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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Der Dezember kündigte sich mit Schneefall an. Eines Morgens war das Gelände um das alte Schloß wie mit weißem Puderzucker bedeckt. Die ersten Schneeballschlachten tobten, bei denen Kevin und Julius gegen die Weasley-Zwillinge antraten und haushoch gewannen. Die Vertrauensschüler von Gryffindor und Ravenclaw versuchten zwar, die kindische Toberei zu unterbinden, fingen sich dabei aber immer Ladungen von Schnee ein. Percy, der Schulsprecher und ältere Bruder von Fred und George, drohte damit, ihrer gemeinsamen Mutter zu schreiben, wie sehr sie sich danebenbenahmen. Darüber konnten die zu Streichen aufgelegten Zwillinge nur lachen.

Zwei Wochen vor Weihnachten trafen sich Julius, Kevin, Fred und George in einem nicht sehr häufig benutzten Seitentrakt des zweiten Stockwerks. Fred hatte vor, eine Stinkbombe zu werfen. Julius bat darum, eine davon zur chemischen Analyse mitzunehmen. Vielleicht kam er darauf, wie man die Dinger noch heftiger machen konnte. Bei der Gelegenheit steckte er den beiden Spaßvögeln auch das Ding mit dem Natrium, daß er im See hatte explodieren lassen und wurde gefragt, ob er im Tausch für einige echte Filibuster-Kracher einige Natriumtabletten herausgeben wollte. Julius ließ sich auf den Handel ein.

Als dann eine Woche später in den Abflußrohren eines Toilettenraumes eine heftige Explosion einen Riesenschwall Wasser ausstieß, gingen Julius und Kevin vorsorglich in Deckung, obwohl sie sehr weit davon entfernt waren. Filch, der Hausmeister, krakehlte und schleuderte die wüstesten Drohungen um sich, als er den Schaden begutachtete.

"Das Zeug ist bombenstark", grinste Kevin, als er von der vergeblichen Suche nach den Schuldigen hörte. Sicher kamen die Weasley-Zwillinge in Verdacht. Julius hoffte nur, daß sie ihn nicht verraten würden. Doch auch darauf bereitete er sich vor, indem er sämtliche Vorräte explosionsgefährlicher Chemikalien in einem Geheimfach unterbrachte, daß er an seinem Koffer hatte, um die wertvollsten Besitztümer zu verbergen. Er mußte sich dabei vor der Miniaturabbildung von Rowena Ravenclaw vorsehen. Denn auch ein Bildnis galt in Hogwarts als Tatzeugin, wie der Vorfall mit der Eingangshüterin der Gryffindors bewiesen hatte.

Als Professor McGonagall unvermittelt in den Gemeinschaftsraum von Ravenclaw eintrat, wußte niemand, was dies zu bedeuten hatte. Sie verlangte nach Julius Andrews. Dieser kam mit einem Pokerface der reinen Unschuld aus dem Schlafsaal und stellte sich in Erwartungshaltung.

"Mr. Andrews, könnte es sein, daß Sie im Rahmen Ihrer privaten Studien der Muggelwissenschaften auch mit explodierenden Wirkstoffen zu tun haben?"

"Sicher. In meinen Büchern steht genug über die Gefährlichkeit verschiedener Gase und Pulver. Ich könnte Ihnen, rein theoretisch, aus Drachendung und einer großen Metallglocke ein Auffanggerät für brennbare Abgase bauen, mit denen die Schule beheizt werden kann."

"Ich frage Sie lediglich, weil es seltsam ist, daß zwei Explosionen innerhalb der letzten beiden Monate unmittelbar an oder im Wasser vorgefallen sind. Gibt es Wirkstoffe, die durch bloße Berührung mit Wasser zur Explosion gebracht werden können?" Wollte Professor McGonagall wissen.

"Ja, die Alkalimetalle, Lithium, Natrium, Kalium und Strontium. Sie reagieren mit Wasser zu Laugen und freiem Wasserstoff, der, weil die Reaktion sehr heftig ist, entflammt", dozierte Julius ganz sachlich.

"Dann werden Sie wohl auch meine nächste Frage beantworten können. Haben Sie derartige Stoffe in Ihrem Besitz"

"Nein, habe ich nicht. Das wäre auch zu gefährlich. Natrium und Kalium können Feuer auslösen, wenn Wasser auf sie tropft. Das Risiko wäre mir zu groß."

"Professor Snape und Professor Dumbledore, beide vertraut mit Wirkstoffen, haben eine Analyse des Wassers gemacht, daß bei der Explosion in der Toilette ausgespült wurde. Es wurde Natronlauge nachgewiesen. Das ist doch wohl ein Produkt aus der von Ihnen so vorbildlich zitierten Reaktion, oder?"

"zweifellos", erwiderte Julius Andrews. Der ganze Gemeinschaftsraum hörte gebannt zu. Gloria, Kevin und Fredo saßen in einer Ecke und hofften, sich nicht durch irgendwelche Gesichtszüge zu verraten.

"Wenn Sie also kein Natrium besitzen, muß jemand anderes mit dieser Substanz vertraut sein."

"Ich möchte ja nichts unterstellen, Professor McGonagall. Aber in der Bibliothek habe ich mehrere Bücher über nichtmagische Alchemie gefunden, die im wesentlichen Chemiebücher sind, wie ich sie auch besitze. Da kann sich also jeder die Kenntnisse zusammenlesen."

"Entbehrt es nicht einer gewissen Logik, daß Sie bei der ersten nichtmagischen Explosion Augenzeuge waren, die sich vor einiger Zeit am See ereignet hat?"

"Nein, tut es nicht", bestätigte Julius immer noch ruhig. Ihm gefiel das Ratespiel, daß die Verwandlungslehrerin mit ihm veranstaltete.

"Mir kam zu Ohren, und Professor Flitwick gestattete mir, mich selbst darum zu kümmern, daß Sie im Besitz einer kleinen Versuchseinrichtung sind, mit der Sie nichtmagische Wirkstoffe untersuchen oder zur Reaktion bringen können. Ich möchte mir dieses Ding gerne ansehen."

"Wenn Professor Flitwick Ihnen dazu die Erlaubnis gegeben hat", meinte Julius und wollte sich umdrehen, um seinen Chemiebaukasten zu holen. Doch die Hexe mit den viereckigen Brillengläsern hielt ihn mit einem Wort zurück. Dann zog sie ihren Zauberstab hervor und rief:

"Accio Chemiebaukasten!"

Keine Sekunde später sauste Julius' Chemiebaukasten herbei und landete leicht klirrend vor der Verwandlungslehrerin. Sie holte eine Pergamentrolle hervor und prüfte den Inhalt der kleinen Flaschen und Schachteln. Dann schickte sie den Chemiebaukasten mit einer anderen Beschwörungsformel wieder zurück an seinen Platz in Julius' Schlafsaal.

"Sie haben wieder Glück, Mr. Andrews. Es sind keine bedenklichen Substanzen enthalten. Lediglich die Säuren, die Sie in ihrem Baukasten haben, sollten Sie besser sichern. Ansonsten sind Sie von jedem Verdacht frei."

Als die Lehrerin für Verwandlung den Gemeinschaftsraum verlassen hatte, fragte Kevin:

"Kann mir mal wer sagen, warum sie das jetzt gemacht hat und nicht unser Hauslehrer?"

"Vielleicht dachte sie, Flitwick sei zu klein dafür", spottete ein Viertklässler und nahm sein Arithmantikbuch wieder auf, in dem er gerade gelesen hatte.

"Ich habe irgendwie das Gefühl, die hat dich auf dem Kieker, Julius. Die ist ja bald schlimmer als Snape", äußerte sich Fredo Gillers.

"Ich kann mir denken, daß sie besonders auf mich ausgeht, weil ich aus einer Muggelfamilie komme. Vielleicht fühlt sie sich berufen, mir zaubererweltlichen Anstand beibringen zu müssen", erwiderte Julius und grinste. Gloria sagte nur:

"Das glaubst du doch wohl selbst nicht, Julius. Da ist bestimmt noch was anderes im Spiel."

"Ich kann mir vorstellen, daß Snape dich jetzt besonders scharf beobachtet. Oder glaubst du, der ließe jemanden unbeobachtet herumlaufen, der sich mit nichtmagischer Alchemie so gut auskennt?" Warf Fredo Gillers ein.

"Ich werde damit leben lernen, daß er mir vielleicht schon deshalb Punkte klaut, weil er denkt, ich dürfe nicht so viel wissen. Aber er wird mir nicht überall hinterherlaufen können", stellte Julius fest.

"Vielleicht mobilisiert er die Slytherins, dich zu bespitzeln", meinte Dustin.

"Diese arroganten Schnösel. Die würden lediglich versuchen, mich bei einer sich bietenden Gelegenheit reinzureiten. Aber die würden nicht alle hinter mir herlaufen. Du hast doch Draco Malfoy gehört. Ich bin es nicht wert, von ihm beachtet zu werden."

"Das wollen wir mal hoffen", erwiderte Dustin McMillan.

 

 

Wie Julius angenommen hatte, verflog der Ärger rasch. Man behelligte ihn tatsächlich nicht mehr wegen der Explosion. Gloria fand jedoch heraus, daß Julius über eine lange Ahnenreihe hinweg mit Professor McGonagall verwandt war. Als die Listen herumgingen, in die sich eintragen konnte, wer über die Ferien in Hogwarts bleiben wollte, traf Gloria Julius in der Bibliothek und hielt ihm einen dicken Folianten unter die Nase, der "Genialogie berühmter Hexen und Zauberer" hieß.

"Kuck mal, was ich gefunden habe, Julius! In diesem Wälzer steht drin, daß eine Urahnin von Professor McGonagall, die mal hier als Krankenschwester gearbeitet hat, vor 250 Jahren einen Muggel geheiratet hat. Die Kinder dieser Familie konnten alle nicht zaubern, und so schien es, wäre das Erbe abhanden gekommen", erläuterte Gloria.

"Na und", erwiderte Julius.

"Betty und Jenna haben was erzählt, daß du eine Urahnin hast, die als einzige in einer langen Reihe zaubern konnte. Es ist ja dann nicht schwer, eins und eins zusammenzuzählen, nicht wahr?"

"Also was folgerst du, Gloria?" Fragte Julius.

"Das ihr beide, Professor McGonagall und du, eine gemeinsame Vorfahrin habt. Ich folgere weiter, daß McGonagall das genau weiß und sich besonders für dich engagiert. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber bin mir sicher, daß sie es war, die euch zu Hause besucht hat, um sicherzustellen, daß ihr erster magiebegabter wenn auch sehr entfernter Verwandter ordentlich unterrichtet wird, womit sie durchaus recht hat."

"Okay, bevor du das hier als Mutmaßung herumerzählst und damit unliebsame Gerüchte ausstreust gebe ich es zu. McGonagall war bei uns, weil ich mit ihrer Vorfahrin Megan McGonagall verwandt bin. Sie hat einen Vorfahren meines Vaters geheiratet. Als Professor McGonagall bei uns auftauchte, glaubten wir alle, sie hätte ihren Namen extra so gewählt, um die Vermutung zu schüren, daß sie wirklich die entsprechende Nachfahrin sei. Mein Vater hat ihr kein Wort geglaubt", meinte Julius Andrews.

"Ich verstehe, daß du nicht willst, daß das jemand anderes weiß", erkannte Gloria und errötete leicht, weil sie sich in Julius' Privatangelegenheiten gemischt hatte. "Ich sage das keinem. Hoffe nur, daß außer mir keiner darauf kommt, dieses Buch zu lesen!"

"Das läßt sich einrichten", ertönte eine strenge Frauenstimme hinter den beiden Ravenclaw-Erstklässlern. Professor McGonagall, die leise an die beiden herangetreten war, nahm Gloria schweigend das Buch aus den Händen und sagte:

"Ich heiße es sehr gut, daß Mr. Andrews kein Aufsehen um benannte Vorfahrin macht und nicht mit meinem Besuch prahlt. Da Sie, Ms. Porter, wohl nicht die einzige sein dürften, die neugierig und logisch genug ist, um die Beziehung zwischen Julius Andrews und mir zu ermitteln, ziehe ich dieses Buch einstweilen ein. Im Moment wird es ja doch nicht benötigt."

"Ich versichere Ihnen, Professor McGonagall, daß ich nicht weitererzählen werde, was ich herausbekommen habe", versprach Gloria, ohne daß sie darum gebeten worden wäre.

"Damit täten Sie Ihrem Schul- und Hauskameraden einen großen Gefallen. Wie ich ihn einschätze, liegt ihm nichts an Prahlerei. Ist es nicht so, Andrews?"

"Was hätte ich davon? Sie dürften mir überhaupt keine Punkte mehr geben, weil jeder dächte, Sie würden mich bevorzugen. Die anderen Professoren würden nicht mehr neutral mit mir umgehen, und meine Kameraden und Hausgenossen würden entweder meinen, mich als Verbindungsmann zu Ihnen benutzen zu können oder mich anderweitig ausnutzen. Ich habe das mit meinem Vater erlebt. Es reicht mir, danke!"

"Komisch. Andere Schüler haben überhaupt kein Problem damit, Ihre Herkunft zu betonen", meinte die Verwandlungslehrerin. Julius vermeinte, den Anflug eines Lächelns auf ihrem strengen Gesicht zu erkennen.

"Wenn die es nötig haben, bitte schön. Ich brauche das nicht. Wenn wer mich irgendwie einschätzt, dann nach dem, was ich mache", entgegnete Julius Andrews.

"Es ist auf jeden Fall gut, daß Sie nicht in meinem Haus untergekommen sind. Dadurch wird jeder möglichen Spekulation auch noch der Boden entzogen. Und wie bereits erwähnt: Sie werden hier keine Sonderbehandlung erhalten. Wenn Sie sich an das halten, was Sie gerade gesagt haben, kommen Sie hier sehr gut zurecht."

Dann verschwand die Verwandlungslehrerin durch die Eingangstür zur Bibliothek.

"Gut, daß sonst keiner hier war", meinte Julius. Er mußte den Auftritt der stellvertretenden Schulleiterin erst einmal verdauen.

"Dann hätte sie nichts gesagt", vermutete Gloria.

 

 

Fast alle Schüler von Hogwarts wollten in den Ferien zu ihren Eltern und sonstigen Anverwandten.

Professor Flitwick gab am Vorabend der Heimfahrt die Abfahrtszeit des Hogwarts-Expresses bekannt und gab auch an, daß die Schüler am 3. Januar wieder zurückkehren sollten.

"Sie besteigen morgen früh unsere Wagen und werden nach Hogsmeade gefahren, wo Sie in den Zug einsteigen, der um 10.00 Uhr losfährt. Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Weihnachtszeit, und kommen Sie erfrischt und zu neuem Lernen angeregt hierher zurück!"

Flitwick bestellte Julius Andrews noch mal in sein Büro.

"Ich hoffe, mit Ihren Eltern ist nun alles geklärt", begann er. Julius nickte, obwohl er selbst nicht so zuversichtlich war.

"Dann gehe ich davon aus, daß Sie nach den Ferien genauso enthusiastisch zurückkehren, wie bei Ihrer Einschulung."

"Ich werde mich bemühen", erwiderte Julius Andrews.

In der letzten Nacht vor der Heimfahrt dachte Julius über die ersten Monate seiner neuen Schulzeit, ja seines neuen Lebens nach. Er hatte neue Freunde gefunden, die alle einen völlig anderen Hintergrund hatten, als er bisher erlebt hatte. Er dachte an Gloria, die sich wohl ohne große Ankündigung als seine Wegführerin engagierte. Sie hatte ihm die Angst vor seinen Kräften genommen und ihn immer wieder darauf hingewiesen, einer von ihnen, ein Zauberer, zu sein, wenn er von seiner früheren Welt so sprach, als wäre er noch darin und würde es auch bleiben.

Er erinnerte sich an die vielen interessanten und lustigen Diskussionen mit seinen Bettnachbarn, die im Grunde genommen so waren, wie alle Elfjährigen. Aufgeweckt, unternehmungslustig und nicht so auf Regeln bedacht.

Er dachte an Professor McGonagall, die sich darum bemühte, ihn mit den Fertigkeiten eines Zauberers vertraut zu machen, ohne sich als Wegführerin aufzuspielen.

Er dachte an die Slytherins, die meinten, Schüler wie ihn mit einer derartig großen Überheblichkeit zu behandeln, als seien sie die Kinder der herrschenden Familien. Sicher, in Eton wären ihm derartige Leute auch über den Weg gelaufen. Man hätte ihn dort nach dem beurteilt, was er war und nicht nach dem, was er leisten konnte. Insofern war er hier besser untergebracht.

Julius überlegte auch, wie er seinen Eltern gegenübertreten wollte. Diese gingen offenbar davon aus, daß Hogwarts lediglich eine kurze und bald zu vernachlässigende Zwischenstufe sei. Er wußte nun, daß sich hier und jetzt sein weiteres Leben entschied und auch seine gesellschaftliche Stellung. Er dachte daran, sich mit den Freunden, die er hier gewonnen hatte, auch während der Ferien zu treffen und schmunzelte bei dem Gedanken, daß seine Eltern ihn lieber mit chaotischen Leuten seiner alten Schulbande herumlaufen lassen würden, als mit gesitteten aber ihnnen fremden Jungen und Mädchen.

Was die Häuser anging, so mußte sich Julius dabei ertappen, daß er selbst die Denkweise angenommen hatte, daß Slytherins gegen alle Tugenden ehrgeizig, die Gryffindors durch besondere Tatkraft hervortraten, die Hufflepuffs mehr durch Einsatzfreude und Kameradschaft als durch Leistung und Ergebnis hervortraten. Daß den Ravenclaws hingegen übermäßige Denkerei vorgehalten wurde, konnte er so nicht bestätigen. Sicher, hier galt der Wissenserwerb viel mehr als vielleicht in Gryffindor. Doch er hatte weder bei sich, noch bei anderen einen Hang zu übermäßiger Kopflastigkeit festgestellt. Sicher, Gloria, Gilda und er waren häufig in der Bibliothek anzutreffen, und Gloria interessierte sich neben den aufgegebenen Dingen für seine Studien. Doch sowohl sie, als auch die anderen Ravenclaws konnten sich auch der einfachen Freude hingeben, wie er es bei den Quidditchspielen miterlebt hatte.

Dann war da noch Aurora Dawn, seine Wegbereiterin von jetzt auf nachher. Sie war auch eine Ravenclaw-Schülerin. Er hätte sie nie für übertrieben kopflastig angesehen, obwohl sie wohl sehr lerneifrig gewesen war. Die Tatsache, daß sie mit ihm immer noch in Briefkontakt stand, führte Julius auf ihr Grundinteresse an seiner Entwicklung zurück. Er dachte daran, daß er sie nicht kennengelernt hätte, wenn sein Vater nicht versucht hätte, ihn von den Mitarbeitern von Hogwarts fernzuhalten. Hoffentlich durfte er sie wiedersehen, auch wenn er wußte, daß sie mehr eine wohlwollende Bekannte als eine gute Freundin für ihn sein konnte.

Dann waren da noch die Lehrer von Hogwarts. Dumbledore erschien ihm irgendwie kauzig, teilweise auf Scherze ausgehend, teilweise sehr erhaben auftretend. Er war sich über den Schulleiter nicht so ganz im klaren. Doch da war er ja nicht der einzige. Professor McGonagall, die er bereits als Wegführerin im Hintergrund angesehen hatte, bildete einen gewissen Gegensatz zu Dumbledore und ergänzte ihn wunderbar.Professor Sprout, die Kräuterkundelehrerin, erschien ihm mit ihrer Arbeit richtig verwoben zu sein. Er wußte jedoch nicht, ob er sich nun unfreiwillig anbiederte oder tatsächlich nur das leistete, was von ihm erwartet wurde, wenn er in ihren Stunden sein Wissen und Können zeigte.Professor Flitwick wirkte trotz oder gerade wegen seiner geringen Körpergröße stark, wenngleich nicht übermäßig autoritär. Er bezog seine Stärke wohl aus dem Respekt vor seinen Kenntnissen. Binns, der Geschichtslehrer, erschien ihm ebenso sonderbar, vielleicht weil er ein Geist war. Richtig mysteriös erschien ihm Professor Snape. Was trieb diesen Mann an, so ungerecht zu sein, ja geradezu bösartig? War es wirklich nur die Verbundenheit mit Slytherin, oder war da noch was anderes? Julius stellte sich vor, daß Snape auch zu denen gehört hatte, die diesem Lord Voldemort gefolgt waren. Dachte Snape daran, die Rückkehr seines alten Meisters vorzubereiten, oder eher daran, seine Rückkehr möglichst unmöglich zu machen? Am besten empfand er den Unterricht beiProfessor Lupin. Zum einen sprach er die Schüler mit Vornamen an und duzte sie auch. Zum anderen war sein Unterricht sehr kurzweilig und aufschlußreich, auch wenn er gefährliche Themen lehrte.

Julius dachte zum Schluß an den Irrwicht, der ihm vorgesetzt worden war, als er darauf bestanden hatte, zu erfahren, ob er nun von der Schule verwiesen würde. Eines war mit Sicherheit anders geworden. Julius hatte keine Angst mehr vor seiner Zukunft.

Nach den Weihnachtsferien würde er mit Kevin zusammen am Nachwuchstraining für die Ravenclaw-Hausmannschaft teilnehmen. Sicher, der erste Besenflugunterricht war für ihn toll verlaufen. Doch ob er sich wirklich zum Spieler der Hausmannschaft eignete, konnte er sich noch nicht vorstellen.

Als Julius schlief, träumte er von seiner Heimkehr. Sein Vater eröffnete ihm, daß er nun wieder zu Hause sei und nach den Ferien doch nach Eton fahren würde, da er es geregelt habe, daß sein Sohn noch anschließend eingeschult werden konnte. Julius hatte sich damit abgefunden, bis am Weihnachtstag zwei Dementoren die Haustür aufbrachen und hereinkamen. Der große Weihnachtsbaum war erloschen, genau wie alle Kerzen. Seine Eltern sahen die unheimlichen Wesen nicht. Sie fühlten sich nur elend. Einer der Dementoren fragte nach Sirius Black. Der Massenmörder sollte sich in diesem Haus versteckt halten. Julius trat den beiden entgegen und schaffte es, genau das Silberzeug zu verschießen, das Dumbledore gegen die Dementoren auf dem Quidditch-Feld verschossen hatte. Daraufhin waren sie wieder abgezogen. Sein Vater, der nun merkte, daß sein Sohn doch besser weiter zaubern lernen sollte, hatte die nachträgliche Umschulung noch rückgängig gemacht.

Als Julius wieder erwachte, war es genau sechs Uhr morgens. In vier Stunden sollte der Hogwarts-Express nach London abfahren. Julius stand auf. Er konnte nicht mehr schlafen. Leise packte er seine Sachen zusammen und verschloß den Koffer gründlich. Er schlich sich in den Gemeinschaftsraum, wo Cho Chang gerade einen Eulenbrief fertigschrieb. Sie zuckte zusammen, als Julius wie ein Indianer an sie heranschlich.

"Wußte nicht, daß ihr schon so früh aufseid", sagte sie leicht verstört. Julius entschuldigte sich für das Anschleichen und setzte sich an einen Tisch, wo er eine Ausgabe des grünen Magiers fand, eines Magazins der Zauberkräuter, daß ein Sechstklässler dort hatte liegen lassen. Er überflog die Artikel mit den gestochen scharfen Abbildungen und fand auch einen Bericht über die Verwendung des nordafrikanischen Sonnenkrautes Herba africana heliotropa, der von Aurora Dawn verfaßt worden war. Er las den Artikel gründlich und erfuhr, daß die in Australien lebende Hogwarts-Absolventin entdeckt hatte, daß das Wüstenkraut in Verbindung mit einigen australischen Pflanzen zu einer sofortwirkenden Sonnenbrandsalbe zusammengestellt werden konnte. Sie beschrieb die Fundorte der verwendeten Kräuter, wie man sie züchten konnte und wie die Heilsalbe hergestellt werden mußte. Anschließend las er noch von fleischfressenden Pflanzen, die im Kampf gegen den Feuerstachelkäfer eingesetzt werden konnten.

Als Julius die für ihn interessanten Artikel beendet hatte, legte er die Zeitschrift wieder auf den Tisch.

"Auch schon auf?" Fragte eine leicht verschlafen klingende Gloria Porter, die gerade in den Gemeinschaftsraum kam. Julius nickte.

"Ich habe so'm komisches Zeug geträumt. Als ich dann wach wurde, war es sechs Uhr. Jetzt will ich noch frühstücken, dann kann die Heimfahrt losgehen. Ich fürchte nur, daß meine werten Eltern meinen, mich in den nächsten Tagen diversen Prüfungen unterziehen zu müssen. Ich denke nicht, daß mein Vater wirklich einen Zauberer in der Familie haben will."

"Ach denkst du wieder daran? Stell dir mal vor, ich würde meinen Eltern einzureden versuchen, daß ich Muggel werden will. Sie würden lachen. Du kommst auf jeden Fall wieder hierher. Das ist sicher. Ich wollte dich sowieso fragen, ob wir uns in den Ferien mal treffen können, um eines dieser Laufbildtheater zu besuchen, die Kinos heißen. Meine Tante Greta schwärmt davon. Sie meint, auch wenn die Muggel keine richtig lebendigen Bilder machen könnten, wäre Kino doch was besonderes."

"Läßt sich einrichten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob meine Eltern nicht schon die Ferien total verplant haben."

"Das weiß ich bei meinen auch nicht. Daddy wollte mit uns über den Weihnachtstag zu unseren Verwandten in Wales. Aber ich denke, daß zwischen Weihnachten und Neujahr ein Tag drin ist. Wir werden sehen."

"Freuen würde es mich allemal. Sicher, ich würde auch gerne meine alten Schulfreunde wiedersehen, um zu sehen, wie die mit ihrer neuen Schule klarkommen. Doch wenn du wirklich mal ein Muggelkino besuchen willst, gehe ich mit."

Langsam trafen sich die übrigen Ravenclaws im Gemeinschaftsraum. Wie Gloria und Julius trafen noch weitere Schüler Verabredungen. Julius dachte, daß die meisten Leute wohl keine Probleme mit ihren Eltern kriegen würden, wenn sie sich treffen wollten.

Noch einmal in diesem Jahr trafen sich die Bewohner der vier Häuser zum Frühstück in der großen Halle. Über den Tischen schwebte eine gewisse Spannung. Wie würden sich die Dinge zu Hause entwickelt haben. Julius war froh, daß er nicht der einzige Junge war, der sich darüber Gedanken machte. Sicher, er hatte die Fußballergebnisse gelesen, kannte auch die übrigen Sportergebnisse und hatte sich durch vier große Bücher der Naturwissenschaften durchgelesen. Doch das alles war ja nichts im Vergleich zu den Dingen, die er nicht mitbekommen hatte.

Die Hauslehrer versammelten ihre Schüler vor dem Portal und verteilten sie auf mehrere hundert Kutschen, die von unsichtbaren Pferden gezogen wurden. Gleichzeitig gaben sie an alle Schüler Zettel aus, auf denen stand, daß sie während ihrer Ferien nicht zaubern durften, weil ein Gesetz zur Beschränkung der Zauberei bei Minderjährigen dies so verlange. Julius, Gloria, Kevin, Fredo, Marvin, Eric und Gilda teilten sich einen Wagen und fuhren damit zum Bahnhof von Hogsmeade. Dort bestiegen sie mit ihrem Gepäck den wartenden Hogwarts-Express, dessen scharlachrote Lock bereits unter Dampf stand. Schnee lag auf der Strecke, und kalt wehte der Wind.

Die Besatzung des Zauberfuhrwerks teilte sich auch ein Abteil des Expresses. Zwar waren sie mit sieben Mann mehr, als in ein Abteil hineinpaßten, doch irgendwie ging es schon, zumal Gilda und Fredo nicht gerade übermäßig ernährt wirkten.

"Ich freue mich schon darauf, meine Geschwister wiederzusehen", erzählte Gilda Fletcher. Gloria fragte, wieviele Geschwister sie denn habe und erfuhr, daß drei Brüder und eine Schwester zwischen vier und acht Jahren zu Hause auf den Weihnachtsmann warten würden. Kevin berichtete von seinen zwei Brüdern, die mit ihm und seinen Eltern über Weihnachten zu den Großeltern aufs Land fahren würden.

"Ich denke mal, meine Eltern werden wissen wollen, ob sie mit mir noch in ihrem Bekanntenkreis angeben können", warf Julius ein, und aus seiner Stimme klang eine leichte Frustration. "Mein alter Herr hat schon soetwas angedroht, daß ich irgendwie auf mein Muggelwissen geprüft werden soll."

"Was? Wir fahren doch nicht in die Ferien, damit jemand noch mehr Prüfungen aufkriegt. Nichts gegen Lernen. Aber wenn jemand, der kein Lehrer ist, in den Ferien anfängt, Noten oder sonstige Bewertungen zu vergeben, sollte man doch vielleicht in der Schule bleiben", empörte sich Fredo. "Stell dir mal vor, mein Vater käme auf die Idee, mich in Zauberkunst zu prüfen, nur weil der seinerzeit selbst ein großer Zauberkunstschüler war."

"Besser Zauberkunst, als Zaubertränke", warf Marvin ein, dem die letzte Zaubertrankstunde noch in den Knochen steckte. Snape hatte ihn von der Mixtur kosten lassen, die er angerührt hatte. Danach mußte er zwei Stunden in einer Tour herumrennen, weil der Trank ein Bewegungszwanggebräu war, obwohl sie ja eigentlich einen Stärkungstrank hatten brauen sollen. Aurelia Merryweather, seine Tischnachbarin von den Hufflepuffs, hatte sich köstlich amüsiert.

"Hmm, diese Zauberbeschränkung gilt die auch für Zaubertränke?" Wollte Julius wissen.

"Das Brauen wird wohl niemand nachkontrollieren können. Aber wenn du wem was verabreichst, und der Proband fällt irgendwie auf, könnte das Ärger geben", meinte Marvin. Sein Vater arbeitete in der Abteilung zur Überwachung der Zauberei. Er erklärte auch, daß das Ministerium geheime Methoden kenne, jeden Zauber zu entdecken, vor allem dann, wenn er in einem im weiten Umkreis von Muggeln bewohnten Gebiet gewirkt würde. Julius mutmaßte, daß es da wohl sowas wie ein Netzwerk gebe. Er hatte in einem Buch über Zauberkunst etwas von Magolithen, auf Zauber reagierende Mineralien gelesen. Womöglich wurde damit ein Zauber bestimmt und genau geortet.

"Das weiß ich nicht. Mein Vater läßt sich darüber nicht aus. Ist aber interessant. Vielleicht kann man diese Zaubersteine auch mal irgendwie anders verwenden", meinte Marvin.

"Das ist wohl ein Bereich der Alchemie. Es wird auf ein Buch verwiesen, von dem ich sicher bin, daß es in der verbotenen Abteilung steht", ergänzte Julius.

"Irgendwie können die Zauber erkennen und teilen das denen, die nicht zaubern dürfen, sofort mit. Meine Cousine ist mal ausgerastet und hat über ihren Freund einen Ganzkörperklammerfluch verhängt. Kaum war der Bursche magisch blockiert, kam eine Eule vom Ministerium und brachte eine schriftliche Verwarnung mit Datum, Uhrzeit und Art des registrierten Zaubers, inklusive dem Befehl, den Zauber sofort wieder rückgängig zu machen und fortan nicht mehr gegen die Beschränkung zu verstoßen."

"Wie ging dieser Fluch noch mal? Ach ja! Petrificus totalus", kommentierte Julius das, was Kevin gerade erzählt hatte.

Die Rückfahrt verlief im wesentlichen ruhig, weil die meisten Insassen des Abteils schliefen. Als die Hexe mit dem Verkaufswagen an ihrem Abteil vorbeikam, kauften alle eine Kanne Kürbistee und Schokofrösche. Dabei kam Julius zu einer Sammelkarte von Megan McGonagall, einer rundlichen Hexe mit schwarzem Lockenhaar und braunen Augen, die in einer weißen Schwesterntracht dargestellt wurde. Er las:

"Megan Bakersfield geb. McGonagall. Geboren 1717. Gestorben 1835. Spezialisierte sich bereits in jungen Jahren auf die magische Heilkunde und entwickelte wirksame Antigifte und Schnellheilzaubertränke, wie das Knochenwachstumsgebräu Skele-Wachs und das Schockheilmittel Recalmasin. Sie heiratete 1743 den Muggel Louis Bakersfield und zog mit ihm nach Hainburg. Allerdings behielt sie ihre Anstellung als Heilerin in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei. Sie bekam vier Kinder, die alle keine Zauberkräfte entwickeln konnten. Ebenso zeigten deren Kinder keine Zauberkräfte. Jeder Versuch, das Ausbleiben der Zauberkräfte zu erklären, scheiterte."

"McGonagall? Die ist doch nicht etwa mit unserer Professor McGonagall verwandt?" Wunderte sich Kevin. Julius und Gloria sagten nichts dazu. Julius scherzte nur:

"Die muß ja von ihren Eltern dumm angemacht worden sein, weil sie keine Zauberer ausgebrütet hat. Muß wohl der hinterletzte Muggel gewesen sein."

Alle lachten über diese abfällige Bemerkung. Julius meinte:

"Ich behalte das Bild für meine Eltern, damit die beruhigt sind, daß nicht jeder, der zaubern kann, auch Zauberer als Nachfahren haben muß."

Als hätte die Miniaturdarstellung von Megan McGonagall ihn genau verstanden, schüttelte sie den Kopf und machte dabei ein Gesicht, wie Professor Minerva McGonagall, wenn sie jemanden maßregeln wollte. Julius steckte das Bild schnell in eine tiefe Tasche seines Umhangs.

Kurz vor der Ankunft in London Kings Cross zogen sich die Hogwarts-Schüler ihre Straßenkleidung wieder an. Gloria und Gilda blieben solange vor der Abteiltür stehen, bis die Jungen sich umgekleidet hatten. Dann warteten die Jungen vor dem Abteil, bis sich die Mädchen umgezogen hatten. Als sie schließlich auf Gleis 9 3/4 ankamen, war der verborgene Bahnsteig schon voller Erwachsener, die alle in normalen Straßenkleidern auf ihre Kinder, nichten oder Neffen warteten. Julius sah den Zauberer mit dem Goldzopf, der statt eines Umhangs einen blauen Wintermantel und eine Bärenfellmütze trug. Neben ihm stand ein ihm ähnelder Mann, der eine weißblonde Igelfrisur trug und in einem grauen Geschäftsleuteanzug steckte.

"Ach, mein Vater ist auch schon wieder in London", stellte Gloria fest. Dann sah Julius noch die Eltern von Fred und George Weasley und bemerkte, daß Mrs. Weasley in dieser Familie wohl die Hosen anhatte. Denn sie dirigierte ihre Kinder, kaum daß sie den Zug verlassen hatten und verschwand mit ihnen und ihrem Mann durch die magische Absperrung.

Julius bugsierte seinen wuchtigen Koffer aus dem Einstieg des Wagons, dann half er den Mädchen aus seinem Abteil, ihre Koffer aus dem Zug zu befördern. Als sie alle auf dem Bahnsteig standen, den kein Muggel kannte, begrüßte ihn der blondgezopfte Zauberer, der Julius zu Schuljahresbeginn mit seinen Sachen geholfen hatte.

"Hallo, die ersten Monate wohl verbracht?"

"Jawohl, habe ich", erwiderte Julius erfreut. Dann sah er, wie Gloria zunächst ihrem Vater, dann ihrem Onkel um den Hals fiel. Neben Glorias Vater tauchte eine ziemlich hochgewachsene Frau mit weißblonder Lockenfrisur auf, die Gloria Porters älteres Spiegelbild zu sein schien. Sie trug einen weißen Wintermantel, der aus Eisbärenfell zu bestehen schien. Julius starrte der Fremden in die graugrünen Augen, als wolle er sich vergewissern, keinen Geist vor sich zu sehen.

"Gefällt Ihnen meine Frau, junger Mann? Sie kommen nur fünfzehn Jahre zu spät" flötete der Mann im grauen Geschäftsleuteanzug belustigt. Julius errötete total. Gloria lachte.

"Er hat nur sichergestellt, daß er mich in zwanzig Jahren noch wiedererkennen kann", lachte Gloria Porter. Dann stellte sie Julius ihre Eltern vor und umgekehrt.

"Ja, sicher. Ich habe von dir gehört. Du wolltest wissen, wie wir Muggelgeld verrechnen. Und, hat's deinem Vater was genützt, oder wer in deiner Familie das Geld verwaltet?"

"Die Umrechnungstabellen waren sehr wertvoll", antwortete Julius immer noch verlegen. Gloria sagte:

"Du wirst Julius vielleicht noch häufiger am Bahnsteig sehen können, Daddy. Seine Eltern haben dank deiner Hinweise erkannt, wie sie ihm Hogwarts finanzieren sollen."

"Dann ist es ja gut. Es ist nämlich nicht besonders angenehm, in der Welt herumzureisen und zu wissen, daß es einige Zauberer gibt, die aus falsch verstandenem Spparwillen keine gescheite Ausbildung bekommen haben und von jetzt auf gleich irgendwas anstellen können. Grüße deine Eltern!"

"Mach ich", erwiderte Julius. Dann fragte Glorias Mutter:

"Wie gefällt dir Zauberschach? Ist doch besser als diese eklektonischen Automaten, oder?"

"Mir war es ja leider unmöglich, meinen Schachcomputer gegen das Schachspiel Ihrer Tochter antreten zu lassen", antwortete Julius Andrews.

"Das war bestimmt gut so", erwiderte Mrs. Porter und grinste. Julius verstand, wer in dieser Familie für das königliche Spiel zuständig war.

Die Porters begleiteten Julius mit seinem Gepäck bis zur magischen Absperrung und durchschritten sie mit ihm zusammen, als der Wächter an der Barriere sie durchwinkte. Auf der anderen Seite standen bereits Julius Eltern. Neben ihnen stand eine junge Frau mit rotblonden Haaren, die einen violetten Umhang trug. Auf ihrer linken Schulter hatte sich eine schwarzweiße Katze zusammengerollt.

"Komm, lass' uns machen, daß wir hier wegkommen", waren die ersten Worte, die Julius von seinem Vater hörte. Dione Porter hatte es wohl gehört und sah kurz aber sehr energisch herüber. Julius vermeinte, ein warnendes Funkeln in den grünen Augen zu erkennen.

Vor dem Bahnhof wuchteten Julius und sein Vater den schweren Koffer in den geräumigen Kofferraum des Bentleys, den Richard Andrews standesgemäß fuhr.

"Schön, daß du wieder da bist", sagte Julius' Mutter, als sie alle im Wagen saßen und vom Parkplatz wegfuhren.

"Ich hoffe, du hast die Bücher lesen dürfen, die ich dir geschickt habe", meinte Richard Andrews.

"Ich habe noch nicht gehört, daß du guten Tag zu mir gesagt hast, Paps", stellte Julius leicht verärgert fest. Richard Andrews fuhr zusammen, als habe sein Sohn ihm einen Schlag in den Nacken versetzt.

"Die wichtigsten Dinge immer zuerst", sagte er barsch.

"Zum einen, ja, ich habe die Bücher gelesen. Zum anderen, ich habe wahrlich genug Aufgaben aufgehabt, um mir meine Ferien verdient zu haben. Wenn du also danach trachtest, mir die Freizeit zu Hause zu verplanen, bleibe ich über Ostern in Hogwarts. Falls du also etwas von mir wissen möchtest, solltest du das an einem Tag abhandeln."

"Wie redest du mit mir?" Fragte Richard Andrews.

"So wie jemand, der erkannt hat, daß er nicht dein Leben leben kann", stellte Martha Andrews kühl fest. "Du hast doch selbst mit diesem Flitwick Briefkontakt gehabt."

"Ja, und dabei war keine Einladung zu einem Elternabend oder soetwas. Gibt es das da nicht?"

"Doch. Auf Anfrage. Da sind sieben Klassen untergebracht, aber nur fünfzehn Professoren. Wenn du einen Termin bei jemandem haben willst, mußt du bei Professor McGonagall um einen Termin bitten", erklärte Julius.

"Und wie komme ich dann nach Hogwarts? Angeblich soll ja kein Nichtmagier wissen, wo das ist."

"Das wird man dir dann wohl mitteilen. Zauberer wissen ja, wo Hogsmeade liegt."

"Was diese Prüfung angeht, so wird die sich in praktischen Übungen erschöpfen, Pufferlösungen ansetzen und dosierte Salzbildungen. Das sollte an einem Tag machbar sein. Aber unterlasse es, Zauberkräfte zu verwenden!"

"Denkst du, ich will mich um den Spaß bringen?" Grinste Julius. Er wollte noch nicht verraten, daß er zu Hause nicht zaubern durfte. Wenn seine Eltern das noch nicht wußten, sollten sie es erst erfahren, wenn es sein mußte.

Auf dem restlichen Weg nach Hause wurde über die Schulkameraden gesprochen. Julius erwähnte auch die Slytherins, die seiner Meinung nach eingebildete Wichtigtuer seien. Er erwähnte auch, daß man ihn für die Nachwuchsmannschaft im Quidditch-Team vorgeschlagen hätte.

"Nichts für ungut. Aber über Weihnachten kommen deine Tanten und Onkel. Die glauben, du seist zwar nicht in Eton, weil die Prüfungen nicht geschafft worden seien, aber wo genau du gelandet bist, wissen sie nicht. Und ich begrüße es, wenn dies so bleiben würde", meinte Julius' Vater. Julius fragte:

"Kommt Generaldirektor Goodwin auch zu Besuch?"

"Genau. Er und seine Frau haben sich für den Tag nach Weihnachten angekündigt. Am besten stimmen wir uns ab, was du erzählen solltest."

"Das ist auch im Sinne der Zaubererwelt, wenn ich nicht erzähle, daß ich für ein anderes Leben bestimmt bin, als für einen Posten, wie du, Mum oder Generaldirektor Goodwin ihn bekleiden. Es könnte zu Minderwertigkeitskomplexen führen."

"Woher hast du denn das Wort?" Wunderte sich Martha Andrews.

"Ich habe viel gelesen", versetzte Julius knapp.

Sie entschieden sich, Julius würde auf die Theodor C. Beaufort-Schule gehen, eine Einrichtung, die erst vor einem Jahr eröffnet und ausschließlich für Kinder aus Manager- oder Wissenschaftlerfamilien reservviert sei.

"So dumm wie seine beiden Söhne sind, wird Goodwin nie darauf kommen, sich nach den Ausbildungsmöglichkeiten zu erkundigen. Vor allem daß dort Jungen und Mädchen zusammen unterrichtet werden, dürfte ihm den Appetit darauf verderben, seine Söhne dort einzuschulen", bemerkte Martha Andrews mit leichtem Grinsen. Ihr Mann nickte. Das erschien ihm als glaubhafte Lösung. Julius erklärte sich einverstanden.

Am Abend - Julius mußte sich erst wieder daran gewöhnen, ein Zimmer für sich allein zu haben - klopfte etwas an seine Fensterscheibe. Er öffnete leise und ließ einen krähengroßen, weißbraunen Vogel ein. Julius erkannte sofort, daß dieser Vogel kein einheimisches Tier Großbritanniens war und überlegte, welche Aufgabe der Vogel erfüllen sollte. Das Tier gab einen merkwürdigen Ruf von sich, der so klang, als würde er lachen. Julius wollte schon sagen, daß seine Eltern nebenan schliefen, als das Telefon klingelte. Julius hoffte, daß sein Vater vielleicht wieder zu einer unmöglichen Sonderschicht gerufen wurde. Er streichelte den Vogel, damit er nicht noch mal sein Lachen ertönen ließ und stellte fest, daß er auf dem Rücken eine kleine Tragetasche beförderte, in der ein zusammengerolttes Pergament lag. Julius entfaltete das Pergament und las:

 

Hallo, Julius,

ich hoffe, du bist gut aus Hogwarts zurückgekommen und verbringst zwei erholsame Ferienwochen zu Hause. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dich am 29. Dezember zu einer Rundfahrt durch den botanischen Garten von Hiddden Groves einladen könnte. Ich habe auch gehört, daß du bereits gute Flugfortschritte gemacht hast. Das würde ich gerne sehen.

Ich denke, daß ich deine Eltern ohne Gewaltanwendung davon überzeugen kann, daß du nicht nur Muggel und Jungzauberer kennen solltest, sondern auch mit dem Leben erwachsener Zauberer und Hexen vertraut gemacht werden solltest. Denn wir sind uns ja wohl nun einig darüber, daß du deinen Platz eher in der Zaubererwelt finden wirst als in der Muggelwelt.

Wir sehen uns

Aurora Dawn.

 

Julius grinste. Was versprach sich die ehemalige Hogwarts-Schülerin und Jägerin im Ravenclaw-Team davon, ihn in die Welt der Zauberer einzuführen? Er würde in zwei Jahren womöglich Hogsmeade besuchen dürfen. Da würden ihm so viele Zauberer und Hexen über den Weg laufen. Doch dann dachte er daran, wie die Anderen aus seiner Schulklasse reagierten, wenn er von sich erzählte oder zeigte, wie wenig er wußte. Vor allem faszinierte es ihn immer wieder, wenn die Sprache auf Lord Voldemort gebracht wurde. Selten hatte er Leute so ängstlich reagieren sehen können. Vielleicht meinte Aurora Dawn, ihn nicht völlig unvorbereitet auf fremde Hexen und Zauberer treffen lassen zu dürfen. Gut, das sah er ein.

In der Tragetasche des Vogels lag noch ein kleiner Zettel auf dem stand:

"Gib Chackie bitte zwei zuckerfreie Getreideplätzchen. Sie fliegt immer so lange herum, daß sie fast im Flug verhungert.

Aurora!"

Julius suchte den Tisch nach bereitgestellten Keksen ab und fand tatsächlich zuckerfreie Kekse. Er gab dem Vogel einen und wartete, bis dieser ihn gegessen hatte. Dann gab er ihm noch einen. Er hörte, wie sein Vater im Wohnzimmer "Jawohl, Professor Donaldson" und "Ich bin gleich da, Sir" sagte.

"Also ich such mir was aus, wo ich bei Sonnenuntergang die Läden zumachen kann", entschloß sich Julius. Dann streichelte er den fremden Vogel und sagte:

"Ich schreibe deiner Freundin noch was, daß du bitte mitnehmen möchtest." Dann nahm er ein leeres Pergament und schrieb:

 

 

Hallo, Ms. Dawn!

Ich bin wieder gut nach Hause gekommen und würde mich freuen, Ihre Einladung anzunehmen. Allerdings weiß ich nicht, wie meine Eltern darauf reagieren werden. Außerdem wollte ich Ihnen noch schreiben, daß wegen eines Verbrechers aus Askaban Dementoren dieses Gefängnisses Hogwarts umstellt halten, weil der Flüchtige offenbar zu unserer Schule wollte. Mir machen diese Wesen etwas Angst und ich wußte nicht, wem außerhalb von Hogwarts ich darüber etwas schreiben konnte. Womöglich werden alle Eulen erst einmal abgefangen und die Briefe überprüft, daher schreibe ich jetzt erst über sie.

Einer der älteren Mitschüler scheint sowohl Ziel des Flüchtigen zu sein als auch besonders anfällig für die Kräfte der Dementoren. Im ersten Quidditchspiel ist er abgestürzt, als Dementoren ins Stadion kamen. Ich wollte nicht darüber spekulieren, als ich noch in der Schule war. Aber ich glaube, sie versuchen, den Jungen besonders heftig zu treffen. Dies nur, damit Sie wissen, was so in unserer Schule los ist.

Hochachtungsvoll

Julius Andrews

 

 

Julius steckte den Brief in die Tragetasche des exotischen Vogels und sagte:

"Flieg jetzt zu Aurora Dawn!"

Schnell verschwand das fremde Tier aus Julius Schlafzimmer und sauste wie ein heller Schatten zwischen den Bäumen dahin. Eine minute später verließ der Bentley seines Vaters die Garage und glitt in die Nacht Julius schloß das Fenster und legte sich zur Ruhe.

 

 

Am Morgen War Julius mit seiner Mutter allein. Sie erzählte ihm, daß sein Vater wohl länger im Büro zu tun hätte. Womöglich mußte er noch ins Labor, um ein laufendes Projekt zu kontrollieren. Zumindest hatte er seiner Familie eine kurze Nachricht hinterlassen.

Julius war froh, daß er am Morgen mit seiner Mutter alleine war. Denn sie nahm seine neue Situation gelassener und bedächtiger hin, als sein Vater es tat. So konnte Julius auch von den Verabredungen erzählen, die er getroffen hatte und zeigte ihr den Brief von Aurora Dawn.

"Hmm, wie kommt diese, ähm, Hexe darauf, daß wir dich mit ihr alleine irgendwo hinfliegen ließen?"

"Wahrscheinlich, weil sie weiß, wie sie euch das erklären kann. Ich kann im Moment nicht sagen, was Aurora Dawn genau beabsichtigt. Ich weiß nur, daß sie sich für meinen Werdegang interessiert. Womöglich laufe ich bei ihr unter der Rubrik Versuchskaninchen." Bei den letzten Worten grinste Julius spöttisch.

"Und das machst du mit?" Wollte seine Mutter wissen. In ihrer Stimme klang weder Besorgnis noch Verachtung mit.

"Hmm, sie hat auf mich einen ernstzunehmenden Eindruck gemacht, nicht chaotisch oder verdächtig. Bill hat sie ja auch sofort leiden können."

"Wenn der wüßte, wen er sich da angelacht hat", meinte Martha Andrews. Sie dachte daran, was Bill Huxley, der bodenständige Ingenieur sagen würde, wenn ihm jemand erzählte, daß er sich in eine richtige Hexe verguckt hatte.

"Gut, Bill hat zuviel erlebt, um sich noch was vormachen zu lassen. Doch steht in deinem Buch über Zaubertränke nicht auch was von Liebestränken?"

"In dem Buch nicht, Mum. Wahrscheinlich gehört das zu den Sachen, die nicht für kleine Jungen und Mädchen gedacht sind. Außerdem glaube ich nicht, daß Aurora Dawn sowas nötig hätte. Du hast sie doch erlebt, wie sie mit Paps umgehen konnte, ohne böse zu werden und ohne Hilfsmittel."

Ja, das habe ich gemerkt. Die Frau weiß, was sie will. Und gerade das macht sie mir unheimlich. Na gut. Ich rede mit deinem Vater darüber, bevor sie hier eintrudelt. Weglaufen hätte ja keinen Sinn. Dein Paps hat immer noch an der Reise nach Australien zu zahlen. Was meinst du, wie der sich zwischendurch aufregt, wenn irgendwo was fehlt. Er hat sogar schon daran gedacht, deine Schule zu verklagen."

"Wieso? Die haben doch nicht geschrieben, daß ich nach Australien müsse. Außerdem denke ich, daß kein Gericht in der Nichtzaubererwelt eine Klage annehmen würde, bei der der Beklagte nicht mit normalen Leuten vergleichbar ist. Hogwarts gibt's doch nicht in der Nichtzaubererwelt."

"Was meinst du, was deinen Vater immer und immer wieder so beschäftigt? Wenn wir nicht gesehen hätten, wie diese Hexe McGonagall den Revolver verhext hätte und dich durch die Luft fliegen sahen und schließlich dieses Verschwindekunststück mit der Absperrung. Dabei macht sich dein Vater mehr Gedanken darum, wie er deine Ausbildung anderen gegenüber erklären soll."

"Du doch auch", wandte Julius ein. Sie nickte und sagte:

"Ich sage dann immer, daß es ein Erziehungsziel sei, den Kontakt zwischen Schülern und Eltern so gering wie möglich zu halten, um die Selbständigwerdung zu beschleunigen. Das reicht den meisten aus meinem Bekanntenkreis."

"Na gut. Klingt auf jeden Fall besser als: "Mein Sohn ist in einem echten Spukschloß und rührt Zaubertränke an und läßt Sachen durch die Gegend fliegen und anstatt Fußball oder Rugby zu spielen, Fliegt er auf einem Besen durch die Gegend."

"Das war auch was, wo dein Vater und ich halbe Nächte diskutiert haben. Als wir diese Eulenpost von einer Madame Hooch und deinem Hauslehrer Flitwick bekamen, wo drin stand, daß sie dich zum Training für den Nachwuchs eurer Hausmannschaft vorschlagen, haben wir auch erst einmal gestutzt. Ich schrieb zurück, daß wir nicht wüßten, was das für ein Sport sei, Quidditch. Madame Hooch hat zurückgeschrieben, und dein Paps ist bleich geworden. Ich dachte erst, er denke an die Gefährlichkeit dieses Sports. Aber ihm fiel was anderes ein, was er gehört hatte, als wir im Flugzeug nach Sydney gesessen haben."

"Irgendwas mit Suchern und Nimbus 2000. Richtig?" Erinnerte sich Julius.

"Öh? Genau. du weißt auch noch, von wem er das gehört hat?"

"Kann sein", meinte Julius feist grinsend. Offenbar, so dachte er, mußte seinem Vater da klargeworden sein, wer ihm das Zitronenbonbon geschenkt hat. Und dieser Gedanke bereitete Julius Freude.

"Lassen wir das. Du hast was erzählt, daß eine Klassenkameradin dich in den Ferien treffen wollte?"

"Richtig. Du hast sie übrigens am Bahnhof gesehen. Es war die blondgelockte neben der Frau, die ihr total ähnlich sieht."

"Achso, das Mädchen mit den blonden Locken und ihre Eltern. Der Mann machte einen wichtigen Eindruck. Du weißt nicht, was der beruflich macht?"

"Das war Mr. Porter, Mum. Du weißt doch, der Mann, der mir die Umrechnungstabelle für Standardgeld zu Zauberergeld geschickt hat."

"der war das? Ich dachte, der arbeitet in Südafrika. Dann ist er nur wegen der Weihnachtsferien zurückgekommen?" Wollte Julius' Mutter wissen.

"Warum nicht?" Fragte Julius zurück. "Für unsereins sind Entfernungen nicht so groß. Das haben Paps und du doch schon mitgekriegt."

"Der kann ja nicht den ganzen Weg im zeitlosen Sprung zurückgelegt haben."

"Dann ist er wohl geflogen."

"Kann möglich sein. Zauberer und Hexen haben viele Möglichkeiten, große Strecken zurückzulegen", beendete Julius das Thema.

Julius mußte sich wieder an die Arbeit am Computer gewöhnen. Nach Monaten mit Federkiel und Tintenfaß war es für ihn nicht gerade einfach, die Tastatur zu bedienen. Doch als er wieder Routine besaß, ging ihm die Schreiberei am Rechner schnell von der Hand.

Als Julius' Vater nach Hause kam, war es schon Mittagszeit. Der junge Zauberer hörte, wie er sich lautstark über "Diese Idioten" aus seiner Firma beklagte. Als er dann noch hörte, daß sein Sohn Post von Aurora Dawn bekommen hatte, besserte das nicht gerade seine Stimmung. Er rief Julius herunter.

"Hat diese Hexe es nicht mehr nötig, uns um Erlaubnis zu fragen? Soviel ich weiß gilt ein Angehöriger der Magiewelt erst mit siebzehn Jahren als volljährig. Wenn sie das nächstemal schreibt, teile ihr mit, daß sie uns zu fragen hat, ja?"

"Kein Problem", meinte Julius. Er konnte zwar verstehen, daß sein Vater besorgt war, aber sah es irgendwie nicht ein, warum er sich nun von allem isolieren sollte, was mit der Welt der Zauberer zu tun hatte. Doch er wollte es ruhig angehen lassen. Seine Eltern hatten immer noch mit dieser Änderung zu kämpfen. In manchen Nächten in Hogwarts hatte er davon geträumt, daß sein Vater ihn bei diversen Firmen empfohlen hatte, doch als er in seinem Hogwarts-Umhang zum Vorstellungsgespräch kam, war er immer nach fünf Minuten wieder höflich aber unmißverständlich abgewiesen worden.

Am Abend ging Julius mit seinem Vater ins Labor im Keller und zeigte dem Chemiefirmendirektor, daß er seine Hausaufgaben gut gemacht hatte.

Als der Weihnachtstag kam, dachte Julius daran, daß er keine Geschenke für seine Eltern besorgt hatte. Das war ihm irgendwie peinlich. Doch daß er keine Geschenke für Gloria, Kevin und die Hollingsworths finden konnte, in der kurzen Zeit, bedauerte er mehr. Doch wie hätte er vor dem Feiertag in die Winkelgasse gelangen können. Sicher, Gloria hätte sich auch für einen Schachcomputer begeistern können. Doch er ärgerte sich darüber, daß er nicht in der Lage war, für seine neuen Freunde was zu finden. Als er in die große Wohnstube kam, sah Julius den großen Tannenbaum, der mit der Spitze fast die Decke berührte. Der goldene Stern auf der Spitze glänzte mit den faustgroßen Kugeln um die Wette. Die Kette elektrischer Kerzen strahlte ein warmes weißgelbes Licht aus, während das silberne Lametta sich durch die zurechtgestutzten Zweige schlängelte, wie kleine Flüsse durch eine grüne Waldlandschaft. Unter dem Baum stand ein niedriger Tisch, fast eine Fußbank, der mit einem weißen Leinentuch gedeckt war. Auf dem Tisch lagen die Geschenke der ganzen Familie aufgestapelt.

"Huch, wer hat denn das alles so schnell aufgebaut?" Wunderte sich Julius. Sein Vater, dessen blutunterlaufene Augen schlaftrunken dreinschauten, lächelte.

"Das habe ich gestern abend noch alles aufgebaut, als deine Mutter und du schon im Bett waren. Ich konnte einfach nicht schlafen, bis um eins. Da konnte ich auch den Baum hier aufbauen. In den letzten Tagen bin ich ja nicht dazu gekommen."

"Komisch, daß ich das nicht mitgekriegt habe. Ich muß wohl gut geschlafen haben", meinte Julius. Sein Vater grinste nur und sagte:

"Ja, da kannst du mal sehen, daß ich auch so meine Tricks beherrsche."

Nach dem Frühstück packten sie die Geschenke aus. Julius, der ja nichts hatte besorgen können, sah etwas unbehagt zu, wie seine Eltern sich gegenseitig beschenkten. Sein Vater bekam eine elektronische Navigationshilfe für das Auto von seiner Mutter. Sie erhielt eine neue Ballrobe und Eintrittskarten für ein Shakespeare-Stück, das im Januar in London aufgeführt werden sollte. Julius erhielt einen Bildband über Heil- und Giftpflanzen der gemäßigten Breiten, sowie ein verbessertes Teleskop, sowie eine Doppel-CD mit gesammelten Hits amerikanischer Rap-Musik. Dann lag da noch ein kleines Paket. Er wickelte es aus und fand in einer Schachtel ein kleines Funktelefon mit Bedienungshandbuch.

"Wir sehen nicht ein, weshalb du nicht direkt erreichbar sein solltest", kommentierte sein Vater das Geschenk. "Deshalb haben wir dir ein Mobiltelefon besorgt. Damit kannst du uns anrufen oder von uns erreicht werden. Es läßt sich abschalten, wenn du Unterricht hast. Dann werden alle Anrufe gespeichert und können später abgehört werden."

"Das wird wohl nicht gehen, Paps. Der Schachcomputer hat schon gesponnen, als ich ihn in unserem Wohnhaus ausprobiert habe. Es liegt angeblich daran, daß unsere Schule von so viel Magie durchdrungen ist, daß alle Elektronischen Geräte ausfallen. Ich fürchte, wir müssen auch weiter die Eulen fliegen lassen."

"Nimm das Ding mit und probiere es aus. Ich glaube nicht, daß ..."

"Du glaubst wohl nichts, was du nicht selbst getestet hast. Ich weiß es doch. Ich habe euch doch geschrieben, daß der Schachcomputer nicht geht", entgegnete Julius etwas verärgert. Sein Vater starrte ihn empört an. Er wollte gerade sagen, daß er sich das nicht bieten lasse, als das Telefon klingelte. Gut dressiert auf spontane Einbestellungen seiner Firma eilte Richard Andrews an den Apparat und hörte zunächst, wer ihn sprechen wolle. Dann sagte er:

"Martha, Mr. Goodwin und Professor Donaldson kommen schon eine Stunde früher als verabredet. Goodwin hat sich für heute abend noch einen anderen Termin freigehalten, der für ihn wichtig ist. Am besten rufe ich die Leute vom Partyservice gleich an, daß sie schon mal hier antanzen sollen", meinte Richard Andrews. Julius vermeinte ein leichtes Unbehagen im Gesicht seines Vaters zu erkennen. Seine Mutter hingegen sagte nur:

"Du mußt nicht immer gleich zwei Meter hoch springen, wenn dein Chef und dein Laborleiter husten, Richard. Donaldson mag keine Kriecher."

"Das hat nichts mit kriechen zu tun, Martha. Es ist nur so, daß sie früher ..." Wieder klingelte das Telefon.

In den nächsten Stunden sagten sich die erwarteten Verwandten an. Dann kam auch ein Anruf von Moira, der ehemaligen Schulkameradin von Julius. Sie fragte Julius in einer auf erwachsen getrimmten Sprechweise, ob er am 27. Dezember mit ihr und ihrem Vater an der Eröffnung einer Geschichtsausstellung teilnehmen wolle. Julius sagte:

"Moira, ich habe mit meinen Eltern die nächsten Tage voll verplant. Das Problem ist, daß ich im Moment nicht weiß, ob ich irgendwen außerhalb unseres Hauses treffen kann."

"Wieso besitzt du eigentlich keine E-Mail in deiner Schule? Ich meine, die haben doch wohl einen Internetanschluß."

"Nicht, daß ich wüßte, Moira."

"Und sowas soll ein Eliteinternat sein? Hmm, klingt irgendwie rückständig."

"Finde ich nicht. Wir haben gute Lehrer und eine umfangreiche Bibliothek", sagte Julius wahrheitsgemäß, ohne zu erwähnen, um was sich Unterricht und Buchangebot drehten. Dann fragte Moira, ob sie seine neue Mobiltelefonnummer haben könne. Julius stutzte und fragte zurück, wie sie darauf komme, daß er sowas hätte. Sie antwortete:

"Deine Eltern haben sowas gesagt, daß sie dir ein Handy schenken wollten. Haben sie es etwa nicht getan?" "Wollten sie. Aber ich habe ihnen geschrieben, daß Klassenkameraden von mir, deren Eltern ihnen sowas geschenkt haben, sich über ein Funkloch beschwert hätten, das unabhängig von den Betreiberfirmen besteht. Wir hängen voll zwischen Bergen und kriegen keine gescheite Verbindung hin. Deshalb haben wir darauf verzichtet, daß ich ein so teueres Dings kriege", log Julius. Moira meinte nur:

"Aber die Fernsehnachrichten kriegt ihr noch, oder?"

"Die aktuellen Nachrichten kriegen wir noch. Allerdings passen die Lehrer auf, daß wir nicht zuviel am Fernseher hängen. Wir lesen dafür viel Zeitung."

"Nun gut, Julius. Dann eben bis demnächst."

"Wieso hast du deine Schulfreundin so abgewürgt?" Wollte Julius' Vater wissen, kaum daß sein Sohn den Hörer aufgelegt hatte.

"Das kann ich dir genau sagen, Paps. Sie klang mir unverständlicherweise überdreht, als müsse sie sich mir oder anderen besonders toll vorstellen. Außerdem konnte ich ja wohl nicht sagen, daß in unserer Schule gar kein elektronisches Gerät benutzt wird."

"Ihr Vater hat mich vor einer Woche angerufen und darum gebeten, dich zu fragen, ob du mit seiner Tochter zu dieser Ausstellung gehst. Sie ist die einzige, die da hingeht, weil ihr Vater der Initiator dieser Veranstaltung ist. Glaubst du, die findet es gut, als einzige Elfjährige in einem Raum voller erwachsener Leute zu sein?"

"Wenn man da nicht Fußball spielen kann, ist es genauso blöd, wenn mehrere Kinder mit ihr da sind, Paps. Wie gesagt, irgendwie kommt die mir langsam seltsam verändert vor. Wo ist die jetzt eingeschult?"

"Warum hast du sie das nicht selbst gefragt? Aber gut, sie besucht die königliche Hochschule für höhere Töchter in Cambridge, die mit der dortigen Universität verbunden ist."

"A ja. Dann muß sie natürlich gegen die angehenden Ladies und Prinzessinnen anstinken. Das färbt ab", meinte Julius respektlos.

"Was glaubst du, wer du bist, Julius? Nur weil jemand meinte, daß du besondere Kräfte hättest mußt du dich nicht über andere lustig machen!" Wetterte Richard Andrews.

"Ich habe keine besonderen Kräfte. Da wo ich lerne, bin ich einer unter sehr vielen. Und mit dir kann man da sowieso nicht angeben, weil du kein Zauberer bist, Paps. Ich bin da also nichts besonderes, um das gleich zu klären."

Richard Andrews mußte sich sehr beherrschen, um nicht loszubrüllen. Offenbar hatte Julius ihn heftig beleidigt. Dann sagte er:

"Dann sieh zumindest zu, daß du auf dem Boden bleibst und nicht abhebst."

"Wie soll ich dann bitte Quidditch spielen, wenn ich nicht abheben darf?" Versetzte Julius ohne Vorwarnung.

"Lassen wir das, Richard. Julius hat recht. Moira läuft in Kleidung herum, die für ältere Frauen geeignet ist. Ich habe sie auf dem Foto gesehen, das Professor Stuard uns geschickt hat", wandte Martha Andrews ein.

"Na und, Martha. Dafür ist sie nun einmal die Tochter eines bedeutenden Geschichtsprofessors." Ich habe dieser McGonagall geschrieben, daß Julius gefälligst den Umgang mit standesgemäßer Kleidung lernt. Du weißt ja, was sie zurückgeschrieben hat."

"Das Anzüge mit Krawatten erst von älteren Schülern benötigt werden, die kurz vor dem Schulabschluß stehen. Sie würden schon darauf achten, was ihre Schüler tragen müßten", meinte Martha Andrews.

"Nun denn. Auf jeden Fall hast du ja jetzt einige Tage Zeit, dich wieder an unsere Welt zu gewöhnen", meinte Richard Andrews und sah seinen Sohn sehr ernst an.

 

 

Das Weihnachtsfest verlief fast wie in jedem Jahr. Erst kamen die Verwandten aus verschiedenen Regionen Englands, dann noch der Generaldirektor von Omniplast, der Firma von Richard Andrews undProfessor Donaldson, der Laborleiter in der Abteilung von Julius' Vater. Man unterhielt sich über die letzten großen Familienereignisse und die große Weltpolitik. Onkel Claude, ein begeisterter Fußballanhänger, fragte, ob jemand ihn im nächsten Sommer in die USa begleiten wolle, wenn dort die Fußballweltmeisterschaft stattfand. Julius, der früher sofort ja gebrüllt hätte, sagte, er müsse noch klären, wann das Schuljahr ende. Onkel Claude meinte, daß er das einsehe. Julius wußte zwar schon, daß er im Juni und Juli nicht aus Hogwarts wegkommen würde, doch er konnte ja nicht einfach sagen, daß er in einer fußballfreien Zone unterrichtet wurde. Das wäre dem begeisterten Fan von Chelsea verdächtig vorgekommen.

Um Mitternacht war die Pflichtveranstaltung vorbei und Julius konnte seinen guten Weihnachtsanzug für's erste über den Stuhl hängen und sich zum schlafen niederlegen. Auf der Kommode neben dem Bett lag das Handy. Er sah es kurz noch einmal an und grinste. Seine Eltern ließen wirklich nichts unversucht, sich ein bißchen Kontrolle zu bewahren. Er wollte gerade die Augen zumachen und schlafen, als etwas an sein Fenster klopfte. Da er im ersten Stockwerk schlief, konnte es nur etwas fliegendes sein: Eine Nachricht aus der Zaubererwelt.

Julius öffnete das Fenster und sah einen Uhu hereinschweben, der so groß war wie sein kopfkissen. Das Tier trug ein Paket in den Fängen und einen Umschlag im Schnabel.

"Ach du meine Güte. Dich haben sie aber beladen. Wo kommst du denn her?" Fragte Julius die große Eule leise. Er hob den Umschlag auf, den der Postuhu auf sein Bett hatte fallen lassen und nahm das schwere Paket. Dann schaltete er die Nachttischlampe ein und las den Brief, der in dem lindgrünen Umschlag gesteckt hatte.

 

Hallo, Julius!

Wir wünschen dir eine fröhliche Weihnachtszeit und haben uns gedacht, daß du dich sicher über ein paar nette Geschenke aus unserer Welt freust. Ich habe meine Eltern gefragt, ob ich dich in drei Tagen besuchen darf, um mit dir ein Muggelkino zu besuchen. Sie haben es mir erlaubt. Übrigens, die beiden Hollingsworths haben mir viele Grüße für dich mitgegeben. Ihre Eltern haben dir ein Weihnachtsgeschenk beigefügt. Hoffentlich ist unser guter Cook bei dir angekommen, ohne in Ohmacht zu fallen. Ich glaube, daß war das schwerste Weihnachtspaket, daß Daddy ihm angehängt hat.

Man sieht sich

Gloria

P.S. Meine Eltern lassen dich auch schön grüßen

 

 

Julius holte die ungezuckerten Plätzchen hervor und bot sie dem riesigen Eulenvogel an. Doch dieser schüttelte nur den Kopf. Offenbar nahm er nicht von jedem oder das Zeug war nicht sein Ding, fand Julius. Er holte ein Schälchen mit Wasser, wobei er sich anstrengte, leise zu bleiben. Wasser trank der Uhu. Dann öffnete Julius das Paket und fand neben einem weiteren Briefumschlag noch ein Buch über berühmte Quidditchspieler, ein Pack selbstmischender Spielkarten und einen Stimmungsfarbring, der dunkelblau leuchtete, bevor Julius ihn anprobierte. Sofort glühte er weißgelb. Außerdem fand er im Paket noch ein kleines Buch über magische Mineralien von Gemma Haret und eine Tüte Berty Botts Bohnen in jeder Geschmacksrichtung. Im Briefumschlag steckte eine Grußkarte mit einem Weihnachtsbaum, dessen Kerzen golden erstrahlten, als Julius die Karte aufklappte. Betty und Jenna hatten geschrieben:

 

Hallo, Julius!

Unsere Eltern haben sich sehr gefreut, daß du uns im Zaubertrank-Unterricht so gut geholfen hast. Sie haben dir deshalb das Buch von Gemma Haret besorgt. Es soll sehr interessant sein. Viel Spaß und fröhliche Weihnachten noch!

Betty und Jenna Hollingsworth

 

Als Julius die Weihnachtsgeschenke verstaut hatte, schrieb er schnell eine Antwort an Gloria.

 

 

Hallo, Gloria!

Ich bedanke mich recht herzlich für die vielen Weihnachtsgeschenke. Ich hoffe nur, daß du und deine Eltern sich nicht in Unkosten gestürzt haben, meinetwegen. Bestell den beiden Schwestern Hollingsworth bitte auch schöne Grüße von mir. Ich habe leider keine Eule, die ich abschicken könnte. Außerdem schäme ich mich dafür, keine Geschenke machen zu können.

Das mit dem Kinobesuch müßte ich durchkriegen können. Aber ruf am besten in einem Tag noch mal an, bitte. Du kannst doch mit einem Telefon umgehen, hast du gesagt. Meine Telefonnummer steht unter dieser Nachricht.

Man sieht sich!

Julius

 

 

Julius schrieb noch die Telefonnummer unter die Antwort und entließ den Uhu dann durch das geöffnete Fenster. Julius schloß das Fenster. Jetzt erst merkte er, daß es kalt im Zimmer geworden war. Er drehte sich in die Bettdecken ein und versuchte, zu schlafen. Der Stimmungsfarbring glühte blau im Zimmer. Julius konnte jedoch nicht einschlafen. Zuviel dachte er an Gloria und die Hollingsworth-Schwestern. Es mußte so um ein Uhr sein, als eine zweite Eule ans Fenster klopfte. Julius zog sich erst seinen Wintermantel an, bevor er das Fenster wieder öffnete und den Steinkauz hereinließ. Der Vogel trug ein kleines Päckchen an den Beinen, das er aufs Bett fallen ließ. Julius öffnete das Päckchen, während der Steinkauz wieder fortflog. Offenbar hatte er nicht den Auftrag, eine Antwort abzuwarten. Julius fand eine Tüte mit den magischen Zitronenbonbons und zwei Grußkarten. Eine zeigte eine Schneelandschaft, durch die der Weihnachtsmann mit seinem Rentierschlitten fuhr. Die Nase des Rentiers Rudolph glühte rot im Schneegestöber. Die zweite Karte zeigte einen Schlitten mit weißen Känguruhs bespannt, die mit großen Sätzen vorwärtssprangen, während der hier in leichter Sommerkleidung und rotem Strohhut gekleidete Weihnachtsmann fröhlich lächelte. Auf der winterlichen Karte stand:

 

Hallo, Julius Andrews.

Du wirst dich vielleicht noch an mich erinnern. Ich war die Dame, die im Flugzeug nach Sydney saß, als deine Eltern und du ihren Kurzurlaub machen wollten. Mein Name ist Melinda Bunton.

Ich habe von Cynthia Flowers erfahren, daß ihr im Moment Dementorenbesuch in Hogwarts habt und schenke dir deshalb diese Bonbons. Sie wirken ein wenig gegen ihren Einfluß und sind nicht vergiftet. Steck sie aber gut weg! Ich kann mir denken, daß deine Eltern mittlerweile wissen, daß sie aus Hexenzutaten bestehen.

Fröhliche Weihnachten und ein schönes neues Jahr

Melinda Bunton

 

Julius verbarg die Zauberbonbons sofort in seinem Schulkoffer und schloß das Fenster. Dann las er die Weihnachtskarte mit den weißen Känguruhs:

 

Hallo, Julius!

Ich freue mich schon darauf, dir Hidden Groves zu zeigen. Melinda Bunton, eine alte Kameradin von mir, hat mir erlaubt, ihre Eule zu benutzen, um dir diese Weihnachtskarte zu schicken. Das mit den Dementoren ist eine schlimme Sache. Ich hoffe, sie kriegen diesen Black sehr schnell, damit ihr in Ruhe lernen könnt.

Ich bin am 29. Dezember bei euch. Bill Huxley hat übrigens noch nicht herausbekommen, was mit mir los ist. Er denkt nur, daß ich auf einem Mittelalter-Trip bin, wie er sich ausdrückte, nachdem er meine Küche gesehen hatte. Meine Spezialgewürze hat er nicht zu sehen bekommen. Die sind für Muggelaugen nicht zu erkennen.

Wir sehen uns bald

 

Aurora Dawn

 

Julius versteckte die Winterweihnachtskarte in einem Comic und legte die Weihnachtskarte aus Australien auf die Kommode. Solten seine Eltern ruhig sehen, daß er Post aus der Zaubererwelt bekam.

Julius hängte seinen Mantel wieder in den Schrank und schlief dann endlich.

Am nächsten Tag kam der Rest der Verwandtschaft zu einer kurzen Weihnachtsfeier. Julius erzählte brav von seiner bisherigen Schulzeit im neuen Internat und vergaß auch nicht zu erwähnen, daß dort keine elektronische Post eingerichtet war. Sein Onkel Brandon wollte wissen, ob man diese Eliteschule nicht telefonisch erreichen konnte. Julius' Vater antwortete darauf, daß er in gutem Kontakt mit den Professoren stehen würde und bisher immer auf dem laufenden gehalten wurde. Allerdings wäre die Ausbildung sehr strickt und daher bliebe keine Zeit für viel Vergnügungen.

"Na hoffentlich lassen sie dich noch lange genug Kind sein, Junge. Manche dieser hochgezüchteten Schulen treiben einem jeden Spaß aus, bevor man richtig mit dem Leben anfängt", meinte Onkel Brandon. Julius grinste dazu nur.

"Wir treiben viel Sport und zwischendurch kloppen sich auch noch welche von den Jungen. Gerade bei Winterbeginn konnten wir eine herrliche Schneeballschlacht machen."

"Genau. Das ist die richtige Auffassung. Lernen und Arbeiten, aber auch alles rauslassen, was einen fertig macht", erwiderte Onkel Brandon. Julius' Vater guckte vorwurfsvoll. Dann lachte er. Offenbar lag ihm was daran, den Eindruck des normalen Schullebens so weit wie möglich auszubreiten.

Das Telefon klingelte. Richard Andrews ging an den Apparat und hörte eine Sekunde lang zu. Dann sah er etwas bedröppelt drein. Schließlich setzte er ein gewisses Grinsen auf und rief Julius an den Apparat.

"Hallo, Julius! Hier spricht Plinius Porter, Glorias Vater. Moment, ich geb sie dir mal eben", meldete sich eine freundliche Männerstimme am anderen Ende der Leitung. Julius hörte, wie der Hörer weitergereicht wurde und hielt sich vorsorglich den Hörer etwas vom Ohr weg. Doch Gloria sprach mit ganz gewöhnlicher Lautstärke:

"Hallo, Julius! Daddy hat eines dieser Handys gekauft. Er findet, daß die gar nicht so übel sind. Ich wollte dich fragen, ob es bei übermorgen bleibt. Daddy wollte einen Muggelwagen von Gringotts anfordern, um dich abzuholen. Wie geht's?"

"Mir geht es soweit sehr gut, Gloria. Meine Eltern werden wohl nichts dagegen haben, daß ich mit dir ins Kino gehe. Ich habe auch schon einen Film ausgesucht, einen Film über die Zeit von König Arthus."

"Wunderbar. Meine Mum will das mit deinem Vater noch kurz besprechen, damit wir wissen, wo wir hinfahren müssen. Bis bald."

Julius' Vater unterhielt sich kurz mit Mrs. Porter. Dann legte er den Hörer auf und sagte zu seinem Sohn:

"Immerhin können die ordentlich telefonieren. Ich wollte Bill schon sagen, was mit seiner Auserwählten los ist. Aber ich kam bislang nicht dazu. Die beiden machen den Eindruck, als wären sie wie wir. Sind beide ..."

"Genau", erwiderte Julius schnell und nickte dabei. Sein Vater sah verwundert auf die Uhr. Dann kehrten beide zurück zu der Feier.

Am nächsten Tag rief Moiras Vater noch mal an. Offenbar lag ihm etwas daran, Julius mit in diese Ausstellung zu nehmen. Julius hatte sich dazu entschlossen, doch mitzugehen.

Moira trug ein festliches graues Kleid und einen dunkelblauen Schal, als die beiden ehemaligen Schulkameraden sich vor dem Haus der Andrews' in der Winston-Churchill-Straße trafen. Moiras Vater hatte sie persönlich hierher gebracht, um Julius abzuholen. Im geräumigen blauen Austin ging es zum britischen Museum, wo Professor Stuard seine Ausstellung eröffnete. Wie Julius vermutet hatte, wurde es eine höchst langweilige Veranstaltung. Er konnte sich nur damit erheitern, daß er sich vorstellte, Professor Binns, der Lehrer für Zaubereigeschichte in Hogwarts, würde gleich durch eine Wand hereinschweben und "Das ist doch alles unsinn" rufen.

Die Ausstellung drehte sich um die keltische Hochkultur zur Zeit um 100 vor Christus. Dabei ging es auch um das Wirken der Druiden, Zauberpriestern, die über großes Ansehen verfügt haben sollten.Professor Stuard dozierte über die neuesten Ergebnisse der Frühgeschichtsforschung und erläuterte den Eröffnungsgästen, welche Ausstellungsstücke zusammengetragen worden seien. Die Ausstellung selbst sollte im neuen Jahr für das allgemeine Publikum freigegeben werden. Die Mehrzahl der vornehm gekleideten Besucher bestand aus Geschichtslehrern und -lehrerinnen. Julius bemerkte mit gewisser Schadenfreude, daß sie alle irgendwie einschläfernd wirkten. So konnte er sich rühmen, einen echten Schloßgeist als Lehrer zu haben, der vieles von dem, was er unterrichtete, selbst mitbekommen hatte. Er dachte auch daran, daß Gloria die einzige aus seiner Klasse war, die sich wirklich für Binns' Unterricht begeistern konnte.

"Was grinst der Knabe so frech?" Wollte eine ältere Frau in blauem Kleid wissen. Julius erschrak, dann sagte er spontan:

"Der Knabe denkt an Asterix und fragt sich, ob Miraculix nicht auch irgendwie in dieser Ausstellung seine Spuren hinterlassen hat." Ungläubiges Glotzen folgte diesem Einwand. Professor Stuard lachte, während seine Tochter Moira rot anlief.

"Das ist ein guter Überleitungspunkt, Julius. Ich wollte sowieso auf namhafte Druiden eingehen, von denen wir sicher wissen, wo sie gewirkt haben. aber dir sollte ja bekannt sein, daß Miraculix bestimmt nicht in England selbst gewirkt hat, da er ja, wie die Comics uns einzureden versuchen, ein gallischer Kelte, also in Frankreich ansessig war", schaffte es Professor Stuard, die allgemeine Entrüstung zu dämpfen und zum Ernst der Sache zurückzukommen.

Als die Ausstellungseröffnung beendet war, fuhr ihn Moira an, was ihm, Julius denn eingefallen sei. Julius meinte dazu nur:

"Moira, wenn ich eines schon gründlich gelernt habe, dann ist es das: Geschichte kann nur spannend oder lustig vermittelt werden, wenn die Leute was davon behalten und nicht vorher einschlafen sollen. Und dein Daddy weiß das auch."

"Mann, da waren zwei Professoren von meiner Schule dabei. Die denken doch jetzt, wir wären die hinterletzten Idioten", maulte Moira.

"Wieso? Asterix ist eine fundierte Allgemeinbildung, wie die wöchentlichen Fußballergebnisse."

"Ich muß mir das aber anhören, wenn mein Geschichtslehrer die Auffassung vertritt, ich umgebe mich nur mit Trivialliteraturinteressenten."

"Jetzt hör aber auf. Du hast doch in unserer früheren Schule diese Pferdegeschichten wie Pausenbrot gefressen, Mickey-Mouse-Comics gelesen noch und nöcher und dich für so einen Schrott wie Denver Clan begeistert, obwohl diese Serie wahrlich nichts für Kinder war. Erzähl mir also nichts von richtigem Interesse, Moira!"

"Da hat er recht, Kind. Tu nicht so, als würdest du diese Ausstellung verantworten! Ich habe mich selten so gefreut, vom üblichen Trott abrücken zu müssen, wie heute", sprach Professor Stuard, Moiras Vater sie von hinten an.

"Ich wollte Ihnen nicht die Tour vermasseln", meinte Julius.Professor Stuard winkte ab. Ihm war es völlig gleichgültig, was die anderen dachten. Womöglich bekam er durch Julius' Einwand sogar mehr öffentlichkeit.

Als Julius wieder zu Hause war, zeigte ihm sein Vater einen Brief von Aurora Dawn.

"Diese Aurora Dawn hat uns geschrieben. Sie will übermorgen hier antreten, um dich abzuholen. Ich hoffe, sie benutzt normale Verkehrsmittel."

"Wie ist denn der Brief angekommen, Paps?" Wollte Julius von seinem Vater wissen.

"Eine Schneeeule hat ihn hier abgeliefert. Sie landete auf dem Außensims des Küchenfensters und klopfte solange, bis deine Mutter sie reinließ. Dann ließ sie diesen Brief aus dem Schnabel fallen und machte sich wieder davon."

"Dann ist es offenbar schon etwas offizieller. Ms. Dawn hat einen anderen Postvogel, wie ich weiß", meinte Julius.

"Ich muß mich wohl damit abfinden, daß du andere Leute kennenlernst. Aber mit wem du wo hingehst, das entscheiden immer noch deine Mutter und ich. Wenn dir das klar ist, kriegen wir keinen Streit", meinte Julius' Vater.

"Sicher ist mir das klar. Und ich werde auch nichts tun, wodurch ich mit dir Krach kriegen würde. Lassen wir Ms. Dawn erst einmal hier eintrudeln."

"Die arbeitet doch in Australien. Wie will die das Geld aufbringen, um ..."

"Oha, Paps. Langsam solltest du wissen, daß Flugzeuge kein Transportmittel für Hexen und Zauberer sind. Als ich meine Schulsachen gekauft habe, bin ich mal eben für acht Stunden nach London gereist und wieder zurück. Ms. Flowers hat mir verraten, daß unser Transportmittel nur 10 Galleonen pro Kilogramm kostet und für einen 1-Personen-Transport nur 5 Gramm benötigt werden. Jetzt rechne mal aus, wieviel das in englischen Pfund ist."

"Komm, hör auf! Ich will das gar nicht wissen", wandte Richard Andrews ein. Dann ging er mit seinem Sohn in sein kleines Labor und testete, wie weit die Chemieausbildung von Julius gediehen war.

 

 

Am nächsten Tag ging Julius mit seiner Mutter in das nächste Einkaufszentrum. Er hatte sich daran erinnert, daß Gloria sich für Geographie interessierte. So besorgte er vom Geld, daß er von seinen Verwandten geschenkt bekommen hatte ein Buch über die polaren Regionen der Erde und über Astronavigation. Anschließend gönnte er sich mit seiner Mutter einen echten Hamburger mit Pommes Frites.

Am Nachmittag kurz vor zwei Uhr kehrten sie zur Winston-Churchill-Straße zurück. Julius zog seine normale Straßenkleidung an und wartete. Sein Vater war wieder ins Labor bestellt worden, da dort gerade eine neue Versuchsserie beendet werden sollte. Er hatte Julius eingeschärft, um 22.00 Uhr wieder zu Hause zu sein. Er bedauerte es, nicht persönlich noch ein paar Worte mit Mr. Porter wechseln zu können, einfach nur um zu sehen, daß auch magische Menschen normale Eltern sein konnten, mit ihren eigenen Problemen.

Um 14.30 Uhr fuhr ein seegrüner Mercedes bei der Hausnummer 13 in der Winston-Churchill-Straße vor. Die hinteren Türen gingen auf. Erst schwang sich Mr. Porter in einem gewöhnlichen Herrenanzug heraus, dann folgte seine Tochter Gloria, die eine ganz gewöhnliche Kombination aus grüner Winterjacke und Jeans trug. Julius trat mit seiner Mutter vor die Haustür. Der kalte Winterwind pfiff ihnen um die Ohren, und der frische Schnee knirschte unter ihren Stiefelsohlen.

"Hallo, Gloria", grüßte Julius seine Klassen- und Hauskameradin. Dann gab er auch Mr. Porter die Hand.

"Ich habe einen guten Wagen gefunden. Der Fahrer kennt die besten Abkürzungen durch London", meinte er.

Julius reichte Gloria das Paket mit den beiden Büchern. Plinius Porter grüßte Martha Andrews und wechselte ein paar ruhige Worte mit ihr.

"Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihren Sohn wieder heil nach Hause bringe. Ich kann verstehen, daß Sie besorgt sind, daß Julius nicht den Weg gehen konnte, den Sie für Ihn vorausgesehen haben. Aber glauben Sie mir, wir sind ganz normale Menschen, eben nur mit der Eigenschaft, Magie an Stelle von Technik zu beherrschen. Manche Dinge, die Sie in Ihrer Welt haben, sind für mich auch sehr faszinierend."

"Nun, was mich angeht, Mr. Porter, kann ich damit leben, daß mein Sohn einen seinen Talenten entsprechenden Werdegang vor sich hat. Mein Mann hätte ihn nur gerne in Oxford gesehen. Sie wissen ja, wie das mit Vätern und Söhnen ist."

"Das kann ich zwar nicht behaupten, da ich nur eine Tochter habe. Aber seien Sie versichert, daß jedes Kind irgendwann weiß, was es tun muß, um sein Leben richtig zu leben. Aber ich möchte Sie nicht mit alten Kenntnissen langweilen. Ich wollte Ihren Mann, Julius' Vater begrüßen. Ist er nicht hier?"

"Im Moment nicht", erwiderte Martha Andrews kurz angebunden. Mr. Porter akzeptierte diese Antwort und verabschiedete sich wieder, nachdem er gehört hatte, wann Julius spätestens zurück sein mußte.

Gloria, Julius und Mr. Porter schwangen sich auf den Rücksitz des Mercedes. Der Fahrer, ein stämmiger junger Mann in seegrüner Chauffeursuniform, startete den Motor und ließ den Wagen wenige Meter zurücksetzen, um dann freie Bahn zu haben. Keine zwei Sekunden später glitt der große Wagen bereits mit 30 Stundenkilometern über die Straßen Londons. Julius faszinierte es, daß er fast kein Motorengeräusch hörte.

"Wir fahren zum Metropol-Kino", sagte er ruhig. Der Fahrer nickte schweigend und lenkte den Wagen ohne spürbares Ruckeln zwischen den anderen Autos hindurch.

"Ich dachte, Sie hätten keine Autos und müßten sich bei den Muggeln welche ausleihen", meinte Julius. Mr. Porter sagte:

"Gringotts und das Zaubereiministerium haben einige Muggeltransportfahrzeuge. Es kann nämlich nötig sein, bei wichtigen Herrschaften der Muggelwelt vorzufahren, und da eignen sich Besen und Flugteppiche ebensowenig wie Apparitionen, zumal ich nicht soviel von zeitlosen Ortswechseln halte. Ich bevorzuge Portschlüssel, Flohpulver und Besen, wenn ich mal schnell zu einem anderen Ort muß."

"Aber Sie könnten teleportieren?" Wollte Julius wissen.

"Das war eine Einstellungsbedingung. Ich muß manchmal in Bergwerke gehen und dort Prüfungen der Erzlager vornehmen. Wenn dabei was passiert sollte ich schnell wegkommen können", erwiderte Mr. Porter. Julius nickte zustimmend. Gloria wickelte das Paket aus und fand die beiden Geographiebücher. Sie sah sich die Bilder auf den Buchdeckeln an und nickte.

"Wunderbar. Sowas habe ich noch nicht. Könnte mal nützlich sein, wenn ich irgendwo hinwill. Danke!"

"Eure Weihnachtsgeschenke habe ich auch schon ausprobiert. Das Buch über die Quidditchspieler ist ja heftig. Die berühmten Damen und Herren flogen mir immer aus den Bildern, so daß ich sie nicht lange sehen konnte. Aber das Mineralienbuch von Betty und Jenna ist wirklich sehr interessant. Das habe ich nicht gewußt, daß man bestimmte Edelsteine in entsprechenden Tränken zu Trägern von Zauberkräften machen kann."

"Hängt auch davon ab, für welche Magie sie gebraucht werden", meinte Mr. Porter.

Sie kamen kurz vor drei Uhr am Metropol-Lichtspielhaus an und stiegen aus. Mr. Porter verabschiedete sich von seiner Tochter und kündigte an, sie und Julius nach dem Film, so um Sechs Uhr herum, wieder abzuholen. Er wollte Julius noch seine Wohnung zeigen. Da Julius wußte, daß seine Eltern das mit Glorias Eltern abgeklärt hatten, nickte er und ging mit seiner Klassenkameradin in das Kinogebäude.

Der Film über Arthus' Tafelrunde war für sie beide eine erheiternde Sache. Gloria faszinierte die Filmtechnik und die Vorstellung, die die Muggel von Merlin, dem Hofzauberer und Berater des legendären Königs entwickelt hatten. Sie meinte leise zu Julius:

"Vieles, was Merlin konnte, ist den meisten überhaupt nicht bekannt. Ich habe da ein ganz interessantes Geschichtsbuch zu in meiner Bibliothek."

Nach dem Film kaufte Julius noch eine Tafel Schokolade, die sie vor dem Kino aufteilten. Als der grüne Mercedes wieder vorfuhr, hatten beide gerade den letzten Riegel verputzt. Gloria meinte:

"Schmeckt zwar nicht schlecht, aber die Zaubererschokolade wärmt besser durch. Hier ist zuviel künstlicher Zucker drin."

"Das ist wohl wahr", meinte Julius.

Mit dem Firmenwagen der Zaubererbank ging es zunächst aus der Stadt heraus. Julius fürchtete schon, eine längere Überlandpartie vor sich zu haben, als es einen lauten Knall gab und der Wagen unvermittelt ganz woanders entlang fuhr.

"Hups! Wie ging denn das jetzt?"

"Transitionsturbo", grummelte der Fahrer.

"Zaubererautos haben das, um dann, wenn sie nicht beobachtet werden können, mal eben mehrere hundert Kilometer zu überwinden, ohne das eine Sekunde vergeht. Wir fahren gleich in unsere Straße hinein. Sie ist wie die Winkelgasse gegen Muggeleindringlinge gesichert", erklärte Gloria.

"Wo ist das genau?" Wollte Julius wissen.

"In der Nähe von Birmingham", erläuterte Mr. Porter fröhlich.

Wie durch einen Nebelschleier sah Julius eine Häuserreihe. Dann, das Zaubererauto durchstieß den Nebel, lag die verzauberte Ansiedlung klar und deutlich vor ihnen. Julius besah sich die alten Gaslaternen und die Kopfsteinpflasterstraße.

"Die kann kein Muggel finden?" Wollte Julius wissen.

"Nein. Die ist genau wie Gleis 9 3/4 beschaffen. Du mußt an einem bestimmten Haus klopfen, um zu Fuß hineinzukommen", meinte Mr. Porter.

"Aber wo habt ihr telefoniert? Ich denke nicht, daß Funkwellen aus dieser Straße rauskönnen."

"Dazu haben wir nur den magischen Bereich verlassen müssen", grinste Gloria. "Elektronik geht in dieser Straße genauso wenig, wie in Hogwarts."

"Gut zu wissen. Ich wollte dir an und für sich einen Schachcomputer schenken. Aber mir fehlte das Geld dazu", meinte Julius.

"Das lass' bloß nicht meine Schachmenschen hören. Die haben sich sowieso schon wieder beschwert, ich würde nicht kreativ spielen", erzählte Gloria.

"Soso. Offenbar ist das Spiel für höhere Grade geschaffen worden", grinste Julius.

"Ach, die kriegen sich wieder ein. Wenn sie lange genug nicht aus ihrem Häuschen geholt werden, wollen die auch wieder spielen", meinte Gloria nur.

Das Haus der Porters, das eher ein kleiner Palast war, stand in einem herlichen Garten mit auch im Winter blühenden Blumen. Julius erkannte einige davon aus seinem Kräuterkundebuch.

"Unsere Gärtnerin ist stolz auf die Winterblüher", erklärte Mr. Porter, als er Julius' kundigen Blick bemerkte. "Sie kommt jeden Tag her und guckt nach, ob alles noch richtig in Blüte steht."

"Dürfen die in der Muggelwelt angepflanzt werden?" Wollte Julius wissen.

"Ich denke nicht", wandte Mr. Porter ein. Dann ging er an die Haustür und berührte sie kurz mit der linken Hand. Sofort schwang sie nach innen und ließ warme Luft ausströmen.

"Zieht eure schweren Stifel hier im Flur aus!" Sagte eine freundliche Frauenstimme, die aus einer Wand zu kommen schien. Julius dachte, einen Lautsprecher dort zu sehen, wenn er den Blick darauf warf. Doch es war nur das Gemälde einer untersetzten Hexe in einer bunten Flickenschürze.

"Was passiert dann mit den Stiefeln?" Wollte Julius wissen.

"Was wohl? Nifty wird sie putzen", gab die gemalte Hexe etwas verärgert zurück.

"Nifty?" Fragte Julius, nachdem er seine Stiefel neben Glorias und Mr. Porters Winterschuhe abgestellt hatte.

"Nifty ist ein Hauself. Ein nützlicher und sehr gründlicher Diener. Und die Dame, die uns gerade begrüßt hat, heißt Immaculata. Sie ist sozusagen die Ordnungswächterin unseres Hauses", erklärte Mr. Porter.

Im geräumigen Wohnraum warteten schon drei Personen, die Julius kannte. Da saßen Glorias Tante Greta, ihr Mann, der blondgezopfte Onkel Victor und Mrs. Dione Porter, Glorias Mutter. Sie schwatzten und tranken Tee, der aus einer Kristallkanne stammte, die auf einem orangerot leuchtenden Teewärmer stand.

"Aha, da seid ihr ja wieder. Und, war es interessant, Gloria?" Begrüßte Glorias Mutter Julius' Haus- und Klassenkameradin.

"Die Technik ist wirklich interessant. Ich glaube nur nicht, daß es sich lohnt, einen Film mehrmals zu sehen. Die Schauspieler machen ja immer das gleiche, sagt Julius. Ich hätte ja fast lachen müssen, als ich feststellte, wie wenig die Muggel von Merlin wissen und von Avalon und der ganzen Magie in der Arthus-Geschichte. Du hast auch gesagt, daß sie bei den Muggeln nicht als geschichtliche Tatsache anerkannt ist, richtig, Julius?"

"Ja, das habe ich. Aber das kennst du ja mittlerweile."

"Wann mußt du wieder nach Hause, Julius?" Wollte Dione Porter wissen. Julius antwortete wahrheitsgemäß: "Um zehn, Mrs. Porter." Dann schaute er auf seine Uhr und sah, daß er noch drei Stunden Zeit hatte.

"Wir kennen uns noch, junger Mann?" Fragte Onkel Victor.

"Aber sicher. Sie haben mir mit dem Koffer geholfen, Sir", sagte Julius lächelnd.

"Und, wie lebt es sich so, wenn man von diesem ganzen Etrelonik-Kram Abstand nehmen muß?"

"Wir haben zuviel zu tun, als daß es mich langweilen würde. Außerdem ist da noch Quidditch, die ganzen Hausgespenster und dieser Poltergeist, der einen auf Trab hält", erzählte Julius.

"Ach, haben Sie Peeves immer noch nicht rauswerfen können? Lustig. Der war schon in Hogwarts, als ich dort gelernt habe", meinte Glorias Onkel schelmisch grinsend. "Ich habe ihn immer gut ärgern können, wenn er mir über den Weg flog. Ich habe den Fontanus-Zauber auf ihn geworfen. Weißt du, wie der geht?"

"Das nicht, aber klingt nach einem Springbrunnen", meinte Julius. Onkel Victors Frau und Glorias Mutter sahen ihn sehr streng an.

"Bevor du ihm Unsinn beibringst, Vick, sag ihm auch, daß Filch dich dabei erwischt hat, wie du eines der Gemälde unter Wasser gesetzt hast. Du weißt ja auch noch, was du dafür aufgebrummt bekommen hast."

"Ja, Greta. Ich weiß das noch. Also, mein Junge. Wenn du den Fontanus-Zauber lernst, bring ihn nie in der Nähe eines größeren Wandbildes zum Einsatz!"

In einem Waldgemälde, in dem die Bäume ebenfalls mit schnee bedeckt waren, erschien die streng dreinschauende Immaculata und verkündete, daß das Abendessen fertig sei. Man begab sich in den runden Eßraum, wo im Kamin ein warmes Feuer prasselte und auf dem mit irischer Leinendecke gedeckten Tisch sechs Suppenteller, normale Teller, kleine Kristallschüsselchen und silberne Becher sowie silbernes Eßbesteck bereitstanden. Die fünf Porters und ihr Gast setzten sich hin. Kaum saßen alle, erschien mit einem kurzen Knall ein kleines Wesen in einem bunten Einteiler, der wie ein Kissenbezug aussah. Es besaß eine lange Nase, Fledermausohren und wasserblaue Augen, groß und rund wie Tennisbälle. Mit schriller Stimme sagte es:

"Nifty wünscht Ihnen allen einen guten Appetit, Ladies und Gentlemen." Dann erschienen große Terinen und abgedeckte Platten und Schüsseln auf dem Tisch. Mrs. Porter füllte Julius' Suppenteller als ersten mit der dampfenden Champignonsuppe und bediente dann ihre Schwester und ihren Schwager. Danach gab sie Gloria, dann ihrem Mann von der Suppe, bevor sie sich selbst bediente. Man wünschte sich noch mal gegenseitig einen guten Appetit und begann zu essen.

Nach der Suppe folgte Truthahn mit Gemüse und Röstkartoffeln, sowie einer Preiselbeersoße. Julius zögerte, sich ein zweites Mal vorlegen zu lassen. Doch als er sah, daß die Schüsseln und Platten sich wieder auffüllten, nahm er Mrs. Porters Angebot an und aß, bis er satt war. Dann kam ein Apfel-Vanille-Puddding mit Schokoladenstreuseln. Zum Essen gab es für die Kinder frischgepreßten Orangensaft und für die Erwachsenen richtigen Honigwein.

"Ich muß ja heute nicht mehr fahren", scherzte Plinius Porter, als er das dritte Glas geleert hatte. Seine Frau warf ihm einen vielsagenden Blick zu und klatschte laut in die Hände, nachdem jeder den letzten Bissen verzehrt und den letzten Schluck getrunken hatte. Sofort verschwand das Geschirr und die Behälter für die Speisen im Nichts. Offenbar hatte das fremdartige Wesen, der Hauself, alles in die Küche geholt.

"Verzeihen Sie mir diese Muggelfrage, Mrs. Porter: Aber wird der Hauself irgendwie bezahlt?"

"Oha! Wenn er das hört, ist er nachher noch beleidigt", warf Onkel Victor schmunzelnd ein. "Hauselfen arbeiten, weil sie wollen, daß wir es gut haben. Sie essen und trinken von den Speisen, die sie für uns zubereiten und haben einen Schlafplatz im Haus."

"Wir würden keinen Diener beschäftigen, der für umsonst arbeitet. Unsere Gesetze schreiben vor, daß Diener ein Gehalt und eine gewisse Zeit Urlaub im Jahr bekommen", erwiderte Julius. Er hütete sich davor, bei den Hauselfen von Sklaverei zu sprechen. Das wäre im Moment grob undankbar gegenüber den Porters. Andererseits konnte er sich vorstellen, daß die Hauselfen wirklich nichts lieber taten, als für Zauberer zu arbeiten. Gloria sagte, als sie Julius nachdenkliches Gesicht sah:

"Aber anders als in anderen Zaubererhaushalten wird Nifty für seine Arbeit respektiert, indem er seine Freizeit hat und seine Verwandten besuchen kann, wenn Familienfeiern anstehen. Dann müssen wir selbst den Haushalt führen. Und mit dieser gemalten Hausbetreuerin ist das alles andere als ein Vergnügen."

"Achso", erwiderte Julius.

Nach dem Essen gingen er und Gloria in ihr geräumiges Zimmer, wo sie für den Jungen aus der Muggelwelt noch eine Überraschung hatte. Sie zeigte ihm einen magischen Globus, der sich tatsächlich um sich drehte und so aussah, wie die Erde, aus dem Weltraum betrachtet. Der Körper mit einem Umfang von 80 cm schwebte über einem goldenen Sockel, auf dem in einem Halbkreis vier Symbole angeordnet waren: Eine Uhr, ein Haus, ein stilisierter Berg und eine Münze. Gloria führte vor, wie damit entweder die aktuellen Uhrzeiten auf der gesamten Welt, die Lage von Siedlungen und Verkehrswegen, Berge und Waldlandschaften oder Bodenschätze eingeblendet werden konnten. Julius fragte sie, wie der Globus das aktuelle Wetter ermitteln konnte, denn ihm fiel auf, daß die britischen Inseln unter einer leichten Bewölkung lagen, was eindeutig dem wirklichen Wetter entsprach.

"Das ist ein spezieller Zauber, von dem ich selbst nicht weiß, wie er funktioniert", antwortete Gloria. "Feststeht nur, daß der Globus die Erde darstellt, wie sie ein Beobachter aus dem Weltraum sehen würde. Wahrscheinlich ist es der gleiche Zauber, der die Decke in der großen Halle von Hogwarts dazu bringt, den Himmel über dem Schloß darzustellen, nur daß hier jemand die komplette Erde derartig abbilden läßt. Es soll sogar möglich sein, damit schnell an einen anderen Ort auf der Erde zu kommen. Wie genau das geht, weiß ich nicht. Meine Eltern haben mir nur den Diebstahlschutz beigebracht."

"Huch! Wie geht der?"

"Ich binde den Globus an meine Erscheinung und magische Ausstrahlung. Will jemand anderes ihn forttragen, macht er sich so schwer, daß ihn keiner, egal wie stark, wegtragen kann, erwiderte Gloria Porter.

"Moment, Gloria. Du könntest diesen Globus benutzen, um von einem Ort an einen anderen zu gelangen?"

"Ja, das wäre möglich.

"Aber das wäre doch genial. Du zeigst auf einen Punkt auf der Weltkugel und wendest den Zauber an. Dann macht es peng! Und man steht an exakt dem Ort auf der richtigen Erde worauf man gezeigt hat."

"Ja, und du kannst sogar wieder zurück, wenn du einen anderen Zauber anwendest. Meine Eltern haben den Globus von einem ehemaligen Händler gekauft, der auf der ganzen Welt herumgereist ist."

"Aja, und sie wollen dir nicht erklären, wie der Ortsversetzungszauber geht, damit du nicht irgendwo verlorengehst", erkannte Julius. Er stellte sich vor, wie solch ein Ding bei Vielfliegern einschlagen würde. Die könnten sich heftig hohe Kosten und vor allem viel Zeit sparen. Dann dachte er an Aurora Dawn, die er, könnte er diesen Versetzungszauber anwenden, ohne Flohpulver direkt besuchen konnte, wenn er den Zauberstab gleich neben Sydney auf dem Globus aufsetzen würde. Ein Gegenspruch, und schon würde er wieder zurückkehren.

"Ich hatte gefragt, ob ich ihn nach Hogwarts mitnehmen dürfte. Doch McGonagall hat zurückgeschrieben, daß so ein Ding die Leute nur neidisch machen würde. Außerdem könnte ich den sowieso nicht vollkommen anwenden, wenn ich in Hogwarts bin."

"In den Osterferien zeige ich dir meinen Computer, und was ich damit alles machen kann", lud Julius Gloria für die nächsten Ferien ein.

"Wunderbar.

Julius besah sich die umfangreiche Bibliothek von Gloria Porter. Hier gab es Romane für junge Mädchen und Bücher über fremde Länder. Ein richtig sprechendes Wörterbuch lud Julius ein, mit ihm Französisch zu üben. Doch Julius lehnte dankend ab. Dann fand er ein Buch über die alten Zauberer der vorchristlichen Zeit und erhielt die Erlaubnis, darin zu lesen. Er lernte, daß Merlin damals ausersehen war, die Verbindung zwischen Magiern und Nichtmagiern zu festigen, aber an Morgana, Arthus' Halbschwester scheiterte, die selbst eine Hexe war und darauf bestand, die Magier in Britannien von den Nichtmagiern fernzuhalten. Als es kurz nach nneun war, klopfte es an die Zimmertür. Gloria rief "Herein!"

Mrs. Porter trat kurz ins Zimmer und sagte:

"Julius, mach dich bitte fertig für die Heimfahrt! Der Wagen kommt gleich wieder."

"Okay, Mrs. Porter", meinte Julius und schlug das Buch zu. Ein empörtes "Heh, so doch nicht", drang zwischen den Deckeln hervor. Doch Julius beachtete es nicht und gab Gloria das Geschichtsbuch zurück.

"Wir sehen uns dann wieder im Zug?" Fragte er.

"Sicher. Wir treffen die Hollingsworths am Bahnsteig. Nett, daß du hier warst. Grüß' deine Eltern schön von mir!"

Der grüne Mercedes brachte Julius alleine in die Winston-Churchill-Straße zurück. Unterwegs sagte der Junge aus einer Muggelfamilie kein Wort. Der Fahrer wirkte so, als müsse er jeden Tag mehrere Stunden herumfahren und hätte keine Lust, sich zu unterhalten. Wieder knallte es, kaum, daß der große Wagen aus der kleinen Ortschaft heraus war, in der die Porters wohnten. Auf einer unbefahrenen Nebenstraße in einem Vorort Londons kamen sie heraus und brauchten nur eine Viertelstunde, um das große weiße Haus der Andrews' zu erreichen. Julius suchte in einer Hosentasche nach zwei Sickeln, die er mitgenommen hatte, für den Fall, daß er sie noch brauchen könnte. Der Fahrer schüttelte jedoch den Kopf und meinte:

"Lass' stecken, Junge. Ich kriege genug für die Fahrten. Nachher komme ich mir noch vor wie ein Muggel-Taxifahrer. Und das wäre eine Beleidigung für mich. Schöne Ferien noch!" Dann öffnete der sonst so wortkarge Chauffeur die Wagentür und half Julius aus dem Wagen. Dann fuhr er wieder los, bog um eine Straßenecke und war verschwunden. Julius' Mutter, die einen Beobachtungsposten am Küchenfenster eingenommen hatte, kam aus dem Haus, als er vor der großen Tür stand und gerade den Klingelknopf suchte.

"Hallo, da bist du ja wieder. Und, war es schön?"

"Jau! Gloria hat sich sehr über den Film amüsiert, weil sie meint, Merlin sei so schlecht rübergekommen, daß es schon lustig sei. Dann haben wir bei ihren Eltern zu Hause gegessen, Truthan mit Preiselbeersoße, und ich durfte in einigen interessanten Büchern schmökern. Ich habe Gloria eingeladen, in den Osterferien mal bei uns vorbeizukommen, falls ihr nichts dagegen habt", erzählte Julius, während er mit seiner Mutter ins Haus zurückkehrte.

"Dein Paps ist schon seit zwei Stunden wieder in der Firma. Ich weiß nicht, was da läuft. Normalerweise erzählt er es mir, wenn ein langwieriges Projekt durchgeführt wird."

"Hoffentlich kommt er noch vor Mitternacht nach Hause, sonst ist er morgen wieder völlig durch den Wind, wenn Ms. Dawn hier auftaucht."

"Das hoffe ich auch. Ich kenne diese Dame zwar nicht so gut, wie Bill sie zu kennen meint. Aber ich habe doch den Eindruck, daß sie es nur gut mit dir meint und dich nicht nur als interessantes Studienobjekt ansieht. Wie heißt das Haus, in dem sie damals war, als sie in Hogwarts zur Schule ging?"

"Ravenclaw. Das ist exakt das Haus, in dem Gloria und ich sind."

"Und du und Gloria seid gute Freunde?" Wollte Martha Andrews wissen.

"So gut, wie sich Jungen und Mädchen in unserem Alter freunde nennen können. Ich habe allerdings den Eindruck, sie möchte mich irgendwie führen, mir zeigen, wo's langgeht. Da muß ich noch aufpassen, daß ich nicht nachher von ihr herumkommandiert werde", meinte Julius grinsend.

"Fühlt sie sich dir überlegen, oder wieso kommst du darauf?"

"Nein, Mum. Sie will mir schlicht beweisen, daß ich einer von ihnen, ein Zaubererkind bin, das genauso gut oder schlecht ist, wie die anderen auch. Ich kann sie immer wunderbar ärgern, wenn ich von der Nichtmagierwelt als "meine Welt" spreche. Das macht sie richtig irre."

"Soso. Dann kann ich ja nur hoffen, daß sie ihre Muggelschwiegermutter in weit entfernter Wartestellung akzeptieren würde."

Julius schluckte. Er hatte es selten erlebt, daß seine Mutter derartig heftige Scherze mit ihm trieb. Und immer erwischte sie ihn dabei auf einem schwachen Fuß. Er konnte auch jetzt keine gescheite Antwort darauf geben. Er sagte nur:

"Kein Kommentar."

Julius überprüfte noch mal seine E-Mails und fand eine Nachricht von Professor Stuard, der sich für die medienwirksame Eröffnungsveranstaltung bedankte. Er hatte der Nachricht noch den betreffenden Zeitungsartikel beigefügt, in dem stand, daß die Ausstellung auf den Spuren des berühmten Druiden Miraculix wandle.

"Dann kommt auch das ganze junge Gemüse in die Ausstellung und nicht nur die Eierköpfe aus den historischen Instituten", bemerkte der Geschichtslehrer und Vater Moiras dazu noch.

Julius legte sich um elf Uhr ins Bett und schlief sofort ein, pappsatt und voller interessanter Erlebnisse.

In der Nacht träumte er von Glorias magischem Globus und sah sich mit dessen Hilfe an die interessantesten Orte der Erde reisen. Er landete einmal im südamerikanischen Regenwald, wo er fast von einer Riesenspinne erwischt worden wäre, die er nur mit seinem Zauberstab und einem Blitz aus grüner Energie zurückschlagen konnte. Dann landete er am Südpol, wo er schnell einen Zaubertrank gegen die Kälte trinken mußte, wobei er Snapes hönisches Lachen vernahm und ihn sagen hörte:

"Vielleicht ist der Trank so stark, daß Sie gleich in Flammen aufgehen, Andrews." Doch nichts geschah.

Dann stand Julius am Krater des Vesuvs und blickte hinunter in die glühende Lava, die wie ein gigantischer Brei aus rotglühendem Teer wirkte. Als er dann noch im australischen Busch ankam, hätte ihn fast ein Dingo zerfleischt, wenn Aurora Dawn nicht mit ihrem Wolkenreiter 3 aus der Luft herabgestoßen wäre und das Tier mit einem Panikfluch verscheucht hätte. Doch auch Julius war von Angst ergriffen worden, so stark, daß er um vier Uhr erwachte.

"Verdammte Alpträume. Das kommt davon, wenn man soviel Zeug erlebt", fluchte Julius innerlich. Dann sah er durch das Fenster hinaus in die winterliche Winston-Churchill-Straße. Er sah im Schein des abnehmenden Mondes auf den Zufahrtsweg und dachte darüber nach, ob sein Vater schon wieder zu Hause angekommen war, als das Telefon schrillte und ihn wie unter einem heftigen Stromschlag zusammenfahren ließ.

"Ja, Andrews!" Hörte er seine Mutter mit verschlafener Stimme sagen, als sie den Hörer abgenommen hatte. Dann hörte er, wie sie sprach:

"Und, wielange dauert das noch, Richard? Meinst du nicht, daß du die auch alleine arbeiten lassen kannst. Delegiere deine Aufgaben! - Wie, du mußt das jetzt zu Ende bringen? Ist Professor Donaldson nicht da? - Ach neh, Richard. Das kann doch nicht dein Ernst sein! - Ja, der ist um viertel vor zehn wiedergekommen. Kein Problem. - Gut, dann sieh zu, daß du dein Projekt zu Ende bringst. Aber der Junge darf dafür mit dieser Ms. Dawn ausgehen. - Doch, denke ich schon. - die haben aber mehr Verständnis für ihre Mitmenschen, Richard, will ich dir nur sagen. - Okay, bis morgen nachmittag."

Julius hörte, wie seine Mutter leise fluchend in das Schlafzimmer zurückging und sich wieder ins Bett legte. Dann legte sich auch Julius wieder hin und schlief noch einige Stunden unbeschwert. Als seine Mutter ihn weckte, sah sie besorgt und verärgert aus.

"Was ist denn los?" Fragte Julius.

"Dein Vater hat festgestellt, daß er im Moment in seiner Firma wichtigeres zu tun hat, als sich während der Feiertage um seine Familie zu kümmern. Er rief doch um vier Uhr nachts an und sagte mir, daß er wohl bis heute nachmittag beschäftigt sei und sich dann wohl hinlegen wolle."

"Was? Ein Direktor hat doch genug vertrauenswürdige Stellvertreter. Oder sind die alle im Urlaub?" Wollte Julius wissen.

"Offenbar. Oder dein Vater meint, er sei der einzige, der das Projekt am laufen halten kann. Wie auch immer, er hat dir erlaubt, mit dieser Kräuterhexe Aurora Dawn diesen Ausflug zu machen. Allerdings sollte diese Frau sagen, wo es hingeht und wielange sie mit dir wegbleiben will."

"So einfach. Dann muß das Ding, was Paps gerade am laufen hat aber wirklich wichtig sein", erwiderte Julius frech.

"ich fürchte, er sieht dieses Projekt als entscheidende Sache an und hält alles andere zunächst für unwichtig. Aber ich denke, er wird bei deiner Rückkehr einen ausführlichen Bericht von dir haben wollen."

"Meinetwegen", erwiderte Julius Andrews.

Eine Stunde nach dem Mittagessen, Martha Andrews hatte eine Tiefkühlpizza aufgetaut, von der beide satt wurden, hielt ein schwarzes Taxi vor der Hausnummer 13 in der Winston-Churchill-Straße. In einem schneeweißen Wintermantel und einer hellbeigen Skihose stieg Aurora Dawn aus dem hinteren Verschlag aus und marschierte mit schnellen Schritten auf die Haustür zu. Martha Andrews gebot Julius, zunächst zu warten. Dann öffnete sie die Tür und ließ Aurora Dawn ein.

"Schön kalt habt ihr es in England. Bei uns herrschen gerade 40 Grad Celsius", waren die ersten Worte der ehemaligen Hogwarts-Schülerin. Dann sah sie Julius, der im Eingang des Wohnzimmers stand, gekleidet in einer warmen Wintermontur.

"Hallo, Julius. Ich hoffe, ihr hattet hier ein schönes Weihnachtsfest", begrüßte Aurora Dawn den jungen Hogwarts-Schüler. Dieser meinte nur frech:

"Wieso haben Sie sich keinen Kältewiderstandstrank gemacht? Den haben wir vor kurzem im Zaubertrank-Unterricht zusammengebraut."

"Weil mir dafür das Eiswurzpulver gefehlt hat, Julius. Du willst mich doch nicht etwa ärgern?"

"Nöh!" Erwiderte Julius Andrews keck.

"Ich kann Ihnen einen starken Tee machen. Der wirkt auch gegen Kälte", schlug Martha Andrews vor. Aurora nickte zustimmend. Zehn Minuten später saßen die drei am Tisch in der Küche und tranken den starken Tee. Aurora Dawn berichtete von der Einladung, die sie erhalten hatte und von den Briefen, die sie von den Professoren Sprout und Flitwick bekommen hatte. Auch die Nachricht von Madame Hooch, daß Julius sich für die Nachwuchsmannschaft Ravenclaws eigne, erwähnte sie wohlwollend.

"Wir sind da immer noch nicht so begeistert von", wandte Julius' Mutter ein. "Nachdem, was Julius uns geschrieben und diese Cynthia Flowers uns erzählt hat, ist dieses Quidditch ein sehr gefährlicher Sport. Wir haben dem nur zugestimmt, weil wir die Garantie bekommen haben, daß unser Sohn nicht über Gebühr gefährdet wird."

"In der Zaubererwelt gibt es sehr gute Heiler. Die Unfallgefahr beim Quidditch wird durch schnelle Hilfe ausgeglichen. In Hogwarts arbeitet zur Zeit eine sehr tüchtige Krankenpflegerin, die jeden innerhalb weniger Minuten wieder auf die Beine bringt. Ich selbst bin einmal vom Besen gerutscht und konnte zwei Stunden später wieder springen und tanzen. Madame Pomfrey war zwar nicht der Meinung, daß ich sie so schnell wieder verlassen sollte, aber Dumbledore hat sie überredet. Schließlich galt es, den Abschlußball der premierten Siebtklässler zu bestreiten."

"Ja, gut. Im Fußball kann man sich auch alles mögliche zuziehen", wandte Julius' Mutter ein.

"Diese Madame Pomfrey ist sehr eigen, was ihre Kunst angeht", meinte Julius. "Sie hält nichts von ungläubigen Thomasen. Aber die hat schon was auf dem Kasten."

"Das will ich meinen. Dumbledore stellt keine Heiler ohne entsprechende Kenntnisse ein. Aber das wäre nichts für mich. Sicher, ich kann auch was in Heilkunst. Aber Schulkrankenschwester ist irgendwie langweilig, finde ich."

"So wie Quidditch?" Fragte Julius frech.

"Ich glaube es bald! Hat dir der Sieg von Ravenclaw nicht bewiesen, daß es alles andere als .. Frecher Bengel!" Wetterte Aurora Dawn und grinste dabei breit. Dann meinte sie:

"Ich meine, ich bin eine Forscherin. Wissen ist zwar schön. Aber neues Wissen zu erwerben, das nicht in Büchern steht, ist wesentlich spannender."

"Oh, erzählen Sie mir bitte sowas nicht. Ich bin dafür die falsche Ansprechpartnerin", wandte Martha Andrews ein. Dann fragte sie:

"Wo liegt eigentlich dieses Hidden Groves?"

"Das liegt in Neusüdwales, Australien. Wir kommen da locker hin, wenn wir von der Winkelgasse aus mit Flohpulver reisen. Am Silvestertag dürfte er wieder bei Ihnen sein."

"Das hieße, daß wir Ihnen gestatten müßten, unseren Sohn für drei Tage anzuvertrauen. Die logische Frage und der Mutterinstinkt drängen mich dazu, zu fragen, mit welcher Begründung ich das tun sollte?" "Sicher haben Sie recht. Sie kennen mich nicht gut genug, um mir Ihren Jungen anzuvertrauen. Außerdem bin ich eine Hexe. Diese Eigenschaft gilt in der Welt der Nichtmagier als nicht gerade vertrauenswürdig. Außerdem hätten Sie keine Möglichkeit mich zu belangen, wenn etwas passieren würde. Doch ich habe hier ein Schreiben von Professor Dumbledore undProfessor Flitwick. Ich gehe mal davon aus, daß Sie den beiden Lehrern vertrauen."

"Was steht in dem Schreiben?" Wollte Julius' Mutter wissen.

"Lesen Sie selbst!" Forderte Aurora Dawn Martha Andrews auf und übergab ihr eine Pergamentseite. Julius' Mutter nickte und las kurz. Dann meinte sie:

"Dieser Dumbledore lobt sie hier ziemlich heftig. Offenbar waren Sie eine zu gute Schülerin für seine Schule. Zumindest vertraut er Ihnen, wenn es um zukünftige Spezialisten geht. Flitwick meint sogar, daß sie fast alle Bücher der Bibliothek ausgelesen haben und als Vertrauensschülerin der Ravenclaws und Quidditchspielerin große Erfolge für ihr Haus verbucht hätten. Nun gut. Das ist Papier. Helfen kann uns das nicht sonderlich. Dazu müßte ich mit den entsprechenden Herren persönlich reden. Sie verstehen, daß wir nicht meinen, daß Sie nicht vertrauenswürdig sind. Aber halten Sie uns bitte auch nicht für zu vertrauensselig, daß wir unseren Jungen jemanden anvertrauen, der oder die meint, über uns hinweg planen zu können, was aus ihm wird. Stellen Sie sich einmal vor, jemand würde eine Person ausIhrem Freundeskreis ansprechen und sie auf eine Reise mitnehmen. Wie würden Sie da reagieren?"

"Mum, wenn ich einmal mit ihr mitgehe, kann sie oder mich nichts daran hindern, nach Hidden Groves zu gehen. Wenn du also jetzt sagst, daß dir das zu riskant ist, sag besser nein", mischte sich Julius ein.

"Was soll denn das jetzt, Julius? Du kannst mich doch hier nicht unter Druck setzen. Nachher schreiben mir diese Lehrer aus Hogwarts noch, daß wir dich dazu gezwungen hätten, auf wichtige Wissensgrundlagen zu verzichten. Und was glaubst du, woran ich gerade denke?" Empörte sich Martha Andrews.

"Du bist im Moment die Einzige, die entscheiden kann, was ich machen darf oder nicht. Paps ist im Moment auf seine Arbeit aboniert. Der würde sowieso nein sagen, wenn er hier wäre. Also hängt es an dir."

"Willst du denn zu diesem Hidden Groves?"

"Mum, kannst du mir bitte mein Campingzeug rausholen? Ich lasse mich auf das Spiel ein. Paps muß das einsehen, daß ich nicht einfach alles auslassen kann, nur weil ich nicht weiß, was ich zu erwarten habe."

"Kann man in diesem Hidden Groves mit Funktelefonen telefonieren?" Wollte Martha Andrews wissen, die wohl auf die Antwort ihres Sohnes vorbereitet war.

"Ja, da geht das. Hidden Groves liegt nicht in einer muggelsicheren Zone, sondern nur in einer unbewohnten Gegend, in die keiner kommt, wenn er oder sie nicht völlig aus der Zivilisation aussteigen will. Das Problem ist nur, daß ein Funktelefon, das auf erdgebundene Sendernetze angewiesen ist dort nicht mehr funktioniert. Aber ich habe ein Satellitentelefon angeschafft, weil ich auch häufig in der Weltgeschichte herumreise."

"Verständigen Sie sich nicht telepathisch?" Fragte Martha Andrews. Aurora Dawn lachte.

"Sie haben interessante Vorstellungen von uns. Sicher gibt es in der Zauberei Methoden, worthafte Gedanken an andere Personen zu übermitteln. Aber diese Form von Telepathie funktioniert nur zwischen zwei Personen, die sich aufeinander eingestimmt haben. Außerdem ist sie sehr stark von der Entfernung zwischen Sender und Empfänger abhängig. Als Massenkommunikationsmittel taugt sie nichts. Dafür haben wir die Eulenpost und das Flohnetz."

"Achso", erwiderte Julius' Mutter und lief rot an. Julius freute sich, weil sie auch eine typische Muggeldummheit begangen hatte.

"Ich lasse Ihnen meine Satellitentelefonnummer hier. Ich hoffe, das geht so in Ordnung?"

"Wir probieren das erst aus, forderte Martha Andrews. Aurora Dawn nickte zustimmend und holte aus der großen Tasche, die sie bei sich trug ein Satellitentelefon. Sie stellte es auf Empfang und gab Martha Andrews die Rufnummer. Diese holte das Funktelefon, das sie und ihr Mann Julius geschenkt hatten und wählte und brachte damit das Satellitentelefon zum klingeln. Aurora Dawn nahm den Hörer ab und meldete sich.

"Okay Wenn Julius alle vier Stunden erreichbar ist, kann er mit Ihnen gehen."

"Alle zehn Stunden", berichtigte Aurora Dawn. Martha guckte sie an, als habe die in Australien arbeitende Kräuterhexe gerade etwas unglaubliches von sich gegeben. Dann nickte sie.

"Okay, vier Stunden sind zu kurz. Zehn Stunden. Ich bewillige Ihnen den Ausflug. Aber passen Sie gut auf ihn auf!"

Julius holte mit seiner Mutter zusammen das Campingset, daß er vor einem Jahr geschenkt bekommen hatte. Martha Andrews sagte noch:

"Ist vielleicht besser, wenn du für einen Tag wegfährst. Dein Vater hätte nie im Leben zugesagt. Aber er hätte dich dann allein gelassen. Ich verstehe ihn nicht, daß er meint, dir soviel Kram aufbürden zu müssen, ohne sich irgendwie dafür erkenntlich zu zeigen. Mach's gut. Wie gesagt, versuche alle zehn Stunden erreichbar zu sein!"

"Okay"

"Wie ist das eigentlich mit giftigen Spinnen, Malariaüberträgern und dergleichen?" Wollte Julius noch wissen, als Aurora Dawn seine große Reisetasche in ihrer merkwürdigen Umhängetasche verschwinden ließ.

"Gegen Sumpffieber und die meisten Tiergifte habe ich uns schon gewisse Tränke gebraut. Kein Muggelarzt wäre im Stande, dir so schnell zu helfen, falls wirklich was passiert."

Martha Andrews verabschiedete die beiden in dem Moment, als das Telefon klingelte. Sie schloß die Tür und verschwand im Haus.

"Sollen wir noch mal warten, bevor wir in das Taxi steigen?" Fragte Aurora Dawn.

"Wenn Mum uns noch aufhalten soll, müßte sie sofort nach dem Abnehmen des Hörers wieder herauskommen", meinte Julius. Er lauschte kurz an der Tür und hörte, wie seine Mutter gerade sagte, daß er für einen Tagesausflug weggefahren sei.

Mit dem Taxi ging es zur U-Bahn, mit der U-Bahn zur Haltestelle Kings Cross. Von dort aus über eine kaputte Rolltreppe auf eine belebte Straße, und von dort aus in den "Tropfenden Kessel". Aurora Dawn holte aus einer kleinen Seitentasche ihrer verzauberten Reisetasche eine kleine Dose, in der das Flohpulver aufbewahrt wurde. Der alte Tom, der Wirt des Zauberer-Pubs, begrüßte die Kräuterhexe und fragte, ob er ihr einen Becher Glühwein anbieten könne. Sie lehnte dankend ab und deutete auf den Kamin. Sie flüsterte, daß Julius zunächst mit ihr in ihr Landhaus reisen sollte. Julius kannte das Spiel schon. Er nahm ein wenig von dem Flohpulver und trat nahe an das prasselnde Feuer heran. Er warf die Prise Pulver hinein und sah, wie die Flammen zu einer smaragdgrünen Feuerwand aufschossen. Er holte tief Luft, trat schnell in den Kamin und rief, ohne sich zu verschlucken:

"Zur Grenze!"

Von der englischen Grenzstation ging es per Express-Flohpulver zur australischen Grenzstation und von dort ins "Haus der Morgendämmerung".

Ein lautes Rauschen klang auf, und mit einem leisen Poltern landete Aurora Dawn in ihrem Kamin.

"Du machst das so, als hättest du seit deiner ersten Stunde diese Art zu reisen immer und immer wieder geprobt."

"Ich will nur nicht im falschen Kamin landen. Wer weiß, ob es in Australien nicht auch böse Hexen und Zauberer gibt, die das nicht spaßig finden, wenn ein Kind in ihrem Kamin landet."

"Das könnte dir nicht so einfach passieren. Kamine können gegen unbefugten Zutritt gesichert werden. Aber das ist komplizierter Zauber. Wer also nicht will, daß er andauernd Besuch kriegt, sichert seinen Kamin oder meldet ihn vorübergehend ab, wie einen Telefonanschluß, den er nicht benötigt. Ich habe meinen Kamin derartig gesichert, daß nur Leute hier landen, denen ich mein Flohpulver gebe. Die Aufbewahrungsdose prägt das darin befindliche Pulver, daß nur die Leute in meinem Haus landen, die davon genommen haben."

"Und wenn Ihnen jemand die Dose klaut und versucht, sie zu benutzen?" Fragte Julius.

"Ich habe sie mit einer Diebstahlsicherung versehen, die dafür sorgt, daß keiner sie mir wegnehmen kann. Sie macht sich einfach so schwer, daß niemand sie festhalten oder forttragen kann. Und sie hat einen Non-Accio-Runenzug, der sie gegen Bewegung durch Zauberkraft schützt. Schade, daß du nicht zaubern darfst, wenn du nicht in der Schule bist. Sonst hätte ich dich das mal ausprobieren lassen."

"Ich dachte schon, dieses Flohnetz sei für jeden beliebig nutzbar."

"Bloß nicht. Als dieser dunkle Lord, den man nicht beim Namen nennen darf, an der Macht war, wurden die besten Sicherungssysteme in der Zaubererwelt entwickelt, um ihn nicht ins eigene Haus zu lassen. Früher war das Flohnetz wirklich ein offenes System. Heute nicht mehr."

Julius starrte auf den Kamin, in dem im Moment kein Feuer brannte. Er sah auf seine Uhr. Es war jetzt 14.30 Uhr in England. In Australien mußte es wohl elf Stunden später sein, also 01.30 Uhr.

"Wir haben jetzt eine halbe Stunde nach ein Uhr hier, Julius. Wahrscheinlich bist du aufgedreht und könntest jetzt nicht richtig schlafen. Aber dennoch solltest du dich etwas hinlegen, damit wir früh morgens aufbrechen können. Am Besten trinkst du von dem Ortszeitanpassungstrank."

"Ortszeitanpassungstrank?" Fragte Julius sehr interessiert.

"Der macht, daß ein Reisender, der in ein fernes Land kommt sich dem dortigen Sonnenstand angleicht, also sich hungrig fühlt, wenn dort Mittag ist und nicht Mitternacht und müde wird, wenn es dort abends ist und nicht morgens", erwiderte Aurora und holte eine kleine Flasche mit einem Uhrensymbol aus ihrer Küche, schenkte sich und ihm ein kleines Glas einer goldenen Flüssigkeit daraus ein und trank zuerst. Dann trank Julius und fühlte sofort, wie er sehr müde wurde, als sei er schon seit mehreren Stunden wach.

"Das haben meine Eltern nicht bedacht, daß hier schon Nacht ist", dachte Julius. Er ließ sich ein Gästezimmer zeigen, in dem ein großes Sofa stand. Darauf legte er seinen Schlafsack und kroch in seiner Unterwäsche hinein. Er schlief tatsächlich sofort ein, bis er von Vogelgezwitscher, sowie fernem Lachen ähneldem Lärm und dem Rumoren einer weit entfernten Stadt geweckt wurde.

Julius erhob sich vom Sofa und suchte das Badezimmer auf. Dort duschte er sich kurz und zog seine Straßenkleidung an, wobei ihm zu warm wurde.

Als Julius Andrews in das Wohnzimmer zurückkehrte, lag auf dem Sofa ein blauer Umhang und ein Zettel. Julius las darauf, daß er diesen Umhang anziehen könne. Es sei Auroras erster Spielerumhang gewesen und dürfte ihm gut passen. Julius überleegte, ob er den Umhang wirklich nehmen sollte. Doch die immer stärker werdende Hitze überzeugte ihn, seine Wintersachen abzulegen und den Umhang anzuziehen. Tatsächlich paßte er ihm sehr gut.

"Ms. Dawn! Sind Sie in der Küche?"

"Ja!" Kam eine laute Antwort. Julius ging in die Küche und sah, daß auf dem kleinen Tisch bereits eine Kanne Tee und zwei verzierte Tonteller standen.

"Mr. Huxley hat eben angerufen und wollte wissen, ob ich ihn heute besuchen könne. Ich sagte ihm, daß ich heute anderweitig verplant bin. Wir reisen nachher mit Flohpulver nach Hidden Groves. Am besten nimmst du deinen Sonnenhut, den du in der Campingtasche hast. Wenn hier die Sonne richtig hoch am Himmel steht, verbrennst du dir schnell alles, was sie trifft."

"Das habe ich schon gehört. Die haben hier arge Probleme mit der hohen Sonnenstrahlung. Ich habe Sonnenschutzcreme dabei und könnte meinen Winterschal anziehen, um den Hals zu schützen."

"Wäre nicht unpraktisch. Allerdings dieses chemische Dreckzeug läßt du besser in der Tasche. Ich habe Sonnenkrauttinktur angerührt, um Sonnenbrände zu vermeiden oder zu behandeln. Das ist fast rein pflanzlich."

"Ach das. Ich habe davon gelesen", erinnerte sich Julius sofort.

"Huch, wo denn?"

"Da lag so eine Zeitung auf unserem Gemeinschaftsraumtisch herum, die mit Kräuterkunde zu tun hat. Der grüne Magier hieß die."

"Interessant. Das liest in Ravenclaw noch jemand? Ich kannte das eigentlich nur, daß es die Leute in Hufflepuff lasen, die meinten, sich mit ihrer Hauslehrerin gut zu stellen. War nur ihr Pech, daß die das mitbekam und den Betroffenen keine Zusatzpunkte mehr gab, nach dem Motto, ihr wißt das besser als ihr es sagt."

"Professor Sprout steht nicht auf Schleimer. Das habe ich auch schon gehört. Ich hatte erst angst, sie würde mich für einen halten."

"Wo Direktorensöhne sich doch immer für die besten halten, weil sie ja irgendwie das von ihrem Vater geerbt haben. Aber du kannst beruhigt sein. Professor Sprout wird dir auch weiterhin Punkte geben, wenn du die entsprechenden Leistungen bringst."

Julius wollte gerade sagen, daß Snape ihm wohl auch weiter Punkte abziehen würde, aber unterließ es.

"Glauben Sie wirklich, daß mein Vater um halb zwölf anruft, also um halb eins in London?" Fragte Julius.

"Du kennst ihn besser als ich. Denkst du das?"

"Wenn er wieder zu Hause ist, macht er das", antwortete Julius.

Sie frühstückten reichlich, wobei Julius sich durch diverse Spezialitäten der australischen Früstücksgerichte durchaß, bis er sagte, daß er satt sei.

Um 10.00 Uhr Ortszeit reisten die beiden, die Kräuterhexe und der Zauberschüler, mit Flohpulver an einen Ort, der Grove Range hieß. Dabei handelte es sich um eine größere Hütte, ähnlich einer Berghütte, mit Bänken, langen Tischen und einer Decke aus Holzbalken. An den Tischen saßen mehrere Hexen und Zauberer in unterschiedlichen Umhängen und verschiedener Altersgruppen. Julius sah Familien mit kleinen Kindern, junge und ältere Paare, Männergruppen, die wie Kegelvereinsmitglieder zusammenhockten und ältere Hexen, die ein Kartenspiel spielten. Alles wie in einem Landgasthaus der Muggel, dachte sich Julius. Er sah sofort, wie alle auf seine Baseballmütze starrten, die er auf dem Kopf trug, um vor der starken Sonnenstrahlung geschützt zu sein. Er nahm die Mütze ab und verbarg sie schnell in seinem Umhang.

"Willkommen in Hidden Groves", begrüßte ein untersetzter Zauberer in violetter Schürze die beiden Neuankömmlinge. Aurora Dawn holte zwei kleine Pergamentstücke aus einer Tasche ihres dunkelroten Umhangs und fragte:

"Wo ist Madame Helianthus?"

"Sie kommt gleich von der Morgenpatrouille zurück, Ms. Dawn. Sie sind ja schon angemeldet. Hallo, mein Junge. Ich bin Roster Plains, Wirt der Hidden Range-Hütte. Ms. Dawn hat uns bereits angekündigt, einen Neuzugang von Hogwarts unsere schönen Plantagen zu zeigen."

"Ja, ich freue mich schon", sagte Julius kurz.

Aurora Dawn sah eine Hexe, die ungefähr fünf Jahre älter war als sie, die mit einem jungen Zauberer an einem kleinen Tisch saß. Die brünette Hexe blickte zurück, als Aurora Dawn sie erkannte.

"Hallo, Heather!"

"Hallo, Aurora. Bist du heute als Kindermädchen unterwegs?" Wollte die brünette Hexe wissen und sah Julius mit ihren braunen Augen prüfend an.

"Nicht so ganz. Ich zeige dem jungen Herrn hier nur die Vielfalt magischer Pflanzen", erwiderte Aurora Dawn. Dann stellte sie Julius Andrews und Heather Springs einander vor. Heather erfuhr, daß Julius gerade das erste Dritteljahr in Hogwarts zuggebracht hatte. Heather erzählte, daß sie auf der Redrock-Akademie für australische Zauberer und Hexen gelernt hatte. Ihr Begleiter, ein Zauberer namens Justin Gildfort, erzählte, daß er ebenfalls in der Redrock-Akademie gelernt hatte. Beide waren vor einem Tag hier angekommen und würden heute wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren.

Man unterhielt sich einige Minuten und trank heißen Tee. Dann kam eine hochgewachsene Hexe in einem kahkifarbenen Kapuzenumhang durch die Flügeltür. Sie trug einen schlanken Besen über ihre Schulter und eine Umhängetasche aus Känguruhfell über dem linken Arm. Als sie im großen Gastraum stand, schlug sie die Kapuze zurück und schüttelte ihr pechschwarzes Lockenhaar aus.

"Hallo, Madame Helianthus!" Grüßte Roster Plains, der Wirt der Hidden-Range-Hütte die wohl fünfzig Jahre alte Hexe.

"Hallo, Ross. Sind neue Gäste angekommen? - Aja, ich sehe schon. Hallo, Ms. Dawn. Hallo, Mr. Andrews. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?"

"Danke der Nachfrage", erwiderte Aurora Dawn. Dann erhob sie sich und trat auf die sonnengebräunte Hexe mit den silbergrauen Augen zu, die offenbar sehr wichtig hier war. Julius zögerte einen Moment, dann stand auch er auf und trat auf die Hexe im Khakiumhang zu.

"Hallo, Madame Helianthus", sagte er und stand so da, als müsse er gleich fortlaufen.

"Sie kommen aus der alten Welt, Mr. Andrews? Ms. Dawn hat mir geschrieben, daß es nicht sicher sei, ob Sie hierher kommen könnten."

"Das ist richtig", erwiderte Julius Andrews.

"Seine Eltern sind Muggel. Es war daher schwieriger als bei anderen Eltern, sie zu überzeugen, daß ihr Sohn sich bilden soll", flüsterte Aurora Dawn, so daß nur Julius und Madame Helianthus es hören konnten.

"Ich verstehe. Ein Junge unter bösen Hexen, die auf Besen reiten. Nichts für ungut, junger Sir. Aber mir sind die alten Märchen der Muggelwelt durchaus bekannt. Und bereuen Sie es jetzt schon, hierher gekommen zu sein?"

"Nein", erwiderte Julius ruhig und ebenfalls so leise, daß es nur die beiden bei ihm stehenden Hexen hörten.

"Dann wollen wir mal. Sie haben die Eintrittskarten dabei, Ms. Dawn?"

"Aber sicher doch", erwiederte Aurora Dawn und gab Madame Helianthus die beiden Pergamentstücke. Die Hexe im Kapuzenumhang nickte und fragte Julius dann:

"Wie weit beherrschen Sie einen Flugbesen?"

"Hmm, kommt darauf an, was Sie von mir erwarten. Ich kann einfache Manöver ohne Probleme fliegen und gewisse Flugfiguren ausführen."

"Nun, manche Schüler von Hogwarts haben Probleme mit der Flugtechnik. Ich teile nämlich Flugbesen aus, um die großen Strecken bequem zurückzulegen und wollte nur wissen, ob ich für Sie und Ms. Dawn einen Familienbesen holen soll."

"Ich weiß nicht, ob das nicht besser wäre .."

"Unsinn!" Meinte Aurora Dawn. "Der junge Herr stapelt tief. Er wäre mir bei seinem letzten Besuch fast mit meinem alten Besen davongeflogen, ohne daß er unsicher wirkte. Selbstverständlich bekommt er seinen eigenen Besen. Familienbesen, Julius. Weißt du, was das für schwerfällige Dinger sind?"

"Nein", erwiderte Julius verschüchtert.

"Also gut, jedem sein eigener Besen", unterbrach Madame Helianthus die kurze Unterhaltung. Dann winkte sie ihren beiden Gästen, ihr zu folgen. Heather Springs rief ihnen noch ein Abschiedswort zu und sah, wie sich die Flügeltür hinter den beiden Besuchern schloß.

Draußen fragte Julius, wie man es denn anstellen sollte, wenn seine Eltern anriefen. Aurora Dawn sagte dazu:

"Wenn es bei mir klingelt, landen wir einfach. Ich habe Vertrauen zu deinen Flugkünsten. Ich habe dich selbst fliegen sehen, und Madame Hooch schlägt niemanden für die Nachwuchsmannschaft vor, dem sie nicht zutraut, sich bei hohem Tempo auf dem Besen zu halten. Ich zeige dir gleich so einen Familienbesen. Dann wirst du verstehen, wieso jeder seinen eigenen Flugbesen nehmen soll."

Julius mußte seiner Gastgeberin zustimmen, als er den 2,50 m langen Flugbesen mit den ausgefransten Reisigbündeln sah. Der Flugbesen lag mit dreißig anderen verschiedenen Fluggeräten in einer art Pferch. Madame Helianthus wandte sich an Julius und fragte ihn:

"Auf welchen Besen sind Sie bisher ausgebildet worden?"

"Himmelsstürmer 8, Wolkenreiter 6, Sauberwisch 5 und Shooting Star 7", listete Julius die Flugbesen auf. Die Hexe im Kapuzenumhang nickte und holte aus dem Stapel zwei Besen der Marke Wolkenreiter 6 heraus. Dann bat sie Julius, erst einige Runden mit ihr zu fliegen, um zu sehen, wie gut er damit klarkam. Als sie nach zwei Minuten wieder landeten, sagte sie:

"Für einen Muggelgeborenen haben Sie ein großes Talent. Haben Sie schon überlegt, Quidditch zu lernen?"

"Ich habe zwei Spiele gesehen. Womöglich lerne ich das auch", meinte Julius. Dann sah er, wie Aurora Dawn sich auf den Besen schwang und hörte sie rufen:

"Auf geht's!" Julius startete durch, wartete, bis Madame Helianthus ihn überholte und folgte mit Aurora Dawn zusammen der gemeinsamen Wegführerin.

Von der großen Hütte Hidden Range ging es zunächst fünf Minuten richtung Osten, bis sie eine hohe Mauer überflogen, die um ein großes Waldgrundstück aufgebaut worden war. Es ging über große Bäume hinweg, die im Moment in Blüte standen. Der warme australische Sommerwind strich um Julius' Gesicht. Er hatte seine Baseballkappe wieder aufgesetzt und sah zwischendurch zu Aurora Dawn hinüber, die ruhig den Besen auf dem eingeschlagenen Kurs hielt.

"Gleich kommen wir an die Wiese der tausend Kräuter. Da kannst du dir einen Überblick verschaffen, was so alles gezüchtet wird."

"Ich dachte eigentlich, die hätten schon jetzt viele Pflanzen hier", erwiderte Julius leicht enttäuscht. Aurora Dawn lachte.

Als sie an der Wiese ankamen, von der Ms. Dawn gesprochen hatte, klingelte das Satellitentelefon. Schnell landeten sie, so daß Julius sofort den Hörer nehmen konnte und sich meldete. Seine Mutter war am Apparat. Die Verbindung war optimal, wenn auch mit dem für Satellitenverbindungen typischen Echo versehen. Julius unterhielt sich kurz mit seiner Mutter, dann kam sein Vater an den Apparat. Julius hörte die innere Anspannung heraus, die in seiner Stimme mitklang.

"Ich habe zwar befürchtet, daß deine Mutter dich auf eine Auslandsreise läßt, aber finde es dennoch sehr verwunderlich, daß sie sich hat breitschlagen lassen, dich für eine Übernachtung in Australien aus dem Haus zu lassen. Ich hoffe, daß du bald wieder nach Hause kommst."

"Ja, ich seh zu, daß ich schnell fertig werde. Ich bin gut untergebracht, Paps. Ms. Dawn hat mir ein eigenes Zimmer zur Verfügung gestellt und gibt mir gut zu essen. Wir sind gerade in Hidden Groves. Es ist gerade schön Warm geworden hier."

"Du hast doch keine Sommersachen dabei. Das hältst du doch nicht aus!" Erwiderte Richard Andrews.

"Ich habe einen Sommerumhang mit hohem Sonnenschutzfaktor, Paps. Ich schwitz mich schon nicht tot."

"Aber die Sonne. Das Ozonloch, Julius."

"Ich habe Sonnenschutzcreme mit sehr starker Schutzwirkung aufgetragen. Mum hat mir ja welche mitgegeben."

"Na, ich hoffe, das reicht. Gib mir noch mal Ms. Dawn!"

Julius konnte zwar nicht verstehen, was Richard Andrews sagte, doch er hörte schon heraus, daß er verärgert klang. Aurora Dawn antwortete ruhig:

"Mr. Andrews. Ich lasse nicht zu, daß ihrem Sohn etwas zustößt. Ich bringe ihn genauso wohlbbehalten nach Hause zurück wie ich ihn abgeholt habe. Rechnen Sie bitte um neun Uhr morgens ihrer Zeit am 31. Dezember mit uns!"

Sie hörte noch kurz zu, dann verabschiedete sie sich und legte auf.

"Er will in zehn Stunden noch mal anrufen", sagte sie und verbarg das Satellitentelefon wieder in ihrer Reisetasche.

Die nächsten vier Stunden verliefen für Julius wie im Flug, und das nicht nur, weil er große Strecken auf dem Besen zurücklegte, sondern vor allem auch, weil er viel zu sehen bekam. Er erfuhr viel über die australischen Zauberkräuter und ihre Anwendungen in der magischen Heilkunst. Madame Helianthus erwies sich als große Expertin in der Zauberkräuterkunde und vermochte Julius auch über europäische Zauberpflanzen nützliche Tips zu geben.

Neben den Zauberpflanzen, die hier in allen erdenklichen Größen wuchsen, gab es auch magische Geschöpfe. So sah Julius einen echten Greif, der ihnen fast in die Quere gekommen wäre, sah einen Zwergdrachen, der versuchte, ein Einhorn zu fangen und sah eine Baumnymphe, die schnell im Blattwerk eines hohen Rotholzbaumes verschwand.

Nach sechs Stunden gesamter Rundreisezeit, landeten die zwei Ausflügler wieder in der Hütte Hidden Range, wo sie zu Mittag aßen. Sie unterhielten sich mit einigen Zauberern und Hexen über die wunderbare Landschaft von Hidden Groves und trafen sogar einige Hogwartsschüler der höheren Klassen, darunter Padma Patil, eine Ravenclaw-Drittklässlerin, die mit ihrer Zwillingsschwester und ihren Eltern einen Kurzurlaub verbrachte.

"Und deine Eltern haben dich laufenlassen?" Fragte Padma erstaunt.

"Gern taten sie es nicht. Aber ich denke, sie denken darüber nach, daß ich in der Zaubererwelt klarkommen soll", sagte Julius beschwingt. Die beiden Mädchen lachten darüber.

Am späten australischen Nachmittag kehrten Aurora Dawn und ihr Gast in das Landhaus in der Nähe von Sydney zurück. Julius durfte noch einige Stunden in der Bibliothek verbringen, wo diverse Bücher über Pflanzen und Zaubertränke standen. Er wunderte sich nicht schlecht, ein Buch von Professor Severus Snape über die tausend meisten Gegengifte zu finden. Doch er würde Snapes Kenntnisse schon früh genug zu spüren kriegen, dachte sich Julius Andrews.

Ein buntes Buch fesselte seinen Blick. Er hatte es auch schon in Glorias Zimmer gesehen. Sie hatte ihm nur gesagt, daß es nichts besonderes sei, nur ein altes Kinderbuch von ihr. Jetzt aber, wo er sich in einer großen Bibliothek befand, interessierte ihn das bunte Buch so sehr, daß er sich nicht zurückhalten konnte und ohne Bedenken an das Regal ging und danach griff. Er zog den schmalen Band in bunter Umhüllung heraus. Dabei fühlte er sowas wie sanftes Pulsieren, als würde er einen kleinen schlafenden Vogel in der Hand halten, dessen ruhigen Atem er deutlich unter den Fingern spürte. Julius trat ins Licht der großen Kerze, die die Bibliothek in warmes gelbes Licht tauchte. Er legte das Buch auf den Tisch und besah es sich.

Auf dem Einband tanzte ein kleines Mädchen in einem blaugrünen Umhang mit langen roten Zöpfen und smaragdgrünen Augen in einem rosigen Mondgesicht mit Stubsnase. Unter dem Bild standen die ständig ihre Farbe wechselnden Buchstaben:

WINNIES WILDE WELT

Unvermittelt klappte der Buchdeckel zur Seite, begleitet von einem Geräusch, das sich anhörte, als würde ein Kind laut gähnen. Dann spreizten sich die Seiten, die Deckel spannten sich aus wie Flügel, und schließlich ertönte eine piepsige Stimme, die den ganzen Raum ausfüllte.

"Na endlich kommt mal wieder einer. Ich habe lang genug geschlafen. Soll ich dir meine neuste Geschichte .. Heh, du bist ja ein Großer. Du bist ja kein Mädchen. Was soll denn das?!"

"Öh", machte Julius verdutzt und erschrocken zugleich. Er sah, wie das Buch sich aufstellte, als hätte es eine unsichtbare Hand in einen unsichtbaren Notenständer gestellt. Die bunten Seiten flatterten irritierend.

"Warum hast du mich wachgemacht? Ich will dir nichts erzählen", quiekte das Buch und begann, laut zu plärren.

"Ich habe dich nicht wachgemacht. Außerdem glaube ich nicht, daß du mir was erzählen könntest."

"Kann ich doch", protestierte das Buch laut und hob vom Tisch ab. Leicht schwankend schwebte es auf Julius zu und klappte eine Seite auf, auf der das Mädchen vom Einband auf einem kleinen Besen saß und ihm zuwinkte.

"Ich interessiere mich nicht für Kindergartengeschichten kleiner Hexen", erwiderte Julius energisch. Damit löste er wieder ein lautes Geplärre aus, und das Hexenkind auf der aufgeschlagenen Seite heulte große Tränen. Dann flog das Buch Julius fast ins Gesicht. Julius Andrews spürte, wie ein Sog ihn erfaßte und von den Beinen holte. Er ahnte, was geschah und rief:

"Nein, ich will das nicht. Hör auf!"

"Komm, spiel mit mir!" Kicherte das Hexenmädchen und winkte ihm zu, während Julius vorne überfiel und ..

"Winnie, laß das!!" Schrillte Aurora Dawns energische Stimme in den Raum. Doch nichts änderte sich. Julius' Kopf berührte fast die Buchseiten, als ihn ein schneller Griff Aurora Dawns zurückriß.

"Äh, du blöde Alte", krakehlte das Buch und flatterte zornig mit den Seiten.

"Winnie, ist gut jetzt!" Stieß Aurora Dawn aus und zog den Zauberstab aus ihrem Umhang.

"Geh wieder schlafen, Winnie, oder ich mach, daß du festhängst!" Drohte Aurora Dawn. Das Buch plärrte kurz, dann klappte es sich zu und wimmerte nur noch. Es dauerte keine Minute, bis es ganz still dalag. Aurora Dawn schwang den Zauberstab und ließ das Buch vorsichtig aufsteigen, zum Regal zurückfliegen und dort an seinen alten Platz zurückgleiten. Sie steckte ihren Zauberstab zurück in den Umhang und wandte sich Julius Andrews zu, der angsterfüllt in einer Ecke kauerte und sie aus weit aufgerissenen Augen anstarrte, als würde sie gleich explodieren.

"Wartest du jetzt darauf, daß ich dich zusammenstauche oder dir sonst was tu?" Fragte Aurora Dawn mit ruhiger Stimme. Dann lächelte sie Julius an.

"Das wollte ich nicht", gab ihr junger Gast verängstigt zurück.

"Die meisten Bücher die ich habe sind völlig harmlos. Aber dieses Biest von Buch ist nicht so harmlos, wenngleich es nicht wirklich gefährlich ist. Ich habe es seit meinem siebten Geburtstag. Meine Eltern wußten damals nicht, daß es die unangenehme Eigenschaft hat, jeden, der es anfaßt, solange zu nerven, bis er oder sie es zu lesen beginnt und so dem Buch die Möglichkeit gibt, den Leser in seine Welt zu ziehen, und das, wie du fast gemerkt hättest, wortwörtlich. Wer es liest, wird selbst zu einem Teil von Winnies Welt, ein Junge oder Mädchen der Handlung."

"auha! Wie alt ist diese Winnie?"

"Sie ist sechs Jahre alt und ein Kindergartenkind."

"Und wen sie, ich meine das Buch, in seine Welt zieht, der wird tatsächlich zu einer Figur der Handlung?" Wollte Julius wissen.

"Genau. Der oder die muß denken und handeln wie die entsprechende Figur, bis Winnie von selbst müde wird und einschläft. Dann erst fällt der Leser zurück in die eigene Welt."

"Dann hätte ich wie einer dieser Jungen in der Handlung herumlaufen müssen?" Wollte Julius noch wissen, und auf seinem bleichen Gesicht perlte der Angstschweiß.

"Genau. Du hättest dich sogar gefreut, eine Figur dieser Handlung zu sein, ob Winnies kleines Schwesterchen Sweety, ihr Kindergartenfreund Tiny oder ihre Nachbarin, das Hexenmädchen Linda."

"Das ist schwarze Magie, Ms. Dawn. Sowas darf doch nicht herumstehen", erwiderte Julius gequält.

"Ja, kann man so sagen. Und ich habe schon häufig die zaubereiministerin von Australien darum gebeten, dieses Teufelsbuch einzuziehen. Sie hat mir geschrieben, daß sie mit diesen Büchern viel zu tun hat. Ich wollte es einsperren. Doch was meinst du, was das für eine Schreierei gab, als ich es in einer Kiste drin hatte. Das hätte mich im Umkreis von Meilen verraten. Wenn ich Alraunen umtopfe, trage ich sie vorher in ein schalldichtes Gewächshaus, wie ihr es auch in Hogwarts habt. Du weißt, warum Alraunen nur mit Ohrenschützern und Handschuhen aus ihren Töpfen geholt werden dürfen?"

"Weil die menschenähnlichen Wurzeln wie besessen schreien, so sehr, daß Menschen davon sterben können. Sie machen eine menschenähnliche Entwicklung durch, vom Baby, über Teenager bis zum erwachsenen Exemplar, allerdings innerhalb weniger Monate. Die Alraune wird zur Rückverwandlung verzauberter Wesen benutzt", spulte Julius schnell ein Kapitel aus seinem Zauberkräuterbuch herunter.

"Und so ähnlich brüllte dieses Hexenkinderbuch herum. Ich mußte es wieder ins Regal stellen und dort schlafen lassen."

"Ich hätte besser fragen sollen", wandte Julius ein.

"Das wäre nicht unpraktisch gewesen. Aber es ist ja nichts passiert. Ich habe diese Plärrsuse ja noch rechtzeitig gehört."

"Verbrennen Sie es doch", schlug Julius vor.

"Habe ich schon versucht. Geht nicht. Es ist für Kinder geschrieben worden, die mit Wasser und Feuer hantieren und es beschädigen könnten. Es weißt Wasser ab und widersteht Feuer. Die Verfasser haben es mit einem Impervius- und einem Flammengefrierzauber ausgestattet."

"Schwefelsäure müßte es eigentlich vernichten können", kam Julius auf eine weitere Idee.

"Sie besteht auch aus Wasser und wird daher ohne Wirkung abgestoßen. Keine Flüssigkeit kann dem Buch was anhaben. Auch der Muggel elektrischer Strom wirkt nicht, weil das Buch nicht leitet."

"Dann bleibt dieses Buch jetzt hier stehen, bis wieder so ein Idiot wie ich darauf kommt, es zu öffnen?"

Sicher. Deshalb schließe ich meine Bibliothek immer ab, wenn ich Muggelbesuch habe. Die meisten Zauberergeborenen kennen das Buch zu gut, um es anzufassen."

"Ich glaube, ich habe für heute genug gelesen", vermutete Julius. Ihm ging immer noch im Kopf herum, daß er fast als Kleinkind in einem Buch herumgelaufen wäre, solange, wie diese Winnie nicht schlafen wollte.

Als das Sattelitentelefon klingelte, atmete Julius durch und nahm den Hörer ab.

Seine Eltern wollten nur noch einmal wissen, ob es bei 09.00 Uhr bleibe. Julius fragte sich in Gedanken, weshalb er nicht schon jetzt zurückkehren sollte. Doch dann sagte er:

"So wie es aussieht, bleibt es dabei. Das wird dann wohl acht Uhr abends hier sein."

Aurora Dawn beruhigte Julius' Eltern und erklärte, daß sie am nächsten Tag noch ein Quidditchmatch besuchen wollten, das zwischen den Sydney Sparks und den Canberra Kangaroos ausgetragen werden sollte.

"Wir bezahlen dafür nicht!" Hörte Julius seinen Vater aus dem Hörer rufen.

"Ist auch nicht nötig", erwiderte Aurora Dawn. "Jungzauberer unter 12 Jahren kommen umsonst ins Stadion, und für mich selbst zahle ich gerne, wenn ich das Spiel sehen kann."

Als das Telefon wieder zurückgestellt worden war, fragte Julius, ob sie sich da nicht verrechnen würde, weil Quidditchspiele manchmal mehrere Tage dauerten. Aurora Dawn sagte:

"Ja, normalerweise. Aber die beiden Mannschaften sind so gut ausgebildet, daß wer auch immer den Schnatz sieht, ihn auch sofort zu fassen kriegt."

 

 

Das Match erfüllte Julius' Erwartungen. Er war wohl der erste Muggelgeborene, der so früh ein Quidditchmatch professioneller Mannschaften zu sehen bekam. Die Sparks spielten in blaßblauen Umhängen, während die Kangaroos in rostroten Umhängen aufliefen. Die Schiedsrichterin, eine bullige Hexe in schwarzem Umhang, zog die übliche Begrüßungszeremonie der Kapitäne durch, wobei die Mannschaft von Canberra von einer dreißigjährigen Hexe geführt wurde, die Rhoda Redstone hieß. Dann ging das Spiel los, und Canberra holte sich schnell den Quaffel. Der direkte Vorstoß endete am gegnerischen Tor, wo ein Klatscher den Jäger, der zum Schuß ansetzte, beinahe den linken Arm zerschmetterte. Der Jäger mußte sich in einer halsbrecherischen Seitwärtsrolle aus der Bahn des schwarzen Balles werfen, wobei der große rote Spielball verlorenging und vom Hüter der Sparks in weitem Bogen ins Feld zurückgeschlagen wurde, wo ein blaßblau gekleideter Jäger ihn übernahm und den Konterangriff eröffnete. Doch die Jäger der Kangaroos vereitelten den Erfolg des Konters und paßten sich den Quaffel hin und her, von unten nach oben und umgekehrt. Zwischendurch schlug ein Treiber in Rostrot einen aufdringlichen Klatscher aus der Flugbahn eines Jägers, der darauf angespielt wurde und vollendete. Die Fankurve der Gäste johlte und schwenkte rostrote Fahnen mit dem orangen Känguruh.

Von diesem Tor angestachelt trafen die Kangaroos noch dreimal hintereinander. Es schien so, als würden die Spieler aus Sydney nicht mehr mitmachen. Doch dann schafften es die Sparks, mit einer schnellen Aktion, zwei Tore in Folge zu erzielen, bevor die Spieler aus Canberra wieder ein Tor erzielten.

"Fünfzig zu zwanzig steht es nun, und die Kangaroos sind wieder auf dem Sprung", tönte der Stadionsprecher, dessen Mitgerissenheit Julius an Lee Jordan erinnerte. "Vielleicht ist den Sparks der kleine Hoffnungsfunke wieder ausgegangen. - Aber moment, was geht da vor? Pamela Lighthouse, die Sucherin der Sparks stürzt auf die Mitte des Feldes los, wie ein blauer Blitz. Ist das etwa ...? - Nein, kein Schnatz, meine Damen und Herren. Ende der Aufregung. Es war wohl nur ein Ablenkungsmanöver, um den Jägern ihrer Mannschaft den Weg frei zu machen, denn gerade rast Wilma Wavecrest auf das Tor zu, den Quaffel schön kontrollierend, und sie vollendet! Toooor!!"

Die überwiegende Mehrheit der Zuschauer sprang auf und brüllte das Tor in das Stadion hinein, darunter auch Aurora Dawn und Julius Andrews. Die blauen Fahnen mit den weißen Funkenmustern wehten wie eine Welle über die Zuschauer hinweg.

"Oha, jetzt packen sie beide die Brechstangen aus", kommentierte Julius, als ein Treiber der Sparks einen Jäger der Kangaroos gezielt mit einem Klatscher beschoß, worauf ein Jäger der Sparks von einem Jäger der Kangaroos fast überfahren wurde. Kurz darauf fielen die Tore auf jeder Seite im offenen Schlagabtausch. Julius brüllte:

"Ist das hier Tennis oder was?!" Aurora Dawn krümmte sich vor lachen und meinte:

"Meine Güte, das habe ich lange nicht mehr ... Ui!" Ein Spieler der Kangaroos war gerade von einem Klatscher regelrecht vom Besen gepflückt worden und stürzte ab. Sofort stiegen zwei Zauberer in weißen Umhängen mit der roten Eskulapschlange am Revert von ihren Sitzen und schwangen synchron ihre Zauberstäbe. Der zu Fall gebrachte Spieler wurde kurz vor dem Boden abgebremst und landete mit einem leichten Knall auf seinen Armen und Beinen. Die beiden weißgekleideten Zauberer sprangen aufs Feld und holten den Abgestürzten herunter. Sie begutachteten ihn kurz, vollführten kurze Bewegungen mit ihren Zauberstäben und zeigten dann mit den Daumen nach oben. Die Schiedsrichterin, die beim Absturz sofort gepfiffen hatte, kam herunter, besah den Verunglückten und nickte. Dann winkte sie ihm, seinen Besen, den ein anderer Zauberer mit einem Beschwörungszauber zurückgeholt hatte, zu besteigen. Als der eben noch am Boden gelegene Spieler mit seinen Mannschaftskameraden wieder aufgestiegen war, pfiff die Hexe in der schwarzen Schiedsrichterrobe zur Fortsetzung der Begegnung.

"Der sah so aus, als hätte er sich sämtliche Knochen gebrochen", meinte Julius.

"Nicht ganz. Der wird sich einige Knochen verprällt haben. Aber unsere Heiler sind schnell und exzellent. Sieh doch, der Kerl versucht schon wieder, sich mit seinem Gegenspieler anzulegen."

"Wenn beim Fußball einer verunglückt, wird er vom Platz getragen und erst mal nicht mehr gesehen", sagte Julius Andrews.

"Was ist schon Fußball?" Wollte Aurora Dawn wissen, die bereits wieder voll auf das Spiel konzentriert war.

Nach einer Stunde heftiger Schlagabtausche erwischte Pamela Lighthouse den Schnatz. Doch die Kangaroos hatten schon zuviele Tore erzielt, so daß die Partie mit 300 zu 280 Punkten zu ende ging.

"Mann, hätte die nicht warten können, bis die Sparks noch vier Tore geschossen hätten?!" Rief Aurora Dawn wütend, während die Fans der Canberra Kangaroos den Sieg ihrer Mannschaft bejubelten. Julius fiel eine Frau auf, die ein Mädchen bei sich hatte, das wohl gerade so alt wie Julius selbst sein mochte. Das hellblonde Mädchen war in eine Flut von Freudentränen ausgebrochen und hüpfte wild auf und ab.

"Da ist ja Melinda Bunton. Ich dachte, die wäre in England geblieben", trällerte Aurora Dawn, als sie Julius' Blick verfolgt hatte.

"Die Frau kenne ich. Die habe ich im Flugzeug gesehen, als wir ..."

"Genau", sagte Aurora. "Vor einigen Monaten hatte sie keine andere Wahl, als mit einer dieser Muggelmordmaschinen zu reisen. Womöglich hat sie jetzt wieder Flohpulver."

"Flohpulver ist doch billiger, als Flugzeugfliegen. Wieso ..."

"Tut nichts zur Sache. Sie ist hier, ihre Nichte freut sich. Ich ärgere mich zwar über Pam, aber vorbei ist vorbei. Komm, wir beglückwünschen die beiden!" Munterte Ms. Dawn ihren Gast auf und nahm ihn bei der Hand.

Julius war ganz aufgeregt, die fremde Hexe wiederzusehen, die ihm die Aufmunterungsbonbons geschenkt hatte.

"Ach neh, wen haben wir denn da? Haben deine Muggeleltern dich mal bei vernünftigen Leuten gelassen?" Grüßte Melinda Bunton den Hogwarts-Schüler und schüttelte seine Hand.

"Diese Dame hat ihnen angedroht, sie in langweilige Fußabtreter zu verwandeln", erwiderte Julius und erntete dafür einen kurzen Klaps von Aurora Dawn.

"Wie auch immer. Hat deinem Vater das Bonbon geschmeckt?" Wollte die Hexenkonditorin wissen.

"Ja, aber nur, weil er nicht gelesen hat, was da drin ist. Als er noch gehört hat, von wem es war, hätte er es lieber nicht gegessen."

"Hoi! Du hast aber welche gekriegt, hoffe ich."

"Könnten vielleicht nützlich werden", meinte Julius und verzog das Gesicht, weil er an den Dementor dachte, der bei der Hinfahrt den Hogwarts-Express durchsucht hatte. Doch hier wollte er nichts davon sagen.

"Das ist Corinna, meine Nichte", stellte Melinda dem Hogwarts-Schüler das kleine Mädchen vor.

Melinda lud Aurora Dawn und Julius zu einem großen Früchteeis ein. Dabei erfuhr Julius, wie es für sie in Hogwarts war. Ihre Nichte erzählte dem Hogwarts-Erstklässler, daß sie im nächsten Jahr auf die Redrock-Akademie für australische Hexen und Zauberer gehen würde und bereits die ersten Bücher lese, die sie dazu brauchte. Julius erfuhr auch, daß die Redrock-Akademie acht Häuser besaß, in die die Schüler eingeteilt wurden. Wie genau das ging, konnte Corinna nicht erzählen.

"Erlauben deine Eltern, daß du Quidditch lernst, Julius?" Wollte Melinda Bunton wissen.

"Sie haben's auch erlaubt, daß ich Hogwarts besuche. Irgendwie haben die's dort angestellt, daß ich beim Nachwuchstraining mitmachen soll. Ob das was wird, weiß ich noch nicht."

"Für wen willst du spielen, wenn du mit der Schule fertig bist?" Wollte Corinna wissen.

"Ich weiß nicht, ob ich für jemanden spielen soll. Ich werde wohl eher Pflanzenkundler oder sowas, wenn man mich läßt."

"Das ist doch langweilig. Du umgibst dich nur mit Gemüse, Unkraut und irgendwelchem glibberigen Gesträuch. Du hast keinen Kontakt zu Leuten und kannst ihnen keine Freude machen. Wie gesagt, es ist stumpfsinnig und langweilig", erwiderte Melinda Bunton.

"Soso, stumpfsinnig. Wer bringt euch Zuckerbäckern bei, wo man die Wunderkräuter herkriegt, mit denen ihr eure Kuchen verzuckert?"

"Das steht doch schon seit Jahren in den Büchern", konterte Melinda Bunton.

Corinna wurde auf einmal vollkommen hibbelig. Sie deutete auf den Eingang des Stadion-Cafés, wo eine muskulöse Hexe in königsblauem Umhang hereintrat und dem Barkellner zuwinkte. Dieser sprang sofort auf und rannte in den angrenzenden Küchentrakt.

"R-Rhoda R-R-Redstone", stammelte Corinna völlig außer sich. Aurora Dawn sah die Hexe und nickte beiläufig. Julius sah genau hinüber und erkannte, daß es tatsächlich die Kapitänin der Kangaroos war, die nun in Zaubererzivil den Gastraum betreten hatte. Hinter ihr kam eine kleine Hexe mit pechschwarzen Locken herein.

"Ich glaub's nicht", meinte Melinda Bunton, als sie auch diese Hexe erkannte. Aurora Dawns Augen glänzten, als habe ihr jemand das schönste Weihnachtsgeschenk seit Jahren gemacht. Die kleine Hexe im kirschroten Umhang sah sich um, sah dann zu Aurora Dawn hinüber und winkte. Dann sprach sie mit der bulligen Hexe, Rhoda Redstone. Danach kamen beide an den Tisch, an dem Aurora Dawn, Melinda Bunton und ihre Nichte mit Julius zusammensaßen.

"Ist hier noch Platz für zwei Schwerstarbeiterinnen?" Fragte die kleingewachsene Hexe.

"Aber sicher doch, Pam", erwiderte Aurora Dawn und strahlte. Dann kam noch Rhoda Redstone und setzte sich neben Pamela Lighthouse, die Sucherin der Sparks.

"Wenn euch hier jemand zusammen sitzen sieht, steht morgen im Stern des Südens, daß du dich von den roten hast bezahlen lassen, damit sie mehr Punkte machen, bevor du den Schnatz kriegst, Pam", flachste Aurora Dawn. Pamela Lighthouse grinste zurück:

"Das weiß doch jeder, daß sich nach dem Spiel die Quidditchmannschaften hier treffen. Unsere Jungs und Mädels verteilen noch Autogramme", erwiderte Rhoda Redstone, die offenbar kein Problem damit hatte, sich zu Leuten zu setzen, die Pamela Lighthouse kannten.

"Huch, und Sie verteilen keine Autogramme? Die Kapitänin und Frontjägerin der Canberra Kangaroos und die Sucherin der Sydney Sparks müßten doch die begehrtesten Leute der beiden Mannschaften sein", meldete sich Julius vorwitzig zu Wort. Die beiden Spielerinnen der beiden Mannschaften lachten laut.

"Was meinst du, was wir machen, wenn wir nicht gerade trainieren, Junge?" Wollte Rhoda Redstone wissen.

"Stricken", warf Julius ein und erntete zunächst ein ungläubiges Glotzen, dann schallendes Gelächter von den beiden Spielerinnen. Corinna sah Rhoda Redstone mit einem Blick an, der verriet, daß sie nicht wußte, ob sie jetzt losplappern oder die Flucht ergreifen sollte. Rhoda sah das Mädchen an und lächelte. Dann holte sie aus ihrem Umhang eine Pergamentrolle, ein Fäßchen rostroter Tinte und einen Federkiel. Sie entrollte die schmale Pergamentseite und schrieb in geschwungenen Buchstaben ihren vollständigen Namen hin: Rhoda Regina Redstone. Dann fragte sie noch:

"Wie heißt du, junge Miss?"

"Corinna Bunton", flüsterte Melinda Buntons Nichte aufgeregt und lief rot an. Rhoda schrieb dann noch: "Für Corinna Bunton, eine große Bewunderin der großen Kangaroos." Dann malte sie noch ein springendes Känguruh darunter, wartete, bis die Tinte einigermaßen getrocknet war und rollte das Pergamentstück vorsichtig zusammen. Mit einer verspielten Handbewegung warf sie Corinna das Pergament zu und lächelte, wie eine Mutter, die ihrem Kind eine große Freude bereitet hatte.

"Danke", sagte Corinna und verschluckte sich fast vor Aufregung.

"Das sind die richtigen. Unsereiner darf suchen und suchen, aber keine Verehrer haben", sagte Pamela Lighthouse. Julius sah Aurora an, die merklich nickte. Dann sagte er:

"Kann ich ein Autogramm von Ihnen Haben Madame Lighthouse?"

"Madame? Ist ja schön. So heißen bei uns nur Schuldienerinnen und ältere Hexen. Du wolltest mich damit sicher ehren, nicht beleidigen, oder?"

"selbstverständlich wollte ich Sie nur ehren, Ms. Lighthouse."

"Mrs. Lighthouse", korrigierte Pamela Lighthouse den Jungen. "Du hast wohl den Stern des Südens nicht gelesen. - Ach nein, ich dummes Ding. Du kommst ja nicht von hier. Stammst du auch aus England, wie diese Kräutertante hier?" Fragte sie noch und deutete auf Aurora Dawn.

"Richtig", erwiderte Julius mit kräftiger Stimme.

"Ich bin schon seit zwei Jahren fest vergeben. Mein Schnatz sitzt zu Hause und wälzt langweiliges Zeug. Hatte keine Zeit, mich spielen zu sehen. - Aber dein Autogramm kriegst du auf jeden Fall, junger Freund. Wie heißt du?"

"Julius Andrews", sagte Julius und spürte, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg.

"Komm, nicht so verlegen. Wir sind doch ganz normale Leute. Oder glaubst du das nicht?"

"Ich habe bisher noch kein Autogramm von irgendeinem Sportler gekriegt. Ein Onkel von mir wollte mir eins vom Chelsea-Mittelstürmer besorgen, aber .. Ist nicht so wichtig."

"Chelsea? Die Mannschaft ist mir unbekannt. Dabei kenne ich alle englischen Quidditchmannschaften von Commonwealth-Turnieren her."

"Er meint die Fußballmannschaft, Pam. Unser hoffnungsvoller Freund hat erst vvor vier Monaten erfahren, daß es neben der Muggelwelt seiner Eltern noch eine andere, interessantere Welt gibt."

"Achso. Aber das macht doch nichts", sagte Pamela Lighthouse. Rhoda Redstone hingegen sah Julius an und begutachtete ihn. Dann sagte sie:

"Und wielange hat es gedauert, sich weiterzuentwickeln?"

"Öhm. Ging eigentlich ziemlich schnell", erwiderte Julius, der im Moment vermeinte, eine erwachsene Slytherin zu hören. Doch Rhoda Redstone lachte und zeigte ein Gesicht, daß nicht für eine Slytherin typisch sein konnte. Denn sie sah ihn mit bewunderung an und sprach:

"Du bist der erste Muggelgeborene, der nicht ausrastet, wenn ihn jemand für minderwertig hält. Bleib auch so. Du bist nicht schlechter, nur weil deine Eltern und Vorfahren nicht zaubern können. Das ist Shadelake-Philosophie, daß Muggel keine Bereicherung, sondern Vergiftung der Zaubererwelt seien."

"Bei uns sind das die ... Aber das interessiert ja keinen."

"Slytherins!" Riefen Aurora Dawn und Melinda Bunton zusammen aus.

Julius Räusperte sich. An und für sich wollte er nichts sagen, was zeigte, daß er die Slytherins verachtete, so wie diese ihn verachteten. Doch Aurora Dawn und Melinda Bunton hatten wohl ebenfalls keine hohe Meinung von den Bewohnern und Absolventen aus diesem Haus von Hogwarts.

"Ich habe in den letzten Monaten soviel Verachtung zu hören gekriegt, daß ich dagegen immun geworden bin", sagte Julius noch. Dann sah er zu, wie Pamela Lighthouse mit blauer Glitzertinte ein Autogramm für Julius Schrieb.

"Wir sind im ersten Aufgebot für die Weltmeisterschaft", verriet Pamela Lighthouse und erntete ein zustimmendes Kopfnicken von Rhoda Redstone. "Ich darf suchen, Rhoda darf Tore schießen."

"Na wunderbar", erwiderte Aurora Dawn. "Dann haben die Kolumbianer nichts zu lachen."

Julius erfuhr noch, daß die Quidditch-Weltmeisterschaft zwischen Juli und August des neuen Jahres in England stattfinden würde. Aurora Dawn sagte sofort, noch ehe Julius etwas dazu bemerken konnte:

"Ich besorge uns Karten für alle Australienspiele und das Finale."

"Ich glaube nicht, daß meine Eltern sich das bieten lassen, Ms. Dawn. Ich habe einem Onkel von mir schon eine Absage erteilt, daß ich nicht mit ihm zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Amerika fliege. Ich höre meinen Vater schon fluchen, daß ich keine anständigen Sportarten mehr verehren würde."

"Moment, du sprichst derartiges in Anwesenheit zweier Quidditch-Weltstars. Du verehrst doch anständigen Sport, oder bringt man euch in dieser Gespensterburg von Hogwarts kein Quidditch bei?" Wollte Rhoda Redstone wissen.

"Nein, nur Fußball und Rugby, wie in jeder englischen Schule", konterte Julius frech.

"Das ist doch wohl nicht wahr. Da habe ich ihn aus dieser langweiligen Muggelbehausung geholt und zeige ihm anständiges Leben, ja, ich stelle ihn noch echte Profis vor, und der verspottet uns. Frechdachs!" Wetterte Aurora Dawn mit gespielter Empörung. Dann sagte sie:

"Der wird bei seinem Abschluß ein Spitzenspieler der Hausmannschaft sein. Das ist so sicher, wie sich die Erde um die Sonne dreht."

Die übrigen Mannschaftsmitglieder kamen noch ins Café. Pamela und Rhoda setzten sich zu ihren Kameraden, nicht ohne zu bekunden, daß sie die beiden Kinder gerne bei ihrem Spiel bei der Weltmeisterschaft sehen würden.

Als eine Frau in gewöhnlichem grünen Umhang zu den vieren trat und sagte "Es wird glaube ich Zeit, Melinda. Wir kommen sonst zu spät zur großen Party."

"Ach ja! Die Zeit ist wieder so verflogen. Die Kangaroos hätten ruhig früher den Schnatz holen sollen, als diese Triene von den Sparks. OK, Bella. Ich komme schon. Macht's gut, ihr beiden! Komm gut nach Hause, Julius!"

"Ich glaub's bald. Dieses Weib versucht immer wieder, mich zu ärgern. Und ich wundere mich immer darüber, daß ich mich so gut beherrschen kann", meinte Aurora Dawn grinsend, als Melinda mit ihrer Schwester Bella und deren Tochter Corinna davongeeilt war. Sie spielte damit auf die Äußerung Melinda Buntons an, Kräuterkundler hätten einen stumpfsinnigen Beruf. Dann ging es auch für Julius zurück zum Haus von Aurora Dawn. Sie schenkte ihm zu all den Erlebnissen, die er bei ihr gehabt hatte, noch eine Flasche mit der Sonnenschutztinktur, die ihnen in den letzten Tagen so gut geholfen hatte. Denn Julius war zwar etwas brauner geworden, hatte aber keinen Sonnenbrand abbekommen.

Mit Flohpulver ging's zurück nach England, als es dort gerade hell geworden war. Aurora Dawn brachte Julius noch zu seinen Eltern zurück und verabschiedete sich von ihm.

"Wir bleiben selbstverständlich in Kontakt. Schreib mir, als was du in der Nachwuchsmannschaft spielen wirst!"

"Jetzt ist aber genug. Sie haben gegen meinen Willen meinen Sohn zwei Tage lang in Beschlag genommen, Ms. Dawn. Er sollte sich wieder auf sein Zuhause besinnen. Wir haben heute abend Besuch, um in das nächste Jahr hineinzufeiern. Auf Wiedersehen!" Beendete Julius' Vater den Abschied von Aurora Dawn. Diese nickte und stieg wieder in das Taxi ein, mit dem sie Julius nach Hause gebracht hatte.

Julius mußte seinen Eltern erzählen, was er erlebt hatte und verschwieg auch nicht, daß er Schulkameraden getroffen und die Hexe aus dem Flugzeug wiedergesehen hatte, die seinem Vater das Bonbon gegeben hatte. Damit erreichte er, daß Richard Andrews zusammenfuhr und sich schütteln mußte.

"Erinnere mich nicht an das Ding. Ich dachte, das sei harmlos."

"Du schluckst auch alles", ärgerte seine Frau ihn noch.

"Das verbitte ich mir, Martha!" Schimpfte Richard Andrews.

 

 

Julius nutzte den Silvestertag, um für den Jahreswechsel auf Vorrat zu schlafen. Durch die kurze Reise nach Australien war er ohnehin auf eine andere Zeit eingestimmt.

Die Gäste waren die üblichen. Freunde und Bekannte seiner Eltern. Er hatte es nicht geschafft, seine alten Schulkameraden Lester und Malcolm ins Haus zu schmuggeln, um mit ihnen einige gelungene Scherze zu veranstalten. Doch seine Eltern hatten das Telefon mit einem Code verschlossen, so daß nur sie es bedienen konnten. Julius überlegte, ob er den Code mit dem Alohomora-Zauber knacken könne. Doch da fiel ihm noch rechtzeitig ein, daß er ja nicht zaubern durfte. Von Hogwarts zu fliegen hatte er nicht vor. Er hörte immer noch Professor McGonagalls Stimme, daß es nur dort möglich war, ihn richtig auszubilden. Außerdem wollte er sich vor seinen neuen Schulkameraden Gloria und Kevin nicht blamieren, abgesehen von der Wut, die ihm von Professor McGonagall oder Aurora Dawn entgegenschlagen würde.

Die Feier verlief nach dem alten Prinzip, daß er schon seit seiner Kleinkindzeit kannte. Erst gab es Essen vom Party-Service mit Leihkellner und Leihkoch. Dann sahen sich alle im Fernsehen die Neujahrsansprache der englischen Königin und ein Konzert an, das bis kurz vor Mitternacht gegeben wurde. Schließlich gingen alle nach draußen, wo genau um Mitternacht Julius' Vater selbstgebasteltes Feuerwerk zündete, Raketen und Leuchtkugeln mit unterschiedlichen Farbeffekten. Der Stolz von Mr. Andrews war eine Ansammlung sirrender Feuerwerkskörper, die eine laute Melodie spielten, während sie wie Wunderkerzen zersprühten.

"Von einem Plastimann eine gute Vorführung", lobte Richard Andrews' Studienfreund Silas Brant, sichtlich beschwipst.

Julius ging um ein Uhr zu Bett, nachdem er es in der Runde immer angeheiterter werdender Männer und Frauen nicht mehr aushielt. Einer hielt ihm sogar vor, zu dumm für Eton zu sein, wenn er auf eine Sonderschule geschickt worden sei.

Die letzten beiden Tage der Ferien waren langweilig. Julius mußte weitere Prüfungen seiner Eltern über sich ergehen lassen. Nebenbei brach bei ihm eine Erkältung aus, die ein Bekannter seines Vaters auf der Silvesterparty gepflegt hatte.

So kam es, daß er mit Husten und Schnupfen in den Hogwarts-Express stieg. Er wollte ein Abteil für sich allein haben, doch Gloria, Fredo, Kevin, Die Hollingsworths und Glenda Honeydrop, eine Bekannte Fredos aus Gryffindor, überredeten ihn dazu, sich mit ihnen ein Abteil zu teilen.

"Erkältungen sind doch heute kein Problem mehr", meinte Betty Hollingsworth, die direkt neben Julius saß. Gloria, die mit Jenna gegenüber von ihm Platz genommen hatte, wollte wissen, was er so alles erlebt hatte. Mit heiserer Stimme, von Husten und Prusten unterbrochen, berichtete Julius vom Quidditchmatch und von dem Buch, das er gesehen hatte. Sämtliche Mädchen im Abteil zuckten zusammen.

"Das hat eine Hexe von Du-weißt-schon-wem geschrieben. Hat fünf Jahre gedauert, bis alle dahintergekommen waren", meinte Glenda Honeydrop.

"Hat es dich erwischt, das Buch?" Wollte Gloria wissen.

Als sich die Abteiltür öffnete und Draco Malfoy und seine bulligen Spießgesellen mit dümmlichem Grinsen hineinbeugten, entfuhr Julius ein derartig lauter Nieser, daß alle dachten, das Fenster würde zerspringen. Draco schrie erschrocken auf und hechtete aus der Tür, so schnell, daß Crabbe und Goyle erst nicht begriffen, daß ihr Wortführer verschwunden war. Crabbe fluchte noch: "Verdammte Muggelbazillen!" Und zog sich mit Goyle zurück.

"Die sind wir los", grinste Kevin Malone gehässig. Glenda verzog das Gesicht und meinte:

"Diese Dreierbande ist wie ein Haufen Schmeißfliegen. Immer meinen die, sich in den Mist anderer einmischen zu müssen. Dabei ist Lucius nur durch Du-weißt-schon-wen so stark geworden. Und wenn der mal wiederkommen sollte, was ich nicht hoffen möchte, wird der mächtige Mr. Malfoy wieder zur Marionette, wette ich."

"Denke ich auch. Wenn Voldemort es wirklich hinkriegt, wiederzukommen, sollten sich die Leute warm anziehen, die ihn einmal unterstützt haben", prustete Julius. Wieder genoß er es, wie alle bei der Nennung des Namens des dunklen Lords zusammenfuhren, als habe er ihnen Starkstrom durch den Körper gejagt. Nur Gloria blieb ruhig.

"Mann, wie oft muß man es dir erzählen, daß man den bösen Lord nicht mit Namen anredet?" Maulte Kevin.

"Wenn der jetzt hier auftauchen sollte, kann er meinen Schnupfen und Husten abhaben", spottete Julius und hustete, weil das Lachen ihm im Hals kratzte.

Es kam zwar nicht der dunkle Lord, vor dem alle Angst hatten, aber ein Dementor, der kontrollierte, ob Sirius Black sich möglicherweise im Zug versteckt hatte. Wieder überkam sie alle die Kälte und Verzweiflung, die in der Nähe eines Dementors immer aufkamen. Betty Hollingsworth klammerte sich an Julius fest, als könne er ihr die Geborgenheit geben, die sie brauchte. Als der Wächter von Askaban nach einer ewig erscheinenden Zeitspanne weiterzog, holte Julius die Bonbons hervor, die er geschenkt bekommen hatte und teilte jedem in seinem Abteil zwei aus. Nun hatte er noch 50 Stück in der Tüte.

Die Zitronenbonbons mit den Zauberzutaten taten ihre Wirkung. Die Kälte und Verzweiflung verflog augenblicklich. Als der Zug in Hogsmeade einfuhr, waren sie die einzigen Mitreisenden, die wieder vollkommen gelassen und fröhlich ausstiegen. Nun wurden sie auf Kutschen verteilt, die von unsichtbaren Pferden gezogen wurden und kehrten damit nach Hogwarts zurück, wo sie von den Hauslehrern begrüßt wurden. Julius mit seiner Schniefnase durfte jedoch noch nicht in den Ravenclaw-Gemeinschaftsraum.

"Gehen Sie zunächst zu Madame Pomfrey und lassen Sie Ihre Erkältung beheben, Mr. Andrews! Sonst haben Sie bald das ganze Haus angesteckt. Ihre Mitreisenden werden Ihnen folgen", wies Professor Flitwick den Muggelgeborenen an.

Julius ging in den Krankenflügel, wo Madame Pomfrey gerade einem Jungen aus Hufflepuff ein Heiltonikum gab, der sich zu Hause eine Schürfwunde zugezogen hatte. Dann kam sie zu Julius.

"Dich hat es aber voll erwischt, wie?"

"Kann man sagen. Professor Flitwick wollte mich nicht in den Gemeinschaftsraum lassen. Dabei weiß doch jeder, daß Erkältungen nicht geheilt werden können. Ohne Medizin dauern sie sieben Tage, mit Medizin eine Woche", prustete Julius mit verkaterter Stimme.

"Unfug! Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Hier, trink das, und zwar ganz leer!" Erwiderte Madame Pomfrey und hielt dem Jungen ein dampfendes Gefäß unter die Nase. Julius war froh, daß er nicht riechen und schwer schmecken konnte, was in dem Kelch war und setzte ihn an. Mit schnellen Schlucken stürzte er das Gebräu hinunter und meinte:

"Das Zeug behandelt wohl nur die Auswirkungen, aber ... Hups, was ist denn jetzt los?" Julius hatte seine Stimme wiedergefunden, und auch die Nase war wieder völlig frei und tat nicht mehr weh. Der Husten war verschwunden und das Kratzen im Hals auch. Dafür schoß dem Jungen Dampf aus beiden Ohren.

"Das geht schnell wieder weg, Junge. Glaubst du immer noch, Muggelärzte hätten immer recht?"

"Nein, Madame Pomfrey. Sie haben mich eben von diesem Irrtum geheilt. Wie heißt das Gebräu?"

"Allgemeiner Erkältungstrank. Das Rezept ist uralt. Das kannte schon Madame McGonagall, die hier vor 250 Jahren meine Arbeit gemacht hat", erwiderte die Schulkrankenschwester. Julius hätte fast einen Schrecken bekommen. Doch dann dachte er, daß die gesamte Lehrerschaft wußte, von wem er seine Zauberkraft hatte.

Einige Minuten nach der Einnahme des Heiltrankes kamen Gloria und die übrigen, die mit Julius im Abteil gesessen hatten und holten sich kleinere Mengen des Erkältungstranks ab. Julius' Ohren dampften nicht mehr, so daß er mit den anderen Hauskameraden und den Hollingsworths zurückgehen konnte. Die Zwillinge Betty und Jenna trennten sich von der Ravenclaw-Truppe, die ohne Probleme durch den Eingang kam. Das Passwort war immer noch gültig.

Julius unterhielt sich noch mit seinen Schlafsaalgenossen über das Funktelefon, das seine Eltern ihm geschenkt hatten. Seine Mutter hatte es ihm mitgegeben, weil sie nicht so recht glaubte, daß es nicht funktionierte. Tatsächlich versagte es, kaum daß Julius es ausgepackt hatte.

"Werde ich wohl doch wieder Eulen verschicken müssen", grinste er, darüber erfreut, wieder gesund und Munter zu sein und wieder in Hogwarts, der außergewöhnlichsten Schule, die ein Junge besuchen konnte.

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