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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Ein leises Klopfen weckte Julius aus dem tiefen, fast traumlosen Schlaf. Er brauchte einige Sekunden, um zu sich zu finden und zu erkennen, wo er war. Er lag in einem geräumigen Bett, in einem mit weichen hellen Teppichen ausgelegten Zimmer in einem mehrstöckigen Haus im Krötensteig 144, einem Zaubererhaus in Cambridge. Gestern erst war der Junge mit den blonden Haaren und den hellblauen, immer interessiert umherblickenden Augen aus dem Haus seiner Eltern in London geholt worden, weil er, der als erster in einer langen nichtmagischen Ahnenreihe nach einem berühmten Zauberer und einer berühmten Hexe, das Zaubertalent aus zwei Ahnenlinien geerbt und entwickelt hatte, dies aber von seinem Vater nicht hingenommen wurde. Julius Andrews war von Mrs. Priestley, einer Hexe im Ministerium für Magie, in dieses, ihr Haus gebracht worden, wo er vorerst wohnen sollte, sofern sein Vater sich nicht umstimmen ließ und die vom Ministerium verhängte Strafsumme bezahlte, die er aufgebrummt bekommen hatte, weil er versucht hatte, seinen Sohn von der Zaubererschule Hogwarts fernzuhalten, die Julius bereits das zweite Jahr besuchte.

"Hallo, junger Sir! Der Tag bricht an, die Sonne strahlt gar fröhlich!" Trällerte die Stimme einer jungen Hexe.

"Gestern hieß es, daß heute keine Sonne scheinen soll", grummelte Julius. Dann hatte er auch den letzten Rest Schlaf abgeschüttelt und erhob sich aus dem Bett.

"Ich komme gleich raus, Arcadia. Ich suche nur meinen Bademantel."

"Mutter macht das Frühstück. Fanny will die Betten auslüften. Die Frühlingsluft ist zu schön, um sie ungenutzt zu lassen", antwortete die junge Hexe von der anderen Seite der Tür her. Julius nickte, obwohl das keiner sehen konnte, wenn er nicht das magische Auge Professor Moodys besaß, der in Hogwarts Verteidigung gegen die dunklen Künste lehrte.

Er zog seinen Bademantel über, klemmte sich seine Tageskleidung, zu der ein lindgrüner Umhang gehörte, unter den linken Arm und öffnete die Zimmertür.

Arcadia Priestley, die jüngste Tochter von Julius' neuer Fürsorgerin, trug einen himmelblauen Seidenumhang über einem blütenweißen Unterkleid.

"Offenbar hast du diese Nacht gut geschlafen", begrüßte Arcadia Priestley ihren neuen Mitbewohner. Ihre graublauen Augen strahlten mit der aufgehenden Sonne um die Wette.

"Wie ein Stein. Schach macht mich immer müde, weil mein Denkapparat dann immer so stark betrieben wurde", sagte Julius.

"Und, was haben wir heute vor?" Fragte Arcadia mit dem Charme eines Schulmädchens.

"Wenn ich jetzt bei meinem Vater wäre, dann dürfte ich mir morgents was im Fernsehen anschauen, weil er im Büro sitzt. Danach gäbe es Mittagessen, und am Nachmittag hätte ich Besuch von einer Mrs. Priestley bekommen, die mit uns besprechen wollte, wie ich weiterhin guten Kontakt zur Zaubererwelt behalten kann. Ich denke aber, daß der Termin wegen der überholten Sachlage flachfällt. Mehr nach dem Frühstück."

Julius zog sich ins Badezimmer zurück, wo er eine kurze Dusche nahm, sich ruhig ankleidete, dann seine Zähne putzte und die Haare kämmte. Hätte er nicht schon Erfahrungen mit sprechenden Zauberspiegeln gehabt, wäre er sicherlich vor Schreck von den Beinen gekippt, als eine quiekende Stimme bemerkte:

"Zupf dir den Kragen richtig!"

"Es sollte Gesetze geben, die die Bezauberung von Spiegeln verbieten", knurrte Julius. Darauf kam die quiekende Stimme zurück:

"Das war aber jetzt nicht nett."

Julius streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus und verließ das Gästebad.

Das Frühstück wurde in der Küche eingenommen. Fanny, die Hauselfe, hantierte mit Geschirr und Besteck, während ihre Herrin mit dem Zauberstab Messer und Löffel dirigierte, die die letzten Feinheiten am Frühstück herstellten.

Eine Stunde frühstückten die Priestleys und Julius. Mr. Priestley war bereits nach einer Viertelstunde disappariert, um in seinem Büro in London anzutreten.

"Die Ostertage sind beliebte Zeiten für junge Hexen und Zauberer, die unerlaubt herumzuapparieren versuchen", grinste Arcadia, als Julius mit Vollen Backen auf die Stelle starrte, wo Mr. Priestley sich von seiner Familie verabschiedet hatte.

"Mußt du heute arbeiten?" Fragte Julius Arcadia. Diese nickte.

"Ich werde um neun Uhr erwartet. Die ersten Kunden stehen dann schon vor der Tür. Ich floh-Pulvere mich gleich nach London", sagte Arcadia.

"Kannst du nicht apparieren?" Fragte Julius.

"Sicher könnte ich das. Aber ich habe dabei schon einmal meine Kleider verloren, als ich es noch nicht lange beherrschte. Seitdem bin ich gerade auf dem Weg zur Arbeit immer auf Nummer sicher gegangen", erwiderte Arcadia.

"Du mußt wissen, daß unser neuer Hausgenosse zu gerne apparieren lernen möchte, Arcadia", warf Mrs. Priestley ein. "Das haben zwei Professorinnen geschrieben."

"Besser noch nicht. Irgendwo schwirrt dann ja noch ein Hexenkostüm herum. Das muß ich ja nicht aus Versehen anhaben, wenn ich irgendwo auftauche", erlaubte sich Julius eine Frechheit.

"Meine Sachen sind zwanzig Meter von meinem Zielort gelandet. Ich habe sie per Aufrufezauber zu mir geholt, als ich sah, wo sie hingekommen waren", sagte die jüngste Tochter von Mrs. Priestley spitzbübisch grinsend.

"Was wirst du dann heute tun?" Fragte Arcadia neugierig. Julius zog die Stirn kraus. Dann sagte er:

"Ich habe noch einiges an Hausaufgaben abzuarbeiten. Das werde ich ja wohl jetzt ohne Zeitdruck hinbekommen."

"Denke ich auch", sagte Mrs. Priestley. Dann eröffnete sie Julius, daß sie heute hierbleiben und fällige Berichte schreiben würde. Er könne also zu ihr kommen, wenn er etwas benötige. Außerdem sei Fanny da, um ihm bei Bedarf etwas zu bringen. Julius sah die Elfe an, die ihn freudig anstrahlte. Er mußte grinsen, wenn er an Hermine Granger und ihre B.Elfe.R.-Versuche dachte, Hauselfen aus der Sklaverei zu befreien, in der sie seit Jahrhunderten lebten, wie sie meinte. Wenn er ihr erzählte, daß er jetzt offiziell in einem von einem solchen Wesen geführten Zaubererhaus wohnte, würde sie ihn nicht einmal mehr mit ihrer Kehrseite ansehen wollen.

Julius sah noch, wie die junge Hexe Arcadia ihre rotbraunen Haare hochsteckte, ihren himmelblauen Umhang ordnete und dann mit einer Prise Flohpulver aus einer bauchigen Tonschale das Feuer im Wohnzimmerkamin zu einer smaragdgrünen Flammenwand aufschießen ließ. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Mutter, winkte Julius kurz zu und trat in die Flammen.

"Winkelgasse!" Rief sie. Mit einem lauten Brausen verschwand sie in der grünen Feuerwand, die wenige Sekunden nach der Abreise der jungen Hexe in sich zusammenfiel und zu gewöhnlich prasselndem Feuer wurde.

"Was hast du noch zu tun?" Fragte Mrs. Priestley.

"Verwandlung mit Zusatzfragen extra für mich", sagte Julius mit Unbehagen in der Stimme. Dann zog er sich in das Arbeitszimmer im Erdgeschoß zurück, das man ihm gestern zugewiesen hatte. Hier stand sein Hogwarts-Koffer mit den Büchern und Schreibsachen.

Um die Mittagszeit beendete Julius die letzte Pergamentrolle, die er für Professor McGonagall beschrieben hatte. Fanny ploppte aus dem Nichts ins Zimmer und sagte unterwürfig:

"Der junge Sir wird gebeten, mit der Meisterin June im Wohnzimmer zu Mittag zu essen. Fanny hat alles aufgetragen, sir."

"Danke, Fanny", erwiderte Julius lächelnd und stand vom Schreibtisch auf.

Julius wunderte sich, als er den Mittagstisch sah. Die Schüsseln waren mit indischem Curry gefüllt, und zum Nachtisch gab es Ananas.

"Ich hoffe, das Essen wird dir nicht zu scharf sein, Julius", begrüßte Mrs. Priestley den Jungen. Dieser probierte vorsichtig und meinte dann, daß er es vertragen könne.

Nach dem Mittagessen schrieb er noch an den restlichen Hausaufgaben. Es war vier Uhr, als er die letzte Pergamentrolle so beschrieben hatte, daß er sie Professor Binns zum lesen geben konnte. Allerdings lagen noch mehrere falsch beschriebene Rollen herum. Julius klaubte sie auf und warf sie in den Wohnzimmerkamin. Gerade in diesem Moment erlosch das Feuer in einem Wirbel smaragdgrüner Funken, und Arcadia Priestley fauchte aus dem Kamin. Sie stolperte über eine halbvolle Rolle mit Notizen für Zauberkunst und fiel fast zu boden.

"Hups! Du kannst mir doch nicht einfach verpatzte Hausaufgaben vor die Füße werfen", bedachte Arcadia Priestley Julius mit gespieltem Vorwurf. Julius entschuldigte sich und las die Rolle wieder vom Boden auf. Erst als der Kamin wieder normales Feuer enthielt, warf er sie in den Kamin zurück, wo sie knisternd und qualmend zerfiel.

"Ich komme hier immer um vier Uhr an. Mein Laden hat nur bis vier geöffnet. Viele Sachen werden auf Bestellung gemacht, mußt du wissen."

"Achso", sagte Julius.

"Mutter ist im Büro?" Fragte Arcadia.

"Sie arbeitet in ihrem Schreibzimmer. Da ich nicht weiß, was davon geheim ist, habe ich sie in Ruhe gelassen."

"Gut, dann mache ich Tee", erwiderte die junge Hexe und eilte in die Küche. Julius ging kurz in sein Schlafzimmer, wo er die am Morgen wieder auf den Boden gesunkene Mondlampe auf den Nachttisch legte und kurz nach Francis sah, der in seinem offenen Käfig auf der Mittelstange saß und fest schlief. Dann stieg er wieder die geschwungene Holztreppe hinunter und ging ins Wohnzimmer, wo gerade Mr. Priestley apparierte.

"Einen wunderschönen guten Tag", wünschte Julius höflich. Mr. Priestley sah so aus, als habe er einen Marathonlauf bestritten und wäre als Vorletzter durchs Ziel gegangen.

"Solange ist der Tag nicht mehr", seufzte er. "Zwei Zauberer mußten um die Wette apparieren. Beide hatten noch keine Lizenz. Als wir sie verwarnen wollten, spielten sie mit uns Fangen. Frechdachse sondergleichen waren das."

"Aber Sie haben sie erwischt?" Fragte Julius.

"Als einem beim Fluchtversuch die Ausrichtung nicht mehr so recht gelang und er im Kopfstand in einen Sumpf hineinapparierte, bekam der zweite einen Schreck und ließ sich festnehmen. Das wird teuer."

"Dein Umhang gehört in die Wäsche", stellte Mrs. Priestley mit kalter Stimme fest, als ihr kritischer Blick über den schlammbespritzten Umhang glitt.

"Fanny!" Rief Mr. Priestley mit erschöpfter Stimme nach der Hauselfe. Diese hüpfte aus der Küche heran und verbeugte sich so tief, daß ihre Nasenspitze den Boden berührte.

"Der Umhang muß gewaschen werden", sagte Mr. Priestley im Kommandoton eines Offiziers, der mit einem einfachen Soldaten redet. Die Hauselfe nickte unterwürfig. Mr. Priestley krempelte den Umhang soweit hoch, daß er nicht den Boden beschmutzte und zog sich ins Badezimmer zurück. Als er wieder zurückkam, trug er einen mitternachtsblauen Umhang ohne Kragen.

"Hast du eigentlich schon das Cricket-Stadion gesehen?" Fragte Arcadia Julius während der Teestunde. Julius grinste und fragte zurück:

"Das Spielt ihr hier?"

"Sie meint natürlich das Stadion der Cambridge Crickets, unserer Quidditchmannschaft, um jedes beabsichtigte Mißverständnis zu entkräften", sprang Mrs. Priestley ihrer Tochter bei. Julius verneinte.

"Dann können wir uns das gleich ansehen. Es liegt ja nur fünfhundert Meter von hier, am anderen Ende des Krötensteigs, da wo der Mischwald anfängt", sagte Arcadia. Julius nickte zustimmend.

So kam es, daß er zusammen mit der jüngsten Tochter seiner neuen Fürsorgerin durch den auto- und Rollschuläuferfreien Krötensteig schlenderte. Alle die Häuser hier waren Wohnhäuser, erklärte ihm die junge Hexe. Hier gab es keine Läden wie in der Winkelgasse. Das einzige, was hier neben dem Quidditchstadion noch für alle zur Verfügung stand, war das Gemeinschaftshaus mit der Tanzhalle, in der auch Zaubererkonzerte gegeben wurden.

"Hecate war vor zwei Jahren hier und hat die Halle richtig zum glühen gebracht. Ich setze voraus, daß du weißt, wen ich meine", sagte Arcadia.

"Na klar! Ich habe Hecate Leviata in Millemerveilles erlebt, im Musikpark. Das war eine Schau für sich. Da kommen die Megastars der Muggel nicht mit", schwärmte Julius und sah vor seinem geistigen Auge die Bilder einer auf einem farbenfroh Funken sprühenden Besen reitenden Hexe, die mit magisch verstärkter Stimme sang, während ringsum Zauberstäbe leuchteten und schwebende bunte Lichter magische Farbenspiele schufen.

"Gut, daß du diesem Elektronikschrott und dem elektrischen Gekrächze abschwörst. Ich habe einmal Musik einer Gruppe namens "Rolling Stones" gehört. Wie können die Muggel das für mitreißende Musik halten? Oder diese Frau, die unter elektronischen Kunstsphärenklängen singt "Lass uns in Ohnmacht fallen, Schatz!" Mutter sagt, daß die Muggelsängerinnen alle ihre Körper so darstellen, als würden sie diese verkaufen wollen und nicht als Instrument, um ihre Kunst zu unterstützen."

"Womit sie wohl recht hat. Allerdings wollen die Muggel das so haben", sagte Julius.

"Nur daß bei Konzerten von Hecate Leviata oder den Schwestern des Schicksals auch kleine Kinder zuschauen dürfen, und nicht wie bei diesen Muggelsängern und -sängerinnen."

Weitere Diskussionen über das Für und Wider der Musik aus der Muggelwelt entfielen. Denn gerade bogen sie um die letzte Kurve des Krötensteiges und standen vor den mächtigen Begrenzungsmauern des ovalen Quidditchstadions.

"Für zwei Sickel die Stunde kann hier jeder außerhalb der offiziellen Trainingszeiten seine eigenen Spielfähigkeiten ausfeilen. Eine Schulfreundin meiner Schwester kommt hier jeden Freitag vormittag hin und trainiert mit ihren Freunden", sagte Arcadia. Dann betraten sie das Stadion von der Nordseite her. Eine Hexe in einem Kassenhäuschen warf den Beiden einen prüfenden Blick zu. Arcadia wies nur auf die Sitzreihen und zog Julius mit sich.

Von einem der oberen Ränge überblickte Julius das Stadion. Es unterschied sich von dem in Hogwarts dadurch, daß es von außen nicht einzusehen war und von dem in Millemerveilles, daß die Ränge in Abschnitte unterteilt waren. Ohne weiteres konnte man nicht zur Loge hinauf, wo Julius vergoldete Stühle mit purpurnen Federkissen erkennen konnte. Genau da oben saß eine einzelne Hexe in goldrotem Umhang, strich sich kurz durch das rotblonde lange Seidenhaar und blickte auf das Spielfeld, wo zwei Hexen sich auf schnellen Besen ein Jagdspiel lieferten. Eine dieser Hexen besaß ebenso rotblondes Haar.

"Moment einmal! Die Damen kenne ich doch", flüsterte Julius.

"Sicher doch! Die Damen hast du ja erst vor kurzem kennengelernt. Das sind die Ladies Genevra und Alexa von Hidewoods. Die jüngere arbeitet mit Vater zusammen", flüsterte Arcadia. Julius war es etwas mulmig zu Mute. Er legte es nicht darauf an, daß die beiden adeligen Hexen ihn hier sahen. Arcadia spürte das Unbehagen ihres jungen Begleiters und ging darauf ein, indem sie Julius wieder zur Eingangsebene begleitete.

"Ich denke nicht, daß es ihr peinlich ist, dich zu treffen. Aber ich nehme Rücksicht darauf, daß du nicht gerne mit dieser Begegnung prahlen möchtest. Vater erzählte sowas, daß die hochwohlgeborene Lady Genevra den beiden Sterling-Geschwistern beistand. Weil Hortensia eine Hexe war, übernahm sie auch die Patenschaft für ihren Muggelbruder, der es in der Chemie wohl weit gebracht hat."

"Aja!" Machte Julius nur.

Julius warf noch einmal einen Blick auf die zwei mal drei Torringe, die im Sonnenlicht glänzten, dann verließ er mit Arcadia das Quidditchstadion und kehrte zum Haus nr.144 zurück. Dort empfing sie die Hausherrin mit den geflüsterten Worten:

"Tony hat sich kurz hingelegt. Die Jagd nach Wildapparanden ist immer ein nervenaufreibender Akt. Bitte seid ein wenig leiser!"

Julius zog sich in sein Zimmer zurück und holte "Eine Geschichte von Hogwarts" aus seiner Reisetasche, ein dickes Buch, in dem in zeitlicher Reihenfolge die wichtigsten Ereignisse und Beschreibungen von Hogwarts beschrieben standen. Er suchte sich das Kapitel heraus, das den Zeitraum zwischen 1730 und 1850 behandelte, die Zeit, inder Amalthea Firewood Schulleiterin von Hogwarts war, eine großmütterlich wirkende Hexe mit silbergrauen Locken, die in diesem Buch in einem zum Haar passenden wolkengrauen Umhang abgebildet wurde. Er las über die Wirren eines gerade so niedergeschlagenen Aufstandes von Zwergen, der von Fractor Schreckensklinge angeführt wurde. Megan Bakersfield hatte zu dieser Zeit ihre beste Zeit als Schulkrankenschwester und entwickelte viele schnellwirkende Heiltränke und Heilzauber zur Behandlung schwerer Verbrennungen. Denn nicht selten passierte es zu dieser Zeit, daß marodierende Drachen, die von den Zwergen aufgescheucht worden waren, über die Siedlungen von Muggeln und Zauberern herfielen. Professor Firewood unterstützte den damaligen Zaubereiminister bei der Schaffung wichtiger Abteilungen, die die Kontrolle über magische Geschöpfe sichern sollten.

"So wie das hier drinsteht, ist das richtig spannend. Wieso kann Binns das nicht auch so unterrichten?" Fragte sich Julius, wenn er vom Inferno in Little Forest las, einer Zauberersiedlung, die von einem walisischen Grünling niedergebrannt und getrampelt wurde. Dabei kam ein Lehrer von Hogwarts ums Leben, und zehn Schüler erlitten schwere Verbrennungen und mehrere Knochenbrüche, die nur durch einen Austausch der Knochen mittels Skele-Wachs kuriert werden konnten.

Julius legte das Buch wieder fort und nahm sich "Quidditch im Wandel der Zeiten", um noch etwas über die Spielregeln zu lesen.

Als es zum Essen läutete, legte Julius seine Bücher wieder fort und ging hinunter ins Wohn- und Esszimmer. Dort waren die großen Leuchter entzündet worden, im Kamin prasselte ein munteres Feuer, und auf dem Tisch standen dampfende Schüsseln und lagen große Warmhalteplatten mit Würstchen und Schweinekottletts. Mr. Priestley saß in einem bequemen kirschroten Umhang vor Kopf, seine Frau kommandierte noch in der Küche, was die Hauselfe zu tun hatte. Arcadia saß an der Längsseite des Tisches zur rechten ihres Vaters. Julius trat an den Stuhl ihr gegenüber und wartete, bis man ihn aufforderte, sich zu setzen.

Als Mrs. Priestley an den Tisch kam und sich am Fuß des langen Tisches niederließ, brachte Fanny die Teller, Gläser und Bestecke herein und wünschte einen guten Appetit.

Julius wollte nicht soviel von den gebratenen Kartoffeln, den verschiedenen Gemüsen oder dem Fleisch essen. Doch Mutter und Tochter Priestley legten ihm immer wieder vor und hielten ihn an, er müsse was essen, da er noch im Wachstum sei.

"Das muß ich morgen irgendwie abtrainieren", dachte Julius bei sich. Doch irgendwann hatte er wohl genug gegessen. Man unterhielt sich über die Artikel im Tagespropheten, über die derzeitige Rangfolge der englischen Quidditchliga, die von den Cambridge Crickets angeführt wurde.

"Wenn die Wimbourner Wespen wieder einen so schlechten Hüter aufbieten, nützt ihnen auch eine Sucherin wie Diana Greyhount nichts", bemerkte Arcadia fachkundig. Julius, der sich für die englische Liga so nie interessiert hatte, nickte nur beipflichtend. Als er aber dann gefragt wurde, welche Profi-Mannschaft er verehrte, mußte er eingestehen, daß er sich damit noch nicht befaßt hatte.

"Ich habe nur in der Schule oder in den Ferien gespielt. Was Profis machen war mir bis dahin gleichgültig. Ich habe mich eher für die Fußballmannschaften der Muggel interessiert."

"Fußball ist doch langweilig", warf Arcadia verächtlich ein und erhielt ein energisches Nicken ihrer Mutter zur Bestätigung.

"Die Wimbledon Woodchucks müssen am Sonntag gegen die Cannons ran. Das wird spannend", bemerkte Mr. Priestley nach der Lektüre der Sportseite. Julius sagte voreilig:

"wimbledon kenne ich nur als Tennis-Austragungsort."

"Ouh!" Kam es von Arcadia Priestley.

"Mutter, du hattest recht, ihn herzuholen. Tennis ist ja nun noch langweiliger als Fußball. Ich habe einmal ein Spiel gesehen. Wie es ausging weiß ich nicht, weil ich zwischendurch eingeschlafen bin. Es war auf jeden Fall trocken und unspannend. Die Zuschauer durften nicht anfeuern, und es standen nur zwei Spieler auf dem Platz. Das nennen sie dann noch elitär, gehobenen Sport."

"Dem kann ich mich anschließen. Mein Vater wollte immer haben, daß ich Tennis spiele. Fußball war ihm zu volkstümlich, ein Spiel für Straßenkinder. Aber mit Quidditch konnte er sich absolut nicht anfreunden. Ich bewundere Cho Chang, daß sie sich das damals hat anhören können, wie sie mir ihren Besen für eine Vorführrunde lieh, damit meine Eltern sehen konnten, wie ich fliegen kann."

"Könnte es sein, daß du Quidditch auch einmal als langweilig bezeichnet hast?" Fragte Mrs. Priestley lauernd. Julius räumte dies ein und begründete diese frühere Ansicht damit, daß er die komplizierten Regeln für spaßtötend gehalten hatte.

Unvermittelt ploppte es im Kamin, und eine Julius wohlbekannte Frauenstimme rief:

"Hallo, jemand zu Hause!?"

Julius starrte auf den Kamin. In Mitten der tanzenden Flammen und wirbelnden Funken saß ein Frauenkopf mit langen schwarzen Haaren und graugrünen Augen, die aufmerksam in den Wohnraum blickten. Arcadia stand auf und trat vor den Kamin.

"Hallo, Lieblingscousine! Was treibt dich um, unseren Kamin zu besuchen?"

"Zwei Fragen: Einmal wollte ich wissen, ob deine Mutter da ist. Aber ich sehe sie am Tisch sitzen. Die zweite Frage hat sich auch erledigt. Denn ich wollte wissen, ob jemand bei euch eingezogen ist, der mir geschrieben hat, daß er gerne am Samstag zu einer guten Freundin von mir mitkommen möchte."

"Wo bist du gerade, Aurora?" Fragte Mr. Priestley.

"Im Moment in meinem Elternhaus, Onkel Tony. Mum hat mir erlaubt, ihren Kamin zu benutzen."

"Bei uns ist in der Tat jemand eingezogen, wie du siehst. Aber derjenige hat mir nichts davon erzählt, daß du ihn abholen wolltest", antwortete Mrs. Priestley lächelnd. Dann winkte sie Julius Andrews zu, er solle mit ihr zum Kamin hintreten, damit man sich nicht so anbrüllen müsse.

Julius errötete und stand auf. Verhalten trat er vor den brennenden Kamin, in dem der Kopf von Aurora Dawn saß, als sei es das natürlichste von der Welt, inmitten von Flammen und sprühenden Funken aus einem Kamin zu schauen und sich mit jemandem zu unterhalten.

"Hallo, Julius! Ich freue mich, dich zu sehen", begrüßte Aurora Dawn den Hogwarts-Zweitklässler. Dieser sah wie hypnotisiert in den Kamin und brachte nur ein halblautes "Hallo, Aurora" heraus.

"Ich habe heute deine Eltern anrufen wollen, um zu fragen, ob ich dich am Samstag abholen kommen dürfte. Dein Vater war bis fünf Uhr nicht da. Ich habe nur auf diese Anrufmaschine gesprochen, daß ich später zurückrufen würde. Als ich ihn dann erreichte, brüllte er mich an, als wüßte er nicht mehr, wie ein Telefon benutzt wird. Er fuhr mich an, daß dies doch alles ein Komplott von uns sei, dich ihm wegzunehmen, und wir würden schon sehen, was wir davon hätten, und es wäre ja wohl ein Ausbund von Demütigung, ihn noch um Erlaubnis fragen zu wollen, wo du doch gestern "entführt" wurdest und somit uns anderen "bösen Hexen" ausgeliefert seist, und er wolle nie wieder was von mir hören oder lesen. Dann krachte es in der Leitung. Ich denke, er hat den Telefonhörer mit Wut auf den Apparat zurückgeworfen. - Naja, dann konnte es eben möglich sein, daß meine Tante June, von der du mir ja geschrieben hast, daß sie sich um deine Zaubererangelegenheiten kümmern soll, wüßte, wo du wärest, und daß sie die "böse Hexe" sein könnte, die dich mit Gewalt aus deinem Elternhaus verschleppt hat, unter einem Erstarrungsbann vielleicht, dich auf ihren Besen gezerrt hat und dann im Hui mit dir davonflog, ein gehässiges rauhes Lachen erschallen lassend."

"Hat Mr. Andrews das so gesagt, oder entspringt das deiner frechen Ader, Aurora?" Fragte Mrs. Priestley, deren Gesicht zwischen Empörung und Erheiterung festgefroren wirkte.

"Nein, das hat er nicht gesagt. Er hat nur das gesagt, was ich gerade zitiert habe, Tante June. Aber kommen wir zur Sache! Darf ich deinen Schützling am Samstag morgen abholen, ihn nach Millemerveilles mitnehmen und ihn dir bis Mitternacht zurückerstatten?"

"Du bist am Sonntag nicht mit deinen Eltern bei uns?" Fragte Mrs. Priestley zurück.

"Nein, Camille Dusoleil hat mich für den Sonntag eingeladen. Ich werde in Millemerveilles übernachten und am Montag zurück nach England, und dann nach Australien reisen", sagte die Kräuterhexe im brennenden Kamin.

"Dann wäre das doch umständlich für dich, den Jungen in der Nacht hier abzuliefern, wieder nach Millemerveilles zurückzureisen, um am Montag wieder nach England zu kommen", wandte Mrs. Priestley ein. Julius fühlte, wie ihm das Herz langsam in die Hose rutschte. Womöglich sagte seine neue Fürsorgerin gleich, daß sie ihn doch nicht fortlassen wollte. Dann stand ihm ein Ostersamstag voller Langeweile bevor.

"Das heißt, ich möchte ihn doch bei dir lassen?" Sprach Aurora Dawn aus, was Julius bekümmerte.

"Das habe ich nicht gesagt. Ich meinte nur, daß es für dich umständlich sei, zweimal zwischen England und Frankreich zu wechseln. Du bleibst also bis Montag in Millemerveilles?"

"Ja, wenn Camille mich nicht vorher rauswirft, was zu 999 von 1000 Fällen unwahrscheinlich ist, da wir uns am Sonntag ein Freundschaftspiel zwischen den Mercurios und den Sparks ansehen wollen und Camille jemanden braucht, der zur anderen Mannschaft hält. Dir ist das ja nicht neu, wie schön es ist, wenn sich zwei gute Bekannte gegenseitig anstacheln, weil sie eine jeweils andere Mannschaft anfeuern."

"Deine Mum und ich streiten uns noch über den Verdienst der Crickets beim Sieg über die Sheffield Spears. Insofern weiß ich selbstverständlich, was du meinst. Aber zum Punkt zurück", suchte Mrs. Priestley den eigentlichen Gesprächsfaden wieder. "Ich würde dir den Jungen gerne mitgeben, weil ich weiß, daß ihr beiden euch gut versteht und auch weiß, wie lobend und wohlwollend sich Madame Dusoleil über ihn geäußert hat. - Ja, mir sind alle Briefe zugeschickt worden, die im Zusammenhang mit deinem jungen Freund geschrieben wurden. - Ich kann mir vorstellen, daß Madame Dusoleil ihn gerne wiedersehen möchte. Allerdings wäre es für ihn und uns alle eine Belastung, mitten in der Nacht eine Flohpulver-Passage zwischen England und Frankreich zu machen. Falls also deine französische Kollegin wünscht, meinen derzeitigen Schützling als Gast zu begrüßen, frage doch bitte, ob sie ihn auch am Sonntag beherbergen könne. Das würde den Zeitdruck mindern und euch allen ein schönes Wochenende geben. Allerdings darf ich nicht über die Zeit und Räumlichkeiten von Madame Dusoleil verfügen. Dies ist mir klar. Deshalb werde ich ihr gleich eine Express-Eule schicken. Am besten fragst du sie auch noch mal. Ich gehe doch davon aus, daß sie ein zusätzliches Gästezimmer hat?" "Ich glaube Camille hätte auch nichts dagegen, wenn Julius und ich in einem Bett schlafen, Tante June", grinste Aurora Dawn gehässig. Julius schluckte. Das konnte das Aus für den Wochenendausflug bedeuten.

"Ich kenne die französische Etiquette, Aurora. Danach dürfen nicht einmal Bruder und Schwester im selben Bett schlafen, wenn sie ein gewisses Alter haben. Ich werte diese Frechheit also als Bestätigung, daß Madame Dusoleil ein Gästezimmer mehr zur Verfügung hat. Dann schreibe ich ihr heute noch. Per Express-Eule ist die Antwort noch heute Abend in Millemerveilles. Aber vorsorglich eine Antwort: Würdest du es hinnehmen, wenn Madame Dusoleil ablehnt und ich daher Julius Andrews hierbehalten muß?"

"Du bist die Chefin, Tante June. Wenn Camille nein sagt, reise ich alleine nach Millemerveilles", sagte Aurora Dawn. "Immerhin hat sie Julius persönlich eingeladen, soweit ich weiß. Ich kläre das unabhängig von dir."

"Mach das! Wir sprechen dann morgen abend noch mal miteinander", beendete Mrs. Priestley die Unterhaltung.

"In Ordnung! Morgen um neun Uhr spreche ich noch mal hier vor. Viele Grüße noch von Mum. Sie freut sich schon auf deinen neuseeländischen Früchtekuchen."

"Und ich mich auf Reginas Enthusiasmus für eine zum Scheitern verurteilte Mannschaft."

"Arcadia, verdirb mir den Jungen nicht bis dahin!" Wandte sich Aurora Dawn an Arcadia Priestley, die genauso spitzbübisch grinste wie die Hexe im Kaminfeuer.

"Ich werde morgen mit ihm die Geschäfte in der Winkelgasse leerkaufen, damit er was anständiges anzuziehen hat, falls deine werte Kollegin ihn wirklich unter ihrem Dach haben möchte. Ihre Töchter sind ja beide in der jeweiligen Schule geblieben, bis auf Denise."

"Jeanne auf jeden Fall. Claire ist aber bei ihren Eltern", erwiderte Aurora Dawn. Dann nickte sie Mrs. und Arcadia Priestley zu, rief:

"Einen schönen Abend noch, Onkel Tony!" Worauf dieser "Ebenfalls, freches Mädchen!" Rief. Mit einem leisen Plopp verschwand der Kopf Aurora Dawns aus dem Kamin, in dem nur noch ein gewöhnliches Feuer prasselte.

Julius kehrte mit hängenden Schultern an den Tisch zurück und nahm wortlos platz. Arcadia sah ihn besorgt an, als habe er eine schwere Krankheit. Dann strahlte sie ihn an wie ein Honigkuchenpferd.

"Das hast du nicht gewußt, wie? Aurora ist meine Cousine. Ist aber nett, daß du uns nicht freiwillig erzählt hast, daß du sie kennst. Wir hätten dich ja für einen Hochstapler halten können", sprach Arcadia mit gehässigem Unterton.

"Wie gut kennst du Madame Dusoleil?" Fragte Mr. Priestley, der um einen würdevollen Gesichtsausdruck rang, aber immer wieder schmunzeln mußte.

"Ich war in den letzten Sommerferien für mehr als vier Wochen in Millemerveilles untergebracht. Dabei habe ich sie und ihre Familie kennengelernt und von ihr vieles über Kräuterkunde gelernt. Ich habe den Eindruck, daß sie mich sehr gerne dabehalten hätte, warum auch immer."

"Aja", gab Mr. Priestley zurück. Seine Frau kündigte an, eine Eule mit Eilauftrag loszuschicken. Julius sprang auf und wollte Geld aus seinem Koffer holen, um den Express-Eulendienst zu bezahlen. Doch Mrs. Priestley schickte ihn mit einem energischen Kopfschütteln zurück auf seinen Platz.

"Das will ich jetzt wissen, wie gut Camille Dusoleil dich leiden mag. Pergament ist geduldig. Außerdem kann ich die Gebühr über das Ministerium verrechnen, in Befolgung meiner sozialen Sorgfaltsobliegenheiten. Du brauchst dein Geld bestimmt morgen in der Winkelgasse. Wenn meine jüngste Tochter androht, Läden leerzukaufen, trifft dies meistens auch so ein."

"Genau!" Erwiderte Arcadia schlagfertig.

Mrs. Priestley kam mit einer kleinen Eule aus ihrem Arbeitszimmer zurück, ließ sie auf den oberen Kaminsims flattern und schrieb einen Pergamentzettel mit königsblauer Tinte voll. Julius konnte nicht lesen, was sie schrieb. Dann faltete sie das Pergamentstück zusammen, steckte es in einen hellblauen Umschlag, schrieb wohl Absender und Adresse darauf, drückte ein rotes Wachssiegel in Form eines fünfstrahligen Sterns auf den Umschlag, warf einige Silbermünzen in einen kleinen Lederbeutel und winkte ihrer Eule zu. Diese kam herunter und ließ sich den Umschlag ans rechte und den Lederbeutel ans linke Bein binden. Sie flüsterte dem Vogel etwas zu. Die Eule schüttelte sich wie angewidert. Offenbar gefiel ihr nicht, was von ihr verlangt wurde, fand Julius. Doch dann setzte sie sich auf die Schulter der Hexe, wartete, bis diese eine Prise Flohpulver in den Kamin geworfen und das Feuer zu einer smaragdgrünen rauschenden Flammenwand verändert hatte. Dann flog die eule in die Flammen hinein. Mrs. Priestley beugte sich soweit vor, daß ihre Nase fast in den grünen Flammen verschwand und rief:

"Zur Grenze!"

Reflexartig schnellte Mrs. Priestley vom Feuer zurück, daß unvermittelt laut rauschte, wie ein Hochgeschwindigkeitszug, der mitten durch das Wohnzimmer brauste. Die Eule wirbelte mit eingezogenen Flügeln in den Flammen herum - und verschwand. Einen Augenblick später fielen die smaragdgrünen Flammen in sich zusammen, wurden wieder hellgelb bis orangerot und züngelten über den letzten Rest Kaminholz, das knisternd und knackend zerbrach und zu Asche zerfiel.

"Wußte gar nicht, daß man auch Eulen per Flohpulver fortschicken kann. Ich hörte davon, daß man sie per Flohpulver transportieren könne, aber nicht allein losschicken könne", staunte Julius über das, was er gerade vorgeführt bekommen hatte.

"Unser schnelles Postnetz würde nicht so reibungslos funktionieren, wenn jede Eule, die zwischen Kontinenten oder Ländern verreisen müßte von einem Menschen begleitet werden müßte. In Vielen Fällen werden Eulen, die ein Land bedienen sollen, in einem großen Käfig losgeschickt und erst dort freigelassen, wo sie Briefe zustellen sollen. Aber das geht nur, wenn jemand bereit ist, zwanzig Sickel pro Reise zu zahlen. Die meisten Zauberer nutzen diesen Dienst nur im dringenden Fall, wo Muggel Telegramme oder Telefaxe verschicken."

"Faxen ist heute billiger als ein Telegramm", wandte Julius ein.

"Aber nur dort, wo entsprechende Empfangsgeräte vorhanden sind", wußte Mrs. Priestley zu ergänzen.

"Und Ihre Eule rauscht jetzt zur Grenze, wo sie dann nach Frankreich weitergeschickt wird. Dort muß sie dann von alleine weiterfliegen?"

"Nein, muß sie nicht. Der Dienst kann, wenn der Name des Zielkamins bekannt ist, vom Absender bis zum Empfänger reichen. Da ich weiß, wo Camille Dusoleil wohnt, wird meine Eule innerhalb von Fünf Minuten dort eingetroffen sein, eher noch schneller, wenn der Abendbetrieb an der Grenze nicht so stark ist", erklärte Mrs. Priestley.

"Ich ging davon aus, daß immer ein magischer Mensch in den Flammen stehen muß", wandte Julius ein.

"Es genügt ein Lebewesen und der Zielbefehl eines magischen Menschen, um die Magie des Flohpulvers aufzurufen", wußte Arcadia. Mr. Priestley fügte noch hinzu:

"Das ist eine Verbesserung nach mehreren Fehlschlägen, den Postverkehr zu beschleunigen. Ich habe mich mal mit einem Muggelstämmigen unterhalten, der überheblich meinte, daß wir doch viel zu langsame Nachrichtenwege benutzten. Ich erklärte ihm darauf, daß die Muggel uns jetzt erst einzuholen begönnen. Früher wurden Dringlichkeitsbriefe von Apparanden überstellt. Aber die können heute mehr im magischen Notdienst und in der Strafverfolgung eingesetzt werden. Verbesserungen der Zubereitung haben Flohpulver für den Transport von Posteulen geeignet gemacht. Allerdings gilt das erst seit dreißig Jahren und wurde zeitweilig eingestellt, als die dunkle Zeit des Unnennbaren die Welt im kalten Griff hatte."

"Man lernt doch täglich neues", gestand Julius ein. Er mußte danach erzählen, wo und wie er Aurora Dawn kennengelernt hatte, daß sie es war, die ihm den Weg nach Hogwarts freigeräumt hatte und immer mit ihm in Kontakt stand, um sich über seine Lernfortschritte auf dem Laufenden zu halten. Mrs. Priestley nickte zeitweilig leicht, als wenn sie das alles bestätigen müßte. Mr. Priestley beglückwünschte Julius zu dieser Fügung.

"Aurora ist zwar kein braves biederes Mädchen, dafür aber sehr verantwortungsbewußt, hat viel Überzeugungskraft und weiß schon, wo ihre Grenzen liegen. Philipp, mein Filius, hat mit ihr fünf Jahre lang in Ravenclaw gewohnt und gelernt. Sie hat ihn immer mit seiner Gründlichkeit und Unterwürfigkeit aufgezogen, ihm aber stets gegen die anderen Schüler, besonders die Slytherins, geholfen und auch von diesen Möchtegernprinzen und -prinzessinnen Respekt erzwungen, ohne Gewalt, ohne überlegenes Auftreten. Ich weiß nicht, wie deine Eltern sie wahrgenommen haben, aber ich denke mal, daß nachdem, was du uns über ihre Vorbehalte der Zaubererwelt gegenüber erzählt hast, sie keine andere Wahl hatten, als murrend zuzustimmen."

"Sie hat mich auf ihrem Besen herumfliegen lassen, als ich damit etwas Übung hatte. Das hat meiner Mutter imponiert und meinen Vater verängstigt. Mehr war es nicht. Mein Vater drohte ihr nur einmal, allen seinen australischen Bekannten zu erzählen, wer und was sie ist."

"Das wird sie wohl kalt gelassen haben", schmunzelte Arcadia. "Immerhin hat sie gerade sehr amüsiert gezwinkert, als sie widergab, was dein Vater ihr an den Kopf geworfen hat."

"Das ging auch gegen mich. Er weiß ja nicht, daß Aurora meine Nichte ist", wandte Mrs. Priestley ein.

"Dann hätte er allen Grund, an eine Verschwörung zu glauben", sagte Julius.

"So interessant die Unterhaltung auch ist, werte Verwandte, werter Mitbewohner, muß ich mich doch nun dazu durchringen, den restlichen Schlaf nachzuholen, den ich mir heute verdient habe", sagte Mr. Priestley und gähnte bekräftigend. Dann stand er auf, wünschte allen eine geruhsame Nacht und verließ das Wohnzimmer.

"Dann werde ich mich mal auch zum Matratzenhorchen abkommandieren", sagte Julius und erhob sich von seinem Stuhl. Arcadia wolte ihm schon eine gute Nacht wünschen, als es im Kamin brauste wie ein einfahrender Güterzug. In einem Wirbel aus smaragdgrünen Funken und Asche purzelte eine pechschwarz verruste Eule aus dem Kamin, plusterte sich, schüttelte sich, flatterte mit den verdreckten Flügeln. Mrs. Priestley nickte, als habe sie mit diesem Ereignis gerechnet. Sie zog ihren Zauberstab und ließ ihn durch die Luft sausen. In einem magischen Luftwirbel wurde die Eule von der Asche und dem Rus befreit. Sie ließ es sich gefallen, daß alle Asche aus ihrem Gefieder gewirbelt wurde. Dann flatterte sie schnell zu Mrs. Priestley hinüber. Diese nahm ihr einen apfelgrünen Briefumschlag vom rechten Bein, der mit einem smaragdgrünen Siegel in Form eines Pinienbaumes verschlossen war. Julius bekam Augen so groß wie Autoscheinwerfer, weil er nicht glauben konnte, was er sah. Mrs. Priestley öffnete den Umschlag und zog eine Pergamentseite hervor. Sie las sie kurz durch, nickte lächelnd und räusperte sich. Dann sagte sie:

"Der Brief ist französisch geschrieben. Ich übersetze:

Sehr geehrte Madame Priestley!

Mit freuden habe ich zur Kenntnis genommen, daß der mir wohlvertraute und von mir gern gesehene Hogwarts-Schüler Julius Andrews zur Zeit unter Ihrem Dach wohnt. Ich darf Ihnen verbindlich versichern, daß es mir sehr wichtig ist, um das Wohl und die Zukunft Ihres Schutzbefohlenen zu wissen, da ich im letzten Sommer, wie Ihnen wohl bekanntgemacht wurde, das Vergnügen und die Ehre hatte, Monsieur Julius Andrews kennenzulernen. Durch eigenen Augenschein, sowie der Empfehlungen meiner hochgeschätzten Fachkollegin und Freundin, Ihrer Nichte Aurora Dawn, gelangte ich zu der Überzeugung, daß Monsieur Andrews mein Wohlwollen und meine Fachkenntnisse mehr als verdient und daher stets mit allen in meiner Macht und im Rahmen der Gesetze möglichen Zuwendungen rechnen kann.

Daher kann ich Ihre per Express-Eule zugestellte Anfrage bezüglich einer längeren Beherbergung von Monsieur Andrews im Zeitraum zwischen Ostersamstag und Ostermontag ohne großes Nachgrübeln eindeutig beantworten:

Es wird für mich kein Problem darstellen, Ihren Schutzbefohlenen in den Nächten zwischen Samstag und Montag in einem freien Gästezimmer unterzubringen, wie es für mich auch eine unerwartete Freude bereitet, ihn am Ostersonntag zusammen mit Mademoiselle Dawn zu unserem Quidditchstadion zu begleiten, wo ein Freundschaftsspiel zwischen den Sydney Sparks und unserer Lokalmannschaft, den Millemerveilles Mercurios ausgetragen wird. Davon ausgehend, daß Sie ob dieser Zustimmung keine weiteren Bedenken haben werden, mir Ihren Schützling anzuvertrauen, verbleibe ich hochachtungsvoll

mit freundlichen Grüßen, Camille Dusoleil."

"Das steht da wirklich?" Fragte Julius. Mrs. Priestley lächelte wieder und reichte ihm den Brief.

Julius las ihn noch mal alleine und leise durch und fand, daß alles so da stand, wie Mrs. Priestley es vorgelesen und übersetzt hatte.

"Hätte es nicht auch ein Zettel getan, wo draufstand:

"Sehr geehrte Mrs. Priestley, ich bin bereit, Julius Andrews bei mir unterzubringen und habe auch ein freies Zimmer für ihn."?" Wunderte sich Arcadia.

"Das wäre eigentlich eher ihr Stil", bestätigte Julius. "Aber ich denke, sie wollte so korrekt antworten wie möglich."

"Formvollendet, geschraubt, langatmig", warf Arcadia ein. Ihre Mutter räusperte sich tadelnd.

"Ich schrieb ihr eine amtlich korrekte Anfrage, die sie entsprechend beantwortete, gutes Kind. Das gehört zur Bildung, einen gewissen Umstand um angeblich so einfache Dinge zu machen. Oder verfaßt du deine Geschäftsbriefe auch so wie Briefe an eine Freundin?"

"Natürlich hast du recht, Mutter. Ich meinte nur, daß es einfacher gewesen wäre ...", wandte Arcadia ein.

"Das heißt für Sie, Monsieur Andrews, daß sie übermorgen von meiner Nichte hier abgeholt und von dieser am Montag zurückgebracht werden. Sollten Sie verlorengehen, werde ich Aurora gehörigen Ärger bereiten", sprach Mrs. Priestley. Dann schickte sie Julius zu Bett.

 

 

Julius wachte am nächsten Morgen schon um halb sieben auf. Seine Eule Francis, die er über Nacht hinausgelassen hatte, kehrte gerade vom Nachtflug zurück.

"Du hast dir einen freien Tag verdient, Francis. Ich muß dich nicht nach Millemerveilles schicken. Das hat sich alles erledigt", begrüßte Julius seine Eule und nahm den kleinen Wassernapf aus dem Käfig. Schnell füllte er diesen im Badezimmer mit frischem Wasser auf und stellte ihn in den Käfig zurück. Francis kletterte auf seine Stange und steckte den Kopf unter den rechten Flügel.

Der Freitagmorgen verlief mit Frühstücken, Dauerlauf durch den sich am Krötensteig anschließenden Wald. Julius durfte dazu seinen Muggel-Jogginganzug tragen, da dieser Wald auch von Muggeln besucht wurde. Tatsächlich traf er eine junge Familie, Vater, Mutter, ein Kleinkind an der Hand des Vaters, zwei Babys im Kinderwagen.

"Guten Morgen!" Grüßte Julius munter und trabte an der Familie vorbei.

"Gleichfalls!" Rief der Vater ihm nach.

Um zehn Uhr kehrte Julius erschöpft aber zufrieden in das Haus am Krötensteig zurück. Mrs. und Mr. Priestley waren beide nicht da. Auch Arcadia war nicht zu Hause. Fanny, die Hauselfe, ließ Julius ein und sah ihn mit großen augen an.

"Ich weiß, ich muß unter die Dusche", keuchte er und strahlte das kleine Wesen an. Dieses verbeugte sich und verkündete, daß es den Wasserkessel anheizen würde. Julius wartete eine Minute, dann schlüpfte er ins Badezimmer und unterzog sich einer kurzen aber gründlichen Dusche. Danach zog er den grünen Umhang wieder an, den er gestern getragen hatte. Er wollte sich in das Arbeitszimmer setzen, um in seinem Buch über den Mond zu lesen, doch drei Posteulen, die an sein Fenster klopften, brachten ihn von dieser Idee ab. Er öffnete das Fenster und ließ die drei Vögel ein. Es waren Trixie, Viviane und die Eule von Betty und Jenna Hollingsworth. Julius wollte das Fenster wieder schließen, als noch ein stattlicher Uhu angesegelt kam, mit einem hellgelben Umschlag im Schnabel. Julius wunderte sich, was dieser große Vogel wohl für ihn hatte. Er ließ ihn noch in das Zimmer einfliegen. Vier Eulen unterschiedlicher Größe saßen nun auf den Regalen und blickten mit ihren gelben Augen auf Julius, der die Umschläge öffnete. Da er nicht wußte, wessen Uhu es war und auch weil der gelbe Briefumschlag mit goldener Tinte beschrieben war. Er schluckte kurz, als er las:

"Mr. Julius Andrews Derzeit am Krötensteig 144 Cambridge England"

Dann nahm er die goldene Rosenblüte richtig zur Kenntnis, um die herum das verschnörkelte Wort HIDEWOODS geschrieben stand.

Julius öffnete den Umschlag und las:

 

Sehr geehrter Mr. Andrews,

im Namen meiner Mutter, der hochgeehrten Lady Genevra, wollte ich nicht versäumen, Ihnen unsere Hochachtung für den erfolgreichen Abend im Hause des Nichtmagiers Dr. Ryan Sterling auszusprechen. Da Sie nun, wie mir zur Kenntnis gelangte, im Hause meines wertgeschätzten Kollegen Anthony Priestley eine Ihrem Status angemessene Wohnstatt gefunden haben, gehe ich davon aus, daß wir uns irgendwann dort noch einmal begegnen werden, falls es nicht sogar vorkommen kann, daß wir Sie in unserem Landsitz Sonnenlichtung als Gast begrüßen können.

Ich wünsche Ihnen weiterhin erholsame Osterferien und eine erfolgreiche Fortsetzung Ihrer Schulzeit in Hogwarts.

Lady Alexa von Hidewoods

 

Julius versank fast in seinem Bett, so heftig wirkte dieser Brief auf ihn. Was hatte er getan, daß Lady Alexa ihm einen Brief schrieb? Er erinnerte sich noch einmal an die Party im Hause Sterling, wo er mit Lady Genevra, der Mutter der Briefschreiberin, getanzt hatte. Sie hatte ihm gesagt, daß sie Madame Delamontagne kenne und mit ihr wohl über ihn gesprochen hätte, beziehungsweise Briefe hin und hergeschickt hatte. Hatte die Dorfrätin von Millemerveilles irgendwas erzählt, was ihn in ein unverdientes helles Licht gerückt hatte? Vielleicht lag das an dem Schachturnier, das er mitgemacht hatte, vielleicht auch an seinem Besuch auf dem Sommerball von Millemerveilles. Doch Julius wußte auch, daß aller Welt Ruhm schnell verfliegen konnte. Deshalb legte er den Brief zunächst zur Seite und las die übrige Eulenpost.

Gloria schrieb, daß sie Pina Watermelon über das Osterwochenende zu Besuch haben würde. Die beiden Mädchen gehörten zu Julius engsten Schulfreunden, zu denen dann noch Kevin Malone, sowie Betty und Jenna Hollingsworth gehörten.

"... Da ich davon ausgehe, daß du das Wochenende bei den Dusoleils zubringst, wünsche ich dir noch ein sonniges Wochenende. Wir sehen uns im Hogwarts-Express."

Betty und Jenna schrieben Julius, daß sie mit ihren Eltern am Wochenende an der Südküste Urlaub machen würden und wünschten Julius ein schönes Wochenende.

Dann öffnete er den Brief, den Viviane, Claire Dusoleils Waldohreule, gebracht hatte:

 

 

Hallo, Julius!

Ich hoffe, deine Muggeleltern erlauben es Maman, dich zu uns nach Millemerveilles holen zu lassen. Sie schrieb mir soetwas, daß deine Eltern dich nicht mehr mit Hexen und Zauberern zusammenlassen wollten. Ich hoffe, sie irrt sich. Ich werde nämlich auch da sein, nur damit du es weißt.

Am Wochenende soll ein Quidditchspiel zwischen unserer Mannschaft und einer australischen Spitzenmannschaft stattfinden. Falls du nicht dabeisein kannst, werde ich dir nach den Ferien einen ausführlichen Brief schreiben, in dem ich dir berichte, wie es gelaufen ist.

Mal eine Frage: Wie kommt es, daß Virginie mir erzählt, daß du mit einigen anderen eine Prüfung für Personentransport auf Besen bestanden hast, aber ich weiß davon noch nichts? Wolltest du mir etwa was verheimlichen? Das dürfte dir nicht gelingen, zumal Jeanne mir eine Eule geschickt hat, die gestern ankam und genau dasselbe schrieb, daß du nämlich als bester der Geprüften bestanden hast. Wenn ich du wäre, würde ich Maman schnell eine Eule schicken und es ihr mitteilen, bevor Jeanne es ihr schreibt und du einen Heuler von ihr kriegst. Du weißt doch, daß sie sich dafür eingesetzt hat, daß du deine Flugkünste verbesserst.

Ich hoffe, wir sehen uns bald!

Claire

 

 

Julius schluckte, als er das Wort "Heuler" las. Diese Sorte Brief war in der Zaubererwelt sehr gefürchtet. Denn diejenigen, die sie verschickten, legten ihre Wut und Enttäuschung, ihre Verachtung und ihren Zorn in die Briefumschläge, die, sobald man sie öffnete, mit überlauter Stimme des Schreibers alle Drohungen, Tadel und Verwünschungen in den Raum schrien. Hermine Granger, Harry Potters Freundin und Klassenkameradin, hatte erst vor kurzem eine ganze Salve dieser Wutbriefe hinnehmen müssen, weil die Sensationsreporterin Rita Kimmkorn sie als unanständiges Mädchen bezeichnet hatte, das mit allen Mitteln hinter berühmten Jungen herjagte. Seit seiner Zeit in Millemerveilles fürchtete er auch, eines Tages so einen Heuler zu bekommen, wenn er etwas tun sollte, wasProfessor Faucon, bei der er dort gelebt hatte, mißfiel. Vorher hatte er immer gegrinst und gesagt, daß seine Eltern ja so einen Brief nicht verschicken könnten, weil sie ja Muggel seien. Doch nun kannte er so viele Hexen und Zauberer, daß auch er nicht davor bewahrt blieb, einmal so einen Heuler zu kriegen, wenn er etwas anstellte, was irgendwem nicht paßte.

Julius dachte, daß es jetzt zu spät sei, Madame Dusoleil zu schreiben. Wahrscheinlich würde er morgen etwas von ihr zu hören kriegen, falls Virginie ihrer Mutter etwas geschrieben hatte. Möglicherweise hatte Virginie von Prudence einen Brief bekommen.

"Man kann auch wirklich nichts geheimhalten in so einem Schuldorf", dachte Julius. Dann schrieb er an Gloria, daß sie Pina von ihm grüßen möge. An die Hollingsworths schickte er einen Brief, in dem er ihnen schönes Wetter wünschte. Dann atmete er tief durch und nahm ein unbeschriebenes Pergament, tunkte eine frische Feder in königsblaue Tinte und schrieb an Lady Alexa:

 

 

Hochverehrte Mylady Alexa!

Mit erfreutem Erstaunen habe ich Ihren Brief erhalten und möchte Ihnen für die guten Wünsche danken, die Sie auch im Namen Ihrer hochverehrten Frau Mutter ausgesprochen haben. Ich weiß zwar nicht, womit ich mir die Ehre verdient habe, von Ihnen bedacht zu werden, hoffe jedoch darauf, daß ich sie mir wirklich verdient habe.

Ich wußte nicht, daß Sie mit Mr. Priestley zusammenarbeiten, als ich Sie auf der Party von Dr. Sterling antraf. Ich fühle mich jedoch noch nicht zu seiner Familie gehörend und denke daher nicht, daß eine an ihn ausgesprochene Einladung unmittelbar für mich gelten sollte. Dennoch bedanke ich mich dafür, daß Sie es in Erwägung gezogen haben, mit mir weiteren gesellschaftlichen Umgang zu pflegen.

Ich verbleibe hochachtungsvoll

Julius Andrews

 

 

Er winkte dem Uhu, der den Brief in den Schnabel nahm und aus dem Fenster davonflog. Dann schrieb er an Claire:

 

Hallo, Claire!

Ich denke, es ist zu spät, um noch einen Brief an deine Mutter zu schicken. Außerdem denke ich nicht, daß sie so schnell mit Heulern um sich wirft, wenn sie weiß, daß ich in einer Muggelsiedlung bin. Denn im Moment haben wir Ferien. Ätsch!

Wenn du allerdings wütend auf mich bist, dann sage deiner Mutter, sie möge die Einladung rückgängig machen. Dann komme ich eben nicht nach Millemerveilles. Dann darfst du auch Madame Delamontagne einen schönen Gruß ausrichten, daß das diesjährige Schachturnier ohne mich stattfindet.

Ich weiß, daß mein Vater französisch kann. Wenn ich dem deinen Brief zeige, kriegt der soviel Angst, daß er mich lieber weit fortschickt. Dann kommt keine Hexe und kein Zauberer mehr an mich heran und auch kein Heuler.

Entweder bis morgen, oder bis nimmerwiedersehen!

Julius

 

Julius grinste sein freches Grinsen, wenn er jemandem einen gelungenen Streich gespielt hatte. Dann schickte er Viviane los nach Millemerveilles.

Die Eulen mit den Antwortbriefen waren gerade losgeflogen, als es an der Tür klopfte. Schnell klaubte Julius alle Briefe auf und stopfte sie unter das Kopfkissen, wo sein Schlafanzug lag. Er rief "Herein!"

Mrs. Priestley kam ins Zimmer und wartete, bis Julius ihr einen Platz angeboten hatte. Dann sagte sie:

"Es ist tatsächlich passiert. Dein Vater hat die Polizei und den Geheimdienst auf dich angesetzt. Er hat meine amtliche Bestätigung nach Scotland Yard gebracht, um sie untersuchen zu lassen. Gut, daß das Ministerium genug Verbindungsleute in den Ermittlungsbehörden hat. Er hat auch behauptet, du wärest mit einem kleinen blauen Auto entführt worden. Dafür wird es natürlich keine Zeugen geben, da unsere Vergissmichs das erledigt haben. Unser Verbindungsmann bei Scotland Yard hat sich bereiterklärt, die Ermittlungen zu übernehmen. Er wird eine sogenannte Fangschaltung installieren, um eventuelle Anrufe der Entführer zu ermitteln. Außerdem wurde der Geheimdienst auf eine eventuelle Verbrecherorganisation aufmerksam, die Kinder wichtiger Persönlichkeiten entführt, um die Eltern zu Gefälligkeiten zu zwingen. Da aber ein Geheimdienst sich seine Gegner selber aussucht, war es gerade nach dem Debakel mit dem Peilsender kein Problem für unsere Verbindungsleute, die Angelegenheit als Verfolgungswahn auszulegen, da zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, daß du in deiner Schule die Ferien verbringst. Der Freund oder Bekannte deines Vaters, über den er versucht hat, den Geheimdienstapparat in Marsch zu setzen, muß sich demnächst wohl wegen Fehlverhaltens verantworten. Damit ist deinem Vater diese Beziehung abhandengekommen. Die polizeilichen Ermittlungen werden wohl bis zum Sommer gezielt versanden, worauf es keine Möglichkeit mehr geben dürfte, daß du von den Muggelpolizisten gesucht wirst."

"Dann wird er wohl noch mein Bild ins Internet bringen und weltweit nach mir suchen lassen. Irgendein Muggel könnte mich dann erkennen. Damit sperrt er mich ein", stellte Julius fest. Er dachte daran, daß er dann nur noch zwischen Hogwarts, Millemerveilles, Cambridge und der Winkelgasse hin- und herfahren könnte.

"Das werden wir zu verhindern wissen. Ich habe mich nicht umsonst in die Materie eingelesen. Experten wie ich, haben uns im Ministerium darauf verständigt, Bilder von gesuchten Muggelstämmigen per Programm abfangen zu lassen, bevor sie viele gesehen haben. Immerhin versucht es nicht zum ersten Mal jemand, uns an die Öffentlichkeit zu zerren. Wir spielen dieses Spiel schon seit den letzten großen Hexenverfolgungen der Muggel, also seit mehreren Jahrhunderten. Selbst das Satelliten- und Computerzeitalter hat uns nicht geschwächt, unsere Angelegenheiten vor Muggeln geheimzuhalten. Insofern wirst du nach dem ganzen Trubel auch weiterhin durch die Welt reisen können, wenngleich es in Millemerveilles sehr schön sein soll und in Hogwarts sehr sicher ist. Das mit dir ist wirklich ein kleineres Problem im Vergleich zu den Zeiten, in denen der dunkle Lord und seine Todesser die Welt heimgesucht haben. Da starben Muggel, und wir mußten das irgendwie wie Muggelunfälle aussehen lassen."

"Das ist schlimm", erwiderte Julius. Doch andererseits hoffte er, daß die Suche nach ihm wirklich schnell im Sande verlaufen würde.

"Arcadia wird mit dir nach dem Mittagessen in die Winkelgasse gehen, weil du doch Umhänge kaufen wolltest."

"Ja, hatte ich vor. Wie teuer sind denn die Alltagsumhänge?"

"Zwischen zehn Sickeln und einer Galleone mußt du schon rechnen. Die Schulumhänge sind zwar billiger als das, aber die werden ja auch zum Teil vom Ministerium gefördert", erwiderte Mrs. Priestley. Julius nickte.

"Dann werde ich mal nachzählen, wieviel Geld ich noch habe", sagte Julius. Mrs. Priestley nickte und zog sich aus dem Zimmer zurück. Doch Julius mußte an den Schulkoffer, da die Galleonen, Sickel und Knuts nicht in der diebstahlsicheren Tasche aufbewahrt werden konnten. Metall, besonders Edelmetall, hob im Laufe der Zeit die Magie auf, mit der Julius die Reisetasche gegen Forttragen und unerlaubtes Öffnen gesichert hatte. Er stieg die Treppe hinunter, ging an den großen Schrankkoffer und nahm den Lederbeutel, in dem er vor Beginn des laufenden Schuljahres Geld aus seinem Verlies in Gringotts eingesammelt hatte. Er fand noch sechsundzwanzig Galleonen, dreißig Sickel und vierzig Knuts. Er steckte sich zehn Galleonen in die Hosentasche unter dem Umhang und schloß den Schrankkoffer wieder, nachdem er das Geld wieder gut in einem der Geheimfächer verstaut hatte, in denen die persönlichen Wertsachen aufbewahrt werden konnten. Mehr als fünf Galleonen wollte er nicht für Alltagsumhänge ausgeben. Darüber hinaus interessierte er sich für die Prazap-Zaubergegenstände, von denen er nun schon zwei hatte: Die Armbanduhr mit selbstätiger Zeitumstellung auf die aktuelle Ortszeit, sowie das Naviskop, mit dem er den Standort auf die Winkelsekunde genau feststellen konnte. Vielleicht gab es noch etwas besonderes, was ihn interessierte.

Arcadia kehrte kurz vor zwölf Uhr von ihrer Arbeit zurück. Sie ging auf ihr Zimmer, zog den blauen Umhang aus und kehrte in einem dunkelgrünen Umhang zurück.

Nach dem Mittagessen rief sie Julius auf, ihr zu folgen. Julius, der sein Geld sicher untergebracht hatte, folgte der jüngsten Tochter seiner neuen Fürsorgerin. Im Wohnzimmer nahmen Arcadia und er eine Prise Flohpulver aus einem kleinen Lederbeutel und traten nacheinander in die aufschießenden grünen Flammen hinein. Mit dem Zielbefehl "Winkelgasse!" Verschwand erst Arcadia, dann Julius aus dem Haus Nummer 144 im Krötensteig.

Brausen und wirbelnde Funken und vorbeirasende Kamine brachen über Julius' Sinne herein. Er schien sich rasendschnell zu drehen und wußte nicht mehr, wo oben oder unten war, bis er mit einem Ruck auf etwas hartes prallte. Er fing sich noch rechtzeitig ab, um nicht aus dem Kamin zu fallen. Er stand in einem Schankraum, der angefüllt war mit kuriosen Leuten in Umhängen oder Fellen, altmodischen Kleidern oder merkwürdigen Gewändern. Er sah einen glatzköpfigen alten Mann, der hinter der Theke Getränkegläser vollschenkte und hörte das vielstimmige Gewirr von Unterhaltungen an den vielen Tischen. Er roch die verschiedenen Sorten Tabak, die hier geraucht wurden, sowie die Düfte von Tee, Kaffee oder heißer Schokolade, gebratenen Fleisches und Fisches. Er war da angekommen, wo sein Zielkommando ihn hinbringen sollte, im tropfenden Kessel, dem Zauberer-Pub direkt zwischen einer Muggelstraße und der Winkelgasse in London. Arcadia, die wenige Sekunden vor ihm aufgebrochen war, stand neben einer älteren Hexe im veilchenblauen Umhang mit Kaninchenfellkragen und tauschte ein paar Grußworte aus. Dann wandte sie sich um, klopfte Julius den Rest von Asche ab, den er auf seiner Flohpulver-Reise aufgelesen hatte und winkte dem alten Tom, dem Wirt des tropfenden Kessels einen Abschied zu.

"Bis nachher!" Rief sie. Dann zog sie Julius hinter sich her auf den Hinterhof des Pubs. Wie allen Zauberern und Hexen bekannt war mußte sie an der Mauerdie Steine drei nach oben und zwei zur Seite abzählen und den Stein dann mit dem Zauberstab antippen. Daraufhin entstand ein magisches Tor in der Mauer, durch das sie auf die kopfsteingepflasterte Winkelgasse hinaustraten.

"Hast du Geld, ich meine, Zauberergeld?" Fragte Arcadia. Julius nickte.

"Ich hoffe, genug", antwortete er.

"Dann gehen wir erst zu Madame Malkin, um dir einen Satz anständiger Kleidung zu holen, bevor meine Cousine dich morgen abholt", sagte Arcadia leise. Julius nickte. Er kannte den Laden von Madame Malkin. Hier hatte er vor bald zwei Jahren seine Schulumhänge gekauft. Vielleicht wurde es auch Zeit, sich mit neuen Hogwarts-Umhängen einzudecken. Aber das mußte nicht heute sein.

Madame Malkin kannte ihn vom sehen her noch. Sie strahlte ihn an.

"Sind wir schon aus den ersten Umhängen raus?" Fragte sie mit mütterlicher Stimme. Julius antwortete:

"Sie kennen mich noch?"

"Sicher, du warst mit Ms. Flowers hier, vor zwei Jahren. Interessanter Umhang, den du da trägst. Standardausstattung des Ministeriums, wie?"

"Öhm, ja", entgegnete Julius. Arcadia sagte lächelnd:

"Er braucht gute aber nicht allzu pompöse Umhänge für den Alltagsgebrauch."

"Aber sicher doch. Da seid ihr genau richtig bei mir", sagte Madame Malkin und winkte einer Mitarbeiterin. Diese führte Julius nach hinten, wo im Moment niemand war, da in den Osterferien keine Hogwarts-Schüler Umhänge angemessen bekommen mußten und die erwachsenen Hexen und Zauberer in den Auslagen stöbern konnten.

Die Mitarbeiterin von Madame Malkin führte Julius zehn verschiedenfarbige Umhänge vor, die schlicht, aber ansehnlich aussahen. Julius ließ sich vor allem die dunkleren genauer zeigen. Dann wählte er für je vierzehn Sickel sechs Umhänge aus, zwei mitternachtsblaue, einen tannengrünen, einen türkisfarbenen, einen tulpenroten und einen fuchsroten Umhang. Er zahlte die vier Galleonen und sechzehn Sickel und ließ sie sich in einer bequemen Tragetüte zusammenpacken. Arcadia suchte sich danach Tanzumhänge und Haarbänder aus und kam einmal mit einem himmelblauen Umhang mit Silbersternchen aus der Anprobekammer. Julius grinste zwar erst, setzte danach aber ein zustimmendes Gesicht auf.

"Benötigt der Herr noch einen Festumhang? Dieses Jahr kamen viele Hogwarts-Schüler, um welche zu kaufen", sagte Madame Malkin. Julius schüttelte den Kopf und sagte:

"Das hat sich mittlerweile erledigt." Er wollte nicht sagen, daß er von Catherine Brickston im Sommer einen sehr schicken und fließenden Festumhang bekommen hatte, als sie hörte, daß er einen brauchte.

Nach dem Laden für Anzüge und Umhänge suchte Arcadia ein Geschäft für Schmuck und Kleidungszubehör auf. Julius kannte das von seiner Mutter. Wenn sie in ein Geschäft für Kleider oder Schmuck ging oder auch nur vor einem Schaufenster stand, konnten mal eben anderthalb Stunden verstreichen, allerdings nicht immer so, daß sie dabei Geld ausgab.

"Die Kunst des Einkaufens ist das Erlebnis, nicht das Bezahlen", hatte sie einmal zu Julius gesagt, der sie genervt gefragt hatte, weshalb sie so lange gesucht hatte, wenn sie doch nichts haben wollte. Das war auch schon wieder drei Jahre her. Julius vergaß über das grübeln und Schwelgen in alten Erinnerungen die Zeit. Unvermittelt hörte er seinen Namen von zwei Mädchen rufen. Er wandte sich erschrocken um und sah seine Schulkameradinnen Gloria Porter und Pina Watermelon. Die beiden Mädchen trugen Ausgehkleider, Gloria ein safrangelbes, Pina ein wasserblaues, das gut zu ihren Augen paßte.

"Was machst du denn hier? Ich dachte, du wärest in Cambridge", wandte sich Gloria an Julius.

"Einkaufen mache ich hier. Ich komme gerade aus Cambridge. Reisen Sie mit Flohpulver und die Welt schrumpft auf Schrittlänge!" Erwiderte Julius. Die Mädchen lachten schallend und glockenhell darüber.

"Du soltest Reklametexter werden, wenn wir mit Hogwarts fertig sind", meinte Gloria. Pina sah Julius an und fragte:

"Warum trägst du einen Umhang? Und was ist das für eine dicke Tüte unter deinem Arm?"

"Da ich offenkundig aus der Muggelwelt herausgenommen wurde, mußte ich mich neu einkleiden. Außer den Schulumhängen hatte ich ja nichts. Neue Umwelt - neue Farben. So lautet ein altes Naturgesetz in der Tier- und Pflanzenkunde."

"Da ist wohl was dran", meinte Pina.

Die gemütlich wirkende, untersetzte Gestalt von Glorias Großmutter Jane tauchte am Eingang des Ladens auf und flog förmlich auf Julius zu.

"Hallo, Honey! Ich habe von Glo gehört, daß du nicht mehr bei den Muggeln wohnst. Ist zwar schade, daß dein eigener Vater sich so aufregen mußte, aber vielleicht braucht er noch Zeit, um sich damit zu arrangieren, was du tust", sagte die Hexe mit den graublonden Locken.

Arcadia Priestley kehrte mit kleinen Schachteln in einer Tüte zurück von der Kasse. Julius warf den beiden Mitschülerinnen einen verlegenen Blick zu, während Mrs. Jane Porter ihn aus ihrer Umarmung freigab. Er stellte sich in eine wichtige Pose und sagte:

"Mrs. Porter, Ms. Priestley; Gloria Porter, Pina Watermelon, das ist Ms. Arcadia Priestley, die Tochter der Hexe, bei der ich zur Zeit untergebracht bin. Pina und Gloria sind bei mir in der Klasse", stellte Julius die beiden vor.

"Schön sieht das Kleid aus, das du trägst", wandte sich Arcadia an Pina. Pina lief rosarot an. Dann bedankte sie sich. Gloria betrachtete die etwa acht jahre ältere Hexe und warf Julius einen schalkhaften Blick zu.

"Offenbar wurde an alles gedacht bei deiner Umquartierung", flüsterte sie. Julius wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Arcadia sah Mrs. Jane Porter an und schien angestrengt über etwas nachzudenken. Dann sagte sie:

"Ich habe wohl von Ihnen gelesen. Sie arbeiten in New Orleans, richtig?"

"Ja, tu ich, junge Miss", lächelte Mrs. Porter. Dann sagte sie noch:

"Okay, Mädchen! Wir müssen noch in den Laden. Ich wünsche dir noch schöne Ferien, Honey!"

"Danke gleichfalls, Mrs. Porter", erwiderte Julius. Arcadia verabschiedete sich höflich von Gloria, ihrer Großmutter und Pina Watermelon. Dann ging sie mit Julius weiter.

"Du kennst wirklich interessante Leute. Die alte Dame hat dich ja wie einen Enkelsohn umarmt. Du weißt, wo sie arbeitet?"

"Ja, weiß ich", erwiderte Julius.

"Die haben damals sehr viel gegen die amerikanischen Ausleger von Du-weißt-schon-wem ausgerichtet. Ich habe gehofft, ein Mitarbeiter von denen würde mal Verteidigung gegen die dunklen Künste geben. Aber wen haben sie geholt? Gilderoy Lockhart", sagte Arcadia.

"Über den sind wir mittlerweile weg. Viele von den Mädchen, die ihn angehimmelt haben, erfuhren nach und nach, daß er vieles, was er angeblich getan hat, nur abgeschrieben hat."

"Deshalb hat er uns auch nur aus seinen Büchern vorlesen lassen. Damals in der zweiten Klasse der Gryffindors hat er in der ersten Stunde wilde Wichtel losgelassen. Der Klassenraum mußte erst einmal repariert und neu bestuhlt werden. Prudence Whitesand, die mit Cho Chang in der Klasse ist, wollte damals nicht glauben, daß Lockhart die Wichtel nicht kontrollieren konnte. Ich war eine der wenigen, die hinter sein schönes Aussehen geschaut haben. Hermine Granger muß ja fvoll auf ihn abgefahren sein. Du kennst Hermine Granger bestimmt auch."

"Ich hatte mit ihr gewisse Diskussionen um Muggelkunde und vor kurzem - aber lassen wir das!" Julius wollte nicht damit herausrücken, daß Hermine Granger sich neuerdings für eine Besserstellung der Hauselfen einsetzte.

"Auf jeden Fall wäre jemand aus Mrs. Porters Institut besser geeignet gewesen. Wielange kennst du sie schon, ich meine Glorias Großmutter?"

"Ich kenne sie seit Ostern letzten Jahres, wo wir sie auf dem Bahnsteig vor der Abfahrt trafen. Dann habe ich sie im Sommer häufiger gesehen, als ich aus Millemerveilles zurückkam. Aber ich denke das mit dem lange nicht gesehenen Enkelsohn sollten wir nicht zu laut sagen. Es könnte stimmen", flüsterte Julius. Arcadia lachte. Julius wußte nicht, ob und wieviel ihre Mutter über seine Schulkameraden erzählt haben könnte. An und für sich sollte sie diskret sein, als Beamtin. Deshalb ging Julius erst einmal davon aus, daß es an ihm hing, wieviel er von seinen Freunden erzählte.

Nach einigen weiteren Bekleidungsläden, wo sich Arcadia noch mit einem Übermantel, zwei Paar Schuhen und bunten Halstüchern ausstattete, kamen sie an einem Laden für astronomische Instrumente und Modelle vorbei. Julius wurde vom Anblick eines Modells der Galaxis gefesselt, das in einer Glaskugel freibeweglich rotierte. Arcadia stupste ihn an, dann sah sie, was ihn so faszinierte.

"Das durchmißt zwei Meter und kostet sechshundert Galleonen. Ein Schulfreund von mir hat es sich zugelegt, als er sein eigenes Haus bezogen hat. Der war hin und weg für Astronomie. Der hat sich auch von jedem Planeten und seinem Mondsystem Modelle geholt."

"Oh, da ist sogar ein Planetenprojektor für die Zimmerdecke. Sowas haben die Muggel in London richtig groß aufgebaut. Der kostet nur zweihundert Galleonen", bemerkte Julius und las, daß der Planetenprojektor räumliche Abbilder der neun großen Planeten, sowie Perspektivenwechsel nachahmen konnte, wie der Himmel über dem Mars, dem Mond oder anderen Planeten des Sonnensystems aussah.

"Am besten gehen wir weiter. Das Ding da drinnen versucht, mich zur Geldverschwendung zu verführen", sagte Julius und riß sich von den faszinierenden magischen Astronomiegerätschaften los.

"Ich glaube ich muß dich Lukian mal vorstellen. Der hat jedes Astronomiebuch dreimal gelesen, das die Bibliothek hergab und sich gerne mit meiner Schwester gezankt, weil sie nichts von Sternkunde, aber dafür von Sterndeutung hielt."

"Recht hat er. Das einzige, worin uns die Planeten beeinflussen, ist die Schwerkraft, die Gravitation. Der Einfluß der Sterne auf unser Leben geschieht durch die kosmische Strahlung, winzigste, aber sehr schnelle unsichtbare Teilchen, die von den Sternen ausgestoßen werden", antwortete Julius.

"Soso, der Vollmond hat keine Magie. Die Sonne hat natürlich auch keine magische Bedeutung, oder ?"

"Mag alles sein, daß es Sachen gibt, die bedeutsam sind. Aber ich will mich jetzt nicht mit dir streiten, welche das sind", gab Julius nach. Ihm fiel ein, daß ausgerechnet er einen Vortrag über die magische Bedeutung von Sonnenstrahlen gehalten hatte. Vielleicht hatte Mrs. Priestley das zumindest erwähnt.

"Da vorne ist mein Laden für Zauberkunsthandwerk. Da dürfen wir im Moment nicht rein, damit meine zwei Mitarbeiter nicht denken, ich wollte sie ablösen. Gehen wir also weiter", sagte Arcadia und beschleunigte ihre Schritte. Julius eilte ihr nach, bis zu einem anderen Zauberladen, über dessen Tür ein kleiner bronzener Zauberer mit einem Hammer und einem Stundenglas zum Takt einer unhörbaren Musik tanzte. Julius las die meterhohen Goldlettern: PRAZAP: VERKAUF VON PRAKTISCHEN ZAUBERPRODUKTEN.

Wie ferngesteuert hielt Julius auf den Eingang des Ladens zu und ging hinein. Arcadia folgte ihm.

Im Laden selbst gab es mehrere Abteilungen, über zwei Stockwerke verteilt. Es gab Wunderwerkzeuge, magische Meßgeräte, praktische Tränke und bezaubernde Zauberkleidung. Ein kleiner dicker Zauberer in dunkelblauem Umhang mit silbernen Halbmonden kam eilfertig herüber. Er erkannte Arcadia und grinste über sein rundes Gesicht.

"Oho, eine Werkspionin! Oder sollte Miss Priestley nun doch bereit sein, unsere hochqualitative Ware mit dem gebührenden Respekt zu würdigen?"

"Gib nicht so an, Daniel. Ich möchte meinem Begleiter nur eine Vergleichsmöglichkeit bieten, damit er nicht nachher behaupten kann, nicht umfassend beraten worden zu sein", konterte Arcadia schlagfertig. Dann stellte sie den Zauberer vor.

"Daniel Denison, ein Klassenkamerad meines Bruders aus Hufflepuff. Er landete nach seiner Schulzeit hier. Daniel, das ist Julius Andrews, ein Schüler der zweiten Klasse. Er möchte nur sehen, was ihr hier so zusammengebaut habt."

"Sehen heißt kaufen, Arcadia. Nimm es deinem Schützling nicht übel, wenn er nachher etwas von hier mitnehmen möchte!" Erwiderte Daniel Denison.

"Ich werde es ihm nicht untersagen", erwiderte Arcadia. Dann führte Daniel die beiden durch den Laden.

Julius mußte natürlich zuerst in die Abteilung für praktische Tränke, weil ihn interessierte, was in Serie produzierte Zaubertränke so anstellen konnten. Er bestaunte die kleinen bauchigen, großen kantigen, röhrchenartigen oder birnenförmigen Flaschen und Phiolen. Bei einer Flasche, die wie ein Zerstäuber für Parfüm aussah, blieb er einige Sekunden stehen, um zu lesen, was sie enthielt. In mitternachtsblauer Schrift auf schwarzem, kreisförmigen Etikett mit Silberrahmen stand:

"Scotopsin! Das Mittel für alle Nachtschwärmer und jene, die sich in dunklen Schlafsälen umziehen müssen oder noch nach dem Lichtlöschen lesen möchten! Die Flüssigkeit kann auf drei Arten angewandt werden:

1. Lösen Sie zwei kleine Tropfen Scotopsin in einer nichtalkoholischen, nichtmagischen Flüssigkeit von der Menge einer Teetasse auf und trinken die Mischung. Dadurch erhalten Sie für sechs Stunden das Vermögen, in völliger Dunkelheit so gut zu sehen, als würde ihr gegenwärtiger Standort vom Vollmond beschienen oder in Räumen mit einer Beleuchtung, wie bei klarem Sternenhimmel bei Neumond alles zu erkennen, wie bei Tageslicht. Nebenwirkungen: Kein Schlaf während der Wirkungszeit: Hohe Lichtempfindlichkeit gegen Leuchtkörper heller als Kerzenlicht. 2. Schreiben Sie auf jedes optische Instrument, welches Sie bei Nacht oder Dunkelheit verwenden möchten die Zauberrunen für Licht und Auge! Träufeln Sie Scotoopsin auf ein weißes Leinentüchlein und reiben Sie damit die Linsen oder Sichtgläser ein! Tupfen Sie dann je einen Tropfen Scotopsin auf die angebrachten Runen und tippen Sie mit Ihrem Zauberstab an das so vorbehandelte Gerät und sprechen Sie den Zauber "Lumos"! Lassen Sie das behandelte Gerät eine Stunde lang unter Lichtabschluß ruhen! Danach ist es permanent bis zur Zerstörung fähig, Sie bei Dunkelheit so gut sehen zu lassen, wie bei Vollmond oder bei Lichteinfall von der Stärke eines Sternenhimmels bei Neumond alles wie bei Tag erkennen zu lassen. Nachteile: Auf diese Weise behandelte astronomische Instrumente führen zu fehlerhaften Beobachtungen, da alle damit betrachteten Objekte auf Vollmondlichtstärke erhellt werden. Objekte, die bei Tageslicht betrachtet werden, verschwimmen wie im Nebel. Daher wird empfohlen, keine wichtige Sehhilfe derartig zu behandeln. 3. Träufeln Sie drei Tropfen Scotopsin auf jeden Gegenstand, den Sie bei Dunkelheit benutzen möchten! Tippen Sie mit Ihrem Zauberstab daran und sprechen Sie den Zauber "Lumos"! Der so behandelte Gegenstand erscheint dann aus einem Abstand von 0 bis 50 cm so klar, wie von der Sonne beschienen. Diese Wirkung hält solange an, wie der Gegenstand nicht von einer Lichtquelle heller als Kerzenlicht erleuchtet wird. Nachteil: Wenn der behandelte Gegenstand von oben erwähnter Lichtstärke erleuchtet wird, trübt er sich für 24 Stunden pechschwarz ein. Bücher, Spiegel oder ähnliches sollte daher vor dem direkten Lichteinfall in beschriebener Stärke geschützt werden, wenn nicht darauf verzichtet werden kann.

Ein Liter Scotopsin enthält:

1 zermahlene Eulenschwanzfeder 1 pulverisierter Vampirzahn 1 Haar vom Schwanz einer Katze 15 ml südamerikanisches Fledermausblut 20 ml Katzenblut 50 geriebene Augen bei Vollmond gefangener Schaben 3 ml Saft eines bittersüßen Nachtschattens 40 ml Tropfwasser von Stalaktiten 60 g Nachtwurz, pulverisiert 30 g Buchenholzasche, feingesiebt 60 Sonnenblumenkerne, gerieben

Scotopsin ist ein Produkt der PraZap Kompanie zur Herstellung praktischer Zaubermittel."

10 Milliliter sollten eine Sickel kosten, so stand es auf dem Preisschild. Daneben stand noch eine Flasche mit einem Gebräu, das Thermopsin hieß und einem für eine Stunde die Fähigkeit verlieh, Wärmeunterschiede wie Farbunterschiede zu sehen. Dann gab es Kälte- und Hitzewiderstandstränke, Wasserentschmutzungstropfen für den heimischen Gartenbrunnen, Krafttropfen zur zeitweiligen Kraftvervielfältigung. Hierbei wurde jedoch gewarnt, daß danach der Körper einen vollen Tag Schlaf benötige.

Anschließend ging es in die Abteilung für magische Meßinstrumente. Hier fand Julius nicht nur seine zwei Prazap-Geräte wieder und konnte lesen, wieviel es denen wert war, ihm etwas zu schenken, die ihm die Weltzeituhr und das Naviskop besorgt hatten, sondern sah auch interessante andere Gerätschaften, wie Tiefenloter, kleine Metallrörchen, mit denen die Tiefe eines Gewässers oder die Dicke einer Wand wie mit einem Echolot der Muggel gemessen werden konnte, Linsen, mit denen man Dinge beschleunigt oder verlangsamt sehen konnte, sowie das Trimax-Vergrößerungsglas, das so bezaubert war, daß es über einem Objekt gehalten, dieses räumlich und hundertfach vergrößert als freischwebendes Bild zeigte. Prudence hatte ihm vor kurzem dieses Zauberinstrument vorgeführt. Er sah auf den Preis: Eine Galleone und vier Sickel sollte es kosten. Julius überlegte es sich noch. Ein Radiergummi, mit dem man unsichtbare Tinte sichtbar machen konnte, fand sofort seine Zustimmung. Die zehn Sickel gab er gerne dafür her, um den Enthüller zu kaufen. Dann ging es noch zu großen Uhren, die entweder merkwürdige Arten der Zeitanzeige besaßen, wie kreisende Planeten, farbige Kugeln oder ineinander verschobene Ringe, oder die nicht der Zeitmessung dienten, sondern als Standortanzeiger für Familienangehörige dienten. Er sah Wagen, die eigenständig zwischen Verpackung, Behälter oder Inhalt unterscheiden konnten, sowie Wetterhäuschen, wie es sie auch bei den Muggeln gab, nur mit dem Unterschied, das die Figuren wie Schachmenschen eigenständig laufen und sprechen konnten, je nach Wetterlage auftraten.

In der Abteilung Wunderwerkzeuge fand Julius Zauberschraubenzieher, die sich selbst drehen konten und sich an jede Schraube anpassen konnten, egal ob klein oder groß. Er bestaunte Wünschelruten, die auf verschiedene Dinge ausgerichtet waren, wie Edelmetalle, Wasseradern oder Hohlräume in Boden, Felsen oder Wände, war schon drauf und dran, einen Ausmacher zu kaufen, ein Gerät, das wie ein großes goldenes Feuerzeug aussah, jedoch die Eigenschaft hatte, nichtmagische Lichter auszumachen, indem die Lichter vom Gerät geschluckt und bei umgekehrter Anwendung in ihre Lampen oder Kerzen zurückgeschickt wurden. Doch vier Galleonen überstieg Julius' mitgenommenes Geld, obwohl er sich vorstellen konnte, wie lustig es sei, durch eine Muggelstraße zu gehen und im Vorbeigehen alle Laternen auszuknibsen, ohne das die Techniker sie danach wieder anbekamen, weil ihnen ja das Licht geklaut worden war.

"Hast du böses im Sinn?" Fragte Arcadia, die in Julius' Gesicht las.

"Es ergeben sich gewisse Möglichkeiten, mit so einem Gerät", sagte Julius. Dann sah er sich einen schwarzen, spröde wirkenden Stein an und las die orangerote Schrift:

"Der Unfeuerstein! Legen Sie diesen Stein unter Ihr Bett oder in die Nähe eines spielenden Kindes, und er wird im Umkreis von zehn Metern kein offenes Feuer zulassen. Jeder Versuch, eine Kerze zu entzünden, mißlingt. Magisch gezündete Feuer verschwinden, sobald der Zauber vorbei ist, mit dem sie entfacht wurden. Ja, selbst Drachenfeuer kann nicht seine verheerende Wirkung entfalten, wenn der Unfeuerstein in der Nähe des angespieenen Bereichs liegt.

Allerdings sollte er nicht in der Nähe von Herden oder Braukesseln liegen, da sonst keine Speisen oder Tränke zubereitet werden können.

Der Unfeuerstein ist ein Produkt der Prazap-Kompanie für praktische Zauberprodukte."

"Das ist doch wohl nicht wahr", meinte Julius. Arcadia lachte.

"Glaube es mir. Was hier verkauft wird, funktioniert so, wie es auf den Hinweisschildern steht. Du mußt nur die richtigen Mineralien mit den richtigen Zaubern belegen, um so einen Stein zu machen. Das ist praktische Elementarmagie."

"Das will ich meinen", sagte Daniel. "Wir können hier keine Fackeln entzünden, solange wir auch nur einen dieser Steine in dieser Abteilung herumliegen haben. Wir müssen magische Lichtkugeln aufhängen, um den Raum auszuleuchten."

Dann sah Julius noch zwei kleine Porzellanmuscheln, die irgendwie an Ohren erinnerten. Eine davon war elfenbeinweiß, die andere ebenholzschwarz. Über jedem Paar solcher Muscheln stand in purpurner Schrift:

"Die Mithörmuscheln!

Wenn Sie die schwarze Muschel an einen Ort legen und die weiße mitnehmen, können Sie unterwegs bei Anlegen der weißen Muschel an eines Ihrer Ohren hören, welche Geräusche oder Gespräche an jenem Ort gerade erklingen, an dem Sie die schwarze Muschel gelegt haben. Jedoch gelten die Gesetze zum Schutz der Privatsphäre, so daß eine Belauschung auf diese Weise unter strenge Strafen gestellt wird. Lediglich der Einsatz ständig reisender Elternteile zur Überwachung ihrer Kinder ist vom Zaubereiministerium erlaubt. Die Mithörmuscheln können auch als einseitige Sprechkontakthilfe über unbegrenzte Entfernung benutzt werden, wenn jemand die schwarze Muschel kurz mit dem Zauberstab berührt, worauf die weiße dann leise singt, als Zeichen, sie zu benutzen. So kann eine Wortnachricht an den Träger der weißen Muschel weitergegeben werden, jedoch keine Antwort erhalten werden.

Die Mithörmuscheln sind ein Produkt der Prazap-Kompanie zur Herstellung praktischer Zauberprodukte."

"Aha, so könnte man auch Leute belauschen oder sich Tips für Klassenarbeiten zuflüstern lassen", sagte Julius leise.

"In Hogwarts kannst du die Dinger vergessen. Das hat eine Klassenkameradin mal probiert. Die hätte fast nichts mehr hören können, so schrill hat es in diesen Muscheln gepiept. Hogwarts ist auch gegen magische Fernbelauschung gesichert. Außerdem brauchst du nur einen magischen Klangkerker zu schaffen, und schon fällt auch dieses Gerät aus. Aber es ist nützlich für Heiler", sagte Arcadia.

Julius sah sich dann noch in der Zauberkleidungsabteilung um, wo es unbeschmutzbare Strampelanzüge, Reisewindeln, die eine Woche nicht gewechselt werden mußten, sowie die selbst nicht zu beschmutzenden Reinigungstücher gab, von denen Pina ihm eines geschenkt hatte und das gleiche besaß. Es gab Zauberhüte, in die man wertvolle Gegenstände legen konnte, ohne daß ein Dieb herankommen konnte, Practicus-Taschen aller Sorten, vom Brustbeutel, wie Julius ihn immer unter seinen Sachen trug, bis hin zum Verschickungskofferpaar, das ermöglichte, Gepäck so zu befördern. Daß ein leerer Koffer zum Zielort gebracht und dort geöffnet hingestellt wurde. Man konnte dann seine Habe in den Senderkoffer legen, diesen schließen und damit das Gepäck an den Zielort schicken, soviel und solange man wollte, wenn am Zielort keine Apparationsabwehrzauber wirkten.

"Das wäre was für eine Tante von mir. Die schleppt immer vier Koffer mit in den Urlaub. Mit dem Kofferpaar könnte sie den Inhalt von vier Koffern nach und nach zum Zielort schicken", sagte Julius.

"Ja, aber nur tote Objekte. Wenn ein Tierchen, eine Fliege oder Ameise in den Absender gerät, verschwindet das Gepäckk im Nichts. Das ist eine vermurkste Sicherheitsmaßnahme, um nicht Kinder oder Haustiere zu verschicken", erwiderte Arcadia. Daniel knirschte mit den Zähnen. Ihm mißfiel das wohl, wie Arcadia diese Zaubersachen lächerlich machte.

Um Mr. Denison wieder friedlich zu stimmen, kaufte Julius das Trimax-Vergrößerungsglas und zeigte ihm die Weltzeituhr, von der er nun wußte, daß sie drei Galleonen gekostet hatte.

"Immerhin haben Sie damit einen treuen Weggefährten und keinen Grund mehr, auf den Sie ein verspätetes Eintreffen beziehen können", sagte Mr. Denison. Arcadia sagte:

"Das muß sich noch herausstellen, ob sie wirklich sofort die Ortszeit des Zielortes anzeigt. Ich hoffe, die Garantie gilt hier auch fünf Jahre, wie bei den anderen Spielsachen hier", sagte Arcadia.

"Bei der Armbanduhr ist es sogar eine 20-Jahres-Garantie gegen Fehlfunktion, Kratzer, Wasserschäden oder Temperaturempfindlichkeit", sagte der Zauberer im blauen Umhang. Dann kassierte er von Julius das Geld für das Vergrößerungsglas und den Enthüller, eben jenen Radiergummi zum lesen unsichtbarer Tinte. Mr. Denison bedankte sich für den Besuch und geleitete Arcadia und Julius hinaus.

"In den nächsten Ferien kommst du auch mal in meinen Laden", schlug Arcadia vor. "Prazap ruht sich gerne auf seinen Lorbeeren aus. Viele Sachen sind schon zwanzig Jahre bekannt. Wir dagegen passen uns immer den augenblicklichen Bedürfnissen an. Zum Beispiel hast du im Prazap-Laden keine Kinderwächter gesehen. Die Findmichs sind erst gut für Kinder, die alleine herumlaufen können, und die Mithörmuscheln können als Kontrollmittel angewendet werden. Aber wir haben einen Melder für Babyschreie oder Puppen, die als Augen- und Ohrenverlängerung der Eltern dienen können, ohne das die Kinder davon etwas mitbekommen. Diverse andere Sachen gibt es auch nicht bei Prazap."

"Habt ihr auch was gegen Heuler?" Fragte Julius spontan. Arcadia sah ihn erstaunt an. Dann grinste sie.

"Die Dinger sind tückisch. Ich habe während meiner Schulzeit sechs Heuler gekriegt und immer daran gedacht, etwas dagegen zu erfinden. Du kannst eine Schachtel so bezaubern, daß sie als Klangkerker wirkt, der kein Geräusch nach außen läßt. Aber wehe du machst die Schachtel auf. Dann geht der Heuler nämlich erst los. Gegen gefühlsbetonte Stimmkonservierungszauber gibt es keine Magie, die sich der physikalischen Gesetze bedienen kann. Aber die Experimente laufen noch", verriet sie.

Auf dem Weg zurück zum tropfenden Kessel traf Julius noch mal Gloria, Pina und Mrs. Jane Porter. Diese sah sehr fröhlich aus und hielt eine große Tragetüte unter einem Arm.

"Na, fertig?" Grüßte Gloria Julius. Dieser nickte. Dann deutete er auf die Tragetüte von Mrs. Porter.

"Warmwolle, Honey! Damit kann ich einen Pulli oder Socken stricken, die selbst am Nordpol noch ein behaglich warmes Gefühl vermitteln", lächelte Mrs. Porter.

"Haben die wieder welche bei Zauberzwirn?" Fragte Arcadia und bekam leuchtende Augen.

"Zumindest hatten sie noch welche, als ich den Laden verließ, Ms. Priestley", lachte Mrs. Porter.

"Dann muß ich da noch hin. Mutter freut sich immer darüber, wenn sie die hat. Komm, Julius!"

Julius verabschiedete sich noch mal von den Mädchen und Mrs. Porter und eilte Arcadia nach, die auf einen Laden für Wolle, Stoffe und Garne zulief. Julius sah von außen das Hinweisschild, daß hier der Stoffbedarf für die häuslichen Hexen und Zauberer verkauft wurde, um Kleidungsstücke, Gardinen oder Vorhänge selber zu weben, nähen oder stricken. Julius wartete vor der Tür, weil im Laden selbst viele gerade ältere Hexen dicht an dicht standen. Arcadia kam nach zehn Minuten wieder heraus und trug einen kinderkopfgroßen Ballen Wolle heraus.

"Welche Tiere liefern diese Wolle?" Fragte Julius.

"Polare Einhörner. Die Wolle hält alle Kälte vom Körper fern. Mutter strickt gerne Schals und Pullover, wenn es Winter wird. Das hilft ihr, ruhig nachzudenken."

"Dann ist es ja was feines", sagte Julius dazu nur.

Vom tropfenden Kessel aus ging es zurück in das Haus am Krötensteig. Das Zielwort lautete "Zum Zwölferdutzend-Haus!"

 

 

Mrs. Priestley prüfte, was Julius gekauft hatte. Dann nickte sie und sagte:

"Das reicht für die Ferien. Du mußt nicht jeden Tag einen neuen Umhang anziehen. Aber irgendwie magst du wohl eher die dunkleren oder mittleren Farbtöne, wie?"

"Ich denke immer noch, daß helle Klamotten was für Mädchen sind. Das habe ich ja gerade erst wieder gesehen. Die meisten Hexen liefen in hellen Sachen herum, auch meine beiden Klassenkameradinnen Gloria und Pina, die ich in der Winkelgasse getroffen habe."

"Wußtest du, Mutter, daß er Jane Porter vom Laveau-Institut in New Orleans kennt?" Fragte Arcadia und legte das Knäuel Wolle vor ihre Mutter auf den Tisch.

"Ja, dieser Umstand ist mir auch geläufig, mein Kind", erwiderte Mrs. Priestley wie beiläufig. "Immerhin haben die Porters Julius im letzten Sommer für den Rest der Ferien beherbergt. Ich erfuhr, daß Mrs. Jane Porter zur gleichen Zeit bei ihnen wohnte. Ist sie denn schon wieder in England?"

"Ich habe sie gesehen, wie sie Julius umarmt hat", verriet Arcadia. Julius war das peinlich. Er hätte am liebsten gesagt, daß er nicht wollte, daß jemand das ausgerechnet seiner neuen Fürsorgerin auf die Nase band. Doch diese schien weder überrascht noch besorgt zu sein.

"Er hat zwei Wochen mit ihr unter einem Dach gelebt, Arcadia. Wenn selbst deine Lieblingscousine meint, ihn gerne um sich zu haben, kannst du dir da vorstellen, wie er vielleicht auf ältere Hexen wirkt." "Ja, faszinierend", grummelte Julius. "Die interessierte sich zunächst wohl nur für mich, weil ich Muggel als Eltern habe."

"Zunächst vielleicht. Aber irgendwann ist das Thema langweilig", meinte Mrs. Priestley.

Mr. Priestley apparierte rechtzeitig zur Teestunde. Julius durfte erzählen, was er in der Winkelgasse erlebt hatte. Anschließend spielten er und Mrs. Priestley Schach gegeneinander. Julius tat sich schwer, hielt sich jedoch über zwei Stunden, bis das Abendessen fertig war. Die Partie endete für ihn zwar mit einer Niederlage, aber er hatte Mrs. Priestley alle Bauern, einen Turm, einen Springer und die Dame abgejagt, bevor ihn der Rest der Figuren ins Schachmatt gedrängt hatte.

Nach dem Abendessen packte Julius die Practicus-Reisetasche. Er nahm den tulpenroten Umhang, seine Zauberinstrumente, seine Flöten und das Buch über Zierpflanzen mit. Den tannengrünen Umhang wollte er anziehen, um nach Millemerveilles zu reisen. Den Besen wollte er erst einmal hierlassen. Er packte drei Pergamentrollen ein und zwei Tintenfässer: Königsblau und Scharlachrot.

Dann kam ihm noch die Idee, sein Schachspiel einzupacken. Sicherlich könnte es ihm passieren, daß Madame Delamontagne oder Mademoiselle Uranie Dusoleil ihn herausforderte. Sollte er seinen weinroten Festumhang und die Tanzschuhe einpacken? Da die Tasche von außen ein Viertel so groß wirkte wie sie durch einen Zauber im Inneren war, legte er seinen Festumhang noch hinein und seine Tanzschuhe auch.

Er überlegte, was er noch einpacken sollte, als ihm von Claires gemaltem Kalenderbild der ihm ähnelnde Junge und das Claire ähnelnde Mädchen zuwinkten. Vorsichtig nahm Julius das Bild von der Wand und rollte es ein. Er packte es in ein Seitenfach der Tasche und schloß dieses.

"Für jede Eventualität gerüstet", sagte er sich, als alle Sachen verstaut waren. Dann schloß er die Tasche.

Um neun Uhr ging er wieder ins Wohnzimmer. Schließlich wollte Aurora Dawn noch mal mit ihnen sprechen. Tatsächlich saß ihr Kopf wieder im brennenden Kamin und sprach ruhig zu Mrs. Priestley.

"... und Camille hat mir aufgetragen, dafür zu sorgen, daß dein Schützling seinen Festumhang mitnimmt. Sage ihm das bitte, wenn er .. ach, da ist er ja!"

"Hallo, Aurora! Ich habe den Umhang schon eingepackt. Mir schwante da sowas. Allerdings fehlen mir Ohrenschützer. Es könnte sein, daß ich welche brauche", sagte Julius und trat näher an das Feuer heran.

"Ich denke nicht, daß Camille mit uns Alraunen umtopfen will, Julius. Insofern wären Ohrenschützer eher hinderlich als hilfreich."

Julius dachte daran, daß Madame Dusoleil und vor allem Claire ihm ordentlich einheizen könnten, weil er ihnen nicht geschrieben hatte, daß er erfolgreich die Besen-Doppelflug-Prüfung bestanden hatte. Aurora Dawn schien seine Gedanken zu erraten:

"Wenn du ihnen was vorenthalten haben solltest, was sie wissen wollen, mußt du dich damit abfinden, daß sie dir mitteilen, ob sie das gut oder schlecht finden."

"Ja, sicher! Aber ich hatte wohl genug zu tun, um ... Ach, lassen wir das!" Erwiderte Julius.

"Gut, Okay! Dann komme ich morgen früh um neun Uhr bei euch vorbei und hole Julius ab, Tante June."

"In Ordnung, Aurora. Ich schicke Julius früh genug ins Bett, damit er morgen nicht auf halbem Wege verlorengeht", erwiderte Mrs. Priestley.

Julius nickte und verabschiedete sich von Aurora Dawn.

Zehn Minuten später lag er bereits im Bett.

 

 

Julius träumte in der Nacht von einer wilden Verfolgungsjagd auf Besen. Madame Dusoleil und Claire jagten ihn. Sie riefen mit magisch verstärkten Stimmen, daß sie ihn auf Stecknadelkopfgröße einschrumpfen, als Gartenstatue aufstellen oder in einen Grashalm verwandeln würden, weil er ihnen nicht erzählt hatte, daß er die Flugprüfung für Soziusflüge geschafft hatte. Julius schaffte es, die beiden wütenden Hexen in einem Wald auszutricksen, indem er so zwischen den Baumwipfeln herumflog, bis sie ihm nicht mehr folgen konnten. Doch als er erschöpft zur Landung ansetzen wollte, schoß aus einer Baumkrone ein Schwarm handtellergroßer Hornissen heraus. Mit einem unterdrückten Aufschrei fand sich Julius in seinem Bett wieder. Sein Herz klopfte wie eine schnell arbeitende Dampfmaschine in seinen Ohren. Langsam fand er wieder zu sich. Er verwünschte diesen Traum, drehte sich um und wartete, bis ihn der Schlaf wieder umfing.

 

 

Am nächsten Morgen weckte ihn Mrs. Priestley durch leises aber mehrfaches Klopfen an die Tür. Julius räkelte sich, gähnte noch mal und sprang dann wie von einer Bogensehne geschnellt aus dem Bett.

"Guten Morgen!" Rief er nun hellwach.

"Es ist sieben uhr! In zwei Stunden wird verreist", trällerte Mrs. Priestley durch die geschlossene tür. Julius griff nach seinem Bademantel und verließ das Schlafzimmer.

Als er gewaschen, angezogen und gekämmt an den Frühstückstisch kam, trug er den tannengrünen Umhang. Arcadia Priestley, die einen violetten Umhang trug, begutachtete ihn.

"Ja, das paßt gut zu dir, wenngleich die Blautöne besser mit deinen Augen harmonieren. Aber So siehst du zumindest nicht aus wie ein dahergelaufener Muggel. Ich hörte, daß in Millemerveilles Jeans-Hosen und T-Shirts nicht gerade beliebt sind", sagte Arcadia, während Fanny, die Hauselfe Julius Toast, Butter und Honig vor die Nase stellte.

Julius genoß das englische Frühstück mit Haferflocken, Toast, Rührei mit Schinken und Orangensaft, dazu schwarzen Tee mit Milch und einem Spritzer Zitronensaft. Er las in der neuen Ausgabe des Tagespropheten, in der es um die Suche nach der Hexe Bertha Jorkins ging, sowie Leserbriefe entrüsteter Hexen und Zauberer zu einer Erhöhung der Abgaben für den Erhalt der öffentlichen Floh-Netzanschlüsse.

Eine Iona Roamer aus Batford schrieb:

"Es ist ein Skandal, daß das Zaubereiministerium nach all den verpatzten Großaufträgen wieder einmal auf die einfachen Leute zurückgreift, wenn es in seinen Verliesen kein Geld mehr gibt. Sollen doch die hohen Beamten zwei Galleonen pro Floh-Reise hinlegen oder auf ihre Betriebsausflüge nach Transsylvanien oder Syrien verzichten. Dann könnte Fudge viel Geld einsparen."

Julius beendete sein Frühstück und holte die gepackte Reisetasche aus seinem Zimmer herunter. Die große Standuhr im Wohnzimmer schlug gerade neun Uhr, als mit lautem Rauschen und in einem Wirbel aus Asche und Rus Aurora Dawn im Kamin erschien. Sie trug einen meergrünen Umhang, der sehr gut mit ihren graugrünen Augen harmonierte. Ihr langes schwarzes Haar hatte sie zu einem helmartigen Schopf hochgesteckt und mit einem schwarzen Band gebunden. Unter dem linken Arm trug sie eine weiße Tasche mit einer roten Äskulapschlange, das Symbol der magischen Heiler, und von ihrer rechten Schulter baumelte eine zimtfarbene Reisetasche an einem breiten Riemen.

"Guten Morgen, Tante June! Hallo, Julius! Alles eingepackt, was du für zwei Nächte mitnehmen mußt?"

"Ja, habe ich! Pyjama, Pantoffeln, Wasch- und Zahnputzzeug, Kamm und Unterwäsche. Dann noch einen Ersatzumhang und diverse Sachen, die ich gerne dabeihabe", sagte Julius vergnügt.

"Dann ist ja gut. Dann wollen wir mal", trieb Aurora Dawn zum Aufbruch an. Julius stellte sich neben die in Australien lebende Kräuterkundlerin und Heilerin, die mit einem Wink ihres Zauberstabs ein Feuer in den Kamin hineinbeschwor. Dann warf sie aus einer kleinen Dose eine Prise Flohpulver ins Feuer. Julius wandte sich noch mal an Mr. und Mrs. Priestley und Arcadia, die sich zum Abschied aufgestellt hatten.

"Ich lasse mich dann am Montag wieder zurückbringen. Bis dahin wünsche ich Ihnen schöne Ostertage!" Sagte Julius.

"Paß du gut auf ihn auf, Aurora. Dir ist ja bekannt, daß er sehr experimentierfreudig ist", mahnte Mrs. Priestley ihre Nichte. Diese schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. Danach wünschte Mrs. Priestley ihrem Schützling eine schöne Zeit in Millemerveilles und trug ihm auf:

"Benimm dich anständig! Lasse dich nicht auf Raufereien ein und beleidige keine Hexe oder keinen Zauberer! Du bist schon lange genug Mitglied unserer Gesellschaft, um zu wissen, wie du dich zu betragen hast."

"Klar!" Gab Julius genervt zurück. Dann sagte er:

"Ich werde schon mit den Leuten auskommen. Ich denke auch, daß sie mir sagen, wenn ich irgendwas vermurkst habe. Dann kann ich mich immer noch entschuldigen."

"Gute Reise, Julius!" Wünschte Arcadia und grinste ihre Cousine an.

"Bring ihn nach möglichkeit in gutem Zustand zurück. in Millemerveilles laufen viele gefährlich charmante Junghexen herum, die ihn verderben könnten."

"Für diese Warnung dürfte es ein bißchen zu spät sein", grinste Aurora dawn. Dann schickte sie Julius an, sich mit Flohpulver zur Grenze zu versetzen. Julius trat in die hohen smaragdgrünen Flammen und kommandierte:

"Zur Grenze!"

Danach verschwand das Wohnzimmer der Priestleys in einem Wirbel von Asche und Farben.

In einer großen Höhle unter der Erde, kam Julius aus einem von hunderten Kaminen heraus. Eine Hexe in der marineblauen Dienstkleidung der Grenzbeamten half Julius aus dem Kamin. Zwei Kamine weiter rauschte zehn Sekunden später Aurora Dawn in die riesige Anlage.

An einem der vielen Marmorschalter gaben Julius und Aurora Dawn ihr Reiseziel und den Zweck der Reise an. Dann zahlte Aurora Dawn je eine Galleone für sich und Julius. Danach ging es nach Frankreich, wobei sie eine Express-Version des Flohpulvers benutzten, in der Drachenschuppen und Harpyienfedern in zerriebener Form enthalten waren.

Die Grenzstation des französischen Floh-Netzes war im Vergleich zur englischen eher eine übergroße Bahnhofshalle im Stil einer Kathedrale als ein unterirdisches Gewölbe. Ein stämmiger Zauberer in blau-weiß-rotem Umhang führte Julius nach der Ankunft zu einem freien Kamin.

"Sie wurden bereits angemeldet, Monsieur", informierte der Zauberer Julius auf Französisch mit pariser Dialekt. Aurora Dawn trat, begleitet von einer zierlichen Diensthexe heran.

"Führen Sie englische Zaubergegenstände mit sich?" fragte der Zauberer. Julius zählte seine Habseligkeiten auf und zeigte auch seine Weltzeituhr, die, wie er erstaunt zur Kenntnis nahm, bereits zwischen englischer und europäischer Zeit unterschied. Der rote Standort-Stundenzeiger ruhte knapp hinter der zehn, während der schwarze Heimatort-Stundenzeiger knapp hinter der Neun ruhte. Der goldene Minutenzeiger überstrich gerade die Eins und wurde vom halbsolangen silbernen Sekundenzeiger überholt. Julius staunte, wie schnell sich die Uhr umgestellt hatte.

Nach kurzer Prüfung der Gepäckstücke durften Aurora Dawn und Julius abreisen.

"Jardin du Soleil!" Rief Aurora Dawn. Dann verschwand sie. Julius wartete zehn Sekunden. Dann trat er in die neue grüne Feuerwand und rief:

"Jardin du Soleil!"

Der Wirbel und das Rauschen dauerten für Julius nur fünf Sekunden. Dann fiel er aus einem Kamin in einer großen behaglich aussehenden Küche. Aurora Dawn stand am Eingang und sah ihm zu, wie er aus dem Kamin kletterte. Am Herd stand Madame Dusoleil, die gerade ein Backblech mit kleinen runden Küchlein in den Ofen schob und diesen mit einem Stubser des Zauberstabs anfeuerte. Sie trug eine blaßrosa Küchenschürze. Als Julius auf festem Boden stand, drehte sie sich um und zeigte ein äußerst fröhliches Lächeln auf ihrem braungetönten Gesicht. Die dunkelbraunen Augen glänzten feucht, und das schwarze Haar, das in sanften Wellen auf die Schultern der Hausherrin fiel, floß wie Seide bei jeder Bewegung um den Nacken von Madame Dusoleil.

Unvermittelt fand sich Julius in den Armen der leicht untersetzten Hexe wieder und roch den Duft frischen Kaffees und Kuchens in ihrem Haar. Madame Dusoleil drückte ihm je einen Kuß auf die linke und die rechte Wange und sagte:

"Herzlich Willkommen im Sonnengarten, Monsieur Andrews. Ich freue mich, daß du doch noch meiner Einladung folgen konntest. Ich fürchtete schon, bis zum Sommer warten zu müssen, um dich wiederzusehen", sagte Madame Dusoleil und hielt Julius zärtlich aber sicher in ihrer Umarmung fest. Julius wagte nicht, sich mit Gewalt von Madame Dusoleil zu lösen, obwohl er sich nicht besonders wohl dabei fühlte.

"Meine Eltern wissen nicht, daß ich hier bei Ihnen bin. Aber sie wären froh, zu wissen, daß ich an einem Ort bin, wo ich willkommen bin", sagte Julius.

"Ich habe deiner Mutter und deinem Vater gestern eine Eule geschickt, mon Cher. Ich hielt es für meine Pflicht als Mutter, sie zumindest darüber zu informieren, daß du die nächsten zwei Nächte in meinem Haus schlafen und an meinem Tisch essen wirst."

"Oh, das könnte Ärger mit Mrs. Priestley geben, der Dame, die mich zu sich geholt hat", fürchtete Julius.

"Denke ich nicht. Ich habe ihr schließlich eine Posteule von unserem Postamt geschickt, um sie davon zu unterrichten, daß es keinem Elternpaar verwehrt bleiben dürfte, zu wissen, wo sich sein Kind über die Feiertage aufhalten wird. Ich gehe davon aus, daß sie mir zustimmt, da sie selbst drei Kinder hat, soweit ich von Mademoiselle Dawn erfahren habe."

"Tante June ist keine eiskalte Bürokratin, Julius. Sie nimmt zwar ihre Aufgaben sehr ernst, dies aber mit einem großen Anteil Menschlichkeit", fügte Aurora Dawn hinzu, wobei sie sich der französischen Sprache bediente.

"Florymont ist bei Monsieur Castello, noch etwas erledigen. Er kommt in einer halben Stunde zurück. Außerdem warten noch drei Damen auf dich. Sie sitzen im Wohnzimmer. Deine Tasche kannst du mir geben. Ich trage sie in das Gästeschlafzimmer."

"Ich fürchte, das übersteigt Ihre Kräfte", grinste Julius und setzte die Tasche ab.

Madame Dusoleil ließ von Julius ab und zog an den Tragegriffen der Tasche. Sie ließ sich keinen Millimeter anheben. Dann grinste sie und versetztte Julius einen leichten Klaps auf die rechte Schulter.

"Natürlich hat Blanche dir geraten, deine Reisetasche gegen Wegtragen zu sichern. Dann müssen wir eben zusammen nach oben. Aurora, sagst du den drei Grazien, daß sie sich noch einige Augenblicke gedulden möchten!"

"Ja, mach ich", erwiderte Aurora Dawn und entschwand in Richtung der großen Wohnstube. Julius nahm seine Reisetasche wieder auf und trug sie Madame Dusoleil in den mit gemusterten Teppichen ausgelegten Flur zu einer gewundenen Eichenholztreppe mit geblümtem Läufer nach. Es ging in den ersten Stock hinauf und dann rechter Hand in eine Diele mit hellen Wänden und Teppichen. Wandgemälde zeigten Bergwiesen und Waldlichtungen. Auf einem Bild tauchte gerade ein schneeweißes Einhorn auf, sah Julius kurz mit großen Augen an und schnellte mit einem einzigen Satz in die Deckung des Waldes im Hintergrund zurück. Es ging an einem Badezimmer vorbei, bis zu zwei Zimmern, deren Türen sich gegenüberlagen. Madame Dusoleil öffnete die linke Tür und gab den Weg in ein etwa sechs mal vier Meter großes Zimmer frei, das durch die magischen Wandtapeten wie eine kleine Waldlichtung aussah. Grasgrün lag ein weicher Teppich auf dem Boden aus. Auf der Tapete wiegten sich große Tannen, Buchen und Fichten in einer sanften Brise. Julius hörte es in den Zweigen rauschen und säuseln. Dann flog ein bunter Vogel durch die magische Tapetenlandschaft. Julius sah zur Decke empor, wo zwei kristallene Leuchter an zerbrechlich wirkenden Ketten hingen. Durch ein großes Fenster im Süden und eines im Osten fiel das Licht der warmen Morgensonne in das Zimmer. Julius sah nur ein Bett mit einem mitternachtsblauen Baldachin und einen Nachttisch in der Form eines Baumstumpfes. Nirgendwo war ein Kleiderschrank oder ein Schreibtisch zu sehen.

"Entschuldigung! Aber fehlt hier nicht ein Schrank und ein Tisch?" Fragte Julius. Madame Dusoleil lachte erheitert und tippte mit einer Hand an die Ostwand rechts neben dem Fenster. Die Bäume wichen zur Seite und gaben einen großen Eichenholzschrank frei. Sie öffnete ihn kurz und schloß ihn wieder. Sogleich kehrten die Bäume der Wandtapete wieder zurück.

"Ein Paradestück meines Gatten. Als er das Haus renoviert hat, hat er in die Gäste- und Familienschlafzimmer versteckte Schränke und ausklappbare Tische eingebaut. Ein Tisch ruht in der westwand."

Sie tippte an die Westwand des Zimmers, worauf sich ein Nußbaumholzschreibtisch aus der Wand klappte und hinstellte.

"Wenn du ihn brauchst, berühre die Wand mit einer Hand. Wenn du ihn nicht mehr benötigst, streichel einfach die linke Schmalseite dreimal. Dann klappt er sich wieder in die Wand ein." Sie demonstrierte das und ließ den Schreibtisch wieder verschwinden. Dann führte sie Julius noch vor, wie er die Leuchter entzünden und ein warmes gelbes Licht erscheinen lassen konnte. Julius verwies auf seine Tasche, in der sein magischer Mondglobus steckte. Er erzählte, daß er diesen Mondglobus auch als Licht benutzen konnte.

"Ja, um dich ruhig hinzulegen, aber nicht, wenn du abends noch etwas schreiben mußt. Schließlich hängt diese Mondlampe ja mit den Mondphasen zusammen", erwiderte Madame Dusoleil. Dann gebot sie Julius, seine Reisetasche erst einmal stehenzulassen und schob ihn sanft aus dem Zimmer. Dann wischte sie mit ihrer Schürze seinen Umhang von restlichen Aschespuren frei und dirigierte ihn wieder zur Treppe.

"Man wartet auf dich. Oder möchtest du mir noch etwas mitteilen?"

"Öhm, sogesehen ja. - Ich, öh, ich habe Ihnen nicht geschrieben, daß ich vor zwei Wochen die Flugprüfung für Besenflüge zu zweit bestanden habe. Jemand meinte, ich müßte das Ihnen doch erzählen", brachte Julius schüchtern heraus und hielt sich aus der direkten Reichweite der Kräuterkundlerin von Millemerveilles. Diese sah ihn mit einem sehr tadelnden Blick an, der Julius den kalten Schweiß auf die Stirn und jede Farbe aus dem Gesicht trieb. Dann sagte sie:

"Ja, stimmt. Es wäre mir einiges an Peinlichkeit erspart geblieben, wenn ich es vorher oder zeitgleich mit Madame Delamontagne und Madame Lumière erfahren hätte, daß du mit sehr gut bestanden hast. Die beiden ehrwürdigen Hexen bedauerten mich, als ich eingestehen mußte, davon noch nichts gehört zu haben. Dabei wußtest du genau, daß ich das auf jeden Fall wissen wollte, ob du dich wirklich im Paarflug unterrichten lassen wolltest. Uranie hat mit mir gewettet, wielange es dauert, bis du es mir freiwillig sagst. Immerhin hast du es schon nach fünf Minuten geschafft." Bei den letzten Worten hatte sie das mütterliche Lächeln wiedergefunden, mit dem sie Julius begrüßt hatte. Dann nahm sie Julius bei der Hand und ging mit ihm zusammen die Treppe hinunter.

Im geräumigen Wohnzimmer saß Aurora Dawn mit drei unterschiedlich alten Hexen zusammen am großen Esstisch, der mit einer mintgrünen Leinendecke bezogen war und zwei große Porzellanvasen mit frischen Frühlingsblumen trug.

Am augenfälligsten und imposantesten war eine große, sehr beleibte Hexe in einem zimtfarbenen Satinkleid, die einen strohblonden Zopf trug, welcher ihr den ganzen Rücken herabreichte. Golden glänzende Bänder hielten das Haar zusammen. Sie trug eine Halskette aus rotgoldenen Gliedern und an jedem der massigen Arme drei Armreifen der gleichen Farbe.

Links neben ihr saß eine halbwüchsige Hexe, um die fünfzehn Jahre, die der älteren fast bis aufs Haar glich, nur daß sie ihr strohblondes Haar offentrug, lediglich von einem sonnengelben Band um den Kopf zusammengehalten. Sie trug ein himmelblaues Kleid und eine Halskette aus kleinen weißen Perlen.

Rechts neben Aurora Dawn saß ein Mädchen in Julius' Alter, gut genährt und wie Julius sogleich auffiel, bereits auf dem Weg vom Kinderkörper zur erwachsenen Frau, soweit er dies durch das bordeauxrote Kleid sehen konnte. Das schwarze Haar, die braune Hauttönung und die dunkelbraunen Augen, waren die eindeutigen Merkmale dafür, daß sie die Tochter Madame Dusoleils, Claire Dusoleil war. Diese sah Julius sehr genau an, ließ ihren Blick an seinem Umhang hinunter- und wieder hinaufgleiten, sah ihm dann tief in die Augen und strahlte ihn an.

Julius glaubte, der Blick der bald dreizehnjährigen Junghexe hätte ihn mit elektrischem Strom durchzogen. Er erschauerte kurz und mußte sich dann von ihrem Blick losreißen. Denn die Höflichkeit verlangte es, daß er die anderen beiden Hexen zuerst begrüßte.

"Ich grüße Sie, Madame Delamontagne", wandte er sich zuerst an die ältere Hexe im zimtfarbenen Kleid und trat zu ihr hin. Er deutete eine flüchtige Verbeugung an und wartete darauf, daß die gewichtige Hexe etwas sagte.

"Herzlich willkommen in Millemerveilles, Monsieur Andrews. Ich ging davon aus, daß Sie Ihre wertvollen Ferientage unter Muggeln verbrächten, nachdem ich von Madame Lumière und Madame Dusoleil erfuhr, daß Sie nicht in Hogwarts bleiben wollten."

"Das tat ich auch", erwiderte Julius, den die nicht nur körperlich gewaltige Erscheinung der Hexe beeindruckte, die hier als Dorfrätin für gesellschaftliche Angelegenheiten arbeitete. Dann sagte Julius kurz:

"Andre Hexen und Zauberer waren der Meinung, ich könnte verlernen, wie schön und kurzweilig es in der Zaubererwelt sei."

"Ich hörte davon, daß du umziehen mußtest. Mehr brauchst du mir nicht zu verraten", erwiderte Madame Eleonore Delamontagne. Dann begrüßte Julius Virginie Delamontagne, die Hexe im blauen Kleid. Diese gratulierte ihm zur erfolgreichen Soziusflugprüfung.

"Prudence hat es mir am selben Tag per Eule geschickt, daß du der Beste dieses Jahr warst. Dann hat dein Hiersein letzten Sommer ja doch was gutes bewirkt. Ich fürchtete schon, außer dem Schachturnier und dem Ball wäre nichts nachhaltiges bei dir in Erinnerung geblieben."

"Das mit dem Schachturnier ist wie ein Fluch. Ich brauche es keinem zu sagen, und trotzdem denken alle, sich mit mir messen zu müssen", grinste Julius. Madame Delamontagne räusperte sich. Julius wußte, daß Schach die Lieblingsbeschäftigung der Dorfrätin war, ein Hobby, das sie nicht an ihre Tochter Virginie weitervererbt hatte.

Julius wandte sich Claire Dusoleil zu, die vielsagend auf den freien Stuhl rechts neben sich deutete. Julius nahm das Angebot an und trat an den Stuhl heran. Claire erhob sich von ihrem Stuhl und begrüßte Julius mit einer kurzen Umarmung. Julius roch das Parfüm, das wie eine Brise frischen Kräuterdufts in seine Nase drang.

"Eigentlich müßte ich dir jetzt sehr böse sein, weil ich erst von Jeanne und Virginie erfuhr, daß du diese Flugprüfung gemacht hast", hauchte Claire Julius zu. "Aber da Maman dich offenbar hat gewähren lassen, steht es mir nicht an, an ihrer Stelle den nötigen Tadel zu sprechen."

"Als wenn ich mir von einer zwölfjährigen Hexe, die sogar etwas jünger als ich ist, etwas vorhalten ließe. - Autsch!"

Claire hatte Julius energisch in den rechten Arm gekniffen und ihn dann mit sanfter Gewalt neben sich auf den Stuhl niedergedrückt. Julius hielt es für angebracht, etwas zu sagen, was Claire erfreut stimmte.

"Ich habe dein Bild mitgenommen, um mir anzusehen, was du für Ostern gemalt hast", flüsterte er. Sie lächelte ihn an. Dann sagte sie noch:

"Deine Bilder für Maman und Professeur Faucon sind auch sehr schön gelungen, dafür, daß du vorher keine Zaubererbilder gemalt hast."

"Du hättest dir doch nicht soviel Mühe mit dem Bild machen müssen", wandte Julius ein. "Schließlich kennst du mich doch nur vom Sommer her."

"Das hat mir gereicht, um zu entscheiden, was ich dir schenken soll. Außerdem habe ich dafür eine sehr gute Note in Malen bekommen. Ihr habt ja keine Kunstfächer in Hogwarts, hat Jeanne geschrieben."

"Das ist richtig", erwiderte Julius.

Mademoiselle Uranie Dusoleil, Claires Tante väterlicherseits, kam mit ihrer Nichte Denise ins Wohnzimmer und ließ sich von Aurora Dawn und Julius Andrews begrüßen. Dann traf noch Monsieur Florymont Dusoleil ein, hängte seinen dunkelblauen Zaubererhut an einen Garderobenhaken und begrüßte die Gäste.

Madame Dusoleil holte die schnell fertiggebackenen Törtchen aus dem Backofen, stellte Kannen mit Kaffee und Kakao zusammen mit einem kleinen Sahnekännchen und einem Zuckerstreuer auf den Tisch und gebot Julius, sich rechts von ihr hinzusetzen. Aurora Dawn nahm dafür an Claires rechter Seite platz, während Madame Delamontagne rechts von Monsieur Dusoleil saß. Julius war nun so gesetzt, daß ihn die beiden Hexen, denen er angeblich so unfein verheimlicht hatte, daß er die Prüfung im Soziusfliegen bestanden hatte, ohne laut zu werden ansprechen konnten.

Das kleine Frühstück verlief mit einem ausführlichen Bericht von Julius, wie die ersten Turnierrunden verlaufen waren. Claire erkundigte sich in allen Einzelheiten, wie Julius den Weihnachtsball empfunden hatte.

"Ich habe mich sehr gefreut, daß Jeanne mich eingeladen hat. So konnte ich zumindest angenehme Feiertage verbringen und hoffe, Jeanne nicht blamiert zu haben", sagte Julius. Dann flüsterte er:

"Aber danach kamen immer wieder ältere Mädchen, die mich fragten, ob ich nicht auch einmal zu anderen Tanzveranstaltungen gehen wolle. Zumindest denken die, daß ich ihnen etwas bieten kann."

"Aha, das hat Jeanne nicht geschrieben", sagte Madame Dusoleil.

Julius sah sie lauernd an und meinte:

"Dann kriegen Sie von Jeanne ständig Berichte über meine Tätigkeiten?"

"Nicht nur, aber auch", erwiderte Madame Dusoleil überraschend locker. Julius hatte schon gedacht, sie würde ihn anfahren, was er sich denn einbilde. Aber offenbar war sie auf diese Frage gefaßt gewesen.

Die weiteren Gespräche bei Tisch drehten sich um die Lieblingstehmen der meisten Anwesenden: Pflanzenkunde, Schach und Quidditch. Madame Delamontagne fragte:

"Darf ich davon ausgehen, daß du in diesem Sommer im Schachturnier antrittst?"

"Huh, das weiß ich nicht. Man hat mir eine neue Fürsorgerin zugewiesen. Vielleicht meint sie, ich müsse meine Ferien sinnvoller verbringen als gegen französische Hexen zu verlieren", gab Julius mutig zurück.

"Wie bitte?! Sinnvoller? Schach ist ein wichtiges Instrument zur geistigen stärkung und Beherrschung des eigenen Denkens, sowie ein ausgezeichneter Indikator für die Fähigkeiten des zwischenmenschlichen Umgangs. Richte deiner vom Ministerium bestellten Fürsorgerin bitte aus, daß zwei Monate Ferienzeit reichen, um Schularbeiten und gesellschaftliche Belange, sowie nutzbringende Freizeittätigkeiten zu vereinen, ohne dem einen oder anderen zu wenig Spielraum zu verschaffen", empörte sich Madame Delamontagne. Madame Dusoleil grinste Julius an:

"Du weißt doch, daß sie das nicht mag, Julius. Wolltest du sie ärgern?" Fragte sie flüsternd.

"Ich bitte Julius zu entschuldigen, Madame Delamontagne", sprang Aurora ein. "Er weiß nicht, woran er ist und sichert sich nur ab, für den Fall, daß er eine verbindliche Zusage machen muß. Ich darf Ihnen jedoch versichern, daß Mrs. Priestley, die vom Ministerium beauftragte Hexe, sehr wohl zu schätzen weiß, was Schach für den Verstand und für den Umgang miteinander bedeutet. Julius, es wird dir eher passieren, daß deine neue Fürsorgerin dich im Punkte Schach für sich alleine haben will, nachdem sie wohl weiß, daß du das Spiel kannst."

"Priestley? June Priestley? In diesem Fall verzeihe ich die gedankenlose Bemerkung des jungen Herren. Außerdem kann ich verstehen, wie gravierend es für dich ist, dein Leben umzustellen. Ich wußte dies noch nicht, daß das spezifische Problem, was uns alle hier miteinander bekanntmachte, derartige Dimensionen angenommen hat", sagte Madame Delamontagne, jetzt wieder sehr ruhig sprechend und auch ohne das grimmige Gesicht, daß sie vor einigen Sekunden noch gezeigt hatte. Julius bat vorsichtshalber noch einmal um Entschuldigung, daß er Madame Delamontagne verärgert haben könnte.

"Entschuldigung akzeptiert. Dann darf ich davon ausgehen, daß wir beiden uns im Sommer im Turnier erneut messen werden, falls unsere Lose ein Zusammentreffen ermöglichen, bevor einer von uns ausscheidet."

"Sie dürfen davon ausgehen, daß ich, falls ich hierherkommen darf, auch wieder am Turnier teilnehmen werde. Nachher sagt noch wer, ich sei ein Feigling, weil ich mich nicht getraut hätte, gegen stärkere Gegner zu spielen."

Das brachte ein amüsiertes Lächeln auf das sonst eher ernste Gesicht der Dorfrätin. Virginie warf Julius einen flüchtigen Blick zu und grinste gemein.

Kurz vor zwölf Uhr verabschiedeten sich Mutter und Tochter Delamontagne mit dem Hinweis, man würde sich ja am nächsten Abend sehen. Julius nickte nur und unterließ es, zu fragen, wieso.

"So, jetzt gibt es erst einmal Mittagessen, und dann zeige ich euch zweien, was ich im Musikpark alles neu angepflanzt habe", verkündete Madame Dusoleil. Der Musikpark war eine große Grünanlage, die, so wußte Julius Andrews, zwischendurch für größere Veranstaltungen wie Bälle oder Konzerte genutzt wurde. Hier hatte Julius mit Claire und anderen Hexen aus Millemerveilles den Sommerball bestritten und einige Wochen darauf mit Catherine Brickston und seiner Schulfreundin Gloria und ihrer Mutter ein Konzert der berühmten Unterhaltungsmusik-Hexe Hecate Leviata erlebt, dessen magische Licht- und Klangvorführungen ihm immer noch in bester Erinnerung waren.

Zum Mittag gab es einen Gemüseeintopf mit knusprigem Brot dazu. Die Erwachsenen tranken Wein, pur oder mit Wasser, während die Kinder gemischten Fruchtsaft tranken. Julius saß zwischen Aurora und Claire. Aurora Dawn flüsterte ihm während des Essens zu:

"Madame Delamontagne wird sicherlich Erkundigungen über dich einholen. Ich sah es in ihren Augen, als du meine Tante erwähntest."

"Wieso interessiert sie sich dafür?" Wunderte sich Julius leise.

"Weil sie wie die meisten hier ein distanziertes Verhältnis zu Muggeleltern hat. Du bist ihr Studienobjekt, wie jemand aus einer angeblich so unzivilisierten Welt in unserer Welt zurechtkommt. Immerhin hast du wohl sehr viele Pluspunkte bei ihr errungen, sonst hätte sie dich wohl nicht so leicht mit deinem Spruch durchkommen lassen, daß Schach sinnloser Zeitvertreib sei. Wir wissen beide, daß in Hogwarts keine magischen Bestrafungen erlaubt sind. Aber hier wissen sie das nicht zu schätzen", flüsterte Aurora Dawn. Claire knuffte Julius in die Seite und fragte:

"Was hast du für Geheimnisse?"

"Ein paar Sachen aus Hogwarts, die nur Leute verstehen, die da waren", sagte Julius schnell. Aurora Dawn nickte.

"Ihr hattet es von Madame Delamontagne", zischte Claire so leise, daß nur Julius und Aurora es hören konnten. Dann sagte sie laut:

"Wenn du mir schon nicht schreiben wolltest, daß du die Flugprüfung bestanden hast, wirst du zumindest nichts dagegen haben, mit mir zusammen zum Musikpark zu fliegen."

"Eine gute Idee", sprang Madame Dusoleil sofort ein. Julius hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen.

Nach dem Mittagessen hängte Julius seinen tulpenroten Umhang in den versteckten Schrank seines Gästezimmers. Danach schrieb er einen kurzen Brief an Professeur Faucon und teilte ihr mit, daß er über die Osterfeiertage in Millemerveilles sei. Er verzichtete darauf, ihr zu schreiben, daß er nicht mehr bei seinen Eltern wohnen durfte, schrieb jedoch eine kurze Randnotiz, daß er die Soziusflugprüfung bestanden habe.

Eine von Madame Dusoleils Eulen nahm den Brief mit nach Beauxbatons.

Am Nachmittag flogen Madame Dusoleil, Aurora Dawn, Claire und Julius zum Musikpark. Julius flog Claires Superbo 5. Claire saß hinter ihm und hatte ihre Arme um seinen Bauch gelegt. Madame Dusoleil ließ sich zwischendurch zurückfallen, um den Soziusflug zu beobachten. Sie nickte immer wieder und strahlte Julius an.

"Weißt du eigentlich, was die erste Frage eines zukünftigen Schwiegervaters in der Zaubererwelt ist, wenn sich ein Jungzauberer vorstellt, um eine Junghexe zu umwerben?" Fragte Claire, wobei sie ihren Kopf nach Vorne auf Julius Schultern gelegt hatte.

"Nöh! Weiß ich nicht", erwiderte Julius.

"Die meisten fragen nicht nach Zaubergrad oder Vermögen, sondern danach, ob junge Zauberer auch jemanden auf einem Besen befördern können. Was du hier gerade vorführst, macht manchen Sechzehnjährigen neidisch."

"Sag sowas nicht. Nachher werden wir beide noch in Abwesenheit für verheiratet erklärt", erwiderte Julius und schüttelte sich übertrieben. "Dann könnte sich mein Vater gleich eine Kugel geben und vom Strick herabbaumeln. Der würde keine Hexe in sein Haus lassen. Spätestens seit seiner vergeblichen Abwehr von Mrs. Priestley ist für ihn das Thema durch."

"Mal abgesehen davon", schnurrte Claire, "daß du selbst aussuchen mußt, mit wem du dein Leben verbringst, ist es dir auch überlassen, wo du mit deiner Partnerin wohnst, vielleicht sogar hier in Millemerveilles."

"Ui, dann hat dir Barbara geschrieben, daß sie meinen Rock-'n-Roll-Tanz so anregend fand, daß sie mir einen Antrag gemacht hat?"

"Hat sie nicht", fauchte Claire. Dann kniff sie Julius in den Bauch und zischte:

"Lege dich nicht mit mir an! Du weißt, daß wir Beauxbatonss nicht über jeden derben Scherz lachen können. Benimm dich also!"

"Wie ich bereits am Morgen dieses Tages bemerken durfte, bin ich nicht auf Ratschläge oder gar Maßregelungen einer Hexe angewiesen, die jünger als ich ist", erwiderte Julius, der trotz der Käbbelei konzentriert und ruhig dahinflog.

"Die zwei Tage zählen nicht. Also bin ich dir zumindest ebenbürtig", stellte Claire fest. Julius ließ sich nicht auf eine weitere Diskussion ein, da ihm das zu dumm war.

Im Musikpark angelangt staunten Aurora und Julius über die kunstvoll gepflanzten Sträucher, die so aussahen wie bunte Mauern. Bäume, die wie ein natürlich gewachsenes Tor zusammenwuchsen, überdeckten die Ein- und Ausgänge des Parks.

"Da steckt doch eine schwierige Arbeit drin", vermutete Julius.

"Ja, man muß die Pflanzen lange dazu anhalten, diese Formen anzunehmen und zu halten. Aber das bedarf eher der geeigneten Zaubertränke und Dünger. Ein Trick dabei ist auch, die Endform magisch in die Erde zu bringen, als Miniatur der Wuchsform. Ich habe zwei Tonnachbildungen dieses Torwegs unter die Wurzeln gelegt, die ich mit entsprechenden Zaubern behandelt habe", erläuterte Madame Dusoleil stolz. Dann zeigte sie den Gästen noch eine große Blumenwiese und den neuen Tanzplatz für den Sommerball.

"Hier brauche ich keine Pflanzen mehr umzusetzen. Innerhalb von einer Minute kann hier der Tanzboden bereitet und die Bühne für die Musik aufgebaut werden. Für größere Veranstaltungen wurde dort hinten eine Baumgruppe dermaßen bezaubert, daß sie ohne Probleme eingeschrumpft und umgesetzt werden können. Immerhin bewerben wir uns zusammen mit Australien, Uganda und Brasilien um die Austragung der nächsten Quidditch-Weltmeisterschaft. Da Millemerveilles der einzige Ort in Frankreich ist, der, von Beauxbatons abgesehen, für keinen Muggel ohne besondere Vorkehrungen zu betreten ist, könnten wir die Quidditch-Anlage und die Übernachtungsplätze in diesem Park bereitstellen", sagte Camille Dusoleil stolz. Julius hörte nur heraus, daß das alles in einer Mordsarbeit ausarten würde, ob mit oder ohne Zauberei.

Der Rundgang durch den Musikpark endete um halb vier Nachmittags. Aurora Dawn und Julius Andrews bestaunten die neuen Wegbegrünungen und Pflanzungen, die innerhalb einer Stunde komplett verschoben werden konnten. Springbrunnen, um die herum bunte Lichter angebracht waren, ließen Wasserstrahlen in verschiedenen Figuren bis zu 20 m emporschießen.

"Florymont hat mir bei der Gestaltung der Parkanlagen geholfen", erläuterte Madame Dusoleil, als Julius sich an einer sechsstrahligen Fontäne festgeguckt hatte, die ein Schloß aus sprühenden Wassertropfen abbildete, mit Türmen und Zinnen, großen und kleinen Fenstern und einem Torbogen, der am Abend von goldenen Lichtern angestrahlt wurde.

"Habt ihr das alles für die fünfzig Australier gemacht, die heute noch hier ankommen werden?" Fragte Aurora Dawn ihre Fachkollegin und Freundin.

"Nein, natürlich nicht, Aurora. Die werden sich das zwar auch ansehen wollen, aber nicht nur wegen derer habe ich diese Anlage mit Florymont und anderen errichtet, sondern für die Millemerveillesen", antwortete Madame Dusoleil.

"Es sollen nur fünfzig Australier kommen?" Fragte Julius. "Ich dachte, da kämen mehr."

"Vielleicht werden es sogar weniger, Julius. Die Sydney Sparks haben, soweit ich orientiert bin, keine Reklame für dieses Spiel hier gemacht. Ich denke sogar, daß sie nur testen wollen, ob sie bei der nächsten Meisterschaft der Commonwealth-Staaten gut in Form sind", sagte Madame Dusoleil.

"Ist doch egal. In England reisen tausende von Fans auch bei Freundschaftsspielen an. Wo kommen die denn unter, die hierher kommen?" Wollte Julius wissen. Aurora Dawn nickte, weil sie diese Frage auch gerne beantwortet haben wollte.

"Alle mußten sich anmelden. Davon werden die meisten im Chapeau du Magicien wohnen. Da ist im Moment nichts los. Dann kennen einige Bürger Gäste aus Australien und werden sie bei sich wohnen lassen, wie ich ja schon eine Hexe aus Australien bei mir untergebracht habe. Wie gesagt: Es werden nicht viele sein", sagte die Gartenbauhexe Camille Dusoleil.

Als die vier Parkbesucher ihre Besen bestiegen und losflogen, wurden gerade Kassenhäuschen an den Eingängen aufgebaut. Ein Zauberer im grünen Gartenumhang flog auf einem Superbo-Besen auf und meldete, daß die magischen Anflugsperren in einer halben Stunde errichtet würden.

"Wieso sperren sie den Park?" Fragte Julius, der mit Claire auf deren Besen hinter Madame Dusoleil herflog.

"Wenn ausländische Gäste in Scharen kommen, werden Eintrittsgelder erhoben, wenn sie den Park besuchen wollen. Zwei Sickel pro Besucher, Kinder die Hälfte", erklärte Claire.

"Ja, dann haben wir ja noch mal Glück gehabt, daß wir noch vor der Geldeintreiberei den Abflug geschafft haben", sagte Julius.

Wieder im Haus der Dusoleils, setzte man sich zum Kaffee. Die Kinder bekamen heiße Schokolade zu trinken. Anschließend spielten Julius, Mademoiselle Dusoleil und Monsieur Dusoleil Schach gegeneinander. Julius verlor eine Partie gegen Monsieur Dusoleil, gewann dafür jedoch gegen seine Schwester haushoch, was diese die Stirn runzeln ließ.

"Du hast trainiert, oder ich habe mich zu sehr auf bekannte Gegner eingestellt", vermutete die Tante Claires und beglückwünschte Julius.

"Ich habe einige gute Gegner in Hogwarts, mit denen ich mich messen kann. Seitdem die gehört haben, daß ich hier an einem Turnier teilgenommen habe, reißen sich einige Ravenclaws darum, mal gegen mich zu spielen."

"Gegen Jeanne hast du aber nicht gespielt, oder?" Wollte Madame Dusoleil wissen.

"Ging nicht. In der Bibliothek dürfen keine Spiele gespielt werden, und in die anderen Schloßzimmer dürfen die Gäste nicht hinein. Ebenso dürfen wir nicht in die fliegende Kutsche der Beauxbatonss oder auf das Durmstrang-Schiff. Auf letzteres will auch kein intelligenter Mensch. Das sieht wie ein Geisterschiff aus einer alten Legende aus, daß andauernd über das Meer fährt, mit toter Besatzung", sagte Julius.

"Du warst nicht in der Kutsche?" Fragte Claire.

"Nein, da steht immer so eine große Dame davor, die keine Herren- oder Damenbesuche einläßt", erwiderte Julius. Tatsächlich hatte es ihn nie interessiert, wie die Kutsche von innen aussah. Nachher war es noch ein rauminhaltsvergrößerter Palast mit zehn Stockwerken oder ein knallenges Gefährt, das nur von außen so groß wirkte.

"Ihr laßt ja auch niemanden in die Gemeinschaftsräume der Schulhäuser ein. Insofern ist das schon gut so, wie es ist", warf Madame Dusoleil ein. Julius nickte.

Nach einem Abendessen aus sieben Gängen, zu denen eine leichte Süßspeise zu Beginn, eine Suppe, ein Salat, ein Fleisch-, ein Fischgang mit verschiedenen Kartoffelgerichten, sowie ein Käsegang und anschließend ein Nachtisch mit großem Früchtekuchen gehörten, lud Madame Dusoleil alle die ein, die ein Musikinstrument spielen konnten, mit ihr zu musizieren. Julius meinte dazu:

"Ich fürchte, ich habe da noch nicht soviel Übung drin wie im Schach. Ich möchte da keinem dazwischentröten."

"Jetzt geht das schon wieder los", stöhnte Aurora Dawn gekünstelt. "Du hast ein paar Musikinstrumente dabei, oder? Außerdem hat mir Tante June gestern noch erzählt, daß du in Hogwarts mit deinen Hauskameraden Weihnachtslieder gespielt hast. Aber natürlich steht es dir frei, nur zuzuhören."

"Wer kann, der spielt", bestimmte Madame Dusoleil. Julius sah sich durch diese eindeutige Aussage verpflichtet, zumindest etwas musikalisches beizusteuern. Er holte seine Block- und seine Panflöte aus der Reisetasche und setzte sich zu den übrigen Hausbewohnern in das Musikzimmer, einen gemütlichen Raum mit schalldämmenden Teppichen und goldenen Kerzenleuchtern, der von einem großen Spinett beherrscht wurde. Claire spielte wie Julius auf einer Blockflöte, Monsieur Dusoleil kam mit einer Oboe ins Zimmer, Mademoiselle Dusoleil brachte eine Schellentrommel herein, und Aurora Dawn hatte aus ihrer Reisetasche eine Klarinette hervorgeholt.

Claire und Julius begannen zunächst mit einem einfachen Satz aus einem Liederbuch, daß Julius von Professeur Faucon bekommen hatte. Dann spielte Madame Dusoleil ein Solostück auf dem Spinett. Anschließend forderte sie zum gemeinsamen Musizieren auf. Julius fand sich nach einigen schüchternen Ansätzen in das Spiel der Hausgemeinschaft ein und konnte einfache Begleitungen mitspielen. Allerdings spielten sie nur Stücke von vor zweihundert Jahren und älter.

Um elf Uhr europäischer Zeit schickte Madame Dusoleil die Kinder zu Bett.

"Morgen um zehn beginnt bereits das Spiel. Wir werden um neun Uhr am Stadion erwartet", erklärte sie. Aurora Dawn geleitete Julius in den ersten Stock und ging mit ihm zu seinem Zimmer. Julius fragte noch:

"Du schläfst nebenan?"

"Ja, im Wiesenzimmer. Da schlafe ich gerne, wenn ich hier wohne", sagte Aurora Dawn noch. Julius wünschte ihr eine gute Nacht und sah auf seine magische Armbanduhr. Der rote Standort-Stundenzeiger ruhte auf der Elf, während der schwarze Heimatort-Stundenzeiger gerade auf der Zehn lag.

Julius besuchte noch einmal kurz das Badezimmer, um sich für die Nacht umzuziehen und legte dann in seinem Zimmer den Riegel vor. wahrlich erschöpft vom Besenfliegen, Schach und der Konzentration auf die Musik, glitt Julius ohne großen Übergang in einen tiefen Schlaf hinüber.

Im Traum sah und hörte er seine Eltern. Seine Mutter kam gerade von ihrem Kongreß in San Francisco zurück. Sie fragte:

"Warum ist Julius nicht mitgekommen? Hast du ihn zu Hause eingesperrt?"

"Den haben diese Hexen und Zauberer entführt. Ich habe versucht, ihn zu retten. Sie hat mich mit einem magischen Bann in die Ecke gestellt und Julius unter ihrem Zwang aus dem Haus verschleppt", hörte Julius seinen Vater sagen.

"Wohin?" Hörte er seine Mutter fragen.

"Weiß ich doch nicht. Angeblich irgendwo nach Cambridge."

Eine Eule schwebte über dem Bentley seines Vaters und warf einen Umschlag in den großen Wagen. Julius' Mutter nahm ihn und wandte sich an seinen Vater. Da jedoch wachte Julius aus dem Traum auf. Jemand klopfte an die Tür des von ihm bewohnten Gästezimmers. Er schlug die Augen auf und sah das rosiggoldene Licht der Morgenröte durch das östliche Fenster einfallen.

"Guten Morgen! Zeit zum Aufstehen!" Flötete eine unverschämt muntere Aurora Dawn vor der Zimmertür. Julius räkelte sich und schnellte aus dem Bett hoch. Er antwortete:

Julius sah auf seine Armbanduhr. Der rote Standort-Stundenzeiger sttand gerade auf der Sechs, während der Minuten- und der Sekundenzeiger an der Eins vorbeirückten. Er wunderte sich nicht, daß er noch so müde war. Denn sowohl der schwarze Heimat-Stundenzeiger sowie sein eigenes Zeitgefühl waren gerade bei fünf Uhr angekommen.

"Fröhliche Ostern!" Quiekte es von einer Wand her. Julius schrak kurz zusammen, als er lustiges Lachen und Tollen im Gras hörte, wie aus einem Fernseher. Erst als er den magischen Deckenleuchter aufleuchten ließ, sah er vier große Hasen mit langen Ohren. Ein Hase war schneeweiß, einer dunkelbraun, einer hellbraun und der vierte pechschwarz. Jeder trug einen Korb zwischen den Vorderpfoten. Dann sangen sie irgendein Osterlied, daß Julius noch nicht kannte. Dabei holten sie bunte Ostereier aus den Körbchen und warfen sie sich gegenseitig zu, wobei sie eine regelrechte Jongliernummer zeigten, bei der zum Schluß über zwanzig Eier durch die Luft flogen. Dann sortierten die vier Hasen ihre bunten Ostereier wieder in die Körbe ein, luden sie sich auf den Rücken und setzten in weiten Sprüngen über die Grüne Wiese, auf der sie Julius zuerst gesehen hatte. Im Hintergrund sah Julius kleine weiße Häuschen und vermutete, daß die zu dem gemalten Dorf gehörten, über das zu Weihnachten die Musikgruppe der Weihnachtsengel hinweggeflogen war. Julius grinste, als er sah, wie sich die vier Osterhasen jagten und wieder auf die Wiese zurückhoppelten.

Er zog sich seinen Bademantel an und verließ das Gästezimmer.

Draußen stand Aurora Dawn in einem schillerndbunten Morgenrock mit zerzaustem schwarzen Haar. Sie rieb sich den letzten Schlaf aus den graugrünen Augen und lächelte den Hogwarts-Schüler an.

"Am besten gehst du zuerst ins Bad. Meine Haare benötigen mehr Zeit als dein ganzer Körper", begrüßte die in Australien lebende Kräuterhexe und Heilkundlerin ihren jungen Brieffreund. Julius lächelte zurück und schlug mit verschmitztem Lächeln vor, sie möge sich doch die Haare kurzschneiden lassen, was sie entschieden zurückwies. Dann schlüpfte er mit seinem tulpenroten Umhang ins Badezimmer und nahm eine kurze heiße Dusche. Er zog sich an, kämmte sich das Haar, wobei er Mrs. Porters Frisurfixiertropfen benutzte, die seinem Haar einen vollen Tag lang Halt bei Wind und Wetter geben konnten. Tagesfertig angezogen kam er wieder aus dem Badezimmer und ließ sich von Aurora Dawn begutachten. Er bot ihr die Frisurfixiertropfen an.

"Hat Mrs. Dione Porter gemeint, du brauchst das?" fragte sie grinsend.

"Sie meinte wohl, ich müßte beim Weihnachtsball gut aussehen", erwiderte Julius. Aurora Dawn las kurz das Etikett auf der kleinen Flasche und sagte:

"Ich nehme das Angebot an. Aber wenn ich die Tropfen verwende, brauche ich die dreifache Menge, die du in deinen Kamm geträufelt hast. Macht das was aus?"

"Ich denke nicht", sagte Julius.

Als sich die Badezimmertür hinter Aurora Dawn geschlossen hatte, stieg Julius die Treppe zum Erdgeschoß hinunter. Unterwegs hörte er schon das fröhliche Quieken von Denise, die offenbar gerade im Garten nach Ostergeschenken suchte. Madame Dusoleil und Claire standen an der Tür zum Garten, als Julius das Wohnzimmer betrat. Claire drehte sich um und strahlte ihn an.

"Du bist ja schon auf und hast einen anderen Umhang angezogen. Schöner Rotton", sagte die zweite Tochter der Dusoleils. Sie selbst trug einen bordeauxroten knielangen Rock und eine weiße Bluse mit halblangen Ärmeln. Madame Dusoleil, die immer noch mit dem Rücken zu Julius gewandt stand trug einen limonengrünen, fließenden Umhang und schwarze Lackschuhe. Als Claire mit Julius sprach, wandte sie kurz den Kopf um, lächelte ihren Wochenendgast an und schaute dann wieder ihrer jüngsten Tochter zu, die im großen Garten nach versteckten Ostergeschenken suchte. Ihr Vater lief hinter ihr her und lachte mit ihr zusammen, wenn sie etwas gefunden hatte.

"Lohnt das sich überhaupt. Die Gnome klauen doch alle Ostereier!" Rief Julius aus dem Wohnzimmer. Madame Dusoleil drehte sich um und blickte ihn leicht ungehalten an.

"Du möchtest mir doch nicht im Ernst unterstellen, in meinem Garten Gnome zu haben, Julius Andrews?" Knurrte sie. Julius legte schnell das War-doch-nicht-so-gemeint-Lächeln auf, was Madame Dusoleil beruhigte. Er erinnerte sich nämlich noch gut daran, wie er im letzten Sommer im Garten von Professor Faucon echte kleine Gartengnome gesehen hatte. Madame Dusoleil begutachtete Julius' Umhang.

"Hat Claire dich mit ihrer Rotverehrung angesteckt? Sieht aber schön aus für einen Gebrauchsumhang."

"Ich dachte zum Quidditchspiel wollte ich doch eine leuchtende Farbe haben. Das Tannengrün war dafür zu dunkel", sagte Julius.

"Das ist richtig. Ich ziehe nachher noch etwas anderes an", sagte Madame Dusoleil. Julius vermutete, daß dies auch was grünes sein würde. Das fand er irgendwie lustig. Jeanne trug gerne helle Farbtöne, wenn sie nicht in der ohnehin hellen Beauxbatons-Schuluniform herumlief, ihre Mutter hatte er nie in anderen Grundfarben als Grün gesehen, Claire trug gerne rote Farbtöne. Nur Denise hatte bei seinen Besuchen im Haus der Dusoleils unterschiedliche Sachen angehabt.

Als Denise alle im Garten versteckten Sachen gefunden hatte, kam sie mit einem großen schweren Korb zurück. Julius empfing sie mit dem Ruf: "Streich oder Süßes!"

"Häh?" Stieß Denise aus, wobei sie vor Schreck fast den Korb losgelassen hätte.

"Was sollte das denn jetzt?" Fragte Monsieur Dusoleil.

"Entschuldigung, falscher Feiertag", erwiderte Julius. "So rufen die Kinder bei uns an Halloween, wenn sie durch die Nachbarschaft ziehen und Süßigkeiten einfordern."

"Einfordern?" Fragte Madame Dusoleil.

"Genau. Wer nichts rausrückt, dem wird ein Streich gespielt. Schmierseife an der Türklinke oder ausgehängte Gartentürchen. Nichts, was man nicht wieder reparieren kann."

"Dem würde ich helfen, meine Gartentürchen auszuhängen", sagte Madame Dusoleil lächelnd. Monsieur Dusoleil grinste gemein:

"Das würde bei uns einen Heidenspaß geben, aber auf Kosten des Scherzbolds, der sich an unseren Gartentüren vergreift. Ich habe da nämlich ein paar kleine Gemeinheiten eingebaut, gerade zum Schutz vor unerwünschten Eindringlingen."

Julius fragte nicht danach, wie diese "kleinen Gemeinheiten" aussahen. Monsieur Dusoleil war als Zauberkunsthandwerker einiges möglich.

Als Aurora Dawn vom ersten Stockwerk herunterkam gingen alle in das große Esszimmer zum Frühstück. Mit frischen selbstgebackenen Brötchen und Croissants, mit Honig, Marmelade oder Frischkäse begann der Tag. Einige der bunten Ostereier wanderten in die Pfanne oder wurden gekocht, ganz wie es jemand gerne hatte. Julius aß drei mit feingehackten Kräutern gefüllte Eier und trank eine halbe Kanne Kakao, während die übrigen Kaffee mit Milch oder pur tranken.

Nach dem Frühstück zogen sich Aurora Dawn und Madame Dusoleil um. Aurora Dawn zog ein hellblaues Kleid mit Rüschen an Kragen, Ärmeln und Saum an. Madame Dusoleil zog sich eine apfelgrüne Bluse zu einem schwarzen Rock an. Claire behielt an, was sie trug, ebenso Julius. Monsieur Dusoleil hatte sich einen königsblauen Umhang gegriffen, der beinahe schon wie ein Festumhang aussah. Denise war in ein mauvefarbenes Kleid gesteckt worden, während Mademoiselle Uranie Dusoleil ein mitternachtsblaues Kleid mit weißen Sternchen anzog, die, wie Julius sofort bemerkte, den Sternbildern des nördlichen Nachthimmels entsprachen.

Um Viertel vor neun schloß Monsieur Dusoleil das Haus ab. Aus dem Geräteschuppen holten die Dusoleils vier Besen heraus, den Cyrano-Familienbesen, zwei alte Ganymeds und Claires Superbo 5. Claire hatte ihre Eltern und Julius bearbeitet, ihr zu erlauben, sich von Julius auf dem Besen mitnehmen zu lassen. Mademoiselle Dusoleil und Aurora Dawn nahmen sich alleine je einen Besen, während Denise zwischen ihren Eltern saß, wobei Monsieur Dusoleil das Steuern übernahm.

Im langsamen Flug ging es in fünf Minuten zum Quidditchstadion, das, wie Julius feststellen durfte, feierlich herausgeputzt worden war. Die sonst schlichten Holzstühle mit den geblümten Sitzkissen waren gegen auf hochglanz polierte Lehnstühle mit blutroten Sitz- und Rückenkissen ausgewechselt worden. Die 20 Meter hohen Torstangen waren in schillernden Farben gestrichen worden, das Feld selbst mit grünem Rasen bedeckt. Über der obersten Sitzreihe war noch ein elfenbeinfarbenes, dreißig gleichfalls elfenbeinfarbene Stühle enthaltendes Logenhäuschen errichtet worden. Die Stühle waren mit sonnengelben dicken Sitzkissen mit Rückenpolster bezogen. Ein etwa einen Meter hohes Holzgelände sicherte die Loge zu den unteren Reihen hin ab. Eine freischwebende Treppe führte gesondert zu dieser Loge hinauf. Aufgänge und Wege zwischen den Sitzreihen waren mit samtbraunen Läufern bedeckt.

"Wau, echt Meisterschaftstauglich", sagte Julius, als er den Besen in einem sanften Bogen zur Landung führte. Claire sagte wie gelangweilt:

"So sieht das Stadion die ganze Saison lang aus. Nur im Sommer und Winter werden das Logenhäuschen und die Stühle entfernt. Immerhin haben wir eine berühmte Quidditchmannschaft. Die Mercurios führen vor den Pariser Pelikanen mit 400 Punkten in der französischen Liga und haben in der laufenden Saison immer durch Schnatzfang gewonnen."

"Ach, dann können die Jäger keine Tore schießen?" Fragte Julius frech. Claire zwickte ihm in die Nase.

"Du wirst es erleben", zischte sie ihm zu. Dann landeten sie vorschriftsmäßig vor dem Stadion. Die Besen wurden gegen eine Parkgebühr von einer Sickel in Halterungen gestellt, die wie große Karussells vor einem Kassenhäuschen standen und von mehreren Zauberern in haselnußbraunen Umhängen mit Goldknöpfen bewacht wurden. Madame Dusoleil kramte aus ihrer kleinen Handtasche einen Stoß dicker Pergamentkarten hervor, die mit goldenen Mustern und Schnörkeln bedruckt waren. Eine zierliche Hexe in haselnußbraunem Umhang kontrollierte die sieben Karten und nickte.

"Guten Morgen, Mademoiselle Dawn! Nett, Sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen", grüßte die Hexe Aurora, als diese von Madame Dusoleil herangewunken wurde. Dann kam Julius dran. Die Hexe lächelte ihn an und bemerkte:

"Oh, Monsieur Andrews! Freut mich, Sie auch wiederzusehen. Ihr Auftritt auf dem Sommerball ist mir immer noch in sehr erfreulicher Erinnerung."

Julius lief rosa an. Madame Dusoleil bedachte diese Regung mit einem wohlwollenden Lächeln.

"Florymont, Camille, ihr geht am besten gleich nach ganz oben. Eleonore hat ihre Hauselfe angewiesen, die Besucher der Ehrenloge mit Getränken und Knabbereien zu versorgen. Sie kommt noch mit ihrem Mann und Virginie, sowie ihrem Gast", sagte die Hexe an der Kartenkontrolle zu den Dusoleils. Diese nickten. Dann zog Madame Dusoleil Julius vom Eingang fort und wies auf die Freitreppe zur Ehrenloge, wo zwei stämmige Zauberer und eine gedrungen wirkende Hexe wachten. Julius wurde es schwindelig. Hatte Madame Dusoleil ihnen etwa Plätze für die Ehrenloge besorgt? Er hatte im Tagespropheten gelesen, daß Harry Potter das Endspiel der Weltmeisterschaft von der Ehrenloge aus sehen durfte. Aber daß er, ein alltäglicher Zauberschüler, diese Ehre verdient haben sollte, wunderte ihn schon.

Als die sieben Besucher die Treppe erstiegen und durch die von Zauberhand aufschwingende Zugangstür zur Loge durchschritten hatten, trat ein kleines Wesen mit einer grünen Gurkennase, goldenen Tennisballaugen und großen Fledermausohren, das in einer art buntem Geschirrtuch steckte auf sie zu und verbeugte sich so tief, daß seine Nase den hellen Teppich im Logenraum berührte. Julius kannte dieses Geschöpf. Es war Gigie, Madame Delamontagnes Hauselfe.

"Gigie wünscht den ehrenwerten Dusoleils und ihren Gästen einen schönen Morgen und hofft, Sie während der Partie stets zufriedenstellen zu können", schrillte das kleine Wesen mit hoher Stimme. Julius widerstand dem Drang, sich die Ohren zuzuhalten. Monsieur Dusoleil sagte nur "Ja, Gigie." Julius wußte, daß manche Hauselfen keinen Dank mochten, sich beleidigt fühlten, oder sich schämten. Andere wiederum fühlten sich besonders geehrt, wenn man mit ihren Diensten zufrieden war.

"Aurora, du setzt dich bitte rechts von mir hin! Julius, du kannst dich daneben setzen! Claire, du kannst dich entweder neben Papa oder Julius hinsetzen!" Dirigierte Madame Dusoleil ihre Gäste und Kinder. Denise nahm zwischen ihren Eltern platz. Claire warf sich ungeniert rechts neben Julius auf den weich gepolsterten Stuhl. Mademoiselle Dusoleil setzte sich links neben ihren Bruder hin.

Julius warf einen langen Blick über die Sitzreihen und das Spielfeld. Die sechs Torringe hingen auf gleicher Höhe. Das Stadion faßte wohl bis zu tausend Zuschauer. Er erkannte die beiden Falltüren, die aus unterirdischen Räumen herausführten. Dort würden wohl die Mannschaften herauskommen. Dann suchte er das Stadion nach bekannten Leuten ab. Im Moment war hier so gut wie niemand. Denn es würde noch eine Stunde dauern, bis das Spiel begann.

Die Zeit vertrieb sich Julius mit einer Unterhaltung über die Mannschaft der Sydney Sparks, von der er in den ersten Weihnachtsferien seiner Hogwarts-Schulzeit Pamela Lighthouse kennengelernt hatte. Claire erzählte ihm etwas von den Millemerveilles Mercurios. Vor allem den Sucher Ariel Rapid, beschrieb sie in seinen heldenhaften Einzelheiten.

Es war so um halb zehn, als fünf Personen durch die Tür zur Ehrenloge traten. Julius erkannte Madame Eleonore Delamontagne, die ein langes purpurfarbenes Seidenkleid trug und ein silbernes Haarband durch ihre strohblonde Haartracht gewirkt hatte. Neben ihr ging ihr Ehemann, den Julius beim Sommerball gesehen hatte, in einem dunkelblauen Nadelstreifenumhang und einem schwarzen Zylinder auf dem Kopf. Virginie trug ein veilchenblaues Kleid und eine weiße Perlenkette. Hinter der Familie der Dorfrätin traten noch zwei Personen ein, eine Hexe mit rotblonden Haaren und smaragdgrünen Augen, die einen ebenso smaragdgrünen Umhang trug, rechts untergehakt bei einem kleinen pummeligen Zauberer mit graubrauner Halbglatze und grauen Augen. Aurora Dawn stupste Julius an.

"Weißt du, wer da gerade gekommen ist?" Fragte sie im Flüsterton und sich der englischen Sprache bedienend. Julius nickte. In diesem Moment stand Madame Delamontagne in ihrer königlichen Erscheinung vor den Dusoleils und ihren Gästen, die sich artig erhoben, um die fünf zu begrüßen.

"Ich bin hocherfreut, Sie alle hier begrüßen zu dürfen", sprach Madame Delamontagne. "Madame, Mademoiselle und Monsieur Dusoleil, zusammen mit ihren Töchtern Claire und Denise. Ich freue mich Ihnen auch Mademoiselle Aurora Dawn vorstellen zu dürfen, sowie den jungen Monsieur Julius Andrews, der mir im letzten Sommer sehr kurzweilige Stunden beim Schachturnier bereitete und obendrein für sein junges Alter ein kultivierter Zauberer und exzellenter Tänzer ist. Ihnen allen möchte ich meine beiden Ehrengäste, ihre Exzellenz, die Zaubereiministerin von Australien, Madame Latona Rockridge und ihren Gatten Monsieur Prospero Rockridge vorstellen!"

Alle bekundeten, wie angenehm es ihnen sei, einander kennenzulernen. Julius glaubte, im Boden zu versinken, als ihm die australische Zaubereiministerin die Hand zum Gruß reichte. Er verbeugte sich und nahm die dargebotene Hand kurz und vorsichtig, um einen flüchtigen Handkuß darauf zu hauchen. Mr. Rockridge, der Ehemann der rotblonden Zaubereiministerin, bedachte Julius mit einem kräftigen Händedruck, den Julius locker aushielt.

"Sie halten sich fit, junger Sir. Womit?" Fragte der australische Zauberer, der wohl an die vierzig Jahre alt sein mochte.

"Quidditch, laufen, schwimmen, Sir", erwiderte Julius im Soldatenstil.

"Aurora, welch höchsterfreuliche Überraschung. Meine respektable Gastgeberin verschwieg Ihre Anwesenheit bei diesem Spiel", sprach Mrs. Rockridge zu Aurora Dawn, die lächelte.

"So verhielt es sich auch mit meiner Gastgeberin, Frau Ministerin", erwiderte Aurora Dawn.

"Na du? Hast wohl damit gerechnet, in den Reihen des einfachen Volkes untertauchen zu können, wie?" Flüsterte Virginie zu Julius gewandt. Dieser nickte.

"Maman und Madame Dusoleil sind wichtig hier in Millemerveilles. Alle wichtigen Leute und ihre Gäste sitzen nicht in den Reihen der gewöhnlichen Zuschauer."

Julius schmunzelte verlegen. Wenn sein Vater ihn jetzt und hier sehen könnte, wie er offenbar mitten unter die oberen zehn von Millemerveilles platziert und in derselben Loge mit einer amtierenden Zaubereiministerin saß, würde er vom Glauben abfallen. Sicher hatte sein Vater schon mehrmals versucht, ihn mit wichtigen Leuten bekanntzumachen, hatte ihn dabei aber immer sofort in den Hintergrund zurückgedrängt.

"Roseanne, Maurice, Jacques und Hera kommen noch mit ihren Gästen. Ich sah sie auf dem Herflug", sagte Madame Delamontagne. Dann platzierte sie ihre Gäste in der hinteren Reihe genau hinter den Dusoleils, Aurora Dawn und Julius, wobei sie direkt hinter Julius einen Platz besetzte, links flankiert von der Ministerin und ihrem Mann.

"Latona ist sehr umgänglich und kompetent", klärte Aurora Dawn Julius leise über die australische Zaubereiministerin auf. "Sie ist ein Fan der Sparks, obwohl sie in Canberra wohnt. Sie ist aber trotz ihrer hohen Stellung eine einfache Hexe geblieben."

Bald danach trafen noch mal Leute in der Ehrenloge ein. Es handelte sich um Madame und Monsieur Lumière, Barbara Lumières Eltern, die von einer kräftigen Hexe in rosarotem Umhang und nachtschwarzen Locken begleitet wurden. Hinter ihnen trippelte ein kleiner Zauberer, einen halben Kopf kleiner als Julius herein. Er besaß goldblondes Stoppelhaar und blickte durch eine goldgeränderte Brille. Er trug einen blaßblauen Umhang, wie die Beauxbatonss oder die Mannschaft der Sydney Sparks. Tatsächlich konnte Julius ein Muster aus knallroten Funken auf Kragen und Brustteil des Umhangs erkennen. Julius staunte, daß es noch andere Zauberer außer Flitwick gab, die auch als Erwachsene kleiner waren als er selbst. Irgendwie dachte Julius beim Anblick des goldglänzenden Haares und der Brille an den Schnatz beim Quidditch.

Die Neuankömmlinge begrüßten die bereits sitzenden Ehrenlogenbesucher. Julius erfuhr, daß die Hexe im rosa Umhang Hera Matine hieß und im Dorf als Heilkundlerin und Geburtshelferin arbeitete. Der kleine Zauberer mit den goldblonden Haarstoppeln hieß Laurin Lighthouse. Aurora Dawn begrüßte ihn freundschaftlich, als kenne sie ihn genauso wie die Zaubereiministerin Australiens. Mit einer leicht piepsigen Stimme sagte der kleine Mann auf Englisch:

"Ich bin froh, daß Sie dabeisind, Aurora. Mir ist die französische Sprache immer noch fremd. Man bot mir zwar an, den Wechselzungentrank zu nehmen, doch hielt ich das Risiko, meine eigene Sprache nicht mehr wiederzufinden, für zu groß und ungerechtfertigt."

Julius, der sich riesenhaft vorkam, als er dem etwa dreißig Jahre alten Zauberer gegenüberstand, begrüßte ihn auf Englisch. Der Zauberer grinste wie ein Schuljunge und sagte:

"Ah, Sie besuchen Hogwarts. Ich hörte davon, daß Pam einen enthusiastischen Jungzauberer getroffen hat, als sie im vorjährigen Jahresendspiel gegen Rhodas Verein verlor. Ist Ihre Familie auch in Millemerveilles?"

Julius schluckte. Dem kleinwüchsigen Zauberer auseinanderzusetzen, weshalb seine Familie nicht hier war, daß er eigentlich gar nicht hiersein durfte, wenn es nach seinem Vater ging, sowie den Umstand, daß seine Eltern mit der Zaubererwelt nichts am Hut hatten, erschien ihm nicht angebracht. So beließ er es nur dabei, daß seine Eltern nicht nach Millemerveilles kommen konnten, was ja auch wahr war, eben weil sie keine Zauberer waren.

Mr. Lighthouse nahm neben dem Gatten der Zaubereiministerin platz, bevor die sechs übrigen Angehörigen der Sparks in die Ehrenloge kamen und sich schwatzend und ohne Höflichkeitsgeplenkel auf die zugewiesenen Plätze setzten. Es erschienen noch drei Ehepaare, von denen eines das Ehepaar Pierre war. Madame Pierre hatte letztes Jahr am Schachturnier teilgenommen, aber nicht gegen Julius antreten können. Monsieur Pierre hatte das Schachturnier moderiert und war in seinem Berufsleben Sicherheitsrat von Millemerveilles. Julius ging davon aus, daß die wichtigsten Leute des Dorfes nun hier oben waren. Doch ein Platz war noch frei, der rechts neben Claire. Zwischen ihr und Madame Pierre, die seelenruhig ihr Strickzeug auspackte und an etwas weiterstrickte, was sie wohl vor kurzem erst begonnen hatte, stand ein freier Stuhl. Julius fragte sich, wer noch kommen würde. Denn daß die Loge vollständig besetzt sein würde, war ihm gewiß. Schließlich kam noch Monsieur Castello, ein älterer Zauberer mit graublondem Haar und Bart, der unter dem Kinn zu einem langen Zopf geflochten war. Er trug einen dunkelblauen Umhang mit silbernen Kragenknöpfen und hatte seinen Zauberstab herausgeholt. Als er alle Gäste mit Blick oder Handschlag begrüßt hatte, je nachdem, wie bedeutend sie waren, nahm er platz und wirkte den Stimmverstärkungszauber Sonorus.

"Messieursdames und Mesdemoiselles!

Als ranghöchster Quidditchexperte von Millemerveilles darf ich Sie und euch herzlich zu dieser internationalen Begegnung am Ostersonntag begrüßen, die uns durch Kontakte zwischen unserem Dorfrat und dem australischen Zaubereiministerium, sowie der Vereinsführung der Sydney Sparks ermöglicht wurde. Da ich nicht selbst den Schiedsrichter machen darf, weil ich als Einwohner natürlich nicht unbefangen sein kann, haben wir es geschafft, die italinische Quidditchveteranin Bellona Estate für diese bestimmt nicht all zu schwierige Aufgabe zu gewinnen. Begrüßen Sie sie mit erhobenen Zauberstäben!" Rief Monsieur Castello wie über eine unsichtbare Lautsprecheranlage. Alle Zuschauer hoben ihre Zauberstäbe und ließen sie als Lichter erglühen.

Eine übergroße Hexe von wohl sechzig Jahren flog auf einem schnellen Besen ins Stadion hinein. Sie trug den Schiedsrichterumhang nach internationalen Quidditchbestimmungen und hatte ihr schwarzes Haar zu einem eleganten Knoten gewirkt. Alle klatschten. Danach rief Monsieur Castello die Mannschaften aufs Feld. Zunächst kamen die Gäste, die Sydney Sparks, angeführt von der Kapitänin, Pamela Lighthouse. Sie flogen durch die rechte Falltür aus, wie Bienen aus einem Korb. Alle flogen sie den Feuerblitz, den besten Rennbesen, den die Zaubererwelt kannte. Sie trugen ihre blaßblauen Umhänge und sausten wie der Blitz über das Feld, schwirrten in einer Ehrenrunde über die Zuschauerränge hinweg und landeten in der Feldmitte bei der Schiedsrichterin. Danach wurden die Mercurios aufgerufen. Diese sausten auf den neusten Ganymed-Besen heraus aus der linken Falltür. Sie trugen ockergelbe Umhänge, auf deren Brustteilen die rote Figur eines Mannes mit einem Flügelhut zu erkennen war, als der Kapitän, ein bulliger Zauberer mit roten Haaren, langsam über die Zuschauerreihen flog.

Schließlich forderte die Schiedsrichterin die beiden Kapitäne auf, sich zu begrüßen. Dann öffnete sie eine Holzkiste, die in der Feldmitte stand und befahl den Aufstieg mit den Besen. Das Spiel begann.

Julius sah sofort, wo der himmelweite Unterschied zwischen den Hogwarts-Hausmannschaften und echten Profis bestand. Denn innerhalb von nur fünf Sekunden schafften die Jäger der Sparks das erste Tor, wobei sie durch schnelle Bewegungen den beiden schwarzen Klatschern ausweichen mußten. Der große rote Ball, der Quaffel, flitzte wie eine Kanonenkugel zwischen den beiden Mannschaften herum, während die Klatscher von den Treibern der einen oder anderen Seite derartig präzise geschlagen wurden, daß aufkommende Angriffslinien zusammenbrachen oder umgruppiert werden mußten. Als die Sparks das zweite Tor nach nur einer Spielminute erzielten, kamen die ersten Unmutsäußerungen von den Zuschauern.

"Hier spielt ein Teil der Weltelite gegen den Stolz der französischen Liga", kommentierte Monsieur Castello den nächsten Angriff. Diesmal bekamen die Mercurios den Quaffel so unter Kontrolle, daß ein Weitschuß ihrer größten Jägerin direkt durch den rechten der drei Torringe auf der Seite der Sydney Sparks schwirrte. Lauthals wurde der Punktgewinn bejubelt.

Julius hatte sich darauf festgelegt, wie Aurora Dawn zu den australischen Gästen zu halten und ärgerte Claire damit, daß die Sparks auch ohne Schnatzfang gewinnen würden.

"Unser Sucher wird den Schnatz schon kriegen, Julius. Die Sydney Sparks vergeuden ihre Kraft", sagte Claire.

"Das denke ich nicht. Kuck mal, euer Sucher mußte gerade einem Klatscher ausweichen", erwiderte Julius.

"Na und?" Versetzte Claire.

"Ui, was für eine schnelle Umgruppierung!" Freute sich Julius, als die Angriffslinie der Sparks von beiden Klatschern zur Umgruppierung gezwungen wurde. Der Quaffel wurde senkrecht nach oben geworfen und von einer Jägerin der Sparks aufgefangen, kurz vor dem Torraum der Mercurios. Keine Sekunde später flog der rote Ball durch den mittleren Torring.

Dafür setzte es in den nächsten Minuten drei Tore in Folge für die Gastgeber, die jetzt, wie Julius laut bemerkte, von Technik auf Muskelkraft umgestiegen waren. Claire knurrte nur, daß Julius ja nur neidisch sei, weil die Sparks offenbar nur gut spielen konnten, wenn ihnen Zeit zum Balljonglieren blieb.

Das Spiel tobte mehrere Minuten, wobei die Sparks insgesamt 10 Tore erzielten, die Mercurios 9. Eine große Anzeigetafel auf der anderen Seite des Spielfeldes zählte die Tore mit, wobei es Julius egal war, wie die goldenen Zahlen und Buchstaben auf dem schwarzen Hintergrund entstanden und wieder vergingen.

"Pro Minute ein Tor, Messieursdames und Mesdemoiselles! Bis jetzt läuft das Spiel auf eine schnelle Entscheidung durch die Jäger hinaus. Die beiden Sucher sind immer noch nicht gefordert worden", kommentierte Monsieur Castello. Tatsächlich war vom goldenen Schnatz nirgends etwas zu sehen. Saga Rush, die stämmige Jägerin der Sydney Sparks, erzielte gerade das elfte Tor für ihre Mannschaft, als ihre Mitspielerin Pamela Lighthouse unvermittelt einen Schraubsalto drehte und auf den Torraum der Mercurios losraste. Ariel Rapid, der Sucher der Mercurios, ließ seinen Ganymed 9 erst wie einen Hubschrauberrotor herumkreisen, um dann wie in einem unsichtbaren Fahrstuhl mit waagerechtem Besen senkrecht abzusinken. Doch Pamela Lighthouse änderte ihren Kurs durch den Rosselini-Raketenaufstieg, drehte eine seitliche Rolle und warf sich dann in die entgegengesetzte Richtung nach vorne. Das ganze hatte keine Viertelsekunde gedauert. Dann sah Julius etwas goldenes genau dort blitzen, wo Ariel Rapid wenige Sekunden vorher hätte sein können. Das ganze war also nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, um den Sucher der Mercurios vom richtigen Kurs abzubringen. Dieser flog nämlich gerade unter Pamela Lighthouse hindurch, mindestens zehn Meter unter ihr, als sie ihre kleine rechte Hand vorschnellen ließ und das golden glänzende Ding packte. Die Fans der Gastmannschaft johlten, während die Fans der Mercurios vereint aufstöhnten. Dann rief einer:

"Idiot! Die hat dich verladen!"

Dem, so fand Julius, war nichts hinzuzufügen. Die Sparks hatten innerhalb von nur einer Viertelstunde 260 Punkte gegen 90 erreicht.

"Revanche!" Forderten die französischen Zuschauer, die sich um ihre Ehre betrogen fühlten. Tatsächlich kamen beide Mannschaften darüber ein, nach einer viertelstündigen Pause noch mal gegeneinander anzutreten, obwohl das nicht den regulären Quidditchbestimmungen entsprach.

In dieser Viertelstunde diskutierten die Besucher der Ehrenloge das kurze aber abwechslungsreiche Spiel. Julius sagte:

"Euer Supersucher hat sich auf seinen Besen verlassen, als zu prüfen, ob der Schnatz wirklich da ist, wo Pamela Lighthouse ihn angeblich gesehen hatte."

"Warum hat er nicht selbst nachgesehen, wo er ist?" Knurrte Claire.

"Weil er dann wertvolle Sekunden verschenkt hätte", erwiderte Madame Delamontagne, die hinter den beiden Kindern saß.

"Es hat sich bewiesen, daß der Feuerblitz eben doch der bessere Besen ist", triumphierte Julius.

"Wir werden sehen, junger Mann", erwiderte Madame Delamontagne.

Gigie, die Hauselfe, brachte den Besuchern in der Ehrenloge kalten Früchtetee und Knabbereien. Julius betrachtete noch mal die Besucher der Ehrenloge. Dabei fiel ihm auf, daß sich Madame Lumières Bauch unter dem Umhang vorwölbte. Außerdem saß die Heilhexe im rosa Umhang neben ihr und schien sie besorgt zu mustern. Claire bemerkte, wo Julius hinstarrte und wandte sich ihm zu.

"Ja, Julius! Barbara und Jacques bekommen bald ein Geschwisterchen."

"Echt? Ich dachte schon, Madame Lumière hätte sich zuviel süßes gegönnt. Ich glaubte nämlich, daß Hexen Eier legen würden", erwiderte Julius frech.

"Wie bitte?" Fragte Aurora Dawn und legte Julius den rechten Arm um die Schultern.

"War nicht so gemeint", erwiderte Julius, als ihn Claire wütend ansah.

"Gut, daß Madame Matine das nicht gehört hat, wie schamlos du dich über werdende Hexenmütter ausläßt", grinste Aurora Dawn. "Ich würde es nämlich dann abkriegen. Aber daß Madame Lumière in guter Hoffnung ist, das dürfte wohl stimmen. Habe mich schon gewundert, wieso Madame Matine sie begleitet."

"Etwas mehr Haltung, wenn ich bitten darf", maßregelte Madame Delamontagne Aurora Dawn und Julius. Dann sprach sie leise mit der australischen Zaubereiministerin.

Nach der Pause ging die zweite Partie los wie die erste. Die Sparks erzielten trotz massiven Klatschereinsatzes der Gegner drei Tore hintereinander. Als dann die Mercurios eine Quaffelstaffette von ihrem Torraum zum anderen vollführten, dachte Julius schon, daß der Jäger der Mercurios den Quaffel sicher durch einen der drei Torringe schleudern würde. Doch der Ball klatschte auf den rechten Torring und prallte zurück. Bevor der einzelne Jäger der Mercurios den Quaffel erneut spielen konnte, nahm ihn der Hüter der Sparks sicher auf und schlug ihn in hohem Bogen in den gegnerischen Raum ab. Unvermittelt wurde er von den drei Jägern der Sparks aufgenommen und innerhalb von zwei Sekunden so gespielt, daß der Hüter der Mercurios vergeblich vor den Torringen herumflitzte, bis er zuviel Platz ließ, so daß zwei der drei Ringe frei anspielbar wurden.

"Wie gesagt, Claire! Eure Mannschaft kann nur dann siegen, wenn der Sucher den Schnatz kriegt", wiederholte Julius das, was er am Morgen noch gesagt hatte.

Zwei Versuche von Pamela Lighthouse, sich wieder den Schnatz zu holen, wurden durch geschicktes Klatscherspiel vereitelt. Doch es gelang Ariel Rapid auch nicht, an den so kleinen, so wichtigen Ball zu kommen, da dieser immer wieder davonflitzte, wenn er nicht gefangen wurde. So zog sich das Spiel nun über eine halbe Stunde, mit längeren Phasen, in denen keine Mannschaft ein Tor erzielte. Ariel Rapid versuchte einmal, Pamela Lighthouse durch einen unvermittelten Sturzflug hinter sich herzulocken. Doch diese ging nur einen Sekundenbruchteil darauf ein, bevor sie sich schnell wieder herumwarf und auf ihre Aussichtshöhe zurückkehrte.

"So nicht!" Meinte Julius. Aurora Dawn stimmte ihm zu.

"Pam ist zwar noch jung. Aber was Monsieur Rapid da versucht hat, kennt sie gut genug."

Ein Klatscher krachte mit voller Wucht einem Jäger der Mercurios vor die Brust. Taumelnd trudelte er mit dem Besen zu Boden. Die Schiedsrichterin pfiff eine Auszeit. Sofort eilten in Weiß gekleidete Medimagier aufs Spielfeld, um den Mann zu behandeln. Sie gaben ihm einen Heiltrank, wohl auch gegen blaue Flecken und angeknackste Knochen. Eine halbe Minute später flog der getroffene Jäger wieder ganz fidel auf dem Besen herum.

"Das sah nicht gerade leicht aus", bemerkte Julius, als die Medimagier sich wieder auf ihre Plätze niederließen.

"War es auch nicht. Der Klatscher hätte ihm einen Lungenflügel eindrücken können", sagte Aurora Dawn. "Ich habe gesehen, wie einer der Medimagier seinen Zauberstab benutzt hat. Das könnte eine schnelle Organheilung gewesen sein."

Die Partie wurde zu einem technisch sehr anspruchsvollen Spiel, jetzt wo es um nichts wichtigeres mehr ging, erkannte Julius. Zweimal hätten die Sucher der beiden Mannschaften den Schnatz fangen können. Doch sowohl Pamela Lighthouse, als auch Ariel Rapid ließen sich diese Gelegenheit entgehen. Julius studierte das Spiel der Jäger und Treiber. Er versuchte, sich die schnellen Stellungswechsel und Gegenzüge einzuprägen, die Tricks, mit denen der Quaffel scheinbar nach links oben gespielt wurde, jedoch nach rechts unten flog. Zwar hatte er in jenem Buch über Jäger und ihre Spielzüge, daß er von den Hollingsworth-Schwestern zu Weihnachten bekommen hatte, einiges über angetäuschte Weitwürfe gelesen, aber sie direkt vorgeführt zu bekommen war viel lehrreicher als die Beschreibungen in einem Buch.

Nach einer knappen Stunde gelang es Pamela Lighthouse, sich den Schnatz zu sichern, indem sie einem Klatscher hinterherflog, der auf ihren Wink gegen den Sucher der Mercurios geschlagen worden war. Sie fing den kleinen goldenen Ball ein und landete triumphierend. Diesmal erfolgte kein Ruf nach Revanche. Denn selbst in einem Freundschaftsspiel zweimal hintereinander zu verlieren reichte den Bewunderern der Mercurios aus, um zu erkennen, daß ihr Sucher wohl noch nicht dem internationalen Vergleich standhalten würde, den Pamela Lighthouse bei der Weltmeisterschaft erreicht hatte. Das Punkteergebnis von 360 zu 120 für die Sparks war zweitrangig neben dieser Erkenntnis.

"Ich danke Ihnen allen, daß Sie unsere Heimmannschaft so begeistert unterstützt haben! Die Freunde aus dem fernen Sydney haben überragend gut gespielt und bewiesen, daß Quidditch für wahr der interessanteste Sport der Welt bleibt, egal, ob es um einen Pokal geht, oder ob es nur ein freundschaftlicher Vergleich ist. Noch einmal vielen Dank an die beiden heroischen Mannschaften", beendete Monsieur Castello den Kommentar, bevor er mit dem Quietus-Zauber seine Stimme normalisierte.

Die Zuschauer standen auf, um das Stadion zu verlassen. In der Ehrenloge blieben die hohen Würdenträger von Millemerveilles noch eine Weile sitzen, bis das Stadion sich gänzlich geleert hatte. Dann verließen zuerst die Angehörigen der sieben Spieler der Sydney Sparks die Ehrenloge, bevor Madame Lumière und ihre Familie die Loge verließen. Jacques machte einen gelangweilten Eindruck. Offenbar war ihm das ganze aufgezwungen worden. Julius verstand ihn nicht. Ein Spiel live zu sehen, dafür hätte er alles stehen und liegen lassen, hätte seine Eltern angebettelt, ihn dort hinzulassen. Aber vielleicht grübelte Jacques darüber nach, daß er demnächst nicht mehr der Jüngste in seiner Familie sein würde, vermutete Julius.

"Monsieur Andrews, Sie haben Ihre Festbekleidung mitgenommen?" Fragte Madame Delamontagne, als sie hinter Julius durch die Tür zur Ehrenloge hinausschritt.

"Öhm, ja, habe ich", sagte Julius. Wieso sollte er seinen Festumhang mitnehmen? Diese Frage wagte er nicht zu stellen. Aber die Antwort kam von der beleibten Dorfrätin.

"Für das Spiel waren sechs Stunden angesetzt. Da nur anderthalb gespielt wurden, ist noch genug Freiraum, sich zu erholen. Ich gebe heute Abend eine kleine Gesellschaft, wo nur vierzig Gäste geladen sein werden. Da ich erfuhr, daß du uns früher beehren würdest als erwartet, habe ich dich mit auf die Gästeliste gesetzt. Um sechs Uhr abends beginnt die Veranstaltung."

"Entschuldigung, Madame Delamontagne. Darf ich fragen, was der Grund für diese Party ist?" Traute sich Julius eine Frage, die er eigentlich nicht stellen wollte.

"Das ich das so beschlossen habe", sagte Madame Delamontagne lächelnd.

Als sie die Ehrenloge verließen, trat eine Frau im Alter von Julius' Eltern auf ihn zu. Sie besaß schwarzes Haar und saphirblaue augen. Sie trug einen dunkelgrünen Umhang und strahlte Julius an.

"Catherine?" Wunderte er sich. Diese nickte. Es war Catherine Brickston, die Frau des Studienfreundes seiner Mutter, die Tochter vonProfessor Faucon. Jene Hexe, die den Versuch seines Vaters vereitelt hatte, ihn im letzten Jahr von Hogwarts fernzuhalten, die bewirkt hatte, daß Julius bei ihrer Mutter den Großteil der Ferien verbrachte und deswegen nun wieder hiersein konnte, in Millemerveilles.

"Ich habe damit gerechnet, daß du doch hier sein würdest, Julius. Camille würde die Gelegenheit nicht ungenutzt vergehen lassen, dich zu einem Spiel unserer Mannschaft einzuladen", begrüßte Catherine Julius richtig. Julius wurde von Madame Delamontagne weitergeschoben.

Auf dem Flug zurück zum Haus der Dusoleils fragte Julius Madame Dusoleil, ob sie das gewußt habe, daß Catherine Brickston auch zum Quidditchspiel kommen würde. Diese verneinte das.

"Wahrscheinlich mußte sie kurzfristig etwas an ihrem Terminplan ändern, um sich das anzusehen. Denn sonst hätte ich es dir gewiß gesagt, weil ich weiß, wie wichtig Catherine für dich ist."

"Warum fragst du Catherine nicht, ob du zu ihr ziehen und von Hogwarts nach Beauxbatons wechseln kannst?" Fragte Claire leise. Julius sagte nur:

"Weil es mir in Hogwarts zu gut gefällt, Claire."

"Das ist Ansichtssache. Jeanne hat geschrieben, daß die da zuviel verstaubte Rüstungen hätten und einen Poltergeist und obendrein nicht viel Wert auf den Schmuck von wichtigen Räumlichkeiten legten, vom Respekt den Lehrern gegenüber ganz zu schweigen."

"Ähm, das hat die doch nicht echt so geschrieben?" Wunderte sich Julius. Claire bejahte diese Frage energisch.

"Sie schrieb, daß in den Unterrichtsstunden zwar eine gewisse Disziplin eingehalten würde, aber nicht wenn die Schüler den Lehrern auf den Fluren begegneten."

"Hogwarts ist eine Schule, keine Kaserne, Claire. Sicher mag es Leute geben, die sich nicht drum kümmern, was unsere Lehrer sagen. Aber dafür lernen wir alle in einer Atmosphäre von geordneter Freiheit. Wir haben unsere Hausregeln. Respektlosigkeiten werden bestraft. Aber wir dürfen doch noch lachen, wenn Lehrer in der Nähe sind und gerade keine Schulstunde ist", erwiderte Julius. Er fragte sich, wieso Claire so erpicht darauf war, Julius in ihrer Schule zu haben. Dann sagte er noch:

"Ich weiß auch nicht, ob es möglich ist, in Beauxbatons so einfach Freundschaften zu schließen. Jeanne und Barbara scheinen zwar gute Freundinnen zu sein, aber wohl eher, weil sie von hier sind und sich seit der Kinderzeit kennen."

"Du meinst, daß keiner mit anderen Freundschaften schließen kann? Das stimmt nicht", widersprach Claire Dusoleil. "Wir haben halt nur strengere Verhaltensregeln als ihr."

"Eben das ist ja der Grund, weswegen es mir in Hogwarts besser gefällt. Wir haben schon ziemlich heftige Verhaltensregeln. Da noch einen draufzusetzen ist gruselig."

"Suum cuique, Claire", sagte Julius.

"Bitte was?" Fragte Claire.

"Jedem das seine."

Als Julius in das Gästezimmer mit der magischen Waldlandschaftstapete ging, hockten dort zwei Hauselfen, die er kannte. Es waren Nifty, der Hauself der Porters und Fanny, die Hauselfe der Priestleys, bei denen er auf ministerielle Anweisung hin wohnte.

"Entschuldigen Sie, Sir!" Begrüßte Nifty Julius Andrews mit einer tiefen Verbeugung. "Niftys Meister haben Nifty losgeschickt, um Julius Andrews frohe Ostern zu wünschen und ihm ein kleines Geschenk von der ehrwürdigen Meisterin Jane Porter zu geben."

"Fanny soll Julius Andrews auch ein Ostergeschenk geben, hat Meisterin June Fanny befohlen", quiekte Fanny. Unvermittelt ploppte es im Raum, und Gigie, die Hauselfe der Delamontagnes, erschien aus dem Nichts. Sie trug wie die beiden anderen Hauselfen ein kleines Paket unter einem Arm und holte erst einmal tief Luft. Dann sah sie die beiden Artgenossen.

"Gigie wünscht Julius Andrews von Meisterin Eleonore Delamontagne noch einen angenehmen Ostersonntag und überreicht wie befohlen ein kleines Geschenk an Julius Andrews", quiekte Gigie.

Es klopfte an die Tür. Die drei Elfen erschraken, dann legten sie die Geschenke auf das Bett. Julius rief: "Herein!"

Aurora Dawn und Claire Dusoleil kamen herein und staunten, gleich drei Hauselfen auf einem Haufen zu sehen. Julius bedankte sich bei den dreien für das Ostergeschenk und wünschte den jeweiligen Herren der magischen Dienstboten ebenfalls einen schönen Ostersonntag. Daraufhin verschwanden die drei Elfen im Nichts.

"Was war denn das?" Fragte Claire Dusoleil. Julius grinste gemein und fragte zurück:

"Hat Jeanne dir nicht geschrieben, daß in Hogwarts die erste freie Hauselfengewerkschaft gegründet worden ist. Die erste Tagung war nun hier."

"Unsinn!" Zischte Claire, während Aurora Dawn lachte. "Du bist ein Scherzbold, Julius Andrews. Aber das macht dich für mich so erquicklich", sagte die in Australien lebende Heil- und Kräuterkundlerin. Claire deutete auf die drei kleinen Päckchen und sagte noch:

"Jeanne hat von einem muggelstämmigen Mädchen geschrieben, das meint, alle Hauselfen "befreien" zu müssen, obwohl sie nicht weiß, ob die das überhaupt wollen. Mehr hat sich da nicht getan."

"Ja, stimmt. Du hast recht, Claire! Ich habe nur einen gemeinen Witz gemacht", bekannte Julius. Dann öffnete er die kleinen Pakete.

In dem Päckchen von Mrs. Jane Porter lagen selbstgebackene Schokokekse in Form von Osterhasen und -eiern. Die Familie Priestley schickte ihm eine Schachtel Schokofrösche. Das Ostergeschenk von Madame Delamontagne war ein großes Osterei mit einer Schale aus Karamellzucker und einer Füllung aus Kokosmark und Schokolade.

"Lecker!" Sagte Claire. Julius bot ihr das große Osterei an. Sie nahm es dankbar entgegen.

"Camille möchte, daß wir uns draußen zum Essen hinsetzen. Die Sonne kommt gerade so richtig heraus. Am besten reibst du dich mit Sonnenkrauttinktur ein", empfahl Aurora Dawn.

Julius tat, wie ihm Aurora Dawn geraten hatte und trug Sonnenkrauttinktur auf die freien Hautflächen auf. Dann ging er hinaus, um mit den Dusoleils zu Mittag zu essen.

Während des Essens besprachen sie die beiden Spiele am Morgen. Aurora Dawn und Julius hielten die Meinung aufrecht, daß die Sydney Sparks besser waren als die Millemerveilles Mercurios. Madame Dusoleil bezweifelte das hartnäckig, und Claire unterstellte Julius, sie nur ärgern zu wollen. Danach griff Aurora Dawn auf, worüber sie in der Pause gesprochen hatten. Sie sah Julius hinterhältig grinsend an und meinte:

"Unser junger Freund hier muß von seinen Eltern eine falsche Vorstellung von der Familiengründung bei Hexen und Zauberern vermittelt bekommen haben. Es war offenbar höchste Zeit, ihn aus den Irrlehren der Muggelwelt herauszuholen. - Ja, Julius, du kannst mich ruhig entrüstet angucken. Das macht mir nichts. Ich fand es nur lustig, daß du dich wundertest, daß Madame Lumière zur Zeit zu zweit unterwegs ist."

"Zu dritt, Aurora!" Flüsterte Madame Dusoleil gerade so leise, daß Julius es mithören konnte. Aurora Dawn staunte. Dann sagte sie:

"Ich gehe aber davon aus, daß die Muggelmedien dich schon soweit informiert haben, daß du über diverse Dinge Bescheid weißt. Deshalb sage ich nur, daß es in unserer Welt auch so abläuft."

"Was hat er denn gesagt, Aurora?" Fragte Mademoiselle Dusoleil. Aurora dawn wiederholte grinsend, was Julius Claire gesagt hatte. Danach mußten alle lachen, auch Julius, obwohl er sich wie vor Gericht gestellt fühlte.

"Also, ich gehe davon aus, daß du Madame Matine nicht unbedingt ärgern solltest, wenn sie dir das nächste Mal über den Weg läuft, indem du ihr die gängigen Vorurteile der Muggelwelt auftischst. Am besten läßt du auch weg, wie manchmal bei den Muggeln Kinder zur Welt geholt werden. Sie würde dich zurecht einen Barbaren schimpfen", sagte Madame Dusoleil in ihrer mütterlichen Art. Dann beugte sie sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr:

"Glaube mir, daß ich weiß, wie sich Hexen und Zauberer vermehren." Julius nickte.

Am Nachmittag spielten Julius und Claire mit Denise im Garten. Julius warf den beiden Mädchen immer wieder einen großen blauen Ball zu und ließ ihn zu sich zurückwerfen. Kurz vor fünf Uhr zog er sich noch mal ins Badezimmer zurück, wo er sich kurz noch wusch und dann den weinroten Festumhang anzog, der immer noch faltenfrei und fließend seinen Körper umspielte. Er zog die roten Tanzschuhe an, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, daß es einen Ball bei Madame Delamontagne geben würde.

Als er aus dem Badezimmer kam, standen Madame Dusoleil, ihre Schwägerin und Aurora Dawn vor der Tür und begutachteten ihn.

"Sie sind etwas gewachsen, Monsieur Andrews. Dennoch sitzt dieser Umhang noch sehr gut", stellte Madame Dusoleil fest. Julius nickte nur und zog sich in das Gästezimmer zurück. Er wartete, bis Aurora Dawn fertig war und verließ das Waldlichtungszimmer erst, als er sie auf dem Flur reden hörte. Er prallte überrascht zurück, als er das gold durchwirkte rosarote Ballkleid sah, daß Aurora Dawn trug. Durch ihre langen Haare hatte sie mehrere goldene, rote und orange Bänder geflochten. Dazu hatte sie sich noch die Wangen rosiger geschminkt und die Lippen etwas nachgerötet. Madame Dusoleil trug wieder jenes blattgrüne Ballkleid mit dem Schmuckgürtel, welches sie zum Sommerball ausgeführt hatte. Sie trug ihre Halskette aus grünen Schmucksteinen und hatte ihr Haar mit einer smaragdgrünen Schleife gebändigt.

"Du siehst so aus wie Jeanne auf dem Weihnachtsball", wandte sich Julius an Aurora Dawn. Diese lächelte und erwiderte:

"Ich habe mir exakt dasselbe Kleid nach Hause liefern lassen, als du mir schriebst, wie Jeanne gekleidet war. Ich wollte es nicht auf mir sitzen lassen, daß ich nicht so ein Kleid hatte, das wie die Morgenröte aussah. Aber offenbar gefällt es dir auch an mir, obwohl ich schon zehn Jahre älter als Jeanne bin."

"Ich denke, das kommt nicht auf das Kleid an, sondern auf den, der drinsteckt", sagte Julius nach einer kurzen Denkpause. Aurora Dawn nahm dies als Kompliment. Claire Dusoleil, die ihren rotgoldenen Tanzumhang trug, sah leicht betreten auf Aurora Dawn, die Julius mit einem Arm umfangen hatte und neben ihm stand, als beanspruche sie ihn für sich allein.

"Denise spielt schon bei ihren Freundinnen. Sie wird auch da übernachten", erklärte Madame Dusoleil unaufgefordert. Julius erinnerte sich, daß sie das beim Sommerball so gemacht hatten, damit alle Familienangehörigen den Ball besuchen konnten.

Monsieur Dusoleil und seine Schwester kamen als schwarz-weißes Paar die Treppe herauf. Monsieur Dusoleil trug einen schwarzen Festumhang mit Stehkragen und dunkelblauem Schlips, während seine Schwester ein blütenweißes Satinkleid vorführte, das eine gardinenartige Schleppe besaß, fast wie ein Brautkleid, fand Julius. Er schluckte die Bemerkung hinunter, die er gerade dazu loswerden wollte, daß die ungebundene Hexe so nicht nur einen Mann fürs Leben suchen sondern ihn gleich an Ort und Stelle heiraten konnte. Das, so dachte der Hogwarts-Schüler, war wohl doch des guten zu viel.

Wie am Morgen flogen die sechs Hausbewohner auf vier Besen zum Anwesen der Delamontagnes. Julius transportierte Claire Dusoleil auf ihrem Superbo 5, während Madame und Monsieur Dusoleil auf dem Familienbesen und Mademoiselle Dusoleil auf ihrem Einkaufsbesen flogen.

Die Hausherrin persönlich empfing die sechs Gäste am Eingangstor zu ihrem weitläufigen Anwesen mit dem großen Obstgarten, dem übergroßen Schachfeld, auf dem menschengroße lebendige Schachfiguren herumlaufen konnten und dem stattlichen Landhaus, das einem kleinen Königsschloß alle Ehre machte. Schon von draußen war das fröhliche Schwatzen der bereits eingetroffenen Gäste zu hören. Madame Delamontagne trug ein grasgrünes Ballkleid aus Satin, das ihren umfangreichen Körper fließend umspielte und mit goldenen Stickereien an den Schultern verziert war. Das lange strohblonde Haar war wie üblich zu einem Zopf geflochten, der mit goldenen Bändern durchwirkt war. An den Füßen trug die Dorfrätin für gesellschaftliche Angelegenheiten in Millemerveilles halbhohe braunlackierte Tanzschuhe. So gründlich, wie Julius ihre Kleidung begutachtete, ließ auch Madame Delamontagne ihren Blick über den Festumhang hinauf- und hinunterschweifen.

"Herzlich willkommen zu meiner Ostersonntagsgesellschaft, Monsieur Andrews", bekundete Madame Delamontagne. Ebenso hieß sie die Dusoleils und Aurora Dawn willkommen. Julius sah, wie sie beeindruckt auf den Festumhang der in Australien lebenden Heil- und Kräuterkundlerin blickte und auch das geschmeidige schwarze Haar bestaunte, daß sich Aurora gekämmt und mit Julius' Frisurfixiertropfen behandelt hatte.

"Bitte folgen Sie mir in mein Haus!" Lud die Dorfhexe ihre Gäste ein. Die Dusoleils, Aurora Dawn und Julius andrews kamen der Aufforderung nach.

Im Inneren des Hauses waren bereits große Kronleuchter und freischwebende Kerzen entzündet worden, die die Seitengänge erleuchteten und auch im großen Festsaal, den Julius noch nie besucht hatte, strahlten helle Lichter, einige davon eindeutig magische Lichtkugeln, die wie die Sonne so hell und warmes gelbes Licht verbreiteten. Der Festsaal selbst war mit bunten Osterbildern von Frühlingswiesen und hoppelnden Hasen sowie goldenen und bunten Ostereiern aus Porzellan. In der Mitte des etwa vier meter hohen und zehn mal zehn Meter großen Saales war ein glattgebohnerter Parkettboden freigehalten worden. Rund um diesen Tanzboden lagen geblümte Läufer wie im Haus der Dusoleils, die die vier großen Tische von der Tanzfläche trennten, die je an einer Wand aufgestellt worden waren. An zweien der Tische saßen bereits Gäste, alle in Festumhängen oder -kleidern. Julius zählte die möglichen Sitzplätze an jedem Tisch und schloß daraus, daß an jedem der quadratischen Tische zwanzig Personen sitzen konnten. Er betrachtete sich die bereits anwesenden Gäste und vermutete, daß einige davon zur Verwandtschaft der Delamontagnes gehörten. Dann sah er noch die komplette Quidditchmannschaft aus Sydney mit ihren Ehepartnern. Dabei fiel ihm das Paar Lighthouse sofort auf, weil sie zum einen die kleinsten Erwachsenen im Saal waren und zum zweiten strahlendweiße Umhänge trugen, wobei der von Mr. Lighthouse eher einer weißen Uniform und der von Mrs. Lighthouse einem Schulmädchenkleid für besondere Anlässe glich. Dann sah Julius die komplette Mannschaft der Millemerveilles Mercurios, ebenfalls mit Ehepartnern und mußte sich beherrschen, nicht zu grinsen, als er Madame Rapid erblickte, die in ihrem violetten Festumhang neben ihrem Mann saß. Sie war klein, aber kugelrund und besaß weißblondes Lockenhaar und rote Pausbacken. Irgendwie dachte julius auch hier an einen Schnatz.

Madame Delamontagne wies auf einen Tisch, an dem Virginie und die Pierres saßen. Daneben war noch Madame Lumière und ihre Familie an diesem Tisch untergebracht, sowie das Ehepaar Rockridge. Julius wollte schon fragen, ob das wirklich der Tisch sein sollte, an dem er sitzen sollte. Doch Madame Delamontagne schien seine Gedanken erfaßt zu haben und griff sanft an seinen Nacken und bugsierte ihn soweit in die Richtung auf den Tisch zu, bis Julius von sich aus dorthin ging.

Die australische Zaubereiministerin trug einen ähnlichen rotgoldenen Umhang wie Claire Dusoleil, die von Madame Delamontagne zwischen Virginie und ihrer Mutter hingesetzt wurde. Nur waren an dem Umhang mehrere goldene Knöpfe an Ärmelsäumen und zum Verschließen, die sicherlich aus echtem Gold bestanden, vermutete Julius. Außerdem hatte sich die australische Würdenträgerin rubinrote Perlenschnüre durch ihr rotblondes Haar geflochten. Ihr Mann trug einen marineblauen Umhang, ähnlich dem von Percy Weasley zum Weihnachtsball in Hogwarts, nur mit dem Unterschied, daß an diesem Umhang silberne Knöpfe angebracht waren und Mr. Rockridge zum Umhang noch eine schneeweiße Fliege trug.

Julius verbeugte sich kurz vor der australischen Zaubereiministerin, die diese Respektsgeste mit einem Lächeln würdigte. Dann setzte er sich zwischen Aurora Dawn und Madame Dusoleil an den Tisch. Claire. Monsieur Dusoleil und seine Schwester Uranie ließen sich rechts von Aurora Dawn am Tisch auf die bequemen breiten Stühle sinken. Niemand sprach ein Wort nach der allgemeinen Begrüßung.

Nach fünf Minuten trafen noch die Lumières mit Jacques und der Heilerin Hera Matine ein. Diese trug eine kleine Practicustasche bei sich und war in einen taubenblauen Umhang gehüllt, ohne Schmuck an Händen, Armen oder im Haar. Madame Lumière hingegen trug ihr silbergraues Kleid, das Julius während des Sommerballs im letzten Jahr gesehen hatte und mußte sich eingestehen, daß sie selbst mit dem leichten Bauchansatz, der Familienzuwachs ankündigte, elegant darin aussah. Jacques hatte sich seine Beauxbatons-Schuluniform angezogen und starrte gelangweilt ins Leere. Claire tauschte Mit Julius einen kurzen Blick aus, der sie beide versicherte, gleicher Meinung zu sein, was Jacques' Anzug betraf.

Um etwa halb sieben tauchten noch zwei Gäste auf, die jedes Gespräch im Saal verstummen ließen. Es waren ein Mann, groß, schlank und würdig, der einen schwarzen Samtumhang und einen ebenso schwarzen Zylinder trug, graubraunes Haar besaß und eine große Goldrandbrille mit ovalen Gläsern auf der Nase trug, sowie eine kleine zierliche Frau mit dunkelblonder Dauerwelle in einem meergrünen Umhang, der gut zu ihren dunkelgrünen Augen paßte. Madame Delamontagne trat in die Mitte des Saales und verkündete:

"Sehr geehrte Gäste, heißen Sie bitte Monsieur le Ministre Armand Grandchapeau und seine Frau Nathalie willkommen!"

Julius versank fast wieder im Boden, als er sah, wie die beiden Ehrengäste auf den Tisch zuschritten, an dem er saß. Der Zauberer im schwarzen Samtumhang nahm seinen Zylinder ab und trat an die rotblonde Hexe aus Australien heran und begrüßte sie mit Handkuß. Danach ließ er sich von den Gästen an diesem Tisch begrüßen. Julius schaffte es, die anerzogene Haltung wichtigen Leuten gegenüber wiederzufinden und begrüßte den französischen Zaubereiminister mit dem ruhigen und respektvollen Tonfall, den ihm seine Eltern schon vor vier Jahren angewöhnt hatten, als er zum ersten Mal an einer Party seines Vaters teilnehmen sollte und dies auch mit gewissen Einschränkungen so über die Bühne brachte, wie sein Vater dies von ihm verlangt hatte.

"Andrews? Ich entsinne mich. Sie sind Schüler in Hogwarts, nicht wahr?" Fragte Monsieur Grandchapeau Julius. Dieser nickte.

"Dann haben Sie gewiß meine Tochter Belle angetroffen. Sie gehört ja schließlich zur ehrenvollen Delegation unserer großen Schule Beauxbatons."

"Sehr richtig, Herr Minister. Ich hatte die Ehre, Mademoiselle Grandchapeau kennenzulernen", erwiderte Julius. Der französische Zaubereiminister stellte Julius Andrews seiner Frau vor. Diese lächelte und sagte mit gedämpfter halbhoher Stimme:

"Ich kann mich noch ggut an Ihre Angelegenheit erinnern, Monsieur Andrews. Sie waren im letzten Jahr zu Gast bei Professeur Faucon. Schließlich arbeite ich im Ministerium in der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit."

"Das trifft zu", erwiderte Julius und rang um Haltung. Er war kurz davor, sich verlegen zu fühlen, wenn er an die Umstände dachte, die ihn letzten Sommer nach Millemerveilles geführt und nun dazu beigetragen hatten, die wichtigsten Zauberer Frankreichs von Angesicht zu Angesicht zu treffen.

Die Delamontagnes setzten sich mit dem Minister-Ehepaar aus Frankreich an den Tisch. Madame Delamontagne setzte sich an den Fuß des Tisches, rechts flankiert von Monsieur Grandchapeau, während Monsieur Delamontagne vor Kopf saß, von Julius aus rechts, flankiert von Mrs. Rockridge. Julius bemerkte mit gewisser Genugtuung, daß sich Virginie, die rechts neben dem Zaubereiminister saß, auch nicht ganz wohl fühlte. Er hatte das junge Mädchen als lebenslustig und humorvoll kennengelernt. Offenbar zwang sie die Anwesenheit des Zaubereiministers zu einer ungewohnten Steifheit.

Als nun alle Gäste beisammen waren, trat die Hauselfe Gigie in Begleitung von fünf weiteren Elfen auf und verbeugte sich. Die sechs magischen Dienstboten erklärten, daß sie für die Speisen und Getränke zuständig seien und zwei Elfen in der Küche und einer pro Tisch die Wünsche der Gäste erfüllen mögen.

Dann traten noch sechs Zauberer in den Saal, ein großes Klavier hinter sich herschwebend. Jeder Zauberer trug einen Instrumentenkoffer unter einem Arm. Julius sah, wie sie sich verbeugten und dann das Klavier auf eine Empore hinaufsteigen ließen, die den Saal umrundete. Dort bezogen die Zauberer Stellung und packten ihre Instrumente aus. Julius sah eine Geige, ein Cello, eine Harfe, einen Kontrabaß und eine große Querflöte. Der sechste Zauberer setzte sich ans Klavier und gab den Kammerton A, den die übrigen Musiker auf ihren Instrumenten anspielten, um zu prüfen, ob ihre Instrumente auch ordentlich aufeinander abgestimmt waren. Dann begannen sie, leise Musik zu spielen, die, wie Julius feststellte, ideal als Begleitmusik für Unterhaltungen oder das Essen geeignet war. Die leisen Gespräche wurden dort wieder aufgenommen, wo sie das Eintreffen des Zaubereiministers und seiner Frau unterbrochen hatte. Julius schwieg weiterhin, während sich die Dusoleils mit den Lumières über das Quidditchspiel unterhielten. Jacques schwieg ebenso wie Claire und Virginie. Aurora Dawn flüsterte Julius zu:

"Mach dir keine Gedanken um die hohen Würdenträger hier. Ich weiß, daß du dich in guter Gesellschaft zurechtfinden kannst."

Madame Dusoleil verwickelte Julius in eine Unterhaltung über die Quidditchmannschaft von Millemerveilles und fragte ihn, wie er das Spiel der drei Jäger beurteilte. Julius antwortete wie gewünscht und erklärte, daß er noch lange brauchen würde, um dieses Maß an Ausbildung zu erreichen.

Wie aus dem Nichts erschien weißes Porzellangeschirr mit Goldrand auf dem Tisch. Die Hauselfen schienen einen Zeitplan einhalten zu müssen, um das Essen aufzutragen. Umfangreiches Silberbesteck wurde wie von unsichtbarer Hand den einzelnen Tellern und Suppentellern zugeteilt. Julius atmete auf, daß keine besonderen Bestecke zum Essen von Krustentieren dabeiwaren. Das hatte er nämlich befürchtet, als er die Ministerpaare gesehen hatte.

Ein Festmahl in sieben Gängen, angefangen mit süßem Gebäck als Appetitanreger, über Suppe, wobei zwischen Bouillabaisse und kräftiger Gemüsesuppe mit Fleischbällchen gewählt werden konnte, über reichhaltigen Salat, Schnecken oder Froschschenkel, die aber doch nur die französischen Gäste aßen, über gebratenen Fisch mit Kartoffeln und Kräutersoße, Huhn in Weinsoße, dazu Gemüse, eine Käseplatte und anschließend Fruchtpudding oder Eistorte, reichte das Festessen. Julius wollte nicht soviel in sich hineinstopfen, doch Madame Dusoleil lächelte ihn immer fürsorglich an und legte ihm vor, wenn er das Besteck fortlegen wollte. Er nahm es hin, um keinen Grund zu haben, irgendetwas sagen zu müssen. Er trank Traubensaft zum Essen oder klares Wasser, während die Erwachsenen Wein aus Kristallkaraffen tranken. Zum Anstoßen mit den übrigen Tischgenossen, trank er jedoch einen winzigen Schluck Wein, wie Jacques und Claire auch. Nach dem Essen kam noch für alle eine riesige Kanne Kaffee auf jeden Tisch. Julius trank diesen mit viel Milch und fand, daß es doch was für sich hatte, nach dem Essen dieses Getränk zu nehmen anstatt Tee.

Nach dem üppigen Mahl fragte die australische Ministerin Julius, wie ihm die Ausbildung in Hogwarts gefalle. Julius informierte sie darüber, daß er sich dort sehr wohlfühle, trotz der strengen Regeln und beschrieb, wie es dort zuging. Danach fragte er:

"Entschuldigen Sie diese direkte Frage! Aber ist es für eine Hexe schwerer, das höchste Amt der Zaubererwelt zu erreichen als für einen Zauberer? In der Welt der Muggel müssen Politikerinnen sich durch besonderes Durchsetzungsvermögen und Geduld behaupten."

"Teilweise ist es so, je nach der Laufbahn der Hexe. Aber da wir seit Jahrhunderten schon gleiche Rechte in hohen Ämtern haben, ist das Problem, mit dem sich die Muggel herumschlagen, für uns nicht mehr von Bedeutung. Bei uns wird Ministerin oder Minister für Zauberei, wer sich durch Leistung, allgemeine Anerkennung und Erfahrung hervortut. Ich habe, um Ihnen die für mich nicht zu persönliche Frage umfassend zu beantworten, zwanzig Jahre im Ministerium für Zauberei gearbeitet, bis ich in dieses Amt berufen wurde", erwiderte Mrs. Rockridge ruhig. "Vorher hatte ich mehrere Abteilungen durchlaufen, zuletzt die für internationale magische Zusammenarbeit."

"Im Grunde genommen hängt es von jedem einzelnen ab, ob er oder sie sich mit der ganzen Verantwortung abmühen möchte, die das Amt bedeutet", wandte Mr. Rockridge ein.

Julius erkundigte sich, wie in Australien Zauberei unterrichtet wurde. Dabei hörte er die Namen der acht Schulhäuser der Redrock-Akademie, in der die Rockridges ihre Zaubereiausbildung erhalten hatten und hörte auch, welche Charaktereigenschaften für die Häuser ausgewählt wurden.

"Die Shadelakes sind stolz, ehrgeizig und auf reine Zaubererabstammung erpicht. Die Silverdrops dagegen zeichnen sich durch tolerante Ansichten und innere Ruhe aus. Die Woodrings sind schöpferisch und arbeitssam, ausdauernd und kameradschaftlich, wohl so wie die Bewohner des Hufflepuff-Hauses in Hogwarts. Die Gemmehearts zeichnen sich durch einen hohen Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn aus. Die Surepaws sind Raufbolde, immer auf die Auseinandersetzung mit anderen, ob körperlich oder geistig ausgelegt. Im Haus Owlstreak wohnen solche Jungzauberer und -hexen, die sich mehr für Wissen und Forschung begeistern, ähnlich den Ravenclaws in Hogwarts, zu denen ja Ihre Sitznachbarin Ms. Dawn gehörte. Die Jollytune-Bewohner sind Künstler, Maler, Musiker, Bildhauer und Dichter. Wer in dieser Richtung angelegt ist, wird dort unterkommen. Bleibt noch das Haus Rootfoot, in dem die Naturliebhaber, die mit Pflanzen und Tieren sehr gut zurechtkommen, Geborgenheit finden", erklärte Mrs. Rockridge.

Julius lauschte diesen Darlegungen. Währenddessen stand Madame Delamontagne auf und ging zu den Musikern auf die Empore hinauf. Als sie wieder zurückkehrte, verkündete sie allen Gästen:

"Sehr geehrte Gäste! In wenigen Minuten darf jedes Paar, das sich findet, zu beliebten Liedern tanzen. Wem dazu nicht zu Mute ist, darf ruhig an den Tischen verbleiben und sich dem Klang der Musik oder interessanten Gesprächen widmen. Unser Orchester wird gerade so laut aufspielen, daß niemand laut rufen muß, der eine Unterhaltung führt. Ich werde den Tanzabend mit meinem Gatten eröffnen. Wer möchte, kann uns dann beitreten."

Die Gäste an den Tischen murmelten etwas, was Julius nicht verstand. Dann blickte er sich um, wer Anstalten machte, zu tanzen oder lieber sitzenbleiben wollte. Außer Jacques sah er niemanden, der sich nicht so zurechtsetzte, daß er oder sie nicht zum Tanz aufstehen konnte. Auch Julius rückte seinen Stuhl zurecht und zupfte an seinem Festumhang. Dann klang ein Tusch auf, und Madame Delamontagne und ihr Mann traten in die Mitte der Tanzfläche. Zu den Klängen eines langsamen Walzers drehten sie sich so elegant, daß jedem klar wurde, daß sie schon seit Jahren aufeinander eingestimmt waren. Julius sah, wie die versammelten Ehepaare aufstanden und nach und nach die Tanzfläche bevölkerten. Auch die beiden Ministerpaare verließen ihre Plätze und suchten die Tanzfläche auf. Dann standen auch die Lumières auf und traten auf die Tanzfläche, noch ehe die ersten zwanzig Takte des Walzers verklungen waren. Julius, den es in den Füßen und Beinen Juckte, ebenfalls aufzustehen, suchte nach einer geeigneten Partnerin. Dabei bemerkte er, wie sowohl Claire Dusoleil, als auch Virginie Delamontagne sich anblickten, dann ihn, dann verärgert sich wieder anstarrten, als müsßten sie ausfechten, wer von ihnen beiden jemanden auffordern sollte.

"Darf ich bitten, Monsieur Andrews?" Fragte Aurora Dawn unvermittelt. Julius stutzte. Dann sagte er:

"Wenn Sie wünschen, Mademoiselle Dawn." Dann stand er auf und ging mit Aurora Dawn auf die Tanzfläche.

"Bevor die beiden sich gegenseitig anfauchen ist es wohl besser, eine neutrale Person eröffnet mit dir diesen Abend. Außerdem möchte ich wissen, wie es ist, mit dir zu tanzen", sagte Aurora Dawn, als sie Julius in die Ausgangsstellung bugsiert hatte. Julius verdrängte das Unbehagen, wieder mit einer älteren Partnerin zu tanzen und führte Aurora Dawn zum Wiener Walzer, wie in der Tanzschule gelernt und nun schon das dritte Mal in diesem Schuljahr. Außerdem war es für ihn ein Vergnügen, mit der Hexe zu tanzen, die ihm in die Zaubererwelt hineingeholfen hatte.

Während des Tanzes sah Julius, wie Jacques Lumière von Madame Matine auf die Tanzfläche gezerrt wurde, obwohl er überhaupt keine Lust hatte. Claire und Virginie hatten sich derweil wieder beruhigt. Ihr lautloser Streit war wohl entschieden oder seines Grundes beraubt worden. Auch die Dusoleils tanzten. Julius stellte wieder einmal fest, wie gut die beiden Eheleute aufeinander abgestimmt waren. Keine Bewegung erschien hölzern oder als Reaktion auf die des Partners.

"Du hast wohl vorher eine gründliche Ausbildung genossen, wie? Wie haben deine Eltern darauf reagiert, als du ihnen erzählt hast, daß du den Weihnachtsball in Hogwarts besucht hast?"

"Meine Mutter hat sich gefreut, und mein Vater hat gedacht, man hätte mich dazu gezwungen, um mich in Hogwarts zu beschäftigen", sagte Julius.

"Unfug! Warum reagiert er denn so abweisend auf deine Ausbildung? Ihm kann es doch egal sein, ob du als Zauberer oder als Muggelwissenschaftler ein gutes Auskommen und Freunde hast", erwiderte Aurora Dawn.

"Eben das ist sein Problem. Mit meinem Auskommen und meinen Freunden und deren Eltern kann er nichts anfangen. Das ist für ihn eben unnormal und damit zu verbieten. Außerdem denke ich eher, daß er Angst hat, in seiner Position mit irgendwas in Verbindung gebracht zu werden, das seinem Ruf schaden könnte. Ein Sohn, der Nobelpreisträger für Chemie wird, wäre besser als ein Zaubereiminister oder Hogwarts-Schulleiter."

"Deine Mutter findet es aber in Ordnung, daß du dich so gut und unbefanngen eingelebt hast?"

"Denke ich schon. Sie kann sich sehr gut mit bestehenden Tatsachen abfinden. Aber sie ist nun einmal auch nicht bereit, meinem Vater zuzureden, sich damit abzufinden, wo und was ich lerne und mit wem ich dabei zu tun habe."

"Du hast Glück gehabt, bei Tante June gelandet zu sein. Andere Ministerialbeamten hätten da mehr Probleme bekommen."

"Du hast mir nicht geschrieben, daß Mrs. Priestley deine Tante ist", erinnerte sich Julius.

"Ich habe geschrieben, daß ich die Hexe kenne und du dir deshalb keine Sorgen machen mußt. Du hast mich nicht gefragt, woher ich sie kenne", grinste Aurora Dawn und warf sich sacht aber unabwendbar Julius in die Arme. Julius mußte lachen. Das war natürlich die Antwort, die er von Aurora Dawn erwartet hatte.

Nach dem Walzer kehrten die beiden an den Tisch zurück, wo Claire, Virginie und Mademoiselle Dusoleil zurückgeblieben waren. Claire fragte Julius, ob er mit ihr den nächsten Tanz bestreiten wolle. Julius stimmte zu.

Zu den Rhythmen einer Rumba tanzten Claire und Julius und machten den Dusoleils, sowie den Rockridges damit starke Konkurrenz. Auch die Lighthouses tanzten zu diesen Rhythmen. Sie kamen dabei so nahe an Claire und Julius heran, daß Pamela Lighthouse ihnen mit gesenkter Stimme ein Kompliment zusprechen konnte. Ihr Mann nickte nur zustimmend.

Nach der Rumba klatschte Virginie Julius ab. Claire trollte sich. Offenbar hatten die beiden Mädchen sich geeinigt, sich abzuwechseln, dachte Julius. Zu einem Foxtrott boten Virginie und Julius eine eindrucksvolle Vorstellung.

"Das war eben geschickt von deiner großen Freundin, dich aufzufordern, bevor Claire und ich dich fragen konnten", meinte Virginie zu Julius.

"Sie wollte nicht warten, bis ihr euch geeinigt habt", erwiderte Julius. Dann fragte er:

"Warum hat diese Madame Matine Jacques eigentlich aufgefordert. Der hat doch deutlich gezeigt, daß er keine Lust auf Tanzen hat?"

"Weil sie tanzen wollte und außer ihm kein männlicher Partner mehr am Tisch saß. Außerdem denke ich, daß sie den Auftrag von seinen Eltern hat, ihn bei der Stange zu halten", grinste Virginie. Dann deutete sie auf ihre Mutter, die den französischen Zaubereiminister zum Tanzpartner genommen hatte, während dessen Frau mit Monsieur Delamontagne tanzte.

"Die sprechen von dir", flüsterte Virginie amüsiert. Julius unterdrückte ein Unbehagen. Doch er mußte Virginie rechtgeben. Denn die beiden sahen immer wieder zu ihm hinüber.

"Wie ging eigentlich dieser schnelle Tanz, von dem Prudence und Barbara geschrieben haben?" Fragte Virginie, um Julius aus seinen Gedanken zu lösen. Julius räusperte sich und sagte:

"Der ist hier wohl nicht angesagt."

"Mag sein. Aber ich fand es lustig, wie Barbara es beschrieben hat."

Als zu einer schnellen Samba aufgespielt wurde, kam Claire und räusperte sich leise. Virginie nickte und überließ ihr das Feld. Unvermittelt mußte Julius sich in die wilden Rhythmen dieses südamerikanischen Tanzes werfen, weil Claire alle angestaute Energie in diesen Tanz stecken wollte.

Aurora Dawn, die Julius flüchtig beim Tanz mit einem Mitglied der Sparks beobachtete, schien den Tanz auch gut zu beherrschen. Julius dankte den Machern seiner Tanzschuhe, daß er nicht auf dem glatten Parkett ausrutschte, aber trotzdem ungebremst darauf herumtanzen konnte. Nach dem Tanz waren beide gut aufgewärmt und gingen zu ihrem Tisch zurück, wo die Lumières saßen. Jacques bedachte Julius mit einem schnellen Blick, in dem eine gewisse Abscheu steckte. Madame Lumière sprach Julius ihre Hochachtung aus.

"Mein Mann und Madame Matine haben es mir nicht erlaubt, diesen Tanz zu tanzen", sagte sie.

"Aber dafür gibt es doch noch andere Tänze", erwiderte Julius.

"Da haben Sie natürlich recht, Monsieur Andrews", entgegnete Madame Lumière und lächelte Julius an.

Nachdem Claire und Julius etwas getrunken hatten, schwebte Madame Dusoleil heran und bat Julius um den folgenden Tanz. Julius willigte ein, als Claire mit ihrem Vater auf die Tanzfläche ging.

"Ich möchte mich auf diesem Weg dafür bedanken, daß du Jeanne einen schönen Ballabend verschafft hast, Julius", säuselte Madame Dusoleil, als sie sich mit Julius zu einem schnellen Walzer drehte. Julius erwiderte:

"Ihr habe ich einen schönen Weihnachtsabend zu verdanken. Das war selbstverständlich, ihr auch einen schönen Tanzabend zu bieten. Aber ich habe ja nicht nur mit ihr getanzt."

"Ich weiß. Barbara hätte dich fast durch den Saal geworfen. Roseanne hat das amüsiert. Natürlich haben wir alle einen Tag nach dem Ball Eulen zugeschickt bekommen, die wir Kinder in der Abordnung von Beauxbatons haben. Claire und Virginie wollen den Tanz lernen, bei dem das so gemacht wird. Ich fürchte, du mußt schon im Sommer wiederkommen, um ihnen zu zeigen, wie er geht. Außerdem möchten Florymont und ich mit Claire und dir wieder auf der Bühne stehen. Jeanne bestimmt auch."

"Im Moment ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß ich im Sommer ausschließlich in der Zaubererwelt herumreisen kann. Aber ich habe soviele Vorauseinladungen bekommen, daß ich mir nur aussuchen kann, wen ich nicht beleidigen darf, wenn ich ihm oder ihr absage. Glorias Eltern, die Sie ja kennengelernt haben, haben mir schon geschrieben, daß ich zu einem ihrer Bälle kommen möchte. Dann wollte Aurora mir die australischen Zauberkräuter genau vorstellen, und was Mrs. Priestley vielleicht vorhat, weiß ich noch nicht."

"Abgesehen davon, daß Blanche dich wohl auch gerne wieder unter ihre Fittiche nehmen möchte. Oder hat sie dich schon vergessen?"

"Hmm, wäre das möglich gewesen, wenn ich ihr nicht geschrieben hätte?" Fragte Julius.

"Bestimmt nicht. Catherine war mal zu Besuch bei uns, als ihr Mann einen längeren Arbeitstag einlegen mußte. Sie hat mir verraten, daß sie von ihrer Mutter gefragt wurde, ob sie dich nicht zu sich nehmen sollte, wenn du wirklich Probleme mit Hogwarts bekommen solltest."

"Ja ja! Claire will, daß ich nach Beauxbatons wechsel. Ich kann mir vorstellen, daß ihre Lieblingslehrerin das auch gerne hätte. Aber dann wäre sie befangen, wie es vor Gericht heißt."

"Na und? Das war sie bei Catherine auch", sagte Madame Dusoleil mit gehässigem Grinsen. Julius lief es kalt den Rücken herunter. Er erinnerte sich zu gut daran, daß Catherine ihm gesagt hatte, wie kalt es im Schatten ihrer Mutter war.

"Meine Einladung steht auf jeden Fall immer noch. Wenn du darfst, findest du bei uns über die Ferien ein Gästebett und reichliche und gute Mahlzeiten."

"Das ist nett, Camille, daß du unseren jungen Tanzbodenhelden schon für den Sommer einlädst", sagte Madame Delamontagne hinter Julius' Rücken. "Immerhin schuldet er mir eine offizielle Revanche beim Schachturnier."

"Das würde bedeuten, daß ich nicht vor dem Halbfinale verlieren darf. Falls doch, hätten Sie keine Revanche", erwiderte Julius schlagfertig.

"Davon gehe ich aus", erwiderte Madame Delamontagne. Dann fragte sie Madame Dusoleil, ob sie Julius zum Tanz führen dürfe, was diese erlaubte.

Julius beunruhigte es etwas, die schwergewichtige Hexe zu einem Tango zu führen. Er fragte vorsichtig:

"Wollte Ihr Mann diesen Tanz nicht mit Ihnen tanzen? Tango ist doch der Tanz nach dem Walzer für Paare, die zusammenleben."

"Mein Mann hat sich auf eine Fachdiskussion mit Monsieur Dusoleil und Monsieur Lighthouse eingelassen. Immerhin ist er ja Experte für Elementarmagie, was du noch nicht wissen konntest."

Julius sah sich schnell um. Claire stand mit ihrer Mutter zusammen am Tisch und sah Julius zu. Madame Delamontagne wies Julius leise aber bestimmt darauf hin, daß er sie anzusehen hatte. Dann fragte sie:

"Wie empfandest du den Tanz mit Genevra? Sie schrieb mir, daß ich sie wohl nicht mit übertriebenen Schilderungen zum Sommerball beehrt habe. Sie bedauert, daß es deinen Eltern offenbar nicht möglich sei, uns und damit deine Welt zu akzeptieren."

"Wurde mein Thema schon in einer Fachzeitschrift veröffentlicht?" Fragte Julius.

"Das zwar nicht. Aber sie schrieb mir und trug mir vor, daß dein Vater jeden nichtwissenschaftlichen Sachverhalt entschieden von sich weise. Sie hat ihm nämlich die Frage gestellt, wie er sich erklären könne, daß es Ereignisse gäbe, die nicht oder noch nicht von den Wissenschaften erklärt worden seien. Er wies alles als Unsinn von sich. Er habe sie dabei sehr kritisch und argwöhnisch angesehen, schrieb Genevra. Ich teilte ihr lediglich mit, daß deine Eltern wohl Bedenken gegen deine Zaubereiausbildung hätten. Mehr nicht."

"Ich dachte schon, das stünde schon in der Zeitung", erwiderte Julius etwas ungehalten. Madame Delamontagne sah ihn vorwurfsvoll an.

"Sie bewiesen bis jetzt mehr Haltung als von einem Erwachsenen zu erwarten ist, Monsieur. Sie werden doch nicht jetzt nachlassen."

"Entschuldigung, Madame!" Ich bin nur müde, mich ständig über meine Eltern auslassen zu müssen, als seien sie von mir erzogen worden und nicht umgekehrt, und ich müßte ihr Tun verantworten", sagte Julius ruhig. Madame Delamontagne rang sich ein leichtes Grinsen ab.

"Natürlich hast du recht. Du hast es nicht nötig, dich dauernd darüber zu unterhalten, wieso du nicht bei ihnen bist. Ich freue mich jedoch sehr, daß dir das Leben in der Zaubererwelt gefällt."

"Ich denke, ich sollte schon das beste daraus machen", antwortete Julius.

Nach diesem Tango tanzte Julius mehrere Stücke mit Claire. Dann forderte ihn Aurora Dawn noch mal auf, mit ihr einen Tcha-Cha-Cha zu tanzen.

"Camille würde dich am liebsten in Pflege nehmen. Ich habe sie beobachtet, wie sie dir und Claire zugesehen hat."

"Oha! Ich fürchte, das wird sie sich überlegen, wenn ich erst meine Unarten gezeigt habe", grinste Julius.

"Käme auf einen Versuch an. Sie hat mir doch ernsthaft nahegelegt, dich nicht zu mir nach Australien einzuladen, da du hier genug zu tun hättest."

"Ja, ich weiß. Aber noch ist das Schuljahr nicht vorbei. Vielleicht brauche ich Nachhilfeunterricht in den Ferien und kann kein Schach spielen oder an Bällen teilnehmen", erwiderte Julius.

"Das hängt von den Fächern ab. Ich fürchte aber, daß du hier zu jedem Fach jemanden finden wirst, der dir Nachhilfe geben kann und dies unentgeldlich tun wird, von Zaubertränken bis Geschichte der Zauberei. Welche Fächer hast du dir eigentlich für die nächsten Jahre dazugewählt?"

Julius erzählte Aurora Dawn, welche zusätzlichen Fächer er sich ausgesucht hatte und erfuhr, daß seine Tanzpartnerin damals alte Runen, Muggelkunde und Pflege magischer Geschöpfe genommen hatte.

"Ich hielt nicht allzuviel von Arithmantik. Zuviel Zahlenspielerei, verklausulierte Symbolik. Aber du bist doch schon von Haus aus für dieses Fach sehr gut geeignet. Immerhin hat deine Mutter ja mit Befehlsabfolgen und mathematischen Umsetzungen zu tun, nicht wahr?"

"Ja, das stimmt", bestätigte Julius. Dann räumte er noch ein, daß er ja dann auch Muggelkunde hätte nehmen müssen, was er jedoch für total unsinnig hielt.

"Das ist schon richtig. Ich habe muggelstämmige Mitschüler erlebt, die das entweder brauchten, um schlechte Noten in anderen Fächern auszugleichen oder es als totales Spaziergängerfach angesehen haben. Wir hatten damals Nestor Goldbridge als Lehrer für Muggelkunde. Dem gefiel es nicht immer, wenn ihm die Muggelstämmigen entweder besserwisserisch oder gelangweilt kamen, und die reinblütigen Zauberer mußten dazwischen herumwerken. Aber die neuen Fächer sind gut, wenn du Mitschüler aus den anderen Häusern kennenlernen möchtest. Natürlich waren bei Muggelkunde nur wenige Slytherins, nur eine in meiner Klasse, Loren Tormentus, eine der wenigen Mädchen, die nicht dem Unnennbaren nacheifern wollten", beschrieb Aurora Dawn ihre Schulzeit in wenigen Sätzen.

Nach dem Tanz kehrten Aurora Dawn und Julius an den Ehrentisch zurück, an dem nur Madame Lumière saß. Claire, so stellte Julius mit einem schnellen Rundblick fest, stand mit einem Spieler der Millemerveilles Mercurios auf der Tanzfläche und dachte wohl nicht daran, an den Tisch zurückzukommen.

"Deine Idealpartnerin hat sich von einem Treiber der Mercurios auffordern lassen, weil dessen Frau im Moment zu müde ist", erklärte Madame Lumière Julius. Dieser setzte sich an den Tisch.

"Und Sie hat man alleingelassen?" Fragte Julius.

"Kann man so sagen. Mein Mann unterhält sich mit Monsieur Grandchapeau in einem Nebenzimmer. Dessen Frau konversiert mit Madame Delamontagne, und meinen bislang jüngsten Sohn habe ich mit Madame Matine auf die Tanzfläche geschickt, damit er seine Fähigkeiten ausfeilt", entgegnete Madame Lumière und strich sich über den vorgewölbten Bauch. Julius räusperte sich, traute sich jedoch nicht, die Frage zu stellen, die ihn umtrieb, wenn er die werdende Mutter sah. Diese schien jedoch zu ahnen, was er wissen wollte und sagte ruhig:

"Ja, es kann sein, daß Millemerveilles im Sommer zwei neue Bürger hat. Wahrscheinlich Ende Juni. Das wolltest du doch schon die ganze Zeit fragen, nicht wahr?"

"Öhm, nicht so direkt. Aber interessiert hat es mich natürlich schon, muß ich zugeben. Wissen Sie denn schon, ob es Jungen oder Mädchen werden?"

"Du meinst sind", berichtigte Madame Lumière den Jungen, dessen Gesicht leicht rosa angelaufen war. "Ja, ich weiß es. Aber bis zur Geburt werde ich dieses Geheimnis nur mit Madame Matine teilen, die es herausgefunden hat."

Das Klavier spielte einen langsamen Tanz an. Madame Lumière strahlte Julius an. Dann stand sie auf.

"Das ist einer meiner Lieblingstänze. Schade, daß Maurice nicht hier ist. Ich würde zu gerne tanzen."

"Das ist ein langsamer Volkstanz, den mir Jeanne Dusoleil diesen Winter gezeigt hat", erinnerte sich Julius an einen der langsamen Tänze, die er mit der ältesten Tochter der Dusoleils auf dem trimagischen Weihnachtsball getanzt hatte.

"Du kennst ihn also. Dann kannst du ihn auch, wenn ich mich auf meine Beobachtung verlassen kann. Würdest du mir das Vergnügen gönnen, ihn mit mir zu tanzen?"

"Hmm, natürlich. Aber ich weise darauf hin, daß ich noch zu Jung bin, um Erfahrungen im Tanz mit einer Dame in guter Hoffnung zu haben."

Madame Lumière lachte kurz. Dann kam sie um den Tisch herum, zog Julius sanft von seinem Stuhl hoch und hakte sich bei ihm unter und bugsierte ihn auf die Tanzfläche.

"Wer solche gestelzten Redewendungen gebrauchen kann, kann auch mit einer hoffnungsvollen Mutter tanzen", grinste Madame Lumière.

Julius Andrews schüttelte seine Bedenken ab und führte Madame Lumière sanft und fast schon übervorsichtig zu den Klängen des Tanzstückes. Wie er befürchtet hatte, zog er damit sofort die Blicke aller im Saal verbliebenen Gäste auf sich. Madame Matine, die Jacques fest umklammert hielt, damit er nicht fortlaufen konnte, tanzte mit ihm gezielt auf ihn zu und beobachtete mit einer Mischung aus Neugier und Argwohn, wie sich Julius verhielt. Die Ehefrau des französischen Zaubereiministers, die ihrer in Hogwarts weilenden Tochter Belle sehr ähnlich sah, deutete auf das ungewöhnliche Tanzpaar und nickte, als Madame Delamontagne ihr einige Worte zugeflüstert hatte. Claire und der Spieler der Mercurios tanzten ebenfalls auf Julius zu und beobachteten ihn.

"Nicht zu schüchtern vor Publikum!" Flüsterte Madame Lumière, die merkte, daß Julius immer verhaltener tanzte. "Du wolltest mir dieses Vergnügen gönnen, dann halte dich auch daran!"

Julius konzentrierte sich nur noch auf die Musik und den anblick der Hexe im silbergrauen Kleid, die er bei den Schultern gefaßt hielt. Es gelang ihm, den Tanz ohne Stolperer oder andere Mißgeschicke zu beenden, wofür sich Madame Lumière herzlich bedankte. Dann kehrte sie mit ihrem Tanzpartner an den Tisch zurück und bestellte bei dem im Hintergrund wartenden Hauselfen zwei große Becher Kürbissaft.

Claire kam allein an den Tisch zurück und warf sich neben Julius auf den Stuhl. Dann säuselte sie:

"Das war nett, daß du Madame Lumière diesen Tanz gegönnt hast. Das war nämlich ihr Lieblingslied."

Madame Matine kam an den Tisch und klopfte Julius mit ihrer schlanken Hand fest auf die Schultern.

"Sie sind begabt, Monsieur. Schon daran gedacht, sich hier anzusiedeln?"

"Noch nicht. Ich möchte erst die Schule korrekt abschließen", erwiderte Julius auf das Kompliment der Heilkundlerin. Aurora Dawn kam an den Tisch und lächelte Julius an.

"Ich habe es mir doch gedacht, daß Madame Lumière dich dazu überredet, mit ihr zu tanzen. Meine Kollegin hier sorgt sich nämlich um das Wohlbefinden ihrer Schutzbefohlenen."

Die Dusoleils kehrten von der Tanzfläche zurück und setzten sich ebenfalls an den Tisch. Madame Dusoleil setzte sich rechts von Julius hin und strahlte ihn an. Julius fragte sich nun, was so besonderes dabei war, mit Madame Lumière zu tanzen, nur weil sie Kinder erwartete?

Als eine lateinamerikanische Viertelstunde angesagt wurde, gingen die Dusoleils und Claire zusammen mit Julius wieder auf die Tanzfläche. Monsieur Lumière kehrte mit Zaubereiminister Grandchapeau aus dem Nebenzimmer zurück und setzte sich zu seiner Frau. Jacques nahm die Gelegenheit war, sich von den Spielern und Spielerinnen der Mercurios Autogramme zu holen, die alle auf ihren Plätzen geblieben waren. Claire und Julius begannen mit dem Rumba, wobei sie in die Nähe der Lighthouses kamen. Pamela Lighthouse führte ihren etwas kleineren Mann. Dabei erhaschte sie einen Blick auf Julius Andrews und strahlte ihn an.

"Wunderbar, Mr. Andrews. Sie sind ein Profi", lobte die australische Sucherin, die, so wußte Julius, auch bei der Weltmeisterschaft dabeigewesen war, den Hogwarts-Schüler, der unvermittelt errötete, was ein belustigtes Grinsen des kleinen Zauberers mit dem Goldhaar und der goldenen Brille auslöste und bei Claire ein kritisches Zungenschnalzen.

"Du sollst nicht immer rot anlaufen, wenn du mit mir tanzt! Nachher glaubt meine Maman noch, ich hätte dir was unanständiges erzählt", tadelte Claire den Jungen.

Als es zur letzten Samba dieses Abends ging, wirbelten Julius und seine Tanzpartnerinso sehr herum, daß er sie fast gegen Mrs. Rockridge geschleudert hätte, die durch einen Schrittfehler ihres Mannes aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte.

"Ou! Das wäre fast der Fehltritt des Abends geworden", seufzte Julius, als die beiden Paare wieder auseinandergetanzt waren.

"Ja, das kann man so sagen", grinste Claire, die offenbar nicht soviele Hemmungen hatte, in unmittelbarer Nähe einer amtierenden Zaubereiministerin zu tanzen.

Nach einem leidenschaftlichen Tango, bei dem Claire Julius dazu antrieb, sich mit aller Kraft zu bewegen, winkte Mrs. Rockridge ihm zu, nachdem ihr Mann sie losgelassen hatte. Julius zögerte zuerst. Dann schubste Claire ihn leicht in die Richtung der Ministerin.

"Sie will dir was sagen, also gehst du dahin!" Zischte sie Julius zu und ließ ihn stehen. Julius ging mit einer konzentrierten Miene zu der Australierin hinüber. Diese machte nicht den Eindruck, ihm jetzt einen Vorwurf oder ein Kompliment machen zu wollen. Sie sagte auf Englisch:

"Es soll noch einen Wiener Walzer links herum geben. Mein Gatte hat sich seit Jahren bei diesem Tanz zurückgezogen, weil er ihn nicht leiden mag. Beherrschen Sie ihn, Mr. Andrews?"

"Was heißt beherrschen, Frau Ministerin. Ich habe ihn mal gelernt und einigemale getanzt, ohne der jeweiligen Dame auf die Füße zu treten. Wieso möchten Sie dies wissen?"

"Nun, da ich diesen Tanz gerne noch tanzen möchte und alle festen Paare dies auch tun. Es wäre mir peinlich, mich davon auszuschließen."

"Hmm, ich fürchte, Mademoiselle Dusoleil, mit der ich häufig getanzt habe, möchte diesen Tanz auch gerne tanzen. Sie bringen mich damit in einen leichten Gewissenskonflikt", erwiderte Julius.

"Interessante Wortwahl für einen Jungen von gerade zwölf Jahren. Ihre Eltern pflegen eine hohe Ausdrucksweise, nehme ich an."

"Das ist richtig, Frau Ministerin. Sie sind Akademiker."

"Ms. Dawn erwähnte dies beiläufig. Gut, ich gebe Ihnen die Gelegenheit, die junge Mademoiselle Dusoleil zu fragen, besser, ich nehme Ihnen diese schwere Bürde ab."

Mrs. Rockridge trat mit Julius an den Tisch der Ehrengäste, wo Claire sich bereits zu ihrer Tante und Aurora Dawn hingesetzt hatte. Die Lumières, die Grandchapeaus und alle anderen, die zu Beginn des Festabends hier gesessen hatten, nahmen alle Aufstellung zum Wiener Walzer. Mrs. Rockridge sprach auf Französisch mit stark australischem Akzent:

"Der junge Herr hier meldete Bedenken an, es könne Ihnen mißfallen, wenn ich ihn darum bitte, mit mir diesen Walzer zu tanzen. Daher frage ich Sie, Mademoiselle Claire Dusoleil, ob Sie mir gestatten, Ihren jungen Tanzpartner für diesen Tanz zu entführen?"

"Wie? Achso! Nein, ich habe nichts dagegen. Der Linkswalzer ist zwar kein Problem für mich, aber nicht gerade mein bevorzugter Tanz. Wenn er möchte, darf Julius den gerne mit Ihnen tanzen", sagte Claire und grinste dabei, weil sie es lustig fand, extra um Erlaubnis gefragt zu werden. Mademoiselle Uranie Dusoleil sah ihre Nichte tadelnd an, weil sie so respektlos einer Ministerin gegenüber dreinschaute. Mrs. Rockridge bedankte sich förmlich und hakte sich bei Julius unter. Julius suchte Mr. Rockridge. Dieser war jedoch nicht zu sehen.

"Prospero hat sich aus dem Saal entfernt, um sich dummen Anfragen zu entziehen, wieso er nicht mit mir tanzen möchte. Das macht er immer so, egal, wie wichtig ein Empfang ist", erklärte Mrs. Rockridge verschmitzt grinsend. Julius fragte sich tatsächlich, ob diese Hexe ihr Amt weniger Respektierte als Claire. Doch um die Frage genauer zu durchdenken blieb ihm keine Zeit, denn soeben spielten Streichinstrumente und Klavier zum Walzer auf. Ohne Spur von restlichen Hemmungen bewegte sich Julius in Vollendung zu den Klängen der Musik. Mrs. Rockridge schien dies richtig zu begeistern, denn sie ließ sich federleicht führen und strahlte Julius dabei immer wieder an wie ein junges Mädchen, daß seinen Lieblingsschauspieler oder -sänger trifft.

"Sie erwarben eine umfassende Tanzausbildung, teilte mir Madame Delamontagne mit. Offenkundig war dies dazu gedacht, Sie später bei hochrangigen gesellschaftlichen Ereignissen vorzustellen. Aurora ließ die Randbemerkung fallen, daß Ihre Eltern nicht davon ausgingen, daß Sie in unsere Welt eingegliedert werden würden, ließ sich jedoch nicht auf Details des Weshalbs und Wozu ein. Aber wie auch immer Ihre Eltern Ihr Leben vorhergeplant haben mochten, sie haben Ihnen wahrlich eine sehr gute Ausbildung in gesellschaftlichen Belangen zukommen lassen, wie einem Sohn einer diplomatisch tätigen Familie."

"Sie haben selbst Familie?" Traute sich Julius eine Frage, die er an und für sich für sehr persönlich hielt, wenn die Ministerin nicht selbst darauf eingehen wollte.

"Ja, drei Kinder. Zwei Jungs und ein Mädchen, alle in Redrock. Meine Tochter Mathilda hat im letzten Jahr die ZAGs geschafft und ist Vertrauensschülerin ihres Hauses."

"Beachtlich. Das würde meinem Vater auch gefallen, wenn ich Vertrauensschüler würde", erwiderte Julius.

"Natürlich. Wenn Sie sich durch Leistung und soziale Fähigkeiten dieses Verdienst erwerben, darf er stolz auf Sie sein."

"Naja, dafür bin ich nicht die Führernatur. Ich habe es nicht so mit Verantwortung für andere Leute", gestand Julius ein.

"Das entwickelt man nicht am ersten Schultag. Wenn es in Ihrer Natur liegt, wird es sich schon herauskristallisieren. Außerdem sind Einzelgänger nicht unmittelbar keine Vertrauensschüler. Ihre erwachsene Bekannte, Ms. Dawn, räumte einmal ein, auch nicht als geborene Anführerin in Hogwarts aufgefallen zu sein und wurde trotzdem Vertrauensschülerin", antworttete Mrs. Rockridge.

"Weil sie Supernoten hatte und bei ihren Mitschülern beliebt war. Sicher, ich lege es nicht darauf an, mir Feinde zu machen und helfe auch gerne Leuten, die mich darum bitten. Aber ein Vertrauensschüler muß doch mehr machen als sowas. Ich sehe das doch an unseren", wagte Julius zu widersprechen.

"Oh, Hilfsbereitschaft und keine Kontaktschwierigkeiten, zuzüglich überdurchschnittlicher Schulnoten können einen irgendwann in die Lage versetzen, diese Würde zuerkannt zu bekommen. Das soll jetzt aber nicht heißen, daß Sie ab jetzt in Ihren Schulfächern nachlassen, um sich zu vergewissern, nicht mit dieser hohen Auszeichnung bedacht zu werden!" Sprach die australische Zaubereiministerin mit ernstem Tonfall.

"Hmm, vielleicht sind meine Noten nicht zu verbessern und mir bleibt es daher erspart", erwiderte Julius frech.

"Sie meinen, ohne pausenloses Lernen bis zur Streberei würden Sie keine guten Noten erzielen? Dann führen wir hier eine akademische Diskussion ohne Ansatz auf Verwirklichung", grinste Mrs. Rockridge. Julius gefiel dieses Grinsen nicht. Es erschien ihm zu überlegen, als wisse die Hexe, mit der er tanzte, mehr als er selbst ihr erzählt hatte.

Den restlichen Tanz bestritten die Ministerin und Julius schweigend. Dann bedankte sich Julius formvollendet mit Verbeugung und Handkuß. Danach kehrte er zumm Tisch der Ehrengäste zurück.

Madame Delamontagne trat in die Mitte des Saales und bedankte sich bei den Musikern und den Gästen für diesen gelungenen Tanzabend. Sie sprach den beiden Quidditchmannschaften ihre Anerkennung aus. Danach kam etwas, was Julius gerne vermieden hätte.

Zwei Zauberer und eine Hexe kamen in den Tanzsaal. Die Zauberer trugen klobige Fotoapparate, während die Hexe einen Schreibblock und eine blaue flotte-Schreibe-Feder bereithielt.

""Oh nein, wer sind die denn?" Stöhnte Julius, der sich die Antwort denken konnte.

"Ossa Chermot und ihre Bilderknechte", erwiderte Claire Dusoleil. "Ich wundere mich, daß die nicht schon längst hier waren."

"Die sind vom Miroir Magique?" Fragte Julius.

"Ja, sind sie", entgegnete Madame Dusoleil.

"Die Dame und die Herren möchten die prominenten Gäste meiner Soirée noch um kurze Stellungnahmen zum heutigen Tag bitten. Ich gestattete ihnen den Zutritt, wenn der offizielle Teil der Veranstaltung beendet sein würde", erläuterte Madame Delamontagne.

"Ich bin nicht prominent", flüsterte Julius. "Die soll mich ja in Ruhe lassen!"

Doch gerade das schien Madame oder Mademoiselle Chermot nicht zu beherzigen. Denn zielstrebig kam sie an den Tisch der Ehrengäste, zählte durch, wer alles anwesend war und suchte sich direkt Julius Andrews aus.

"Guten Abend, Monsieur! Sie sind Gast der Dorfrätin von Millemerveilles?" Fragte Ossa Chermot und prüfte, ob ihre flotte Feder einsatzbereit war. Julius sah die Hexe in ihrem türkisfarbenen Umhang an, die kurze schwarze Haartracht, die graubraunen Augen. Dann sagte er:

"Ja, bin ich."

Einer der Fotografen ließ roten Qualm aus seiner Kamera austreten, als er sie auf Julius richtete.

"Bitte keine Fotos!" Wandte Julius sich an den Zauberer.

"Darf ich um deinen Namen bitten?" Fragte die Reporterin. Julius fiel ein Satz ein, den zu sagen ihm seine Mutter mal geraten hatte, als er mit seinen Eltern auf einem Empfang der Firma seines Vaters war, die von der Presse belagert worden war. Er sagte:

"Mir wurde verboten, Fragen zu beantworten. Bitte respektieren Sie das!"

Julius sah, wie die flotte Feder über die Seite im Schreibblock sauste und konnte lesen:

"Ein junger Gast der Dorfrätin Delamontagne möchte Stillschweigen um seine Erlebnisse bewahren. Er sagte: "Mir wurde verboten, Fragen zu beantworten. Bitte respektieren Sie das!""

"Ossa ich habe doch mit Ihnen ausgehandelt, daß Sie die Kinder bitte nicht befragen mögen", schritt Madame Delamontagne energisch ein. "Dafür stehen wir anderen Ihnen gerne mit Antworten auf nicht allzu persönliche Fragen zur Verfügung."

"Ich ging nur davon aus, daß Jugendliche freier von Argwohn berichten können, wie sie einen solch wichtigen Abend erlebten", wandte die Reporterin ein, während ihr Fotograf zwei Bilder von Claire und Julius schoß. Madame Delamontagne winkte Jacques, zu ihr zu kommen und bedeutete Claire und Julius, mit ihm ins Nebenzimmer zu gehen. Dann trat sie auf den Kameramann zu und fauchte ihn an:

"Wie oft muß ich dies sagen, daß von Kindern auf privaten Versammlungen keine Fotos gemacht werden dürfen. Bitte wechseln Sie den Film und händigen Sie mir den bereits gebrauchten sofort aus!"

Julius ließ sich von Claire ins Nebenzimmer ziehen. Jacques schloß die Tür.

"Genau das habe ich befürchtet", knurrte Julius. "Ich will nicht in die Zeitung, Claire."

"Pech gehabt", feichste Jacques. "Aber der Spruch eben war gut. So sollte ich mich demnächst immer von diesen Leuten absetzen."

"Neugieriges Pack! Sie fragen dich alles mögliche und schreiben dann das, was ihnen in den Kram paßt", fauchte Julius.

"Das dauert jetzt wohl noch eine ganze Weile. Ich denke, die wollen die Minister befragen. Das kann lange dauern", vermutete Claire.

Im Zimmer stand ein kleines Schachspiel. Julius fragte, ob Jacques oder Claire Lust auf ein Spiel hätten. Jacques schüttelte sich und Claire meinte nur, daß Julius doch wisse, daß sie das Spiel nicht könne. Da ging die Tür auf und Virginie trat ein.

"Maman hat mich dazu verdonnert, euch zu beaufsichtigen", sagte sie mit respekterheischender Miene. Julius fragte sie, ob man das Interview mit den Ministern und den Quidditchspielern nicht schon am Nachmittag hätte haben können.

"Hat man auch. Aber die australische Zaubereiministerin ließ raus, daß meine Eltern heute einen Tanzabend geben. Maman mußte ihnen versprechen, nach dem Tanz erst hereinzukommen."

"Und sie glaubt, die haben sich dran gehalten?" Fragte Julius der aus der Muggelwelt wußte, wie hinterlistig Sensationsreporter hinter Berühmtheiten herjagten.

"Es blieb ihnen keine andere Wahl. Maman hat einen Zauberbann um das Haus aufgerufen, als alle Gäste an den Tischen saßen. Wer nicht auf einem Stuhl saß, galt als unbefugter Eindringling und wurde vom Anwesen fortgezaubert. Danach hätte niemand auf keine Weise mehr das Haus betreten können."

"Hört sich toll an", erwiderte Julius. "Aber hat das auch geklappt?"

"Meine Mutter hat ihre Schutzzauber gelernt, Monsieur Andrews. Wenn du es nicht glaubst, kann sie dich ja gerne mit einem solchen Abwehrbann belegen."

"Das würde heißen, nicht gegen sie Schach spielen zu können. Hätte was für sich", konterte Julius. Dann fiel ihm ein, daß er in Professeur Faucons Buch eine Erwähnung gefunden hatte, daß es den Willkommensbann gab, der an bestimmte Standorte und Gegenstände gebunden werden konnte. Wie der genau gewirkt wurde, hatte er noch nicht gelesen. Aber das würde er bei seiner Rückkehr nachholen."

"Ich habe nichts davon gemerkt, daß deine Mutter gezaubert, ähm, gehext hat, Virginie", wunderte sich Julius.

"Ja, das ist eben der Trick dabei. Der Zauberkundige holt nicht erst den Zauberstab raus, wenn der Zauber gewirkt werden soll, sondern legt einen bestimmten Auslöser fest, der ganz diskret angesprochen werden kann. Aber das hat uns Professeur Faucon noch nicht beigebracht, weil das Stoff der siebten Klasse sei, sagt sie."

"Aha", grinste Julius, der daran dachte, diesen sondergeheimen Zauber in Hogwarts schon in der zweiten Klasse lernen zu können.

Die Kinder unterhielten sich über den Verlauf des Abends, bis die Tür aufging und Aurora Dawn Julius und Claire herauswinkte.

"Wir können, Mademoiselle und Monsieur", sagte sie und führte sie zu den Dusoleils. Julius sah auf seine Weltzeituhr und stellte fest, daß es bereits elf Uhr durchwar.

Die Presseleute waren fort. Die Ministerpaare und die Quidditchspieler mit ihren Ehepartnern auch. Nur die Lumières und die Delamontagnes waren noch da. Julius verabschiedete sich von Monsieur Delamontagne und bedankte sich bei Madame Delamontagne für den schönen Abend und ihren Beistand als die Presseleute hereingekommen waren.

"Ich weiß, wie schnell die aus Kindern die Sachen herausholen, die Erwachsene nicht preisgeben möchten. Darum danke ich dir, daß du diese Dame so schlagfertig abgewiesen hast und mir die Gelegenheit gabst, euch aus der Schußlinie zu bringen. Wir sehen uns dann wohl zum Schachturnier wieder."

"Vielleicht. Der goldene Zaubererhut fehlt mir ja noch", gab Julius frech zur Antwort. Madame Delamontagne erheiterte diese Antwort. Sie schlang ihre Arme um Julius und hauchte ihm einen flüchtigen Kuß auf die rechte Wange.

"Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Zeit, Madame Delamontagne. Danke, daß Sie mich zu Ihrer Soirée eingeladen haben. Es hat mich sehr geehrt", wandte sich Aurora Dawn an die Gastgeberin. Diese gab das Kompliment gerne zurück.

"Ich wünsche dir noch ein schönes und spannendes Schuljahr, Julius! Danke für den Tanz!" Verabschiedete sich Madame Lumière von Julius. Julius verabschiedete sich höflich und ging dann mit den Dusoleils und Aurora Dawn zu ihren Besen.

Im Dunkeln ging es zum Haus der Dusoleils zurück. Julius flog mit Claire vor dem Familienbesen der Dusoleils her, um beobachtet werden zu können. Als sie dann alle auf der Wiese vor dem Haupthaus landeten, bedankte sich Claire für den störungslosen Flug.

Im Haus selbst verabschiedeten sich die Dusoleils und ihre Gäste zur Nacht.

"Wir frühstücken morgen doch noch gemütlich zusammen, oder?" Wollte Madame Dusoleil wissen.

"Ich habe mit meiner Tante ausgemacht, Julius erst nach neun Uhr englischer Zeit zurückzubringen", erwiderte Aurora Dawn.

"Gut! Dann bis morgen früh!" Wünschte Madame Dusoleil. Julius erwiderte den Gruß und stieg mit seiner australischen Brieffreundin in den ersten Stock hinauf.

"Ich weck dich morgen um sieben Uhr. Wir haben dann noch drei Stunden Zeit zum frühstücken und uns zu verabschieden", sagte Aurora Dawn. Dann bedankte sie sich bei Julius für den schönen Eröffnungstanz. Julius räusperte sich und fragte:

"Wollte diese Reporter-Hexe noch was über mich wissen?"

"Ja, wollte sie. Aber das war nicht mein erstes Interview. Ich habe ihr nur gesagt, daß ich keine Auskunft über dich geben wolle, da ich versprochen habe, deine Angelegenheiten nicht breitzutreten. Sie hat uns nämlich heute morgen im Stadion gesehen und sich ausgerechnet, daß du zu mir gehörst. Ich hoffe nur, daß die nicht irgendwas ausgräbt, was du letzten Sommer hier angestellt hast."

"Dann war ich das letztemal hier", stieß Julius leise aber ernst hervor.

"Wir werden sehen", sagte Aurora Dawn.

Julius ging in das Gästezimmer mit der Waldlandschaft, die unter einem abnehmenden Mond silbrig schimmerte. Er legte Festumhang und Tanzschuhe säuberlich in seine Reisetasche zurück und zog sich bettfertig an.

Um halb zwölf lag er im Bett und schlief bald darauf ein.

 

 

Aurora Dawn weckte Julius wirklich um sieben Uhr. Julius ging wieder als erster ins Badezimmer, wusch sich und zog den Tannengrünen Umhang an, in dem er hier angereist war. Dann ging er mit Aurora Dawn hinunter zum Frühstück.

Camille Dusoleil begrüßte die beiden Gäste mit ernster Miene, als hätten sie etwas angestellt und müßten nun von ihr ausgeschimpft werden.

"Meine Eule, die ich deinen Eltern geschickt habe, um ihnen zu schreiben, daß du mein Gast bist, Julius, kam diese Nacht mit zerzaustem Gefieder und mit roter Kunstfarbe eingesprüht zurück. Ich mußte sie baden und beruhigen. Ich werde sie heute zum magischen Tierarzt bringen, um ihre Verstörtheit behandeln zu lassen. Dein Vater hat ihr noch einen Brief mitgegeben, den er mit einer Maschine geschrieben haben muß. Sowas unpersönliches habe ich bislang nur von Bürokraten gekriegt. Er schrieb doch glatt, daß es ihm nun egal sei, ob wir dich zur Unzucht heranziehen oder gleich fressen wollten, da er ja unter Mordandrohung zusehen mußte, wie wir dich "geklaut" haben. Abgesehen von seiner französischen Rechtschreibung, die dringend aufpoliert werden sollte, beleidigt er mich noch und schreibt, daß er mit alten häßlichen Hexen die längste Zeit zu tun gehabt hätte und er meine Eule eindeutig kennzeichnen würde, auf daß ich meine Lehre daraus ziehen möge."

"Moment, Madame Dusoleil! Hat meine Mutter nichts geschrieben?"

"Hat sie nicht", knurrte Madame Dusoleil.

"Camille, du kannst dem Jungen keinen Vorwurf daraus machen, daß sein Vater ein ignoranter Muggel ist, der von Hexen nur aus böswilligen Märchenbüchern weiß", sprang Aurora Dawn ein. Julius war instinktiv zum Esszimmereingang zurückgewichen.

"Natürlich mache ich Julius keinen Vorwurf, Aurora. - Komm wieder zu uns, Julius! Du kannst nichts dafür, daß dein Vater mich so wütend gemacht hat. - Aber ich werde mir das nicht bieten lassen, mich als unzüchtig oder als Kannibalin beschimpfen zu lassen. Ich werde mir gleich die Gesetze nehmen und nachlesen, was ich dagegen machen kann. Du siehst bestimmt ein, daß er meine Ehre nicht ungestraft angreifen darf, Julius."

"Nach den Gesetzen der Zaubererwelt dürften sie einen zeitlich befristeten Fluch verhängen, wenn er nach Anklage vor einem Zauberergericht nicht bereit ist, eine Strafgebühr wegen Beleidigung und Schadenersatz für die Mißhandlung Ihrer Posteule an Sie zu zahlen. Aber er ist ein Muggel, und soviel ich weiß, wird gerade ein Muggelschutzgesetz beratschlagt."

"Beratschlagt, aber noch nicht vollstreckt", stieß Madame Dusoleil zwischen ihren Zähnen hervor.

"Die Geheimhaltungspflicht verbietet es dir, Camille, auffällige Magie zu benutzen. Du dürftest ihm nicht einmal einen Heuler schicken", wußte Aurora Dawn.

"Außerdem würde der sich nicht vor einem Zauberergericht wegen Beleidigung anklagen lassen. Der hat ja noch nicht einmal .. aber das behalte ich besser für mich", erwiderte Julius. Er hätte fast gesagt, daß sein Vater eine festgesetzte Strafgebühr nicht zahlen wollte, die ihm aufgebrummt worden war, weil er Julius ohne Erlaubnis von Hogwarts fernhalten wollte.

"Was ist denn hier los, Maman?" Fragte Claire. Dann sah sie den eingeschüchterten Julius Andrews und schwieg.

"Ich habe nur festgestellt, daß es undankbare Eltern gibt, die es nicht verdient haben, über den Aufenthaltsort ihrer Kinder informiert zu werden, Tochter. Das muß dich nicht berühren."

"Wenn Sie wegen meinem Vater in Askaban landen geht sie das schon was an", wagte Julius einen Widerspruch.

"Ich lande nicht in Askaban. Nicht wegen so einem ignoranten Muggel", fauchte Madame Dusoleil.

Als Florymont Dusoleil mit Denise hereinkam, regte sich Madame Dusoleil wieder ab. Ihr ernstes Gesicht war wieder zu der mütterlichen Miene geworden, die Julius an ihr bevorzugte. Er entspannte sich auch wieder und genoß das reichhaltige Frühstück.

Monsieur Dusoleil las den Miroir Magique, während sich seine Verwandten und Aurora Dawn noch einmal über die beiden unterschiedlichen Zaubereiminister unterhielten. Unvermittelt stutzte er. Dann senkte er die Zeitung. Julius sah ein Foto in Schwarz-weiß, das ihn mit den anderen Ehrengästen vor dem Tisch zeigte. Das Foto bewegte sich, wie es in der Zaubererwelt üblich war. Julius sah sich schnell hinter Madame Delamontagne in Deckung springen, was ihn ziemlich armselig wirken ließ. Claire lächelte auf dem Foto, während Jacques frech die Zunge herausstreckte. Julius sah den unter dem silbergrauen Kleid Madame Lumières vorgewölbten Bauch und meinte, eine kurze Bewegung darin zu sehen, als wenn eines der ungeborenen Kinder dagegenträte. Unter dem Foto war eine Liste abgedruckt, auf der alle Namen der Hexen und Zauberer, die an dem Ehrentisch gesessen hatten, aufgeführt waren, auch seiner.

"Dieser Kerl hat Madame Delamontagne reingelegt. Sein Kolege hat bereits Fotos von uns geknibst, dieser Paparazzo!" Empörte sich Julius. Danach mußte er erklären, was das sei, ein Paparazzo. Er erzählte schnell, daß die Muggel so einen hinterhältigen Fotografen nannten, der sich in Gebüschen oder sonstigen Gartenanllagen verstecke, um berühmte Leute ohne ihr Wissen zu knibsen oder ihnen nachschleiche, sich in Verkleidung Zutritt zu Partys oder Empfängen verschaffe, um Leute dort zu fotografieren. Dann las Monsieur Dusoleil den ganzseitigen Artikel:

"trauter Tanz zur Osterzeit! Minister aus Frankreich und Australien geben sich ein Stelldichein mit jungen Nachwuchszauberern.

Anläßlich des am Ostersonntag diesen Jahres im beschaulichen Zaubererdorf Millemerveilles nahe am Mittelmeer ausgetragenen Freundschaftsspiels zwischen den Millemerveilles Mercurios und den aus dem fernen Australien angereisten Sydney Sparks gab die amtierende Rätin für gesellschaftliche Angelegenheiten, Madame Eleonore Delamontagne, am Abend einen Ball im kleinen Kreise, zu dem neben den beiden heldenmütigen Mannschaften nebst Ehepartnern auch verdiente Bürger Millemerveilless' und deren Gäste geladen waren. Hohen Glanz verlieh diesem Ereignis die Anwesenheit sowohl unseres hochgeehrten Herrn Zaubereiministers, Monsieur Armand Grandchapeau, der in Begleitung seiner Gattin erschien, sowie dessen australische Amtskollegin Latona Rockridge, die ebenfalls mit ihrem Ehepartner angereist war. Da Madame Delamontagne mit uns übereinkam, die Soirée unbeobachtet stattfinden zu lassen, aber danach berühmte Gäste zu kurzen Stellungnahmen bitten durften, gelang uns nur eine einzige Aufnahme der Ehrengäste der Dorfrätin. Eine illustere Gemeinschaft von Gästen jeden Alters von zwölf Jahren aufwärts beehrte die hochgestellte Bürgerin von Millemerveilles. Hierzu gehörten neben den bereits erwähnten Ministern auch die weltberühmte Heil- und Kräuterkundlerin Aurora Dawn, die nach einem grandiosen Abschluß in der britischen Zauberschule Hogwarts in Australien lebt und arbeitet, sowie der Jungzauberer Julius Andrews, der, wie wir nachträglich in Erfahrung brachten, sein zweites Jahr in eben dieser britischen Zauberschule lernt. Der junge Monsieur Andrews lehnte jede Befragung zu seiner Anwesenheit und seinen Empfindungen im Verlauf des erhabenen Tanzabends mit der Begründung ab, daß ihm jede Stellungnahme verboten sei. Daraufhin mußten wir selbst recherchieren und erfuhren, daß er wohl eine besondere Ehrung durch Madame Delamontagne erfuhr, die er im letztjährigen Schachturnier durch Sieg an der Verteidigung ihrer Meisterschaft hinderte. Hinzu kommt noch, daß er wohl als gerngesehener Gast der Familie Dusoleil, die in Millemerveilles ebenfalls zur hohen Bürgerschicht zählen darf, in deren Hause die Ostertage verbringe, zusammen mit Aurora Dawn. Madame Lumière, die für Fest- und Freizeitangelegenheiten zuständige Bürgerin Millemerveilles', welche baldigen Mutterfreuden entgegensieht, streute in einer kurzen Befragung ein, daß Monsieur Andrews und Claire Dusoleil sich wie bereits im Sommer als harmonisches Tanzpaar bewiesen hätten. Nähere Angaben hierzu wollte sie jedoch nicht machen. Das Julius Andrews wohl ein begnadeter Tänzer sei, kann der Stellungnahme der australischen Zaubereiministerin entnommen werden, die ohne Namen zu nennen angab, vom tänzerischen Geschick aller Gäste beeindruckt zu sein, unabhängig ihres Alters oder ihrer Qualifikation.

Da dem Miroir Magique durch amtliche Verfügung verwehrt ist, die dörflichen Veranstaltungen in Millemerveilles zu beobachten, kann nur gemutmaßt werden, daß die sooft beschworene, aber stets holpernde internationale magische Zusammenarbeit, wie sie derzeit in der Austragung des trimagischen Turniers auf dem Gelände von Hogwarts, der britischen Schule für Hexerei und Zauberei eine seltenhohe Qualität erfährt, im ländlichen Gefüge wesentlich reibungsloser von Statten geht, als auf der hohen ministeriellen Ebene. In Zeiten, die immer noch geprägt sind vom kalten Atem der Angst vor den Gräueln des Unnennbaren und seiner Gefolgsleute, ist dies der hellste Lichtblick, den die Zaubererwelt wieder erfährt.

Ossa Chermot Miroir Magique"

"Boing!" War der erste Ausruf, den Julius von sich gab. Dann verzog er das Gesicht. Genau das, daß er ausführlich in einem Zeitungsartikel erwähnt wurde, hatte er immer verabscheut, schon als er mit sieben Jahren in der Firmenzeitung seines Vaters nachlas, daß er das erste Schuljahr hinter sich gebracht hätte und wohl doch irgendwann in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Seitdem hatte er sich tunlichst von Reportern ferngehalten und Freunden, die mit solchen zu tun hatten, nie alles erzählt, um nicht doch irgendwann abgedruckt zu werden. Seine Eltern hatten darüber hinaus immer darum gerungen, ihn aus den Zeitungen rauszuhalten. Wenn er zu etwas befragt werden sollte, hatte er auf den Rat seiner Mutter hin diesen Satz gesagt, daß es ihm verboten sei, Fragen zu beantworten oder "Kein kommentar" zu sagen. Sein Unterkiefer sank langsam nach unten und zog sein Gesicht in die Länge.

"Haben die denn zumindest alle Namen richtig geschrieben?" Fragte Aurora Dawn. Monsieur Dusoleil hielt ihr die Zeitung hin. Aurora Dawn nickte und lächelte Julius an. Dasselbe tat Claire, während Denise sich vor Lachen schüttelte. Erst die auf ihre Schulter gelegte Hand ihrer Mutter brachte das kleine Hexenmädchen wieder zur Ruhe.

"Toll! Wunderbar, wunderbar! Supergut! Wenn die Beauxbatonss in Hogwarts das zu lesen kriegen, bin ich die Lachnummer des restlichen Schuljahres. Abgesehen davon höre ich schon den Heuler, den Madame Faucon mir schickt, weil sie denkt, ich hätte ausgeplaudert, daß ich bei ihr gewohnt habe", ereiferte sich Julius. Madame Dusoleil suchte mit ihren braunen Augen seinen Blick und sah ihn durchdringend an, lächelte jedoch dabei.

"Da steht drin, daß du jede Stellungnahme verweigert hast, Julius", sagte sie mit leiser tragender Betonung. "Blanche wird dir bestimmt keinen Heuler schicken, nur weil du dich hast fotografieren lassen, wie du an einem Tisch mit unserem Zaubereiminister standest. Alles kriegen die auch nicht raus, wenn wir das nicht wollen. Die ärgern sich doch nur darüber, daß sie den ganzen Abend vor der Tür warten mußten und nicht mithören konnten, was wir uns so erzählt haben. Deshalb schreiben die soviel drumherum. Ich verstehe, daß du nicht gerne erwähnt wirst. Ich habe deine Bescheidenheit, ja deine übervorsichtige Zurückhaltung gerne zur Kenntnis genommen. Doch nur, weil eine übereifrige Reporterin dich in ihrem Artikel erwähnt, wirst du jetzt nicht in Panik geraten. Ich gebe dir gerne den Artikel, in dem alle Kandidaten von Beauxbatons aufgeführt sind. Jeanne wurde unterstellt, nur deshalb mitzukommen, weil noch vier Plätze zu besetzen waren. Hat sie das etwa geärgert?"

"Das nicht. Aber enttäuscht war sie schon, als sie nicht ausgewählt wurde. Ebenso war sie wütend, weil der Feuerkelch Harry Potter als zweiten Hogwarts-Champion ausgespuckt hat", entgegnete Julius.

"Komm, das ist doch alles richtig, was da steht, Julius. Wie haben die Muggel das mit dir angestellt, daß du dich dafür schämst, was gutes vollbracht zu haben?" Sprang Claire ihrer Mutter bei. Aurora Dawn grinste spitzbübisch und fügte dem hinzu:

"Das frage ich mich allerdings auch, Claire. Nicht nur ich."

"Psychostrahlen! Sie haben mir suggeriert, immer unsichtbar zu bleiben und nichts von mir hören zu lassen", versetzte Julius gehässig. Madame Dusoleil setzte eine besorgte Miene auf. Sie fragte, was Julius damit meine. Aurora dawn kam Julius mit der Antwort zuvor:

"Muggel erfinden Geschichten über böse Kreaturen von anderen Planeten oder von tyrannischen Herrschern in ferner Zukunft, die die Menschen mit ominösen Willensbeeinflussungsstrahlen zu allen möglichen Unterwürfigkeiten zwingen, ähnlich wie der unverzeihliche Imperius-Fluch. Er meinte das nicht ernst, weil es diese brutale Methode nur in eben diesen Zukunftsgeschichten gibt, Camille."

Julius staunte, wie sehr sich Aurora Dawn mit Muggel-Geschichten auskannte. Deshalb konnte er so schnell nichts sagen. Madame Dusoleil warf Julius einen strengen Blick zu und knurrte:

"Vorsicht! Mit Beeinflussungsmethoden treibt man in unserer Welt keinen Spaß. Blanche würde dir das nicht ungestraft durchgehen lassen."

"Warnung verstanden", antwortete Julius kleinlaut und beruhigte sich wieder. Dann erzählte er ruhig, daß seine Eltern ihm immer eingeredet hätten, sich zurückzuhalten und nicht unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen.

""Denk an Paps' Ruf, Julius! - Du mußt noch lernen, was man tun und sagen darf! - Halte dich aus allem raus, was zuviel Wind macht!" Das haben sie immer wieder gesagt. Mein Vater, das wissen Sie ja, ist Leiter einer Forschungsabteilung einer Kunststofffabrik."

"Natürlich! Und sein Sohn könnte ihm ja ein Bein stellen", spottete Madame Dusoleil. "Deshalb hat er ja auch was gegen "böse Hexen". Wenn er wüßte, was wirklich dunkle Zauberer und Hexen sind, würde er sich nicht erdreisten, mir meine Posteule zu verfärben und mit einem Bündel von Beleidigungen zurückzuschicken."

"Bitte, Camille?" Fragte Monsieur Dusoleil.

"Später, Florymont", vertröstete die Kräuterhexe ihren Mann.

"Zwei Sachen solltest du vergessen, Julius", setzte Aurora Dawn an. "Den Weg, den deine Eltern für dich vorgesehen haben und die Angst vor der Beschädigung des Rufes eines deiner Elternteile. So gemein das klingt, Julius:

Sie leben in einer anderen Welt als wir, und mit "wir" meine ich auch dich. Die Fehler, die du jetzt machst, sind nur für dich allein schädlich. Den Verdienst, den du dir erringst, hast du dann nur deinen Leistungen zu verdanken, selbst wenn es auch in der Zaubererwelt viele Beziehungshilfen gibt. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung wie das ist, im Schatten hoher Herrschaften aufzuwachsen und weiß, daß du davon nicht so schnell loskommen wirst."

"Außerdem laufen diese Presseleute nicht jeden Tag hier herum. Du bist hier genauso gut aufgehoben wie in eurem Hogwarts", warf Claire ein. Ihre Eltern nickten nur.

"Ja, wie in Hogwarts. Hat euch und Ihnen Jeanne den Artikel von einer Rita Kimmkorn zugeschickt, in dem sie über Harry Potter und seine Freunde schreibt?"

"Sie hat davon geschrieben", erwiderte Madame Dusoleil. "Die hat sich da etwas zusammengestrickt, daß es verboten werden sollte, während eines trimagischen Turniers Randberichte zu bringen."

Julius nickte nur zustimmend. Er trank noch zwei Tassen Kakao und aß drei Croissants. Dann fiel ihm etwas ein, was seine gedrückte Stimmung schlagartig aufhellte. Dieser Stimmungsumschwung mußte an seinem Gesicht und seiner Körperhaltung eindeutig zu erkennen gewesen sein. Denn Madame Dusoleil fragte ihn, was ihn so plötzlich erheiterte.

"Wenn Sie meinem Vater einen gebührenden Gegenschlag zufügen wollen, ohne ihm direkt was zu tun, schicken Sie ihm diesen Artikel zu!" Grinste Julius.

"Da sind auch noch kurze Stellungnahmen von uns auf den vorletzten zwei Seiten", teilte Monsieur Dusoleil mit. Doch zu Julius' Beruhigung stand da nichts, was direkt mit ihm zu tun hatte.

"Du meinst, weil er nicht will, daß du in einer Zeitung erwähnt und noch gelobt wirst? Das behalte ich in Erinnerung", erwiderte Madame Dusoleil auf Julius' Vorschlag.

Kurz vor neun Uhr morgens klingelte es noch mal an der Tür der Dusoleils. Draußen stand seraphine, die Quidditchkameradin Jeannes.

"Entschuldigung, Madame Dusoleil. Ist Julius Andrews noch bei Ihnen?" Hörte Julius sie fragen. Madame Dusoleil antwortete, daß er noch da sei. Seraphine kam ins Esszimmer und begrüßte Julius.

"Man hat mir nicht erzählt, daß du hier bist", begrüßte die siebzehnjährige Hexe den Hogwarts-Schüler. Dieser setzte ein breites Grinsen auf und versetzte:

"Wieso? Steht doch in der Zeitung."

Alle im Raum lachten. Claire zwickte Julius in den Arm.

"Seit wann für wie lange?" Fragte Seraphine. Julius erzählte kurz, daß er seit Samstag da war und heute, am Ostermontag, wieder nach England zurückmüsse.

"Na klar! Jeanne war nicht hier, Virginie hat mit ihren Hausaufgaben zu tun gehabt, und du selbst warst wohl verplant. Dann wünsche ich dir noch ein schönes Restschuljahr und einen spannenden Turnierausgang. Grüße Jeanne bitte von mir!"

Seraphine verließ wieder das Haus. Kaum war sie fort, läutete Madame Delamontagne an der Tür. Madame Dusoleil ließ sie ein.

"Ich wollte deinen jungen Gast nur um Entschuldigung bitten, daß ich dieses Foto nicht verhindern konnte", sagte Madame Delamontagne. Dann tauchte sie in vollem Umfang in der Esszimmertür auf und ging auf Julius zu. Sie trug wieder den Purpurumhang, in dem Julius sie am Vortag beim Quidditch gesehen hatte.

"Wir haben uns hier schon heiße Debatten geliefert, ob Julius überhaupt noch mal herkommt. Bedank dich bei dieser Chermot, wenn ...", setzte Madame Dusoleil an, als es wieder an der Tür läutete.

"Ich sollte wohl Autogrammkarten drucken lassen", stöhnte Julius. Madame Delamontagne räusperte sich. Dann trat sie zu ihm hin und flüsterte:

"Mach dir nichts aus diesem Artikel! Er ist eben deshalb entstanden, weil ich die vor der Tür habe warten lassen. Die mußten was haben, wenn sie schon keinen Minister beim Tanz fotografieren konnten."

"Hallo, Julius! Ich wollte mich nur noch von dir verabschieden, bevor ich nach Paris zurückreise. Gut, daß Babette meine Zeitung nicht zugeschickt kriegt", kam eine wohlbekannte Frauenstimme aus dem Flur. Wenige Sekunden später stand Catherine Brickston geborene Faucon im Esszimmer. Madame Delamontagne drehte sich um und sah die Zaubereigeschichtlerin an, die mit dem Nichtmagier Joe Brickston verheiratet und damit eine Bekannte von Julius' Eltern war, ohne das diese wußten, daß sie eine Hexe war.

"Hallo, Catherine", begrüßte die Dorfrätin Catherine Brickston. Diese trat an Julius heran und sprach ihm Mut zu, sich nicht von diesem Artikel kleinkriegen zu lassen.

"Ich kenne deine Eltern, Julius. Ich weiß, daß sie dich nicht in dieser Weise dargestellt haben wollten. Aber jetzt steht es drin, und wenn ich das richtig gelesen habe, hast du dich auch nicht blamiert. Denn dann hätten die sich über drei Seiten darüber ausgelassen, welche ungezogenen Kinder sich die respektable Dorfrätin Delamontagne einlädt, noch dazu zusammen mit dem Zaubereiminister, meinem obersten Chef."

"Wie überaus taktvoll, Madame Brickston", knurrte Madame Delamontagne. Doch sie mußte danach auch schmunzeln. Catherine und Madame Delamontagne verabschiedeten sich noch von Julius und verließen das Haus der Dusoleils.

Nach dem Frühstück prüfte Julius, ob seine Sachen wieder ordentlich gepackt waren, nahm das Zauberbild von Claire wieder von der Wand und unterbrach die mit bunten Eiern jonglierenden Osterhasen bei ihrem Spiel. Claire, die ihm dabei zusah, wie er das Bild abnahm und vorsichtig einrollte, sagte lächelnd:

"An Walpurgisnacht mußt du es noch mal mit der Feiertagsseite aufhängen. Dann erlebst du und jeder, den es interessiert einen fröhlichen Hexentanz."

"Ich fürchte, daß meine Schlafsaalmitbewohner das nicht mögen, wenn wild kreischend Hexen sie beim Einschlafen stören", erwiderte Julius gehässig.

"Die kreischen nicht herum. Die singen mehrstimmig. Und wenn du wieder hierherkommst, werden wir dieses Lied nachsingen", fauchte Claire. Julius grinste wieder.

"Ob ich wieder herkomme, weiß ich nicht. Die Zaubererwelt ist noch so groß und .. Autsch!" Claire trat Julius mit Wucht auf den rechten großen Zeh.

"Am besten schreibe ich Jeanne, sie soll dich am Schuljahresende betäuben, einschrumpfen und in ihrem Wohn- und Reisewagen nach Beauxbatons und dann hierher schmuggeln. Bis zum Sommer!"

Aurora Dawn lachte noch immer, als sie mit Julius vor dem brennenden Kamin stand und eine Prise Flohpulver ins Feuer warf.

"Du bist echt lustig, Julius Andrews. Du weißt gar nicht, daß du deine alte Familie gegen eine neue eingetauscht hast", lachte sie. Madame Dusoleil umarmte Julius noch mal, als das Feuer bereits smaragdgrün aufloderte. Claire umarmte Julius ebenfalls zum Abschied.

"Du kommst wieder", hauchte sie ihm ins Ohr und wischte kleine Tränchen an seiner rechten Wange ab. Julius wollte noch was sagen, verkniff es sich jedoch.

"Auf dann! Bis auf ein hoffentlich glückliches Wiedersehen!" Rief Monsieur Dusoleil. Seine Schwester Uranie nickte und winkte Julius zu.

Julius trat als erster in das magische Feuer und kommandierte: "à la Frontière!"

In einem Wirbel aus Rauschen und smaragdgrünem Feuer riß es Julius aus Millemerveilles fort, trug ihn an unzähligen Kaminen der französischen Zaubererwelt vorbei in die gigantische Grenzabfertigungshalle. Dort wartete er auf Aurora Dawn, um dann mit ihr erst zur englischen Grenzabfertigung und dann ins Zwölferdutzend-Haus zu floh-pulvern.

Als die beiden um kurz nach neun Uhr englischer Zeit aus dem Kamin im Wohnzimmer der Priestleys herausfuhren, schien Julius der Osterausflug nach Millemerveilles wie ein schöner, doch teilweise beunruhigender Traum vorzukommen. Mrs. Priestley wartete mit zwei Teetassen und leichtem Gebäck auf Julius. Dieser klopfte sich erst die Asche vom tannengrünen Umhang. Dann begrüßte er seine derzeitige Fürsorgerin. Dabei verwendete er die Französische Sprache. Mrs. Priestley lachte und erwiderte ebenfalls auf Französisch, daß sie sich freute, daß Julius so wohlbehalten wiedergekommen sei. Erst dann sprachen sie englisch miteinander:

"Hat er sich gut benommen, Aurora?"

"Das fragst du ausgerechnet mich, Tante June?"

"Stimmt! Ich sollte mir einen Bericht zuschicken lassen, ob irgendwelche Vorkommnisse zur Beunruhigung Anlaß geben", erwiderte Mrs. Priestley.

"Zumindest hat der französische Zaubereiminister keinen Anstoß an ihm nehmen können, und er hat sowohl der australischen Zaubereiministerin als auch den ersten Damen von Millemerveilles ausdrucksvoll seine Tanzkünste gezeigt. Aber das darfst du alles selbst nachlesen, Tante June. Ich habe dir den Miroir Magique der Dusoleils mitgebracht."

Julius klappte die Kinnlade nach unten. Dann fing er sich wieder und grinste.

"Dann habt ihr euch gut amüsiert. Bleibst du noch auf eine Tasse Tee, Aurora?"

"Nach dem Kaffee heute morgen könnte ich noch mal guten altenglischen Tee trinken", erwiderte Aurora Dawn. Julius trug nur noch seine Tasche in das ihm zugewiesene Zimmer. Er hörte von oben, wie die beiden Hexen sich kurz über ihre Verwandtschaft unterhielten. Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, mußte er allein erzählen, was er alles erlebt und wie es ihm gefallen hatte. Aurora Dawn nickte nur beipflichtend. Als Julius ansprach, daß Madame Dusoleil seinen Eltern eine Eule geschickt hatte, die dann mit Farbe besudelt und mit einem bösen Brief seines Vaters zurückgekommen sei, stöhnte Mrs. Priestley kurz auf. Dann erzählte sie, daß sie Julius' Mutter angerufen hatte. Sie hatte einen Zeitpunkt erwischt, wo Julius' Vater in seinem Arbeitszimmer saß und ungestört mit ihr reden können.

"Sie hat versucht, deinen Vater dazu zu bewegen, die Strafgebühr zu bezahlen. Dann hat sie mir von dieser Eule erzählt, die er mit einer Sprühdose leicht eingefärbt und dann aus dem Fenster geworfen habe. Sie fragt an, wieviel es den Empfänger kosten würde, die Reinigung der Federn zu bezahlen, weil sie dann in die Winkelgasse gehen und Muggelgeld in eine Geldanweisung umtauschen wolle. Außerdem fand sie es beruhigend, daß du während der Ostertage nicht allein oder nur in der Schule zubrächtest und wünscht dir noch ein angenehmes Restschuljahr. Ich denke, mich mit ihr noch mal gesondert zu treffen", erzählte Mrs. Priestley.

"Sie hat sich damit abgefunden, daß ich in Hogwarts bin. Ich kann ja mal versuchen, Professor Flitwick oder Professor Dumbledore zu bitten, ihr einen Besuchstag zu genehmigen, falls Sie das für richtig halten, June."

"Eine sehr gute Idee. Ich fürchte zwar, daß dieser Einzelbesuch das Verhältnis zwischen deinen Eltern entzweien könnte, aber ich darf nicht aus den Augen verlieren, daß du irgendwann wieder in dein Elternhaus zurückkehrst und mir nur vorrübergehend anvertraut bist. Dem entgegenzuarbeiten wäre gegen meine Obliegenheiten."

"Ich fürchte, Tante June, daß es bei den Gefiderreinigungskosten nicht bleibt. Camille will prüfen, ob sie Julius' Vater nicht eine Beleidigungsklage aufhalsen kann oder ähnliches. Sie prüft die entsprechenden Gesetze", sagte Aurora Dawn.

"Aber abgesehen davon hat sie sich darauf festgelegt, Julius Andrews im Sommer wieder einzuladen?" Fragte Mrs. Priestley. Julius nickte.

Um zehn Uhr englischer Zeit verließ Aurora Dawn das Haus ihrer Tante mit Flohpulver "zur Grenze!"

"Agatha, meine ältere Tochter, hätte dich gerne kennengelernt. Außerdem hatten wir hier auch einen improvisierten Tanzabend. Arcadia hat einen alten Schulfreund eingeladen. Außerdem habe ich Eulen von der Familie Porter und Hogwarts bekommen, ob es dir hier bei mir gut ergehe. Du wirst deine Schulfreunde wohl morgen auf Gleis 9 3/4 wiedertreffen. Perseus wird uns nach London bringen. Er kommt morgen mit dem Ministeriumsauto", erklärte Mrs. Priestley.

Den restlichen Tag verbrachte Julius mit der Durchsicht und Ordnung seiner Hausaufgaben, ein paar Trainingsrunden auf seinem Sauberwisch 10 zusammen mit Arcadia Priestley, der jüngsten Tochter seiner Fürsorgerin und einem gemütlichen Abend mit Hausmusik. Um zehn Uhr zog er sich auf sein Zimmer zurück und legte sich schlafen.

 

 

Am nächsten Morgen holte sie Perseus, der Zauberer mit den beiden magischen Armprothesen, in seinem blauen Ministeriumsauto ab. Arcadia hatte ihre Mutter breitschlagen können, sie und Julius zum Gleis 9 3/4 zu begleiten. Mit Hilfe des magischen Transitionsturbos übersprang das Auto die Entfernung von Cambridge nach London innerhalb einer Sekunde, als kein anderes Auto in der Nähe war, dessen Fahrer den Absprung hätte beobachten können. Auf dem Bahnhof Kings Cross war ein Gewühl von Feiertagsreisenden, die entweder von weither ankamen oder aus London abreisten. Auf dem Bahnsteig 9 stauten sich dutzende Familien. Perseus, der Julius Schulkoffer an einer Hand trug, suchte vergeblich einen Durchgang, ohne aufzufallen. Erst als der Zug von Gleis 9 abfuhr, lichtete sich die Menge der Muggel, und die zwei Hexen und die beiden Zauberer konnten schnell auf das Gleis 9 3/4 hinüberwechseln, durch die magische Barriere, die für Muggel eine feste Absperrung war.

"Hallo, Julius!" Rief Gloria Porter dem Schulkameraden zu und winkte. Ihre Mutter und ihre Großmutter väterlicherseits standen bei ihr. Der Hogwarts-Express stand abfahrbereit. Aus dem Schornstein der scharlachroten Dampflok waberten die ersten Dampfwolken.

"Hi, Honey! Gut erholt hast du dich", begrüßte Mrs. Jane Porter Julius. Julius nickte und grüßte Gloria, dann ihre Mutter. Schließlich sagte er zu Mrs. Jane Porter:

"vielen Dank für die Osterkekse. Die haben echt gut geschmeckt."

"Habe ich gerne gebacken, Julius", sagte Mrs. Jane Porter.

Pina winkte aus einem geöffneten Fenster heraus. Julius ließ Perseus auch den Koffer von Gloria in den Zug tragen. An jeder Hand einen Koffer, der für normalarmige Leute so schwer war, daß er nur langsam bugsiert werden konnte, schlenderte Perseus zum Abteil, wo Pina Watermelon schon wartete. Perseus wuchtete die beiden Koffer ins Gepäcknetz und verabschiedete sich von Julius. Dieser bedankte sich fürs Herfahren und Koffertragen und wollte dem Zauberer mit den magischen Kunstarmen eine Sickel Trinkgeld geben. Doch dieser lachte und sagte:

"Das habe ich gerne getan. Viel Spaß noch in Hogwarts!"

Der Zug ruckelte langsam an, als Perseus mit sportlichem Sprung aus dem Wagon hüpfte und zu den Priestleys zurückkehrte. Julius sah noch, wie sich Mrs. Priestley mit Mrs. Jane Porter unterhielt, bevor der Zug um eine Kurve fuhr und ihm die Sicht nahm.

Unterwegs erzählte Julius den beiden Mädchen von seiner Zeit zu Hause, dann bei den Priestleys und in Millemerveilles.

"Hat Madame Delamontagne irgendwas gesagt, ob meine Mutter noch mal mit ihr Schach spielen soll?" Fragte Gloria.

"Das nicht. Sie besteht nur darauf, daß ich ihr im nächsten Turnier Revanche gebe. Jetzt, wo eine Zeitungsschreiberin das rausposaunt hat, daß ich dieses Schachturnier mitgespielt habe, ist sie natürlich noch mehr in ihrem Ehrgeiz gefordert", erzählte Julius.

"Das war wohl ein gehöriger Schreck für dich, in einer Zeitung erwähnt zu werden, wie?" Fragte Gloria.

"Kann man sagen. Ich hoffe nur, daß das nicht auch noch im Tagespropheten gebracht wird. Aber im Grunde genommen war es ja logisch, daß die Presse da hinterherläuft, wenn zwei Minister zu einem Ball gehen, der nichts mit Politik zu tun hat. Aber die hättten mich da rauslassen können."

"Immerhin hast du dich amüsiert. Vielleicht war das ein gelungener Ausgleich für die nicht gesehene Weltmeisterschaft."

"Aurora Dawn haben die Frisurhalt-Tropfen deiner Mutter gut gefallen, Gloria. Sie meint, daß die ideal für lange Haare seien", brachte Julius ein. Gloria nickte.

"Nicht nur für langes Haar, auch für Locken. Ich benutze dieses Mittel nun auch regelmäßig. Es gefällt mir richtig."

"Hat deine Mutter das selbst entwickelt oder kauft sie es irgendwo ein?" Wollte Julius wissen.

"Sie sagt, daß es ein Betriebsgeheimnis sei, ob es von ihr oder sonstwem stammt. Zumindest ist das im Moment der Verkaufsschlager, weil nicht nur Hexen, sondern auch Zauberer dieses Zeug benutzen, sogar für ihre Bärte", erzählte Gloria.

Die Fahrt nach Hogwarts verging mit ständig sich wiederholenden und an immer anderswo hervorgehobenen Einzelheiten entlanghangelnden Berichten über die Ferien, eine Diskussion über die neuen Fächer im nächsten Jahr und wie wohl die dritte Turnierrunde ausfallen würde.

Als die über die Ferien heimgereisten Schüler wieder in Hogwarts ankamen, fanden sie eine gehobene Stimmung vor. Zwar wurde noch Hermines angebliches Ränkespiel mit Harry Potter und Victor Krum diskutiert, aber nicht mehr so heftig.

Jeanne und Barbara bestürmten Julius mit Fragen, wie es ihm in Millemerveilles gefallen habe. Barbara fragte:

"Hast du meine Mutter gesehen?"

"Ja, und deine neuen Geschwister", erwiderte Julius schnell. Barbara stutzte. Dann überlegte sie und lachte schließlich.

"Noch muß Maman sie mit sich herumtragen. Aber ich denke, ich werde sie nach dem Schuljahr richtig zu sehen bekommen."

Einen Tag nach der Rückkehr nach Hogwarts suchte ihn Jeanne Dusoleil in der Bibliothek auf, wo er die neuen Hausaufgaben für Binns durchackerte. Sie hielt ihm den bekannten Artikel aus dem Miroir Magique unter die Nase und flüsterte:

"Da kann man ja eifersüchtig werden, mit wem du alles gesellschaftlich verkehrst. Aber dein Umhang sieht in Farbe doch wesentlich schöner aus. Irgendwie sieht der auf dem Foto wie ein schwarzer Schulumhang aus. Barbara hat sich amüsiert, daß du erst versucht hast, hinter der umfangreichen Madame Delamontagne in Deckung zu gehen. Fleur hat gesagt, daß du wohl Angst vor Öffentlichkeit hast, wenn du so Kamerascheu bist. Stimmt das?"

"Mir wurde verboten, Fragen zu beantworten. Bitte respektieren Sie das!" Kam Julius Jeanne mit der abwehrenden Antwort, mit der er Ossa Chermot abgewimmelt hatte. Jeanne mußte sich den Mund zuhalten, weil sie den Lachanfall nicht unterdrücken konnte. Dann hauchte sie ihm zu:

"Ich weiß jetzt, was Maman und Claire an dir so finden. Ich kann das jetzt voll nachempfinden."

Madame Pince kam herangeschlurft. Doch weil Jeanne sich von Julius entfernte, bestand für sie kein Anlaß, sich zu beschweren, daß die Ruhe in der Bibliothek gestört würde.

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