, aus dem heraus sich nun grün und gräßlich der Schreckenstaucher herauslöste, wie er ihn im Monsterbuch als getreue Abbildung gesehen hatte. Die vier Gloria zugewandten Fangarme rollten sich zusammen. Julius sah, daß der Krakenmensch nicht mit den Armen, sondern mit pulsierendem Körper seinen Antrieb erzeugte. Womöglich pumpte er aus der Schwimmrichtung Wasser in sich hinein und stieß es wie ein Strahltriebwerk nach hinten wieder aus. Das grelle Licht, in das sich Gloria gebadet hatte schmerzte den Schreckenstaucher offenbar. Er wankte in seiner Schwimmbewegung. Gloria schickte noch einen Zauber aus, der einen Strahl aus faustgroßen Luftblasen erzeugte, die zielgenau unter den Körper des Krakenwesens schnellten. Einige von ihnen jagten nach oben, passierten die risigen, fischartigen Augen des Ungeheuers und bildeten dabei einen Vorhang aufgewühlten Wassers. Der Rest erschütterte das krakenartige Zauberwesen. Julius konnte sehen, wie es ruckelte und in Krämpfen zuckte. Womöglich geriet sein Unterwasserstrahlantriebsorgan ordentlich in Schwierigkeiten, weil es nun statt Wasser Luft einsaugte. Doch das Wesen reagierte unverzüglich. Es verhielt auf der Stelle, schlug sich zwei der langen Tentakel vor die Augen und ruderte in wilden Bewegungen mit den anderen sechs Armen, wobei es nicht weniger schnell auf seine ausgemachte Beute zuhielt. Diese tauchte, immer noch Luftblasen zaubernd, unter dem Wesen hindurch und wechselte in dem Moment den Zauber, als sie genau unter dem klumpigen Zentralkörper schwamm. Unvermittelt peitschten die Fangarme durch das Wasser. Julius sah, wie das Krakenwesen in einem überstarken Krampf zusammenzuckte und dabei einen gewaltigen Schwall Wasser durch sein Antriebsorgan jagte. Das warf den Krakenartigen so heftig herum, daß der Kopf nach unten zu hängen geriet. Gloria zielte nun genau auf die Mundregion des Menschenkopfes und jagte einen unter Wasser orangerot zerfasernden Zauber genau dorthin. Das Krakenwesen lag plötzlich reglos im Wasser und wurde bleich wie ein uralter Knochen. Die vorhin noch so starken und schnellen Fangarme hingen schlaff nach unten. Der Zentralkörper pulsierte schwach. Das Wesen sank nach unten, weit ab von der Plattform, auf die Gloria nun zutauchte.

Julius ging davon aus, daß der Schreckenstaucher geschockt war, zumindest aber außer Gefecht war. So blickte er auf die für Laurentine gültige Leinwand und sah, daß diese anders als Gloria nicht den Vivideo-Zauber benutzte, sondern den Nigerilumos-Zauber aufgerufen hatte. Dieser sendete einen scheinbar schwarzen Strahl aus, der jedoch alles was er traf in umgekehrter Farbgebung leuchten ließ, jedoch ohne einen Widerschein zu erzeugen. Tatsächlich konnte sie so den an die Unterlage angepaßten Krakenmenschen aufspüren, weil das von ihm verdrängte Wasser anders gefärbt war, ebenso wie die Unterlage im Kegel des Nigerilumos eine Winzigkeit anders erschien als Arme und Körper des Schreckenstauchers. Julius lächelte. Laurentine war noch hundert Meter von dem Krakenwesen entfernt, daß sicher darauf lauerte, daß seine Beute ihm fanggerecht in die Reichweite der Tentakel geriet, wie es bei einem Kraken oder Oktopus auch häufig beobachtet worden war. Doch Laurentine machte keine Anstalten, noch näher an den Schreckenstaucher heranzuschwimmmen. Sie umkreiste ihn behutsam in mehr als fünfzig Metern Abstand. Nigerilumos erlaubte wie der gewöhnliche Lichtzauber auch das Zaubern, während er in Kraft war. So konnte Laurentine sich aussuchen, ob und womit sie den Krakenmenschen angehen wollte. Julius fragte sich, was er gegen dieses Ungetüm tun würde. Auf keinen Fall hätte er es darauf angelegt, sich mit allen Fangarmen anzulegen. Das war schon richtig, was Gloria gemacht hatte. Erst den Vorwärtsdrang des Monsters vereiteln und es dann an einem wichtigen Punkt mit dem Schockzauber treffen. Ob dieser bei der magischen Konstitution des Wesens vorhielt wußte Julius nicht. Davon war in seinen Büchern nichts erwähnt worden. Jetzt begann der Schreckenstaucher, seine Wassermanipulation zu nutzen. Er ließ das Wasser um sich langsam zu einem immer stärkeren Strudel werden, der Laurentine langsam zu ihm hinunterziehen sollte. Da entstanden Eiskristalle im Wasser, die im magischen Strudel auf den Schreckenstaucher zutrudelten und dabei immer größer und zahlreicher wurden. Laurentine mußte unbemerkbar einen Vereisungszauber gewirkt haben, der das von ihr durchschwommene Wasser mit einer Abkühlmagie auflud. Jetzt wurde das Krakengeschöpf von immer größeren und immer mehr Eisbrocken bombardiert. Laurentine hatte offenbar damit gerechnet, daß der Vielarmige versuchen mochte, sie mit seiner Hydrokinese anzuziehen, wenn sie nicht auf seine Tarnung hereinfallen wollte oder sich zu weit von ihm forthielt. Nun umwehte eine Wolke aus scharfkantigen Eisstücken den achtarmigen Tod aus der Tiefe. Konnte der sich dem eiskalten Verhängnis noch entwinden?

Julius blickte schnell zu Hubert hinüber, der wie Gloria nach Lebensformen unter Wasser suchte und gerade seinen Gegner erkannt hatte. Doch dieser, die grüne Leuchterscheinung sehend, griff nun seinerseits an. Hubert mußte zusehen, dem aufgewühlten Wasser und den auf ihn zupeitschenden Fangarmen zu entwischen. Er griff den Kraken mit Stromschlägen und Dampfstrahlen an, trieb ihn damit erst zurück, bis er plötzlich in einem rotierenden Strudel steckte. Hubert griff nun mit dem blauen Zauberfeuer an, daß selbst unter Wasser brannte. Damit versetzte er seinem Gegner einen gehörigen Schaden an den beiden ihm entgegenpeitschenden Fangarmen. Der Schreckenstaucher überschlug sich und setzte auf seine Wassermanipulation. Doch Hubert bewirkte einen Zauber, der das ihn umwirbelnde Wasser schlagartig beruhigte. "Elementa Recalmata!" Murmelte Julius, als er sicher war, was Hubert da gemacht hatte. Das Krakenwesen griff wieder an. Doch Hubert konterte mit dem blauen Zauberfeuer, das er sogar zu einem den Schreckenstaucher umschließenden Ring bog. Doch ein Ring war nur eine zweidimensionale Sache. Der Krakenmensch stieg einfach so weit nach oben, bis er den blauen Flammenring verlassen hatte. Hubert hatte jedoch wohl damit gerechnet. Er machte etwas, was ihn in einem Moment pfeilschnell durch das Wasser schießen ließ, bis er auf Höhe des Feuerringes war. Der Schreckenstaucher stieß sich gerade mit seinem Strahlantriebsorgan über die feurige Begrenzung hinweg und zog die Arme an, um direkt nach unten auf Hubert zuzustoßen. Dieser zielte von unten auf den ihm entgegenjagenden Krakenartigen und rief wohl etwas in seine Kopfblase hinein. Jedenfalls wurde das sturzartige Abtauchen abrupt beendet, und der Schreckenstaucher begann, wie ein aufsteigender Ballon der Wasseroberfläche entgegenzusteigen.

"Deterrestris? Der geht gegen sowas?" Staunte Julius, als ihm dämmerte, mit was Hubert seinen Gegner überrumpelt hatte. Denn der Achtarmige schaffte es nicht, dem Aufwärtsimpuls durch seine Arme entgegenzuwirken. Auch konnte er seinen Strahlantrieb gerade so weit gebrauchen, daß die Steigrate verzögert, aber nicht vollständig aufgehoben wurde. Jetzt versuchte es der Krakenmensch im Zusammenspiel von Armen und Antriebsorgan, seinen ungeplanten Aufstieg in ein gewolltes Abtauchen umzukehren. Doch das gelang ihm nicht so recht. Dann bekam er von Hubert noch von unten genau in den Mund einen Schockzauber wie der Glorias. Das machte alle Anstrengungen endgültig zunichte. Der Schreckenstaucher trieb nun wieder schneller und schneller nach oben. Denn Deterrestris wirkte auf die Körpermasse, nicht auf das Bewußtsein. Jetzt hatte auch Hubert Zeit, sich um das zu kümmern, was bei der Plattform auf ihn wartete.

"Ach du meine Güte, die Laurentine macht das, was du bei den Feuerlöwen gemacht hast", stieß Gérard aus, der sich nur auf die Beauxbatons-Championette konzentriert hatte. Julius fragte sich nun, was Gérard meinte, bis ihm dämmerte, daß sie das machte, was er bei dem Ausflug zu den Feuerlöwen gezaubert hatte, um seinen Mitschülern und sich den Rückzug zu decken. Als er auf Laurentines Leinwand blickte sah er es auch. Denn Laurentine gab es ja auf einmal zwanzigmal. Ihr Gegner hatte sich gerade aus der ihn umschwirrenden Eismasse herausgekämpft, wobei wohl drei seiner Arme steifgefroren waren. Doch um so wütender stürzte er sich nun auf seine Gegnerin. Doch weil es von der nun mehr als vierzig oder fünfzig gab, peitschten seine Fangarme dauernd durch Trugbilder hindurch. An der Steinplattform selbst sah Julius zehn weitere Laurentine Hellersdorfs herumwuseln. Als dann eine in einen schmalen Spalt tauchte war er sich sicher, daß dies die echte war.

"Die macht sich mit dem Zauber komplett alle", fürchtete Julius. Doch da hörte die vervielfältigung auch schon auf. Denn der Sichtkontakt zum Original war ja unterbrochen. Julius hoffte, daß Laurentine das wußte, ja daß sie schnell genug wieder herauskam. Der Schreckenstaucher glitt hinunter zu der Plattform und blickte auf den für ihn scheinbar zu kleinen Spalt. Julius argwöhnte schon, daß dieses klobig aussehende Geschöpf nun seinen Trick mit dem Lang- und Schmalmachen brachte und durch den Spalt hindurchschlüpfte. Doch es versuchte was anderes. Es versuchte wohl, das Wasser zu beeinflussen, daß es zu einem Sog wurde. Ob es gelang konnte Julius in dieser Darstellung auf der Leinwand nicht erkennen. Jedenfalls setzte sich das Krakenwesen auf seine Plattform und verschmolz optisch mit dieser.

"Oh, das wird jetzt brandgefährlich", unkte Julius, der Laurentine schon arglos zurückkommen und in einem der Fangarme zappeln sah. Hippolyte nahm eine der Muscheln und sprach ohne magische Verstärkung hinein: "Hellersdorfs Schreckenstaucher lähmen, wenn Champion Hellersdorf von diesem länger als zehn Sekunden umschlungen!"

"gloria hat einen roten Schlüssel ergattert", stellte Millie fest, die gerade Gloria Porter beobachtete, die nun im Licht ihres Zauberstabes aus einer ähnlichen Felsspalte hervorschwamm wie Hubert und Laurentine sie gerade aufgesucht hatten. Da sah Julius Laurentine, die aus der Felsspalte kam. Dann sah er noch einmal Laurentine. Dann noch einmal. Sie alle hatten einen handlangen, korallenroten Schlüssel an einem Band um den Hals hängen und stiegen nach oben. Das Wasser wirbelte auf. Julius sah schemenhaft die mit Saugnäpfen bewehrten Tentakel durch die aus dem Spalt quellenden Erscheinungen wirbeln. Laurentine hatte also noch einmal den Plurimagines-Zauber aufgerufen. Das Krakenwesen verhedderte sich bei seiner wilden Aktion, die einzig echte zu fangen andauernd mit den Armen, wurde dabei mal rot, mal blau und dann wieder so grün wie natürlich. Wann die echte Laurentine unter den nun in die hundert gehenden Kopien war konnte keiner sagen. Der Krakenmann gab nach einer Minute das wilde herumschlagen mit den Fangarmen auf. Nun bevölkerten zweihundert Laurentines das Wasser um die Plattform. Einige krochen darauf weiter. Andere stiegen rudernd nach oben. Andere schwammen in alle Richtungen weiter. Der Krakenmann suchte nun mit seinen Augen nach einer, die sich von allen unterschied. Doch die waren alle gleich. Das verwirrte ihn sicher. Die Trugbilder tauchten nach oben. Der Schreckenstaucher blieb bei der Plattform, wartete, wußte nicht, wo genau die echte Laurentine war, bis mit einem Schlag alle Trugbilder verschwanden, und eine einzige Laurentine Hellersdorf genau unter dem gläsernen Boden des Bootes zu sehen war, die mit einem Raschen Aufstiegszauber die letzten zwei Meter zur Oberfläche überwand und dann wie ein fröhlicher Delphin mehrere Meter nach oben schnellte, um mit einem eleganten Salto genau im Boot zu landen. Der Schreckenstaucher, der nun wußte, wer die eine und einzige war, stieß sich nun von der Felsenplattform ab und jagte zu einem eher schlangenartigen Gebilde auseinandergezogen nach oben. Da fuhr das Boot jedoch schon los. In dem Moment, wo der Schreckenstaucher auftauchte, ergriff ihn eine schlagartige Lähmung und ließ ihn wieder unter die Wogen sinken.

"Haben Sie den Schreckenstauchern was an die Körper gesetzt, was die außer Gefecht setzt?" Fragte Julius seine Schwiegermutter.

"Das ist ein Betriebsgeheimnis meiner Kollegin aus der Tierwesenabteilung und darf nicht verraten werden", erwiderte sie. Doch ihren Mund umspielte ein Lächeln. Laurentine war wieder zum Land unterwegs.

"Der Vielfachabbilder hat sie sicher heftig geschafft", meinte Millie. Da sah sie, wie auch Hubert in seinem Boot zurückfuhr. Es hatte schon hundert Längen Vorsprung vor dem Laurentines. Dahinter sah er Glorias Boot mit knapp zwanzig Längen Abstand hinter dem Huberts. Da die Boote gleichschnell fuhren würde er als erster am Strand ankommen.

"Komm du mal zuerst an", grummelte Julius. "Bei der Aufgabe gibt's noch mehr zu knacken."

"Die hat zu lange gewartet und sich garantiert heftig erledigt", unkte Gérard auf Laurentine bezogen. Madame Latierre sprach erst in die drei Muscheln und dann mit magisch verstärkter Stimme zu den Zuschauern: "Die Probe gegen den achtarmigen Tod in der Tiefe ist bestanden. Alle drei haben das von ihnen zu erlangende Objekt gefunden und sich ohne Verletzung zurück in ihre Boote begeben."

"Diese Krakenbiester, bleiben die jetzt hier oder werden die wieder woanders hingeschafft?" Wollte Sandrine wissen.

"Frag die doch mal", sagte Leonie Poissonier.

Die wohnen am Äquator, Sandrine. Denen ist es hier eigentlich zu kalt. Vielleicht verrät uns Madame Barbara Latierre irgendwann nach dem Turnier, wie sie diese Biester in das Mittelmeer geschafft hat", sagte Julius.

"Da wo die sonst wohnen ist es doch auch kalt, Julius. Wenn die ganz unten im Meer wohnen, meine ich."

"Jedenfalls schon gruselig, ein Riesenmenschenkopf auf diesem ekligen Körper. Hoffentlich kriegen meine Kinder jetzt keine Angst, weil ich diese Bestien da so wiederlich gefunden habe", knurrte Sandrine.

"Sie sind doch noch in dir drin", meinte Leonie verächtlich. Gérard war drauf und dran, der Sprecherin der Roten dafür eine zu hauen. Doch Apollo meinte schnell:

"Wenn die Organisatoren gefunden hätten, daß Millie und du diese Biester nicht sehen durftet hhätten die das früh genug erwähnt."

Hubert wurde als erster von Monsieur Chaudchamp empfangen und eilte im Laufschritt zu dem ersten Gebäude, das auf dem Weg vom Meer zur Tribüne stand. Er suchte und fand eine Tür, in die der erbeutete Schlüssel paßte. Er drehte ihn und öffnete die Tür. Er sprang hinein. Die Tür fiel zu.

"Hättest besser überlegt, mit wem du dich anlegst", grummelte Julius. Hubert war im Gebäude für die Erd-Probe. Als Gloria aus ihrem Boot stieg bekam sie von Monsieur Chaudchamp noch eine kurze Anweisung und rannte los, auf das von ihr aus erste Bebäude in der Mitte der Dreierreihe zu. Auch sie fand die Tür und schloß sie auf. Offenbar waren die Schlösser auf die erbeuteten Schlüssel abgestimmt. Nun war auch Gloria in ihrem zweiten Einsatzgebiet.

"Diese Spinnen sind widerlich", stieß Sandrine aus. Sie hatte jetzt erst gesehen, worauf sich Hubert und Gloria einlassen mußten.

"Mit denen wird Gloria sowas von locker fertig", sagte Julius zu Sandrine. "Und Laurentine auch, mein Wort drauf", fügte er hinzu.

"Und Hubert?" Fragte Millie herausfordernd.

"Der auch, wenn er von seiner Tante das gelernt hat, was ich Laurentine gezeigt habe", sagte Julius.

"Na klar", grummelte Millie. Denn sie wußte ja, wer ihm das gezeigt hatte, was er Laurentine gezeigt hatte.

Laurentine war nicht so fit zum rennen, als sie ihr Boot verlassen hatte. Doch sie schaffte es, ohne zu torkeln zu dem Gebäude von ihr aus ganz links zu gelangen und es mit ihrem Schlüssel zu öffnen.

"Reagieren diese Spinnen auf den Vivideo-Zauber?" Fragte Céline Julius. Dann sah sie, wie Hubert damit sechs dieser Monsterspinnen zum grünen Leuchten brachte. Die Acromantulas bemerkten aber, daß jemand sie manipulierte und strafften sich. Die Haare an ihren langen Beinen stellten sich kerzengerade auf, und die Beißwerkzeuge schlugen hektisch gegeneinander. Dann betrat Hubert den ersten Raum, wo er wohl was suchen sollte.

"Als das Leben im Wasser zu wenig Platz fand, ging es mutig ans feste Land. Doch auch dort lauert großes Unbehagen, dem sich die drei Champions nun zu stellen wagen", sprach Hippolyte ein kurzes Gedicht, während Laurentine in ihrem Gebäude verschwand. Hubert stand gerade der ersten Monsterspinne gegenüber. Das er offenbar nicht den Aura-Basilisci-Zauber kannte bewies er sogleich, als er zwischen sich und die Spinne eine Wand aus orangerotem Feuer zog. Das irritierte die achtbeinige Schreckenskreatur nur einige Sekunden. Dann machte sie mit ihren Vorderstbeinen abwinkende Bewegungen und lief los, um durch die Flammenmauer durchzubrechen. Hubert erkannte wohl gerade noch rechtzeitig, daß er mit diesem Zauber nichts erreichte. Er jagte der Spinne Deterrestris auf den Leib. Doch der Zauber zerstob daran. Gleich war das Ungeheuer durch den Flammenwall. Hubert sprang zurück zur Tür. Doch die war zu. Das Spinnenungeheuer stieß in die Flammenmauer hinein und erglühte. Doch es schob sich hindurch und warf sich herum. Julius kapierte dieses Manöver erst, als er einen fingerdicken weißen Strahl aus dem Hinterleib schießen sah. Hubert sollte eingesponnen werden. Dieser hatte nicht damit gerechnet und bekam den klebrigen Faden voll gegen die Brust. Doch dann reagierte er, indem er den ihn haltenden Faden in zwei Ansätzen mit einem Durchtrennungszauber kappte. Einen halben Meter austrocknender Spinnenseide am Körper klebend setzte Hubert zu einem neuen Angriff an. Er warf nun seinerseits Zauberseile aus und schaffte es sogar, die hinteren vier Beine der Spinne einzuschnüren. Doch die Acromantula wandte sich um. Wenn die ihm jetzt ihre ätzende Magensäure entgegenspuckte war Hubert erledigt, dachte Julius. Doch Hubert wußte sicher, was das Spinnentier vorhatte und sprang zur Seite. Dabei rief er wohl was. Ein weißer Kugelkörper schoß aus seinem Zauberstab hervor und schlug der Spinne in die gerade aufklaffende Mundöffnung, ein Eisball. Das würde sie zwar auch nicht lange genug aufhalten, doch Hubert setzte gerade noch einen Zauber an, der einen weißen Nebel erzeugte, der von ihm aus die Spinne umfloß und nach einem weiteren Zauberstabwink schlagartig zu einem dicken Eispanzer erstarrte, der die Spinne komplett umschloß. Da Acromantulas wie alle Spinnen wechselwarme Tiere waren und zudem noch aus einer tropischen Gegend stammten setzte Kälte ihnen so zu wie stramme Eisenketten. Hubert verdickte das Eis mehr und mehr und mehr, bis die Formen der Spinne immer mehr in einem kompakten Eisblock verschwammen.

"Bringt sowas dieses Untier um?" Fragte Sandrine Julius und Millie.

"Die können in Kältestarre verfallen, Sandrine. Aber dann können die sich nicht mehr bewegen", wußte Julius. Dann sah er wie Hubert den Raum mit der Spinne absuchte. Er wühlte den Boden auf und suchte. Doch er fand offenbar nicht das, was er hier suchte. Erst als er sich die Wände vornahm entdeckte er eine verborgene Klappe und entnahm der dahinterliegenden Höhlung einen silbernen Schlüssel. Doch das alleine suchte er nicht. Er durchwühlte den Raum weiter, ließ Suchzauber über Wände und Decke gleiten und schüttelte dann den Kopf. Zumindest half ihm der silberne Schlüssel, die von innen sonst nicht zu öffnende Tür aufzusperren und den ersten Raum zu verlassen.

"Was ist denn das für ein Zauber?" Fragte Sandrine und deutete auf das Gebäude, in dem Gloria gerade in den ersten Raum vordrang, wo eine Acromantula lauerte. Die Spinne sprang förmlich los, aber nicht auf Gloria zu, sondern von ihr weg, zur ihr gegenüberliegenden Wand und rannte daran hinauf bis zur sechs Meter hohen Decke, wo sie sich in der äußersten Ecke zusammenkauerte und mit Haltefäden festmachte. Sie zitterte und bebte, während Gloria den Raum ganz gemütlich zu durchsuchen begann, bis sie auch einen Schlüssel fand, aber sonst nichts. Julius wußte, was für ein Zauber das war und sagte Sandrine:

"Das ist genau das, was ich Laurentine beigebracht habe. Meine Frau hat mir vor Turnierbeginn erklärt, wie man Riesenspinnen zurücktreiben kann, weil sie ja dachte, ich würde ausgewählt und könnte mit so einem Ungetüm zusammenrasseln."

"Und du hast den Gloria erklärt?" Wollte Gérard wissen.

"Sowas hatte und habe ich nicht nötig. Gloria kennt genug Leute, die sich mit gefährlichen Kreaturen auskennen", erwiderte Julius darauf. Dann sah er, wie Laurentine in ihrem Gebäude umhersuchte. Sie verwendete nicht den Vivideo-Zauber. Damit würde sie womöglich in die Spinnen hineinrennen, ohne sie früh genug zu sehen. Sie hatte vielmehr ihre Augen mit einem dunklen Tuch verbunden und einen Zauber auf ihre Ohren gelegt. Das war der Lupaures-Zauber, der ihr Gehör verstärkte. Offenbar sollte die nachtschwarze Augenbinde, die sie sich aus leerer Luft gezaubert hatte, ihre Augen vor dem Blick des Basilisken schützen. Dann wendete sie noch einen Zauber auf sich selbst an und ging los. Sie öffnete die erste Tür und lauschte. Dann trat sie ein. In dem Raum war kein Gegner. Sie bewegte den Zauberstab und schien sich darauf zu konzentrieren, wie er reagierte. Dann ging sie mit geschlossenen Augen auf eine Wand zu. Julius vermeinte, Mundbewegungen zu sehen, als würde sie andauernd mit der Zunge schnalzen. Sie lief auf die Wand zu und verzögerte erst zwei Schritte vor der Wand. Dann streckte sie die freie Hand aus und griff dorthin, wo der Zauberstab hinzeigte. Dann klappte sie eine winzige Klappe um und zog etwas aus einem Hohlraum, einen Schlüssel. Sie lauschte noch einmal, warf sich herum und lief unbekümmert, daß sie gerade blind war auf die Tür zu. Sie steckte den Zauberstab fort und benutzte beide Hände, um den Türrahmen nach dem Griff und dem Schloß abzutasten. Als sie das Schloß fand steckte sie den Schlüssel hinein und entsperte es. Sie verließ den Raum mit wieder ergriffenen Zauberstab. Den Schlüssel wollte sie eigentlich mitnehmen. Doch der steckte fest wie eingebacken oder festgeschweißt. Laurentine nickte sich oder sonst wem zu und vollführte mit dem Zauberstab einen weiteren Zauber.

"wie konnte die so zielgenau und ohne gegen die Wand zu knallen durch den Raum auf den Schlüssel zu?" Wollte Millie nun wissen. "Wenn die bei uns im Zauberwesenseminar wäre wüßte ich die Antwort. Aber die ist nicht bei uns."

"Lupaures, Millie. Sie hat sich das Gehör eines Wolfes angezaubert und benutzt einen modifizierten Sirennitus-Zauber, der auf Hohlräume anspricht wie ein Echolot. Und genauso hat sie auch den Aufprall auf die Wand verhindert. Sie hat mit der Zunge geschnalzt oder andere Geräusche gemacht und deren Echo gehört. Das hat die bestimmt auch mal im Fernsehen gesehen, daß blinde Menschen sich so ähnlich zurechtfinden können. Aber jetzt kommt sie zu einem Spinnenraum. Aber, die Spinne geht schon auf Abstand", raunte Julius überlegen grinsend. Denn daß die Spinne sich bereits zurückzog, bevor Laurentine ihren Raum erreichte, verriet ihm, daß Laurentine sich mit der künstlichen Aura eines Basilisken umgeben hatte, die mindestens eine halbe Stunde vorhielt, wenn sie nicht vorher einschlief oder starb. Tatsächlich wetzte die Spinne bereits zur Wand und jagte diese zur Decke hinauf, noch ehe Laurentine den Raum betreten hatte. Sie lauschte, konnte wohl das wilde Beben der erschreckten Spinne hören, die in der obersten linken Ecke zwischen Wand und Decke kauerte. Laurentine wollte die Tür offenhalten, um möglichst schnell wieder hinauszulaufen. Doch da knallte diese schon zu. Laurentine schrak heftig zusammen und preßte ihre Hände auf die Ohren. Für ihre gerade überempfindlichen Gehörgänge war das sicher wie eine direkt neben ihr abgefeuerte Kanone. Doch nach nur zehn Sekunden, in denen die Spinne vor Angst in ihrer Ecke hing bekrabbelte sich Laurentine und wendete erneut jenen Suchzauber an, der unsichtbares hörbar machte. Tatsächlich ortete sie so in einer Ecke nahe dem Boden einen weiteren Hohlraum mit Inhalt und brachte einen weiteren Schlüssel an sich. Sie suchte den Boden und die Decke ab. Doch dann verließ sie den Raum. Die Spinne blieb jedoch noch lange in der Ecke hocken, in die sie sich geflüchtet hatte.

"Warum hat Laurentine sich überhaupt die Augen verbunden?" Fragte Sandrine.

"Damit sie nicht vom Blick eines Basilisken in die ewigen Jagdgründe geschickt wird", erwiderte Julius lässig. Millies Mutter schien sich im Moment auch sehr auf Laurentine zu konzentrieren. Wie bei Runde eins waren die fünf Richter eingeteilt, die Champions zu beobachten. Chaudchamp flog zu diesem Zweck auf einem Besen über den drei Gebäuden hin und her.

"Gloria hat jetzt noch eine Spinne aufgescheucht. Ich kann schon drei in an der decke hängen sehen", sagte Millie. Julius nickte. Daß Gloria mit den Spinnen kein Problem mehr hatte war ihm ja seit dem Moment klar, wo sie die erste Acromantula von sich weggescheucht hatte. Hubert hingegen ging offensiv gegen die auf ihn lauernden Spinnen vor. Sicher wußte der, daß Spinnen hauptsächlich nach Geruch und Erschütterungen gingen, wenn sie ihre Beute jagten. Deshalb kam der gar nicht erst auf einen Selbstbildvervielfältigungszauber. Er griff gleich mit Vereisungszaubern an, wobei er erst so tat, als sei er erschrocken. Offenbar wiederholzauberte er sogar, erkannte Julius. Denn seine addirte Nebel-Eispanzerbildungskombination griff viermal schneller als im ersten Raum. Die Spinne, sonst so flink und reaktionsschnell, prallte förmlich auf einen Eismantel, der sie dann gnadenlos einschloß und in einem dicken Block erstarren ließ. Hubert war aber bei weitem nicht so schnell wie Laurentine, die mittlerweile im siebten Raum war und da bereits Spinne drei von sechs von sich weggescheucht hatte. Ihr Sonartrick verschaffte ihr von Raum zu Raum die Zeit zurück, die sie beim Kampf mit dem Schreckenstaucher vergeben hatte.

Als Glloria im fünften Raum war und dort den Boden untersuchte fand sie wohl eine Erhebung, unter der was lag, genau da, wo die Spinne draufgehockt hatte, bevor diese sich in eine entfernte Ecke geflüchtet hatte und nun bangte, ob das Unwesen mit der Todesangst einflößenden Ausstrahlung sie dort behelligen wollte. Gloria zirkelte kurz mit dem Zauberstab den Boden ab und rief damit einen Zauber auf, der den festgebackenen Sand aufwühlte, hochfliegen ließ und damit einen golden schimmernden Zylinder ffreigab. Diesen klaubte sie auf und suchte dann weiter nach dem Schlüssel, der ihr die zugefallene Tür öffnete. Das kostete jedoch weitere wertvolle Minuten, in denen die Spinne noch immer unter der Decke hing. Julius überflog die Zeit, die Laurentine und Gloria schon in ihren Häusern waren. Sie hatten wohl noch zwanzig Minuten, bevor ihr Spinnenschutz erlosch. Konnte man diesen schnell wieder aufrufen? Er fragte Millie.

"Indem Moment, wo er erlischt brauchst du noch mal so lange, bis du ihn wieder bringen kannst, Julius. Hat zumindest Tante Babs gesagt."

"Dann müssen die zusehen, daß sie aus dem Spinnenterrarium wieder rauskommen", grummelte Julius.

"Vor allem, weil außer den Richtern keiner weiß, was die in diesem Haus alles finden müssen", meinte Millie und sah ihre Mutter an. Doch diese tat so, als habe sie das nicht gehört. Millie wagte es auch nicht, sie offen anzusprechen. Doch die Antwort bekam sie eine Minute später, als Laurentine in einem der Räume eine weitere Spinne sprichwörtlich an die Decke gejagt hatte. Julius sah, daß sie nun einen Himmelblauen Schlüssel um den Hals hängen hatte, der sich sicher anders anfühlte als die anderen Schlüssel. Auch sie tastete mit ihrem Zauberstab den Boden ab und fand eine Unebenheit. Sie machte dasselbe wie Gloria. Julius war sich nun sicher, daß sie den Ausgrabezauber "Effodio" verwendete. Dann verließ sie nach Aufspüren des nächsten Schlüssels diese Kammer.

"Laurentine Hellersdorf hat bereits zwei der drei zu bergenden Gegenstände in ihrem Besitz", kommentierte Madame Latierre. Die Beauxbatons-Schüler skandierten bereits: "Lau-ren-tine! Lau-ren-tine!!" Da mußten die Greifennestler natürlich mithalten und jubelten, wie Hubert eine Spinne nach der anderen vereiste. doch damit schoß sich der Junge aus Greifennest ein Eigentor. Denn als er den Raum untersuchte, wo der Schlüssel oder einer der drei zu bergenden Gegenstände war, fand er da, wo die Spinne nicht war nichts vor. Als er versuchte, die Spinne mit dem Schwebezauber anzuheben mußte er feststellen, daß das Eis sie mit dem Boden verbacken hatte. Er hieb sich selbst eine Ohrfeige auf die linke Wange, was viele, die ihm gerade zusahen zum lachen brachte. Julius wußte nicht, wie Hubert das Problem lösen würde. Er sah schnell zu Laurentine, die gerade den letzten Raum erreichte und die darin hockende Spinne durch ihre aufgesetzte Ausstrahlung in eine obere Ecke trieb. Sie wendete ihren Echolotungszauber an und strahlte, als sie auf ihrer Kopfhöhe etwas ortete. Sie lief unbekümmert, nun wohl schon an die Bewegung bei auferlegter Blindheit gewöhnt, auf die Wand zu und befingerte den erspürten Bereich. Dann klappte sie eine Luke auf und zog einen goldenen Schlüssel hervor. Sie betastete ihn und nickte heftig. Dann suchte sie weiter und fand eine kleinere Höhlung, aus der sie den Schlüssel zog, der zu dieser Tür paßte. Sie lief über den festgebackenen Sand zurück und entsperrte das Schloß der Tür zu diesem Raum. Sie lief auf der Etage, von der aus die Brücke zum nächsten Gebäude verlief entlang und steuerte zielsicher eine Tür an, die aus goldenem Metall bestand. Sie tastete sie beidhändig ab und fand das verheißungsvolle Schlüsselloch. Sie steckte den goldenen Schlüssel hinein, drehte ihn um und zog die Tür auf. Die Beauxbatons-Schüler klatschten jubelnd. Denn Laurentine hatte das Haus als erste durchsucht und den Schlüssel zum weitergehen gefunden.

"Gloria hat jetzt auch ihren Schlüssel für nach draußen", bemerkte Millie, als Laurentine sich die schwarze Augenbinde entfernte, die in leerer Luft verschwand. Sie lauschte auf den Jubel aus weiter Ferne. Dann fiel ihr ein, besser ihre Ohren wieder auf normales Hören umzuzaubern. Als sie das getan hatte lief sie im schnellen Trab über die Brücke. Gloria suchte derweil wohl noch nach dem blauen Schlüssel, von dem Laurentine jetzt erst sah, daß ihrer himmelblau war. Daß sie damit das Haus mit den drei Harpyien öffnen konnte war ihr wohl schon von Monsieur Chaudchamp gesagt worden, wenngleich der ihr sicher nichts von Harpyien erzählt hatte. Das die Harpyien drei Gegenstände bewachten konnte Julius erkennen. Doch die steckten in weißen Kisten, für die er Moodys magisches Auge gebraucht hätte. Wenn Laurentine den Einhorn-Illusionszauber noch besser hinbekommen gelernt hatte als beim ersten mal schon waren diese Vogelmonster, die an die drei Meter groß waren, kein Thema für Laurentine. Sicher kannte auch Gloria die Schwächen der Harpyien. Ob Hubert auf scheinbare Einhörner setzte wußte Julius nicht. Doch Hubert mußte erst einmal sehen, woher er alle drei Gegenstände bekam, die er brauchte, wo er noch nicht mal einen davon hatte. Der Greifennest-Champion hatte wohl befunden, erst einmal die anderen Räume abzusuchen. Dadurch kam er zumindest zu dem himmelblauen Schlüssel und dem goldenen Zylinder. Doch als er in den Raum zurückkehrte, wo die von ihm tiefgekühlte Spinne in ihrem Eisblock steckte mußte er zusehen, ob unter ihr noch was war. Dann fing er an, einen schmalen, nach unten führenden Graben auszuheben, als besäße er eine unsichtbare Baggerschaufel. Schließlich erreichte er den Eisblock und stellte fest, das darunter, noch im Eis, noch etwas vergraben war. Er schoß einen hellgelben Flammenstrahl aus seinem Zauberstab, der das vor ihm liegende Eis schlagartig verdampfen ließ, bis er das gesuchte Objekt fand, den goldenen Schlüssel. Dann drehte er den mit dem Türschloß verwachsenen Schlüssel erneut um und verließ mit seiner Beute den Raum. Er lag bereits zehn Minuten hinter Laurentine und drei Minuten hinter Gloria zurück.

"Luft erhält uns am Leben. Sie gibt uns den Wind und läßt uns zum Himmel streben. Doch wer in des Windes Bann gerät, dessen Leben er leicht verweht", sagte Madame Latierre, als nun auch Hubert in dem Haus der Harpyien war.

Laurentine hatte bereits beim Betreten des Hauses mit einer Sphinx gerechnet. Doch sie konnte sieben Räume durchsuchen, ohne behelligt zu werden. Im achten Raum geriet sie jedoch in einen wilden Wind. Diesen konnte sie jedoch ersterben lassen und in den daran anschließenden Raum vordringen. Da lauerte die erste Harpyie. Das grauweiße, vogelartige Geschöpf sah die Schülerin und spannte die Flügel aus. Laurentine riß den Zauberstab hoch und jagte der Harpyie zuerst einen Feuerstrahl auf den Leib, weil der schneller zu wirken war. Die Harpyie sprang zurück durch die Tür und lief einige Schritte zurück. Die Harpyie wälzte sich am Boden, um die ihre Federn und die graue Haut darunter von den Flammen zu befreien. Als das Vogelwesen sich beruhigte und hinter ihrer Gegnerin herjagen wollte, kam ihr bereits ein großes, graziles Einhorn mit zum Stoß bereitem silbernen Horn entgegen.

Die Harpyie lauschte und flüchtete dann nach oben, Das Einhorn riß seinen Kopf Hoch und stieg mit den Vorderhufen. Die Harpyie schien laut zu kreischen. Ihre gelben Raubvogelaugen rollten wie wild, ihr Adlerschnabel sperrte sich weit auf und zitterte. Laurentine war nicht mehr zu sehen. Doch. An der Wand entlang huschte ein Schemen vorbei, der in den von der Harpyie befreiten Raum hineinwuselte. Dann erzitterte die blaue Kiste. Sie wankte, kippte und klappte dann auf. Einen Moment später konnte Laurentine eine silberne Greifvogelfeder herausziehen. Sie hatte sich mit dem Desillusionierungszauber belegt, der sie mit dem Hintergrund verschmelzen ließ. In der Zeit hielt das illusionäre Einhorn die Harpyie in Schach, die Anstalten machte, irgendwelche Luftzauber zu wirken. Zumindest vermutete Julius es, weil Harpyien auch als Sturmbräute oder Windsweiber berüchtigt waren, die wenn sie mit ihren Klauen und dem Schnabel nichts erreichten, einen eiskalten Wirbelsturm heraufbeschwören konnten. Doch da das Einhorn nicht echt war hatte was auch immer ihm nichts an. Das erkannte wohl nun auch die Harpyie und stürtzte sich auf die Illusion. Doch als sie von dem silbernen Horn am rechten Flügel getroffen wurde schien sie noch einmal laut aufzuschreien. Die Berührung mit dem scheinbaren Zaubertier erschütterte die Illusion jedoch so heftig, daß sie in silbernen Funken verpuffte. Doch die Harpyie schüttelte ihren Flügel. hellrotes Blut sickerte aus einer Wunde.

Laurentine erkannte noch rechtzeitig, daß das von ihr beschworene Phantom-Einhorn nicht mehr existierte. Die Harpyie baute sich vor der Tür auf. Doch Laurentine hatte sie geschlossen.Laurentine zog sich zurück und beschwor eine neue Illusion, einen schwanengroßen rotgoldenen Vogel, der über ihrem Kopf seine Kreise zog. Dann ließ sie mit Zauberkraft die Tür aufgehen. Die Harpyie stürmte vor ... und bekam fast den Schnabel des scheinbaren Phönix ins Gesicht. Die Harpyie stieß sich ab und flog zur Decke empor. Der scheinbare Phönix folgte ihr. Das lenkte die Harpyie die fünf Sekunden ab, die Laurentine brauchte, um den Raum zu verlassen und die Tür wieder zuzuschlagen.

"Da muß sie anders vorgehen", stellte Julius fest. Laurentine tat dies auch. Sie wendete den Vivideo-Zauber an und ortete damit zwei weitere Harpyien. Sie wiegte den Kopf. Dann sprang sie in die Höhe, als habe sie ein unbändiger Geistesblitz ereilt. sie lief gezielt auf die nächste Harpyientür zu. Doch weit bevor sie sie erreichte zog sie sich ein Haar aus. Aus diesem machte sie einen Taschenspiegel. Diesen hielt sie so, daß ihr Zauberstab auf die Spiegelfläche zeigte und konzentrierte sich. Aus der Spiegelfläche quoll bläulicher Nebel, der im Raum waberte, sich ausbreitete und dann unter Aussendung von Funken in Laurentines perfektes Abbild verwandelte. Sie führte den Spiegel noch einigemale an den Zauberstab und steckte diesen dann fort. Danach ging sie auf alle viere nieder und bezauberte sich selbst. Julius sah ihr an, daß sie sich auf das äußerste konzentrierte. Dann setzte eine Verwandlung ein. Laurentines Kleidung verschwamm. Ihr Körper veränderte sich, wurde gedrungen. Ihre Nase wurde runder und größer. Schwarzes, borstiges Fell wuchs ihr, und aus dem Steißbein sproß ein Schwanz. Nach nur fünf Sekunden stand eine junge Bache im Flur. Nicht wenige in den Zuschauerreihen staunten über diese gekonnte Selbstverwandlung. In dem Moment bewegte sich die heraufbeschworene Spiegelung Laurentines von der Tür weg und bewegte die Lippen.

"Die hat uns alle die Jahre weg voll verschaukelt", stellte Gérard fest, als er erkannte, was Laurentine da gemacht hatte. Sie hatte ein kurzfristiges, eigenständig handelndes Spiegelbild ohne greifbare Substanz erzeugt, das wie sie handeln konnte, aber eben nur für eine kurze Zeit, zwischen einer und zehn Minuten, stabil blieb.

"Dabei heißt es, in Beauxbatons könne man gar nicht tiefstapeln", feixte Julius.

"Wenn Bébé nicht gerade im letzten Jahr wäre würde ihr das auch bitter bekommen, nachdem sie jetzt so viel von sich zeigt", erwiderte Céline darauf. Aber was die Selbstverwandlung sollte wußte Julius noch nicht. Das weibliche Wildschwein, die echte Laurentine, trottete auf die Tür zu und schnupperte daran. Die nichtstoffliche Doppelgängerin zielte mit dem Zauberstab auf die Tür und rief was. Dabei sprang die Bache hoch und drückte mit ihren Hauern die Türklinke nieder. Die Tür sprang auf und gab die Sicht auf die Harpyie frei, die sofort das Tier und das Menschenwesen erkannte. das eigenständige Spiegelbild Laurentines sah die Harpyie und riß ihren Mund weit auf wie zum Schrei. Sie warf sich herum und rannte los, während die Harrpyie die Bache ansah, wohl schnüffelte und dann hinter der kurzfristigen Doppelgängerin herjagte, die bereits auf der Treppe nach unten unterwegs war. Durch Wände gehen wie ein Gespenst konnte das Ebenbild nicht. Es konnte auch keine Türen berühren und öffnen. Doch das Haus bot genug Gänge und Treppen. Die Bache duckte sich, als die Harpyie an ihr vorbeistob, schien sogar ein verängstigtes Quieken auszustoßen. Dann galoppierte die Wildsau Laurentine in den Raum hinein, in dem eine weitere blaue Kiste stand. Sie schnellte auf ihre Hinterhachsen und verwandelte sich innerhalb von nur drei Sekunden in ihre menschliche Erscheinungsform zurück. Sie klappte die Kiste auf und holte eine goldene Feder hervor. Dann hielt sie den Zauberstab wieder gegen sich und bewegte ihn. Daß sie wiederholzauberte sah Julius daran, daß die Mensch-zu-Tier-Selbstverwandlung nun innerhalb nur einer Sekunde gelang. Die Bache klappte schnell die Kiste zu und preschte durch die noch offene Tür hinaus. Die dem Spiegelbild nachjagende Harpyie war fast am Ziel. Da warf sich die gespiegelte Laurentine über ein Treppengeländer und stürzte in die Tiefe. Die Harpyie sprang ihr nach und blieb zwischen den Treppen hängen, während das Spiegelbild auf dem Grund des Treppenhauses aufschlug und in Millionen glühende Splitter zerbarst, die alle zu verwehenden Funken auseinanderstoben.

Hubert hatte mit den ihn bedrohenden Harpyien andere Tricks auf Lager. Statt mit Illusionen und Selbstverwandlungen verwandelte er seinen Hutin ein weißes Pferd und setzte diesem aus einem seiner Schnürsenkel erstellt ein silbernes Horn auf die Stirn. Dann saß er auf dem Pferd auf und galoppierte zur ersten Tür. Die Harpyie hinter der Tür sah das silberne Horn und schnellte an die Decke. Hubert ritt in den Raum ein und ließ die Kiste aufspringen. Doch da erkannte die Harpyie, daß das Horn auf der Stirn zu sehr wackelte und erkannte den Schwindel. Offenbar sagte sie etwas und griff dann an. Hubert ließ sich abfallen und deutete auf das gezauberte Pferd, daß unvermittelt zu einem breiten Netz wurde, in das die Harpyie voll hineinfiel. Ein kurzer Zauberstabwink schnürte das Vogelwesen fest ein. Doch das würde nicht lange vorhalten. Denn diese Biester waren sehr stark, und Huberts Zauber womöglich nicht so stabil wie ein von Hand geknüpftes Netz. Doch dem Greifennest-Schüler genügte die Zeit, um die Kiste zu öffnen und seine Beute herauszuholen. Bevor sich die Harpyie aus dem Netzt zu befreien schaffte, war er schon wieder durch die Tür und ließ diese zufallen.

Gloria, die auch wußte, mit was sie es zu tun bekommen würde, stand einige Zeit da und überlegte wohl. Sie beschwor eine Aura aus weit ausladenden dunklen Flammen um sich herum. Julius erstarrte. Das dunkle Feuer kannte er. Das war das Feuer Hallittis, eine der zerstörerischsten Waffen der dunklen Elementarzauberkunst! Gloria hielt dieses mörderische Flammenspiel um sich, als sei es ein besonders weites Kleid, bauschig, aber harmlos. Doch wenn es wirklich jenes dunkle Feuer war, dann konnte es ihr außer Kontrolle geraten.

"Ob das gut geht?" Fragte Julius und deutete auf das Haus, in dem Gloria gerade war. Millie sah die Flammenwolke um Glorias Körper. "Sieht aus wie ein im Nigerilumos-Licht liegender Aura Sanignis. Könnte aber auch jenes dunkle Feuer sein, von dem wir es an Schuljahresanfang hatten. Aber das hat uns Delamontagne nicht beigebracht."

"Professeur Delamontagne", korrigierte Madame Hippolyte Latierre und deutete auf Madame Faucon und Professor McGonagall, die ebenfalls erstarrt auf Glorias Zauber starrten.

"Das Feuer ist in jeder Hinsicht brandgefährlich", seufzte Julius. "Ich habe es mit ansehen müssen, wie Hallitti zwei Hexen der Wiederkehrerin darin eingeäschert hat, und das in nur zwei Sekunden. Wenn Gloria die Balance verliert kommt jede Hilfe zu spät."

"Serge, wenn die dunkle Flammenwolke um Mademoiselle Porter instabil wird sofort Breitband-Elementarblockade im Luft-Haus zwei einsetzen und Mademoiselle Porter da rausholen!" Sprach Madame Latierre in eine von wohl vielen schwarzen Muscheln, die eindeutig Mithörmuscheln waren. Sie hielt sich eine Weiße Muschel an das rechte Ohr und nickte.

"So spart man Telefonkosten und Batteriestrom", feixte Julius, obwohl jetzt absolut kein Grund zum Scherzen gegeben war. Gloria Porter ging zielsicher mit der dunklen Flammenwolke um ihren Körper auf die Harpyientür Nummer eins zu und zauberte diese auf. Die Harpyie schnellte heraus und sah die von dunklen Flammen umzüngelte Hexe. Sie erschrak offenbar und flüchtete nach oben. Gloria ging auf die Kiste zu. Noch vor den Spitzen der Flammenzungen blieb sie stehen, machte mit ihrem Zauberstab eine leicht seitwärts weisende Bewegung und teilte so die Flammenwolke vor sich. Dann ließ sie die Kiste aufklappen und griff so schnell sie konnte mit der freien Hand hinein. Sie riß die Feder aus Gold an sich und sprang zurück. Eine weitere Seitwärtsbewegung des Zauberstabes schloß die Flammenwolke um sie herum. Unbehelligt von der Harpyie verließ Gloria den ersten Raum.

"Die beherrscht diesen Zauber in Vollendung", stellte Julius fest. "Ja, das Turnier holt aus den Champions die verborgensten Stärken raus."

"Sie kann diesen Zauber nicht beim laufen lange aufrechthalten. Wenn er flackert dauert es nur eine Sekunde, bis die Flammen unkontrollierbar in alle Richtungen um sich greifen. Dann verbrennt alles aus Metall und magiehaltige, damit auch Mademoiselle Porter", knurrte Madame Latierre. Ihr war anzusehen, daß sie sich ernsthafte Sorgen machte. Julius blickte schnell zu Laurentine hinüber, die noch einen Harpyiensaal vor sich hatte. Den Gag mit dem Spiegelbild konnte sie nicht noch mal bringen, nachdem sie die zwischen den Treppen eingekeilte zweite Harpyie mit magischen Ketten und einem Netz verschnürt hatte. Sie überlegte wohl, was außer Einhörnern und Phönixen noch gefährlich für eine Harpyie sein mochte.

Julius sah wieder zu Gloria, die immer noch von dunklem Feuer umlodert auf die zweite Harpyie zuging. Wieder sprang die Tür auf. Erneut stieß die Harpyie hervor, wohl ihrer Beute sicher. Doch dann schrak sie so heftig zurück, daß ihre Schwingen gegen den Türrahmen schlugen. Die Harpyie sah Gloria ganz ruhig auf sich zukommend, sich eigentlich zum Angriff anbietend. Doch das Gegenteil war der Fall. Sie selbst griff an. Die Harpyie blickte mit ihren gelben Raubvogelaugen nach oben zum gläsernen Dach. Einen Moment später schnellte sie, gerade noch vor den nach ihr leckenden dunklen Flammen, nach oben und flog hinauf bis zur gläsernen Decke. Gloria betrat unbekümmert den Harpyienraum und hatte es nicht mal nötig, den Zauber zu wirken, der die Flammenwolke öffnete. Die Feuerzungen berührten die Kiste ... und taten dieser überhaupt nichts an! Auch als Gloria ihre freie Hand genau durch die sie umzüngelnden Flammen führte geschah ihr nichts. Hippolyte Latierre, Madame Faucon und Professor McGonagall erschraken heftig. Doch Gloria geriet nicht in den vernichtenden Brand alles Licht schluckender Flammen. Sie öffnete die Kiste, zog die bronzene Feder aus dieser heraus und steckte sie ein, ohne das der Trophäe oder Gloria irgendwas passierte.

"Die hat uns alle voll verladen", erkannte Julius. "Das dunkle Feuer ist nur eine Illusion, aber von einer tragbaren illusionären Aura habe ich noch nie was gehört oder gelesen. Und mich interessiert alles, um Feinde ohne sie umzubringen zurückzutreiben."

"Serge, Kommando Ausschluß zurück. Mademoiselle Porter hat uns alle, einschließlich der Harpyien gründlich hereingelegt", gab Hippolyte in die mit ihrem Mitarbeiter Serge verbundene Mithörmuschel weiter. Sie strahlte hellauf begeistert, derartiges erleben zu dürfen.

Laurentine indes kam zu einem Entschluß. Wenn sie aus dem Beuteschema einer Harpyie heraus wollte, ohne ihre menschlichen Eigenschaften aufgeben zu müssen, dann mußte sie kleiner oder größer sein als ein normaler Mensch. Sie deutete mit dem Zauberstab auf sich und schien von diesem wie ein Luftballon aufgeblasen zu werden. Julius sah, wie gekonnt sie den Eigengrößenveränderungszauber einsetzte und innerhalb von nur fünf Sekunden auf die maximal annehmbare Größe von dreifacher Ausgangsgröße wuchs. Als nun über vier Meter große Riesin stampfte sie auf die dritte Tür zu und hieb mit dem kleinen linken Finger die Türklinke nieder. Die Tür ging auf. Dahinter lauerte die Harpyie, drei Meter groß. Doch als sie die ins Riesenhafte angewachsene Laurentine sah war sie einen Moment total verwirrt. Laurentine holte mit der linken Faust aus und versetzte der gefiderten Kreatur einen so heftigen Schlag gegen die Schläfe, daß diese weit in den Raum zurückgeschleudert wurde.

"So geht's auch", meinte Julius anerkennend. Die Harpyie blieb benommen oder gar bewußtlos liegen und ließ sich nun widerstandslos in magische Ketten legen, wobei Laurentine die Ketten dreifach ineinanderschmiedete. Dann zauberte sie schnell, daß sie wieder auf Normalgröße zusammenschrumpfte. Selbstverwandlungen mit Größenzunahme zehrten an der Ausdauer. Das wußte natürlich auch Laurentine.

"Da hat dieses geflügelte Biest nicht mit gerechnet", stellte Millie anerkennend fest, als sie sah, wie Laurentine ihre dritte Kiste öffnete und eine weitere Feder und einen smaragdgrünen und einen goldenen Schlüssel herausholte. Schnell wandte sie sich um, weil die gefesselte Harpyie gerade wieder zu sich kam und merkte, daß sie in Ketten lag. Ob sie die magisch heraufbeschworenen Eisenketten sprengen konnte wußte Julius nicht. Laurentine wollte es offenbar auch nicht herausfinden und rannte zu jener goldenen Tür, die zur nächsten Brücke führte. Sie war Gloria noch um mehr als einer Minute voraus. Denn diese erschreckte gerade erst die dritte Harpyie mit ihrer gefährlich wirkenden Feueraura.

Hubert hat gerade mal die zweite Harpyie weit genug ausgezehrt, daß er ihr ihren Schatz klauen kann", feixte Millie, während Laurentine bereits an der nächsten Tür stand, die jedoch gelbglühend wurde, als sie ihr näher als zwei Schritte kam. Laurentine versuchte sie mit Wasser zu kühlen. Es verdampfte. Sie wirkte einen Gefrierzauber. Dieser verpuffte mit blauen Blitzen. Dann kam ihr die Idee, Den Aura-Sanignis-Zauber wie gegen Dämonsfeuer zu wirken und berührte damit die glühende Tür. Die gelbe Glut wurde zu gelben Blitzen, die an der goldenenFlammenaura entlangsprühten und darüber und dahinter zu gelben Funken wurden. Nach zehn Sekunden lag eine harmlose Metalltür vor Laurentine. Doch sie hatte hierfür keinen Schlüssel. Sie betrachtete die Tür, bis ihr wohl drei Markierungen auffielen, die sie stutzig machten. Julius blickte derweil auf Gloria, die nun auf die andere Brücke trat und so schnell sie konnte lief. Dabei verlosch die dunkle Flammenwolke um sie herum übergangslos im Nichts. Das war der letzte wichtige Hinweis, daß Gloria nur eine Illusion erzeugt hatte.

Laurentine hatte derweil die drei erbeuteten Federn genauer angesehen und festgestellt, wie sie auf die Markierungen an der Tür paßten. Als sie die Federn auf die entsprechenden Stellen legte, glühten diese auf und verschmolzen mit der Markierung. Als die goldene, silberne und bronzene Markierung die farblich passende Feder verschlungen hatten, gab die Tür nach und ging nach innen auf. Julius sah sofort die hinter der Tür auflodernde Feuerwand. Laurentine bemerkte sie in dem Moment, wo sie eintreten wollte. Laurentine überlegte nur kurz. Dann zielte sie auf die Flammenwand und rief wohl zwei Wörter. Die dabei gemachten Lippenbewegungen verrieten Julius, daß sie den Elementa Recalmata wirkte, mit dem ein gerade wirkender Elementarzauber welcher Art auch immer aufgehoben werden konnte. Den hatte er ihr auch erklärt. Den hätte er auch sofort gebracht. Tatsächlich war der Weg in das Haus jetzt frei. Doch dort wartete ein Feuerdschinn von gigantischen Ausmaßen. Den konnte sie mit Vivideo-Zauber nicht orten. Dem konnte sie auch mit einer Selbstvergrößerung nicht imponieren oder mit illusionären Wesen. Denn für Feuerdschinnen galten nur die alten Worte der Geisterbeschwörung oder die weiße Flamme von Luxor als gefährlich und damit beachtenswert. Jeztt galt es. Laurentine wußte, daß sie jetzt wohl den heftigsten Gegner vor sich hatte. Wenn der Feuerdschinn gemerkt hatte, daß sie die Flammenwand hinter der Tür niedergerissen hatte, ja wenn er auch schon die Auslöschung des Glutzaubers über der Tür mitbekommen hatte, dann machte er sich sicher schon kampfbereit. Mit Wasserstrahlen war diesen dämonischen Daseinsformen auch nicht beizukommen. Der gegen Dämonsfeuer wirksame Zauber ging auch nicht, weil ein Feuerdschinn ein eigenständiges, denkfähiges Wesen war.

Gloria hatte nun das selbe Problem wie Laurentine und löste es auf dieselbe Weise. Auch die hinter der Tür auflodernde Flammenwand schaffte sie mit wohl demselben Zauber aus dem Weg.

Hubert hatte inzwischen leicht zerzaust von ihn bedrängenden Windzaubern seine drei Federn erbeutet und war jetzt erst auf dem Weg nach draußen.

Laurentine prüfte wohl jede Tür. Sie kannte den Mentijectus-Zauber, um die eigenen Sinne auf einen bestimmten Raum zu konzentrieren, als sei man selbst dort vorhanden. Damit ließen sich gefahrvolle Räume untersuchen und sogar dort lauernde Flüche aufspüren.

Gloria indes verwendete wohl auch den Mentijectus-Zauber. Sie prüfte wohl jeden erreichbaren Raum, bis sie zusammenschrak. Irgendwo schien ihr etwas entgegenzuwirken. Sie stand einen Moment ratlos da. Dann holte sie den goldenen Zylinder hervor, den sie im Acromantula-Haus im Spaziergang erbeutet hatte. Sie betrachtete ihn und stellte fest, daß er sich aufschrauben ließ. Da lächelte sie. Sie ritzte sich mit ihren Fingernägeln eine kleine Ader am Arm auf und ließ Blut in den Zylinder hineinfallen. Danach hielt sie den zauberstab an das Gefäß und gab wohl einige Laute von sich. Damit stand für Julius fest, das Gloria einen Feuerdschinn erwartete, den sie in diesem Zylinder einsperren wollte. Hippolyte Latierre schien das auch zu erwägen. Sie sprach wieder mit einem ihrer Mitarbeiter.

"Sollte es gelingen, daß Mademoiselle Porter den Feuerdschinn in dem Zylinder bannt, könnte sie einen Nachteil in der dritten Runde haben."

Julius hätte fast gefragt, welcher das war. Vielleicht sollte er Gloria anmentiloquieren. Hier am Strand ging das normalerweise. Doch gerade noch rechtzeitig fielen ihm zwei Sachen ein. Zum einen war das gegen die Regeln, wenn ein Zuschauer mit einem Champion mentiloquierte. Das würde Gloria disqualifizieren und ihn trotz aller guten Leistungen von der Schule befördern. Zweitens hatten die Veranstalter wohl vorgesorgt und eine vorübergehende Sperre gegen das Gedankensprechen errichtet. So konnte er nur zusehen, wie Gloria voranschritt, um sich dem zu stellen, was ihrer harrte.

Hubert, eingehüllt in jene goldene Flammensphäre des Aura-Sanignis-Zaubers, hatte bereits das Feuer-Haus betreten. Die hinter der Tür auflodernde Flammenwand hatte sich an der goldenen Flammensphäre ausgetobt. Doch bevor der Schutzzauber zusammenbrach war Hubert durchgebrochen und suchte nun nach seinen Gegnern.

Gloria wurde angegriffen. Aus den Seitengängen flogen ihr Feuerbälle entgegen. Das Haus steckte offenbar voller Zauberfallen der Elementarkraft Feuer. Doch Gloria wurde immer noch in die goldenen Flammen des Schutzzaubers eingehüllt. Die auf sie zufliegenden Feuerbälle zerplatzten daran. Doch Gloria taumelte. Die ihr zugedachten Feuerangriffe würden sie sicher erschöpfen. Sie wirkte erneut den Elementa Recalmata, als weitere Feuerangriffe auf sie ausgeführt wurden.

Laurentine schien wohl zu überlegen, wie sie einen Feuerdschinn besiegen konnte. Sie hatte den goldenen Zylinder ebenfalls geöffnet. Doch anders als Gloria sah sie diesen wohl nicht als Einkerkerungsbehälter für einen Feuerdschinn. Sie schloß den Zylinder wieder. Sicher war Gold ein wirksames Hilfsmittel gegen Feuerdschinnen. Doch ihr kam wohl der Gedanke, daß der Zylinder für was anderes gut sein sollte. Sie jagte in jeden Korridor, den sie betreten wollte einen zauber hinein, der immer wieder mit dort lauernden Fallen wechselwirkte und diese auslöschte.

Das Feuerhaus zu durchstöbern dauerte für sie alle wohl eine halbe Stunde. Immer wieder mußten stationäre Feuerzauber gekontert und auflodernde Feuerwände niedergerissen oder in Huberts Fall im Schutz der goldenen Flammensphäre durchbrochen werden. Hubert hatte auch keine Anstalten gemacht, durch ein Blutopfer den goldenen Zylinder für einen zu fangenden Feuerdschinn vorzubereiten. Er suchte das Haus ab, durchwühlte mit Zauberkraft Schränke, in denen jedoch nur alte, angekohlte Kleidung und ein mit Brandflecken übersähtes Buch zu finden waren. Laurentine und Gloria gingen gleich davon aus, daß was sie noch zu finden hatten bei den Gegnern selbst zu finden sein mußte. Gloria wußte ja mittlerweile, daß es nur einen Gegner gab. Laurentine untersuchte jeden Raum vorsorglich. Dann stand sie vor der entscheidenden Tür. Der hinter dieser wartende, sechs Meter große, wie eine Mischung aus Mensch und Riesenfackel aussehende Feuergeist spürte die Nähe einer lebenden Seele, gewahrte das in einem Körper langsam brennende Feuer des Stoffwechsels, pures Leben, seine Nahrung, seine Leidenschaft. Doch ein Bann hielt ihn in diesem Raum gefangen. Erst wenn jemand die Tür öffnete, würde er sich bewegen können.

"Hoffentlich überlebt Laurentine das", unkte Céline. Sie hatte es zwar mitbekommen, wie sie mit Julius geübt hatte. Doch sicher sein, daß sie es damit auch schaffte, konnte sie nicht.

Laurentine erreichte die Tür, hinter der der Feuerdschinn lauerte. Sie hatte den anderen Räumen nicht die Beachtung gewidmet wie Hubert. Ihr war klar, daß sie das was sie finden mußte, nicht unbewacht vorfinden würde. Nur hinter dieser Tür lauerte etwas, daß jeden Aufspürzauber zurückdrängte. Bevor sie die Tür öffnete vollführte sie eine Apportation. Aus dem Nichts heraus erschien ein großer Schürhaken, an dem bereits rußige Stellen waren. Alles was vom Feuer berührt wurde konnte dem Dschinn gefährlich werden, wenn es mit der weißen Flamme von Luxor bezaubert wurde. Laurentine legte den Schürhaken auf den Boden und vollführte zwei schnelle Zauberstabbbewegungen darüber. Blaue Funken knisterten. Laurentine hatte dabei keine einzige Silbe laut ausgesprochen. Dann zielte sie auf die Tür und wirkte den Öffnungszauber. Die Tür sprang auf, und sogleich fuhr eine mannsdicke Lohe heraus, ein rotgoldener Feuerarm, der auf die drei Schritt vor der Tür stehende zuraste und sie umschlang. Doch die goldene Sphäre bewahrte Laurentine vor dem sofortigen Tod. Statt dessen ließ sie ihren Zauberstab vorschnellen und stieß wohl mit ganzer Lautstärke Beschwörungsformeln aus, jene, die die weiße Flamme von Luxor entfachten.

Der Dschinn konnte nicht vollständig aus seinem Kerker heraus. Er mußte sich kleiner machen. Da sprang eine grellweiße Flammensäule von dem Schürhaken auf, über den der Flammenarm gerade noch hinweggeschossen war. Die weiße Flamme stieg bis zur Decke, durchdrang den rotgoldenen Flammenarm. Julius vermeinte, einen Strom Funken aus dem Maul des Dschinns entfahren zu sehen. Vielleicht war das auch ein lauter Schrei. Jedenfalls mußte dem Feuerdämon nun klar sein, daß die Lebendige ihn ernsthaft gefährden konnte. Das Flammenungetüm schnellte in seinen Kerker zurück. Doch das weiße Feuer hatte sich schon an ihm festgeheftet und zerrte an ihm. Seine feurige Gestalt wurde mehr und mehr davon eingeschlossen. Laurentine rief oder sang die Wörter aus Ägypten weiter. Der Schürhaken erglühte im weißen Feuerzauber. Der Dschinn ballte sich zusammen, wollte wohl als kompakte Feuerkugel seinem Gemach entfahren und die kleine Beschwörerin da niederreißen. Doch diese stieß weiter ihre Zauberwörter aus, die in drei ineinanderfließende Mantren zerlegt einen Kreis aus Worten bildeten, wie Julius und sie es gelesen hatten. In diesen Kreis geriet nun der Feuerdschinn, der versuchte, sich aus den immer mehr umschließenden weißen Flammen freizusprengen. Laurentine stieß weiter ihre Zauberwörter aus, bis sie sicher sein konnte, daß der Dschinn mit einer weißen Flamme an den Schürhaken gebunden war. Jetzt hatte sie ihren Gegner sicher. Sie konnte ihn nun sprichwörtlich am langen Arm verhungern lassen oder dazu zwingen, ihr ihren wahren Namen zu verraten. Laurentine sah hinter dem Dschinn eine Kiste aus goldenem Metall. Dann entdeckte sie einen Tonkrug mit Deckel. Ton mußte zum Härten gebrannt werden, war also auch von Feuer berührt und erschaffen. Julius prüfte sofort, ob er durch den flammenden Körper der beiden anderen Dschinnen einen ähnlichen Gegenstand erkennen konnte. Tatsächlich konnte er solche Krüge sehen. Sollten die Dschinnen darin eingesperrt werden? Doch vielleicht war das auch nur Täuschung. Laurentine jedenfalls erinnerte sich daran, was sie gelesen hatte. Wer einen Dschinn einzusperren schaffte lud sich dessen Feindschaft auf, auch wenn der Dschinn selbst den Bezwinger nicht mehr angreifen durfte. Laurentine schien nicht davon begeistert zu sein, den Dschinn einzusperren. Sie wählte die andere Art, ihn sich vom Hals zu schaffen. Sie sprach auf ihn ein, ließ noch ainmal das weiße Feuer um ihn rotieren, das ihn band. Doch es dauerte Minuten, in denen das weiße Feuer immer wieder davorstand, zu erlöschen. Geschah dies war Laurentine keine Sekunde später erledigt.

Hubert vertat weiterhin zeit damit, alle Räume zu durchsuchen. Dabei löste er nur weitere Feuerzauber aus und fiel einmal durch eine Falltür in einen Geheimraum unter dem Zimmer, das er gerade erforschte. Das stachelte ihn jedoch an, jeden Raum genau zu durchsuchen.

Gloria Porter besah sich gerade noch einmal den Zylinder. Dann ging ihr wohl auf, daß es nicht darum ging, den Dschinn darin einzukerkern, sondern um etwas anderes. Sie reinigte den Zyhlinder von ihrem Blut, soweit sie das konnte. Sie hoffte nur, daß er, wenn er eine magische Funktion hatte, diese durch ihr Blut nicht außer Kraft gesetzt worden war. Dann fiel ihr ein, wie sie den Dschinn aus dem Weg schaffen mußte.

Julius sah, wie Laurentines Flamme langsam wankte. Sie mußte sie immer wieder neu entfachen. Dann, gerade noch so, daß sie genug des magischen Feuers um den Feuerdschinn konzentrierte, zog dieser sich zurück. Sie sagte etwas. Die weiße Flamme wurde stärker. Der Feuerdschinn erzitterte wild. Dann zog er sich in die länge wie eine Schlange. Laurentine befahl ihm noch einmal etwas. Der Dschinn rollte sich zusammen. Dann wurde er zu einer kleinen Gestalt aus hellem Licht, aus dem vereinzelte Funken heraussprühten. Dann erlosch die Verbindung zum Schürhaken, und der eingeschrumpfte Feuerdämon flitzte an Laurentine vorbei zu einem senkrechten Schacht, der aus dem Haus hinausführte. Im Hui entfuhr der zusammengestauchte Feuergeist seinem bisherigen Domizil und raste wie eine ins All zurückstrebende Sternschnuppe davon, fast in den Besen von Monsieur Chaudchamp hinein. Der Weg für Laurentine war frei. Mit zwei gezielten Fluchbrechern und einen Elementa Recalmata, wie Julius vermutete, prüfte sie nach, ob der Raum frei von dunklen Zaubern war. Dann betrat sie das Gemach des Feuerdschinns. Sie öffnete die goldene Kiste im Schutz eines Kopfblasenzaubers und immer noch von der goldenen Flammensphäre eingehüllt. Dann entnahm sie der Kiste eine große Kristallflasche, in der eine sonnengelbe Flüssigkeit enthalten War. Außerdem lag in der Kiste auch noch ein armlanger goldener Schlüssel. Das besondere an ihm, er besaß drei durch schmale Lücken getrennte, am henkelartigen Griff zusammenlaufende Bärte. Laurentine nahm ihn an sich und lief damit zur hinteren Tür, wo sie bereits jenes merkwürdige Türschloß gesehen hatte, das drei Schlüssellöcher zu enthalten schien. Der bis zum Griff dreigespaltene Schlüssel paßte. Sie drehte ihn um und öffnete die Tür. Sie trat hinaus aus dem Haus des Feuers. Sie war die erste!

Gloria kannte auch die weiße Flamme von Luxor und bannte den Dschinn damit. Ähnlich wie Laurentine knapp zwei Minuten zuvor konnte sie den Feuergeist dazu bringen, das Haus und das Land zu verlassen. Auch sie fand jene Flasche mit gelbem Inhalt und den Schlüssel zum Verlassen des Hauses.

Hubert hatte nach langer und nutzloser Durchsuchung den Raum des ihm zugeteilten Feuerdschinns gefunden. Ähnlich wie knapp eine viertelstunde vor ihm Laurentine beschwor er einen Schürhaken herauf und bannte den Dschinn mit der weißen Flamme von Luxor. Doch als er dessen wahren Namen kannte, opferte er etwas von seinem Blut und bezauberte damit den Tonkrug mit Deckel. Dann zwang er den Dschinn, in diesen Tonkrug hineinzuschlüpfen. Als der Krug nur noch von wild flackerndem Feuer erfüllt war, schloß Hubert diesen und tippte ihn mehrmals mit dem Zauberstab an. Dann holte er sich seine Belohnung, die Flasche mit dem gelben Inhalt und den Schlüssel mit den drei Bärten.

Als am Ende alle drei Champions aus dem Feuer-Haus heraus waren klatschten alle aufatmend. Sie alle hatten überlebt.

"Und wer es schafft, sich allen vier großen Elementen zu stellen und aus ihnen Leben zu schöpfen, der hat den großen Schritt auf seinem oder ihrem Weg getan, ein erfülltes, abwechslungsreiches Leben zu führen", sprach Madame Hippolyte Latierre abschließend und beglückwünschte alle Champions. Es hatte doch nicht so lange gedauert wie Madame Faucon angenommen hatte. Insgesamt waren alle drei nach anderthalb Stunden aus dem Parcours der vier Elemente herausgelangt. Außer Hubert, der beim Kampf mit den Harpyien gut zerzaust worden war, hatte kein Champion eine Verletzung hinnehmen müssen. Madame Rossignol, die abseits der neun Häuser saß, war sichtlich erleichtert.

Nach dem letzten Champion kam nun die Wertung. Die fünf Richter berieten sich. Dann wurde das Ergebnis bekannt gegeben. Im Punkte Schnelligkeit, Kreativität und Ausdauer erhielt Laurentine fünfzig, Gloria wegen ihres scheinbaren Dunkelfeuers 49 und Hubert wegen seiner Trödelei im Dschinnenhaus nur dreißig Punkte, zumal die Eleganz, wie die Mädchen sich gegen die Spinnen und Harpyien behauptet hatten durch seine Konfrontationszauberei nicht erreicht worden war. Die Gräfin Greifennest mußte den Jungen beruhigen, der Anstalten machte, sich zu beschweren. Julius gratulierte Laurentine, die ihren Spitzenplatz behauptet hatte. Dabei hörte er einen der Ministeriumsbeamten zu Hubert sprechen:

"Wohin dürfen wir den von Ihnen eingekerkerten Feuerdschinn schicken, Monsieur Rauhfels?"

"Ähm, den können Sie mitnehmen und in Allahs weiter Wüste wieder rauslassen", sagte Hubert verdrossen. "Ich wollte nur das haben, was er bewacht hat. Ich bin Mondenqueller, die haben es nicht so mit Feuergeistern."

"Dafür haben Sie ihn aber sehr gekonnt gebannt und gebunden, Monsieur", sagte der Ministeriumsmitarbeiter. "Durch Ihre bewußte Tat haben Sie Eigentumsrechte an dem Behälter und dessen Inhalt erworben. Abgesehen davon ist es ab jetzt bis nach Ihrem Tode für jeden lebensgefährlich, den eingesperrten Dschinn wieder freizulassen, egal wer, egal wo. Er würde auch nach ausgelebter Wut an seinem Befreier zu Ihnen finden und in ihrer Nähe verbleiben, um auf ihren, nicht von ihm bewirkten Tod zu warten. Insofern haben Sie für dieses Geisterwesen ab heute die Verantwortung übernommen. Also, wohin soll der in dem Krug inkarzerierte Feuerdschinn gesendet werden?"

Hubert stöhnte etwas wohl auf Deutsch. Die Gräfin hörte dies und antwortete auf Französisch: "Ihre Frau Großtante wird Sie deshalb nicht erwürgen, nur weil Sie fanden, einen Gegner vollkommen unter Ihre Kontrolle bringen zu müssen. Aber Herrschen, werter Herr Rauhfels, hieß und heißt immer Verantwortung für den, die oder das Beherrschte. Und Sie haben den Feuerdschinn unter ihre Herrschaft gezwungen und sind nun sein Meister."

"Hätte der Rauhfelser Hubi kein Problem mit, wenn dieser Geist wie ein schnuckeliges junges Mädchen aussehen würde", gab Joseph Maininger noch einen Kommentar zum besten. Julius konnte da nicht anders, als die Titelmelodie aus der Fernsehserie um die bezaubernde Jeanie summen. Laurentine grinste und summte mit. Joseph sah die beiden an und nickte beipflichtend.

"Und wenn ich diesem Dschinn sage, er könne oder solle in seine Heimat und uns alle in Ruhe lassen?"

"In dem Moment, wo sie ein Gefäß auf ihn geprägt und ihn daran gebunden haben, bis sie sterben, kann der Dschinn nicht mehr frei leben. Die Chance haben Sie vertan. Mademoiselle Hellersdorf und Ms. Porter haben das gelöst, indem sie die Dschinnen dazu veranlaßten, sich von ihnen zu entfernen. Sie haben Ihren eingekerkert. Jetzt müssen sie für ihn die Verantwortung tragen. Natürlich sehen hier alle ein, daß Sie ihn nicht in Beauxbatons aufbewahren können. Die Versuchung, daß jemand ihn freiläßt und dabei den Tod findet ist zu groß. Also beantworten Sie dem Herren vom Zaubereiministerium gütigst die Frage, wohin der Behälter mit dem Feuerdschinn gesendet werden soll!" Verlangte die Gräfin.

"Gut, in Gringotts Frankfurt am Main befindet sich das Verlies meiner Eltern. Ich werde diese bitten, den Krug ohne ihn zu öffnen in die hinterste Ecke zu stellen", sagte Hubert resignierend. Der Ministerialbeamte notierte sich dann die Angaben und auch die Adresse seiner Eltern.

"Wie hast du das mit dem dunklen Feuer gedreht, Gloria. Nicht nur ich habe geglaubt, daß das echt war", bestürmte Julius Gloria Porter, als die Champions und Schüler nach dem anstrengenden Turniernachmittag die milde Spätwinterwitterung ausnutzten, um in den Parks herumzulaufen.

"Tja, ich kenne da Leute, die haben mir erzählt, wie dunkles Feuer aussehen muß und daß es nach außen Kälte verströmt. Da habe ich einen nur mir und meinen Cousinen beigebrachten Illusionszauber gewirkt, der um einen lebenden Menschen herum aufgebaut wird. Die Harpyien sind da voll drauf reingefallen, weil sie das dunkle Feuer wohl als Gefahrenquelle kannten", sagte Gloria.

"Das geniale Beispiel für Tarnen und Täuschen", stellte Julius klar und wünschte Gloria noch einen erholsamen Nachmittag.

Laurentine mußte auf Anweisung Madame Rossignols bereits nach dem Abendessen zu Bett. Um sicherzustellen, daß sie nicht von ihren Mitschülerinnen gestört wurde, zitierte sie die siegreiche Championette in den Krankenflügel und zog einen schallschluckenden Wandschirm um eines der Betten.

Als Julius von Céline erfuhr, welche Therapie Laurentine erhalten hatte sagte er: "Och joh, dann darf sie einmal in Millies und meiner Nähe übernachten."

"Wann soll euer Baby rauskommen?" Fragte Gabrielle Julius, bevor Céline sie in ihren Schlafsaal schickte.

"Also, das kann zwischen ein paar Tagen und zwei Wochen schwanken. Millie hofft, es zu ihrem eigenen Geburtstag in den Armen zu haben. Aber im Moment geht Madame Rossignol von Anfang Mai, also Walpurgis bis fünfter Mai aus. Wieso?"

"Weil fleur mir geschrieben hat, daß jetzt sicher ist, daß meine Nichte auch zwischen Walpurgis und dem vierten Mai aus ihr rausfällt."

"Rausfallen wird sie wohl nicht. Aber das laß dir besser von deiner maman erklären, wie ihr beide auf die Welt gekommen seid", erwiderte Julius amüsiert. Wie schön einfach es doch war, über neues Leben zu plaudern, wenn heute drei Champions vier gefährliche, ja lebensbedrohliche Prüfungen hatten meistern müssen, fand Julius. Er sagte noch: "Nachher haben deine Nichte und meine Tochter am selben Tag Geburtstag, obwohl deine Nichte länger Zeit hatte, groß genug für die Welt zu werden."

"So'n Pech, daß die mit dem Engländer verheiratet ist. Dann kommt die Kleine ja nach denen von Hogwarts hin und nicht nach Beaux wie Sandrines und Millies Babys."

"Und der Enkel von Minister Grandchapeau, sowie das im April ankommende Kind Madame Delamontagnes und wer noch so alles in diesem Jahr zur Welt kommt", setzte Julius die Reihe fort. Er dachte daran, daß Cassiopeia womöglich zwei uneheliche Kinder trug, sogenannte Kuckuckskinder, die sie ihrem Mann Emil wohl gerne als seine eigenen untergejubelt hätte. Was da noch nachkam mußte ihn zwar nicht interessieren. Doch womöglich würde er irgendwie wieder damit zu tun kriegen, weil er ja um mehrere Ecken mit den Dusoleils und Odins verwandt war.

"Hubi Rauhfels ist aber nicht so begeistert von seiner geistreichen Errungenschaft", grinste Millie, als Julius neben ihr im Ehebett lag und die Vorhänge zugezogen waren.

"Für einen, der aus einem Haus friedfertiger Leute kommt hat der sich auch voll Jungenhaft durch alle Gegner durchgekämpft, Mamille. Aber Laurentine hat uns ja echt alle über Jahre voll verarscht. Den Trick mit dem Spiegel kannte ich auch noch nicht."

"Hat sie ihn dir verraten?" Fragte Millie herausfordernd.

"Sie meinte sowas, daß sie nach ihrer Auswahl ein Buch über Tarn- und Täuschzauber gelesen habe, wo der erwähnt wurde. Das stehe in der Bibliothek. Allerdings bräuche man dafür eine Genehmigung Delamontagnes oder Madame Faucons, weil da auch Sachen drinstünden, mit denen man unschuldige Menschen arg hintergehen kann."

"Das kann ich mir vorstellen. Frag mal deine Madame Reichenbach, wie gut das geht", grummelte Millie. Julius konnte darauf nichts sagen, bis ihm einfiel zu fragen:

"Suzanne soll das wissen? Okay, glaube ich dir sofort."

"Neh, ich meine die, die früher mal Glorias Grandmaman war", schnaubte Millie. Dann mußte sie lachen. "Hat zwar ein wenig länger gedauert als früher, aber du kannst immer noch einen passenden Spruch finden, Monju." Beide lachten. Sie umarmten einander. Zwei runde Bäuche rieben aneinander. In einem erwachte gerade das junge Leben, dessen Ankunft sie beide ersehnten und stupste Mutter und Vater durch die beiden Bauchdecken. Julius fühlte, daß Millie genug für die kleine Aurore zu trinken haben würde.

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