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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Julius saß gemütlich mit seinen Freunden in einer geräumigen Gaststube bei Kürbissaft und Kesselkuchen. Um sich herum sah er noch andere Hexen und Zauberer, die fröhlich schwatzten und lachten, wenngleich es irgendwie künstlich klang, so als müßten sie sich große Sorgen von der Seele lachen oder Ängste niederhalten. Wo Julius war, wußte er nicht genau zu sagen, aber er sah Bekannte aus Millemerveilles, sowie Leute, die er in Hidden Groves, dem großen Zaubergarten im Süden Australiens getroffen hatte. Ein rundlicher Wirt in einer rotkarierten Schürze stand hinter einer Theke und schenkte Getränke nach Wunsch aus. Julius bekam den Auftrag, für seine Freunde neue Gläser voll Kürbissaft zu beschaffen und trat in die Schlange der Wartenden.

Unvermittelt explodierte die reichverzierte Eichenholztür, die zum Gastraum führte. Splitter und rote und grüne Funken flogen in die Menge, die vor Schreck erstarrt auf den Plätzen blieb. Vier gestalten stürmten in den Raum. Sie trugen alle pechschwarze Umhänge und Kapuzen und hielten ihre Zauberstäbe hoch. Die erste, ein hagerer Mann, großgewachsen, trat vor. Er grinste aus kleinen Augen böse in die Menge und lachte ein fieses schrilles Lachen, ohne Frohsinn, nur voll abgrundtiefer Lust am Quälen, wie Julius fand. Ein blaßgesichtiger Mann, der hinter ihm herging, starrte mit überheblicher Miene auf die Gäste. Er sah aus wie Draco Malfoys Vater. Hinter ihm liefen, wie bei Draco, zwei dümmlich grinsende klobige Brocken von Zauberern, die durchaus die Väter von Crabbe und Goyle sein konnten. Dann, als die vier Eindringlinge vor der Theke standen, erhob der hagere Anführer seine kalte Stimme:

"Ich, Voldemort, der oberste Lord der wahren Macht, habe befunden, daß in diesem Gasthaus die Sitten der wahren Zaubererwelt verschmutzt werden mit Ignoranten, Muggelfreunden und Schlammblütern, die keine Ahnung von unserer wirklichen Ehre haben. Ich habe daher beschlossen, dieses Haus mit allen, die darin sind, in Grund und Boden zu stampfen!"

Unvermittelt flammten die Zauberstäbe der beiden klobigen Mitläufer des gefürchteten Dunkelmagiers auf und legten Feuer am Türrahmen, blaues kaltes Feuer, daß jeden Fluchtweg durch die fortgesprengte Tür verstellte. Dann lachten die vier bösen Zauberer und schleuderten Flüche in die Menge. Grüne Blitze, rote Lichtbündel, zischten wie die Laserstrahlen aus Weltraumgeschichten durch den Raum und mähten unbarmherzig alles nieder, was in ihre Bahn geriet. Voldemort selbst streckte mit einem inbrünstig gerufenen "Avada Kedavra" den Wirt nieder, der gerade seinen eigenen Zauberstab nehmen wollte. Keiner der Gäste vermochte es, rechtzeitig an seinen Zauberstab zu gelangen, um dem Wüten Einhalt zu gebieten oder sich selbst zu wehren.

Eine Panik entstand. Ungeachtet des magischen Feuers versuchten einige, sich durch die blauen Flammen zu werfen, was sie sofort mit dem Leben bezahlten. Julius würgte, als er sah, wie einer der Flüchtenden in der Feuerwand erst knallrot, dann kohlschwarz wurde und schließlich in Asche und Rauch verging. Die Luft stank nach verbranntem Fleisch und verkohltem Holz. Der Geruch von Angstschweiß hing ebenso in der Luft, wie das schrille Lachen des dunklen Lords und seiner Spießgesellen und die nun lauten ensetzens-, Schmerzens- und Todesschreie der Gäste.

"Avada Kedavra!" Brüllte der blaßgesichtige Mann, der Draco Malfoys Vater sein konnte und hielt den Zauberstab in Julius Richtung. Doch bevor der grüne Todesblitz, der schon das Leben des Wirtes ausgelöscht hatte, Julius treffen konnte, fühlte er von anderer Seite her einen Zauber auf sich einwirken. Ihm wurde schwindelig, und der ganze Raum schien mit rasender Geschwindigkeit anzuschwellen wie ein Luftballon, in dessen Inneren er sich gerade befand. Dann packte ihn eine Unsichtbare Gewalt und riß ihn davon, gerade als der tödliche Fluch mit lautem Fauchen in die Wand einschlug und sie an der Stelle zu Staub zerblies, an der er traf. Julius konnte weder Arme noch Beine bewegen. Dennoch vermeinte er, zusammengefaltet zu werden, während er von der fremden Zauberkraft fortgerissen wurde. Unvermittelt umfaßte ihn eine riesenhafte Hand vollständig und drückte ihn so derb zusammen, daß er sich wunderte, keinen Schmerz zu empfinden. Keine Sekunde Später fand er sich in einer dunklen Stoffhülle, wohl eine Umhangstasche. Ddann hatte er das Gefühl, in ein bodenloses Nichts zu stürzen, in die Tiefen des Weltraums, jedoch ohne dessen Sterne. Lärm und Licht verebbten, nur dumpfe rhythmische Donnerschläge und rhythmisches Schnaufen, wie von einer Dampflokomotive drangen noch an Julius Ohren. - Dann spürte er, das er in einem schweißnassen Pyjama unter einer wild zerwühlten Decke lag und spürte sein Herz wild hämmern, seinen Atem schnell und stoßweise gehen und wie seine Augen brannten, als wenn eine ätzende Flüssigkeit in sie getropft wäre. Er zog seine Hände unter der Decke hervor und betastete sein Gesicht. Es fühlte sich naß an. Er schmeckte die Tropfen, die ihm von Nase und Wangen herabhingen und stellte fest, daß es Tränen waren, kein reiner Schweiß, sondern frische Tränen. Er öffnete die Augen so weit wie möglich und sah den Betthimmel über sich. Rechts neben sich wogte der durch wildes herumwälzen angestubste Vorhang. Er lag in einem Bett im Ravenclaw-Schlafsaal der Zweitklässler in Hogwarts. Alles, was er in den letzten Minuten erlebt hatte, war nur ein schrecklicher Traum gewesen.

 

 

"Was war denn mit dir diese Nacht los, Julius?" Fragte Fredo Gillers den Klassenkameraden und Bettnachbarn am nächsten Morgen, als eine Glocke die Schüler weckte. Julius sah auf seine Uhr und stellte fest, daß es schon sieben Uhr war.

"Umstellung von Ferien auf Schule, Fredo. Nur ein bescheuerter Alptraum", knurrte Julius, ohne auf Einzelheiten des Traumes einzugehen.

"Das hattest du aber letztes Jahr nicht", erinnerte sich Fredo kühl. "Und letztes Jahr hattest du dich auf viel mehr umzustellen als auf ein neues Schuljahr."

"Ich kann verstehen, daß Julius erst wieder alles in die Reihe kriegen muß, Fredo. Immerhin hat er wilde Sommerferien hinter sich", wandte Kevin ein, der für die frühe Morgenstunde sehr munter klang, als wäre er schon seit einer Stunde wach. "Ich wäre froh, wenn ich diese Nacht überhaupt hätte träumen können. Aber ich bin immer wieder wach geworden, wenn ich etwas gedöst habe."

"Na, hoffentlich bist du dann nachher nicht so müde, daß du beim Unterricht mit dem Kopf auf den Tisch knallst", brachte Marvin Sallers trocken heraus.

"Hat Flitwick dir schon unsere Stundenpläne gegeben, Julius?" Erkundigte sich Eric Bosetzky.

"Nein, hat er nicht. Es ging um meine Eltern und meine Ferien. Meine Eltern hatten andere Vorstellungen als Hogwarts. Darum ging es nur", sagte Julius, der an und für sich nichts über den Grund für seine Ferien in Millemerveilles verraten wollte. Aber eine Frage beantwortet zu haben, konnte weitere Fragen ersparen, zumindest solange, bis er sich auf verschiedene Fragen Antworten ausgedacht hatte, die nicht zuviel verrieten. Professeur Faucon hatte ihm verboten, seinen Klassenkameraden gegenüber von ihr und seiner Zeit in ihrem Dorf zu berichten. Dazu wußte er, daß dies wie Angeberei rüberkommen mußte, wenn er nicht jedes Ding, das er erzählte, beweisen konnte. So begnügte er sich damit, nur anzudeuten, daß seine Eltern mit ihm andere Dinge vorhatten als man in Hogwarts empfohlen hatte.

Während sich die Jungen in dem großen Waschraum Gesicht und Hände gründlich wuschen, ging Julius der Alptraum nicht aus dem Kopf. Es lief ihm kalt den Rücken hinunter, wenn er die Stimme des dunklen Lords hörte, die er niemals in seinem Leben gehört hatte und trotzdem so fürchtete, als habe sie ihm die schlimmste Zeit im Leben angekündigt. Dann erinnerte er sich, daß Catherine von dieser Begebenheit erzählt hatte. Von da an war der Alptraum zwar nicht weniger fürchterlich, aber von Julius besser zu verkraften.

Catherine hatte ihm erzählt, wie ihr Vater getötet wurde und das sie und eine Schulfreundin von ihrer Mutter, Professeur Faucon, in harmlose Papiertaschentücher verwandelt worden waren, bevor der dunkle Lord auch sie töten konnte. Allerdings, so Catherine, waren bei dem Überfall damals vor vierzehn Jahren mehrere Schwarzmagier mit von der Partie gewesen. Womöglich hatte sein Gehirn nur die drei ihm bekannten Unheilstifter Malfoy, Crabbe und Goyle in den Traum eingebaut, weil er sie eben kannte.

Gloria wunderte sich über das leicht verschlafene Gesicht Kevins und die Spuren einer heftigen Erregung in Julius' Augen, als sie in der großen Halle beim Frühstück saßen. Julius flüsterte ihr zu, daß er schreckliches geträumt hatte und wohl im Moment voll durch den Wind sei. Gloria nickte mitfühlend.

Als das Frühstück beendet war, wurden die Stundenpläne ausgeteilt. Flitwick ging um den Tisch herum und warf jedem Schüler ein Exemplar des Stundenplans seiner Klasse zu. Julius las:

Montag: 09.00 Zaubertränke 10.40 Geschichte der Zauberei 12.00 bis 14.00 Mittagspause 14.00 Doppelstunde Verwandlung

"Würg!" Knurrte Kevin. "Hast du schon wieder recht gehabt, Julius. Der absolute Tageshit. Erst Hakennase Snape, dann Schlafgespenst Binns und dann noch eine Doppelstunde McGonagall. Es lebe der Montag!"

"Glaube es mir, ich hasse es manchmal, recht zu haben, Kevin."

"Du solltest vielleicht Wahrsagen nehmen, wenn du in die dritte Klasse kommst", grinste Padma Patil Julius an, eine hübsche schwarzhaarige Viertklässlerin, deren Zwillingsschwester in Gryffindor wohnte.

"Das wäre meines Vaters Herzinfarkt. Ich hinter einer Kristallkugel, von Schwaden brennender Duftkerzen umnebelt. Danke verbindlichst, Padma", entgegnete Julius. Padma lachte darüber. Dann fragte sie:

"Woher weißt du denn, wie die Wahrsagestunden ablaufen? Habe ich dir das erzählt? Ach nein, Parvati hat dir das in den letzten Weihnachtsferien erzählt, richtig."

"Neh, Leute! Ich habe nur den schlimmsten anzunehmenden Auftakt überlegt. Na ja, sei es. Dann ist das schon mal untergebracht und kommt nicht erst viel später. Gegen Zaubertränke habe ich ja auch nichts generelles. Im Gegenteil, es ist für mich immer noch sehr spannend und interessant. Das gleiche gilt für Verwandlung."

"Aber die Geschichte der Zauberei scheint dir immer noch nicht zu gefallen", bemerkte Gloria mit kalter Stimme.

"Das Fach als solches ist schon interessant, wenn das nicht vonProfessor Binns so totlangweilig rüberkäme. Da lese ich das doch lieber und kann mir vorstellen, wie sich der Druide vom Sonnenhain mit Dairon vom Düsterwald duelliert und ihn in einem Regen aus bunten Farben vergehen läßt und seinen Geist in ein Zwischenreich abdrängt, wie es im Buch von Gilda steht."

"Da müssen wir aber durch", sagte Gilda. "Dieses Jahr schaffst du auf jeden Fall eine höhere Note." Den letzten Satz hatte sie mit einem fordernden Unterton gesprochen, als wäre alles andere unerwünscht.

"Dafür wird's am Dienstag wieder schön, Leute. Erst Verteidigung gegen die dunklen Künste bei Moody, dann Zauberkunst und einen ganzen Nachmittag Kräuterkunde. Yep!" Freute sich Julius. Kevin pflichtete ihm bei.

"Dafür Mittwochs eine Doppelstunde Verwandlung und nachmittags eine Doppelstunde Zaubereigeschichte", teilte Kevin seinen Klassenkameraden mit, was diese ohnehin nachlesen konnten.

"Donnerstag morgens noch mal Zaubertränke, dann Nachmittags Zauberkunst und nachts Astronomie", fügte Julius hinzu.

Für den Freitag verhieß ihnen der Stundenplan erst Verteidigung gegen die dunklen Künste, dann Zauberkunst und nachmittags noch mal Kräuterkunde.

"Zumindest ist das mit dem Besenflug nicht mehr dabei", sagte Gilda Fletcher. Das brachte Julius auf einen Gedanken. Er verwarf ihn jedoch erst einmal. Beim Frühstück wollte er nicht herumgehen und fragen, wer aus der zweiten Klasse mit ihm zusammen um Flugstunden im Tandem-Verbund bitten wollte. Sicher, Kevin würde sofort Ja sagen, da er wohl gerne neue Flugtechniken lernen wollte. Aber Einer alleine? Vielleicht fragte er besser noch die Hollingsworths vor der Zaubertrankstunde.

Nachdem die Ravenclaw-Zweitklässler ihre Zaubertrank-Hausaufgaben aus den Koffern geholt hatten - Julius hatte sich auch gleich den Aufsatz über die Vivo-ad-Invivo-Verwandlungen eingesteckt -, ging es hinunter zu den Kerkern, wo Snape seinen Unterricht abhielt. Julius freute sich, daß er die Hollingsworths, Leon Turner und den Großteil der anderen Hufflepuff-Zweitklässler schon traf. So fragte er:

"Ich hörte, daß Schüler ab der zweiten Klasse Flugstunden für Sozius- oder Tandemflüge nehmen können. Ich interessiere mich dafür. Hat sonst noch wer Lust darauf?"

Wie Julius gehofft hatte stimmten die Hollingsworths gleich zu. Nur die übrigen Hufflepuffs schüttelten die Köpfe.

Gloria, Pina und Kevin kamen noch hinzu. Gloria sah Julius an, dann sagte sie:

"Für Sozius-Flugstunden braucht man immer einen Partner, richtig? Wenn du mit mir zusammen trainieren willst, können wir uns bei Madame Hooch melden."

Pina sagte erst nichts, bis Fredo mit begeisterter Miene rief:

"Glen hat mich schon gefragt, ob sie mit mir sowas mitmachen kann. Dann melde ich mich auch. Die Sozius-Stunden sind doch Klassen- und Hausunabhängig, oder?"

"Sicher weiß ich das nicht. Aber wenn sie nicht winzige Klassen haben will, wird das wohl bei Madame Hooch so ablaufen", sagte Julius.

Fredo und seine Freundin Glenda Honeydrop waren die ersten dieses Jahrgangs, die richtig zusammen gingen, wie es hieß. Deshalb vermutete Julius, daß Fredo gerne zusätzliche Gelegenheiten haben wollte, die zierliche Gryffindor-Schülerin zu sehen. Gilda bestimmte sofort:

"Dann melde uns auch an, Kevin!"

Damit war für Kevin die Teilnahme schon klar, denn auch wenn Kevin es nicht so offen zugab wie Fredo, hatten er und Gilda eine ähnlich feste Beziehung zueinander aufgebaut. Julius wußte auch, daß ihm einige unterstellten, es auf Gloria Porter oder Pina Watermelon abgesehen zu haben und er in seiner Schüchternheit wartete, wer von beiden die erste sein würde, die ihn richtig fragte. Aber daraus hatte er sich bis zu den Sommerferien nichts gemacht. Gloria und er waren gute Freunde, zumal sie sich verpflichtet fühlte, Julius aus seiner Eingliederungskrise heraushelfen zu müssen, in die ihn seine Muggeleltern getrieben hatten.

"Bevor Sie alle meinen, wie verliebte Turteltäubchen in der Luft herumzufliegen, sollten Sie besser auf dem Boden bleiben und sich um Ihre Leistungen in der Zaubertrankbrauerei bemühen. Selbst wenn dies ein schier aussichtsloses Unterfangen darstellen dürfte", fuhr Snapes gehässige, selbstherrlich betonte Stimme wie eine scharfe Axt in die Unterhaltung der vor dem Kerker wartenden Schüler. Julius steckte die herablässige Bemerkung des hakennasigen Lehrers mit dem bleichen Gesicht und dem zerzausten schwarzen Haar weg, als habe Snape nur einen belanglosen Gruß entboten. Er wollte an seiner Takktik festhalten, mit der er Snape im letzten Jahr gut auf Abstand hatte halten können: Nicht aufregen lassen, damit Snape sich nicht selbst aufregte! Allem ohne Widerworte zustimmen, um ihm keinen Boden für Strafmaßnahmen zu bieten!

Die erste Stunde Zaubertränke im neuen Schuljahr lief unerwartet glimpflich für die Schüler der zweiten Klasse ab. Zwar schaffte es Snape, Gründe zu finden, vielleicht auch zu erfinden, Hufflepuff und Ravenclaw jeweils fünf Punkte abzuziehen, dabei kamen Gloria, die Hollingsworths und Julius jedoch ohne einen Punktverlust weg. Kevin und Fredo kassierten je zwei Minuspunkte für Ravenclaw, Gilda, weil sie eine Minute länger an ihrem Trank brauen mußte einen, und die fünf Minuspunkte für Hufflepuff verteilten sich gleichmäßig auf die anderen Hufflepuffs. Snape sah das Gebräu der Hollingsworths an, als müsse er sich dazu durchringen, ihnen noch Pluspunkte zu geben, es aber nicht mit seinem schlechten Ruf bei den Schülern verderben wollte und daher von einer Belohnung von Hufflepuff absah. Julius mußte seinen Trank persönlich ausprobieren.

"Da Sie im letzten Schuljahr einer der besten Schüler dieser Klasse waren, sehen Sie doch wohl ein, wieviel es Ihren Mitschülern bringt, wenn Sie vorführen, wie es richtig gehen muß, Andrews", offenbarte Snape, daß Julius den Aufwärmtrank selbst trank, den sie alle hatten brauen müssen. Julius folgte seiner Taktik und stimmte folgsam zu, eine Kostprobe seines Trankes zu nehmen. Als er wie ein Wettläufer nach einem Marathon zu schwitzen begann, höhnte Snape:

"Ihr Zaubertrank ist so heftig, daß er mit Gewalt wieder aus Ihrem Körper herausdrängt, oder?"

"Sicher doch, Professor", keuchte Julius, der sich fühlte, als wäre er in einen Backofen geworfen worden. Die anderen Schüler sahen teils besorgt, teils bewundernd auf den schwitzenden Jungen. Dann sagte Snape:

"Genug der Probe, bevor Sie sich hier in eine große Pfütze verwandeln, die ich dann wegputzen muß. Das ist der Gegentrank, Andrews. Trinken Sie!"

Julius dachte an die Ratschläge von Aurora Dawn und die beruhigenden Hinweise der Heilkundlerin, daß Snape niemals einen Schüler töten würde, nur um sich zu amüsieren. Deshalb trank er aus der kleinen blauen Phiole eine prickelnde Flüssigkeit, die kaum in seinem Magen angelangt wie eine Eiswasserfontäne einen kalten Schauer durch seinen Leib jagte. Doch danach fühlte er weder zuviel noch zu wenig Wärme.

"Vielleicht hat wer ein Abtupftuch für unseren mutigen Akteur, damit er nicht so aussieht, als habe er sich bei mir großartig angestrengt", wandte sich Snape an die Klasse. Pina half Julius mit ihrem weißen Stofftüchlein aus, das beimAbtupfen alles wegputzte, ohne selbst zu verunreinigen oder naß zu werden. Julius bedankte sich bei Pina, nachdem er den Schweiß vom Gesicht, den Händen und aus dem Nacken abgetupft hatte und reichte ihr das verzauberte Tüchlein zurück. Snape sammelte noch die Ferien-Hausarbeiten ein, wobei er die Hufflepuffs mit falschem Bedauern ansah, weil einige von ihnen gerade zwei Rollen Pergament vorweisen konnten. Dann gab er zur nächsten Stunde auf, die Feindosierung bei der Abmischung eines Körpertemperatureinstellungstrankes zusammenzufassen, wenn der Körper auf einer konstanten Temperatur von 35,45 Grad Celsius gehalten werden sollte, egal, ob er in eine wesentlich kältere oder wärmere Umgebung geschickt würde.

Alle Zweitklässler wuschen ihre Kessel aus und packten ihre Schulsachen zusammen. Dann verließen sie den Kerker. Als Julius sicher war, daß Snape ihn nicht mehr hören konnte, beruhigte er die Hollingsworths und teilte ihnen mit, daß sie die Formeln und Zutaten für die Ausgleichstränke im Buch über "Bräue der Balance" nachlesen konnten und gerne noch mal zu ihm kommen durften, wenn sie noch Fragen hätten. Betty freute sich über diese Nachricht und zog mit ihrer Schwester Jenna in Richtung Zauberkunstklasse davon.

Wie Julius und Kevin befürchtet hatten, schaffte es der Geist,Professor Binns, den Auftakt des neuen Schuljahres derartig langweilig und einschläfernd zu gestalten, daß Julius darum kämpfen mußte, nicht mit seinem Kopf auf dem Tisch erwischt zu werden, während Kevin ungeniert einschlief und schnarchte, bis Binns lautstark fragte, ob er sich nicht schäme, seinen hochinteressanten Unterrichtsvortrag derartig zu stören. Kevin wurde danach von Gilda zusammengestaucht, wie ein Ehemann, der nach einer wilden Zechtour heimkehrt von seiner wütenden Frau. Gloria sah Julius an und meinte:

"Immerhin hast du dir zu den ganzen Zahlen und Namen noch Randnotizen gemacht. Das war bestimmt nicht so zum Wachbleiben, oder?"

"Neh, mir sind nur die Bücher eingefallen, die Catherine Brickston mir empfohlen hat und aus denen manches noch mal genauer zu lesen ist, was dieser Rauschnebelschwaden da heruntergeleiert hat", meinte Julius.

"Zehn Punkte Abzug für Ravenclaw wegen Schnarchens!" Keifte Gilda Fletcher. "Du kannst doch nicht ganz gescheit sein, Kevin Malone!"

"Soviel zu unserer Führung vor den Slytherins", murmelte Julius.

Vor der ersten Verwandlungsstunde des neuen Schuljahres fühlte Julius noch mehr Unbehagen als im letzten Jahr, wo er nur Angst davor hatte, der Hexe als Schüler gegenüberzusitzen, die ihm und seinen Eltern einen einprägsamen Besuch abgestattet hatte. Jetzt bedrückte ihn, daß sie bei jedem Satz durch ihre viereckigen Brillengläser auf ihn schauen und sagen konnte:

"Das hat mir meine Kollegin aber geschrieben, daß Sie das können, Mr. Andrews."

"Hat dir das Essen nicht geschmeckt oder was liegt dir schwer im Magen?" Fragte Kevin Julius, als sie beide nach dem Mittagessen auf dem Weg zum Jungenklo waren.

"Ich weiß nicht, wie Professor McGonagall drauf ist. Ich war in den Ferien nicht bei meinen Eltern, weil die mich anderswo hinschickten. Vielleicht meint sie, mich vor der Klasse darauf anspitzen zu müssen", verriet Julius andeutungsweise, was ihn bedrückte.

"Aber die Hausaufgaben hast du doch gemacht, oder?"

"Ja, die habe ich", erwiderte Julius, ohne Kevin im gleichen Atemzug zu verraten, daß ihm Professeur Faucon bereits eine Note dafür gegeben hatte, nachdem er ihren Hinweis auf Vollständigkeit beherzigt hatte.

Julius mogelte sich mit Kevin in die Mitte der Wartenden vor dem Verwandlungsraum, etwas abseits von Gloria und Gilda. Als die Lehrerin pünktlich mit dem Glockenton anmarschierte, wieder in ihrem smaragdgrünen Umhang, erstarben alle leisen Gespräche, die sich im Wesentlichen um Inhalte der Hausaufgabe drehten, die Professor McGonagall ihnen über die Ferien aufgegeben hatte. Die Hauslehrerin von Gryffindor begrüßte die Zweitklässler mit energischer Stimme, die unmißverständlich darauf hinwies, daß die Müßigkeit der Ferien nun endgültig vorüber war.

Die Mädchen und Jungen verteilten sich über die Plätze im Verwandlungsraum. Julius wollte mit Kevin eine der hinteren Bänke besetzen, als Professor McGonagall kommandierte:

"Alle setzen sich wieder so wie im letzten Jahr! Eine Sitzordnung sollte nicht beliebig geändert werden, und wenn, dann nur von mir!"

Julius ging nach vorne, wo Gloria schon auf ihn wartete und ihn feist angrinste, nach dem Motto: "Hast du dir wohl so gedacht."

Kevin nahm wieder neben Gilda platz, die ihm wegen der zehn davongeschnarchten Punkte bei Binns noch böse war.

"Sie alle haben sich, wie ich hoffen darf, über die langen Ferienwochen hinweg sicherlich mit der von mir gestellten Hausaufgabe auseinandergesetzt und mir sicherlich etwas mitgebracht, was ich bewerten kann. Bitte geben Sie mir Ihre Hausarbeiten!" Begann die Verwandlungslehrerin den Unterricht. Es raschelte an allen Tischen. Bis auf Kevin und Holly lieferten die Schülerinnen und Schüler der zweiten Klasse die gewünschten drei Pergamentrollen ab. Julius wußte nicht, ob er schon unter Verfolgungswahn litt oder ob ihn die Professorin besonders aufmerksam musterte, als er ihr seine Arbeit aushändigte.

Nachdem Professor McGonagall die Arbeiten eingesammelt und feinsäuberlich weggepackt hatte, begann die Stunde mit einer kurzen Wiederholung der Verwandlungsformeln und -techniken, um Lebewesen in tote Objekte zu verwandeln. Als kurze Vorführung verwandelte Professor McGonagall eine Ratte, die sie aus einem Käfig holte, in eine reich verzierte Porzellantasse. Dann hob sie eine große Holzkiste auf ihr Pult, in der es von kleinen Käfern wimmelte. Jeder Schüler bekam erst einmal zwei Käfer ausgehändigt, die es in Mantelknöpfe zu verwandeln galt.

Julius mußte sich beherrschen, weder Verlegenheit noch Überlegenes Grinsen zu zeigen, als er nach nur zehn Sekunden beide Käfer in tadellose Mantelknöpfe verwandelt hatte, wobei er die Zauberstabtechnik verwendete, die ihm Professeur Faucon gezeigt hatte. Eine halbe Minute später konnte auch Gloria den Erfolg der Aufgabe verzeichnen. Sie bekamen beide neue Käfer, Julius als letzter. Er wußte, was das heißen würde. Erstens waren es nun nicht zwei, sondern zehn, zweitens stand die Lehrerin so, daß sie genau beobachten konnte, wie Julius die Aufgabe löste. Julius dachte:

"Die hat das doch schon längst erzählt bekommen. Dann kann ich auch die neue Technik anwenden."

Innerhalb von dreißig Sekunden lagen zehn neue Mantelknöpfe auf Julius' Tisch. Professor McGonagall, die gesehen hatte, was sie sehen wollte, ging wortlos an ihr Pult und holte zehn neue Käfer. Fredo rief unbedacht:

"Heh, Julius, willst du einen Knopfladen aufmachen?!"

"Das sind mal eben fünf Punkte Abzug für Ravenclaw, Gillers", bellte Professor McGonagall und teilte Julius die Käfer aus.

"Ich nehme Ihre Zeit", flüsterte sie mit regloser Miene. Julius verwandelte die zehn neuen Käfer nun in nur zwanzig Sekunden in die bestellten Mantelknöpfe. Ihn juckte es in den Fingern, einige davon wieder in Käfer zu verwandeln. Doch das wollte er lieber nicht machen.

Professor McGonagall sammelte die Endprodukte der Verwandlungsaufgabe ein und bedachte Gloria schon jetzt mit einem Punkt pro verwandeltem Käfer, was ihr zehn Punkte einbrachte. Sie ging herum und bedachte jeden anderen, der einen tadellosen Mantelknopf gezaubert hatte mit einem Punkt pro korrektem Endprodukt und einem Punkt Abzug, wenn ein Käfer noch als Käfer zu erkennen war. Fredo hatte es an diesem Tag erwischt. Keiner seiner Käfer war vollständig verwandelt worden. Vier Mantelknöpfe krabbelten auf sechs Beinen herum, zwei besaßen noch ihre Fühler und einer sprang vom Tisch, als Professor McGonagall ihn genauer begutachten wollte.

"Mr. Andrews bekommt pro zehn tadellos verwandelter Käfer einen Punkt für Ravenclaw, da ich sein hohes Grundpotential berücksichtigen und daher die Aufgabe für ihn als leicht zu lösen erkennen mußte. Hinzu kommen noch fünf Punkte für eine sehr erfolgreiche Stabführung, die wenn ich das richtig gesehen habe, punktgenau mit den Akzenten der Zauberformel zusammenfielen, wenn sie in Gedanken oder laut hergesagt wird. Diesen technischen Fortschritt führe ich auf einen großen Lerneifer zurück, den er in den Ferien an den Tag gelegt haben muß, was für mich bedeutet, daß er seine Scheuklappen endlich abgelegt hat. Somit fallen Ravenclaw durch das Engagement von Julius Andrews zehn Punkte zu."

Nach diesem Teil der Doppelstunde ging es darum, größere Tiere in gezielt gearbeitete Objekte zu verwandeln. Professor McGonagall stellte die vorhin zur Teetasse verwandelte Ratte auf Julius' Tisch und Stellte einen Käfig voller Mäuse auf jeden Tisch.

"Sie müssen diese Mäuse in scharlachrote Zigarrenkisten verwandeln, die genau eine Hand breit sind. Stimmen Farbton und Größe, gibt es einen Punkt. Gelingt die Verwandlung unvollständig bis gar nicht, gibt es einen Punkt abzug."

Julius wollte schon fragen, wo denn seine Mäuse blieben, als die Lehrerin dicht vor seinen Tisch herantrat, sich vergewisserte, daß alle anderen sich um ihre Aufgabe kümmerten und flüsterte:

"Besehen Sie sich diese Teetasse genau! Prägen Sie sich die Verzierungen ein! Anschließend werden Sie von mir zehn Hausratten vorgelegt bekommen, die Sie in exakte Kopien dieser Teetasse verwandeln möchten. Ansonsten gelten für Sie die gleichen Bedingungen wie für die Anderen."

Julius nickte. Es ging also tatsächlich los mit den Sonderaufgaben. Vielleicht hätte er sich doch dümmer anstellen sollen, dachte er.

Nach zwei Minuten intensiver Betrachtung der Teetasse und Einprägung aller Verzierungen, der Henkelform und Porzellandicke, stellte er die Tasse weit vor sich auf den Tisch. Professor McGonagall verstand dies als Zeichen, daß er nun bereit war, die Spezialaufgabe in Angriff zu nehmen. Sie brachte einen Käfig mit zehn schwarzen Kellerratten, die herumliefen, mit ihren kleinen Augen aufgeregt funkelten und ihre nackten Schwänze wie kleine angewachsene Würmer herumringeln ließen. Julius zielte auf die erste Ratte, murmelte "Maneto!" und wartete, bis die Ratte bewegungslos aber nicht steif an einer Stelle stehenblieb. Julius wußte, daß der Bewegungsbann keinen Einfluß auf den Verwandlungszauber haben würde. Das hatte ihm seine französische Gastmutter bei einer Nachhilfestunde erklärt, als sie genau so eine wild herumschwirrende Fliege an einer Wand gebannt hatte, bevor julius sie in einen Korken und diesen dann wieder in eine Fliege verwandeln durfte. Ohne groß nachdenken zu müssen vollführte er die korrekten Bewegungen mit seinem Zauberstab, wobei er an die eingeprägte Teetasse dachte. Es knackte kurz, und da, wo die an ihrem Standort verharrende Ratte gestanden hatte, stand nun die reich verzierte, bläulichweiße Teetasse mit dem leicht abgeschrägten Henkel und dem Lilienmuster, die aus hauchdünnem Porzellan bestand.

Julius nahm die nächste Ratte aufs Korn, zwang sie ebenfalls zur Bewegungslosigkeit und verwandelte sie ebenfalls in eine identische Kopie jener Tasse, die Professor McGonagall ihm als Ausgangsobjekt vorgelegt hatte. Nun, wo er zwei korrekte Kopien hatte, konnte er auf direkten Sichtvergleich die Ratten verwandeln. So bannte er nur noch eine Ratte, bevor er sie umwandelte. Bei den restlichen sieben Tieren versuchte er, sie aus ihrer Bewegung heraus zu verhexen, was ihm auch gelang. Als er seine Sonderaufgabe vollendet hatte, sah er kurz zu Gloria hinüber, die gerade die vierte Maus verwandeln wollte. Sie hatte die ersten scharlachroten Zigarrenkisten schon fertig, schaffte es aber offenbar nicht, den Verwandlungszauber auf eine der sich bewegenden Mäuse zu legen. Zwischendurch zischte es, wenn der Zauber ins Leere ging oder Funken knisterten da, wo der Verwandlungszauber auf unbelebte Materie traf. Julius wollte sich gerade herüberbeugen, um Gloria zu verraten, wie der Bewegungsbann ging, doch Professor McGonagall hatte dies wohl gerochen und stand schon vor seinem Tisch.

"Aufgabe gelöst, Andrews. Allerdings haben Sie sich ein wenig beholfen, nicht war. Sie sollten lernen, bei der Vivo-ad-Invivo-Verwandlung ein freibewegliches Wesen zu verzaubern, ohne es durch einen Bewegungsbann zum Verharren zu zwingen.Das gibt dann sieben Punkte für Ihr Haus, weil alle Versuchstiere vollkommen gleiche Kopien des Ausgangsobjektes sind."

Gloria war es leid. Sie holte je eine Maus aus dem Käfig, zielte auf sie und schaffte kurz vor dem Ende der Doppelstunde neun von zehn Verwandlungen, die dann aber auch nach Vorgabe. Professor McGonagall sammelte die Produkte der Verwandlungsübung ein und teilte die Punkte aus, wie sie es vorher angekündigt hatte. Als die Klasse erleichtert aus dem Verwandlungsraum ging, dachte Julius, die Lehrerin wollte ihn noch länger zurückhalten, als sie fragte:

"Möchten Sie eine der Tassen behalten, Andrews?"

Julius fiel siedendheiß das Experiment ein, dem er sich aus einem Anfall von Neugier und Tollkühnheit heraus unterzogen hatte. Professeur Faucon hatte ihn gefragt, ob er wissen wollte, ob ein vom Lebewesen zum Gegenstand verwandeltes Tier oder ein Mensch noch etwas wahrnahm, wenn er oder es verwandelt war. Julius hatte sich daraufhin für zehn Minuten in einen Weidenkorb verwandeln lassen und trotzdem alles hören, fühlen und sehen können, was um ihn herum geschah. Er stellte sich vor, wie diese in eine Teetasse verhexte Ratte spürte, wie kochendheißer Tee in sie hineingegossen wurde, wie der Löffel klirrend von innen gegen sie schlug und der Tee sich unter dem Rühren in ihr drehte. Diese Überlegungen kosteten zehn Sekunden. Dann sagte er:

"Nein danke, Professor McGonagall. Ich müßte beim Teetrinken immer an eine Ratte denken. Das möchte ich nicht."

"In Ordnung, Andrews."

Julius war froh, aus dem Raum herauszukommen, ohne noch auf seine Zauberstabtechnik angesprochen zu werden. Er eilte Gloria nach, die am Ende der Zweitklässler aus Ravenclaw in Richtung ihres Hauses marschierte.

"Hat sie dich wegen deiner Gastmutter was gefragt, Julius?" Wollte Gloria wissen und ließ sich etwas zurückfallen.

"Nein, mit keinem Wort. Aber ich hätte diese Stabtechnik nicht bringen sollen. - Oh, verdammt! - Das Weib hat mich dabeigekriegt!" Schnaubte Julius unvermittelt. Ihm fiel nämlich soeben auf, daß die Frage, ob er eine Teetasse behalten wolle, nicht mehr und nicht weniger als eine Falle gewesen war, die dazu diente, herauszukriegen, was Julius alles bei Professeur Faucon mitbekommen hatte. Hätte er nämlich nicht das Experiment gemacht, hätte er entweder gleich gesagt, daß er keine umgewandelte Ratte zum Teetrinken haben wollte oder die Tasse unbekümmert angenommen.

"Na, Julius! Du kannst doch nicht so abfällig von einer Lehrerin reden. Wenn ein Vertrauensschüler oder gar ein Lehrer hier herumläuft, könntest du fünfzig Punkte verlieren. Außerdem: Womit hat dich Professor McGonagall ausgetrickst?"

"Kein Kommentar! Geheime Kommandosache! Verschlossen und vergraben!" Erwiderte Julius. Dann legte er einen Schritt zu und suchte mit seinem Blick Kevin Malone, der sehr auffällig auf Abstand zu Gilda Fletcher blieb.

"Heh, Kevin! Eine Wette? Ich lasse vier Schokofrösche springen, wenn mich McGonagall nach der nächsten Stunde nicht aus irgendeinem Grund nachsitzen oder in ihr Büro kommen läßt. Wenn doch, kriege ich einen Schokofrosch von dir."

"Moment, Julius! - Nein, das ist mir zu riskant. So eine Quote bietet keiner an, wenn er nicht sicher ist, daß er gewinnt. Das ist mir doch zu heiß, Julius."

"Dann eben nicht", erwiderte Julius lächelnd.

Als die Hogwarts-Schüler zum Abendessen in die große Halle gingen, erlebten sie noch ein schaurig-komisches Spektakel mit.

Julius ging neben Gloria Porter her, als er einen heftigen Wortwechsel zwischen Malfoy und Harry Potter hörte. Es ging um Dracos Mutter. Harry fragte, ob sie immer so aussähe, als ob sie Mist unter der Nase hätte, oder ob dies erst so sei, seitdem Draco auf der Welt sei? Daraufhin sahen alle, wie Malfoy Harry von hinten einen Fluch aufhalsen wollte. Keine Sekunde später traf Draco ein Blitz von irgendwo her, es knallte laut, und da, wo Malfoy eben noch gestanden hatte, hockte ein weißes Frettchen vor Angst schlotternd am Boden, und eine knurrende Stimme dröhnte durch die Halle:

"Oh nein, das tust du nicht, Freundchen!"

Danach konnten sie Moody, den neuen Lehrer, sehen, wie er mit seinem Zauberstab das Frettchen, das eigentlich einer der ekelhaftesten Mitschüler war, wie an unsichtbaren Seilen herumschlenkern ließ, auf und ab und gegen die Wände knallen ließ. Julius bekam dabei mit, daß sein künstliches Auge offenbar tatsächlich einen Röntgenblick besaß, denn es war in Moodys Kopf hineingedreht und hatte einen von Malfoys Anhängseln Crabbe oder Goyle gesehen, weil Moody dem Jungen daraufhin befohlen hatte, das Frettchen liegen zu lassen. Als Professor McGonagall die Treppe mit Armen voller Bücher herunterkam, fragte sie, was dies bedeute und geriet förmlich außer Fassung, als sie hörte, daß ein Schüler zum Frettchen geworden war. Dann gab sie Draco Malfoy seine menschliche Gestalt wieder und zeterte mit Moody, daß Verwandlungen nicht als Strafe eingesetzt werden dürften.

"... Das hat Dumbledore Ihnen doch sicher gesagt", schrillte sie durch die Halle.

"Er könnte das mal erwähnt haben", erwiderte Moody unbeeindruckt. Dann nahm er Draco Malfoy, der wohl drohte, seinem Vater alles zu schreiben und zog mit ihm ab zu Snapes Büro.

 

"Das war ja absolut heftig", begeisterten sich Kevin, Fredo und Marvin, als die Schüler nach diesem eindrucksvollen Spektakel am Ravenclaw-Tisch saßen. Julius lachte zwar auch über die Vorstellung, die Malfoy unfreiwillig abgeliefert hatte, mußte jedoch daran denken, wie unbeherrscht Moody gehandelt hatte. Als Kevin sagte, daß Moody echt cool sei, zog Julius die Stirn kraus und sagte leise:

"Ich weiß, ich bin ein Spaßverderber. Aber wenn jemand so skrupellos herumzaubert, ist der nicht cool, sondern brandgefährlich, finde ich. Ich meine, das ist dieser Großschnauze Malfoy recht geschehen, daß er mal eins auf den Deckel bekommt. Ich habe da auch meine lehrreichen Erfahrungen gemacht. Aber gleich so brutal dreinzuhauen, ich fürchte, mir ist nicht wohl, wenn ich mir das vorstelle, wenn ich Moody gegenüberstehe. Ein einziges Wort könnte den schon dazu treiben, irgendeinen Fluch oder Verwandlungszauber auf mich loszulassen. Aber gut, daß Malfoy uns das demonstriert hat. So wissen wir nun bescheid und können uns vorsehen."

"Malfoy hat Potter von hinten angegriffen. Moody hat in Nothilfe gehandelt", sprang Pina dem unheimlichen neuen Lehrer bei.

"Da gibt es doch hundert Möglichkeiten, das ohne brutale Gewalt zu klären", schloß sich Gloria Julius' Einwand an.

"Ich habe in den Ferien mindestens fünf Arten von Zaubern beobachten dürfen, mit denen man jemanden kampfunfähig machen kann, ohne ihm gleich wehzutun", entgegnete Julius noch. "Er hätte ihm einen Bewegungsbann, einen Entwaffnungszauber oder einen Klammerfluch anhängen können. Die Verwandlung ließe ich ihm noch gerne als Nothilfe durchgehen. Aber wie er Malfoy dann herumtelekiniert hat, war nicht nur nicht nötig, sondern absolut sadistisch. Achso: Sadistisch heißt das, wenn einer Spaß am quälen anderer Lebewesen hat."

"Wenn man dich so reden hört, Julius, dann müßte man ja denken, Moody sei einer dieser Todesser, die bei der Quidditch-Weltmeisterschaft herumgetobt haben", warf Kevin mit nicht mehr so erheiterter, eher verunsicherter Stimme ein.

"Das unterstelle ich ihm nicht. Ich stelle nur fest, daß der Typ gefährlich ist", sagte Julius Andrews.

"Im Grunde genommen ist das jeder halbwegs ausgebildete Zauberer, Julius. Also auch du. Ratten in Teetassen zu verwandeln ist ja wohl nicht ungefährlich für die Ratten, oder", mischte sich Fredo Gillers ein, der das schadenfrohe Grinsen über Malfoys Bestrafung nicht aus dem Gesicht bekommen wollte.

"Das gebe ich zu. deshalb hat sich mein Vater ja fast ins Hemd ..., entschuldigung, Penelope! Deshalb hat mein Vater auch ein gewisses Unbehagen gezeigt, als ich in Flitwicks und McGonagalls Auftrag Gegenstände verändert habe. Ich weiß, daß er sich mir haushoch unterlegen fühlt, vielleicht sogar ausgeliefert. Aber gerade deshalb muß ich darauf achten, meine Selbstbeherrschung nicht zu verlieren, je weiter ich mit meiner Ausbildung komme. Gut, wenn Peeves mir querkommt, kriegt er eins übergebraten. Da habe ich kein Problem mit. Aber gegen andere Menschen so skrupellos mit Zauberei zu hantieren, macht schon irgendwie nachdenklich."

"Du hast vollkommen recht, Julius. Ihr anderen und auch ich, wir haben das nie anders kennengelernt, daß Erwachsene oder ältere Verwandte Sachen oder kleine Tiere verwandeln, etwas durch die Gegend fliegen lassen oder auch mal einen Fluch auf jemanden loslassen. Aber Julius kennt das nicht. In seiner Familie kann das keiner. Ich denke, wenn er zu Hause ist, fühlt er sich ziemlich unter Druck, oder Julius?" Sprang Gloria Julius bei. Julius nickte und sagte:

"Ich bin froh, daß die Zaubereibeschränkung mir verbietet, auch nur einen kleinen magischen Trick zu Hause zu bringen, um nicht in Versuchung geführt zu werden, wie selbstverständlich zu zaubern. Ich war in diesen Ferien das erstemal unter Leuten, die alle zaubern konnten. Da war der Druck nicht so heftig, und ich habe mich richtig wohlgefühlt."

"Jeder hat seine Meinung, Leute. Einige von euch finden das spaßig, was mit Malfoy passiert ist. Andere halten es für richtig, daß er bestraft wurde. Andere haben unterschiedliche Ansichten vom Strafmaß. Jeder von euch sollte die Meinung des anderen respektieren. Rein objektiv gesehen war es schon korrekt, daß Professor McGonagall Moody auf die hier geltenden Regeln verwiesen hat. Anderswo wäre das, was Moody getan hat, vielleicht das gewünschte Strafmittel gewesen, um sowas wie einen hinterhältigen Angriff ein für allemal zu vermeiden. Es ist nun einmal passiert. Julius hat recht, daß wir nun wissen, daß wir uns besser nicht mit Moody anlegen sollten, wenngleich er nun weiß, daß seine Erziehungsmethoden hier nicht erwünscht sind und er sich auf hisige Strafmaßnahmen beschränken muß. Ich hoffe, ihr fangt jetzt nicht an, euch wegen jemanden wie Malfoy zu zerstreiten. Das war's nur, was ich dazu sagen mußte", sprach Penelope Clearwater ein Machtwort.

Nach dem Abendessen stellten Julius, Fredo, Kevin und Marvin noch mal klar, daß sie sich bestimmt nicht wegen Malfoy verkrachen würden. Danach ging Julius in die Bibliothek, wo er einen Brief an Claire schrieb. Denn im Gemeinschaftsraum wäre es dafür zu laut gewesen. Er schrieb:

 

Hallo, Claire!

Wie versprochen schreibe ich dir, nachdem ich wieder in Hogwarts angekommen bin. Ich schreibe dir auf Englisch, wie du es gewollt hast.

Als wir hier ankamen, hat es gestürmt und geschüttet, also viel geregnet. Als wir dann hörten, daß wir dieses Jahr kein Quidditch spielen können, war ich erst einmal entteuscht. Aber dann sagte uns Professor Dumbledore, daß hier bald das trimagische Turnier stattfinden soll. Ich gehe davon aus, daß bei euch in Beauxbatons gerade die Hölle los ist, um die Kandidaten zusammenzubekommen. Ich weiß zumindest jetzt, weshalb Professeur Faucon sich so in Arbeit stürzen mußte. Daß sie mir trotzdem noch viel Zeit widmen konnte, muß ich noch höher anerkennen als sowieso schon.

Wir haben einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen. Er hat wohl viel abgekriegt in seinem Leben, weil er total vernarbt ist, ein Holzbein und ein magisches Kunstauge hat, mit dem er sogar hinter sich sehen kann, ohne sich umzudrehen. Einer der älteren Schüler hat sich heute mit einem anderen Schüler angelegt und ihn zu verfluchen versucht. Dafür hat dieser Lehrer ihn erst in ein Frettchen verwandelt und dieses dann durch Fernlenkung herumschleudern und auftitschen lassen. Das ist beeindruckend aber auch unheimlich.

Wir hatten heute auch die erste Verwandlungsstunde nach den Ferien. Ich weiß nicht, wieviel unsere Verwandlungslehrerin von Professeur Faucon geschrieben bekommen hat, aber ich denke mal, sie wird mir das irgendwann unterjubeln. Auf jeden Fall weiß unser Hauslehrer bescheid. Der hat mich sogar für den Sonnenlichtvortrag belohnt, obwohl der mit Hogwarts nichts zu tun hatte.

So, ich will nicht zu lange schreiben. Aber es wird mich sehr freuen, von dir eine Antwort zu kriegen. Grüße mir deine Eltern, deine Tante und deine Schwestern! Obwohl: Deine Eltern werde ich wohl noch persönlich anschreiben, und Jeanne könnte vielleicht demnächst hier eintrudeln, um beim Turnier dabeizusein. Oder ist sie erst sechzehn?

alles gute und besseres Wetter als wir hier haben für euch!

Julius

 

Julius hatte den Brief gerade so zusammengefaltet und in einen Umschlag gesteckt und an "Claire Dusoleil, Beauxbatons" adressiert, als er Lea Drake und Chuck Redwood hörte, die leise miteinander sprachen, als sie die Bibliothek betraten.

".. Und Peeves sollte aus Hogwarts rausfliegen. Das ist der einzige Punkt, wo ich Filch voll zustimme", sagte Chuck Redwood gerade.

"Da stimme ich dir auch zu, Chuck. Ich habe es langsam satt, daß der Knilch uns beide immer wieder dumm auflaufen läßt. Aber Marionettenprinz Malfoy hat ja heute abend nichts über uns abgesondert. Das war schon heftig, was Moody mit ihm veranstaltet hat", bemerkte Lea Drake schadenfroh.

"Kämpfen färbt ab, hat mein Dad mal gesagt. Wenn man immer gegen schwarze Magier kämpft, wird man irgendwie auch zu einem", meinte Chuck etwas leiser. Julius wunderte sich. Zwei Slytherins sprachen ernsthaft über Handlungsweisen schwarzer Magier, ohne sich darüber zu freuen, wie solche Zauberer doch nur ihren Machtanspruch durchsetzten, wie Malfoy, Carol Ridges oder Brutus Pane, der da selbst versucht hatte, Julius einen unverzeihlichen Fluch an den Hals zu jagen. Irgendwie dachte Julius wieder, daß die beiden gewiß nicht nach Slytherin paßten. Dann sagte Lea Drake: "Moody wäre ein genialer Anhänger von Du-weißt-schon-wem, wenn ihn das Ministerium nicht zu gut bezahlt hätte. Jeder hat schließlich seinen Preis."

"Ich fand das heute morgen spannend, wie er uns in Fluchabwehr geprüft hat. Wie dem auch sei, Lea. Wie heißt das Buch, das wir für Flitwick lesen sollen?" Fragte Chuck. Dann kamen die beiden um ein Regal herum, daß zwischen ihnen und Julius gestanden hatte. Julius stand gerade vor den Büchern über Zauberpflanzen und konnte daher ruhig so tun, als würde er nach etwas interessantem neuen suchen.

"ach, noch auf, Muggelkind?" Fragte Lea Drake leise.

"Yep!" Erwiderte Julius so, wie Moody vorhin auf Professor McGonagalls Frage geantwortet hatte, ob das Frettchen ein Schüler wäre.

"Schon Moody-geschädigt, wie?" Grinste Chuck Redwood. Julius wollte gerade sagen, daß wohl eher Malfoy von Moody geschädigt worden sei, doch Lea kam ihm zuvor.

"Das trift ja eher auf Draco Malfoy zu. Irgendwann kommt die Faust, die die größte Schnauze stopft. Wann habt ihr bei Professor Snape?"

"Die erste Stunde hatten wir schon", erwiderte Julius kurz angebunden.

"Euer Glück, vor allem für die Luschen von Hufflepuff. Unser Hauslehrer ist im Moment so geladen, daß die nächste Klasse, die er hat, todsicher hundert Punkte abgeben wird", grinste Lea schadenfroh. Das, so befand Julius, war eine echte Slytherin-Verhaltensweise.

"Das seid ja dann wohl ihr", konterte Julius. Dann fiel ihm ein, daß die Slytherins der zweiten Klasse mit den Gryffindors zusammen Zaubertränke hatten. Somit würden Glenda Honeydrop und ihre Klassenkameraden unter Snape zu leiden haben.

"Oh, dann kriegen wir das ja mit", flötete Lea Drake. Dann sagte sie zu Chuck:

"Das Buch heißt "Fernbewegung ohne Sichtkontakt oder aus weiter Entfernung von Nino Culagin, fortgeschrittene Telekinetik."

"Ich habe davon gehört. Wenn du das alles draufhast, was in dem Buch steht, kannst du mit einem Wink des Zauberstabes hier in China einen Sack Reis umfallen lassen", gönnte sich Julius eine Spöttelei.

"Ha ha! Aber wo du schon mal so humorvoll draufbist, Julius Andrews, hast du heute schon Peeves getroffen?"

"Nein noch nicht. Aber wenn, dann hoffe ich, genau zwischen seine grimmigen Glotzaugen", erwiderte Julius. Lea fand das offenbar lustig und lachte, erheitert, nicht spöttisch oder gekünstelt.

"Der Fliegenfänger hat in unserem Gemeinschaftsraum ein paar Bücher zerfleddert, eine Lampe mit Fernbewegung durch die Gegend geschleudert und Millicent Bullstrode heimlich die Schuhe zusammengebunden, immer dann, wenn Chuck und ich dabeistanden."

"Der hat es doch nicht etwa auf euch abgesehen?" Fragte Julius leicht gehässig.

"Das ist ein Chaot. Der kriegt mit, daß Lea wegen ihrer Halbblütigkeit nicht so toll bei unseren Kronprinzen und -prinzessinnen angeschrieben ist und dreht so am Rad, daß wir von den anderen dafür angefaucht und beleidigt werden", flüsterte Chuck, der nicht wollte, daß jemand ihn hörte. Julius erwiderte ebenso leise:

"Was will er von dir, Chuck? Du hast doch nur Zauberer in der Familie."

"Die für Slytherins den falschen Job machen. Lea weiß es, also kann ich es zumindest dir sagen, wenn du es nicht wie warme Brötchen handelst: Meine Eltern waren beide nicht in Slytherin. Meine Mum war eine Ravenclaw und mein Daddy ein Gryffindor. Der einzige Slytherin aus meiner Familie ist eine Großmutter von der väterlichen Seite, die aber, um das gleich abzuhaken, nicht zu Du-weißt-schon-wem gehörte."

"Keine intelligente vollblütige Slytherin die alleinstehend und intelligent ist würde sich an Voldemort dranhängen, wenn sie nicht schon mit wem verbandelt ist, der dem Emporkömmling aus der Hand frißt oder den Hintern küßt", flüsterte Lea, und in ihrem Gesicht stand nicht Angst oder Unbehagen wegen des Namens Voldemort, sondern Abscheu. Es war nicht die Art von Abscheu, die Julius im Bezug auf den gefürchteten Schwarzmagier, der in seinem Alptraum mitgewirkt hatte, in Professeur Faucons Gesicht gesehen hatte, sondern verachtung im Sinne von Angewidertheit. Wieso, so fragte sich Julius, offenbarte sich Lea vor ihm und Chuck derartig? Oder war sie wirklich nur eine gute Schauspielerin?

"Ich weiß, du möchtest gern die neue dunkle Lady werden, Lea. Dann hoffe mal, daß der alte Irre nicht doch wieder aufsteht und seine Macht auf Erden zurückfordert", flüsterte Chuck.

"Er existiert als Schattenform, weil er sich durch schwarzmagische Umwandlungen derartig verändert hat, daß sein Körper zwar getötet wurde, aber er selbst am Leben blieb", erwiderte Julius ganz leise.

"Sieh an, er hat doch was anderes gelesen außer Kräuterkundebüchern", feixte Lea.

"Man kommt ja nicht dran vorbei, wenn man hier lernt. Sonst trete ich ja von einem Fettnapf in den nächsten", rechtfertigte Julius sein Wissen über die derzeitige Daseinsform des dunklen Lords. Dann sagte Lea leise zu Chuck:

"Das mit der dunklen Lady nimmst du besser zurück, wenn ich dir keinen Fluch anhexen soll. Ich habe mit meinem Leben mehr vor als eine Horde willfähriger Dummköpfe hinter mir herkriechen zu lassen. Aber falls ich mir doch derartiges überlege, solltest du dich vielleicht schon mal anbiedern, Rotschopf."

"Bei Bedarf, Halbblut", erwiderte Chuck Redwood.

"Hmm, wäre 'ne interessante Diskussion, was Macht ist und wozu man sie haben sollte."

"In dem Zusammenhang müßte ich dich fragen, was du in deinen Ferien getrieben hast. Professor Snape hat sich köstlich amüsiert, daß deine Eltern wohl tierische Angst haben, du könntest sie aus lauter Experimentierfreude verhexen oder vergiften."

"So, meint er das? Mein Vater hat ihn zumindest gelobt, daß er nicht einer von den sogenannten Heuchlern sei, die mir gute Noten zuteilten, um mich zu ködern, Zauberer zu werden. Mehr sage ich dazu nicht."

"Ich erinnere mich an Sprout und die Sache mit Pane. Der hängt jetzt mit seinen Eltern im Hotel zu den Dementoren. Sie haben ihnen nachgewiesen, daß er mit verbotenen Flüchen herumdoktern gelernt hat und so dumm war, wegen einer schlechten Note einen Mitschüler damit anzugreifen und das dann auch noch voll vergeigt hat."

"Aha, da kommt es doch ans Licht", erwiderte Julius ruhig. "Das wäre dir also doch lieber gewesen, wenn der Kerl mich nach der Methode Voldemort ins Jenseits gepustet hätte. Aber ich habe von einer älteren Mitschülerin gehört, daß alle Schüler, die hier eines unnatürlichen grausamen Todes sterben, dazu verdonnert sind, als Geister hierzubleiben und herumzuspuken."

"Uää! Hör auf, Julius! Einen dieser Geister habe ich gestern abend noch getroffen. Mir taten die Ohren danach weh und die Schuhe mußte ich auswringen, weil dieses dicke Mädchen mir eine Sintflut vor die Füße geheult hat, nur weil sie es nicht toll fand, daß ich meine neue Wunderwaffe ausprobiert habe. Aber das mußt du nicht wissen."

"Huch! Dann stimmt das ja doch mit der maulenden Myrte. Aber nett, daß du mir das erzählst, daß du mich lieber als ständigen Quälgeist um dich herumschweben haben wolltest, dunkle Lady."

"Die Bibliothek ist zauberfreie Zone. Aber wenn du das nicht sofort zurücknimmst, verfüttere ich dich morgen an die Fleischfresser von Sprout", knurrte Lea Drake und fuchtelte mit einem eingebildeten Zauberstab herum.

"In Ordnung, ich nehme das zurück. Die Carnivoren sind von außen interessanter als von innen. - Aber noch mal zu Peeves. Ich habe einen Brief von einem alten Hogwarts-Schüler gelesen, der schreibt, daß es hier früher eine sogenannte Peeves-Patrouille gegeben hat. Da waren Schüler aus allen vier Häusern drin, die sich gegen diesen Poltergeist verbündet haben."

"Ja, davon habe ich gelesen", flüsterte Lea mit freudestrahlendem Gesicht. "In einem Kerker von Slytherin steht eine alte Truhe, in der alte Pergamente drinliegen. Ich habe die mal geöffnet und geprüft, ob da vielleicht verhexte Bücher oder Briefe beisind. Meine Mutter hat mir da einige Tricks verraten, mit denen man das macht, um nicht aus Dummheit in den Bann eines Gedächtnisfragments zu geraten, das dich langsam auszehrt und manipuliert wie, ach neh, den Fluch kennt ihr ja nicht."

"Wenn du Imperius meinst, dann frage ich mich, ob du das Buch über die Zauberergesetze wirklich gelesen hast. Da steht nämlich drin, daß der verboten ist", erwiderte Julius, dem beim Gedanken an ein verhextes Buch ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief, vor allem dann, wenn er an das Buch "Winnies wilde Welt" dachte, daß ihn beinahe mal verschlungen hätte, wenn seine Besitzerin, Aurora Dawn, ihm nicht rechtzeitig zu Hilfe gekommen wäre.

"Wo waren wir? Ach ja. In einem alten Brief schrieb eine Schülerin mit Namen Alexis, daß sie mit einer Ravenclaw, einem Hufflepuff und zwei Gryffindors diese Patrouille gegründet hat. Sie haben ihre Zauberflüche an Peeves ausprobiert und ihn in zu verlockende Situationen hineinstolpern lassen. Wäre interessant, das mal wieder aufleben zu lassen. Aber wüßtest du einen Gryffindor, der sich das zutraut? Bei den Hufflepuffs sind bestimmt Leute, die mitmachen würden, wenn sie richtig angeleitet werden. Nur ihr Eierköpfe aus Ravenclaw hättet ja vielzuviel Angst davor, euch könnten sie kriegen", sagte Lea herausfordernd. Julius ging nicht darauf ein, sondern sagte nur:

"Die Gryffindors würden sagen, daß die Slytherins diesen Chaoten doch ins Haus geschleppt haben. Dann sollen sie ihn auch wieder loswerden."

"Da kann man sich ja mal insgeheim drüber unterhalten. Da kommt die spindeldürre Pince, die muß nicht mitkriegen, daß Slytherins mit Muggelkindern quatschen", zischte Lea und sagte laut:

"Wo war noch mal das Telekinetik-Buch?"

"Bei den Büchern über mechanische Zaubereien, Lea", erwiderte Chuck.

Ohne Abschiedsworte verließen sie Julius. Dieser betrachtete wie höchstkonzentriert die Kräuterkundebücher. Er freute sich, daß "der kleine Hexengarten" von Aurora Dawn ebenfalls zum Angebot der erlaubten Bücher gehörte. Dann fand er noch das Buch über exotische Zaubersträucher der Provence von Camille Dusoleil. In dem Moment kam Madame Pince in Flüsterweite.

"Kaum einen Schultag hier und schon wieder auf der Jagd nach Kräuterkundebüchern? Kann ich dir bei der Suche helfen?"

"Vielleicht", erwiderte Julius. "Das Buch hier, ist das gut?" Fragte er und deutete auf das Buch über die Zaubersträucher der Provence.

"Wenn du Informationen meinst, dann ist es immerhin ein gutes Buch zum Nebenherlesen. Der Stil könnte allerdings etwas sachlicher und seriöser sein. Die Kräuterkundlerin scheint ihren Berufszweig wie ein fröhliches Spiel zu betrachten und nicht als ernsthafte Wissenschaft. Allerdings hält Professor Sprout sehr viel von ihrer Kompetenz. Es wäre also nicht so verkehrt, es zu lesen, falls Professor Sprout mal darauf kommen könnte, es euch zu empfehlen und es dann vergriffen ist."

"Aber das mit dem Hexengarten ist bestimmt nur zum Nebenbeilesen. Ich erinnere mich, daß die Verfasserin hier zur Schule gegangen ist", lenkte Julius das Gespräch auf das Buch von Aurora Dawn.

"Das ist richtig. Die hat sich genauso in Bücher über Zaubertränke und Zauberpflanzen vergraben, wie du es tust, wenn sie nicht gerade Quidditch gespielt hat. Aber das ist schon über elf Jahre her. Möchtest du das Buch über die französischen Zaubersträucher haben?"

"Im Moment nicht. Ich finde nur das Klappenbild so interessant. Wenn ich den Namen nicht gelesen hätte, hätte ich geglaubt, daß die Schreiberin aus Südamerika kommt."

Julius wollte sich gerade von Madame Pince verabschieden, als ihm etwas einfiel, das ihn umtrieb, seitdem er Mad-Eye Moody kennengelernt hatte.

"Ich habe nicht gewußt, daß man auch magische Prothesen herstellen kann. Gibt es darüber was zu lesen, was ich mit meiner bisherigen Bildung schon verstehen kann?"

"Soso, dich inteeressiert das magische Auge von Professor Moody. Pech nur, daß er gerade alle Literatur zu diesem Thema eingezogen hat. Er möchte nicht, daß sein Auge allgemein diskutiert wird", sagte Madame Pince leicht gehässig.

"Gut, das muß ich verstehen. Mir wäre das auch nicht recht, wenn jeder über meine Besonderheiten herziehen und fachsimpeln würde, wo ich dabeistehe. Es ist ja auch nur, weil in der Muggelwelt Berichte und erfundene Geschichten über künstliche Organe und Gliedmaßen gehandelt werden. Das hätte mich nur interessiert, ob die Magie den Muggeln da möglicherweise weit voraus ist."

"Möglicherweise? Tausendfach. Aber wenn dich das wirklich interessiert, brich dir ein Bein so kompliziert, daß du mit Madame Pomfrey darüber diskutieren kannst, ob sie es dir wieder richtig zusammenwachsen lassen kann oder dir ein magisches Kunstbein anpassen soll."

"Uää! Dann kriege ich nachher noch ein Holzbein wie Moody. Danke verbindlichst! Dann nehme ich doch lieber.. Moment! Die Dementoren-Bücher sind aber jetzt alle wieder da, oder?"

"Ja, das Grundlagenbuch, daß ab der dritten Klasse empfohlen wird, ist wieder da. Es behandelt aber auch andere Geschöpfe. Möchtest du das lesen? Ich warne dich nur davor, daß es dir Alpträume bereiten könnte."

"Für Alpträume haben Muggelkinder Fernseher und Videos. Warum nicht? Dann nehme ich dieses Buch. Wann soll ich das spätestens zurückgeben?"

"Spätestens wenn die dritte Abmahnung kommt und du Hogwarts verlassen mußt, weil du nachlässig mit Schuleigentum umgehst", erwiderte Madame Pince. Die langjährige Bibliothekarin war wohl heute auf Gemeinheiten eingestellt, fand Julius. Doch er lächelte sie beruhigend an.

Fünf Minuten später trug er einen dicken Wälzer mit dem Titel "Geschöpfe der Düsternis" unter dem linken Arm. Die rechte Hand ließ er locker über seinem Zauberstab ruhen. Unterwegs kam ihm auch tatsächlich Peeves, der Poltergeist, in die Quere. Er zog einen Teppich, auf dem Julius entlanglief, mit solcher Wucht fort, daß Julius nur durch einen Hechtsprung nach oben verhinderte, vom Schwung des Teppichs umgerissen zu werden. Keine Sekunde später hatte der Zweitklässler seinen Zauberstab fest in der Hand.

"Peeves, du feiges Aas! Ich rieche deine vollen Hosen!"

Peeves wurde keinen halben Meter vor Julius sichtbar und funkelte ihn böse an.

"Oh, mein Freund der Feuerlöscher. Auf dem Teppich ausgerutscht?"

"Neh, bin ich nicht. Ballinflato!"

Das letzte Wort von Julius war ein Fluch, den er in Professeur Faucons Buch über Zauberbanne und Flüche gefunden hatte. Da er sehr einfach war, wollte er ihn an Peeves ausprobieren. Beim Ausstoß des Zauberwortes ließ er seinen Zauberstab vor Peeves Bauch gegen den Uhrzeigersinn einmal herumkreisen. Kaum hatte der Zauberstab seine Ausgangsstellung wieder erreicht, schlug ein rosaroter Blitz heraus, fauchte durch die Luft und schlug dumpf krachend in Peeves Magengegend ein. Peeves erzitterte in seinem Schwebezustand. Dann blähte sich sein Bauch, als sei dies ein Luftballon, der mit Pressluft aufgeblasen würde. Peeves taumelte, wurde unsichtbar, wurde sichtbar, hing kopfüber in der Luft oder rollte in der Luft herum.

"Du vermaledeiter ..." Würgte der behexte Poltergeist hervor.

Betty und Jenna Hollingsworth kamen die Treppe hoch und stolperten fast über den verschobenen Teppich. Dann sahen sie Peeves, der mit verkniffenen Augen die Hände auf den kugelrunden Bauch legte. Dann gab es ein Geräusch, als würde man einen aufgeblasenen Luftballon unverschlossen davonschwirren lassen. Julius hielt sich die Nase zu, weil er dachte, es sei womöglich eine Blähung des Poltergeistes, der nun, angetrieben von seiner eigenen Druckluft, davongetragen wurde.

"Das stinkt nicht. Poltergeister essen doch nichts, was stinken könnte", sagte Jenna belustigt, weil Julius sich die Nase mit der linken Hand zukniff und dabei fast das schwere Buch verlor. Er ließ seine Nase wieder los und klemmte sich das Buch richtig unter den Arm.

"Ich habe schon gedacht, der stößt jetzt ein Giftgas aus. Eigentlich sollte dieser Fluch nur einen runden Ballonbauch machen. Offenbar scheint das bei Peeves nicht lange zu halten."

"Was ist das für ein Buch, Julius?" Fragte Betty.

"Ein Horror-Roman über böse Monster", erwiderte Julius mit schauerlicher Betonung.

"Haha, Jenna! Die Schokofrösche kommen zu mir!" Trällerte Betty.

"Wieso?" Fragten Jenna und Julius im Chor.

"Weil Jenna und ich gewettet haben, daß kein Schultag vergehen wird, bis du dir ein Buch über Dementoren geholt hast. Cedric Diggory hat sich ein ähnliches geholt, weil er vorhat, am trimagischen Turnier teilzunehmen und den Patronus-Zauber lernen will, den Lupin Harry Potter beigebracht hat. Da auf dem Buch, daß du da unter deinem linken Arm trägst, ein Dementor und ein Zyklop abgebildet sind, willst du auch was über sie lesen. Also kommen die Schokofrösche zu mir", erläuterte Betty. Jenna besah sich das Buch und knurrte enttäuscht.

"Dann wünsche ich dir eine gruselige Nacht, du Experte. Was habt ihr morgen früh?"

"Erst blüht uns Moody, dann haben wir Flitwick, und nachmittags schöne Pflanzen und Unkraut aus Slytherin bei Sprout."

"Die hatten wir heute nachmittag. Sie hat uns gefragt, ob die Bücher richtig waren, die wir dir geschenkt haben."

"Und?"

"Wir haben gesagt, daß du dich gefreut hast", sagte Jenna.

"Aber hallo! Habt ihr ihr auch erzählt, daß ihr Aurora Dawn persönlich getroffen habt?"

"Sie hat nicht gefragt", erwiderte Jenna Hollingsworth grinsend.

"Gute Einstellung. Dann Nacht, Mädels!"

Unangefochten von Peeves erreichte Julius das Gemälde vor dem Ravenclaw-Haus. Bruce, der Kuhhirte stritt sich gerade mit einer Hexe in einem roten Kleid, die wild gestikulierend auf die Kuh Maggy deutete.

"... Dein hirnamputiertes Vieh hat meinen Kräutergarten zertrampelt, nachdem es die wertvollsten Pflanzen gefressen hat", zeterte die Hexe gerade und fuchtelte drohend mit ihrem Zauberstab herum.

"Ich kann sie nicht festbinden. Der boden hier ist nicht tief genug, um sie fest anzupflöcken, Lady Medea. Das ist nun einmal ihre Natur, Kräuter zu fressen. Versetzt ihr euch doch einmal in meine Maggy!" Erwiderte Bruce wild gestikulierend, offenbar sehr überzeugt, daß er im Recht war.

"Nein. Du wirst dich versetzen", erwiderte die mit "Lady Medea" angesprochene Hexe in einer unheilverkündenden Tonlage. Dann hob sie sehr schnell den Zauberstab, deutete auf Bruce und schwang ihn sogleich zu Maggy hinüber. Dabei rief sie:

"Intercorpores permuto!"

Julius sprang zurück, als ein gleißender Lichtbogen zwischen Bruce und Maggy erstrahlte und beide regelrecht aufzehrte. Ein leises Zischen war das einzige Geräusch, das zu hören war. Dann zerfiel der Lichtbogen mit einem lauten Knall. Da wo Bruce gestanden hatte, hockte nun eine junge Frau in einem braun-weiß gescheckten Umhang mit dunklen Haaren und braunen Augen. Da, wo maggy gestanden hatte, stand ein rotbrauner Stier, der verdutzt und verängstigt zugleich aus dem Gemälde starrte.

"Puh, ist mir kalt", sagte die fremde Frau im gescheckten Umhang. Dann betastete sie ihren Kopf und meinte:

"Ist irgendwie merkwürdig, keine Hörner zu haben. Fühlt sich auch merkwürdig an, daß die Zitzen nun oben sind", sagte sie mit tiefer Stimme, als sie sich über das Oberteil ihres Umhangs strich. Dann stand sie auf und wankte.

"Hallo, ohne jetzt den Eindruck großer Angst zu vermitteln frage ich doch mal an, wie ich jetzt ins Haus komme?"

"Das ist nicht mein Problem. In vierundzwanzig Stunden kehrt sich der Zauber wieder um. Ich habe zu tun", sagte die Hexe, die soeben Bruce in einen Stier und Maggy in eine Menschenfrau verwandelt hatte.

"Dann möchte ich mehrere Stunden Schlaf hinter mich gebracht und einen Schultag mit Mittag- und Abendessen ohne müde umzufallen überstanden haben", sagte Julius. Doch Lady Medea trat wortlos nach rechts aus dem Bild.

"Maggy, kannst du mich reinlassen?" Fragte Julius.

"Weiß ich das? Da war doch was mit einem Passwort."

In diesem Moment drückte jemand von Innen gegen das Gemälde. Es schwang zur Seite. Julius erkannte mit erleichterung, daß es Prudence Whitesand war und nicht vielleicht Penelope Clearwarter.

"Was ist los, Julius?" Fragte die Fünftklässlerin.

"Man hat mich in ein frierendes, hornloses Zweibein verwandelt", protestierte Maggy, die im Moment eine Menschenfrau war.

"Ups! Na, dann komm schnell rein, Julius!" Sagte Prudence und zog Julius unvermittelt durch die Portraitöffnung. Klapp! Fiel das Bild wieder in seine Normallage zurück. Im Gemeinschaftsraum lachte Prudence so laut los, daß alle, die gerade beim lesen oder leisen Gesprächen waren, verstört und gereizt aufsahen.

"Was ist los, Prue?" Fragte Cho Chang, die hinter einem großen Buch über alte Runen aufgetaucht war.

"Irgendwer aus einem anderen Bild hat aus Maggy eine junge Frau in einem ihrem früheren Fell entsprechenden Umhang gemacht. Was mit Bruce wurde, weiß ich nicht genau.

"Wie ging der Zauber? Intercorpores permuto"", sagte Julius. Prudence lachte wieder. Cho stand auf. Dann kam noch Penelope Clearwater, schließlich noch Gloria Porter und Pina Watermelon, die Schach gespielt hatten.

"Toll! Dann haben wir jetzt einen vollen Tag lang eine blöde Kuh im Umhang und einen total verwirrten Stier, der wohl kein Wort sprechen kann", sagte Cho. "Das ist ein Strafzauber, der vor hundert Jahren in Hogwarts verboten wurde, weil einige begabte Schüler sich einen Scherz daraus machten, ihre Mitschüler zwangszutauschen, so daß aus Jungen Mädchen und aus Mädchen Jungen wurden. Der Zauber kann vierundzwanzig Stunden nicht umgekehrt werden. Dann kehrt er sich von selbst um", gab Cho wider, was sie gelesen zu haben schien.

"Ich verständige sofort Flitwick, daß wir einen Übergangstürhüter bekommen. Maggy wird wohl nicht die Tür öffnen können."

"Sie kann aber sprechen. Vielleicht kann sie doch die Tür öffnen", wandte Julius ein. Dann fiel ihm ein, daß er noch das schwere Buch unter dem Arm trug und verabschiedete sich für wenige Minuten in den Schlafsaal, wo er das Buch erst in seinen Koffer legte. Kevin war allein im Schlafsaal.

"Wo sind denn die anderen drei?" Fragte Julius verwundert.

"Die haben sich mit Glenda und Leon in der Bibliothek verabredet. Noch ist es ja nicht zehn.."

"Ach, dann haben die den andren Weg genommen. Auf jeden Fall wird das lustig, wenn die wiederkommen. Eine rotgekleidete Hexe hat Bruce in einen Stier und Maggy in eine Frau permutiert. Ich habe mir nur was zum lesen geholt."

"Ach, das eine Dementorenbuch. Genial. Dann können wir das zusammen durchgehen?" Fragte Kevin.

"Ja, können wir machen."

"Eh, aber das mit Bruce und Maggy meinst du doch nicht ernst, oder?" Wollte Kevin wissen.

"Toternst. Wenn Maggy nicht schnell lernt, wie sie die Tür öffnet und wie das Passwort geht, kommen wir zwar raus aus Ravenclaw, aber nicht mehr rein."

"Eh, das will ich sehen", sagte Kevin und spurtete los. Dann fiel Julius etwas ein, was er noch erledigen mußte.

"Am besten schicke ich den heute los", murmelte er und rannte Kevin nach.

"Prudence, kannst du mir in zwanzig Minuten die Tür noch mal aufmachen. Ich rufe von außen, damit du auch dem richtigen aufmachst, ja?" Wandte sich Julius an die Kameradin der Quidditch-Reservemannschaft.

"Kann ich machen. Dein irischer Zimmergenosse ist gerade auch aus dem Haus gerannt. Hörst du ihn lachen?"

"Jawoll!" Grinste Julius und stieß das Gemälde auf. Bruce, der 24-Stunden-Stier, brüllte aufgeregt. Maggy tätschelte ihm den Rücken und sagte:

"Ich weiß. Das Gras hier ist nicht so toll."

"Ist ja irre!" Rief Kevin. Dann fragte er:

"Warum bist du noch mal raus?"

"Habe noch was vergessen, abzuschicken. Ich habe das vor lauter Gequatsche mit Leuten unterwegs verschwitzt. In zwanzig Minuten macht Prudence noch mal von innen auf."

"Wie könnt ihr ungehörnten Zweibeinläufer nur so dünne Felle tragen? Habe ich das auch richtig gehört, daß ich hier normalerweise angepflöckt zu sein hätte? Was soll ich jetzt eigentlich fressen?"

"Hmm, ich stehe auf Rindersteaks", sagte Julius. Kevin warf noch ein: "Hacksteaks sind auch nicht zu verachten." Dann lachten beide gehässig und laut. Julius lief schon in Richtung Eulerei, als der verzauberte Bruce laut brüllte und Maggy wilde Beschimpfungen ausstieß.

In der Eulerei fand er Francis auf Anhieb, weil er neben Trixie und Boann, den Eulen von Gloria und Kevin auf einer Stange hockte. Julius band den Brief für Claire an Francis' rechtes Bein und sagte:

"Fliege zu Claire nach Beauxbatons. Ich weiß zwar nicht, wo das ist, aber irgendwo in Frankreich."

Francis nickte beruhigend mit dem Kopf. Dann spannte er die Flügel aus und strich beinahe Lautlos durch eine der unverglasten Aus- und Einflugsluken im Eulenturm hinaus. Gerade in diesem Moment flog eine Waldohreule durch eine der Luken herein, sah sich um und steuerte direkt auf Julius zu. Dieser sperrte die Augen weit auf.

"Wo kommst du denn her, Viviane?" Fragte Julius freudig überrascht. Die Eule schuhute und hielt ihm das linke Bein hin, an dem ein kleiner Briefumschlag hing. Julius nahm den Briefumschlag vorsichtig vom Bein und sagte auf Französisch zu Viviane, der Eule von Claire Dusoleil:

"Francis ist gerade hier heraus. Fliege ihm bitte nach und zeig ihm den Weg zu Claire!"

Die Eule wiegte ihren Kopf, als sei dieser Auftrag entweder nicht zu schaffen oder so unnötig wie Salz ins Meer zu kippen. Doch dann flog sie los, munter, wie Julius erleichtert zur Kenntnis nahm. Offenbar hatte sie nicht in einer Tour den weiten Weg gemacht.

Julius verließ die Eulerei und kehrte vor den Einstieg in den Ravenclaw-Gemeinschaftsraum zurück. Maggy, die gerade keine Kuh war, probierte aus, mit dem Bild herumzuschwingen. Doch es gelang nicht so richtig. Kevin gab seine Kommentare dazu und lachte.

"Das wird lustig", sagte er.

"Weg da, Junge!" Knurrte ein ziemlich gehetzt klingender Hausmeister Filch, der ein großes Gemälde auf einem Karren herbeizog. Julius erkannte zwei Hexenschwestern in giftgrünen Umhängen, die wohl darum rangen, nicht ihr Abendessen auswürgen zu müssen, so wie das Bild schlingerte.

Ohne großes Federlesen nahm Filch das Bild mit den körpervertauschten Bruce und Maggy von seinen Halterungen, ohne daß Julius und Kevin sehen konnten, wie er die Verbindungen löste. Von drinnen tauchte Penelope Clearwater durch den Zugang heraus.

"Ach, Sie sind bereits hier, Mr. Filch. Wunderbar! Wer hat den Job übernommen?"

"Das fragen Sie sie selbst, Miss Clearwater", schnaufte Filch wie eine alte Dampflok. Dann befestigte er das neue Bild mit den zwei Hexen an den Halterungen und sicherte diese wieder auf unbeobachtbare Weise. Danach nahm er das abgehängte Gemälde auf, warf es unsanft auf den Handkarren und bellte:

"Und ihr macht alle, daß ihr reinkommt. Wenn ich in fünf Minuten wieder vorbeikomme, und einer hängt noch hier draußen herum, wische ich mit ihm oder ihr den Boden!"

"Ewig schniefender Schnauferich", bedachte Kevin den stets mißgelaunten Hausmeister, als er sich sicher sein konnte, daß Filch das nicht mitkriegen konnte. Dann traten Julius, Kevin und Penelope vor das neue Gemälde. Julius betrachtete die beiden Hexen, die leicht zerzauste brünette Frisuren hatten und durch eliptische, goldgeränderte Brillengläser blickten.

"Schönen guten Abend", sagte eine der Hexen.

"Professor Flitwick hat uns gebeten, von nun an bis auf Widerruf Ihre Tür zu behüten", sagte die eine der Hexen mit einer glockenhellen Sopranstimme. Julius mußte sich hüten, nicht zu grinsen. Die zweite Hexe sprach mit einer raumfüllenden Altstimme:

"Meine Schwester Petra und ich, Angella, wir haben mal vor hundert Jahren das Haus der Gryffindors behütet. Wir kennen das also. Das Passwort wurde uns von Professor Flitwick übermittelt. Die Vertrauensschülerin möchte es uns bitte noch sagen, damit wir unseren Dienst ordentlich beginnen", schloß die Hexe, die sich Angella nannte. Penelope sagte:

"Cogito ergo sum."

Ohne weiteres schwang das Bild zur Seite, so daß die Vertrauensschülerin, Kevin und Julius in ihren Gemeinschaftsraum zurückklettern konnten. Im Gemeinschaftsraum angekommen prüfte die Vertrauensschülerin, ob aus allen Schlafsälen einer oder eine anwesend war. Dann sagte sie laut:

"Alle herhören! Professor Flitwick hat auf den merkwürdigen Zwischenfall mit unserem Türhüter reagiert und einen lange überfälligen Austausch angeordnet. Unsere Tür wird nun von zwei sehr korrekten Damen betreut, den Schwestern Petra und Angella Skyland. Es ist vorgesehen, sie nun permanent als Türhüter für Ravenclaw zu beschäftigen, da die Unzuverlässigkeit von Bruce nun doch unerträgliche Ausmaße angenommen hat. Das Passwort, welches gestern ausgegeben wurde bleibt weiterhin gültig. Das war es auch schon."

Julius und Kevin zogen sich in den Schlafsaal zurück und kicherten eher wie Mädchen als wie Jungen. Als sie sich wieder einkriegten, sagte Julius:

"Fredo, Marvin und Eric werden sich wundern, wenn sie wiederkommen und der Cowboy hängt da nicht mehr."

"Ich frage mich gerade, wo sie den jetzt hinhängen?"

"Den können Sie vor Snapes Kerker hinhängen. Dann .. neh, Snape kennt bestimmt den Reinitimaginus-Zauber. Würde also nicht hinhauen."

"Dann vor den Eingang der Slytherins", schlug Kevin vor.

"Dann liefen die einfach im Schloß herum, weil sie keinen Einstieg fänden. Neh, Danke! Auch nicht so gut. Die lägen dann vielleicht vor unserer Tür herum, wenn sie sich schlafen legten. Lass die mal schön in ihren Kerkern bleiben", lehnte Julius den Vorschlag postwendend ab.

"Dann ist es mir egal", bekräftigte Kevin, daß er sich um Bruces Schicksal keinen Gedanken mehr machen würde, falls er nicht doch zum Ravenclaw-Türhüter zurückbefördert wurde.

Als Fredo, Marvin und Eric zurückkamen, lachten die drei.

"Ist ja heftig. Wie sah Bruce als Stier aus, Julius?" Fragte Fredo. Julius erzählte es den drei Schlafsaalmitbewohnern. Dann gähnte er und zeigte an, daß er nicht mehr groß herumreden wollte.

Als sie allle in ihren Betten lagen, machte Julius mit seinem Zauberstab noch einmal Licht unter der Bettdecke und las den Brief, den Viviane ihm gebracht hatte. In Claires schöner Handschrift stand auf Französisch:

 

Hallo, Julius!

Ich weiß zwar nicht, ob du mir schon einen Brief geschickt hast, aber falls nicht, ist es auch nicht schlimm. Dann schreibe ich dir eben zuerst.

Ich hätte dir bestimmt auch schon früher geschrieben, wenn Madame Maxime und Professeur Faucon nicht verboten hätten, vor dem 31. August Eulen abzuschicken. Sie meinten, wir dürften keinem schreiben, daß dieses Jahr ein trimagisches Turnier stattfinden wird. Falls du diesen Brief nach dem ersten September bekommst, weißt du bestimmt auch schon, wo das Turnier stattfinden wird. Bei euch in Hogwarts wird das sein!

Madame Maxime sucht bereits Kandidaten die das Alter von Siebzehn Jahren erreicht haben oder zum Zeitpunkt des Turnierbeginns erreicht haben werden. Jeanne ist schon aufgeregt. Sie wird am 15. September siebzehn. Wenn Madame Maxime sie auswählt, könntest du sie bald bei euch begrüßen.

Ich habe gehört, daß es bei euch im Moment wesentlich kälter ist als bei uns. Maman bedauert, daß du nicht hiergeblieben und mit Jeanne und mir zusammen nach Beauxbatons gegangen bist. Sie meint, daß du die Temperaturen bei euch doch gar nicht mehr gewohnt bist. Ich schlage vor, daß du ihr so bald wie möglich schreibst und ihr erzählst, wie du dich wieder in eurem altehrwürdigen Schloß eingelebt hast. Ich weiß es nicht genau, aber vielleicht kommt sie auf die Idee, dich wieder nach Millemerveilles zu holen, wenn du nichts von dir lesen läßt.

Wir haben am ersten Schultag gleich mit Verwandlung, Kräuterkunde und Zauberkunst angefangen, meinen Lieblingsfächern. In Verwandlung haben wir Regenwürmer in Garnspulen verwandelt und diese dann in Marienkäfer. Ich habe in der einen Stunde zehn tadellose Verwandlungen geschafft. In Kräuterkunde sind wir bei den Kürbisknollen. Die hast du mit Maman in der grünen Gasse gesehen. Danach durften wir in Zauberkunst selbstleuchtende Kristalle herstellen. Vielleicht macht ihr das ja auch gerade.

Soviel zum Eingewöhnen. Falls Jeanne kommen darf, darf ich dir das nicht schreiben, hat Professeur Faucon gesagt. Die Teilnehmer sollen sich offiziell erst bei der Turniereröffnung kennenlernen.

Bis zum nächsten Brief!

Claire

 

"Nox!" Flüsterte Julius, nachdem er den Brief beendet hatte. Der helle Lichtstrahl seines Zauberstabes erlosch. Julius kroch wieder unter der Decke hervor, tastete leise nach seiner großen Practicus-Tasche, legte den Brief im Zeitlupentempo hinein und verschloß die Tasche wieder. Da die Tasche genauso gegen Diebstahl und Ausplündern gesichert war, wie die kleine Tasche von Aurora Dawn, die Julius unter einem Kissen verborgen hielt, konnte nun keiner außer ihm den Brief von Claire wieder aus der Tasche ziehen.

Julius drehte sich um und schlief ruhig ein.

 

 

Ohne Alptraum, ja ohne irgendeinen Fetzen Erinnerung an einen Traum, wachte Julius am nächsten Morgen auf. Aufstehen und Frühstück liefen wie im letzten Jahr so alltäglich ab, daß Julius sich fragte, ob er überhaupt Ferien gehabt hatte. Doch wenn er in den Waschraumspiegel schaute, grinste ihm ein immer noch leicht gebräuntes Jungengesicht von hellblondem Haar umrahmt an, das eindeutig verriet, daß er in der Ferienzeit mehr Sonne abbekommen hatte als in England angeboten wurde.

Am Ravenclaw-Tisch war das neue Türgemälde Gesprächsthema Nummer eins. Dann ging es in die Klassen.

Auf Moody waren alle gespannt, weil sein Auftritt am Vortage natürlich einen heftigen Eindruck hinterlassen hatte. Als der neue Lehrer mit rhythmischem "Klonk! Klonk!" vor der Klasse zu hören war, breitete sich eine äußerst hochgespannte Stille aus. Niemand von den Zweitklässlern wagte es, auch nur einen Finger zu rühren, aus Angst, ein Geräusch zu machen, das den unheimlichen Takt des Holzbeins stören konnte.

Moody ging durch den Klassenraum, wobei sein blaues, magisches Auge wie ein aufgedrehter Suchscheinwerfer hin und herschwang, sich mal zur einen oder zur anderen Seite in Moodys Kopf hineindrehte, bis der Lehrer an seinem Pult stand und den Gehstock, auf den er sich gestützt hatte, lässig an das Pult lehnte.

"Morgen, Leute!" Begrüßte er die Klasse. Die Schülerinnen und Schüler gaben keinen Laut von sich.

"Höh! Ich sagte guten Morgen!" Knurrte Moody wie ein gereizter Bär. Julius erhob sich und erwiderte den Gruß. Ihm folgten Gloria, Kevin und Gilda Fletcher. Dann grüßten auch die resttlichen Ravenclaws den neuen Lehrer.

"Ich muß erst wissen, wer alles hier ist", begann Moody, immer noch mit knurrender Stimme. Er legte eine Liste vor sich aufs Pult und rief die Namen in alphabetischer Reihenfolge der Nachnamen auf. So kam Julius wieder als erster dran, bis hin zu Pina Watermelon.

"Gut!" Sagte Moody kurz, während sein magisches Auge auf der Liste verharrte und sein normales Auge die Klasse kurz musterte. Dann begann der Unterricht.

Moody hielt eine Predigt über die Gefahren schwarzer Magier und ihrer tricks, Menschen entweder auf ihre Seite zu ziehen oder sie heimtückisch zu töten. Ohne Vorwarnung zog er seinen Zauberstab hervor und richtete ihn auf Julius, der mit Gloria in der vordersten Reihe saß. Als er den vernarbten und schief sitzenden Mund auftat um etwas zu sagen, wovon Julius denken mußte, es sei ein Fluch, warf sich der Sohn zweier Muggel reflexartig zur Seite. Keinen Moment später zischte ein roter Schockzauber-Blitz über den Stuhl hinweg, wo Julius gerade noch gesessen hatte und schlug mit dumpfem Krach gegen die Wand des Klassenzimmers, wo die Energie des Zaubers in einem Funkenregen verpuffte und einen dunklen Fleck in der Wandfarbe hinterließ.

"Außerordentlich schnell reagiert, Andrews! So muß das sein. Körperlich in Form, geistig immer hellwach und zu allem bereit. Das ist, was Sie alle beherzigen müssen. Immer wachsam! Anders kann niemand sich den dunklen Mächten widersetzen. Aber nicht immer gelingt es, schnell auszuweichen. Manchmal muß man doch kämpfen", sagte Moody. Unvermittelt hoben unsichtbare Kräfte Julius hoch. Gloria wollte schon schreien, daß Moody das sein lassen sollte, als sie Julius ruhiges, entspanntes Gesicht sah. Der Sohn von Martha und Richard Andrews wurde per Fernlenkzauber einen Meter nach oben gehoben und in der Luft gehalten.

"Wenn ich jetzt einen Fluch ausstoße, sind Sie mir ausgeliefert, Andrews", knurrte Moody unheilschwanger. Julius hatte die Hand an seinem Zauberstab. Er konzentrierte sich, nicht jetzt und schon so viel von seinem Duelltraining mit Professeur Faucon preiszugeben. Ihr Ratschlag war unmißverständlich: Er sollte den neuen Lehrer nicht alles zeigen, was er konnte. Aber er hatte im letzten Jahr auch Flüche bei Lupin gelernt. Unvermittelt riß er den Zauberstab hoch und fauchte:

"Sirennitus!"

Ein schriller, ohrenzermürbender Pfeifton ging von Julius' Zauberstab aus und traf auf Moody. Dieser fuhr zusammen und hielt sich beide Ohren zu. Dadurch, daß Moody die Ohren schützen mußte, verlor er die magische Fernlenkkontrolle über Julius' Körper. Dieser fiel auf den Stuhl zurück. Julius balancierte den Zauberstab jedoch so aus, daß Moody immer noch im direkten Weg des Heultons stand. Erst, als Julius wieder sicher saß, nahm er den Zauberstab herunter, was den Heulton schlagartig verstummen ließ.

"War das nicht ein wenig heftig, Julius?" Fragte Gloria ihn bange. Doch als Moody die Hände wieder von den Ohren nahm, stand auf seinem Gesicht ein amüsiertes Grinsen.

"Der Wichtelschreck, wie? Funktioniert auch bei manchen Zauberern. Zumindest kann er sie von wichtigen Zaubern ablenken. Zumindest haben deine Mitschüler mitbekommen, worum es in diesem Jahr geht. Ich soll euch Flüche, beziehungsweise, ihre Aufhebung und Abwehr beibringen. Denn nichts ist schlimmer als ein schwarzer Magier, der seelenruhig Zauberflüche ausstößt, ohne Angst davor haben zu müssen, daß sie gekontert werden. Ich werde euch allen ein hartes Training abverlangen. Denn nur wer immer auf der Hut ist, immer wachsam und bereit, dem Gegner zu trotzen, wird sich gegen die dunklen Mächte dieser Welt behaupten. Jeder, der von mir Aufgaben bekommt, hat nur zwei Noten zu erwarten: Erfolg oder Versagen. zwischen diesen zwei Möglichkeiten liegt euer Schicksal in diesem Schuljahr. Hört mir immer konzentriert zu! Seht mir immer genau auf die Finger, wenn ich wichtige Zauberstabbewegungen mache! Nur dann seitd ihr häufiger im Unterricht als im Krankenflügel. Immer wachsam! Das ist es, was ihr lernen müßt. Das ist es, was ich euch beibringen werde, ob ihr meint, das interessant zu finden oder nicht. Ich weiß, es gibt bequeme Zauberer und Hexen, die meinen, die dunklen Mächte kann bekämpfen wer will und es gäbe schließlich Auroren, Leute, die schwarze Magier von Berufswegen fangen müssen. Aber wer das denkt, sollte schon jetzt sein Grab schaufeln. Denn die dunklen Zauberer und Hexen nehmen keine Rücksicht darauf, ob ihr sie nun ernstnehmt oder nicht. Sie werden euch heimsuchen, ohne sich vorher anzumelden, so daß ihr keinen Fachmann rufen könnt. Also habt ihr einfach zu lernen, was euch Mad-Eye Moody beibringen will.Ihr seid aus Ravenclaw. Ihr seid nicht so einfältig, euch auf euer Glück allein zu verlassen. Deshalb werdet ihr alle meine Lehren begreifen und verinnerlichen."

Moody testete die einfachen Flüche, die sie bei Lupin neben der Bekämpfung dunkler Kreaturen erlernt hatten und zeigte ihnen wirksame und schnell ausführbare Gegenflüche. Zum Schluß ließ er Julius noch mal den schrillen Ton aus seinem Zauberstab hervorbringen. Doch diesmal hielt er sich nicht die Ohren zu, sondern hielt den Zauberstab kerzengerade nach oben und stieß eine kurze Zauberformel aus, die nur Julius als "Echodomus" verstand. Eine schillernde Kugelschale aus rotem Licht umspielte den Kopf des Lehrers. Gloria furh unvermittelt zusammen und steckte sich die Finger in beide Ohren. Julius wartete eine Sekunde, dann nahm er den Zauberstab wieder herunter.

"Ihr seht, daß es für vieles den entsprechenden Abwehrzauber gibt. Ich hätte auch schon zu Beginn der Stunde den Widerhall-Zauber verwenden können. Aber mich interessierte, mit welchem Fluch du mir begegnen würdest, Julius Andrews."

"Das widerspricht aber Ihrer Auffassung von ständiger Wachsamkeit, Professor Moody. Wenn ich jetzt den Schrumpfzauber oder gar einen unverzeihlichen Fluch versucht hätte, wären Sie schutzlos gewesen", wagte sich Julius sehr weit vor.

"Weiß jemand außer diesem todesmutigen jungen Herren hier, wovon er da gerade gesprochen hat?"

Gloria, Gilda und Kevin hoben ihre Hände. Kevin sollte antworten.

"Es gibt drei Flüche, die von allen Zaubereiministerien als unverzeihliche Flüche geächtet wurden: Imperius, den Versklavungsfluch. Cruciatus, den Folterfluch und Avada Kedavra, den tödlichen und unverzeihlichsten Fluch. So steht es zumindest in einem Buch, das "Alles was Recht ist" heißt."

"Ja, genau", versetzte Moody laut. "Diese Flüche könnt ihr einfach noch nicht. Dahinter muß viel Magie stecken, die ihr erst in späteren Jahren entwickelt. Julius Andrews hätte mich also nicht mit einem dieser drei Flüche belegen können. Außerdem sollte sich jeder vergegenwärtigen, daß für den bloßen Versuch, einen dieser drei Flüche auf einen Mitmenschen zu legen eine lebenslängliche Haft in Askaban fällig ist."

"Das ist mir kein Mensch wert, wegen ihm in Askaban zu verrotten", sagte Julius leise zu Gloria. Moody hörte das wohl nicht. Denn er beendete die Stunde mit einer Hausaufgabe:

"Sucht aus jeder euch zugänglichen Quelle Paare aus Flüchen und Gegenflüchen und schreibt sie auf! Ich werde euch dann in der nächsten Stunde prüfen, ob ihr euch gegen die einfachen Flüche wehren könnt, ohne groß nachzudenken. Und jetzt raus!"

Als Julius mit den anderen im Eiltempo Schultaschen und Bücher zusammengerafft und die Klasse verlassen hatte, fragte Julius Gloria:

"Geht es deinen Ohren noch gut, oder soll ich dich kurz zu Madame Pomfrey bringen? Dieser Sirrenitus-Fluch ist gemein. Tut mir leid, daß der Rückprall dich erwischt hat."

"Meinen Ohren geht es gut. Aber offenbar hast du das, was du selbst gestern gesagt hast, wieder vergessen. Du wolltest dich doch nicht mit Moody anlegen, weil er dir zu gefährlich erscheint", schnaubte Gloria Porter.

"Du meinst, ich hätte nicht die unverzeihlichen Flüche erwähnen dürfen? Sicher, das war ein Risiko. Er hätte mich ja mal soeben dem Imperius-Fluch aussetzen können. Aber für ihn gilt genau dasselbe wie für die anderen auch. Keiner dieser Flüche darf gegen einen Mitmenschen angewendet werden, sonst fressen einen die Dementoren."

"Zu Lehrzwecken ist es schon gestattet worden, zumindest Imperius an Schülern zu proben, um deren Widerstandskraft zu fördern", sagte Gilda Fletcher.

"Mal den Teufel nicht an die Wand, Gilda. Nachher zwingt er mich noch, die englische Nationalhymne zu singen", spottete Kevin. Julius ging auf den Beitrag seines Bettnachbarn ein und sagte:

"Was wäre peinlicher, daß du den vollständigen Text kannst oder das du die Melodie immer unter der Dusche singst?"

"Das ist nicht komisch", sagte Pina fröstelnd. "Der Imperius hat hhunderte von Zauberern zu willenlosen Marionetten gemacht, die dann, bei klarem Bewußtsein die schlimmsten Dinge getan haben."

Dieser Satz wirkte auf Julius wie ein Schalter, der seine locker-flockige Stimmung schlagartig in düsterste Bedrücktheit umschlagen ließ. Ihm fiel eine Folge einer Zukunftsserie ein, wo ein Raumschiffkommandant von halbrobotischen Zombies zu einem der ihren gemacht wurde und bei vollem Bewußtsein unter ihrem Zwang hunderte der eigenen Leute abschlachtete. Dies erzählte er auch genauso, als sie vor dem Zauberkunstraum ankamen.

"Zumindest haben die Muggel ein gewisses Talent, auch ohne echte Schrecken diese doch drastisch fühlbar zu vermitteln", mußte Gloria anerkennen.

Nach dem Zauberkunst-Unterricht gab es Mittagessen. Dabei erfuhren sie, das den Gryffindor-Erstklässlern durch die Bank weg fünfzig Punkte abgezogen worden waren, weil Snape befunden hatte, daß sie sich zu dumm anstellten.

"Mist! Das packen die Gryffindors nicht so leicht weg", knurrte Fredo, der an seinen Schwarm Glenda denken mußte.

"Zumal Gryffindor dieses Jahr nicht um den Quidditch-Pokal spielen kann", wandte Kevin ein.

Nach dem Mittagessen gingen alle die, die sich für die Zusatzflugstunden im Tandem-Verbund anmelden wollten, zum Büro von Madame Hooch. Glenda lag bei Fredo im Arm und weinte immer noch wegen der vielen Punkte, die Gryffindor in Snapes Kerker gelassen hatte.

"Ruhig, Glenda. Dumbledore prüft das sicher nach, ob das wirklich so bleiben muß. Vor allem dann, wenn ein Zusammenhang zwischen dem Vorfall zwischen Malfoy und Moody offensichtlich ist", sprach Fredo beruhigende Worte.

"Ach nein, die Frau kann doch auch anders als nur rumzicken", flötete eine gehässige Stimme aus einem Seitengang. Lea Drake und Chuck Redwood kamen heran.

"Was wollt ihr denn hier? Wollt ihr euch begeiern, weil euer Superlehrer sich selbst übertroffen hat?" Versetzte Fredo barsch. Julius beugte sich zu Gloria:

"Das gibt noch was in Kräuterkunde", flüsterte er.

"Neh, wir wollen uns auch für die Sozius-Flugstunden eintragen lassen. Melissa und Calligula kommen auch noch."

"Dann hat Prinzessin von und zu Hochnäsig aber schnell einen neuen anschluß gefunden. Jetzt, wo ihr Flammerich Brutus wegen irgendwelcher Dummheiten von Hogwarts runter ist", ließ sich Fredo zu einer Gehässigkeit hinreißen.

"Eierkopf, was spottest du schon wieder über mich, häh?" Schnarrte eine andere Mädchenstimme aus dem Gang, aus dem Lea und Chuck gekommen waren. Dann sah Melissa Ashton Julius.

"Wofür braucht der eigentlich Sozius-Flugstunden? Den lassen seine Muggeleltern doch niemals einen Besen fliegen, schon gar nicht mit wem anderen zusammen."

"Keine Angst, Melissa, ich habe schon eine Lernpartnerin. Wie ich sehe hast du dich auch schon abgesichert, nicht mit dem Schlamm... - mit sowas wie mir auf einem Besen sitzen zu müssen."

Glorias Hand, die Julius den Mund zuhalten sollte, zog sich wieder zurück.

"Bring die noch darauf, dich nach belieben zu beleidigen", zischte Gloria.

"War das jetzt ein Heiratsantrag oder ein Scheidungsangebot, Porter?" Fragte Melissa Ashton. Ihr Begleiter, ein breitgebauter Junge mit brünetter Igelfrisur, grinste beinahe dümmlich.

"Wer will heiraten?" Fragte Gloria wie überrascht.

"Achso. Dann war das eben nur ein guter Ratschlag, Porter. Den braucht doch dein Schützling nicht. Der kann doch alles", sagte Calligula mit öligem Grinsen.

"Noch nicht, aber ich arbeite dran", gab Julius ruhig zur Antwort.

Madame Hooch trat aus ihrem Büro und fragte mit herrischer Stimme, was los sei. Dann zitierte sie die gebildeten Paare nacheinander in ihre Arbeitsstube und notierte sich die Namen und die Klasse. Sie holte sich die Slytherins zuerst herein, dann kamen Julius und Gloria an die Reihe.

"Ich habe mir schon gedacht, daß man dich dazu überreden würde, deine Flugkünste auszufeilen, Julius. Miss Dawn hat mir geschrieben und mitgeteilt, daß du sicherlich an deiner Flugtechnik weiterarbeiten möchtest. Außerdem ist es wohl kein Zufall, daß Miss Whitesand gerade ihre Prüfung abgeschlossen hat und an einem Ort war, wo du in diesen Ferien auch gewesen bist. Nun gut. Wenn Gloria mit dir zusammen lernen will, werde ich euch Freitags nach der Nachmittagsstunde mit den Leuten aus Slytherin und euren anderen Schulkameraden unterrichten. Die Erstklässler-Flugstunden liegen dieses Jahr mittwochs. Aber ich warne euch: Jeder von euch muß lernen, mit seinem Partner zusammen zu fliegen und dies in einer Prüfung zu meistern. Ihr werdet aufeinander angewiesen sein, ob nun überdurchschnittlich gut oder gerade so gut, daß ihr einen Besen nicht unterm Hintern verliert, wenn ihr eine leichte Kurve fliegt. Aber du hast ja einen guten Besen bekommen, Julius. Der neue Sauberwisch ist so wie der Nimbus 2000. Der war schließlich jahrelang der beste Besen seiner Klasse. Ihr könnt auch nicht unterwegs aufhören. Wer jetzt anfängt, steht das bis zur Prüfung durch, ob er oder sie jetzt Skrupel bekommt oder nicht. Wollt ihr also immer noch?"

Julius wollte Gloria anbieten, zurückzutreten, wenn sie Bedenken hatte. Doch sie wischte seinen Versuch mit einer energischen Kopfbewegung aus dem Raum und nickte Madame Hooch zu.

"Dann bis nächsten Freitag!"

Julius und Gloria verließen das Büro, nicht ohne von den Ravenclaw-Spielern auf den Postern mit stürmischem Beifall verabschiedet zu werden, während die in grün gekleideten Slytherin-Spieler nur hämische Fratzen zogen und laut lachten.

In Kräuterkunde teilte Professor Sprout die Schüler in Zweiergruppen ein. Sie mußten Knollenfußbeeren einsäen und dabei auf bestimmte Regungen der kleinen Früchte achten. So mußte einer die Früchte in einem Korb halten, während der Zweite die Früchte in die mit Drachendung vorbehandelte Erde drückte. Julius arbeitete wieder mit Gloria Porter zusammen. Carol Ridges, ein hageres Slytherin-Mädchen kommandierte mit schriller Stimme ihre Kameradin Tessa Martials herum, während Lea und Chuck ein Team bildeten. Kevin arbeitete mit Gilda, während Fredo und Marvin zusammenstanden. Irgendwann kam, was Julius befürchtet hatte. Melissa und Carol zogen über die Gryffindors her und hielten alle für Idioten, die meinten, mit diesen selbsternannten Ehrenleuten gut auskommen zu können, was Fredo auf die Palme brachte. Fast wäre es zwischen ihm und Calligula Scorpaenidus zu einer Prügelei gekommen, doch Professor Sprout kannte das schon und unterband das sofort durch die Androhung massiver Punktabzüge für beide Häuser, wobei sie den Slytherins zugewandt sogar von höheren Abzügen für Slytherin sprach. Das wirkte. Der Rest der Stunden verstrich friedlich, und Julius und Gloria bekamen wegen harmonischer und fachkundiger Arbeit zwanzig Punkte für Ravenclaw.

Nach dem Unterricht sammelte Professor Sprout die Hausarbeiten ein, was Melissa Asthon etwas schüchterner dreinschauen ließ. Als dann die Schüler das Gewächshaus verließen, winkte sie Julius leise zu sich zurück. Gloria hatte mit soetwas gerechnet und nickte Julius zu, vor dem Gewächshaus zu warten.

"Ich hörte, daß Sie in den Ferien unerwartet in besonders kundigen Händen waren. Ich erhielt Briefe von zwei Damen, die ich mit Fug und Recht Kolleginnen nennen darf. Können Sie sich ausrechnen, von wem?"

"Aurora Dawn, das war ja schon bekannt. Aber die zweite Person fällt mir nicht ein. Da könnten Sie Professeur Faucon mit meinen."

"Nein, die nicht. Ich spreche von Madame Dusoleil. Sie hat sich vor wenigen Tagen in einem langen Schreiben an mich sehr positiv über Sie ausgelassen. Ich verstehe zwar kein Ffranzösisch, aber als ich mir den Text habe übersetzen lassen, konnte ich nur positive Details daraus lesen."

"Na ja, vielleicht hat der Übersetzer gemeint, mich besser aussehen zu lassen", sagte Julius, dem es peinlich war, so gelobt zu werden.

"Bestimmt nicht, weil der Übersetzer Sie nicht kennt und daher keinen Grund hat, Sie besser oder schlechter aussehen zu lassen. Madame Dusoleil beglückwünschte mich förmlich dazu, einen so enthusiastischen Schüler zu haben und gab darüber hinaus einen detailierten Bericht über das, was Sie ihr bereits an Wissen offenbart haben und im Gegenzug von ihr vermittelt bekamen. Insbesondere ließ sie sich auch zu einem Vortrag über Sonnenlicht als Zauberquelle ein. Ist es zuviel verlangt, wenn ich Sie bitte, mir eine Kopie Ihrer Aufzeichnungen zu überlassen? Immerhin durfte ich ja bei Ihrem Referat nicht persönlich anwesend sein."

"Natürlich. Ich muß nur eine Multiplicus-Kopie herstellen. Ich weiß jetzt, wie das geht. Aber ich dachte, es sei bereits etwas archiviert worden", wunderte sich Julius.

"Eine Kopie erreichte uns von Professeur Faucon, die vorschlug, die Unterlagen zu deponieren. Nur ich persönlich ziehe es vor, von jemandem, dessen Vortrag oder Veröffentlichung ich eine Abschrift haben möchte, persönlich zu erbitten, um den Kontakt mit dem Vortragenden zu halten."

"Wie gesagt. Ich habe noch zwei Kopieen. Eine davon schicke ich Ihnen per Eule, da Sie wissen, daß ich nicht gerne im öffentlichen Licht stehe."

"Soso, und dann halten Sie einen Vortrag vor Publikum? Gut, Sie werden Ihre Gründe haben, sich nicht vor Ihren Klassenkameraden derartig zu produzieren. Bescheidenheit ist, das habe ich geäußert, eine seltene Tugend. Zumindest bin ich froh, daß Sie in den Ferien sowohl Vergnügen als auch geistige Herausforderungen hatten. Mehr zu sagen steht mir nicht zu, da ich nicht Ihre Hauslehrerin bin, obwohl Sie durch Ihre Unterstützung Ihren Klassenkameradinnen aus meinem Haus zu vielen Punkten verholfen haben. Ich habe ihnen gestern erst zwanzig Punkte pro Person zuerkennen müssen, weil sie vorbildlich Alraunen umgetopft haben. Als sie mir dann verrieten, daß sie in den Ferien von fachkundigen Hexen und Ihnen eine elementare Unterweisung erhalten haben, war ich natürlich nicht mehr so überrascht. Aber die Punkte haben sie trotzdem verdient."

"Alraunen? Kriegen wir die auch irgendwann?"

"Das verrate ich Ihnen noch nicht. Außerdem würde Sie das ja langweilen, da Sie diese Pflanzen bereits kennengelernt haben", antworteteProfessor Sprout tiefgründig lächelnd. Julius beteuerte, sich bestimmt nicht zu langweilen, da er bestimmt noch nicht alles perfekt beherrsche. Dann bekam er noch die Aufgabe, sich über Unterarten der Knollenfußbeeren zu informieren und darüber eine kurze Abhandlung zu schreiben, da in der nächsten Stunde ihm längst vertraute Sachen durchgenommen würden. Julius nahm die Sonderaufgabe an. Schließlich hatte er auch hier mit einer Sonderbelastung gerechnet. Aber im Gegensatz zu Verwandlung interessierte ihn das Thema so stark, daß er sich freute, mehr lernen zu dürfen.

Gloria wartete vor dem Gewächshaus. Beide gingen in die Bibliothek. Dort trafen sie auf Betty und Jenna, die total am Boden zerstört waren. Betty hing in einem Sessel und stierte traurig in die Gegend. Jenna tupfte sich zwischendurch Tränen aus dem Gesicht.

"Heh, was ist denn los?" Fragte Julius betroffen.

"Dieser ignorante Muggelstämmige, der bei uns ist. Der hat doch glatt in allen bisherigen Stunden Punkte für uns in den Schornstein geschrieben. Ich wage gar nicht zu überlegen, was Snape ihm noch klauen wird", schniefte Jenna, während Betty nur bestätigend wimmerte.

"Ihr meint doch nicht etwa Mr. Hardbrick, Henry?"

"So heißt er. Cedric ...", setzte Jenna an, doch weitere Worte erübrigten sich, weil Cedric Diggory, der hübsch aussehende Sucher und Kapitän der Hufflepuff-Quidditchmannschaft gerade in die Bibliothek stürmte, als gelte es, eine feindliche Stellung einzunehmen.

"Dieser Idiot! Dieser Verweigerer! Dieser Muggelbalg!" Schimpfte er und stürzte fast über die im Sessel kauernde Betty Hollingsworth.

"Feind hört mit", flötete Julius leise. Cedric sah erst die Hollingsworths, dann sah er Julius und errötete. Dann schnaubte er:

"Du glaubst doch nicht, daß ich dich gemeint hätte, oder?"

"Neh, natürlich nicht. Beziehungsweise nicht mehr."

"Zauberkunst nichts. Verwandlung fast den Rauswurf aus der Klasse. Vielleicht hätte McGonagall ihn doch mal soeben in eine Maus oder ein Frettchen verwandeln sollen, wie Moody es bei Malfoy gemacht hat. Endsumme: 60 Minuspunkte. Hast du das in zwei Tagen geschafft?"

"Neh, zumindest nicht sorum", entgegnete Julius und errötete nun auch.

"Geht doch schon wieder los! Ich habe ihn hierher bestellt, nach dem Unterricht von Binns, um ihm einfache Zaubererliteratur anzuempfehlen, die ihm zumindest ein gewisses Interesse geben könnte. Aber wer ist nicht hier?"

"Draco Malfoy", antwortete Julius schlagfertig.

"Ich nehme den Witz mit, um später darüber zu lachen, Julius.. Aber denkt der Bursche vielleicht, ich hätte meine Zeit vom Baum gepflückt?"

"Was hätte Mr. Hardbrick denn jetzt gehabt?" Fragte Julius etwas ernster.

"Binns", sagte Cedric nur.

"Dann solltest du vielleicht wen hinschicken, der ihn aufweckt. Ich bin Ravenclaw, ich darf das nicht."

"Ich warte noch fünf Minuten. Ist der dann nicht hier, setzt es noch mal zehn Punkte Abzug."

"Cedric", jammerten Betty und Jenna.

"Ich weiß, daß das unfair gegenüber uns anderen ist. Aber die Schulordnung gibt mir da keine andere Möglichkeit an die Hand", bedauerte Cedric Diggory. Julius wollte eine Bemerkung hinunterschlucken, doch der Vertrauensschüler der Hufflepuffs bekam das mit und forderte Julius auf, zu sagen, was er zu sagen vorhatte.

"Ich bin zwar erst ein Jahr hier und habe mich mit vielem einfach so abfinden gelernt, was nicht einfach war. Aber ich denke, dem Typen sind die Hauspunkte sowas von egal, daß er sogar noch eine Party schmeißen würde, wenn er alleine 1000 Minuspunkte einfährt. Das ging doch schon los, als er absichtlich auf den Gryffindor-Tisch zugelatscht ist. Alle die vorher zugeteilt wurden haben genau die Tische gefunden, zu denen sie sollten, sogar der erste, Stewart Ackerley. Jeder Neuankömmling wird vom jeweiligen Tisch beklatscht. Jeder sieht, wo er oder sie also hingehen soll. Ich hatte von den Häusern doch überhaupt keinen Dunst. Als mir der Hut dann gesagt hat, ich soll nach Ravenclaw, habe ich den Tisch angesteuert, von dem aus mir zugewunken und Beifall geklatscht wurde. Also war das Absicht, daß Mr. Hardbrick den Gryffindor-Tisch angepeilt hat. Daraus schließe ich Eierkopf logisch, daß ihm schnurzpiepegal ist, bei welchem Haus er landet, was wiederum heißt, daß ihm auch egal ist, wieviele Punkte er diesem Haus einbringt. Also hauen die Minuspunkte nur Leuten wie dir, Betty und Jenna und allen anderen aus eurem Haus ins Gesicht, die sich abrackern, gut mitzukommen und sich auszuzeichnen."

"Was dich angeht, so warst du irritiert, weil wir letztes Jahr die Dementoren hatten. Du hast gesagt, daß du deshalb Probleme hättest", schniefte Jenna zwischen zwei Tränen. Julius mußte das zugeben.

"Ich weiß, die Frage wird mit einem Nein beantwortet, aber hat der Typ versucht, Freundschaften zu schließen?"

"Nicht, daß ich wüßte. Ich weiß ja auch nicht, mit wem er im Zug saß. Wenn er mit den ganzen Slytherin-Neuankömmlingen im Abteil saß, dann hat er da wohl einen gewissen Schaden erlitten, wenn die ihm was von unstandesgemäßen Zauberern und Reinblütern und dergleichen aufgetischt haben."

"Das ging dem auch quer am Gesäß vorbei", gab Julius trocken zur Antwort. Dann erzählte er Cedric leise, was er mitbekommen konnte, als er in der Winkelgasse eingekauft hatte.

"Der hat einen Zauberstab bei Ollivander gekauft? Hmm, dann muß der Typ mindestens Licht und Dunkelheit zaubern können. Wo hast du denn deinen her, falls ich das wissen darf?"

"Ja, der ist auch von Mr. Ollivander", sagte Julius und zog seinen Zauberstab hervor.

"Eindeutig. Wie kommst du damit klar?"

"Besser als mir lieb war. Ich habe damit zu gut für meinen Einstand gezaubert. Aber jetzt weiß ich, daß es mehr an mir als an dem Stab liegt."

"Du weißt sicher, daß er bei Ollivander war?" Bohrte Cedric nach. Julius wiederholte, was Henrys Eltern gesagt hatten. Er schloß mit dem Satz:

"Aber das hast du nicht von mir, weil das wohl unter Datenschutz fällt, woher jemand einen Zauberstab hat."

"Keine Sorge. Ich weiß jetzt, wie ich das drehen muß", sagte Cedric. Um seine Mundwinkel spielte ein siegessicheres Lächeln.

"Wenn er noch hier auftauchen sollte, Betty und Jenna, richtet ihm bitte aus, daß die Zeit von Vertrauensschülern kostbar ist. Ich sehe von einem Punktabzug erst einmal ab, falls das wirklich nichts bringt. - Ähm, Julius!"

"Ähm, Cedric!"

"Ich schreibe mal eben was auf, das du bitte Cho Chang gibst, falls du nichts wichtiges hier zu erledigen hast."

"Yep", erwiderte Julius. Cedric sah ihn bedauernd an.

"Noch ein Moody-Geschädigter."

"Entschuldigung, wen muß ich hier fragen, wenn ich ein Buch ausleihen möchte?" Meldete sich ein schüchternes Mädchenstimmchen hinter Cedric. Dieser drehte sich um und gab den Blick auf eine Erstklässlerin mit langen goldbraunen Haaren frei, die Julius als "Medley, Laura" zu den Hufflepuffs hatte gehen sehen.

"Hallo, Laura! Madame Pince ist gerade irgendwo in den Gängen hier. Ich rufe sie dir gerne", bot sich Cedric an. Das Mädchen nickte und bedankte sich, als Cedric die Bibliothekarin herbeigerufen hatte. Dann verschwand sie mit der dürren Bibliothekarin zwischen den Bücherregalen. Cedric zog sich in eine ruhige Ecke zurück, warf schnell was auf ein Stück Pergament, faltete dieses zusammen, versiegelte es und kehrte zurück.

"Bring das bitte Cho!"

"Mach ich", erwiderte Julius Andrews. Er wandte sich noch mal kurz an die beiden Schwestern:

"Fangt jetzt bloß nicht an, euch durchhängen zu lassen, nur weil ein ignoranter Erstklässler die Punkte wieder verpulvert, die ihr bekommt! Wir sehen uns vielleicht noch mal heute."

Schnell lief Julius durch die Korridore und Gänge, durch Geheime Türen über Tricktreppenstufen hinwegspringend und zielsicher durch verborgene Zugänge, bis er vor dem neuen Türgemälde stand.

"Hallo, Mr. Andrews. Passwort!" Begrüßte die Hexe Petra den Jungen, während sie an irgendwas herumstrickte. Ihre Schwester Angella war im Moment nicht da.

"Cogito ergo sum, Ms. Skyland", erwiderte Julius den Gruß. Ohne Probleme schwang die eine Hexe mit dem Gemälde herum und gab den Durchgang zum Gemeinschaftsraum der Ravenclaws frei. Gloria saß mit Prudence Whitesand an einem Schachspiel. Julius sah sich kurz die laufende Partie an, dann suchte er mit seinem Blick Cho Chang und fand sie im Gespräch mit einer Klassenkameradin. Julius trat an die beiden heran, offen und laut genug, so daß sie ihn hören mußten. Dann sagte er:

"Jemand aus Hufflepuff hat mich gebeten, dir den Zettel hhier zu geben, Cho." Cho nahm den Zettel und strahlte mit der Sonne um die Wette. Julius ließ sie wieder allein und sah sich noch kurz die Schachpartie an. Er befand, daß Gloria in zwanzig Zügen badengehen würde und verließ den Gemeinschaftsraum in Richtung Jungenschlafsaal. Im Saal für die Zweitklässler, wo im Moment keiner war, schrieb er einen kurzen Brief an Madame Dusoleil, in dem er höflich anfragte, ob solche Lobpreisungen, wie sie Professor Sprout über ihn erhalten haben wollte gerechtfertigt seien. Danach steckte er eine Kopie seiner Sonnenlichtmagie-Vortragsunterlagen in einen Umschlag, adressierte diesen an Professor Sprout, Hogwarts, um der Kräuterkundelehrerin wie gewünscht von seinem Vortrag eine Abschrift zu schicken. Dann ging er wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum, drückte sanft gegen das Bild der beiden Hexenschwestern und suchte die Eulerei auf. Da Francis bereits nach Beauxbatons unterwegs war, mußte er eine Schuleule bemühen. Er las ihr kurz die Adresse vor, beschrieb Madame Dusoleil und erklärte, daß der Flug nach Millemerveilles in Südfrankreich gehen sollte. Eine Antwort brauchte die Eule nicht abzuwarten. Dann schickte er die Eule aus, um den Brief zuzustellen. Julius vertraute den Schuleulen. Sie hatten im letzten Jahr Briefe und Pakete von ihm und für ihn befördert, fast ohne so genau informiert werden zu müssen, wie Julius es jetzt getan hatte. Aber da die Eule nach Frankreich sollte, hielt er es für geboten, sie so gut wie möglich zu informieren.

Nach dem Abendessen traf sich Julius noch mal mit den Hollingsworths in der Bibliothek und half ihnen, Bücher für die nächste Kräuterkundestunde zu finden. Die Erstklässlerin Laura Medley saß auch in der Bibliothek und unterhielt sich mit Klassenkameraden, von denen einige aus Ravenclaw kamen.

"Die haben morgen Zaubertränke bei Snape, Julius. Danach kommt Moody", flüsterte Betty Julius ins Ohr.

"Dann gibt das morgen voll den Tiefschlag", knurrte Julius. "Snape hat eurem Sonderfall ja schon Punkte abgezogen, bevor der ihm direkt begegnet ist. Das liegt daran, daß ein Slytherin die Klappe nicht halten konnte und dafür zehn Punkte abgeben mußte", sagte Julius.

"Langsam frage ich mich, ob dieses Punktesystem wirklich noch so zu halten ist", meinte Jenna. Julius flüsterte, damit nur die Beiden es hören konnten:

"Professeur Faucon hat mir Stories über Maßregelungen von Muggelstämmigen aufgetischt, daß mir die Haare zu Berge standen. Jetzt weiß ich nicht, ob sie mir das erzählt hat, um mich im Geschirr zu halten oder ob das wirklich alles so gemacht wurde. Insofern kann Mr. Hardbrick froh sein, nicht nach Beauxbatons gegangen zu sein."

"Gloria hat uns das in diesem Gasthaus auch erzählt, was ihre Tante da erlebt hat. Da hat es wirklich einen Muggelstämmigen gegeben, der nicht zaubern lernen wollte. Der wurde heftig drangsaliert, bis er gespurt hat", flüsterte Jenna Hollingsworth.

Julius nutzte das Gesprächsthema, um den beiden Schwestern die Zauberstab-Bewegungstechniken zu zeigen, die ihm seine französische Gastmutter in den Ferien beigebracht hatte. Nach einer halben Stunde, in der kleine Objekte wie Pergamentschnipsel und zerfledderte Federkiele mehrfach verwandelt wurden, ohne das Madame Pince dies mitkriegte, unterhielten sie sich noch über die nächste Zaubertrankstunde bei Snape. Als sie sich über Zutaten und Formeln für die Temperaturausgleichstränke abgestimmt hatten, waren sie sicher, bei der nächsten Stunde gut über die Runden zu kommen und keine Punkte zu verlieren. Danach gingen die drei Zweitklässler durch das Schloß in Richtung ihrer Häuser. Dabei kam ihnen Peeves, der Poltergeist ins Gehege, der es für eine lustige Idee hielt, unsichtbar hinter den beiden Schwestern herumzuwuseln und ihre Haare zu verknoten. Als Betty etwas Abstand von Jenna suchen wollte, ziepte es, und ein schadenfrohes Giggeln des Heimtückers klang durch den Gang.

"Du alter Unruhestifter", knurrte Julius und langte nach seinem Zauberstab. "Zeig dich, du Fliegenfänger!"

"Such mich! Eierkopf! Such mich!" Trällerte Peeves, wobei er unsichtbar den Standort wechselte, herumschwirrte und nie verharrte.

"Discovobscuro!" Flüsterte Julius mit fest in der Hand liegendem Zauberstab. Unvermittelt flirrte ein grünlicher Lichtkegel aus der Zauberstabspitze durch den Gang, in die Richtung, aus der gerade die spöttischen Rufe des Poltergeistes kamen. Es knallte, und aus einer purpurnen Funkenwolke schälte sich Peeves, der sehr verdutzt dreinschaute und sich schüttelte, als habe ihn etwas mit kaltem Wasser übergossen. Das grünliche Flirrlicht aus Julius' Zauberstab erlosch. Julius wußte, daß ein Geist sich in fünf Sekunden wieder tarnen konnte, wenn er von dem Spontanenthüller getroffen worden war. Doch die Zeit reichte vollkommen aus. Er setzte an, einen Zauberfluch gegen Peeves zu sprechen, doch die Hollingsworths waren schneller. Als sie sahen, wo Peeves war, bellten sie beide gleichzeitig einen Fluch, jede einen anderen.

"Tarantallegra!" Stieß Betty aus. "Rictussempra!" Schleuderte Jenna einen Zauberspruch in den Gang.

Peeves erzitterte wie unter einer schnellen Abfolge von Stromschlägen. Dann fiel er zu Boden, sprang hoch und klopfte sich mit den Händen auf die Schenkel, während er ein überlautes "Juchuchuii!" Ausrief und begann, zu einem merkwürdigen Walzer, den er stampfend und sich auf die Beine klopfend vortanzte, ein Lied zu singen, wobei er mehrfach jodelnde Laute ausstieß.

"Huch!" Machte Julius und half Betty und Jenna mit einem Fernlenkzauber, ihre Haare wieder zu entknoten.

"Was ist das denn?" Fragte Jenna, als Peeves eine Art altes Volkslied sang.

"Faszinierend!" Befand Julius.

Lea Drake und Chuck tauchten im Gang auf und sahen erst den merkwürdigen Tanz von Peeves, dessen Gesang sie ja schon hatten hören können und dann die drei Klassenkameraden aus Ravenclaw und Hufflepuff.

"Den Fluch kenne ich noch nicht", sagte Lea anerkennend. "Obwohl ein Schuhplattler bestimmt eher zum Fluch für die wird, die zuhören und zusehen müssen."

"Ein was?" Fragten Betty und Jenna gleichzeitig.

"Ein Volks- und Schautanz aus dem deutschsprachigen Alpenraum", erläuterte Julius. Lea nickte, ungeachtet der Tatsache, von einem Muggelstämmigen belehrt zu werden lächelnd.

"Komm, bevor Filch uns wegen dieses Radaubruders anbrüllt", wandte sich Chuck an seine Hauskameradin. Diese nahm ihren Zauberstab und rief: "Petrificus totalus!"

Peeves, dem der Zauber galt, erstarrte mitten in der Bewegung, wurde wie in einen unsichtbaren Klammergriff gezwungen, stand eine Sekunde so da und verschwand unvermittelt.

"Hups!" Sagte Chuck.

"Das hat uns der Werwolf doch letztes Jahr erklärt, daß ein Klammerfluch Bewegungszwang-Zauber sofort aufhebt", tadelte Lea den Kameraden, der verdutzt dreinschaute. Julius nickte bestätigend. Dann fragte er:

"Noch so spät unterwegs?"

"Nur zur Eulerei", sagte Chuck. Dann fragte Lea:

"Wäre das nicht die Gelegenheit, über die Neuauflage der Peeves-Patrouille zu reden?"

"Keine schlechte Idee", grinste Julius. Dann sah er die Hollingsworths an, die nicht so überrascht schienen. Jenna nickte und meinte:

"Ich habe Betty einen Brief von unserem älteren Cousin vorgelesen, der die noch mitbekommen hat. Aber wer soll denn dazu gehören? Der Tradition nach müssen alle vier Häuser dran beteiligt werden."

"Welcher Gryffindor arbeitet schon mit einem Slytherin zusammen?" fragte Betty.

"Wird sich finden", meinte Julius. Dann vertagten sie die Unterhaltung. Man wollte sich Eulen schicken, wann und wo man sich treffen sollte. Dann trennten sich die fünf Zweitklässler.

Julius sprach Fredo, Gloria und Kevin auf die Peeves-Patrouille an, als sie ungestört im Gemeinschaftsraum der Ravenclaws saßen. Kevin freute sich, soetwas mitmachen zu können. Gloria erklärte sich einverstanden, wenn man sich absicherte, um nicht von Filch oder einem Lehrer erwischt werden zu können. Julius legte dar, daß aus Slytherin Lea und Chuck mitmachen wollten. Fredo war nicht besonders begeistert.

"Die hat sich über Glenda ausgelassen, diese Halbblüterin. Da wirst du nicht erwarten können, daß ich da mitmache."

Julius nickte zustimmend. Doch Gloria sagte:

"Mit Lea kam ich letztes Jahr gut aus, obwohl sie aus Slytherin ist. Die weiß, daß sie sich nicht allzuweit aus dem Fenster lehnen darf, wenn sie nicht völlig abgeschottet bleiben will. Chuck ist kein Slytherin, zumindest noch nicht vollständig. Und längst nicht alle Slytherins wurden böse, sondern nur alle die böse wurden, kamen aus Slytherin."

"Eben. Die mögen mich zwar nicht, weil ich Muggelstämmiger bin, aber das heißt nicht, daß ich die dafür hassen müßte. Täte ich das, hätten die zu leichtes Spiel mit mir, besonders dieser Angeber Malfoy und seine muskel- und fettüberladenen Anhängsel."

"Wer aber soll aus Gryffindor teilnehmen? Fredo hat recht. Die würden mit zwei Slytherins nichts zu tun haben wollen", meinte Kevin. Julius überlegte kurz. Dann meinte er:

"Kein Problem. Die müssen ja auch nicht alle auf einem Haufen hängen. Wichtig ist nur, die Gruppe zu formieren. Wir brauchen keinen Anführer, sondern nur kurze Beratungen, wie wir vorgehen, was unser Erkennungssignal ist und wo unsere Ziele liegen."

"Das Ziel ist doch klar. Wir sorgen dafür, daß Peeves rausfliegt", ereiferte sich Kevin. Julius sagte dazu nur:

"Das ist eine Möglichkeit. Aber ich denke eher, daß wir ihn immer auf seine eigenen Streiche reinfallen lassen oder von Streichen in unseren Häusern abbringen sollten. Deshalb ist es ja wichtig, daß alle Hogwarts-Häuser drinhängen."

"Okay, Julius. Ich bin dabei", erklärte sich Kevin einverstanden. Gloria nickte nur und lächelte.

 

 

Am Mittwochmorgen hatten die Ravenclaw-Zweitklässler eine Doppelstunde Verwandlung. Professor McGonagall forderte ihnen ab, kleinere Tiere wie Regenwürmer, in Untertassen zu verwandeln.

"Größenunterschiede bei Vivo-ad-Invivo-Verwandlungen sind nicht zu unterschätzen. Es könnte ihnen widerfahren, daß dabei unerwünschte Nebenwirkungen auftreten", ratterte die Lehrerin mit den viereckigen Brillengläsern herunter, während sie Julius einen Regenwurm vorlegte, der sich wand und schlängelte und über den Tisch kroch.

"Vollführen Sie die Verwandlung, Andrews!" Befahl Professor McGonagall. Alle sahen Julius an, wie den Hauptakteur einer spannenden Theatervorstellung, der gleich etwas unheimlich beeindruckendes tun würde. Julius schüttelte den Druck ab, den die Blicke der Mitschüler in ihm erzeugt hatten. Dann bewegte er den Zauberstab so fließend und abgestimmt, daß keiner genau sah, an welchem Punkt der Bewegung genau die Verwandlung einsetzte. Unvermittelt blähte sich der Regenwurm auf, wurde flacher und weiß, bis eine glatte Untertasse aus Porzellan auf dem Tisch stand. Professor McGonagall nahm die gezauberte Untertasse auf, beklopfte sie, drehte sie zwischen den Fingern und ließ sie auf den Tisch zurückfallen, wo sie erst einigemale herumeierte, bis sie ruhig stehenblieb.

"Fünf Punkte für Ravenclaw", verkündete die Lehrerin ohne jede Gesichtsregung. Die Mitschüler beklatschten die Leistung des Muggelstämmigen. Gloria, die neben Julius saß, klatschte zwar auch, wirkte aber nicht erstaunt oder überwältigt, sondern nur zufrieden.

"Wer diese Verwandlung exakt so vollbringt, kann für Ihr Haus je zehn Punkte erwerben. Jede ansatzweise Verwandlung bedeutet einen Punkt je ähnlicher das Endprodukt ist. Aber Vorsicht! Ihr Mitschüler besitzt, wie Ihnen bekannt ist, eine seltene erhöhte Grundbefähigung. Hinzu kommt, daß er offenkundig in den Ferien eine Verbesserung der Zauberstabbewegungen erlernt hat. Was für ihn einfach aussah, ist nicht so einfach."

Die Ravenclaws mußten schnell begreifen, daß dem tatsächlich so war, was Professor McGonagall angemerkt hatte. Einige schafften es nur, ihre Regenwürmer zu zehmal so großen Tieren aufzublähen, so daß die Lehrerin schnell beispringen und die meterlangen Biester, die entstanden, durch einen Gegenzauber in die Ursprungsform zurückführen mußte. Andere schafften es, ihre Versuchstiere explodieren zu lassen, so das die Tische von übelriechendem Schleim überzogen wurden. Diejenigen, die eine halbe Verwandlung hinbekamen, sahen zu, wie die Untertassen sich krachend auseinanderrissen, um dann knirschend als halbfeste Porzellanwürmer über den Tisch zu krabbeln und klirrend zu Boden zu fallen und in viele tausend Scherben zu zerfallen. Pina, der sowas passierte, schlug entsetzt die Hände vors Gesicht und heulte, weil ihr das zu nahe ging. Doch die Lehrerin für Verwandlung herrschte sie an, sich zusammenzureißen und es noch mal zu versuchen. Doch am Ende der Doppelstunde hatte es niemand geschafft, eine annähernd harmlose Umwandlung zu vollbringen. Professor McGonagall ließ derweil Julius noch vier weitere Würmer in Untertassen verwandeln, jedoch ohne ihm Punkte dafür zu geben, wenn er es schaffte. Julius nahm es als gegeben hin, daß er nur einmal Punkte für etwas hervorragendes kriegen konnte und freute sich, immerhin noch fünf Punkte bekommen zu haben. Er ging davon aus, daß die Lehrerin ihm so schnell keinen Punkt mehr geben würde, seitdem sie wußte, wo er seine Ferien verbracht hatte. Dann, als sie selbst es nicht mehr für möglich hielt, gelang Gloria eine vollständige Verwandlung. Das Endprodukt hielt der Überprüfung stand.

"Zehn Punkte für Ravenclaw erarbeitet sich Ms. Porter", verkündeteProfessor McGonagall. Dann sagte sie:

"Sie haben sich sehr rasch die Technik von Mr. Andrews abgeschaut. Wieso gehen Sie davon aus, daß diese Zauberstabtechnik so gut funktioniert?"

"Weil es bei Julius immer geklappt hat und nicht nur mit der hohen Grundbegabung zu tun haben kann, die er mitbringt. Die Bewegungen betonen die Verwandlungssprüche. Ich kann nur mutmaßen, daß es altüberlieferte Kinetologos-Verknüpfungen sind, die Julius erlernt hat. Daß es bei mir funktioniert hat, beweist, daß sie tatsächlich eine Verstärkung der Zauberkraft in der besonderen Anwendung ermöglichen", antwortete Gloria Porter.

"Haben Sie das irgendwo gelesen, Ms. Porter?"

"Nicht bei Wendel. Ich las nur in einem Zauberkunstbuch, daß derartige Verknüpfungen möglich sind", erklärte Gloria, woher sie ihre Vermutung hatte. Julius, der sich dies genauso von Professeur Faucon hatte erläutern lassen, nickte nur beipflichtend.

"Dann nehmen Sie noch mal einen Punkt für Ravenclaw mit, Ms. Porter, wegen hervorragender Schlußfolgerung und Transferleistung."

Kurz vor der Glocke zur Mittagspause verteilte Professor McGonagall die Noten für die Ferien-Hausaufgabe. Gloria, Pina und Kevin erhielten acht von zehn Punkten und damit eine Eins minus. Julius bekam alle zehn von zehn Punkten und damit eine Eins plus. Die anderen pendelten um die Note Zwei. Julius sah zu Kevin hinüber, als die Glocke zum Mittagessen bimmelte. Zwar hatte der irische Bettnachbar nicht mit Julius gewettet, ob er von Professor McGonagall zurückgehalten oder zum späteren Termin in ihr Büro bestellt wurde, doch wollte Julius sehen, was für ein Gesicht Kevin machte, je nach Ausgang der Stunde.

"Mr. Andrews, ich überrasche Sie sicherlich nicht, wenn ich Sie bitte, noch für fünf Minuten hierzubleiben", sagte die Verwandlungslehrerin und sah Julius durch ihre quadratischen Brillengläser lauernd an. Julius zeigte keine Regung, ob er nun überrascht oder bestätigt worden war. Kevin, den er schnell noch einmal ansah, stand wortlos auf, wobei er erleichtert dreinblickte, womöglich deswegen, weil er diese Wette nicht angenommen hatte.

"Soll ich auf dich warten, Julius?" Fragte Gloria.

"Nein, geh schon mit den anderen zum Essen, Gloria!" Erwiderte Julius ruhig. Doch diese Ruhe täuschte. Denn in ihm kribbelte es, als würden von Sekunde zu Sekunde mehrere Käfer in seinem Magen herumschwirren.

Gloria nickte und verließ den Verwandlungsraum. Sie schloß die Tür hinter sich. Julius blieb sitzen. Professor McGonagall nahm auf dem Stuhl platz, auf dem Gloria sonst saß.

Eine Minute lang geschah nichts. Julius wollte nicht anfangen, irgendwas zu sagen, und Professor McGonagall wollte ihm die Gelegenheit geben, sich zu äußern. Doch dann war die Geduld der Lehrerin am Ende. Sie fragte:

"Welchen Grund habe ich, Sie hierzubehalten, Andrews?"

"Es hat wohl mit der Hausaufgabe zu tun, die ich Ihnen abgeliefert habe", sagte Julius immer noch ruhig klingend, obwohl die Spannung in ihm immer größer wurde.

"Ja, das ist richtig. Haben Sie die Hausaufgabe angefertigt, bevor Sie nach Millemerveilles kamen oder später?"

"Sowohl als auch. Ich habe eine erste Fassung schon vor Millemerveilles geschrieben. Doch Ihre Fachkollegin meinte, sie bewerten zu müssen und behauptete, ich hätte von ihr nur acht Punkte dafür zu kriegen. Ich war bereit, diese Beurteilung als ihre Meinung hinzunehmen und nicht mehr neu zu schreiben. Aber sie sah es als ihre Pflicht, zu begründen, was ich noch ausgelassen hätte."

"So, ich verstehe. Es handelt sich dabei fraglos um Ihre Passage, die Sie hervorgehoben haben, in der Sie andeuten, daß über die Wahrnehmung eines Lebewesens in einer toten Form nichts gesagt werden kann, sofern jemand denkendes nicht riskiert, sich einem gewagten Experiment zu unterwerfen.

An und für sich war diese Passage überflüssig. Wahrscheinlich hat Professeur Faucon Ihnen das nicht gesagt, daß ich derlei Mutmaßungen nicht benötige, um das Auffassungsvermögen eines Schülers positiv zu bewerten. Ich weiß jedoch, daß sie in Beauxbatons zeitweilig hervorstechende Schüler und Schülerinnen fragt, ob sie sich einem derartigen Versuch unterziehen würden. Diese Art Versuch ist zwar sehr interessant für einen Zauberer, der gerade lernt, mit seinen Fähigkeiten sinnvoll umzugehen. Aber was in Beauxbatons im Rahmen von Unterricht und auch drastischer Strafe zulässig ist, ist hier verboten. Das wußten Sie doch."

"Sie meinen, ich hätte das nicht schreiben dürfen?" Fragte Julius.

"Das schon. Aber die Anregung, die Sie hier machen, würde mich in eine schwere Konfliktsituation bringen. Denn ich dürfte nicht darauf eingehen, wenn irgendein Schüler meinte, sich von mir in irgendeinen toten Gegenstand verwandeln zu lassen. Sie haben wohl, wie die meisten anderen Schüler mitbekommen, wie ich Professor Moody darüber belehren mußte, daß keine Verwandlung von Schülern in Hogwarts zulässig ist, ob zur Bestrafung oder zu irgendwelchen Versuchen. Nur die höheren Klassen dürfen, sobald Schüler volljährig sind, durch eigene Zauberkraft Selbstverwandlungen erlernen."

"Ich verstehe, Professor", erwiderte Julius kleinlaut. Dann traf ihn die Frage, die er befürchtet, aber in dieser Form nicht erwartet hatte wie ein Keulenschlag am Kopf.:

"Würden Sie sich einem solchen Experiment noch einmal unterziehen, wie meine Kollegin es an Ihnen durchgeführt hat, nachdem Sie der Neugier und ihrer Überzeugungskunst erlagen, sich einem Versuch zu unterziehen?"

"Wie bitte?" Fragte Julius. Doch dann berappelte er sich und sagte:

"Das war einmalig. Doch ich denke, daß ich das nicht noch mal tun werde. Aber woher wissen Sie?"

"Ich kenne meine Kollegin. Sie unterrichtet gerne nach ihrer Façon. Wenn Sie bei ihr zu Gast waren, mußten Sie zwangsläufig lernen, was sie Ihnen zu lernen befahl. Das war mir sofort klar, als ich hörte, daß Sie bei ihr unterkamen. Ich weiß auch, daß sie derartige Experimente in ihrem Unterricht macht, wenn sich Schüler oder Schülerinnen bereitfinden, sich darauf einzulassen. Da sie davon ausgehen mußte, daß wir Sie hier in Hogwarts nicht derartig unterrichten würden, hat sie die Gelegenheit benutzt, Ihnen nach ihrer Auffassung Korrektur- und Ergänzungsvorschläge zu machen. Damit Sie das klar verstehen: Ich hätte Ihnen Punkte abgezogen, wenn Sie nicht die volle Leistung erbracht hätten. Aber Professeur Faucon hätte Ihnen das sowieso nicht durchgehen lassen. Außerdem haben Sie sich durch Ihr Zögern verraten, als ich sie beiläufig fragte, ob Sie eine der von Ihnen hervorgebrachten Porzellantassen behalten wollten. Solch eine Verzögerung kommt nur bei Leuten vor, die sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, ob und wenn ja welche Empfindungen bei aus lebenden Wesen erzeugten Objekten vorhanden sind, womöglich sogar entsprechende Erfahrungen am eigenen Leibe gemacht haben. Diese psychologische Prüfung war gerechtfertigt."

"Habe ich mir gedacht", meinte Julius nur dazu.

"Nun, da ich die Bestätigung habe, daß meine hochgeschätzte Kollegin Sie zu einem derartigen Experiment überredet hat, möchte ich Sie bitten, niemandem hier in Hogwarts darüber Auskunft zu erteilen, was mit Ihnen durchgeführt wurde. Die Abteilung für Ausbildung sowie DirektorProfessor Dumbledore beharren darauf, daß solcherart Versuche an minderjährigen Hexen und Zauberern moralisch unhaltbar sind und Schüler in Versuchung führen könnten, sich gegenseitig zu verwandeln, um sich zu tyrannisieren. Wer davon ausgeht, daß eine Verwandlung den Tod eines Lebewesens bedeutet, hält Abstand davon, Menschen mutwillig zu verwandeln."

"Ich verstehe. Ich habe es auch bis jetzt keinem erzählt, weil ich nicht will, daß mir alle hinterherglotzen und dummes Zeug über mich erzählen."

"Dann bin ich zufrieden. So, und nun gehen Sie zum Mittagessen! In Ihrem Alter müssen Sie genug essen, um die Anforderungen des Unterrichts erfüllen zu können."

"Danke", sagte Julius nur und verließ den Verwandlungsraum.

Beim Mittagessen fragten Kevin und Gloria, was Professor McGonagall von Julius gewollt hatte.

"Sie hat mich gefragt, wieso ich soviel in meiner Hausarbeit ausgeführt habe. Es hätten doch auch einfache Begründungen gereicht. Sie meinte, daß wir in Hogwarts zwar detailliert schreiben sollten, aber nicht umschweifig und mit hunderten von Beispielen. Das sei eher in Beauxbatons üblich."

"Soso. Damit hast du also gerechnet", sagte Kevin.

"Ja, genau", sagte Julius.

"Dann bietest du mir noch eine Wette an, die du unmöglich verlieren konntest? Gut, daß ich da nicht drauf eingegangen bin."

"Wieso, Kevin? Du hättest doch mehr gewinnen können als ich", tat Julius verwundert.

"Ja, eben! Ich hätte nicht gewinnen können."

Nach der Geschichtsstunde bei Professor Binns zog es Julius hinaus in die frische Luft über den Ländereien von Hogwarts. Dabei bekam er mit, wie sich Henry Hardbrick kategorisch weigerte, einen Besen zu besteigen.

"Ich bin doch nicht bekloppt und mach was, was gegen die Gesetze der Physik ist", tönte er, so daß es alle hören mußten. "Besenfliegen! Das kann ich sowieso nicht."

"Jeder hier lernt das. Du auch!" Bellte Madame Hooch äußerst ungehalten. Julius schlich sich im Schatten eines zwei Meter hohen Zierstrauches an den Übungsplatz heran und sah die neuen Ravenclaws, die fröhlich bis unbeholfen auf ihren Schulbesen herumflogen, immer im Kreis. Er sah Laura Medley und Orla Quirke, die nebeneinander herflogen. Madame Hooch starrte mit ihren gelben Falkenaugen auf Henry Hardbrick, der neben einem Besen stand und stur die Tiraden über sich ergehen ließ, mit denen die Fluglehrerin ihn bedachte.

"Nöh! Ich mach das nicht. Wenn Sie meinen, mir dafür Punkte abziehen zu müssen, tun Sie sich keinen Zwang an! Wenn Sie mir eine Sechs wegen Totalverweigerung aufbrummen wollen, ist mir das schnurzpiepegal. Meine Eltern glauben das eh nicht, daß Besenfliegen ein echtes Schulfach ist und werden mich dafür nicht bestrafen. Die halten Hogwarts und meine angebliche Zauberei doch sowieso für reinen Schwachsinn."

"So hat letztes Jahr schon jemand gesprochen, aber dann gleich gezeigt, daß er das nicht selber vertritt und hat gelernt, sehr gut zu fliegen, auch wenn es gegen die primitiven Vorstellungen der Muggel-Wissenschaftler ist."

"Newton sagt, daß alles was raufgeht wieder runterkommen muß, Archimedes und andere sagen, daß nur fliegen kann, was leichter als luft oder so gebaut ist wie Vogelflügel. Besen sind weder leichter als Luft, noch wie ein Vogel oder Flugzeug gebaut. Auch wenn die da oben herumkarjulen, als wenn das ein großes Karussell wäre, gilt das nicht für mich."

"In einer Minute fliegst du mit den anderen, oder es setzt eine deftige Strafarbeit. Ich vertrödel doch nicht meine Zeit mit einem Totalverweigerer", knurrte Madame Hooch. Henry lachte nur und meinte:

"Dann sagen Sie diesem Dumbledore doch, daß er mich rausschmeißen soll!"

"Das könnte dir so passen. So tun, als ob du nichts könntest und dann in der Muggelwelt den großen Helden spielen. So leicht lassen wir uns nicht dazu drängen, jemanden der Schule zu verweisen. Da muß schon eine gewisse Schwere einer Tat hinzukommen."

"Ich verweigere einen Befehl von Ihnen. Das ist doch heftig genug!"

Orla Quirke, eine Ravenclaw-Erstklässlerin, kam ins Trudeln und stürzte genau über Julius herunter. Dieser riß seinen Zauberstab heraus und streckte ihn nach oben, wobei er "Cadelento!" Rief. Unvermittelt wurde der Sturz des Mädchens gebremst, so daß sie sachte herunterschwebte, immer im Visier von Julius' Zauberstab. Dann landete sie weich auf dem Boden. Klappernd und raschelnd schlug und rollte ihr Besen auf dem Boden herum.

"Hallo, was ist da?!" Rief Madame Hooch und stürzte auf den Zierstrauch los.

"Ich habe den Besen nicht mehr richtig halten können", quiekte die Erstklässlerin verängstigt. Julius half ihr auf und sah Madame Hooch an.

"Ich wollte Sie nicht beim Unterricht stören, Madame Hooch", sagte er schnell. "Doch ich wollte Orla nicht abstürzen lassen, wenn ich das verhindern konnte."

"Fünf Punkte für Ravenclaw wegen schneller Hilfeleistung, Mr. Andrews. Wo du schon einmal hier bist, möchtest du Mr. Hardbrick nicht erzählen, mit welchen Einwänden du zu kämpfen hattest, als du letztes Jahr hier anfingst?"

"Meine Eltern haben immer noch was gegen Hogwarts. Ja, gut! Meine Mutter sieht mittlerweile ein, daß ich hier richtig aufgehoben bin und nicht irgendwann in einem Monster-Vorführprogramm lande. Aber was Henry Hardbrick angeht, kann ich zumindest verstehen, welche Probleme er hat. Aber dann würde ich doch erst recht kucken, ob ich fliegen kann oder nicht. Ich meine: Mir hat man das vor der Schulzeit schon bewiesen, daß ich fliegen kannn. Aber er hier könnte doch einfach mal auf diesen alten Besen hüpfen und sehen, ob er gleich auf die Nase fällt oder zumindest einen Meter aufsteigt, ohne runterzufallen. Aber das ist nur ein dummer Vorschlag eines Bekehrten."

"Pack dir an die eigene Nase, Eierkopf!" Schimpfte Henry Hardbrick. Doch dann nahm er einen der herumliegenden Besen. Schwang sich auf ihn und stieß sich ab. Sofort stieg er aufwärts, Meter um Meter. Dann, unvermittelt, stürzte er sich vom Besen herunter. Julius wollte schon seinen Zauberstab ausrichten, um den Fall zu bremsen, doch da schlug Henry schon dumpf auf.

Madame Hooch lief schnell zu ihm, untersuchte ihn und sagte:

"Beide Arme gebrochen! Dummer Junge! Warum hast du dich seitlich vom Besen fallen lassen?" Sie packte Henry fest um den Körper und hob ihn hoch. Henry schrie vor Schmerz. Julius vermeinte aber, zwischen den Schmerzenszügen ein triumphierendes Grinsen im Gesicht des Schülers zu sehen.

"Alle runterkommen! Henry Hardbrick hat sich verletzt! Ihr wartet alle hier und macht keine neuen Flüge, bis ich wieder hier bin, oder ihr seid schneller aus Hogwarts raus als ihr "Quidditch" sagen könnt!"

Die Erstklässler landeten alle mehr oder weniger geschickt. Julius zog es vor, sich zu verdrücken, nachdem ihm Orla Quirke noch mal ihren Dank für die Hilfe ausgesprochen hatte.

"... Der Idiot hat sich absichtlich vom Besen fallen lassen?" Fragte Kevin, dem Julius das wenige Minuten Später berichtet hatte.

"Ja, Kevin. Ich habe das genau gesehen. Der stieg fünf Meter hoch, nahm dann die Hände vom Besen, ohne sich mit den Beinen festzuklammern, hob den Hintern leicht an und ließ sich fallen. Der kann froh sein, daß er sich nicht den Hals gebrochen hat."

"So ein Dummbeutel! Was sollte das denn?"

"Da er gezwungen wurde, zu fliegen, hat er es eben so gedreht, daß er einen Unfall bauen mußte. Er bildet sich ein, daß keiner mitbekommen hat, daß er sich absichtlich vom Besen hat fallen lassen. Aber Madame Hooch wird sich schon ihren Teil denken."

"Das war dann wohl die letzte Flugstunde für ihn", vermutete Kevin. Julius wollte schon eine Wette darauf annehmen, daß Madame Hooch Mr. Hardbrick noch auf einen Besen setzen würde, der nicht unter seinem Hintern wegrutschte. Doch die Sache war zu ernst, um darüber zu spekulieren.

"Der will rausgeschmissen werden, Kevin. Der ist voll auf dem Weg, sich möglichst schnell hier herauszuekeln. Vielleicht wäre das auch besser so, für Betty, Jenna, Leon und die anderen Hufflepuffs. Cedric Diggory ist schon heftig mies gelaunt", führte Julius aus. Kevin nickte nur und sagte:

"Dann muß er eben auf alles verzichten, was einen Zauberer ausmacht. Ich glaube nicht, daß er das durchhält."

"Den kriegen sie noch dran, Kevin. Sicher, du kannst hier leicht rausfliegen. Aber wie ich aus eigener Erfahrung weiß, nur dann, wenn du aus eigenem Antrieb was verbockt hast, wofür sie dich schmeißen können. Sonst wäre ich nämlich längst schon in Eton und müßte jeden Tag daran denken, mich nicht hinreißen zu lassen, irgendwas anzustellen, was mit Zauberei zu tun hat."

"Dann hättest du niemals Quidditch gelernt und dürftest keine Regenwürmer in Unterteller verwandeln", sagte Kevin.

"Abgesehen davon, daß ich dann nie mitbekommen hätte, wie schön ein Zaubererdorf ist oder Zauberschach funktioniert."

"Genau", sagte Kevin überzeugt.

Professor Flitwick stieg durch das Portraitloch in den Ravenclaw-Gemeinschaftsraum und deutete auf Julius.

"Würden Sie mich bitte begleiten, Mr. Andrews?!" Quiekte der Zauberkunstlehrer. Julius erhob sich von seinem bequemen Sessel und folgte dem Hausleiter von Ravenclaw.

"Sie haben Ihren Zauberstab dabei?"

"Ja, habe ich", bestätigte Julius.

"Gut", erwiderte Professor Flitwick und eilte mit großen Sprüngen vorwärts. Julius konnte bequem hinterherlaufen und wunderte sich, daß Flitwick es offenbar sehr eilig hatte. Als er sah, daß sie in jenen Trakt des Schlosses gingen, in dem das Büro von Professor Sprout lag, daß er letztesmal mit seinen Eltern aufgesucht hatte, fragte er:

"Hat Professor Sprout nach mir verlangt, Professor?"

"Ja, hat sie. In Absprache mit mir."

Julius wußte nicht, was nun kommen sollte. Es könnte nochwas mit seinem Aufenthalt in Millemerveilles zu tun haben. Er war zumindest froh, daß er nicht während der Unterrichtsstunden darauf angesprochen wurde. Ihm war es immer noch peinlich, daß man ihn in die Obhut einer anderen Lehrerin gegeben hatte, weil sein Vater versucht hatte, ihn durch ein Manöver von Hogwarts fernzuhalten, das sicherlich geklappt hätte, wenn die Frau des Mannes, bei dem er in Paris Ferien machen sollte, nicht eine Hexe gewesen wäre, die den Gesetzen folgend Anzeige erstattet und seine Unterbringung in Millemerveilles erwirkt hätte.

In Professor Sprouts Büro warteten außer der Hauslehrerin von Hufflepuff noch Cedric Diggory, der Vertrauensschüler und Quidditchkapitän der Hufflepuffs und Henry Hardbrick zusammen mit Madame Pomfrey, der Schulkrankenschwester. Henry Hardbrick sah so aus, als hätte er eine sehr schwere Enttäuschung erlebt, während Madame Pomfrey ihn mitleidsvoll, aber auch mißbilligend beäugte, wie eine Mutter, die ihren Sohn bei einer Dummheit erwischt hat und nicht weiß, ob sie nun schimpfen oder ihn trösten sollte.

"Kommen Sie herein, Mr. Andrews!" Lud Professor Sprout den Ravenclaw ein. Cedric Diggory setzte sich in eine Pose, die gespannte Erwartung erkennen ließ.

"Was will denn der schon wieder hier. Wollen Sie mir vorführen, wie leicht hier sogenannte Muggelstämmige assimiliert werden können. Widerstand ist zwecklos! Oder was?" Spottete Henry Hardbrick und sah Julius Andrews argwöhnisch an.

"Wo sind den die Gipsverbände? Wenn du dir wirklich beide Arme gebrochen hast, müßtest du doch eigentlich an beiden Armen dicke Gipsverbände tragen. Dumm, daß die in der Zaubererwelt sowas schnell wieder heilen können", flachste Julius und sah von Henry zu Cedric hinüber. Der Hufflepuff-Vertrauensschüler grinste gehässig. Madame Pomfrey räusperte sich mißbilligend.

"Ich habe Mr. Andrews zu uns gebeten", eröffnete Professor Sprout energisch sprechend, "weil er in einer ähnlichen Zwangslage steckt wie Sie, Mr. Hardbrick. Auch er entstammt einer Nichtzaubererfamilie und hat mit Vorurteilen zu kämpfen, genauso wie Sie. Falls Sie es möchten, Mr. Andrews, erklären Sie Mr. Hardbrick, wie Sie es geschafft haben, sich gegen diese Vorurteile zu behaupten!"

"Oh, der Vorführ-Muggelstämmige. Wielange bist du schon hier?" Spottete Henry Hardbrick.

"Ein Jahr", erwiderte Julius und stand lässig vor ihm. Dann erzählte er kurz, was er hier alles erlebt hatte und daß seine Eltern dies alles nicht hinnehmen wollten. Er verschwieg jedoch, was sie in den Sommerferien mit ihm anstellen wollten, um seine Rückkehr nach Hogwarts zu verhindern.

"Deine Eltern sind Wissenschaftler? Dann lassen die dich auf diese angebliche Superschule?" Wollte Henry Hardbrick wissen.

"Nachdem ich vorgeführt habe, wie ich Mantelknöpfe zu Suppentellergröße aufblasen konnte, mußten sie anerkennen, daß ich tatsächlich zaubern kann", bemerkte Julius lässig.

"Es kann ja sein, daß die anderen hier zaubern können. Die haben bestimmt was gedreht, um dich toll aussehen zu lassen", versetzte Henry Hardbrick.

"Ach ja! Die haben mich immer schön auf einem Besen herumfliegen lassen, mir einmal mehrere blaue Flecken innerhalb von Sekunden geheilt und mich Quidditch spielen lassen, nur um mich super aussehen zu lassen? Komisch nur, daß ich auch dann noch zaubern konnte, wenn keiner von den Lehrern in der Nähe war", ging Julius auf den Protest des Jungen Muggelstämmigen ein. Dann zog er seinen Zauberstab und machte damit Licht, Dann löschte er das Zauberstablicht wieder und tippte sich mit dem Zauberstab an die Kehle.

"Sonorus!" Murmelte er, um dann unvermittelt so laut, daß die Pflanzen in Professor Sprouts Büro zitterten und eine Wolke Putz von der Decke fiel und seine Stimme mit Getöse und klirrend von den Wänden widerhallte zu fragen:

"Und wo steht hier die Lautsprecheranlage, mit der ich diese Nummer bringen kann?" Danach tippte er sich noch mal mit dem Zauberstab an die Kehle und murmelte: "Quietus!"

"Bist du irre, den Stimmverstärker in einem so kleinen Raum zu bringen?" Fragte Cedric, der sich die Ohren rieb wie auch die anderen Insassen. Doch Professor Flitwick mußte grinsen, dann sah er Professor Sprout an. Diese sah Henry Hardbrick an und befahl:

"Sie holen jetzt unverzüglich Ihren Zauberstab hervor und machen damit Licht! Sie haben ja gesehen, wie das geht."

Henry griff lässig in eine Umhangtasche und fischte seinen Zauberstab heraus. Dann hob er ihn an und sagte:

"Lumos!"

Nicht ein winziges Glimmen zeigte an, daß der Lichtzauber wirkte.

"Es sieht tatsächlich so aus, daß Sie nicht zaubern können", bemerkte Professor Sprout kalt. Julius, der die Kräuterkundelehrerin gut genug kannte, um wohlwollendes, kritisches und abfälliges in ihrer Stimme mitschwingen hören zu können, wußte, daß sie nicht glaubte, daß Henry nicht zaubern konnte. Julius glaubte dies auch nicht. Wenn Henry bei Ollivander seinen Zauberstab gekauft hatte, dann konnte er auch zaubern. Ollivander, so wußte Julius aus eigener Erfahrung, testete jeden neuen Schüler, bis die richtige Zauberstab-Schüler-Kombination gefunden worden war. Hätte Henry gar kein Zaubertalent, hätte Ollivander ihn wohl bald aus dem Laden geschickt, ohne einen Zauberstab verkauft zu haben.

"Mr. Andrews, da Sie sicht- und vor allem hörbar Zauberkräfte bewiesen haben, würden Sie mit Mr. Hardbrick kurz die Zauberstäbe tauschen?" Fragte Professor Sprout lauernd. Julius sah Henry an, als müsse er abschätzen, ob der nicht auf die Idee kommen würde, ihm den Zauberstab kaputtzumachen. Dann nickte er. Henry Hardbrick schrak zurück. Er stammelte:

"Dieser Verkäufer im Zauberstabladen hat gesagt, daß nur ich mit dem Stab zaubern könnte und kein anderer."

"Wer hat Ihnen denn den Zauberstab verkauft?" Fragte Professor Sprout.

"Weiß nicht mehr genau, wie der heißt. Olivier oder Oleander oder so ähnlich", sagte Henry schnell. Julius tauschte mit Cedric einen schnellen Blick aus. Cedric schien über die maßen gut gestimmt zu sein, während Julius sich dachte, daß der Zauberstab bestimmt nicht funktionieren würde. Professor Sprout stand auf, pflückte unvermittelt den Zauberstab von Henry Hardbrick aus dessen Hand, bevor er ihn schnell wegziehen konnte und gab ihn Julius. Dann nahm sie den Zauberstab des Ravenclaw-Zweitklässlers und drückte ihn Henry in die Hand.

"So, und jetzt machen Sie noch mal Licht, Mr. Andrews!"

Julius sagte das Zauberwort. Doch nichts geschah. Er wiederholte es, wieder ohne Erfolg. Dann schwang er den Zauberstab so schnell, daß er fast nicht zu sehen war. Normalerweise, so wußte Julius, hätte er damit jetzt eine Serie farbiger Funken ausgestoßen. Doch der Zauberstab reagierte nicht. Julius hob ihn vorsichtig an und ließ ihn pfeifend nach unten sausen. Er fühlte dabei nicht das gewohnte Strömen einer unbestimmbaren Kraft, wie er es erstmalig beim Ausprobieren vonProfessor McGonagalls Zauberstab gespürt und dann bei Mr. Ollivander in der Winkelgasse verstärkt gefühlt hatte, als er seinen Zauberstab fand.

"Blindgänger!" Sagte Julius nur und legte den Zauberstab auf den Schreibtisch.

"Machen Sie Licht, Mr. Hardbrick!" Verlangte Professor Sprout. Cedric tauschte wieder mit Julius einen kurzen Blick aus und sah noch zufriedener aus. Julius bot den Ausdruck eines Wissenschaftlers, der einen Versuch gemacht und genau das Ergebnis bekommen hatte, mit dem er felsenfest gerechnet hatte.

"Lumnos!" Sagte Henry leise. Flitwick sah ihn irritiert an. Dann meinte der Zauberkunstlehrer:

"Eben hatten Sie schon den richtigen Zauber formuliert. Außerdem hat Mr. Andrews das Zauberwort mehrmals korrekt ausgesprochen. Also, wenn ich bitten darf!"

"Lumos!" sagte Henry Hardbrick widerwillig. Unvermittelt glomm an der Zauberstabspitze ein heller Lichtstrahl auf, der einen dünnen Lichtstreifen auf eines von Professor Sprouts Waldlandschaftsgemälde warf. Sofort flüsterte Henry "Nox!"

Das Zauberstablicht erlosch sogleich. Henry Hardbrick sagte:

"Dann muß ich eben den nehmen." Dabei sah er Julius mit dem Blick des überlegenen Gewinners einer Prügelei an, die er nicht angefangen hatte.

"Sie werden den nehmen, den Sie wirklich erworben haben, Mr. Hardbrick", entgegnete Professor Sprout und zog schnell Julius' Zauberstab zwischen den Fingern ihres Schülers heraus und reichte ihn Julius zurück.

"Aber mit dem geht's ja nicht", widersprach Henry, immer noch überlegen grinsend.

"Das wäre das erstemal, daß miss Flowers mit einem Schulanfänger aus einer Nichtmagierfamilie einen Zauberstab einkauft, der nicht funktionieren soll", wunderte sich Flitwick. Wie aufs Stichwort trat die blonde Sekretärin für Neuzugänge ein.

"Sie haben mich rufen lassen, Professor Sprout?" Fragte sie.

"Das ist richtig, Ms. Flowers", bestätigte die Kräuterkundelehrerin. Dann zeigte sie auf den Zauberstab, der auf dem Schreibtisch lag. Cynthia Flowers besah ihn sich und fragte:

"Wem gehört denn das Ding?"

"Ich dachte, dies sei der Zauberstab von Mr. Hardbrick. Zumindest haben Professor McGonagall und Professor Flitwick keinen anderen gesehen", gabProfessor Sprout eiskalt klingend Antwort.

"Das hier?" Fragte die Sekretärin, ergriff den Zauberstab und schwang ihn. Dann murmelte sie etwas, daß Julius als Zauberwort für einen Feuerstrahl verstand. Doch kein Funke trat aus dem Zauberstab heraus.

"Oh, junger Mann, da haben Sie sich aber etwas eingehandelt", säuselte Ms. Flowers bedauernd. "Der Stab hier ist kein Zauberstab."

Professor Flitwick nahm ihn und prüfte ihn kurz. Dann knickte er ihn etwas und ließ ihn wieder in die Ausgangsform zurückschnappen.

"Kunststoff! Sie waren bei Ollivander, Ms. Flowers?"

"Ja, waren wir", sagte Cynthia Flowers. Professor Sprout sah Julius, dann Madame Pomfrey und dann noch Cedric Diggory an und sagte:

"Vielen Dank für Ihre Bemühungen! Sie werden nicht mehr benötigt."

Julius warf noch Henry Hardbrick einen schnellen Blick zu und erkannte, daß der Junge weiß wie ein Bettlaken und jeder Aufsässigkeit und Überlegenheit ledig war. Ohne Weiteres Wort verließ er zusammen mit Cedric Diggory und der Schulkrankenschwester das Büro von Professor Sprout. Madame Pomfrey verschloß die Tür hinter sich und trieb die beiden Schüler vor sich her durch den Gang.

"Hast du das geahnt, daß der Zauberstab nicht echt war?" Fragte Cedric leise.

"Ich habe sowas geahnt, und euer neuer Hausbewohner hat genauso gekuckt, als wenn er es auch gewußt hat. Wenn er jetzt also erzählt, daß man ihm das Ding untergejubelt hat, ohne daß er es wußte, lügt er. Mr. Ollivander hat, wenn ich das mitbekommen habe, einen sehr guten Ruf als Zauberstabmacher. Der gibt doch keinen Blindgänger aus der Hand."

"Wundere mich nur, daß Professor Flitwick und Professor McGonagall das nicht mitbekommen haben", grummelte Cedric.

"Dann haben alle nicht so gut angefangen", sagte Julius. Dann überkam ihn ein Anflug von Frechheit. Er drehte sich zu der Schulkrankenschwester um, die immer noch hinter ihnen herlief.

"Wieso haben Sie dem Jungen nicht den Gefallen getan, ihn für zwei Wochen einzugipsen, Madame Pomfrey?"

"Noch so eine unverschämte Frage, junger Mann und ich lasse dich bei mir die Bettpfannen putzen, ohne Zauberkraft!" Schnaubte Madame Pomfrey. Dann grinste sie überlegen und sagte:

"Er hat damit gerechnet, daß ich ihn mindestens eine Woche behalte. Doch den Gefallen habe ich ihm nicht getan. Die Brüche waren nicht zu kompliziert, als daß ich sie nicht in fünf Minuten hätte heilen können. Er meinte, sein Vater sei Arzt. Der würde das niemals glauben, daß dergleichen möglich wäre."

"Zumindest macht er nicht auf armer kranker Schüler wie Mr. Malfoy letztes Jahr", entgegnete Cedric Diggory spöttisch. Madame Pomfrey verzog nur das Gesicht und schlug den Weg zu ihrem Arbeitsbereich ein.

"Hoffentlich habe ich mir keinen Todfeind gebraut", unkte Julius.

"Du meinst wie diesen Brutus Pane? - Kuck nicht so irritiert! Ich habe das natürlich auch mitbekommen, daß er dich schwer verletzt hat und dafür von der Schule geflogen ist. Schließlich bin ich Vertrauensschüler und habe Kontakte in alle Häuser. - Deine Frage von gerade: Ich denke nicht, daß er dich als seinen Todfeind ansieht. Wenn er seinen echten Zauberstab mithat, wird er nur noch damit zaubern lernen und merken, daß er sich selbst damit den größten Gefallen tut, als daran zu denken, wie er sich an dir rächen soll. Wieso auch? Du wurdest einbestellt und hast nur gehorcht, wie die meisten anderen Schüler in Hogwarts. Du bist ein Muggelstämmiger, der letztes Jahr anfing und sich gut eingearbeitet hat. Die beiden Professoren hatten also ihre Gründe, dich zu holen. Ich habe lediglich gefragt, wer in London so funktionsunfähige Zauberstäbe verkauft."

"Snape wird sich wohl gefreut haben, endlich wen zwischen die Finger zu kriegen, dem er viele Punkte abnehmen kann", flüsterte Julius auf der Hut, daß nicht jemand mithören konnte, für den es nicht bestimmt war.

"Ich überlege mir schon, was ich Mr. Hardbrick am Wochenende aushändige, weil er es geschafft hat, uns beinahe um einhundert Punkte unter null zu stürzen. Deine Freundinnen Betty und Jenna wissen das nicht, was heute morgen abging und müssen das auch nicht wissen. Aber dein Hinweis mit den vorab reduzierten Punkten war leider nicht falsch. Mach's gut!"

"Joh, du auch!" Wünschte Julius und suchte sich seinen Weg nach Ravenclaw. Unterwegs dachte er sich so seinen Teil zu Cedric. Der Junge sah gut aus, war nett und hilfsbereit. Er konnte sich ausmalen, was Cho Chang an ihm fand und daß sie von anderen Mädchen beneidet wurde.

"Guten Abend Mr. Andrews. Passwort?" Begrüßte ihn Angella, die zweite Hexe des neuen Eingangsbildes vor Ravenclaw.

"Cogito ergo sum", gab Julius das gegenwärtige Passwort aus. Angella nickte und schwang mit dem Gemälde zur Seite. Julius hüpfte lässig in den Gemeinschaftsraum, wo Gloria und Kevin schon auf ihn warteten.

"Was wollte Flitwick?" Preschte Julius' irischer Bettnachbar vor.

"Er brauchte einen Vorführmuggelstämmigen, der erfolgreich assimiliert wurde, um zu testen, ob ein anderer Muggelstämmiger eventuell doch nicht zaubern könnte."

"Was soll denn diese Gehässigkeit, Julius?" Fragte Gloria ungehalten. Julius grinste spitzbübisch. Dann sagte er:

"Die wollten nur wissen, ob eben ein anderer Muggelstämmiger womöglich falsch eingeschätzt wurde. Dem war aber nicht so. Es lag nur am Zauberstab."

"Dann war es doch eine Fälschung", meinte Kevin ahnungsvoll grinsend.

"Ach, ihr habt euch ..."

"Cho hat angedeutet, daß Cedric aus Hufflepuff der Meinung sei, daß einer der neuen Schüler mit einem wertlosen Zauberstab herumlaufen würde und meine, deshalb bald nach Hause fahren zu dürfen", flüsterte Kevin.

"Na ja, dann ist es jetzt amtlich", schloß Julius das Thema.

Das Abendessen verlief ohne weitere Diskussion über Henry Hardbrick, der wieder bei den Hufflepuffs saß, auffälligerweise zwischen den Vertrauensschülern. Julius stellte sich vor, daß sie ihn vor der Rache derer schützen wollten, die mitbekommen hatten, daß er absichtlich Punkte für Hufflepuff verpulvert hatte. Julius unterhielt sich mit Prudence und Cho über die neuen Rennbesen und debattierte mit Gloria, Pina und Kevin über Sonnenstrahlung in der Zauberei.

Der Abend klang mit einem improvisierten Schachturnier aus, daß zwischen Gloria, Prudence, Pina, Kevin, Gilda, Fredo, Marvin und Julius ausgetragen wurde. Julius spielte zum Schluß gegen Prudence und endete in einem Patt. Um zwölf Uhr nachts gingen sie alle schlafen.

 

 

Die nächsten Tage verliefen in alter Gewohnheit. Jedoch hatte es Snape in dieser Woche nicht mehr nötig, Hufflepuff Punkte wegzunehmen, und den Ravenclaws mißlang nichts, wofür er ihnen auch bei seinem Hang zur Fiesheit Punkte hätte nehmen können. Er unterließ es sogar, Julius' oder Glorias Trank zu verpanschen, um sie in die Bredullie zu treiben. So kamen sie nach der Doppelstunde ohne Punktverlust aus Snapes Kerker.

In Zauberkunst brillierte Julius wieder durch seine hohe Grundbegabung, wenngleich er auch im Theorieteil wichtiges beizusteuern hatte. So bekamen Gloria, er und Kevin je fünf Punkte für Ravenclaw.

Abends war noch Astronomie, wo Julius bedenkenlos so gut auftrat, daß auch hier zehn Punkte für sein Haus heraussprangen.

Die erste Stunde am Freitagmorgen war heftig spannend. Denn Moody machte seine Drohung war und testete, wie gut sich seine Schüler mit Flüchen und Gegenflüchen beschäftigt hatten. Julius verzichtete bewußt darauf, Kniffe zu verwenden, die er von Professeur Faucon gelernt hatte und beschränkte sich auf die in den Schulbüchern für die zweite Klasse erwähnten Abwehrzauber. Als Moody versuchte, durch Fernlenkung etwas gegen Julius' Kopf fliegen zu lassen, mußte der Sohn eines Chemiefabrik-Forschungsdirektors seine überragende Fernlenkbegabung anwenden, um den ihm geltenden Gegenstand zurückzuwerfen, so daß Moody beinahe selbst getroffen wurde.

Keiner der Ravenclaws bekam Punkte für die guten Arbeiten, was Julius jedoch egal war.

Nach einer weiteren Zauberkunststunde ging es zum Mittagessen, anschließend folgte Kräuterkunde, wo Julius sich mit Gloria, Pina und Kevin um eine nordirische Schnellwucherhecke kümmerte, die ständig neue Triebe ausschoß, wenn sie auch nur einen Wassertropfen auf ein Blatt bekam. Julius, der bei Madame Dusoleil eine Technik erlernt hatte, den Wucherungsprozeß zu verlangsamen, zeigte es seinen Gruppenkameraden, so daß seine Gruppe am Ende zehn Punkte für Ravenclaw zugeschlagen bekam, weil sie ihre Pflanze am besten gebändigt hatte.

"Wer außer Mr. Andrews und Mr. Malone kann mir verraten, wozu diese Pflanze gut ist?" Fragte Professor Sprout, nachdem alle Schüler mit verschwitzten Gesichtern von ihren Hecken zurückgetreten waren. Lea meldete sich und erwähnte:

"Die Wurzeln dieser Hecke bilden in getrockneter und pulverisierter Form einen wichtigen Bestandteil für Rapicrescentus-Tropfen. Dazu gehören noch Phönixfedern, Regenwurmborsten und Sachen, die nicht allgemein erwähnt wurden."

"Sehr gut. Zehn Punkte für Slytherin", bedachte die Kräuterkundelehrerin die gute Antwort Leas.

"wieso kam die eigentlich auf die Idee, daß ich das wissen sollte?" Fragte Kevin, nachdem sie aus dem Gewächshaus herauswaren.

"Weil sie weiß, daß deine Mutter Apothekerin ist und mit diesen Pflanzen viel zu tun hat", vermutete Julius.

"Das mit den Rapicrescentus-Tropfen hättest du nicht unbedingt wissen müssen, Julius. Wieso kam sie darauf, daß du es auf jeden Fall wußtest?"

"Weil ich es in diesem Sommer erfahren habe und Sprout davon Wind bekommen hat, wie Rapicrescentus-Tropfen wirken und was da so drin ist. Außerdem habe ich die nordirischen Pflanzen alle in einem Zaubergarten besichtigen dürfen. Das weiß Sprout auch. Ich muß mich damit abfinden, daß ich die längste Zeit in jeder Stunde bei Sprout Punkte abstauben kann. Ich muß eher aufpassen, daß sie mir keine Punkte abzieht, weil sie meint, daß ich etwas hätte wissen müssen."

"Oha!" Sagte Kevin. Dann fragte er:

"das war die Dame, mit deren Tochter du den Tanzabend verbracht hast?"

"Yep!" Erwiderte Julius.

Nach der Kräuterkundestunde trafen die Kandidaten für die Sozius-Flugstunden am Besenübungsplatz ein. Madame Hooch ließ die gebildeten Paare zunächst nur auf- und absteigen, dann ließ sie die Hollingsworths, Lea und Chuck, sowie Gloria und Julius leichte Flugübungen veranstalten. Dann kamen die übrigen Flugpaare einzeln dran. Nach einer Stunde Training befand Madame Hooch, daß sie wohl alle in zehn Wochen zur Prüfung antreten dürften und lobte Julius und Kevin für ihre Umsicht beim Tandemflug.

"Wenn ihr Verantwortung für einen Sozius tragt, könnt ihr schon diszipliniert fliegen, wie?" Wandte sie sich an Kevin und Julius. Die beiden nickten. Dann ging es ins Schloß zurück.

 

 

Julius hatte befürchtet, daß die Sache mit Henrys Zauberstabatrappe für ihn ein Nachspiel haben würde. Doch die nächsten zwei Wochen verstrichen ohne irgendein Ereignis, daß ihm Sorgen machen konnte. Er hörte zwar, daß Mr. Henry Hardbrick es wohl immer noch darauf anlegte, sich mit Lehrern und Mitschülern zu kabbeln, doch die Punktverluste hielten sich in Grenzen, wenn man von Snape absah.

Die Ravenclaws gewannen Dank der neuen Mitschüler fleißig weitere Punkte. Vor allem Orla Quirke, der Julius bei der ersten Besenflugstunde geholfen hatte, erzielte in Zaubereigeschichte und Zauberkunst große Punktgewinne, während Julius wie im lezten Jahr in Kräuterkunde und Astronomie Punkte abstaubte. Zwar schaffte er auch jeden Zaubertrank, den Snape ihnen aufgab, gewann dafür aber keinen Punkt. Er begnügte sich damit, daß sowohl Gloria, Kevin, Pina und er, die sich in den letzten Wochen zu einer immer verschworeneren Gruppe zusammengefunden hatten, fast keine Punkte verloren und die Hollingsworths ebenfalls keinen Grund boten, Punkte für Hufflepuff abgezogen zu bekommen. Die Besenflugstunden machten große Fortschritte, so daß Gloria Porter bald zuversichtlich war, nicht nur ihre Alleinflugfähigkeiten verbessern zu können, sondern auch die Sozius-Flugprüfung mit Julius ohne Schwierigkeiten zu bewältigen.

Einmalsprachen die Hollingsworths ihn an, als er sich in der Bibliothek ein Buch über permanente Schwebezauber auslieh:

"Wir haben gestern bei Professor McGonagall je zwanzig Punkte bekommen, weil wir sehr gute Verwandlungsergebnisse erzielt haben. Dann fragte sie uns, ob du uns die neuen Zauberstabbewegungen beigebracht hast", sagte Betty.

Julius verzog das Gesicht und fragte leicht unter Druck:

"Habt ihr ihr das bestätigt?"

"Natürlich", erwiderte Jenna fröhlich. "Warum sollten wir nicht?"

"Ja, stimmt! Warum nicht? Ich rechne nur damit, daß die Dame mich demnächst noch mal zu sich zitiert und fragt, ob ich nicht ihren Job übernehmen will", erwiderte Julius.

"Denke ich nicht", sagte Betty darauf.

Tatsächlich kam da nichts für Julius nach. Offenbar fand es die Verwandlungslehrerin nicht schlecht, verbesserte Zauberstabtechniken in ihrem Unterricht zu sehen, wenngleich Julius sich denken konnte, daß sie nicht alles durchgehen lassen würde, was Professeur Faucon Julius beigebracht hatte.

Julius bekam innerhalb der zweiten Schulwoche zwei Briefe. Den einen brachte ihm Francis, seine eigene Eule, am Freitag beim Frühstück. Zusammen mit hunderten von Posteulen aller Arten und Größen flog er in den großen Saal und landete neben Julius' Toast und Rührei. Julius band seiner Schleiereule den veilchenblauen Briefumschlag vom rechten Bein, als eine zweite Eule, ein Waldkauz, auf seinen Platz zusegelte und Julius einen mintgrünen Pergamentumschlag neben den Teller legte. Julius wunderte sich nicht so sehr, wie Kevin, der neben ihm saß.

"Wer schickt dir denn grüne Umschläge? Deine erwachsene Brieffreundin aus Australien?"

"Nein, die nicht. Ich kann mir denken, von wem der Brief ist", sagte Julius ruhig. Dann nahm er zunächst den Briefumschlag, den Francis ihm gebracht hatte, gab Francis ein Stück trockenes Toastbrot zur Belohnung und sah zu, wie die beiden Eulen davonflogen.

Julius entfaltete den Brief im blauen Umschlag und las, was königsblau und in feinster französischer Schönschrift geschrieben stand:

 

Hallo, Julius!

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als Viviane zusammen mit deiner Eule ankam. Viviane war richtig stolz, daß sie Francis den Weg zeigen durfte. Wir sind ja auch nicht so leicht zu finden. Auf jeden Fall freue ich mich, daß du dein Wort gehalten und mir sofort geschrieben hast, als du in Hogwarts ankamst.

Was das trimagische Turnier angeht, so ist bei uns wirklich viel los, seitdem Madame Maxime uns erklärt hat, daß es wieder aufleben soll und ihr in Hogwarts die Gastgeber sein werdet. Jeanne hat mir verraten, daß wir auch kein Quidditch-Turnier haben werden, da wohl drei oder vier unserer besten Spieler in die engere Auswahl gezogen wurden, zusammen mit Madame Maxime zu euch zu reisen. Ich bin nur etwas besorgt, daß das Turnier so gefährlich ist, weil ich denke, daß Jeanne oder Barbara vielleicht ausgewählt werden, daran teilzunehmen. Aber das ist noch nicht sicher. Denn erst muß noch geklärt werden, wieviele Leute mitfahren dürfen. Da Durmstrang ja auch an dem Turnier teilnimmt, macht Madame Maxime die Teilnehmerzahl von den Teilnehmern aus Durmstrang abhängig. Im Moment gehen sie von nur acht Leuten aus, von denen nur die Schüler mit den besten Noten in allen Zauberfächern mitgenommen werden sollen.

Professeur Faucon hat in einer Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste durchblicken lassen, daß sie den Durmstrang-Leuten nicht über den Weg traut, weil ihr Schulleiter angeblich für Du-weißt-schon-wen gearbeitet haben soll. Die Leute in Durmstrang sollen alle die dunklen Künste als solches lernen, hat sie gesagt. Das schreibe ich dir nur, damit du vorsichtig mit denen umgehst, die von Durmstrang kommen.

Ich würde dir gerne die Liste der Leute schicken, die von unserer Schule zu euch kommen wollen, aber Madame Maxime hat das verboten. Sie sagte, daß ihr alle euch offiziell erst bei der Ankunft begrüßen dürft, ob ihr euch schon kennt oder nicht. Dabei hat sie mich sehr streng angesehen, als wäre diese Anweisung besonders für mich bestimmt. Ach ja, Virginie hat sie auch so streng angeguckt, womöglich wegen deiner älteren Hauskameradin Prudence.

Maman hat geschrieben, daß sie dich noch anschreiben möchte, falls du dich nicht bei ihr meldest. Schicke ihr doch bitte eine kurze Nachricht, ob du gut angekommen bist, ja!

Ich freue mich, wieder von dir zu lesen. Deine Hilfe bei der englischen Sprache ist für mich sehr gut. Ich hoffe nur, daß du unsere Sprache noch nicht wieder verlernt hast.

Schöne Grüße aus dem warmen und sonnigen Beauxbatons!

Claire

 

Julius nahm den zweiten Umschlag und öffnete ihn. Darin lag ein Pergamentbogen und ein Leinenbeutelchen, in dem Julius drei harte eiförmige Samenkörner ertasten konnte. Er las den in smaragdgrün geschriebenen Brief:

 

Hallo, Julius!

Zunächst möchte ich mich für deinen Brief bedanken, den du mir geschickt hast. Ich kann mir vorstellen, daß du nach der Wetterumstellung von unserem schönen Millemerveilles auf das kalte und regnerische England mehrere Tage brauchtest, um wieder zur alten Form zu finden. Ich gehe jedoch davon aus, daß du sehr gerne wieder hier bei uns wärst.

Seitdem das Schuljahr begonnen hat, ist es hier wieder sehr ruhig, fast langweilig. Ich kümmere mich um Blanches Garten, habe zwei neue Fließwurzsträucher in der grünen Gasse angesetzt und unterhalte mich oft mit Madame Delamontagne, wenn ich ihren Garten besorge.

Ich finde es schade, daß ihr dieses Jahr kein Quidditch-Turnier haben könnt, weil das trimagische Turnier stattfindet. Aber dafür wirst du bestimmt ein paar alte Bekannte wiedersehen, die von unserer Schule zu euch kommen werden. Ich denke mal, deine Ferien hier werden sich für dich auszahlen, auch wenn du nicht selbst am Turnier teilnehmen darfst.

Du hast mich gefragt, weshalb ich eurer Kräuterkundelehrerin über dich geschrieben und dich in sehr schönen Farben gemalt habe. Ich hoffe mal, daß dies nicht der einzige Grund war, an mich zu denken. Dennoch verdienst du eine klare Antwort auf deine Frage, weshalb ich das gemacht habe:

Ich habe bemerkt, daß du dich gerne sehr zurückhältst und dann, wenn man dich läßt, nicht einbringen magst, weil du Bedenken hast, zu sehr aufzufallen. Ich ging daher davon aus, daß du das Wissen, daß du bei mir erworben hast, nicht gebührend anwenden könntest, wenn du wieder in Hogwarts bist. Daher schrieb ich Professor Sprout und schilderte, was du von mir mitbekommen hast und daß ich dich sehr talentiert und aufnahmefähig, interessiert und umsichtig kennenlernte. Ich beschrieb, was du alles bei mir gelernt hast und fügte der Nachricht noch den Vorschlag bei, daß Professor Sprout dich nicht in deiner Zurückhaltung belassen, sondern dich dazu anleiten solle, dein neues Wissen auch im Unterricht zu nutzen. Ich fände es nämlich alles andere als gut, wenn du das, was du bei mir gelernt hast, wieder vergessen würdest, nur weil du nicht dazu bereit bist, es zu nutzen.

Um dir dabei zu helfen, deine Fähigkeiten nicht einrosten zu lassen, habe ich dir drei Samenkapseln mitgeschickt.Professor Sprout weiß bescheid. Du wirst wohl bald die Gelegenheit bekommen, sie in eurem Schulgarten anzusetzen. Ich weiß nicht, wie sie dich mit diesem Projekt betrauen wird, womöglich darfst du einen oder zwei Mitschüler einbeziehen. Aber ich gehe stark davon aus, daß du auf diese Weise deine Fähigkeiten im Zauberkräuterbereich ausbauen kannst. Zwar bin ich nicht weisungsbefugt, dich zu instruieren, mir regelmäßig zu schreiben, wie das Projekt vorangetrieben wird, aber da ich zu allen meinen Pflanzen eine gewisse Gefühlsbindung pflege, lege ich Wert darauf, über Keimlinge von mir betreuter Pflanzen auf dem laufenden gehalten zu werden. Das wirst du verstehen.

Ich gehe davon aus, daß du die Samenkapseln erkennen kannst. Deshalb schreibe ich dir nicht, worum es sich handelt. Es könnte auch sein, daß Professor Sprout sich nicht auf ein Projekt einläßt, daß eine ausländische Kräuterkundlerin, die nicht einmal eine Lehrperson ist, anregt. Dann schicke mir die Samenkapseln bitte wieder zurück!

Viel Spaß und vor allem Erfolg in Hogwarts!

Camille Dusoleil

 

Juliusverbarg die Samenkapseln schnell in seinem Umhang. Er fragte sich, ob er nicht genug von den Lehrern in Hogwarts aufbekam. Sollte er sich dann noch um eine Anpflanzung kümmern, fast alleine. Aber er fürchtete, daß Professor Sprout bescheidbekommen hatte, daß Madame Dusoleil ihmn diese Pflanzensamen zugeschickt hatte. Aber Sprout würde er erst nachmittags sehen.

Nach Verteidigung gegen die dunklen Künste und Zauberkunst hatte Julius die Samenkapseln erst einmal vergessen. Moody verlangte weitere Beweise der schnellen Verteidigungsfähigkeiten. Flitwick halste ihnen Aufgaben zur fortgeschrittenen Fernlenkung auf, wie man Gegenstände ohne sie sehen zu können fernbewegen konnte.

Als am Nachmittag Kräuterkunde vorbei war, wurde Julius von Professor Sprout zurückgehalten, als die anderen Schüler bereits aus dem Gewächshaus heraus waren.

"Ihnen ist, wenn ich richtig informiert wurde, mit der heutigen Post eine Sendung Saatgut zugegangen. Sie können sich denken, wer mir dies mitteilte?"

"Ich habe es befürchtet", seufzte Julius.

"Wissen Sie, um welches Saatgut es sich handelt?" Fragte Professor Sprout.

"Von der Form her können das allemöglichen Zauberpflanzen sein. Ich habe sie noch nicht ausgepackt."

"Dann tun sie dies bitte jetzt!" Verlangte Professor Sprout.

Julius packte die drei Samenkapseln aus, die er seit dem Morgen im Umhang verborgen hatte. Es waren drei erdnußkerngroße Samenkapseln, die im Licht der Nachmittagssonne in allen Farben schillerten. Julius stöhnte kurz. Dann fragte ihn die Kräuterkundelehrerin, was ihn so bedrücke. Er erwiderte:

"Das sind Regenbogenstrauchsamen. Ich habe eine Gruppe dieser Pflanzen in der grünen Gasse gesehen. Kein Wunder, daß mir Madame Dusoleil drei Samenkapseln geschickt hat. Denn die Pflanze wächst nur in Populationen von mindestens drei Exemplaren richtig auf. Sie wird fünf Meter breit und zwei Meter hoch, treibt an sich gabelnden Zweigen Blätter in allen Farben von schwarz bis hellgelb aus, deren Saft in der Zaubermalerei gebraucht wird. Sie braucht viel Pflege. Sie wächst in allen magisch angereicherten Gebieten Europas und Asiens, von den warmgemäßigten, bis zu den subtropischen Breiten. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Kallidendron polychromos."

"Wunderbar. Glauben Sie, Madame Dusoleil würde eine derartige Pflanze jemanden anvertrauen, der weder Zeit noch Begabung besitzt, sich darum zu kümmern? Sicher, solche Projekte müssen von mir abgesegnet werden. Aber ich teile die Auffassung meiner Fachkollegin, daß Sie nicht von ihr etwas gelernt haben, um es dann zu vernachlässigen. Daher frage ich Sie, mit wem Sie dieses Projekt angehen möchten."

"Wielange habe ich Zeit, Ihnen eine Antwort zu geben?" Fragte Julius.

"Bis zum Dienstag", beschloß Professor Sprout.

"In Ordnung", sagte Julius und überließ die Samenkapseln der Kräuterkundelehrerin, die sehr zufrieden dreinschaute.

Julius schaffte es, bis zum nächsten Dienstag fünf Kameraden zu gewinnen, ihm bei dem Projekt Regenbogenstrauch zu helfen. Die Hollingsworth-Schwestern waren ebenso dabei, wie Prudence Whitesand aus der fünften Klasse, Kevin Malone und Pina Watermelon. Gloria, die Julius als erste gefragt hatte, verzichtete, nachdem sie von Julius gehört hatte, wie intensiv man sich mit diesen Pflanzen beschäftigen mußte.

"Ich hoffe nur, daß du deine Hausaufgaben hinkriegst. Mum und Dad haben geschrieben, daß sie davon ausgehen, daß du dieses Schuljahr deinen Notenschnitt verbesserst."

"Soso, und meine Eltern würden Beifall klatschen, wenn ich hier rausfliege", hatte Julius darauf nur erwidert.

Professor Sprout notierte die Namen und rückte damit heraus, daß für die erfolgreiche Durchführung dieses Projektes jeder Teilnehmer Punkte für sein oder ihr Haus erwerben könnte.

Am Mittwoch der dritten Schulwoche wurde Julius Zeuge, wie Henry Hardbrick in die Bibliothek stürmte und fragte:

"Wo ist Cedric Diggory?"

"Der ist nicht hier", schnarrte Madame Pince. Henry sah Julius, der sich mit den Hollingsworths über die Zaubertrank-Hausaufgaben unterhielt.

"Heh, du!"

"Heh, ja?" Erwiderte Julius, als Henry auf ihn zukam.

"Kann es sein, daß die hier elektromagnetische Störfelder produzieren? Ich habe von meinen Eltern einen neuen Laptop und ein Handy bekommen. Der Laptop spinnt total und das Handy macht keinen Mucks."

"Oh, hat man dir das nicht erzählt? Elektronische Geräte gehen hier nicht. Die Magie, die hier in der Luft liegt, stört alle elektrischen und elektronischen Sachen, die rein technisch ablaufen. Ich hatte das letztes Jahr mit meinem Schachcomputer erlebt, und meines Vaters Handy hat auch den Geist aufgegeben, solange es in Hogwarts war", berichtete Julius.

"Das nehme ich nicht hin. Ich gehe zu Sprout und lege ihr die Anweisung meiner Eltern hin, daß ich gefälligst meine Computerfähigkeiten und mein Mobiltelefon weiterbetreiben kann", knurrte Henry Hardbrick.

"Das hat mein Alter auch schon probiert. Sowas geht hier volle Kanne daneben. Hier läuft eben nichts elektronisches. Das habe ich auch erst nicht wahrhaben wollen. Aber heute komme ich völlig ohne den Krempel aus."

"Na klar! Die Anpassung. Wiederstand ist zwecklos! Aber nicht bei mir", gab Henry großspurig zurück und hastete aus der Bibliothek.

Madame Pince gab einer der Hollingsworth-Schwestern einen Notizzettel für Professor Sprout mit, worauf beide Mädchen ein betrübtes Gesicht machten.

"Der reißt uns immer weiter runter", hörte Julius die beiden lamentieren. Doch dann sagte Jenna:

"Wenn wir ihn lassen."

"Wollt ihr ihn verprügeln oder verfluchen? Ich fürchte, daß wird nicht so ohneweiteres geduldet", wandte Julius ein.

"Das wird sich zeigen. Immerhin hat er seinen echten Zauberstab wiedergefunden und gegen seinen Willen zehn Punkte gewonnen. Wir werden sehen, ob der nicht lernt, daß Hufflepuffs zusammenhalten können, wenn sie müssen."

"Der Typ hat dasselbe Problem wie ich, Jenna. Der hat Muggeleltern, die meinen, daß nichts gilt, was nicht mathematisch belegt ist. Dann hat er einen Muggelbruder, der ihm wohl ziemlich dumm kommen wird, von wegen "Mißgeburt" und "Monstrum". Der ist hergekommen, weil ihn Zauberer dazu verdonnert haben. Der will nicht hiersein. Wenn ich nicht sofort gemerkt hätte, daß ich wirklich ein Zauberer bin, wäre ich genauso geworden, wie der jetzt schon ist."

"Ja, aber das ist doch keine Entschuldigung für seine ständigen Versuche, sich unbeliebt zu machen", erwiderte Jenna und schickte ihre Schwester mit dem Notizzettel los.

"Habe ich auch nicht behauptet. Ich habe es nur begründet, damit man überlegen kann, wie das behoben werden kann", erwiderte Julius.

"Der wird es lernen. Der ist bei uns gelandet, weil der Hut ihm Arbeitsbereitschaft und Kameradschaft angesehen hat. Der wird es noch lernen", prophezeite Jenna.

Am Freitag der dritten Woche versammelte sich die neugebildete Peeves-Patrouille. Julius hatte es geschafft, zwei Gryffindor-Jungen der zweiten Klasse, Elliot Hawkins und Mark Roland, zur Teilnahme zu überreden, die von Peeves häufig drangsaliert wurden. Betty, Jenna, Gloria, Kevin, Lea, Chuck, Mark und Elliott trafen sich mit Julius in einem kleinen Klassenraum und besprachen, was sie tun wollten und wie sie unerkannt vorgehen konnten. Letztendlich kamen sie darüber ein, daß sie hauptsächlich unabhängig voneinander arbeiten wollten, um Peeves von den eigenen Häusern fernzuhalten oder seine Streiche zu ahnden.

"Wir müssen nur aufpassen, daß Filch uns nicht erwischt. Der würde es nicht wollen, daß wir uns womöglich nachts um Peeves kümmern", wandte Kevin ein.

"Das ist richtig", pflichtete ihm Lea Drake bei. Dann schlossen sie die Gründungssitzung der neuen Peeves-Patrouille, deren Symbol ein rubinrotes auf der seite liegendes P sein sollte. Aus den Berichten derer, die damals dabei waren, wußten sie, daß dies das Zeichen der Patrouille war, das immer dort angebracht wurde, wo Peeves erfolgreich für Missetaten bestraft wurde.

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