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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Julius merkte es schon, daß er immer mehr wog. Auch wenn er jeden Tag mehrere Minuten mit und ohne Schwermacher trainierte fühlte er, daß er sich nicht mehr so bewegen konnte wie vor Millies ersten Hungeranfällen. Zwar konnte er die ihm nachgerufenen Spötteleien der zu meist aus dem blauen und dem roten Saal stammenden Jungen und Mädchen gut kontern. Doch er wußte, daß er ohne die klare Überzeugung, das alles für seine ungeborene Tochter zu tun, sicher nicht so selbstsicher geblieben wäre.

Hubert wurde von seinen mitgereisten Landsleuten wie auch den Schülern aus Hogwarts und Beauxbatons damit aufgezogen, daß er nun stolzer Besitzer eines Feuerdschinns war und er daher im Winter wohl nie wieder frieren müsse. Der in Greifennest im Haus Mondenquell untergebrachte Turnierteilnehmer hatte bei weitem nicht jene Selbstbeherrschung, die seine Seele wie mit einem schützenden Panzer umkleidete. Allerdings gehörte er auch nicht zu jenen, die ihre Verärgerung offen herausbrüllten oder anderen gegenüber handgreiflich wurden, wenn sie was sagten, das ihm nicht gefiel. Seine Reaktion war eher, daß er sich mehr und mehr von allen allgemeinen Treffen der Schüler absonderte. Nur im Unterricht und den Freizeitkursen war er zu sehen. Was den Unterricht anging, so beteiligte er sich auch nur soweit, wie es die gestrengen Lehrer von ihm verlangten. Außer der Sache mit dem eingekerkerten Feuerdschinn piesackte Hubert wohl auch, daß die beiden Konkurrentinnen ihn weit hinter sich gelassen hatten, obwohl er mit aller Verbissenheit und allen ihm bekannten Zaubern dagegengehalten hatte. Einmal hatte Edith Messier aus dem violetten Saal versucht, ihn auf dem Pausenhof anzusprechen. Da hatte er sie fast geschlagen. Edith, auf Grund dieser unmißverständlichen Verärgerung verschnupft, hatte ihm wohl noch was zugeflüstert und sich dann mit hocherhobenem Kopf von ihm abgesetzt. Huberts hauskamerad Armin Kesselgrund hatte dann noch einmal nachgehakt, was Edith von Hubert gewollt hatte. Doch diese hatte ihn eiskalt abblitzen lassen. So ging Armin zu Waltraud, die sich gerade mit Céline, Millie, Laurentine und Sandrine unterhielt. Julius übte derweil die Pausenhofaufsicht zusammen mit Professeur Dirkson aus.

"Wie gut kennst du dich in der Hausbelegung von Greifennest aus, wo Waltraud schon einmal ein Jahr bei euch gewesen ist, Julius?" Fragte die schwarzhaarige Verwandlungslehrerin ihren zugeteilten Pausenhofbegleiter.

"Wenn Sie meinen, daß die Häuser auch nach gewissen Bedingungen belegt werden wie in Hogwarts oder hier in Beauxbatons, dann kann ich nur sagen, daß die Häuser die Charaktereigenschaften der vier alten Naturelemente wiedergeben. Hubert wohnt im dem Wasser und dem Mond verbundenen Haus Mondenquell. Die gelten als sehr an Natursachen interessiert, aber ansonsten auch sehr zurückhaltend. Deshalb ist Hubert wohl gerade so niedergeschlagen, weil er nicht weiß, wie er das mit den beiden Runden richtig abreagieren kann."

"Als Dreifachmutter und Lehrerin habe ich ja eine gewisse Erfahrung damit, was jemanden so verdrossen machen kann. Deshalb denke ich, daß Hubert bald eine Art Erfolgserlebnis haben sollte, um nicht an unserem Unterricht und der Vorbereitung auf die dritte Aufgabe zu zerbrechen. Seine Tante ist ja eine Kollegin von mir. Kann sein, daß er mit der Grundhaltung herkam, endlich aus ihrem Schatten herauszukommen."

"Das garantiert, zumal er ja jetzt die ganze Last von Greifennest auf den Schultern hat, sowie bei uns Laurentine oder Gloria für Hogwarts", erwiderte Julius.

"Ich bin nicht so für harte maßnahmen, weißt du ja. Aber wenn Hubert Rauhfels sich nun immer rarer macht könnte der Eindruck entstehen, er wolle mit den anderen nichts mehr zu tun haben, weil er entweder als Champion eine Sonderstellung genießt oder schlicht davon ausgeht, bereits alles verloren zu haben und damit jeden Grund verspielt hat, hier noch weiter bleiben zu sollen."

"Hmm, was meinen Sie jetzt genau, Professeur Dirkson?" Hakte Julius nach.

"Das ich kurz davorr stehe, ihn nachsitzen zu lassen, weil er sich im Unterricht nicht mehr so einbringt wie zu Beginn des Turniers noch. Ich habe schließlich unterschrieben, daß ich mithelfe, das hier erreichte Leistungsniveau zu erhalten oder wenn möglich zu steigern. Bevor ich zu Madame Faucon gehe, um diese zu bitten, bei ihrer Kollegin Greifennest nachzuhaken, warum Hubert nur noch das nötigste im Unterricht tut wollte ich zusehen, ihn irgendwie zu motivieren, bevor ich mit härteren Maßnahmen vorgehe."

"Ist Hubert denn so heftig abgesackt?" Fragte Julius. "Da habe ich ehrlich gesagt nichts von mitbekommen. Ich kriege nur mit, daß er nur noch dann was sagt oder vorführt, wenn er direkt dazu aufgefordert wird, wie in der letzten Stunde bei Professeur Delamontagne, der von ihn aufgefordert hat, alle fünfzig Formen progressiver Flüche mit den sie aufhebenden Gegenzaubern zu beschreiben."

"Früher hat er sich gemeldet, wenn ich allgemein in die Runde gefragt habe. Soweit ich weiß tut er das nicht nur bei mir nicht mehr, sondern auch bei den anderen Kollegen, deren Unterricht er besucht. Kann sein, daß ihr bei eurer nächsten Saalsprecherkonferenz darüber diskutieren könntet."

"Das dürfte dann den Saalsprecher der Violetten betreffen, weil die Abordnung aus Greifennest ja am violetten Tisch sitzt. Zumindest hat Madame Faucon uns so eingeteilt, daß Céline, Laurentine, Gérard und ich die Belange der Hogwarts-Gastschüler behandeln und die der Greifennest-Schüler von den Kollegen aus dem violetten Saal behandelt werden." Professeur Dirkson nickte. Julius sah, wie Hubert sich gerade noch in Sichtweite der Lehrerin in einer Ecke des Pausenhofes aufhielt, immer darauf bedacht, niemanden näher als Rufweite an sich heranzulassen. Auch als Waltraud von ihrer kurzen Unterredung mit Céline und den anderen Saalsprecherinnen zu ihm hingehen wollte, versuchte er, sie mit wilden Handbewegungen fortzuscheuchen. Doch sie blieb eisern und ging noch schneller auf ihn zu. Ob sie ihn auf Deutsch ansprach oder Französisch mit ihm sprach konnte Julius in dieser Entfernung nicht hören. Da Céline ihm gerade heftig zuwinkte achtete er auch nicht weiter darauf. Er bat Professeur Dirkson um die Erlaubnis, kurz zu seiner Klassenkameradin hinübergehen zu dürfen. Sie gewährte ihm diese Erlaubnis.

"Waltraud meint, Hubert ist drauf und dran, hier alles hinzuschmeißen, weil das mit der zweiten Runde für ihn noch mieser gelaufen ist, als er gedacht hat. Sie sagte sowas, daß er meinte, wir aus Beaux hätten uns mit denen aus Hogwarts drauf geeinigt, "die Neulinge" nicht hochkommen zu lassen", informierte Céline ihren Saalsprecherkollegen. Millie nickte ihrem Mann zu, sagte jedoch nichts.

"Warum ist die dann zu euch hin und nicht zu den Violetten?" Fragte Julius verwundert.

"Weil sie sich mit denen offenbar nicht so versteht wie mit uns", antwortete Céline. "Sie meinte, ihr Jungs könntet das mit ihm klären, daß er deshalb nicht schlechter ist als alle anderen, nur weil er gerade nicht die Gesamtwertung anführt. Waltraud meinte, es wäre vielleicht nett gewesen, wenn man ihm auch diesen Zauber beigebracht hätte, um Riesenspinnen auf Abstand zu halten. Offenbar hat ihm sein Schlafsaalkamerad Armin alles erzählt, und jetzt ..."

"Denkt er natürlich, daß Gloria und Laurentine sich abgesprochen haben oder eine gemeinsame Informationsquelle genutzt haben, die er nicht kannte", vollendete Julius den Gedankengang Célines.

"Waltraud hat das noch krasser gesagt als du, Julius. sie sagte wortwörtlich: "Hubert fühlt sich von allen wichtigen Leuten aus dem Turnier voll verarscht. Greifennest soll ja wohl nur als Notnagel herhalten, weil Durmstrang abgesprungen ist. Aber gewinnen soll dann bitte schön Hogwarts oder Beauxbatons." Sie meinte dann noch, daß Hubert es nett gefunden hätte, wenn ihm irgendwer gesagt hätte, wie man diese Riesenspinnen anders als mit Vereisungszaubern auf Abstand halten könne. Sie, Waltraud, hat ihm da wohl gesagt, daß dieser Zauber wohl nicht in frei zugänglichen Büchern drinstehe. Dumm nur, daß er dann drauf abgehoben hat, daß Gloria und Laurentine illegale Zauber verwendet haben sollen und die trimagischen Richter ihnen das locker haben durchgehen lassen. Laurentine hat ihr dann erklärt, woher sie den Zauber kannte, mit dem sie die Spinnen zurückgescheucht hat. Das gibt sie ihm jetzt weiter."

"Toll, damit der Typ sich dann gleich bei dir und mir beschwert, daß wir an Quellen sitzen, die ihm nichts verraten wollen. Wundere mich nur, daß Magistra Rauhfels in Greifennest ihren Schülern diesen Zauber nicht beibringt. Oder werden die Acromantulas da nicht drangenommen?"

"In der siebten wie bei uns auch", sagte Millie. "Zumindest habe ich Waltraud danach gefragt."

"Dann ist klar, daß der sich veralbert fühlt, weil Gloria und Laurentine schon wußten, wie sie gegen diese Viecher vorgehen können. Ich wüßte jetzt auch kein Schulbuch, wo der Zauber konkret drinsteht."

"Soll uns jetzt auch nicht mehr groß jucken, wo die in der dritten Runde wohl keine Riesenspinnen mehr bringen werden", bemerkte Millie dazu. Laurentine sagte dann noch:

"Ich ging davon aus, der wüßte von seiner Tante her, in welchen Büchern der was über gefährliche Zaubertiere nachlesen kann. Außerdem wurden wir ja alle früh genug drauf gebracht, mit was wir es zu tun bekommen könnten. Und ich kannte keine Einkerkerungsformel für Feuerdschinnen. Wenn es darum gegangen wäre, die einzufangen und zu verkorken hätte ich dann genauso dumm aus der Wäsche geguckt wie er bei den Riesenspinnen. Also soll der Typ sich nicht so haben. Hat wohl gedacht, mit der berühmten Tante würde er mit allen gefährlichen Kreaturen lockerer fertig als alle anderen Champions. Sicher zieht das runter, wenn rauskommt, daß die anderen besser sind. Aber verdammt noch mal, das ist ein Wettkampf. Jeder Teilnehmer bringt das, was im Rahmen des Erlaubten geht." Millie, Céline und Julius nickten. Sandrine verzog nur ihr gerundetes Gesicht. Offenbar versuchte sie, sich in Huberts Stimmung hineinzuversetzen. Sicher mußte der glauben, man habe ihn hoffnungslos benachteiligt. Aber wenn seine Schulleiterin das nicht klarbekam wer sonst?

"Ich muß wieder zu Professeur Dirkson zurück, Mädels. Wir sehen uns dann gleich bei Professeur Delamontagne", sagte Julius. Dann kehrte er zu Professeur Dirkson zurück.

"Der Dreifachkreis der Reinigung, werte Schülerinnen und Schüler, gehört zu den mächtigsten Schutz- und Entfluchungsritualen, die die hermetische Zauberei hervorgebracht hat", begann Professeur Delamontagne den Unterricht. Nach der ausgiebigen Übung im Auffinden und Eindämmen von Situationsflüchen ging es nun um die Rituale, um Häuser oder Personen vor Flüchen zu schützen oder bereits verfluchte Personen oder Gegenstände unschädlich von ihrem Fluch zu befreien. "Wie der Name sagt müssen zunächst drei Kreise mit gemeinsamem Mittelpunkt gezeichnet werden, deren Linien einen Abstand von einem halben Männerarm haben müssen. Wie Groß der Durchmesser des innersten Kreises sein muß ergibt sich aus der zu reinigenden Zone, wenn es ein Gebäude oder Grundstück ist oder aus der Zahl der von ein und demselben Fluch betroffenen Personen oder Lebewesen beziehungsweise der Grundfläche des zu entfluchenden Gegenstandes. Hierbei ist zu beachten, daß dieses Ritual nur dann ausgeführt werden sollte, wenn es sich bei dem Fluch um einen gepaarten oder getrippelten Fluch handelt, dessen Einzelkomponenten nicht durch die Ihnen nun bekannten Entfluchungszauber ausgelöscht werden können, ohne die zweite oder die weiteren Komponenten in Kraft zu setzen. Außerdem kann dieses Ritual nur dort durchgeführt werden, wo der Gegenstand oder die erste verfluchte Person entstanden sind. Handelt es sich bei dem Fluch um eine Verwünschung einer Gruppe von Personen oder einem diesen Personen gemeinsamen Zustand oder Beruf, so ist das Ritual nur dann wirksam, wenn es den ersten, der dem Fluch zu erliegen droht einbezieht. Ich bitte nun Monsieur Rauhfels darum, uns an der Tafel die drei konzentrischen Kreise und die sie unterteilenden magischen Sektoren aufzuzeichnen!" Der erwähnte Gastschüler und Greifennest-Champion sah den Lehrer verdutzt an, als wisse er nicht, was dieser von ihm wolle. "Genau, Sie meine ich, Monsieur Rauhfels. Soweit ich erfahren durfte ist ihr Herr Großvater in Deutschland bei den Lichtwächtern tätig, arbeitet also in der Bekämpfung bösartiger Zauberkundiger und ihrer Machenschaften. Deshalb gehe ich sehr stark davon aus, daß Sie den Tricircus purificatioonis totalus bereits in der empfohlenen Literatur nachgeschlagen und zu Gesicht bekommen haben. Also, wenn ich bitten darf!"

"Ähm, mein Opa erzählt mir längst nicht alles, was er so macht und wie genau", versuchte Hubert, die ihm gestellte Aufgabe abzuwimmeln. Ein warnendes Räuspern des Lehrers gebot ihm jedoch, keinen weiteren Widerspruch zu üben. Er stand auf und ging an die Tafel.

"Also, liebe Mitschülerinnen und Mitschüler: Dieser Dreifachkreis muß von innen nach außen gezeichnet werden, so Albertus Kieselweiß in seinem Buch über die Rituale der Reinheit. Außerdem gilt dafür, daß er mit dem Sonnenlauf, also auf unserer Erdhalbkugel im Uhrzeigersinn gezogen werden muß. Das soll noch aus der Zeit der keltischen Druiden sein, die ihre Schutz- und Reinhaltungsrituale auf diese Weise durchgeführt haben", sprach Hubert etwas verhalten zu den anderen. Professeur Delamontagne deutete auf die Tafel, ein Zeichen, daß Hubert nun zeichnen sollte. Der Greifennest-Champion nahm drei Stücke Kreide, ein weißes, ein himmelblaues und ein scharlachrotes. Mit dem roten markierte er einen Punkt in der Tafelmitte. Dann peilte er mit Blick und Handbewegung und begann mit der blauen Kreide den innersten Kreis zu ziehen. Er strengte sich sichtbar an, einen vollkommenen Kreis zu ziehen und keine Elipse entstehen zu lassen. Als er das hinbekommen hatte griff er nach der weißen Kreide und zog im Abstand einer Handbreite den mittleren Kreis. Dann nahm er noch einmal die rote Kreide und umschloß die beiden vorhin gezogenen Kreise mit einer roten Kreislinie. Dann zog er vom Mittelpunkt aus drei Linien, so das die innere Fläche in drei Abschnitte geteilt wurde. Die Linien berührten den inneren Kreis. Wie bei sich verzweigenden Ästen an einem Baum ließ Hubert die Linien dann in zwei weitere Linien durch die Zone zwischen Innen- und Mittelkreis auslaufen, bis sie die mittlere Kreislinie berührten. Zwischen Mittel- und Außenkreis zog er dann noch einmal sich verzweigende Linien, so daß die Zone zwischen Innen- und Mittelkreis in sechs und die zwischen Mittel- und Außenkreis in zwölf Abschnitte unterteilt wurde. Julius bewunderte das geometrische Geschick des Gastschülers, der nun, nachdem er erst versucht hatte, die Aufgabe zurückzuweisen, präzise und gewissenhaft die grundlegende Zeichnung hinbekam. Die drei Linien von Mittelpunkt zum Innenkreis bildeten drei Dreiecke. Die Verzweigungen teilten den Bereich zwischen Innen- und Mittelkreis in sechs Teilstücke zu je sechzig Grad, während die zwölf Verbindungslinien zwischen Mittel- und Außenkreis genauso in 30-Grad-Abständen verliefen wie die Ziffern einer Zeigeruhr. Das auf einen richtig großen Dreifachkreis übertragen verlangte sehr viel räumliches Vorstellungsvermögen und zeichnerisches Geschick. Kein Wunder, daß die Schüler im Unterricht sehr viel nachzuzeichnen hatten.

"Danke, Monsieur Rauhfels. Das sieht auf jeden Fall so aus, wie es in dem von Ihnen erwähnten Buch verlangt wird und auch in dem hier empfohlenen Buch "Schutz und Reinheit" so wie "Schutz und Trutz" vermittelt wird. Wer von denen, die Arithmantik belegt haben oder dies noch tun möchte mir sagen, welche Bedeutung diese Einteilung besitzt?" Fragte der Lehrer. Sofort erhoben alle früher bei Professeur Laplace im Unterricht sitzenden ihre Arme zur Meldung. Aber auch Gloria und Hubert. Belisama sollte antworten.

"In der Arithmantik steht die Drei zum einen für die natürlichen Zustände Beginn, Bestand, Vergehen. Zum zweiten bezeichnet sie die innere Ausrichtung Schöpferisch, wirkungslos oder zerstörerisch. Die Sechs steht in der Arithmantik für die sechs Raumrichtungen oder die sechs Einzelzustände während eines Daseins, also Erschaffung, Reifung, Freisetzung, Vollendung, Niedergang und Ende. Die Zwölf kann im Bezug auf die natürlichen Gegebenheiten eine Multiplikation aus den Gegensätzen Tag und Nacht, Männlich und weiblich, Leben und Tod mit den sechs Raumrichtungen bedeuten, aber auch als Ergebnis aus der Multiplikation von drei und vier bedeutend sein, also die drei Zustandsformen Beginn, Bestehen Vergehen mit den vier Jahreszeiten oder die drei inneren Ausrichtungen im Bezug auf die vier Grundstimmungen eines fühlenden Wesens bezogen sein. Was jetzt genau für diesen Dreifachkreis gilt kann ich leider noch nicht erkennen."

Gloria konnte diese Frage beantworten. "Also die Drei steht hier für die drei Zustandsarten der natürlichen Gegebenheiten. Die Sechs steht in diesem kreis für die beiden Gegensätzlichkeiten mit den drei Zeiteinteilungen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die zwölf Linien stehen zum einen für die vielfältige Teilbarkeit der Zahl zwölf, für das Sonnenjahr von zwölf Monaten sowie die Multiplikation aus Raum und Zeit mit Tag und Nacht und der inneren Ausrichtung zum schöpferischen, was durch die Abschreitrichtung in Sonnenlaufrichtung gekennzeichnet wird. Damit bekommt diese Zeichnung sowohl räumlich wie zeitlich wie grundhaltungsmäßig eine dreifache Verbindung zu dem, was im gemeinsamen Mittelpunkt liegt." Hubert verzog ein wenig das Gesicht, Laurentine und Julius nickten zustimmend, während Millie gerade überlegte, ob sie das nun verstehen konnte oder mußte. Immerhin hatte sie selber bis zu den ZAGs Arithmantik belegt, dabei aber gemerkt, daß sie mit den wirklich heftigen Spielarten dieses Theoriefaches nichts mehr anfangen konnte. Professeur Delamontagne sah auf die Zeichnung und sagte dann: "Mademoiselle Porter, Sie haben es genau wiedergegeben. Allerdings kam vor der Deutung der reine Versuch und die Übermittlung des wirksamen Weges, bevor die Magietheoretiker und Arithmantiker sich damit herumschlugen, warum es so und nicht anders funktionieren mußte. Die frühere Auslegung dieser erkennbaren Einteilungen ergabsich aus der reinen Geometrie der Linien und dem Verständnis von durch Verzweigung weiterwachsenden Bäumen, die damals wie heute als Sinnbild für die Beständigkeit des Lebens galten. Allerdings konnten die zwölf Linien zwischen Mittel- und Außenkreis auch als Zeiteinteilungen gesehen werden, die während des einstündigen Abschreitens von außen vorgeben, wo man welche der zwölf Zauberformeln hersagen muß. Fünf Umkreisungen in einer Stunde ergeben sechzig ausgesprochene Zauberformeln in fünf Zyklen. Dabei werden die von uns schon erarbeiteten Befreiungszauber aller vier alten Elemente eingebracht. Von außen nach innen fließt dann die magische Kraft und bündelt sich im Mittelpunkt. Was auch immer für ein Kombinierter Fluch oder welches dunkle Ritual auch immer gewirkt wurde wechselwirkt dann ohne Schaden für das im Mittelpunkt stehende Wesen oder Ding um es herum in Entladungen. Ist gar ein abgeteilter Raum, ein Gebäude oder Grundstück mit einem gekoppelten, sich gegenseitig aufschaukelnden Fluch behaftet, so vollzieht sich die Reinigung durch magische Leuchterscheinungen, die aus dem Mittelpunkt nach außen bis zur Außenkreislinie wirken und dann in Boden und Himmel überschlagen, was unter Umständen einen Ring aus zwölf flirrenden Säulen bilden kann, in die nicht jeder ohne Gefahr hineinblicken sollte, da es gewisse Nervenleiden gibt, die bei Flackerlicht zu Anfällen führen oder möglicherweise den Verstand schädigen können. Daher wird dringend empfohlen, nie länger als drei Sekunden auf eine solche Säule sich entladender Zauberkraft zu blicken. Die zwölf Zauberformeln und wo genau sie gesprochen werden müssen schreiben Sie sich nun bitte auf. Monsieur Rauhfels, für die Zeichnung erhalten Sie zwanzig Bonuspunkte. Mademoiselle Lagrange erhält für die Wiedergabe der arithmantischen Grundprinzipien zwanzig, Mademoiselle Porter für die genaue Deutung fünfzehn Bonuspunkte." Als der Lehrer die Punktevergabe beendet hatte ließ er mit "Creato Tabluam Rasam" die von Hubert aufgezeichnete geometrische Figur verschwinden und schrieb zwölf aus zwischen drei und sechs Wörtern bestehende Formeln an die Tafel, wobei er sie mit den Himmelsrichtungen bezeichnete, aus denen heraus sie zu sprechen waren. Julius, der auf Vorschlag seiner Mutter latein gelernt hatte erkannte, daß im östlichen Abschnitt des Zaubers drei Formeln der Luft und des Windes, im Süden drei Formeln des Feuers und der Brandlöschung, im Westen drei Formeln zur Reinigung und Beruhigung der Erde und im Norden drei Formeln zur Reinigenden Kraft des Wassers zu sprechen waren. Das ganze innerhalb von einer Stunde fünfmal durchgezogen war das ganze Ritual. Klar, daß damit nicht einfach ein popeliger Einfachfluch zerstört wurde. Als sich alle die Formeln aufgeschrieben hatten hob Gloria ihren Arm zur Wortmeldung. Als Delamontagne ihr zunickte sagte sie:

"Nach dem Ende von Riddle alias Voldemort kam ans Licht, daß dieser das Fach Verteidigung gegen dunkle Künste mit einem Fluch belegt hat. Gibt es einen Grund, warum dieser Fluch nicht mit diesem Ritual aufgehoben werden konnte?"

"Die Frage habe ich im Grunde schon beantwortet, Mademoiselle Porter, da auch mir dieser Umstand in Ihrer Schule bekannt wurde. Wer einen solchen Fluch tilgen will muß den oder die zuerst davon betroffenen in einen solchen Kreis stellen, und zwar dort, wo sie entstanden sind, wobei hier nicht deren Geburts-sondern Zeugungsort gemeint ist. Womöglich hat Ihr leider viel zu vorzeitig abberufener Schulleiter Professor Dumbledore versucht, den Fluch von diesem Schulfach zu nehmen, wußte jedoch nicht, wo genau der erste, der ihm anheimfiel, von seinen Eltern in Liebe auf den Weg ins Leben gebracht wurde. Damit war die Chance verspielt, den Fluch vor dem Ende dessen, der ihn wirkte zu löschen. Erst der physische wie seelische Tod des Fluchsprechers selbst konnte ihn aufheben. Das ist einer dieser Fälle, wo wir Fachleute erkennen müssen, daß Wissen allein nicht ausreicht, um eine dauerhafte Bedrohung auszuräumen, wenn Ort und Zeit unbekannt sind, wo die Wurzel der Bedrohung liegt. Abgesehen davon gibt es zu diesem Ritual wie von vielen anderen ursprünglich nützlichen Zaubern auch eine dunkle Verkehrung, die ich hier und jetzt nicht näher vertiefen möchte. Der Dreifachkreis der Reinigung kann nur angewendet werden, wenn ein bereits in Kraft getretener Situationsfluch wirkt oder eben ein gekoppelter Fluch mit mehr als zwei Komponenten. Er kann aber auch benutzt werden, um einen bestimmten Raum für die Dauer eines Jahres unverfluchbar zu machen, also eine Kugelzone schaffen, deren Durchmesser dem des Außenkreises entspricht, in der Wesen und Gegenstände ein Jahr lang nicht verflucht werden können, solange die Zeichnung die in sie hineingesprochenen Zauberformeln aufbewahren kann. Wird der innere oder äußere Kreis durchbrochen verfällt jedoch dieser Schutz. Daher wurden bei der Errichtung von magischen Gebäuden mehrere andere Fluchabweiser und Zerstreuungszauber eingewirkt."

"ich wollte nur wissen, warum dieses Ritual nicht verwendet werden konnte, um Voldemorts Fluch zu löschen", erwiderte Gloria. Sie bedachte das erschreckte Zusammenzucken ihrer Mitschüler mit einem abschätzigen Blick ihrer graugrünen Augen.

Der Rest der Doppelstunde verging damit, daß die Schüler eine Verkleinerung des Dreifachkreises auf Pergament zeichneten und sich die zwölf zu sprechenden Zauberformeln in der Reihenfolge des Abschreitens einzuprägen hatten. Julius, der im Einprägen sehr fit war, dachte jedoch auch mit Grausen daran, daß diese Aufgabe in der theoretischen UTZ-Prüfung drankommen mochte. In der Tat, sie bekamen ihre Zulassung zur UTz-Prüfung nicht geschenkt.

"Ui, das Denken und Nachsprechen hat mich noch mehr runtergezogen als ein Spaziergang um den grünen Forst", stöhnte Millie, als sie zum Mittagessen unterwegs waren. "Die Kleine hat mich andauernd gestupst, wenn ich dachte, es jetzt endlich richtig in den Kopf reinzukriegen."

"Sei froh, daß du keine Kochbücher auswendig lernen mußt", erwiderte Julius darauf. Millie sah ihn erst verwundert an, bevor sie verstand, was er damit meinte.

"Heiß ich Joan Newton. Habe ich blonde Haare oder was?" Zischte sie sichtlich verärgert. Julius fühlte die Anspannung in ihr, weil er sie derartig angeredet hatte.

"Nur wenn du das willst", erwiderte er. Millie grummelte dann: "Sei froh, daß Aurore will, daß sie dir noch in die Augen sehen kann, Süßer. Ich kriege das schon klar, zu lernen, was oben reingeht, wenn unten wer meint, ich sei eine Turnhalle."

"Oh, jetzt müßte ich dich fragen, ob du schwarzes Haar hast und smaragdgrüne Augen", konterte Julius. Millie verstand sofort, zumal Céline Dornier nicht all zu weit von ihnen entfernt mit Laurentine und Waltraud eine dreiergruppe bildete.

"Im Gegensatz zu Connie weiß ich aber, warum ich mir das antue, was da gerade in mir los ist, Julius. Bis nachher und guten Hunger!"

"Dir auch", erwiderte Julius, der sich nicht anmerken lassen wollte, daß Millies Wunsch ihm genauso zusetzte wie der Vergleich mit der amerikanischen Hexe Joan Newton und Constance Dornier. Denn wegen ihres auf ihn übertragenen Hungers schleppte er jede Woche ein bis zwei Pfund mehr Gewicht mit sich herum, wo sie noch wen hatte, der von ihrer Mampferei profitierte.

 

__________

 

Bei der nächsten Saalsprecherkonferenz fragte Madame Faucon die Sprecher und Sprecherinnen des violetten Saales, ob sie nicht auf Hubert Rauhfels eingehen konnten, daß dieser sich nicht seine Zukunftschancen verbaute. Auf die Frage, wieso dieser Eindruck entstanden sei gab die Schulleiterin weiter, was ihre Lehrerkollegen an sie weitergemeldet und am Lehrertisch diskutiert hatten. Zwar hatte Gräfin Greifennest eingewandt, daß Hubert mit der Umstellung auf die andere Schule, die Bürde der Auswahl und dem Abschneiden in den beiden ersten Runden arg zu kämpfen hatte, jedoch versichert, daß er ansonsten sehr diszipliniert und konzentriert sei, weil sie ihn sonst wohl nicht in ihre trimagische teilnehmergruppe eingeladen hätte. "Es ist verständlich, daß gerade ein an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehender Jungzauberer aufgeladene Situationen unterschiedlich durchsteht. Ebenso versteht es sich von selbst, daß wir hier niemanden in eine mehrfache Daunendecke wickeln und in ein unzerbrechliches Glashaus setzen dürfen. Sollte jedoch eine Äußerung der Gräfin Greifennest den Tatsachen entsprechen, daß ihr Schutzbefohlener Hubert Rauhfels nicht nur von seinen mitgereisten Schulkameraden unter druck gesetzt wird, weil er die ersten beiden Runden nicht die von allen erhoffte Spitzenposition in der Gesamtwertung erzielt hat, sondern auch von Damen und Herren aus Hogwarts und Beauxbatons unerträglich stark erniedrigt wird, so ersuche ich Sie alle, Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler daran zu erinnern, daß unter dem Dach von Beauxbatons jeder hier lernende Mensch demselben Schutz anvertraut und denselben Verpflichtungen unterworfen ist wie die unmittelbar im gleichen Schlafsaal wohnenden Mitschüler. Daher appelliere ich an Sie, vor allem die Herrschaften von den Sälen Blau, Rot und Violett: Halten Sie die Grenzen des Anstands ein! Geben Sie mir keinen Grund, an der Gastfreundschaft von Beauxbatons zu zweifeln. Es könnte sich für jeden, der dies vergißt oder bewußt mißachtet als übler Nachteil erweisen, wenn ich derlei Rückmeldungen erhalte. also stellen Sie klar, daß von unserer Seite her niemand findet, Monsieur Rauhfels zu demütigen! Wenn er nicht die Leistung bringt, die wir vom Lehrkörper von ihm erwarten, liegt es ausschließlich bei uns, wie wir ihn darauf bringen, diese Erwartungen zu erfüllen. Zudem besteht von unserer Seite überhaupt kein Grund, einen der beiden anderen Champions seelisch zu erniedrigen. Und selbst wenn Mademoiselle Hellersdorf in den beiden ersten Runden nur den letzten Platz erreicht hätte, verbiete ich jede gezielte oder unterschwellige Verunsicherung der beiden anderen Champions. Ich hoffe, das ist bei Ihnen allen angekommen."

"Ich kann nicht auf alle Jungs aufpassen, die mit dem reden, Madame Faucon", protestierte der Sprecher der Blauen. Darauf bekam er von seinem Kollegen aus dem weißen Saal die Antwort, daß er ja nur eine Ankündigung an das Nachrichtenbrett im blauen Saal hängen müsse, daß Madame Faucon jeden vorzeitig von der Schule verweise, der gezielt versucht, einen anderen Champion fertig zu machen. Madame Faucon sah erst verdrossen, dann jedoch zustimmend drein. Damit war dieser Tagesordnungspunkt abgehandelt. Die weiteren Punkte bezogen sich auf auffällig gewordene Schülerinnen und Schüler, die - wen wunderte es hier noch, überwiegend aus den Sälen Blau und Rot kamen. Dann wurde noch erwähnt, daß viele Schüler sich gerne und oft darüber unterhielten, warum nicht nur Millie, sondern auch Julius immer fülliger wurde. Julius gab hierzu noch einmal eine kurze Zusammenfassung dessen ab, was Madame Rossignol und die Heiler in der Delourdesklinik befunden hatten, jedoch ohne auf das Lebenskraftritual Ursuline Latierres einzugehen. "... ist also für die Heiler sicher, daß nach der Geburt unseres Kindes ein ungefährliches Ablegen der Anhänger wieder möglich ist", beschloß Julius seine kurze Stellungnahme. Er fragte sich, warum er das hier und jetzt noch einmal auf den Punkt bringen mußte, wo es doch schon vor Wochen erörtert und geklärt worden war.

Den Nachmittag verbrachte Julius mit den werdenden Müttern und Gérard bei intensiver Gymnastik, wobei er sich mehrere Kilogramm schwereGewichte an Arme und Beine hängte, um unter höheren Belastungen zu arbeiten. Da er mittlerweile auch eine Anleitung von Ursuline Latierre hatte, wie er sich trotz Gewichtszunahme auch ohne Schwermacher gelenkig und schnell halten konnte, verblüffte er Sandrine und Millie mit Kunststücken wie dem Jonglieren von drei Kilo schweren Bällen oder wie unkontrolliert aber doch wohlkoordiniert ausgeführten schnellen Tanzschritten. Ursuline hatte ihm per Eule geschildert, daß sie nach ihrer dritten Schwangerschaft bis zu sieben klatschergroße Eisenkugeln ohne Zauberkraft in der Luft zu halten gelernt hatte. Er hatte gerade mal mit zwei schweren Kugeln angefangen und merkte, wie anstrengend das schon war, diese so koordiniert zu werfen, daß er keine davon verlor. Madame Rossignol hatte ihm jedoch geraten, bei diesen Übungen stoßabweisendes Schuhwerk zu tragen, um bei einer doch herunterfallenden Kugel keine gebrochenen Zehen abzubekommen.

"Jetzt kapiere ich es, wie heftig das ist, daß dieser Großfuß Bob mehrere Fackeln auf einmal im Flug halten kann", meinte Julius nach den Gymnastikeinheiten zu seiner Frau. Gérard hatte sich nicht mit zusätzlichen Gewichten belastet. Sandrine wirkte bereits fast so breit wie sie hoch war. Außerdem benötigte sie für ihren Oberkörper größere Wäschestücke, weil die Natur oder Vielleicht die unfreiwillig in ihr verankerte Vorleistung für die beiden Ungeborenen sie oben herum immer üppiger werden ließ. Zumindest meinte Gérard in Abwesenheit von Millie und Sandrine einmal, daß Sandrine so wie sie gerade aussah auch vier Kinder zugleich über das erste Jahr bringen konnte. Millie hielt da jedoch auch gut mit, mußte Julius an diesem Abend einmal mehr erkennen, als sie sich ihm im gemeinsamen Schlafzimmer komplett unverhüllt zeigte, damit er sah, wie sie sich veränderte. Er verglich sie charmant mit einer die Welt nährenden Muttergottheit aus alten Zeiten, während er sah, wie seine in ihr heranwachsende Tochter ihren von Woche zu Woche immer kleiner werdenden Lebensraum ausnutzte.

"Die ganze Welt wollte ich nicht da unten drin haben, weil dann auch so Dummschwätzer wie Jacques Lumière und dieser William Deering in mir drin wären. Neh, Monju, für die beiden wollte ich echt nicht mitessen und die dann noch anlegen, wenn sie es hinbekommen hätten, durch Millies kleine Vordertür durchzukrabbeln. Aber Mésange poliert sicher schon den Besen für die Tage nach Walpurgis."

"Glaube ich nicht mehr so dran, Millie. Die guckt dem von dir erwähnten Bill Deering so häufig nach, daß ich mich frage, ob sie Jacques nur noch mit sich hat tanzen lassen, um beim Weihnachtsball nicht total allein herumzustehen. Die war ein Jahr in Thorntails. Da hast du Zeit, über alles nachzudenken, was vorher gelaufen ist und nachher weitergeht."

"Sieh an, du lernst das also doch, genauer hinzugucken, wie sich Mädchen Jungs gegenüber verhalten", grinste Millie. Julius verstand erst nicht, was sie damit meinte, bis sie sagte: "Sicher läuft von der aus ein Test, mit wem sie am Ende von hier abgeht oder ob sie doch besser erst ganz aus der Tretmühle einer Schule rauskommen muß, um den Typen zu finden, den sie auf ihren Besen rufen will. Ich habe das mit Jacques nur erwähnt, weil ich mir vorstellen kann, daß sie ihn an einer langen Leine laufen läßt so wie Sandrine Gérard nur mit mehr Durchtriebenheit. Wenn er nicht so läuft, wie sie will sucht sie schon wen anderen." Julius hätte fast gefragt, ob Millie nicht ihr eigenes Verhalten auf andere Mädchen projizierte, wie es die Psychologen nannten. Doch gerade rechtzeitig fiel ihm ein, daß er seine Frau in dieser Phase der Schwangerschaft nicht unnötig ärgern sollte. So wie sie da stand, groß, mollig, mit vorgetriebenem Bauch, den eigenen Bauchnabel schon wie einen vorstehenden Knopf in der Körpermitte tragend, war sie ja auch sein Geschöpf, weil sie sein Kind trug, daß ihren Körper derartig umgestaltete, ohne dies mit Absicht zu tun. Einen Moment lang dachte er daran, wie es war, kurz neben seiner Tochter in Millies warmem Schoß zu ruhen, auch wenn Aurore Béatrice ihm vorgeworfen hatte, sie umbringen zu wollen. Aurore wußte noch nichts von der Außenwelt. Sie konnte nicht wissen, wie ihre Mutter gerade aussah und würde sich, wenn in ihr nicht doch ein bereits fertig entwickelter Geist schlummerte, auch nicht dafür interessieren, solange es ihr nur darum ging, nicht zu verhungern und nicht zu lange in ihren eigenen Ausscheidungen herumliegen zu müssen. Millie erkannte wohl, woran Julius gerade dachte und sagte:

"Ja, da steckt jetzt eine Menge von dir in mir drin, Monju. Andere Mädchen hätten sich schon die Augen ausgeheult, so auszusehen. Aber ich bin Oma Lines Enkeltochter. Wenn die damit klarkam, immer runder zu werden, dann kann ich das auch." Julius wertete diese Bemerkung als Aufmunterung. Wenn sie kein Theater darum machte, immer dicker zu werden, dann mußte auch er das hinkriegen, mit seinem nun deutlich vortretenden Bauch zurechtzukommen. Seine Arme und Beine wurden durch das Zusatztraining immer mehr zu säulenartigen Gliedmaßen, und er mußte zusehen, die Beweglichkeit zu erhalten. Vielleicht sollte er sich in den Ferien doch mal diese Komödie mit dem Muskelmann Arnold Schwarzenegger ausleihen, der da einen schwangeren Mann gespielt hatte. Vielleicht hatten sie den nicht so hinbekommen, wie Julius gerade aussah. Dann durfte er sich noch was darauf einbilden.

"Solange unser Bett uns drei noch aushält sind wir nicht zu schwer, Monju", meinte Millie, als sie sich so nackt wie sie war auf ihrer Seite des Doppelbettes hinwarf. Julius fragte sie, ob sie sich kein Nachthemd anziehen wolle. Sie schnurrte ihn an, er könne ihr doch dabei helfen, um die richtige Übung zu kriegen, jemanden anzuziehen. Er meinte dazu, daß Aurore aber nur ein Drittel so groß und wesentlich leichter sein würde. Außerdem müsse er, um das ganz korrekt zu machen, Millie dann auch wickeln. Das wiederum wollte Millie jedoch nicht haben. Sie stemmte sich noch einmal in die Senkrechte und bekleidete sich zur Nacht.

"Apropos wickeln, das wird Madame Rossignol von Gérard sicher auch verlangen, daß er das lernt."

"Ich habe nicht gehört, daß sie sowas angedeutet hat", erwiderte Julius. Millie grinste über ihr runder gewordenes Gesicht.

"Glaub's mir, Monju, daß Gérard bis zur Doppelgeburt einen Wickelkurs hinter sich hat", schnurrte sie. Julius wollte ihr da nicht widersprechen. Er genoß diesen Frieden, der nicht selbstverständlich war. Denn jederzeit konnte eine unvorhersehbare Laune die Stimmung seiner Frau verderben und ihn an den Rand der eigenen Selbstbeherrschung drängen. Im Moment durchlebte sie die ruhigere Phase der Schwangerschaft. Das würde sich wieder ändern, wenn ihr Körper sich auf die anstehende Geburt vorbereitete und die Hormone wieder Achterbahn fuhren.

Als beide nach dem letzten Gang ins Bad nebeneinander im Bett lagen prüfte Julius noch einmal, daß beide Vorhänge ganz zugezogen waren. Dann sagte er in der Sicherheit der Unabhörbarkeit: "Ich fürchte, Gérard hat das immer noch nicht aus dem Kopf, wie er und Sandrine zu den beiden Kindern gekommen sind. Womöglich denkt der auch noch daran, daß Sandrine die beiden eigentlich nicht wirklich gewollt hat und nur deshalb kriegt, weil dieses Partygesöff ihr Gehirn in die entsprechende Stimmung versetzt hat, für nichts anderes mehr leben zu wollen als für die beiden Kinder."

"Du meinst, Gérard könnte, wenn ihm die Arbeit für die beiden zu nervig wird, doch noch einmal aus der Bahn fliegen wie ein angebeulter Klatscher?" Julius bejahte das.

"Die Sache mit dem Haus war sowas wie eine Verpflichtung, etwas, daß er unbedingt hinkriegen mußte. Wenn das nicht geklappt hätte wäre der sicher schon längst aus jeder Schiene gesprungen. Noch mal so was könnte ihn echt zum ausrasten bringen."

"Vielleicht sollten wir zwei uns besser nur auf Aurore und uns konzentrieren, Monju. Für alles andere sind Königin Blanche und Schwester Florence zuständig." Julius verstand, daß sie sich nicht Gérards Kopf machen wollte. Ungewollt hatte er sie mit der Nase darauf gestoßen, daß sie durchaus an Sandrines Stelle hätte sein können. Daß sie darüber nicht in Wut geriet lag wohl nur daran, daß sie das Kapitel, Gérards erste Freundin gewesen zu sein, schon längst abgehakt hatte. Er wünschte seiner Frau und der kleinen Aurore noch eine gute Nacht. Dann drehte er sich in seine gerade bequemste Lage, um einschlafen zu können.

 

__________

 

Der März begann mit einem heftigen Sturm, der die kalte Jahreszeit beendete. Julius war froh, kein Quidditch zu spielen und daß im Moment auch nichts anstand, was das trimagische Turnier anging. Laurentine hatte von Madame Latierre und Monsieur Chaudchamp erfahren, daß der goldene Zylinder, den sie im Spinnenhaus, der Smaragdgrüne Schlüssel, den sie im Harpyienhaus und die Flasche mit dem Elixier, die sie von dem Feuerdschinn ergattert hatte, zusammen Teile für die dritte Runde bildeten. Da sie keine Runenkunde hatte durfte Julius ihr übersetzen, was auf dem Zylinder stand. Es war ein Text in Runenschrift:

Vereine das Licht, den Atem und das Blut der Ureltern alles seienden und werdenden!
Wecke den heißen Sohn der Sonne im Kelch des Mondes!
Tränke den ewigen Hoffnungsträger mit den Tränen der Sterne!
öffne das Tor zum Gemach der Nacht!
bringe den Sohn der Sonne mit den Tränen der Sterne zusammen!
vereine dein Leben mit den Tränen der Sterne in der Wiege des Sonnensohnes!
Spreche den Befehl, der die Nacht vertreibt!
Suche und finde, was dir zur nächsten Arbeit bleibt!

"Toll, ich bin wohl die einzige, die das nicht lesen kann", grummelte Laurentine. Denn sie wußte, daß Gloria Runenkunde hatte. Julius berichtigte sie, daß Hubert dieses Fach auch nicht gehabt hatte und deshalb wohl zu Waltraud oder einem anderenKameraden aus Greifennest hingehen mußte, um diesen Text übersetzen zu lassen.

"Deine Schwiegermutter hält wohl mehr von Teamarbeit als von Einzelkünstlern, wie?" Fragte Laurentine, nachdem sie sich die Anweisungen auf dem Zylinder notiert hatte. Julius konnte das nicht grundweg ausschließen. Immerhin war Hippolyte Latierre als eines von zwölf, bald sechzehn Kindern groß geworden und hatte selbst drei gesunde Töchter in die Welt gesetzt, weswegen er gerade einen stolzen Ranzen vor sich hertrug.

"Also, mit dem Sohn der Sonne ist garantiert Feuer gemeint, das ja als Abkömmling des Sonnenfeuers gelten darf", vermutete Laurentine. Julius nickte beipflichtend. "Aber die Tränen der Sterne und der Kelch des Mondes, was soll damit gemeint sein?"

"Hmm, hatten wir es nicht davon, daß Gold als Tränen der Sonne bezeichnet wird?" Fragte Julius Laurentine und Céline. Dann besah er sich die Flasche noch einmal. Der gelbe Farbton ließ bei ihm ein gelbes Alarmlicht im Kopf aufleuchten. Auch der Rauch, der zwischen Flüssigkeitsspiegel und wie zugeschweißt wirkender Öffnung der Flasche waberte weckte in ihm einen bestimmten Verdacht.

"Ich hoffe mal, die Leute vom trimagischen haben sich das echt gut überlegt, was sie euch in die Finger geben. Nicht, daß ihr am Ende keine mehr habt", grummelte er. Auf die natürlich folgende Frage, was er damit meine sagte er: "Wie das Zeug aussieht könnte, wohl gemerkt könnte das in der Flasche Königswasser alias Aqua regia sein. Das ist eine Mischung aus zwei aggressiven Säuren, in der Gold und Platin gelöst werden können. Am Ende hat wer echt einige Gramm Gold in diesem Zeug aufgelöst. Mein Vater hat mir das Zeug einmal vorgeführt und klargestellt, daß ich das bloß nicht ohne seine Aufsicht nachmischen oder benutzen soll. Aber wenn das wirklich das Zeug ist, ist das echt heftig, das bei einer reinen Schulveranstaltung zu bringen, wo nur die Zauberstäbe als Ausrüstung mitgenommen werden dürfen. Ich würde sonst empfehlen, dicke, säurefeste Handschuhe anzuziehen und eine Kopfblase um den eigenen Kopf zu zaubern, um die Dämpfe nicht einzuatmen."

"Ist das Zeug wirklich so gefährlich?" Fragte Céline voller Unbehagen. Laurentine, die auch schon davon gehört hatte, da es half, zur Vergoldung elektronischer Schaltungen nötige Goldverbindungen zu gewinnen, erwähnte, daß das Zeug viele Metalle zerfraß, nur kein Silber, weil das in der Salzsäure enthaltene Chlor mit purem Silber sofort eine schützende Silberchloridschicht bildete, wodurch das darunterliegende Silber nicht weiter angegriffen wurde. Julius bestätigte das durch Nicken.

"steht da nicht was, daß diese Tränen der Sonne nicht auch mit dem eigenen Leben vermischt werden sollen?" Fragte Céline. Julius besah sich den berunten Zylinder und schlug sich vor den Kopf. Natürlich, das Gebräu sollte mit dem eigenen Blut vermischt werden. Das konnte also kein Königswasser sein. Er überlegte, welche Elixiere er noch kannte, die so aussahen wie das Gebräu in der Flasche. Dazu nahm er den Behälter behutsam, als sei es pures Nitroglyzerin und betrachtete die Flüssigkeit im Gegenlicht noch einmal. Er sah winzige Goldkrümel darin. Er prüfte es mit seinem Trimax-Vergrößerungsglas nach und sa sauber zu Kugeln geformte Goldpartikel. Seinem Wissen über Königswasser nach löste sich Gold jedoch vollständig und bildete eine gelbe Substanz, die beim Abscheiden der Säure und Trocknen sogar eine feste Form annahm. Also war das in der Flasche kein Königswasser. Er atmete auf und gab Entwarnung, was die ätzende Chemikalie anging. Dann mußte er sogar lachen:

"Die Turnierausrichter wollten euch reinlegen. Das gelbe Zeug ist wohl nur ein gelber Farbstoff. Der Qualm dürfte eine simple Qualmsäule sein, die vor dem Zukorken extra reingeblasen wurde. Dann sieht das so aus wie Königswasser, ist es aber nicht. Aber Gold ist echt darin, wenn auch nicht gelöst, sondern in winzigen Kugeln, wohl durch Zerreiben und Gießen in Kugelform hergestellt."

"Damit bloß keiner auf die Idee kommt, die Flasche vorher aufzumachen, wie?" Fragte Laurentine verdrossen. Julius mußte das bejahen. Doch dann meinte er, daß die Flasche eh nicht geöffnet werden könne, weil die Öffnung fest verschlossen war. Möglicherweise ging das erst da, wo das Gebräu auch benutzt werden sollte. Er erinnerte sich, von einem Clavilocus-Zauber gelesen zu haben, der einen Ort zu einem Schlüssel machte, der einen fest verschlossenen Behälter unaufbrechbar machte, bis dieser mindestens einen Tag nach Ausführung des Zaubers an den Schlüsselort zurückgebracht wurde. Er holte seine Winzbibliothek hervor und suchte das entsprechende Buch "Herausforderungen der Zauberkunst - Raum, Zeit und Materie im wechselspiel magischer Manipulationen, an dem eine Sincerity Whitesand mitgeschrieben hatte. Deshalb hatte Julius sich den Namen gemerkt. Immerhin hatte er ja mehrere Nächte in ihrem Bett in ihrem früheren, rosaroten Kinderzimmer geschlafen. Er klappte das Buch auf und suchte im Inhaltsverzeichnis. Da war auch jener Zauber enthalten, mit dem die nicht in der einen Nacht gestürmten Friedenslager an einen anderenStandort versetzt worden waren. Dann fand er den Clavilocus-Zauber. Es war ein Sieben-Stufen-Zauber, bei dem einmal aus jeder Richtung des Raumes auf den damit zu versiegelnden Behälter zu zielen war und bei Stufe Sieben die Verbundenheit alles Irdischen beschworen wurde, um diesen Ort mit dem Inhalt des Behälters zu verbinden. Laurentine fragte sich, warum sie den Zauber nicht im Unterricht durchgenommen hatten. Julius vermutete, daß es daran läge, daß im Umkreis von fünfzig Metern keine andere lebende Zauberkraftquelle vorhanden sein durfte. "Also nichts für ein Klassenzimmer voller Murmelnder und mit Zauberstäben winkender Schüler", bemerkte er abschließend.

"Es ist echt faszinierend, was höhere Zauberkunst alles hinbekommt", gestand Laurentine ein. Céline antwortete ihr mit einem überlegenen Grinsen. "Die Weltraumserie, von der wir es damals wegen dieser Elfenbeininsel hatten, Julius, da kommt auch so'n Teil vor, das nur in einer bestimmten Zeit geöffnet werden kann. Dann ist das hier sowas ähnliches, eben für einen ganz bestimmten Ort. gut zu wissen, daß ich das Teil hier genau dahin halten muß, wo es aus allen sechs Raumrichtungen angezielt werden kann. Schon was aufwendiges."

"Wobei zu klären ist, wie groß der oder die war, der oder die den Zauber ausgeführt hat. Mein Schwiegeronkel Otto ist ein Zauberkunst-Profi. Der ist genauso lang wie seine Geschwister, sowie seine Nichten Martine und Millie. Wenn der auf etwas von unten zielt müßte es also mindestens zwei Meter über dem Boden hängen. Dann müßte er noch einen sicheren Halt haben, um von oben zu zielen. Du kannst einen Gegenstand wie in einer magischen Säule in eine bestimmte Höhe fest in der Luft verankern und drunter durchlaufen. Drüber weg ginge nur, wenn du deine Füße mit einem Zauber belegst, der die Erdschwerkraft umkkehrt. Der Zauber duldet keine weiteren lebenden Magiequellen in fünfzig Metern Umkreis. Aber andere Zauber toleriert er wohl", erwiderte Julius und las sicherheitshalber noch einmal nach. Dann nickte er.

"Womit noch nicht geklärt ist, wo genau das ganze stattfinden soll", erwiderte Céline. "Den Turnierregeln nach dürfen die Aufgaben nicht weiter als fünf Meilen im Umkreis der das Turnier veranstaltenden Schule ausgeführt werden, gemessen an der Außengrenze des Schulgeländes. Das wurde 1520 vereinbart, weil es bei einer Aufgabe zum Verschwinden eines Teilnehmers kam, der irgendwo in Wales was beschaffen sollte, das von grünen Drachen bewacht wurde. Wahrscheinlich wurde er von diesen Ungeheuern getötet und gefressen. Seitdem gilt, daß die Turnieraufgaben nur auf dem Gelände der Ausrichterschule zu laufen haben." Julius überlegte kurz und nickte dann.

"Dann bleiben noch Sachen wie der Kelch des Mondes und der ewige Hoffnungsträger übrig", sagte Laurentine. Julius überlegte kurz und deutete dann auf den Smaragdschlüssel, den Laurentine auch ergattert hatte. "Bei den Muggeln heißt es: Grün ist die Hoffnung, und ein Diamant ist für die Ewigkeit gemacht. Smaragde sind zwar keine Diamanten, aber auch Edelsteine, die sehr lange halten. Und sie sind grün." Laurentine schlug sich vor die Stirn. "Da hätte ich auch selbst drauf kommen können", knurrte sie und betrachtete den Schlüssel. Dann argwöhnte sie, daß es doch Königswasser sein konnte, um diesen Hoffnungsträger freizuätzen. Doch Julius zeigte ihr noch einmal die kleinen Goldkügelchen in der gelben Flüssigkeit und stellte fest, daß sie nicht weiter verändert wurden, also auch nicht verätzt wurden.

"Der Kelch des Mondes könnte einfach nur ein Kelch aus Silber sein", sagte Céline. "Silber ist doch das Mondmetall, richtig?" Laurentine und Julius nickten beipflichtend. Dann blieben eben nur die Fragen, wo genau was gemacht werden mußte, um die nächste Station zu erreichen. Denn allen war nun klar, daß die dritte Aufgabe eine Art Schnitzeljagd werden würde, bei der jeder erlangte Hinweis helfen sollte, die nächste Hürde zu nehmen oder den nächsten Anlaufpunkt zu erreichen.

 

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Am elften März bekam Julius gleich aus zwei Quellen eine sensationelle, für sein Umfeld womöglich bedrückende Enthüllung. Die anderen konnten nur auf den Aufmacher im Miroir Magique zurückgreifen.

Julius und seine Saalkameraden saßen mit den Gästen aus Hogwarts beim Frühstück. Da trudelte erst eine Posteule Camille Dusoleils ein und landete vor Julius Teller. Der beinahe-Schwiegersohn der Kräuterhexe von Millemerveilles nahm den hellgrünen Briefumschlag und entnahm diesen einen Brief. Da fühlte er den Luftzug einer weiteren anfliegenden Eule und sah, daß die Morgenzeitung eintraf. Wie viele in Beauxbatons bezog Julius sowohl den Miroir wie auch die Temps de Liberté, die von seinem verschwägerten Verwandten Gilbert Latierre gedruckt und herausgebracht wurde. Einige Schüler fingen schon an zu tuscheln. kevin nahm die Zeitung, die Julius vor sich hingelegt bekommen hatte. Dieser sah den ehemaligen Mitschüler erst tadelnd an. Doch dann nickte er. Er wollte zuerst Camilles Brief lesen. Während Kevin sein Leseverständnis unter Beweis stellte, als er den Artikel auf Seite eins halblaut las, las Julius den auf weißem Pergament mit grüner Tinte niedergeschriebenen Brief.

Hallo Julius!

Auch wenn Emil jetzt sämtliche Wichtel auf das Dach und sämtliche Nogschwänze durch alle Zaubererweltgassen gejagt hat möchte ich doch, wie angekündigt, persönlich schreiben, was sich in der Angelegenheit meiner offenbar umtriebigen Schwägerin ergeben hat.

Auf Betreiben meines Bruders unter Androhung der Verweigerung weiterer Unterhalts- und Schulgeldzahlungen für Melanie, unterzog sich Cassiopeia in der Lucine-Bourgeois-Station für werdende Mütter und Säuglingspflege einer Untersuchung und einer Befragung sowohl Madame Eauvives als wichtige Verwandte wie auch Monsieur Lagranges aus dem Büro für Ausbildung und Familienfürsorge. Dabei kam heraus, daß Cassiopeia tatsächlich außerehlich empfangen hat, und zwar von einem ehemaligen Schulkameraden aus dem violetten Saal, den sie nur deshalb nicht auf den Besen gehoben hat, weil seine Eltern damals weniger Gold und Ansehen hatten als Emils und meine Eltern und sie sich von der Heirat in die Eauvive-Familie mehr versprach, als die Schwiegertochter eines Kesselschmiedes zu werden. Da Emil den Namen des betreffenden gleich nach Bekanntwerden dem Miroir zum Abdrucken hingeworfen hat begehe ich keine weitere Indiskretion, ihn dir mitzuteilen. Es handelt sich um Justinian Lépin, den Onkel des jungen Zauberers, der Constance zu Cythera verholfen hat. Emil wollte natürlich alles wissen, wann und wie und warum seine Frau ihn mit diesem zauberer betrogen hat, der, soweit ich von Hera Matine mitbekommen konnte, ähnlich umtriebig gehaust hat wie der unselige Sebastian Pétain oder Borgogne oder wie er sich noch alles genannt haben mag. Natürlich stritt Justinian Lépin die Vaterschaft ab und gab vor, zum Zeugungszeitpunkt - ich möchte das nicht wie Emil als Tatzeitpunkt bezeichnen - fünfhundert Kilometer weit von Cassiopeias Haus entfernt gewesen zu sein. Ob das so stimmt prüft Belisamas Großvater gerade nach. Denn wenn hier wirklich ein Ehebruch mit Folgen vorliegt, hat die werte Cassiopeia nur zwei Möglichkeiten: Sie tritt die Kinder nach deren Geburt an die Ammen der Delourdesklinik ab oder zieht mit diesen zusammen in ein eigenes Haus um, ohne Ansprüche auf weiteren Unterhalt durch meinen Bruder. Ehescheidungen, wie sie die Muggel kennen und deine Mutter ja leidvoll erlebt hat, finden bei uns in der Zaubererwelt nur dann statt, wenn nachweislich Betrug am Ehepartner zur Vorteilserschleichung vorliegt oder einer der Ehepartner den anderen durch Tränke oder Flüche unterdrückt gehalten hat. Wenn ein Mann außerhalb der Ehe ein Kind zeugt kann seine Frau auf die Herausgabe des Kindes nach dessen Geburt bestehen oder den Mann gerichtlich dazu zwingen, ihr für die mit ihm verbrachte Zeit ein Zehntel des Monatseinkommens pro Monat der Ehe zu überlassen und sich anderswo anzusiedeln. Ging aus der Ehe ein Kind hervor, so erhält dieses bis zur Volljährigkeit monatliche Zahlungen, die auch ein Zehntel des Monatseinkommens betragen. Ein Familienstandsbeamter, der das macht, was bei den Muggeln ein Scheidungsrichter tut, kann auch auf die sofortige Zahlung des errechneten Betrages bestehen. In Cassiopeias Fall will Emil nachprüfen lassen, ob Argon und Melanie seine Kinder sind. Könnte sein, daß kurz vor oder kurz nach dem Brief eine offizielle Untersuchungsanweisung bei Madame Rossignol eintrudelt. Jedenfalls hat er Cassiopeia unmißverständlich dazu aufgefordert, bis Monatsende das gemeinsame Haus zu verlassen. Er will nicht, daß sie ihre beiden Kinder abgibt, sondern will sie nicht mehr in seiner Nähe haben. Mein Bruder - du hast ihn ja kennengelernt - stand früher immer unter der Fuchtel seiner Frau. Verständlich, daß er sich jetzt davon freistrampeln will. Er meinte sogar, alle die Sachen zurückzufordern, die sie aus dem Nachlaß unserer Mutter eingeheimst hat. Da könnte es noch einmal ein sehr lautes Geschwistergespräch geben, was davon er mir damals vorenthalten hat. Gut, das wichtigste von meiner Mutter trage ich am Körper und unter meiner Haut. Aber das soll Emil nicht davor bewahren, die Unverschämtheiten zurücknehmen zu müssen, die er sich im Windschatten dieser Heuchlerin geleistet hat. Ich habe ihn zwar gebeten, nicht gleich zur Zeitung zu laufen, und unser Vater hat ihm nahegelegt, das mit Argon und Melanie abzuwarten, bevor er drastische Schritte unternimmt. Aber er wollte nicht hören. Deshalb werdet ihr wohl bei Eintreffen meines Briefes auch vom Miroir Magique erfahren, was passiert ist. Bitte hilf Millie dabei, Melanie nicht von der Meute schadenfroher Schüler zerfleischen zu lassen! Immerhin bist du ja doch noch irgendwie mit uns Odins und Dusoleils verwandt.

Ich wollte das nicht, daß Emil gleich alle Wichtel auf das Dach jagt. Als Melanies Patin liegt mir eine ganze Menge daran, daß es ihr so gut wie möglich geht.

Trotz der unvermeidlichen Gewitterstimmung, die euch wohl bald heimsucht wünsche ich dir und Millie die Ruhe und die Kraft, das durchzustehen.

Es umarmt und küßt dich

 

Camille Dusoleil

 

"Wau, 'ne wilde Abraxasstute, diese Cassiopeia Odin!" Rief einer von den Blauen herüber. Ein anderer stand dem nicht nach und rief:

"Joh, Lépin, Tante Célines verschwägerte Verwandtschaft!"

"Auf der stelle ist hier Ruhe!" schlug Madame Faucons Stimme wie eine neunschwänzige Katze in das aufkommende Getuschel und Gejohle hinein. Unverzüglich erstarb jedes Wortgeplänkel. Die Schulleiterin stand kerzengerade vor ihrem Stuhl vor Kopf des Lehrertisches. Ihr Blick bedachte alle Schülerinnen und Schüler. Ihre saphirblauen Augen schienen beinahe Blitze zu versprühen. Julius kannte diese Wut in ihren Augen und war froh, diesmal nicht das Ziel dieser Wut zu sein. "Es will mir nicht in den Kopf, wie eine Gruppe junger Hexen und Zauberer, die hier zusammen sind, um sich zu verantwortungsvollen Mitgliedern der magischen Welt ausbilden zu lassen, sich derartig unflätig, schadenfroh bis grundweg kindisch über einen ebenso unterhalb jeder geistigen Größe ausgearbeiteten Zeitungsartikel zu erheitern. Füllt Sie das vielfältige Angebot unserer Akademie nicht mehr aus? Fühlen Sie sich gar hier nutzlos abgeliefert? Empfinden Sie gar Langeweile?" Die allermeisten Schüler schüttelten ihre Köpfe. Kevin grinste jedoch verhalten. Professor McGonagall sah ihn durch ihre quadratischen Brillengläser sehr ungehalten an. Doch ein Seitenblick Madame Faucons wies sie darauf hin, wer hier das Wort führte. "Es gibt also einige, die sich hier unnütz abgesetzt und gelangweilt fühlen?" Fragte Madame Faucon. Kevin schüttelte nun auch den Kopf und fror seine Gesichtszüge zu einer starren Maske erzwungener Gefühllosigkeit ein. "Das erfreut mich, daß wir vom Lehrkörper Ihnen hier kein wertloses, zeit vergeudendes Getue bieten, daß Sie meinen müssen, sich über einen Zeitungsartikel wie den auf Seite eins derartig erfreut zu begeistern. Ich werde Ihnen und mir die zeit ersparen, Ihnen allen diesen geschmack- und geistlosen Fehltritt der sonst für ihre Sachlichkeit und Intelligenz zu rühmenden Redaktion des Miroir Magique laut vorzulesen. Meine Atemluft ist mir dafür zu schade." Viele grinsten nun. "Ich möchte jedoch für alle, die nicht verstehen, was die Abonenten unserer Zeitung gerade derartig unflätig umtreibt in wenigen Worten zusammenfassen, worum es geht: Ein zauberer führte über Jahre eine vorbildliche Ehe, und zwar im Glauben an die Treue seiner Ehefrau. Jetzt erwies es sich, daß seine frau in seiner Abwesenheit zwei Kinder empfing. Dies trieb ihn in einen jenseits aller Selbstbeherrschung ausufernden Zorn, aus dem heraus er nun meint, alles bisher erreichte und gemeinsame für nutzlos, ja erschwindelt anzusehen und die gemeinsame Familie in Frage zu stellen. Was gibt es da zu grinsen, Mademoiselle Drake?"

"Entschuldigung, Madame, aber wenn Sie meinem Vater mit so umständlichen Sätzen kommen würde der glatt Probleme kriegen", wagte Lea es, die Ausdrucksweise der Schulleiterin zu kritisieren.

"Nun, dies werde ich wohl überprüfen können, wenn am letzten Tag vor den Osterferien nicht nur Ihre Eltern die Gelegenheit erhalten, sich mit uns vom Lehrkörper über Ihre erbrachten und noch zu erwartenden Leistungen auszutauschen. Dann werde ich wissen, wie ich die Auffassungsgabe Ihres Herren Vaters bewerten darf. Für Ihre Frechheit, meine Ansprache für lächerlich anzusehen erhalten Sie zwanzig Strafpunkte." Die Blauen johlten und klatschten, weil eine Gastschülerin es geschafft hatte, zwanzig Punkte vor versammelterSchülerschaft abzuräumen, und dann noch von der Schulleiterin persönlich. "Monsieur Bertillon sucht noch nach fleißigen Helfern, die ihm bei der Beseitigung der letzten Sturmschäden in den Parks zur Hand gehen. Er wird erfreut sein, daß bis auf Mademoiselle Duisenberg und Monsieur Clopin alle Bewohner des blauen Saales zur Verfügung stehen werden. Für jeden Applaudierenden zwanzig, und für jeden Johlenden noch zehn Strafpunkte dazu. Melden Sie sich am kommenden Samstag um neun Uhr vor Monsieur Bertillons Büro zur zeitweiligen Abgabe der Zauberstäbe, um die anfallenden Aufräumarbeiten mit der gebotenen Ehrfurcht vor der Arbeit verrichten zu können. Ähm, Sie, Mademoiselle Drake, dürfen dieser Hilfstruppe beitreten." Lea blickte zu Professor McGonagall hinüber. Doch diese machte nur eine zurückweisende Geste, was hieß, daß Lea bloß keinen Widerspruch bei ihr einlegen sollte.

"Wenn Sie uns schon zum Parkputzen rausjagen wollen, Madame Faucon, dann sollten Sie zumindest den anderen hier erzählen, warum das mit dem Artikel so bei uns reingehauen hat", begehrte ein ZAG-Schüler der Blauen auf.

"Sie meinen, Ihre Verfehlung findet dann größere Beachtung? Natürlich: In dem Artikel geht es um nichts geringeres, als um einen öffentlichen Vergeltungsschlag eines Ehemannes gegen seine offenkundig untreu gewordene Gattin, wobei sich erwähnter Zauberer in seinem Zorn nicht überlegt hat, daß sein Vergeltungsschlag seine beiden Kinder in den Schmutz zieht. Immerhin ist seine Tochter gerade Schülerin unter unserem Dach. Und um dies gleich absolut klarzustellen: Jede hier lernende Schülerin und jeder hier lernende Schüler genießt dasselbe Maß an Respekt wie alle anderen, solange er oder sie sich nicht grob undankbar oder offen schädlich gegen die Gemeinschaft von Beauxbatons benimmt. Das gilt auch für alle derzeit hier lebenden und lernenden Schülerinnen und Schüler der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei sowie der Zaubererschule Burg Greifennest. Ich verbitte mir daher jede Anzüglichkeit oder gar offene Beleidigung und Demütigung, nur weil ein allen Anstand und alle Umsicht mißachtender Zeitungsartikel im Umlauf ist. Dies nur, um unmißverständlich klarzustellen, daß Beauxbatons kein Tollhaus ist, in dem jeder gegenüber seinen Mitschülern respektlos auftreten darf, ohne dafür die nötigen Folgen zu tragen. So, und wer jetzt meint, diesen Schandfleck in der Geschichte des Miroir Magique nach dem dunklen Jahr lesen oder gar vorlesen zu müssen mag dies tun oder lassen. Ich bitte mir auf jeden Fall die bisher geübte Gesprächsdisziplin aus. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!"

"Ist diese Cassiopeia Odin so wichtig oder der Typ, den sie beschubst hat?" Wollte Kevin wissen. Julius wiegte kurz den Kopf und erwähnte, daß Cassiopeia Odin im Zaubereiministerium gearbeitet habe und ihr Mann, der obendrein Madame Dusoleils Bruder sei, für den Zauberbuchverlag Mansio Magica arbeite.

"Na ja, wenn ich lange verheiratet wäre, und eines schönen Morgens kriege ich mit, daß meine Frau ein Baby kriegt, das ich ihr nicht gemacht habe, dann würde mich das auch erst ziemlich aus der Bahn schmeißen", grummelte Kevin. "Aber warum der das dann gleich in die Zeitung hat reinkleistern lassen, wo das dem doch selbst total peinlich sein muß. Aber für die Kinder, die diese Hexe schon ausgebrütet hat, tut's mir noch mehr leid. Wenn der, wie's hier drinsteht, jetzt noch die Heiler aufscheucht, rauszukriegen, ob das seine Kinder sind, und der hat dann noch recht, haben die echt einen Schwarm Doxys am Arsch", setzte Kevin noch hinzu.

"Wo bitte haben die den Schwarm Doxys?" Klinkte sich Gérard ein, wobei Julius schon auf dem Sprung war, Kevin wegen des Kraftausdrucks zu maßregeln.

"Da, wo du g'rade drauf sitzt, Gérard", erwiderte Kevin, die silberne Brosche übersehend, die Gérard trug.

"Kevin, Gérard würde dir sicher gerne fünfzig Strafpunkte wegen des hier nicht gern gehörten Schimpfwortes geben. Ich begnüge mich mit zwanzig für dich wegen Mißachtung der von Madame Faucon angewiesenen Gesprächsdisziplin."

"Steck's dir wohin, Julius", grummelte Kevin und dachte wohl, daß er mal wieder zu viel gesagt hatte. Julius legte ihm deshalb noch zehn Strafpunkte wegen Respektlosigkeit auf das bereits angewachsene Konto. Das hielt bei Kevin wie ein Schweigezauber vor, bis sie in den Unterricht gehen konnten.

In der Pause ging Millie zu Melanie, die weinend in einer abgeschiedenen Ecke stand. Da sie eigentlich heute die Pausenhofaufsichtsbegleitung gemacht hätte, übernahm Julius diese Aufgabe von ihr und ging zu Professeur Laplace, die trotz ihrer auferlegten Unparteilichkeit immer wieder zu Gérard und Sandrine hinüberblickte.

"Sie kennen die Familie des Mannes, der so unbedacht seine Familienangelegenheiten zum öffentlichen Thema gemacht hat, Monsieur Latierre?" Fragte die Arithmantiklehrerin. Julius bestätigte das. Dann sah er Celestine Rocher, Denise Dusoleil und Babette Brickston und ihr zweiergespann Armgard Munster und Jacqueline Richelieu, die zu Melanie Odin hinübergingen. Die anderen Mädchen aus der ersten Klasse des roten Saales hielten Abstand und tuschelten in einer anderen Schulhofecke.

"Melanies Patin, die Schwester ihres Vaters, hat mir das schon früher geschrieben, daß ihr Bruder womöglich eine Menge Staub aufwirbeln würde. Aber ich habe ihn selbst als eher zurückhaltend, höchstens gegen seine Kinder streng auftreten erlebt, wenn ich ihn in Millemerveilles traf."

"Ich bin keine Saalvorsteherin. Aber ich habe Ahnung von dem, wie sich junge Mädchen fühlen, die wegen irgendwas übel angeredet werden. Ich hoffe, Ihre Frau kommt trotz ihrer eigenen körperlich-seelischen Belastung mit dieser Lage zurecht."

"So wie ich das gerade sehe hat Melanie hier noch gute Freunde, und Denise aus dem grünen Saal ist ja ihre Cousine. Die kann ihr sicher auch helfen."

"Ich hörte sowas, daß Mademoiselle Odins Mutter gehörigen Unmut geäußert hat, weil ihre Tochter im roten Saal unterkam. Sicher bekommen Sie über die Ihnen verfügbaren Quellen genug davon mit, inwieweit sich das auf die seelische Balance der jungen Dame auswirkt", setzte Professeur Laplace fort.

"Ich stehe wie Sie erkannt haben in Kontakt mit allen, die mit Melanie Odin zu tun haben und kenne wie erwähnt auch ihre patin sehr gut." Professeur Laplace nickte. Was damals zwischen ihm und Claire vorgegangen war hatte sie ja ebenso mitbekommen wie alle anderen, die da schon in Beauxbatons gewohnt und gearbeitet hatten.

"Sie vertragen sich auch noch gut mit Ihren ehemaligen Mitschülern aus Hogwarts?" Fragte die Arithmantiklehrerin. Julius bejahte das, wenngleich er zugab, daß durch die Jahre doch einiges anders geworden war, vor allem in der Beziehung zu Kevin Malone. Der Erwähnte stand bei Patrice Duisenberg, die ihre Mädchenclique aus dem blauen Saal für diese Pause hintangestellt hatte und sich offenbar mit ihm unterhielt, wobei sie nicht zu nahe beieinanderstanden, um bei der Lehrerin Anstoß zu erregen. Gloria, Pina und die Hollingsworths standen bei Belisama, Céline, Laurentine und Estelle messier.

"Wie kommen Sie mit den von Ihrer Frau übermittelten Stimmungen zurecht?" Wollte die Lehrerin noch wissen. Julius erwähnte, daß er sich manchmal sehr anstrengen müsse, nicht die Beherrschung zu verlieren. Aber er habe das schon vor Hogwarts lernen müssen, daß Wut und Angst einem nicht immer weiterhalfen und während der zeit bei Madame Maxime ja wildere Stimmungsschwankungen hatte überstehen müssen, bei deren Bewältigung Millie ihm ja auch geholfen hatte. Ab da ging es nur noch um allgemeines aus der Zeitung, die außer dem Wutartikel von Emil Odin noch Sachen aus der Zaubbererweltpolitik enthielt. Als die letzten zwei Minuten vor der nächsten Stunde eingeläutet wurden trieb die Lehrerin alle verstreut herumwuselnden Schüler ruhig aber unerbittlich zusammen. Kevin versuchte es, sich von den anderen abzusetzen und als Nachzügler hinter dem Tross der Schüler herzugehen. Doch Professeur Laplace ging zu ihm hin und sprach einige wenige Worte. Da trollte sich Kevin.

Die Stimmung auf Grund des Zeitungsartikels beherrschte auch die Mittagspause. Julius war darauf gefaßt, noch eine spontane Saalsprecherkonferenz mitzubekommen. Doch Madame Faucon ließ die Schüler im großen und ganzen reden. Nur einmal schickte sie Professeur Pallas zu den Blauen, um diese zur Ordnung zu rufen. Bei den Roten saß die kugelrunde Celestine Rocher kerzengerade neben Melanie Odin, die von ihren übrigen fünf Schlafsaalkameradinnen eher mitleidsvoll angeguckt wurde. Offenbar war das für die Mädchen eine ausgemachte Sache, daß Melanie auch ein uneheliches Kind war, und zwar von einer Frau, die meinte, allen anderen Moralpredigten halten zu müssen. Sicher war das hundertmal rumgegangen, daß Madame Odin was gegen Melanies Saalkameradinnen hatte. Das fachte die Verachtung und das Mitleid für die Mitschülerin ja richtig an.

Nach dem Nachmittagsunterricht legte Julius eine Runde Dauerlauf unter Schwermachereinfluß hin. Seine Schwiegercousinen Calypso und Penthisilea namen das als Aufforderung, ihre durch Latierre-Kuhmilch gesteigerten Kräfte mit ihm zu vergleichen. Julius keuchte, als er fünf Minuten lang gegen immer schwerere Beine und eine scheinbar immer stärker an ihm ziehende Schwerkraft angelaufen war. Die Zwillinge hatten ihn dabei viermal überrundet. Als sie die fünfte Umrundung ansetzten bremste Julius seinen Lauf. Sie verfielen ebenfalls in einen langsameren Trab und holten ihn ein.

"Das du mit dem Bauch noch so laufen kannst ist voll stark. Dabei kriegst du keine Latierre-Kuhmilch."

"Das macht Madame Maximes Blut, daß meinen Körper stärker und größer gemacht hat, ihr zwei hübschen. Aber ihr zwei seid ja immer noch sehr schnell unterwegs. Auch mal einen Schwermacher ausprobieren?" Schnaufte Julius.

"Will Ma nicht. Die meint, wir würden sonst zu breiten, überquellenden Muskelschränken", meinte Callie Latierre. "Deshalb müssen wir ja so üben", fügte ihre wenige Minuten jüngere Zwillingsschwester hinzu. Dann fragte sie noch herausfordernd, ob Julius noch stark genug sei, jede von ihnen hochzuheben. Zur Antwort steckte julius den Schwermacher fort, lief zu Pennie hin und pflückte sie beinahe beiläufig vom Boden und stemmte sie, darauf achtend, die Kraft aus den Beinen zu schöpfen, nach oben und hielt sie in der Luft. "Zähl mal von eins los", sagte er zu Callie, die ihn mit großen Augen ansah, weil er ihre Schwester wie einen Sack Federn aufgehoben hatte.

"Eins - zwei - drei - vier - fünf - sechs ..." zählte Callie, während Julius so entspannt wie möglich dastand und die Muskelspannung gerade hoch genug hielt, um Pennie auf der gerade eingenommenen Höhe zu halten. "... zweiundzwanzig - dreiundzwanzig - vierundzwanzig ...", zählte Callie weiter. Da kam Millie um die Ecke. Sie hatte es gut raus, den durch die Schwangerschaft veränderten Körper ohne große Auslenkung zu bewegen und sich aufrecht zu halten.

"Huch, Julius, was machst du mit unserer Cousine?" Fragte sie amüsiert, während Calypso weiterzählte.

"Ausdauerkrafttraining, Millie. Die wollte wissen, ob ich sie anheben kann. Ich will jetzt wissen, wie lange ich sie so hochstemmen kann."

"Fünfunddreißig - sechsunddreißig", zählte Callie weiter.

"Die ist nur halb so schwer wie ich gerade, Julius. Das ergibt keinen echten Wert", erwiderte Millie.

"Doch, gibt es", erwiderte Julius, der langsam merkte, daß seine Arme doch an ihre Grenzen stießen. Doch noch schaffte er es, durch gleichmäßiges Atmen und Konzentration auf seine Arme, die verschwägerte Cousine mehr als achtzig Zentimeter über dem Boden zu halten. Diese war ganz entspannt und sagte kein Wort. Sie hörte nur darauf, wie ihre Schwester weiterzählte.

"Das du mich durch das Teleportal tragen kannst haben wir ja schon raus. Aber so wie du Pennie gerade nach oben hältst müssen wir aufpassen, daß du unsere Kleine nicht aus versehen durch die Decke wirfst, wenn du sie mal aus der Wiege holst."

"Sechzig - einundsechzig! Bor eh, zweiundsechzig", zählte Callie weiter. Bei "achtundsechzig", fühlte Julius das Zittern seiner Arme stärker werden. Bei "fünfundsiebzig" mußte er sich schon anstrengen, Pennie nicht fallen zu lassen. Bei "achtzig" sah er ein, daß er sie nicht länger halten konnte und ließ sie gerade noch behutsam genug auf die Füße kommen. Sie warf sich ihm um den Hals und schmatzte ihm auf jede Wange einen Kuß. Dann sah sie ihre mütterlich gerundete Cousine an und sagte:

"Wenn du den nicht mehr haben willst schreib's mir bitte. Ich nehm den sofort."

"Ich auch", legte Callie nach. "und ich bin die ältere."

"Das könnt ihr den Flubberwürmern zum Fressen hinwerfen, daß ich euch den gebe, wo er und ich noch eine Menge vorhaben. Nicht wahr, Julius?"

"Ja, die UTZs auf jeden Fall, dann Aurores Einschulung hier in Beauxbatons, wo sie im grünen Saal landen wird, und dann noch Aurores Hochzeit mit einem, der auch noch geboren werden muß."

"Nicht zu vergessen Aurores kleine Schwestern und Brüder", erwiderte Millie. Ihre Cousinen kicherten mädchenhaft. Julius erwähnte, daß das zu privat sei. Dann lauschte er. In der Ferne riefen irgendwelche stimmbrüchigen Jungen "Kuckuck! Kuckuck!"

"Huch, was soll denn das werden?" Fragte Millie. Julius lauschte und hörte an den Stimmen, daß es Schüler aus dem blauen und Violetten Saal waren, die drei Klassen unter ihm lernten.

"Okay, die Damen. Ich kuckuck mal nach, was die da treiben", erwiderte Julius und lief ohne weiteres Wort los. Trotz der Kraftanstrengung der letzten Minuten kam er noch gut in Schwung. Außerdem liefen ihm die Rufer entgegen. Vor ihnen her lief Melanie Odin, als wäre sie auf der Flucht. Julius ließ sie passieren und baute sich dann so lang und mittlerweile breit wie er war vor den Kuckuckrufern auf. Es waren ausnahmslos muggelstämmige Schüler. "Halt, Moment, was wird das?!" Bellte Julius den anderen entgegen. Diese fielen beim abrupten Bremsen fast vorne über. Dann grinste einer der Violetten:

"Nix besonderes. Die kleine Odin kann nur keinen Spaß verstehen. Michel hat gesagt, die wäre doch ein Kuckuckskind, weil ihre Muggelhassermaman die diesem Volltroll Emil Odin als dem sein Kind untergejubelt hat wie'n Kuckuck seine Eier anderen dummen Vögeln. Das konnte die nicht ab."

"Achso, und weil ihr findet, daß das ein echt genialer Gedanke ist rennt ihr der nach und ruft ihr Kuckuck, Kuckuck nach?" Wollte Julius mit einem abfälligen Grinsen auf dem Gesicht wissen, während Melanie bereits bei Millie war, die sie aus einem spontanen Bedürfnis heraus in die Arme nahm.

"Weißt du, wie bescheuert diese Sabberhexe über uns in den Zeitungen abgelästert hat. Erst auf feine Dame machen und sich dann von so'nem reisenden Rammler gleich zwei Brötchen in den Ofen schieben lassen", sagte ein schlachsiger Junge von den Blauen, der Michel mit vornamen hieß.

"Jungs, ich kenne diese selbsternannte Dame besser als ihr und habe mir von der auch schon üble Sachen anhören müssen, weil ich angeblich ihre unschuldige Verwandte Claire dazu verleitet habe, sich für minderwertige Muggelstämmige zu begeistern. Aber dafür können deren Kinder nichts. Und von wem die auch immer sind, die können am wenigsten was für ihre Mutter. Oder bist du an allem schuld, was deine Mutter so sagt oder tut, Michel?"

"Was soll die Kacke? Ich bin doch nicht ..."

"Also nein!" Blaffte Julius. "Damit ihr das alle kapiert, daß Melanie hier trotzdem genau wie ihr das Recht hat, in Ruhe zu lernen, kriegt jeder von euch schrägen Vögeln zwanzig Strafpunkte und darf nach dem Parkputzdienst für Bertillon noch alle Nachttöpfe und Bettpfannen von Madame Rossignol ohne Zauberkraft schrubben." Er benannte jeden erkannten Missetäter, um die Strafpunkte ordentlich zuzuteilen. Dabei zählte er sie im Kopf zusammen und legte nach: "Ihr seid zusammen zwölf. Wenn noch mal sowas vorfällt dürft ihr alle zusammen einen Tag lang die Stundenansage in der Schulleitereigenen Kuckucksuhr machen. Und jetzt macht den Abflug!" Die zwölf Schüler starrten Julius an. Der starrte jedem einzelnen so unerbittlich in die Augen, das das wie ein Stoß gegen den Kopf wirkte. Jeder von ihnen wankte zurück. Dann trollten sie sich wortlos.

"Wau!" Machte Pennie, die der Maßregelung in zwanzig Schritten Abstand zugehört und zugesehen hatte.

"Ich kann die zum teil verstehen. Cassiopeia Odin ist eine nervige Giftspritze. Aber was ich denen mitgegeben habe halte ich für richtig. Mel Odin kann nichts für ihre Mutter, egal ob Emil Odin ihr Vater ist oder wer immer, was erst mal zu beweisen ist."

"Julius, Madame Rossignol will, daß ich mit Mel zu ihr gehe!" Rief Millie. Er wandte sich ihr zu. Gerade verschwand das räumliche Abbild der Schulheilerin wie ausgeschaltet. Julius nickte ihr zu und winkte. Da kam Celestine angejachert. Sie keuchte vor Anstrengung.

"Wo is' Mel? Ah, da!" Stieß sie aus und lief an Julius und pennie vorbei. Doch Millie stoppte sie ohne körperliche oder magische Kraft in zehn Metern Abstand und sagte ihr wohl was. Celestine nickte verdrossen und zog sich zurück, während Millie mit Melanie Odin losging, um das nächste zum Wegesystem gehörende Wandstück anzusteuern.

"Ich habe die gesucht. Die wollte mit mir durch in einem Pavillon wegen der Sachen von Trifolio, wo die mir noch was zu den Wedelfarnen erzählen wollte, was ihre Tante ihr so erzählt hat. Doch die war nich' da, wo ich sie treffen sollte. Ich hörte nur irgendwelche größeren Jungs "Kuckuck" rufen. Wozu war das denn?"

"Die haben gemeint, sich an Mel für die Unverschämtheiten rächen zu müssen, die sie von Mels Maman zu hören oder zu lesen bekommen haben. Bei den Muggelstämmigen heißen Kinder, die eine Frau einem anderen Mann als die von ihm unterjubeln will Kuckuckseier oder Kuckuckskinder. Deshalb fanden die Muggelstämmigen von den Blauen und Violetten das wohl witzig, ihr nachzurufen und sie zu jagen. Ich hab's denen ausgetrieben."

"Wer genau war das alles, Julius?" Fauchte Celestine sehr wütend.

"Zu viele für dich alleine", erwiderte Julius. "Ist auf jeden Fall um die Ecke", sagte er dann noch. Er konnte sich gut vorstellen, daß Celestine die Spötter deshalb gerne angreifen wollte. Sie straffte sich, soweit ihre kleine, runde Gestalt dies überhaupt ermöglichte. Dann sagte sie noch:

"Die können froh sein, daß du die erwischt hast, bevor ich die erwischt habe. Aber was soll das, daß Millie mit Mel jetzt zu der Rossignol will?"

"Bitte zu wem?" Kehrte Julius noch einmal den Saalsprecher heraus.

"In den Krankenflügel zu ihrer und deiner Chefin", grummelte Celestine. Das konnte Julius so stehen lassen und erwiderte, daß das wohl Melanies Privatangelegenheiten seien und er ihr das überlassen mußte, ob sie Celestine was davon erzählte oder nicht.

"Oder soll Madame Rossignol Mel für ihren Vater durchgucken, ob die aus dem seinem ..." Julius räusperte sich, mußte jedoch verhalten grinsen. "Von dem gemacht worden ist", fauchte Celestine. "Stand ja in der Zeitung dick und fett wie wir zwei sind drin."

"Du hältst dich für fett?" Fragte Julius nun doch sehr erheitert.

"Gut, rund und gesund", erwiderte Celestine vergnügt. Julius mußte nun offen lachen. Celestine hatte eine Art drauf, frech und ehrlich. Kein Wunder, daß Melanies Mutter so viel gegen sie hatte. Außerdem dachte sie an Celestines großen Bruder, mit dem er auch gut ausgekommen war, zumal er ihm häufig den Quaffel ins sonst so bombensicher gehütete Tor geworfen hatte.

"Ja, Monsieur Odin hat nicht gut genug überlegt, ob das wirklich jeder wissen soll, daß er jetzt seine beiden schon laufenden und sprechenden Kinder untersuchen lassen will. Ob das aber von Madame Rossignol gemacht wird oder von einem in der Delourdesklinik weiß ich nicht. Das geht dann wie erwähnt auch nur Mels Familie was an."

"Sofern Celestine nicht von Mel geschwängert wurde", mußte sich Pennie Latierre nun einmischen. Julius wollte rasch einwerfen, daß Pennie sich da bitte heraushalten solle, als Celestine sich auf den Bauch klopfte und sagte:

"Stimmt, so rund wie der ist hat Mel mir beim in die Augen gucken gleich drei Stück da reingeblinzelt. Laß dich von deiner Ma mal aufklären, wie sie dich und deine Schwester unten reingekriegt hat, Pennie."

"An dem Porto, daß der Regenbogenvogel für die Zustellung nachverlangt hat zahlen Pennies Eltern heute noch", nahm Julius die Gelegenheit wahr, seine Schwiegercousine auf die Schippe zu nehmen.

"Lustig, Julius", grummelte Pennie. "Dabei hast du G'rade rausgekriegt, daß ich nicht so schwer bin. Vor fünfzehn Jahren war ich nicht mal ein zehntel so schwer wie heute, und Maman hat da auch schon von Aristas Milch genug getrunken, um Callie und mich locker in sich rumzuschaukeln." Celestine grinste darüber. Pennie ging zu ihr hin und bot ihr an, mal zu sehen, ob sie sie hochheben konnte. Celestine grinste abfällig und ging darauf ein. Doch als sie mal eben mit dem Gesicht über Pennies Schopf gehoben wurde und Pennie sie in wohlkoordinierten Pumpbewegungen immer noch anhob meinte sie:

"Ich glaub's, daß du ein starkes Mädchen bist, Pennie. Nur deine Arme sind zu kurz für mich. Also laß mich besser wieder runter." Pennie ließ sie einfach fallen. Doch Celestine federte den Aufprall ab und grinste wie ein fröhlicher Vollmond. "Nächstes Jahr komm ich zu euch in die Mannschaft und mach die neue Hüterin. Also leg dich nicht mit mir an, Pennie. Macht's gut, ihr drei!" Sie blies Julius noch einen Kuß zu und ging dann zum Palast zurück.

"Wen die mal auf den Besen hebt muß was abkönnen", sagte Pennie anerkennend. Julius bemerkte dazu, daß das auch für sie und Callie gelte, sofern sie sich nicht vorher zerfleischten, wer von ihnen den einen auf den Besen laden durfte.

"Meine Anfrage steht. Wenn Millie genug Bälger von dir durchgebacken hat und nix mehr von dir wissen will kannst du bei mir und Callie den Rosengarten gießen. Bis dann irgendwann!" Julius mußte lachen. Dreister ging's nicht. Und die beiden waren mit ihren fünfzehn Jahren schon sehr Kess. Aber irgendwie waren sie besser zu ertragen als diese scheinheiligen, sich über alles so erhaben aufspielenden Leute, die am Ende doch genau die gleichen Sünden begingen, wie die, denen sie predigten. Callie grinste Julius noch kurz an, um dann hinter ihrer Zwillingsschwester herzulaufen.

Nach dem Freizeitkurs und dem Abendessen traf Julius seine Frau kurz im gemeinsamen Schlafzimmer, wo sie sich noch einmal über den Vorfall am Nachmittag unterhielten.

"Pennie ist jetzt in dich verknallt. Nur weil du mit mir zusammenbist läßt sie die Finger von dir. Aber weil du eine Latierre zur Mutter gemacht hast und Pennie locker eine Minute hochhalten konntest wird die jetzt manchen heißen Traum von dir haben."

"Deine Cousinen haben mich nicht so angenervt wie diese halben Hosen aus dem blauen und violetten Saal, die hinter Mel hergerannt sind", gab Julius zu. "Mit frechen Mädchen kann ich wohl besser als mit hinterhältigen Jungs."

"Ist dann ja gut, daß du ein neues Mädchen hingekriegt hast."

"Das muß erst mal an die Luft kommen, bevor ich das richtig klarhabe."

"Mel hat Blut, Haare und Spucke bei Madame Rossignol gelassen. Die sollen wohl vergleichen, ob da was von Onkel Emil mit bei ihr drin ist. Können die Muggel das nicht auch schon?"

"Stimmt, über das Erbgut, die DNS oder aus dem Englischen auch DNA abgekürzt, also den aus Eiweißen bestehenden Bauplan für jedes Lebewesen. Wie geht denn sowas in der Medimagie?"

"Blutvergleichstrank. Da wird das Blut der Mutter, des zu untersuchenden Kindes und das des vermuteten Vaters in einem Trank zusammengerührt. Eine bestimmte Reaktion zeigt dann, ob das Kind von beiden was im Blut und restlichen Körper hat. Aber das kann dir Madame Rossignol ja auch noch mal heilerländisch aufdröseln, wo du so gut mit Fachbegriffen klarkommst."

"Klar, ein Vergleichstrank, der nur dann eine Reaktion zeigt, wenn die Blutspender alle miteinander blutsverwandt sind, wobei das Blut des Kindes das verbindende Element ist", erkannte Julius. Millie nickte.

"Und, wann weiß Mel, ob diese halben Hemden ihr zurecht "Kuckuck kuckuck!" hinterhergerufen haben?"

"Kriegt Madame Rossignol per Eule. Wenn es uns was angeht, kriegen wir es dann von ihr in der PHK." Julius nickte.

Nachdem Millie, Sandrine, Gérard und Julius ihre Saalsprecherpflichten für diesen Abend erfüllt hatten trafen sich die vier im Ehegattentrakt wieder.

 

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Madame Faucon bat Julius über das Portrait Viviane Eauvives am Abend des nächsten Tages in ihr Sprechzimmer im achten Stockwerk. Sie wirkte teils amüsiert, teils angespannt, als sie Julius im sechseckigen Empfangsraum vor dem transpictoralen Verbindungstor empfing. Julius konzentrierte sich, nicht schuldbewußt oder angespannt zu wirken und gleichzeitig seinen Geist vor legilimentischem Zugriff zu verschließen.

"Diverse Schüler aus den Sälen Blau, Rot und Violett haben herumgereicht, es gäbe im Schulleitertrakt eine große Kuckucksuhr, in der Schüler zur Strafe eingesperrt würden, um dort einen Tag lang die Stunden auszurufen. Auf Nachfrage der Kollegin Pallas wurden Sie als der Urheber dieser Erwähnung genannt, weil Sie gestern eine Gruppe von Schülern anhielten, sich nicht abfällig über die nun von ihrem rechtlichen und hoffentlich auch natürlichen Vater bestrittene Abkunft Mademoiselle Odins ausgelassen haben", begrüßte sie ihn und winkte ihm, in den großen Saal zu folgen, der als Einzelsprechzimmer oder Konferenzraum genutzt wurde. Als sie die Tür geschlossen hatte wirkte der in die Wände eingewirkte Dauerklangkerkerzauber. Sie waren also von außen nicht mehr zu hören.

"Das waren Muggelstämmige Schüler aus der vierten Klasse, die meinten, sich für die Gehässigkeiten und Erniedrigungen rächen zu müssen, die sie von Madame Cassiopeia Odin erfahren hatten. Da mußte ich was erzählen, was so keiner nachprüfen kann, es mir aber abgekauft wird, weil ich ja mal für längere zeit in diesen Räumen gewohnt habe", verteidigte sich Julius.

"Verstehe, als Muggelstämmiger ist Ihnen der abwertende Ausdruck "Kuckuckskind" so geläufig wie diesen Herrschaften, deren Wertungsbücher ich nach der Erwähnung von den Kolleginnen Pallas und Paralax gesichtet habe. Aber eine interessante Androhung, die jedoch so nicht wahrgemacht werden kann. Denn es wäre zu klären, inwieweit eine derartige Bestrafung sich mit dem Verhältnis der Straftat deckt und wie sie genau vollstreckt werden muß. Da ich als Schulleiterin die Ordnung in Beauxbatons zu wahren und gemäß der Schulregeln zu werten und zu ahnden habe bringen Sie mich da aber in eine gewisse Bedrängnis, weil ein anderer Saalsprecher, der die Androhung als vollstreckbares Strafmaß werten könnte, diese Strafe verfügen könnte. Gut, im Zweifel kann der zuständige Saalvorsteher und in letzter Instanz ich als amtierende Schulleiterin befinden, daß die Strafe außerhalb der Verhältnismäßigkeit liegt. Nur dann könnte jemand behaupten, hier würden leere Drohungen ausgesprochen, oder ein amtierender Saalsprecher könnte lügen, um sich Respekt zu verschaffen, wenn ihm sonst keine Argumente und Möglichkeiten zu Gebote stehen. Ich bin mir sicher, daß weder Sie in den Verruf geraten möchten, haltlose, unerfüllbare Drohungen auszustoßen, noch daß ich als Schulleiterin damit kompromitiert werden soll, eine den Schülern als mögliche Strafe als reine Behauptung zu entlarven. Deshalb werden wir beide jetzt erörtern, wie die von Ihnen angedachte Bestrafung umgesetzt werden kann. Wir können schließlich nicht behaupten, daß diese ominöse Kuckucksuhr mit Madame Maxime aus Beauxbatons ausgezogen ist." Julius fragte sich, ob sie ihm damit sagen wollte, daß sie ihn für eine bewußte Lüge bestrafen wollte oder von ihm eine Vorgabe haben wollte, wie sie die ihr anempfohlenen Schüler noch einprägsamer bestrafen konnte. Nachher stand er in einer Neuauflage der Bulletins de Beauxbatons als Erfinder einer besonders heftigen Strafe. Die Art von Berühmtheit wollte er eigentlich nicht. So sagte er, daß wenn er gefragt worden wäre, er nur behauptet hätte, daß Madame Maxime so eine Kuckucksuhr bei sich gehabt habe, er aber nicht wisse, ob sie noch im Schulleitertrakt stehe. Madame Faucon fragte ihn, ob er nicht wisse, daß Kuckucksuhren für gewöhnlich an der Wand hingen, um ihr von einem Pendel und einem Gewicht getriebenes Uhrwerk anzutreiben. Julius bestätigte, daß er schon solche Uhren gesehen hatte. "Aber wenn ganze Schüler in sowas reingesteckt werden sollten, müßte die wohl auf dem Boden stehen. Unvermittelt zeichnete die Schuleiterin mit ihrem Zauberstab eine schrankgroße Konstruktion in die Luft, ließ sie durch einen kurzen Wink auf die beachtliche Raumhöhe von vier Metern und gleiche Breite anwachsen und materialisierte aus der schemenhaften Erscheinung eine aufrechtstehende Kuckucksuhr, bei der das Pendelwerk und das die Gewichte wie bei einer Standuhr unterhalb des zwei Meter durchmessenden Zifferblattes eingebaut waren. Julius staunte nicht schlecht, als sie noch eine Tür an der Seite und eine Luke unter dem Zifferblatt in die Konstruktion einfügte. Sie war eben eine Großmeisterin der Verwandlungskunst.

"Entspricht dieses chronometrische Möbelstück den Vorstellungen, die Sie gestern gehabt haben mochten?" Fragte die Schulleiterin sehr entschlossen. Julius bejahte das. "Gut, für zwölf Personen Platz. Allerdings fehlt noch die Vorrichtung, die zwölf Delinquenten an die Luke zu befördern, um die Verpflichtung einzuhalten", sagte Madame Faucon. Unvermittelt wurde die gewaltige Verschmelzung aus rustikaler Standuhr und schwarzwälder Kuckucksuhr durchsichtig wie Glas. Das ging mit dem Vitrivisus-zauber, der tote Objekte für geraume Zeit durchsichtig machen konnte. Mit schnellen Bewegungen und leisem Murmeln erschuf die ranghöchste Hexe von Beauxbatons eine Art Karusell, das mit dem Räderwerk des Uhrwerks verbunden wurde. Julius sollte dann durch die Seitentür eintreten und die Konstruktion ausprobieren. Er fragte sich, ob er sich gerade eine Strafe abholte oder nur ein Experiment machte. Er ging davon aus, nur einem Probelauf beizuwohnen und betrat arglos die neue Konstruktion. Er setzte sich auf einen der schmalen, von der Drehachse fortweisenden Sitze. Dann lief laut tickend und tackend das Uhrwerk an und drehte ihn mit jedem Pendelausschlag näher auf die Luke zu. Dann erscholl eine tiefklingende Glocke. Die Luke ging auf. Julius blickte hinaus und rief "Kuckuck!" Dann klappte die Luke auch schon wieder zu und drehte das Karusell weiter. Die Luke klappte wieder auf, ging wieder zu, tat sich wieder auf und wieder zu. Julius bangte, daß er nun die ganze Nacht auf diesem schmalen Sitz hocken mußte, um wieder zur Tür hinzukommen. Doch da lief das Werk mit dreifacher Geschwindigkeit rückwärts und brachte ihn zur seitlichen Tür zurück. Er konnte wieder hinaus.

"Gut, da aus dem Nichts beschworene Objekte je nach Material und eingebrachter Zauberkraft zwischen einem Tag und einem Monat existent bleiben kann diese Konstruktion nicht dauerhaft hier aufgestellt bleiben, zumal ich sie auf ein Viertel verkleinern werde, um Platz zu sparen. Aber ich behalte mir vor, diese Konstruktion mit beständigen Materialien nachbauen zu lassen. Womöglich ist nach den Osterferien ein funktionsfähiges Gerät dieser Art verfügbar. Da die Karzerhaft und die zeitlich limitierte Verwandlung ja als Strafmaßnahmen in Kraft sind, widerspricht diese Konstruktion nicht den zulässigen Strafen, kann eher als Kombination von beidem ausgelegt werden. Vielen Dank für Ihre Anregung, Monsieur Latierre."

"Na ja, ob ich das so wollte", sagte Julius bedrückt. Die Lehrerin stellte das laute Uhrwerk ab und sagte dann: "Rechne immer damit, daß Anregungen, egal wann, warum und wie genau du sie formulierst, in greifbare Ergebnisse umgesetzt werden können, Julius. Insofern nimm diese Vorführung als wichtige Lektion dafür, keine unbedachten und haltlosen Ankündigungen zu machen. Mehr wollte ich nicht von dir. Gute Nacht!" Julius erwiderte den Gutenachtgruß und verließ den Schulleitertrakt.

"Das hat Königin Blanche amüsiert, dich mal wieder vorzuführen, Monju. Hast du echt gedacht, das ginge nicht rum, was du diesen Idioten gestern gesagt hast?" Fragte Millie. Julius gestand ein, sowohl die Tragweite seiner Ankündigung wie auch die Entschlossenheit Madame Faucons unterschätzt zu haben.

"Vielleicht hättest du denen androhen sollen, eine Nacht bei Madame Faucon im Bett zu verbringen", scherzte Millie im Schutz der zugezogenen Bettvorhänge.

"Klar, und ich wäre der erste, den diese Bestrafung ereilt hätte, Mamille. Willst du nicht wirklich."

"Hm, stimmt, du könntest mir entgleiten, weil du auf entschlossene Hexen stehst und Königin Blanche sicher schon dran gedacht hat, Catherine einen kleinen Bruder zu schenken und du da sicher gut dran mitwirken könntest." Julius räusperte sich. Sollte er Millie von der Blumenwiese erzählen, auf die Claires aus dem Körper gelöste Seele ihn gestellt hatte? Besser nicht! So wünschte er seiner Frau und Aurore nur eine gute Nacht und sagte:

"Ich genieße es, daß sie noch gut verpackt ist und uns nachts nicht wachschreit."

"Jungs halt. Wenn sie mich nachts wachstrampelt kann ich dich gerne wecken. Mal sehen, ob du dann am nächsten Morgen noch so frech und munter bist, Honigstängchen." Dann küßte sie ihren Mann innig und drehte sich auf ihre Bettseite.

 

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Die von Madame Faucon an die Lehrer ausgestreute Ankündigung, daß sie wohl Madame maximes alte Kuckucksstanduhr, die diese von Monsieur Maindure übernommen hatte, wieder in Betrieb nehmen würde, wenn jemand sich noch einmal abfällig über Melanie Odins gerade umstrittene Abkunft äußerte, brachte die Spötter zum schweigen. Julius genoß es sogar, wie die meisten ihn verdrossen und verängstigt ansahen, wenn er nachmittags über das Gelände von Beauxbatons lief. Kevin wollte einmal von ihm wissen, was für eine Uhr das sein sollte. Er konnte sie ihm beschreiben, ja sogar eine Illusion davon erzeugen. "Oha, zwölf Stunden mit Typen, die ich nicht mal auf Trittreichweite ranlassen will auf so einem Karussell zu hocken und mich darauf herumdrehen zu lassen, bis die Tür für mich aufgeht ist auch schon fies", sagte Kevin.

 

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Die Woche verstrich ohne weitere Besonderheiten. Bei der Saalsprecherkonferenz ging es zwar noch einmal um Melanie Odin und wie ihr der in die Öffentlichkeit getragene Streit ihrer Eltern zusetzte. Doch weitere Probleme gab es nicht. Kevin Malone empfand es offenbar doch als angenehm, mit Patrice Duisenberg zusammen gesehen zu werden. Gloria konnte dem jedoch nicht viel gutes abgewinnen. Sie meinte zu Julius, daß sich da wohl zwei gesucht und gefunden hätten und Kevin schon sehen würde, was er davon habe.

 

Die Gymnastikübungen halfen Julius, seine überschüssigen Kalorien zu verbrennen. Allerdings sagte ihm die Heilerin von Beauxbatons weiterhin voraus, daß er bis zur Vollendung von Aurores Geburt vierzig Kilogramm mehr als für seine Größe empfohlen wiegen mochte.

"Sandrine hat gesagt, sie wolle die Kleinen alleine wickeln, damit ich ihr da nichts vermurksen kann", tönte Gérard, als Madame Rossignol ankündigte, ab der nächsten Woche auch einen Säuglingspflegekurs zu geben, wobei der sich in erster Linie an Gérard richten würde. Denn die drei Pflegehelfer Sandrine, Mildrid und Julius hatten diesen Abschnitt der Fürsorgepraktiken ja schon längst erlernt.

"Ich habe gesagt, daß wenn du dich genauso blöd beim Wickeln anstellst wie mein Vater bei mir und Véronique, dann kann ich die beiden auch ohne Hilfe wickeln", berichtigte Sandrine den Einwand ihres Mannes. "Aber wenn Madame Rossignol dir das richtig beibringt habe ich nichts dagegen."

"Glaube ich nicht, daß ich das echt wissen will, wie ein mit Babykacke vollgekleistertes Stück Stoff abgenommen werden muß", tönte Gérard.

"Ich weiß, es gibt bei den Zauberern noch viele Väter, die denken, daß die Pflege die alleinige Sache der Mutter sei, weil die ja in den meisten Fällen das Kind auch mit sich herumträgt, auch wenn es längst geboren ist", setzte die Heilerin an. "Aber ich persönlich empfinde große Achtung vor Zauberern, die ihren Frauen beziehungsweise den Müttern ihrer Kinder bei der Pflege helfen können und nicht vor einem schreienden Säugling hocken wie ein Kaninchen vor der Schlange."

"Die Tour zieht bei mir nich', Madame Rossignol. Sandrine und ich haben das klar geregelt, daß ich sie versorge und sie unsere Kinder", erwiderte Gérard. Julius hätte beinahe gesagt: "Fünf Sickel ins Machoschwein!" Aber rechtzeitig fiel ihm ein, daß er am Anfang auch erst einmal große Überwindung nötig hatte, bis er Constance bei der Säuglingspflege helfen konnte. Womöglich war die Hemmschwelle für die eigenen Kinder etwas niedriger. Aber wissen konnte er das noch nicht.

"Nächste Woche beginnt der Kurs allgemeine Säuglingspflege. Bis zum Mai kriege ich alle auf denselben Stand", stellte Madame Rossignol klar.

"Klar, wo ich auch die Dutteln habe", scherzte Gérard.

"Es hat durchaus Fälle gegeben, wo Zauberer als Ammen aushelfen konnten", meinte die schuleigene Heilerin. "Julius, bitte erkläre Gérard doch mal, was der Nutrilactus-Trank ist und ob der nur von Frauen verwendet werden kann!"

Julius kam der Aufforderung nach und sah mit einer gewissen Schadenfreude, wie Gérards Gesicht immer blasser wurde. Dann meinte dieser:

"Na ja, ich denke schon, daß Sandrine da weniger Probleme mit haben wird und mich für das dann nicht echt nötig hat." Madame Rossignol nickte und sagte dann, daß jedoch noch genug Arbeiten übrig blieben, bei denen er seiner Frau zur Hand gehen könnte. Julius erkannte, daß das mit Gérard noch einmal heftig werden konnte. Denn Sandrine funkelte ihren Mann sehr bedrohlich an. Am Ende kam sie noch darauf, daß Gérard keine Probleme damit haben würde, wenn die beiden Kinder von ihm vor der Geburt verhungern würden.

"Gérards Mutter hat den zu heftig verhätschelt, und dem sein Vater hat sich erst angefangen, um ihn zu kümmern, als der wohl aus dem Hosenscheißeralter raus war", vermutete Millie am Abend im Schutz der geschlossenen Schnarchfängervorhänge. Julius wollte das nicht grundweg ausschließen oder bestätigen. Er erwiderte nur:

"Na ja, immerhin hat er seinen Vater häufiger gesehen als ich meinen, als ich klein war. Und bei der Hochzeit wirkte Monsieur Laplace ja auch so, als wolle er, daß sein Sohn die Folgen dessen durchziehe, was er sich aufgeladen hatte."

"Tja, der wollte ihn wohl auch los werden. Der war sicher froh, daß seine Frau mit ihm zusammen nach Beauxbatons zurückgegangen ist. Ich habe ja, wie du weißt, ein halbes Jahr mit ihm zusammen ausgehalten, Monju. Gérard ist kein richtiger Familienmensch. Warum er Sandrine all die Jahre im Glauben bestärkt hat, mit ihm hätte sie den besten Vater für ihre Kinder, habe ich bis heute nicht rausgefunden. Womöglich denkt Sandrine aber auch, mit einem Kind gleich den daran hängenden Vater neu erziehen zu können. Die haben wir ja eh alle komplett falsch eingeschätzt. Und jetzt, wo sie von diesen Leuten von Mora Vingate oder wie die sich auf Martinique nennen gleich zwei Kinder mit nach Hause gebracht hat ist sie eh ganz anders drauf als vor der Hochzeit."

"Bist du doch auch", stellte Julius fest. "Vor unserer Hochzeit hieß es, du würdest nicht auf ernste Beziehungen ausgehen. Ich selbst habe davon nichts gemerkt. Aber wenn Leute wie Belisama, Laurentine oder Céline sowas erzählt haben wollte ich das nicht gleich als Lüge oder Unsinn hinstellen."

"Klar, weil du es dir nicht mit Claire verscherzen wolltest, Süßer. Denn wenn du was gegen Céline gesagt hättest hätte Claire dich gefragt, ob du was mit mir angefangen hättest. Auch wäre das ja damals noch möglich gewesen, daß du Belisamas Gurren gemocht und dich von ihr hättest einwickeln lassen. Aber das sind alles Sachen von vorgestern. Ich weiß, daß wir zwei was großartiges hinbekommen haben, daß wir zusammen sind. Alleine, daß Pina Watermelon noch am Leben ist oder daß wir überhaupt diese Kiste mit der Windflöte geschafft haben, damit diese Schlangenbrut erledigt wurde. Das wäre sicher nicht gelaufen, wenn das zwischen dir und mir nur ein Spiel von mir oder eine kurzfristige Versuchsreihe von dir gewesen wäre, oder?" Julius konnte darauf nur mit einem klaren Ja antworten. Sie beide hatten schon mehr hinbekommen, als in der ganzen Schule bekannt werden durfte. Im Mai würde diese ernste Beziehung dann greifbar sein.

 

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In der folgenden Woche gingen Julius und die anderen UTZ-Schüler in Zauberkunst daran, mehr als drei Zauber zeitgleich ablaufen zu lassen. Julius konnte sogar schon fünf Zauber simultan ausführen. Die Kunst bestand darin, die Abfolge der ungesagt durch das Bewußtsein getriebenen Zaubersprüche in einen gleichförmigen Rhythmus zu bringen und die für jeden Zauber einzeln geltenden Zauberstabbewegungen in einer fließenden Abfolge von Bewegungen auszuführen wie ein Dirigent, der ein großes Orchester mit mindestens fünf verschiedenen Stimmen leitet.

Im Unterricht praktische Magiezoologie ging es um die Hydra, jene siebenköpfige Riesenschlange, die so schwer zu töten war und obendrein die Fähigkeit besaß, sich vorübergehend in eines der zuletzt verschlungenen Beutetiere zu verwandeln, um so neuer Beute besser nachstellen zu können. Wegen der erstaunlichen raschen Regenerationsfähigkeit der Hydra gab es in Griechenland, wo sie in kleinen abgesteckten Reservaten gehalten wurde, Zauberer, die das blut oder das Gift dieser Schlange erbeuteten, um ihre Zaubertränke damit anzureichern. Julius erinnerte sich zu gut an Bokanowskis Experimente und fragte, ob es nicht sehr viel besser wäre, wenn es keine lebenden Hydren mehr gebe. Professeur Fourmier erwähnte darauf, daß bis heute noch nicht geklärt sei, wie genau die Hydra entstanden sei und es womöglich sehr wichtig für die Zaubererwelt werden könne, dieses Geheimnis zu lüften, was nur ginge, wenn ein kontrollierter Bestand lebender Exemplare erhalten würde.

Im Unterricht Protektion gegen destruktive Formen der Magie ging es nach den Ritualen des Schutzes, der Sicherheit und der Reinigung um die dunkle Genese, die Erschaffung bösartiger Wesen, von denen sie einige schon kannten, nämlich die Werwölfe, die Vampire, die Inferi oder Zombies, sowie die in drei Machtstufen unterteilten Nachtschatten. Professeur Delamontagne erwähnte erneut, daß viele Zauber, die zunächst gutartig ausgelegt waren, von auf Abwege geratenen Hexen und Zauberern zu bösartigen Verkehrungen gemacht wurden. Julius durfte in diesem Zusammenhang auch noch einmal schildern, was er über die neun Abgrundstöchter erfahren hatte. Er erinnerte sich dabei sehr gut an die erste Begegnung mit dem jetzigen Fachlehrer, der damals nur als Virginies Großvater väterlicherseits bei ihrer ZAG-Feier dabei war. Als der Lehrer Julius aus den aufbewahrten Notizen zu seinem Referat im Zauberwesenseminar von vor drei Jahren hatte beenden lassen stellte er ihm und den anderen eine Frage, die Julius sichtliches Unbehagen bereitete:

"Nachdem, was Sie alle nun aus gut recherchierten Angaben über die Natur der Abgrundstöchter erfahren haben, können Sie sich vorstellen, daß diese unwiederbringlich vernichtet werden können?" Julius verstand die Frage nicht richtig, wo er es doch mehr oder weniger mitbekommen hatte, wie Hallitti erledigt worden war. Er bat ums Wort und antwortete:

"Ich habe es nicht zu einhundert Prozent mitbekommen, daß alles an und in der Abgrundstochter Hallitti von der Wiederkehrerin zerstört wurde. Aber daraus, das mein von dieser geistig und körperlich total abhängiger Vater das nicht überlebt hat muß ich vermuten, daß sie vollständig aus der Welt verschwand."

"Was nicht heißt, daß sie sich restlos in Nichts oder unschädliche Asche aufgelöst hat, Monsieur Latierre und die anderen Herrschaften. Der Fall Riddle alias Voldemort - Immer noch?" Irgendwie war es offenbar aus den Schülern aus Zaubererfamilien nicht herauszukriegen, bei Nennung des Namens Voldemort zusammenzuzucken. Nur Gloria, Millie und Julius ließ dieser Kampfname kalt. "Was wollte ich sagen? Wenn der Fall Voldemort uns eines gelehrt hat, dann daß die Vernichtung eines Körpers nicht die endgültige Beseitigung eines gefährlichen Feindes bedeuten muß. Ich verfüge über einige weitere Kenntnisse über jene höchst gefährlichen Geschöpfe, denen Sie begegnet sind, Monsieur Latierre. Daraus muß ich schließen, daß deren Mutter, als sie sich durch bösartige Zaubereien zur Mutter von neun vaterloser Töchter gemacht hat, alle ihre Töchter durch sich miteinander verbunden hat. Die Unsterblichkeit der neun beruht nicht nur auf der Menge gestohlener Körperkraft und Seelenenergie und dem Element, das bei ihrer Erzeugung mitwirkte, sondern auch darauf, daß sie voneinander abhängig sind und ein Quadrat der drei Schrecken bilden: Versklavung, Gewalt und unnatürlicher Tod. Aber wie sie selbst eine Verkehrung natürlicher Zeugungsprozesse sind, so können sie aus dem Tod auch neues Leben schöpfen. Der Umstand, daß Hallitti bisher nicht in neuer Form zurückkehrte, mag daher rühren, daß ein Großteil der ihr eingeflößten zauberkraft und sämtliche geraubte Lebensenergie entzogen wurde. Außerdem könnte es noch etwas geben, was ihre frühere Existenz nicht vollständig beendet hat und sie daher in einem ihr sicher unangenehmen Zustand verharren muß, aus dem heraus sie nicht aktiv ins Geschehen eingreifen kann. Nach alten Texten aus Babylon und Persien kann die Schwester zur Tochter werden, wenn es einem gelingt, ihr den Körper zu entreißen. Das hieße, daß sie von einer ihrer noch lebenden Schwestern wiedergeboren werden könnte. Wenn wir Glück haben, trifft diese dunkle Hypothese nicht zu, weil Hallitti eben zu viel der eigenen magischen Substanz entrissen wurde, nicht nur das körperliche Dasein. Allerdings muß ich zumindest die Möglichkeit erwähnen, daß sie irgendwann wiederkommen könnte, sofern noch eine ihrer Schwestern am Leben ist, die mit ihr die Verbindung zur stofflichen Welt hält."

"Ist denn sowas schon mal passiert, oder sind das nur Vermutungen?" Wollte Gloria Porter wissen. "Meine Großmutter Jane, die in den Staaten im Laveau-Institut gearbeitet hat, kannte sich auch gut mit diesen Kreaturen aus. Die hätte es Julius sicher erzählt, wo er mit ihr zusammen hinter dieser Hallitti hergejagt hat."

"Wie erwähnt beziehe ich mich da auf frühgeschichtliche Texte, die diesen Wesen unterstellen, sich durch erneute Jungfernzeugung gegenseitig neues Leben zu ermöglichen. Da es bisher keinem gelang, eine Abgrundstochter körperlich zu zerstören, konnte diese düstere Vermutung nicht auf ihre Haltbarkeit hin geprüft werden. Insofern kann es auch eine Übertreibung sein, sollte jedoch nicht grundweg als Unsinn abgetan werden", sagte der Lehrer. Julius überlegte. Ein Satz des Fachlehrers hatte einige Saiten in ihm zum Klingen gebracht: "Außerdem könnte es noch etwas geben, was ihre frühere Existenz nicht vollständig beendet hat und sie daher in einem ihr sicher unangenehmen Zustand verharren muß, aus dem heraus sie nicht aktiv ins Geschehen eingreifen kann." Ja, da gab es was, beziehungsweise wen, der als Überbleibsel ihres Wirkens durchgehen mochte. Julius wünschte dem Jungen, dessen Körper einmal die Seele seines Vaters beherbergt hatte, ein langes, friedliches und ungefährdetes Leben. Hoffentlich kam keine der anderen Abgrundsschwestern darauf, diesen Körper zu töten, um was immer Hallitti in ihm zurückgelassen haben mochte, zu dieser zurückkehrte um sie irgendwann auf die Welt zurückkehren zu lassen.

"Einfach zu sagen, daß dieses Monstrum zerbröselt ist fällt Ihnen offenbar schwer, Professeur. Haben Sie so viel Respekt vor dieser Urmutter, daß sie das nicht glauben können?" begehrte nun Waltraud Eschenwurz auf. Alle sahen sie entgeistert an. Julius hingegen klatschte ihr in Gedanken Beifall.

"Nun, ich würde es nicht Respekt nennen, schon gar nicht vor einer Leistung, die niemandem auf Erden genützt hat, auch nicht Lahilliota, Mademoiselle Eschenwurz. Allerdings gehört das Streben nach Unsterblichkeit und Unverwüstlichkeit so sehr zu den Triebfedern dunkler Magier, daß ich bei der Macht dieser Wesen nicht ausschließen darf, daß nicht daran gedacht wurde, einen körperlichen Tod zu überdauern. Tom Riddle, die von Monsieur Latierre erwähnte Wiederverkörperung der Nichte Sardonias und die Existenz des Vogels Phönix belegen, daß es möglich ist, den körperlichen Tod zu überstehen und in einer anderen Gestalt auf die Erde zurückzukehren. Das Wissen darum kann bereits vor Jahrtausenden bekannt gewesen sein. Wenn wir schon die Unterrichtseinheit dunkle Genese erörtern, wo es genau darum geht, durch bösartige Zaubereien die Grenzen zwischen Leben und Tod zu beeinflussen, müssen wir auch mit der Vorstellung zu leben lernen, daß die rein körperliche Vernichtung nicht zwangsläufig das Ende des gefährlichen Wesens bedeutet. Riddle konnte erst dann vollständig aus der Welt geschafft werden, nachdem seine schwarzmagischen Ankerartefakte zerstört waren. Inwieweit die Abgrundstöchter füreinander solche Anker in der physischen Welt sind ist nicht genau zu sagen. Ausgeschlossen werden darf es jedoch nicht."

"Wir hatten bei Professeur Fourmier die Hydra. Die ist doch ein Paradebeispiel für unverwüstliche Geschöpfe", wandte Hubert Rauhfels ein. Der Lehrer nickte. Julius bat ums Wort und sagte:

"Sie sagten vorhin, daß es was gebe, was die Existenz der Abgrundstochter nicht zu einhundert Prozent beendet hat. Könnte das ein lebendes Wesen sein oder ein Gegenstand, mit dem sie trotz körperlicher Vernichtung zu sehr verbunden war, daß sie keinen neuen Körper annehmen kann?"

"Ja, ein Lebewesen, das von ihrer Magie durchdrungen wurde und ihre körperliche Vernichtung überstanden hat. Stirbt dieses Wesen, könnte die Blockade erlöschen, die Hallitti an der Rückkehr hindert. Es könnte jedoch auch nur dazu führen, daß die Rückkehr der Kreatur erst später stattfindet, wenn das überlebende Wesen auf irgendeine Weise an die magische Verbindung erinnert wird", sagte Delamontagne. Julius nahm dies als doppelte Antwort. Zum einen wußte er jetzt, daß der Lehrer wußte, daß sein Vater nur sein Gedächtnis verloren hatte, nachdem er von der toten Patricia Straton zum Säugling zurückverjüngt worden war. Zum anderen wußte Julius, daß er es richtig gemacht hatte, keinen Kontakt mehr zu seinem Vater haben zu wollen. Am Ende genügte ein falsches Wort, und irgendwas in ihm löste die Rückkehr Hallittis auf die Erde aus. Gloria sah Julius an und fragte dann Delamontagne:

"Sie meinen, daß Julius dieses Hindernis darstellt, Professeur Delamontagne?"

"Soweit ich von Madame Faucon und Kollegen aus der Liga gegen dunkle Künste erfuhr kam es zwischen Monsieur Latierre und der erwähnten Abgrundstochter nicht zur körperlich-magischen Vereinigung, obwohl sie seinen Vater als verstärkendes Element dafür heranziehen wollte. Insofern gehört er nicht in die von mir erwähnte Kategorie. Aber wir wissen nicht, ob Richard Andrews, Monsieur Latierres Vater, der einzige Abhängige Hallittis war. Kann sein, daß ein Abhängiger von ihr bei ihrer Vernichtung sein Gedächtnis verlor und womöglich dem Wahnsinn verfallen ist, was ihn für die Abgrundstöchter ungenießbar macht. Doch wenn dieser mensch durch irgendwas oder irgendwen an seine Beziehung erinnert wird, könnte das wie ein Leuchtfeuer für sie wirken, daß ihr den Weg zurück auf die Welt zeigt."

"Lahilliota hatte eine Schwester, die sich der schöpferischen, Leben erhaltenden Magie zugewandt hat. Sie war damals wohl so mächtig, daß sie von den Menschen der alten Kulturen für eine ihrer Göttinnen gehalten wurde", holte Julius aus. "Diese Schwester Lahilliotas hat mehrere Kinder geboren. Die wiederum haben ihre Blutlinie erhalten. Könnten die also auch diese Hürde sein, über die Hallittis Geist, in welchem Zwischenreich er jetzt gefangen ist, an der Wiedergeburt hindern?" Gloria, Millie und Hubert strahlten Julius an. Delamontagne wiegte den Kopf. Offenbar mußte er sehr gründlich nachdenken, was seine Schüler wissen durften oder was die von ihm aus schlaueste Antwort war. Dann sagte er:

"Nun, ob und wie viele Erben dieser von Ihnen erwähnten Magierin noch leben dürfte deren großes Geheimnis sein. Daher kann ich nur spekulieren, daß diese Erben, ob wissentlich oder ahnungslos, mithelfen, daß die Wiedergeburten von entkörperten Abgrundstöchtern verhindert werden. Wie erwähnt ist das nur eine Vermutung, keine fundamentale Erkenntnis." Doch Julius war mit der Antwort zufrieden. Wenn also Leute wie Camille Dusoleil und Adrian Moonriver weiterlebten konnte Hallitti nicht aus einer ihrer wachen Schwestern zurück auf die Erde schlüpfen. Denn so mußte es ja wohl ablaufen, wenn stimmte, daß die Schwester zur Tochter werden konnte. Vielleicht reichte auch eine transvitale Existenz wie die Ashtarias oder die Ammayamirias aus, Hallittis verbanntes Wesen von der Welt fernzuhalten. Keiner wußte wirklich, was jenseits der Schwelle zum Tod lag. Die Magier waren sich nur darin sicher, daß es eine Daseinsform nach dem Tod gab, sowie die Zwischenformen, die als Gespenster oder Gewesene bekannt waren.

"Wenn wir schon über ganz fiese Wesen sprechen, Professeur Delamontagne: Wie kamen dann die Dementoren auf die Welt?" Fragte Betty Hollingsworth, nachdem sie wie hier vorgeschrieben ums Wort gebeten hatte. Der Lehrer straffte sich. Doch Julius konnte ihm ansehen, daß er sehr froh war, das Thema endlich wechseln zu dürfen.

"Über die Entstehung der Dementoren gibt es die unterschiedlichsten Meinungen. Einige halten sie für eine Verschmelzung von Nachtschatten und Menschen. Andere sehen in Ihnen das Produkt von magischen Experimenten, bei denen Gefühle und zerstörerische Gedanken verstofflicht wurden und zu eigenständigen Wesen geworden sind. Das ist auch ein Aspekt der dunklen Genese und wird genau erst im letzten Halbjahr vor den UTZ-Prüfungen im Unterricht besprochen: Wahrhaft böse Magier können ihre Wünsche und Absichten, ihre Gefühle und Begierden durch dunkle Rituale, bei denen mindestens ein Menschenleben geopfert werden muß, in greifbare Gebilde oder eigenständige Wesenheiten verwandeln. Sie werden oft als die Kinder dunkler Träume bezeichnet, wobei es sich nicht um Alpträume ihrer Schöpfer handelt, sondern um größenwahnsinnige, habgierige Interessen, die durch diese ausführende Kreaturen feste Form gewinnen können. Der Dämonenglaube in den Religionen der Welt rührt zum Teil von der Erkenntnis her, daß jemand, der wahrhaftig bösartig denkt und handelt, ihm zunächst dienstbare Abbilder seiner Begierden aus dunklen Reichen erschaffen und einsetzen kann. Allerdings, die Herschaften, saugen diese Erzeugnisse im Laufe ihrer Existenz immer mehr körperliche und seelische Kraft von ihren Erzeugern ab, sofern sie nicht dahingehend erschaffen wurden, die Lebenskraft und Seelen anderer Wesen aufzuzehren. Am Ende kann der Erschaffer selbst zum Opfer seiner Ausgeburten werden. Ob diese danach sterben oder erst recht und gänzlich unbeherrschbar weiterexistieren können ist nach wie vor Stoff für Diskussionen und Forschungen, wobei jene, die die dunklen Kräfte bekämpfen, längst nicht die Versuche machen können, die die Verehrer der bösartigen Zauberei wagen. Wir hatten neben Tom Riddle und Gellert Grindelwald noch den mit Lebewesen herumexperimentierenden ehemaligen Heiler Bokanowski. Sardonias wiederverkörperte Nichte Anthelia konnte die Kreaturen ihrer Tante nachzüchten. Womöglich existieren in der Welt noch genug unliebsame Zeitgenossen, die Magie als Freibrief zur unumschränkten Beherrschung aller Menschen und Tiere sehen. Doch die mit Abstand mächtigste düstere Schöpfung ist die Materialisation von Abbildern der eigenen Begierden und Ziele. Dieser Genese können die Dementoren entstammen, wobei diese sich durch das Vorhandensein von genug Leid in der Welt weitervermehren konnten. Sie saugen glückliche Erinnerungen auf, womöglich, um ein mentalmagisches Gefälle zu erzeugen, über das sie ihre dunklen Energien erhalten und damit auch Keimzellen ausbilden können, um sich weiter zu verbreiten. Am besten fassen wir jetzt alles zusammen, was wir an Kreaturen kennen und wie sie vermutlich oder erwiesenermaßen entstanden sind. Denn das ist wichtig, um zu wissen, wie sie letzthin bekämpft oder gar vernichtet werden können." Der Lehrer schrieb die Stichpunkte an die Tafel und diktierte den Schülerinnen und Schülern alles bisher erwähnte in einprägsamen Sätzen in die Federn. Am Ende der Doppelstunde hatte jeder drei ganze Pergamentrollen voll.

"Du glaubst hoffentlich nicht, daß dieses Weib wiederkommt, das deinen Vater umgebracht hat, oder Julius?" Fragte Millie ihren Mann.

"Ich hoffe eher, daß Professeur Delamontagne kein Berufsparanoiker ist, der immer meint, jemand könnte nicht sterben, nur weil der oder die mehr Macht im kleinen Finger hatte als sonst wer im ganzen Körper", grummelte Julius. Er hoffte jedoch, daß Hallitti endgültig erledigt war. Falls nicht, so hatte dann eher die Verschmelzung zwischen Anthelia und Naaneavargia Probleme mit der, sofern sich Hallitti von Anfang an daran erinnern konnte, wer sie mal war.

Madame Rossignol bat die beiden Ehepaare kurz vor dem Schlafengehen noch einmal in ihr Sprechzimmer. Als Millie und die sie umfangmäßig bereits übertrumpfende Sandrine sich bequem hingesetzt hatten sagte die Heilerin:

"Jetzt sind es bei dir, Millie noch zwischen sieben und neun Wochen und bei dir Sandrine zwischen acht und zwölf Wochen, bis eure Kinder geboren werden. Ich möchte euch daher darum bitten, von heute an die innerttralisierte Unterkleidung anzuziehen, wenn ihr im Unterricht starken Bewegungsänderungen unterworfen seid oder den Saalsprecherkonferenzen beiwohnen möchtet. Zwar haben sich eure Geschlechtsorgane als sehr kräftig und elastisch erwiesen. Doch ich möchte nicht riskieren, daß eine starke Erschütterung zur unnötigen Frühgeburt führt. Daß ihr entsprechende Unterkleidung habt weiß ich ja. Ich verordne nun, daß ihr sie immer dann tragt, wenn ihr bewegungsintensive Sachen im Unterricht macht oder eben durch das transpictoraltor geht." Millie und Sandrine nickten. Beide wollten alles vermeiden, was ihren ungeborenen Kindern Schaden zufügen oder sie zu früh auf die Welt kommen lassen würde. Vor allem Millie legte Wert darauf, ihr erstes Kind lebend zur Welt zu bringen. Denn sonst wäre sie gezwungen, ihr restliches Leben in der Burg der Mondtöchter zu verbringen. Sandrine dachte ebenfalls nicht daran, die ihr so wichtigen Kinder zu verlieren. Daher gab es keinen Protest, zumal Madame Arachnes Umstandsmiederwaren ideal waren, um die anderen Umstände nicht nur unangenehm zu empfinden. Millie wandte noch ein, daß sie vorsorglich fünf Garnituren gekauft hatte. Sandrine hatte über Weihnachten ebenfalls noch genug Unterzeug gekauft, um ihre Zwillinge so erschütterungsfrei und uneingeengt wie ihr Körper es zuließ zu Ende zu tragen. Dann sagte die Heilerin noch:

"Soweit also das. Dann werden wir ab dem kommenden Wochenende den allgemeinen Säuglingspflegekurs beginnen, und ich erwarte, daß du, Gérard, dich daran beteiligst."

"Die drei können das doch alles schon wegen Connies Überraschungskind", grummelte Gérard. "Ich denke, ich brauche das nicht zu können. Mein Vater mußte das auch nicht können, und ich bin trotzdem groß geworden."

"Wo ich denke, daß die Versorgung von Zwillingen arbeitsintensiver ist und jede kundige Hilfe benötigt wird", setzte Madame Rossignol an, "solltest du als stellvertretender Saalsprecher mit gutem Beispiel vorangehen und alle Folgen deiner Handlungen hinnehmen."

"Es gibt genug magisches Zeug, um Babys für Tage sauber zu halten", sagte Gérard darauf. Julius fragte sich, was der Klassenkamerad und Saalsprecherkollege für ein Problem hatte? Doch er sagte da nichts zu. Madame Rossignol sah Gérard nur abschätzig an und meinte, daß er seine Meinung schon ändern würde. Dann schickte sie die vier zu Bett.

"Wie hast du das gelernt, Barbara van Helderns kleine Schwestern sauber und trocken zu legen, Monju?" Wollte Millie von ihrem Mann wissen. Dieser erwähnte, daß er zeigen wollte, daß ihn nichts erschüttern konnte und er auch nicht den Eindruck vermitteln wollte, daß die auf ihn verwendete Zeit verschwendet worden sei.

"Das fehlt Gérard, damit klarzukommen, was von ihm verlangt wird. Aber so wie Madame Rossignol geguckt hat hat sie schon was in Planung, um ihn dazu zu kriegen, Sandrine helfen zu können." Julius bejahte es. Er hatte sogar schon eine Idee, was. Doch davon sagte er Millie nichts.

 

__________

 

Die folgende Woche brachte außer neuen Lerneinheiten im Unterricht nur eine erwähnenswerte Sache. Melanies Eltern hatten damit angefangen, sich gegenseitig in der Öffentlichkeit niederzumachen. Rosenkrieg hieß sowas bei den Muggeln. Millie mußte die Erstklässlerin aus ihrem Saal mehrmals mit in den Krankenflügel nehmen, um sie zu beruhigen. Julius schrieb Camille Dusoleil an, daß Melanie unter den öffentlichen Gemeinheiten litt und sowohl Madame Faucon und Madame Rossignol fürchteten, daß sie deshalb unter dem hohen Druck zusammenbrechen mochte.

Am Samstag kam der angekündigte Wickel- und Fütterkurs dran. Gérard tat sich schwer, eine mit braunem Wasser randvolle Windel von einer säuglingsgroßen Übungspuppe wegzunehmen, ohne den halben Inhalt auf den Boden zu kleckern. Er klatschte das durchweichte Stoffteil auf den improvisierten Wickeltisch und schnaubte: "Ich bin doch nicht bescheuert, mich mit Babykacke zu bekleckern, wo Sandrine das mit den Windeln so genial drauf hat. Neh, Leute, da steige ich dann doch aus."

"Wir kriegen gleich zwei auf einmal, Gérard. Wäre echt sehr nett von dir, wenn du das lernst, mir bei den beiden zu helfen. Anlegen muß ich die alleine. Aber beim Baden und Wickeln könntest du mir echt helfen."

"Warum gibt's da keinen gescheiten Zauber für? Außerdem gibt's Reisewindeln, die eine Woche halten. Ich lege genug aus, damit wir so Dinger anschaffen können", stieß Gérard aus.

"Du maulst die ganze Zeit rum und hast nur gemotzt, wenn was mit mir oder den beiden war", fauchte Sandrine. "Ich weiß, daß ist eklig. Aber die Kleinen können doch nix dafür, daß die nicht gleich aufs Klo können oder mit Messer und Gabel essen können. Wie haben deine Eltern das denn mit dir gemacht?"

"Mein Vater ist im Ministerium. Meine Ma hat den ganzen Krempel mit mir gemacht, wenn sie mich nicht bei einem bezahlten Kindermädchen abgelegt hat", sagte Gérard. Mein Vater hat mich nur angefaßt, wenn ich gebadet und gut verpackt war", schnaubte Gérard. "Ich schaffe die Galleonen ran, damit wir alle zusammen satt und groß werden. Du mußt nicht voll arbeiten gehen." Julius grinste. Das Gérard ein Macho der alten Schule war hatte er bis heute nicht gewußt. Aber sicher war das nur die Angewidertheit.

"Wie haben eure Eltern das mit euch geregelt?" Fragte Madame Rossignol Millie und Julius. Julius erwähnte, daß seine Mutter für seine Sachen zuständig gewesen war und erst wieder hätte arbeiten gehen können, als er gelernt hatte, eine Kindertoilette zu benutzen. Millie erwähnte, daß für Säuglingspflege ihre Mutter und ihre Großmütter zuständig gewesen seien. Gérard verbuchte das als Erfolg für seine Ansicht und sagte:

"Siehst du, Sandrine. Ich habe keine Probleme mit den beiden Kindern. Aber ich muß deshalb nicht in alles reinlangen, was die unten reinmachen."

"Achso, dann soll ich darauf hoffen, daß du genug für uns vier verdienst", sagte Sandrine. "Millies Eltern sitzen auf viel Gold. Julius' Eltern hatten vorher und danach was, womit sie beide was verdient haben. Aber wenn wir hier raus sind müssen wir erst mal was finden", schnarrte Sandrine.

"Die Kleinen können ja dann wohl mal eine Stunde liegen, ohne daß gleich wer springt und die von vollgepullerten Windeln auswringt", warf Gérard ein.

"Ähm, wie würdest du dich fühlen, wenn wer dich eine Stunde lang in deinen eigenen Ausscheidungen liegen ließe", zeterte Sandrine. "Oder wenn du ganz hilflos rumliegst, und keiner ist da, der dich füttern kann. Willst du unsere Kinder echt so groß kriegen?"

"So heftig kann das nicht sein. Und wir können uns ja gerne unterhalten, ob wir eine freiberufliche Amme anstellen. So teuer sind die wohl nicht", sagte Gérard.

"Die beiden da wachsen in mir. Ich werde die zur Welt bringen. Und nur an meinen Brüsten werden die saugen, Gérard. Keine andere Hexe rührt die an. Und wenn du nicht langsam klar kriegst, das in mir auch deine Kinder wachsen und du endlich kapierst, daß du sie auch zu versorgen hast, dann brauche ich dich echt nicht."

"Ach ja, zum gut Schau machen war ich dir schon wichtig. Damit du einen für Walpurgis hattest auch. Und die Nummer mit der vorzeitigen Hochzeit war wohl auch nur, damit du bei deinen Mädels aus dem gelben Saal schon supererwachsen rüberkommst, wie?!" blaffte Gérard. "Ich habe die Schnauze sowas von voll, daß alle hier, von den halbvollen Blusen aus dem Latierre-Stall bis rauf zu Madame Faucon jede meint, mir einreden zu müssen, was ich richtig und was ich nicht richtig mache. Ich hätte damals kapieren müssen, daß das mit der Beziehungskiste nicht mein Ding sein soll, nachdem das mit Millie kaputtging."

"Hallo, mich und meine Cousinen läßt du jetzt mal bitte da raus, wenn du nicht heute noch heftigen Krach mit mir haben willst", schnaubte Millie. Madame Rossignol ergriff sie sanft und winkte dann Julius. "Ihr zwei geht bitte an die Luft. Ihr braucht keinen Wickelkurs mehr zu machen. Julius lernt nur noch, wie er dir helfen kann, das Kind ohne dich zu überanstrengen zu stillen. Das ist auch eine sehr wichtige Partnerschaftsarbeit", sagte Madame Rossignol und trieb die Latierres zur Tür raus.

"Du hast dich bei mir ausgeheult, weil Millie dir zu direkt und anstrengend war, Gérard. Du hast mich angeschmachtet, damit deine Freunde dich nicht für einen Versager halten", feuerte nun Sandrine eine verbale Gegenkanonade ab. Millie zitterte. Julius fühlte ihre Wut auflodern. Er stemmte sich mit seiner Selbstbeherrschungsformel dagegen und hielt sie in einer halben Umarmung, während sie aus dem Übungsraum für Pflegehelfer hinausgingen.

"Millie, ganz ruhig, bitte. Der hat nur eine Scheißangst, bei den Kleinen was zu verbocken oder besser zu versauen. Das er dich jetzt als Grund anführt, warum ihm das zu viel wird ist zwar gemein, aber er muß das mit Sandrine klarkriegen", sagte Julius. "Ich weiß, was ich an und von dir habe und noch bekommen werde. Und du weißt, daß ich für dich und Aurore da sein will und dir bei allem helfe, wo ich keinen Nutrilactus-Trank für brauche", sprach Julius auf seine sichtlich erzürnte Frau ein. Sie knurrte und schnaubte unartikulierte Laute. Doch dann gewann Julius' auf sie übermittelte Selbstbeherrschungsformel genug Raum. Sie beruhigte sich.

"Stimmt, der Typ ist es nicht wert. Der Typ ist das nicht wert, daß sich irgendeine Frau, Muggel oder Hexe, für den was aufreißt. Der soll froh sein, daß der überhaupt der Vater von den beiden ist. Obwohl, der Junge tut mir leid. Wenn der auch diese Bibbergnomerbanteile drin hat. Neh, war schon richtig, den in den Wind zu schießen und mir wen besseren zu suchen", sagte sie und lächelte ihren Mann an. Julius empfand sie in ihrer Leibesfülle jetzt irgendwie noch schöner. Sicher, sie quoll immer mehr auf. Aber ihr Gesicht war jetzt so rund wie ein Apfel, und ihre weiblichen Ausprägungen waren sehr verheißungsvoll. Sie ähnelte irgendwie Ursuline, die trotz Leibesfülle noch eine sehr anziehende Erscheinung sein konnte. Er selbst hielt sich gerade nicht für besonders anziehend. Aber wenn er Millie helfen wollte, Aurore gesund auf die Welt kommen zu lassen, dann mußte er das durchstehen. Als wenn Millie seine Gedanken erfaßt hatte meinte sie:

"Gérard würde niemals für mich so viel Übergepäck mit sich rumschleppen. Aber das kriegst du locker wieder runtergestrampelt, genau wie ich."

Den Rest des Nachmittags verbrachten sie im Ostpark. Dort unterhielten sie sich lange über die letzten Monate, wie Millie das in ihr wachsende kleine Mädchen immer besser fühlen konnte und daß sie Melanie helfen wollten, sich von dem Gezänk ihrer Eltern nicht runterziehen zu lassen.

Kurz vor dem Abendessen zitierte Madame Rossignol Julius noch einmal allein zu sich. Sie übergab ihm einen Zettel für Professeur Delamontagne. Er fragte, ob er ihn lesen dürfe und erhielt die Erlaubnis. Er las:

Werter Professeur Delamontagne,

In der mit Ihnen, Madame Faucon und Professeur Laplace getroffenen Übereinkunft teile ich Ihnen mit, daß ich mich heute genötigt sah, Monsieur Gérard Dumas geb. Laplace wegen seiner unerträglich werdenden Abneigung gegen die von ihm gezeugten Kinder einem Intensivkurs Bedürfnisse von Neugeborenen und Säuglingen zu unterziehen, der von Samstag fünf Uhr Nachmittags bis kommenden Montag halb sechs Morgens von mir erteilt wird. Monsieur Latierre wird die in dieser Zeit anfallenden Aufgaben des Saalsprechers auch ohne beigeordneten Stellvertreter erfüllen, da bin ich mir sicher. Bitte richten Sie Madame Faucon und Ihrer Kollegin Professeur Laplace aus, daß ich mir vorbehalte, bei unzureichender Einsicht des erwähnten Schülers eine Wiederholung der mit Ihnen erörterten Einzelstunden anzusetzen, bis die von ihm gezeugten Kinder ohne Komplikationen geboren sein werden. Ich habe seiner Ehefrau Sandrine Dumas geraten, von drastischen Schritten wie eine vorzeitige Trennung von ihm abzusehen, sofern noch Hoffnung besteht, daß er das nötige Einfühlungsvermögen erwirbt, ihr beizustehen. Normalerweise - so erinnere ich mich gut an Madame Faucons Einwandt - haben wir Heilerinnen nicht die Pflicht, werdende Väter mit drastischen Methoden dazu zu bringen, sich aktiv um die körperliche Fürsorge ihrer Kinder zu kümmern. Im Fall Sandrine und Gérard Dumas gilt jedoch zu beachten, daß Sandrine alles, was dem körperlichen und seelischen Wohl ihrer gerade auf dem Weg befindlichen Kinder abträglich sein kann, als direkte Bedrohung ihrer Kinder zu werten, was auf Grund der Umstände ihrer Zeugung geschieht und ihr nicht als schuldhaftes Verhalten angelastet werden darf. Aber die Gefahr besteht, daß sie aus einer Anwandlung heraus, Gérard könne ihren Kindern Schaden durch Fehlverhalten oder Untätigkeit zufügen, handgreiflich wird oder gar schädliche Magie gebraucht. Um diese Gefahr zu unterbinden mußte ich Monsieur Dumas der mit Ihnen erörterten Maßnahme unterwerfen. Ich bin zuversichtlich, daß er die nötige Auffassungsgabe besitzt, zu erkennen, wie wichtig es ist, daß die körperlich-seelische Fürsorge eines Neugeborenen in partnerschaftlichem Miteinander leichter und besser gewährleistet werden kann.

Monsieur Latierre ist gehalten, den Freunden und Kameraden mitzuteilen, daß Monsieur Dumas auf Grund der Doppelbelastung durch den Unterricht und die anstehende Vaterschaft einem Schwächeanfall anheimfiel, den ich durch eine Schlaftherapie beheben möchte. Natürlich liegt mir nichts daran, Gérard zum Ziel von Hohn und Spott werden zu lassen, daher die Schutzbehauptung.

Mit freundlichen Grüßen

 

Florence Rossignol

 

Julius verstand. Er sah Madame Rossignol an. Sie trug einen etwas weiteren weißen Umhang als sonst. Sie schien seine Gedanken zu erraten:

"Gérard verbleibt die angegebene Zeit in meiner ganz persönlichen Obhut und wird ausschließlich von mir versorgt. Da ich alle relevanten Angaben über ihn habe steht seiner Rückkehr in den Unterricht am Montag nichts mehr im Wege."

"Besser, als ihn gleich in eine Windel oder in einen Schnuller zu verwandeln", gab Julius etwas hilflos lächelnd zurück.

"Das traue ich Sandrine zu, daß sie auf derartige Methoden verfällt. Aber sage dies weder ihr noch deiner Frau. Gérard erholt sich eben von dem Stress der letzten Wochen. Sandrine ist eingeweiht. Sie findet auch, daß ein paar Nächte Ruhe und Bedenkzeit ihr gut tun. Sie wird jedoch im Ehegattenzimmer schlafen, um kein unnötiges Gerede aufkommen zu lassen. So, und jetzt bring den Zettel zu Professeur Delamontagne!"

Julius befolgte die Anweisung. Der Saalvorsteher der Grünen nickte schwerfällig.

"Schon drastisch, diese Methode. Aber ich entsinne mich, daß in vielen Fällen nur die praktische Vorführung den gewünschten Lernerfolg erzielt. Befolgen Sie bitte die an Sie ergangene Anweisung, Monsieur Latierre! Ansonsten wünsche ich Ihnen noch einen angenehmen Abend." Julius bedankte sich. Zumindest konnte er noch feste Nahrung zu sich nehmen und war nicht auf das Wohlwollen oder die Einsatzbereitschaft einer anderen angewiesen.

Als er neben Millie im großen Ehebett lag und die nach außen schallschluckenden Vorhänge zugezogen waren sagte er zu ihr:

"Ich hoffe, das mit Gérard und Sandrine renkt sich wieder ein. Sonst haben beide ein ziemlich schwieriges Restjahr vor sich."

"Das was der sich heute geleistet hat hätte ich nicht so einfach hingenommen. Aber Sandrine sah auch so aus, als wäre der Kessel bis zum überlaufen voll. Na ja, soll Gérard ein paar Nächte ausschlafen", erwiderte Millie. Doch dann kicherte sie leise. "Vielleicht gefällt ihm das sogar, von Madame Rossignol umsorgt zu werden."

"Die hat es schon drauf", sagte Julius und wußte, daß seine Frau verstand, warum er das sagte. Immerhin hatte er ja auch mehrere Nächte in der Obhut der residenten Heilerin von Beauxbatons zugebracht.

"Sei es. Wenn Gérard und Sandrine das klarkriegen, daß sie die beiden Kinder zusammen besser groß kriegen als Sandrine alleine soll uns das nicht weiter betreffen. Ich mach mir eher Gedanken um Mel Odin. Das was ihre Eltern abziehen zieht die heftiger runter als Professeur Fixus gehofft hat. Hast du von Camille schon raus, ob sie auch am Elternsprechtag für Mels Eltern einspringt?"

"Bisher noch nicht. Außerdem kommen die Dusoleils ja auch wegen Denise", sagte Julius. "Bis dahin wissen die ja, ob sie auch Melanies Eltern vertreten sollen und ob sie das überhaupt dürfen, solange Melanies Eltern leben. Wen bei sich wohnen zu lassen und die Angelegenheiten von wem zu vertreten sind ja zwei paar Schuhe." Dem konnte Millie nur beipflichten. Dann fand sie, daß sie die Zeit nutzen wollte, um genug Schlaf zu kriegen, wo sie in den Nächten immer mal wieder raus mußte oder Stunden lang wach lag, wenn ihre ungeborene Tochter meinte, sich austoben zu müssen.

 

__________

 

Am nächsten Morgen traf Julius Sandrine im Flur, als Millie im Badezimmer zu tun hatte. Sie wirkte sehr verdrossen. Sie nahm Julius bei Seite. Er hoffte, daß sie nicht aus irgendeiner Laune heraus handgreiflich wurde. Doch sie flüsterte nur:

"Ich hätte Gérard auch so'n Anhänger abverlangen sollen wie Millie und du den umhabt. Dann wüßte der, welche Angst ich habe, daß meine Kinder verhungern oder im eigenen Ausgeschiedenen ersticken. Ich habe sie diese Nacht noch deutlicher gespürt als sonst schon. Ich weiß, daß ich die auf jeden Fall kriegen will, ob mit oder ohne Gérard."

"Ich weiß nicht, ob das stimmt, weil ich kein Seelenkundeexperte bin", setzte Julius an. "Aber ich vermute, daß werdende Väter auch eine Menge Angst haben, daß sie nicht mehr wichtig genug sind, sobald das von ihnen hinbekommene Kind auf der Welt ist oder sich nur noch alles um die Mutter dreht, bevor das Kind oder die Kinder da ist oder sind." Sicher ist das fies, was Gérard dir vorgehalten hat. Aber sicher hat der jetzt auch sehr viel Angst, weil er nicht weiß, was da auf ihn zukommt. Ich weiß ja auch nicht, ob ich nicht vielleicht doch noch zu jung für ein Kind bin. Ich halte das nur deshalb durch, weil dieses Kind von der Frau getragen wird, die neben meiner Mutter die wichtigste Frau auf der Welt ist und das Kind ja auch was von mir hat. Gérard hat das vielleicht noch nicht klar erkannt, daß da was von ihm in dir ist und du ja immer noch die bist, zu der er vor einem Jahr auf den Besen gewollt hat."

"Er hat Angst vor mir und verabscheut unsere Kinder, obwohl die ihm nichts getan haben", knurrte Sandrine. "Und ob der sich zurückgesetzt fühlt, weil ich gleich zwei Kinder von ihm im Bauch habe ist mir egal. Der soll das endlich kapieren, daß das auch seine Kinder sind und der sie genauso versorgen soll wie ich. Na ja, vielleicht kapiert er's ja, solange er selbst um neue Windeln quängeln muß oder vor Hunger umzukommen meint, wenn er nicht nimmt, was Madame Rossignol ihm geben will."

"Ich hoffe mal, Madame Rossignol hat nicht komplett auf's falsche Pferd gesetzt, und daß Gérard da nicht dran kaputt geht", brachte Julius seine Bedenken vor. "Am Ende kann er keine Frauen oder Mädchen mehr sehen."

"Dann soll die den gleich ganz neu großfüttern", knurrte Sandrine darauf. Julius erkannte, daß die früher so zurückhaltende, ja einfühlsame Mitschülerin verändert war. Der Fortpflanzungscocktail auf Martinique kehrte nun eine gewisse Rücksichtslosigkeit heraus. Julius verstand, warum Gérard Angst vor seiner eigenen Frau haben konnte und auch, daß er die Ursache dafür in den ungeborenen Zwillingen sah, die Sandrines Leben und Handeln bestimmten. Sie würde für diese beiden Kinder alles tun, sogar töten. Soweit hatte Julius das kapiert. Wenn Gérard auch soweit gedacht hatte, verstand er, warum Gérard sich immer mehr von seinen Kindern und damit von Sandrine abwwandte. Er hörte noch sein heimliches Geständnis, daß er am liebsten mit einem Zeitreisegegenstand an den Augenblick zurückgereist wäre, wo man ihm und vielen anderen unschuldigen Hexen und Zauberern diesen Regenbogentänzer-Cocktail untergejubelt hatte. Einen winzigen Moment lang dachte Julius sogar daran, ob es nicht besser war, Sandrine in einer Station der Delourdesklinik aufzunehmen und bis zur Geburt der beiden Kinder zu betreuen, alle anderen Sachen von ihr fernzuhalten und ihr das Gefühl zu geben, nichts und niemand würde ihre Kinder gefährden. Doch dann verwarf er diesen Gedanken. Er hatte nicht das Recht, über denZustand anderer zu befinden. Er war zwar Pflegehelfer, aber kein ausgebildeter Heiler und erst recht kein Psychologe. Alles, was er wußte und konnte bezog sich auf die Erfahrungen mit anderen Menschen und seine Erlebnisse, über die er auch keinem mehr als nötig was erzählen durfte. Womöglich hätte es dann den einen oder die andere gegeben, der oder die ihn in die geschlossene Abteilung der Delourdesklinik geschickt hätte. Er sagte noch zu Sandrine:

"Ich denke, Sandrine, wenn er lernt, wie wichtig das ist, sich um ein kleines Kind zu kümmern und was er dafür zurückbekommt, hat er auch keine Probleme mit euren beiden Kindern." Er wagte es nicht, ihr zu sagen, daß sie im Moment nicht sie selbst sein mochte.

Bei der Pflegehelferkonferenz ging es um Millie und Sandrine. Madame Rossignol vermutete, daß Millies und Julius' Baby bei der Geburt 51 bis 53 Zentimeter lang sein mochte. Sie erwähnte die Dehnbarkeitslotionen, die die Geschlechtsorgane einer Frau bis zum dreifachen Wert des natürlichen Belastbarkeitswertes stärkten. Julius erwähnte, daß er dieses Elixier auch einmal hatte trinken müssen, weil er bei einem Quidditchspiel aus Versehen einen Schnatz verschluckt hatte und Madame Matine diesen durch die Speiseröhre wieder herausziehen mußte. "Sauzeug, aber wirksam", war sein Kommentar dazu.

"Na ja, gut, daß Millie und Sandrine das Zeug dann nicht in den Mund kriegen müssen", meinte Patricia Latierre dazu. Louis wirkte leicht abwesend. Als Madame Rossignol ihn fragte, was ihn gerade umtreibe sagte er: "Das ist meine eigene Kiste, Madame. Das möchte ich hier vor allen anderen nicht auspacken."

"Gut, dann kommst du heute Nachmittag um zwei Uhr noch mal zu mir, damit wir das unter vier Augen besprechen", sagte die Heilerin. Louis schüttelte den Kopf.

"Seh ich keinen Grund zu", sagte er. "Nachher machen Sie da noch ein Ding für die ganze Truppe draus oder stecken das Julius", wobei er auf den Goldbroschenträger der Grünen deutete "oder sonst wem. Muß nicht sein."

"Das kannst du und das kann ich erst beurteilen, wenn ich weiß, was dich umtreibt, Louis. Und solange du Schüler hier in Beauxbatons bist und ich den Eindruck habe, daß dich etwas bedrückt, muß ich dem nachgehen, weil es ja was gesundheitliches sein muß. Und solange du dieses silberne Armband umhast hast du sowohl als Vorbild für alle anderen zu leben als auch zu tun, was ich dir sage, solange ich keine Handlungen von dir verlange, die gegen die mir auferlegten Heilervorschriften und/oder die Schulregeln von Beauxbatons verstoßen. Also erteile ich dir hiermit die Anweisung, heute Nachmittag um zwei Uhr zu mir zu kommen und mit mir darüber zu sprechen, was dich gerade so umtreibt, daß du dich derartig zurückziehst. Wie ich dir und allen anderen hier und von euren Mitschülern bei eurer Ankunft hier gesagt habe: Wenn ich denke, daß jemand meine Hilfe braucht, und er oder sie kommt nicht von sich aus, kann es ihm oder ihr passieren, daß ich hingehe und mir den oder die in diesen Behandlungsraum hole. Sollte das echt nötig sein kann der betreffende arge Probleme kriegen, weil er nicht früh genug zu mir gefunden hat. Das merkt ihr anderen euch am besten auch weiterhin!" Sie machte eine über alle Pflegehelfer streichende Handbewegung. Louis gab darauf keine Antwort, noch nicht einmal ein Nicken oder Kopfschütteln.

Als Millie und Julius sich nach der Übungsstunde für die Pflegehelfer im Ostpark von Beauxbatons trafen meinte Millie: "Zumindest kann mir Madame Rossignol den Vorderausgang einölen, daß Aurore den nicht mit den Angeln aus dem Verputz reißt. Aber was mit Louis ist möchte ich doch gerne wissen. Der hat das total verkehrt gemacht. Der hätte einfach irgendwas sagen sollen. Jetzt sind alle anderen so neugierig wie ich, und du müßtest erst recht nachhaken, was dein Saalkamerad gerade hat, wo du Broschenträger und Pflegehelfer zugleich bist." Julius nickte. Das stimmte leider. Louis hatte alle anderen mit der Nase drauf gestoßen, daß mit ihm was nicht stimmte. Was das war ging womöglich auch ihn etwas an.

"Wie Madame Rossignol das mit den Fütterungszeiten einhält ist dann auch wichtig", flüsterte Millie. Julius verstand, was sie meinte. Sie hatten es nicht beim Namen genannt. Aber Millie hatte es schon kapiert, was die Heilerin mit Gérard durchzog. Doch sie konnten nicht wissen, ob das nicht wer mitbekam.

"hast du keine Angst vor der Geburt?" Fragte Julius seine Frau. Er hatte in den letzten Wochen immer wieder Angst von ihr verspürt oder Unsicherheit.

"Daß ich einen dreiundfünfzig Zentimeter großen Braten aus dem Ofen schieben muß, Julius? Ich habe ein wenig Angst, ich könnte mitten drin ohnmächtig werden, weil das eben kein Klogang ist, was ich da vorhabe. Aber Ma hat das dreimal ausgehalten und immer noch Spaß an der Liebe. Und Oma Line wirft demnächst gleich vier Stück auf einmal auf die Welt. Da werde ich das aushalten."

"Ich hoffe, ich falle dabei nicht um, weil das doch was anderes ist, wenn du mein Kind kriegst, als wie das damals mit Connie Dornier oder mit Catherine Brickston ablief, wo ich keine direkte Beziehung zu hatte."

"Reicht schon, wenn Gérard Angst vor Sandrine und seinen eigenen Babys hat. Du hast das garantiert nicht nötig. Wenn Aurore wütend auf wen sein sollte dann auf mich, weil ich sie aus dem gemütlichen Luxusgemach werfe."

"Wahrscheinlich werde ich erst kapieren, was da mit uns passiert, wenn die Kleine auf der Welt ist", räumte Julius ein.

"Sie ist schon ganz munter. Julius. Du kannst sie fühlen. Schade, daß Madame Rossignol dich nicht mit der Haube zu ihr reingucken lassen will, damit du das mitkriegst, wie sie mit mir klarkommt." Julius nickte. Die Heilerin hatte die sonst so praktischen Exosenso-Hilfsmittel untersagt, weil sie nicht wußte, wie diese mit der verstärkten Herzanhängerverbindung zusammenwirkten. Am Ende geriet Julius nicht nur mit der Wahrnehmung, sondern ganz und gar in den Körper seiner Tochter und konnte dann nur noch abwarten, bis er als sie wieder auf der Welt war. dieses Szenario hatte die Heilerin den beiden in Abwesenheit aller Pflegehelfer ausgemalt. Nein, da wollte Julius doch lieber weiter auf eigenen Beinen herumlaufen.

Bis zum Mittag gingen Millie und Julius spazieren, genossen den Frühling, der Beauxbatons mit immer mehr Sonnenschein beehrte. Dabei trafen sie auch auf Gastschüler aus Greifennest und Hogwarts. Kevin fragte Julius einmal, ob er schon was über diesen ominösen Elternsprechtag erfahren habe, ob da alle Eltern auch der Leute aus Greifennest und Hogwarts nach Beauxbatons kamen.

"Das sind noch drei Wochen hin, Kevin", sagte Julius. "Aber bei den SSKs kam immer rüber, daß der Elternsprechtag wie sonst ablaufen soll. Glorias Eltern und die von Waltraud waren ja auch da, als die beiden hier das Austauschjahr gemacht haben."

"hat Gloria auch gemeint", erwiderte Kevin. "Aber die alle einzusammeln und rüberzuholen stelle ich mir schwierig vor, wo ihr keinen Hogwarts-Express habt."

"Das geht mit der Reisesphäre, Kevin. Die aus Großbritannien fahren mit dem fahrenden Ritter nach Calais, werden da mit der Reisesphäre hergebracht und können dann mitmachen. Das hast du selbst doch mitbekommen, daß der fahrende Ritter bis Calais hinkommt. Die Eltern von den Greifennest-Leuten fahren dann alle mit was auch immer nach Straßburg, wo der Ausgangskreis für eine Sphärenreise ist und sind dann in ein paar Sekunden auch bei uns hier in Beauxbatons."

"Mist, hätte ich drauf kommen können", knurrte Kevin. Dann sah er auf seine Armbanduhr und errötete. "Oha, bin ein wenig hinter der Zeit. Okay, Julius, dann bis zum Mittagessen", stieß er hektisch aus und lief los.

"Ey, der hätte sich auch von mir verabschieden können", knurrte Millie leicht eingeschnappt. Julius deutete in die Richtung, in der Kevin verschwand und meinte, ein blaßblaues Beauxbatons-Schulmädchenkostüm mit lebendem Inhalt in der Ferne zu erkennen. "Der hat sicher eine Verabredung mit Patrice, um wie wir die Sonne zu genießen."

"Achso, Monju! Die hat ihn sicher am Haken. Ob er das weiß?" Fragte Millie.

"Wenn ja will er das. Wenn nicht, muß er das selbst rausfinden", sagte Julius darauf. Millie lachte leise. Dann knuddelte sie ihn, soweit ihre beiden Bäuche das zuließen. Julius empfand die angegessenen Pfunde einmal mehr als lästig. Doch er trug und ertrug sie, weil er wußte, wofür.

Was Madame Rossignol am Nachmittag mit Louis zu besprechen hatte bekam Julius nicht von ihr zu hören. Zumindest hatte Louis nicht mitbekommen, daß Madame Rossignol gerade einen anderen, intensiv zu betreuenden Patienten hatte. Das es wohl um Louis angespanntes Verhältnis zu Endora Bellart oder anderen Verehrerinnen ging vermutete er, weil Endora ihn in der Bibliothek ansprach und flüsternd fragte, ob Madame Rossignol Louis nun auch wie Gérard weggesperrt habe, weil der Angst vor Hexen habe.

"Endora, ich weiß nicht, was da zwischen dir und Louis gelaufen ist, läuft oder du willst, daß es läuft", wisperte Julius aus Rücksicht vor den hier lernenden Mitschülern. "Ich weiß nur, daß Louis sich mit Madame Rossignol unterhalten sollte. Mehr darf ich dazu nicht sagen. Abgesehen davon, hätte Louis einen Grund, Angst vor dir zu haben?"

"Sagen wir's so, seitdem der mich beim Weihnachtsball so fies hat rumhängen lassen macht der mir gegenüber auf stur und ungenießbar. Ich weiß, daß du ihn mit mir und den blöden Gänsen aus dem roten Haufen und den überheblichen Schnepfen aus dem violetten Affenstall zusammenbringen wolltest, um das zu klären. Aber der meint ja, wir wollten dem was, weil der das Ding mit dieser Schiffsreise durchgezogen hat, anstatt mit mir zum Weihnachtsball zu gehen. War schon eine fiese Nummer, mich erst dran denken zu lassen, er wolle mit mir dahin und dann zwei Wochen davor zu sagen, daß er mit seinen Muggeleltern in die Südsee will und ich keinen gescheiten Partner mehr abkriegen konnte."

"Ist ein alter Hut", tat Julius diese Äußerung ab. Das stimmte ja auch. Aber das Endora da immer noch drauf herumritt nervte ihn auch. Doch er durfte das nicht zu deutlich rüberbringen. Denn als Saalsprecher hatte er sich auch den Seelenmüll von Leuten anzuhören, um zu klären, ob die deshalb Probleme mit anderen Schülern oder dem Unterricht kriegten.

"Ja, weiß ich. Es hätte auch total gereicht, wenn der zu mir hingekommen wäre und mir ganz lieb gesagt hätte, daß er sich für das Ding entschuldigt und nicht dran gedacht hat, daß mir dieser Ball so wichtig sein könnte, wo die alle sehen konnten, daß ich da ohne Partner abgehangen habe."

"Ich kann Louis nicht dazu zwingen, sich bei dir oder einer anderen für etwas zu entschuldigen, wenn es kein klarer Verstoß gegen die Schulregeln war. Ich weiß, daß du deine Mutter hier nicht deshalb sprechen darfst, weil Kinder von Lehrern das nicht ausnutzen dürfen, daß ihre Väter oder Mütter hier unterrichten. ich denke aber, daß sie dich immer noch liebt und soweit respektiert, wie eine Mutter ein Kind respektieren kann."

"Wie kommst du denn jetzt auf sowas?" Wollte Endora wissen. Julius erwiderte leise:

"Weil ich persönlich denke, daß dich das mit Louis nur annervt, weil du vielleicht denkst, bei den anderen Mädchen dumm dazustehen, weil er dich, die Tochter einer Lehrerin, problemlos hat zurückstellen können, damit er mit seinen Eltern eine Urlaubsreise machen konnte, für die die sicher eine Menge Geld bezahlen mußten. Ohne Magie ist das sehr schwer, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Da müßte Louis sich klar entscheiden, was wichtiger war. Und da du das eh schon in den falschen hals gekriegt hast: Daß seine Eltern mit ihm verreisen wollten war ihm eben wichtiger als ob er mit dir oder sonst einer einen Tanzabend besucht. Abgesehen davon ist der nicht so für die klassischen Gesellschaftstänze. Da war das für den eben noch leichter."

"Der ist noch drei Jahre und ein paar Monate hier. Da sollte der mal langsam anfangen, klarzukriegen, was für den wichtiger ist."

"Endora, er hat nicht mit einem großen Schild gewedelt, daß du oder sonst eine den jetzt verehren und anhimmeln soll. Der interessiert dich und die von dir erwähnten Mädchen doch auch nur, weil der beim Quidditch so gut mitgespielt hat und wohl noch kann. Bei Walpurgis ist der mit dir mitgeflogen, weil du eine von denen warst, die ihn eingeladen haben und die Anstandsregeln hier verlangen, daß er eine Einladung annehmen mußte. Oder ist da schon wesentlich mehr gelaufen als der gemeinsame Flug zur Walpurgisnacht?" wagte sich Julius sehr weit vor. Doch er sah sich im Recht, sowas zu fragen.

"Also, ich bin noch nicht von dem schwanger, wenn du das meinst. Aber ich denke schon, daß der schon mehr von mir wollte als gezwungenermaßen auf meinem Besen hinter mir zu sitzen. Und daß er nicht auf Jungs steht habe ich auch schon rausgekriegt. Ich mag's nur nicht, so in die Ecke gestellt zu werden und dann kein einziges Wort zu hören, daß ihm das leid tut. Mehr will ich von dem nicht. Sag dem das bitte!"

"Werde ich machen. Aber garantieren kann ich das nicht, daß er sich für irgendwas schuldig fühlt. Abgesehen Davon bist du nicht die einzige, die sich von ihm in eine Ecke gestellt zu fühlen meint. Du solltest ihm die Zeit geben, sich klarzuwerden, was für ihn wichtig ist und ihn in Ruhe lassen. Wenn er meint, du seist ihm wichtig genug, irgendwas mit ihm zu klären, dann komt er schon zu dir. Wenn nicht, dann nicht."

"Du kennst den Spruch von den zehn Drachen?" Fragte Endora. Julius nickte. Bernadette Lavalette hatte es ja überdeutlich vorgeführt, wie wahr dieser Spruch war. Aber er blieb gelassen und sagte: "Wenn du auch weit vor den UTZs von Beauxbatons runterwillst kein Thema, Endora. Dann aber nur, wenn dir das was wert ist." Endora kapierte, was Julius meinte und verzog das Gesicht. Dann zischte sie nur noch einmal: "Sag dem, was ich dir gesagt habe!" Julius bestand darauf, daß sie das etwas höflicher und respektvoller sagte, wenn sie keine Strafpunkte haben wollte. "Bitte teile ihm mit, es wäre für mich sehr angenehm, wenn er sich dazu durchringen könnte, das mit Weihnachten zu besprechen. Vielen Dank!" Schnarrte sie dann widerwillig und ging davon.

"ich werde garantiert kein Heiler und auch kein Barmann", grummelte Julius leise. Ihn hatte das jetzt sowas von angennervt, daß er sicher war, daß Millie gerade jedem, der ein falsches Wort zu ihr oder ihrem Babybauch sagte mit einem Schlag in die nächste Ecke feuern konnte. Deshalb dachte er schnell und mehrmals seine Selbstbeherrschungsformel und hielt sich damit dran, bis Madame D'argent "Noch zehn Minuten bis zum Abendessen!" ausrief.

Nach dem Abendessen fand Julius, Louis bei Seite nehmen zu müssen. Er richtete ihm Endoras Bitte aus und fügte hinzu: "Ich weiß nicht, was du mit ihr schon angeleiert hast, Louis. Aber sollte sie echt denken, du gingst mit ihr, dann ist das echt wichtig, das mit ihr zu klären, daß du das mit der Kreuzfahrt nicht gemacht hast, um sie dumm aussehen zu lassen. Habe ich dir zwar auch schon nach den Ferien gesagt, aber ist vielleicht besser, das noch mal zu erwähnen."

"Die Mädels hier ticken doch alle quer", grummelte Louis. "Die meint, weil ich mit ihr auf dem Besen geflogen wäre und weil ich im Herbst mal länger mit ihr zusammen in einem dieser Pavillons gesessen und ein bißchen geschmust habe, weil mir irgendwie danach war, das mal auszuprobieren, hätte ich die schon zu heiraten oder aufzufüllen oder was auch immer."

"Schmusen? Wie weit ging das?" Wollte Julius wissen. "Frag das Madame Rossignol! Die wollte das heute auch schon von mir wissen", knurrte Louis verstockt. Julius blieb jedoch stur und fragte, ob Louis Endora irgendwo angefaßt hätte, wo es eigentlich nur bei Eheleuten erlaubt war, wenn die ganz für sich alleine waren und das beide wollten.

"Da sage ich jetzt nichts zu. Das geht nur mich und die was an", schnaubte Louis. Doch seine erröteten Ohren sprachen deutlich aus, daß Julius wohl richtig getippt hatte. So sagte er nur: "Dir ist ja schon längst gesagt worden, daß wenn ein Zauberer über fünf Geschlechtsteile einer mit ihm nicht verwandten Hexe über fünf sehen kann, der diese Hexe womöglich heiraten muß." Louis nickte schwerfällig. "Gut, das wolte ich nur noch mal klären. Den Rest mußt du selbst erledigen. Da kann und da will ich dir nichts abnehmen." Louis verzog nur das Gesicht und wartete, ob Julius noch was von ihm wollte. Weil dem nicht so war ging er nach einem kurzen Abschiedsgruß davon.

Millie erzählte er abends, was Endora und Louis mit ihm beredet hatten. Millie meinte dazu nur: "Wenn sie ihm den Eingang zu ihrer kleinen warmen Stube gezeigt hat könnte die echt meinen, er habe sie zu heiraten. Vielleicht hat er sie mal richtig angefaßt, ohne hinzusehen. Dann könnte sie denken, das wäre genauso klar, daß er sie nicht mehr wegschicken darf. Soll Madame Rossignol mit ihm klären, wenn da noch was nachkommt. Nacht, Monju!" Julius stimmte ihr zu und küßte sie zur Nacht. Nachdem er dann noch sanft über ihren warmen, nun sehr gerundeten Bauch gestreichelt hatte, um seiner Tochter in Wartestellung auch eine gute Nacht zu wünschen, konnten sie nebeneinander einschlafen.

 

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Gérard tauchte am nächsten Morgen wieder auf. Er zeigte keine Spur von Verdrossenheit oder Wut, sondern schlichte Bestürzung und Eingeschüchtertheit. Julius hielt sich an die Absprache mit Madame Rossignol, nicht mit ihm über seine zwei Tage "Intensivkurs" zu sprechen. Doch als Gérard beim Frühstück einen leicht angewiderten Blick auf die hingestellten Milchflaschen warf meinte Kevin: "Hups, warum guckst du die Flasche so an. Ist die Milch sauer?"

"Auch in dein großes Maul paßt was rein, um es zu stopfen", schnarrte Gérard verärgert. "Kümmer dich also um deine ganz eigenen Sachen!" Dabei deutete er auf seine silberne Brosche. Kevin verstand die unterschwellige Drohung und ging nicht weiter darauf ein. Julius wartete ab, ob Gérard noch irgendwelche Veränderungen zeigte. Doch außer, daß er sehr wortkarg war und auf die Fragen nach seiner Erholung nur sagte, daß er froh war, die meiste Zeit verschlafen zu können, kam nichts von ihm.

Im Unterricht hielt sich Gérard extra stark ran, um bloß nicht zu zeigen, daß etwas mit ihm passiert war. Die Lehrer werteten das als Erfolg der Erholungstherapie.

Beim Abendessen sah Julius, daß Gérard immer wieder verbittert zum Lehrertisch hinüberblickte. Besonders Professeur Laplace, Professeur Delamontagne und Madame Faucon gerieten dabei immer wieder in seinen Blick. Robert fiel das auch auf und fragte Gérard, ob er sich mit seiner Mutter verkracht hatte.

"Du meinst ob ich eine Unstimmigkeit mit Professeur Laplace habe, Robert? Kein Kommentar", fauchte Gérard.

Nach der Schach-AG paßte Gérard Julius im grünen Saal ab, sicherte, daß ihm im Moment keiner zusah und steckte Julius einen Zettel zu. "Erst lesen wenn allein und nichts zu Sandrine und Millie", zischte er Julius zu. Dann kümmerte er sich wie bereits eingeteilt um die Bettkontrolle.

Julius benutzte eine abschließbare Toilettenkabine, um sich für einige Minuten zurückzuziehen. Er las Gérards Zettel:

Julius, nur damit du's weißt und hoffentlich keinem weitergibst: Die Rossignol hat diesen blöden Infanticorpore-Fluch auf mich gelegt, als ich meinen Zauberstab nicht greifbar hatte. Sie meinte dann, ich solle es selbst spüren, wie sauelend sich ein Neugeborenes Kind fühlt, wenn es lange im eigenen Siff liegt und vor Hunger nicht weiß, was es machen soll. Dann hat die mich echt gewickelt und in ihrem Schlafraum in eine wackelige Wiege reingestopft. Irgendwann hatte ich Hunger, konnte aber nix sagen, weil mir die Zunge zu schwer war und ich keine Zähne mehr im Mund hatte. Die hat das aber irgendwie kapiert und hat mir echt abverlangt, an ihr zu saufen wie ein echtes Baby. Ich wollte das erst nicht. Aber irgendwann konnte ich vor Hunger nicht mehr. Und als wenn das nicht schon fies genug war hat die mich echt mal ganz lange rumliegen lassen, als ich mich vollgemacht habe. Ich habe gequängelt, sogar echt geschrien, doch die hat das nicht gehört. Dann kam sie und hat mir den Hintern und den kleinen Géri saubergemacht und mich neu verpackt. Oh mann, so heftig ausgeliefert habe ich mich im Leben nicht gefühlt, vor allem, weil die mir nix anderes zu trinken geben wollte. Ich habe mich dann damit gerettet, daß Madame Faucon und meine Mutter sie dafür aus Beaux feuern würden, wenn die mich vermissen. So habe ich das ausgehalten, mal schnell und mal später als mir lieb war gewickelt zu werden. Madame Rossignol hat aber nie was gesagt, wenn sie mich dazu getrieben hat an ihr zu nuckeln. Erst als sie mich wieder in mich selbst zurückverwandelt hat sagte sie, daß ich jetzt wisse, wie ausgeliefert sich so'n Wickelkind fühlt und daß ich mir das noch mal überlegen möge, ob ich Sandrine nicht helfen solle, wo sie mir doch wohl immer noch wichtig genug ist. Ich Habe erst voll die Angst gehabt, das mit mir wäre in ganz Beauxbatons rumgegangen. Dann ist mir klar geworden, daß die Rossignol das ja keinem auf die Nase binden wollte und habe gedacht, sie hinhängen zu können. Ich bin erst zu Professeur Laplace hin und habe der das gesteckt. Die meinte dann, ich sei ja nicht verhungert und zu wissen, wie pflegebedürftig ein Baby sei würde mir helfen, mit Sandrine und den beiden Bälgern klarzukommen. Als ich dann Madame Faucon und Delamontagne noch drauf angespitzt habe zeigten die mir einen Zettel, auf dem eure offenbar durchgeknallte Chefin das ganz locker angekündigt hat. Ich komme mir gerade sowas von voll verladen vor, weil die alle meinten, ich hätte das lernen sollen, damit ich Sandrine helfen kann, weil die sonst meint, ich würde ihre Kinder verhungern oder im eigenen Kack verrecken lassen. Wenn Sandrine das auch mitbekommen hat kann ich der doch nicht mehr über den Weg laufen. Aber wenn ich jetzt bei Robert und den anderen bleibe wollen die wissen, ob es zwischen der und mir aus und erledigt ist. Ich hänge jetzt voll in der Luft, als wenn mir ein Besen unterm Hintern durchgebrochen wäre und ich nur noch ein Reisigbündel in der Hand hielte und hoffen müßte, daß ich damit noch ohne Knochenbrüche auf den Boden runterkomme. Ich habe nachgesucht, ob deine Pflegehelferkommandantin das überhaupt durfte, was die gemacht hat. Verwandlungsstrafen sind ja in Beaux erlaubt. Daß, was die mit mir durchgezogen hat ging wohl als Verwandlungsstrafe, weil sie mich nach zwei Tagen wieder groß gezaubert hat. Jedenfalls kann ich im Moment keine Milch mehr sehen, riechen oder trinken. Auch muß ich daran denken, daß Sandrines Vorratstüten auch schon ziemlich voll sind. Jedenfalls will mir von den Lehrern keiner helfen, das irgendwie als Angriff auf mich anzurechnen. Ich weiß nur, daß ich mich entscheiden muß, ob ich diesen Windeljonglierkurs mitmache oder Sandrine sage, daß die die beiden Partybrötchen alleine großfüttern soll, damit die nicht meint, mich wegen denen massakrieren zu müssen, wenn ich die falsch anfasse. Du hast keinem was erzählen dürfen, weiß ich. Vielleicht auch gut so. Andererseits hätte ich nicht übel Lust, diese Sabberhexe vor Gericht zu bringen. Das könnte die womöglich von hier runterkegeln. Aber dann kriegt das jeder mit, daß ich an der genuckelt habe. Ich hätte mich tothungern sollen. Aber ich konnte das nicht. Das lag sicher an diesem verdammten Fluch, daß der einem die Kraft raubt, sich sturzustellen. Jetzt kann die glatt behaupten, die hätte mich gut gefüttert. Und meine Mutter meinte, sie hätte mich damals auch nicht alleine angelegt, weil sie diesen Trank Nutrilactus nicht vertragen hätte und damals zu wenig dringehabt hätte. Was mach ich denn jetzt am besten? Ich weiß, du mußt irgendwie zu dieser Sabberhexe in Weiß halten. Aber wenn du weißt, wie ich die dabeikriegen kann, ohne daß du da mit reingezogen wirst sag mir das bitte. Ich gehe jetzt zu Sandrine und versuche, mich dran zu gewöhnen, sie anzugucken. Hoffentlich überlebe ich die Nacht!

Sag bitte weiter keinem, was mir passiert ist, auch Millie nicht! Schon fies genug, daß ich jetzt mein restliches Leben damit rumlaufen soll.

Julius zerriß den Zettel und spülte ihn einfach in die schuleigene Abwasserkanalisation. Dann überlegte er, ob er Gérard helfen konnte. Er beschloß, mit ihm zu reden, wo Sandrine und Millie nicht dabei waren.

Im Grünen Saal traf er Gérard und bat ihn, mit ihm zu Fuß in Richtung Ehegattentrakt zu gehen. In einem Besenschrank zauberte er einenKlangkerker und sprach mit Gérard über den Zettel. Dann sagte er: "Wenn sie das als Ausbildungsmaßnahme im Rahmen der Gesundheitsausbildung durchdrücken kann kommt Madame Rossignol aus jeder Anhörung so sauber raus wie frisch gewickelt." Gérard schnaubte "Sehr witzig". Julius hatte bewußt diesen Vergleich benutzt und fuhr fort: "Jedenfalls hättest du dann mehr Stress mit allen anderen hier, weil viele dich eh schon für noch nicht deinem körperlichen Alter entsprechend groß ansehen, zumindest nicht die Mädels aus dem roten und violetten Saal. Die Jungs würden dich damit aufziehen, daß es dir ja doch gefallen hat, von Madame Rossignol ganz privat gefüttert zu werden. Die Mädels würden dich fragen, ob sie dich satthalten könnten oder ob du gerade wieder volle Hosen hättest, wenn du dich über irgendwas oder irgendwen beschwerst. Das will Madame Rossignol garantiert nicht. Denn dann hätte Madame Faucon dich vor allen anderen infanticorporisieren können, wie sie es mit Gaston gemacht hat. Ich habe mich auch mal von diesem Fluch umwandeln lassen, aber nur ein paar Minuten lang. Ist wirklich fies, wie hilflos einer dann ist. Aber ich buche das als sehr wertvolle Erfahrung, vor allem, wenn mein Kind demnächst auf die Welt kommt. Am besten hakst du die zwei Tage auch so ab, daß du was ganz wichtiges gelernt hast und klärst mit Sandrine, wieweit du ihr helfen kannst, ohne daß sie Angst kriegen muß, du würdest eure beiden Kinder runterfallen lassen oder sowas. Denn wie immer das gerade zwischen euch beiden hängt, Sandrine trägt deine Kinder. Die werden was von dir haben und brauchen wen, der ihnen zeigt, wie sich Vater und Mutter unterscheiden. Aber wenn du meinst, die beiden seien nur ungewollter Ballast, dann sieh besser zu, daß du in den Ferien eure Ehe auflöst und ganz in den grünen Saal zurückziehst. Daß Robert und André dich dann wohl nicht mehr mit dem Hinterteil angucken, weil sie dich für einen Vollversager halten werden kannst du ja locker wegstecken. Außerdem könntest du dann gleich deinem Onkel Auguste eine Eule schicken, daß er ja doch recht gehabt hat und das mit dir und Sandrine zu früh war."

"Toll, ich dachte, du hilfst mir, dieses Weib vor den Gamot zu kriegen und laberst jetzt was von wichtiger Erfahrung und daß es an mir hängt, ob ich von den anderen als Totalversager angeglotzt werde. Klar, daß du dich nicht offen gegen dieses weiße Luder stellen kannst, das mir seine Nippel hingehalten hat. Nachher hat die mir mit ihrem Zeug noch was angehängt, damit ich die immer anbete oder so."

"Du hast geschrieben, daß sie kein Wort gesagt hat, als sie dich ernährt hat, Gérard. Dann hat sie dir wohl nichts angehängt. Ich hörte, daß es einen Fluch geben soll, der sowas kann, dabei muß die Hexe, die einem was von sich selbst zu trinken gibt aber was sagen, um das wirksam werden zu lassen. Wenn sie nie was gesagt hat, dann wollte sie, daß du nicht behaupten kannst, daß sie dir was anhängen wollte. Denn nur dann hättest du sie vor dem Gamot oder der Heilerzunft richtig hinhängen können. So kannst du bei einer Eidessteinbefragung oder unter Veritaserum nicht behaupten, daß sie irgendwas gesagt hat."

"Drachenmist verdammter!" Schnarrte Gérard. "Ich hänge echt voll in der Luft. Fühlt sich genauso mies an, wie als die mich ganz lange im eigenen Kack hat liegen lassen."

"Genauso werden sich deine beiden Kinder fühlen, wenn keiner da ist, der sie neu wickeln kann", sagte Julius. "Deshalb will Sandrine, daß du ihr hilfst. Mehr wollte Madame Rossignol dir nicht beibringen. Und noch was, sie hätte das garantiert nicht mit dir durchgezogen, wenn sie gemerkt hätte, daß du nichts mehr von Sandrine und den beiden Kindern wissen willst. Weil dann hätte sie gesagt, daß du ja in den grünen Saal zurückziehen möchtest. Wie es da weitergegangen wäre habe ich ja gerade erwähnt", erwiderte Julius ruhig. Gérard grummelte. Dann sagte er:

"Dann findest du, ich soll jetzt diesen Wickelkurs machen, um von den anderen nicht komplett für unfähig gehalten zu werden?"

"Ich erinnere mich, daß Sandrine dich gebeten hat, ihr zu helfen. Das hätte sie nicht, wenn du ihr nicht wichtig genug wärest. Wenn du denkst, sie ist immer noch die wichtigste Hexe in deiner Umgebung, dann überlege dir, ob du ihr nicht helfen kannst. Das ist das, was ich finde. Unterhalte dich mit Sandrine über die beiden Tage, wenn ihr im Bett liegt und erwähne dabei auch, daß du jetzt weißt, wie hilflos sich so ein Neugeborenes fühlt, wenn es nicht gefüttert oder gepflegt wird. Damit kannst du bei ihr Punkte sammeln, weil du mutig genug rüberkommst, ihr deine Hilflosigkeit zu gestehen. Das macht nämlich längst nicht jeder Mann, weil er keine Schwächen zeigen darf, schon gar nicht der eigenen Frau gegenüber."

"Weißt du aus Erfahrung?" Schnarrte Gérard.

"So ist es, Gérard. Bei Millie und mir ist das nur so, daß ich ihr und sie mirr nichts verheimlichen kann. Deshalb müssen wir über das eine oder andere reden und ich habe dabei gelernt, wie befreiend das sein kann, den ganzen Krempel nicht alleine mit sich herumzuschleppen. Also, ist Sandrine noch wichtig genug für dich und sind dir die beiden Kinder von euch auch wirklich wichtig, dann kläre das mit ihr, wie du ihr helfen kannst! Wenn nicht, beantrage deinen Umzug in den Siebtklässler-Schlafsaal! Was du dann da so zu hören oder nicht zu hören kriegst kann ich dann nicht weiter beeinflussen."

"Verstanden, ich muß da durch", grummelte Gérard.

"Dachte das Baby und kam zur Welt", brachte Julius einen Spruch, den er damals geäußert hatte, als er damit konfrontiert war, vier Tage lang als Belle Grandchapeaus Zwillingsschwester leben zu müssen. Gérard hob zwar kurz die Faust und grummelte, mußte dann aber lachen. Den Spruch kannte er offenbar nicht. Dann sagte er:

"Immerhin hat die Rossignol nicht was machen können, um mich in ihrem Hexenofen durchzubacken und mich dann durch ihre ausgeleierte Vordertür zurück an die Luft zu kullern."

"Madame Rossignol hat es sicher nicht nötig, sich wegen dir bestimmte Körperstellen verränken zu müssen und wie Millie, Sandrine oder ich mehrere Dutzend Pfund anzufuttern, damit du bloß nicht unterwegs verhungerst", sagte Julius dazu nur. Gérard fragte ihn noch, ob das denn ginge. Julius erwähnte dann den Iterapartio-Zauber und wie und unter welchen magischen und gesetzlichen Bedingungen er angewendet werden konnte. Gérard erbleichte. Dann sagte er:

"Neh, dann noch als Onkel von diesen Radaubrüdern Serge und Marc rumzulaufen, wenn ich denn dann irgendwann laufen gelernt hätte, nein Danke. Dann lieber dieser Infanticorpore-Fluch." Julius erkannte, daß er es geschafft hatte. Die Vorstellung, daß Gérard es hätte schlimmer abkriegen können, verringerte die Last der wahren Hilflosigkeit seines Klassenkameraden. Gérard sagte dann noch einmal, daß er mit Sandrine drüber reden wolle, so weit er konnte ganz friedlich. Julius bekräftigte, daß er das alleine tun müsse, ohne jemanden dabei zu haben. Gérard sah es ein.

"Okay, dann gehen wir besser jetzt in unsere Zimmer, bevor Monsieur Bertillon die Besenschränke kontrolliert", sagte Julius und öffnete die kleine Tür, womit der Klangkerker erlosch, der ihnen auch als Lichtquelle gedient hatte.

"Wenn Gérard morgen früh noch in einem Stück und lebendig ist hat er es geschafft, mit Sandrine klarzukommen", meinte Millie, als sie mit ihrem Mann im Bett lag. Julius konnte das nur bestätigen.

 

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Gérard überstand das Gespräch mit seiner Frau. Sie hatte wohl auch erkannt, daß sie alleine sehr hilflos sein würde, wenn sie ihre Kinder ohne Probleme großbekommen wollte. Daß sie beide ja noch nicht so früh an Nachwuchs gedacht hatten brauchten sie sich ja nicht mehr um die Ohren zu hauen. Jedenfalls ließ weder Sandrine noch Gérard vor den anderen was heraus, was den sogenannten Intensivkurs Pflegebedürfnisse von Säuglingen anging. Als Julius aber vier tage später am Abend im Trakt für verheiratete Schülerpaare alleine auf Sandrine traf, ergriff sie seine Hand und zog ihn unvermittelt in das Zimmer, daß sie mit Gérard bewohnte. Der hatte auf Julius' Anraten hin bis halb Zwölf im grünen Saal zu bleiben. Denn trotz der Verschwiegenheit war bei den anderen Jungen der Eindruck entstanden, Gérard wäre jetzt nicht mehr fähig, seine Aufgaben zu erfüllen.

"Bevor Millie dich wiederkriegt will ich dir nur danken, daß du Gérard dazu bekommen hast, mit mir über Estelle und Roger zu reden und warum er Angst hat, daß ich ihn deshalb böse sein könnte. Ich habe dabei selbst gemerkt, daß ich im Moment wohl ziemlich unheimlich rüberkomme. Das ist dieses verdammte Gebräu, durch das Gérard und ich die Kleinen auf den Weg gebracht haben. Ich hoffe, das ist nicht mehr so wild, wenn sie aus mir raus sind. Nur noch so viel: Gérard wird den Wickelkurs machen. Aber er möchte den nicht von Madame Rossignol kriegen, sondern von uns, Millie, dir und mir. Madame Rossignol ist damit einverstanden. Ist schon fies, sich vorzustellen, daß jemand einen mal eben für Tage zum Wickelkind machen und dann noch selbst anlegen kann, was ja wohl eine der vertraulichsten Sachen ist, die eine Mutter mit ihrem Kind erleben kann. Ich freue mich schon drauf, die Kleinen trinken lassen zu dürfen. Aber nur, wenn die nicht meinen, mir durch die Lunge oder den Hintern zur Welt kommen zu müssen." Julius nickte ihr zu und wünschte ihr und Gérard alles nötige Durchhaltevermögen für die anstehenden Aufgaben. Dann kehrte er in das mit Millie bewohnte Zimmer zurück. Seine Frau kam einige Minuten später wieder.

"Melanie wurde von Caroline dumm angemacht, weil Melanies Eltern sich gerade darum zanken, wer ihr die weitere Ausbildung bezahlt. Ich habe den beiden gesagt, daß im Zweifel die Familienstandsabteilung ein machtwort spricht und das klärt, wer für sie aufzukommen hat. Wieso gehen so viele Sachen kaputt, die so schön anfangen?"

"Wenn du meinst, daß Cassiopeia und Emil Odin sich ja irgendwann mal richtig geliebt haben müssen, dann weiß ich nicht, ob das wirklich so war. Da müßten wir wen fragen, der mitbekommen hat, wie das mit den beiden angefangen hat. Ob Camille uns das aber erzählt weiß ich nicht", sagte Julius. Dann flüsterte er Millie zu: "Und Ammayamiria wird es wohl auch nicht tun." Millie kuschelte sich auf Julius' Bettseite an ihren Mann, um ihm zuzuflüstern: "Ich dachte, die paßt auf alle auf, die ihr wichtig sind."

"Das ist die Frage, wie wichtig ihr Cassiopeia Odin ist", flüsterte Julius zurück. Das Bettgestell knarrte, weil es einseitig mit mehr als zweihundert Kilogramm belastet wurde. Millie meinte dann: "Oha, Aurore wird dem Bett zu schwer." Julius mußte darüber lachen. Ohne Millie und die Gewißheit, daß er für sein Kind mitlebte, hätte ihn die Gewichtszunahme sicher nicht so kühl gelassen.

 

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Der April kam und mit ihm eine Serie von Stürmen und Wolkenbrüchen. Daher hielten sich die Schüler in den Stunden außerhalb des Unterrichts lieber im Palast auf. Der Pausenhof wurde mit einem durchsichtigen Regendach geschützt.

Im Unterricht ging es langsam auf die schwersten in der Schule zu erlernenden Zauber zu. Im Zaubertrankunterricht mußten Sandrine und Millie mehrmals beurlaubt werden, weil bei den aufgegebenen Parallelgebräuen durchaus giftige Bestandteile frei wurden, die sich im Mutterleib entwickelnden Kindern schaden konnten. Im Tierwesenunterricht ging es weiter um die größeren, exotischen Tierwesen. Hierzu reisten die Beauxbatons-Schüler zusammen mit den Gästen aus Greifennest und Hogwarts für ein Wochenende nach Kreta, um die griechischen Zaubertiere in einem Wildreservat zu besichtigen. Millie hatte von Professeur Fourmier und Madame Rossignol ein Teilnahmeverbot auferlegt bekommen, da es galt, daß die Schüler im Notfall schnell disapparieren konten, was Sandrine und Millie bis zum Ende der Schwangerschaft verboten war.

Eine Woche vor dem Elternsprechtag vermeldete die gemalte Ausgabe von Aurora Dawn, daß ihre natürliche Vorlage ihre Fortbildung erfolgreich beendet habe und nun wieder in ihrer Niederlassung sei. Worum es genau ging wollte oder durfte das Bild-Ich nicht verraten, nur daß Aurora bis Mai Urlaub habe und deshalb nach Millemerveilles kommen würde. Julius und Millie luden die Aurora Dawn aus Fleisch und Blut per Expresseule ein, in den Ostertagen zu ihnen herüberzukommen.

Millie fühlte sich immer nervöser. Julius merkte es, daß die Stimmung seiner Frau immer zwischen angespannt und aufgeregt schwankte. Er fragte sie einmal, ob sie sich nicht wohl fühle.

"Davon abgesehen, daß Aurore jetzt meinen halben Bauch für sich beansprucht und ich nicht mehr so viel auf einmal essen und trinken kann und sie langsam keinen Platz mehr hat, wo sie ihre Arme und Beine hintun kann geht's uns beiden gut. Ich dachte nur, daß es vielleicht möglich ist, daß ich sie nicht in Beauxbatons sondern Millemerveilles rauslasse. Wäre doch voll genial, sie an meinem Geburtstag schon in die Arme zu nehmen, zu hören, wie laut sie schreien kann und ihr von dem Zeug zu geben, was mir die Dutteln immer schwerer macht. Aber dann, ist mir eingefallen, darf ich nicht vor drei Wochen nach Beaux zurück, weil Tante Trice oder Hera mich locker ans Bett binden, damit ich nicht vor deren Erlaubnis wieder aufstehe. Irgendwie fies", sagte Millie.

"Hat Oma Line schon was erwähnt, wann ihre vier ankommen?" Fragte Julius.

"Offenbar gefällt es denen noch da, wo sie sind", sagte Millie. "Aber Eleonore Delamontagne sollte bald auch wen neues dazukriegen, richtig?"

"Stimmt, April war auch für die der Zeitraum", erwiderte Julius.

In der Nacht zum vierzehnten April träumte Julius, er sei einer von Ursulines ungeborenen Söhnen. Er konnte sich durch reine Gedanken mit seinen drei Geschwistern verständigen.

"Dieser Trank ist wirklich sehr praktisch", hörte er die kleine Latierre, zu der er irgendwann mal vielleicht Tante Blanche sagen sollte. Die klang auch wie Madame Faucon. Er selbst war gerade Faunus Ferdinand.

"Langsam wird's aber hier zu eng", maulte das zweite Mädchen Linda Laure. "Habe dauernd Adonis' dicken Zeh im Mund."

"Mußt ja nicht dran saugen, als wenn da was zu trinken drin wäre, ey. Denkst du, mir gefällt das, unter diesem dicken Gluckersack zu liegen und andauernd mitzukriegen, wie da was reinplumpst und dann so laut Gluckert, bis es anderswo wieder rausgeht."

"Du drückst zu häufig gegen das, wo wir alle was draus in uns reingepumpt kriegen", beschwerte sich Blanche Berenice. Ihre Vierlingsschwester wollte noch was sagen, als es um sie alle schlagartig enger wurde, und sie einen dumpfen, schmerzhaften Aufschrei hörten. Doch dann folgte ein Lachen. "Na bitte, sie wollen doch noch raus. Trice, jetzt kannst du kommen!"

"Das hat die in den letzten Schaukel- und Ruhigliegezeiten schon so oft gesagt", grummelte Adonis Roland, der über Faunus und seiner Schwester Linda lag.

"Nein, ich denke, jetzt müssen wir von hier weg. Hoffentlich sind die da, wo wir hinkommen wirklich ganz lieb zu uns", erwiderte Blanche Berenice, die gerade unter Faunus Ferdinand lag. Dieser, den Julius gerade verkörperte, wurde bei seite gedrückt. Als der sie umschließende Uterus jedoch wieder kontrahierte hatte er ordentlich Platzangst.

"Ey, die meint's ernst. die will uns rauswerfen. Ich habe aber angst vor da draußen!" Rief Adonis.

"Das ist der voll egal", sagte Julius/Faunus. "Wir sind der jetzt zu groß und zu schwer. Sie muß uns rauslassen, sonst sind wir alle tot."

"So verhält es sich, Faunus. Nimm bitte deinen Arm von meinem Bauch weg, sonst habe ich da noch ein Loch drin", knurrte Blanche Berenice.

"Das hast du doch eh, wie Lilau", feixte Adonis Roland. "Hat die zumindest gesagt, die Trice heißt und gemeint hat, daß wir aus Ma rauskommen würden, was draußen auch immer ist."

"Oh, das wird ja immer Enger", beklagte sich Linda Laure alias Lilau. Julius alias Faunus fühlte, wie sie gegen ihn gedrückt wurde. Dann ratschte es, und sie fühlten, daß sie noch schwerer wurden. Indes hörten sie Ursulines Stimme zwischen Freude und Schmerzen ächtzen, schreien und Jubeln. Dann rief Blanche Berenice: "Oh, ich hänge mit dem Kopf in irgendwas fest. Ist wohl dieser Geburtskanal, von dem Triece es hatte. o nein, ist das eng hier drin. O jetzt geht's besser."

"Ja, mach dich da durch!" rief Adonis Roland. "Dann können wir hierbleiben." Faunus Ferdinand erwiderte darauf:

"Die macht uns allen die Tür weit genug auf, Leute. Dann sind wir schneller draußen."

"Ich bleib hier!" Rief Adonis Roland. "Aber die soll das lassen, uns den Platz wegzunehmen. Eh, nicht noch mal!" Julius hörte Béatrice Latierres Komandos an ihre Mutter und Patientin, zu atmen und bei jeder neuen alle hier einzwengenden Wehe zu pressen. Blanche lamentierte, sich nicht mehr bewegen zu können. Dann sagte sie was von "Ganz hell" und dann verklang ihre Gedankenstimme, um einem langgezogenen Schrei zu weichen. Da merkte auch Faunus, wie er in jenen engen Durchgang geriet und tatsächlich leichter hindurchglitt. Offenbar hatte Béatrice jenes Dehnbarkeitselixier in Ursulines Geschlechtsöffnung eingebracht. Er rutschte förmlich. Geblendet vom plötzlichen Licht, das seine vom Fruchtwasser erfüllten Augen traf, zuckten seine Lungenflügel. Doch hier war es noch zu eng, um zu atmen. Dann hatten zwei große Hände seinen Kopf und zogen sanft daran, während Ursuline ihn durch eigene Anstrengungen weiter nach draußen preßte. Er hörte noch seinen Schrei, dann wachte Julius Latierre auf.

"Na, von welcher bösen Hexe hast du geträumt?" Fragte Millie, die Julius Stöhnen und quängeln im Schlaf gehört hatte.

"Ich bin mal wieder auf dem Ungeborenenkanal rumgesurft, Millie. Dabei bin ich in einem deiner gerade zur Welt kommendenOnkel hängengeblieben."

"Echt! Dann kommen die heute an? Und wie war's in Oma Line?"

"Sag ihr das nicht, daß ich da mitgehört habe. Aber irgendwie war es schon ziemlich eng, mit drei anderen. Hoffentlich kommen die alle ohne Verletzungen an."

"Hast du denn mitgekriegt, wer der oder die erste war?" Fragte Millie, die absolut sicher war, daß Julius die tatsächlich stattfindende Geburt ihrer Onkel und Tanten mütterlicherseits mitbekommen hatte.

"Also, Blanche Berenice hat es geschafft, Faunus, in dem ich irgendwie festgehangen habe war auch durch. Die beiden anderen mußten da noch."

"Ich hoffe mal, wenn Aurore ankommt bist du wach und meinst nicht, Ihre Ankunft mitzuträumen und beschwerst dich dann, daß ich sie zu ruppig rausgeworfen habe", erwähnte Millie. Wie auf's Stichwort fühlte sie die Ungeborene strampeln. "Hoh, wenn die heute auch noch raus will wird's lustig mit den Geburtstagsgeschenken jedes Jahr."

"Hast du schon Wehen?" Fragte Julius.

"Bisher nichts, was sich so anfühlt. Seit der letzten Blutung vor zwei Wochen tut mir der Bauch auch nicht mehr weh, solange die da drinnen nicht meint, mir alle Innenteile zusammenzudrücken und ich ... Brrps!" Ihr letztes Wort verschwand in einem lauten Rülpser. "Toll, sie hat mir Luft aus dem Bauch gedrückt, diesmal nach oben raus. Sonst meint sie, meine Hinterbackentröte auslösen zu müssen." Julius grinste. Wie unbekümmert Millie über ihre körperlichen Begleiterscheinungen sprach war schon bemerkenswert. Er sah auf seine Uhr. "Schade, ich hätte jetzt gerne versucht, ob ich noch die Ankunft von Tante Linda Laure und Onkel Adonis Roland mitbekomme. Aber es ist schon halb sechs und ..." Wie auf ein weiteres Stichwort erklangen die fröhlichen Trompeten und Fideln der durch die Bilder ziehenden Mariachigruppe. Also stand Julius auf. Millie hieb ihm die Hand zur Seite, als er ihr aus dem Bett helfen wollte.

"Ich kann das noch selbst, Monju", fauchte sie. Dann stemmte sie sich hoch und verließ das Bett.

Die Latierres sprachen nicht beim Frühstück davon, daß sie heute neue Verwandte kriegen mochten. Außerdem wußte Julius es nicht mit Sicherheit, daß Ursuline Latierre ihre heißersehnten Kinder 13 bis 16 bekam. Die konnten auch erst in einem Tag oder einer Woche fällig sein.

Die Schüler amüsierten sich über einen gelungenen Sieg der Dijon Drachen, bei denen Corinne Duisenberg als Sucherin spielte. Jener war es in nur drei Minuten gelungen, den Schnatz zu fangen, nachdem die Pariser Pelikane bis dahin vergeblich versucht hatten, auch nur ein Tor zu machen. Zwar hatten die beiden Montferre-Schwestern Sabine und Sandra Breschen in die vereinte Abwehr der Jäger gehauen. Doch der Hüter der Drachen hatte jeden Angriff so heftig pariert, daß er fast aus Versehen selbst ein Tor gemacht hatte. So ging die Partie mit 150:0 für die Heimrecht genießenden Drachen zu Ende.

"Da soll noch mal wer sagen, daß runde Leute keine runden Sachen machen können", meinte André und zwinkerte Julius zu. Dieser grinste darüber und erwiderte:

"Wußten César und Corinne schon immer, und Millie und ich wissen das spätestens im Mai."

"Oh, hier steht auch was, daß irgendwer eine alte Fabrik für Muggelsachen in die Luft gejagt hat, wobei wohl Erumpenthornflüssigkeit verwendet wurde", sagte Robert und gab Julius den entsprechenden Abschnitt der Zeitung. Julius las, daß die Fabrik Plastikplanen herstellte und daß vermutet wurde, daß dort heimlich jene Solexfolien hergestellt worden seien, durch die Vampire vor der Sonne geschützt wurden.

"Das Werwolffangkommando hat eine Bande Lykanthropen umgelegt, die versucht hat, sich in der Nähe eines gewissen Élysée-Palastes einzuquartieren", seufzte Gérard, der ebenfalls eine Zeitung vor sich hatte. "Die Werwölfe mußten mit Silberbolzen getötet werden. Die konnten auch am Tag zu Wölfen werden. Dann gibt's diesen Zaubertrank doch, von dem dein verschwägerter Cousin oder was Gilbert ist geschrieben hat und worüber das Ministerium nichts rauslassen wollte." Julius nickte. Schon beunruhigende Nachrichten, wo vielleicht an diesem Tag vier neue Latierres zur Welt kamen. Er las den Artikel und erfuhr, daß das Zaubereiministerium aus Großbritannien einen Tipp erhalten hatte, daß diese Gruppe Werwölfe versuchen wollte, die französische Regierung zu infizieren."

"Könnte demnächst wieder was geben, ob Werwölfe nun alle in ein Sammellager gesperrt oder gleich versilbert werden", meinte André dazu. Kevin sagte dazu nur:

"Wenn an den Sachen echt was dran ist, dann müssen die Gesetze umgetextet werden, Leute. Denn wenn sich Werwölfe bewußt verwandeln können wie diese indischen Wertiger, von denen Professeur Delamontagne uns erzählt hat, dann gelten die nicht mehr als schuldunfähige Tierwesen. Aber was hätten die davon, wenn die eure Muggelregierung beißen? Werwölfe können, wenn sie Menschen sind, doch ganz frei entscheiden."

"Ja, aber stell dir mal vor. Präsident Chirac verwandelt sich vor Millionen Fernsehzuschauern in einen Werwolf. Dann wäre die Zaubereigeheimhaltung komplett erledigt. Außerdem könnte man den Präsidenten und seine Mitarbeiter, die den Werwutkeim abbekommen haben, damit erpressen, sie dem üblichen Verwandlungsrhythmus auszuliefern, wenn sie nicht eine bestimmte Politik machen, damit sie diesen Trank kriegen, der das kontrollierbar machen soll, wann die Verwandlung stattfindet."

"Wir haben ja gleich bei Professeur Delamontagne", sagte Kevin. "Ich klopfe mal ab, was der uns über diesen Trank und was da so dranhängt erzählen kann."

"Wenn er meint, daß ihr das aushaltet und wenn er das erzählen darf", schränkte Julius Kevins Enthusiasmus ein. "Das Ministerium muß jetzt aber wohl damit herausrücken, ob es diesen Selbstverwandlungstrank für Werwölfe wirklich gibt, bevor noch wer anderes damit an die Öffentlichkeit gehen kann."

"Am besten, wir warten, ob wir überhaupt in die Ferien dürfen", unkte Robert. "Nachher verhängt das Ministerium ein Ausgehverbot für alle unschuldigen Hexen und Zauberer."

"Neh, nicht noch mal", seufzte Gérard. Julius konnte dem nur beipflichten.

Im Unterricht ging es auch um die Zeitungsartikel. Professeur Fixus wurde von Bärbel Weizengold gefragt, ob sie einen Trank kenne, der Werwölfe dazu befähige, auch ohne die magische Ausstrahlung des Vollmondes in reißende Bestien verwandelt zu werden.

"Nun, abgesehen davon, daß es genug Zaubertränke gibt, die eine körperliche und geistige Umwandlung in tobsüchtige, ja monströs auftretende Wesen ermöglichen kann ich mir so einen Trank vorstellen. Allerdings müßte dieser drei Faktoren berücksichtigen: Die Wechselwirkung der Mondmagie mit dem infizierten Blut eines Lykanthropen, die Beibehaltung des freien Willens zur Induktion der Wolfsverwandlung und einen von den Mondphasen unabhängig machenden Wirkstoff, der die Verwandlung bei jeder Mondphase und auch am Tage erlaubt. Ich habe natürlich vernommen, daß das Ministerium befürchtet, daß ein solcher Trank im Umlauf ist und die Zaubertrankbrauer angehalten hat, mögliche sichergestellte Proben zu analysieren, um einen Präventivtrank oder ein die bereits vorhandene Wirkung antagonisierendes Agens zu erstellen. Da ich bisher nicht in derartige Erforschungen einbezogen wurde existiert der Trank entweder nicht oder ich werde nicht in die Erforschung einbezogen, weil ich als Ihre Fachlehrerin bereits genug zu tun habe", erwiderte die kleine, rotbraungelockte Zaubertranklehrerin mit ihrer unheimlichen Windgeheulstimme.

"Und wenn es diesen Trank gäbe würden Sie uns natürlich nicht verraten, wie er gebraut wird", folgerte Gloria Porter.

"Nun, das trifft zu, Mademoiselle Porter", bestätigte Professeur Fixus. Dann forderte sie die Klasse auf, sich wieder auf den für heute angesetzten Paralleltrank zu konzentrieren. Diesmal durften Sandrine und Millie mitmachen, weil beim Brauvorgang nur unschädlicher Wasserdampf in die Luft abgegeben wurde. Sandrine mußte mitten im Unterricht raus, weil ihr unvermittelt etwas weh tat. Julius bekam die Anweisung, sie zum Krankenflügel zu geleiten. Seinen Trank beaufsichtigte Waltraud Eschenwurz.

"mann, das zieht ja von ganz unten bis zum Nacken", stöhnte Sandrine, als Julius ihr beim Wandschlüpfen half. Madame Rossignol nahm Sandrine unverzüglich in ihre Obhut. "Womöglich nur die ersten Vorwehen. Aber ich prüfe, ob Fruchtblase und Placenta noch intakt sind. Außerdem werde ich sie für den restlichen Vormittag hierbehalten. Gib Professeur Fixus bitte die entsprechende Krankmeldung!" Sagte die Heilerin und gab Julius einen Pergamentbogen.

"Was ist mit Sandrine", erkundigte sich Gérard nach der Unterrichtsstunde. Julius verwies ihn an Madame Rossignol.

Mittags teilte Gérard seinen Kameraden mit, daß Sandrine und die Zwillinge noch zusammen seien und es nur eine heftige Vorwehe gewesen sei. Das müsse aber nicht heißen, daß die Kinder bereits in den nächsten Tagen ankämen. Gerade bei Zwillingsschwangerschaften verliefe nicht alles so wie bei Einzelschwangerschaften.

Am Abend trällerte der Pappostillon sowohl von Millie als auch von Julius. Julius hatte eine Nachricht von Béatrice erhalten, Millie von ihrer Großmutter Ursuline. Beide Nachrichten besagten, daß von fünf Uhr morgens bis halb sieben Abends die vier neuen Latierres zur Welt gekommen seien, erst Blanche, die den Zweitnamen Berenice bekam, dann Faunus Ferdinand, dann Linda Laure und zum Schluß Adonis Roland. Bei letzterem, so Béatrice Latierres Nachricht, habe sie schon befürchtet, daß er im Geburtskanal erstickt sei, weil er mit leicht blau angelaufenem Gesicht zum Vorschein gekommen war. Eine Untersuchung hatte ergeben, daß er Fruchtwasser in den Lungen gehabt hatte. Erst nach zwei Minuten Beatmung und Stimulationszaubern habe er frei atmen und laut schreien können. Millie las Julius laut vor:

"Ich habe es gefühlt, wie der ganz kleine sich in mir nicht mehr gerührt hat. Trice konnte ihn aber noch nicht richtig ziehen, obwohl sie mir die Dehnbarkeitslösung eingerieben hat. Ich bin fast ohnmächtig geworden. Dann war er doch aus mir raus. Trice mußte ihn aber mit Beatmungshilfen und Stimulationszaubern anregen. Offenbar hat der schon versucht, unterwegs die erste Luft zu atmen. War auch anstrengend, die vier alle zum ersten mal anzulegen. Dann wurden die in einem kleinen Schlafzimmer hingelegt, damit ich mich von der herrlichen Quälerei erholen konnte. Da hat mir Trice aber sowas von laut die Meinung gesagt. Sie hat mir gedroht, mich unverzüglich in die Delourdesklinik einzuweisen, wenn ich noch mal mit Prokonzeeptivtränken herumspielen würde. ich verstehe, daß sie wütend war. Für sie war es ja auch schlimm, vielleicht ein eigenes Brüderchen tot in die Arme zu nehmen. Ich habe beschlossen, daß ich mit den vieren jetzt genug Kinder habe. Daß der kleine Adonis fast erstickt ist war eine Warnung. Ich will bestimmt nicht, daß mein herrlicher warmer Mutterleib zum Grab wird. Und es hätte mich ja auch umbringen können, so heftig das war. Also, Millie, das Kinderkriegen tut weh, ist aber auch so herrlich wie sonst nichts. Ich wünsche dir und Julius alles gute. Bitte besucht mich mal in den Ferien. Trice hat mich ans Wochenbett gefesselt. Mit Rumlaufen ist erst einmal nichts. Gruß, deine Oma Line."

"Der lag am tiefsten beziehungsweise am höchsten", sagte Julius. "Kann sein, daß der erste Atemreflex schon eingesetzt hat, als er den ersten Funken Licht sehen konnte. Immerhin sind die vier jetzt schon mal da."

"Und Sandrine darf ihre noch tragen wie ich unseres", stellte Millie voller Stolz fest. Die an Horror grenzenden Beschreibungen der beinahen Todgeburt ihres jüngsten Onkels hatten sie nicht von ihrer Vorfreude auf das erste eigene Kind abgebracht.

 

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Wie jedes Jahr üblich probten die künstlerischen Freizeitgruppen einen großen Auftritt für die Eltern. Da diesmal auch Eltern von ausländischen Gastschülern zusehen würden, hatten der Schulchor, bei dem Millie mitsang und die Musikgruppen auch traditionelle britische und deutsche Lieder eingeplant. Bärbel Weizengold, die mit Millie im Chor sang, half ihren Kameraden bei der Aussprache der Texte. Am Tag vor dem Elternsprechtag fand die große Generalprobe statt. Kevin war sehr aufgeregt, weil er als Mitglied er Blechblasinstrumentengruppe ein Solo auf einem Irischen und auf einem Schottischen Dudelsack spielen durfte. Joseph Rosshufler spielte Akkordeon, was er aber als Zerrwanst bezeichnete und lieferte sich mit anderen Akkordeonspielern ein Duell, wer sein Instrument am schnellsten und dabei auch am lautesten spielen konnte. Auf jeden Fall reichten sich der Spaß am Spiel und der Ernst des disziplinierten Auftretens die Hände. Mademoiselle Bernstein, die die über die Woche verteilt stattfindenden Musik-AGs leitete, war hocherfreut darüber, wie wunderbar sich die Gastschüler eingebracht hatten. Sandrine, die früher in der Ballettgruppe mitgetanzt hatte, durfte die Illusionszauber der Aula steuern, die entsprechend des gespielten Stückes eine dazu passende Umgebung nachbilden konnten. Julius hatte angeregt, das Lied vom Garten eines Kraken von den Beatles für kleines Orchester einzustudieren. Als es gespielt wurde und Julius zusammen mit William Deering, Kevin Malone und Keneth Halligan den Text sang, wirkte die Aula wie eine Unterwasserlandschaft mit Farnen, Muscheln und herumflitzenden Fischen. Im Zentrum winkte ein mächtiger Krake mit allen acht Fangarmen zur Bühne und zum Publikum hin. Nach der Probe war wieder das große Reinemachen der Wohnsäle angesetzt. Julius suchte sich zwanzig Freiwillige, die ihm halfen, den Aufenthaltsraum und die Schlafsäle blitzblank zu scheuern.

Am Abend hielt Madame Faucon noch eine kurze Ansprache, in der sie erwähnte, daß morgen die Eltern aller hier gerade lernenden Schüler zu Besuch kämen. Sie erwarte von allen, sich und Beauxbatons im besten Lichte zu präsentieren.

 

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Traditionen, wenn sie nicht zum Schaden oder zur Unterdrückung anderer dienten, waren schon was schönes, fand Julius. außerdem, so wußte er, war es wohl das letzte mal, daß er bei einem Elternsprechtag in Beauxbatons auf dem Begrüßungspodest stehen würde. Wenn alles glatt ging und er die UTZs schaffte, war er mit der Schule fertig. Mit dieser erhabenen Vorstellung, jetzt zum letzten Mal die Eltern musikalisch begrüßen zu dürfen, spielte er mit, als das Schullied "Bienvenu Dans Beauxbatons" erklang. Wie er Kevin erzählt hatte waren alle zwölf Hogwarts-Elternpaare mit der Reisesphäre aus Calais angekommen. Julius erkannte sofort die Porters, Mrs. Watermelon, die Drakes und Mr. Blasius Vane, der in Begleitung einer schwarzhaarigen Hexe war, die vom Gesicht her eindeutig Romilda Vanes Mutter war. Proserpina Drake hatte Leas kleine Schwestern in einem muggelmäßigen Buggy für Kleinkinder untergebracht. Julius erkannte auch die Hollingsworths, die etwas weiter hinten im Gewühl der sonstigen Elternpaare standen. Offenbar wollten sie nicht so heftig auffallen, zumal Marita Hollingsworth ja als zugelassene Berichterstatterin des trimagischen Turniers bekannt war.

Mit der Reisesphäre aus Straßburg waren die Zaubererwelt-Eltern der Greifennest-Schüler angekommen. Julius erkannte die Eschenwurzes, den österreichischen Zaubereiminister Rosshufler mit Gattin und ein ziemlich lang gewachsenes Ehepaar mit blonden Haaren, das wohl wegen Bärbel Weizengold hergekommen war. Joseph Mainingers Eltern waren mit dem zur Ausgangskreisfarbe von Straßburg passenden Reisebus eingetroffen, der die Muggelwelt-Eltern der Schüler aus dem Einzugsbereich Straßburg herbrachte. Julius vermißte Laurentines Eltern. Er sah sie nicht. Hatten die also wirklich daran festgehalten, sich nicht mehr für die Ausbildung ihrer Tochter zu interessieren.

Das Schullied verklang mit trällernden Schlußakkorden. Dann begrüßte Madame Faucon die Eltern der Schüler, wobei sie nicht nur Französisch, sondern auch Englisch und wohl auch Deutsch sprach. Julius erkannte, wie nützlich es in der internationalen Zaubererwelt war, mehr als eine Sprache zu können. Mit seiner Muttersprache Englisch und der durch magische Verkettungen sehr schnell erlernten Sprache Französisch war er schon gut aufgestellt. Millie hatte ihm angeboten, ihm auch Spanisch beizubringen, was er in den Ferien und nach dem Schuljahr wohl vertiefen würde. Zudem konnte er dann das, was er lernte mit der gemalten Ausgabe von Viviane Eauvive üben, wie seine Mutter es auch tat. Diese stand zusammen mit den Brickstons in der Gruppe, die aus Paris eingetroffen war. Dazu gehörten auch fast alle Eheleute Latierre, die im Moment Kinder in Beauxbatons hatten. Statt Ursuline Latierre war aber nur ihr zweiter Mann Ferdinand angereist, um sich um die Angelegenheiten seiner Töchter Patricia und Mayette zu kümmern.

"Julius, schön hast du gespielt", sagte Camille Dusoleil, als er nach der Begrüßung seiner Mutter und der Brickstons Camille und Florymont begrüßte. Er bedankte sich und fragte nach der kleinen Chloé.

"Die ist mit ihrem Cousin Philemon bei Uranie in Millemerveilles geblieben", sagte Camille. Dann zog sie Julius in eine innige Umarmung. "Och, du meine Güte, so reichhaltiges Essen hatten wir zu meiner Zeit in Beauxbatons nicht", scherzte sie, als sein Bauch ihren Bauch sichtlich zusammendrückte. Sie knuddelte ihn noch einmal und setzte dann ein grimmiges Gesicht auf: "Emil wollte nicht mit. Ich hätte ihn am liebsten in was kleines für die Handtasche verwandelt und mitgenommen. Aber der hat sich doch verdammt einen Auftrag seiner Firma in Französisch-Guyayana anhängen lassen, um heute nicht mitzukommen. Cassiopeia hat ihre Schwangerschaft vorgeschützt, nicht in eine Reisesphäre zu müssen. Antoinette hat ihr das glatt durchgehen lassen. Die soll die kleinen holen. Na ja, ziehe ich das eben durch, als gute Patentante auch für Melanie mitzugehen."

"Ist das nicht traurig", meinte Roseanne Lumière, die gerade frei neben den Dusoleils stand, während ihr Mann sich schon mit Jacques in der Wolle hatte. "Die Latierres konnten egal wie schwanger sie waren herkommen, und ich konnte mit Lunette und Été unter meinem Herzen auch noch problemlos in der Reisesphäre mitkommen. Schon peinlich genug, daß sie meinen, ihren Ehestreit in der Zeitung auszufechten. Aber dann hätten sie doch zumindest für ihre Tochter Interesse zeigen sollen." Dann begrüßte Sie Julius. Sie klopfte ihm auf den sichtlich gewölbten Bauch und ffragte ihn, ob er Millies Portionen hatte mitessen müssen oder einfach wissen wollte, ob er mithalten konnte.

"Beides", erwiderte Julius darauf. Barbaras und Jacques Mutter lachte darüber. Julius fragte, wo die erwähnten kleinen Mädchen seien. "Bei ihrer großen Schwester in Brüssel", sagte Madame Lumière. "Aber die kommen morgen zu uns nach Millemerveilles."

"... Delamontagne soll sich nicht so aufspulen, nur weil ich das Ding mit den Abgrundstöchtern nicht im der Schreibe hingetextet habe, die Madame Faucon benutzt, Pa."

"Ja, aber dafür gleich vierzig Strafpunkte zu riskieren, Jacques. Mußte das echt sein?" Hörte Julius Jacques' Vater. Er wandte sich ab und ging zu den Porters, die ihm zuwinkten.

"Wieder mal hier in Beauxbatons", sagte Plinius Porter auf Englisch. Mit dem Französischen hatte er es immer noch nicht. Julius grinste nur. Dann erkundigte er sich, wie es der Familie ginge.

"Meine Mutter hat sich noch einmal nach dir erkundigt", sagte Mrs. Dione Porter. "Sie hat Professor McGonagall dazu überredet, über alle Schüler, die jemals in Hogwarts waren und jetzt in Beauxbatons sind, einen monatlichen Bericht zu lesen. Du mußt ihr sehr imponiert haben, Julius."

"Wohl eher Millie, weil die sich schon so früh auf ein Kind eingelassen hat", vermutete Julius.

"So wie du gerade aussiehst muß ich wohl fragen, wer es zur Welt bringt", meinte Mrs. Porter. Julius versuchte zu grinsen und deutete auf Millie, die ebenfalls sichtlich fülliger aussah als vor einem halben Jahr noch. Er erwähnte leise die Herzanhängerverbindung und das die wohl wegen seiner Ruster-Simonowsky-Begabung stärker wirkte und er deshalb Millies Appetit abbekommen hatte.

"Von den Muskeln her hältst du dagegen. Geht der Abspecktrank nicht?" Fragte Glorias Mutter.

"Der hätte mich fast explodieren lassen, Mrs. Porter. Das mit dem Halbriesenblut hat meinen Stoffwechsel umgekrempelt."

"Schon sehr heftig", meinte Dione Porter. "Hoffentlich hört das nach Millies Niederkunft wieder auf. Mit der Statur müßtest du mindestens sechzig Jahre älter sein, um erhaben rüberzukommen." Julius wollte fast sagen, daß das jetzt nicht gerade diplomatisch war. Doch Plinius Porter gab die bessere Antwort:

"Erzähl ihm mal, wie lange du mit deinen ganzen Abspecktränken gebraucht hast, um den bei Glorias Reise in die Welt angefutterten Speck wieder loszuwerden, Dione, bevor du ihm noch Vorhaltungen machst, weil er um das Leben seines Kindes willen nicht gegen Millies Hunger angekämpft hatt! Denn wenn er sich dagegen gestemmt hätte, hätte sie wohl auch weniger gegessen und damit das Kleine unterversorgt. Wenn es nach dir gegangen wäre wäre Gloria als halbes Skelett geboren worden. Aber meine Mutter hat dich ja wunderbar dabeigekriegt."

"Gut, Plinius, ich sehe es ein, daß ich mich wohl ein wenig von meinem Beruf habe verleiten lassen. Julius, entschuldige bitte, falls ich dich gekränkt haben sollte. Aber in meinem Beruf komme ich mit korpulenten Leuten nur zusammen, wenn diese abnehmen möchten oder vor lauter Gold keinen Schritt mehr alleine tun wollen."

"Sagen wir es so, Mrs. Porter, so ganz unrecht haben sie ja nicht. Ich würde auch gerne wieder lockerer rumlaufen können, ohne beim Durchlaufen von Türen den Bauch einziehen zu müssen. Außerdem sah der ehemalige deutsche Bundeskanzler ja so ähnlich aus wie ich gerade, hat meine Klassenkameradin Laurentine mir mal erzählt."

"Falls du wegen übermäßiger Hautfalten was brauchst, um wieder glatte Haut zu kriegen, wenn du abnehmen kannst ... Okay, klären wir mal anderswann", sagte die berufsmäßige Kosmetikhexe.

"Meine Frau und ich haben Ihre Lotion für dehnbare Bauchhaut mal ausprobiert. Die geht auch bei Männern, hat Madame Rossignol rausgekriegt."

"Stimmt, haben auch schon einige Kunden von Melanie gesagt", wußte Mrs. Porter.

"Melanie, hier sind wir!" trällerte Camille Dusoleil.

"Huch, noch 'ne Melanie?" Fragte Plinius Porter. Julius deutete auf die Erstklässlerin, die in Begleitung einer kleinen, kugelrunden Mitschülerin auf die Dusoleils zueilte. "Das ist die Nichte von Madame Dusoleil. Deren Eltern konnten heute nicht kommen. Vater in Übersee, Mutter in Umständen", erwiderte Julius. Dann verlangten die Latierres nach seiner Aufmerksamkeit.

"Ich soll dir und Millie schöne Grüße von meiner Mutter überbringen und dir sagen, daß du sie gerne morgen oder übermorgen besuchen kannst, um dir die kleinen anzusehen. Sie hat auch einige Rezepte von Oma Barbara und aus ihren ersten fünf Schwangerschaften wiedergefunden, um überschüssiges Gewicht wieder loszuwerden. Wußte gar nicht, daß Latierre-Kuhmilch da auch gegen hilft", sagte Hippolyte Latierre, nachdem sie Julius kräftig umarmt hatte. Ihr kleinwüchsiger Ehemann Albericus scheute zurück, als Julius ihn begrüßen wollte. Doch dann schüttelte er ihm die Hand.

"Also, wenn ich so viel mitgegessen hätte, wie in meine Holde hineingepaßt hat, als sie Tine, Millie und Miriam getragen hat wäre ich ein lebender Quaffel geworden oder geplatzt. Imponiert mir aber, daß du das so locker wegsteckst, wo sie dich hier doch alle als Sportlertypen hofieren."

"Hofieren geht in diesem Jahr ja nicht so, Beri. Quidditch ist ja dieses Jahr nicht, und der Feuerkelch wollte lieber einen unverheirateten Beauxbatons-Champion auswählen."

"Deren Eltern sind echt nicht gekommen? Millie hat sowas angedeutet", sagte Hippolyte Latierre. Julius blickte sich noch einmal um und schüttelte den Kopf.

"Na ja, sie ist ja volljährig und kann alleine zu den Lehrern hin. Wir wollten uns das aber nicht entgehen lassen, den letzten Elternsprechtag für mehrere Jahre mitzumachen, bis Miriam mit dem ganzen restlichen Club der guten Hoffnung eingeschult wird."

"Joh, Julius, Mum will dich gerne begrüßen!" Rief Kevin auf Englisch herüber. Hippolyte grummelte und sah zu Kevin hinüber.

"Habt ihr ihm das noch nicht beigebracht, etwas zurückhaltender aufzutreten?" Fragte sie. Julius erwähnte nur, daß Kevin schon gelernt habe, sich nicht mehr so viel herauszunehmen. Dann ging er zu den Malones und begrüßte sie persönlich in Beauxbatons.

"Kevin jammert uns vor, daß du ihm andauernd Strafpunkte gibst und er fast deshalb nach Hause geschickt worden wäre", sagte Mr. Malone. "Ist das wirklich alles nötig gewesen?"

"Wenn er Mitschüler bedroht hat oder meinte, Leute beleidigen zu müssen leider schon, Sir. Mir macht das keinen Spaß. Aber die trimagischen Regeln sagen, daß die Gastschüler den Schulregeln der Gastgeberschule zu folgen haben."

"Das werde ich mit Professor McGonagall und eurer Schulleiterin besprechen", sagte Mr. Malone. Dann konnte Julius weitere ihm bekannte Ehepaare begrüßen. Seine Mutter unterhielt sich bereits mit den Mainingers, wobei sie den langen Herrn Weizengold als Übersetzer nutzte. Josephs Vater konnte außer Hochdeutsch und Bayerisch noch ein wenig Englisch. Seine Frau hatte Französisch gelernt.

"Wir haben als erstes einen Termin bei Professeur Fixus", sagte Julius' Mutter. "Dann noch bei deinem Hauslehrer Delamontagne und dann noch bei Professeur Dirkson. Madame Rossignol hat mich gebeten, dann noch mit ihr zu sprechen, da sie gerne alle Eltern von Pflegehelfern im letzten Jahr gerne noch einmal gesprochen hätte. Hat sonst noch wer gefragt, ob ich mit ihm oder ihr reden möchte?"

"Madame Faucon hat mich gebeten, dich für zwei Uhr Nachmittags vorzubuchen, Mum", sagte Julius. "Ich wüßte zwar nichts, weshalb sie sich sorgen machen müßte. Aber ich habe ihr gesagt, daß ich dich fragen werde."

"Die Heilerin möchte mich, die Dumas', die Lagranges und Latierres gerne um halb zwei begrüßen. Offenbar will sie eine Art Ansprache halten", sagte Martha Eauvive. Dann begrüßte sie noch die aus Großbritannien herübergekommenen Besucher.

Die Termine bei den Fachlehrern gestaltteten sich durch die Bank so, daß Julius gefragt wurde, ob er bereits für die Zeit nach Beauxbatons etwas berufliches ins Auge gefaßt hatte. Professeur Fixus hatte ihn und seine Mutter extra als erste zu sich gebeten, weil sie zudem auch Julius und Millie als durch die magische Herzanhängerverbindung zusätzlich geforderte Saalsprecher besonders bewertete. Auf die Frage nach Julius' Berufsvorstellungen erwähnte sie, daß sie ihm auf jeden Fall eine Tätigkeit unter Einbeziehung der magischen Braukunst anraten würde, da dort noch viel für ihn zu entdecken und zu entwickeln möglich sei. Professeur Dirkson bemerkte, daß es bei der Ausbildung von Zauberkräften nicht nur auf wiederholbare Leistungen ankomme, sondern auch auf die Einsatzfreude, mit dem bekannten bestmöglich zu hantieren und mit dem neuen möglichst unverkrampft vertraut zu werden. Sie erwähnte Martha Eauvive gegenüber, daß sie davon ausgehe, daß sie bei den Lehrerinnen, die diese habe, sicher auch Chancen auf einen Beruf mit Verwandlung oder Objektbeschwörung habe. Professeur Delamontagne lobte Julius für seine Einsatzbereitschaft und vorbildliche Ausübung der Saalsprecherwürde, hob hervor, daß Julius durch die beiden Zusatzbelastungen Pflegehelfertruppe und Familiengründung bereits für ein erfolgreiches Leben gut vorgeprüft werde und erwähnte alle Berufe, für die sich Julius seines Wissens nach empfehlen mochte. "Auch wenn Sie in Ihrem Leben schon Genug Berührungen mit dunklen Kreaturen und Zeitgenossen hatten, Monsieur Latierre, so möchte ich Ihnen doch zumindest vorschlagen, sich auch in der Abwehr dunkler Kräfte und Wesen zu orientieren, zumal Sie von Ihrem Schicksal ja wohl dazu gedrängt werden könnten, weitere Auseinandersetzungen zu überstehen. Auf diese sollten Sie dann optimal vorbereitet sein, gemäß dem Grundsatz, auf die schlimmste anzunehmende Situation bestmöglich vorbereitet sein. Vielleicht nutzen Sie die Zeit nach der Schule, um mehr über die Ihnen außerhalb von Beauxbatons zugegangenen Kenntnisse zu erforschen. Ich kann es nicht grundweg ausschließen, daß dieses Wissen bereits eine Verpflichtung darstellt, der Sie sich nicht mehr entziehen können. Ich möchte Ihnen keine Angst machen. Aber meine Pflicht als für Sie zuständiger Saalvorsteher und meine fachliche Ausrichtung fordern es von mir, Sie zumindest darauf hinzuweisen, daß Ihre gesonderten Begabungen und Kenntnisse Ihnen eine große Verantwortung für die Menschheit mit und ohne magische Kräfte auferlegen. Ansonsten kann und werde ich Ihnen nicht dreinreden, wohin Sie sich wenden wollen. Denn das eine muß das andere ja nicht ausschließen."

"Toll, tagsüber Peter Parker und nachts Spiderman", grummelte Julius, als er mit seiner Mutter den Besprechungsraum verlassen hatte. Seine Mutter nickte. "So hat er das wohl gemeint. Julius. Mehr zu erörtern wäre hier ungeeignet."

Nach dem Mittagessen ging Martha Eauvive auf Madame Faucons Anfrage ein und ging mit Julius zu ihr in das für alle frei zugängliche Besprechungszimmer der Schulleiterin im vierten Stock. Die Schulleiterin von Beauxbatons erwähnte, daß sie nach wie vor froh sei, Julius auf den sicheren Weg in die Zaubererwelt geholfen zu haben und davon überzeugt sei, daß er nach Beauxbatons viele offene Türen finden würde. Dann sagte sie im Schutze eines Klangkerkers:

"Ich weiß, Ihnen steckt es zum Teil immer noch in den Knochen, daß wir den Plan Ihres Mannes damals so gründlich vereitelt haben, Julius von Hogwarts im besonderen und der magischen Gemeinschaft im besonderen fernzuhalten. Aber im Rückblick auf all die Dinge, die seitdem passiert sind denke ich schon, daß Sie mir in der Ansicht beipflichten, daß ohne diese Intervention damals vieles auch für Sie sehr katastrophal verlaufen wäre. Sicher, Sie können mir vorhalten, Ihren Sohn auf Grund seiner Begabungen in riskante Unternehmungen geführt zu haben. Ebenso könnten Sie einwerfen, daß es mir vordringlich darum gegangen sein mag, einen Jungen mit überragenden Zauberkräften nicht unausgebildet in der Welt herumlaufen zu lassen und daß es mir sehr wichtig war, Ihren Sohn persönlich anzuleiten, für alle und damit Sie und sich nutzbringend zu wirken. Ohne meine damalige Intervention bei meinem Schwiegersohn, dem Sie und Ihr Mann Ihren Sohn anvertrauten, hätten wir vielleicht heute nur noch Schlangenkrieger und vielleicht einen größenwahnsinnigen Diktator mit seinen willfährigen Gehilfen, der die magische und nichtmagische Welt tyrannisiert. Daß dies nicht so wurde verdanken wir ja auch Julius Latierre geborener Andrews, auch wenn die Öffentlichkeit davon nichts erfahren durfte und wohl auch erst nach seinem Tod etwas erfahren darf, um ihm und seiner Familie eine friedliche Zukunft zu geben, sofern die ihm durch seine Erlebnisse und dabei erhaltenen Kenntnisse auferlegte Bestimmung eine friedliche Zukunft zuläßt, was ich sehr hoffe. Woran mir gerade etwas liegt ist, Ihnen, Madame Eauvive, meinen Dank auszusprechen, daß Sie trotz der auf Sie und Julius einwirkenden Maßnahmen und Unternehmungen immer der Vernunft den Vorrang vor der Entrüstung oder Angst gegeben haben. In diesem Verständnis möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit auch persönlich Mut zusprechen, die durch Madame Eauvives Geschenk zugefallenen Kräfte und Talente dahingehend zu entfalten, daß Sie keine Angst davor empfinden müssen, sie zu nutzen und es nicht nur als reine Verpflichtung sehen, etwas Ihnen ungefragt auferlegtes unter Kontrolle zu halten. Sollten Sie in der Hinsicht Fragen haben, die Ihre beiden Lehrmeisterinnen Ihnen nicht beantworten können oder wollen, dürfen Sie sich auch gerne an mich wenden. Dies dürfen Sie als Dank für die Hilfe und die gedeihliche Zusammenarbeit sehen, Ihrem Sohn den Weg in die Zaubererwelt eröffnet zu haben. Weiteres über seine Leistungen im Rahmen seiner Saalsprechertätigkeit erfahren Sie beide dann schriftlich, wenn Monsieur Latierre das Schuljahr und die Prüfungen vollendet hat. Ich bedanke mich bei Ihnen für die kostbaren Minuten Aufmerksamkeit."

sie weiß, daß ich längst nicht mit allem einverstanden war, was Sie mit dir angestellt oder wozu sie dich getrieben hat", sagte Martha Eauvive auf dem Weg zum Krankenflügel. "Aber sie hat leider recht, daß das meiste davon wohl alternativlos war und nicht zu letzt wir beide dadurch überhaupt noch am Leben sind." Julius nickte. Hier, wo kein Abhörschutz bestand, wollte er nicht zu sehr in Einzelheiten abschweifen.

Madame Rossignol bedankte sich bei den Eltern der in diesem Jahr mit Beauxbatons fertig werdenden Pflegehelfer und erwähnte, daß durch diese Tätigkeit, auch wenn es eine Zusatzbelastung sei, mehr Lebensgrundlagen erlernt worden seien als im sonstigen Unterricht. "Magie ist ein Gut, das Schöpfung und Zerstörung, Heil und Unheil in sich birgt. Damit verantwortlich umzugehen, für seine Mitmenschen da zu sein, mit ihnen zusammen einen Ausweg aus schwierigen Lagen zu finden, ist das wichtigste, was Schüler hier lernen müssen. Die Pflegehelfertruppe ist dafür ein ideales Betätigungsfeld, weil sie Kreativität, Beharrlichkeit, Disziplin, aber auch Einsatzbereitschaft und Einfühlungsvermögen fordert. Ihre Kinder haben sich freiwillig dazu bereiterklärt, magische Ersthelfer zu werden. Sicher stand es Ihnen damals frei, Ihre Kinder davon abzuhalten. Daß Sie es nicht nur nicht taten, sondern Ihre Kinder in den Bemühungen unterstützten, zeichnet Sie als vorbildliche Eltern aus. Denn nicht die Eltern, die ihren Kindern vorgeben, wie sie richtig zu leben haben sind gute Eltern, sondern die, die mit ihrem Wissen und ihrer Fürsorge ihrem Kind einen Weg in die Selbständigkeit eröffnen und ihm Möglichkeiten aufzeigen, wobei es lernt, daß die Folgen seines Handelns zu tragen sind, zeichnet gute Eltern aus. Ich bedauere sehr, daß Belisama, Julius, Mildrid, Patrice und Sandrine uns in diesem Jahr verlassen werden. Aber ich bin ihnen sehr dankbar, daß sie mir in den Jahren, die Sie mir zur Seite standen, viel Arbeit abnahmen und mir helfen konnten, das körperliche und seelische Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten. Ich kann jeder und jedem hier bedenkenlos zustimmen, der oder die befindet, daß die magische Heilkunst seine oder ihre Zukunft ist. Wer aber anderswo unterkommen will hat mit der dokumentierten Bemerkung, in der Pflegehelfertruppe gewesen zu sein, einen Schlüssel zu sehr vielen Türen in Händen. Welche er oder sie davon aufschließt und durchschreitet liegt bei ihm oder ihr. Das wollte ich Ihnen allen nur mitteilen, damit Sie wissen, daß ich es nicht für selbstverständlich halte, daß Ihre Kinder mir unentgeltlich beigestanden haben und dies noch bis Schuljahresende tun möchten."

"Glaube ich nicht, wo Sandrine Ende April bis mitte Mai diese frühzeitig empfangenen Kinder kriegt", warf Monsieur Dumas ein. Sandrine funkelte ihn zornig an, sagte jedoch nichts. Millie grinste. Ihre Mutter sagte:

"Sogesehen fangen die eigenen Kinder immer zu früh mit der Familienplanung an, Monsieur Dumas. Aber dafür können die Kinder dann nichts."

"Nun, ich wollte auch nur sagen, wie dankbar ich bin, daß Ihre Kinder mir alle vor allem während des dunklen Jahres, wo Beauxbatons lange von der Außenwelt abgeschnitten war, geholfen haben. Wenn Mildrid und Sandrine demnächst unter diesem Dach ihre ersten Kinder zur Welt bringen, dann können sie dies in dem beruhigenden Gefühl tun, daß ihre Pflegehelferkolleginnen und -kollegen mir und ihnen beistehen werden. Mehr gilt es dazu nicht zu sagen."

Nach der Ansprache Madame Rossignols baten einzelne Elternpaare noch um persönliche Einschätzungen. Martha wollte sich mit Julius zurückziehen, weil sie meinte, nichts mehr besprechen zu müssen. Doch die Heilerin gebot ihr mit einer zum Bleiben auffordernden Handbewegung, noch dazubleiben. Sandrines Eltern drohten, sich in einer hitzigen Debatte um das Für und wider einer Zwillingsgeburt in Beauxbatons zu verlieren. Dann setzte sich Geneviève Dumas durch und sagte, daß sie den anderen Pflegehelfern und vor allem Julius vertraue, da dieser ja auch Cythera Dornier mit auf die Welt geholt habe. Belisamas Eltern wollten nur wissen, ob ihre Tochter nach der Schule unbedingt in einen Heilberuf eintreten müsse. Madame Rossignol erwähnte, daß dies nicht so sei. Dann waren nur noch Julius und seine Mutter im Sprechzimmer.

"Ich habe Sie, Madame Eauvive und dich, Julius, deshalb noch zum Hierbleiben gebeten, weil ich als residente Heilerin drei Punkte ansprechen muß, die für Sie und dich persönlich wichtig sind. Zum einen Madame Eauvive, sehen Sie die in Ihnen geweckten Zauberkräfte nicht als Last, sondern als neue Perspektive für Ihr weiteres Leben. Ihr Sohn hat in den bald fünf Jahren hier gezeigt, daß mit großen Kräften nicht nur Verpflichtungen, sondern auch Betätigungsmöglichkeiten einhergehen. Zum zweiten möchte ich Sie, Madame Eauvive, dahingehend beruhigen, daß Ihr Sohn die durch die Verbindung zu Millie aufgekommenen Belastungen gut überstanden hat und weiterhin bewältigen kann. Was seine Gewichtszunahme angeht, über die Sie sich in einem Schreiben an mich besorgt gezeigt haben, so ist diese nur solange vorhanden, bis Mildrid sein und ihr Kind zur Welt gebracht hat und es einen eigenen Blutkreislauf besitzt. Zum dritten, Julius, muß ich zwar aufrechthalten, was ich Belisama und ihren Eltern gerade gesagt habe, daß die Mitgliedschaft in der Pflegehelfertruppe nicht dazu verpflichtet, einen magischen Heilberuf zu ergreifen. Ich möchte aber - auch wenn ich da bei weitem nicht die einzige bin - darauf hinweisen, daß du mit den ganzen Fähigkeiten und deiner Hingabe, neues zu lernen und erlerntes sinnvoll auszuschöpfen - bei uns, also der Heilzunft, gebraucht wirst. Nicht viele, die dort eintreten wollen, brachten eine derartige Fülle von Grundfähigkeiten und Arbeitsbereitschaft mit. Ich fände es sehr schade, wenn ich am Ende feststellen müßte, daß ich dir den Zugang zur magischen Heilzunft durch irgendwas grundweg verdorben hätte. Wie erwähnt, es ist keine Verpflichtung, bei uns Heilern anzufangen, weil du in der Pflegehelfertruppe bist. Aber ich würde es zumindest mal genauer überdenken, wo sonst du derartig vielfältig arbeiten kannst. Oja, du wirst mir gleich damit kommen, daß du nicht dein Leben lang hinter unvernünftigen Leuten herrennen möchtest, daß du vielleicht Angst hast, irgendwo mal was falsches zu machen, wovon vielleicht ein Menschenleben abhängig ist oder das du dich nicht für den geborenen Führer oder Berater hältst. In letzterem Fall müßte ich dir da widersprechen, weil die Unterhaltung, die du mit Gérard geführt hast, um ihn dazu zu bringen, auf seine Frau einzugehen, eine wunderbare Probe deiner eigenen Beredungskunst geliefert hat." Julius fragte, woher sie das denn wisse. Madame Rossignol erwähnte, daß Sandrine mit ihr im Einzelgespräch darüber gesprochen habe, daß Gérard sich gut von dem Intensivkurs erholt habe und jetzt eben auch keine Scheu mehr habe, seine eigenen Kinder zu versorgen, soweit ihm das anatomisch möglich sei. Martha Eauvive fragte die Heilerin, ob zu einem magischen Heiler nicht wesentlich mehr gehöre, als umfangreiches Zauberwissen. Immerhin hatte sie oft genug mit Hera Matine aber auch mit Antoinette Eauvive und Aurora Dawn sprechen können.

"Wobei Sie mir jetzt ganz geflissentlich verschweigen, daß die von Ihnen erwähnten Kolleginnen Ihnen und Ihrem Sohn dasselbe gesagt, vorgeschlagen oder gleich empfohlen haben, was ich gerade gesagt, vorgeschlagen oder erbeten habe." Julius' Mutter errötete. Die Schulheilerin hatte sie eiskalt erwischt. "Es stimmt auch, daß der Beruf mehr Menschenführungsqualitäten als Zauberqualitäten fordert. Aber so wie ich Ihren Sohn in den bald fünf Jahren, die er jetzt bei uns ist einzuschätzen gelernt habe, hat er auch dazu das Talent, wenn er von den richtigen Leuten ausgebildet wird. Allein schon, daß er ohne zu murren Millies Hungeranfälle erduldet und sich unnötiges Körperfett angegessen hat, weil er weiß, warum er das tat, ist eine Grundvoraussetzung. Einsicht, aber auch Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit, sind wichtige Säulen im Heilerberuf. Ohne sie ist jede überragende Zauberei wertlos. Ich gebe das nur zu bedenken, damit du, Julius, am Ende nicht behauptest, ich hätte dir alles mögliche abverlangt, ohne daß ich dir die nötige Anerkennung und eine gute Aussicht geboten hätte. Mehr kann ich im Moment nicht sagen."

"Mildrid wird wohl Anfang Mai niederkommen", setzte Martha mit einem anderen Thema an. "Wirkt die untrennbare Verbindung sich dabei auch körperlich auf Julius aus. Ich meine, besteht die Möglichkeit, daß er Mildrids Wehen miterleiden muß?"

"Dann hätte Ihr Sohn Mildrids andere Unpäßlichkeiten der letzten Wochen und Monate körperlich erfahren müssen, was nicht der Fall war. Trauen Sie Ihrem Sohn nicht zu, auch dergleichen durchzustehen?"

"Ich weiß, wie es war, als ich ihn bekam und daß mein Mann dem nicht beiwohnen wollte", sagte Martha Eauvive.

"Im Zweifelsfall kann ich einen Schmerzbetäubungstrank schlucken, Mum", erwiderte Julius darauf.

"Nun, ich habe selbst drei Kinder zur Welt gebracht. Sicher ist das schmerzhaft, nicht nur für eine Mutter. Aber ich hätte mir diese Belastung sicher nicht zwei oder dreimal angetan, wenn ich nicht daran geglaubt hätte, daß ich mit dem Ergebnis wunderbar leben konnte. Julius hat sich so erstaunlich mutig in die Situation eingelebt, sporadische Gefülswallungen zu ertragen, daß ich mir, ohne jetzt zu spitzfindig zu sein, auch hätte vorstellen können, daß er die körperlichen Belastungen auch hätte ertragen können. Aber ich kann Ihnen verbindlich versichern, daß Julius außer den möglichen Gefülsschwankungen unter der Geburt seines Kindes nicht mehr überstehen muß." Mehr wollte Martha Eauvive nicht wissen.

"Hast du echt Angst gehabt, ich müßte Millies ganze Schmerzen aushalten, wenn Aurore ankommt?" Fragte Julius.

"Wie erwähnt weiß ich besser als du, wie weh das tut und daß viele Männer schon Probleme haben, wenn sie sich in den Finger schneiden. Ich möchte halt nur nicht, daß du daran kaputtgehst."

"Dann hätte Madame Rossignol gleich erwähnt, daß es einen Zaubertrank gibt, der die Sinne abstumpft, ohne einen gleich in Tiefschlaf zu versetzen", wandte Julius ein. Da konnte seine Mutter nichts zu sagen.

Die Schulaufführung mit Musik, Ballett und Theaterszenen gefiel auch den Eltern der Gastschüler. Joe Brickston meinte anschließend beim Abendessen, daß sein Vater sich sehr über die magische Interpretation des Beatles-Klassikers vom Krakengarten gefreut hätte. Julius erwähnte, daß er wohl auch an Babettes Großvater väterlicherseits gedacht hatte, als er gefragt worden war, was für ein bei den Muggeln populäres Lied sie einüben könnten.

"meine werte Schwiegermutter, die hier als die große Chefin vom Ganzen wirkt, hat mal wieder gemeint, ich hätte noch nicht richtig begriffen, was Babette hier eigentlich lernen soll, weil ich es gewagt habe, ihr zu unterstellen, daß es ja nur darum ginge, ein paar altsprachliche Zauberformeln herzusagen, um damit ein heilloses Chaos in eine gezielte beeinträchtigung von natürlichen Abläufen zu ändern. Sie hat mir dann doch glatt empfohlen, mit Catherine und Babette nicht nach Birmingham zu fliegen, um meine Eltern zu besuchen, sondern lieber in Millemerveilles Ferien zu machen, wo diese Hexenärztin mir über ihren kleinen Unterschied was von ihrer magischen Energie in den Körper gepflanzt hat, damit ich da problemlos herumlaufen kann. Da hat die sich aber geschnitten. Wir, Also Catherine, Babette, Claudine und ich, sind morgen bei einer Party meiner Eltern eingeladen. Morgen früh geht's nach England. Babette darf in den Ferien ja eh nicht zaubern. Also wird das kein Problem."

"Joe meint immer noch, meine Mutter führe gegen ihn Krieg", grummelte Catherine Brickston geborene Faucon.

"Der eine Tag im Leben hat mir gereicht, wie schnell die ihre Überlegenheit ausspielen kann, Catherine. Die kann nicht darauf hoffen, daß ich das vergesse." Catherine nickte schwerfällig.

"Meine Schwiegeroma hat ihre vier schon bekommen", sagte Julius zu Camille, als die Millemerveillesbewohner alle im Ausgangskreis für die Reisespähre standen. "Ist das Kleine von Eleonore noch unterwegs oder auch schon da?"

"Das guckst du dir besser selbst an", sagte Camille verschmitzt grinsend. Professeur Fourmier löste die Reisesphäre aus und beförderte Schüler und Eltern nach Millemerveilles. Dort wurden Sandrine und Millie von Hera Matine erwartet.

"ich wollte lediglich zur Kenntnis nehmen, daß bei euch noch alles so ist, wie es in eurer jetzigen Phase der Schwangerschaft sein soll", sagte die residente Hebamme und Heilerin von Millemerveilles. Julius indes konnte Eleonore Delamontagne sehen, die am Rande der Schirmblattbüsche um den Ausgangskreis von Millemerveilles saß und ein rosarotes Bündel in den Armen hielt. Sie wirkte noch erschöpft, aber glücklich.

"Hallo, Julius. Das ist Mademoiselle Giselle Perinelle Delamontagne. Die kam letzte Nacht zu uns, wollte wohl nicht gleich einen Sonnenbrand riskieren, nachdem sie vierzig lebhafte Wochen in meinem warmen Leib herangereift ist", begrüßte die Sprecherin des Dorfrates Julius, der sich wie Millie sehr für das gerade einen Tag an der Luft befindliche Hexenmädchen interessierte.

"Jau, ein Wonneproppen", meinte Millie. Die Kleine öffnete die Augen, die himmelblau waren und gluckste.

"Auf jeden Fall schon ziemlich groß geraten", meinte Julius.

"Ja, und genau deshalb sollte Eleonore nicht hier draußen rumlaufen", knurrte Hera Matine. "Ich habe ihr nur erlaubt, euch zu begrüßen, damit ihr seht, wie die Jahrgangskameradin eurer Tochter aussieht. Aber jetzt wird's Zeit, Eleonore. Jeanne bringt dich, deine Tochter, Millie und Sandrine auf ihrem Teppich in eure Häuser. Ich begleite euch, bis ich weiß, daß jede da ist, wo sie hingehört."

"Ist nicht deiner Mutter Ernst", blaffte Gérard aus einiger Entfernung. "Ich wollte mit dir in das Haus einziehen, damit wir das vor der Ankunft von Estelle und Roger schon mal einweihen können. Wieso sollen wir jetzt noch bei dir in dem engen Zimmer schlafen?"

"Weil ich das verfügt habe, Monsieur Dumas geborener Laplace", stieß Hera Matine aus. "Sandrine verbleibt bis zur vollendeten Geburt des zweiten Kindes in unmittelbarer Reichweite einer magischen Hebamme. Und falls Sie meinen, daß ist Ihnen zu viel Eingriff in Ihre Privatsphäre, kann ich Sie sehr gerne an einem Walpurgisnachtring an mich binden, bis Sie und Ihre Frau nach Beauxbatons zurückkehren dürfen. Also bloß kein Gejammer, sonst könnte man meinen, du wärest selbst gerade erst zur Welt gekommen." Gérard verzog das Gesicht. Der letzte Satz mußte ihm wie ein Faustschlag in den Magen und ein Tritt in den Unterleib zugleich vorkommen. Doch er wagte nicht, die resolute Heilerin zu fragen, ob Madame Rossignol ihr das mit dem sogenannten Intensivkurs erzählt hatte. Er trollte sich mit Sandrine zu einem bunten Teppich, auf dem Jeanne Dusoleil schon saß. Auf ihrem Rücken trug sie ein rosarotes und ein hellblaues Tragetuch, aus dem je ein großer runder Kopf mit schwarzem Flaum hervorlugte. Julius sah Millies Augen leuchten. Noch zwei, die mit ihrer Tochter nach Beauxbatons kommen würden.

"Meine Mutter hat mal gesagt, wenn eine Hexe Mutter wird, meinen alle, sie sei öffentliches Eigentum", knurrte Gérard. "Wußte nicht, daß das für werdende Väter auch gilt, an denen jeder dumm rumkommandieren darf."

"Ich verweigere die Aussage wegen Befangenheit", erwiderte Julius darauf. Hera Matine, Millie und Jeanne lachten darüber. Jeanne meinte dann, daß das mit den Müttern schon stimme, weil sie ja meistens die Kinder bei sich trügen und die jeden ja irgendwie dazu anregten, sich um sie zu sorgen.

"Reine Biologie. Wir finden Kinder süß, weil sie uns brauchen", sagte Julius. Bruno, der mit auf dem Teppich saß meinte dazu, ob das auch für die Handlung gelte, bei der neue Kinder auf den Weg gebracht würden. Er grinste, weil er dachte, Julius'Sachlichkeit damit auszutricksen. Doch der erwiderte ganz kühl:

"Klar, weil das so viel Kraft und Anstrengung kostet, daß es rein vernunftsmäßig Energieverschwendung ist. Um nicht auszusterben hat das Menschliche Erbgut eben da was erfunden, daß wir uns total glücklich fühlen und für das dann auch alle Vernunft vergessen, damit die Menschheit nicht ausstirbt."

"So ist es, Julius", erwiderte Hera.

"Klar, sonst hätte Eleonore wohl drauf verzichtet, noch mal drei Zentner aufzulegen und sich den halben Unterbau aufzureißen, um die kleine Giselle zu veröffentlichen", sagte Bruno.

"Komm komm Bruno, du hast doch nach der Geburt von Janine und Belenus nichts besseres gekonnt, als dich von César und deinen früheren Saalkameraden unter den nächsten Tisch trinken zu lassen, während ich total erschöpft und mit schmerzendem Bauch und Geschlecht da lag und zwei Tage nicht aufstehen konnte."

"Zwei Tage?" Fragte Sandrine besorgt. Denn ihr konnte ja ähnliches Ungemach passieren.

"Zwei Wochen habe ich Jeanne verordnet", sagte Hera Matine. "Und wenn meine Kollegin Rossignol ähnlich umsichtig ist wie ich, solltest du, Sandrine dich auch auf mindestens so viele Tage Ruhe und Erholung einrichten."

"Gibt es keinen Zauber, der das ganze beschleunigt, also die beiden ohne dieses fiese rauspressen auf die Welt holt?" Fragte Gérard.

"Nix da, Gérard. ich will das richtig spüren, wenn sie kommen", schnarrte Sandrine.

"So, da ist euer Haus, Sandrine", sagte Jeanne und kommandierte auf Altpersisch die Landung des Teppichs. Sandrine ergriff Gérards Hand und ging mit ihm zum Haus hin. Er ließ ihren und seinen Koffer per Zauberkraft hinterherschweben.

"Ich behalte mir vor, deinen Mann noch einmal durch den Musikpark putzen zu lassen, weil er meinte, meine Privatangelegenheiten kritisieren zu müssen, Jeanne", sagte Eleonore, während sie weiter über Millemerveilles herumflogen.

"Das hast du beim letzten Mal schon nicht durchgekriegt, Eleonore, weil die Mercurios das verhindert haben", sagte Bruno überlegen.

"Tja, weil ich versäumgt habe, mein Vorrecht auf Intervention bei der Mannschaftsaufstellung geltend zu machen, wenn Spieler sich gegen die Regen der Dorfgemeinschaft vergehen. Ich hatte da noch zu viel mit Giselles bevorstehender Ankunft zu tun, als mich mit eurem Kapitän anzulegen. Aber jetzt ist sie da, und ich könnte drauf kommen, daß du bei der Ostersonntagspartie gegen die Drachen nicht mitspielen darfst."

"Dann würde ich Monsieur Delourdes fragen, ob du im Moment entscheidungsfähig genug bist", sagte Bruno.

"Für Eleonore bin ich zuständig, Bruno. Und glaub's mir, daß ich mir auch sehr schöne Maßnahmen ausdenken kann, um deine Frechheiten zu kurieren", raunte Hera. Jeanne hielt sich zurück, ebenso Millie und Julius.

Als Eleonore Delamontagne zusammen mit Hera Matine beim Haus mit dem Schachgarten abgesetzt worden waren rauschte der Teppich fast bis an den Farbensee, bog ab und segelte die letzten hundert Meter wie ein Blatt im Wind bis auf die Landewise vor dem gerade eher grau erscheinenden runden Haus, dem Apfel des Lebens.

"Okay, danke, Jeanne. Gute Nacht euch vieren!" rief Julius. Jeanne erwiderte den Gruß und flog mit Bruno und ihren beiden Jüngsten davon.

"Morgen gleich zum Château?" Fragte Millie. Dann fand sie eine große Pappkarte mit aufgeklebtem zaubererfoto. Sie zeigte eine beinahe kugelförmige Frauengestalt in einem Zwischending zwischen Königinnenthron, Liegestuhl und Schlafsofa. links und rechts lagen zwei kleine Bündel Menschenleben, und auf jedem der säulenartig geschwollenen Beine ritt noch so ein kleines Menschenwesen:

Hallo meine lieben Kinder, Enkel und Anverwandten. Es ist endlich geschehen. Eure angeblich so verrückte Mutter, Oma, Schwester oder Tante hat vier neue Kinder ans Licht geschupst. Wenn ihr die mal richtig sehen und vor allem hören wollt, dann besucht uns kommenden Montag im rosaroten Salon des Château Tournesol. Mein freudestrahlender Mann und ich, die nach langer und unruhiger Schwangerschaft und beinahe in einer Katastrophe ausgeuferten Geburt glückliche Maman, freuen uns auf euren Besuch. Meine Enkeltochter Mildrid, die mir die Ehre macht, im Mai meinen ersten Urenkel ans Licht dieser so großen, wunderbaren Welt zu bringen, kann beruhigt dem besondren Möbelstück vertrauen. Meine sehr sehr fürsorgliche und gestrenge Tochter Béatrice hat dies ausdrücklich genehmigt, weil hierbei keine Schlingerbewegungen oder ein tiefer Fall zu befürchten seien. also dann, bis morgen!

Ursuline Latierre

"Da sind wir zwei aber noch richtig dünn gegen", meinte Julius zu seiner Frau.

"Die vier da brauchten Platz, Monju. Oma Line hätte ja sonst nur so groß wie Olympe Maxime werden können, um nicht so aufzuquellen. Aber recht hast du leider. Bis die das runtergestrampelt hat dauert das sicher. Kein Wunder, daß Tante Trice sie ans Bett gebunden hat."

"Aber angucken möchte ich mir die vier auch, wenn ich schon bei deren Ankunft reingehört habe", sagte Julius.

"Sag das Oma Line besser nicht. Die könnte sonst meinen, daß sie von innen viel zu langweilig aussehe oder dich fragen, ob es dir gefallen hat, durch ihren kleinen Vorderausgang zu krabbeln."

"Ich werde den mit den Hörnern tun, Millie", erwiderte Julius. Dann textete Millie noch eine Nachricht an ihre Tante und Hebamme, daß sie wieder in Millemerveilles sei und morgen ins Château Tournesol reisen würden.

Als sie nach einem gemütlichen Bad jeder in einer eigenen Wanne im geräumigen Ehebett lagen, meinte Millie: "Wenn Aurore hier in unserem Haus ankommen will mußt du Tante Trice aber ganz schnell herrufen, bevor Madame Rossignol meint, Hera anzutexten." Julius versprach es seiner Frau.

 

____________

 

In dieser Nacht wollte Aurore noch nicht zur Welt kommen. So bekam sie es nur über ihre Ohren und Millies schaukelnden Gang mit, wie sie und ihr Vater mal eben durch eine magische Schrankverbindung über hunderte von Kilometern hinweg ins Sonnenblumenschloß überwechselten. Womöglich hörte sie die Schreie der vier neugeborenen Kinder. Aber auch die reizten sie nicht, endlich nachzusehen, was hinter der so warmen Wand auf sie wartete.

Julius begrüßte seine Schwiegertanten Béatrice, Josianne und Eleonore. Patricia Latierre schwankte wohl zwischen einer gewissen Eifersucht, weil gleich vier kleine Geschwister dazugekommen waren und der Hingabe an die kleinen, hilflosen Bündel Menschenleben. Julius erkundigte sich, wer von den Mädchen Blanche und welche Linda Laure sei, weil beide gleich aussahen.

"Blanche ist die mit den weißen Söckchen. Sagt der Name doch schon", sagte Ursuline, die in ihrem ganzen Umfang auf dem speziellen Erholungsstuhl mit Schlafstellungsfunktion thronte und ungeniert einem der vier die linke Brust bot. Julius konnte nun die beiden Mädchen an den Socken unterscheiden. Der schmächtige Adonis Roland, der gerade sein Mittagessen einsog, wirkte noch etwas erschöpft von der anstrengenden Geburt. Faunus Ferdinand, sein Vierlingsbruder, schlief sogar in der rechten Armbeuge seiner Mutter. Julius sah, daß die vier noch etwas kurz geraten zu sein schienen. Doch das war bei Mehrlingsgeburten nicht selten.

"Zudecken kannst du dich aber noch, Line", grummelte Cynthia Latierre, eine der Schwestern Lines.

"Kannst du keine kleinen Kinder beim essen sehen, Cynthia?" Fragte Ursuline Latierre. Cynthia verzog nur das Gesicht und wies darauf hin, daß ja noch Kinder im Raum seien.

"Patricia und Mayette haben selbst sowas praktisches wie ich, und die jüngsten Kinder hier brauchen das im Moment sogar und können sich das ansehen und benuckeln, wwann sie wollen."

"Du bist und bleibst eine anstandslose Hexe, Line", knurrte Cynthia.

"Der junge Mann hier hat dich aber nicht so sehen zu müssen", sagte Diane, die zweite Schwester der glücklichen Vierfachmutter.

"Der muß das aushalten, wo seine Frau demnächst auch wen kleines begrüßen darf. Wir sind hier unter uns", schnurrte Ursuline Latierre.

"Ja, aber Martha und deine anderen Kinder kommen noch rüber", knurrte Cynthia. Julius zog sich zu Patricia zurück, die dem Getue um den nackten Oberkörper ihrer Mutter nichts abgewinnen mochte. "Na, Jetzt bist du eine große Schwester. Hoffentlich kommst du damit klar", sagte Julius. "Ich kenne sowas ja nicht."

"Ich bin mit Trice und Hipp und den anderen groß geworden. Schön, nicht mehr die ganz kleine zu sein. Wird nur für die beiden anderen Pullerpüppchen schwer, daß sie nicht mehr die einzigen für Maman sind", meinte Patricia schnippisch. Dann deutete sie auf einen Tisch, auf dem ein großes Schachbrett lag, auf dem noch an die zwanzig Schachmenschen auf verschiedene Felder verteilt waren. "Maman hat, während die beide Mädels an ihren großen Milchtüten liegen hatte gemeint, sie wollte sehen, ob sie mich im Schach noch fertigmachen könne. Aber die kleinen haben die müde genuckelt. Ich wäre jetzt mit dem nächsten Zug dran. Aber weil Tante Cyn und Tante Diane meinen, Trice noch überbieten zu können, stehen die Schachmenschen da noch so wie gestern abend."

"Du hast Schwarz?" Fragte Julius, froh, sich nicht in das Geplänkel um anständigen Umgang mit intimen Verrichtungen reinhängen zu müssen. Patricia nickte. Julius studierte die augenblicklichen Stellungen und meinte dann, daß Patricia glück gehabt hätte, weil der auf schwarzen Feldern beschränkte Läufer schon in einer genialen Position stehe, um im nächsten Zug die Dame zu bedrohen.

"Häh?! Die Dame von mir steht aber nicht auf der schwarzen Linie", sagte Patricia. Julius deutete auf einen der gegnerischen Springer. "Den hätte sie beim nächsten mal gezogen. Da steht ihr Turm, da noch ein Bauer und dahinter der Läufer."

"Julius, die kann das selbst. Die hat alles über Schach da raus in sich reingeschmatzt!" trällerte Ursuline Latierre und deutete auf ihren überbordenden Oberkörper. Julius erwähnte nüchtern: "Die wird ja wohl mal wen fragen dürfen, der da nicht dran genuckelt hat, Oma Line. Meine Mutter hat mir auch so das Schachspielen beigebracht", sagte er. Diane verzog entrüstet das Gesicht und sagte dann:

"Also, wenn die anderen hier waren und die kleinen gesehen haben packst du alles wieder ein und schläfst besser noch, Line."

"Oder sonst?" Fragte die Vierlingsmutter.

"Müßten wir Trice fragen, ob du in deinem derzeitigen Zustand noch weißt, wie du dich benehmen mußt."

"Paß besser auf, daß Trice dich nicht durch den Schrank in dein Haus zurückbringt und dich da ans Bett bindet, weil du offenbar vor Eifersucht ganz wirr im Kopf bist, Diane. Dabei hast du das gar nicht nötig."

"Ich meine es nur gut mit dir, Line", erwiderte Diane mürrisch. Julius dachte nur für sich, daß mit dem Satz "Ich meine es nur gut", ähnlich viel Unheil gerechtfertigt wurde wie mit dem Satz "Ich habe nur Befehle ausgeführt."

Julius nutzte die Gelegenheit, Pattie zu erklären, wie sie aus der Falle für die Dame rauskommen könne. Sie meinte dann, daß ihr das Getue um ihre Mutter gerade auf die Nerven gehe und fragte ihn, ob er mit ihr eine Partie spielen würde. Er ging darauf ein. Millie meinte noch: "Nur schach spielen, Julius. Sonst gibt's Ärger mit Marc."

"Ich habe gerade sechzig Kilo mehr drauf als der", erwiderte Julius, während Pattie lachte.

"Den wolte ich eigentlich unter meinen Arm klemmen und mitnehmen. Aber dem seine Eltern haben was von einer Flugreise nach Honululu gesagt, wo immer das sein soll."

"Das ist die Hauptstadt der Hawaii-Inseln, hui, sehr weit weg. Mein Onkel Claude war da mit seiner Frau, die meine Tante Alison ist, auf Hochzeitsreise. Die haben einen Tag gebraucht, um mit einem Düsenflieger dahinzu fliegen, erst von England nach New York, dann von New York nach San Francisco in Kalifornien und von da über den halben Pazifik nach Hawaii. Ist schweineteuer, diese Reise. Aber da gibt's interessante Tiere und große Lavaseen."

"Ja, und Mädchen, die sowas komisches tanzen, das Hula heißt und mit Blumenkränzen werfen", hat Marc gesagt, weil er wollte, daß ich mich ärgere. Aber ich ärgere mich schon deshalb, weil der mal wieder nicht bei uns zu Besuch kommen kann. Seine Eltern wissen das genau, daß er gerne mal das Schloß hier besuchen würde."

"Dann geben die so viel Geld aus ... Ähm, okay, da bin ich der allerletzte, den das wundern darf", grummelte Julius. Dann setzte er sich in Patricias gemütliches Zimmer, daß mit plüschigen Stofftieren, Einhörnern, Plimpys, Katzen und grünen Knuddelmuffs ausgefüllt war. Nach fünf Zügen hatten die beiden ihre Umgebung schon vergessen. Nach zehn Zügen meinte Julius, seine junge Schwiegertante in die Enge gedrängt zu haben. Doch sie wurstelte sich da noch einmal heraus und schuf nun ihrerseits eine gute Angriffsstellung. Julius mußte arg aufpassen, nicht im achtzehnten Zug matt zu sein. So ging es weiter, bis nach dreißig Zügen Patties weißer König seine Krone in die linke Brettecke schleuderte und sich wütend zu Boden warf.

"Ich glaube, ich habe damals zu wenig getrunken, als ich so klein war wie die vier neuen", grummelte Patricia. Julius überhörte es. Sie fragte ihn dann, wie er das eben gemeint hatte, daß er der allerletzte wäre, den das wundern dürfe, daß Muggeleltern so weit weg wie möglich fliegen wollten. Er erzählte ihr die Geschichte seiner ersten Reise nach Australien und daß er da die Heilerin Aurora Dawn getroffen hatte, die Patricia bei der Weltmeisterschaft ja auch mal gesehen hatte. Die war sicher gerade schon in Millemerveilles, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Dann zeigte er ihr in seinem Atlas die Strecke nach Hawaii und wo genau Honululu lag.

"Da gibt es bestimmt auch Hexen und Zauberer", sagte Patricia. Julius bejahte das. "Schamanen, also Leute, die durch Gesang und Tanz Magie wachrufen können."

Es klopfte an die Tür. Patricia rief "Herein!" Draußen standen Martine und Béatrice Latierre. Julius begrüßte die beiden.

"Wolltet euch nicht mit den drei alten Hexen über Scham und Notwendigkeit rumzanken, wie", sagte Béatrice. "Auf jeden Fall gibt es jetzt was für große Menschen zu essen und zu trinken. Julius, du kommst bitte noch mal mit mir. Ich möchte das nachmessen, wie stark das mit euren Anhängern ist." Julius sah es ein, daß die junge Heilerin sich informieren wollte und ließ es sich gefallen, daß Béatrice ihn von oben bis unten mit verschiedenen Diagnosezaubern überprüfte. "na ja, im Mai hast du es geschafft. Dann kannst du Oma Barbaras Rezept ausprobieren. Schon faszinierend, daß du mit Latierre-Kuhmilch und bestimmten Kräutern ein Gebräu hinkriegst, das Körperfett bindet und damit ausgeschieden werden kann."

"Wenn das so ähnlich wirkt wie Abspeck zwei könnte das aber danebengehen", meinte Julius.

"Dann testen wir das morgen auf Babs' Hof. Vielleicht spendiert eure vierbeinige Hochzeitsgabe ja ein wenig ihrer Milch. Babs meinte, sie habe ihr angeboten, euch was abzugeben."

 

"Na ja, noch hängt Orion dran", erwiderte Julius. Béatrice nickte.

Beim Essen herrschte eisiges Schweigen. Ursuline war züchtig verhüllt und hatte einen besonderen Tisch vor ihrem rollbaren Schlaf- und Ruhemöbel. Ihre beiden Schwestern hatten aber wohl beschlossen, nur noch schweigend mitzufeiern. Das wertete Julius mal als Punktgewinn für seine Schwiegergroßmutter. Diese erkundigte sich nach Eleonores Kind. Immerhin mochte es mit den beiden neugeborenen Mädchen Lines in dieselbe Klasse kommen. Dann ging es um das trimagische Turnier und wie die Beauxbatons-Schüler mit denen aus Hogwarts und Greifennest zurechtkamen. So verging die Zeit. Abends zog sich Line Latierre mit ihren vier Kindern und einem zuklappbaren Nachttopf mit Ausscheidungstilger in das Schlafzimmer zurück, in dem sie gerade alleine wohnte. Denn Ferdinand wollte nicht von vier Babys zugleich um seinen Schlaf gebracht werden.

Wieder zurück im Apfelhaus meinte Millie zu Julius: "Die beiden alten Tanten sind voll eifersüchtig, weil Oma Line den Messaline-Rekkord überboten hat und kein Problem damit hat, sich halbnackt vor ihren Gästen hinzupflanzen. Und, hast du unsere Tante getröstet, weil ihr Freund von seinen Eltern weit fort mitgenommen wurde?"

"Ich habe sie einmal schach matt gesetzt und ihr dann gezeigt wo ihr Freund gerade sein mag. Mehr war nicht nötig."

"Pattie mag dich auch. Sie geht zwar mit Marc, aber wenn der sie kalt abduschen würde müßte ich mir echt Sorgen machen."

"Die hat Marc zum Speckwegtraining treiben müssen. Für die bin ich gerade zu dick", grummelte Julius.

"Ja, aber sie weiß, warum das bei dir so ist und daß du wie ich vor einem halben Jahr noch anders ausgesehen hast. Und wenn dir Pattie nicht gefällt, dann sind da immer noch Callie und Pennie. Die würden dich noch locker über den Schloßhof tragen."

"Willst du mich loswerden?" Fragte Julius seine Frau herausfordernd.

"Garantiert nicht, Süßer. Aurore soll wissen, wer sie in mich reingeschupst hat, und du wirst der ganz sicher noch ein paar süße Brüder und Schwestern beim Regenbogenvogel bestellen", erwiderte Millie und kniff Julius in den Bauch. "Du hast dich mit mir richtig gut sattgegessen", meinte sie. "Das wird ein wenig dauern, bis wir uns wieder auf ein geeignetes Tanzgewicht runtergestrampelt haben."

"Wir haben hoffentlich genug Zeit dazu", sagte Julius. Millie hoffte das auch.

 

__________

 

Am nächsten Tag traf Julius Aurora Dawn bei Camille Dusoleil. Ihm fiel sofort auf, daß auch Aurora einige Pfunde zugelegt hatte. Doch er wagte nicht, sie zu fragen, woher das kam. Sie freute sich jedenfalls, daß es ihm soweit noch gut ging.

Am Nachmittag reisten Julius und Millie per Verschwindeschrank erst ins Château Tournesol und durch einen weiteren Schrank zum Valle des Vaches, dem weitläufigen Hof der Latierres.

"Da ist euer Prachtmädel", sagte Barbara Latierre und deutete auf die große, noch sichtlich füllige Kuh mit Flügeln, zu deren Füßen ein schon pony großes braunes Kalb mit kurzer Schnauze und gerade winzigen Hörnchen schlief. Julius begrüßte Temmie per Gedankenbotschaft. Diese schickte zurück:

"Es ist schön, daß ihr mich auch mal anseht. Gefällt euch mein kleiner?"

"Ein wenig groß für mich. Aber er hat eine niedliche Nase."

"Das stimmt. Aber er muß so groß sein, sonst kommt er nicht an meinen Milchsack dran", erwiderte Temmie. "War doch am Ende leichter, ihn zu kriegen, als ich das bei den Kindern kenne, die ich damals als Darxandria ins Leben gebracht habe. Jetzt ist er ja schon ein wenig größer als in der Winterzeit. Aber ich behalte ihn noch einen ganzen Sonnenlauf bei mir." Julius bejahte das. Dann mentiloquierte er mit der geflügelten Riesenkuh über die Sachen der letzten Monate und erwähnte auch die Zeitungsartikel.

"Die vom Keim der dunklen Begierden erfüllten bekämpfen sich gegenseitig. Aber die Sonnenkinder sind erwacht, Julius. Sie suchen und finden jene, die unsere Welt heimsuchen wollen. Doch das sind nicht die schlimmsten. Ich habe gemerkt, daß der finstere Feind, der Diener der Finsternis, wieder nach einem neuen Knecht sucht, nachdem sein früherer Sklave von einem Sohn meiner Nachfahrin Ashtaria verjagt werden konnte. Ich fühle nicht wo genau und wann. Ich fühle nur, daß der Diner der Dunkelheit bereits nach ihm genehmen Leuten sucht."

"Und was macht Naaneavargia?" Fragte Julius in Gedanken.

"du hast ihr wohl durch die Befreiung geholfen, das gefräßige Raubtier in sich besser zu beherrschen. Doch sie will jetzt das alte Erbe errichten, alles, was damals die Träger der roten und mitternachtsblauen Gewänder auf dieser Welt versteckt haben finden. Keiner weiß, was sie dann damit machen wird, wo sie zu einer anderen Trägerin der Kraft wurde, in deren Sein auch das Verlangen nach weltweiter Herrschaft vorhanden ist."

"Ist sie gerade auf diesem Erdteil?" Fragte Julius.

"Ich kann sie nicht erspüren, wo sie ist. Durch die Verschmelzung wurde ihre frühere Präsenz verändert, wieder mehr menschlicher. Ich kann dir das nicht beschreiben, wie ich das empfinde. Aber jetzt ist sie wohl eine unter vielen."

"Wäre auch zu schön gewesen", dachte Julius bei sich.

Barbara Latierre die Jüngere führte Julius und Millie vor, wie die magische Melkmaschine bedient werden konnte. Temmie bestand darauf, mindestens einen kleinen Krug der eigenen Milch zu spendieren. Damit rührte Barbara einen Trank an, der aus verschiedenen Zauberkräutern bestand. Unter Béatrices Aufsicht nahm Julius den wie eine Mischung aus Bittergras und Dickmilch schmeckenden Trank ein. Es dauerte eine Minute. Dann zwei Minuten. Es rumpete in seinem Bauch. Dann überkam Julius der Drang, zur Toilette zu gehen, wo er bald zwanzig Minuten zubrachte, bis er sicher war, wirklich alles losgeworden zu sein. "Der Trank ist ein Abführmittel", grummelte er. Nachher habe ich gar nichts mehr unter der Haut", sagte Julius. >

"Deshalb solltest du den Trank nur einmal am Tag einnehmen. Oma Barbara hat damit einmal sechzig Pfund Übergewicht in einer Woche in ihr Plumpsklo fallen lassen", sagte Béatrice. Julius mußte schmunzeln. Wenn das wahr war, dann konnte er seine Speckrollen und die schon bedrohlich überhängenden Hinterbacken schnell wieder loswerden.

 

Weil von der ersten aus Temmie herausgemolkenen Milch noch was übrig war nahm Millie den Krug mit nach Hause. "Ich kriege die Städtermischung hin, Monju, die gibt's morgen zum Kaffee", sagte sie. Julius bedankte sich.

Als sie beide im Bett lagen dachte er daran, wie unterschiedlich Eleonore und Ursuline auch immer waren, sie freuten sich beide ganz überschwenglich über ihren Nachwuchs. Ebenso Artemis vom grünen Rain. Julius dachte daran, wie locker er Temmies Milch hatte trinken können. Hätte Line ihm angeboten, von ihrer Milch was abzugeben, hätte er das sicher zurückgewiesen. Er dachte an Brittany Brocklehurst, die genau deshalb keinen Tropfen Milch zu sich nahm, weil sie das nicht mochte, daß andere Säugetiere nur wegen ihrer Milch gezüchtet wurden. Wie ging es ihr und Linus? Was machten die anderen Hexen und Zauberer, die er in den Staaten kennengelernt hatte?Womöglich sollte er denen mal eine E-Mail schicken. Das ging jedenfalls schneller als eine Eule.

"Ich denke, Aurore hat sich jetzt doch entschieden, nicht hier in Millemerveilles aus mir herauszukrabbeln, Monju. Na ja, dann kriege ich sie eben in Beauxbatons", fügte Julius' Frau noch hinzu. Sie klang dabei so stolz wie Eleonore, Ursuline und Temmie, wenn sie von ihren Kindern sprachen. Bald würde sie auch dazugehören, zu den stolzen jungen Müttern.

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