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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Irgendwie fühlte er sich ein wenig traurig, als er zusammen mit seiner Frau Mildrid und der kleinen Aurore zum großen Ausgangskreis kam, um den herum sich bereits mehrere Dutzend Bewohner Millemerveilles versammelten, um ihre Söhne, Töchter, Neffen und Nichten zu verabschieden, die ab heute das nächste Schuljahr in Beauxbatons verbringen sollten. Diesmal würden Millie und Julius nicht in der sonnenuntergangsroten Fährensphäre mitreisen. Heute waren sie nur hier, um sich zusammen mit den Dusoleils von ihren Verwandten zu verabschieden. Denise und die kugelrunde Celestine Rocher flankierten Melanie Odin, die nicht zu wissen schien, ob sie wirklich nach Beauxbatons zurückkehren sollte. Die Sache mit ihren bald auf die Welt kommenden, unehelichen Halbgeschwistern, war längst noch nicht vergessen. Zwar wohnte Melanie in Millemerveilles sehr behütet und konnte sich da auch mit ihren Schulfreunden und Verwandten treffen. Doch in Beauxbatons selbst würde es sicher noch welche geben, die ihr verächtlich hinterhergucken würden.

"Tja, in elf Jahren dürfen wir dich hier hinbringen, Aurore", sagte Millie zu ihrer Tochter, die in einem Tragetuch über Julius' Rücken hing und mit ihren großen hellblauen Augen auf das Getümmel blickte.

"Irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, da jetzt zusehen zu können, wo wir früher immer mit dabei gewesen sind", sprach Julius aus, was wohl beide dachten. Millie stimmte ihm zu. Diese alljährlich wiederkehrende Sache zeigte, daß es doch irgendwie weiterging, trotz aller schrecken, die sie in den letzten Jahren zu überstehen hatten. Julius vergaß für einige Minuten den gefährlichen Kampf mit Skyllians Riesenschlange und die erste Begegnung mit der Verschmelzung aus Anthelia und Naaneavargia. Genau deshalb wollte er unbedingt zusehen, wie die Schüler aus Millemerveilles nach Beauxbatons abreisten, um dieses Gefühl zu haben, daß das Leben wirklich weiterging.

"So, wer fehlt jetzt noch?" rief die in der Mitte der blauen Kreisfläche stehende Professeur Fourmier und machte mit dem rechten, dünn wirkenden Arm eine alle überstreichende Handbewegung. Die außerhalb des Kreises stehenden Erwachsenen blickten auf ihre jugendlichen Verwandten. Als feststand, daß alle alten und neuen Schüler vollzählig im Ausgangskreis bereitstanden, bat Professeur Fourmier darum, daß alle nicht nach Beauxbatons mitreisenden den Kreis verlassen sollten. Da die allermeisten eh schon außerhalb der Wirkungsfläche standen war dies nur eine Standardaufforderung, ähnlich wie "Zurückbleiben bitte" auf einem menschenleeren U-Bahnsteig. Die spindeldünne Lehrerin, die in Beauxbatons Zaubertierkunde unterrichtete, hob ihren Zauberstab und vollführte die üblichen Bewegungen, um die Magie der Reisesphäre hervorzurufen. Als aus dem Stab rotgoldenes Licht sprühte und zu einer Lichtkuppel wurde, wußten Millie und Julius, daß nun wirklich ein weiterer Lebensabschnitt für sie begonnen hatte. Als mit dumpfem Knall die Sphäre mit ihren Reisenden im Nichts verschwand blickten sich die Elternpaare gegenseitig an. Auch Madame Delamontagne, die ihre jüngste Tochter Giselle auf dem Rücken trug tauschte Blicke mit den anderen.

"Dann wieder nach Hause", meinte Camille zu Millie und Julius.

Auf dem von Julius Schwiegergroßeltern geschenkten Familienbesen ging es zurück zum Apfelhaus.

"So, Monju, soviel zu unserer Schulzeit in Beauxbatons", sagte Millie, als sie wieder im Haus waren. Julius erinnerte seine Frau daran, daß sie ja wohl in den Weihnachtsferien noch einmal dort antreten durfte, um ihre UTZ-Prüfungen nachzuholen. "Ja, aber so wie sonst werde ich da eben nicht hinreisen. Sicher geht das mit der Reisesphäre. Aber dann darf Blanche mich und Sandrine wohl alleine dahinbringen."

"Und Roger, Estelle und Aurore?" fragte Julius.

"Die auch, Julius. Madame Rossignol hat mir das schon geschrieben, daß Sandrine und ich mit den kleinen in den beiden Zimmern schlafen dürfen, wo wir das letzte Schuljahr gewohnt haben. Sie meinte auch sowas, daß Gérard und du ja mitkommen dürftet, solange ihr uns nicht bei den Prüfungen durcheinanderbringt."

"Och, das hat sie mir aber nicht geschrieben", warf Julius mit einer Mischung aus Belustigung und Enttäuschung ein.

"Womöglich geht sie davon aus, daß ich dir das sage. Vielleicht ist sie aber noch ein wenig verstimmt, weil du dich nicht von ihr, Antoinette und den anderen Heilern hast breitschlagen lassen."

"Soll mir im Moment auch egal sein", sagte Julius. Er holte noch einmal den an diesem Morgen erhaltenen Brief von Mademoiselle Ventvit aus seinem Umhang. Darin wurde er im besten Bürokratenjargon daran erinnert, daß er am Morgen des ersten Septembers punkt acht Uhr im Voyer des Zaubereiministeriums zu erscheinen hatte. Gleichzeitig wurde ihm Empfohlen, auf ein ordentliches Erscheinungsbild zu achten. Da er das in Beauxbatons ja auch andauernd zu tun hatte war das für ihn eher überflüssig. Doch es verriet ihm, daß die unbekümmerte Jugendzeit wirklich vorbei war.

"Camille fragt an, ob ihr morgen noch mal bei ihr zum Mittagessen vorbeikommen wollt", erklang die Stimme der Gemalten Viviane Eauvive aus der Wohnküche im dritten Stockwerk.

"Och, hat Celestine heute Mittag echt was übriggelassen, wo sie es hinbekommen hat, bei Mel und Denise mitzuessen?" fragte Millie erheitert.

"Weil Melanie nur die Hälfte von dem gegessen hat, was Camille für sie eingeplant hat", grummelte Vivianes Stimme zur Antwort. Julius erwähnte, daß sie gerne noch einmal vorbeisehen wollten, bevor für ihn der Berufsalltag losging.

"In drei Tagen, Monju", grinste Millie. "Noch hast du drei Tage Zeit. Nur hoffen, daß in der Zeit nicht noch mal irgendein altes Monster aus dem alten Reich aufwacht."

"Catherine hat mir nicht sagen wollen, was ihr von den Altmeistern erzählt wurde", sagte Julius. "Will nur hoffen, daß was auch immer nichts mit mir zu tun hat."

"Vielleicht hat Catherine aber auch was erfahren, was sie nicht wissen wollte. Die suchte doch nach irgendwas anderem, als ihr bei den Altmeistern wart." Julius bestätigte das. Dann sprachen sie erst einmal von dem, was sie in den nächsten Tagen noch machen wollten. Daß Millie Kailishaias Einladung annehmen wollte, ihr Zauberkleid zu übernehmen, hatten sie schon am Abend nach Julius' glücklicher Rückkehr aus dem hohen Norden besprochen. Allerdings wollten sie das erst versuchen, wenn Julius wußte, wie sein Alltag aussehen würde. "Sicher läßt die werte Mademoiselle Ventvit dich erst mal als Vorzimmerwarmhalter schaffen, bevor sie dir irgendwelche wirklich interessanten Aufträge zumutet."

"Ich weiß nur, daß sie außer mir noch einige Mitarbeiter hat, die die Übersseliegenschaften Frankreichs betreuen", sagte Julius.

"Jau, mal nach Algerien oder dem Senegal, noch ein paar afrikanische Zauberwesen angucken", schwärmte Millie.

"Feuerlöwen?" fragte Julius. Millie grummelte, daß das Tiere seien und keine denkfähigen Zauberwesen. "Dafür haben die aber verdammt gut taktiert, als wir die besucht haben", erwiderte Julius.

"Ja, aber von der Scamander-Einteilung her ... ähm, wollte Tante Babs nicht mal bald rausrücken, ob die noch so stehen bleibt oder sich was dran geändert hat?"

"Kriege ich wohl von ihr serviert, wenn ich nur zwei Türen weiter von ihr schaffen darf", erwiderte Julius darauf. Millie wollte dem nicht widersprechen.

Den restlichen Abend verbrachten sie mit Musik und ersten einfachen Unterhaltungen auf Spanisch. Da Julius beschlossen hatte, auch diese Weltsprache zu lernen, waren Millie und die gemalte Viviane Eauvive darauf eingegangen, ihm ohne durchgeplanten Unterricht schon erste wichtige Wörter und Redewendungen beizubringen. So fühlte sich Julius kurz vor Mitternacht sichtlich erschöpft und bettschwer. Millie versprach ihm, daß sie ihn in den nächsten Wochen nicht so wild rannehmen würde, zumindest was die Sprechübungen anginge. Julius dachte sich seinen Teil. Dann legte er sich hin und schlief ein.

 

__________

 

Zwei Tage vor seinem ersten offiziellen Arbeitstag wurde Julius von Catherine Brickston gebeten, ihr bei der Fertigstellung des Berichtes für das SerSil-Archiv zu helfen. Hierzu flohpulverte er sich vom Apfelhaus in die Rue de Liberation 13 in Paris.

"Schön, daß du vorbeikommen konntest", begrüßte ihn Catherine. Ihr Mann Joe war an seinem Arbeitsplatz. Claudine sang im Wohnzimmer zu einer laufenden CD französische Kinderlieder mit.

"Ich habe ihr gesagt, wenn sie alle Lieder von der CD ganz mitsingen kann geht's übermorgen in den Tierpark von Millemerveilles", flüsterte Catherine. Claudine unterbrach ihre Mitsingübung, weil sie gehört hatte, daß jemand durch den Kamin gekommen war. Sie schlüpfte aus dem Wohnzimmer und sah Julius. Sie strahlte ihn an. Julius vermeinte einen Moment, Catherine als kleines Mädchen vor sich zu haben, ganz unbekümmert, aber schon mit jenen saphirblauen Augen im Gesicht, die sie von ihrer Großmutter Blanche geerbt hatte. "Ist Aurore auch da?" fragte sie Julius. Dieser lächelte Claudine an und sagte freundlich: "Nein, Claudine. Aurore ist bei ihrer Maman zu Hause."

"Och nö", grummelte die dreijährige Tochter der Brickstons.

"Chérie, am besten gehst du wieder ins Wohnzimmer rein und singst das Lied von der laufenden Mühle noch mal von vorn mit, ja?" sprach Catherine zu ihrer Tochter. Ihre Stimme klang freundlich. Doch Julius konnte eine gewisse Unerbittlichkeit heraushören. Claudine nickte und wischte ins Wohnzimmer zurück. Fünf Sekunden später fing das gerade laufende Lied noch einmal von vorne an. Catherine deutete auf die Tür zu ihrem Arbeitszimmer. Julius verstand und folgte ihr. Da das Zimmer ein dauerhafter Klangkerker war und zusätzlich von innen mit einem Imperturbatio-Zauber gesichert wurde, konnte niemand von außen mithören, was hier gesprochen wurde. Claudines glockenhelles Stimmchen und die Musik aus der Stereoanlage waren aber noch deutlich zu hören.

"Hast du deinen Bericht schon fertig?" wollte Catherine wissen.

"Der ist heute Morgen per Blitzeule direkt ins Büro von Minister Grandchapeau geschickt worden", sagte Julius.

"Was hast du darin über unseren Besuch bei den Altmeistern von Altaxarroi erwähnt?" fragte Catherine weiter.

"Das du und ich in die verschollene Stadt gereist sind, um die dort noch überdauernden Altmeister zu befragen und ich dadurch erfahren habe, wie die mächtigen Erdzauber gewirkt werden."

"Bei wem genau hast du nicht erwähnt?" wollte Catherine wissen. Julius erwähnte, daß er von Agolar unterrichtet worden sei. Daß dieser in seinem körperlichen Leben der Vater von Ailanorar und Naaneavargia wurde hatte er verschwiegen.

"Gut, da du den Lotsenstein hast und als einziger alle Schlüsselworte kennst, um damit die alten Straßen zu benutzen kann der Minister eh nichts anderes damit anfangen. Für mich ist jetzt wichtig, ob dir die Altmeister verraten haben, woran sie festmachen, welche Gesinnungs- und Zaubereiausrichtung ihre Besucher haben." Julius holte Luft und erwiderte:

"Die sind ein einziges großes Gedankennetzwerk, Catherine. Der Begriff Sammelbewußtsein oder Kollektivintelligenz paßt da wohl auch gut hin. Die können wohl in Sekunden alles abklären, was in einem ganzen Menschenleben passiert ist. Da sie zudem auch Gedankenströme erfassen können wissen die schon, wenn du bei ihnen in die Halle kommst, wer du bist, was du alles erlebt hast und wer deine Vorfahren sind. Dann klären die ab, wer dir was erzählen will oder darf. Diese Orichalkregel, die verbietet, daß ein Altmeister etwas gegen den Willen andersgesinnter Altmeister erzählt, kommt wohl auch daher, daß ja jeder von jedem alles mitbekommt und somit eigentlich locker an einen Besucher weitergeben könnte. Wenn dich Garoshan oder Kantoran zu einem Altmeister einer anderen als der sonnengelben Magiergilde geschickt haben haben die wohl abgeklärt, daß du da eher hinpaßt."

"Julius, die können unmöglich alles von mir wissen", grummelte Catherine. Daraus hörte Julius, daß sie es aber eigentlich doch für möglich hielt.

"Die können die Kraft eines Geistes verhundertfachen, wenn da nicht sogar was im Quadrat oder Kubik möglich ist, Catherine. Geh bitte mal davon aus, daß die alles über dich wußten, vom ersten Herzschlag deiner Großmutter mütterlicherseits bis zu unserer Ankunft in Khalakatan. Mir macht das auch ein wenig zu schaffen, mir vorzustellen, daß da eine Gruppe von intelligenten Wesen ist, die absolut alles über mich weiß. Aber die können nicht in unser Leben reinfuhrwerken wie Götter. Das ist deren eigentliches Problem. Sie wissen und sehen alles, können aber nichts machen, um ins Geschehen einzugreifen."

"Ja, und sie suchen sich genau aus, wem sie was davon weitergeben", seufzte Catherine. Was sie bei den Altmeistern erfahren wollte hatte sie Julius nicht verraten. Aber sie hatte es offenbar nicht erfahren.

"Dann möchte ich noch mal von dir was über diesen Nachtschatten wissen, dem du begegnet bist." Julius nickte. Den hatte er auch in seinem Bericht erwähnt und auch, daß er ihn mit einer starken Schutzbeschwörung aus dem Leib der Schlange verdrängt hatte. So erwähnte er das, was das zehn Meter große Schattenwesen gesagt hatte.

"Im Grunde kannst du froh sein, daß längst nicht alle Zauber in diesem Monstrum funktioniert haben. Mittlere bis höhere Nachtschatten beherrschen die bei mehr als zwei Monaten existierenden Geistern bekannte Telekinese. Womöglich hast du ihn mit dem Heilslied Ashtarias geschwächt, daß er nur seine instinkthafte Flucht in die Dunkelheit ausführen konnte. Kann sein, daß er dadurch einen Großteil seiner schwarzmagischen Substanz verloren hat und nun im Dunkeln darben muß, bis jemand ahnungsloses seine Zuflucht aufsucht. Ich werde deshalb noch ergänzen, daß dem norwegischen Zaubereiminister auf höchster Ebene mitgeteilt wird, daß möglicherweise ein Nachtschatten auf den Inseln der Spitzbergengruppe lauert."

"Ähm, bei der Gelegenheit: Zauberfeuer gingen bis zur Befreiung aller Gefangenen gar nicht. Meine Sonnenkugel ist ohne aufzuleuchten runtergefallen. Wie ging das mit den Silberflammen? Unsere ungebetene Assistentin hat was von Mondlichtfeuer erwähnt. Das haben wir im Zauberkunstunterricht und bei der Abwehr dunkler Kräfte nicht gelernt."

"Oh, dann sollte ich dich vielleicht darin unterweisen, bevor du bei Mademoiselle Ventvit antrittst", sagte Catherine. "Bei dem Mondlichtfeuer handelt es sich eben um eine Verkehrung üblicher Sonnenzauber, eben aus reinem Mondlicht, also verändertem Sonnenlicht geschöpftes Zauberfeuer. Es kann aber nur von solchen Zauberkundigen aufgerufen und gesteuert werden, die bereits ihr Fleisch und Blut vermehrt haben, also Vater oder Mutter wurden. Deshalb kommen diese Zauber im Schulunterricht nicht dran, auch nicht theoretisch, weil sie für Schüler, die weder Vater noch Mutter wurden zu gefährlich sind. Sie entziehen ihnen nämlich alle Tagesausdauer auf einen Schlag und stürzen sie in einen komaähnlichen Zustand, der genausolange vorhält, bis der Mond wieder in genau der Phase ist, in der der Zauber versucht wurde. Jedenfalls ist er ähnlich dem dunklen Feuer eine dem Sonnenlicht abgewandte Form, könnte sogar als Zwischenstufe zwischen auf Sonnenlicht basierenden Feuerzaubern und dem dunklen Feuer angesiedelt werden. Sein Zweck besteht darin, Wesen aus Fleisch und Blut vor körperlosen Wesen zu schützen. Daß dieser Zauber funktionieren konnte hat mir die Altmeisterin Ailansiria verraten, bei der ich einen Großteil unseres Besuches in Khalakatan zugebracht habe. Denn die Mondmagie gehört wegen ihres kalten Lichtes eher zum Element Luft." Julius beherrschte sich, nicht zu grummeln. Er hatte doch ein Buch über Astralmagie von den Whitesands bekommen. Da konnte dieser Zauber doch auch drinstehen.

"Aber Luftzauber gingen doch auch nicht im Schlangenkörper."

"Das habe ich dieser Windmagierin auch entgegengehalten. Sie meinte dann, daß Mondzauber ja keine reine Windmagie seien, aber eben auch keine Feuer und auch keine Erdzauber seien, also wenn du es so willst, was außerhalb irdischer Gegebenheiten. Mondmagier waren im alten Reich sehr selten und da meistens weiblich, wegen der Beziehung zwischen Mondzyklus und Fruchtbarkeitszyklus", erwiderte Catherine. Julius nickte. Diese These vertraten ja auch die Naturwissenschaftler der magielosen Menschheit. "Zusätzlich habe ich das Mondlichtfeuer mit dem Feindeswehrzauber aus dem Alten Reich verknüpft, damit ich die silbernen Feuersäulen überhaupt aufbauen konnte." Julius nickte. Dann erwähnte er noch die Abmessungen des Nachtschattens, was dieser gesagt hatte und wie Julius ihn verdrängt hatte. Er erwähnte dabei auch, daß Anthelia behauptet hatte, sie habe sich gegen die weißmagische Kraft des Lebensschutzzaubers abgeschirmt. Catherine wandte ein, daß es wohl eher durch die Verschmelzung aus zwei Seelen möglich war, sich gegen den überstarken Einfluß zu stemmen, ohne davon geschwächt zu werden. Dies sei auch zu bedenken. Dagegen wandte Julius dann ein, daß ja dann auch ein höherer Nachtschatten gegen den Schutzzauber immun sein müsse. Catherine schüttelte jedoch den Kopf.

"Bei einem wie auch immer eingestuften Nachtschatten ist ja nicht nur die geistige Kraft zu berücksichtigen, sondern auch die Substanz, aus der er besteht, schwarzes Ektoplasma. Es dürfte dem Licht, daß ja das genaue Gegenteil dieser Substanz war, nicht viel Widerstand geboten haben, ähnlich wie eine Wachskerze, die zwar fest ist, aber durch eine daran gehaltene Flamme zum schmelzen gebracht werden kann. Da hätte also reine Selbstbeherrschung und geistige Abschirmung nicht geholfen. Vergleiche das ruhig damit, daß du mitten in einem Feuer stehst und meinst, durch Occlumentie und Schmerzverdrängungstaktiken keine Qualen erleidest, dein Körper aber trotzdem verbrennt!" Julius nickte beipflichtend. "Anthelia oder Naaneavargia ist trotz der veränderung durch diese Tränen der Ewigkeit immer noch ein lebendiges Wesen aus Fleisch und Blut. Hier mußte nur eine Art seelischer Schutzschild erzeugt werden, um sie nicht zu schwächen. Allein die Tatsache, daß sie weiterhin fliegen konnte zeigt ja, daß sie mehr Kontrolle über ihren Geist hat als ein gewöhnlicher Mensch. Wir sollten also auch davon ausgehen, daß sie in menschlicher Erscheinungsform für Legilimentie und den Imperius vollkommen unerreichbar ist." Julius nickte erneut. Catherine notierte sich dann noch, in welcher Weise Anthelia das dunkle Feuer in den erstarrten Schlangenleib gebracht hatte. "Molotowcocktail? Ich habe das Wort mal im Fernsehen gehört und mitbekommen, daß damit einfache aber verheerende Brandbomben gemeint sind. Magischer Molotowcocktail klingt vielleicht etwas reißerisch, aber nicht unbedingt abwegig. Darf ich diesen Begriff von dir auch in meinen Bericht einbeziehen?" Julius nickte. Er hatte diese Umschreibung und warum er es so nannte ja auch in seinem Bericht erwähnt. Damit waren Catherine und Julius nun mit ihren Berichten fertig. Da gerade Mittagszeit war lud Catherine Julius, sowie Millie und Aurore ein, ihr und Claudine Gesellschaft zu leisten. Natürlich sprachen sie außerhalb des Klangkerkers nicht weiter über den letzten gefährlichen Ausflug. Claudine hatte eh nur augen für die kleine Aurore, verfolgte jede ihrer Bewegungen und ihre Augenbewegungen, solange sie wach war.

"Hat Mademoiselle Ventvit dir geschrieben, ob sie eine bestimmte Dienstkleidung vorschreibt?" fragte Catherine Julius.

"Bisher nicht. Kann noch kommen, wenn die Vereidigung über die Bühne gegangen ist", meinte Julius dazu. Zumindest wollte er im besseren Gebrauchsumhang hingehen.

"Die von der Unfalltruppe und die von der Zentralverwaltung und der inneren Sicherheit haben einheitliche Umhänge", sagte Millie. "Aber Tante Babs und Tine haben nichts von Dienstbekleidung erzählt. Sie müssen nur Anstecker tragen, die zeigen, daß sie zum Ministerium gehören." Catherine nickte. Julius fragte sich, welche scheinbaren Nebensächlichkeiten noch zu beachten waren, bevor er in das Berufsleben einstieg.

 

__________

 

Am 31. August erhielten Julius und Millie Besuch von seiner Mutter. Sie unterhielten sich über das, was sie in den nächsten Wochen und Monaten so vorhatten und hinbekommen wollten.

"Deine Mutter und ich haben uns drauf geeinigt, mit Sandrine zusammen für die UTZs zu lernen. Ist schon besser, wenn wir uns gegenseitig auf Trab halten. Dann kriege ich das auch in einem bestimmten Rhythmus rein und kann Aurore trotzdem gut versorgen", sagte Millie. Ihre Schwiegermutter nickte bestätigend.

"Bin gespannt, ob ich nicht schon übermorgen bereue, worauf ich mich eingelassen habe."

"Wenn du bei Mademoiselle Ventvit nicht gut klar kommst kannst du bei Tante Babs in die Arbeitsgruppe rein, Julius. Da könntest du dann die Umsiedelung von Latierre-Kühen aus den Staaten in andere Länder überwachen. Ich denke nämlich nicht, daß Tante Babs dich zu lange hinter einem Schreibtisch verrotten lassen würde."

"Millie, das denke ich bei Julius' künftiger Vorgesetzten auch nicht. Ich habe mich nämlich mal über sie erkundigt - die Neugier einer Mutter, Julius", erwiderte Martha Eauvive. Julius blickte sie leicht verdrossen an. Doch er sah ein, daß sie schließlich wissen wollte, für wen er arbeiten sollte. Abgesehen davon war die Zaubererwelt ja ein großes Dorf, wo viele einander kannten und auch wen kannten, der oder die wen anderen kannte. "Ich wage mal eine Prognose ohne jede mathematische Grundlage: Spätestens in zwei Wochen wirst du deinen ersten Außeneinsatz haben, Julius."

"Top, die Wette gilt, Mum!" grinste Julius dazu nur.

"Oma Line kennt Mademoiselle Ventvit auch von Beaux her. Die war damals eine von denen, die sich nicht zu schade waren, auch mal unnötige Strafpunkte einzusammeln, wenn sie dafür Spaß haben konnten. Allerdings hat sich Mademoiselle Ventvit immer gerade so noch zurückgehalten, um nicht frühzeitig umplanen zu müssen wie Connie Dornier, Sandrine oder ich."

"Deshalb ist sie ja auch noch Mademoiselle", meinte Julius' Mutter dazu.

So sprachen sie über die Leute, mit denen Millie und Julius bisher schon zu tun hatten und demnächst noch zu tun haben würden. Martha erwähnte, daß Brittany ihr schon Mails mit der Anrede "Tante Martha" schickte und daß Antoinette Eauvive seit der offiziellen Erwähnung, daß Julius ins Ministerium gehen würde sehr wortkarg und zurückhaltend sei. Millie warf darauf unbekümmert ein: "Die soll sich nicht so haben, weil sie einen gut vorgebildeten Jungzauberer nicht für ihre Heilerschmiede eingesackt hat!"

"Na, unterschätze das mal nicht, Millie. Antoinette Eauvive hat mehrere Gründe, darauf Wert zu legen, daß Julius in ihre Zunft eintreten sollte: Da ist die Verwandtschaft. Da sind die hohen Zauberkräfte. Da ist die von Julius' Vater und mir vorangetriebene, wenn auch erst nach Einschulung in Hogwarts aufgegangene Vorbildung im Bereich wissenschaftliches Arbeiten und Mixturen. Tja, und das ganze noch gewürzt mit überragenden Abschlußergebnissen, das kann sie schon als mehrfache Niederlage ansehen, daß sie Julius nicht für ihren Berufsstand werben konnte."

"Ja, aber sie wußte doch, daß er auch mit anderen Sachen gut klarkommt", wandte Millie ein. Julius nickte beipflichtend.

"Ja, doch sie meinte wohl, weit genug vorne zu sein, um sicherzustellen, wo Julius arbeitet. Im Grunde könnte sie jetzt deiner Familie und dir die Schuld geben, daß ihr Julius, ähm, für sie verdorben habt. Könnte er noch ohne auf eine Familie Rücksicht nehmen zu müssen entscheiden, hätte sie wohl leichteres Spiel gehabt." Julius konnte das nicht so ganz abstreiten.

"Jetzt weiß ich, warum Tante Trice bis heute keine eigenen Kinder kriegen wollte. Die hat mal zu mir gesagt, daß sie sich für sowas dann lieber Clementine Eauvive als Hebamme gesucht hätte, weil die ja mit ihr in der Heilerausbildung war. Aber das wäre wegen der immer noch bestehenden heimlichen Konkurrenz wohl nur ein Wunschtraum", sagte Millie.

"Ja, und daß sie als Heilerin eben nicht mal eben wen finden darf, der nur ihr und ihren Verwandten gefällt", konnte Julius einwerfen. Innerlich mußte er seiner Mutter zustimmen. Daß Millie ihn so früh darauf gebracht hatte, auch körperlich zu leben und jetzt eine Familie hatte, hatte ihn davon abgebracht, zu den Heilern zu gehen. Andererseits hätte er sonst mit Claire oder einer anderen wohl schon die Besenwerbung hinter sich gebracht. Claire hätte garantiert nicht lange gewartet, bis sie von Julius was kleines in den Armen gehabt hätte. Ob Pina oder sogar Gloria da geduldiger gewesen wäre? Alles akademisches Zeug, dachte Julius.

"Gut, Antoinette kann jetzt nichts mehr daran ändern, zumal ja meine künftige Schwiegermutter dir, Julius, ja auch zugeraten hat, dich nur für das zu entscheiden, woran du auch dein Herz hängen kannst. Ich hoffe zumindest, daß du bei den Leuten von der Zauberwesenabteilung glücklich wirst und nicht nur wohlhabend." Julius bedankte sich bei seiner Mutter für diesen wichtigen Zuspruch einen Tag vor seinem ersten offiziellen Arbeitstag.

Am Nachmittag studierte Julius das Buch über Astralmagie, das er von den Whitesands bekommen hatte. Dabei fiel ihm auf, daß offenbar drei Seiten, die vorher mit Sternbildkarten versehen waren, nun Text und Bewegungsvorgaben enthielten. Wann hatte er das Buch zuletzt aufgeschlagen? richtig, im letzten Sommer, vor der Sonnenfinsternis. Da wußte er ja noch nicht, daß seine Frau schon das erhoffte erste Kind im Bauch hatte. Er fand die Sternbildkarten jetzt im Anhang des Buches, wo vorher drei himmelblaue Blätter zu finden waren, die scheinbar nur der Verzierung gedient hatten. Die drei neu gestalteten Seiten beschrieben den Mondlichtfeuerzauber und erwähnten das, was Catherine ihm schon darüber gesagt hatte, nämlich daß nur wer sein eigenes Fleisch und Blut erfolgreich vermehrt habe, diesen Zauber anwenden dürfe, ohne sich für einen Monat unaufweckbar in einen komagleichen Zustand zu zaubern. Warum das überhaupt passierte wurde damit erklärt, daß das Mondlichtfeuer zwischen dem Anwender, dem Mond und dem bereits lebenden Nachkommen wechselwirkte, ohne die Lebenden jedoch zu beeinträchtigen. Gab es keinen Nachkommen, so verschwand die aufgebrachte Kraft "hinter dem Mond". Julius, der mit naturwissenschaftlicher Himmelskunde großgeworden war, mußte einmal mehr erkennen, daß die reine Beobachtung und die Mysterien zwischen Erde und Gestiernen doch noch eine Sache für sich waren. Warum wurden Lykanthropen bei Vollmond zu Wölfen, und warum nur dann, wenn der Mond nicht durch Wolken verdeckt wurde? Warum wirkten Anrufungen, die sich auf die Sternbilder bezogen, die ja doch reine Vorstellungen der Menschen waren und eben nur wegen der Position der Erde im Weltraum so und nicht anders am Himmel zu sehen waren? Er erkannte einmal mehr, wie viel Arbeit und sicher auch Übungen in die Erfindung und Weiterentwicklung von Zaubern und Ritualen gesteckt worden waren. Insofern unterschied sich die magische Welt nicht von der magielosen, wo Maschinen und Energieerzeugungsverfahren entwickelt worden waren, die heutigen Menschen das Leben erleichterten, aber doch lange gebraucht hatten, um so zu funktionieren. Mit dieser Erkenntnis im Kopf las er sich die Anleitung für den Mondlichtfeuerzauber durch und erfuhr auch, worin dieser sich von den auf das Sonnenlicht oder Erdfeuer bezogenen Feuerzaubern unterschied. Zumindest war dieser Zauber ein genialer Geisterfernhaltzauber und konnte sogar einen Sperrzaun gegen niedere Nachtschatten bilden. Für die Spukgestalt, die ihm in der erstarrten Riesenschlange Skyllians erschienen war, hätte der Zauber aber mindestens zwanzig um einen herumstehende Flammensäulen aufbauen müssen. Bei den Gedanken an den Nachtschatten fragte sich Julius, wieso dieser eigentlich entstanden war und warum er genau in dem Moment in die erstarrte Leibeshöhle des großen Wächters eingedrungen war, als es darum ging, die beiden letzten Gefangenen zu befreien? Würde er auf diese Fragen irgendwann Antworten bekommen? Das wäre dann nur wichtig, wenn dieses Schattenungeheuer überlebt hatte. Das wiederum hoffte Julius nicht.

 

_________

 

Auch wenn der erste September 2000 kein Montag war erschien es Julius doch glatt so, als sei heute ein neuer Wochenanfang. Im Grunde war es nicht nur eine neue Woche, sondern ein neuer Lebensabschnitt, der anfing. Julius stand im neuen, dunkelgrünen Gebrauchsumhang im Foyer des Zaubereiministeriums. Um ihn herum standen weitere junge Hexen und Zauberer in adretten Umhängen und korrekt sitzender Frisur. Einige der Jungzauberer waren vollkommen glatt rasiert wie Julius. Andere trugen Schnurrbärte, Ziegenbärte oder verwegene Backenbärte. Die Hexen hatten viel Mühe auf ihre Frisur und ihre Gesichtsfarbe verwendet. Julius sah vor allem Laurentine Hellersdorf, die im veilchenblauen Rüschenumhang unter den neuen Anwärtern stand. Er sah das Mädchen an, daß vor fünf Jahren noch keine echte Hexe sein wollte. Jetzt sollte sie zwischen Menschen mit und ohne Magie vermitteln helfen. Sie würde mit seiner Mutter zusammenarbeiten, womöglich als deren hiesige Nachfolgerin ausgebildet werden.

Er sah Edith Messier und ihre Cousine Estelle, die ebenfalls unter den Anwärtern standen. Was sie im Ministerium arbeiten wollten wußte er noch nicht. Von Belisama hatte er nur einen Brief bekommen, daß sie in das Institut für magische Tierheilung eingetreten war. Das wäre wohl auch noch was für ihn gewesen, erkannte Julius. Aber davon hatte er nie wirklich geträumt. Ihm lagen Reisen, Zauberwesen und interessante Zaubertiere, wenn sie gesund waren und/oder in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet werden konnten.

Eine wolhtönende Glocke klang einmal. Das Getuschel zwischen den Anwärtern ebbte ab. Jetzt betraten die älteren, hier schon sicher ansässigen Mitarbeiter das Foyer. Julius sah Madame Grandchapeau, die Ministergattin und Leiterin des Büros für Kontakte zwischen Zauberern und Magielosen. Er erkannte seine Schwiegertante Barbara Latierre, die die meisten Anwesenden körperlängenmäßig überragte. Ebenso sah er Monsieur Descartes, der damals den Wechsel von Hogwarts nach Beauxbatons abgesegnet hatte und im dunklen Jahr zeitweilig seines Amtes enthoben worden war. Hier und jetzt stellte Julius fest, wie klein die Zaubererwelt war. Denn außer den Abteilungsleitern, die noch um weitere Hexen und Zauberer ergänzt wurden, erkannte er noch Elternteile von Mitschülern aus dem grünen Saal. Sicher arbeiteten nicht alle im Ministerium, die jemals in Beauxbatons waren. Doch zu sehen, wie viele er von denen schon wiedererkannte beeindruckte Julius. Etwas verdrossen sah er Monsieur Lesfeux, der mit energischem Schritt von draußen hereinkam und sich in die Reihe der dienstälteren Mitarbeiter einfügte. Schnell blickte er zu Mademoiselle Ventvit, seiner neuen Vorgesetzten, die in diesem Moment ins Foyer kam. Sie trug einen himmelblauen Umhang mit weißen Wolken und einen blütenweißen Hexenhut mit einer künstlichen Sonnenblume auf der Spitze. Einen Moment dachte Julius daran, daß er so viel Wert auf ein unauffälliges aber geordnetes Äußeres gelegt hatte, ja sogar am Morgen noch von seiner Frau inspiziert wurde, ob er so gut hingehen konnte. Offenbar trug Millie immer noch das unsichtbare Kleid einer Saalsprecherin, obwohl sie ihre goldene Brosche längst zurückgegeben hatte.

Die Glocke von eben erklang nun zweimal. Die Neuen wurden von den bereits etablierten Mitarbeitern ohne Worte und große Fuchtelei zur Aufstellung in mehhrere gerade Reihen getrieben. Julius schaffte es, neben Laurentine Hellersdorf zum stehen zu kommen, die gerade einen finsteren Blick von Lesfeux auffing, diesen Blick jedoch durch eine stramme Körperhaltung abwetterte. Jetzt betrat Minister Grandchapeau selbst das Foyer und erstieg ein Podest in der Mitte. Um ihn herum gruppierten sich die Abteilungsleiter auf der zweithöchsten Stufe. Auf den beiden unteren Stufen nahmen die Einzelbüroleiter Aufstellung. Damit war die hier geltende Rangordnung offen sichtbar. Die Wartenden verfielen in Schweigen. So erklang das dreimalige Läuten der Glocke wie die kleine Glocke in einer mit andächtigen Menschen besetzten Kapelle. Dann nahm der Minister seinen Zylinder vom Kopf, verneigte sich vor allen Anwesenden und ergriff das Wort:

"Messieursdames et Mesdemoiselles, geschätzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, werte Anwärterinnen und Anwärter! Es freut mich, Ihren von der Mehrheit der magischen Gemeinschaft erwählten obersten Dienstherren, erneut in so viele neue Gesichter blicken zu dürfen. Denn dadurch erschließt sich mir, daß die Zukunft unserer wichtigen, vielleicht nicht überall hochgeschätzten, aber unersätzlichen Institution, weiterhin gesichert ist. Dies zu erkennen war und ist mir jederzeit ein großes Anliegen. Denn trotz aller Widrigkeiten, Unstimmigkeiten, Schwierigkeiten und Fährnisse, denen Sie alle im Allgemeinen und das Ministerium für Magie im besonderen gerade in den letzten Jahren immer wieder ausgesetzt waren, besteht unsere Gemeinschaft fort. Sie zu beschützen und im Rahmen des friedlichen Miteinanders zu führen und zu beaufsichtigen, ist die oberste Pflicht, der wir alle hier unterliegen, Sie, welche bereits seit mehr als einem Jahr in dieser Institution mitarbeiten", wobei er die auf dem Podest versammelten Mitarbeiter mit einer Hand überstrich, "wie auch Sie, die Sie nach Ihrer erfolgreichen Ausbildung in Beauxbatons befunden haben, zum Erhalt unserer magischen Gemeinschaft beizutragen", wobei er die Reihen der Neuankömmlinge überstrich, "wie auch ich persönlich, der Zaubereiminister Armand Grandchapeau", wobei er mit der Hand kurz auf seinen Brustkorb deutete.

"Wie jedes klar strukturierte Zaubereiministerium der Welt ist auch das von Frankreich jede Stunde, jeden Tag, jedes Jahr im Blickpunkt der magischen Öffentlichkeit. Entscheidungen, die hier gefällt und in die Tat umgesetzt werden, wirken sich auf alle Menschen mit magischen Kräften aus, aber auch auf jene, die ohne nach außen wirksame Zauberkraft auskommen müssen. Bedenken Sie, werte Anwärterinnen und Anwärter dies immer, daß Sie, sobald Sie den feierlichen Eid geschworen haben, nach bestem Können, Wissen und Gewissen zu handeln, immer im Blick der Öffentlichkeit stehen und gleichermaßen für die Menschen mit wie jene ohne Magie einzustehen haben, auch wenn einige Damen und Herren dies nicht so sehen mögen." Er blickte auf einige, die bei seinen Worten leicht verächtlich gegrinst hatten. Doch das Grinsen verging ihnen, weil Grandchapeau ungemein streng dreinschaute. Das er kein gemütlicher Schönwetterchef war sollten die neuen wohl gleich zu spüren bekommen. Nach drei Sekunden fuhr der Minister mit seiner Ansprache fort: "Doch ich weiß, daß die allermeisten von Ihnen, die heute ihren neuen, großen Lebensabschnitt unter diesem Dach beginnen wollen, sich dieser Verantwortung und auch dieser Herausforderung voollauf bewußt sind. Ich mußte jedoch diesen so wichtigen Punkt erwähnen, um sicherzustellen, daß Sie alle mit dem gleichen Wissensstand ausgestattet sind. Ich sehe, daß Sie alle darauf warten, endlich zeigen zu dürfen, was Sie können oder bereits begonnene Arbeiten fortzuführen. Daher möchte ich Ihnen und uns eine abwechslungsreiche, gewinnbringende und erfolgreiche Zusammenarbeit wünschen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich übergebe das Wort an den ehrenwerten Zeremonienmagier Monsieur Albert Laroche!" Mit diesen Worten deutete er auf eine fast nicht zu erkennende Tür, durch die auf Stichwort ein Zauberer im blau-weiß-roten Samtumhang hereintrat. Sein grauer Schopf und der bis auf seine Brust wallende graue Bart verliehen ihm den Ausdruck eines weisen Alten, ähnlich wie damals Albus Dumbledore, nur daß der zu früh aus dem Leben gestoßene Schulleiter von Hogwarts noch längeres und helleres Haar besessen hatte. Die hellgrauen Augen des Zeremonienmagiers bestrichen sanft die Reihen der neuen Amtsanwärter. Würde er hier auch die Anwesenden legilimentieren, wie er es bei anstehenden Trauungen tat? fragte sich Julius. Doch Laroche blickte nur auf die Anwesenden. Dann lüftete er seinen ebenfalls blau-weiß-roten Spitzhut und winkte den wartenden huldvoll zu. Dann wandte er sich kurz an den Zaubereiminister hoch oben auf dem Podest. :

"Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Zaubereiminister, daß Sie mir einmal mehr die ehrenvolle Aufgabe anvertrauen, neue Mitarbeiter einzuschwören." Dann sah er die auf dem Podest stehenden Abteilungs- und Büroleiter an und sagte: "Ich hoffe für Sie, daß die Ihnen neu zugeteilten Damen und Herren Ihren Abteilungen und Einsatzgruppen alle Ehre machen und damit zum wohl der gesamten französischen Zauberer- und Hexenschaft arbeiten werden." Anschließend wandte er sich an die Anwärterinnen und Anwärter: "Ich freue mich, einmal mehr eine große Anzahl von jungen Hexen und Zauberern begrüßen zu dürfen, die nach sieben Jahren anstrengender Schulzeit aus freien Stücken beschlossen haben, ihre Fähigkeiten in den Dienst der magischen Gemeinschaft zu stellen und daß sie dort, wo Sie von Ihren Fähigkeiten her eingesetzt werden, immer zu Ihrem und allen anderen Nutzen wirken mögen. Ich werde Ihnen nun die zur Ausübung Ihrer neuen Berufe nötigen Eidesformel vorsprechen, die Sie mir bitte nachsprechen möchten. Sicher denken Sie alle hier, daß wir erst Eidessteine oder dergleichen magische Bekräftigungsmittel bereitstellen müssen. Doch zum einen dürfen wir nicht davon ausgehen, daß Sie, wie Sie hier versammelt sind, ihr ganzes Berufsleben lang dem Zaubereiministerium verbunden sein werden. Zum anderen hat sich erwiesen, daß die magisch untermauerte Vereidigung die Freiheit des Gewissens hemmen kann, die wir, auch und vor allem nach dem unrühmlichen Abschnitt der Amtsführung Didiers, bewahren müssen. Daher wird es als ausreichend und verbindlich angesehen, wenn Sie alle den folgenden Eid laut genug schwören, vor den versammelten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. So heben Sie bitte ihre Zauberstabhand und sprechen Sie mir alle nach!

Ich schwöre, daß ich alle meine Kenntnisse, Fähigkeiten und Kräfte", er wartete, bis alle diesen Teil der Eidesformel wiederholt hatten. Dann fuhr er fort: "nach bestem Wissen und Gewissen", er wartete wieder ab und setzte fort: "zum bleibenden Wohle und zum Schutze der magischen Gemeinschaft", was auch von den Neuen nachgesprochen wurde, "unermüdlich einbringen und erhalten werde", was auch wiederholt wurde"um in meinem Amte stets als pflichtbewußt und verantwortungsvoll zum Wohle und nutzen aller magischen Bürger Frankreichs zu dienen." Als die Anwärter es nachgesprochen hatten vollendete Laroche: "Dies schwöre ich aus freien Stücken und bei der Unversehrtheit meines Geistes und Körpers." Als die Anwärter diese Vollendung nachgesprochen hatten bedankte sich Laroche. Laurentine wisperte in das leise aufkommende Gemurmel hinein: "Kein "So wahr mir Gott helfe? hätte meine Eltern garantiert verärgert."

"Die lassen keinen Zauberer und keine Hexe bei einem Gott schwören, dessen Anbeter keine Magie haben wollen, Laurentine", bemerkte Julius dazu. Die helle Glocke läutete noch einmal und brachte das andächtige Schweigen zurück. Laroche sah den Minister an, der ihm dankbar zuwinkte und dann wieder das Wort ergriff:

"Vielen Dank für diese vor Zeugen bekräftigte Verpflichtung, Messieursdames et Mesdemoiselles! So bleibt mir nur, Ihnen als Ihr nun offiziell oberster Dienstherr die erste Anweisung zu erteilen: Bitte suchen Sie Ihre Arbeitsplätze auf und empfangen Sie Ihre ersten Aufgaben von Ihren direkten Vorgesetzten! Vielen Dank für Ihre Mitarbeit!"

"Okay, Julius, dann auf ins Laufrad", meinte Laurentine lächelnd. Ihre direkte Vorgesetzte, Madame Grandchapeau, winkte Laurentine bereits zu. Lesfeux fuchtelte mit seinen Händen, um drei Anwärter zu sich hinzubeordern. Mademoiselle Ventvit blickte Julius an. Sie beließ es aber nur bei einem Blickkontakt. Dann wandte sie sich zum gehen. Er trat aus den sich auflösenden Reihen der Anwärter heraus und folgte seiner neuen Vorgesetzten. Dabei fiel ihm auf, daß er der einzige war. Andere ehemalige Mitschüler liefen hinter seiner Schwiegermutter Hippolyte, seiner Schwiegertante Barbara und den anderen Abteilungsleitern her.

Vor den Aufzügen kam es zum Gedränge, weil die neuen nun auf engerem Raum zusammentrafen. "Kein knäulen, Leute, Verspätungsstrafpunkte gibt's bei uns erst ab einer halben Stunde", lachte Cicero Descartes, der die vier bei ihm anfangenden Anwärter beruhigen mußte, nicht den ersten freien Aufzug zu entern. Julius fing noch einmal einen Blick von Laurentine Hellersdorf auf und auch von deren neuer Vorgesetzten. Dann zupfte ihn Mademoiselle Ventvit am Ärmel und zog ihn aus der Laufbahn der anderen.

"An und für sich müßten wir das disziplinierte Warteverfahren Ihres Geburtslandes durchsetzen. Beauxbatons kann schon neurotische Verhaltensweisen hervorrufen!" seufzte sie, weil so viele auf einmal in die gerade eintreffenden Aufzüge hineinwollten. Julius wußte nicht, ob die Ministeriumsbeamtin ihn testen wollte. Was durfte er jetzt darauf antworten? Er entschied sich für: "Die die hier sind, wollen zeigen, daß sie was können, Mademoiselle Ventvit." Die angesprochene nickte Julius zu. Sämtliche nach oben fahrende Fahrstühle wurden bis zum letzten Platz besetzt und fuhren los. Erst nach der zweiten Welle neuer Anwärter, die mit ihren Vorgesetzten fahren sollten, fand Ornelle Ventvit es in Ordnung, mit ihrem Neuzugang einen Fahrstuhl zu besteigen. "Ich mag keine überladenen Aufzüge", grummelte sie. Dann drückte sie Julius ein zusammengefaltetes Pergament und einen Anstecker mit Namen und Abteilung in die Hand: "Das ist der Lageplan unserer Abteilungen. Oben bekommen Sie dann noch die allgemein gültige Hausordnung und die Anleitung, wie dienstliche Memos angefertigt werden. Der Anstecker ist während der Arbeitszeit immer sichtbar zu tragen, damit Kollegen, die Sie noch nicht kennen, wie auch Antragssteller wissen, mit wem sie es zu tun haben." Julius nickte und befestigte den silbernen Anstecker am Brustteil seines Umhanges. , Auf dem Anstecker stand in kantigen Buchstaben: "Julius Latierre, Büro für humannoide Zauberwesen über Jardinane-Linie".

"Darf ich fragen, ob ich im Moment der einzige im Haus anwesende Mitarbeiter von Ihnen bin?" fragte Julius.

"Außer Ihnen und Monsieur Delacour sind alle Mitarbeiter meiner Abteilung gerade dienstlich unterwegs. Aber dazu näheres in meinem Büro."

"Monsieur Delacour, Pygmalion?" fragte Julius.

"Ach, der Herr ist Ihnen bekannt. Na klar, seine jüngste Tochter wurde ja Ihrem Saal in Beauxbatons zugeteilt", erwiderte Mademoiselle Ventvit.

"Stimmt", erwiderte Julius.

Als die weiblich klingende Zauberstimme im Aufzug verkündete, daß sie auf der Etage der Abteilung für die Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe waren und daß außer den Büros für Zauberwesen, magische Tierwesen, Ungezieferbekämpfung auch das Geisterbüro auf dieser Etage zu finden war, glitt wie zur Bestätigung eine bis auf rußschwarze Fetzen nackte und mit stricken gefesselte Frauengestalt in die Fahrstuhlkabine. Ihr Gesicht schimmerte dunkelgrau und wirkte verkohlt. Das durch sie durchscheinende Licht der Kristallsphären machte ihr Erscheinen noch gespenstischer. Die Geisterfrau sah die Insassen und winkte grüßend, bevor sie wortlos durch den Fahrstuhlboden sank und verschwand.

"Ui, wurde die auch mal wieder einbestellt", kommentierte Mademoiselle Ventvit den kurzen Spukauftritt. Julius fragte nicht, wessen Geist sie da gerade gesehen hatten. Er dachte jedoch gleich an eine Frau, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sein mochte. Da er wußte, daß die meisten Geister die im Diesseits hängengebliebenen Seelen von Zauberern und Hexen waren und aus einem ihm immer noch unbekannten Grund genauso weiterexistierten, wie ihre Körper bei Eintritt ihres Todes beschaffen und gekleidet waren, mochte das wohl auch stimmen.

"Ich habe im Geisterbüro angefangen. Aber irgendwann waren mir die armen Seelen und griesgrämigen Gespenster zu viel. Die Dame, die uns gerade nolens volens einen kleinen Gruselauftritt geboten hat ist die einzige echte Hexe Frankreichs, die den unsäglichen Tod auf dem Scheiterhaufen gefunden hat, weil sie so dumm war, ihren Zauberstab bei ihrem Mann zu lassen, statt ihn bei sich zu haben, um das Feuer um sich herum zu bezaubern. Hat ihren Mann und die beiden Söhne danach immer heimgesucht, damit diese nur ihr genehme Frauen hatten. Womöglich mußte sie mal wieder wegen eines ihrer mehrfachurenkel einfliegen, weil ihr seine Freundin nicht in den Kram paßt."

"Ich bin an Geister gewöhnt, Mademoiselle. Schon arme Wesen", sagte Julius.

"Das zu sagen würde mein Kollege aus dem Spukbüro Ihnen schon als Fehlgriff ankreiden, weil die Damen und Herren Gespenster als Gewesene bezeichnet zu werden wünschen. Aber wir haben es ja zum Glück mit atmenden, von klopfenden Herzen am Leben gehaltenen Daseinsformen zu tun. Bitte in mein Büro! Dort werden Sie die nächste Zeit zu arbeiten haben!"

Julius kannte den Weg ja noch von seinem Vorstellungsgespräch. Er hielt seiner Vorgesetzten die Tür auf. Sie nickte ihm zu und trat ein.

"Das Spiel kennen Sie ja auch schon", sagte sie, als sie hinter ihrem Chefinnensessel herlief, der versuchte, ihr zu entwischen. Julius nickte und peilte einen der freien Stühle an, der in der Nähe eines kleineren Schreibtisches stand, als warte er darauf, besetzt zu werden. Doch als Julius sich dem Stuhl näherte rannte dieser auf seinen vier schlanken Beinen los und gesellte sich zu zwei weiteren bereitstehenden Stühlen, die nun um den einen Stuhl herumsprangen und versuchten, Julius ein hölzernes Bein zu stellen. Dabei kam ihm auch noch der Chefsessel der Büroinhaberin in die Quere. Er versuchte, einen der Stühle zu packen. Doch dieser bog knarrend die Beine durch und klappte die Rückenlehne über die Sitzfläche. Julius zielte wieder auf den Stuhl, den er eigentlich ausgesucht hatte und sprang mit einem leisen Aufschrei vor. Mit Brust Und Bauch kam er über dem Stuhl zu liegen, packte mit beiden Händen zu und hielt fest. Der gefangene Stuhl zitterte, versuchte, Julius von sich abzuwerfen. Doch dieser richtete sich wieder auf und hob den ergriffenen Stuhl an. Er wirbelte schnell herum und schaffte es gerade noch, einem nach seinem linken Fuß schlagenden Stuhlbein auszuweichen. Er trug den gefangenen Stuhl zu dem kleinen Schreibtisch, auf dem ein kleines Schild "Anwärter Julius Latierre" aufleuchtete. Er setzte das wie lebendig gezauberte Sitzmöbel so auf den Boden, daß er sich darauf niederlassen konnte. Mit Schwung nahm er Platz. Der Stuhl zitterte noch einmal. Dann blieb er ruhig.

"Nur eine halbe Minute. Alle Achtung. Ein Kollege von Ihnen hat mal zwei Minuten gebraucht, um seinen Bürostuhl zu fangen", sagte Mademoiselle Ventvit, die gerade ihren Sessel gegen dessen Widerstand an den vorgesehenen Platz zerrte. Erst als sie sicher darin saß, gab das Möbelstück Ruhe und verhielt sich so wie ein x-beliebiger Sessel.

"Erspart den Frühsport", scherzte Julius.

"Treiben Sie welchen?" fragte die Büroinhaberin. Er bestätigte, daß er jeden Morgen einige Runden lief und mit seiner Frau zusammen Turnübungen machte. "Aber hoffentlich statthaft bekleidet und ohne einander zu berühren", lachte die Hexe. "Wenngleich ich weiß, daß derartige Übungen die körperliche Koordination und Ausdauer noch besser fördern als Einzelübungen." Julius wußte nicht, wie er darauf antworten sollte. Er sagte dann nur, daß er Schwermacherübungen machte, um die Muskeln in Form zu halten.

"Jedenfalls sind Sie jetzt fit genug, um sich morgens Ihre Sitzgelegenheit zu sichern, Julius", sagte Mademoiselle Ventvit. Julius fiel natürlich sofort auf, daß sie ihn nicht mehr mit "Monsieur Latierre" ansprach. Deshalb verwunderte ihn auch nicht, daß sie hinzufügte: "Damit wir das auch gleich abgeklärt haben, wenn wir kein Publikum oder einen Clienten in diesem Büro haben sprechen wir uns hier alle mit Vornamen an. Abteilungsübergreifend ist das bei den arivierten Mitarbeitern auch üblich, daß diese sich beim Vornamen nennen, vom Minister bis hinunter zum Quintannier. Sie untergraben meine Autorität nicht, wenn Sie mich mit meinem Vornamen ansprechen, solange Sie die Sie-Form verwenden. Nur in der Öffentlichkeit muß ich darauf bestehen, daß Sie mich förmlich ansprechen, so wie Sie darauf Anspruch haben, von mir förmlich angesprochen zu werden. Soviel zur grundlegenden Verständigung. Kommen wir gleich zu dem, was ich Ihnen für heute zugedacht habe." Mit diesen Worten winkte sie ihrem Schreibtisch. Mit einem Plopp erschienen auf Julius' Schreibtisch mehrere Pergamentstapel. Gleichzeitig materialisierte sich ein großes Tintenfaß, ein Federhalter mit sieben vergoldeten Falkenfedern und eine Streusandbüchse zum Antrocknen der aufgetragenen Tinte. Julius sah auf den eine halbe Handbreit hohen Pergamentstapel. Es waren keine leeren Pergamente. Die tauchten erst auf, als er noch einmal zum Tintenfaß hinübersah. Vor ihm lagen Formulare.

"Der trockene Teil unserer sonst sehr abwechslungsreichen Arbeit, Julius", seufzte die Büroinhaberin. "Sie müssen das Amtsanwärterarbeitsantrittsformular ausfüllen, indem Sie noch einmal alle ihre Angaben eintragen, sowie die von Ihnen bestandenen UTZ-Prüfungen, allerdings ohne Notenwert. Dann will unser Personalarchiv auch den genauen Tag Ihres Dienstantritts und die erste von mir zugeteilte Aufgabe. Dann natürlich noch die Bestätigung, die Hausordnung gelesen zu haben, den Lageplan erhalten zu haben und daß Sie darüber informiert wurden, keine öffentlichen Aussagen zu Ihrer Tätigkeit zu machen und alle unter Vertraulich bis streng Geheim fallenden Vorgänge für sich zu behalten, auch wenn Sie nicht mehr im Zaubereiministerium arbeiten sollten." Julius nickte. Mit dergleichen hatte er gerechnet.

Ornelle Ventvit beschrieb ihm, wie er die Memoflieger einsetzen konnte, die immer wieder zwischen den Abteilungen herumschwirrten. "Memos dürfen Sie auf Ihrer derzeitigen Rangstufe nur innerhalb meiner Behörde versenden, sofern Sie nicht um Antwort aus einer anderen Behörde gebeten werden. Wenn Sie Memos versenden, dann nur solche, die Anfragen enthalten. Sie dürfen keine Anweisungen erteilen, keine Forderungen erheben und keine verbindlichen Bekannttmachungen verbreiten. Das unterliegt nur mir. Ich gehe sehr stark davon aus, Ihnen das nur einmal sagen zu müssen. Die Hausordnung droht Gehaltskürzungen bei ungebürlichem Verhalten an, je nach Schwere des Verstoßes. Das dürfen Sie sich in Ruhe durchlesen, bevor Sie das Formular ausfüllen", sagte die Büroinhaberin. Julius schluckte eine abfällige Bemerkung, die ihm dazu einfiel. Andererseits war er ja durch seine Eltern und Beauxbatons schon auf derartig eiserne Disziplin getrimmt worden. So führte er ohne Kommentar die ersten Anweisungen seiner neuen Dienstherrin aus. Er füllte alle ihm vorgelegten Formulare aus, wobei er auch dazu stellung nehmen sollte, wie er die denkfähigen Zauberwesen einstufte. Dabei erlebte er die erste Überraschung seines neuen Lebens.

"Das ist die laut Konferenz der Zauberwesenfachleute vom 20. August geänderte Fassung der Klassifizierung", sagte Ornelle Ventvit und gab Julius drei Pergamentbögen. Er las, daß die Wassermenschen, die bisher auf eigenen Wunsch als Tierwesen geführt wurden, auf der Grundlage einer Unstimmigkeit in Griechenland doch Anspruch darauf erhoben hatten, zu den eigenständig handlungsfähigen Zauberwesen zu zählen, um damit verbunden einige Rechte zu erhalten, die reinen Tierwesen nicht zustanden. Somit bestand nun in der Zauberwesenbehörde Bedarf, allel bisherigen Abkommen mit Meerleuten dahingehend zu prüfen, ob sie für den neuen Status noch gültig bleiben konnten oder neu ausgehandelt werden mußten.

"Da muß ich mich erst einmal in die Materie einlesen", seufzte Julius, als er erkannte, daß Ornelle ihm wohl die theoretischen Anteile dieser Statusänderung aufgeladen hatte.

"Das trifft wohl zu. Wo wir schon dabei sind, Julius, zwischen der Ausführung der von mir erteilten Aufträge studieren Sie bitte die für unsere Behörde wichtigsten Gesetze und Richtlinien, auch die, die für Kobolde, Zwerge und Hauselfen gelten! Am ersten März wird eine unabhängige Kommission des Ministeriums Sie und alle anderen Quintannier in einer schriftlichen und mündlichen Prüfung examinieren."

"Dann bin ich immer noch nicht aus dem Prüfungsstress raus?" wollte Julius wissen.

"Es gibt eine Binsenweisheit, die sagt, daß das ganze Leben eine einzige Prüfung sei", erwiderte Ornelle Ventvit lächelnd. "Was die Prüfungen hier angeht, so soll sichergestellt werden, daß unsere magischen Mitbürger keine Veranlassung haben, Sie wegen fehlerhaften Verhaltens oder Unkenntnis wichtiger Vorschriften belangen zu können. Ich denke, das dürfte auch ganz in Ihrem Sinne sein." Julius nickte zustimmend.

"Noch einmal zu den Meerleuten", setzte Julius an. "Dann müßten wir ja irgendwie auch ein Register erstellen, wie viele Meermenschen es gerade im französischen Hoheitsgebiet gibt, wo sie leben und mit welchen menschlichen Kontaktleuten sie in Verbindung stehen, oder?" Ornelle nickte bestätigend.

"Zumal wir noch Anfragen in das Büro für Tierwesen zu schicken haben, welche Unterlagen die über Wassermenschen im französischen Hoheitsgebiet haben. Aber das später. Ich möchte erst einmal haben, daß Sie mir folgende Dokumente aus dem Französischen ins Englische übersetzen, da Sie diese beiden Sprachen ja fließend sprechen. Mir geht es darum, Ihren Übersetzungsstil zu erfahren und zu bewerten, inwieweit sich Originalschrift und Übersetzung sachlich gleichbleiben. Nichts kann eine internationale Beziehung schneller gefährden als eine mißverständliche Übersetzung."

"Das verstehe ich", sagte Julius. Dann erkannte er, wie umfangreich die von ihm zu übersetzenden Dokumente waren. Da ging es um die Zählung und Ansiedlung von grünen Waldfrauen, die von den meisten als Sabberhexen bezeichnet wurden, Vereinbarungen zwischen den Sonderbüros für die Registrierung und Verwaltung von Werwölfen und Vampiren und die Zusammenarbeit mit den Verbindungsleuten für Zwerge, Kobolde und Zentauren. Außerdem las er, daß es im Zuge der Zauberweseneinteilung auch um die Neubewertung von Halbformen ging, also Nachkommen von Zauberwesen und Menschen mit und ohne Magie. Mit gewisser Bestürzung las er den mit "Vertraulich" gekennzeichneten bericht eines Heilers aus der Delourdesklinik über die Wiederherstellung der körperlich-seelischen Unabhängigkeit eines Muggeljungen, nachdem er Jahre lang im Bann einer grünen Waldfrau gestanden hatte und mit dieser mindestens drei Kinder gezeugt haben sollte. Er dachte erst, daß diese grünen Waldfrauen sich eher an muggelstämmige Jungzauberer hielten. So hatte er es gelernt. Als er Ornelle darauf ansprach sagte sie: "Die betreffende Waldfrau war wohl notsüchtig und hat danach aus einer ihr allein verständlichen Regung heraus befunden, den einmal außer der Reihe herangezogenen Jungen weiterzukultivieren, um ihn nicht wahnsinnig werden zu lassen. Die entsprechende Aussage steht da im Anhang des Heilerberichtes. Bei der Gelegenheit schreiben Sie mir bitte eine Übersetzung der ganzen Fachbezeichnungen, soweit Sie sie selbst verstehen. Wir haben zwar einen hauseigenen Notfallheiler. Der soll aber Arbeitsunfälle im Haus behandeln und nicht das Kauderwelsch seiner hauptberuflichen Kollegen aus der DK übersetzen."

"Den Herren kenne ich sogar auch schon. Den mußte ich mal während meiner Apparierübungen in Anspruch nehmen", erwiderte Julius. Ornelle Ventvit sah ihren neuen Untergebenen besorgt an, mußte dann aber lächeln. "Hat Ihren Lehrer sicher eher erschüttert als Sie, nehme ich an." Julius lächelte behutsam und nickte. Dann las er sich den Bericht weiter durch. Dabei merkte er, daß er tatsächlich viel von der Fachsprache der Heiler verinnerlicht hatte, aber wohl auch, weil er mit naturwissenschaftlichen Begriffen aufgewachsen war und ja auch im Unterricht Magizoologie und Herbologie mit Fachbegriffen zu tun bekommen hatte. Nach zweimaligem Lesen übersetzte er den Bericht so formal er es aus britischen Dokumenten kannte und sachlich so gleichbleibend, wie es von den benutzten Wörtern her ging. Danach schrieb er für die neue Vorgesetzte eine Liste der verwendeten Heilerfachbegriffe und ihre Übersetzung auf. Er war so in seine Arbeit vertieft, daß er erst mitbekam, daß jemand anderes mit im Büro war, als er die Feder bei Seite legte. Ein spitzbäuchiger Zauberer im dunkelroten Umhang war im Büro und unterhielt sich hinter einem durchsichtigen Wandschirm mit Ornelle Ventvit. Der Wandschirm schluckte fast jeden laut. Der schwarzhaarige Mann mit dem Ziegenbart war Pygmalion Delacour. Als die beiden bereits eingesessenen Ministeriumsbeamten sahen, daß Julius gerade zu ihnen hinübersah sank der Wandschirm lautlos in den Boden ein. "Pygmalion, sie erfuhren ja, daß der vielversprechende junge Monsieur Latierre bei uns in die Abteilung eingetreten ist. Julius, ich weiß, daß Sie beide sich ja schon kennen, da Sie, wie der Mitarbeiter Delacour mir gerade mitteilte, seine Familie ja schon einmal in Ihrer pariser Wohnung zu besuch war." Julius sah auf Ornelle und sagte, daß er gerne aufstehen würde, um Monsieur Delacour zu begrüßen. Er wisse aber nicht, ob der gerade von ihm besetzte Stuhl dann nicht wieder herumspuken würde.

"Um Himmels Willen, wenn ein einmal besetzter Stuhl gleich nach dem Verlassen wieder herumlaufen würde dürften wir ja nicht einmal austreten", sagte Ornelle Ventvit. Dabei fiel ihr ein, daß sie Julius die dafür nötigen Räumlichkeiten ja nicht persönlich zeigen konnte, da die Waschräume für Damen in einem anderen Trakt lagen als die für Herren. "Jedenfalls können Sie den Stuhl ein Zehntel der Zeit unbesetzt stehen lassen, wie Sie ihn erfolgreich mit Ihrem Allerwertesten besetzt hielten", sagte Ornelle mit gewisser Verwegenheit. Monsieur Delacour nickte nur. Julius stand auf und begrüßte den neuen Arbeitskollegen mit Handschlag.

"Ui, zerdrücken Sie mir bitte nicht die Hand, junger Monsieur. Nachher kann ich nicht mehr schreiben, und dann müßte Ihnen unsere gemeinsame Vorgesetzte auch meine Arbeit auf den Tisch legen", lachte Monsieur Delacour. Julius entschuldigte sich. Daß er wegen Madame Maximes Halbriesenbluttransfusion stärker war als ein normaler Mensch vergaß er immer mal wieder, weil die Latierres, männlich wie weiblich, härter im Nehmen waren und er deshalb immer in Gefahr war, seine eigene Kraft zu unterschätzen.

"Wer sagt Ihnen, daß ich dem jungen Monsieur hier nicht einige Kopien Ihrer Vorgänge zugeteilt habe, damit die britischen Kollegen unseren Standpunkt erfahren, was das Verhältnis von Menschen zu Hybriden betrifft?" wollte Ornelle von Pygmalion Delacour wissen.

"Damit habe ich aber nicht gleich am ersten Tag angefangen", erwiderte Fleurs und Gabrielles Vater. Julius wollte gerade ansetzen, ihn zu beruhigen, daß er gerade erst die landesbezogenen Sachen übersetzte, um nicht gleich einen internationalen Konflikt auszulösen, als Ornelle Ventvit bereits abwinkte. "Haben Sie den Bericht so gut Sie ihn empfinden fertig?" Julius nickte und deutete auf die von ihm beschriebenen Pergamente. "Gut, das nehme ich schon mal an mich", sagte die Büroinhaberin und ließ den Stapel Pergamente verschwinden. Julius war sich aber sicher, daß diese unverzüglich in ihrem Schreibtisch angekommen waren. "Die Uhr sagt, daß jetzt Kaffeepause ist. Trinken Sie Kaffee oder Tee, Julius?" Julius erwähnte, daß er morgens Kaffee trank. "Servatio, eine Kanne Kaffee und eine Schale Kandiszucker!" rief sie. Keine vier sekunden später knallte es, und ein Hauself im Geschirrtuch mit dem Wappen des Zaubereiministeriums apparierte. Zumindest war sich Julius sicher, daß der Teewagen mit dem Tablett mit Kaffeetassen, einer Zuckerschale und einem Milchkännchen, sowie die mächtige Silberkanne auf der obersten Ablage von einem Hauselfen befördert wurde. Ja, da sah er das kleine Zauberwesen auch, das sich dienstbar verbeugte und vermeldete, die Bestellung ausgeführt zu haben.

"Laut Lageplan gibt es neben dem Foyer eine Kantine", erwähnte Julius.

"Ja, aber für Kaffeepausen wäre das ein zu großes Gelaufe und Gedränge, wenn das ganze Ministerium sich da trifft", sagte Ornelle. Sie nahm das Tablett und die Kanne vom Teewagen und stellte beides auf ihren Schreibtisch. Der hauself fragte mit piepsiger Stimme, ob die Herrschaften noch einen Wunsch hätten. Ornelle sah ihre beiden mitarbeiter an. Diese schüttelten nacheinander die Köpfe. "Nein, wir haben alles." Der Hauself verbeugte sich noch einmal. Dann verschwanden er und der Servierwagen mit lautem Knall im Nichts.

Während der halbstündigen Kaffeepause sprachen die drei über die zaubererwelltlichen Ereignisse der letzten Wochen. Julius wurde auch gefragt, was in der Muggelwelt neues passiert war. Daß Frankreich nach der Weltmeisterschaft auch die Europameisterschaft im Fußball gewonnnen hatte interessierte Ornelle nicht so sehr wie Pygmalion. Ornelle erwähnte, daß sie damals in der Quidditchmannschaft Jägerin gespielt hatte. Daher war Fußball für sie ein reiner Einschlafsport. Pygmalion hingegen interessierte sich für diesen Breitensport der Muggelwelt. Das, so dachte julius nur für sich, war eine gute Grundlage, wenn er mal einen muggelstämmigen Schwiegersohn kriegen sollte. Zumindest hatte er von Babette oder Mayette noch nichts davon gehört, daß Pierre Marceau und Gabrielle Delacour nicht mehr zusammen waren.

Nach der Kaffeepause nahm sich Julius einen bereits als abgehandelt gekennzeichneten Vorgang vor, der die zeitweilige Anwesenheit von Wertigern in Frankreich dokumentierte. Julius mußte sich arg beherrschen, nicht zu erschauern, als er las, daß die Wertiger wohl zur selben Zeit in Frankreich waren wie die Schlangenmenschen und Anthelias Entomanthropen. Sich dann auch vorzustellen, daß die Insektenmenschen damals nicht von Anthelia, sondern Daianira Hemlock angeleitet worden waren brachte noch einen weiteren Gruselmoment in die Angelegenheit. Er hatte eh schon beschlossen, bei reinen Abschreibarbeiten wie ein Roboter zu funktionieren, egal, was er vorgelegt bekam. Doch so ganz konnte er seine Gefühle für die Angelegenheit nicht aus seinem Bewußtsein verbannen. Als er nämlich las, daß die vom Ministerium gesichteten Wertiger nach dem März 1998 unauffindbar waren, dachte er daran, daß auch britische oder amerikanische Ministeriumszauberer diesen Vorgang interessant finden mochten. Als er den Bericht übersetzt und korrekturgelesen hatte fragte er Ornelle, ob es da nicht einen Kompetenzenkonflikt mit der Werwolfabteilung gegeben haben mochte.

"Hätte es gegeben, wenn wir von der Zauberwesenbehörde nicht darauf verwiesen hätten, daß Wertiger in jeder ihrer beiden Erscheinungsformen Willenshoheit besitzen und daher als vollwertig eigenständige Zauberwesen ohne Sonderzuteilung gelten. Aber mit den Desumbrateuren hätten wir fast einen Kompetenzenstreit ausfechten müssen, da Wertiger eindeutig die Produkte dunkler Magie sind, wenngleich nicht geklärt ist, wie sie genau entstanden. Jedenfalls sind seit diesem Zeitpunkt keine mehr gesichtet worden. Das kann daran liegen, daß wir Magieabfallspürsteine ausgelegt haben, die auf die antimagische Aura eines in Tigergestalt herumlaufenden Tigranthropen reagieren."

"Auf jeden Fall schon unheimlich, was es in dem Jahr alles für Ungeheuer in dieses Land verschlagen hat", sagte Julius. Das konnte Ornelle nicht abstreiten. Dann deutete sie auf weitere Pergamente, die Julius zu übersetzen hatte. Er war noch nicht bei der Hälfte dessen, was sie ihm hingelegt hatte.

Als um punkt ein Uhr eine große magische Glocke erklang ging Julius mit Monsieur Delacour in die Kantine. Da die Abteilungsleiter einen eigenen Tisch hatten als die rangniederen Mitarbeiter, sah Julius seine Schwiegermutter nur aus zwanzig Metern Entfernung. Sie lächelte ihn jedoch freundlich an. Zumindest stellte sie sich nicht auf sture Bürokratin wie manche anderen hier, die mit starren Mienen ihr Mittagessen einnahmen.

"Ich weiß nicht, ob Sie bei Ihrer Schwiegertante nicht auch gut untergekommen wären, Julius. Aber bei der guten Ornelle sind Sie auf jeden Fall besser dran als bei Monsieur Lesfeux oder dem Chef der Desumbrateure. Das sind reine Rädchen im großen Uhrwerk."

"Na ja, vielleicht wäre ich bei Madame Grandchapeau auch gut aufgehoben gewesen", sagte Julius.

"Sicher das, aber da wollten Sie ja nicht hin, wenn ich das richtig verstehe", sagte Monsieur Delacour. Julius nickte. Dann sprachen sie über die Familien. Julius erkundigte sich, wie es der kleinen Victoire Weasley ginge, und Pygmalion fragte ihn, ob er es nicht schon bereue, Vater zu sein. Julius verneinte es. "Der Moment kommt erst, wenn Ihre Tochter herausfindet, wie Sie Sachen von ihnen abhandeln kann, Julius. Da habe ich mich doch manchmal gefragt, ob ich mit Töchtern wirklich besser bedient war als mit Söhnen. Meine Frau sagt zwar, daß Veela-Jungen hinterhältiger auftreten, wo Veela-Mädchen charmant und elegant vorgehen. Aber so richtig wissen kann ich das nicht."

"Na ja, sagen wir es so, Pygmalion. Ihre Töchter sind wohl nie zu ihnen gekommen, um sich Ihren Rennbesen auszuleihen, um damit bei den Freundinnen Eindruck zu machen." Monsieur Delacour mußte lachen.

"Nein, Fleur hat nur das beste Ballkleid ihrer Mutter haben wollen, um bei Ihnen in Hogwarts Staat zu machen. Das war dann aber die Sache meiner Gattin." Julius mußte daran denken, daß er Millie Kailishaias Feuerkleid beschaffen wollte. Falls Aurore in fünfzehn Jahren Eindruck machen wollte könnte die dann auf die Idee kommen, es sich auszuborgen. Aber Aurore war gerade einmal froh, wenn sie saubere Windeln umhatte und ihr bunter Strampelanzug nicht zwickte.

Nach dem Mittagessen übersetzte Julius weiter einige alte Vorgänge, manchen aus einer Zeit, wo er noch nicht geboren war. Dabei kam ihm auch eine Akte über einen halben Meermenschen unter, dessen Rechte erörtert wurden, da Meerleute damals noch zu den Tierwesen gezählt wurden, wenngleich sie inoffiziell von der Zauberwesenbehörde verwaltet wurden. Er hatte fast lachen müssen, als er las, ob der betroffene Halbmeermensch das Produkt einer Vergewaltigung seitens einer Wasserfrau war oder als unerwünschtes Ergebnis einer Spielart zwischen Mensch und Tierwesen zu sehen war. Doch er erkannte, daß die Sache für die Behörde und den Betroffenen zu ernst war, als sich darüber lustig zu machen. Überhaupt hatte er den Eindruck, daß Ornelle ihm bewußt Unterlagen zugespielt hatte, die brisante Themen beinhalteten. Er hoffte nur, daß sie ihn nicht die ganze Zeit beobachtete und an seiner Miene oder seiner Körperhaltung ablas, wie er auf welchen Vorgang reagierte. Als er las, daß nach einem Gespräch mit dem zuständigen Amtskollegen aus Großbritannien verfügt wurde, daß der halbe Meermensch voll zaubererweltrechtsfähig sei, weil dort ein gewisser Undarius Glaucos zu einem vollwertigen Zauberer geworden war und sogar Unterricht in Hogwarts erteilt hatte, mußte er doch genauer überlegen. Ja, von den angegebenen Jahren her hatte der unterrichtet, als Aurora Dawn in Hogwarts war. Dem Bericht war jedoch noch ein Anhang beigefügt worden, in dem erwähnt wurde, daß der halbe Meermensch Undarius Glaucos irgendwann jedoch eine voranschreitende Verwandlung zu einem vollständigen Wassermenschen durchlaufen mußte. Woran das lag konnte nicht geklärt werden. Allerdings wurde die Hypothese aufgestellt, daß an den Gerüchten, das Schulfach Verteidigung gegen dunkle Künste in Hogwarts sei mit einem Fluch belegt worden, doch mehr dran sein müsse, trotz der langjährigen Ausübung dieses Faches durch die Zaubertrankbraumeisterin Semiramis Bitterling. Julius wußte längst, daß es mehr als ein Gerücht war. Immerhin hatte er selbst zwei verschiedene Lehrer in diesem Fach erlebt. Lupin mußte gehen, weil seine Lykanthropie bekannt wurde. Moody wurde gegangen, weil es nicht der echte Moody war. Lockhart, den Julius knapp verpaßt hatte, hatte sein Gedächtnis eingebüßt, als er mit dem Heldentrio Potter, Granger und Weasley den Basilisken bekämpft hatte, den Slytherin in der Kammer des Schreckens beherbergt hatte. Nach dem falschen Moody war die unselige Dolores Umbridge Lehrerin gewesen, dann Snape und dann dieser Brutalo Amycus Carrow. Erst seit Voldemorts endgültigem Tod hielt sich ein und dieselbe Lehrerin seit mehr als zwei Jahren sicher: Megan Barley.

"Möchten Sie heute schon Ihre ersten Überstunden machen, Monsieur Latierre, oder möchten Sie Ihren wohlverdienten Feierabend begehen?" fragte Ornelle Ventvit Julius, der vor lauter Übersetzen nicht merkte, wie die Zeit verflogen war. Er schrak auf und sah auf seine Weltzeituhr. Sie zeigte bereits halb sechs Abends. In seinem Geburtsland war es gerade halb fünf nachmittags. Er fühlte seinen Kopf brummen. Doch da war auch das sanfte Pulsieren seines Herzanhängers. Millie war wach und entspannt.

"Kann ich die Sachen hier in den Schreibtisch einschließen?" fragte er. Die Büroleiterin lächelte und sagte ihm, daß der Tisch dafür da sei. Darauf sagte Julius, daß er jetzt Feierabend machen wollte. Sein Kopf schwirrte vor lauter Paragraphen. Am Ende hatte er einen Vertrag zwischen dem französischen Zaubereiministerium und dem Mininisterium von Brasilien zu übersetzen, der vor zwanzig Jahren geschlossen wurde, um den Umgang mit Waldkobolden zu regeln, die auf das Gebiet von Französisch-Guayana vordrangen.

"Sie müssen das nicht alles heute machen. Wir arbeiten nach Ergebnis, nicht nach Zeitersparnis, Monsieur Latierre. Immerhin sind wir in Frankreich und nicht in England."

"Ich dachte nur, ich müßte den Stapel heute noch abarbeiten", sagte Julius. Ornelle umarmte ihren neuen Anwärter. das war die zweite Überraschung des ersten Arbeitstages.

"Junge, ich kriege sicher Ärger mit meinen Kolleginnen Latierre, wenn ich dich verheize und du für deine Familie komplett unbrauchbar wirst. Also, husch, ab nach Hause! Und iß richtig gut, und schlaf dich ja gut aus, bevor du morgen um halb neun wieder hier antrittst!" sagte sie, jetzt eher wie eine Großmutter als eine Vorgesetzte klingend. Dann gab sie Julius aus ihrer Umarmung frei und tätschelte ihm kurz über die Wange.

Als Julius die noch zu erledigenden Sachen verschlossen hatte und per Flohpulver in das Apfelhaus zurückgekehrt war meinte seine Frau: "War doch klar, daß die jetzt wissen will, ob du für sie als Übersetzer was wert bist. Geh mal davon aus, daß die den Krempel alles nachlesen muß, den du schon durchgeackert hast."

"Auf jeden Fall nichts, womit ich nicht gerechnet hätte."

"Was von dem Zeug, daß nicht mit einem C oder einer S-Zahl gekennzeichnet war möchtest du mir erzählen?" Julius erwähnte die einteilung der Meermenschen.

"Habe ich heute von Madame Neirides auch gehört. Die war nämlich bei mir, um sich zu erkundigen, ob sie am Samstag mit uns auf dem Farbensee den Geburtstag ihrer Nichte Feiern darf, oder ob du jetzt, wo du für die ZWB arbeitest befangen seist, was immer das heißt." Julius erklärte ihr den Begriff, so wie er sich an das erinnerte, was sein Onkel Claude ihm mal dazu gesagt hatte. Dann schwante ihm, daß Madame Neirides ja auch eine halbe Meerfrau sein mochte, weil er sie nie mit Dianthuskraut oder dem Kopfblasenzauber hatte tauchen sehen können.

"Und die beiden Cousinen Messier sind beide in die Handelsabteilung rein?" fragte Millie. Julius nickte. Zumindest hatte er sie hinter dem entsprechenden Zauberer herlaufen sehen können.

"Was macht Goldie?" fragte Julius.

"Die zankt sich mit Dusty um jede Maus, die sich hierher verirrt. Wann kriegen die trächtigen Kniesel raus, wie viele Junge sie kriegen?" Julius erwähnte es. "Dann dauert das noch ein wenig."

Es fauchte im Kamin, und Hippolyte Latierre erschien in der Wohnküche.

"Wir hatten ja heute keine Gelegenheit, uns kollegial zu begrüßen, Monsieur Latierre. Gut in unsere Tretmühle hineingefunden oder gleich am ersten Tag zermalmt worden?"

"Im Moment steht Schreiben und Übersetzen auf dem Stundenplan, Madame Latierre", antwortete Julius.

"Klar, mit zweisprachigen Anwärtern hat die gute Ornelle ja seit zehn Jahren nicht arbeiten dürfen, weil die alle gleich in die achso wichtigen Abteilungen wie Handel, Zusammenarbeit, Strafverfolgung oder bei uns in die SUS-Abteilung wollten", sagte Hippolyte Latierre belustigt. Dann erinnerte sie Julius daran, daß am Samstag Vormittag das Spiel der Pelikane gegen die Drachen war. "Diesmal kriegt Corinne den Schnatz nicht zu fassen", sagte Julius' Schwiegermutter. Dann erkundigte sie sich nach ihrer Enkeltochter, prüfte nach, ob es Aurore auch wirklich gut ging und kehrte in ihr eigenes Haus zurück.

"Ich soll ja ausschlafen, hat meine Chefin gesagt", flüsterte Julius, als Millie und er um halb elf im Bett lagen.

"Aurore kräht uns um halb fünf wach. Temmie muht um sieben. Um die kleine kümmere ich mich. Aber um auszuschlafen mußt du erst richtig müde sein", raunte Millie verheißungsvoll. Julius wußte nicht, ob er nicht doch müde genug war. Eine Stunde später wußte er es mit absoluter sicherheit. "Du hältst 'ne Menge mehr aus, als sich die nette alte Dame Ornelle träumen läßt, Monju", hauchte Millie ihrem Mann ins Ohr. Das war dann auch das letzte, was er in dieser Nacht noch bewußt mitbekam.

 

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Wie Julius befürchtet hatte bestand die restliche Arbeitswoche aus reiner Schreib- und Lernarbeit. Zwar drängte Ornelle Ventvit ihn nicht zur Eile. Doch dadurch, daß sie ihm immer wieder neues Übersetzungsfutter auf den Schreibtisch legte zeigte sie ihm schon an, was sie noch alles von ihm verlangte. Um seinen neuen Arbeitsplatz ein wenig aufzuhübschen hatte Julius vier Zaubererweltfotos auf den Schreibtisch gestellt. Eines zeigte ihn zusammen mit Millie und Aurore. Das zweite zeigte ihn zusammen mit seiner Mutter, seiner Frau und den Schwiegereltern bei der Verlobungsfeier in Viento del Sol. Das dritte Foto zeigte ihn zusammen mit Millie und den acht anderen besten Schülern beim Jahresabschlußfest von Beauxbatons. Das vierte zeigte seine Tochter Aurore in ihrer Wiege. Ornelle hatte einmal mit einer gewissen Wehmut auf das Familienbild gesehen. Doch dann hatte sie gesagt: "Erbrachte Leistungen sind nichts, was man verstecken muß, Julius." Daß sie seine Ehe mit Millie als eine Leistung ansah beeindruckte ihn schon, wo er ja fast dazu gekommen war, wie die Jungfrau zum Kinde. Doch was seitdem alles passiert war konnte er schon als hart erarbeitet ansehen, nicht das Vorhandensein von Aurore, das war der angenehmere Teil. Doch die Gefahren, in denen er bereits geschwebt war, die letzte gerade einmal zweieinhalb Wochen her, wären ohne Millies Beistand nicht zu schaffen gewesen.

als er ein Dokument von vor dreißig Jahren bearbeitete, fühlte er schon, daß es tatsächlich nicht um die Normgröße von Lutschbonbons ging. Denn hier hatte er die Akte Apolline in Händen. Apolline war die halbveelastämmige Ehefrau seines Arbeitskollegen Pygmalion Delacour. Es ging darum, ob die Halbveela den damals gerade erst ein Jahr aus Beauxbatons verabschiedeten Amtsanwärter im Zauberwesenbüro mit ihren Veelakräften willenlos und gefügig gemacht hatte, um Pygmalion an sich zu binden. Da wurden doch tatsächlich Vergleiche mit grünen Waldfrauen und den angeblich legendenhaften Töchtern des Abgrundes eingebracht. Es wurde sogar angedacht, ob Pygmalion einen Gleichgültigkeitstrank verabreicht bekommen sollte, um sein Gehirn von den Einflüssen der Halbveela freizuspülen. Alles in allem wurde über zwei Meter Pergament erörtert, ob Pygmalion Létos Tochter heiraten durfte. Ein Grund, der dagegensprach war außer der möglichen Beeinflussung durch die Veelakräfte, daß außer Létos Töchtern mit mehreren Zauberern auch ein Neffe von ihr existierte, ein gewisser Diosan, der jedoch seit einer unrühmlichen Angelegenheit, die nur mit einem Aktenverweis abgehandelt wurde, von seiner Mutter Sarja in den Osten Europas zurückgebracht worden war. Die Frage war auch, wer Diosans Vater war. In dem Vorgang hieß es, daß der betreffende Mensch auch ohne Veelablut schon sehr attraktiv und intelligent gewesen sein mochte. Doch die betreffende Akte sei unter C3 nur für zertifizierte Experten für Zauberwesen mit berührungslos wirksamen Kräften zugänglich. Er wollte Ornelle schon fragen, warum sie ihm, dem Kollegen Pygmalions, diese für diesen so brisante Akte zum Übersetzen anvertraut hatte. Doch gerade rechtzeitig fiel ihm ein, daß sie genau damit seine Diskretion testen mochte. Andererseits war er kein Roboter. Er nahm nicht alles mal eben so hin, nur weil ihm wer sagte, daß er das tun sollte. Doch am Ende erkannte er wieder, daß man ihn in diese Abteilung geholt hatte, weil jemand hoffte, daß er sich und der magischen Welt damit nützen konnte. Sollte er gleich in der ersten Arbeitswoche Probleme ansprechen, die er in seinem zukünftigen Leben immer noch lösen konnte.

 

"Ach, C1-21/250-0080 haben Sie auch fertig?" fragte Ornelle, als Julius nach der zweiten Korrekturlesung die übersetzte Akte zum Einsammeln hinlegte. Er nickte. Wie nüchtern doch etwas rüberkommen konnte, wenn es auf eine einfache Zahlenfolge reduziert wurde, erkannte Julius. Er dachte wieder an Beamte, die einfach nur Formulare ausfüllten und ihre Unterschrift unter Beschlüsse setzten, seien es Anträge auf neue Büroklammern, den Ankauf einer Kaffeemaschine oder Befehle zur Hinrichtung von Angehörigen unerwünschter Personengruppen. Er dachte an Didier und Pétain, die in diesem Gebäude eine aus Angst und Verfolgungswahn genährte Diktatur betrieben hatten. Wie viele untere Beamte hatten da auch nur ihren Job gemacht, Sachen abgezeichnet oder in die formal korrekte Form gebracht?

"Vielen Dank dafür, daß Sie mir zeigen, wie weit ich meine Gefühle mit meinem Arbeitseifer in Einklang bringen kann oder muß", sagte Julius dazu nur. Er hoffte, daß Ornelle es nicht als Ironie oder Heuchelei auffaßte. Tatsächlich fragte sie: "Haben Sie einen Schalthebel, mit dem Sie ihre Gefühle nach Bedarf ein- und ausschalten können?" Julius dachte an den Androiden Data, der von seinem Erbauer einen Emotionssimulationschip bekommen hatte. Den konnte er tatsächlich ausschalten, wenn die ihm fremden Gefühle zu unkontrollierbaren Handlungen ausuferten. Nein, soetwas hatten seine Erbauer nicht eingebaut. Er kannte zwar Tränke, mit denen die Gefühle vorübergehend ausgeschaltet werden konnten. Die hatten aber den beabsichtigten Nebeneffekt, daß der Trinkende alles dabei erlebte unauslöschlich in sein Gedächtnis aufnahm.

"Ich wollte nicht anmaßend rüberkommen oder verlogen oder wie immer, Ornelle. Ich merke nur, daß mich das Lesen dieser Akten manchmal heftig anrührt, auch wenn es Sachen sind, die mich nicht persönlich betreffen. Das muß ich noch lernen, da nicht zu heftig von durcheinandergebracht zu werden."

"Also haben Sie keinen Schalthebel, um Ihre Gefühle nach Belieben ein- und auszuschalten", interpretierte Ornelle seine Antwort als Antwort auf ihre Frage. Er bestätigte das.

"Als ich als junges Hexenmädchen im Ministerium anfing habe ich auch Sachen zu lesen und zu sehen bekommen, wo ich mich gefragt habe, was ich damit anfangen soll, ob ich da nicht besser gar nicht erst was von mitbekommen hätte oder ob ich trotz eindeutiger Anweisungen nicht einen anderen, einen eigenen Weg einschlagen sollte. Bei der Vereidigung haben Sie geschworen, nach bestem können, Wissen und Gewissen zu handeln. Das Gewissen ist das innere Kontrollorgan, das jede Handlung überprüft und bewertet. Mein Gewissen hat mich damals aus dem Geisterbüro hinausgetrieben, weil ich irgendwann fürchten mußte, zu Ungunsten der Lebenden oder Gewesenen zu urteilen. im Büro für humanoide Zauberwesen oberhalb der Jardinane-Größe bin ich als Leiterin jeden Tag damit konfrontiert, zwischen dem Wohl der Menschen und dem der denk- und empfindungsfähigen Zauberwesen abzuwägen. Dabei kann es zu Situationen kommen, wo der nüchterne Verstand klar vorgibt, was die richtige Lösung ist, diese aber auf jeden Fall eine Seite beeinträchtigt. Wer nur der Bürokratie wegen in einer Behörde arbeiten möchte darf nicht in eine Abteilung, die über das Schicksal von Lebewesen befindet. Denn da besteht zu viel Spielraum, bleibenden Schaden anzurichten. Das ist der Grund, warum ich in dieser Abteilung bin, um den Stuhl besetzt zu halten, auf dem sonst wer sitzen könnte, der nur nach Verstand vorgeht. Sicher können Gefühle bei der objektiven Entscheidung stören. Viele Leute schreien sofort nach der Ausrottung von grünen Waldfrauen, wenn mal wieder ein Kind verschwunden ist oder ein halbwüchsiger Junge von einer Waldfrau als Arterhaltungssklave mißbraucht wird. Doch wir wissen nicht genug von diesen Wesen, um sie mal eben alle umbringen zu dürfen. In der Menge Aktenmaterial, daß ich Ihnen zur Übersetzung vorgelegt habe, befindet sich auch die Korrespondenz zwischen meiner Abteilung, der Abteilung für Tierwesen, der Unfallumkehrtruppe und dem Ausschuß zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe, als die Riesin Meglamora, die Sie ja auch schon persönlich getroffen haben, in unser Land kam. Lesfeux war der Ansicht, die Riesin unverzüglich zu töten. Madame Barbara Latierre, damals noch Madame Maxime und ich waren der Meinung, daß es voreilig sei und die Riesin bei sicherer Unterbringung keine Gefahr für ihre Umwelt darstellen würde. Wer sich durchgesetzt hat ist Ihnen ja bekannt. Vom reinen Verstand her war der Kollege Lesfeux im Recht. Die Gefahrenlage war unübersichtlich und unsere Möglichkeiten sehr gering, die Riesin zu bändigen. Aber wir haben dazugelernt und nun bessere Möglichkeiten an der Hand. Am Besten Sie bearbeiten noch die Akte C1-21/262-2303. Die ist nicht so schwerverdaulich wie C1-21/250-0080."

Julius nahm die einen Meter Pergament umfassende Akte zur Hand und erkannte, daß es wirklich leichter war, sich mit der Beschreibung isländischer Huldren zu befassen als mit dem Familienleben seines Arbeitskollegen. Dann war auch schon wieder feierabend.

Da er Millie nur die Sachen erzählen durfte, die nicht mit V für Vertraulichkeit gekennzeichnet waren, konnte er ihr an diesem Tag nichts aus dem Beruf schildern. Er erwähnte aber Ornelles Bemerkung zum Umgang mit Verstand und Gefühlen.

"Bei der bist du wirklich richtig, Monju. Kann mir vorstellen, daß du auch mal Sachen wie über Oma Tetie vorgelegt kriegst und dann daran denken mußt, daß ich und Aurore ja auch von ihr abstammen, aber du mir darüber nichts sagen darfst. Aber wenn meine Schwiegermutter recht hat, dann mußt du den Krempel wohl nur noch eine Woche durchhalten. Falls es doch länger dauert, hat Martha noch was neues dazugelernt."

 

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Am Samstag sahen Julius und seine Frau dem Quidditchspiel der Pelikane gegen die Drachen zu. Er staunte immer wieder, wie schnell die professionellen Spieler manövrieren konnten. Michelle Dornier hatte sich nach der Weltmeisterschaft ganz auf die Position der Jägerin eingespielt. Sie schaffte sieben Tore und legte zwei vor. Nach anderthalb Stunden kam der Augenblick der Entscheidung. der Neue Sucher der Pelikane und Corinne Duisenberg von den Dijon Drachen hatten den goldenen Schnatz gesehen. Der geflügelte Ball flitzte gerade auf halber Höhe um die mittlere der drei Torstangen auf der Seite der Pelikane. Das sah ganz nach einer ausgemachten Sache für die Lokalmatadoren von Paris aus. Denn Simon L'ordoux, der kleine aber schmächtige Sucher der Pelikane, der vom Haar her Harry Potter ähnelte, jedoch strahlendblaue Augen besaß, wurde anstandslos von seinen Jäger- und Treiberkollegen durchgelassen. Corinne hätte so nicht an den Schnatz kommen können. Sie stürzte sich jedoch steil nach unten. Beinahe sah es so aus, als ob sie ihren Besen ins Spielfeld rammen wollte. Doch knapp einen Meter über Grund riß sie ihr Fluggerät in die Waagerechte. Ein "Uiii" ging durch die Zuschauerreihen. Corinne zischte im absoluten Tiefflug unter den Treibern und Jägern durch, die erst jetzt befanden, die gegnerische Sucherin vielleicht noch aufhalten zu müssen. Kurz vor dem Torraum vollführte Corinne den Rosselini-Raketenaufstieg. L'ordoux war nur noch zwei Meter vom Schnatz entfernt. Da stieß Corinne von unten hoch. Zwei Klatscher zischten auf die kleine, kugelrunde Sucherin der Drachen zu. Sie riß ihren rechten Arm zur Seite und fegte mit der Hand nach oben. L'ordoux warf sich lang über den Besenstiel. Dabei schwang sein Hinterteil nach oben. Der Besen bekam zu viel Druck nach unten und verlor in einer Sekunde drei Meter Höhe. Damit manövrierte sich L'ordoux selbst aus. Corinne fing den gerade losfliegenden Schnatz mit der nach oben schnellenden Hand auf und stieg damit im Senkrechten Aufstieg nach oben. Einer der Klatscher streifte die äußersten Spitzen ihres Besenschweifs und knallte selbst über den Jubel der Drachen-Fans hörbar gegen die mittlere Torstange. Der Rückprall ließ den Klatscher gegen seinen Zwillingsbruder krachen, der wie eine kräftig angestoßene Billardkugel davonsauste und dabei fast Michelle Dornier im Rücken traf. Jedenfalls hatte Corinne den Schnatz und damit als erste Sucherin der neuen Saison 150 Punkte für ihre Mannschaft erspielt. Sah der Torvorsprung der Pelikane vor dem Schnatzfang noch nach klarem Sieg aus, so überholten die Drachen die Pelikane um zwanzig Punkte.

Die Fans der Drachen freuten sich. Sie ließen Flammenfontänen und Feuerbälle aus ihren Zauberstäben herausfliegen. Dadurch konnten die Sieger ihre Ehrenrunde nur genau über der Spielfeldmitte fliegen. Die Pelikane standen verdrossen auf dem Feld und schienen mit L'ordoux zu streiten, warum der so ungeschickt an den Schnatz herangeflogen war. Millie meinte zu Julius:

"Offenbar war L'ordoux für die anderen Mannschaftspositionen nicht geübt genug. Da Werden sich Quaffel & Co. und die beiden Zeitungen aber heftig überschlagen, ob Michelle nicht besser doch wieder die Sucherin macht."

"Er hat sein eigenes Gewicht unterschätzt", stellte Hippolyte Latierre klar. "Wenn er sich nicht so ungestüm nach vorne geworfen hätte wäre er nicht nach unten durchgesackt. Eigentlich ein grober Anfängerfehler." Julius wußte auch noch zu gut, wie schnell ein hochgezüchteter Rennbesen jede Körperverlagerung und jede Handstellungsänderung beantwortete. Womöglich war L'ordoux noch nicht ganz mit dem Ganymed 12 warm geworden, den die französischen Quidditchmannschaften in dieser Saison alle flogen.

Trotz der Niederlage der Pelikane sah es Hippolyte nicht ein, nicht mit ihren Verwandten im Mondscheincafé ihrer Cousine Artemis Orchaud zu feiern. Wie lange war Julius schon nicht mehr hier gewesen? Das innere des Cafés sah immer noch so aus, als säßen die Gäste unter sternenklarem Himmel, wobei der Mond in der gerade auch in der Natur sichtbaren Phase herableuchtete. Da konnte es sonnenheller Mittag oder die Mitternachtsstunde sein. Hier im Café von Artemis Orchaud, die von ihren Verwandten Temmie gerufen wurde, schien immer der Mond von der bezauberten Decke herab. Die weiß leuchtenden Lampen tauchten die Gesichter der Gäste in gespenstisches Licht, und die Wirtin und ihre Bediensteten hinter der halbmondförmigen Theke hatten immer noch viel zu tun. Julius sah hier aber nur Leute, die mit ehemaligen Mitschülern aus dem roten Saal verwandt waren. Irgendwie mußte er sich da schon privilegiert fühlen, als ehemaliger Bewohner des grünen Saales von Beauxbatons überhaupt hineingelassen zu werden.

Nach einem reichhhaltigen Mittagessen reisten Millie und Julius mit ihrer Tochter zurück nach Millemerveilles. Denn am Nachmittag waren sie mit den Dusoleils, Delamontagnes, Lagranges und Dumas' zu einer besonderen Geburtstagsparty auf dem Farbensee eingeladen.

"Ich habe es wohl mitbekommen, daß deine Mutter einen Trick angewandt hat, um dem Erlaß auszuweichen, sich vom Ministerium freistellen zu lassen, um bei mir weiterzuarbeiten", raunte Geneviève Dumas, als sie am Ufer des Farbensees auf Julius traf. Dieser tat unschuldsvoll und fragte, was sie meine.

"Daß sie sich mit einem US-amerikanischen Zauberer verlobt hat und wohl demnächst zu ihm zieht, womit sie den Hoheitsbereich des französischen Zaubereiministeriums verläßt", grummelte Sandrines Mutter. Julius nickte. Natürlich hatte er schon damit gerechnet, daß die Schulleiterin von Millemerveilles das irgendwann erwähnen würde. "Bestell ihr bitte von mir alles gute, daß sie mit dem, was sie sich vorgenommen hat ihre wertvollen Kenntnisse und Fähigkeiten immer einsetzen kann und sich nicht langweilt!" gab Geneviève Julius noch mit. Dann sahen sie Madame Neirides, die Betreuerin des Farbensees.

"Schön, Florymont, daß du nicht auf die Idee gekommen bist, dein eisernes Unterwasserschiff hier anzulegen. Meine Verwandten möchten es nicht genau über ihrer Siedlung haben", sagte Madame Neirides. Dann winkte sie mit ihrem Zauberstab ein großes Boot mit niedrigen Bordwänden herbei. Eine lange Planke schob sich vom Boot aus ans Ufer. Wie von Geisterhand wurden dicke Taue an hüfthohen Pollern befestigt. Die geladenen Gäste, die wegen der immer noch warmen Spätsommersonne wie erbeten nur in Badekleidung angetreten waren, gingen an Bord. Millie setzte sich mit Aurore in die Mitte einer der vier Bänke, die wie Sitzbänke in einer Kirche angeordnet waren. Auch Jeanne und Eleonore besetzten mit ihren ganz jungen Kindern die Mitte der Bänke. Im Moment schliefen Aurore, Giselle, Janine und Belenus. Doch das konnte sich jederzeit ändern.

Die Laufplanke wurde eingezogen. Die Vertäuung löste sich wie von Geisterhand, und das Boot glitt auf den See hinaus. Warum der See "See der Farben" hieß erschloß sich seinen Besuchern nur dann, wenn sie mit magischen Hilfsmitteln unter seine Oberfläche tauchten und die Farbenpracht der von der Mittelmeersonne erreichten Wasserpflanzen bestaunten.

Mitten auf dem See verhielt das magisch angetriebene Boot. Es wippte auf den sachten Wellen und blieb auch ohne Anker am Ort. Keine zwei Minuten später tauchten Köpfe mit graugrünen Haaren aus den im Sonnenlicht golden glänzenden Fluten auf. Julius erinnerte sich an seinen allerersten Ausflug zum See der Farben, wo er noch mit Hilfe von Dianthuskraut getaucht war. Dann bemerkte er drei Wassermenschen, die ihre Oberkörper in blau und gelb schimmernde Gewänder aus Pflanzensträngen gehüllt hatten. Eine Nixe mit hellblauen Augen trug um ihren silbergrauen Fischschwanz einen Ring aus grünem Tang, in den bunte Unterwasserblüten eingeflochten waren. Madame Neirides gab schnarrende und glucksende Laute von sich. Der älteste Wassermann, der eine Kette aus Muscheln und Fischgräten trug, antwortete in derselben Sprache. Dann schwamm die geschmückte Wasserfrau vor. "Darf ich Ihnen allen meine Nichte Carassia vorstellen? Sie vollendet heute ihr dreiunddreißigstes Lebensjahr." Die Insassen des Bootes klatschten und beglückwünschten die Wasserfrau, die kokett mit dem kraftvollen Fischschwanz wedelte und die langen Schwanzflossen fächerartig durch die Luft peitschen ließ. Wie muntere Delphine sprangen drei Wasserleute aus dem See heraus, schlugen in der Luft einen Salto und klatschten zurück in die golden glänzenden Fluten. Carassia tauchte nun auch ganz aus dem Wasser auf und balancierte ihren Körper gekonnt auf der schnell und schwungvoll kreisenden Schwanzflosse, die senkrecht war wie bei den natürlichen Fischen, nicht waagerecht wie die Fluken von Meeressäugetieren. Sie wedelte mit ihren nackten, leicht blauschuppigen Armen. Ihr restlicher Oberkörper steckte in einer Art Bikinioberteil aus bunten Blütenblättern. Sicher hatten Pflanzen aus dem Farbensee dafür herhalten müssen. Julius staunte, daß sich die Wassermenschen so unbekümmert an der Wasseroberfläche bewegten, wo die freie Luft nicht ihr eigentliches Lebenselement war. Carassia wirkte dafür, daß sie schon dreiunddreißig Jahre alt war sehr jung. Julius wußte natürlich, daß Wassermenschen mehrere hundert Jahre alt werden konnten. Jetzt, wo sie für die magischen Behörden die längst überfällige Umstufung zu eigenständig handlungsfähigen, sprachfähigen Zauberwesen erfahren hatten, würde er sich noch mehr mit dieser Lebensform befassen. Wie gut war es da, diese Wesen zu Nachbarn zu haben. Delamontagnes Zauberwesenseminar hatte jedoch schon gute Vorkenntnisse ermöglicht.

Anders als bei Menschen wurde ein Geburtstag bei Wasserleuten nicht damit begangen, daß der zu feiernde Kerzen auf einer Torte ausblasen sollte. Zum einen war außer Magnesium nichts im Stande, eine gleichmäßige Flamme unter Wasser brennen zu lassen. Zum anderen verabscheuten die Wassermenschen das offene Feuer. Auch die Sonne gefiel ihnen nicht. Das erkannte Julius daran, daß die Eskorte des Geburtstagskindes nach nur zwei Minuten Wasserballett mit Kunstsprungeinlagen bis auf die direkten Verwandten der jungen Seejungfrau abtauchten. Carassia sprach über Wasser kein Französisch. Deshalb mußte Madame Neirides übersetzen. "Gibt's bei euch im Amt auch Meerischkurse?" fragte Millie ihren Mann verwegen. Julius wiegte den Kopf und erwiderte, daß er die Frage gerne weitergeben würde. Dann meinte er noch: "Wenn die mehr als dreihundert Jahre alt werden, hoffentlich muß ich dann keine zwanzig Jahre lernen, bis ich die Sprache kann."

"Wobei es dann womöglich auch noch verschiedene Dialekte und womöglich auch Sprachen gibt, Atlantisch, Pazifisch, Bodenseeisch oder sowas", grinste Millie. Julius nickte. Dann beschloß er, den Stier bei den Hörnern zu packen und ging zu Madame Neirides, um sie zu bitten, ihrer Nichte seinen Glückwunsch auszurichten. Bei der Gelegenheit durfte er ihr auch eine kleine Perle überreichen, die das Wasserfräulein auf einen haardünnen Tangstrang zog, an dem schon mehr als ein Dutzend Perlen aufgereiht waren. "Wenn sie so viele Perlen auf den Tangstrang ziehen kann, wie sie Jahre alt ist, hat sie im nächsten Jahr nur Glück, heißt es", sagte die Pflegerin des Farbensees. Julius fragte, ob die Wassermenschen unterschiedliche Sprachen sprächen. Die Tante Carassias fragte im Gegenzug, ob das jetzt eine amtliche oder rein interessenmäßige Frage sei. Julius erwiderte, daß ihn als Privatmann das interessiere, wenngleich er auch in seiner Anstellung sicher davon profitieren würde, wenn er das sicher wüßte.

"Die Wassermenschen sprechen über Wasser dieselbe Sprache, egal ob sie in großen Seen, Meeresbuchten oder der mittleren Tiefsee wohnen. Allerdings lernen sie die Sprachen der Menschen, die auf ihren Gewässern fahren oder an deren Ufern leben beziehungsweise unterrichten ihre Kinder in diesen Sprachen." Julius fragte, ob Meerisch schwer zu lernen sei. "Da müßtest du Jahrelang mit Wasserleuten immer wieder guten Kontakt haben und mit ihnen gut auskommen, damit sie lange genug an der Wasseroberfläche bleiben, um Meerisch zu sprechen. Oder du müßtest in einer Wassermenschenkolonie aufwachsen und es von den Bewohnern lernen", sagte Madame Neirides. Julius verstand den Wink. Madame Neirides, die ohne Kopfblase unter Wasser schwimmen konnte, war in einer solchen Kolonie, womöglich der unter ihnen liegenden, aufgewachsen. Dann mochte ihre Mutter eine Wasserfrau gewesen sein. Die Neugier piesackte ihn, sie nach ihrer eigenen Familiengeschichte zu fragen. Doch er wollte die Feierstimmung nicht durch zu private Fragen kaputtmachen. So fragte er nur noch, wie lange ein Landbewohner brauchte, um Meerisch zu lernen.

"Wie erwähnt hängt das von den guten Kontakten zu Wasserleuten ab. Die einen brauchen fünf Jahre, die anderen ein halbes Leben. Allerdings sind solche Leute dann sehr begehrt bei den entsprechenden Ministerialabteilungen, wozu auch die Strafverfolgungsbehörde gehören kann, da sich deren Meerisch sprechende Angehörige auch ohne Gedankensprechen für andere unverständlich verständigen können." Julius nickte. Sowas ähnliches hatten ja die amerikanischen Streitkräfte im zweiten Weltkrieg ausgenutzt, wo indianische Funker wichtige Meldungen in ihrer Muttersprache ausgetauscht hatten, was kein mathematisch basiertes Entschlüsselungsverfahren knacken konnte.

"Deine Vorgesetzte bekommt in den nächsten Tagen noch einmal einen Brief von mir. Das darfst du ihr offiziell mitteilen", flüsterte Madame Neirides noch. Dann winkte sie Viviane heran, die von ihrer Mutter eine bunte Perle in die Hand gedrückt bekommen hatte. Julius nickte Carassia zu, die schnell noch einmal untertauchte, um ihre Haut zu kühlen und zu befeuchten und ihr gewohntes Atemgemisch einzusaugen. Er bedankte sich bei Undine Neirides für die Information und kehrte zu seiner Frau zurück.

"Ich habe mir schon den richtigen Job ausgesucht", stellte Julius fest. Natürlich hoffte er, daß er diese Bemerkung nicht irgendwann bereuen mußte. Millie erwiderte darauf nur, daß Madame beziehungsweise Mademoiselle Maxime ja auch Meerisch gekonnt hatte. Doch das wußte Julius auch schon längst. Immerhin hatte er drei Monate seines Lebens in unmittelbarer Nähe der früheren Schulleiterin von Beauxbatons zugebracht.

Als die Sonne unterging tauchten noch einmal alle Wasserleute aus dem See auf und winkten mit Tangwedeln, während die Landmenschen im Boot noch ein Geburtstagslied anstimmten. Darauf antworteten die Wasserleute mit einem sphärischen Gesang, der aus gerade einem Meter unter der Wasseroberfläche zu ihnen emporscholl. Dann war die Feier der beiden so unterschiedlichen Gruppen vorbei. Das Boot glitt auf magische Weise zurück an das Ufer. Die Haltetaue flogen wie von selbst um die Poller. Die Laufplanke fuhr von alleine aus. Madame Neirides bedankte sich bei ihren Mitfeiernden und verkündete, daß Carassia mehr als dreiunddreißig Perlen für ihre Geburtstagskette erhalten hatte und damit wohl ein glückliches Lebensjahr vor sich hatte.

Millie und Julius luden die Dusoleils noch zu einer Plauderstunde ins Apfelhaus ein. Julius durfte seinen verschwägerten Verwandten erzählen, wie die erste Woche für ihn verlaufen war.

Am Sonntagnachmittag trafen sich die Latierres bei Millies Blutsverwandten im Château Tournesol. Barbara Latierre ließ anklingen, daß sie Julius auch gerne in ihre Abteilung herübergeholt hätte, es aber einsah, daß er bei den Zauberwesen mehr gefordert sei als bei denen, die magische Wild- und Haustiere zählten und verwalteten. Julius wußte nicht, ob er Ornelles Bemerkung von der Wichtigkeit des Gewissens im Bezug zu reinen Verstandesentscheidungen erwähnen durfte. Deshalb sagte er nur, daß er hoffte, bald noch mehr eigenständig handlungsfähige Zauberwesen treffen zu können. Darauf antwortete seine Schwiegertante nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.

 

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Julius bekam nach fünf weiteren bereits abgelegten Vorgängen noch einmal das ministerielle Register für Aktenbezeichnungen vorgelegt, das er am ersten Tag schon einmal studiert hatte. Es ging jetzt aber darum, die Zuteilungskriterien zu übersetzen, und zwar in Fließtext für eine Zeitungsveröffentlichung. "Immerhin könnte es Ihnen mal passieren, daß Sie in meinem Auftrag den formalen Vorgang eines Ereignisses für unsere wachsamen Mitglieder der Nachrichtenverbreiter zusammenfassen müssen. Anders als andere Ämter, womöglich auch bei Ihnen in der magielosen Welt, leisten wir uns keine übergeordnete Presseabteilung. Wer von uns Auskunft erhalten darf geht aus den Aktenpräfixen hervor, die Sie ja kennen. Bitte schreiben Sie mir auf Englisch einen kurzen Bericht über das bei uns seit 1723 geltende Ablagesystem, Julius!"

"Selbstverständlich, Ornelle", erwiderte Julius.

An und für sich war das Ablagesystem im Zaubereiministerium einfach. Es gab vier Bereiche: Das Ministerbüro, die Strafverfolgung und die Desumbrateure bildeten den ersten Abschnitt, wobei das Büro des Ministers die Kennzahl 10 besaß und die Strafverfolgung als Aktenkennzahl 11 geführt wurde. Das Büro für magische Ausbildung und Studien, das für Familienstand und das für das friedliche Zusammenleben zwischen Menschen mit und ohne Zauberkräfte waren diesem großen Abschnitt zugeordnet. Seine Mutter und Laurentine konnten unter der Aktenkennzahl 19 ihre Vorgänge dokumentieren. Abschnitt 2 betraf die magischen Lebewesen, Zauberwesen, Tiere und Pflanzen. Hier gab es das Büro des Leiters an sich, der mit der Kennzahl 20 geführt wurde. Die Zauberwesenabteilungen inklusive Zwergen- und Koboldverbindungsbüro hatten die Kennzahlen 21 bis 26, Wobei die mit 26 bezeichnete Unterbehörde die meisten Akten des letzten Jahres produziert haben mochte. Denn dieses Büro war die Vampirüberwachung und -beschränkung. 27 und 28 waren das Tierwesenbüro und die Ungeziferbekämpfung, und 29 das Geisterbüro, wobei es noch den Unterposten 29a gab, der die Verwaltung von Spukhäusern innehatte. Abschnitt 3 betraf alles, was mit magischer Fortbewegung und Freizeitgestaltung zu tun hatte. Hier war die mit einer 0 besetzte Instanz der Leiter der Personenverkehrsabteilung und die mit 35 bezeichnete Instanz die Leitung der Spiele- und Sportabteilung, derzeit also Julius' Schwiegermutter. Abschnitt 4 war die internationale Abteilung, also internationale magische Zusammenarbeit, Konföderation und Handel. Aktenkennzahl 40 stand hier für den Leiter der Abteilung für magische Zusammenarbeit, in diesem Fall also Monsieur Chaudchamp, der auch beim Trimagischen Turnier anwesend war. Hier war auch das Büro für experimentelle Magie untergebracht, da dort nicht nur magische Vorgänge erforscht, sondern Erfindungen auf ihre Brauchbarkeit und Ungefährlichkeit getestet wurden. Damit war schon gut zu erkennen, welche Abteilung für einen Vorgang zuständig und ausführend gewesen war. Hinter dem Schrägstrich kam die seit dem ersten September 1723 laufend erhöhte Zahl des betreffenden Jahrgangs. Derzeit galt Jahrgang 277. Alle davor entstandenen Dokumente lagerten im Archiv mit römischen Jahreszahlen und Monatskürzeln ohne Zuteilung für bestimmte Abteilungen. Die Nummer nach dem Bindestrich bezeichnete den zeitlich folgenden Vorgang der entsprechenden Bewertungsstufe. Die wiederum stand ganz vorne. A1 bis A5 für allgemeine Veröffentlichung, L1 für Gesetzentwürfe, LA für aktuell gültige Gesetze, LI für nicht mehr geltende Gesetze, PE für provisorische Erlasse. Sobald ein großes C einer Akte voranstand galt sie als Vertraulich, wobei die Ziffern 1 bis 3 bestimmten, welche Rangstufe in der Abteilung diese Akten lesen und besprechen durfte. Alles was mit dem Buchstaben S und einer Ziffer von 1 bis 0 gekennzeichnet war unterlag der Geheimhaltungsstufe. Wer diese Akten lesen oder die damit dokumentierten Vorgänge bearbeiten durfte wurde von der Wichtigkeit und Geheimhaltungsverantwortung bestimmt. Dabei wurde der Kreis der Informationsberechtigten von Stufe zu Stufe kleiner, wobei bei S0, eigentlich Geheimhaltungsstufe 10, gerade der zuständige Leiter der Abteilung, dessen für den Auftrag ausgewählte Mitarbeiter mit entsprechender Einstufung und der Zaubereiminister etwas erfahren durften, sonst keiner. Julius wußte, daß seine Erlebnisse außerhalb dieser Akteneinteilung lagen. Denn diese Ereignisse wanderten gleich in den Hochsicherheitstresor des Zaubereiministers persönlich. Nur dieser wußte, was in diesem magischen Sicherheitsraum gelagert war, was auch hieß, daß er seinem möglichen Nachfolger Sachen vorenthalten konnte. Das war das ganze Prinzip der Akteneinteilung. So schrieb es Julius auch auf Englisch ab. Dabei merkte er, daß er sich diese Ablageform damit selbst gut einprägte.

Als er den nur zur Übung erstellten Fließtext fertig hatte und die noch auf seinem Tisch liegenden Vorgänge durchging, las Ornelle Ventvit den englischen Artikel durch.

Wie in den letzten Tagen verflog die Zeit. Julius merkte erst, daß es schon wieder Nachmittag war, als ein Memoflieger durch die darauf abgestimmte Klappe in der Wand hereinflog und punktgenau vor Julius auf dem Schreibtisch landete. Er stutzte. Er hatte bis jetzt fünf Memos hergestellt und ins Archiv geschickt, um zu demonstrieren, wie er Anfragen weiterleiten konnte.

"Ähm, das Memo ist bei mir gelandet. Könnte dies ein Irrläufer sein?" fragte Julius.

"Eigentlich nicht, weil die namentlich erwähnten Adressaten über ihre Schreibtische den Memos klar zugewiesen sind", erwiderte Ornelle. "Wenn das Memo bei Ihnen landete, dann hat jemand eindeutig Sie angeschrieben", erwiderte Ornelle Ventvit. Da segelte ein weiteres Memo durch die Wandklappe und kam schliddernd auf Ornelles Schreibtisch zu liegen. Julius nahm den zwischen die leicht zitternden Tragflächen des kleinen Fliegers gesteckte Mitteilung. Tatsächlich stand da "An Julius Latierre, Büro 21". Er erkannte die Handschrift. Das Memo kam von seiner Schwiegertante. Er entfaltete den Zettel vollständig und las:

Betrifft Abschluß des Vorganges A5-21/277-0022 und A5-27/277-0022

Bitte um Termin für abschließende Absprache mit ihrer Vorgesetzten, mir persönlich, meinem Mitarbeiter Lamarck und Ihnen!

 

Barbara Latierre

Julius erschauerte. War es jetzt schon so weit? Er hatte ja gehört, daß die beiden Riesen Grawp und Meglamora einander vorgestellt werden sollten, um möglicherweise zusammengebracht zu werden. Deshalb waren in den letzten Monaten sicher mehrere Eulen zwischen Frankreich und England herumgeflogen. Hatte er den Vorgang, der da erwähnt wurde gelesen? Bisher nicht. Er teilte Ornelle mit, daß um ein Treffen mit ihm und der Abteilungsleiterin für magische Tierwesen gebeten wurde. Ornelle Ventvit bestätigte das. "Benutzen Sie den selben Memoträger für die Rückantwort und fügen Sie als Termin und Uhrzeit morgen und neun Uhr an!" wies Julius' Vorgesetzte den neuen Mitarbeiter an. Dieser bestätigte und schrieb auf einem kleinen Zettel für Memos die Rückmeldung und die vorgegebene Uhrzeit. Dann faltete er den Zettel klein genug, daß er zwischen die Flügel des Memoträgers gesteckt und befestigt werden konnte. Dabei galt, den Betreff und Namen des Empfängers gut lesbar außen stehen zu haben. Dann warf er den Memoflieger einfach in die Luft. Das bunt schillernde Papierflugzeug schwirrte erst die Wand entlang, bevor es im 80-Grad-Winkel abbog und pfeilgerade durch die vor ihm aufschwingende Memoklappe wischte. Der Memoflieger würde nun einige Türen weiter fliegen und dort in das Büro seiner Schwiegertante hineingleiten. Hätte der Flieger die Etage wechseln müssen, so wäre er vor den Aufzügen in eine Warteschleife eingeschwenkt, hätte sich mit den Fahrgästen in die entsprechende richtung eine Kabine ausgesucht und wäre auf dem Zielstockwerk einfach wieder hinausgeflogen. Dabei durfte es von keinem Menschen berührt werden. Ein Körperabstandszauber in den Flügelspitzen sorgte dafür, daß es bis zum festgelegten Adressaten nicht ergriffen oder mit einem Körperteil berührt werden konnte. So wurde sichergestellt, daß Memos nicht von Unbefugten gelesen werden konnten. An sich schon anders als die Verständigung via hauseigener Telefone oder lokaler Computernetzwerke, dachte Julius. Vor hundert Jahren waren dafür noch Eulen benutzt worden. Deshalb aber hatten die ministeriumseigenen Hauselfen immer wieder in den Fluren, Aufzügen oder Büros apparieren müssen, um Eulendreck und ausgewürgte Mäusefelle und -knochen fortzuputzen. Das hatte den Betrieb doch sehr verzögert. Mit den Memofliegern war das jetzt wesentlich einfacher und vor allem sauberer.

"Wie weit Sind sie mit C1-21/200-1212, Julius?" Der Gefragte blickte auf das Deckblatt der gerade ganz oben liegenden Akte und bedauerte, damit erst jetzt anfangen zu können. "Können Sie morgen erledigen, Julius. Lesen Sie bitte den im Memo von Madame Latierre, Barbara bezeichneten Vorgang durch, um Ihren Wissensstand anzugleichen!" wies Mademoiselle Ventvit ihn an. Julius nickte und suchte den bezeichneten Vorgang. Der lag natürlich ganz unten. Ob Ornelle dies beabsichtigt hatte oder nicht mußte ihm egal sein. Zumindest konnte er lesen, daß es nach längerer Absprache geplant wurde, in den Pyrenäen ein für normalgroße Menschen unbetretbares Gebiet für eine kleine Riesenpopulation einzurichten, sofern es möglich war, daß die gerade mit ihrem Sohn Ragnar zusammenlebende Riesin Meglamora mit dem Riesen Grawp friedlich, ja familiär zusammenkommen und verpartnert bleiben wollte. Hierzu sollten außer den Abteilungsleitern für humanoide Zauberwesen und Tierwesen aus Frankreich und England auch die beiden nahen Verwandten der beiden Riesen, Mademoiselle Olympe Laura Geneviève Maxime und Mister Rubeus Hagrid anwesend sein. Julius fühlte, daß dies wohl der erste Außeneinsatz sein würde. Seine Mutter mochte recht bekommen, daß er gerade nur zwei Wochen Schreibdienst hatte schieben müssen. Da die Akten die Vorprägung A5 trugen, war geplant, die magischen Medien über das Ergebnis dieser Zusammenführung zu informieren. Die Zahl 5 stand jedoch dafür, daß hierfür alle ministeriellen Beamten ihre Zustimmung erteilen mußten und sich auch noch aussuchen konnten, welcher Journalist über diese Angelegenheit berichten durfte. A1 war sozusagen für alle interessierten Berichterstatter, wobei der zuständige Beamte selbst die Bekanntmachung öffentlich machen konnte, wenn er oder sie wollte.

"Aufgeregt?" fragte Ornelle, nachdem Julius den entsprechenden Vorgang durchgelesen hatte und fast schon wie ein Automat die wichtigsten Punkte im Geist übersetzt hatte. Er mußte zugeben, daß er schon überrascht war, daß Barbara Latierre ihn bei der Unterredung dabeihaben wollte.

"Oha, nicht untertreiben, junger Mann, das könnte mir doch mal sehr mißfallen", schnarrte Ornelle mit warnendem Unterton. "Immerhin haben Sie ja die Diskussion mitbekommen, bei wem Sie nun besser aufgehoben sein sollten, auch um den mit der Akte bezeichneten Vorgang zum Abschluß zu bringen. Sie kennen sowohl meine Kollegin Latierre, sowie die Mademoiselle Maxime, wie den Monsieur Hagrid und können daher auch als Vermittler auftreten. Abgesehen davon läuft Ihre Innendiensterprobung ja schon übermorgen ab." Julius sah Ornelle leicht unbehagt an und fragte vorsichtig, was damit gemeint sei. "Ja, haben Sie allen Ernstes nur eine Sekunde gedacht, ich würde Ihre durch die UTZs klar bezeichneten Talente durch reinen Innendienst vergeuden? Entweder haben Sie da nicht so viel von sich gehalten oder empfinden meine Einschätzung als nicht gerade hoch. Im letzten Fall hoffe ich sehr, daß Ihr Urteilsvermögen sich schnell ändert, damit es nicht zu vermeidbaren Mißverständnissen zwischen uns kommt. Mit dem Abschluß des Anbahnungsversuches beginnt sozusagen Ihr wahres Berufsleben in meiner Abteilung." Julius nickte nur. Seine Mutter besaß doch eine gute Menschenkenntnis. Besser, sie hätte sicher auch nicht anders gehandelt.

So klang der Nachmittag mit einer Vorabbesprechung aus, bei der Julius die Einzelheiten erfuhr, die seit seinem letzten Besuch bei Meglamora abgesteckt worden waren. Dann war auch schon wieder Feierabend.

"Und tante Babs will auch, daß du mit ihr und Mademoiselle Ventvit zu diesem Treffen reist?" wollte Millie wissen. Julius nickte.

"Dann wirst du erleben, wie eine amtliche Reise beantragt, begründet und bürokratisch abgeklärt wird. Ist zwar keine Auslandsreise, aber wohl auch schon heftig genug. Tine hat mir geschrieben, als wir die Apparierstunden hatten, daß ein heftiger Formularaustausch zwischen Spanien und Frankreich stattfand, wer da warum mal eben über die Grenze gemußt hat. Bei vorangemeldeten Auslandsreisen gilt, daß die Ministeriumsabteilungen im Zielland darüber in Kenntnis gesetzt werden, wer wann weshalb zu ihnen kommt, wie auch der für die Ministeriumsausgaben zuständige Schatzmeister, in dem Fall Belles Schwiegervater, über den Umfang der Reise und ihrer Kosten informiert werden muß und die absehbaren Kosten genehmigen muß und den Rahmen der Reisespesen festlegen darf, also wie oft du wo essen und trinken darfst, nachdem Reise und Unterbringung klar bestimmt sind."

"Oha", stöhnte Julius. Seine Frau grinste nur. "Du wolltest das so haben, Monju, obwohl du bei Madame Maxime sicher mitbekommen hast, wie pingelig diese Bürokraten sind. Entweder spielst du deren Spiel mit oder mußt den Zauberhut hinwerfen und dir was anderes suchen." Julius stimmte seiner Frau zu. Er war schließlich mehr als gewarnt.

 

__________

 

Bevor die angesetzte Konferenz begann kam es noch zu einer für Julius unangenehmen Sache. Er saß bereits an seinem Schreibtisch, um vor der Besprechung mit Barbara Latierre und Ornelle Ventvit einen Vorgang zu Ende zu übersetzen, den er gestern nicht ganz geschafft hatte. Da ging die Bürotür auf, ohne daß wer angeklopft hatte. Ein kleiner, spindeldürrer Zauberer mit bleigrauem Schopf und gleichfarbigem Schnurrbart stürmte herein, als sei das hier sein Büro. Sein Gesicht war puterrot. Seine kleinen dunkelblauen Augen standen so eng, daß über seiner Nasenwurzel eine klare Vorwölbung sichtbar war. "Ornelle, stimmt es, daß Sie mich aus dem Vorgang "Riesenmutter" ausgeschlossen haben?" stieß der kleine Mann aus, während er die Tür hintersich zuwarf. Ornelle Ventvit, die bis dahin ruhig hinter ihrem Schreibtisch gesessen hatte stand ruhig aus ihrem folgsam stehenbleibenden Sessel auf und blickte den hereingestürmten an. Julius sah jedoch das Funkeln in den Augen seiner Vorgesetzten.

"Zuerst, Monsieur Grandville, ist es auch Ihnen nicht erlaubt, mein Büro ohne hereingebeten zu werden zu betreten. Zweitens ist es ungezogen, ohne akuten Not- oder Gefahrenfall in ein Büro hineinzustürmen. Drittens gehört es sich, beim Eintreten in eine Amtsstube zu grüßen. Viertens bin ich immer noch Ihre Vorgesetzte und darf daher mehr Zurückhaltung von Ihnen erwarten, um nicht zu sagen verlangen. Fünftens stehe ich kurz vor einer wichtigen Besprechung und wollte die Zeit nutzen, mich in Ruhe darauf einzustimmen. Sechstens: Ja, es stimmt, daß ich befunden habe, daß ich mit der Kollegin Latierre den Abschluß des Vorgangs "Riesenmutter" abstimmen und beenden werde, zusammen mit dem jungen Amtsanwärter Monsieur Julius Latierre." Dabei deutete sie auf Julius, der sich von seinem zum Sitzen herausgefangenen Schreibtischstuhl erhob und dem hereingestürmten Zauberer die Hand zum Gruß hinstreckte. "Monsieur Grandville, das ist Quintannier Monsieur Julius Latierre. Monsieur Latierre, das ist Monsieur Augustin Grandville, Einsatzgruppenführer zur Aufspürung und Festsetzung gefährlicher Zauberwesen", stellte die Büroleiterin die beiden Zauberer einander vor.

"Angenehm", sagte Julius gemäß der ihm beigebrachten Anstandsregeln.

"Ach, ist der echt bei uns gelandet? Ich dachte, seine Schwiegertante hätte ihn schon vor den UTZs sicher auf einem unteren Posten festgenagelt", schnaubte der kleine Zauberer. Sein mit goldenen Sternen verzierter blauer Umhang raschelte, weil der dünne Zauberer erregt erbebte. "So oder so hat der gerade erst bei uns angefangen und damit noch nicht genug Ahnung. Das ist nicht Ihr Ernst, Ornelle", schnarrte Grandville.

"Was ist nicht mein Ernst?" fragte Mademoiselle Ventvit mit unheilverheißendem Unterton.

"Ich habe den Vorgang übernommen und zusammen mit Madame Barbara Latierre durchgearbeitet, auch wenn ich bis heute der festen Überzeugung bin, daß die Riesin entweder in ein gesichertes Wildtierreservat oder erlegt gehört, anstatt ihr und ihrem Jungen einen eigenen Lebensraum bereitzustellen. Daher ging ich davon aus, daß ich auch den Abschluß dieses Vorganges beaufsichtigen sollte. Dann lese ich Ihr Memo von gestern, daß Sie mir die weitere Mitwirkung entziehen und die Angelegenheit in eigener Person abschließen wollen. Jetzt wagen Sie mir noch ins Gesicht zu sagen, daß ..."

"Hallo, was habe ich eben über die dienstliche Beziehung zwischen Ihnen und mir gesagt, Monsieur Grandville?" schnitt Ornelle dem kleineren Zauberer das Wort ab. Dieser erkannte, daß er hier wohl über das Ziel hinausgeschossen war und ruderte zurück.

"Nun, entschuldigung, Mademoiselle Ventvit, sie verstehen sicher meine Verärgerung, daß ich, wo ich zwei Jahre mit diesem Vorgang betraut war, nicht ohne eine mir verständliche Begründung davon freigestellt zu werden hinnehmen kann. Ich ging davon aus, daß seit dem Ende der Amtszeit Didiers wieder einvernehmliche Absprachen an der Tagesordnung seien und keine bedingungslos auszuführende Kommandohierarchie gelte. Deshalb möchte ich Sie fragen, was Sie dazu bewogen hat, mich von der Fortführung des Auftrages zu entbinden und statt dessen einen gerade erst ein paar Wochen eingeschworenen und naturgemäß noch unzureichend ausgebildeten und erfahrenen Quintannier als Mitarbeiter auszuwählen?"

"Sie dürfen fragen", grummelte Ornelle Ventvit. "Erstens: Wegen Ihrer im Ministerium verbreiteten Ansicht, daß die zugewanderte Riesin in ein Drachenreservat verbracht oder zum Schutz der normalgroßen Menschen getötet werden müsse, kam es zu Unstimmigkeiten zwischen Madame Latierre, Mademoiselle Maxime und mir, weil zu befürchten stand, daß Sie gegen die Absprache zwischen den beiden Damen und Ihnen verstoßen und die Riesin Meglamora und ihren Sohn Ragnar töten würden, um eine Ihrer Meinung nach bestehende Gefahrenquelle versiegen zu lassen. Das wiederum hätte unsere Institution in den Verruf gebracht, zum einen auf Einzelentscheidungen zu setzen und nicht auf Absprachen und zum anderen ein Signal an andere humanoide Zauberwesen übermittelt, sich der Überwachung zu entziehen und die weitere Mitarbeit mit dem Ministerium aufzukündigen, wodurch eine wesentlich größere Gefahrenlage entstehen würde, wenn wir die Zentauren, Waldfrauen und Meerleute betrachten. Gerade mit letzteren eine Übereinkunft zur Sicherung einer friedlichen Koexistenz im beiderseitigen Respekt zu erreichen wäre dadurch größtenteils unwahrscheinlich geworden. Zweitens benötigten Sie für die Korrespondenz mit dem britischen Zaubereiministerium einen Übersetzer aus der Handelsabteilung, da Sie nicht mit der englischen Sprache vertraut sind. Daher entschieden Madame Latierre und ich, bei der Fortführung des Integrationsverfahrens einen Mitarbeiter aus der Tier- oder Zauberwesenbehörde zu nehmen, der oder die der englischen Sprache mächtig ist. Madame Latierre und ich erfüllen zwar diese Voraussetzungen, sind aber durch unsere Positionen zu sehr in andere Dinge eingebunden." Grandville schnaubte verärgert und feuerte einen mißmutigen Blick auf Julius Latierre ab, der jedoch äußerlich ganz ruhig blieb. "Monsieur Latierre ist sowohl der englischen Sprache mächtig, was ich in den vergangenen Wochen gründlich überprüft habe, so daß er die weiterführende Korrespondenz bearbeiten kann. Zudem kennt er alle in den Vorgang einbezogenen Personen bereits vom Sehen, aber auch vom sprechen und von langjährigen Beziehungen. Dies macht ihn zu einem guten Vermittler, auch wenn er gerade ein paar Wochen eingeschworen ist."

"Guter Vermittler?" brach es aus Grandville heraus. "Der ist doch sowas von befangen, daß jede durch oder mit ihm ausgeführte Betätigung in dieser Angelegenheit angefochten werden kann. Klar kennt er verschiedene Personen. Diesen anderen Halbriesen Hagrid, der der fixen Idee nachhängt, einen von ihm illegal nach Großbritannien transportierten Riesen, den er als seinen Halbbruder ausgibt, mit einer gleichrassigen Partnerin zusammenzubringen. Unabhängig davon, ob dieses Unterfangen überhaupt den Hauch einer Chance hat würde sich die Gefährdungslage für unsere Mitbürger dadurch sogar noch potenzieren, wenn ein Paar aus Riesen in unserem Land lebt und weiteren Nachwuchs hervorbringt. Professeur McGonagall ist die Leiterin von Hogwarts und war zwei Jahre lang eine Lehrerin von Monsieur Latierre. Ihr ist nur daran gelegen, den mehr übel als wohl auf dem Gelände von Hogwarts hausenden Riesen loszuwerden, weigert sich jedoch aus sentimentalen Gründen, diesen von Exekutoren des Zaubereiministeriums erlegen zu lassen. Sie kann und wird den jungen Monsieur Latierre hier gezielt darauf hinsteuern, dieses Ungetüm von dem von ihr beaufsichtigten Gelände herunterzuschaffen, ohne sich für dessen Beseitigung schuldig fühlen zu müssen. Hinzu kommt, was Sie vielleicht nicht wissen, Ornelle, daß dieser junge Bursche hier", wobei er auf Julius deutete, "über mehrere Ecken mit Professeur McGonagall verwandt ist und daher von ihrer Seite her eine weitere Möglichkeit der Einflußnahme besteht." Julius zuckte nur mit den Schultern. Sein Gesicht war im Moment unbewegt. Ornelle sah die beiden Mitarbeiter an und nickte Grandville zu, der förmlich unter Dampf zu stehen schien. "Kommen wir zu Mademoiselle, ehemals Madame Lladirectrice Maxime: Sie war bis zu der nicht erbetenen Invasion der Riesin Schulleiterin von Beauxbatons und damit die höchste Vorgesetzte von Monsieur Latierre. Dazu kommt noch, daß sie sich auf Grund eines waghalsigen Versuches, der zufällig glücklich ausging, rühmen darf, dem jungen Burschen hier Leben und Willensfreiheit gerettet zu haben. Außerdem hat er durch erwähnten Versuch drei Monate in ihrer unmittelbaren Nähe zugebracht und dadurch eine noch intensivere Beziehung zu ihr entwickelt, als es Schülern und Lehrern der Akademie sonst zusteht. Auch sie widersetzt sich der vernunftgemäßen Beseitigung Meglamoras, weil sie behauptet, daß dieses weibliche Ungetüm ihre blutsverwandte Tante sein soll, was durch nichts bewiesen werden konnte. Daß Mademoiselle Maxime bei weitem nicht immer ihrem klaren Verstand folgt, ja wegen ihrer Abkunft nicht folgen kann, ist ja hinlänglich dokumentiert, auch ohne die Vorbehalte aus der Amtszeit Didiers. Sie könnte Monsieur Latierre zur Erstattung irgendwelcher noch ausstehenden Dankesschulden bewegen, was ihn jeder gebotenen Objektivität enthebt. Und zu allem Überfluß ist die Leiterin der Tierwesenbehörde auch noch eine verschwägerte Verwandte von ihm und könnte ihn damit unter Druck setzen, ihm das Wohlwollen ihrer Familie zu entziehen, wenn er nicht ihren Vorschlägen oder gar Anweisungen folgt, wenn er schon nicht wie zu erwarten stand in ihrem unmittelbaren Dienstbereich tätig ist."

"War das jetzt alles?" wollte Ornelle wissen. Julius hätte die Frage auch gerne gestellt. Doch er hielt sich an die Weisung, nur dann zu sprechen, wenn er unmittelbar gefragt wurde. Außerdem sah er an Grandville, was jemandem passierte, der unbeherrscht auftrat. Deshalb dachte er seine Selbstbeherrschungsformel: "Was mich stört verschwinde! Mein Geist herrscht über meinen Körper ..."

"Ja, das waren und sind meine klaren Einwände gegen die Einbeziehung dieses Jungen. Lassen Sie ihn besser weiter mit längst abgelegten Vorgängen arbeiten, um die Formalitäten unserer Behörde zu studieren und halten Sie ihn besser aus allem heraus, bei dem er wegen klarer Befangenheit anfechtbare Ergebnisse hervorbringen könnte!"

"Da ich keine Probleme damit habe, mir Vorschläge meiner Mitarbeiter anzuhören, werte ich diese Äußerung Ihrerseits als Vorschlag, auch wenn Sie ihn als Ratschlag oder gar Forderung formuliert haben, Augustin", sagte Ornelle mit warnendem Unterton. "Zu den von Ihnen vorgebrachten Einwänden gegen die Einbeziehung von Monsieur Latierre, Julius: Die Beziehung zu Professor McGonagall wurde durch die Umschulung nach Beauxbatons auf eine rein sachliche und nicht mehr dienstliche oder gar verwandtschaftliche Ebene abgeändert. Natürlich muß einer Schulleiterin daran gelegen sein, die Sicherheit der ihr anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten und jede unnötige Gefahrenquelle zu verbannen. Das ist unstrittig. Das Verhältnis zu Mademoiselle Maxime ist nach ihrer Amtszeit in Beauxbatons ebenfalls ohne jede Abhängigkeit. Die von Ihnen erwähnte Dankesschuld lag nicht bei Monsieur Latierre, sondern bei ihr, da er sein Leben und seine geistige Freiheit gefährdete, um die Schülerinnen und Schüler von Beauxbatons in Sicherheit zu bringen. Insofern ist die Therapie, der er durch ihre Hilfe unterzogen wurde, ihre Gegenleistung für diese Aufopferung seinerseits und beinhaltet somit keine weitere Handhabe, ihn zu einer wie auch immer aussehenden Gegenleistung zu veranlassen. Inwieweit das durch die Therapie erzwungene Verhältnis zwischen damals Madame Maxime und Monsieur Latierre ihn emotional geprägt hat betrifft uns nur dann, wenn offenkundig wäre, daß er nur ihre Wünsche und Vorhaben ausführen würde, wofür es absolut keine Handhabe gibt. Das Verwandtschaftsverhältnis zu Madame Barbara Latierre anzuführen, wo bei uns im Ministerium viele miteinander verwandte Hexen und Zauberer arbeiten, ist ein starkes Stück, Augustin. Denn der Amtseid, den Julius vor mir und allen anderen Abteilungs- und Büroleitern geschworen hat, beinhaltet, daß er seine Handlungen im Einklang mit den Erfordernissen des Ministeriums, nicht nach den Forderungen seiner Verwandtschaft, abzustimmen hat. Da Madame Latierre, Barbara, denselben Eid geschworen hat, darf sie also nicht mit dem Entzug familiärer Zuwendung drohen, nur weil Monsieur Julius Latierre, der nicht in ihrer Abteilung tätig ist, nicht in ihrem Sinne handelt. Abgesehen davon ist Monsieur Latierre mit der Tochter von Madame Hippolyte Latierre verheiratet, die in vorliegender Angelegenheit weder schriftlich noch in natürlicher Person einbezogen ist." Julius mußte jetzt doch lächeln, als Ornelle den letzten Satz sagte. Augustin Grandville bedachte den jungen Kollegen mit einem verächtlichen Blick.

"Auch wenn Sie nach außen sehr ruhig geklungen haben, Ornelle haben Sie sich doch verleiten lassen, einen Fehler zu machen. Sie haben zugegeben, mich aus reiner Ablehnung meiner Meinung zu dieser Angelegenheit aus dem laufenden Verfahren herausbefohlen zu haben. Sie unterstellen mir, daß ich gegen die getroffenen Absprachen verstoßen könnte, ohne eine Handhabe zu besitzen, daß ich entsprechend reagieren würde. Zudem muß ich auch davon ausgehen, daß Sie und Madame Latierre sich gegen mich entschieden haben, weil Sie beide davon ausgehen, daß der junge Kollege Latierre, Julius, folgsam und ohne jede Rückfrage Ihren Anweisungen Folge leisten wird, etwas, was Sie mir offenbar nicht mehr zuerkennen."

"Hätten Sie Ihre Beschwerde über die Abberufung vom Vorgang "Riesenmutter" in schriftlicher, sachlicher Form vorgetragen, hätten sie sicher noch die Möglichkeit, auf Beistand Monsieur Vendredis zu hoffen, der meine Entscheidung überprüft und vielleicht widerrufen hätte. Durch Ihren unbeherrschten, respektlosen Auftritt gerade eben haben Sie mir jedoch gerade bewiesen, daß meine Einschätzung über sie keine unbegründete Mutmaßung darstellt. Wenn Sie jetzt zu Monsieur Vendredi hingehen und sich über Ihre Abberufung beschweren, ja Befangenheitsanträge gegen Monsieur Latierre stellen möchten, kann, will und werde ich unter Einbeziehung des Zeugen Julius Latierre und der Mitschrift der Flotte-Schreibefeder, die gerade meine Notizen zu Pergament bringen sollte, diese Beschwerde und jeden damit einhergehenden Antrag abschmettern lassen." Sie deutete auf ihren Schreibtisch und dann zur Bürouhr, welche zwei Minuten vor neun Uhr zeigte. "Sie haben jetzt noch zwei Minuten, ihren Einsatzposten zu bemannen und auf mögliche Vorkommnisse zu warten. Der Weg der Beschwerde steht Ihnen weiterhin offen. Allerdings dürften Ihre Erfolgsaussichten wie erwähnt durch Ihren Auftritt hier und jetzt gegen null gehen. Sind Sie in zwei Minuten nicht auf ihrem Posten, werde ich eine Minute später bei Monsieur Vendredi über Ihren Auftritt und über Ihre Insubordination Meldung machen. Dann dürfen Sie froh sein, wenn sie noch im Zentaurenverbindungsbüro weiterarbeiten dürfen. Da ist die Tür! Auf Wiedersehen!" Sie deutete unmißverständlich auf die Bürotür. Grandville starrte erst sie und dann noch einmal Julius an, der immer noch kein Wort mehr als "Angenehm" gesagt hatte. Grandville warf sich herum und verließ das Büro so stürmisch, wie er es betreten hatte. Immerhin bekam er es hin, die Tür nicht zuzuschlagen, sondern schnell aber leise zu schließen.

"Entschuldigen Sie, daß Sie Zeuge dieser unangenehmen Aussprache wurden, Monsieur Latierre. Offenbar fühlt sich der Kollege Grandville massiv in seiner Ehre oder seiner dienstlichen Existenz beeinträchtigt", sagte Ornelle.

"Na ja, wenn ich jahrelang was gearbeitet hätte und kurz vor demAbschluß jemand sagt, daß ich damit nichts mehr zu tun habe würde ich zumindest fragen, warum ich da nichts mehr mit zu tun haben darf", rechtfertigte Julius den kleinen, dünnen Zauberer.

"Das habe ich ihm ja auch freigestellt, daß er das hätte hinterfragen oder gar bemängeln können, Julius. Aber er hat es ja vorgezogen, den aufgebrachten zauberer zu geben", erwiderte Ornelle Ventvit. Dann wisperte sie, daß ihre wohl irgendwo noch mitschreibende Feder es nicht mitbekam: "Und hat mir bei der Gelegenheit bewiesen, daß meine Ansicht stimmt, daß er die Riesin und ihr Kind ohne Vorwarnung getötet hätte, wenn er mit ihr alleine wäre." Laut sagte sie dann noch: "Ich denke, die Akte, die Sie da noch zur Übersetzung bearbeiten dürfen Sie erst einmal fortlegen. Auch wenn wir keinen Bürger von außerhalb erwarten bitte ich doch um einen aufgeräumten Schreibtisch, wenn wir Kollegen aus anderen Abteilungen zur Besprechung einladen." Julius bestätigte die Anweisung und beendete nur noch den gerade geschriebenen Satz. Dann ließ er die Unterlagen in der Schreibtischschublade für noch zu bearbeitende Vorgänge verschwinden und prüfte, ob Tintenflecken auf dem Schreibtisch waren.

Um punkt neun Uhr klopfte es an der Tür. Ornelle und Julius standen auf. Ornelle rief "Herein!" Barbara Latierre, die ihrer Schwester Hippolyte und ihren Nichten Martine und Mildrid körperlängenmäßig gleichkam, betrat als erste den Besprechungsraum. Ihr folgte Monsieur Lamarck, bei dem Julius sein Vorstellungsgespräch gehabt hatte. Hinter ihm schloß sich die Bürotür wieder.

Nachdem sich alle höflich begrüßt hatten wurde Julius gefragt, was er über die getroffenen Absprachen wisse. Er zitierte wichtige Passagen aus der entsprechenden Akte und erwähnte auch, daß eine Zusammenführung nur unter der Bedingung als erfolgreich angesehen wurde, wenn Meglamoras Sohn Ragnar dabei nicht in Lebensgefahr geriete, von Grawp erschlagen oder erwürgt zu werden. Auf die Frage seiner Schwiegertante wandte er ein, daß es bei Raubtieren häufiger vorkam, daß der Eroberer eines Revieres oder Familienverbandes die Jungen seines Vorgängers tötete, um die Weibchen schnellstmöglich wieder in Paarungsstimmung kommen zu lassen. Barbara Latierre nickte. Ornelle Ventvit wandte jedoch ein:

"Das gehört eben zu den Thesen, die wir bei Riesen überprüfen müssen. Daher steht diese Bedingung in der entsprechenden Absprache. Denn ein Ziel dieses Projektes ist ja, die Probleme und Lösungsansätze für eine Zivilisation von Riesen aufzudecken. Gelingt es, den jungen Riesen Ragnar von Anfang an mit den uns Menschen genehmen Verhaltensweisen vertraut zu machen besteht die nicht zu unterschätzende Möglichkeit, eine friedliche Koexistenz mit den noch lebenden Riesen herbeizuführen, wobei Ragnar, sofern er die Begegnung mit Grawp übersteht, als Vermittler zwischen seiner und unserer Rasse fungieren kann. Zwar stehe ich, wie Monsieur Latierre in der verstrichenen Woche nachlesen durfte, in regem Eulenpostaustausch mit Mademoiselle Maxime, daß diese eine derartige Vermittlerfunktion übernehmen könnte. Ein reinrassiger Riese könnte diese Rolle jedoch noch wirksamer ausüben. Daher gilt es, ihn am Leben zu erhalten. Sollte eine Verpartnerung der beiden erwachsenen Riesen Meglamora und Grawp nur unter der Bedingung erfolgen, daß Ragnar weit ab seiner Mutter weiter aufwächst, so gilt es, entsprechende Absprachen und Vorkehrungen zu treffen."

"Die Gewöhnung an Artgenossen ist aber wichtig", wandte Barbara Latierre ein. "Insofern wäre eine Trennung des Jungriesens von seinr Mutter kein Gewinn für uns, weil er dadurch zwar unsere Verhaltensweisen erlernt, aber nicht die Verhaltensweisen seiner Rasse erlernt. Das würde ihm bei einer Heranführung an seine Artgenossen sicher mehr Schwierigkeiten bereiten als uns helfen, ihn als Vermittler unterzubringen."

"Nun, jetzt wissen wir, daß weibliche Riesen nicht die klassischen Muttertiere sind", sagte Monsieur Lamarck. "Anders als in Gruppen aufwachsende Zaubertiere wie Abraxas-Pferde oder Latierre-Kühe findet auch keine gemeinschaftliche Betreuung der Säuglinge und aufwachsenden Riesen statt. Daß Meglamora ihren Sohn immer noch bei sich haben wollte kann eigentlich schon als außergewöhnlich angesehen werden."

Julius bat ums Wort. Als seine direkte Vorgesetzte es ihm erteilte sagte er ruhig und ohne Anflug von wertender Tonlage: "Der Umstand, daß Ragnar noch nicht von seiner Mutter verstoßen wurde kann daher kommen, daß sie eine besonders innige Beziehung zu seinem Vater hatte und/oder auch daher kommen, daß ihr Sohn ihre Aufenthaltserlaubnis in Frankreich bedeutet. Soweit ich durch Aktenstudium und den eigenen Eindruck bei Ausflügen im Rahmen des Zauberwesenseminars in Beauxbatons erfahren durfte ist Meglamora sehr intelligent. Daher nehme ich meine Vermutung, daß das Leben ihres Sohnes ihr wichtig genug ist, daß sie ihn noch nicht als Belastung empfindet. Wie das sein wird, wenn sie einen anderen reinrassigen Riesen trifft, mit dem sie partnerschaftlich zusammenkommen möchte, weiß ich nicht."

"Sie teilen die Ansicht Mademoiselle Maximes, die nicht von ungefähr darauf hingewirkt hat, daß Meglamora ihren Sohn weiterpflegt, auch wenn er bereits von ihr entwöhnt wurde. Deshalb müssen wir ja genau darauf achten, was passiert, wenn Meglamora und Grawp aufeinander treffen. Bestenfalls erkennt Grawp Ragnar als rangniederen Kameraden an. Schlimmstenfalls bekämpfen sich die beiden Erwachsenen beim ersten Anblick. In letzterem Fall ist es schwierig, die beiden Riesen voneinander abzuhalten, ohne ihnen schmerzhafte Verletzungen beizubringen. Deshalb jetzt die Frage, wie viele Mitarbeiter sollen wir mitnehmen?" ergriff Ornelle Ventvit wieder das Wort. "Da gerade Monsieur Grandville einen sehr unrühmlichen Kurzauftritt bei mir geboten hat dürfte er im Moment nicht besonders geneigt sein, seine Außeneinsatzgruppe zum Schutz der Mutter und ihres Kindes einzusetzen, zumal eine gegenseitige Tötung der beiden erwachsenen Riesen für ihn die Auslöschung eines unberechenbaren Gefahrenherdes bedeuten würde. Außerdem wurde ich vor Beginn der Konferenz noch von dem Kollegen Simon Beaubois von der Behörde zur Registrierung und Verwaltung von Geistern und Geisterwesen angeschrieben, weil mal wieder wer meinte, einen Luftdschinn aus Algerien nach Frankreich einschmuggeln zu müssen und der gerade an der Côte D'azur sein Unwesen treibt. Wir kommen da nicht nach, die betroffenen muggel mnemoplastisch umzustimmen, daß die Begegnungen mit diesem Geisterwesen nur ein überraschender Sturm war. Zum Glück haben wir bisher keinen Toten zu beklagen. Die Verletzten, die es leider schon gab, wurden gemäß der Heilerdirektiven, auch Muggel von magisch erzeugten Körperschäden zu heilen behandelt. Wenn das aber so weitergeht bekommen wir wohl noch gehörigen Ärger mit Madame Eauvive von der Heilerzunft, weil wir dieses wütende Geisterwesen nicht aufhalten und in seine angestammte Heimat zurückexpedieren." Julius dachte nur für sich, wie gut es war, daß es kein Feuerdschinn war. Allerdings konnte er sich auch sehr gut vorstellen, wie gefährlich ein der Elementarkraft Luft verbundener orientalischer Dschinn sein mochte, wo er ja einige dieser Geisterwesen in der Festung der Brüder des blauen Morgensterns angetroffen hatte.

"Will sagen, Ornelle, daß Sie im Moment jeden Ihrer Außendienstmitarbeiter für die Jagd nach dem Dschinn aufbieten müssen", sagte Barbara Latierre. "Falls diese Sache so drängend ist, daß Sie weitere Mitarbeiter benötigen ..."

"Werden Sie es früh genug erfahren, Barbara", schnitt Ornelle der Tierwesenexpertin das Wort ab. In ihrer Rangstellung durfte sie das wohl. Doch Julius sah am Blick seiner Schwiegertante, daß ihr diese abrupte Behandlung nicht gefiel. Doch sie sagte keinen Ton dazu.

Dann ging es um die Reise. Wie Millie ihrem Mann gesagt hatte mußte diese Reise beantragt und begründet werden, auch wenn es eine reine Inlandsreise war.

"Midas Colbert ist im Moment in sehr schlechter Laune, was die Bewilligung von Reisemitteln angeht, auch wenn die Quidditch-Weltmeisterschaft einen hohen Gewinn für das Ministerium eingebracht hat", warf Barbara Latierre ein. "Abgesehen davon sollten wir den Flugbesenbestand des Zaubereiministeriums nicht dafür bemühen. Ich schlage die Herstellung von Portschlüsseln vor, um uns und die übergroßen Mitreisenden auf einen Sprung ins Zielgebiet zu transportieren. Dies würde auch die Gefahr der Sichtung durch Muggel erheblich verringern."

"Daran dachte ich auch schon, Barbara. Aber alle zusammen an einem Portschlüssel ist nicht ratsam, da wir davon ausgehen müssen, daß Meglamora keine normalgroßen Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe duldet. Das müssen wir also mit der Portschlüsselüberwachungsbehörde abstimmen, wie viele Portschlüssel benötigt werden", erwiderte Ornelle Ventvit. Barbara und Lamarck nickten. Julius hielt sich mit Gesten und Bemerkungen zurück. Ornelle wollte gerade noch was zum Umgang mit den beiden erwachsenen Riesen einwenden, als ein feuerroter Memoflieger durch die kleine Einflugklappe schwirrte und zielgenau vor Ornelle Ventvit niederging. Der einem Papierflieger nachempfundene Überbringer von Mitteilungen flatterte hektisch mit den Flügeln, bis die Büroinhaberin die zwischen den Flügeln steckende Nachricht freigezogen hatte. Unvermittelt erscholl ein hektisches Tuten wie von einem Warnhorn, und eine hektisch betonende Männerstimme rief in den Raum: "Alarmstufe Rot! Der Luftdschinn hat zwei zwölfjährige Jungen einverleibt und sich dadurch vergrößert. Konnten ihn nicht rechzeitig aufspüren. Kollegen Rodin und Brochet in Bedrängnis!"

"Blanches Tante hat mich gefragt, ob du nach Büroschluß gleich zu ihr rüberkommst und mit uns zu Abend ist. Der Tag wird noch lang, hat sie mit ihrem üblichen gemeinen Grinsen verkündet."

"Weiß sie, daß wir Melo können?" fragte Julius.

"Die ist Blanches Schwester. Die weiß das von ihr oder von deiner Mutter", gedankengrummelte Millie. Julius verstand. "Dann teil ihr so gegen ein Uhr mit, daß wir drüber gemelot hätten und ich im einfachen Arbeitsumhang rüberkommen würde und ich mich sehr freuen würde."

"Geht klar, Monju", erwiderte Millie in Gedanken.

Ein Memoflieger wischte durch die Klappe in der Wand und schlidderte die letzten Dezimeter seines Weges über Julius' Schreibtisch.

Reise zu den Riesen genehmigt. Reise nach Martinique vordringlich. Bitte Vorbereitungen für Reise treffen. Auslandsreiseantrag durch Monsieur Vendredi bereits gestellt.

O. Ventvit

"Sieh mal an, wenn die wollen können sie auch mal ganz schnell", grummelte Julius, der bisher immer davon ausging, daß für jede größere Sache ein umständlicher Pergamentaufwand betrieben wurde. Julius bestätigte den Erhalt des Memos und schickte den bunten Flieger an den Absender zurück.

Kaum war der Flieger aus der Klappe hinaus, kam der nächste Memoflieger zu ihm, schwirrte einmal über Ornelles Schreibtisch herum und landete dann bei Julius. Da Pygmalion Delacour heute wegen einer Familienfeier freibekommen hatte war Julius im Moment der einzige Insasse des Büros. Er nahm das Pergament aus dem Flieger und las:

Betrifft Anfrage zur Zuteilung von 10 Stück Duotectusanzüge für Minres. DM-22

Antrag wird positiv beschieden. Abholung der 10 Stück Duotectus-Anzüge (MH-1999-2) kann ab 2 Uhr nachmittags in Ausgabestelle Mh-1 erfolgen. Entgegennahme der genehmigten Hilfsmittel darf durch Melle. Ornelle Ventvit (Büroleiterin humanoide Zauberwesen oberhalb Jardinane-Grenze) oder einen von ihr schriftlich abholbevollmächtigten Mitarbeiter erfolgen.

Iridanus Pontier, Leiter Büro für ministeriale Hilfsmittel

Julius wußte nicht, ob Ornelle noch bei Monsieur Vendredi war. Das Büro durfte er aber nicht verlassen, da er den ausdrücklichen Befehl erhalten hatte, dort auf eingehende Anfragen oder Nachrichten zu warten. So legte er den Memozettel so hin, daß er ihn sofort präsentieren konnte. Da klopfte es an die Tür. Julius nickte der Tür zu und rief: "Herein!"

Als die Tür aufging meinte er, mit siedendem Wasser angefüllt zu werden, das sofort wieder zu Eiswasser wurde. Ihm wurde schwindelig. Die anmutige, ja überirdische Erscheinung, die da so vollendet durch die Tür hereinglitt, ließ ihm die Knie weichwerden. Das lange, silberblonde Haar, daß den biegsamen, schlanken Körper mit den unbestreitbar weiblichen Kurven umfloß raubte Julius den Atem. Ebenso die klaren, stahlblauen Augen im Gesicht der unnachahmlichen Erscheinung. Ihr vollendeter Körper wurde von einem mondlichtfarbenen Kleid umschmeichelt. Julius keuchte, weil die Ausstrahlung dieser Erscheinung ihm so heftig zusetzte, daß er nicht wußte, wohin mit seiner Männlichkeit. Erst als die eintretende erkannte, daß er alleine im Büro war machte sie was, daß ihre überwältigende Ausstrahlung nachließ. Übermenschlich schön war sie immer noch. Doch Julius fand Gelegenheit, seine Selbstbeherrschungsformel zu denken.

"Oh, Hat man Sie in diesem Büro angestellt, Monsieur And..., öhm, Latierre?" fragte dieses Zauberwesen mit seiner makellos rein klingenden Stimme. Julius schluckte einmal. Dann sagte er:

"Seit dem ersten September, Madame, ähm, öhm ..."

"Ich habe keinen Nachnamen, Monsieur Latierre. Sie dürfen Madame Léto zu mir sagen. Ich habe gehofft, Mademoiselle Ventvit hier anzutreffen. Ich fürchte, es ist etwas eingetreten ... Na ja, ich weiß nicht, ob Sie das erfahren dürfen. Kommt Mademoiselle Ventvit noch zurück?"

"Öhm, j-jede M-minute", stotterte Julius. Erst dann erkannte er, wie lächerlich er sich machte, wenn er sich nicht endlich zusammennahm. Er deutete auf die wie harmlos wartend herumstehenden Stühle, warnte die Besucherin jedoch, daß diese ihr Eigenleben hatten.

"Kenne ich schon. Ich bin nicht das erste mal in diesem Büro", lachte Léto. Sie schloß die Tür von innen und schwebte mehr als sie ging an Julius vorbei, der wieder um seine Fassung ringen mußte, weil zu der sichtbaren Erscheinung nun auch noch das betörende Parfüm dazukam, daß die Besucherin trug. Er sah, wie sie auf einen der Stühle zuging, der zitternd vor ihr stand und mit den Beinen trippelte. Doch er rannte nicht vor ihr weg. Als Léto ihm dann eine ihrer schmalen Hände auf die Sitzfläche legte, ruckte er nur einmal, um dann ganz ruhig zu bleiben. Léto nahm den Stuhl mit beiden Händen und trug ihn unangefochten an Julius' Schreibtisch heran. Als sie sich setzte, verringerte sie ihre überirdische Ausstrahlung noch ein wenig mehr. Julius sah die Großmutter Fleurs und Gabrielles nun aus weniger als zwei Metern. Sein Herz klopfte wild. Doch er schaffte es, nach außen hin ruhig zu bleiben.

"Gut, daß ich dem Wunsch meiner älteren Schwester Sarja nicht nachgegeben habe. Die hätte Sie glatt als für sie gedachte Gabe angesehen, die gute, so Wie Sie gerade auf meine Erscheinung reagiert haben. Aber die will ja auch nicht aus ihren Fehltritten lernen, die bedauernswerte. Haben Sie im Moment viel zu schreiben?"

"Ich bin gerade mit meinem heutigen Stapel fertig geworden", sagte Julius ruhig. So konnte Léto ihn in eine eher private Unterhaltung über sein letztes Jahr in Beauxbatons verwickeln und erkundigte sich nach seiner kleinen Tochter Aurore, von der sie ihm sagte, daß es die französische Entsprechung des russischen Namens Sarja sei, ihrer fünfzig Jahre älteren Schwester. Er nickte, weil er das im Zusammenhang mit der gerade von allen Raumfahrtnationen zusammengesetzten internationalen Raumstation wußte, deren russisches Modul auch Sarja, also Morgenröte, hieß. Sie fragte ihn dann noch danach, was aus "diesen Gewürzmädchen" aus England geworden sei. Julius wollte dann wissen, woher sie die kannte und warum sie das interessierte, wenngleich er sich schon was denken konnte. Er hörte dann, daß ihre Enkeltochter Gabrielle sich beklagt habe, daß ihr Klassenkamerad Pierre offenbar mehr von diesen Sängerinnen hielt als von ihr, und sie mit diesen vielleicht noch nicht so mithalten könne. Julius erwähnte, daß die fünf Sängerinnen schon seit zwei Jahren eigene Wege gingen und jede für sich eigene Lieder sangen. Da ging die Tür auf, und Ornelle trat ein. Sie sah sofort die Besucherin und verfiel in eine angespannte Haltung. Julius sah der älteren Hexe an, daß sie arg mit sich zu ringen hatte, ob sie die unangemeldete Besucherin nicht gleich vor die Tür setzen sollte. Doch dann atmete sie tief durch und sagte: "Verzeihung, Madame Léto, wurde wegen einer sehr dringenden Angelegenheit länger aufgehalten. Ich wußte nicht, daß Sie mich heute aufsuchen wollten."

"Ich wollte auch nur gemäß der Vereinbarung zwischen Ihrer Behörde und mir nur dann herkommen, wenn ich wußte, daß mein Schwiegersohn nicht hier ist, Mademoiselle Ventvit. Doch es gibt auch einen Anlaß, warum ich herkommen mußte. Allerdings weiß ich nicht, auf welcher Stufe der junge Mann hier bei Ihnen eingeordnet ist, was Mitteilungen und Besprechungssachen angeht", sagte Léto.

"Worüber haben Sie sich dann mit ihm unterhalten?" fragte Ornelle ein wenig argwöhnisch. Léto erzählte es. Julius bestätigte es. "Ihr Schwiegersohn ist ja heute den ganzen Tag fort. Können Sie mich um zwei Uhr noch einmal aufsuchen, falls es das ist, was Sie mir vor vier Wochen schon geschrieben haben?" Léto nickte und lächelte. Das löste bei Julius wieder das Gefühl eines schwindelerregenden Rausches und bei Ornelle eine starke Verdrossenheit aus. "Ich komme dann um zwei zu Ihnen, Mademoiselle Ventvit", säuselte Léto. Dann erhob sie sich, winkte Julius zu und verließ das Büro.

"Hatten Sie schon einmal mit ihr zu tun?" wollte Ornelle von Julius wissen. Dieser erwähnte, daß sie zweimal beim Zauberwesenseminar dabeigewesen war. Ornelle nickte. Dann kam sie auf ein anderes Thema: "Sie haben die Bestätigung aus der Hilfsmittelabteilung erhalten?" fragte sie. Julius tippte auf den Zettel. "Gut, dann stelle ich Ihnen die Genehmigung zur Übernahme der zehn für Martinique freigegebenen Anzüge und für zwei weitere Anzüge aus, die wir beide morgen um zehn Uhr mitnehmen werden. Bitte bringen Sie die Anzüge zum Warteraum zwei neben dem Foyer!" Julius bestätigte die Anweisung. "Auch wenn die Angelegenheit er in die Zuständigkeit eines älteren Mitarbeiters fällt vertraue ich zum einen darauf, daß Sie Ihre Schutz- und Abwehrzauber beherrschen und daß Sie auch mit Einzelheiten der Vertraulichkeitsstufe fünf, vielleicht sogar der Geheimhaltungsstufe eins sorgfältig umgehen können. Der Minister und Monsieur Vendredi setzen dasselbe Vertrauen in Sie und haben mir verbindlich versichert, daß Sie sich einer ernsten Lage mit der gebotenen Sorgfalt stellen können. Gut, nachdem, was Sie alles bereits in jungen Jahren durchmachen mußten kann ich mich dieser Einschätzung wohl guten Gewissens anschließen."

"Dann reisen wir schon morgen nach Martinique?" fragte Julius.

"So verhält es sich. Der dortige Ministerialresident hat keine Kenntnis von der Lebensweise und den Fähigkeiten von Meerleuten. Es gilt, ihm mit dem nötigen Wissen und Rat beizustehen", sagte Ornelle. Julius dachte für sich, daß es eher darum ginge, ihn von einer vermeidbaren Dummheit abzuhalten. Dabei fiel ihm was ein:

"Nun, wenn die Meerleute von Martinique so feindselig sind, wie der Tod der fünf Zauberer das vermuten läßt, könnten sie Haie und andere Meerestiere auf uns hetzen. Darf ich zumindest mit Monsieur Dusoleil über mögliche Schwachstellen der Anzüge sprechen?"

"Gut, da Monsieur Dusoleil selbst Geheimnisträger des Ministeriums ist, auch wenn er kein Beamter ist, steht er in der Informationszugangshierarchie eh über Ihnen. Was sie wissen dürfen darf auch er wissen. Womöglich kann er uns sogar noch wichtige Zusatzdinge ausleihen. Ich verfertige mal eine Blanco-Quittung für leihweise Zusatzhilfsmittel. Dann können Sie von hier aus nach Millemerveilles. Aber bitte teilen Sie Ihrer Frau nur mit, daß Sie morgen dienstlich verreisen!"

"Ja, mache ich", bestätigte Julius.

So kam es, daß er knapp zehn Minuten später nach Voranmeldung bei Camille Dusoleil im Kamin Jardin du Soleil herausfauchte.

"Haben Sie dich jetzt zum Warenprüfer erklärt, Julius?" wollte Camille wissen. Julius sagte darauf nur:

"Ich muß mit Florymont über die Duotectus-Anzüge sprechen, Camille. Vielleicht kann er uns da noch wichtige Tips geben."

"Wozu braucht ihr die Anzüge in der ZWB?" fragte Camille. Dann fiel bei ihr der Knut. "In Ordnung, Julius, muß ich jetzt nicht wissen. Sieh aber bitte zu, daß du heil zu uns zurückkommst!" Julius versprach es. Dann ging er zu Florymont in die Werkstatt.

"Oha, Martinique? Waren Camille und ich auch mal für ein paar Tage", sagte Florymont mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck, als habe der Name der Insel ihn an etwas erinnert, worüber er Julius' gerne was erzählen würde, es aber nicht durfte. Julius fragte deshalb schnell, ob es da viele Haie gab und erwähnte auch den Grund der Reise. Am Ende legte er ihm die Blanco-Ausleihvollmacht hin und präsentierte zwei Quittungsformulare.

"Ja, ihr müßt auf die Haie aufpassen. Aber die Meerleute könnten auch gefährlich werden. Wenn ihr da so überstürzt hin müßt ist da wohl schon ein großer Kessel kurz vor dem Überkochen. Gegen Haie hilft das hier", sagte er und präsentierte ein Ding wie eine Eisenwalze auf einem Gummikissen mit Trageriemen. Er stupste sie an und brachte sie dazu, laut knatternd grelle Blitze zu schleudern. "Das hält die Biester garantiert ab. Ich habe davon drei Stück. Eine reicht aber aus, um die Burschen mindestens hundert Meter von euch fernzuhalten. Gegen aggressive Meerleute nehmt ihr das hier mit", wobei er ein simples Metallrohr mit einem Trichter präsentierte. Der Trichter ließ sich mit einem Gummistopfen verschließen. "Ist eine Weiterentwicklung einer spontanen Erfindung, um gegen auf Ultraschall reagierende Unterwasserwesen gewappnet zu sein. Wenn du unter Wasser bist und den Stopfen aus dem Trichter ziehst, erzeugt das Rohr dauerhafte Ultraschallschwingungen, die als Fächer mindestens hundert Meter weit reichen. Ich habe das mal ausprobiert, mit der Nautilus im Farbensee schön weit von unserer Wassermenschenkolonie die Höchste Reichweite zu ermitteln. Mit den Transfrequenzaurikularen konnte ich noch in einem Kilometer die Ultraschallschwingungen hören. Selbst für meine Menschenohren waren sie in gerade hundert Meter schon zu laut, um dauernd davon getroffen zu werden. Davon habe ich fünf Stück nachgebaut. Ansonsten helfen die üblichen Elektro-, Dampfstrahl- und Erstarrungszauber. Undine Neirides hat mir sogar verraten, daß dieser Körperfunktionsverlangsamungszauber, den die Heiler können auch bei Wasserleuten klappt. Ach ja, wenn ihr die Anzüge als Tauchhilfen benutzt, nehmt ihr besser noch meine neuste Erfindung mit, die Reibungsumkehrfolie. Wenn du die am Körper trägst ist sie glatter als die Haut eines Aals oder das ebenste Glatteis. Nichs kann sich daran festhaften oder dich oder sonst wen packen. Ich führe sie dir mal vor." Florymont holte etwas wie einen grauen Müllsack aus seinen geheimen Schränken und zog ihn sich über den Kopf. "Läßt dich trotzdem weiteratmen und nicht schwitzen", sagte er und tippte es mit dem Zauberstab im Mittelpunkt eines aus Runen gebildeten Kreises an. Jetzt sah Florymont aus wie ein grauglänzender Mann, der keine sackartige Umhüllung trug. Julius ging zu ihm, versuchte, ihn zu umklammern. Doch er rutschte sofort an der Oberfläche ab. Als er den Zauberkunsthandwerker zu fassen versuchte, glitt dieser mit dem Arm ohne Widerstand aus dem Griff, so fest Julius auch zupackte. Sogar die vorher nicht von der Folie bedeckten Beine waren unhaltbar.

"Für wen hast du das Zeug ursprünglich gebaut, Florymont, doch nicht, damit deine Frau dich nicht mehr in die Arme nehmen kann", scherzte Julius, der gerade vergaß, daß er dienstlich unterwegs war.

"Schon für die Tierwesenleute. Es gibt immer gemeine Biester, die sich an einen dranhängen wollen. Ähm. ich kann euch Folien mitgeben, wo die Hände freibleiben, damit ihr Zauberstäbe benutzen oder andere Sachen halten könnt. Denn leider wäre das bei einer vollkommen geschlossenen Superglättefolie unmöglich, selbst was festzuhalten." Julius notierte sich alles und fragte, wie viele Folien er hergestellt habe. Er erwähnte, daß es einen Antrag der Tierwesenbehörde bei ihm gäbe, dieser aber erst am ersten Oktober erfüllt sein müsse. Er dürfe also die zwanzig Folien ausleihen. Julius erwiderte darauf, daß sie ja nur zwölf Duotectusanzüge mitnehmen würden, also dann auch nur zwölf Folien benötigten. Er trug diesen Posten und die Stückzahl ein und verfertigte mit Florymont eine Inventarliste, während er die vorgezeigten und von Julius abgenickten Gegenstände in eine bruchsichere Blechkiste packte. Daraufhin unterschrieb Julius den Erhalt der ausgeliehenen Güter und die Erklärung, daß die Leihgaben bis spätestens am 30. September zurückerstattet würden. Florymont unterzeichnete im Feld für Ausleiher und erhielt eine Kopie der Ausleihliste. Dafür bekam Julius zwei Clavunicus-Schlüssel, mit denen die Blechkiste versperrt wurde. Danach bedankte sich Julius förmlich bei Florymont Dusoleil.

"Sieh ja zu, daß du heil zurückkommst! Meine Frau würde mich nur noch auf der Gartenbank schlafen lassen, wenn dir trotz meiner Ausrüstung irgendwas passiert."

"Nur wenn meine Frau dich nicht vorher am Spieß braten und unseren Knieseln zum Fraß vorwerfen würde", konterte Julius. Doch dann versprach er, auf sich aufzupassen, aber eben nicht nur auf sich. "Zumindest kannst du dich mit diesen vier alten Zaubern wehren, wenn's ganz finster wird", grummelte Florymont. Julius nickte, räumte aber ein, diese alten Zauber aber nicht mal eben so vor vielen Kollegen auf einmal anzuwenden. Dann nahm er die Blechkiste mit ins Haus zurück. Camille umarmte ihn noch einmal. Julius scherzte, daß sie froh sein konnte, daß er keine Superglättefolie angezogen habe.

"Ach, hat Florymont euch seine ganz neue Spielerei mitgegeben? Dann kann dich zumindest keiner festhalten", sagte sie.

Wieder zurück im Ministerium stellte Julius Ornelle die von Florymont erhaltenen Zusatzhilfsmittel vor und erwähnte auch, daß Bisse und Stöße mit Hörnern oder Speeren auf die Anzüge auch nur wie Druck wirke und die Anzüge bis auf fünftausend Meter Meerestiefe und sogar schon in einem isländischen Vulkankrater voller Lava getestet worden seien.

"Gut, die Sachen bitte in erwähnten Warteraum wie nachher die Anzüge! Eine Kopie der Liste Bekommt jeweils Monsieur Colbert und Monsieur Vendredi, für den Fall, daß Monsieur Dusoleil auf die Idee kommt, Schadensersatzforderungen zu stellen, wenn die ausgeliehenen Güter beschädigt, zerstört oder verloren werden." Julius nickte.

Beim Mittagessen traf er Laurentine. Zu gerne hätte er ihr erzählt, was gerade für ihn anstand. Doch das durfte er nicht. Er erwähnte nur, daß Grandville von der Außeneinsatzgruppe in Urlaub gegangen sei.

"Und du armes Wesen bist jetzt die ganze Zeit allein mit Madame Grandchapeau, wo meine Mutter ihre UTZ-Prüfungen vorbereitet?" fragte Julius.

"Muß ich mich dran gewöhnen, wo die nach Weihnachten eh in die Staaten rübergeht", grinste Laurentine. Dann wünschte sie Julius noch einen stressarmen Nachmittag. Diesen, so dachte Julius nur für sich, würde er wohl nicht haben. Doch er bedankte sich höflich und wünschte seiner früheren Klassenkameradin das gleiche.

Um zwei uhr schickte Ornelle ihn los, um die zwölf beantragten Anzüge zu holen. Julius fürchtete schon, daß er mehrmals laufen mußte. Doch als er im Hilfsmittelbüro die zu Päckchen zu je drei Anzügen zusammengestellten Pakete sah atmete er sichtlich auf. Der Hüter der Hilfsmittel, wie Julius ihn heimlich nannte, war ein bereits altgedienter Zauberer mit angegrautem Haar und Schnurrbart. Das lange Sitzen hatte ihn sehr rund werden lassen, zumal er sich für diese Abteilung nützliche Herbeiholzauber eingerichtet hatte, wo er nur mit dem Stab auf den Eintrag auf einer Liste deuten und "Ausliefern!" rufen mußte. Sofort tauchte dann das bezeichnete Objekt aus dem Fundus auf. Julius hätte zu gerne gewußt, was von Florymonts netten Zaubersachen hier noch gelagert war. Doch er hatte nur die Anzüge abzuholen. Er schaffte es tatsächlich, je sechs Anzüge auf einmal zu tragen. Da außer im Foyer überall im Ministerium Appariersperren wirkten, mußte Julius laufen und mit dem Aufzug fahren.

Im Foyer herrschte gerade kein Betrieb. So mußte Julius die Warteräume suchen, bis er den Warteraum Nummer zwei fand und mit Ornelles Schlüssel aufsperrte. Er sah mehrere mit flauschigen Daunenkissen gepolsterte Sitzbänke und zwei glattpolierte Tische. Die Blechkiste von Florymont hatte er auf einen der Tische abgestellt. So konnte er die sechs Anzüge danebenlegen.

Wieder zurück nach unten ins Hilfsmittellager, die beiden letzten Dreierpakete auflesen, den Empfang quittieren und dem älteren Zauberer noch einen schönen Tag wünschen. "Sie wissen ja, daß Monsieur Colbert darauf Wert legt, daß die beiden zusätzlichen Anzüge unversehrt vom Einsatz zurückgebracht werden, Monsieur Latierre", gab der Zauberer ihm noch mit. Julius bestätigte das gelassen und dachte für sich: "Du mich auch!" Dann brachte er die beiden Pakete mit je drei Anzügen in den Warteraum.

Als er um halb drei alles erledigt hatte traf er im Fahrstuhl nach oben Adrastée Ventvit, die eine durchsichtige Aktenmappe in einer silberweiß behandschuhten Hand hielt. "Ah, Monsieur Latierre. Wurden Sie von Ihrer Vorgesetzten zum Laufburschen degradiert. Dann sollten Sie einen Antrag auf Versetzung stellen", scherzte sie.

"Ich denke, Mademoiselle Ventvit möchte nur wissen, ob ich in allen Bereichen ihrer Behörde effektiv arbeiten kann, Madame Ventvit", sagte er. Dann blickte er auf die durchsichtige Mappe. "Geisterstoff?" fragte er.

"Ja, eine Phantasmomorphe Kopie der überarbeiteten Richtlinien für residente Gespenster. Im Moment haben wir ja keinen durchgedrehten Geist zu jagen."

"Das ist wohl auch sehr praktisch", entgegnete Julius. Dann waren sie auch schon auf der entsprechenden Etage.

"Grüßen Sie Ihre Vorgesetzte von mir!" gab Adrastée Julius noch mit. Dieser versprach es.

Als er vor dem Büro ankam verließ Léto es gerade. Sie sah besorgt aus und strahlte im Moment auch nichts von ihrer Veela-Kraft aus. Sie nickte Julius nur zum Gruß zu und schlüpfte an ihm vorbei.

 

"Auftrag ausgeführt", meldete Julius. Ornelle nickte verdrossen. Dann erkannte sie, daß Julius es nicht verdient hatte, so mißmutig angeguckt zu werden und lächelte. Für ihn gab es nun noch zwei Akten zu übersetzen, die sich mit einer Apfelbaum-Dryade im Obstgarten eines Bauern in Bayonne befaßten. Die zwischen Baum und Menschenfrau wandelnde Dryade wollte nicht aus dem Garten hinaus. Der Bauer hatte schon versucht sie in Baumform zu fällen und war dabei vom Fluch der Dryade getroffen und selbst zu einem Baum verwandelt worden. Er las die Korrespondenz mit Madame Grandchapeaus Abteilung sowie dem Ausschuß zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe sowie den Experten aus Griechenland, wo diese zauberwesenart herkam. Schon heftige Sachen, die so passieren konnten, dachte Julius.

"Essen Sie reichlich und schlafen Sie gut, Monsieur Latierre", gab Ornelle Ventvit ihrem jüngsten Mitarbeiter mit auf den Heimweg.

Da Millie bei Madeleine L'eauvite war flohpulverte sich Julius vom Foyer aus gleich zu ihr. Die drei Babys Aurore, Estelle und Roger waren auch da. Madeleine L'eauvite freute sich, auch Julius als Tischgesellschafter dazuhaben.

Während sie aßen und Julius wieder einmal feststellte, daß Madeleine ihrer jüngeren Schwester Blanche in der Kochkunst nicht nachstand, durfte er zumindest die Sachen erwähnen, die nicht zu vertraulich waren.

Als er um elf Uhr mit seiner Frau im Bett lag meinte diese: "Paß ja gut auf, wenn ihr euch mit diesen Meerleuten anlegt. Vor denen hat selbst Tante Babs Respekt. Und die legt sich sonst mit Drachen und Einhörnern an."

"Weil Drachen nicht so intelligent sind", sagte Julius.

"Ich hoffe, daß wir uns da alle nicht mal gründlich täuschen", unkte Millie. Julius wollte ihr da im Moment nicht widersprechen.

 

__________

 

Die Reise nach Martinique gestaltete sich unkomplizierter, als Julius befürchtet hatte. Zwei weitere Zauberer aus dem Ministerium brachten eine große Truhe in den Warteraum zwei, wo Ornelle und Julius mit ihrem Reisegepäck für eine Woche bereitsaßen. In die Truhe wurden alle Reisetaschen, Schutzanzüge und die Kiste mit den Zusatzgütern gelegt. Dann schloß sich die Truhe. Die Zauberer hielten sich an zwei Griffen an der einen Schmalseite fest. Ornelle und Julius hielten sich an zwei Griffen der anderen Schmalseite Fest. Pünktlich um zehn Uhr riß die Truhe die vier Beamten mit sich in jene bunte Wirbelei einer Portschlüsselreise. Diese dauerte zwar mehr als eine Minute an. Doch dann landeten sie unter einem tropischen Himmel. Die erste Morgenröte leuchtete ihnen als Gruß aus dem Osten. Dann sah Julius die schwarzhaarige Héméra Ventvit. Damals hatte sie ihn noch um einen Kopf überragt, außer in den Stunden, wo er als Belles unfreiwillige Zwillingsschwester in der siebten Klasse mitgelernt hatte. Sie war damals auch bei dem Ausflug zu den Felsenvögeln und im Unterricht gegen die dunklen Künste dabei gewesen. Natürlich erkannte sie Julius, der sie nun um einen ganzen Kopf überragte. Sie blickte ihn von oben bis unten an und nickte gefällig, bevor sie ihn und die Kollegin aus der fernen Heimat beglückwünschte.

"Monsieur Louvois ist nicht gerade begeistert, daß der Zaubereiminister ihm untersagt hat, die Meerleute ultimativ zur Kooperation aufzufordern, Mademoiselle Ventvit. Auch ist er nicht begeistert, Ihnen die Leitung der Vermittlungsversuche zu überlassen. Aber er muß sich nun einmal der Weisung des Ministers beugen. Dafür ist er ja sein Stellvertreter hier", klärte Héméra die Angereiste Kollegin, die zugleich auch ihre Großtante war, über die Stimmungslage auf.

"Gut, Monsieur Latierre, bitte helfen Sie Mademoiselle Héméra Ventvit bei der Unterbringung der zehn zugestandenen Anzüge und lassen Sie sich dann von ihr zum Büro von Monsieur Louvois bringen!" ordnete Ornelle an. Julius nickte und folgte Héméra zusammen mit den beiden Gehilfen aus dem Hilfsmittellager, die die als Portschlüssel benutzte Truhe mit Inhalt in ein Haus im altfranzösischen Landhausstil brachten. Unterwegs hörte Héméra den jungen Kollegen ab, was er über Meerleute wußte und erfuhr auch, welche Zusatzhilfsmittel er ausgeliehen hatte.

"Damit hätten wir eigentlich auch rechnen müssen", grummelte die Hexe, die nur fünf Jahre älter als Julius war. "Wenn diese Blitzerwalzen was taugen kriege ich Monsieur Louvois dazu, mindestens eine von denen zu bezahlen, damit die hierbleiben kann. Wir müssen nämlich davon ausgehen, daß unsere Leute von aufgehetzten Heien attackiert und getötet wurden, auch wenn sie erst nach der Dianthuskrautwirkungsdauer starben."

"Monsieur Dusoleil hat mir verbindlich versichert, daß Haie damit wirkungsvoll abgewehrt werden. Das deckt sich auch mit dem, was ich aus den Muggelweltdokumentationen über Haie mitbekommen habe, daß sie sehr empfindlich auf elektrische Felder reagieren, so wie wir, wenn wir grelles Licht in die Augen kriegen oder überlaute Töne auf die Ohren."

"Ja, und daß Meerleute mit überhohen Tönen auf Abstand gehalten werden können ist auch sehr beruhigend und hätte uns vor drei Wochen sicher sehr genützt. Aber Louvois mußte unbedingt den bevollmächtigten Zaubereiverwalter mimen", schnarrte Héméra. "Aber ich sollte ihn nicht kritisieren. Nachher legt er mir das noch als Insubordination aus."

"Die wäre nur gegeben, wenn Sie einen direkten Befehl von ihm oder ihrem hisigen Vorgesetzten mißachten würden", erwiderte Julius.

"Ja, und ein Befehl heißt: Der Resident ist der Chef hier. Was er sagt ist richtig."

"Gut, ich bin nur Gast hier und selbst ziemlich weit unten auf der Leiter. Ich backe da besser kleine Brötchen", lenkte Julius ein.

"Hängt ganz davon ab, wofür Sie eingeteilt werden", sagte Héméra orakelhaft. Dann erreichten sie den Abstellraum für die Truhe. Die zehn beantragten und bewilligten Anzüge wurden ausgepackt und vom hiesigen Hilfsmittelverwalter entgegengenommen und mehrfach quittiert. Danach zeigte Héméra den Kollegen aus der fernen Heimat den Gästetrakt, in dem bis zu zwanzig Personen wohnen konnten. Das war wichtig, wenn andere Zaubereiminister mit Gefolge zu Besuch kamen. "Wir pflegen hier den Kontakt zu den anderen Karibikinseln und haben öfter Gäste hier", erklärte Héméra. Dann winkte sie den Gehilfen, ihr in einen Seitenflügel zu folgen. Julius sollte warten. Als sie wiederkam sagte sie leise:

"Ich weiß von Tine und Grandchapeaus Kronprinzessin, daß du gerne tiefstapelst, Julius. Da kommst du bei unserem Residenten zwar gut mit klar. Aber bei meiner Großtante wirst du damit locker auf die Nase fallen. Wenn sie meint, du wärest groß und stark genug, ihr bei dieser Kiste zu helfen, mach dich nicht kleiner!" wisperte sie, wobei sie ganz die förmliche Art vergaß. Julius nickte und versprach, nicht übertrieben zu untertreiben.

Sein Gästezimmer besaß zwei Fenster, die auf das Meer hinausblickten. Dort wartete Julius' nächste Bewährungsprobe.

Man hatte ihm genau fünf Minuten gegeben, sein spärliches Reisegepäck in einem ländlichen Kleiderschrank zu verstauen und seine wenigen Pflegeartikel auf der Ablage über dem Marmornen Waschtisch zu verstauen. Dann wurde er von einemMitarbeiter der Ministerialresidenz zum Amtszimmer von Monsieur Égisthe Louvois, Grandchapeaus Stellvertreter auf Martinique, geführt.

Als Julius den hiesigen Vorgesetzten aller magischen Beamten sah mußte er sich beherrschen, nicht zu lachen oder mitleidsvoll dreinzuschauen. Égisthe Louvois war groß, füllig, mit langen, wulstigen Armen und Beinen, die eher an einen Teddybären erinnerten. Auf dem sehr kurzen, breiten Hals saß ein fast quadratischer Kopf mit einem flachen Gesicht, aus dem eine Knollenase herausragte. Trotz der Leibesfülle wirkte sein Kinn kantig. Seine kleinen, fast schwarzen Augen blickten Stechend. Der Kopf wurde von schulterlangem, mausgrauem Haar umflossen. das trotz der Tropensonne blasse Gesicht war bis auf einen grauen Schnurrbart glattrasiert. Louvois hob die rechte, klobige Hand mit den langen, wurstartigen Fingern und deutete auf Julius. Dann erklang die Stimme des Stellvertreters, und Julius vergaß, den Mann nach seinem Erscheinen zu beurteilen.

"Sie sind also der achso von Minister Grandchapeau empfohlene Julius Latierre?" fragte er mit einer raumfüllenden Baßstimme, die bereits beim Klang verdeutlichte, daß ihr Besitzer keine ihm mißfallenden Bemerkungen dulden würde. Julius stellte sich ruhig vor. "Damit wir das gleich klarstellen, junger Mann: Hier auf Martinique sage ich an, wer wie, wo, wann was zu tun und zu lassen hat, sobald er oder sie meiner Residenz zugeteilt ist. Will sagen, mein Wort gilt hier am meisten. Minister Grandchapeau hat Sie nur mitgeschickt, damit Sie erfahrungen für Ihre Laufbahn sammeln, nicht, um sich hier als Held oder Fachkundiger aufspielen. Ist das klar?"

"Ich bin hier in Befolgung der Anweisung Minister Grandchapeaus, zusammen mit meiner direkten Vorgesetzten, Mademoiselle Ventvit zu klären, ob es zwischen den Zauberern von Martinique und der vor Martinique bestehenden Kolonie von Meerleuten zu gewaltsamen Handlungen kam und wenn ja, ob diese auf Mißverständnissen oder echten Feindseligkeiten beruhen. Falls dies geklärt ist besteht der weitere Auftrag darin, zukünftige Gewalthandlungen von beiden Seiten zu vermeiden und im Rahmen der Zuteilungsänderung ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen", sagte Julius uneingeschüchtert. "Natürlich sind Sie hier der ranghöchste Zauberer. Wenn meine Vorgesetzte mir aufträgt, mich allein nach Ihren Anweisungen zu richten, tue ich das." Héméra Ventvit, die im Hintergrund abwartete, wie die erste Begegnung ausfiel, mußte sich sichtlich anstrengen, nicht anerkennend zu lächeln. Der Resident von Martinique krallte die Hände um die Armlehnen seines breiten schwarzen Ledersessels und stemmte sich hoch. Seine Augen blitzten unheilvoll. Doch Julius stand ruhig da. Was wollte und konnte dieser Mann ihm da schon, wo er mit wirklich gefährlichen Geschöpfen zu tun hatte. Da kam Ornelle Ventvit, von einer Angestellten der Ministerialresidenz geführt herbei. Sie winkte Monsieur Louvois und grüßte freundlich. Der Resident deutete auf sie und dann auf Julius: "Klären Sie das gleich, daß hier meine Anweisungen und Anordnungen gelten und machen Sie ihrem Gehilfen klar, daß er nur diesen Anweisungen zu folgen hat, Mademoiselle Ventvit!" blaffte Louvois. Ornelle Ventvit schüttelte jedoch den Kopf und straffte sich.

"Zum einen, werter Égisthe, unterstehe ich und damit jeder mir unmittelbar untergeordnete Zauberer aus dem Ministerium selbst nur dem Zaubereiminister. Ich bin mit meinem jungen Mitarbeiter hergekommen, um vor Ort die friedliche Umsetzung der Zauberwesenklassifizierungsreform zu beaufsichtigen. Ich befolge eine unmittelbare und klar formulierte Anweisung des Zaubereiministers von Frankreich und damit auch Martiniques: Sorgen Sie vor Ort für eine Aufklärung gewaltsamer Zwischenfälle zwischen Meerleuten und Zauberern und treffen Sie Vorkehrungen, derartiges nicht noch einmal vorkommen zu lassen! Das ist mein Auftrag. Ich habe Monsieur Latierre hier mitgenommen, da er bereits friedlichen Umgang mit französischen Meerleuten hatte und obendrein durch seine Mitwirkung bei der Quidditchweltmeisterschaft bereits Erfahrungen im Umgang mit verschiedenrangigen Hexen und Zauberern außerhalb von Beauxbatons gesammelt hat. Der Minister bescheinigt mir und ihm, daß wir beratend und helfend zur Seite stehen, aber nicht als Ihre persönlichen Untergebenen abgestellt sind, damit dies hier und jetzt geklärt ist. Was Sie meinem Juniormitarbeiter gerade nahelegten ist somit nicht im Sinne des Zaubereiministers von Frankreich. Sie sind und bleibben der Vorgesetzte der hier beschäftigten Ministerialbeamten. Aber das Vorhaben, die hier lebenden Meermenschen durch Gewaltandrohung ultimativ zur Unterwerfung aufzufordern, könnte einen unliebsamen und unnötigen Konflikt entfachen. Deshalb bin ich in eigener Person hier und habe meinen Juniorassistenten mitgebracht, ja auch um Erfahrungen zu sammeln, die für seine weitere Laufbahn hilfreich sind. Wie Sie sehen hat er sich von Ihrer Autorität nicht beängstigen lassen, weil er den klaren Auftrag des Ministers kennt und diesem allein verpflichtet ist. So, und wo wir das jetzt geklärt haben, Monsieur Louvois, würde ich gerne die Einzelheiten des unerfreulichen Verlustes von fünf Ihrer Mitarbeiter und den genauen Wortlaut des von Ihnen erwogenen Ultimatums erfahren."

"Nicht in diesem renitenten Tonfall, Mademoiselle", schnarrte der Ministeriumsresident von Martinique. "Sie erkennen gefälligst meine Vorrangstellung an, die auch darin besteht, Sie bei unvereinbaren Ansichten nach Paris zurückzuschicken. Also bekennen Sie sich unverzüglich zu meiner Vorrangstellung und weisen Sie diesen jungen Burschen da neben sich an, daß er sich auch diesen, meinen Anweisungen und Anordnungen zu fügen hat!" Julius blieb ruhig stehen. Solte er diesem feisten Quadratschädel da mal sagen, daß er sich sogar schon mit seiner ehemaligen Schullehrerin McGonagall, ja sogar schon mit einem waschechten Zaubereiminister aus den Staaten angelegt hatte? So wie Louvois gerade auftrat erfüllte er alle Anzeichen eines Mannes, der unbedingt eine Selbstbestätigung brauchte. Bekam er diese nicht, wurde er wohl leicht wütend. Ornelle schüttelte aber ruhig den Kopf und übergab Louvois einfach einen Pergamentzettel. Erst dann sagte sie:

"So, da ich Ihnen diese Mitteilung vor Zeugen überreicht habe, liegt es bei Ihnen, ob Sie ihre Rangstellung wirklich über eine Anweisung des Ministers persönlich erheben." Louvois las den Zettel, prüfte Unterschrift und Siegel und ließ sogar mit dem Zauber, der den Verfasser eines handgeschriebenen Textes sichtbar machte, ein räumliches Abbild des französischen Zaubereiministers entstehen. Nach einer halben Minute ließ er es wieder verschwinden. Dann sagte er unbeeindruckt:

"Der Minister kennt die hiesigen Meerleute nicht. Das sind Geschöpfe, die jeden Kontakt mit Landmenschen ablehnen. Der Tod von fünf Außendienstmitarbeitern der Zauberwesenbehörde beweist überdeutlich, daß diesen Kreaturen mit friedlichen Mitteln nicht beizukommen ist. Gewalt kann nur durch Gewalt beantwortet werden, und gemäß der von Ihnen zitierten Zuteilungsänderung können die Meerleute nun auch wegen Mordes belangt und bestraft werden. Es gilt also, die Mörder festzunehmen, auch gegen den Widerstand ihrer Angehörigen und Freunde. Sollte es sich sogar erweisen, daß meine fünf Mitarbeiter, die alle eigene Familien hatten, auf Befehl der Stammesführerin, die sich als Königin Méribelle bezeichnet, ermordet wurden, so muß ich ein unvergessliches Exempel statuieren und die Stammesführerin verhaften lassen. Dazu benötige ich die von Ihnen beigebrachten Schutzanzüge, von denen ich weiß, daß sie bei der richtigen Festlegung der Schutzfaktoren körperlichen Angriffen standhalten. Ihr Erscheinen hier wird von mir lediglich unter der Voraussetzung akzeptiert, daß Sie die Durchführung dieser Maßnahme beobachten und dem Minister darüber berichten. Mehr erwarte ich nicht von Ihnen und mehr gestatte ich Ihnen auch nicht. Ich werde das Ultimatum in einer Stunde übermitteln lassen. Auch eine Anweisung des Ministers wird mich nicht daran hindern. Wenn Sie also Ihren Weg nicht umsonst gemacht haben, und wenn Sie nicht wollen, daß ich Mademoiselle Héméra Ventvit wegen unerwünschter Eigenmacht bestrafe, halten Sie sich zurück und beobachten Sie nur! Ihr junger Mitarbeiter kann dabei mehr wichtige Erfahrungen sammeln, als wenn er sich von Ihnen in eine unvorhersehbare Lage treiben läßt, die eine objektive Einschätzung der Gesamtsituation vereitelt. Die meisten meiner Leute stehen loyal zu mir. Zählen Sie also besser nicht darauf, diese gegen mich aufzubringen! Das würde ich Ihnen als mutwillige Behinderung ministerieller Maßnahmen auslegen und entsprechend ahnnden. Sie sind hiermit gewarnt.""

"Ihren Letzten Satz hätte ich eben auch äußern können, als ich Sie darauf hinwies, daß mein Auftrag unmißverständlich und durch Sie nicht aufzuheben ist, Monsieur Louvois. Aber Sie haben recht, daß wir über die in ihrem Zuständigkeitsbereich wohnhaften Meerleute so gut wie gar nichts wissen. Daher kann ich Sie nur bitten, Ihr Ultimatum erst dann übermitteln zu lassen, wenn mein Mitarbeiter und ich über die der Residenz zur Verfügung stehenden Einzelheiten unterrichtet wurden", sagte Ornelle.

"Die Zeit läuft bereits, Mademoiselle Ventvit. Wenn Sie es schaffen, sich vor dem Zeitpunkt auf den gegenwärtigen Wissensstand zu bringen, dann fangen Sie besser sofort damit an!"

"Nun, eigentlich wollten mein Mitarbeiter und ich Sie erst einmal begrüßen. Aber da Sie so auf Eile und Unverzüglichkeit drängen werden mein Juniormitarbeiter und ich diesen Vorschlag Ihrerseits annehmen. Wo können wir Einblick in die entsprechenden Dokumente nehmen?" Der Resident deutete auf die andere Mademoiselle Ventvit und herrschte sie an, bei den beiden zu bleiben.

"Es heißt immer, der erste Eindruck entscheidet oft über eine Beziehung", sagte Julius auf dem Weg in das Archiv der Residenz. Ornelle sah Julius an und schnarrte:

"an und für sich hätte er die Anweisungen des Ministers unverzüglich umsetzen müssen, nämlich eine zweite, friedliche Expedition auszuschicken. Wenn diese Meerleute wirklich so landmenschenfeindlich gestimmt sind, wird ein an sie übermitteltes Ultimatum, das die Entmachtung ihrer Stammesführung beinhaltet als Kriegserklärung gewertet. Da brauchen wir die Lebensweise dieser Meermenschen nicht zu kennen, um diesen Schluß zu ziehen."

"Ja, aber dann wäre unser Auftrag schon zum Scheitern verurteilt, bevor wir angefangen hätten, ihn auszuführen", wandte Julius ein. Da er nicht resignierend klang und auch keinen niedergeschlagenen Eindruck machte horchten die beiden Ventvit-Hexen auf. Ornelle nickte und sagte: "Ja, wäre er, wenn wir erst handelten, wenn das Ultimatum übermittelt wurde." Héméra blieb stehen und sah die aus Paris angereiste Bürovorsteherin an. "Die beiden Anzüge für Monsieur Latierre und mich habe ich in weiser Voraussicht gleich aus der Kiste entnehmen und in die mir zugewisene Unterkunft bringen lassen. Da ich dem Zaubereiminister persönlich unterstellt bin stellt es keine Gehorsamsverweigerung dar, wenn ich Louvois' Ersuchen ablehne und diesem zuwiderhandeln muß. Die frage ist nur, wie viele wirklich loyale Mitarbeiter ihm zur Verfügung stehen", flüsterte Ornelle Ventvit. Héméra wollte gerade einräumen, daß sie die Lage selbst nicht guthieß, als aus drei Richtungen zugleich insgesamt zwanzig Zauberer in dunkelblauen Umhängen heraneilten. Zehn von denen kamen alleine aus der Richtung, wo das Büro des Ministerialresidenten lag.

"Mademoiselle Ventvit, Monsieur Latierre, wir sind von Monsieur Louvois dazu beauftragt, Ihre unversehrte Ankunft in unserem Archiv zu gewährleisten und Ihren Aufenthalt dort abzusichern", sagte ein Zauberer mit silbernem Stern am dunkelblauen Spitzhut, also wohl eine Art Truppführer.

"Georges, was soll dieser Auftritt?" fragte Héméra Ventvit. "Ich habe den Auftrag, mit Mademoiselle Ventvit die Dokumente über die vor Martinique bestehende Meermenschenkolonie zu sichten. Dafür brauchen wir weder eine Eskorte noch Bewachung." Julius schwante jedoch, daß Louvois sich darüber im klaren war, daß Ornelle und er den Weg zum Archiv "wegen fehlender Ortskenntnisse" nicht finden und "aus Versehen" zu den ministeriumseigenen Luft- oder Wasserfahrzeugen gelangen würden. Ornelle ging aber wohl auch davon aus.

"Ich werde Minister Grandchapeau über die Umsicht und Fürsorglichkeit Monsieur Louvois' berichten, daß wir von ihm so hoch geschätzt werden, daß wir eine eigene Schutzmannschaft zugeteilt bekommen haben, Messieurs", sagte Ornelle. "Doch ich habe soeben befunden, daß um weitere Todesfälle unter Ihren Angehörigen und den auf Martinique wohnenden Menschen ohne Magie zu verhindern, eine Ddirekte überprüfung vor Ort auskunftsträchtiger ist als unzureichende Darstellungen in Schriftform. Sollten Sie uns dazu begleiten wollen, nehme ich gerne Ihr Angebot an, uns zu beschützen."

"Wir haben den Auftrag, Sie zum Archiv zu bringen und dort dafür zu sorgen, daß Sie nicht behelligt werden", sagte der Zauberer mit dem Silberstern am Hut, der laut Héméra Ventvit Georges mit Vornamen hieß.

"gut, wir wollen ja nicht, daß Sie Ärger mit Ihrem Vorgesetzten bekommen", sagte Ornelle scheinbar kapitulierend. Julius war sich aber aus irgendeinem Grund sicher, daß die Hexe nicht daran dachte, trotz der klaren Übermacht von ihrem eigentlichen Ziel abzuweichen.

Zunächst gingen die drei von den zwanzig Mann flankiert durch die Gänge nach unten in den von Öllampen goldgelb erleuchteten Keller hinunter. Es ging zu einer Tür, auf der ein großes Buch und die Aufschrift "Aktenarchiv" zu lesen war. Die Tür wurde von Héméra Ventvit geöffnet. Dann wurden die drei von den Sicherheitszauberern in eine riesige Halle hineingeschoben, in der hunderte von Bücher- und Aktenregalen ein schier unübersichtliches Labyrinth bildeten. Der Archivar war wie in Paris ein älterer Zauberer, der von Georges den Auftrag erhielt, die drei Besucher in die Abteilung über die bekannte Geschichte der Meerleute zu führen. Der Archivar sah Ornelle an und verglich sie mit Héméra Ventvit. Dann sah er Julius an. Einen Moment lang meinte Julius, ein aufmunterndes Leuchten in den Augen des älteren Zauberers zu sehen. Dann deutete dieser auf die Abteilung mit Akten für Zauberwesen, die gemäß der Julius bekannten Nummerierung gekennzeichnet war. Kaum waren die drei in die Abteilung abgebogen und hatten ein vier Meter hohes Regal zwischen sich und die ihnen nachrückenden Bewacher gebracht, wirbelte Ornelle herum und riß den Zauberstab hoch. Unvermittelt baute sich zwischen ihr und dem Durchgang eine von ihrer Seite her durchsichtige Wand auf. Zwei der Schutztruppler kamen dagegen und bogen nach rechts ab, anstatt in den schmalen Durchgang zu laufen. Weitere Bewacher folgten ihnen. Dabei waren Ornelle und der neben ihr laufende Julius Latierre doch überhaupt nicht zu übersehen. Hémérra peilte mit gezogenem Zauberstab um die Regale herum. Julius zog behutsam seinen Zauberstab frei. Doch Ornelle drückte den Arm hinunter. Da empfing er zum ersten Mal in seinem Leben ihre Gedankenstimme. "Mach du nichts. Reicht schon, wenn Hémie und ich uns mit den Trollen anlegen." Julius verstand, daß Ornelle wohl schon mit ihrer Großnichte Mentiloquiert hatte, wie sie die erdrückende Bewachung loswerden konnten. Im Moment reichte es völlig, daß die Schutztruppler von irgendwas abgelenkt nach rechts abbogen, sobald sie den richtigen Durchgang erreichten und gegen jene durchsichtige Barrire stießen. Julius überschlug alle ihm bekannten Illusions- und Sinnesbeeinflussungszauber. Im Moment erkannte er die Wand wohl gerade als Tarnung. Doch wieso die Zauberer nicht in den Gang eindrangen wußte er nicht. Julius trat einige Schritte nach vorne, weil er sicher war, daß ihn die anderen durch die Zauberwand nicht sehen konnten. Er hörte auch nicht, ob der Archivar den Männern eine andere Richtung ansagte. Denn der mußte ja schließlich wissen, wo es in Wirklichkeit langging.

Julius hatte gehofft, daß alle zwanzig Bewacher durch die magische Ablenkung in die Irre geführt wurden. Doch vier der Schutztruppler blieben zwei Schritte vor der Barriere stehen und hielten die Zauberstäbe einsatzbereit. Da erklang ein lautes Gepolter. Männerstimmen riefen durcheinander. Julius fühlte ein Zittern durch den Boden gehen. Dann erkannte er, daß etwas großes und schweres umgestürzt war. Er blickte sich rasch um. Die ihm nächsten Regale standen noch. Doch irgendwo mußte ein anderes Regal ... Rums! Wieder ein lautes Gepolter. Wieder riefen Zauberer durcheinander. Jetzt hörte Julius auch Zauberwörter heraus, die ihm sagten, daß die Männer gegen irgendwen oder irgendwas anzauberten. "Dismitto!" "Finite Incantatem!" "Erecto!" hörte er die Männer rufen. "Finite Incantatem!" rief noch einer. "Contramotus totalus!" brüllte die Stimme von Georges, dem Anführer. Da knallte es so laut und scharf, als habe ein gigantischer Raubtierbändiger seine Peitsche knallen lassen, um die aufgescheuchte Meute in die Schranken zu weisen. Ornelle ergriff Julius am Arm und zog ihn hinter sich her. Es sah schon komisch aus, wie die wesentlich kleinere Hexe den jungen Zauberer mitzog, um eine weitere Biegung herum, wo sie noch einmal den ungesagten Barrierezauber machte.

"Mittwoch! Die haben uns den Weg mit umgeworfenen Regalen verbaut!" brüllte einer. "Truppführer, bitte heben Sie den Anti-Bewegungszauber auf!"

"Ja, mach das mal, Georges", schnarrte Ornelle. Julius ließ sich nach wie vor von ihr weiterziehen, bis sie um eine Biegung kamen, wo Héméra Ventvit hinter einem Berg aus zusammengeworfenen Aktenordnern in Deckung hockte. Hinter dem Haufen konnte Julius bereits drei erstarrt dastehende Wächter erkennen. Ein vierter wollte den riesigen Haufen wohl gerade mit einem Wegräumzauber beseitigen. Doch Georges hatte ja den raumfüllenden Zauber gegen jede Form der Transport- und Fernlenkzauber gewirkt und nahm diesen offenbar auch nicht zurück, als seine Leute von umgestoßenen Regalen und herausgeflogenen Aktenordnern am Vorrücken gehindert wurden. Einer der Zauberer stöhnte und keuchte, man solle das über ihm liegende Regal wegnehmen. Julius wußte wie Ornelle, daß die Zauberer hier nicht wagen würden, den Verschwindezauber auf die Hindernisse zu legen oder gar den Reducto-Fluch zu verwenden. Denn hier lagerte schließlich das gesamte auf Pergament gebannte Erinnerungsvermögen der Ministerialresidenz von Martinique. Davon etwas verschwinden oder kaputtgehen zu lassen wollte sicher keiner. Auch Ornelle und ihre Großnichte legten da keinen Wert drauf. Ihnen reichte es, genug Deckungen zu haben. Der Zauberer, der hinter dem Pergamentrollen- und Aktenmappenhaufen stand sah Julius und zielte über den Haufen auf ihn. Da riß julius einen der Ordner aus dem noch stehenden Regal und hielt ihn genau in die Zauberstabausrichtung. "Fallen lassen!" rief er dem anderen zu. Der Zauberer war perplex, daß er nicht so frei auf Julius zielen konnte. Denn dieser führte den herausgenommenen Aktenordner so, daß jeder ihm geltende Zauber diesen Aktenordner treffen würde. Welchen Vorgang er beinhaltete wußte Julius nicht. Doch dem anderen war das Archiv wohl heilig genug, nichts davon zu gefährden. Er versuchte immer, um den Ordner herumzuzielen. Da erwischte ihn ein unsichtbarer Schwächungszauber. Er taumelte, verlor erst den Zauberstab und dann den Halt. Kraftlos schlug er rücklings auf den blitzblank gescheuerten Steinboden hin. Doch wie bei einer Hydra tauchten statt des einen Zauberers gleich zwei neue auf, die auf Julius und die beiden anderen Zielten. Julius ergriff Ornelle, bevor die was unternehmen konnte und zischte "Evoco Plurimagines!" Dabei dachte er ganz bewußt an jene scheinbar so harmlosen, kuscheligen Tiere aus dem Star-Trek-Universum. Das hatte zur Folge, daß es in der nächsten Sekunde gleich zwanzig Ornelles und Juliusses gab. Eine Sekunde später waren es sogar schon fünfzig. Die beschworenen Abbilder schwärmten aus, kletterten über die Hindernisse, wuselten zwischen den Regalen herum und rempelten sich gegenseitig an. Das Chaos hatte zur zweiten Runde geläutet. Héméra Ventvit, die merkte, daß sie nicht von der magischen Vervielfältigungswelle betroffen war, duckte sich hinter einer materielosen Kopie von Julius und führte den Selbstbildvervielfältigungszauber an sich alleine aus. Nun gab es auch von ihr immer mehr Abkömmlinge, die die weiten Hallen des Archives ausfüllten.

"Das geht gegen Tiere und mit Flächenzaubern nicht vertraute Leute", schickte Ornelle Julius zu. "Aber bis die unsere Duplikate ausgelöscht haben sind wir hier raus." Julius sah noch, wie eine Héméra Ventvit in die Richtung zurücklief, aus der sie vorhin gekommen waren. Dort stand immer noch die durchsichtige Wand. Sie wirkte auch weiterhin. Denn jeder dagegenstoßende Zauberer wurde dazu gebracht, nach rechts abzubiegen. "Kopfblase!" durchzuckte Julius ein drängender Gedanke, der nicht sein eigener War. Er gehorchte sofort. Er hörte noch, wie Georges und drei andere Zauberer im Chor einen Aufhebungszauber sprachen, bevor sein Kopf in einer bläulichen Blase aus Zauberkraft steckte. Jene Héméra, die auf dem Weg zur durchsichtigen Ablenkwand war trug auch eine Kopfblase. Da zischte aus Ornelles Zauberstab ein roter Nebel heraus, der keine zwei Meter von ihr fort schon völlig unsichtbar war. Julius hörte ein leises Summen in seiner Kopfblase. Doch was immer der Nebel sonst anrichten sollte wurde von ihm ferngehalten. Julius sah gerade noch, wie seine heraufbeschworenen Abbilder im wilden Flackerlicht vergingen. Dann hörte er mehrere Körper zu Boden stürzen. Es dauerte keine Minute, da herrschte Stille. Jetzt fühlte Julius, wie ihn sein Zauber gut ausgezehrt hatte. Ornelle senkte den Zauberstab. "Kopfblase aufrechterhalten! Mir nach!" mentiloquierte sie Julius. Als auch die nun einzige Héméra Ventvit ebenfalls hinter Ornelle herging war sich Julius sicher, daß sie den gleichen Gedankenbefehl erhalten hatte.

Sie verließen die Abteilung für Zauberwesen, ohne einen der Aktenordner zu würdigen. Die durchsichtige Barriere war verschwunden. Womöglich hatte der gemeinschaftliche Illusionsaufhebungszauber sie gleich mit aufgelöst.

 

Der Archivar saß auf seinem hohen Lehnstuhl, den Kopf in die Hände gestützt und schlief wohl.

Erst als die drei an der Tür waren und feststellten, daß sie versperrt war, verhielt Ornelle. Sie deutete mit dem Zauberstab auf die Tür und murmelte wohl Alohomora. Doch der Zauber wirkte nicht wie gewohnt. Sie versuchte es mit dem Reducto-Fluch. Doch der zersprühte mit lautem Peng zu bunten Funkenmustern an der Tür.

"Neuen Ausgang suchen!" rief Ornelle nun mit körperlicher Stimme, die durch ihre Kopfblase und die um Julius' Kopf wie durch eine Dicke Wand klang.

"Es gibt nur den einen, Mademoiselle Ventvit!" hörte Julius Héméra Ventvit antworten.

"Belüftungsschächte?" wurde sie gefragt. Doch die gab es auch nicht. Julius betrachtete die Tür. Sie besaß nur einen schmalen Spalt. "Die Tür hat einen dauerhaften Imperturbatio-Zauber gegen in Nebelform vorrückende Eindringlinge!" rief Héméra, die sah, wie ihre Großtante den Türspalt genau überprüfte. Julius fragte sich, wie ein hermetisch verschlossener Raum belüftet wurde, um hier keinen ersticken zu lassen. Andererseits war es auch eine Form, die zersetzende feuchte Luft draußenzuhalten. Da blickte Julius auf die einfache Steinwand. "Megadamaszauber, Mademoiselle Héméra Ventvit?!" rief er aus der Kopfblase heraus.

"Ja, gegen Kobolde!" rief die jüngere Mademoiselle Ventvit zurück. Damit zerplatzte Julius' Hoffnung, den Raum anders als durch die Tür zu verlassen. Andererseits könnte es gehen, wenn er ... Doch das wollte er den beidden Hexen nicht auf die Nase binden, daß er sowas gelernt hatte.

"wir kommen hier raus!" rief Ornelle und trat von der Tür zurück. Sie wirkte entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. "Julius, wie spät ist es?!" Julius sah auf seine Uhr und rief die ablesbare Ortszeit in den Raum.

"Dann haben wir durch diesen Ausflug schon eine halbe Stunde verschenkt", hörte er ihre durch ihre und seine Kopfblase gefilterte Stimme. Dann bekam er die Anweisung nach dem Zauberer Georges zu suchen und ihm, wenn gefunden, den Zauberstab abzunehmen und ihr zu geben. Julius fragte sich aber, wie er durch das ganze Labyrinth von Regalen und Schränken, von denen einige jetzt auch noch umgestürzt waren, diesen einen Zauberer suchen und erreichen konnte. Da erinnerte er sich, daß ein Zauberstab auch als magischer Metallsucher auf bestimmte Metalle eingestimmt werden konnte. Zwar trug er am linken Handgelenk die Armbanduhr. Doch wenn er den Zauberstab schön gerade aus von sich streckte, konnte er damit die Umgebung nach dem Silberstern absuchen. "Indicato Locum Argenti!" murmelte er. Die Zauberstabspitze glomm leicht silbrig auf. Zum Test führte er ihn sacht an die Armbanduhr und fühlte sofort ein wildes Vibrieren. Das Silberlicht wurde heller und bedeckte zwei Drittel der Stablänge. Als Julius den Stab wieder von der Uhr forthielt sah er nur das leichte Glimmen. Er Drehte sich behutsam im Kreis, bis das Licht an der Spitze etwas heller schimmerte, wenngleich auch etwas flackerte. Er lief in die erfaßte Richtung, umlief ein Regal, setzte mit einem lässigen Hüpfer über die Beine eines bewußtlosen Zauberers hinweg und suchte sich seinen Weg. Als das Licht immer heller glomm fühlte er auch die sachte Vibration in seiner Hand. Er lief noch einmal um ein Regal herum. Jetzt war die Wechselwirkung wesentlich stärker. Offenbar war der Stern des Truppführers wirklich aus massivem Silber. Julius wunderte sich nur, daß dieses Zeichen nicht gegen den Metallanzeigezauber abgeschirmt war. Aber dann fiel ihm ein, daß das Symbol womöglich ähnliche Schalt- und Meldefunktionen besaß wie die Broschen der Saalsprecher von Beauxbatons. Auch das magie wie ein Akku aufnehmende Silber konnte nicht beliebig mit Zaubern aufgeladen werden.

Endlich hatte er das letzte Hindernis umgangen und war noch über einen am Boden liegenden Aktenordner gestiegen. Da erfüllte das Silberlicht die Hälfte des Zauberstabes. Er vibrierte nun sehr stark. Julius sah das Ziel vor sich. Da lag der Truppführer Georges. Als Julius den am boden liegenden erreichte erschien Héméra Ventvit um eine Abzweigung in zwanzig Metern Entfernung. Sie strahlte Julius an. Ihr Zauberstab strahlte ebenfalls im silberlicht und zitterte stark.

"Nnimm du den Stab von ihm", mentiloquierte sie ihm zu. Er wollte es ihr überlassen. Da hörte er in seinem Kopf: "Du bist Tante Ornelles direkter Untergebener und nicht Louvois zur Gefolgschaft verdonnert." Julius begriff. Wenn er den Stab nahm, handelte er nicht gegen ein Gebot innerhalb dieser Residenz, keinem Kollegen den Zauberstab zu stehlen. Sicher war Georges in gewisser Weise auch sein Kollege. Doch da dieser für Louvois dafür sorgen sollte, daß Ornelle und er ihren von höchster Stelle erhaltenen Befehl ausführen konnten, war er im Moment nicht sein direkter Kollege. Er bückte sich und zog dem Bewußtlosen den Zauberstab aus den schlaffen Fingern. Dann folgte er Héméra, die dieses Labyrinth besser kannte und somit den schnellsten Weg zurückfand. Er gab Ornelle den erbeuteten Zauberstab. Diese nickte und hielt diesen an ihren Zauberstab. Sie prüfte, welche drei letzten Zauber damit gewirkt wurden. Als der Zauberstab des Truppführers ein Muster aus in den Raum hineingreifenden Spiralen aus goldenem Nebel zeigte nickte sie. Das war der drittletzte Zauber, den der Stab hervorgebracht hatte. Sie hielt nun ihren eigenen Zauberstab an den Kehlkopf und murmelte etwas, daß durch ihre und Julius' Kopfblase völlig gedämpft wurde. Dann steckte sie ihren eigenen Stab fort, nahm den ihr übergebenen Stab und hielt ihn hoch. "Sulatot sutomartnoc!" hörte er sie rufen. Doch es war nicht ihre Stimme, sondern die von Georges. Dabei wließ sie den Zauberstab im Uhrzeigersinn über dem kopf kreisen. Unvermittelt fühlte Julius, wie etwas von allen Seiten herandrängte und sah aus dem Nichts nebelhafte goldene Ringe entstehen, die sich im Uhrzeigersinn über dem Zauberstab drehten, dabei zu einer einzigen, achtfach gewundenen Spirale vereint wurden und dann mit leisem Knack im kreisenden Zauberstab verschwanden. Ornelle strahlte mit der hier nicht hineindringenden Tropensonne um die Wette, als sie den fremden Zauberstab wieder fortsteckte und ihren eigenen ergriff. "Naturavox!" hörte Julius Georges Stimme aus ihrem Mund, während sie den Stab an den Kehlkopf hielt. Danach rief sie mit ihrer eigenen Stimme: "Bringt den Herren Archivar her, Hemie und Julius!" Sie duzte ihre Begleiter! Julius mußte das erst einmal verdauen. Doch Héméra Ventvit nickte und eilte zu dem Stuhl des Archivars hin. Julius eilte ihr nach und half ihr, den bewußtlosen Zauberer zur Tür zu bringen. Kaum lag dessen Hand auf der Türklinke, erzitterte die Tür und schwang nach außen auf.

"Wußte doch, daß der Notfallzauber immer und überall gilt", schnarrte Ornelle. Sie hielt die Tür auf, während Julius und Héméra den Archivar wieder auf seinen Stuhl setzten. Dann verließen die Beiden das Archiv. Ornelle Ventvit schleuderte Georges' Zauberstab weit in den Raum hinein, dann drückte sie von draußen die Tür wieder zu. Daraufhin hob sie die Kopfblase auf. Julius nahm dies als stumme Anweisung, seinen Kopf auch wieder freizuzaubern.

"Wie war das eben, Monsieur Latierre? Ich habe Sie angewiesen, nicht in die Auseinandersetzung einzugreifen", hielt Ornelle dem Jungzauberer eine Standpauke. "Ich empfinde es als nicht gerade empfehlenswert, wenn meine Untergebenen sich nicht an meine Anweisungen halten." Julius überlegte, ob er sich dafür entschuldigen oder zumindest rechtfertigen sollte. Da grinste sie und sagte: "Deshalb ist es auch nicht passiert. Ich habe den Plurimagines-Zauber gewirkt. Merken Sie beide sich das bitte für den Bericht!"

"Wollen Sie die Truppe da drinnen verhungern lassen?" fragte Héméra.

"Hm, Morpheus' Atem dürfte durch das Türöffnen in diesem Raum noch zwei Stunden vorhalten. Solange haben die Herrschaften keinen Hunger. Außerdem kann der Archivar sie ja befreien, wenn er wieder aufwacht. Wir haben jetzt wichtigeres zu tun." Julius erfaßte, was sie meinte. So eilten sie durch die nun freien Gänge in die Richtung des Traktes für weibliche Gäste. Julius wurde durch einen warnenden Blick Héméras davon abgehalten, ihr und ihrer Großtante zu folgen. So blieb er an der Zugangstür stehen und sicherte, daß keiner sie überraschen würde. Dabei dachte er über den Zauber nach, den Ornelle Morpheus' Atem nannte. Er hatte mal gehört, daß die Griechen etwas ähnliches hatten wie das Sandmännchen der heutigen Kinder. Das war der Gott Morpheus, in dessen Armen jeder friedlich schlafen und träumen konnte. Nach ihm war ja auch das starke Betäubungsmittel Morphium benannt, erinnerte sich Julius ebenfalls. Also gab es neben dem übermächtigen Liebeszauber Aura-Veneris auch einen superstarken Schlafzauber. Den hatten sie in Beauxbatons aber nicht gelernt. Aber womöglich stand der in einem seiner vielen Bücher im Apfelhaus drin.

Keine zwei Minuten später waren die beiden Demoiselles Ventvit wieder zurück. Ornelle warf Julius ein kleines Bündel mit scheinbar vier Ärmeln und einem silbernen Ring zu. Das Bündel war wasserblau. Dann übergab sie ihm noch eine unscheinbar graue Folie. Sie drückte ihm noch einen der Ultraschallwerfer mit Gummistopfen in die Hand, während sie selbst eine Ausgabe der Blitzerwalze von Florymont trug.

"Verfügen Sie über ein Tiefblickfernrohr und Zugang zu einem Boot?" fragte Ornelle. Die andere Mademoiselle Ventvit bejahte es und führte die beiden Besucher aus Frankreich durch weitere unterirdische Gänge, in denen es merklich wärmer war. "Das sind die kontrolliert abgepumpten Gase des Mont Pelé", sagte Héméra Ventvit. Dann erreichten sie eine Grotte, in der drei große Boote lagen. "Ich würde nicht mit dem Propulsus-Zauber fahren, Mademoiselle Ventvit. Nehmen Sie besser den Außenbordmotor. Den werden sie erstens für einen reinen Muggelantrieb halten und zweitens wegen seiner Lautstärke nicht so schnell anschwimmen wie ein geräuschlos fahrendes Boot."

"Danke für die Empfehlung. Gut, wir müssen schnell los, oder stimmt es nicht, daß ein Boot fehlt?" Ornelle deutete den Anlegesteg entlang. Tatsächlich klaffte eine große Lücke zwischen zwei festgemachten Booten.

"Stimmt, da fehlt ein Boot. Gut, wenn wir mit Motorkraft und Propulsus fahren sind wir schneller!"

Keine zwei Minuten später legte ein hölzernes Boot mit kräftigem Außenbordmotor ab und verließ durch einen Tunnel den unterirdischen Anlegesteg. Die Gezeiten, so Héméra Ventvit, wurden durch eine Schleuse ausgeglichen. Im Moment war ablaufendes Wasser. So kamen sie schnell aus der Höhle heraus, die in einer von Felsen überragten Bucht mündete. Außerhalb wurde der Hilfsmotor angeworfen. Zusetzlich belegte Ornelle das Boot noch mit dem Vortriebszauber Propulsus. Damit schoß das Boot pfeilschnell über die Wellen. Julius dachte an einen Ritt auf einem dahingaloppierenden Kamel im Sandsturm. Nur daß statt Sand Salzwassergischt um ihn herumwirbelte. Die Großnichte Ornelles holte aus einer wasserdichten Kiste ein Fernrohr heraus, mit dem sie erst den Horizont und dann die Wasseroberfläche absuchte. "Die neuen Fernrohre sind ihr Geld wert", sagte sie. "Damit können wir selbst durch zweitausend Meter tiefes Wasser wie durch reine Luft durchsehen und sogar die dort unten vorherrschende Dunkelheit durchdringen.

Zwanzig Minuten verstrichen, bis Héméra "Zweites Boot rechts vor uns!" rief. Julius hätte ihr gerne gesagt, daß es Steuerbord voraus heißen mußte. Doch nautisch korrekte Fachausdrücke waren hier gerade nicht nötig. Das Boot mit den beiden Hexen und dem Zauberer fegte mit hoher Bugwelle und breitem, weiß schäumenden Kielwasser auf das andere, gemächlich mit dem Motor dahintuckernde Boot zu, in dem sieben Mann in Badekleidung saßen. Julius war froh, auch Sonnenkrauttinktur eingepackt zu haben. Jetzt nahm Héméra den Propulsuszauber zurück. Nur der Hilfsmotor lief mit voller Kraft voraus. Einer der Insassen in dem breiten, dickwandigen Boot hielt gerade ein Metallfaß mit den Händen über Bord, als Ornelle ihn mit Hilfe des Vocijectus-Zaubers anrief und sich als Ministerialbeamtin zu erkennengab. "Lassen sie das Faß nicht über Bord! Ich bin von Minister Grandchapeau persönlich instruiert, jede provokante Handlung gegen die hier residenten Meerleute zu untersagen und zu unterbinden."

"Das kann jede sagen!" rief einer der Bootsinsassen zurück. Er wollte gerade dem Besatzungsmitglied den Befehl geben, das Faß über Bord zu werfen, als dieses wie von einer unsichtbaren Kraft angezogen aus den Händen des Zauberers flog und mit großer Geschwindigkeit durch die Luft bis an Bord des zweiten Bootes segelte.

"Ich werde mich Ihnen gegenüber legitimieren, ich habe die entsprechenden Pergamente mit", sagte Ornelle, während zwei aus dem größeren Boot ihre Zauberstäbe auf sie richteten. "Codewort Feuerstifel!" rief sie. Die beiden Zauberer senkten ihre Stäbe wieder. Die Männer im Boot sahen einander betreten an. In der Zeit glitt das kleinere Boot bereits an der Backbordseite heran und ging auf Parallelkurs. Als dann die beiden Boote mit im Leerlauf tuckernden Motoren nebeneinander zu liegen kamen apparierte Ornelle auf das andere Fahrzeug. Julius sollte mit Héméra im kleineren Boot bleiben. Eine Minute lang sprachen die Hexe und die Zauberer miteinander. Dann apparierte Ornelle wieder an Bord ihres Bootes.

"Gut, die Herrschaften fahren wieder nach Hause und werden verkünden, daß sie das Ultimatum übermittelt haben. Sie werden aber nicht erwähnen, daß sie uns getroffen haben. Diese Überraschung gönne ich dem Herren Louvois erst, wenn seine Wachhunde wieder aufgewacht sind."

"Und wir tauchen irgendwo nach den Meerleuten, ohne Schutzmannschaft?" fragte Héméra.

"Monsieur Latierre und ich werden dies tun. Die Herrschaften haben mir die Bezugspunkte verraten, wo die Kolonie zu finden ist. Allerdings haben sie mir auch verraten, daß Louvois es auf eine gewaltsame Auseinandersetzung anlegt. Sein Neffe gehört schließlich zu den Toten."

"Oha, und dann wollen die den offenen Krieg? Dabei können aber auch Taucher und Bootsausflügler der Muggel angegriffen werden", sagte Julius. Die beiden anderen nickten. "Deshalb gehen wir auch zu denen runter, Monsieur Latierre. Ich muß wissen, was die fünf Todesfälle ausgelöst hat. Wenn es nur ein Mißverständnis war, dann hoffe ich, es beilegen zu können. Wenn es ernsthaft eine Provokation war, dann weiß ich zumindest, woran wir sind."

"Tante Ornelle, du willst den Jungen echt da mit hineinziehen. Super-UTZs in Ordnung. Aber er ist ..."

"Nur fünf Jahre jünger als du, aber dafür schon durch manches Feuer gegangen, Mädchen", knurrte Ornelle. "Er und ich machen das, wenn es geht gewalltlos."

"Und wie lange halten die Anzüge euch am Leben?"

"die beiden neuen zwei ganze Tage. Die Folien beschützen uns davor, festgenommen zu werden. Außerdem können wir uns effektiv gegen aufdringliche Meerleute und ihre unterworfenen Helfer wehren." Julius nickte zuversichtlich. So hatte Héméra keine andere Wahl, als den betreffenden Punkt anzusteuern. Dabei behielt Julius das Meer unter ihnen im Blick. Der Motor war aber laut genug, um jeden Unterwasserbewohner mit empfindlichem Gehör auf Abstand zu halten. Dann waren sie am entsprechenden Punkt. Héméra Ventvit kantete die Schraube nach oben, daß sie nur Luft quirlte, ließ den Motor aber mit voller Kraft laufen, daß sein Lärm sich durch den Bootskörper nach unten übertrug. Hinter einem provisorischen Wandschirm stiegen Ornelle und Julius erst aus ihrer üblichen Kleidung heraus, um dann, wie Julius es von Florymont gezeigt bekommen hatte, in die Duotectus-Anzüge einzusteigen, die im Schrittbereich eine vergrößerte Reisewindel trugen, so daß die beiden Träger keine Probleme mit natürlichen Verrichtungen hatten. Um nicht verhungern zu müssen hatte Florymont bei der zweiten Version der Anzüge zwei Sättigungskekse innerhalb des Halsringes verborgen und an der Innenseite des Anzuges auch vier Liter Frischwasser in rauminhaltsvergrößerten Beuteln gelagert, das durch eine Art Strohhalm getrunken werden konnte. Insofern entsprach der Duotectus-Anzug wahrhaftig einem modernen Raumanzug für Astronauten. Julius stellte über die Runen die abzuhaltenden Umwelteinflüsse ein, Druck und Kälte. Er legte noch die Phiole mit der Goldblütenhonigessenz in eine Außentasche des Anzuges. Der Brustbeutel lag sicher innerhalb des Anzuges. Der Wandschirm verschwand, als beide Tauchwilligen sich bestätigt hatten, züchtig verhüllt zu sein. Julius übergab Héméra noch die Flasche mit dem Antidot 999, nachdem er gehört hatte, daß die Meerkrieger mit Quallengift an ihren Speeren kämpften. Dann ließ er die in den Anzug eingewirkte Kopfschutzmagie in Kraft treten. Nun wirkte sein Kopf wie in eine Glaskugel gesteckt und wohl darin geborgen. Der Anzug saugte sich fest an den Körper, behinderte diesen jedoch nicht in den Bewegungen. Nur die zusätzliche Auspolsterung zwischen den Beinen war für Julius gewöhnungsbedürftig.

"Laß immer Lärm tönen, Héméra. Dann kommen die Krieger dir nicht zu nahe!" empfahl Ornelle ihrer Nichte, diesmal wieder das familiäre Du benutzend. Dann glitt sie gewandt über Bord. Julius folgte ihr.

Es war schon faszinierend, in die Tiefe zu tauchen. Florymont hatte bestätigt, daß man mit einem freigezogenen Zauberstab bis auf eintausend Meter Tiefe abtauchen konnte. Darunter war es jedoch riskant. So hatte Mademoiselle Ventvit befohlen, die Stäbe sicher unterzubringen und nur mit aktivierter Blitzerwalze und den frei greifbaren Ultraschallrohren zu hantieren. Um unter Wasser sehen zu können trugen beide die neuen Gleitlichtbrillen Florymonts, die zwischen Sehen im Dunkeln und blendfreie Sonnenbeobachtung einsetzbar waren. Dazu hatte Ornelle Julius noch eine Mithörmuschel hinter das rechte Ohr und eine andere unter seinem Kinn festgebunden, bevor sie die Kopfschutzvorrichtung in Kraft gesetzt hatten. So konnten sie sich auch unter Wasser klar und deutlich unterhalten.

"Diese neuen Brillen sind ihr Geld wert. Ich werde davon noch zwanzig Stück anfordern, wenn wir diesen unliebsamen Vorfall geklärt haben", verriet Ornelle ihrem Begleiter. Die Blitzerwalze auf ihrem Rücken schleuderte schwache Leuchtspuren in die trübe Dämmerung des Meeres. Es ging immer tiefer hinunter. Dann sah Julius einen Schwarm Haie, der wie gegen eine unsichtbare Wand geprallt auseinanderstob und um sie herumzirkelte. Die einzelnen Haie versuchten, näherzukommen. Doch die starken elektrischen Entladungen der Blitzerwalze waren für sie einfach unerträglich. Sie kamen nicht näher. Jetzt konnte Julius dank der magischen Restlichtausnutzung seiner Brille sehen, daß auch Vierergruppen von Haien herumschwammen, die etwas unerkennbares zwischen sich aufgespannt hatten. Julius dachte an Netze und fand es schon verdreht, daß Fische Netze einsetzten. Doch genau das sprach dafür, daß sie für die Meerleute im Einsatz waren. Womöglich dienten sie als Abwehrtruppe und als Greif- und Rollkommando.

"Da vorne muß die Ansiedlung irgendwo sein, Julius. Jetzt gut aufpassen, daß wir nicht überrascht werden!" Julius bestätigte es. Seine behandschuhten Hände lagen am Gummistopfen der Ultraschalltröte, wie Florymont das Ding nannte.

Weitere Haie versuchten, in die elektrisch überladene Zone um die beiden Taucher vorzustoßen. Doch sie trieben immer wieder zurück. Julius dachte daran, wie viele Taucher mit so einer Vorrichtung am Leben gehalten werden konnten oder wie viele Surfer gefahrlos ihrem Sport nachgehen konnten, wenn sie eine derartige Vorrichtung benutzten. Dann erkannte er jedoch, daß jedes Jahr mehr Haie für chinesische Haifischflossensuppe getötet wurden als Menschen von Haien umgebracht wurden. Hinzu kam die von Film und Fernsehen geschürte Angst vor diesen Tieren und der daraus entfachte Haß gegen diese Tiere, die doch auch nur ihr natürliches Leben leben wollten. Die Haie um sie herum waren aber keine natürlichen Raubfische, die nur andere Fische oder Robben bejagten, sondern gezielt abgerichtete Kampfeinheiten wie Dobermänner und Rottweiler in der Welt der Landmenschen.

"Auf elf Uhr so zwanzig Grad neigung unter uns kommen welche mit Speeren und Helmen angeschossen!" Warnte Julius seine Vorgesetzte. Diese blickte sich um. Weitere Haie versuchten von oben und unten, vorne, hinten, links und rechts vorzustoßen. Doch das elektrische Feuerwerk aus der Blitzerwalze war doch noch zu stark für sie. Dagegen kam der in sie eingepeitschte Befehl nicht an, die Eindringlinge anzugreifen oder gar einzufangen. Die Meerkrieger jedoch, die ihre Oberkörper und Köpfe mit Panzern aus Weichtierschalen schützten, waren gegen das elektrische Bombardement immun. Sie stießen laut brüllend vor. Da zog Ornelle den Stopfen von ihrer Ultraschalltröte und zielte genau auf den Anführer, der an seinem Helm ein Flechtwerk aus Tangfasern trug. Laut schreiend prallte der Meermann zurück. Seine Schwanzflosse zuckte unter ihm nach vorne und warf ihn in Rückenlage. Seine Krieger wanden und schüttelten sich wie unter heftigen Schlägen. Sie bremsten ihren raschen Vorstoß. Da hörte Julius Ornelle rufen: "Wir wollen nicht eure Feindschaft. Aber wir wollen auch nicht von euch gefangengenommen oder getötet werden. Bitte führt uns friedlich zu eurer Königin!"

"Schrilles Schreien böses!" brüllte der Anführer der Meerkrieger. Julius peilte nach hinten und sah, wie ein Meermann Ornelle von hinten anfallen wollte, wohl auch, um ihr die Blitzerwalze abzujagen. Julius zog den Stopfen aus seiner Ultraschalltröte und gab dem Meermann eine Sekunde lang lautstarken Ultraschall auf die empfindlichen Ohren. Der Meermann schrie. Ornelle erkannte nun, daß ihr jemand von hinten auf die Pelle rücken wollte und wirbelte herum, um den hinterhältigen Wicht ihre Ultraschalltröte entgegenzuhalten. Julius fühlte trotz der Kopfschutzvorrichtung einen heftigen Druck auf den Ohren. So war es also, wenn ein Mensch dieser Lärmquelle ausgeliefert war, dachte er. Auch erinnerte er sich daran, daß seine Mutter selbst einmal mit einer derartigen, rein technischen Vorrichtung unerwünschte Bekanntschaft gemacht hatte. In allerletzter Folge dieser unerwünschten Bekanntschaft war er jetzt hier in der Karibik und mußte sich gegen Meerkrieger wehren.

"Wir können euch damit zurücktreiben oder euch unerträgliche Schmerzen geben. Aber wir wollen nicht kämpfen!" rief Ornelle. "Wir möchten mit eurer Königin sprechen und mit ihr verhandeln."

"Ihr Frevler, ihr Schänder unseres Heiligtums! Ihr Mörder unserer großen Propheten, werdet keinen Frieden mit uns haben. Bleibt oben in eurer viel zu flüchtigen Welt auf dem Land!" brüllte der Anführer und gab Befehl, die Speere zu werfen. Julius konnte zwar nicht so schnell in die Richtungen zielen, wo die Speere herkamen. Doch der Anzug prellte die Wurfgeschosse ab. Sie waren ja auch nur Druckwirkungen. Dabei versuchten vier Meerleute, ihn zu packen und glitten mit ihren schuppigen Händen von seinem Körper ab. Den Meermännern mochte dies nicht geheuer sein, wo sie wohl doch zwischendurch Fische fingen, deren Schuppen ja auch glitschig waren. Julius hielt sich an Ornelles Weisung, keine von sich ausgehende Gewalt anzuwenden, außer die Tröte zu benutzen. Ornelle stopfte diese gerade wieder zu. Das war für Julius ein Zeichen, seine Ultraschalltröte ebenfalls zum schweigen zu bringen. Jetzt stürmten die Meerleute von allen Seiten her heran. Sie warfen sich über Ornelle und Julius. Doch Ornelles Blitzerwalze jagte den Angreifern Stromstöße durch den Leib und ließ sie betäubt von ihr abfallen. Julius verzichtete darauf, auszuprobieren, ob seine nicht mehr so taufrischen Karatekenntnisse, mit denen er zumindest einige Todesser beeindruckt hatte, unter Wasser funktionierten. Denn die Meerleute konnten ihn nicht packen. Nur die Handschuhinnenseiten wären Greifbar. Doch Julius hütete sich davor, die Meerleute da hinkommen zu lassen. Sie glitten von ihm ab. Schläge mit Fäusten oder den Schwanzflossen, ja auch Schnitte und Stiche mit rasiermesserscharfen Korallendolchen brachten ihnen keinen Erfolg. Julius atmete auf, als nach einer wilden herumwirbelei zwischen so vielen umherschlagenden Fischschwänzen endlich Ruhe einkehrte.

"Wir lassen uns von euch nicht halten und nicht töten. Wir möchten aber auch keinen von euch gefangennehmen oder töten!" rief Ornelle.

"Unsere Königin will keine Landmenschen in ihrem Reich. Wenn ihr nicht mehr zu eurem lärmenden Schwimmding zurückkehrt, hetzen wir alles auf euch, was beißt und den Tod in den Körper drückt!" brüllte der Anführer. Da erscholl ein lautes klappern, als schlüge jemand zwei Holzbretter oder Tonteller andauernd zusammen. Die Meerkrieger zogen sich sofort zurück und bildeten eine Kugelschalenformation um ein Gefährt, daß wie eine große Muschel aussah und von mehreren größeren Fischen gezogen wurde, die beim Eindringen in die Blitzerwalzenzone verharrten. In der Barke saß eine Meerfrau mit grauer Schuppenhaut und einem sichtlich ausgefranzten Fischschwanz. Auf dem Kopf, von dem lange Strähnen wie Tangfasern herabbaumelten, trug sie eine Krone aus Korallen, die durch Tangfasern zusammengebunden waren. Links und rechts neben ihr saßen zwei übergroße Meerkrieger mit wurfbereiten Speeren. Die Zugfische wimmelten durcheinander, weil das Dauerfeuer elektrischer Entladungen ihnen genauso zusetztte wie den Haien. Doch Ornelle nahm keine Rücksicht darauf und ließ die fahlen Blitze weiterleuchten.

"Bringt die beiden vor mich hin! Aber nehmt der Zweibeinerin dieses Feuerding ab, daß meine Tiere quält!" rief die ältere Meerfrau aus der Barke. Ihre stimme klang angerauht, aber immer noch sphärisch, wie Julius es von den Wassermenschen im Farbensee und der Mittelmeerkolonie kannte. Die Kraft in der Stimme vervollständigte die Anzeichen, daß sie die Herrscherin dieses Volkes war.

"Das Feuerding beißt uns und macht, daß wir kraftlos werden", beklagte sich einer der Meerkrieger.

"Dann zerschlagt es mit den Speeren!" befahl die Meerkönigin.

"Wenn ihr das versucht kann ich euch nicht mehr versprechen, daß ihr diesen Mondkreislauf noch hier bleiben dürft, Königin Méribelle. Ihr habt sicher gehört, daß wir Landmenschen und ihr Meermenschen jetzt einen neuen Vertrag haben, demnach ihr alles Unrecht gegen euch vor unserem Gericht anzeigen dürft, aber dafür auch jedes von euch begangene Unrecht bestraft werden kann. Wollt Ihr als die Herrin in die Erzählungen eurer Nachkommen eingehen, die das eigene Volk der Vernichtung preisgab?" Zwei Speere flogen auf die Blitzerwalze zu und prallten daran ab. Denn ihre Spitzen kamen nicht durch das magisch gehärtete Eisen durch, in dem ständig überhohe Stromstöße erzeugt wurden. Drei weitere Speere krachten gegen die Blitzerwalze und zersprangen daran. Auch vier dagegen anstürmende Krieger konnten Ornelle nicht von der Walzenvorrichtung trennen. Julius, der im Moment eher Zuschauer war, nahm die ihn einkreisenden Meerkrieger nur als Beobachter zur Kenntnis. Daß sie ihm nichts tun konnten hatten sie schon herausbekommen. Dann sah er mehrere Gruppen von Meerkriegern mit Netzen, die von oben herabglitten. Er warnte Ornelle davor. Diese zog aus dem Anzug etwas wie eine Machete. Julius nickte und zog ebenfalls das zur absoluten Notwehr mitgenommene Werkzeug. Die Netzträger stürzten sich auf sie. Doch mit den Macheten, die schärfer als Rasiermesser waren, durchtrennten Ornelle und Julius die Netzfasern wie Seidenpapier. Die die Netze aufspannenden Krieger stoben von der plötzlichen Entspannung überrascht auseinander. Somit war auch der nächste Versuch vereitelt, die beiden einzufangen.

"Ich möchte nur gehört werden und einige Fragen beantwortet haben, Königin Méribelle!" rief Ornelle Ventvit. "Habt Ihr unsere fünf Boten getroffen?"

"Wenn ihr die fünf meint, die durch einen eurer Zauber Flossen und Wasseratmung hatten, dann ja. meine Krieger haben sie gefangen und in den Kerker geworfen. Ich wollte sie fragen, ob sie von denen kamen, die unser allerheiligstes entmachtet und geraubt haben und unsere beiden Propheten in das Meer der Unendlichkeit geschickt haben. Da holte sich die trockene Welt ihre Kinder zurück und bestrafte sie damit, deren Seelen in ihr dunkles Reich ohne Wasser zu ziehen. Ihr Zauber hatte nicht gehalten, und sie mußten als Zweibeiner ohne Wasseratmung dahingehen."

"Wolltest du sie töten?" fragte Ornelle. Méribelle, die graue Meerfrau, schüttelte den Kopf. "Wir wollten sie erst verhören. Vielleicht hätte ich sie zu euch zurückgelassen, weil sie nicht bereit waren, so zu werden wie wir."

"Das ist auch gar nicht möglich", schnarrte Ornelle. "Landmenschen können keine Wassermenschen werden."

"Es ist eben doch möglich, Fremde!" kreischte die Königin. "Aber das kann dir auch egal sein. Denn seit Landmenschen wie ihr unser größtes Heiligtum geschändet und seine Macht ausgelöscht oder geraubt habt, ist meine Geduld mit euch Landmenschen sowieso vorbei. Hier in mein Reich darf kein Zweibeiner mehr hinein, egal ob jene, die zischende Glitzerdinger auf dem Rücken tragen und durch ein großes Auge sehen oder ihr, die ihr meint, weil ihr die erhabenen Kräfte über der Natur ausnutzen könnt. Eure fünf Getreuen sind von eurer lebensfeindlichen Trockenwelt verschluckt worden und haben uns ihre verrottenden Körper hinterlassen. Doch wenn sie dort auch nicht atmen können, so werden sie eben zerfließen und ihren Nachfahren keinen Rat mehr geben können."

"Es geht doch ohne Kampf. Die Menschen mit den Glitzerdingern und den einäugigen Gesichtern müssen nichts von euch sehen oder hören. Dann schwimmen sie wieder weg. Sie können doch auch nicht so tief hinunter wie ihr", sagte Ornelle. Julius stimmte schweigend zu. So tief wie sie jetzt waren kam kein gewöhnlicher Taucher mehr ohne Helium und Panzeranzug.

"Das ist mir jetzt gleich. Meine Krieger wollen jede eurer Seelen aus meinem Reich stoßen, weil es Zweibeiner waren, die unser Heiligtum mißachtet und niedergekämpft haben. Es gehörte uns. Doch Leute wie ihr habt es gezwungen, ihnen zu gehorchen. Jetzt ist es für uns verloren, und die beiden körperlosen Propheten, der mit dem losen Kopf mit Mondfarbenenen tanzenden Zungen darauf und der mit den drei Augen, sind ebenfalls verstummt, weil Leute wie ihr unser Heiligtum geraubt habt."

"Was für ein Heiligtum soll das denn gewesen sein?" wollte Ornelle wissen und nahm Julius damit eine Frage aus dem Mund.

"Die Ruhemuschel der großen Mutter der Wasser und Wellen. Aber das wißt ihr doch, wo es Leute von euch waren, die sie aus ihrem Heim, dem toten Schiff, herausgeholt haben. Dabei dachten wir, daß es uns immer beschützen wird, weil die große Mutter des Wassers und der Wellen jeden straft, der ihr Heiligtum anfaßt."

"Wer sollen die zwei körperlosen Propheten gewesen sein?" wollte Ornelle wissen.

"Die Propheten halt, die keinen Körper brauchen", sagte die Königin. "Der eine war ein guter Freund aller Wesen auf dem Land und dem Wasser. Ich half seinem Neffen, den gierige Landmenschen vom Schiff der großen Mutter des Wassers heruntergeworfen haben. Er, der Prophet mit den drei Augen, wollte die große Mutter zu einem heiligen Platz bringen, wo sie allen Wasservölkern Rat und Schutz geben konnte. Doch die gierigen Menschen haben sie angefaßt und sie strafte sie dafür und nahm das sie tragende Schiff mit auf den Grund. Ich bedauerte den kleinen Jungen, der im Wasser Trieb und trug ihn selbst zu einem schwimmenden schiff. Dort gab ich ihn an seinesgleichen zurück."

"Wann war das?" fragte Ornelle interessiert. Julius wollte diese Frage auch gerne beantwortet haben. Méribelle erwähnte, daß es wohl vor drei vierteln ihres Lebens war. Sie war damals gerade zwanzig Lange Lichtzeiten alt gewesen. Julius übersetzte es mit Sommern. Mit den gierigen Menschen waren sicher Piraten gemeint. Ornelle fragte, ob sie gehört habe, wie der Junge geheißen hatte.

"Der körperlose Prophet nannte ihn Edward Teach. Er hatte Haar so dunkel wie die Nacht."

"Der Edward Teach?" zischte Julius leise in seine Sprechmuschel zu Ornelle. Diese fragte ihn leise, was ihn an dem Namen aufregte.

"Wenn das der Edward Teach war, dann hat die einem der schlimmsten Piraten der Karibik das Leben gerettet. Der lief damals unter dem Namen Captain Blackbierd und hat am im achtzehnten Jahrhundert eine Menge Schiffe geplündert. Habe ich zumindest mal in einem Film über die Piraten der Karibik mitbekommen."

"Gut, das sagen wir der grauen Königin besser nicht", flüsterte Ornelle. Dann sprach sie wieder laut genug, daß die Meerkönigin sie verstehen konnte.

"Und der andere, der mit dem losen Kopf und den darauf tanzenden Zungen wie Mondlicht. Wer war er?"

"Er war der Oberstte jener gierigen Menschen, die den Jungen ins Wasser geworfen und die große Mutter beleidigt haben. Er wurde bestraft, und konnte sein Zerfließen nur damit verhindern, daß er dem dreiäugigen Propheten diente, das tote Schiff der großen Mutter des Wassers und der Wellen zu bewachen. Doch irgendwie sind wohl beide mit der Ruhemuschel der großen Mutter davongetragen worden. Wir haben sie verloren, und daher dulden wir keine Zweibeiner mehr in unserem Reich."

"Da haben zwei Gespenster denen glatt einen Irrglauben ins Hirn gepflanzt, die müßten einen mysteriösen Krug bewachen", wisperte Ornelle, diesmal auf Englisch, um die karibische Meerkönigin nicht doch was mithören zu lassen. Julius erwiderte in seiner Muttersprache:

"Ja, oder die beiden Geister wollten wirklich was vor anderen verstecken und haben denen diese Geschichte aufgetischt, um sicher zu sein, daß kein Landmensch da drankommt." Ganz geheim dachte er aber, daß es ein solches Artefakt gegeben haben mußte. Hatte Temmie/Darxandria ihm nicht mal was von einem magischen Krug aus Altaxarroi erzählt, der ähnlich wie Yanxothars Schwert das Feuer eben das Wasser beeinflussen konnte? Dann erinnerte er sich an die Denkariumsszene mit Ariassa und Afranius Nachtwurz. Da ging es um diese Aiondara, die die Großmeisterin des Wassers war. Ja, sie hatte wie Darxandria, Yanxothar, Ailanorar und leider auch Iaxathan etwas erschaffen, das mit ihrer Seele erfüllt war. Insofern war das kein Irrglaube, dem die Meerleute da nachhingen. Die Geister hatten wohl nur sicher sein wollen, daß außer ihnen keiner an den Krug kam. Wenn einer von denen der Onkel vom berühmten Blackbeard war, dann hatte der wohl auch Teach mit Nachnamen geheißen. Das ließ sich sicher herausfinden, ob es in England oder Irland einen solchen Zauberer gab. Doch dafür war Julius noch ein zu kleines Licht.

"Nun, eure große Mutter wird sicher nicht zu euch zurückkehren, wenn ihr ihr geheiligtes Element mit dem Blut der Erdmenschen vermischt und euer Blut ebenfalls im Wasser zerfließt, ohne daß eure Nachfahren davon etwas haben", schlug Ornelle einen anderen Ton an. "Ich kann in meiner Welt fragen, ob die beiden Propheten uns auch erschienen sind und ob sie uns sagen wollen, wer euer Heiligtum hat. Doch das kann ich nur, wenn ich mit meinem jungen Begleiter in mein Reich zurückkehren darf und ihr nicht gegen uns Landmenschen kämpft. Denn wenn ihr wirklich und gewollt tötet, dann bekommen meine Stammesangehörigen große Angst vor euch. Und es ist leider bei uns so, daß die Dinge, die große Angst machen, und vor denen man nicht fliehen kann, mit aller Macht zerstört werden, damit sie eben keine Angst mehr machen können. Wollt ihr, daß wir Angst vor euch haben müssen, oder möchtet ihr in Frieden weiterleben, ohne auch vor uns Angst haben zu müssen?"

"Wir wollen Vergeltung für den Frevel an unserem Heiligtum und an der Vertreibung der zwei Propheten!" schnarrte die Meerkönigin. "Jeder, der zu uns kommt und uns befiehlt, euch, weil ihr die kurzen Speere der übernatürlichen Kraft benutzen könnt, zu dienen, wird verjagt oder getötet. Es sei denn, ihr laßt euch von der Frevlerin, die uns ihre Dienerin geschickt hat, den Trank der Wandlung geben und werdet folgsame Untertanen von mir und meinem Gefährten, dem Führer der Krieger."

"Da hat euch jemand wohl eine Lüge erzählt", schnarrte Ornelle. "Wir kennen keinen Trank, der Landmenschen in Wassermenschen verwandelt." Sie hatte "Wir" gesagt. Doch Julius war sich sicher, daß sie damit eben nur meinte, daß Julius und sie keinen solchen Trank kannten. Méribelle lachte schnarrend und stieß aus, daß sie sich die Vorbotin des großen Frevels ansehen könnten, wenn sie Mut hätten, in die Stadt mitzukommen. Ornelle ging darauf ein. Sie bat Julius in ihre Nähe, da sie seine Wegführerin sei und sie einen heiligen Eid geleistet habe, ihn nicht alleine in einem unbekannten Land zurückzulassen. Offenbar zog das bei den Meerleuten. Julius fiel ein, daß die Wassermenscheneheleute, die Delamontagne in das Zauberwesenseminar eingeladen hatte, auch von Wegführern erzählt hatten. Das waren erfahrene Wassermenschen, die jungen Wassermenschen das Leben im Meer zeigten. Dabei konnten die Führer auch zu Fortpflanzungspartnern werden, um den jungen Meerleuten die richtigen Techniken beizubringen, die sie dann, wenn sie richtige Ehepartner erwählten, keine Angst vor dem Anderssein des Partners mehr haben mußten. Diese Art von Mentor und Liebestrainer war für die Wassermenschen heilig. Denn dadurch erhielten sie sowohl ihre Art als auch ihre Kultur.

Von einer dichter und dichter werdenden Kugelschalenformation aus Meerkriegern umschlossen folgten die beiden Landmenschen der Muschelbarke der Meerleute. Ornelle hatte per Stimmkommando die Blitzerwalze schwächer eingestellt, so daß die Zugfische nicht von dauernden Stromstößen gepiesackt wurden. Julius fragte Ornelle, ob er Méribelle die Frage stellen dürfe, wie sie mit ihren Toten umgingen. Denn das hatten sie beim Zauberwesenseminar nicht zu fragen gewagt. Ornelle erlaubte es. So fragte Julius, was mit den Körpern der Meermenschen geschah, deren Seelen in das Unendliche Meer der Vorausgeschwommenen eintauchten. Er erfuhr, daß sie in großen runden Betten aus festen Steinen und Muschelschalen eingeschlossen wurden, um sie nur von der Kraft des Wassers, aber nicht von gefräßigen Fischen zersetzen zu lassen. Denn, so Méribelle, die Julius' aufrichtige Frage schätzte, die Kinder der Meerleute aßen kleine Fische, um genug zum wachsen zu essen. Sie durften nichts essen, wo die Seele eines Vorausgegangenen drin gewohnt hatte, weil dieser Vorausgegangene dann beleidigt sein würde und den, der ein Stück von ihm wie auch immer aß, selbst langsam auffressen würde. Er fragte, ob sie auch die fünf Boten vom Landvolk so vor tote Körper essenden Fischen geschützt hatten. Die Antwort war ja. Ornelle drückte Julius kräftig die Hand. Denn sie ahnte, worauf er hinaus wollte: So wunderte es sie nicht, als er im Gegenzug erzählte, daß die Toten der Landmenschen in den Schoß der großen Mutter Erde zurückgelegt wurden, um von ihr in anderen Tieren, Pflanzen oder Menschen neu geboren zu werden. Das ginge aber nur, wenn deren frühere Familienangehörigen sich richtig von ihnen verabschiedeten. Sie mußten ihre verstorbenen Angehörigen an die Schöpfungsmacht zurückgeben, ihren Frieden und ihr Weiterbestehen erbitten. Sonst konnten sie nicht auf ein neues Leben hoffen. "Die Freunde, Blutsverwandten und Gefährten der fünf Boten haben Angst und sind traurig, weil sie ihren Dahingegangenen nicht diesen so wichtigen Dienst erweisen können. Es gibt bei uns Leute, die Angst haben, daß die Seelen der Toten das einem übelnehmen, wenn sie nicht richtig in die Erde gelegt wurden und sich an denen rächen, die sie nicht richtig beerdigt hatten. Méribelle hörte zu. Offenbar wußte sie davon nichts. Denn sie hatte schon tote Menschen in versunkenen Schiffen gesehen, die dann aber den Fischen zum Fraß gedient hatten. Julius spann nun eine ganze Rolle Seemannsgarn, daß die ertrunkenen Menschen in den Fischen, die von den Landmenschen gefangen wurden, gesteckt hätten und ihnen angedroht hatten, daß auch sie keine Ruhe finden würden, wenn sie nicht für die Seelen der Ertrunkenen um Frieden baten. Allerdings ginge das nur bei denen, von denen man wisse, wo sie ertrunken waren. Die fünf Boten würden aber immer noch vermißt.

"Dann werden sie eben mit unseren Vorausgeschwommenen im unendlichen Meer schwimmen, weil wir sie wie diese gebettet haben", sagte Méribelle. Doch ihre Stimme zitterte. Julius wußte, daß er sie jetzt am Haken hatte. Ornelle ließ ihn gewähren.

"Das geht aber nur bei den Angehörigen deiner Rasse. Die von uns wollen nicht im Wasser zerfließen. Sie müssen in trockene Erde, um dort bis zu ihrer Wiedergeburt schlafen zu können. Eure zwei Propheten waren solche, die nicht mit allen Ehren in die Erde gelegt werden konnten und deshalb ruhelos waren und fürchteten, niemals den Frieden zu finden. Deshalb haben sie wohl darauf gehofft, daß euer Heiligtum ihnen eines Tages den Weg in ihre Nachwelt zeigt."

"Die Seelen eurer Art können ihre Körper zurücklassen, wenn sie nicht richtig geehrt werden?" fragte Méribelle. Julius bestätigte das. Er fühlte sich dabei nicht wohl. Doch um seine Idee umzusetzen mußte er Méribelle erst Angst machen. Die war zu sehr auf ihre Vorrangstellung festgelegt, als sich mit Gewalt drohen zu lassen.

"Dann könnten sie sich an uns rächen, weil wir sie euch nicht zurückgegeben haben?" fragte Méribelle. Julius bejahte es mit scheinheiligem Bedauern in der Stimme. Dann bot er an, daß die Meerleute in Frieden leben würden, wenn sie die Toten an die Angehörigen zurückgaben und deren Seelen beruhigen konnten. Außerdem könnten die Meerleute damit zeigen, daß sie ein mitfühlendes, achtenswertes Volk waren, mit dem man in Frieden leben könne. Dafür könnte das Zaubereiministerium dann sicherstellen, daß weder die Flaschentaucher noch die mit Zaubermitteln tauchenden das Reich Méribelles gefährdeten. Die Meerkönigin verfiel in Schweigen.

"Die haben uns ganz eng eingekugelt, Julius", zischte Ornelle auf Englisch. Julius verstand die Sorge der Vorgesetzten.

Die Stadt der Meerleute unterschied sich nicht von denen, die Julius schon besucht hatte. Sie war nur ein wenig größer, und die Häuser aus gewaltigen Lavabrocken erbaut. Es ging zu einem Hügel, der wie ein nachgebauter Vulkan aussah. Ganz oben war ein Krater eingearbeitet, auf dessen Sohle mehrere Eingänge in den Berg vorhanden waren. Das war Méribelles Palast. Ornelle lehnte das Angebot ab, den Palast zu besichtigen. Julius hätte den Bau gerne mal von innen gesehen. Doch er kapierte, daß dieser Bau locker zu seinem Gefängnis werden würde. Die sie umschwimmenden Meerkrieger kamen näher. "Wir werden nicht in eure Häuser eindringen. Das tun wir nur, wenn wir euch dort töten wollen, und das wollen wir nicht", sagte Ornelle. Die näherkommenden Meermenschen verharrten. Die Meute der Krieger, die sie vorantreiben wollten, wich auf einen Schwanzflossenschlag der Königin zurück. "So muß ich sie herausholen", sagte sie und schickte eine jüngere Meerfrau in den künstlichen Vulkan hinein. Fünf Minuten später wurde eine wohl noch junge Meerfrau mit grünen Schuppen und brünetten Haaren und Pausbäckchen herausgeführt. Die junge Meerfrau trug ein Halsband aus Tang und Schneckenschalen.

"Das ist sie, die Frau, die den Frevel begehen wollte, unser Heiligtum zu stehlen und jetzt in unserer Mitte wohnt, um ihr Leben für uns zu leben, als eine von uns. Sie kann eure zweite Sprache, wenn auch mit einem anderen Sprechton, sagte Méribelle. Julius staunte, als die andere nach der Aufforderung der Königin in bestem US-Englisch sagte: "Ich bin die Umgewandelte. Ich habe jetzt den Namen Meridana. Wie ich früher hieß darf ich nicht mehr sagen, weil sie mich sonst als Undankbare hinrichten werden. Ich weiß, daß sie diese neuen Anzüge tragen, die Sie lange unter Wasser leben lassen. Aber die halten auch nicht ewig. Sehen Sie zu, daß Sie von hier wegkommen und sagen sie denen da oben, daß sie uns besser in Ruhe lassen. Méribelles Leute sind stinkwütend."

"Gut, Sie dürfen nicht sagen, wie sie geheißen haben. Aber woher sollen wir wissen, daß sie vorher eine richtige Frau oder Hexe waren?" fragte Ornelle. Da erzählte die junge, fremde Meerfrau, daß sie Muggelstämmige war, aber ihre Eltern nichts mehr von ihr wüßten und sie Quodpot gespielt habe und die Regeln kannte, aber auch mal Quidditch ausprobiert habe. Sowas konnten sich Meerleute nicht mal eben ausdenken, wenn sie keine Hintergründe kannten. So bat Ornelle Julius in Gedanken, dieses Wesen mit falschen Begriffen zu testen. So fragte er danach, was passierte, wenn von den fünf Eintopfern zwei von dem roten Ball beim Quodpot naßgespritzt würden. Die andere lachte und sagte, daß es nur zwei Eintopfer gäbe und der blaue Spielball keinen nassspritzen, sondern bei seiner Explosion herumwirbeln würde. Das nahm Julius als klare Bestätigung, daß sie die Quodpotregeln kannte. Dann fragte er, wie der derzeitige US-Präsident hieß. Als er die korrekte Antwort "Bill Clinton" erhielt, mußte er es glauben, daß diese Frau da mehr von der Landwelt wußte als eine übliche Meerfrau. Er mentiloquierte: "Offenbar hat die von den Redwood-Experimenten gehört und damit eine Umwandlung hinbekommen." Hörbar fragte er, ob die Fremde sich wieder zurückverwandeln könne. Diese lachte verächtlich. "Nicht nach der langen Zeit. Da sagte Méribelle:

"Sie bleibt jetzt bei uns und wird die erhabene Aufgabe haben, die Kinder unserer tapferen Krieger zu bekommen. Wenn sie dies kann, dann gehört sie endgültig zu uns."

"Julius sah die fremde Meerjungfrau an und überlegte, ob eer sie noch anmentiloquieren konnte. Doch dann drückte Ornelle seine Hand und mentiloquierte:

"Jungchen, das hier ist Stufe S8 oder höher. Das darfst du außer mir und dem Minister keinem erzählen, hörst du?" Julius bestätigte. Zudem kam ihm eine ungute Ahnung, wer diese bedauernswerte junge Frau da in eine Meerfrau verwandelt hatte. Er fragte Ornelle, ob er die andere mit einer bestimmten Frage testen durfte. Sie fragte ihn in Gedanken, womit: Ob ich ihre höchste Schwester grüßen soll, wenn ich ihr begegne. Sie hat mich erkannt", schickte er zurück. Ornelle überlegte, wie gefährlich das war. Dann mentiloquierte sie: "Nicht hier, nicht jetzt, Julius!"

"Wir möchten jetzt, wo wir wissen, daß Ihr mit uns aufrichtig wart, die Körper der fünf bei euch verstorbenen mitnehmen, um sie unseren heiligen Bräuchen nach der Erde zurückzugeben, aus der wir alle stammen und in die wir zurückkehren müssen, um weiterbestehen zu dürfen", sagte Ornelle. "Außerdem werdet ihr damit zeigen, daß ihr das Leben ehrt, weil ihr die Toten ehrt. Wer das Leben ehrt kann ein Freund sein. Wir können euch dann einen Vertrag anbieten, der euch absoluten Schutz vor der Gier und der Neugier der Landmenschen gibt." Die graue Meerkönigin überlegte. Dann sagte sie: "Wir dürfen sie nicht mehr anfassen. Das müßt ihr dann tun", seufzte Sie. "Sie liegen außerhalb der Stadt, um die Seelenbetten der dahingeschwommenen nicht zu stören. Folgt uns!" Sie winkte der anderen Meerfrau, wieder in den Palast zurückzukehren. Doch Ornelle gebot ihr Einhalt. "Sie kann uns helfen, unsere und eure Schuld abzutragen und zwischen euren und unseren Vorfahren zu vermitteln, weil sie bereit war, ihr altes Leben zu verlassen, um in eurer Mitte weiterzuleben."

"Nein, sie muß erst zwei gesunde Kinder hier bekommen, um zu zeigen, daß sie jetzt eine von uns ist", schnarrte Méribelle.

"Das kann sie nicht", sagte Ornelle unvermittelt. "Denn diese Kinder würden zwei der von euch festgehaltenen sein, die dann euer Reich zerstören. Nur wenn wir die fünf mit ihr zusammen in unsere Welt bringen und die fünf Seelen um Verzeihung bitten, kann sie von diesem Fluch gereinigt werden und euch wohlwollende Kinder geben." Méribelle erzitterte schlagartig. Die fremde Meerfrau starrte Ornelle mit großen Fischaugen an. Ihr Hinterleib wand sich zweimal. Dann sagte Méribelle:

"Wie lange braucht ihr dafür, um die wütenden Seelen aus ihrem Körper herauszubitten, damit sie nicht in den Körpern -?"

"Nun, Das hängt davon ab, wie wütend die Seelen sind und ob sie es nicht sogar als sehr angenehm empfinden, als eure Artgenossen wiederzukommen und dich und die deinen nach und nach ins Verderben zu stürzen. Mindestens aber brauchen wir einen ganzen Mond, um sie dazu zu bringen, nicht in zweien eurer Kinder wiederzukommen und mit den drei anderen in Frieden in den Schoß der Erde zurückzukehren, um dort zu schlafen.Du hättest dich besser gut genug über unsere Mächte und Fügungen erkundigen müssen, bevor du eine der unseren festhieltest, damit sie als eine der eurigen weiterlebt. deshalb könnten die beiden Seelen, die darauf warten, daß sie dort ihre ersten Kinder bekommt, bereits in ihrem Körper wohnen und sich darauf freuen, ihren Tod zu rächen, auch wenn es nur ein Mißverständnis war."

"Krieger, bringt Meridana und die in ihren Lebenshäuten verborgenen Landmenschen zu den Körperbetten der fünf dahingeschwommenen! gebt ihnen Netze, damit sie die Körper der Ihren in die trockene Welt zurückbringen können!" befahl Méribelle lautstark. Unvermittelt löste sich die Kugelschalenformation auf. Meridana, oder wie auch immer sie früher mal geheißen haben mochte, wurde von zwei anderen Meerkriegern in die Mitte genommen. Der Anführer wirkte noch hektischer als Méribelle. Diese blieb mit ihrer Muschelbarke zurück, während Julius und Ornelle Mühe hatten, mit den sehr schnell schwimmenden Meerleuten mitzuhalten.

Es ging zu einem Hügel mindestens zwei Meilen außerhalb der Meerstadt. Julius fühlte dabei, daß er Wasser lassen mußte und gab sich nach kurzem Zögern dem Drang hin. Er wunderte sich, daß er nichts davon fühlte, daß er unter sich ließ. Jedenfalls fühlte er sich nun erleichtert. Er fragte sich, was Ornelle mit diesem Manöver bezweckte. Dann sah er etwas, was ihm klarmachte, warum die Meerleute so hektisch waren. Meridanas Fischleib beulte sich zweimal kurz aus. Er hatte sowas ähnliches schon mehrfach gesehen, zuletzt bei Sandrine und Millie. Da war ihm klar, warum die Meerleute es plötzlich so eilig hatten.

"Da sind eure fünf Boten", schnarrte der oberste Krieger der Meerleute. Was hatte Méribelle gesagt? Er war ihr Gefährte. Dafür sah er aber noch nicht alt genug aus, dachte Julius, bis ihm klar wurde, daß Méribelle vielleicht schon zum x-ten Mal verheiratet war. Nur sie konnte mit ihren grauen Schuppen wohl keine gesunden Kinder mehr bekommen.

"Hoffen wir, daß der Coup gelingt, Mademoiselle Ventvit. Jedenfalls ein genialer Schachzug!"

"Nach der genialen Vorlage von Ihnen, Monsieur Latierre", mentiloquierte Ornelle zurück, um nicht doch von den Meerleuten abgehört zu werden.

Die Krieger räumten die Steine weg, zwischen denen die fünf Leichname der Ertrunkenen lagen. Julius hatte sich immer schon gefragt, wie Wasserleichen aussahen. Hier und jetzt mußte er starke Nerven haben. Tatsächlich zeigte sich, daß die fünf Toten dem übergroßen Druck zum Opfer gefallen waren. Er schluckte kurz und dachte seine Selbstbeherrschungsformel. Wichtiger waren jetzt die Krieger mit dem großen Tangnetz. Die Haie blieben auf Abstand. Ornelle und Julius zogen das Netz unter den Toten durch und schlangen es um diese herum. Dann sagte Ornelle: "Um die Seelen der Toten um Verzeihung zu bitten, müssen ihre Körper erst in der trockenen Erde liegen. Dann können unsere Totenkenner darum bitten, daß keiner der fünf in einem von euren Kindern weiterleben will, ja daß ihnen andere Körper angeboten werden, von ihren Blutsverwandten oder deren Freunden, in denen sie auf die Erde zurückkehren dürfen. Dafür müssen wir sie aber mitnehmen, damit die beiden Seelen, falls sie schon in ihr stecken sollten, unsere Abbitten hören können. Sonst müssen sie dort bleiben und auf ihre Rückkehr als eure Kinder warten. Das wird sie dann aber sehr wütend machen, wenn sie erfahren, daß die anderen drei geehrt und gewürdigt wurden und sie nicht."

"Ja, nehmt sie mit. Aber wenn ihr die Seelen der euren aus ihrem Körper herausgerufen habt, bringt sie uns wieder, damit sie ihre Sühne erfüllt", schnarrte der Krieger. Ornelle nickte ihm zu. Dann zogen Julius und sie das verschnürte Netz mit ihrer traurig-schaurigen Fracht davon. Die fremde Meerfrau Meridana half ihnen dabei. Sie sagte jedoch kein Wort, zumal sie offenbar wenig oder überhaupt kein Französisch konnte. Sie kapierte aber wohl, daß man sie aus dem Machtbereich der Meerkönigin Méribelle herausbrachte.

"Hier müssen wir bereits von euch Abschied nehmen", sagte Ornelle. "Denn sobald das Licht der Sonne die toten berührt, dürfen nur wir Landbewohner sie noch sehen. Sonst können wir ihre Seelen nicht um Verzeihung und Frieden bitten."

"Dann schnell weg!" schnarrte der Meerkriegerführer. Denn die ersten Sonnenstrahlen sickerten schon bis in diese Tiefe. "Ich komme noch einmal zu euch, um euch zu verkünden, ob wir Frieden mit euch halten. Was euer Heiligtum angeht, so weiß ich jetzt, daß die Propheten falsche Propheten waren. Sie wollten euch in diese schlimme Lage bringen und haben versucht, euch und uns gegeneinander auszuspielen. Sagt das bitte eurer erhabenen Königin!"

"DAS werden wir!" rief der Führer der Meerkrieger. Dann tauchten er und seine Leute blitzartig ab. Ornelle und Julius zogen nun unter dem Schutz der Blitzerwalze das Netz weiter nach oben. Meridana oder wie immer sie früher geheißen hatte, half tatkräftig mit. Knapp zwanzig Meter unter der Wasseroberfläche sagte sie: "Ich kann vielleicht nur für eine Stunde Luft atmen. Wenn ich dann nicht mehr ins Wasser komme muß ich sterben." Ornelle bestätigte es und versprach, daß sie schnellstmöglich an einen sicheren Ort mit genug Wasser gebracht wurde.

Héméra Ventvit wartete bereits oben. Sie berichtete, daß erst ein Dutzend Meerkrieger um das Boot herumgeschwommen seien und dann von irgendwem nach unten gerufen worden seien. Doch der laufende Motor habe sie auf Abstand gehalten. Meridana wurde ins Boot gehoben, ebenso die fünf vom Wasserdruck entstellten Leichname im Netz. Ornelle nahm mehrere große Handtücher aus einer anderen Kiste, tränkte diese mit Meerwasser und wickelte die fremde Meerfrau darin ein. Héméra wunderte sich überhaupt nicht, daß diese Meerfrau mitkam. Denn Ornelle hatte sie schon kurz vor dem Auftauchen mentiloquistisch instruiert.

Das Boot brauste mit voller Motorkraft und zusätzlichem Propulsus-Zauber Richtung Martinique. Ornelle und Julius blieben noch in den Anzügen, bis sie wieder im unterirdischen Hafen waren. Dort trugen Ornelle, Héméra und Julius die fremde Meerjungfrau schnell in einen stillen Seitenteil und legten sie in ein randvolles Wasserbecken mit Zierfischen. "Bleiben Sie auf dem Grund, bis mein Assistent zu Ihnen kommt und Ihnen erklärt, wie wir sie abtransportieren. Jedenfalls müssen Sie nicht mehr zu Méribelle zurück, wenn Sie das nicht wollen."

"Nein, die haben mich als niedere Zuchtmagd eingekerkert, bis ich ..."

"eerfolgreich geschwängert waren", schnitt Ornelle der fremden das Wort ab, bevor sie ihr das Halsband abmachte.

"Verhungern oder mich begatten lassen", zischte die fremde Meerjungfrau. "Irgendwann war mein Hunger doch zu groß, und dieser Rüpel, der seine dressierten Haie auf mich gehetzt hat, ist dann über mich hergefallen. Das Schlimmste daran war, daß es mir am Schluß sogar noch gefallen hat. Das hat er immer wieder gemacht, bis seine Leute gesehen haben, daß ich seine Brut im Leib hatte. Ich weiß nicht, wann die mir entschlüpfen soll. Aber mir wäre es lieber, wenn Sie sie rausschneiden und in Ihre Bouillabaisse tun."

"Dazu müßten wir mehr über die Organe der Meerleute wissen", seufzte Ornelle. "Aber vielleicht können wir Ihnen und Méribelle zugleich einen Gefallen tun", sagte Ornelle. Dann bat sie Julius, sie zu begleiten.

In einem uneinsehbaren Teildes Hafens zogen sie sich hinter einem provisorischen Wandschirm um, wobei Julius seinen Anzug noch bereithalten sollte.

"Louvois darf das nicht wissen, Junge", zischte sie ihm auf Englisch ins Ohr. "Wir verkaufen ihm, daß wir den Frieden mit den Meerleuten kriegen, weil wir versprochen haben, deren Heiligtum wiederzufinden und die uns dafür unsere Toten wiedergegeben haben. Die sind gestorben, weil die Meerleute nicht wußten, daß Dianthuskraut seine Wirkung verliert, ganz einfach."

"Mademoiselle Ventvit!" rief Héméra Ventvit. Ornelle ging zu ihr hin.

"Louvois will mit einem Boot los, um die Meerkolonie zu beobachten. Die fünf Angehörigen sollen ihn begleiten."

"Dann bringen wir ihnen jetzt ihre Lieben dahingegangenen wieder", sagte Ornelle. "Julius, Sie gehen zunächst in Ihre Unterkunft und warten dort auf mich!" Julius gehorchte.

Während er in seiner Unterkunft saß fragte sich Julius, was von dem stimmte, was Méribelle über dieses Heiligtum erzählt hatte. War das wirklich dieser Gegenstand Aiondaras. Aber dann konnte den nicht jeder nehmen. Diese Piraten, die den Knirps Teach ins Wasser geworfen hatten, damit er ertrank, durften das Ding auf jeden Fall nicht in die Finger kriegen. Dann konnte sich das Artefakt tatsächlich durch eine Ladung Wasser im Schiff selbst versenken und die Piraten mitnehmen. Was die beiden körperlosen Propheten anging, so war er sich sicher, daß die Gespenster früher selbst an den Gegenstand gewollt hatten und einer von denen zu den Piraten gehörte. Vielleicht, ja ganz sicher war der selbst Zauberer gewesen. Er dachte an die übliche Nachtoderscheinungsform von Geistern. Sie existierten so fort, wie sie im Augenblick des Todes ausgesehen hatten, mit den Sachen, die sie am Körper oder in den Händen gehalten hatten. Dann mochte der Geist mit dem losen Kopf enthauptet worden sein. Vielleicht war er sogar mit diesem Flammenschwert Yanxothars geköpft worden, weshalb sein Haar im Augenblick des Todes gebrannt haben mochte und deshalb auch in der Geisterform weiterbrannte. Wirklich eine gruselige Vorstellung.

"Forsch nicht weiter nach Aiondaras Krug, Julius. Er ist dort, wo er jetzt ist, in Sicherheit und hat seinen rechtmäßigen Besitzer gefunden!" erscholl unvermittelt Temmies Gedankenstimme in seinem Kopf. Die war so laut, daß er sie sofort in Gedanken fragte, wo sie sei. "Ich stehe gerade unter diesen hohen Bäumen mit den ganz breiten Blättern und habe mir gerade eine von den runden, harten Früchten von denen runtergepflückt. Denn ich habe mitbekommen, daß du genau da hingereist bist, wo Aiondaras Krug in die Fluten versunken ist. Wenn du möchtest, kannst du mich ja besuchen. Ich bin zwar im Mantel der Verhüllung. Aber du wirst mich schon bemerken."

"Du bist bis nach Martinique hinappariert?" mentiloquierte Julius.

"Zwanzigmal den Kurzen Weg, von einer weiten Insel zur nächsten, Julius. Das geht auch wieder zurück."

"Ich bin gerade in meiner Unterkunft. Ich darf dich leider nicht besuchen", schickte Julius zurück.

"Gut, dann ruhe ich mich noch ein wenig aus und gehe dann wieder den Kurzenweg nach Hause. Deine Arbeit auf der Insel ist getan, die Gefahr durch die aufgehetzten Abkömmlinge der ersten Wasseratmer vorbei. Aber versprich mir, was immer die in böser Absicht zu einer Wasseratmerin gewordene dir über den Krug erzählt, behalte es für dich! Das dürfen nur die Geweihten von Altaxarroi wissen." Julius verstand. Wenn Meridana oder wie immer sie wirklich hieß ihm die ganze Geschichte erzählte, dann würde er das verschweigen müssen. Doch ihm fiel gerade ein, wem sie es zu verdanken hatten, nicht in die Gefangenschaft der Haie und Meerleute geraten zu sein. Mochte es sein, daß jemand genau gegen diese Art von Gefahr wirksame Mittel erfunden und erfolgreich getestet hatte? Er mußte grinsen, als ihm klar wurde, daß wahrhaftig jemand, der beziehungsweise die etwas vom alten Erbe erhalten hatte, auch an diesen Krug gelangt sein mochte und diesen jetzt sicher untergebracht hatte. Nun, wenn sie ihm das nicht erzählte, wollte er sie besser auch nicht darauf ansprechen.

Zwei Stunden später bekam Julius den Auftrag, noch einmal im Schutz des Anzuges zu Meridana ins Becken zu steigen. Ornelle hatte es hinbekommen, eine ordinäre Champagnerflasche auf die fünfzigfache Größe zu vergrößern und sie randvoll mit Meerwasser zu füllen. Da Meerleute einen hohen Fremdverwandlungswiderstand besaßen, konnten sie die Maximumflasche nicht einschrumpfen. Doch man konnte sie zu einem Portschlüssel machen. Julius erklärte Meridana, was sie vorhatten. Dann kroch sie in die fünfzehn Meter lange Flasche hinein. Er folgte ihr mit etwas Platzangst, weil der Hals trotz der Vergrößerung für einen Burschen wie ihn sehr schmal war. Um genau vier Uhr Nachmittags Ortszeit erfaßte sie beide der Portschlüsselsog. Er trug sie aus dem Meerwasserbecken von Martinique zielgenau ins Mittelmeer hinüber, um sie dort in der Unterwasserkolonie abzuladen, aus der die Meerleute stammten, die er auch schon im Seminar getroffen hatte. Meridana - sie wollte diesen Namen behalten, auch wenn es eine Art Sklavenname war, durfte hier weiterleben. Was ihre zwei ungeborenen und aufgezwungenen Kinder anging, so war es möglich, daß sie deren Geburt nicht bewußt miterleben mußte. Viele erstgebärende Meerfrauen fürchteten sich davor, daß kleine, fischartige Wesen aus ihnen herausdrängten und dann sofort um sie herumschwammen.

Eine halbe Stunde später schlängelte sich Julius wie ein Aal aus der wieder zurückgekehrten Champagnerflasche. Die Glättefolie half ihm dabei ungemein. Doch als er im Schutz des Duotectus-Anzuges durch das Becken schwamm sah er, wie sich die Flasche in Millionen winziger Körner auflöste. "Toll, die Materieentkopplung durch überbeanspruchende Zauber", grummelte Julius. Pinkenbach ließ grüßen. Er fragte Ornelle Ventvit auf Gedanklichem Weg, ob er nicht auch hätte warten können.

"Nur wenn Sie durch die Magieentladung bei der Materieauflösung unversehrt geblieben wären, Monsieur Latierre. Da ich das nicht sicher voraussetzen konnte, war es für Sie besser, vorher aus dem Portschlüsselbehälter herauszusteigen." Julius verstand es.

Der rest dieser so abenteuerlichen Dienstreise war damit angefüllt, Berichte zu schreiben, was passiert war und wie Ornelle und Julius zum einen die Herausgabe der Toten erwirkt hatten und zum anderen ein Burgfrieden mit den Meerleuten von Martinique herbeigeführt werden konnte. Auch wenn Louvois gerne einen offenen Krieg gehabt hätte, so überzeugte ihn Grandchapeaus Besuch in Begleitung von Monsieur Vendredi doch, daß es besser war, auf die Bedingungen der Pariser Kollegen und Vorgesetzten einzugehen.

Als der Minister mit den Mitarbeitern Vendredi, Ventvit und Latierre einen Portschlüssel nach Paris umschloß sagte Héméra Ventvit noch: "Halten Sie sich weiter so interessiert wie unerschütterlich, Monsieur Latierre und kommen Sie mal zu uns, wenn Sie Urlaub haben!" Julius bedankte sich artig. Dann wurde er mit den anderen aus Frankreich ins bunte Zwischenreich der Portschlüsselmagie hinübergerissen.

"Das die Angelegenheit Meridana S9-Status Erhalten hat haben sie Mitbekommen, Monsieur Latierre", sagte der Minister. "Offiziell dürfen Sie nicht wissen, daß es diese Meerfrau gibt. Verhalten Sie sich bitte entsprechend!" Julius versprach es dem Minister.

Wieder zu Hause erzählte er Millie, daß sie die Meerleute, die fünf Ministerialzauberer hatten ertrinken lassen, damit bedroht hatten, das deren Seelen in jedes neugeborene Kind einfahren würden und die Meerleute terrorisieren würden. Millie hörte genau zu. Dann sagte sie:

"Es ist doch jedesmal dieselbe Frage, wo etwas Religion heißen darf oder wann Aberglaube oder einfach nur Einbildung oder Dummheit."

"Na, dumm sind die Meerleute nicht. Sie leben halt nach Regeln, die für unsere Vorfahren vor Jahrtausenden auch noch so verbindlich waren wie für uns heute Essen und Trinken oder daß wir Gold brauchen, um Essen und Trinken kaufen zu können. Die Naturvölker auf der Erde denken heute noch so, daß sie den Seelen der Verstorbenen Rechenschaft schulden und diese nicht wütend machen dürfen. Unser Umgang mit den Toten ist ja sogesehen noch ein wichtiges Überbleibsel aus der Zeit. Wenn Völker ihre Toten ehren und nicht einfach so verrotten oder von den wilden Tieren auffressen lassen, hat mal wer gesagt, dann fängt die Zivilisation an. Ja, und natürlich dann, wenn jemand morgens aufsteht und den klaren Gedanken hat: Heute werde ich niemanden töten."

"Gut, aber um zu essen leben wir alle vom Tod von Tieren oder Pflanzen. Selbst Britt muß vom Tod anderer Wesen leben, auch wenn ihr das nicht passen mag", sagte Millie. "Und ich hätte unsere Kleine sicher nicht so gesund auf die Welt bringen können, wenn nicht mehrere Hühner, Kaninchen, Schweine oder auch Normalkühe ihr Fleisch für mich und sie hergegeben hätten. Aber das mit den wütenden Seelen ist schon was, wo du Leuten, die fest an sowas glauben, alle Angst der Welt einjagen kannst."

"Vor allem wo wir in der Zaubererwelt wissen, daß es sowas geben kann", sagte Julius.

"Tja, jedenfalls darfst du jetzt wohl häufiger mit der guten Ornelle verreisen, wo ihr euch nicht gegenseitig umgebracht habt."

"Tines ehemalige Schulkameradin hätte mich sicher auch gerne in ihrer Mannschaft behalten. Hoffentlich fordert die mich nicht noch für dauerhaft an, weil ich mit Méribelles Volk so gut konnte!"

"Na, aber nur, wenn du da nur Kokosmilch und Süßwasser trinkst und deine Malariaschutztränke immer brav einnimmst, Monju." Julius lachte. Dann sah er seine Tochter an, die gerade satt und zufrieden in Millies Armen einschlief. Dieser Anblick war es wert, immer wieder zurückzukommen, auch wenn Aurore nicht mehr lange so klein und süß bleiben würde.

 

__________

 

Es sprach sich im Ministerium rasch herum, daß Ornelle sich einen kongenialen Juniormitarbeiter gesichert hatte. Auch wenn andere Bürochefs und -chefinnen ihn gerne in ihren Abteilungen hätten, fühlte sich Julius nach der gemeinsam überstandenen Reise zu den Meerleuten von Martinique noch mehr mit seiner Vorgesetzten Verbunden.

Eigentlich war geplant, daß am 20. September die von langer Hand vorbereitete Zusammenführung von Meglamora und Grawp durchgeführt werden sollte. Julius hatte deswegen noch einige Briefe nach England schreiben dürfen. Doch am 18. September, es war gerade 10 Uhr morgens, klopfte Mademoiselle Maxime persönlich an Ornelle Ventvits Bürotür an. Als die drei Meter große, für die Tür viel zu breit gebaute Halbriesin sich mit umständlichen Verrenkungen durch die zu kleine Türöffnung geschlängelt hatte, hielt sie einen Pergamentzettel in der Hand. Ornelle Ventvit blickte besorgt auf die Besucherin. Julius hatte gerade einen Brief an Professor McGonagall fertiggeschrieben.

"Oh, Mademoiselle Maxime. Ich habe nicht damit gerechnet, daß Sie uns noch einmal vor dem geplanten Zusammentreffen aufsuchen möchten", gab Ornelle ihrer Verwunderung über das persönliche Erscheinen der sie und Julius weit überragenden Hexe ausdruck.

"Genau das ist der Grund meines Hierseins, Mademoiselle Ventvit", setzte Mademoiselle Maxime an. Ornelle fragte sie, ob sie ihr einen Stuhl anbieten solle. Da konnte Julius sehen, wie die noch freien Stühle im Büro in Windeseile zu einer Wand hinübersprangen und sich dort übereinanderstapelten und ineinander verkeiltn und wild zitternd in dieser Stellung verharrten. Olympe Maxime schüttelte den Kopf und zeichnete für sich selbst einen Stuhl in die Luft, der fast viermal so groß war wie alle anderen Stühle hier. Als das heraufbeschworene Möbelstück langsam rotierend auf dem Boden landete sagte die ehemalige Schulleiterin von Beauxbatons:

"Ich habe gestern erst erfahren, daß Grawp der dritte Sohn von Karkus ist. Eigentlich hatte er Orantrath heißen sollte. Doch als er mit sechs Jahren nicht so groß war wie seine beiden Halbbrüder wurde er nur Grawp (Mickerling) gerufen. Karkus hat ihn als seinen Sohn abgelehnt und ihm gedroht, ihn umzubringen, wenn er sich seinen beiden Halbbrüdern nähern würde. Karkus hat dann eine lange Zeit als Gurg, also Häuptling gelebt, bis sein ärgster Feind Golgomath genug Anhänger hinter sich hatte, um ihn zu entmachten, also zu töten. Daß Arontrath oder Grawp Karkus' Sohn war hatten sie bis dahin alle vergessen, außer Meglamora. Als ich ihr gestern sagte, daß Grawp der jenige sei, mit dem sie zusammengebracht werden sollte, hat sie lautstark gebrüllt und mich fast mit einem aus Wut entwurzelten Baum erschlagen. Sie schrie mich an, ob ich sie zur Brutmutter von Karkus' wertlosen Kindern machen wolle. Dabei erfuhr ich dann, daß Karkus den Vater meglamoras und Ramantes und den gemeinsamen Bruder Barrogath erschlagen hatte. Sie warnte mich unmißverständlich, daß sie Grawp und jeden, der ihn dazu antreiben wolle, ihr und Ragnar näher als Schrittlänge zu kommen, totschlagen würde. Insofern komme ich in eigener Person, um Sie zu bitten, den Antrag auf Zusammenführung der beiden Riesen zurückzunehmen." Damit legte sie den beim Sprechen durch die Luft gewedelten Zettel auf Ornelles Schreibtisch.

"Warum wurde dieser Umstand nicht schon vor einem Jahr bekannt?" wollte Ornelle wissen.

"Weil Meglamora nur gesagt bekommen hatte, das es einen anderen Riesen aus dem Ural gebe, der im Westen lebe. Daß es Grawp war erfuhr sie erst gestern, weil ich den Namen voreilig, vielleicht auch glücklicherweise, erwähnt habe. Es war ja ursprünglich geplant, die beiden Riesen unvoreingenommen einander vorzustellen, da sich ja beide in gewisser Weise kannten."

"Und da erfuhren Sie, daß Grawp der Sohn eines Riesens ist, der wiederum Meglamoras Vater und Bruder erschlagen oder erwürgt hat?" fragte Ornelle. Mademoiselle Maxime nickte mit einer gewissen Bestürzung.

"Wie ernst müssen wir Meglamoras Ankündigung nehmen, Grawp und jeden, der ihn zu ihr führt zu töten?" forschte Mademoiselle Ventvit weiter.

"Sehr ernst, Mademoiselle", erwiderte Olympe Maxime. "Ich kam nur deshalb mit dem Leben davon, weil Meglamora weiß, daß ich ihre Aufenthaltsgenehmigung, ja ihre Überlebensgarantie bin. Wenn mir durch sie etwas widerfährt hätten Monsieur Grandville und alle anderen Befürworter ihres Todes ja den Grund schlechthin, sie zu erlegen. Doch ich kann und will nicht bestreiten, daß Meglamora ihre Drohung ernstmacht. Insofern ist es nicht angebracht, die Zusammenführung weiter durchzuführen."

"Gut, den Antrag auf Zusammenführung müßte dann auch Professor Hagrid zurückziehen. Unser Vermögensverwalter, Monsieur Colbert, hat die Benutzung von Portschlüsseln genehmigt. Die termingenaue Anmeldung der Portschlüssel erfolgte gestern. Wenn wir das alles widerrufen müssen, dann muß das in den nächsten vierundzwanzig Stunden geschehen."

"Will sagen, der Antrag auf Rücknahme der Zusammenführungsgenehmigung müßte heute noch erfolgen", grummelte Mademoiselle Maxime. Ornelle nickte. Dann sah sie ihren neuen Juniormitarbeiter an, der bis dahin still aber sehr aufmerksam der Unterhaltung gefolgt war.

"Monsieur Latierre, trauen Sie sich zu, heute noch sowohl nach London und nach Hogwarts zu reisen, um in der Funktion eines Boten die neue Situation zu erläutern und die darauf erfolgenden Antworten entgegenzunehmen?" Julius nickte. Dann sagte er, daß er das sehr gerne machen würde. Allerdings bräuche er dafür sicher eine schriftliche Genehmigung. "Diese erhalten Sie unverzüglich von mir und Monsieur Vendredi", erwiderte Ornelle darauf und holte aus ihrem Schreibtisch einen Packen Formularpergamente. Sie trug darauf etwas ein und unterschrieb an der dafür vorgesehenen Stelle. Dann entschuldigte sie sich bei Mademoiselle Maxime, das Büro vorübergehend verlassen zu müssen, um mit ihrem Vorgesetzten die neue Sachlage zu klären. Als Ornelle ihr Büro verlassen hatte sah die Halbriesin ihren ehemaligen Schüler und Empfänger ihres Blutes mit ihren schwarzen Augen an und sagte leise:

"Dieser bedauerliche Fall zeigt auf, daß es auch wichtig ist, die Abstammung der noch lebenden Riesen zu dokumentieren. Ich hoffe, diese Lageänderung überfordert Sie nicht, Monsieur Latierre."

"Sagen wir es so, Mademoiselle Maxime: Besser jetzt noch einen eiligen Rückzieher machen als dann, wenn die beiden sich über den Weg gelaufen wären, mitten in eine Schlägerei zwischen Riesen hineinzugeraten. Womöglich hätte Meglamora dann erst die Menschen angegriffen, die ihr Grawp gebracht haben. Aber die Frage ist schon berechtigt, warum das erst so spät rauskam?"

"Weil wir, also Professeur 'agrid und ich, offenbar zu sehr darauf ausgingen, die beiden zu einer lebensfähigen Partnerschaft bewegen zu müssen, um ihr Überleben zu sichern. Allerdings fühle ich mich nun wieder in meinen damaligen Einwänden gegen die Überführung Grawps nach Großbritannien bestätigt. 'agrid hätte diesen Riesen Grawp besser in der Gemeinschaft belassen sollen. Meglamora berichtete mir, daß er niemals als ernster Konkurrent von Karkus oder Golgomath in Betracht gekommen wäre. Er wurde zwar von den größeren Riesen immer mißhandelt. Aber er wäre nicht getötet worden, wenn er es nicht darauf angelegt hätte, mit einem ranghöheren Riesen auf Leben und Tod zu kämpfen. 'agrid hat dies offenbar befürchtet und ihn deshalb herübergeholt. Daher wäre es überaus tragisch, wenn ausgerechnet seine und meine Bemühung, ihm und Meglamora ein gemeinsames Leben zu ermöglichen, zu seinem und anderer Wesen Tod führen würde. Zwar hatte Meglamora sich immer mit ihrem Gefährten, von dem sie Ragnar bekommen hat, im Hintergrund gehalten. Doch als das Bündnis zwischen Golgomath und den Todessern beschlossen wurde, war dies für den neuen Gurg die Gelegenheit, einen gefährlichen Konkurrenten weit von sich zu schicken. Und unabhängig davon, wie die Angelegenheit jetzt behandelt werden wird: Weder Grawp noch Meglamora können in ihre Heimat zurück. Sie würden da als "verdorbene" angesehen, Artgenossen, die sich den dort herrschenden Sitten nicht mehr unterwerfen würden, sofern man eine auf Brutalität und Dominanz durch Muskelkraft basierende Rangordnung als Sitten bezeichnen darf. Insofern hätten beide den Tod zu befürchten. Insbesondere Ragnar würde dort keinen Tag lang überleben. Deshalb hing ich ja bis gestern noch der festen Überzeugung an, daß die beiden zusammengeführt werden sollten, um eine eigenständige Familie zu begründen."

"Gibt es bei den Riesen sowas wie Blutrache?" fragte Julius.

"Sie meinen, daß Meglamora jetzt, wo sie weiß, mit wem sie zusammengebracht werden sollte, von sich aus darauf ausgeht, Grawp zu töten?" Julius nickte. "Auszuschließen ist es nicht. Zudem wurde ihr Gefährte, also Ragnars Vater, bei der Schlacht von Hogwarts getötet. Das war der Riese, den die junge Mademoiselle Drake mit dem Erstickungszauber die Atemluft abgeschnürt hat. Da Grawp aber auch dort gegen seine Artgenossen gekämpft hat, trägt er in gewisser Weise eine Mitschuld am Tod ihres Gefährten. Daher haben wir es tunlichst vermieden, Grawps Rolle bei der Schlacht vor Meglamora zu verheimlichen. 'Agrid hat ihm wohl auch irgendwie klargemacht, daß er nicht damit angeben durfte, bei diesem Kampf dabei gewesen zu sein oder welche Rolle er dabei spielte." Julius nickte. Das wußte er zumindest schon aus den Unterlagen, daß Meglamora nicht erfahren durfte, was bei der Schlacht von Hogwarts passiert war.

"Na ja, dann bleibt wohl doch nur, eine andere Gefährtin für Grawp zu finden", sagte Julius.

"Ich hoffe, daß es dann noch genug reinrassige Riesen geben wird, die das Überleben dieser humanoiden Lebensform sichern können", erwiderte Mademoiselle Maxime. Julius dachte daran, wie sie beim Trimagischen Turnier in Hogwarts noch jede Beziehung zu den Riesen abgestritten hatte. Doch das erwähnte er nicht laut.

Fünf Minuten später kam Ornelle mit dem vollständig ausgefüllten Formular wieder. Julius sollte dann eintragen, daß er als Beauftragter ins londoner Zaubereiministerium und nach Hogwarts reisen sollte, um die neue Lage zu erklären.

"Monsieur Vendredi hat eine Eilgenehmigung für eine Flohnetzreise ins londoner Zaubereiministerium erteilt. In einer Viertelstunde ist Ihr Abreisetermin, Monsieur Latierre", sagte die Büroleiterin. Dann ließ sie Mademoiselle Maxime noch das Antragwiderrufungsformular für das französische Zaubereiministerium ausfüllen, während Julius noch die schriftlichen Instruktionen, was bei Militärangehörigen auch als Marschbefehl bezeichnet wurde, entgegennahm.

Um viertel vor elf mitteleuropäischer Zeit stieg Julius in einen der Kamine im Foyer des Zaubereiministeriums. Mit Hilfe des Flohpulvers reiste er erst zur kathedralengroßen Grenzabfertigungshalle mit ihren dutzenden von Kaminen. Als er dort die Bestätigung seiner An- und Weiterreise unterschrieben hatte wechselte er über einen anderen Kamin zur britischen Grenzstation. Dort zeigte er seine ministerielle Legitimation. Als diese überprüft worden war, durfte er direkt ins londoner Zaubereiministerium überwechseln.

Als er den kunstvollen Brunnen der magischen Geschwister sah dachte er einen moment an seinen letzten Besuch hier, als er der Gerichtsverhandlung gegen die Geschwister Carrow zugesehen hatte. Das war auch schon wieder mehr als zwei Jahre her. Wie schnell doch die Zeit verging.

Wie bei einem direkten Boten üblich mußte Julius sich bei der Zauberstabregistrierung im Foyer melden und dort auch seine Besucherplakette entgegennehmen. Der Zauberer hinter dem waagenartigen Meßgerät kannte Julius ja noch von seinem letzten Besuch her. "Da sind Sie also doch bei den Kollegen in Frankreich untergekommen. Es liefen Wetten, ob Sie nicht eher in der freien Wirtschaft oder in der magischen Heilzunft Fußfassen würden", sagte der Registrierungsbeamte, nachdem er Julius' Zauberstab geprüft hatte. Dann deutete er auf die Reihe der goldenen Gittertüren, die zu den Aufzügen führten.

Als Julius in einer Fahrstuhlkabine nach oben fuhr traf er eine dunkelblonde Hexe im waldgrünen Umhang. Die hier arbeitende Hexe sah Julius mit blaßblauen Augen an und fragte ihn, ob er nicht Julius Latierre sei, der bei der Quidditchweltmeisterschaft mitgeholfen habe. Julius nickte und stellte sich ordentlich vor. "Freut mich. Ich bin Tessa Highdale. Ich arbeite in der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe."

"Oh, interessant. Ich auch", erwiderte Julius und fragte sofort, ob sie ihm helfen könne, das Büro von Mr. Diggory zu finden. Sie lächelte und willigte ein. So war es für Julius kein Problem mehr, nach Verlassen des Aufzuges das Büro des Gesamtleiters zu finden. "Eigentlich habe ich jetzt einen Termin bei ihm. Aber ich denke, daß Sie nicht den weiten Weg aus Frankreich gemacht hätten, wenn Ihr Anliegen nicht dringlicher ist", sagte Ms. Highdale.

Mr. Amos Diggory sah die Mitarbeiterin und den offiziellen Boten aus Frankreich an. Offenbar mußte er überlegen, welches Anliegen wichtiger war. Dann sagte er: "Tessa, ich hatte sie wegen der Drohung dieser ominösen Mondbruderschaft zu mir bestellt, um das weitere Vorgehen mit Ihnen abzustimmen. Aber wenn mir der Kollege Vendredi einen seiner Amtsanwärter persönlich vorbeischickt, dann garantiert nicht ohne schwerwiegenden Grund. Ich hoffe, daß die Sache in einer halben Stunde erörtert sein wird. Sie dürfen mir bis dahin noch einmal die Unterlagen über diese Lunera Tenerfiño zusammenstellen."

"Natürlich, Amos", sagte Tessa Highdale nickend. Dann bugsierte sie Julius in das Büro des Leiters der Abteilung für Zauberwesen, Fabeltiere und Gespenster.

"Es geht um die angestrebte Zusammenführung der beiden heimatlosen Riesen, nicht wahr", kam Mr. Diggory schnell auf den Punkt. Julius nickte heftig und übergab ihm die mitgebrachten Unterlagen zu lesen. Fünf Minuten beschäftigte sich der Vater des von Voldemort ermordeten Hogwarts-Champions Cedric mit den Formularen, die gemäß internationalen Standards in den vier wichtigsten europäischen Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch abgefaßt waren. Dann sagte er: "Diese Entwicklung haben wir nicht erwartet. Es wäre sicherlich weniger Zeit- und Pergament damit vertan worden, wenn diese Beziehung Grawps zur Verwandtschaft Meglamoras frühzeitig genug aufgedeckt worden wäre. Natürlich werde ich den Antrag auf Widerruf des Zusammenführungsvorhabens genehmigen. Aber Sie müssen dafür auch noch nach Hogwarts, um den Bürger Rubeus Hagrid vom Rücktritt seines Antrages zu überzeugen. Oder soll dies von uns durchgeführt werden?" Julius schüttelte den Kopf und verwies darauf, daß er genau deshalb hergekommen sei, weil er der von Mademoiselle Ventvit gerade verfügbare Mitarbeiter mit den besten Englischkenntnissen sei. Mr. Diggory konnte dem nur beipflichten. Dann füllte er ein entsprechendes Formular aus, trug noch ein paar Punkte in das von Julius mitgebrachte Formular ein, kopierte sein Formular und das aus Frankreich mehrmals und gab Julius eine Kopie beider Amtsdokumente.

"Wie wünschen Sie nach Hogwarts zu reisen, Mr. Latierre?" fragte Amos Diggory. Julius hatte sich die Frage selbst noch nicht gestellt. Deshalb nahm er das Angebot an, daß Amos Diggory über seinen Kamin mit Professor McGonagall kontaktfeuerte, um ihm eine direkte Flohnetzpassage ins Büro der Schulleiterin zu ermöglichen. Julius hörte drei Minuten lang der Unterhaltung zwischen Diggory und seiner ersten Verwandlungslehrerin zu. Diese schien sichtlich ungehalten, weil die so lange und scheinbar sorgfältige Zusammenbringung der beiden Riesen auf den letzten Metern doch noch abgeblasen werden mußte. Doch nach einer kurzen und leidenschaftlichen Debatte genehmigte sie den direkten Flohnetzeintritt für Julius Latierre. "Professor Hagrid hält gerade Unterricht. Er kann erst mittags zur Verfügung stehen. Um zwölf Uhr erhält Mr. Latierre freien Zutritt zu meinem Büro", hörte Julius die Stimme Professor McGonagalls. Diggory bestätigte es.

"Ich bedauere es, mich nicht bis zur angekündigten Uhrzeit mit Ihnen unterhalten zu dürfen, Mr. Latierre. Aber wie Sie mitbekommen haben habe ich einen Termin mit der Kollegin Highdale, dessen Grund ebenso schwerwiegend ist wie der Grund Ihrer Anreise."

"Das sehe ich ein, Mr. Diggory", erwiderte Julius. "Kann ich von jedem öffentlichen Kamin aus in das Schulleiterbüro?" fragte er. Diggory nickte. "Okay, dann besuche ich Hogsmeade und flohpulver dann von den drei Besen aus", sagte Julius. Diggory nickte und wünschte ihm für die gerade laufende Mission Erfolg und für seine weitere Zukunft alles gute. "Grüßen Sie mir Ihre Frau und wünschen Sie ihr auch alles gute", gab Amos Diggory dem neuen Amtsanwärter aus Frankreich mit auf den Weg.

Julius flohpulverte vom Foyer des Ministeriums aus direkt in die Gaststube der drei Besen hinein. Der Pub in Hogsmeade war gerade mäßig besucht. Nur drei Zwerge saßen an einem Tisch und kippten etwas garantiert hochprozentiges durch die in ihren wallenden Bärten verborgenen Mundöffnungen. Madam Rosmerta kam hinter ihrer Theke hervor und fragte, ob Julius auf der Durchreise sei oder Zeit habe. Julius sagte, daß er gerne nach einem kurzen Streifzug durch Hogsmeade bei ihr einkehren und ein vorgezogenes Mittagessen einnehmen würde. Dann verließ er den Pub. Draußen wäre er fast in vier grimmig dreinschauende Kobolde hineingelaufen. Einer prallte fast mit ihm zusammen. "Horlnuck", fauchte das kleine Zauberwesen. Julius überhörte es und ging ruhig weiterAllerdings war ihm die Sache nicht geheuer. Wenn Kobolde auf Zwerge trafen konnte es leicht zu einer Auseinandersetzung kommen. Denn die beiden kleinwüchsigen Zauberwesenarten waren verfehdet. Er hoffte aber, daß Madam Rosmerta das auch wußte und die beiden Gruppen schön weit voneinander entfernt platzierte.

Die Straßen waren mit Zauberern und Hexen aller Altersgruppen bevölkert. Er sah aber auch zwei Sabberhexen, die im Schutz der Bäume herumschwebten. Er warf einen Blick in das Schaufenster von Derwish & Banges und beguckte sich die Zauberkleidung beim Besenknecht. Bevor er zu den drei Besen zurückkehrte ging er in den Honigtopf und kaufte dort für drei Galleonen verschiedene Süßwaren ein, darunter Berty Botts Bohnen in jeder Geschmacksrichtung und einen Riesenkarton mit Schokofröschen. Das Geld durfte er natürlich nicht auf die Spesenrechnung setzen.

Als er die Drei Besen wieder erreichte fand er seine heimlichen Befürchtungen vollauf bestätigt. Die Tür war zwar noch oder wieder heil. Doch im Inneren des Pubs herrschte das blanke Chaos. Mehrere Zauberer kämpften darum, die beiden Gruppen aus Zwergen und Kobolden auseinanderzutreiben. Julius sah, daß einem Zwerg der halbe Bart ausgerupft war. Von den vier Kobolden fehlte einer. Stühle und Tische lagen in Einzelteilen zertrümmert herum oder wurden gerade von Madam Rosmerta und hinzugerufenen Ministeriumszauberern repariert. Am heftigsten waren die schrillen und wüsten Beschimpfungen, die sich die beiden Zauberwesengruppen gegenseitig an die Köpfe warfen. Zwar verstand Julius kein Koboldisch oder Zwergisch. Doch daß die beiden Gruppen sich gerade wild beharkten war auch so zu erkennen. Einer der Ministeriumszauberer stürzte auf Julius zu und zischte ihm zu: "Wir haben die Tür gerade repariert. Konnten das Geschlossen-Schild noch nicht raushängen. Bitte bleiben Sie draußen!"

"Ich wollte eigentlich von hier aus ...." setzte Julius an, als ein Zwerg einen der Zauberer quer durch den Raum warf und sofort mit einem glänzenden Kurzschwert auf einen gerade aus dem Griff eines anderen Zauberers freigekommenen Kobold zusprang. Das sah sehr gefährlich aus, nicht nur für den Kobold, dachte Julius. der britische Kollege warf sich herum, wollte dem Zwerg wohl einen Rückscheuchezauber überbraten, als ein ganzer Tisch von Geisterhand aufstieg und ihm mit Wucht entgegenflog. Julius sprang rückwärts aus den drei Besen hinaus. Mit Zwergen und/oder Kobolden zu kämpfen war ihm nicht gestattet, und darüber war er sehr froh. Er hörte nur noch das Schimpfwort "Ferengari!" von der schrillen Stimme eines Koboldes. Das galt sicher einem der Zwerge.

Um die Zeit bis zwölf noch irgendwie nutzvoll umzubringen kehrte Julius bei Madam Puddyfoot ein. Im Moment liefen oder saßen hier keine der üblichen Liebespärchen herum, nur mehrere ältere Hexen, die Karten spielten.

Eine Minute vor zwölf kaufte Julius sich bei der Betreiberin der Teestube eine Prise Flohpulver und ließ sich dafür und die gemachte Zeche eine Quittung geben. Dann rauschte er nach Ausruf des Ziels "Hogwarts, Schulleiterbüro!" in einem smaragdgrünen Flammenwirbel davon.

"Welchen Kamin haben Sie benutzt, fragte Professor McGonagall nach der höflichen Begrüßung. Julius erwähnte es und daß es in den drei Besen wohl gerade zu einem sehr ernsten Kampf zwischen Zwergen und Kobolden gekommen sei.

"Das war zu befürchten, wo Forins Gesellen eine Ladung Gold für Gringotts entführt haben. Die Rivalität zwischen Zwergen und Kobolden ist Ihnen ja sicher geläufig. Aber es geht ja nun eher um die weitere Behandlung der beiden Riesen", sagte die Schulleiterin. Da klopfte es, und Hagrid betrat das Büro. Julius begrüßte ihn höflich. Dann trug er im Stil eines langjährigen Beamten das Anliegen vor. Hagrid verzog das bärtige Gesicht, schüttelte die Fäuste und grummelte. Doch machen konnte er nichts. Daß Meglamora nicht mit dem Sohn des Mörders ihres Vaters zusammenleben, ja womöglich von diesem noch weitere Kinder bekommen wollte, mußte er am Ende doch einsehen. Professor McGonagall erwiderte dann sehr verärgert:

"Insofern wäre es von anfang an besser gewesen, Sie hätten sich mit Mr. Charles Weasley darauf verständigt, Grawp in der Nähe des Drachenreservates unterzubringen, als eine nunmehr unrealistische Sentimentalität zu pflegen, Rubeus."

"Ich wollte nicht, daß Grawp allein bleibt, Professor McGonagall, Madam", wimmerte Hagrid. "Ich will doch nur, daß es ihm gut geht. Warum darf er nicht hierbleiben?"

"Das wissen Sie ganz genau. Der Stammesführer der Zentauren besteht darauf, daß Grawp noch vor der Wintersonnenwende "seinen Wald" verläßt. Andererseits würden die Zentauren ihn töten, selbst wenn dabei auch eigene Artgenossen sterben müßten. Ich konnte ihn nur damit vertrösten, daß wir eine Unterbringungsmöglichkeit sicher hätten. Zu diesem Zeitpunkt war mir ja nicht im mindesten bekannt, daß diese Meglamora einen tiefsitzenden Haß gegen Grawps Vater hegt. Wenn Sie es wünschen, Rubeus, dann trete ich noch heute mit Mr. Weasley in Kontakt und bitte ihn, herzukommen. Aber vorerst ist wichtig, daß die geplante Zusammenführung offiziell abgesagt wird, um das französische Zaubereiministerium nicht im Unklaren zu lassen."

"Natürlich, Madam. Ich will ja nich', daß Grawpy von der Meglamora totgeschlagen wird."

"Das habe ich gehofft, daß Sie die Lage mit der gebotenen Einsicht erfassen, Rubeus", sagte Professor McGonagall. Dann füllte sie die entsprechenden Formularpunkte aus, weil sie die Inhaberin des Hausrechtes in Hogwarts war. Hagrid als ziviler Antragssteller trug in die entsprechenden Felder seinen Rücktritt vom Zusammenführungsantrag ein und unterschrieb. Julius verstaute die Unterlagen sorgfältig. Dann durfte er über den Schulleiterkamin direkt zur Grenzstation flohpulvern. Von dort aus ging es gleich nach Frankreich und ins Foyer des Ministeriums.

"Das ging wirklich schnell", sagte Ornelle, als sie die ausgefüllten Formulare gelesen hatte. "Gut, dann kann das Projekt "Riesenmutter" offiziell als beendet angesehen werden. Mademoiselle maxime hat bereits angekündigt, sich auch weiterhin mit ihrer Tante und ihrem Vetter zu beschäftigen." Julius nickte. Dann holte er das richtige Mittagessen nach.

"Oh Mann, dann hätte dieses Riesenweib dich und jeden anderen glatt in der Luft zerrissen, wenn ihr der Grawp hingebracht hättet?" fragte Millie, als Julius am Abend erzählte, daß er heute mal eben nach Großbritannien geschickt worden war. Er nickte.

"Dann ist ja gut, daß das noch rechtzeitig aufgedeckt wurde", sagte Julius' Frau.

"Ich gebe Mr. Diggory recht, daß das ruhig schon vor einem Jahr hätte klargestellt werden können", sagte Julius darauf. Millie nickte dazu.

"Wann wollten wir unseren Wochenendausflug machen, Monju?" fragte sie.

"Nächstes Wochenende, Mamille", sagte Julius. Millie bejahte es.

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