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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Ich sitze hier vor meiner Wohnung und höre den Lärm der Zweifußläuferjungen. Sie spielen wieder dieses Spiel mit den fliegenden Ästen und den wie Jägervögel herumschwirrenden runden Steinen. Ich fühle, daß Julius dabei ist. Seitdem ich mit den Brüdern Schwarzbauch die Stimmung der Liebe satt gekostet habe, warte ich. Ich warte auf das Gefühl, das in meinem Körper zeigt, daß ich Junge trage. Das ausgewachsene Männchen, Aries, hat zwar versucht, mich von den Schwarzbauch-Brüdern fernzuhalten, es ist ihm aber nicht gelungen. Offenbar will er nicht, daß ich von denen neue Junge kriege. Ich warte nun, ob ich Mutter werde. Ich kenne das, wenn nach so vielen Sonnen wie ich Krallen habe mein Leib verrät, daß ich bald Nachkommen habe. Die Sonnen sind schon sooft gekommen und gegangen, doch noch spüre ich nichts. Wenn die nächste Sonne in ihrem Loch versunken ist, werde ich wieder zu Julius gehen. Denn dann weiß ich, daß ich diesesmal keine Jungen werfen werde.

 

__________

 

"... und Andrews blockiert den direkten Wurf von van Heldern! Schön gemacht! Er wirft den Quaffel ab auf Delamontagne, die durchstartet und zum Torraum fliegt. - Tor!! Zwanzig zu null für Saal Grün", kommentierte Ferdinand Brassu das laufende Spiel, das schon eine Vorentscheidung sein konnte, welcher Saal dieses Schuljahr den Quidditchpokal gewinnen würde. Julius Andrews hatte von Jeanne die Weisung bekommen, wieder als Vorstopper oder Abfangjäger vor dem Torraum zu bleiben, wo Barbara das vorletzte Spiel ihrer Schulzeit Hüterin war. Zwar wußten Jeanne und Barbara, daß Julius den neuen Ganymed 10 flog, der den sonstigen Besen über dem Feld überlegen war, hatten jedoch beschlossen, sich nicht auf wilde Kämpfe einzulassen. Ihr Punktevorsprung war so satt, daß sie es ruhiger angehen und auf mehr Sicherheit spielen konnten.

"Achtung, Pierre stürzt sich nach unten ... Uuh, da hätte Moulin ihn doch fast erwischt. Schnatzfang verfehlt, Mesdames, Mesdemoiselles et Messieurs. Aber so geht die Partie nun wieder in Richtung grünen Torraum. Klatscher gegen Andrews!!! Wunderbar ausgewichen. Andrews bekommt den Quaffel. Darf offenbar mal von Lumière weg ins feindliche Feld. Kurvt, springt und rollt sich traumhaft durch. Was für ein Techniker! Ja, jetzt ist er vor dem Tor. Lagrange und van Heldern bedrängen ihn! Er wirft zurück auf Delamontagne. Die muß neu anlaufen. Kommt aber nicht so einfach an Rousseau vorbei. Ja einen Neuner haben und ihn fliegen können sind doch noch Welten für sich. - Andrews kommt seiner Kameradin zur Hilfe. Kriegt den Quaffel. Rollt seitlich unter einem Klatscher durch. Exzellent ausgewichen. Ist jetzt wieder vor dem Tor. - Hopsassa, da wird ja schnell getanzt, beim Hute von Donatus. ... Ui! Klatscher von hinten gerade noch so ausgewichen. Camus muß aufpassen! - Tooor! Andrews bugsiert den Quaffel von unten durch den mittleren Ring! Dreißig zu null, und das Spiel geht weiter!"

Die Partie verlief vielleicht nicht schnell oder wild, dafür aber als Bilderbuchbeispiel für angewandte Flugtechniken. Mit Julius vor dem Tor und Barbaras überragenden Fähigkeiten taten sich die weißen schwer, überhaupt zum Torwurf zu kommen. Zwar droschen die beiden Treiber der weißen die Klatscher immer wieder gegen Julius, bekamen diese aber postwendend von Hercules Moulin und Giscard Moreau zurück, nachdem die sich darauf eingestellt und sich als Leibwache von Julius eingeteilt hatten. Seraphine pfiff ihre Treiber erst zurück, als durch deren Trommelfeuer die vorderen Linien der Grünen zu frei aufspieln konnten. Denn Julius schaffte es mit wuchtigen und trudelnden Abschlägen vom Tor, die gegnerischen Jäger oft vorbeigreifen zu lassen, während Virginie oder Jeanne zielsicher annahmen und im schnellen Vorstoß mehrere Tore in Folge schossen. Dieses Mal wollten die Grünen nicht auf Punkte, sondern auf Sicheren Fang spielen. So ging Agnes Collier, die Sucherin der Grünen, eine Halbe Stunde nach Spielbeginn in einen Sturzflug, weil sie den Schnatz gesehen hatte. Doch Miro Pierre, der gegnerische Sucher, schnitt ihr den Weg ab, schlug einen Rückwärtslooping und packte den kleinen geflügelten Ball im Kopfstand, bevor er sich wieder in Normallage drehte. Johlend applaudierten die Bewohner des weißen Saales. Grün führte zwar mit 140 Punkten, verlor aber durch den Schnatzfang das Spiel. Doch in dieser Rangliste ging es ja nur um die erspielten Punkte und nicht um die Differenz, wußten alle. Somit hatte Saal Grün immer noch die besten Aussichten auf den Pokal. Sie durften aber beim nächsten Spiel nicht weniger als zweihundert Punkte Abstand von den Roten behalten, denn gewannen diese ihr Spiel gegen die Weißen so, daß sie einhundertneunzig Punkte mehr als der grüne Saal hatten, bekamen sie den Pokal. Doch weil die Grünen hinter den Roten gegen die blauen antreten mußten, konnten diese sich die richtige Taktik aussuchen, um den Pokal noch für sich zu retten. Insofern sah es für Jeannes Mannschaft immer noch besser aus als für die Brunos. Die weißen jedoch konnten sich trotz des Schnatzfanges keine Hoffnungen mehr auf den Pokalgewinn machen, denn mit insgesamt 490 Punkten waren sie schier Lichtjahre von den Führungsrängen entfernt und mußten dazu noch im letzten Saisonspiel gegen die Roten ran, die ja eben noch viele Punkte für den sicheren Pokalgewinn erkämpfen wollten. Violette, Blau und Gelb waren ja schon in der letzten Runde als Mitbewerber ausgeschieden.

"Ich war heute etwas zu langsam", sagte Agnes zu Jeanne, die mit Barbara und Julius in einer Linie stand, als das Spiel offiziell für beendet erklärt worden war. Jeanne tröstete die kleine Mitschülerin.

 

"Er hat den Schnatz nicht früher gesehen als du. Er hat dich blockiert und dann im Rückwärtssalto den Schnatz geholt. Dümmer ging es nicht. Jetzt haben die Weißen sich den Pokal endgültig verspielt."

"Die Kapitänin der Grünen ging zu der der Weißen um sportlich fair zum Sieg zu gratulieren. Doch Seraphine, die den freudestrahlenden Miro neben sich stehen hatte, machte kein glückliches Gesicht. Miro hatte vielleicht eine hohe Niederlage vereitelt, aber die Aussicht auf viele Punkte verdorben. Seraphine winkte Julius, der sich mit Barbara über die gute Zusammenarbeit unterhielt, zu sich. Barbara folgte ihm.

"Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn", sagte Julius, als er vor Seraphine stand. Diese nickte zwar und bedankte sich, strahlte aber nicht wie eine ruhmreiche Siegerin.

"Das war's dann wohl auch. Das wird also zwischen euch und den Roten entschieden. Mann, mußte Miro den Schnatz denn unbedingt fangen, bevor wir auch nur ein einziges Tor geschossen haben?"

"Och, hätten wir das Tor nicht so zuhalten dürfen?" Fragte Barbara gehässig grinsend.

"Ich freue mich für dich, Barbara, daß du hier mit einem zweiten Pokalgewinn abgehen kannst, falls Bruno euch das nicht vermasselt."

"Du kannst ihm ja helfen", erwiderte Barbara schnippisch. "Ihr seid ja jetzt jenseits von gut und böse."

"Bring mich nicht auf Ideen, Babsie", knurrte Seraphine. Dann umarmte sie Julius ohne Vorankündigung. "Du bist auf jeden Fall ein sehr begabter Techniker. Wenn die einen neuen Hüter suchen, solltest du das vielleicht machen. Ich wünsche euch allen Erfolg, den ihr euch verdienen könnt."

"Ich dir und deinen Leuten auch. Im Fußball ist das nicht immer traurig, wenn man am Tabellenende steht und doch noch gute Spiele liefert. Manche Mannschaften in England ärgern die oberen Teams recht gerne, wenn sie angeblich für die so ausgemachte Gewinne vereiteln oder ihnen wichtige Punkte abjagen, die sie für die Meisterschaft brauchen. Es war auf jeden Fall schön, in einem echten Turnier gegen dich gespielt zu haben", sagte Julius, der meinte, irgendwas aufmunterndes sagen zu müssen. Seraphine gab ihm einen flüchtigen Kuß auf die rechte Wange und sprach gerade so laut, daß nur er es im Lärm des Applauses verstehen konnte:

"Viel mußtest du ja heute nicht machen. Schade um den guten Besen."

Julius stutzte, beherrschte sich aber gerade noch rechtzeitig, um nicht dumm aufzufallen. Sicher meinte Seraphine das ja so, daß er ja einen guten Besen hatte und nicht, daß sie wußte, wie gut Julius' Besen tatsächlich war.

Die Anhänger der Mannschaften kamen herunter. Diesmal waren Claire und Céline schneller. Constance Dornier, deren Mutterschaft man ihr nun ansehen konnte, eilte mit leicht vorgewölbtem Bauch in einem leicht schlingernden Gang heran und beglückwünschte Seraphine kurz, bevor sie Miro ansah und ihm wohl was wütendes zurief. Claire erreichte Julius noch weit vor Millie Latierre und umarmte ihn stürmisch. Sie nahm sich nicht heraus, ihn zu küssen, weil das ja Strafpunkte setzen würde. Doch Julius brauchte das auch nicht, weil er wußte, wie sehr Claire sich mit ihm freute.

"Schön, wie du geflogen bist. Die Ausweichmanöver waren erstklassig. Warum hat Jeanne dich nur zweimal vorrücken lassen? Du hättest mindestens noch hundert Punkte holen können."

"Deine Schwester hat aber gesagt, daß ich heute wieder Abfangjäger spielen soll. Vielleicht will sie die Blauen verunsichern."

"Könnte ihr so einfallen, Julius. Du weißt ja, daß ich mir Gedanken um dieses Spiel mache. Passt also beide auf euch auf!"

"Ich werde es tun. Notfalls verzichte ich auf den Pokal", versprach Julius seiner Freundin. Diese lächelte ihn an. "Ich hänge an meinem Leben und habe doch noch was damit vor, Cherie."

"Schön hast du das gesagt", hauchte Claire ihm zu und gab ihn aus der Umarmung frei. Sie eilte zu ihrer Schwester hinüber, um mit ihr zu sprechen.

Mildrid Latierre war schneller als Belisama und Elise, die mit ihr zusammen von der Tribüne geeilt war. Sie umarmte Julius wie Claire zuvor. Julius fürchtete schon, sie würde ihn wieder vor allen anderen küssen, wie beim letzten Spiel. Doch sie grinste ihn an und meinte:

"Schade, daß ihr heute nicht gewonnen habt. Dann hättet ihr den Pokal schon sicher. Warum habt ihr Miro diese Knalltüte nicht am Schnatzfang gehindert? So wie Maman Connie und Seraphine aussehen, hättet ihr ihm damit viel Ärger erspart."

"Mußt du mich so eng umschlingen?" Wollte Julius ansetzen, sagte aber dann doch: "Millie, jedes Spiel ist anders. Wenn wir zweimal dieselbe Taktik gefahren hätten, wäre das ja langweilig."

"Du bist bestimmt nicht langweilig. Du tust nur so, als wärest du unwichtiger als andere hier. Aber ich freue mich schon, wenn ihr mit dem blauen Pack aufräumt. Lass dich bloß nicht von denen kaputtmachen! Wir haben ja noch 'ne Vereinbarung."

"Millie, du weißt doch, daß ich mit Claire zusammen bin", versetzte Julius nun gereizt und wand sich, um sich aus Mildrids Armen freizumachen. Doch sie hielt ihn fest und sicher. Er hätte schon wild strampeln müssen, um freizukommen.

"Süßer, ich habe nicht gesagt, daß wir heute schon damit anfangen müssen. Aber ich werde da sein, wenn du an meine Tür klopfst. Schönen Tag noch!"

Das rotblonde Hexenmädchen ließ ihn los. Ihre Schwester kam gerade heran, sah beide prüfend an, fand aber nichts, was sie hier und jetzt sagen mußte. Sie gratulierte Seraphine, die sich gerade von ihrer jüngeren Schwester und ihrer Cousine verabschiedete. Belisama kam zu Julius herüber. Sie strahlte ihn an, und er stellte sich vor, daß sie ihn gleich auch in die Arme nehmen würde. Doch sie streckte nur die Hand aus und ergriff seine, wobei sie ihn anstrahlte und sagte: "Gut geflogen, Julius. Seraphine bewundert dich dafür. Aber du hast ja auch einen guten Besen. Wirst du auch gegen die Blauen spielen?"

"Wenn es nach Claire ginge besser nicht", erwiderte Julius lächelnd. Belisama lachte glockenhell.

"Klar, wenn du mit mir ausgehen würdest würde ich auch nicht wollen, daß du dich auf diese Raufbolde einläßt. Quidditch ist ja auch so schon gefährlich genug. Was machst du jetzt noch?"

"Ich weiß nicht. Vielleicht setze ich mich in die Bibliothek und lese was. Vielleicht gehe ich auch mit Claire spazieren."

Belisama Lagrange verzog zwar kurz das Gesicht, lächelte dann aber wohlwollend. Julius war sich nicht so sicher, ob sie nicht auch gerne mit ihm zusammen sein würde. Doch sie war nicht so drauf und dran, ihn zu erkämpfen wie Millie. Und diesen Zug schätzte er sehr an ihr, wie auch an Sandrine, die ihn wohl auch sehr gut leiden mochte, aber ja auch selbst einen Freund hatte.

Als hätte Julius mit seinen Gedanken nach ihr gerufen, kam Sandrine Dumas aufs Spielfeld, zusammen mit Amélie Dujardin, deren Bruder Maurice und dessen Mannschaftskameraden vom gelben Saal. Während die Spieler von Saal Gelb der Mannschaft aus dem weißen Saal gratulierten, obwohl Seraphine das nicht toll fand, mit so wenig Punkten gewonnen zu haben, sprach Sandrine Julius an.

"Hallo, Julius. Wollte Jeanne dich heute nicht im vorderen Spiel haben? Ich hätte gerne noch ein paar Tore von dir gesehen, und Gérard sicher auch."

"An uns lag's nicht. Ich hatte Jeannes Anweisung, vor Barbara zu bleiben und den Torraum mitzuverteidigen. Nicht immer klappt das, wenn taktisch gespielt wird."

"Ja, und unsere Leute müssen übernächste Woche gegen die Rüpelbande von Colbert ran. Francine hat schon gefragt, ob die Pflegehelfer nicht gleich am Spielfeldrand sitzen sollten. Ich hoffe, die lassen meinen Bruder in Ruhe, solange der nicht nach dem Schnatz sucht", sprach Amélie mit großer Beklommenheit in der Stimme.

"Können wir ja mal morgen auf die Tagesordnung setzen, wenn die Konferenz läuft, Amélie", erwiderte Julius zuversichtlich klingend.

"Was machst du heute noch, Julius?" Fragte Sandrine und sah zum Himmel. Wolken trieben prall und dunkelgrau dahin. Ein kalter Nordwind kam auf.

"Bei dem Wetter besser nichts, wo ich draußen rumlaufen muß", sagte Julius.

Gérard Laplace aus seiner Klasse kam zusammen mit Robert, Gaston und André herbei, während sich Bernadette Lavalette um Hercules Moulin kümmerte.

"Hallo, Julius! Das war ja heute wohl ein Satz mit x, wie?" Fragte Robert, der sich kurz umschaute, ob Céline auch noch kam.

"Würde ich so nicht sagen, Robert. Ich denke eher, jetzt wird es richtig spannend. Die Blauen haben zwar absolut nichts mehr zu gewinnen, aber können uns noch richtig aufmischen, wenn wir die nicht frühzeitig abwürgen", sagte Julius. Céline, die gerade mit ihrer Schwester herüberkam, hörte das wohl und antwortete:

"Ich glaube nicht, daß Claire da zusieht, wenn Jeanne und du euch mit denen auf ihre schmutzigen Tricks einlasst. Aber Jeanne sollte beim nächsten Mal Yves ins Spiel nehmen, der kann doch noch besser fliegen als Virginie."

"Findest du?" Fragte Julius.

"Finde ich", sagte Constance Dornier auf diese Frage. "Dedalus hat euch nicht richtig aussortiert. Du bist zwar da, wo du bist, gut aufgehoben ... Uh!"

"Was ist?" Fragte Céline besorgt.

"Dieses Balg hat mir nur wieder in den Bauch getreten, Céline. Das wird auch immer doller. Ich bin doch keine Turnhalle", grummelte Constance und streichelte sich über den schon sichtbaren Umstandsbauch.

"In zwei bis drei Monaten hast du das hinter dir", meinte Céline. Das sollte wohl als Aufmunterung ankommen, tat es aber nicht.

"Haha, Céline. Dann habe ich dieses Ding erst recht um den Hals. Schon schlimm genug, daß ich immer fetter werde und bald nicht mehr gescheit laufen kann. Ich kann es dir gerne abtreten, wenn Schwester Florence es bei dir reinlegt."

"Eh, du kannst doch von deinem Kind nicht wie von einem Ungeziefer reden", protestierte Sandrine. Gérard legte ihr zwar kurz die Hand auf den Mund, mußte jedoch nicken.

"Mädel, ich will dieses Stück Fleisch nicht haben, daß mir Malthus untern Umhang gestoßen hat. Denkst du, ich hätte heute gerne auf der Tribüne gehockt, mir von dem Biest in mir in den Unterleib treten lassen und zugesehen, wie Miro uns so blöd aus dem Wettbewerb holt, mit so'ner Zirkuseinlage?" Maulte Connie Dornier. Julius sah sie verdutzt an. Er wußte nicht, was er dazu sagen sollte oder doch die Weißen durfte. "Die hätten mich mit Malthus rauswerfen sollen, damit ich das Früchtchen loswerden konnte. Ich wollte kein Kind und will das hier auch nicht."

"Wissen wir", sagte Céline zu ihrer Schwester. "Ist uns allen schon ganz klar, Connie. Aber nöhl hier nicht rum! Die können nichts dafür, schon gar nicht wir Mädchen."

"Wie gesagt, Céline. Ich könnte ja fragen, ob du dieses Biest nicht weiterträgst, durch den kleinen Unterschied quetschst, was wohl höllisch wehtut und dann jahrelang um dich herumhaben."

"Neh, ich komme als Tante wohl besser klar", erwiderte Céline halblaut.

"Das kannst du wohl auch vergessen", sagte Julius voreilig. "Schwester Florence macht sowas nicht."

"Habe ich dich gefragt, Monsieur?" Stieß Constance wütend aus. Julius nickte. Er mußte seinen Ärger herunterschlucken. In diesem Zustand war Connie wohl nicht so selbstbeherrscht wie sonst. Und sonst war sie schon leicht reizbar, wußte er von Céline. Dieser hatte er ja versprochen, nicht böse auf ihre Schwester zu sein, wenn die was sagte, was ihn verletzte oder wütend machte.

"Der hat dir das Kind nicht gemacht, Kratzbürste. So wie du jetzt drauf bist, würde der dich nicht einmal auf Armlänge an sich ranlassen", fauchte Céline. Julius winkte ab. Sie nickte ihm zu und machte ein bedauerndes Gesicht. Sandrine winkte derweil und ging mit Gérard davon. Robert, der wohl fand, Connie noch etwas ärgern zu müssen, feixte:

"Hast du ihm oder ihr denn schon erzählt, was für'n netten Onkel er oder sie kriegt, wenn es deine Einbauwohnung verlassen hat, Connie?"

"Wie?! Was tönst du hier noch rum, Kleiner? Du hast doch von Tuten und Blasen doch eh keinen Dunst!" Polterte Connie los und kam ins Keuchen.

"Wobei Tuten und Blasen keine ungewollten Kinder auf den Weg bringt", lachte Gaston Perignon belustigt. Julius fand das nicht komisch, sagte aber nichts dazu. Er sah Belisama an, die noch in seiner Nähe stand. Sie lächelte ihn an, winkte ihm, und er ging mit ihr zu Jeanne, Seraphine und Claire hinüber.

"Die ist immer anders drauf, Julius. Ich frage mich, was da noch schön am Kinderkriegen sein soll."

"Ich glaube, mit schön hat das nichts zu tun. Wir sind da wohl Sklaven von Mutter Natur, die will, daß wir mal zwischendurch zusammenkommen und uns vermehren, auch wenn das an und für sich unvernünftig ist, weil Kinder ja Arbeit machen und Kraft kosten. Aber damit wir das trotzdem machen, gibt es das Ding namens Liebe, wie mein Vater das mal gesagt hat."

"Was an sich 'ne sehr schöne Sache ist, wenn es zwischen den richtigen Leuten passiert", erwiderte Claire darauf. Belisama schrak zusammen. Offenbar hatte sie nicht darauf geachtet, daß Claire ihnen auf halben Weg entgegenkam. Sie umarmte Julius wieder und fragte ihn, was denn los sei. Julius erzählte ihr, was Connie gesagt hatte.

"Die fühlt sich verstoßen, weil sie von einem, mit dem sie nichts wollte, dieses Kind in den Bauch gelegt bekommen hat. Der hat die doch nur für seine eigenen Launen haben wollen", sagte Claire. Julius nickte. Durch die Arbeit mit Connie Dornier wußte er, daß Malthus Lépin nie wirklich vorhatte, mit ihr zusammen zu bleiben. Er hatte sich wohl nur wegen des Abenteuers mit ihr zusammengetan. Tja, und jetzt war Constance Schwanger, würde den Kindsvater vor dessen siebzehnten Lebensjahr nicht mehr sehen und durfte kein Quidditch spielen. Dazu kam noch die Strafe, die ihr aufgebrummt worden war. Sie mußte die vierte Klasse bis zum Schuljahresende wiederholen, würde also noch ein Jahr später mit der Schule fertig sein als erwartet und hatte dann wohl noch das Kind um die Ohren, von dem die Pflegehelfer wußten, daß es ein Mädchen werden würde.

"Hattet ihr es wieder von Constance?" Fragte Jeanne, die nun alle ihr zugedachten Glückwünsche entgegengenommen hatte und zu ihrer Schwester und den anderen zurückgekehrt war.

"Connie Dornier hat mal wieder getönt, Céline ihr Kind unten reinlegen zu lassen, Jeanne", sagte Belisama. "Geht das denn überhaupt?"

"Das ist mal gemacht worden, weil die eigentliche Mutter das Kind nicht ohne Risiko hätte austragen können. Allerdings ist das verboten. Mutterschaft soll so natürlich ablaufen wie es geht, Belisama. In diesem Fall, der wohl vor vierzig Jahren in Belgien passiert ist, mußten die beiden Frauen, zwei Cousinen, zweitausend Galleonen Strafe wegen Verstoß gegen die Mutterschutzgesetze und das Familienstandsgesetz bezahlen."

"Das muß dann wohl in den ersten Monaten gelaufen sein, wo die Ungeborenen nicht ganz ausgebildet sind und als Embryo bezeichnet werden", vermutete Julius, der davon zwar gehört hatte, aber die Einzelheiten nicht kannte.

"Neh, die werdende Mutter war schon im fünften Monat. Die müssen eine gemeinsame Apparition an denselben Punkt durchgezogen haben. Merkwürdigerweise kann die Leibesfrucht ja dann in einen anderen Schoß verpflanzt werden und da in ruhe weiterreifen. Wie das heilkundlich genau funktioniert wurde bisher ja nicht erforscht, weil es eben verboten ist."

"Ja, aber die mußten sich ja sicher sein, daß es geht", meinte Julius dazu.

"Dazu gibt es in der Schattenbibliothek der Heilkundler genug Fallbeispiele, eben wegen Apparitionsunfälle oder Verwandlungspannen. Aber wie genau das geht weiß natürlich keiner."

"Schattenbibliothek?" Fragte Claire.

"So heißt das bei den Heilern, wenn unerwünschte Dinge beschrieben werden und nicht für die ordentliche Heilerschaft bestimmt sind. In der Delourdes-Klinik gibt es so'ne Sektion, wo niemand außer dem Leiter, der Bibliothekarin und dem stellvertretenden Klinikchef randarf", sagte Julius, der davon gelesen hatte.

"Ja, und einiges davon ist bestimmt schon in der Abteilung magischer Mysterien, noch besser unter Verschluß", wußte Jeanne.

Während sie weiter zum Palast gingen, unterhielten sie sich darüber, was sie mit dem angebrochenen Tag noch anfangen wollten. Claire schlug vor, noch für den Elternsprechtag zu üben, weil die Holzbläsergruppe ein kurzes Konzert geben würde. Jeanne nickte. Sie war froh, aus dem nun langsam stärker werdenden UTZ-Vorbereitungsstress herauszukommen. So musizierten die Dusoleil-Schwestern mit Julius und anderen aus ihrer Gruppe zusammen, bis das Mittagessen anstand.

Nachmittags traf Julius in der Bibliothek auf Sandrine, die ihre Hausaufgaben für alte Runen durchging. Julius bot ihr seine Hilfe an und arbeitete leise mit ihr zusammen. Als dann Connie Dornier aus dem kleinen Leseraum kam, blickten beide gerade vom Wörterbuch auf. Sie winkte Julius. Er nickte Sandrine zu, die fragend die werdende Mutter ansah. Er stand auf und ging zu Constance hinüber, die auf den Leseraum deutete. Er ging arglos hinter ihr her und schloß die Tür von innen.

"Ich wollte mich bei dir entschuldigen, Julius. Ich weiß natürlich, daß du nichts für das Balg kannst. Aber wenn ich immer diese Sprüche von den anderen höre, würde ich am liebsten vom höchsten Turm springen und dieses Biest da drinnen", sie deutete auf ihren Unterleib, "mit hinübernehmen."

"Ich kann mich nur begrenzt in deine Lage reinversetzen, Constance. Sicher ist das anstrengend und auch unheimlich. Die Sachen, die wir im Pflegehelferkurs machen, können ja nur einen winzigen Einblick geben."

"Ich weiß ja, daß die Rossignol dich ja neben Jeanne für mich eingeteilt hat. Aber wieso lassen die mich nicht einfach hier raus. Ich kriege das mit dem ZAG und dem UTZ sowieso nicht mehr hin, wenn dieses Unwesen da aus mir rauskommt."

"Ich weiß nicht, ob "Unwesen" da wirklich hinpaßt, Constance", sagte Julius vorsichtig. "Andere Mädchen und Frauen würden wirklich gerne ein Kind kriegen und können es nicht oder kriegen keinen Mann, mit dem sie eins haben können."

"Jungchen, solange ich für dieses überdrehte Geschöpf mitessen, atmen und Wasser lassen muß, nenne ich es wie ich will, klar. Freuen tue ich mich bis jetzt kein Stück darauf, demnächst Extrastunden für Säuglingspflege zu machen. Du hast das ja bei dieser Matine gemacht. War das wirklich so lustig?"

"Das habe ich nie gesagt", sagte Julius betrübt.

"Siehst du? Aber was ich dir noch sagen wollte: Es ist Verschwendung, wenn du mit einem Ganymed 10 nur als Ausputzer spielst. Jetzt sag mir bloß nicht, daß das kein Zehner ist. Draufschreiben kann man ja alles."

"Wieso sollte mir jemand so'nen Superbesen geben?" Fragte Julius schnell, um die Ertapptheit zu überspielen.

"Weil jemand meint, daß du das Geld wert bist, das er kostet und weiß, daß du den auch fliegen kannst. Papa hat dir den Besen gebracht, höchstpersönlich. Barbara und Jeanne haben ihren Besen mit der Post bekommen. Also, was soll dann an deinem Besen so anders sein, wenn es kein Ganymed 10 ist. Ich habe gesehen, wie geschmeidig der fliegt. Du mußt dich ja schon anstrengen, den schlechter aussehen zu lassen als er ist. Aber warum du tiefstapelst würde ich gerne wissen. Denn sonst müßte ich mich umhören, was die Faucon oder Madame Maxime an dir finden, daß sie bestimmen, daß du einen verkleideten Besen hast."

"Constance, ich habe einen Ganymed 9 gekriegt und mußte lernen, damit zu fliegen, weil ich davor nur Sauberwischs und andere englische Besen hatte. Ihr seid alle mit Ganymed-Besen aufgewachsen. Ich wußte ja vor drei Jahren nicht, daß es echte fliegende Hexen und Zauberer gibt", versetzte Julius gereizt. Dann sagte er ruhig: "Ich weiß, daß du gerne mitgespielt hättest heute. Aber das mit dem Besen siehst du falsch."

"In Ordnung, du darfst das natürlich nicht erzählen. Sonst hätte man den Besen ja wohl nicht verkleidet, was eigentlich unter seiner Würde ist. Aber wenn du schon damit fliegst, dann hol auch das raus, was er hergibt und lass dich nicht von Jeanne kurzhalten! Die ist nicht deine Schwester."

"Ja, aber die Kapitänin der Grünen", sagte Julius schnell.

"Glaubst du denn, die merkt das nicht irgendwann, was mit deinem Besen los ist? Was meinst du, welchen Ärger du kriegst, wenn die davon Wind kriegt?"

"Keinen", erwiderte Julius. "Weil es kein Zehner ist."

"Gut, Julius. Ich gebe es dran. Wenn papa meint, daß du den besten Besen seiner Firma nicht richtig ausfliegen darfst, dann ist es eben auch nur ein Ganymed 9. Ich wollte nur wissen, was das Spiel soll."

"Gar nichts", erwiderte Julius. Dann verabschiedete er sich von Constance Dornier. Diese stand auf und verließ mit ihm den kleinen Leseraum, wo sie ungestört von den Anderen hatten sprechen können, ohne die anderen zu stören.

Julius überlegte sich, ob es nicht besser sei, die Geheimniskrämerei aufzugeben, die um seinen Besen gemacht wurde. Jetzt wußte es auch Constance Dornier. Er ging sogar davon aus, daß auch Céline das schon raushatte, und dann war es vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis alle anderen das wußten. Er beschloß, zu Professeur Faucon zu gehen. Doch diese wies ihn noch mal darauf hin, was sie, Catherine und Monsieur Dornier mit ihm vereinbart hatten, bedankte sich jedoch für den Hinweis.

"Mademoiselle Constance Dornier durchlebt im Moment unterschiedlichste Gefühlsschwankungen. Wahrscheinlich hat sie nur eine Ahnung, aber keinen Beweis für ihre Vermutung. Halten Sie Ihren Besen im Futteral diebstahlsicher! So wird keiner versucht sein, irgendwelche Theorien zu prüfen", sagte sie noch. Dann erwähnte sie noch: "Madame Maxime hat heute Mittag die Eulen losgeschickt, um den Elternsprechtag anzukündigen. Ihre Mutter weiß ja schon, daß er am letzten Tag vor den Ferien abgehalten wird. Ich freue mich schon darauf, Ihrer Mutter Rede und Antwort stehen zu dürfen. Einen angenehmen Tag noch."

Julius vertrieb sich den Abend mit Schach. Als er im Bett lag, dachte er noch mal an diesen Tag zurück. Aufregend war er verlaufen. Sie standen kurz davor, den Quidditchpokal zu gewinnen. Doch die Blauen konnten ihnen da noch einen Strich durch die Rechnung machen.

Nachts hatte er wieder einen leidenschaftlichen Traum. Dieses Mal fing es damit an, daß er in einem Kerker saß und von drei Hexen angeklagt wurde, von denen eine Martines und Millies Mutter war. Sie beschuldigten ihn, gegen seine Natur zu handeln und nicht die richtige Freundin zu haben. Sie erklärten ihm, daß Claire schlecht für ihn sei und er das Millie gegebene Versprechen nicht eingehalten habe, mit ihr eine ganze Quidditchmannschaft Kinder zu haben. Sie drohten ihm an, ihm seine Manneskraft zu nehmen, wenn er nicht augenblicklich anfinge, sein Versprechen einzulösen. So wurde Mildrid Latierre auf einem schwebenden Bett hereingebracht, völlig nackt. Sie strahlte ihn an. Angst und gerade aufsteigende Gelüste trieben ihn, zu ihr zu gehen. Er fühlte, wie sein Geschlecht immer schwerer und härter wurde, während er sich mit Mildrid Latierre, die ihn ermutigte und antrieb, das schwebende Lager teilte. Doch bevor es zu einer Explosion der Liebeswonne kam, sprang Goldschweif laut maunzend in den Kerker, wo das Liebesspiel stattfand. Julius erwachte und fühlte gerade noch, wie er fast wieder ungewollt seine Schlafanzughose besudelt hätte. Gerade wohl rechtzeitig war er aufgewacht. Er hörte jedoch immer noch das laute Maunzen und Singen einer übergroßen Katze. Er wartete, bis seine Erregung nachließ, freute sich, diesmal noch vor dem peinlichen Erguß erwacht zu sein und fragte sich, wieso er wieder von einer Latierre-Schwester geträumt hatte. An und für sich, so hatte er immer geglaubt, träumte ein Junge doch immer von der eigenen Freundin. Oder war Claire so einzigartig für ihn, daß sein Geist sie aus derartigen Träumen fernhielt? Aber wieso jaulte und maunzte es da draußen immer noch, wo der Traum vorbei war?

"Mann, dieses blöde Vieh ist ja wieder da", quängelte Gaston Perignon und riss das Fenster auf. "Hau ab, du Flohsack!" Rief er, um gleich darauf verärgert und erschrocken aufzuschreien: "Mist, die ist reingesprungen!"

Keine fünf Sekunden später turnte Goldschweif unter dem Vorhang um Julius Bett zu ihm hoch und warf sich unbekümmert auf seinen Bauch. Jetzt erst erkannte der Freund Claires, wie schwer dieses Tier war. Sie mochte gut und gerne ihre sieben Kilo wiegen, vermutete er, während er um Atem rang, weil die Knieselin im den Bauch eindrückte. Er spannte seine Bauchmuskeln an und konnte so die Last abfedern. Goldschweif schnurrte zufrieden.

"Mann, die ist ja wirklich verschossen in dich, Julius", sagte Hercules Moulin, als er den Bettvorhang um Julius' Bett vorsichtig aufgezogen hatte und das Knieselweibchen ansah, das wohlig schnurrend und maunzend Bauch an Bauch mit seinem Schulkameraden lag.

"Wieso ist die denn wieder da. Ich dachte, die hätte sich kleine Kniesel machen lassen", wunderte sich der englische Beauxbatons-Schüler und tastete vorsichtig nach dem glatten silbriggrauen Fell mit den dunkelbraunen runden Tupfern. Offenbar freute sich Goldschweif über diese Berührung und schmiegte ihren Kopf und das linke große Spitzohr an die Hand.

"Vielleicht will die ja welche von dir", feixte Hercules. Gaston trat an das Bett und sah das Zaubertier an wie eine lästige Fliege.

Ein getigerter Schatten flog durch das Fenster, konnte Julius noch sehen. Dann sprang ein Kater, ein gewöhnlicher Hauskater auf das Bett. Blitzartig sprang Goldschweif auf und fuhr wild fauchend auf den Eindringling zu.

"O, das ist Maximilian, Bébés bester Freund", sagte Hercules ängstlich. Goldschweif trieb den einfachen Hauskater wild kreischend und knurrend zurück zum Fenster und hieb ihm mit der rechten Pfote auf die Nase. Wohl zum Glück für Maximilian hatte sie ihre Krallen nicht ausgefahren. Doch der Tatzenhieb mußte dem getigerten Kater wohl gehörig wehgetan haben. Er jaulte schmerzhaft auf und klemmte seinen langen Schwanz zwischen die Beine. Er hastete zum Fenster hinaus und huschte wie ein Nachtgespenst in die Dunkelheit fort. Goldschweif kam mit stolz aufgestelltem Schwanz zurück. Julius imponierte das, wie ruhig das Tier den langen Schweif mit der Quaste halten konnte. Gaston sprang vor und versuchte, das Zaubertier zu greifen. Übergangslos hieb sie mit der linken Vordertatze nach seinem rechten Arm. Es ratschte laut und unangenehm. Gaston schrie schmerzhaft auf.

"Aaaaaauuuaaa!! Drecksvieh! Monster!" Heulte er wütend vor Schmerzen und trat nach dem Tier, das jedoch reflexartig auswich, ihn sehr wütend anknurrte und dann ungeniert auf Julius' Bett zurücksprang. Dieser hatte sich jedoch gerade noch rechtzeitig davon erhoben, um nicht wieder ein schnurrendes, sieben Kilo schweres Lebendkissen auf dem Bauch zu haben. Goldschweif schien jedoch mit dem warmen, nach Julius riechendem Bett auszukommen. Denn sie drehte sich halb ein, wobei sie jedoch sehr aufmerksam die Jungen im Schlafsaal beäugte.

"Mensch, dein Arm ist ja aufgerissen", bemerkte Hercules mit Angst in der Stimme. "Wie konntest du sie auch zu packen versuchen. Das ist ein Raubtier."

"Zeig her, Gaston!" Sagte Julius mit für ihn ungewohnter Strenge in der Stimme. Sein Schulkamerad weinte. Der rechte Schlafanzugärmel hing in fünf langen Streifen von seinem Arm, in den vom Handgelenk bis zum Ellenbogen fünf blutüberströmte feine Schnitte gezogen worden waren. Immer noch pulsierte frisches Blut aus den langen Wunden.

"O, das lasse ich besser von Schwester Florence behandeln. Ich weiß nicht, was an den Krallen alles dran war und ob Knieselkratzer wie einfache Wunden zu schließen sind", befand Julius und tippte sich an das Pflegehelferarmband. "Schwester Florence, ich rufe Sie!"

Vor Julius erschien wie eingeschaltet das räumliche Abbild der Schulheilerin. Sie sah ihn an und nickte ihm zu, er möge sprechen.

"In unserem Schlafsaal ist ein Kniesel. Gaston Perignon hat versucht, ihn wieder rauszusetzen und ist dabei häßlich von ihr gekratzt worden."

"O, reinige die Verletzung sofort mit dem Balsam der Vorbeugung, das du bei dir hast! Ich komme sofort und sehe mir das an! Keine Injuriclausa-Zauberei! Risswunden durch Tierkrallen, besonders die von Zaubertieren, müssen erst begutachtet werden. Wo ist Goldschweif denn jetzt!"

"Öhm, woher wissen Sie ...?" Fragte Julius und sah sich um, ob das Katzenwesen von der Heilerin vielleicht gesehen werden konnte. Doch es lag im Dunkeln.

"Weil Professeur Armadillus sie zum Palast hat laufen sehen können. Wer kam denn auf die glorreiche Idee, ein wildes Zaubertier reinzulassen?"

"Ich", jaulte Gaston schuldbewußt und schmerzgepeinigt.

"Tja, dann kommt sowas von sowas", war Schwester Florences Antwort. Dann verabschiedete sie sich, und ihr Abbild verschwand wie ausgeschaltetes Licht.

"Du hast es gehört, Gaston", sagte Julius und holte das von Aurora Dawn zu seinem Dreizehnten geschenkte Kästchen mit Tinkturen und Heiltränken aus seiner Reisetasche. Er holte ein Fläschchen mit reinem Alkohol heraus und wusch ihm das Blut mit einem extra dafür bestimmten Lappen vom Arm. Dann cremte er ihm die wie am Lineal gezogenen Risse mit einer matschbraunen Salbe ein, die glitzernd in den Kratzwunden auseinanderlief. Goldschweif lag derweil immer noch auf dem Bett von Julius. Hercules trat sehr respektvoll näher, streckte langsam die rechte Hand aus. Zehn ihm entgegengestreckte Krallen und ein warnendes Fauchen hielten ihn jedoch davon ab, das Tier anfassen zu wollen.

"Ich fürchte, wenn Armadillus die nicht rausträgt, bleibt die heute nacht hier, Julius. Ich habe keine Lust, alle zwanzig Krallen auf einmal im Gesicht zu haben."

"Zwanzig? Katzen haben doch nur achtzehn. Vorne je fünf und hinten je vier", wandte Robert Deloire ein, der wie der Rest der Jungen im Schlafsaal aufgestanden war und sich die Bescherung ansah.

Die Schlafsaaltür ging auf, und Professeur Armadillus und Schwester Florence traten ein. Dann keuchte auch Edmond Danton heran und trat ein.

"Schlaft ihr immer bei so weit offenem Fenster?" Fragte die Heilerin anstatt einer Begrüßung. Dann sah sie sich Gastons Arm an. Dabei verwendete sie eine Art Lupe. Dann zog sie ein Notizbuch mit einer Schreibfeder aus ihrem Kittel und notierte sich was. Erst dann nahm sie den Zauberstab und schloß die Wunden.

"Da liegt Goldschweif ja", sagte der Lehrer für Magische Geschöpfe und trat mit etwas, das wie eine Sprühflasche aussah an Julius Bett heran. Goldschweif schien zu wissen, was Sache war, sprang ansatzlos drei ihrer Längen vor und hüpfte wie ein übergroßer Floh zum Fenster hinaus. Armadillus steckte die Sprühflasche wieder fort. Er grummelte verärgert, blickte zum Fenster hinaus und suchte die Umgebung ab. Dann zog er seinen Kopf zurück und wandte sich an die Jungen.

"Wie kam Goldschweif zu Ihnen in den Schlafsaal?" Fragte er sehr ernst dreinschauend.

"Ich hörte das Vieh, äh, das Tier vor unserem großen Fenster. Es machte einen Höllenlärm, der mich nicht weiterschlafen lassen konnte. Ich wollte nur sehen, warum das Monster da saß und habe das Fenster aufgemacht", berichtete Gaston, der sich nun langsam wieder besser fühlte.

"Und Sie meinten, das Tier, von dem Sie nichts wissen, einfach anfassen und wieder raussetzen zu können? Zehn Strafpunkte wegen grober Unbedachtheit, Monsieur Perignon. Habe ich Ihnen nicht frühzeitig eingeschärft, nicht einfach nach fremden Geschöpfen zu greifen? Offenbar waren Sie zu schnell, um die Stufen der Warnung zu erkennen, die fast jedes Tier einhält, um innerartliche Kämpfe zu vermeiden. Wessen Bett ist es, auf dem Goldschweif lag?"

"Öhm, meins", gab Julius verlegen zur Antwort. Hercules sah den Lehrer an und sprudelte los:

"Die hat Julius auf dem Kieker, Professeur. Die war schon einmal bei ihm hier drin. Die hat den sich ausgesucht."

"Mann, mußte das jetzt sein?" Zischte Julius errötend. Professeur Armadillus wandte sich ihm zu. Er sah nicht gerade verärgert aus, aber auch nicht gerade amüsiert. Julius rechnete damit, nun ein Donnerwetter abzukriegen, weil er das nicht gemeldet hatte, daß Goldschweif ihn schon einnmal besucht hatte.

"So, Goldschweif, die Knieselin, die Sie auf Ihrem Valentinstagsspaziergang gesehen haben, kam schon einmal zu Ihnen. Wie haben Sie sie denn das letzte Mal hinauskomplimentiert, Monsieur Andrews?"

"Öhm, ich habe sie auf den Arm genommen und langsam zum Fenster zurückgetragen. Dann habe ich sie aufs Außensims gesetzt und das Fenster wieder zugemacht."

"Und wieso war das Fenster vorher offen?" Fragte Edmond Danton, nachdem er sich durch einen schnellen Blick zu Armadillus die Sprecherlaubnis besorgt hatte.

"Weil wir frische Luft brauchten. An dem Tag gab's ja Bohnengemüse und Zwiebelringe auf dem Salat", knurrte Hercules, der jetzt begriff, in welcher dummen Lage er selbst nun steckte. Denn er hatte ja unbedingt eine nächtliche Eulenpost von seiner Freundin haben müssen und deshalb das Fenster ganz geöffnet.

"Akzeptiert", sagte Professeur Armadillus und nahm Edmond damit jede Grundlage, einen Tadel loszulassen. Dann wandte er sich an Julius: "Stellen Sie sich bitte morgen nach dem Mittagessen in meinem Büro ein! Offenkundig ist eine Situation eingetreten, die der Klärung bedarf."

"Sehr wohl, Professeur Armadillus", antwortete der Angewiesene gehorsam. Danach verließen Schwester Florence und der Zaubertierlehrer den Schlafsaal.

"Was für eine peinliche Situation", machte Edmond seinem Unmut Luft. "Ihr wißt doch genau, daß die Fenster nie völlig offenstehen dürfen. Es soll gerade genug Luft eingelassen werden, um Ausdünstungen und veratmete Luft auszutreiben. Hier laufen ja nicht nur Kniesel rum. Was ist, wenn eine Vampirfledermaus entkommt und auf Beute ausgeht?"

"Dann sollten wir viel Knoblauch essen", warf Robert schlagkräftig ein.

"Vampirfledermaus, nicht Vampir", knurrte Edmond. "Ein echter Vampir würde dich sicher ohne weiteres überwältigen."

"Ja, und außerdem kommen magische Vampire auch durch halboffene Fenster", wußte Julius. Denn gerade besprachen sie in Faucons Unterricht "Vampire: Wahrheit, Dichtung, Muggelwissen"

"Ja, deshalb liegen um Beauxbatons wirksame Abwehrzauber, gerade um düstere Kreaturen abzuhalten", wandte Edmond ein. Dann warf er allen noch einen finsteren Blick zu, machte auf dem Absatz seiner flauschigen Pantoffeln kehrt und verließ mit flatterndem Bademantel den Schlafsaal. Julius meinte, daß es doch nun kalt genug geworden sei und schloß das Fenster wieder. Er vermeinte dabei, gerade zwei smaragdgrüne Lichtpunkte von links her näherkommen zu sehen. Doch er ging schnell zu seinem Bett. Mißbilligend rümpfte er die Nase.

"Bah, stinkt diese Mademoiselle. Wahrscheinlich hat sie sich extra für mich noch einparfümiert." Mit handlichen Zaubern zog er das Laken und das Oberbett ab, brachte die vom Knieselgeruch durchtränkte Bettwäsche zum großen Wäschekorb zwischen Aufenthaltsraum und Treppenaufgang für Jungen.

"Ich will dieses Tier nicht haben", flehte er lautlos. "Warum hat die ausgerechnet mich auf dem Kieker."

Aus einem Wäscheschrank, den eigentlich nur die Hauselfen benutzten, zog er frische Laken und kehrte zurück zu seinen Kameraden.

Zum Glück war ja morgen Sonntag, sodaß sie alle eine volle Stunde länger schlafen konnten.

 

__________

 

Ich weiß es nun, daß die Schwarzbauch-Brüder mir keine Jungen in den Hinterleib gelegt haben. Viel Anstrengung für nichts. Ich bin ärgerlich aber auch aufgeregt, weil ich doch wieder zu Julius gehen kann.

Ich habe nun einen schnellen Weg raus, ohne viel springen zu müssen. Jetzt sitze ich auf dem Vorsprung vor dem durchsichtigen Hindernis. Wieso lassen die ihre Wohnhöhle so undurchlässig? Ich rufe, diesmal lauter als sonst, weil ich will, daß er endlich aufmacht und mich reinläßt. "Julius, höre mich! Komm, lasse mich zu dir rein!" Rufe ich und singe ihm eines der schönsten Lieder, die meine Mutter für einen ihrer Auserwählten mal gesungen hat, als sie die Stimmung der Liebe so richtig überkam. Ja! Jemand von den Menschenjungen zieht die durchsichtige Fläche zurück und ruft was. Es tut mir in den Ohren Weh. Aber ich verdränge den Schmerz. Schnell bin ich in der Höhle und finde den Stoff vor dem Nest von Julius. Ich schlüpfe darunter, klettere zu ihm und lege mich auf seinen Bauch. Herlich warm ist das. Leise gluckert es darin, wie im Bauch meiner Geschwister, als wir noch alle schön zusammengelegen haben. Er streckt seine Vorderpfote nach mir und streicht mir über das Fell. Ja, ist das schön! Ich freue mich sehr, endlich bei ihm zu sein. Seine Ausstrahlung ist so anregend, so vertraut für mich, und er ist auch nicht böse zu mir.

Eh, was soll das denn? Da kommt dieses unterentwickelte Männchen, daß mir seit dem Anfang der Dunkelheit hinterherschleicht. Es will auch zu mir. Na, dem werde ich sofort zeigen, das da nichts läuft. "Aarrg, hau ab und verzieh dich!" rufe ich ihm wütend entgegen. Doch das Männchen ruft nur zurück:

"Eh, große, bist du gerade scharf. Lass mich mal ran!"

"Von dir will ich nichts!" Rufe ich zurück, springe auf und jage den aufdringlichen Kerl mit den Streifen im Fell zurück zum Fenster. Er dreht sich noch mal um und knurrt: "Lässt du mich wohl ran?" Ich schlage ihm mit der weichen Pfote kräftig auf seine Nase und treibe ihn raus. Ich lasse mich doch nicht von so einem niederen Männchen besteigen!

Ich laufe zurück zu Julius. Doch einer seiner Schlafgefährten greift einfach nach mir. Ich muß mich wehren und schlage ihm gegen sein Vorderbein. Das tote Fell, das die Menschen über ihre Körper legen, zerreißt laut, und ich fühle, wie ich meine Krallen tief durch seine nackte Haut ziehe. Das hat er jetzt begriffen. Er schreit nun laut, nennt mich "Drecksvieh" und "Monster", böse Wörter, wie ich schon weiß. Aber er bleibt mir endlich vom Leib. Ich gehe zu Julius zurück und lege mich auf das warme weiche Nest, in dem er schläft. Ich genieße die Wärme, die darin steckt und schnuppere seinen Körperduft, der von merkwürdigen Gerüchen durchsetzt wird, die aber nicht von ihm selbst kommen. Es ist laut hier. Julius redet mit seinen Artgenossen. Dann kommt laut singend das ältere Menschenweibchen, das immer dann da ist, wenn eines der Jungen sich verletzt hat. Doch sie riecht nicht. Ja, sie ist nicht richtig da. Deshalb höre ich auch dieses leise Singen, wenn die Kraft wirkt. Sie ist wegen der Kraft zu sehen und durch das glitzernde Ding an Julius rechter Vorderpfote auch zu hören. Ich höre meinen Namen und lausche. Dann verschwindet das singende Bild des Weibchens. Julius holt übelrichendes Zeug aus einem Ledersack und streicht damit die von mir erwischte Vorderpfote seines Schlafgefährten ein. Dann kommt das Weibchen, das kranke Junge besucht tatsächlich herein. Ich rieche ihren Körper, höre ihren Atem und das leise Gluckern in ihrem Bauch. Oh-oh! Der, der uns alle in den Grenzen hält ist auch da! Der will mich bestimmt hier wegholen. Nein! Er holt den hohlen Stein mit dem Schlafmachernebel aus seinem toten Fell! Er richtet ihn auf mich! Ich springe sofort weg, zurück zur Öffnung nach draußen und flüchte in die Dunkelheit. Huh, geschafft! Zwei hohe Sprünge, und ich bin auf dem Boden. Ach, nein, dieses Männchen der niederen Sorte kommt schon wieder. Ich warne ihn unüberhörbar. Er bleibt jetzt auf Abstand. Ich lausche in die Dunkelheit und höre die Stimmen aus der Schlafhöhle von Julius. Irgendwann geht der, der die Grenzen gemacht hat und verschwindet im übrigen Steinbau. Ich laufe leise los, klettere und springe zum großen Vorsprung vor der Schlafhöhle. Ich rieche, höre und sehe Julius noch, wie er die durchsichtige Fläche wieder in die Öffnung drückt. Ich bin ausgesperrt. Ich stehe noch eine Weile auf dem Vorsprung, dann kehre ich wieder zurück auf den Boden. Weißohr hat vor zwei Sonnen was von einem Nest mit jungen Ratten erzählt. Das werde ich jetzt mal besuchen. Die Springerei und Lauferei macht ganz schön hungrig.

 

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Die Pflegehelferkonferenz beschloß, für das Spiel Gelb gegen Blau alle Pflegehelfer am Spielfeldrand zu plazieren. Denn nach den letzten Spielen war den Blauen zuzutrauen, daß sie wild dreinschlagen würden, zumal die Gelben sehr friedfertig waren und für solche Charaktere leichte Beute. Sandrine und Francine nickten dankbar. Sie besprachen noch die Lage für Constance. Deborah verriet, daß ihre neue Klassenkameradin gerne ihr Kind loswerden wollte. Schwester Florence sagte:

"Klar, sie ist noch nicht reif genug für ein Kind. Glaube es mir, Deborah, wenn es mir erlaubt wäre, würde ich dieses Kind gerne in meinen Uterus übernehmen und gesund austragen und zur Welt bringen, nur damit es nicht vor der Geburt schon gehaßt wird. Aber es ist mir eben nicht erlaubt, wie auch nicht anderen Hexen, sowas zu tun."

"Ihren was übernehmen?" Fragte Felicité Deckers die Heilerin.

"U-te-rus, was Mutterschoß oder Gebärmutter bedeutet, Felicité. Aber das habe ich euch schon mal erklärt. Habe ich nicht?" Felicité nickte und lief rot an. "Wußte ich's doch."

Nachdem das nun geklärt war, löste die Heilerin die Konferenz auf und ging mit der Pflegehelfergruppe um julius Tierwunden durch, weil es sich gerade anbot, das Julius Zeuge einer solchen Abwehr geworden war. Danach schickte sie alle bis auf Julius wieder in die eigenen Säle zurück.

"Wie gut kennst du dich mit der Species Mysteriofelis rictavia Knieseli aus, Julius?"

"Zu wenig", erwiderte Julius betroffen dreinschauend.

"Nun, alles weiß ich auch nicht darüber. Aber nach der Sache gestern habe ich alte Berichte gesucht, die über die Beziehung Kniesel und Zauberschüler angelegt wurden. Dabei fand ich heraus, daß es die Linie Queue Dorée schon seit Viviane Eauvives Wirken hier gibt und fünf von den sechsundzwanzig Namensträgerinnen sich an Schülerinnen oder Schüler heranwagten, sich ihr Vertrauen im wahrsten Sinne erschlichen und sie nach der Schulzeit auch auf ihren weiteren Lebensweg begleiteten. Ich bin bis jetzt nicht dahintergekommen, warum die übrigen zehn Kniesel, die durchschnittlich im Gehege wohnen, nicht sowas tun. Professeur Armadillus wird dir wohl heute noch erzählen, daß es einen Charakterunterschied macht, ob ich einen Hauskniesel habe, dessen Zucht zu einem Drittel durch Einführung gewöhnlicher Hauskatzen gelang und Freilandknieseln, die nur zwischen einem Zwanzigstel und einem Achtel Hauskatzenanteile in der Zuchtlinie aufweisen. Die Queue-Dorée-Linie wurde stets so gezüchtet, daß der Anteil bei einem Zwölftel blieb. Also in direkter Linie alle zwölf reinrassige Kniesel eine reinrassige Hauskatze eingekreuzt wurde, wie man das wohl nennt. Warum die Kniesel sich die bestimmten Hexen oder Zauberer aussuchten, konnte ich den Unterlagen nicht entnehmen. Es waren sowohl Reinblütige wie Mischblütige dabei. Aber Muggelstämmige gab es in diesem Zusammenhang nicht. Du bist da der erste Fall."

"Ich habe zwei Zaubererlinien im Stammbaum", erwähnte Julius und beschrieb, was er über seine weit zurückreichende Ahnenlinie wußte, deren Zusammenführung durch seine Eltern, die nach vielen Generationen Nichtzauberern wieder einen magischen Nachkommen hatten, schlafende Zauberkräfte verstärkten, sodaß er ...

"ein Ruster-Simonowsky-Zauberer bist. Ist mir natürlich bekannt. Ich wußte nur nicht, welche Ahnen du hattest. Hmm, ist interessant. Wenn meine Zeit nicht so knapp bemessen wäre, würde ich das weiterverfolgen. Aber ich denke auch, daß Professeur Armadillus da die Autorität ist, der es erlaubt ist, sich damit zu befassen. Nur eins gebe ich dir noch mit auf den Weg: Wenn Goldschweif sich dich ausgesucht hat, wirst du die nicht mehr los. Ich würde also mit Professeur Armadillus und eurer Hausvorsteherin arrangieren, wie du sie halten und behandeln kannst. Soviel nur: Tagsüber dürftest du nicht mit ihr zu tun bekommen, weil um das Knieselgehege ein Zaun läuft, in dem vier sich verstärkende Bannzauber jedes Ausbüchsen verhindern. Allerdings sind diese Zauber so angelegt, daß sie nachts schlummern, um den Knieseln genug Freilauf zum Jagen und sonstigem zu schaffen. Wenn Goldschweif wirklich schon öfter bei dir war, wird sie wohl nun immer zu dir kommen und eine Weile bleiben wollen."

"Ja, aber ich dachte, die wäre gedeckt worden und trüge gerade Junge", sagte Julius.

"So, wurde sie das? Das klärst du besser mit Professeur Armadillus."

Julius erzählte von sich aus noch, daß er letzte nacht wieder einen leidenschaftlichen Traum hatte, allerdings nicht zum Erguß gekommen wäre, wie das letzte Mal. Er verschwieg jedoch, daß er von Millie Latierre geträumt hatte.

"Der Geschlechtstrieb gehört neben Angst und Kampfinstinkten zu den heftigsten Grundinstinkten, die auch uns Menschen noch zu steuern vermögen. Du wirst wohl während des Traumes entsprechende Botenstoffe ausgeschwitzt haben. Das dürfte deinen Körpergeruch für Goldschweif noch attraktiver gemacht haben. Teilweise wirken Geruchsstoffe in Säugetierbotenstoffen gleichermaßen informativ, wenn auch nicht so erregend, wie eben bei Artgenossen. Nun, dann wünsche ich dir alle Muße und eine ruhige Hand beim Umgang mit diesem Tier. Du hast ja gesehen, wie schnell es zu Verletzungen kommen kann, wenn es verängstigt oder gereizt wird."

"Ja, weiß ich", grummelte Julius und verabschiedete sich.

Im grünen Saal sprach er mit allen Klassenkameraden über die Sache mit dem Knieselweibchen. Céline sagte:

"Oh, ich hörte davon auch. Kniesel können sehr besitzergreifend sein, mehr noch als ein Haushund. Dann solltest du das mit Armadillus klären, was du tun kannst."

Claire sagte: "Ich hoffe, die läßt dich tagsüber in Ruhe. Ich habe keine Lust, dieses Tier, so schön es auch ist, um uns rumschleichen zu sehen."

Hercules wiederholte, was er schon einmal gesagt hatte, als Goldschweif den ersten Besuch abgestattet hatte. Laurentine sagte nur:

"Jetzt weiß ich auch, warum Maxi so durch den Wind war und wo der Blaue Fleck um seine Nase herkommt. Wahrscheinlich ist die Dame gerade rollig oder war es bis vor kurzem noch. Der steigt nämlich sonst nur normalen Katzen nach."

"Na klar war die gerade ein heißes Mädel", sagte Hercules. "Die können im Frühling und im Herbst befruchtet werden. Wundere mich nur, daß ich die nie jaulen und betteln höre."

"Hercules, das Knieselgehege liegt auf der anderen Seite vom Palast und dann noch mindestens hundert Meter weg. Wenn die Fenster zu sind, hörst du das bestimmt nicht laut genug, um davon wach zu werden", warf Robert ein. Jasmine sagte dann noch:

"Och, ist doch schön, ein Kniesel. Das einzige Problem dabei ist, daß du in der Muggelwohnung deiner Mutter keinen halten darfst und Goldschweif das bestimmt nicht kapiert."

"Na toll, dann darf ich nicht mehr nach Hause, weil mir die goldschweifige Lady nicht vom Leib bleibt", knurrte Julius.

"Es gibt genug Wege, Tiere zu bändigen. Klär das mit Armadillus!" Sprach Claire ihrem Freund Mut zu. "Und falls das doch nicht geht, zieht deine Mutter eben nach Millemerveilles um. Da muß doch was gehen."

"Mademoiselle Claire, du träumst zuviel", warf Céline barsch ein. Ihre Freundin funkelte sie strafend an, sagte jedoch nichts dazu.

Die Jungen und Mädchen schlossen die Diskussion damit, daß Julius am Nachmittag ja wohl mehr erfahren würde. Claire und Céline bedauerten nur, daß Julius ihnen nicht bei der Sozius-Flugprüfung zusehen konnte. Er sagte dazu, daß er sich sicher war, daß sie beide bestehen würden und wünschte ihnen viel Erfolg.

So stand der muggelstämmige Drittklässler am Nachmittag um zwei Uhr vor dem Büro von Professeur Armadillus. Er hörte, daß Professeur Faucon auch da war und klopfte höflich an. Als er hereingebeten wurde, wartete er, bis er sich auf einen Stuhl setzen durfte. Dann sprachen sie über Goldschweif und ihn. Professeur Faucon nickte, als Julius ihr den Grund nannte, weshalb er ihr das vorher nicht erzählt hatte. Professeur Armadillus wiegte den Kopf. Dann sagte er:

"Ich muß auf der Grundlage aller bekannten Fakten anerkennen, daß Goldschweif die sechsundzwanzigste ihren zauberischen Vertrauten erwählt hat. Ich wußte ja schon, daß die beiden Kniesel, die sie belegt haben unfruchtbare Samenzellen hervorbringen. Ich wollte ja eigentlich andere Männchen an sie heranführen, aber sie hatte ihren Trieb wohl schon voll ausgelebt und hat andere Männchen verbissen. Nun, so stelle ich als zuständiger Lehrer für Magizoologie fest, daß ein Arrangement getroffen werden muß, um die sich anbahnende Symbiose so störungsfrei wie möglich zu gestalten. Grundsätzlich müssen Sie eine Ruhestatt bauen, die Ihren Geruch trägt und auf die sie ihren eigenen Geruch aufbringen kann. Was die Hygiene angeht, so ist es glücklicherweise so, daß Weibchen ihren Urin immer in frischer Erde absetzen und die Fäkalien, also den Kot, gerne unter Pflanzen absetzen. Es dürfte also ohne Probleme gehen, daß Goldschweif die unverdaulichen Nahrungsreste in der Nähe des Palastes ausscheidet und nicht in Ihrem Schlafsaal. Die Ruhestatt ist wichtig, weil Sie bestimmt nicht mit ihr im selben Bett schlafen möchten, zumal da wieder hygienische Einwände gegensprechen."

"Na toll", versetzte Julius, der sich nicht daran gewöhnen wollte, ein solches Haustier zu haben.

"Mehr Haltung, wenn ich bitten darf, Monsieur", mahnte Professeur Faucon ihn.

"Auch was die Nahrungsaufnahme angeht, so müssen Sie nichts dazutun. Diese Sorte Kniesel ist das Beutemachen gewohnt, ja verweigert Fleisch von Tieren, die schon länger als einen Tag tot sind oder gar gekocht oder gebraten wurde. Allerdings müssen Sie darauf gefaßt sein, unverzehrbare Überreste vorzufinden. Aber da Sie eine Eule halten, ist Ihnen das natürlich schon geläufig."

"Öhm", setzte Julius an. "Was fressen Kniesel denn für gewöhnlich?"

"O das ist variabel. Hauptsächlich flügellose Insekten, Spinnentiere die bis Mausgroß werden können, Nager von der Maus bis zur Wanderratte, Kaninchen kommen aber auch in der Nahrungsauswahl vor, dann natürlich Singvögel oder flugunfähige Junge von Greif- und Eulenvögeln. An und für sich ein guter Vertilger von Ungeziefer, da ein Kniesel nicht nur Schaben erbeutet, sondern auch Blattläuse von davon befallenen Pflanzen liest. Sie kriegen auch keine Flöhe, weil sie die sofort fangen und fressen. Allerdings sollten Sie auf Zeckenbefall vorbereitet sein und die entsprechenden Ablösetinkturen bei der Hand haben. Ich gebe Ihnen das Buch "Das Wesen des Kniesels" in der zweihundertsten Nachbearbeitung mit, an dem die Gründerin Ihres Saales und der Züchter dieser Tierart selbst mitgewirkt haben. Da steht von Zuchtwahl bis Pflege, Gesten und Lautäußerungen alles drin."

"Nun, dann bleibt mir ja wohl nur übrig, dem ganzen zuzustimmen", gab Julius niedergeschlagen zur Antwort. Dann hob er noch mal den Kopf und fragte:

"Was ist denn da eine Symbiose, Professeur. Ich hörte, daß sowas ja immer auf Gegenseitigkeit läuft."

"Von Goldschweif haben sie die wachen Instinkte und Sinne, auch für magische Abläufe, den Ortsspürsinn und zwischendurch mal einen Spielgefährten. Goldschweif hat von Ihnen eine Aufgabe, einen Bezug, für den es sich zu leben lohnt. Sie wird noch zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre leben können, also eventuell Ihre Kinder noch kennenlernen", sagte der Zaubertierkundler.

"Hmm, gestern wollte die keinen an sich ranlassen, außer mir. Was mache ich, wenn ich vor dem schlafengehen mit Leuten zusammen bin und dieses Tier die alle mit Krallen und Zähnen wegscheucht?"

"In der Regel akzeptiert ein Kniesel die Bezugspersonen seines Vertrauten, sofern es Hexen und Zauberer sind. Bei Muggeln zeigen sie ein gewisses Mißtrauen und können diese nicht lange um sich herumhaben. Es trifft sich also gut, daß Goldschweif zumindest solange ausschließlich auf dem Gelände von Beauxbatons verbleibt, bis Sie mit Ihrer Schulbildung fertig sind. Bis dahin wird sie hoffentlich noch einige Würfe Junge bekommen und ihre Zuchtlinie erhalten. Die Schwarzbauch-Brüder werde ich wohl kastrieren lassen müssen, um derartige Verschwendungen nicht mehr vorkommen zu lassen", sagte Professeur Armadillus entschlossen.

"Dann hoffe ich mal, daß sie sich mit meinen Freunden versteht", sagte Julius nur dazu. Professeur Faucon bemerkte mit ernstem Gesichtsausdruck:

"Wenn Sie und Ihre Kameraden nichts tun, was das Tier ärgert oder ängstigt, dürfte dem nichts entgegenstehen. Es könnte nur sein, daß Monsieur Perignon, der sie nicht respektiert hat, von ihr abgelehnt wird, ja als nun von ihr unterworfener keinerlei Durchsetzungskraft ihr gegenüber besitzt."

"Abgesehen, Blanche, daß Kniesel wie gewöhnliche Hauskatzen ein sehr starkes Selbstbewußtsein haben und auch mal ohne ihren Bezugszauberer auskommen können."

"Na, da bin ich ja beruhigt", dachte Julius als Antwort auf diese Äußerung des Lehrers für Magizoologie.

"Dann gebe ich Ihnen jetzt das Buch und wünsche Ihnen die Ruhe und Übersicht, die Notwendig ist, um ein solches Tier artgerecht halten zu können. Wie gesagt, es ist bis zum Ende Ihrer Schulzeit Eigentum der Beauxbatons-Akademie. Ob es danach in Ihr Eigentum übergeht, soferrn man überhaupt von Eigentum sprechen darf, wo es um ein Lebewesen geht, wird bei Abschluß Ihrer Ausbildung entschieden."

Als Julius mit einem smaragdgrünen Buch das Büro von Armadillus verließ, das auf dem vorderem Deckel zwei Kniesel zeigte, einer braun mit roten Tupfern und eine Urahnin von Goldschweif, vor und zurückschlichen, dachte er leise: "Langsam verstehe ich Connie Dornier. Jetzt habe ich auch ein kleines Geschöpf am Hals, das ich mir nicht ausgesucht habe. Nur daß sich das Biest auf meinen Bauch gelegt hat, während Connie ihr Kind noch darin hat."

Im grünen Saal war Hochstimmung. Die Jungen und Mädchen aus den Gruppen für die Sozius-Flugprüfung freuten sich. Keiner und keine von ihnen hatte versagt. Als Céline ihm erzählte, daß sie mit 90 von 100 erreichbaren Punkten in Praxis- und Theorieteil bestanden hatte, gratulierte er ihr. Claire hatte es mit sogar 93 Punkten von 100 erreichbaren geschafft.

"Du bist also bei mir in den besten Händen, wenn die Walpurgisnacht ansteht", flüsterte Claire ihrem Freund zu.

"Wie haben denn die anderen bestanden?" Fragte Julius.

"Sandrine hat wohl mit 82 Punkten bestanden und Belisama hat es auf 91 Punkte gebracht. Millie hat die oberste Punktzahl von allen mit 98 2/3 einen Punkt weniger als du selbst, Julius", verriet Claire ohne Spur von Neid oder Verachtung. Sie freute sich einfach, daß sie nun auch jemanden auf ihrem Besen mitnehmen durfte, was für die am letzten Apriltag steigende Walpurgisnachtfeier unverzichtbar war.

Als er allen Kameraden seiner Klasse die für ihn nicht so berauschende Neuigkeit erzählte, daß es nun amtlich sei, daß die Knieselin Goldschweif ihn als Vertrauten ausgewählt hatte, nickte Hercules nur, während die Mädchen ihn erwartungsvoll ansahen. Claire fragte:

"Dann sollst du dieses Weibchen nachts zu dir nehmen? Tagsüber bleibt sie in ihrem Gehege?"

"Yep", erwiderte Julius. Laurentine meinte:

"Das wird aber dann problematisch, wenn Maxi hinter ihr herläuft. Ich habe keine Lust, andauernd blaue Flecken oder gar Kratzer zu sehen."

"Dann lass den doch kastrieren", schlug Hercules vor. Laurentine sah ihn zornig an.

"Pass mal auf, daß ich dich nicht kastriere! Denkst du, ich will so'n katzenförmiges dickes Sofakissen haben, wie meine Oma Monique?"

"War nur ein Vorschlag, Bébé", gab Hercules kleinlaut zurück. Gaston sah Julius an und meinte dann:

"Ich habe von dem Biest die Schnauze schon jetzt voll. Kann Armadillus die nicht auch nachts einsperren?"

"Habe ich ihn gefragt", erwiderte Julius. "Aber er hat das abgelehnt und damit begründet, daß Kniesel nachts die meiste Nahrung aufnehmen. Wir müssen sie ja nicht jede Nacht reinlassen."

"Tja, und dann singt und jammert die andauernd vor unserem Fenster herum", meinte Gaston verbittert.

"Vielleicht kann man der ja den Taceto-Zauber anhängen", warf Robert ein.

"Der geht nur bei sprachfähigen Wesen", wußte Claire. "Bei Tieren oder um jeden unbewußten Laut zu vermeiden, wirkt nur der Silencius-Zauber."

"Hört hört!" Bemerkte Robert abfällig grinsend. Dann sagte Irene Pontier noch:

"Die werden schon dafür sorgen, daß du hier nicht nur mit diesem Tier herumlaufen mußt. Du sollst ja hier lernen und nicht mit Knieseln kuscheln."

"Kuscheln sowieso nicht", fauchte Claire unvermittelt verärgert mit den Augen funkelnd.

"Mit dir aber auch nicht", gab Irene barsch zurück. Claire knurrte nur unverständliches Zeug und wandte sich dann an ihren Freund.

"Ich hoffe, ich kann mich an diese Dame gewöhnen. Wenn ich das von dir jetzt richtig verstanden habe, haben wir ja am Tag Ruhe."

"Denke ich schon", sagte Julius und lächelte Claire beruhigend an.

Edmond Danton sah sich im Schlafsaal der Drittklässler um, als die übliche Nachtruhekontrolle anstand. Er sah Julius an und sagte: "Wenn die Knieselin wieder auftaucht, lass sie besser nicht rein! Ihr müßt schlafen. Am besten machst du was, daß sie draußen bleibt und nicht jammert."

"Wir können ihr ja den Silencius-Zauber anhängen", schlug Robert vor. Edmond zuckte die Achseln.

"Der geht nicht bei allen Zaubertieren gleichgut. Außerdem merken die das, wenn du einen Zauberstab auf sie richtest und können ganz schnell ausweichen, wie ihr ja gestern gesehen habt."

"Dann mache ich was anderes", sagte Julius und holte eines der überzähligen Kissen von seinem Bett. Er hatte mal gehört, daß man durch Reiben unter den Achseln und unter den Fußsohlen oder an der Innenseite der Oberschenkel seinen Körpergeruch schnell auf einen Gegenstand bringen konnte. So rieb er den ganzen Kissenbezug an den entsprechenden Stellen seines Körpers, bis jeder Quadratzoll bestimmt mit seinem Körpergeruch durchtränkt war. Dann Bezauberte er das Kissen so, daß es bis auf Widerruf so warm wie das Zimmer blieb und legte es unter den Augen Edmonds auf das Sims vor dem Fenster.

"Das habe ich schon gelernt, daß Kniesel, die ihre Vertrauten besuchen wollen, gerne dort sind, wo es nach ihm oder ihr riecht. Wir können also das Fenster zulassen. Diese Nacht singt Goldschweif uns nichts vor."

"Wie du meinst", sagte der Saalsprecher der Grünen und wünschte den Drittklässlern eine gute Nachtruhe.

Eine Stunde nach Edmonds Besuch kontrollierte Julius, ob der nach außen Schall schluckende Bettvorhang richtig zugezogen war und sprach mit Gloria über die Zweiwegspiegelverbindung. Er hörte es im Hintergrund plätschern. Offenbar hatte Gloria den Gang zum Mädchenklo nicht allein des Spiegels wegen unternommen. Sie erzählte ihm, daß in einem Magazin namens Klitterer ein seitenlanges Interview von Harry Potter abgedruckt worden war.

"Rate mal, wer das Interview gemacht hat, Julius!"

"Wer schon, Rita Kimmkorn", erwiderte Julius darauf. Gloria schien leicht enttäuscht zu sein. Doch dann strahlte sie wieder.

"Also, dieses Magazin, das von Luna Lovegoods Vater herausgebracht wird, ist ja an und für sich nicht gerade glaubwürdig, und was wir von der wundersam wieder aufgetauchten Madame Kimmkorn zu halten haben, ist ja auch nicht gerade empfehlenswert. Aber dieses Interview wird wohl stimmen. Hier wird genau beschrieben, was Harry während des Turniers passiert ist und wie Cedric umkam. Außerdem nennt Potter alle Todesser, die Voldemort zu seiner Wiederauferstehung gerufen hat. Ein Name war ja keine Überraschung."

"Lucius Mein-Sohn-ist-ein-Drecksack Malfoy", knurrte Julius.

"Exakt, genauso wie zwei andere Namen, die wir zu gut kennen. Aber ich lasse dich da nicht mehr raten. Beauxbatons ist zu gut für deinen logischen Verstand. - Jedenfalls rotiert die Umbridge jetzt ziemlich heftig. Sie hat mit Fudge zusammen verboten, den Klitterer mitzuhaben. Wer mit dem erwischt wird fliegt von der Schule." Sie lächelte gemein. Julius konnte sich denken, daß niemand in Hogwarts so blöd war, dieses Magazin immer und überall mit sich rumzuschleppen, ja vielleicht eher den Mimicrius-Zauber zu machen, der Dinge oder Dokumente maskierte. Gloria schien ihn durch den Spiegel legilimentisch ausgehorcht zu haben. "Natürlich funktioniert das nur bei den Erst- und Zweitklässlern. Und die Leute darüber helfen den jüngeren, das Magazin gut zu verkleiden. Crabbe und Goyle sind jedenfalls sehr geknickt, genau wie ihr Herr und Gebieter. Jetzt weiß jeder, welche tollen Väter die haben, sofern man das doch glaubt, was in diesem Blatt drinsteht. Ich habe mit Luna gesprochen. Du kennst sie ja. Sie ist ja leicht weltentrückt und glaubt allen möglichen Kram. Sie hat mir erzählt, wie Harry an Valentin mit der Kimmkorn das Interview geführt hat. Cho muß das aber wohl in den falschen Hals bekommen haben. Prudence, Marietta und sie haben sich mal auf dem Klo drüber unterhalten, daß Harry wohl doch auf Hermine Granger abfährt. Na ja, sein Ding. Mum schickt dir den Klitterer zu, weil ich den ja nicht einfach als Brief losschicken kann. Lea hat mir nämlich zugetragen, daß die Slytherins der Umbridge angeboten haben, für sie ihre Mitschüler zu überwachen. Für Malfoy Junior ist das natürlich ein gefundenes Fressen. Lea spielt da mit, hat sie mir gesagt. Allerdings hält sie nichts von der Umbridge, weil die eben nichts unterrichtet."

"O dann solltest du dich vorsehen, Gloria. Wenn die beweisen muß, wie treu sie der Umbridge und den anderen Drecksäcken ist, könnte sie Leute verpfeifen, von denen sie mit Sicherheit was heftiges mitkriegt."

"Klar, Julius. Ich habe mir auch schon überlegt, wie ich Sachen drehen kann, damit die zwischendurch was vermelden kann, ohne das ich oder wer anderes zu tief reingeritten werden kann. Ich habe da nämlich meine Zweifel, wie gut ich Pinas Schwester oder Holly vertrauen darf. - Moment, jemand kommt her. Schlaf gut!"

Übergangslos verschwand Glorias Gesicht aus dem silberumrahmten Taschenspiegel. Julius steckte das magische Ding zurück in den Brustbeutel. Er zog ganz behutsam den Vorhang auf, stand auf und schlich zum Fenster. Auf dem bereitgelegten Kissen lag Goldschweif eingekugelt, das rechte Ohr und die goldene Schwanzquaste dem Fenster zugekehrt. Offenbar genoss sie das Ruhekissen, denn sie schlief. Julius zog sich leise ins Bett zurück und zog den von den Schülern Schnarchfängervorhang genannten grasgrünen Vorhang sorgfältig zu.

 

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Der Tag war scheußlich. Erst fiel Wasser vom Himmel und dann noch das weiße kalte Zeug, von dem meine Großmutter Grünauge erzählt hat. Es blieb aber nicht liegen, sondern wurde zu Wasser. Dann kam noch der, der die Grenzen gemacht hat und schlug mit der Kraft die beiden Schwarzbauch-Brüder nieder. Er holte sie aus unserem Reich und kam erst zurück, als die Sonne etwas weiter gesunken war. Oh, den beiden fehlt der Sack mit den Befruchtungskügelchen. Hatten die einen Unfall? Ich habe etwas Angst, daß mir das vielleicht auch passieren kann, daß ich keine Jungen mehr kriegen kann. Doch ich bleibe ruhig.

Hui, der Kampf mit dem großen Rattenweibchen, daß mir vor dem Steinbau über den Weg lief, war heftig. Es muß wohl sehr wütend gewesen sein. Aber jetzt habe ich es tot und fresse daran. Satt gehe ich nun zum Steinbau und klettere und springe zu Julius hoch. Auf dem Vorsprung liegt ein großer warmer weicher Stein, der nach Julius riecht. Ich freue mich so, daß ich mich darauf hinlege. Die Jagd hat mich ein wenig müde gemacht. So schlafe ich ein wenig.

Einmal spüre ich Julius, wie er zu der versperrten Eingangsöffnung kommt. Ich freue mich, daß er mir diesen Schlafstein hingelegt hat. Heute muß ich nicht zu ihm. So schlafe ich noch etwas, bis ich wach genug bin, um das große Reich um den Steinbau nach interessanten und leckeren Dingen abzusuchen. Unterwegs treffe ich Weißohr. Sie riecht trächtig. Wir begrüßen uns. Ich schwärme von Julius. Weißohr versteht nicht, warum dieser Zweifußläufer mich so begeistert. Dann kommt wieder dieses niedere Männchen mit den Streifen im Fell.

"Eh, Süße, - o nein, ist ja nichts mehr los bei dir", maunzt er und läuft weiter, bevor ich ihm zeigen muß, was ich von ihm halte. Seine Nase sieht jedenfalls noch gut angeschlagen aus.

Als es langsam wieder hell wird, gehe ich in meine Wohnung zurück. Julius hat mich jetzt verstanden. Er möchte haben, daß ich bei ihm bin. Er will nur nicht, daß ich in seinem Nest schlafe. Nun, das muß ich auch nicht haben.

 

__________

 

Eine Woche später. Julius saß mit seinen Klassenkameraden beim Frühstück, als eine Eule von Mrs. Dione Porter einen großen Umschlag brachte. Darin war eine Ausgabe des Klitterers, wie Gloria es angekündigt hatte. Er packte das Magazin aus und las den Umschlagtext: "Harry Potter berichtet endlich über die wahren Vorkommnisse bei trimagischen Turnier."

halblaut übersetzte er seinen Klassenkameraden, was in dem von Rita Kimmkorn geführten Interview mit Harry Potter stand. Professeur Faucon kam herüber, las über die Schultern des aus England stammenden Schülers mit und sagte, als er zu Ende gelesen hatte:

"Jetzt brauchen Sie das nicht mehr, nicht wahr? Überlassen Sie mir bitte dieses Blatt!"

Bedenkenlos gab Julius ihr den Klitterer.

In der ersten Stunde, Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie, las Professeur Faucon das Interview noch mal laut vor und sagte: "An und für sich hätte das in den Tagespropheten gehört, und es hätte der Befragung auch mehr seriosität angestanden, aber zumindest bin ich geneigt, diesen Aussagen voll zu vertrauen. Wer hat Ihnen dieses Magazin zukommen lassen, Monsieur Andrews?"

"Mrs. Dione Porter, die Mutter einer früheren Schulkameradin, Professeur Faucon. Zumindest steht das ja auf dem Briefumschlag."

"Verstehe, man möchte Sie natürlich auf dem laufenden halten, was in der britischen Zaubererwelt vorkommt", sagte die Lehrerin nickend und legte den Klitterer wieder fort. Dann fuhr sie mit dem Unterricht fort. Julius hatte eine Erörterung über Vampire geschrieben, was die Muggel darüber zu wissen glaubten und was in den empfohlenen Schulbüchern, sowie den "Kreaturen der Düsternis" darüber stand. Er hatte auch das reingeschrieben, was er aus dem Roman "Dracula" wußte. So wunderte es ihn nicht sonderlich, als Professeur Faucon "Dracula" an die Tafel schrieb und fragte, wer von diesem schon was gehört oder gelesen hatte. Laurentine zeigte auf und fragte, als sie Sprecherlaubnis bekam:

"Hat es den wirklich gegeben, Professeur Faucon. Ich dachte, das sei nur ein Gruselmärchen."

"In der Form, in der der Engländer Stoker ihn erwähnt hat nicht. Es gab einen historisch auch den Muggeln bekannten Grafen Dracula, der im ausgehenden Mittelalter gegen türkische Eroberungsversuche kämpfte. Er war wirklich ein Vampir, einer von der hellen Seite des Mondes. Das heißt, er hat seinen Blutdurst sehr gut unterdrückt und auf der Seite der Menschen gekämpft. Er starb zweihundert Jahre später durch einen Rivalen von der dunklen Seite des Mondes, den syrischen Vampirkönig Iben Gehenna, der sein Reich in Transsylvanien erobern wollte."

"Moment, soll das heißen, es gibt gute Vampiere?" Fragte Robert Deloire. Die Lehrerin nickte vorsichtig.

"Nicht gut im Sinne, daß sie harmlos sind, Monsieur Deloire. Es gibt aber solche, die ihre Blutgier gut beherrschen können, sie werden Kinder der hellen Seite des Mondes genannt, sowie solche, die sehr brutal und gierig sind und Kinder der dunklen Seite des Mondes genannt werden. Die, die in der Rue de Camouflage wohnen haben sicherlich schon gehört, bei Einbruch der Dunkelheit in den Häusern zu sein, weil dann die Vampire kommen, die in den Läden bluthaltige Speisen einkaufen. Aber weil Vampire grundsätzlich gefährlich sind, lernen wir hier, was man zu ihrer Abwehr können muß. Heilige Symbole, wie der Muggel Stoker sie in diesem Dracula-Roman als Abwehrmittel anpreist, funktionieren nur, wenn sie von wirklichen Zauberern mit Abwehrbannzaubern aufgeladen wurden, wie den Blutfriedenszauber, der alle blutdürstigen Zauberwesen, nicht nur Vampire, zurücktreibt oder den Segen der Sonne, der besonders in Gegenständen aus purem oder sehr hochgehaltigem Gold wirksam ist und die Kraft als unsichtbare Aura um den Träger legt, die das Tagesgestirn in seinem Licht überträgt. Monsieur Andrews, Sie hielten vor zwei Jahren einen zusammenfassenden Vortrag über die Magie des Sonnenlichtes, dem beigewohnt zu haben ich mich sehr gerne rühme. Daher können Sie uns sicher noch aus ihrem Gedächtnis erklären, wie dieser Zauber gewirkt wird."

Julius konnte es noch und heimste zwanzig Bonuspunkte ein.

"Halten wir fest, daß Knoblauch, alte Eiche und fließendes Wasser die natürlichen Schutzmittel gegen Vampire sind. Sie meiden das Sonnenlicht, weil sie darin verbrennen. Es gibt fünf generelle Abwehrzauber. Zählen Sie die auf, Mademoiselle Hellersdorf!"

"Öhm, Moment! Also den Segen der Sonne, von dem Julius gesprochen hat, dann den Frieden des Blutes, der zusammen mit frischem Menschenblut und Edelmetallen geschaffen werden kann, dann die Aura der Ungier, die hungrige oder gierige Wesen schmerzhaft auf Abstand hält und ... öhm ... Die letzten kriege ich nicht mehr auf die Reihe", sagte Bébé.

"Immerhin zwölfvon zwanzig erreichbaren Bonuspunkten, Mademoiselle Hellersdorf. Wer kann die fehlenden zwei noch nennen?"

Alle zeigten auf. Robert ergänzte dann noch, daß es den Bann der Schattenlosen gäbe, weil Vampire bei Licht heller als zwei Kerzen keinen klaren Schatten hätten und den Zauber Freund des Mondes, der mit Silber und Mondstein zusammen auf einen Zaubergegenstand gelegt werden oder als eliptische Linie mit ineinandergeschriebenen Runen für die Mondphasen und entsprechenden Zauberworten gewirkt wurde.

"In jeder Kultur und Glaubenslehre gibt es zusätzliche Mittel, um Vampire zu bekämpfen. Sie fliehen das Feuer, weil es einen Rest der Sonnenkraft wiederbringen kann, lieben jedoch moderige Böden und junge Tiere oder Menschen. Mancher Vampirjäger war skrupellos und legte einen Säugling als Köder aus, um Vampire dann mit Armbrustbolzen aus dem trockenen Holz alter Eichen zu töten. Mancher Säugling kam dabei jedoch um, weil der zu jagende Vampir schneller war."

"Ich vermisse das, daß Vampire kein Spiegelbild haben oder sich in Nebel auflösen können", wandte Laurentine ein, als ihr Sprecherlaubnis erteilt wurde.

"Ja, dieser Glaube, daß Vampire einerseits lebende Leichen und andererseits ohne Spiegelbild sind, ist in der Muggelwelt gerne verbreitet worden. Feststeht, daß Vampire ein klares Spiegelbild besitzen, wie alle anderen Dinge und Wesen auch. Selbst Geister kann man im Spiegel sehen. Es ist nur nicht möglich, einen Vampir, Geist oder Dementor mit Bildaufnahmegeräten der Muggel zu dokumentieren, weil deren Magie die Eigenbildausstrahlung so überlagert, daß die zu kurz belichteten Filme kein Bild speichern können. Was die Nebelgestalt angeht, so kann jeder Zauberer, der über die sechste Klasse hinaus Verwandlung lernt, sich in Nebel oder Flüssigkeit verwandeln, was aber sehr sehr anstrengend ist." Julius nickte. Er kannte das ja schließlich aus der Zeit in Belles Klasse. "Allerdings können nur Succubi, Wesen, die noch gefährlicher als Vampire sind, ihre feste Körperform so geschmeidig auflösen, daß sie als weißer Bodennebel aussehen. Aber diese Kreaturen besprechen wir in der ZAG-Klasse ausführlich genug", schloß die Lehrerin diesen Punkt ab.

Nach dem Schultag und dem Schachclub, wo Julius gegen eine Klassenkameradin Belles gespielt hatte, legte er sich müde und voll neuer Erkenntnisse zu Bett. Kein Knieselweibchen störte die Nachtruhe.

 

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Jetzt habe ich schon mehrere Sonnen auf dem Vorsprung vor Julius' Schlafhöhle gelegen. Ich möchte mal wieder zu ihm hinein, ihn am Körper spüren, ihm zeigen, daß ich da bin. Ich besuche ihn diese Nacht noch mal.

Die Ratten sind so gut wie fort. Sie wissen, daß wir sie gerne fressen. Nur ein Weibchen, dem Geruch nach eine Schwester von der Ratte, die ich schon einmal gefangen habe, läuft noch auf dem stinkenden Abfall herum. Ich schleiche mich an. Der Gestank deckt meinen eigenen Geruch gut zu. Jetzt habe ich sie. Sie quiekt und schreit, beißt und Kratzt um sich. Doch ich schüttel sie zweimal kräftig am Hals, dann knackt es darin, und sie quiekt nicht mehr. Ich freue mich über diesen Fang und nehme sie mit. Ich will sie Julius zum Geschenk machen, wie meine Mutter es bei ihrer Schwester aus dem Wurf vor ihr gemacht hat, um einen Kampf um ihr kleines Reich zu vermeiden.

Hmm, es ist schwer, mit der gefangenen Ratte zwischen den Zähnen hochzuklettern. Doch irgendwie klappt es. Jetzt stehe ich auf dem großen weichen Stein, der nach mir und Julius riecht. Ich lege die Ratte ab und kratze am Holz um die durchsichtige Fläche. "Julius, komm und mach das weg!" Rufe ich. Tatsächlich kommt nach Lauten von drinnen Julius an die Öffnung, zieht die gemeine Fläche zurück und macht den Weg frei. Ich greife die Ratte und trage sie hinüber.

"Iii, das ist ja fies!" Ruft Julius und nimmt die Beute und wirft sie so schnell er seiner Art her werfen kann, durch die Eingangsöffnung weit aus der Höhle. Ich ärgere mich ein wenig, daß er mein Geschenk nicht haben will. Der kann doch nicht nur halbverbrannte Vögel oder fremdes Fleisch essen, wo die meisten guten Sachen schon raussind. Ich springe vor seine Laufbeine und streiche ruhig daran entlang. Julius schiebt das tote Fell über seinen Vorderpfoten bis zu seinem Brustkorb zurück und bückt sich vorsichtig. Ich entspanne mich und mache wohlige Geräusche. Er hebt mich auf und trägt mich zu einem Stück Holz, das auf vier Beinen steht und ein anderes Stück Holz darüber trägt. Er Setzt sich auf das Stück Holz, spricht mit seinen Schlafgefährten. Einer von denen, der, der weiß, wie er auf mich zukommen darf, drückt die durchsichtige Fläche wieder vor die Öffnung und sagt zu Julius: "Wenn du mit der fertiggeschmust hast, kannst du sie ja wieder raussetzen, Julius."

"Geht klar, Hercules. Entschuldigung, daß ich euch wachgemacht habe. Aber tote Ratten muß ich ja wirklich nicht haben", sagt Julius und streichelt mich mit seinen Vorderpfoten. Ich bin zufrieden und sage ihm, daß er das gut macht. Ich rolle mich behaglich auf seinen Hinterpfoten zusammen, lasse mich auch am Bauch streicheln und mir hinter den Ohren die kurzen Krallen von Julius durchs Fell gehen. Er spricht nun angenehm leise zu mir, ohne seine Stimme hören zu lassen:

"Ich brauche keine Ratten zu essen, Goldschweif. Du mußt mir keine bringen. Bist ein schönes Mädchen. Könntest nur was angenehmeres auflegen. Aber ich denke mal, daß ist das, was du am liebsten riechst, wie. Feine Mademoiselle. Feine Mademoiselle."

Irgendwann hat er wohl keine Lust mehr. Ich höre an seinem Atem und seinem Herzschlag, daß er wohl gerne schlafen möchte. So lasse ich mich einfach wieder vor den Höhleneingang auf den großen Schlafstein legen und die trennende Fläche hinter mir wieder in den Eingang drücken. Endlich nimmt er mich an. Endlich weiß er, daß er mir gehört. Aber warum mag er keine Geschenke von mir? Vielleicht bringe ich ihm beim nächsten Mal einen Vogel. Die essen ja Vögel, wenn ich bisher auch noch keinen von seinen Artgenossen gesehen habe, die welche fangen.

Ich schlafe noch etwas auf dem Stein und träume von Rattenschreck, der mich zum ersten Mal geliebt hat. Als ich aufwache ist das Wechsellicht, daß die Zweifußläufer Mond rufen noch nicht weg. Ich klettere auf den Boden zurück und erschnüffele die Ratte, die ich Julius mitbringen wollte. Ich finde sie und trage sie, die steif wie gefallenes Holz ist, zu meinem Reich. Ich werde sie den Schwarzbauch-Brüdern schenken. Die sind sehr langsam und lustlos geworden, seitdem die ihren Befruchtungssack nicht mehr haben.

 

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Julius gewöhnte sich daran, daß Goldschweif nun nicht mehr nur vor dem Fenster liegen wollte. Nachdem sie ihm einmal eine tote Ratte vor die Füße gelegt hatte, kam sie einmal mit einem toten Vogel an. Diesen warf er auch wieder aus dem Fenster, aber ohne die anderen zu wecken. Er kraulte und liebkoste Goldschweif eine Viertelstunde, dann konnte er sie immer auf das Kissen legen. Wenn er Claire davon erzählte, fragte sie ihn, wie er sein neues Haustier streichelte und was er zu ihm sagte. Er tat es dann auch bei ihr, wenn sie mal in einer unbeobachteten Nische des grünen Saales saßen. Dabei schnurrte sie auch. Irgendwann sagte sie noch:

"Dieses Mädchen bringt dir viel Zärtlichkeit bei, stelle ich fest. Vielleicht solltest du sie mir doch mal vorstellen."

"Sie fährt beim Gekraultwerden immer die Krallen aus und zieht sie abwechselnd ein. Ich habe erst gedacht, ich würde da zu weit gehen. Doch im Buch über Kniesel steht drin, daß sie das so machen, weil sich ihre Muskeln an- und entspannen, wenn sie sich ganz erholen und auf dem Rücken liegen."

"Das tut Bébés Kater auch. Ich habe den auch mal so gekrault. Aber Kniesel haben ja zwei Krallen mehr."

"Stimmt. An jeder Pfote fünf. Kommt durch die Urkreuzung", wußte Julius. Dann verabredete er sich mit Claire, an einem Sonntagnachmittag zum Knieselgehege zu gehen. Wenn Armadillus es erlaubte, wollte er Claire Goldschweif näher vorstellen.

Als das Quidditchspiel zwischen den Gelben und Blauen vorbei war - die Gelben hatten die Blauen einfach ohne Widerstand Tore schießen lassen, bis ihr Sucher Dujardin nach zehn Minuten den Schnatz erwischte und den Gelben damit einen 10-Punkte-Vorsprung verschaffte - gingen Claire und Julius zu Armadillus, der ihnen erlaubte, Goldschweif zu besuchen. Er holte die Knieselin aus dem Gehege und ließ sie auf Julius zulaufen. Als Claire sich bückte, fauchte sie leise. Julius hob das Zaubertier auf und beruhigte es. Vorsichtig durfte Claire dann ihre Hand ausstrecken und Goldschweif streicheln. Danach ließ sie sich auch so streicheln. Doch als Claire Julius Hand ergreifen wollte, hieb die Knieselin leise knurrend mit der rechten Tatze nach ihrem linken Fuß.

"Hau, die hatte die Krallen ja halb draußen", beklagte sich Claire Dusoleil. Julius besah sich den Fuß, konnte aber nur leichte Striemen ohne Blut sehen, die er mit der Salbe zur Vorbeugung von Krankheitskeimen eincremte und dann mit dem Injuriclausa-Zauber heilte. Goldschweif knurrte derweil immer wieder, wagte jedoch nicht, auf Julius oder Claire zuzugehen, weil Julius den Zauberstab in der Hand hielt.

"Komm, setz die wieder rein!" Forderte Claire ihren Freund auf. Dieser gehorchte und trug die Knieselin zum Tor ins Gehege, wo er sie schnell hineinbrachte und dann das Tor von außen verschloß. Als er Claire danach in die Arme nahm, um sich für den Zwischenfall zu entschuldigen, kreischte und knurrte Goldschweif überaus wütend hinter dem Metallzaun. Sie hieb mit den Tatzen nach vorne, berührte dabei aber nicht den Zaun. Zwischendurch krümmte sie den Rücken zum Buckel und wedelte wie wild mit ihrem Namensgeber.

"Die schreiende Eifersucht", lachte Julius, als Claire ihn in einer lockeren Umarmung hielt und sich an ihn schmiegte. Sie lachte darüber. Dann gingen sie fort.

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Was soll das? Julius holt mich raus, als die Sonne fast ganz hoch ist. Er hat seine Artgenossin dabei, die von der Ausstrahlung und vom Geruch her bestimmt seine Schwester ist. Sie will mich greifen. Ich warne sie. Julius darf mich nur so anfassen. Er hebt mich auf und beruhigt mich. Ja, wenn er das mag lasse ich mich auch von Claire anfassen. Sie kommt bald in Stimmung, kann ich riechen. Heh, was soll das? Sie greift Julius sanft an, als wolle sie ihn zur Liebe auffordern. Das geht nicht! Ich haue ihr kurz auf die Hinterpfote. Sie läßt Julius kurz in Ruhe. Er holt den Ast heraus, mit dem er die Kraft wecken kann und schmiert furchtbar stinkenden Matsch auf Claires Hinterpfote, bevor er mit der Kraft meine Kratzspur wieder wegmacht. Ich sehe Claire an. "Läßt du deinen Bruder in Ruhe! Such dir einen anderen Liebesgefährten!"

Julius setzt mich wieder in unser Reich zurück. Doch jetzt ist er drauf und dran, Claire als Liebesgefährtin in Stimmung zu bringen. Sie umschlingen sich mit den Vorderpfoten! Das geht doch nicht! "Heh, hört ihr?! Lasst das sofort sein!!! Laßt das sofort sein!!!" Rufe ich so laut es geht. "Deine Schwester kriegt von dir keine guten Jungen, Julius. such dir ein anderes Weibchen!!!"

 

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Die Vorbereitungen für den Elternsprechtag liefen weiter. Julius bekam einen Brief seiner Mutter, daß sie mit Catherine zusammen kommen würde. Er freute sich schon darauf. Über den Brief, der einen Tag später kam, konnte er sowohl lachen als auch verärgert knurren. So las er ihn still:

Sehr geehrter Mr. Andrews,

offenkundig sind Sie und Ihre Mitschüler aus Beauxbatons maßgeblich an Aktionen beteiligt, die zum Ziel haben, die Ruhe und Ordnung hier in Hogwarts zu untergraben, ja wirken wohl auf Anweisung Ihrer offenkundig ihren Ruf verachtenden Hauslehrerin hin an der fortgesetzten Verbreitung unverschämter Lügen mit. Ein Brief, der mich von Ihnen erreichte, rief zwischen seinen Zeilen dazu auf, nun doch an die Rückkehr des dunklen Lords zu glauben, wo dieser Massenausbruch aus Askaban stattfand. Ich weise Sie in aller mir gebotenen Autorität darauf hin, daß derartige Anmutungen nicht nur unrichtig, sondern auch gefährlich sind und möchte Ihnen hiermit dringend empfehlen, jeden Kontakt zu Ihren bisherigen Mitschülerinnen und Schülern abzubrechen, solange Sie diesen verwerflichen Unfug weitertreiben wollen oder müssen. Ich habe auch an Ihre Hauslehrerin geschrieben, daß jede Form der Lüge, die von ihr mitverbreitet wird, zum Aufruhr in Hogwarts anstiftet und sie als Lehrperson bitte sehr nicht darauf hinarbeiten möge, Disziplinlosigkeit und Panikmache zu begünstigen, da ich mir sicher bin, daß sie eine Entsprechend auf Bobaton wirkende Aktion mit Sicherheit mißbilligt.

In der festen Überzeugung, daß Sie intelligent und vernünftig genug sind, Ihre ehemaligen Mitschüler nicht in Schwierigkeiten bringen zu wollen und meinen gut gemeinten Rat beherzigen, verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

          Prof. Dolores Jane Umbridge
              Großinquisitorin in Hogwarts

Julius gab den Brief an Professeur Faucon weiter. Diese lächelte kalt. Einen Tag später kam ein Brief von ihr, der in nur aus nächster Nähe lesbarer Schrift zu einer Zusammenkunft der Sub-Rosa-Gruppe am nächsten Sonntag aufforderte. Bei diesem Treffen, an dem auch Madame Maxime teilnahm, verlas Professeur Faucon den Brief von Dolores Umbridge und kommentierte ihn mit den Worten:

"Es ist nun also offenkundig, daß Briefe, die nach Hogwarts gehen von dritten gelesen werden. Monsieur Andrews hat mir verraten, daß der betreffende Brief, der hier gemeint ist, an Mademoiselle Olivia Watermelon, die gerade in Hogwarts eingeschulte Schwester einer Klassenkameradin, gerichtet war. Wie vorher schon vereinbart haben Sie lediglich auf Gerüchte hingewiesen, die die Rückkehr des dunklen Lords Voldemort betreffen. Nun, entweder wurde der Brief vor seiner Ankunft bei der Adressatin geöffnet oder von dieser an jene illustre Lehrperson weitergeleitet. In jedem Fall möchte ich Sie, Monsieur Andrews bitten, diesmal auf diesen Ratschlag zu hören und die schriftliche Korrespondenz einzustellen. Das gilt jedoch nicht für die anderen Mitglieder der Sub-Rosa-Gruppe. Solange Sie keine Mitteilung von der sogenannten Professor Umbridge erhalten, gilt die Vereinbarung noch."

"Sie schreibt, daß Sie auch einen Brief bekommen hätten. Ist der zu persönlich, oder können Sie uns den auch vorlesen?" Fragte Julius Andrews. Professeur Faucon nickte und holte ein anderes Stück Pergament hervor. Dieses bezauberte sie so, daß die räumliche Abbildung von Dolores Umbridge vor dem Pergament erschien und mit der süß klingenden Kleinmädchenstimme vorlas:

"Sehr geehrte Professeur Faucon, mir ist bekannt, daß Sie unserer Sprache mächtig sind und kann Ihnen daher neben meiner Ehrerbietung für Ihre großartigen Leistungen frei und ohne Beleidigung Ihrer Sprache mein Anliegen vortragen.

Wie ich zu meinem großen Bedauern erfahren mußte, hegt man in Ihrem großen Land die Auffassung, daß bei der dritten Runde des trimagischen Turniers im letzten Jahr die Rückkehr dessen, dessen Name nicht genannt werden darf, stattfand und der bedauerliche Tod des Turnierteilnehmers Cedric Diggory auf dessen Kosten ginge. Ich fürchte, Sie und Ihre Vorgesetzten geben zuviel auf das schuldbewußte Geschwätz eines offenbar dem Wahnsinn anheimfallenden Schülers, der Cedric wohl aus Ruhmsucht tötete und dann behauptete, es sei der Unnennbare gewesen. Unser Ministerium hat keinen Ansatz eines Hinweises darauf, daß an diesen Behauptungen des Jungen Harry Potters etwas dran ist. Auch die Massenflucht aus Askaban deutet nicht darauf hin, daß es tatsächlich etwas mit Sie-wissen-schon-wem zu tun hat. Eher steht fest, daß der bereits früher ausgebrochene Massenmörder Sirius Black diese Verbrecher befreit hat, um sie im Kampf gegen unsere Ordnung zu führen. Da mir bekannt ist, daß der Schüler Harry Potter Kontakt zu Black unterhält, müssen wir davon ausgehen, daß Potter im Auftrag von dritten handelt und Black auch nur ein Befehlsempfänger ist. Noch fehlt endgültige Klarheit über die Schuld des Hauptverdächtigen, um ihn hier konkret zu beschuldigen. Doch seien Sie bitte gewiß, daß alle Gerüchte und Inszenierungen, die Ihnen und Ihren Vorgesetzten vor Augen und zu Ohren kommen, das schändliche Spiel eines offenbar um höheren Einfluß kämpfenden Zauberers sind, der seine Autorität mißbraucht, Schülerinnen und Schüler für sich zu vereinnahmen und seinen bis vor einem Jahr noch untadeligen Ruf verwirkt, indem er offenbar nicht vor der Arbeit mit kriminellen Subjekten zurückschreckt.

So können Sie meine aufrichtige Bitte sicherlich aus vollem Herzen nachempfinden, daß Sie nicht Ihre Autorität und Ihren Ruf aufs Spiel setzen mögen, Ihnen anvertraute Schüler dazu anzustiften, die Lügen auch noch für bare Münze zu nehmen, ja Ihnen auch noch die Anweisung erteilen, an diese angebliche Wiederkehr des unnennbaren zu glauben. Ich werde mich nicht zu Ihren Unterrichtsmethoden äußern, weil mir der verbliebene Respekt vor Ihnen das verbietet. Auf der anderen Seite möchte ich Sie doch um denselben Respekt mir gegenüber bitten und sie höflich auffordern, Ihre Schüler nicht dazu anzustiften, meine Schüler aufzuhetzen. Dies wird sich, dies dürfte Ihnen bewußt sein, nicht gerade vorteilhaft für die mir anvertrauten Schüler auswirken.

Hochachtungsvoll, Professor Dolores Jane Umbridge, Großinquisitorin in Hogwarts."

"Uh, das stinkt ja nach Angst", warf César Rocher gehässig ein, nachdem das Abbild Umbridges verschwunden war.

"Die Frau ist doch total paranoid", wußte Adrian noch beizusteuern.

"Ihnen allen ist klar, daß dieser Brief nicht nur mich und Minister Grandchapeau als Lügner und Helfershelfer von Verbrechern bezichtigt, sondern vor allem dazu angetan ist, die in Hogwarts bestehende Ordnung nachhaltig umzukehren", bemerkte Professeur Faucon. "Ihnen dürfte natürlich auch klar sein, wer der angebliche Hauptschuldige an diesem vermeintlich betriebenen Umsturz gegen das Ministerium Fudge ist."

"Hat der doch nicht nötig, Minister zu werden", warf Julius ein. Jeanne und Belle nickten beipflichtend. "Der ist als Schuldirektor einflußreicher als Minister Fudge." Damit hatte Julius es noch klarer ausgesprochen, ohne ihn direkt beim Namen zu nennen. Denn allen war klar, daß der Drahtzieher der von Fudge und Umbridge vermuteten Umsturzaktion Professor Albus Dumbledore sein mußte.

"Ja, und wie geht es jetzt weiter. Ich kann Prudence nicht mehr schreiben, was ich hier erlebe, wenn da irgendwer den Brief abfängt. Ich erzähle ihr ja nicht nur von Du-weißt-schon-wem", schaltete sich Virginie Delamontagne ein, die ebenfalls zur Sub-Rosa-Gruppe gehörte.

"Ist schon fies, was da läuft", warf Barbara ein. "Wir können doch nicht einfach aufhören, unseren Brieffreundinnen und Freunden zu schreiben, nur damit diese Gewitterhexe, schon gut, diese sogenannte Inquisitorin denen nichts tut."

"Sie können weiter Briefe schreiben", sagte Professeur Faucon kalt lächelnd. "Aber dann müssen Sie immer daran denken, daß jemand unbefugtes sie zuerst liest und sie vielleicht nicht bei Ihren Freunden in Hogwarts ankommen."

"Mist. Dabei kam ich mit Valery Clover gerade so richtig gut ins Schreiben", grummelte César zwischen seine Zähne hindurch.

"Ach, ist das nicht das füllige Mädchen aus Hufflepuff?" Fragte Gustav van Heldern schnippisch.

"Du halt dich mal ganz schön zurück, Gustav! Immerhin hast du ja lange mit dieser Padma Partil getanzt", versetzte César. Madame Maxime würgte die aufkommende Kabbelei sogleich ab und gab César und Gustav je zehn Strafpunkte wegen ungebürlichen Verhaltens. Dann beschlossen sie alle, weiterhin Briefe nach Hogwarts zu schicken und bloß nicht anzudeuten, daß man wußte, daß sie kontrolliert wurden. Julius durfte aber keinen Brief mehr abschicken, zumindest nicht nach Hogwarts.

"Sie kennen die Eltern Ihrer Schulkameraden. Schicken Sie Ihre Briefe an diese mit der Empfehlung, sie für Ihre Freunde aufzubewahren, damit diese sie in den Ferien lesen können. Ich wage es nicht, mir vorzustellen, daß Minister Fudge eine allgemeine Briefkontrolle im gesamten britischen Hoheitsgebiet eingerichtet hat. Das wäre ja schon diktatorisch", sagte Professeur Faucon. Madame Maxime beendete danach die Sub-Rosa-Zusammenkunft, rief den Schülerinnen und Schülern aber ins Gedächtnis zurück, alles zu melden, was sie im Zusammenhang mit Hogwarts erfahren mochten.

Als Julius neben Barbara aus dem Transpictoralportal fiel, einer raumüberwindenden Verbindung zwischen zwei Bildern, sagte er noch:

"Professeur Faucon weiß ja, daß ich noch einen Kanal nach Hogwarts offen habe. Ich glaube sogar, sie rechnet damit, daß demnächst was passiert."

"Was nicht gerade beruhigend ist, Julius", unkte die Saalsprecherin der Grünen.

Tatsächlich dauerte es nicht mehr lange, bis Aurora Dawns Gemälde in Julius Schlafsaal ihn nach der Bettgehzeit anrief. Er hatte den Vorhang ganz geschlossen und war mit ihr zusammen für alle außenstehenden unhörbar.

"Heh, Julius, Dumbledore ist geflüchtet. Umbridge hat eine verbotene Gruppe von Schülern auffliegen lassen, zu der Harry Potter und seine Freunde gehören, wie auch Cho Chang und Luna Lovegood. Dilys Dervent, eine längst verstorbene Berufskollegin meines natürlichen Ichs, deren Portrait in Dumbledores Büro hängt, hat es mir in Hogwarts erzählt, wie Potter verhört wurde. Offenbar muß eine seiner Kameradinnen geplaudert haben und hat sich dabei einen sehr heftigen Fluch eingefangen, der wohl auf sie gelegt wurde, um sie am Sprechen zu hindern. Dumbledore nahm die Schuld auf sich, weil die Gruppe sich "Dumbledores Armee" genannt hat. Doch als Fudge und dieser Wichtigtuer Percy Weasley ihn festnehmen wollten, hat er sie und die Auroren, die dabei waren mit zwei starken Flüchen niedergestreckt und ist mit seinem Phönix geflüchtet."

"Wie bitte?!" Fragte Julius halblaut. Er hätte es auch laut rufen können. Aber er wußte nicht, ob dann nicht doch jemand mithören konnte.

"Dumbledore ist geflüchtet, Julius. Weil Potter offenbar eine Gruppe von Schülern zusammengetrommelt hat, die auf eigene Faust Abwehrzauber und Flüche trainiert hat, hat die Umbridge einen riesenspektakel veranstaltet. Potter wurde alleine aufgegriffen, weil er offenbar den Rückzug seiner Leute decken wollte. Marietta, die geplaudert hat, konnte aber keine Angaben darüber machen, wielange das schon so ging. So kann man die anderen nicht dabeikriegen."

"Wie ist Dumbledore geflohen?" Fragte Julius, der nun wacher war als am Morgen. Erregung und Anspannung ließen ihn aufrecht im Bett sitzen.

"Sein Phönix hat ihn wohl mitgenommen. Die können sich und alles, was sich an ihnen dranhängt im Strom des Feuers fortbringen. Sie legen eine Feuersphäre um sich und tauchen dann einfach in die Elementarenergie des Feuers ein, die von Erde und Sonne aufrechterhalten wird. Das umgeht die Apparitionsmauern in und um Hogwarts."

"Ja, und die Umbridge sucht ihn jetzt?" Fragte Julius.

"Sicher. Fudge hat zwar ein Geständnis von ihm, das sicherlich morgen im Tagespropheten steht, aber das bringt ihn nicht weiter."

"O Mist, dann hat die Umbridge jetzt freie Bahn. Gute Nacht, Hogwarts!"

"Es läuft schon. Fudge hat Dolores Umbridge stante pede zur Nachfolgerin Dumbledores berufen. Morgen werden es alle wissen", sagte Aurora Dawns Vollportrait.

"Hui, das ist schlimmer als ich's mir denken wollte. Aber leider war es auch zu erwarten."

"Was wirst du jetzt machen?" Fragte Aurora Dawn.

"Nichts besonderes. Ich kann ja schlecht nach Hogwarts und der Dame in den Hintern treten. Ich kann nur Gloria und den anderen raten, sich in Deckung zu begeben."

"Wer sagt, daß du nicht nach Hogwarts kannst?" Fragte Aurora Dawn mit einem hintergründigen Lächeln. Doch dann errötete sie schlagartig und räusperte sich. "War nur eine dumme Frage, Julius. Nichts weiter. Natürlich kannst du nicht nach Hogwarts."

"Aber du kannst mir einen Gefallen tun. Wenn du weißt, ob Gloria ein Bild mit freiem Zugang über dem Bett hat, flüstere ihr bitte zu, daß ich bescheid weiß!"

"Ja, mach ich", sagte Aurora Dawns Portrait und schob sich durch den rechten Rand des Bildes heraus und verschwand.

Julius nahm beide Zweiwegspiegel aus dem Brustbeutel. Der von Gloria vibrierte. Er sah hinein und erkannte Glorias Gesicht. Er begrüßte sie leise.

"Ich habe bestimmt keine zwei Minuten Zeit, Julius. Dumbledore mußte fliehen. Potter hat ..."

"Weiß ich schon", wisperte Julius schnell. Gloria verzog verwundert das Gesicht. Dann nickte sie.

"Ach, du bist also schon im Bilde. Gut, dann weißt du vielleicht schon, ob die Umbridge Dumbledores Posten kriegt?"

"Ich fürchte, den hatte sie schon immer sicher. Es fehlte nur der Anlass, um die Macht bei euch zu ergreifen."

"Gut, dann sage ich's schnell noch Oma Jane", wisperte Gloria abgehetzt und verschwand aus dem Spiegel. Julius griff den anderen Zweiwegspiegel, überlegte, ob er nicht schneller und vor allem ausführlicher mit Jane Porter sprechen konnte, wartete jedoch noch. Nach fünf Minuten vibrierte der Zweiwegspiegel mit dem Mondsymbol in Julius' Hand. Er sprach "Jane Porter" hinein und sah die Oma Glorias mit sehr ernstem Gesicht aus dem Spiegel zurückblicken.

"Julius, ich hörte von Glo, daß du schon weißt, was da in Hogwarts passiert ist. Hat Aurora Dawn dir das gesagt?"

"Ja, hat sie", erwiderte Julius sehr ernst.

"Hat sie dir vielleicht noch mehr verraten? Immerhin kommt sie an das Schulleiterbüro heran."

"Sie hat mir geschildert, daß Harry Potter von Dolores Umbridge zu Fudge geführt worden ist, der wohl in Dumbledores Büro saß und darauf lauerte, die Sensation des Tages zu erleben. Dumbledore nahm die Schuld für Harry Potters Unternehmung auf sich und ist abgehauen, als man ihn festnehmen wollte. Offenbar hat Potter einen Club gegründet, der auf eigene Faust Verteidigung gegen die dunklen Künste trainierte. Umbridge paßt das ja nicht, und Fudge hat Dumbledore sowieso schon auf dem Kieker gehabt."

"Huh, da wird er sich wohl verstecken müssen", sagte Jane Porter. Das rang ihr für einen winzigen Moment ein Lächeln ab. Julius berichtete ihr, was Aurora Dawns Portrait ihm berichtet hatte. Glorias Großmutter nickte und bedankte sich für diese Information.

"Wirst du Bläänch das durch die Blume sagen oder abwarten, bis das in eurem Zauberspiegel drinsteht?"

"Dann müßte ich ihr ja verraten, ... ach das mit Aurora ist ja von Madame Maxime abgesegnet. Aber was meinen Sie mit "durch die Blume"?" Tat Julius ahnungslos. Jane Porter grinste nur wie ein kleines Mädchen. Julius bewunderte das, daß die Hexe, die seine Großmutter sein konnte, noch alle Zähne im Mund und diese strahlend weiß behalten hatte.

"Junger Mann, du weißt das ganz genau, wie ich das meine. Oder ist alles, was du an den Tagen in Rock und Bluse erlebt hast wieder aus deinem Gedächtnis verschwunden?" Julius schüttelte den Kopf und grinste. "Wußte ich's doch. Dann schlaf hoffentlich schön und lass dich nicht von den Dummheiten einer Marionette von deinen eigentlichen Aufgaben ablenken! Ich hörte, bei euch ist ja bald Elternsprechtag. Deine Momma wird wohl hinkommen, hat Di mir erzählt. Grüß sie schön von mir, wenn ihr beiden dann in die Ferien fahrt. Vielleicht rufe ich ja bei euch an. Ich kenne da einen, bei dem ich ein Telefon benutzen kann."

"Von Amerika nach Europa ist aber teuer", wandte Julius ein.

"Das setzt der dann als dienstliches Gespräch ab", lachte Jane Porter. Dann verschwand ihr Gesicht aus dem Spiegel.

Goldschweif maunzte vor dem Fenster. Julius packte schnell beide Spiegel fort, zog so schnell wie er es leise genug machen konnte den Vorhang auf, öffnete das Fenster, besah sich Goldschweif, die diesmal nichts mitgebracht hatte und holte die Knieselin herein. Die allgemeine Streichelstunde beruhigte Julius auf herrliche Weise. Als er seine neue, vierbeinige Freundin wieder hinausgehoben hatte, war er wieder angenehm schläfrig und konnte die Nacht gut durchschlafen.

 

__________

 

Es bedurfte nicht Julius' Bericht. Denn die Zeitung war in den folgenden Tagen übervoll mit den Ereignissen in Hogwarts. Dumbledores Geständnis, um Harry Potter zu schützen, wurde wortwörtlich abgedruckt. Allerdings stand darunter ein Kommentar von Professeur Faucon, die offenbar heimlich ein Interview gegeben hatte. Sie sagte darin:

"Nun, man kann sich auch in integeren Personen wie meinen hochrespektablen Kollegen Dumbledore täuschen. Doch ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, daß ich mich in diesem Fall nicht getäuscht habe. Das Geständnis, das er vor Zeugen ablegte scheint mir eine Schutzbehauptung, um das Wohl der ihm anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu wahren. Das er floh und sich nicht einem ordentlichen Verfahren stellen möchte, macht ihn zwar sehr verdächtig, spricht aber in Anbetracht der derzeitigen Lage in Großbritannien für sich. Ich möchte Ihren Leserinnen und Lesern nur mitteilen, daß nicht Professor Dumbledore die Bedrohung ist, vor der wir uns schützen mögen. In Übereinkunft mit meinen Kollegen in Beauxbatons und mit Erlaubnis von Minister Grandchapeau kann ich Ihnen mitteilen, daß Professor Dumbledore sofort Asyl bei uns in Frankreich findet, falls er dessen bedarf. Mehr habe ich nicht dazu zu sagen."

Tja, und mehr als diesen Kommentar wiederholte Professeur Faucon auch nicht. Weder im Unterricht, noch in den Freizeitkursen, noch bei einer in mehrere Teilgruppen aufgegliederten Sub-Rosa-Besprechung. Julius, der mit Belle, Jeanne und Barbara eine Teilgruppe bildete, erzählte Professeur Faucon noch, was er von Aurora Dawn erfahren hatte.

Gloria berichtete ihm einmal, daß am ersten Tag von Umbridges Direktricenamt ein höllisches Feuerwerk in der Schule losgelassen worden sei. Sie hatte erfahren, daß die Weasley-Zwillinge dafür verantwortlich waren, weil diese den Gryffindors und allen mit Ihnen befreundeten Mitschülern Packungen mit den verhexten Feuerrädern, Raketen und Knallern anboten.

"Die Lehrer haben sich dumm gestellt oder so getan, als hätten sie nicht das recht dazu, verirrte Feuerwerkskörper aus den Klassenzimmern zu entfernen. Flitwick, bei dem wir hatten, als das Spektakel losbrach, hat nach Umbridge geschickt und ihr gesagt, daß er sich nicht getraut hätte, den Fluchwörter sprühenden Kracher zu vernichten, weil er ja nicht wußte, ob er dazu berechtigt sei. Aber ich muß jetzt höllisch aufpassen. Olivia ist von der inquisitorialen Hilfstruppe angeheuert worden. Prue Whitesand hat das mitbekommen, wie Malfoy und Goyle sie angespitzt haben, uns zu bespitzeln. Pina hat geweint, als ich ihr das erzählt habe. Sie hat nicht geglaubt, daß ihre Schwester das macht, kann es sich aber vorstellen. Deshalb sollten wir uns nur noch bei wichtigen Sachen sprechen. Bis dann denn." Glorias Gesicht verschwand aus dem Spiegel.

"Na toll. Malfoy darf Inquisitionshelfer spielen. Vielleicht darf er dann auch noch den Cruciatus-Fluch anwenden. Würde die eiserne Jungfrau und die Daumenschrauben sparen", grummelte Julius verärgert. Aber das mit dem Feuerwerk gefiel ihm. Sicher, Kevin hätte ihm das bestimmt sofort geschrieben. Vielleicht hatte er das auch. Aber wenn alle Briefe gelesen wurden, die aus Hogwarts herausgingen, war so ein Brief bestimmt nicht zu ihm durchgelassen worden.

"Echt, der Name Inquisitorin paßt. Angeblich gutes wollen aber böses tun, nur weil die Angst vor Machtverlust größer ist als die eigenen Anstandsregeln. Schweinepriester!" Dachte Julius.

 

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Julius ist aufgeregt. Ich fühle, daß ihn etwas bedrückt. Aber wenn er mich bei sich hat und mir seine Vorderpfoten über den Rücken und den Bauch streichen läßt, wird er schnell ruhig. Ich mag das, wenn er zu mir spricht, nicht so laut, wie zu seinen Artgenossen. Ich will haben, daß er immer ruhig ist und sich wohlfühlt. Deshalb gehe ich beim Aufsteigen der Sonne nicht mehr in mein Reich zurück. Draußen kann ich auch schlafen. Außerdem bin ich dann in der Nähe von Julius.

An einem der Tage, wo die Menschenjungen offenbar nur spielen dürfen, verstecke ich mich vor dem Aufstieg der Sonne. Der, der die Grenzen macht ist auf einem fliegenden Ast weggeflogen. Er wird mich also nicht suchen.

Oh, Julius kommt aus dem Steinbau. Er kommt wieder mit seiner wurfungleichen Schwester Claire heraus. Im Moment ist sie nicht in Stimmung. Aber sie werben wieder umeinander. Ich laufe hin und knurre sie an. Julius erschreckt sich und sieht mich seltsam an. Dann bückt er sich.

"Oh, die muß irgendwie ausgebüchst sein, Claire. Ich bringe sie schnell in ihr Gehege zurück", sagt er. "Gehege"? Er will mich einsperren? Das darf er nicht machen! Ich will ihm nicht weh tun. Deshalb laufe ich schnell weg, schlüpfe zwischen zwei Bäumen hindurch und laufe in den kleinen Wald rein, den ich sonst nur im dunklen kenne. Mir tut das Licht etwas in den Augen weh, und die Farben sind verwirrend. Doch ich bleibe ruhig. Julius ruft nach mir. Doch ich gehe nicht zurück. Er hört zu rufen auf.

Wahrscheinlich kommen er und seine Schwester sich jetzt wieder nahe. Ich will aber nicht, daß er mit ihr Junge macht, wenn sie in Stimmung kommt. Da höre ich Schritte. Ein junges Menschenweibchen kommt heran. Ich verziehe meine Nase, weil sie so viele aufdringliche Gerüche um sich verbreitet. Aber sie kommt gerade in Stimmung, kann ich riechen. Ja, sie ist bereit. Ich laufe los und suche sie.

 

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Am letzten Sonntag vor dem Elternsprechtag traf Julius sich mit Claire im grünen Saal. Sie fragte ihn, ob er mit ihr spazierengehen wolle und freute sich, daß er darauf Lust hatte.

"Huh, endlich haben sich die Wogen etwas geglättet. Ich werde ja schon von Leuten aus dem gelben Saal gefragt, ob ich Dumbledore für einen Verbrecher halte und ob der nicht bei Sirius Black sitzt."

"Argon ist doch von den Rossignols gefragt worden, ob Black und Dumbledore nicht bei seiner Mutter sind. Der hat sich die beiden vorgeknöpft und ihnen den Furnunculus-Fluch aufgebrannt. Gut, daß Madame Maxime ihm nur 200 Strafpunkte gegeben hat, sonst käme morgen wohl schon ein Heuler von meiner Lieblingstante Cassiopeia", sagte Claire darauf. Julius erinnerte sich ganz genau, was diese Cassiopeia an Claires Geburtstag alles losgelassen hatte, ihn gar für minderwertig hielt und Claire gerne mit einem ihr genehmeren Zauberer verbandeln würde. Er konnte sich gut vorstellen, daß ein Heuler für Argon herumkommen würde, wenn der zu viele Strafpunkte bekam.

Als Julius Claire in den Park auf der Südseite führte, sprang Goldschweif laut fauchend und knurrend auf sie zu und hieb mit der rechten Tatze nach Claires Bein, traf sie aber nicht. Sie schob sich einfach zwischen die Beiden und maunzte mißmutig.

"Neh", sagte Claire. Julius erschrak und meinte, daß sie wohl ausgebüchst sein mußte. Er wollte sie zurück ins Gehege bringen, weil sie sich ja nur von ihm anfassen ließ. Doch Goldschweif verstand wohl, daß er sie einsperren wollte und raste wie ein silbergrauer Blitz mit goldenem Ende in den Park davon.

"Ich geh nachher zu Armadillus und frage den, wie das passiert ist", entschied Julius. Claire sah ihn leicht verärgert an. "Claire, ich habe die nicht hergerufen. Die war gestern wieder bei mir im Schlafsaal. Ich habe mit ihr gesprochen, sie wie üblich gestreichelt und dann auf das Kissen gelegt, auf dem sie schlafen darf. Die ist bestimmt irgendwie entwischt, als der Zauberbann um das Gehege noch nicht stark genug wirkte."

"Die hätte mich fast voll erwischt, Julius. Ein Zentimeter fehlte nur. Glaubst du, das gefällt mir, wenn ich jetzt Angst kriegen muß, daß dieses eifersüchtige Vieh mich anspringen kann, wenn wir draußen sind?"

"Claire, ich sage es noch mal. Ich habe den Kniesel nicht rausgelassen oder gerufen. Aber ich werde sie wieder einfangen, bevor ich noch Ärger mit Armadillus kriege. Gohoholdie!" Claire ließ Julius wortlos stehen und ging zum Palast zurück. Offenbar hatte Goldschweifs Auftritt sie mehr erschreckt als er es ihr hatte ansehen können. Aber vielleicht war es eher die blanke Wut, daß dieses Tier ihren schönen Spaziergang ruiniert hatte.

"Gohoholdie!" Rief er lockend. Doch keine Goldschweif kam aus dem Park zurück. So drehte sich Julius um, um ebenfalls zum Palast zurück zu gehen.

"Julius!" Rief ein Mädchen aus dem Park. Er glaubte zuerst, daß es Claire sei. Doch die konnte ja schlecht aus der Richtung rufen, die vom Palast fortführte, wo sie gerade darauf zugegangen war. Apparieren war ja hier nicht möglich.

"Claire?!" Rief er zurück. Doch dann erkannte er die Stimme. Er konnte das rotblonde Mädchen schon aus großer Entfernung erkennen, das hinter einem silbriggrauen Tier herlief, das immer wieder verharrte, um das Mädchen herankommen zu lassen.

"Mildrid?" Fragte Julius, als das Mädchen in normale Hörweite kam und Goldschweif spielerisch um ihn herumlief.

"Das ist doch dein Kniesel, oder? Bernadette hat mir das ja gesagt, daß die in euren Schlafsaal darf. Aber wieso hast du eben nach Claire gerufen?" Fragte Millie Latierre und reichte Julius die rechte Hand.

"Ich war eigentlich mit ihr hier. Dann kam dieses Ungetüm und hat sie fast mit der Tatze erwischt. Sie hat dann gemeint, ich sollte Goldschweif wieder dahin zurückbringen, wo sie hingehört. Wo hast du sie denn gefunden?"

"Die hat mich gefunden, Julius. Die kam zu mir und schnurrte mich an. Dann lief sie um mich herum, strich mir um die Beine und stubste mich in eine bestimmte Richtung. Ich bin dann hinter ihr her und fand dich."

"Häh? Wieso bringt Goldschweif dich zu mir?" Fragte Julius und dachte an die tote Ratte und den toten Vogel, den sein neues Schmusetier ihm schon angeschleppt hatte. "Immerhin besser als 'ne tote Ratte", dachte er wortlos.

"Weiß ich nicht, was die von dir will. Aber wieso kannst du sie nicht einfangen?"

"Die hat wohl was gegen das Eingesperrt sein. Vielleicht meint sie auch, sie müßte nun immer um mich herumlaufen."

"Auf jeden Fall wollte sie haben, daß ich zu dir komme", schnurrte Millie. Dann legte sie behutsam einen Arm um Julius. Dieser wollte sich schon freimachen, als er Goldschweif vernehmlich schnurren und behaglich maunzen hörte. Er fühlte, wie das Knieselweibchen an seinen Beinen vorbeistrich und dann bei Millie zwischen den Beinen durchwanderte.

"Ach, was geht denn hier ab?" Fragte sich Julius. "Komisch, bei Claire war sie richtig giftig", sagte er laut. Millie grinste und legte den zweiten Arm auch noch um ihn.

"Claire ist wohl selbst eifersüchtig und meint, das Tier wäre eifersüchtig auf sie, wie?" Dabei schmiegte sie sich leicht an Julius an, der zu perplex war, um sich dagegen zu wehren. Goldschweif schnurrte vernehmlich und strich den beiden um die Beine. Es dauerte zehn Sekunden, bis Julius die Fassung wiederfand und er sich vorsichtig aus der Umarmung freimachen konnte.

"Ich möchte dir nicht wehtun, Millie. Aber ich möchte auch Claire nicht wehtun. Also denk bitte nicht, daß Goldschweif dich und mich verkuppeln will. Die ist ein völlig anderes Tier und schert sich bestimmt nicht darum, wer mit wem zusammen ist. Vielleicht wollte sie nur ... Mmmm" Julius hätte gerne noch mehr gesagt. Doch Mildrid drückte ihre Lippen auf seine und blieb zehn Sekunden so.

"Du glaubst, das Tier schert sich nicht um dich oder mich oder auch Claire? Aber toll ist das doch, daß sie dich und mich zusammengebracht hat."

"Millie, eh, das ging jetzt wieder zu weit. Ich bin Claires Freund. Solange ich nichts finde, was mich an Claire stört, möchte ich das auch bleiben."

"Ach, das kannst du doch bleiben. Ich fand das nur nett, daß dieses liebe Tierchen da unten meinte, wir beide passen besser zusammen. Oder warum hätte die mich jetzt zu dir führen sollen?"

"Kein Kommentar", sagte Julius verärgert vor Unsicherheit. Er machte sich aus der neuerlichen Umarmung frei und wünschte Mildrid einen schönen Tag. Er ging zurück zum Palast, während Goldschweif hinter ihm herlief. Er schaffte es, aus einer schnellen Drehung heraus den Zauberstab zu ziehen, auf Goldschweif zu richten und sie mit dem Bewegungsbann zu erwischen. So konnte er sie einfach ins Gehege der Kniesel zurückheben und da den Bann wieder aufheben. Fauchend und knurrend sah Goldschweif ihn durch die Gitter an. Doch dann beruhigte sie sich wieder und schritt stolz mit aufgestelltem Schweif zu ihrem Rundbau. Julius kehrte dann in den Palast zurück, wo er Claire traf, die Armadillus gesucht hatte.

"Armadillus ist nicht da", sagte Claire. Dann sah sie den Lippenstift an Julius' Mund.

"Wie kamst du da dran?" Fragte sie mit einem sehr mißtrauischen Gesichtsausdruck. Julius erklärte ihr alles. Claire rümpfte die Nase und sagte dann:

"Das du ehrlich zu mir warst entschuldigt dich. Aber warum hat dieses Biest die Latierre zu dir gebracht?"

"Das muß ich Armadillus fragen, wenn er wieder da ist", sagte Julius und ließ sich von Claire Mildrids Lippenstift abwischen. Als er glaubte, damit sei die Sache für ihn erledigt, drückte sie ihm ihren Mund auf den seinen. Doch diesmal war es ihm nicht unangenehm. Er gab sich in dieses lange Gefühl, mit Claire verbunden zu sein hinein. Er fühlte sie mit ihrem Oberkörper an seinem, fühlte ihre Wärme und das leichte Pulsieren ihres Herzschlaggs durch die Brust. Sie schloß langsam die Augen und lag hingebungsvoll in seinen Armen. Er genoß es, so mit ihr zusammen zu sein. Er fühlte sich herrlich angeregt, warm und irgendwie prickelnd. Er fühlte, wie sein Geschlecht reagierte, sich in der Unterhose spannte. Eine halbe Minute währte diese innige Berührung. Dann beendeten sie sie ohne ein Wort oder eine Geste. Feucht vom gegenseitigen Speichel lösten beide ihre Lippen wieder voneinander. Zum Glück für sie war weder ein Lehrer noch ein Schüler Zeuge geworden.

"Ich sehe das nicht ein, warum Millie meint, alles haben zu müssen, was du anderen geben möchtest", flüsterte Claire und wischte Julius mit vorsichtigen Bewegungen ihre Schminke vom Gesicht. "Ich hätte nicht üble Lust, ihrer Schwester davon zu erzählen."

"Damit die sich noch mehr reinhängt, Claire?" Flüsterte Julius, der das Gefühl der Innigkeit noch auf sich wirken ließ.

"Hast recht. Nachher will sie noch, daß du ihr die Unschuld nimmst, wie auch immer das gemeint ist."

"Altbackenes Wort für die erste geschlechtliche Vereinigung. Du weißt ja selbst, daß Mädchen unten rum noch was haben, was Frauen fehlt." Julius konnte sich solche persönlichen Sachen herausnehmen, da er ja selbst einmal einen Frauenkörper gehabt hatte und er mit Claire lange und ausgiebig über die Erfahrungen damit gesprochen hatte.

"Dann soll diese Hexe ein Mädchen bleiben bis sie hundert Jahre alt wird, wenn du der einzige bist, hinter dem sie herläuft", schnaubte Claire.

"Dann bist du nicht eifersüchtig auf sie?" Fragte Julius schüchtern, weil er nicht wußte, ob er da nicht schlafende Hunde weckte.

"Auf Millie Latierre? Auf Belisama wäre ich vielleicht eifersüchtig oder auf Sandrine oder Céline oder Jasmine, wenn die sich mit dir so innig zusammentun wollten. Aber bei Millie weiß ich, daß die es nicht so ernst meint, daß du mich dafür vergessen würdest. Aber alles werde ich ihr natürlich nicht durchgehen lassen. Nur für das eben kann ich sie nicht drankriegen, weil sie ja dann erzählen würde, du hättest das ja gewollt und sich köstlich darüber freut, mich damit ärgern zu können. Ich spiele ihr zu Liebe nicht mehr das dumme Mädchen. Aber ich muß sagen, du bist für das erste mal nicht so unbeholfen gewesen, wie Bruno bei Jeanne oder Robert bei Céline." Sie lächelte Julius an, der diese Offenbarung schnell verdrängte, weil er sich bestimmt nicht dafür interessierte, ob Bruno oder Robert bei ihrem ersten richtigen Kuß mehr Punkte abräumen konnten als er. Das, was die Muggel mit dem kurzen Wort Sex umschrieben, war für ihn noch nie so wichtig gewesen. Aber jetzt, wo er Claires ersten Schritt in diese Richtung miterlebt hatte, war er sich dessen nicht mehr so sicher.

Keiner wußte davon, was mit Goldschweif passiert war und was dabei zwischen Mildrid und Julius, sowie Claire und ihm passiert war. So verlief der Nachmittag sehr entspannt und ohne dummes Gerede. Sie übten für das Holzbläserkonzert. Eloise, Jeannes Klassenkameradin, blies das Fagott, während Jeanne, Claire und Julius drei Flötenstimmen trillerten. Am Ende waren sie sich einig, daß das Konzert ein voller Erfolg werden würde.

 

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Zwischen Goldschweif und Julius ränkte sich das Abendbesuchsverhältnis wieder ein. Goldschweif verzieh ihm offenbar, daß er sie einfach mit einem Zauberbann erwischt hatte. Bei ihm zu sein, so empfand es Julius, war ihr wohl wichtiger. Vielleicht waren diese Tiere auch nicht so nachtragend. Jedenfalls wirkte Goldschweifs Zärtlichkeitsbedürfnis auf ihn sehr beruhigend. Er fand besser in den Schlaf und träumte auch nicht schwer. Auch die Schularbeiten liefen gut von der Hand. Mildrid sah ihn bei den gemeinsamen Stunden zwar immer mal wieder an, wagte aber nicht, sich weitere Unverschämtheiten herauszunehmen, zumal sie an anderer Stelle hart darum kämpfen mußte, keine Strafpunkte zu bekommen.

Zur Strafarbeit verdonnerte Schülerinnen und Schüler, darunter auch Jacques Lumière, schmückten den Palast für den Elternsprechtag am Sonntag.

"Nach Ostern wird's heftig", sagte Caro Renard mal zu Julius nach einer Zaubertrankstunde. "Da spielen wir gegen die Weißen. Glaubt ihr, ihr kriegt dieses Jahr den Pokal?"

"Sagen wir's so, Caro", setzte Julius an, "wir arbeiten dran."

Am Freitag vor dem Elternsprechtag gab es eine Generalprobe. Alle Freizeitkurse fielen daher flach. Der Schulchor, in dem auch Millie Latierre und Belisama Lagrange mitsangen, sang allein oder zur Musik der Blechbläser oder Holzblasinstrumentengruppe alte Zauberlieder und das Schullied "Bienvenu dans Beauxbatons", mit dem die Eltern vor dem Palast begrüßt werden würden. Julius ließ sich vom flotten Marschrhythmus dieses Liedes mitreißen und schaffte es auf seiner kleinen Blockflöte, einige Triller zu blasen, die lebhafte Akzente setzten. Claire lobte ihn nach der Generalprobe.

 

"Und du hast gemeint, Flötenspieler gehörten in den Kindergarten. Ich freue mich schon, wenn wir zusammen spielen."

Virginie, die auf einer großen Harfe gespielt hatte, wünschte Julius viel Erfolg bei dem Auftritt. Millie und Belisama fragten Julius, ob er in seiner Familie nicht auch einen Musiker hatte. Er schüttelte den Kopf. Mademoiselle Bernstein, die die Musikgruppen leitete, rief alle Musiker noch mal dazu auf, die schwierigen Stellen noch mal zu üben. Dann entließ sie die Schülerinnen und Schüler.

"Bis zum Sonntag hat jede und jeder in seinem oder ihrem Schlafsaal Sauberkeit herzustellen und Ordnung zu schaffen", ordnete Edmond Danton an. Barbara nickte beipflichtend. "Wir kontrollieren morgen abend noch mal, ob ihr auch alles aufgeräumt habt."

"Immer dieser Unsinn mit dem Aufräumen. Die Eltern kommen doch eh nicht in die Schlafsäle", muckte ein Fünftklässler auf.

"Fünf Strafpunkte wegen Widerspruchs einer Anweisung!" Bellte Edmond verärgert.

"Der Saal wird von zehn Freiwilligen gereinigt", stellte Barbara fest. "Céline, Jasmine, Irene, Gérard, Gaston, Eloise, Laurentine, Augustine und Yvonne, ihr seid diesmal Freiwillige! Ich leite die Gruppe an."

"Das verkürzt die Suche nach Freiwilligen", grinste Robert, als die Jungen der dritten Klasse in ihren Schlafsaal gingen. Gérard fragte sich, was er angerichtet hatte, daß Barbara ihn zum Saalputzdienst verdonnert hatte. Julius fragte eher:

"Wieso überlassen die das nicht den Hauselfen, wie sonst auch?"

"Ich glaube, das läuft unter Erziehungsmaßnahme. Wenn wir lernen, unseren eigenen Kram zu putzen, lernen wir, auch später nicht auf andere angewiesen zu sein. Aber mit den Putzzaubern wird das ein Klacks", stellte Hercules fest.

So schafften die Drittklässler am Tag danach Ordnung in ihrem Schlafsaal. Alle Betten wurden frisch bezogen, alle Vorhänge gegen frisch gewaschene ausgetauscht, und mit dem Staubsammelzauber und dem Sauberzauber Ratzeputz wurden Boden, Wände, Fensterbänke und Decke so gründlich gereinigt, das man meinte, sich bald darin spiegeln zu können. Julius besorgte das Staubsaugen mit Zauberkraft, da viele feine silbergraue Haare auf Stühlen und Boden herumlagen, die mittelbar auf sein Konto gingen. Er hatte auch keine Probleme damit, alles zu reinigen, da ihm die bei Bellart erlernten Haushaltszauber locker von der Hand gingen.

"So, wie du die Zauber drauf hast, brauchst du bestimmt nicht zu heiraten, nur um eine Haushaltshilfe zu kriegen", flachste Robert, der mit Hercules, André und Julius die letzte Reinigungsaktion durchzog. Edmond hatte Julius geraten, das Schlafkissen für Goldschweif vom Fenstersims zu nehmen und den Waschelfen zu überlassen. Er hoffte nur, daß Goldschweif nicht laut lärmen würde, wenn sie diese Nacht vor dem Fenster bleiben mußte. Aber Professeur Armadillus hatte versichert, daß es beim Elternsprechtag keine Probleme mit der Knieselin geben würde. Julius vertraute dem Lehrer.

Beim Abendessen unterhielten sie sich über ihre Eltern, wer alles kommen würde. Julius hatte von Claire und Céline gehört, daß beide Eltern kommen würden. Denise, Jeannes und Claires Schwester, würde bei ihrer Tante Uranie in Millemerveilles bleiben. Célines Eltern würden bestimmt gerne zuerst mit Professeur Trifolio über Constances Schwangerschaft sprechen wollen, während Laurentines Eltern wohl nur deshalb kamen, um noch mal ihren Unmut über Beauxbatons rauszulassen.

"Die wollen nur mit Professeur Faucon und Madame Maxime reden", sagte Bébé Hellersdorf etwas geknickt. Claire meinte dazu nur:

"Die sollten aber vorsichtig sein, wie sie hier reden. Nachher darfst du auch die Osterferien nicht zu denen."

"Mußte das jetzt noch mal sein, Claire? Schmier es mir doch hundert mal aufs Brot!" Schnaubte Laurentine. Julius, der zwischen seinen Klassenkameraden saß, erzählte, daß seine Mutter zusammen mit Catherine Brickston kommen würde. Wie genau seine Mutter hergebracht würde, wußte er noch nicht.

"Die Muggeleltern kommen meistens mit diesen lauten Selbstfahrkutschen, wo mehr als fünfzig Leute reinpassen", erklärte Hercules. " Omnibus heißen die doch, oder Julius?"

"Joh, Hercules", bestätigte Julius Andrews. "Aber ein Omnibus, beziehungsweise Bus für alle? Die kommen doch von überall her."

"Für jeden Zielort sind das drei dieser Busse", wußte Robert Deloire. "Die halten an bekannten Stellen in den Städten, wo die Ausgangskreise für Beauxbatons liegen. Die Abteilung für magischen Personenverkehr hat das vor sechzig Jahren eingeführt."

"Daß die Muggeleltern irgendwie abgeholt und hergebracht werden habe ich gelesen. Aber nicht genau wie", erwiderte Julius.

"Die restlichen Eltern kommen über die magischen Reisesphären oder den Flohpulverkamin, der in der hinteren Eingangshalle steht. Der wird wohl morgen früh freigegeben", sagte Robert noch.

Die Inspektion der Wohnräume im grünen Saal verlief ohne Beanstandung. Edmond empfahl Julius noch mal, Goldschweif diese Nacht nicht in den Schlafsaal zu lassen. Er nickte dazu nur.

Abends sprach Julius noch mal mit Gloria Porter. Er faßte sich so kurz, als gälte es, jede Sekunde eine Galleone zu bezahlen. Sie wünschte ihm viel Spaß am Elternsprechtag und sagte ihm noch mal, daß sie über die Ferien bei ihren Eltern sei. Professor Umbridge hatte zwar versucht, Gloria irgendwie in Hogwarts zu halten, mußte jedoch nachgeben, weil Plinius Porter bei guten Freunden im Ministerium Druck gemacht hatte.

"Die hat bestimmt Angst vor mir. Malfoy hat uns Ravenclaws schon an die hundert Punkte abgezogen, nur weil wir in seinem Weg standen. Wenn du in die Ferien fährst können wir uns ja länger sprechen. Was macht eigentlich das Knieselweibchen, von dem du mir erzählt hast?"

"Die bleibt natürlich hier, Gloria", sagte Julius, bevor sie sich voneinander verabschiedeten.

 

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Was ist los? Der schöne kuschelige Schlafstein mit meinem Geruch und dem von Julius ist nicht mehr auf dem Vorsprung vor seiner Wohnhöhle. Ich sitze auf dem harten kalten Stein und sehe hinein. Ich hole Luft, um zu rufen, doch irgendwie steigt mir dabei ein merkwürdiges Kratzen in die Nase. Ich niese und falle fast vom Vorsprung. Doch ich kann mich halten. Julius liegt da drinnen und schläft. Ich kann ihn nicht rufen, weil das Kratzen immer wiederkommt. Dann weiß ich, wo das herkommt. Der, der die Grenze um unser Reich gemacht hat, hat unter dem Vorsprung ein Zeug aus einer Pflanze verteilt, das mir die Nase und den Hals kratzt. Ich werde wütend, weil Julius mich nicht in seiner Schlafhöhle haben will und mir nicht einmal den großen weichen Schlafstein gelassen hat. Ich fauche wütend und springe zurück zum nächsten niedrigen Vorsprung und dann weiter zum Boden. Ich laufe ärgerlich um den Steinbau herum. Irgendwann bin ich so müde, daß ich in meine eigene Wohnung zurückgehe. Dort qualmt es. Ich will schon wegrennen, da wird alles dunkel und still vor mir und ich falle hin und schlafe ein.

 

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Es tat Professeur Aries Armadillus in der Seele weh, dieses edle Tier derb zu behandeln. Erst hatte er aus dem Sud der Ätzstaude, einer heimtückischen Urwaldpflanze, eine Paste angerührt, die beißenden Nebel verbreitete und auf alle geruchsempfindlichen Wesen abschreckend wirkte. Dann hatte er eine Flasche mit Schlafdunst in Goldschweifs Wohnbau versteckt, die sich selbst öffnete, wenn sich jemand dem Bau näherte. Goldschweif ging in die Falle und würde nun einen vollen Tag schlafen, weil der Schlafdunst solange vorhielt. Bis dahin würde Julius Andrews fort sein.

"Hoffentlich erholt sich Goldschweif davon wieder, Blanche", sagte der Lehrer für magische Geschöpfe seiner Kollegin. Diese nickte zuversichtlich.

"Sie würde hinter dem jungen Mann herlaufen und versuchen, mit ihm nach Paris zu gelangen. Sie wissen, daß ich mich sehr dafür engagiere, daß Monsieur Andrews wieder einen festen Halt bei seiner Mutter findet. Die Dusoleils oder Porters können ihm eine gewisse Betreuung bieten. Aber das Gefühl, in einer Familie zu leben, können sie nur distanziert vermitteln, selbst wenn sie sich alle Mühe geben, ihm eine vollwertige Familie zu sein."

"Ja, und der Artikel sechs der Haltungsbestimmungen für magische Geschöpfe verbietet die Haltung augenfälliger Tierwesen in Wohngebieten, die zu über neunundvierzig Prozent von Muggeln bevölkert sind. Ich täte weder dem Jungen noch Goldschweif einen Gefallen, wenn ich sie ihm nachlaufen ließe", sagte Armadillus und zupfte sich am Umhangkragen. Seine Kollegin sah ihn streng an, als sei er einer ihrer Schüler.

"nach dem unsäglichen Disput mit der Familie Hellersdorf, den ich morgen haben werde, möchte ich in der Gewißheit die hier verbleibenden Schülerinnen und Schüler betreuen, daß ich nicht als die Muggelhasserin vom Dienst angesehen werde. Ich freue mich, daß die meisten nichtmagischen Erziehungsberechtigten doch einsichtiger sind."

"Haben Sie auch einen so vollen Terminkalender?" Fragte Armadillus. Professeur Faucon nickte heftig.

"Dann wünsche ich Ihnen noch eine angenehme Nachtruhe, damit Sie die nötige Ruhe und Kraft haben, um das durchzustehen!" Wandte sich der Lehrer für magische Geschöpfe an die Verwandlungslehrerin. Diese wünschte ihm dasselbe und sah zu, wie ihr Kollege ihr Büro verließ. Sie berührte einen bestimmten Stein in einer Wand ihres Sprechzimmers mit dem Zauberstab und murmelte ein Passwort. Die Wand klaffte zu einem rundbogenartigen Durchgang auf. Sie duckte sich und verließ durch diese Geheimöffnung ihr Büro. Hinter ihr fügte sich die Wand wieder zur alten Form zusammen.

 

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Julius erwachte wieder vor seinen Kameraden. Er nahm sein Sportzeug und prüfte, ob sein Schulkoffer schon gepackt war. Nach der Reinigungsaktion gestern hatten sie alle noch ihre Sachen eingepackt, die sie in die zweiwöchigen Ferien mitnehmen wollten. Julius hatte Claires Kalenderbild diesmal eingepackt, weil er es seiner Mutter endlich einmal zeigen wollte. Nur die Trainingssachen und den Schwermacher hatte er neben dem Sonntagsumhang und Unterwäsche für den Tag bereitliegen.

Er eilte so leise wie möglich erst ins Bad, dann hinunter in den grünen Saal, wo Barbara schon auf ihn wartete.

"Und, aufgeregt?" Fragte sie ihn, während sie auf die große Standuhr blickte, deren armlange Zeiger fast in einer geraden Linie die Sechs und die Zwölf verbanden.

"Das ist nicht der erste Elternsprechtag für mich. Ich kenne das aber nur, daß die Eltern abends eingeladen werden und mit den Lehrern sprechen. Morgens fand normaler Unterricht statt. Vorführungen gab es nur in Ausnahmefällen", sagte Julius.

"In Hogwarts gab's sowas ja nicht, weiß ich. Der Auftritt dieser Hardbricks war ja auch keine Reklame dafür, sowas regelmäßig zu veranstalten. Wie geht es diesem Jungen denn eigentlich? Weißt du das?"

"Hmm, der ist wohl jetzt genauso bedröppelt wie die anderen Muggelstämmigen. Aurora hat mir erzählt, daß die Slytherins nun Punkte abziehen dürfen. Da sollen auch sogenannte Schlammblutpunkte bei sein."

"Julius!" Schnaubte Barbara, die das Schimpfwort für nichtreinblütige Zauberer anwiderte. "Das lassen die denen durchgehen?"

"Du hast doch unsere Punktegläser besichtigen dürfen. Wenn jemand, der Punkte vergeben oder abziehen darf, die Punkte oder Punktabzüge verkündet, füllen oder leeren die sich. Hinterher fragt da keiner mehr nach, weshalb hier Punkte zugeteilt und da abgezogen wurden. Ich fürchte, außer den Slytherins wird dieses Jahr kein Haus einen einzigen Punkt übrigbehalten."

"Das ist ja das dumme an Hogwarts' Punktesystem. Bei uns sind ja alle Einzelwertungen mit Begründungen verzeichnet. Ich wette mit dir, daß Bébés Eltern das Wertungsbuch ihrer Tochter sehen wollen."

"Ich fürchte, die Wette würde ich verlieren", sagte Julius, dem schwermütig zu Mute wurde. Wie oft und wie gerne hatte er mit Kevin Malone, seinem guten Freund aus Hogwarts, um jeden möglichen Unsinn gewettet? Doch Kevin stand nun unter dem Pantoffel einer krötengesichtigen Marionette, deren honigsüße Kleinmädchenstimme nicht verbergen konnte, welch hinterlistiges und machtgieriges Wesen dahintersteckte. Der Besuch an Weihnachten hatte ihm deutlich gemacht, wie sehr die Fröhlichkeit, ja auch die Frechheit aus dem so lebenslustigen irischen Zaubererjungen gewichen war.

"Heh, habe ich was trauriges gesagt?" fragte Barbara besorgt dreinschauend. Julius schüttelte halbherzig den Kopf.

"Ich mußte wegen deiner Wette nur an Kevin denken. Der war ja über Weihnachten bei uns. Aber das habe ich euch ja erzählt."

"Stimmt. Ich hoffe, der verfällt nicht in Trübsal. Hier hätte er zwar auch nichts zu lachen, was er ja selbst schon oft genug gesagt hat, aber besser als in Hogwarts wäre es ihm sicher ergangen."

"Du, Barbara, der hat mir ja im zweiten Brief im Schuljahr geschrieben, daß ich wohl Glück hatte, nun hier zu sein. Das will schon was heißen."

"Oh, das wußte ich jetzt nicht. Aber vielleicht ränkt sich die Lage in Hogwarts wieder ein. Aber da! Wir können jetzt raus!"

Sechs Glockenschläge verkündeten, daß nun jeder Schüler seinen Saal verlassen und auf dem Gelände von Beauxbatons herumlaufen durfte. Der Hahnenwecker Claires krähte unüberhörbar aus dem Gang zu den Mädchenschlafzimmern.

"Einen besseren Gefallen konnte man mir nicht tun als Claire diesen Wecker zu schenken. So kann Virginie die Mädels alle ohne großen Aufwand zum Aufstehen bringen, während ich trainiere. Also los, Julius!"

Nach dem allmorgentlichen Training duschte Julius, bevor die Jungen aus den ersten drei Klassen das Badezimmer bevölkerten. Fix und fertig angezogen war er wieder im grünen Saal, wo Laurentines Kater Max gerade aus dem Mädchentrakt hervorkam und unter den Tischen nach Krümeln von Keksen oder Schokolade suchte. Doch Barbaras Freiwilligentruppe hatte ihm nichts übriggelassen, was er naschen konnte. Er kam zu Julius und strich einmal um seine Beine herum. Julius wußte, daß seine Schuhe noch nach Goldschweif rochen. Womöglich hielt Bébés Kater ihn für ihren persönlichen Besitz.

Laurentine kam aus dem Mädchentrakt. Barbara war hinter ihr und ordnete ihr die hellblonden Haare. Bébé knurrte zwar, daß sie das nicht wollte, daß man an ihr herumfummelte, doch Barbara war Saalsprecherin und hatte ihr schon oft gezeigt, daß man es sich mit ihr nicht verscherzen durfte.

"War Mademoiselle Goldschweif diese Nacht bei dir, Julius?" Fragte Laurentine, um ihren Unmut abzuschütteln.

"Ich habe sie nicht gehört, Bébé. Vielleicht war sie kurz da, hat gepeilt, daß ihr Schlafkissen nicht auf der Fensterbank lag und ist wieder abgerückt. Armadillus hat ..."

"Wie heißt der Lehrer?" Fuhr Barbara ansatzlos dazwischen.

"Professeur Armadillus hat mir was gesagt, daß er Goldschweif ruhighalten will, damit sie den Tag heute übersteht und mir nicht nachtrauert, wenn ich abreise. - Barbara, ich bin nicht respektlos, wenn ich jemanden nicht immer mit seinen Titeln anspreche. Mein Vater ist Doktor der Naturwissenschaften und meine Mutter Doktorin der Mathematik. Aber ich habe nie Doktor Paps oder Doktor Mum gesagt."

"Julius, es geht nicht darum, wie respektlos du es meinst, sondern wie es für andere klingt. Aber da ich nicht Edmond bin, werde ich dir keine Strafpunkte dafür geben", erwiderte Barbara Lumière.

"Na klar, weil du mir schon fünf wegen meiner Haare aufgeladen hast", knurrte Laurentine. Barbara räusperte sich sehr warnend und flüsterte was von weiteren Strafpunkten, die sie ihr noch anhängen könnte.

Claire kam mit Céline aus dem Trakt der Mädchenschlafsäle und begrüßte Julius. Sie trug ihre blaßblaue Seidenbluse und den roten Samtrock, den sie zu Valentin getragen hatte. Sie begrüßte ihren Freund mit einer kurzen aber innigen Umarmung und wünschte ihm einen schönen Morgen. Dieser erwiderte:

"Ich bin schon gespannt, wie Mum herkommt. Wielange ist das her, daß du meine Mutter gesehen hast? - Klar, um meinen Geburtstag herum."

"Kommt sie alleine oder mit den Brickstons?" Fragte Claire Dusoleil.

"Ach, Joe Brickston in Beauxbatons? Das gäbe aber was. Ich denke, der wird auch dann nicht herkommen, wenn Babette hier eingeschult wird, was wir wohl noch mitkriegen werden."

"Aber Madame Brickston kommt her?" Wollte Julius' Freundin wissen. Er nickte bestätigend.

"Sie gilt ja als meine Ansprechpartnerin für die Zaubereiausbildung. So haben Mum und sie sich doch abgestimmt."

"Ich dachte schon, Babettes Vater käme auch her", sagte Claire. Sie grinste schelmisch.

"Ach, das konntest du ja nicht mitkriegen. Der würde am liebsten haben, daß meine Mutter und ich wieder wegzögen. Irgendwie ist ihm durch uns die Zaubererwelt zu heftig auf den Pelz gerückt, findet er."

"Ja, aber er ist noch mit Madame Brickston zusammen", wandte Claire entschlossen ein. Julius zuckte zusammen. Ohne daß sie es wollte hatte Claire ihn an einem wunden Punkt getroffen. Denn Julius vermißte seinen Vater, selbst wenn er das niemandem zeigte. Die Logik und der Ärger über das, was sein Vater seiner Mutter angetan hatte, überdeckten das Verlangen, sich mit ihm wieder zu unterhalten, ihm von Claire zu erzählen, welche neuen Freunde er jetzt hatte und auch die Sache mit dem Traum von Martine. Aber sogesehen konnte er froh sein, daß er diese Dinge für sich behalten oder auch seiner Mutter erzählen konnte.

"Alle Mann bereit zum Ausmarsch!" Kommandierte Edmond die Jungen. Barbara dirigierte die Mädchen. Claire mußte machen, daß sie zu ihren Klassenkameradinnen kam, um keine Strafpunkte zu kriegen. Geordnet wie an jedem Tag rückten die Bewohner des grünen Saales aus, um im Speisesaal des Palastes zu frühstücken.

Aus magischer Quelle tönte leise Tafelmusik durch den geräumigen und auf Hochglanz geputzten Speisesaal. Der Geruch frisch gewaschener und gestärkter Tischwäsche hing in der Luft, und die Leuchter und Säulen glänzten im Licht der Morgensonne. Alle stellten sich an ihre Tische und warteten, bis die Lehrer einmarschiert waren und Madame Maxime gebot, daß sich alle hinsetzen mochten. Das Frühstück verlief im geordneten Rahmen, wie an allen Schultagen zuvor. Nichts außer dem geputzten Saal deutete darauf hin, daß heute ein besonderer Tag war. Nach dem Frühstück ergriff Madame Maxime noch mal das Wort.

"Mesdemoiselles et Messieurs, in einer Stunde werden die ersten Besucher eintreffen. Die Sänger und Musiker werden gebeten, sich auf den Empfang vor dem Hauptportal vorzubereiten. Die übrigen Schüler warten nach Klassen geordnet hinter dem Portal! Professeur Faucon teilte mir mit, daß es letztes Jahr zu Ausbrüchen von Ungeduld kam, weil es einigen von Ihnen nicht schnell genug ging, ihre Eltern zu begrüßen. Jetzt, wo ich diesen wichtigen Tag selbst beaufsichtigen kann, rate ich Ihnen, sich so diszipliniert zu zeigen, wie es den Zielen und dem Ruf unserer Akademie ansteht. Ich gehe davon aus, daß dies bei jedem angekommen ist." Raunen setzte ein. Madame Maxime klatschte einmal in ihre übergroßen Hände. "Der Tagesablauf ist Ihnen, die Sie schon längere Zeit unter diesem Dach weilen, bekannt. Für die Erstklässler unter Ihnen: Wenn die Eltern oder sonstigen Erziehungsberechtigten vollzählig eingetroffen sind und von unseren musischen Künstlern würdig empfangen wurden, dürfen Sie zu ihren Familienangehörigen. Mit Ihnen zusammen dürfen Sie dann meine Kolleginnen und Kollegen, sowie Schwester Florence und mich gemäß der vorher getroffenen Terminabsprachen aufsuchen und mit uns über Ihre Leistungen und sozialen Befindlichkeiten diskutieren. Den Schülerinnen und Schülern, die dazu tendieren, schnell zu protestieren sei gesagt, daß die Anwesenheit der eigenen Eltern oder sonstigen Verwandten Sie nicht ermutigen sollte, uns vom Lehrkörper frech und aufsässig zu erscheinen. Der entsprechende Kollege oder die Kollegin darf Sie dann nämlich des Sprechzimmers verweisen und Ihnen Strafarbeiten für die Ferienzeit auftragen. Dies sage ich nur, damit niemand hier vergisst, wo wir uns befinden. Erweisen Sie sich und der sie mit Wissen und Zuwendung versorgenden Akademie den Gefallen, sich im guten, ja besten Licht zu präsentieren! Denn dann wird dieser Tag für Sie alle ein angenehmer und kurzweiliger Tag sein. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!"

Die Schülerinnen und Schüler tuschelten leise miteinander. Julius war nun doch etwas aufgeregt. Hier wurde aus einem Treffen zwischen Eltern, Schülern und Lehrern eine königliche Zeremonie gemacht. Das erschauerte und faszinierte ihn gleichermaßen. Er rief sich den Ablaufplan noch mal ins Bewußtsein.

Die Besucher würden um neun Uhr eintreffen. Um halb zehn würde die Willkommensmusik aufspielen. Danach konnten die Eltern und Anverwandten mit den Lehrern sprechen. Das ganze ging bis ein Uhr Nachmittags. Dann wurde gegessen, wobei die Mitglieder des Schulrates am Lehrertisch speisen und die übrigen Eltern an Extratischen mit ihren Kindern zusammensitzen durften, was Julius bis dahin nicht kennengelernt hatte. In Hogwarts war das bei den zwei Malen, die er Besuch bekommen hatte, nicht erlaubt gewesen. Zwischen zwei Uhr und sechs Uhr Nachmittags konnte die Einzelbesprechung zwischen Eltern, Lehrern und Schülern fortgesetzt werden. Danach gab es das kleine Konzert in der Aula, in die gut und gerne die Bewohner einer Kleinstadt hineinpaßten, und danach würden alle zusammen noch ein Abendessen im Speisesaal einnehmen, bevor es dann in die Osterferien ging. Julius fragte sich in diesem Zusammenhang, wie seine Mutter, Catherine und er abreisen würden.

Claire und Jeanne nahmen Julius in die Mitte, als sie mit ihren Musikinstrumenten auf einem großen sechseckigen Podest Aufstellung nahmen, das zehn Meter vor dem Hauptportal auf starken Feilern errichtet worden war. Das Podest hatte an jeder seite eine der Saalfarben. In der Mitte erhob sich ein goldener Flaggenmast, an dessen Spitze eine vier Meter große Fahne im Frühling ankündigenden Wind flatterte. Auf der Fahne prangte das Wappen von Beauxbatons, die zwei gekreuzten Zauberstäbe, aus denen je drei Funken sprühten.

"Können die denn die Ausgangskreise aktivieren oder läuft das irgendwie vorprogrammiert ab?" Fragte Julius Jeanne.

"Deine Neugier hat dich noch nicht losgelassen, wie? Aber gut! Die Mitglieder des Schulrates, die in den sieben Regionen wohnen, in denen die Ausgangskreise liegen, sammeln die Besucher an den Kreisen und bringen sie in einer per Eulenpost und Kontaktfeuer vorgeplanten Folge her. Die Muggelbusse treffen davon unabhängig ein. Du hast ja gehört, daß die Eltern der Muggelstämmigen Fahrkarten zugeschickt bekommen, die sie zu einem Tagesausflug berechtigen. Das fällt dann nicht auf. Aber ich kann mir denken, daß deine Mutter mit Madame Brickston und den Grandchapeaus in der Reisesphäre anreist."

"Glaube ich nicht, Jeanne. Das würde Mum schon deshalb nicht machen, weil sie nicht besonders auffallen will", wandte Julius ein, während die Chorsänger ihre Stimmen anwärmten und die Blechbläser, zu denen auch Hercules Moulin gehörte, ihre Instrumente anbliesen.

"Möchtest du mit mir wetten?" Fragte Jeanne herausfordernd grinsend.

"Um was?" Fragte Julius fast automatisch.

"Wenn deine Mutter in diesen Bussen ankommt, bekommst du von mir ein Miniaturplanetarium, wie du es schon bei uns in Millemerveilles gesehen hast. Wenn deine Mutter aber in der Reisesphäre ankommt hätte ich von dir gerne Hausaufgabenhilfe in Muggelkunde bis zur Walpurgisnachtfeier."

"Oh, du mußt dir deiner Sache aber sicher sein", erschrak Julius. Doch sowohl bei Kevin noch früher bei Lester und Malcolm hatte er eine angebotene Wette selten ausgeschlagen. So nahm er an. Claire grinste ihre Schwester und dann ihren Freund an.

"Warum wettet ihr nicht um Geld oder Süßkram oder Forcas formidable Verrücktheiten?" Fragte sie leise.

"Schwesterlein, du weißt ganz genau, daß Wetten um Geld verboten sind, ich nur selten Süßigkeiten nötig habe und ich aus dem Alter für Forcas' Verrücktheiten raus bin, obwohl diese Lachtropfen schon genial sind."

"Außerdem wäre es langweilig, wenn es immer um essbare Sachen ginge, Claire", sagte Julius. Claire grinste nur und prüfte, wie gut sich ihre Blockflöte spielen ließ. Julius beteiligte sich am allgemeinen Stimmen der Instrumente. Irgendwann schwebte von Sängern und Musikern ein einheitliches A über den Platz vor dem Hauptportal. Dann war es neun Uhr.

Dort, wo Julius im letzten Sommer mit der trimagischen Abordnung in der hausgroßen Reisekutsche gelandet war, tauchten mit lautem Knall zwanzig Reisebusse mit ratternden Motoren und blauem Auspuffdunst auf und landeten federnd in vier Reihen nebeneinander. Der Schüler aus England fragte sich, wann die einzelnen Busse losgefahren waren, daß sie mit einer solchen Genauigkeit in Zeit und Ort ankamen, was die Berechnungen für einen Mondflug ziemlich blaß aussehen lassen mußte. Gleichzeitig wummerte es vom roten Vollkreis her. Sonnenuntergangsrot leuchtete eine Halbkugel auf, die blitzartig im Boden verschwand. Er riskierte einen längeren Blick und erkannte, daß die ankommenden Hexen und Zauberer eine große belgische Flagge mithatten. Das mußten die Verwandten aus dem Brüsseler Einzugsbereich sein. Schnell aber nicht übereilt verließen die angekommenen Erwachsenen den Kreis. Keine halbe Minute später krachte eine neue Reisesphäre aus dem Nichts in den Kreis und versank Darin. Aus welcher Stadt sie stammten, konnte Julius nicht erkennen, ob Calais, Nizza, Straßburg, Marseille, Millemerveilles oder Paris. Er richtete seinen Blick auf die geparkten Busse. Er sah, daß sie in unterschiedlichen Farben lackiert waren. Zwei Busse waren grün, wie der Ausgangskreis in Paris, vier Busse weiß wie Schnee. Dann waren da noch orange, zitronengelbe, violette und marineblaue Busse. Aus den grünen Bussen stiegen Männer und Frauen in eleganten Anzügen oder Sonntagskleidern. Er vermutete, daß sie alle aus Paris stammten.

"Die grünen Busse kommen aus Paris?" Fragte Julius Jeanne. Diese nickte bestätigend. Sie sah ebenfalls zu den grünen Reisebussen hinüber und grinste. Julius suchte derweil seine Mutter und Catherine. Doch der graublonde Haarschopf seiner Mutter tauchte ebenso wenig auf wie das nachtschwarze Haar Catherines. Sicher, er konnte schwarzhaarige Männer und Frauen ausmachen, aber sie ähnelten Catherine überhaupt nicht. Er sah sich um. Aus den violetten Bussen stiegen gerade die Besucher aus. Ihm fiel ein Paar auf, das sich besonders schick angezogen hatte. Es schien mit großer Eile von den Bussen fortlaufen zu wollen, sich gerade noch beherrschend, nicht zu rennen.

"Die violetten Busse kommen aus dem Älsass. Die weißen kommen aus Brüssel, die zitronengelben aus Calais, die orangen aus Nizza und die blauen aus Marseille."

Julius wandte sich dem Ankunftskreis zu, wo gerade die dritte Reisesphäre eintraf. Ihm fiel unter den Besuchern eine übergroße Frau mit flammenrotem Haar auf, deren Oberweite üppiger hervortrat als Julius es jeh bei einer Frau hatte sehen können.

"Das sind die Leute aus dem Süden, Avignon, die Provence und Marseille", bemerkte Claire, die sah, wo Juliushinsah. Sie bemerkte auch, daß Julius wie hypnotisiert auf die Frau mit den roten Haaren starrte.

"Das ist Raphaelle Montferre, Julius. Starr sie nicht so an wie ein hungriger Säugling! Sie könnte sich davon herausgefordert fühlen, und ihr Mann, der lange Herr links neben ihr, könnte eifersüchtig werden."

"Das sind die Eltern von Sabine und Sandra?" Fragte Julius, der wegen Claires Bemerkung verlegen rot anlief.

"Zumindest sieht sie so aus", gab Jeanne belustigt zurück. Dann deutete sie auf Hexen und Zauberer, die gerade von dem Kreis fortgingen. "Das sind die aus Calais, Julius. Ich erkenne Marianne Lagrange, Seraphines Tante."

Julius sah sich um und erkannte in einer in himmelblau gekleideten Hexe mit honigfarbenem Haar Belisamas Mutter. Ihre Tochter, so stellte der Freund Claires fest, war nicht mehr weit davon entfernt, wie sie auszusehen. Er mußte Seraphine rechtgeben, die beim letzten Sommerball gesagt hatte, ihre Tante sähe wie eine große Göttermutter aus, so schön und üppig an Brüsten und Becken, aber sonst schlank und biegsam.

"Claire, was hast du mit ihm angestellt, daß er auf einmal so fasziniert von Frauenkörpern ist?" Wandte sich Jeanne an ihre Schwester. Diese knuffte Jeanne in die Seite und meinte, daß das ja wohl normal sei und sie froh sei, daß Julius langsam merkte, daß Mädchen und Frauen nicht nur anders waren sondern auch interessant. Julius räusperte sich und entschuldigte sich bei Claire, daß er wieder wen anderen so angestarrt hatte. Claire grinste ihn an.

"Kuck dir Jeanne und Maman an. Wenn ich hier gut weiter esse, bin ich in drei Jahren auch so gut gebaut wie sie. Ich geh mal davon aus, du bist dann noch bei mir."

"Erst einmal kein Kommentar wegen unzureichender Daten", sagte Julius und überspielte mit einem frechen Grinsen die Verlegenheit, die ihn überkam. Diese Faszination von weiblichen Körpern hatte er bislang nur bei drei Gelegenheiten gespürt: Bei Fleurs Abreise zur Quidditch-Weltmeisterschaft, als er bei seinem dreizehnten Geburtstag abends Aurora Dawn im hauchdünnen Nachthemd gesehen hatte und in dem Traum, den er von Martine und sich hatte. Als er selbst ein Mädchen war, war es zwar sehr interessant gewesen, aber dann doch auch unangenehm, weil es ja nicht richtig war.

"Achtung, die nächste Sphäre kommt!" Rief Jeanne leise. Wummernd erschien die nächste rotglühende Halbkugel im Kreis und versank darin. Diesmal waren es die Leute aus Paris. Er erkannte es daran, weil Martines und Mildrids Mutter, eine rotblonde Hexe, mit ihren über 1,90 Metern alle überragte. Dazwischen erkannte er auch einen Mann mit Zylinder, neben dem eine Frau in einem dunkelgrünen Satinkleid mit dunkelblonder Dauerwelle stand. Dann erkannte er einen graublonden Haarschopf neben einem schwarzen. Zwei Frauen standen nebeneinander. Die eine trug ein himmelblaues Kleid, die andere einen saphirblauen Umhang.

"Was macht ihr gerade in Muggelkunde?" Fragte Julius sichtlich bedröppelt dreinschauend. Jeanne grinste und sagte:

"Wir unterhalten uns über die Massenmedien und welche Auswirkung sie auf die Gesellschaft der nichtmagischen Menschen haben."

"Ich denke, auf das Miniaturplanetarium muß ich noch warten", stellte Julius fest. Claire fragte ihn, ob er ernsthaft daran dächte, Jeanne die Hausaufgaben zu machen. Julius verzog das Gesicht und sagte:

"Claire, in England sind Wettschulden Ehrenschulden. Der Spaß am Wetten kommt nur dann, wenn man weiß, daß man ja auch verlieren kann."

"So ist es, Schwesterchen", bestätigte Jeanne breit grinsend.

"Ich habe echt gedacht, die sitzt im Bus", sagte Claires Freund leicht irritiert. "Ich dachte, Muggeln sei jede Form der magischen Reise verboten, bis auf die Ausnahme, die Autos zu benutzen."

 

"Das gilt für den privaten Bereich und wenn Muggel alleine verreisen, Julius. Ausnahmebestimmung a des Transportberechtigungsgesetzes legt fest, daß für besondere Anlässe magische Verkehrsmittel benutzt werden können, die nicht den Körperkontakt zu einem Zauberer oder Zaubergegenstand benötigen. Will sagen, sie dürfen nicht apparieren, nicht auf einem Besen fliegen, nicht mit Flohpulver reisen oder einen Portschlüssel benutzen. Von der Magischen Reisesphäre oder einem Teleportal ist aber da nicht die Rede."

"Wieso habe ich diesen Ramsch nicht auch gelesen?" Fragte sich Julius. Er hatte in seinem ersten Jahr in Hogwarts dicke Bücher mit Gesetzen gewälzt, wo der Umgang zwischen Magiern und Nichtmagiern genau drin beschrieben wurde.

"Tja, Ausnahmeregeln stehen eben nicht in jeder Fassung der Gesetze. Ich weiß das auch nur, weil Papa für seine Zulassung als Prüfer der Verkehrssicherheit von Besen oder anderen magischen Transportmitteln diese Gesetze büffeln mußte", erläuterte Jeanne, woher sie wußte, daß Julius' Mutter, obwohl eine Muggelfrau, mit Catherine in der magischen Reisesphäre herüberkommen durfte.

"Jeanne, das war ja dann keine richtige Wette. Du wußtest das, daß Madame Andrews in der Reisesphäre mitfliegen würde, weil es ja zu blöd war, sie in den Bus zu setzen, wenn Madame Brickston sowieso mitkam. Julius, du mußt diesen Kram für sie nicht machen, weil sie geschummelt hat."

"Claire, wirst du dich wohl aus meinen Angelegenheiten raushalten!" Herrschte Jeanne ihre jüngere Schwester sehr ernst an. Diese schrak zurück und schmollte.

Als schließlich auch die Hexen und Zauberer aus Millemerveilles angekommen waren - Julius konnte die füllige Madame Delamontagne mit ihrem strohblonden Zopf und die in meergrüne Seide gekleidete Madame Dusoleil sofort erkennen - trat Madame Maxime vor die Reihen der Lehrer, die sich in Reih und Glied vor dem Hauptportal aufgebaut hatten, die Hausvorsteher zuerst, dann deren Stellvertreter. Mademoiselle Bernstein kletterte auf das Podest und trat vor die Sänger und Musiker. Unvermittelt tauchten Notenpulte vor allen auf, die gleich aufspielen oder singen sollten. Julius überflog noch mal die wichtigsten Noten seiner Stimme und setzte seine Flöte an die Lippen. Wie einstudiert dirigierte Mademoiselle Bernstein mit ihrem Zauberstab einen Tusch von Trompeten und Trommeln. Dann wandte sie sich auch den Holzbläsern zu und gab den Einsatz für das Begrüßungslied, den Marsch "Bienvenu dans Beauxbatons".

Als der letzte Ton des Schulliedes verklungen war, hob Madame Maxime ihre mit Opalringen geschmückten Hände und winkte huldvoll den Besuchern, die sich in zwanzig großen Reihen aufgebaut hatten. Sie sprach: "Mesieursdames, herzlich willkommen in der Beauxbatons-Akademie. In meiner Eigenschaft als Direktrice dieses altehrwürdigen Lehrinstitutes für französischsprachige Hexen und Zauberer ist es mir nach einem Jahr Abwesenheit wieder eine große Freude, Sie alle zu begrüßen. Ich bedanke mich bei Ihnen, daß Sie durch Ihr Erscheinen bekunden, wie sehr Sie die Unterbringung Ihrer Kinder in unserem Hause wertschätzen und möchte Ihnen versichern, daß uns sehr daran gelegen ist, zum Wohle der uns von Ihnen Anvertrauten in gemeinsamer Zusammenarbeit mit Ihnen die besten Aussichten für die Zukunft Ihrer Kinder zu schaffen, wie die meisten von Ihnen sie dereinst selbst hier in Beauxbatons geboten bekamen."

"Hört hört!" Rief der Mann aus dem Paar, das Julius aus einem der violetten Busse hatte steigen sehen können und das es wohl sehr eilig hatte. Da alle andächtig der Begrüßungsrede Madame Maximes lauschten, war dieser Zwischenruf wie ein Blitz in der friedlichen Dunkelheit der Nacht über alle hereingebrochen. Madame Maxime räusperte sich so heftig, daß Julius ihre in schwarzes Satin gehültte Büste heftig auf- und abzittern sah. Doch dann fuhr sie fort:

"Wie gesagt liegt uns vom Lehrkörper sehr viel daran, Ihren Kindern die ihren Begabungen angemessene Ausbildung mit bestmöglichen Erfolgsaussichten angedeihen zu lassen, unerheblich, ob es Kinder aus lange zurückreichenden Generationen magisch begabter Familien oder durch natürliche Auswahl mit Magie begabte Kinder aus nichtmagischen Familien sind. Wie Sie sicher wissen, halten wir seit mehreren Jahrhunderten an vier Grundregeln fest, die sich bislang immer bewährt haben: Ordnung, vernunftgemäßer Gehorsam, Fleiß und Respekt vor sich und anderen. Die meisten von Ihnen, Messieursdames, haben einst selbst diese teils harte, teils fordernde Schule erduldet und von hier nicht nur die Kenntnisse um Zauberstücke mitgenommen, sondern auch gelernt, die eigenen Grenzen zu erkennen, zu erweitern und dennoch einzuhalten, sowie in mitverantwortlichem und kameradschaftlichem Geist mit Ihren Mitschülern zusammengelebt und gearbeitet, stets unter der kompetenten Anleitung des Lehrkörpers." Julius vermeinte, den Mann, der eben "Hört hört!" gerufen hatte verächtlich grinsen zu sehen. "So dürfen Sie auch weiterhin gewiß sein, daß Ihre Nachkommen hier immer noch am besten aufgehoben sind, wie diese sich nach einer hoffentlich sehr erfolgreichen Zeit hier gewiß sein dürfen, daß ihre Nachkommen einmal hier die bestmögliche Ausbildung erhalten werden.

Für Sie, Messieursdames, die sie vor der Einschulung Ihrer Söhne oder Töchter nicht wußten, daß es eine magische Welt gibt, in der Menschenkinder die Fähigkeit besitzen, Zauberei zu betreiben und zu erlernen", sie blickte nun ganz gezielt das Paar aus dem violetten Bus an. Julius fiel auf, daß die Frau dieselben Augen wie Bébé Hellersdorf hatte, "uns lag und liegt nichts daran, Sie als Eltern zu entmündigen oder gar in den Augen Ihrer Kinder verächtlich zu machen. Uns lag und liegt daran, die Begabungen Ihrer Kinder, nachdem sie erkannt wurden, zum Wohle Ihrer Kinder zu fördern und damit auch Ihnen die Beruhigung zukommen zu lassen, daß Ihre Kinder nicht aus Versehen irgendwelche ungeahnten Katastrophen auslösen. Ihr Erscheinen hier zeigt mir, daß Ihnen daran gelegen ist, sich mit uns, den Lehrerinnen und Lehrern der Beauxbatons-Akademie, vernehmlich darüber auszutauschen, was Ihre Kinder hier zu tun haben, wie sie hier leben und welche bisherigen Lernerfolge sie bereits vorweisen können. In diesem Zusammenhang begrüße ich vor allem jene Eltern aus der nichtmagischen Welt, welche bei den letzten Elternsprechtagen leider nicht die Zeit fanden, ihr berechtigtes Interesse am Bildungsstand ihres Nachwuchses zu bekunden und alle Fragen zu klären, die sicherlich aufgekommen sind. Um so mehr freue ich mich, daß Ihnen diesmal die Zeit zu Gebote steht, die aufgeschobenen Fragen und Anregungen mit uns zu erörtern. Seien Sie alle recht herzlich willkommen in den Mauern von Beauxbatons!

Über den Tagesablauf wurden Ihnen allen ja ausführliche Programme zugestellt. In gegenseitiger Absprache zwischen Ihnen und uns haben Sie alle ab zehn Uhr die Möglichkeit, mit den Mitgliedern des Lehrkörpers zu sprechen. Meine Kolleginnen und Kollegen halten sich gleich bereit. So möchte ich Ihnen nun die lange ersehnte Möglichkeit geben, Ihre Söhne, Töchter, Nichten oder Neffen zu begrüßen und sich mit ihnen auf diesen Tag einzustimmen."

Madame Maxime verbeugte sich, wodurch sie gerade so klein wurde, daß ihr Kopf auf der Höhe von Minister Grandchapeaus Hutoberseite verharrte. Alle klatschten Beifall, Eltern, Lehrer und Schüler. Selbst die nichtmagischen Besucher, die mißtrauisch der Rede gelauscht hatten, stimmten in den Applaus ein. Der allgemeine Gruppenzwang trieb sie dazu. Die Lehrer verbeugten sich und gingen respekterheischend an den aufgereihten Schülern vorbei in den Palast zurück. Nun setzte sich die Schar aller Beauxbatons-Schüler in Bewegung, um zu den wartenden Eltern hinüberzugehen, die ihnen eilfertig entgegenkamen.

"Müssen wir noch was hier oben machen?" Fragte Julius Claire, die das wohl schon einmal miterlebt hatte. Sie schüttelte den Kopf und steckte ihr Musikinstrument fort. Julius sah sich um und erkannte, daß auch die anderen Musiker ihre Instrumente fortpackten. So steckte er seine Blockflöte auch wieder in ihr Futteral und ging mit Jeanne und Claire zusammen vom Podest herunter.

"O Maman und Papa sind etwas schneller als Madame Brickston und deine Mutter", stellte Claire amüsiert fest, als Madame Dusoleil in ihrem meergrünen Seidenkleid herangelaufen kam, dicht gefolgt von Monsieur Dusoleil, der einen mitternachtsblauen Samtanzug und einen dazu passenden Zaubererhut trug.

"Hallo, Claire, hallo Jeanne", begrüßte Madame Dusoleil ihre Töchter und umarmte sie kurz aber innig. Dann sah sie Julius und drückte auch ihn an sich.

"Hallo, Julius. Schön, daß du uns begrüßt hast. Ich habe deine Maman gesehen, als wir aus dem Fährensphärenkreis kamen. Da kommt sie ja schon zusammen mit Catherine."

Wenige Augenblicke später erreichte Martha Andrews ihren Sohn und begrüßte ihn sehr herzlich. Julius sah seine Mutter an und fragte sie, wie ihr die Reise in der magischen Sphäre bekommen sei.

"Das war irgendwie unheimlich und aufregend zugleich. Ich sagte noch zu Catherine, daß ich keine Extrabehandlung möchte und auch mit einem der Busse gefahren wäre. Aber sie meinte, daß es unsinnig sei, daß sie in dieser Energieblase reist und ich vier Stunden früher mit einem der Busse abfahren sollte. Nathalie und ihr Mann haben mir versichert, daß dies eine zulässige Sonderregelung sei, sofern ich nicht ohne magische Begleitperson reise. Aber die Schwerelosigkeit im Transfer ist ja herrlich. nur die Landung ist gewöhnungsbedürftig. Wenn diese Dame, Madame Latierre, mich nicht aufgefangen hätte, hätte ich wohl den Boden hier geküßt, wie der Papst den Boden eines Flughafens."

"Ja, dafür darf ich Jeanne bis zur Walpurgisnachtfeier alles aufschreiben, was ich übers Fernsehen, Radio und sonstige Massenmedien weiß oder nachlesen kann."

"Huch, wieso das denn?" Fragte Catherine Brickston, die nun herangekommen war und Julius auch in die Arme nahm.

"Ich habe gewettet, daß ihr im Bus kommt. Sie meinte, ihr würdet wie die vollmagischen Eltern in den Reisesphären anfliegen. Tja, und ich Depp habe nicht daran gedacht, ob es Sonderregeln gibt."

"Achso", sagte Mrs. Andrews amüsiert. "Ja, und Jeanne wußte das wohl. Das kann passieren, wenn man wettet, mein Sohn. Es gibt immer Leute, die genau wissen, wie es ausgeht und die, die es nicht wissen verladen."

"Hast du dich mit einigen von den anderen näher bekannt gemacht?" Fragte Julius seine Mutter, um dieses peinliche Thema schnell wieder zu beenden.

"Ja, die Latierres kannte ich ja schon flüchtig. Dann kenne ich natürlich die Grandchapeaus und bin von Catherine noch den Dorniers und Colberts und Moulins vorgestellt worden. Allerdings hatten wir ja nur eine Viertelstunde Zeit, uns zu versammeln, bevor wir hier ankamen." Dann sah Martha Andrews Claire, deren Vater sie gerade umarmt hatte und nun mit ihr um die Wette strahlte. "Hallo, Claire. Du hast dir ja heute was besonders schönes angezogen, sehe ich."

"O das ist meine übliche Sonntagskleidung, Madame Andrews. Aber sie können ja jetzt richtig gut unsere Sprache, höre ich."

"Wer in Paris nicht verhungern will muß dadurch, Claire", bemerkte Julius gehässig. Catherine kniff ihm kurz in die Nase.

"Hat Professeur Faucon euch nicht beigebracht, immer höflich zu Erwachsenen zu sein? Ich gehe mal davon aus, daß sie sich nicht geändert hat."

"In Rom, so heißt es, soll man wie ein Römer handeln, Claire", sagte Julius' Mutter ruhig klingend. "Ich habe mich darauf eingerichtet, zumindest noch viereinhalb Jahre hier zu leben. Leben kann man ja nicht nur vom Essen. Außerdem stelle ich fest, daß ich besser damit fahre, die hier gebräuchliche Sprache zu können, zumindest aber zu verstehen."

"Wollen wir die anderen begrüßen?" Fragte Claire, die sich umsah, wie Elternpaare ihre Kinder begrüßten. Julius blickte seine Mutter an. Diese nickte. So gingen sie zu den anderen hinüber. Julius begrüßte zunächst die Delamontagnes, dann die Lumières, wobei er nur mit Madame Lumière sprach, weil ihr Mann gerade mit Jacques sprach. Julius sah sofort, daß es sich dabei nicht um eine fröhliche Vater-Sohn-Unterhaltung drehte.

"Dir bekommt Beauxbatons immer besser, Julius. Barbara hält dich wohl immer noch im Training, wie?" Fragte Madame Lumière, wobei ihre Tochter zufrieden dreinschaute.

"Die frische Luft am Morgen tut mir richtig gut. Ich hoffe, in Paris muß ich nicht ersticken, weil ich den Großstadtsmog nicht mehr gewöhnt bin."

"Ach, dann fährst du eben aufs Land oder kommst besser wieder zu uns", sagte Madame Lumière mütterlich lächelnd.

"Das kann ich meiner Mutter nicht immer antun", flüsterte Julius auf der Hut, daß seine Mutter das nicht mitbekam, die sich gerade mit einer Frau unterhielt, die offenbar keine Hexe war, weil sie eine Digitaluhr am linken Handgelenk trug. Sie war offenbar aufgeregt, weil ihr Zeitmesser im Moment nicht funktionierte. Mrs. Andrews erklärte der Dame, woran das lag und daß sie deshalb ihre alte Aufzieharmbanduhr mitgenommen hatte.

"Hallo, Julius!" Rief Céline Dornier. Julius wandte sich um. Er sah Agilius Dornier, den Rennbesenspezialisten der Ganymed-Werke, der neben einer hageren Frau mit glattem schwarzen Haar stand, die sich gerade mit Constance Dornier unterhielt, deren baldiges Mutterglück unter dem weiten Umhang nicht jeder sehen konnte. Er entschuldigte sich bei den Lumières und ging zu Céline und ihrem Vater hinüber. Dieser fragte ihn nach einer kurzen höflichen Begrüßung, ob er mit dem Besen immer noch zufrieden sei, was der Klassenkamerad Célines eifrig bejahte. Dann wurde ihm auch Margot Dornier vorgestellt.

"Ach, du bist Claires Freund aus England. Agilius hat mir erzählt, du wärest ein guter Quidditchspieler. Und, wie ist Beauxbatons im Vergleich zu Hogwarts?"

"Hmm, so wie Sie mich jetzt fragen muß ich denken, daß Sie von mir hören wollen, was ich über die Lage in Hogwarts denke, wie sie in den Zeitungen erwähnt wurde. Ich bin froh, obwohl das hier nicht gerade ein Spielplatz ist, zumindest zu wissen, daß ich den Lehrern hier vertrauen kann, daß die genau wissen, was richtig ist. In Hogwarts ist ja im Moment wohl nicht gerade gut leben, wenn ich die Briefe meiner Freunde richtig gelesen habe und dann diesen Zeitungsartikel über Professor Dumbledore."

"Ich konnte einige kurze Worte mit deiner Mutter wechseln, Julius. Ich freue mich, daß es unter den Muggeln auch noch welche gibt, die höflich und vernünftig sind, ohne ihre eigene Person dafür aufgeben zu müssen. Ich hörte auch, daß Schwester Florence dich mit Camilles Ältester für Constance eingeteilt hat und ..."

"Ma, das ist jetzt nicht nötig", zischte Constance und lief rot an. Julius nickte Célines Schwester zustimmend zu und wechselte sofort das Thema.

"Wo gehen Sie denn zuerst hin, falls ich das fragen darf?"

"Natürlich zu Professeur Trifolio. Allerdings sind Adele und ihr Angetrauter gleich hinter uns."

"Sie meinen Madame Lagrange aus Millemerveilles?" Fragte Julius.

"Natürlich", erwiderte Madame Dornier. Dann wandte sie sich ihrer älteren Tochter zu. Céline winkte derweil Claire und Jeanne, die mit ihren Eltern Bekannte und Freunde begrüßten. Weil Julius' Mutter offenbar zur Mittlerin zwischen Hexen und Muggelfrauen erkoren war - sie sprach mit verschiedenen Frauen aus den Bussen und einigen Hexen - schlich Julius ziellos umher, bis ihn Mildrid Latierre anrief und zu sich winkte. Er sah, daß Millies Eltern, die hünenhafte Hexe und der klitzekleine Zauberer mit den Montferres zusammenstanden. Er ging hinüber, blickte sich dabei immer wieder zu seiner Mutter um, die seinen Blick einmal einfing und nickte. So stand er bald vor den beiden imponierend großen Hexen, die nur noch von Madame Maxime überragt wurden. Er zwang sich, nicht zu intensiv auf die Brüste von Madame Montferre zu glotzen und sah lieber Hippolyte Latierre an, die seinen Blick lächelnd erwiderte.

"Hallo, Julius. Martine und Millie sagen, dafür, daß du im grünen Saal wärest, hättest du dich sehr stramm entwickelt. Du trainierst wohl auch mit dem Schwermacher?"

"Ja, tu ich, Madame Latierre."

"Meine jüngere Tochter meinte sogar, du würdest dich auch langsam vom Jungen zum Mann mausern", quiekte Monsieur Latierre mit seiner hohen Stimme. Julius grinste nur.

"Das hängt ja davon ab, was einen Jungen vom Mann unterscheidet, Monsieur Latierre."

"Meine Cousine zweiten Grades Raphaelle Montferre kennst du ja noch nicht. Sie kam mit der Sphäre aus Marseille. Sie hat mit mir zusammen bei den Pelikanen und den Cannes Kometen gespielt als wir noch jung und unschuldig waren", sagte Madame Latierre und deutete auf die Mutter der Montferre-Schwestern. Julius warf seinen Kopf in den Nacken, um der mindestens 1,95 Meter großen Hexe in die Augen blicken zu können. Sie umarmte Julius ansatzlos und drückte ihn kurz an sich. Total verlegen hing Julius in der kräftigen Umarmung und brachte keinen Ton heraus.

"Hups, so verlegen?" Fragte Sabine. "Du weißt doch, wie man sich hier begrüßt."

"Ich fürchte, Raphaelle, deine Traumfigur hat den jungen Mann um seine Fassung gebracht", kicherte Monsieur Latierre, der der Cousine zweiten Grades seiner Frau locker zwischen den Beinen hätte durchschlüpfen können.

"Ja, ich verstehe", sagte Madame Montferre mit einer warmen aber Stärke verheißenden Altstimme, die Julius einen heißkalten Schauer über den Rücken jagte. "Du möchtest mich nicht in eine peinliche Lage bringen, nur weil du etwas kürzer geraten bist als ich und es so ausgesehen hat, als würdest du dich gezielt an mich heranwerfen."

"Ähm, daran habe ich nicht gedacht, Madame. 'tschuldigung, wenn ich sie irgendwie beleidigt haben sollte."

"Das hast du nicht", sagte die übergroße aber noch nicht an Madame Maxime heranreichende Hexe. Sandra sagte zu Julius:

"Tja, jetzt weißt du zumindest, wieso Bine und ich so groß und stark geworden sind."

"Ja, Sandra, das weiß ich jetzt", gab Julius eingeschüchtert zur Antwort. Seine Mutter trat heran und legte ihm sacht die Hand auf die Schultern. Er nutzte die Gelegenheit, sie den Montferres vorzustellen. Sabine sah Martha Andrews genau an, als müsse sie prüfen, was sie von ihr zu halten hätte. Sandra flüsterte mit ihrer Mutter. Diese lachte nur und sagte laut:

"Meine Tochter meinte gerade, ich könnte den Eindruck auf Sie gemacht haben, als wollte ich Ihren Jungen für mich vereinnahmen. Aber Sie dürfen Beruhigt sein, Madame Andrews, daß ich mit zwei Töchtern zur gleichen Zeit mehr als ausreichend beschäftigt bin."

"Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen, Madame. Ich habe gelernt, daß es in diesem Land üblich ist, durch Umarmungen zu grüßen. Julius kennt das nur von mir oder eben seinen Freundinnen hier."

"Freundinnen?" Fragte Madame Latierre und überstrich mit ihrem Blick ihre jüngere Tochter und die Montferres.

"O, das war das falsche Wort, Madame. Ich meinte natürlich Kameradinnen. Soweit ich weiß ist mein Sohn ja gut aufgehoben."

"Davon bin ich überzeugt", sagte Madame Latierre. Madame Montferre lächelte warmherzig. Dann fragte sie:

"Sind Sie auch mit Professeur Dedalus verabredet? Ihr Sohn spielt ja auch Quidditch."

"Nein, ich habe nur die direkten Unterrichtslehrer um ein Gespräch gebeten und treffe mich dann noch mit der Schulkrankenschwester und Direktrice Maxime. Einige Lehrer wollten ja unbedingt mit mir sprechen. Wenn ich richtig orientiert bin ist eine Professeur Fixus für das Schulhaus zuständig, in dem die Mesdemoiselles Latierre wohnen."

"Meine Töchter sind auch bei dieser netten Dame einquartiert", erwiderte Raphaelle Montferre. Ihr Mann fragte:

"Wieso sind Sie alleine gekommen, Madame. Ich ging davon aus, daß Sie Ihren Gatten mitbringen würden."

Wenn diese Bemerkung Martha Andrews erschütterte, so ließ sie es sich nicht anmerken. Sie sagte ruhig:

"Oh, mein Mann möchte mit der Zaubererwelt nichts zu tun haben. Deshalb bin ich mit Madame Brickston hier."

"Pech für ihn. So sieht er ja nicht, was hier alles geboten wird. In Hogwarts gibt es ja keinen Elternsprechtag, wenn ich das richtig mitbekommen habe."

"Das stimmt. Aber ich war dort zweimal. Einmal ist mein Mann mitgegangen. Das zweite Mal hat er sich davon ferngehalten. Näheres zu erörtern wäre zu langwierig, Monsieur ... Montferre?"

"So ist es. Michel Montferre, Büro zur Regelung der Apparition", sagte Monsieur Montferre.

"Also Sie kontrollieren, wer wohin appariert?" Fragte Martha Andrews.

"Das nicht. Ich prüfe nur Kandidaten, die die Erlaubnis dafür erwerben wollen und bin für die Behebung von Störungen beim Apparitionsvorgang zuständig."

"Das ich keine Hexe bin, dürfte sich wohl zu Ihnen herumgesprochen haben", wandte Mrs. Andrews völlig direkt und unbekümmert ein. Alle nickten. Madame Latierre sagte:

"Wofür Sie nichts können, Madame. Daß Sie aber herkommen, um Ihren Sohn zu unterstützen, zeigt ja, daß Sie als Mutter wie ich und meine entfernte Verwandte denselben Respekt verdienen. Das kann man zwar nicht von allen Muggelfrauen behaupten, die heute hier sind, aber wenn ich Martine richtig verstanden habe, die ja mit Ihrem Sohn in der Pflegehelfertruppe ist, so kann ich Ihnen sagen, daß ich froh bin, daß es doch vernünftige Vertreter Ihrer Gruppe gibt."

"Darf ich fragen, ob Sie einen Beruf ausüben oder sich ganz der Hausarbeit widmen?" Wandte sich Madame Montferre ohne Umstände an Mrs. Andrews. Diese nickte und erzählte ihr, was sie machte. Natürlich kannte die Mutter Sabines und Sandras keine Computer oder wußte, was nötig war, um sie zu bedienen. Aber sie erkannte, daß diese Arbeit nicht unwichtig war, zumal Mrs. Andrews indirekt mitteilte, daß ihr die Arbeit in Paris von wichtigen Vertretern der Zaubererwelt vermittelt worden war.

"Martha! Ach, du hast Raphaelle getroffen", sagte Catherine. Sie kam zusammen mit den Dusoleils herüber. Martha Andrews sah kurz auf ihre Uhr, verabschiedete sich höflich und nahm Julius bei der Hand. Dieser winkte den Montferres und Latierres zu und ging mit seiner Mutter und Catherine zum Palast hinüber, wo die ersten Familien gerade durch das Hauptportal gingen.

"Imponierende Erscheinung, die gute Raphaelle, wie?" Fragte Catherine, die Julius' Schüchternheit richtig deutete. Dieser nickte nur.

Unterwegs trafen sie Hercules und seine Eltern. Der Klassenkamerad von Julius erklärte seinem Vater aufgeregt, daß Julius der Auserwählte von Goldschweif sei. Monsieur Moulin, der in der Tierwesenbehörde arbeitete, nickte nur und sagte:

"Ich hörte von Professeur Armadillus, daß er die nette Mademoiselle mit einem Schlafmittel behandelt hat, damit sie dir nicht heute abend in den Koffer springt und mitgenommen wird. Du hast dieses Buch über Kniesel bekommen?"

"Mmhmm", machte Julius. Hercules sah kurz zurück und entdeckte die Montferres und Latierres, die sich mit den Eltern seiner Freundin Bernadette zusammengefunden hatten.

"Ich habe das eben mitbekommen, wie Madame Montferre dich umarmt hat. Mann, da hätte ich gerne mit dir getauscht."

"Hercules Moulin!" Versetzte seine Mutter sehr ungehalten aussehend.

"Ach, wieso?" Fragte Julius, nun wieder auf der Höhe seiner Lässigkeit.

"Öhm, das weißt du doch ganz genau", erwiderte Hercules verschmitzt grinsend und beachtete den tadelnden Blick seiner Mutter überhaupt nicht. Sein Vater grinste nur.

"Ich gehe mal davon aus, daß Julius für Madame Montferre zu alt ist, um von ihrer Gabe noch was zu haben und doch zu jung ist, um von ihr andauernd so umarmt zu werden, oder andere delikate Spielchen mit ihm zu veranstalten, Monsieur Moulin Junior", lachte Catherine. Martha Andrews meinte nur:

"In unserer Welt sind Frauen, die derartig gestaltet sind nicht unbedingt biedere Hausfrauen und Mütter. Julius wußte nicht, daß sie ihn nur begrüßen wollte."

"Stimmt, Hercules", sagte Julius bestätigend. Dann fragte er die Moulins, wo sie zuerst hingehen würden.

"Natürlich stand Professeur Armadillus zuerst auf der Liste, obwohl Professeur Bellart uns gebeten hat, auch sie zu besuchen. Natürlich gehen wir auch zu Professeur Faucon."

"Die ist die erste auf unserer Liste", sagte Julius' Mutter. Hercules' Vater sah Catherine an und schmunzelte. Dann wünschte er den Andrews' einen guten Vormittag und ging mit seinem Sohn in den Palast.

"Soso, wir sind erst bei Professeur Faucon", sagte Julius zu seiner Mutter. Diese nickte bekräftigend. Er wandte sich an Catherine. "Das haben Sie nicht zufällig so hingedreht, Madame Brickston?"

"Nein, Julius. Nicht zufällig. Immerhin war mir ja klar, daß deine Mutter sehr gerne an diesem Elternsprechtag teilnehmen würde, und da habe ich mir, zumal ich ja in zaubererweltlichen Belangen für dich zuständig bin, den Terminplan vorher schon kommen lassen und uns als erste bei ihr eingetragen."

"Beziehungen sind also auch hier alles", grinste Julius. Seine Mutter sagte dazu nur:

"Wie bei uns auch. Das macht die Zaubererwelt richtig menschlich, weil dieselben Möglichkeiten und Unmöglichkeiten drin sind, die bei uns sogenannten Muggeln vorkommen."

"Ja, aber ich ging davon aus, daß eure Beziehung hier nicht viel gilt", wandte Julius ein. Catherine nickte flüchtig.

"Eben. Hier gilt sie nicht mehr als die Beziehung zwischen deiner Mutter und Professeur Faucon. Aber außerhalb von Beauxbatons sieht das wieder anders aus." Sie lächelte ihren Schützling an. Dieser lächelte zurück. Wie wichtig das war, gute Kontakte zu haben, hatten seine Eltern ihm vor Hogwarts gut vorgelebt. In Hogwarts selbst hatte er die richtigen Leute kennengelernt, die ihm schon als Jungen wichtige Kontakte verschafft hatten, wie Gloria, deren Vater ja für Gringotts arbeitete, deren Mutter in der Hexenkosmetik einen Namen hatte und deren Oma eine ranghohe Mitarbeiterin in einem Institut zur Abwehr dunkler Künste war, oder die Hollingsworths, deren Mutter ja für den Tagespropheten schrieb. Nicht zu vergessen natürlich Aurora Dawn, die ihm wiederum ja auch die Tür zu den Dusoleils noch weiter geöffnet und ihm dadurch während seiner ersten Ferien in Frankreich den Einstieg in die Gesellschaft von Millemerveilles ermöglicht hatte. Sicher hatte er auch mitgeholfen, von diesen Hexen und Zauberern nicht für undankbar gehalten zu werden, aber die Kontakte kamen ja nicht nur durch sein Benehmen. Er mußte ja auch die richtigen Leute kennenlernen. Außerdem war da ja noch Pina, über die er, ohne daß sie es wußte, Kontakt zu Dr. Sterling bekommen könnte, der wiederum mit seinem Vater gut bekannt war. Das seine Mutter Glück hatte, Catherine schon lange vor Hogwarts kennengelernt zu haben, sah diese wohl wie er. Denn beide freuten sich sichtlich auf diesen Tag. Julius war sich zwar sicher, daß nicht alle Lehrer ihn über den grünen Klee loben würden, wußte aber auch nichts, was seiner Mutter schlaflose Nächte bereiten sollte.

Die vielen Leute, die vorher noch auf dem Platz vor dem Hauptportal gestanden hatten, verteilten sich rasch in den Korridoren und Trakten des weißen Palastes. Julius fragte seine Mutter, als er sie durch einen der Zeitversetztgänge gelotst hatte:

"Wen handeln wir denn nacheinander ab?"

"Erst deine Hauslehrerin, die ja wohl auch zwei Fächer aus deinem Stundenplan gibt. Dann gehen wir zu dieser Professeur Pallas, die euch Zaubereigeschichte beibringt. Dann kommt Professeur Armadillus, bei dem du das mit den Zauberwesen hast. anschließend diese Professeur Fixus, vor der Joe fast genauso viel Angst hat wie vor Professeur Faucon. dann gehen wir zu Professeur Trifolio. Danach sind noch die Professoren Bellart, Paralax, Milet und Laplace dran. Anschließend möchte eure Schulkrankenschwester noch mit uns reden und dann noch Madame Maxime. Für jedes Gespräch haben wir nur fünf Minuten, weil ja alle irgendwie mit denen reden wollen."

"Wieso möchte Madame Rossignol mit dir reden, Mum?" Fragte Julius. Wie selbstverständlich sprach er weiter französisch mit seiner Mutter. Offenbar lag beiden die Sprache so gut, daß es keinen großen Unterschied mehr machte.

"Sie meinte in einem Brief, daß sie gerne die Eltern aller ihrer Pflegehelfer kennen würde und bei den anderen ja schon die Eltern gesehen hätte", sagte Martha Andrews. "Madame Maxime möchte mit mir nur klären, was in Hogwarts los war und will meine Meinung hören, was ich von deiner Zaubererausbildung im allgemeinen halte und mir vorstellen kann, was du danach machst."

Virginie kam mit ihren Eltern um eine Ecke. Madame Delamontagne begrüßte Martha Andrews und Catherine. Virginie verriet Julius, daß sie zuerst zu Professeur Paximus gehen würden, bei dem sie alte Runen hatte.

"Sie sehen nicht so aus, als müßten Sie sich vor irgendwelchen unangenehmen Nachrichten fürchten, Monsieur Andrews", meinte Madame Delamontagne. Julius errötete schlagartig. Sollte das jetzt heißen, daß er zur Gelassenheit keinen Grund hatte? "Wovon ich auch stark ausgehe", fügte die Dorfrätin für gesellschaftliche Belange in Millemerveilles noch hinzu. Virginie lachte über Julius' reaktion.

"Ihr geht natürlich zuerst zu Professeur Faucon. Dann hast du das möglichst schlimmste hinter dir."

"Ich muß dann noch zu Professeur Fixus, Virginie. Könnte sein, daß die und ihr Kollege Trifolio was zu meckern haben", sagte Julius.

"Höchstens, weil die der Meinung huldigen könnten, du könntest mehr als du zeigst", sagte Madame Delamontagne wohlwollend lächelnd. Dann gingen sie weiter.

Punkt zehn Uhr standen sie vor dem Sprechzimmer von Professeur Blanche Faucon. Martha Andrews sah Catherine an, die den Kopf schüttelte und auf die Tür deutete. Mrs. Andrews klopfte an. Professeur Faucon rief von drinnen: "Herein!"

Das Sprechzimmer war freundlich dekoriert. Blumenvasen standen auf den Fensterbänken, an der Wand hingen Gemälde mit sich im Wind wiegenden Kornähren, einem Wald und einem Bergbach, dessen Plätschern natürlich echt herüberklang. Auf dem Tisch waren eine kleine Sanduhr mit fünf Teilstrichen auf jedem Kolben, sowie Schreibzeug aufgebaut. Dann lag da noch das Bewertungsbuch für Julius Andrews, in dem alle für oder gegen ihn ausgesprochenen Punkte und Strafpunkte niedergeschrieben waren. Sie winkte den beiden Frauen und dem Schüler, sich hinzusetzen, nachdem man sich gegenseitig begrüßt hatte.

"Ich freue mich, Madame Andrews, daß Sie es einrichten konnten, heute herzukommen. Madame Brickston hat Ihnen ja geholfen, die Anreise und die Termine zu koordinieren", begann Professeur Faucon. "Nun, Ihr Sohn Julius ist nun mehr als ein halbes Jahr bei uns und hat sich, wie ich Ihnen ja schon schriftlich mitteilen durfte gut bis sehr gut in unserer Schule eingelebt. Er bringt sich stets gut ein, ist hilfsbereit, wobei er nicht von sich aus seine Hilfe aufdrängt und hat bislang alle Ziele der dritten Klasse voll erreicht. Seine Grundkraft, deren besondere Stärke ja einem Jahrhundertzufall zu verdanken ist, gibt ihm natürlich mehr Möglichkeiten an die Hand. Ich stelle zudem fest, daß er sehr aufgeweckt und lernfähig ist, aber auch sehr beherrscht und zurückhaltend. Ja, in einigen Fällen neigt Ihr Sohn noch zur Tiefstapelei. Es war also höchste Zeit, ihn in eine Umgebung zu holen, wo er gefordert wird, seine Grenzen zu erkennen. Ja, ich bin der festen Überzeugung, daß Monsieur Julius Andrews", sie sah Julius ganz genau an, "längst noch nicht alles gezeigt hat, was er kann. Aber ich kann Ihnen verbindlich versichern, daß er das hier zeigen wird."

"Nun, ich habe ja vor bald einem Jahr in Hogwarts mit den Lehrern dort gesprochen", sagte Martha Andrews. "Die haben mir im Grunde dasselbe erzählt. Inwiefern wird Julius hier besser gefördert?"

"Durch die Art, Schüler anzuleiten, möglichst das beste zu leisten, sowie die Freizeitkurse, die anders als in Hogwarts die individuellen Interessen und Begabungen ansprechen, und nicht zu letzt die gesellschaftliche Struktur, die wesentlich stärker differenziert ist als in Hogwarts. Die Hierarchie die wir hier haben, sowie die individuelle Bewertung der sozialen und schulischen Betätigungen, zielen darauf ab, jeden Schüler und jede Schülerin zur eigenständigen Persönlichkeit zu formen, die aber durchaus gemeinschaftstauglich arbeiten kann und zwischen Eigenbedarf und gesellschaftlichen Verpflichtungen abwägen lernt. Wir sind nicht nur eine Schule, in der Zaubersprüche und Zaubertrankrezepte gelernt und angewendet werden, Madame Andrews, sondern unsere Akademie rühmt sich auch der Fähigkeit, junge Hexen und Zauberer zu verantwortlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, ohne sie geistig-moralisch zu uniformieren, also zu reinen Ausführungspersonen zu machen, sondern zu ausführenden Persönlichkeiten mit eigenem Denken und Verstand zu reifen. Ich entnahm einem Brief von Ihnen, daß sie einst selbst eine höhere Mädchenschule besuchten, wo Individualität zweitrangig war. Vielleicht mag es Ihrem Sohn vorgekommen sein, daß wir die Struktur einer Armeeniederlassung oder eines Gefängnisses pflegen. Aber ich weiß mittlerweile, daß er erkannt hat, daß dem trotz der gebotenen Strenge und Verhaltensvorschriften nicht so ist." Julius nickte vorsichtig. Seine Mutter rümpfte die Nase und fragte:

"Nun, er hat mir natürlich geschrieben, was am ersten Schultag passiert ist. Sie haben ja in einem unabhängig davon verfaßten Brief an mich geschildert, was der Grund für diesen Zwang war, den Sie auf ihn ausübten. Ich frage mich jedoch, ob diese Maßnahme wirklich gerechtfertigt war."

"Das heißt, Sie fragen mich, Madame", berichtigte Professeur Faucon ihren Gast ernsthaft klingend. "Nun, der Grund für diesen Befehl bestand und besteht darin, daß er schon weiter in der magischen Grundbegabung gereift ist als andere Schüler seines Alters. Er hätte also, wenn er nicht in Hogwarts und nun auch bei uns seine Kräfte zu beherrschen begonnen hätte, irgendwann ohne seinen Willen Dinge bewirkt, die sich zur Katastrophe ausgewachsen hätten. Da die Schülerin, Mademoiselle Hellersdorf, nicht einsehen wollte, daß auch sie lernen muß, mit ihren Fähigkeiten umzugehen und Ignoranz kein Mittel ist, um sie zu unterdrücken, habe ich Ihren Sohn anhalten müssen, sie einzuschrumpfen. Die Schülerin hat es danach eingesehen, ohne ein Übermaß an Angst vor ihm zu behalten. Sie weiß, daß er in dieser Situation unter Zwang gehandelt hat. Aber es geht hier um Ihren Sohn, Madame Andrews. Ich erzählte Ihnen im Sommer, wo Sie in Millemerveilles waren, daß es mir sehr wichtig ist, ihn ordentlich ausgebildet zu wissen. Damals mußte ich davon ausgehen, daß er weiterhin in Hogwarts die nötige Ausbildung erhält. Daß er nun hier ist und auch in meinen Verantwortungsbereich eingeteilt wurde, erachte ich als Verpflichtung ihm gegenüber, mein Wissen und Können so gut es mir möglich ist an ihn weiterzugeben, ihm dabei aber auch moralisch eine feste Basis zu bieten, um mit dem, was er hier lernt, vernünftig, also für ihn vorteilhaft, ohne anderen zu schaden, umzugehen. Ich verhehle nicht, daß ich sehr beruhigt war, als ich feststellte, daß er von Ihnen aus eine sehr gute Grundlage mitbekommen hat. Damit meine ich zum einen die erlernte Fähigkeit, sich in emotional aufwühlenden Situationen gut zu beherrschen, die gesellschaftliche Grundausbildung, die es ihm bereits im letzten Jahr ermöglichte, auch in unserer Zauberergesellschaft guten Anklang zu finden, sowie das Grundwissen auf verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften, die hier in Beauxbatons nicht ignoriert werden, sowie die frühzeitige sexuelle Aufklärung, die normalerweise erst vierzehnjährige Jungen von ihren Eltern mitbekommen oder eben die jungen Hexen, die hier eingeschult werden. Letzteres erscheint mir wohl im Moment auch sehr wichtig, weil ich in meiner Eigenschaft als Vorsteherin des grünen Saales mitbekomme, daß Ihr Sohn sich bereits partnerschaftlich orientiert, beziehungsweise schon orientiert hat." Julius errötete sichtlich. Professeur Faucon sah ihn streng an und fuhr fort: "Ja, glauben Sie denn, ich hätte vergessen, wie Sie und Mademoiselle Dusoleil in den Sommerferien zueinander gefunden haben? Denken Sie, ich hätte nicht mitbekommen, daß sich auch andere junge Damen um Sie bemühen? Selbstverständlich halte ich mich über derlei Vorgänge auf dem laufenden, zumal hier in Ihrem Wertungsbuch mehrfach erwähnt wird, daß Ihr Saalsprecher partnerschaftliche Annäherungshandlungen geahndet hat." Sie schlug das Buch auf und deutete auf die besagten Einträge. Martha Andrews und Catherine Brickston sahen Julius an. Martha lächelte.

"Hier stehen auch Strafen für irgendwelche Unkorrektheiten drin, die mir irgendwie an den Haaren herbei gezogen vorkommen. Zum Beispiel wird ihm hier ein Punktabzug wegen Benutzung einer nichterlaubten Sprache angezeigt. Ich gehe davon aus, daß er mal was auf englisch gesagt hat. Wieso wird das bestraft?"

"Nun, um den Schulbetrieb so reibungslos wie möglich zu erhalten ist es unbedingt erforderlich, eine gemeinsame Sprache zu verwenden, die jeder hier verstehen und sprechen kann. Daher wird jede unangemeldet benutzte Fremdsprache bestraft, um nicht jemanden eine Nische zu geben, sich beispielsweise über seine Lehrer und Mitschüler lustig zu machen, im Unterricht zu betrügen oder zu unerlaubten Handlungen aufzurufen."

"Hier, dieser Eintrag", sagte Martha Andrews und deutete auf eine Seite, die mit "1. bis 8. November" überschrieben war, "wurde ihm Verschleppung des Unterrichts mit fünf Strafpunkten bedacht. Wenn ich mich nicht täusche, war das doch die Woche, in der Julius ... ich meine, in der dieser Halloween-Streich ihn mit Mademoiselle Grandchapeau zusammengezwungen hat."

"Natürlich hatte Monsieur Andrews in dieser Woche Unterricht und war als Person ja nicht von den Regeln entbunden, Madame Andrews. Er beabsichtigte, dem Unterricht von Mademoiselle Grandchapeau teilnahmslos beizuwohnen. Meine Kollegen und ich wiesen dieses Ansinnen zurück und banden ihn mit dem was er wußte und konnte in den laufenden Unterricht ein. In dem von Ihnen bezeichneten Fall hielt er es für zulässig, mit Wissen über Ihre Computertechnik hinter dem Berg zu halten, was mein Kollege Paximus natürlich nicht hinnahm, da dieses Thema in seiner Unterrichtsklasse Studium der nichtmagischen Welt gerade auf dem Lehrplan stand. Ebenso wurde Ihr Sohn in meine Stunden Transfiguration und Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie einbezogen und hat sich entgegen seiner Absicht sehr konstruktiv eingebracht, wie auch im Unterricht von Professeur Fixus. Sie sehen also, daß diese Strafpunkte einen durchaus förderlichen Wert hatten und nicht als Drangsal dienen. Daß Monsieur Andrews diese besagte Woche körperlich identisch mit Mademoiselle Grandchapeau war, zeigte uns auch, wie wertvoll die von Ihnen vermittelten Grundlagen für ihn sind, die ich bereits erwähnt habe. Zusammenfassend möchte ich nun sagen:

Ihr Sohn wird hier, ob er es will oder nicht, seine Leistungsgrenzen erfahren, erweitern und sinnvoll nutzen. Sofern es an mir liegt, werde ich ihn weiterhin fördern und vor allem fordern. Ich bin erfreut, daß Ihr Sohn in dieser Akademie seinen Veranlagungen entsprechend ausgebildet wird und möchte Ihnen bei dieser Gelegenheit meinen Respekt bekunden, den ich vor Ihnen habe. Was seine sozialen Aktivitäten angeht, so wissen Sie ja durch eigenen Augenschein, daß er hier nicht so isoliert hereinkam, wie Sie es in Hogwarts noch befürchten mußten. Auch da, soweit ich von meinen Kollegen Flitwick und McGonagall unterrichtet wurde, fand er sich gut zurecht.

Soviel von mir für Sie. Sie haben noch eine Minute, um etwas zu sagen, Monsieur Andrews."

Julius räusperte sich und sagte: "Also, bisher komme ich mit Beauxbatons gut zurecht. Sicher kam ich in Hogwarts mit den Leuten gut aus und konnte da auch freier planen, was ich machen wollte. Hier geht das ja nicht, weil die Freizeit ja verplant werden muß. Was mich und Claire angeht: Ich bin sehr gerne mit ihr zusammen und weiß jetzt auch, daß wir mehr als Schulfreunde sind. Und was diese kleinen Dinger hier angeht, die Monsieur Edmond Danton mir angehängt hat, möchte ich nur sagen, daß ich keine Probleme habe, Sachen zu machen, von denen ich weiß, daß sie ordentlich begründet sind. Mit manchen Sachen von unserem Saalsprecher bin ich nicht so ganz klar. Aber wenn er meint ..."

"Ich wollte auch keinen Roboter haben, sondern einen Sohn", sagte Martha Andrews schnell. "Du kannst nicht immer der brave Junge bleiben, nur weil andere sich berufen fühlen, dir vorzudenken, was du tun mußt. Irgendwann mußt du ja wissen, was richtig ist, ohne daß jemand es dir vorbetet. Das geht aber nur, wenn du auch mal was falsch machst, um zu lernen."

Professeur Faucon verzog zwar das Gesicht, mußte dann aber nicken. Die Sanduhr lief derweil voll.

"So, ich fürchte, wir müssen hier die Unterredung beenden. Ich hoffe, ich konnte sie über meine Vorgehensweise und Absichten umfangreich aufklären."

"Sicher, ich habe ja schon gesehen, was Julius zaubern kann. Sonst hätte ich noch darum gebeten, daß er mir was vorführt. Aber ich weiß, was ein enger Terminplan ist. Vielen Dank, Professeur Faucon!"

"Wenn ich Ihren Terminplan korrekt mitbekommen habe, so haben Sie zwischen den Besprechungen bei meinen Kollegen Armadillus und Fixus eine halbe Stunde zeit. Im Pausenhof wurde ein Frühstücksbuffet aufgebaut, an dem alle Besucher und Schüler in den Pausen zwischen den Terminen essen und trinken dürfen. Einen erfolgreichen Tag noch, Madame Andrews und Madame Brickston!" Wünschte die Saalvorsteherin der Grünen. Dann gingen die Besucher mit Julius vor die Tür.

Draußen wartete bereits ein Elternpaar. Julius erkannte es als diejenigen, die eilig aus einem der violetten Busse gestiegen waren. Es waren die Eltern von Laurentine. Diese hing fast wie ein nasser Sack auf dem Wartestuhl vor dem Sprechzimmer.

"Und, ist die Lobhudelei dort drinnen beendet?" Fragte Monsieur Hellersdorf grummelig.

"Wie meinen Sie das?" Fragte Madame Andrews.

"Ihr Sohn ist doch der Vorführschüler hier, wie man normale Kinder nur wegen erwiesener Unnatürlichkeiten dazu trimmt, ihren Eltern entfremdet zu werden. Wahrscheinlich hat Ihnen die alte Hexe da drinnen gesagt, wie toll es war, daß Ihr Junge meine Laurentine einschrumpfen konnte. Schön, wie gut man doch gegen seine Mitschüler aufgehetzt werden kann."

"Madame und Monsieur Hellersdorf!" Rief Professeur Faucon durch die halboffene Tür. Sie sah sehr ungehalten aus.

"Na dann. Die Dame wird sich umsehen", grummelte Laurentines Vater auf Deutsch, was weder Catherine, noch die Andrews' verstanden. Doch Professeur Faucon sah ihn sehr verärgert an. Sie winkte ihm, hereinzukommen. Laurentine sah ihre Mutter an. Diese fragte, ob Laurentine draußen bleiben konnte. Doch Professeur Faucon sagte energisch:

"Diese Unterredung findet im Beisein Ihrer Tochter statt, da es nichts gibt, was ich ihr gegenüber zu verbergen habe. Jetzt treten sie bitte ein! Jede Verzögerung geht von Ihrer Zeit ab."

Die Hellersdorfs gingen mit einer tiefbetrübten Laurentine Hinein. Julius konnte noch hören, wie Monsieur Hellersdorf sagte:

"Damit dies klar ist, Madame Faucon, unser Anwalt ..." Dann schloß sich die Tür, und Catherine zog Julius sanft mit sich.

"Noch so'n Sturkopf", seufzte Martha Andrews. "Das war dieses Mädchen, das du eingeschrumpft hast? Die sah aus, als hätte die Angst vor etwas."

"Natürlich hat sie Angst, Martha", wandte Catherine ein, während sie auf den Weg zu Professeur Pallas' Sprechzimmer abbogen. "Das Mädchen ist in einer Lage, die Julius vor einem Jahr noch fürchten mußte. Sie hängt zwischen zwei Welten fest. Einerseits möchte sie nicht ihre Eltern verlieren, andererseits hat sie begriffen, daß sie hierhergehört. Ich kenne Professeur Faucon gut genug, sodaß ich weiß, daß sie ihr nicht gestattet, sich allem zu entziehen, was mit der Zaubererwelt zu tun hat."

"Was war das für'ne Sprache, die Monsieur Hellersdorf benutzt hat?" Fragte Julius.

"Ich schätze, es war deutsch. Monsieur Hellersdorf wollte wohl nicht offenbaren, wie gereizt er wirklich ist."

Julius wußte, daß Deutsch zu den vielen Sprachen gehörte, die Professeur Faucon beherrschte. Was immer Bébés Vater auch gesagt hatte, Professeur Faucon hatte es dann sicher verstanden.

"Der hat was von seinem Anwalt erzählt", erinnerte sich Julius.

"Ich denke, das wird Professeur Faucon nicht stören. Es könnte ihm nur passieren, daß er seine Tochter nicht mitnehmen darf, wenn er in seinen Bus einsteigt."

"Ja, ich kenne das", sagte Julius' Mutter trübselig.

Julius war bislang noch nicht im Büro von Professeur Pallas gewesen. Aber Catherine kannte sich hier gut aus. Sie gingen vier Treppen hoch, durch einen Korridor und kamen zwei Minuten später bei einer schwarzen Tür an, auf der ein altehrwürdiger Zauberer vor einem Schreibtisch sitzend abgebildet war. Darunter hing ein Schild, das bestätigte, daß hier Professeur Pallas' Sprechzimmer war. Gerade verließ ein älteres Ehepaar mit einer Siebtklässlerin den Raum, die die goldene Brosche der Saalsprecherin trug.

"Hallo, Julius. Professeur Pallas wartet schon auf euch", sagte die junge Hexe. Julius nickte.

"Danke, Nicole. Schönen Tag noch!"

"Ihnen auch, Monsieur", sagte der Vater der Saalsprecherin, die Nicole L'eauvite hieß und die Mädchen des blauen Saales betreute. Ihr war Julius in seiner Zeit hier nur wenige Male begegnet, meistens auf dem Weg zum Unterricht. Nach allem, was er von Barbara und Belle über sie wußte, war sie von den sonst so ungezogenen Leuten eine der vernünftigsten, was ihr zwar nicht gerade viel Zuneigung der anderen Blauen eintrug, sie aber völlig kalt ließ, da sie sich in vielen praktischen Zaubersachen sehr gut auskannte.

In Professeur Pallas' Büro standen auch Blumenvasen und Kerzenleuchter. Zudem hing ein großes Gemälde eines Zauberers über dem Schreibtisch, der wesentlich unordentlicher aussah als der von Professeur Faucon. Das Bild zeigte Petronellus von den blauen Hügeln, den Mitgründer von Beauxbatons und Stifter des blauen Saales. Es zeigte ihn in einem Labor, wo merkwürdige Apparaturen und Elixiere klapperten, dampften, brodelten und zischten.

"Ich freue mich", begann die Zaubereigeschichtslehrerin, "Sie mal wieder zu treffen, Madame Fauc..., ähm, Brickston. ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, daß Sie einen englischen Nachnamen haben. Natürlich freue ich mich auch, Sie mal zu treffen, Madame Andrews. Ich weiß zwar nicht, was ich Ihnen groß erzählen soll, was fünf Minuten voll macht, aber Sie baten darum, mit mir zu sprechen." Sie setzte sich auf ihren Bürostuhl und schlug lässig die Beine übereinander.

"Ja, ich möchte nur wissen, was in Ihrem Unterricht so besprochen wird und ob Sie tatsächlich nur Sachen lehren, die mit Ihrer Welt zu tun haben", sagte Martha Andrews, die perplex über die Lockerheit der Lehrerin dasaß. Professeur Faucon hatte Ernst und Würde ausgestrahlt und sich formvollendet ausgedrückt. Diese Hexe hier schien ihr Amt nicht besonders hoch zu schätzen, daß sie deswegen besonders respekterheischend auftreten mußte. Doch als sie dann erzählte, was im Unterricht besprochen wurde, daß tatsächlich eher Zaubererweltliche Dinge auf dem Lehrplan bis zur ZAG-Klasse standen und Schüler freiwillig oder nach Befinden von ihr Referate halten konnten, fragte Julius' Mutter:

"Entschuldigung, Professeur Pallas, heißt das, daß Julius über die sonstige Geschichtsschreibung nichts lernt?"

"So will ich das nicht sagen, Madame. Es ist nur belanglos, was in der nichtmagischen Welt passierte, wenn es nicht, wie die Inquisition, die Hexenverfolgung und die Glaubenskriege direkt auf uns einwirkte. Wir hatten auch Kriege, Aufstände und Umsturzversuche, dunkle Imperien und friedliche Zeiten, die sind für angehende Hexen und Zauberer wichtiger als Heinrich VIII. oder Ludwig XIV. oder Maria Theresia. Die Barbarei, die in der nichtmagischen Welt "Die französische Revolution" heißt, wird in einer Stunde abgehandelt, weil es dort zu einer Spaltung der Zauberergemeinschaft in strenge Ablehner der nichtmagischen Menschen und Befürworter des weiteren Zusammenlebens gab. Im Moment besprechen wir im Geschichtsunterricht eine sehr düstere Periode Frankreichs, die dunkle Matriarchin Sardonia vom Bitterwald, ihre Schwester Nigrastra und ihre Nichte Anthelia. Diese Kenntnisse sind gerade für die hiesige Zaubererwelt fundamentales Wissen, weil die damaligen Ereignisse noch in unsere Zeit hineinwirken, wie in England das Zeitalter der ersten Königin Elisabeth und das der Königin Victoria auf Ihre Kultur einwirken und durch eben die Barbarei der französischen Revolution die französische Staatsform und Gesetzgebung bis in die Gegenwart bestimmt wird. Es steht jedoch jedem Schüler oder jeder Schülerin frei, sich auch über die Geschichte der Muggelwelt zu orientieren. Es kann dann nur passieren, daß er oder sie dann mal in meinem Unterricht einen Vortrag halten darf, was im Bezug auf unsere Welt in der nichtmagischen Geschichtsschreibung geschehen ist, zum Beispiel die Feldzüge des Voyvoden Dracula oder das Leben des Michel Denótredame, der sich Nostradamus genannt hat."

"Moment mal! Dracula? Der Graf Dracula soll wirklich mal gelebt haben?"

"Julius, beantworte deiner Mutter bitte die Frage. Ich weiß ja, daß ihr das bei Blanche gerade hattet."

Julius erzählte seiner Mutter, was geschichtlich wahr und eben nur erfunden an der Gestalt Dracula war und was die Zauberer über echte Vampire wußten. Dabei vergingen die angesetzten fünf Minuten fast. Am Ende fragte Julius:

"Es ist zwar noch nicht so weit, aber wissen möchte ich schon, was drankommt, wenn wir die ZAG-Klasse durchhaben."

"Nun, zum einen die zaubereigeschichtlichen Ereignisse der letzten beiden Jahrhunderte. Dann noch detailiertere Zaubereigeschichte und Quellenforschung, also die Suche nach nichtschriftlichen Belegen für magische Orte, Personen und Ereignisse. Natürlich reden wir dann auch über das alte Reich, daß die Babylonier Ashaladash, die Perser Eslaxadan und die Ägypter, Griechen und Römer Atlantis genannt haben."

"Verzeihung, aber ich fürchte, hier ist ihr Unterricht dann auf dem Sand von Spekulationen errichtet", warf Martha Andrews schnell ein. "Gerüchte um Atlantis sind ja schon in allen Formen aufgeworfen und widerlegt worden. Es gibt zwar Wissenschaftler, die nach diesem sagenhaften Reich suchen, also wo es denn gelegen haben soll, aber bis heute gibt es keine ansatzweise stichhaltigen Indizien für dessen Existenz außer die Schriften von Platon, die wohl eher eine frühe Form der Utopie waren, also der Entwurf einer erstrebenswerten und heilen Weltordnung am Beispiel eines fiktiven Ortes in einer zukünftigen oder sehr weit vergangenen Zeit."

"Interessant, dieses Problem mit Ihnen zu diskutieren, Madame. Ich würde nun zu gerne einen Meinungsaustausch mit Ihnen beginnen, was in Ihrer Welt bekannt und verkannt ist und was in der Zaubererwelt als gesicherte Erkenntnis gilt. Doch Madame Maxime hat jedem Elternpaar nur fünf Minuten zugestanden. Aber ich möchte Ihnen beim besten Willen nicht ausweichen oder mich geschlagen geben, Madame. Da Sie mit meiner Fachkollegin Brickston Kontakt halten, biete ich Ihnen an, über sie eine briefliche Diskussion über dieses Thema zu führen, denn natürlich darf ich Ihren Sohn nicht dazu anhalten, seine kostbare Schulzeit mit Vorträgen über dem verlangten Lehrplan hinaus zu verplanen. Wenn Sie auf mein Angebot eingehen möchten, schreiben Sie mir ruhig!"

"Nur noch zu dieser Sardonia, Professeur Pallas", wandte Catherine ein. "Es dürfte dich interessieren, Martha, daß diese Hexe vor vierhundert Jahren in Millemerveilles geherrscht hat und von dort aus ein matriarchialisches Reich der dunklen Künste regiert hat. Nach ihr wurde Millemerveilles auf Grundlage ihrer eigenen Abwehrmaßnahmen so geschützt, daß böse Zauberer und ein Großteil dunkler Kreaturen nicht hineinkönnen. Soviel zum Wert der Zaubereigeschichte."

"In Ordnung, Catherine", sagte Mrs. Andrews einwilligend. "Ich sehe es ein, daß es schon immer Geheimnisse gab, die unsere Geschichtsschreiber nicht ergründen konnten. Nun, den Platon habe ich noch in meiner alten Kiste mit Schulbüchern. Wenn Sie das wirklich ernst meinen, Professeur Pallas, dann können wir uns gerne damit auseinandersetzen."

"Nun, alles werde ich Ihnen natürlich nicht sagen dürfen. Aber einige Details kann ich mit Ihnen erörtern", sagte die Lehrerin und öffnete die Sprechzimmertür. Davor stand Hippolyte Latierre mit Millie.

"Joh, dann mal die nächsten herein, bitte!" Forderte Professeur Pallas die Wartenden auf. Catherine und die Andrews' nickten der Leiterin des blauen Saales zum Abschied und gingen an den Latierres vorbei. Mildrid lächelte Julius an, daß dieser sich beherrschen mußte, so ruhig wie möglich zu bleiben.

"Die war ja merkwürdig lässig drauf", stellte Julius' Mutter fest, als sie weit genug vom Sprechzimmer entfernt waren. Sie gingen an einer Reihe von Gemälden vorbei. Julius sah in einem der Bilder Viviane Eauvive, die Gründerin des grünen Saales. Auf ihrer Schulter saß ein Kniesel, genau so aussehend wie Goldschweif. Julius stutzte und deutete auf das Bild. Seine Mutter sah es an. Viviane blieb stehen und wandte sich den Betrachtern zu. Die Knieselin auf der Schulter blickte sie aus smaragdgrünen Augen an und stellte die großen spitzen Ohren so, daß die Öffnungen nach vorne zeigten.

"Kuck mal, Mum", sagte Julius erheitert, "das ist ein Kniesel. Das ist Goldschweif die erste."

"Das ist ein Kniesel? Und wer ist die Dame, die dieses Tier spazierenträgt?"

"Gestatten, Viviane Eauvive, Madame Andrews", sprach die gemalte Mitgründerin von Beauxbatons aus dem Bild heraus mit einer großmütterlich wirkenden, aber keineswegs gebrechlichen Stimme. Sie winkte den vor ihr stehenden zu.

"Öhm, woher kennen Sie mich?" Fragte Martha Andrews und zog die Stirn kraus, um zu überlegen.

"Ich habe Sie vor Professeur Faucons Büro gesehen und gehört, wie Sie heißen. Den jungen Mann da kenne ich ja auch schon seit dem Schuljahresanfang."

Julius klappte die Kinnlade herunter. Er hatte immer gedacht, die gemalten Personen würden sich nicht für die Schüler interessieren, wenn sie nicht bestimmte Aufgaben für diese zu erledigen hatten, wie die Skyland-Schwestern in Hogwarts oder ihr Vorgänger Bruce, der Kuhhirte. Sicher, die gemalte Aurora Dawn von 1982 und eine Hexe namens Lady Medea hatten auch schon mit ihm gesprochen. Aber hier hatte er außer den Bildern Claires und seinem Vollportrait von Aurora Dawn kein gemaltes Ich direkt gesprochen.

"Na glaubst du denn, Julius, daß ich mich nicht dafür interessiere, wer in meinem Saal wohnt?" Lachte Viviane. Die Knieselin auf ihrer Schulter maunzte leicht mißgestimmt, weil ihr laufender Untersatz so wackelte. "Wir sind selbst als gemalte Wesenheiten noch im Vollbesitz der Persönlichkeiten, die unsere natürlichen Ichs besaßen. Also fasse dich wieder, mein Junge. Wo müßt ihr denn jetzt hin?"

"Öhm, zu Armadillus, öhm, Professeur Aries Armadillus natürlich", sagte Julius immer noch irritiert.

"Auf dem Weg dauert das aber eine Minute länger. Ich kann euch durch einen schnelleren Gang führen", bot Viviane Eauvive an.

"In Ordnung, Madame Eauvive", nahm Catherine das Angebot an.

Durch zehn Bilder mit verschiedenen Landschaften und Personen wanderte die Mitgründerin von Beauxbatons, die jenes wasserblaue Kleid und die gelbe Melone trug, welche ihr Standbild im grünen Saal trug. Goldschweif die erste sprang von ihrer Schulter und lief voraus und führte die Besucher und den Schüler zum Büro des Zaubertierlehrers, aus dem gerade Suzanne Didier mit ihrer Mutter kam. Sie grüßte Julius, stellte seiner Mutter ihre Mutter vor, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Nathalie Grandchapeau hatte. Dann betraten die Andrews und Catherine Brickston Armadillus' Büro.

Der Lehrer für praktische Magizoologie war wieder würdevoll und sehr sachlich. Er erzählte Julius' Mutter, daß ihr Sohn von der Herkunft her ein guter Wissenschaftler sein würde und sich auch sehr genau über alle bisherigen Tierwesen informiert hätte. Dann besprach er noch die Sache mit Goldschweif der sechsundzwanzigsten.

"Nun, solange Monsieur Andrews hier bei uns ist, wird dieses Tier ihn häufiger aufsuchen. Ich habe es mit der Vorsteherin seines Saales geklärt, daß er die Knieselin außerhalb sonstiger Verpflichtungen pflegen darf. Allerdings kann ich ihm dieses Tier nicht mitgeben, wenn er zu Ihnen reist, da Kniesel zu auffällig gestaltet sind, um in einer von Muggeln bewohnten Region wohnen zu dürfen."

"Nun, er hat ja die Eule. Ich glaube nicht, daß er noch mehr Haustiere braucht, schon gar kein magisches", wandte Mrs. Andrews ein. Professeur Armadillus wiegte nachdenklich den Kopf. Dann sagte er:

"Nun, Ihr Sohn hat sich nicht darum beworben, Goldschweif zu bekommen. Sie hat ihn sich ausgesucht auf Grund einer Wechselwirkung, wie sie in den letzten Jahrhunderten bei einigen Knieseln dieser Zuchtlinie geschahen. Es gilt als sicher, daß Kniesel sich von Zeit zu Zeit einen menschlichen Vertrauten suchen, sofern er magische Begabungen besitzt. Goldschweif hat sich Ihren Sohn ausgeguckt und ihm eine Symbiose mit ihr angeboten."

"Ja, kann man dagegen was machen? Ich meine, wenn Julius hier gefordert und gefördert wird, wie Ihre Kollegin Professeur Faucon das festgestellt hat, ist kein großer Platz mehr für ein so wertvolles Tier."

"Ich kann das Tier einige Zeit ruhigstellen, wie es heute auch geschehen ist. Das geht aber nicht dauerhaft. Kniesel stehen auf der Liste magischer Tierwesen besonders hoch im Kurs. Sie dürfen weder gejagt, noch getötet werden. Und nur ihr Tod oder der Ihres Sohnes würde die aufgebaute Beziehung beenden."

"... bis daß der Tod euch scheidet", gab Julius resignierend klingend eine Bemerkung zum besten.

"Ja, das heißt, daß jedesmal, wenn mein Sohn zu mir in die Ferien will, dieses Tier betäubt werden muß?" Fragte Mrs. Andrews.

"Genau, Madame Andrews", sagte Professeur Armadillus. Dann rannen die letzten Körner durch die kleine Sanduhr, und man verabschidete sich voneinander.

Zwischen den Terminen bei Armadillus und Fixus nutzten die Andrews' und Catherine Brickston das Angebot von Professeur Faucon und aßen am Buffet auf dem Pausenhof. Dort trafen sie alle Lagranges, die Eltern von Seraphine und Belisama, Seraphine, Elise und Belisama selbst. Sie unterhielten sich über Beauxbatons, was sie bisher davon gesehen hatten und wie es Martha Andrews in Paris erginge. Dann rückte die Zeit näher, wo sie sich zu Professeur Fixus begeben sollten. Julius führte seine Mutter zu dem Besprechungsraum, wo gerade die Montferres herauskamen.

"Ach, so sieht man sich wieder", grüßte Raphaelle Montferre Julius und seine Besucher. "Die kleine Dame ist heute wieder sehr zuvorkommend", sagte die übergroße Hexe mit dem langen flammenroten Haarschopf, deren grüne Augen ihre Töchter geerbt hatten.

"Wie immer das gemeint ist", sagte Julius nur. Er hatte seiner Mutter angedeutet, daß Professeur Fixus direkte Gedanken hören konnte. Jetzt würde es sich zeigen, ob die Zaubertranklehrerin diese Gabe ausnutzte oder ob sie davon keinen Gebrauch machte.

"Treten Sie bitte ein, Mesdames und Monsieur!" Kam die wie kaltes Windgeheul durch Türritzen klingende Stimme von Professeur Boragine Fixus. Mrs. Andrews schrak etwas zusammen, als sie diese Stimme hörte. Doch sie fing sich rasch und trat unbeklommen in das Sprechzimmer ein. Sie sah die Hexe, die etwas kleiner als sie war an, die sie durch ihre goldene Brille mit den ovalen Gläsern musterte. Sie setzten sich an einen Schreibtisch, auf dem wie in den Büros zuvor eine Sanduhr stand.

"Ich bin erfreut, Sie an diesem Elternsprechtag zum ersten Mal direkt begrüßen zu dürfen, Madame Andrews", sagte Professeur Fixus leise und würdevoll. "Es freut mich, Ihnen fast nur gute Dinge von Ihrem Sohn berichten zu dürfen, insbesondere über seine Auffassungsgabe und sein Engagement in meinem Unterricht und der von mir geleiteten Arbeitsgruppe praktischer Alchemie. Ich weiß, daß sie meinen Kollegen in Hogwarts besucht haben und von daher sicherlich ein distanziertes Verhältnis zum Fach der Zaubertrankbraukunst gewonnen haben. Nun, ich kann und werde Ihnen nicht helfen, diese Meinung grundlegend zu überarbeiten, da vieles, was wir hier machen, Ihr Verständnis übersteigt, egal, wielange ich Ihnen darüber etwas erzähle. So möchte ich Ihnen lediglich berichten, wie Ihr Sohn sich in meinem Unterricht beträgt und wie er in der Freizeitgruppe mitmacht."

"Verzeihung, aber Sie sagten, daß Sie mir fast nur gutes berichten könnten. Was bedeutet fast?" Fragte Mrs. Andrews, die wissen wollte, was mit ihrem Sohn nicht stimmen sollte.

"Nun, es bedeutet, daß er sich gerne unter Wert präsentiert, Wissen zurückhält, obwohl er genau weiß, daß ich weiß, was er weiß. Manchmal muß ich ihm schon sehr energisch Druck machen, daß er von sich aus einen konstruktiven Beitrag liefert. Er besaß zum Beispiel die Frechheit, in einer der letzten Stunden nicht aufzuzeigen, um mir die korrekte Rezeptur des Gemütsberuhigungstrankes zu verraten, obwohl ich genau wußte, wie er es immer wieder hundertprozentig richtig in seinem Geist formulierte. Ich konnte ihm dafür keine Strafpunkte erteilen, da mein besonderes Wissen nicht als Grundlage für eine Bestrafung dienen darf. Aber ich möchte Ihnen an dieser Stelle darlegen, daß mich nichts mehr ärgert als absichtliche Zurückhaltung ohne Grund zur Angst oder Anweisung. Allerdings hat er es in der Halbjahresprüfung geschafft, mit einer Eins plus zu bestehen, im theoretischen wie im Praktischen Teil. Außerdem habe ich ihn gefördert, seine von Ihrem Gatten erworbenen Methoden der magielosen Alchemie in meiner Arbeitsgruppe zu nutzen, was ihm und seiner Arbeitsuntergruppe sehr zu Gute kam. Ich bin daher der Meinung, daß er durchaus die Studien der nichtmagischen Naturforschungen wieder aufnehmen sollte. Da ich dies mit meiner Kollegin Faucon noch genauer abstimmen muß, sage ich Ihnen nur soviel: Wir planen, eine genaue Liste von Fachliteratur zu erarbeiten, die Ihr Sohn in den nächsten Schuljahren mitführen darf. Immerhin vermag er es, die Erkenntnisse seiner Eltern mit den Erkenntnissen der magischen Welt zu vereinen, ohne der einen oder der anderen Welt widersprechen zu müssen."

So sprachen sie über den Unterricht, über Julius' unfreiwillige Teilnahme am Unterricht der siebten Klasse.

Als sie wieder in einem der Korridore unterwegs waren atmete Mrs. Andrews hörbar auf.

"Die ist auch mir unheimlich. Wenn ich überlege, daß sie wirklich alle gerade gedachten Wörter hören kann, möchte ich nicht wissen, was sie sonst noch kann", sagte Martha Andrews.

Nach einem Besuch bei professeur Trifolio, der wie Professeur Fixus sagte, daß Julius durchaus mehr könne als er zeige, zumal er sicherlich kompetente Hilfe hätte, ging es zum Essen in den Speisesaal.

Julius glaubte sich in Raum und Zeit zurückversetzt, als er in den erhaben erleuchteten Saal eintrat. Hunderte von kleinen Tischen standen im ganzen Saal verteilt. Nur der Lehrertisch war noch derselbe. Er thronte nur auf einem Podest. Wäre nicht das Sonnenlicht durch die großen hohen Fenster hereingefallen, so hätte Julius geglaubt, in der großen Halle von Hogwarts zu stehen, am Abend des trimagischen Weihnachtsballs. Die Andrews' und Catherine Brickston suchten sich einen freien Tisch aus. Einige Minuten später kamen die Dusoleils, sowie die Delamontagnes. Julius fragte seine Mutter, ob sie die beiden Familien an ihren Tisch winken dürfte. So saßen sie um den Tisch herum und aßen von Tellern, die sich wie damals in Hogwarts mit dem Essen füllten, das man bei ihnen bestellte. Martha Andrews staunte nur.

"Das ist wie bei den Automaten in der Enterprise-Serie, Mum. Du sagst was du haben willst, und es erscheint dann. Ich weiß nicht, wo es herkommt, aber es ist echt."

"Schon heftig", sagte Mrs. Andrews.

Sie beobachteten, wie die Hellersdorfs in den Speisesaal kamen, begleitet von den Dorniers. Als die Muggeleltern von Laurentine jedoch sahen, wie die Speisen und Getränke auf die Tische gezaubert wurden, zogen sie ihre Tochter wieder aus dem Speisesaal heraus.

"Die habe ich bei Trifolio getroffen", mampfte Claire, die Julius gegenübersaß. "Ich fürchte, das wird auch in den Osterferien nichts mit Bébé. Aber diesmal möchte ich nicht hierbleiben."

"Ich hörte da was, daß die Eltern von Be´bé einen Anwalt angeheuert haben", sagte Julius, bevor er sich ein Stück Huhn in Weinsoße in den Mund schob.

"Ich fürchte, damit kommen sie nicht weit. Entweder wird man ihnen das Sorgerecht entziehen, wie es bei dir vor einem Jahr um diese Zeit passiert ist", sagte Catherine, "oder die werden von ihren eigenen Leuten für wahnsinnig erklärt. In letztem Fall sieht das Mädchen seine Eltern auch nicht mehr wieder. Glaubt mir, daß ich das weiß, wie rigoros Professeur Faucon vorgeht."

"Du meinst deine Maman, Catherine", flachste Camille Dusoleil. Eleonore Delamontagne räusperte sich vernehmlich. Dann sagte sie:

"Diese Beziehung gilt in Beauxbatons nicht, Camille. Aber Catherine hat recht. Wenn die Hellersdorfs sich nicht an die Spielregeln der Höflichkeit und Vernunft halten, könnte Laurentine einem amtlichen Fürsorger anempfohlen werden, möglichst weit weg von Vorbach."

"Vorbach? Ist das nicht da, wo die Sängerin Patricia Kaas herkommt?" Fragte Martha Andrews.

"Die ist mir unbekannt", sagte Madame Delamontagne.

"Ich habe einige CDs von ihr bekommen, um mein Hörverständnis zu trainieren, teilweise melancholisch, teilweise sehr kraftvoll", sagte Julius' Mutter und bot der fülligen Dorfrätin von Millemerveilles an, ihr einmal diese Musik vorzuspielen. Sie nickte. Claire, die wohl auf so eine Gelegenheit gewartet hatte, fragte höflich, ob sie mit Jeanne und ihren Eltern mal zu Julius kommen dürfe, um sich anzusehen, wie Muggel wohnten und zu sehen, was Julius so in seinem Zimmer hatte. Martha Andrews erlaubte das, solange sich die beiden ordentlich benahmen. Jeanne lachte nur und sagte:

"Ich bin ja dann dabei. Wird wohl interessant sein, technische Geräte mal in Natura zu erkunden."

So sprachen sie noch über Millemerveilles. Madame Delamontagne unddie Dusoleils fragten, ob Julius über die Ostertage noch mal zu ihnen kommen wolle. Martha Andrews verzog etwas dasGesicht. Madame Delamontagne erweiterte die Einladung auch auf Julius' Mutter. So stimmte sie zu. Claire freute sich so heftig, weil sie dachte, daß Julius dann ein eigenes Gästezimmer haben würde, daß Madame Delamontagne sie streng ansah und meinte:

"Ich weiß, daß du gerade in einem Konkurrenzkampf mit einigen Mitschülerinnen bist, Claire. Um meiner Verpflichtung nachzukommen, die gesellschaftliche Ordnung in Millemerveilles aufrecht zu erhalten, verfüge ich, daß wenn Julius und seine Mutter zu uns kommen, ich diesmal die Gastgeberin bin."

"Da kann ich ja gleich wieder zu Professeur Faucon", grummelte Julius, schluckte das aber schnell mit einem weiteren Bissen herunter. Das mußte er sich ja nun wirklich nicht antun. So nickte er schwerfällig. Er wohnte gerne bei den Dusoleils. Die Beziehung zu Claire sollte doch kein Problem sein. Aber warum mal nicht bei der Mutter Virginies wohnen. Die hatten ja eine Hauselfe, Gigie. Seine Mutter hatte ja auch schon dort übernachtet, um seinen Geburtstag herum. Claire mißfiel das zwar, aber sie fand bei ihren Eltern keine Unterstützung. Sie lächelten Julius nur an. So wurde beschlossen, daß vom Ostersamstag bis zum Ostermontag die Andrews' bei den Delamontagnes wohnen würden.

"Gibt es dieses Mal wieder ein Quidditchspiel?" Fragte Julius.

"Diesmal nicht, Julius. Die Mercurios müssen zu einer Auslandsreise nach Österreich, um gegen die Vorarlberger Vulcanos zu spielen.

"Geldverschwendung, wo diese Bergbauerntruppe schon in den ersten zwei Minuten mit null zu fünfzig ins Minus rutscht", warf Jeanne ein. Ihre Mutter grinste nur.

"Wir treffen uns nachher nach dem Konzert noch mal hier?" Fragte Madame Dusoleil. Alle nickten. Dann ging der Elternsprechtag weiter.

Bei Professeur Bellart, die sie um Viertel nach zwei besuchten, mußte Julius zum ersten Mal seiner Mutter was vorführen. Nach einer zwei Minuten dauernden Vorstellung dessen, was er gelernt hatte, sagte die kleine untersetzte Zauberkunstlehrerin:

"Sie sehen, Madame, daß Ihr Sohn nicht nur ein Naturtalent in Zauberei hat, sondern auch sehr schnell umsetzt, was er lernt. Diese Gaben zu fördern ist eine Verpflichtung aller Lehrer in Beauxbatons. Meine Kollegin Faucon, sowie ich selbst sind gehalten, Monsieur Andrews so gut wie möglich voranzubringen. Deshalb begrüße ich das sehr, daß er auch in meiner Arbeitsgruppe Praktische Zauberkunst ist und dort bereits mit fortgeschrittener Zauberkunst umgeht. Ansonsten bleibt mir nur, Sie darauf hinzuweisen, ihren Sohn trotz der in den Ferien gebotenen Zaubereibeschränkung für Minderjährige in seinen Aufgaben zu unterstützen, also ihm genug Freiraum einzuräumen, die von uns aufgegebenen Schularbeiten zu erledigen."

"Das hat mir auch Professeur Faucon schon oft genug geschrieben, Professeur Bellart", erwiderte Mrs. Andrews, während sie noch auf den zehn Zentimeter großen Wassertropfen starrten, den Julius gezaubert und dann wie einen Gummiball so elastisch herumgerollt hatte, ohne nasse Finger zu bekommen.

"Welche Lehrer suchen Sie heute noch auf?" Fragte die Zauberkunstlehrerin.

"Jetzt nur noch drei, Professeur. Den Astronomielehrer Paralax, was für mich wohl in einem reinen Kennenlernen ausarten dürfte, da mein Sohn immer schon begeisterter Astronom war." Julius errötete verlegen, was seiner Lehrerin ein leichtes Schmunzeln auf ihr rundes Gesicht zauberte. "Dann suchen wir noch seine Lehrerinnen für alte Runen und Arithmantik auf. Da ist es für mich wichtig, über Sinn und Inhalt dieser Fächer was zu hören, weil ich mit letzterem nur Zahlenspielerei verbinden kann."

"Ja, das ist doch ein wenig mehr als bloßes Hantieren mit Zahlen", wandte Professeur Mirabelle Bellart ein. Dann verabschiedete sie sich von den Andrews' und Catherine, die in den wenigen Minuten nur still dabeigesessen hatte.

Vor der Tür liefen sie den Montferres über den Weg. Julius schritt mit erhobenem Kopf an der hochgewachsenen Mutter Sabines und Sandras vorbei und grüßte alle einzeln.

"In den Sommerferien sind wir ja mit der Apparitionsprüfung dran", verriet Sandra. "Papa legt großen Wert darauf, daß wir das mit Auszeichnung hinkriegen."

"Ist ja auch wichtig", sagte Monsieur Montferre mit wichtiger Miene. Julius nickte ihm zu. Apparieren war für ihn etwas, für das es sich lohnte, ein Zauberer zu sein, trotz der möglichen Unfälle, die es dabei geben konnte. Seitdem er Jeanne und Barbara hatte apparieren sehen können, war er mehr denn je wild darauf, diese Kunst zu lernen.

"Wo gehst du noch hin?" Fragte Sabine.

"Paralax, Milet und Laplace. Dann möchte Schwester Florence noch mit uns reden", erwiderte Julius, und seine Mutter fügte hinzu:

"Anschließend möchte die Direktrice mich noch sehen. Dann kommt ja schon das Nachmittagskonzert, wo Julius mitspielen soll."

"Dann mal viel Vergnügen", wünschte Madame Montferre noch und klopfte an die Sprechzimmertür von Professeur Bellart.

Das Büro von Professeur Eridanus Paralax glich einem verkleinerten Himmelsgewölbe bei Nacht, das den nördlichen Sternenhimmel zeigte. Alles war in dunkles Blau oder silbern gehalten, von den Wänden bis zum Schreibtisch. Hinter dem Stuhl des Büroinhabers ruhte auf einem großen Sockel aus Silber eine Glaskugel, in der sich winzig kleine Lichter bewegten, die zusammen ein naturgetreues Modell der Milchstraße bildeten, welches sich selbst in Schwung und im Gleichgewicht hielt.

Wie Martha Andrews vermutete war der Besuch bei dem Astronomielehrer eine reine Vorstellungsaktion. Denn Paralax sagte zu Beginn nur:

"Außer, daß wir uns einmal von Angesicht zu Angesicht sehen, wüßte ich nicht, was ich Ihnen über Ihren Sohn berichten sollte. Seine Halbjahresnote war mit eins plus die beste des Jahrgangs, nur gefolgt von Mademoiselle Hellersdorf und Mademoiselle Lagrange. Ich weiß natürlich, daß Ihr Sohn sich auch für Sternkunde interessiert und mir sogar einiges erläutern konnte, was mit herkömmlicher Teleskopbeobachtung nicht sofort zu erkennen war. Aber am meisten imponierte mir, wie er mit den Folgen des üblen Streiches umging, der ihn und Mademoiselle Grandchapeau für vier Tage zusammenzwang. Da Mademoiselle Grandchapeau ja meinem Verantwortungsbereich zugeordnet ist, war ich natürlich besonders daran interessiert, wie diese Situation auf sie und Ihren Sohn wirkte. Eigener Augenschein und Rückfragen bei meinen Kolleginnen und Kollegen brachten mir die beruhigende Erkenntnis, daß Ihr Sohn sich auch mit höheren Zauberklassen durchaus arrangieren kann, solange er nicht auf noch zu erlernende Fertigkeiten zurückgreifen mußte."

"Nun, dieser Vorfall war ja nicht dauerhaft", wandte Catherine Brickston ein, während Julius leicht verlegen auf seinem Stuhl saß und sich anhörte, was der Saalvorsteher der Violetten über ihn sagte.

"Ja, das mag wichtig sein, daß es kein permanenter Fluch war. Anderenfalls hätten wir wohl die unangenehme Aufgabe, mit Ihnen, Madame Andrews, ein Arrangement zu treffen, wie wir ihnen in einer solchen Lage hätten weiterhelfen können."

"Ja, ich bin froh, daß das nicht länger als die vier Tage gedauert hat", sagte Julius nur dazu.

"Jedenfalls kann ich davon ausgehen, daß die Leistungen Ihres Sohnes in meinem Schulfach weiterhin ein hohes Niveau beibehalten. mehr wüßte ich nicht zu sagen."

"Wozu dient ein Fach, daß selbst in der Wissenschaft meiner Lebenswelt eine anerkannte Wissenschaft ist, in der Magie?" Fragte Martha Andrews.

"Im wesentlichen zur Bestimmung der solarsystematischen Himmelskörper, also der Planeten und Monde, den Vorgängen auf der Sonne, der Wirkung des Mondes auf die Erde, sowie die Bahnberechnungen der Planeten. Allerdings befassen wir uns auch mit dem innergalaktischen Zusammenhalt, der wie die Planeten des Sonnensystems für magische Vorgänge ausschlaggebend ist. Aber eben um dieses Wissen zu erwerben, ist die Astronomie eine essentielle Basis. Jahreszeitenbeginn, Mondphasen, Mondstand und Sonnenstand sind für Zauber, ob althergebrachte Rituale oder neuere Zaubereien ausschlaggebend. Ich biete in meinem Unterricht das Rüstzeug für derartige magische Tätigkeiten. Nimmt die Astronomie in Ihrer Welt einen ähnlichen Stellenwert ein?"

"Nur Mittelbar für eben die Jahreszeitenberechnung und die Navigation, also die Ortsbestimmung auf Reisen. Ansonsten ist sie eine Unterordnung der Physik, der Lehre von den unbelebten Erscheinungsformen der Natur. Daß es bei uns Projekte gibt, Maschinen und Menschen in den Weltraum zu bringen und dort weiter forschen zu lassen, hat mein Sohn Ihnen vielleicht erzählt", sagte Mrs. Andrews ruhig und in aller gebotenen Sachlichkeit.

"Ja, davon hörte ich bereits vor zwei Jahren, als die Klassenkameradin Ihres Sohnes, Mademoiselle Hellersdorf, zu uns kam. Ich verstehe daher auch, woher die störenden Lichtreflektionen kommen, die in Erdnähe ausgesetzte künstliche Monde verursachen. Mit unserem Spezialteleskop habe ich auch schon die von Menschen bewohnte Vorrichtung gesehen, die wohl von russischen Weltraumforschern in die Erdumlaufbahn gebracht wurde."

"Ja, die habe ich in Millemerveilles auch schon durch ein Teleskop sehen können", sagte Julius, nachdem er durch Handheben um Sprecherlaubnis gebeten hatte.

"Ja, auf jeden fall freue ich mich, daß unsere Vorbildung nicht völlig umsonst war", stellte Martha Andrews beruhigt klingend fest. Dann verabschiedeten sie sich von Professeur Paralax und verließen dessen Büro.

Die Dorniers kamen gerade an. Constance sah mißmutig aus, als sei ihr dieser ganze Elternsprechtag zu wider. Céline wirkte gleichgültig ruhig. Sie zeigte erst eine Gefühlsregung, als sie Julius sah. Sie lächelte ihn an und wünschte ihm und seiner Mutter noch einen schönen Nachmittag.

"Im wievielten Monat ist die ältere Tochter von Agilius und Margot Dornier?" Fragte Catherine Julius. Dieser erwiderte:

"Sie muß jetzt den siebten Monat vollendet haben. Schwester Florence hat ausgerechnet, daß die Geburt wohl zwischen dem vierten und dem sechzehnten Mai stattfindet."

"Im Sternzeichen Stier", sagte Martha Andrews. "Wird es denn einer?"

"Neh, wird es nicht. Ich hab schon nachsehen können, Mum."

"Wie bitte?! Du hast dem Mädchen in den Unterleib gesehen. Und das hat die sich gefallen lassen?"

"Sie mußte sich weder ausziehen, noch mußte ich ihr irgendwas in den Körper schieben, um zu sehen, was in ihrem Bauch los ist, Mum", lachte Julius. Catherine sah Mrs. Andrews an und sagte:

"Es gibt wesentlich feinere, aber gleichzeitig auch bessere Einblickmethoden, um in den Körper, nicht nur in den Mutterleib, hineinzusehen. Ich gehe stark davon aus, daß Schwester Florence uns davon was erzählt."

Bei Professeur Milet ließ sich Martha Andrews über den Sinn der alten Runenkunde was erzählen. Danach gingen sie zu Professeur Laplace, die Julius' Mutter sehr vergnügt über Sinn, Zweck und Aufbau der Arithmantik aufklärte und ihr Beispiele gab, wie man mit Zahlen und den damit bestehenden Verknüpfungen zur Natur, der Seele und dem allen übergeordneten Gefüge alle möglichen und wahrscheinlichen Abläufe beschreiben und vorausberechnen konnte, daß es Gesetze gab, die über den auch in der Zaubererwelt noch bekannten Naturgesetzen standen und die mit der Arithmantik ergründet werden konnten. So verstrichen die fünf Minuten. Am Ende hatte Julius' Mutter den Eindruck, daß dieses theoretische Schulfach zwar kompliziert sei, aber das logische Denken förderte. Imponiert hatte ihr die Aussage:

"Sie, die Sie meines Wissens nach die Mathematik, also die Beziehung der Zahlen in Natürlichen oder theoretischen Gefügen studiert haben, gehen davon aus, daß zwei plus zwei immer vier ergibt. Im natürlichen Zusammenhang ist dies auch richtig. Aber in der Arithmantik wirkt die Natur mit den Elementarkräften, der Materie und der Wiederkehr von Entstehen und Vergehen mit anderen Gefügen im Wechsel, wie den Kräften von Raum und Zeit, der inneren Stimmung eines fühlenden Wesens oder dem Fluß verschiedener Ereignisse in ein gemeinsames. Hier tut sich die Mathematik schwer, weil sie grundsätzlich eine alles umfassende Logik voraussetzt und daher nicht den Wechsel logischer Grundregeln duldet. Dies tut die Arithmantik und setzt statt der einen einzigen Logik aller Zahlensysteme ein Muster fließender Gültigkeiten voraus, in dem die Summe aus zwei und zwei auch einmal fünf ergeben oder gar drei sein kann. Letztendlich kann Ihre Rechenkunst jedoch für die natürlichen Bedürfnisse alleine ausreichen, sofern Sie nicht, wie es in unserer Akademie nötig ist, über die reine Sinneswelt und die Grenzen des natürlichen hinausdenken und durch Magie auch über diese Grenzen gehen müssen." Mrs. Andrews hatte sich diese Stellungnahme notiert, um mit Julius irgendwann mal über diese Aussage nachzudenken und mit ihm Fallbeispiele zu besprechen. Jedenfalls fand sie es gut, daß hier nicht eine reine Symboldeuterei betrieben wurde, wie sie zu Beginn gefürchtet hatte. Sie sagte nur zum Schluß, daß sie als Computerprogrammiererin nur die Logik "Sein oder Nichtsein" berücksichtigen durfte und da alle mathematischen Vorgänge drauf aufbauen mußten. Dann verabschiedeten sie sich von der Hexe, die das Fach Arithmantik unterrichtete.

Catherine zeigte Martha Andrews eine Toilette für Damen, während Julius vor der Abzweigung wartete, von der aus es zu Fuß zum Krankenflügel ging. Von weitem hörte er Leute durch den Palast laufen und schwatzen. Er vermeinte einmal, Laurentines Stimme herauszuhören, die eine für ihn fremde Sprache benutzte, vielleicht die deutsche Sprache ihres Vaters. Er hörte heraus, daß sie etwas verunsichert klang. Dann kam Madame Montferre aus dem Korridor, in den Catherine mit seiner Mutter hineingegangen war.

"Na, Julius! Hat deine Maman nun alle Schandtaten von dir gehört?"

"Kommt darauf an, was Sie darunter verstehen", erwiderte Julius, der sich beherrschte, nicht wieder nur auf die Oberweite der hochgewachsenen Hexe zu glotzen. "Also, es ging den Lehrern ja nur darum, meine Mutter kennenzulernen. Deswegen gehe ich gleich noch mit ihr zu Schwester Florence."

"Achso, weil du mit Martine und Gerlinde im Pflegehelfertrupp bist."

"Sind Sie von Ihrer Familie im Stich gelassen worden?" Fragte Julius keck.

"Das nicht. Ich hatte nur ein gewisses Anliegen zu erledigen. Dabei bin ich deinen zwei Begleiterinnen über den Weg gelaufen. Sabine und Sandra sind mit Michel draußen auf dem Quidditchfeld und sehen den Kleinen bei den Vorführflugübungen zu. Ich gehe da jetzt auch wieder hin."

"Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag, Madame Montferre", sagte Julius höflich. Die imposante Hexe mit dem langen roten Haar erwiderte den Gruß und schlenderte mit wehendem Schopf in den Korridor hinüber, wo es zum Hauptportal ging.

Eine Minute später kehrten seine Mutter und Catherine Brickston zurück. Julius fiel auf, daß beide wohl die kurze Auszeit genutzt hatten, ihr Make-Up aufzufrischen. Das erinnerte ihn an jene Tage im November, wo er das auch jeden Nachmittag hatte tun müssen, um das von Belle kopierte Gesicht in Form zu halten.

Als sie am Sprechzimmer von Schulheilerin Florence Rossignol ankamen, wartete diese bereits und winkte ihnen zu.

"Ich freue mich, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind, Madame Andrews. Bitte kommen Sie herein."

Im Sprechzimmer setzten sie sich auf wweich gepolsterte Besucherstühle. Julius sah sich um, ob hier irgendwas umdekoriert war. Doch er konnte nur die üblichen Sachen sehen. In dem großen Wandgemälde, das hinter dem Schreibtisch hing, sah er neben den zwei Hexen und Zauberern, die dort wohnten, noch Viviane Eauvive und eine gutmütig dreinschauende Hexe mit dunkelbraunem Haar, welches hinter dem Nacken zu einem strengen Knoten gewunden war. Es war Serena Delourdes, die erste Schulheilerin und mitgründerin von Beauxbatons, die den gelben Saal gegründet und diesen für viele Jahre als reinen Mädchensaal geführt hatte. Sie saßen auf einem Plüschsofa, das irgendwer in dieses Bild hineingestellt hatte und sahen auf die Besucher herab, so starr, daß man meinen konnte, sie seien gewöhnliche Portraits eines X-beliebigen Malers und keine lebendigen Bewohner eines Bildes.

"Wie ich Ihnen ja geschrieben habe, Madame Andrews, liegt mir sehr viel daran, die Eltern der Schüler kennenzulernen, die in meiner Pflegehelfertruppe arbeiten. Dabei geht es mir darum, mit ihnen zu reden, zu hören, was sie für Vorstellungen haben und ihnen zu demonstrieren, was wir hier machen. Der Sinn und Zweck der Pflegehelfertruppe ist es, den Schülerinnen und Schülern, die eine verantwortungsvolle Aufgabe suchen, in den Belangen der magischen Ersthilfemaßnahmen auszubilden und die Mitschüler zu versorgen, die durch Unfälle oder Krankheiten Hilfe benötigen. Auch habe ich als zuständige Heilerin die Verpflichtung, alle Schülerinnen und Schüler bei guter Gesundheit zu halten, also nicht nur einzugreifen, wenn bereits etwas passiert ist. Außerdem können ausgebildete Pflegehelfer kleinere Verletzungen sofort behandeln, wenn sie passieren oder mich sogleich rufen, wenn sie jemanden treffen, der mehr heilkundige Hilfe benötigt. Normalerweise treten Eltern mit ihren Kindern an Heiler in der Zaubererwelt heran, um ihren Kindern die Grundlagen der magischen Ersthilfe beibringen und sie am Schluß einer amtlichen Prüfung unterziehen zu lassen. Im Falle ihres Sohnes lief dies auf eine freiwillig von ihm aus angetretene Ausbildung hinaus. Offenbar hat er durch Kontakte zu meiner Kollegin Aurora Dawn Interesse an unserer Kunst gefunden, was an und für sich nicht heißt, daß er sie später auch beruflich betreiben wird, aber zumindest eine sehr nützliche und wichtige Betätigung fand."

In das Bild über dem Schreibtisch huschte die gemalte Aurora Dawn. Julius bewunderte immer wieder, wie Vollbilder eines Wesens oder einer Person sich den Größenverhältnissen anderer Bilder anpassen konnten, sofern das bild nicht größer als fünfmal so groß oder kleiner als ein Drittel so groß wie das Stammbild war. So konnte die gemalte Aurora Dawn sich ungehindert auf das Sofa neben Viviane Eauvive und Serena Delourdes setzen. Nicht nur Julius fiel der gemalte Neuankömmling auf. Auch Martha Andrews blickte verwundert auf das Bild. Alle drei gemalten Hexen lächelten nun milde, sagten aber kein Wort.

"Ihr Sohn Julius ging ja im letzten Sommer nur davon aus, etwas über magische Ersthilfe zu lernen, weil es interessant war und meine Kollegin in Millemerveilles wohl angeregt von Mademoiselle Aurora Dawn die Idee hatte, ihn zu unterweisen. Allerdings, so hätte er auch in Hogwarts erfahren, ist jeder, der diese amtliche Prüfung besteht, dazu angehalten, dem diensthabenden Heiler oder der Heilerin zur Hand zu gehen. In Hogwarts gibt es zwar keine geregelte Truppe von vorgebildeten Schülern, aber Madame Pomfrey hätte sicherlich auf ihn zurückgegriffen, allein um ihn nicht wieder vergessen zu lassen, was er gelernt hat.

Nun ist er aber hier in Beauxbatons eingeschult worden und fiel somit unter die Bestimmungen, die in diesem Haus die heilkundlich vorgebildeten Schülerinnen und Schüler für die Pflegehelfer qualifizieren. Natürlich kommt es dabei nicht nur auf Technik und Auffassungsgabe an, sondern auch auf Besonnenheit, Disziplin und auch Einfühlungsvermögen und Verantwortungsgefühl. Da diese Eigenschaften zum Teil in der Prüfung erkundet werden, aber auch von mir in einem Gespräch und auf Empfehlung des Ausbilders nachgeprüft werden, halte ich in meinem Stab von Helfern solche Schülerinnen und Schüler, die diese charakterlichen Voraussetzungen erfüllen. Ihr Sohn Julius gehört dazu, Madame. Ich sah es daher als gerechtfertigt, ja als meine Pflicht an, ihn in diese verantwortungsvolle Arbeitsgemeinschaft zu übernehmen. Er hat sich bis jetzt tadellos benommen und konnte sogar einige in der intensiven Ausbildung bei Madame Matine erworbene Kenntnisse an seine Mitschüler weitergeben."

"Die Dame da in dem Bild, zwischen Aurora Dawn und Madame Eauvive, ist die auch deswegen hier, um uns zuzusehen?" Fragte Julius' Mutter und deutete auf Serena Delourdes, die ihr zunickte. Madame Rossignol blickte sich um, sah Serena Delourdes an und nickte dann auch.

"Das ist Serena Delourdes, Madame Andrews. Sie war meine Altvorgängerin, die erste Schulheilerin und eine Mitbegründerin von Beauxbatons. Normalerweise hält sie sich in den Gemälden ihres Saales oder des Saalvorstehers Professeur Paximus auf. Sie und die anderen beiden Damen, die Sie erkannt haben, werden wohl ihre ureigenen Gründe haben, jetzt hier zu sein. Aber ich stelle fest, daß Ihnen die Gegenwart lebendiger Motive in Gemälden weder fremd noch unheimlich ist. Woher kennen Sie diese Art der Dekoration so gut?"

"Natürlich einmal von Hogwarts her, wo ich mit dieser Art der Magie schon zu tun hatte und dann von Zaubererfamilien, bei denen ich schon zu Besuch sein durfte, um meinen Sohn zu sehen. Außerdem hat Julius zu seinen Geburtstagen und zu Weihnachten Zauberbilder geschenkt bekommen", sagte Mrs. Andrews.

"Zurück zu unserer Pflegehelfertruppe", sagte die Heilerin und führte aus, was alles von diesen Jungen und Mädchen getan wurde, wie die Übungsstunden abliefen und was in den letzten Monaten passiert war, von den Quidditchspielen über Julius' Zeit als Belles Zwillingsschwester bis zur Betreuung von Constance Dornier. Martha wollte wissen, welche Hilfsmittel es in der Zauberei gab. Schwester Florence holte den Einblickspiegel und zeigte Julius' Mutter, wie man damit die inneren Organe eines lebenden Menschen arbeiten sehen konnte.

"Das ist ja unheimlich und auch faszinierend. Damit kann man also auch einer werdenden Mutter in den Leib schauen und das Ungeborene beobachten?" Fragte Julius' Mutter.

"Unter anderem, Madame Andrews. Daneben gibt es noch viele nützliche Zauber, um kleinere Verletzungen zu heilen, Brüche zu schienen oder Verbrennungen zu lindern. Hinzu kommen Transportzauber und solche Zauberstücke, die einem ermöglichen, in brennende Gebäude oder durch dichten Rauch gehen zu können."

"Mein Sohn hat eine Creme bekommen, mit der man leichte Verletzungen heilen lassen kann. Dann sind ja Dinge, die bei uns wochenlange Krankenhausaufenthalte nötig machen, für Sie innerhalb von Minuten restlos behebbar."

"Nicht alles. Magische Verletzungen und Krankheiten, also Sachen, die durch bösartige Zauber, zweckentfremdete Magie oder falsch zusammengebraute oder gezielt verfälschte Zaubertränke entstehen, bedürfen längerer Behandlungszeiten, wie die normalen Erkrankungen in Ihrer Welt. Außerdem sind schwerere Verletzungen, bei Unfällen während des Besenfliegens oder Zusammenstößen mit schweren Hindernissen langwierige Fälle, die mindestens zwei Tage Ruhe in einem magischen Krankenhaus notwendig machen. Die magische Heilkunst ist der Ihrer Welt sehr weit überlegen, Madame Andrews. Aber alles kann sie auch nicht in Sekunden heilen. Bei psychischen und mentalen Erkrankungen müssen wir ebenfalls längere Behandlungen ansetzen, weil es in unserer Welt nichts komplizierteres gibt als den Geist und die Seele eines Lebewesens."

"Dann glauben Sie also an die unsterbliche Seele, wie sie in Bibel und Koran als existent bezeichnet wird?" Fragte Mrs. Andrews.

"Nun, die Psychomorphologie, die Leere von Beschaffenheit und Entwicklung des stofflosen Inneren eines fühlenden Wesens, ist ein Unterzweig der Heilkunde, wie auch der Zauberwesenkunde. Fesststeht, daß sich im stofflichen Körper eines fühlenden Wesens ein nichtstoffliches Gefüge entwickelt, ein energetischer Organismus, wenn Sie es mit Ihnen vielleicht verständlichen Begriffen bezeichnen möchten, der wie ein Körper entsteht, heranwächst, sich entfaltet, auf seine Umwelt reagiert und sich dabei weiterentwickelt. In einigen Fällen entwickelt dieses nichtstoffliche Innere, dessen Sitz nicht an greifbaren Punkten des Körpers festgemacht werden kann, eine große Beharrung zu der materiellen Welt, in der wir leben, sodaß es nach dem körperlichen Ende eines Wesens als Abdruck der materiellen Gestalt, aber dabei nichtstofflich weiterexistiert. Dann sprechen wir von einem Geist, wobei noch längst nicht geklärt ist, wieso ein solches Nachlebenwesen so aussieht, wie der Körper zum Zeitpunkt des physischen Todes. Eine direkte Beziehung zum Körper ist also sehr wahrscheinlich. Viele Magier beharren darauf, daß der Sitz der Seele im Blut liegt, weil viele Zauber, auch bösartige, mit dem Blut von Lebewesen funktionieren. Geister können aber nur aus dem Sein von Zauberern und Hexen entstehen. Soviel weiß man schon. Was jedoch mit der stofflosen inneren Daseinsform geschieht, die nicht diese Beharrung zur materiellen Welt besitzt, wissen wir auch nicht. Falls Sie also einer Religion angehören, können Sie dieser ruhig weiterfolgen, da wir Hexen und Zauberer auch noch nicht die endgültige Wahrheit wissen."

"Ja, aber wenn beispielsweise ein Dementor jemandem die Seele aussaugt bleibt der oder die doch am leben", warf Julius ein. Mrs. Andrews sah ihn verdutzt an. Schwester Florence nickte und sagte schnell:

"Weil ein Körper auch ohne die Seele weiterleben kann. Allerdings fehlt dann der innere Antrieb, die Persönlichkeit, der Wille. Er wird dann eine leere Hülle, die solange lebt, bis die inneren Organe von sich aus den Dienst versagen."

"Dementoren, sind das irgendwelche Dämonen?" Fragte Mrs. Andrews. Catherine sah Julius leicht tadelnd an, nickte ihm dann aber zu. Er beantwortete die Frage so kurz es ihm möglich war. Danach kehrten sie zum eigentlichen Thema zurück.

"Es steht also nicht fest, daß Ihr Sohn irgendwann nach Beauxbatons den Beruf des Heilers ergreifen wird. Wenn ich das richtig mitbekommen habe und daran denke, in welchem Saal er untergebracht ist, stehen ihm vom Charakter und den magischen Anlagen her mehrere Berufswege offen, sofern er das, was er hier lernen kann, fleißig weiterlernt."

"Und wenn er jetzt sagt, daß er diesen Pflegehelferdienst nicht weiter ausüben möchte?" Fragte Mrs. Andrews.

"Diese Wahl hat er nicht", sagte Madame Rossignol entschieden. Serena Delourdes in dem Bild nickte.

"Dann hätte er vielleicht besser nicht diese Ausbildung machen sollen", meinte seine Mutter mürrisch. "Ich muß doch jemanden, auch wenn er minderjährig ist, die Möglichkeit bieten, von einer Tätigkeit zurückzutreten, wenn er oder sie merkt, daß er oder sie dem nicht mehr gewachsen ist."

"Sie sprechen es an. Solange er hier Schüler ist, ist er verpflichtet, die Dinge zu tun, die der Unterrichtsplan vorschreibt und für die er per amtlicher Prüfung geeignet ist. Er hat es sich nicht ausgesucht, Pflegehelfer zu werden, Madame. Dann kann er es sich auch nicht aussuchen, es nicht mehr zu sein. Wer dieses Armband trägt, trägt es bis zum Ende seiner oder ihrer Schulzeit in Beauxbatons."

Martha Andrews nickte verhalten. "Akzeptiert", sagte sie leise und beruhigte sich wieder. Sie kannte das ja, daß man die Aufgaben auch erledigen mußte, für die man ausgebildet worden war. Das galt für ihre Berufserfahrung, wie für die ihres Mannes. Sie fragte dann noch, ob Julius wirklich bei der Geburtshilfe für Constance und ihr Kind dabei sein sollte. Schwester Florence nickte.

"Zwar sind die Schülerinnen Jeanne Dusoleil und Martine Latierre auch dafür ausgebildet, ich halte mir aber die Möglichkeit offen, Ihren Sohn bei diesem Vorgang mitwirken zu lassen. Immerhin hat meine Kollegin Matine in ihrer Eigenschaft als Geburtshelferin ja einige ihrer Kenntnisse an ihn weitergegeben. Soweit ich informiert wurde, haben auch Sie Ihrem Sohn ein gründliches Vorwissen mitgegeben."

"Ja, aber nur, damit er nicht unbeabsichtigt irgendwelche unumkehrbaren Dinge anstellt", sagte Mrs. Andrews.

"Was sich ja leider als weise Voraussicht erwiesen hat, Madame. Vor einer Stunde waren die Eltern jener Mademoiselle hier, die offenbar nicht so behutsam mit ihrer sich entwickelnden Weiblichkeit umsprang."

"Nun, damit hat Julius nichts direktes zu tun", sagte Catherine.

"Ja, aber es könnte ihm einmal passieren, wenn er nicht wüßte, was er zu tun und zu lassen hat. Ich bin nicht so naiv, daß ich denke, daß sich wirklich jeder hier jederzeit an die Gebote und Verbote hält. Ich kenne genug Leute hier, die ich oft genug untersuchen muß, weil sie fürchten, über die Strenge geschlagen zu haben. Glauben Sie mir, Madame Brickston, daß die Schülerinnen und Schüler hier nicht alle brav sind oder dies bis zum Schulende bleiben. Aber wem erzähle ich das? Sie waren ja selbst hier."

"So ist es", sagte Catherine Brickston rasch.

Zum Schluß fragte Mrs. Andrews noch, warum sich Madame Rossignol als Schwester bezeichnen ließ, wo sie eigentlich eine vollausgebildete Heilerin sei und keine reine Pflegerin.

"Tradition, Madame. Früher waren die Heilerinnen und Heiler in Bruder- oder Schwesternschaften organisiert. In dieser Zeit wurde Beauxbatons gegründet. Seitdem gilt die Bezeichnung Schwester gleichbedeutend mit oberste Heilerin."

"Dann bedanke ich mich bei Ihnen für dieses Gespräch und den wahrhaftigen Einblick in ihre Arbeit, Schwester Florence. Es ist doch wahr, daß man die Leute kennenlernen sollte, die mit dem eigenen Kind zu tun haben, ja einen Teil der Verantwortung übernehmen. Ich finde es sehr aufmerksam von Ihrer Schule, daß Sie uns Eltern, auch und vor allem denen, die nicht als Hexen und Zauberer geboren wurden, einen Einblick in das geben, was unsere Kinder hier erleben und lernen, bei wem und mit wem. Noch mal herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben", schloß Martha Andrews den Besuch dann ab.

"Ich danke Ihnen, daß Sie auch auf meine Einladung eingingen. Sie hätten ja auch ablehnen können, da ich ja keine Lehrerin im direkten Sinne der Akademie bin. Zumindest bin ich froh, daß Julius eine vernünftige Mutter hat, die ihm hilft, seinen Weg weiterzugehen. Ich hätte zwar auch sehr gerne seinen Vater kennengelernt, erfuhr jedoch davon, daß dies wohl ein reiner Wunschtraum bleiben dürfte."

"Nun, wenn er sich mit Julius' Zauberei abgefunden hätte, hätten Sie ihn nie kennengelernt", sagte Mrs. Andrews kalt. Offenbar mußte sie arg um ihre innere Ruhe kämpfen, um nicht irgendwelche Gefühle nach außen dringen zu lassen, vermutete Julius.

"Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend und eine störungsfreie Heimreise. dir Julius wünsche ich noch schöne Ferien. Komm erholt und gesund wieder!" Sprach Schwester Florence noch und umarmte Julius flüchtig. Dann verließen die Andrews' und Catherine das Sprechzimmer. Julius hörte noch, wie Aurora fragte, wo sie noch hingehen würden und wie Viviane Antwortete, daß sie wohl noch in das untere Sprechzimmer von Madame Maxime gehen wollten.

Catherine wußte, wo man entlanggehen mußte, um zu einem geräumigen Büro zu gelangen, das im vierten Stock des Palastes lag. Madame Maxime wartete nicht in ihrem üblichen Besucherzimmer, das nur über das transpictorale Tor durch zwei Bilder zu erreichen war, weil dies für Muggel verboten war, sondern saß in einem Konferenzraum, wo nach Barbaras und Belles beschreibung die Saalsprecherkonferenzen abgehalten wurden. Vor dem Büro stand Madame Montferre neben Madame Delamontagne, sowie Madame Grandchapeau und Seraphines Mutter, Madame Adele Lagrange. Daneben erkannte er noch Andrés Vater, sowie einen Zauberer, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Bertram Simenon hatte, gegen den er im Schachturnier in Millemerveilles gespielt hatte und dann noch dessen Mutter besiegen konnte, um ins Finale zu kommen. Sieben Erwachsene saßen vor dem Büro.

Gerade verließen die Hellersdorfs das Zimmer, sichtlich beklommen. Laurentines rechter Blusenärmel war ein wenig hochgeschoben. Julius erkannte ein buntes Armband mit mehreren farbigen Steinen. Er wußte, was das war: Ein Verbindungsarmband, mit dem jemand über Kilometer hinweg geortet und dessen Stimmung gerade geprüft werden konnte.

"Sie haben der Mademoiselle ein Langstreckenverbindungsarmband angelegt", kommentierte Madame Delamontagne, als Julius nahe genug war, um halblaut mit ihr sprechen zu können.

"Will heißen, sie darf mit ihren Eltern nun doch in die Ferien?" Fragte Julius die Dorfrätin aus Millemerveilles. Diese nickte.

"Madame Maxime hat befunden, daß die junge Mademoiselle mit ihren Eltern nach dem Abendessen mitfahren darf. Man hat gewisse Bedingungen daran geknüpft, von denen das Armband die sichtbarste ist."

"Ich kann mich noch zu gut erinnern, wie mulmig mir das war, selbst so'n Band zu tragen", erwiderte Julius und sah seine Mutter an. Diese kannte die Geschichte von Professeur Faucons Einschreiten in allen Einzelheiten.

"Warten Sie alle noch auf einen Termin hier?" Fragte Julius in die Runde. Die Hexen und Zauberer nickten. Madame Montferre sagte:

"An und für sich möchten wir noch eine Besprechung des Elternrates mit den Saalvorstehern führen. Aber Madame Maxime hat uns gebeten, noch etwas zu warten. Ich glaube, ihr habt noch einen Termin bei ihr."

So gingen die Andrews' und Catherine Brickston in den Konferenzraum. Die Tür fiel selbständig zu, und die Besucher setzten sich. Madame Maxime hatte einen Stuhl mit hoher Lehne, der eher eine Bank mit zwei Armlehnen war. Sie blickte auf ihre Gäste herab und wartete, bis diese sich auf die weichen Stühle gesetzt hatten. Dann sagte sie:

"Ich freue mich, es bei Ihnen kurz halten zu können, denn die Besprechung mit dem Elternrat steht noch an, und ich möchte dem Abendkonzert noch beiwohnen. Da Sie, Monsieur Andrews, daran aktiv teilnehmen, ist es ja auch in ihrem Sinn, daß wir uns kurzfassen können.

Ich wollte Sie, Madame Andrews, lediglich persönlich kennenlernen und Ihnen meine Hochachtung aussprechen, daß Sie Ihr bisheriges Leben vollständig änderten, um Ihrem Sohn auf dem für ihn als einzig richtig erkannten Weg zu helfen, ihm den nötigen Rückhalt zu geben, aber auch auf die für ihn anfallenden Verpflichtungen und sozialen Veränderungen einzugehen. Ich weiß, daß Sie nun mit allen relevanten Mitgliedern meines Lehrerkollegiums gesprochen haben und nun wissen, was wir hier für Ihren Sohn tun, Madame Andrews. Es freut mich vor allem, daß Ihr Sohn sich sehr rasch und konstruktiv in das Gefüge unserer Akademie eingearbeitet hat und die Umstellung von Sprache und Bekanntenkreis bislang sehr vernünftig und beharrlich gemeistert hat, was ich nicht als selbstverständlich oder üblich ansehe. Gerade wenn Schüler aus einem nichtmagischen Elternhaus zu uns kommen, zeigen sich sehr oft Spannungen und Reibungen, die einen unbeschwerten und förderlichen Umgang mit diesen Schülern gefährden, wenngleich nicht unmöglich machen. Ich drücke meine Zufriedenheit darüber aus, daß Ihr Sohnn Julius es sehr gut erreicht hat, hier nicht nur schulischen, sondern auch zwischenmenschlichen Anschluß zu finden und sich in der Pflegehelfertruppe, sowie in der Quidditchmannschaft seines Wohnsaales sehr gut einbringt und auch dem hohen Niveau unserer Unterrichtsstunden zu folgen vermag. Es ist sehr selten, daß jemand aus nichtmagischem Elternhaus einen derartig weichen Einstieg in unsere Schule findet, wenn ich auch weiß, daß in Hogwarts schon gute Vorarbeit geleistet wurde. Da also nicht mehr über Ihren Sohn zu sagen ist, was meine Kolleginnen und Kollegen nicht schon gesagt haben, möchte ich Ihnen nun zwei Minuten Zeit zugestehen, Fragen oder Kommentare an mich zu richten."

Martha Andrews zögerte. Die imposante Erscheinung der elegant gekleideten und sehr ansehnlich frisierten und geschminkten Halbriesin schien die sonst so beherrschte Computerprogrammiererin um ihre Fassung zu bringen. Doch nach zehn Sekunden Schweigen sagte sie nur:

"Ich tue, was ich für das beste für meinen Sohn halte, Madame. Ich wurde von meinem Mann zu einer Entscheidung gezwungen, die ich nun in allen Konsequenzen trage. Ich weiß nicht, was Julius hier noch alles erleben wird. Die Gespräche können in so kurzer Zeit nicht alle Eindrücke vermitteln. Andererseits wäre es in Hogwarts schwer gewesen, einen solchen Termin zu bekommen, da dort ein Elternsprechtag nicht im Jahresplan vorgesehen ist. Ich höre es gerne, daß mein Sohn sich hier gut eingearbeitet hat und bin sehr froh, daß er hier offenbar neue Freunde finden konnte. Als Mutter bin ich natürlich auch daran interessiert, wie er sich zwischenmenschlich weiterentwickelt. Da sehe ich eine gewisse Hemmung, weil es in vielen Internaten nicht gerne gesehen wird, daß Schülerinnen und Schüler die Liebe kennenlernen und als neue Erfahrung ausleben möchten. Hier hörte ich, daß jede Art von geschlechtlicher Annäherung gemaßregelt wird. Das mag im Gesamtzusammenhang vernünftig sein, könnte aber im Einzelfall stören, wenn eine natürliche Entwicklung bestimmte Erfahrungen verlangt. Schulisch bin ich mit dem was hier geboten und gelehrt wird voll einverstanden, selbst wenn ich es gerne sähe, daß mein Sohn auch die Dinge lernt, die für meine Lebenswelt alltäglich und notwendig sind. Aber da bin ich ja mit Ihren Kolleginnen Fixus und Bellart zu einer Übereinkunft gelangt und habe auch außerhalb der Schule die Möglichkeit, die Dinge an Julius heranzubringen, die innerhalb von Beauxbatons unnötig oder gar unwichtig sind."

"Was soll denn das jetzt?" Fragte sich Julius und sah bedröppelt seine Mutter an. Wieso stieß sie Madame Maxime noch mit der Nase darauf, daß einige Mädchen um ihn herumliefen und er mit Claire mehr als eine Freundschaft erleben wollte?

"Mehr habe ich dazu nicht zu sagen, Madame", beendete Mrs. Andrews ihre kurze Rede.

"Daß Sie das Thema Liebe, wohl eher Geschlechtlichkeit ansprechen, Madame, wundert mich nicht. Natürlich bin ich darüber orientiert, daß Ihr Sohn in die entscheidende Entwicklungsphase vom Knaben zum Mann eingetreten ist und mit einer Schülerin ein partnerschaftliches Verhältnis begonnen hat, um zu lernen, wie sowas verläuft. Das Beispiel mit Mademoiselle Dornier, von der Sie sicherlich bei Madame Rossignol gehört haben, zeigt mir und allen Kollegen überdeutlich, wie notwendig es ist, bestimmte Verhaltensweisen nicht ungezügelt auftreten zu lassen. Es ist in den öffentlichen Schulen Ihrer Welt zu einer Art Sport geworden, körperliche Erfahrungen zwischen den Geschlechtern sehr früh zu forcieren. Das mag ein Abenteuer sein, heißt aber nicht unmittelbar, daß jemand, der oder die sich auf eine geschlechtliche Affäre einließ, erwachsener oder vernünftiger ist. Es hat zwar nichts direkt miteinander zu tun, aber ich hörte davon, daß neben der Jagd nach dem ersten Geschlechtsverkehr auch der Genuß gefährlicher Rauschmittel in zunehmender Stärke an den Schulen grassiert, was auch damit begründet wird, daß es stärker oder erwachsener macht. Wir hier ziehen die geistige Reifung allen körperlichen Abenteuern vor. Selbst wenn Ihr Sohn irgendwann darauf ausgeht, mit einer Mitschülerin geschlechtlich zusammenzukommen, so wird er immer darüber Klarheit haben, daß dies kein Spaß oder Sport ist. Das Wesen zwischenmenschlicher Lebensweisen ist zu wichtig, zu ernst, um in einem jugendlichen Abenteuerspiel strapaziert zu werden. Die gebotenen Verhaltensregeln kennt Ihr Sohn, vom Grundwissen her ist er sogar zumindest theoretisch besser vorgebildet als die meisten anderen Jungen seines Alters hier, und die Erfahrungen mit dem Gefühl Liebe wird er auch hier machen, sofern es wirklich die innige Zuneigung und Partnerschaft betrifft, die mit diesem Wort gemeint ist. Da mache ich mir keinerlei Sorgen drum. Außerdem fördern wir durchaus Partnerschaften, die sich anbahnen. Die Walpurgisnacht und unser Schuljahresabschlußball bieten hierfür eine hervorragende Grundlage."

"Soso", sagte Mrs. Andrews nur, während Julius abwechselnd die Schulleiterin und seine Mutter ansah. Er mußte grinsen, weil er daran dachte, wie oft er sie und Hagrid über das Gelände von Hogwarts hatte herumlaufen sehen können. Dann sagte er, weil er meinte, was dazu loswerden zu müssen:

"Also, es ist ja wohl in der ganzen Schule herum, daß ich eine Freundin hier habe. Ich weiß von sowas wie Liebe nur, was ich von meinen Eltern mitbekommen habe. Von dem ganzen körperlichen Drumherum weiß ich eben was, weil ihr, Mum und Paps, wolltet, daß ich eben keine Mutter jung zur Oma mache. Verzeihung, Madame Maxime, aber was eindeutigeres fiel mir nicht ein." Madame Maxime schloß ihren Mund, aus dem sie vielleicht eine Summe Strafpunkte hatte verkünden wollen und nickte. "Wohin das läuft, weiß ich ja jetzt noch nicht. Ich hoffe nur, daß das nicht ziemlich gemein endet. Mehr muß ich dazu wohl nicht sagen."

"Nehmen wir zur Kenntnis", sagte Madame Maxime. Julius schwante, daß dieser Satz nicht gerade angenehm für ihn sein mußte. Jetzt hatte er sich wohl endgültig ausgeliefert, sowohl an die Lehrer, die ihn noch genauer beobachten würden, als auch an Claire und ihre Familie, die ihn beim Wort nehmen würden, wenn sie das mitbekamen. Vielleicht hatte er sich dadurch aber mehr Ruhe verschafft, dasß Mildrid oder Caro von ihm ferngehalten wurden, ohne daß er das erledigen mußte.

"Dann darf ich diese kurze Unterredung wohl für beendet erklären", schloß Madame Maxime die Besprechung. Julius stand langsam auf, grüßte die Schulleiterin mit dem hier andressierten Respekt und verließ mit seiner Mutter und Catherine, die wieder kein einziges Wort gesagt hatte, den Konferenzraum. Die Schulleiterin folgte ihnen bis zur Tür und winkte über die Köpfe ihrer Gäste hinweg den sieben Hexen und Zauberern vom Elternrat.

Auf dem Korridor schwuppte Jeanne aus einer Wand, sah Julius an und sagte: "Wird auch langsam Zeit. Wir stimmen schon die Instrumente. Du hast doch deine beiden Flöten noch eingepackt?"

"Ja, habe ich", sagte Julius und klopfte an den Sonntagsumhang, wo sein Zauberstab, die Block- und die Panflöte sorgfältig verstaut waren. Er sah auf seine Weltzeituhr und erkannte, daß er nur noch fünf Minuten bis zum Besuchereinlass hatte.

"Mum, ich zeige dir jetzt live und in Farbe, was das oberste Privileg der Pflegehelfer ist", kündigte Julius an und krempelte seinen rechten Ärmel hoch. Er sah seine Mutter an, die ihn aufmerksam anblickte, wie Catherine ihm zunickte und Jeanne sich bereitmachte.

"Zur Aula ist der Ausgang im ersten Stock neben dem Pausenhofausgang der kürzeste Weg", sagte Jeanne. Julius nickte, legte den linken Zeigefinger auf den weißen Schmuckstein des Pflegehelferschlüssels und wartete, bis das Wandstück, aus dem Jeanne gekommen war, nur für ihn rosa flimmerte. Er konzentrierte sich auf den Ausgang in der Nähe des Pausenhofes, trat an die Wand heran und sagte: "Die Wand ist schneller als das Auge."

Schwupp, zog ihn der aufgerufene Wandschlüpfzauber aus dem Korridor und warf ihn keine Sekunde später aus einem Wandstück in einem anderen Gang, mehrere Stockwerke tiefer. Fünf Sekunden später schlüpfte Jeanne aus dem Wandstück und lachte.

"Sehen heißt doch immer noch mehr glauben als sagen. Deine Maman war ja hin und weg, als du fortgeschlüpft bist. Ich dachte, wir hätten uns in den Weihnachtsferien drüber unterhalten, daß wir das Wandschlüpfsystem benutzen."

"Wie du's gesagt hast, Jeanne: Sehen heißt glauben. Oder denkst du, meine Mutter hätte mich nach Hogwarts gelassen, nur weil jemand ihr erzählt hat, daß ich zaubern könnte?"

"Sicher nicht, Bursche. Und jetzt komm schon mit rein! Claire ist ja schon ganz hibbelig."

Alle Musiker von Beauxbatons stimmten schon die Instrumente. Ein ganzes Orchester aus Streichern, Zupf und Schlaginstrumenten, die Blech- und die Holzbläser waren vollständig angetreten. Claire winkte Julius zu sich und plazierte ihn mit einer Handbewegung zwischen sich und ihre Schwester. Julius ging noch mal den Ablauf der zu spielenden Stücke durch und packte dann seine Instrumente aus, die er auf das Notenpult vor sich auf der etwa zwei Meter hohen Bühne ablegte. Er blickte sich noch mal um. Die Aula, eine majestätische Halle, die mit weißem und rotem Marmor ausgekleidet war, erstrahlte im Licht tausender von Kerzen. Nur an der Decke hing kein einziger Leuchter. Das war anders als Julius es bei der Generalprobe erlebt hatte. Er blies seine Instrumente warm und ließ seine Finger über die Tonlöcher laufen, um sie geschmeidig zu machen. Dann öffnete sich die mit Goldblech beschlagene Eichentür und ließ die Besucher ein. Über hundert Reihen mit Stühlen standen hufeisenförmig um die halbrunde Bühne. In der Ersten Reihe standen rot gepolsterte Lehnstühle. Julius vermutete, daß die Lehrer und die Schulleiterin sich dort niederlassen würden. Tatsächlich stand in dieser Reihe auch ein sehr großer Stuhl, der mit roten Federkissen gepolstert war. Da würde sich wohl die Schulleiterin hinsetzen.

Mademoiselle Bernstein, die Musikleiterin, kam zu den einzelnen Instrumentengruppen und gab letzte Anweisungen. "Wenn Madame Maxime mit den Lehrern und den Elternratsmitgliedern eintrifft, spielen wir das Schullied in der Overtürenfassung. Wenn alle Lehrer und Eltern sitzen, kommt der Tusch für die Ansprache von Madame Maxime, dann meine Ankündigung, was wir spielen und danach das erste Stück, "Der Walzer der Winde."

Alle nickten, als sie diese Anweisungen bekommen und ihre Notenblätter sortiert hatten. Doch es dauerte noch eine knappe Stunde, bis die Lehrer und die Elternratsmitglieder eintrafen. Mademoiselle Bernstein hob ihren Zauberstab, der ihr hier als Taktstock diente. Julius mochte sich nicht ausdenken, wie schwer das war, einen Zauberstab zu schwingen, ohne daß dabei was losging. Sie deutete auf die Streicher, die Blechbläser und die Holzbläser, die augenblicklich im Takt der Musikleiterin die Overtürenfassung der am Morgen noch in Marschform vorgetragenen Schulhymne anstimmten und getragen und erhaben durch die kirchengroße Aula erklingen ließen. Julius bewunderte die Akustik, die diesen riesigen Raum wie einen ordentlich isolierten Opernsaal widerhallen ließen. Er spielte seine Stimme und bemerkte, wie sich die Decke der Aula immer mehr aufhellte, bis sie irgendwie verschwunden war und den freien Himmel darstellte. Zuerst dachte Julius an einen ähnlichen Echtbildverpflanzungszauber, wie er in Hogwarts in der großen Halle wirkte, bis ihm auffiel, daß nicht nur die Decke, sondern auch die Wände verschwunden waren. Sie standen und saßen nun alle unter freiem Himmel auf einer üppigen Wiese, umgeben von himmelhohen Bergmassiven, auf deren Gipfeln klarer weißer Schnee glitzerte, wie Zuckerguß auf einem Kuchen. Vom Schall her war aber alles wie vorher. Also waren sie nicht aus der Aula versetzt worden, sondern ein Illusionszauber durchdrang die Aula und zeigte dieses erhabene Bild der großen Almwiese zwischen königlichen Gipfeln. Es kam auch leichter Wind auf, der nach wilden Gräsern und Frühlingsblumen duftete.

"Diese Tricks haben die bei der Generalprobe nicht gebracht", dachte Julius beeindruckt. Dann fing er sich wieder. Er spielte im Takt der Dirigentin seine Melodien, bis Madame Maxime aufstand. Mit einer schnellen Handbewegung ließ Mademoiselle Bernstein den Zauberstab von oben nach unten schwingen. Alle spielten den eingeübten Tusch. Madame Maxime wartete, bis absolute Ruhe eingekehrt war. Dann sprach sie dem Publikum zugewandt: "Mesdames, Mesdemoiselles et Messieurs. Sehr geehrte Mitglieder des Elternrates, herzlich willkommene Familienangehörige, werte Kolleginnen und Kollegen, meine lieben Schülerinnen und Schüler, ich freue mich, Sie in diesem Jahr wieder zu einem kleinen aber vortrefflichen Konzert der schuleigenen Musiker begrüßen zu dürfen. Wie in jedem Jahr, so haben uns alterprobte Künstlerinnen und Künstler verlassen und sind neue, noch auf ihre große Stunde wartende Talente hinzugekommen. Nach einem anstrengenden Tag, der Freude und Frustration, Ernst und Fröhlichkeit gesehen hat, kommt nun der angenehmste Teil des Programms, das mit einem Schmaus für Augen und Ohren beginnen und mit einem Schmaus für Zunge, Gaumen und Magen enden wird. Ich freue mich nun, daß meine kompetente Arbeitsgruppenleiterin der musischen Künste nun verkündet, welche Werke wir nun zu hören bekommen dürfen. Ich übergebe nun sehr gerne das Wort an Mademoiselle isolde Bernstein!"

Die Aula erzitterte unter dem stürmischen Applaus aus allen Reihen und Rängen. Julius suchte, während die Musikleiterin das Programm verlas, nach Catherine und seiner Mutter. Als er sie neben einer dunkelhaarigen Hexe in Grün entdeckte, schmunzelte er. Natürlich hatten Catherine und seine Mutter sich zu den Dusoleils gesetzt. Neben Catherine konnte Julius noch Barbara, Jacques und ihre Eltern erkennen. Dann sah er noch die Latierres und Montferres, die in der fünften Reihe saßen, während Madame Montferre allein in der ersten Reihe bei den anderen Mitgliedern des Elternrates saß.

Alle Stücke des Konzertes brachten andere Illusionszauber hervor. Beim "Walzer der Winde" war die Umgebung eine Sandküste an einem laut brandenden Meer, dessen Salzwasserduft die Aula durchzog. Beim "Flug der Drachen" spien weit entfernte Vulkane feurige Fontänen und rotglühende Lava aus und erfüllten die Luft mit Schwefelgeruch. Beim "Ballett der weißen Schwäne" befanden sich alle anscheinend am Ufer eines Sees, über dem tatsächlich zwanzig schöne weiße Schwäne herumflogen. Dann folgte noch "der Wald der Wunder", der die Aula in einen urwüchsigen Mischwald verwandelte, dessen Boden erdig duftete und dessen ausladende Bäume ein Spiel aus Licht und Schatten trieben, wenn der künstliche Wind durch ihre Äste fuhr. Dann kam noch ein Solostück für die Holzbläser, alles Leuten aus dem grünen Saal, für das die Aula zu einer weiten Steppe oder Prärie wurde. Dann erscholl von den Blechbläsern ein Marsch, bei dem die Aula-Illusionszauber den Durchmarsch durch eine mittelalterliche Stadt begleiteten. Danach kam ein Abschiedslied, daß Julius auch schon von Hecate Leviata gehört hatte, allerdings nicht in dieser erhabenen Version, die sie nun spielten. Die Streicher woben einen weichen Klangteppich, die Flöten gaben einen wohligen Rhythmus vor, während die Blechbläser so sanft wie möglich ihre Instrumente spielten. Dabei schien es, als rücke aus der Ferne ein Palast heran, der Palast von Beauxbatons. Und mit dem letzten Ton kehrten Decke, Wände und Boden der Aula zu ihrer wirklichen Erscheinungsform zurück.

"Wau!" Machte Julius, als sein Programm nun vollständig abgespielt war und er seine Flöte wieder aus dem Mund nehmen und sich mit den anderen Musikern verbeugen durfte. "Schade, daß Paps das nicht gesehen hat oder Joe. Na gut, Joe kriegt das wohl in fünf Jahren mit, wenn Babette hier eingeschult ist", sagte Julius zu Claire.

"Ich habe Bébés Familie gesucht. Sie waren nicht bei den Muggelstämmigen und ihren Eltern. Sie saßen zwischen den Dorniers und den Lagranges, Julius. Wie kommt das?"

"Weiß ich nicht. Vielleicht hat Célines Vater oder Mutter die drei eingeladen, sich nicht zu den übrigen Muggeleltern zu setzen. Ich konnte dir ja noch nicht erzählen, was ich bei Bébé mitgekriegt habe."

"Ach, darf sie nicht zu ihren Eltern?" Fragte Claire sehr besorgt dreinschauend, während von irgendwoher der Ruf "Zugabe!" angestimmt wurde.

"Doch, darf sie. Aber sie hat so'n Armband, wie du's bei mir beim ersten Besuch in Millemerveilles gesehen hast."

"O das dürfte dann wohl die letzte Warnung sein", meinte Claire, sah aber wieder etwas fröhlicher aus.

Sie spielten als Zugabe noch mal den Schulmarsch in voller Besetzung und Lautstärke fortissimo. Alle klatschten den Takt mit. Die Chormitglieder sangen die Strophen vor, den Kehrreim sangen dann alle, die hier schon als Schüler gewesen waren. Nach diesem Stimmungstitel waren dann alle zufrieden. Erst verließen die Lehrer und die Schulleiterin die Aula, dann folgten in wohlgeordneten Strömen die Familien. Die Eltern der Musiker warteten an den Seitenwänden auf ihre Kinder und beglückwünschten sie. Mademoiselle Bernstein, die hinter den Musikern herging rief noch: "Fünfzig Bonuspunkte für jeden von Ihnen. Exzellent gespielt. Vielen Dank!"

"Ich versuche morgen deinen Vater anzurufen. Der hätte nie gedacht, daß du mal in einem Orchester spielst", sagte Mrs. Andrews, der Freudentränen übers Gesicht liefen. Julius erstarrte. Das seine Mutter so heftig bewegt wurde kam so selten vor wie eine totale Mondfinsternis. Er umarmte sie einfach und ließ sich von ihr drücken. Claire stand verdutzt dahinter, lag dann aber schon in den Armen ihrer Mutter, während ihr Vater Jeanne umarmte.

"Bleiben wir jetzt zusammen?" Fragte Claire und meinte wohl eher das Abendessen. Ihre Mutter grinste jedoch schelmisch, als meine Claire etwas anderes.

"Dem steht nichts im Weg. Die Latierres und Dorniers wollen mit uns zusammen an einen der Tische", sagte Madame Dusoleil.

"Ich dachte, die Latierres setzen sich zu den Montferres und van Drakensens", wunderte sich Julius.

"Die Montferres sind wohl mit den Rossignols verabredet, und die van Drakensens treffen sich mit den van Helderns, Deckers' und Perignons", sagte Monsieur Dusoleil.

So formierten sich Gruppen von Familien, die gerne beim Abendessen zusammensitzen wollten. Julius sah die Grandchapeaus, die sich mit den Delamontagnes und Lagranges, denen von Seraphine und denen von Belisama, zusammenfanden. Die Lumiéres grüßten zwischendurch, bevor sie sich mit den Dumas' trafen.

Wieder standen große Tische im Speisesaal, diesmal in goldene Festbeleuchtung getaucht. Das Abendessen war diesmal ein vorgegebenes Menü, das aus sieben Gängen bestand.

"Was ich Sie noch fragen wollte, Monsieur Latierre", setzte Mrs. Andrews zwischen fünftem und sechstem Gang an, "Wo kommt Ihr Nachname genau her? Müßte es nicht "Laterre" heißen? La Tierra ist doch spanisch für "die Erde."

"Da müssen Sie meine Frau fragen, Madame. Ihre Eltern wollten, daß ich ihren Nachnamen annehme", sagte der winzige Zauberer, der auf mindestens vier Kissen saß, um nicht mit der Nase auf der Tischplatte zu liegen.

"Sie haben unsere Sprache gut erlernt", stellte die große Hexe mit den rotblonden Haaren lächelnd fest. "In Ihrer Feststellung liegt auch schon die Antwort. Meine Urahnen waren andalusische Hexen und Zauberer, die mit den Jahrhunderten nach norden nach Frankreich einwanderten. Unsere Familie ist über Südwesteuropa weit verbreitet und hat sich sogar in die Muggelaristokratie hineinverzweigt. Einer meiner Cousins zwölften Grades könnte sogar Trhonfolger in Spanien werden, während ein anderer Zweig, der mit der Muggelaristokratie verwurzelt war, dieser sogenannten Revolution anheimfiel. Mehr möchte ich über dieses Kapitel nicht sagen. Nur soviel noch: Meine Vorfahren haben sich immer geweigert, ihren Namen ins Französische umschreiben zu lassen. Nur das e am Ende, das konnten sie nicht ganz ablehnen. Pero usted habla español, señora?"

"Si, solamente me falta vastante de ejercisio", hörte Julius seine Mutter antworten. Er hatte sie nur zweimal länger mit jemandem Spanisch sprechen hören, einmal mit den Wirten in Bars in Marbella in Südspanien, was aber schon sechs Jahre zurücklag und dann mit Professeur Faucon an seinem dreizehnten Geburtstag und wenige Wochen danach bei seinem alles entscheidenden Besuch in Paris, der ihn nun hier und heute an einem Tisch mit seiner Mutter und den Dusoleils, Latierres und Dorniers sitzen ließ. Claire unterhielt sich mit Céline über Laurentine, während Constance eine Portion nach der anderen in sich reinschaufelte. Das kleine Mädchen, das unter ihrem Magen in seiner warmen Aufbewahrung heranwuchs mußte wohl langsam genausoviel Hunger haben, wie seine zukünftige Mutter, dachte Julius.

"Bébé kommt in den Osterferien mal zu uns", sagte Céline zu Claire, die Julius zunickte, er möge zuhören. "In vier Tagen kommen ihre Eltern zum Ostbahnhof von Paris, wo immer das ist. Maman weiß, wie man da hinkommt und holt sie ab. Ihre Maman wird wohl mitkommen. Ihr Vater hat wohl erst einmal genug von Zauberern."

"O könnte ich dann auch bei dir vorbeikommen, Céline?" Fragte Claire begeistert.

"Wenn du deine Maman ... Sie hat's wohl gehört", antwortete Céline schmunzelnd, als Madame Dusoleil ihr zunickte. Claire meinte dann, ob Julius dann nicht auch zu Besuch kommen könne. Er sagte, daß er nicht stören wolle, wenn die drei Freundinnen sich trafen. Seine Mutter sagte nur:

"Wo wohnt ihr denn, Céline?"

"Zwei Häuser neben uns", sagte Madame Latierre. Das ist in der Zaubererstraße Rue de Camouflage, wo wir nachher wieder ankommen."

"Kannst du da übernachten, Claire?" Fragte Martha Andrews.

"Weiß ich nicht, ob meine Eltern mich lassen", erwiderte Claire. Jeanne meinte dazu:

"Ich kann ja mit dir nach Paris. Dann kann ich gleich für Walpurgis einen neuen Festumhang einkaufen. Wäre vielleicht auch die Gelegenheit, für dich was zu finden, Schwesterlein."

"Ja, was in Lila", flachste Julius. Claire trat ihm unter dem Tisch dezent mit ihrem Absatz auf den linken kleinen Zeh.

"Das ich dich nicht in Lila anmale, wenn wir hier wieder Zaubermalen, Juju", zischte sie ihm zu. Julius verschluckte sich fast an einem Stück Salatgurke. War das schon soweit, daß sie anfing, irgendwelche Kosenamen für ihn zu erfinden?

"Eigentlich eine gute Idee, Julius. Wir sollten auch für dich nach passender Bekleidung suchen. Der Festumhang, den du hast, paßt nicht zu Walpurgis", sagte Catherine. Julius nickte automatisch, bevor es bei ihm ankam, daß Catherine ihn in die Rue de Camouflage mitnehmen wollte, damit er nicht nur Klamotten kaufen, sondern er sich auch mit seiner Freundin und womöglich Céline und Laurentine treffen konnte. Mildrid Latierre, die einige Plätze rechts von Julius zwischen ihrer Schwester und ihrem Vater saß, zwinkerte Julius zu. Claire bemerkte das wohl und sah sie kurz durchdringend an. Millie gab danach erst einmal Ruhe.

So verabredete man sich für den nächsten Donnerstag vormittags in der Rue de Camouflage.

Als sie mit den goldenen Messern, Gabeln und Löffeln von feinem Porzellan gegessen und aus den Silberpokalen Wein oder Fruchtsaft getrunken hatten, bedankte sich Madame Maxime noch mal bei allen Besuchern und Schülern für den gelungenen Tag. Dann legte sie fest, welche Reisesphären zuerst losgeschickt würden. Die Busse mit den Familien der Muggelstämmigen würden so abfahren, wie sie angekommen waren. Julius fragte, ob seine Mutter, Catherine und er wieder mit der Reisesphäre nach Paris zurückkehren würden. Catherine bejahte das. Sie deutete auf ihre kleine Umhängetasche. Darin mochte wohl ein Handy stecken, daß, wenn sie aus der Rue de Camouflage heraus waren, wieder funktionieren mochte. Offenbar wollte sie dann Joe anrufen oder ein Taxi bestellen. Nein, wohl eher Joe anrufen, daß er sie abholte. Denn in Umhang und Zauberhut außerhalb von Karnevall in einer Stadt voller Muggel herumzulaufen war wohl doch etwas merkwürdig, dachte Julius. Andererseits würde das Joe nicht schmecken, daß er den Chauffeur spielen sollte.

Nach dem Abendessen holten die Schülerinnen und Schüler ihr Gepäck. Die Pflegehelfer nutzten ihr Wandschlüpfvorrecht aus, um schneller als die übrigen ihre Sachen aus den Schlafsälen vor das Portal zu bringen. Es dauerte noch eine Viertelstunde, bis alle versammelt waren. Die erste Reisesphäre ging nach Millemerveilles. Claire, Jeanne, Virginie, Sandrine, Seraphine, Elisa, Caro und Barbara, sowie die Jungen aus der Dorfmannschaft, verabschiedeten sich von Julius und wünschten ihm erholsame Osterferien. Dann verschwanden sie mit ihren Eltern. Eine Reisesphäre genügte, um sie auf einen Streich nach Millemerveilles zu bringen. Für die restlichen Regionen brauchte es zwei Aufrufe der Reisesphäre. Die Busse fuhren derweil schon los. Julius warf einem der violetten Busse einen besonders langen Blick nach. Hatten die Hellersdorfs es gerade noch geschafft, ihre Tochter Laurentine nicht zu verspielen? Er gönnte es ihr, daß sie noch mit beiden Eltern in ihr erstes und bislang wahres Zuhause zurückfuhr. Für Julius ging es nun wieder in Catherines Haus, wo er bis jetzt außer als Besucher im Sommer nur die Weihnachtsferien verbracht hatte.

"Gibst du mir nach der Ankunft deinen Umhang und den Hut, Julius. Ich habe eine neue Jacke für dich mitgenommen", sagte Catherine. "Joe wird wohl noch mit seinen Freunden feiern, Babette schläft bei Tante Madeleine. Wir nehmen uns ein Taxi, wenn wir aus dem Museum rauskommen."

Als dann mit der zweiten nach Paris fliegenden Reisesphäre die Andrews', Catherine Brickston, die Dorniers und Latierres aufbrachen, sah Julius seine Mutter an, wie sie im Zustand der Schwerelosigkeit ganz locker blieb. Als dann Monsieur Grandchapeau, der die Sphärenmagie aufgerufen hatte die letzten vier Sekunden heruntergezählt hatte, federte sie locker die plötzlich zurückkommende Eigenschwere gut ab. Dann verließen sie alle den grünen Ankunftskreis und verteilten sich auf die breite gepflasterte Straße, in der übergroße Öllampen an kunstvollen Holzmasten aufleuchteten. Der Abschied war kurz und ohne große Aufregung. Millie traute sich nicht, sich noch einen Kuß von Julius zu stehlen, weil ihre Schwester direkt hinter ihm stand. Dann kehrten die Andrews' und Catherine durch das Geschichtsmuseum in die Muggelwelt von Paris zurück, wo Julius seinen blaßblauen Umhang im Schatten des alt erscheinenden Lagerhauses, hinter dem der Einstieg zur Zaubererwelt lag, gegen eine dunkelblaue Übergangsjacke tauschte, die Catherine von Taschentuchgröße auf passend hatte anwachsen lassen. Dann gingen sie zwei Straßen weiter, bestellten sich ein Taxi und erreichten eine halbe Stunde später das Haus in der Rue de Liberation. Im erdgeschoß brannte noch kein Licht. Joe war noch nicht zurück von seiner Feier mit Freunden.

"Wollen wir uns noch etwas unten hinsetzen, oder möchtet ihr gleich raufgehen?" Fragte Catherine. Julius war dafür, den Tag noch gemütlich ausklingen zu lassen. So saßen sie noch eine Stunde bei Wein oder Limonade in der Wohnung der Brickstons, bis Julius und seine Mutter müde genug waren. Sie gingen in ihre Wohnung und nahmen noch eine Dusche, bevor sie sich zu Bett legten. Was hätte Julius' Vater wohl gedacht, wenn er das alles hätte mitbekommen können? Daß sein Sohn nun eine richtige Freundin hatte, wie die Lehrer in Beauxbatons aussahen, der Elternsprechtag und die Musik in der Aula der Illusionen, wie Julius sie im Geiste nannte, und zum schluß die Reisesphäre, die jedem, der sie benutzen durfte für wenige Sekunden das Gefühl der vollkommenen Schwerelosigkeit vermittelte, wie es die Männer in der russischen Weltraumstation "Mir" erlebten. So schlief er ein und träumte von einer magischen Reisesphäre, die ihn in eine gläserne Raumstation trug, wo Zauberer und Hexen in silbernen Umhängen ihn begrüßten, wo zwei Mädchen aus purem Gold, die eine verkleinerte Version von Madame Montferre zu sein schienen, in sonnengelben Seidenkleidern Essen und Trinken herbeischafften, das trotz der Schwerelosigkeit nicht davonflog, sondern ihm direkt in den Mund.

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