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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Als Gloria und Pina Julius und Kevin eine druckfrische Ausgabe der Hexenwoche zeigten, in der ein Kimmkorn-Artikel über Hermine Granger abgedrucktwar, grinste Julius nur, als er die rührselige Geschichte las, in der Rita Kimmkorn Hermine Granger unterstellte, hinter berühmten Zauberern herzusein und Harry Potter mit einem Liebestrank behext zu haben, aber sich nun an Victor Krum heranzumachen versuche.

"Das ist nicht lustig", tadelte Pina den Jungen, als er den Abschnitt über Hermines angebliche Machenschaften laut vorgelesen hatte.

"Dieser Artikel könnte Hermine Granger von der Schule befördern", sagte Pina weiter.

"Komm, Pina! Du glaubst doch nicht, daß Hermine Granger deshalb von der Schule fliegt, weil eine sowieso durchgedrehte Reporterin behauptet, sie hätte einen Liebestrank brauen können. Sicher gab es Idioten, die so einen Schwachsinn geschluckt haben und damit Leuten ziemlichen Ärger eingebrockt haben. Aber Dumbledore hat dieser Kimmkorn doch Hausverbot erteilt, also hält er sie für eine Lügnerin oder Krawallhexe. Ich frage mich nur, wie es sich Hermine mit dieser Tante verscherzt hat?" Erwiderte Julius.

"... und sie soll von Krum zu sich eingeladen worden sein", wandte Gloria ein. Julius stutzte und las den betreffenden Abschnitt des Artikels. Dann fragte er:

"Hat wer von euch mitgekriegt, daß Krum Hermine eingeladen hat?"

"Nein. Woher auch?" Entgegnete Pina Watermelon.

"Dann hat sie sich das wohl aus den Fingern gesogen, oder ihre kleine flotte-Schreibe-Feder hat da aus einem Räuspern eine Einladungsabsicht gemacht. Ich frage mal die Hollingsworths, ob sowas geht", entschied Julius.

Die restliche Woche ging der Artikel der Kimmkorn als böses Gerücht in der ganzen Schule umherwie ein Poltergeist. Julius wurde von den Slytherins aufgezogen:

"Paß auf, daß sie dir keinen Liebestrank unterjubeln, Schlammblut. Oder hast du der Porter schon einen untergeschoben?" Frotzelte ihn Melissa Ashton in einer Kräuterkundestunde. Julius nahm diesen Blödsinn nicht ernst und erwiderte nichts darauf.

Am Freitag traf er Hermine Granger in der Bibliothek. Sie brütete über einem Wälzer der "Magische Mithörmittel und Fernbeobachtungsverfahren" hieß. Sie grüßte ihn kurz angebunden. Er fragte direkt heraus:

"Victor Krum hat dich doch nicht in echt zu sich eingeladen oder?"

"Und wenn es so wäre?" Fauchte Hermine wie eine gereizte Katze.

"Dann hätte die Kimmkorn ja recht", erwiderte Julius.

"Die denkt, mich so mudntot zu machen. Da hat sie sich aber getäuscht. Im Gegenteil. Sie hat den größten Fehler ihres Lebens gemacht, diesen Artikel zu schreiben. Das kriegt sie wieder."

"Rache, dein Name ist Weib", bemerkte Julius gehässig dazu und blieb vorsichtshalber außerhalb der Reichweite der älteren Gryffindor-Schülerin.

"Das sie uns belauscht hat war ihr verboten. Wenn ich rauskriege, wie sie das angestellt hat, bekommt sie mehr Ärger als ich", schnaubte Hermine Granger. Julius zog es vor, sich danach höflich zu verabschieden.

 

 

Wochen verstrichen, ohne das sich etwas nennenswertes ereignete. Julius hielt es nicht für nötig Professeur Faucon über den neuen Kimmkorn-Artikel zu informieren, bis Hermine Granger an einem Montag von einer wahren Eulenlawine bestürmt wurde. Julius sah, wie sich Hermines Gesicht verfinsterte, als sie die Briefe las, manche davon an ihre Freunde, Harry Potter und Ron Weasley, weitergab. Als aus dem letzten Brief, den sie öffnete, eine gelblich-grüne Flüssigkeit herausspritzte und ihre Hände traf, zuckte er erschrocken zusammen. Gloria, die daraufhin dem Blick des Klassenkameraden folgte, sah wie Julius, daß sich die Haut an Hermine Grangers Händen zusehens aufblähte wie mit hunderten Geschwüren bewachsen.

"Was war das denn?" Fragte Gloria angewidert und verängstigt.

"Bubo-Tubler-Eiter. Ein ekelhaftes Sauzeugs, das unverdünnt höllisch wehtuende Hautausschläge verursachen kann. Du hast doch die schwarzen röhrenartigen Pflanzen im Gewächshaus drei gesehen, die mit den Beulen. Daraus wird das Zeug gewonnen", erklärte Julius hastig, um seine Betroffenheit zu unterdrücken.

"Wer sowas als Brieffalle verschickt ist nicht mehr ganz bei Trost", fügte Jeanne Dusoleil hinzu, die sich unauffällig zu Julius herüberbeugte, um zu hören, was er Gloria zu sagen hatte.

"Das Zeug wird in Ms. Dawns Heilsalbenbuch erwähnt, allerdings mit vier roten Ausrufezeichen hinter der Bemerkung, es mit äußerster Vorsicht zu handhaben."

"Wozu braucht man das Zeug denn?" Fragte Gloria, die nicht wie Julius alle möglichen Pflanzen- und Zaubertrankbücher in Reichweite verschlungen hatte.

"Das soll in einer Verdünnung von eins zu dreißig in Bergquellwasser unter Zufügung von Sonnenblumenöl eine Superheilsalbe gegen Aknepickel und Schuppenflechte geben", sagte Julius. Kevin meinte dazu nur:

"Dreckzeug!"

"Nana, Monsieur Malone! Sowas ge'ört sich aber nicht", tadelte Jeanne Dusoleil den Freund und Klassenkameraden von Julius Andrews.

"In eurem überdrehten Land vielleicht nicht, Mademoiselle Jeanne, aber was wahr ist, muß auch gesagt werden dürfen."

"Wie du meinst", sagte Jeanne und setzte sich wieder richtig hin, während Julius sah, wie Hermine mit immer heftiger anschwellenden Fingern und Handflächen aus dem Saal stürmte, bombardiert mit dem hönischen Gekicher der Slytherins.

Nach Zaubertränke und einer für Julius sehr langweiligen Stunde Geschichte der Zauberei schrieb er einen Brief an Professor Faucon, in dem er den neuen Sensationsartikel und Hermines barsche Antwort auf seine Frage, ob sie wirklich eingeladen worden sei, erwähnte. Danach las er in seinem Zaubersalbenbuch, daß er von den Hollingsworths zum zwölften Geburtstag bekommen hatte, ob man gegen Bubo-Tubler-Eiter etwas machen konnte. Doch er las nur die Empfehlung, Süßgraspollen mit Wundheilsalbe aufzutragen, jedoch nur, bis man einen Heiler mit entsprechenden Elixieren aufsuchen könne. Er las:

"Wer mit Bubo-Tublern hantiert, soll sich ja Handschuhe anziehen. Außerdem sind die Pflanzen schwer zu halten. Für Behandlung von schwerer Akne oder Schuppenflechte helfen auch andere Tinkturen."

Nach der Verwandlungsstunde, in der Julius vier erfolgreiche Verwandlungen von Mäusen in Ratten schaffte und dafür zwanzig Punkte für sein Haus abräumte, lief er in seinem Jogginganzug unter dem Umhang noch eine Runde um den See. Als er zum Schloß zurückkehrte, kam ihm Prudence mit einem merkwürdig glitzernden Stein in der Hand entgegen.

"Wir hatten heute nachmittag in Pflege magischer Geschöpfe Niffler, praktische Tiere, die Metall in der Erde suchen und finden können. Einer dieser Niffler ist uns abgehauen, hat wohl seine Leine durchgeknabbert. An der Ostmauer hat er das Ding hier ausgebuddelt. Ist das Gold?"

"Das wäre ein Ding, wenn hier Gold rumläge", sagte Julius. Dann besah er sich den unförmigen Stein genauer und begutachtete die glitzernden Einschlüsse in dem graubraunen Stein.

"Nach gold sieht das nicht so recht aus. Könnte Kupfer sein oder was anderes. Ich kann dir das ja analysieren, also rausfinden, was genau drin ist."

"Warum nicht. Wenn es wertvoll ist, kann ich es ja Flitwick geben oder Dumbledore", sagte Prudence.

Julius begleitete die ältere Mitschülerin in den Ravenclaw-Gemeinschaftsraum. Unterwegs erzählte er ihr, wie er rausfinden wollte, was in dem Stein eingeschlossen war. Im Gemeinschaftsraum traf er Gloria, Gilda und Kevin, die sich über die Verwandlungs-Hausaufgaben unterhielten. Julius fragte sie:

"Wollt ihr euch ansehen, wie man Metalle aus kleinen Steinen auswäscht?"

"Wieso?" Fragte Kevin. Julius zeigte den kleinen Brocken vor, den Prudence ihm geliehen hatte. Kevin sagte:

"Heftig. Soll das Gold sein?"

"Kriege ich raus", erwiderte Julius. Dann ging er in den Zweitklässler-Schlafsaal und holte aus den Geheimverstecken seines Koffers die starken Säuren, die er für seine Chemieversuche brauchte. Mit dem Chemiebaukasten und seinen Drachenhauthandschuhen kehrte er in den Gemeinschaftsraum zurück. Dort füllte er ein Glasgefäß mit schmalem Ausguß mit Salpetersäure und ließ den kleinen Stein vorsichtig in die dampfende Säure eintauchen. Sofort zerbröselte der Stein, und die feinen glitzernden Metalladern lösten sich in glänzende Körnchen auf. Die Metallkörnchen versanken bis auf den Grund des Gefäßes. Julius holte ein weiteres Glasgefäß aus seinem Chemiebaukasten und füllte die entstandene Lösung vorsichtig um, bis die glitzernden Körnchen am Boden übrig waren. Dann spülte er den ersten Glasbehälter mit destilliertem Wasser aus und kippte den ersten Glasbehälter auf ein Stück Pergament aus. Vierzig stecknadelspitzengroße Metallkörnchen lagen nun auf dem Tisch.

"Ich habe auf alles oder Nichts gesetzt. Wenn diese Säure mit Metallen in Berührung kommt, lösen sie sich auf, es sei denn, es ist Gold oder Platin. Da hat wohl wer eine Galleone in hundert Stücke zerflucht und dabei in den Steinen verschmolzen. Das Zeug ist nämlich ohne Rückstände anderer Metalle, also reines Gold. Hat wer ein Vergrößerungsglas? Gold kann man nicht mit dem Engorgio-Zauber vergrößern."

"Ist auch nicht nötig", sagte Prudence und hielt ein magisches Brennglas über die ausgebreiteten Körnchen. Sofort entstanden freischwebende räumliche Vergrößerungen der einzelnen Körnchen.

"Wau!" Machte Julius, den die magischen Spiel- und Werkzeuge immer noch absolut faszinierten.

"Ist doch nur ein Trimax-Glas, Julius. Das gibt es bei Prazap für zwei Galleonen das Stück", bemerkte Prudence lächelnd. Cho Chang, sowie andere Fünftklässler der Ravenclaws kamen an den Tisch und besahen sich die abgebildeten Goldkörnchen.

"Das hat Marissas Niffler also ausgebuddelt, Prue? Sieht wirklich wie reines Gold aus", sagte Cho. Marissa Lane, ein Mädchen mit rotbraunen Locken, staunte. Dann fragte sie:

"Wie hast du das Gold aus dem Stein gekriegt, Julius?"

"Ein Muggeltrick. Aber was machen wir damit?" Fragte Julius.

"Sieht wirklich wie eine alte Galleone aus", befand Gloria und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger auf einzelne vergrößerungen, die aussahen, wie abgebrochene Randstücke einer großen Münze.

"Wie stark vergrößert das Glas, Prudence?" Fragte Julius.

"Auf der Packung stand was von hundert zu eins", antwortete Prudence und zog das magische Brennglas wieder fort. Die freischwebenden Abbilder verschwanden sofort.

"Wer es findet, dem gehört es, wenn es nicht auf einem bestimmten Grundstück ist", sagte Julius.

"In dem Fall muß ich das Zeug bei Dumbledore oder Flitwick abliefern", sagte Marissa mit leichter Wehmut in der Stimme.

"Die Körnchen haben höcstens einen Wert von drei Knuts", sagte Gloria kalt. "Die Kobolde in Gringotts würden dir jedenfalls nur drei Knuts dafür geben."

"Na dann", sagte Marissa, die Glorias Bemerkung für glaubhaft genug hielt. Schließlich wußten ja alle Ravenclaws, was die Eltern ihrer Hauskameraden machten.

Marissa nahm die verstreuten Goldkörnchen, sammelte sie in einem Stofftaschentuch zusammen und verließ damit Ravenclaw. Als sie eine Viertelstunde später zurückkehrte, begleitete sie Professor Flitwick. Julius hatte inzwischen seine Chemikalien wieder gut versteckt, so daß er sich nicht ertappt fühlen konnte. Denn seit dem Versuch seines Vaters, ihn von Hogwarts fernzuhalten, indem er Joe Brickston geschrieben hatte, Julius sei wohl in eine geldgierige Sekte geraten und dürfe deshalb nicht mehr zu seiner Schule, waren Muggelwissenschaften für ihn verboten, zumindest Aufgaben in diesen Bereichen.

"Höchst interessante Sache, die mir Ms. Lane soeben berichtet hat. Also hat sich Hagrids Umstellung des Unterrichts tatsächlich ausgezahlt. Sie haben das Versteck eines alten Draufgängers gefunden, der vor sechzig Jahren mit Sprengzaubern hantierte und zum Schabernack vier Galleonen auf dem Schloßhof pulverisiert hat. Einige Metallsplitter müssen dabei wohl mit den Kieselsteinen verschmolzen sein", sprach Flitwick mit seiner hohen Stimme. Julius fühlte, wie der Blick des kleinen Zauberkunstlehrers ihn festhielt. Dann kam der weißhaarige Lehrer zu ihm und Prudence Whitesand.

"Sie verfügen immer noch über alchemistische Substanzen, Mr. Andrews?" Fragte Professor Flitwick.

"Ich habe keine Alchemistenausrüstung", sagte Julius ruhig.

"Ich meine natürlich jenes Sammelsurium von Säuren, Pulvern und Gefäßen, welches Sie aus der Muggelwelt mitgebracht haben", erwiderte Flitwick ebenso ruhig.

"Ach den Chemiebaukasten! Ja, den habe ich noch. Aber ich habe keine neuen Substanzen dazu kaufen können, weil ...", setzte Julius an. Flitwick räusperte sich laut und schnitt dem Sohn eines Chemikers und einer Computerprogrammiererin das Wort ab.

"Unwichtig. Sie haben noch alte Bestände an Lösungen, die Steine von Metallen trennen. Bitte händigen Sie mir dieses Sammelsurium aus, es ist beschlagnahmt", sagte Flitwick.

"Wie Sie wünschen", sagte Julius geknickt und holte den Chemiebaukasten aus dem Schlafsaal.

"Ich belasse es bei einem Abzug von fünf Punkten für Ravenclaw wegen nichtgestatteten Besitzes von Muggelartefakten. Wenn Sie Interesse an alchemistischen Versuchen haben, Mr. Andrews, so steht es ihnen frei, die entsprechende Literatur zu lesen. Das gilt natürlich auch für alle anderen hier in Ravenclaw", sagte Flitwick und nahm den Chemiebaukasten mit.

"Das wollte ich nicht, Julius", sagte Prudence, als Flitwick durch den Einstieg geklettert war.

"Was? Den Fünf-Punkte-Abzug oder daß er meinen Chemiebaukasten einsackt?" Fragte Julius gehässig.

"Beides", erwiderte Prudence betroffen. Dann lachte sie, als sie Julius verschmitztes Grinsen sah.

"Ich habe früh zwei Dinge gelernt, Prue:

Zeig nie, was du kannst oder weißt, wenn du nicht bereit bist, dir dafür eine reinhauen zu lassen, wenn das wem nicht paßt!

Halte dir immer soviele Möglichkeiten offen, daß du nicht groß nachdenken mußt, um deinen Hintern aus Schwierigkeiten herauszuhalten!

Ich weiß, das könnten Slytherin-Sprüche sein. Aber das ist mir in den ersten drei Schuljahren so gegangen."

"Soll das heißen, daß du ihm nicht alles mitgegeben hast?" Flüsterte Prudence.

"Kein Kommentar", erwiderte Julius hinterhältig grinsend.

"Und nenne mich nicht Prue! Schon schlimm genug, daß ich das Cho nicht abgewöhnen kann. Aber die ist immerhin meine beste Schulfreundin", zischte Prudence Whitesand noch.

 

 

Mitte März wurde es für Julius sehr wichtig, möglichst viele Übungsstunden auf seinem Besen zu absolvieren, denn für die Woche vor den Osterferien hatte Madame Hooch die Soziusflug-Prüfungen angesetzt.

"Bei Schönem Wetter ist eine umfassende Bewerrtung der Flugleistung nicht gegeben. Bei reinem Regenwetter sind zuviele Beeinträchtigungen da", hatte sie den Schülern vorgebetet, die sich zu Paaren für Soziusflugstunden gemeldet hatten. Julius unterhielt sich mit Gloria Porter darüber, wie sie sich bestmöglich auf die wichtige Prüfung vorbereiten konnten. Kevin und Gilda gerieten sogar in einen wilden Streit, wer von ihnen beiden besser fliegen könne.

"Eins ist ja klar. Die will uns testen, damit wir mit jedem X-beliebigen Zauberer auf einem Besen fliegen können und nicht eine gute Paarvorstellung abgeben", meinte Julius zu Gloria. Sie nickte. Dann sagte sie:

"Das heißt, jeder von uns beiden muß gleichgut aussehen. Da ich im Gegensatz zu dir nicht so überragend fliegen kann, wird das nicht einfach."

"Alleine kann ich gut fliegen, wenn ich auch nicht weiß, ob du schlechter als ich bist, Gloria. Aber im Zweierverband ist das nicht so einfach. Das haben wir ja alle lernen müssen, auch Kevin."

"Immerhin hast du schon mehr Übung darin, andere zu fliegen als ich. Aber ich denke, daß wir beide uns sehr gut schlagen werden", schloß Gloria eine lange Unterhaltung über die Flugtechniken ab, die im Vergleich zum Einzelflug anders waren.

So nutzten die angemeldeten Schüler, nicht nur die aus der zweiten Klasse, jede freie Minute bei Tageslicht zu Besenflügen. Julius und Gloria begegneten dabei auch einmal zwei Durmstrangs, die wie wild über dem See herumsausten und sich zu fangen versuchten. Dabei wäre Julius beinahe mit einem der beiden zusammengekracht, wenn er nicht eine Seitwärtsrolle gedreht hätte, die Gloria gut mithalten konnte. Auch von den Beauxbatonss kamen immer wieder welche auf ihren Besen, um zu trainieren. Jeanne Dusoleil flog einmal im Tandem mit Barbara Lumière hinter sich heran und sagte:

"Wunderbar, ihr beiden. Wenn ihr das so beibehaltet kriegt ihr sehr gute Noten."

Barbara Lumière fügte noch hinzu:

"Wenn jeder von euch beiden freihändig fliegen kann, ohne die Kontrolle zu verlieren, habt ihr es."

"Haha! Wie überaus lustig", grummelte Julius, als er sich schnell mit Gloria von den beiden Beauxbatonss abgesetzt hatte.

"Madame Hooch würde uns sofort durch die Prüfung fallen lassen, wenn du oder ich versuchen würden, freihändig einen Sozius zu fliegen. Du hast doch gehört, wie sie den Jungen angebrüllt hat, mit dem die Ashton jetzt zusammenhängt, als der so aus Jux beide Hände vom Besen genommen und blöd gekichert hat", erinnerte Gloria Julius an ein Vorkommnis, was einem der Paare aus Slytherin fast die weiteren Flugstunden gekostet hätte. Calligula Scorpaenidus, ein brünetter Slytherin-Zweitklässler mit breiten Schultern und etwas einfältig scheinendem Gesichtsausdruck, der mit Melissa Ashton zusammenhing, tat sich gerne als cooler Draufgänger hervor. Julius glaubte, daß er damit nur seine mangelnde Auffassungsgabe überspielen wollte.

Trotz der guten Vorbereitung war es Julius doch ein wenigmulmig zu Mute, als er am vorletzten Freitag vor den Osterferien aus der Kräuterkundestunde kam. Hinter ihm giggelten die Slytherin-Mädchen der zweiten Klasse und spöttelten über das mögliche Versagen des angeblichen Traumpaares. Calligula Scorpaenidus, der Freund von Melissa Ashton, fühlte sich berufen zu fragen:

"Hat dieser Muggelbalg überhaupt eine Versicherung, die Besenabstürze abdeckt?"

Kevin Malone fühlte sich dazu veranlaßt, Calligula zuzurufen:

"Am besten steckst du dir die Besenspitze in dein großes Maul, damit du dich richtig festhalten kannst."

"Kevin, laß ihn. Wenn er Angst hat, er könnte zu gut aussehen und dann nicht mehr unbeschwert herumlaufen, weil alle ein Autogramm von ihm wollen, mag er sagen, was er will", erwiderte Julius keck. Calligula verschluckte sich danach fast an seinem eigenen dümmlichen Gekicher. Er brauchte eine halbe Minute, bis er fragte:

"Wie meinst du das denn, eh?"

"Daß sich das für mich so anhört, als fürchtest du, super auszusehen, wenn alle anderen sich blamieren", erwiderte Julius.

"Ja, sagtest du. Aber was meinst du damit?"

"Was ich sagte", kam es von Julius. Calligula zog es vor, nichts mehr dazu zu sagen, denn gerade waren sie auf dem Flugübungsplatz angekommen.

Madame Hooch rief die Prüfungspaare mit einem Pfiff auf ihrer Trillerpfeife zusammen und gab ihnen die Regeln für die Prüfungen bekannt:

"Also, ihr alle habt euch bis hier sehr beharrlich geschlagen, weil ihr prüfen wollt, ob ihr in Zukunft jemanden mit auf eurem Besen mitnehmen dürft, ohne von der Abteilung für magischen Personenverkehr belangt zu werden. Heute ist der Entscheidungstag. Hier und jetzt wird jedes Paar zu beweisen haben, daß es den praktischen Teil beherrscht. Danach werde ich Fragebögen verteilen, die ihr einzeln und ohne Absprachemöglichkeiten ausfüllt. Beides zusammen, Praxis und ausgefüllte Fragebögen, werden die Prüfungsnote ausmachen. Der praktische Teil zählt zwei Drittel, der theoretische Teil ein Drittel. Bestanden hat, wer über 75 von 100 Punkten für sich verbuchen kann."

Ein gequältes Stöhnen der Prüflinge klang auf, als Madame Hooch die hohe Anforderung erwähnt hatte.

"Leute, diese Grundlage habe ich nicht gemacht, sondern die Abteilung für magischen Personenverkehr. Die will sicherstellen, daß nicht unterdurchschnittlich begabte Hexen und Zauberer mit Soziusflügen sich und andere gefährden oder gegen die bestehenden Richtlinien für den Personentransport verstoßen", quittierte Madame Hooch die Unmutsäußerung der Schüler. Dann fuhr sie fort:

"Für den praktischen Teil wird jedes Paar einzeln und in abwechselnden Rollen geprüft, ob es gleichmäßige Manöver, schnelle Kursänderungen in allen Raumrichtungen, sowie zielgenaue Landungen beherrscht. Sind alle durch, erfolgt der theoretische Teil. - Sollte sich jemand im Augenblick körperlich unwohl fühlen, sage er oder sie dies bitte jetzt. Dann wird die Flugprüfung später nachgeholt."

Keiner fühlte sich körperlich unwohl.

"Dann beginnen wir", erklärte Madame Hooch die Sozius-Flugprüfungen für eröffnet.

Da wie sovieles in Hogwarts auch die Flugprüfungen in alphabetischer Reihenfolge gehandhabt wurden, mußten "Andres, Julius und Porter, Gloria" als erste antreten. Da sie nicht ihre eigenen Besen sondern schuleigene Sauberwisch 5 benutzen mußten, dachte Julius schon, sich nicht so sicher auf dem Besen bewegen zu können. Doch als Gloria und er aufgesessen hatten, wobei Gloria hinter ihm saß, verflog die Unsicherheit und machte ungeteilter Konzentration platz.

Madame Hooch bestieg ihren Besen, den sie auch immer für die Quidditchpartien benutzte und gab das Startsignal:

"Auf meinen Pfiff hebt ihr beide ab. Du steuerst, Julius Andrews."

Madame Hooch stieg zunächst mit ihrem Besen auf zehn Meter Höhe, dann schrillte ihre Trillerpfeife.

Wie geprobt stießen sich Julius und Gloria zeitgleich vom Boden ab. Julius übernahm die Steuerung des Besens, während Gloria ihre Arme um seinen Bauch geschlungen hielt. So flogen sie zunächst gerade Strecken, wobei sie anstiegen oder absanken, flogen leichte Kurven und wendeten in weiten oder in engen Kreisen, so wie Madame Hooch es ansagte. Dann galt es, möglichst schnell zu fliegen, dabei sehr enge Kurven zu fliegen, schnell auf- und abzusteigen und seitliche Rollen zu drehen. Julius unterdrückte sein Verlangen, das Rosselini-Raketenaufstiegsmanöver zu versuchen und zog in einer sehr engen Spirale den Besen auf dreißig Meter Höhe, als Madame Hooch ihm zurief, möglichst schnell an Höhe zu gewinnen, sobald sie das Pfeifsignal gab. Als die beiden Prüflinge bei ihr ankamen, sah Julius, wie sie auf den Abstellknopf einer silbernen Armbanduhr drückte. Sie nickte und deutete auf zwei Punkte, die ungefähr vierhundert Meter vorauslagen, einen gelben und einen grünen.

"Wenn ich wieder pfeife, bringst du dich und deine Partnerin nach unten, mit hoher Geschwindigkeit. Über dem gelben Punkt bremst du erst ab und landest auf dem Grünen oder unmittelbar bei ihm! Dafür hast du dreißig Sekunden. Keine Korrekturmanöver!"

Julius zwang sich zur inneren Ruhe, dann ertönte der Startpfiff.

Mit hohem Tempo raste Julius dem gelben Punkt entgegen, bremste genau über ihm den Flug ab und berührte mit Gloria keine fünf Sekunden später punktgenau die zwei Meter durchmessende grüne Markierung. Madame Hooch schwirrte heran und gebot den beiden, in dieser Position zu verharren. Mit einem selbsttätigen Maßband wurde der Abstand der Besenspitze zum Rand der Markierung und der Abstand des Besenendes zum Rand der Markierung gemessen. Dann mußten die beiden zum Startpunkt zurück. Nun sollte Gloria den Flug steuern.

Julius setzte sich hinter Gloria und hob mit ihr ab, als das Startsignal kam. Der weitere Verlauf war wie bei ihm, als er steuern mußte. Danach mußte Julius von hinten steuern, was schon etwas schwieriger war aber trotzdem ohne Unfall oder übermäßige Schlenkerbewegungen ablief. Gloria mußte danach von hinten steuern. Ihr gelang es zwar, einigermaßen auszubalancieren, doch so spielerisch, wie Julius es gezeigt hatte, lief es für sie nicht ab. Julius durfte keine eigene Bewegung machen, um sie besser dastehen zu lassen, denn Madame Hooch beobachtete die Flugbewegungen. Die Landung innerhalb von dreißig Sekunden gelang nicht, und der Besen ging drei Meter hinter dem Landepunkt nieder. Glorias Hände zitterten leicht. Madame Hooch ließ ihr verhextes Maßband spielen und erklärte den praktischen Teil der Prüfung der beiden für beendet. Als die beiden den Prüfungsbesen abgaben, und Madame Hooch einen anderen Sauberwisch 5 holte, traten kleine Tränen in Glorias Augen. Julius tröstete sie mit den Worten:

"Wir haben das hingekriegt. Die schnellen Kurven muß man nicht immer fliegen, und eine Landung ohne Knochenbrüche ist wichtiger als eine genaue Punktlandung."

Melissa Asthon wollte sich gerade abfällig über Glorias Flugkünste auslassen, als Madame Hooch "Ashton, Melissa und Scorpaenidus!" zur Prüfung rief.

Melissa, so kam es Julius vor, scherte sich nicht viel um Sicherheit. Sie jonglierte mit ihrem Partner auf dem Besen herum und schien das ganze wie ein einfaches Spiel zu betrachten. Wie beiläufig bremste sie in der Landeprüfung den Besen und landete genau auf dem grünen Landepunkt. Danach flog Calligula, der genauso ungestüm herumflog. Doch als er einen falschen Griff tat, um eine schnelle Wende zu fliegen, geriet der Besen heftig ins trudeln. Calligula Scorpaenidus lachte wohl darüber, denn Julius sah nur ein breites Grinsen auf dem Gesicht des Slytherin. Er bekam zwar den Besen wieder in seine Gewalt, zeigte danach jedoch nur mäßige Flugkünste. Als es an den schnellen Aufstieg ging, wagte er den Rosselini-Raketenaufstieg und baute dadurch einen mehrfachen Rückwärtsüberschlag. Kevin Malone, der mit Gilda Fletcher stand, fuhr erschrocken zusammen.

"Der hat den allein schon nie gepackt, und dann noch mit wem hinten drauf. Der Kerl ist wahnsinnig."

Als es um die Landung ging, schoß Calligula weit über den Landepunkt hinweg.

"Die Show ist gelaufen für den", flüsterte Julius Kevin ins Ohr. Dieser nickte. Die beiden Jungen waren sich einig, daß Calligula in diesem Jahr keine Transportberechtigung für Mitflieger kriegen würde.

Melissa Ashton flog nun von hinten steuernd den Besen und tat sich schwerer als Gloria. Madame Hooch schien jeden Moment den Abbruch befehlen zu wollen, doch ihre Nerven hielten durch. Der schnelle Aufstieg dauerte zwar nur fünf Sekunden, doch die Fluglage des Besens schwankte wie ein vom Sturm gebeuteltes Schiff. Dafür gelang der Slytherin eine fast punktgenaue Landung auf der grünen Markierung.

Julius glaubte nicht, daß Calligula noch von hinten steuern mußte und wandte seine Aufmerksamkeit dem Rand des verbotenen Waldes zu, wo Hagrid gerade mit einer Schubkarre von der größe eines Kleinwagens herbeikam. In der Schubkarre hockten zwei fußballgroße Käfer mit goldenem Panzer auf einem Haufen Walderde. Hagrid schob die Schubkarre auf den Prüfungsplatz zu, als Madame Hooch gerade drei kurze Pfiffe ausstieß. Julius warf den Kopf in den Nacken und sah, wie Calligula Scorpaenidus die Gewalt über den Besen verlor und mit Melissa Ashton aus fünfzehn Metern Höhe abstürzte. Julius sah, wie Madame Hooch mit ihrem Zauberstab herumfuchtelte und einen Bremszauber auf die beiden legte, der sie jedoch nicht mehr weich landen lassen konnte.

"Das war es dann", sagte Kevin. Julius fragte, was passiert sei.

"Der Idiot hat sich beim Flug durch die Rechtskurve nicht festgehalten. Melissa wollte ausgleichen und hat so den Absturz verursacht.

Hagrid, der den Absturz beobachtet hatte, polterte mit seiner Schubkarre heran und brüllte:

"Was ist denn hier passiert?"

"Gut, daß Sie dasind, Hagrid. Schnell, die beiden müssen zu Madame Pomfrey!" Rief Madame Hooch. Hagrid ließ die Holme seiner Schubkarre los und rannte zu den beiden Abgestürzten. Auch die anderen Prüflinge eilten zu der Absturzstelle und hörten noch, wie Calligula unter Schmerzen hervorbrachte:

"Nein, nicht dieses Monster!"

"Dir geht es wohl noch nicht schlecht genug, was?" Knurrte Hagrid verärgert, als er die zwei von Madame Hooch gezauberten Tragen anhob und damit zum Schloß rannte.

"Keiner geht an die Schubkarre!" Befahl Madame Hooch, als Kevin neugierig vortrat, um sich die beiden großen Käfer genauer anzusehen.

"Wie heißen die Biester?" Fragte Lea Drake mit Unbehagen in der Stimme.

"Weiß ich nicht genau, Kind. Die wohnen im verbotenen Wald."

"Die fliegen nicht weg", sagte Kevin mit leichter Enttäuschung in der Stimme.

"Können sie auch nicht. Über der Schubkarre hängt ein magisches Netz", bemerkte Gilda Fletcher.

Nach fünf Minuten kehrte Hagrid zu ihnen zurück und meldete, daß die beiden bei Madame Pomfrey eingetroffen seien und diese sich nach der Prüfung mit Madame Hooch unterhalten wolle, wie der Absturz passiert war. Danach nahm er die Holme der Schubkarre wieder in seine mülleimerdeckelgroßen Hände und schob die goldenen Riesenkäfer zu seiner Hütte hinüber.

"Hoffentlich füttert er damit nicht diese knallrümpfigen Kröter", bemerkte Chuck Redwood.

Die nächsten Prüfungspaare mußten antreten. Madame Hooch wollte vor dem Einbruch der Dämmerung durchsein.

Das Paar aus Lea Drake und Chuck Redwood schlug sich gut in allen vier Durchgängen. Dann mußten Gilda und Kevin antreten. Hier zeigte sich, daß Kevin der weitaus bessere Flieger war als Gilda. Danach kamen die beiden Hollingsworths, die sich ebenfalls für eine Soziusflugprüfung beworben hatten und zeigten, daß keine der beiden Schwestern schlechter war als die andere, egal in welchem Durchgang. Es folgten Fredo und seine Freundin aus Gryffindor, Glenda Honeydrop. Danach kamen nur noch welche aus der fünften Klasse. Als die praktische Prüfung nach zwei Stunden beendet war, kam der Theorieteil. Hierzu wurden die bereits im vorjahr benutzten Schummelabwehrfedern ausgeteilt und die Schüler an kleinen Einzeltischen in einer Klasse neben Madame Hooches Büro gesetzt. Keiner konnte von dem anderen abschreiben, ohne daß seine Feder dies durch einen schrillen Warnlaut verpetzt hätte. Dann wurden die Fragebögen ausgeteilt, die Madame Hooch im Auftrag der Abteilung für magischen Personenverkehr bekommen hatte. Julius nahm die Pergamentseite mit den zwanzig Fragen, von denen einige mit einem X bei "Ja" oder "nein" beantwortet werden konnten und andere ausführlich beantwortet werden mußten. So stand da zu beantworten:

"Wo dürfen Personen sitzen, die dreißig und mehr Zentimeter kleiner sind als der Steuernde?"

"Vor und hinter dem Steuernden", schrieb Julius in das Antwortfeld.

"Wo dürfen Personen sitzen, die mehr als dreißig Zentimeter größer als die steuernde Person sind?"

"Ausschließlich hinter dem steuernden, weil sie sonst Sicht und Steuerbewegungen behindern", schrieb Julius. Dann waren da noch fragen zum Transport von flugunkundigen Hexen und Zauberern, ob zu einem Flugpartner noch Zuladung kommen durfte, was Julius bei "nein" ankreuzte, ob Soziusflüge immer auf freiwilliger Basis stattfinden mußten, was er bei "Ja" ankreuzte und in das kleine Begründungsfeld schrieb:

"Erzwungene Soziusflüge stellen eine Gefahr für alle Menschen dar, ob Nichtmagier oder Zauberer."

Dann folgten Fragen zum Antritt eines Soziusfluges, Richtlinienerklärungen für Nottransporte und schließlich eine Frage, die Julius besonders betraf:

"Dürfen Angehörige der magischen Welt Angehörige der nichtmagischen Welt auf Besen mitnehmen?"

Julius wußte, daß es verboten war, Muggel auf einem Besen zu transportieren. Madame Faucon und ihre Tochter Catherine, die mit einem Nichtzauberer verheiratet war, hatten ihm das erzählt. Dann fiel ihm jedoch die einzige Ausnahme ein, die er in einem Buch über den Umgang zwischen Muggeln und Magiern gelesen hatte und zitierte den betreffenden Satz wortwörtlich.

"Im Zuge der Geheimhaltungsvorschriften der Zaubereigesetze gegenüber den Angehörigen der nichtmagischen Menschheit ist es jedem Zauberkundigen untersagt, Nichtmagier auf magische Weise zu befördern oder ihm oder ihr magische Transportmittel zugänglich zu machen, sofern durch die Transportverweigerung nicht die körperliche Unversehrtheit der in eine bestimmte Situation geratenen Magier und Nichtmagier sowie die Geheimhaltung der Zauberei gefährdet wird."

Dann schrieb er noch in Klammern:

"Das heißt, daß Hexen und Zauberer Muggel transportieren dürfen, wenn verletzte oder tote Muggel unliebsame Nachforschungen nach sich ziehen. Die Vergissmichs können Erinnerungen an einen Besenflug besser aus dem Gedächtnis löschen, als nach von Zauberern zurückgelassenen Muggeln suchen, die in der Zwischenzeit anderen über Beobachtungen seltsamer Dinge berichten können."

Julius Andrews war froh, daß er diese Frage zum Schluß beantwortet hatte. Denn mit der Antwort wäre er bald über drei Zeilen gekommen. Als dann Madame Hooch das Ende der theoretischen Prüfung verkündete und die beschriebenen Pergamentbögen einsammelte, waren es nicht wenige, die lange Gesichter zogen. Nur Julius, Lea und Gilda wirkten entspannt, als wäre ihnen nichts unerwartetes widerfahren.

"Die Gesamtergebnisse werden am Montag nach den Nachmittagsstunden in meinem Büro zusammen mit den Urkunden für die erfolgreich erworbene Soziusflugerlaubnis ausgehändigt", informierte Madame Hooch die verbliebenen Teilnehmer.

"Was ist mit Melissa und Calligula?" Fragte Chuck Redwood.

"Die beiden werden von mir einzeln abgefragt, um den Theorieteil zu bestreiten. Am Montag bekommt ihr alle eure Ergebnisse und Flugerlaubnisurkunden, wenn ihr die 75 Punkte oder mehr erreicht habt", erwiderte Madame Hooch.

Julius hätte eher damit gerechnet, daß für die beiden die Prüfung als "nicht bestanden" gewertet würde. Doch offenbar mußten sie auch einen schriftlichen Teil abliefern, um gerecht benotet zu werden.

Die Prüfungsteilnehmer versammelten sich noch mal kurz vor der großen Halle, in der schon die ersten beim Abendessen saßen. Julius beglückwünschte die Hollingsworths zu ihren Flugkünsten. Betty meinte:

"Wenn das mal reicht. Ich habe von den Fragen nur zehn beantworten können, und ob die richtig sind, weiß ich nicht."

"Was hast du als Antwort zu Frage zwanzig geschrieben, Muggelkind?" Fragte Lea Drake im Flüsterton, als sie und Chuck sich unauffällig zu Julius hinbewegt hatten.

"Das man Muggel nur mitnehmen darf, wenn es ein echter Notfall auch in der Geheimhaltung der Zauberei ist", erwiderte Julius.

"Ganz genau. So steht es im Gesetz", bestätigte Lea Drake. Chuck, der mitgehört hatte, wurde kreidebleich.

"Verdammt! Ich habe geschrieben, daß man Muggel überhaupt nicht mitnehmen darf, gerade um die Zauberei geheimzuhalten."

Am Haustisch der Ravenclaws berichteten die Zweitklässler, wie sie die Prüfung bestritten hatten. Julius warf einen kurzen Blick zum Slytherin-Tisch hinüber und sah, daß Melissa und Calligula noch nicht wieder aus dem Krankenflügel zurückwaren. Carol Ridges tuschelte mit einer Klassenkameradin und grinste dabei hinterlistig. Julius vermutete, daß es um Lea und Chuck ging. Malfoy hing wieder mit seinen zwei übergroßen Anhängseln Crabbe und Goyle zusammen und spielte sich wieder einmal auf, wenn Julius die Gesten und Körperhaltung des blaßgesichtigen Jungen aus der vierten Klasse richtig deutete.

"Gloria sagt, daß du wohl bestanden haben dürftest", sprach Jeanne Julius auf Französisch an und brachte ihn dazu, sie anzusehen.

"Falls der Theorieteil nicht danebengegangen ist", erwiderte Julius in der Sprache der Beauxbatons-Schüler.

"Bitte reden wir nicht mehr davon. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee war, daran teilzunehmen", sagte Gloria.

"Stimmt. Am Montag wissen wir's. Lassen wir uns einfach überraschen", ging Julius auf Glorias Wunsch ein, die Flugprüfung erst einmal aus den Gedanken zu verbannen.

Das Wochenende vertrieben sich die Ravenclaws mit Schach, Zauberkunststücken und Musik. Beim Schach konnte Julius alle unangenehmen Gedanken vollständig ausblenden, was ihm sehr behagte, weil ihm in den letzten Tagen immer wieder die Frage durch den Kopf gegangen war, was seine Eltern tun würden, wenn diese Mrs. Priestley sie und ihn besuchte. Denn seit ihrer letzten Eulenpost war keine weitere Nachricht eingetroffen. Es hatte ihm unter den Nägeln gebrannt, Francis mit einer Post für seine Eltern loszuschicken, um zu erfahren, was sie dachten. Doch er wußte nicht, ob Francis danach wieder zu ihm zurückgelassen wurde. Schließlich hatten seine Eltern ihm keine Eule erlaubt und könnten daher auf dumme Gedanken kommen.

Am Montag nach Verwandlung war es dann soweit. Julius schrieb sich schnell die Hausaufgabe für die kommende Stunde von der Tafel ab und wollte mit Gloria, Gilda und Kevin zu Madame Hooch laufen. DochProfessor McGonagall hielt ihn mit einem "Moment, Andrews!" zurück. Julius erblaßte, als er sich noch einmal umdrehte. Er glaubte, irgendwas dummes angestellt zu haben, ohne es zu wissen. Als alle anderen aus dem Klassenraum waren, stand er vor dem Lehrerpult.

"Zu der von mir gestellten schriftlichen Aufgabe über die Abweichungen bei Verwandlungen eines leichten Objektes in ein schwereres Lebewesen möchte ich von Ihnen zur nächsten Stunde eine Ergänzung, worauf bei der Verwandlung eines leichten in ein schwereres Lebewesen zu achten ist und umgekehrt. Da Sie die Vivo-ad-Vivo-Verwandlung mittlerweile wie ein durchschnittlich begabter Viertklässler beherrschen, wird es Zeit, sich zumindest ansatzweise mit entsprechender Theorie zu befassen. Dies nur, um Ihre Fähigkeiten unabhängig von Ihrer außergewöhnlichen Zauberkraft einschätzen zu können. Bis zum Mittwoch also!"

Julius verabschiedete sich höflich und ging ruhig aus dem Klassenzimmer. Auf dem Korridor begann er zu rennen, die rechte Hand so haltend, daß er sofort den Zauberstab zücken konnte, wenn ihm Peeves in die Quere kam. Doch der Poltergeist war wohl mit anderen Dingen beschäftigt, so daß Julius unangefochten Madame Hoochs Büro erreichen konnte. Gloria und Kevin warteten davor.

"Hat die McGonagall dir wieder was zusätzliches aufgehalst?" Fragte Kevin frei heraus.

"Die Frau hat eben Angst, ich könnte mich hier zu Tode langweilen", erwiderte Julius außer Atem. Dann gingen er und seine Freunde in das Büro der Fluglehrerin. Calligula Scorpaenidus setzte an, die Nachzügler hämisch zu begrüßen, doch Madame Hooch brachte ihn durch ein unmißverständliches Räuspern zum schweigen.

Madame Hooch ließ die Schüler eine Minute lang still dastehen. Die Wandbilder von früheren Quidditch-Hausmannschaften von Hogwarts verharrten auch in ihrem ewigen Spiel. Julius fühlte sich von den abgebildeten Slytherins und Ravenclaws beobachtet.

"Ich freue mich, euch mitteilen zu können, daß bis auf drei Leute alle die Prüfung mit mehr als 75 Punkten geschafft und damit die Soziusflugerlaubnis erworben haben", begann Madame Hooch. Ein Raunen ging durch die Reihen der Schüler. Jeder sah jeden an. Dann richteten sich alle Blicke auf Melissa und Calligula aus Slytherin. Diese standen stocksteif da, trotz in den Gesichtern lesbar.

"Möchte jemand, daß ich seine Punktzahl nicht öffentlich verkünde?" Fragte Madame Hooch. Keiner zeigte auf. Seine Punkte heimlich mitgeteilt zu bekommen, sahen wohl alle als Schwächeeingeständnis an. Was sie geschafft hatten, gut oder schlecht, sollte jeder wissen können.

"Gut! Dann kommen wir zu den Endnoten", begann Madame Hooch. Sie zog ihren Zauberstab hervor und winkte einem großen schwarzen Brett zu, das ihrem Schreibtisch gegenüberlag. Auf dem zwei mal zwei Meter großen Brett wirbelten silbrigweiße Strichmuster herum, bis Namen und Punktzahlen in großen Buchstaben zu lesen waren. Julius wurde es schwindelig. Da stand:

"Andrews, Julius: Flug 100 von 100; Fragebogen 98 von 100.
Gesamtergebnis: 99 1/3 Punkte!

Ashton, Melissa: Flug 58 von 100; Fragebogen 54 von 100.
Gesamtergebnis: 56 2/3 Punkte. ..."

Melissa sah Julius an, die Enttäuschung, aber auch Verachtung in ihrem Gesicht. Julius blieb ruhig und zwang sich zu einer gefühlsfreien Miene. Hochmut war hier in Hogwarts nie sein Ding gewesen und sollte es jetzt auch nicht sein.

"Wenn ihr glaubt, die beiden obersten Einträge stellen die ober- und die Untergrenze der erreichten Punktzahlen dar, so irrt ihr euch. Aber zu den Gründen kommen wir gleich", sagte Madame Hooch, nachdem sie die Schüler über die obersten zwei Einträge hatte staunen lassen. Tatsächlich stand weiter unten auch Calligula Scorpaenidus, dessen Flugleistung mit 21 und dessen schriftliche Arbeit mit 30 bewertet worden war, was ihm eine Endpunktzahl von 24 Punkten eingetragen hatte. Chuck Redwood stand dagegen mit 85 Gesamtpunkten deutlich besser da, ebenso wie Lea Drake mit 86 1/3 Punkten. Julius suchte schnell nach Glorias, Gildas und Kevins Punktzahlen. Bei Gilda stand:

"Fletcher, Gilda: Flug 64 von 100; Fragebogen 100 von 100.
Gesamtergebnis: 76 Punkte."

Bei Kevin stand:

"Malone, Kevin: Flug 100 von 100; Fragebogen 70 von 100.
Gesamtergebnis: 90 Punkte."

Bei Gloria Porter stand:

"Porter, Gloria: Flug 78 von 100; Fragebogen 80 von 100.
Gesamtergebnis: 78 2/3 Punkte."

Die Hollingsworths hatten zwar beide 100 Punkte in der Flugwertung, aber dafür nur 45 Punkte im schriftlichen Teil, was sie auf 86 2/3 Punkte in der Endwertung kommen ließ.

"Madame Hooch, das ist nicht fair", beschwerte sich Fredo Gillers und deutete auf den Eintrag "Honeydrop, Glenda". Seine Freundin aus Gryffindor war nach Auswertung von Flug und Fragebogen mit 72 Punkten unter der hohen Hürde geblieben, die die Abteilung für magischen Personenverkehr angelegt hatte.

"Mr. Gillers, ich achte Ihre freundschaftliche Solidarität, aber kann und werde nichts daran ändern. Die Prüfung kann nur in der Abteilung für magischen Personenverkehr wiederholt werden. Ansonsten müssen die Ergebnisse anerkannt werden."

Glenda Honeydrop kullerten einige Tränen über die Wangen. Offenbar hatte sie sich von der Soziusflugprüfung eine Menge versprochen. Calligula Scorpaenidus, der absolut keinen Grund zum Spott hatte, tönte:

"Heulsuse. Kannst nicht einmal mit Anstand verlieren. Sowas gehört doch nach Hufflepuff."

"Öii!" Protestierten die Hollingsworths. Madame Hooch schnaubte wie ein drohender Drache. Dann ging sie auf die angeschriebenen Bewertungen ein. Da Julius ganz oben auf der Liste stand, begann sie mit ihm.

"Julius Andrews, den ich letztes Jahr als talentierten, wenn auch ungestümen Flieger kennenlernte, erwies sich in der Flugprüfung als besonnen, mit seinen Leistungsgrenzen vertraut und auf deren Einhaltung bedacht. Ich gehe davon aus, daß er ein hohes Maß an Verantwortungsgefühl besitzt, sobald er jemanden transportieren muß. Dies wurde mit der maximalen Punktzahl bewertet.

Bei der Beantwortung der von der Abteilung für magischen Personenverkehr festgelegten Fragen hatte er nur eine Frage falsch beantwortet, nämlich die Frage nach der Zulässigkeit schneller Manöver ohne Notlage. Hier hättest du mit "ja" antworten müssen, da gerade bei Flügen im Schutze von hohen Bergen oder zum schnellen Flug keine weitläufigen Wendemanöver benutzt werden. Aber das war eben nur die eine Frage. Die abschließende und wichtigste Frage, die allein maximal 10 Punkte eintrug, hast du mit der maximalen Punktzahl beantwortet. Ich war sogar versucht, dir einen Bonuspunkt für die wörtliche Darlegung des entsprechenden Gesetzes sowie dessen Deutung zu geben, war jedoch an die Vorgaben des Ministeriums gebunden. Die 99 Gesamtpunkte hast du verdient."

Damit überreichte sie Julius ein silbern glitzerndes Pergamentstück, auf dem Julius in smaragdgrünen Buchstaben nachlesen konnte, daß er nun bis auf amtlichen Widerruf Inhaber einer Transporterlaubnis für eine zusätzliche Person auf seinem Flugbesen war. Danach wurde Melissa Ashton besprochen. Sie wollte zwar einwerfen, daß sie einen kaputten Besen gehabt hätte, kam damit jedoch nicht durch.

"Junge Dame! Ich prüfe schon seit über zehn Jahren junge Hexen und Zauberer auf Besen. Ich fliege jeden Besen vorher probe, um zu erkennen, welcher geeignet ist und welcher nicht. Unterstell mir bloß keinen Vorsatz, oder du gehst mit einem drastischen Punktabzug für dein Haus hier heraus!" Warnte Madame Hooch Melissa Ashton. Danach ging sie die restlichen Teilnehmer durch, wobei sie den Hollingsworths zwar für die guten Flugleistungen ihr Lob aussprach, aber die schriftliche Arbeit kritisierte, als hätten die beiden sich nicht richtig vorbereitet. Dennoch bekamen auch die Hollingsworths ihre Soziusflugerlaubnisse.

Über Glenda Honeydrop sagte sie nur, daß sie es von den schriftlichen Leistungen her hätte schaffen können, aber an der Flugprüfung gescheitert war, wenngleich diese einen oberen Durchschnittswert erreicht hätte.

Kevin bescheinigte sie eine gute Flugleistung und erwähnte auch, daß er wie Julius sonst einer der ungestümen Flieger sei und diesmal besser seine Leistungsgrenzen beachtet hätte.

"Hättest du die letzte Frage richtig beantwortet, wäre dir auch eine Note über 99 Sicher gewesen."

Zu Gloria Porter sagte sie, daß diese wohl eher für theoretische Aufgaben zu haben sei, jedoch keine Probleme mit Soziusflügen haben würde, ja womöglich nur übervorsichtig geflogen sei.

Am Ende der Bekanntgabe der Endnoten verteilte sie noch Bonuspunkte für die Häuser der erfolgreichen Prüflinge. Alle zwischen 75 und 80 Punkten erhielten je fünf, alle zwischen 80 und 85 zehn, alle zwischen 85 und 95 bekamen 15 und Julius als einziger über 95 bekam 20 Punkte. Glenda Honeydrop dachte schon, mit einem Punktabzug für Gryffindor zurückzugehen, bekam aber keinen Punktabzug. Hingegen bekamen Melissa und Calligula je zehn Punkte für Slytherin abgezogen, Melissa zusätzlich noch fünf wegen Anmaßung.

Vor der Tür von Madame Hoochs Büro beeilte sich jeder und jede, möglichst schnell in sein oder ihr jeweiliges Haus zu kommen. Julius ging hinter Gilda und Kevin her. Gilda freute sich sichtlich über die bestandene Prüfung. Auch Kevin war begeistert. Fredo Gillers lief mit Glenda Honeydrop in Richtung Bibliothek.

"Glenda hat fünf Geschwister zu Hause. Die hätte die Soziusflugerlaubnis gut gebrauchen können", flüsterte Gilda.

"Deshalb die Tränen", verstand Julius.

Am Abend schrieb er einen kurzen Brief an Aurora Dawn:

 

Hallo, Aurora!

Heute haben wir die Ergebnisse der Soziusflugprüfungen bekommen. Es ist mir zwar peinlich, aber ich denke, du solltest es erfahren, daß ich in diesem Jahr die Bestnote für die Soziusflugprüfung bekommen habe, 99 1/3 Punkte von 100.

Jetzt, wo ich diese Prüfung hinter mir habe, frage ich mich, wozu das ganze gut sein soll. Eigentlich ging es mir nur darum, meine Flugfähigkeiten zu verbessern und konzentrierter fliegen zu können. Nun, das habe ich geschafft. Aber wofür das ganze? Wenn ich in den Ferien nicht gerade in einer Zauberersiedlung bin, bringt mir das gar nichts, weil ich ja keine Muggel auf meinem Besen mitnehmen darf.

Falls mich diese Mrs. Priestley nicht anderweitig verplant, möchte ich gerne am Ostersamstag nach Millemerveilles kommen. Ich möchte dich nur bitten, Madame Dusoleil nichts davon zu sagen, daß ich die Prüfung im Soziusflug geschafft habe. Nachher fühlt sie sich noch dazu berufen, mich inoffiziell zu betreuen, weil ja die Idee zu diesen Flugstunden irgendwie von ihr kam.

Ich hoffe, der australische Sommer hat nicht alle deine Pflanzen verdorren lassen und du langweilst dich nicht, jetzt, wo Bill nicht mehr bei euch wohnt.

Bis dann irgendwann!

Julius Andrews

 

Julius schickte eine Schuleule mit dem Geld für eine schnelle Postzustellung mit dem Brief los. Dabei traf er Jeanne Dusoleil, die ihre eigene Posteule mit einem Brief betraute.

"Ah, geht der Brief nach Australien?" Fragte Jeanne.

"Woher möchtest du das wissen?" Fragte Julius zurück.

"Weil du der Eule Geld zugesteckt hast und nicht deine eigene Eule geschickt hast. Aber es geht mich ja nichts an. Entschuldige!" Erwiderte Jeanne. Julius nahm die Entschuldigung an. Dann fragte Jeanne:

"Wie ist das eigentlich mit Ostern. Ich kann leider nicht hin, weil ich nicht mit eurem Zug mitfahren darf, sagt Madame Maxime. Aber du fährst in die Ferien?"

"Ja, mach ich", sagte Julius kurz angebunden.

"Dann vergiss nicht, Maman zu schreiben, was du so machst! Sie hat mich gebeten, dich daran zu erinnern, ihr wegen der Hexenkelchsamen zu schreiben, die du von ihr bekommen hast."

"Hmm, die Dinger habe ich ja noch. Soll ich sie am Rand des verbotenen Waldes einbuddeln?" Entgegnete Julius halblaut, aber für Jeanne gut zu verstehen.

"Untersteh dich, so wertvolle Zierpflanzen in diesen ungepflegten Wald zu werfen!" Stieß Jeanne aus. Dann lachte sie laut.

"Wir sehen uns beim Frühstück!" Sagte sie noch und schickte ihre Eule los, nach Millemerveilles, wie Julius mitbekam. Die Schuleule, die er mit seinem Brief versehen hatte, flog hinter der kleinen braunen Eule her zu einem der hohen Eulereifenster hinaus.

 

 

Einen Tag vor Abfahrt des Hogwarts-Expresses, der ihn, Kevin, die Patils und andere Schulkameraden mitnehmen sollte, schickte Julius Francis, seine Schleiereule los, um Madame Dusoleil einen Brief zuzustellen, in dem Julius mitteilte, daß er einen der Hexenkelchsamen in einen kleinen Tonkrug mit Erde und etwas Drachendung gepflanzt hatte.

Das tat er auch, um Francis nicht mit zu sich nach Hause nehmen zu müssen. Er traute seinen Eltern nicht und fürchtete, die Eule entweder zu verlieren oder sie die ganze Zeit über nicht einsetzen zu können.

Als die wenigen Schüler, die über die Osterferien nach Hause fuhren, auf vier Abteile des Hogwarts-Expresses verteilt waren, fuhr der verkürzte Zug los. Julius, Gloria, Pina und die Patil-Schwestern teilten sich ein Abteil mit Ruby Coalfield, einer Gryffindor-Sechstklässlerin mit pechschwarzem Haar, das wild wie eine Löwenmähne das Gesicht des fülligen Mädchens umwehte. Ruby, so wußte Julius von Fredo von Glenda Honeydrop, war Klassenbeste in Kräuterkunde und Verwandlung, jedoch wegen ihrer Leibesfülle nicht gerade begehrt von Jungen ihres Alters, weswegen sie eine regelrechte Eigenbrödlerin war, die sich die meiste Zeit mit Lesen oder Arbeiten vertrieb.

So saß Ruby über den Hausaufgaben für die Ferien, während die Patils von einem Fest ihrer Tante Shantia erzählten. Gloria und Julius hörten gebannt zu, wie Padma das Anwesen ihrer Tante beschrieb, mit schillernden Lichterfeen, die die Abendbeleuchtung bildeten.

Als Padma fertiggesprochen hatte, holte Parvati Patil ihre Wahrsagen-Hausaufgaben hervor und beschrieb auf Glorias Anfrage, wie die Symbole und Tabellen zu verstehen waren. Julius lachte unvermittelt:

"Was gibt es da zu lachen?" Fragte Parvati entrüstet.

"Wenn die Planeten wirklich das Schicksal vorherbestimmen, hätte ich diesen Tabellen nach vor einigen Tagen einem rosa Schweinchen begegnen müssen", erwiderte Julius kichernd.

"Noch So einer", knurrte Parvati und begann einen Vortrag überProfessor Trelawneys große Fähigkeiten.

"Die dürre Fledermaus sagt ständig anderer Leute Tod voraus", mengte sich Ruby genervt in die Unterhaltung. Alle schwiegen. Dann sagte Julius:

"Klar, weil das das einzige ist, was uns alle mal ereilt."

"Wenn ihr euch schon über diese Schwindeltante auslaßt, Parvati, dann bitte leise. Ich muß die Knospungsperioden des fünfblättrigen Schattenwurzes zusammenkriegen. Habt ihr nicht auch was auf?" Meinte Ruby.

"Streberin", frotzelte Padma das ältere Mädchen. Dieses sah sie mitleidsvoll an und meinte nur:

"Ein paar Jahre weiter wirst du froh sein, die schweren Hausaufgaben schnell und gründlich zu schaffen."

Julius kramte nach den Hausaufgaben für Snape und schrieb sich Stichwörter auf, mit denen er die Aufgaben angehen wollte. Dann fischte er nach seinem Schachspiel und fragte Gloria und Pina, ob sie mit ihm spielen wollten.

So vertrieben sie sich die Zeit, in der die Patil-Schwestern sich flüsternd über Parvatis Verehrung für Professor Trelawney stritten. Am Gleis 9 3/4 im Bahnhof Kings Cross verabschiedeten sich die Schüler voneinander. Ruby Coalfield sah zu vier stämmigen Jungen hinüber, die ihr zuwinkten.

"Sind das deine Geschwister?" Wagte Julius eine neugierige Frage.

"Ein Bruder, ein Neffe und zwei Vettern", erwiderte Ruby lächelnd. Dann sagte sie leise:

"Eure Regenbogensträucher sind schön. Hoffentlich werden sie richtig groß."

Julius wußte nicht, was er darauf sagen sollte. So ließ er Ruby ohne weiteres Wort ziehen.

"Hallo, Julius!" Grüßte Dione Porter den Schulkameraden ihrer Tochter Gloria. Sie trug ein lavendelfarbenes Seidenkleid und hatte eine rote Drachenhauthandtasche unter dem linken Arm.

"Hallo, Mrs. Porter", grüßte Julius zurück.

"Deine Eltern stehen hinter der magischen Sperre. Sie unterhalten sich mit meiner Schwiegermutter."

"Häh? Ist Mrs. Jane Porter wieder in England?" Wunderte sich Julius. Er kannte die gemütlich aussehende Großmutter Glorias, die jedoch eine Expertin für Flüche und Bannzauber war.

"Ja, sie hat sich alleine hier hergefloh-Pulvert, weil sie was wichtiges mit uns zu besprechen hat", sagte Mrs. Porter und half Julius, seinen Koffer auf einen freien Gepäckwagen zu heben.

"Wo ist denn deine Eule?" Fragte Glorias Mutter.

"Ich habe sie vor einem Tag nach Millemerveilles geschickt. Ich denke, die kommt erst am Ende der Ferien wieder."

Hinter der magischen Absperrung, die Gleis 9 3/4 von der Welt der Muggel trennte, sah Julius Mrs. Jane Porter, die in einen sonnengelben Reiseumhang gehüllt war und einen breiten Strohhut auf dem Kopf trug. Julius Vater, gekleidet in seinem besten Geschäftsanzug mit langer dunkler Krawatte, was die Fluchabwehrexpertin, die in den vereinigten Staaten von Amerika lebte, nicht beeindruckte. Sie sah ihn an wie einen halbwüchsigen Jungen, der sich absichtlich auffällig angezogen hatte. Julius' Mutter hingegen trug unauffällige Alltagskleidung.

"Wird auch mal Zeit, daß du durch diese merkwürdige Barriere kommst, Julius", begrüßte Mr. Richard Andrews seinen Sohn in halbem Flüsterton. Dann sprach er ganz leise:

"Es wird Zeit, daß wir heimkommen. Ich gebe mich nicht gerne mit solchen Verrückten ab, wie diese Alte da."

Bei seinen letzten Worten hatte er flüchtig zu Mrs. Jane Porter hinübergenickt, die sich mit Gloria unterhielt. Mr. Porter, der einen ähnlichen Geschäftsanzug wie Julius' Vater trug, trat gerade auf den Bahnsteig Nummer 9 und winkte seiner Familie. Dann sah er Julius und kam auf ihn und seinen Vater zu.

"Hallo, Julius!" Grüßte Mr. Porter den Zweitklässler von Hogwarts.

"Hallo, Mr. Porter", erwiderte Julius den Gruß.

"Wir müssen", herrschte Richard Andrews seinen Sohn an und zog ihn unmißverständlich mit sich, während er noch einmal einen verächtlichen Blick auf Glorias Großmutter warf. Julius winkte den Porters zu und wünschte laut: "Schöne Ostertage, Ihnen allen!"

"Gleichfalls, Honey!" Rief Jane Porter fröhlich zurück und winkte mit ihrem Strohhut.

Im Bentley der Andrews' tadelte Mr. Andrews seinen sohn:

"Habe ich dir nicht gesagt, daß ich schnell wegwollte? Du hast diese Leute schon lange genug gesehen, länger als gut für dich ist. Hör gefälligst auf mich, wenn du zu Hause bist!"

"Ich weiß, daß du mal zu mir gesagt hast, daß man immer höflich zu anderen Leuten sein soll", begehrte Julius auf. "Außerdem haben wir das schon längst durch, daß ich zu diesen Leuten gehöre. Dadurch wirst du aber nicht gleich unbedeutend für mich."

"Diese dicke Tante mit dem Strohhut ist doch völlig weltfremd. Die fragte mich doch glatt, ob ich viel Papier vollschreiben müßte, um meine Arbeit zu machen und wielange es in unserer "Muggelwelt" dauere, wichtige Briefe zu verschicken."

"Was willst du, Richard?" Wandte Julius' Mutter ein. "Hast du etwa eine Vorstellung, wie schwer oder wie einfach es ist, Sachen durch Zauberei zu erledigen? Die haben keine Computer und sitzen meistens über Stapeln von Papieren und Büchern, um das zu machen, was wir mit Computern machen."

"Ja, aber sowas auf einem belebten Bahnsteig zu besprechen ist doch peinlich. Die anderen Leute könnten ja denken, wir gehörten einer rückständigen Sekte an oder hätten Kontakt mit solchen obskuren Bruderschaften. Die ist doch verrückt! Als ich sagte, daß ich ihre Bande für total unzeitgemäß halte, hat sie nur gelacht und gemeint, daß ich ja nichts anderes sagen könne, da ich es ja nicht besser wisse. Darauf habe ich gesagt, daß sie nicht mehr ganz richtig tickt."

"Du tickst wohl nicht mehr richtig", fuhr Julius seinem Vater ins Wort und sprach sofort weiter, um seinem Vater keine Gelegenheit zu geben, ihn wegen seiner Bemerkung anzubrüllen:

"Diese "dicke Tante" kennt sich mit schwarzer Magie besser aus, als unsere Gruselromanschreiber es sich vorstellen konnten. Die hat mir in den letzten Sommerferien Geschichten erzählt, da würdest du Alpträume kriegen. Von Totenbeschwörungen, wie sie gingen, wie man Leute durch Abbilder und Körperteile wie Haare oder Fingernägel verfluchen kann, ohne sie direkt sehen zu müssen und von abscheulichen Körperveränderungen. Sei froh, wenn sie sich nicht beleidigt gefühlt hat und ihre gute Erziehung vergißt."

"Wie war das? Du wagst es, mich zu kritisieren?!" Bellte Richard Andrews und hätte fast das Steuer seines Wagens losgelassen. Julius sah im Rückspiegel, daß das Gesicht seines Vaters sich von Zornesrot nach Angstbleich verfärbte. Martha Andrews lachte und sagte:

"Der Junge hat recht. Du hast eine echte Hexe zur Idiotin erklärt. Das ist nicht gerade intelligent, egal, wie gut sie zaubern kann, ist sie dir immer überlegen, auch wenn sie dich nur einschrumpft und in ein Goldfischglas setzt."

"Trotzdem hat der Junge mich nicht zu kritisieren", beharrte Mr. Andrews auf seine väterliche Stellung. Julius schwieg.

"Habe ich dir schon erzählt, daß ich morgen nach San Francisco fliege, um dort an einem Kongreß der Systemprogrammierer teilzunehmen?" Kündigte Julius' Mutter eine Neuigkeit an.

"Nein, hast du nicht", sagte Julius verwundert. Mr. Andrews erwiderte:

"Deine Mum hat beschlossen, sich mit einigen amerikanischen und europäischen Computerexperten zusammenzusetzen, um die Verbesserung des weltweiten Datenaustauschs zu besprechen, wie man Daten schneller und sicherer transportieren kann. Wir sind dann die ganze Woche alleine. Mrs. Summerbee wird den Haushalt erledigen. Also wäre es besser, wenn du in der Zeit keine übernatürlichen Sachen anstellst", erklärte Mr. Andrews.

"Wird mir nicht passieren. Denn jetzt habe ich es raus, wie ich meine Kräfte einteilen kann", erwiderte Julius ruhig.

"Das heißt auch, daß du keine Leute aus dieser Zaubererwelt einladen sollst. Nachher kommt Mrs. Summerbee noch auf die Idee, bei uns sei etwas außerhalb der Ordnung", fügte Mr. Andrews noch hinzu.

Julius grinste nur.

"Meine Freunde aus Hogwarts würden dich und Mum nicht im Traum damit behelligen, mich zu besuchen, seitdem du die Porters so abgefertigt hast. Gloria sagte mir, daß du ihre Mutter im letzten Sommer ..."

"Diese Leute hatten sich damals aufgedrängt. Frechheit von denen, von deiner Mutter und mir Dankbarkeit zu fordern, weil wir uns von ihnen haben mitschleppen lassen, um diesen alten Kauz Dumbledore und diesen Giftmischer Snape zu sehen. Eine reine Zeitverschwendung war das", wetterte Julius' Vater. Mrs. Andrews schien da anderer Ansicht zu sein, so wie Julius ihr Gesicht im Rückspiegel deuten konnte. Sie wandte leise und vorsichtig ein:

"Trotzdem hättest du mit Mrs. Porter nicht so umspringen müssen. Das war ja bald peinlich, Richard."

Mr. Andrews wollte noch etwas dazu sagen, doch das Autotelefon verlangte laut trällernd nach Aufmerksamkeit. Mrs. Andrews nahm den Hörer und meldete sich. Dann reichte sie den Hörer an ihren Mann weiter, der grummelnd seinen Namen sagte.

Die nächsten zehn Sekunden gehörten einem vielfältigen Mienenspiel von Richard Andrews. Julius beobachtete im Rückspiegel, wie sein Vater zunächst angespannt, dann leicht verärgert, dann wieder entspannt und schließlich erleichtert dreinschaute. Dann hörte er ihn sagen:

"Im Augenblick kann ich persönlich nicht viel erledigen, da meine Frau morgen eine Fernreise antritt und ich meinen Sohn beaufsichtigen muß. Aber wenn Sie mich in Ruhe vorarbeiten lassen, werde ich Ihnen und dem restlichen Aufsichtsrat am Donnerstag unsere Protokolle zur Einsicht vorlegen. Bis dahin kann ich nur telefonisch in das laufende Geschehen eingreifen. - Wie? - Nein, das wäre zu kurzfristig. - Dann sind wir uns einig, Mr. Goodwin? - ich danke Ihnen!"

Mr. Andrews gab seiner Frau den Telefonhörer zurück und fuhr seelenruhig nach Hause.

Julius holte die verzauberte Reisetasche, die er von Madame Faucon geschenkt bekommen hatte, aus dem Kofferraum und trug sie federleicht ins Haus, während sein Vater sich mit dem schweren Schulkoffer abschleppte.

"Ich schließe den Koffer im Keller neben dem Labor ein. Vor der Rückfahrt in dieses Hogwarts brauchst du den ja nicht mehr", keuchte Mr. Andrews. Julius rief zurück:

"Ich brauche aber die Bücher und das Schreibzeug, Paps. Wir haben von allen Lehrern Hausaufgaben auf!"

"Unfug. Du hast jetzt ferien. Mrs. Summerbee könnte den Eindruck bekommen, du würdest dich mit okultem Zeug, möglicherweise Teufelsanbetung befassen. Das Ding kommt in den Keller und basta!" Beschloß Julius' Vater. Julius sagte dazu nur:

"Wenn die mich deinetwegen aus Hogwarts rausschmeißen, kriege nicht nur ich Ärger. Vergiß das nicht!"

"Ich lasse mich nicht bedrohen, Junge!" Knurrte Mr. Andrews gefährlich klingend.

Julius trug seine Reisetasche ins Zimmer und steckte den Zauberstab, den er gut unter der dicken Jacke verborgen gehalten hatte hinein. Ein wenig Pergament war ja noch in der Tasche. Außerdem lag darin noch das Zaubertrankbuch, in dem sie die Rezepte für Stärkungs- und Schwächungstränke nachlesen sollten, sowie das Zierpflanzenbuch von Madame Dusoleil, das Buch über gegenflüche von Professor Faucon, sowie der kleine Hexengarten, das Zauberpflanzenbuch von Aurora Dawn, in dem er über die Windwedel und das Feuertaugras nachlesen wollte. Die Aufgaben für Snape hatte er im Zug ja schon erledigt. Den Aufsatz über magische Unkräuter der gemäßigten Breiten konnte er aus dem Hexengarten und dem Buch über Nutz- und Zierpflanzen von Madame Dusoleil nachlesen. Binns, der Geisterlehrer für Zaubereigeschichte, wollte eine über drei Pergamentrollen reichende Abhandlung über die Niederschlagung des Koboldaufstandes von 1612 und der daran anschließenden Zaubereigesetzesänderungen haben, doch Binns kümmerte ihn nicht sonderlich. Das anfängliche Interesse an Geschichte der Zauberei war durch die langweilige Art, wie Binns unterrichtete, fast vollständig wieder verraucht.

Professor McGonagall dagegen würde es ihm nicht durchgehen lassen, wenn er die extra an ihn gestellte Aufgabe nicht vorwies, in der er sich über schnell abfolgende Verwandlungszauber äußern sollte. Hinzu kam noch die Aufgabe, die Sprüche und Zauberstabgesten für die Vivo-ad-Invivo-Verwandlungen bei größeren Tieren zu Pergament zu bringen, wie seine anderen Klassenkameraden dies tun mußten.

Professor Sinistra hatte ihnen aufgetragen, die Neigungswinkel von Sonne und Mond im Verlauf der Ferien zu messen und niederzuschreiben, sowie die Auf- und Untergangszeiten der helleren Fixsterne. Das würde Julius wohl machen können, notfalls holte er sich die Daten aus dem Internet oder bemühte sein Astronomie-Programm für den Computer, um die Werte zu kriegen.

Moody verlangte eine Tabelle mit Flüchen und Gegenflüchen, wie sie wirkten und wie bald man Gegenflüche anbringen mußte, um keinen permanenten Schaden zu hinterlassen. Professor Flitwick verlangte von den Zweitklässlern über die Ferien einen Aufsatz über die zeitlich begrenzte Eigenbewegung toter Objekte, die vor kurzem in Zauberkunst durchgenommen wurden.

"Wenn ich mehr Bücher brauche, porkel ich das Sicherheitsschloß mit meinem neuen Vielzwecktaschenmesser auf", grinste Julius und tätschelte das magische Taschenmesser, das er ebenfalls von Professor Faucon bekommen hatte. "Aber vielleicht ist das ja gar nicht nötig", dachte Julius weiter. Wenn diese Mrs. Priestley am Donnerstag hier gewesen sein würde, würde sein Vater ihm keine Schwierigkeiten mehr bereiten."

Doch Julius fiel ein, was sein Vater gerade am Autotelefon zu Mr. Goodwin, dem Generaldirektor der großen Kunststofffabrik, gesagt hatte:

"Aber wenn Sie mich in Ruhe vorarbeiten lassen, werde ich Ihnen und dem restlichen Aufsichtsrat am Donnerstag unsere Protokolle zur Einsicht vorlegen."

Julius schwante, daß sein Vater es zum x-ten mal darauf anlegte, gegen das Zaubereiministerium zu arbeiten. Doch diesmal, so Julius, würde der Schuß mit Sicherheit nach hinten losgehen. Ob er Mrs. Priestley schreiben und sie davon unterrichten sollte, daß seine Mutter zu einem Kongreß und sein Vater für Donnerstag verplant sein würde? Doch wie wollte er die Nachricht schicken. Francis flog gerade seine Post nach Millemerveilles und würde frühestens am Freitag wieder eintreffen. Insofern beließ Julius es dabei, so zu tun, als sei er mit allem einverstanden, was sein Vater tat. Er konnte ihn sowieso nicht daran hindern, Julius' Zaubereiausbildung zu verachten oder zu befürworten.

 

 

 

Am nächsten Tag fuhren die Andrews' zum großen Flughafen Heathrow, wo Julius' Mutter die Linienmaschine nach Amerika nehmen sollte.

"Wieso hast du kein Erster-Klasse-Ticket genommen, Martha? Deine Firma zahlt dir doch die Reise", Wandte sich Mr. Andrews an seine Frau, als sie mit der beigefarbenen Reisetasche in einer langen Warteschlange vor dem Flugschalter standen.

"Das Spesenkonto meiner Firma ist schon sehr stark geschröpft worden. Die haben mir nur ein kleines Hotelzimmerchen und eben Touristenklasse genehmigt. Ich werde froh sein können, wenn ich drüben etwas besseres als Hamburger und Pommes essen kann", erwiderte Mrs. Andrews. Ihr Mann sah sie sehr mitleidig an.

Als die Flugkartenkontrolle beendet, die Bordkarte ausgestellt und die Reisetasche aufgegeben war, verabschiedete sich Martha Andrews von ihrem Sohn.

"Laß dich von Paps nicht ärgern! Ich bin am Freitag wieder da. Hoffentlich bekommt dein Vater keinen Streit mit dieser Mrs. Priestley. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Bis bald."

Julius sah seiner Mutter nach. Ein dicker Kloß stekcte ihm im Hals und in seinem Magen verspürte er ein flaues Gefühl wie nach einer wilden Runde auf dem Besen. Ohne seine Mutter, so wußte Julius, konnte die Unterredung mit der Amtshexe June Priestley in eine Katastrophe führen.

"Komm, Julius! Ich will hier wieder wegkommen", sagte Mr. Andrews. Julius fragte seinen Vater, ob sie sich nicht den Start der Maschine ansehen wollten.

"Aus solchen Sentimentalitäten mache ich mir nichts, Junge. Mum ruft uns an, wenn sie in San Francisco angekommen ist. Das reicht mir als Bestätigung, daß das Flugzeug ohne Probleme gestartet ist", knurrte Mr. Andrews und zog seinen Sohn entschlossen mit sich zum Ausgang der Abflughalle, zurück zum Parkhaus, wo der Bentley der Andrews' stand. Gerade als sie das Fahrzeug erreichten, begann es von drinnen zu trällern. Das Autotelefon meldete einen Anrufer.

Mr. Andrews ließ Julius vorne einsteigen und nahm den Hörer.

"Ach, Mr. Sterling! - Ja, ich erinnere mich noch daran, daß Sie das erwähnten. - Wie, Sie möchten mich zu Ihrer Erfolgsparty einladen? - Hmm, ich würde gerne kommen, aber ich habe meinen Sohn zu Besuch. - Wie bitte? - Tja, das ginge. Ich garantiere Ihnen, daß er sich benehmen wird. - Achso, es kommen noch andere Kinder. Na hoffentlich mißlingt Ihre Party dann nicht. - Stimmt, Sie haben natürlich recht. Es ist richtig, auch die Familie und die Freunde dabei zu haben, um sich zu amüsieren. - Gut, dann rechnen Sie bitte mit uns zwischen sieben und halb acht! - Ebenfalls Danke sehr!"

 

 

Mr. Andrews legte den Hörer zurück und wandte sich an Julius:

"Dr. Sterling hat mich für Dienstag abend zu einer Party geladen, anläßlich seines erfolgreichen Patentes für flexible Plastikmetallverbindungen. Da noch andere Kinder und Jugendlichen aus seinem Freundes- und Familienkreis anwesend sein werden, erweiterte er die Einladung auch auf dich. Du hast den Anzug noch, den ich dir zu Weihnachten geschenkt habe?"

"Aber sicher", antwortete Julius. "Der liegt im Schulkoffer. Er kam einen Tag später als Weihnachten an. Da wir zu Weihnachten einen Festball besucht haben, mußte ich im Festumhang erscheinen. Kam aber wohl besser bei meinen Mitschülern an."

"Mußtest du daran teilnehmen?" fragte Mr. Andrews, der sich nicht vorstellen konnte, daß Julius freiwillig ein Fest mit Hexen und Zauberern feiern würde.

"Ich wurde von einer älteren Gastschülerin eingeladen und empfand es als unhöflich, ihr einen Korb zu geben, Paps. Außerdem habe ich mich nicht blamiert. Immerhin haben Mum und du mir ja den Tanzkurs bezahlt. Danke noch mal dafür!"

Mr. Andrews, der leicht verärgert dreinblickte, schluckte wohl eine empörte Antwort hinunter, stöhnte nur kurz auf und startete den kraftvollen Motor seines Wagens.

Zu Hause nutzte Julius die Gelegenheit, an seinen Schulkoffer zu kommen, um heimlich noch die benötigten Zauberbücher für seine Hausaufgaben herauszuholen. Sorgfältig glättete er noch mal den weinroten Festumhang, sah kurz auf die Trophäen aus Millemerveilles, den silbernen Zaubererhut für seinen zweiten Platz im Schachturnier und den kleinen goldenen Tanzschuh für seinen Erfolg beim Sommerball, den er mit Claire Dusoleil errungen hatte. Dann schloß er den Schulkoffer wieder und verließ den Abstellraum, in dem wuchtige Gasflaschen und Kanister mit destilliertem Wasser aufbewahrt wurden.

Julius versuchte am Nachmittag desselben Tages noch mit Moira und seinen früheren Schulkameraden Malcolm und Lester zu telefonieren. Doch Moira war über die Ferien mit den Eltern in Italien, und die Eltern von Malcolm und Lester sagten, daß die beiden wegen einer unentschuldbaren Dummheit, die sie begangen hatten, keinen Freund oder Bekannten sehen oder sprechen durften. Julius fragte daraufhin, was die beiden angestellt hatten. Mr. Andrews seufzte, als habe er schon lange befürchtet, daß er diese Frage beantworten müsse. Dann sagte er:

"Die beiden haben mit einem Mitschüler zusammen vor zwei Wochen verbotene Aufputschmittel an ihre Mitschüler verteilt. Malcolms Eltern sagten mir am Telefon, daß die das schon seit einem halben Jahr gemacht hätten, aber jetzt erst erwischt werden konnten."

"Ist nicht wahr, Paps! Das haben die gebracht?"

"Es stand sogar in der Times. Überschrift: "Drogenhändler werden immer jünger". Sie haben sogar die Namen der Beiden gebracht. Was glaubst du, was die Eltern von Lester und Malcolm durchmachen müssen."

"Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir hatten doch immer gesagt, daß wir kein Rauschgift anrühren wollen, weil es eben schwach und hirnamputiert macht", brachte Julius erschüttert heraus. Sein Vater sah ihn ungläubig an und sagte dann:

"Anrühren mußten sie das Zeug ja auch nicht. Sie haben es verteilt."

"Oh, Mist!" Fluchte Julius. Wenn die Eltern der Beiden ihm nicht selbst gesagt hätten, daß die beiden ehemaligen Mitschüler sich voll danebenbenommen hätten, hätte er geglaubt, sein Vater wolle ihm einen Bären aufbinden. Dieser sagte dann noch:

"Und mit solchen Gangstern bist du herumgezogen. Ich hätte dich zum Krüppel geschlagen, wenn du dich mit denen hättest erwischen lassen. Schöne Freunde hast du!"

"Heh! Erstens habe ich die seit einem Jahr nicht mehr gesehen, weil jemand auf die Idee kam, mich über die Sommerferien auf Reisen zu schicken. Zweitens weiß ich nicht, an welchen Saukerl die geraten sind. Drittens habe ich gute Freunde in Hogwarts. Mit deinem letzten Satz hast du die auch mitbeleidigt, will ich dir nur sagen."

"Na und! Das interessiert mich einen feuchten Kehricht, ob die beleidigt sind. Tatsache ist, daß ich dich sofort anzeigen würde, wenn du mit sowas zu tun hättest."

"Ach, du würdest nicht versuchen, das unter den Teppich zu kehren, um deinen guten Ruf nicht zu besudeln?" Schrie Julius wütend. Sein Vater wollte ihm gerade eine runterhauen, sprang aber wie von der Tarantel gestochen zurück und ließ die Hand wieder sinken.

"Bilde dir ja nichts ein, nur weil du .. nur weil du ... Wie gesagt: Bring mich nicht zum äußersten!" Schnaubte Mr. Andrews. Seine Stirnadern waren dunkelrot hervorgetreten, und seine Augen starrten Julius äußerst lauernd an.

"Keine Angst, Paps. Ich bilde mir nichts auf meine Fähigkeiten ein. Dafür kann ich nichts. Außerdem würde ich keinem was tun, wenn er mich nicht direkt angreift. Also lassen wir die Sache auf sich beruhen."

"Gut, lassen wir das. Die beiden sind das doch nicht wert, daß wir uns ihretwegen in die Haare kriegen", lenkte Mr. Andrews ein. Dann kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück.

Julius ging in sein eigenes Zimmer, legte eine CD von Krachmeister B. ein und ging daran, seine Kräuterkundeaufgabe zu erledigen.

 

 

Die nächsten Tage bis zum Dienstag krochen zäh dahin. Julius fand in der Erledigung der Hausaufgaben, sowie diese vor seinem Vater zu verstecken, die einzige Kurzweile. Zwar rief Gloria Porter einmal bei ihnen an, um zu fragen, ob sie und Pina ihn einmal besuchen dürften. Mr. Andrews hatte Julius' Klassenkameradin barsch verkündet, daß er keinen Hexenbesuch während der Ferien gestatten würde.

Am Abend des Dienstags zog sich Julius den neuen, noch unbenutzten Anzug an, knotete sich etwas aus der Übung die dazugehörige Krawatte und trat um kurz vor sieben bei seinem Vater zur Begutachtung an. Die Weltzeituhr von den Hollingsworths trug er unter dem Ärmel des weißen Hemdes verborgen. Man konnte zwar sehen, daß er eine Armbanduhr trug, aber nicht, was es damit auf sich hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er seinem Vater verheimlichen können, daß er eine magische Armbanduhr besaß, die er nicht aufziehen mußte und die durch Gestirnbewegungen und Erddrehung mitbekam, aufwelche gültige Zeitzone sich der rote ihrer vier Zeiger einstellen mußte, die bruchsicher und absolut wasserabstoßend war, so daß ihr Träger damit sogar tauchen gehen konnte, ohne daß sie naß wurde. Julius empfand den Besitz eines solchen praktischen Zeitmessers als Anerkennung, ja als etwas wie eine Medaille in einem Wettkampf.

"Zieh die Krawatte noch etwas gleichmäßiger!" Beanstandete Julius' Vater das Erscheinungsbild seines Sohnes. Dieser gehorchte und zupfte sich den Schlips etwas gerader. Danach konnten sie aufbrechen.

Mit dem grauen Bentley, den Mr. Andrews am Morgen noch auf Hochglanz hatte polieren lassen, ging es aus London hinaus zu einem noblen Vorort, in dem hauptsächlich Wissenschaftler und Stadträte wohnten, deren Einkommen ihnen die 2000 Pfund Miete oder die hohen Quadratmeterpreise keine Last boten. Dr. Sterling bewohnte ein kleines weißes Haus mit einem großen Garten. Julius war einmal mit seinem Vater hiergewesen, als er neun Jahre alt war. Damals hatte er sich mit Mike, dem Neffen des Hausherren, einen Schabernack mit Mikes Schwester Melanie erlaubt. Er hatte das hübsche Rüschenkleid der drei Jahre älteren Fairmaid-Schülerin mit Juckpulver behandelt, ohne daß sie es gemerkt hatte, weil ihr Bruder sie geschickt abgelenkt hatte. Danach konnte sie nicht mehr ruhig sitzen oder stehen und war immer herumgehopst und hatte sich andauernd gekratzt. Als die Sache aufgeflogen war, hatte Julius eine volle Woche Hausarrest bekommen, während Mike von seinem Vater verprügelt worden war.

Dr. Sterling, ein Herr so alt wie Julius' Vater, kam aus dem Haus. Er trug sein hellblondes Haar ordentlich gescheitelt und war in einen taubenblauen Anzug mit weißer Fliege gekleidet. Seine stahlblauen Augen blitzten erfreut hinter den Gläsern seiner rundgeränderten Brille, als er die rechte Hand ausstreckte, um Mr. Andrews zu begrüßen.

"Hallo, Richard! Nett, daß du es einrichten konntest, meinen Triumph zu feiern. Hallo, Julius! Gerade Ferien?"

"Jawohl", bestätigte Julius und bot seine rechte Hand zum Gruß.

Ryan Sterling, der erfolgreiche Chemiker, winkte seinen neuen Gästen zu, ins Haus zu kommen. Dort wartete seine zierliche Frau Claudia in einem wolkenweißen Festkleid. Sie trug ihr schwarzbraunes Haar zu einem ordentlichen Zopf geflochten.

"Hallo, Julius! Du wirst ja ein richtiger Herr."

"Hallo, Mrs. Sterling", erwiderte Julius. "Heute vielleicht noch nicht, aber irgendwann möglicherweise."

"Muß auch noch nicht heute sein, Julius. Kinder sollten ihre Kindheit richtig ausleben, auch wenn sie sich in bestimmten Situationen an Vorgaben halten müssen, um ..."

"Claudia, sie kommen gerade an!" Rief Dr. Sterling von der Haustür her. Mrs. Sterling nickte Julius zu und schlüpfte an ihm vorbei.

Im von Kerzen erhellten Festzimmer saßen und standen die früher eingetroffenen Gäste und unterhielten sich oder tranken aus dem Begrüßungsglas, daß ein Kellner im Frack an der Tür überreichte. Julius bekam puren Orangensaft in einem Sektglas, während sein Vater reinen Sekt zur Begrüßung bekam.

"Das ist der einzige Alkohol, den ich heute trinken darf", flüsterte er nur für Julius hörbar. Julius sah sich unter den Gästen um und stellte fest, daß sie in Gruppen eingeteilt waren. An den mit mintfarbenen Decken bezogenen und mit großen Kupfervasen mit bunten Blumen geschmückten Tischen saßen Männer, Frauen, Jungen und Mädchen, schön nach Zugehörigkeit getrennt wie bei einer Hochzeitsfeier, fand Julius. Ihm fiel sofort das Geschwisterpaar Mike und Melanie auf, die mit ihren schlachsigen Körpern und den pechschwarzen Haaren unter den andern Kindern und Halbwüchsigen saßen und leise miteinander lachten. Melanie hatte ihr Haar wie Mrs. Sterling zu einem Einzelzopf geflochten und mit zwei silbernen Spangen gebändigt, während ihr Bruder, der im Gegensatz zu Julius in Jeans und Pulli erschienen war, sein Haar gerade soeben mal gekämmt zu haben schien.

Dr. Sterling eilte an Julius' Seite, deutete einmal auf den Tisch, an dem die Mitarbeiter seines Teams saßen und dann auf den Tisch, an dem die Jugendlichen saßen.

"Julius, du kannst dich zu Mike setzen. Dr. Andrews, Sie nehmen bitte an meinem Tisch Platz", sagte Dr. Sterling formvollendet.

"Gut, Ryan. Julius, benimm dich!" Verabschiedete sich Mr. Andrews von seinem Sohn und ging an den Tisch mit den Mitarbeitern hinüber. Julius strich sich kurz noch mal über das Jacket, dann ging er lässig an den ihm zugewiesenen Tisch und begrüßte die Kinder und Jugendlichen. Melanie sah ihn prüfend an, dann blickten ihre graublauen Augen zu ihrem Bruder.

"Im Gegensatz zu dir, Mikey hat sich Julius Andrews herausgemacht", stichelte sie. Julius nahm ihr gegenüber platz und sah sie noch mal genau an, ihr veilchenblaues Festkleid, die Haarspangen, die hochhackigen Schuhe.

"Du hast dich auch gut entwickelt, Melanie", bedachte Julius seine Gegenüber mit einem Kompliment und deutete flüchtig auf ihre sich unter dem Kleid abzeichnende Oberweite.

"Ich glaube es bald", meinte Mike. "Findest du die etwa hübsch, Julius?"

"Habe ich sowas gesagt? Dann wird es wohl irgendwie stimmen", erwiderte Julius.

Die übrigen jungen Leute an Julius' Tisch stellten sich vor. Julius nickte brav bei jeder Namensnennung und stellte sich höflich vor.

Unvermittelt wurde es still an den Tischen der Erwachsenen. Julius wandte seinen Kopf zur Festzimmertür und sah Mrs. Sterling, gefolgt von einer hochgewachsenen Frau in einem zinoberroten - Umhang!

Julius meinte, sein Kopf, seine Augen seien unmittelbar festgefroren, so sehr starrte er auf die Frau im fließenden Umhang aus Satin, deren rotblondes Haar seidenweich auf ihre Schultern herabfiel, nur von einem goldenen Haarband im Zaum gehalten. Smaragdgrüne Augen in einem langen fast bleichen Gesicht, das irgendwie adelig auf Julius wirkte, sahen erhaben, ja überlegen durch zwei sechseckige Brillengläser. Julius zwang sich, seinen Blick zu senken und betrachtete die knöchelhohen rubinroten Halbstiefel, deren Spitzen wie Rabenschnäbel vorstachen.

"Liebe Festgäste! Ich bin erfreut, meine Patentante Lady Genevra von Hidewoods begrüßen zu dürfen", sprach Dr. Sterling für alle unüberhörbar in den Festraum. Unwillkürlich erhoben sich sämtliche Gäste, auch die Kinder, wenn man von Mike absah und sahen zu, wie die Dame im Umhang in den Raum schritt, sich von Dr. Sterling die rechte Hand küssen ließ und dann von Mrs. Sterling zu ihrem gemeinsamen Tisch geführt wurde, wo sie rechts von Dr. Sterling sitzen sollte. Jetzt fiel Julius noch eine Frau auf, die ein zimtfarbenes Kleid und kirschrote Lackschuhe trug und einen Jungen im Abendanzug an der Hand führte. Beide besaßen exakt die selbe Haar-, Haut- und Augenfarbe wie die ehrwürdige Dame im zinoberroten Umhang. Die Frau sah für Julius wie ein jüngeres Abbild der Ehrengästin aus, vielleicht war es ihre Tochter. Tatsächlich begrüßten die Sterlings die beiden Nachzügler, und Dr. Sterling stellte sie den Gästen laut als Lady Alexa und Master Gilbert vor, Tochter und Enkel seiner Patentante.

Lady Alexa setzte sich jedoch nicht an den Tisch zu ihrer Mutter, sondern kam mit ihrem Sohn an den Kindertisch herüber. Melanie und Mike blickten sie an, als seien sie Außerirdische, fremdartig, aber interessant.

"Hier setzt du dich bitte hin, Gilbert, und betrage dich anständig", trug Lady Alexa ihrem Sohn auf und stellte ihn hinter einem Stuhl ab. Dann zog sie sich an den Nachbartisch zurück, wo sie, wie Julius sofort erkannte, einen Platz besetzte, von dem aus sie ihren Sprössling im Auge behalten konnte.

Gilbert sah sich um, überheblich, wie Julius fand und stellte sich kurz vor. Dann setzte er sich rechts neben Julius hin.

Melanie wartete, bis die Gäste sich wieder in gedämpfter Lautstärke unterhielten, dann beugte sie sich vor und fragte Julius:

"Ich dachte, du würdest auch nach Eton kommen. Dein Vater hat das doch damals erzählt. Bist du durch die Prüfung gefallen?"

"Meine Eltern haben es sich überlegt, mich auf eine Schule zu schicken, die gezielt auf die Grundtalente von Kindern eingeht, auch was die elterlichen Veranlagungen angeht, Melanie. Die Theodor-C.-Beaufort-Schule ist vor geraumer Zeit gegründet worden, um Akademikerkindern ganz nach ihren Grundtalenten die optimale Ausbildung zu geben", erklärte Julius das, was er mit seinen Eltern vereinbart hatte, wenn er nach seiner Schule gefragt wurde. Melanie zog die Stirn kraus und fragte:

"So glauben deine Eltern, Eton könne dir nicht viel bieten, wie?"

"Das darfst du mich nicht fragen, Melanie. Ich weiß nur, daß ich sehr gut in meiner neuen Schule klarkomme, auch wenn die sehr strenge Hausregeln haben. Fernsehen und privates Telefonieren sind ebenso eingeschränkt wie die Benutzung von Computern zu Privatzwecken. Dafür machen wir viel Sport und lesen uns durch die umfangreiche Bibliothek", führte Julius aus.

"Vielleicht wollen seine Eltern auch haben, daß er sich nicht blamiert. Eton ist zu berühmt, als daß sich da jemand durchhängen lassen kann, ohne daß das breitgetreten wird", frotzelte Mike und sah seine Schwester an. Diese knuffte ihrem Bruder in die Seite und fauchte:

"Eifersüchtiger Kerl. Onkel Ryan war nicht begeistert, daß du nicht nach Eton reingekommen bist."

"Was macht ihr denn da so im Unterricht?" Wandte sich Jessie, ein dunkelblondes Mädchen an Julius. Julius berichtete von den "Bio-Stunden", in denen sie an exotischen Pflanzen herumschnippeln konnten, daß sie Astronomie und Physik im großen Stil hatten, wo jeder seine eigenen Arbeiten verfassen müsse, sowie die "Chemiestunden, in denen er sich immer voll konzentrieren mußte. Gilbert runzelte bei der Erwähnung von Julius' angeblichen Naturwissenschaftsstunden die Stirn, als sei das alles für ihn unbedeutender Quatsch. Er sagte:

"Armseliges Volk. Ihr glaubt, daß euch die Naturwissenschaften weiterbringen können. Wenn ihr meint."

"Was soll denn das heißen?" Fragte Mike den Spross adeliger Herkunft. "Mein Vater ist Physiklehrer in einer Oberschule, und mein Onkel hier, der uns alle eingeladen hat, hat vor kurzem eine bahnbrechende Neuentwicklung für die Auto- und Flugzeugindustrie gemacht, die ihm viel Geld einbringen wird. Glaubst wohl, kleiner Lord, daß du mal was besseres wirst, wie?"

"Ich denke nicht, daß dein Vater mit dieser Neuentwicklung den Stein der Weisen gefunden haben dürfte. Dafür fehlt es ihm an Denkweisen und Fähigkeiten, die dem gewöhnlichen Volk unzugänglich sind", erwiderte Gilbert hochnäsig. Julius glaubte, eine jüngere Ausgabe von Draco Malfoy neben sich zu haben. Deshalb versetzte er sofort:

"Die Alchemie ist doch schon total abgemeldet. Mit dem Plastik, was Dr. Sterling hergestellt hat, kann er viel mehr Geld machen, ohne den üblichen Hokuspokus, den die alten Alchemisten veranstaltet haben. Außerdem haben die betrogen, daß es einem die Schuhe auszieht. Die haben Eisenschlüssel in ein Bad aus Kupferlösung getaucht und dann einen angeblich ganz aus Kupfer bestehenden Schlüssel wieder herausgezogen. Dauerte Jahre, bis das allgemein bekannt wurde, wieso das ging."

"Genau! Was Onkel Ryan gemacht hat, kann jeder Wissenschaftler nachvollziehen", pflichtete Mike Julius bei. Gilbert bedachte ihn mit einem sehr mitleidsvollen Blick.

"So, dann wirst du mir ja wohl in einfachen Worten erklären können, was genau dein Onkel gemacht hat und wie", forderte der Junge aus adeligem Hause. Melanie sah ihren Bruder und danach den Fremden an. Dieser strich sich lässig durch das rotblonde Haar und sah erwartungsvoll zu Mike.

"Wir hören", sagte er mit überheblicher Betonung.

"Was Onkel Ryan gemacht hat, ist streng geheim. Das weiß nicht jeder. Aber jeder, der es weiß, kann das ohne Probleme nachempfinden, wie es geht", erwiderte Mike etwas verunsichert. Gilbert grinste nur. Dann wandte er sich an Julius.

"Du hältst die Alchemie also für eine unsinnige Kunst, junger Sir?"

"Unsinn würde ich nicht sagen, weil eben vieles der heutigen Chemie ohne das Herumgetrickse der Alchemisten nicht bekannt wäre. Ich habe nur gesagt, daß diese Tätigkeit überholt ist, unzeitgemäß, eben nicht in eine wissenschaftlich orientierte Welt paßt. Wieso interessiert dich das? Betreibt deine Großmutter noch alchemistische Studien?"

Alle am Tisch lachten, zumindest jene, die verstanden, worum es ging, darunter auch Melanie.

"Mir wurde aufgetragen, mich nicht über das ignorante Geschwätz von Unkundigen aufzuregen. Daher belasse ich dieses Thema so, wie ihr es seht", sagte Gilbert verächtlich, als sei es eher seine Hoffnungslosigkeit, den Leuten hier etwas beizubringen, als die Tatsache, daß er sich irren könnte.

Die weitere Unterhaltung drehte sich um verschiedene Themen des alltäglichen Geschehens. Julius sprach mit Mike über den Einschlag von Kometenbruchstücken auf dem Jupiter, den er leider nicht hatte sehen können, über das Internet und seine Möglichkeiten, sowie die neuesten Fußballergebnisse. Da Julius den Muggelsportkurier bezog, eine Zaubererzeitung, in der die Sportarten der Muggelwelt beschrieben wurden, war er in diesem Punkt auf der Höhe der Ereignisse, worüber er sehr froh war.

Dann war Abendessenszeit. Zu dem Kellner im Frack, der die Begrüßungsgetränke ausgeteilt hatte, gesellten sich noch vier Kollegen, die aus der Küche Tabletts mit dampfenden Schüsseln und Tellern mit großen Stücken Fleisch heraustrugen. In Windeseile hatten zwei Kellner Teller und Besteck auf den Tischen verteilt, bevor die übrigen beiden mit den Suppenterinen herumgingen.

Als alle Gäste die Suppentassen mit dampfendem Inhalt vor sich stehen hatten, erhob sich der Gastgeber und klopfte mit einem Teelöffel an sein Glas.

"Sehr verehrte Gäste, Myladies, meine werten Freunde, Verwandten und Mitarbeiter!

Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Appetit!"

Alle begannen zu essen. Gefräßige Stille breitete sich aus, nur unterbrochen vom Klappern der Suppenlöffel in den Tassen.

Danach folgte der zweite Gang, Braten verschiedener Fleischsorten mit Kartoffeln, Salaten und Gemüsen. Schließlich gab es einen Nachtisch aus Vanilleeis mit Früchten. Julius genoß das Essen und beobachtete dabei seinen Vater, der selig mampfte, während die Lady im Umhang vorsichtig und bedächtig aß.

Nach dem Festessen hielt Dr. Sterling noch eine Ansprache, in der er sich bei seinen Mitarbeitern bedankte, daß sie es gemeinsam geschafft hatten, den bahnbrechenden Kunststoff zu entwickeln, der vom Flugzeugbesteck bis zum Innenbestandteil einer Raumstation alle Möglichkeiten bot. Anschließend verkündete er, daß nun getanzt werden dürfe. Aus der großen Stereoanlage, die in einer Ecke des Festzimmers aufgebaut worden war, klang Tanzmusik von CD. Dr. Sterling und seine Frau eröffneten den Tanzabend. Julius fühlte sich leicht bedröppelt. Sein Vater würde wohl nicht tanzen. Und wenn er tanzen würde, würde das merkwürdig sein. Andererseits hatte er nicht einmal vor fünf Stunden seinem Vater gedankt, daß er diesen teuren Tanzkurs bezahlt hatte.

Melanie nahm ihm die Grübelei ab.

"Ich hörte von Onkel Ryan, daß du eine gute Tanzausbildung genossen hast. Hast du Lust?" Fragte sie Julius. Dieser schrak zusammen. Mike brachte das zum kichern. Doch dann stand Julius auf und ging mit Melanie auf die freigeräumte Tanzfläche. Mike kam nicht dazu, sich darüber auszulassen, daß seine Schwester sich so schnell jemanden ausgeguckt hatte, weil Jessie ihn aufforderte.

Julius blendete jeden Gedanken an seinen Vater, der am Tisch sitzen blieb, aus. Er nahm den Rhythmus auf und führte Melanie zum Walzer rechts herum. Dabei kam er sich jedoch irgendwie steif und roboterhaft vor. Es war nicht das angenehme Gefühl, mit einer Tanzpartnerin in Harmonie zu sein, das er mit den Dusoleils und anderen Hexen in Millemerveilles, Madame Faucon eingeschlossen, sowie auf dem Weihnachtsball in Hogwarts erlebt hatte. Hier kam er sich nun wirklich verpflichtet vor, eingespannt für ein Unterhaltungsprogramm. Dennoch gelang es ihm, Melanie ohne hölzerne Bewegungen zu führen.

"Du hast ja wirklich was gelernt", strahlte das fünfzehnjährige Mädchen. Julius bedankte sich höflich. Dann fügte er noch an:

"Das kommt immer auf die Partnerin an, wie gut oder schlecht ein Tänzer ist."

"Oh, das darf ich dann wohl als Kompliment verstehen", grinste Melanie kokett. Julius nickte eifrig. Er war froh, daß Melanie die versteckte Andeutung nicht mitbekommen hatte, daß er sich eigentlich nicht richtig entfalten konnte, eben weil er sich wie programmiert vorkam.

Er war froh, als der Walzer verklungen war und die Tanzpaare sich wieder an die Tische begaben. Dabei Fiel Julius auf, daß Lady Alexa einen Mitarbeiter von Dr. Sterling auf die Tanzfläche geführt hatte, der sichtlich erleichtert an seinen Platz zurückkehrte. Mike stand noch auf dem Parkett, denn Jessie wollte noch einen Tanz. Julius zögerte einen Moment zu lange, um sich zu Gilbert an den Tisch zu setzen. Denn Claudia Sterling schwebte heran und fragte Julius, ob er noch Lust zum tanzen habe. Julius hielt es für unhöflich, abzulehnen und tanzte eine Rumba mit der Dame des Hauses. Dabei genügte ihm ein schneller Seitenblick, um zu sehen, wie Lady Genevra mit ihrem Patensohn tanzte. Julius' Vater hatte sich offenbar auf eine wichtige Unterhaltung eingelassen, denn er sah nicht zu der Tanzfläche hinüber. Melanie trat gerade von Gilbert von Hidewoods zurück, sichtlich beschämt. Offenbar hatte der ihren Wunsch zu tanzen zurückgewiesen.

"Wo hast du denn so gut tanzen gelernt?" Wünschte Mrs. Sterling zu erfahren. Julius, der diese Frage in den letzten Monaten schon häufiger gestellt bekommen hatte, konnte hier und jeztzt den Namen der Tanzschule preisgeben, in der er gelernt hatte. Danach wagte er noch einen Rundblick und sah, wie die hochgewachsene Edeldame mit dem rotblonden Haar ihren Partner in die richtige Ausgangsstellung zurückbugsierte, was diesen wohl beschämte.

"Habt ihr da, wo du lernst, auch Tanzkurse zum Training?" Fragte Mrs. Sterling.

"Nicht direkt. Wer tanzen kann, tut dies bei den wenigen Parties, die es bei uns gibt. Dabei kann ich mich gut in Form halten", antwortete Julius.

Nach der Rumba bedankte sich Julius bei der Hausherrin und kehrte an den Kindertisch zurück. Hier saß nur Gilbert. Melanie hatte ihren Bruder von Jessie losgeeist, die sich daraufhin einen anderen Jungen in Hemd und schwarzer Hose ausgesucht hatte.

"Hat der junge Sir seine Pflicht und Schuldigkeit getan?" Erkundigte sich Gilbert von Hidewoods herablassend. Julius blickte sich um, dann sagte er:

"Yep!"

Gilbert war ob der so kurzen und einfachen Antwort sprachlos. So konnte er auch dann nichts sagen, als seine Mutter herankam und ihn ohne Worte von seinem Stuhl zog und sanft mit sich auf die Tanzfläche zog.

Julius sah sich kurz um und fand seinen Vater immer noch in ein wichtig wirkendes Gespräch vertieft. Er sah sich um, ob er ohne Aufsehen den Festraum verlassen und das Klo suchen konnte. Er stand auf, blickte sich kurz um und ging zur Tür, wo einer der Kellner im Frack stand. Julius fragte nach dem Badezimmer und bekam die gewünschte Auskunft. Durch einen gut beleuchteten Flur suchte er das Gästebad auf.

Als Julius sich die Hände gewaschen hatte, warf er noch einen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, wie das Wetter war. Dabei sah er einen großen Uhu auf das Haus zufliegen, Kurs auf die Seitentür. Julius kniff kurz die Augen zusammen, um zu begreifen, was er sah. Vor der Seitentür stand die Lady im roten Umhang. Der große Eulenvogel schwebte über ihrer rechten Schulter herunter und ließ einen hellen rechteckigen Gegenstand aus dem Schnabel fallen. Dann flatterte er auf das Fensterbrett eines Zimmers im ersten Stock des Hauses, während Lady Genevra den zugestellten Gegenstand untersuchte. Julius fröstelte. Er hatte Licht im Badezimmer gemacht. Die Fremde hatte ihn bestimmt sehen können, wenn sie sich nur kurz umgeschaut hatte. Julius verließ leise das Badezimmer und eilte über den Flur zurück in das Festzimmer, wo gerade die letzten Takte des Tanzstücks verklangen.

"Wünschen Sie noch ein Getränk, junger Sir?" Fragte der Kellner an der Tür. Julius nickte und kehrte an den Kindertisch zurück. Gilbert kehrte soeben von der Tanzfläche zurück, ebenso Melanie und Mike. Julius schob den linken Hemdsärmel etwas zurück, um auf seine Uhr zu sehen. Die vier Zeiger standen gerade auf der Viertel-vor-zehn-Stellung. Lady Alexa, die ihren Sohn begleitet hatte, wandte sich Julius zu und sah, wie er seine Uhr unter den Hemdsärmel zurückschob. Sie trat vorsichtig zu ihm hin und sprach leise:

"Eine interessante Armbanduhr tragen Sie bei sich, junger Sir. Wo haben Sie sie erworben, wenn Sie mir diese direkte Frage gestatten?"

"Wie bitte?" Tat Julius so, als habe er nicht verstanden. Doch die junge Lady schien sich nicht so einfach abwimmeln zu lassen. Sie deutete auf den linken Ärmel seines Hemdes. Er warf einen schnellen Blick auf seinen Vater. Dieser beachtete nur seinen Gesprächspartner, mit dem er immer erregter diskutierte.

"Sie möchten wissen, wo ich diese Uhr herhabe? Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich sie als Geschenk erhalten habe. Daher weiß ich auch nicht, wie teuer sie ist. Ich weiß nur, daß sie in einem Spezialgeschäft gekauft wurde und nicht überall zu haben ist."

"In der Tat", erwiderte Lady Alexa. Dann fragte sie Julius, woher er so gut tanzen gelernt habe. Julius gab den Namen der Schule an und verwies auf seinen Vater, falls sie wissen wollte, wie teuer es sei.

Als die junge Adelige sich an ihren Tisch zurückgezogen hatte, kam ihre Mutter in den Festraum zurück und schritt zielsicher auf sie zu.

"Jetzt bin ich geliefert", dachte Julius. Sicher würde die ältere Dame ihrer Tochter erzählen, daß sie bei einer unmuggelmäßigen Postzustellung beobachtet worden war. Möglicherweise würde sie nun prüfen, ob jemand etwas außergewöhnliches gesehen und gemeldet hätte.

"Was hatte meine Mutter mit dir zu schaffen?" Fragte Gilbert ungehalten.

"Nichts für kleine Prinzen", erwiderte Julius genauso kalt und herablässig klingend. Der Master Gilbert, wohl neun Jahre oder jünger, sah Julius völlig empört an. Er sprang auf und baute sich kampflustig vor Julius auf. Doch dieser setzte sich ruhig an den Tisch und kreuzte die Arme vor der Brust.

"Ich verlange eine Antwort, was meine ehrwürdige Mutter mit dir Muggel zu schaffen hatte!" Knurrte Gilbert leise aber erregt und fixierte Julius wütend. Dieser grinste und fragte:

"Wie hast du mich genannt? Ist das ein Ausdruck für Leute, die nicht in einem geschlossenen Zuchtkreislauf entstanden sind?"

"Gilbert, hüte dich vor Bosheiten!" Tönte Lady Alexas Stimme leise aber streng. Gilbert ließ sich wieder auf dem Stuhl niedersinken und entspannte sich. Julius drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Ermahnung gekommen war und sah neben Lady Alexa Lady Genevra. Diese bedachte Julius prüfend durch ihre sechseckigen Brillengläser und nickte.

"Sie waren das also, der das Gästebad besucht hat. Mehr muß ich nicht wissen", sagte die ältere Dame und zog sich zurück.

Mehr mußte Julius auch nicht wissen. Man wußte nun vom anderen, wozu er oder sie gehörte. Nur der kleine arrogante Gilbert hatte davon keinen Plan. Julius genoß es, wie er von seiner Mutter im Auge behalten wurde.

"Heh, Julius! Noch einen Foxtrott?" Fragte Melanie locker klingend. Julius stürzte seine Limonade hinunter, unterdrückte ein Aufstoßen und schlüpfte lässig von seinem Sitzplatz. Ihm kam das jetzt ganz recht, mit jemandem zu tanzen, bevor noch etwas gesagt wurde, was sein wahres Ich enthüllen konnte.

Julius warf sich mit Melanie in den wilden Tanzrhythmus. Jetzt fühlte er sich nicht verpflichtet. Jetzt konnte er frei tanzen. So kam es, daß am Ende des Tanzes beide sehr erschöpft waren. Dr. Sterling, der bei seiner Patentante stand, lachte.

"Jetzt hast du aber jemanden gefunden, der dich so richtig fordert, was Mellie?"

"Jawohl, Onkel Ryan!" Rief das junge Mädchen lachend.

Dr. Sterling kehrte zum Tisch seiner Mitarbeiter zurück, wo sich Julius' Vater immer noch eine hitzige Unterhaltung lieferte. Julius konnte nicht ermessen, ob sein Vater sich stritt oder begeistert über ein Thema hermachte.

"Junger Sir Gilbert, es ist Schlafenszeit", säuselte Lady Alexa mütterlich hintergründig. Gilbert sah Julius an und meinte:

"Dieser Junge hat mich beleidigt, Mama. Er hält mich für unwürdig, mit ihm auf gleicher Ebene zu sprechen."

"Zeig mit dem Finger auf andere und sieh die drei Finger, die auf dich selbst zurückzeigen", konterte Julius keck. Lady Alexa lachte nur.

"Ihm war nicht das Wort erteilt", sagte Gilbert. Doch seine Mutter sah ihn sehr vorwurfsvoll an. Dann meinte sie zu Julius:

"Er ist zu müde, um noch zwischen Anstand und Unverschämtheit zu unterscheiden, junger Sir. Ich bringe ihn nach Hause."

"Ich werde nicht gehen, bevor dieser Muggel nicht die Beleidigung zurückgenommen hat", wimmerte Gilbert. Unvermittelt ergriff seine Mutter ihn bei den Armen, hob ihn vom Stuhl hoch und stellte ihn auf die Beine.

"Wie oft habe ich dir gesagt, daß du nicht jeden Muggel nennen sollst", zischte sie ungehalten. Dann verabschiedete sie sich von Julius.

"Und bestellen Sie Professor Sprout bitte schöne Grüße von dem kleinen Mädchen, das ihre Springwurzelbeete ruiniert hat", sagte sie leise genug, daß nur Julius und Gilbert es hörten. Dann zog sie ihren Sohn mit sich aus dem Festzimmer.

"Uff!" Entwich es Julius, als er die rotblonde Frau mit ihrem überheblichen Balg aus dem Zimmer gehen sah.

Wie auf ein Stichwort winkte Lady Genevra den Hogwarts-Schüler zu sich, nachdem sie offenbar geprüft hatte, daß niemand ihn beobachtete. Sein Vater saß immer noch im hektischen Wortwechsel begriffen da. So schlenderte er zu Lady Genevra hinüber. Sie sagte nur:

"Gestatten Sie mir den langsamen Tanz, der gerade aus dieser Musikmaschine klingt, junger Sir?"

"Selbstverständlich, Mylady", erwiderte Julius Andrews.

Julius hatte Erfahrung im Tanz mit Damen, die in lange Umhänge gehüllt waren. Hier kannte er sich gut aus. So zeigte er beim langsamen Walzer, der gerade von der eingelegten CD abgespielt wurde, daß er tatsächlich den goldenen Tanzschuh von Millemerveilles verdient hatte.

"Ich empfinde es als Wohltat, letztendlich doch mit einem jungen Herren das Parkett zu besuchen, der den Tanz mit Damen in Umhängen gewohnt ist. Es ist nur bedauerlich, daß Sie auf Grund ihrer gesellschaftlichen Stellung hier nicht dazu kamen, Ihren Festumhang zu tragen."

"Wie meinen Mylady?" Fragte Julius, der natürlich wußte, was die rotblonde Dame meinte.

"Ich spreche von einer gemeinsamen Bekannten, Madame Eleonore Delamontagne aus Millemerveilles, Frankreich. Sie werden sie doch nicht schon wieder vergessen haben."

"Selbstverständlich nicht. Allerdings hausiere ich nicht mit meinen Bekanntschaften, zumal ich Madame Delamontagne nur wenige Male besucht habe", gestand Julius ein.

"Als ich Sie heute abend sah, wie Sie tanzten, entsann ich mich, von Ihnen gelesen zu haben. Meine respektable Freundin hat von Ihnen ausführlich geschrieben, wie Sie ihr Dorf besuchten, wie Sie sie auf den dritten Platz im Schachturnier verwiesen und schließlich mit der jüngeren Mademoiselle Dusoleil den Sommerball bestritten. Ohne Ihnen ein unnötiges Gefühl von Eitelkeit vermitteln zu wollen, empfand ich diese Beschreibung Ihrer Person als äußerst honorig." Dann war da der Eulenbrief, den ich vorhin erhalten habe. Ich ging davon aus, einen Vergissmich anfordern zu müssen, um den Beobachter in den Glauben zu versetzen, nichts beobachtet zu haben. Doch Ihre Reaktion gab den Ausschlag, daß dieser Schritt nicht notwendig sei. Schließlich berichtete meine Tochter mir von jenem Armbandchronometer, das Sie wohlweislich verborgen halten. Sowas ist in der Tat ein exklusiver Artikel."

"Ich ging erst davon aus, daß Sie einen Hang zu außergewöhnlicher Kleidung haben, als ich Sie in diesem Umhang hereinkommen sah. Dann sah ich diesen Uhu, der Ihnen einen Brief zustellte und schloß daraus, daß es besser sei, davon kein Aufheben zu machen", flüsterte Julius, während er sich geschmeidig zum Rhythmus der Musik bewegte. Dann fiel ihm eine Frage ein, von der er nicht wußte, ob sie zu persönlich sei:

"Ich habe dort, wo ich zur Schule gehe, noch keinen echten Adeligen getroffen. Vielleicht sind ja bei den Slytherins welche. Gibt es das häufig auch bei uns?"

"Nur drei Familien in England sind mit der Aristokratie verwoben. Meine Linie reicht zehn Generationen zurück. Ein nichtmagischer Lord heiratete damals meine Vorfahrin, um sie vor der Verfolgung zu retten. Die Zeiten damals waren äußerst turbulent, wie Professor Binns Ihnen sicherlich im Unterricht erläutert haben dürfte. Was die Slytherins angeht, so ersuche ich Sie darum, mich und meine Familie nicht auf dieselbe Stufe mit diesem Volk von machtgierigen Emporkömmlingen und Marionetten von Terror und Zerstörung zu stellen. Ich war eine Gryffindor, meine Tochter Alexa bewohnte zu ihrer Zeit Hufflepuff."

"Dann bitte ich um Entschuldigung, Mylady", erwiderte Julius peinlich berührt.

"Gilbert wird in drei Jahren eingeschult, falls er sich für Hogwarts eignen sollte. Bis dahin gilt es, ihm ein Gefühl für Stellungsgleichheit zu vermitteln, um nicht das Schicksal zu erleiden, welches mir beschieden war."

"Ja, aber Sie nehmen Ihre Herkunft doch sehr ernst", wunderte sich Julius.

"Nach der Schule kann man dies auch tun. Aber während der Schule gilt es, Kameradschaft zu lernen, nicht nur in Hufflepuff, wie der alte Hut uns oft genug vorsang. Dies nehmen Sie bitte als wohlgemeinten Rat einer alten Hexe mit auf Ihren weiteren Weg."

"Das habe ich schon längst erkannt, Mylady. Ich freue mich immer, anderen helfen zu können, wenn sie meine Hilfe erbitten und habe genug Freunde in Hogwarts, um nicht einsam zu sein."

"Dann sind Sie ein Ravenclaw. Denn solche frühe Einsicht kommt nur denen, die über ihre Lage nachdenken, ohne sich dazu gezwungen zu fühlen. Ich wünsche Ihnen noch recht erbauliche Zeiten in Hogwarts!"

"Danke, Mylady! Und danke für den Tanz! Es hat mich geehrt!" Sagte Julius, als die letzten Takte der Melodie verklangen. Er verbeugte sich kurz und küßte der älteren Hexe die rechte Hand. Dann zog er sich zum Kindertisch zurück. Ein prüfender Blick zu seinem Vater hin zeigte ihm, daß dieser wohl nicht bemerkt hatte, daß Julius mit der Lady im roten Umhang getanzt hatte. Sehr wohl war dies Dr. Sterling nicht entgangen. Er trat zu seiner Patentante hin undsprach kurz mit ihr. Sie nickte ihm beruhigend zu. Erleichtert kehrte Dr. Sterling auf seinen Platz zurück.

Es mußte wohl halb elf sein, als die ersten erwachsenen Gäste aufstanden und zum Aufbruch rüsteten. Es verging eine Viertelstunde, bis der halbe Festsaal geräumt war. Die Kellner im Frack räumten Gläser ab, sammelten Tischdecken ein und trugen schmutzige Teller und Tabletts in die Küche. Julius konnte nun, da viele Gäste sich verabschiedet hatten, hören, daß sein Vater über irgendwelche Forschungsergebnisse debattierte, die in irgendeiner Fachzeitschrift veröffentlicht worden waren. Gelangweilt und müde gähnte Julius.

"Dein Vater hat sich mit Chriss auf eine Grundsatzdiskussion über flexible Polymerkristalle eingelassen, Julius", teilte Mrs. Sterling dem Jungen leise mit.

"Wenn du müde bist, kannst du dich solange aufs Sofa im Gästezimmer legen."

"Neh, dann bin ich nachher noch mehr durch den Wind, Mrs. Sterling. Ich muß mich nur irgendwie betätigen, oder bewegen, dann geht es", sagte Julius.

"Melanie und ihr Bruder sind nach Hause, unsere Tanzmusikbox ist abgestellt, unsere Bedienung räumt bereits zusammen. Da bleibt nicht mehr viel", sagte Mrs. Sterling.

Doch gerade als Julius etwas dazu sagen wollte, beendete Mr. Andrews ungehalten die Diskussion.

"Ich möchte Ihre Kompetenz nicht arg strapazieren. Ich beharre auf meiner x-mal geäußerten These, daß Dr. Brooer sich total vertan hat. Jetzt muß ich nach Hause."

Immer noch erregt, trieb Mr. Andrews seinen Sohn zur Eile an. Beim Hinausgehen rief er nur laut:

"Vielen Dank für den abwechslungsreichen Abend, Claudia und Ryan!"

Julius winkte jedem der verbliebenen Gäste kurz zu, dann ging es hinaus zum Parkplatz.

Auf dem Weg in die Winston-Churchill-Straße dachte Julius darüber nach wie sich Lady Genevra, ihre Tochter und ihr Enkel ihm gegenüber verhalten hatten. Schmunzelnd stellte er fest, daß die ältere Hexe ihm gegenüber wesentlich aufgeschlossener aufgetreten war, gleichgestellt, während ihr Enkel jene Überheblichkeit geäußert hatte, die er von den Slytherins kannte. Würden die beiden Hexen ihrem jungen Abkömmling erzählen, daß er einen Jungzauberer als Muggel bezeichnet hatte? Er glaubte es nicht. Der Junge würde in drei Jahren nach Hogwarts kommen, falls er genug Magie entwickelte, um dort aufgenommen zu werden. Dann würde Julius in der fünften Klasse sein, mit völlig anderen Dingen beschäftigt sein und sich nicht um diesen überheblichen Burschen scheren. Möglich war, daß er nach Slytherin kam. Von der Einstellung paßte er wohl dahin. Doch würde er dort klarkommen? Er könnte Draco Malfoy und seine Genossen beerben, die dann das letzte Schuljahr herunterrasseln mußten.

"Diese Ignoranten", schnaubte Mr. Andrews. "Dabei steht das eindeutig in "Vergleichende Organik", daß sich dieser Brooer bei der Ausgangsfrage schon verkalkuliert hat. Aber lassen wir das, das ist für dich eh zu hoch. Oder erlauben dir diese Hexenmeister wieder, dich mit plausibler Wissenschaft zu befassen?"

"Kommt auf dich an. Wenn du die fünfzig Galleonen rüberwachsen läßt, werden die deine Wünsche wohl auch wieder berücksichtigen", sagte Julius trocken. Sein Vater trat wütend aufs Gas und trieb den Wagen damit zu einem wahren Sprung nach vorne an.

"Diese Lady Genevra, die da zu Gast war, war wohl sehr exzentrisch. Ich dachte zunächst, die wäre eine von diesen Hexen. Aber die haben es ja nicht nötig, mit normalen Leuten zu verkehren. Oder hast du da etwas anderes gehört?"

"Sagen wir's so, Hexen und Zauberer bleiben gerne unter sich oder tragen Muggelkleider, um nicht aufzufallen", sagte Julius. Seinen Vater schien das zu beruhigen. Er fuhr den Wagen wieder beherrschter und brachte ihn ohne weiteres Wort zurück nach Hause. Nach Hause? Julius fragte sich seit der Rückkehr nach Hogwarts, ob er dort und in Zaubererwohnungen wie der der Porters oder in Millemerveilles nicht eher zu Hause war. Sicher interessierten ihn die Naturwissenschaften und vor allem die Raumfahrt. Doch sein neues Leben war wesentlich spannender, und er konnte daran teilhaben, eher als auf eine Astronautenausbildung zu hoffen.

Der Bentley glitt in die Garage. Mr. Andrews trug seinem Sohn auf, sich schnellstmöglich bettfertig zu machen. Er selbst mußte noch die eingegangene Elektronikpost prüfen und den Anrufbeantworter abhören.

Julius gehorchte seinem Vater. Er war froh, den Anzug wieder loszuwerden. Er hing ihn säuberlich geglättet in den Kleiderschrank zu den anderen Ausgehanzügen und zog seinen Schlafanzug an. Dann schaltete er den Computer ein und las seine eingegangene Elektronikpost. Dabei war auch ein Brief von Moira, den sie vor ihrer Abreise nach Italien abgeschickt hatte. Sie schrieb:

 

Hallo, Julius!

Auch auf die Gefahr hin, daß du diese Nachricht auch nicht beantwortest, da ihr ja keine Computer benutzen dürft, möchte ich dir doch kurz schreiben, daß meinem Vater vor einem Monat ein unglaubliches Pech widerfahren ist.

Er grub in Nordengland an einem alten Tempel oder Opferplatz, um einem Druiden namens Dairon historisch nachprüfbare Gestalt zu verleihen. Ihm gelang es auch, den Tempel weitgehend freizulegen. Doch dann gab es eine unerwartete Explosion. Irgend jemand muß es witzig gefunden haben, den ganzen Tempel mit Dynamid und Nitroglycerin zu füllen und das ganze dann zur Explosion zu bringen. Vater bedauert dies noch heute, daß er keine Wachen eingestellt hat. Aber vielleicht ist es auch besser so.

Nach Bekanntgabe der Grabungen, lungerten so komische Typen um unser Haus herum. so eine Frau mit blonden Haaren und furchtbar unanständig langen Fingernägeln, die immer eine Krokodilledertasche dabei hatte, wie auch eine Frau, die schwarzes Haar und saphirblaue Augen hatte. Dann waren da noch so junge Typen, die Vater damit bedrängt haben, er grabe endlich den alten Tempel des wahren Erben der Dunkelheit aus. Ich muß zugeben, daß mir diese Leute Angst gemacht haben. Vielleicht haben Anhänger einer gegnerischen Sekte den Tempel zerstört, damit dort keine schwarzen Messen gefeiert werden könnten.

Vater bedauert nur, daß die kunstvollen Tempelbeigaben ebenfalls zerstört wurden.

Na ja! Jetzt fahren wir für die Ostertage nach Rom. Vater will Mum und mir Pompei zeigen, die altrömische Stadt, die der Vesuv 79 nach Christi so schnell in Asche gehüllt hat, daß Leute dort bei ihren Alltagshandlungen erstarrten und starben.

Falls du keine Möglichkeit mehr hast, mir zu antworten, teile dies bitte deinen Eltern mit, damit sie uns informieren können!

Schöne Ferien!

Moira

 

Julius schickte eine Antwort an Moira zurück, in der er ihr zustimmte, daß es besser sei, daß dieser Tempel nicht freigelegt wurde. Er habe von Teufelsanbetern und bekennenden Hexen gelesen, die Dairon als mächtigen Führer der schwarzen Magie verehrten. Dann wünschte er Moira noch schöne Ferien gehabt zu haben und sandte die Botschaft ab.

Es war eine Minute vor ein Uhr, als Julius im Bett lag und fast eingeschlafen wäre. Doch ein Klopfen am Fenster holte ihn noch mal aus den Armen des Schlafes. Eine Posteule wollte zu ihm. Julius öffnete das Fenster und ließ eine Schleiereule ein, die er von Hogwarts her kannte. Sie trug einen dicken Pergamentumschlag herein, warf ihn auf den Nachttisch und flog wieder hinaus. Julius schloß das Fenster und warf dem Umschlag einen mißmutigen Blick zu. Dann legte er ihn in eine Schublade und kroch zurück ins Bett.

 

 

Am nächsten Tag werkelte Mrs. Summerbee, eine ältere Dame mit aschgrauem Lockenhaar und strenger Miene im Haus herum. Julius stellte den Käfig von Francis in den Kleiderschrank. Dann nahm Julius alles an sich, das verdächtig sein konnte und nicht in der diebstahlsicheren Reisetasche lag. Dazu gehörte auch der dicke Umschlag von Hogwarts.

Als Julius Mrs. Summerbee im geräumigen Esszimmer staubsaugen hörte, ging er ins Badezimmer hinüber. Sein Vater war ja schon seit einer Stunde in seinem Büro. Julius drehte am Badezimmertürschließer und setzte sich auf den Klodeckel, um in Ruhe zu lesen, was aus Hogwarts geschickt worden war. Er öffnete den gelben Pergamentumschlag und zog zwei Bögen heraus. Auf dem ersten stand in smaragdgrüner Tinte:

 

Sehr geehrter Mr. Andrews,

wie jedem Schüler der zweiten Klasse stellen wir Ihnen eine Liste der möglichen Fächer zu, die Sie ab der dritten Klasse belegen können. Bitte sehen Sie sich die Liste gründlich an und treffen Sie dann Ihre Wahl!

Es wird empfohlen, mindestens zwei Fächer anzukreuzen. Die Liste mit Ihrer Auswwahl senden Sie bitte per Eule an uns zurück oder reichen sie nach Ferienende an den Vorstand Ihres Hauses!

Wir wünschen noch einen angenehmen Ferienverlauf!

Professor M. McGonagall

 

Auf dem zweiten Bogen Pergament war eine Liste mit neuen Schulfächern aufgeführt

 

 

Alte Runen: Die Lehre von den uralten Schriftzeichen zur Klang- und Wortdarstellung in der Zauberei, Symbolik und Nutzbarkeit bei dauerhaften Zaubern Arithmantik: Die magische Lehre von der Beziehung zwischen Zahlen und Vorgängen. Der Darstellung von Ereignissen und Eigenschaften anhand der magisch bedeutsamen Zahlen. Studium der Muggel: Gibt die Lebens- und Denkweisen der Muggel für Zauberer wider. Das Studium der Muggel erschließt Zauberern und Hexen leichtere Kontakte zur nichtmagischen Welt und hilft beim unauffälligen Leben unter Nichtmagiern. Pflege magischer Geschöpfe: Dieses Unterrichtsfach vermittelt den Nutzen und Zweck magischer Geschöpfe, wo sie zu finden, wie sie zu halten sind und wozu sie wie verwendet werden können. Wahrsagen: Die Fertigkeit, Zukünftige Ereignisse, sowie Schicksale von Personen vorherzusagen.

 

 

Julius grinste. Er glaubte nicht, daß Wahrsagen tatsächlich ein ernstzunehmendes Schulfach sein sollte, daß er dort wirklich lernte, seine Zukunft vorherzusehen. Da sprach schon die Logik gegen, daß eine kurzentschlossene Entscheidung, nicht nach links sondern nach rechts zu gehen, den ganzen Tag verändern würde. Arithmantik, so hatte er sich sagen lassen, sei in sich logisch und für Leute, die gerne komplizierte Aufgaben angehen würden, ein erquickliches Betätigungsfeld. Er hatte Prudence und Cho einmal bei ihren Hausaufgaben über die Schultern gesehen und sie anschließend nach einigen Bedeutungen dessen gefragt, was sie da getan hatten. Danach hatte er den Eindruck, tatsächlich etwas systematisches in der Zauberei kennengelernt zu haben.

Als wenn es gestern gewesen wäre, erinnerte sich Julius an die Begegnung mit Hermine Granger in der Bibliothek, die vor mehr als einem Jahr zu einer kurzen Auseinandersetzung zwischen den beiden Muggelstämmigen geführt hatte. Julius hatte gelacht, weil Hermine sich Bücher über elektrischen Strom und Maschinen der Muggel ausgeliehen hatte. Er dachte, daß er dieses Fach wohl nur dann nehmen würde, wenn er anderswo eine schlechte Note ausbügeln wollte.

Pflege magischer Geschöpfe faszinierte ihn seit seinem Besuch im Tierpark von Millemerveilles. Deshalb kreuzte er dieses Fach als erstes an.

Alte Runen klang interessant. Womöglich würde er da geheime Schriften und Zauberersymbole lernen. Deshalb kreuzte er dieses Fach auch an. Schließlich markierte er noch Arithmantik als drittes neues Fach, packte die Liste wieder in den Briefumschlag und verließ das Badezimmer.

Mrs. Summerbee fuhrwerkte gerade mit dem Staubsauger auf dem Flur im Erdgeschoß herum. So schaffte es Julius ohne aufzufallen in sein Zimmer zu schlüpfen.

Als er den Umschlag wieder in die schublade gelegt hatte, klopfte Trixie, Glorias Steinkauz ans Fenster. Julius verwünschte den Umstand, daß er sein Zimmer nicht von innen abschließen konnte. Er rückte seinen großen Schreibtischstuhl an die Tür. Wenn Mrs. Summerbee in sein Zimmer wollte, würde sie Schwierigkeiten kriegen.

Julius nahm den Brief, den Trixie gebracht hatte. In einem rosa Pergamentumschlag steckte ein weißer Zettel auf dem in veilchenblauer Tinte stand:

 

Hallo, Julius!

Zunächst einmal soll ich dir von Oma Jane schöne Grüße bestellen. Sie hofft, daß du von den Muggeln nicht allzusehr verdorben wirst. Eigentlich wollten meine Eltern und ich uns mit euch treffen. Aber dein Vater ist ja im Moment allein zu Hause und hat uns unmißverständlich mitgeteilt, daß er uns nicht in deiner Nähe haben will. Mum wollte ihm schon einen Heuler schicken, ob er sich nicht schäme, derartig ungehobelt zu sein. Doch ich konnte sie davon überzeugen, daß das nur unnötige Aufmerksamkeit anderer Muggel nach sich ziehen würde.

Du hast wohl wie ich die Liste mit den neuen Schulfächern gekriegt. Hast du dir schon was ausgesucht? Ich werde Pflege magischer Geschöpfe, Arithmantik und Muggelkunde nehmen. Kevin will sich für Wahrsagen und Pflege magischer Geschöpfe anmelden. Pina hat mir geschrieben, daß sie Muggelkunde und alte Runen belegen möchte. Was die Hollingsworths angeht, weiß ich von denen noch nichts. Unsere Eulen flogen in den letzten zwei Tagen zu sovielen verschiedenen Leuten.

Ich hoffe, du verlebst kurzweilige Ferien und hast mit den Hausaufgaben keine Probleme. Ich habe die für Snape, Sprout und Binns schon durch.

Bis dann!

Gloria

 

Julius drehte den Zettel um und schrieb mit einem Füllfederhalter voll mitternachtsblauer Tinte:

 

Hallo, Gloria!

Nett, daß du mir schreibst. Ich werde alte Runen, Arithmantik und Pflege magischer Geschöpfe nehmen. Muggelkunde erschien mir doch zu lächerlich, weil ich ja von Muggeln abstamme. Aber wenn du in dem Fach Probleme kriegen solltest, helfe ich dir gerne bei den Hausaufgaben.

Mein Vater hat eine Hauswirtschafterin angestellt, die unser Haus putzt, solange Mum nicht da ist. Sie ist zu einem Kongreß nach San Francisco und kommt erst am Freitag wieder.

Ich habe ein wenig Bammel, wie der morgige Tag verlaufen wird. Denn diese Ministeriumshexe, die für mich zuständig ist, kommt morgen hier bei uns vorbei, und wenn Paps sie genauso abbürstet wie deine Mum, könnte es Ärger geben. Ich wage es schon gar nicht, ihn daran zu erinnern, daß er gegen unsere Gesetze verstoßen hat.

Ich gehe davon aus, daß wir uns erst im Hogwarts-Express wiedersehen.

Grüße die Anderen bitte von mir!

Alles gute

Julius

 

Julius hatte den Brief gerade an Trixies Bein gebunden und sie aus dem Fenster fliegen lassen, als es an der Tür rumpelte. Mrs. Summerbee schnaubte ungehalten, als sie den schweren Schreibtischstuhl mit der Tür ins Zimmer hineinschob.

"Mußtest du den unbedingt direkt an die Tür rücken?" Fragte die ältere Dame und warf Julius einen vorwurfsvollen Blick zu.

"Ich mußte unterm Schreibtisch lose Blätter auflesen, damit Sie hier saugen können, Mrs. Summerbee. Ich rücke den Stuhl ans Bett."

Mrs. Summerbee wartete, bis Julius den Schreibtischstuhl fortgerückt hatte. Dann ließ sie den Staubsauger durchs Zimmer gleiten. Dabei stutzte sie und warf einen kritischen Blick auf den Boden.

"Vogelfedern? Wie kommst du denn an sowas?" Wollte sie wissen.

"Schulprojekt, Mrs. Summerbee. Wir sollen die verschiedenen Federn untersuchen und aufschreiben, welche Eigenschaften sie haben. Dabei müssen mir wohl einige runtergefallen sein", warf Julius ein, der sich schon eine passende Ausrede bereitgelegt hatte.

"Wie die meinen", grummelte die Hauswirtschafterin und saugte die kleinen Federn von Francis und den anderen Posteulen, die Julius in den letzten paar Tagen besucht hatten auf, ohne weiter darüber nachzudenken.

"Um zwölf gibt es Mittagessen. Dein Vater bleibt im Büro, hat er mir gesagt. Wird Zeit, daß du mal wieder was vernünftiges ißt, nach dem ganzen Fertigkram", sprach Mrs. Summerbee und zog den brummenden Staubsauger kraftvoll unter dem Schreibtisch hervor.

"Joh, Mrs. Summerbee!" Erwiderte Julius.

Tatsächlich konnte Julius zur Mittagszeit richtig gut essen. Eine kräftige Gemüsesuppe, gefolgt von Reis mit Krabben und indischen Gewürzen füllte seinen Magen und beflügelte ihn, nachdem er sich bis zum Mittagessen überlegt hatte, wie er Binns' Hausaufgaben vollständig schreiben wollte.

Nachmittags ließ ihn die Hauswirtschafterin in Ruhe. Sie hatte mit den Badezimmern zu tun. Julius schaffte es, seine Hausaufgaben zu machen, ohne Mrs. Summerbees Aufmerksamkeit zu erregen.

Um drei Uhr klingelte das Telefon. Julius eilte hinunter und erreichte den Apparat, bevor die füllige Hauswirtschafterin am oberen Treppenabsatz auftauchte, in der einen Hand einen Wischmop, in der anderen eine Flasche Kalklöser.

Julius meldete sich. Eine tiefe Frauenstimme antwortete ruhig:

"Ich spreche mit Mr. Julius Andrews? - Gut! Mein Name ist June Priestley. Sie entsinnen sich, daß wir morgen einen Termin haben?"

"Natürlich", brachte Julius schnell heraus. Er wagte es nicht, die Anruferin zu fragen, woher sie wußte, wie ein Telefon ging und daß man ganz normal hineinsprechen konnte, nicht schreien mußte. Doch fiel ihm ein, daß Mrs. Priestley ja die Technik der Muggel kannte, ja regelrecht erforscht hatte.

"Sie wundern sich womöglich, daß ich ein Telefon verwende. Aber ich möchte gerne mit Ihren Eltern direkt sprechen, bevor ich bei Ihnen vorspreche", sagte Mrs. Priestley am anderen Ende der Telefonleitung.

"Meine Mutter ist unterwegs in beruflichen Dingen, und mein Vater kommt erst noch nach Hause. Im Moment ist nur unsere Haushaltshilfe da."

Mrs. Priestley wollte sich gerade verabschieden, als die Haustür aufgeschlossen wurde und Mr. Andrews hereinkam. Julius winkte mit dem Telefonhörer und nickte seinem Vater zu.

"Bin doch gerade erst weg aus dem Büro", knurrte Julius' Vater. Dann nahm er den Hörer und bellte ein "Ja, hier Andrews" in die Sprechmuschel.

Julius tauchte vorsorglich ins Wohnzimmer ab. Tatsächlich polterte sein Vater unvermittelt los:

"Was bilden Sie sich ein? Ich komme gerade von der Arbeit und soll nun ruhig mit Ihnen sprechen können. Ich lege keinen Wert auf eine Unterredung. Dafür habe ich keine Zeit. Nicht heute, und morgen auch nicht. - Wie? - Ich habe selbstverständlich Ihren Brief gelesen. Es interessiert mich nicht, was Sie für geboten halten. Wenn Sie versuchen, meiner Frau und mir reinzureden, wie wir unseren Sohn erziehen lassen, ist das Eingriff in unsere Privatsphäre. - Ihre Gesetze sind für mich nicht gültig. - Soso, erpressen möchten Sie mich? - Doch so nenne ich das. Hüten Sie sich davor, irgendwelche Drohungen zu äußern oder gar, sie wahrzumachen! Ich werde bereit sein, gebührend darauf zu reagieren. - Das mit dem Termin morgen können Sie vergessen. Ich unterhandle nicht mehr mit Leuten aus Ihrer Behörde. Auf nimmer Wiederhören!"

Julius hörte, wie der Telefonhörer auf die Gabel geknallt wurde. Sein Vater erschien mit zornesrotem Gesicht im Wohnzimmer.

"Diese Mrs. Priestley hat mir gedroht. Wenn ich nicht bereit sei, mit ihr vernünftig zu unterhandeln, würde sie dich mitnehmen. Ich werde das nicht zulassen, hörst du. Wenn sie mir so kommt, bleibst du nach den Ferien hier und wirst bis zum nächsten Schuljahr in einer Oberschule hier in London unterrichtet, bis ich was anderes für dich gefunden habe."

"Und ich habe gedacht, du seist der klügste Vater auf der Welt", stieß Julius aus, der erst bleich dann ebenfalls wutrot angelaufen war. "Wenn die meinen, du würdest dich nicht um meine ordentliche Ausbildung sorgen, dann kannst du die nicht daran hindern, mich abzuholen. Du hast doch überhaupt keinen Dunst davon, was die alles können, wenn sie müssen."

Mr. Andrews stürmte vor, um seinem Sohn eine runterzuhauen. Doch dieser tauchte reflexartig unter dem Schlag weg und sprang an seinem Vater vorbei zur Tür. In diesem Moment klingelte das Telefon erneut. Mr. Andrews polterte an Julius vorbei und riß den Hörer von der Gabel. Er unterdrückte den Drang, in die Sprechmuschel zu brüllen. Er zwang sich, ruhig zu sprechen, als er seinen Namen sagte. Dann rief er:

"Mrs. Summerbee! Hier möchte jemand mit Ihnen sprechen!"

In der obersten Etage klappte eine Tür zu, und die Hauswirtschafterin eilte die Treppen herunter. Sie nahm von Julius' Vater den Hörer entgegen und meldete sich. Sie hörte eine Minute lang zu, dann sagte sie nur:

"Ja, das kann ich machen. Ich bin hier fertig. Ich bin in einer viertelstunde bei Ihnen, Mrs. Morgan."

Die Hauswirtschafterin legte den Hörer wieder auf die Gabel und wandte sich an Mr. Andrews:

"Ich muß noch zu einem anderen Einsatz, Mr. Andrews. Ich bin mit den Badezimmern fertig. Meinen Lohn können Sie auf dem üblichen Weg bezahlen."

"Vielen Dank, Mrs. Summerbee. Ich bin froh, daß Sie da waren", erwiderte Julius' Vater ganz entspannt klingend.

Mrs. Summerbee zog ihren dunkelroten Mantel über und verließ das Haus Winston-Churchill-Straße 13.

Julius wurde auf sein Zimmer geschickt.

"Ich muß im Labor noch einige Projektunterlagen nachprüfen", sagte Mr. Andrews. Julius ging mit einem mulmigen Gefühl nach oben und öffnete seine Zimmertür. Kaum hatte er sich auf seinen Schreibtischstuhl gesetzt, klingelte es an der Haustür. Julius hörte seinen Vater zur Tür gehen. Als er einen kurzen erschreckten Ausruf tat, klopfte sein Herz schneller.

Julius hörte, wie eine tiefe Frauenstimme von draußen rief:

"Ich denke, für Ihr Ansehen ist es günstiger, mir zu öffnen, Mr. Andrews! Die Öffentlichkeit könnte sonst die Frage stellen, was eine Dame im Umhang bei Ihnen zu suchen hat!"

Mr. Andrews öffnete die Tür noch nicht. Er eilte ins Wohnzimmer, riß eine Schublade auf, stieß sie nach zwei Sekunden mit lautem Krachen wieder zu und eilte dann zur Tür. Julius hörte, wie er die Haustür öffnete.

"Warum nicht gleich so, Mr. Andrews! Vielen Dank!" Hörte Julius die Unbekannte. Jetzt, wo sie im Haus war, erkannte er die Stimme wieder. Es war Mrs. Priestley, mit der er vor gerade fünf Minuten noch telefoniert hatte. Offenbar war sie ganz in der Nähe des Hauses gewesen oder hatte sich durch Apparition hierher versetzt, als sein Vater sie so schroff und unbedacht abgefertigt hatte, dachte Julius. Er hörte ruhige Schritte auf dem Boden im Erdgeschoß. Dann sprach Mrs. Priestley wieder:

"Ich gehe davon aus, daß Sie im Moment Zeit haben, da Sie morgen ja diesen Termin mit Ihrem Projektleiter wahrnehmen müssen. - Was erstaunt Sie das? Selbstverständlich habe ich mich erkundigt, wann die beste Möglichkeit zur Kontaktaufnahme besteht. Ach, würden Sie bitte Ihren Sohn herbeirufen, wenn wir die längst überfällige Unterredung führen."

"Überfall ist wohl das richtige Wort", knurrte Mr. Andrews.

"Nicht so melodramatisch, Mr. Andrews", entgegnete Mrs. Priestley mit sanfter Stimme, wie eine Mutter, die ihr Kind ohne Aufregung zurechtweist.

Julius widerstand dem Drang, sofort hinunterzulaufen, um sich vorzustellen. Ihm gefiel es nicht, wie die Dinge liefen. Sein Vater bildete sich ein, gegen Hexen und Zauberer seinen Kopf durchsetzen zu können. Die würden sich das nicht lange bieten lassen, dachte Julius.

"Sie möchten Ihren Sohn nicht zu uns herunterbitten. Auch gut, dann sprechen wir beide zunächst alleine", sagte Mrs. Priestley immer noch völlig entspannt klingend. Julius hörte, wie die Wohnzimmertür geschlossen wurde und Stühle gerückt wurden.

Julius legte sich auf den Boden und preßte sein rechtes Ohr auf den weichen Teppich, um zu hören, was unten gesprochen wurde. Doch er verstand nur, daß Mrs. Priestley etwas amtliches vorlas und dann eine Bemerkung dazu machte. Sein Vater erwiderte nur, daß er sich nicht daran gebunden fühlte. Dann sprachen die beiden so leise, daß Julius nichts mehr verstand. Schließlich polterte sein Vater:

"Machen Sie, daß Sie hier rauskommen! Ich habe genug von Ihnen und Ihren Absonderlichkeiten. Mein Sohn wird mit diesem Unsinn aufhören. Jetzt, wo er gelernt hat, sich zu beherrschen, kann er überall zur Schule gehen."

"Ich fürchte, so einfach ist das nicht, Mr. Andrews. Oder glauben Sie, jemand würde nie wieder im Leben rennen, nur weil er den Unterschied zwischen ruhigem Gehen und schnellem Lauf gelernt hat? Unter einem solchen Druck wird niemand richtig lernen können."

"Aber es gibt doch in dieser Schule die Androhung, disziplinlose Schüler von der Schule zu weisen", warf Julius Vater ein.

"Ja, die gibt es. Doch diese Schüler verfügen im allgemeinen nicht über solch starke Zauberkräfte, daß sie ohne Hilfsmittel und ausdrücklichen Wunsch Magie ausüben. Und wie ich Ihnen erläutert habe, ist bei Ihrem Sohn eine seltene Verstärkung der Grundbefähigung erkannt worden, die nur durch fachkundige Förderung in kontrollierbare Bahnen gelenkt werden kann. Offensichtlich legen Sie keinen Wert darauf, Ihrem Sohn eine gesicherte Zukunft zu verschaffen."

"Ich sagte: Raus hier!" Schnaubte Mr. Andrews. Dann hörte Julius ein leises Klicken. Sofort danach rief sein Vater noch:

"Die Hände lassen Sie bitte schön von Ihrem Umhang und der Tasche. Ohne Ihren Zauberstab können Sie nichts ausrichten. Und jetzt gehen Sie durch die Tür, durch den Gang und dann hinaus aus meinem Haus!"

"Wissen Sie, wie lächerlich Sie gerade aussehen? Sie bedrohen eine Harmlose Dame mit einer Schußwaffe. Aber ich weiche der Gewalt."

Julius hörte ein ganz leises Plopp, und einen erschreckten Aufschrei seines Vaters. Dann folgten hastige Schritte aus dem Wohnzimmer in Richtung Treppe. Er sprang vom Boden hoch und hechtete zu seiner Reisetasche. Schnell hatte er den Zauberstab herausgeholt und unter seinem Pullover verschwinden lassen. Dann eilte er zur Zimmertür und öffnete diese Leise.

Eine schwere Stahltür drehte sich leise quietschend in den Angeln. Sein Vater war also im Keller. Julius lief auf Zehenspitzen zur Treppe, sprang sie mit jedem Satz drei Stufen nehmend hinunter und nahm die nächste Treppe nach unten ebenfalls in weiten Sprüngen. Er sah, wie sein Vater den schweren Schulkoffer für Hogwarts aus dem Abstellraum herausschleppte und durch die offene Labortür zog. Julius war sofort klar, was sein Vater vorhatte. Er wollte die Zauberbücher und Ausrüstungsgegenstände zerstören. So rannte er in das Labor. Sein Vater hantierte gerade mit einem großen Kanister voll Alkohol. Als er seinen Sohn sah, ließ er den Kanister auf den Steintisch sinken, auf dem er sonst seine Experimente machte.

"Es reicht mir", stieß Mr. Andrews mit schriller Stimme aus. Seine Augen funkelten wie irrsinnig. "Jetzt machen wir dem ganzen Spuk ein Ende", stieß er noch aus. Julius fragte:

"Hat Mrs. Priestley dir gesagt, daß du meine Schulsachen verbrennen sollst?"

"Die ist fort. Ich habe ihr gezeigt, daß ich mir von ihr nichts mehr bieten lasse. Daraufhin hat sie sich in Luft aufgelöst. Die kommt mir nicht mehr in die Quere. Und du bringst mir jetzt allen Krempel, den du oben noch hast. Das kommt jetzt alles in den Brennofen. Mit diesem vermaledeiten Besen fange ich an."

"Dann mach erst eine Liste, von wem du zuerst verflucht werden willst. Der Besen ist ein Geschenk von mehreren Zaubererfamilien. Die haben dafür viel Geld bezahlt, nicht dafür, daß ein irrer Muggel den kaputt macht. Eine von diesen Hexen kann die dunkelsten Flüche wirken", erwiderte Julius noch beherrscht klingend. Dann fragte er:

"Mrs. Priestley ist verschwunden, disappariert?"

"So heißt das wohl", erwiderte Mr. Andrews und wollte gerade den puren Alkohol über den Sauberwisch 10 auskippen. Julius sagte:

"Wenn Mutter hier wäre, würde sie dir sagen, daß du eben keine Ahnung vom Schach hast. Du hast "Gardez" gesagt, die Dame bedroht. Jeder Schachspieler, der über die Grundzüge hinaus ist, zieht dann die Dame auf eine sichere Ausgangsposition zurück. Aber sie bleibt dadurch immer noch spielbestimmend."

"Wie meinst du das?" Fragte Mr. Andrews und stellte den Kanister wieder auf den Tisch.

"Wie er es gesagt hat", erklang eine tiefe Frauenstimme hinter Julius' Rücken. Mr. Andrews wirbelte herum, seine Hand nach etwas unter seinem Hemd langend. Julius drehte den Kopf nach links hinten, konnte jedoch niemanden sehen. Er warf den Kopf zur anderen Seite herum, doch da stand auch niemand, zumindest niemand, der sichtbar war.

"Expelliarmus!" Tönte eine entschlossene Frauenstimme. Julius ließ sich reflexartig zu Boden fallen. Fast im selben Augenblick zuckte ein scharlachroter Blitz über ihn hinweg und prällte eine kleine Pistole aus der Hand seines Vaters, während dieser von einer unwiderstehlichen Kraft auf seinen steinernen Labortisch geworfen wurde. Als er sich wieder erheben wollte, tönte das Zauberwort "Maneto" durch das Kellerlabor. Julius' Vater blieb liegen, wo er lag.

Julius erhob sich vorsichtig vom Boden. Er wandte sich um und sah, wie zunächst ein Paar glänzender Damenschuhe, dann der untere Saum eines birkenweißen Umhangs und schließlich eine ganze Frau in eben diesem Umhang aus dem Nichts erschien. Die Frau, die Julius als Mrs. June Priestley erkannte, trug an jedem Arm zwei silberne Armbänder. An der rechten Hand zierte ein breiter Goldring ihren Ringfinger. Das rotbraune, schulterlange Haar wurde durch eine goldene Spange hinter ihrem Nacken zusammengehalten. Die graublauen Augen sahen ruhig und entspannt auf Julius herunter, als dieser sich mit einem vorsichtigen Schritt rückwärts von der Hexe entfernte, die in der rechten Hand einen etwa sechs Zoll langen Zauberstab aus Ahornholz hielt und unter dem linken arm einen Umhang aus einem fließenden silbergrauen Material barg.

"Es tut mir Leid, Mr. Andrews, daß Ihr Vater sich dermaßen töricht verhalten hat und wir nun unter diesen unangenehmen Umständen einander vorgestellt werden", sprach Mrs. Priestley mit ruhiger tiefer Stimme. Julius Andrews starrte sie verschüchtert an. Dann sagte er:

"Es tut mir Leid, daß wir Ihnen solche Umstände machen, Mrs. Priestley. Ich wollte Ihnen schreiben, daß mein Vater morgen zu tun hat und wir uns daher nicht wie abgesprochen treffen können. Aber das ist ja jetzt wohl abgehakt."

"Das kann man so sagen. Ich hätte es auch begrüßt, wenn Sie Ihre Ferienzeit in Ihrem Elternhause in Ruhe zubringen könnten, sonst hätte ich nicht darum gebeten, daß Sie bei unserer Unterredung anwesend sind. Ich beseitige nur eben dieses Mordinstrument dort", sagte Mrs. Priestley und deutete mit ihrem Zauberstab auf die Pistole, die unter dem Labortisch lag. Mit einer schnellen Abfolge von Bewegungen brachte die Hexe die Schußwaffe zum verschwinden.

"Dieser Kanister dort enthält reinen Alkohol? Dann werde ich ihn solange einfrieren, bis wir alles geklärt haben. Ich möchte Ihrem Vater nicht die Ausrüstung für seine wissenschaftlichen Versuche nehmen", sprach Mrs. Priestley und belegte den Kanister mit dem Hibernevo-Zauber, der alles, was er traf, einfror. Sofort sah Julius den schimmernden Reif der auf dem Kanister gefrierenden Luftfeuchtigkeit. Dann gebot sie dem Zauberschüler, seinen Besen in den geöffneten Schulkoffer zurückzulegen. Er sollte dann prüfen, ob alle Sachen noch vorhanden waren, die vorher im Koffer waren. Julius sah schnell seine Bücher und Ausrüstungsstücke durch und nickte.

"Alles noch da", bestätigte er. Mrs. Priestley ließ den Koffer von Zauberhand zuklappen und dessen Schlösser zuschnappen. Dann brachte sie den Koffer zum schweben und lenkte ihn magisch aus dem Labor, dirigierte ihn mit leichten Zauberstabbewegungen die Treppe hinauf und ließ ihn zwei Meter vor der Haustür zu Boden sinken.

"Sie besitzen noch eine Reisetasche, die nicht durch Zauberkraft bewegt werden kann?" Fragte Mrs. Priestley. Julius nickte. Offenbar hatte sich die Ministeriumshexe genau erkundigt, was Julius in den Sommerferien bekommen hatte. Sie brauchte ja nur an Professor Faucon schreiben.

"Packen Sie Ihren Zauberstab in diese Tasche zurück, bringen Sie sie bitte herunter und stellen Sie sie neben dem Schulkoffer ab.!" Wies die Ministeriumshexe den Hogwarts-Schüler an. Dieser gehorchte ohne Rückfrage oder Widerrede.

Erst als die Gepäckstücke und der Eulenkäfig des Jungzauberers vor der Haustür bereitstanden, hob Mrs. Priestley den Bewegungsbann auf, mit dem sie Julius' Vater belegt hatte. Dieser stand auf, rieb sich schmerzende Stellen an Po und Rücken, massierte sich den Nacken und keuchte:

"Das sind Einbruch, Hausfriedensbruch, Freiheitsberaubung und möglicherweise noch Entführung, falls Sie Ihre Drohung wahrmachen wollen."

"Sie verstehen dies als Drohung, Mr. Andrews. Ich habe Ihnen mehrfach per Eule mitgeteilt, daß ich diese Maßnahme nur dann und deshalb ergreifen muß, wenn Sie und Ihre Frau nicht zu kooperieren bereit sind. Die Bedrohung mit einer Feuerwaffe stellt für mich den absoluten Beweis für Ihre Verweigerung dar. Ich bin also, so will es unser Gesetz, dazu angehalten, Ihren Sohn in meine Obhut zu nehmen. Der Versuch, seine Schulsachen ohne ausdrückliche Weisung unseres Ministeriums zu beseitigen, fällt noch einmal schwer ins Gewicht. Es steht Ihnen natürlich frei, sich an Ihre Ordnungsbehörden zu wenden, weil Sie von einem kriminellen Akt ausgehen. Doch das fällt nicht mehr in meinen Problembereich."

"Julius, diese Hexe will dich mitnehmen!" Rief Mr. Andrews. "Lauf weg!"

"Wohin denn?" Fragte Julius. Dann fragte er Mrs. Priestley:

"Für wielange wollen Sie mich in Ihre Obhut nehmen?"

"So rasant, wie sich die Dinge entwickelt haben, fürchte ich, daß Sie bis zum Ende Ihrer Schulzeit in Hogwarts bei mir unterkommen werden. Sollten Sie aus irgendeinem Grund vorzeitig der Schule verwiesen werden, bin ich natürlich verpflichtet, Sie in Ihr Elternhaus zurückzubringen. Aber Sie kennen unsere Gesetze und wissen, daß Sie danach streng beobachtet werden, daß Sie nirgendwo und niemals auch nur unbeabsichtigt zaubern. Wie ich Ihrem Vater zu erklären versuchte, kann man niemanden dazu bewegen, freiwillig auf schnelles Laufen zu verzichten, insbesondere in Notfällen. Bei Ihnen ist das ohnehin ein Problem mit Ihrer besonders hohen Zauberkraft. Also gehe ich mal davon aus, daß Sie sich eher für Ihre ordentliche Ausbildung in Hogwarts entscheiden und nicht gegen die dortigen Regeln zu verstoßen trachten, nur um wieder hierher zu kommen."

"Sie können den Jungen nicht dazu zwingen, seine Eltern zu verleugnen", stieß Mr. Andrews aus.

"Das tu ich auch nicht", erwiderte Mrs. Priestley so ruhig, als wolle sie nur eine gemütliche Plauderstunde abhalten. "Wenn uns daran gelegen wäre, Ihren Sohn gänzlich aus Ihrer Welt und die Erinnerung an Sie, an sein früheres Leben zu entfernen, wäre dies kein Problem, dies durch Gedächtnismodifikation zu bewerkstelligen. Aber wir wollen ihn nicht dafür bestrafen, daß er der Sohn eines bedauerlicherweise fehlgeleiteten Muggels ist."

"Ja, fühlen Sie sich nur stark! Ich werde zuletzt lachen."

"Haben Sie mich eben lachen gehört? Für Witze und Triumphgeschrei ist die Lage zu ernst und wichtig. Ich lasse Ihnen die amtliche Bestätigung hier, daß ich im Rahmen unserer Gesetze Ihren Sohn in meine Obhut übernehme. Alles muß seine Ordnung haben", sagte die Ministeriumshexe noch. Sie fischte mit der linken Hand nach einem Stück Pergament in ihrem Umhang und legte es auf den steinernen Labortisch. Mr. Andrews wollte schnell nach dem Zauberstab langen, den Ms. Priestley in der rechten Hand hielt. Doch sie war auf der Hut. Knisternd sprangen zwei rote Funken aus der Zauberstabspitze und versengten das weiße Hemd des hochrangigen Chemikers.

"Denken Sie, ich ließe mich so einfach entwaffnen? Ich hatte Ihre Intelligenz wesentlich höher eingeschätzt", sagte die Hexe immer noch sehr ruhig klingend. Dann fügte sie hinzu:

"Wenn Ihr Sohn bei mir untergekommen ist, gilt die bisher auferlegte Kontaktsperre nicht mehr. Das heißt, daß Sie oder Ihre Frau weiterhin Eulenpost von Ihrem Sohn bekommen und diese beantworten dürfen. Allerdings dürfen Sie auch weiterhin keine Sonderaufgaben an ihn stellen. Das wäre alles. Wir verlassen Sie nun. Ich wünsche Ihnen, daß Sie erkennen, daß Sie nicht unser Feind sind, aber wir auch nicht Ihre Feinde sind."

"Ich fürchte, Paps, ich habe keine andere Wahl. Da ich gerne leben möchte, also auch meine Fähigkeiten richtig ausnutzen lernen möchte, kann ich nicht hierbleiben. Du wolltest das so. Ich habe gehofft, du würdest das kapieren, daß ich in Hogwarts besser aufgehoben bin und trotz allem immer noch dein Sohn sein kann. Aber du wolltest das nicht. Ich hoffe, wir hören voneinander", sagte Julius und fühlte, wie ihm Tränen in die Augen traten. Er hatte bis zu diesem Moment gehofft, in seinem Elternhaus bleiben zu können, wenn Ferien waren. Doch offenbar konnte sein Vater damit nicht leben. Dann mußte es eben anders gehen.

"Ihr werdet von mir hören. Die ganze Polizzei wird von euch Bande hören. Die Geheimdienste werden euch aufstöbern. Eure Schattenexistenz wird ans Licht kommen, und dann werden wir sehen, wielange ihr noch so weitermachen könnt, als seid ihr die Herren der Welt", knurrte Mr. Andrews Mrs. Priestley zugewandt. Diese hatte nur einen mitleidsvollen Blick für Julius' Vater übrig. Dann deutete sie mit der freien Hand auf den Schrankkoffer und die Reisetasche.

"Wir müssen", sagte sie kurz und knapp. Julius zog seinen Haustürschlüssel aus der Hosentasche und legte ihn seinem Vater hin. Dieser zuckte vor, wohl in der Hoffnung, seinen Sohn festhalten zu können. Doch der auf ihn gerichtete Zauberstab trieb ihm das aus. Julius drehte sich um und ging hinter Mrs. Priestley her die Treppe hinauf. Er nahm seine Reisetasche und öffnete die Haustür. Mrs. Priestley tippte den Schrankkoffer mit dem Zauberstab an und ließ ihn auf Hüfthöhe aufsteigen. Dann verließen sie das Haus Winston-Churchill-Straße 13. Julius hörte noch, wie das Telefon klingelte. Dann schloß sich hinter ihm die Haustür.

Draußen setzte sie den Schulkoffer wieder auf den Boden und deutete nach links. Dort stand ein kleiner blauer Wagen. Als Mrs. Priestley auf das Auto deutete, klappten wie von unsichtbarer Hand die linken Türen und die Kofferraumklappe auf. Julius verstand. Er griff mit der freien Hand den schweren Schrankkoffer, wuchtete ihn wenige Zentimeter hoch und bugsierte ihn vorsichtig zu diesem Auto. Drei Männer und zwei Frauen tauchten aus beiden Richtungen der Straße auf. Sie trugen gewöhnliche Stadtkleidung.

"Hallo, June!" Grüßte eine kleine magere Frau mit schwarzen Locken Mrs. Priestley. Diese grüßte zurück:

"Hallo, Cara. Alles klar soweit?"

"Wie angeordnet", sagte die kleine Frau mit einem gehässigen Lächeln um die Mundwinkel.

"Komm, junger Sir, der ist doch viel zu schwer, um den bis zum Wagen zu schleppen", bot ein stämmiger Mann im schwarzen Seidenanzug Hilfe an, der zusammen mit der kleinen Frau die Straße langgekommen war. Unvermittelt hatte er Julius den Schulkoffer abgenommen und trug ihn wie einen kleinen Sack Daunen zum Auto hinüber. Julius staunte, bis er bemerkte, daß der Fremde fleischfarbene Lederhandschuhe trug, die knapp unter den Ärmelsäumen seines Anzugs endeten. Als der linke Ärmel kurz verrutschte, konnte Julius etwas silbriges schimmern sehen. Er schluckte. Mrs. Priestley bemerkte dies und zupfte ihm am Kragen.

"Keine Panik! Perseus ist ganz in Ordnung, obwohl er seine beiden Arme bei der Drachenjagd eingebüßt hat."

Julius nickte. Seitdem er Moodys Auge in Aktion erlebt hatte, war ihm die Möglichkeit vertraut, unrettbar zerstörte Körperteile durch magische Körperteile zu ersetzen. Wenn diese Silberarme so überragend waren wie Moodys Auge, war klar, daß dieser Mann einen schweren Koffer wie ndaichts forttragen konnte.

Locker warf der fremde Zauberer den Schulkoffer in den Kofferraum. Julius mußte auf einmal grinsen. Ihm war was eingefallen, um dem fremden Zauberer etwas zum nachgrübeln zu geben. Er setzte seine Tasche auf den Boden und schnaufte. Sofort kam Perseus zurück und griff nach der Tasche. Doch er gelangte nicht ganz an den Griff. Bläuliche Funken knisterten zwischen dem Griff der Tasche und der behandschuhten magischen Hand. Perseus zog die Hand wieder fort und zeigte ein breites Grinsen.

"Der junge Sir wollte prüfen, ob ich seine Mihisolo-Tasche auch so leicht aufheben kann. Hier endet meine Kraft. Er wird sie wohl selbst in mein schlichtes Gefährt bewegen müssen."

Mrs. Priestley warf Julius erst einen tadelnden, dann einen amüsierten Blick zu.

"Ich wurde über Ihre Freude am experimentieren unterrichtet", teilte sie lächelnd mit. Dann geleitete sie Julius, der seine diebstahlsichere Practicus-Reisetasche trug, zum Wagen. Julius wunderte sich, wie sein großer Koffer in den scheinbar so kleinen Kofferraum gepaßt hatte. Doch dann fiel ihm wieder ein, daß er selbst ja bereits im Unterricht Rauminhaltsveränderungszauber ausprobiert hatte. Er dachte auch an das Familienzelt daß Catherine Brickston sich und ihrer Tochter für die Quidditch-Weltmeisterschaft gekauft hatte. Von außen sah das ja wie ein kleines Zelt aus, beherbergte jedoch eine komplette Wohnung mit gekacheltem Badezimmer. Im Bezug auf Badezimmer mußte Julius auch an die Toilettenhäuschen beim Sommerball von Millemerveilles denken. Die sahen von außen auch klein und unscheinbar aus und waren innen wie gekachelte Paläste mit Marmorbecken und Kloschüsseln.

Ohne Probleme schob Julius seine Reisetasche in den Kofferraum. Dann trat er zurück. Mrs. Priestley winkte mit dem Zauberstab, und der Kofferraumdeckel klappte beinahe geräuschlos zu.

"In Ordnung, Cara. Sie und die anderen sorgen dafür, daß keiner mehr weiß, daß wir hier waren", sagte Mrs. Priestley in einem befehlsmäßigen Ton. Cara nickte. Julius schlüpfte unterdes durch die linke Hintertür auf den Rücksitz des verzauberten Autos. Mrs. Priestley ließ sich noch bestätigen, daß ihre Anweisung befolgt würde, dann stieg sie vorne in den Wagen ein. Die linken Autotüren schwangen zu und fielen mit einem unnatürlich leisem Klapp ins Schloß. Dann klappte die rechte Vordertür auf, und Perseus hüpfte auf den Fahrersitz. Keine Sekunde später war die Fahrertür zu, der Motor mit leisem Brummen angesprungen und der Wagen angerollt.

"Wohin darf ich die Herrschaften fahren?" Fragte er wie ein Chauffeur reicher Leute.

"Perseus, Sie wissen doch, wo es hingeht. Krötensteig 144 in Cambridge", antwortete Mrs. Priestley. Perseus nickte übertrieben heftig und lenkte den Wagen aus der Winston-Churchill-Straße.

Julius saß schweigend auf dem Rücksitz und ließ die Bilder der außen vorbeiziehenden Häuser, Straßenlaternen und geparkten Autos, deren Besitzer er alle vom Sehen her kannte auf sich wirken. Wann würde er hier wieder herkommen? Würde er überhaupt wieder hierher zurückkehren müssen? Es konnten Jahre vergehen, bis er sein Elternhaus wiedersah. Normalerweise wäre er traurig gewesen, weil er nun seine Eltern verlassen hatte. Er hatte sich nicht einmal von seiner Mutter verabschieden können. Doch er war nicht traurig. Ihm war nur unbehaglich, weil er nicht wußte, was nun passieren würde. So war es ihm auch ergangen, als Professeur Faucon ihn aus dem Haus von Joe Brickston geholt hatte, nachdem sein Vater einen Brief geschrieben hatte, in dem stand, daß Julius nicht mehr zu seiner alten Schule durfte. Mit diesem Brief hatte es ja angefangen, das Verhängnis. Jetzt, so erkannte Julius, war es eben passiert. Sein Vater hatte ihn verloren. Sein Kampf gegen die Zaubererwelt war aussichtslos verlaufen. Der Hogwarts-Schüler wußte dies von Anfang an. Auch seine Mutter hatte dies gewußt. Wie würde sie es hinnehmen, daß ihr Sohn nun für unbestimmte Zeit nicht mehr zu ihr nach Hause kommen konnte? Er hoffte, seine Eltern würden sich nicht darüber streiten, wer nun was hätte richtig machen können.

Der kleine Wagen bog nach rechts auf eine belebte Straße. Julius sah einen roten Mercedes und erkannte ihn als den Wagen von Dr. Sterling. Julius schrak zusammen. Dann duckte er sich.

"Heh, hast du was verloren?" Fragte der Fahrer belustigt. Julius antwortete von unten:

"Der Fahrer von dem roten Mercedes kennt mich. Wenn Paps alle anruft, die er kennt, daß sie nach mir suchen sollen, kann der Herr in dem Mercedes ihm Bescheid sagen."

"Muggelkind, wie? Unsere Ministeriumsautos haben verzauberte Scheiben und Nummernschilder. Was man auf ihnen sieht, wird sofort wieder vergessen."

"Ich dachte, Muggelartefakte dürften nicht verzaubert werden", erinnerte sich Julius an die entsprechenden Gesetze.

"Mit Ausnahme des Abschnitts f) im Gesetz zur unerlaubten Bezauberung von Muggelartefakten. Der sagt aus, daß Angehörige der Zaubereiministerien, sowie der in der Muggelwelt tätigen Mitarbeiter von Gringotts im Rahmen nicht von Unbefugten zu gebrauchender Möglichkeiten beschränkte Zaubereien ausüben dürfen, sofern Art, Umfang und Verwendungszweck dem jeweiligen Ministerium bekannt sind. Sie haben nur den allgemein zugänglichen Gesetzestext gelesen, ohne die Sonderverordnungen unseres Ministeriums", erklärte Mrs. Priestley.

"Wer die Gesetze macht baut für sich selbst genug Hintertüren ein, wie?" Erwiderte Julius und setzte sich wieder aufrecht hin.

"Das ist in jeder Zivilisation so", erwiderte Mrs. Priestley.

Der Wagen fuhr fast unhörbar auf den breiten Hauptverkehrsstraßen Londons dahin, bis er die Autobahn in Richtung Cambridge erreichte.

"Ich habe außer meinen Schulumhängen, einem Festumhang und einem Quidditch-Umhang keine Sachen zum anziehen, außer denen, die ich gerade anhabe", fiel es Julius ein, als der Wagen auf 88 Stundenkilometer beschleunigte.

"Ich habe dies einkalkuliert und einige Zaubererumhänge Ihrer Größe angefordert, als ich per Eule meiner Vorgesetzten Meldung machte, daß ich Sie in meine Obhut nehmen würde. Die Umhänge dürften mittlerweile bei mir angelangt sein", sagte Mrs. Priestley. Julius imponierte das. Sie hatte nichts unüberlegt getan, sondern alles genau vorhergeplant, jede Möglichkeit weitergedacht. Aber klar! Sie war ja auch einmal eine Ravenclaw gewesen, wie Julius hatte nachlesen können.

"Sie haben eine Eule geschickt, als mein Vater Sie verscheuchen wollte?" Hakte Julius nach.

"Selbstverständlich. Von meinem Besuch hing es schließlich ab, wie unsere Abteilung mit Ihrem Fall weiter umging. Also wartete eine meiner Eulen draußen auf mich, um einen Brief zur Abteilung für magische Ausbildung und Studien zu bringen. Ich schrieb eine kurze Nachricht mit folgendem Text:

"Vater von Julius Andrews lehnt jede Zusammenarbeit ab, droht mir mit Gewaltmaßnahmen. Nehme Mr. Julius Andrews gemäß Beschluß vom soundsovielten in meine Obhut. Benötige Alltagsumhänge seiner bekannten Körpergröße plus minus zehn Zentimeter."

"Und Sie denken, daß die Eule so schnell angekommen ist?" Fragte Julius.

"Sicher. Innerhalb einer Stunde dürfte meine Nachricht entsprechend beantwortet werden. Ich setze voraus, daß Sie über unsere Schnellverständigungsmöglichkeiten unterrichtet sind."

"Sie meinen das telefonieren mit Zauberern durch zwei Kaminfeuer?" Erkundigte sich Julius.

"Wir nennen es zwar Kontaktfeuer, aber sinngemäß ist es das."

Perseus schnaubte eine leise Verwünschung, als ein fast zwölf Meter langer Sattelschlepper ohne Vorwarnung nach links schwenkte.

"Wozu haben Muggel diese Fahrzeuge gebaut, wenn sie damit nicht umgehen können?"

"Damit Zauberer, die nicht oft fahren müssen verstehen, weshalb die Verkehrsregeln so kompliziert gemacht wurden", gab Julius frech zur Antwort. Mrs. Priestley räusperte sich tadelnd. Doch als Perseus laut lachte, stimmte sie mit ein.

Perseus warf seiner Beifahrerin einen Fragenden blick aus seinen tiefblauen Augen zu. Sie nickte. Unvermittelt schlüpfte der kleine Wagen unter dem Lastwagen durch, als wäre dieser um zwei Meter angehoben oder der Wagen um einen Meter versenkt worden.

"Fortgeschrittene Technik wirkt auf die Unkundigen wie Magie", zitierte Julius einen Spruch, den seine Mutter auf einer Computerausstellung gebracht hatte, als ein Mann in ihrem Alter wie ein kleiner erstaunter Junge auf einen Bildschirm gestarrt hatte, auf dem gerade beeindruckende Bildfolgen gezeigt wurden.

"Ich muß doch sehr bitten. Unsere Magie ist der Muggeltechnik um mehrere Jahrtausende voraus. Eine von mir erarbeitete Vergleichsstudie erbrachte 1989, daß die Maschinen der Muggel so unvollständig sind, daß eine mechanische Nachahmung der Magie erst in einigen Jahrtausenden möglich sein wird. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wo die Muggel die Zauberer überflügelt haben, unter anderem wo, Mr. Andrews?"

"Muggelkunde für Anfänger oder Fortgeschrittene?" Fragte Julius, der den ruhigen Tonfall seiner neuen Fürsorgerin so verstand, daß sie einigen Spaß verstehen konnte.

"Für Fortgeschrittene", erwiderte Mrs. Priestley.

"Da Nichtmagier gerne Kriege geführt haben und dies immer noch tun, sind die Waffen sehr wirkungsvoll. Muggel können ganze Ladungen tödlicher Krankheitserreger herstellen und mit Raketen verschießen. Dann gibt es noch die giftigen Gase, die ganze Städte entvölkern können. Der absolute Wahnsinn ist die Atombombe, beziehungsweise ihre Steigerung, die Wasserstoffbombe, bei der wenige Tonnen Gewicht so heftig sind, wie mehrere Millionen Tonnen gezündeten Sprengstoffs. Dann gibt es noch den Laser, mit dem man auch Sachen zerstören kann. Doch dieses Werkzeug kann viel mehr, auch friedliches, wie gespeicherte Musiktitel lesen und über eine entsprechende Maschine abspielen. Überhaupt sind eben durch die Waffenentwicklungen viele Geräte entstanden, die wegen der kleinen Bauteile etwas wie eingeschränkte Intelligenz bekommen haben. Der Computer dürfte das zweite sein, was die Zaubererwelt nicht hat, weil damit ganze Bibliotheken in einen kleinen Kasten gespeichert und wieder durchsucht werden können, sogar in wenigen Sekunden. Dann sind da die Nebenprodukte wie Weltraumfahrt und Satelliten, Fernsehen und Radio, sowie kleine Telefone, sogenannte Handies. Ich hoffe, ich langweile unseren Fahrer nicht mit diesem ganzen Kram."

"Ja, im Krank- und Kaputtmachen sind die Muggel erstklassig. Ihre Maschinen benötigen diese Kraft, Eklektität, wofür ganze Kohlenhalden abgebaut und Petroleumlager ausgepumpt werden. Dabei entsteht jede Menge Qualm. Aber wie sie die Natur erhalten und ihre eigene Gesundheit behalten können, haben sie sehr beschränkte Ahnung", wandte Perseus ein.

"Sie arbeiten dran. In der Phantasie haben Leute mit künstlichen Körperteilen oder gar ganze künstliche Menschen Zauberer und magische Geschöpfe abgelöst", sagte Julius schnell. Er freute sich, ohne direkt fragen zu müssen auf das Thema gekommen zu sein, das ihn im Moment interessierte: Die magischen Armprothesen des Fahrers Perseus.

"Ja, stimmt. In einer Muggelklinik würde ich wohl blankes Entsetzen auslösen, weil dort keiner glaubt, daß sowas wie meine Arme funktioniert", erwiderte Perseus. Mrs. Priestley sah ihn kurz an. Er warf ihr einen beruhigten Blick zu und fragte seinerseits direkt:

"Du hast magische Körperglieder heute das erste Mal gesehen?"

"Arme ja. Ich kenne jedoch wen, der hat ein magisches Auge, mit dem er den echten Durchblick hat", erwiderte Julius.

"Ich habe davon gelesen. Der alte Auror Moody ist bei euch in Hogwarts. Rita Kimmkorn hat den ja schön schlecht aussehen lassen. Ich bin froh, nicht so berühmt zu sein. Ich war bis vor zehn Jahren Drachenjäger im Ausschuß zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe. Bei meinem letzten Einsatz büßte ich beide Arme ein und bekam maßgeschneiderte Ersatzarme, die aber wesentlich stärker und haltbarer sind. Ich kann damit Stahlstangen leicht verbiegen, sehr schnelle Bewegungen machen und ohne Handschuhe glühendes Metall oder gefrorenes anfassen. Wie gut ich mit großen Koffern hantieren kann, hat der junge Sir ja sehen können."

"Entschuldigen Sie meine Neugier, aber mich fasziniert das, was man mit Zauberkunst und Heilmagie alles machen kann. Wie schwer kann ein Ding sein, daß Sie mit einem Arm heben können?" Fragte Julius.

"Ich habe es mal geschafft eine Tonne mit 900 Liter Wasser mit einem Arm hochzuheben und auf der Hand zu balancieren. Ich denke, daß der andere Arm das auch kann."

"Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten", sagte Julius noch mal zur Absicherung, daß er sich darüber klar war, einen anderen Menschen als interessantes Wesen anzusehen.

"Alle Jungen interessiert das. Viele wollen dann auch solche Arme haben, um ihre Rivalen zu verprügeln. Aber wenn man keine guten Handschuhe anhat, wirkt man immer wie eine magische Puppe. In gewissen Situationen oder bei gewissen Vorhaben ist das dann wieder sehr hinderlich. Aber das braucht dich im Moment wohl noch nicht zu beschäftigen", sagte Perseus.

"Mag sein", antwortete Julius, der sich wohl vorstellen konnte, was der Fahrer mit den beiden magischen Kunstarmen meinte. Er dachte daran, wie es Pina, Gloria oder Claire abstoßen könnte, wenn er mit einem silbernen Roboterarm ihre Hüften zum Tanz umfaßte oder ihnen die Hand schüttelte.

"Nanu, die Muggelgesetzeshüter", staunte Perseus, als eine laute Polizeisirene von hinten erklang. Dann kam auch schon das Polizeiauto mit rotierendem Rotlicht und überholte rechts.

"Könnte sein, daß mein Vater auf die Idee kommt, die Polizei zu rufen", flüsterte Julius Mrs. Priestley zu. Diese machte "Mmmhmm" und nickte. Dann drehte sie ihren Kopf zu Julius und flüsterte:

"Dann wird er erleben, wie weit wir uns abgesichert haben und froh sein, daß er nur ignoriert wird. Anderswo könnte er für wahnsinnig erklärt werden."

"Der hat auch Freunde im Auslandsgeheimdienst", flüsterte Julius.

"Weiß ich. Das ganze Ministerium ist darüber informiert, daß er versucht hat, die Lage von Hogwarts mit einem Peilsender zu ermitteln, als er Professor Dumbledores Einladung folgte und ihn und Ihre anderen Lehrer aufsuchte."

"Der hat ...? Oh, das war bestimmt lustig. Wie ging die sache denn aus?" Flüsterte Julius.

"Eigentlich fiel das unter Geheimhaltung. Aber ich darf die direkt betroffenen unter dem Siegel der Vertraulichkeit informieren. Aber das werde ich erst bei mir tun, wenn Sie die Geduld aufbringen."

"Kann ich", erwiderte Julius.

Als außer dem kleinen Ministeriumsauto kein Wagen zu sehen war, tippte Perseus kurz auf ein unsichtbares Pedal. Mit einem lauten Knall sprang der Wagen vorwärts, als wäre in seinem Auspuff eine Rakete losgegangen. Dann fuhr der kleine Blaue Wagen wieder auf der Autobahn, als wenn nichts geschehen wäre, nur daß keine zehn Sekunden später ein Schild vorbeiraste, das verkündete:

"Cambridge 16 Kilometer"

"Na, wie war das?" Fragte Perseus lachend.

"Immerhin sind wir auf sechzehn Kilometer herangekommen. Wir hätten ja auch um tausend Kilometer danebenspringen können", erwiderte Julius frech.

"Gehen Sie davon aus, daß unser junger Held hier weiß, was ein magischer Transitionsturbo ist, Perseus", sagte Mrs. Priestley trocken. Perseus schien um einen gelungenen Gag gebracht worden zu sein und grummelte nur:

"Wie Sie meinen, Madam."

Die Strecke bis Cambridge wurde schweigend zurückgelegt. Auf Julius' neuer Armbanduhr war es nun halb fünf am Nachmittag. Der kleine blaue Wagen glitt gewandt zwischen den anderen Autos hindurch und steuerte eine beinahe unzugängliche Gasse an. Ohne Problem schlüpfte das Auto durch die schmale Zufahrt und ruckelte über eine Kopfsteinpflasterstraße, die mindestens zehn Meter breit war und von alten Fachwerkhäusern oder kleinen Steinbauten gesäumt wurde. Viele Häuser hatten kleine Vorgärten. In weiter Ferne glitzerte etwas in der Frühlingsssonne. Julius ahnte, daß er hier in einer geheimen Zaubererstraße war. Allerdings fehlte ihm dieser magische Nebel, der alle Muggelautos aussperrte.

"Das ist der Krötensteig", sagte Perseus, als er den Wagen mit lässigem Schwung auf eine Einfahrt zusteuerte und ihn punktgenau am Ende der Einfahrt stoppte.

Julius warf einen Blick aus dem linken Fenster und las über dem Haus, zu dem die Einfahrt gehörte die große goldene Hausnummer 144.

"Lady und Gentleman, wir haben unser Fahrziel erreicht. Ich hoffe, Sie waren mit mir zufrieden", verkündete Perseus und ließ die Autotüren aufschwingen.

"Die Leute in meiner Heimatstraße sind Vergissmichs?" Fragte Julius.

"Genau", erwiderte Mrs. Priestley kurz und knapp.

Perseus fischte den schweren Hogwarts-Koffer aus dem innenraumvergrößerten Kofferraum und trug ihn federleicht zur großen Ebenholzflügeltür, die ins Haus führte. Mrs. June Priestley trat vor, als Julius mit seiner Reisetasche die breiten schwarzen Marmorstufen hinaufgestiegen war. Mit einem silbernen Schlüssel schloß sie die fast zwei Meter hohe Tür auf und winkte kurz mit ihrem Zauberstab. Augenblicklich flammten drei große Leuchter auf und erhellten einen mit hellen Teppichen ausgelegten Flur. Der Duft frischen Tees wehte aus dem Haus.

"Huch, wer hat denn den Tee aufgeschüttet?" Wunderte sich Julius halblaut. Mrs. Priestley überhörte die nicht direkt an sie gestellte Frage und bedeutete Julius, ihr zu folgen. Perseus trug den Koffer hinter den beiden Her und folgte ihnen zu einem geräumigen Zimmer mit Schreibtisch, Regalen mit Schreibzeug und Büchern und einem vierarmigen Leuchter, in dem dicke rote Kerzen steckten.

"Hier ist das Arbeitszimmer meines Sohnes. Er ist bereits aus dem Haus und benötigt es im Moment nicht. Hier können Sie ihre Hausaufgaben erledigen, falls Sie dies noch nicht konnten. Hier Können Sie den Koffer abstellen, Perseus", erklärte Mrs. Priestley.

Perseus platzierte den großen Koffer in eine Ecke, so daß er keinem im Weg stand, der zwischen Schreibtisch und Tür laufen mußte. Er war jedoch leicht erreichbar, wenn Julius etwas herausholen mußte, Bücher oder Schreibzeug. Julius wurde gefragt, ob er seine Reisetasche auch hier unterstellen wollte. Doch er sagte, daß er darin einige Bücher hatte, die er als Entspannungslektüre lesen wollte, wenn er nicht gerade Hausaufgaben erledigen mußte.

"Benötigen Sie noch zwei starke Arme, Madam?" Fragte Perseus. Mrs. Priestley schüttelte ruhig den Kopf und bedankte sich für die Hilfe.

"Ich komme dann am Ende der Ferien und bringe Sie beide nach Kings Cross", sagte Perseus und winkte mit der rechten behandschuhten Kunsthand. Dann verließ er das Haus.

"Ich weise Ihnen jetzt das Schlafzimmer zu, Mr. Andrews. Bitte folgen Sie mir ins erste Stockwerk!" Kündigte Mrs. Priestley an und verließ das Arbeitszimmer.

Eine geschwungene Holztreppe ging es hinauf in das erste Obergeschoß. Dort lagen die Zimmer und Badezimmer für fünf Hausbewohner. Julius bekam ein Zimmer, das wohl so groß war wie das in seinem Elternhaus. Ein majestätischer Eichenschrank mit drei Türen beherrschte das Bild der aufgestellten Möbel. Alle drei Türen standen offen. Julius sah auf den ersten Blick die Eschenholzkleiderstange, an der zehn verschiedenfarbige Umhänge hingen. Über der Schranktür war ein großes Pergamentschild angebracht, auf dem in signalroter Tinte stand:

"Umhänge wie angefordert zugestellt. Bitte Größen prüfen! Bei unzureichender Größe bitte angeben, welche Größe korrekt ist!"

Auf dem kleinen Beistelltisch des Bettes lag eine Liste mit den Umhängen, die zugestellt worden waren.

"Es lebe die Bürokratie!" Stöhnte Julius, als er die Liste kurz überflogen hatte. Mrs. Priestley räusperte sich tadelnd. Dann deutete sie auf die leeren Regale über dem Tisch und die freien Wände.

"Wenn Sie Bilder aufhängen oder Bücher unterstellen möchten, haben Sie hier genug Platz", erklärte die Ministeriumshexe. Dann zeigte sie Julius das Gästebad, wo bereits Seife und Badelotionen bereitstanden, sowie flauschige Hand- und Badetücher auf einer weißlackierten Holzstange aufgereiht hingen. Eine Marmorbadewanne mit zwei silbernen Wasserhähnen nahm einen großen Teil des Badezimmers ein. Daneben gab es einen Marmorwaschtisch und eine Toilettenschüssel mit walnußbraunem Sitz und Porzellanzisterne. Ein Zauberergemälde mit einer wellenbewegten Meerlandschaft nahm einen großen Teil der etwa fünf Meter langen Badezimmerwand ein. Julius erkannte mit dem Blick des bereits kundigen Zaubermalers, daß das Bild an das echte Wetter und die wirkliche Tageszeit draußen angebunden war. Denn graue Wolken zogen von starkem Wind getrieben dahin und deckten die bereits halbhohe weißgelbe Sonnenscheibe.

"Ist das Meer unbewohnt, oder kann mir eine gemalte Meerjungfrau unvermittelt zuwinken?" Fragte Julius etwas beklommen, wieder mit lebenden Bildern zu tun zu haben.

"In dem gemalten Meer wohnen keine intelligenten Geschöpfe. Da gibt es nur fliegende Fische, zeitweilig taucht eine grüne Seeschlange auf, und sonst sieht man nur ein Segelschiff in weiter Ferne vorbeiziehen", erläuterte Mrs. Priestley. Wie zur Bestätigung lugte in diesem Moment die Spitze eines mit weißen Segeln aufgezogenen Mastes eines Schiffes zwischen zwei Wellenkämmen hervor.

Nach der Besichtigung des Badezimmers ging es wieder zum Erdgeschoß. Dort wurde Julius ins große Wohnzimmer mit einem ovalen Esstisch mit acht Stühlen und einer Sitzecke mit zwei rechtwinklig zueinander gestellten Sofas und drei Ohrensesseln geführt. Dicke orientalisch gearbeitete Teppiche bedeckten den Boden, freischwebende Kerzenleuchter spendeten Licht. Auf dem mit irischen Leinen gedeckten Tisch standen eine bauchige Teekanne, aus deren Ausguß es dampfte, ein großer Teller mit Gebäck und vier blau-weiß gemusterte Porzellanteller, Tassen und Untertassen. Silberne Teelöffel lagen neben den Tassen auf den Untertassen bereit, und ein silberner Zuckerstreuer stand neben einem kleinen weißen Milchkännchen parat.

"Haben Sie einen Dienstboten oder gar Hauselfen?" Fragte Julius schüchtern.

"Eine Hauselfe, Fanny. Aber die bemühe ich nicht um Tee, wenn ich nicht weiß, wann ich heimkomme. Ansonsten wohnt hier noch meine jüngste Tochter Arcadia. Ich gehe davon aus, daß sie den Tee aufgebrüht und den Teetisch gedeckt hat. Außerdem kommt mein Mann gleich von der Arbeit nach Hause."

"Arbeitet er auch im Ministerium?" Fragte Julius.

"Ja, das tut er. Allerdings in einer anderen Abteilung", sagte Mrs. Priestley.

"Mutter, bist du schon zu Hause?" Rief eine Frau aus der Küche. Julius vermutete, daß sie noch sehr Jung war. Mrs. Priestley rief zurück:

"Ja, Arcadia! Wir sind gerade angekommen!"

Eine Hexe in einer blütenweißen Küchenschürze kam aus einer kleinen Tür in der Schmalwand des Wohnzimmers. Sie besaß ebenfalls rotbraunes Haar, das sie im Moment ordentlich hochgesteckt trug. Sie blickte aus den gleichen graublauen Augen ins Wohnzimmer, die ihre Mutter besaß. Allerdings wirkte sie vom Gesicht her noch wie ein halbwüchsiges Mädchen, obwohl ihr Körper sich voll entwickelt hatte, wie Julius durch die Schürze erkennen konnte. Sie fing seinen Blick ein und hielt ihn mit einem Lächeln fest.

"Guten Tag, junger sir. Du bist also Mutters neuer Schützling. Ich habe die Ministeriumsleute gefragt, die hier die ganzen Umhänge angeliefert haben. Die sind vor einer Viertelstunde wieder abgerückt."

"Arcadia, das ist Mr. Julius Andrews, der bis auf Widerruf seine Ferien hier zubringen und hoffentlich gut mit uns auskommen wird. Mr. Julius Andrews, das ist meine Tochter Arcadia, die als eigenständige Zauberkunsthandwerkerin arbeitet und in der Winkelgasse zu London ihr Geschäft unterhält."

"Julius deutete eine Verbeugung an. Arcadia Priestley bedachte ihn mit einem amüsierten Grinsen, das Julius ansteckte.

"Ich bin erst zwei Jahre von Hogwarts runter. Da haben wir es nicht so mit allzu förmlichen Gesten gehalten. Oder Haltet ihr das mit den Lehrern so?" Fragte sie.

"N-nein, t-tun wir nicht. Die sind froh, wenn wir ihnen zuhören und alles behalten, was sie uns beibringen", sagte Julius schüchtern.

"Du weißt, weshalb Mr. Andrews bei uns wohnen wird, Arcadia?" Fragte Mrs. Priestley mit ernster Stimme.

"Du hast dich darüber nur andeutungsweise ausgelassen, Mutter. Es geht wohl darum, daß er einer Muggelfamilie entstammt, die ihn dazu anhalten will, ohne Zaubereiausbildung fertig zu werden. Der eine Zauberer vom Ministerium hat was von ignoranten Muggeln gesagt, die dachten, ihren Sohn zu zwingen, so zu tun, als wenn seine Zauberei nicht aufgedeckt worden wäre. Ein alter Hut."

"Arcadia, mit unserem neuen Mitbewohner ist das eine etwas heiklere Angelegenheit. Er fing schon sehr früh an, spontane Magie zu äußern. Daher wurde uns im Ministerium klar, daß er viel Unterstützung bei der Auslotung seiner Kräfte erfahren müsse. Da seine Eltern das jedoch nicht einsehen, zumindest ein Elternteil, habe ich den Auftrag bekommen, den jungen Sir in meine Obhut zu nehmen. Mehr möchte ich aus Gründen der ministeriellen Vertraulichkeit nicht dazu sagen."

"Alles klar, Mutter. Wenn er sich hier wohlfühlt und für Hogwarts neue Kräfte schöpfen kann, werde ich keine Probleme mit ihm bekommen. Ich hoffe jedoch, daß es nicht umgekehrt verläuft."

"Ich bin anpassungsfähig. Als Internatsschüler lernt man das schnell", sagte Julius.

Ein kurzes Plopp klang im Flur. Gleich danach sagte eine Stimme wie von einem Operntenor:

"June, Arcadia! Ich bin wieder da!"

"Wir sind im Wohnzimmer, Tony. Der Tee ist fertig!" Rief Mrs. Priestley.

Ein leicht untersetzter Zauberer im königsblauen Umhang betrat das Wohnzimmer und nahm seinen gleichfalls königsblauen Zylinder vom schütteren Blondschopf. Er trug eine Brille mit runden Gläsern. Durch diese blickten blaßblaue Augen neugierig auf den Jungen, der in Jeans und Pullover am Tisch saß.

"Oh, Mr. Julius Andrews. Mußte meine Juney dich doch zu uns einladen? Ich hoffe, die Ab- und Anreise war nicht zu beschwerlich."

"Sie kennen mich?" Fragte Julius.

"Selbstverständlich. Immerhin haben meine Frau und ich uns darüber verständigt, ob und wie wir Ihnen helfen können", sagte Mr. Priestley.

"Möchtest du deinen Umhang nicht ausziehen, Tony?" Fragte Mrs. Priestley und deutete auf den am Saum leicht staubigen Dienstumhang.

"Hast Recht, June. Bin in fünf Minuten wieder da", sagte Mr. Priestley.

"Kann ich meine Sachen auch wechseln?" Fragte Julius schüchtern. Ihm behagte es nicht, wie Arcadia seine Muggelkleidung ansah. Mrs. Priestley erlaubte es ihm. Julius erhob sich vom Tisch und eilte in das ihm zugewiesene Zimmer. Dort betrachtete er die aufgereihten Umhänge im Schrank und suchte sich einen samtbraunen Baumwollumhang aus. Er zog ihn erst über seine Straßenkleidung, dann legte er ihn wieder ab und zog Jeans und Pullover aus. Schnell schlüpfte er in den gerade so passenden Umhang, zupfte Ärmel und Kragen zurecht und ging wieder hinunter, ohne sich zu verheddern.

Im Wohnzimmer traf er auf die Hauselfe der Priestleys, ein kleines Wesen mit tennisballgroßen graublauen Augen, fledermausartigen Ohren und einer Nase wie eine Kartoffelknolle.

"Fanny wünscht dem jungen Sir einen angenehmen Aufenthalt im Hause ihrer Meister", quiekte das kleine Geschöpf zur Begrüßung. Julius unterdrückte den Wunsch, sich die Ohren zuzuhalten. Er nickte und trat an einen freien Stuhl heran.

"Gibt es hier eine Sitzordnung?" Fragte er.

"Gewissermaßen. Mein Mann sitzt vor Kopf, ich am Tischende. Besucher können sich wahllos setzen, es sei denn, es muß ein bestimmtes Protokoll eingehalten werden", sagte die Hausherrin. Fanny, die Hauselfe, verschwand mit einem scharfen Knall aus dem Wohnzimmer.

Mr. Priestley betrat das Wohnzimmer in einem mittelblauen Umhang. Er nahm seinen üblichen Platz ein. Arcadia Priestley setzte sich Julius gegenüber hin. Julius wurde das Gefühl nicht los, daß die Junghexe ihn als interessantes Studienobjekt betrachtete, zumal sie nicht wußte, wieso Julius nun hier war. Angst oder Mißtrauen schien sie im Moment nicht zu verspüren. Oder sie verstellte sich sehr geschickt, dachte Julius.

Bei einer heißen Tasse Tee mit etwas Milch sprachen die vier über Julius' bisherige Erfahrungen mit Hexen und Zauberern. Julius berichtete von seinen Anfangsschwierigkeiten in Hogwarts, weil er nicht sicher war, daß er dort wirklich hingehörte. Arcadia sagte dazu nur:

"Du bist nicht der einzige Muggelstämmige, der damit zu tun hatte, daß er von jetzt auf Nachher alles neu lernen mußte. Immerhin hast du es wohl geschafft."

Julius erwähnte seine Schulfreunde, die ihm dabei geholfen hatten, ohne ihre Namen zu nennen. Mrs. Priestley nickte nur beipflichtend. Offenkundig hatte ihr Dumbledore oder Flitwick eine umfassende Lagebeschreibung geschickt.

Julius erzählte, welche Fächer ihm am meisten Spaß machten. Arcadia verzog etwas das Gesicht, als er sagte:

"Obwohl unser Zaubertranklehrer sich bemüht, uns immer wieder an unsere eigene Dummheit glauben zu lassen, finde ich Zaubertränke immer noch das interessanteste Fach in Hogwarts. Danach kommt Kräuterkunde, danach Astronomie."

"Genau die Kombination, die bei mir fast zum Scheitern geführt hätte", grummelte Arcadia. Dann lächelte sie zuckersüß und bat darum, Julius möge fortfahren. Als er erzählte, daß seit seinen letzten Sommerferien Zusatzaufgaben in Verwandlung und Zauberkunst auf ihn eingeprasselt seien, fragte Mr. Priestley, wieso man glaube, daß der Junge so früh dieses Zusatzzeug lernen müsse.

"Da weiß ich nicht, wo ich anfangen soll oder es besser bleiben lasse", sagte Julius. Mrs. Priestley warf ihrem Mann einen beruhigenden Blick zu, als würde sie verabreden, wann und wieviel sie ihm von Julius erzählen würde.

"Du sagtest etwas von den letzten Sommerferien. Wie hast du sie zugebracht?" Wollte Arcadia wissen.

"Erst war ich eine Woche in Paris, dann in Millemerveilles, dem französischen Dorf, wo nur Zauberer und Hexen leben. Da habe ich den Park mit den Zauberpflanzen, den magischen Tierpark, die Schattenhäuser mit gefangenen oder nachgebildeten dunklen Geschöpfen besucht. Zwischendurch habe ich Quidditch trainiert und mich sonst beschäftigt."

"Wielange?" Fragte Arcadia.

"so um die vier Wochen", gab Julius zögerlich preis.

"Wir haben es hier mit einem sehr bescheidenen Jungzauberer zu tun, Arcadia. Immerhin durfte er in Millemerveilles an einem Schachturnier teilnehmen und den dortigen Sommerball besuchen", sagte Mrs. Priestley. Julius hoffte, daß sie nicht erzählte, daß er beim Schachturnier den zweiten Platz und beim Sommerball den ersten Preis gewonnen hatte. Arcadias Wertschätzung für Julius, soweit sie eine solche besaß, mußte sprunghaft gestiegen sein, fand Julius. Die Augen der jungen Hexe glänzten. Dann sagte Mr. Priestley:

"Ich hörte, Sie haben diese Woche meine Kollegin Alexa von Hidewoods getroffen. Sie berichtete mir davon, daß Sie mit ihrer Mutter getanzt haben."

"Ja, habe ich. Ihre Mutter wußte, daß ich zur Zaubererwelt gehöre und bat mich um einen Tanz, weil sie mit den Muggeln nicht gescheit tanzen konnte."

"Du hast mit Lady Genevra getanzt? Das kann doch nicht sein!" Wunderte sich Arcadia. Julius war froh, nicht von seinen Erfolgen in Millemerveilles gesprochen zu haben. Doch er schätzte die Bemerkung Arcadias falsch ein. Denn keine zwei Sekunden später sagte sie:

"Dann mußt du eine umfassende Ausbildung gehabt haben und Lady Genevra von Hidewoods wußte davon. Soso! Das war so ziemlich meine einzige wirklich gelungene Ausbildung neben der Zauberei."

"Du hast dich sehr gut aus Hogwarts verabschiedet, Arcadia. Mit deinem UTZ-Abschluß hättest du ins Ministerium gehen können", warf Mr. Priestley ein. Seine Tochter schüttelte nur den Kopf.

"Nichts gegen eure Arbeit, Mutter und Vater. Aber mir wäre die Arbeit im Ministerium zu langweilig. Philipp schlägt sich jeden Tag mit Kobolden herum, muß sich mit grimmigen Zwergen auseinandersetzen oder verärgerte Zaubererfamilien beruhigen, deren Hauselfen nicht mehr so folgsam sind."

"Philipp ist mein erstgeborener", warf Mrs. Priestley ein. Julius nickte.

Julius fragte Arcadia, was sie in ihrem Laden so verkaufte. Sie erwähnte Zauberfarben für Malerei und Fotos, Farblampen und magisch zur Bewegung angeregte Puppen. Julius erfuhr, daß sie einen Großteil der englischen Quidditch-Nationalspieler-Püppchen gemacht hatte.

"Nachdem England ausgeschieden war, wollte keiner mehr die großen Helden haben, bis auf Mutter, die Jack Tempest und Aquille Thunders haben wollte."

"Ich kenne mich aus verständlichen Gründen nicht in der englischen Quidditchmannschaft aus. Für wen spielen die vereinsmäßig?"

"Die Cambridge Crickets, die beste Mannschaft Englands seit Bagmans Ausstand bei den Wimbourner Wespen."

"Na ja, die Chudley Canons sind auch nicht übel. Immerhin Platz vier hinter den Wimbledon Woodchucks", warf Arcadia ein. Dann sagte sie:

"Es gibt keine verständlichen Gründe für einen Zauberer, sich nicht auszukennen, wenn er selbst spielt. Liest du denn nicht die Sportseiten im Tagespropheten?"

"Da stand mir in der letzten Zeit zu viel dummes Zeug drin. Diese Rita Kimmkorn hat sich über Harry Potters Teilnahme am trimagischen Turnier ausgelassen, daß es nicht mehr schön ist", erwiderte Julius auf den indirekten Tadel. Damit hatte er ein Thema angeschnitten, über das er gerne sprach. Er berichtete von den ersten beiden Aufgaben des trimagischen Turniers und den Weihnachtsball. Er erwähnte, daß eine Beauxbatons-Schülerin ihn eingeladen hatte, weil sie wußte, daß Julius im Sommer in ihrem Heimatdorf getanzt hatte.

Nach der Teestunde klopfte Mrs. Priestley kurz mit dem Teelöffel an ihre leere Tasse:

"Ich nutze die Gelegenheit, nachdem wir uns alle ein wenig beschnuppert haben, folgende Dinge bekanntzugeben", begann sie zu sprechen.

"Erstens sollten wir in diesem Haus auf die steife ministeriale Höflichkeit verzichten. Mr. Julius Andrews wird sich bedeutend besser fühlen, wenn ihm eine gewisse familiärere Atmosphäre entgegengebracht wird. Daher biete ich an, daß er mich zukünftig beim Vornamen nennt, solange wir unter uns hier unter diesem Dach oder im Kreise unserer Verwandten sind. Ich weiß nicht, wie du das siehst, Tony, aber ich denke, die Bürokratie gehört ins Büro und nicht in ein Wohnzimmer."

"Das sehe ich auch so, June. Ich ging nur davon aus, daß du Anweisung hättest, bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten", erwiderte Mr. Priestley. Julius lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

"Also, wie finden Sie es, Mr. Andrews?"

"Ich weiß nicht. Noch kenne ich Sie alle nicht sonderlich gut, um jemanden einfach beim Vornamen zu nennen. Aber ich sehe schon einen gewissen Sinn darin. Wenngleich ich mir nicht sicher bin, ob ich mich hier wirklich gut einleben kann, weil es eben von oben verordnet wurde."

"Da werden wir alle mit leben müssen", bemerkte Mrs. Priestley ruhig. Ihr Mann nickte. Julius sagte dann noch:

"Ich werde Sie beide beim Vornamen nennen, aber ohne die persönliche Anrede zu gebrauchen. Das kann ich mit meinem Gewissen noch vereinbaren."

"Einverstanden", antwortete Mrs. Priestley.

Arcadia sagte nur:

"Niemand weiß, wielange das Ministerium möchte, daß du hier wohnst. Vielleicht bist du in den nächsten Sommerferien wieder bei deinen Eltern. Vielleicht bleibst du aber bis zur Volljährigkeit bei uns, zumindest in den Ferien."

"Danke, Arcadia!" Beendete Mrs. Priestley die Ansprache ihrer Tochter und kam zu ihrer eigenen Ankündigung zurück:

"Ohne nun ein umfangreiches Regelwerk zu konstruieren, das eher sperrt als hilft, möchte ich drei Sachen noch erwähnen, die wie ich weiß, keine Probleme machen werden, da es anderswo unter unüberschaubareren Gegebenheiten auch funktioniert hat:

Einmal gelten in diesem Haus Essens- und Schlafenszeiten, falls nicht vorher Ausnahmen vereinbart wurden, die begründet werden müssen. Gefrühstückt wird um acht uhr morgens, Mittagessen gibt es um halb eins. Tee gibt es entweder um vier oder gemäß der Muggeltradition auch um fünf Uhr nachmittags. Abendessen gibt es um sieben Uhr. Danach ist Freizeit oder Hausaufgaben angesagt, bis um zehn Uhr abends. Wer dann nicht schlafen will oder kann, muß sich so leise betätigen, daß die anderen nicht gestört werden.

Punkt zwei: Es ist zwar vorgesehen, daß Fanny alle Hausarbeiten erledigt. Wer jedoch besondere Wünsche hat, sollte auch bereit sein, selbst anzupacken, beispielsweise in der Küche oder bei der Ausstattung des Wohnzimmers. Fanny ist gehalten, von jedem von uns Anweisungen entgegenzunehmen. Tony oder ich haben jedoch das letzte Wort, falls Fanny dabei zuviel aufgebürdet bekommt.

Punkt drei: Jedem ist es gestattet, nach vorhergehender Absprache Freunde einzuladen. Tony und ich bbehalten uns jedoch vor, zu prüfen, wen wir unter unserem Dach dulden. Für Ausgänge gilt, daß Besuche bei anderen Hexen oder Zauberern einen Tag vorher verabredet werden müssen. Wenn nichts anderes besprochen, hat der Besuch um zehn Uhr abends beendet zu sein. Was die Kleiderordnung angeht, so sind in dieser Straße nur in Ausnahmefällen Muggelhosen und Oberbekleidungsstücke geduldet. Aber das kennst du ja aus Millemerveilles."

"Ich habe keine Probleme damit, diese Grundregeln zu befolgen, June. Ich lege es nicht darauf an, mich mit anderen Leuten zu verkrachen. Dann hätte ich zu Hause bleiben können", sagte Julius.

"Dann haben wir keine Probleme miteinander. Natürlich heißt das nicht, daß du mir als Fürsorgerin immer alles nachplappern mußt. Wenn du gerechtfertigte Einwände hast, und seien sie nur aus deiner Sicht begründet, möchte ich sie hören. Ich bin nicht vollkommen und kann etwas übersehen. Ob es in einem Fall geschieht oder nicht, kann nur ein Meinungsaustausch enthüllen. Meine Töchter kennen das zur Genüge."

Arcadia lächelte gekünstelt.

Als Julius sich für den Tee bedankt hatte, standen alle auf und gingen in verschiedene Räume des Hauses.

Julius zögerte einen Moment, das von Claire Dusoleil gemalte Kalenderbild aufzuhängen. Doch dann tat er es. Das Bild wurde mit der Baumhausseite, die auf den Verlauf der Tages- und Jahreszeiten abgestimmt war, sichtbar über dem Bett aufgehangen. Die Claire und Julius nachempfundenen Kinder, die in dem Baumhaus saßen, trugen gerade blattgrüne Umhänge und winkten Julius zu, als er prüfte, ob das Bild richtig hing.

Jemand klopfte an die Tür, als Julius seinen Rennbesen auf den Knien liegen hatte und ihn mit seinem Besenpflegeset auf Vordermann brachte.

"Herein!" Rief Julius.

Arcadia Priestley kam herein. Sie sah zuerst den schnittigen Sauberwisch 10, dessen Reisigbündel gerade wieder geglättet waren, dann fiel ihr Blick auf das Bild, das wie ein Kalender mit nur einem Blatt wirkte. Julius bemerkte, daß die junge Hexe fachkundig prüfte, wie das Bild gemalt und bezaubert war.

"Hast du das in Millemerveilles gekauft?" Fragte sie. Julius verneinte das. Er sagte, daß er es geschenkt bekommen hatte.

"Selbstgemalt? Da muß aber jemand sehr beeindruckt von dir gewesen sein. Ist auf der anderen Seite der Leinwand auch ein Motiv?"

"Was man bei Zaubererbildern Motiv nennt. Da erscheinen an den Feiertagen passende Figuren und führen was auf. Zu Weihnachten waren es Engel mit Musikinstrumenten. In der Neujahrsnacht flogen vier Hexen und vier Zauberer in vier verschiedenen Umhängen durch das Bild und versprühten Feuerwerk. Ich denke, daß zu Ostern ein Osterhase mit einem Korb voll bunter Eier über das Bild hoppelt."

"Das Mädchen auf dem Bild da sieht so aus wie eine Tochter von Camille Dusoleil. Hast du sie getroffen?"

"Wen?" Fragte Julius zurück.

"Madame Dusoleil", legte sich Arcadia fest.

"Ja, habe ich. Sie hat mir ihren Zaubergarten gezeigt und mich häufig abgeholt, wenn ich Zeit hatte, mir von ihr Nachhilfe in Kräuterkunde geben zu lassen."

"Dann hast du auch ihre Familie kennengelernt. Madame Dusoleil soll sehr familienbezogen sein."

"Kennst du Madame Dusoleil?" Fragte Julius, dem es nicht so recht gefiel, wie Arcadia ihn auszuhorchen versuchte.

"Ich habe ein Buch von ihr über exotische Zauberpflanzen. Es war ein Geschenk, als ich in Kräuterkunde mal auf eine sehr gute Note gekommen bin", erwiderte die Tochter der Priestleys. Julius nickte.

"Irgendwas habe ich falsch gemacht damals. Ich hätte mich dumm oder uninteressiert stellen müssen. Dann hätte ich nicht dieses Buch über Zierpflanzen von ihr geschenkt bekommen."

"Oh, du hast gezeigt, wieviel du weißt und was dich noch interessiert. Ich habe gehört, daß sie solche Jungen dann gerne für sich vereinnahmt. Ist ihre Tochter Jeanne in der Beauxbatons-Abordnung?" Wollte Arcadia wissen. Julius dachte, daß die Antwort darauf für ihn harmlos sei und bejahte.

"Dein Besen ist sehr gut gearbeitet. Spielst du in der Ravenclaw-Hausmannschaft?"

"Als Reservespieler. Unser Team ist im Moment sehr gut. Außerdem finden wegen des trimagischen Turniers keine Quidditchspiele statt", antwortete Julius.

"Ich habe noch mitbekommen, wie Cho Chang in die Stammauswahl gekommen ist. Leider hatten wir im letzten Schuljahr gewisse Probleme in Hogwarts."

"Ach, die dunkle Angelegenheit mit dem Basilisken in der Kammer des Schreckens, der Muggelstämmige gejagt hat?" Fragte Julius.

"Ach, das weißt du also schon längst. Das war schon eine ziemlich finstere Sache damals", sagte Arcadia. Dann berichtete sie, was sich im Jahr vor Julius' Einschulung zugetragen hatte, daß errst Filchs Katze versteinert wurde, dann eine Drohschrift erschienen sei. Dann habe es diesen Zwischenfall im Duellierclub gegeben, wo Harry Potter offenbart hatte, daß er die Schlangensprache konnte und ihn daraufhin die meisten für den "Erben Slytherins" hielten, bis die kleine Ginny Weasley in der Kammer des Schreckens verschwunden und von Harry und ihrem Bruder Ron wieder gerettet worden war.

"Seit damals bin ich sehr vorsichtig mit fremden Tagebüchern. Es heißt, daß Ginny von einem alten Tagebuch des dunklen Lords behext worden sein soll und darauf in dessen Auftrag und mit dessen Wissen gehandelt habe."

"Sowas kennen die Muggel auch. Da heißt das Internet-Kontaktforum. Leute, die sich nicht kennen, beeinflussen sich gegenseitig. Keiner weiß, mit wem er oder sie gerade Sätze austauscht und worauf er oder sie sich einlassen soll, weil es schon zu Verbrechen kam, wenn Leute das ausnutzten, daß ihre Gesprächsteilnehmer sie nicht sehen und hören können, um andere zu verleiten, böses zu tun oder sich in eine Falle locken zu lassen."

"Sowas wird das gewesen sein. Gedächtniskonservierung mittels schwarzer Magie. Das ist etwas, was sehr schnell ins Auge geht", wußte Arcadia.

Arcadia und Julius unterhielten sich danach noch über ihre Familien. Julius wollte wissen, wieviele Geschwister Arcadia noch hätte und erfuhr, daß ihr sieben Jahre älterer Bruder Philipp in einem Dorf bei Coventry lebe und in der Abteilung zur Aufsicht und Führung magischer Geschöpfe arbeitete und bereits drei Söhne hatte, daß ihre fünf Jahre ältere Schwester Agatha einen Zauberer aus der Geisterbehörde geheiratet und mit diesem zwei Töchter bekommen habe.

"Wenn Mutter dich am Ostersonntag nicht irgendwoanders hinschickt, wirst du sie alle zu sehen kriegen, inklusive meiner Tante Regina", sagte Arcadia.

"Meine Eltern wollten am Ostersonntag auch ein Familienfest geben. Onkel und Tanten mütterlicherseits wollten kommen. Ich weiß nicht, wie Paps Mum beibringen wird, daß ich nicht dabeisein kann", erwiderte Julius beklommen.

"Hat Mutter ihm nicht ein Schreiben dagelassen, worin sie erklärt, weshalb sie dich hierhergeholt hat?" Fragte Arcadia besorgt.

"Doch, hat sie. Aber Paps wird meiner Mutter das nicht so einfach unter die Nase halten und sagen, daß er mich einfach so einer fremden Hexe mitgegeben hat. Das hieße für ihn, daß er verloren hat."

"Klingt, als hätte er gegen Mutter gekämpft", vermutete Arcadia. Julius biß sich auf die Lippe, um nicht auszuplaudern, daß dies so war. Er überlegte kurz und sagte:

"Meine Eltern konnten sich nicht damit anfreunden, einen Zauberer in der Familie zu haben, der mit anderen Zauberern umgeht und auch Freunde in diesen Kreisen finden könnte. Mein Vater ist Forschungsleiter in einer Chemiefirma, einer Fabrik, die künstliche Baustoffe und Wirkstoffe herstellt."

"Ach, sowas, was die Natur verunreinigt", warf Arcadia verächtlich ein. Julius sagte dazu nichts.

Es klopfte wieder an die Tür, und Julius rief "Herein!"

Mrs. Priestley trat ein, sah ihre Tochter, dann den Besen. Dann suchte sie Blickkontakt mit Julius und fragte:

"Möchtest du die Umhänge noch vor dem Abendessen ausprobieren, um die auszusortieren, die nicht passen?"

"Oh, Entschuldigung! Durch die Plauderei habe ich das ganz vergessen!" Antwortete Julius errötend. Dann sagte er:

"Ja, ich probiere die gleich aus. Da liegt ja noch die Liste. Ich muß bei jedem in den Feldern ankreuzen, ob sie zu kurz, zu lang, passend oder zu eng sind, richtig?"

"Ja", erwiderte Mrs. Priestley.

"Gut, ich mach das sofort. Wenn Sie und du bitte rausgehen würdet!"

Arcadia nickte und grinste Julius schelmisch an. Ihre Mutter verließ zuerst das Zimmer, dann Arcadia. Sie schloß die Tür hinter sich. Julius legte den Riegel vor, obwohl er nicht glaubte, daß ein gewöhnlicher Riegel eine Hexe aussperren würde, die apparieren oder Schlösser aufzaubern konnte. Dann trug er in die Liste die Nummer des gerade von ihm getragenen Umhangs als Passend ein.

Innerhalb einer Viertelstunde hatte er die zehn Umhänge durchprobiert, immer mit einer Baumwollhose und einem Pullover darunter. Vier der Umhänge waren zu lang, einer zu kurz und einer zu eng. Er trug die Angaben in die Liste ein und zog den samtbraunen Umhang wieder an, den er zur Teestunde getragen hatte. Dann nahm er die Liste und ging ins Wohnzimmer. Dort wartete nur Arcadia vor dem mittlerweile brennenden Kamin.

"Vier von zehn. Ich bin eben kein Standardtyp", sagte Julius. "Am besten gehe ich vor der Rückfahrt noch in die Winkelgasse und besorge mir Alltagsumhänge."

"Ich wollte am Freitag sowieso dahin. Wenn Mutter es erlaubt, nehme ich dich mit", sagte Arcadia.

"Wo ist deine Mutter jetzt?" Wollte Julius wissen und wedelte mit der Liste.

"Sie sitzt wohl in ihrem Arbeitszimmer. Ich bringe dich hin", bot Arcadia an und stand aus dem bequemen Sessel auf.

Das Arbeitszimmer lag am Ende eines Flures, von dem links und rechts je drei Türen abgingen. Julius fragte nicht, wohin sie führten. Am Ende des Flures klopfte Arcadia an die linke Tür, an der ein weißlackiertes Holzschild mit schwarzglitzernder Schrift verkündete, daß hier Dr. June Priestleys Arbeitsraum lag. Von drinnen kam ein forderndes "Herein!" Julius trat einen Schritt zurück, als Arcadia die Tür öffnete. Dann traute er sich und ging hinein.

Er hatte damit gerechnet, ein einfaches Büro mit Schreibtisch, Schreibzeug und vielleicht einigen Bücherregalen zu sehen, womöglich mit Eulen in Käfigen, wie er es bei Madame Faucon kennengelernt hatte. Doch hier gab es außer diesen Dingen noch mehr. Julius staunte, als er den siebzehn Zoll großen Computermonitor, ein dazu gehörendes Metallgehäuse mit Diskettenlaufwerkschlitzen, Schaltern und CD-Laufwerk sah, die dazugehörige Tastatur bemerkte, sowie die Computermaus auf ihrer Unterlage. Daneben stand noch ein kleines Radio und ein Fernseher mit aufgepflanzter dreiarmiger Antenne.

"Da steht ein Besucherstuhl, Mr. Andrews", sagte Mrs. Priestley ruhig und wandte sich zu Julius um, um ihn anzusehen. Sie saß auf einem hochlehnigen gepolsterten Stuhl, die Füße auf einer kleinen Holzbank unter dem breiten Schreibtisch. Julius nickte und nahm auf dem bequemen Besucherstuhl platz. Arcadia drückte von außen die Tür zu.

"Ich dachte, daß Sie nur gewöhnliches Schreibzeug und ein paar Eulen haben", brachte Julius sein Erstaunen zum Ausdruck. Dann hielt er die Liste mit den Angaben zu den Umhängen vor und sagte:

"Ich habe die Umhänge durchprobiert und die nicht passenden angekreuzt."

"Ich schicke die Liste gleich fort", sagte Mrs. Priestley. Julius vermeinte, dies als Schluß der kurzen Unterredung zu verstehen und stand wieder auf. Doch seine neue Fürsorgerin schüttelte den Kopf und winkte ihm zu, sich wieder zu setzen.

"Du wunderst dich doch, daß ich, eine Hexe, Muggelgeräte hier aufgestellt habe. Willst du nicht wissen, warum?"

"Steht mir das zu?" Erwiderte Julius verunsichert.

"Warum nicht? Du hast sicherlich gelesen, daß ich die Wissenschaften der Muggel und ihr Alltagsleben studiere. Deshalb hat man mir ja auch deine Betreuung aufgetragen. Ich hab mir einen elektrischen Generator in den Keller gestellt, dessen Brennstoff ich vom Ministerium beziehe. Damit treibe ich diese Dinge hier an, um einerseits mit den Informationsmethoden der Muggel zu experimentieren und andererseits ihre Nachrichten und Forschungsarbeiten verfolgen zu können. Der Computer besitzt eine drahtlose Telefonverbindung, über die ich Zugriff auf das weltweite Computernetz habe, der Fernseher empfängt die britischen Programme, und mit dem Radio kann ich die gängigen Muggelsender hören. Dazu habe ich in der Küche noch ein Zauberradio, mit dem ich die drei magischen Sender hören kann."

"Nur drei magische Sender?" Fragte Julius, der die Unzahl privater und öffentlicher Radioprogramme gewohnt war.

"Man braucht doch nur drei Radiosender. Den für populäre Musik, den für Kunst und Klassik und einen für Berichte des magischen Zeitgeschehens. Die Muggel mit ihren überzähligen Programmen, die doch dasselbe bringen, machen es sich zu kompliziert."

"Ich hörte letztes Jahr in den Sommerferien, daß die Zaubererwelt auch Rundfunk kennt. Aber wie das läuft, wußte ich nicht."

"Auf jeden Fall nicht über die elektromagnetischen Wellen, die in der Muggelwelt Töne und Bilder übertragen. Aber zu den Geräten hier noch mal. Ich habe 100 Disketten und zwanzig dieser Compactdisks, auf denen die neuesten Informationen aus der Muggelwelt gespeichert sind. Deshalb kann ich auch gut an meinen untergeordneten Ministeriumsprojekten arbeiten."

"Ich gehe davon aus, daß Sie wissen, wo ich im Sommer gewohnt habe?" Wandte sich Julius an die Ministeriumshexe.

"Selbstverständlich. Als ich den Auftrag erhielt, mich um deine Belange zu kümmern, bekam ich alle Notizen über deine Unterbringung in Millemerveilles, die Angaben von Professeur Faucon, sowie einer kurzen Benachrichtigung der dortigen Gesellschaftsbeauftragten Madame Delamontagne, sowie die Dokumente aus Hogwarts. Insofern weiß ich alles von deiner bisher verbrachten Zeit in unserer Welt, was wichtig genug war, niedergeschrieben zu werden. - Du brauchst deswegen nicht gleich so erschrocken dreinzuschauen. Die mir zugegangenen Notizen und Berichte sind alle positiv gehalten, ohne versteckte Andeutungen, du hättest dich gegen unsere Regeln verhalten."

"Dokumente aus Hogwarts? Von allen Lehrern? Oha, da werden Sie wohl was von Professor Snape zu lesen bekommen haben."

"Ich kenne diesen Herrn und weiß, daß er keinen Hehl aus seinen Vorbehalten Muggelstämmigen gegenüber macht. Meine zwei Töchter hatten die fragwürdige Ehre, von ihm unterrichtet zu werden. Dennoch ist er ein Fachmann auf seinem Gebiet, das kann ich guten Gewissens behaupten. Er schrieb, daß du dich im Rahmen deiner Herkunft gut gehalten hättest, sowie erstaunlich viel Aufnahmefähigkeit gezeigt hättest, obwohl deine Eltern dich wohl von der Richtigkeit seines Unterrichts abzubringen trachteten. Allerdings, so behauptet er, würdest du unüberlegt schnell Leuten aus deiner Klasse etwas beizubringen versuchen, was du nicht genau einschätzen könntest. Dem stehen die Berichte von Professor Sprout und Professor McGonagall entgegen, die diese Hilfsbereitschaft loben, wie auch deine Bereitschaft, dich gut in Hogwarts zu integrieren, also einzugliedern."

"Wahrscheinlich schrieb Professor Sprout dies, weil ich diese Hilfsbereitschaft zwei ihrer Hausschüler gewidmet habe. Hat sie sonst noch was geschrieben? Kräuterkunde war neben Astronomie mein bestes Fach."

"Ja, hat sie. Sie wies darauf hin, daß du in ihrem Fach besonders viel Enthusiasmus, gepaart mit großer Auffassungsgabe und Umsicht gezeigt hättest und dies auch und vor allem nach den Sommerferien beibehalten hättest. Sie führte diesen Aufschwung deiner ohnehin ausgezeichneten Leistungen auf gute Kontakte zu kundigen Kräuterhexen zurück, deren Namen mir beide wohl bekannt sind: Ms. Aurora Dawn und Madame Camille Dusoleil."

Das wollte Julius nur wissen. Also hatte man der Ministeriumshexe alles mitgeteilt, was er so erlebt und mit wem er Kontakt hatte. Womöglich hatten die Professoren Sprout und McGonagall ihr noch Briefe vonProfessor Faucon, Aurora Dawn und Madame Dusoleil mitgeschickt. Damit mußte Julius sich nun abfinden. Dann fiel ihm noch etwas ein:

"Ich bekam vor kurzem eine Einladung von Madame Dusoleil, sie am Samstag vor Ostern in Millemerveilles zu besuchen. Da ich nicht wußte, was in den Ferien passiert, habe ich geschrieben, daß ich das nicht allein entscheiden könne, aber sehr gerne hinreisen würde, falls ich darf. Ich gehe davon aus, daß ich erst einmal nicht in der Weltgeschichte herumreisen soll."

"Kommt darauf an, zu wem und wohin. Ich kenne Madame Dusoleil nicht persönlich, aber habe bislang nur gutes von ihr gelesen. Sie soll sehr familienbewußt sein, sich immer um interessierte Junghexen und -zauberer kümmern und peinlich darauf bedacht sein, ihre Arbeit in Millemerveilles zu erledigen. Sie begeistert sich für die Millemerveilles Mercurios, spielt Spinett und Flöte und singt auch gerne. Außerdem setzt sie sich selbst gerne auf einen Rennbesen und spielt Quidditch, wenn die Freizeitsportler trainieren. Ihre älteste Tochter Jeanne, die dich zum Weihnachtsball ausgeführt hat, ist Kapitänin ihrer Hausmannschaft in Beauxbatons. Ihre jüngere Tochter Claire hat sich zu einer ausgezeichneten Tänzerin entwickelt und letztes Jahr den Sommerball von Millemerveilles erfolgreich besucht, weil sie dort auf einen Gast aus England traf, mit dem sie tänzerisch sehr gut harmonierte. Ihre jüngste Tochter Denise wird nächstes Jahr in die Grundschule für Hexen und Zauberer kommen. Ich denke mal, daß diese Angaben dir alle vertraut sind."

"Hundert prozentig", erwiderte Julius.

"Ich hege also keine Bedenken, dich für den betreffenden Zeitraum freizustellen, wenn jemand dich hier abholt, dort hinbringt und auch wieder zurückbegleitet. Falls deine Eule heute noch hierherfindet, schicke sie mit einem Express-Brief nach Millemerveilles! Dann ist die Nachricht innerhalb von einem Tag an Ort und Stelle", antwortete Mrs. Priestley.

Julius nickte. Er wollte nicht sofort damit herausrücken, daß Aurora Dawn ihm schon längst angeboten hatte, ihn abzuholen. Aber da Francis im Moment eh nicht zur Verfügung stand und er nicht eine von Mrs. Priestleys Eulen verwenden wollte, beließ er es erst dabei, zu warten.

Er dachte nach, was er noch fragen wollte. Dann fiel es ihm ein, daß er genau wissen wollte, was sein Vater damals getan hatte, um den Standort von Hogwarts herauszubekommen. Er fragte, wie das gelaufen sei.

"Dein Vater hat damals, als er von den Eheleuten Porter abgeholt wurde, einen kleinen Peilsender mitgeführt, wohl ein Ausrüstungsgegenstand eines Geheimdienstes der Muggel. Ein Verbindungszauberer im britischen Geheimdienst informierte das Zaubereiministerium und teilte mit, daß die Fahrt nach Hogwarts mit Weltraumsatelliten überwacht wurde, sowie Spionageflugzeuge den Kurs des Ministeriumsautos überwachten. Da Transitionsturbos verwendet wurden, kam es natürlich zu heftigen Raumsprüngen. Die Überwachungsleute glaubten daran, einer Fehlfunktion aufgesessen zu sein. Als dann noch ein ständig sich vervielfachendes Signal des Senders aus unterschiedlichen Richtungen kam, weil die Unortbarkeitsbarriere von Hogwarts erreicht wurde, ging man endgültig von einer Panne bei der Signalübertragung aus. Das ganze geriet zu einem Fehlschlag. Der Verbindungszauberer innerhalb des Geheimdienstes modifizierte die Gedächtnisse der Beteiligten dahingehend, daß von einem Totalausfall des Peilsenders ausgegangen wurde, ohne sich an die magische Signalvervielfältigung zu erinnern. Deinem Vater entstand daraus kein Schaden, obwohl der Aufwand sehr hoch war. Denn die entsprechenden Abteilungen des Zaubereiministeriums sorgten dafür, daß keine Forderungen gestellt wurden. Die Sache wurde als verfehlte Übung zum Aufspüren eines neuartigen Senders abgehandelt."

"Das heißt, der Steuerzahler zahlt den ganzen Aufwand", erwiderte Julius trocken.

"So sieht das wohl aus. Auf jeden Fall hat es dein Vater nicht noch einmal versucht, als er davon hörte, daß es ein Fehlschlag war."

"Er war wohl froh, daß er nicht den Einsatz bezahlen mußte. Außerdem wollte er es sich wohl nicht mit seinem Bekannten verscherzen", vermutete Julius.

"Womöglich nicht", erwiderte Mrs. June Priestley.

 

 

Um sieben Uhr gab es Abendessen. Fanny, die Hauselfe hatte ein drei-Gänge-Menü zusammengestellt, das Julius sehr gut schmeckte.

Nach dem Abendessen unterhielten sich Julius und die Priestleys noch über die Quidditch-Weltmeisterschaft. Julius vermied es, über das Finale zu sprechen. Ihn interessierte vielmehr, wie die Organisation abgelaufen war. Mr. Priestley, der in der Abteilung für magischen Personenverkehr arbeitete, erklärte dem neuen Mitbewohner:

"Unsere Abteilung mußte sicherstellen, daß die Verkehrsmittel der Muggel nicht über Gebühr beansprucht werden durften, um die Hunderttausende, die zur Weltmeisterschaft anreisten, an die Wohnorte zu bringen. Mehrere hundert Zeltplätze wurden im Voraus gebucht, um allen die Möglichkeit zu geben, die Wochen bis zu den Spielen ungestört zu verbringen. Unsere Experten für Portschlüssel mußten die genauen Startpunkte und Abreisezeiten festlegen, damit die Besucher, die sich ihrer bedienen sollten, auch keine Probleme damit hatten. Ich hatte mit der Planung der Apparitionsüberwachung zu tun. Immerhin kamen über vierhunderttausend Besucher auf diesem Weg zum Stadion. Dann war da noch die Regelung der mit Flohpulver anreisenden Zauberer und Hexen. Wir waren gezwungen, die Grenzpassage zu verteuern und Tageslimits zu verordnen, daß nur eine bestimmte Personenzahl pro Tag das Floh-Netz benutzte. Schließlich mußte das Netz ja auch denen zur Verfügung stehen, die nicht zur Quidditch-Weltmeisterschaft wollten. Sicherlich hast du davon gehört, daß die Grenzpassage während der Weltmeisterschaft den doppelten Alltagswert erreichte."

"Eine Zaubererfamilie, die mich in den Ferien besuchte, berichtete davon", sagte Julius nur. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sich Mr. Porter über die hohen Grenzkontrollgebühren beschwert hatte, als er mit seiner Familie und den Hollingsworths nach Millemerveilles kam. Julius hatte nicht den Eindruck, daß Mr. Porter Probleme mit Geld hätte. Doch er hatte den Wertschätzer von neuen Gold- und Edelsteinfunden bei Gringotts als einen stets alle Notwendigkeiten abwägenden Mann kennengelernt.

"Nach dem Finale wurden wir dann mit Vorwürfen und Beschwerden überschüttet, daß wir angeblich nicht alle Besucher gründlich genug geprüft hätten und nun für die entstandenen Schäden einstehen müßten. In den meisten Fällen mußten die Abteilungen die erwirtschafteten Galleonen ausgeben, um der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit, der Abteilung gegen den Mißbrauch von Muggelartefakten und der Abteilung für magische Spiele und Sportarten beizuspringen, um zumindest den materiellen Schaden zu beheben. Den Rufschaden, sowie die Panik, die durch das Debakel nach dem Endspiel entstanden sind, konnten diese Geldmittel gewiß nicht aufwiegen."

"Das ist bedauerlich, daß jemand eine so schöne und spannende Veranstaltung als Bühne für seine Gemeinheiten genutzt hat, Anthony. Ich kenne das aus den Muggelnachrichten, wenn Randalierer bei Fußballspielen einfache Fans verprügeln, ja lebensgefährlich verletzen und heftige Sachschäden anrichten. Ich dachte, sowas gäbe es nur, weil die Radio- und Fernsehsender sofort darüber berichteten und denen damit ihren Willen gäben. Aber daß das auch in der Zaubererwelt so läuft, hat mich schon erschreckt", räumte Julius ein.

"Wir sind eben auch Menschen. Der Unterschied besteht nur darin, daß wir Magie benutzen können. Die meisten Muggelstämmigen denken im ersten Moment, daß die Zaubererwelt wie das Leben auf einem anderen Planeten sei. Aber im Laufe der Jahre verfliegt diese Vorstellung", wandte Mrs. Priestley ein. Julius nickte verschämt. Er hatte auch geglaubt, mit einem Besen zu fliegen und mit Flohpulver zu reisen wären Sachen, die für völlig andere Menschen stünden. Aber ihm machte es immer noch Spaß, die neue Welt, sein neues Leben, zu erforschen, wie einen fremden Planeten. Deshalb sagte er:

"Es ist ja auch ein Unterschied, ob ich mit einer Zivilisation groß geworden bin oder irgendwann in eine völlig neue reingehen muß, die sich heftig unterscheidet."

"Ich meinte das nicht als Vorwurf, was ich sagte, Julius. Ich wollte nur feststellen, daß viele muggelstämmige Hexen und Zauberer meinten, sich völlig umgewöhnen zu müssen."

Julius nickte wieder.

Der Abend klang mit einer Schachpartie zwischen Julius und Mr. Priestley aus. Julius gewann haushoch mit zehn Figuren auf dem Brett.

"Schon einmal daran gedacht, bei einem Schachturnier anzutreten?" Fragte der Mann der Ministeriumshexe grinsend.

"Daran gedacht hatte ich nie. Aber teilgenommen habe ich schon an einem. Und wenn ich das richtig sehe, werden die darauf bestehen, daß ich dieses Jahr wieder antrete", sagte Julius.

"Achso, ja! Ich habe verdrängt, daß mir Alexa von Hidewoods von ihrer Mutter Brieffreundin erzählt hat, die gegen einen jungen Zauberer aus England im Schachturnier verloren hatte. Die wird dich natürlich wieder herausfordern", schmunzelte Mr. Priestley. Arcadia, die mit ihrer Mutter die Partie beobachtet hatte, sah sehr beeindruckt drein.

Um zehn Uhr abends gingen alle in ihre Zimmer. Julius öffnete noch einmal kurz eines der beiden großen Fenster seines neuen Schlafzimmers. Er blickte hinaus auf den Hinterhof des Zaubererhauses, der von hohen Tannen begrenzt war. Die kühle Frühlingsnachtluft fing sich rauschend in den Zweigen der Bäume, während Julius von links und von rechts das Rauschen und Brummen stark befahrener Straßen hörte. Dies war nicht Millemerveilles, auch nicht Hogwarts. Irgendwie drangen die trüben Gedanken jetzt erst so richtig in sein Bewußtsein ein, die durch das neue, den Umzug nach Cambridge, die Fahrt mit dem Zauberauto, dem Fahrer mit den beiden magischen Armen, die Priestleys und ihr Haus, verdrängt worden waren. Sein Vater hatte ihn aus seinem Elternhaus vertrieben. Er hatte das absolut nicht beabsichtigt, sogar noch mit einer Waffe versucht, ihn zurückzuhalten. Doch die Tatsache, daß er Mrs. Priestley am Telefon gedroht hatte, Julius nicht mehr nach Hogwarts zu lassen, daß er versucht hatte, Julius' Schulsachen und seinen Besen zu verbrennen, sprachen dafür, daß Julius in seiner neuen Rolle nicht mehr willkommen zu sein schien. Sicher, wenn seine Mutter zu Hause gewesen wäre, hätte es vielleicht noch eine Möglichkeit gegeben, die Angelegenheit vernünftig zu regeln. Aber seine Mutter war jetzt in San Francisco. Ob sie es schon wußte, daß Julius nicht mehr zu Hause war und wohl vorerst nicht mehr nach Hause kommen würde?

Er dachte an seine alten Freunde, die so dumm waren, sich auf verbotene Sachen einzulassen und erwischt wurden. War ihm da was erspart geblieben, weil er nicht mit ihnen zusammengeblieben war? Wäre es ihm in Eton besser ergangen, wenn er von vorne herein gesagt hätte, daß er nicht nach Hogwarts wollte und seine Eltern das auch durchgesetzt hätten? Sicherlich nicht. Diese Erkenntnis beruhigte ihn wieder. Was auch immer geschehen war, konnte nicht mehr umgekehrt werden, es sei denn, die Zaubererwelt besäße Möglichkeiten zur Zeitreise. Außerdem wollte er es doch gar nicht, daß alles nicht so hätte passieren sollen, wie es passiert war. Er hätte sonst nicht gewußt, daß er auf einem Besen fliegen, mit einfachen Zauberstabbewegungen Tische schweben oder Kaminfeuer aufflammen lassen konnte. Er hätte keine Lust verspürt, Musik zu machen oder zu tanzen, und er hätte nicht mitbekommen, wie lebendig die gemalten Bilder der Zaubererwelt waren. Bei diesem Gedanken warf er noch einen Blick auf das Gemälde, das Claire ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Die beiden Kinder, die ihm und Claire nachempfunden worden waren, waren in das Baumhaus gegangen und hatten die Fenster mit tiefblauen Vorhängen verhüllt. Über dem Wipfel des auch im Gemälde wehenden Wind rauschenden Baumes stand silbernbleich ein zunehmender Mond. Dieser brachte Julius darauf, seinen Mondglobus aus der Practicus-Reisetasche zu holen und durch eine kurze Berührung mit dem Zauberstab zum leuchten zu bringen. Die magische Mondlampe schwebte frei zur Decke empor und strahlte als zunehmender Mond herab. Julius nahm das Begleitbuch, in dem die Mondlandschaften beschrieben standen und trat vom Fenster zurück. Er wollte es gerade schließen, als zwei helle Schatten von draußen hereinschwebten und als Posteulen durch das Fenster kamen, die Julius kannte. Die eine war Trixie, Glorias Steinkauzweibchen, die andere war Boann, die Waldohreule von Kevin Malone.

Das Eulen die Empfänger ihrer Briefe überall fanden, auch ohne daß die Absender wußten, wohin die Eulen fliegen sollten, wußte Julius. Doch es erstaunte ihn immer wieder.

Er las im Licht der magischen Mondlampe den Brief, den Kevin geschrieben hatte:

 

Hallo, Julius!

Wie du wahrscheinlich weißt, sollen wir uns ja für die dritte Klasse neue Schulfächer dazunehmen. Ich habe mir Wahrsagen und natürlich Pflege magischer Geschöpfe ausgesucht. Kannst du mir schreiben, wofür du dich eintragen willst oder das schon erledigt hast?

Viel Spaß noch in den Ferien!

Kevin

 

Danach las Julius Glorias Brief:

 

Hallo, Julius!

Erst einmal viele Grüße von Jenna und Betty! Sie haben geschrieben, daß sie sich auch für Pflege magischer Geschöpfe sowie Muggelkunde eingetragen haben. Sie wundern sich, daß du dich nicht für Muggelkunde eingetragen hast, haben deinen Grund dafür aber anerkannt. Sie fragen durch mich, ob du ihnen auch dabei helfen kannst, wenn der Lehrer nicht verständlich genug erklärt.

Um den Besuch dieser Mrs. Priestley würde ich mir keine Gedanken machen. Im Zweifelsfall fährst du eben für den Rest der Ferien nach Cambridge. Mum kennt eine Agatha Cracklebone, die eine Tochter dieser Mrs. Priestley ist. Ihre Mutter soll sehr umgänglich sein, wenngleich sie auch sehr streng die Gesetze einhält.

Wir sehen uns dann im Hogwarts-Express!

Gloria

 

Julius grinste. Dann drehte er den Pergamentzettel um und schrieb mit seinem Füllfederhalter:

 

Hallo, Gloria!

Da mein Vater versucht hat, unseren Termin für morgen zu verschleppen, kam Mrs. Priestley schon heute zu uns. Sie wollte mit ihm reden, doch er jagte sie aus dem Haus. Danach wollte er meine Schulsachen und Zaubergegenstände verbrennen. Doch Mrs. Priestley tauchte unter einem Unsichtbarkeitsumhang wieder auf und hinderte ihn daran. Danach beschloß sie, mich mitzunehmen. Und jetzt sitze ich in einem neuen Schlafzimmer in einer Straße, die zwar nicht wie eure in einer verzauberten Form existiert, aber nur durch ein sehr schmales, von Zauberern und Hexen zu benutzendes Tor von der Muggelwelt getrennt ist. Mrs. Priestley scheint sehr umgänglich zu sein, zumindest nicht so streng, wie Professeur Faucon. Sie wohnt hier mit ihrem Mann, der im Ministerium in der Abteilung für magischen Personenverkehr arbeitet und ihrer Tochter, die einen Laden für Zauberkunsthandwerk in der Winkelgasse betreibt.

Mrs. Priestley hat mir gesagt, daß ich nun bis auf weiteres bei ihr wohnen werde, wenn Ferien sind. Ich fürchte, ich habe meine Eltern heute das letzte Mal gesehen, bevor ich mit Hogwarts fertig bin.

Vielleicht reise ich am Samstag für einen kurzen Besuch nach Millemerveilles, wenn sich die Grenzpassage an der Flohpulver-Grenzstation wieder auf bezahlbare Werte eingependelt hat. An und für sich müßte ich einen Brief an Aurora Dawn schicken, daß sie meinen Vater in Ruhe lassen kann, weil ich nicht mehr in London bin. Aber ich warte noch auf Francis.

Bis nächste Woche und frohe Ostern!

Julius

 

Danach schrieb er Kevin noch eine kurze Mitteilung, daß er Arithmantik, Pflege magischer Geschöpfe und alte Runen nehmen wollte. Damit schickte er Boann los.

Jetzt wollte er das Fenster schließen. Doch eine weitere Posteule kam herangeflogen, die er kannte. Es war Francis. Julius ließ ihn ein und nahm ihm vorsichtig einen Briefumschlag vom Bein. Dann tätschelte er seine Eule und sagte leise:

"Brafer Vogel. Du kannst draußen jagen. Ich lasse dich morgen hier im Zimmer schlafen. Aber dann möchte ich dich zu Madame Dusoleil und Aurora Dawn schicken. Traust du dir das zu?"

Francis nickte wie ein Mensch, der einverstanden war. Dann flog er wieder in die Nacht hinaus, um sich sein Fressen zu erjagen.

Julius nahm den kleinen Umschlag und sah darauf das Wappen von Hogwarts. Er öffnete ihn und zog eine kurze Pergamentseite hervor. Darauf stand:

 

Hallo, Julius!

Ich schätze, daß wir uns am Samstag wiedersehen können. Aurora kennt deine Eltern und weiß, wie sie mit ihnen umgehen kann, ohne unhöflich oder aggressiv zu werden.

Ich schicke deine Eule per Express-Reise zurück. Am besten läßt du sie dann einige Tage in Ruhe!

Bis auf ein baldiges Wiedersehen!

Camille Dusoleil

 

 

Julius schloß nun das Fenster und ging zu Bett. Die Mondlampe goß ihr silbernes Licht über ihn und gab ihm das Gefühl, nicht ganz im Dunkeln zu sein. Er schlief nach wenigen Minuten tief und fest.

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