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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Wo ist Julius? Aries, der die Grenzen um unser Reich macht, hat mir bösen Schlafqualm in meine Wohnung gemacht. Ich habe die ganze Sonne verschlafen, die über uns hinweggestiegen und wieder in ihrem irgendwo liegenden Loch versunken ist. Wo ist Julius? Ich spüre nicht seine anregende Ausstrahlung. Ich kann ihn nicht hören oder riechen. Ja, überhaupt ist ja fast keines der Menschenjungen hier. Es ist wohl wieder diese Zeit, wo die alle weg sind und erst nach vielen Sonnen wiederkommen. Ich kenne das, daß es dann, wenn es wärmer wird, nur wenige Sonnen sind, während es dann, wenn es sehr heiß ist, mehrere Mondwechsel dauert, bis sie wiederkommen. Julius ist weg! Er hat mich einfach hiergelassen!

Als es dunkel ist, laufe ich zum Steinbau, springe und klettere zu seiner Schlafhöhle hoch. Er ist wirklich nicht mehr hier. Ich laufe zu dem großen roten Platz, wo es immer so laut singt und knallt, wenn sie dort die Kraft benutzen, um sich wegzubringen. Julius war hier. Ich kann den Geruch seiner Füße gerade so erkennen. Wo ist er hin?

Weißohr kommt zu mir. Sie trägt seit einiger Zeit neue Junge im Bauch. sie grüßt mich nur und geht weiter.

Ich laufe durch das ganze große Reich, das die Menschen um den Steinbau haben und lausche. Hmm, etwas kitzelt mein Gespür! Ich fühle es in den Schnurrhaarspitzen, diese sehr vertraute Ausstrahlung. Julius ist irgendwo da, wo die Sonne nie hingeht. Weit weg muß er sein, denn ich kann nicht spüren, wo genau er ist. Ich laufe immer weitere Kreise durch das große Reich und suche genau, in welcher Richtung Julius sein muß. Es ist wohl weit weg von hier.

Er wird wohl bei seinr Schwester Claire sein. Sie meint, ihn als Gefährten für die Liebe haben zu müssen. Das ist nicht gut. Ich weiß, daß das nicht gut ist. Wenn die Eltern von Julius und Claire das nicht wissen, könnte sie ihn zu sich lassen, wenn sie in Stimmung kommt. Dann verschwendet er sich an ein Weibchen, das von ihm keine guten Jungen kriegt. Ich will das nicht. Deshalb taste ich sehr genau nach, in welcher Richtung seine vertraute Ausstrahlung liegt. Da muß ich hinlaufen, wie weit das auch sein wird.

 

__________

 

Der erste Tag der Osterferien begann für Julius um halb sechs morgens. Er zog sein Sportzeug an und lief nach unten, um einen Dauerlauf zu machen. Doch kaum daß er zur Tür heraus war, meinte er, im Smog der Millionenstadt Paris ersticken zu müssen, wenn er schneller als Schrittempo lief. Autos aller Größen und Sorten drängelten sich auf der Straße. Laut hupend schoben sie sich über jeden freien Zentimeter Asphalt. Julius ging langsam zum kleinen Wäldchen, wo er mit Joe Brickston mal gelaufen war. Er schaffte es, einige hundert Meter im schnellen Tempo abzustrampeln, ohne zu ersticken. Dann kehrte er keuchend zurück. Diese verpestete Luft war für seine verwöhnten Lungen unerträglich. Als er an der Hintertür des Hauses in der Rue de Liberation ankam, öffnete Catherine ihm von innen und legte ihren Finger auf den Mund. Sie winkte Julius hinein, schloß leise die Tür und geleitete ihn wortlos nach oben, wo er mit seiner Mutter wohnte. Als er die Wohnungstür in der in Rekordzeit eingezogenen Wand aufschloß, dachte er schon, Catherine wollte nur, daß er keinen Lärm machte, um Joe oder Babette nicht zu wecken. Doch sie schob Julius in den Flur und machte die Wohnungstür von innen zu.

"Na, siehst aus, als hättest du zehn Kilometer in tropischer Hitze zurückgelegt", flüsterte sie Julius zu. Dieser nickte und flüsterte zurück:

"Die Stadtluft. Ich fürchte, ich bin diesen Smog nicht mehr gewöhnt. Ich dachte eigentlich, ich könnte den gut ab, wegen London. Aber irgendwie habe ich mich da wohl vertan."

"Das ist eben die gute Luft von Beauxbatons und Millemerveilles", erwiderte Catherine Brickston leise. Dann zog sie Julius kurz in das magisch vergrößerte Wohnzimmer.

"Ich weiß, daß Barbara Lumière dich gut auf Trab hält, seitdem du die letzten Sommerferien in Millemerveilles warst. Aber ich fürchte, du kannst hier deine Form nicht verbessern, wenn du dafür diesen Qualm einatmen mußt. Madame Matine war mal hier, um nach Babette zu sehen. Sie meinte, hier könne sie wohl nur mit dem Kopfblasenzauber frei atmen. Joe hat sie darauf angeraunzt, sie bräuche ja nicht herzukommen, da wir ja in Paris gute Ärzte hätten. Ich weiß nicht, was sie heftiger gepackt hat, die Wut über Joes Ignoranz oder das Mitleid für ihn. Immerhin ist sie ja nicht lange geblieben. Aber warum ich dich an der Tür abgefangen habe, Julius: Joe ist heute nacht erst um drei Uhr heimgekommen und war nicht gerade in guter körperlicher Verfassung. Ich möchte ihn in aller Ruhe schlafen lassen. Babette kann ja in den Ferien sehr lange schlafen. Ich wollte nicht, daß du die Tür zu laut zumachst."

"Das hätte ich sowieso nicht gemacht, Catherine", erwiderte Julius leicht gereizt, weil Catherine ihn wie einen kleinen Jungen behandelte. "Ich weiß ja, daß ihr nicht vor sieben aufsteht."

"Ich wollte dich nicht ärgern, Julius", sagte Catherine und sah ihren jungen Mitbewohner beruhigend an. "Im Gegensatz zu meiner werten Mutter kann ich bestehende Anstandsregeln etwas lockerer handhaben. Es ist nur so, daß Joe sich nicht gleich am ersten Tag künstlich aufregen muß und mir dann wieder erzählt, daß ich deine Mum und dich nicht hätte herholen sollen. Wenn er wieder besser drauf ist, kannst du ihm ja guten Tag sagen."

"Hängt vom Druck in seinem Kopf ab, Catherine", flüsterte Julius und mußte doch etwas grinsen. Dann fragte er noch, ob Catherine nicht was gegen zu viel Alkohol im Haus hätte. Sie sah ihn sehr ernst an.

"Ich weiß, daß Aurora Dawn dir wohl ein vielseitiges Mittel gegen Giftstoffe geschenkt hat. Aber davon gibst du Joe keinen Tropfen ab! Erstens will der keine Zauberelixiere trinken. Zweitens sehe ich nicht ein, daß er meint, sich einen dicken Kopf antrinken zu müssen und dann in einem Moment alle Strafen für diese Sünde abschüttelt. Drittens hast du dieses Gegengift nicht bekommen, um trinkfreudigen Muggeln den Kater am Morgen danach zu ersparen. Der schläft jetzt bis sieben Uhr, steht auf, wird dann zu seiner Arbeit fahren und den Tag irgendwie überstehen. Er hat mal gesagt, daß wer saufen kann auch arbeiten können soll."

"Wird wohl sein Vater gesagt haben. Mein Opa hat das auch mal gesagt, als Onkel Claude sich die Lampe begossen hat und den armen kranken Mann gegeben hat." Julius stutzte. Über seinen Onkel Claude zu reden hatte die Erinnerung an die Weihnachtsferien wieder hochgespült, wo seine Mutter von diesem Onkel eine heftige Weihnachtskarte bekommen hatte, in der stand, daß er Julius besser zu sich holen sollte, weil dessen Mutter ja offenbar nichts mit ihm anfangen könne. Catherine schien am Gesicht des Beauxbatons-Schülers abzulesen, was diesen umtrieb und sagte:

"Die Sache mit diesem Onkel ist geklärt. Er mußte einsehen, daß dein Vater dich nicht hätte zu sich holen können, weil er in seinem neuen Job zu beschäftigt ist und dein Onkel bestimmt keinen Skandal haben wollte, in dem sein Bruder als Idiot oder Bösewicht hingestellt worden wäre. Dieser Dr. Riverside hat ihm das in Ruhe und mit sehr guten Beispielen klargemacht. Ich brauchte da nicht einmal was zu zu sagen."

"Wurde das mit Zauberkraft ...?" Fragte Julius.

"Nein, ging ganz ohne, Julius. Ist auch besser, wenn Sachen, in die Muggel verwickelt sind, ohne Magie geregelt werden können. Riverside hat halt herausgefunden, wo dein Onkel zu packen ist, an seiner Angst vor schlechter Nachrede. Offenbar war er sich auch nicht mehr so sicher, ob dein Vater, sein Bruder, ihm auch wirklich die Wahrheit über die Trennung von deiner Mutter erzählt hat. Der Anwalt hat ihm nahegelegt, sich nicht weiter einzumischen, um nicht unnötig in eine peinliche Lage zu geraten, beispielsweise vor Gericht bestätigen zu müssen, was dein Vater ihm anvertraut hat. Du kannst also in Ruhe deine Ferien verleben."

"Wenn nicht jemand ganz böses uns hier in die Suppe spuckt", unkte Julius.

"Der müßte ja dann zeigen, daß es ihn wieder gibt, und damit würde der ja seine gute Position in England verspielen", nahm Catherine den Ball auf, den Julius gespielt hatte. Sicher würde es Lord Voldemort, dem "ganz bösen" im Moment nichts bringen, in Frankreich dreinzuschlagen, wo in seiner Heimat England fast alle überzeugt waren, Harry Potter hätte alle angeschwindelt, als er von der Rückkehr des dunklen Lords berichtet hatte.

"Wie spät ist das jetzt in Detroit?" Fragte Julius wohl nur sich. Denn nach drei Sekunden hatte er die Antwort selbst parat. "O Mist, gerade eins in der Nacht. Sollte ich also besser lassen, Paps anzurufen und ihm zu sagen, daß ich jetzt Ferien habe."

"Du weißt, ich werde dich nicht dazu nötigen, deinen Vater zu vergessen, Julius. Ich frage mich nur, ob der überhaupt wissen will, wann du hier bist, egal, wie spät es in Detroit ist. Außerdem hörte ich von deiner Mutter, daß dein Vater öfter herumreist. Offenbar hat er auch schon neuen Anschluß gefunden ... Aber das steht mir nicht zu, mich darüber auszulassen", erwiderte Catherine und errötete leicht. Julius sah sie zwar verdutzt an und fragte sie gezielt, was mit seinem Vater sei. Doch Catherine schüttelte den Kopf und sagte:

"Ich bin nur für dich zuständig, Julius. Was dein Vater macht geht mich nichts an. Deshalb werde ich auch nichts drüber sagen."

"Geschenkt, Catherine", gab Julius sich geschlagen und wechselte das Thema. Denn beim Abendessen in Beauxbatons, wo die Delamontagnes, Dusoleils und Latierres mit ihnen am Tisch gesessen hatten, hatten sie ja nicht über alles reden können. So erzählte Julius seiner für seine Zaubereiausbildung zuständigen Bekannten, was ihn in den ersten Monaten in Beauxbatons umgetrieben hatte. Er erwähnte auch Mildrids Getue um ihn.

"Oh, Millie Latierre hat dich umworben? Das hat die gute Hippolyte also gemeint, als sie mir riet, dich gut unterzubringen, damit du nicht von bösen Hexenmädchen abgeschleppt wirst. Typisch die Roten, daß die augenfällige Partnerschaften nicht respektieren können. Immerhin hat sich das mit dir und Claire ja offenbar weiterentwickelt."

"Ich kann nur sagen, daß es im Moment nicht besser laufen könnte", erwiderte Julius leicht verlegen.

"Vielleicht wollte Millie Latierre auch nur sehen, ob sie dich um den Finger wickeln kann. Ob sie es ernst meint oder nicht kann ich auch nicht sagen."

"Claire ist da nicht so sicher, ob die junge Dame nicht wirklich was von mir will, was Bauchnabel abwärts abgeht. Aber sie sagt auch, daß Millie wohl auch nur mit mir spielen will."

"Ich denke mal, sie wird es sich mehrmals überlegen, ob sie sich mit Claire streiten soll. Immerhin kommen Hippolyte und Camille sehr gut miteinander aus, selbst wenn sie so weit auseinander wohnen."

"Mag sein, Catherine", warf Julius ein. Danach unterhielten sie sich über andere Dinge, die in Beauxbatons gelaufen waren. Catherine fragte einmal, wer jetzt alles wisse, welchen Besen er hatte und er gestand ihr, daß Barbara und Jeanne das wußten und die Dornier-Schwestern es ahnten, aber nicht wußten.

"Irgendwann wirst du ihn wohl offiziell als Ganymed 10 fliegen dürfen", sagte Catherine mit aufmunternder Stimme. "Schließlich wäre es ja nicht verkehrt, dir einen besseren Besen zu überlassen, wenn du dich für sowas auszeichnest. Na ja, kommt Zeit, kommt Rat."

Nach der kurzen Unterhaltung verließ Catherine die Wohnung der Andrews' wieder und kehrte in ihre eigene Wohnung zurück. Martha Andrews' Radiowecker legte um sieben Uhr los. Julius zog sich tagesfertig an und schaltete die Stereoanlage im Wohnzimmer ein, als seine Mutter im Bad war. Er wählte eine Station für Popmusik, die er in den Weihnachtsferien im elektronischen Senderspeicher festgelegt hatte. Ein schnelles Stück aus den Achtzigern klang, das er als fünfjähriger Knirbs mal gehört hatte.

"Ich bin am Zug, Baby,
und du selbst bist auf Tour.
Wenn wir zusammengehen gibt es einen Aufruhr", trällerte eine weltbekannte amerikanische Sängerin aus den Lautsprechern. Julius grinste, weil er diese Form eines direkten Antrags auf was auch immer, Tanz, Liebe oder was immer irgendwie mit Leuten wie Caro oder Millie verbinden konnte.

"Einen wunderschönen guten Morgen hier auf Paris-Populaire 105,2 FM", wünschte ein unverschämt munterer Moderator in das ausklingende Lied hinein und verkündete, daß es ein herrlicher Tag werden würde. Er erzählte auch was von den angebrochenen Schulferien und machte sich einen Jux mit den Lehrern, indem er die wohl meist jugendlichen Stammhörer aufforderte, so richtig über ihre Schullehrer abzulästern, da die ja noch bis zwölf Uhr mittags schlafen würden. Dann sagte er das nächste Lied an, einen "Oldie-Klassiker" aus den Siebzigern. Julius erkannte das Stück zunächst nicht, das relativ ruhig anfing und bei dem jemand die Einleitung pfiff. Als der Sänger dann aber den Namen Claire als erstes Wort sang, zuckte Julius zusammen. Das wußte er nicht, daß es tatsächlich ein Lied über jemanden mit diesem Namen gab. Als er aus dem englischen Text aber heraushörte, daß es wohl um jemanden ging, der von einem Kind sang, mußte er grinsen. Seine Mutter kam in diesem Augenblick ins Wohnzimmer.

"Das Lied ist ein Party-Hit aus meiner Studentenzeit gewesen", sagte sie, als sie ihren Sohn begrüßt hatte. "Da habe ich auch erst zweimal hinhören müssen, um das genau zu kapieren, worum es da ging."

"Tja, da sieht man's mal, wie geizig die Iren, Schotten und Engländer sind", sagte der Moderator mit überzogener Verachtung in der Stimme. "Die können unsere schönen Mädchennamen nicht richtig ausschreiben. Hat der Texter doch glatt das E am Ende vom Titel vergessen. Das war Gilbert O'Sullivan mit seiner Clair ohne e hinten. Bevor uns die Sprachkulturpfleger wieder den Telefonhörer abreißen, hier ein schönes schnelles Muntermacherlied aus den Achtzigern."

Das poppige, diesmal in französischer Sprache gesungene Lied kannte Julius auch aus seiner Zeit vor der Einschulung. Eine sogenannte Eintagsfliege war das in Europa gewesen, in England so gut wie gar nicht oft zu hören.

"Soll ich dir den Klassiksender wieder reinholen?" Fragte Julius seine Mutter. Diese schüttelte sacht den Kopf.

"Du hast Ferien und kriegst ja sonst keine moderne Musik mehr zu hören. Könnte ja immerhin mal passieren, daß du dich mit nichtzauberkundigen Leuten deines Alters triffst. Hör dir das ruhig an! Der Sender ist ja noch human in der Musikauswahl im Vergleich zu dieser elektronischen Krachmusik, die zurzeit angesagt ist."

Sie frühstückten im Wohnzimmer, während die Anlage leise ältere und neuere Hits spielte. Julius erzählte seiner Mutter, was er mit Catherine besprochen hatte. Martha Andrews sagte ihm:

"Ja, dein Paps hat wohl wieder Anschluß gefunden. Als ich ihn mal anrief wurde ich auf sein Handy weitergeleitet. Im Hintergrund hörte ich eine tiefe Frauenstimme leise was zu ihm sagen, als er den Anruf annahm. Er mußte ihr wohl sagen, daß es wichtig sein mochte, und es hörte sich nicht so an, als sei das eine Kollegin gewesen, zumal es bei ihm ja gerade sechs Uhr morgens war."

"Wieso? Der hat doch schon öfter nachts gearbeitet", warf Julius ein.

"Nur mit dem Unterschied, daß ich die Dame zwei Wochen später wieder im Hintergrund gehört habe, als ich ihn mal zu Hause erreichte. Er sagte nur, er hätte keine Zeit für unwichtigen Kram, wobei er aber nicht diesen Arbeitstonfall benutzt hat, den ich von seinen Nachtprojekten her kenne, wenn er mich anrief, um mir zu sagen, daß es im Labor länger dauern würde."

"Ach, und du denkst, er hätte sich was neues gesucht? Warum hast du ihn dann nicht einfach gefragt?" Wollte Julius wissen. Seine Mutter rümpfte die Nase, fing sich jedoch, bevor sie irgendwelchen Gefühlen nachgab und sagte:

"Er meint, unser Leben sei für ihn nicht mehr interessant. Soll ich jetzt hingehen und nach dieser Gemeinheit mit der Schallkanone zeigen, daß er mir immer noch wichtig ist? Dann noch vielleicht unter den Ohren einer Fremden, die das nichts angeht? So weit werde ich mich nicht herablassen."

"Geschenkt", erwiderte Julius leicht verlegen. Immerhin war sein Vater geschieden und daher völlig frei, ob er sich eine neue Frau suchen sollte oder nicht. Nur weil es Julius interessierte, ob sein Vater neuen Anschluß gefunden hatte, würde seine Mutter nicht direkt danach fragen. Und er selbst sollte sich besser hüten, sowas zu fragen. Sicher gab es vieles, was er seinem Vater gerne erzählen würde, doch andererseits mußte der auch nicht alles wissen. So wurde das unangenehme Thema beendet. Es ging um Marthas Arbeit und daß sie nun auch einige Reisen ins Umland gemacht hatte, da Madame Grandchapeau ein Netz von Kontaktleuten errichtete, die zwischen der Zaubererwelt und der Muggelwelt vermittelten. Das waren alles muggelstämmige Zauberer, die in der Welt ihrer Verwandten weiterlebten, um die immer noch bestehenden Mißverständnisse zwischen den beiden Kulturen zu beheben, darunter auch ein Rechtsanwalt wie Riverside in England.

"Nathalie geht sogar daran, mit den Ministerien, die im Ausland Verbindungsbüros unterhalten, eine Netzwerkverbindung zu knüpfen. Auf diese Weise habe ich auch mit June Priestley Kontakt bekommen, die ja wohl auch einen Rechner bei sich stehen hat."

"Ja, stimmt, Mum", sagte Julius.

"Auf diese Weise komme ich zumindest hierzulande herum und kann mich auch in anderen Städten umschauen. Das ist fast wieder so wie früher. Ich konnte sogar einige alte Kontakte aufwärmen, die in der Schweiz oder in Amerika bestehen, um neuere Informationen zu kriegen. Mit meiner früheren Firma habe ich jedoch keine neue Verbindung gesucht. Könnte sein, daß die mich gerne wieder einstellen oder vor Gericht bringen würden, weil durch meinen Weggang einiges im argen liegt."

"Die hätten dich gefunden, wenn die wieder was von dir wollten, Mum", sagte Julius. Seine Mutter nickte.

Das Telefon klingelte. Martha Andrews stand auf und ging hinüber in ihr Schlaf- und Arbeitszimmer, wo der Fernsprechapparat stand. Sie meldete sich und wartete einige Sekunden. Dann rief sie Julius ans Telefon.

"Ja, hallo!" Meldete sich der Beauxbatons-Schüler.

"Hallo, Julius, hier Laurentine Hellersdorf", kam Bébés Stimme zurück.

"Oh, nett von dir, mich anzurufen", erwiderte Julius. "Auch schon so früh auf?"

"Ich alleine, Julius. Meine Eltern schlafen noch tief und fest. Ich habe die Auskunft angerufen und gefragt, ob's in Paris einen Eintrag Andrews gäbe. Die haben mir dann diese Nummer gegeben. Maman und Papa stehen nie vor acht Uhr morgens auf, und der Apparat steht in Papas Arbeitszimmer, das schallisoliert ist, wenn die Tür fest verschlossen wird. Ich wollte nur fragen, wie deine Mutter das mit der Fährensphäre verdaut hat?"

"Ach, möchtest du sie selbst fragen?" Entgegnete Julius belustigt.

"Neh, nicht nötig. Ich habe ja nur mitbekommen, daß du mit deiner Mutter und dieser Madame Brickston nicht im Bus abgefahren seid."

"Meiner Mutter hat die Reisesphäre nicht so viel ausgemacht. Ich denke eher, daß die Busse da heftiger ruckeln und springen."

"Aber hallo, Julius. Das ist schon heftig, wenn die mit drei großen Sprüngen durch die Gegend hüpfen und einfach auf den Straßen entlangheizen. Das mit diesem Armband hast du ja noch gesehen. Papa hat schon überlegt, ob man das nicht mit irgendwelchen Metallfolien abschirmen kann, wenn es Funkwellenähnliche Strahlen abgibt."

"Und? Hat er's schon ausprobiert?" Fragte Julius.

"Er hat diesen Brief von der Maxime und der Faucon gelesen. Da stand drin, daß das sofort rauskommt, wenn er mit irgendwas versuchen würde, dieses Teufelsding zu beschädigen, und dann würden mich die von der Strafverfolgung kassieren. Heute kommt so'n Anwalt aus Paris zu uns, mit dem Paps reden will. Der will durchsetzen, daß meine Sache öffentlich gemacht wird."

"O das wäre aber heftig, wenn die von der Strafverfolgung das mitkriegen. Ich denke mal, daß die in Beauxbatons da bestimmt was gegen haben."

"Ja, haben die, Julius. Die Maxime hat gesagt, daß meine Eltern sich friedlich verhalten und mich in Ruhe meine Hausaufgaben machen lassen sollen. Wenn irgendwas passiert, was denen in Beauxbatons nicht in den Kram paßt, holen die mich hier weg. Aber die in Beauxbatons müssen's ja nicht wissen."

"Ist auch nicht meine Sache, denen sowas zu erzählen, Bébé. Ich hoffe nur, das mit Céline klappt am Donnerstag."

"Ja, hoffe ich auch", sagte Laurentine Hellersdorf. "Irgendwie ist das bescheuert, wie's gerade läuft. Vielleicht kann ich das meinen Eltern noch ausreden. Nachdem, was die Faucon und die Bellart mich haben vorführen lassen, müßten die eigentlich gepeilt haben, daß man sich nicht mit denen rumstreiten kann."

"Es ist eigentlich schade, daß du gestern abend nicht bei uns am Tisch gesessen hast", warf Julius ein. "Wäre bestimmt auch für deine Eltern angenehmer gewesen als in der Muggelabteilung zu sitzen."

"Allemal besser als zwischen Leuten wie den Latierres und Delamontagnes rumzusitzen. Die können doch keine Muggeleltern ab."

"Hmm, da muß ich dann irgendwas nicht mitbekommen haben. Meine Mum saß doch auch mit an dem Tisch, wo die saßen."

"Ja, weil diese pummelige Pomeranze aus Millemerveilles die Hand über dich hält. Claire hat doch sowas gesagt, daß die Delamontagne ihre ganze Macht einsetzt, um zu sichern, daß du mit deiner Mutter nicht aus der Spur gerätst. Aber das mußt du deiner Mutter nicht aufs Brot schmieren", erwiderte Bébé heimlichtuerisch flüsternd.

"Die würde mich fragen, ob ich noch was älteres zu erzählen hätte. Du warst ja bei meinem letzten Geburtstag nicht dabei, und bei Claires Geburtstag ja auch noch nie. Meine Mum wurde ja extra auf Anraten von Madame Delamontagne nach Millemerveilles geholt. Madame Delamontagne hat es ja offen zugegeben, daß sie das will, daß Mum und ich gut zusammenleben, daß es ihr wichtig ist. Ich will nicht angeben. Aber irgendwie meint die das wohl nur, weil ich diese hohen Zaubergaben habe."

"Ach, und sie will keinen Superzauberer unbeaufsichtigt in der Muggelwelt herumstromern lassen", erwiderte Laurentine gehässig. Dann sagte sie schnell: "Das ging jetzt nicht gegen dich, Julius. Ist ja schon heftig, was die dir alles in der Schule abverlangen. Solange Claire mit dir gut klarkommt."

"Die kommt ja dann auch zu Céline", erinnerte sich Julius.

"Stimmt. Dann sehen wir uns da ja alle wieder. Ich mach jetzt besser schluß. Papas Leute könnten versuchen, bei uns anzurufen. Bis hoffentlich Donnerstag!"

"Joh, Bébé", sagte Julius noch und legte auf.

"Dafür, daß du dieses Mädchen gleich an deinem ersten Tag auf Fingernagellänge eingeschrumpft hast hat sie sich aber wohl gerne mit dir unterhalten", sagte Martha Andrews, nachdem Julius wieder aus dem Arbeitszimmer kam.

"Die weiß ja, daß ich das nicht wollte. Wir haben uns ja gleich am Abend danach drüber unterhalten, daß unsere Hauslehrerin mir das abverlangt hat."

"Erwartest du heute noch mehr Anrufe?" Fragte Martha Andrews.

"Eigentlich nicht. Die meisten anderen benutzen Eulenpost oder das Kontaktfeuer."

 

"Oder das Pflegehelferarmband", fügte seine Mutter noch hinzu. Sie erinnerten sich gut daran, daß Julius über Weihnachten von vielen aus der Pflegehelfertruppe angerufen worden war.

"Ja, stimmt, Mum", sagte der Beauxbatons-Schüler schmunzelnd.

Im Verlauf des Tages machten sie einen Stadtausflug. Martha besuchte mit ihrem Sohn einige Geschäfte, um ihm neue Kleidung zu besorgen. Denn aus seinen früheren Muggelweltsachen war er unübersehbar herausgewachsen.

 

Mit mehreren Jeans und einigen besseren Sonntagshosen, Hemden und Sweatshirts ausgestattet verließen die Andrews nach einem Einkaufsmarathon von drei Stunden das letzte Kaufhaus. Julius trug mehrere große Plastiktüten hinter seiner Mutter her, die nicht weniger Gepäck hatte. Sie verstauten ihre Einkäufe in Marthas Auto, welches sie aus England herübergeholt hatte. Allerdings waren die Nummernschilder bereits französisch und zeigten, daß der Wagen in der großen Stadt an der Seine zugelassen war. Das verrieten auch die kleineren Blechschäden an den Seiten und vor allem an Stoßstange und Kotflügel.

"Catherine sagte mal was davon, daß man Stahlblech so widerstandsfähig wie mehrere Zentimeter dicke Panzerplatten machen könne", sagte Mrs. Andrews, nachdem sie den Wagen über die Wendelabfahrt aus dem Parkhaus gesteuert und sich in den Frühnachmittagsverkehr einsortiert hatte. "Allerdings dürfe ich so ein Auto nicht haben."

"Warum erzählt sie dir dann sowas?" Fragte Julius. Beide benutzten ihre gemeinsame Muttersprache. Für Julius war das ein gutes Training, wieder Englisch zu sprechen, weil er nun so tief in der französischen Sprache steckte, daß er vielleicht vergaß, wie seine Heimatsprache klang.

In der Wohnung verstauten Julius und seine Mutter die neuen Kleidungsstücke, von denen einige absichtlich zwei bis drei Nummern zu groß waren, um für die nächsten Jahre bereitzustehen. Dann duschte sich Julius den Stadtstaub vom Körper und setzte sich an seinen Computer, um ein wenig im Internet herumzustöbern. Er fand es interessant, wie rasant sich dieses weltweite Netzwerk aus zusammenschaltbaren Rechnern in den letzten Monaten entwickelt hatte. Mittlerweile gab es nichts mehr, was man dort nicht finden konnte. Ihm fiel ein, daß er für Jeanne über die Massenmedien schreiben wollte und schrieb kurz eine Beschreibung des Internets und was es bot und wo seiner Meinung nach Probleme oder Gefahren auftauchen konnten.

Abends kam ein Anruf von Madame Grandchapeau. Offenbar hatte sich die Frau des Zaubereiministers ein eigenes Telefon angeschafft. Belles Mutter verkündete, daß die Andrews' am Freitagabend zusammen mit Madame Delamontagne per Reisesphäre von Paris nach Millemerveilles reisen durften. Offenbar hatte ihr Mann irgendeine Lücke im Gesetz gefunden, die es auch zuließ, daß eine Muggelfrau außerhalb der Schulzeit von Beauxbatons dieses praktische Transportmittel benutzen konnte.

"Nathalie meint, ich sei ja nun daran gewöhnt und dann bräuchten wir auch nicht das Auto zu benutzen. Dieser merkwürdige Zaubertrank, den ich trinken muß, wird von Madame Delamontagne mitgebracht, die uns mit der Energiesphäre befördert."

"Denke ich auch, Mum", sagte Julius.

Der Rest des Abends klang mit Fernsehen aus. Julius machte sich einige Notizen für Jeanne, insbesondere über Werbepausen und Nachrichtensendungen. Um elf Uhr zogen sich die Andrews in ihre Schlafzimmer zurück.

 

__________

 

Ich bin nun fünfmal um unser großes Reich herumgelaufen. Ich weiß zwar nicht, wo Julius genau ist, aber wo ich erst einmal hinlaufen muß, das weiß ich jetzt. Ich schleiche los, nähere mich der ganz äußeren Grenze. Ich höre und spüre die starke Kraft, die über uns allen steht und nichts von draußen zu uns hineinsehen läßt. Auch weiß ich, daß viele von uns deswegen hier nicht weglaufen können. Doch ich will zu Julius. Ich trete erst ganz nahe an die vor Kraft singende und klingende Wand heran. Ich kann sie weder sehen noch so hören, wie andere Wände oder Steine. Ich berühre mit den rechten Schnurrhaaren die Grenze. Au, tut das im Körper weh! In den Ohren schrillt es wie tausend streitende Ratten. Ich meine, die Sonne steht ganz dicht vor meinen Augen. In meine Nase sticht es wie Feuerqualm, und ich fühle mich wie von Riesenpranken gepackt und geschüttelt. Als ich zurückspringe, hört das alles auf. Ich höre nur noch das Singen der Kraft in der Grenze. Es ist sehr leise. Aber ich kann es doch gut hören. Ich trete etwas zurück. Wie komme ich hier heraus? Ich laufe auf die Grenze zu, springe los ... Maaaaauuuuu! Irgendwas schreit mir in beide Ohren! Die Sonne sitzt mir fast in den Augen! Ich meine, herumgeworfen zu werden, wie früher, wo unsere Mutter uns noch herumgekullert hat! Doch dann ist es auch schon weg. Ich komme mit allen vier Pfoten auf einer wilden Wiese auf und stehe bis zum Bauch im Gras. Ich fühle mich wie nach einer ganz langen Rattenjagd oder nach der Liebe mit den Schwarzbauchs, völlig müde. Doch ich höre die Grenze singen. Ich höre sie hinter mir singen! Sie liegt nicht mehr vor mir! Ich bin mit meinem Sprung durch die singende Wand geflogen. Sie hat mir zwar sehr wehgetan, aber hat mich nicht festgehalten. Ich kann auch wieder alles richtig sehen, hören und riechen. Ich spüre die runtergedrückten Grashalme unter den Pfoten. Ja, ich bin durch!

Ich laufe nun außen an der Grenze entlang und lausche. Hmm, hier hört man merkwürdige Geräusche, die wohl von ganz weit wegkommen. Ich kann auf jeden Fall Mäuse im Gras rascheln hören, rieche eine Spur, die wohl eines dieser Langohrtiere, die Zähne wie Ratten haben, hier gemacht hat. Doch von irgendwo ganz weit weg kommt ein ganz leises Rauschen und summen zu mir, wie ein Bienenschwarm, der in einem vom Wind geschüttelten Baum herumfliegt. Ich lausche auf alles neue. Ich spüre nun, daß die Ausstrahlung von Julius etwas besser zu mir durchkommt. Ja, die Richtung stimmt. Ich kann in die Richtung laufen, in die die Sonne nie geht. Ich laufe los. Leise gehe ich über die Wiese, vorbei an allen Blumen und Gräsern. Die Grenze liegt schon mehrere Körperlängen der großen Flügeltiere hinter mir. ich laufe nun schneller und springe auch einige Längen weit, wenn der Boden zu naß für mich ist.

Einmal finde ich einen hochgedrückten Erdhaufen. Ich rieche und höre, daß da etwas drunter wohnt. Es ist etwas größer als eine Ratte und daher bestimmt nicht zu fangen. So laufe ich weiter. Irgendwo guckt einer dieser geringelten Erdwürmer aus einem Loch. Ich schlage mit der rechten Vorderpfote danach, kriege ihn und fresse ihn. Eigentlich nichts, was ich gerne esse. Aber ich weiß, daß ich davon nicht krank werden kann. Ich muß ja mal essen und trinken.

Ich weiß nicht, wie lang der Weg schon ist. Ich sehe das kalte sich wechselnde Himmelslicht langsam zu seinem eigenen Loch hinuntersinken. Irgendwann wird es dann wohl wieder heller werden und die Sonne kommt raus. Ich laufe etwas schneller. Ich komme in einen Wald hinein, einen wilden Wald, wo keiner die Bäume und Büsche mit diesen Metallkrallen durchhaut. Die ersten Vögel sind schon wach und singen. Ich höre weit voraus einen Buchfink, der gerade sein Lied singt. Der sitzt nicht sehr hoch über dem Boden. Den kriege ich bestimmt, wenn ich mich unter den Büschen durchschleiche und dabei keinen Laut mache.

 

_________

 

Julius rannte durch ein unterirdisches Höhlensystem, das von merkwürdigem Licht aus nicht erkennbaren Quellen ausgeleuchtet wurde. Er hörte merkwürdig rhythmische Geräusche wie zu langsam klingende Vogelstimmen oder Wind, der durch ein sich öffnendes und wieder schließendes Metallrohr wehte. Er sah über sich das flirrende Fenster, eher einen übergroßen Monitor, auf dem zwei Frauen in ziegelroten Umhängen durch einen anderen Gang dieses merkwürdigen Höhlensystems eilten, ihre Zauberstäbe einsatzbereit in den Händen. Von irgendwoher klang laut und eindringlich eine Ruferin: "Achtung! Flüchtiger Untertan im Gang sechsunddreißig bei Abzweigung i! Gebieterin Nigrastra will ihn unversehrt wiederhaben."

"Ich muß zum Aufgang", dachte Julius und rannte noch schneller. Er hatte keinen Zauberstab. Wenn er nicht ausdrücklich für Nigrastra was zaubern sollte, hatte sie den unter Verschluß. Doch als ihm zwei Hexen in roten Umhängen entgegenkamen dachte er nicht groß nach und sprang sie an. Eine versuchte ihn mit dem roten Schockzauber zu treffen, jagte den Fluch aber nur in die Wand. Julius bekam durch einen Karateschlag und einen schnellen Griff den Zauberstab der zweiten Verfolgerin zu fassen, zog ihn an sich und dachte: "Stupor!" Krachend fuhr der rote Schockzauber in den Leib der Hexe und warf sie ohnmächtig zu Boden. Julius wirbelte herum und schickte mit "Iovis!" einen grellen Blitz gegen die erste Angreiferin. Laut schreiend zuckte sie zusammen, während der Geruch versengter Haare und Kleidung durch den Gang wehte. Julius rannte weiter.

Er schaffte es, an den unsichtbaren Fallen vorbei zu einer in Stein gehauenen Wendeltreppe. Doch dort wartete bereits jemand: Es waren zwei Hexen, eine in schwarzer Seide mit Rotfuchsbesatz an Säumen und Kragen ihres Kleides. Sie hatte langes dunkelbraunes Haar und sah Julius aus dunkelgrünen Augen strafend an. Die zweite Hexe glich ihr fast bis aufs Haar. Nur eben dieses war nur halb solang und die Hexe war wohl auch einige Jahre Jünger als die in schwarzer Seide.

"Bleibe er wohl stehen, junger Untertan! Wie kann er es wagen, seine Gebieterin so zu beleidigen, solchen Undank zu zeigen, daß er zu den Hungergeweihten und Unfähigen flüchten will?" Fragte die Hexe in Schwarz und bohrte den Blick ihrer Augen so tief in Julius Gesicht, daß er meinte, unter dem Feuer dieses Blickes zu zerschmelzen wie Wachs unter der Kerzenflamme. Er kannte diese Hexe zu gut. Auf allen Bildverbreitungsscheiben konnte jeder Bewohner der unterirdischen Höhlen sie mindestens einmal am Tag sehen und über die Stimmverbreitung auch sprechen hören, wenn sie ihren Schwestern und den ihnen untergeordneten Zauberern Anweisungen oder Ratschläge gab. Es war Sardonia, die oberste Lenkerin, die Matriarchin der Matriarchinnen, Königin der Zaubererwelt, oberste Gebieterin der Welt der Zauberunfähigen. Neben ihr stand seine persönliche Gebieterin, der er vor zwei Jahren zur endgültigen Ausbildung als Bote und Arbeitszauberer zugeteilt worden war, Nigrastra, Sardonias Schwester. Dann tauchte auch noch eine Hexe in ziegelroter Kleidung auf, die entfernt Sardonia glich, eben nur durch die dunkle Haarfarbe und das etwas lange bleiche Gesicht als Verwandte erkennbar war. Das war Nigrastras Tochter Anthelia, die Lenkerin für die inneren Truppen.

"Oh, Tante und höchste Schwester, habt ihr den Knaben in eigener Person gestellt?" Fragte Anthelia zuckersüß klingend aber sehr unterwürfig Sardonia anblickend.

"Es war zu erwarten, daß dieser törichte Taugenichts die obere Welt der Hungergeweihten und Unfähigen zu erreichen sucht. Du weißt doch wie beschrenkt der männliche Verstand ist, Schwester Anthelia. Es war ein leichtes, ihn hier zu fangen."

"Das wollen wir doch mal sehen", dachte Julius und wollte schon seinen Zauberstab hochreißen, um Sardonia einen heftigen Fluch ... "Aaaaaaarrg! Neeeeeeeeiiiiiiin!! Bitteeeeeee!" Eine Hölle von Schmerzen durchraste seinen ganzen Körper, pochte in seinem Kopf, schnitt in seine Haut wie brennende Klingen, zerrte an seinen Eingeweiden, brannte in seinen Lungen, stach ihn in Augen Ohren und Nase. Er konnte nur schreien. Dann ließ Sardonia ihren Zauberstab wieder sinken.

"Es ist äußerst widerwärtig, daß auch die fähigen Untertanen wie die Unfähigen nur durch alle Härte und Gewalt zur Vernunft bekehrt werden können", zischte Sardonia voller Verachtung. Julius kauerte wimmernd am Boden. Er wollte loslaufen, gegen diese Tyrannin da kämpfen. Doch sie hatte ihn mit ihrer mächtigen Magie niedergeworfen und konnte ihn auch umbringen, einfach so, wie eine lästige Fliege an der Wand.

"Höchste Schwester, siehe, wie schwach und zerbrechlich er doch ist. Er ist doch noch ein Knabe und muß den für ihn wichtigen Gehorsam noch erlernen. Ich erbitte deine Nachsicht und deinen Segen, ihn wieder in meine Gemächer zu verbringen", sagte Nigrastra. Ihre Tochter Anthelia grinste gehässig und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger auf den am Boden wimmernden Jungen.

"Für welche Arbeit willst du ihn benutzen, Mutter und Schwester? Er wird dir wieder zu entwischen suchen. Wenn Ihr, Tante und höchste Schwester mir dies gestattet, werde ich ihn mit mir zu den Lagern der Verbesserungsbedürftigen nehmen, um ihm Freud und Pein seines Daseins zu lehren, auf daß Ihr ihn heute zum letzten Mal den Fluch der höchsten Pein aufbürdetet."

"Schwester Nigrastra, traust du Schwester Anthelia zu, deinen Zugewiesenen auf den rechten Weg zurückzubringen?" Fragte Sardonia mit ihrer befehlsgewohnten, aber jetzt mit bedrohlicher Zartheit klingenden Stimme. Nigrastra nickte und deutete auf Julius.

"Anthelia soll ihn haben. Ich will keinen Untertan, der mich derartig beleidigt hat. Soll sie mit ihm tun, was ihr beliebt", sagte Sardonias Schwester mit großer Verachtung in Gesichtsausdruck und Tonfall. Anthelia winkte Julius.

"Du, Knabe, erhebe dich und komm zu mir! Wird's bald?!"

Julius sprang auf und lief wie ein verängstigter Hund hinüber zu Anthelia, die ihn beim Arm packte und mit ihm in tiefste Dunkelheit sprang. Er wußte, daß diese junge Hexe trotz ihrer großen Angst und Ehrfurcht vor Sardonia gerne zeigte, wie mächtig sie selbst war und daß sie ihn bestimmt nicht mehr ruhig leben lassen würde. Todesangst begleitete ihn in die Dunkelheit.

 

Keuchend fand sich Julius in einem Bett wieder, total nassgeschwitzt und leicht zitternd. Er riss die Augen auf und suchte die zierliche Anthelia. Als er einen dunklen Umriss in der ihn umgebenden Schwärze erkannte, stieß er einen kurzen Schreckensschrei aus. Ein leises Schschsch kam zurück. Dann hörte er die Stimme seiner Mutter beruhigend wispern:

"Du hattest nur einen Alptraum, Julius. Das war nur ein Alptraum. Wie heißt sowas noch mal auf Französisch?"

"Couchemar, Maman", sagte Julius immer noch aufgewühlt. Dann wechselte er wieder zur Englischen Sprache zurück. "Pu, das war noch heftiger als die Sache mit dem Sanderson-Haus. Offenbar habe ich dieses Buch von Catherine zu gut gelesen."

"Welches von denen, die sie dir geschenkt hat?" Fragte Martha Andrews.

"Das über Sardonia, die in Millemerveilles geherrscht hat. Aber irgendwie muß da wer in meinem Hirn was verdreht haben. Sardonia und ihre Verwandten haben in unterirdischen Höhlen, eher Untergrundstädten gewohnt und ihre Untertanen wie Leibeigene gehalten. Über der Erde wohnten Leute, die ihnen zu lästig fielen und verhungern sollten und die Unfähigen, das was bei uns Muggel heißt. Außerdem gab's in meinem Traum Energiebarrieren, Bildschirme, automatische Türen und Lautsprechersysteme. Das hatte Sardonia alles nicht. Außerdem weiß ich, daß ihre Nichte Anthelia nach England ausgewandert ist und nicht als Lenkerin für die innere Sicherheit gearbeitet hat."

"Bitte was?! Wie hat die sich in deinem Traum genannt?" Fragte Mrs. Andrews ihren Sohn mit leicht belustigter Stimme.

"Lenkerin für innere Truppen und Sicherheit, Mum. So'n Blödsinn. Die nannten sich immer nur Schwestern oder Gebieterinnen, je nachdem, mit wem sie sich gerade unterhielten."

"Ach, ich wußte nicht, daß die Jugendsünden deines Vaters so gut bei dir hängen geblieben sind", lachte Martha Andrews.

"Paps, was hat der mit Sardonia und ihrer Hexenbande zu tun?" Fragte Julius total irritiert und tastete nach dem Lichtschalter. Klickend ließ er die Deckenlampe aufleuchten.

"Dein Vater kam, wie viele Jungen vor ihm, über die Zukunftsdichtung, die Science Fiction, zu den Naturwissenschaften. Er hat mir erzählt, daß er als Junge alles gesehen und gelesen hatte, was in dieser Richtung auf dem Markt war. Deshalb hat er das ja auch so toleriert, daß du dir auch sowas angesehen und durchgelesen hast. Irgendwann mal, wo wir gerade vier Jahre verheiratet waren, hat er sich Videocasetten einer Serie aus den Siebzigern besorgt, die von herrschsüchtigen Weltraumamazonen handelt, die ihnen weggeflogene Untergebene von der Erde zurückholen wollten und zwei Erdwissenschaftler auf ihren Planeten entführt haben. Du warst dabei, als er sich das mit mir noch mal ansah. Aber ich dachte, du hättest davon überhaupt nichts mitbekommen."

"Ach du großer Mist! Das war's wohl. Ich habe mich gefragt, was dieses komische Geräusch in meinem Traum zu suchen hatte, das immer wieder kam. So klang das doch bei denen in dieser Weltraumsiedlung, und die Frauen da waren alle irgendwie superschön."

"Ja, und überall waren Bildschirme installiert, um die alltäglichen Anweisungen auch überall sehen zu können. Offenbar hat da eine interessante Logikverknüpfung in deinem Unterbewußtsein gewirkt, die Matriarchin Sardonia in diese düstere Weltraumgeschichte eingebaut oder umgekehrt."

"Ja, in Wirklichkeit, zumindest dem, was im Geschichtsbuch drinsteht, hat Sardonia keine Höhlenstadt gehabt, sondern ganz offen und frei in Millemerveilles gewohnt, wie eine alte Königin halt", sagte Julius, der nun, wo er wußte, was dieser Traum eigentlich sollte, beruhigter als vorher war. So war es ihm auch damals vor seinem dreizehnten Geburtstag ergangen, als er die Bewohner Millemerveilles' vor möglichen Atomangriffen im Namen Voldemorts warnte und prompt geträumt hatte, durch so einen Angriff getötet und dann in das ungeborene Kind der Quidditchspielerin Pamela Lighthouse verwandelt worden zu sein.

"Es ist jetzt vier Uhr morgens. Ich hoffe, Joes Familie ist nicht von uns aufgeweckt worden", flüsterte Martha Andrews. Dann streichelte sie flüchtig ihrem Sohn über die rechte Wange und verließ das Zimmer. Julius schaltete das Licht wieder aus und legte sich wieder schlafen. Der Rest der Nacht verging ohne Alptraum.

Am nächsten Morgen standen die Andrews' um sieben Uhr auf und frühstückten in aller Ruhe, bevor Mrs. Andrews vorschlug, den Tag mit einem Ausflug aufs Land zu verbringen. Julius stimmte zu. Er würde seine Hausaufgaben und das Zeug für Jeanne abends erledigen. So besichtigten die Andrews einige Plätze und Gebäude der Stadt, die sie in den Weihnachtsferien nicht oder nur oberflächlich besucht hatten. Julius prägte sich Verbindungswege und Metrostationen ein, die ihn sicher in die Rue de Liberation zurückführen konnten. Er tat gut daran, sich nicht in Gedränge hineintreiben zu lassen, denn einmal konnte er gerade so einen Taschendieb entdecken, der einige Meter weiter vorne ahnungslose Touristen bestahl. Wie er es schon von London her kannte sah er den Untäter kurz an, als dieser so unschuldig wie möglich aussehend näherkam. Er achtete auch auf einen möglichen Partner, der gestohlenes sofort übernehmen sollte oder auf ein Ablenkungsmanöver wartete. Sicher, seine Armbanduhr, das silberne Armband an seinem rechten Arm und der kleine unauffällige Brustbeutel waren magisch gegen Diebstahl gesichert. Doch mußte das nicht jeder Muggel rauskriegen.

Nach einem anstrengenden Tag in der dunstigen Stadtluft von Paris aßen Julius und seine Mutter in einem kleinen Restaurant weitab der Pracht- und Hauptstraßen. Gegen acht Uhr am Abend kehrten sie in ihr Haus zurück. Julius hörte gerade, wie Joe sich laut mit seiner Tochter Babette stritt. Catherine war wohl nicht da oder hielt sich da heraus.

"Nicht unser Ding, Julius", flüsterte Martha Andrews ihrem Sohn zu. "Oft kriegen die beiden sich wegen Schulsachen oder Joes Sachen in die Wolle. Da werde ich mich nicht reinziehen lassen, und du am besten auch nicht."

"Ich habe Joe noch gar nicht begrüßt, Mum", flüsterte Julius.

"Wenn er darauf wertlegt wird er schon was sagen", erwiderte seine Mutter dazu nur und schloß die Wohnungstür auf.

Eine halbe Stunde dauerte das Vater-Tochter-Wortgefecht in der Wohnung unter der von Martha und Julius Andrews. Dann kehrte Ruhe ein. Julius selbst ging in sein Zimmer und holte Pergament und Schreibzeug, um Hausaufgaben für Fixus, Trifolio und Faucon zu machen. Irgendwann so um halb zehn herum klopfte es an der Wohnungstür. Martha fragte, wer draußen sei. Es war Joe Brickston. Julius räumte ohne Anweisung seine Schularbeiten fort, bevor Joe zur Tür hereinkam, leicht ungehalten aussehend. Als er merkte, daß seine neuen Nachbarn ihn genau ansahen, brachte er ein berufsmäßiges Lächeln zu Stande und blickte Julius an.

"Hallo, Julius. Catherine sagte mir, daß du auch wieder hier bist. Klar, die machen ja in diesem Zauberinternat auch Ferien. Wollte dir nur guten Tag sagen und dir schöne Ferientage hier wünschen", sagte Mr. Brickston. Julius erwiderte den Gruß. Er fragte nicht, was da vorhin zwischen ihm und Babette abgelaufen war. er sagte nur, daß er sich hauptsächlich um die Schularbeiten kümmern würde und deshalb wohl oft in der Wohnung sein würde.

"Ist Madame Blanche Faucon auch nach Hause gefahren?" Fragte Babettes Vater. Julius mußte ein Grinsen unterdrücken, weil Joe leicht beklommen dreinschaute, als er diese Frage stellte.

"Nein, die ist in Beauxbatons geblieben. Sie und Professeur Trifolio halten zusammen mit Madame Maxime Stallwache, kann man so sagen."

"Und wenn, die hätte kein Problem damit, herzukommen, wenn ihr danach ist", seufzte Mr. Brickston. Julius konnte den Hauch von Angst in Joes Augen flackern sehen, obwohl sich Babettes Vater sehr gut zusammennahm. Er wußte ja, daß Professeur Blanche Faucon ihrem Schwiegersohn heftige Lektionen erteilt hatte, um ihn nicht aus der Spur kommen zu lassen.

"Babettes Zaubergaben werden immer heftiger. Jetzt hat die doch glatt alle Unterlagen von mir per Willenskraft auf Mikrogröße einschrumpfen lassen, und Catherine muß ausgerechnet heute bei irgendeiner anderen Hexe sein. Jetzt kann ich die Programmüberarbeitung für die Firma vergessen. Könnte mir glatt passieren, daß die mich deshalb feuern", seufzte Joe, sich seiner Machtlosigkeit bewußt.

"Nun, ich darf nicht zaubern, solange ich in den Ferien bin oder nicht die siebzehn Jahre vollhabe", wandte Julius schnell ein. "Ich denke aber, daß Catherine noch früh genug zurückkommt, um den Murks wieder zu reparieren."

"Kennst du nicht jemanden, der schnell vorbeikommen könnte, um das zu regeln?" Fragte Joe und sah Julius sehr erwartungsvoll an.

"Ich könnte 'ne Eule losschicken, um jemanden vom Magieunfallkommando herzurufen. Ich weiß ja nicht, wo Catherine ihr Flohpulver hat und ob ich das ohne Sie benutzen darf, sonst ginge das schneller. Aber ich hörte, daß die Zaubereiüberwachung mitkriegt, wenn jemand in einer nichtmagischen Wohnsiedlung zaubert."

"Eben nicht immer", knurrte Joe. "Weil meine werte Frau Schwiegermutter und ihre Tochter befunden haben, unser Haus mit allem möglichen Hexenzauber zu durchdringen, können diese Zaubereipolizisten das nicht orten, weil die hier eingebauten Zauber das überlagern. Zumindest das meiste kommt nicht bei denen an."

"Hui, dann wartest du besser auf Catherine! Eine Eule braucht mindestens eine Viertelstunde zum Ministerium."

"Wir können Nathalie anrufen, Julius. Sie hat ja ein Handy", warf Martha Andrews ein und ging in ihr Schlafzimmer, wo das Telefon stand.

"Ist das diese piekfeine Hexe, die hier öfter herkommt und Schach spielt?"

"Öhm, die mit der dunkelblonden Dauerwellenfrisur, Joe", nahm es Julius ganz genau.

"Ja, die meine ich. Die andere kenne ich ja aus Millemerveilles, diese vollschlanke Landkönigin mit dem Zopf, die ein paarmal aus unserem Party-Raum gekommen ist, bevor sie es von sich aus begriffen hat, daß man auch von außen zu euch hinkommen kann."

"Julius, Nathalie fragt, was genau passiert sei!" Rief Julius' Mutter. Er ließ sich von Joe erklären, was passiert war und ging zum Telefon, um es Madame Grandchapeau zu berichten.

"Ich schicke Mademoiselle Renard zu euch, Julius. Sie kennt die Mademoiselle Brickston und hat schon einiges von ihrem Schabernack behoben", sagte Belles Mutter am anderen Ende der Leitung. Julius stutzte.

"Renard? Ist die Dame mit den Renards aus Millemerveilles verwandt?"

"Eine Cousine von Monsieur Renard, der in Millemerveilles den Gasthof Chapeau du Magicien betreibt", bestätigte die Frau des Zaubereiministers amüsiert. "Sie wird in einer Minute da sein."

"Kostet das was?" Fragte Julius beunruhigt, weil er schon heftige Geschichten von Strafgebühren wegen unerlaubter oder unkontrollierter Zauberei gehört hatte.

"Bei Zauberkindern unter elf Jahren beläuft sich die Strafsumme für die Eltern auf ein Zwanzigstel des üblichen Satzes für unerwünschte oder unkontrollierte Magie. Wenn das wirklich eine spontane Einschrumpfung ist, könntest du das auch regeln. Aber du hältst dich natürlich an die Vorschriften."

"Ich hätte wohl arge Probleme, wenn ich das nicht mache, Madame Grandchapeau", sagte Julius schnell.

"Nun gut. Ich besorge das mit der Umkehr verunglückter Magie, und in fünf Minuten hat Monsieur Brickston seine Dokumente und Notizen wieder ordentlich zur Verfügung."

"Danke, Madame Grandchapeau", sagte Julius artig und verabschiedete sich von Belles Mutter.

Tatsächlich klingelte drei Minuten nach dem Anruf jemand an der oberen Wohnungstür. Julius öffnete per Türsummer und begrüßte mit Joe zusammen eine zierliche brünette Hexe in dunkelblau.

"Ergonia Renard. Ich wurde gebeten, eine kindlich induzierte Spontanschrumpfung toter Gegenstände zu beheben. Ist die kleine Übeltäterin noch auf?"

"Nein, ich habe sie irgendwie ins Bett bringen können", schnaubte Joe leise. Julius wandte sich um, um Mr. Brickston und Mademoiselle Renard alleine in die Wohnung zu lassen. Doch die Hexe in Blau winkte ihm zu. Joe schüttelte zwar sacht den Kopf, nickte dann aber schwerfällig und winkte ebenfalls. Julius ging in die Wohnung der Brickstons und folgte Mademoiselle Ergonia Renard zu Joes Schreibtisch, auf dem er sowas wie zehn winzige Briefmarken sehen konnte.

"Eine Bagatelle", sagte die Hexe, holte aus ihrer mitternachtsblauen Handtasche einen etwa fünf Zoll messenden Zauberstab hervor und ließ ihn spielerisch über den winzigen Papierstücken kreisen. "Remagno!" Murmelte sie beschwörend. Sogleich wuchsen die winzigen Papierstücke zu ordentlichen Papierbögen an, wie sie in Drucker oder Schreibmaschinen benutzt wurden. Es hatte nicht einmal zwei Sekunden gedauert.

"Das hätte sich sogar von selbst wieder geregelt, Monsieur Brickston. Kindliche Zauber halten meistens nur einen halben Tag vor, weil sie nicht so zielgenau gewirkt werden können. Aber Monsieur Andrews betonte, daß diese Dokumente für Ihre Arbeit sehr wichtig seien. War also kein Problem für mich, mal wieder herzukommen. Catherine sollte der kleinen Dame aber langsam beibringen, daß sie nicht mehr so unbedarft herumhexen darf. In drei Jahren geht's nach Beauxbatons, und da kommt sowas nicht gut an."

"Worüber noch nicht das letzte Wort gefallen ist", warf Joe unerwartet entschlossen ein. "Ich hörte, daß Kinder mit diesen Fähigkeiten nicht unbedingt dorthin müssen, weil es in Frankreich zwei weitere Schulen gäbe, wo sie damit umgehen lernen."

"O ich fürchte jedoch, Ihre Frau Schwiegermutter dürfte das als schwere Beleidigung auffassen, wenn Sie sowas auch nur andeuten", grinste Mademoiselle Renard. Sie zwinkerte Julius schelmisch zu. Dieser fragte sich gerade, in welchem Saal von Beauxbatons diese Hexe ihre Schulzeit verbracht hatte.

"Du kennst ja Professeur Faucon, junger Mann. Würde sie das hinnehmen, wenn Babette nicht auch bei ihr lernen dürfte?"

"Darauf steht mir keine Antwort zu, Mademoiselle", erwiderte Julius, bevor Joe ihn irgendwie aufhalten konnte. Babettes Vater nickte zustimmend.

"Achso, klar. Du bist ja kein Familienmitglied und möchtest dich nicht in anderer Leute Sachen reinhängen", bemerkte Mademoiselle Renard belustigt. "Ist nicht immer das schlechteste."

"Der Junge hat von seinen Eltern Anstand und Zurückhaltung gelernt, Sie H-e-x-e", schnaubte Joe Brickston.

"Huch, wieso können Sie das Wort "Hexe" nicht unbefangen aussprechen?" Fragte Mademoiselle Renard überaus belustigt. Sie zwinkerte erst Joe und dann Julius zu, bevor sie sagte: "Normalerweise nehmen wir in Fällen kindlicher Zaubereiausrutscher zwei Galleonen Bearbeitungsgebühr an. Aber ich denke, Ihre Frau hat die Zauberergeldanteile gut verschlossen."

"Zwei Galleonen? Ist das nicht ein bißchen zu viel?" Fragte Joe Brickston.

"Häh?! Soviel ist das doch nicht dafür, daß Sie morgen korrekte Unterlagen zur Verfügung haben", wandte Mademoiselle Renard verwundert dreinschauend ein. Julius drehte sich auf dem Absatz um und eilte so leise es ging aus der Wohnung hinaus, die Treppe hoch, in seine neue Wohnung, zum Schulkoffer, aus dem er den Geldbeutel holte, dem er zwei Goldmünzen entnahm, bevor er wieder hinuntereilte und durch die halb geöffnete Wohnungstür zu Joe und der Hexe vom magischen Unfallumkehrungstrupp zurückkehrte. Er streckte ihr die Hand mit den beiden Goldstücken hin und sagte:

"Arbeit, die gut gemacht wird, muß sich lohnen, hat mein Vater immer gesagt. Bitte sehr."

"Junge, du mußt doch nicht deine eigenen Reserven plündern. Ich hätte das mit der Abteilung schon geklärt", sagte Mademoiselle Renard lächelnd und zog demonstrativ ihre Hände zurück, um das angebotene Geld nicht anfassen zu können. Julius zog seine Hand nach einer Sekunde zurück und ließ die beiden Goldmünzen in seine rechte Hosentasche gleiten. Die Hexe nickte ihm und dann Joe zu. "Ich kann mich nun empfehlen", sagte sie noch und winkte zum Abschied. Dann verließ sie die Wohnung und ging zur Haustür.

"Joh, dann gute Nacht, Joe", wünschte Julius. Joe Brickston winkte ihm noch zu, ins Wohnzimmer zu kommen. Er sah leicht ungehalten aus. Julius vermutete, daß er sich doch zuviel rausgenommen hatte, weil er einfach das Geld geholt hatte.

"Ich weiß, du hast es gut gemeint und wohl auch so empfunden, wie dein Vater es dir beigebracht hat. Aber ich möchte dich doch bitten, nicht einfach auf alles einzugehen, was diese Leute verlangen, solange sie in meiner Wohnung sind. Bei euch da oben oder in diesem Beauxbatons mußt du wohl spuren. Aber hier bin ich noch der Hausherr. Also sieh es bitte ein, daß ich weder von dir noch von sonstwem Unterstützung bei meinen Angelegenheiten mit diesen Leuten brauche."

"Ich dachte nur, Joe, weil ich dir die Dame bestellt habe, und weil du wohl keine Galleonen greifbar hast, hätte ich auch dafür zahlen können. Aber gut, wenn du findest, ich hätte was unartiges angestellt, dann entschuldige ich mich natürlich dafür. Ich wollte eben nicht den Eindruck vermitteln, als sei dir oder mir die Arbeit von Mademoiselle Renard nichts wert gewesen", entgegnete Julius leise.

"Geschenkt", gab Joe zurück. Dann erst entließ er den Jungen aus seiner Wohnung.

"Stimmt schon, Julius, daß du etwas zu schnell reagiert hast mit diesen Galleonen. Joe hat sich überfahren gefühlt, selbst wenn du ihm gesagt hättest, daß du es dir von Catherine wiedergeben lassen möchtest", bemerkte Martha Andrews noch, als Julius ihr erzählt hatte, was unten passiert war. Er nickte zustimmend. Dann setzte er sich auf eines der bequemen Sofas und genoss mit seiner Mutter einen Spielfilm, der bis halb zwölf dauerte und sich um einen Polizeieinsatz gegen eine Drogenschmugglerbande drehte. Müde vom langen Tag ging Julius danach ins Bett und schlief sofort tief und fest.

 

_________

 

Die Sonne versinkt. Ich weiß nicht, wo sie eigentlich verschwindet. Ich weiß nur, daß sie wohl sehr groß sein muß. Ich bin weit fort von unserem Reichh, doch die Sonne ist nicht kleiner oder größer geworden.

Ich bin nur wenige Zeit gelaufen, als das große Himmelslicht über mir stand. Ich konnte mich unter einem Busch verstecken und lange schlafen. Hier draußen gibt es viele Vögel, die in niedrigen Büschen Nester gebaut haben. Ich habe mir einige Eier aus den Nestern holen können und zwei kleinere Vögel und jede Menge kriechende Ringeltiere gefangen. Jetzt bin ich ausgeruht und satt genug, um weiterzulaufen.

Das Wasser hier draußen schmeckt sehr merkwürdig, ja auch irgendwie widerlich. Ich laufe auf einen Fluß aus Lichtern zu, von dem aus Summen, Brummen und lautes Tröten zu mir herüberkommt. Was für eine seltsame Sache ist hier draußen? Ich nehme mir völlig neue Witterungen auf, von Vierbeinern aber auch von Zweifußläufern. Dazu kommt aber etwas wie Qualm von verbrannten Sachen, der immer stärker wird, je weiter ich in die Richtung laufe, in der die Sonne nie zu sehen ist.

Je näher ich an den großen Fluß herankomme, desto lauter wird das Summen und Brummen und auch der Qualm wird immer dichter. Ich kann die vielen Lichter einzeln sehen. Sie sind wie kleine Sonnen, die zwei nebeneinander oder einzeln von links nach rechts vorbeihuschen, um dann zwei dunkleren roten Sonnen platzzumachen. Zwischen den Sonnen schimmern metalldinger in verschiedenen Farben, die auf vier runden Beinen dahinlaufen, ganz schnell. Der Boden bebt unter diesen Wesen. Ich höre, wie die Brummlaute von ihnen kommen und kann Nebelstreifen aus Qualm sehen, der ähnlich aussieht wie der Himmel zwischen Dunkelzeit und Sonnendurchlauf. Das ist also kein Fluß, sondern ein Laufweg für Tiere, die ich bis jetzt gar nicht kenne. Sie sind schnell, laut und stinken mit ihren Qualmstreifen so widerlich wie kein Feuer es tut, das ich kenne. Ich kriege Angst, weil diese Tiere nicht merken, ob jemand über ihren Weg will, der lang und grau ist. Der Qualm aus ihren Hinterleibern brennt mir in den Augen und beißt mir in die Nase. Ich fühle mich so, als könnte ich nicht mehr Luft holen.

Ich sehe sogar mehrere Wege direkt nebeneinander, auf denen die stinkenden, brummenden Rundbeiner entlanglaufen. Ich kenne diese hellen Lichter nicht. Sind das ihre Augen? Können sie wie Leuchtkäfer eigenes Licht machen? Kurz vor dem langen Weg der Rundbeiner bleibe ich stehen. Ich fürchte mich. Ich will da nicht rüberlaufen. Die würden mich niederdrücken und zertrampeln, und ihr Qualm ist nun unerträglich. Doch ich will zu Julius. In mir kämpft die Angst und der Drang, nichts gefährliches zu tun gegen mein Verlangen, bei Julius zu sein. Ich schaue nach links und nach rechts und nach links und nach rechts, gehe zwei Schritte vor und zwei Schritte zurück und zwei Schritte vor und zwei Schritte zurück. Dann sehe ich eine Reihe von Büschen, die in einigen hundert Längen von mir fort stehen und an dem Weg entlangführen. Ja, ich muß neben dem Weg entlanglaufen, um zu sehen, ob ich irgendwie darüber wegkomme.

Einer der Rundbeiner, ein mächtiges Ungetüm groß wie Pyrois, der Erste der geflügelten Huftiere läuft laut knatternd vorbei. Ich sehe seinen Kopf mit dem rechten glitzernden Ohr und dem rechten Sonnenauge und den langen Körper auf dem irgendwas draufliegt. Ich werfe mich nach rechts und laufe schnell los. Erst kann ich locker mit dem Ungeheuer mitlaufen, bevor es zu schnell für mich ist. Ich komme bei den Büschen an, wo ich gerade so drunter durchlaufen kann. Ich rieche gerade so im beißenden Qualm, daß hier Vogelnester sind und fühle langsam wieder Hunger. Ich laufe aber weiter, immer weiter.

Ich weiß nicht, wie weit ich gekommen bin, bevor ich müde und vom Qualm benebelt anhalte. Nein, zu nahe an diesem verrückten Weg kann ich nicht weiterlaufen. Ich laufe weiter davon weg und finde einen Wald, den ich durchlaufe. Zwischendurch finde ich Mauselöcher, aus denen zwischendurch was herauskommt. Ich bleibe an einigen sitzen und warte auf die Mäuse. Drei kann ich schnell fangen. Die anderen sind vorsichtiger. Es dauert, bis ich genug gefressen habe, um weiterzulaufen.

Ich höre den Weg der Rundbeiner weit weit von mir. Doch hier im Wald ist es ruhig und vertraut. Ich höre Tiere, die ich auch aus unserem Reich kenne. Einmal fliegt einer dieser lleise fliegenden Jägervögel über mich weg, kreist kurz über mir und verschwindet. Ich rieche, daß hier die niederen Verwandten von mir herumlaufen. Irgendwo müssen also Menschen wohnen.

Als ich aus dem Wald herauskomme, stehe ich vor einer Familie von Steinbauten. Hier wohnen Menschen. Ich rieche den Qualm der Rundbeiner. Ja, und da steht einer von ihnen neben einem kleinen Steinbau. Seine Sonnenaugen sind dunkel. Er brummt nicht und qualmt auch nicht. Ich bin vorsichtig aber neugierig. Langsam, ganz vorsichtig, schleiche ich mich über einen harten schwarzen Boden, der nicht nach Erde oder Stein riecht zu diesem Wesen hinüber. Ich kann noch einen Hauch von Qualm riechen, der aus dem Hinterleib des Wesens herausweht. Die runden Beine sind irgendwie uneben, wie die Sohlen unter den Füßen der Menschen und riechen auch ähnlich, aber mehr nach etwas, das nicht von einem Tier kommt. Ich beschnuppere jedes der vier schwarzen Rundbeine, in deren Mitte es glitzerd und Löcher zu sehen sind. Ist dieses Wesen etwa tot? Dann kann ich genau erkennen, daß dieses Rundbein kein Wesen sondern ein Ding ist, sowas wie die fliegenden Häuser aus meinem Reich. Ja, diese runden Dinger sind keine Beine, sondern Laufkreise. Ich kann unsichtbare Flächen in den Metallwänden sehen, die wie die Flächen aussehen, hinter denen die Menschen ihre Schlafhöhlen haben. Schläft hier vielleicht jemand? Nein, ich höre und rieche keinen schlafenden Menschen. Ich spüre nicht einmal die Kraft in meinen Schnurrhaaren.

Ich versuche, an diesem Ding hochzuklettern. Die Metallwände sind zu glatt. Autsch, wie laut! Ich rutsche mit den Krallen ab und mache dabei ein quietschendes Geräusch auf dem Metall. Ich sehe, wie meine Krallen lange Spuren in die Wand gezogen haben. Von der Seite her komme ich nicht auf dieses Ding drauf.

Ich finde aber schnell heraus, daß es vorne niedriger ist, da wo der Kopf mit den großen Sonnenaugen sitzt und kann locker aufspringen. Ich beschnüffel das Metall, unter dem warmer Dunst einer stinkenden Sache hervorkommt. Ich sehe durch die schräg nach hinten oben gestellte unsichtbare Fläche in das Innere hinein. Da sind Sitzsteine drin, wie sie in Julius' Schlafhöhle stehen. Zwei kleine liegen nebeneinander, der dritte lange liegt dahinter. Ich hüpfe und lande auf der Oberseite des Bewegungsdings.

"Eh, gehst du wohl von meinem Wagen runter!" Brüllt mich eine laute Menschenmännchenstimme von oben her an. Ich erschrecke sehr doll und zittere einen Moment. Dann werfe ich den Kopf zurück und sehe einen Menschenmännchenkopf aus einer offenen Schlafhöhle heraussehen. Ich fauche das Männchen sehr zornig an und hebe meine rechte Vorderpfote mit ganz ausgestreckten Krallen.

"Was bist du denn für'n Vieh?" Klingt die böse Stimme von oben. Das Männchen hat ein kurzes dunkles Fell im Gesicht und mittellanges dunkles Fell auf dem Kopf. Vor seinen Augen stehen zwei kleine durchsichtige Kreise, die irgendwie in etwas aus Metall eingesetzt sind. Der Kopf zieht sich zurück. Es klappert, als eine unsichtbare Fläche in die Höhlenöffnung gedrückt wird. Ich kann hören, wie das Männchen aus der Höhle weggeht und herunterkommt. Ja, und da öffnet sich auch das Schließholz vor dem Bau, und ich kann das ganze Männchen sehen. Es ist ziemlich dick und hat sich ein langes dunkelrotes totes Fell über seinen Körper gelegt. Schnell kommt es herangelaufen. Ich will mich nicht fangen lassen und springe einfach von der Fahrdingoberseite runter auf den schwarzen Boden.

"Eh, das gibt's doch nich'! Was bist du denn für 'ne komische Katze?!" Ruft das Männchen. Von links höre ich etwa drei Schweiflängen über mir weitere Schlafhöhlenöffnungen entstehen. Andere Männchen und ein Weibchen mit rauher Stimme rufen in die Dunkelheit. Ich sehe Lichter angehen. Ich laufe um zwei Steinbauten herum. Das Männchen mit dem dunklen Kopffell jagt mich. Aber es kriegt mich ja doch nicht ein. Menschen sind eben keine guten Jäger. In der Richtung, wo die Sonne nie zu sehen ist laufe ich durch die Familie der Steinbauten. Hinter mir höre ich Stimmen der Menschen, sehr aufgeregt klingen sie.

"Was sollte dieser Krach, Monsieur Gratin?"

"So'n seltsames Vieh hat sich an meinem Wagen vergriffen. Ich hörte das Quietschen von etwas auf Metall. Kucken sie! Dieses Biest hat mir fünf tiefe Kratzer in den Lack gezogen."

"Ach, und deshalb brüllen Sie die Nachbarschaft zusammen?"

"Das ist nie im Leben 'ne gewöhnliche Katze. Könnte 'ne Wildkatze sein, so groß wie die ist. Aber der Schwanz sieht komisch aus, mit 'ner dicken Quaste am Ende, wie bei 'nem Löwen", ruft das Männchen, das mich erschreckt hat. Das Weibchen mit der Rauhen Stimme ruft zurück:

"Unsinn, Monsieur! So Katzen gibt's nicht."

Mir fremde Laute kommen auf einmal von links und rechts. Es sind kurze starke Laute. Dazwischen knurrt etwas großes und gibt dann diese Laute von sich. Ich rieche, daß hier vierbeinige Tiere wohnen, die ich aber bisher nicht gesehen habe. Es müssen aber Vierbeiner sein, denn sie riechen nicht wie diese toten Fahrdinger mit den vier Laufkreisen und den Sonnenaugenlichtern. Ich laufe schneller, renne weg. Die Menschen hier sind böse und haben Sachen hier, die ich nicht kenne. Als der letzte Steinbau hinter mir liegt werde ich wieder ruhiger. Ich höre zwar noch die Menschen miteinander reden, doch keiner kommt mir nach.

Ich komme wieder auf den Weg der brummenden Fahrdinger zu und weiche nach rechts aus, um weiterzulaufen. Als die Dunkelheit aufhört finde ich einen großen stinkenden Abfallhaufen, neben dem ich mich niederlege, um etwas zu schlafen.

 

__________

 

Professeur Aries Armadillus, Lehrer für magische Geschöpfe in Beauxbatons, hatte nach der Abreise der meisten Schüler damit begonnen, die Ställe und Käfige der Tiere zu säubern, die nun, wo es wieder Frühling war, in ihren Freigehegen waren. Dazu brauchte er einen vollen Tag, trotz Zauberkraft. Denn einige Tiere hinterließen Dreck, der mit Säuberungszaubern wie Ratzeputz nicht so einfach fortzumachen war. Er genoss jedoch die Arbeit, die seinen nicht mehr ganz jungen Körper immer noch gut in Form hielt. Die zwölf Schülerinnen und Schüler, die über die Ferien in der Akademie blieben, vergnügten sich in den Parks auf dem Schulgelände oder spielten im freien. Bertillon, der mürrische Schuldiener, lief wie ein scharfer Hund über das Gelände und beaufsichtigte zusammen mit Madame Maxime und Professeur Faucon das Treiben der Schülerinnen und Schüler. Von den Pflegehelfern war nur Francine Delourdes hiergeblieben, da bei zwölf Jugendlichen kein Großaufgebot nötig war.

"Über Weihnachten waren mehr Leute hier als zu Ostern", dachte Armadillus und prüfte das Knieselgehege. Er sah die kastrierten Schwarzbauch-Brüder, die träge im Schatten eines Rundbaus lagen und Weißbauch, die wohl trächtig war und in zwei Monaten Junge kriegen würde. Die übrigen Kniesel waren wohl in ihren kleinen Behausungen, um die meiste Zeit des Tages zu verschlafen.

"Hallo, Aries! Alles in Ordnung?" Fragte Professeur Faucon den Kollegen. Er drehte sich zu ihr hin und nickte.

"Ein üblicher Tag, Blanche. Die Kniesel sind fast alle in ihren Bauten. Die beiden Kater Schwarzbauch eins und Schwarzbauch zwei machen mir nur Sorgen, weil sie nach dem Eingriff nicht mehr so agil sind."

"Ist das nicht normal?" Fragte Professeur Faucon.

"Im großen und ganzen schon, Blanche. Aber bei denen ist das schon sehr überdurchschnittlich. Ich weiß nicht, ob ich da nicht was übersehen habe."

"Gewiß nicht, Aries", munterte Professeur Faucon ihren Kollegen auf. "Wahrscheinlich haben sich die beiden nur gegenseitig aufgeschaukelt und nun keinen Antrieb mehr, sich weiter aufzuschaukeln. Immerhin verhungern sie ja nicht, wie ich sehe."

"Immerhin", erwiderte Armadillus.

"Was ist mit Goldschweif? Ist sie in ihrem Bau?" Forschte die Lehrerin für Verwandlung und Abwehr der dunklen Künste.

"Hmm, denke ich schon. Ich seh aber besser mal nach", erwiderte der Zaubertierexperte und öffnete den schmalen Zugang zum Knieselgehege. Sofort versuchten zwei Kater, Rattenschreck und Vielpunkt, durch das kleine Tor zu entwischen. Armadillus drängte sie jedoch gekonnt zurück und schlug schnell das Tor hinter sich zu. Er eilte zu Goldschweifs Rundbau hinüber und hockte sich zwei Meter davor nieder. Er wollte die schlafende Knieselin nicht aufschrecken. Sie könnte ihn sofort anspringen. So wartete er eine halbe Minute, bis er sich vorsichtig näherte und dabei leise "Goldschweif" sagte. Als im Rundbau nichts zu hören war, beugte er sich vorsichtig herunter und blickte in den Bau. Da bekam er einen gehörigen Schreck. Der Bau war leer!

"Wo ist die hin?" Dachte der Lehrer und schnellte wie von der Tarantel gestochen hoch und wirbelte herum. Er sah sich im Gehege um. Doch Goldschweif war nirgends zu sehen. Er wußte, daß ausgewachsene Kniesel niemals mehr zusammenlagen. Sie suchten sich immer voneinander abgelegene Schlafplätze. Also würde sie nicht bei den anderen liegen. Er prüfte, ob alle Kniesel, die nicht draußen herumliefen, wirklich in ihren Rundbauten lagen und war teilweise beruhigt, als er außer Goldschweif alle vorfand.

"Das kann doch nicht angehen", dachte er sichtlich erregt. Er verließ schnell das Gehege und sagte zu Professeur Faucon: "Goldschweif ist nicht im Gehege. Die muß diese Nacht wohl draußen geblieben sein. Ich muß sie suchen."

"Oh, hat sie sich davongestohlen?" Fragte die Lehrerin sichtlich aufgebracht und blickte sich um, als könne sie Goldschweif durch konzentrierten Blick herbeirufen.

"Sie hat das bis jetzt nicht gemacht, Blanche. Das wäre sehr unangenehm. Ich werde das ganze Gelände absuchen müssen."

"Ich werde Schuldiener Bertillon in diese Suche einbeziehen", stellte die Lehrerin klar. Dann sagte sie noch: "Ich habe mit etwas ähnlichem gerechnet, Aries. Könnte es sein, daß Goldschweif versucht, zu Monsieur Andrews zu laufen?"

"Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, da der junge Mann ja weit weg in Paris lebt und Kniesel mindestens zehn Kilometer Abstand brauchen, um eine vertraute Person zu orten. Sicher, in wenigen Fällen, gerade bei der Goldschweif-Linie, kam es auch zu Hypersensorischen Leistungen, wo eine Knieselin ihren Vertrauten aus achthundert Kilometern aufspüren konnte. Wir wissen noch zu wenig über den Personenspürsinn der Kniesel. Zum anderen liegt ja über Beauxbatons der Dom der Geborgenheit, der uns nach außen vor Entdeckung und Behelligung abschirmt. Kein Zaubertier hat es bislang geschafft, durch die dichte Magie des Doms auszureißen. Es gäbe einen Schock für alle Sinne, wenn ein magisches Geschöpf diese Abgrenzung durchbrechen wollte."

"Unwahrscheinlich heißt nicht unmöglich, Aries", stellte Professeur Faucon sehr ungehalten klar. "Dann bitte ich Sie, den Bereich des Areals zu untersuchen, der Paris am nächsten liegt. Es könnte sein, daß Goldschweif zum einen diese hypersensorischen Fähigkeiten hat und zum zweiten Monsieur Andrews durch sein höheres Zaubertalent eine stärkere Eigenausstrahlung besitzt, die ein vielfaches der üblichen Entfernung überbrückt."

"Das hieße also einen Sektor von Ostnordost bis Westnordwest abzusuchen, falls Ihre Vermutung zutrifft, wovon ich nun ausgehen muß."

"Nun, dann suchen Sie bitte sofort. Ich werde Madame Maxime vorerst nicht informieren, da ja die Möglichkeit besteht, daß Goldschweif noch auf unserem Gelände aufgefunden wird."

"Ich danke Ihnen, Blanche", sagte Professeur Armadillus sichtlich erleichtert. Falls diese Knieselin zu Schaden kam, weil sie versuchte, ihren neu erwählten Vertrauten, Julius Andrews, zu finden, war er dafür verantwortlich.

So suchten der Zaubertierlehrer und Schuldiener Bertillon den nördlichen Bereich des Schulgeländes ab. Tatsächlich fanden sie einige Spuren von Knieseln, konnten aber nicht sagen, von welchem. Goldschweif an sich konnten sie nicht finden, obwohl sie auch in die Baumwipfel blickten und mit dem Vivideo-Zauber, der die Ausstrahlung von Lebewesen magisch sichtbar machte, alles überstrichen. So mußte Professeur Armadillus nach vierstündiger Suche auf dem ganzen Gelände melden, daß Goldschweif nicht mehr im Umkreis von Beauxbatons war. Madame Maxime war nicht gerade begeistert von dieser Mitteilung, als Professeur Faucon und Professeur Armadillus sie unterrichteten.

"Wie kann es angehen, daß Sie, Kollege Armadillus, nicht diese Eventualität einkalkulierten? Sind die dreihundert Galleonen im Monat nicht ausreichend, um Ihre Kompetenz zu fordern?" Polterte die halbriesische Schulleiterin den Fachlehrer für Magizoologie an. Dieser fühlte sich um fünfzig Jahre zurückversetzt, als er selbst Schüler dieser Akademie war und Madame Maxime gerade mit der Schule fertig war. Damals hatte ihn ihr Vorgänger, Monsieur Supremus Maindure auch so zusammengestaucht, weil er mit seiner Bande von Mitschülern Schwellzaubertränke an Regenwürmern und Fröschen ausprobiert und monströse Exemplare dieser Tiere geschaffen hatte. Doch er war kein Schüler mehr. Er durfte sich nicht einschüchtern lassen!

"Entschuldigung, Madame Maxime, wenn ich es wage, Ihnen zu widersprechen. Ich habe keineswegs außer Acht gelassen, daß Goldschweif versuchen könnte, bei Monsieur Andrews zu sein und daher Maßnahmen ergriffen, sie für den Elternsprechtag ruhigzustellen. Dies gelang mir auch. Goldschweif konnte nicht hinter dem jungen Mann herlaufen, und es gab in unserer langen Geschichte keinen Präzedenzfall, daß uns anvertraute Tierwesen den Dom der Verborgenheit durchbrochen hätten. Daher konnte ich bei aller von Ihnen zurecht angemerkten Kompetenz nicht vorhersehen, daß es doch möglich ist, daß ein hochempfindliches Zaubertier unser Gelände ohne unsere Zustimmung und Mithilfe verlassen kann. Daher nehme ich Ihre berechtigte Entrüstung lediglich als Ausdruck Ihres Unwillens hin, verbitte mir jedoch bei allem Respekt jede Kritik an meiner Arbeit hier."

"Oh, da haben Sie sich aber nun sehr weit aus dem Fenster gelehnt, Kollege Armadillus", stellte Madame Maxime mit einer Mischung aus Anerkennung und Verärgerung fest. "Beweisen Sie mir, daß es nicht einfach ist, daß ein magisches Tierwesen unbehelligt unser Gelände verlassen kann!"

"Mit Verlaub, Madame Ladirectrice, dies halte ich für unzureichend, da außer Goldschweif kein anderes hier befindliches Tierwesen einen äußeren Antrieb besitzt, unser Gelände zu verlassen und davonzulaufen", sprang Professeur Faucon ihrem Kollegen bei. Madame Maxime straffte sich so stark, daß sie beinahe von ihrem übergroßen Stuhl hochschnellte. Sie fixierte die Verwandlungslehrerin mit ihren großen schwarzen Augen, als wolle sie sie durch einen konzentrierten Blick zu Asche verbrennen. Professeur Faucon hielt diesem Anblick jedoch ohne jede Regung stand.

"Gut, ich ziehe die Anweisung zurück, Sie mögen die Undurchdringlichkeit unserer Absperrung beweisen, Kollege Armadillus. Ich möchte jedoch nun von Ihnen erfahren, welche Schritte Sie zur Wiedererlangung des Tierwesens ergreifen werden."

"Falls Goldschweif wirklich entwischt ist, könnte der Sinnesschock beim Durchbruch der Grenze zu einer starken Verstörtheit geführt haben. Goldschweif könnte also ziellos und leicht erregbar herumlaufen. Ich werde versuchen, eine Exosensoverbindung zu Goldschweif zu etablieren, um zu sehen, wo sie gerade steckt. Hierzu muß ich jedoch um die Erlaubnis bitten, das Gelände zu verlassen."

"Gewährt, Kollege Armadillus. Beeilen Sie sich! Falls der Kniesel in einer Muggelsiedlung gesehen wird, bekommen wir Schwierigkeiten mit den Abteilungen für magische Ausbildung, der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe und dem Büro zur Geheimhaltung der Zauberei. In diesem Fall müßte ich Ihnen die alleinige Schuld an dem Vorfall geben und Ihnen eine eventuell anfallende Strafgebühr vom nächsten Gehalt abziehen. Ich hoffe, wir haben uns da verstanden", stellte die Schulleiterin fest. professeur Armadillus fühlte, wie seine Auflehnung von vorhin wieder zu schmelzen begann und ihn als kleinen Jungen zurückzulassen drohte. Er nickte schnell und verließ das Büro der Direktrice.

"Madame Maxime, wenn Sie mir gestatten möchte ich vorschlagen, präventiv beim Ministerium um die Erlaubnis zum Einsatz eines Retroculars zu ersuchen. Ich könnte einen kurzen Dienstweg einschlagen und das nötige Werkzeug direkt aus Millemerveilles beschaffen."

"Wäre das nicht ein wenig zu aufwändig, Kollegin Faucon. Immerhin werden derlei Instrumente doch eher für die Aufklärung magischer Straftaten benutzt."

"Sie wiesen darauf hin, Madame ladirectrice, daß es bei Sichtung von Goldschweif in einer Muggelsiedlung mehrere Behörden auf den Plan riefe, da in gewisser Weise eine Vernachlässigung der Aufsichtspflicht, die Beauxbatons innehat, festgestellt würde. Um die wertvollen Arbeitskräfte in den Abteilungen nicht mit derlei Belanglosigkeiten zu behelligen wäre eine Untersuchung mittels Retrocular sehr hilfreich. Der Aufwand an Vergissmichs bei einer Sichtung durch Muggel könnte so vielleicht vermieden werden", begründete die Verwandlungslehrerin ihren Vorschlag. Madame Maxime nickte nach einer Minute Bedenkzeit. Dann sagte sie:

"Veranlassen Sie über Madame Delamontagne die Beibringung eines Retroculars aus Millemerveilles, Professeur Faucon!"

"Wie Sie wünschen, Madame ladirectrice", willigte Professeur Faucon ein und verließ das Sprechzimmer der Schulleiterin.

Von ihrem Büro aus trat sie per Kontaktfeuer mit der Dorfrätin für gesellschaftliche Angelegenheiten in Millemerveilles in Verbindung und schilderte ihr kurz die Situation. Madame Delamontagne sah sehr verdutzt auf den im Feuer sitzenden Kopf der Beauxbatons-Lehrerin und meinte:

"O Blanche, das wäre was völlig neues. Sicher kann ich den kurzen Dienstweg begehen und dir von Florymont das Retrocular bringen lassen. Hast du damit Erfahrung, oder möchtest du, daß er die Untersuchung vor Ort durchführt?"

"Ich habe sein Meisterwerk nur einmal ausprobiert. Es wäre mir sehr recht, wenn er unter meiner Anleitung die Untersuchung durchführt. Aber ich bitte ihn und dich, keinem von dieser Untersuchung zu berichten. Wir möchten das so gut wie möglich unter Verschluß halten."

"Dies versteht sich von selbst, Blanche", stimmte Madame Delamontagne zu. Dann verabschiedete sie sich von der Lehrerin, die ihren Kopf einfach zurückzog. Nachdem das Schwindelgefühl abgeklungen war, das der im Floh-Netz herumwirbelnde Kopf ausgelöst hatte, bevor er sich wieder im selben Raum wie sein Körper einsortiert hatte, meldete die Lehrerin die erfolgreiche Weiterleitung des Auftrags an Madame Maxime.

Viviane Eauvives gemaltes Ich verließ ungesehen das sprechzimmer der Leiterin des grünen Saales. Sie hatte in einem der Waldlandschaftsbilder gesessen und heimlich mitgehört, was Professeur Faucon mit Madame Delamontagne besprochen hatte. Da ihr Bild so gemalt war, das es ihrem natürlichen Ich mit fünfzig Jahren entsprach, konnte sie noch sehr gut hören und sehen. Sie grinste, als sie mit ihrem Kniesel, der gemalten Ausgabe von Goldschweif I. durch die Gemälde ging. Sie traf sich mit Aurora Dawns gemaltem Ich in einem Bild einer üppigen Wiese, die an den Verlauf der natürlichen Jahreszeiten angekoppelt war und nun voller Frühlingsblumen stand.

"Ich habe seit meiner Erscheinung in der Bildergalerie von Beauxbatons nie gedacht, daß ich das wirklich erleben darf, daß ein Kniesel es schafft, aus Beauxbatons zu entwischen, Aurora. Irgendwie amüsiert mich diese Vorstellung mehr als es mich beunruhigt."

"Nun, Madame Eauvive", entgegnete Aurora Dawns Bild-Ich, "haben Sie nicht in ihrem Buch darüber geschrieben, daß Kniesel faszinierende Geschöpfe sind und es wohl ein ganzes Jahrtausend dauern würde, alle Eigenschaften, Eigenarten und Eigenheiten dieser Species zu ergründen? - Ich gehe mal davon aus, daß es Goldschweif XXVI. ist, die entwischt ist."

"Zum einen, Aurora, sind wir hier alle daran gewöhnt, uns beim Vornamen anzusprechen, selbst wenn wir wohl nur ein Jahr zusammen sind. Zum zweiten bestätigt sich hier und heute meine Einschätzung. Zum dritten ist das vollkommen richtig, was Sie vermuten. Es handelt sich um Goldschweif XXVI., die vermißt wird. Irgendwie habe ich damit gerechnet, daß sie es nicht auf sich beruhen läßt, Ihrem jungen Bekannten fernzubleiben. Kniesel sind außerordentlich beharrliche Geschöpfe und lassen sich von einmal gefaßten Vorhaben nur durch unmittelbare Gefahren abschrecken."

"Was passiert denn nun, Madame Eauvive, ähm, Viviane?"

"Oh, darüber darf ich wohl keine Auskunft erteilen, da wir gemalten Würdenträger hier verpflichtet sind, mitgehörte Anweisungen an andere Personen nicht weiterzuerzählen. Ich wollte Ihnen lediglich erzählen, daß sich eine lange gehegte Vermutung von mir endlich bestätigt hat."

"Nun, wenn Sie an bestimmte Vorschriften gebunden sind werde ich nicht in Sie dringen, mir was zu erzählen, Viviane. Ich hoffe nur, daß das Tier nicht von einem Auto überfahren oder von einem Muggel getötet wird, der es für ein Monster hält", entgegnete Aurora Dawns gemaltes Ich. Viviane Eauvives Gesicht wechselte von erheitert zu besorgt. Sie strich sich durch ihr dunkelbraunes Haar und nickte ihrer Gesprächspartnerin zu.

Wenige Minuten nach der Anfrage an Madame Delamontagne ploppte es im Kamin des sechseckigen Empfangsraumes der Schulleiterin. Monsieur Dusoleils schwarzhaariger Kopf saß von den Flammen umhüllt im Kamin.

"Entschuldigung, Madame Maxime! Können Sie den Ganzkörpersperrzauber entfernen, damit ich zu Ihnen kann?" Fragte der Zauberkunsthandwerker aus Millemerveilles. Madame Maxime, die zusammen mit Professeur Faucon im Empfangsraum stand, nickte. Leise ploppend verschwand der Kopf Monsieur Dusoleils wieder. Die Schulleiterin hantierte mit ihrem Zauberstab am Kaminrost. Die mächtige Sperre, die unbefugtes Eindringen in den Kamin vereitelte, löste sich ohne sicht- oder hörbare Anzeichen auf. Sie konnte jedoch jederzeit wieder aufgerufen werden. Eine Minute später rauschte es laut im Kamin. Die Flammen brachen zusammen und erloschen in einer Sekunde, während ein wilder Wirbel aus Ruß und Asche im Kamin aufstieg, aus dem sich in smaragdgrünen Funken eine rotierende menschliche Gestalt schälte, die von oben her in den Kamin fiel und dann abrupt auf dem Rost aufschlug, ohne sich weiter zu drehen. Monsieur Dusoleil war wohlbehalten angekommen. Er stieg vom noch warmen Kaminrost herunter, zauberte sich den Ruß und die Asche von der Kleidung und aus den Haaren und begrüßte mit einer tiefen Verbeugung die beiden ehrwürdigen Hexen.

"Camille hat sowas vermutet, als wir mit den Kindern nach Millemerveilles gereist sind. Ich habe ihr natürlich nicht erzählt, wo ich hinmußte und weshalb, Madame Maxime. Besteht denn überhaupt die Möglichkeit, dieses Tierwesen noch zu verfolgen?"

"Laut Professeur Armadillus kann sie nur in der Nacht vom Sonntag auf den Montag oder in der Nacht vom Montag auf den Dienstag verschwunden sein", bemerkte Madame Maxime.

"In Ordnung. Dann können wir sie finden", sagte der Zauberkunsthandwerker und holte aus seinem Umhang ein Drachenlederetui hervor, dem er eine silberne Brille mit achteckigen blau getönten Gläsern entnahm, welche nach innen gewölbt waren.

"Ich habe dieses Instrument noch nie in Natura gesehen", stellte Madame Maxime mit beeindrucktem Gesicht fest. "Sie können damit zwei volle Tage in die Vergangenheit zurückblicken?"

"So ist es. Ich habe zwar versucht, den Zeitrahmen zu erweitern, stieß dabei aber an gewisse Schwierigkeiten, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte."

"Wird sich um die planetare Bewegung handeln", vermutete die Schulleiterin. "Immerhin können Sie zwei volle Tage zurückblicken, und darauf kommt es ja an, daß dies überhaupt gelingt."

"Ich habe auch einen Tarnumhang mitgenommen, Madame Maxime. Da ich denke, daß die Jugendlichen, die hiergeblieben sind, nicht wissen müssen, daß ich hier bin, hielt ich das für gerechtfertigt."

"Sehr vorausschauend", pflichtete Madame Maxime dem Zauberkunsthandwerker bei.

"Nun, da ich ja von Madame Delamontagne aus losreiste, konnte ich ihren persönlichen Tarnumhang ausleihen", sagte Monsieur Dusoleil noch und entfaltete ein Stück luftig fließenden Silberstoffs zu einem großen Umhang, unter den bequem zwei oder drei Jugendliche oder eine erwachsene Person schlüpfen konnte.

"Ich geleite Sie zu Professeur Armadillus. Er wird sie zum Knieselgehege führen, Monsieur Dusoleil", sagte Professeur Faucon und führte Florymont Dusoleil durch das Transpictoralportal aus dem Empfangsraum. Madame Maxime sah für einen Sekundenbruchteil, wie die beiden zunächst in die große gemalte Wiesenlandschaft hineingezogen wurden, um dann wie eilig davonfliegend aus ihr zu verschwinden.

Unter dem Tarnumhang folgte Monsieur Dusoleil Professeur Faucon zu Professeur Armadillus. Dieser zeigte dem unsichtbaren Gast das Knieselgehege und wartete geduldig, bis dieser sagte:

"Sehr gut, ich habe Goldschweif im Bild. Sie geht gerade auf Jagd. Es ist nun genau sechsunddreißig Stunden und zwölf Minuten her. Sie ist wirklich schon vor dieser Zeit verschwunden, weil ich sie vor vierundzwanzig Stunden schon nicht mehr sehen konnte."

"Kann ich dieses Instrument auch einmal versuchen?" Fragte Professeur Armadillus leise.

"Besser nicht, Professeur. Ihre Kollegin Faucon besteht darauf, daß niemand sieht, was hier passiert. Ich dirigiere Sie nun hinter Goldschweif her."

"Wie Sie meinen, Monsieur Dusoleil", sagte Professeur Armadillus leicht ungehalten. Er hätte gerne einmal einen Blick durch dieses Retrocular geworfen, das präzise in die beiden vergangenen Tage zurückblicken ließ, sogar, wie er aus ihm vertrauten Ministeriumskreisen erfahren hatte, mit Zeitraffung oder Zeitdehnungsfunktion bis hin zum Standbild eines Augenblicks.

Vor sich her dirigierte Monsieur Dusoleil den Lehrer. Für den Gast aus Millemerveilles war Armadillus im Moment genauso unsichtbar wie Monsieur Dusoleil für den Lehrer. Sechsunddreißig Stunden und zwölf Minuten vergangene Zeit trennten sie nun, zumindest was die sichtbare Umwelt anging. Für Armadillus hatte das schon was faszinierendes an sich und erfüllte ihn mit jungenhaftem Vergnügen.

Nach einiger Zeit erreichten sie die nördliche Begrenzung des Geländes. Monsieur Dusoleil ließ den Lehrer einmal um das Gelände herumlaufen und ihn dann wieder vor der unsichtbaren Begrenzung anhalten.

"Sie ist da wirklich durchgesprungen, so schnell, daß sie nur eine Zehntelsekunde gebraucht hat. Offenbar war die Absperrung nicht stark genug, um in dieser kurzen Zeit voll zu wirken", stellte der Zauberkunstexperte leicht grinsend fest. "Ja, und nun kann ich sie verschwommen sehen, wie sie fortwandert. Der Sperrzauber wirkt durch Raum und Zeit auf die Bilderfassung. Wenn sie weitergeht, kann ich nicht mehr sehen, wo sie hin will."

"Ich wollte außerhalb der Absperrung eine Exosenso-Verbindung versuchen", sagte der Lehrer. "Vielleicht bekomme ich dadurch heraus, wo sie jetzt gerade ist."

"Die nützt Ihnen doch nur etwas, wenn Sie auch einen Fernortungszauber verwenden können, Professeur Armadillus. Ich kann aber in zehnfacher Geschwindigkeit den Weg Goldschweifs nachvollziehen. Allerdings sollten wir dazu einen Besen benutzen und tief fliegen. Das allerdings dürfte uns für Muggel sichtbar machen."

"Dürfte es nicht, Monsieur. Ich habe wie Madame Maxime und Professeur Faucon einen amerikanischen Harvey-Flugbesen, mit dem ich unsichtbar über von Muggeln besiedelte Gebiete fliegen kann. Ich werde ihn holen", sagte der Lehrer und eilte so schnell es ging zu seinem privaten Wohnraum im Palast, wo er aus einem Wandelraumschrank einen schlanken Rotholzbesen mit silberner Lackierung und silbrigem Schweif holte. Damit kehrte er zu Monsieur Dusoleil zurück, der ihm noch rechtzeitig mitteilte, wo er stand, um nicht umgerannt zu werden. Als beide auf dem Besen saßen, sagte Armadillus mit auf der Besenspitze ruhenden Hand: "Occultimotus!" Er und der Besen verschwanden. Für einen Augenblick hing Monsieur Dusoleil als verschwommen sichtbare Erscheinung in der Luft. Der Zauberkunstexperte nickte und zog an etwas, das man nicht genau sehen konnte. Dann war er unvermittelt verschwunden. Ein leises Rauschen erklang, als der getarnte Besen mit seinen gleichfalls getarnten Reitern aufstieg und mühelos durch die nichtgreifbare magische Kuppel davonflog.

 

__________

 

Claires Freundschaftspfeife klang in Julius Ohren wie ein sanft angeblasenes Jagdhorn. Er antwortete mit seiner Freundschaftspfeife. Es war nun sieben Uhr am Mittwochmorgen. Er hatte sich das Training abgewöhnt, zumindest für die Ferien. Barbara würde ihn zwar drangsalieren, wenn sie ihn wieder in Beauxbatons hatte, aber seine Form mußte bis dahin hoch genug bleiben. Als er die kleine goldene Pfeife an der Kette unter seinem Schlafanzug verschwinden ließ kam ihm ein genialer Gedanke. Man konnte kurze und lange Töne auf dieser Pfeife blasen. Dann war es doch kein Problem, Morsezeichen damit abzusenden. Hier hatte er doch alle Bücher aus der Zeit, wo seine Eltern ihn in Hogwarts mit "richtiger Wissenschaft" vollstopften. In einem Buch war das Morsealphabet und alle Satzzeichen und Ziffern von 0 bis 9 verzeichnet. Das wäre dann also kein Problem, wenn Claire sich damit rumschlug, dieses Punkt-Strich-Alphabet zu lernen, mit dem erst per Telegraphendraht und dann per Funk wichtige Neuigkeiten und kurze Briefe in Windeseile über die Welt verschickt wurden. Er erinnerte sich sogar daran, wie er über die "Titanic"-Katastrophe gelesen hatte, wo zum erstenmal der international vereinbarte Hilferuf SOS gefunkt worden war, ditt-ditt-ditt diet-diet-diet ditt-ditt-ditt.

"Was hat die Fixus gesagt, man möchte mir wieder naturwissenschaftliches Zeug erlauben?" Dachte Julius amüsiert. Er sezte sich auf, machte licht und suchte das Buch über die wichtigsten Erfindungen der Welt und wie sie den Alltag geprägt hatten, wo von dem Rad, der Schraube, über die Sonnenuhr, der Eisenbahn über die Telegraphie und das Telefon bis hin zum Auto und Computer, Radio und Fernsehen alles geschichtlich geordnet beschrieben wurde. Er fand den Eintrag über das Morsealphabet und griff zu Pergament und Feder. Vorsichtig, um nicht mit Tinte zu klecksen, schrieb er in fünf Minuten alle Morsezeichen und die damit bezeichneten Buchstaben in eine geordnete Tabelle und setzte drunter:

"Nur, wenn dich das interessiert, Claire, diesen Muggelkram zu lernen. Mir fiel das nur so ein, weil wir mit den kleinen Goldpfeifen ja sowas machen können."

Das Telefon klingelte. Julius räumte seine Schreibsachen fort und faltete das Stück Pergament zusammen, nachdem die Tinte getrocknet war. Er hörte, wie seine Mutter den Hörer abnahm und sich meldete. Nach einigen Sekunden hörte er sie sagen:

"Sicher doch, Ms. Dawn. Ich denke, er ist schon auf."

Julius stand auf und eilte aus dem Zimmer, bevor seine Mutter ihn rufen konnte. Er ging zu ihrem Arbeits- und Schlafzimmer hinüber und nickte ihr zu, verstanden zu haben. Er nahm den Hörer und meldete sich.

"Hallo, Julius, wollte mal hören, wie du deine Ferien nach diesem Elternsprechtag verbringst. Hat Trifolio dich gemaßregelt, daß du gefälligst mehr zu machen hättest?" Fragte Aurora Dawn.

"Das hat Professeur Fixus besorgt", sagte Julius. Sie sprachen beide englisch miteinander, obwohl Julius Aurora Dawn schon fließend französisch hatte sprechen hören dürfen.

"Ich kenne diese Dame nur von ein oder zwei Versammlungen der Zaubertrankbraumeister. Aber ich kann mir denken, daß sie es als persönliche Beleidigung ansieht, wenn jemand weniger macht als er oder sie kann. Aber immerhin ist deine Mutter ja gut mit den Leuten zurechtgekommen, habe ich von meinem gemalten Selbst gehört."

"Ach, dann war die bei dir und hat dir erzählt, was passiert ist?" Fragte Julius.

"Aber sicher. Gleich nach eurer Abreise, was ja bei uns hier früher Morgen ist, kam sie zu mir und erzählte mir alles. Deine Mum hat es ja wohl besonders bei Schwester Florence Rossignol imponiert, wie sehr die dich eingeplant hat. Hast du denn auch alles soweit drauf, was dir Hera Matine über Geburtshilfe beigebracht hat?"

"Da ich ja keine echte Geburt erleben konnte kann ich nur das machen, was in der Theorie geht."

"Ist schon klar, Julius. Aber wie bekommt dir die neue Umgebung in Paris?"

"Hmm, ich bin froh, wenn ich morgen mit Catherine in die Rue de Camouflage gehe. Irgendwie komme ich mir hier bestellt und nicht abgeholt vor. Und wenn ich mal rauskomme, ersticke ich fast in der Stadtluft. Hier hängt mehr Smog über der Innenstadt als in London. Aber ich denke, das wolltest du nicht hören."

"Wieso nicht, Julius? Natürlich interessiert mich das, wie es dir geht. Die Umwelt ist, wie der eigene Körper, ausschlaggebend für das Befinden der Seele. Wenn du dich nicht wohlfühlst oder dir fremd oder unnütz vorkommst macht das schon was aus", gab Aurora Dawn zurück. "Mein Angebot steht ja noch, daß du in den Ferien mal zu mir kommst. Sydney ist zwar nicht gesünder, was die Luft angeht, und dieses Ozonloch macht uns hier schon Sorgen, aber dafür haben wir mehr Natur, Mehr Meer. Vorgestern bin ich mit einigen Hexen aus der Hidden-Groves-Clique bei diesem Großen Barriereriff getaucht und habe mir die Korallenbänke und die vielen Tiere dort angesehen."

"Mit dem Kopfblasenzauber?" Fragte Julius zwischen Aufmunterung und leichtem Neid.

"Na klar, Julius. Wir haben uns mit einem Boot da rausfahren lassen und sind dann untergetaucht. Diese Weltzeituhr, die du auch hast, ist schon was tolles. Meine Bekannte Heather Springs hat sich dieses Wunderwerk gekauft und konnte damit bis einhundert Meter tief tauchen, ohne daß es zerdrückt oder naß geworden wäre. Du kennst Heather vielleicht noch von deinen ersten Weihnachtsferien in Hogwarts?"

"So'ne Brünette mit braunen Augen?" Fragte Julius, dem bei der Namensnennung "Heather Springs" sofort Erinnerungen ins Bewußtsein strömten, wie er bei Aurora Dawn war, mit ihr den australischen Zauberpark Hidden Groves besucht hatte und dabei mit einigen ihrer Bekannten zusammengetroffen war und dann natürlich das Quidditchspiel Sydney gegen Canberra, nachdem er die Spielerinnen Pamela Lighthouse und Rhoda Redstone kennengelernt hatte.

"Joh, die ist das. Hat jetzt einen Job in der Tierwesenbehörde in Canberra."

"Wie geht es eigentlich Mrs. Lighthouse?" Fragte Julius.

"Ach, du liest ja den Stern des Südens nicht. Die hat ja vor drei Monaten ihre Tochter Marcia zur Welt gebracht. Ich habe ihr dabei geholfen, kannst du dir ja denken. Sie pausiert jetzt für ein halbes Jahr. An ihre Stelle ist Vanessa Hawkbeak getreten, die bei den Sparks auf der Reservebank saß oder dann einsprang, wenn sich Pamela für ein Spiel der Nationalmannschaft bereithalten mußte. Laurin Lighthouse hat mich mal gefragt, ob an den Gerüchten was dran sei, daß jemand junges eine geniale Illusionslaterne gebaut hätte. Ich habe ihm nur gesagt, er möge sich doch die Patentnehmerlisten ansehen."

"O Mist, daran habe ich nicht mehr gedacht. Ich wollte ja Lizenzen vergeben, nachdem Claire mir das erlaubt hat, diese Laterne nachbauen zu lassen", fiel es Julius auf, daß er versäumt hatte, sich ohne sein Zutun neue Einkünfte zu sichern.

"Du hattest wichtigeres im Kopf, und ich denke mal, daß du damit erst klarkommen wolltest, bevor du dich für materielle Dinge interessierst."

"Och, an und für sich hätte ich schon gerne einen Porsche, einen zweistrahligen Privatjet und 'ne Villa in Südfrankreich. Aber den Porsche brauche ich nicht unbedingt, weil ich ja den Ganymed habe, weshalb ich auch den Jet nicht mehr brauche. Die Villa muß ja nicht unbedingt in Südfrankreich stehen", scherzte Julius.

"Oh, das lass aber deine Freundin nicht hören! Ich gehe doch mal schwer davon aus, daß die nicht umziehen möchte. Kann ich ihr auch voll nachempfinden."

"Klar, Aurora. Muß ja auch nicht gleich 'ne Villa sein", sagte Julius. Aurora Dawn ließ sich mit einer Antwort eine Viertelminute Zeit und sagte dann mit ernster Stimme:

"Hast du was neues von Dumbledore gehört? Vor kurzem war ein Wasserträger von Fudge bei Mrs. Rockridge und hat verlangt, ihn festzunehmen, wenn er bei uns auftauchen sollte. Ministerin Rockridge hat diplomatisch abgewiegelt und gesagt, daß Dumbledore nicht so töricht sei, so weit von England fortzureisen, weil er sich dadurch ja jeder Unterstützung berauben würde. Aber man sei schon gewillt, den britischen Zaubereibehörden zu helfen, gegen straffällige Magier vorzugehen."

"Glaubt die denn, daß Dumbledore der Verbrecher ist, der die Massenflucht angeleiert hat?" Wollte Julius wissen.

"Kein Stück, Julius. Die hat, als das bei ihr ankam - und einmal darfst du raten, wer ihr das erzählt hat! - gleich gesagt, daß Dumbledore gewiß nicht so irrsinnig sei, eine Armee aus Schülern zu rekrutieren, wo es genug voll ausgebildete Zauberer gäbe, die ihn unterstützen wollten, wenn er ihnen erklären und beweisen könne, daß der Unnennbare wieder da sei."

"Apropos, Lord Du-weißt-schon-Wer", griff Julius den neuen Faden auf. "Gibt's bei euch denn noch welche, die ihm hinterherlaufen?"

"Bei seiner Zeit in England gab es einige, die gerne seiner Fahne gefolgt wären. Aber die Geschwister Perdita und Grendel Shadelake haben das schnell unterbunden. Die hatten hier die dunkle Szene voll im Griff, um einen Muggelausdruck zu bemühen."

"Hatten?" Wunderte sich Julius, der von Shadelake im Zusammenhang mit australiens Zauberschule Redrock gehört hatte.

"Tja, hatten, Julius. Vor fünf Monaten mußten die wohl irgendwem auf die großen Zehen getreten sein und sind irgendwie sehr gruselig verändert aufgefunden worden. Sie leben aber irgendwie noch, wenngleich keiner weiß, was sie nun empfinden, außer denen, die das mit ihnen angestellt haben."

"Hmm, wie hat man die denn gefunden?" Fragte Julius.

"Wie bei den Naturwissenschaften kann in der Magie alles auch eine böse Anwendung haben, so auch Verwandlung und Heilkunst, Julius. Ich möchte auf weitere Details verzichten. Gesichert ist nur, daß die Shadelakes die längste Zeit am Ruder waren. Ich kriege das mit, wenn wieder einer oder eine von denen verschwindet, wenngleich es merkwürdigerweise mehr Zauberer als Hexen sind. Ich fürchte, jemand schafft Raum für einen neuen Meister, und der muß nicht der Unnennbare sein."

"Wie kommst du darauf?" Fragte Julius, nun von der aufgeheiterten Stimmung weiter fort als die Erde von der Sonne.

"Weil Du-weißt-schon-Wer immer versucht, ihm genehme Leute zu überzeugen, für ihn zu arbeiten. Wer nicht will, stirbt sofort. Was hier aber abläuft, braucht Minuten. Wenn der Unnennbare aber im verborgenen bleibt, weil er alle glauben machen will, er sei nicht wiedergekommen, muß da wer anderes ohne Sinn für Menschlichkeit und Gesetz hantieren, der oder die noch schlimmer drauf ist. Ministerin Rockridge vermutete sogar, daß da jemand gezielt gegen ihn arbeitet, der oder die ebenbürtig ist und ihm zeigen will, daß er in Australien oder Amerika nichts verloren hat."

"O stimmt, ich hörte auch, daß in den Staaten jemand hinter dunklen Magiern her ist, der nicht unbedingt für die Zaubereiminister ist. Schon interessant, aber auch furchtbar."

"Oh, jetzt habe ich dich aus deiner guten Stimmung herausgegrault, Julius. Eigentlich wollte ich das nicht erzählen. Aber ich fand, daß du alt genug bist, dich über das Geschehen in der Zaubererwelt zu informieren, soweit es in den Zeitungen steht."

"Schon gut, Aurora, ich war ja auch zu neugierig", gestand Julius der in Australien lebenden Hexe zu. Sie redeten noch über die Sachen, von denen Aurora noch nichts wußte. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Als Julius nach zwanzig Minuten den Hörer auflegte sagte seine Mutter:

"Da gibt es also eine Hexe, die gegen Voldemort kämpft, einen Schattenkrieg ohne klare Fronten führt. Das muntert nicht gerade auf."

"Wie kommst du darauf, daß es sich bei Voldemorts Gegenspieler um eine Hexe handelt, Mum?"

"Ich habe mithören können, Julius. Aurora Dawn sprach ja laut genug, und meine Ohren haben durch Bach und Vivaldi noch nicht so viel Empfindlichkeit eingebüßt wie die meiner auf die Rolling Stones abfahrenden Klassenkameraden. Sie sagte, daß weniger Hexen als Zauberer verschwanden. Außerdem ist es ein groteskes Zeichen, wenn Leute nicht umgebracht sondern zur Unkenntlichkeit verstümmelt oder verwandelt werden. Jetzt weiß ich von Aurora und dieser Madame Matine auch, daß es immer schon mehr Hexen als Zauberer in der Heilkunst gab und daß sie diesen Zweig der Magie gerne mit anderen Zauberfertigkeiten verknüpft haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß Voldemorts Widersacher weiblich ist, ist daher ziemlich hoch. Denn wenn es diesem Verbrecher darum geht, Leute seiner kranken Denkweise um sich zu versammeln oder gleich zu töten, so könnte doch auch jemand anderes diesen Weg verfolgen. Sicher können Frauen Tyrannen gut verfallen, wie die Geschichte leider häufig gezeigt hat. Aber um jemanden von der eigenen Idee zu überzeugen ist die Zugehörigkeit zum Geschlecht des zu überzeugenden nicht selten wichtig."

"Ja, aber das ist doch noch längst nicht ausreichend, um so sicher auf eine Hexe zu tippen, Mum."

"Hinzu kommt ein Faktor, den du selbst im Sommer mitbekommen hast. Ich spreche von diesem Buch über diese geheime Schwesternschaft und ihren schwarzmagischen Ableger."

"Aja, Mum. Jetzt steige ich da durch. Du denkst, daß die schweigsamen Schwestern, genauer die von ihnen abgespaltene Nachtfraktion, von der man als außenstehender nur weiß, daß es sie geben soll, Gegenmaßnahmen gegen Voldemort getroffen hat, um ihn nicht noch mal so hochkommen zu lassen wie vorher. Wahrscheinlich sind bei der ersten Terrorherrschaft viele von denen über die Klinge gesprungen."

"Siehst du, das wird es sein. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine Hexe als unmittelbaren Widersacher auf der dunklen Seite der Macht auf über achtzig Prozent. Du siehst, ich merke mir schon, was ich aus deiner neuen Welt höre, allein um mitreden zu können", sagte Julius' Mutter sehr entschlossen. Julius sah sie beeindruckt an und sagte:

"Nachdem, was ich gelesen habe, gibt es die eigentliche Schwesternschaft schon seit dem zwölften Jahrhundert, als die ersten Hexenjagden losgingen. Die sind also lange genug im Geschäft, um was gegen Voldemort zu haben. Für die dürfte der doch ein total verachteter Typ sein, den man bei der ersten Gelegenheit plattmachen muß."

"Ein Emporkömmling, Julius, der sich gegen die gewachsenen Gesellschaftsstrukturen auflehnt und zu schnell zu groß wird, wie die Bürger der Städte im Mittelalter oder Neureiche Geschäftsleute von heute, die gegen die altehrwürdigen Handelsfamilien antreten und sie verdrängen."

Julius hatte bei dem Wort "Emporkömmling" zusammengezuckt. Er hatte dieses Wort, immer mit Verachtung betont, von mehreren Hexen sagen hören, eine davon war seine frühere Jahrgangskameradin Lea Drake, die bei den überheblichen und Muggelverachtenden Slytherins untergekommen war. Die andere Hexe war Lady Genevra von Hidewoods gewesen, die er vor einem Jahr in den Osterferien getroffen hatte, bevor er von Mrs. Priestley aus seinem Elternhaus geholt worden war. Konnte es sein -? Es war nicht unmöglich, aber auch sehr abenteuerlich, sowas zu vermuten.

"Was ist, Julius? Habe ich eine Seite in deinem Gedächtnis angeklickt, auf der wichtige Informationen zusammengetragen sind?" Fragte Mrs. Andrews.

"Hmm, Mum! Kann sein, daß ich zumindest von einer Hexe weiß, die in dieser Schwesternschaft ist, möglicherweise sogar in dieser Nachtfraktion. Allerdings wäre es dann ja dumm von denen, sich so leicht erkennen zu lassen."

"Will sagen, es wird dann also nicht stimmen", sponn Martha Andrews den Faden weiter, den Julius geknüpft hatte.

"Richtig, das muß ich erst einmal annehmen, bis ich mehr weiß. Sonst würde ich nachher noch wen verdächtigen, der oder die völlig unbescholten ist."

"Moment, diese Schwesternschaft ist ja nicht mehrheitlich machtsüchtig, oder?"

"Hmm, je nachdem, was sie unter Macht verstehen und wie sie sie ausüben, Mum. Aber so gesehen entspricht die Nachtfraktion den Teufelsanbetern im Christentum oder den schwarzen Druiden der kelten oder herrschsüchtigen Voodoo-Priestern. Die stellen ja auch die Minderheit dar."

"Dann wird das Wort vom Emporkömmling wohl in allen Fraktionen gepflegt, eben weil die schon länger im Geschäft sind, Julius. Kann also sein, daß die, von der du vermutest, daß sie dazugehört, der überwiegenden Mehrheit, dem friedfertigen Teil angehört. Aber ich verlange nicht von dir, mir den oder die Namen zu nennen, die dir da einfallen. Es ist besser, unbegründete Verdachtsmomente zu verschweigen, um nicht die falschen zu beschuldigen oder die richtigen zu früh zu warnen. Zumindest kommt das in jedem besseren Krimi vor."

"Jedenfalls meine ich das, wie ich es gesagt habe, Mum. Hier bin ich im Moment irgendwie wie bestellt und nicht abgeholt. Sicher, nachdem Lester und Malcolm diesen Blödsinn angestellt haben, von dem Paps mir erzählt hat, wäre ich in London auch allein gewesen."

Von unten erklang laute Musik. Julius hörte Babette leicht neben der Tonart mitsingen. Er verstand nicht, was sie sang, wohl weil es kein Französisch oder irgendeine echte Sprache war. Er hörte nur das Wort "Macarena" heraus.

"Mann, Babette! Dieses blöde Lied geht mir auf die Nerven", polterte Joe Brickston sichtlich verärgert in die Musik hinein.

"Mit dem Lied hat sie's seit vier Wochen, Julius. Das ist ein gemeiner Ohrwurm, der in den Verkaufshitparaden ganz weit oben herumgondelt. Wenn Joe wüßte was die da wirklich singen würde er vielleicht sogar handgreiflich", erklärte Martha Andrews, worum es da unten überhaupt ging.

"Ist wirklich eingängig", sagte Julius und versuchte, die Melodie im Refrain mitzusummen. Seine Mutter grinste erst und meinte dann:

"Gib deinem Körper Freude, Macarena, denn dein Körper ist für die Freude gemacht, eine gute Sache."

"Häh?! Klingt irgendwie wie 'ne billige Anmache oder der Aufruf, die Sau rauszulassen. Ist das denn Spanisch?"

"Andalusischer Dialekt. Schwer zu verstehen, weil die gerne die S-Laute schlucken, Julius. Ich habe mir die gerade angesagte Version mal angehört und das übersetzt, was die Männer im Refrain singen. Dazu gibt es sogar den passenden Tanz."

"Dann doch lieber das, was Madonna da singt vonwegen Aufruhr", grinste Julius.

"Babette, ist gut jetzt!" Rief Joe. Doch Babette gab keine Ruhe. Sie drehte die Stereoanlage voll auf und ließ das Lied mit mörderischer Lautstärke durch das Haus dröhnen. Dazu sang die kleine halbmuggelstämmige Hexe aus vollem Hals das, was sie aus dem Refrain herauszuhören meinte.

"Ist gut, daß Madame Faucon nicht mitkriegt, was ihre Enkelin so alles hört", meinte Mrs. Andrews dazu.

Die Stereoanlage wurde plötzlich stumm. Joe polterte gut genug zu verstehen auf englisch:

"Ich habe dir gesagt, ich kann diesen Blödsinn nicht hören, Babette Brickston. Dieser scheiß Ohrwurm sägt mir an den Nerven. Außerdem ist das was die da singen vulgär, zumindest das, was dieses dumme Weib in den Strophen singt."

"Je ne comprend pas", antwortete Babette sehr laut.

"Du verstehst mich schon sehr gut", erwiderte Joe, wobei er jede einzelne Silbe wie einen Pistolenschuß abfeuerte. "Denkst du, ich breche mir jetzt einen ab, dir auf französisch meine Meinung zu sagen?"

"Das kann Babette erwarten, wenn sie hier lebt", mischte sich Catherine ein. "Ansonsten hast du natürlich recht, Joe. Das ist Schund, was die da von sich geben. Außerdem sind wir nicht allein im Haus, Babette."

"Die sind doch schon die ganze Zeit wach. Ich habe Julius doch schon da oben rumlaufen gehört", kam es von Joe nun soeben noch zu verstehen bei den Andrews' an.

Babette sang wieder, ohne die Musik zu brauchen. Sie lachte dabei und rannte wohl in der Wohnung herum. Ihre Mutter rief sie zur Ordnung. Dann erst war Ruhe.

"Machen wir uns tagesfertig, Julius!" Entschied Martha Andrews und stand von ihrem Bett auf, weil Julius beim Telefonieren und danach auf dem drehbaren Schreibtischstuhl gesessen hatte.

"Ich gebe dir vollkommen recht, Mum, daß Professeur Faucon das nicht durchgehen läßt, wenn Babette Lieder hört, wo eine Frau aufgefordert wird, ihrem Körper Freude zu geben, was ja wohl ziemlich eindeutig ist."

"Eben weil sie den Text ja verstehen kann", sagte Martha Andrews.

eine Stunde nach dem Frühstück klingelte das Telefon schon wieder. Martha ging ran und hörte eine gewisse Zeit zu, was gesprochen wurde. Dann zog sie die Zimmertür zu und sprach leise zu jemanden. Julius war drauf und dran, an der Tür zu lauschen. Doch seine Mutter würde das bestimmt mitbekommen, wenn er nicht mehr im Wohnzimmer blieb und wohl einen guten Grund haben, ihn nicht mithören zu lassen, was sie sagte. Ihn kribbelte es in den Fingern, sich die Langziehohren, die Kevin Malone ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, aus dem Zimmer zu holen und die Dinger mal auszuprobieren. Doch auch das wollte er nicht. Wenn es wichtig war, würde er es früh genug von seiner Mutter mitkriegen und wenn es ihn nichts anging, würde er es sich mit seiner Mutter verscherzen. Dann hätte er von seiner Familie niemanden mehr, der ihn gut kannte, um zu verstehen, wenn er sich nicht gut fühlte oder mit ihm klarkommen konnte, wenn er was sagte, was vielleicht nicht paßte.

Es klingelte an der Tür. Julius nahm den Hörer der Sprechanlage und fragte, wer unten sei.

"Madame Delamontagne, Julius. Machst du bitte die Tür auf!" Kam die Antwort einer wohlbekannten Stimme. Julius drückte den Summer und lauschte auf das metallische Klack, das ihm verriet, daß die hintere Haustür geöffnet worden war. Er hängte den Sprechanlagenhörer wieder ein und schloß die Wohnungstür von innen auf.

Madame Delamontagne kam gerade die Treppe zum ersten Stockwerk herauf. Sie war in Begleitung ihrer Tochter Virginie und Barbara Lumière, die brav hinter der fülligen Hexe herstapfte.

"Mum, Madame Delamontagne, ihre Tochter und Barbara sind gerade hier angekommen!" Rief Julius, als die drei Hexen das Stockwerk erreicht hatten, auf dem die neue Wohnung der Andrews' lag. Mrs. Andrews öffnete kurz die Tür ihres Zimmers und rief zurück:

"Huch, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Aber lass sie ruhig rein. Es ist noch Kaffee in der Thermoskanne. Ich muß noch was besprechen, bevor ich zu euch kommen kann." Sprach's und machte die Tür wieder zu.

"Erst einmal einen wunderschönen guten Morgen!" Wünschte Madame Delamontagne. Julius nickte, bevor sie ihn in die landesübliche Begrüßungsumarmung nahm und ihm einen Kuß auf jede Wange gab. Dann folgte Virginie, die Julius auch die Hand reichte. Barbara begrüßte landesüblich, wobei sie die Umarmung wesentlich heftiger ausführte. Sie sagte:

"Na, bei dieser miesen Luft da draußen traust du dich bestimmt nicht mehr raus, oder?"

"Öhm, ja, Barbara. Ich habe das mit dem Morgentraining erstmal vergessen. Bei dem Dunst da draußen ... Aber kommen Sie und kommt ihr bitte ins Wohnzimmer. Darf ich die Übermäntel aufhängen?" Julius nahm die leichten Mäntel ab, unter denen die drei Hexen in der Muggelwelt durchaus normale Frauenkleidung aus Rock und Bluse trugen.

"Wir werden heute die Rue de Camouflage besuchen und dort nach Walpurgisnachtkostümen suchen", erzählte Madame Delamontagne, während sie sich an den großen Wohnzimmertisch setzte. Sie war die Einzige von den dreien, die diese Wohnung schon besucht hatte. Die beiden Junghexen staunten über die Größe des Wohnzimmers.

"Das die das durchgesetzt haben ist schon interessant", fand Barbara. "Ich hätte gedacht, die dürften eine von einem Muggel bewohnte Wohnung nicht mit Raumveränderungszaubern behandeln. Aber dafür haben dann alle platz, die dich hier besuchen wollen, Julius."

"So soll das wohl gedacht sein, Barbara. Möchten Sie was trinken? Es ist noch Kaffee da oder Mineralwasser."

"Ich trinke von dem Mineralwasser", sagte Barbara. "Zuviel Kaffee macht mich hibbelig."

"Da ist aber Kohlensäure drin, Barbara", wies Julius das Hexenmädchen hin. Dieses rümpfte die Nase und meinte:

"Bring's mir her. Wenn's mir zu lästig ist, löse ich die einfach aus dem Wasser."

"Habt ihr auch Fruchtsaft da?" Fragte Virginie. Julius meinte, daß er frische Orangen auspressen könne. Virginies Mutter bat um Kaffee und hielt Julius an, die Orangen ja gut genug abzuwaschen, damit Virginie nichts von den schädlichen Chemikalien abbekäme, mit denen die Muggelbauern ihre Pflanzen besprühten, um sie gegen Insekten oder Pilzbefall zu schützen. Julius entgegnete beruhigend:

"Keine Sorge, Madame. Ich habe auch keine Lust auf dieses Herbicidzeug."

Er holte die Thermoskanne mit Kaffee, verwandelte mit der elektrischen Saftpresse zwei Orangen in genug Saft für ein großes Glas und holte eine Flasche Mineralwasser und das geeignete Glas dazu.

Barbara trank einen Schluck, stieß mit geschlossenem Mund auf und meinte, daß ihr das mit dem Kohlensäuregas zu lästig sei. Mit ihrem Zauberstab ließ sie innerhalb von drei Sekunden alle Kohlensäure aus dem Wasser entweichen.

"Meine Mutter muß wohl was wichtiges klären, bevor sie Zeit für Sie und euch hat. Wir hatten heute morgen schon einen Anruf von Aurora Dawn. Die wollte wissen, wie's mir geht", sagte Julius.

"Und, was hast du ihr gesagt?" Fragte Madame Delamontagne in ihrer erhabenen Sprechweise.

"Das die Luft in Paris nicht zu empfehlen ist und ich zeitweilig wie bestellt und nicht abgeholt herumhänge, wenn ich nicht gerade Hausaufgaben mache."

"Deshalb sind wir ja hier", sagte Barbara entschlossen. "Bevor wir in die Rue de Camouflage wollten, wollten wir euch besuchen. Wir hatten nur Bammel, daß ihr noch schlaft oder aus dem Haus seid."

"Wir haben uns gleich am Montag in der Stadt umgesehen und für mich Alltagsklamotten für hier geholt", erwähnte Virginie.

"Wir wissen ja, daß du mit Catherine Brickston morgen zu den Dorniers gehst, wo auch die jungen Damen Dusoleil und der junge Monsieur Deloire hinkommen werden", sagte Madame Delamontagne. "Sonst hätten wir dich heute mitgenommen. Aber du kommst ja mit deiner Mutter sowieso zum Osterwochenende nach Millemerveilles. Ich hole euch am Freitag abend von hier ab."

"Das ist nett von Ihnen, Madame. Wir hatten nämlich schon gedacht, wieder mit einem Auto abgeholt zu werden", sagte Julius.

"Mit einem von diesen stinkenden Krachwagen da draußen? Das ist nicht dein Ernst", warf Barbara ein. Madame Delamontagne räusperte sich. Dann sagte sie:

"Selbstverständlich reisen wir wieder in der Reisesphäre. Deine Mutter kann vor der Abreise den Muggelabwehrbannhemmungstrank einnehmen, dann können wir direkt im Ankunftskreis von Millemerveilles ankommen. Mademoiselle Lumière hat recht, wenn sie einwändet, daß diese Motorfahrzeuge nicht mehr standesgemäß sind."

Sie unterhielten sich eine Weile. Julius ließ sich nicht anmerken, daß es ihn beunruhigte, wielange seine Mutter telefonierte. Sicher, er wußte nicht, ob das nicht völlig normal war, daß sie länger am Telefon hing. Aber irgendwie gefiel ihm das nicht. Doch er würde nicht fragen, was los war. Daß die drei Hexen im Wohnzimmer saßen, lenkte ihn gut genug von seiner Mutter ab. Zwischendurch klang noch mal dieses Macarena-Lied von unten hoch. Joe Brickston fluchte ungeniert und jagte Babette, die das Lied mitträllerte, soweit sie es zu verstehen meinte.

"Hat dieser Mensch keinen Anstand, einem Kind so derbe Ausdrücke vorzufluchen?" Fragte Madame Delamontagne höchst erzürnt dreinschauend. Virginie saß nervös auf ihrem Platz, während Barbara nicht zeigte, was sie davon hielt.

"Die hat uns heute morgen schon dieses Lied mit voller Lautstärke vorgespielt, Madame. Monsieur Brickston geht das auf die Nerven, und Mum hat mir das übersetzt, was die auf Spanisch singen."

"Ach, dieser ungeratene Gassenhauer, der in der Muggelwelt gerade Furore macht", bemerkte Madame Delamontagne.

"Verdammt noch mal, Babette, hör mit diesem Scheißlied auf! Nur weil du so'ne abgedrehte Hexe bist und deine Mutter weg ist hast du hier noch lange nicht alles zu bestimmen, klar!"

"Hups, das war aber jetzt sehr derb", grinste Barbara. Madame Delamontagne erhob sich für eine Sekunde und ließ sich dann wieder auf ihren Stuhl sinken.

"Es obliegt mir nicht, diesem Muggel Anstand beizubringen", seufzte sie ungehalten. "Wenn ich jedoch bedenken muß, daß sie in drei Jahren nach Beauxbatons kommen soll und dann solche Unflätigkeiten als Alltagssprache gewohnt ist, ist es schwer, mich zurückzuhalten."

"Ich möchte ihn nicht verteidigen, Madame. Aber stellen Sie sich das bitte mal vor, wie das ist, erst nach der Hochzeit zu erfahren, daß die eigene Frau eine Hexe ist und daß wohl alle Kinder mal zaubern oder hexen können. So ähnlich hat das ja meine Eltern auch umgehauen, als wir von Hogwarts hörten und ..."

"Du mußt hier kein Plädoyer für einen Muggel halten, der dich nicht ausdrücklich darum gebeten hat, Julius. Mir ist die Situation von Blanche in aller mich angehenden Ausführlichkeit geschildert worden, eben weil Catherine ja aus Millemerveilles fortzog und wir klären mußten, wie ihr weiteres Leben verlaufen würde. Aber das gibt diesem Menschen da unten noch lange nicht das Recht, seine eigene Tochter mit derartigen Schmutzwörtern zu traktieren. Ich komme wohl nicht umhin, Blanche von dieser Unsitte zu berichten."

"Ich kann Sie nicht daran hindern", seufzte Julius resignierend. "Nur denke ich, daß da aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird, wenn er sich dann noch von seiner Schwiegermutter was anhören muß, wenn der Grund dafür schon lange Geschichte ist."

"Junger Mann, ich schätze deine Loyalität zu Leuten deiner früheren Lebenswelt und kann auch nachempfinden, daß eine Beziehung zwischen Muggel und Magier nicht nur harmonisch verläuft. Was ich jedoch über den Gebrauch derber Ausdrücke sagte und darüber beschlossen habe, halte ich aufrecht. Es geht eben darum, daß die junge Mademoiselle Brickston nicht in der Ansicht erzogen wird, niveaulose, ja höchst vulgäre Ausdrücke seien üblich oder gar normal. Immerhin sitze ich mit im Elternbeirat von Beauxbatons, und da wird Babette sicherlich eingeschult, nachdem, was ich schon von ihren Zaubergaben weiß."

"Du hast das nicht mitbekommen, wie Claude Muller bei seiner Einschulung gesprochen hat. Der hat unsere Sprache total verhunzt und da, wo es sich anbot gerne schmutzige Begriffe eingestreut. Du glaubst nicht, daß man sich damit viele Freunde in unserer Schule macht, Julius", sprang Virginie ihrer Mutter bei. "Vor allem wie der über Mädchen gelästert hat war nicht schön."

"Huch, gut daß ich da gerade bei euch in Hogwarts war, Julius. Auch wenn der im weißen Saal wohnt hätte ich den bei der ersten sich bietenden Gelegenheit bestimmt heftig bestraft", sagte Barbara zu Julius.

"Da hat der Typ ja noch mal Glück gehabt", sagte Julius leicht gehässig dreinschauend.

"Ich hörte, daß Madame Hellersdorf morgen ebenfalls zu der Familie Dornier kommen wird", wechselte Madame Delamontagne das Thema. Unten beruhigte sich die Lage einstweilen. Offenbar hatte Babette diesen Ohrwurm nicht auf Casette oder CD, sonst hätte sie ihn bestimmt noch mal voll aufgedreht.

"Ja, sie bringt Laurentine zu Céline. Ob sie dann da bleiben darf weiß ich nicht", bestätigte Julius.

"Soviel ich weiß hat sie wohl die Tagesbesuchserlaubnis. Außerdem muß sie mit ihr ja abends wieder zurückfahren können", sagte Madame Delamontagne.

"Es ist auf jeden Fall besser, daß ihr euch um sie kümmert als wenn sie irgendwo anders hingebracht werden müßte", sagte Virginie zu Julius gewandt. "Immerhin kommt sie nun endlich mit unserer Schule und mit ihrer Natur ins Reine. Freundschaften sind da sehr wichtig."

"Dies ist zwar korrekt, aber nicht ausreichend, wenn die innere Haltung nicht stimmt, Virginie. Immerhin begreift dieses Mädchen es endlich, wo sie ist und warum sie dort ist. Wenn du also Barbaras Würde übernimmst, wirst du sicherlich weniger Schwierigkeiten mit ihr haben", sagte Mutter Delamontagne zu Tochter Delamontagne.

"Bis dahin habe ich die richtig eingestellt, Madame Delamontagne. Ich bin zumindest froh, daß sie am Jahresende die Einzelflugprüfung macht. Vielleicht gefällt ihr das auch mit der Walpurgisnacht so sehr, daß sie zu gerne auf einem Besen fliegen will."

"Barbara, ich will dir ja nichts, aber ich denke, das kannst du vergessen", warf Julius schnell ein.

"Wir werden sehen", erwiderte Barbara keineswegs ungehalten oder überrascht, sondern überzeugt.

Martha Andrews betrat das Wohnzimmer und begrüßte die drei Besucherinnen. Sie entschuldigte sich für die Verspätung und fragte, ob Julius sie alle gut versorgt hätte. Alle drei nickten bejahend.

Sie unterhielten sich noch eine Weile über das anstehende Osterwochenende, bis Barbara fragte, ob Julius ihr und Virginie sein Zimmer zeigen könne. Er nickte und sah seine Mutter an, die ebenfalls nickte. So gingen Julius und die beiden Junghexen in sein zimmer. Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, deutete er auf den Schreibtischstuhl, dem einzigen richtigen Sitzmöbel. Barbara und Virginie schüttelten die Köpfe. Die Saalsprecherin des grünen Saales meinte:

"wir müssen uns nicht um einen freien Stuhl zanken, Julius. Du hast doch eine Tagesdecke auf deinem Bett, da können wir uns ohne weiteres auch hinsetzen."

"Na klar", erwiderte Julius nur. Als Virginie neben Barbara auf dem Bett saß, wartete Julius, bis die beiden Mädchen sich das Zimmer lange genug angesehen hatten. Irgendwie dachte er, daß Barbara ihn nicht nur aus reiner Neugier gefragt hatte, ob er ihr und Virginie sein Zimmer zeigen könnte.

"Ich möchte sehen, wie diese Computersachen funktionieren, über die du uns in Paximus' Unterricht erzählt hast", sagte Barbara und deutete auf Monitor und Computertastatur. Julius nickte und startete den Rechner. Er beschrieb, was auf dem Bildschirm zu sehen war und erwähnte noch mal, was ein Betriebssystem machte. Er zeigte, wo welches Laufwerk eingebaut war und führte nach erfolgreichem Systemstart einige Programme vor. Virginie und Barbara hingen mit den Blicken an Bildschirm und Tastatur.

"Papa hat gemeint, ich möge mit einer dieser Schreibmaschinen schreiben lernen, wenn ich in einem Büro mit viel Aktenkram zu tun haben sollte", meinte Barbara. Julius erzählte ihr, daß es zwar lange dauerte, so flott zu schreiben, und er selber habe ja drei Jahre gebraucht, um das zu lernen, nachdem er lesen gelernt hatte.

"Durch die Schreiberei mit der Feder bin ich etwas aus der Übung, Barbara. Früher konnte ich das schneller. Aber dieses Betriebssystem ist ja sehr einfach zu bedienen, weil alles wie eine Speisekarte per Auswahl geht. Ich nehme die Maus, ziehe sie auf dem Tisch entlang, und dadurch läuft auf dem Bildschirm der Zeiger mit. Wenn ich den Zeiger auf was geführt habe, was ich aufrufen oder anderswo hinschieben will, kann ich damit einfacher hantieren als mit der Tastatur."

"Welche Software hast du denn in diesem Kasten drin?" Fragte Barbara und zeigte, daß sie sich sehr viel von Julius Vortrag über Computertechnik gemerkt hatte. Er rief das Dateimenü auf und erklärte ihr, was die mit den Symbolen und Schriftzügen bezeichneten Programme taten. Er führte das zu Weihnachten bekommene Astronomieprogramm vor, wählte sich einmal ins Internet und suchte zum Vorführen Seiten mit den Wörtern "Barbara" und "Virginie". Natürlich gab es im weltweiten Computernetzwerk tausende von zutreffenden Seiten. Aber es genügte ja, um Sinn und Zweck des Internets und der es durchsuchenden Programme zu verdeutlichen. Dann ließ er einige Bilder, die er im Internet fand, über seinen Drucker auf Papier bringen, führte eine Textverarbeitung vor und ließ eine Musik-CD anspielen.

Nach dem Computer führte der ehemalige Hogwarts-Schüler seinen Schulkameradinnen den kleinen Fernseher vor, der neben dem Computermonitor stand. Es lief gerade ein Programm für Kinder ab. "Tom und Jerry" war gerade angesagt. Nach vier Minuten wünschten Barbara und Virginie, daß Julius ein anderes Programm einschaltete, und so landeten sie bei einer Debatte des französischen Parlaments und lauschten einige Minuten. Julius hatte sich nie für Politik interessiert, und für die beiden Mädchen war das Geplänkel der Muggelpolitiker auch völlig unverständlich. Da Julius kein Kabel- oder Satellitenfernsehen hatte, konnten sie nach insgesamt sechs klar empfangbaren Programmen nichts brauchbares finden.

"Mum hat den Fernseher im Wohnzimmer an eine Satellitenschüssel angeschlossen. Das ist ein Hohlspiegel aus Metall, der Bild- und Tonsignale aus dem Weltraum sammelt und in einen Empfänger bündelt, der das dann für den Fernseher umwandelt. Damit können wir alle europäischen Programme kriegen, die über Satelliten gesendet werden."

"Dazu sind diese Weltraumkörper gut, die die Muggel in die Erdumlaufbahn geschossen haben?" Fragte Virginie. Julius nickte.

Nachdem sie sich zur Vorführung einen Werbeblock im Fernsehen angeschaut hatten, schaltete Julius den Fernseher wieder aus und die kleine Stereoanlage ein. Er ließ Barbara ein paar CDs auswählen und spielte sie kurz an, darunter welche von Krachmeister B., seinem früheren Lieblingsinterpreten. Barbara und Virginie konnten beide genug Englisch, um die teils rüde, teils platte Ausdrucksweise des Rappers zu verfolgen. Julius, der fast alle Stücke auswendig kannte, sprach die gerappten Textzeilen leise mit.

Es klopfte an die Tür. Julius drehte die Lautstärke herunter und rief: "Herein!"

Madame Delamontagne trat ein. Sie sah nicht gerade erfreut aus. Ihr Blick suchte und fand Julius, der unvermittelt errötete.

"Ist das bei den Muggeln die übliche Jugendkultur?" Fragte die Dorfrätin für Gesellschaftsangelegenheiten aus Millemerveilles. Julius mußte nicken. "Nun, zumindest verstehe ich nun, weshalb Monsieur Brickston derartig derb daherrredet. Ich hoffe, die jungen Damen mögen das schnell wieder vergessen, was dieser Rüpel da aus deiner Musikmaschine gerade über Frauen und Mädchen geredet hat. Er erwirbt sich dadurch nicht gerade einen guten Ruf."

"Das will der ja auch nicht", widersprach Julius schnell, bevor ihm was besseres einfallen konnte.

"Immerhin hast du nicht diese Unarten von diesem Unholden übernommen, was Sprache und Verhalten angeht. Ich möchte dich jedoch bitten, gegenüber anderen jungen Damen diese form von, nennen wir es mal rhytmische Darbietung, so unbefangen vorzuspielen, wie du es diesen beiden jungen Damen gegenüber getan hast. Mademoiselle Lumière und meine Tochter sind wohl alt genug, um Unflätigkeiten anderer als solche zu erkennen und sie nicht zu übernehmen. Andere könnten ein falsches Bild von dir bekommen, wenn du solche primitiven Klangaufzeichnungen überschwenglich gerne erklingen lässt."

"Madame, ich wollte niemanden hier beleidigen. Ich habe lediglich Beispiele für die Musik abgespielt, die ich früher gerne gehört habe", verteidigte sich Julius. Barbara stand langsam auf und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er wollte noch was sagen, verkniff es sich jedoch.

"Madame Delamontagne, natürlich haben Virginie und ich rausgehört, daß dieser Künstler kein gutes Benehmen hat. Ihm geht es unweigerlich um Provokation. Wenn ich das in Muggelkunde richtig verstanden habe, erzielt man in den Medien der Muggel die meiste Aufmerksamkeit durch skandalöses Betragen. Ich habe Julius diese Musikscheiben ausgesucht, damit er mir und Virginie vorspielt, was darauf ist. Er hat nicht beabsichtigt, uns verbal zu erniedrigen."

Julius nickte, als Barbara das sagte. Virginie nickte ebenfalls, obwohl sie sehr verlegen dreinschaute und den Blick ihrer Mutter mied.

"Ein bedauernswerter Umstand in der Welt deiner Eltern, Julius. Ich weiß jedoch, daß es bei uns manchen Halodri und manche freizügige Person gibt, die sich ebenfalls durch regelmäßige Entgleisungen ins Gespräch bringt. Ich wollte nur betonen, daß es zu Mißverständnissen führen könnte, wenn du solche primitiven Wortspielereien beispielsweise Claire oder Sandrine vorführst", sagte Madame Delamontagne. Julius nickte. Er hatte sich früher immer ganz cool gefühlt, weil er Rapmusik gehört hatte, wo sein Vater nur alten Jazz und seine Mutter nur Barockstücke gut finden mochte. Aber nun, wo er sich noch mal an die Texte erinnerte, erkannte er, daß es für manchen wie eine Beleidigung herüberkommen mochte, wenn eine Frau bedenkenlos als Luder, Schlampe oder schlimmeres bezeichnet wurde, nur weil der Held eines Liedes sie gerne für sein Vergnügen haben wollte. Er stellte die Musik aus und suchte in den CDs nach einer, die er als Fünfjähriger mal geschenkt bekommen hatte, das musikalische Märchen "Peter und der Wolf". Er hörte, während er die CD einlegte, wie eine leicht rauhe, aber kraftvolle Frauenstimme aus dem Wohnzimmer klang und erkannte den Dialekt, den Laurentine sprach wieder. Als dann die Aufzählung der Leitmotive für die Figuren des Märchens begann, schloß Madame Delamontagne die Tür wieder von außen.

"Und zu der will Mum mit mir hin", dachte Julius, während sie der Erzählerin lauschten, die die Geschichte von Peter und dem Wolf vortrug, durch die entsprechenden Melodien unterbrochen.

Nachdem sie das ganze Märchen gehört hatten, bedankten sich Barbara und Virginie bei Julius. Barbara sagte leise:

"Madame Delamontagne mag dich, Julius. Sonst wäre es ihr vollkommen egal gewesen, ob du deinen Ruf durch Abspielen und Absingen dieser Krachmeister-Lieder verspielst oder nicht. Sie möchte halt nicht, daß du sie enttäuschst und sagt dir früh genug, wann du was machst, was ihr nicht passt."

Kurz vor dem Aufbruch der drei Hexen klopfte es an der Wohnungstür. Es konnte nur Joe oder Babette sein. Martha Andrews öffnete die Tür und bat Joe und Babette herein. Joe erklärte, daß er zu einer außerplanmäßigen Sitzung seiner Abteilung bestellt worden sei, obwohl er Urlaub habe und ob die Andrews' nicht auf Babette aufpassen mochten. Martha überlegte. An und für sich wollte sie mit Julius am Nachmittag zum Friseur, bevor Catherine mit ihm morgen in die Rue de Camouflage wollte. Doch sie stimmte zu und winkte Babette lächelnd zu, daß sie hereinkommen mochte.

"Stell hier aber nichts an, Babette! Nur weil Tante Martha und Julius wissen, daß du dieses Hexenzeug kannst hast du hier keinen Mist zu machen, klar?!" Herrschte Joe seine Tochter an. Madame Delamontagne räusperte sich vom Wohnzimmer her.

"Du hast Besuch, Martha?"

"Wir haben Besuch, Joe", berichtigte Martha ihren früheren Studienkameraden. Babette lief zum Wohnzimmer, blieb aber wie vor eine Glaswand geprallt stehen, als sie sah, wer dort war und wirbelte herum, daß ihre beiden schwarzen Zöpfe wild ausschlugen.

"O nein, Madame Delamontagne ist ja hier", wimmerte sie und wollte schon zu ihrem Vater zurücklaufen. Dieser erblaßte. dann sah er mit zusammengezogenen Augenbrauen zum Wohnzimmer hin, wo die imposante Erscheinung der Dorfrätin gerade in der Türöffnung auftauchte. Madame Delamontagne trat in den Flur und sah Joe Brickston an.

"Wie ich bedauerlicherweise hören muß pflegen Sie Ihrer Tochter gegenüber einen sehr unterentwickelten Wortschatz. Sollte es Ihnen als Vater in wichtiger gesellschaftlicher Stellung nicht wichtig und richtig erscheinen, Ihrer Tochter anständige Ausdrucksformen beizubringen?"

"Muß ich mich mit der unterhalten, Martha? Immerhin hast du hier Hausrecht", sagte Joe Martha zugewandt. Diese meinte:

"Sicher habe ich hier Hausrecht. Madame Delamontagne hat dir ja nur eine Frage gestellt, keine Anweisungen erteilt."

"Das glaubst du selbst nicht, Martha. Wenn diese Person was fragt, setzt sie immer eine bestimmte Antwort voraus, meistens eine, die auch eine Anweisung sein mag. Aber wie ich mit Babette rede ist mein Bier. Sag ihr das bitte", sagte Joe auf Englisch.

"Ich werde Madame Andrews' häusliches Hoheitsrecht nicht untergraben, Monsieur Brickston. Ich stelle nur fest, daß Babette es dann, wenn Sie sie mit vulgären Ausdrücken traktieren, in wenigen Jahren schwer hat, in einer Lehranstalt wie Beauxbatons gesittet aufzutreten und guten Anklang zu finden. Mehr möchte und darf ich als Gast nicht äußern. Das obliegt anderen Personen", sagte Madame Delamontagne sehr ruhig. Sie zog sich wieder zurück, während Joe Brickston erbleichte. Er hatte die unterschwellige Ankündigung verstanden. Julius, der ja schon mitbekommen hatte, wie aufgebracht Madame Delamontagne auf Joes Flüche reagiert hatte, wußte ja, daß sie Professeur Faucon darüber berichten würde.

"Am besten gehst du mit der Kleinen in den Streichelzoo, Martha. Ich gebe dir genug Geld mit, um Eintritt und Mittagessen zu bezahlen", sagte Joe schnell und zog einige größere Banknoten aus seiner Anzughose, offenbar bereits für eben diesen Zweck zurechtgelegt.

"Wenn du meinst, Joe", sagte Martha. Dann winkte sie Babette herein und beruhigte sie durch ein Lächeln.

"Tja, dann müssen wir beide eben morgen ganz früh zum Friseur, Julius", sagte Martha ihrem Sohn. Dieser nickte. Barbara, die das mitbekommen hatte, bot an, Julius mal eben die Haare zu machen. Seine Mutter rümpfte zwar die Nase, stimmte jedoch zu. Julius setzte sich noch mal ins Wohnzimmer und ließ Barbara mit ihrem Zauberstab über seinen Kopf herumwedeln, bis seine Haare wieder kurz und glatt anlagen. Dann verabschiedeten sie sich von Mrs. Andrews und Julius.

Julius hatte keine Lust auf einen Zoobesuch, wo es nur normale Tiere zu sehen gab. Er blieb allein. Seine Mutter hatte ihm Brühwürstchen und Tiefkühlpommes für den Mittag rausgelegt. Er nutzte die Zeit allein, um über die Zweiwegspiegelverbindung mit Gloria zu sprechen, sich eine Musikshow auf MTV anzusehen und dabei Notizen für Jeanne zu machen.

Doch irgendwann wurde es ihm doch langweilig. Er griff zum Telefon und wählte aus dem Speicher eine Nummer in einer Stadt bei Detroit. Er wollte es wissen, ob sein Vater ihn noch kannte. Doch am anderen Ende der Leitung kam nur das Rufzeichen dunkel und rauh zu ihm. Er ließ es zehnmal klingeln, bevor er auflegte. Eigentlich war es dort gerade am Morgen, fiel es ihm ein. Wieso meldete sich da niemand?

So um zwei Uhr nachmittags klopfte es an der Wohnungstür. Julius, der gerade mit dem Mittagessen fertig war und sich noch eben die Grillsoßenreste von den Lippen wischen konnte, öffnete die Tür. Catherine stand davor. Sie trug einen schicken königsblauen Gebrauchsumhang.

"Ich habe Joes Zettel auf dem Küchentisch gefunden. Ich dachte, du wärest mitgegangen. Martha hat dich ganz alleine hiergelassen?" Sie schnüffelte und stellte fest, was Julius zum Mittag gegessen hatte.

"Joe ist wohl bis fünf Uhr weg, deine Mutter wohl noch bis drei. Ich kenne diesen Tierpark. Babette hält es da mindestns drei Stunden aus, mit Mittagessen fünf. Möchtest du solange zu mir mit runter?"

"Hmm, ich habe soweit alles erledigt, was ich für die Schule machen mußte, auch Sachen für Jeanne. Geht also klar", sagte Julius und folgte Catherine, nachdem er kurz für seine Mutter eine Notiz geschrieben hatte.

Unten unterhielten sie sich über den Besuch der Delamontagnes und Barbara. Julius erwähnte auch, daß es Madame Delamontagne geärgert hatte, wie Joe mit Babette sprach und daß da wohl demnächst noch was von Professeur Faucon anstand.

"Maman weiß, daß Joe manchmal heftig reagiert. Ich weiß nicht, was sie tun wird, wenn Eleonore ihr etwas erzählt. Aber da mußt du dir keine Gedanken drum machen."

Als sie um vier Uhr bei Kaffee und Kuchen saßen, klang eine Frauenstimme aus dem Partyraum. "Catherine, sind Sie da?!" Catherine stand auf, ging in den Partyraum hinüber und sprach mit der Hexe, die Julius als Madame Latierre wiedererkannte, obwohl er sie nur am Elternsprechtag lange genug gehört hatte. Eine Minute später rauschte es im Kamin, es klapperte, und jemand klopfte sich Staub oder Asche von der Kleidung. Dann hörte Julius Schritte von zwei Personen. Er sah Catherine mit der sie überragenden rotblonden Hexe Hippolyte Latierre ins Esszimmer kommen.

"Ach, Julius ist auch da", flötete Martines und Millies Mutter. Julius erhob sich und begrüßte anständig die Besucherin. Dann fragte er:

"Sind die beiden Mädchen auch mit Ihnen hier?"

"Nein, die sind mit ihrem Vater und meiner Mutter in Lyon. Die kommen erst heute abend wieder. Ich habe mir das Training der Nationalmannschaft angesehen. Die steigen ja alle auf den Ganymed 10 um, wie du vielleicht gelesen hast. Am achten Mai werden sie ein Testspiel gegen Luxemburg bestreiten. Die alte Rivalität, du verstehst?"

Julius verstand. Luxemburg, obgleich per Amtssprache zur französischsprachigen Welt zählend, unterhielt anders als Belgien und die französische Schweiz keine Beziehung zu Beauxbatons, weil sie ihre minderjährigen Hexen und Zauberer, gerade einmal einhundertfünfzig, in einer eigenen Schule unterrichten ließen. Außerdem war das Verhältnis zur französischen Zaubererwelt getrübt, offenbar weil mal versucht wurde, die Obliegenheiten des Großherzogtums wie die des Fürstentums Monaco unter die Gesamthoheit des französischen Zaubereiministeriums zu stellen. In Luxemburg gab es nur zwei Quidditchmannschaften, die jedoch erstklassig waren. So war dann auch die Nationalmannschaft überragend.

"Hmm, wenn die Luxemburger auch den Ganymed 10 nehmen wird es aber nicht einfach für die Nationalmannschaft", bemerkte Julius.

"Tja, den nehmen die nicht. Die haben den Feuerblitz, aus Trotz, weil sie eben so unabhängig von Frankreich sein wollen. Wird ein interessanter Vergleich", stellte Madame Latierre fest. So drehte sich für eine Stunde alles um Quidditch, wer nun zur Erstauswahl der Nationalmannschaft gehörte, bis Julius fragte, ob Madame Latierre selbst schon einmal einen Ganymed 10 ausprobiert hätte. Catherine zuckte kurz mit den Wimpern. Doch sie beherrschte sich gut genug, daß es der amazonengleichen Besucherin nicht auffiel.

"Selbstverständlich habe ich den schon ausprobiert, Julius. Seit der auf dem Markt ist habe ich hundert Stunden darauf geübt. Außerdem habe ich mir den selbst zugelegt."

"Und, wie geht der so im Vergleich zum Neuner?" Fragte Julius, der tat, als müsse er besonders interessiert sein.

"Also mit dem Zehner kannst du alles was du vorher mit einem Neuner angestellt hast doppelt bis dreimal so leicht machen. Will sagen, es dürfte jemandem äußerst viel Feingefühl kosten, einen Ganymed 10 so zu fliegen wie einen Neuner, ohne aufzufallen", sagte Madame Latierre sehr betont sprechend. Julius rang darum, nicht zu erblassen. Hieß das, daß die Hexe wußte, daß er selbst diesen neuen Rennbesen hatte?

"Na, aber wenn jemand so'n Besen hat, wird er oder sie ja wohl kaum damit nur auf dem Neuner-Standard fliegen wollen", warf der Beauxbatons-Schüler schnell ein. Catherine nickte.

"Es sei denn, er muß", erwiderte Madame Latierre und grinste überlegen in die Gesichter Catherines und Julius'.

"Ich glaube nicht, daß ein Spieler in einer Quidditchmannschaft dazu angehalten wird, einen Ganymed 10 wie den Vorgänger zu fliegen. Immerhin kostet der 500 Galleonen, Hippolyte", hielt Catherine entgegen. Madame Latierre grinste jedoch immer noch und erwiderte ruhig:

"Für reguläre Mannschaften ist dies wohl richtig, Catherine. Aber wenn jemand gerade neu in eine Mannschaft gekommen ist und genug mit anderen Problemen zu tun hat als durch Angeberei mit einem Superbesen viel Wind zu machen, dann kann es ihm oder ihr durchaus angeraten werden, einen wirklich guten Besen unter Wert zu fliegen."

"Sie weiß es", dachten wohl Julius und Catherine zeitgleich, sagten jedoch kein Wort. Doch sie wollten es nicht ausplaudern, bevor Madame Latierre außer Anspielungen nichts eindeutigeres sagte.

"Ich gehe davon aus, Julius, daß du bald auch richtig einen Ganymed 10 kriegen wirst. Ich hörte da sowas, daß du gute Beziehungen hättest."

"Das ist wohl eine Übertreibung, Hippolyte", lachte Catherine. "Nur weil Julius unfreiwillig mit Belle Grandchapeau zusammengelebt hat hat er nicht gleich die besonderen Beziehungen."

"Außer zu Ihnen, Catherine, zu Ihrer Mutter natürlich, sowie Mademoiselle Dawn aus Australien. Außerdem, so hörte ich nicht nur von meinen Töchtern, hat ihm Monsieur Dornier selbst seinen Rennbesen überreicht und ihn damit vertrautgemacht. Außerdem denke ich, daß er sich mit der gesamten Familie Dusoleil sehr gut versteht, ebenso wie mit der respektablen Madame Delamontagne. Wenn er sich also gut ranhält, wofür nach Martines Aussage alles spricht, darf er bestimmt bald richtig auf einem Ganymed 10 mitspielen, zumal ja zwei starke Mannschaftsmitglieder des grünen Saales in diesem Jahr mit der Schule fertig werden. Aber ich möchte hier niemanden unter Druck setzen. Ich wollte nur sagen, daß der Ganymed 10 im Vergleich zum Vorgängermodell doppelt bis dreifach so gut ist." Sie lächelte nun überlegen.

"Sind Sie morgen auch in der Rue de Camouflage, Hippolyte?"

"Aber gewiß doch, wie auch Raphaelle und ihre zwei Grazien. Sie gehen dann zu den Dorniers, nicht wahr?"

"Erst nachdem wir für Julius passende Festbekleidung für Walpurgis gefunden haben", sagte Catherine.

"Das haben wir schon hinter uns. Meine Mildrid ist ja dieses Jahr zum erstenmal als Mitfliegerin am Start, und Martine möchte ja einen guten Eindruck zum Abschluß machen. Aber die Montferres sind noch am suchen", sagte Madame Latierre.

"Wann müssen wir morgen raus?" fragte Julius Catherine. Diese sagte, daß sie ihn um halb neun abholen würde.

Die Wohnungstür der Brickstons wurde aufgeschlossen, und Joe kam herein. Er wirkte sehr verdrossen und grüßte nicht sofort, als er im Flur stand und seine Jacke an die Garderobe hängte. Als er die wohl 1,90 Meter große Besucherin mit dem rotblonden Schopf sah, rümpfte er die Nase und wandte sich wortlos zu seinem Arbeitszimmer hin.

"Heh, Joe, so heftig kann deine Sitzung nicht verlaufen sein, daß du jeden Anstand vergessen hast", maßregelte Catherine ihren Mann. Dieser wirbelte herum, sah sie an und meinte:

"Ich kann dich nicht dran hindern, diese Leute durch unseren Kamin reinzulassen, Catherine. Aber hofieren muß ich sie dann auch nicht. Ich bin fertig für heute. Wenn Martha mit der kleinen wiederkommt, sage der Göre, sie soll heute bloß leise sein. Ich muß noch was nacharbeiten, was so'n Idiot aus der Netzwerkverwaltung verbockt hat. Wenn ich das bis morgen früh nicht hinkriege liegt die Firma für eine Woche auf Eis, und dann könnte ich mehr Zeit haben als dir oder mir lieb ist. Aber das interessiert diese Walküre da nicht. Also lass mich nun in Ruhe, Catherine!"

"Zum Abendessen kommst du aber da raus, ja", meinte Catherine nur sehr ernst. Joe hob für einen Moment die Schultern und ließ sie dann wieder niedersinken. Dann knurrte er was wie "Ich esse sowieso nich' viel" und schloß die Arbeitszimmertür zwischen sich und den anderen.

"Ich mach mich dann auch wieder auf, Catherine. Wir sehen uns dann ja morgen früh. Bis dann, Monsieur Andrews!"

"Bis bald, Madame Latierre", antwortete Julius.

nachdem Martines und Millies Mutter abgereist war zog Catherine Julius mit sich in ihr Arbeitszimmer, das ein permanenter Klangkerker war, wenn man die Tür und die Fenster richtig verschlossen hielt. Als Catherine die Tür sorgfältig zugemacht hatte, deutete sie auf einen freien Stuhl, auf dem Julius sich wortlos niederließ. Als auch Joes Frau saß, sah er sie erwartungsvoll an.

"Es spricht sehr für die Latierres, daß es noch nicht in Beauxbatons herum ist, daß du den Zehner hast, Julius. Kann möglich sein, daß du ohne es zu wollen mal zu gut damit ausgesehen hast. Aber ich werde dich deswegen nicht tadeln. Mit einem hat die werte Hippolyte nämlich recht: Bevor das jeder von sich aus herausfindet, sollten wir es hinbiegen, daß du den Besen offiziell als Ganymed 10 fliegen kannst. Das geht aber wohl erst in den Sommerferien, weil es dann wieder zu verdächtig wäre, wenn wir dich nach Ostern mit einem Ganymed 10 zurück nach Beauxbatons reisen lassen. Du hast aber eben so komisch gekuckt, als sie erzählt hat, daß sie morgen mit ihren Töchtern dort einkaufen geht. Hat sich das zwischen Mildrid und dir immer noch nicht geklärt?"

"Die Frage ist, was?" Erwiderte Julius leicht gereizt. "Millie meint, ich würde nur auf sie warten oder hätte eine Freundin nötig, die auch für diesen Sexkrempel schwärmt."

"Krempel ist das wohl nicht, sonst wären über zwei Drittel aller Fernsehprogramme für Erwachsene und diese ordinären Talkshows, die wohl eher verbale Schlammschlachten sind nicht überfrachtet mit diesem Thema. Ich denke aber, daß sie Claire gründlich unterschätzt, Julius. Ich habe Camille zeitweilig in der Schule erlebt, sowohl in der Grundschule von Millemerveilles als auch Beauxbatons. Zwar war sie einige Klassen über mir, aber ich habe doch dieses und jenes von ihr mitbekommen. Wenn sie ihr Verhalten an ihre Töchter vererbt hat hat Mademoiselle Latierre, Mildrid keinen Grund, dich zu bedauern oder zu meinen, sie wäre in Sachen sexueller Annäherung besser als Claire, nur weil sie vielleicht direkter ist."

"Ach, dann meinst du, daß Claire nur so tut, als sei sie nicht so interessiert?" Fragte Julius, der es wußte, daß Claire tatsächlich nicht so uninteressiert an körperlichen Sachen war wie viele es ihr unterstellten.

"Wenn du mit ihr weiterhin gut bis überragend auskommst wirst du das früh genug rauskriegen", sagte Madame Brickston mit einem überlegenen Lächeln. "Aber ich kenne Claire nicht so gut, um das mit Sicherheit sagen zu können, was sie tut und wie sie sich entwickelt. Aber ich dachte nicht, daß du so irritiert reagierst, weil Millie sich an dich ranmacht."

"Ich weiß nicht, was dieser Zirkus soll, Catherine. Ich bin noch zu neu in Beauxbatons. Vielleicht will die mich nur veralbern und dann vor ihren Freundinnen als die dastehen, die den Neuen aus England so genial verschaukelt hat. Außerdem weiß ich nicht, warum die hinter mir herlaufen soll. In ihrer Klasse laufen mindestens drei Jungs rum, die vom Aussehen mehr hergeben als ich."

"Und die deshalb wohl schon gebucht sind, Julius. Wenn ich das richtig mitbekommen habe bevor wir zu dir kamen, haben Monsieur Arbrenoire und Theseus D'aragon sich schon partnerschaftlich gebunden."

Julius nickte. Er hatte im Verlauf des bisherigen Schuljahres natürlich mitbekommen, daß Leonie Poissonier sich mit Theseus D'Aragon, Editas zweieiigem Zwillingsbruder zusammengetan hatte und Apollo Arbrenoir mit Theseus' Schwester ging. Bernadette hatte ja was mit Hercules Moulin. Caro und Millie waren zu Schuljahresbeginn die einzigen gewesen, von denen Julius sicher war, daß sie keinen festen Freund hatten. Aber so heftig hatte ihn das nie interessiert, weil durch seine Freundschaft mit Claire kein Grund vorhanden war, sich wen zu suchen oder für eine andere frei zu sein.

"Sagen wir es so, Julius: Du bist noch jung genug, um für jede Überraschung bereit zu sein. Sicher wirst du nicht sofort alles erkennen oder richtig hinbekommen. Aber ich denke, Millie ist nicht hinter dir her, um dich zu veralbern. Sie sucht Anschluß bei jemanden, der vielleicht nicht nur über sein Aussehen bestimmt wird, wenngleich Barbaras Trainingsstunden dich voranbringen. Die ist ja im Zaubertrankunterricht und Arithmantik in deiner Klasse. Da wird sie ja mitkriegen, wie du dich verhältst, was du weißt und kannst. Wenn sie dich dann immer noch umgarnt, hast du erst einmal nichts gemacht, was sie anekelt."

"Nun, es ist nicht nur die Art, wie Millie hinter mir herläuft, Catherine. Aber ich denke, dazu sage ich erst einmal nichts, weil ich denke, daß ich mir da nur was einbilde."

"Im Zweifelsfall wäre ja deine Mutter auch die bessere Ansprechpartnerin dafür", sagte Catherine nach einer Weile. Dann sprach sie noch darüber, wie sich junge Hexen und Zauberer auf die Walpurgisnacht vorbereiteten, weil Julius ja morgen einen Festumhang dafür besorgen wollte. Er stutzte, als er erfuhr, welche Abläufe bei diesem Fest üblich waren und daß Madame Maxime recht hatte, daß bei diesem Anlaß schon vorgeprüft wurde, wer mit wem gut zusammenpasste. Als er dann noch hörte, daß zwei Wochen nach Walpurgis ein Tandemrennen am Schulstrand stattfinden würde, fragte er sich, ob er daran teilnehmen sollte.

"Nun, spätestens da solltest du dann aber zugeben, was für einen Besen du hast, weil die Durchgänge nach Besentypen getrennt ablaufen. Das wäre höchst unfair, mit einem Ganymed 10 gegen einen Ganymed 6 oder einen Cyrano Express anzutreten. Aber vielleicht solltest du dich als Sozius von jemanden bewerben, anstatt selbst jemanden auf deinem Besen mitzunehmen. In der Regel nehmen nämlich eher Leute aus den Klassen fünf bis sieben an dem Rennen teil, allein schon weil manche Elternpaare zurecht besorgt sind, ihre Kinder könnten übertreiben."

"Klar, verstehe ich. Vielleicht will ich aber auch nur zusehen", sagte Julius und fügte schmunzelnd hinzu: "Claire hat ja jetzt schon Bammel, daß die Blauen mich im letzten Spiel auseinandernehmen."

"Ja, das entspräche dem, was Camille damals schon mit Florymont angestellt hat", grinste Catherine. Dann verabschiedete sie sich von Julius.

Wieder in seinem neuen Zuhause sah er nach dem Anrufbeantworter. Eine Nachricht war darauf:

"Hallo, hier Spezialagent Ruben Martinez, Ma'am. Schade, daß Sie nicht zu Hause sind. Ich rufe Sie dann später noch mal an", quäkte eine basslastige Männerstimme unüberhörbar amerikanisch aus dem Lautsprecher. Mehr kam aber nicht rüber. Die Nachricht war um vier Uhr aufgezeichnet worden. Julius fragte sich, was diese Nachricht bedeuten mochte. Spezialagent? Klang nach einer Spionagegeschichte oder einem Krimi. Doch vielleicht war damit auch was anderes gemeint. Er erinnerte sich an den Anruf, den seine Mutter am Morgen erhalten hatte. Konnte diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter damit zu tun haben?

Er erschrak, als das Telefon erneut klingelte. Er nahm den Hörer ab und meldete sich.

"Hallo, Julius, hier Dione Porter. Ich konnte mir von Plinius sein Muggelspielzeug ausleihen und dachte mir, dich mal selbst anzurufen. Wie geht es dir", klang die Stimme von Glorias Mutter aus dem Hörer. Julius sprach lange mit Mrs. Porter und erzählte ihr dieses und jenes aus Beauxbatons, fragte nach Neuigkeiten über Dumbledore oder die Ausbrecher und erzählte auch das, was Catherine ihm über die Walpurgisnacht erzählt hatte. Mrs. Porter lachte.

"Ja, dann solltest du dir gut überlegen, mit welcher Hexe du diesen Abend verbringst. Weil solo ist ja bei deinen Verehrerinnen nicht mehr möglich, wenn ich das richtig mitbekommen habe."

"Ich denke, ich mach das mit Claire zusammen. Die würde mich ja in tausend Stücke fluchen, wenn ich mich auf eine andere einlassen würde, Mrs. Porter."

"Ach, und die anderen Mädchen haben nicht das Potential dazu? Aber du hast schon recht, daß du die Beziehung nicht unnötig kaputtmachst, wenn es dir bisher gut gefällt. Und, hast du schon Kleidung für diesen Anlaß? Dein Festumhang ist dafür zu bieder."

"Catherine und ich wollen morgen in die Rue de Camouflage, um für mich was zu finden. Ich überlege mir schon, was am besten zu mir passt."

"Wenn du dir sicher bist, daß du mit Claire zusammen feierst, müßte es schon was rotes sein oder was, das mit Rottönen gut kontrastiert."

"Ich finde schon was, Mrs. Porter. Wird ja nicht so schwer sein."

"Das sagst du nur, weil du ein Junge bist, Julius. Aber wenn Catherine mit dir danach sucht, wird es nicht so einfach sein, einfach in einen Laden reinzugehen und schnell wieder rauszukommen."

"Uh, bloß nicht diese Marathontouren, wo man zig Sachen anprobiert und dann doch nichts findet. Das ist nicht mein Ding", sagte Julius schnell. Mrs. Porter lachte.

"Das Jungen und Männer nichts von perfekter Kleidung halten ist bekannt. Aber hermachen willst du doch bestimmt was. Na ja, Catherine Brickston wird dich schon nicht im Gebrauchsumhang fliegen lassen. Übrigens, wenn du wichtige Briefe an Gloria oder Pina schicken willst, schick die besser an uns Eltern, weil die in Hogwarts die Privatsphäre abgeschafft haben. Jetzt nach Dumbledores Verschwinden ist Fudges Erfüllungsgehilfin noch unerträglicher geworden. Ich hörte sogar von Gloria, daß sie sie eindringlich gewarnt hat, mit dir noch weiter Kontakt zu halten. Offenbar hat die Dame Angst vor dir."

"Ich habe von Madame Kröte persönlich einen Brief, wo drinsteht, daß ich keinem mehr schreiben soll, weil sie meint, ich bin in schlechter Gesellschaft", sagte Julius.

"Madame Kröte? Woher weißt du denn, wie ...? Dumme Frage! Natürlich hat Gloria dir das erzählt oder ihr habt schon den Scriptorvista-Zauber gelernt. Aber unterschätze die nicht. Sie hat als Fudges Seniorsekretärin sehr viel Macht und Einfluß errungen und gilt als sehr skrupellos, was den Umgang mit andersdenkenden Hexen und Zauberern angeht. Du hast ja gesehen, was sie mit Kevin angestellt hat."

"Ja, und vielleicht haben Sie ja auch mitbekommen, wie Professeur Faucon darauf angesprungen ist", erwiderte Julius.

"Ungefähr. Meine Schwiegermutter hat es mir später noch erzählt. O.K., Julius, ich sehe hier, daß dieses Energiespeicherding langsam leer wird. Bis irgendwann mal!"

"Joh, Mrs. Porter. Bis irgendwann mal!" Erwiderte Julius den Gruß.

Eine Stunde nach dem Anruf kam Martha Andrews erst nach Hause.

"Warum Joe mit der Kleinen Probleme hat verstehe ich jetzt", seufzte Julius' Mutter. "Die hat in einem Gehege einem Schaf ein grünes Wollkleid angehext, als ich sie von dem Tier wegholen wollte, weil zwei Dreizehnjährige meinten, sie wegen ihrer Zöpfe aufzuziehen. Gut, daß die vom Ministerium so schnell reagierten. Ich hatte ja mein Handy mit und konnte Madame Grandchapeau anrufen. Die sagte mir jedoch, daß die Abteilung zur vernunftgemäßen Zaubereibeschränkung bei Minderjährigen schon Wind davon hatte. Tatsächlich stand eine Minute später schon eine Hexe vor dem Gehege, die dem Schaf sein weißes Wollkleid zurückgab und die beiden Jungen mit irgendwas behexte, daß sie den Vorfall vergessen ließ. Eine Stunde später jedoch passierte was anderes. Babette wollte unbedingt noch Eis essen, obwohl es noch zu kalt dafür war. Sie hat solange gequängelt, bis wir in eine Eisdiele gingen und sie ihren Willen bekam. Allerdings hat sie die Eisportion auf das zehnfache anwachsen lassen, und mindestens fünfzig Leute haben das mitbekommen. Als dann noch mehr Hexen und Zauberer kamen, um das zu beheben, mußten wir eine geschlagene Stunde warten, bis alle Zeugen entsprechend manipuliert worden waren. Also ohne Catherine gehe ich mit der Kleinen nicht mehr raus, Julius. Wenn das bei dir damals schon stark war, dann haben wir das nie mitbekommen."

"Du hast ja gehört, was Joe sagte. Sie meinte, mit dir ihren Unsinn anstellen zu können. Sicher wird Catherine einen ausführlichen Bericht und wohl auch Strafgebühren aufgehalst kriegen", sagte Julius.

"Also Babette muß auf jeden Fall in eine Zaubererschule, bevor die aus Frust oder Bosheit noch irgendwas in die Luft jagt. Heute habe ich's endgültig begriffen, was Professor McGonagall damals gemeint hat, als sie uns erklärte, weshalb du nach Hogwarts mußtest."

"Immerhin einer aus der Familie", dachte Julius. Dann deutete er auf den Anrufbeantworter. "Ein Spezialagent Ruben Martinez hat angerufen, aber nicht rausgelassen, was er wollte. Er wollte aber bestimmt mit dir reden."

"Oh, der", erwiderte Martha Andrews sichtlich verunsichert dreinschauend. Julius sah, wie es förmlich in ihr arbeitete. Was mochte sie nun denken? Dann fing sie sich und sagte: "Das ist einer von den Zauberern, die in Muggelberufen arbeiten, Julius. Im Zusammenhang mit der Geheimhaltung hat Madame Grandchapeau einen Kontakt zwischen ihm und mir hergestellt. Was genau wir machen ist aber geheim. Eigentlich solltest nicht mal du das wissen."

"Achso, sagte Julius nur. Irgendwie wußte er nicht, ob er diese Antwort glauben sollte oder nicht. Doch warum sollte seine Mutter ihn belügen? Wenn da wirklich was geheimes war, durfte sie ihm auch nichts erzählen. Das mußte er hinnehmen. So wechselten sie das Thema und unterhielten sich über ihre Erlebnisse vom Nachmittag.

Abends spielten sie noch zwei Partien Schach, um sich wieder in Form zu bringen. Zweimal gewann Martha Andrews, bei der zweiten Partie jedoch sehr knapp. Dann gingen sie zu Bett.

 

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Es steht vor mir. Ein großes, böse knurrendes vierbeiniges Geschöpf mit langer Schnauze und aufgestellten spitzen Ohren. Es riecht ähnlich wie die weißen Wesen mit den gegabelten Schwänzen, die bei uns wohnen und auch diese kurzen lauten Geräusche machen, wenn sie was weitergeben wollen. Das Vierbeinwesen kommt auf mich zu. Dabei habe ich doch nur dieses alte Stück Fleisch aus dem stinkenden Haufen hinter dem Steinbau geholt, der in der Nähe des Schnellwegs für die brummenden Fortbewegungsdinger liegt. Das böse Wesen knurrt lauter und zeigt mir seine gelben spitzen Zähne. Es kommt auf mich zu. Ich fühle Angst und Wut. Soll ich jetzt weglaufen oder kämpfen? Ich trete einige Schritte vor und zurück, vor und zurück. Das andere Geschöpf legt seine Ohren an und kauert sich hin. Offenbar will es mich jetzt anspringen. Ich werfe mich herum und laufe los, denn dieses Wesen ist dreimal so groß wie ich. Ich höre, wie es hinter mir herrennt, rieche seinen nach verfaultem Fleisch stinkenden Atem, höre es laut hächeln und knurren. Dann sehe ich seinen Schatten über mir. Ich weiß, es hat mich gleich, wenn ich nicht sofort ...

Ich drehe mich um. Meine Krallen fahren alle aus. Ein sprung genau auf das böse nach mir schnappende Maul zu. Hah! Alle Krallen sitzen richtig. Ich habe ihm meine vorderen Krallen zwischen die Augen gebohrt, und mit den Hinterkrallen habe ich seine Nase erwischt. Ich reiße einmal, zweimal. Laut jaulend tobt das Ungetüm, wirft mich winselnd ab und geht einige Schritte zurück. Die rote Flüssigkeit, die unter der Haut ist, läuft aus den Spuren von meinen Krallen heraus. Ich sehe früh genug, wie das Ungetüm noch mal zubeißt und weiche aus. Ein Sprung, und ich sitze auf seinem Rücken und haue ihm die Vorderkrallen in den Nacken. Zweimal wühle ich mit den Pfoten durch das braun-weiß gescheckte Fell, mache neue rote Öffnungen in das Wesen. Ich springe runter und laufe fort. Jaulend bleibt das Unwesen zurück. Ich höre ein Menschenmännchen rufen: "Heh, Napoleon, was ist da?!"

Ich laufe weiter, springe mit zwei weiten Sätzen über eine Hecke, um plötzlich auf zwei neue böse Vierbeiner zu treffen, die mit lauten kurzen Geräuschen auf mich zurennen und nach mir beißen. Ich teile schnelle Hiebe aus. Ein Vierbeiner kriegt einen Treffer an seiner feuchten schwarzen Nase. Der Zweite fängt sich einen Riss in der oberlippe ein. Ich winde mich unter ihnen durch, springe auf einen Baum zu und klettere sofort daran hoch, bis ich hoch genug bin, daß die beiden Vierbeiner mich nicht mehr erreichen können. Jaulend, winselnd und knurrend springen sie am Baum hoch und laufen darum herum, mit aufrecht stehendem Rückenfell. Dann kommt ein Menschenmännchen auf mich zu ...

"Stupor!" Höre ich. Gleich darauf höre ich die Kraft laut singend losschnellen. Ich sehe ein rotes Licht blitzen, und das Menschenmännchen fällt hin. Dann blitzt es zweimal, und beide bösen Vierbeiner liegen auf der Erde. Ich weiß, daß das Menschen aus meinem Reich sind. Die wollen mich kriegen, um mich von Julius wegzuhalten. Ich turne so schnell wie möglich den Baum runter und laufe weiter. Doch hinter mir rauscht und singt es. Offenbar fliegen sie mir auf einem mit der Kraft angetriebenen Ast hinterher. Ich springe und schlage haken. Doch sie bleiben hinter mir. Dann trifft mich laut singend ein Stoß mit der Kraft. Ich sehe volle Dunkelheit und höre nichts mehr.

 

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Es hatte schon mehrere Stunden gedauert, Goldschweifs Spur zu verfolgen. Florymont Dusoleil gab die Richtung vor, in die Professeur Armadillus fliegen mußte. Der Harvey-Besen machte sich und seine Reiter unsichtbar. Sie konnten zehnmal so schnell fliegen, wie Goldschweif laufen konnte, denn das Retrocular, das Monsieur Dusoleil trug, konnte die Bilder der letzten zwei Tage in zehnfacher Geschwindigkeit widergeben. Dennoch mußten sie häufiger anhalten, um genau zu prüfen, wo Goldschweif langgelaufen war, besonders deshalb, weil das Retrocular die Nachtdunkelheit nicht so gut durchdringen konnte, die die Knieselin ausgenutzt hatte, um voranzukommen. Sie waren an einer Muggelschnellstraße entlanggeflogen, wobei sie die üblen Abgase durch den Kopfblasenzauber von sich abgehalten hatten. Als sie in einer geschlossenen Ortschaft anlangten, wo Goldschweif eines dieser Autos beschnüffelt und dann beschädigt hatte, mußten sie schnell handeln und alle Muggel, die Goldschweif gesehen hatten mit Gedächtniszaubern belegen. Armadillus, der in seiner Ausbildung zum Zauberwesenexperten in der Abteilung für Desinformation gearbeitet hatte, kannte genug Gedächtniszauber, um die Erinnerungen der Muggel zu verändern, sodaß diese nur eine gewöhnliche Katze gesehen zu haben glaubten.

"Das war wohl gerade noch rechtzeitig", stellte Florymont Dusoleil fest. "Wenn einer von denen damit zu ihren Zeitungen gegangen wäre hätten wir die Tierwesenbehörde, Die Geheimhaltungsabteilung und die Abteilung für magische Ausbildung auf dem Hals. Ich hoffe, wir finden Goldschweif schnell."

"Ich bin zumindest beruhigt, daß sie sich von dieser Fahrwegstrecke ferngehalten hat. Wenn sie was unbekanntes antrifft weiß ich nicht, ob sie davor wegläuft oder es angreift. Bei diesen Stinkewagen käme sie sicher zu Tode, wenn sie angreifen würde", sagte Professeur Armadillus. Dann konzentrierte er sich darauf, die Flugrichtungen korrekt einzuhalten. Irgendwann im Verlaufe des Abends holten sie Goldschweif endlich ein. Sie hörten aus der Ferne, wie ein Hund laut bellte und knurrte. Dann hörten sie ein wütendes Fauchen und dann ein schmerzhaftes Jaulen und Winseln. Monsieur Dusoleil gab leise die letzte Kursanweisung, und Armadillus ließ den unsichtbaren Besen herabstoßen wie einen angreifenden Adler. Sie kamen zwar zu spät, um Goldschweif von dem deutschen Schäferhund zu trennen, der hinter einem hohen Zaun wachte. Aber sie konnten den Halter des Tieres davon abhalten, Goldschweif zu sehen. Sie behandelten den heftig zugerichteten Hund mit Salben und Heilzaubern, verpaßten ihm sogar eine Fünf-Minuten-Gedächtnis-Lücke. Dann suchten sie wieder nach Goldschweif.

Sie fanden ihr Ziel keine zwei Minuten später im Kampf mit zwei Dobermannrüden, die auf der anderen Seite des Zaunes wohnten. Nur Goldschweifs Schnelligkeit verdankte sie es, daß sie nicht von den scharfen Hunden verletzt wurde. Mit schnellen Schockzaubern wurde zunächst der Halter niedergestreckt und dann die Hunde, die Goldschweif auf einen Baum getrieben hatten. Die Knieselin kletterte blitzschnell herunter und sauste davon. Auf dem Besen verfolgten Armadillus und Dusoleil sie und konnten sie mit Mühe unter einen Schockzauber nehmen. Dann wurde noch das Gedächtnis des Muggels verändert, dem die beiden Dobermänner gehörten und die beiden Hunde von ihren Verletzungen geheilt.

"Meine Güte, die hat die aber beharkt. Gegen zwei auf einmal so heftig austeilen zu können ist beachtlich", meinte Monsieur Dusoleil, während Professeur Armadillus Goldschweifs Pfoten vom Hundeblut reinigte.

"Also Goldschweif hat jetzt gelernt, daß man mit großen Hunden besser nicht kämpft", meinte der Zaubertierlehrer.

"Ach ja, Professeur? Ich fürchte eher, sie hat gelernt, daß Angriff die beste Verteidigung ist und wird, sofern sie mal wieder ausreißt, jeden Hund sofort voll angreifen. Wir können von Glück reden, daß sie keinem der Tiere die Augen rausgerissen hat und die Nasenverletzungen rechtzeitig behandelt wurden. Ich möchte nicht wissen, was sie noch angestellt hätte, wenn sie länger mit einem dieser Biester gekämpft hätte. Sie hat wohl nur versucht, sie sich vom Hals zu halten. Nach einem Vollangriff sah das nicht aus."

"Stimmt, Monsieur Dusoleil. Sie hätte genau gewußt, wohin sie ihre Krallen hätte schlagen müssen, wenn sie einen der Hunde vollständig außer Gefecht hätte setzen wollen. Ich könnte mir sogar vorstellen, daß sie auch versucht hätte, die Schlagadern zu zerreißen. Ich habe ihre Mutter mal gegen einen Steinmarder kämpfen sehen. Den hat sie auch nach einer halben Minute töten können, weil sie wußte, wo sie zupacken mußte. Bringen wir unsere abenteuerlustige Dame wieder nach Hause!"

"Hmm, ob damit aber alles erledigt ist? Wenn sie wirklich nach Paris zu Julius wollte, haben wir das nicht aus der Welt", sagte Monsieur Dusoleil.

"Diese impotenten Schwarzbauch-Brüder. Wenn die sie ordentlich begattet hätten, hätten wir das Problem nicht", knurrte der Lehrer, bevor er sich besann, nicht zu heftig die Beherrschung zu verlieren.

"Suchen Sie nicht die Schuld bei anderen!" sprach Monsieur Dusoleil dem Lehrer zu. "Goldschweif hat sich nun einmal auf Julius Andrews eingestimmt. Damit müssen Sie nun umgehen lernen. Entweder halten Sie das Tier für die Ferienzeiten betäubt oder veranlassen, daß Julius in den Ferien weiter als die äußerste Reichweite von Goldschweifs Spürsinn fort ist. Aber ich fürchte, da bekäme ich dann wieder Ärger, wenn ich Ihnen sowas rate. Oder Goldschweif muß mit Julius zusammen in die Ferien, oder Julius muß immer in Beauxbatons bleiben, wenn Ferien sind."

"Nun, dann hätte Madame Brickston und meine Kollegin Faucon ihn kaum in Paris untergebracht, wenn wir wollten, daß er nur auf dem Schulgelände bleibt."

"Ich werde Goldschweif unter leichten Betäubungsmitteln halten. Vielleicht finde ich eine Möglichkeit, den Spürsinn gut genug abzuschirmen. Aber jetzt bringen wir sie erst einmal zurück", sagte Professeur Armadillus. Sie saßen wieder auf. Monsieur Dusoleil hatte das Retrocular wieder fortgesteckt. Unsichtbar und in vernünftiger Höhe flogen die beiden Zauberer zurück nach Beauxbatons.

 

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Am Donnerstag Morgen verließ Julius zusammen mit Catherine Brickston das Haus in der Rue de Liberation und erreichte zu Fuß und per Metro die Muggelstraße, von der aus es in die versteckte Rue de Camouflage ging. Kaum auf der breiten Kopfsteinpflasterstraße angekommen, lief Julius den Montferres in die Arme. Die Zwillingsschwestern Sabine und Sandra hatten sich in bunte Umhänge gekleidet, während ihre Mutter, die ähnlich wie Madame Latierre eine hoch aufgeschossene, sehr athletische Hexe war, nur daß sie flammendrote Haare und mehr Oberweite als Martines und Mildrids Mutter hatte, trug zu ihren grünen Augen passend ein mintgrünes Kleid.

"Hallo, Julius. Nervös, vor dem ersten richtigen Walpurgisnachtaussstattungseinkauf?" Fragte Madame Montferre auf Julius herabblickend. Dieser erwiderte:

"Ich weiß ja nicht, was ich mir da zulegen soll, Madame. Deshalb bin ich eher neugierig als nervös."

"Wir haben uns nur neue Schmuckbänder für Haare und Arme besorgt, Julius. Unsere Umhänge sind noch sehr gut zu gebrauchen. Bei Familie Feubleu haben sie auch neue Besenfarben, falls du Claire auf deinem Ganni fliegen lässt oder Millie oder Belisama oder Caro oder Sandrine", sagte Sabine Montferre, die sich nur durch die Frisur von ihrer jüngeren Schwester Sandra unterschied.

"Ich glaube, das überlasse ich der Hexe, die mich mitnehmen will", sagte Julius. "Ich bin froh, wenn ich passende Klamotten für den Ritt finde und beim Flug nicht mein Abendessen hergeben muß."

"Du? Du hältst das gut aus. Wer immer dich auf ihren Besen kriegt ist noch nicht so weit, mit dir die Meistermanöver zu fliegen. Oder legst du es darauf an, hinter Belle, oder Bine oder Barbara zu sitzen, falls deren bessere Hälften sich vorzeitig verdrücken können?" Fragte Sandra sehr keck dreinschauend.

"Vielleicht holt ihn sich Madame Maxime auf Calypso, der Leitstute, falls die von Pyrois nichts im Bauch hat", lachte Sabine. "Immerhin soll sie ja diesmal wieder wen anderen mitnehmen."

"Mädchen, mehr Respekt vor eurer Schulleiterin", zischte Madame Montferre, mußte jedoch grinsen. Dabei sah sie Catherine an. Diese sah Julius beruhigend an und erwiderte:

"Nun, Julius, ich denke schon, daß Madame Maxime dir das gesagt hätte, wenn sie dich als Partner für die Walpurgisnacht haben wollte. Dann hätte ich nämlich aufgekriegt, dich in allen Tänzen und Spielen des Abends zu unterweisen und dir das Sitzen auf einem Abraxarieten beibringen müssen. Diese Tiere sind nicht gerade bequeme Reittiere für Leute mit kurzen Beinen. Außerdem hat es bisher niemals eine Lehrerin oder Schulleiterin gewagt, einen Schüler als Partner zur Walpurgisnacht mitzunehmen. Das würde den Respekt der anderen Schüler zerstören, und der Respekt ist, das weißt du nun ja genau, sehr wichtig in Beauxbatons. Also lass dir von den drallen Damen aus dem Süden nichts unsinniges einreden!"

"Catherine, Sie verstehen aber wirklich keinen Spaß. Verstehe ja, daß Ihre Frau Mutter Ihnen jeden Unsinn aberzogen hat. Aber wie wir das meinen, sollte Julius doch verstanden haben, oder?" Wandte sich Madame Montferre an den Zauberschüler, wobei sie ihre rechte große Hand leicht auf seine Schulter legte und ihn flüchtig tätschelte. Julius nickte. Natürlich war das blühender Blödsinn, von Madame Maxime als Partner für die Walpurgisnacht herangezogen zu werden.

"Joh, wo wollt ihr jetzt hin?" Fragte Sandra Montferre immer noch grinsend.

"Erst Gringotts, dann Madame Esmeralda, dann zu Monsieur Piedivoirs Geschäft für Schuhwerk für alle Gelegenheiten und dann vielleicht noch zum Laden für Klingelschmuck", sagte Catherine.

"In den Schuhladen wollen wir jetzt rein. Wenn Maman da wie im letzten Jahr einkauft, werden wir uns da wohl wieder treffen", sagte Sabine. Ihre Mutter zog ihr kurz am rechten Ohr und tadelte sie. Dann verabschiedeten sie sich von Julius und zogen von Dannen.

Julius erinnerte sich noch gut an den Besuch bei Madame Esmeralda vor ungefähr zwei Jahren. Damals hatte ihn Catherine hierher mitgenommen, weil in der Liste von Hogwarts ein Festumhang empfohlen wurde. Den hatte er dann nach kurzem Widerspruch auch von ihr angenommen als Geburtstagsgeschenk. Seitdem war er in diesem weinroten sehr gut fließenden Umhang auf fünf Festveranstaltungen gewesen, zwei davon die Sommerbälle von Millemerveilles. Er dachte jedoch, daß sich Madame Esmeralda nicht mehr an ihn erinnern würde. Doch kaum war er durch die Eingangstür getreten, flog ihm förmlich eine pummelige Hexe in einem lindgrünen Satinumhang mit Spitzenbesatz entgegen. Ihr schwarzgraues Haar wehte um ihre Schultern, als sie Julius förmlich ansprang und ihn in ihre weichen Arme schloß. Er ließ sich das übliche Begrüßungsritual gefallen, war jedoch perplex, wieso die Hexe, Madame Esmeralda selbst, ihn so stürmisch begrüßte.

"Monsieur Andrews. Sehr erfreut, Sie wieder in meinem bescheidenen Unternehmen begrüßen zu dürfen", sagte Madame Esmeralda. "Ich habe sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen, daß Sie den bei mir erworbenen Umhang sowohl in Hogwarts als auch in Millemerveilles ehrenhaft ausgeführt haben. Immerhin konnte ich Sie in diesem Umhang ja mehrmals in der Zeitung bewundern. Vielen Dank für diese Ehre!"

"Öhm, Madame Esmeralda, ich freue mich, daß Sie sich an mich erinnern", sagte Julius. Er hätte am liebsten gesagt, daß er eigentlich gegen die Artikel über ihn war und es lieber hatte, wenn niemand ihn so überschwenglich lobte. Aber er hatte bei seinen Eltern frühzeitig gelernt, daß man Komplimente nie zu harsch zurückweisen sollte, am besten lächelnd und dankbar darauf einging. Man konnte ja nie wissen, mit wem man sich gut und mit wem man sich auf keinen fall schlecht stellen sollte.

"Ist der Umhang für Sie noch tragbar, Monsieur, oder suchen Sie bereits einen neuen?" Erkundigte sich Madame Esmeralda.

"Im Moment sitzt und fließt er noch gut, Madame. Ihre Mitarbeiterin sagte ja auch, daß der Stoff noch mithalten kann, wenn ich weiterwachse. Vielleicht muß ich ihn erst im nächsten Sommer ausrangieren, falls ich den nicht verlängern kann."

"Je nachdem, was Ihnen besser steht", sagte die Boutiquenbesitzerin. Sie lächelte dann. "Oh, dann gehen Sie auf angemessene Bekleidung für Walpurgis aus. Wissen Sie denn schon, welche junge Dame Sie zum Partner erwählt?"

"Hmm, zu mehr als siebzig Prozent, Madame", sagte Julius nur. Offenbar wußte diese Hexe genau bescheid. Immerhin sprach er nun fließend Französisch, was er vor zwei Jahren noch nicht konnte, und die Hexe war sich sicher, daß er in Beauxbatons gelandet war. Gut, vielleicht hatte sie Verwandte dort, die ihr das geschrieben hatten. Aber daß sie sich so gut an ihn erinnerte, irritierte ihn doch. Doch das war nicht die letzte Überraschung für ihn.

"Nun, dann gilt es, die Farbenvorliebe Ihrer Partnerin einzuschätzen, um ein ihr gefälliges Kleidungsstück zu finden. Meine Diskretion verbietet mir, zu mutmaßen, wer die Demoiselle ist, welche Sie zur Walpurgisnacht ausführen möchte. Meine Mitarbeiterin wird sich mit Ihnen befassen, Monsieur", sagte die Geschäftsinhaberin und zog sich für einige Sekunden zurück. Julius sah Catherine an. Diese grinste schulmädchenhaft.

"Ja, hast du denn gedacht, die kriegt das nicht mit, daß du einen von ihren Umhängen so berühmt gemacht hast?" Flüsterte sie. "Zweimal den Sommerball von Millemerveilles besucht, dann in Hogwarts der trimagische Weihnachtsball, die Abendgesellschaft bei Madame Delamontagne, wo du unser Ministerehepaar und das aus Australien angetroffen hast, ja und das Neujahrsfest in Millemerveilles zählt ja auch noch dazu. Daß du in Beauxbatons angekommen bist weiß sie bestimmt von ihren Mitarbeiterinnen hier, die ja alle Kinder, Nichten oder Neffen in der Akademie haben."

"Hmm, das habe ich mir schon überlegt", flüsterte Julius zurück. Dann meinte er, seine Beine würden zu Pudding zerschmelzen. Eine zierliche Hexe in fliederfarbenem Tüllkleid, das einen Rockschoß bis knapp über die Knie besaß, stolzierte graziel auf ihn zu, wobei ihr bis zu den Hüften wehender weizenblonder Schopf rhytmisch wogte. Julius erkannte die Hexe sofort wieder. Es war Serena Marinera, ein Starmodel oder Supermannequin der französischen Zaubererweltmode. Die arbeitete hier? Sie begrüßte ihn mit einer glockenhellen Stimme:

"Hallo, Monsieur Andrews, Madame Esmeralda bat mich, dir beim Aussuchen eines Walpurgisnachtumhangs zu helfen. Ich freue mich, den amtierenden Schachmeister von Millemerveilles und Träger des goldenen Tanzschuhs persönlich zu treffen. Wie bekommt dir Beauxbatons?"

"Öhm, entschuldigung, M-Mademoiselle, ... sind Sie nicht ...?"

"Serena Marinera, zu Ihren Diensten", erwiderte die hellblonde Hexe freundlich lächelnd. Dann nahm Sie Julius in eine flüchtige Umarmung.

 

"Er kennt das nicht, daß erstklassige Mannequins auch in dieser Boutique arbeiten können, Mademoiselle", flüsterte Catherine lächelnd. Die junge Hexe lächelte zurück. Dann sagte sie halblaut:

"Ich habe Ferien und wollte mal wieder an der Quelle arbeiten. Die Herbstmode ist schon bekannt genug, und die Wintermode kommt erst anfang Mai raus. Madame Brichton, wenn ich recht orientiert bin?"

"Brick-ston, Mademoiselle Marinera", berichtigte Catherine die Aussprache ihres Namens. Die junge Hexe errötete kurz, nickte dann und entschuldigte sich.

"Verzeihung, Madame Brickston. normalerweise kommen mir englische Namen gut über die Lippen. Ähm, legen Sie Wert darauf, den jungen Mann zur Anprobe zu begleiten oder trauen Sie mir zu, ihn ordentlich und wunschgemäß zu betreuen?"

"Ich denke, ich kann den jungen Mann mal alleine lassen. Ich las davon, daß Sie hier auch neue Repräsentativkleidung bieten. Für die ganzen Konferenzen und Lokaltermine brauche ich etwas schickeres als den Umhang, den ich seit vier Jahren habe. Die Gelegenheit ist günstig."

"In Ordnung, meine Kollegin wird sich Ihrer annehmen, Madame", sagte Serena Marinera und winkte Julius hinter sich her. Der verstand es immer noch nicht, wie jemand aus der Modebranche sich herablassen konnte, Verkäuferin in einer Boutique zu sein. Tat sie das nur aus Spaß oder hing da vielleicht ein Werbevertrag dran? Julius hatte schon gehört, daß Sportler, Musiker oder eben Modeleute merkwürdige Aktionen machten, wenn sie dadurch für irgendwas Werbung machen konnten. Er folgte der Mannequin-Hexe und war sich nicht sicher, was ihm nun noch blühen würde.

"So, meine Großtante hat sich also gefreut, daß du einen Umhang von ihr gut rausgebracht hast. Mich fragen sie immer, wieviel Geld ich dafür haben möchte, daß ich Kleider vorführe", sagte Serena Marinera erheitert, als sie hinter einen samtbraunen Vorhang verschwanden, der den Eingangsbereich von den Abteilungen trennte. Ein Bronzeschild mit einer wie wild auf einem Besen herumfliegenden Hexe in Funken sprühenden Gewändern verkündete, daß es den Weg zur Walpurgisnachtausstattung wies. Am Schild vorbei ging es in eine weitläufige Abteilung, wo Kleidungsstücke auf langen Stangen hingen und einige Umhänge, Kleider und Schmuckbänder lustige Tänze in der Luft ausführten. Nach rechts in die Abteilung hinein ging es zum Bereich für Herren.

"Anders als bei den Festumhängen wird die Walpurgisnachtkleidung nicht nach der Lieblingsfarbe des Trägers, sondern nach der Lieblingsfarbe der Besenherrin ausgewählt, die ihren Walpurgisnachtpartner erwählt. Weißt du schon, ob eine bestimmte Hexe dich einlädt?" Erkundigte sich die berühmte junge Hexe.

"Sagen wir's so, daß ich mir sicher bin, wer es ist. Die junge Dame mag Rot", flüsterte Julius.

"Dunkle oder helle Rottöne?" Fragte Serena Marinera.

"Alles, wenn's rot ist", erwiderte Julius flüsternd.

"Sicher, ich las ja, wer deine Ballkönigin war. Dann bin ich mir sicher, daß sie dich schon längst als Partner für die Walpurgisnacht erwählt hat. Ja, ich kenne eine Tante dieses Mädchens. Die hat ihr schon diverse Kleider besorgt. Das war tatsächlich alles in Rot. Nun denn, diese Farbe ist auch sehr leidenschaftlich. Sicher, wird wohl für dich noch nicht so wichtig sein. Aber für Walpurgis sind gefühlsanregende Farben das absolute Muß. Dann komm mal mit zu den roten Sachen!"

Julius folgte der Hexe wie auf Puddingbeinen. Er mußte sich arg anstrengen, sich zu beherrschen. Diese junge Frau da war hier nur eine Verkäuferin, keine Modepuppe, die, wie Jeanne es ihm mal gesagt hatte, nur für fünfhundert Galleonen das Bett verließ. Ja, und wer weiß, was ihre Großtante, Madame Esmeralda, ihr gab, damit sie hier bediente? Auf jeden Fall erschien ihm die junge Hexe nicht überheblich wie er es von einem Starmodel angenommen hatte.

In der Abteilung mit roten Umhängen staunte Julius, was es alles gab. Blutrot, Zinoberrot, Rubinrot, Ziegelrot, Weinrot mit Silberhauch, Weinrot mit Goldhauch, Sonnenuntergangsrot mit weißgoldenen Verzierungen oder verspielt angebrachten bunten Knöpfen oder Schnallen. Serena Marinera hielt ihm einen kurzen aber auch kurzweiligen Vortrag über Grundfarben und Bewegungsbildverstärkende Zusätze. Auf keinen Fall durfte er zum Walpurgisnachtflug einen Hut tragen, weil manche Flugmanöver so heftig waren, daß selbst ein festgebundener Hut davongeschleudert werden konnte.

"Ich habe keinen Dunst von Mode", gestand Julius ein, was er für offensichtlich hielt.

"Das geht den meisten Jungen und auch vielen Männern so, Julius. Deshalb ist das ja wichtig, gut beraten zu werden. Aber bei Walpurgis kommt es nicht nur auf die Erscheinung am Boden an, sondern auch in der Luft. Welchen Besen fliegt deine Besenherrin?"

"Hmm, im Moment den Ganymed 8 von ihrer Schwester, weil die ... aber ist nicht wichtig."

"Kein Problem. Für die Ganymed-8-Flieger haben wir das entsprechende Zubehör vorrätig. Wenn sie den neuen Zehner fliegen würde wäre es schwierig, mitschwingende Bänder oder Schleppen zu finden, weil der noch zu schnell dafür ist. Aber zurück zu deiner Grundausstattung. Soll der Umhang Leuchteffekte bringen, wie Funkenflug oder Aureolen oder Blitzstrahlen entgegen der Flugrichtung?"

"Öhm, mit wievielen Galleonen schreibt man das?" Fragte Julius.

"Hmm, ist nicht zu teuer. Zehn Prozent des Besenwertes, wenn du eine total schrille Vorstellung liefern möchtest. Allerdings gilt ja, daß die Dame mehr auffallen muß. Also kannst du dich in der Auswahl deiner Kleidung guten Gewissens einschränken, wenn auch nicht unauffällig gestalten. Ein wenig Hui und Glitter muß drin sein. Da kommst du nicht dran vorbei", sagte die hellblonde Hexe und lächelte Julius beruhigend an.

"Hmm, die haben mich nach dem Sommerball Goldtänzer gerufen. Geht sowas wie Goldregen beim Feuerwerk, was man mit abbrennendem Metallstaub hinkriegt?"

"Aber hallo, Julius. Da haben wir hier doch schon was feines. Helios' Hochzeitsgewand, Sonnenuntergangsrot mit vergoldetem Kaninchenfell an Kragen und Ärmeln mit eingearbeitetem Goldschimmer bei Dunkelheit, der eine Lichtschleppe von zwei Metern hinter sich ausbildet. Dazu kannst du dir korallenrote, sonnengelbe und himmelblaue Bänder an Saum und Kragen binden, die beim Flug mitschwingen. Und der Preis geht hoffentlich in Ordnung: Sechsunddreißig Galleonen."

Julius meinte,im Boden zu versinken. So teuer wollte er dann doch nicht einkaufen. Sicher hatte er durch den Wechsel von London nach Paris auch das üppige Guthaben herüberholen können, daß aus einer Ausbildungsversicherung stammte, die seine Mutter für ihn abgeschlossen und nach dem ersten Jahr in Hogwarts ausgezahlt bekommen und durch geschickte Edelsteingeschäfte von Mr. Porter verzehnfacht hatte. Aber sechsunddreißig Galleonen? Da gab es doch bestimmt was besseres für Claire, was so viel Geld wert war.

"Ich fürchte, ich kann mir das nicht leisten. Und anpumpen will ich auch keinen, also mir das von wem leihen."

"Hmm, das ist schade. Aber keine Angst. Hier ist bis heute niemand mit verschuldetem Grundbesitz oder nackt wieder herausgegangen. Dann verzichten wir eben auf den Leuchteffekt und den Goldbesatz und kriegen mit "Ritter des Morgens" einen nur halb so kostenintensiven Umhang für dich. Der Umhang hat eine rosarote Grundfarbe und sonnengelbe Schulterpartien und kann mit silbernen und dunkelblauen Bändern kombiniert werden. Dazu gibt es die passenden Strümpfe."

"Serena, wenn der junge Mann "Helios' Hochzeitsgewand" tragen möchte, gib es ihm für den Preis von "Ritter des Morgens!" Flüsterte Madame Esmeralda hinter Julius' Rücken. Dieser erschrak, wandte sich um und errötete. Die kugelrunde Geschäftsinhaberin lächelte ihn aus ihrem Mondgesicht an und deutete auf die platinfarbene Stange, an der genau vier glitzernde Umhänge in sonnenuntergangsroter Grundfarbe hingen.

"Das kann und darf ich nicht annehmen, Madame. Ich möchte nichts geschenkt haben, und ich möchte nur das haben, was ich mir verdient habe", wehrte Julius das Angebot vorsichtig ab. Die Boutiquenbesitzerin schüttelte den Kopf.

"Dann Müssen Sie meine Offerte annehmen, Monsieur. Denn durch Ihre Präsentation des Festumhangs haben Sie eine gute Nachfrage junger Zauberer bei mir geweckt und zudem noch in der Zeitung brilliert, was mir Galleonen an Anzeigekosten erspart hat. Insofern habe ich durch Sie den Preisnachlass sicher heraus und darf Ihnen ohne bei Ihnen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen dieses Angebot machen. Ich hörte von meinen Enkeln und Großneffen, daß Sie gerne Bescheidenheit üben. Andererseits wird jeder und jede in Beauxbatons aufmerksam beobachten, wie Sie sich präsentieren. Wenn dann noch herumkommt, daß Sie die Kleidung bei mir erstanden, hängt mein Ruf davon ab, wie brillant oder langweilig Sie aussehen. Oder machen wir es generell: Was Sie hier kaufen, schlägt Ihnen mit der Hälfte des üblichen Preises zu Buche. Sie können auch "Hüter der Flammen" nehmen, ein feuerrotes Ensemble mit orangen Zierknöpfen und Kaminfeuerflammenleuchtzauber mit roter und goldener nichtentflammender Funkenschleppe bis acht Meter Distanz. Das Gegenstück für Damen ist "Königin der Flammen und breitet eine nicht brennende Feueraura mit drei Metern Durchmesser um sie beide aus, während sie in goldenen und weißen Funken gebadet wirkt."

"Eh, das kommt besser", flüsterte Julius. Dann überlegte er, was Claire sich aussuchen mochte. Deshalb ließ er sich erklären, welche Hexenkleidung zu welchem Umhang gut passte, um möglichst frei kombinierbar zu wählen. Zu dem "Hüter der Flammen" konnte neben "Königin der Flammen" noch "Rubintraum", "Phönixflügel" und "Sonnentochter" passen. Zum Goldschauerumhang, der ihm zu teuer erschien passte "Sonnentochter" wie "Fürstin der Abenddämmerung" und "Fließendes Sonnenlicht". Er probierte diverse Umhänge an und entschied sich dann schließlich für "Drachentänzer", welches bei jeder Flugrichtungsänderung eine nicht brennende Flammenschleppe aus wechselnden Farben auslegte und in einem blutroten Grundton mit feuerroten Zierknöpfen und korallenrotem Kragen besetzt war. Er ging zurück zu Catherine, die gleich drei Umhänge und zwei Kleider knitterfrei unter einem Arm trug. Er kaufte sich passende Strümpfe in Glutrot mit goldenen Funkenmustern, die bei entsprechendem Schuhwerk auch im dunkeln glitzerten. Zum Abschied bedankte sich Madame Esmeralda für den Besuch, und auch Serena Marinera bedankte sich für sein Interesse und seine Wahl.

"Was glaubst du, wieviele Galleonen die eingenommen hat, nachdem rum war, daß du in ihrem Umhang zweimal den Sommerball gewonnen hast und einmal das Schachturnier? Solche Sonderleistungen kommen nur bei Leuten vor, die es verdient haben", sagte Catherine, als sie weit genug vom Bekleidungsgeschäft entfernt waren.

Im Schuhladen trafen sie Céline Dornier und Claire, die sich mit glitzernden Schuhen eindeckten. Julius wählte Halbschuhe in einem glänzenden Braunton, deren Schnallen rotgolden glitzerten. Hier kannte man ihn auch schon, weil er hier seine Tanzschuhe gekauft hatte. Tatsächlich ließ der Inhaber des Ladens auch was vom Preis nach, wie auch bei Claire, wie Julius erkannte, gab sogar für die beiden noch Futterale an schmalen Gürteln dazu, um die Zauberstäbe auch bei schnellen Flugmanövern mitnehmen zu können.

"Tanzveranstaltungen sind für mich die beste Reklame, wenn rauskommt, wer welche Schuhe trägt", sagte Monsieur Piedivoir, der Inhaber. Nachdem sie sich mit Walpurgisnachtschuhen eingedeckt hatten, gingen Claire, Céline und Julius mit Catherine, Jeanne und den Dorniers weiter.

"Du hast die Montferres getroffen, Julius?" Fragte Claire, nachdem sie endlich genug Ruhe hatten, sich richtig zu begrüßen.

"Gleich am Zugang zur Straße, Claire. Die müßten hier noch irgendwo sein", sagte Julius.

"Die hängen im Besenladen rum. Wahrscheinlich haben ihre Eltern endlich erkannt, daß sie für Quidditch bessere Besen brauchen", sagte Céline. Ihr Vater lachte darüber nur.

"Mit den Cyrano-Express-Besen kommen die gegen die Weißen im Endspiel nicht weit. Immerhin wollen die ja auch den Pokal haben", sagte Monsieur Dornier.

"Das können sie dieses Jahr abschreiben, Monsieur Dornier. Ich habe meine Mannschaft gut eingestellt, daß wir gegen die Blauen alle Punkte machen, die uns fehlen sollten, um den Pokal zu holen", sagte Jeanne sehr überzeugt.

"Das will ich hoffen, weil die Grünen ja einen guten Ruf zu wahren haben", sagte Monsieur Dornier.

Bei Melousines Café trafen sie die Latierres. Millie fragte sofort, ob Julius sich schon Walpurgisnachtsachen besorgt habe. Er sagte nur, daß er das ja machen mußte, um nicht dumm aufzufallen.

"Hoffentlich hast du dich nicht zu sehr festgelegt. Je nachdem, wer die bessere Einladung ausspricht", sagte Millie. Catherine sah die rotblonde Junghexe an. Martine sprang ein:

"Meine Schwester geht davon aus, daß du schon weißt, für wen du dich wie anziehen mußt, Julius. Sie möchte nur sicherstellen, daß du überhaupt was passendes gefunden hast."

"Ich denke, er weiß, was er sich aussuchen mußte", sagte Claire sehr entschlossen. "Wenn er bei Madame Esmeralda war, wie ich, dann werden sie ihm schon geraten haben, was für ein Zaubererkostüm zu welchem Hexengewand genommen werden kann."

"So ist es, Claire", bestätigte Julius schnell.

Sie tranken Kaffee und Kakao, bevor es zu den kunstvoll gebauten Wohnhäusern etwas abseits der Einkaufsstrecke ging. Die Latierres verabschiedeten sich, wobei Millie es sich nicht verkniff, Julius frech zuzuzwinkern. Dann führten die Dorniers ihre Gäste zu einem himbeerfarbenen Haus mit nachtschwarzer Tür. Monsieur Dornier schloss auf und winkte zunächst Catherine, dann Claire, dann Julius hinein. Seine Frau und seine jüngere Tochter machten die Nachhut.

Das Innere wirkte auf Julius so wie bei den Priestleys oder Dusoleils. Gemütlich war es hier, und der Einfluß einer ordnenden Frauenhand war unübersehbar, vermutete er zumindest. Im Erdgeschoss lagen die Küche, das Esszimmer, ein Besuchersalon und das Familienwohnzimmer. Im Dachgeschoss lagen die vier Schlafzimmer. Monsieur Dornier führte seine jungen Gäste und Catherine herum. Catherine war wohl schon einmal hier gewesen, denn sie ließ Bemerkungen zu den Tapeten oder den Vorhängen fallen.

Constance Dornier lag auf dem Sofa im Wohnzimmer und schlief ein wenig. Leise zogen sich die Gäste zurück, als sie die werdende Mutter sahen. Constance öffnete die verschlafenen Augen, sah sich um und stemmte sich in die Aufrechte.

"Ach, ihr seid ja schon da. Ich habe Maman nicht vor dem Mittagessen erwartet. Papa, dein Chef hat mal durch unseren Kamin geguckt und möchte, daß du heute nachmittag in der Firma vorbeisiehst. Die von der Nationalmannschaft haben wohl Probleme mit dem Zehner, wollen wohl weniger Geld ausgeben."

"Ach, sind denen die vierzehn Zehner zu teuer? Dabei wollte Monsieur D'Aigle denen schon zwei umsonst geben. Ich kläre das. Ich kontaktfeuere den Sprecher der Pelikane und den der Mercurios. Dann wollen wir doch mal sehen, was sich machen lässt. Wie geht's Petit Agilius?"

"Papa, du weißt genau ... Aber im Moment ist dieses Teil da ruhig. Habe schon 'ne Eule von denen aus der Delourdes-Klinik gekriegt. Die wollen mich morgen noch mal sehen. Aber sollte dieses Teil heute aus mir raus wollen hast du ja zwei Experten vor ort." Sie sah Jeanne und Julius an. Constances Vater sah sehr verlegen aus. Seine Frau trat auf Constance zu, flüsterte ihr was zu. Offenbar sollte das reuig stimmen, aber wirkte auf Constance nicht so, konnte Julius an den Gesichtern von Mutter und Tochter sehen. Céline zog Julius und Claire ohne Worte mit sich, bugsierte sie die Treppe hinauf und führte sie in ihr Zimmer, einem in satten Blautönen gehaltenen Raum mit einem Dachfenster und zwei schrägen Decken. Auf dem breiten Bett ohne Baldachin lag eine Frühlingsblumenmustertagesdecke.

"Oh, Blau. Anders als bei dir, Claire", sagte Julius. Claire grinste nur.

"Wenn jeder Rot mögen würde wäre das auch wieder langweilig."

Julius sah genauer hin, als er die Zimmerdecke betrachtete und vermeinte, unter einem sonnenklaren Himmel ohne sichtbare Sonne mit wenigen weißen Wolken zu stehen.

 

"Pictocircadius-Tapete, Julius. Zeigt zwar dasselbe motiv, aber tageszeitenangepasst. Nachts stehen da oben Sterne, aber kein Mond", erklärte Céline, als Julius seine Entdeckung aussprach.

Céline holte unter dem Tisch vier Stühle hervor, die irgendwie dünn wie Papier wirkten, sich aber zu festen und stabilen Holzstühlen auswuchsen, als sie voneinander getrennt waren.

"Wau, voll die Campingmöbel", staunte Julius. Céline und Claire grinsten ihn an. Dann setzte sich Claire zuerst hin und klopfte auf den Stuhl rechts von sich. Julius kannte das Spiel und machte es immer wieder mit. Wenn Claire auf einen Stuhl klopfte, hatte er sich da hinzusetzen, wenn er nicht ständig von einem mürrischen dunkelbraunen Augenpaar beglotzt werden wollte. So setzte er sich wortlos, wobei Claire sich wie zufällig kurz an ihn lehnte. Tja, offenbar hatte Catherine mit ihrer Einschätzung doch nicht so unrecht, dachte Julius nur. Céline ließ sich ihm gegenüber nieder und sah ihre beiden Gäste an.

"Bébé wird ja von ihrer Mutter hergebracht. Maman wird beide herholen. Sie hat sich gestern lange und ausführlich den Weg zu diesem Ostbahnhof gemerkt. Papa hat ein Auto von seiner Firma organisiert mit Fahrer. Aber ich war mal kurz in der Muggelstadt. Kannst du mir mal sagen, wieso diese Autos die Luft so verpesten müssen, Julius?"

"Öhm, du möchtest doch nicht jetzt einen Vortrag über Automotoren hören, Céline?" Erwiderte Julius.

"Irgendwie schon, Julius. Ich habe ja keine Muggelkunde", beharrte Céline auf eine Antwort. Julius sagte ihr nur, daß in Automotoren eine Flüssigkeit namens Benzin oder Diesel so verbrannt würde, daß die dabei laufenden Explosionen den Motor antrieben aber auch viel Rauch aus dem Auspuff am hinteren Ende des Autos herauskam.

"Und anders können die nicht laufen?" Fragte Céline.

"Bis jetzt nicht. Die arbeiten zwar daran, Autos mit einem Sonnenlichtantrieb zu bauen oder sie mit einem Brenner für Wasserstoff- und Sauerstoff zu betreiben, aber das ist wohl noch Zukunftsmusik."

"Bis dahin räuchern die uns alle aus", meinte Claire. "Schon heftig, daß die hier extra Luftreinigungszauber aufbauen mußten, um diesen Giftdunst draußen zu lassen. Und selbst das klappt nicht ganz."

"Stimmt, im Vergleich zu Millemerveilles ist das in Paris die reinste Hexenküche, öhm, Giftküche."

"Na, du wirst ja nicht was böses über uns sagen wollen, Juju", säuselte Claire. Julius errötete. Hatte sie sich tatsächlich auf diesen Kosenamen eingepeilt, mit dem sie ihn beim Elternsprechtag zum ersten Mal gerufen hatte. Céline grinste amüsiert über Julius' verlegenes Gesicht.

Jeanne klopfte an die Tür und wurde hereingebeten.

"Schön, daß ihr brav geblieben seid. Die da unten ist ja sowas von widerlich drauf", sagte Jeanne und setzte sich ihrer Schwester gegenüber. "In einem Monat soll die Geburt sein, und Connie haßt das Kind. Als wenn das Ungeborene was für die Dummheit seiner Eltern könnte. Da kriegen wir zwei aber noch Spaß mit ihr."

"Soll die doch heute werfen, dann ist das für uns gelaufen", erwiderte Julius. "Irgendwie ist mir da nicht so wohl bei, Constance beim Kinderkriegen zusehen zu sollen, und wenn das noch so natürlich ist und wenn ich das im Fernsehen schon mal gesehen habe und auch weiß, wie der Braten in die Röhre kommt ..."

"O Vorsicht, Julius, keine derben Ausdrücke. Ich hörte, daß unsere respektable Dorfrätin nicht begeistert von deiner früheren Musikauswahl war", sagte Jeanne.

"Entschuldigung, die Damen, aber mir geht das auf den letzten Nerv. Wenn Connie sich wenigstens freuen würde ..."

"Wäre sie schon längst aus Beauxbatons rausgeflogen", warf Céline ein. "Die soll ja schließlich uns Mädchen zeigen, wie blöd das ist, vor dem Schulende was kleines zu kriegen."

"Was hast du gesagt, als du Belles Sachen anziehen mußtest, Julius: "Da muß ich nun durch. Aber Madame Matine hätte sich ein Nein von dir nicht gefallen lassen, nachdem deine große Freundin Aurora Dawn dich ihr empfohlen hat", sagte Jeanne amüsiert.

"Ich komme mir gerade vor wie bei Arithmantik", grummelte Julius als Claire, Céline und Jeanne sich über die Schuhe bei Piedivoir unterhielten. Claire hörte das wohl und meinte:

"Nur, daß du hier keine Noten kriegst und nicht nur mit irgendwelchen Zahlengruppen rumhantieren mußt. Aber keine Sorge, Robert kommt ja auch noch. Dann sind wir keine reine Mädchenrunde mit einem Jungen."

Tatsächlich kam eine halbe Stunde später Robert Deloire vorbei. Céline pflückte für ihn noch einen der praktischen Stühle unter dem Schreibtisch heraus und stellte ihn neben sich. Claire wechselte mit Julius den Platz und setzte sich Céline gegenüber hin. Ihr Freund unterhielt sich mit Céline, Robert, Claire und Jeanne über die bisherige Quidditchsaison und beschrieb, was er in den Ferien erlebt hatte. Viel war es ja nicht, außer daß Julius wußte, welches Lieblingslied Babette gerade hörte. Er sagte zu Jeanne, daß er ihr einen Stapel Notizen gemacht hatte, aus dem sie für den Unterricht was abschreiben konnte. Sie grinste ihn nur an.

Zum Mittagessen ging es hinunter ins Esszimmer. Catherine war nicht mehr hier, stellte Julius fest. Er fragte, wo sie sei und hörte, daß sie per Flohpulver in ihr Haus zurückgekehrt sei.

"Da du mit Flohpulver reisen kannst, möchtest du, falls die Damen das wollen, Jeanne, Claire, Céline und Laurentine mitnehmen, sagt Catherine."

"Bébé hat aber bestimmt noch kein Flohpulver benutzt, Maman", sagte Céline.

"Dann wird es Zeit, daß sie das auch lernt, Kind. Immerhin warst du erst vier, als wir dir das beigebracht haben, und sie wird demnächst vierzehn und könnte meinen, um alles herumkommen zu können", sagte Madame Dornier sehr entschieden. Dann fragte sie Julius, wann er das gelernt habe. Er lief rot an und brachte schüchtern heraus, daß dies das erste gewesen sei, was er als Zauberer gelernt hatte, noch vor dem Fliegen.

"Na also", sagte Connies und Célines Mutter. Connie, die wohl von ihrem ungeborenen Kind irritiert wurde, sah zeitweilig etwas betreten drein. Dann sagte sie:

"Dann kommt sie endlich darauf, daß sie eine von uns ist. War ja schon peinlich, wie ihre Eltern sich bei Trifolio ausgelassen haben."

"Na und, Connie? "Man muß ja nicht gleich alles können und wissen, nicht wahr?" Er sah Connie sehr herausfordernd an. Monsieur Dornier sah Robert sehr streng an.

"Ich fürchte, Monsieur Deloire, Ihnen steht es nicht zu, sich über meine ältere Tochter lustig zu machen. Fassen Sie sich bitte an die eigene Nase und bedenken Sie, daß Sie selbst einmal in eine ähnliche Lage kommen können." Das saß. Robert sank auf seinem Stuhl zusammen wie ein langsam Luft verlierender Gummireifen.

"Und dich hat wirklich die Marinera bedient?" Fragte Jeanne, um das unangenehme Klima zu zerstreuen. Julius nickte verlegen.

"Bei den Muggeln läuft das nicht. Da sind die Modepuppen alle sowas von überdreht, daß die doch keinen Pieps ohne mehrere tausend Pfund Gage machen."

"Ja, und mir kam zu Ohren, daß die Mannequins der Muggelwelt sehr extreme Sachen mit ihren Körpern anstellen, sich ihre Brüste mit einem merkwürdigen Zeug vergrößern oder Arzneien schlucken, die ihre Nerven beruhigen oder den Hunger unterdrücken, damit sie ungesund schlank bleiben", sagte Madame Dornier. Julius nickte. Er hatte das noch mitbekommen, wie eines dieser Supermodels wegen schwerer Krankheiten den Job aufgeben mußte, die durch Tabletten und Hungern aufgetreten waren.

"Also wenn das bei uns jemand machen würde, käme der nach Delourdes in die Abteilung für chronisch Geistesgestörte", sagte Jeanne dazu noch. Allen Hexen im Raum war am Gesicht anzusehen, wie es sie anekelte. Julius war sich aber keiner Schuld bewußt. Er hatte ja nur erzählt, daß die Muggel-Models alle überdrehte Püppchen waren, zumindest die berühmtesten. Er sagte noch:

"Ich kenne eine Hexenkosmetikerin in England, die würde solche Leute wahrscheinlich für immer einsperren lassen."

"Das unterschreibe ich glatt", sagte Jeanne. "Ich habe vor kurzem in der Mond des Sorcières einen Artikel über sie gelesen. Offenbar hat sie neue Märkte erschlossen und ist jetzt viel unterwegs. Könnte sein, daß sie euch mal besucht, Julius."

"Gestern hat sie aber von England aus mit mir telefoniert. Zumindest meinte sie, daß sie sich das Telefon von ihrem Mann ausgeliehen hat", sagte Julius.

"Ja, im Moment sind ja wohl auch in Hogwarts Ferien, und einer sollte ja dann schon zu Hause sein", sagte Jeanne.

"So, und das hat dann immer die Mutter zu sein?" Warf Connie mißbilligend ein.

"Habe ich nicht gesagt, Connie", erwiderte Jeanne ruhig. "Ich sagte nur: "Einer sollte zu Hause sein." Kann also auch der Vater sein. Nimm das nur nicht zu heftig!"

"Was machen die denn beruflich?" Fragte Madame Dornier. Julius erzählte, daß es sich um die Porters handelte, verriet aber über Mr. Porter nur, daß er für seine Firma viel durch die Welt reisen müßte. Dione Porter kannten sie natürlich auch hier.

"Oh, das ist ja dann schade, daß du kein Mädchen geblieben bist. Da hättest du den Draht schlecht hin gehabt, um an gute Schminke und Haarglanzlösungen ranzukommen", flachste Céline. Julius schluckte eine böse Antwort hinunter und erwiderte:

"Dann wäre ich aber jetzt nicht hier, sondern bei den Grandchapeaus und müßte mir Mademoiselle Belles Streß mit den UTZ-Prüfungen antun."

"Och, das hätte man bestimmt entkoppeln können", meinte Jeanne gehässig. "Dann hättest du auch nicht so viele Skrupel, mir und Schwester Florence zu helfen."

"Steck's dir wohin, Dusoleil!" Fauchte Connie, die meinte, sich den Schuh anziehen zu können. Ihr Vater hieb mit der Faust auf den Tisch und donnerte:

"Constance Mylene Dornier, auch wenn du zurzeit durch die anderen Umstände nicht immer Herrin deines Verstandes bist dulde ich unter meinem Dach keine verbalen Grobheiten, schon gar nicht gegen Gäste!"

"Ist nicht bei mir angekommen, Monsieur Dornier", versuchte Jeanne, die Wogen zu glätten. Doch Monsieur Dornier war unerbittlich.

"Ich habe es aber verstanden, Jeanne, und ich darf es nicht einfach so durchgehen lassen. Dieser Ausdruck ist sehr ungezogen für eine Dame, und als solche möchte ich meine Tochter gerne sehen und auch behandeln. Ich denke mal, euer Vater legt auch großen Wert darauf, daß ihr euch benehmen könnt." Er sah Constance an, dann Jeanne, die errötete und nickte. "Habe ich mir gedacht", setzte agilius Dornier den Schlußpunkt.

"Agilius, das ist zwar richtig, daß du unserer Tochter den korrekten Umgangston nahelegst, aber sollte auch nicht zu breit getreten werden. Immerhin wollen unsere Gäste ja nicht unsere Streitigkeiten mitkriegen", schaltete sich Madame Dornier in die Unterhaltung ein.

"Natürlich hast du recht, Margot", pflichtete der Hausherr widerwillig bei.

Nach dem Mittagessen spielten die Jugendlichen Kobol und unterhielten sich über das, was sie über Ostern machen wollten. Julius sagte leicht geknickt, daß er zu den Delamontagnes fuhr und daß nun, wo die füllige Dorfrätin seinen früheren Lieblingssänger kennengelernt hatte, sie mehr als üblich auf ihn aufpassen würde. Jeanne sagte dazu:

"Das ist eben der Punkt. Sie hat von Professeur Faucon irgendwie den Auftrag übernommen, dich anständig in unsere Welt hinüberzuholen. Erinnerst du dich noch an den Tag, wo die Lumières uns zu sich gerufen haben, weil sie uns jemanden vorstellen wollten?"

Zu gut erinnerte sich Julius an jenen Tag, andem er die Verwandlungsexpertin Maya Unittamo kennenlernen durfte. Professeur Faucon und Madame Delamontagne hatten ihn wegen einer abfälligen Bemerkung zu Beauxbatons zu sich geholt und ihm offen ausgebreitet, daß sie ihn sofort zu sich holen würden, wenn er in Hogwarts auf die schiefe Bahn geriete und daß Madame Delamontagne sehr gerne Mrs. Priestleys Fürsorgeauftrag für Julius übernommen hätte, wenn das Verhältnis zwischen seinen Eltern und der Zaubererwelt nicht mehr gekittet werden könnte. Dann hätte er wohl als Virginies Adoptivbruder in ihrem Haus leben müssen und sich ja nicht wagen sollen, dumm aufzufallen, weder in der Schule noch in Millemerveilles. Immerhin hätte er dann nicht in dieser smogüberladenen Stadt Paris wohnen müssen. Aber seine Mutter hatte ihn gerettet. Er konnte das, was er früher gerne getan hatte, zwischendurch wieder machen und trotzdem mit seinen neuen Freunden zusammen sein.

"Ich denke, das muß ich nicht noch mal breit treten", sagte Julius auf Jeannes Frage nur und wechselte das Thema. Sie sprachen über Musik der Muggel und der Zaubererwelt. Céline stellte ein kleines silbernes Zauberradio an, das ohne elektrischen Strom und auch ohne die üblichen Funkwellen auskam. Es lief gerade ein Gespräch über Hecate Leviatas letztes Konzert in Toronto, Kanada. Offenbar hatte die beliebte Musikhexe dort eine neue Show gebracht, die im Quidditchstadion großen Beifall gefunden hatte. Danach kamen drei Lieder von allgemeinmusikalischen Leuten, darunter auch Celestina Warbeck aus England. Julius fühlte sich an eine Opernsängerin erinnert, die zu einem Konzertflügel getragene Texte trällerte.

Um halb drei steckte Madame Dornier den Kopf zu Célines Zimmertür herein und verkündete, daß sie nun losfahren und Laurentine abholen würde. Julius stand auf und fragte, ob er mitkommen solle, weil er ja den Weg zum Ostbahnhof kannte.

"Das ist nett, Julius, aber im Moment wohl nicht zu empfehlen. Die Hellersdorfs müssen es lernen, mit reinrassigen Hexen und Zauberern allein klarzukommen. Wenn du dabei wärest kommen sie nicht auf die Idee, das zu lernen, weil sie dich entweder als von uns bekehrten ansehen oder sich darauf verlassen, daß mindestens einer ihre Probleme sofort versteht, ohne daß sie sich darüber genau aussprechen müssen. Du bleibst schön hier. Connie liegt wieder auf ihrem Sofa. Seid also bitte nicht zu laut. Agilius ist in der Firma, kommt aber in zwei Stunden wieder. Bis dahin bin ich hoffentlich auch wieder hier."

"Stimmt, Sie haben recht", erkannte Julius. "Wenn ich mitfahre, gibt's doch wieder nur Frust. Sie wissen also genau wo der Ostbahnhof ist?"

"Der Fahrer weiß es auch. Bis gleich, Kinder", sagte Madame Dornier und schloss die Tür wieder.

"Soweit hab ich echt nicht gedacht", meinte Julius eine Minute später. "Natürlich müssen die Hellersdorfs das mit den Hexen und Zauberern klarkriegen. Meine Mutter hatte ja auch nicht immer einen Muggelstämmigen mit in Hogwarts oder Beauxbatons."

"Na ja, gut, du hast halt gedacht, Maman gut durch diese Wahnsinnsstadt zu führen. Sicher ist dir nicht eingefallen, Bébé irgendwas beibringen zu müssen", sagte Céline.

Es dauerte wohl noch eine Stunde, bis die Haustür wieder auf- und zuging. Célines Gäste lauschten wie sie darauf, was unten passierte. Sie hörten Madame Dornier ruhig sagen:

"Hier ist unsere Garderobe, Madame Hellersdorf. Laurentine, du kannst deinen Übermantel danebenhängen."

"Ich hoffe, Sie kennen hier auch fließendes Wasser und anständige Toiletten", klang eine andere Frauenstimme leicht ungehalten durch den Flur. Dann hörten sie Laurentines Stimme, verstanden aber nicht, was sie sagte, weil sie sehr leise sprach. "Man wird doch mal fragen dürfen, Kind", kam Madame Hellersdorfs Stimme dann wieder laut genug aber auch leicht verärgert zurück.

"Die hält euch für unterentwickelt wie Leute im Mittelalter", flüsterte Julius Céline zu. Diese warf ihm einen verärgerten Blick zu, mußte dann aber zustimmend nicken, weil er ja doch irgendwie recht hatte.

"ich dachte, die anderen Leute aus dieser Klasse wären auch hier, Madame. Ich höre ja keinen", sagte Madame Hellersdorf.

"Meine ältere Tochter ruht sich aus. Ich habe sie darum gebeten, leiser zu sein. Offenbar haben sie uns gehört und warten darauf, ob wir sie rufen oder ob wir zu ihnen hinaufgehen", erwiderte Célines Mutter.

"Ach, die Vorzeigeschülerin für Sitte und Anstand in Beauxbatons", gab Laurentines Mutter gehässig zurück. Laurentine zischte ihr wieder was zu, was oben keiner verstand. Julius fragte sich, ob er nicht für solche Fälle diese Langziehohren mitnehmen sollte, die Kevin ihm geschenkt hatte.

"Entschuldigung, Madame, aber halten Sie es wirklich für angebracht, sich im Hause einer Gastgeberin abfällig über deren Familienverhältnisse zu äußern?" Fragte Madame Dornier leise. Darauf kam keine Antwort. Laurentine fragte nach einer halben Minute:

"Wo sind denn Céline, Claire und die anderen?"

"Du gehst einfach die treppe hoch und dann das zweite Zimmer auf der linken Seite der Diele, Laurentine. Die freuen sich schon, daß du da bist", erwiderte Madame Dornier.

"Ich geh ihr entgegen", flüsterte Céline und stand auf.

Keine halbe Minute später traten Laurentine und Céline zusammen wieder ein. Das untersetzte Mädchen mit den Pausbacken und der Stubsnase wirkte leicht verlegen, als sei sie sich nicht sicher, hier richtig zu sein. Alle im Zimmer standen auf und begrüßten die neue Besucherin. Julius sah, daß sie in Jeans und Sweatshirt ausgegangen war, also normale Alltagskleidung für Muggelkinder. Laurentine sah ihn an und begrüßte ihn förmlich. Dann fragte sie, seit wann er schon hier sei und wie er denn hergekommen sei. Julius erzählte es ihr. Céline holte einen weiteren Stuhl unter dem Tisch hervor. Das Mädchen, das sie in Beauxbatons fast alle Bébé nannten, staunte über den papierdünnen Stuhl, der sich jedoch in Sekundenschnelle zu einem massiven Holzstuhl aufblies. Sie klopfte prüfend auf die Sitzfläche und an die Lehne und setzte sich dann vorsichtig hin, wohl auf der Hut, nicht durch den Stuhl zu brechen oder dessen Beine abzubrechen. Doch als sie saß war es für sie wie auf jedem anderen Stuhl.

Die Schulkameraden bestürmten Bébé mit Fragen, wie sie die Ferien bisher verbracht hatte. Laurentine meinte, daß sie durch dieses bunte Verbindungsarmband immer meinte, beobachtet oder belauscht zu werden, auch ihre Gedanken. Dann erzählte sie davon, daß sie von ihren Eltern einen Intensivkurs in Computeranwendung aufgebrummt bekommen hätte und bis Ferienende noch ein halbes Physikbuch durchackern müsse. Julius nickte. Das kannte er auch gut genug. Claire fragte ihre Schulfreundin:

"Was macht dein Vater jetzt, wo ihr beide hier seid?"

"Der mußte gestern nach Kourou. Die testen noch die neue Startbasis. Aber ich denke, das ist völlig bedeutungslos für dich."

"Natürlich interessiert's mich, was dein Vater macht, Laurentine. Ich weiß zwar nicht alles, was mit seinem Beruf zu tun hat, aber das, was du mir erklärt hast reicht ja schon aus, um mir was vorzustellen", widersprach Claire verärgert. Julius sah Bébé an und sagte:

"Ach ja, ich las ja davon, daß die im Juni die Ariane V zum ersten Mal starten wollen. Dann können Nutzlasten bis elf Tonnen Gewicht in den Geostationärorbit geschossen werden. Hoffentlich klappt's."

"Ja, und dann haben wir noch ein paar störende Weltraumdinger, die den Sternenhimmel durcheinanderbringen. Tante Uranie freut sich bestimmt", warf Jeanne unüberlegt ein. Dann entschuldigte sie sich bei Laurentine, die sehr betreten dreinschaute. Denn diesen Spruch von der Verschandelung des Sternenhimmels hatte Professeur Faucon an Julius erstem Schultag in Beauxbatons schon gebracht.

"Wielange bleibt dein Vater in Französisch-Guyana?" Fragte Julius, um Laurentines Trübsal zu vertreiben.

"Bevor wir nächsten Samstag wieder zurück müssen ist der hoffentlich wieder da, Julius. Allerdings hat er schon angekündigt, daß er diesen Leuten die Hölle heiß machen wird. An und für sich doof, daß er erst diesen Aufstand gemacht hat und nun selbst nicht zu Hause ist."

"Das kenne ich auch", bemerkte Julius mitfühlend. "Mein Vater hat sich auch heftig aufgespult, weil er meinte, in Hogwarts würde ich verblöden und hätte gefälligst zu Hause zu sein, wenn Ferien waren, war dann aber selbst häufig für seine Firma unterwegs."

"Na, dann kennst du das ja", erwiderte Laurentine und sah sich in Célines Zimmer um, wo kein Computer, keine Stereoanlage stand oder irgendwelche Poster hingen.

Die Beauxbatons-Schüler unterhielten sich über die bisherigen Ferien. Bébé kannte das Lied, welches Babette im Moment total gut fand. Sie hatte sich von ihren Eltern CDs mit den neusten Hits aus Frankreich und Deutschland besorgen lassen. Laurentine erzählte auch, wie ihre Mutter und sie von Vorbach aus nach Paris gekommen waren. Die Fahrt mit der Bahn hatte mehrere Stunden gedauert. Ihre Mutter war zwar nicht sonderlich begeistert, daß sie diesen Besuch machen sollte, hatte sich aber nur einmal dazu geäußert.

Madame Hellersdorf kam zwischendurch mal herauf, um sich Célines Zimmer anzusehen, blieb jedoch nicht länger als eine Minute. Sie grüßte zwar alle kurz, ließ sich aber nicht auf eine Unterhaltung ein, obwohl Jeanne und Julius versuchten, mit ihr zu sprechen. Robert und Julius gingen zwischenzeitlich aus dem Raum, um den Mädchen Gelegenheit zu geben, über für diese wichtige Sachen zu sprechen. Sie gingen hinunter zu Madame und Constance Dornier und Madame Hellersdorf.

"Haben die Mädchen euch rausgeschickt?" Fragte Madame Dornier. Robert schüttelte den Kopf. Julius erklärte ihr, daß die Jungs keine Lust hatten, sich über Klamotten, Schminkzeug oder sonstigen Mädchenkram volltexten zu lassen. Constance, die in einem bequemen Sessel im Besuchersalon saß sah ihn an und meinte:

"Davon hattest du ja wohl genug mitbekommen, wie?"

"Yep", erwiderte Julius.

"Wo sind eigentlich deine Eltern, Junge? Haben die dich etwa alleine hergeschickt?" Fragte Madame Hellersdorf Julius anblickend.

"Ich wurde von Madame Brickston hergebracht, der Hexe, die Sie mit meiner Mutter zusammen gesehen haben, Madame. Mein Vater arbeitet in den Staaten, meine Mutter hat hier in Frankreich einen Job bekommen", erwiderte Claires Freund. "Ich hörte von Laurentine, daß Ihr Gatte gerade in Französisch-Guyana ist. Weiß man denn schon, wann genau die neue Rakete startet?"

"Was interessiert dich denn noch Raumfahrt, wo ihr euch gleich massenhaft beamen oder in teleportierenden Autos herumspringen oder auf diesen haarsträubenden Hexenbesen fliegen könnt", grummelte Madame Hellersdorf.

"Weil ich mich immer schon dafür interessiert habe, Madame. Außerdem können wir durch die Teleskope manchmal Satelliten sehen, und da möchte ich schon wissen, was die da oben machen, und nicht nur ich", erwiderte Julius ruhig.

"Julius, lass es, die ist auf Abwehr", grummelte Constance und verlagerte ihren Körper im Sessel.

"Ich werde doch mal höflich fragen dürfen, was den Jungen an unserer Welt noch interessiert, Mademoiselle", fauchte Madame Hellersdorf und fing sich von Constances und Célines Mutter einen warnenden Blick ein. Julius entschärfte die Lage, indem er sagte:

"Sie haben natürlich den Eindruck bekommen, daß die uns in Beauxbatons alles verbieten, was mit der nichtmagischen Welt zu tun hat. Der Eindruck ist ja auch ziemlich richtig, Madame. Die wollen da nicht, daß wir uns für Computer oder Popmusik der nichtmagischen Welt zu heftig interessieren. Aber das heißt nicht, daß wir das auch in den Ferien nicht tun dürfen."

"Junger Mann, ich habe es immer wieder mitbekommen, wie rückständig meine Laurentine wurde, wenn sie in dieser Schule war. Sie hat alle früheren Freundinnen und Freunde verloren und kann nichts anderes machen als zu Hause rumhängen und Fernsehen oder diese Retortenmusiker hören "Take That" oder wie die heißen."

"Ach, das kenne ich doch", erwiderte Julius gelassen. "Deshalb ist mir das ja wichtig, mit Leuten aus der Schule gut klarzukommen."

"Ja, weil man es dir eingetrichtert hat, das alles gut zu finden und dich auch verkuppelt hat, Bursche."

"Öhm, Moment bitte! Zum einen kriege ich in Beauxbatons genau denselben Kram eingetrichtert wie die reinrassigen Hexen und Zauberer, zum zweiten Punkt kein Kommentar. Was ich mit wem habe ist absolut nicht ihr Ding, Madame, bei allem Respekt vor erwachsenen Menschen."

"Da hat er recht", sagte Madame Dornier. "Das ist Sache seiner Mutter und den Eltern seiner Freundin."

"Eben, mit der er verkuppelt wurde. Wenn ich das von Laurentine richtig erzählt bekommen habe, wurden die beiden doch zusammengebracht wie zwei Zuchttiere."

"Muh!" Gab Julius dazu nur von sich.

"Sie sind doch nur neidisch, daß Bébé durch Sie keine Lust hat, sich mit Leuten bei uns richtig anzufreunden", gab Robert gehässig von sich. "Ich verstehe Céline manchmal nicht, daß die sich das immer noch antut."

"Will der andere junge Mann mir etwa auch noch frech kommen? Ich sagte, das dein Kamerad gezielt manipuliert wurde, sonst hätte er bestimmt nicht wie ein dressierter Kampfhund oder ein Roboter meine Laurentine eingeschrumpft. Außerdem verbitte ich mir das, meine Laurentine "Bébé" zu nennen. So dürften nur mein Mann und ich sie nennen. Aber wir tun das nicht", ereiferte sich Madame Hellersdorf. Ihr Gesicht wurde immer röter vor Wut. Ihre Augenbrauen zogen sich gefährlich zusammen. Madame Dornier räusperte sich laut und sagte:

"Madame, wenn ich das von meiner Tochter richtig mitbekommen habe hat Julius nur einen nachdrücklichen Befehl ausgeführt und das auch nicht begeistert. Reiten Sie bitte nicht auf dieser Geschichte herum! Julius hat genug Einstiegssorgen gehabt, als er nach Beauxbatons kam. Da müssen Sie ihn auch nicht noch kränken."

"Das ist Ihre Ansicht, Madame. Ich weiß nur, daß ich in einer Stunde mit meiner Tochter wieder abreisen werde. Dann habe ich meine Pflicht und Schuldigkeit getan."

"Hmm, dann sollten die Kinder vorher zu Julius' Haus. Immerhin wollten sich Céline und Claire die Wohnung von ihm ansehen. Oder gilt das Angebot nicht mehr, Julius?"

"Von mir aus schon, und Mum weiß ja auch, daß ich meine Schulfreunde für einen kurzen Besuch mitbringen wollte. Hängt nur an Catherine Brickston, weil wir ja deren Kamin benutzen müssen", erwiderte Julius.

"Kamin? Was meint der Bursche damit?" Fragte Madame Hellersdorf. Madame Dornier erklärte es ihr. Constance grinste nur gehässig, weil Laurentines Mutter sehr irritiert dreinschaute. Dann rief sie nach oben:

"Laurentine, komm sofort runter! Wir fahren sofort nach Hause! Die sind ja irre hier!"

"Hmm, war das jetzt verkehrt?" Fragte Julius Madame Dornier, als Laurentines Mutter sehr schnell aus dem Salon lief und die Treppe hinaufstürmte.

"Von deiner Seite aus nicht, Junge", sagte Célines Mutter. Constance sah mißmutig zur offenen Tür hinaus.

"mann, gerade hat es geschlafen, und jetzt turnt es wieder rum. Konnte diese Muggelfrau nicht leiser rufen?"

"Die nimmt wohl auf niemanden Rücksicht, auch nicht auf schlafende verpackte Kinder", erwiderte Robert. Célines Mutter räusperte sich warnend und sah den Freund ihrer jüngeren Tochter drohend an. Julius fragte sich, was nun passieren würde. Er wollte hinauf und hören, was nun passierte. Aber Madame Dornier hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

"Lass sie sehen, was sie davon hat! Ich wollte gleich Kaffee machen. Wenn diese Muggelfrau ihre Tochter tatsächlich aus meinem Haus haben will, kann ich sie nicht daran hindern. Es wäre nur schade, wenn dieser Besuch so rüde abgebrochen wird."

Madame Hellersdorf kam nach einer Minute wieder herunter. Sie schob Laurentine vor sich her und fischte im Vorbeigehen die beiden Übermäntel von der Garderobe.

"Sag schön artig Danke für den kurzen Besuch, Laurentine! Dann machen wir uns fort."

"'tschuldigung, Madame Dornier, daß wir schon los müssen. Hat mich aber gefreut, bei Céline gewesen zu sein. Schönen Tag noch, Robert und Julius."

Claire und Céline eilten lautstark die Treppe herunter. Céline baute sich vor Laurentine auf und redete auf sie ein, ob sie sich das nun entgehen lassen wolle, mit ihr mal außerhalb der Schule zusammen zu sein. Laurentine machte eine betrübte Miene und erwiderte, daß sie nichts dagegen machen könne. Claire fragte Madame Hellersdorf laut:

"Wovor haben Sie so große Angst, Madame? Wir haben Bébé nichts getan und wollten nur, daß sie auch mal ohne Schule mitkriegt, wie wir so leben. Eigentlich wollten wir ja noch zu Julius', um uns seine Wohnung anzusehen. Wir dachten, Bébé könnte da mitkommen."

"Mädchen, ob Hexe oder nicht, ich bin dir keine Erklärung schuldig, klar. Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie meine Tochter in irgendeinem Feuerzauber aus einem brennenden Kamin zu verschwinden versucht, weil das angeblich eine schnelle Transportmöglichkeit ist. Ich suche den Ausgang aus dieser Straße hier und nehme mir ein Taxi zum Bahnhof. Der Weg nach Hause ist lang genug, um früh genug loszufahren. Kümmer dich doch um deinen angedienten Vorführkameraden!" Herrschte Madame Hellersdorf Claire an. Dann zog sie ihre Tochter mit sich zur Haustür, öffnete diese und verließ das Haus der Dorniers ohne weiteres Abschiedswort. Krachend fiel die Tür wieder zu. Constance gab einen unterdrückten Schmerzlaut von sich, weil ihr ungeborenes Kind wohl heftig mit Armen oder Beinen gegen ihr Körperinneres geschlagen hatte.

"Na wunderbar, wunderbar, schön, schön", bemerkte Julius zu diesem Abgang. "Die hast du heute das letzte Mal hier gesehen, Céline."

"Blödmann", kam es von Céline zurück. Claire kam in den Salon und sah Madame Dornier an. Dann ging sie zu Julius und blickte ihm tief in die Augen.

"Hättet ihr das nicht erst verraten können, wenn wir zu dir losgereist wären?" Fragte sie ihren Freund. Dieser sah unschuldsvoll zu Madame Dornier, die die Frage beantwortete.

"Ich war der Ansicht, daß Madame Hellersdorf wissen sollte, wie wir mit Flohpulver verreisen können und daß ich ihr erklären müsse, daß es für Laurentine keine Gefahr darstelle. Daß sie so heftig überreagierte fiel mir nicht ein, Claire."

"Haben Sie nicht heute mittag gesagt, daß Laurentine das lernen müsse, mit Flohpulver zu verreisen?" Fragte Claire Madame Dornier.

"Ja, habe ich. Andererseits kann ich eine Mutter nicht dazu zwingen, ihr Kind was für sie völlig neues ausprobieren zu lassen. Ich ging auch davon aus, daß sie mindestens bis nach dem Kaffee bliebe. Dann hätte ich euch losgeschickt, Laurentine hätte dann ebenfalls per Flohpulver abreisen können, unter den Augen ihrer Mutter. Ihr hättet sie ja dann eine Stunde oder so später zurückbringen können. Tut mir Leid für dich, Céline, daß deine Freundin solche ignoranten Muggel als Eltern hat. Ich wollte ja rücksichtsvoll sein und habe manches überhört, was die Dame hier alles erzählt hat. Aber offenbar ist die Dankbarkeit in der Muggelwelt kein hohes Gut."

"Zum Teil schon, Madame", fühlte Julius sich verpflichtet, zu widersprechen. "Aber ich fürchte, mein Vater hätte nicht anders reagiert."

"Auf jeden Fall können wir jetzt in Ruhe Kaffee trinken", warf Constance gehässig ein. "Soll die doch sehen, wie sie zu diesem Bahnhof kommt."

Es dauerte eine Viertelstunde, bis sich die aufgeheizten Gemüter wieder beruhigt hatten. Bei Kaffee und Kuchen sprachen sie über ihnen angenehmere Dinge. Danach reisten Céline, Jeanne, Claire, Robert und Julius per Flohpulver in die Rue de Liberation. Catherine empfing sie im Partyraum der Brickstons und gebot ihnen, leise zu sein, weil ihr Mann sich auf seine Arbeit konzentrieren müsse. Sie schlichen die Treppe zur Wohnung der Andrews' hoch. Julius schloss die Tür auf und führte seine Gäste hinein. Seine Mutter telefonierte gerade. Als sie hörte, daß ihr Sohn wiedergekommen war, beendete sie das Gespräch und legte auf. Sie kam aus ihrem Arbeitszimmer und begrüßte die Jungen und Mädchen.

"Habt ihr schon Kaffee getrunken?" Fragte sie. Alle nickten. Dann zeigten die Andrews ihren Gästen die Wohnung. Jeanne interessierte sich natürlich für die technischen Geräte, sah sich eine Viertelstunde lang verschiedene Fernsehprogramme an, bis sie zu den übrigen Mitschülern in Julius Zimmer ging, wo seine Mutter Extrastühle hingestellt hatte. Es war hier sehr wenig Platz, aber es reichte aus, um sich eine Weile hinzusetzen und miteinander die Muggelgeräte zu begutachten. Julius gab Claire den Zettel mit dem Morsealphabet und machte mit ihr aus, sich damit mit den Valentinsgeschenken zu verständigen. Julius führte den Computer vor, während im Hintergrund Musik aus der Stereoanlage erklang. Nach einer ganzen Stunde brachte Julius seine Gäste wieder runter. Joe Brickston steckte seinen Kopf aus der Arbeitszimmertür. Er wirkte nicht gerade freundlich, sagte jedoch nichts. Leise wie vorhin gingen die Beauxbatons-Schüler in den Partyraum zurück. Catherine schloss die Tür und entzündete den Kamin. Dann nahm jeder Flohpulver und reiste mit dessen Hilfe zu Célines Elternhaus zurück. Claire verabschiedete sich von Julius. Weil Jeanne und Catherine in der Nähe waren beließ sie es nur bei einer innigen Umarmung und den üblichen Wangenküssen. Dann trat sie an den Kamin, warf Flohpulver hinein, wartete, bis eine smaragdgrüne Feuerwand aufloderte, trat auf den Kaminrost und rief: "Maison Bleu!" und verschwand mit lautem Rauschen in einem Wirbel aus Funken und Asche. Jeanne wartete eine Minute. Sie sagte zu Julius:

"Danke für deine Aufzeichnungen. Du hättest dir ja nicht soviel Arbeit damit machen müssen. Aber bestimmt bringt's mir was gutes ein."

"Jeanne, Wettschulden sind Ehrenschulden. Zumindest ist das in England so. Sonst würde es ja auch keinen Spaß mehr machen. Außerdem hätte ich gerne dieses kleine Planetarium gehabt. Na ja, werde ich noch irgendwann kriegen."

"Bis Samstag, Julius. Ich hoffe mal, Madame Delamontagne läßt dich überhaupt zu uns." Sie trat auf den Kamin zu und rauschte nach Nennung des Ziels ab.

"Was war denn mit Laurentine? Hatte sie Angst vor der Flohpulverei?" Fragte Catherine.

"Ihre Mutter hatte was dagegen, Catherine. Die ist sehr schnell mit ihrer Kleinen abgezogen, als Madame Dornier ihr erzählt hat, wie das mit dem Flohpulver geht."

"Ach, und Margot hat das natürlich als Bestätigung für ihre Abneigung gegen Muggeleltern gesehen. Aber Hauptsache ihr hattet einen schönen Tag. Hat Claire dir erzählt, was sie für Walpurgis gekauft hat?"

"Nöh, hat sie nicht, Catherine", erwiderte Julius.

"Dann muß ich dir das auch nicht erzählen. Camille hat es mir erzählt. Aber wenn du lieber mit Mildrid oder Belisama fliegst, mußt du das ja dann nicht wissen", entgegnete Catherine lächelnd. Julius grinste nur.

"Wenn Madame Maxime nicht meint, mich als Partner auszusuchen."

"Das wird dir erspart bleiben, Julius", lachte Catherine. Dann verabschiedeten sie sich voneinander.

 

__________

 

Ich bin wieder in meinem Reich. Irgendwie habe ich lange geschlafen. Ich fühle Hunger und laufe herum, um zu schnüffeln, wo es was zu fressen gibt. Die Sonne verschwindet gerade wieder.

Irgendwer hat mich weggeholt, obwohl ich zu Julius laufen wollte. Diese großen beißenden Vierbeiner, die mich angegriffen haben, sind mit der Kraft niedergeschlagen worden. Dann bin ich hier wieder wach geworden. Warum kann ich nicht einfach zu Julius? Er will doch haben, daß ich bei ihm bin. Nachher kommt er noch mit seiner Schwester Claire zusammen und verschwendet sich an sie. Ich will zu ihm!

In der Dunkelheit laufe ich durch unser großes Reich. Ich versuche, Julius wieder zu fühlen. In der Richtung, wo ich ihn gesucht habe ist er nicht mehr. Dann spüre ich ihn deutlicher als vorher in der Richtung, in der die Sonne am höchsten steht. Ich erkenne, daß er nicht mehr so weit entfernt ist und schleiche vorsichtig in die Richtung.

Soll ich jetzt wieder hinaus, durch die laut schrillende Wand durch? Ich fange drei Ratten und fresse soviel wie möglich. Dann trinke ich an unserem schnellen Wasser etwas und laufe dann los. Ich weiß jetzt, daß ich mit einem schnellen Sprung durch die böse Wand komme. Ich laufe schneller und springe dann kurz vor der Wand nach vorne los. Auuutsch! Das tut wieder weh, wenn dieses grelle Licht und der beißende Geruch, das schrille Geräusch und das Brennen am Körper kommt. Aber ich bin wieder durch. Diesmal weiß ich, wo ich genau langlaufen muß und renne so schnell es geht fort. ich will zu Julius! Diesmal lasse ich mich nicht fangen.

 

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Es war am Freitag abend, als Madame Delamontagne bei den Andrews' klingelte. Julius hatte seine Practicus-Reisetasche für sich und seine Mutter freigeräumt, seinen Festumhang, die Tanzschuhe, seine Schachmenschen, ein nichtmagisches Reiseschachspiel, seinen Schwermacher und Claires Kalenderbild eingepackt. Dazu nahm seine Mutter noch drei Kleider mit dazu passenden Schuhen mit, Waschzeug für drei volle Tage und einige Bücher zum Schmökern. Julius hatte auch zwei seiner Flöten eingepackt.

"Kommen Sie rein, Madame Delamontagne!" Rief Martha Andrews durch die Sprechanlage. Eine halbe Minute später stand die Dorfrätin für Gesellschaftsangelegenheiten von Millemerveilles im Flur der Andrews. Sie hatte sich ihr purpurkostüm angezogen, das ihren imposanten Körper federleicht umspielte.

"Alles soweit eingepackt, Madame und Monsieur?" Fragte sie nach der höflichen Begrüßung. martha und Julius Andrews nickten. Madame Delamontagne holte aus ihrem Umhang eine kleine Flasche heraus, die sie entkorkte.

"Sie kennen das Procedere ja, Martha. Ich kann es Ihnen nicht ersparen. Denn wenn wir in Millemerveilles eintreffen, haben wir keine Zeit mehr, Ihnen den Trank zu geben, weil Sie dann sofort in wilder Panik davonlaufen", sagte die Dorfrätin.

Martha und Julius Andrews nickten. Julius Mutter nahm die entkorkte Flasche, setzte sie an und trank den Inhalt in einem Zug aus. Sie wartete einige Sekunden, bis sie sich sicher war, alles ordentlich hinunterbekommen zu haben. Dann holten sie die Reisetasche und verließen die Wohnung, nachdem Mrs. Andrews die Stecker aller unnötigen Elektrogeräte rausgezogen hatte.

Mit der Metro ging es zu einer Station, von der aus sie in einem stillgelegten Schacht bis zu einer Eisentür gingen, durch die es in das Zaubereigeschichtsmuseum ging, von dem aus sie in die Rue de Camouflage eintraten. Um diese Zeit, acht Uhr abends, waren die großen Straßenlaternen schon angezündet. Die letzten Hexen und Zauberer verließen die Geschäfte, um nach Hause zu gehen. einige Minuten später erreichten sie den hufeisenförmig von hohen Büschen umringten grünen Vollkreis, in dem sie aus Beauxbatons her angekommen waren. Madame Delamontagne trat in die Mitte des Kreises und hob ihren Zauberstab. Leise murmelte sie eine Reihe von Zauberworten, bis aus dem Stab ein goldener Lichtstrahl aufschoss und sich weit über ihnen zu einer rot leuchtenden Lichtkuppel ausbreitete, die rasch bis auf den Boden reichte und nahtlos mit dem Rand des großen Kreises abschloss. Kaum berührte die Kuppel den Boden, setzte völlige Schwerelosigkeit ein, und die drei Reisenden fanden sich im Mittelpunkt einer sonnenuntergangsroten Lichtkugel schwebend.

"Das ist faszinierend aber auch unheimlich", sagte Martha Andrews. Ihre Stimme hallte wie in einem großen Keller oder einer Kirche wider.

"Dafür ist es die schnellste Art zu reisen, Madame. Achtung, wir kommen gleich an!" Entgegnete Madame Delamontagne. Auf ihr Wort hin federten Mrs. Andrews und Julius ihr wiedererlangtes Gewicht ab, während die rote Kugel zur Halbkugel wurde, die um sie herum im Boden verschwand. Frische Luft, wesentlich sauberer als in Paris, schlug ihnen entgegen, als sie frei im Ankunftskreis von Millemerveilles standen.

"Willkommen in Millemerveilles", sagte Madame Delamontagne ihren Gästen zugewandt. Dann führte sie sie zu ihrem großen Haus mit dem Garten, in dem ein großes Marmorschachbrett im Boden eingelassen war, an dessen Rand Figuren halb so groß wie erwachsene Menschen standen. Virginie saß im Garten und unterhielt sich mit Janine Dupont, der Sucherin der roten Quidditchmannschaft. Als Martha Andrews die beiden jungen Hexen begrüßte sagte Janine:

"Dann stimmt das doch, daß man Sie in einer Reisesphäre mitnehmen durfte. Ich hoffe, sie genießen die Ostertage bei uns."

Barbara Lumière flog auf ihrem Ganymed 9 heran und landete auf der Wiese vor dem Haus. Sie eilte herbei und begrüßte die Gäste aus Paris nach Madame Delamontagne.

"Wenn Madame Delamontagne es erlaubt können wir morgen früh ein wenig trainieren, Julius. Ich denke, das möchtest du sicher auch."

"Ich hab' den Schwermacher mit, Barbara", antwortete Julius. Die Sprecherin der Mädchen im grünen Saal lächelte und wünschte ihm und seiner Mutter noch einen schönen Abend.

Die Hauselfe Gigie nahm den Andrews das Gepäck ab und zeigte ihnen das geräumige Gästezimmer, in dem zwei einzelne Himmelbetten standen.

"Die haben hier auch diese Deckenbeleuchtung wie bei den Dusoleils", sagte Julius' Mutter. Julius löste die Beleuchtung durch dasselbe Zauberwort aus, das im Haus der Dusoleils benutzt wurde. Dann löschte er es sofort wieder. Er half seiner Mutter beim Auspacken, zog sich einen mitternachtsblauen Umhang über und folgte Gigie mit seiner Mutter.

Beim ausgiebigen Abendessen besprachen die Delamontagnes mit den Andrews' was in den letzten Tagen alles geschehen war. Julius mußte auf eindringliche Anweisung der Hausherrin erzählen, wie sich die Hellersdorfs bei den Dorniers benommen hatten. Er versuchte zwar oft, sich um eine direkte Antwort herumzuschummeln, konnte aber dem eindringlichen Blick der Dorfrätin nicht lange genug widerstehen. So erzählte er, was passiert war und sah, wie Madame Delamontagne sichtlich verärgert dreinschaute. Sie nickte ihm zu, wenn er Pausen machte, er solle bloß weitererzählen. Als er fertig war, so beim vierten Gang, sagte sie:

"Ich habe befürchtet, daß Madame Hellersdorf sich derartig ungebührlich aufführen wird. Eigentlich müßten wir sie ja nicht einladen oder ihre Tochter auch in den Ferien mit ihren Freunden zusammenbringen. Aber für Laurentine wäre es sicherlich konstruktiv, wenn sie den privaten Umgang mit ihren Mitschülern pflegt und erkennt, daß sie nicht isoliert leben muß. Ich befürchte nur, daß dies nicht im Sinne ihrer Eltern ist."

"Nun, es ist ja für uns, die wir aus der sogenannten Muggelwelt stammen, alles andere als leicht verdaulich, daß unsere Kinder plötzlich Dinge anstellen können, die in unserem Weltbild unmöglich erscheinen, Madame. Allein schon die raumspringenden Autos sind eine Zumutung für den klaren naturwissenschaftlich geprägten Verstand, und die Sache am ersten Schultag trug gewiß nicht zur Verbesserung der Beziehungen zwischen laurentines Eltern und den Angehörigen Ihrer Welt bei", verteidigte Martha Andrews das Verhalten von Laurentines Mutter.

"Ich verhehle nicht, daß ich nach wie vor gewisse Vorbehalte gegen den privaten Umgang zwischen den Eltern reinblütiger und Muggelstämmiger habe. Sie bilden jene Ausnahme, die dazu auffordert, zumindest das bestmögliche zu unternehmen, Kontakte zu pflegen und nach Möglichkeit zu fördern. Nur verhalten sich in neun von zehn Fällen die nichtmagischen Elternpaare kontraproduktiv. Wenn es nicht zu meinen unmittelbaren Verpflichtungen gehören würde, würde ich gerade was die Angelegenheit Hellersdorf angeht von einem Entgegenkommen abraten und sogar darauf hinwirken, daß das Mädchen wie Ihr Sohn einer zaubererweltlichen Fürsorgeperson überantwortet wird, Martha. Sie kennen meinen Standpunkt genau und wissen daher, daß ich keinen Moment gezögert hätte, Ihren Sohn in meine Obhut zu nehmen, wenn es die Lage erfordert hätte. Julius weiß das auch", sagte Madame Delamontagne sehr ernst.

"Ja, dies haben Sie mir lange genug erklärt, Eleonore. Sie werden aber zugeben müssen, daß ein gutes Eltern-Kind-Verhältnis allemal besser ist als ein erzwungenes Betreuungsverhältnis. Längst nicht alle Kinder und Jugendlichen nehmen das einfach hin, wenn sie von ihren Eltern weggeholt werden, und die Elternpaare selbst dürften in den meisten Fällen gerichtliche Schritte einleiten, um um ihr Sorgerecht zu kämpfen. Ich wollte Julius ein derartiges Desaster ersparen und mir das Recht bewahren, über seine Entwicklung, sein Leben und seine Interessen informiert zu bleiben, ja einen gewissen Einfluß zu behalten. Aber wechseln wir das Thema. Ich mochte es als Mädchen nicht, wenn Erwachsene in meiner Anwesenheit über mich diskutierten. Ich gehe davon aus, daß Julius das auch nicht mag." Julius nickte zustimmend.

"Nun, ich lege es auch nicht darauf an, Ihren Aufenthalt hier durch derlei Diskussionen zu beschweren, Martha. Ich wollte nur sicherstellen, daß Sie und Julius wissen, woran Sie beide bei mir sind."

"Nun, Eleonore, im wesentlichen kannst du es doch als persönlichen Erfolg werten, daß der Junge mit seiner Mutter zusammenleben kann. Sicher, Blanche hat da auch was wichtiges zu beigetragen. Aber du hast doch bekommen was du wolltest", sagte Monsieur Delamontagne, bei dem Julius immer angenommen hatte, daß er in diesem Haus die zweite Geige zu spielen habe.

"Du hast natürlich recht, Edouard. Andauernd auf dieses Thema einzugehen, obwohl es schon längst abgeschlossen ist, ist nicht gerade gastfreundlich", entgegnete Madame Delamontagne ruhig.

Der Rest des Abends verlief mit Gesprächen über die derzeitigen Ereignisse in der Muggelwelt und Dingen aus der Zaubererwelt. Sie besprachen die Sache mit Goldschweif und auch die Vorbereitungen für die Walpurgisnachtfeier. Julius' Mutter erfuhr, daß der erste Mai wie ein Sonntag frei war, um die sonst geltende Nachtruhezeit um drei Stunden verlängern zu können.

"Ist das für die jüngeren Schüler nicht arg spät, wenn sie bis ein Uhr aufbleiben?" Fragte sie.

"Wenn sie genügend Schlaf bekommen nicht, Martha. Aber dieses Ereignis ist so wichtig, daß die üblichen Ruhezeiten nicht eingehalten werden konnten", erklärte Madame Delamontagne. Julius fügte dem hinzu:

"Das haben die im Jahre 1802 eingesehen, wo ältere Schüler massiv gegen die Ruhezeiten verstießen und in ihren Sälen bis spät in die Nacht weiterfeierten. Um nicht alle älteren Schüler vereint von der Schule zu schicken hat die damalige Schulleitung diese Ausnahme verfügt, zumal dadurch auch eine bessere Kontrolle über die Feiernden ermöglicht wurde, Mum."

"Gib dem Wolf zu fressen, damit er dich nicht beißt", erkannte Martha Andrews schmunzelnd. "Wenn genug Leute aufbegehren muß also was zu deren Gunsten geändert werden."

"Nicht ganz, Martha. Immerhin gelten die Ruhezeiten verbindlich an allen Tagen. Die Ausnahme mit der Walpurgisnacht wurde nur verfügt, weil es darum ging, diesen hohen Feiertag als solchen nicht in Beauxbatons verbieten zu müssen. Sie wissen ja, daß an diesem Abend die Hexen das Sagen haben und es zur gesellschaftlichen Entwicklung der europäischen Zaubererwelt gehört, daß Heranwachsende über ihre Stellung in der Gesellschaft früh genug orientiert werden."

"Nun, von diesem Feiertag weiß man natürlich auch in meiner Welt, Eleonore. Allerdings ist er da als verrufene Angelegenheit bekannt, wo Hexen sich an geheimen Festplätzen mit dem Satan vergnügen. Viele Dichter und Schriftsteller haben sich damit beschäftigt."

"Unter anderem ein gewisser Goethe aus Deutschland", wußte Madame Delamontagne.

"Ach, derselbe, der das Gedicht vom Zauberlehrling geschrieben hat?" Fragte Julius.

"Eben dieser", bestätigten Madame Delamontagne und Julius' Mutter.

Nach einem langen Abend zogen sich Gastgeber und Gäste in die Schlafräume zurück. Julius legte sich nach einem kurzen Besuch im Gästebad hin und fiel sofort in tiefen Schlaf.

 

__________

 

Am nächsten Morgen trainierte er mit Barbara wieder. Er fühlte, daß er doch etwas an Form verloren hatte, kam aber nach einigen Minuten wieder in seinen gewohnten Rhythmus.

"Du bist dann wohl heute bei Claire und Jeanne?" Wollte Barbara wissen.

"Hmm, ja das auch. Ich wollte aber vielleicht noch zu Madame Lagrange wegen ihres Kniesels. Vielleicht kann die mir noch was wichtiges erzählen, was das Buch nicht hergibt."

"Sicher kann sie das. Bücher bringen nur Wissen. Aber Erfahrungen machen das Leben aus."

Virginie erwartete Julius an der Haustür der Delamontagnes und führte ihn leise zum Gästebad, wo er sich duschte und einen tulpenroten Umhang anzog.

Während des Frühstücks wurde aus der Zeitung vorgelesen. Allerdings ging der Miroir Magique nicht von Hand zu Hand, sondern Monsieur Delamontagne las laut vor.

"Die französische Quidditchnationalmannschaft hat nach zähen Verhandlungen den Ankauf von vierzehn Besen vom Typ Ganymed 10 Marathon erfolgreich zum Abschluß gebracht. Die Verkaufsabteilung von Ganymed gewährte der Mannschaft einen Gesamtpreisnachlass von zwei Gratisbesen. Die Pressesprecherin der Nationalmannschaft, Madame Malvine Moureau bestätigte, daß der Kauf durch Investitionen aus den drei Spitzenmannschaften Paris Pelikane, Millemerveilles Mercurios und die Lyoner Wölfe erheblich weniger Belastung für die Kasse der nationalen Quidditchvereinigung bedeutet. Allerdings mußten die Ganymed-Werke einem Vertrag zustimmen, demnach die Nationalspieler aus besagten drei Mannschaften die Besen auch für die Vereinsspiele benutzen dürfen. Für den Rest der Saison verspricht diese Neuerwerbung spektakuläres Quidditch, zumal sich die Mercurios gerade den Weltklassespieler Polonius Lagrange von den cherbourgh Wikingern eingekauft haben, der nächste Woche im Heimspiel gegen die Wölfe aus Lyon erstmalig im ockergelben Umhang der Mercurios auffliegen wird", hörte Julius mit großem Interesse eine Sportmeldung. Virginie seufzte, daß sie das gerne sehen würde, aber nächste Woche Samstag schon die Rückkehr nach Beauxbatons war.

"Ja, abends", warf Julius ein.

"Ja, eben. Das Spiel steigt abends, weil die Wölfe am Morgen noch eine Wohltätigkeitsveranstaltung besuchen, die in Lyon stattfindet", erwiderte Virginie.

"Lagrange, ist das Belisamas Vater?" Fragte Julius.

"Nein, der Cousin von ihr und Seraphine", erläuterte Madame Delamontagne. "Der wohnt aber während der Saison bei Adele und ihrer Familie. Er hat vor einem Jahr Beauxbatons erfolgreich beendet. Vor dem trimagischen Turnier war er Kapitän der weißen Mannschaft und hätte fast den Pokal gewonnen, wenn die Mannschaft der Grünen nicht noch im letzten Spiel gegen seine Mannschaft durch Schnatzfang wichtige Punkte errungen hätte. Falls du ihm also begegnen solltest, was sehr wahrscheinlich ist, da Adele dich gerne noch sprechen möchte, erwähne nicht von dir aus, daß du auch für die Grünen spielst", empfahl ihm Madame Delamontagne.

"Oh, ich hätte sonst gefragt, ob ich mit Seraphines Mutter mal sprechen könnte, ihr sogar eine Eule geschickt. Aber wenn es sich so verhält..."

"Nein, das Tier muß weggehen. Meisterin Eleonore und Meister Edouard möchten es nicht hierhaben. Das Tier soll weggehen!" Kreischte Gigie sehr schrill durch das Haus. Dann flog etwas silbriggraues mit einem langen goldbraunen Schweif durch die halb geöffnete Esszimmertür und setzte mit einem Gewaltsprung zu Julius Andrews über, der total erschrocken in zwei grüne Augen starrte, die ihn freudig anblinzelten, bevor vier samtweiche Pfoten punktgenau auf seinen Knien landeten. Keine Sekunde später lag ein sieben Kilogramm schweres Wesen mit weichem seidigglatten Fell, das von dunkelbraunen runden Tupfern bedeckt war, wohlig schnurrend halb eingerollt auf dem Schoß des muggelstämmigen Beauxbatons-Schülers.

 

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Ich laufe die ganze Dunkelheit durch. Zwischendurch greife ich mir Eier von Vögeln, die in niedrigen Büschen ihre Nester haben und kann sogar ein Mäusenest aufgraben, aus dem ich mir fast alle Bewohner herausfangen kann. Ich spüre, daß Julius nun sehr nahe ist. Ich bin froh, daß ich diesmal nicht vor einem bösen Weg anhalten muß, wie vor einigen Sonnen, als er in der ganz anderen Richtung weit weg gewesen ist. Das Laufen wird langsam anstrengend. Aber ich komme immer näher. Ja, ich kann ihn nun ganz genau spüren. Er kann nur noch so weit weg sein, wie es ist, wenn ich sooft durch das große Reich laufe, wie ich Krallen an den Füßen habe.

Die Sonne kriecht schon aus ihrem Aufsteigeloch. Sie ist wie immer sehr rot und leuchtet den Himmel merkwürdig an. Ich komme an eine laut surrende Wand, die aber nicht fest und fühlbar ist, sondern nur aus der Kraft besteht. Ob die mich durchlässt?

Wumm! Anders als die Wand um unser Reich dröhnt es tief und bauchschüttelnd, als ich mit einem Sprung auf die Wand zufliege. Merkwürdig langsam komme ich runter, als wenn ich von irgendwem nach unten getragen würde. Erst als ich wieder stehe, hört das laute Dröhnen auf. Andere Gemeinheiten gibt es hier nicht. Ich laufe los und komme zu einer Familie von Steinbauten. Ich fühle, wo Julius ist. Ich weiß es nun. Aber halt! Hier sind Spuren von einer Artgleichen. Die war erst vor kurzer Zeit hier. Ist die wohl noch hier. Ich will nicht um ihr Reich kämpfen müssen, bevor ich zu Julius darf. Aber es ist ja auch eher Männchensache, um ein Stück Boden und das Essen darauf zu kämpfen. So gehe ich erst ruhig weiter, lausche und schnüffele, ob meine Artgenossin hier irgendwo ist. Doch sie ist wohl weitergezogen. Ich laufe wieder schneller. Ich merke, wie müde ich bin. Doch wenn ich jetzt schlafe, kann Aries mich wieder einfangen. Ich will nun endlich zu Julius.

Ich erreiche einen Steinbau, aus dem die so anregende Ausstrahlung kommt. Ich schleiche einmal herum. Ich höre ihn sprechen. Ja, und da ist auch ein Weibchen, das ich aus dem großen Steinbau kenne. Zwei große Weibchen und ein Männchen sind da. Ich sehe mich um und finde eine Öffnung keine zwei Schwanzhöhen über mir. Ich laufe an und springe hoch. Ja, ich bin oben und kann einfach hineinklettern.

Hier wohnt meine Artgenossin nicht. Ich rieche leicht verbranntes Fleisch, Pflanzenreste und etwas, das bei Aufstieg der Sonne oft zu riechen ist und wohl auch von den Menschen gegessen oder getrunken wird. Ich lausche. Irgendwo singt die Kraft in den Wänden oder dem Boden. Ich finde ein Stück Holz, das vor einer anderen Öffnung steckt. Ich komme nicht durch. Ich kratze an dem Holz. Vielleicht hört mich ja einer.

Schritte klingen. Es muß ein Junges der Menschen sein, weil es so klein ist. Als dann aber das Holzstück zu mir hin weggedrückt wird, sehe ich eines dieser Wesen, die im Steinbau wohnen und dort wohl saubermachen. Es sieht mich mit viel zu großen Augen an, die die Farbe meines Schwanzes haben, nur mehr glitzern. Dann schreit es mich mit Sprechlauten der Menschen an und schlägt mit einem Stoffstück nach mir. Ich knurre: "Lass das sein, du!" Doch das Wesen mit der pflanzengrünen langen runden Nase will nicht aufhören. Ich kann mit einem Sprung an ihm vorbei und renne über totes Fell auf dem Boden zu einer Höhle, hinter der Julius ist. Ja, ich kann rein! Das Stück Holz vor der Öffnung ist nicht ganz davor! Ich laufe hinein, sehe Julius und springe mit einem Satz zu ihm. Geschafft! Endlich bin ich wieder bei ihm!>

 

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"Och neh!" Maulte Julius, nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte. Goldschweif lag halb eingerollt auf seinem Schoß und schnurrte behaglich.

"Das ist doch eine Unmöglichkeit", knurrte Madame Delamontagne. Gigie, die gurkennasige Hauselfe mit den goldenen Tennisballaugen, watschelte sehr aufgeregt herein und warf sich vor ihren Meistern auf den Boden.

"Meisterin Eleonore, Gigie hat nicht gewußt, das fremdes Tier ins Haus kommt. Gigie wollte es wegjagen. Doch das Tier ist einfach an Gigie vorbeigesprungen. meisterin Eleonore, Meister Edouard, bitte nicht all zu böse sein zu gigie!"

"Gigie, aufstehen!" Befahl Madame Eleonore Delamontagne mit rauher Stimme. "Wie konnte dieses Tier hereinkommen?"

"Meisterin Eleonore, Gigie weiß nicht. Gigie kann nicht sagen, wie es hereinkam", winselte Gigie mit hoher Stimme. Die Elfe zitterte merklich. Martha Andrews sah sich die Szene an, sah dann zu Julius hinüber. Dieser griff vorsichtig nach Goldschweif, hob sie von den Knien und setzte sie auf den Boden. Er stand auf und ging schnell zu seiner Mutter hinüber, während Madame Delamontagne nachsah, woher Goldschweif gekommen war.

"Dieses Wesen, Gigie, hat ja Todesangst. Ist das berechtigt, Julius?" Fragte Mrs. Andrews ihren Sohn im Flüsterton. Julius schüttelte vorsichtig den Kopf.

"An und für sich nicht, Mum. Hauselfen sind nur wie überdressierte Hunde. Wenn sie was falsch machen, kriegen sie heftige Angst. Aber ich denke nicht, daß Madame Delamontagne Gigie schlägt oder gar umbringen wird."

"Gigie, du hast keine Schuld", schnaubte Madame Delamontagne. "Du hattest gelüftet und diesem Tier damit den Weg freigemacht. Es wird keine Strafe geben."

Gigie kauerte immer noch am Boden, bis Madame Delamontagne sie bei den Ohren nahm und unmißverständlich hochzog. Das genügte der Elfe wohl als Buße für die Missetat. Schluchzend verließ sie das Esszimmer.

"Ich ging davon aus, daß dieses Tier wieder eingefangen worden sei", polterte die Hausherrin. "Die ist nämlich vor einer Woche, kurz nach Ferienbeginn, aus Beauxbatons entwischt, offenbar um zu dir zu laufen, Julius. Ich werde sofort mit Professeur Armadillus kontaktfeuern. Er soll Goldschweif wieder einfangen."

"Oh, ich fürchte, damit kriegst du sie nur für einige Stunden weg, Eleonore", wandte Monsieur Delamontagne ein. "Wenn die wirklich zu unserem jungen Gast wollte, dann kommt die gleich morgen wieder her. Kniesel können nicht lange unter Schockzauber gehalten oder mit Schlafgasen betäubt werden, wie du von Adele weißt."

"Aber es kann doch nicht angehen, daß dieses Tierwesen beliebig ausreißen kann, Edouard. Bei den Andrews' kann es nicht wohnen, da die Tierwesenbestimmungen da eindeutig und unumgänglich sind, wie du auch weißt. Also muß ich ja mit dem zuständigen Lehrer abklären, was nun zu unternehmen ist", gab Madame Delamontagne sehr ungehalten zur Antwort und feuerte einen zornigen Blick nach dem anderen auf Goldschweif ab, die um Julius' Beine herumstrich, zwischendurch mit der rechten Pfote ein Bein von ihm anstubste und dabei leise maunzte, wie eine gewöhnliche Hauskatze.

"Erst einmal ist Goldschweif hier", erwiderte Monsieur Delamontagne und mußte grinsen. "Also könnt ihr in aller Ruhe klären, was nach dem Ostermontag gemacht werden kann."

"Dumm, daß man Kniesel nicht in gewöhnliche Hauskatzen verwandeln kann. Die haben eine PTR von achtundneunzig", murmelte Julius.

"So ist es", wandte Madame Delamontagne ein. Julius' Mutter fragte, was für ein geheimnisvolles Ding die PTR sei.

"Erklär es deiner Mutter bitte. Da sie gemäß der Familienstandsgesetze ein rechtliches Mitglied unserer Welt ist, kannst du ihr ruhig erläutern, was es mit der Passivtransfigurationsresistenz bei magischen Geschöpfen und Zauberpflanzen auf sich hat", gestattete Madame Delamontagne ihrem jungen gast.

"Ähnlich wie der elektrische Widerstand in Materialien ist die passivtransfigurationsresistenz bei magischen Wesen zu verstehen, Mum. Zauberwesen haben durch ihre natürliche Ausstattung mit magischen Eigenschaften einen Widerstand gegen von außen aufgezwungene Verwandlungszauber. Der Wert besagt, wieviele von einhundert Verwandlungsversuchen wirkungslos bleiben, wobei noch die Zahl aufzuwendender Standardeinheiten mit hineinspielt, also der Schwierigkeitsgrad der Verwandlung. Das heißt, Goldschweif könnte nur in zwei von einhundert Fällen irgendwie verwandelt werden, was jedoch nicht von Dauer sein muß. Hexen und Zauberer haben durchschnittlich eine PTR von eins, wobei Anfänger bei 0,1 liegen und wirklich mächtige Zauberer und Hexen es bis auf 20 bringen können. Drachen und die Flügelpferde, die du ja kennst, haben eine PTR von 99,92, also da müßte jemand schon mit zehntausend Versuchen ran, um achtmal Erfolg zu haben, was bei Drachen mit Sicherheit tödlich endet. Die Standardeinheit entspricht der Verwandlung eines toten Gegenstandes in einen anderen Gegenstand mit ähnlicher Größe und Eigenmasse. Sie schafft ein Zauberer oder eine Hexe nach der ersten Klasse und kann sie bis zu zehn mal Jahrzehnte Lebensalter steigern. Maya Unittamo, die unser Lehrbuch geschrieben hat, hat wohl eine PTR von 19 und kann mit 97 Standardeinheiten pro Verwandlungszauber einwirken."

"Und da sage noch mal jemand, daß Magie keine Wissenschaft sei", sagte Martha Andrews, die die Zahlen in ihrem mathematischen Verstand locker verarbeiten konnte.

"Das heißt, je mehr Standardtransfigurationseinheiten STEs man schaffen kann, desto leichter fallen einfachere Verwandlungszauber", fügte Virginie noch hinzu.

"Oh, dann würde mich mal doch interessieren, welche Werte du hast, Julius. Nach allem, was mir erzählt wurde und was ich ja selbst beobachten konnte, mußt du ja schon mehr als durchschnittlich sein. Wie misst man denn sowas?"

"Die Standardeinheiten durch die Lösung vorgegebener Aufgaben, und die PTR durch Versuch und Irrtum. Eigentlich könnte man einen Drachen wie auch einen erwachsenen Abraxarieten mit 100 veranschlagen, da niemand es schafft, diese zehntausend Versuche durchzuführen, ohne vorher getötet zu werden oder das Versuchstier aus der Reichweite zu verlieren", berichtigte Madame Delamontagne den Vortrag von Julius. Sie schien nun etwas gelassener zu sein. Offenbar war es gut, daß Julius die Lage durch einen sachlichen Vortrag entschärft hatte. Doch nun sagte sie noch: "Ich werde sogleich mit Professeur Armadillus kontaktfeuern. Solange bleibst du bitte hier, Julius! Ich möchte nicht haben, daß Goldschweif dir nachläuft und womöglich in Millemerveilles Unterschlupf sucht, um der Gefangennahme zu entgehen."

"Also, Julius, was deinen Standardeinheitenwert angeht, so liegt der mit hoher Wahrscheinlichkeit bei neun. Immerhin hast du die Tier-zu-Tier-Verwandlung nun so locker raus, daß das wohl anzunehmen ist", sagte Virginie. "Die PTR kann nur durch von außen aufgezwungene Verwandlungen bestimmt werden. Daß du mit Belle verkoppelt wurdest hängt nicht an deiner PTR, sondern an diesen Sachen, die du bei dir hattest. Immerhin hat die Verwandlung als solches ja geklappt."

"Neun von 90 erreichbaren? Dann bist du aber schon weit", fand Julius' Mutter und sah ihren Sohn leicht befremdet an.

"Das ist aber nicht linear, Mum, sondern quadratisch. Wenn du von einer zu zwei Standardeinheiten hochsteigerst mußt du das vierfache Training bringen, das für die eine nötig war, für die drei das neunfache an Trainingsaufwand und -zeit und so weiter. Wenn mir Mademoiselle Delamontagne unterstellt, ich könnte schon die neun ... Oh, wollte ich nicht, Mum."

Martha war sichtlich erbleicht. Offenbar mußte ihr mathematischer Verstand hochgerechnet haben, wie mächtig Julius war, wenn er in der kurzen Zeit wirklich einen so hohen Zauberwert hatte. Angst flackerte in ihren Augen, aber nur für eine Sekunde. Dann sagte sie:

"Du mußt lernen, was du lernen kannst, Julius. Wenn das wirklich stimmt, daß du grundsätzlich sehr stark bist, ist es allemal besser, wenn du das kontrollieren kannst."

"Aber wieder zu Goldschweif, Mum! Ich las von einem Ich-seh-nicht-recht-Zauber, der auffällige Merkmale von Zauberwesen bedeutungslos macht, sodaß ein Muggel einen Kniesel wohl für eine normale Katze ansehen mag", kehrte Julius zum Ausgangspunkt der magietheoretischen Diskussion, Goldschweifs stürmische Ankunft, zurück.

"Ja, deshalb können manche Tiere ja in Muggelsiedlungen gehalten werden. Aber ob das bei Knieseln solange vorhält? Abgesehen davon muß der Halter das betreffende Tier bezaubern, was du ja in den Ferien nicht darfst", stellte Monsieur Delamontagne fest. Julius nickte. Also mußte was anderes gefunden werden.

Nach fünf Minuten kam eine sichtlich ungehaltene Madame Delamontagne zurück. Sie sah erst Goldschweif, die sich mittlerweile zu Julius' Füßen hingelegt hatte an und dann den Beauxbatons-Drittklässler.

"Also, junger Mann, folgende Vereinbarung wurde getroffen: Solange du hier bei uns bist, bleibt Goldschweif auch hier und darf wie du frei im Ort herumlaufen. Wenn du hier abreist, bringst du Goldschweif zunächst nach Beauxbatons zurück. Dort lässt du dich von Schwester Florence und Professeur Bellart zusammen mit Goldschweif auf eure Wechselwirkung hin untersuchen, was einen Tag dauern mag. Sollte es sich erweisen, daß es eine Möglichkeit gibt, deine Eigenaussstrahlung für Goldschweif unwahrnehmbar zu machen, kannst du wieder zu deiner Mutter nach Paris. Hierzu wird dir Professeur Faucon dann ihren Bürokamin freigeben. Sollte es jedoch keine Möglichkeit geben, deine eigene Ausstrahlung abzuschirmen, verbleibst du in Beauxbatons, und deine Schulsachen werden dir von Catherine zugestellt. Dies nur für die Osterferien. In den Sommerferien muß eine andere Lösung gefunden werden,vielleicht eine weite Reise, um dich aus Goldschweifs Reichweite zu bringen."

"Tolle Aussichten", schnaubte Julius nun auch verärgert. Er hatte damit gerechnet, die Ferien ganz bei seiner Mutter zubringen zu können. Dieses Tier da auf seinem linken Fuß, das wohl gerade fest eingeschlafen war, würde ihm die ganzen Ferien versauen.

"Da hat mir der Osterhase dieses Jahr aber ein faules Ei ins Nest gelegt", knurrte er verbittert. Seine Mutter hatte ihre Pokermiene aufgelegt. Doch zwischendurch schien sie doch sehr böse zu Goldschweif hinunterzusehen.

"Wohl eher der Osterkniesel", gab Monsieur Delamontagne grinsend zur Antwort. "Die hat dich also tatsächlich auserwählt."

"Das will ich aber nicht haben. Mum und ich hatten bisher so schöne Ferien. Wenn sich rausstellt, daß ich immer in der Schule sein muß, nur damit diese Mademoiselle da unten nicht in der Muggelwelt rumläuft kann sie mir gestohlen bleiben."

Goldschweif hob den Kopf und sah Julius mit einem Blick an, als wolle sie sagen, er solle doch nicht so böse zu ihr sein. Sie schnurrte sanft und schmiegte sich an sein linkes Bein.

"Kniesel haben ihren hohen Wert, Julius. Ich würde das Angebot das sie dir macht nicht so einfach verwerfen", sagte Monsieur Delamontagne. Julius grummelte zwar etwas, sah aber nicht mehr so verärgert drein. Die Zauberer hatten ja recht. Diese Tiere konnten ja nicht frei in der Muggelwelt herumlaufen, nur weil ihre Natur sie aus der sicheren Umgebung trieb. Er bückte sich, hob Goldschweif auf, die sich sofort an seinen Körper drückte und sich streicheln ließ. Martha Andrews stand auf und näherte sich. Goldschweif fauchte ansatzlos in ihre Richtung und zuckte mit dem Schwanz hin und her.

"Martha, nicht zu nah!" Sagte Madame Delamontagne. "Die reagieren sehr abwehrend auf Nichtmagier, meiden sie nach Möglichkeit vollkommen."

"Habe verstanden. Ich hatte Tanten, die Katzen hatten. Ich weiß, wann es besser ist, wegzubleiben", sagte Julius' Mutter und setzte sich wieder hin. Goldschweif verfiel wie umgeschaltet in ihre Wohlfühl- und Zuneigungshaltung.

"Willst du sie mitnehmen, wenn du zu Claire gehst?" Fragte Virginie.

"Bloß nicht. Die kann nicht gut mit Claire. frag mich nicht, warum, Virginie!"

"Dann mußt du wohl fliegen oder floh-pulvern", lachte Virginie und stand auf.

"Du darfst unseren Kamin benutzen, Julius", sagte Madame Delamontagne und beschwor sogleich ein Feuer hinein. Julius nickte ihr zu und trug Goldschweif in das Gästezimmer. Dort setzte er sich kurz auf einen Stuhl, griff sich ein Kissen von seinem Bett, zog es ein paar mal unter seinen freigelegten Achseln durch und legte es vorsichtig auf den Stuhl. Er hob Goldschweif auf das Kissen, tätschelte sie solange, bis sie die Augen schloss und schlief. Dann verließ er leise das Gästezimmer und schloss die Tür. Unterwegs zum Esszimmer sagte er zu Gigie:

"Mach bitte die Gästezimmertür erst in fünf Minuten auf und lehn sie an, falls das Tier nicht sofort herauskommt! Ich möchte nicht haben, daß die hier in Panik oder Zerstörungswut gerät."

Madame Delamontagne sagte er auch noch mal, was er gemacht hatte. Virginie kam mit einem Zerstäuber Entduftungsdampf und sprühte Julius damit ein.

"Das beste Mittel gegen Rauch, Fett- und Tiergeruch, wenn du zu einer Verabredung willst, Julius. Oder soll Claire das sofort riechen, daß du deine vierbeinige Freundin hier hast?"

"Danke, Virginie", sagte Julius leise. Dann nahm er aus einem Bronzetopf Flohpulver, warf es ins Feuer und trat in die grüne Feuerwand. Er nickte Madame Delamontagne zu und rief dann "Jardin du Soleil!"

Er schloss die Augen und wartete, bis der wilde Wirbel nachließ. Dann fing er sich mit Armen und Knien ab und sah sich um. Er war im richtigen Kamin angekommen.

"Ach, hat der Herr keine Lust gehabt, zu Fuß zu gehen oder drängt ihn die Sehnsucht nach meiner Schwester so sehr, daß er Madame Delamontagne um Flohpulver angebettelt hat?" Grüßte Jeanne Julius. Sie hantierte mit ihrem Zauberstab und ließ Geschirr durch die Luft segeln.

"Komm hör auf, Jeanne! Das glaubst du nicht, was los ist", knurrte Julius.

"Das weißt du erst, wenn du's mir sagst", erwiderte Jeanne lächelnd und fegte so im Vorbeigehen Julius' Umhang Rußfrei.

"Goldschweif ist aus Beauxbatons abgehauen und volle kanne direkt zu mir gerannt. Ich weiß nicht, wann die losgesaust ist. Aber daß die jetzt hier ist nervt mich im wahrsten Sinne tierisch an."

"Hups! Das ist echt so? Möglich ist es ja. Dann sei froh, daß sie dich hier aufgestöbert hat und nicht in Paris. Dann hätte Beauxbatons mächtig viel Krach mit mehreren Abteilungen gekriegt."

"Ja, und ich muß nach dem Ostersonntag erst einmal zur Schule zurück, die Mademoiselle abliefern und mich dann untersuchen lassen, wie ich auf sie überhaupt wirke. Wenn die das unterbrechen können, darf ich erst zu meiner Mutter zurück, ansonsten: Tschüß bis wer-weiß-wann!"

Jeanne schnupperte kurz an Julius' Umhang.

"Ach, hat Virginie dir ihre Duftverdrängungsmixtur auf den Umhang geblasen? Sieht ihr ähnlich."

"Häh, wie merkst du das denn?" Fragte Julius.

"Weil du beim nahen Schnuppern überhaupt nichts riechst, nicht mal Waschmittel oder Körpergeruch", antwortete Jeanne. Dann führte sie Julius hinaus aus der Wohnküche. Ihre Mutter war unterwegs in den Gärten und würde wohl erst in einer Stunde zurücksein. Claire war oben in ihrem Zimmer. Jeanne führte Julius hinauf. Claire kam ihnen jedoch auf halber Treppe entgegen und fiel Julius gleich um den Hals.

"Schön, daß du da bist. Bist du durch den Kamin gekommen? Ich habe dich nicht klingeln höhren."

"Ja, ich mußte floh-pulvern, weil ich unerwarteten Besuch aus Beauxbatons ... Ja, Claire, das schreiende, kratzende Fräulein ist heute morgen in Madame Delamontagnes Küche gestürmt." Claire sah sehr verärgert aus. Zuerst glaubte sie wohl, Julius würde sie veralbern. Sie zog ihn an sich und flüsterte:

"Wehe, wenn du mich verschaukelst, Juju! Dann schnüffelte sie an seinem Umhangkragen und meinte: "Wird wohl stimmen. Virginie hat dich wohl abgesprüht, damit du mich nicht mit Mademoiselle Goldschweifs Parfüm beleidigst. Die würde nicht bei einem Streich mitmachen."

"Heh, Claire, benimm dich anständig. Du weißt doch, daß Madame Delamontagne die Anstandshexe von Julius ist und möchte, daß du nichts verbotenes mit ihm anstellst", flötete Jeanne. Claire ließ von Julius ab und kniff ihrer Schwester energisch in die Nase.

"Denkst du, ich will so rumlaufen wie Connie Dornier? Das hat mir schon gereicht, wie die da muffelig und mit immer dickerem Bauch durch Beauxbatons läuft. Ich meine, wenn ich ein Kind haben will, dann werde ich wohl nicht so nörgelig rumlaufen und das bestimmt auch mal schön finden, wenn da jemand neues in mir herumturnt. Aber im Moment brauch ich das nicht."

"Ach, dann hast du nicht gehört, daß Mädchen vom Küssen schwanger werden?" Versetzte Julius und hielt sich vorsorglich am Treppengeländer fest. Claire fing ihn mit einem Arm ein und rammte ihm mal eben kurz ihre Faust in den Magen. Dann tätschelte sie die Stelle jedoch, wo sie zugestoßen hatte.

"Das gilt für Jungs und nicht für Mädchen, Juju", raunte sie ihm mit tiefer Stimme zu. Julius schluckte kurz, mußte dann aber lachen. Mit diesem Mädchen konnte er sich so schön käbbeln, weil sie zum einen immer schnell eine passende Antwort fand und zum anderen schnell wieder freundlich wurde, nachdem sie sich aufgeregt hatte. Sie zog Julius mit sich fort zu ihrem Zimmer und drückte ihn entschlossen auf einen freien Stuhl runter.

"So, dann ist diese Knieselkönigin wieder zu dir gekommen. Wundere mich, daß die von Beauxbatons das noch nicht weitergemeldet haben, daß denen ein Kniesel durchgebrannt ist. Aber was machen wir jetzt? Die kann mich nicht leiden, wie du weißt. Und ob ich sie leiden kann weiß ich immer noch nicht."

"Im Zweifelsfall bleiben wir im geschlossenen Haus. Durch Wände kann die nicht gehen, und sich in Nebel auflösen geht bei denen auch nicht. Apparieren können die auch nicht, sonst hätte ich die schon bei der Abreise im Nacken gehabt, oder man hätte Catherine gekontaktfeuert, daß Goldschweif gegen den Apparitionsabwehrwall geprallt wäre, den sie um ihr Haus hochgezogen hat. Aber irgendwie möchte ich doch öfter mal mit dir raus an die Luft", sagte Julius.

"Davon darfst du ausgehen. Ich will nämlich mit dir für Walpurgis trainieren. Maman möchte dir die beiden Mimbulus mimbletonia zeigen, die sie erfolgreich angesetzt hat, und Barbara hat dich heute morgen schon zum Training gehabt. Außerdem möchte Madame Lagrange mit dir sprechen. Die hat uns schon durchs Feuer gefragt, wann du bei uns zu finden bist. Offenbar möchte sie mit dir über Kniesel reden."

"Hmm, fliegen kann Goldschweif nicht. Dann machen wir das mit dem Besenfliegen besser sofort. Denn in erst drei Minuten läßt Gigie Goldschweif aus dem Gästezimmer."

"Gut, Julius. Dann wollen wir raus. Komm mit!"

Claire holte Jeannes Ganymed 8, den sie nun benutzen durfte aus ihrem Schrank und führte Julius hinaus in den Garten. Denise spielte mit ihrer Tante Uranie Springball. Sie begrüßte Julius kurz und hörte sich an, was passiert war. Sie sagte nur:

"Adele ist in einer halben Stunde zum zweiten Frühstück hier. Wenn Goldschweif dann auch noch kommt, sei's drum. Claire, übernimm dich nicht mit der Fliegerei!"

"Ja, Tante Uranie", erwiderte Claire leicht genervt klingend. Dann ließ sie Julius hinter sich aufsitzen. Der hielt sich gut fest und stieß sich mit Claire zusammen ab. Jeanne flog mit ihrem Ganymed 9 in ausreichendem Abstand und beobachtete, wie Claire mit Julius erst sanfte und dann wildere Flugmanöver machte, wie liegende achten, stehende Achten, schnelle Wenden, Rollen, Sturzflüge und Schrauben. Dann führte Jeanne die beiden an, wie die Walpurgisnachtälteste, wie Julius es von Catherine erklärt bekommen hatte. Sie gab Manöver vor, die Claire nachflog. Julius ging gut mit ihren Bewegungen und Lageänderungen mit. Jeanne reizte ihre Schwester langsam aber sicher zu schwierigeren Manövern, bis Tante Uranie hochrief:

"Jeanne, ist gut jetzt! Claire kann nicht sofort so wild herumfliegen. Nachher fallen beide runter, und dann hast du das Nachsehen."

"Ist klar, Tante", sagte Jeanne und nahm das Tempo aus den Flugübungen. Als sie landeten apparierten Seraphine und ihre Mutter vor dem Haus.

"Hallo, Julius! Wir haben es von Eleonore schon gehört, daß deine Knieselin dich hier aufgestöbert hat", grüßte Madame Lagrange. Julius grüßte zurück und sagte:

"Das ist mir alles andere als angenehm, Madame Lagrange. Die wollen haben, daß ich am Ostermontag nach Beauxbatons zurückreise und mich da von Schwester Florence und Professeur Bellart untersuchen lasse, ob ich was ausstrahle, was Goldschweif so auf mich einpeilt. Finden die nichts, bleibe ich den Rest der Ferien da und vielleicht auch die Sommerferien und bis zum Schulabschluß."

"Das wird dir wohl nicht passieren, zumal in den Sommerferien alle ausnahmslos aus der Schule rausmüssen, weil da die große Inventur von allem stattfindet. Außer Madame Maxime bleibt dann niemand da", sagte Madame Lagrange. Seraphine winkte Julius zu, der ihr und ihrer Mutter zum Haus folgte. Monsieur Dusoleil verließ seine Werkstatt und begrüßte die Besucher. Im Esszimmer sprachen sie lange über Kniesel und wie man mit ihnen am besten umgehen sollte. Madame Lagrange erzählte von Lauretta, ihrer Hausknieselin, der einzigen, die hier in Millemerveilles wohnte. Sie beschrieb, wie sie sie tagsüber hielt und nachts im Dorf herumlaufen ließ. Dann gab sie Julius noch ein paar Tipps, wie er Goldschweif zu bestimmten Sachen veranlassen konnte.

"Das mit dem Kissen, wo dein Körpergeruch drauf ist, ist schon einmal sehr brauchbar, wenn du sie nicht direkt bei dir haben willst, Julius. Aber sie wird nicht immer so auf Abstand bleiben. Das weißt du ja schon längst. Also, scharfe Gerüche, die nicht tierischer Natur sind, können sie gut auf Abstand halten. Ich lege immer Senfsperren da aus, wo Lauretta nicht hinsoll. Das macht zwar mit der Zeit große Putzarbeiten, aber mit Ratzeputz und Madame Contramacules Allzweckreiniger kriegst du sowas schnell weg. Dann sind Kniesel außerhalb ihrer Rolligkeit sehr wild auf Haselnusbrei mit Fleischbrühe. Wenn du sie also lange ablenken willst, rühr' ihr sowas an. Ich habe das selbst hundertfach durchgezogen. Wenn sie rollig sind gehen sie an Baldrian. Hat wohl für sie aphrodisierende Wirkung, falls du weißt, was damit gemeint ist." Sie schlug verlegen die Augen nieder, weil sie was gesagt oder gedacht hatte, was für eine anständige Dame nicht recht war. Julius nickte und grinste. Mit dem Begriff konnte er schon genug anfangen, um zu wissen, daß er nicht von jedem Mädchen was zu trinken oder zu riechen annehmen würde, das ihm hinterherlief.

"Das kannst du aber glauben, das Julius weiß, was ein Aphrodisiakum ist, Maman", sagte Seraphine und genoss es, wie ihre Mutter rot anlief. Sie fing sich jedoch wieder und fuhr fort:

"Wenn sie Junge trägt wird sie ein Nest bauen. Pass auf alle weichen Sachen auf! Die zerfleddern die gerne für ihr Kindbett. Am besten bietest du dann von dir aus was an, was sie dafür nehmen kann, außer Federn. Federn sind für die Müll. Genauso würdest du ja nicht in Kartoffelschalen und verfaulten Früchten oder abgenagten Knochen schlafen wollen. Sie mögen langsame Musik von hochtönigen Instrumenten, steht im "Wesen des Kniesels". Aber ich habe auch schon mit meinem Cello Laurettas Wohlbefinden erregt. Allerdings muß sie dafür auf dem Schoß sitzen.

Wenn sie wirklich mal Junge kriegt und die nicht in deiner Wohnung säugt, brauchst du dich erst einmal nicht mit ihr zu befassen. Wenn sie bei dir ist, lass sie bloß in Ruhe! Geh nicht näher an ihr Nest als sie mit einem Sprung zu dir hingelangen kann! Die haben einen unwahrscheinlich starken Mutterinstinkt und kennen weder Freund noch Feind, wenn sie Junge haben. Madame Matine mußte mir mal den ganzen linken Arm völlig neu zusammenheilen lassen, weil ich einmal einen Tick zu nahe an Laurettas Nest heran war."

"Ich dachte, hier gäb's keine Kniesel", wunderte sich Claire. Julius erklärte ihr, daß die sich mit gewöhnlichen Katzen fortpflanzen könnten. Madame Lagrange nickte.

"Ich habe die Jungen weggegeben, als Lauretta anfing, sie wild zu verbeißen und ihnen auch kein Futter mehr brachte. Sie hat von acht Blutlinienvorfahren eine Hauskatze im Stammbaum. Sie war die vierte nach der letzten Einkreuzung, die von einem Hauskater Junge bekam. Ich gab sie an Menagerien weiter. Für unseren Tierpark eigneten sie sich nicht, weil zuviel Katzenanteil drinsteckte. - Aber weiter mit den Tipps.

Du kannst einem Kniesel Sachen beibringen, zum Beispiel das Anbringen von kleinen Gegenständen, Ballspielen oder durch Ringe springen. Sie sind sehr intelligent und verstehen so viele Kommandos, wie ein dreijähriges Kind. Will sagen, die haben ein ansatzweises Selbstbewußtsein und können Konsequenzen und frühere Erfahrungen gegeneinander abwägen. Bei den Freilebenden, zu denen die Queue-Dorée-Linie gehört, ist das sogar noch ausgeprägter, weil sie ja in Hinblick auf völlige Unabhängigkeit aufwachsen, was, wie du sicher schon an dir selbst mitbekommen hast, das eigene Denken sehr gut fördert. Du kannst also auch durch Lohn und Strafe, Fehler und Erfolg eine gewisse Erziehung vollführen. Allerdings sind Kniesel so stur, daß sie oft tagelang an einem bestimmten Ding hängen, bevor sie aufgeben. Insofern kriegst du Mademoiselle Goldschweif nicht mehr los. Arrangier dich also mit ihr, ob in der Schule oder im Privaten!"

"Ja, aber die kann mich nicht ab, Madame. Die knurrt, kreischt und kratzt, wenn ich mit Julius zusammen bin", protestierte Claire.

"Jetzt wissen wir doch, wie wir sie auf Abstand halten können", sagte Julius. "Wir nehmen Currysoße oder Tabasco, ziehen damit einen weiten Kreis, das sie nicht drüberspringen kann und haben Ruhe vor ihr", sagte Julius überzeugt.

"Womit wir bei einem weiteren Punkt sind, Monsieur Andrews. Bannzauber wirken nur begrenzt. Der in Beauxbatons geht nur, weil im Zaun Aschenreste von den ersten Knieseln eingebacken sind und die die tageslichtlange Zauberkraft vervierfachen. Immerhin ist deine neue Gefährtin ja durch den Dom um Beauxbatons gekommen, der alle anderen Zauberwesen sicher zurückhält, wenn sie nicht durch einen kurzzeitigen Durchlasszauber freigelassen werden. Versuch auch nach Möglichkeit nicht, mit Magie gegen Goldschweif anzugehen! Lauretta hat mir mal einen Zauberstab zerlegt, weil ich sie als junge Knieselin häufiger damit behext habe. Das mit der hohen PTR habt ihr ja heute morgen schon besprochen. Wenn dir also dein Zauberstab lieb ist, mach ihm Goldschweif nicht zur Feindin! Das mit den Gewürzstoffen, dem Haselnusbrei und andere Naturtricks nimmt sie dir nie übel, weil das ja nicht unbedingt von dir kommen muß. Aber die haben einen Spürsinn für Magie und für Charaktere. Aber das kannst du nachlesen. Das schreiben die im Buch über Kniesel besser als ich's erklären könnte."

"Joh, danke, Madame Lagrange", sagte Julius. Sie aßen zum zweiten Frühstück Croissants mit Marmelade oder Schinkenfüllung, tranken Kaffee oder Kakao. Madame Dusoleil, die während der Unterhaltung erst nach Hause gekommen war und bis dahin kein Wort gesagt hatte, legte Julius noch mehrere Waffeln vor und sagte:

"Du wirst schon gut mit dieser Goldschweif fertig werden. Du denkst jetzt, daß du dir wie Constance Dornier ein ungewolltes Kind angelacht hast. Aber Kniesel wie Kinder geben von der Zuneigung viel zurück, die sie von dir kriegen und können auch lernen, dich zu respektieren. Sollte das also zwischen dir und Claire noch intensiver werden, und sollte Goldschweif immer noch was dagegen haben, kannst du sie an Claire gewöhnen, wie ein Vater ein Kind an eine Stiefmutter. Man muß sie nicht mögen, aber zumindest achten."

"Danke, maman. Das hilft mir jetzt sehr gut weiter", grummelte Claire, die rechts neben Julius saß.

Martha Andrews kam mit Madame Delamontagne herüber und nahm ebenfalls am zweiten Frühstück teil. Madame Lagrange unterhielt sich mit Julius' Mutter über Beauxbatons, Paris und Kniesel. Sie machte ihr Mut, daß Kniesel sich auch an Muggel gewöhnen ließen, wenn ihre Bezugsperson öfter mit ihnen zu tun hatte.

"Ist Goldschweif denn nun unterwegs?" Fragte Julius und sah sich um, als müsse die Knieselin jeden Moment zur Tür hereinspringen.

"Als wir gingen schlief sie noch", sagte Madame Delamontagne. "Offenbar hat sie einen Gewaltlauf veranstaltet, um zu uns zu kommen. Immerhin ist sie ja diese Woche schon einmal ausgerissen."

"Eleonore, ich dachte, daß müsse unter uns bleiben", warf Monsieur Dusoleil ein. Seine Frau sah ihn argwöhnisch an und fragte ihn, was genau er vor ihr geheimgehalten hatte. Madame Delamontagne erklärte nur, daß Monsieur Dusoleil bei der Suche nach Goldschweif geholfen habe, mehr nicht. Julius konnte sich schon denken, wie das gelaufen war. Er hatte diese Rückschaubrille, das Retrocular, ja schon ausprobieren dürfen. Doch ein magisch bekräftigter Eid zwang ihn dazu, nichts darüber zu erzählen.

Nach dem Frühstück lud Madame Lagrange Julius ein, sich Lauretta mal anzusehen. Durch den Kamin ging es in ihr Haus am Südrand von Millemerveilles. Seraphine apparierte. Sie genoss es, das sie vor einer Woche im zweiten Anlauf die Erlaubnis dazu erworben hatte.

Lauretta war etwas kleiner als Goldschweif und besaß helles Fell, fast weiß mit grauen Punkten über den ganzen Körper. Sie knurrte kurz, als sie beim fressen gestört wurde, ließ sich dann aber in Ruhe ansehen. Ihr Schweif war etwas kürzer als der von Goldschweif, und die Quaste am Ende war dünner und hatte auch keine langen Endhaare. Ihre Augen waren kastanienbraun.

"Du siehst sofort, daß hier mehr Hauskatze in der Blutlinie drinsteckt als Kniesel, Julius. Hauskniesel sind auch eher Lauerjäger, die gut und gerne auf die Jagd verzichten, wenn sie fertiges Futter kriegen können. Nur zwischendurch holt sie mal eine Maus aus dem Loch oder bringt mir getötete Bienen an, die sie irgendwo von einer Blume gepflückt hat. Das erzähl aber bitte nicht Madame L'ordoux!" sprach Madame Lagrange.

"Ich werde mich hüten. Nachher nimmt die pro Biene noch eine Sickel. Dann wird's teuer", warf Julius ein. Er kannte die Bienenhüterin von Millemerveilles. Obwohl oder gerade weil fliegende Insekten sein schlimmster Alptraum waren, hatte er sie im letzten Sommer einmal besucht und sich über die zugegebenermaßen interessante Welt der Bienen informiert und sogar eine alte Geistesberuhigungstechnik angewendet, um die Panik, die die um ihn herumschwärmenden Bienen auslösten, die so groß wie Streichhölzer gezüchtet waren, abbauen zu können.

Lauretta sprang plötzlich von ihrem Futternapf zurück, krümmte den Rücken zum Buckel und fauchte in die Richtung eines offenen Fensters. Julius erkannte Goldschweif, die gerade hereinschlüpfte und mit einem geschmeidigen Sprung lautlos auf dem Boden landete. Jetzt hatte sie ihn wieder eingekriegt.

 

__________

 

Herrlich war das. Ich durfte wieder auf einem weichen Schlafstein liegen, den Julius für mich mit seinem Geruch bestrichen hat. Doch wo ist der denn jetzt schon wieder hin? Ich bin wach, das Licht der Sonne zeigt mir, daß es schon viel später ist, und er ist nicht mehr hier. Aber ich fühle ihn noch in der Nähe. Ja, ich kann ihn erreichen.

Ich springe vom Schlafstein und laufe zum Ausgang der Schlafhöhle. Außer dem jungen Menschenweibchen Virginie ist kein Mensch mehr im Steinbau. Ich finde sogar einen freien Ausgang und kann ganz raus. Ich laufe langsam auf den Ort zu, wo Julius nun ist. Der ist bestimmt wieder bei seiner liebestollen Schwester, die keinen anderen Gefährten suchen will. Wenn die ihn nimmt!

Es riecht mal lecker, mal widerlich. Irgendwie weiß ich nicht, was die Menschen in der Steinbaufamilie so alles anstellen, daß soviel neues Zeug in der Luft hängt. Doch Julius' Ausstrahlung ist gut zu fühlen. Ja, diesmal läuft er mir nicht mehr weg ... Eh, das geht doch nicht! Jetzt ist der einfach weggeflogen, ganz schnell! Ah, er ist schon wieder gelandet. Ich muß wieder dahin, wo die Sonne am höchsten Punkt zu sehen ist. Diesmal laufe ich schneller. Über mir fliegen zwei Menschen auf mit der Kraft aufgefüllten Ästen herum. Einer, das überschwere Jungmännchen namens César, ruft herunter:

"Eh, Bruno, da unten läuft ja Goldschweif! Wie kommt die denn her?!"

"Wohl per Eulenpost, wie?" Höre ich das andere Jungmännchen, den starken Bruno, zurückrufen. Die beiden kommen runter zu mir. Ich weiche aus und laufe schnell weg. Ich lasse mich von denen nicht fangen! Nachher frisst der dicke César Kniesel, die nicht in ihrem kleinen Reich bleiben. Die fliegen mir nach! Böse Männchen. Nur weil die fliegen können denken die wohl, gute Jäger zu sein. Aber ich bin besser. Ich suche und finde eine Hecke, schlüpfe darunter und schleiche ganz vorsichtig weiter, bis ich unter der nächsten Hecke ankomme. Mein Schweif ist nach unten geklappt. Die beiden landen da, wo ich unter die Hecke getaucht bin. Offenbar meinen die, ich würde da auf die warten. Ich schaffe es, weit genug von ihnen wegzuschleichen und dann ganz schnell über die Wege zu laufen, die mich zu einem anderen Steinbau bringen, wo Julius drin ist.

Oh, hier wohnt die Artgenossin, die ich schon gerochen habe. Aber hier ist auch Julius! Ich schleiche um den Bau herum, finde eine offene Höhle darin und klettere hinein.

Heh, da steht das fremde Weibchen und droht mir.

"Heh, weg hier. Mein Haus!" Knurrt sie. Sie kommt auf mich zu. Ach, die ist ja kleiner als ich und sieht nicht so aus, als müsse sie sich ihre Beute hart erjagen. Ich knurre zurück:

"Der eine da gehört mir. Geh da weg!"

"mein Haus, weg da!" Knurrt und faucht mich die viel zu helle Fremde an. Die sieht doch in der Dunkelheit noch jeder von weitem.

"Ich will nur Julius. Du hast ihn nicht zu haben!" Erwidere ich. Die Fremde fährt doch einfach die rechten Vorderkrallen aus und zeigt die mir!

"Das ist mein Haus! Raus! Wenn du nicht wegläufst, kriegst du die auf die Nase."

Ich bin wütend. Diese Fremde erkennt nicht, wie schwach sie eigentlich ist. Will die wirklich kämpfen?" Ich strecke nun meine rechten Vorderkrallen aus und antworte:

"Dir gehört diese Höhle, das Haus. Mir gehört das Jungmännchen da links. Du bist zu nah an dem dran. Weg da!"

"Jetzt kriegst du's", schreit mich die helle Fremde an und springt los. Ich ducke mich weg. Der Tatzenhieb trifft das tote Fell am Boden. Ich dränge sofort nach und kann die Fremde einmal kurz mit den Vorderkrallen hinter dem linken Ohr erwischen. Sie zetert und wirft sich herum. Ihre rechte Tatze kommt ganz schnell auf meine Nase zu. Ich lasse mich einfach zur Seite abrollen, kann der Fremden dabei aber mit der linken Vordertatze am Hals eine Krallenspur ziehen. Das hat sie begriffen. Sie klemmt ihren viel zu kümmerlichen Schwanz ein und zieht sich zurück. Ich springe auf und gehe zu Julius.

Das erwachsene Menschenweibchen nimmt die Fremde hoch und spricht beruhigend auf sie ein, während die hellfellige Fremde winselt:

"Die Große hat mir wehgetan, Adele. Die ist böse gewesen."

Julius reinigt meine Pfoten von den Spuren des kurzen Krachs, den ich mit dieser Person da hatte, die jetzt rumjammert und quängelt. Julius spricht leise zu mir. Ich finde es lieb von ihm, daß er nicht so laut ist wie seine Artgenossen. Er bringt mich wieder raus. Heh, Moment! Nicht noch mal irgendwo allein lassen! Nein, er setzt sich mit dem Jungweibchen Seraphine und dem großen schweren Herrscherweibchen Eleonore, von der Virginie die Tochter ist, an ein hohes, breites und langes Holzstück, über das ein blendendweißes totes Fell liegt. Ich höre das Gequängel der schwachen Fremden immer noch. So jung ist die doch nicht mehr, daß sie nicht weiß, was stark und schwach ist.

Julius krault mich. Ich werde wieder müde und schlafe auf seinen Hinterpfoten ein.

 

__________

 

"Hui, waren die schnell. Aber interessant, das mal zu sehen, wie das Kampfverhalten bei denen läuft", teilte Julius anerkennend mit, als die beiden Kniesel sich nach kurzem Knurren und Kreischen mit zwei oder drei Sprüngen in nur vier Sekunden beharkt hatten. Goldschweif hatte gewonnen. Denn Lauretta hatte zwei Treffer mit allen fünf Krallen eingefangen, während Goldschweif keinen einzigen Treffer abbekommen hatte. Außerdem zog sich Lauretta jammernd und maunzend zurück. Madame Lagrange hob sie auf, beruhigte sie und trug sie zu einem niedrigen Tisch, wo sie die Wunden säuberte und mit Zauberkraft verheilen ließ. Julius bewunderte, wie schnell sie die Verletzungen kuriert hatte. Er fragte sich, ob sie damals in Beauxbatons auch zu den Pflegehelfern gehört hatte. Aber durfte er sie laut fragen. Er schob seinen rechten Ärmel wie beiläufig hoch und entblößte das silberne Armband, den Pflegehelferschlüssel. Madame Lagrange schien diese Geste genauso zu verstehen wie Julius sie gemeint hatte.

"Ach, du hast natürlich gemerkt, daß ich auch die einfachen Heilzauber kann. Ja, ich war damals auch eine von euch Pflegehelfern. Aber bei uns ging es in fünf Jahren nicht so heftig zu wie bei dir in einem Jahr. Aber ich denke mal, von den meisten Sachen hättest du lieber nie was mitbekommen."

"Kommt darauf an, was sie meinen", sagte Julius zu Madame Lagrange. Diese lächelte nur geheimnisvoll. Julius dachte sich seinen Teil. Mit der Erlaubnis der Hausherrin trug er Goldschweif in ein angrenzendes Gästezimmer und setzte sich dort mit Madame Delamontagne und Seraphine hin. Sie unterhielten sich über Goldschweif und Lauretta und stellten fest, daß ein Hauskniesel einem Freilandkniesel offenbar haushoch unterlegen war. Julius imponierte es, daß der Kampf nicht so lange dauerte. Seraphine meinte dazu:

"Das ist eben der Unterschied zwischen Tier und Mensch. Tiere kämpfen unter sich niemals so, daß sie sich schwere Verletzungen einhandeln. Sie klären nur die Rangfolge ab und ziehen dann weiter oder unterwerfen sich dem, der gewonnen hat. Menschen finden da kein Ende und bringen sich sogar um, nur um zu zeigen, wie toll sie kämpfen können."

"Dies ist wohl wahr", fügte Madame Delamontagne hinzu. Goldschweif war inzwischen wieder fest eingeschlafen.

Bald kam Madame Lagrange und beruhigte Julius, daß sie ihm das mit Goldschweif nicht nachtrüge. Immerhin hätte er die Knieselin ja nicht auf ihre Lauretta gehetzt. Er bedankte sich noch mal für die sehr wichtige Unterhaltung. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Zusammen mit Martha Andrews gingen sie zum Haus der Delamontagnes zurück.

Der Nachmittag verlief für Julius mit Flugtraining, weil die Leute aus den Quidditchmannschaften gerne trainieren wollten. Da er keinen eigenen Besen mithatte bekam er Barbara Lumières alten Ganymed 8 noch mal. Er flachste mit César und Bruno, daß die Roten den Pokal nur holen würden, wenn der Sucher der Grünen oder Blauen in der ersten Minute den Schnatz fing. Goldschweif stromerte derweil über das Quidditchfeld.

Um vier Uhr gab es Kaffee bei den Dusoleils, wo auch die Lagranges und Delamontagnes teilnahmen. Danach flog Madame Dusoleil mit Julius zur grünen Gasse, dem großen Zaubergarten Millemerveilles und stellte ihm die kakteenartige Pflanze Mimbulus mimbletonia vor.

"Professor Sprout hat uns Fachkollegen geschrieben, daß einer ihrer ZAG-Schüler diese Pflanze als Setzling bekommen hat. Irgendwie muß dieser Junge sehr gut in Kräuterkunde bescheid wissen, wenn man ihm sowas wertvolles schenkt."

"Hmm, dann kenne ich den vielleicht. ZAG-Schüler? Aus Hufflepuff?"

"Nein, wohl ein Gryffindor-Bewohner. Den Namen hat sie nicht genannt, nur daß der Junge wohl nicht so einfach mit der übrigen Schule klarkäme."

"Oh, dann kenne ich den wirklich. Mit dem habe ich mich in Hogwarts oft unterhalten. In Kräuterkunde ist der echt gut. Aber in den übrigen Fächern hängt es bei ihm. Liegt wohl an seiner Familie. Seine Oma zieht den auf. Seine Eltern müssen wohl von jenem dunklen Hexer angegriffen worden sein, den man nicht beim Namen nennt. Was aber genau mit denen passiert ist, hat er nie erzählt. Ich habe ihn auch nie gefragt. Im ersten Jahr in Hogwarts wollte ich nicht dümmer auffallen als nötig. Ich wußte nicht, ob man über sowas reden darf."

"Das hängt davon ab, wem was passiert ist. Einige loben Leute, die von ihm umgebracht wurden, weil sie ihm heldenhaft entgegengetreten sind. Andere haben einfach nur Angst und wollen nicht daran erinnert werden, was er so angerichtet hat. Du erinnerst dich ja noch an Cassiopeia. Sie hatte einen muggelstämmigen Bekannten. Der muß irgendwie an Leute von ihm geraten sein. Offenbar fürchtet sie seitdem, daß er alle jagt, die mit diesem Bekannten zu tun hatten. Aber das rechtfertigt natürlich nicht, was sie bei Claires Geburtstagsfeier von sich gegeben hat, Julius."

"Ich habe die beim Elternsprechtag kurz gesehen. Die hat so getan, als würde sie mich nicht kennen. Sollte mir recht sein."

"Dieser dunkle Hexenmeister treibt alle in Angst oder Hass, Julius. Blanche hasst ihn, weil er ihren Mann ermordet hat und legt viel wert darauf, daß niemand ihm nacheifert. Andere hassen die, die er wiederum hasst, weil sie denken, durch solche Hexen und Zauberer könnte ihnen Unglück ins Haus stehen. Insofern weiß selbst ich nicht, mit wem ich über was reden darf oder nicht, Julius. Auf die Dauer kannst du es auch nicht verhindern, mal jemandem aus Versehen einen Finger in eine unheilbare Wunde zu legen. Aber dann kannst du dich immer noch entschuldigen.

Miauu! Goldschweif kam heran und ließ sich von Julius streicheln.

"Was hat sie nur gegen Claire?" Fragte Julius Madame Dusoleil.

"Einfach Eifersucht, weil sie spürt, daß Claire dich sehr mag, Julius. Mißtrauen hat sie auf jeden Fall nicht, weil sie sonst wesentlich bösartiger reagieren würde. Und ich bitte mir aus, daß Claire keine zwielichtige Hexe ist oder wird", erwiderte die Kräuterhexe von Millemerveilles.

Abends aßen sie bei den Delamontagnes im Garten. Barbara und Gustav van Heldern waren kurz vorbeigekommen und hatten sich mit Julius unterhalten. Gustav besichtigte Goldschweif und wünschte Julius eine ruhige Hand, viel Geduld aber auch viel Freude mit Goldschweif. Er erzählte ihm, daß er nach Beauxbatons als Auszubildender in der brüsseler Abteilung für die Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe anfangen würde, wenn sein UTZ das hergab. Julius sah Barbara an, die ihn erwartungsvoll ansah. Doch er wagte nicht, sie zu fragen, ob und wann sie heiraten wollten. Wenn sie ihm das nicht aufs Brot schmierte, wollte er es auch nicht aus ihr rauskitzeln.

"In Brüssel war ich ja schon mal. Aber die Irrlichtallee kenne ich noch nicht", sagte Julius.

"Ja, da kommen nicht viele Zauberer aus Frankreich hin, weil hier oder in Paris mehr los ist. Aber immerhin kriegt man da alle ausländischen Zaubererzeitungen und kann in zehn wirklich guten Restaurants essen. Vielleicht kommen deine Maman und du mal irgendwann hin. Wenn sie mit der Reisesphäre mitfliegen darf, kriege ich das vielleicht über meinen Vater gedeichselt, daß ihr auch mal in unser Königreich kommen dürft. Ist dann allemal billiger als die Muggelverkehrsmittel."

"Ach ja, man darf ja jetzt ohne Grenzkontrolle zwischen Frankreich, Belgien und anderen Ländern hin- und herreisen", fiel Julius ein, was seine Mutter ihm in den Weihnachtsferien erzählt hatte, um sein Allgemeinwissen für Muggelsachen zu fördern.

"Dann habt ihr mit der Reisesphäre weniger Ärger als mit der Flohpulverei. Aber das darf deine Maman ja nicht benutzen", sagte Gustav. Julius nickte.

Nach dem Abendessen spielten Madame Delamontagne und Martha Andrews Schach. Monsieur Delamontagne, Virginie und Julius sahen ihnen zu. Mrs. Andrews gewann nach drei harten Stunden die Partie.

"Es war und ist mir immer eine Ehre, von einer Meisterin geschlagen zu werden, wenn ich dadurch neue Erkenntnisse gewinnen durfte", beglückwünschte die Hausherrin Julius' Mutter zum Sieg. Diese erwiderte höflich:

"Jeder Spieler hat seine guten oder schlechten Tage. Daß ich heute Glück hatte, mag an einem Formhoch liegen. Morgen kann es genau andersherum ablaufen. Gute Nacht, Eleonore."

Alle zogen sich in ihre Zimmer zurück. Julius quartierte Goldschweif mit seinem überzähligen Kissen aus. Er wollte nicht haben, daß sie nachher in seinem Bett lag. So schliefen sie tief und fest bis zum nächsten Morgen.

 

__________

 

Ostersonntag begrüßten vier fröhliche Osterhasen auf Claires Kalenderbild die Andrews mit einer Jongleurnummer, bei der sie viele bunte Eier hochwarfen und sich gegenseitig zuspielten.

"Könnte es sein, daß deine Freundin sehr verspielt ist, Julius? Das ist ja zirkusreif", sagte Martha Andrews. Julius grinste.

"Dabei hat sie das Bild gemalt, wo wir noch nicht zusammen gingen, Mum."

"Tja, ob sie was wußte, was du damals noch nicht wahrhaben wolltest? Immerhin steckt ja da wohl eine Menge Zeit und Arbeit drin, sowas zu malen. Das macht niemand nur mal soeben, weilihm oder ihr nichts besseres einfällt. Könnte es sein, daß Claire eine ähnliche Antenne für dich hat wie Goldschweif und daß dieses Tier deshalb eifersüchtig auf sie ist?"

"Unzureichende Daten, Mum", erwiderte Julius.

"Oder unzureichender Wille, das zu analysieren, mein Sohn. Aber du hast recht, daß man manche Sachen nicht zu gut hinterfragen sollte. Ich kenne das ja auch, wie leicht man damit auf die Nase fällt. Willst du zuerst ins Bad?"

"Ja, kann ich machen", sagte Julius und verließ im Bademantel das Gästezimmer.

Nach dem Frühstück spielte Julius mit Virginie und Goldschweif. Die Knieselin war trotz ihrer zehn Jahre noch sehr verspielt und jagte allem nach, was Julius kurz anhauchte und dann weit fortwarf.

Vor Mittag kam Polonius Lagrange, Seraphines Cousin und neuer Hoffnungsträger der Millemerveilles Mercurios und begrüßte Julius. Dieser hielt sich daran, ihm nicht gleich auf die Nase zu binden, in welcher Mannschaft er spielte. Doch offenbar hatte Seraphine schon geplaudert. Denn der junge Zauberer sagte:

"Und wenn's wieder die grünen sind, die dieses Jahr den Pott holen, kriegen die Weißen den nächstes Jahr, wenn eure Stars Jeanne und Barbara nicht mehr da sind." Er gab Julius ein Autogramm und wünschte ihm weiterhin viel Spaß mit dem beliebten Zauberersport. Julius wünschte dem neuen Mercurio viel Erfolg am nächsten Samstag.

Zum Mittag gab es Kaninchen, Lamm und Huhn in Honigsoße. Virginie aß nur von dem Geflügel. Kaninchen wollte sie nicht essen. Julius dachte, daß sie sich wohl noch an die Privatstunde bei Maya Unittamo erinnerte, wo sie erfahren hatten, Welche Tiergestalt ihrem eigenen Wesen entsprach, falls sie einmal Animagi werden wollten. Virginie und Jeanne waren dabei als Kaninchen erkannt worden, während Julius zeitweilig als weißer afrikanischer Elefant herumgelaufen war. Mittlerweile hatte er sich etwas schlauer gelesen, wieso er diesem Tier ähnelte. Sein Gedächtnis, Kraft, Ausdauer, aber auch innere Ruhe außerhalb der Brunftzeit zeichneten dieses Tier aus. Ähnliches konnte man ja von ihm sagen.

Goldschweif irritierte Gigie. Immer wieder mußte die Elfe die Knieselin anschrillen, aus der Küche zu gehen. Denn Goldschweif hatte Gefallen am rohen Fleisch von Kaninchen und Huhn gefunden und hätte gerne was davon abgekriegt. Madame Delamontagne befahl der Hauselfe, für Goldschweif Haselnusbrei anzurühren und ihn mit dem Sud aus den gekochten Tieren zu versetzen. Das wirkte tatsächlich. Goldschweif ließ sich viel Zeit mit dem fressen. Als dann alle wieder vom Tisch aufstanden, bildeten sich Grüppchen aus Müttern, Schülerinnen und Schülern. Julius unterhielt sich mit den Dusoleil-Schwestern über Polonius Lagrange. Er war einer der Spieler, die einen Ganymed 10 für den eigenen Gebrauch bekommen hatten. Die Jungen aus der Dorfmannschaft redeten über ihre Freundinnen oder über das, was die UTZ-Schüler nach Beauxbatons machen würden. Bruno würde wohl in Millemerveilles wohnen bleiben, weil sein Vater ein großes Stück Brachland für fünfzehn Galleonen die Quadratelle bekommen konnte. César wollte unbedingt Profi-Quidditch spielen. Yves, der Jäger aus dem grünen Saal, meinte dazu nur:

"Als Hüter bist du einmalig. Aber ich fürchte, die haben Gewichtsobergrenzen für Anfänger."

"Friss es und stirb dran, Yves", knurrte César und trank aus Frust sein großes Glas Apfelwein in einem Zug aus. Er mußte aufstoßen, und das tat er nicht mit geschlossenem Mund. Madame Delamontagne fegte wie ein Kugelblitz in Blau heran und tadelte den korpulenten Jungen aus dem roten Saal. Insgesamt war das Osterfest jedoch beschaulich und heiter. Als die vielen Festgäste, die im Garten der Delamontagnes versammelt waren, in ihre eigenen Häuser zurückkehrten, forderte die Dorfrätin für Gesellschaftsfragen Julius zum Schach heraus. Nach vier Stunden ging die Partie remis aus.

"Auf jeden Fall sehen wir uns im Turnier wieder. Du mußt den Titel verteidigen. Solange du ihn behältst, mußt du immer wieder mitmachen. Aber wage es nicht, extra nur zu verlieren, um dich deinen Verpflichtungen zu entziehen", sagte Madame Delamontagne nach der Partie. Julius sah sie unterwürfig an.

Im Schlafzimmer kurz vor dem Einschlafen flüsterte seine Mutter ihm zu:

"Die Frau würde dich sofort adoptieren, genau wie Camille Dusoleil. Ich habe von ihr das Du angeboten bekommen, wie nun auch von Adele und Eleonore. Ich denke nur, daß ich bestimmt nicht so schnell Blanche zu Professeur Faucon sagen werde. Dazwischen liegen noch große Hürden, und ich lege es auch nicht darauf an, sie beim Vornamen zu nennen. Auf jeden Fall haben die mich hier wohl doch gut aufgenommen. Ich habe Eleonore mal direkt gefragt, ob das nur Höflichkeit oder gar der Reiz des fremden sei, warum ich hier bislang mehr Entgegenkommen als Verachtung mitbekommen habe. Sie sagte mir darauf, daß ja auch bei den sogenannten Muggeln gelte: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Allerdings, so meinte sie, müßte ich dieses hohe Ansehen immer rechtfertigen, das sie hier von mir bekommen hätten. Ist so ähnlich wie mit guten Schulnoten. Wer einmal sehr gut hatte, wird dazu angehalten, immer sehr gut zu kriegen. Ich fand es respektabel, daß sie so ehrlich zu mir war. Ich möchte nämlich nicht eines Tages aufwachen und erkennen, daß alle mich angelogen haben, nur um ein bestimmtes Ziel zu erreichen."

"Joh, Mum! Ich meine, du hättest dabei ja auch voll auf die Nase fallen können. Wenn die meinen, dich zu umgarnen, weil sie dich als Beigabe zu mir oder Catherine sehen, dann hätten sie dir ja auch weiterhin nichts erzählen müssen. Aber ich gebe dir recht, Mum, daß ich bei Madame Delamontagne bisher immer eine ehrliche Meinung zu hören bekam. Sonst hätte ich vielleicht auch nicht so leicht zugestimmt, daß ich nach Beauxbatons gehe. Na ja, da bin ich zumindest besser dran als mit dieser linken Lola in Hogwarts", flüsterte Julius.

"Ist ja lustig, Julius. Lola ist die Kurzform für Dolores. Wußtest du das?"

"Huch, woher?" Fragte Julius halblaut.

"Stimmt, woher. Als wir ja auf Mallorca waren warst du ja erst fünf. DA wohnten wir doch bei Maria Dolores Alvaro Fuentes in diesem Strandhäuschen gleich an der Cala delos Sueños. Ich erinnere mich noch gut daran, wie du deinen Paps im Sand eingebuddelt hast ... Aber das ist eben schon lange her", seufzte Martha Andrews. Julius fühlte irgendwie, daß sie unvermittelt traurig war. Er fragte:

"Hast du was, Mum?" Diese erwiderte mit fester Stimme:

"Nein, Julius, nichts ernstes. Nur manchmal überfallen mich Erinnerungen aus dem Nichts heraus, aus einem Wort, das fällt oder aus einem Bild, das ich sehe. Ich muß damit fertig werden, wie du mit dieser hohen Zauberkraft und dieser netten goldschweifigen Dame vor unserem Fenster."

"Okay, Mum, ich will nicht in irgendwas rumstochern, wenn es dich zu heftig runterzieht. Ich hoffe nur, wir beiden kommen auch weiter so gut miteinander aus, trotz meiner Zauberei und Goldschweif."

"Was nicht heißt, daß du dich an mich festklammern mußt, nur um mich aufrecht zu halten, Julius. Ich kriege das mit, daß Claire sich wirklich in dich verliebt hat. Sie wird es dir irgendwann sagen können. Und du wirst auch irgendwann die passenden Worte finden. Dann mußt du einmal vergessen, daß ich allein bin. Versprich mir das, bevor du morgen früh nach Beauxbatons reist und wir uns vielleicht nicht mehr sehen, bevor die Sommerferien anfangen."

"Ich kann dir nur versprechen, daß ich dich nicht vergessen werde, Mum. Mehr geht im Moment nicht", sagte Julius etwas betreten klingend. Seine Mutter nahm das erst einmal so hin und löschte das Licht.

 

__________

 

Am nächsten Morgen verabschiedete sich Julius von seinen Mitschülern und wünschte ihnen noch eine schöne Zeit bis zum Ferienende. Claire nutzte eine kurze Unaufmerksamkeit ihrer Schwester Jeanne und drückte Julius ihre Lippen auf seine, nur eine Sekunde. Aber das reichte ihr und ihm.

"Wenn du in Beauxbatons bleiben mußt, wegen dieser Knieselin, dann vertrag dich gut mit Professeur Faucon! Wir sehen uns dann am Samstag auf jeden Fall wieder, Juju", hauchte sie ihm zu und gab ihn aus ihrer Umarmung frei. Jeanne führte Julius zusammen mit Goldschweif zum Ausgangskreis für die Reisesphären. Dort wartete Professeur Faucon auf ihn.

"Danke, Mademoiselle Dusoleil, ich übernehme von hier an", sagte sie nur und winkte Jeanne zu, sie möge sich zurückziehen. Claires ältere Schwester nickte ihm zu. Julius Mutter kam noch mal und verabschiedete sich innig von ihm, als müsse er jetzt schon wieder in die Schule und bis zum Sommer dort bleiben. Professeur Faucon ließ sie gewähren, wartete, bis sie sich aus dem Kreis zurückzog, prüfte, ob Goldschweif bei Julius war und rief die Reisesphärenmagie auf.

"Ich hoffe, für deine Mutter war es trotz allem bisher eine schöne Zeit mit dir", sagte sie im Hall der roten Lichtkugel, während sie schwerelos im Zentrum hingen. Goldschweif jammerte. Entweder war das Schweben ihr unheimlich oder sie spürte die wirkende Magie mit anderen Sinnen als Professeur Faucon und Julius.

"Sie fühlt sich nun doch eher als gleichberechtigt unter den Zauberern, Madame Faucon", sagte er nur. Dann setzte die Schwerkraft wieder ein, und die Sphäre klaffte über ihnen auf, um um sie herum im Kreis zu versinken.

Julius' war es unheimlich, Beauxbatons so leer zu besuchen. Die zwölf Schülerinnen und Schüler, die hiergeblieben waren, hatten sich gut über das quadratkilometergroße Gelände verteilt. Madame Maxime und Professeur Armadillus begrüßten Julius am Hauptportal. Er entschuldigte sich, daß er keinen Beauxbatons-Umhang anhatte. Madame Maxime machte eine beschwichtigende Geste.

"Für den Fall, daß Sie den Rest der Ferien hier zubringen müssen wird Madame Brickston uns unverzüglich Ihre Schulsachen überbringen, Monsieur Andrews. Doch zunächst gilt es ja, herauszufinden, ob die Wirkung, die Sie auf Goldschweif XXVI. haben, ergründet und kontrolliert werden kann. Schwester Florence erwartet Sie bereits im Krankenflügel."

Julius nickte und ging in den ruhigen Palast. Er fragte, wo die übrigen Ferienhierbleiber steckten. Professeur Faucon sagte, daß die bei dem schönen Wetter alle in den Parks wären. Julius verstand. So konnten sich selbst alle Schüler gut verteilen. An Valentin hatte er das doch selbst mitbekommen, wie schnell sich die an die tausend Schüler verteilt hatten. Er nickte Professeur Faucon zu, berührte den weißen Schmuckstein am Pflegehelferschlüssel und schlüpfte durch ein für ihn rosa flimmerndes Wandstück direkt ins Büro von Schwester Florence Rossignol. Diese begrüßte ihn großmütterlich lächelnd. Francine Delourdes, seine Pflegehelferkameradin, die hier Stallwache hielt, sah die Heilerin fragend an. Diese bedeutete ihr, den Raum zu verlassen. So verschwand die Saalsprecherin der Gelben durch das zu ihrem Saal führende Wandstück im Wandschlüpfsystem, das sie keine Sekunde später dort auswerfen würde, wo sie hinwollte.

"Ich hoffe, du hast schöne Ferien verbracht. Ich hörte von Madame Matine, daß du gestern noch in Millemerveilles warst", sagte die Heilerin. Julius erwiderte:

"Ich habe sie nur einmal kurz getroffen, als bei den Delamontagnes das Mittagessen serviert wurde. Meiner Mutter hat es sehr gefallen. Aber das mit Goldschweif macht uns beide traurig. Ich wollte mit ihr diese Woche noch nach Nizza, um am Meeresstrand spazieren zu gehen. Irgendwie wäre das dumm, wenn ich andauernd hierbleiben müßte."

"Das wird sich finden", sagte die Heilerin. Sie bat Julius in das Behandlungszimmer und zog die Tür zu.

Julius kam sich wie in einem Uhrmacherladen vor. Tickend und rasselnd standen und hingen runde oder eckige Instrumente mit Ziffernblättern, Skalen und Füllstandssäulen um den mit weißen Tüchern bedeckten Behandlungstisch herum. Schwester Florence deutete auf den Tisch.

"Da wirst du dich gleich drauflegen, damit wir die Untersuchungen machen können. Einige Sachen sind langwierig. Andere brauchen nur einen Moment. Es gibt, um das gleich zu klären, einen schmerzhaften Versuch, der dich aber nicht allzu sehr quälen wird. Alle anderen Versuche sind schmerzlos. Zunächst möchtest du bitte alle Gegenstände ablegen, die du diebstahlsicher am Körper trägst!"

Julius hielt die Weltzeituhr hoch, die er seit über einem Jahr mit wenigen Ausnahmen am Handgelenk getragen hatte, weil sie ihn nicht beim Waschen oder duschen behinderte oder gar wasserdicht und bruchsicher war. Sofort klickten vier runde Instrumente in einem Tempo los wie er es vor kurzem noch bei einem modernen Musikstück mitbekommen hatte.

"Da geht es schon los. Die Zeitflußindikatoren wechselwirken mit dem Chronometer an deinem Arm. Mach es bitte ab!"

Julius lief tomatenrot an. Um die Armbanduhr zu lösen brauchte er einen Zauberstab. Seinen hatte er im Schulkoffer gelassen, weil er ihn beim Flohpulvern oder Fährensphärenflug nicht gebraucht hatte. Dabei wollte er den an und für sich immer mithaben, jetzt, wo Voldemort wieder da war und er als Pflegehelfer auch mal außerhalb der Schule zum Zaubern angehalten sein konnte.

"Suchst du den hier", sagte Madame Rossignol und reichte Julius seinen Zauberstab hin. "Als Pflegehelfer solltest du den immer dabei haben, Junge. Und bei deinen Zaubertalenten solltest du ihn deshalb schon mitnehmen, um aus Versehen angerichtetes Unheil sofort korrigieren zu können. Professeur Faucon hat ihn gestern abend schon abgeholt, weil sie wußte, daß du nur damit deine Armbanduhr ab- und wieder anlegen kannst. Also bitte!"

Julius hielt den Zauberstab an die wie ein Stück scheinende Metallschließe und dachte das Codewort "Kandal". Sofort öffnete sich der Armbandverschluß, und Julius konnte die Uhr abnehmen. Die Heilerin besah sich die Stelle, wo sie gesessen hatte.

"Können wir bei der Gelegenheit gleich eine Hautauffrischungslotion auftragen. Zu wenig Sonnenlicht an dieser Stelle läßt die Haut verkümmern, Julius. Du solltest bei sich bietenden Gelegenheiten deinen linken Arm nahtlos dosiertem Sonnenlicht aussetzen. Aber weiter! Du hast ja noch andere Dinge."

Julius zog den Practicus-Brustbeutel von Aurora Dawn unter seinem Unterhemd hervor und legte ihn weit außerhalb der aufgestellten Instrumente in einen Schrank zu der Armbanduhr. Er sah zwanzig Pflegehelferschlüssel und einige Fläschchen dort drin. Offenbar bewahrte die Heilerin hier ihre wertvollsten Dinge auf.

"So, gib mir den rechten Arm, damit ich dir vorläufig den Pflegehelferschlüssel abnehmen kann. Aber denk nicht, daß ich den dir nicht mehr dranmache. Bevor du aus diesem Raum bist, ist der wieder da, wo er hingehört", sagte Madame Rossignol, nahm sacht den rechten Arm von Julius und hantierte mit ihrem Zauberstab am Pflegehelferschlüssel herum, bis dieser sich von alleine löste. Mit geübtem Griff fing sie ihn auf und legte ihn oben auf die zwanzig herrenlosen Armbänder, die im Schrank aufbewahrt wurden. Dann schloss sie den Schrank.

"Der Schrank ist ein magischer Nullkraftkerker. Kein Zauber dringt nach innen oder nach außen außer dem, der ihn bei seiner Erschaffung durchdrungen hat, Julius. Jetzt sind wir alleine magische Kraftquellen, die die Messungen beeinflussen können. So, und nun zieh dich ganz aus, bitte!"

"Wie bitte?!" Fragte Julius. Die Heilerin sah ihn sehr streng an.

"Ich sagte, du möchtest dich ganz ausziehen. Dann legst du dich auf den Tisch und wartest, bis ich dir sage, daß du wieder runtersteigen darfst."

Julius lief rot an. Sicher, er hatte am Morgen noch mal geduscht und war somit sauber genug. Aber das er sich splitternackt vor einer Frau ausziehen sollte berührte ihn irgendwie peinlich. Die Heilerin schien seine Gedanken zu erraten.

"Jungchen, ich muß sicherstellen, daß nur dein Körper und dein stoffloses Inneres, von dem ich deiner Mutter und dir erzählt habe, die Prozeduren durchlaufen. Also genier dich nicht künstlich, du mußt mich nicht heiraten, weil ich dich unbekleidet ansehe. Du kannst ja die Augen dabei zumachen, solange ich dich nicht auffordere, etwas genau anzusehen. Und sollte dir nach den Untersuchungen etwas fehlen, dann kannte ich es noch nicht. Soweit so gut?"

Julius gab sich geschlagen. Er schlüpfte aus seinen Sachen und ging zum Behandlungstisch hinüber und legte sich entspannt auf den Rücken, die Hände neben seine Beine.

Er sah der Heilerin zu, wie sie mit ihrem Zauberstab und mit einigen der Instrumente irgendwas anstellte. Mal fühlte er sich schwerelos, mal total hibbelig. Einmal mußte er einen grünen zähflüssigen Trank schlucken, der seinen Stoffwechsel anheizte. Er merkte es sofort, daß seine Atmung beschleunigte und er sich immer heißer fühlte. Nach fünf Minuten klang die Wirkung jedoch wieder ab.

"So und jetzt bewege dich für genau eine Minute nicht mehr. Kein willentlicher Muskelbefehl darf jetzt aufkommen, sagte die Schulkrankenschwester und sah auf ihre Instrumente. Julius kannte das, den Körper mit Disziplin zu unterwerfen. Sein Karatelehrer hatte ihm Entspannungstechniken beigebracht, in denen er fünf Minuten und mehr still dasitzen oder -liegen konnte. Er konzentrierte sich und hielt die volle Minute ohne ein einziges Zucken aus. Nicht mal ein Augenlid zuckte. Sicher, er hatte die Augen deshalb geschlossen, um nicht zu blinzeln.

"Hervorragend. Und jetzt denk dir was schönes!"

Julius dachte an den Sommerball von Millemerveilles. Als die Heilerin sagte, er möge an etwas ärgerliches denken, fiel ihm Goldschweif ein, die ihn jetzt in dieses magische Versuchslabor gebracht hatte. Dann sollte er an etwas erotisches, die Liebeslust anregendes denken. Schwester Florence wußte ja, daß er zu gewissen körperlichen Erregungen schon fähig war. Er zwang sich, an den Kuß zu denken, den Claire ihm vor dem Elternsprechtag gegeben hatte. Dabei verschmolzen seine Gedanken dieses Ereignis mit dem Traum von Martine Latierre. Er projizierte nun, wo er es in der Hand hatte, Claires Körper in seine Gedankenbilder und spürte, wie sein Körper darauf ansprach.

"Wenn dir was fehlt, kannte ich es noch nicht", dachte er kurz über die Worte der Heilerin nach. Dann versuchte er sich noch tiefer in dieses herrliche Gefühl heißer Gier und Wallung hineinzusteigern. Er fühlte, das er sich so stundenlang treiben lassen konnte, wenn er nicht diese unangenehme Begleiterscheinung erleben müßte, die sein Traum von Martine mit sich gebracht hatte.

"Gut, ist gut! Du bist durchaus fähig, erotische Leidenschaft zu empfinden, Julius. Dein Körper ist auch für den Entwicklungsstand sehr normal darauf angesprungen. Jetzt mußt du noch etwas denken, was dir die meiste Angst macht. Keine Sorge, deine Gefühle und assoziativen Erinnerungen werden nicht etwa irgendwo aufgeschrieben. Ich will nur die psychosomatische Wechselwirkung messen."

Die ruhige Stimme der Heilerin verjagte Julius' Hauch von Zweifel. Doch nun mußte er an etwas fürchterliches denken. Natürlich rief er sich seinen Besuch im Haus der Sandersons ins Bewußtsein, wo er als vierjähriger Junge mitten in einen aufgescheuchten Wespenschwarm geraten und heftig gestochen worden war. Seitdem hatte er diese wilde Angst vor fliegenden Insekten, die er nur mit viel Mühe im Zaum halten konnte. Er ließ sich von den Wespen umschwärmen, stechen und jagen, die Kellertreppe hinauf, hinaus aus dem Sanderson-Haus. Er fühlte die Angst so greifbar, als würde er das alles noch mal erleben. Nach einer Minute rief Schwester Florence:

"In Ordnung, Julius, beruhige dich wieder. Du bist in Sicherheit."

Julius öffnete die Augen und atmete tief ein und aus.

"Was mich stört verschwinde! Mein Geist herrscht über meine Gefühle! Mein Geist herrscht über meinen Körper! Was mich stört verschwindet!" Dachte er die Formel, die ihm sein Karate-Meister beigebracht hatte, um störende Gefühle oder Gedanken zu zerstreuen.

"Das ist sehr interessant, daß du dich so rasch wieder beruhigen kannst, obwohl der Gefühlsheber noch nicht verschwunden ist. Ausgezeichnet!"

"Gefühlsheber?" Fragte Julius.

"Ein Zauberinstrument, das die gerade erlebten Gefühle verstärkt, sie höher aufsteigen läßt. Aber jetzt ist er wieder inaktiv. Das waren dann auch die psychosomatischen Tests. Die fünf stärksten Empfindungen, Angst, Traurigkeit, Wut, Lust und Freude habe ich nun verglichen. Jetzt muß ich deinen Körper prüfen. Das wird jetzt die unangenehme Untersuchung sein. Aber keine Sorgen, du wirst das durchhalten können."

Julius fühlte, wie ihn etwas von oben bis unten wie mit schweren Fäusten von innen her durchknetete. Mal spürte er, wie sein Magen sich aufblähte. Mal quetschte ihm etwas von innen die Luft ab. Dann fühlte er einmal starke Krämpfe in seinen Eingeweiden und für eine Sekunde einen fürchterlichen Druck auf der Blase, daß er schon meinte, Schwester Florence gleich mit der Kraft einer Feuerwehrspritze die zwei Tassen Kaffee von heute Morgen um die Ohren zu spritzen. Doch auch dieses Drängen klang so schnell ab wie es aufgekommen war. Dann war es auch schon vorbei.

"Damit haben wir die Wachzustandsreihe durch. Jetzt wirst du zwei Stunden lang tief und fest schlafen und träumen. Dann ist die Versuchsreihe vollständig. Schön, daß du so gut diszipliniert bist", sagte die Heilerin. Dann hielt sie den Zauberstab über Julius und ließ bleierne Schläfrigkeit daraus in ihn übergehen. Er sank von Atemzug zu Atemzug in eine ständig steigende Müdigkeit, bis er sanft in jenen schwarzen Abgrund hinabglitt, der die wachen Sinne schluckt.

Julius träumte alles mögliche aus der Vergangenheit und Gegenwart. Einmal lief er mit seinem Freund Lester über einen Fußballplatz, um im nächsten Moment im Wohnzimmer seiner Eltern zu sitzen, um Professor McGonagall zuzuhören, die ihm erklärte, daß er zaubern könne. Dann sah er Belles Gesicht aus einem Badezimmerspiegel blicken, saß hinter Madame Dusoleil auf Jeannes altem Ganymed 8, während es an seinem rechten Handgelenk zitterte. Im nächsten Moment sah er die zur Riesin angewachsene Professeur Faucon vor sich und hörte sie singen: "Kleines Kind, was bist du müd'" Dann sah er sich plötzlich im Knieselgehege neben Goldschweif, die genauso groß wie er selbst war und ihm zuflüsterte: "Lass dich nicht mit Claire ein!" Dieser Traumsplitter zog Bilder von Claire und ihm nach sich. Dabei wechselte er jedoch andauernd von ihrem in seinen Körper über, bis er sich in den Schoß seiner Mutter zurückversetzt meinte und Madame Dusoleils Stimme laut von allen Seiten hörte: "Ich freue mich schon, wenn er da ist, Florymont."

Er spürte, wie es immer enger um ihn wurde, bis er unvermittelt auf dem Schoß einer riesenhaften Frau saß.

"Und ich dachte schon, du wolltest nicht mehr raus", sagte eine Stimme, die Julius schon einmal gehört hatte, aber nicht von Leuten, die er kannte. Als er hochgehoben wurde, sah er für einen winzigen Sekundenbruchteil das Gesicht einer zur Riesin gewordenen Hexe, die er zu kennen glaubte. Doch die Zeit reichte nicht aus, um sie zu erkennen.

Dann fand er sich wieder auf dem Behandlungstisch. Er atmete aus und ein und aus, um die Flut von Gedanken zu verscheuchen, die seine Träume aufgespült hatten. Schwester Florence stand neben dem Tisch und sammelte beschriebene Pergamentstücke ein. Dann sagte sie:

"Versuchsreihe vollständig, Julius. Wir konnten zwar eine Wechselwirkung zwischen dir und Goldschweif feststellen, doch den Auslöser dafür nicht isolieren. Es ist also keine Telepathie oder allein die körperlichen Ausstrahlungen."

"Dann muß ich jetzt hierbleiben?" Fragte Julius sehr alarmiert.

"Diese Nacht auf jeden Fall, damit wir beobachten können, was Goldschweif tut. Wir haben ihr ein Verbindungsarmband als Halsband umgelegt. professeur Armadillus und ich werden überwachen, was sie fühlt und tut. Wenn sich herausstellt, daß irgendwas von dir bei ihr ankommt, was wir magisch unterdrücken können, kannst du morgen nach Hause zurück. Übrigens, ich konnte messen, das dein Standardwert für Verwandlungszauber bei genau 9,83 liegt. Ich hörte von Professeur Faucon, daß sie von Madame Delamontagne hörte, daß ihr euch darüber unterhalten hättet."

"Hmm, vielleicht hängt es auch an den Gegenständen. Vielleicht verstärken die was."

"Kniesel nehmen Magie zwar war, reagieren aber nur auf lebendige Magie so intensiv wie bei dir. Die Gegenstände haben nichts mit deiner besonderen Wirkung auf Goldschweif zu tun. In einer Traumphase ist irgendwas übergesprungen, leider viel zu kurz, um es zu bestimmen. Nun können Träume nicht künstlich gelenkt werden, ohne die von ihnen erzeugten Reaktionen zu verfälschen. Deshalb hoffen wir ja auch darauf, das wir diese Reaktion in der Nacht, wenn du länger schläfst, noch mal wahrnehmen können. Aber du hast jetzt bestimmt großen Hunger. Da wir im Moment nur zwölf Schüler hier haben, sitzen alle an einem neutralen orangen Tisch. Die Mittagszeit ist zwar schon vorbei, aber Professeur Faucon und ich werden dir zum Essen Gesellschaft leisten, damit du dir nicht verloren vorkommst. Dann zieh dich jetzt wieder an!"

Julius schlüpfte erleichtert wieder in seine Sachen. Schwester Florence gab ihm anstatt seines Gebrauchsumhangs einen blassblauen Umhang, der ungefähr seine Größe hatte. Er blickte auf den Schrank, wo seine Sachen verstaut waren. Schwester Florence öffnete den Geheimschrank mit einigen wohlplazierten Stubsern ihres Zauberstabes.

"Das wichtigste zuerst. Gib den rechten Arm her!" Sie zog Julius' rechten Arm hoch und schlang das silberne Pflegehelferarmband darum. Als es sich schloss saß es so fest wie früher. Julius war wieder einer der zehn Pflegehelfer. Dann bekam er auchseine Armbanduhr und konnte seinen diebstahlsicheren Brustbeutel wieder umhängen. Zusammen mit der Heilerin schlüpfte er durch die Wand zum Speisesaal, wo Professeur Faucon sie an einem kleinen Extratisch erwartete. Julius sah auf seine Uhr. Da fiel ihm ein, was die Heilerin noch machen wollte. Er sah sie an. Sie sagte:

"Habe ich gemacht, als die zwei Stunden um waren und die Instrumente ihre Aufzeichnungen auswarfen. Schnelligkeit und Präzision gehören zu meinem Berufsalltag.

Beim Mittagessen, eine Stunde später als üblich in Beauxbatons, unterhielten sich die älteren Hexen und der Drittklässler über die Woche vor Ostern. Julius erzählte auch, daß er bei den Dorniers war. Professeur Faucon nickte.

"Mir kam zu Ohren und Akten, daß Madame Hellersdorf ihre Tochter davon abhielt, ihre sozialen Kontakte zu vertiefen, weil sie Angst davor hatte, Mademoiselle Laurentine mit Flohpulver hantieren zu lassen. Nun, Angst ist leider ein mächtiges Argument gegen vieles neue. Doch ich werde Madame Dorniers Vorschlag aufgreifen und Mademoiselle Hellersdorf nach der Rückkehr zu uns in den Gebrauch des Flohpulvers einführen. Es geht nicht an, daß sie diese Art zu reisen nicht erlernen soll. Immerhin wird sie ja zu Schuljahresende die Einzelflugprüfung ablegen."

"Ich habe auch den höchstwahrscheinlichen Geburtstermin für Mademoiselle Dorniers Kind, Julius. Es wird der sechzehnte Mai sein", sagte Madame Rossignol.

"Dann will ich mal hoffen, daß ich da was wichtigeres vorhabe", dachte Julius. Doch Professeur Faucon hieb diesen Wunsch sofort in tausend Stücke.

"Sollte es während der Tagesstunden passieren, stelle ich Sie natürlich vom Unterricht frei, Monsieur Andrews. Das gilt dann auch für Mademoiselle Dusoleil, Jeanne und Mademoiselle Latierre, Martine."

"Dürfen Sie sowas denn?" Fragte Julius auf ein Nein hoffend.

"Zum einen darf ein Saalvorsteher in besonderen Ausnahmen Schüler freistellen, insbesondere, wenn sie zum Pflegehelfertrupp gehören. Zum anderen habe ich das mit Madame Maxime geklärt, daß Sie die entsprechenden Kompetenzen erworben haben. Machen Sie sich nicht bange davor. Sie werden nichts gegen Mademoiselle Constance Dorniers Ehrgefühl tun müssen. Nur weil Sie keine junge Dame sind sind Sie im Fall des Falles nicht unerwünscht oder fehl am Platz. Reden Sie sich dies also bloß nicht ein. Schon schlimm genug, daß Mademoiselle Constance Dornier mit ihrer Lage nicht umgehen kann, was beweist, daß es doch mehr erfordert, als fruchtbare Keimzellen und körperliche Vorgänge, um sie zusammenzufügen, um ein Kind in die Welt zu setzen."

"Was passiert denn im Moment mit dem Vater von diesem Kind?" Fragte Julius neugierig.

"Dieser ist in einer Schule für Muggel angenommen worden. Die weiterführende Zaubereiausbildung wurde ihm ja versagt. Bevor er und Mademoiselle Dornier nicht das siebzehnte Lebensjahr vollendet haben, darf er weder sie noch das Kind sehen", sagte Professeur Faucon.

"Nicht gerade 'ne Werbung für Kinder während Beauxbatons", seufzte Julius. Die beiden Hexen nickten zustimmend.

Julius vertrieb sich die Zeit im magischen Tierpark von Beauxbatons. Dort traf er Francine Delurdes, die mit ihrer jüngeren Saalkameradin Anne Oizo die großen Flügelpferde besichtigte.

"Hallo, Julius. Wir hörten, daß du bis morgen Früh noch bei uns bleibst, falls nichts anderes entschieden wird. Dumm das im grünen Saal keiner hiergeblieben ist, nicht mal Edmond, der sonst zu gerne dort Stallwache hält."

"Der fehlte mir auch noch in meiner Sammlung blöder Sachen, wenn der der einzige wäre, der von den Grünen hier wäre. Wer ist denn außer euch noch alles hier?"

"Ja, wir beide halt, dann Melissa, die Erstklässlerin von den Blauen, sowie Nicole, deren Saalsprecherin und ihr Cousin Noah, Edith aus dem violetten Saal, die du ja kennst, die Degroot-Brüder aus dem weißen Saal, Zwillingsbrüder, Justine Ravelle aus dem roten Saal, die eine Klasse unter deiner ist, so wie Tamara, Laura und Clementine aus meinem Saal, alle aus der vierten Klasse", berichtete Francine.

"Na da hat euch dann noch ein Grüner gefehlt", sagte Julius betrübt.

"Ach, du wirst dich schon zurechtfinden", sagte Francine.

So vertrieb sich Julius die Zeit mit den beiden Mädchen aus dem gelben Saal. Anne fragte ihn über die Muggelwelt aus. Sie wollte dieses Fach wohl wie Magizoologie als neue Fächer nehmen.

Zum Abendessen setzten sich die Schüler an einen runden orangen Tisch. Nicole und Francine ordneten die kleine Tischgesellschaft. Julius saß zusammen mit Noa und den Degroots in einem reinen Jungenblock, der rechts von Francine und links von Nicole abgegrenzt wurde. Julius saß links von Francine und genoss das Abendessen mit gewisser Teilnahmslosigkeit. Seine Pflegehelferkollegin hielt ihn jedoch mit Fragen bei der Stange, was er sich denn jetzt schon für die Zukunft vorstellen könne, Was er früher gerne geworden wäre und so weiter. Julius zwang sich zur Ruhe. Hier auszurasten würde ihm nichts besseres einbringen. Nach dem Abendessen blieben Julius und Francine lange in der Bibliothek. Madame D'argent spielte Anstandshexe und saß aufmerksam zuschauend dabei, wie die beiden sich über Zaubertiere und Pflanzen unterhielten. Francine würde nach dem UTZ wohl tatsächlich als Heilerin in die Ausbildung gehen.

"Irgendwie hat das schon was für sich, anderen Leuten zu helfen. Ich bin froh, daß ich das Apparieren noch hinbekommen habe, denn das wollen die bei Delourdes haben, wenn man in den Notdienst geht. Mein Vater hat da schon die entsprechenden Familienbande gezupft, um mich da in die Ausbildung zu kriegen, wenn die erwünschten Fächer bei mir gut bis sehr gut zu Buche schlagen. Aber du könntest ja auch sowas machen. Talent dafür hast du wohl, insbesondere bei Zaubertränken und Zauberkunst."

"Na, aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich aushalte, wirkliche Verletzungsopfer zu sehen. Demnächst kommt Connie Dorniers Kind zur Welt und irgendwie habe ich deshalb Bammel."

"Weil du Angst hast, was verkehrt zu machen?" Fragte Francine ruhig.

"Das kommt da noch zu. Aber eher dieses Gefühl, mich in jemandes ganz private Angelegenheiten reinziehen zu lassen. Ich weiß von Muggelärzten, daß die sich sehr viel Abstand bewahren müssen. Ob ich das kann? Da könnte ich eher was mit Pflanzen machen oder in die Zauberkunstforschung gehen. Da ist noch sehr viel interessantes für mich drin. Außerdem ist es ja bis zu meinem ZAG noch lange hin. Da kommen bestimmt noch andere Sachen bei mir an, was ich machen kann."

"Nun, das ist wahr. Außerdem weißt du ja nicht, ob du dich für dich alleine entscheiden kannst oder auf jemanden Rücksicht nehmen mußt, mit dem du zusammenleben willst."

"Wenn's danach geht könnte ich heute schon drei Bewerbungen nach Millemerveilles schicken, Francine. Irgendwie würde ich da schon gerne wohnen. Aber wer weiß, was sich da nicht noch alles ändern kann. Im Moment könnte ich mir das gut vorstellen. Aber ich möchte dann doch nicht so weit vorausplanen."

"Welche Bewerbungen wären denn das?" Fragte Madame D'argent, die bis dahin kein einziges Wort verloren hatte. Julius sah sie an und sagte:

"Ich könnte bei Madame Dusoleil in die Zaubergärtnerei rein. Dann habe ich mich an diesem Tierpark da festgeguckt. Das könnte ich mir auch vorstellen. Schließlich kann ich mir vorstellen, was mit Zauberkunst zu machen und in einem der Läden da anzufangen, die Zaubersachen verkaufen."

"Mein Onkel, der ja auch Heiler ist, wohnt ja da auch. Du könntest dann ja auch bei dem in die Ausbildung gehen", sagte Francine.

"Ich fürchte, da hätte eine andere Hexe was gegen, wenn ich nicht bei ihr diese Ausbildung weitermache. Aber wie gesagt habe ich im Moment nicht den Draht dazu, das berufsmäßig zu machen. Liegt vielleicht auch daran, daß die Ärzte in meiner Verwandtschaft alle total überhebliche Typen sind, die sich allen Normalsterblichen überlegen fühlen."

"Vielleicht kannst du deine Herkunft aber auch beruflich ausnutzen. Madame Grandchapeau hat ja die Abteilung für die Vermittlung zwischen magischen und nichtmagischen Menschen. Mademoiselle Grandchapeau will ja da einsteigen."

"Die geht in die Abteilung für verunglückte Zauberei und Mißbrauch von Muggelartefakten, soviel ich weiß", erwiderte Julius. Francine nickte.

"Na klar, du hast ja genug Zeit mit ihr sprechen können und ihren Unterrichtsplan mitbekommen."

So vertrieben sich die beiden noch die Zeit bis zum Saalschluß. Julius schlüpfte durch die Wand zum menschenleeren grünen Saal. Eine halbe Minute ließ er die unheimliche Atmosphäre, völlig allein in einem großen Raum zu sein, auf sich wirken. Dann wollte er zu den Jungenwaschräumen. Madame Rossignol schlüpfte jedoch aus der Wand und sagte:

"Im Moment ist im Krankenflügel kein Bedarf und dich hier in einem total leeren Saal zu lassen wäre unmenschlich. Du schläfst heute nacht bei mir in der Abteilung. Dann bist du nicht so alleine."

"Mir fällt ein, daß ich noch nicht mal mein Waschzeug mitgenommen habe, weil das alles in der Reisetasche ist, die meine Mutter mitnehmen mußte."

"Daran fehlt es hier gewiß nicht. Du kannst auch in die Badewanne, wenn du magst. Hauptsache du gehst nicht im Palast verloren. Also komm schon mit!"

Julius fügte sich. Sie hatte ja recht. Was sollte er in einem leeren Wohnsaal. Da könnte er sich doch gleich in einer Tropfsteinhöhle verkriechen. Er kehrte mit der Heilerin in ihre Abteilung zurück, bekam einen Pyjama und Waschzeug mit Handtuch und schaffte es bis halb elf ins Bett, das dem Büro am nächsten stand. Madame Rossignol wünschte ihm noch eine gute Nacht. Dann schlief er.

 

__________

 

Dieses widerliche Ding, das die mir um den Hals gelegt haben. Es zirpt und sirrt die ganze Zeit. Ich kann Julius gar nicht aus dieser wilden Zirperei heraushören. Nein! Das ist ja fies! Ich kann nur noch mit den allgemeinen Sinnen lauschen, wo er ist. Ich laufe zum Steinbau und klettere daran hoch, bis ich vor Julius' Schlafhöhle bin. Doch ich höre und rieche nichts. Er ist nicht mehr hier. Und ich kann ihn nicht mehr finden.

Ich springe wieder zurück auf den Boden und jage Ratten in der Nacht. Die kann ich so gerade noch wahrnehmen. Ja, diese Kraft in dem Ding um meinem Hals ist widerlich. Sie macht mich krank. Ich bin wütend und durcheinander. Irgendwann werfe ich mich einfach auf den Boden und schlafe.

 

__________

 

Julius erfuhr nach dem Aufstehen, daß er wohl wieder nach Hause konnte. Denn es hatte sich gezeigt, daß Goldschweif allein durch das Armband abgelenkt genug war, um ihn nicht mehr zu orten. Allerdings, so erzählte es ihm Professeur Armadillus nach dem Frühstück, müsse man dieses Band dosiert einsetzen, da Goldschweif ungerichtete Wutanfälle und Angstattacken gehabt hatte.

"Was immer die genau von der Magie mitkriegen, die Kraft im Armband treibt sie in den Wahnsinn, wenn wir es ihr dauernd drumlassen. Aber jetzt wo ich ein einigermaßen brauchbares Mittel habe, können wir sie zumindest bis zum Ferienende kontrollieren. Sie können also wieder zurück zu Ihrer respektablen Frau Mutter, die Sie in Meinem Namen um Verzeihung bitten mögen, daß meine Nachlässigkeit Ihren Ferienablauf durcheinandergebracht hat. Angenehme Ferien noch!"

Professeur Faucon stellte Julius ihren Kamin zur Verfügung, über den er sich mit Flohpulver in Windeseile zu Catherine Brickston zurückbeförderte.

Seine Mutter war überglücklich, ihn vor dem Ferienende noch mal zu sehen. Sie fuhr mit ihm für zwei Tage nach Nizza. Am Freitag abend hörte er von Professeur Armadillus, daß Goldschweif nun unter Kontrolle war. Er hatte herausgefunden, wie die Schmucksteine in den Verbindungsarmbändern den Dom um Beauxbatons so durchsetzen konnten, daß Goldschweif ohne psychischen Schaden zu nehmen von ihm abgeschirmt wurde. So endeten diese Aufregenden Ferien für Julius mit der Erkenntnis, daß man nicht alles durch reine Gewalt lösen konnte und daß er sich doch Gedanken um Goldschweif machen mußte. Denn daß die Knieselin sich nicht dauerhaft von ihm fernhalten ließ, war ihm klar. Er mußte lernen, damit umzugehen, wie Constance sich langsam an den Gedanken gewöhnen mußte, in einem Monat Mutter zu werden. Er lächelte, weil er daran dachte, daß er vielleicht das bessere Los gezogen hatte.

Als er dann am Samstagabend neben Hercules und den Latierres im pariser Startkreis stand, war ihm schon wohler zu Mute. Gleich würde er Claire wiedersehen, und er würde wieder Quidditch spielen. Was immer Goldschweif nun von ihm wollte, es konnte nicht so wild sein, daß er Trübsal blasen mußte. Ja, und die Walpurgisnacht! Die stand ja als nächstes auf dem Programm! Das machte ihn förmlich hochspringen, als Professeur Paximus den Sphärenzauber aufrief und sie mit sich nach Beauxbatons nahm. Julius sah seine Mutter am Rande des Kreises stehen, bevor die Sphäre sich zwischen sie und ihn schob, vielleicht sogar zwischen die Dimensionen von Raum und Zeit. Schwerelosigkeit trug ihn für einige Sekunden. Dann waren sie wieder da, wo er nun hingehörte: Beauxbatons, die Akademie für französischsprachige Hexen und Zauberer. Obwohl, er war doch immer noch Engländer. Er grinste darüber. Millie Latierre mißdeutete das wohl als Signal an sie. Sie blickte ihn an und lächelte ihn an.

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