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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Wie eine überweltliche Verschmelzung zwischen Glas und goldenem Licht erhob sich vor Julius ein großes Tor, durch das er gleichmäßig lauter und leiser werdendes Rauschen hörte. Barbara Lumière, die Sprecherin der Mädchen des grünen Saales, winkte ihm zu, ihr zu folgen. Claire ging neben ihm her. Sie trug ein blaßblaues Kleid mit weißen Rüschen an Ärmelsäumen und Rockschoß. Julius hatte den normalen Sonntagsumhang aus besonders fließendem Flachsmaterial angezogen. Jeanne Dusoleil, Claires Schwester, folgte den beiden Drittklässlern. Er wußte, das ihm das Tor keine Probleme bereiten würde. Der grummelige Schuldiener Bertillon hatte vor einer Minute den von Professeur Faucon ausgestellten und unterschriebenen Meerbesuchsbrief geprüft, genickt und ihm ohne Lächeln einen schönen Morgen gewünscht. Nun schritt Julius neben Claire durch das magische Tor und wechselte vom baumumstellten Hof des Palastes an einen breiten Sandstrand über, auf den sanfte Wellen mit schneeweißen Schaumkronen aufliefen und sich wieder zurückzogen. Der Geruch von Salzwasser hing in der Luft, und die südfranzösische Sonne strahlte warm und hell vom südöstlichen Himmel herab, auf einem Drittel der Tageshöhe.

Weitere Besucher in blaßblauen Sonntagsumhängen und -kleidern durchschritten das Tor. Julius sah, daß sie einfach aus dem Nichts auftauchten, ohne Flimmern oder merkwürdige Leuchteffekte, wie er sie aus den Zukunftsromanen von Ortsversetzungsmaschinen kannte. Als alle von Barbara erwarteten Gäste angekommen waren, schloß Barbara durch Zauberstabbewegungen das Tor. Es verblaßte einfach und verschwand im Tageslicht, als hätte es jemand ausgeblendet. Julius zählte die Besucher. Mit ihm und Barbara, der Gastgeberin, waren die komplette Quidditchmannschaft des grünen Saales, Barbaras Freund Gustav aus dem weißen Saal, Martine Latierre aus dem roten Saal und Seraphine aus dem Weißen saal erschienen, sowie Jeannes Freund Bruno und Virginies Freund Aron, der aus dem violetten Saal herübergekommen war. Alles in allem war es eine kleine Gesellschaft.

"Die Tische und Stühle bauen wir so auf, daß wir von der Spätvormittagssonne genug mitkriegen", legte Barbara fest. Geschwind wurden eingeschrumpfte Tische und Stühle auf Gebrauchsgröße angeschwollen und zusammengestellt. Dann nahmen alle an den Stühlen aufstellung. Julius hielt sich zusammen mit Claire in der Nähe der Quidditchmannschaft auf. Hercules Moulin, dessen Freundin Bernadette noch bei Mildrid Latierre stand, unterhielt sich mit dem zweiten Treiber der Grünen, Giscard Moureau, einem wahren Kleiderschrank aus der fünften Klasse. Barbara stellte Claire und Julius zu Virginie und Aron, ihrem Freund. Dann ging sie herum und teilte Getränke aus, Wein für die Schüler ab der fünften, Traubensaft für alle jüngeren Schüler. Nachdem alle noch mal ein Geburtstagsständchen gesungen hatten, stießen sie miteinander an. Julius wunderte sich, als eine kleine zierliche Junghexe mit rabenschwarzen Locken und tiefseeblauen Augen auf ihn zukam, die wohl aus der vierten Klasse war.

"Gestatten, Agnes Collier. Ich bin bei uns Grünen die Sucherin, wenn nicht gerade was mit mir los ist, das mich davon abhält", sagte sie mit einem silberhellen Stimmchen. Julius erwiderte den Gruß höflich und meinte, daß er vielleicht auch Quidditch spilen würde, aber keinen hier erlaubten Besen hatte.

"Ach, das wird sich schneller finden, als ein Schnatz, Julius. Wenn Jeanne und Barbara finden, du müßtest mitspielen, und einige Mädchen aus der Handarbeitsgruppe, die dich haben fliegen sehen können, behaupten, daß du unbedingt mitspielen mußt, dann kriegst du einen gescheiten Besen, bevor das erste Spiel läuft", sagte Agnes Collier. Claire meinte dazu:

"Im Zweifelsfall nimmst du den von Jeanne. Die will doch eh 'nen neuen Ganni haben, wahrscheinlich den Neuner. papa und Maman sind derzeit in guter Stimmung, meint sie."

"Wie gesagt, Mädels: Wenn ich bis zu einem wichtigen Spiel einen gescheiten Flugbesen bekommen kann, möchte ich schon gerne mitmachen."

"Du bist Jäger, nicht wahr?" Fragte Agnes Julius.

"Ja, stimmt", sagte dieser schüchtern.

"Dann werden wir ja sehen, wo du im Training landest", sagte Agnes und verabschiedete sich, weil sie zu ihrem Platz zurückgehen wollte.

"Jetzt, wo ich die direkt vor mir habe stehen sehen können ist mir das aufgefallen, wie klein sie ist. Ist das für sie ein Problem?"

"Nöh, denke ich nicht", sagte Claire. Dann straffte sie sich, als gelte es, einen bevorstehenden Angriff abzuwehren.

"Julius, schön, daß du auch kommen durftest. Martine meinte schon, die Faucon stellt dir keinen Meerbesuchsbrief aus, weil du für sie noch nicht genug gelernt hast. Aber offenbar hat sich mein lieb Schwesterlein doch geirrt", flötete Mildrid Latierre, die mit ihrem Glas Traubensaft um den Tisch herumgekommen war und mit Julius anstoßen wollte. Als sie Claires angespannte Haltung sah grinste sie und meinte:

"Oh, hast du dich gestern verkühlt, daß du so verkrampft dastehst, Claire? Dabei ist es doch noch so warm draußen."

"Ich kann nicht klagen, Millie. Ich war mir nur nicht sicher, ob du mich nicht umrennen wolltest", sagte Claire. Mildrid grinste nur, stieß auch mit ihr an und ging weiter.

"Ich habe zwar kein Recht, dir was vorzubeten, was du sagen oder tun sollst, wenn dieses Mädchen in der Nähe ist, aber manchen Spaß legt die ernst aus, und da, wo's bei anderen ernst wird, macht sie sich drüber lustig. Das mit dem lernen für Professeur Faucon ist für sie wohl lustig, weil sie sich nicht vorstellen kann, daß jemand mehr als möglich lernen will."

"Ich muß lernen, wie ich mit jeder und jedem von euch klarkommen kann. Dabei werde ich wohl oft auf die Nase fallen, bis ich das raushabe, Claire."

"Ja, wenn wir dich rumstolpern lassen, Julius. Aber keine Angst, Jeanne, Barbara, Virginie und ich sind ja da, um dir zu zeigen, mit wem hier was richtig oder falsch ist."

"Du sahst aber eben so aus, als wollte Mildrid dir eine reinhauen und du dich sofort dagegen wehren", sagte Julius. Er verstand, daß Claire argwöhnisch war, vielleicht, ja nur vielleicht sogar eifersüchtig. Er hatte zwar mit ihr vereinbart, mit ihr zusammen zu gehen, wie es so schön hieß, aber das band ihn noch nicht so sehr an sie, daß er nur tun konnte, was sie ihm erlaubte. Sicher mußte er das irgendwann noch mal genau überdenken und mit Claire bereden, falls er sich eingeengt fühlte.

"Hallo, ihr beiden! Meine Schwester hat euch ja schon begrüßt, habe ich mitbekommen", sagte Martine Latierre und stieß mit Claire und Julius an. Zu Julius gewandt sagte sie noch:

"Du kommst gut mit dem Wandschlüpfsystem klar? Schwester Florence hat ja für nächste Woche die erste Pflegehelferkonferenz einberufen."

"Da bin ich gespannt drauf, was da alles passiert", sagte Julius ehrlich. Martine nickte.

"Lasse dich von Millie nicht ärgern, Claire. Wenn stimmt, was ich gehört habe, kann sie dir nichts anhaben."

"So? Was hast du denn gehört?" Fragte Claire schnippisch. Julius war schon drauf und dran, sich dezent zurückzuziehen. Doch Claire sah das und griff ihn sanft am Arm und hielt ihn so zurück.

"Das ihr beiden euch gut verstanden habt in Millemerveilles und es keinen Grund gibt, warum das nicht so bleiben sollte", erwiderte Martine frei heraus. Claire rümpfte zwar verächtlich die Nase, mußte dann aber nicken. Julius sagte nur:

"Beauxbatons ist genauso'n Dorf wie Hogwarts."

"oh, Beauxbatons ist nicht irgendein Dorf, Monsieur Andrews. Beauxbatons ist das Dorf schlechthin. Angenehmen Morgen noch, ihr beiden."

"Was sollte das nun? Wollte sie ihre Schwester entschuldigen oder dich noch mehr aufziehen?" Fragte Julius Claire. Sie grinste gehässig.

"Martine hat es sich wohl endlich abgewöhnt, sich für ihre kleine Schwester zu entschuldigen. Sie wollte dir und mir nur klarmachen, daß sie sehr daran interessiert ist, wie es dir hier ergeht. Offenbar interessiert sie sich auch für dich."

"Oh, ob ihre Schwester das so toll findet?" Fragte Julius gemein grinsend. Claire kniff ihn kurz aber spürbar in den linken Arm.

"Millies Meinung ist für dich nur von Belang, solange du mit ihr im Unterricht oder in Arbeitsgruppen zusammenbist. Merk dir dies und werde glücklich, wenn du dann keine Probleme mehr kriegst."

"Jawohl, Mylady", sagte Julius leicht verächtlich. Claire wies ihn noch mal darauf hin, daß es in Beauxbatons nicht erlaubt sei, englische Ausdrücke zu benutzen.

Nach dem Frühstück, es gab kleine Schnittchen mit Käse und Konfitüre, sangen die Geburtstagsgäste diverse Lieder. Claire und Julius spielten mit Jeanne zusammen ein Stück von Hecate Leviata, das Barbara gerne hörte. Den Rest der zeit verbrachten sie mit einfachen Unterhaltungen. Julius stellte sich bei den Quidditchspielern des grünen Saales vor, wobei ihm mulmig wurde, weil die Reservejäger der Grünen wohl auch darauf brannten, zu spielen. Jeanne bemerkte das wohl, als er sich mit Monique Lachaise, einer dunkelblonden Grazie von schlankem Körperbau unterhielt, die auch Jägerin der Grünen war. Jeanne sagte:

"Du nimmst hier niemandem was weg, Julius, wenn du mitspielst. Wir müssen gegen fünf Säle antreten. Da können wir gut durchwechseln. Es ist gut, wenn wir eine große Auswahl in verschiedenen Positionen haben."

"Das hoffe ich, daß ich hier niemandem was wegnehme. Dafür bin ich ja nicht hier", sagte Julius mit einer Mischung aus Unbehagen und Beschämtheit. Monique meinte:

"Professeur D. hat dir vier Klatscher aufgehalst. Wenn ich das richtig gehört habe, mußtest du denen allen ausweichen. Manchmal zieht der große Flieger üble Dinger durch, um jemandem zu zeigen, wie klein er oder sie doch noch ist. Wenn unser internes Punktesystem sagt, daß du in der hinteren oder vorderen Auswahl bist, dann gilt das. Ich habe vor zwei Jahren angefangen und nur einmal spielen dürfen, gegen die Gelben. Wer sind die denn schon?"

"Das nächste Spiel ist immer das schwerste", zitierte Julius eine Fußballweißheit, die wohl aus Deutschland stammte. Monique lachte laut und raumfüllend und fragte, woher dieser Spruch stammte. Julius lief leicht rot an, warf einen hilfesuchenden Blick zu Jeanne und sagte dann schnell: "Das is'n Fußballspruch."

"Ach, wo die Muggel nur mit einem Ball aber mit elf Mann pro Mannschaft spielen. Ist zwar ziemlich öde, weil das ja auf ein und derselben Höhe läuft. Aber der Spruch daher paßt auch auf Quidditch."

Nach dem Gespräch wußte Julius nicht so genau, ob es wirklich gut war, in dieses Mannschaftstraining reinzukommen. Da gab es Leute, die warteten schon seit Jahren, Jäger zu sein. Wenn Jeanne ihn bevorzugte, konnte er es sich mit einem oder einer verscherzen. Doch wie hatte Professeur Fixus gesagt: Er würde niemanden was wegnehmen, der oder die durch eigene Leistungen was erreichen wollte.

Als er noch mal mit Martine Latierre sprach, diesmal ohne Claire, die sich mit Virginie über irgendwas über Musik unterhielt, sagte Martine:

"Schade, daß dieser Teppich dich zu denen in den grünen Saal gesteckt hat. Wenn Caro und Millie richtig gesehen haben, ergänzt durch das, was Janine, Bruno und César erzählt haben, wärest du bei uns im Quidditchteam besser dran als bei denen. San und Sabine werden aber wohl keine Rücksicht auf dich nehmen, wenn du mitspielst."

"Ich auch nicht auf die, Martine", sagte Julius schlagfertig. Martine lachte.

"So muß das sein. Quidditch ist ein Spiel auf Gedeih oder Verderb. Bis dann heute nachmittag!"

"Joh, Martine", sagte Julius.

Am Nachmittag trafen sich die Geburtstagsgäste, zu denen noch Barbaras Bruder Jacques hinzustieß, auf einer Wiese hinter dem Palast. Dort blies Barbara die achtzehn Kerzen auf der Geburtstagstorte aus, die fleißige Hauselfen ihr zu Ehren gebacken hatten. Julius saß zwischen Claire und Virginie, während sich Jacques mit Mildrid Latierre kabbelte. Offenbar lag ihm was daran, deren große Schwester zu ärgern, was jedoch nicht gelang, da Martine seelenruhig bei Barbara saß und sich mit ihr über alles mögliche unterhielt, was junge Hexen so interessierte.

Eine stunde vor dem Abendessen überreichten die Gäste dem Geburtstagskind ihre Geschenke. Julius spielte mit Claire noch ein paar Hecate-Leviata-Stücke auf. Barbara präsentierte einen Ganymed 9 Multiplex, den sie von ihren Eltern bekommen hatte. Jacques meinte dazu:

"Den konnten sich Papa und Maman aber nur leisten, weil Maman die kleinen Hosenkacker noch mit eigener Milch versorgt. Wenn die einmal feste Nahrung kriegen, wäre das nicht mehr bezahlbar gewesen."

"Jacques, ich möchte dir heute keine Strafpunkte geben, obwohl du sie verdient hättest. Aber dann könnte mir wer unterstellen, meine Vorrangstellung zu mißbrauchen. Das will ich nicht. Aber ich hoffe, daß du besser von Maman denkst als sprichst. Immerhin hat sie dich ja auch über die ersten drei Lebensmonate gebracht, ohne sich zu fragen, wozu das gut sein soll."

"Jacquie hat doch nur Angst, in eurem Frauenhaushalt unterzugehen, wenn euer Vater verreist ist", warf Mildrid keck ein.

"Steck's dir wohin, Mildrid!" Grummelte Jacques, der merkte, das seine Frechheit ihm selbst zum Verhängnis wurde. Denn alle lachten, von Claire und Julius abgesehen.

Nach der lockeren Zusammenkunft, bei der auch zu Musik aus einem Zauberradio getanzt wurde, bedankte sich Barbara bei ihren Gästen und wünschte ihnen noch einen schönen Abend.

Nach dem Abendessen, wo Hercules und Julius sich noch mal über Jacques und seinen Versuch, die Party zu sprengen unterhielten, kehrten die Grünen in ihren Saal zurück und erledigten die restlichen Hausaufgaben. Céline sah nur einmal von den Arithmantikaufgaben hoch, als Barbara ihren Ganymed 8 unter einem Arm aus dem Mädchentrakt herunterkam und genau auf Julius zuhielt.

"Du hast mit diesem Besen schon Erfahrung. Muß nur wieder aufgefrischt werden. Den darfst du solange behalten, bis du einen neuen eigenen Besen hast oder du nicht deinen DQ unterschreitest."

"Ach, dann muß ich den zurückgeben und darf nicht mehr mitspielen?" Fragte Julius gehässig grinsend.

"Glaub's mir, Bursche. Wenn du mir den wiedergibst, weil du den DQ versaust, schrubbst du jedesmal Bettpfannen im Krankenflügel, wenn wir trainieren, falls mir nicht noch was heftigeres einfällt, um dich zu maßregeln", erwiderte Barbara sehr ernst. Julius schien förmlich einzuschrumpfen. Er war bisher mit Barbara immer gut ausgekommen, eben wie mit einer großen Schwester, die er nie hatte. Doch daß sie auch ungehalten, ja erzürnt auf ihn reagieren konnte, war für ihn neu und gleichermaßen unangenehm. Er sagte:

"Ich hoffe, daß ich mich dieses Besens immer als würdig erweise. Wollte Jacques den nicht haben?"

"Der kriegt erst einen Besen, wenn er sich benehmen kann. Aber ich nehme deine Entschuldigung für diese Unverschämtheit von dir an, Julius", sagte Barbara und lächelte wieder.

"Toll! Barbara hat jetzt den Neuner, Jeanne kriegt wohl auch einen, und du darfst abgerittene Besen fliegen", sagte Céline. Julius hörte einen gewissen Unmut heraus. Er sagte:

"Bei den Muggeln ist das normal, daß Leute gebrauchte Fahrzeuge kaufen und noch Jahre lang fahren, weil sie nicht das Geld für ganz neue Fahrzeuge haben. Wenn ich mit dem Achter wieder warm bin, ist der als Spielbesen hier gut zu gebrauchen. Ich habe Barbara damit ein paar sehr schnelle und Bewegungsintensive Paraden machen sehen. Von der Qualität her ist der so wie Jeannes Besen. Das war der erste französische Besen, auf dem ich alleine geflogen bin", erzählte Julius.

"Ich hoffe mal, du kriegst einen besseren Besen. Ich spreche ja nicht nur vom Quidditch, sondern auch von der Walpurgisnacht oder dem schuleigenen Tandemrennen."

"Ich bin mit Barbara auf genau diesem Besen ein paarmal mitgeflogen. Der geht auch als Soziusflugbesen gut ab", sagte Julius. Claire, die derweil zu ihrem Freund aus England hinzugestoßen war, strich sanft über die Reisigbündel des Ganymed 8.

"Céline möchte dir nur auf ihre unverbindliche Art mitteilen, daß du gefälligst einen neuen Besen anschaffen sollst, weil ihr Vater ja bei den Ganymedwerken arbeitet."

"Eh, Claire, was soll'n das jetzt?" Empörte sich Céline. Julius nutzte die Gelegenheit, wo sich die beiden Mädchen über Claires Ausspruch aufregten, um den Ganymed 8 in den Schlafsaal zu bringen. Vielleicht würde er morgen früh damit üben, um das Flugverhalten und die Steuerfreundlichkeit zu erfahren.

Als er wieder im Saal unten war, sah er noch, wie Barbara zwischen Claire und Céline saß und sich mit ernster Miene anhörte, was die beiden Mädchen zu krakehlen gehabt hatten. Julius ging zu Laurentine hinüber, die gerade mit ihren Arithmantikaufgaben fertig geworden war.

"Darf ich mich zu dir setzen, Bébé. Ich fürchte, Claire hat sich gerade im Ton vergriffen."

"Ach wegen Célines Vater und die Ganymed-Besen? Das läuft normalerweise bei uns im Schlafsaal ab, Julius. Neu ist nur, daß Barbara sich dafür interessiert. So heftig war das doch nicht."

"Ich hatte nur den Eindruck, das wäre wegen mir, weil die wollen, daß ich mit einem hiesigen Besen Quidditch spiele", flüsterte Julius.

"War's auch, wenn ich das mitbekommen habe. Céline meint, du müßtest einen besseren Besen haben, Claire meint, daß sie ja nur Leute sucht, die neue Besen haben wollen, damit ihr Vater was dran verdient, und Barbara, von der du ja den Besen bekommen hast, hat dazwischengehauen und gesagt, daß du mit jedem Besen über'n Ganymed 6 klarkämst und mit ihrem sowieso, weil der gerade für schnelle Manöver richtig zugeritten sei."

"Entschuldigung, Bébé! Hast du eben wirklich "zugeritten" gesagt?"

"Ja, du hast richtig gehört. Besen werden wie Pferde für bestimmte Aufgaben zugeritten, nicht etwa frisiert, aufgemotzt oder gar getunet. Du hast doch deinen englischen Besen auch oft geflogen und damit bestimmte Sachen gemacht, oder?"

"Öhm, ja!" Bestätigte Julius verblüfft.

"Ich habe zwar keine Erfahrung im Besenfliegen. Aber wenn mir die anderen Mädchen vorschwärmen, wie leicht ein Besen fliegt, wenn er oft genug benutzt wurde, dann muß da was dran sein, daß Besen für bestimmte Aufgaben zugeritten werden müssen."

"Und du möchtest nicht doch mal fliegen?" Fragte Julius vorsichtig, weil es ihn wunderte, wie interessiert Laurentine am Besenfliegen war, wo sie doch immer getönt hatte, nie wieder auf einen solchen zu steigen.

"Wie gesagt, Julius, bin ich nicht davon überzeugt, nach Beauxbatons mit der Zaubererwelt noch was zu tun zu haben. Ich mache das hier nur, weil es wohl eben geht. Da hier genug Quidditch-Leute rumlaufen, muß mich das nicht mehr interessieren. Was die Walpurgisnacht angeht, gehört da ja doch mehr zu, als ein Besenflug ums Gelände."

"Ja, doch ich hörte, daß das das wesentliche Ding sei", erwiderte Julius. Bébé sagte dazu nichts mehr.

Barbara kam herüber. Sie sah, ob die beiden Drittklässler sich über Hausaufgaben unterhielten, stellte fest, das dies nicht der Fall war und sagte entschlossen zu Julius:

"Wenn du am Dienstag zum Training kommst, wirst du mit dem Besen keine Probleme haben. Céline meint schon, Verkäuferin bei Ganymed zu sein. Vielleicht kriegt sie ja mehr Taschengeld, wenn ihr Vater mehr verkauft. Aber mit meinem Besen bin ich seit drei Jahren, seit dem der neu rauskam, nicht einmal abgestürzt. Und du bist doch noch etwas leichter. Mag sein, daß du erst deine persönliche Bindung zu ihm finden mußt, aber das wirklich absolut nebensächlich ist. Jeanne sagte auch, daß du ihren gekriegt hättest, wenn ich dir meinen nicht überlassen hätte."

"Deine Eltern haben damals bestimmt viel Geld dafür ... MMM" Julius konnte nicht weitersprechen, weil Barbara ihm einfach den Mund zuhielt.

"Erstens: Es waren heute achtzehn Kerzen auf meiner Geburtstagstorte, was heißt, daß ich nun frei über mein Eigentum verfügen darf. Zweitens wurde mir der Besen geschenkt, und bei Geschenken fragt nur ein Buchhalter nach Wert und Gegenwert. Drittens würden meine Eltern von dir kein Geld annehmen, nicht eine Galleone, nur weil ich dir den Besen überlassen habe. Aber du kannst ja über schöne Bilder für kleine Kinder nachdenken. Ihr habt doch morgen Malkurs. Wenn du Maman sowas machst, freut sie sich mehr als über tausend Galleonen."

"Ist angekommen, Barbara. Danke noch mal!" Sagte der ehemalige Hogwarts-Schüler und spürte, daß ihm eine schwere Last von der Seele fiel. Dann wandte sich Barbara an Laurentine.

"Und du lernst dieses Jahr fliegen, Mademoiselle. Das Getue lasse ich nicht mehr durchgehen. Dieses Jahr lernst du das, und wenn ich dir persönlich Unterricht geben muß."

"Dedalus hat gesagt, daß er das nicht mehr verantworten wird, daß ich auf 'nem Besen sitze", erwiderte Laurentine schlagfertig.

"Professeur Dedalus wird von mir morgen einen Bericht kriegen, demzufolge es unabdingbar ist, daß eine Junghexe in Beauxbatons ohne erwiesene körperliche oder seelische Gründe bis zum siebten Jahr nicht einen gescheiten Flug erfahren hat. Er wird mich dann zwar in die Mangel nehmen, was mir denn einfiele, seine Kompetenz zu kritisieren, mir vielleicht Strafpunkte androhen, aber da der Bericht auch bei Professeur Faucon landen wird, wird er mir zustimmen."

"Mädels, ich glaube, das geht mich jetzt nichts an", sagte Julius und warf erst Bébé und dann Barbara noch einen Blick zum Abschied zu. Barbara hielt ihn jedoch zurück.

"Ich weiß, du möchtest das nicht hahben, deine Erfahrungen als Vergleichsmaßstab für andere heranzuziehen. Aber bei wem hast du wie das Fliegen gelernt?"

"Hmm, muß das jetzt sein, Barbara? Ich möchte das nicht breittreten", murrte Julius. Barbara sah ihn wieder sehr erzürnt an, wie vorhin, als er ihr im Scherz gesagt hatte, daß er ihr den Besen ja bei unterschrittenem Disziplinarquotienten wiedergeben würde.

"Ich weiß es eh, von wem du's gelernt hast. Aber da es deine Sache ist, solltest du es Laurentine erklären, warum es öfter besser ist, wenn ein erwachsener Zauberer oder eine Hexe, der oder die nicht als Lehrer angestellt ist, einem Muggelstämmigen besser den Anfangsunterricht geben kann als ein angestellter Lehrer."

"Achso, du möchtest nur meine Meinung dazu haben, ob ich damit besser klarkam", erkannte Julius. Barbara nickte verhalten. Offenbar war dies nicht alles, was sie wollte. "Die Antwort lautet: Es hat mir mehr Spaß gemacht, mit einer Hexe Privatstunden zu nehmen, bevor ich nach Hogwarts ging, als in Hogwarts selbst, wo nur bestimmte Lernabläufe gefragt waren. Viele Zaubererkinder lernen das fliegen ja von den Eltern oder anderen Verwandten. Insofern hatte ich schon Glück, jemanden zu treffen, die mir das vor Hogwarts interessant und brauchbar gezeigt hat, wie's geht. Mehr möchte ich aber nicht dazu sagen, Barbara und Bébé."

"Das lasse ich dir einstweilen mal durchgehen", sagte Barbara Lumière irgendwie gefahrverheißend klingend. Julius durfte sich nun zurückziehen.

"Barbara will Bébé anhalten, fliegen zu lernen", flüsterte Julius Claire und Céline zu, während Barbara sich abseits der übrigen Tische mit Laurentine unterhielt.

"Wundere mich, daß sie das nicht schon letztes Jahr gemacht hat. ... Aber das ging ja nicht", Bemerkte Claire leise sprechend. Noch leiser fügte sie hinzu: "Barbara ist das letzte Jahr hier und hat erfahren, daß sie als Saalsprecherin zu den Abschlußnoten noch ein Führungsbefähigungszeugnis kriegt. Wenn sie da vorweisen kann, wie durchsetzungsstark sie ist, kann sie im Ministerium anfangen, ob in Belgien oder in Frankreich, falls Gustav zur Besinnung kommt und lieber in der großen Nation leben will als in diesem merkwürdigen Königreich."

"Immerhin haben die da die Pommes Frites erfunden und damit eines der meistgekauften Nahrungsmittel der Welt", warf Julius ein. Claire lachte laut. Dann meinte sie:

"Aber sicher, Julius. Schön gesagt."

"Heh, Claire, mehr Haltung!" Rief Barbara herüber. "Fünf Strafpunkte wegen Mißachtung der allgemeinen Lautstärke."

"Mist, jetzt hast du wegen mir Strafpunkte ... Autsch!" Erwiderte Julius und spürte das zu gut bekannte Gefühl eines Mädchenschuhs auf seinem rechten großen Zeh.

"Die fünf Strafpunkte hole ich als Bonuspunkte morgen bei Pallas wieder rein, Julius und dann noch mal bei Professeur Faucon. Komm nicht auf die Idee, immer zu überlegen, ob das, was du sagst, dir oder sonst wem Strafpunkte einbrocken kann! Dann könntest du dich gleich für alle Zeiten mit diesem Sprechbann bezaubern", zischte Claire ihrem neuen Freund zu. Céline meinte:

"Dedalus hat eine Art, Leuten das Fliegen abzugewöhnen, bevor sie einen Besen nur angesehen haben. Wenn Bébé von wem anderen den ersten Flugunterricht bekommen hätte, wäre sie schon längst durch die Einzelprüfung durch und könnte sich überlegen, die Soziusprüfung zu machen. Aber Barbara hat gesagt, daß du mit ihrem Besen bestimmt gut fliegen kannst. Aber das bessere ist der Feind des guten."

"Dann müßte ich ja diesen neuen Wunderbesen kriegen, der demnächst rauskommt oder mir einen Feuerblitz ... Mist, neh! Geht ja hier nicht", erwiderte Julius.

Zur Nacht verabschiedeten Céline und Claire Julius mit leichter Umarmung. Claire drückte ihm auch noch einen Kuß auf jede Wange. Dann gingen die Drittklässler in ihre Schlafsäle.

 

__________

 

Der nächste Tag verlief bereits wesentlich routinierter, als Julius erster Schultag in Beauxbatons. Das einzige, was ihn richtig amüsierte, war der Unterricht bei Professeur Pallas, die mit altertümlich aussehenden Kostümen unter dem Arm in die Klasse kam und erklärte, wie damals die gesellschaftlichen Stände der Zauberei in Europa im allgemeinen und Frankreich im besonderen gelebt haben. Julius mußte sich dazu einen seegrünen Umhang, eine schlohweiße Perücke und einen schwarzen Zylinder anziehen, um als Sir Vincent Clearwater, ein Unterhändler der britischen Zauberer mit Abraham Urosalemo, (Robert Deloire) und Grande Dame Urielle Delafontaine (Céline Dornier) eine Absprache über die Grundlagen eurasischer Zaubererabkommen zu sprechen. Die Texte standen in Rollschrift auf der Tafel, wie auf dem Teleprompter einer Fernsehkamera, den Julius vor vier Jahren mal beim Besuch der Britischen Fernsehstudios hatte besichtigen dürfen. Da die an und für sich steife Unterredung, die den Büchern nach im sechzehnten Jahrhundert stattgefunden hatte eine große Selbstbeherrschung verlangte, war es um so amüsanter, wenn sich wer beim Ablesen verhaspelte. Am Ende bekamen die Akteure je zwanzig Bonuspunkte und die übrigen fünf Punkte, weil sie wichtige Zwischenfragen gestellt hatten, die Sinn und Ergebnis dieser Zaubereikonferenz zur Diskussion brachten. Die Kostüme wurden nach der Stunde wieder eingesammelt. Céline freute sich, das schwere rosarote Schleppenkleid und die Perücke mit dem anderthalb Meter langen Zopf wieder loszuwerden.

Die Arithmantikstunden wurden nun immer intensiver von genauen Gesetzen der Zahlendarstellung und beschreibenden Zahlen ausgefüllt. Julius mußte sich anstrengen, immer schnell gemäß den neuen Regeln umzurechnen, wie zum Beispiel ein Wald in der Beschreibung der Arithmantik im Vergleich zu einem Baum oder einer Wiese dargestellt werden sollte. Professeur Laplace sagte zum Abschluß:

"... Nur wenn jemand genau weiß, was er beschreibt und lernt, wie es beschrieben werden muß, können Mißverständnisse ausgeschlossen werden, wenn es darum geht, Abläufe vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Ereignisse zu betrachten. Zwar wächst ein Grashalm ähnlich wie ein Baum, das war's dann aber auch schon mit der Ähnlichkeit. Bäume wachsen länger, größer und dauerhafter als Gras. All das muß in den Tabellen drinstehen, deren Grundlage wir ja letzte Woche schon hatten."

In der Pause unterhielten sich Julius, Céline und Laurentine über die räumlichen und zeitlichen Beschreibungsweisen, bis Belisama und Claire zu ihnen kamen und forderten, die Zahlenspielerei zu beenden.

In der Zauberkunststunde ging es um den Flammengefrierzauber, mit dem man sich gegen Verbrennungen durch Feuer schützen konnte. Claire, Céline und Julius schafften diesen nach zehn Minuten so gründlich, daß Professeur Bellart sie einmal mit einer brennenden Flüssigkeit überschüttete, deren Verheerung sie abwehren mußten. Dafür bekamen Claire und Céline zwanzig, Julius aber nur fünf Bonuspunkte.

"Ihr hohes Potential ist Ihnen sehr dienstbar. Deshalb werden Sie verstehen, daß ich bei Ihnen nur einen geringen Leistungsbonus vergeben kann, der auf Ihre eigenen Fortschritte basiert, aber nicht auf das Ergebnis allein ausgerichtet werden darf."

Nach dem Mittagessen ging es in Verwandlung weiter um die Ding-zu-Tier-Verwandlung. Untertassen sollten in Schildkröten verwandelt werden. Julius bekam gleich zwanzig Untertassen hingestellt, die er alle innerhalb einer halben Stunde zu Schildkröten gemacht hatte, wobei er fünfzehn Männchen und fünfzehn Weibchen hervorbrachte, wie Professeur Faucon das verlangte. Er bekam jedoch nur einen Punkt pro Verwandlung. Robert Deloire, neben dem Julius saß, fragte vorsichtig:

"Ist ein Punkt nicht zu wenig für so heftige Verwandlungen?"

"Denke ich nicht, Monsieur Deloire", erwiderte Professeur Faucon. "Immerhin haben Sie gesehen, daß Monsieur Andrews diese Art von Verwandlung schon routinemäßig vollführen kann. Bonuspunkte werden für gute Leistungen vergeben, nicht für Alltäglichkeiten. Die Leistung liegt hier in der Menge, nicht in der Ausführung."

Bewundernswert war nur, daß Laurentine Hellersdorf sich ranhielt, um ihre Verwandlungen zu schaffen, sodaß sie zumindest zwei Schildkröten am Ende der Gesamtstunde hinbekam, während Claire fünf Schildkröten aus den Untertassen zauberte. Robert freute sich, daß er zumindest eine hinbekam, ebenso wie der Rest der Klasse. Bébé bekam für die Anstrengungen und den Erfolg dreißig Bonuspunkte. Julius dachte kurz an das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche, welches hier wohl gern benutzt wurde, hpütete sich aber davor, das laut zu sagen.

Nach der Verwandlungsstunde trafen sich Claire, Jasmine, Agnes, Virginie und Julius aus dem grünen Saal mit Sandrine aus dem Gelben und den Montferre-Schwestern aus dem roten Saal, wie auch Belle Grandchapeau aus dem violetten und einigen Viertklässlern aus dem weißen Saal, die Julius noch nicht mit namen kannte, in einer hell gefließten Werkstatthalle zum Malkurs. Professeur Bellart, die den Kurs betreute, sah jedem zu, wie er oder sie an eine Staffelei ging. Wenn die vier Jungen aus dem weißen Saal nicht gewesen wären, hätte Julius wieder geglaubt, der Hahn im Korb zu sein.

"Da stehen noch zehn freie Staffeleien. Im letzten Jahr sind zehn Kursteilnehmer aus der siebten Klasse ja fertig geworden. Suchen Sie sich eine aus, Monsieur Andrews!"

"In Ordnung", sagte Julius und stellte sich in die Nähe von Claire und Sandrine, die nebeneinanderstanden, hinter den beiden Montferre-Schwestern. Virginie trat neben Julius und belegte eine weitere freie Staffelei.

"Der Sinn dieses Kurses, Mesdemoiselles et Messieurs, ist es, Techniken und Stilmittel der zauberischen Malerei zu erlernen und auszuschöpfen. Den Rest muß und wird Ihre eigene Kreativität, Ihre Beobachtungsgabe und innere Stimmung beisteuern. Ich freue mich, daß Sie noch zu uns stießen, Monsieur Andrews, da ich aus eigenem Augenschein weiß, daß Sie eine sehr große Kreativität mitbringen und allein durch Anleitung aus dem Leitfaden zur Zaubermalerei die wichtigsten Techniken verinnerlicht haben, und zwar so weit, daß Sie sogar schon in die dritte Dimension vorgestoßen sind."

"Häh?" Fragte Tobias Caprice, einer aus dem weißen Saal. Sabine Montferre drehte sich zu Julius um und lächelte ihn kurz an.

"Das habe ich Ihnen aber erklärt, was die vier Dimensionen sind, Monsieur Caprice: Länge Breite Höhe und Zeit. In der Architektur und Malerei setzt man statt der Länge auch den Begriff der Tiefe ein", erwiderte Professeur Bellart. "Die Zaubermalerei, soviel für Sie, Monsieur Andrews, weil Sie meinen Vortrag dazu ja noch nicht gehört haben, vollzieht sich in vier Stufen, die jede für sich immer schwerer zu erreichen ist. Die erste Stufe ist die Schöpfung von veränderlichen Motiven. Die Zweite ist die charakterisierung lebendiger Motive, also die Bestimmung von Persönlichkeit, Verhalten und Reaktionsarten. Die Dritte ist die zeitliche Bindung oder zeitliche Entkopplung, also die Bindung von veränderlichen Motiven an Tages- oder Jahreszeitverlauf, Festtagsberücksichtigung oder auch die zeitliche Rückschau oder Vorwegnahme, also die Schöpfung von gemalten Gegebenheiten, die in die Vergangenheit zurückreichen können oder eine Zukunftsdarstellung der höchsten Wahrscheinlichkeit haben können. Wer diese Stufe erreicht, kann mit lebendigen Vorlagen arbeiten, also Portraits von Personen oder Tieren mit allen dazugehörigen Charaktereigenschaften schaffen, was ein ehrenvoller Berufszweig der magischen Kunst ist, wie Sie alle ja hier in Beauxbatons in jedem Korridor sehen können, wo berühmte Hexen und Zauberer im Gemälde verewigt sind. Die vierte und letzte Stufe, ist die malerische Schöpfung virtueller Welten, wobei hierzu gehört, erst einmal räumliche Illusion mit gemalten Gegebenheiten zu verquicken. Ist diese Grundlage erreicht, können die Erfahrungen und Kenntnisse der ersten drei Stufen problemlos eingefügt werden."

"Virtuelle Welten? Virtuelle Realität?" Fragte Julius aufgeregt, als er sich Sprecherlaubnis geholt hatte. Dieser Begriff brachte sehr viele Saiten gleichzeitig in seinem Hirn zum klingen.

"Ich weiß ich weiß, dieser Begriff kommt bei den Muggeln langsam sehr in Mode, weil sie einen Stand ihrer Informationsmaschinentechnik erreicht haben, der räumliche Bildfolgen und Klangsimulationen ermöglicht, um derartige Kunstwelten zu erfinden. Wir verfügen schon seit über siebenhundert Jahren über diese Kunstfertigkeit, inklusive der lebensechten Abbildung. Diese Informationsmaschinen können nur solche Simulationen schaffen, die sich konform mit eingeprägten Abläufen, Programmen, verhalten, während eine virtuelle Welt innerhalb der Magie lebendig ist und sich selbst weiterentwickeln oder neuen Gegebenheiten anpassen kann, wenn jene, die sie schufen, sie mit den dazu nötigen Fähigkeiten ausgestattet haben", sagte die Zauberkunstlehrerin noch. "Deshalb wird die Zaubermalerei nicht im Rahmen der Zauberkunst im Unterricht gelehrt, sondern als Kurs für Interessenten angeboten, zumindest in Beauxbatons."

"Dann bin ich noch nicht so weit", flüsterte Julius, als ein bestätigendes "Mmhmm" durch den Werkstattraum klang. Sabine Montferre und Claire hörten das wohl. Claire meinte:

"Du hast ja erst lernen müssen, die richtigen Techniken anzuwenden, bevor du damit spielen kannst und bist dabei schon groß vorangekommen." Sabine Montferre flüsterte:

"Wenn du auf Zaubergemälde aufbauende Illusionsbilder machen kannst, hast du ja den ersten Schritt geschafft."

Die restliche Zeit bis zum Abendessen probierten die Kursteilnehmer aus, Bilder zu malen, die veränderliche Motive hatten. Claire, Sandrine und die Montferres waren da schon fortschrittlich drauf, während Julius es so schaffte, einen fliegenden Drachen zu malen, dem er demnächst noch das Feuerspeien und Brüllen beibringen wollte. Da jeder diese Staffelei, an die er oder sie sich gestellt hatte, bis zum Rest des Kurses, ob über ein Jahr oder den Rest, behalten sollte, konnten auch längere Projekte daran ausgeführt werden. Professeur Bellart betrachtete Julius Werk, einen bretonischen Blauen aus dem Gedächtnis zu malen und vergab dafür zwanzig Bonuspunkte.

"Ich rate Ihnen nur, den nicht mit einem Pictoliberatus-Zauber zu versehen, das er aus diesem Bild herauswandern kann, sonst handeln Sie sich das zehnfache an Strafpunkten ein. Schuldiener Bertillon hat mit derlei gemalten Untieren so seine Erfahrung und versteht keinen Spaß."

"Diese Kunstwelten, von denen sie sprachen, Professeur, gibt es dazu auch Gesetze, die regeln, wie sie beschaffen sein dürfen. Ich könnte mir vorstellen, daß es da auch schwarzmagische Abartigkeiten gibt", sagte Julius.

"Wie in fast allen Zweigen der Magie, Monsieur Andrews. Im Leitfaden zur Zauberischen Malerei, den Sie von meiner Kollegin Professeur Faucon bekommen haben, stehen diese Gesetze nicht drin, weil er nur für die Bilder der ersten drei Entwicklungsstufen gedacht ist. Daß Sie bei dieser erstaunlichen Zauberlaterne bereits räumliche Abbildungen mit Geräuschillusionen geschaffen haben, hängt mit Ihrer Experimentierfreude zusammen, deretwegen Sie wohl so eindeutig dem grünen Saal zugewiesen wurden. Ich stelle Ihnen jedoch nach der nächsten Stunde eine Empfehlungsliste von Büchern zur Verfügung, wo die internationalen Gesetze zur zauberischen Kunstweltschöpfung erläutert werden, sofern Sie über deren Studium nicht Ihre übrigen Aufgaben und Aktivitäten vernachlässigen."

Julius bedankte sich artig und ging, den gemalten Drachen unter einer Leinwand auf seiner Staffelei zurücklassend aus dem Werkstattraum. Professeur Bellart schloß die Tür zu. Auf dem Rückweg fragte Julius Claire, ob das der einzige Kursraum für Zaubermalerei sei. Claire schüttelte den Kopf.

"Es gibt drei Räume. Du hast doch wohl gelesen, daß der Kurs Montags, Mittwochs und Samstags stattfindet. Für jeden dieser Tage gibt es einen Kursraum. Du hast dir nur zufällig denselben Tag ausgesucht, an dem ich auch kann. Oder hat Professeur Faucon dir das gesagt?"

"Nein, hat sie nicht", erwiderte Julius.

Nachdem sie die Arbeitsumhänge gegen die Innenumhänge ausgetauscht hatten gingen sie Abendessen. Danach fand der Schachclub statt, wo Professeur Paximus die ersten Partien des übers Jahr gehenden Schachturniers einteilte. Julius spielte gegen Jeanne Dusoleil. Anders als in Millemerveilles galt hier kein direkter Ausschluß der Verlierer nach einer Partie, sondern ein Punktesystem, das von 0 für Niederlage, über 1 für Remis, 2 für Patt und 3 für Partiegewinn reichte. Im letzten Vierteljahr spielten dann die sechzehn Spieler mit der höchsten Punktzahl die Finale aus, Partie und Revanche. Das fand Julius wesentlich aussagekräftiger als das Spielen in Millemerveilles. Aber das sagte er Jeanne nicht. Allerdings wurde hier die Stufeneinteilung beachtet, wer wie gut war.

Die Partie zwischen Julius und Jeanne zog sich bis über zehn Uhr hinaus. An und für sich mußten ja alle Drittklässler um zehn Uhr im Bett liegen. Aber die wenigen Ausnahmen, die es gab, erlaubten es Julius, die Partie bis viertel nach zehn zu spielen und zu gewinnen. Jeanne und Julius schlüpften dann mit Hilfe des Pflegehelferarmbandes durch das Wandschlüpfsystem direkt in den Grünen Saal zurück, wo Julius sogleich den Waschraum für Drittklässler im Jungentrakt aufsuchte und im Schlafsaal ankam, wo die meisten schon in den Betten lagen. Ganz leise schlüpfte er bettfertig in sein Himmelbett und zog so leise wie möglich den Vorhang vor. Aufgedreht vom Schachspiel war er noch so wach, daß er einen Brief an Gloria schrieb.

Hallo, Gloria! Ich bin jetzt eine ganze Woche in Beauxbatons. Die haben hier schon härtere Regeln. Wer zum Unterricht zu spät kommt oder unerlaubt dazwischenredet, kassiert für sich selbst Strafpunkte. Das Punktesystem hier ist sowieso völlig anders als das in Hogwarts. Aber da es einmal sehr lange dauert, das dir richtig zu beschreiben und zum zweiten nicht sicher ist, ob ich dir davon mehr erzählen darf, lasse ich das besser, was mehr drüber zu schreiben.

Die Schüler müssen den Lehrern immer im Chor antworten, wenn sie begrüßt wurden. Ist schon ein schärferer Wind hier. Aber die Leute, mit denen ich hier zusammen bin, sind doch noch normale Jungen und Mädchen.

Ich wohne jetzt im selben Schulhaus wie Jeanne und Claire Dusoleil. Überhaupt hat sich das mit Claire in der letzten Zeit irgendwie stärker entwickelt. Ich möchte dir oder Pina oder wem sonst noch nicht weh tun oder wen enttäuschen, aber ich finde es echt schön, daß Claire und ich jetzt doch zusammen sind. Ist irgendwie unheimlich aber auch toll, finde ich. Kevin kann mir da vielleicht beipflichten.

Was es hier auf jeden Fall viel gibt, sind Freizeitkurse. Sicher, jeder Schüler hier muß seine Freizeit verplanen. Die wollen hier keinen rumhängen haben, der nichts tut, wenn die Hausaufgaben gemacht sind. Ich habe mich, denk ich, ziemlich gut eingeteilt, für Schach, Zauberkunst, Kräuterkunde und Zaubertränke. Dann wollen Jeanne und Barbara haben, daß ich hier Quidditch spiele. Weil der Fluglehrer hier was gegen englische Besen hat, habe ich im Moment den von Barbara Lumière, einen Ganymed 8. Ich hoffe, deine Eltern kriegen das nicht in den falschen Hals, daß die meinen Sauberwisch hier nicht abkönnen.

Ob das so'ne gute Idee war, dieses Ersthelfertraining zu machen, weiß ich nicht. Die Schulkrankenschwester hier hat mich zum Pflegehelfer gemacht, also einem, der ihr bei kleineren Sachen zur Hand gehen soll. Hoffentlich artet das nicht doch in zu viel Arbeit aus! Na ja, Kevin sagt ja eh, daß ich in Beauxbatons bin, sei eh schon 'ne dumme Idee gewesen. Aber ich bin im Moment sicher, daß ich hier klarkommen kann, ohne mich groß zu verbiegen.

Ich schreibe Kevin auch noch und den Hollingsworths. Ich denke, daß ihr alle wieder in Hogwarts seid, wenn ihr den Brief kriegt.

Bis zum nächsten Mal

         Julius Andrews

Julius drehte sich um und schlief ein.

In den nächsten Tagen schrieb er auch an Kevin und die Hollingsworths Briefe, wobei er allen mitteilte, daß er nun mit Claire ginge, sofern man das schon so nennen konnte. Er schickte die Briefe mit drei verschiedenen Eulen ab, darunter Francis, seine Schleiereule. Die Briefe adressierte er ordentlich mit der Anschrift "Große Halle von Hogwarts, damit sie auch mit der Morgenpost eintrafen.

Dienstags flog er sich auf Barbaras Besen ein. Dessen ehemalige Eigentümerin beobachtete ihn, während sie mit Laurentine auf einem alten Ganymed 4 einfach Starts und Landungen probte. Bébé stellte sich etwas sperrig an, weil sie dem ganzen doch nicht traute. Barbara setzte sie daraufhin einmal vor sich auf den alten Besen, testete aus, ob der sie beide tragen würde und startete, wobei sie Laurentine fest umschlungen hielt und von hinten steuerte.

Julius probte Loopings, Seitwärtsrollen, Auf- und Abwärtswellen, schnelle wenden und den waagerechten Auf- und Abstieg, für den die Ganymed-Serie ja extra ausgelegt war. Irgendwann rief ihm Barbara zu, doch mal schnellere Manöver zu fliegen, um sich mit den hohen Geschwindigkeiten anzufreunden. Immerhin würde nächsten Dienstag das offizielle Training losgehen. Julius nahm den Vorschlag an und reizte den Besen zu hohen Geschwindigkeiten aus, machte Richtungswechsel in allen drei Raumdimensionen durch und fand, daß er sich schon gut an den Besen gewöhnt hatte.

"Der ist nicht anders als Jeannes alter Ganni. Den hast du damals in fünf Minuten gut beherrscht!" Rief Barbara. Dann flog sie mit Laurentine langsame Schleifen und Kurven. Bébé sah so aus, als ging es zu ihrer eigenen Hinrichtung.

"Soll diese Dame nicht selber fliegen?!" Rief Professeur Dedalus von unten. Er trug wieder seinen Quidditchumhang mit den vielen Abzeichen daran und seinen Ganymed 8 unter dem Arm.

"ich möchte ihr erst das Gefühl vermitteln, daß es keinen Grund zur Angst gibt, Professeur Dedalus. Bei den Muggeln gibt es solche Flugkünste nicht!" Rief Barbara nach unten zurück. Laurentine wimmerte, man möge sie doch besser wieder runterbringen. Doch Barbara schüttelte den Kopf und steuerte weiter.

"Sind Sie mit dem Besen schon warm, Monsieur Andrews?" Fragte der Fluglehrer. Julius nickte unvorsichtigerweise. Denn unvermittelt stieg der Fluglehrer auf und griff ihn an. Julius mußte andauernd ausweichen, schnelle Aufstiegsmanöver machen oder in den Sturzflug gehen. Der Besen gehorchte jedoch jeder schnellen Bewegungsänderung. Irgendwann hatte es der ehemalige Hogwarts-Schüler sogar raus, die Flugmagie des Ganymed so auszunutzen, daß er weiche Bewegungsänderungen fliegen konnte, ohne Körperhaltung und Handstellung zu sehr zu ändern.

"Gut, genehmigt!" Rief Dedalus, nachdem er Julius über zehn Minuten in mörderische Flugmanöver getrieben hatte. Er flog zum Rand des Quidditchfeldes, auf dem ja noch nichts los war und flog daran entlang immer rund herum.

"Geht's noch, Julius?" Fragte Barbara leicht besorgt.

"Noch bin ich oben und der Besen hält. Hast du Professeur Dedalus erzählt, daß ich deinen Besen habe?"

"Na klar, als ich ihm mitteilte, daß Laurentine Hellersdorf von mir Flugunterricht kriegen soll!" Rief Barbara zurück. Dann sah sie kurz auf Laurentine und dann auf Julius.

"Flieg mal langsam übers Feld! Die schnellen Manöver sind ja für's Jägertraining nicht alles. Du mußt ja auch die niedrigen Geschwindigkeiten verinnerlichen."

"Gut, Barbara", erwiderte Julius und flog in sehr geringem Tempo übers Feld. Manchmal hielt er sogar an und hielt den Besen in der Schwebe. Das war nicht so einfach, wie man hätte glauben können. Doch bald hatte er es raus, den Besen ohne großes Wackeln auf der Stelle zu halten, wie einen Hubschrauber. Mehr und mehr bekam er den Bewegungsrhythmus raus, wie er das Auf- und Abstiegsvermögen des Besens als Kontrolle für den Stillstand benutzen konnte. Barbara sah das wohlwollend und flog an Julius vorbei. Bébé wirkte nun etwas ruhiger, weil sie ja nichts machen mußte, nur fühlen, wie es war, zu fliegen. Julius nahm die Verfolgung auf und glitt an dem Tandem vorbei. Barbara beschleunigte, daß sie Mit Julius auf gleiche Höhe kam, ging längseits, stieg einen halben Meter auf. Julius schwante, was passieren würde. Er wagte jedoch nicht, etwas zu rufen, denn Barbara sah ihn sehr ernst an, als sie in Blickrichtung kam. Dann passierte es.

Barbara löste innerhalb einer Zehntelsekunde den Griff um Besen und Sozia, schwang elegant wie eine Ballerina ihr rechtes Bein zur Seite, das linke Bein zog sie auf die Höhe ihrer linken Brust an, stieß sich mit der linken Hand ab und landete innerhalb nur einer Sekunde hinter Julius auf dem Besen. Bébé krampfte sich mit Armen und Beinen um den Besen und drehte ungewollte Seitwärtsrollen. Der Stiel wippte wild wie ein Ast im Bach, und das Mädchen schrie vor Angst. Der Ganymed 8 sackte nur einen halben Meter durch, als Barbara hinter Julius zu sitzen kam. Weil Julius das Spiel mit Jeanne schon oft gespielt hatte, den Wechsel von einem Besen zum anderen, hatte er dafür einen guten Ausgleichsreflex entwickelt, um schnellstmöglich wieder auf seine Flughöhe zurückzukehren. Erst, als er sicher weiterflog, fragte er:

"Wozu soll das denn jetzt gut sein, Barbara?"

"Die muß da jetzt irgendwie wieder raus. Am Boden zu sein und zu sagen, daß sie nicht fliegen kann, ist ja zu einfach. Aber jetzt muß sie fliegen, wenn sie nicht abstürzen will. Selbsterhaltungstrieb über Sturheit."

"Nicht jeder der ins kalte Wasser fällt schwimmt, Barbara", meinte Julius verhalten klingend, während die ältere Schülerin sich sanft an ihn schmiegte und ihre Arme um ihn legte, um sich vorne festzuhalten.

"Bébé, den rechten Arm etwas voran! Keine Angst!" Rief Julius. Laurentine sah mit einer Mischung aus Panik und ohnmächtiger Wut zu ihm herüber. Sie weinte große Tränen. Der Besen bockte und hüpfte wie ein Rodeopferd. Das tat er aber nur, weil Laurentine sich auf ihm hielt. Bébé führte vorsichtig den rechten Arm weiter nach vorne, und siehe da, bekam den Besen in eine stabile Fluglage.

"Die Manöver, die wir eben geflogen haben, fliegst du jetzt mal alleine, um das reinzukriegen, zu fühlen und zu handeln! Du siehst, daß du keine Angst haben mußt", sagte Barbara, nachdem Julius auf ihre Anweisung hin auf Normalsprechweite herangekommen war.

"Ich werde jetzt landen, du Miststück. Irgendwie werde ich jetzt landen und dann nie wieder fliegen!" Schrie Laurentine.

Professeur Dedalus griff nicht ein. Er schien kein sonderliches Interesse zu haben, sich da einzumischen.

"Das Miststück kostet fünfzig Strafpunkte, Mademoiselle Hellersdorf, und du fliegst gefälligst weiter, oder du schaufelst demnächst mit meinem Bruder zusammen Einhorndung und putzt Bettpfannen im Krankenflügel. Ich habe gesagt, daß du das dieses Jahr lernst und nicht niemals", erwiderte Barbara. Julius wollte schon was einwenden, doch die Saalsprecherin legte ihm vorsorglich die Hand auf den Mund.

"Die kann es, also wird sie's hier und heute machen, Julius. Flugerfahrung gehört zu den Unterrichtszielen von Beauxbatons. Nur weil Professeur Dedalus keine Lust hatte, sich auf ihre Launen einzulassen, wird sie sich nicht darum herummogeln", flüsterte Barbara.

"Soll ich jetzt steuern oder mich von dir steuern lassen?" Fragte er nur.

"Du steuerst. Ich muß Mademoiselle beobachten und dirigieren. Ich weiß von Jeanne, daß du mit schwereren Soziusfliegern gut zurechtkommst."

So vergingen fast anderthalb Stunden, bis Laurentine sehr erschöpft landen durfte. Sie hatte es zwar mehrmals versucht, ohne Erlaubnis zu landen, doch Barbara hatte dann immer in den Flug ihres Tandems mit Julius eingegriffen und den Landeweg verlegt. Als alle drei gelandet waren, sah Julius zu, das er mit dem Besen wegkam. Mit dem Pflegehelferschlüssel nutzte er die Direktverbindung vom Quidditchstadion-Umkleideraum zum grünen Saal. Schwupp, landete er vor Robert und Céline. Er entschuldigte sich dafür, daß er die beiden gerade bei einer innigen Umarmung überraschte. Céline sah ihn leicht verunsichert an und fragte dann:

"Bist du auf der Flucht vor Mildrid oder Belisama, weil du so abgehetzt aussiehst?"

"Wohl eher vor Bébé und Barbara. Ich weiß nicht, ob Bébé nicht auf die Idee kommt, ich könnte was davon gewußt haben, daß Barbara heute mit ihr ein ziemlich brutales Schnellernprogramm fahren wollte."

"Was meinst du?" Fragte Robert. Julius erzählte den beiden Klassenkameraden, was passiert war. Céline sah erst verstört, dann mißmutig, dann begeistert zu Julius hinüber. Verstört war sie, weil sie wohl erst nicht glaubte, daß Julius das nicht gewußt hatte. Mißmutig war sie, als Julius ihr erzählte, daß Barbara Bébé dazu gezwungen hatte, gegen ihre Angst auf dem Besen zu bleiben. Begeistert sah sie aus, als sie hörte, daß Laurentine sich immer besser angestellt hatte, bis ihr schließlich die Landung erlaubt wurde.

"Ach, und du hast es vorgezogen, deine Vorrechte auszunutzen und innerhalb einer Sekunde vom Quidditchfeld in den grünen Saal zu kommen?" Fragte Céline gehässig grinsend, als Julius seinen Bericht beendet hatte.

"Ich habe gelernt, daß eine wütende Hexe schlimmer als die Hölle sein soll. Das wollte ich mir dann bestimmt nicht geben. Soll Bébé ihre Wut an Barbara auslassen, wenn ihr danach ist."

"Feigling!" Erwiderte Robert, grinste dabei aber ein Kleiner-lieber-Junge-Grinsen, was Julius zu dem Schluß Brachte, daß er das nicht so gemeint hatte.

"Was ist denn da feige dran, wenn jemand es vermeiden will, sich mit einer wütenden Hexe anzulegen, Robbie?" Raunte Céline. Robert lief tomatenrot an und schlug die Augen nieder, wie jemand, der bei was ganz peinlichem erwischt wurde. Julius ließ die beiden nach kurzem Abschiedswort alleine und ging in den Schlafsaal, wo er den Ganymed 8 in das Besenfutteral von Aurora Dawn steckte. Als er gewaschen, gekämmt und mit faltenfreiem Umhang in den Saal zurückkam, wartete Claire zusammen mit Céline auf ihn.

"Céline hat mir das gerade erzählt. Wußtest du das wirklich nicht, daß Barbara Bébé so zum fliegen zwingen wollte?" Fragte Claire sehr ernst klingend. Julius sah ihr in die großen dunkelbraunen Augen und sagte feierlich:

"Ich schwöre, ich wußte davon nichts, daß Barbara das mit Bébé so machen wollte. Die haben erst einfache Auf- und Abstiegsmanöver geflogen. Dann hat Barbara mit Laurentine im Tandem Flugmanöver geflogen, während ich mich von Dedalus habe drangsalieren lassen müssen, weil der wissen wollte, ob's bei mir schon mit dem Besen klappt. Dann kam Mademoiselle Lumière auf den spaßigen Einfall, sich vom fliegenden Besen zu mir rüberzuschwingen und von da aus Kommandos zu geben."

"Gut, ich glaube dir das. Sieht Barbara Ähnlich, das zu machen. Ich hab's ja erlebt, daß die das mit ihrem Bruder auch so gemacht hat. Immerhin kann Jacques deshalb einigermaßen fliegen, wenn er es auch nicht gern macht", sagte Claire beruhigend.

Laurentine kam durch die Wand, die den Eingang des grünen Saales verschloß. Sie eilte auf Céline, Claire und Julius zu. Claire nahm Julius einfach in die Arme und hielt ihn fest. Laurentine schnaubte enttäuscht und wandte sich Céline zu, die sie zuversichtlich anblickte und beruhigend auf sie einsprach.

"Die hätte dir glatt auf die Nase gehauen, wenn ich dich nicht in die Arme genommen hätte", flüsterte Claire Julius ins Ohr und hielt ihn für einige Sekunden fest an sich gedrückt. Er fühlte ihren warmen Körper, ihre aufblühenden Rundungen unter dem Umhang, ihren Atemrhythmus und vermeinte sogar, ihren Herzschlag durch ihre und seine Brust hindurch zu spüren. Nach zehn Sekunden engster Umarmung gab sie Julius wieder frei. Leicht errötet sah Julius sich schüchtern um, ob das jemand mitbekommen hatte. Doch keiner schien sich dafür zu interessieren. Céline unterhielt sich mit Bébé, die langsam wieder zur Ruhe kam. Barbara, die gerade eintrat, konnte die Umarmung nicht gesehen haben. Sonst war außer Robert keiner im Raum. Dieser zwinkerte Julius nur lausbubenhaft zu und wartete ab, bis Céline wieder für ihn Zeit hatte. Claire nahm Julius bei der Hand und führte ihn zu Laurentine. Diese sah Julius erst mißtrauisch, dann entspannt an und sagte:

"Ich glaube dir das, Julius, daß du nicht wußtest, daß dieses Miststück mich derartig reingeritten hat. Aber jetzt möchte ich doch wissen, wie du's gelernt hast, wo deine Eltern keine Zauberer sind."

Julius befand, daß Bébé nach diesem tolldreisten Flugunterricht nun ein Recht hatte, seine Geschichte zu hören. Er erzählte ihr von der Reise nach Australien und von der Begegnung mit Aurora Dawn. Laurentine schien diese Hexe nicht oder noch nicht zu kennen, was Julius beruhigte. So kam er nicht als Angeber rüber. Er erzählte, wie er von ihr das Fliegen gelernt hatte, bevor er nach Hogwarts kam. Bébé sagte danach:

"Dann hatte Aurora Dawn wohl keine Probleme damit, daß deine Eltern nicht zaubern können?"

"Nöh, hatte sie nicht. Offenbar hat sie wohl selbst muggelstämmige Klassenkameraden in Hogwarts gehabt, vermute ich mal", sagte Julius.

"Aber sie hat dich nicht auf einem Besen mitgenommen, dich sanft herumgeflogen und ist dann runtergesprungen?" Fragte Bébé. Julius schüttelte ruhig den Kopf.

"Egal, wie das heute gelaufen ist. Dieses Miststück kriegt mich nicht mehr dazu, mich auf einen Besen ..."

"So, Mademoiselle Hellersdorf. Das war schon zum dritten Mal heute eine Beleidigung gegen mich", schritt Barbara ein. "Das macht einmal einhundert satte Strafpunkte ..." Bébé sah sie verächtlich grinsend an. "und zwei Wochen Putzdienst. Oder ziehst du es vor, für die nächsten zwei Wochen deine Freizeit als Maus im Laufrad zuzubringen, nur von den Unterrichtszeiten abgesehen?"

"Stopf es dir dorthin, wo es dich juckt, Flitt...", zischte Bébé, kam aber nicht zum Ende. Denn mit einem lauten Knall, zusammen mit einem violetten Blitz, verschwand Laurentine Hellersdorfs Körper. Auf dem Boden, wo sie gestanden hatte, hockte verängstigt piepsend eine weiße Maus. Mit einer weiteren Bewegung ihres Zauberstabes beschwor Barbara einen Käfig mit Laufrad herauf, fischte schnell nach der Maus und beförderte sie im Handumdrehen in den Käfig.

"Das faß lief über", sagte sie. "Flittchen lasse ich mich bestimmt nicht nennen. Jetzt muß sie eben zwei Wochen auf alles verzichten, vom Unterricht abgesehen."

"D-d-darfst du das denn?" Fragte Julius höchst beunruhigt.

"Ich gehe damit sofort zu Professeur Faucon. Die wird mir das bestätigen und dafür sorgen, daß die Strafe auch eingehalten wird", sagte Barbara. Sie nahm den Käfig unter den Arm und verließ den Saal.

"Oha, wie wechselseitig doch ein Mensch ist", sagte Julius. Robert kam zu ihm herüber und meinte:

"Jetzt verstehe ich, was du damit gemeint hast, daß man eine Hexe nicht wütend machen soll."

"Die hatte doch nur Angst, weil Barbara sie so brutal ins kalte Wasser geworfen hat. Das muß Professeur Faucon doch einsehen", verteidigte Julius Bébé.

"Ich weiß auch nicht, was an dieser Beleidigung so heftig schlimm sein soll", Wandte Robert ein. Julius sah ihn verdutzt an und fragte ihn, ob der Klassenkamerad nicht wußte, was der Kraftausdruck bedeutete. Als Robert den Kopf schüttelte, erklärte Julius es ihm, daß damit ein Mädchen oder eine Frau gemeint war, die sehr umtriebig war, sich jedem Mann für dessen Gelüste anbot, oder selbst nur für sowas lebte. Robert lief knallrot an.

"Ihr Muggelstämmigen lernt ja ziemlich früh die schlimmsten Sachen, wie?" Fragte er mit belegter Stimme. Julius nickte nur.

Nach dem Abendessen zitierte Professeur Faucon Julius zu sich und vernahm ihn, was er mitbekommen hatte, vom Flugtraining bis zu den Beleidigungen. Die weiße Maus Laurentine hockte derweil in dem Käfig und blickte total verstört mit ihren Knopfaugen, die wie ihre Mädchenaugen gefärbt waren, zu ihm auf.

"Nun, die Saalsprecherinnen haben das Recht, derlei drakonische Strafen zu verhängen, wenn sie mehrfach beleidigt wurden und das auch so rüde. An ihrer Übungsmethode ist ja nur auszusetzen, daß sie Mademoiselle Hellersdorf nicht vorgewarnt hat. Ansonsten hätte ja Professeur Dedalus einschreiten müssen, wenn etwas nicht den Regeln gemäß gelaufen wäre. Wenn wir das eben nicht auf die übliche Art vermitteln können, müssen es eben die drastischen Maßnahmen tun", sagte die Verwandlungslehrerin. Julius fragte:

"Hätte es nicht auch ein Sprechbann getan oder eben der Putzdienst?"

"Das hatten wir schon alles. Offenbar wurde es Zeit, etwas deutliches zu verhängen, Monsieur Andrews. Ihr Argument, daß Mademoiselle Hellersdorf Todesangst hatte und meiner Kenntnis nach aus starker Angst große Wut werden kann, nehme ich zur Kenntnis und werde es noch mal mit Mademoiselle Lumière besprechen. Da ich Veto gegen von Saalsprechern verhängte Strafen einlegen kann, werde ich sehen, was sich machen läßt. Vorerst bleibt Mademoiselle Hellersdorf hier. Sie dürfen gehen, Monsieur Andrews!"

Julius nickte, verabschiedete sich und verließ das Besprechungszimmer der Leiterin des grünen Saales. Zu Fuß kehrte Julius durch die Zeitversetztgänge und Treppenhäuser in seinen zugewiesenen Wohnsaal zurück. Barbara unterhielt sich gerade mit Jeanne. Julius war froh, sich nicht mit ihr unterhalten zu müssen. Zusammen mit den jetzt noch übrigen Klassenkameraden unterhielt er sich über den Vorfall und seine Ursache. Man kam darüber ein, daß es ja jetzt bei Professeur Faucon lag, was passierte.

 

__________

 

Professeur Faucon reduzierte die Strafe gegen Laurentine darauf, daß sie nur eine Woche als Maus im Laufrad zubringen mußte. Diese Strafe wurde dadurch aufrechterhalten, daß der Käfig, in dem Laurentine gefangen war, mit einem Bindungsfluch belegt war, der eine Woche vorhielt. Jedesmal, wenn der Unterrichtstag vorbei war, verwandelte sich Laurentine automatisch in die weiße Maus, und der Käfig erschien wie appariert um sie herum und stand dann in der Mitte des Grünen saales.

Die Stimmung war bei Julius durch diesen Vorfall ziemlich unten. Das änderte sich nicht, als der erste September kam. Es war ein Mittwoch, und Julius hatte viel mit dem Alchemiekurs zu tun, wo sie in den wenigen Stunden, die sie in der Arbeitsgruppe waren, einen Blickschärfungstrank brauten, den Julius in Hogwarts bereits gebraut hatte. Hogwarts! Julius war mit seinen Gedanken nicht in Beauxbatons, als er Ruhe hatte, in der er sich nicht auf wichtige Trankzutaten konzentrieren mußte. Er saß im Geiste in einem Zug, der von einer scharlachroten Lokomotive gezogen wurde und hörte in Gedanken Gloria und seine übrigen Schulfreunde miteinander schwatzen. Zwischendurch, so stellte er sich vor, steckte der bleichgesichtige überhebliche Junge Draco Malfoy seinen Kopf zum Abteil rein und fragte:

"Ich suche dieses Schlammblut, Andrews. Hat man den doch endlich von Hogwarts runtergeworfen, weil er zu sehr mit seiner unberechtigten Zauberei angegeben hat?"

"Genau, du Schlauberger", hörte Julius seinen irischen Freund Kevin sagen. Gloria lächelte nur geheimnisvoll, während Pina und die beiden Hollingsworths wohl angewidert die beiden klobigen Typen hinter Malfoy anstarrten.

"Na, dann war's das auch mit ihm. Seht zu, daß ihr den schnell wieder vergesst, bevor jemand es euch übelnimmt!"

"Wer denn?" Fragte Gloria nur.

"Jemand, den ihr bestimmt nicht kennenlernen wollt", sagte Draco und schloß die Tür mit breitem Grinsen auf dem spitzen Gesicht.

"So könnte es gelaufen sein", murmelte Julius auf Englisch, während er im Speisesaal von Beauxbatons neben Robert Deloire saß und einen Teller Tomatencremesuppe anstarrte.

"Was, Julius?" Fragte Robert und holte den neuen Mitschüler völlig in die Gegenwart zurück. Julius erkannte, daß er wohl getagträumt hatte und entschuldigte sich bei Robert. Er erzählte ihm nur:

"Heute fangen die in Hogwarts wieder mit der Schule an. Ich habe nur dran gedacht, wie die Anreise dahin verlaufen sein könnte, wenn meine Freunde allein im Abteil sitzen."

"Achso. - Abteil? Was für'n Abteil?" Fragte Robert Deloire. Julius erklärte ihm, wie man nach Hogwarts kam, weil er fand, daß dies im Vergleich zu der magischen Reisesphäre banal war und daher nicht geheim sein mochte. Robert grinste nur.

"Mit einem Eisenbahnzug. Wie umständlich", lästerte Julius' Klassenkamerad. Der ehemalige Hogwarts-Schüler grinste nur. Es stimmte ja. Es war umständlich für Zauberer, einen Zug zu benutzen.

Nach dem Abendessen bereitete er sich darauf vor, in der Holzbläsergruppe mitzuspielen.

Im Holzbläserkurs für Bewohner des Grünen Saales entspannte er sich ein wenig. Im geräumigen und schallgedämmten Musikzimmer im dritten Stockwerk trafen sich zwanzig Musikinteressierte, darunter Claire, Jeanne, Virginie und Marie van Bergen. Verschiedene Flöten und Klarinetten, sowie Oboen und Fagotte kamen zum einsatz. Nach der Stunde, die von der ruhigen dunkelbraunhaarigen Hexe Mademoiselle Bernstein geleitet wurde, bekamen alle Anfänger zwanzig, alle Mittelstufler zehn und die Fortgeschrittenen fünf Bonuspunkte. Julius gehörte zu der Gruppe mit zehn Punkten, während Jeanne und Claire nur fünf Punkte bekamen.

Am nächsten Nachmittag wollte Julius Barbara aus dem Weg gehen, als es zur Stunde Verwandlung für fortgeschrittene ging. Doch Professeur Faucon lehnte das ab.

"Sie haben keinen Grund, Mademoiselle Lumière aus dem Weg zu bleiben. Außerdem stehen Sie beide ja unter meiner Aufsicht", sagte die Lehrerin sehr entschlossen dreinschauend. Julius trollte sich. Er bemühte sich darum, keine Spannung aufkommen zu lassen, zumal die von Professeur Faucon aufgehalsten Pflanze-Tier-Transformationen nicht so einfach waren, weil es galt, Zimmerpalmen in Schildkröten zu verwandeln. Immerhin bekam er nach zwanzig Minuten heraus, wie er die Unittamo-Techniken fließend und schnell anwenden mußte, um den entsprechenden Zauber zu wirken.

"Palmulam per plantanimalium testudinem transmuto!" Murmelte Julius, weil er den Klang seiner Stimme mit den Zauberstabbewegungen in Einklang bringen wollte. Tatsächlich gelang es ihm, die Pflanze in das gewünschte tier zu verwandeln, von mal zu mal schneller, bis er sogar ohne laut hergesagten Spruch die Verwandlung vollendete. Jeanne, die ihm zusah, lächelte wohlwollend.

"Du hast die Techniken gut raus", flüsterte sie. Barbara nickte beipflichtend und flüsterte:

"Daran zeigt sich das Naturtalent und dein Wille, was neues zu lernen, Julius."

"Danke, Barbara", sagte Julius nur und erledigte den Rest seiner ersten Verwandlungsaufgaben. Jeanne und Barbara probierten derweil aus, sich selbst zu verwandeln, neue Haarfarben oder Augen zu zaubern oder ihre Körpergröße zu verändern. Er war heilfroh, als dieser Kurstag vorbei war und er zum grünen Saal zurückgehen durfte, wo Laurentine in Mausgestalt in dem Laufrad herumrannte, das in ihrem Käfig stand. Julius begrüßte sie verhalten. Dann ging er mit Claire und Céline zusammen zum Abendessen.

Der Freitag verlief ohne nennenswerte Ereignisse. Julius wußte nun, daß er bei Professeur Fixus weniger Punkte bekommen würde, wenn er einen Zaubertrank richtig hinbekam. Mildrid fragte vor der Arithmantikstunde, ob Julius nun, wo er auch die harten Seiten von Beauxbatons kennengelernt hatte, immer noch gern hier war.

"Jetzt kann ich nichts mehr daran drehen", sagte Julius nur darauf. Mildrid flachste ein wenig mit Belisama, während Céline und Bébé, die ja für die dauer des Unterrichts ihre menschliche Gestalt besitzen durfte, abseits stand, bis Professeur Laplace herankam.

Im Freizeitkurs Zauberkunst lernte Julius zusammen mit Claire und Céline von Jeanne einige Wasserzauber kennen und anwenden, zum Beispiel den Oberflächenspannungsverstärker Magnicohesius, mit dem Wasser zu einer in sich stabilen Kugel zusammengezogen werden konnte. Julius kannte Quecksilber, das eine stärkrere Ausgangsoberflächenspannung als Wasser besaß. Doch als er einen Eimer mit fünf Litern Wasser bezauberte und eine Kugel mit fünf Litern Rauminhalt daraus hervorploppte, weil sie vom Eimer selbst nicht gehalten wurde, war er schon ganz baff. Er griff die Wasserkugel, die sich wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon anfühlte, hob sie hoch und staunte, daß sie von der Schwerkraft nicht zerrissen wurde.

"Wag dich ja nicht!" Sagte Jeanne, als Julius mit beiden Händen die Kugel hob und damit ausholte, sich umblickend, wem er sie denn mal zuwerfen konnte.

"Was soll ich mich nicht wagen?" Fragte Julius verschmitzt grinsend und ließ die fünf Kilo schwere Kugel aus reinem Wasser auf den Händen balancieren.

"Sie wem an den Kopf zu werfen. Sie ist zwar elastisch, aber dennoch schwer, und wenn du es doch schaffst, die Oberflächenspannung zu brechen, gibt das eine mordsmäßige Spritzerei von eigroßen Tropfen", sagte die ältere der Dusoleil-Schwestern.

"Ich bin doch kein Kugelstoßer. Ich war immer Fußballer. Aber dieses Ding trete ich auch nicht unbedingt. Aber schon interessant, wie sowas geht. Ich hörte mal davon, daß man deshalb keinen Tee im Weltraum trinken kann, außer durch Strohhalme oder aus Schnabeltassen, weil die Oberflächenspannung da die überlegene Kraft ist, wegen der Schwerelosigkeit dort."

Sandra Montferre - Julius konnte sie inzwischen an kleinen Unterschieden der Frisur auseinanderhalten - winkte Julius und hielt ihre Hände zum Auffangen bereit. Julius gab der Versuchung nach.

"Und hepp!" Rief er und warf mit wohl dosiertem Schwung den Monstertropfen so, daß dieser locker durch die Luft segelte und in den fangbereiten Händen der jüngeren Montferre-Schwester landete. Jeanne und Claire kniffen Julius gleichzeitig in je einen Arm.

"Die wollte das doch so", grinste Julius. Dann sah er schnell zu Barbara. Die sah aber amüsiert drein, wie Sandra den Wasserklumpen ihrer Schwester zuwarf und die dann Jeanne anvisierte.

"Neh, laßt mich da raus!" Rief sie und hielt die Hände schön weit auseinander. Julius legte die Hände zusammen, sah Sabine an und fing den wohl gezielten Wassertropfen von ihr auf, locker und lässig.

"Das ist doch mal ein Trainingsgerät für Quidditch", bemerkte Barbara und hielt ihre Hände fangbereit. Julius zögerte kurz, dann warf er ihr den Wasserklumpen zu, den sie locker auffing. Professeur Bellart, die gerade mit einigen Erstklässlern mit dem Lichtzauber herumexperimentierte, blickte auf und kam herüber. Barbara warf Sandra Montferre die Kugel zu, diese dann das Monsterding aus reinem Wasser an ihren Freund Marc Rossignol. Der zielte auf seinen Bruder und gab der Kugel einen kräftigen Stoß. Serge Rossignol hielt die Hände mit den Handflächen nach vorne, die Finger fest zusammenliegend und wollte im Stiel eines Handballers die Kugel abprällen. Das ging ihm aber schön in die Arme, konnte Julius sehen. Dann klatschte die Kugel unkontrolliert auf den Tisch und zerplatzte in mehrere Dutzend von hühnereigroßen Minikugeln, die von der Wucht der beim Zerreißen der Gesamtoberflächenspannung freigesetzten Kraft durch die Gegend schwirrten, den einen oder die andere trafen und auf den Boden klatschten, wo sie jedoch nicht zu Pfützen zersprangen, sondern wie unzureichend aufgepustete Minibälle eingedellt wurden, dann wieder zu vollen Kugeln wurden und davonrollten.

"Wenn Sie schon mit einem magnicohesius-Wassertropfen herumwerfen, sollten sie ihn auch fangen, Messieurs. Zehn Strafpunkte für Serge Rossignol und je fünf für alle anderen, die ich beobachtet habe", ergriff Professeur Bellart das Wort und sah jeden an, dem sie Strafpunkte zudachte. "Also die Demoiselles Montferre, Mademoiselle Lumière und Monsieur Andrews. Magnicohesius ist nicht ursprünglich zum spielen gedacht. In welchem Gefäß haben Sie diesen Wasservorrat bezaubert, Monsieur Andrews?"

"Öhm, woher wissen Sie, daß ich den gemacht habe, wenn Sie den Behälter nicht gesehen haben?" Fragte Julius erstaunt.

"Weil die Tropfen beim zerspritzen doppelt so viel Volumen hatten, wie üblicherweise. Sammeln Sie die Tropfen bitte ein und legen Sie sie in den Behälter zurück!"

Mit dem Aufrufezauber sammelten die Schüler, die den Schabernack mitgemacht hatten die verstreuten Tropfen ein und legten sie in den Eimer zurück. Da sie nun eigene Einheiten bildeten, konnte Jeanne nach jeder Ladung Wassertropfen den Zauber von der Wassermenge nehmen, bis der Eimer mit normalem Wasser wieder voll war.

"Ich gebe Ihnen, Monsieur Andrews, für die schnelle und erfolgreiche Umsetzung zehn Bonuspunkte", sagte Professeur Bellart, als sie später eine Runde machte. Claire bekam zwanzig, weil sie diesen Zauber ebenfalls gut hinbekommen hatte.

"Aber eins ist an dem genial. Die Tropfen bleiben nicht an etwas hängen", stellte Céline fest.

Das Duelltraining verlief für Julius etwas anstrengender als vor einer Woche, weil er diesmal gegen Sabine Montferre antreten mußte. Immerhin überstand er die üblichen Zwei Minuten pro Durchgang ohne Schaden. Die magische Absperrung am Feldrand sprühte Funken oder läutete wie eine mittelgroße Bronzeglocke, wenn hefttige Flüche darauf abgefälscht wurden. Nach dem Duelltraining bedankte sich Sandra Montferre, die alle Duelle gegen Virginie gewonnen hatte, daß Julius ihre Schwester nicht verunstaltet hatte.

"Ach, und von mir sprichst du nicht?" Fragte Julius.

"Du bist zu gut, um dich nach klarer Vorwarnung noch aushebeln zu lassen", sagte Sabine. Julius errötete, als ihm die ältere Mitschülerin den rechten Arm tätschelte, mit dem er ja den Zauberstab führte. Sandra grinste nur schelmisch. Dann verabschiedeten sich die beiden rothaarigen Hexen von ihm.

Müde und voller Eindrücke vom Tag ging Julius ins Bett und schlief sofort ein.

 

__________

 

Julius erwachte am Samstagmorgen um fünf Uhr, als sein Pflegehelferschlüssel wie wild vibrierte. Er wunderte sich, was das bedeutete und legte den linken Zeigefinger auf den weißen Schmuckstein mit dem in freien Heilerkreisen üblichen Symbol, der roten Äskulapschlange um einen Stab. Unvermittelt tauchte vor ihm das lebensgroße räumliche Bild einer älteren Hexe in weißer Schwesterntracht mit Haube über dunkelbraunem Haar auf, Schwester Florence Rossignol.

"Ach, da sind Sie ja auch, Monsieur Andrews", sagte sie und sprach dann weiter: "Ich möchte Sie alle nur daran erinnern, daß ich Sie morgen um neun Uhr in meinem Büro zur ersten Pflegehelferkonferenz des neuen Schuljahres einberufe. Auf der Tagesordnung steht die Vorstellung der bekannten und der neuen Pflegehelfer, sowie die Einteilung der Pflegehelferdienste für den Pausenhof und die Festlegung des Formhaltungskurses magischer erste Hilfe, zu dessen Teilnahme sie alle verpflichtet sind, sofern nicht durch Krankheit davon entschuldigt. Bis morgen dann, allerseits!"

"Bis morgen", sagte Julius und hielt den Finger auf den weißen Schmuckstein gedrückt. Wie aufgetaucht verschwand Madame Rossignols Bild sofort.

"Warum eigentlich so früh am Morgen", fragte sich Julius. Aber die Antwort lag nahe, daß da alle in den Betten mit den nach außen schalldichten Vorhängen lagen und niemand dazwischenplappern würde. Offenbar gab dieses Armband doch noch mehr her als einen brauchbaren Expresswegschlüssel oder eine Bild-Sprech-Verbindung mit einem anderen Pflegehelfer. Julius dachte an bereits vorhandene und in Zukunftsdichtungen für möglich gehaltene Funkgeräte und vermutete einen Rundrufkanal, über den alle auf einmal zu erreichen waren. Vielleicht hatte Schwester Florence an ihrem Armband eine bestimmte Anzahl von Steinen, die ihr anzeigten, ob sich alle in den Rundrufkanal eingeklinkt hatten und zuhörten. Aber weshalb hatte sie ihn besonders gegrüßt? Er mußte wohl sehr tief geschlafen haben, daß er das Vibrieren des Armbands nicht sofort gespürt hatte.

Nach Morgentraining, Frühstück, Kräuterkundekurs und Mittagessen war noch der Tanzkurs angesetzt. Als er dort eine verschärfte Form des Tangos gelernt hatte, traf er sich mit Jeanne im grünen Saal.

"Ich wußte nicht, daß wir weiter diesen Ersthelferkurs machen müssen", sagte Julius leicht frustriert, weil er offenbar noch mehr Freizeit einbüßen mußte.

"Das ist ein Formhaltungskurs, Julius. Schwester Florence prüft nur nach, ob wir weiter in Form sind. Der findet für den Einzelnen jeden zweiten Sonntag statt. Es muß nur geklärt werden, wer in welche Gruppen eingeteilt wird. Das können wir uns jedoch nicht aussuchen."

"Dann frage ich besser mal gleich, bevor es mir so ergeht, wie vor der ersten Arithmantikstunde: Bin ich der einzige Junge in dieser Vereinigung?"

"Nein, bist du nicht. Letztes Jahr hatten wir aus dem violetten Saal zwei, die aber mit Beauxbatons fertig sind. Aus dem weißen Saal ist noch Sixtus Darodi dabei. Aber du wirst die morgen früh alle auf einem Haufen zu sehen bekommen, zumal du Martine ja schon kennst und weißt, daß sie ja auch dabei ist", sagte Jeanne ruhig. Julius nickte nur.

Claire wünschte ihm am nächsten Morgen viel vergnügen. Julius fragte sie, warum sie nicht auch den Kurs gemacht hatte. Sie meinte:

"Weil ich ja wußte, was mir dann blüht, mon Cher. Aber du gingst ja vor vier Wochen noch davon aus, nach Hogwarts zurückzufahren."

"Treffer, versenkt", dachte Julius nur und ging zu Jeanne, die Schreibzeug mithatte.

"Hast du dein Schreibzeug auch dabei?" Fragte sie. Julius schüttelte den Kopf und holte schnell noch Pergament, Federn und Tintenfaß. Dann schlüpften Jeanne und er durch die Wand in Schwester Florences Büro, wo gerade Martine Latierre und ein kleines rundliches Mädchen mit blonden zöpfen und hellblauen Augen ankamen, und zwar aus der Wand, die Julius als Direktverbindung zum roten Saal in sein Gedächtnis eingeprägt hatte. Schwester Florence saß an ihrem großen Schreibtisch. Auf einem Nähkorb neben einem Tintenfaß klapperten zwei Stricknadeln von selbst und strickten an einem langen roten Wollschal, dessen bereits fertiges Ende im halb verschlossenen Korb lag.

"Guten morgen, Schwester Florence", grüßten Jeanne und Julius zusammen. Die Büroinhaberin erwiderte den Gruß und deutete auf einen großen runden Tisch, auf dem zwei Blumenvasen und ein reichlich verzierter Silberleuchter mit sechs gerade nicht brennenden Kerzen stand. Julius wunderte sich. Er hatte diesen Tisch bei seinem ersten Besuch hier nicht gesehen. Offenbar waren die Krankenbetten derzeit nicht belegt, denn sie reihten sich still und unberührt hinter der Zugangstür zum Schlafsaal, in den gut zwanzig Leute paßten. Ein Wandschirm konnte den Saal noch in zwei Hälften teilen oder um einzelne Betten herum aufgebaut werden.

"Guten Morgen, Schwester Florence", grüßten auch Martine und das Mädchen mit den blonden Zöpfen.

"Guten Morgen, Martine und Gerlinde", sagte die Krankenschwester.

Aus der Wand, die direkt mit dem gelben Saal verbunden war tauchten zwei weitere Mädchen auf. Das eine war die Saalsprecherin, was an der goldenen Brosche zu sehen war, die sie trug, die andere kannte Julius aus Millemerveilles und hatte mit ihr zusammen alte Runen: Sandrine Dumas. Diese grinste ihn an, als sich ihre Blicke trafen. Sie begrüßten die Schulkrankenschwester und setzten sich zu Jeanne, Julius Martine und dem Mädchen namens Gerlinde an den runden Tisch.

Aus dem Weißen Saal trafen durch dessen Direktverbindungswand schlüpfend ein zierliches Mädchen mit haselnußbraunen Haaren und ein stämmiger Junge mit schwarzer Igelfrisur ein. Der Junge war wohl gerade ein Jahr älter als Julius. Das Mädchen konnte zwei Jahre älter sein. Schwester Florence begrüßte sie als Deborah und Sixtus.

Schließlich erschienen noch aus dem violetten Saal zwei Mädchen, eines rund und mollig, fast wie Madame Delamontagne aus Millemerveilles, nur das sie nachtschwarze Locken besaß und keinen strohblonden Zopf. Ihre Begleiterin war zierlich und klein, hatte eine dunkelblonde Dauerwelle und wirkte sehr zerbrechlich. Die Rundliche wurde als Felicité, die Zierliche als Josephine begrüßt. Nach diesen beiden Pflegehelferinnen kam niemand mehr. Die Uhr auf dem Schreibtisch schlug mit silberhellem Klang die neunte Tagesstunde, also waren sie wohl alle pünktlich.

Schwester Florence begrüßte nun alle zusammen noch mal und kam dann an den runden Tisch, nachdem sie ihr Strickzeug mit dem Zauberstab stillgelegt und in den Nähkorb gelegt hatte.

"Schön, daß ihr alle wieder hier seid. Leider sind vom violetten saal ja letztes Jahr welche von unserer Schule abgegangen, sodaß wir nur noch zehn Pflegehelfer haben. Um so schöner ist es, daß wir einen Neuzugang haben, der uns die nächsten fünf Schuljahre erhalten bleibt. Um alle allen vorzustellen fange ich einfach mal an", begann die Heilkundlerin von Beauxbatons. Sie sah Martine An und begann:

"Martine Latierre, Saalsprecherin des roten Saales." Martine Nickte bestätigend. "Gerlinde van Drakens, Fünftklässlerin des roten Saales." Martines Saalkameradin nickte. "Francine Delourdes, Saalsprecherin des gelben Saales." Die Saalsprecherin nickte. "Sandrine Dumas, die in der dritten Klasse des gelben Saales ist." Sandrine nickte auch. "Aus dem weißen Saal sind Deborah Flaubert", die nickte "und Sixtus Darodi wieder bei uns." Der einzige Junge außer Julius bestätigte auch, das er gemeint war. "Aus dem violetten Saal gehört Felicité Deckers aus der sechsten Klasse zu unserer Runde", worauf das füllige Mädchen aus dem violetten Saal nickte, "sowie Josephine Marat, die in der vierten Klasse ist", worauf sich das zierliche Mädchen aus dem violetten Saal angesprochen fühlte. "Bleiben noch Jeanne Dusoleil aus der siebten Klasse des grünen Saales", was Jeanne bestätigte, "und der euch allen wohl bei der Einschulung allen bekannt gewordene Julius Andrews, der als Quereinsteiger aus Hogwarts zu uns gewechselt ist und wie Sandrine die dritte Klasse besucht. Damit ist die Runde komplett. Bleibt nur zu erwähnen, daß es mal wieder niemand aus dem blauen Saal für nötig hielt, sich in den Ferien oder gar dem letzten Schuljahr in magischer Erste Hilfe ausbilden zu lassen. Das ist zwar immer wieder bedauerlich, aber leider auch nichts neues mehr."

Die Pflegehelfer nickten. Dann legte Schwester Florence fest, das Martine Latierre das Protokoll der heutigen Sitzung führen sollte. Sie wartete, bis sie die Anwesenheitsliste abgehakt und was geschrieben hatte, dann fuhr sie fort:

"Kommen wir zum zweiten Punkt der Tagesordnung, der Pausenhof-Aufsicht. Für dich, Julius: Es geht dabei darum, dem Mitglied des Lehrkörpers, welches die Pausenaufsicht führt, als Ansprechpartner zur Seite zu stehen. Das teilen wir immer erst nach der zweiten Woche ein, weil dann die allgemeinen Freizeit- und Schulverpflichtungen bekannt und im Gebrauch sind. Es gibt Kurse, die kommen erst in der zweiten Woche zu Stande. Da wir fünf Schultage aber zehn Pflegehelfer haben, kommt jeder also alle zwei Wochen dran, was das soziale Umfeld, Klassenkameraden, Absprachen mit anderen Schülern und so weiter, nicht beeinträchtigt. Wir können bei der Zahl sogar einen einheitlichen Tag festlegen, wann wer der Pausenaufsicht hilft."

Julius hob die Hand und erhielt Sprecherlaubnis.

"Wie läuft das genau ab. Stellt sich jemand mit dem Lehrer oder der Lehrerin auf den Pausenhof und paßt auf, ob sich wer verletzt oder sonst was einfängt, wie in einem Schwimmbad?"

"Exakt", sagte Schwester Florence. "Wenn du mit eurer Saalvorsteherin oder einem anderen Lehrer Pausenhofaufsicht hast, stehst du neben ihr oder ihm, bis die Pause vorbei ist. Dabei darfst du dann erst wieder in den Palast, wenn alle Schüler eingetreten sind. Das wurde von meiner ehrwürdigen Vorvorvorvorgängerin und Mitbegründerin von Beauxbatons, Serena Delourdes, eingeführt, als es damals noch viele ansteckende Krankheiten gab. Außerdem können Unfälle immer noch passieren, auch in einer sicheren Umgebung. Ich denke, du wirst da keine Probleme mit haben. Um nicht zu Spät zum Unterricht zu kommen, dürft ihr den Pflegehelferschlüssel benutzen. Aber zu dem sage ich gleich noch was."

Julius schwante, daß er gleich noch einen Anpfiff bekommen würde, weil er damit schon so häufig durch den Palast hüpfte.

"Also schreibe bitte mit, Martine, wer sich für welchen Tag meldet. Da die Pausenhofaufsicht wegen wesentlich mehr Lehrern als Pflegehelfern fluktuiert, kann sich ja niemand seinen Lieblingslehrer aussuchen. Also wer kann und möchte Montags?"

Jeanne und Martine meldeten sich freiwillig. Damit waren die beiden schon einmal vergeben. Julius meldete sich für den Dienstag und bekam diesen Wochentag mit Felicité Deckers zugeteilt. Sandrine und Deborah nahmen den Mittwoch, Gerlinde und Francine den Donnerstag, Sixtus und Josephine meldeten sich für den Freitag, der ja sowieso als einziger noch zu vergeben war. Schwester Florence atmete tief durch.

"Das war ja diesmal einfach. Ich kann mich sehr gut an hitzige Debatten erinnern, wo Pflegehelfer vor euch sich um einzelne Tage gestritten haben, wer warum an einem bestimmten Tag dran sein müsse und wer da auf keinen Fall könne. Da du das ja alles schon aufgeschrieben hast, Martine, kommen wir nun zur Einteilung des Formhaltungskurses. Er findet jede Woche stadt, allerdings für eine von zwei Gruppen, die ich gleich bestimmen werde. Ihr werdet mit mir, sofern ich keine Patienten zu betreuen habe, Rundgänge im Kräutergarten machen, magische Wesen begutachten, die wichtige Wirkstoffe liefern und Übungen zur ersten Hilfe machen, um nicht einzurosten. Erstens ist das in unser aller Interesse, daß die Pflegehelfer auch helfen können, wenn es drauf ankommt und zweitens steht es in der Verordnung zur Gesundheitsüberwachung in den Verwaltungsbestimmungen für Beauxbatons drin, daß der Heilkundler vom Dienst seinen Stab von Pflegehelfern auf hohem Niveau zu halten hat, was ich sehr gründlich befolgen werde. Hinzu kommt noch, daß ich mir je nach Lage mehrere Pflegehelfer heranziehen kann, die mir im Krankenflügel zur Hand gehen, zumindest was heilkundliche Betreuung angeht, wie Verabreichungen von Salben oder Tränken, deren Zubereitung oder die Unterstützung bei magischen Behandlungen, wo es nötig ist, einen Patienten zu halten, um ihn in einer bestimmten Lage zu halten. Für das übrige bekomme ich regelmäßig Strafarbeiter zugeteilt, bin ich mir sicher. Es sollte aber jedem Klar sein, daß er oder sie auch mal Dinge tun muß, die ihm oder ihr ekelhaft erscheinen, blutige Verbände abnehmen, sofern keine Sofortheilung möglich war oder Ausscheidungen beseitigen. Dazu gibt es zwar nützliche Zauber, aber nur für die Leute, die kein Blut sehen oder keinen Auswurf riechen können, ohne daß es ihnen übel wird. Das wißt ihr zwar alles schon, auch Julius Andrews, aber ich muß das sagen, damit es protokolliert wird, Martine." Sie sah Martine an, die grinste und etwas notierte. Julius dachte sich seinen Teil. Immerhin hatte er Barbaras kleine Schwester Lunette in frische Windeln wickeln müssen, nur weil Madame Matine ihm auch die Feinheiten der Säuglingspflege nahebringen wollte. Aber wer wußte schon, worauf er sich da wirklich eingelassen hatte? Sicher stand für ihn nur fest, daß Madame Pomfrey in Hogwarts nicht einen solchen Aufwand mit ihm betrieben hätte.

"Die Gruppeneinteilung lautet wie folgt", begann Madame Rossignol und fuhr fort: "Gruppe A besteht aus Jeanne, Sandrine, Gerlinde, Josephine und Sixtus." Sie blickte jeden genannten kurz in die Augen und bekam ein Nicken zur Antwort. Überflüssigerweise, weil der Rest ja eh zur zweiten Gruppe gehören würde, fuhr sie fort mit: "Gruppe B besteht aus Martine, Francine, Deborah, Felicité und Julius. Ich habe meine Gründe, diese Einteilung zu machen. Zum einen möchte ich Grüppchenbildung aus Saalgenossen vermeiden, zum anderen mindestens einen Jungen oder ein Mädchen in jeder Gruppe haben. Da das Verhältnis von Jungen und Mädchen in dieser Runde zwei zu acht oder auch eins zu vier beträgt, ist in jeder Gruppe ein männlicher Pflegehelfer. Insofern ist die Gruppeneinteilung nicht weiter zu diskutieren." Alle nickten. Julius fühlte sich etwas merkwürdig, mit nur älteren Mädchen in einer Gruppe zu sein. Sicher, Martine kannte er aus verschiedenen Freizeitkursen, aber wenn Jeanne bei ihm in der Gruppe gewesen wäre, hätte er sich wesentlich wohler gefühlt. Aber es war ein Trost, daß er erst in zwei Wochen am Sonntag zum Kurs antreten mußte, nachdem die alle zwei Wochen stattfindende Pflegehelferkonferenz vorbei war.

"Jetzt noch das allgemeine", setzte die Heilerin in weißer Schwesterntracht an, "Ihr habt ja alle die Pflegehelferschlüssel bekommen. Jeder, dem ich dieses nützliche Artefakt an den Arm oder an ein Bein angebracht habe, ist damit in die Pflicht genommen, grundsätzlich auf die eigene Gesundheit zu achten, kleinere Verletzungen schnellstmöglich zu beheben oder zumindest die Maßnahmen zu vollenden, die er oder sie noch durchführen kann, bevor ich mich seiner oder ihrer annehme. Zum zweiten eröffnet der Pflegehelferschlüssel jedem Träger das magische Wegesystem in Beauxbatons, das eine Abkürzung zwischen den Sälen und den Klassenräumen, sowie den allgemein zugänglichen Orten der Schule bildet. Dies kann zu der Versuchung führen, daß jemand gerne überall hin nur noch mit dem Pflegehelferschlüssel reist. Es besteht zwar nicht die Gefahr, das Wegesystem durch Überlastung zum Zusammenbruch zu bringen, wird aber von mir nicht gerne gesehen, weil das auch leicht den Neid der Mitschüler hervorrufen und die Pflegehelfertruppe als solche in Verruf bringen kann, was ihre Arbeit sehr beeinträchtigt. Deshalb gestatte ich folgenden Alltagsgebrauch: Einmal Täglich zum zugewiesenen Wohnsaal und zurück oder bei drohender Verspätung, sofern triftige Gründe vorliegen, die zur Verzögerung geführt haben, wie Gespräche mit Lehrern oder anderem Schulpersonal oder einem akuten Einsatz im Rahmen der eingegangenen Verpflichtungen. Das Betreten eines nicht zugewiesenen Wohnsaales ist ausschließlich nur dann gestattet, wenn ich dies anordne. Jedes Betreten eines nicht zugewiesenen Wohnsaales gilt als schwerer Mißbrauch, ebenso wie das Eindringen in die Bürotrakte außerhalb der allgemeinen Sprechzeiten oder die Verletzung der Zehn-Uhr-Abends-Regel. Ich habe ein Mittel, jede Nutzung des Wegesystems jedem Pflegehelfer zuzuordnen, den ich in meinen Dienst genommen habe. Wer beim Mißbrauch erwischt wird, landet da!" Sie zeigte auf ein Regal, in dem wohl an die hundert Bettpfannen gelagert waren. Julius fiel die Kinnlade herunter. Bis dahin hatte er geglaubt, die Schulkrankenschwester hätte einen Scherz gemacht, als sie ihm androhte, ihn bei Mißbrauch des Pflegehelferschlüssels als Bettpfanne zu behalten. Doch weil die anderen betreten nickten, mußte Julius davon ausgehen, daß sie es ernst meinte. Um die Stimmung aufzulockern sagte sie noch: "Diese Art von Strafe ist in der Geschichte von Beauxbatons nur zehnmal vollstreckt worden, weil die Pflegehelfer bei diesem Strafprozeß, bei dem der Überführte sich noch mal verteidigen kann, anwesend sein müssen. Es kann ja auch passieren, daß jemand höchst schnell in einen der verbotenen Bereiche hinein mußte, weil da was dringendes zu erledigen war, im Rahmen der Verpflichtungen. Aber einer von den zehn Fällen wurde von mir selbst vollstreckt. Also glaubt nicht, daß ich das nicht ernst meine!"

"Die unterscheiden sich doch von normalen Bettpfannen, oder?" Fragte Sandrine.

"Ich habe hier einhundert Bettpfannen rumstehen. Wenn du mir die zehn aussortieren kannst, die mal Pflegehelfer waren, gebe ich dir recht."

"Mit oder ohne Zauberkraft?" Fragte Julius, dem einfiel, daß Maya Unittamo in ihrem sechsten Band "Wege zur Verwandlung" den Umbroriginis-Zauber beschrieb, der verwandelte Wesen oder Gegenstände erkennbar machte.

"Ohne Madame Unittamos Verwandlungsenthüller natürlich, Julius", sagte Schwester Florence, als habe sie Julius' Gedanken gelesen. - Konnte sie das vielleicht auch?

"Dann passe ich lieber", sagte Julius schnell, um seine Verlegenheit zu überspielen.

"Mir sind alle Verwandlungs- und Rückverwandlungszauber bekannt, Julius. Mein Beruf bringt das mit sich, verunglückte Verwandlungen an Menschen zu beheben", sagte Schwester Florence großmütterlich lächelnd. Dann tippte sie mit ihrem Zauberstab an eine große Schublade ihres Schreibtisches und verharrte in Konzentration. Die Schublade glitt lautlos auf und zeigte eine total schwarze gähnende Leere. In diese Leere griff die Heilerin hinein, konzentrierte sich und fischte einen Stapel Pergamentblätter heraus. Danach ließ sie die magisch behandelte Schublade wieder zugleiten und berührte sie mit dem Zauberstab, offenbar um sie zu sichern. Dann gab sie zehn Pergamente aus, für jeden eins. Julius bekam eins mit seinem Namen in grasgrüner Überschrift. Darunter stand: "Benutzungsprotokoll des Pflegehelferschlüssels für den Zeitraum vom 23. August bis zum 5. September 1995". Darunter stand die Zahl und die genutzten Wege säuberlich aufgeschlüsselt. Darunter war eine Liste, wohl eine Skala, die folgendermaßen eingeteilt wurde:

0.....nicht benutzt
1.....vernachlässigbar
2.....unbedeutend
3.....wenig
4.....nennenswert
5.....regelmäßig
6.....zulässig
7.....überdurchschnittlich
8.....übermäßig
9.....unzulässig oft
10....mißbräuchlich benutzt

Die Werte über 6 waren von gelb bis dunkelrot markiert. Julius atmete auf, als er bei seiner Einteilung eine Markierung bei "Regelmäßig" fand. Offenbar war er noch im grünen Bereich, wenngleich diese Angaben in Königsblau geschrieben waren. Er nickte und reichte Schwester Florence das Pergament zurück.

"Das darfst du behalten. Ist nur eine Multiplicus-Kopie. Aber ich wollte dir und den anderen zeigen, daß ich wirklich über eure Benutzung der Schlüssel informiert bin. Wie und womit ich diese Auswertung kriege, ist ein Schulgeheimnis, das nur von einem Heiler vom Dienst an den nächsten weitergegeben werden darf, wie früher die Zaubertrankrezepte von Druidenmund zu Druidenohr weitergereicht werden mußten. - Sonst noch Fragen, Julius?"

"Wie geht das genau mit der Verständigung. Jeanne hat mich einmal an einem stillen Ort angerufen. Wie geht das genau?" Fragte Julius, wenn er schon mal die Gelegenheit dazu hatte.

"Sandrine, gehst du mal bitte in deinen Saal und kommst dann zurück, wenn Julius mit dir gesprochen hat!" Wandte sich Schwester Florence an Sandrine Dumas. Diese nickte, stand auf, lächelte Julius kurz an, zog den linken Ärmel ihres Umhangs bis auf halber Höhe bis zum Ellenbogen, entblößte damit ihr Pflegehelferarmband, tippte mit der rechten Hand an den weißen Schmuckstein, wandte sich der Wand zu, durch die sie vorhin hereingekommen war, ging darauf zu, berührte mit dem Armband die Wand und verschwand schwupp wie eingesaugt darin.

"Ich habe Sandrine geschickt, weil du Jeanne ja gut kennst. Wundert mich, daß sie dir das nicht erklärt hat. Aber dann kommt das auch ins Protokoll, daß ich dich noch ausführlich informiert habe", begann die Heilerin. "Ich kann euch alle gleichzeitig oder einzeln erreichen. Was dabei abläuft, hast du ja schon zweimal gesehen. Jeder von euch kann mich oder jeden anderen von euch, das aber nur einzeln, erreichen. Für diese Verständigung gibt es übrigens drei Beschränkungen: Nicht im Unterricht verwenden! Nicht während eines Freizeitkurses von sich aus verwenden! Nicht nach zwölf Uhr abends und vor sechs Uhr morgens verwenden. Nur ich darf euch zu jeder Tages- oder Nachtzeit damit anrufen. Ich bekomme auch mit, wenn zwei von euch miteinander in Kontakt treten, wie du sicherlich mitbekommen hast und kann mich mit meinem Schlüssel selbst direkt zu einem der Teilnehmer befördern, um zu klären, was anlag. Ich kam zu dir, weil du gerade in einer gewissen bedrängnis warst. Schuldiener Bertillon hält nicht allzu viel von euch, weil ihr nicht immer für ihn greifbar seid und euch absprechen könnt, ohne übliche Wege zu nutzen. - So! Damit Sandrine schnell wieder zu uns kommt, mußt du nur den weißen Schmuckstein berühren und laut und vernehmlich rufen: "Sandrine Dumas, ich rufe dich!". Dann vibriert bei ihr das Armband, und sie wird sich sicher sofort melden. Einfacher geht nichts anderes zur Fernverständigung."

"Abwarten, wenn die Spracherkennung besser wird und Computer mit Stimmbefehlen gesteuert werden", dachte Julius nur. Doch dann dachte er, daß dies noch Jahrzehnte dauern konnte und dieses magische Fernsprechsystem schon seit hunderten von Jahren so arbeitete. Er legte also den linken Zeigefinger auf den weißen Schmuckstein und rief vernehmlich:

"Sandrine Dumas, ich rufe dich!"

Julius meinte, sein Armband würde leicht zittern. Doch das konnte eine Einbildung sein, weil er darauf gefaßt war, daß etwas passierte. Dann trat genau vor ihm wie eingeschaltet das körperlose, vollräumliche Abbild Sandrine Dumas', und ihre Stimme erklang aus dem Armband, wie sich ausbreitende Wellen:

"Hallo, Julius. Dann klappt das ja jetzt." Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, sodaß Julius sie einmal von hinten sehen konnte. Dann wandte sie sich ihm wieder zu und fragte, ob sie nun zurückkommen könne. Julius wandte sich an Schwester Florence. Diese nickte nur.

"Jawoll, du kannst wiederkommen", gab Julius weiter. Sandrine nickte und verabschiedete sich. Julius tat dies auch, wobei er den Finger wieder auf den weißen Stein legte. Kaum waren die Abschiedsworte verklungen, verschwand Sandrines Abbild. Keine zwanzig Sekunden später flutschte Sandrine selbst aus der Wand und kehrte auf ihren Platz zurück. Dann beschloß die Schulkrankenschwester die Konferenz, ließ sich das Protokoll geben, las es flüchtig durch, nickte Martine zu und sagte:

"In einer Woche kommt die Gruppe A zum Formhaltungskurs. In zwei Wochen treffen wir uns alle wieder hier um neun Uhr. Ich hoffe, bis dahin fällt nichts großes vor. Da niemand gerne freiwillig Protokoll führt, lege ich fest, daß Deborah Flaubert das nächste Konferenzprotokoll verfaßt. Das war's dann!"

Durch die Wände ging's zurück in die Säle. Julius atmete auf, als er mit Jeanne wieder im grünen Saal stand.

"Ich habe gedacht, die würgt mir was rein, weil ich in den ersten zwei Wochen fast jeden Tag einmal durch die Wand gegangen bin", sagte Julius erleichtert.

"Das fällt noch unter Regelmäßig. Zulässig ist achtzehn Mal in vierzehn Tagen. Ab da wird es erst überdurchschnittlich, und erst bei dreimal täglich im Wegesystem ohne Grund wird es riskant. Aber als Bettpfanne wirst du nicht in Beauxbatons bleiben", sagte Jeanne.

"Neh, die schickt mich als Windeleimer nach Millemerveilles mit freundlichen Grüßen an Madame Matine, weil sie ihr so'n undankbaren Burschen vermittelt hat", erwiderte Julius gehässig.

"Was redest du denn da für einen Unsinn, Julius?!" Ereiferte sich Claire, die mit Céline gerade Laurentine, die immer noch zur Maus verurteilt war, fütterte. Sie kam herüber und umarmte den Freund.

"Claire, dann hätte ich zumindest was davon, wenn Bruno und ich mal eigene Kinder haben und sie uns was zur Erstausstattung schenkt", griff Jeanne den derben Scherz von Julius auf. Dieser grinste nur, weil Claire ihn vorwurfsvoll ansah.

"Vielleicht sollte Julius sich besser selbst mit dem Infanticorpore-Fluch belegen lassen, dann könntest du ihn gleich adoptieren und müßtest nicht neun Monate mit dicker werdendem Bauch rumlaufen", zischte jeannes Schwester. Julius lachte nur und setzte dem entgegen:

"Dann müßte ich ja "Tante Claire" zu dir sagen."

"Besser als Maman", erwiderte Claire nun locker und schlagfertig. "Nicht das ich dich nicht neu aufziehen würde, Julius. Aber Kinder möchte ich doch lieber selber kriegen und nicht von anderen zugeschustert kriegen."

"Das registrieren wir erst einmal als "erwähnt"", sagte Julius nur. Claire trat ihm locker auf den linken großen Zeh und umarmte ihn dann kurz aber innig. Jeanne räusperte sich, deutete auf Edmond, der sich mit einem Klassenkameraden unterhielt und flüsterte:

"martine wird wohl erst ihre Hausaufgaben machen, bevor sie sich mit ihm trifft. Also solltet ihr ihm nicht den Mund zu wässerig machen, sodaß er euch wieder unnötige Strafpunkte gibt."

"Danke, Schwester", sagte Claire und gab Julius frei. Dieser löste die Umarmung auch von sich aus und trat einen moralischen Meter von Claire zurück. Jeanne wandte sich an Julius und fragte:

"Kannst du den Umbroriginis-Zauber, oder hast du nur so ins blaue gefragt, ob man diese Bettpfannen ohne Zauberkraft sortieren soll? Immerhin hast du ja alle Bücher "Wege zur Verwandlung"."

"Ich las nur, daß es ihn gibt. Ich wollte keine Experimente mit erweiterten Zaubern machen, die ich nicht korrigieren kann."

"Dann sieh ihn dir mal an", sagte Jeanne, trat zum Käfig mit der weißen Maus Laurentine und hob den Zauberstab.

"Revelo Umbroriginis!" Sprach sie laut und vollführte eine von innen nach außen verlaufende Spiralbewegung mit dem Zauberstab. Zwischen Stabspitze und der Maus entstand ein dünner goldener Lichtfaden, der sich zu einer Rauchwolke ausdehnte und zu einem rauchartigen Schattengebilde verdichtete, das von Größe und Konturen her Laurentines Körper darstellte. Es war jedoch nur ein rotgolden glimmender Schatten.

"Dissolvo Umbroriginis!" Sagte Jeanne und hieb mit dem Zauberstab kurz von oben nach unten. Das Schattengebilde über Laurentine verschwand. Céline trat heran und fragte barsch:

"Findest du das witzig, sie noch zu foppen, indem du sie als Versuchsobjekt mißbrauchst, um zu zeigen, wie du zaubern kannst?"

"Ich habe sie nicht gefoppt, Céline und auch nicht mißbraucht. Ich habe Julius nur gezeigt, wie man verwandelte Wesen und Dinge erkennen kann, was ich tun darf, weil er in unserem Fortgeschrittenenkurs ist und ich nicht weiß, ob es nicht mal wichtig ist, daß er verunglückte Verwandlungen erkennen kann, bevor er es im Unterricht lernt. Der Zauber ist völlig harmlos und erhellt bei Lebewesen nur die Originalaura."

"Hat uns Professeur Faucon nicht allen erklärt, daß es keine völlig harmlosen Zauber gibt?" Fragte Céline Dornier.

"Wenn man sie nicht richtig lernt, Mademoiselle Dornier", erwiderte Jeanne. Claire zog Julius sanft mit sich fort.

"Wir haben Bébé gerade gefüttert. Die hängt ganz schwermütig in diesem vermaledeiten Laufrat. Das soll sie bis Dienstag noch aushalten. Ich frage mich langsam, ob Verwandlung noch weiter mein Lieblingsfach sein soll."

"Das mußt du wissen", erwiderte Julius betreten dreinschauend, weil Claire sehr besorgt aussah. Dann erzählte er Claire, was er bei der Konferenz erlebt hatte. Claire grinste wieder und meinte:

"Dann bist du nur mit den älteren Mädchen zusammen. Dann lernst du zumindest noch was neues. Aber du bist ja dann bei Martine und Francine gut aufgehoben. Temperament und Lebenslust bei der Roten, Einfühlungsvermögen und Geduld bei der Gelben. Felicité ist sehr lustig. Kommt wohl daher, das ihre Mutter im belgischen Ministerium in der Abteilung für magische Spiele und Sportarten arbeitet und mal eine gute Quidditchspielerin war. Mit der wirst du wohl auch keine Probleme kriegen, sofern du ihre Figur nicht ins Lächerliche redest. Aber das hat Madame Delamontagne dir ja schon abgewöhnt, weiß ich. Deborah ist wohl die nächste stellvertretende Saalsprecherin, wenn Seraphine mit Beauxbatons fertig ist. Colette Lambert wird ja schon die nächste Saalsprecherin. - Aber das sind noch ungelegte Eier", beschrieb Claire, was Julius von seinen Pflegehelferkameradinnen erwarten durfte.

Als Céline es aufgab, sich mit Jeanne zu streiten, kam sie zu Claire und Julius.

"Deine Schwester macht was sie will, ohne Rücksicht auf Verluste", schnaubte sie leise. Claire grinste nur gehässig und nickte sehr vorsichtig.

"Du hast nicht die Ausdauer und Kraft, dich mit Jeanne zu streiten. Außerdem darfst du hier nicht richtig laut werden. Deshalb hast du gegen sie verloren", sagte Claire mit einer altklugen Betonung. Julius wußte zu gut, was Claire meinte. Er hatte sie und ihre Schwester häufig miteinander streiten hören, und einige Male war es dabei um ihn gegangen, ob um den ersten Tag in den Ferien, wo Jeanne und Barbara seine damals reparaturbedürftige Kondition überfordert hatten oder nach Julius' Erfahrung mit dem Infanticorpore-Fluch im Ferienunterricht, wo Claire sich total verschaukelt und zu unrecht erschreckt gefühlt hatte und Jeanne glatt unterstellte, sie hätte das ja vorher schon gewußt.

"Du brauchst mir nicht zu erzählen, wie man sich mit seiner Schwester streitet, Claire. Ich habe selbst ja eine große Schwester. Nur wohnt die schön weit weg im weißen Saal."

"Oh, dann müßte ich die ja schon mal am Tisch der Weißen gesehen haben. Aber da sitzen so viele schwarzhaarige Mädchen", wandte Julius ein.

"Ja aber nur vier die mit fünfzehn Jahren schon einen Meter und siebzig groß sind", sagte Claire gehässig. Céline blickte die Schlafsaalgenossin merkwürdig verstimmt an.

"Claire, das war jetzt nicht nötig, so fies zu reden. Meine Schwester ist nun einmal groß für ihr alter. Na und? Aber du hast sie natürlich schon gesehen. Die sitzt meistens neben Debbie Flaubert und Ricarda Vogler, ihren Klassenkameradinnenn."

Claire mußte wieder grinsen, und Julius stutzte. Dann sagte er:

"Deborah Flaubert habe ich heute kennengelernt. Die gehört zu den Pflegehelfern."

"Gewiß tut sie das", sagte Céline, als wäre das eine längst verjährte Kamelle aus alten Tagen. "Meine Schwester Constance ist mit ihr gut befreundet. Aber ich bin froh, daß sie mich in Ruhe läßt, Constance meine ich. Die spielt für die Weißen Jägerin. Könnte dir glatt passieren, daß du ihr mal im Spiel vor den Besen kommst, Julius. Sie meint immer, ich hätte auch spielen lernen sollen. Aber fliegen alleine reicht mir."

"Öhm, kriegt die ihren Besen dann umsonst, egal welchen?" Fragte Julius.

"Kostenlos, meinst du. Umsonst wäre es, wenn sie damit nicht umgehen könnte. Sie hat den Neuner, Julius. Wahrscheinlich wird sie in einem Vierteljahr, wenn Papa das hinbiegen kann, auch den Zehner kriegen, und dann zieht euch ja warm an."

"Klingeling! Dieser Werbespot wurde Ihnen präsentiert von ... Auuua", lästerte Julius und bereute dies sofort, als Céline ihm sehr kräftig vors Schienbein trat. Er mußte sich den Schmerz schnell verkneifen, weil er nicht wollte, daß Céline oder Claire ihn für schwach hielten.

"Ich wollte euch nur warnen."

"Wovor, Céline?" Fragte Jeanne. "Glaubst du echt, daß dein Vater deiner Schwester den neuen Ganni schenkt, wo der erst noch richtig ausgetestet werden muß? Selbst wenn, dieser Besen ist für Quidditch zu ungeeignet. Der soll doch eher für Langstreckenflüge da sein", sagte die Quidditchkapitänin des grünen Saales.

"Du wirst noch mal an mich denken, Jeanne, wenn Connie euch mit diesem Besen in Grund und boden spielt", warf Céline ein und schüttelte ihr schwarzes Haar, daß es wild um ihr weißes Gesicht wehte. Dann zog sie sich ohne weiteres Wort zurück.

"Jetzt hast du es dir mit ihr verdorben, Jeanne", sagte Julius leicht belustigt. "Erst zeigst du mir an Bébé den Umbroriginis-Zauber und dann lästerst du noch über Célines Leidenschaft für Ganymed-Besen und ihre Schwester."

"Mit der sie sich so gut versteht wie Hund und Katze. Deshalb ist sie ja hier und Connie im weißen Saal, nicht wie bei Claire und mir", erwiderte Jeanne ebenso belustigt. Offenbar hatte sie heute ihren Tag der guten Laune. Dann erzählte sie Julius noch mal, wie die Mädchen aus seiner Pflegehelfergruppe so waren, was Claire ja schon getan hatte. Nur Jeanne kannte sie ja alle schon persönlich.

Der Rest des Tages verlief mit Spaziergängen im Freien, Hausaufgaben machen und Schwatzen, vom Essen unterbrochen und vom Schlaf beendet.

Die Zeit bis zum Dienstag verstrich von dem anstrengenden Unterricht abgesehen bedeutungslos. Als Julius am Dienstag nach Pflege magischer Geschöpfe, wo sie das letzte mal die Knuddelmuffs hatten in den Pausenhof kam, erwartete ihn Professeur Faucon bereits.

"Schwester Florence hat uns Ihren Pflegehelferdienstplan mitgegeben. Sie halten heute mit mir Pausenhofaufsicht", sagte sie. Julius wagte nicht, irgendwas dazu zu sagen. Zwanzig Minuten neben Professeur Faucon herzulaufen, wo er sich mit Claire und Belisama über die Kräuterkundestunde nachher unterhalten wollte, war zwar nicht gerade angenehm. Aber er hatte sich für Dienstag gemeldet, also mußte er eben ran.

Er ging mit der Verwandlungslehrerin über den Pausenhof, respektvoll hinter ihr herschreitend und sah dabei auf die Schüler, die sich sehr zurückhielten, irgendwas anzustellen. Nur einer der Blauen kam auf die ulkige idee, den Inhalt seines Teebechers mit dem Magnicohesius-Zauber zu einem großen Tropfen zu verformen und diesen nach Julius zu werfen. Doch Dieser hatte seinen Zauberstab schon in der Hand und lenkte das Geschoß auf den Werfer zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Professeur Faucon ließ ihm das durchgehen. Als die Teekugel ihren Werfer voll am Umhang erwischte, zerplatzte und in viele Taubeneigroße Minikugeln zerfiel, schüttelte sich der Übeltäter. Professeur Faucon hob ihren Zauberstab und verwandelte den Missetäter in einen Goldhamster.

"Bis zum Abendessen!" Rief sie nur dazu. "Und fünfzig Strafpunkte zusätzlich wegen mutwilliger Behinderung der Pausenaufsicht!"

"Ach du meine Güte", seufzte Julius.

"Die lernen es nur so, Monsieur Andrews. Sie haben derzeitig einen respektablen Dienst zu erfüllen. Wer Sie durch solchen Schabernack daran hindert, wird diszipliniert. Ob ich das jetzt mache oder Professeur Bellart oder Professeur Paximus, ist unerheblich. Aber das telekinetische Zauberstück war sehr gekonnt", sagte professeur Faucon und winkte Julius, ihr weiter über den Schulhof zu folgen, aber so, daß sie alle Schüler im Blick hatten.

Am Nachmittag wurde es nun ernst mit dem Quidditchtraining. Julius wurde heftig gefordert, um mit Jeanne, Monique Lachaise, Yves und Virginie im Jägertraining mitzuhalten. Zwischendurch feuerten Hercules Moulin und sein Treiberkollege Giscard Moureau auch mal die schwarzen Klatscher auf ihn ab, denen er schnell und nun besensicher ausweichen konnte. Als er von Jeanne zum Torschuß aufgefordert wurde, schaffte er es sogar, Barbara zu überlisten, deren Ganymed 9 zwar wendiger war, aber sie zu früh reagierte und wegen eben dieser Schnelligkeit eine zu große Ausweichbewegung machte, sodaß Julius sich einen von zwei nebeneinanderliegenden Ringen aussuchen und den Quaffel locker durchwerfen konnte.

"Am besten tauschst du deinen Besen gegen den überdrehten Ganni zurück, Barbara", lachte Hercules, der bei Torschußübungen nicht zum Einsatz kam, falls Jeanne, die ein fieses forderndes Trainingsprogramm abspulte, nicht darauf bestand, einen aufs Tor zurasenden Jäger durch Klatschereinsatz zu stoppen. Dabei kannte sie nichts, auch Julius so zu drangsalieren. Gerade soeben konnte sich der Neuzugang aus England mit dem Rosselini-Raketenaufstiegsmanöver aus der Schußbahn retten, mußte jedoch den Torwurf abbrechen und den Quaffel an Virginie passen, die ihrerseits auf ihrem Ganymed 8 keine Chance gegen Barbara hatte, die den relativ neuen Besen spielerisch handhabte, um bloß keinen freien Ring zum Torwurf zu offenbaren. Nur als Julius Hercules mal darauf brachte, einen Klatscher so zu schlagen, daß er genau auf Barbara zuflog, schaffte der ehemalige Hogwarts-Schüler es, den roten Ball durch den rechten Torring zu werfen. Barbara schnaubte zwar verärgert, freute sich aber irgendwie darüber, daß Julius so wendig auf ihrem alten Besen herumflog.

Professeur Dedalus beobachtete das Spielertraining, gab zwischendurch bissige Kommentare ab, wenn ein Spieler sich verladen ließ oder zu langsam anflog. Doch Julius nahm diese Einwürfe nicht wahr. Er spielte sich frei von allem, was er bisher in Beauxbatons mitgemacht hatte. Fast hätte ihn ein Klatscher von Giscard Moureau am linken Arm erwischt, wenn der den Schatten des anfliegenden Balles nicht als Verdunkelung des Glases seiner Armbanduhr gesehen hätte. So rollte er sich noch nach rechts herum ab, und der Klatscher erwischte Monique Lachaise, die gerade freihändiges manövrieren übte. Sofort pfiff Dedalus das Training ab und versammelte die Mannschaft mit den Reservespielern auf dem Feld. Jeanne und Julius eilten zu Monique. Jeanne holte ihren Zauberstab hervor und schiente den gebrochenen Oberschenkelknochen der Saalkameradin. Julius rief derweil Schwester Florence über den Pflegehelferschlüssel. Diese traf keine zehn Sekunden später ein, indem sie aus der Wand vor dem Stadioneingang herausschlüpfte und mit großen Schritten herankam. Julius, der seinen Zauberstab in der Sporttasche hatte, half Jeanne noch dabei, die leichteren Verletzungen Moniques zu behandeln, bevor Schwester Florence sie auf eine magische Trage hob und mitnahm, auch durch die Wand, wie Julius verblüfft feststellte.

"Was kuckst du so erstaunt, Julius? Natürlich muß jemand auf einer Trage auch durch das Wandschlüpfsystem passen", sagte Jeanne. Professeur Dedalus stand dabei und sah ruhig zu, wie die verletzte Hauskameradin behandelt worden war.

"Die hatte ja Glück, daß gleich zwei Pflegehelfer zur Stelle waren, wo der eine Hilfe rufen und die andere schon was machen konnte", sagte er. Giscard Moureau meinte dazu nur:

"Die wurde nur verletzt, weil Sie sie angeblafft haben, nicht zu sehr zu wackeln. Das hat sie abgelenkt."

"Zwanzig Strafpunkte für Sie, Moureau", schnaubte Dedalus nur und fragte Jeanne, ob sie seine Wertung haben wollte, wer seiner Meinung nach als Stammspieler geeignet war. Sie nickte, hörte sich abseits der anderen Spieler an, was der Lehrer sagte, nickte ein paar mal, schüttelte auch mal den Kopf und nickte schließlich zum Schluß. Barbara lobte Julius, daß er sich auf dem neuen Besen nun so gut bewegen konnte, wie auf seinem alten. Dann kam Jeanne zurück und verkündete:

"Leute, die A-Mannschaft ist die, wo die Spieler mehr als zwanzig Leistungspunkte gezeigt haben. Die B-Mannschaft, beziehungsweise die eiserne Reserve, die wir immer wieder zum Einsatz bringen werden, sind die Leute, die mindestens zehn Leistungspunkte haben. Drunter war keiner, und ich habe auch niemanden gesehen, der hier nicht hingehört, um das mal deutlich zu sagen. ich freue mich, in meinem letzten Jahr hier drei neue Talente begrüßen zu dürfen, die in die A-Auswahl vorgerückt sind. In der A-Mannschaft spielen demnach mit: Barbara als Hüterin, zum ersten Mal als Stammspieler auch Hercules Moulin als Treiber neben Giscard Moureau, Virginie als Jägerin, so wie ich, ebenfalls als Jägerin und Julius Andrews, auch als Jäger, nur als Jäger, wie Professeur Dedalus meinte. Aber das war mir ja schon bekannt, daß du als Jäger am ehesten spielen möchtest, Julius. Ja, Yvonne hat sich zwar an die neunzehn Leistungspunkte beim Suchertraining geholt, aber Agnes hat fünfundzwanzig Punkte bekommen. Meine eigene Einschätzung sagt mir auch, daß du, Yvonne, noch etwas besser den Sturzflug üben möchtest, aber doch in dieser Saison noch spielen wirst. Dies verspreche ich übrigens allen, die jetzt nicht in die Stammauswahl gekommen sind, nur um nicht den Eindruck zu erwecken, hier ging es nur um bevorzugte Leute. Als Kapitänin habe ich Befugnis, die Mannschaft zusammenzustellen. Professeur Dedalus hat nur die Bewertungspunkte abgegeben. Er hat uns auch schon verkündet, gegen wen wir als erstes Spielen müssen: Wir spielen am ersten Oktoberwochenende gegen die Roten!!"

"Au Backe!" Erwiderte Hercules. Das bedeutete nicht nur, daß sie die ersten waren, die überhaupt spielten, sondern auch, daß sie gegen ihren schwierigsten Gegner ran mußten. Julius dachte sich seinen Teil. Er kannte Bruno als Jäger, César als Hüter und Janine als Sucherin. Doch wie beispielsweise die Montferres ihm die Klatscher um die Ohren hauen würden, wußte er noch nicht. Yves, der in Millemerveilles in der Jungenmannschaft "die grüne Sieben" mitspielte, fragte mit Blick auf Julius:

"Wieviele Punkte liegen zwischen ihm und mir, Jeanne?"

"Das möchtest du nicht wissen, Yves", wandte Jeanne ein und sah dabei nicht gerade begeistert aus.

"Mädel, wenn ich so'ne Frage stelle, dann will ich auch die Antwort wissen", knurrte Yves, der sich irgendwie verschaukelt fühlte, weil er sich wohl Hoffnungen auf den Stammplatz gemacht hatte.

"Sagen Sie's ihm doch, daß der Engländer dreißig und er nur fünfzehn Punkte bekommen hat! Das kann ich so unterschreiben!" Rief Professeur Dedalus.

"Gut, nehme ich hin", knurrte Yves. Wenn Professeur Dedalus diese Punktzahl ermittelt und bestätigt hatte, hatte das nichts mit Jeannes möglicher Bevorzugung von Julius zu tun, die er sich vorgestellt hatte.

"Wie gesagt, kommt jeder der oder die hier war in einem oder zwei Spielen auf jeden Fall dran. Die A-Gruppe bestreitet jeder für sich eben mehr Spiele, das ist alles", sagte Jeanne. Dann bedankte sie sich bei den Kameraden und wünschte noch einen schönen Nachmittag.

Hercules hielt Julius davon ab, zu Yves zu gehen, um sich bei ihm zu entschuldigen. "Der hatte es heute nicht so toll erwischt, Julius. Viermal den Quaffel verfehlt, keinen brauchbaren Torwurf hingelegt und fast ohne Klatscheranflug vom Besen gekullert. Du hast dich da immer in Bestform gezeigt. Yves kommt da schon drüber weg, wenn er nicht gegen die Roten ran muß."

"Na ja, Hercules, aber gegen die Gelben ist ja wohl nicht so prickelnd", vermutete Julius.

"Wenn du das denkst gehst du gnadenlos baden. Die Quidditchmannschaft der Gelben ist zwar nicht so rüpelhaft wie die Blauen oder so temperamentvoll wie die Roten, aber dafür technisch sehr gut eingestellt. Die können umgruppieren, ohne das du 'ne Geste siehst oder 'n Wort von deren Kapitän hörst. - Aber trotzdem haben wir die immer mit zweihundert Punkten Vorsprung geputzt."

"Mit oder ohne Schnatzfang?" Fragte Julius amüsiert.

"Ohne wäre ja heftig. Dann hätten wir ja mindestens fünfunddreißig zu null tore schießen müssen, und das lassen die nicht zu. Die haben zwar ihren Ruf als Duckmäuser und Leisetreter weg, aber dafür doch noch 'ne gute Quidditchmannschaft aufgebaut."

"Irgendwer hat mir gesagt, die Weißen hätten auslosen müssen, wer bei denen mitspielt. Mußten die Gelben das auch?"

"Da fragst du besser Claires Freundin Sandrine von denen. Wenn ich das letztes Jahr richtig gesehen habe, hat die auch das Silberarmband, mit dem du geschmückt wurdest."

"Oh, das werde ich mir bestimmt nicht leisten, die nach den Auswahlvorgaben für ihre Mannschaft fragen. Ich hab's beim Sommerball von Millemerveilles mitbekommen, daß die wohl sehr quidditchbegeistert ist."

"o ja, das ist sie wohl. Ich habe mit Bernadette mal in einer Reihe vor ihr gesessen, als die Roten gegen die Gelben spielten. War für die Roten ein Spaziergang mit zwanzig Toren und Schnatzfang zu gerade vier Törchen der Gelben. Lag aber nur an den Montis, das Saal Gelb sein blaues Wunder erlebt hat. Die haben mit den Klatschern gearbeitet, das deren Jäger nicht durchkamen. Lombardi hat für einen Gelben sogar ziemlich heftig geflucht."

"Du meinst also, ich sollte es mir nicht mit den Montferres verderben, wenn Jeanne meint, mich gegen die antreten zu lassen?"

"Ich freu mich richtig drauf, gegen San und Sabine zu spielen. Du wirst sehen, das es ein echt tolles Spiel wird."

Am Abend war Monique Lachaise wieder auf dem Damm. Sie beglückwünschte Julius und Hercules, daß sie nun in der Stammauswahl mitspielen durften und bedankte sich für die schnelle Hilfe auf dem Quidditchfeld. Julius winkte ab und sagte:

"Das wesentliche hat Jeanne gemacht. Ich mußte ja erst meinen Zauberstab holen. Mit dem fliege ich nicht so gern herum."

"Aber du hast Schwester Florence gerufen und damit erreicht, daß sie die schlimmsten Brüche und Prällungen schneller beheben konnte, als sie zu schmerzen begonnen hätten. Danke noch mal!"

Am Abend fiel Julius wie ein Stein ins Bett. Er hörte noch nicht einmal, wie Edmond die Runde machte, um zu prüfen, ob die jüngeren Schüler alle in den Betten waren.

 

__________

 

Die Tage flogen nun so dahin, obwohl Julius keine Ferien hatte. Immer war was neues los. Immer war seine Neugier und sein Wissen gefordert. Die Lehrer verlangten ihm immer mehr ab, insbesondere Faucon und Trifolio, der Kräuterkundelehrer. Schach, Quidditch und der Alchemiekurs forderten ihm alles ab, was körperlich und geistig aus ihm rauszuholen war. Ruhe fand er eigentlich nur bei der Musik am Mittwoch abend oder den lustigen Übungen im Zauberkunstfreizeitkurs. Er dachte noch nicht einmal an Hogwarts oder die Leute dort, bis er am dritten Sonntag gleich drei Briefe mit der morgentlichen Eulenpost bekam, die sich nicht um Sonn- und Feiertage scherte.

Auf jedem Briefumschlag stand die korrekte Adresse: "Julius Andrews, Speisesaal, Beauxbatons, Frankreich".

Er öffnete den Brief, der Kevin Malones Handschrift auf dem Umschlag trug und las:

Hallo, Julius!

Ich hoffe, du kannst unsere Sprache noch lesen. Gloria hat mir das erzählt, wie deine Adresse geschrieben werden muß, damit du den mit der üblichen Post kriegst. Boann wird Francis und Trixie nachfliegen, wenn wir, Gloria, die Hollingsworths und ich, dir die ersten Briefe schicken.

Wir sind wieder in Hogwarts, wie du dir wohl denken wirst. Irgendwie ist das jetzt hier komisch. Erstmal sind die Leute hier so merkwürdig drauf, wenn's um Cedrics Tod geht, als wäre das nur ein dummer Unfall gewesen oder sowas und halten Harry für bescheuert.

Jetzt haben wir auch 'ne neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste, eine Professor Umbridge. Die ist völlig anders drauf, als die, die wir bisher hatten. Mehr möchte ich dazu nicht schreiben, für den Moment nicht.

Nur 'ne Frage: Haben die dich nach Beauxbatons geholt, weil die wußten, daß hier irgendwas läuft? Hoffentlich darfst du mir darauf antworten.

Ich hoffe, dir geht's da besser als ich vorhin geglaubt habe.

Schreib mir ruhig weiter!
           Kevin Malone

Julius stutzte. Irgendwie kam ihm Kevins Brief seltsam niedergeschlagen vor. Er hatte erwartet, neue Tiraden zu lesen, daß er einfach nach Beauxbatons gewechselt sei oder Lästereien lesen zu können, daß Kevin in Hogwarts eben mehr Spaß haben würde. Er nahm den Brief der Hollingsworths, den seine Eule Francis mitgebracht hatte und las:

Hallo, Julius!

Gloria hat uns das auf der Hinfahrt noch mal erklärt, warum du nach Beauxbatons gegangen bist. Betty und ich hoffen, daß du dich mit Professeur Faucon vertragen kannst und den anderen Lehrern. Gloria meinte auch, du hättest tatsächlich 'ne Freundin gefunden. Kann ja nur Claire sein, nicht wahr?

Gloria meinte, dich würde es interessieren, daß Henry Hardbrick wieder bei uns angekommen ist. Irgendwie haben seine Muggeleltern den in so'n Krankenhaus für Irrsinnige gesteckt und mit allerlei Giftzeug behandeln lassen. Er war die letzten drei Wochen vor unserer Abfahrt im St.-Mungo-Krankenhaus für magische Verletzungen und Krankheiten, um von den Heilern wieder auf die Reihe gebracht zu werden. Ihm geht es soweit wieder gut. Unsere Vertrauensschüler kümmern sich darum, daß er bei uns wieder gut reinfindet. Er hat auf jeden Fall seinen echten Zauberstab mitnehmen können. ich vermute, die schicken den demnächst zu einem Fürsorger, wie sie's mit dir gemacht haben. Aber im Ministerium läuft derzeit vieles sehr komisch ab. Weiß nicht, ob die sich da um Henry kümmern.

Wir haben 'ne neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen. Professor Dolores Umbridge heißt die.Die spricht zwar sehr nett, aber hat uns bisher nur Textzeug zu lesen gegeben, das zeigen soll, wie man ohne Flüche klarkommt. Die hat uns auch erzählt, daß Du-weißt-schon-Wer gar nicht zurückgekehrt ist. Wie sie das gemacht hat, klingt das richtig glaubwürdig. Könnte es nicht sein, daß er doch nicht wieder da ist?

Schreib uns ruhig wieder!

         Betty und Jenna Hollingsworth

Julius stutzte. Was ging da in Hogwarts vor sich? Wer war diese neue Lehrerin? Wieso schrieben Kevin oder die Zwillinge aus Hufflepuff nicht mehr über sie? Betreten dreinblickend nahm er den dritten Brief, den von Gloria und las in bester französischer Schriftsprache:

Hallo, mein Freund!

Ich schreibe dir auf Französisch, um meine Schreibkünste zu üben und hoffe, daß du es lesen kannst.

Ich habe deinen Brief bekommen und freue mich, daß du zumindest bei Leuten im Saal wohnst, die du aus Millemerveilles kennst. Pina findet das zwar nicht so toll, daß du nun bei "dem Mädchen mit den dunkelbraunen Augen" bleibst, sieht aber ein, daß du dich für deine Mutter richtig entschieden hast. Ich habe ihr nämlich die Geschichte erzählt, was da mit deinen Eltern gelaufen ist. Sie ist ziemlich traurig, daß deine Eltern sich nur deshalb getrennt haben, weil du ein Zauberer bist.

Pina schreibt dir vielleicht irgendwann selbst, wenn sie ihrer Schwester beim Einstieg in Hogwarts geholfen hat. Ja, Olivia Watermelon ist nun auch in Hogwarts. Der Hut hat sie auch zu uns geschickt. Sie meinte, der hätte sie auch nach Gryffindor geschickt, aber dann doch Ravenclaw entschieden.

Prudence Whitesand hat mir nach dem Begrüßungsfest erzählt, daß sie dir wohl auch mal schreiben will oder zumindest Virginie ein paar Grußworte für dich mitgeben wird.

Ich weiß nicht, ob du meinen Brief als ersten liest, wenn die drei bei dir ankommen. Deshalb schreibe ich lieber, daß wir eine neue Lehrerin namens Dolores Jane Umbridge haben, die uns Verteidigung gegen die dunklen Künste beibringen soll. Ich schreibe "soll", weil ich nach den zwei Stunden, von denen die erste gleich am ersten Schultag die erste war den dumpfen Eindruck habe, daß sie uns nichts brauchbares beibringen will oder darf, weil wir aus einem Buch eines gewissen Slinkhard lernen sollen, wie man ohne Verteidigung auskommen soll. Äußerst merkwürdig.

Oma Jane und meine Eltern haben mir eingeschärft, nichts über den großen bösen Magier zu erzählen, wenn die dabei ist, weil sie offenbar gehalten ist, zu verbreiten, daß schon nichts passiert ist und jeder, der das Gegenteil behauptet ein Lügner oder Aufwiegler sei. Zumindest bist du besser dran, wenngleich Tante Geraldine, mit der ich mich über Kontaktfeuer unterhalten habe, davor warnt, es sich mit Professeur Faucon und einer Professeur Fixus zu verderben. Aber Zaubereigeschichte soll bei euch ganz kurzweilig und informativ sein. Wenn du möchtest, kann sie dir ja beim nächsten mal schreiben, wenn sie Zeit hat. Immerhin war sie ja schon ein Jahr in Beauxbatons.

Dann möchte ich dir noch was mitteilen, was dich sicher beunruhigen wird, aber wohl doch eher auf einen Unfall mit Zauberfeuer zurückzuführen ist. Chuck Redwood, der mit Lea Drake zusammen in Slytherin war, kam bei einem Großfeuer mit seiner ganzen Familie ums Leben. Ich weiß nicht, wie das genau passiert ist. In der Zeitung, die ich kurz vor Beginn des neuen Schuljahres gelesen habe, stand etwas von einer Aschwinderin, einer Schlange, die aus der Kraft eines Zauberfeuers entsteht und glühende Eier legt, die ein Haus in Brand setzen können, wenn sie nicht früh genug gefunden werden.

Ich wollte dir nur das Wesentliche schreiben, um dich auf dem Laufenden zu halten, Julius.

Grüße mir bitte Claire, Jeanne und Virginie, sowie Barbara!

Bis zum nächsten Mal!
          Gloria Porter

Der Ehemalige Hogwarts-Schüler stutzte. Chuck Redwood war tot? Das war, so weit er sich erinnern konnte, der einzige Junge aus Slytherin, der nicht auf ihm herumgehackt hatte, weil er kein reinblütiger Zauberer war. Lea, die wohl seine Freundin geworden war, hatte einen Muggel als Vater und war daher in Slytherin nicht gut angeschrieben. Wie mochte es ihr nun ergehen, wo sie ganz allein in diesem Schulhaus voller eingebildeter Typen war? Doch er war nun in Beauxbatons und konnte eh nichts mehr daran ändern. So verdrängte er die Trübsal, die in ihm aufgestiegen war und dachte, daß Unfälle auch in der Zaubererwelt nicht ganz verhindert werden konnten.

Julius faltete die Pergamentblätter zusammen. Was ging da vor in Hogwarts? Vor allem schwirrte die Frage Kevins in seinem Kopf herum, ob man vorher schon gewußt habe, was in Hogwarts laufen würde, daß man ihn deshalb nach Beauxbatons geholt hatte. Auch fehlte ihm, daß Kevin nicht gefragt hatte, ob er weiter Quidditch trainierte oder gar in der Mannschaft spielen könnte. Er beschloß, diese Fragen erst in einer Woche zu stellen, wenn Jeannes Geburtstag vorüber war, zu dem er bereits eine Einladung bekommen hatte.

 

__________

 

Da der fünfzehnte September auf einen Mittwoch fiel, konnten sich Jeannes Geburtstagsgäste nicht am Nachmittag desselben Tages treffen. So verlegte sie die kleine Feier, zu der neben ihren Klassenkameraden auch ihr Freund Bruno aus dem roten Saal, Barbaras Freund Gustav aus dem weißen Saal und Edmonds Freundin Martine Latierre zusammen mit Claire und Julius erschienen. Julius schenkte Jeanne ein selbstgemaltes Bild mit einem Einhorn, das nur dann zu sehen war, wenn eine Hexe es ansah. Professeur Bellart hatte es ihm gezeigt, wie das ging. Barbara, der Julius seit Laurentines harter Bestrafung möglichst aus dem Weg geblieben war, kam einmal zu ihm herüber und sprach ihn an.

"Irre ich mich, oder hast du was gegen mich, daß du in den letzten Wochen so distanziert warst. Du bist zwar immer zum Morgensport erschienen, hast dich aber dann immer schön abseits gehalten. Was ist mit dir los?"

"Das ist mir nur in die Knochen gefahren, wie schnell du mit dem Zauberstab bei der Hand bist, nur weil jemand was ungezogenes zu dir gesagt hat", sagte Julius frei heraus. Was brachte es nun, wo er nicht einfach von der Party verschwinden konnte, irgendeine erfundene Geschichte zu erzählen?

"Achso das! Du meinst, weil ich dieses ungezogene Mädchen verwandelt habe, wäre ich für dich gemein oder gar gefährlich. Ich denke mal, Laurentine hat's jetzt endlich begriffen, daß es hier nicht darum geht, sich möglichst unbeliebt zu machen. Ich hätte sie auch verwandelt, wenn sie Jeanne oder Claire mit diesem Schimpfwort belegt hätte. Falls es meine Fähigkeit ist, das zu können, da kann ich dich beruhigen, daß ich das nur in sehr extremen Situationen tun würde. Das heißt also, daß ich nicht auf einmal zu einer wild dreinhexenden Furie geworden bin, die keinen Spaß versteht. Wir hatten, zumindest auf kameradschaftlicher Ebene, ein sehr gutes Verhältnis. Ich denke nicht, daß du Angst vor mir haben mußt. Respekt ja, wie vor allen anderen Hexen und Zauberern, einschließlich Claire oder Caro, aber Angst ist nicht nötig."

"Ich hatte nur den Eindruck, dir ging's darum, deinen Rang zu behaupten. Die Geschichte der Muggel ist voll von Beispielen, wo niedere Befehlshaber ihre Untergebenen drangsaliert haben, weil sie von denen nicht richtig ernstgenommen wurden. Oft hat das aber zu Rebellionen oder Meuterei geführt."

"Darauf lege ich es bestimmt genauso wenig an, wie die Lehrer in Beauxbatons. Was hier abläuft, das läuft so ab, daß niemand einen echten Schaden erleidet. Da du es vorgezogen hast, mir aus dem Weg zu gehen, hast du nicht mitbekommen, daß Laurentine mittlerweile ganz gut auf dem Besen fliegen kann, mit Aufstig und Landung. Ich vermute, sie will sich und mir beweisen, daß dieses Dasein als Maus sie dazu gebracht hat, mir zu beweisen, daß ich nicht recht hatte. Dummerweise lernt sie dadurch aber immer besser zu fliegen und findet mittlerweile auch Spaß dran. Ich muß wohl demnächst aufpassen, daß sie nicht übertreibt.

Also noch mal: Was da passiert ist, mag dich ziemlich erschreckt haben. Aber du mußt nicht mehr oder weniger Angst vor mir haben als vorher auch. Immerhin sind wir beide ja im Kurs Verwandlung für Fortgeschrittene und dem Zauberkunstkurs. Demnach müßtest du dich dann vor allen fürchten, die in den Kursen sind."

"Ja, aber Verwandlung von Mitschülern ist in Hogwarts verboten, schon gar die, die von anderen Schülern vollzogen werden", sagte Julius. "Die werden sich schon was dabei gedacht haben."

"Ja, weil genau der Fall aufkam, den du eben angeführt hast, daß nämlich ein damaliger Lehrer so um 1634 ziemlich willkürlich Schüler verwandelt hat, ohne disziplinarische Handhabe, nur um zu zeigen, wie mächtig er war. Der Herr litt an einem Minderwertigkeitskomplex. Um solche Auswüchse nicht mehr vorkommen zu lassen, wurde das Verwandlungsverbot in die Schulordnung aufgenommen. Steht in "Eine Geschichte von Hogwarts", die du ja auch hast. Professeur Faucon hat deine Meinung respektiert und die Strafe deshalb halbiert. Also machen wir sowas nicht, um zu zeigen, wie böse wir werden können. Im Gegenteil: Es geht hier gerade darum, zu lernen, mit unserer Zauberkraft sinnvoll und verantwortlich umzugehen. Deshalb bist du ja auch hier. Ich bin mir sicher, daß deine Eltern auch Angst vor dir haben, weil du ihnen gezeigt hast, was du schon alles kannst." Julius mußte nicken. "Ja, und an dir liegt es, ob du lernst, das auszunutzen oder zu respektieren und sie nicht weiterhin zu erschrecken, ihnen zeigst, daß dazu kein Grund besteht, Angst vor dir zu haben. Ich persönlich würde mich freuen, wenn du oder jeder, mit dem ich gut auskommen kann, wenn er oder sie möchte, auch mit mir gut auskommt und nicht das Weite sucht, wenn ich auftauche. Dafür bin ich nicht hier. Das ist nicht meine Aufgabe." Sie beendete diese kurze Rede mit einem freundlichen Lächeln. Julius konnte nicht anders. Er mußte auch lächeln.

Jeanne bedankte sich vor dem Abendessen noch mal bei Julius für das kleine Bild. Zusammen gingen sie dann in den Palast von Beauxbatons zurück.

 

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Der September ging wegen der vielen Aufgaben und Kurse doch schneller vorbei als Julius es ursprünglich geglaubt hätte. Er schaffte es, seinen Disziplinarquotienten, den DQ, immer über 10 zu halten, was im wesentlichen daher rührte, daß er sich wenige Strafpunkte pro Woche einhandelte. Sicher, mal bekam er fünf wegen überhasteten Laufens, mal würgte ihm Edmond Danton wieder Punkte wegen unsittlicher Annäherung mit Claire rein. Doch alles in allem hatte er nicht das gefühl, sich groß zu verbiegen, nur um die Regeln einzuhalten. In den Kursen, wo er mit mehreren Leuten aus anderen Sälen in einer Arbeitsgruppe war, trug er in vielen Fällen zu Punktgewinnen für den Grünen Saal bei, besonders bei Alchemie für Interessierte. Zauberkunst wurde wegen des Freizeitkurses sein neues Lieblingsfach zwischen Kräuterkunde und Zaubertränke. Einmal verblüffte er die Klasse, als er einen handlichen Staubsammelzauber vorführte, der fast wie ein riesiger Staubsauger wirkte.

"Pulverim remoto!" Rief er, den Zauberstab locker in der Hand haltend. Unvermittelt flog überall dort, wo der Zauberstab hinzeigte, der Staub auf, ballte sich im Flug zu großen Kugeln und verglühte einfach in einem rot-blauen Flackerlicht, ähnlich dem Elmsfeuer an Mastspitzen von Schiffen oder Tragflächenenden von im Gewitter fliegender Flugzeuge. In weniger als einer Minute hatte er den kompletten Klassenraum und sogar die Vorhänge vom Staub befreit.

"Besen sind zum fliegen da, Messieurs et Mesdemoiselles", sagte Professeur Bellart. "Wenn Sie diesen Zauber beherrschen, haben Sie einen Großteil jeder Hausarbeit schon erledigt, unabhängig, ob Sie alleine oder in einer Familie leben."

Das Quidditchtraining lief mit großer Härte weiter. Julius mußte oft genug gegen die beiden Treiber der Stammauswahl antreten, um an den Klatschern vorbeizukommen. Er fragte einmal Professeur Faucon, ob sie etwas gehört habe, was mit einem neuen Besen sei. Sie antwortete darauf nur:

"Ich habe noch nicht von allen die Antwort. Mademoiselle Dawn befindet sich offenkundig gerade auf einer Weltreise oder dergleichen. Ohne ihre Antwort möchte ich nichts verbindliches kundtun."

"In Ordnung", sagte Julius nur und hoffte, daß er auf Barbaras altem Ganymed 8 gut spielen konnte, wenn es denn ernst wurde.

Der Ernstfall trat ein, als in der letzten Septemberwoche Jeanne verkündete:

"Also, nächsten Samstag, dem zweiten Oktober, geht es gegen die Roten. Die, die vorletztes Jahr schon mitgespielt haben, wissen, daß die sehr schnell und auch sehr angriffslustig spielen. Die Montferre-Mädels haben bestimmt schon ausgetüftelt, wie sie Jäger und Hüter mit gezielten Klatscherangriffen fertigmachen können. Deshalb wird heute nur die A-Mannschaft trainieren, die dann am Samstag auch antreten wird."

Julius sah die Kapitänin der Mannschaft des grünen Saales fragend an. Sie schüttelte den Kopf. Offenbar wußte sie, was er sie fragen wollte, nämlich, ob er nicht besser nicht gleich dieses erste Spiel bestreiten sollte.

Die A-Auswahl trainierte, während die Reservetreiber versuchten, sie durch Klatscherangriffe zu stören, so wie im Ernstfall. Dabei hätte es Julius fast vom Besen gehauen, wenn er nicht gerade soeben noch eine Seitwärtsrolle rechts herum gedreht hätte.

Nach dem Training nahm Jeanne den englischen Neuzugang bei Seite und sagte eindringlich:

"Du hast nichts getan, das mich davon abbringen kann, dich an diesem Samstag aufzustellen. Außerdem kennst du Bruno und César. Die haben zwar jetzt die Neuner, aber die hatten sie in Millemerveilles auch schon, und du hast im gemischten Mannschaftstraining auch schon Tore gegen César geschafft und dich immer schön um Nadines Klatscher herumgemogelt. Du bist schnell und trickreich, auch wenn du noch längst nicht alles gezeigt hast, was du kannst. Ich weiß das genau, weil ich genau wie Professeur Dedalus hingesehen habe, wie du mit und ohne Quaffel manövrierst. Du wirst rausfinden, was davon du am Samstag zeigen willst. Und sollten wir das Spiel verlieren, was gegen die Roten möglich ist, so werde ich bestimmt nicht dir allein den Vorwurf machen, daß wir verloren haben. Aber wir werden auf Sieg spielen, nicht auf reine Verteidigung. Du spielst das, was du als "Abfangjäger" bezeichnet hast, Vorstopper vor Barbara. Sie kriegt Zeichen von mir, ob du in ihrer Nähe bleiben sollst oder wann du vorrücken sollst. Wenn du vorrückst, dann hol raus, was aus dem Besen rauszuholen ist! Ich habe dich oft genug im Spiel erlebt. Der Ganni acht ist ein sehr zuverlässiger Besen. Selbst mit dem Ganymed 9, den ich von Maman und Papa bekommen habe, sind wir nicht unbedingt schneller als mit dem Achter. Du hast den gut im Griff. Also halt dich ja wacker!"

Julius beherzigte diesen Ratschlag. Er vermied alles, was gesundheitsgefährdend sein mochte und las sich aus "Quidditch im Wandel der Zeiten" und "Bekannte Quidditchspieler" durch, was er machen konnte. Ideen hatte er einige. Aber ob er die alle umsetzen durfte, mußte er sich genau durchlesen. Er kam jedoch zum Schluß, daß er vieles machen konnte, was vielleicht nicht gerade schön aussah, aber dennoch nicht verboten war.

Am Freitag teilte Professeur Faucon Julius Virginie Delamontagne zu, nachdem er an den letzten Duellabenden immer andere Gegner hatte. So schafften es die beiden, sich ohne Probleme auf Abstand zu halten und die Übungsrunden zu überstehen. Offenbar lag Professeur Faucon was daran, daß die Quidditchmannschaft des grünen Saales nicht durch ihre Schuld geschwächt wurde, wenn noch vor dem Supersaisonauftakt wer einen Fluch abbekam.

Claire wünschte Julius nach dem Duelltraining nicht nur eine gute Nacht. Sie sagte: "Lege dich nicht zu häufig mit den Montferres an! Für die wirst du morgen nur wer im grasgrünen Umhang sein, den sie abschießen dürfen. Wenn du nicht vorankommst, halte dich besser im Torraum auf, bei Barbara!"

"Ich hänge an meinem Leben, Claire", sagte Julius leicht genervt. Claire rümpfte die Nase und funkelte ihn leicht verärgert an.

"Ich meine es gut mit dir. Was soll das jetzt?"

"So wie ich's gemeint habe, Claire. Ich sehe Quidditch zwar als abwechslungsreiches Spiel an, werde mich aber nicht damit umbringen", erwiederte der ehemalige Hogwarts-Schüler.

Im Schlafsaal besprach er mit Hercules noch einige Ideen, die ihm gekommen waren. So schlug er vor, daß Hercules ihm Geleitschutz geben mochte, wenn er schnell mal zum Torraum vorstoßen sollte. Hercules nickte. Sie verabredeten das Zeichen, das Julius geben sollte, um den gleichaltrigen Treiber zu Hilfe zu rufen. Dann legten sich alle hin und schliefen.

 

__________

 

An diesem Samstag verzichtete Julius auf den Frühsport. Er wollte sich nicht zu schnell verausgaben. So stand er mit den übrigen Klassenkameraden um sieben Uhr auf, als der Zwerg mit der Trompete auf Julius' Wandgemälde eine beschwingte Fanfare blies.

Die Quidditchmannschaft saß an diesem Morgen zusammen am Frühstückstisch. Zwar hielten sie die Geschlechtertrennung ein, saßen aber alle nebeneinander. Bei Jeanne endete an diesem Morgen die Reihe der Mädchen, bei Julius begann die Reihe der Jungen, der von Hercules flankiert wurde. Der aus England stammende Drittklässler sah, daß an allen Tischen die Quidditchmannschaften offenbar zusammensaßen. Zumindest saßen die Montferres gleich rechts von Bruno, neben dem César Rocher saß. Am gelben Tisch saßen offenbar auch die Quidditchmannschaften in einer Linie zusammen, wie wohl auch am weißen, blauen und dunkelvioletten. Jeanne achtete darauf, daß Julius genug aß, wenn auch nichts schweres, was bei einer Auswahl von Weißbrot und Konfitüren nicht das große Problem war. Sie verbot ihm jedoch, Kaffee zu trinken und legte ihm nahe, nur heiße Milch mit Honig und etwas Zitronensaft zu trinken.

"Eiweiße und Vitamine sind für dich im Moment wichtiger, Julius. Tee oder Kaffee überreizt die Nerven mehr und bringt den Kreislauf durcheinander, wenn du schnell und hart spielen mußt."

"Soll nicht besser doch Monique oder Yves?" Fragte Julius leise und warf einen schnellen Seitenblick zu Yves und auf die andere Seite zu Monique Lachaise.

"Nix da, Freundchen. Heute bist du fällig. Heute werden wir allen zeigen, wofür wir uns in Millemerveilles so viel Mühe mit dir gegeben haben. Oder möchtest du von Barbara hundert Strafpunkte wegen groben Undanks, unvorbildlichem Betragens und Faulheit bekommen? - Sie darf auch Jungen Strafpunkte geben, wie Edmond auch Mädchen Strafpunkte geben darf, wie du ja wohl weißt", erwiderte Jeanne sehr ernst klingend und fixierte Julius derartig, als wolle sie ihn mit ihren Augen festnageln. Dieser schüttelte vorsichtig den Kopf. Er legte es nicht darauf an, Strafpunkte zu kriegen, nur weil er sich nicht so wohl in dieser Situation fühlte. Barbara, die gleich neben Jeanne saß, nickte nur, schwieg jedoch.

"Dann trink ruhig aus, geh am besten noch mal ins Bad und mach dich bereit für den großen Auftritt!" Sagte Jeanne nun aufmunternd klingend. Julius nickte und beendete ohne Hektik sein Frühstück. Er blendete einfach alles aus, was um ihn herum passierte. So, das hatte ihm Meister Tanaka beim Karatetraining verraten, konnte er sich gut auf einen bevorstehenden Kampf einstellen. So ignorierte er die prüfenden Blicke der Montferres, die ihm vom roten Tisch zugeworfen wurden, hörte nicht das Getuschel über die Mannschaftsaufstellungen der beiden Säle, die heute antreten mußten und achtete nicht auf Claires besorgte Miene, als er sein Frühstück schließlich drin hatte und wie alle anderen darauf wartete, daß Madame Maxime die Schüler aus dem Speisesaal entließ.

Wie im halbschlaf und völlig automatisch spulte Julius nötige Verrichtungen ab, die er vor dem Spiel noch zu erledigen hatte, packte seinen Zauberstab in die nun wieder diebstahlsicher gezauberte Reisetasche, welche er von Professeur Faucon zum zwölften Geburtstag geschenkt bekommen hatte und ging hinunter zu den Umkleideräumen, die in vier Unterabteilungen, zwei für Mädchen und zwei für Jungen, unterteilt waren. Zusammen mit Hercules und Giscard zog er sich die fließenden grasgrünen Umhänge an, die sie zum Spiel tragen sollten und verließ mit seinem Besen die Umkleiden, wo sie Jeanne, Barbara, Virginie und Agnes trafen.

"Alles in Ordnung mit euch, Jungs?" Fragte Jeanne. Die drei Jungen nickten. Hercules schien sichtlich erfreut zu sein, endlich mal richtig mitspielen zu dürfen.

Auf der anderen Seite des Feldes, wo die beiden anderen Umkleideräume lagen, traten gerade sieben in Kirschrot gewandete Figuren aus den Türen. Julius fiel der dickbäuchige und mondgesichtige César Rocher auf, dessen Spielerumhang mergwürdig spannte. Daneben stand Bruno Chevallier und machte Aufwärmübungen. Janine Dupont, die für die Roten die Sucherin machte war von allen die kleinste, aber auch biegsamste, fiel Julius auf, als er alle sieben A-Spieler der Roten auf einem Haufen sah. Die Montferre-Schwestern rahmten eine stämmige Schülerin mit goldblonden Locken ein, die eine lange schmale Nase und hellblaue Augen besaß. Daneben stand ein Junge, der wohl den Bodybuildern der Muggelwelt nacheifern wollte, so heftig wie er sich Muskeln antrainiert hatte.

Professeur Dedalus, der den Schiedsrichter machte, schritt in seinem orangen Umhang mit geschultertem Besen heran. Um seinen Hals hing eine silberne Trillerpfeife. Unter dem linken Arm trug er eine Kiste, die leicht ruckelte. Darin waren die vier Quidditchbälle, war Julius sich sicher. Aus einem Lederbeutel holte er je zwei kräftige Schläger, die er an die beiden Treiber jeder Mannschaft austeilte. Dann winkte er die beiden Mannschaften in die Mitte des Spielfeldes.

Durch den Stimmverstärkungszauber sprach Ferdinand Brassu, ein Sechstklässler aus dem violetten Saal, der offenbar den Stadionsprecher machte:

"Sehr geehrte Direktrice, Madame Maxime, sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, hallo, ihr Jungs und Mädels im Stadion!" Tosender Beifall und Jubel brandete über die im Moment hoch aufragenden Sitzreihen rund um das Spielfeld auf. Julius sah, das die Bewohner des roten Saales Schals und Banner in Kirschrot ausgebreitet hatten und die Grünen grasgrüne Flaggen, Banner und Schals. Auf einigen Stand sogar was in ständig die Farben wechselnden Buchstaben geschrieben: "Neue Besen, neues Glück!" und "Grün ist die Hoffnung! Grün ist der Sieg!" Von den restlichen Schülern waren im Moment keine Fan-Utensilien zu sehen. Julius erkannte in den obersten Reihen alle Lehrer, wobei Professeur Faucon und Professeur Fixus links und rechts von Madame Maxime saßen. Der Sprecher stand vor der Schulleiterin und wartete ab, bis der Jubel verklungen war und gespannter Stille wich.

"Ich übergebe zur Eröffnung das Wort an unsere sehr verehrte Schuldirektrice, Madame Olympe Maxime", sagte Ferdinand Brassu und trat zurück. Madame Maxime erhob sich, warf einen Blick über das ganze Stadion. Alle sahen zu ihr hoch und verränkten die Hälse.

"Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sowie Schülerinnen und Schüler dieser erhabenen Lehranstalt! Ich freue mich sehr, daß wir diese Saison wieder ein Quidditchturnier austragen dürfen, nachdem wir auf Grund des trimagischen Turniers im Vorjahr in Solidarität mit den beiden anderen Teilnehmerschulen darauf verzichtet haben. Ich freue mich auch, heute bereits ein Spiel zu sehen, welches nie an Spannung und Kurzweil zu kurz kam: Das Spiel zwischen den Mannschaften des grünen und des roten Saales. Wie Sie alle sehen können, sofern Sie dies nicht schon längst anderweitig erfuhren, wurden in den Mannschaften Umstellungen und Neueingliederungen vorgenommen. Das läßt hoffen, daß diese Saison wieder zu einem Glanzpunkt der langen und ruhmreichen Geschichte der Quidditchturniere von Beauxbatons werden wird. In der mir zukommenden und äußerst gern zu vollziehenden Verpflichtung als Ihre Direktrice erkläre ich hiermit das schulweite Quidditchturnier der Saison 1995 bis 1996 für eröffnet.

Vielen Dank für Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit!"

Wieder brandeten Jubel und Applaus durch alle Reihen. Dann sprach der Sechstklässler wieder:

"Vielen Dank, Madame Maxime, für diese zuversichtlichen und aufmunternden Worte! Nun möchte ich Ihnen und euch erzählen, wer in welcher Mannschaft mitspielt.

Für den roten Saal und Vicepokalgewinner der letzten ausgespielten Saison treten an: Kapitän Bruno Chevallier, der das schwere Erbe von Boreas Leauvite übernommen hat, die Geschwister Sabine und Sandra Montferre, Brunhilde Heidenreich, sowie Hannibal Platini, César Rocher, welcher ja ein Garant für wenige Gegentore ist und Janine Dupont, die quirligste Sucherin von Beauxbatons!

Für den grünen Saal führt die langjährig erfolgreiche Kapitänin Jeanne Dusoleil folgende Spieler ins Feld: Barbara Lumière, Virginie Delamontagne, welche erstmalig zur Erstauswahl zählen darf, nachdem Rosalinde Dumond uns vor einem Jahr verließ und nun bei den Pelikanen spielt, sowie die wieselflinke Agnes Collier, zusammen mit den Treibern Giscard Moureau und den erstmalig auch zur Hauptauswahl gezählten Hercules Moulin. Daneben haben die Grünen sich den in diesem Jahr aus dem fernen England zu uns herübergekommenen Julius Andrews als dritten Jäger in die Mannschaft geholt, was fast daran gescheitert wäre, daß wir hier gewisse Regeln haben, die das Spielen auf nichtfranzösischen Besen verbieten. Aber wir dürfen davon ausgehen, heute ein interessantes, ja spannendes Spiel zu erleben. Legt los, Leute!"

Einzelne Namen wurden aus dem Publikum gerufen. Julius suchte in den Reihen der Grünen Claire und seine übrigen Klassenkameraden. Sie saßen alle zusammen. Claire und Céline flankierten Laurentine, die leicht abwesend dreinschaute, als wäre diese mit Vorfreude und Spannung angereicherte Atmosphäre überhaupt nichts für sie. Claire erhaschte seinen blick und winkte kurz mit einem langen, grasgrünen Schal.

"Die Kapitäne vortreten zur Begrüßung!" Bellte Professeur Dedalus im Stil eines Truppführers bei der Armee. Jeanne ging graziel auf Bruno zu, der sich in die Brust warf und zuversichtlich zu den Reihen mit den kirschroten Bannern hochwinkte. Dann standen Jeanne und Bruno voreinander. Sie streckten ihre Hände aus, nahmen sie erst vorsichtig, dann kraftvoll und schüttelten sie. Applaus brandete von oben her. Einige riefen wohl was, was jedoch im Lärm der über tausend Zuschauer unterging.

"Auf die Besen, alle miteinander!" Befahl Dedalus. Julius brachte seinen neuen Besen in Aufstiegshaltung, schwang das rechte Bein herüber und saß auf. Alle anderen taten dies auch.

"Auf drei geht's los!" Rief der Schiedsrichter, klappte die Kiste auf und ließ erst den Schnatz auf, der wild mit seinen vier Flügeln schlagend davonschwirrte, dann die beiden schwarzen Klatscher, die wuchtig nach oben schossen, wo sie in schnellen Zickzackbahnen herumflogen, dabei langsam wieder herabsanken.

"Eins! - Zwei! - Drei!" Zählte Dedalus und pfiff auf seiner Trillerpfeife, während er mit viel Schwung den großen scharlachroten Ball, den Quaffel, in die Luft schleuderte, genau über dem Mittelkreis des Spielfeldes.

Sobald Professeur Dedalus die Trillerpfeife in den Mund gesteckt hatte, stießen sich alle vierzehn Spieler ab. Jetzt erst löste sich die dumpfe Anspannung, die in Julius aufgestiegen war in einem Schwall großer Aufregung und Freude auf. Er spielte mit! Er durfte bei einem echten, wichtigen Quidditchspiel mitspielen!

Barbara ging sofort vor den drei Torringen in Stellung, während Julius zunächst in ihrer Nähe blieb, während sich Jeanne und Virginie mit dem Muskelbuben Hannibal und der stämmigen Brunhilde um den Quaffel zankten. Bruno stieg derweil etwas höher auf, fast auf Höhe von Janine Dupont und Agnes Collier, die nun über dem Stadion kreisten, um nach dem Schnatz Ausschau zu halten. Julius mußte den Erbauern des Stadions danken, daß sie es in Nord-Süd-Richtung aufgebaut hatten, sodaß ein Spiel am Morgen keiner Mannschaft Nachteile wegen des Sonnenstandes eintrug.

"... und Heidenreich kriegt den Quaffel", kommentierte Ferdinand Brassu, der die Aufregung des Spiels und der Zuschauer in seine Stimme einfließen ließ. "Brunhilde geht sofort zum Angriff über und fliegt Barbara Lumière an, die wieder flink vor ihrem Tor herumhüpft. Ja, der Ganymed 9 ist schon ein schnittiger Besen. Sie holt zum Wurf aus! ... Julius Andrews fliegt dazwischen, vereitelt den direkten Angriff. Heidenreich fliegt zurück. Andrews folgt ihr nicht. Sie holt zum Weitwurf aus! Sie wirft! - Parade von Barbara Lumière. Kein Akt für die Klassehüterin der Grünen. Sie deutet wohl was an. Wirft ab auf Andrews, der sucht und findet seine Kapitänin, die aber gerade von Hannibal Platini bedrängt wird. Der Quaffel fliegt aus Andrews Händen! Er fliegt und fliegt und fliegt ... und landet goldrichtig bei Delamontagne, die sofort zu Dusoleil zurückwirft, die wieder auf den englischen Neuling, der jetzt mal ein wenig vorrückt und sofort von Bruno Chevallier bedrängt wird. Ja, der Ganymed 9 ist eben doch der ... o! In dem fall unpraktischere Besen, denn Andrews hat angetäuscht, Chevallier zu schnell hochgezogen, sodaß Andrews locker drunter durchfliegen kann und ... Ouuu! Ein Klatscher hat ihn fast vom Besen geholt, schnell aber unerbittlich gespielt von Sabine Montferre. Oder war's doch Sandra? Doch Andrews bleibt im Quaffelbesitz, macht merkwürdige Jongleursübungen damit. Wozu das gut ist sollen wohl die Briten wissen. Immerhin kann Dusoleil ihn nun locker annehmen und vorfliegen ... Haaaaua, fast vom Besen fliegen. ..."

In dem Stil ging es weiter, während Jeanne schnell zu Virginie abwarf, die dann von Hannibal vom Ball getrennt wurde. Dieser spielte erst Bruno, dann Brunhilde an, die wartete, bis die Montferres die Klatscher so geschickt geschlagen hatten, daß sie den Jägerinnen der Grünen den idealen Flugweg verlegten.

"Hannibal vor dem Tor, Barbara!" Rief der Kommentator. Julius schnellte im Rosselini-Senkrechtaufstieg nach oben, dann stürzte er sich übergangslos senkrecht nach unten, gerade als der Quaffel von Hannibal abgeworfen wurde, auf den linken Torring, wo Barbara erst noch hinfliegen mußte. Julius bekam im Sturzflug den Quaffel und duckte sich gerade soeben unter einem Klatscher durch, der von einem der Montferre-Mädchen geschlagen worden war. Hercules preschte auf seinem Ganymed 8 heran und hieb den schwarzen Ball gegen die Treiberin. Julius nutzte die so entstandene Lücke aus, um Jeanne zu bedienen. Diese spielte Virginie an, die durch einen schnellen Angriff aufs Tor César Rochers die ersten Punkte einfahren wollte. César tänzelte vor den drei Torringen und wartete, bis Virginie warf. Dann schnappte er den roten Ball und warf ihn weit zurück ins Feld, wo Brunhilde einen Sekundenbruchteil schneller war als Virginie. Sie flog auf das Tor Barbaras zu. Julius querte sie und sauste mehrmals einfach um sie herum. Sie blickte sich um, ob sie direkt abwerfen oder doch besser an einen ihrer Mitspieler weiterpassen sollte. Als ein Klatscher auf Julius zuflog, dachte sie schon, den Quaffel ungefährdet aufs Tor werfen zu können, hatte aber nicht damit gerechnet, das Julius mal eben nach rechts um die Längsachse und kurz nach unten nickend den Klatscher ins Leere laufen ließ.

"Oh, Heidenreich könnte einen freundlichen Klatscher abkriegen. Sie wirft den Ball aufs Tor! - Kein Problem für Lumière!" Bemerkte der Stadionsprecher.

Jeanne bedeutete Barbara etwas, die dann Julius eine bestimmte Geste zeigte. Dieser machte seinerseits ein Zeichen an Hercules, der gerade einen Klatscher auf die andere Seite des Feldes abgeschmettert hatte, um den Montferres keine Munition zu liefern. Er flog sofort los, als Barbara den Quaffel in sehr hohem Bogen ins Feld zurückwarf. Hannibal Platini griff Julius von links an. Dieser hüpfte mal eben waagerecht nach oben, ließ den Jungen unter sich durchrauschen und angelte mit dem rechten Arm nach dem Quaffel, den er soeben noch packen konnte, bevor Brunhilde ihn erflogen hatte. Schnell wechselte er den Ball zum anderen Arm herüber und startete durch, wobei er unter beiden Klatschern durchtauchen mußte und dicht gefolgt von allen drei Jägern der Roten auf das Tor zuraste.

"Ja darf der denn jetzt auch mal auf das Tor schießen?" Fragte Brassu mit leichtem Spott in der Stimme. Julius wich den Jägern der Gegenmannschaft aus, ließ zwei von ihnen fast ineinanderkrachen, als sie ihn in die Zange nehmen wollten. Als Bruno zwischen Julius und dem Torraum einschwenkte, sah es so aus, als wäre jeder Angriff vergebens. Julius hielt den Quaffel einfach. Zeit Schinden konnte man beim Quidditch ja nicht, weil das Spiel nicht auf eine bestimmte Zeit ausgelegt war. So ließ er den Quaffel auf seinem Besenstiel entlangrollen, bis er völlig umzingelt war.

"Quaffelverliebt unser neuer Akteur", lachte Brassu. Julius blickte sich um, deutete auf Virginie und holte aus. Er war nur zehn Meter vor dem Tor Césars, der seelenruhig wartete, ob Julius mal warf.

"Andrews hat sich wohl selbst überschätzt und dreht nun bei, um Delamontagne zu bedienen. Rocher geht auf Ausgangsposition. ... Ui, ein Klatscher!"

Julius spürte den anfliegenden schwarzen Ball irgendwie oder sah irgendwas, das ihn warnte. Auf jeden Fall ließ er sich vorn überkippen, sodaß der Klatscher die ihn belauernden Jäger auseinandertrieb. Julius sah wieder zu Virginie hinüber, die nickte. César verhielt vor dem mittleren Torring, offenbar auf einen neuen Angriffsaufbau gefaßt, als Julius ansatzlos den Quaffel in einem Vorwärtslooping von sich schleuderte, mit leichtem Drehmoment, was dem Spielball eine uneinschätzbare Flugbahn verlieh. Doch das war sowieso nicht mehr möglich, ihn zu stoppen, erkannte César, als der Ball locker durch den von ihm aus rechten Ring zirkelte, gerade soeben unter dem oberen Ringrand hindurch.

"Toooor! Da hat Andrews sie alle ausgetrickst, Jäger und Hüter, Messieursdames et Mesdemoiselles! Julius gegen César", lachte Ferdinand Brassu. "Zehn zu null für Saal Grün durch eine wunderbare Umlenktaktik."

Nun wurde das Spiel der Roten ruppiger. Nun, wo Julius es gewagt hatte, ein Tor gegen sie zu erzielen, galt er nicht mehr als vernachlässigbar oder gar zu schonen. So mußte er durch viele Klatscherangriffe, direkte Blockaden und Rempler seinen Weg machen. Doch er zeigte dafür auch Flugmanöver, von denen er gelesen und sie in Millemerveilles und auch schon in Hogwarts ausprobiert hatte. Das waagerechte Steigvermögen des Ganymeds nutzte er mehrmals aus, um seine Gegenspieler zu verladen. Jeanne und Virginie schossen die nächsten drei Tore für Saal grün. Hercules schirmte Julius einmal ab, als er im Schlangenlinienanflug César den falschen Winkel abschätzen ließ und den Quaffel aus zwanzig Metern Entfernung durch den rechten Ring schicken konnte.

Im Gegenzug gelang es Hannibal zweimal, Barbara auszukontern. Als das Spiel zehn Minuten alt war, stand es 60 zu 30 für die Grünen. Als Hannibal erneut zum Torwurf ansetzte, köpfte Julius den Quaffel erst einmal fort und setzte ihm dann nach, als Barbara ihm dazu die wortlose Erlaubnis gab. Jeanne dirigierte die Treiber so, daß sie die Klatscher vom Torraum der Roten abhalten sollten. Doch eines der Montferre-Mädchen luchste Giscard Moureau einen Klatscher ab und drosch ihn genau auf Julius zu, der nicht nach links oder rechts ausweichen konnte und beim direkten Aufstieg voll in Janine Dupont geflogen wäre. So warf er sich flach auf den Besen und raste knapp unter dem Klatscher durch. Doch weil eine der Treiberinnen der Roten gerade frontal auf ihn zuraste, blieb er flach auf dem Besen und sauste paßgenau zwischen ihren Beinen durch. Er spürte noch die äußersten Enden ihres Besenschweifes über seinen Rücken hinwegfegen.

"Hui, Monsieur, das war aber nicht gerade galant, Mademoiselle Montferre so aufdringlich nahe zu kommen", lachte der Stadionsprecher. Julius richtete sich derweil wieder auf und bekam ohne Vorwarnung den Quaffel zugespielt.

In einem schnellen vorstoß brachte er das rote Spielgerät direkt vor einen Torring und nickte den Ball einfach mit dem Kopf hindurch, bevor César ihn voll von der Seite anrempelte.

"Rums! Jetzt hat's aber gekracht!" Gab der Stadionsprecher seinen Kommentar dazu ab. Doch Julius berappelte sich und kehrte unangefochten auf seine Startposition zurück, um Barbara zu helfen, weitere Angriffe abzufangen.

Nach einer Viertelstunde Spielzeit stand es 100 zu 60. Julius wurde fünfmal hintereinander von Klatschern eingedeckt und mußte einmal zulassen, daß der Quaffel durchkam. Barbara parierte jedoch. Mal mit Weitwürfen bis vor das Tor, mal mit Vorstößen in Formation oder einzeln, hielten die Grünen gut mit, bis Julius sah, wie Janine sich an ihm vorbeistürzte. Er wandte sich um und sah einen golden schimmernden Punkt direkt vor ihr. Kurzentschlossen warf er den Quaffel, der ihm gerade von Virginie zugespielt worden war, mit aller Kraft in den Weg der Sucherin. Das führte zwar dazu, daß Janine den Schnatz nicht fing, brachte diesen aber dazu, das Weite zu suchen und so das Spiel zum längeren Verlauf.

Nach zwanzig Minuten betrug der Vorsprung der grünen nur deshalb noch 40 Punkte, weil Julius von Jeanne als Vorstopper vor dem heimischen Torraum belassen wurde und damit Angriffe im Keim erstickt werden konnten. Denn einmal hätte ein Klatscher Barbara fast vom Besen gehauen. Ein weiteres Mal griffen zwei Jäger der Roten zusammen an, sodaß Julius im gebührenden Abstand vor dem Tor als Notfallhüter einspringen mußte.

"Mal wieder nach Vorne!" Rief Barbara Julius zu, als sie auf ihre Position ging und ihm den Quaffel abnahm, um ihn weit ins Feld zu schlagen. Julius schlüpfte noch mal genau zwischen den Beinen einer Treiberin der Roten durch, die gerade einen von Hercules Moulin gespielten Klatscher gegen Jeanne zurückschlagen wollte. Irritiert durch diesen Fastkontakt verpaßte sie jedoch den idealen Schlagwinkel und schickte den Klatscher völlig sinnlos zum rechten Feldrand, wo er erst verzögerte.

"Also der neue Grüne ist ein richtiger Feger!" Rief Ferdinand Brassu über das laute Lachen der Zuschauer hinweg. Professeur Faucon stand auf und legte ihm warnend die Hand auf die Schulter. Der Sprecher berichtete dann weiter, wie das Spiel lief, ohne sich über die nicht spielerischen Qualitäten der einzelnen Spieler zu ergehen.

Julius wollte gerade den Quaffel, der von Hannibal Platini in Richtung Torraum der Grünen geworfen wurde, mit Elan annehmen, als Agnes Collier wie ein Greifvogel an ihm vorbeistürzte, fast unter seinem Besenschweif hängenblieb und dann mit der linken Hand nach etwas griff, während Janine in voller Fahrt auf ihn zugerast kam. Er mußte sich mit einer schnellen Seitwärtsdrehung aus der Flugbahn werfen, um nicht gerammt zu werden. Der Schiedsrichter, der trotz der Heftigkeit des Spiels keinen Grund zum Pfeifen gefunden hatte, pfiff nun lang auf seiner silbernen Trillerpfeife. Julius sah sich um und konnte Agnes mit zur Faust geballten linken Hand und eine sehr wütende Janine Dupont erblicken. Der Stadionsprecher rief derweil:

"Das war's! Agnes Collier fängt den Schnatz in der fünfundzwanzigsten Spielminute!!!! Die Grünen gewinnen mit 310 zu 120 Punkten das erste Spiel der Saison!! An dieser Hürde müssen sich nun alle ausrichten, Messieursdames et Mesdemoiselles! Saal Grün gewinnt das erste Spiel der Saison!"

"Grün ist der Sieg! Grün ist der Sieg!" Riefen die Anhänger der Grünen laut und rhytmisch.

"Heh, willst du wohl landen!" Rief Jeanne Julius zu, der irgendwie total geschafft von dem Spiel und von der überwältigenden Stimmung, in der Siegermannschaft zu sein, über dem Feld schwebte. Er lief bald so rot an wie der Quaffel, den er noch in den Händen hielt und landete.

"Immerhin waren Sie alle fair zueinander", sagte Professeur Dedalus. Dann wandte er sich an Julius:

"Hoffentlich empfinden die Damen Montferre Ihren Beinfeger nicht als indirekten Heiratsantrag, junger Mann. Sich einer Frau so zu nähern könnte als klarer Antrag aufgefaßt werden." Dann hieb er dem Jungen aus England kräftig auf die Schultern, was dieser gerade so aushielt, um nicht zusammenzubrechen.

Jeanne, Barbara und Virginie umarmten Julius nacheinander. Jeanne küßte ihn sogar auf die rechte Wange und sprach ihm ins Ohr:

"Schön mitgespielt. Du hast doch noch ein paar legale Tricks gefunden, die du ausspielen konntest. Der Umlenker war genial. Den erwartet ein Hüter nicht immer."

"Das kann man im Fußball auch machen, einen Rückpaß ins gegnerische Tor", sagte Julius. Dann kam die Woge der Leute aus dem grünen Saal über ihn, angeführt von Claire, Céline und Robert.

Er wußte nicht, wie ihm geschah, als er von mehreren Händen gepackt und hochgehoben und dann auf mindestens vier Schulterpaaren fortgetragen wurde, wie die übrigen sechs Mannschaftsmitglieder auch. Erst im grünen Sall wurden die siegreichen Spieler wieder heruntergelassen.

"Die kleine Janine Dupont sah ja nicht gerade beglückt aus, als du ihr den Schnatzfang vermasselt hast", tönte Robert Deloire, als Julius sich zu seinen Klassenkameraden gesellen durfte. "Aber die Montis wirkten irgendwie begeistert. Na ja, die Rossignols können nicht so gut mit ihrem Besen umgehen. Die hätten da wohl Unfälle gebaut."

"Dafür haben die mich aber oft ganz schön rumgescheucht", warf Julius ein. "Ich hätte fast mal zwei Klatscher auf einmal ins Gesicht gekriegt. Wenn das Dank für meine gute Flugleistung war, lasse ich das demnächst besser weg."

"Wie dem auch sei, Julius! Wir haben den Pokal sicher. Das nächste Spiel sind die Gelben gegen die Weißen, was für Phinchens Leute mit mindestens 100 Punkten Vorsprung abgehandelt werden sollte, und die Blauen verheddern sich danach mit den Violetten. Das wird wieder so'n Rauf- und Rempelspiel, wo die Mannschaften sich gegenseitig müde machen", verkündete Hercules großspurig.

"Wir haben den Pokal noch lange nicht sicher, Hercules. Wir müssen noch gegen die anderen ran, und die Gelben sind nicht mehr so schwach wie vor zwei Jahren noch, wo Clotilde Quartier da mitgespielt hat", sagte Jeanne, die es für richtig hielt, die Siegeseuphorie ihrer Mannschaft zu dämpfen, um ihre Leute für die nächsten Spiele bei Laune zu halten.

Yves trat an Julius heran und klopfte ihm auf die Schultern.

"Keine Fehlbesetzung. Das waren einige tolle Tricks, die du gezeigt hast. Sicher bist du auf dem Besen nicht schnell genug. Aber die Langsamkeit hast du ja auch gut ausnutzen können. Bruno, hüpf! Bruno, hüpf!"

"Ja, der Ganni neun ist und bleibt eben für Quidditch ein viel zu überzüchteter Besen", warf Hercules ein, der zielsicher Céline Dornier ansah.

"Findest du das auch, Julius?" Fragte sie.

"Kann ich nicht beurteilen. Ich glaube nicht, daß man mir so'n Besen schenken würde", erwiderte der ehemalige Hogwarts-Schüler.

"Du kannst ihn dir ja erarbeiten", sagte Robert belustigt.

"Wenn du mit dem Achter die, die auf den Neunern rumreiten immer wieder auspunktest, kriegst du so'n Krückstock vielleicht als Prämie", spottete Hercules. Barbara und Jeanne, die ja den Ganymed 9 flogen, sahen ihn strafend an, sagten jedoch nichts.

Professeur Faucon trat durch die sich auflösende und dann wieder verfestigende Wand, die den Eingang zum grünen Saal versperrte. Sofort wurde es still im Saal. Alle standen von ihren Plätzen auf, sofern sie nicht schon standen. Die Saalsprecher und ihre Stellvertreter bauten sich in Erwartungshaltung vor der Saalvorsteherin auf. Diese blickte kurz in die Runde und sagte dann:

"Ich freue mich mit Ihnen, daß unsere Mannschaft heute den ersten Sieg der Saison errungen hat und möchte Mademoiselle Jeanne Dusoleil für ihre Mannschaftsaufstellung 50 Bonuspunkte geben, so wie je 20 Bonuspunkte für jeden Spiler, der oder die sich in Einklang mit den Quidditchregeln verhalten hat. An Monsieur Andrews richte ich noch das Wort:

Das Beinfegemanöver zum passieren eines frontal anfliegenden Gegners ist eine legale Variante, sollte aber doch dann eher von Spielern desselben Geschlechts angewendet werden, welchem der zu passierende Gegenspieler angehört. Ich weiß nicht, wie weit Ihre Bekanntschaft mit den Montferres hier in Beauxbatons gediehen ist, Monsieur Andrews, aber ich möchte Sie doch darauf hinweisen, daß manche Leute aus derlei Aktionen absichtlich etwas mißdeuten können. Ich fürchte, wenn Sie dieses Manöver bei einer Spielerin des weißen oder violetten Saales vollführen, könnte diese ungehalten reagieren und sich sittlich bedroht fühlen. Dennoch finde ich keinen Grund, Ihnen dafür Strafpunkte zu geben, Monsieur Andrews.

Ich wünsche noch einen angenehmen Tag!"

Als die Lehrerin allen Spielern noch mal ein strahlendes Lächeln geschenkt hatte, verließ sie den grünen Saal und ließ die Schüler in ihrer Hochstimmung zurück.

Der Restliche Samstag verlief mit Gesang, Geplauder und spontanem Tanz, wobei Claire tunlich darauf achtete, daß Julius mehr mit ihr als mit anderen tanzte.

Rechtschaffen müde fielen alle Schüler aus dem Grünen saal um zehn Uhr ins Bett. Julius war zufrieden, doch etwas gutes für seine neuen Schulkameraden getan zu haben und schlief glücklich ein.

 

__________

 

Am nächsten Tag traf sich Julius mit den übrigen Pflegehelfern zur nun dritten Gesamtkonferenz. Anschließend war die Formhaltungsstunde des Ersthelferkurses für ihn und die vier älteren Mädchen fällig, zum zweiten Mal in seiner Zeit hier in Beauxbatons. Martine, die mit ihm zusammen auf Veranlassung Schwester Florences stabilisierungsübungen von bewußtlosen Probte, nutzte die Gelegenheit, Julius was auszurichten, allerdings im Flüsterton.

"Ich soll dir schöne Grüße von Sabine ausrichten, Julius. Sie wird dich beim nächsten Fegermanöver festhalten, wenn du sie das dritte Mal so unterfliegst. Sie fand es irgendwie lustig, daß du sie zweimal aufs Korn genommen hast."

"Spinastato!" Rief Julius laut das Zauberwort, welches den Hals-Nackenbereich sicherte, um bei Genickbruch eine fatale Halswirbelverschiebung zu verhindern, sofern jemand sowas überlebt hatte, um noch transportiert und geheilt zu werden. Leise sagte er: "Ich mußte ausweichen. Daß ich ausgerechnet sie zweimal unterquert habe, habe ich nicht mitgekriegt."

Nach dem Kurs, bei dem die Mädchen und Julius sich wechselseitig verschiedenen Erste-Hilfe-Zaubern unterzogen hatten, entließ die Schulkrankenschwester die fünf Pflegehelfer mit je 30 Bonuspunkten, was für Julius eine Erhöhung des DQs um vier ganze Zähler bedeutete. Zusammen mit Martine, Francine, Deborah und Felicité ging er zum Speisesaal. Unterwegs fragte ihn Deborah Flaubert aus dem weißen Saal:

"Und, wie tippst du als offenkundiger Quidditchexperte das Spiel zwischen uns und den Gelben?"

"Kann ich nicht sagen, weil ich beide Mannschaften noch nicht gesehen habe", erwiderte Julius. Francine Delourdes hatte es mitgehört und wandte sich an Deborah:

"Wir gewinnen diesmal. Maurice ist wieder dabei und wird den Schnatz früh genug holen, bevor Seraphine oder Constance zu viele Tore schießen. Unser Hüter wird diesmal auch besser sein. Die Zeiten, daß wir die Punktequelle von Beauxbatons waren, sind vorbei."

"Oh, welch große Worte", spöttelte Martine und warf erst Francine und dann Julius einen erheiterten Blick zu. "Ihr hattet, habt und werdet nie haben, eine kampfstarke Mannschaft. Die Weißen sind zwar eher auf Technik aus als wir oder die Grünen, aber sie werden euch fertigmachen."

"Übernächste Woche, wenn wir uns wieder hier treffen, wissen wir's", wandte Francine leicht eingeschnappt ein und ging einfach fort, ohne Abschiedswort. Martine verabschiedete sich von den Kameraden aus den anderen Sälen und wünschte noch einen schönen Sonntag.

Julius traf sich mit Hercules und Robert, die bereits vor dem Speisesaal standen. Céline, Claire und Bernadette standen auch dort und unterhielten sich über das gestrige Quidditchspiel. Céline sagte gerade zu Bernadette:

"... Was du auch immer gegen ihn hast, Bernadette, wenn der erst den richtigen Besen hat, wird das nächstes Jahr noch besser."

"Die Montferres waren ja begeistert. Die können sowas ja gut ab, auf Tuchfühlung zu gehen. Tschüs, Culie. Bis heute Nachmittag am üblichen Ort", sagte Bernadette. Sie sah verstohlen zu Julius, der gerade nahe genug für eine leise Unterhaltung herangekommen war und folgte Martine, die sich mit Bruno zusammen um ihre Schützlinge kümmerte.

"Eh, aus dem Weg für die Meister aller Klassen!" Tönte eine kieksende Stimme eines Jungen, der wohl gerade in der entscheidenden Phase zwischen Kind und Mann steckte. Julius sah sich um und entdeckte fünf Schlachsige Viertklässler, die aus dem blauen Saal stammten und leicht verdreckte Umhänge und struweliges Haar zur Schau trugen. Der, der gesprochen hatte, besaß ein an und für sich hübsches Gesicht mit rundem Kinn, schmaler Nase, hellblauen Augen und anliegenden Ohren. Er trug den fröhlich sprießenden Flaum des beginnenden Bartwuchses, der genauso schwarz wie das Haar war.

"Höflichkeit zählt wohl nix bei euch, wie?" Erwiderte Céline empört und musterte die fünf Halbwüchsigen. Claire ließ ihre Augen über die wuscheligen Haare der Jungen gleiten, während Hercules eine verächtliche Grimasse zog.

"Du glaubst uns das nicht, daß wir die Meister aller Klassen sind, Dornröschen? Deine Schwester wird in der nächsten Runde gnadenlos von uns vernascht", sagte der offenkundige Sprecher der vier Jungen. Dann sah er Julius.

"Hoi, der Feger vom Dienst alias Goldtänzer. Na, wann heiratest du die Montferre, Insulaner?"

"Meinst du mich?" Fragte Julius erheitert dreinschauend und schenkte dem Blauen ein Lächeln.

"Wen sonst. Sonst kommt doch hier keiner von 'ner Insel, wenn man die Pariser mal als Festländer ansieht mit ihrer Flußinsel."

"Eh, pass auf, was du sagst, van Minglern!" Drohte Hercules und ballte die Fäuste, was dem angesprochenen offenbar ein Grund zum Lachen war. Céline sah ihn nur böse funkelnd an und straffte ihren ganzen Körper.

"Ui, ich kriege Angst, Leute. Helft mir bloß!" Lachte der Flaumbartträger höhnisch. Seine Kumpane lachten schallend mit.

"Dir ist nicht zu helfen, Jasper", kam Adrian Colberts Stimme hinter einer Wegbiegung als unerwartete Antwort. Die Blauen drehten sich um und sahen ihren Saalsprecher ankommen.

"Was hängt ihr hier ab? Haben die noch nicht aufgemacht?" Fragte Adrian lässig. Seine Saalkameraden, die wohl drei Jahre jünger waren, grinsten nur spöttisch.

"Unser Feger vom Dienst hat uns gerade erzählen wollen, wann er die Montferre heiratet, wenn er sich schon mal anguckt, wie sie unterm Umhang aussieht."

"Das wirst du sehen, wenn sie ihn auf ihren Besen holt, Jasper. Oder willst du dich um San oder Sabine bewerben. Dann solltest du aber morgen beim Training gut aufpassen, daß Marc oder Serge dich nicht aus Versehen mit dem Klatscher verwechseln."

"Ach, Adie, die brauchen mich doch noch. Wer soll denn sonst die Schnösel aus dem violetten Saal versenken?"

"Ich natürlich, du Knalltüte", antwortete Adrian Colbert mit breitem Grinsen. Dann sagte er zu Julius:

"War gestern lustig. Marc und Serge hätten dir fast 'n Brief geschrieben, ob du die beiden nicht abhaben willst. Irgendwie hängt es den beiden wohl ellenlang zum Hals raus, daß die sie zu handlichen Hausmännchen umdressieren wollen."

"Die? Von was träumst du nachts, wenn nicht von Belle?" Fragte Jasper van Minglern seinen Saalsprecher.

"Von Danielle natürlich, du Komiker", erwiderte Adrian und schien den Punkt getroffen zu haben, wo Jaspers Spaß abrupt abgebremst wurde. Leicht zornig sah er den Saalsprecher an und erwiderte:

"Du lässt die Pfoten von meiner Schwester, klar! Die wird Jeremias kriegen und nicht so'n ministerialen Betriebsunfall. Ich dachte, Prinzessin Grandchapeau hat dich schon auf dem Besen gehabt und für Weihnachten die Hochzeitsglocken bestellt. Also mach so'n Quatsch nicht mit mir, klar!"

"Eh Leute, euer Saaltratsch ist für uns unwichtig", warf Robert Deloire ein.

"Schnauze, Zwerg!" Fuhr Jasper van Minglern den Drittklässler an. Julius wußte nicht, was er sagen sollte, um die Spannung, die unvermittelt aufgekommen war, wieder zu entspannen.

"Er wollte damit nur sagen, daß wir davon nichts wissen müssen, wer bei euch mit wem rummacht, Jungs! Was die Kiste mit den Montferres angeht: Welche meint ihr denn, hätte ich gestern unterflogen. Nachher muß ich beide nehmen, und Bigamie ist in Frankreich auch unter Zauberern verboten."

"Bigamtrie?! Was soll'n das sein, Klugscheißer?" Fragte Jasper.

"Komm, zeig dem Jungen nicht, wie ungebildet du bist, Jasper! Bigamie heißt das, wenn ein Mann mit zwei Frauen verheiratet ist oder eine Frau mit zwei Männern. Mußt du nicht kennen, weil ja eine allein schon eine zu viel für dich wäre. Also komm jetzt mit deinen Kumpels, bevor Königin Blanche oder Maman Pallas uns noch wegen dir Strafpunkte reindrücken!" Erwiderte Adrian Colbert. Doch Jasper schien nun, wo er wieder in Fahrt kam, noch ein wenig Spaß mit Julius haben zu wollen. Er sah Claire an und fragte:

"Na, Mädel, da hat sich dein englischer Import ja schnell was besseres gesucht. Aber wenn der eine von den Montis abkriegt, ist er allemal in guten Händen, bei dem Erfahrungsvorsprung."

Claire lief zunächst knallrot an, vor Verlegenheit. Sie schlug die Augen nieder. Céline sah Adrian hilfesuchend an, der seinen Saalkameraden strafend ansah, aber nichts sagte. Julius, der wohl eigentlich gemeint war, sprang Claire bei und sagte:

"Wenn es das einzige ist, wo du Erfahrungen sammeln möchtest, dann ist das dein Ding, Jasper. Was wie und ob überhaupt zwischen mir und Claire läuft, juckt dich doch nicht, oder?"

"Nöh, nicht wirklich", gab Jasper mit amüsiertem Grinsen zurück.

"Warum", schnaubte Claire dann, nun wohl eher vor Wut rot als vor Verlegenheit, weil ihr die Stirnadern geschwollen waren und ihr langes Haar sich so weit straffte, wie sein Gewicht es zuließ, "reißt du dann deine blöden Witze über sowas, Casper? Verzieh dich doch mit deinen Leuten!"

"Huh, das Kätzchen zeigt ja Krallen!" Rief Jasper van Minglern, und seine Kumpel lachten schallend. Adrian Colbert räusperte sich laut, konnte das Lachen aber nicht abwürgen. "Tja, Engländer, mit den französischen Hexen ist das nicht leicht. Erst umgurren sie dich, dann kratzen sie dir vielleicht die Augen aus. Am besten schießt du alle in den Wind."

"Du mieser ...", setzte Claire laut schreiend an und wollte auf Jasper losstürzen. Céline hielt sie zurück. Julius sah sie beruhigend an und erwiderte:

"Jungs, die sich mit Mädchen anlegen, versauen es sich ja doch, was von ihnen zu lernen. Aber wem sage ich das. Du bist doch ein Meister aller Klassen."

"Das kriegst du einmal wieder, Muggelbrütiger. Auf dem Quidditchfeld mach ich dich bestimmt noch platt, falls eure Kapitänin dich dann überhaupt noch mal aufstellt. Vielleicht mußt du ja dann den Saal oder die Schule wechseln. Hab' gelesen, in Hogwarts kehrt nun ein ganz neuer Besen. Das wirft den Staub von dieser Ruine mal so richtig durcheinander."

"Jasper, ist gut jetzt!" Fuhr Adrian schnell dazwischen. Er wandte sich an Claire und sagte: "'tschuldigung, Claire, daß dieser Juxbold dich so blöd angequatscht hat. Er kriegt dafür zwanzig Strafpunkte, und dann hat sich's."

"Oh, Strafpunkte, Jungs! Wer will noch mal, wer hat noch nicht?!" Flötete Jasper und sah seinen Saalsprecher herausfordernd an. In diesem Moment kam Professeur Fixus um die Ecke und sah alle Blauen direkt in die Augen. Dann sagte sie:

"Möchte Monsieur van Minglern morgen wieder nachsitzen, wenn wir die progressiven Toxine behandeln? Offenbar sind Sie im Moment sehr gut mit positiver Energie aufgeladen. Wieso haben Sie nicht stärker von Ihrem Strafpunkterecht Gebrauch gemacht, Monsieur Colbert? Für massive Beleidigungen und für die Auflehnung gegen die Autoritäten von Beauxbatons sind zwanzig zu wenig. Und jetzt gehen Sie gefälligst in den Speisesaal, bevor Madame Maxime persönlich hier erscheint!" Sprach die kleine rotbraun gelockte Lehrerin mit einer fröstelnd kalten Stimme. Adrian errötete. Offenbar hatte ihn die Zaubertranklehrerin in arge Verlegenheit gebracht. Ihm blieb nur, Jasper van Minglern an der Schulter zu ergreifen und voranzuschieben. Julius trat zu Claire, die Tränen der Wut in den Augen hatte.

"Der Typ weiß es nicht besser, Claire. Um den brauchst du dich nicht zu scheren. In Hogwarts laufen auch so Dummschwätzer rum."

"Warum", preßte Claire mit belegter Stimme heraus, "hält der dann nicht einfach den Mund? Nur weil der Quidditchspiler ist ist der noch lange kein Übermensch."

"Das weiß der auch, Claire. Ich weiß nicht, was den dazu gebracht hat, dich und mich so anzumachen. Aber Adrian wird ihm nun wohl hundert Strafpunkte aufdrücken müssen", flüsterte Julius. Professeur Fixus, die zu weit fortstand, um das gehört haben zu können, nickte jedoch beipflichtend. Dann ging sie in den Speisesaal. Céline ging links neben Claire, die sich langsam wieder beruhigte. Hercules war im Moment irgendwie wütend auf diesen Jasper van Minglern.

"Schweinehund! Baggert alle Mädels an, bringt die dümmsten Sprüche an und holt sich ganze Korbladungen ab, aber tönt noch drüber, als sei er der Größte."

"Tja, spricht nicht gerade dafür, daß er weiß, wie's richtig geht", grinste Julius und fügte schnell hinzu: "Was ich ja auch noch lernen muß."

"Also Edmond hätte ihm das mit dem ministeriellen Betriebsunfall nicht durchgehen lassen", warf Robert ein. "Wieviele Galleonen kriegt Adrian dafür, daß er sich von seinen Saalkumpanen so blöd anquatschen lässt, ohne dreinzuhauen?"

"Auf jeden Fall zu wenig", gab Julius eine Vermutung zum Besten. Die Jungen lachten darüber und gingen zum grasgrünen Tisch.

Julius fragte sich, während er das reichhaltige Mittagessen zu sich nahm, was der Blaue damit gemeint habe, er hätte was gelesen, daß in Hogwarts "ein neuer besen" kehre. Irgendwie waren seit den ersten Briefen von dort noch keine neuen Antworten zu ihm gekommen. Er hatte Kevin gefragt, wieso der glaubte, daß Julius wegen irgendwas anderem als dem, was er ihm schon geschrieben hatte, nach Beauxbatons umgezogen war. Gloria hatte er gebeten, ihm die näheren Umstände von Chuck Redwoods Tod zu erläutern, weil ihn das ziemlich betroffen gemacht hatte und wollte auch wissen, was seit dem ersten Brief so abgelaufen war. Er schätzte, daß die Eulen für den Weg hin und zurück anderthalb bis zwei Wochen flogen, wenn sie nicht durch den Postdienst die Expressverbindungen nutzen konnten. Aber Julius war nun etwas ungeduldig. Er wandte sich nach dem Essen an Edmond und Barbara:

"'tschuldigung, ihr beiden. Aber einer von den Blauen hat da was erzählt, daß in Hogwarts was heftiges im Gang wäre. Ich habe meinen Schulfreunden dort geschrieben, weil die mir in den ersten Briefen nicht alles erzählt haben, wie ich denke. Stand da was im Miroir Magique?"

"Zu Hogwarts? Hast du den Miroir Magique nicht aboniert? In Hogwarts bekamst du doch den Tagespropheten", wich Barbara mit einer Antwort aus, während Edmond irgendwie nicht wußte, ob er was sagen sollte.

"Ich habe den abbestellt, als klar war, daß ich nach Beauxbatons ging. Aber den Miroir habe ich nicht aboniert, solange ich kein Verlies in Gringotts Paris habe, wo Madame Brickston sich drum kümmern wird. Aber was war das denn mit Hogwarts, Barbara?"

"Irgendwie läuft da was quer, Julius. Die Chermot und die Poirot haben versucht, da nachzubohren, sind aber erst von diesem Füdsche oder Fjutsch oder wie der sich ausspricht zurückgewiesen worden, weil das nicht das Ding der französischen Zaubererwelt sei und dann von Minister Grandchapeau auch noch angewiesen worden, sich nicht zu sehr damit zu befassen, da dies zu internationalen Problemen ohne Grund führen würde und es zurzeit wichtigeres gäbe. Wenn Edmond keine Einwände hat, gebe ich dir die gestrige Ausgabe mal und ..."

"Monsieur Andrews!" Rief Professeur Faucon ohne Vorwarnung und kam mit wehendem bonbonrosa Umhang angelaufen. Leicht außer Atem erzwang sie erst bei sich und dann durch einen sehr strengen Blick und ein unerbittliches Gesicht Haltung bei Barbara, Edmond und Julius. Dann befahl sie kurz und knapp:

"Monsieur Andrews, in mein Sprechzimmer!"

Julius nickte. Sie wandte sich noch an Edmond und Barbara, flüsterte ihnen was zu. Barbara machte ein verlegenes Gesicht. Edmond nickte ergeben. Dann winkte sie Julius und marschierte mit weit ausgreifenden Schritten voran, aus dem Speisesaal hinaus, auf dem sonntags schnellsten Weg zu ihrem Sprechzimmer. Während dieses Geschwindmarsches fiel kein einziges Wort. Julius fragte sich, was er vielleicht verkehrt gemacht hatte. Das war ihm in den Wochen, die er bereits hier war, als seelischer Reflex auf alles, was nicht dem üblichen entsprach, eingeflossen. Oder wollte die Saalvorsteherin der Grünen, seine Verwandlungslehrerin und die Mutter seiner neuen Fürsorgerin, ihm etwas wichtiges mitteilen? Er folgte einfach und schlüpfte hinter ihr ins Sprechzimmer. Dort warteten zwei erwachsene Leute, von denen Julius eine Hexe mit schwarzem Haar und saphirblauen Augen sofort erkannte. Den hageren, an die zwei Meter großen Zauberer mit dem bleichen Gesicht, den hellgrünen Augen und der seidenweichen pechschwarzen Scheitelfrisur kannte er nicht. Das Gesicht des Mannes kam ihm jedoch irgendwie bekannt vor. Hinter den beiden Besuchern lag etwas in Seidenpapier eingewickeltes auf dem Schreibtisch.

"Catherine! - Ich meine, Madame Brickston!" Begrüßte Julius die erwachsene Hexe, die ein elegantes himmelblaues Rüschenkleid trug. Diese strahlte ihn an und erwiderte:

"Du hast mich immer Catherine genannt, Julius. Das darfst du auch weiterhin tun. Hallo, maman", sagte Catherine Brickston und sah ihre Mutter lächelnd an. Diese ließ sich von diesem Lächeln ihrer Tochter nicht dazu bringen, ihrerseits zu lächeln. Sie entbot Catherine nur eine kurze sachliche Begrüßung und deutete dann auf drei Stühle, die um den Schreibtisch gruppiert waren. Sie wartete, bis sich alle gesetzt hatten und befahl absolute Ruhe. Sie zog den Zauberstab aus ihrem Umhang und murmelte "Sonorincarcere!" Ein ockergelber Lichtstrahl fiel auf die Wände, die Fenster, die Tür, den Boden und die Decke. Kaum hatte das Zauberstablicht die Decke überstrichen, erstrahlte der ganze Raum in diesem ockergelben Licht, während es an der Zauberstabspitze erlosch. Mit einem weiteren Zauberwort verschloß die Lehrerin die Tür zum Sprechzimmer.

"Ich habe Sie aus zwei Gründen herzitiert, Monsieur Andrews. Der erste Grund liegt vor Ihnen auf dem Tisch. Vorher möchte ich nicht vergessen, Ihnen Monsieur Agilius Dornier vorzustellen", sagte Professeur Faucon. Der Zauberer, der einen korrekt sitzenden dunkelgrünen Samtumhang trug und seinen schwarzen Spitzhut an einen Garderobenhaken gehängt hatte, nickte bei der Erwähnung seines Namens und lächelte, weil Julius ein erkennendes Gesicht zeigte.

"Sie sind Célines Vater?" Wandte sich Julius an den Zauberer. Dieser nickte wiederum und strahlte den ehemaligen Hogwarts-Schüler nun an.

"Ich weiß von Céline, daß sie von mir erzählt hat, Julius. Ich darf dich doch beim Vornamen nennen?"

"Na klar", erwiderte Julius schnell. "Bin doch erst dreizehn."

"Was kein Grund ist, Sie nicht in gebotener Form zu behandeln, auf daß Sie lernen, sich korrekt auszudrücken, Monsieur Andrews", machte Professeur Faucon deutlich, daß sie hier die Autorität war. Ihr Schüler derweil starrte unvermittelt auf das Paket, das auf dem Tisch lag. Neben diesem lag noch ein kleines Päckchen, das unverkennbar ein eingepacktes Buch war. Das lange Paket war mit hundertprozentiger Sicherheit ein Besen.

 

"Du siehst richtig, Junge. Das ist dein neuer Rennbesen", sagte Monsieur Dornier mit Stolz in Stimme und Körperhaltung. "Professeur Faucon hat mich am Freitag informiert, daß jene, die dir damals einen englischen Sauberwisch geschenkt haben, sich bereiterklärt haben, dir einen neuen Besen zu bezahlen. Außerdem sagte sie mir ..."

"Hä-ähm", machte Professeur Faucon und stoppte damit den Redefluß des Zauberers. "Ich teilte den Damen und Herren, welche Ihnen zusammen mit mir vor nun etwas mehr als einem Jahr einen britischen Besen zum Geschenk Machten mit, daß Ihre Saalkameradinnen und -kameraden sehr erfreut wären, wenn Sie an den Quidditchspielen teilnehmen dürften und zitierte die Ihnen bekannte Schulbestimmung, dernach Sie nur auf französischen Produkten am Spielgeschehen teilnehmen dürfen. Die Familie Dusoleil sowie die Eheleute Delamontagne erklärten sich umgehend einverstanden, sich an einer Neuerwerbung finanziell zu beteiligen, stellten jedoch die Bedingung, Ihnen keinen bereits technisch überholten Besen zukommen zu lassen. Ebenso antworteten die Eheleute Porter, daß sie grundsätzlich keine Bedenken hätten, einen neuen Besen zu besorgen, sofern dieser dem gewiß hohen Niveau der hiesigen Quidditchspiele nicht nur entsprechen, sondern es nach Möglichkeit übertreffen möge. Die Familie Hollingsworth räumte ein, sich nur dann beteiligen zu können, wenn sie diesesmal nicht einen so hohen Anteil beitragen müßten, da ihre Töchter aussichtsreiche Kandidatinnen der Quidditch-Mannschaft im Hause Hufflepuff seien und daher möglicherweise demnächst auf neuartigere Besen angewiesen seien. Diesen Freitag bekam ich dann noch die Antwort von Mademoiselle Dawn, die mir kurz und in ihrer einfachen Art mitteilte, daß Sie mindestens einen Ganymed 9 als neuen Besen erhalten mögen, falls es nicht schon was besseres gäbe, wofür sie sehr gerne auch mehr Geld investieren würde, da ihr bekannt sei, daß Sie sich dieses Besens auf jeden Fall als würdig erweisen werden. Ich kontaktierte daraufhin Monsieur Dornier, da in meiner Eigenschaft als Vorsteherin des Grünen Saales die Verbindungen zu allen Eltern und / oder Erziehungsberechtigten geläufig sind, mittels Kontaktfeuer und vereinbarte mit ihm, er möge sich außerhalb des von den Schülern sichtbaren Bereiches mit eigenen Augen vom Verlauf des ersten Quidditchspiels überzeugen. Dies tat er gestern, ohne sich bei Ihnen oder seinen Töchtern angemeldet zu haben, von einem Zimmer im Palast von Beauxbatons aus mit einem Omniglas. Danach sprachen wir uns darüber aus, wie schnell Sie einen neuen Besen erhalten können, was Monsieur Dornier als schnellstmöglich zu erledigen ansah.

Nun, und hier liegt er nun vor Ihnen, Ihr neuer Besen, ein Ganymed 10."

"Bitte was?!!" Rief Julius, froh, daß Professeur Faucons errichteter Klangkerker diesen Aufschrei nicht nach draußen dringen lassen würde.

"Du hast goldrichtig gehört, Julius. Im Rahmen einer Sonderaktion der Ganymed-Werkstätten für Alltags- und Leistungssportflugbesen konnte ich, der in der Abteilung Neue Erzeugnisse als leitender Zauberkunstsachverständiger arbeite, einen in allen erdenklichen Lagen durchgetesteten Ganymed 10 Marathon für dich bekommen. Diese Sonderaktion gibt diesen Besen zum Preis des bis vor kurzem als Flaggschiff unserer Produktion gepriesenen Ganymed 9 Multiplex an französische oder francokulturelle Quidditchmannschaften und andere Hochleistungsflieger aus, sofern durch Referenzen und eigenen Augenschein kompetenter Sachverständiger belegt wird, daß diese Besen nicht unter ihrem Niveau zur Anwendung kommen. Professeur Faucon wandte ein, daß du mit solch einem Besen unnötigen Neid unter deinen Mitschülern hervorrufen würdest und damit deinen Einstieg hier zum Scheitern verurteilen würdest. Deshalb schloß ich folgenden Kompromiß mit ihr", sagte Monsieur Dornier, setzte eine würdevolle Miene auf und fuhr fort:

"Erstens wurde dieser Besen nicht mit der üblichen Aufschrift "Ganymed 10" geprägt, sondern mit der handelsüblichen Aufschrift "Ganymed 9". Die Flugeigenschaften wurden davon jedoch nicht berührt.

Zweitens darfst du keinem erzählen, daß du einen Ganymed 10 fliegst, sondern einen verbesserten Ganymed 9, eben um den befürchteten Neid zu vermeiden, wohl auch und vor allem in deinem Interesse. Da der Ganymed 10 wesentliche, ja meilensteingleiche Verbesserungen der Flugeigenschaften und der Sonderausstattung erfahren hat, liegt diesem Besen ein allumfassendes Handbuch bei, das du sorgfältig lesen solltest, um diesen Besen auch richtig auszunutzen. Da sind nämlich einige Eigenschaften drin, die sollte man vorher kennen, um nicht aus Versehen zu gut auszusehen oder etwas unwillentlich übertrieben zu machen. Wenn wir schon, um das Klima hier nicht zu vergiften, eine an und für sich unwürdige Tiefstapelei betreiben, sollte sie auch wasserdicht ablaufen." Professeur Faucon nickte.

"Sie sollten es niemandem erzählen, auch nicht neuen Freunden, die Sie hier gefunden haben, Monsieur Andrews. Ich bin hier schon lange genug und habe es erlebt, wie leicht angeblich bruchsichere Freundschaften zur Nichtigkeit zerfielen, wenn jemand überragende Gerätschaften bekam, oder Freundschaften auf der Grundlage käuflicher Aufmerksamkeiten entstand. Das, so darf ich ohne Verletzung meiner eigenen Würde kundtun, sind Sie nicht wert, Monsieur Andrews", sagte Professeur Faucon.

"Und wieso haben Sie mir dann nicht den bisher als hervorragend geltenden Ganymed 9 mitgebracht, Monsieur Dornier? Ich möchte nicht undankbar reden. Aber ich weiß nicht, ob ich mich immer so gut zurückhalten oder vor Leuten, die mit mir gut auskommen sowas tolles geheimhalten kann, wenn ich irgendwie denke, daß ich denen alles erzählen kann. Und wenn's dann doch rauskommt, kriege ich den doppelten Ärger, weil ich das eben verheimlicht habe", wandte Julius ein.

"Weil die Mehrheit der Hexen und Zauberer, welche an der Anschaffung Ihres Besens beteiligt sind, darauf bestanden, Ihnen das beste Produkt zukommen zu lassen", sagte Professeur Faucon. "Monsieur Dornier war mit mir der einhelligen Meinung, daß Sie gestern ein sehr variables und auch leistungsträchtiges Quidditch gespielt haben und nur durch Taktik und Besen an einer ordentlichen Entfaltung gehindert wurden. Zwar war der Beinfeger, mit dem Sie zweimal Mademoiselle Sabine Montferre unterquert haben, sehr nah am Rande der Sittlichkeitsgrenzen verlaufen, konnte jedoch noch als vertretbar hingenommen werden, da Sie ja nicht ungebührliche Einblicke in die Unterbekleidung der jungen Hexe erhaschen konnten und die besagte Mademoiselle nach dem Spiel keine Beschwerde einreichte. Doch letztendlich haben Sie durch Ihr Spiel bewiesen, im Rahmen der von Monsieur Dornier erwähnten Sonderaktion einen Besen auf dem aktuellen Stand der Entwicklung zu verdienen. Wenn Sie mit diesem Besen üben und ihn so fliegen, wie einen Ganymed 9, interessiert sich niemand dafür, daß es ein Ganymed 10 ist."

"Zumal manche Leute glauben, dieser Besen sei für Quidditch schon zu überzogen, da seine Talente in anderen Bereichen zur Geltung kommen", wandte Monsieur Dornier ein, ohne sich das Wort erbeten zu haben. Professeur Faucon blickte ihn warnend an, beließ es aber dabei. Sie sagte noch:

"Wie dem auch sei, Monsieur Andrews, dies ist nun Ihr neuer Besen. Ich wies Sie darauf hin, daß Sie hier in Beauxbatons nach bestem Wissen und Können gefordert und gefördert werden. Was den Unterricht und die daneben angebotenen Freizeitveranstaltungen angeht, so haben Sie ja bereits gemerkt, wie ernst wir vom Lehrkörper der Beauxbatons-Akademie diese Ankündigung nehmen. Ich versicherte Ihnen zu Beginn des Augustes, daß Sie in Hogwarts mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht im Rahmen Ihrer Fähigkeiten ausgebildet werden würden. Hier werden Sie alles lernen, was Sie lernen und anwenden können, sofern Sie durch das Gelernte nicht die bestehenden Gesetze und Anstandsregeln verletzen. Sie sind bereits von Schwester Florence in die Pflicht genommen worden, das erlernte auch zu praktizieren, wurden von mir in die Pflicht genommen, Ihre fortgeschrittenen Zauberkenntnisse zu erweitern und werden nun noch von mir in die Pflicht genommen, sich des Privilegs als würdig zu erweisen, in der Quidditchmannschaft des grünen Saales Ihr bestmögliches zu zeigen, sofern Ihre Kapitänin dies von Ihnen erwartet und fordert. An dem Besen soll dies nicht scheitern. Sie werden als nützliche Begleiterscheinung lernen, verantwortungsvoll mit überragenden Dingen und Fähigkeiten umzugehen und wichtige Geheimnisse zu hüten, was für die Entwicklung Ihres Charakters von entscheidender Bedeutung sein wird, egal welchen Beruf Sie einmal ausüben werden. Obschon Ihr Vater sein mögliches unternahm, Sie an der Zaubereiausbildung zu hindern, erweisen Sie und ich ihm doch einen großen Gefallen, Sie in solchen Dingen auszubilden, welche er auch für seine Tätigkeit als notwendig erlernen mußte."

"Dein Vater ist ein Muggel, nicht wahr?" Fragte Monsieur Dornier schnell. Professeur Faucon zog den Zauberstab.

"Monsieur Dornier, einem Schüler gestatte ich nur dann zu sprechen, wenn ich ihn dazu auffordere oder ihm die Erlaubnis erteile. Sie haben bei mir diese harte Disziplin erlernt. Ich bitte Sie, sich ihrer zu erinnern, bevor ich zu meinem Bedauern gezwungen sein könnte, Sie wieder daran zu erinnern", sagte Professeur Faucon und blickte Célines Vater warnend an. Dieser errötete und nickte. Als er dann die Erlaubnis bekam, zu sprechen, sagte er:

"Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, hast du heute nachmittag nichts mehr zu tun, wofür du einen Termin einhalten mußt, bis zum Abendessen. Die Zeit reicht aus, um dich mit dem Besen vertraut zu machen. Den Rest liest du dir besser an."

"Aber wenn ich dieses Buch lese, kriegt das doch jeder mit, daß ich nicht den Neuner sondern den neuen Zehner habe", wandte Julius berechtigterweise ein. Professeur Faucon deutete auf eine stelle unter Julius Umhang, die von außen nicht zu erkennen war.

"Zum einen führen Sie Ihre Bibliothek in verkleinerter Form stets mit sich und können dieses Buch unauffällig darin aufbewahren. Zum zweiten werde ich Ihnen den Mimicrius-Zauber zeigen, den nur ein bestimmter Gegenzauber brechen kann, den ich Ihnen nicht zeigen werde. Damit können Sie in dem Buch lesen, solange niemand in Sichtweite der Lettern steht oder sitzt. Werden Sie beobachtet, verschwinden die Buchstaben unter einer belanglosen, anderes aussagenden Schrift, bis der Beobachter sich wieder entfernt."

Julius bat als gut dressierter Beauxbatons-Schüler durch Handheben ums Wort. "Ja, aber der Zauberfinder kann den dann doch anzeigen."

"Tja, wenn dem Zauberspruch ein bestimmter Nachsatz folgt, wobei eine bestimmte Bewegung gemacht werden muß. Da dieser Zauber nur Geheimnisträgern bekannt sein darf, steht er nicht in meinem Buch über Enthüllungs- und Meldezauber. Wo kämen wir hin, wenn jemand geheime Notizen beliebig lesen könnte? Catherine, bist du einverstanden, daß ich deinem neuen Schutzbefohlenen diesen Zauber demonstriere?"

"Bin ich, Maman", sagte Catherine Brickston, machte dabei jedoch ein Gesicht, als denke sie, daß ihre Mutter eh machen würde, was diese wollte.

Julius durfte das Buch auspacken, auf dem in ebenholzfarbener Schrift stand: "Alle notwendigen Angaben zum optimalen Gebrauch des Ganymed 10 Marathon".

Innerhalb von zehn Minuten zeigte Professeur Faucon Julius, wie er den Mimicrius-Zauber anwenden konnte. Er war froh, nicht das ganze Buch Seite für Seite bezaubern zu müssen. Professeur Faucon zeigte ihm einen Trick, wie er den Inhalt eines anderen, gleichstarken Buches als Tarnung auf das neue Handbuch übertragen konnte, sodaß nicht auf jeder Seite dasselbe stehen würde, wenn es ein unbefugter Leser durchblätterte.

"Initia Mimicrium!" Rief Julius und zeigte zunächst mit dem Zauberstab auf das Buch und dann auf seine Augen. Vom Zauberstab sprang ein grüner Flimmer zwischen Buch und Julius' Gesicht umher, der zwei Sekunden vorhielt. Dann nahm Julius ein Buch über die Geschichte französischer Quidditchspieler, das gleichstark war und deutete erst auf dieses Buch, dann auf das zu bezaubernde Buch und sprach: "Mimicrius Appareto!" Schlagartig flimmerte es für zwei Sekunden zwischen den Beiden Büchern, bis das Buch über Quidditchspieler wieder normal zu sehen war und das zu bezaubernde Buch seine Aufschrift veränderte. Wie es alle nun sehen konnten, zeigte es exakt denselben Umschlag und Titel, wie das Buch, von dem Julius ausgegangen war. Dann tippte er kurz mit dem Zauberstab an das getarnte Buch und dann an dessen Vorlage, wobei er sagte:

"Per Bunsenbrenner revelo Mimicrium."

Das Buch über den Ganymed 10 enttarnte sich wieder und lag auf dem Tisch. Julius nahm es auf und blätterte darin herum, fand jedoch alle Seiten, wie sie an und für sich sein sollten. Wie Professeur Faucon es ihm an anderen Beispielen gezeigt hatte, tippte er einfach an das Buch und murmelte "Mimicrio!" Erneut verschwammen die Farben und Buchstaben auf dem Buch und nahmen wieder Erscheinung und Inhalt des als Tarnvorgabe benutzten Buches an. Jetzt mußte Julius, wenn er das Buch im echten Zustand sehen und lesen wollte, nur das Wort "Bunsenbrenner" sagen oder Denken, wenn er den Zauberstab kurz darauf deutete. Damit war der Zauber komplett und vor allem korrekt ausgeführt.

"An und für sich ist dieser Zauber in Beauxbatons ungern gesehen, Monsieur Andrews. Schließlich wollen wir ja nicht haben, daß Schüler uns mit getarnten Schriften an der Nase herumführen. Daher mußte ich Ihre Fürsorgerin in zaubererweltlichen Dingen um die Erlaubnis vor Zeugen bitten und muß Sie dringend ersuchen, dieses Wissen nicht weiterzugeben. Ich verlasse mich darauf, Sie nicht durch einen Eidesstein an ein solches Versprechen binden zu müssen. Ich warne Sie jedoch davor, Sie hart zu bestrafen, wenn Sie außerhalb dieses Raumes jemandem diesen Zauber erklären, ob in Wort oder Schrift. Glauben Sie mir, daß ich sehr ungern aber dennoch konsequent einschreiten werde, wenn Sie diese Vereinbarung brechen."

"Sie laden mir hier eine Geheimsache nach der anderen auf, Professeur Faucon", wandte Julius leicht betreten ein.

"Weil ich denke, daß Sie diese Bürde tragen können, zumal es ja kein schreckliches Geheimnis ist, welches Ihr Gewissen peinigt", sagte die Lehrerin. Julius schwor daraufhin, daß er den Mimicrius-Zauber nicht an andere weitergeben würde, ob er es nun sagte oder schrieb. Catherine nickte ihm wohlwollend zu, Professeur Faucon bedachte Julius mit einem anerkennenden Lächeln, und Monsieur Dornier strahlte Julius an, weil er einen an und für sich sehr schweren Zauber in so kurzer Zeit so perfekt verinnerlicht hatte. Er sagte sogar noch:

"Falls du mit dieser Kräuterkundesache, die dir Camille und ihre Berufsgenossinnen beibringen möchten, nichts mehr zu tun haben möchtest, schicke uns ein Bewerbungsschreiben, als Besenkonstrukteur ausgebildet zu werden!"

"Sie möchten doch wohl keinen Streit mit Madame Dusoleil oder Madame Champverd haben?" Warf Catherine ein. Monsieur Dornier lief leicht rosa an. Dann sagte er schnell, um die Verlegenheit loszuwerden:

"Probieren wir aus, wie du damit schon klarkommst und behandeln die wichtigsten Punkte, die damit im Buch stehen. Ich habe eine Zweitausgabe des Handbuches dabei, um mit dir darüber zu sprechen."

"In Ordnung, sagte Julius und nickte dem Vater Célines zu.

Mit Flohpulver reisten die zwei Hexen und zwei Zauberer an einem Ort, der "Parcours der Herausforderungen" hieß, wo Julius den neuen Besen auspackte, auf dem in eingeprägten und gold lackierten Buchstaben auf schwarz lackiertem Eichenholz der Schriftzug "GANYMED 9" zu lesen stand. Der Schweif war aus sorgfältig geschnitzten Olivenreisern zusammengebündelt worden. Monsieur Dornier holte einen anderen Besen desselben Aussehens hervor, der jedoch schon gut gebraucht aussah und erklärte Julius die Grundzüge des Ganymed 10. Julius wandte vorsichtig ein, daß Céline ihm den Prospekt zu lesen gegeben hatte, wo die ganzen Angaben drin aufgeführt worden waren.

"Ja, dann weißt du, welche Höchstgeschwindigkeit er machen kann, daß er eine geschwindigkeitslineare Innertralisatus-Magie eingearbeitet hat und Windschlüpfrigkeitsverstärker in Stiel und Schweif. Darüber hinaus verfügt er noch über einen erweiterten Absturzschutz, eine Komfortpolsterung und einen Flugwindabweiser für Körper und Gesicht, sofern du über längere Strecken oder im Spitzentempo-Sprint fliegst. Letzteres empfehle ich dir jedoch nur für Alarmstarts in Notfällen. Wenn du beim Quidditch damit loslegst, fliegen wir sofort auf, weil der Neuner, von dem ich hier einen Mehrling habe, erst fünfhundert Meter braucht, um annähernd diese Geschwindigkeit zu erreichen. Wie das alles zusammenwirkt steht im Buch. Die Zuladungsgrenze kennst du dann ja auch. Aber auch das steht im Buch. Ich versichere dir jedoch, daß Personen wie Madame Maxime bedenkenlos zu zweit auf diesem Besen sitzen könnten, auch wenn er kein Familienbesen im eigentlichen Sinne ist. Für Fernreisen ohne Flohpulver oder Portschlüssel empfehle ich dir ein Naviskop von Prazap oder ähnliches mit einem Kompaß."

"Habe ich beides schon", sagte Julius leise. Er ließ sich noch erklären, daß der Lack viele der Windschlüpfrigkeitseigenschaften enthielt und daher mit Diamantpolitur behandelt wurde, um nicht vor der garantierten Lebensdauer von zehn Jahren bei aufgelistetem Normalgebrauch zu brechen. Sollte dies jedoch durch einen Unfall oder ähnliches zu früh geschehen, bestand die Möglichkeit, den Besen kurzfristig mit seinen Flugeigenschaften zu versehen, indem eine Mixtur aus Drachenblut, Einhornhorn und Hexenkelchsamenöl aufgetragen wurde, und zwar über die gesamte Besenlänge, um die Lackbrüche zu überspielen, bis eine Reparatur durch einen vertragsgebundenen Zauberkunsthandwerker vorgenommen werden könne. Er erwähnte in dem Zusammenhang, daß Monsieur Florymont Dusoleil ein solcher Vertragszauberkunsthandwerker war und sich bereits seit Monaten mit den Neuerungen des Ganymed 10 eingearbeitet habe.

"Du kannst aber auch zu mir kommen oder mir eine Eule mit einer Nachricht schicken, die nur den Text enthalten muß: "Der Lack ist ab."", bot Monsieur Dornier an. Julius lachte darüber und nickte.

Nach dem Theoriekram durfte Julius sich auf dem neuen Besen einfliegen. Übervorsichtig, dann langsam immer sicherer, flog er auf dem Ganymed herum, zwischen künstlichen Felsbrocken her, die mal eng zusammenstanden, mal wie spitze Dornen nach oben ragten, durchflog einen kurvenreichen Gang, übersprang künstlich aufgeworfene Hügel oder zeigte die Manöver, die er in Millemerveilles und gestern erst im ersten selbst ausgetragenen Quidditchspiel seines Lebens vorgeführt hatte. Monsieur Dornier warnte ihn davor, wenn er die für den Neuner üblichen Grenzen überschritt und gab ihm immer ein Vorbild, wie schnell oder wie stark er mit einem Ganymed 9 manövrieren konnte. Doch als Julius das alles drin hatte, sollte er den Besen richtig ausreizen, was den himmelweiten Unterschied zwischen dem Neuner und dem neuen Zehner offenbarte. Mit einem Höllentempo, jedoch ohne laute Fluggeräusche, schoss der ehemalige Hogwarts-Schüler im Rosselini-Raketenaufstieg nach oben, bis er von Professeur Faucon mit einer Art Fernflugstimme über große Distanz gerufen wurde: "Sie Sind gerade über eintausend Meter in die Höhe gestiegen, Monsieur Andrews! Kehren Sie nun zurück!"

Julius legte einen mörderischen Sturzflug hin, der die Lehrerin in große Versuchung führte, ihn zur Mäßigung anzuhalten, sie jedoch vom beruhigenden Blick des Besenkonstrukteurs abgehalten wurde.

"Der Ganymed 10 wurde im Supersturzflug aus zweitausend Metern Höhe getestet. Dabei erreichte er sogar die Schallgeschwindigkeit", sagte er und sah mit großer Befriedigung, wie Julius den Sturzflug in knapp einhundert Metern über dem Boden abfing und in einen sanften Abstieg bis zum Boden verwandelte.

"Wie schnell war ich? Als ich von da oben abgestiegen bin, hatten wir es zehn nach zwei und dreißig Sekunden. Jetzt haben wir's ... Bor eh!!! Der ganze Abstieg aus tausend Metern hat nur zehn Sekunden gedauert!"

"Wovon du fünf Sekunden mit der Landung und mit deiner Frage beschäftigt warst", sagte der Flugbesenexperte mit Blick auf eine silberne Taschenuhr, die wohl auch als Stopuhr zu gebrauchen war. "Ich habe dich bei Sturzflugbeginn zeitmäßig registriert und die Gesamtzeit für den reinen Sturz gemessen. Sie betrug nur drei Sekunden und fünfzehn Hundertstel. Macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von zweihundertsechsundachtzig Metern in der Sekunde. Die Maximalgeschwindigkeit wurde bei dreihundertzweiunddreißig Metern pro Sekunde gemessen."

"Uff!" Sagte Julius und kam zu Fuß zu Monsieur Dornier und den beiden Hexen herüber. "Aber einen Warpantrieb hat dieser Besen wohl nicht, oder?"

"Einen was bitte?" Fragte Monsieur Dornier. Catherine erklärte ihm, daß mit "Warpantrieb" ein futuristischer, nur in Muggelphantasien existierender Motor zur Fortbewegung schneller als das Licht gemeint war.

"Nein, hat der nicht drin, Julius. Sowas brauchen wir auch nicht. Wer will schon zum Mond oder anderen Sternen, wenn die Erde immer noch so viele Geheimnisse bereithält?" Sagte er dann.

"Dieser Flugwindabweiser ist ja spitzenmäßig. Dieses Tempo hätte mich doch sonst voll vom Besen runtergehauen", bemerkte Julius jungenhaft aufgeregt und locker sprechend. Professeur Faucon räusperte sich und zischte ihm zu, doch mehr Haltung zu bewahren. Ihre Tochter und der Ganymed-Spezialist sahen die Lehrerin jedoch beruhigend an. Monsieur Dornier sagte vorsichtig:

"Die Aufregung ist doch natürlich, Professeur Faucon. Ein Junge sollte doch noch ein Junge sein dürfen. Vernünftig werden müssen wir doch eh viel zu schnell."

"Wenn man es denn auch schafft", fauchte Professeur Faucon nur. Dann sagte sie zu Julius:

"Nun, wo Sie die machbaren Flugmanöver dieses Besens erfahren haben, bitte ich Sie, noch mal und gründlich die vernunftgemäßen Grenzen auszukundschaften. Monsieur Dornier wird Ihnen noch mal als Vorbild dienen. Verfolgen Sie ihn und achten Sie darauf, den Abstand nicht zu unterschreiten oder gar in welche Richtung des Raums auch immer, an ihm vorbeizufliegen! Monsieur Dornier, bitte zeigen Sie dem jungen Mann noch mal und etwas länger ausgedehnt die Grenzen des Ganymed 9!"

Julius übte eine volle Stunde, sich mit dem Besen in den für dessen Vorgänger gültigen Grenzen zu bewegen. Dann meinte Monsieur Dornier:

"Mit dem, was ich gestern gesehen und von Céline erfahren habe, deckt es sich sehr gut, daß du ein sehr naturtalentierter Flieger bist. Deine Eltern sind echte Muggel?"

"Mein Vater ist da stolz drauf", warf Julius wie ungeachtet hin. Professeur Faucon bedeutete ihm, zu schweigen und erzählte Monsieur Dornier, daß Julius' Eltern jeder für sich eine sehr weit zurückliegende Blutsverwandschaft mit echten Hexen und Zauberern hatten und einer davon ein sehr guter Quidditchspieler seiner Zeit gewesen war. Das genügte Monsieur Dornier als Erklärung, schmälerte aber nicht die Anerkennung für die Leistung des Jungen.

"Joh, dann bleibt mir ja nur", begann der Flugbesen-Experte, nachdem er mit Julius noch die wichtigsten Sachen aus dem Handbuch durchgegangen war, "dir viel Spaß und Freude mit diesem Wunderwerk zu wünschen und zu hoffen, daß es dich immer gut tragen wird und den Grünen auch im eingeschränkten Gebrauch eine Reihe von Siegen einbringen kann, sofern du dich an die Quidditchregeln hältst. Aber wir Grünen, ob altgedient oder gerade dort wohnend, haben immer mehr auf technisches Können und Finesse gebaut als auf Aggression und Unzulässigkeiten. Möchten Sie beide noch, daß Ich Sie zurückbegleite?" Professeur Faucon und ihre Tochter schüttelten bedächtig ddie Köpfe. So verabschiedete sich Monsieur Dornier mit Schulterklopfen und Händedruck von Julius, nachdem er den beiden Damen die Hand geküßt hatte. Er nahm seinen eigenen Besen und seine Ausgabe des Handbuches und disapparierte einfach.

"Das hätten die da auch einbauen sollen", dachte Julius nur für sich, wenn er sich vorstellte, eines schönen Tages diese Kunst der magischen Ortsversetzung zu lernen, aber bis dahin "nur" auf einem Besen oder durch Flohpulver oder die Reisesphäre schnell von A nach B zu kommen.

Wieder zurück im Sprechzimmer Professeur Faucons, wo der Klangkerker immer noch bestand, erfaßte Julius erst, was ihm da aufgeladen worden war. Er hatte einen Superbesen bekommen, den er nicht voll ausfahren durfte und von dem er keinem was erzählen durfte. Er hatte einen neuen Zauber gelernt, den er auch niemandem erklären durfte. Ja, er durfte noch nicht einmal erzählen, daß er ihn kannte. Das erinnerte ihn an etwas. Er wandte sich an Catherine, als sie wieder am Schreibtisch saßen und der als Ganymed 9 maskierte Ganymed 10 auf dem Schreibtisch lag.

"Catherine, ich komme mir vor, wie Steve Austin, der 6-Millionen-Dollar-Mann. Kennst du den vielleicht?"

"Der sagt mir nichts. Muß aber wohl amerikanischen Ursprungs sein", wandte Catherine ein.

"Eine Superheldenfiktion für das Fernsehen, Catherine. Ein Flugmaschinenpilot und Weltraumfahrer stürzt bei einem Versuch mit einer neuartigen Flugmaschine ab und verletzt sich dabei so schwer, daß ihm der rechte Arm, die Beine und das linke Auge verlorengehen. Sie werden durch Geheimtechnik in Form supereffektiver Prothesen ersetzt, allerdings zu dem Preis, daß dieser Mann, ein Offizier der amerikanischen Flugarmee, nur noch für die Organisation arbeiten darf, die ihm diese künstlichen Glieder ermöglicht hat. Er durfte davon keinem was berichten, nicht einmal seinen Eltern. - Sieh mich nicht so an, wie das achte Weltwunder, Catherine. Ich weiß dies von deinem Mann, da er diese abenteuerliche Geschichte als Halbwüchsiger sehr verehrt, ja vergöttert hat, als ich ihn fragte, was er so als Junge erlebt und gemocht hat."

"Das hat er dir erzählt, Maman? Mir hat er davon dann aber nichts erzählt", wunderte sich Catherine.

"Du darfst deiner Maman glauben, daß sie sehr genau prüft, an und für wen sie ihre einzige Tochter überantwortet. Trotz der zwischenzeitlichen Trotzphasen deines Ehegatten war und bin ich damit einverstanden, daß du mit ihm Tisch und Bett teilst und bin sehr froh, daß ihr beide mit Babette unsere Linie begabter Hexen fortführt. - Aber was Sie andeuten wollten, Monsieur Andrews, ist mir verständlich. Sie tragen nun eine sehr große Verantwortung mit sich herum, die Sie nicht mit anderen teilen dürfen. Außer Monsieur Dornier, Catherine und mir weiß niemand etwas von der wahren Natur dieses Besens. Am besten erzählen Sie, daß ich Sie mitnahm, um zu klären, ob Sie wirklich mit einem Ganymed 9 umgehen können, was zum positiven ergebnis führte! Auch das mit dem Mimicrius-Zauber ist eine Bürde, die ich Ihnen auflud, um Sie im Tragen großer Verantwortung zu unterweisen. Wagen Sie es nur nicht, diese Erwartung grob zu enttäuschen, ob fahrlässig oder mutwillig!" Beendete Professeur Faucon ihre Ansprache mit einer todernsten Warnung. Julius sank auf seinem Stuhl zusammen, als habe ihn diese Warnung - oder war es doch eine Drohung? - wie ein Keulenschlag getroffen. Professeur Faucon sah ihn sehr ernst an. Er kämpfte mit der ganzen Stärke seines Willens darum, diesem Blick nicht auszuweichen. Dann sagte er:

"Sie sagten es schon: Ich bin neu hier. Alles, was ich hier anstelle, wird doppelt bewertet oder noch mehr. Ich tu mir ja keinen Gefallen damit, als der Supertyp aufzutreten, der die besten Klamotten bekommt. Davon laufen in Slytherin schon zu viele Idioten rum."

"Womit wir beim zweiten Grund unserer Zusammenkunft wären, den anzuschneiden ich bewußt erst vorhatte, wenn Monsieur Dornier mit seiner Unterweisung fertig war", griff Professeur Faucon ein neues Thema auf, und in Julius Kopf läuteten mehrere große Alarmglocken. War was mit Hogwarts, was ihn derartig erschüttern könnte?

"Sie erfuhren heute davon, daß es in Ihrer ehemaligen Schule, die zurzeit von guten Freunden von Ihnen besucht wird, zu gravierenden Veränderungen kam. Meine Kollegin Boragine Fixus wies mich darauf hin, daß ein ungebührlich auftretender Mitschüler Ihnen an den Kopf warf, davon etwas gelesen zu haben, daß in Hogwarts ein "neuer Besen" kehren würde. Sie versuchten danach von Mademoiselle Lumière, eine Ausgabe unserer landesweiten Zeitung zu entleihen, um diese Andeutung zu überprüfen, was durch mein Eintreffen vereitelt wurde. Ich wußte nicht, wann oder ob ich Sie von einigen Dingen in Kenntnis setzen sollte. Da Sie jedoch schon die ersten Briefe von Hogwarts erhalten haben, sollten Sie besser im vollen Umfang informiert werden. " .....

Julius hörte aufmerksam zu, wie Professeur Faucon ihm erzählte, was seit dem ersten September in Hogwarts geschah. Erst wollte er es nicht glauben, hielt dies gar für eine Erfindung übereifriger Zeitungsleute. Doch als Professeur Faucon ihm versicherte, von ihrer Kollegin McGonagall darüber informiert worden zu sein, nickte er nur und sagte nur:

"Hätte nie gedacht, daß er so weit geht. Aber wieso will er das nicht haben, daß man über die Rückkehr des Dunkelmagiers, den keiner beim Namen nennen möchte redet?"

"Macht ist ein Rauschgift, Monsieur Andrews. Es berauscht und stärkt Sinne und Willen. Doch irgendwann kann zu viel davon süchtig machen, nach mehr verlangen und schließlich zerstören, was vorher doch so schön und bestärkend anfing. Der dunkle Magier, der sich selbst diesen furchtbaren Namen zugelegt hat, hat bereits das Stadium der Selbstzerstörung erreicht, weiß es aber noch nicht. Der andere hat Angst um das, was ihn stark macht, Angst um seine Stellung und seinen Ruf. Sie Erinnern sich, was ich Ihnen über die Angst erzählte?"

"Daß sie nicht nur schwächt, sondern auch gezielt steuerbar macht, wenn jemand rauskriegt, wovor jemand anderes Angst bekommt", faßte Julius kurz etwas zusammen, daß Professeur Faucon ihm vor Madame L'ordouxes Bienenställen erzählt hatte.

"Andererseits ist Angst ein überlebenswichtiges Gefühl, Maman. Wenn du nichts fürchtest, bist du sehr schnell in tödlicher Gefahr. Angst nur schwarz zu malen, ist gegen ihre Natürlichkeit", wagte Catherine eine Berichtigung dessen, was ihre Mutter erzählt hatte.

"Selbstverständlich, Tochter. Das ist ja gerade das Problem damit. Du darfst deine Ängste nicht völlig neutralisieren, weil du dann den Sinn für Gefahr verschleierst. Aber durch dieses Gefühl bist du eine leichte Beute für jene, die wissen, diese Ängste zu nutzen. Die Balance zwischen Geist und Gefühl, Seele und Verstand, ist die schwerste und meistens nicht gelöste aller Aufgaben, die das Leben stellt. Zu viel Emotion verleitet zur inneren und äußeren Unordnung, zu viel Sachlichkeit und Logik trübt die Empfindung für die natürlichen Dinge des Lebens, zerlegt sie und zwängt sie in kalte Umgrenzungen. Was Ihre Mutter tut, ist die Annahme dieser Herausforderung, logischen Verstand und Vernunft mit natürlichen Bedürfnissen in die Waage zu bringen. Wie gesagt ist dies die schwerste aller Aufgaben, die das Leben an uns alle stellt. Und was die Vorgänge zu Hogwarts betrifft, Monsieur Andrews, so erlaube ich nicht nur, mit Ihren Freunden Kontakt zu halten, sondern ermuntere Sie dazu, diesen Kontakt so lange er nicht unterbunden wird zu behalten. Nur eines verlange ich von Ihnen: Teilen Sie mir alles mit, was die ganz privaten Mitteilungen übersteigt! Meine Kollegin Minerva McGonagall hegt die wohl begründete Befürchtung, daß die bisherigen Ereignisse nur der Auftakt sind."

"Wie überaus beruhigend", warf Julius sarkastisch ein. Professeur Faucon beließ es nur bei einem warnenden Räusperer. Dann sagte sie:

"Kehren Sie nun zurück in Ihren Saal! Sie haben dort bestimmt viel zu erzählen."

Julius verstand. Er stand auf, verabschiedete sich von Catherine, die ihm zuflüsterte: "Ich war nicht hier, Julius. Du hast von mir nur einen Brief bekommen." Dann verließ er das Sprechzimmer, nachdem die Saalvorsteherin der Grünen die Tür entriegelt hatte. Der Klangkerker löste sich sofort auf, als die Tür sich öffnete. Julius fragte sich zwar, wieso sie durch den Kamin abreisen konnten, ohne den Klangkerker zu zerstören, doch das würde er bei Gelegenheit noch rausfinden. Mit dem neuen Besen unter dem rechten Arm und dem Handbuch dazu in der Centinimus-Bibliothek von Maya Unittamo, die er in seinem Practicus-Brustbeutel mitführte, kehrte er auf dem Fußweg zum grünen Saal zurück. Er hätte zwar auch mit dem Pflegehelferschlüssel direkt dorthin gelangen können, doch er wollte Zeit haben, sich die Geschichte mit dem Ganymed-Besen zurechtzulegen, um sie fehlerfrei zu erzählen und dies dann immer wieder fehlerfrei tun zu können. Wer log, so wußte Julius von seiner Grundschulzeit her, mußte ein verdammt gutes Gedächtnis haben. Aber im Ausredenerfinden war er stets einer der ganz eifrigen gewesen, bis er vor zwei Jahren den Brief aus Hogwarts bekommen hatte. Hogwarts! - Was mochten die jetzigen Erstklässler wie Olivia Watermelon nun davon halten?

Im Grünen Saal bestürmten ihn alle von der ersten bis zur siebten Klasse mit Fragen. Er erzählte, was er mit Professeur Faucon abgesprochen hatte. Hercules grummelte nur:

"Mist, dann muß ich mir doch so'n Ding zulegen, wenn fast die ganze A-Auswahl den jetzt fliegt."

Céline strahlte Julius an und sagte: "Dann hat sich Papa gefreut, dich mit einem guten Besen fliegen zu sehen. Ich weiß zwar nicht, warum der dir nicht den Besen einfach zugeschickt hat, als es klar wurde, daß du einen neuen kriegen kannst, aber vielleicht wollte er sicherstellen, daß du mit dem Neuner auch umgehen kannst."

"Vielleicht wegen meiner Muggelstämmigkeit", wandte Julius ein, es auskostend, daß Claire und Jeanne, die zuhörten, sehr zornig dreinschauten.

"Das bestimmt nicht. Immerhin gab es vor acht Generationen eine Verbindung zu Muggeln, mit denen wir über dutzend Grade wohl noch verwandt sind. Papa hat mal was erzählt, daß es in der Muggelwelt sogar einen Dornier gegeben haben soll, der an diesen Flugmaschienen herumgebaut, sie sogar weiterentwickelt haben soll. Aber mehr wollte er mir nicht dazu sagen."

"Also doch", entfuhr es Julius, dem der Name "Dornier" schon beim allerersten Hören mehrere Saiten in seinem Gedächtnis angezupft hatte. Immerhin war er trotz der ganzen Zauberei noch raumfahrtbegeistert und kannte die Namen der führenden Techniker auf diesem Gebiet.

"Ach darüber hast du also nachgedacht?" Fragte Céline. "Lustig, wie sich doch manches verknäuelt."

"Sagte der Wollknäuel und geriet in einen Ventilator", erwiderte Julius gehässig.

"Ja, dann hast du den Besen ja schon eingeflogen. Kann ich dann auch mal damit fliegen?" Fragte Hercules. Julius, der befürchtet hatte, daß diese Frage kommen mußte, hatte für diesen Fall schon die passende Ausrede parat.

"Die Faucon hat mir das verboten, wen anderen darauf fliegen zu lassen, weil der erstens teuer war und zweitens von Leuten bezahlt wurde, die wollen, daß ich ein anständiger Zauberer werde. Beauxbatons ist doch ein Dorf, sagen die alle hier. Wenn Professeur Faucon das über irgendwelche Ecken mitkriegt, daß ich wen anderen darauf habe rumfliegen lassen, ist der Rauswurf von hier wohl das kleinste mögliche Übel."

"Wieso macht die da so'n Theater drum?" Fragte Robert Deloire. Céline erwiderte:

"Du weißt doch, daß die Faucon Julius besonders scharf überwacht. Sie hat ihn schließlich hier hingeholt, weil sie meint, er könne in Hogwarts nichts lernen und weil seine Mutter ausdrücklich das bestmögliche für ihn verlangt hat."

"Hups, das habe ich dir so nicht erzählt, Céline", wunderte sich Julius und blickte sich um. Ein sehr verlegenes Gesicht, normalerweise leicht braun getönt, mit dunkelbraunen Augen, umrahmt von schwarzem wellig herabfallenden Haar, enthüllte die Quelle dieser Nachricht.

"Ach neh, dann hat Claire dir alles erzählt, was mir so passiert ist? O Mist! Dann ist ja wohl schon alles in Beauxbatons rum, oder?"

"Mann, Julius, ich werde doch wohl meiner besten Schulfreundin was erzählen dürfen ... was nicht schlimm ist und wofür du dich auch nicht schämen mußt", entgegnete Claire leicht beklommen.

"Hallo, du hältst uns doch nicht für Tratschtanten mit zu viel Zeit und zu wenig Sinn für Diskretion", sprang Céline ihrer Schlafsaalkameradin bei. Julius schenkte den beiden Mädchen ein beruhigendes warmes Lächeln und sagte:

"Irgendwann hätte ich ja sowieso alles erzählt, langsam und in Stückchen. Aber irgendwann wäre der Kuchen zusammengebacken gewesen, ob ich ihn nun an einem Nachmittag oder in vier Wochen angerührt habe. Dann kann ich es jetzt auch alles erzählen." ...

Froh darüber, von der Herkunft und wahren Beschaffenheit des neuen Besens genial ablenken zu können, erzählte Julius seine komplette Geschichte, wie er von Hogwarts erfahren hatte, bis zum Tag der Einschulung in Beauxbatons, wobei er jedoch das klärende Gespräch zwischen Claire und ihrer Mutter und ihm ausließ. Wenn Claire sich nicht schon genug einnehmend benahm, um die größten Dummköpfe mit der Nase drauf zu stoßen, daß sie mit Julius wohl mehr verbinden wollte als Freundschaft, dann mußte er das nicht auch noch erzählen. Barbara und Edmond, die still zugehört hatten, traten auf Julius zu. Edmond meinte:

"Das ist bei Zaubererfamilien höchst selten, daß gebildete Paare wegen einer an und für sich bewältigbaren Krise auseinanderbrechen. Aber deine Mutter würde ich doch gerne kennenlernen. Barbara sagte mir, während du einige Fragen beantwortet hast, daß sie sie in Hogwarts und bei deiner Geburtstagsfeier in Millemerveilles getroffen hat. Ich denke mal, wenn der Elternsprechtag vor den Osterferien kommt, wird sie irgendwie herkommen. Muggeleltern bekommen ja vom Ministerium besondere Mitreisemöglichkeiten. Vielleicht kann sich Madame Brickston sogar mit ihr in Paris in den Ausgangskreis stellen und die Fährensphäre benutzen. Laurentines Eltern waren ja bisher nicht hier. Die haben wohl Angst, sie könnten hier in irgend etwas verwandelt werden oder gar vergiftet werden. Aber es ist nun doch gut, daß du uns hier allen die Geschichte erzählt hast. Geheimniskrämerei rächt sich meistens an dem, der sie betreibt, sofern es nichts wirklich wichtiges ist, wovon zu viel abhängt."

"Du kennst doch den Spruch: Wenn du ein Geheimnis bewahrst, ist es dein Gefangener. Gibst du es preis, bist du sein Gefangener", warf Eloise, Barbaras, Jeannes und Edmonds Klassenkameradin ein. Julius nickte nur. Wie wahr mochte dieser Spruch sein, wer den auch immer in Umlauf gebracht hatte.

"Hat dir Professeur Faucon erzählt, was da in Hogwarts los ist?" Fragte Barbara, als sie einen Moment erwischte, wo alle miteinander schwatzten, hauptsächlich über die Engstirnigkeit der Muggel. Julius nickte nur. Das genügte Barbara. Sie konnte sich denken, daß Julius davon wohl nichts so einfach rumerzählen wollte. Sie sagte nur:

"Wenn in der Richtung was läuft, mit dem du hier nicht fertig werden kannst, komm ruhig zu mir! Edmond ist zwar der Sprecher für die Jungs, aber ich war mit Jeanne in Hogwarts und kenne auch deine Freunde da. Es ist niemals schwach, wenn man die Hilfe erbittet, die man wirklich braucht."

"Hoffentlich kriegst du das nicht in den falschen Hals, Barbara, aber ich hoffe doch, daß es da nicht wirklich so schlimm wird, daß ich hier meine, total hilflos zu sein. Vor allem hoffe ich, daß das, was da läuft, nicht durch etwas noch schlimmeres weggewischt wird, wenn du verstehst, was ich meine."

"Besser als mir lieb ist", erwiderte Barbara mit einem Ausdruck großen Unbehagens. Julius bedankte sich jedoch noch artig für dieses Angebot, ihm beizustehen, wenn er mit Dingen, die er vielleicht erfahren würde, nicht alleine klarkam.

Virginie Delamontagne, die mitbekam, wie Julius sich wohl mit Barbara unterhielt, kam herüber und sagte zu Julius:

"Prudence hat mir kurz nach ihrer Rückkehr nach Hogwarts geschrieben, daß einer von diesen Slytherins gestorben sein soll, weil eine Aschwinderin in dessen Elternhaus ausgeschlüpft sein soll. Außerdem hat sie mir auch geschrieben, daß sie wohl nur noch belanglose Briefe an mich schreiben kann, solange sie nicht wweiß, was im englischen Zaubereiministerium vorgeht und daß sie keinem mehr erzählt, das Du-weißt-schon-wer wieder aufgetaucht sein soll, weil viele das einfach nicht glauben könnten. Ist das bei denen so üblich, daß da gleich wer die Hand drauflegt und alles zuhält?"

"Eigentlich nicht, Virginie", erwiderte Julius und bemühte sich, so ruhig und gelassen wie möglich auszusehen. "Doch wenn ich das richtig mitbekommen habe, bahnt sich da was heftiges an."

Virginie nickte und kehrte zu ihren Klassenkameraden zurück.

"Was mache ich jetzt eigentlich mit Barbaras Besen?" Fragte Julius Jeanne, weil Barbara gerade einige Erstklässlerinnen dezent aber nachdrücklich dazu anhielt, nicht so laut rumzukichern.

"Im Zweifelsfall gibst du den ihr wieder", entgegnete Jeanne mit einem amüsierten Grinsen. "Claire hat ja jetzt meinen alten Achter. An und für sich müßten wir mal wieder mit ihr trainieren. Aber hier sind wir alle ja total eingespannt. Claire macht ja mit Céline und anderen Mädchen aus anderen Sälen die Soziusflugprüfung. Wofür wird das wohl sein?"

"Halloween", konterte Julius, der selbstverständlich wußte, daß Jeanne die Walpurgisnacht vom 30. April zum 1. Mai meinte.

"Oh, das haben wir ja bald. Ist ja schon wieder ein Jahr her, wo wir hier zusammensaßen und uns von Professeur Faucon erzählen ließen, worauf wir in Hogwarts zu achten hätten", nahm Jeanne spielerisch den Faden auf, den Julius ihr hingeworfen hatte.

"Und worauf hättet ihr achten sollen?" Fragte Julius neugierig.

"Nur darauf, uns warm anzuziehen, da die Regeln in Hogwarts doch ziemlich locker sind und die Häuser, die es dort gibt, unter ihren Missetätern leiden müßten. Mehr war nicht."

"Ach, ich dachte schon sowas wie: "Trinken Sie nicht das Wasser dort!! "Wenn Sie jemandem etwas geben wollen, sehen Sie ihm nicht zu starr in die Augen! "Lassen Sie sich nicht auf geschlechtliche Aben...!" Mmmmmm!" Jeanne hielt Julius einfach den Mund zu und erwiderte:

"Du bist ein kleiner frecher Bengel. Manchmal muß das wohl aus dir raus. Aber immerhin ist es noch drin. Nutz das aber besser nur auf dem Quidditchfeld aus!"

Julius nickte. Jeanne zog ihre Hand zurück und lächelte.

 

__________

 

In den nächsten Wochen war nichts besonderes. Julius bekam von Gloria und Kevin einen Brief, in dem sie nur schrieben, daß in Hogwarts nun alle Lehrer besonders gut beobachtet würden. Das Quidditchtraining verlief nun noch härter, wo Julius den neuen Besen hatte. Der ehemalige Hogwarts-Schüler kam sich vor, als müsse er einen Formel-I-Rennwagen mit angezogener Handbremse fahren, weil er sich an Jeanne und Barbara ausrichten mußte, wie schnell sie höchstens fliegen konnten. Manchmal glaubte er, sein Supergeheimnis würde doch auffliegen, weil sein Besen fast so leise flog, wie eine jagende Eule. Doch durch die Klatscher und die Kommandos Jeannes und des alles überwachenden Professeur Dedalus, der nicht wußte, was für einen Turbobesen Julius da ritt, fiel das keinem auf, daß der Windschlüpfrigkeitszauber im Besenschweif keine Fluggeräusche mehr aufkommen ließ. Auch mußte er darauf achten, nicht von der eingebauten Katapultbeschleunigung Gebrauch zu machen, die durch eine bestimmte Handstellung am Besenstiel und dem Gedankenkommando "durchstarten" ausgelöst wurde, als er einmal einem Klatscher nicht so sicher ausweichen konnte. Doch die Übung machte ihn sicherer und wendiger auf dem Besen, ohne daß er diesen zu gut aussehen ließ, um "nur" ein Ganymed 9 zu sein, wie es auf dem Stiel eingeprägt war.

In den Freizeitkursen arbeitete er nun wieder gerne mit Barbara zusammen, die ihm viele nützliche Tricks bei Zauberkunst oder Verwandlung zeigte. Sie trainierten sogar im schuleigenen Meeresabschnitt, obwohl die Herbstwochen die ersten schwereren Wellen mitbrachten. Julius probierte den Kopfblasenzauber aus, den er bei Madame Matine gelernt hatte und erntete bei Neumond sogar mal einen halben Zentner Dianthuskraut, den er in einem großen mit zusätzlichen zwanzig Litern Meerwasser gefüllten Gummisack bei Professeur Trifolio anlieferte. Dieser meinte nur:

"Das ist zwar sehr Aufmerksam, daß Sie mir diese höchst interessante Species offerieren, Monsieur Andrews, aber ich kann diese Pflanzen nicht erhalten. Machen Sie damit doch Professeur Fixus eine Freude!" So brachte Julius den großen Gummisack mit dem Fortbewegungszauber zu Professeur Fixus, die ihn dankbar übernahm.

"Dianthuskraut in dieser Menge ist nicht gerade häufig. Damit kann ich einige Experimente machen, die bei geringeren Mengen zu kostspielig wären. Sehr aufmerksam von Ihnen!"

Als dann das zweite Quidditchspiel der Saison angesetzt war, die Gelben gegen die Weißen, maulte Claire, weil Julius von Jeanne und Barbara mit zu den oberen Rängen genommen wurde, wo die Quidditchmannschaften saßen, deren Säle gerade nicht spielten. Claire saß neben Céline und Laurentine mehrere Reihen unter der hufeisenförmigen Ehrenloge, wo die Mannschaften eine Reihe unter den Lehrern saßen. Diesmal flankierten die Saalvorsteher Paximus und Trifolio die größenmäßig alles und jeden überragende Direktrice. Als Ferdinand Brassu die Mannschaften vorstellte, gewahrte Julius links von sich Sabine Montferre, die rechts neben ihrer Zwillingsschwester saß, die links von César Rocher flankiert wurde, der sich einen großen Sack Knabberein mitgenommen hatte.

"Hallo, Julius! Dein neuer Besen geht gut?"

"Ist gewöhnungsbedürftig nach dem Achter, Sabine. Aber jetzt habe ich's raus. Die Fliegerei ist dieselbe, nur daß ich höllisch aufpassen muß, nicht zu rasch zu reagieren, weil der Besen bei viel feineren Handstellungswechseln wilde Bewegungen macht."

"Ja, das stimmt. Der Neuner ist in der Hinsicht etwas überdreht worden. Deshalb haben San und ich uns lieber den Cyrano-Express zugelegt, der kann auf Einzelbedürfnisse besser eingestellt werden. Was glaubst du, wer heute gewinnt?"

"Wenn ich nicht wüßte, daß der Schnatzfang nicht unbedingt entscheidet, wer die meisten Punkte hat, würde ich ja sagen, daß die Mannschaft gewinnt, deren Sucher diesen goldenen Flatterball in die Finger kriegt. So muß ich ja'n echten Tip loswerden. - Die Gelben."

Sabine lachte laut und schaffte es zwischen zwei Atemnot erregenden Lachern, ihrer Schwester den Tip weiterzugeben. Sie runzelte die Stirn und lachte auch. Hercules, der rechts von Julius saß, beugte sich zu ihm und fragte:

"Das glaubst du doch wohl nicht im Ernst. Na gut, du kennst die ja nicht und willst mal was neues sagen, was die anderen nicht erzählen. Aber das kannst du voll vergessen. Die gehen gleich in der ersten Minute mit zwanzig Punkten in die Miesen."

"Wir werden ja sehen, was dabei herauskommt", sagte Sabine zu Julius. Offenbar, so kam es dem ehemaligen Hogwarts-Schüler vor, empfand das ältere Mädchen aus dem roten Saal noch mehr Gefallen an ihm, nachdem er sie zweimal auf Barbaras Besen unterquert hatte.

"... Lagrange als erste am Quaffel, ist da schon heftig reingegangen, bevor Lombardi richtig auf dem Besen war. Doch nun entwickelt sich das Spiel in Richtung gelben Torraum", kommentierte Brassu, als Seraphine den Quaffel an eine Jägerin ihrer Mannschaft weiterpaßte, die starke Ähnlichkeit mit Céline Dornier hatte. Das mußte Constance sein, Célines ältere Schwester. Tatsächlich sagte Brassu:

"Toller Bogenschlag rüber zu Dornier. Das Mädel macht den Besen ihres Vaters alle Ehre und quert vor dem Tor, kann unbedrängt spielen und macht die ersten zehn Punkte im lockeren Aufstieg. Ja, hau ihn wieder weg!" Bedachte der Kommentator den Abschlag vom Tor, der dummerweise sofort bei Gustav van Heldern landete, der es mit einem direkten Wurf probierte, da zwei der drei Jäger erst einmal wieder zurückfliegen mußten, weil die wohl angenommen hatten, der Abschlag würde doch weiter ins Feld gehen. Doch der Direktwurf wurde pariert und diesmal richtig weit ins Feld zurückgeschlagen, wo Seraphine einen der Jäger aus Saal gelb nicht rechtzeitig abfangen konte. Der nahm im Vorbeiflug den Quaffel an, guckte nur kurz und beförderte den roten Spielball trotz anschwirrenden Klatschers genau durch den rechten Torring.

"Und Tor! Ausgleich! Zehn zu zehn!" Rief der Sprecher laut aus. Dann sahen plötzlich alle nach oben. Das Spiel war noch keine volle Minute am laufen, als ein kleiner Junge in gelben Spielerumhang in den Sturzflug überging. Miro, den Julius aus Millemerveilles als Sucher der Jungenmannschaft dort kannte, jagte ihm nach, über holte ihn und prallte mit der linken Schulter gegen einen Klatscher. Benommen drehte Miro um, sich wild umblickend, wo denn dieser Schnatz sein mochte. In der Zwischenzeit flog der Sucher der Gelben knapp über dem Boden, in die andere Richtung. Julius erkannte, daß er wohl einen Ganymed 9 flog. Kurz vor den eigenen Torringen, nur zehn Meter darunter, stieß seine linke Faust vor und griff etwas in der Morgensonne glitzerndes. Professeur Dedalus, der Schiedsrichter, pfiff schrill auf seiner Trillerpfeife.

"Aus! Aus! Das Spiel ist aus!" Krakehlte der Stadionsprecher total aus dem Häuschen. "Die totale Sensation! Maurice Dujardin wronsky-blufft Miro Pierre von den Weißen und holt sich keine zwei Minuten nach Anpfiff den Schnatz! Na gibt es denn sowas?! Hat es sowas schon mal gegeben?! Ist das noch Quidditch?! Ja, das ist Quidditch in seiner schrillsten Form, werte Zuschauer!!!!"

Der Jubel bei den Gelben war überschwenglich. Die Anhänger der Weißen, die vorhin noch "Weiß ist der Pokal" gesungen hatten, schwiegen nun alle und saßen mit ihren schneeweißen Schals und Fahnen da, wie begossene Pudel. Die Gelben hatten mit exakt 150 Punkten Vorsprung gewonnen.

"So'm Schwein haben die nur einmal in hundert Jahren", tönte Hercules Moulin. "Das nächste Spiel von denen geht genau in die andere Richtung aus."

"O ich fürchte, Seraphine wird das nicht lustig finden, gerade dieses Spiel so schnell verloren zu haben", sagte Julius.

"Du hast mit dem Mädel zusammen trainiert, sagt Janine. Wie steckt die denn so'ne Niederlage weg?" Fragte Sabine Montferre, die total baff war, daß Julius tatsächlich das Spielergebnis grob richtig getippt hatte.

"Die geht da eigentlich gut mit um, wenn ich das mitbekommen habe. Aber ich lasse mich bei sowas besser nicht auf Psychoanalysen ein", sagte der aus England herübergekommene Drittklässler.

"Immerhin gratuliert sie Horatio Lombardi zum Sieg. Aber Connie Dornier ist ja völlig wütend. Die geht ja auf Miro los. Was hat der Kleine ihr bloß getan?" Sprang Sabine als Kommentatorin ein, jedoch ohne magisch verstärkte Stimme nur für ihre Schwester, César, Julius und Hercules hörbar.

"Fragen wir mal besser, was er nicht getan hat", warf Hercules Moulin gehässig ein. Dann sahen sie alle, wie Professeur Trifolio schnell die Reihen hinuntersprang und auf das Spielfeld eilte, um Miro Pierre vor wild auf ihn niedersausenden Schlägen Constance Dorniers zu retten. Professeur Dedalus traute sich nicht, das wütende Mädchen zurückzureißen.

"Die haben ein Schweineglück gehabt", wiederholte sich Hercules in etwa. Sandra und Sabine sahen César an. Dieser mampfte gerade an einer Fruchtschaumschnecke im Schokoladenhäuschen herum.

"Kannst alles wieder einpacken, Pummelchen. Wir müssen uns woanders amüsieren. Die Weißen wollten heute nicht gewinnen", sagte Sandra leicht gehässig klingend.

"Mmvermpflixt mnochfmal", quetschte César zwischen Kauen und Schlucken einige Worte aus dem vollen Mund hinaus. Julius wandte sich Hercules zu.

"Und was tun wir jetzt? Trifolio wird ja wohl nicht den Kräuterkundekurs machen, nur weil seine weißen Schäfchen sich von den Gelben das blaue Wunder der Saison eingehandelt haben."

"Frag Trifolio doch, ob er Lust hat. Aber der muß erst Miro verarzten lassen, fürchte ich. Connie Dornier ist ja voll durch den Wind. Ich glaube, wir sollten Robert fragen, ob die kleine Schwester genauso schnell explodiert."

"Mach das!" Erwiderte Julius, der gerade sah, wie Deborah Flaubert und Sixtus Darodi aufs Spielfeld liefen. Offenbar hatte Constance Dornier den Sucher ihrer Mannschaft etwas unglücklich erwischt.

"Werdet ihr wohl sitzen bleiben, bis Madame Maxime aufgestanden ist!" Herrschte Barbara Hercules und Julius an. "Wie sähe das aus, wenn wir alle aufspringen, nur weil das Spiel schneller vorbei ist. ... Aber wir können." Madame Maxime war bereits aufgestanden und entfernte sich mit großen Schritten.

Als Julius sich mit Claire, Robert und Céline traf, hatten die beiden Pflegehelfer aus dem weißen Saal ihren Kameraden schon behandelt. Offenbar war die Verletzung nicht so schwer gewesen, daß Schwester Florence geholt werden mußte.

"... hoffe doch sehr, daß deine Mutter nicht mehr so viel Energie übrig hatte, als sie dich zur Welt gebracht hat", hörte Julius Robert gerade sagen.

"Wie bitte?! Ich gebe dir gleich, daß meine Mutter nicht mehr so viel Energie an mich weiterreichen konnte, Monsieur Deloire!" Drohte Céline. Claire lächelte Julius an.

"Na was machen wir mit dem angebrochenen Morgen?"

"Wenn Trifolio gleich nicht noch verkündet, daß der Freizeitkurs Kräuterkunde stattfindet, ist frei und wir können tun, was wir wollen, bis der Tanzkurs läuft, wenn der läuft."

"Nein, bei Quidditchtagen fällt alles aus, weil man ja nie weiß, wie lange so ein Spiel wird", sagte Claire und kicherte, weil das ja hieß, daß ein Spiel kurz nach dem Anpfiff schon vorbei sein konnte.

Belisama Lagrange kam zu der Gruppe aus Claire, Céline, Robert und Julius. Sie lächelte, obwohl ihre Saalmannschaft haushoch verloren hatte.

"Hallo, ihr! Habt ihr das geglaubt, daß wir heute verlieren?"

"Nöh", erwiderte Robert. Hercules kam gerade von Bernadette zurück und rief: "Julius hat der Montferre gesagt, daß die Gelben heute gewinnen. Willst du nicht auch zum Wahrsagen rüberkommen, Julius?"

"Ich habe nur getippt. Die Chance war fünfzig zu fünfzig."

"Nicht bei dieser Anordnung, Julius. Nicht bei der weißen mannschaft gegen die gelben Gurken", erwiderte Hercules. Doch die Tatsachen waren, daß die gelben das Spiel gewonnen hatten und nun zwischen den Roten und den Grünen auf der Punkterangliste standen.

"Hach, ist das schön, daß unsere Mannschaft auch mal gegen solche Gegner verliert", sagte Belisama, sicher vor Mithörern aus ihrem Saal. Julius fragte verdutzt:

"Magst du kein Quidditch?"

"Es gibt wichtigeres im Leben", warf Belisama ein.

"Das sieht dein Cousinchen aber total anders", warf Hercules ein. "wenn ich mich entsinne, wie die vor zwei Jahren ..."

"Céline, herkommen!" Schnarrte eine ungemein wütende Mädchenstimme von den Treppen zu den Sitzreihen her. Constance Dornier stand an der Treppe und winkte wild.

"Was immer die jetzt ausgerechnet von mir will, ich bin in zehn Minuten im grünen Saal, Robert", seufzte Céline und ging zu ihrer Schwester hinüber.

Den freien Vormittag verbrachten Claire, Laurentine, Jasmine, Bernadette, Mildrid, Sandrine, Belisama, Hercules und Julius in der Bibliothek, wo sie sich in der angemessenen Lautstärke über die Hausaufgaben unterhielten, sowie Absprachen für den Sonntag trafen. Julius erklärte zusammen mit Hercules Laurentine noch mal die wichtigsten Zaubertränke, die von Professeur Fixus für die nächste Stunde verlangt worden waren. Bernadette sah ihren Freund zwar etwas mürrisch an, ließ ihn aber machen, bis er fertig war und sich mit ihr davonmachte. Sandrine kam zu Julius herüber und lächelte ihn an.

"Ich habe es beim Sommerball doch gesagt, nicht war, daß wir gegen die Weißen gewinnen, nicht wahr?"

"Stimmt, hast du", erwiderte Julius nickend. Beim Sommerball hatte Sandrine Frederic, einen Jungen aus dem weißen Saal, erzählt, daß die Mannschaft des gelben Saales gewinnen würde. Keiner hatte ihr das geglaubt. Nun war es tatsächlich passiert. Sandrine unterhielt sich noch ein wenig mit Claire über irgendwas, wo Julius nicht hinhören konnte, weil Mildrid ihn bei Seite nahm, als Claire mit der Drittklässlerin aus dem gelben Saal hinter einigen Regalen verschwand.

"Und, freust du dich schon auf das Spiel gegen die Violetten?" Fragte sie leise. Julius wußte nicht, was er von dieser Frage halten sollte. Er antwortete:

"Ich muß mir die Violetten erst ansehen, bevor ich dazu was sagen kann. Ich weiß ja nicht, wer da alles mitspielt."

"Claires Cousin Argon Odin spielt da mit, dann der Freund dieser strohblonden Zopfträgerin aus deinem Saal, Aron Rochfort, dann sind da noch zwei Mädels, Antoinette Picard und Suzanne Didier und deine alte Bekannte Nadine Pommerouge, die zusammen mit Roland Pontier, einem Cousin deiner Klassenkameradin Irene, als Treiber spielt und schließlich Golbasto Collis, der kleine aber sehr wendige Kapitän und Sucher der violetten Sieben. Also, was sagst du nun?"

"Mit Aron und Argon habe ich noch nie gespielt, Nadine konnte ich immer gut austricksen, obwohl sie sehr gut berechnet, wohin sie einen Klatscher schlagen muß. Die Anderen kenne ich nicht."

"Klar, die haben ja nicht in Millemerveilles mitspielen können. Was machst du jetzt noch? Wartest du darauf, daß Claire dir was vorschlägt?"

"Habe ich nicht nötig. Ich werde gleich ein wenig ans Meer und schwimmen, wenn die Strandaufsicht heute hinkommt."

"Martine macht heute Aufsicht. Gute Idee mit dem schwimmen. Könnte ich auch mal wieder tun."

Julius fragte sich, was das nun werden sollte. Aber er wollte sich nicht zum Idioten machen, weil er das laut fragte. Er nickte nur und meinte: "Na dann sehen wir uns vielleicht am Strand."

"Mmhmm, geht klar", sagte Mildrid lächelnd, strich sich eine Sträne ihres rotblonden Haares aus dem Gesicht und verließ die Bibliothek. Julius fragte sich, ob er Claire sagen sollte, daß er zum Strand gehen würde. Doch dann fiel es ihm ein, daß er sich nicht extra bei ihr an- oder abmelden mußte. So sagte er nur zu Laurentine, die gerade die Mitschrift von Julius und Hercules geordnet hatte, um mit eigenen Worten ihre Hausaufgaben machen zu können: "Wenn jemand mich suchen sollte, ich bin schwimmen, Bébé."

"Die Jemand ist nur zehn Meter von dir weg. Kannst es ihr doch selber ... Aber klar, Julius", erwiderte Bébé und lächelte auch. Julius zog sich aus der Bibliothek zurück und suchte den grünen Saal auf. Er zog sich in dem Jungenwaschraum für Drittklässler seine Badehose unter den Umhang, verstaute seinen Zauberstab in der diebstahlsicheren Reisetasche und nahm diese mit.

Am Strand traf er viele aus dem roten, weißen und grünen Saal. Martine, die die Strandaufsicht führte, begrüßte Julius, als er aus dem Teleportal trat, welches den Strand mit dem Gelände von Beauxbatons verband. Barbara Lumière ließ gerade die Mädchen aus der ersten Klasse schwimmen, zusammen mit den Erstklässlerinnen der Roten.

"Ich habe ihr gesagt, daß die Kleinen sich austoben sollen, Julius", bemerkte Martine, als dieser zum Meer hinübersah. Er nickte. Hinter einem aufgebauten Sichtschutz legte er Umhang, Schuhe, Strümpfe und Unterhemd ab, verstaute seine Wäsche zusammen mit dem Brustbeutel von Aurora Dawn in der Practicus-Tasche und lief zum Meer hinüber, wo er sich abkühlte und ins wasser glitt.

Zusammen mit Mildrid, den Montferres, Seraphine und Miro Pierre schwamm er weit hinaus und tobte sich so richtig aus. Barbara Lumière sortierte ihre jungen Schützlinge wieder ein, schickte sie zum Strand hinüber und schloß sich der Gruppe von erfahrenen Schwimmern an.

Martine rief alle, die im Wasser waren, eine halbe Stunde vor Mittagessen mit magisch verstärkter Stimme zurück. Um die Wette schwammen Barbara, Sabine, Sandra, Seraphine und Miro. Julius wollte zwar mitschwimmen, doch Mildrid hielt ihn sanft an der Schulter fest und sagte:

"Du mußt dich nicht total verausgaben. Kuck dir an, wie San und Sabine durchziehen und Barbara schwimmt wie ein Delphin. Wir lassen es gemütlicher angehen, wenn du nichts dagegen hast."

"Ach und du glaubst, ich kann da nicht mithalten?" Fragte Julius und schwamm einfach drauf los. Mildrid hielt sich einfach an seinen Schultern fest und machte nur so viel Beinschläge, um nicht wie ein Bleisack unterzugehen. Nach einer Minute robbte Julius auf den Strand, total erschöpft.

"Heh, Millie, wollte dir Julius wegschwimmen und du hast dich einfach abschleppen lassen?!" Rief Sabine Montferre und half Julius hoch.

"Der wäre sonst hinter euch Furien her und hätte sich noch müder geschwommen als jetzt", rechtfertigte Mildrid, daß sie sich an Julius festgehalten hatte. Die Montferres lachten.

"Der hätte uns vielleicht nicht eingekriegt. Aber daß er dich im Schlepp noch so schnell anbringen konnte ist schon heftig gut", sagte Sandra Montferre. Barbara, die die Erstklässlerinnen gerade zu ihren abgelegten Kleidungsstücken geführt hatte, kam herüber und betrachtete Julius.

"Du legst dich nach dem Essen besser für zehn Minuten hin. Schwimmen zehrt heftiger aus als Laufen. Wieso hast du Millie nicht einfach abgeschüttelt, um frei zu schwimmen?"

"Hätte er mal wagen sollen, Mademoiselle Lumière", warf Mildrid Latierre ein. Ihre Schwester winkte ihr zu. Sie ging schnell hinüber zu ihr. Julius zog seine Sachen an, ging mit Barbara durch das magische Verbindungstor und kehrte in den Palast zurück, wo er den Pflegehelferschlüssel benutzte, um schnell in den grünen Saal zu kommen. Keiner den oder die er persönlich kannte war im Moment hier. Er duschte sich und legte seine Reisetasche wieder neben sein Bett zurück.

Den restlichen Nachmittag vertrieb er sich mit seinen Klassenkameraden beim Kartenspiel und Musizieren, sofern niemand von den anderen Hausaufgaben zu machen hatte.

 

__________

 

Innerhalb der nächsten Wochen merkte Julius, daß er irgendwie schwermütiger wurde. Er dachte immer wieder an Hogwarts, an Gloria, Pina und Kevin, hörte im Traum die Lehrer McGonagall, Flitwick und Sprout sprechen. Auf Claires besorgte Frage, was ihn bekümmere, erwiderte er nach einer Minute:

"Bald ist Halloween. Das wird in Hogwarts immer groß gefeiert. Das wird es wohl sein."

Als Professeur Pallas, die Zaubereigeschichtslehrerin, Julius' Niedergeschlagenheit bemerkte und ihn fragte, erzählte Julius, was ihn vielleicht bedrückte.

"O und du hast in gewisser Weise Heimweh, nicht wahr. Dann hoffe ich nur, daß meine Kollegin Professeur Faucon dir nicht Strafpunkte wegen Nachlassens im Unterricht zuweist. Aber 'ne Frage: Wieso ist dieses Halloween eigentlich so wichtig für die Briten und Amerikaner?"

"Weiß ich nicht so genau. Geht wohl von einem alten druidischen Fest aus, das von den Christen übernommen und in Allerheiligen umbenannt wurde, weil sie es nicht abschaffen konnten."

"Du weißt also nicht, was Halloween für eine Bedeutung hat?"

"Außer dem, was ich gerade gesagt habe, ist mir da nichts bekannt zu", erwiderte Julius.

"Dann gebe ich dir als Möglichkeit, deine Geschichtsnote entscheidend zu verbessern und dir viele Bonuspunkte einzuhandeln die Chance, ein Referat über dieses Fest, seinen Ursprung, seine eigentliche Form und seine heutige Bedeutung zu halten, falls du das möchtest."

"Wie bitte?!" Frragte Julius.

"Bereite ein zehnminütiges Referat mit dem Titel "Halloween: Ein hoher Feiertag der englischsprachigen Zaubererwelt" vor, das du am Donnerstag vor Halloween hier in der Klasse vorträgst. Oder hast du da keine Lust zu?"

Julius sah sich um. Alle sahen ihn aufmerksam an. Zwar wußte er, daß diese Lehrerin wesentlich lockerer mit ihren Schülern umging, die strenge Zucht hier nicht so hart auslegte, aber nun Mit einem Nein zu antworten, erschien ihm fast wie Befehlsverweigerung. Hinzu kam diese gewisse Neugier, mehr über etwas rauszufinden, das ihn in Muggeltagen nur als toller Spaß begleitet hatte. Also sagte er zu und nahm diese Aufgabe an. Claire und Robert wollten ihm dabei helfen, Material zusammenzutragen. Doch Professeur Pallas lehnte dies ab.

"Ihr kennt doch meine Art, jedem hier aus der Klasse übers Jahr zu bestimmten Sachen, ob jetzt gerade im Unterrichtsplan vorkommend oder aus sonstigen Gründen stammend einen Vortrag halten zu lassen. Bei Monsieur Julius Andrews bietet sich das insofern jetzt an, weil eben dieser Feiertag in England bevorsteht."

Julius hatte so also keine Zeit mehr, Trübsal zu blasen. Wenn er dann abends im Bett lag, schlief er so schnell ein, daß er nicht an Hogwarts denken konnte.

In der Bibliothek, wo er sich zwischen Schule, Essen und Freizeitkursen aufhielt, sammelte er mit der Bibliothekarin alles, was es zu Halloween gab, Englisch und Französisch.

 

__________

 

in der Woche vor dem 31. Oktober bekam Julius fünfmal Post aus England und einmal aus Paris. Seine Mutter schickte ihm einen handgeschriebenen Brief, in dem sie ihm für seine bisherigen Erfolge ihren Glückwunsch aussprach und mitteilte, daß sie direkt mit Professeur Faucon in Verbindung stehe. Sie riet Julius nur, vorsichtig beim Quidditch zu sein.

"Ich habe von Madame Grandchapeau einen Job bekommen, mit dem Computer nach Hinweisen auf die Zaubererwelt zu suchen, die auf ein Leck in der Geheimhaltung deuten könnten. Ich bekomme das Geld in Franc ausbezahlt, damit ich mir in Paris auch Sachen zum eigenen Bedarf kaufen kann. Ich lerne jeden Tag zwei Stunden aus diesem behexten Französischbuch, mit dem du wohl auch gearbeitet hast. Es schlaucht ziemlich, als hätte ich einen vollen Tag damit geübt. Aber es hilft tatsächlich weiter. Ich unterhalte mich zwischendurch mit Catherine auf Französisch, wenn Joe gerade in der Stadt arbeitet. Ihm gefällt das irgendwie nicht so recht, daß ich nur einen Stock über ihm wohne, trotz der in Nullkommanix hochgezogenen Trennwand und der besonders Stabilen Wohnungstür mit dem extra bezauberten Schloß, das sich nur mit dem dazugehörigen Schlüssel öffnen läßt. Wenn du über Weihnachten herkommst, wirst du dir das alles angucken können.

Ich habe deinem Paps geschrieben, daß ich in Frankreich angefangen habe zu arbeiten, als Archivprogrammiererin. Das kommt der Wahrheit nahe genug. Da ich auch schon eigenes Telefon habe, konnte er mich zwischenzeitlich anrufen. Aber im Moment ist er wohl wegen eines Großprojektes in den Staaten. Vielleicht hat er das auch nur erzählt, weil er nun endgültig nichts mehr mit uns zu schaffen haben möchte." ...

Julius las den Brief zu ende und fühlte, wie je eine winzige Träne aus jedem Auge rann. Schnell fischte er nach seinem weißen Reinigungstuch und trocknete sich die Augen, bevor Hercules oder Robert was sagen konnten. Da der Brief auf Englisch war, konnten sie nicht verstehen, was da stand. Julius erzählte es nur kurz und steckte den Brief wieder fort. Die fünf anderen Briefe wunderten ihn etwas. Es waren drei aus Hogwarts dabei, einer von Kevin, einer von Gloria und einer von Professor Flitwick, dem Ravenclaw-Hauslehrer. Jenen Brief öffnete er zuerst und las:

Sehr geehrter Mr. Andrews,

sehr wohlwollend habe ich nach Beginn des neuen Schuljahres hier in Hogwarts die Mitteilung Ihrer neuen Hauslehrerin, Professeur Faucon, gelesen, in der sie verlautbart, daß Sie sich bereits sehr gut in Beauxbatons eingelebt haben und Ihnen die dortigen Zusatzaktivitäten offenkundig nicht nur neues Wissen bringen, sondern auch Vergnügen bereiten. Meine Fachkollegin Professeur Bellart fragte sogar an, ob ich es für möglich halte, daß Sie bereits Zauber für den ZAG-Standard erlernen könnten. Ich wies sie jedoch darauf hin, dazu nichts sagen zu können, da ich von Ihren jetzigen Aktivitäten nicht genug weiß, um das beurteilen zu können.

Hier in Hogwarts hat sich einiges getan, worüber ich mich in diesem Brief jedoch nicht verbreiten möchte. Nur so Viel: Ich bin beruhigt, daß Sie derzeit in einer fachkundigen und umsichtigen Umgebung unterrichtet werden.

In der sicheren Erkenntnis, daß Sie Hogwarts in Beauxbatons würdig repräsentieren und sich bestmöglich weiterbilden verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen
          professor Flitwick

Julius nahm die übrigen Briefe aus Hogwarts und las, daß die neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste offenbar den Auftrag habe, jede Art von schädlicher Magie im Unterricht zu unterbinden und daß Kevin einmal bei ihr hatte Zeilen schreiben dürfen "Ich darf nicht gegen meine Lehrer aufbegeheren." Danach kam die Frage:

"Ist das bei euch auch so schlimm oder sollte ich besser zu dir rüberkommen?" Julius verstand das nicht so recht. Wieso kam Kevin nun darauf zu fragen, ob er nicht auch nach Beauxbatons kommen sollte, wo er ihm doch schon sein tiefstes Bedauern ausgesprochen hatte, daß er in diese Hab-Acht-Schule Gegangen sei, ihm sogar Wahnsinn oder Feigheit unterstellt hatte.

die beiden Briefe, die nicht aus Hogwarts stammten waren von einer Regina Dawn, von der Julius wußte, daß es Aurora Dawns Mutter war und von den Eheleuten Porter. Beide Briefe waren ziemlich prall, als würden sie mehrere Seiten enthalten. Der von Regina Dawn gar war ein großes Päckchen. Robert Deloire fragte:

"Wer sind die Hexen denn, die dir so dicke Briefe schicken? Verehrerinnen?"

"Was sonst, Robert", erwiderte Julius und öffnete den Brief der Porters. Darin steckte ein Pergamentzettel und eine Ausgabe des Tagespropheten vom Anfang September. Julius las den handgeschriebenen Brief und erfuhr, daß die Porters sich freuten, daß er in Beauxbatons besser eingestiegen war, als Glorias Tante Geraldine. Glorias Oma Jane mußte das wohl irgendwie von Professeur Faucon erfahren haben. Anbei lag eine Ausgabe des Tagespropheten, die Julius gewisse Dinge erklärte, falls er dies noch nicht wußte. Julius wollte die englische Zeitung gerade entfalten, als Professeur Faucon herüberkam und ihm die Hand auf die Schulter legte, mit der anderen Hand die Zeitung aus seinen Händen zog und sagte:

"Beschlagnahmt, Monsieur Andrews. Da sie diese Ausgabe ja nicht bestellt haben, verzichte ich auf die Zumessung von Strafpunkten."

Julius wollte gerade was sagen, als eine weitere Eule anflog, die eindeutig Julius' Platz zum Ziel hatte. Er nahm ihr den Brief ab, den sie mitführte. Der Vogel drehte fast ohne aufgesetzt zu haben um und strich lautlos und sehr eilig über die Tische hinweg davon. Julius öffnete den Brief und las, was eine sichere aber mit einer Vorliebe für abgerundete Buchstaben schreibende Frauenhand aufs Pergament gebracht hatte.

 

Sehr geehrter Mr. Andrews,

wie ich erfuhr unterhalten Sie stetigen Kontakt mit Schülern unserer Lehranstalt, obwohl Sie nunmehr auf Betreiben unruhiger, ja überängstlicher Personen dazu veranlaßt wurden, unsere Lehranstalt nicht mehr zu besuchen.

Ich möchte Ihnen mitteilen, daß hier in Hogwarts entgegen Ihnen möglicherweise zugetragener Gerüchte nichts eingetreten ist, was den Betrieb dieser Schule in irgendeiner Weise gefährdet. Im Gegenteil kann ich Sie dahingehend beruhigen, daß auf ausdrücklichen Beschluß des britischen Zaubereiministeriums eine gründliche und längst überfällige Reform der hiesigen Unterrichtsgestaltung verfügt wurde, welche sich in letzter Konsequenz förderlich für Ihre ehemaligen Mitschüler auswirken wird, sofern Personen, welche in die Welt gesetzten Gerüchten mehr Glauben schenken, ja in der vagen Vorstellung verharrend, sich auf eine Zeit düsterer Ereignisse vorbereiten zu müssen, nicht zur allgemeinen Panik anstiften.

Da Sie ebenso von den Ansichten und Beschlüssen erwachsener Hexen und Zauberer abhängen, wie Ihre ehemaligen Mitschüler, muß ich annehmen, daß Sie nichts dafür können, wenn Ihnen jemand einzureden trachtet, es bestehe Grund zur ernsten Besorgnis. Ich möchte jedoch im Interesse der Schülerinnen und Schüler von Hogwarts vermeiden, daß derart haltlose Angstkampagnen nicht von außen hereingetragen werden. Daher bitte ich sie höflich im Interesse Ihrer früheren Mitschüler, auf jeden weiteren Brief zu verzichten, der beinhaltet, daß es eine angebliche Rückkehr des Zauberers, dessen Name nicht genannt werden darf, gegeben hat. Sie würden damit nur unnötig schlechte Stimmung verbreiten und den Lernfortschritt Ihrer Mitschüler behindern, ja sogar Ihrem eigenen Lernfortschritt abträglich handeln.

Ich bin zuversichtlich, daß Sie sich des großen Vertrauens, daß Ihre ehemaligen Mitschüler in Sie setzen, als würdig erweisen und diese einfache Empfehlung beherzigen werden, da Sie selbst ja keine Möglichkeit haben, die Wahrheit verbindlich zu ergründen und bedauerlicherweise zur Fügsamkeit jener gegenüber gehalten sind, die derlei unhaltbare Spekulationen ernstnehmen und sogar bestärken.

Mit freundlichen Grüßen und Wünschen für eine erfolgreiche Zukunft in Beauxbatons
          Prof. Dolores Jane Umbridge

 

professeur Faucon, die noch hinter Julius stand, den Tagespropheten gerade so zusammengefaltet hielt, daß niemand etwas davon sehen und bestimmt nicht lesen konnte, las über Julius' Schultern mit.

"Quod erat expectandum", sagte sie nur und lächelte außerordentlich kalt. Julius fragte nicht und wartete auch keine Anweisung ab. Er gab auch diesen Brief an die Lehrerin ab. Sie fragte:

"Sie wissen, was Sie davon zu halten haben?"

"Das möchte ich hier nicht diskutieren, Professeur Faucon, falls Sie mich nicht dazu anweisen", flüsterte Julius, der kreidebleich geworden war. Professeur Faucon nickte und ging davon.

"Wer war das, der oder die dir diesen Brief geschrieben hat?" Fragte Hercules Moulin neugierig.

"'ne Lehrerin von Hogwarts, die meint, ich sollte meine Freunde in Ruhe lassen, da sie sonst nichts auf die Reihe kriegten außer Briefe schreiben", faßte Julius das gelesene so platt und damit unbedeutend wie möglich zusammen. Hercules grinste.

"Wie will die dich daran hindern, von deinen Freunden Briefe zu kriegen oder ihnen welche zu schicken?"

"Weiß ich nicht. Aber Sie hat es mir ja auch nicht befohlen, sondern es mir vorgeschlagen", rückte Julius mit etwas mehr heraus. Das reichte Hercules.

Das letzte Päckchen - Brief konnte man das nun doch nicht nennen, enthielt ein großes zusammengefaltetes Stück Leinwand und einen in acht handliche Einzelteile zerlegten Rahmen. Dabei lag ein Pergamentzettel, auf dem Stand:

Hallo, Mr. Andrews! Oder soll ich Sie mit Monsieur anschreiben?

Meine Tochter Aurora, die mit Ihnen ja recht gut bekannt ist, teilte mir mit, daß Sie im Gegensatz zu der eigentlichen Absicht, in diesem Jahr bei meiner Kollegin Professor Vector Arithmantik zu erlernen, aus familiären Gründen nach Frankreich umsiedelten und nun den Vorzug genießen, von meiner nicht minder kompetenten Kollegin Laplace in dieser Kunstform theoretischer Magie unterwiesen werden.

Hier in England ist es wesentlich kälter als in Frankreich. Insbesondere leben wir hier irgendwie in einer merkwürdigen Atmosphäre künstlicher Ruhe, als sei beabsichtigt, unerträgliche Sorgen niederzuhalten. Da hier zudem einiges merkwürdiges passiert ist, über das Sie sicherlich schon informiert wurden, habe ich mich mit einem Vorschlag meiner Tochter einverstanden erklärt und sende Ihnen als Anlage zu diesem kurzen Brief ein Vollportrait meiner Tochter, das in vierfacher Anfertigung anläßlich ihres Arbeitsplatzwechsels nach Australien ihren Verwandten und besten Freunden zur Verfügung gestellt wurde. Ich habe zwei dieser Bilder, von denen ich Ihnen gerne eines überlasse. Hängen Sie es am besten zusammen mit dem Miniaturportrait von Rowena Ravenclaw neben die von Mademoiselle Claire Dusoleil geschaffenen Gemälde auf, sofern Sie genug Platz für ein sechsunddreißig mal achtundvierzig Zoll abmessendes Leinwandbild haben. Falls nicht, oder es sollte Ihnen untersagt werden, es überhaupt zu besitzen, senden Sie es bitte wieder an mich zurück oder bitten Sie höflich Ihren Hauslehrer darum, dies zu besorgen, falls er gehalten sein sollte, es zu beschlagnahmen!

Mit anerkennenden Grüßen und aufrichtigen Wünschen für eine glückliche Zeit in Beauxbatons
          Dr. Regina Dawn

"Wau, wer schickt dir denn da so'n Oschi von Bild?" Fragte Robert Deloire total fasziniert.

"Die Jemand, die weiß, daß ich Aurora Dawn verehre", sagte Julius. "War 'n nachträgliches Geburtstagsgeschenk, weil diejenige nicht selbst kommen konnte und nicht mitbekam, daß ich nach Beauxbatons umgezogen bin", sagte Julius.

Professeur Faucon kam noch mal herüber, betrachtete das Bild, las den Brief und nickte. Wieder umspielte ihren Mund ein kaltes, ja überlegenes Lächeln.

"Das dürfen Sie behalten, Monsieur. Hängen Sie's am besten gleich in Ihrem Schlafraum auf, bevor der Unterricht beginnt."

"Dazu müßte ich jetzt aufstehen dürfen", wandte Julius ein. Professeur Faucon nickte und ging kurz zu Madame Maxime hinüber. Julius sah sich um, wer vielleicht mitbekommen hatte, daß er ein großes Bild bekommen hatte. Claire hatte bereits ihre Augen auf das Bild geheftet, ebenso Jeanne, Virginie und Barbara. Julius saß jetzt wie auf glühenden Kohlen. Er wollte das Bild nicht mit zum Unterricht von Professeur Trifolio schleppen, es aber auch nicht so rumliegen lassen.

"Sie und die Messieurs aus Ihrer Klasse erhalten die Erlaubnis, vorzeitig den Speisesaal zu verlassen", sagte Professeur Faucon, nachdem sie von einer kurzen Unterredung mit Madame Maxime herübergekommen war.

Julius bedankte sich höflich, nickte auch der am Lehrertisch sitzenden Halbriesin Madame Maxime zu und erhob sich ruhig. Gérard, Hercules, André, Gaston und Robert begleiteten ihn. Es war noch fünf Minuten bis zum offiziellen Ende der Frühstückszeit um viertel vor acht.

Als einzige im grünen Saal, der nun ziemlich groß erschien, eilten sie schnell in ihren Schlafsaal. Julius fand zu seiner Beruhigung genug Platz, um das Gemälde zu entfalten. Es war wie ein für den Absprung verpackter Fallschirm zusammengelegt, dachte er schmunzelnd. Hercules und Robert bauten derweil den Rahmen so zusammen, daß die ausgebreitete Leinwand darin ordentlich aufgespannt befestigt werden konnte. Kaum hatte Julius das Paket zur vollen Länge und Breite entfaltet, blinzelten ihm Aurora Dawns graugrüne Augen zu. Ihr langes schwarzes Haar wehte struwelig um ihre Schultern. Sie trug auf diesem Bild ein grasgrünes Kleid mit weißen Spitzen an Ärmeln und Rocksaum.

"Mmm, das wurde auch Zeit. So zusammengestaucht zu bleiben ist nichts für mich", sagte sie mit klar verständlicher Stimme, die genau die von Aurora Dawn war, wie Julius sie als Hexe aus Fleisch und Blut kannte. Robert klappte die Kinnlade herunter, Hercules grinste, während die drei anderen Jungen Julius und dann das Bild mit Augen wie Autoscheinwerfer anstarrten.

"Da müssen vier dicke Nägel rein, um den Rahmen ordentlich festzumachen", stellte Robert Deloire fest.

"Wenn ich welche hier hätte, könnte ich Rapidimallus, den Einschlagzauber mal ausprobieren. Aber mit Materialisieren haben wir's ja noch nicht."

"Wieviele Nägel brauchst du?" Fragte Julius.

"An Jeder ecke einen mindestens zehn Zentimeter langen Nagel. Der Rahmen wiegt zusammengebaut ein ganzes Kilo. Wunder mich immer wieder, wie so'ne Eule so schwere Dinger tragen kann."

"Aber hallo, Robert. 'n Uhu hat mir mal zehn große Bücher als Einzelpaket angeschleppt. Die können schon was wegtragen", wandte Gérard ein. Julius fragte sich, ob er die benötigten Nägel mit dem Aufrufezauber herholen sollte oder aus vier Streichhölzern ... Ja! Das mußte klappen, dachte er. Er holte sich aus seinem Koffer ein paar Holzspäne, die er für alchemistische Versuche brauchte und konzentrierte sich. Innerhalb von einer halben Minute hatte er aus vier langen Spänen vier stabile, mindestens zehn zentimeter lange Stahlnägel gemacht.

"Wer kann der kann", mußte Hercules anerkennen und spannte Auroras Bild in den Rahmen ein. Die Abgemalte verzog etwas das Gesicht, als sich beim Einspannen ihr Bauch etwas dellte oder ihre Oberweite leicht zur Seite spreizte. Doch schließlich war die Leinwand in ganzer Länge und Breite faltenfrei aufgespannt und konnte an der Wand befestigt werden.

"Rectivertico!" Sagte Robert, als er seinen Zauberstab gezogen hatte und legte ihn längs an die Wand. Genau lotrecht richtete sich der Stab zum Boden aus. Julius staunte, was Zauberkunst alles hergab und half Hercules, das Bild festzudrücken. Robert prüfte, ob es so hängenbleiben konnte und nahm den Zauberstab, der genau senkrecht zum Boden gezeigt hatte, fort und berührte den ersten Nagel, den oberen rechten.

"Mallus Rapidus labora!" Rief er. Aus dem Zauberstab flog ein bläulicher Ball heraus, der mit mindestens zehn Schlägen pro Sekunde den Nagel in die Steinwand trieb. Dann folgte der linke untere Nagel, den Hercules magisch einschlagen ließ. So hing das Bild nun schon mal sicher. Die restlichen beiden Nägel hämmerten Julius und Robert mit Zauberkraft in die Wand. Als sie das geschafft hatten, flog die Tür auf, und der Schuldiener stürmte herein.

"Was soll der Krach. Wer hat euch erlaubt, hier ... Abnehmen, sofort! ihr habt keine Erlaubnis, so große Bilder hier ..."

"Monsieur Bertillon! Die Jungen haben nicht nur meine, sondern Madame Maximes persönliche Genehmigung, dieses Bild ordentlich anzubringen!" Rief Professeur Faucon von der Tür her. Der Schuldiener warf sich herum und starrte der Saalvorsteherin mißtrauisch ins Gesicht. Diese hielt ihm ein Stück Pergament unter die Nase. Der Schuldiener nickte betreten, wandte sich kurz den fünf Jungzauberern zu und schob wortlos ab.

"Auch wenn ich grundsätzlich in jeden Schlafsaal eintreten darf gebietet mir die Höflichkeit, Sie um Erlaubnis zu fragen", wandte sich Professeur Faucon an die fünf Jungen. Diese nickten respektvoll und traten bei Seite, daß sie bequem eintreten konnte. Sie sah sich das ganze Bild an, nickte zufrieden und fragte:

"Wer von Ihnen hat denn diese guten Nägel im Besitz?"

"Öhm", machte Robert. Alle anderen schwiegen. Julius wollte nicht sagen, daß er die aus einfachen Holzspänen gemacht hatte.

"Nägel zu besitzen, sofern nicht eindeutig damit Unfug betrieben wird, ist nicht verboten. Also können Sie mir die Frage gewiß beantworten", wandte sich die Lehrerin an die fünf Jungen. Dann sah sie Julius an.

"Materialisation beherrschen Sie bestimmt noch nicht, und Nägel mit dem Aufrufezauber zu holen wäre Diebstahl. Dann haben Sie sie wohl aus kleineren Objekten transfiguriert, wie? - Ich werte Ihr schweigen als Bejahung. Zu Ihrer Information: Vor drei Minuten erging seitens unserer Schulleiterin die Anweisung "Fertigmachen zum Unterricht!" Führen Sie diese Anweisung umgehend aus!"

"Jawohl, Professeur Faucon", erwiderten die fünf Jungen im Chor. Sie verließen schnell mit ihren Arbeitsumhängen unter den Armen den Schlafsaal. Professeur Faucon blieb zurück, sah, wie sich die Tür schloß.

Julius erzählte den Mädchen aus seiner Klasse, was er bekommen hatte, wußte aber auf die Frage, wieso es ausgerechnet ein Vollportrait sein mußte, keine Antwort.

"Na ja, wenn dieses Abbild von Mademoiselle Dawn auch für andere Gemälde offensteht, kann sie ja unsere ehrwürdigen Schulleiter und Ehrenhexen und -zauberer besuchen oder von ihnen besucht werden, wie ja auch die Musikanten, die ich dir gemalt habe, in andere Gemälde hinübergehen können."

"Ja, die habe ich schon bei mir drin gehabt, Claire", sagte Jasmine. "Der Trompeter, von dem Julius eine genaue Beschreibung gegeben hat, hat vorgestern mit dem Schafhirten aus meinem griechischen Zauberbild ein Duett gespielt. Offenbar laufen die Musiker tagsüber in den Bildern rum und spielen zusammen, wo's keiner mitkriegt."

"O dann darf ich das Bild ja nicht in die Ferien mitnehmen", sagte Julius. "Nachher schleppe ich noch einen fremden Musiker aus einem anderen Bild mit nach Paris."

"Du kannst die Bilder ja auch hängen lassen, bis du mit der Schule fertig bist", sagte Claire. "Ich habe im Schlafsaal einiges an geschenkten Bildern hängen."

"Bei dem Bild von Aurora Dawn wird mir wohl auch nichts übrigbleiben."

Nach der anstrengenden Kräuterkundestunde ging es in Magizoologie um die peruanische Singschnauze, einem etwa zehn zentimeter langem Nagetier mit kurzer, aber breiter Schnauze, mausähnlichen Ohren und einem Pinselartigen Schwanz. Sie besaß felsgraues, seidenweiches Fell und konnte alle von Lebewesen erzeugbaren Laute nachmachen, sogar ganze Opernarien singen, was Professeur Armadillus vorführte, als er ein propperes Weibchen mit einigen Anfangstönen dazu brachte, "Der Hölle Rache", die Arie der Königin der Nacht aus der Oper "Die Zauberflöte" nachzusingen, was mit sehr schmerzhaft hohen Tönen verbunden war.

"Aua, wozu sowas", beklagte sich Belisama. Der Lehrer verstand dies als Frage und gab sie weiter. Hercules war neben Bernadette der Einzige, der sie beantworten konnte.

"Die Singschnauzen leben in Berghöhlen und sind Insektenfresser, nehmen aber auch kleine nichtmagische Nagetiere oder deren Jungen als Beute. Ja, sie können sogar säugende Tiere dazu bringen, ihnen von ihrer Milch abzugeben, weil sie eben diese Gabe haben, alle Naturlaute nachzumachen", antwortete Bernadette. "Sie machen dies aber nur dann, wenn sie bedroht sind oder Hunger haben. Wer sie in Gefangenschaft hält, kann sie darauf dressieren, bestimmte Laute zu machen, wenn sie in bestimmten Stimmungen sind. Wahrscheinlich hat diese Singschnauze gerade Hunger."

"So ist es", erwiderte Professeur Armadillus und vergab zehn Bonuspunkte an Bernadette und zehn getrocknete Käferlarven an das Singschnauzenweibchen.

Nach Verwandlung, wo Julius einen dampfenden Teekessel in ein Kaninchen verwandeln mußte und das fünfmal hintereinander, gab es Mittagessen. Julius dachte an seinen Halloween-Vortrag, den er gleich noch halten würde. Er verdrängte die damit verknüpften Gedanken an Hogwarts und was da gerade ablief.

Als sie nun alle im Geschichtsunterrichtsraum saßen, bat Professeur Pallas um die ungeteilte Aufmerksamkeit für Julius. Dieser ging an die Tafel und schrieb einige Worte hin: Keltisches Neujahr, Samhain, Leben und Tod, Kostümfeste, Kürbisse, Streich oder Süßes. Dann sprach er.

"Das im englischen Sprachraum beliebte Fest Halloween, das jedes Jahr am Abend des einunddreißigsten Oktobers gefeiert wird, hat seinen Ursprung im altkeltischen Fest Samhain, mit dem im Kulturraum der Kelten das neue Jahr begann, vom warmen, lebensspendenden Frühling und Sommer, zum dunklen kalten Herbst und Winter, gleichbedeutend mit Starre und Tod ..."

So fuhr Julius fort, beschrieb, wie Samhain damals gefeiert wurde und wie sich aus dem Fest zur Ehrung von Schöpfung und Vernichtung, Leben und Tod, durch die Christianisierung der Vorabend zu Allerheiligen entwickelt hatte, dem Tag im christlichen Kalender, an dem in vielen Ländern der Verstorbenen gedacht wurde. Für die magische Welt des englischsprachigen Raumes blieb Halloween als Ehrentag der alten druidischen Zeiten erhalten, als Feier für die Lebendigen und die Geister, welche an diesem Tag mit den Lebenden zusammentrafen, um miteinander zu reden und zu lachen. Die Muggel hätten diese Wendung, da selbst nicht wahrzunehmen, als Gruselgeschichte mißverstanden und deshalb aus Halloween einen Festtag des Gruselspaßes gemacht, an dem sich meistens Kinder, aber auch Erwachsene, als Hexen, Geister oder andere Wesen verkleideten und bei Kerzenschein in ausgehöhlten Kürbissen wilde Feste feierten.

"... Kinder haben immer einen tollen Spaß an Halloween, sofern sie Muggel sind. Ich habe das selbst noch mitmachen dürfen, das rumziehen im Kostüm, das Klopfen an Nachbartüren und das fordern von Süßigkeiten. "Streich oder Süßes", "Süßes oder Saures!" haben wir dann immer gerufen. Wer nichts rausrückte, dem wurde ein Streich gespielt. Harmlose Sachen, wie das Einseifen der Türklinken oder das malen von Schreckfratzen an die Fenster. diese Tradition läuft wohl noch immer bei den Muggeln ab. Aber wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurde Halloween mehr und mehr zum Verkaufsgrund ohne die eigentlichen Gründe zum feiern. In der Magischen Welt ist man der alten Tradition noch verbunden und begeht Halloween als hohen Feiertag. In anderen Ländern wurden für die Magier andere Feiertage wichtig. Hierzulande ist es die Walpurgisnacht. Aber das ist ja eine andere Geschichte." Mit diesen Worten beendete Julius seinen Vortrag, den er locker sprechend aber mit gebotener Sachlichkeit in zehn Minuten unterbrachte.

"Dazu hatten wir noch kein Referat, weil das damals wegen anderer Sachen nicht ging", sagte Professeur Pallas. "Aber dieses Schuljahr möchte ich gerne einen hören, wann wozu und warum wir Walpurgis feiern. Da das offenbar ein höchst interessanter Aspekt ist, Zauberer- und Muggelwissen miteinander zu vergleichen, lege ich schon mal fest, daß ich gerne Mademoiselle Hellersdorf zu diesem Thema hören möchte, bevor wir die Walpurgisnacht feiern. Falls du dies nicht möchtest oder kannst, Laurentine, sag mir das bitte zwei Wochen vor Walpurgis, damit ich den Unterrichtsplan entsprechend gestalten kann!"

Bébé grummelte zwar, widersprach jedoch nicht.

"Das war ein schöner kurzer aber alles wichtige umfassender Vortrag, Julius. Dafür bekommst du fünfzig Bonuspunkte und eine Arbeitsnote von fünfzehn Punkten zur Berücksichtigung in deiner Halbjahresnote. - Und nun wieder zurück zu den alten Hexen und Zauberern, die im sechzehnten Jahrhundert die Welt bewegt haben." ...

Nach dem Unterricht ging es zur Verwandlungsstunde für Fortgeschrittene, wo Julius sich weiter in der Pflanze-Tier-Verwandlung übte. In der nächsten Woche sollte er die Umkehrung versuchen, ein Tier in eine Pflanze zu verwandeln.

 

__________

 

Das Quidditchspiel zwischen Saal Blau und violett war eine einzige Prügelei über dem Spielfeld. Nadine Pommerouge und die Rossignols waren die einzigen, die noch nach den Regeln spielten. Alle anderen foulten drauf los. Die Blauen legten es offenbar auf einen Sieg durch Torvorsprung an, weil sie nach dem Prinzip Brechstange spielten und mit Brachialgewalt immer wieder vorrückten. Julius, der zwischen Jeanne und Barbara in der Quidditchmannschaftsloge saß, rief zwischendurch mit den übrigen Zuschauern seinen Unmut übers Feld. Er forderte Platzverweise für die Blauen, die mit besonders ruppigen Fouls die Mannschaft der Violetten ziemlich bedrängten. Dieses unschöne Spektakel dauerte eine ganze Stunde an, bis der kleine Golbasto Collis gerade noch soeben den Schnatz fangen konnte, ehe beide Klatscher ihn voll in die magengrube trafen.

"Pflegehelfer zu mir!" Rief Schwester Florence, die am Spielfeldrand saß und eventuelle Verletzungen behandeln mußte.

"Komm, Julius, wir sind auch gemeint", trieb Jeanne ihren jüngeren Saalkameraden an. Barbara sah mißmutig auf die Spieler der Blauen, die wüste Beschimpfungen gegen die Violetten ausstießen. Als sie dann aber das Ergebnis erfuhren, daß sie mit knappen zehn Punkten Vorsprung das Spiel gewonnen hatten, jubelten sie und liefen schnell zu ihren Saalkameraden. Julius sah Jasper van Minglern, der als Jäger gespielt und Aron und Argon mindestens fünfmal mit voller Wucht gerammt hatte, wie er hönisch lachend mit seinen Kameraden abzog. Professeur Pallas und Professeur Paralax folgten Jeanne und Julius, die sich unterwegs mit den übrigen sieben Pflegehelferinnen und dem zweiten Pflegehelfer Sixtus Darodi trafen.

"Ach du große Katastrophe, die haben sie aber verwamst", bemerkte Julius, als er sämtliche Spiler der Violetten auf dem Feld hocken sah. Einige hatten sich heftige Abschürfungen eingehandelt. Argon Odin hielt sich die linke Seite, röchelte und spuckte leicht blutigen Schleim aus.

"Mist, dieser Bastard hat mich wohl doch heftiger ... heftiger erwischt", röchelte Argon. Julius trat neben ihn und ließ seinen Zauberstab kurz über ihn gleiten. Er erkannte an antrainierten Wechselwirkungen zwischen Stab und Körper des Patienten, daß er sich zwei angeknackste Rippen und eine Verletzung der Luftröhre eingefangen hatte. Im Magen-Darm-Bereich war jedoch alles in Ordnung. Jeanne half Julius, ihren Cousin auf eine Trage zu betten und ihn zur weiteren Behandlung in den Krankenflügel zu bringen. Sie vollführten an ihm alle für sie möglichen Zauber, um ihn wieder so weit hinzubekommen, daß die gründliche Behandlung nicht mehr so anstrengend für ihn sein würde.

"Der Bluterneuerungstrank steht da im Regal neben dem Skelewachs-Trank", sagte Jeanne, die ihren Cousin noch mal gründlich untersuchte. Julius nickte und brachte das gewünschte Elixier an.

Durch die Wand kamen vier weitere Spieler der Violetten, darunter auch Golbasto Collis, der von Schwester Florence und Martine Latierre transportiert wurde.

"Das ist unverantwortlich, wie die gespielt haben. Das mit den zehn Punkten Vorsprung sollte denen sofort aberkannt werden", sagte Schwester Florence.

"Na klar, die eigenen Enkel haben ihm doch diesen Bauchtreffer zugefügt", bemerkte Suzanne Didier, die als Jägerin gespielt hatte und wegen totaler Erschöpfung die Landung verpatzt hatte und sich den halben Umhang aufgerissen und den Rücken aufgeschürft hatte. Ihre Saalkameradinnen Felicité Deckers und JosephineMarat kümmerten sich um sie.

Zwanzig Minuten arbeiteten die Pflegehelfer mit der schuleigenen Heilerin zusammen. Vieles, was schlimm ausgesehen hatte, konnte von den Pflegehelfern behandelt und geheilt werden. So konnte sich Schwester Florence voll um Golbasto Collis kümmern, der sich mehrere innere Verletzungen zugezogen hatte. Für ihn und Argon, der von Jeanne und Julius nach Anweisung Schwester Florences geheilt werden konnte, gab es den Bluterneuerungstrank. Nach einer Stunde waren die Helfer der Schulkrankenschwester mit ihrer Arbeit fertig und konnten sich zurückziehen. Jeanne und Julius kehrten mit dem Pflegehelferschlüssel in den grünen Saal zurück, wo sie berichten mußten, was sie alles hatten tun müssen. Jeanne schloß damit ab, daß drei der vier Spieler, die verletzt waren, wieder in ihren Saal zurückkehren konnten.

"Madame Maxime hat mit Professeur Pallas und Paralax entschieden, daß den Blauen fünfzig Punkte vom Spielergebnis abgezogen werden. Somit haben die Violetten gewonnen, mit einhundertsiebzig punkten und stehen im Moment auf Platz zwei hinter uns und vor den Gelben", sagte Barbara Lumière zur allgemeinen Information.

"Wann müssen wir gegen die spielen?" Fragte Hercules Moulin.

"Erst in der übernächsten Runde. Zwar sollten wir in der nächsten Runde zu Beginn gegen sie spielen, aber Madame Maxime hat verfügt, daß die dritte Runde nun die zweite Runde ist und wir im übernächsten Spiel gegen die Glückskinder aus dem gelben Saal antreten", verkündete Barbara. "Die Roten dürfen gleich im nächsten Spiel gegen die Blauen antreten. Dieser Jasper van Minglern ist ja richtig fies drauf."

"Hoffentlich werden die von San und Sabine richtig beharkt", wandte Hercules ein. Julius nickte. Diese brutale Spielweise war doch kein Sport mehr. Er wußte zwar von Eishockeyspielen, daß da oft gut geholzt wurde. Aber was er heute gesehen hatte, machte Eishockey zu einem Winterspaziergang auf einem See.

Von den Blauen abgesehen waren alle Schüler froh, als am Sonntagmorgen Golbasto Collis gesund und Munter wieder am Tisch der Violetten saß.

An diesem Sonntag war ja der Tag, an dem Halloween in England gefeiert würde. Julius vermißte die Geister, die sich zu diesem Anlaß ihre gruseligsten Aufmachungen anzogen. Er dachte auch daran, daß jedes Halloween in Hogwarts was besonderes passiert war, nicht immer was schönes. Wo er dort angefangen hatte, war der aus Askaban ausgebrochene Massenmörder Sirius Black in Hogwarts eingebrochen. Im letzten Jahr wurde an diesem Tag das trimagische Turnier mit der äußerst merkwürdigen Auswahl derChampions eröffnet. Doch er hatte nicht viel Zeit, darüber nachzugrübeln, was ihm hier entging. Denn er mußte mit Martine, Francine, Deborah und Felicité nach der Pflegehelfergesamtkonferenz, wo noch mal über das Quidditchspiel gesprochen wurde, den Formhaltungskurs für magische erste Hilfe mitmachen.

Schwester Florence zeigte ihnen allen, wie man jemanden in einer gefährlichen Situation vor Verbrennungen oder Rauchvergiftungen schützte, was er bei Madame Matine ja gelernt hatte. Danach durfte Martine Julius' Magen mit Zauberkraft ausspülen, was für Julius zwar unangenehm war, aber sehr Sauber ablief, weil das, was er zum Frühstück noch gegessen hatte, direkt nach Verlassen seines Mundes in geruchlosen Rauch aufging. Schwester Florence prüfte nach, ob alles richtig gelaufen war und verteilte Bonuspunkte.

Julius langte beim Mittagessen zu, um die erzwungene Leere in seinem Magen wieder auszufüllen. Sich danach zurückzuziehen ließen ihm die Jungen und Mädchen des grünen Saales nicht durchgehen. Offenbar hatten Barbara und Edmond verfügt, Julius von allen Heimwehplagen abzulenken, bis der Halloweenabend vorbei war. So wurde Musik gemacht, über verschiedene Dinge gesprochen, von denen Jeanne Barbara und Claire wußten, daß Julius darüber reden würde und Pläne für das anstehende Quidditchspiel der Grünen gegen die Gelben geschmiedet.

Das Abendessen um sechs Uhr war zwar wieder reichhaltig und mit mehreren Gängen sehr sättigend, aber es fehlten die orangen Riesenkürbisse, die Hagrid im letzten Jahr extra gezüchtet hatte, die lebendigen Fledermäuse unter einer wie der Himmel aussehenden Decke und das Gefolge der Geister. So holte Julius die Trübsal wieder ein und hielt ihn sicher und fest, bis das Abendessen vorbei war.

"Wenn es dir schlecht geht, geh und lies dich aus deinen trüben Gedanken!" Erinnerte sich Julius an einen Spruch seiner Großmutter väterlicherseits, als er als Achtjähriger einmal ziemlichen Kummer hatte, weil er nicht die Schulnoten bekommen hatte, über die sein Vater sich so sehr freute. Also ging Julius in die Bibliothek und suchte sich ein Kräuterkundebuch aus, das er noch nicht selbst besaß und las, bis die Bibliothekarin läutete und sagte: "Noch fünfzehn Minuten bis zum Saalschluß!"

Julius verließ mit Sandrine, die wie er noch was anstrengendes gelesen hatte, die Bibliothek. Er ging mit ihr gemütlich die Gänge entlang. Er verabschiedete sich von Sandrine bis zur nächsten Stunde alte Runen und wollte gerade mit dem Pflegehelferschlüssel in den grünen Saal zurückkehren, als er schnelle Schritte hinter sich hörte. Sandrine wandte sich um. Julius tat dies auch und sah Adrian und seine Freundin Belle Grandchapeau auf ihn zulaufen.

"Julius, Achtung!" Rief Adrian und blickte sich schnell um. Sandrine stutzte. Julius wollte sich gerade umwenden, als er hörte:

"Fröhliches Halloween, Engländer! Intercorpores permuto!"

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