FanFic-Archive
Deutsche Fanfiktion

Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

[Reviews - 1]   Inhaltsverzeichnis
Drucker Kapitel oder Geschichte


- Schriftgröße +

Dieses Gefühl war immer noch nicht zu ertragen. Seine Augen und Ohren schienen von einer brutalen Macht in seinen Kopf gedrückt zu werden. Seine Lungen fühlten sich an, als würden mächtige Eisenbänder sie einschnüren, wie auch seinen Bauch. Arme und Beine fühlten sich an wie in sich schließenden Schraubstöcken. - Dann war es vorbei. Laut keuchend holte er Luft. er stand nun in einer weitläufigen Halle, die vollgestellt war mit großen Ständern, in denen silbrige Besen hingen. Seine Hand hielt immer noch den Arm Mrs. Porters.

"Und, gut durchgekommen?" Fragte Mrs. Porter aufmunternd. Julius nickte und meinte:

"Geht schon etwas besser. Aber irgendwie ist das immer noch ein Höllentrip. Wo sind wir hier?"

"Das ist die Besenkammer des Instituts", sagte Mrs. Porter amüsiert grinsend. Ihre Stimme wurde wie in einer großen Kirche von den Wänden zurückgeworfen.

"Das Institut selbst ist wohl abgeschirmt, wie?" Fragte Julius.

"Ganz genau. Auch dieser Ort ist abgesichert. Aber wie genau darf ich dir nicht verraten, auch nicht, wo er liegt."

Julius dachte grinsend an sein Naviskop. Doch als hätte Mrs. Porter das mitgehört grinste sie auch und meinte:

"Ich weiß, daß du ein Naviskop bekommen hast. Aber das würde dir hier genauso wenig helfen, wie in Hogwarts oder Beauxbatons. Wir nehmen uns jetzt einen der Besen und fliegen zum Institut."

Aus einem der vielen Besen suchten sie sich einen aus, der lang genug war. Julius vermutete, daß es diese Harvey-Besen waren, die beim Fliegen sich und alles was drauf und dran war unsichtbar machten.

"Sitz hinter mir auf!" Befahl Mrs. Porter, als sie einen der silbern lackierten Besen mit silbergrauem Schweif aus einem der Ständer gepflückt hatte. Julius gehorchte. Kaum hatte er seine Arme so fest es ging um Mrs. Porters Leib geschlungen und gerade so den Stiel zu fassen bekommen, daß er sich fest genug anklammern konnte, stieß sie sich auch schon ab. In etwa fünf Metern Höhe klappte eine bis dahin gut getarnte Flügeltür auf und ließ den Besen und seine zwei Reiter hinaus. Julius sah noch eine Hügelkuppe, aus der sie wohl herausgekommen waren, als Mrs. Porter bereits nach oben zog und mit voller Beschleunigung in die kühle Nacht hinaussteuerte. Julius erstarrte für einen Moment vor Schreck, weil ihm die vollkommene Unsichtbarkeit vorgaukelte, er rase ohne Körper durch die Luft. Doch der Besenstiel zwischen den Beinen und die untersetzte Hexe, die er umklammerte verrieten ihm, daß er immer noch einen greifbaren Körper besaß.

"Geht es?" Fragte sie Julius, dessen Arme von der starken Umklammerung leicht zitterten.

"Nichts für ungut, Mrs. Porter, aber meine Arme sind für Sie nicht lang genug", sagte er rasch.

"Du bist ja auch noch im Wachstum", lachte Glorias Großmutter belustigt. "Bringt dir Claire sowas bei, einem Mädchen was unangenehmes ganz nett zu servieren?"

"Nicht nur das", erwiderte Julius.

"Okay, wir müssen gleich sehr steil runter. Am besten umarmst du mich dann richtig fest, bevor du den Griff am Stiel verlierst und mir noch runterfällst", sagte Mrs. Porter. Julius verstand. Zu seinem Bedauern war von der Landschaft unten nichts außer einer großen, pechschwarzen Fläche zu sehen. So konnte er noch nicht einmal sagen, wie schnell und wie weit sie eigentlich flogen, bis Mrs. Porter rief:

"So, Julius, nimm die gute Jane jetzt ganz fest in die Arme!"

Julius löste seinen Griff um den Stiel und drückte sich richtig an seine Sozia, wobei er seine Hände vor ihrem Bauch ineinander verschränkte.

"Und runter geht's!" Rief Jane Porter und kippte den Besen in einen Neigungswinkel von mindestens siebzig Grad.

Julius fühlte den immer heftigeren Flugwind um seine Ohren herumfauchen. Er mußte sich zwingen, seinen Kopf nicht gegen Mrs. Porters Rücken zu drücken. So gelang es ihm, ein großes Tor aus silbernem Licht zu sehen, das wie ein eingeschaltetes Licht erstrahlte, sich weit auftat und sie hindurchließ. Kaum war das passiert, warf Mrs. Porter den Harvey wieder in die waagerechte Lage zurück und bremste ab. Dann fühlte Julius Gras unter den Schuhsohlen und dann festen Boden. Sie waren gelandet.

"Schön, wir sind da, Honey. Steig bitte ab!"

Julius gehorchte der Anweisung und saß ab. Sofort wurden er und Mrs. Porter wieder sichtbar.

"Wenn die mal so'ne Achterbahn bauen, die Leute unsichtbar macht und in dem Winkel runtersaust, können die bisher fahrenden Dinger alle verschrottet werden", sagte Julius unter dem Eindruck des gespenstischen Besenrittes mit Sturzflugeinlage.

"Wer braucht schon so mechanisches Muggelzeug?" Lachte Jane Porter. Dann deutete sie um sich herum. Julius blickte umher und sah den nächtlichen Park. Gerade tauchte der Mond wieder hinter einer Wolke auf und leuchtete den großen Park aus, dessen Zentrum ein großer Zierteich mit einem an die zehn Meter hochspritzenden Springbrunnen war. an jeder der vier Ecken des Parks stand ein Gebäude. Besonders imposant war ein Bau, der wohl aus mittelhellen Backsteinen gebaut war. Jetzt bei Nacht wirkte er wolkengrau.

"Wir müssen in das Hauptgebäude. Die anderen sind Laboratorien und Lager für brisante Dinge", sagte Mrs. Porter. Julius sah sich noch einmal um. Er konnte jedoch nicht erkennen, in welcher Umgebung dieses Anwesen lag, weil der Horizont irgendwie in einem bläulichen Dunst erstrahlte, der sich einige Meter in den Himmel hob.

"Das Institut ist natürlich unortbar", sagte Mrs. Porter. Dann führte sie Julius zum großen Bauwerk, um das herum auf einmal helle Laternen erstrahlten. Nun konnte er sehen, daß es aus kirschrot gestrichenen Backsteinmauern bestand und drei Schornsteine auf dem Dach trug. Mrs. Porter lotste Julius zu einer massiven Tür mit goldenen Verzierungen.

"So, du mußt sie zuerst öffnen, damit wir sicher sein können, daß du auch willkommen bist. Die Laternen haben sich zwar entzündet, aber wenn Maries Magie dich wirklich durchdrungen hat, mußt du noch die Tür öffnen, um voll akzeptiert zu werden."

Julius verstand. Er wurde in gewisser weise überprüft, ob Marie Laveaus Zauber seinen Körper durchdrungen hatte, gewisserweise ihren Abdruck hinterlassen hatte. Er ging zu der Tür und legte die rechte Hand auf die massive Metallklinke. Sie fühlte sich warm an und kribbelte ein wenig. Er drückte sie nach unten. Es ging federleicht. Mit lautem Klack sprang die Tür auf und ließ sich mühelos nach innen drücken. Julius trat noch über die Schwelle, wobei er einen Schauer von Daheimgefühl erlebte, als sei er nach langer Zeit wieder nach Hause gekommen.

"Wunderbar, Honey. Du bist wirklich akzeptiert worden", lobte Jane Porter ihn für etwas, das er nicht selbst errungen hatte. Dann folgte sie ihm.

In dem etwa fünf meter breiten und zwanzig meter langen Flur roch es angenehm nach sauber verbrennendem Kaminholz, Kaffee und Gebäck. An der Decke hingen in vier Metern Abstand große Kristallkörper, die aus so vielen Oberflächen bestanden, daß es fast Kugeln waren. In ihnen leuchtete ein helles, warmes Licht auf, als sie beide im Flur standen.

"Im Moment scheint sonst keiner da zu sein", flüsterte Jane Porter. Sie schloß die tür von innen, schob den Besen in einen einen Meter über dem Boden angebrachten Haltering und führte Julius zu einem Treppenhaus, von dem aus sie zwei Stockwerke nach oben stiegen, von wo aus sie in einen anderen Flur eintraten, der quer vor ihnen verlief und sich an den Enden in leichten Kurven zu zwei parallelen Korridoren erweiterte. Jane Porter führte Julius durch den rechten der beiden Korridore zu einer weißen Tür, an der ein Schild angebracht war auf dem stand:

"Büro von Jane Porter, Expertin für afro-karibische Ritualmagie, direkte und schlummernde Nahbereichs- und Fernflüche"

"Hier arbeite ich", sagte Jane Porter und zog einen silbernen Schlüssel aus ihrem Reiseumhang.

"Als die Kristallsphäre im Raum durch ein Zauberwort zum leuchten gebracht wurde, sah Julius, daß das Büro sehr viele Blumen, Bilder und kleinere Kunstwerke enthielt. Auf dem weißen Kiefernholzschreibtisch fielen ihm sofort die drei gerahmten Fotos auf. Eines zeigte eine Familie mit zwei blonden Mädchen. Er erkannte sie als die Redliefs. Mel mochte da gerade elf und Myrna gerade acht oder neun gewesen sein. Dann war da noch ein Bild mit der Familie Porter aus England, wobei Gloria da wohl gerade acht Jahre alt gewesen sein mochte, und schließlich Jane und Livius Porter zusammen mit ihren beiden Kindern Geraldine und Plinius. Geraldine Porter war da in der Hogwarts-Schuluniform aufgenommen worden.

"Hui, alle drei Familien hier", meinte Julius. Jane Porter nickte.

"Schön und Traurig zugleich, Julius. Schön, weil ich jeden Tag sehen kann, daß ich es nicht nur in meinem Job zu was gebracht habe und traurig, weil ich an den Bildern sehe wie, die Zeit verflogen ist", erwiderte Jane Porter. Dann bot sie ihrem Gast einen freien Stuhl an und füllte einen großen Kessel mit Wasser, der auf einen Stubser ihres Zauberstabs laut pfeifend Dampf ausstieß. Sie machte sich und ihrem Besucher eine große Kanne Tee, bevor sie zum unangenehmen Grund kamen.

"Wie ich dir vor dem Rückflug und später bei mir im Keller erzählt habe sind wir hier unter Eidessteinzwang verpflichtet worden, nichts von dem zu erzählen, was du rausgekriegt hast. kann Andererseits, und das habe ich ja an die Adresse von Belles vorübergehender Zwillingsschwester geschrieben, können wir über das zu verschweigende dann offen sprechen, wenn jemand uns sagt, daß er oder sie es erfahren hat und gezielt darauf eingeht. Insofern darf ich jetzt mit dir darüber sprechen und auch nachforschen, was passiert ist. Gut, daß du diese Internetschriften mitgebracht hast. Könnte nämlich sein, daß wir die noch mal brauchen."

"Ich weiß immer noch nicht, ob ich das gut finden soll, daß Sie meiner Mum und mir nichts gesagt haben", grummelte Julius. Andererseits kannte er die Eidessteine. Er hatte selbst schon auf zweien von denen schwören müssen und legte es nicht darauf an, dagegen zu verstoßen.

"Du hast dich bestimmt gefragt", fuhr Mrs. Porter fort, "wo dein Vater mit dieser Kreatur in Berührung gekommen sein muß und vielleicht auch, wann das passiert ist. Sicher ist nur, daß Hallitti oder wie immer sie sich unter den Muggeln nennt nicht erst in Amerika an ihn herangekommen ist. Ich hole gleich die vertrauliche Liste der bekannten Schlafplätze. Dabei ist zu berücksichtigen, daß wir nie mehr als hundert Meter genau feststellen können, wo eines dieser Wesen sich zurückziehen kann und daß wir mit unseren Mitteln nicht an die Schlafplätze herankommen, wenn sie von diesen Wesen nicht freiwillig preisgegeben werden. Aber vielleicht kannst du mir ja helfen, einen Zusammenhang herzustellen, der sich mir entzieht." Sie lächelte wohlwollend. Julius konnte sich diesem Lächeln nicht entziehen. Er sah sie freundlich an und meinte:

"Das sehen wir dann. Aber was ich echt nicht kapieren will ist, daß keiner von der Liga gegen die dunklen Künste das mitgekriegt hat. Wenn Madame Faucon das mitbekommen hätte, die hätte mich doch entweder sofort unter ihren Umhang gesteckt und nach Millemerveilles mitgenommen oder mich von da nicht mehr weggelassen, schon gar nicht nach Amerika."

"Tja", setzte Jane Porter leicht verlegen an, "das liegt an drei Dingen. Zum einen gingen die Mitglieder der Liga ja davon aus, daß diese Kreatur immer noch schläft. Dann wohnte sie bis zum Treffen mit deinem Vater in Großbritannien, hätte also wohl eher da zugeschlagen. Zum dritten hat unser Zaubereiminister alle Nachrichten unterdrückt, die auf ihr Wirken hindeuten. Wie er das mit nur vier weiteren Geheimnisträgern geschafft hat ist mir zwar auch ein Rätsel, hat aber funktioniert."

"Sie sind eine von den vieren", vermutete Julius. Mrs. Porter nickte. "Wer sind die anderen drei? Ich vermute mal Ihren Vorgesetzten und einen, der in der Muggelwelt aufpassen soll ... Schweinehund!"

"Wie bitte?!" Versetzte Mrs. Porter.

"Ich meine Ihren Minister", log Julius. Denn in Wirklichkeit hatte er an jemanden anderen gedacht, der von der Logik her ideal passen konnte. Immerhin galt es ja, jeden Hinweis auf dunkle Magie aus der Muggelwelt herauszuhalten. Doch er konnte sich auch vertun und von solchen Hexen und Zauberern gab es so viele, daß es jeder andere sein mochte. Ihm fiel eben nur der eine ein, weil er ihn kannte. Das durfte dem nicht gleich zum Vorwurf gemacht werden.

"Aus deiner Sicht wirst du wohl recht haben, Julius. Andererseits mußt du zumindest respektieren, daß Minister Pole die Zaubererwelt vor einer großen Panik bewahren möchte und anders als es Fudge in England getan hat nicht durch Ignoranz die Dinge schlimmer werden lassen wollte, sondern sie durch wohlverborgene Ermittlungen in Zaum halten wollte. Aber ich sehe es dir an, Junge, daß du mir diesen Unsinn so nicht abkaufst. wäre auch ein wenig dreist, deine Gefühle und deine Intelligenz mit solchen Ausflüchten zu mißachten."

"Sagen wir es so: Wenn er hingegangen wäre und hätte alle Leute zu einer Konferenz gebeten, die sich mit sowas auskennen, hätte ich für eine gewisse Geheimhaltung noch verständnis. Aber der tut ja nichts in der Richtung, wenn ich Sie richtig verstanden habe."

"Das ist leider wahr", seufzte Mrs. Porter mit leicht erröteten Ohren. Aber ich hole jetzt mal eben zwei Bücher aus der Bibliothek. Da kann nur ich dran. Deshalb bleibst du schön hier sitzen!"

Julius sah ihr nach, wie sie das Büro verließ und die Tür von außen schloß. Als er aufstehen wollte, zog es ihn wie ein Magnet auf den Stuhl zurück. Offenbar konnte sie ihre Möbel verhexen, daß sie eine Flucht oder einen Angriff vereiteln konnten. Wer wußte auch schon, was sie in ihrer Arbeitszeit alles für Leute hier hatte, vielleicht sogar Muggel, die von Flüchen befallen waren oder gar von böswilligen Geistern besessen waren. Julius wußte aus dem Voodoo-Schild, daß gewisse Rituale die Geister böswilliger Menschen befähigen konnten, in einen anderen Körper zu schlüpfen und wußte auch, daß mächtige Zauberer ihren eigenen Körper verlassen konnten, um einen fremden Körper in Besitz zu nehmen. Doch hier auf einem Festhaltestuhl zu sitzen gefiel ihm auch nicht. Er fischte in sein rechtes Hosenbein und zog aus dem diebstahlsicheren Futteral für Flugreisen seinen Zauberstab.

"Wollen doch mal sehen, ob ich dich nicht auskontern kann", sagte Julius und überlegte, welcher Fluchbrecher ihn von dem Stuhl lösen mochte. Er probierte es mit einem, der stationäre Flüche ohne geistigen Einfluß neutralisieren konnte. Doch als er den Zauber laut formuliert hatte, hüpfte der Stuhl mit ihm hoch und flog mit ihm dreimal durch das Zimmer, bevor er wieder landete. Dann erscholl eine magische Stimme:

"So geht's nicht." Sie hörte sich so an wie die amüsiert klingende Stimme Jane Porters, nur etwas in der Tonhöhe nach oben verrutscht.

"Habe ich gemerkt", grummelte Julius, der fast seinen Zauberstab verloren hätte. Dann fiel ihm ein, was los war. Nicht nur der Stuhl, sondern der ganze Raum war verhext. Versuchte man einen Zauber zu brechen, sprang sofort der andere ein und warf den Zauberer oder die Hexe aus der Balance. Er wedelte mit dem Zauberstab durch die Luft und rief:

"Finite Incantatem!" Ein ohrenzerreißendes Plopp war die einzige Reaktion darauf. Als Julius aufzustehen versuchte, zog es ihn sofort wieder auf das bequeme Sitzkissen. Wieder ertönte die magische Stimme:

"So geht's auch nicht."

"Was du nicht sagst", dachte Julius. "Probieren wir mal einen gekoppelten Zauber aus."

Die Tür flog auf und Jane Porter stürzte keuchend herein. Ihr Gesicht sah nicht gerade freundlich aus.

"Was soll das hier?" Herrschte sie Julius an und schloß die Tür. "Denkst du, ich hätte mein Büro nicht mit wirksamen Anti-Fluchabwehrzaubern belegt, damit nicht jemand einfach hier seinen Hokuspokus machen kann? Du weißt genau, daß du in den Ferien nirgendwo zaubern darfst, wenn dich nicht jemand ausdrücklich dazu auffordert! Soll ich deinen Zauberstab einkassieren, damit du dich daran hältst?"

"Nein, bestimmt nicht", raunzte Julius und steckte seinen Eichenholzstab so schnell in das diebstahlsichere Futteral, daß Mrs. Porter den unmöglich mit einem Entwaffnungszauber und dann mit dem Aufrufezauber an sich bringen konnte.

"Muß ich mir noch schwer überlegen, Julius", fauchte Jane Porter. Dann sagte sie ruhiger: "Aber ich hätte dir sagen sollen, daß die Möbel meine Anweisungen durchsetzen. Natürlich hat dir das nicht gepaßt, auf dem Stuhl festgehalten zu werden. Aber ich wäre ja in einer Minute wieder da gewesen. Vergessen wir diesen Unfug also. Immerhin bin ja nur ich alarmiert worden und nicht die Schutzmannschaft. Die hätten dich nämlich dann gefragt, was du hier machst."

"Habe ich nicht überlegt", knurrte Julius. Natürlich hatten die hier im Institut alles bedacht. Er konnte froh sein, wenn er nicht Alarmstufe Rot ausgelöst hatte. Dann schaltete Mrs. Porter unvermittelt wieder von tadelnder Lehrerin auf gütige Großmutter um und lächelte Julius an.

"Also, Julius, du möchtest ja wissen, was mit deinem Vater passiert ist und ich möchte dir helfen, das rauszukriegen. Hier habe ich drei Bücher. Weil ich damals schon wußte, was los war, habe ich mir die Titel und Registriernummern gemerkt. Da konnte ich sie schnell abgreifen. Okay, fangen wir mit Hallittis Schlafplatz an."

Jane Porter nahm ein uralt aussehendes Buch aus einer Drachenhauttasche und legte es auf den Tisch. Julius las den in einer sehr gewöhnungsbedürftigen Schrift verfassten Titel: "Geographia Creaturarum infernalium"

"Haben die das noch von Hand geschrieben?" Fragte Julius.

"Ja, im vierzehnten Jahrhundert wurden die Buchtittel noch mit eigener Hand geschrieben. Zumindest gab es damals schon den Multiplicus-Zauber, wenngleich Bücher zu den nicht beliebig oft kopierbaren Gegenständen gehören. Von den zwanzig Exemplaren, die damals erschaffen wurden, liegt jetzt eines vor uns. Es ist mit starken Zaubern belegt, die verhindern, daß es gegen den Willen des Eigentümers mitgenommen oder aus einem bestimmten Bereich herausgeschleppt werden kann und nur von erwachsenen Hexen und Zauberern angefaßt und umgeblättert werden kann", erklärte Jane Porter und klappte das Buch auf. Dann studierte sie kurz das Inhaltsverzeichnis, das in diesem wohl komplett in Latein geschriebenem Buch "Index Generalis hieß. Julius versuchte, mit seinem bisher erlernten Latein und der sehr krakeligen Handschrift was anzufangen. Als er zumindest "Filiae Abyssi" herauslesen konnte, wußte er, daß Mrs. Porter das richtige Kapitel aufgeschlagen hatte. Dann sah er mehrere Ausklappkarten, die zwischen den Seiten festgebunden waren. Jane Porter klappte eine davon auseinander und deutete auf die Zeichnung, die im Vergleich zu der Handschrift sehr präzise gearbeitet war. Julius erkannte deutlich die britischen Inseln, die hier noch mit den altrömischen Namen Britannia und Hibernia beschrieben waren. Das kam Julius zwar erst komisch vor. Doch dann erinnerte er sich an die erste Zaubereigeschichtsstunde in Beauxbatons, wo Professeur Pallas ihm und den anderen erzählt hatte, Latein sei sehr lange die Verkehrssprache der ganzen Zaubererwelt gewesen. Nicht umsonst hatte seine Mutter ihm ein Lateinischlernbuch geschenkt.

"Hier ist der Schlafplatz Hallittis, in der Nähe der Stadt Dover", sagte Jane Porter und deutete auf einen Punkt auf der Karte. Julius betrachtete ihn und überlegte, wann sein Vater da mal gewesen sein mochte.

"Sie meinen, mein Vater muß an dem Ort wo diese Kreatur geschlafen hat herumgelaufen sein?" Fragte er. Mrs. Porter nickte. Dann sagte sie noch:

"Er muß nicht nur für eine Minute oder zwei da herumgelaufen sein, sondern für mindestens eine halbe stunde. Könnte es sein, daß die Muggel dort was gebaut haben, von dem wir nichts mitbekommen haben?"

"Wenn Sie es nur auf hundert Meter genau einpeilen können", meinte Julius. Mrs. Porter nickte. Julius verfiel in eine nachdenkliche Starre. Er überlegte, was er von seinem Vater über Dover gehört hatte. Wohnten da Verwandte? Neinn. Hatte er Freunde da? Auch nicht. Arbeit? Unter diesem Stichpunkt suchte Julius weiter, bis er meinte:

"Mrs. Porter, mein Vater hat mal was von einem Chemiewerk erzählt, in dem ein Studienfreund von ihm arbeitete. Das ist aber vor Jahren schon zugemacht worden. Außerdem wüßte ich nicht, was er da gewollt haben könnte."

"Immerhin mal ein Ansatzpunkt, Julius. Das ist unser Problem, daß viele Zauberer und Hexen nichts von Muggelsachen verstehen oder sie schlicht als unnötig ablehnen. Ich kläre das gleich, wenn wir die anderen Punkte besprochen haben. Zumindest besteht die Möglichkeit, daß dein Vater in dieser Chemikalienfabrik war. Sie ist seit Jahren geschlossen? Warum wurde dort nichts mehr hergestellt, beziehungsweise was könnte dort heute sein?"

"Manchmal ist es billiger, eine alte Fabrik solange rumstehen zu lassen, bis sie selbst zusammenfällt", sagte Julius schnippisch. Mrs. Porter räusperte sich vernehmlich. Dann klappte sie das alte Buch wieder zu. Sie holte eines, das in englischer Sprache geschrieben war und schon etwas neueren Datums war, weil die Buchstaben eindeutig gedruckt und nicht mit der Hand geschrieben worden waren. Es behandelte das Zusammentreffen mit gefährlichen Geschöpfen, wie das Tagebuch eines Jungen, der von einer Sabberhexe unterworfen wurde, Berichte über Vampire von Vampiren und Menschen, die mit ihnen unangenehm zusammengerasselt waren, aber auch solche Geschichten, wo Zauberer und Hexen die Abhängigkeit von diesen Abgrundstöchtern schilderten. Dabei fiel Julius wieder der Satz von Virginies Großvater ein, daß jeder, der in den Bann eines solchen Wesens geriet, schon tot sei, bevor er sterbe. Den Satz erwähnte er nun auch vor Mrs. Porter.

"Ich kenne Monsieur Delamontagne, Virginnies Großvater. Der hat sich seinerzeit viel mit alten Zauberwesen und ihrer Abstammung befaßt und sicher recht damit, was er dir und den anderen Jungs gesagt hat. Daß jemand bereits tot ist, bevor er stirbt, fängt ja schon damit an, daß er sich nicht mehr um Recht und Unrecht schert. Hinzu kommt die fortgesetzte Auszehrung des Körpers und der Seele. Irgendwann ist derjenige völlig gleichgültig gegen alles und jeden in seiner Umgebung. Das kann Jahre dauern oder nach einer halben Stunde schon eintreten, was vom Hunger dieser Kreatur abhängt."

"Sie machen mir echt Mut", grummelte Julius, der immer und immer wieder daran dachte, seinem Vater helfen zu können, wenn er genug wußte. Denn so hatte er es gelernt: Wissen war eine Waffe, und eine erkannte Gefahr war nur halb so gefährlich. Doch dann war da wieder die Frage nach der Unendlichkeit. Wenn eine Gefahr unendlich groß war, was machte es dann noch aus, wenn einer sie nur für halb so gefährlich hielt? Aber diese Wesen waren ja nicht vom Himmel gefallen oder von der Erde ausgespuckt worden.

"Kann man die Art, wie Lahilliota die damals in die Welt gesetzt hat nicht umpolen?" Fragte Julius und erklärte, was er mit umpolen meinte.

"Das Problem dabei ist, daß diese dunkle Hexenmeisterin ihr Wissen um die magische Parthenogenese unter Verlängerung des natürlichen Lebens der Nachkommen mit in den Tod genommen hat", seufzte Jane Porter. "Ein Magier spekulierte mal darauf, daß man anhand der von den Töchtern beherrschten Elemente die Prozedur nachvollziehen könne, scheiterte aber daran, daß bei einigen der neun sehr gegensätzliche Elementarkräfte wirksam sind. Allen gemeinsam ist ja, was du auch von Professeur Tourrecandide gehört hast, nämlich die sehr große Unverwüstlichkeit, weil sie mehrere geraubte Leben in sich speichern können und sich dadurch unheimlich schnell von an sich tödlichen Verletzungen erholen können. Ja, sie sind sogar immun gegen Avada Kedavra, Julius. Das mußt du dir mal vorstellen, der gefährlichste Fluch kann denen nichts anhaben."

"Imperius?" Fragte Julius sofort. Jane Porter sah ihn erst verdutzt an, meinte dann aber:

"Achso, du hältst Avada Kedavra nicht für den gefährlichsten Fluch, sondern Imperius. Mag wohl was dran sein, wenngleich der Tod für uns Abwehrspezialisten immer noch die größte Gefährdung eines Menschen bedeutet. Aber was deine Frage angeht, Julius, so ist der Imperius deshalb wirkungslos, weil diese Kreaturen ja in Sichtweite sein müssen, um ihn zu wirken. Das heißt aber sofort, daß sie ihrerseits geistige Kontrolle über jeden Zauberer erzwingen können, der sie anzugreifen versucht. Hinzukommt noch die mit ihrem Hauptelement einhergehende Zweitgestalt. Sie können sich in unüberwindliche Monster verwandeln und so rein körperlich bereits eine Menge Schaden anrichten, ohne weitergehende Magie zu wirken. Einer der den Cruciatus mal ausprobiert hat wurde wohl von seiner Gegnerin in der Luft zerrissen. Halten wir also fest, daß mit den Unverzeihlichen nichts zu machen ist."

"Ja, doch wie hilft das mir und meinem Vater?" Fragte Julius frustriert. Jane Porter nickte. Diese Informationen halfen Julius überhaupt nicht weiter, zumal er ja wohl nicht die drei unverzeihlichen Flüche wirken konnte. Sie blätterte das gerade aufgeschlagene Buch um und suchte nach Schwachstellen und Abwehrmöglichkeiten. Tatsächlich fand sie zwei, die sie Julius vorlas:

"Zum einen sind die Töchter des Abgrundes darauf angewiesen, daß sie mindestens einen von ihnen abhängigen Menschen in ihrer Nähe haben, von dessen Lebenskraft sie in regelmäßigen Abständen zehren können. Wird ihnen der Zugang zu diesem Menschen verwehrt, schwächt es sie derartig, daß sie in ihrer Schlafstätte in einen langen, tiefen Schlaf verfallen müssen. Entzugsmöglichkeiten sind: Die räumliche Trennung des unterworfenen Menschen, Verabreichung von Rauschmitteln in hohen und regelmäßigen Dosen, Geistige Umnachtung des Unterworfenen oder der Tod der betroffenen Person. Sofern die Unterwerfung ausschließlich im Traumschlaf des Betroffenen vollzogen wurde und noch nicht zu lange zurückliegt, kann eine Unterbringung in magisch gegen die Präsenz bösartiger Wesenheiten gesicherten Orten die Verbindung ohne größeren Schaden für den betroffenen Menschen lösen. Für bereits im Wachzustand unterworfene Menschen, die bereits länger im Bann der Abgrundstochter stehen, helfen nur die oben erwähnten Gewaltmaßnahmen, die im Fall von geistiger Umnachtung und Tod einen Permanenten Schaden des Unterworfenen verursachen."

"Will sagen, ich müßte meinen Vater andauernd unter Drogen halten, in den Wahnsinn treiben oder töten, weil dieses Dreckstück den schon so lange unter Kontrolle hat", knurrte Julius. Jane Porter nickte betroffen dreinschauend. Dann las sie den zweiten Teil der Schwachpunktbeschreibung vor:

"Eine Tochter des Abgrundes ist seit ihrer rein magischen Entstehung im Besitz eines von starken Zaubern durchdrungenen Behälters, der von ihr gesammelte und derzeit nicht benötigte Lebenskraft aufnimmt und speichert. Zwar kann eine Tochter des Abgrundes sehr große Strecken in einem zeitlosen Ortswechsel zurücklegen, ist jedoch darauf angewiesen, regelmäßig in die Nähe ihres Lebenskraftbehälters zurückzukehren. Dies konnte durch Untersuchungen betroffener Menschen belegt werden, die ausschließlich im Umkreis bestimmter Orte gefunden wurden. Es sind jedoch drei Fälle bekannt, wo eine Tochter des Abgrundes ihren Schlafplatz verlegt hat, um Nachstellungen zu entgehen oder näher an lohnenden Menschengruppen zu sein. Es steht zu vermuten, daß die Zerstörung des Lebenskraftbehälters eine Tochter des Abgrundes so sehr schwächt, daß sie durch Zauber oder körperliche Gewalt angreifbar wird. Da jedoch bisher niemand einen dieser Lebenskraftbehälter zerstören konnte ist dies noch nicht eindeutig erwiesen. Zu befürchten ist auch, daß die Zerstörung eines solchen Artefaktes eine vernichtende Kraft freisetzt, die die Lebewesen tötet, die am Ort der Zerstörung anwesend sind. Denn gemäß dem von Castella Tannenspitz, Fidelio Campestrano und Louis Delamontagne im Jahre 1815 ergründeten Gesetz vollzieht sich bei der Zerstörung eines materiellen Fokus schwarzmagischer Gewalten eine Verkehrung der darin enthaltenen Energien, sodaß eine zusammenhaltende Kraft zu einer Explosion, Feuerwiderstand zu einer Feursbrunst und Lichtschluckende Zauber zu einem Ausbruch an Licht werden. Somit steht zu befürchten, das die Zerstörung eines Lebenskraftbehälters einer Tochter des Abgrundes gemäß diesem Gesetz nach zu einer schlagartigen Auslöschung von mehreren Leben führt, je nach Menge der enthaltenen Lebensenergien. Daher wurde trotz der Kenntnis der ungefähren Schlaforte bisher kein Versuch unternommen, diese Lebenskraftbehälter zu vernichten, zumal ja dann noch geklärt werden müßte, auf welche Weise sie zerstört werden können."

"Das mit dem Materiellen Fokus haben wir doch erst im letzten Sommer gelernt", erinnerte sich Julius.

"Ich weiß, ich war dabei", erwiderte Mrs. Porter kühl. Doch um ihren Mund spielte ein flüchtiges Lächeln.

"Hmm, also wäre jede Vernichtung solcher Lebenskraftsammler purer Selbstmord", vermutete Julius.

"Nicht nur das, Julius. Wenn beispielsweise die gesammelte Kraft aus hundert Menschenleben in diesem Behälter steckt, würden hundert Lebewesen sterben, ob Insekt oder Drache, Pflanze oder Tier. Das wäre zumindest eine Vermutung", sagte Mrs. Porter betrübt. "Leider könnte auch Angellis Würfel der Verheerung stattfinden, demnach eine Vernichtung im Kubik der ins Gegenteil umschlagenden Zauberkraft möglich ist. Bei hundert Leben würden dann nicht hundert Lebewesen sterben, sondern eine Million."

"Au weia!" Konnte Julius darauf nur antworten. Das kam ihm einer Atombombenexplosion gleich, wenn solch ein Lebenskraftbehälter zerstört wurde.

"Ja, diese Lahilliota hat schon sehr gut dafür gesorgt, daß ihren schönen Töchtern nichts böses passieren kann", grummelte Mrs. Porter. "Zwar ist sie bei der Geburt ihrer letzten Tochter, der Tochter der schwarzen Tiefen, gestorben, doch der Fluch der dunklen Lebenskraft ist auf alle übertragen worden. Hinzukommt, daß diese letzte der neun so mächtig und gefährlich ist, daß selbst ihre älteren Schwestern sie fürchten und daher gemeinsam in den magischen Schlaf versetzt haben. Zu unserem Glück ist der Schlafplatz schier unerreichbar und räumlich so gut abgeschnitten, daß auch eine Aus Versehen stattfindende Erweckung durch einen mit unweckbaren Zauberkräften versehenen Menschen nicht möglich ist."

"Dann haben wir wohl nur die Wahl, meinen Vater zu finden und solange unter Drogen zu halten, bis dieses Monster ihn nicht mehr halten kann oder er wahnsinnig oder tot ist. Vernichten ist ja dann wohl nicht drin", seufzte Julius.

"Ja, dieses Wesen ist zu mächtig. Wo in den Muggelmärchen die Kraft der reinen Liebe herhalten kann, um derartige Verzauberungen zu brechen, wie in der Geschichte von der Schönen und dem Biest oder dem Märchen von der Schneekönigin, ist im Falle der Abgrundstöchter leider nichts zu machen. Je länger die Unterwerfung vorhält und je weiter sich der Betroffene von seinen früheren Charaktereigenschaften und Moralvorstellungen gelöst hat ist es schwieriger, ihn ohne Schaden für Leib und Seele aus dem magischen Bann zu lösen. Warum ich dir das hier und jetzt erkläre, Julius: Es ist nötig, daß du weißt, was mit deinem Vater wirklich geschehen ist und daß es sehr schwierig ist, ihn zu retten, ja leider schon so gut wie unmöglich. Wir können im Grunde nur von Erlösung sprechen, wenn wir ihn aus dem Bann reißen. Aber du weißt ja, daß dies bei Vampiren meistens mit dem Tod einhergeht. Die einzige Möglichkeit, ihn zu befreien, ohne ihn zu töten hast du schon erwähnt. Wir müßten ihn finden und in einem Zustand andauernder Betäubung halten. Es gibt zwar in unseren Heilstätten solche Therapien, wo Personen unter alkoholischen oder narkotischen Substanzen behandelt werden, Beispielsweise die Opfer von Seelenverkehrungsflüchen, aber deinen Vater so zu behandeln könnte Jahre dauern und müßte immer mit Tränken unterstützt werden, die die Schädigung durch die verabreichten Drogen verhindern. Aber diese Therapie zu diskutieren sollte erst anstehen, wenn wir deinen Vater gefunden haben, will sagen, ihn für eine gewisse Zeit von Hallitti absondern können. Ich habe dir erzählt, daß er Ende Mai als ermordet galt, es aber dann zu einer überdurchschnittlich hohen Säuglingssterblichkeit kam. Wir, also die Leute, die wissen, was wirklich passiert ist, vermuten, daß Hallitti die jungen Leben gestohlen hat, um sich und ihn am Leben zu halten. Sie und er sind also angeschlagen und dadurch noch gefährlicher, Julius. Ich fürchte, dein Vater wird erneut ausgeschickt werden, um Lebenskraft zu erbeuten und dadurch den Zorn von Kriminellen entfachen. Wir müssen also eingrenzen, wo er genau herkam und wohin er wieder verschwindet."

"Tja, und wie wollen Sie das machen, wenn es nur vier Leute außer dem Minister gibt, die sich darum kümmern dürfen?" Fragte Julius nun sehr verbittert.

"Indem wir beide uns an die Orte begeben, von denen ich weiß, daß er dort gewesen ist und eventuell Spuren zu ihm finden können. Insofern ist es schon gut, wenn du dabei bist. Denn das gibt mir die Möglichkeit, den Sanguivocatus-Zauber zu benutzen. Das habe ich meinem Vorgesetzten immer wieder begreiflich machen wollen ..."

Es klopfte an die Tür. Jane Porter erstarrte. Julius erschrak. Es dauerte zwei Sekunden, bis Jane das noch offene Buch zuklappte und schnell in der Tasche verschwinden ließ, wo das andere Buch schon verstaut war. Dann rief sie laut: "Herein!"

Ein Zauberer im grasgrünen Umhang betrat das Büro. Sein etwas langgezogener Kopf und der lange schwarze Schnurrbart, der ihm fast über die Wangenknochen reichte verliehen ihm ein sehr markantes Profil. Er sah Julius an, dann Jane. In seinem Blick lag Mißtrauen und unterdrückte Verärgerung.

"Guten Morgen, Jane! Ich habe also richtig gehört, daß Sie einen halbwüchsigen Besucher mitbrachten. Wer ist das?"

"Hmm, Mr. Davidson, dies ist Julius Andrews", stellte Mrs. Porter die beiden einander vor. Julius stand aus anerzogenem Reflex auf und streckte seine rechte Hand zum Gruß aus. Doch der schnurrbärtige Zauberer sah ihn sehr verärgert an und fragte barsch:

"Wieso ist er hier?" Er deutete mit dem rechten Zeigefinger auf den Jungen, der nun sehr angespannt wie in Erwartung eines Angriffs dastand.

"Marie hat ihn eingeladen, Sir", sagte Mrs. Porter in einem Anflug von wilder Entschlossenheit. "Immerhin hat sie ihm ihren Segen erteilt."

"Moment, Jane!" Blaffte der Zauberer und starrte Mrs. Porter angriffslustig an. "Sie haben diesen Jungen gegen Minister Poles Willen in die Staaten geholt, unter dem Vorwand, ihn lediglich als Schulfreund Ihrer Enkeltochter bei Mr. Marchand wohnen zu lassen und nur unsere Sehenswürdigkeiten mit ihm zu besuchen. Aber in Wirklichkeit haben Sie ihn zu Marie gebracht, damit sie ihn mit ihrem Segen versieht. Ja, was zum Teufel hat sie ihm dabei erzählt? Vor allem, was haben Sie sich dabei gedacht, einen Jungen einfach so zu ihr zu bringen?"

"Sie meinen, was ich mir gedacht habe, ausgerechnet diesen Jungen zu ihr zu bringen, Elysius", versetzte Mrs. Porter sehr verbittert. "Das kann ich Ihnen sagen. Sie wollte es so. Ich sollte den Jungen herholen, damit sie ihn sehen und zu ihm sprechen konnte. Ich wußte nicht genau, warum sie das tun wollte. Aber wie Sie weiß auch ich, daß wir immer gut beraten waren, wenn wir taten, worum sie uns bat. Muß ich Sie denn wirklich daran erinnern, daß Sie selbst vor einem Jahr mit ihr sprachen, weil sie uns vor der Widerkehr Voldemorts warnen wollte?"

"Junge, geh bitte vor die Tür!" Sagte Davidson. Da erwachte in Julius der Widerspruchsgeist, den er sonst immer sehr gut unter der Decke hielt.

"Wenn es darum geht, was Ihr nettes kleines Geheimnis angeht, Sir, dann hat mir Ihr guter Geist schon alles nötige verraten, was Sie meinten, für sich behalten zu müssen, Sir. Wenn ich jetzt da rausgehe, schicke ich gleich eine Eule zu Professeur Tourrecandide und Professeur Faucon."

"Julius, nicht so heftig", sagte Mrs. Porter mit warnendem Unterton. Davidson wurde wutrot.

"So, was hat dir denn wer verraten, Bursche?!" Bellte er wie ein scharfer Kettenhund.

"Nun, daß mein Vater so ungefähr ein halbes Jahr lang Menschen umbringt, weil er von einer dieser Abgrundstöchter verführt und dann vernascht wurde, Mr. Davidson. Wäre wirklich nett gewesen, wenn meine Mum und ich das irgendwie hätten erfahren können, bevor alle Welt mir nachruft, daß mein Vater ein durchgeknallter Mörder ist. Immerhin war das bei uns im Fernsehen und im Internet drin", versetzte Julius.

"Setz dich sofort wieder hin!" Knurrte Davidson immer noch wutrot. "Jane, Sie haben tatsächlich einen Weg gefunden, eine Anweisung des Zaubereiministers zu umgehen, trotz Eidesstein. Jetzt wollten Sie mit dem Jungen wohl noch bereden, was wir in dieser Angelegenheit getan haben oder?"

"Och, da gibt's ja wohl nicht viel", stichelte Julius. Er blieb angespannt stehen, als müsse er gleich in den Kampf.

"Marie hat mich gebeten, den Jungen zu uns zu holen, Sir, damit sie ihm die Lage plastisch vor Augen führt, Sir", sprach Mrs. Porter ruhig. Dann deutete sie auf Julius. Plötzlich hatte er das Gefühl, als klinge ihre Stimme in seinem Kopf. "Setz dich ruhig wieder hin, Honey. In meinem Büro können keine heftigen Flüche gewirkt werden." Julius sah rasch auf den Boden, um sein verdutztes Gesicht nicht zu offen zu zeigen. War das dieser Mentiloquismus, von dem Professeur Faucon es in Belles Klasse hatte? - Ganz eindeutig war er das. - Er setzte sich wie gewünscht hin.

"Möchten Sie auch eine Tasse Tee, Sir?" Fragte Mrs. Porter wieder völlig ruhig, ja sehr freundlich dreinschauend. Davidson war wohl ebenso wie Julius nicht daran gewöhnt, daß sie so heftig umschwenken konnte und starrte sie verdutzt an. Dann winkte er ab.

"Wieviel weiß der Junge?"

"Das hat er Ihnen doch gerade im Anfall verständlicher Trotzreaktion gesagt, Elysius. Er weiß, daß sein Vater der Abhängige dieser Kreatur ist, daß er seit März in ihrem Auftrag, besser auf ihr Verlangen hin Menschen umbringt und diese Taten von den Nachrichtenverbreitern der Muggel in alle Welt berichtet wurden. Das ist ja auch schon genug, oder?"

"Wenn Sie meinen, zu viel, dann stimt es, Madame Porter", schnauzte Davidson sie an. "Ich werde sofort Minister Pole informieren, der dann wohl entsprechende Schritte anweisen wird. Der Junge bleibt solange hier."

"'tschuldigung, aber den Ramsch mit der Gedächtnismodifizierung können Sie vergessen, Sir", schaltete sich Julius ein. "Gemäß den Gesetzen zur Geheimhaltung der Zauberei dürfen solche Zauber nur an Angehörigen der nichtmagischen Welt vorgenommen werden, die keine nahen Verwandten eines vollwertigen Zauberers oder einer Hexe sind, wenn durch die Belassung des ursprünglichen Gedächtnisses die Geheimhaltung der Zaubererwelt gefährdet wird. Erstens bin ich ein vollwertiger Zauberer, zweitens geht die Geheimhaltung der Zaubererwelt dadurch nicht zum Teufel, daß ich endlich weiß, was Sache ist, und drittens würden Sie und jeder andere, der sowas mit mir anstellen will sich wegen Unterdrückung vitaler Informationen zur Bewahrung der Sicherheit in der Zaubererwelt Schuldig machen."

"Öhm", machte Davidson, während Mrs. Porter mädchenhaft schmunzelte. "Das soll Pole entscheiden", knurrte er. Julius genoss es, ihm noch was mit auf den Weg zu geben:

"Richtig, lehnen Sie alle Verantwortung ab. Das hat mein Vater auch gemacht, wo er noch normal getickt hat. Fragen Sie den Boss, ob er über der Übereinkunft von Pilsen 1820 steht und wenn ja, ob das nur daran liegt, daß er ein Amerikaner ist, der ja alles kann, weiß und darf, wie die Muggel in diesem Land das ja auch denken."

"Na warte", schnaubte Davidson und fischte nach seinem Zauberstab.

"Elysius, benehmen Sie sich vor dem Jungen nicht wie ein Zwölfjähriger!" Maßregelte Mrs. Porter ihn mit tadelndem Blick. Doch Mr. Davidson richtete den Zauberstab auf Julius, der gerade in dem Moment seinen eigenen gezückt hatte und "Protego" mit aller Willenskraft gedacht hatte. Außerdem trug er die Goldblütenhonigphiole Madame Faucons in der verschließbaren Innentasche seines Umhangs. Doch diese Vorkehrungen waren nicht nötig. Denn als der Chef Mrs. Porters "Incarcerus!" Rief, heulte sein Zauberstab wie eine Salve Silversterfeuerwerk. Grüne, gelbe, blaue und orange Blitze sprühten als lustige Lichtkaskaden zu allen Seiten, und der Chef Mrs. Porters verlor fast den Zauberstab aus der Hand. Dann knirschte er mit den Zähnen und steckte ihn fort.

"Natürlich haben Sie den Incantiruptus-zauber nachgeladen, Madame Porter", schnaubte er und machte auf dem Absatz kehrt. Ohne weiteres Wort verließ er das Büro und warf die Tür zu. Es klickte im Schloß.

"Mist, hat der uns jetzt eingeschlossen?" Fragte Julius etwas verunsichert.

"Zumindest die Tür", sagte Jane Porter. "Dein Vorpreschen war etwas unüberlegt, Honey. Nichts ärgert eine Autoritätsperson mehr als Besserwisserei und Verhöhnung der eigenen Rangstellung. Aber daß du ihm den originalen Gesetzestext hingeworfen hast war schon supergut."

"Der wird mit einer Supersondererlaubnis zurückkommen, um mein Gehirn durchzuquirlen", knurrte Julius, dem jetzt bewußt wurde, wie heftig er sich gerade ausgeliefert hatte.

"Das steht zu befürchten", erwiderte Mrs. Porter. "Mir wird er auf jedenfall die Suspendierung vom Dienst, beziehungsweise Hausverbot für das Institut aussprechen. Ob ich dann auch gedächtnismodifiziert werde ist dann nur eine Frage der Prioritäten. Immerhin kenne ich ja doch einige Geheimnisse dieses Institutes."

"Und da bleiben Sie so cool?" Fragte Julius immer noch verunsichert.

"Gemäß dem Grundsatz, eine Gefahr, die man kennt, ist nur noch halb so gefährlich, Julius. Immerhin hat Marie dich dazu ermächtigt, hier hereinzukommen. Mal sehen, ob sie das mit Davidson auch vorhergesehen hat."

Mrs. Porter entspannte sich. Julius fragte sich schon, ob sie irgendwas zauberte oder nicht. Außerdem wunderte er sich, daß der Fangzauber nicht geklappt hatte, das Teeaufschütten mit Zauberkraft aber problemlos hingehauen hatte. Er sah, wie sie immer geistesabwesender dreinschaute, um dann mit einem wilden Kopfnicken in die Wirklichkeit zurückzukehren.

"Alles erledigt, Julius. Sie wird meinen ungewöhnlich impulsiven Vorgesetzten gleich besuchen." Der müßte ja wie wir einen Besen nehmen, um zumindest aus dem Institut herauszufliegen. Er wird wohl unseren Besen nehmen."

"Na toll, dann haben wir keinen mehr", grummelte Julius. Dann erkannte er, daß diese Hexe da wohl noch nicht alle Tricks ausgespielt hatte. Sie lächelte, als sie aus einer Schublade eine silberne Nadel nahm und sich damit in den rechten Zeigefinger stach. mit dem blutenden Finger ging sie an die der Tür gegenüberliegende Wand und schrieb damit ein merkwürdiges Symbol an. Es knisterte, dann verblaßten für eine Zehntelsekunde alle Farben im Raum, und Julius fühlte ein merkwürdiges Drehen in seinem Kopf und seinem Unterleib.

"Alles klar, Honey, gib mir deine Hand!"

"Öhm, was haben Sie da gemacht?" Wollte Julius wissen.

"Das darf ich dir nicht genau verraten. Nur so viel, wir können jetzt disapparieren."

"Öhm", machte Julius, als ihn Jane Porter beim Arm griff und sich dann aus der Bewegung heraus auf der Stelle drehte.

Wieder quetschte es Julius durch ein viel zu enges Gummirohr, das seine Augen und Ohren in den Kopf drückte und seinen Leib unerträglich stark einschnürte. Dann standen sie in einer von elektrischen Laternen beleuchteten Straße. Geparkte Autos glotzten sie starr und dunkel mit ihren abgeschalteten Scheinwerfern an. Julius erkannte Marchands Auto. Also waren der und seine Mutter wieder zurück. Er fragte sich nur, wie er in das wohl einbruchssichere Haus hineinkommen sollte. Denn sonst wären sie ja wohl nicht genau hier gelandet.

"Mal sehen, ob wir Zachary überzeugen können, daß wir nichts böses vorhatten", sagte Jane Porter und ging an die Tür. Sie drückte den Klingelknopf mehrmals. Doch es tat sich nichts.

"Das kann doch nicht sein. Der muß doch da sein", grummelte sie nun doch leicht verunsichert. Dann blickte sie zu einem der Fenster hinauf und nahm ihren Zauberstab. "Mentijecto!" Murmelte sie. Julius erkannte diesen Zauber. Damit konnte man seine Sinneswahrnehmungen in einen Bereich außerhalb des Körpers verlagern, daß es so wirkte, als habe man den Körper verlassen. Dieser Zauber war dafür gedacht, in gefährliche Räume hineinzuspähen, mögliche Fallen und Flüche zu erfassen, bevor der Körper davon betroffen wurde. Er hatte ihn selbst bei Professeur Faucon gelernt, als er im letzten Sommer Nachhilfe in Verteidigung gegen die dunklen Künste genommen hatte. Jane Porter blieb eine halbe Minute in einer starren Haltung stehen. Ihre Augen bewegten sich, als müsse sie sich bewegende Dinge ansehen. So sah es aus, wenn jemand träumte, wußte Julius. Dann holte sie tief Atem und sagte:

"Julius, Zach und deine Mom sind noch nicht zu Hause oder nicht mehr zu Hause. Kann sein, daß sie mit einem Taxi in die Stadt sind, weil du ja bei mir schlafen solltest und die Bourbonstraße unsicher machen, obwohl die das nicht nötig hat. Aber wir müssen da rein um deinen Besen und deine Eule zu holen. Moment. Das könnte gehen." Sie eilte mit einer für eine Hexengroßmutter unerwarteten Gewandtheit zum Auto Zacharys hinüber, prüfte es mit dem Zauberstab und öffnete es mit einem Stubser. Dann tauchte sie kurz in den Raum zwischen Fahrersitz und Armaturenbrett und schien etwas anzustellen. Dann kam sie wieder heraus, drückte die Fahrertür wieder zu und tippte das Schloß mit dem Zauberstab an.

"Manchmal ist es zum schreien, wo doch noch Sicherheitslöcher gelassen werden", knurrte sie, als sie mit einem kleinen Ballen zwischen den Fingern zu einem Fenster des Hauses ging, den Ballen gegen die Scheibe drückte und dann ein grünes Leuchten darauf schimmern ließ. Dann schwang das Fenster nach innen, und sie turnte für ihre Leibesfülle sehr gelenkig in das Haus hinein. Julius verstand es nicht. Das Haus solte doch für Zauberereinbrecher unbetretbar sein. Doch ohne zu zögern schwang er sich hinter Jane her. Nicht einmal eine Alarmanlage ging los. Warum auch?

"So, den Besen, die Eule und am besten auch deine Practicus-Tasche! Hast du noch Muggelwährung mit?"

"Öhm, so das, was man hier für zwanzig Galleonen kriegt, sagte Mr. Marchand. Aber wo sind die bloß?"

"Die Frage klären wir dann, wenn wir mehr Luft haben, Junge! Los, mach!" Trieb Mrs. Porter ihn zur Eile.

Julius lief in das ihm zugewiesene Zimmer, holte seinen Besen aus dem Futteral, nahm die Tasche, in der seine Zaubererweltsachen waren und den Eulenkäfig, in dem Francis verwirrt mit den Flügeln schlug. Dann kam er aus dem Zimmer heraus. Da klingelte das Telefon im Wohnzimmer.

"Lass klingeln!" Zischte Mrs. Porter und drängte Julius schon zurück zum Küchenfenster, als der Anrufbeantworter ansprang. Nach einer wohl lässig gehaltenen Ansage des FBI-Agenten kam der Piepton und dann eine kurze Folge von Zweiklangtönen, wohl ein Code, um den Automaten aus der Ferne abzufragen, welche Anrufe aufgelaufen waren. Das wunderte Julius. Er sprang förmlich in das Wohnzimmer und hörte, daß wohl drei neue Nachrichten aufgelaufen waren. Eine kam von einem Raymond Taylor, wohl einem Kollegen:

"Hi, Zach! Jetzt ist es amtlich, daß unsere Kollegin Montes wohl in Spanien gestorben ist. bist du in die Ferien geflogen? Falls nicht melde dich, ob du zur offiziellen Trauerfeier nach Jackson rüberjettest."

Diese Botschaft war am Nachmittag des 31. Juli aufgenommen worden. Die Zweite Botschaft kam von einem wohl wichtigen Mann, der einfach nur sagte:

"Hallo, Mr. Marchand. Sobald Sie wieder zu erreichen sind rufen Sie mich umgehend an. Unser Doppelgängerfreund hat in Columbus, Ohio wieder zugeschlagen. Diesmal war sogar eine rothaarige Frau mit dabei. Er hat seine Jagdgewohnheiten geändert, Zach. Melden Sie sich sofort bei mir! Ihr Urlaub muß wohl pausieren."

"Ende der Nachrichten", meldete die digitalisierte Frauenstimme des Anrufbeantworters. Dann kamen wieder Zweiklangtöne, und die Nachrichten waren gelöscht. Julius kehrte zu Mrs. Porter zurück, die bereits vor dem Fenster stand. Es knallte draußen fünfmal. Julius erkannte, daß seine Neugier, wer da gerade Nachrichten abgehört hatte, die Fluchtchancen verdorben hatte. Denn das waren apparierende Hexen oder Zauberer.

"Mist, die haben uns doch geortet", knurrte er. Doch Mrs. Porter sah ihn wieder mit dieser Coolness an, mit der sie ihm im Büro erläutert hatte, daß sie noch gute Chancen hatten.

"Zum Hinterausgang!" Zischte sie und schloss das Fenster sorgfältig. Jetzt konnten die fremden Zauberer sehen, wie sie ins Haus kamen.

"Die kommen nicht so rein wie wir", flüsterte Mrs. Porter verschmitzt grinsend. Offenbar gefiel es ihr, die sie jagenden Zauberer zu foppen. Das steckte Julius an. Er hatte da eine Idee. Er ging zum Telefon und wählte 911, die amerikanische Notrufnummer.

"Hi, hier ist Julius Andrews", meldete er sich mit etwas mehr Aufregung als er ohnehin schon empfand. "Ich bin hier bei Mr. Zachary Marchand im Haus Gast. Eben hat das so komisch vor den Fenstern geknallt, als wenn da wer geschossen hat. Bitte schicken Sie schnell wen her, weil Mr. Marchand mich hier ganz alleine zurückgelassen hat und der doch beim FBI ist."

Mrs. Porter strahlte ihn an wie Babette, als sie Jeannes Brautjungfer geworden war. Da rappelte es an der Tür.

"Mist, diese Schutzzauber von dem sind ja wirklich gut", knurrte eine ärgerliche Stimme. "Aber eben war doch noch das Fenster offen", schnarrte eine andere Stimme.

"Oh, kommen Sie schnell. Da stehen so Typen vor dem haus und versuchen, die Tür aufzubrechen!" Stieß Julius in den Telefonhörer.

"Versteck dich am besten irgendwo ganz gut!" Rief ihm der Mann in der Notrufzentrale zu. Denn offenbar war das Rumoren an den Haustüren auch für diesen ein Zeichen, daß da etwas nicht stimmte.

"Ja, mach ich!" Sagte Julius überhastig und warf den Hörer auf die Gabel.

"Okay, du Spontankünstler", klang Jane Porters Stimme in seinem Kopf, ohne daß sie ihm zu den Ohren hereingedrungen war. "Wir gehen auf den Dachboden. Da hat er wohl noch eine Überraschung für Notfälle bereit." Julius folgte ihr hinauf in die Dachkammer, während die Zauberer unten an den Türen und Fenstern standen und versuchten, sie zu bezaubern.

"Wenn wir reinkamen können die auch rein", sagte er leise. "Will nur hoffen, daß die Polizei schnell anrückt."

"Wenn die nicht schon wen in der Notrufzentrale sitzen haben. Aber da passiert so viel was nichts mit unserer Welt zu tun hat", sagte Jane Porter und öffnete die Dachkammer.

Auf dem Dachboden stand allerlei Gerümpel herum, von einem mottenzerfressenen Sofa über einen alten Fernseher bis zu einem Uraltplattenspieler ohne Nadel im Tonarm.

"Hat Mr. Marchand Probleme damit, alte Klamotten loszuwerden?" Fragte Julius verdutzt. Mrs. Porter hingegen nahm ihren Zauberstab und rief den Zauberfinder auf. Rot-blau flackerte ein Lichtkegel an der Spitze des Stabes auf und ließ die Wände golden erstrahlen. Dann berührte der Lichtkegel das alte Sofa, das sofort im goldenen Glanz stand, der seine Konturen nachzeichnete, allerdings viermal so groß wie das Sofa selbst war.

"Habe ich mir's gedacht, daß der sich sowas hier hinstellt, Julius. Siehst du die feinen Linien in der Resonanzaura?"

"Mhmm, sehe ich. Sehen aus wie sich drehende Spiralen, die irgendwo hinlaufen oder herkommen."

"Genau das ist es auch. Nox!" Der Lichtkegel verschwand und auch das goldene Leuchten um das alte Sofa. "Okay, Honey, wo immer wir damit hingeraten, am besten machen wir uns dann schleunigst aus dem Staub", sagte Mrs. Porter noch. Julius fragte:

"Bitte? Sie meinen, das Sofa ist ..."

"Ein Portschlüssel, jawohl, Honey", erwiderte Mrs. Porter. Dann erscholl von draußen eine laute Durchsage:

"Mrs. Jane Porter, Julius Andrews! Kommen sie beide sofort mit erhobenen Händen aus dem Haus. Hier spricht Arco Swift von der Strafverfolgungsbehörde. Sie können nicht mehr aus dem Haus entkommen!"

"Was du nicht sagst, Blödmann", knurrte Julius verächtlich.

"Na na, Julius. Bloß keine Beamtenbeleidigung", tadelte Mrs. Porter. Doch sie mußte dabei so amüsiert grinsen, daß Julius es nicht ernst nahm. "Der Mann macht nur seinen Job."

"Tja, aber weiß er auch, weshalb er den machen soll?" Fragte Julius, den Mrs. Porters Coolness doch langsam ansteckte.

"Ich glaube nicht, daß wir ihm das jetzt erklären sollten, Honey. Komm, wir müssen beide auf das Sofa. Wirf deine Tasche drauf und gib mir den Käfig!" Julius warf seine Tasche auf das Sofa. Mrs. Porter setzte sich ruhig hin. Das Sofa vibrierte wie wild. Offenbar wollte es los, aber kam nicht von der Stelle. Julius wußte, der Diebstahlschutz blockierte die meisten Ortsversetzungszauber, wenn er, dem die Tasche gehörte, keinen Körperkontakt zu ihr hielt.

"Mrs. Porter und Julius Andrews. Kommen Sie sofort herunter!" Rief dieser Swift.

"Einer seiner Leute muß wohl auch mentijektiert haben", feixte Mrs. Porter. Julius klemmte sich den Besen so unter den Arm, daß er ihm nicht aus der Hand fiel und warf sich neben Mrs. Porter auf das zerfressene Möbel, das immer noch wie wild vibrierte. Er griff mit dem Ausruf "Energie!" zum Tragehenkel seiner Tasche und packte fest zu.

Als würde ihm etwas mit einem Haken am Bauchnabel nach vorn und nach oben reißen stürzte er durch einen Wirbel aus Farben. Es umwehte ihn wie ein Sturmwind, während er nicht mehr wußte, wo oben und unten war. Wie lange er so in diesem Wirbel aus bunten Farbmustern dahingesaust war konnte Julius nicht ermessen. Dann setzte das alte Sofa laut polternd und in seinen betagten Sprungfedern quietschend auf.

 

__________

 

Mr. Davidson hatte gerade dem Minister Persönlich durch Kontaktfeuer die schlimme Kunde übermittelt, daß seine Mitarbeiterin Jane Porter über Umweg Marie Laveau alles hatte erzählen können. Minister Jasper Lincoln Laurentius Pole hatte ihn entgeistert angesehen und gesagt:

"Ich wußte es doch, daß das mit dem Jungen eine Aktion gegen unsere Geheimhaltung sein würde. Ich komme gleich mit einer persönlichen Anweisung zur Gedächtnismodifizierung für Mrs. Porter und den Jungen vorbei. Halten Sie sich bereit, die Anweisung auszuführen!"

Doch als Mr. Davidson was darauf entgegnen wollte läutete ein silberner Wecker auf dem Schreibtisch des Institutsleiters. Davidson sagte rasch:

"Moment, da wird gerade ein Notauslass geöffnet" und zog mit lautem Plop seinen Kopf aus dem Privatkamin des amerikanischen Zaubereiministers.

Der etwa kinderkopfgroße Wecker besaß sieben Zeiger, die auf einem Zifferblatt entlangwanderten, das in fünf Abschnitte unterteilt war: Dunkelgrün, Grüngelb, Gelb, Orange und Rot. Sechs Zeiger wiesen gerade zitternd auf die Mitte des gelben Abschnitts. Das hieß, jemand benutzte den Blutschlüssel-Notauslass, einen Zauber, den die Institutsmitarbeiter anwenden konnten, wenn das Institut wider alle Vorkehrungen von schwarzen Magiern und / oder dunklen Kreaturen angegriffen wurde.

"Dieses verdammte Weib ignoriert die Vorschriften", knurrte Davidson. Denn die Zahl der Zeiger bezeichnete einen Mitarbeiter auf der zweithöchsten der sieben Rangstufen, und Mrs. Porter hatte diesen Rang inne. Dann sprangen die Zeiger für eine halbe Minute auf den orangen Bereich, um dann förmlich in den dunkelgrünen Abschnitt zurückzuschwingen, der dort lag, wo bei einer gewöhnlichen Uhr die Eins war. Der Notauslass hatte für dreißig Sekunden das Apparieren und Disapparieren ermöglicht und sich dann wieder geschlossen. Der Silberwecker läutete nun nicht mehr.

Davidson warf erneut Flohpulver in den Kamin und nahm Kontakt zum Minister auf, um ihm zu sagen, daß Jane Porter wohl mit dem Jungen entwischt war. Pole sagte ihm, daß er Swifts schnelle Eingreiftruppe losschicken würde. Arco Swift sollte persönlich die Festnahme der Geflüchteten durchführen.

"Wie begründen Sie das, wenn ich fragen darf?" Wollte Davidson wissen.

"Daß Mrs. Porter auf eigene Faust versuchen will, diese Abgrundstochter zu jagen, weil wir angeblich nicht richtig gearbeitet haben. Es ist doch offenkundig, daß sie den Jungen zu diesem Zweck in die Staaten geholt hat, weil er mit dem echten Richard Andrews Blutsverwandt ist und daher wohl als Falle oder Köder herhalten soll, ohne das zu ahnen. Ich gehe sogar davon aus, daß sie eine Spionin der sogenannten Nachtfraktion ist. Da der Leiter der Strafverfolgungsbehörde die Situation als einer der wenigen kennt, dürfte das ausreichen. Den Rest wird er dann erledigen." Davidson sah den baumlangen Zauberer mit dem ovalen, sonnenverwöhnten Gesicht und der silbernen Brille mit dicken Gläsern sehr verunsichert an. Swift galt als Berufsparanoiker, der gerne irgendwelchen Verschwörungstheorien nachhing. Für den war das ein gefundenes Fressen, Poles Bluthund zu spielen. Doch sie hatten das Abkommen, daß niemand außer den von dem Minister persönlich autorisierten Leuten, die von der Tochter des dunklen Feuers wußten etwas darüber wissen sollte. So nickte Davidsons Kopf im Feuer des Privatwohnzimmers des Ministers und zog sich dann wieder zurück.

"Hätte sie doch den Jungen nicht hergeholt", knurrte Davidson. Ihm war klar, daß Jane Porter ihren Job im Institut verspielt hatte, ja eventuell wegen Geheimnisverrats in Doomcastle landen könnte, wenn Pole sich persönlich beleidigt fühlte. Tja, aber auch Davidsons Kopf lag auf dem symbolischen Richtblock. Pole könnte ihm nachtragen, daß er nicht richtig aufgepaßt hatte und das Institut mit einem neuen Chef betrauen, der nichts von der Sache mit Hallitti wußte. Denn eines wußte Davidson schon seit den Massenmorden in Detroit im März: Minister Pole hatte sich erpressbar gemacht, weil er diese brisante Information zu seinem eigenen Geheimnis erklärt hatte.

"Du hast Jane und den Jungen in Gefahr gebracht, Elysius", sprach eine vorwurfsvolle Frauenstimme von der Außenwand her. Davidson zuckte zusammen. Dann sah er die unbekleidete Geisterfrau mit dem langen dunklen Haarschopf, Marie Laveau.

"Marie, es war ein Fehler, dem Jungen zu erzählen, was mit seinem Vater ist", knurrte Davidson.

"Falsch, Elysius. Es war dein Fehler, eurem Minister das Versprechen zu geben, niemandem darüber zu berichten. Du bist schuld an den Toden der magieunfähigen Frauen, die der Sklave des gierigen Geistes verursacht hat, du und Jane habt nichts unternommen, ihn zu bändigen. Der Junge mußte es wissen, weil er für euer aller Zukunft noch eine große Bedeutung hat. Rufe alle zurück, die du ihm und Jane nachgeschickt hast!"

"Aus welchem Grund, Marie", fauchte Davidson und vergaß den Respekt, den jeder Institutsmitarbeiter diesem mächtigen Geist gegenüber zu zeigen hatte.

"Weil ich es so will", sprach Marie und sah sehr verärgert auf Davidson. Dieser fühlte die Drohung, die von der nachlebendigen Form der einst so mächtigen Voodoo-Hexe ausging.

"Wir sind dem Ministerium verpflichtet, Marie", sagte er nun etwas verunsichert. "Wir dürfen nicht gegen seine Interessen handeln."

"Du handelst bereits gegen die Interessen eurer Fürsprecher und Hüter, Elysius. Denn was dieser Narr Pole mit seiner Geheimnistuerei anrichtet schadet euch allen. Du hast die Pflicht, gegen die dunklen Mächte zu kämpfen. Diese Pflicht steht über jedem Einzelinteresse. Denn genau das ist es. Euer amtierender Zaubereiminister verfolgt seine ganz persönlichen Interessen, weil er nicht will, daß irgendwer erfährt, daß auf dem von ihm verwalteten Gebiet ein unheilvoller Geist umgeht", erwiderte Marie sehr verärgert. Sie schwebte auf Davidson zu. Er fühlte die Eiseskälte, die von dem feinstofflichen Geisterleib ausging.

"Bring diesen Jasper Pole endlich zur Vernunft! Sonst werde ich dich aus dem Institut und der Welt der Lebendigen herausholen!" Sie streckte ihre rechte Hand nach Davidsons Brustkorb aus. Die kurze Berührung der Finger, die einen Zentimeter unter die Haut des Institutsleiters drangen, versetzte ihm einen heftigen Kälteschock. Er prallte zurück und sah, wie Marie wieder auf Abstand ging. Sein Herz pochte wild, um den plötzlichen Abfall der Körpertemperatur mit warmem Blut zu beheben. Er keuchte wie nach einem Langstreckenlauf. "In zehn Minuten komme ich wieder. Ich weiß dann, ob du meine Anweisung ausgeführt hast, Elysius Davidson", verkündete Marie mit unheilvoller Betonung und verschwand durch die Außenwand des Chefbüros.

"Pole wollte sie schon mit Geisterzwangzaubern belegen. Aber das geht bei ihr nicht", dachte Davidson, dem kalter Angstschweiß auf der erbleichten Stirn stand. Eine Gänsehaut spannte sich über seinen ganzen Körper, und er mußte sich anstrengen, nicht in eine gnadenlose Panik zu verfallen. Er hatte noch zehn Minuten. Doch wenn er von hier verschwand, weit genug fort von New Orleans, konnte sie ihn nicht erreichen und ihn töten. Aber das hieß, er mußte seinen sehr gut bezahlten und hoch angesehenen Posten aufgeben. Denn dann wäre New Orleans und Umgebung für ihn eine einzige Todeszone, in die er nie wieder eindringen durfte, wenn ihm sein Leben lieb war. Denn Marie war dafür bekannt, ja berüchtigt, ausgesprochene Drohungen auch wahrzumachen. Die Alternative war klar. Er mußte Pole davon überzeugen, daß er Swift zurückpfeifen mußte. So warf er zum dritten Mal das Zauberpulver ins Feuer und steckte den Kopf in die smaragdgrünen Flammen. Als er jedoch den Privatkamin Poles ausrief, krachte sein Kopf gegen eine magische Absperrung und flog in wahnsinnigen Wirbeln zurück in das Büro. Davidson konnte Pole nicht erreichen. Er hatte offenbar eine magische Sperre in seinen Kamin beschworen, die selbst das Kontaktfeuern abwehrte. Davidsons Angst nahm wieder zu. Sicher mußte er nun los, ihn persönlich aufzusuchen und dafür nach Washington. Doch er mußte in nicht einmal zehn Minuten wieder zurücksein, damit er je wieder ins Institut oder in sein gemütliches Landhaus nördlich des Pontchartrainsees zurückkehren konnte. So verständigte er die Sicherheitstruppe, daß er noch einmal einen Notauslass öffnen müsse und wendete den Blutschlüsselzauber an. Doch als er im Ministerium ankam hörte er, Minister Pole sei eilig aufgebrochen, um etwas wichtiges zu erledigen. Er habe nur einen Zauberer von der Leibwache mitgenommen. Eine Hexe aus der Haussicherheit des Ministeriums, Donata Archstone, schlug Davidson vor, auf den Minister zu warten. Zwar sei noch keine Besuchszeit. Aber sie würde ihm gerne Frühstück bringen.

"Ist nicht nötig, Madame Archstone", sagte Davidson hastig. "Ich hatte gehofft, Minister Pole noch persönlich anzutreffen. Ich muß wieder zurück zum Institut."

"Worum geht es eigentlich, Sir? Vielleicht können wir Minister Pole sofort informieren, wenn er wieder da ist", erwiderte Donata Archstone.

"Das ist eine Sache nur zwischen ihm und mir, Ma'am. Sonst hätte ich Davenport ja informieren können. Sie wissen, daß wir im Institut eine gewisse Geheimhaltung pflegen und oft nur dem Minister oder dem Leiter der Strafverfolgung berichten dürfen."

"Nun, der ist auch nicht da. Ich habe Arco Swift vor vier Minuten noch sehen können, wie er aus der Ankunftshalle disappariert ist."

"Dann ist es nicht mehr aufzuhalten", dachte Davidson, und die ersten Wellen panischer Angst durchfluteten ihn. Madame Archstone sah es wohl und fragte besorgt:

"Geht es um Leben und Tod, Sir?"

"Ja, tut es", brach es aus Davidson heraus. In Gedanken fügte er noch hinzu: "Um mein Leben."

"Nun, Spade ist noch nicht hier. Ich habe sozusagen Stallwache", sagte Donata Archstone. "Ich fürchte, dann müssen Sie mit mir sprechen, um das Unheil, vor dem Sie Angst haben, noch abwenden zu können."

"Das darf ich nicht", brach es aus Davidson heraus. Er fühlte, daß er dieser Hexe gerne erzählen würde, warum er den Minister sprechen wollte. Doch sobald er nur daran dachte meinte er, sein Herz würde stehenbleiben. Die Magie des unbrechbaren Schwurs, den er Pole hatte leisten müssen, wirkte gnadenlos und würde ihn auf der Stelle töten, wenn er gegen seine Anweisungen verstieß. Alle anderen Mitarbeiter hatten nur auf einen Eidesstein schwören müssen und würden lediglich geschwächt, wenn sie wortbrüchig würden. Doch er würde sofort tot umfallen, wenn er gegen den Schwur verstoßen würde.

"Lassen Sie bitte Swift zukommen, daß sich die Sache erledigt habe, die er ausführen soll! Mehr kann ich Ihnen nicht sagen", sagte Davidson. Donata Archstone wiegte den Kopf. Dann sagte sie ruhig:

"Ich werde den schnellen Dienstweg bemühen. Falls es nur um Swifts Auftrag für den Minister ging, kann ich ihn eventuell noch erreichen. Mehr als diese Botschaft können Sie mir nicht für ihn ausrichten?"

"Nein", sagte Davidson kopfschüttelnd. Dann verabschiedete er sich und eilte in die Ankunftshalle zurück, wo er disapparierte. Wieder bei seinem Besen, den er einen Kilometer vom Institut entfernt hinter einem moosbewachsenen Stein gelegt hatte, atmete er durch. Worauf hatte er sich da eingelassen? Würde Marie ihn trotzdem töten? Warum war sie so wild entschlossen, ihren Willen mit einer Morddrohung durchzusetzen? Was war an diesem Julius Andrews so wichtig? Er wußte nur, daß dessen Vater im Banne dieser gemeingefährlichen Kreatur stand, die sich durch geschlechtliche Zuwendungen die Lebenskraft ihr verfallender Menschen einverleibte und dieser Richard Andrews wohl einen Teil dieser finsteren Macht übertragen bekommen hatte. Doch welche Rolle spielte der Junge? Sollte er wirklich als Lockmittel dienen oder nur als Spurensucher? Warum hatte Marie ihn nicht vorher schon darüber informiert, was mit diesem muggelstämmigen Zauberschüler los war? Er hätte bestimmt was machen können, um die Lage nicht so ausufern zu lassen. Er hätte Minister Pole nicht benachrichtigt, wenn er vorher gewußt hätte, was so wichtig daran war, daß Julius Andrews erfuhr, was mit seinem Vater wirklich los war. Doch sie hatte ihm nichts gesagt. Sie hatte ihn einfach darüber im Unklaren gelassen, was sie wußte oder was Jane Porter und dieser Junge wissen und tun sollten. Sie hatte ihn einfach ins offene Messer laufen lassen. Wut, aber vor allem die tödliche Gewißheit, daß sie ihn fallen gelassen hatte wie eine heiße Kartoffel, nagten an seiner Seele. So schloss er mit seinem Leben ab. Er hatte versagt, weil man ihm nicht rechtzeitig Bescheid gesagt hatte, daß das, was der Minister tat, falsch war. Doch was sollte das jetzt? Er hätte es doch von Anfang an wissen müssen, daß Minister Poles Geheimniskrämerei falsch war. Er hätte sofort sagen müssen, daß es gefährlich sei, die Angelegenheit Andrews geheimzuhalten, zumindest hätte er darauf drängen müssen, die Liga zur Abwehr der dunklen Künste zu informieren, Maßnahmen gegen dieses Wesen zu erforschen und nach Möglichkeit auch anzuwenden. Was konnten so wenige Hexen und Zauberer alleine gegen ein solches Geschöpf ausrichten, das sich sehr gut verstecken konnte und dessen unterworfener Handlanger ohne Vorwarnung zuschlug und wieder verschwand? Ja, nicht Marie hatte versagt, sondern er, Elysius Davidson.

 

__________

 

Minister Pole war persönlich in das Büro von Arco Swift geeilt, wo dieser auf einem Feldbett schlief.

"Arco, Sie müssen nach Jane Porter und einem Jungen namens Julius Andrews suchen. Jane Porter hat den Jungen mit Hilfe Marie Laveaus über unseren speziellen Patienten Richard Andrews informiert und benutzt ihn nun als Mittel, diese Abgrundstochter, die den hat, aufzuspüren. Sie ist wohl eine Spionin der Nachtfraktion und hat nur darauf gewartet, den Jungen aus Europa herüberzuholen. Wahrscheinlich werden die beiden zunächst zu Zachary Marchand fliehen, um sich mit ihm zu beraten. Sammeln Sie Ihre besten Greifer und begeben Sie sich dort hin! Nehmen Sie beide fest und bringen Sie sie zu mir persönlich, bevor sie mit unbefugten Hexen und Zauberern Kontakt aufnehmen.

"Jane Porter? Hätte ich nie gedacht, Sir", sagte Swift, der schlagartig hellwach war. Mit einem Schnellumkleidezauber zog er sich in einer Sekunde seine Dienstkleidung an und griff zu einem vergoldeten Horn, in das er hineinblies. Doch außer einem feinen Summen kam kein Ton aus ihm. Das war auch nicht dessen Zweck. Damit wurden Angehörige der schnellen Eingreiftruppe über stets am Körper zu tragende Amulette informiert, sich an einem Ort außerhalb des Ministeriums einzufinden. Minister Pole selbst wollte zu einer abgelegenen Telefonzelle, um Marchand anzurufen, er möge die beiden aufhalten, bis die Truppe eintraf.

Als Swift mit vier seiner Leute vor dem Haus Zachary Marchands apparierte, hoffte er, in einer Minute wieder verschwinden zu können.

"Warum sind wir nicht gleich bei dem im Haus appariert, Sir?" Zischte Tulius Hammer, ein hünenhafter Zauberer mit schwarzer Mähne.

"Das ist unmöglich, weil das Haus mit diversen Abwehrzaubern umgeben wurde", knurrte Swift. Dann sah er, wie sich ein gerade noch offenes Fenster schloss. Er befahl dem Fernerkundungsspezialisten Jack Raptor, in das Haus hineinzublicken. Der Exosenso-Zauber wirkte nicht, weil das Haus von einem dagegen wirkenden Zauber umgeben wurde. So mußte Raptor den Mentijectus-Zauber benutzen, was ihn allerdings daran hinderte, direkt zu berichten, was er mitbekam. So mußte er immer wieder abbrechen und meldung machen.

"Dieser Junge hat gerade die Muggelpolizei angerufen und gesagt, hier hätte jemand mit diesen Handfeuerwaffen herumgeschossen. Dieser Bengel!" Knurrte Raptor und rief erneut den Mentijectus-Zauber auf.

Swifts Leute versuchten, die Türen zu öffnen. Doch kein Zauber wirkte. Weder Alohomora, noch Reducto. Swift fragte sich, wie die beiden das Fenster geöffnet hatten. Denn auch diese ließen sich nicht aufzaubern. Außerdem überkam jeden, der versuchte, mit körperlicher Gewalt eine Scheibe einzuschlagen ein Drang, das Haus in Ruhe zu lassen. Swift rief mit magisch verstärkter Stimme hinein, Mrs. Porter und Julius Andrews sollten herauskommen, da sie eh nicht entkommen könnten. Er wußte, wenn er in den nächsten fünf Minuten nicht im Haus war, könnten die Muggelpolizisten anrücken. Dann zuckte Raptor zusammen.

"Sir, die haben einen Portschlüssel gefunden und ausgelöst!" Rief der Fernkundschafter. "Marchand hat wohl ein Möbelstück bezaubert, und die beiden haben sich damit abgesetzt!"

"Verdammt! Das wird mir Zachary Marchand erklären müssen. Wo ist der eigentlich?"

"Ich finde ihn nicht. Er ist nicht im Haus", beteuerte Raptor.

"Okay, Rückzug in mein Büro. Wir klären, ob dieser Portschlüssel genehmigt war und verlangen von der Portschlüsselkontrollbehörde eine Prüfung, wo er die beiden hingebracht hat", sagte Swift. Dann lauschte er. Ein auf- und absteigender Heulton kam immer näher. Dann noch einer.

"Rückzug!" Rief er noch einmal und disapparierte.

Die Polizisten, die keine zwanzig Sekunden später eintrafen klopften an die Haustür und suchten die Umgebung ab. Doch weder machte ihnen jemand auf, noch fanden sie Leute, auf die geschossen worden war. Als dann zwanzig Zauberer des Vergissmichtrupps eintrafen und die Gedächtnisse der Polizisten dahingehend veränderten, daß sie auf der Jagd nach einem flüchtigen Rauschgifthändler diese Straße abgesucht und nichts gefunden hatten, rückten die Polizisten wieder ab.

Swift ärgerte sich, daß seine Leute nicht rasch genug auf den Anruf des Jungen reagiert und das Ausrücken der Polizei verhindert hatten. So waren dreißig Vergissmichs nötig gewesen, um jeden Zeugen des Anrufes und die Aufzeichnungen in der Zentrale und der Polizeifunküberwachung zu bearbeiten.

 

__________

 

"Hui, war das ein Flug", sagte Julius, als sie mit dem alten Sofa gelandet waren. Jane Porter sah sich um. Sie waren in einem alten Weinkeller gelandet, der mit hohen Regalen voller verstaubter Flaschen vollgestellt war. Dann meinte sie:

"Komm, wir sehen zu, daß wir hier wegkommen, Honey.

"Warum waren Mr. Marchand und Mum nicht im Haus? Wer hat den Anrufbeantworter abgefragt?" Fiel Julius jetzt, wo sie vorerst entwischt waren ein.

"Das beunruhigt mich auch, Junge. Aber im Moment gilt, daß wir uns einstweilen aus der Reichweite der Strafverfolgungsleute halten", sagte Mrs. Porter.

"Hoffentlich ist den beiden nix passiert", unkte Julius.

"Das klären wir später", sagte Glorias Großmutter energisch. Dann prüfte sie die Tür. Sie war unbezaubert und ließ sich mit dem Alohomora-Zauber öffnen.

"Das muß ein Muggelhaus sein", flüsterte sie, als sie mit Julius die Steinstufen hinaufstieg. Dann sprang etwas von der Größe einer Katze aus einem Gang. Es war ein hochbeiniger Hund, der jedoch einen merkwürdig gegabelten Schwanz besaß. Laut bellend setzte das Tier die Treppe hinunter und baute sich vor den beiden Ankömmlingen auf.

"Doch kein Muggelhaus", erkannte Mrs. Porter. Das Tier, das fast wie ein gewöhnlicher Jack-Russel-Terrier aussah, knurrte sehr angriffslustig.

"Das ist ein Crup", sagte Julius. "Die dürfen nur in Zaubererhaushalten gehalten werden."

"Was du nicht sagst, Bursche", tönte eine tiefe Männerstimme von oben. aus einer massiven Eichentür war ein Mann im grünen Morgenrock getreten. Er war weizenblond und sehr athletisch gebaut. Er hielt einen etwa zwölf Zoll langen Zauberstab in der rechten Hand. "Hände hoch und langsam raufkommen!"

"Ach du Mist, ein Texascowboy", grummelte Julius, der mit dem gedanken gespielt hatte, seinen Zauberstab zu zücken. Doch Mrs. Porter nahm ruhig die Hände hoch und stieg nach oben. So ließ er seinen Zauberstab auch wo er war und ging an dem immer noch ungehalten knurrenden Hundetier vorbei nach oben.

"Murphy, gut jetzt!" Rief der fremde Zauberer.

"Wer ist denn das, John?" Fragte eine Frauenstimme aus dem Gang hinter der Tür. "Ist es Zach Marchand?"

"Neh, 'ne ältere Frau und ein Bengel von dreizehn oder vierzehn!" rief der Mann zurück.

"Wir wollten bestimmt nicht bei Ihnen einbrechen, Sir", sagte Mrs. Porter ruhig. Julius nickte bestätigend.

"Ist mir egal. Ihr habt Zachs Sofa geklaut und seid damit bei uns reingeschneit", grummelte der Zauberer. Dann trat die Frau, wohl auch eine Hexe, durch die Tür und pfiff dem Crup, zu ihr zu laufen.

"John, ist gut. Die Frau kenne ich. Das ist Mrs. Porter aus New Orleans. Oh, und den Jungen kenne ich auch", sagte sie und lächelte Julius an. Dem war die Hexe mit dem etwas vom Schlafen verstruwelten rotblonden Haren völlig unbekannt. Sie strahlte ihn jedoch mit ihren grünen Augen an wie einen lange nicht mehr gesehenen geliebten Verwandten. "Du bist Julius Andrews aus London, der jetzt in Paris bei seiner Mutter lebt", sagte sie. Julius fiel die Kinnlade herunter. Woher kannte die ihn? Oder hatte die ihn legilimentiert?

"'tschuldigung, Madame, aber müßte ich Sie kennen?" Fragte der Junge, während der Zauberer, der texanischen Dialekt sprach, seinen Zauberstab runternahm und sein mißtrauisches Gesicht zu einer aufgeheiterten Miene wurde.

"Natürlich, Lex, ich erkenne den jetzt auch. Und von Ihnen habe ich auch schon gehört. Sie sind die Schwiegermutter von Marcellus Redlief."

Mrs. Porter nickte, während sich Julius fragte, woher die beiden ihn kannten. Die Hexe, die Lex genannt wurde, sah ihn amüsiert an, weil er wohl so verdutzt dreinschaute.

"Sie haben also dem alten Zach sein altes Sofa genommen", sagte der Zauberer, der wohl John mit Vornamen hieß. "Dann kommense mal in unsere Wohnung rein!"

"Ich fürchte", sagte Mrs. Porter, "wir haben dafür keine Zeit. Wir mußten etwas übereilt abreisen, wenn Sie verstehen, Mr. Ross."

"Häh, kennen Sie den Herrn auch?" Fragte Julius. Mrs. Porter nickte.

"Na klar, deshalb hat Zach das Sofa ja auch auf uns ausgerichtet, damit er sofort bei uns landet, wenn er im Dreck steckt. Aber daß der Ihnen das Mottenmuseum überlassen hat wundert mich", meinte der Zauberer. Julius grübelte derweil und mußte unvermittelt grinsen.

"Was gibt's zu grinsen, Jungchen?" Fragte Mr. Ross.

"Nix, mir ist nur eingefallen, wo ich Ihren Namen schon mal gehört habe. Sie kommen nicht zufällig aus Dallas?"

"Ach du meine Güte, die Frage habe ich vor zwölf Jahren das letzte Mal gehört, auch von 'nem Muggelstämmigen. Neh, ich bin aus der Gegend von Austin, Texas. Mit dem anderen John Ross habe ich wohl auch nur die Herkunft und den Namen gemeinsam."

"Die Portschlüsselkontrollbehörde kann den Zielort des Sofas nicht nachprüfen, Ma'am", sagte die Hexe, wohl Mrs. Ross.

"Hmm, verstehe", sagte Mrs. Porter und nickte Julius beruhigend zu. "Wir können uns ein wenig ausruhen und nachdenken, was passiert ist und noch zu erledigen ist."

"Meinen Sie echt?" Flüsterte Julius. Mrs. Porter nickte wieder.

"Okay, Lady, junger Mann, wie sieht's aus?" Fragte Mr. Ross. Julius nickte zögerlich. Dann folgte er Mrs.Porter in eine mit dicken Teppichen ausgelegte Diele. An der Decke hing eine dieser Leuchtkristallsphären und spendete flackerfreies, weißgelbes Licht. Die Wohnungstür schloss sich von selbst, als Julius eingetreten war. Hoffentlich hatte Mrs. Porter recht, und hier waren sie wirklich in Sicherheit.

"Ach, der Junge kennt uns ja noch nicht", stellte die Hexe fest, die einen veilchenblauen Morgenmantel trug. "Ich bin Alexis Ross, geborene Southerland, Mitarbeiterin in der Liga zur Abwehr dunkler Künste, Sektion mittlerer Westen der USA. du hast diesen Sommer eine entfernte Verwandte von mir getroffen, Madame Ursuline Latierre. Ich habe dein Bild aus dem Miroir Magique vom 29. Juli zugeeult bekommen. "

Julius sah auf seine Uhr. Der rote Standortstundenzeiger war um zwei Stunden weiter vom schwarzen Heimatortstundenzeiger zurückgewandert. Sie befanden sich also noch westlicher als in New Orleans.

"Sie Kennen Madame Latierre?" Fragte Julius überrascht.

"Eine weit entfernte Verwandte", sagte Mrs. Ross. "Mr. Ross betrat derweil ein geräumiges Wohnzimmer mit einem großen Tisch, einer Standuhr, einem Marmorkamin, einer Sofaecke und einem wuchtigen Eichenschrank. An einer Wand hing eine große Landkarte der USA. An einer anderen Wand hing ein Bild von den Rocky Muntains, dem imposanten Hochgebirge, das sich vom Norden bis Süden durch die Staaten zieht. Von der Decke hing ein großer, leerer Käfig. Mitternachtsblaue Vorhänge hingen wohl vor zwei Fenstern herunter. Auch in diesem Raum leuchtete eine dieser Kristallsphären. Julius nahm sofort den süßlichen Geruch kalten Pfeifenrauchs war. So ähnlich hatte es bei einem Großonkel mütterlicherseits gerochen.

"Woher wissen Sie, daß die uns hier nicht anpeilen, ähm, aufspüren können?" Wollte Julius wissen, als sie sich an den großen Tisch gesetzt hatten. Mr. Ross, der sich in aller Gemütsruhe eine Meerschaumpfeife stopfte und mit einem Stubser des Zauberstabs anzündete grinste überlegen, während seine Frau durch eine kleine Seitentür in einem Raum verschwand, der Küche oder Abstellkammer sein mochte. Als sie dann keine Viertelminute später zurückkam, war sie in einen heidelbeerfarbenen Umhang gekleidet und ließ ein großes Tablett mit Tassen, Tellern und zwei Porzellankannen vor sich herschweben.

"Tja, die Portschlüsselkontrollbehörde kann zwar viele Portschlüssel aufspüren, aber nicht immer erkennen, wo sie einen hingebracht haben, wenn man weiß, wie man es anstellt", sagte Mr. Ross mit dem Pfeifenmundstück zwischen den Zähnen.

"Man weiß nie, wann nicht doch wer im Ministerium spioniert", sagte Mrs. Ross und schenkte englischen Tee und nachtschwarzen Kaffee aus.

"Sie nehmen gerne Kandiszucker dazu, Mrs. Porter. Richtig?" Erkundigte sich die Hausherrin. Mrs. Porter nickte. Murphy, der Crup, spazierte herein und warf sich auf eine Wolldecke, die wohl sein persönliches Reich war.

Als alle Tee oder Kaffee in den Tassen hatten wollten die Ross' wissen, was genau passiert war. Mrs. Porter erzählte, daß sie Julius auf Anraten des Geistes von Marie Laveau in ihr Institut mitgenommen habe, um dort einiges zu klären, worüber sie persönlich nichts erzählen dürfe. Julius sah sie so an, als müsse er sie fragen, was er erzählen durfte. Da klang Mrs. Porters lautlose Antwort in seinem Kopf:

"Erzähle der guten Alexis und Mr. Ross ruhig, daß du deinen Vater suchst und rausbekommen hast, warum er verschwunden ist!"

Julius holte jedoch etwas aus und berichtete erst darüber, wieso er nun in Frankreich lebte und daß er seit dem Schuljahresanfang nichts mehr von seinem Vater gehört habe und deshalb nach Amerika gekommen war, um vielleicht mehr herauszufinden. Das habe ja auch geklappt. Doch als er erfahren habe, sein Vater sei erst als Massenmörder gejagt und dann als Opfer einer Austauschaktion entlastet und von der Polizei versteckt worden, mußte er damit herausrücken, daß Marie Laveau ihm offenbart hatte, daß sein Vater von dieser Tochter des dunklen Feuers versklavt worden sei. Hier machte er eine Pause, um zu sehen, wie das wirkte. Alexis Ross und ihr Mann John, der bei der Erwähnung der Tochter des dunklen Feuers vergaß, an seiner Pfeife zu ziehen, sahen sich mit einer Mischung aus Bestürzung und Erkenntnis an. Mr. Ross löschte seine Pfeife und legte sie fort, um frei sprechen zu können.

"Dann haben die vom Ministerium uns also die ganze Zeit im Dunklen tappen lassen, obwohl unser Sprecher Ignatius Ferrington Pole immer wieder gefragt hat, was an den Gerüchten dran war, ein Muggel habe plötzlich Zauberkräfte bekommen und Leute mit einer unsichtbaren Kraft umgebracht. Sicher, in der zaubererwelt gibt es einige, die Probleme mit Prostis haben. Aber Menschen sind die ja doch noch. Das ist's natürlich, Ne Lex?"

"Sagen wir's so, John, die Geschichte klingt besser als der andere Kram, den Poles Leute uns vorgeworfen haben", erwiderte Mrs. Ross. Sie sah Julius an und fuhr fort: "Das würde auch passen, wenn dein Vater keine wachen Zauberkräfte hat."

"Und Ihnen hat Minister Pole das Maul verboten?" Fragte Mr. Ross Mrs. Porter, die stark mit sich zu ringen schien. Dann nickte sie. "Das heißt, dieser Mann, Richard Andrews, ist also im Bann dieser Höllenbraut und bringt für die andere Frauen um und zwischendurch ein paar Cops? Krasse Sache das."

"Krass ist vor allem, daß dieser Typ, Ihr Zaubereiminister, keinem das erzählen will, weil es ja eine Riesenpanik geben könnte. Mein Paps hätte vielleicht gerettet werden können, als die Sache in Detroit passiert ist", gab Julius mit ziemlicher Bestürzung in der Stimme zur Antwort. Ihm wurde wieder bewußt, wie wehrlos sein Vater in diese Sache hineingeraten war. Ja, und er fragte sich auch, ob der Krach mit seiner Mutter nicht mittelbar Schuld war, daß er diesem Monster in die Arme gelaufen war. Das brachte ihn wieder darauf, daß seine Mutter und Zachary Marchand nicht im Haus gewesen waren, als er mit Glorias Oma flüchten mußte. Doch das wollte er gleich erst bereden, wenn sie klar hatten, wie sie weitermachen konnten.

"Gut, Mrs. Porter. Wie haben Sie sich das nun vorgestellt, nachdem der Junge das dunkle Geheimnis seines Vaters gegen Poles Willen aufgedeckt hat?"

"Ich wollte mit ihm herausfinden, wann und wo Mr. Andrews in den Wirkungsbereich dieser Kreatur geraten ist und möglicherweise herausfinden, wo sie gerade ihren Schlafplatz hat. Mr. Ross. Ihre Frau kennt wohl die Berichte über diese Wesen", sagte Mrs. Porter. Mrs. Ross nickte bestätigend.

"Sie schätzen mich richtig ein, Mrs. Porter."

Murphy sah Francis an, der in seinem Käfig saß und Schuhute.

"Hmm, vielleicht fangen wir damit an, daß wir möglichst schnell Leuten außerhalb der Reichweite Poles erzählen, was wichtig ist. Julius, da ich das nicht tun darf mußt du es tun", sagte Mrs. Porter und kramte in ihren Taschen. Dann sah sie verärgert auf ihre Hände und blickte dann auf Francis' Käfig.

"Julius, am besten schickst du dem alten Mädchen jetzt schon die ausführliche Antwort, über die wir vor dem Ausflug ins Institut gesprochen haben." Julius verstand. Er fragte Mr. Ross, wo er ungestört einen Brief schreiben könne und wurde in ein Arbeitszimmer geführt. Dort schrieb er mehrere Pergamentseiten mit einem ausführlichen Bericht voll, was er in den erst zwei vollen Tagen, die er hier war, herausbekommen hatte und das Mrs. Porter durch Eidesstein dazu gezwungen war, nichts zu verraten. Dann nahm er den größten Umschlag, packte die 100 Seiten Computerpapier mit dem Brief zusammen hinein, klebte ihn zu und adressierte ihn an "Professeur Blanche Faucon, Maison du Faucon, Millemerveilles France" Mrs. Porter wollte Mr. Ross für den Umschlag und das Versenden einer schnellen Posteule per Floh-Netz eine Galleone geben. Doch John Ross schüttelte den Kopf und lehnte das Angebot dankend ab.

"Wenn es stimmt, was der Junge uns erzählt hat, dann müssen es schnell die wichtigsten Leute wissen. Seine Lehrerin ist ja in Frankreich sehr engagiert in der Liga."

"Ja, und ich darf mich schon einmal auf das Donnerwetter von ihr einstellen", grummelte Mrs. Porter. Dann meinte sie noch: "Wir müssen jetzt abklären, wie wir die Spur von Mr. Andrews aufnehmen. Dieses Internet ist ja doch für manche gute Wissensgrundlage gut genug. Ich schlage vor, wir reisen nach New York und fangen da an."

"Da wollten doch Mum und Mr. Marchand hin", erinnerte sich Julius und dachte wieder daran, daß seine Mutter nicht im Haus gewesen war. Das bereitete ihm langsam Sorgen. Julius befestigte den Briefumschlag an Francis rechtem Bein. Mr. Ross fragte, ob er seinen Namen auf den Umschlag geschrieben habe. Julius schüttelte den Kopf.

"Guter Junge. Das könnte die an der Grenzpoststelle doch auf den Trichter bringen. Aber so werden sie ihn wohl nach Frankreich durchwinken, wenn auf dem Zettel Frankreich steht", sagte er. Dann warf er Flohpulver in den Kamin, hob Francis behutsam hinein und rief in die Flammen: "Zur Grenzpost!" Francis schuhute laut, als er in einem wilden Wirbel aus smaragdgrünen Flammen verschwand. Julius schluckte vernehmlich. Er hatte seine Eule einfach losgeschickt, weit weg von sich, ohne sie vielleicht wiederzusehen. Denn wer wußte schon, was in den nächsten Tagen oder gar Stunden passierte?

"So, ihr beiden wollt also nach New York", fragte Mrs. Ross.

"Wir müssen, Mrs. Ross", sagte Mrs. Porter. Am besten fligen wir mit dem Besen einige hundert Kilometer weit nach osten, bevor wir apparieren. Allerdings sollten wir auf den üblichen Berufsverkehr warten, um nicht als herausragende Apparatoren aufgespürt zu werden."

"Wollen wir nicht mit dem Portschlüssel erst wieder nach New Orleans und sehen, ob meine Mutter wieder da ist?" Flüsterte Julius. Mrs. Porter schüttelte den Kopf und sah ihn an. Wieder hörte er ihre Stimme nur in seinem Kopf:

"Sie suchen den Portschlüssel, Honey. Die werden sofort kommen, wenn er wieder bei Zach auftaucht. Wir klären das mit deiner Mutter anders."

"Ist der Junge ein gutes Medium?" Fragte Mrs. Ross belustigt, weil Julius so aussah, als höre er eine Antwort, die sie nicht hörte. Dann hörte er auch ihre Stimme im Kopf: "Hallo, jemand zu Hause?" Julius schrak zusammen, weil die Gedankenstimme lauter war, als sie bisher mit den Ohren zu hören war. Sie grinste. "Ja, offenbar doch."

Julius ließ sich von Mr. Ross noch die Toilette zeigen, weil er bereits ein gewisses Drängen fühlte und sich dachte, daß er nicht so schnell an einem unbeobachteten Ort unverdauliche Überreste loswerden konnte. Mrs. Porter folgte dem Beispiel. Als sie dann ihre ganz privaten Angelegenheiten erledigt hatte lächelte sie noch einmal die Eheleute Ross an.

"Okay, Mrs. Ross, Mr. Ross, Danke für die Ruhepause und die Zeit zum Plaudern und Nachdenken. Wir verbleiben dann so wie besprochen", sagte Mrs. Porter und sah Mrs. Ross kurz an. Diese nickte nach zehn Sekunden. Dann zeigte Mr. Ross seinen Überraschungsgästen den offiziellen Ausgang aus seinem Haus, klopfte Julius kurz auf die Schulter und sagte:

"Was immer du noch vor dir hast, Junge, halte dich immer aufrecht!"

"Ich hoffe, ich kann meinen Vater doch noch von diesem Höllenweib loseisen, Mr. Ross. Ich will das nicht so stehen lassen, daß die einfach mit dem machen kann was sie will."

"Vielleicht findest du die Möglichkeit, die bisher keiner gefunden hat. Wenn das Gespenst von New Orleans dich schon drauf stößt, was mit deinem Vater passiert ist, dann geht es wohl davon aus, daß du damit was anfangen kannst." Dann grinste er breit, nicht gehässig, sondern aufmunternd wie ein Junge, der einen anderen Jungen zu einem tollen Spiel einladen will. Mrs. Ross besah sich den Besen noch einmal, während Mrs. Porter den nun herrenlosen Eulenkäfig komplett ausmistete, auf ein Zehntel seiner Größe einschrumpfte und in ihren Reiseumhang steckte. Dann saßen sie auf dem Ganymed 10 auf und starteten durch. Julius saß hinter Glorias Großmutter.

"Wo waren wir jetzt eigentlich genau?" Fragte Julius, weil Mrs. Porter so zielsicher steuerte, als wisse sie, wo genau es nach New York ginge.

"Wenn ich das richtig mitbekommen habe ist das Haus der Eheleute Ross zwanzig Kilometer südlich von Denver, Colorado entfernt. Du hast deinen Atlas ja mit. Di hat mir gesagt, den kann man auch zum reisen nutzen."

"Yep", machte Julius nur.

Sie flogen mit mittlerer Geschwindigkeit gut und gerne eine Stunde. Dann landete Mrs. Porter.

"Du bist gut für den Mentiloquismus erreichbar, Julius. Wer dich gut genug sehen kann oder dein Bild im Kopf hat und sich auf dich konzentriert kann dich erreichen, zumindest aus relativ kurzer Entfernung. Was hat Bläänch dir als Mademoiselle über die Mentalzauber erzählt?" Fragte sie.

"Hmm, daß ich aufpassen muß, mich nicht legilimentieren zu lassen", sagte Julius spontan. Dann erkannte er, was die Hexe eigentlich meinte. Wenn er Gedankenbotschaften empfangen konnte, sollte er vielleicht schon daran denken, sie auch an bestimmte Leute verschicken zu können. Aber wie genau das ging hatte Professeur Faucon ihm nicht erzählt.

"Hmm, sie hat davon gesprochen, daß beim Mentiloquismus das Gesicht des anzudenkenden klar vor dem äußeren oder inneren Auge stehen müsse und daß Blutsverwandte besonders gut miteinander mentiloquieren könnten, besonders Mütter mit ihren Kindern und Zwillinge."

"Ja, das stimmt. Mit Geri kann ich wunderbar mentiloquieren, und Mel ist auch schon sehr gut damit vertraut. Aber es ist auf die Entfernung sehr anstrengend."

"Stimmt, das hat Professeur Faucon auch erzählt, daß es pro Minute Mentiloquieren zehn Minuten Ausdauer kostet."

"Ganz genau, der Strawinsky-Faktor. Der Wachhaltetrank, den wir beide vor dem Aufbruch ins Institut geschluckt haben, hält uns wohl noch zwanzig Stunden wach, weil ich davon ausging, daß du deinen Tag-Nacht-Rhythmus nicht unterbrechen und nicht total müde bei deiner Mutter ankommen wolltest. Aber da wir bis auf weiteres ja eh herumreisen müssen, können wir auch zwei Stunden Ausdauer verbraten, indem wir mal ausprobieren, ob du mir auch was zumentiloquieren kannst."

"Dann würde ich lieber die Okklumentik oder Occlumentie lernen, je nachdem, wie Sie es aussprechen."

"Oh, das geht aber nicht in zwei Stunden, Julius. Sicher könnte oder müßte ich dir das beibringen, wo Bläänch es ja nicht mehr tun durfte. Gerade nach den Dingen im Mai, über die du mir nichts erzählen darfst, sollte das auch nicht unbedingt jeder andere herauskriegen ... Hmm, ich fürchte, wir müssen noch einmal ins Institut", grummelte Mrs. Porter leicht ungehalten, wohl weil ihr was verdammt wichtiges eingefallen war.

"Die Höhle des Löwen", philosophierte Julius.

"Interessante Metapher, Honey. Nein, was ich eigentlich da will ist einen der Bergesteine hohlen und bezaubern, damit du deine Audienz mit Marie nicht für jeden halbwegs guten Legilimentor frei abschöpfbar herumträgst wie eine Sahnehaube auf umgerührter Milch. Du erinnerst dich noch an den Bergestein?"

"Professeur Faucon bestimmt auch", meinte Julius. Natürlich wußte er, was dieser Stein machte, nämlich bestimmte Erinnerungen im Geist versiegeln, damit nicht jeder an sie herankam, ob mentalmagisch oder mit Wahrheitstränken.So sah er es ein, daß sie in die Nähe des Institutes mußten. Doch vorher wollten sie klären, was mit Zachary Marchand und Julius Mutter war.

 

__________

 

Arco Swift ärgerte sich. Das war das erste Mal in seinem Leben, daß ihm gesuchte Übeltäter unter der Nase entwischt waren. Wieso wußte er nichts von dem Portschlüssel, den Zachary Marchand in seinem Haus aufbewahrt hatte? Wie waren die beiden Gesuchten eigentlich in das sonst gegen Magie und Gewalt abgesicherte Haus hineingelangt? In jedem Fall konnten sie nun jede Sekunde das streng gehütete Geheimnis um die Tochter des Abgrunds enthüllen, von dem nur wenige Leute wußten, darunter Swift. Damit würden sie dem Ministerium schweren Schaden zufügen.

Er hatte die Portschlüsselkontrollbehörde angewiesen, mit allen Mitteln nach dem Zielpunkt des Portschlüssels zu suchen, der zwischen drei und vier Uhr Morgens ausgelöst wurde. Es dauerte eine Viertelstunde, bis eine Rohrpost aus der Behörde in sein Büro hineinfauchte. Angespannt nahm er den Zylinder aus der Klappe heraus und öffnete ihn. er nahm ein Pergamentstück heraus und entrollte es. Dann las er:

"An Leiter Strafverfolgungsabteilung Swift von Portschlüsselkontrollbehörde Sektion Südost. Im Bezug auf Ihre Anfrage vom 1. August 1996 04.25 Uhr haben wir zwei Dinge herausfinden können:

Der von Ihnen erwähnte Portschlüssel wurde nicht ausführlich angemeldet, sondern von Sonderbeauftragtem Zachary Marchand in Erwägung gezogen. Über Art und Ziel des Schlüssels liegt also keine Anmeldung vor, was gemäß dem Sonderstatut von Zachary Marchand vom 22. Juni 1986 her auch nicht erforderlich ist, gemäß Abschnitt 7 des Gesetzes zur Anmeldung und Verwendung magischer Beförderungsmittel, demnach ein mit dem Status des Sonderbeauftragten des Zaubereiministeriums betrauter, in der nichtmagischen Welt wohnhafter Zauberer dann einen Portschlüssel erzeugen und verwenden darf, wenn das Apparieren zu auffällig ist.

Des weiteren müssen wir Ihnen bedauerlicherweise mitteilen, daß wir den Zielpunkt des Portschlüssels zu oben genanntem Zeitpunkt nicht nachvollziehen konnten, da er sich offenkundig in einem Bereich befindet, der von Unortbarkeitszaubern großräumig abgeschirmt wird.

Mr. Marchand selbst konnten wir noch nicht erreichen, da er sich wohl auf einer Urlaubsreise in der nichtmagischen Welt befindet und wir noch ergründen müssen, wo er genau ist, um möglichst unauffällig an ihn heranzutreten.

Mit freundlichen Grüßen ..."

"Die haben den Zielpunkt dieses verfluchten Portschlüssels nicht finden können!" Brüllte Swift, bevor er merkte, daß er die Beherrschung zu verlieren drohte.

"Das heißt, er kann nur in Thorntails, Dragonbreath oder einem der Geheimzentren der Liga wider die dunklen Künste sein, wenn nicht sogar bei den Nachtfraktionärinnen", dachte Swift. Wut und Angst durchfluteten sein Bewußtsein. Was Minister Pole befürchtete, drohte sich zu erfüllen.Er wollte gerade den Minister über die unangenehme Wendung unterrichten, als in seinem Kamin ein Kopf auftauchte. Es war der Kopf von Elysius Davidson.

"Mr. Swift, gut Sie persönlich zu erreichen", sagte Davidson. Swift sah den Leiter des Laveau-Instituts sehr kritisch an. "Ich wollte Sie darüber informieren, daß Mrs. Porter wohl nicht gegen unsere Interessen verstoßen hat. Ein neuerliches Gespräch mit dem Geist von Marie Laveau ergab, daß sie als Vertraute des Jungen besser mit ihm zusammenarbeiten kann, um einen Weg zu finden, den von dieser Kreatur unterworfenen Mann wieder zu befreien. Da im Institut der Schutz jeglichen Menschenlebens vor schwarzmagischen Gefahren oberste Priorität besitzt, hat Mrs. Porter wohl auch ohne Rückfrage mit mir einen Weg ergründet, der diesem Prinzip gerecht wird. Es tut mir Leid, daß Sie meinetwegen aus dem Bett gescheucht wurden."

"Moment, bevor Sie sich wieder zurückziehen, Mr. Davidson", setzte Swift an. "Der Minister hat mich persönlich beauftragt, die beiden zu verhaften, weil sie Mrs. Porter wider seine ausdrückliche Anweisung einem Außenstehenden die Wahrheit über diese von Richard Andrews begangenen Mordanschläge berichtet hat. Er verlangte die Festnahme und daß er höchstpersönlich davon unterrichtet werden wolle, sobald wir die beiden ergriffen hätten." Davidson verzog das Gesicht. Offenbar wußte er nicht, was er darauf antworten sollte. Swift legte nach: "Die beiden haben sich auf uns bisher unbekannte Weise in das Haus eines Sonderbeauftragten des Ministeriums geschlichen und einen dort deponierten Portschlüssel benutzt."

"Nun, offenbar hat Ihre Eingreiftruppe den beiden Angst gemacht, und Mrs. Porter hielt die Flucht für die bessere Alternative als Ihnen in Ihrem Jagdfieber zu erläutern, was ihre Beweggründe sind. Vielleicht drängt auch die Zeit", erwiderte Davidson.

"Die sind widerrechtlich in das Haus des Sonderbeauftragten Marchand eingedrungen und haben ohne dessen Erlaubnis einen Portschlüssel benutzt. Das sind Einbruch und Diebstahl", versetzte Swift und merkte da erst, daß das wohl taktisch unklug war. Denn Davidson nickte nur wissend und meinte:

"Nun, jedenfalls möchte ich mich bei Ihnen für die aufgescheuchten Wichtel entschuldigen und Sie bitten, die beiden nicht mehr weiter zu behelligen. Ich werde mich mit dem Minister darüber ins Benehmen setzen."

"Solange der mir nicht sagt, daß meine Arbeit erledigt ist, Mr. Davidson, solange bleibe ich an der Sache dran. Damit wir uns ganz klar verstehen", warf Swift dem Institutsleiter unmißverständlich hin.

"Wie Sie meinen", seufzte Davidsons Kopf und verschwand aus dem Kamin.

"Sieh mal an, meint Davidson jetzt, mich zurückpfeifen zu können. Aber ich denke, die beiden haben was angerichtet. Bevor ich das nicht geklärt habe hebe ich den Fahndungsbefehl nicht auf."

Zehn Minuten später klopfte es an seine Tür. Er rief: "Herein!" und sah den baumlangen Zaubereiminister Jasper Pole im marineblauen Umhang mit Silberknöpfen in sein Büro eintreten.

"Davidson hat gemeint, wir sollten die Sache auf sich beruhen lassen", begrüßte der Minister seinen Strafverfolgungschef. "Haben Sie schon herausgefunden, wo die beiden abgeblieben sind?"

"Die Portschlüsselkontrollbehörde kann sie nicht aufspüren. Marchand hat sich wohl auf Grund einer Sonderregelung einen Portschlüssel gemacht, damit er mal schnell aus dem Haus verschwinden kann, wenn er nicht apparieren kann. Diese Sondervollmacht ist von Ihrem Vorgänger genehmigt worden, Sir."

"Ich weiß", knurrte der Minister. "Bisher hatte ich auch keinen Grund, diese Sonderregel aufzuheben. Sollte ich wohl demnächst tun. Aber wo ist dieser Portschlüssel mit den beiden Gesuchten gelandet? Wo hat er sie hingebracht?"

"Sir, ich bedauere Ihnen mitteilen zu müssen, daß die Portschlüsselkontrollbehörde den Zielpunkt nicht bestimmen kann. Höchstwahrscheinlich liegt das Ziel unter Unortbarkeitszaubern oder im Schutz eines Fidelius-Zaubers. Diese beiden starken Zauber konnten wir bislang nicht durchdringen, wenngleich die Abteilung Kristallauge daran arbeitet."

Der Zaubereiminister wurde noch größer als ohnehin schon. Seine Hals- und seine Stirnadern schwollen bedrohlich an und pulsierten kräftig. Seine Augenbrauen zogen sich so eng zusammen, das über seiner Nasenwurzel ein auffälliger Höcker entstand, und das ovale Gesicht nahm einen tiefroten Farbton an.

"Sie Stümper!" Spieh er Swift an. "Sie unfähiger Stümper! Sie haben die beiden entkommen lassen, obwohl Sie wußten, daß Jane Porter sehr versiert in allen Zaubern ist. Sie haben es zugelassen, daß die beiden einen nicht registrierten Portschlüssel fanden und seelenruhig auslösen konnten. Jetzt sind die beiden auch noch in einem unortbaren Bereich verschwunden und können von dort aus beliebig mit den streng geheimen Kenntnissen hausieren gehen, bei der Nachtfraktion oder den Überbleibseln der Schwarzbergbruderschaft oder sonstwem!"

Swift war es gewöhnt, sich einiges anhören zu müssen, wenn seine Abteilung einen gesuchten Zaubereiverbrecher nicht rechtzeitig fassen konnte. Doch als Stümper hatte er sich noch nie beschimpfen lassen, und er sah auch nicht ein, sich diese Beschimpfung bieten zu lassen. Er stand von seinem Stuhl auf und sah den Minister für Zauberei an.

"Bei allem schuldigen Respekt vor Ihrem Amt, Sir, das ging jetzt entschieden zu weit", stieß Arco Swift aus. Doch der Minister sah ihn abschätzig an, als könne Swift ihm nichts. Doch der Leiter der Strafverfolgungsabteilung legte nach. "Sie haben sämtliche Sonderregeln gelten lassen, ohne sie auf ihre sicherheitsrelevanten Aspekte und / oder Berechtigungen hin zu prüfen. Nebenbei hätten Sie mir als Leiter der Strafverfolgungsabteilung das nötige Vertrauen schenken und mir überlassen sollen, wem ich die Angelegenheit Andrews erläutere, um eben sowas wie das jetzt zu verhindern. Außerdem haben Sie mich immer noch zu respektieren und nicht wie einen niederen Diener anzusehen, der sich alle Unverschämtheiten gefallen lassen muß, Sir. Den Stümper nehmen Sie bitte sofort zurück!"

"Was erwarten Sie von mir, Swift? Soll ich jetzt noch vor Ihnen Abbitte leisten, weil Sie nicht schnell und gründlich genug gearbeitet haben?" Blaffte Pole. "Diese Informationen sind streng geheim. Nur die unmittelbar beteiligten dürfen sie kennen. Sie haben dafür zu sorgen, daß dieses Geheimnis nicht in die Öffentlichkeit getragen wird. Wenn Sie meinen, ich hätte nicht recht mit meinem Vorwurf, dann finden Sie die beiden gefälligst!"

"Sir, Mr. Davidson teilte mir mit, es sei wohl auf eine Information Marie Laveaus zurückzuführen, daß Mrs. Porter und der Junge sich aufgemacht hätten."

"Was fällt dem Kerl ein, sich direkt an Sie zu wenden?!" Schnauzte Pole. "Ich habe alles recht, Sie darauf anzusetzen. Unser Land, die Integrität der amerikanischen Zaubererwelt, hängen davon ab, daß diese Informationen nicht an die Öffentlichkeit, schon gar nicht die der Muggel, gelangen. Suchen Sie die beiden und nehmen Sie sie fest. Ich persönlich werde sie dann verhören und gegebenenfalls die Gedächtnismodifizierung durchführen", sagte der Minister und zog ein Pergamentstück aus seinem Umhang. Swift starrte auf die flammenroten Buchstaben: "OBERSTE SONDERRECHTE stand auf dem Pergamentstück.

"Diese Erlaubnis hat seid ihrer Vorvorgängerin Greengrass niemand mehr erteilt", sagte Swift mit einem dicken Kloß im Hals. "Sie meinen wirklich, daß wir alles einsetzen dürfen?"

"Sie wissen, was die obersten Sonderrechte beinhalten, Swift. Fragen Sie nicht so blöd!" Stieß der Minister aus. Swift nickte und las noch einmal das Pergament mit den obersten Sonderrechten. Denen zu Folge durfte er mit allen Mitteln der Zaubererwelt und allen Behörden der Zaubererwelt nach den beiden Flüchtigen suchen, Post- und Transportüberwachungen einrichten und die Spürtruppen unter Vorlage dieses Dokuments dazu berechtigen, auch die unverzeihlichen Flüche anzuwenden, sollten sich die Zielpersonen nicht mit konventionellen Mitteln ergreifen lassen. Ja, dieses Dokument berechtigte sogar dazu, bei akkuter Gefahr für die Zaubererwelt den tödlichen Fluch zu benutzen, auch wenn sich im Nachhinein herausstellte, daß dessen Einsatz unnötig war. Dieses Dokument war also eine Erlaubnis zum Töten all derer, auf die der Minister mit dem Finger zeigte, beziehungsweise deren Namen auf dem Pergament standen: Jane Porter und Julius Andrews.

Als Swift den Blick wieder vom Pergament nahm sah er, daß der Zaubereiminister das Büro wieder verlassen und die Tür geschlossen hatte. Er war alleine. Er war alleine mit einer haushohen Verantwortung. Was immer den Minister dazu trieb, dieses Riesenschwert der Zaubereiverwaltung zu schwingen, es mochte sein Leben betreffen und bestimmt auch das von Arco Swift.

"Wir müssen rausfinden, wo dieser Zachary Marchand ist", dachte Swift und schickte drei Rohrpostbriefe an verschiedene Abteilungen. Die Abteilung für Kontakte zwischen Zauberer- und Muggelwelt sollte prüfen, ob Marchand mit öffentlichen Transportmitteln der Muggel unterwegs gewesen war und wenn ja wohin und ob er dort wo er war eine Unterbringungsmöglichkeit nutzte. An die Abteilung für magischen Personenverkehr erging die Aufforderung, Spürzauber für Apparitionen einzurichten, um zu prüfen, ob nicht irgendwer auffällig herumsprang, sowie das Floh-Netz zu überwachen, sowohl für Transport als auch für Kommunikation. Die dritte Rohrpost ging an die eigene Abteilung und informierte die Mitarbeiter über die Sonderrechte. Dann verließ Swift sein Büro und begab sich in das Voyer, von dem aus er disapparierte.

 

__________

 

Davidson atmete durch. Er hatte Swift erreichen können. Nachdem er bald zwanzig Minuten neben seinem Besen gehockt hatte, waren Ardentia Truelane und ein anderer Mitarbeiter seines Institutes zusammen mit Marie Laveau aufgetaucht und hatten ihn gefragt, warum er nicht ins Institut zurückkehren würde. Marie hatte ihn angelächelt, wenngleich sie auch sehr bedauernd dreingeschaut hatte. Im Institut selbst hatte er mit den Porters kontaktgefeuert. Livius Porter war sichtlich erschüttert, daß seine Frau von ihm, Elysius Davidson, eines schweren Geheimnisverrates bezichtigt worden war. Er versprach, Davidson und nur Davidson zurückzurufen, wenn er wußte, wo seine Frau und der Junge waren.

"Besser nicht, Mr. Porter. Es könnte Swift eingefallen sein, die Feuer in der Zaubererwelt überwachen zu lassen. Das könnte zwar noch Stunden dauern, bis die Überwachung eingerichtet werden kann, aber sollte zumindest in Erwägung gezogen werden", sagte Elysius Davidson. Livius Porter nickte.

"Oh, da müssen die aber alle aus dem Bett scheuchen, die im Floh-regulierungsrat sind und Sonderstellen schaffen", feixte Mr. Porter.

"Glauben Sie mir, Mr. Porter, mir tut die Angelegenheit sehr leid", beteuerte Davidson. Mr. Porter grinste nur.

"Meine Jane kommt wohl gut aus der Sache raus. Dann hat es wohl was mit dem zu tun, was der Junge von Ihrer Marie erfahren hat."

"Das dürfen Sie leider nicht wissen", sagte Davidson. Livius Porter nickte. Dann verabschiedete sich der Leiter des Laveau-Institutes und zog seinen Kopf aus dem Kamin der Porters in sein Büro zurück.

"Der Grund, warum du noch leben darfst, Elysius", sagte Marie Laveau, als Davidson mit ihr alleine im Büro war, "besteht darin, daß Jane und der Junge sich bald wieder hierherbegeben müssen, um das, was sie wissen vor schändlichem Zugriff zu schützen. Du wirst sie hier aufnehmen und vor den Nachstellungen der Leute aus eurem Ministerium schützen."

"Du hättest mich wirklich getötet, wenn ich nicht zu ihm hingegangen wäre?" Fragte Davidson.

"Es blieb mir keine andere Wahl, dir zu zeigen, daß du einen falschen Weg eingeschlagen hast", sagte Marie Laveau mit kalter Stimme und entwich durch die Wand nach draußen.

"Ich lasse mir von einem Geist Befehle geben", knurrte Davidson. "Aber sie ist zu mächtig für die Geisterabwehrspezialisten. Außerdem haben wir durch sie immer noch einen großen Vorteil.

 

__________

 

Der Zauberer in der Station der Grenzpost wunderte sich nicht sonderlich, als eine Schleiereule aus den Flammen fiel und die verrusten Flügel schüttelte. Der Zauberer besah sich den Briefumschlag und den Lederbeutel. Er nickte. Das Geld reichte für diesen Express-Transport locker aus. Er griff zur Dose mit Flohpulver, um das Feuer für die Reise über den Atlantik zu bezaubern, als ein eiliger Bote aus dem Büro des Flohaufsichtsbeamten herüberkam und durch die Halle rief:

"Achtung! Bis auf weiteres müssen alle Eulen, die ins Ausland verschickt werden sollen zurückgehalten werden, bis unser Chef gegenteilige Anweisung von Swift oder Minister Pole erhält!"

"Hmm", machte der Zauberer, der gerade das Schleiereulenmännchen nach Frankreich weiterschicken wollte. Dann fragte er:

"Was ist mit den Briefen, die jemand verschicken will?"

"Die sollen solange eingeschlossen werden. Die Eulen sind in unserer Eulerei zu verwahren. Die Briefe dürfen nicht geöffnet und gelesen werden! Der Minister will nicht haben, daß Briefe geöffnet oder gelesen werden."

"Wie er meint", sagten die anwesenden Dienstzauberer. Der, welcher gerade die Schleiereule losschicken wollte, griff nach dem Bein, an dem der Umschlag hing und machte den dicken Umschlag los, von dem der Zauberer glaubte, daß es ein ganzer Packen Zeitungen sein mußte. Doch als er das Paket zum Flohregulierungsbeamten hinüberbringen wollte, flatterte die Eule hinter ihm her, hackte nach der Hand mit dem Umschlag. Erschrocken ließ er den Packen fallen. Die Eule schnappte ihn mit den Krallen auf und flog fast lautlos davon, schnurstracks in einen Kamin hinein, in dem gerade kein Feuer brannte.

"Aufhalten!" Rief der attackierte Zauberer. Doch der Vogel war schon unterwegs hinaus aus dem Kamin.

"Idiot! Sie hätten erst die Eule einfangen und fortbringen sollen und mir dann den Umschlag geben sollen. Wo sollte die hin?"

"Millimerviel, oder wie das heißt, in Frankreich, zu einer Bläänch Ffoken. Offenbar war der Vogel besonders heiß darauf, mit dem Umschlag dahinzukommen."

"Sie Idiot! Jetzt müssen wir noch die Tierwesenbehörde einschalten. Mist! Schleiereulen sind ja hier nicht so selten! Ich versuche, das Tier mit dem Besen zu verfolgen. Der Minister will keinen Brief ins ausland rauslassen. Vielleicht hat jemand was ausspioniert."

"Dann machen se mal", stieß der von der Eule verletzte Zauberer verächtlich aus, während der Floh-Mensch einen Besen herbeizauberte und damit durch einen Notfallschacht hinausflog. Doch nach einer halben Stunde kehrte er sehr mies gelaunt wieder zurück und sagte nur laut zu den Anwesenden:

"Hier ist keine Eule für's Ausland durchgekommen, klar! Keiner wollte Post irgendwo hinschicken, klar!"

"Wie Sie meinen", grinste der Zauberer, der die Zeit genutzt hatte, seine Verletzungen selbst zu behandeln. So wie der Floh-Mensch aussah, hatte der die entwischte Eule nicht mehr einfangen können. Flog die jetzt vielleicht auf eigenen Flügeln nach Frankreich oder zu ihrem Besitzer zurück? Er wußte es nicht. Aber welche Eule eigentlich?

 

__________

 

"Hat deine Mutter eines dieser Mobilsprechdinger, Honey?" Fragte Mrs. Porter. Julius nickte grinsend. Dieses Mobiltelefons wegen wußte er ja erst seit kurzem, daß Madame Delamontagne schwanger war. Er sagte Mrs. Porter die Nummer durch. Sie ließ sich von ihm aus dem Atlas die vier Karten von Nordamerika zeigen und nickte zufrieden.

"A ja. Von Denver sind wir jetzt schon zu weit weg. Aber hier in der Gegend gibt es eine Winzstadt namens Stoney Solitude, eine ehmalige Goldgräbersiedlung und heutige Touristenattraktion. Da wird es bestimmt ein Gebäude mit einem Telefonanschluß geben."

"Wenn die Leute von Ihrem Minister nicht mit den Langohren von der NSA zusammenhängen, von denen es heißt, daß sie die Telefongespräche abhören sollen", unkte Julius.

"Bring ihn mal auf die Idee, wenn wir das hier heil überstanden haben, Honey", sagte Mrs. Porter verschmitzt grinsend. Offenbar nahm der amerikanische Zaubereiminister die Fernsprechapparate der Muggel nicht sonderlich ernst, vermutete Julius.

Sie flogen noch etwas auf dem Besen, bis sie unter sich einen Straßenzug mit ganzen zwölf Häusern sahen. Sowas lief bei den Amerikanern wohl schon unter Stadt. Es gab eine Bank, eine Tankstelle, einen Supermarkt, der mehr ein Kiosk war, in dem auch gleichzeitig die Post untergebracht war. Der Rest waren Häuser im Westernstil, wie Julius sie aus Serien wie "Bonanza" oder "Unsere Kleine Farm" kannte. Außer dem Laden, der Bank und der Tankstelle schien das alles hier ein einziges Freilichtmuseum zu sein, eine zum Schaulauf für Touristen wachgehaltene Geisterstadt.

Julius sah sich um, ob jemand den Hexenbesen mit seinen zwei Reitern sehen konnte. Schließlich war es ja kein Harvey 5. Doch hier schien alles zu schlafen oder es war keiner da, der mit der Stadt Händchen hielt.

"Wenn's ein funktionierendes Telefon gibt, dann da wo Post draufsteht", flüsterte Julius seiner Begleiterin zu. Diese nickte und steuerte ruhig den Laden an. Sie blickte durch die Fenster und prüfte die Tür. Dann konzentrierte sie sich und wirkte den Mentijectus-Zauber. Nach einer Minute nickte sie.

"Dort drinnen ist keine Menschenseele. Wahrscheinlich haben sie nur eine elektrische Überwachungsanlage eingerichtet. Die kann ich locker unterbrechen. Allerdings kann ich dann nicht den Alohomora-Zauber anwenden. Machst du das, Honey?"

"Öhm, darf ich doch nicht", sagte Julius, bevor ihm klar wurde, daß es sowieso egal war, ob er zaubern durfte, wo sie sowieso einen Einbruch begehen wollten, was in beiden Welten ein Verbrechen war. Mrs. Porter meinte:

"Moral in allen Ehren, Julius, aber wenn du wissen möchtest, was mit deiner Mutter ist, mußt du sie mal vergessen." So sah Julius zu, wie Mrs. Porter ihren Zauberstab hob und "Magnetivisus" murmelte. Sofort leuchtete ein bläuliches Gespinst um das Haus herum auf. Julius sah es leicht flackern und verstand, daß Mrs. Porter prüfte, wo Strom floss. Offenbar hatte ihr mal jemand erzählt, daß Stromleitungen schwache Magnetfelder erzeugten. Denn der Zauber, den sie wirkte, konnte Magnetfelder in Ausrichtung des Stabes zum leuchten bringen. Als sie den Stab mit dem Ausspruch "Nox" wieder sinken ließ lächelte sie.

"Keine Warnvorrichtung vorhanden. Sie hätte ja dann an Türen und Fenstern gebündelte Elektroverbindungen anzeigen müssen. Alohomora!" Beim lezten Wort hatte sie auf die Ladentür gedeutet, die widerstandslos aufsprang.

Im Laden befand sich ein Telefon für Kartenbenutzer oder Münzen. Julius fischte das Kleingeld aus seinem Umhang, das vom Ausflug nach San Rafael noch übrig war und warf alles ein. Dann wählte er die Telefonnummer und lauschte dem tiefen rauhen tut-Tut im Hörer. Es dauerte wohl eine halbe Minute, dann klickte es im Telefon, und die Restgeldanzeige zählte herunter.

"Ja, wer da?" Meldete sich Martha Andrews verschlafen klingend. Julius fiel ein berggroßer felsbrocken vom Herzen. Er sagte:

"Mum, ich bin hier an einem Münzfernsprecher und denke, der frisst alles Kleingeld. Ich kann nicht lange reden. Wo seid ihr gerade?"

"Wieso bist du an einem Telefon. Ich dachte, du wärest noch bei den Porters und ..."

"Hi, Mum, ich kann nicht so lange telefonieren", unterbrach Julius. "Nur soviel: 'n Paar Leute vom Ministerium sind sauer, weil Mrs. Porter mir geholfen hat, was über Paps rauszufinden, was die gerne geheimhalten wollten, wie du auch. Wir mußten uns Mr. Marchands altes Sofa ausleihen und werden wohl erst ein paar Tage untertauchen. Wo bist du gerade?"

"Das muß ich dich wohl fragen", sagte Martha Andrews sichtlich verwirrt. "Ich bin mit Mr. Marchand noch in New York. Wir haben uns gestern abend noch ein Musical angesehen, den Zauberer von Oz. Aber warum sollten die im Zaubereiministerium was dagegen haben, daß du weißt, was mit Paps ist?"

"Das fragst gerade du, wo du mir dieses internette Kindermädchenprogramm auf meinem Rechner eingebaut hast?" Wunderte sich Julius leicht verstimmt. "Weil das, was mit Paps passiert ist, eine echt böse Kiste ist, die mit den Leuten hier was zu tun hat. Bevor du meinst, die hätten ihn vermurkst, Mum, die waren das nicht. Die haben nur was dagegen, daß jeder mitkriegt, was wirklich passiert ist. Am besten bleibt ihr noch ein paar Tage in New York. Hmm, und am besten erzählst du deinem Reiseführer, wir wären wegen Sachen aus dem Laveau-Institut von so Zauberern gejagt worden und hätten sein altes Sofa ausleihen müssen. Aber da wo das jetzt steht wären wir nicht mehr. Sage ihm das nur so, Mum! Bitte!"

"Julius, ich weiß jetzt wirklich nicht, wo ich anfangen soll, dir irgendwas zu erklären", seufzte Mrs. Andrews. "Aber komm besser zu uns! Wir sind in wohl vier Stunden wieder in New Orleans und ..."

"Vergiss es, Mum! Tut mir leid, aber wir müssen erst mal in der Versenkung bleiben. Mrs. Porter hat mir das mit dem Telefon nur erlaubt, weil die das von der Zaubererwelt her nicht anzapfen werden. Mehr ist vorerst nicht. - Der letzte Vierteldollar ist g'rade auf der Anzeige, Mum. Ich werde mich wieder bei dir melden. Aber nicht in den nächsten vier Stunden. Ich liebe dich immer noch."

"Julius, sag mir bitte, wo ihr jetzt gerade seid und was ihr über diese Verbrecher rausgekriegt habt, die Richard gekidnappt und ausgetauscht haben!"

"Das sind keine Die, Mum, es ist nur eine Die, Mum. Aber mehr zu erzählen würde dich im Moment in Gefahr bringen, von diesen Netten Leuten gedächtnisgelöscht zu werden, wie Mrs. Porter und mich. Bis hoffentlich irgendwann, Mum!"

Mrs. Andrews wollte wohl noch was sagen, wurde aber vom erbarmungslos auf 0 Dollar gesprungenen Münztelefon abgewürgt.

"Ich hoffe, deine Momma kriegt keinen Schock!" Seufzte Mrs. Porter. "Es wäre vielleicht genug gewesen, ihr zu sagen, daß du noch ein paar Tage bei mir bleibst, weil wir noch einige Zauberersehenswürdigkeiten besuchen, für die wir mehr Zeit brauchen."

"'tschuldigung, Mrs. Porter. Aber das hätte ich nicht gesagt. Meine Mutter freut sich, daß sie mitkommen durfte. Ihr jetzt aufzutischen, daß wir sie nicht mithaben wollten wäre fieser, als was ich gerade erzählt habe", widersprach Julius.

Von draußen klang das Brummen eines näherkommenden Autos herein.

"Oh, wir sollten uns verpissen, zischte Julius. Mrs. Porter räusperte sich tadelnd, nickte aber. Sie eilten aus dem Laden und schlossen die Tür wieder richtig zu. Mit drei Schritten waren sie bei Julius' Besen und saßen auf. Kaum hatten sie den Boden verlassen, bog ein Cadillac in die lange Straße ein und hielt vor dem Laden. Der Fahrer stieg aus und schloss die Tür auf. Er wunderte sich über die Fußabdrücke auf dem Lenoleumboden. Er hatte doch gestern erst gründlich saubergemacht. Alarmiert sah er sich um und prüfte alles nach. Doch die Fußabdrücke gingen nur zum Telefon hin und von da wieder nach draußen. Nichts war verrückt oder entwendet worden. Der Ladenbesitzer wiegte den Kopf. Wer war hier ohne Einbruchsspuren reingekommen und hatte sich nur für das Münztelefon interessiert? Er rief von seinem Telefon im Büro aus die Polizei. Sollte die sich damit befassen.

 

__________

 

Es stimmte. Wenn man es mehrmals hintereinander mitbekam wurde es etwas erträglicher, fand Julius, als Mrs. Porter ihn wieder mit sich durch dieses zusammenquetschende Nichts zwischen Disapparition und Apparition zog. Zumindest war er jetzt wohl besser darauf gefaßt, erkannte er. Als der unbarmherzige Druck von seinen Augen schwand erkannte er, daß sie wieder im Sumpf außerhalb von New Orleans angekommen waren. Mrs. Porter wirkte etwas abgekämpft, fand Julius. Besorgt betrachtete er sich und die Hexe, ob ihr und ihm auch nichts fehlte. Doch es war alles mitgekommen, womit sie in diesen Martertunnel gestartet waren.

"Huh, war doch etwas weiter als vermutet", seufzte Mrs. Porter. "Wen auf die Strecke mitzuziehen kostet ja heftig Kraft. Aber dir geht es soweit gut, Julius?"

"Ja, alles noch dran", sagte Julius Andrews nickend.

"Gut. Auf den Besen! Wir sind in der Nähe vom Institut." Sagte Mrs. Porter noch und saß auf dem Ganymed auf. Julius schwang sich wieder hinter sie auf den Besen, der sofort aufstieg und erst einmal nach oben stieg, um dann mit großer Beschleunigung voranzupreschen. Weit hinter ihnen knallte es mehrfach. Offenbar hatte jemand sie doch angepeilt, dachte Julius.

"Die sind schneller als ich dachte", schnaubte Mrs. Porter. "Wir haben noch einen Kilometer vor uns. Wenn wir uns erst einmal im verhüllten Bereich befinden ist es vielleicht etwas leichter."

Eine Salve roter Blitze fauchte wie Laserschüsse des galaktischen Imperiums links und rechts an Julius vorbei.

"Ich kann die ausmanövrieren, Mrs. Porter", sagte Julius schnell, bevor ein weiterer Schockzauber keinen Viertelmeter an ihnen vorbeiblitzte.

"Du kannst mit mir vorne nicht so gut steuern, Julius. Aber du kannst Nebel machen", sagte Mrs. Porter und warf den Besen in eine steile Linkskurve, die fast einen rechten Winkel beschrieb. Drei Schocker gleichzeitig schwirrten wirkungslos über den Punkt hinweg, wo der Ganymed eine Sekunde vorher noch entlanggeflogen war. Dann sackte der Besen auf einmal durch, waagerecht wie ein schnell absteigender Hubschrauber. Wieder fauchte eine Dreiersalve Schockblitze unschädlich vorbei.

"Die haben selber Besen, Julius. Wir können die nicht so lange austricksen", sagte Mrs. Porter. Aber ich habe da noch einen Trick drauf, den ich denen gerne vorführen möchte. Nimm mich jetzt noch mal richtig in die Arme!"

Julius verstand zwar nicht, wozu das jetzt gut sein sollte, aber er gehorchte dieser Aufforderung und drückte sich so eng es ging an Mrs. Porter heran. Da meinte er, von ihr aus einen warmen Strom durch den Körper jagen zu fühlen. Sie summte irgendeine Melodie oder Zauberformel. Dann meinte Julius, aus seinem Körper schösse etwas mit Wucht heraus und breitete sich aus, zu einer rosaroten, durchsichtigen Kugelschale aus Licht. Julius kannte diese Energiesphäre. Er wunderte sich nur, wie Mrs. Porter sie ohne Zauberstab und Zauberformel hatte aufbauen können. Dumpf krachten drei Schocker gegen die zart wirkende Umhüllung und federten zurück.

"Wie haben Sie das denn gemacht?" Fragte Julius, und seine Worte hallten wieder wie durch ein Ofenrohr gesprochen.

"Erkläre ich dir im Institut! Wie geht dieser Katapultbeschleunigungszauber?" Julius dachte ihn, und im selben Moment sprang der Ganymed 10 vorwärts. Ein letzter Schocker streifte die rosarote Blase und zerstreute sich. Dann sauste der Besen beinahe senkrecht nach unten. Wieder ging es durch das silberne Lichttor, das nun, wo es bereits heller Morgen war, nicht mehr ganz so überstrahlend wirkte.

"Avada ...!" Drang noch ein verzweifelter Ruf durch die rosarote Lichtumhüllung. Dann waren sie durch das Tor.

"Habe ich das eben richtig gehört?" Rief Mrs. Porter keuchend. Julius nickte, obwohl seine vor ihm sitzende Tandempartnerin das nicht sehen konnte. Hatte da wirklich jemand den tödlichen Fluch rufen wollen? Aber offenbar war der magische Durchlass so schnell wieder zugegangen, daß der Fluch, wenn er wirklich aufgerufen worden war, ins Leere gesaust war. Denn sonst wäre Mrs. Porter sicherlich gestorben, trotz oder besser wegen der Energisphäre.

"Lass mich bloß nicht los, bevor ich die Sphäre wieder aufgehoben habe!" Rief Mrs. Porter, als Julius anstalten machte, die Hexe aus der Umklammerung freizugeben. "Ich würde die dann nicht mehr verschwinden lassen können und sie würde uns beiden innerhalb von Sekunden alle Lebenskraft rauben."

Julius verstärkte die Umklammerung wieder und wartete, bis sie einige Meter über dem Boden wie gelandet anhielten. Die untere Halbkugel der rosaroten Lichtumhüllung lag auf dem Boden. Wieder summte Mrs. Porter einige merkwürdige Töne. Wieder meinte Julius, ein Strom aus heißem Wasser würde aus Mrs. Porter durch ihn hindurchjagen, als sei sie ein Wasserkocher und er ein Warmwasserrohr. Dann zerstreute sich die Sphäre zu rosaroten und goldenen Funken, die alle auf die beiden zuschossen und knisternd an ihnen vergingen. Dann war der magische Schauer vorbei. Der Besen sackte noch einige Meter durch, bis seine Reiter mit den Füßen auf festem Boden standen.

"Ach, ist das schön, wenn ein junger Mann mich so herzlich umarmt", sagte Mrs. Porter erschöpft aber amüsiert. "Du darfst mich jetzt wieder loslassen, Julius."

"Wie haben sie den Zauber aufrufen können? Das war doch der Amniosphaera-Zauber", sagte Julius hastig und etwas unbedacht.

"Mal abgesehen davon, daß du den offiziell nicht kennen darfst hast du recht, Honey", lachte Mrs. Porter amüsiert und glitt vom Besen. Ihre Erschöpfung legte sich wieder. Auch Julius, der beim Absteigen merkte, daß er doch leicht abgekämpft war, fühlte neue Kraft in seine Glieder zurückkehren. Der Wachhaltetrank glich die ungewöhnliche Anstrengung aus, wie er es auch in der Bilderwelt schon erlebt hatte.

"Darf ich nicht von dem gelesen haben?" Fragte Julius.

"Nicht in Anwesenheit von Mr. Davidson", sagte Mrs. Porter. Dann sah sie sich um. Vom Hauptgebäude her eilten fünf Personen auf sie zu. Sie wollte gerade nach ihrem Zauberstab greifen, als sie den Geist Marie Laveaus zwischen den vier Zauberern und der Hexe entdeckte. Es waren Mr. Davidson, Ms. Truelane und drei Zauberer, die Julius noch nicht kannte. Sie hatten alle die leeren Hände so angehoben, daß jeder sehen konnte, daß sie unbewaffnet waren. Maries Geist war immer noch völlig nackt, so wie Julius ihr um Mitternacht begegnet war. Wieder mußte er sich zusammennehmen, sie nicht allzu heftig anzustarren.

"Ihr habt es also tatsächlich geschafft", sagte Davidson merkwürdig erleichtert klingend. Julius wunderte sich, was den vorhin noch so feindseligen Chef Mrs. Porters so umgepolt hatte. Doch Maries Lächeln gab ihm die einzig passende Antwort. Sie hatte ihn wohl bekniet, vielleicht sogar dazu geprügelt, Mrs. Porter und Julius nicht mehr jagen zu lassen. Nur hatten die Schockzauberer vor dem magischen Silberlichttor das noch nicht Mitbekommen.

"Die belagern uns", sagte Ardentia Truelane, als sie auf Hörweite herangekommen war. "Minister Pole hat Swift die obersten Sonderrechte erlaubt, Jane."

"Wie bitte?!" Entrüstete sich Jane Porter. "Deshalb hat uns einer mit dem tödlichen Fluch angreifen wollen?"

"Jetzt wissen die, wo das Institut ist", grummelte Julius."

"Den ungefähren Ort kennen sie schon seit der Gründung. Aber sie können damit nichts anfangen, weil nur ein zutrittsberechtigtes Mitglied das Tor öffnen kann", beruhigte Mrs. Porter den Jungen. Mr. Davidson kam mit abbittendem Gesichtsausdruck heran. Julius straffte sich wie vor einem Angriff. Sehr mißtrauisch sah er Mrs. Porters Vorgesetzten an.

"Ich habe zu übereilt reagiert. Das ist mir jetzt klar", sagte Mr. Davidson reuevoll. "Ich hätte Sie fragen sollen, warum Sie den Jungen ins Institut geholt haben."

"Ja, hätten Sie, Elysius", knurrte Jane Porter.

"Sie hätten dieser Geheimniskrämerei nicht zustimmen sollen und die Liga verständigen sollen", schulmeisterte Julius den wesentlich älteren Zauberer. Dieser sah ihn nun etwas verstimmt an und fragte, ob er keinen Respekt vor älteren Zauberern gelernt habe. Julius erwiderte: "Respekt, so hat mir Professeur Faucon erklärt, muß immer verdient werden. Sie haben sich den von mir verzockt, bevor Sie ihn bekommen hätten. Jetzt ist diese Kampftruppe hinter uns her, und ich finde meinen Vater nicht mehr, ohne von irgendwelchen durchgeknallten Kampfzauberern umgeflucht oder gar getötet zu werden. Danke für diesen tollen Urlaub!"

"Jane, bringen Sie ihm bitte bei, daß ich meine Befehle hatte, genauso wie Sie!" Zischte Mr. Davidson Mrs. Porter zu. Ardentia Truelane grinste Julius mädchenhaft an. Die drei anderen Zauberer warfen sich irritierte Blicke zu. Doch sie sagten kein Wort.

"Hier sind Sie erst einmal in Sicherheit, Jane. Ich habe verfügt, daß Ihnen und dem Jungen hier nichts passiert", sagte Marie Laveaus Geist Jane Porter zugewandt. Mr. Davidson verzog zwar das Gesicht, schwieg jedoch. Mrs. Porter nickte Marie zu, durch deren transparenten Leib das Licht der Sonne schimmerte.

"Folgen Sie uns bitte in den Besprechungsraum!" Forderte Mr. Davidson die Versammlung auf. Sie gingen hinter ihm her in das Hauptgebäude und durch das Treppenhaus zu einem großen Raum, der erst wie ein X-belibiges Besprechungszimmer wirkte und dann verschwand. Es war so, als stünden sie im Freien, keine Häuser um sie herum, den offenen Himmel als immer heller leuchtende Kuppel über sich aufgespannt, bis hinunter zum Horizont.

"Unser Panorama-Konferenzraum, Julius", sagte Mrs. Porter. Auf dem Boden entstand wie aus dem Nichts heraus ein langer, birkenheller Tisch und insgesamt sieben Stühle. Maries Geist zog einfach die langen, leicht silbrig glänzenden Beine an, als würde sie auf einem unsichtbaren Stuhl sitzen. Julius wußte aus eigener sinnlicher Erfahrung, daß Geister von der Erdanziehung völlig losgelöst waren. Doch wie sie da in der Luft thronte war schon sonderbar.

"Also", begann Mr. Davidson, "Marie hat mir verraten, daß sie das Treffen mit dir haben wollte, Julius." Er sah Julius Andrews genau an. Worum es da genau ging wollte sie mir nicht sagen. Nur soviel: Sie wollte, daß du über die wirklichen Hintergründe unterrichtet wirst, die deinen Vater so grausam verändert haben, daß unser Minister es als sehr strenges Geheimnis klassifizieren mußte." Julius wich den Blicken Davidsons aus. Der sollte ihn ja nicht legilimentieren. "Hmm", machte der offizielle Leiter des Marie-Laveau-Institutes, weil Julius ihn nicht ansehen wollte, "offenbar mißtraust du mir. Gut, mag sein, daß ich dieses Mißtrauen verdient habe. Aber du wurdest mir als überaus intelligent beschrieben und könntest vielleicht verstehen, warum wir so handeln mußten, wie wir gehandelt haben und ..."

"Wie gesagt, Sir, es wäre besser gewesen, wenn Sie die Kiste nicht unter den Teppich zu kehren versucht hätten", schnitt Julius ihm das Wort ab und kniff die Augen zu, weil Davidson ihn genau ansehen wollte.

"Es ist unhöflich, sowas zu sagen und seinem Gegenüber dabei nicht einmal in die Augen zu sehen", knurrte Davidson gereizt. Marie räusperte sich. Dann fuhr er fort: "Aber jetzt, wo du nun einmal unterrichtet wurdest, möchte ich dir mit den Mitteln die wir hier haben helfen, daß du an Geist und Körper unversehrt aus der Sache herauskommst. Solange der Minister seine Strafverfolgungsbeamten nicht zurückruft, solltest du dich nicht außerhalb unseres Schutzbanns aufhalten. Die Gästeräume stehen dir genauso zur Verfügung wie Ihnen, Jane." Endlich sah er mal Jane Porter an. Die war wohl eine gute Okklumentorin, weil sie Davidsons Blick freimütig erwiderte, wohl ohne Angst, mentalmagisch angezapft zu werden.

"Wir werden uns nicht lange hier aufhalten, Elysius. Ich werde mit dem Jungen so bald es sich einrichten läßt wieder hinausgehen. Ich bin nur zurückgekehrt, um einige Vorbereitungen zu treffen", sagte Jane Porter sehr kühl, daß Julius ein eisiger Schauer über den Rücken lief. "Die Belagerung dort draußen ist auf Ihren Übereifer zurückzuführen, Elysius. Ich habe nicht vor, Tage oder Monate lang in der Obhut des Institutes zu bleiben, und der Junge ist auch nicht hergekommen, um hier in privater Schutzhaft zu sitzen. Wäre Marie nicht an Sie herangetreten und hätte Sie umgestimmt, hätten wir uns wie Diebe im Dunkeln einschleichen und unsere Vorbereitungen treffen müssen, ohne daß Sie mich daran gehindert hätten. Ich habe Kollegen hier, die der Angelegenheit, die Minister Pole zur geheimen Chefsache gemacht hat, sehr skeptisch gegenüberstehen und mir bedenkenlos geholfen hätten. Ob ich jetzt mit Ihrer Zustimmung hierbleibe und Julius auch, oder ob wir hätten hereinschleichen, uns hier verstecken und nach den erwähnten Vorbereitungen wieder davonstehlen müssen bleibt gleich. Wir müssen langsam unserem Ruf und vor allem unserer Verpflichtung wieder nachkommen, nämlich menschliches Leben vor den Einflüssen dunkler Zauberkräfte zu schützen. Dazu gehören nicht nur die Muggel, die von Richard Andrews bedroht werden, sondern auch er selbst. Hätten Sie dies schon früher erkannt, Elysius, hätten wir jetzt nicht diese komplizierte Lage. Sie haben eine Flasche geöffnet, und ein eingesperrter Dschinn konnte entweichen. Aber daß wir, Julius und ich, an seiner Stelle in die Flasche hineinkriechen und darauf warten, daß irgendwer den Dschinn austreibt, sehe ich nicht ein, Elysius. Ich wollte Sie auch nur noch darüber in Kenntnis setzen, daß ich gedenke, unser Vorgehen in der Sache bei einer Vollversammlung der Institutsmitarbeiter überprüfen zu lassen. Im Grunde bin ich an Dingen wie dem sogenannten Purpurhaus mitschuldig, ja überhaupt daran, nicht früh genug mehr als nur Sie, den Minister und einige andere Leute zu informieren, bevor der zwingende Befehl kam, den Kreis der Eingeweihten möglichst klein zu halten." Die Anwesenden nickten zustimmend. Marie Laveau lächelte anerkennend. Mr. Davidson starrte Mrs. Porter grimmig an und fauchte:

"Sie sind undankbar, Jane. Aber wie Sie sagten, Sie sind auch daran schuld, daß wir in dieser Lage stecken. Vergessen Sie das nie!"

"Was meinen Sie, warum ich immer wieder darum bat, der Familie Andrews und einigen Bekannten aus der Liga alles zu berichten?!" Rief Jane Porter sehr energisch. "Aber Minister Pole und Sie bestanden ja darauf, die Sache bloß nicht zu weit in die Welt zu tragen. Wie gesagt werden Julius Andrews und ich nicht länger als nötig hierbleiben. Wie gesagt habe ich mit ihm noch einige Vorbereitungen zu treffen. Komm, Julius!"

"Moment, ich habe die Sitzung noch nicht ..." Stieß Mr. Davidson aus. Marie sah ihn warnend an und nickte Mrs. Porter zu, die Julius sachte bei der Hand nahm und lässig aus dem Besprechungsraum hinausführte. Davidson wollte wohl hinterher, wie die anderen auch. Doch Marie sagte etwas, das Julius aber nicht verstand, weil sie bereits um eine Ecke bogen.

 

__________

 

"Was sollte das?!" Rief Swift seinem Mitarbeiter zu, der gerade den tödlichen Fluch losgeschickt hatte.

"Sir, die Anweisung lautet, die beiden Flüchtlinge zu stellen oder zu verhindern, daß sie weiter fliehen können. Durch den Schutzblasenzauber kommt kein Schocker durch, und der Cruciatus verpufft auch. Imperius hätte nichts gebracht, weil Jane Porter sich gut dagegen wehren kann", sagte Tulius Hammer, der den Avada Kedavra geschleudert hatte.

"Der tödliche Fluch ist nur zu gebrauchen, wenn eindeutig ist, daß die Flüchtenden eine gefährliche Handlung ausüben, die unter allen Umständen verhindert werden muß", schrillte Swift. "Ansonsten gilt, die beiden lebendig zu fassen. Sonnen Sie sich ja nicht in dem Gefühl, den verbotensten Fluch wirken zu dürfen und nicht behelligt zu werden! Die Sonderrechte können schneller widerrufen werden als sie erlassen wurden", sagte Arco Swift wütend. Dann sah er auf die Stelle, wo gerade eben noch ein Besen mit zwei Reitern in einer rosafarbenen Leuchtsphäre durch ein silbernes Tor geschnellt war. Als der grüne Todesblitz losgebraust war, hatte sich das Tor schon wieder geschlossen, und der tödliche Fluch war wirkungslos in der leeren Luft verpufft. Kalter Schweiß stand auf Swifts Stirn. Daß seine Leute so locker mit gemeingefährlichen Flüchen hantierten hatte er nicht geahnt.

"Was tun wir jetzt, Sir?" Fragte Raptor, der auch mit von der Partie war. Swift sah seine Leute sehr eindringlich an und sagte dann:

"Wir bleiben hier und versuchen, den Unortbarkeitsschutz und die Verbergezauber zu ergründen, um ein Loch hineinzusprengen. Gelingt uns das, können wir das Gelände stürmen. Sollten die beiden Flüchtlinge nicht von Mr. Davidson festgesetzt werden, und der Minister dies bestätigt hat, müssen wir hier warten.

 

__________

 

"Hier rein", zischte Mrs. Porter ihrem jungen Begleiter zu, als sie vor einer niedrigen Tür standen. Mrs. Porter streichelte die tür an einigen Stellen, bis sie leise nach innen schwang. Sie duckte sich und schob sich durch die enge Öffnung. Julius beugte sich vor und schlüpfte etwas gewandter durch die Türöffnung. Sofort danach klappte die Tür wieder zu.

Sie standen in einem schlauchartigen Raum, dessen Wände aus sich selbst dunkelrot leuchteten. Mannshohe Regale mit silbernen Kästchen und halbdurchsichtigen Gläsern reihten sich die etwa zwanzig Meter langen Wände entlang. Sie waren wohl in einem Geheimlager oder einem Vorratsraum. Das Rot der Leuchtwände verfärbte Kleidung und Gesichter der beiden zu einem unheimlichen, blutigen Ton, und was ursprünglich blau war wurde dunkelviolett.

"Hier sind die auffüllbaren Zaubermaterialien", sagte Jane Porter so leise, als sei sie in einer Kirche oder gut besuchten Bibliothek. Sie griff nach einer der silbrigrot widerscheinenden Schatullen und tippte mit dem Zauberstab daran herum, bis sie aufklappte und ein Raster aus zehn mal zehn kleinen Steinen freilegte. Julius erkannte die Steine. Es waren die, von denen er einen zu Weihnachten benutzt hatte, um alles über den zweiwegspiegel in seinem Gedächtnis zu verbergen, daß nur er es wußte und nur freiwillig verraten konnte. Mrs. Porter nahm zwei der Steine heraus und beschäftigte sich fünf Minuten mit jedem. Julius sagte dabei kein einziges Wort. Dann gab sie ihm einen und sagte:

"Wie mit den Spiegeln, Honey." Julius verstand. Er drückte den linsenförmigen Topasstein an seine Stirn und fühlte eine Art leichter Elektroschocks, während eine Stimme in ihm flüsterte:

"Berge wohll alles was Marie Laveaus Geist dir verheißen und gezeigt hat! Berge wohl alles was Marie Laveaus Geist dir verheißen und gezeigt hat!" Diese Worte drangen immer wieder durch Julius' Gedanken, bis der Stein sich restlos zwischen seinen Fingern aufgelöst hatte. Alles was Marie Laveau ihm verraten, gezeigt und vorhergesagt hatte, würde nun kein Legilimentor mehr herausfinden.

"Ich dachte, Sie hätten den Stein damals bezaubert", sagte Julius leise.

"Ja, um das mit den Spiegeln zu machen mußte ich einen unbezauberten Edelstein haben und den in Eigenarbeit verhexen, Julius. Aber im Institut liegen vorbehandelte Topasse bereit, die nur noch mit der zu verbergenden Erinnerungsstruktur versehen werden müssen. Die ursprüngliche Zauberei dauert zwei Stunden. Deshalb wollte ich lieber hierher kommen und die vorbehandelten Steine nehmen", sagte Mrs. Porter.

"Ja, aber das fällt doch dann auf", sagte Julius.

"Sicher. Aber Mr. Davidson wird nicht wissen, was wir damit zu verbergen hatten. Aber komm jetzt in mein Büro. Ich gehe davon aus, daß Minister Pole es nicht hat versiegeln oder leerräumen lassen", sagte sie noch und führte Julius aus dem schlauchartigen Raum heraus, zurück in den Hauptkorridor, wieder hinaus aus dem kleineren Gebäude schräg gegenüber des roten Backsteinbaus, in diesen zurück und zu ihrem Büro. Tatsächlich war es für sie noch benutzbar, und sämtliche Möbel und Gegenstände waren noch an ihrem Platz. Mrs. Porter verschloss die Tür, legte einen starken Siegelfluch darauf und prüfte den Tee in der Kanne. Er war noch warm.

"Wir müssen uns auf da draußen vorbereiten, Julius. Ich weiß, du hast Ferien. Aber mindestens zwei Stunden Unterricht mußt du dir jetzt gefallen lassen. Es geht mir nämlich darum, daß wir beide in die Muggelwelt müssen und nicht andauernd fliegen oder apparieren können. Wir werden uns der schnellen Verkehrsmittel der Muggel bedienen, um uns unaufspürbar von der Strafverfolgung bewegen zu können. Außerdem müssen wir hier unangefochten hinaus. Der Angriff mit dem Todesfluch eben war eine unmißverständliche Warnung, diese Heißsporne da draußen nicht noch einmal so nahe an uns heranzulassen. Ich hätte nicht geglaubt, das Minister Pole so rigoros vorgeht." Beim letzten Satz sah sie sehr verärgert drein, wie Professeur Faucon, wenn sie eine schwer zu bändigende Wut auf jemanden hatte. Offenbar hatte dieser amerikanische Zaubereiminister auch bei ihr verspielt, fand Julius.

"Sie wollen mir besondere Zauber beibringen?" Fragte Julius und dachte daran, wie Professeur Faucon ihm in einer halben Stunde durch Erinnerungsverdopplung und -übertragung das Wissen um sehr heftige Flüche eingetrichtert hatte.

"Nun, wie Bläänch das mit dir angestellt hat, damit du deinen Zauberstab so hoch ausreizen konntest, wie Sams und Rubys Messuhr es verraten hat, können wir es nicht machen, da die Zauber, die ich dir beibringen muß nur durch Übung und Konzentration aufrufbar sind und durch Wissen alleine nicht verfügbar werden."

"Was soll Professeur Faucon angestellt haben?" Fragte Julius überflüssigerweise. Denn Mrs. Porter hatte ja schon anklingen lassen, daß sie über die Lösung des Wurmproblems in Hogwarts mehr wußte. Das mit der Zauberkraftmessuhr war ja auch ein klares Zeichen, daß er was mit seinem Zauberstab angestellt hatte, daß über die Schulbuchzauber hinausging.

"Julius, ich habe es nicht nötig, mich noch für dumm verkaufen zu lassen. Ich kann gut nachdenken und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Daß du den Amniosphaera-Zauber erkannt hast verriet mir neben einigem anderem, daß du wohl Zauber über den Lehrstoff der dritten Klasse hinaus gelernt hast und nicht nur in den vier Tagen im November. Nun, vertun wir nicht unsere Zeit! Nur soviel noch, weil ich finde, daß du das wissen sollst: Ich konnte uns eben in eine Amniosphaera-Schutzsphäre einschließen, weil ich den Vivantennatus-Zauber beherrsche, der zwei Magier bei festem körperlichen Kontakt zu einer Einheit verbindet, bei der ein Zauberkundiger den Auslöser und der zweite den Verstärker bildet, ähnlich einem Sender und einer Sendeantenne. Durch dich floss mein rein gedachtes Zaubern der Sphäre und wurde aus dir heraus wie mit einem Zauberstab aufgerufen. Du hast den Zauber gebündelt, während ich weiterfligen konnte. Jedoch darf der Körperkontakt nicht unterbrochen werden, wenn ein andauernder Zauber wie die Sphäre gewirkt wurde. Du hast den Zauber mindestens dreifach verstärkt, habe ich gemerkt, weil die Angriffe dich und mich nicht so heftig erschüttert haben wie üblich. Hättest du mich losgelassen, wäre uns beiden die gesamte entfaltete Zauberkraft um die Ohren geflogen. Dieser Zauber wird nicht im allgemeinen Schulbetrieb gelehrt, weil die Unterbrechung des Körperkontaktes eben großen Schaden anrichten kann, je nach Zauber körperlichen, geistigen oder die Gesetze von Raum und Zeit erschütternden." Julius erbleichte und bekam dann ganz rote Wangen vor Aufregung.

"Moment mal, von so einem Zauber habe ich doch mal gelesen. Ist das nicht einmal passiert, daß eine Squib-Frau einmal ziemlich heftig zaubern konnte, weil sie mit einem vollwertigen Zaubererkind schwanger war?"

"Richtig, Julius. Der Fall Milagra Castillos vor einhundert Jahren. Es wurde sogar vermutet, daß Muggelfrauen auch magische Kräfte entwickeln, wenn sie vollwertige Hexen oder Zauberer austragen. Aber bis heute ist das wohl nicht bestätigt worden."

"Dann hätte meine Mum ja ziemlich heftig gekuckt, wenn sie auf einmal was angestellt hätte, wo mir alle in den Ohren liegen, daß ich so'n heftiger Zauberer bin", grinste Julius.

"Eben, Julius. Wenn es stimmt, hätte es spätestens bei dir erkannt werden müssen, zumal Gerüchte umlaufen, daß Muggel einen winzigen Rest Magie im Körper hätten, der wie ein Feuer entfacht werden könnte. Aber bis Heute kenne ich keinen solchen Fall. Aber soviel zum Vivantennatus, damit du weißt, was ich da mit dir angestellt habe. Kommen wir zum wesentlichen!" Sagte Mrs. Porter und sprach nicht mit seinen Ohren zu hören in Julius' Bewußtsein weiter: "Daß ich dich auf diese Weise so leicht ansprechen kann zeigt mir, daß du ein guter Empfänger bist. Wenn wir hier wieder hinausgehen müssen wir uns unsichtbar halten. Wenn wir uns dann noch verständigen wollen, mußt du versuchen, mich auch mentiloquistisch zu erreichen. Ich verrate dir, wie du das trainieren kannst."

Julius staunte nicht schlecht. Die Hexe wollte ihm das Gedankensprechen beibringen? Wäre vielleicht interessant, wenn er in der Schule jemandem helfen wollte und ihm dann Tipps zudenken konnte. Doch Mrs. Porter schien das aus seinen Gedanken gelesen zu haben. Sie lächelte und sagte:

"Ich bringe dir das bei, weil ich weiß, daß du das in Beauxbatons nicht mißbrauchen kannst. Denn alle nach außen strömenden Gedanken verlieren auf dem Gelände schnell an Kraft. Das einzige Mittel dagegen sind direkte Blutsbande. Aber auch da spielt die Entfernung eine Rolle. Also könntest du diese Kunst nicht benutzen, um jemandem unhörbar vorzusagen, so edel das Motiv dir erscheinen mag. Ich weiß das von Bläänch, weil sie ihr Haus mit demselben Zauber gesichert hat."

"Ach, deshalb ist Madame Odin rausgegangen, um ihrer Tochter mitzuteilen, daß sie über Mittag bleibt", dachte Julius. Dann fiel ihm noch was ein:

"Professeur Fixus kann aber Gedanken hören. Das dürfte ja dann gar nicht gehen."

"Tut es wohl auch nur, wenn sie direkten Blickkontakt mit jemandem hält, soweit ich weiß. Aber kommen wir zur Übung!" Sagte Jane Porter.

Sie erläuterte Julius, daß er für den Mentiloquismus keinen Zauberstab und auch kein Zauberwort brauchte, sondern nur die Fünf-Stufen-Schulung. Die Stufe eins nannte sie "Das innere Schweigen". Hierbei ging es darum, den Geist von allen worthaften Gedanken freizumachen, ähnlich wie es beim Klangkerker der Fall war. Schaffte man es, mehr als eine halbe Minute seinen Kopf von worthaften Gedanken freizuhalten, mußte man diesen vorgang mindestens zwanzigmal wiederholen, bevor es an die zweite Stufe ging. Diese wurde von Jane Porter mit dem Titel "Das stehende Bild" bezeichnet. Hierbei mußte sich der Schüler, also Julius, nach dem inneren Schweigen ein unbewegliches Bild vorstellen, das er für eine volle Minute flackerfrei und gestochen scharf vor dem geistigen Auge stehen haben mußte. Waren auch hier zwanzig Übungen ausgeführt, ging es an die dritte Stufe: Das gefühlte Bild. Nach den ersten beiden Stufen sollte er sich zu dem Bild, das er im Kopf hatte, noch ein angenehmes Gefühl dazu aussuchen und das Bild damit eine halbe Minute lang weiter festhalten. Auch hier waren zwanzig Durchgänge Grundübung angesagt. Die vierte Stufe hieß "Das Wort im Bild". Hierbei mußte Julius es schaffen, dem Bild von der Übung ein von dem angenehmen Gefühl getragenes Wort aufzulegen und dieses wiederholen, bis die Lehrerin, also Jane Porter, die Übungseinheit beendete. Dann mußte der ganze Vorgang auch zwanzig Mal wiederholt werden, bis die vierte Stufe als genügend geübt angesehen wurde. Die fünfte Stufe war "Das sprechende Bild", wobei es endlich darum ging, das über die vier Stufen aufgebaute Bild mit einer Zielperson in Beziehung zu bringen und dieser eine Wortbotschaft von mindestens einem Wort zuzudenken.

"Das Eis ist dann gebrochen, wenn du bei deinen Übungen auf der fünften Stufe einen immer deutlicheren Nachhall deiner Wortbotschaft im Kopf vernimmst. Denn wie die Objekte im physikalischen Raum kann auch ein fremder Geist widerhallen, wenn du ihn gezielt ansprichst", sagte Mrs. Porter. Julius sah sehr trübselig aus. Das war hammerhartes Training, heftiger als jede Zauberübung vorher. Kein Wunder, daß Professeur Faucon ihm das nicht beibringen wollte.

"Ich weiß nicht, ob zwei Stunden dafür ausreichen", seufzte Julius betreten. "Außerdem zieht das Mentiloquieren doch ziemlich viel Kraft aus einem raus, zehnmal soviel wie bei körperlicher Anstrengung."

"Das stimmt", sagte Mrs. Porter. "Aber der Trank hält noch bis heute abend vor und hält dagegen, wenn du dich anstrengst. Ich erwarte auch nicht von dir, daß du mich direkt aus jeder Entfernung anmentiloquieren kannst. Es ist mir erst einmal nur wichtig, daß du es lernst, mir wenige Wörter zuzuschicken, beispielsweise ein Ja oder Nein, wenn ich dir Anweisungen erteile oder Fragen stelle. Nicht mehr und nicht weniger will ich für heute in dich reinkriegen, Honey. Du bist bei mir in sehr guten Händen. Bis heute habe ich jeden, der von mir für das Institut ausgebildet wurde innerhalb von einem Tag dazu bekommen, mir ein einziges Wort zuzumentiloquieren. Da du bereits ein guter Empfänger bist, wirst du dieses Ziel erreichen, bevor wir uns mit den Banalitäten unseres Ausfluges befassen."

"Und was wenn nicht?" Fragte Julius.

"In diesem Fall müßte ich Mr. Davidson eingestehen, daß mein Vorhaben nicht durchführbar ist und dein Vater nicht gefunden werden kann. Also fangen wir an!" Sie holte eine kleine Sanduhr aus ihrem Schreibtisch, schüttelte sie ein wenig und drehte sie mit dem leeren Kolben nach unten. "Und los geht's! Inneres Schweigen!" Befahl sie.

Julius schloß die Augen und kämpfte darum, keinen Gedanken im Kopf zurückzubehalten, der irgendwie ein Wort war. Natürlich, er mußte ein Bild im Kopf haben, ohne Sinn und Bedeutung oder ein instrumentales Musikstück, das er Ton für Ton durchlaufen ließ. So würde es gehen. Er dachte an ein immer lauteres Musikstück, mußte aber immer an dessen Namen denken, der an sich ja ein Wort war. War es denn überhaupt möglich, ein völlig wortloses Bewußtsein zu schaffen? Er öffnete die Augen und schüttelte den Kopf.

"Das war noch keine halbe Minute, Julius", sagte Mrs. Porter leicht tadelnd. Doch etwas sanfter fügte sie hinzu: "Keiner kriegt das beim allerersten Mal hin, Honey. Ich habe fünf Versuche gebraucht, um den ersten brauchbaren zu schaffen. Probieren wir es noch mal!"

Sie nahm ihren Zauberstab und ließ den Sand in der Uhr komplett nach oben zurücksteigen. Dann gab sie wieder das Startsignal.

 

Dieses Mal dachte Julius nur an Meeresrauschen. Er ließ es immer lauter werden und lauter, bis er bestimmt keine gedachten Worte mehr hörte. Dazu stellte er sich das Meer vor, wie es gegen einen weißen Sandstrand brandete.

"Und durch!" Sagte Mrs. Porter belustigt.

"Woher wollen Sie wissen, woran ich denke, wenn ich die Augen geschlossen halte?" Fragte Julius.

"Ich weiß das nicht. Ich sehe jedoch an deinem Gesicht, wenn du dich auf etwas gut eingestimmt hast und nicht unterbrochen wirst, eben durch verbotene Gedankenwörter." Dann mentiloquierte sie ihm etwas leiser als sonst zu: "Wenn du das hinkriegst, mir mehr als ein Wort zuzumentiloquieren, kann ich dir auch die Okklumentik beibringen, bevor du wieder zu Bläänch zurückmußt, Honey." Julius verstand. Wenn er diesen Parcours der Geistesverränkungen schaffte, ohne anzuecken oder irgendwo hinzufallen hatte er bereits eine geniale Vorübung für die Okklumentik, oder Occlumentie, wie Professeur Faucon sie im Unterricht genannt hatte.

Julius ließ jetzt immer diese monotone Meeresbrandung in seinem Kopf rauschen. Immer und immer wieder, bis die Übungsrunde vorbei war.

"Okay, ob du mich bald von dir aus andenken kannst wie Mel es genannt hat, als ich sie in den Ferien mal getestet habe, werden wir bald wissen. Jetzt kommt Stufe zwei. Du mußt dir nach dem Schweigen ein unbewegliches Bild vorstellen und störungsfrei und klar im Kopf halten. Also, erst inneres Schweigen, dann Stehendes Bild."

Julius dachte jetzt nicht mehr das brandende Meer, sondern nur noch das Rauschen. als Bild dazu nahm er einen wolkenlosen Himmel. Zwischendurch schummelte sich jedoch ein worthafter Gedanke in sein Bewußtsein, und er mußte die Übung abbrechen. So dauerte es wohl an die zehn Minuten, bis er einen fließenden Übergang zwischen innerem Schweigen und stehendem Bild hinbekam.

"Du rufst dir das Bild schon ganz am Anfang ins Bewußtsein, sehe ich dir an, zumal du ja dein Zeitgefühl ausblenden mußt", erwiderte Mrs. Porter amüsiert. Julius sah sie verdutzt an. Konnte sie vielleicht doch seine Gedanken auffangen? Doch sie mochte recht haben. Er mußte ja schon das Bild im Kopf haben, wenn er sich sicher war, kein gedachtes Wort mehr darin zu haben, weil er ja nicht mehr mitbekam, wann dreißig Sekunden um waren. "Du hast intuitiv verstanden, was Sinn und Zweck der Übung ist. Aber die anderthalb Minuten pro Durchgang müssen schon sein, Honey", sagte sie mit großmütterlicher Betonung. So lief die Übungsrunde weiter, bis sie schließlich sagte: "Fertig mit Stufe zwei! Trink erst mal was!"

Julius trank begierig eine große Tasse Tee leer. Er fühlte, wie sein Kopf und sein Körper regelrecht aufgeheizt worden waren. Das Gehirn einzupegeln war also wirklich harte Arbeit, härter als eine Schachpartie. So sagte er es auch Mrs. Porter.

"Genau deswegen denke ich, daß du mir nachher was sagst, ohne daß ich das mit den Ohren hören muß. Du bist ein sehr guter Schachspieler und daher an komplexes und gerichtetes Denken gewöhnt. Dann machen wir gleich weiter."

Nach der kurzen Teepause ging es an Stufe drei, das gefühlte Bild. Julius baute sich seine Meeresbrandung, den Himmel und dazu eine gute Stimmung. Er fühlte nach dem sechsten Durchlauf, wie ihm das immer besser gelang. Als die dritte Übungsrunde fast ohne Patzer durch war, klopfte Mrs. Porter ihm auf die Schultern.

"Du kriegst das hin, auch wenn Bläänch mich dann schräg ankucken sollte. Ich habe auch eine Lehrerlaubnis, die sich nicht auf volljährige Hexen und Zauberer beschränkt. Also weiter!"

Weil es jetzt nicht nur darum ging, ein Bild über einem wortlosen Hintergrund zu haben, mußte Julius sich nach dem Meer was anderes vorstellen. So nahm er das Raunen in einem Zuschauerraum, praktischerweise der Aula von Beauxbatons, holte sich als stehendes Bild die leere Bühne und als angenehme Stimmung Zufriedenheit. Als er dieses Grundgerüst endlich durchspielen konnte, ließ er irgendwann das Wort "Musik" durch seinen Kopf laufen, die Bühne als stehendes Bild behaltend, nur das Raunen immer leiser werdend. Irgendwann riefen alle Zuschauer: "Musik! Musik!" Dieses Muster wiederholte er mit der Präzision eines Schachspilers, der eine vertraute Eröffnung immer wieder ohne großes Nachdenken spielen kann. Nach dieser Übungsrunde sollte er was essen.

"Der Trank hält dich zwar wach, aber er zehrt gut an den Körpersubstanzen, Julius", belehrte ihn Mrs. Porter. Sie wirkte sehr konzentriert, irgendwie so, als müsse sie zusehen, wie Julius sich durch einen Irrgarten arbeitete. Nach der Mittagspause mit Schinken-Salat-Sandwiches stimmte sich Julius auf die fünfte und letzte Trainingsstufe ein. Mrs. Porter sprach ihm noch einmal Mut zu, daß er es sooft probieren durfte, bis er es schaffte. Dann fing er an.

Um Mrs. Porter zu erreichen mußte er sie vor sich sehen oder konzentriert an sie denken. So sah er sie an, während sie die Augen geschlossen hielt. Offenbar öffnete sie ihren Geist für die zaghaften Versuche, von ihm angesprochen zu werden. Wie oft er es auch anstellte, er bekam die Routine von eben nicht hin. Das trieb ihn fast an den Rand der Aufgabe.

"Ich habe dir gesagt, du schaffst das, weil ich weiß, daß du das willst und vom Grundtalent her auch hinkriegen wirst", sagte Mrs. Porter, als Julius sagte, er könne es wohl doch nicht. Dann fiel ihm etwas ein: Diese Kunst würde in der Muggelwelt als Telepathie bezeichnet, weil es ja darum ging, daß jemand von jemandem anderen die Gedanken oder Gefühle mitbekam. Das konnte bei solchen Medien so stark wirken, daß sie glaubten, sie seien selbst die Personen, deren Gedanken sie wahrnahmen. Darin lag der Schlüssel. Julius durfte nicht denken: "Ich an Mrs. Porter", sondern "Mrs. Porter denkt". Sein Gesicht hellte sich auf. Das konnte gehen. Mrs. Porter strahlte ihn an. Dieses Strahlen fotografierte Julius mit seinem Verstand wie mit einer Kamera und hielt es fest, ohne erst an ein Wort zu denken. Dann ließ er Freude zu diesem Bild in sein Bewußtsein strömen, Dachte Ich bin Jane und denke: "Ob Bläänch das will? - Ob Bläänch das will?! Ob Bläänch das will?!" Das dachte er mit Mrs. Porters Stimme, die immer lauter wurde, bis sie merkwürdig nachhallte, wie von nahebei stehenden Wänden.

"Also ich denke, meine Brieffreundin würde mich jetzt in eine Schmeißfliege verwandeln, wenn sie erfährt, daß ich dir meine Südstaatenaussprache ihres Namens anerzogen habe und das nur in zwei Tagen", lachte Mrs. Porter und nahm Julius in ihre warmen, weichen Arme. Julius wurde schwindelig, weil die Hexe ihn so heftig anstrahlte, als liebkose sie einen von ihr innig geliebten Mann. Tatsächlich küßte sie ihn auf jede Wange und knuddelte ihn.

"Wie gesagt: Wenn was beim Lehrer ankommt, was der Schüler ihm zudenkt, dann ist das Eis gebrochen, Honey", lachte sie ihn an. "Du hast es also auch herausgefunden, was das Geheimnis ist. Das darf nämlich der Lehrer nie verraten. Oder hast du etwa gedacht, nur irgendwelche Stufen machen den zauber aus?"

"Öhm, erst ja", sagte Julius. "Aber dann ist mir eingefallen, daß es doch anders laufen muß, ähnlich dem Exosenso-Zauber, eben nicht mit Wahrnehmung sondern mit Gedanken."

"Ganz richtig, Honey. Du mußt dich nicht nur an mich wenden, sondern regelrecht in mich hineindenken. Daher auch der Widerhall, weil du in dem Moment eine Resonanz erzeugst. Ich kriege das zwar mit, daß du es bist, weil deine Gedanken mich intuitiv an dich erinnern. Aber wenn du dir vorstellst, du wärest ich, dann können deine Gedanken Mein Bewußtsein erreichen. Deshalb ist das ja auch mit der Blutsverwandtschaft so ein unheimlicher Verstärker, weil du ja durch die Blutsverwandtschaft bereits eine schlummernde Verbindung unterhältst, die du nur noch zu wecken brauchst. Wer ist von blutsverwandten Mentiloquisten am ehesten aufeinander eingestimmt?"

"Zwillinge, sowie Mütter und ihre Kinder", sprudelte es aus Julius wie aus einer Bergquelle.

"Auch zwischen Großmüttern und Enkeln funktioniert es sehr gut, sofern es Kinder einer Tochter sind. Deshalb habe ich das mit Mel ja so gut hinbekommen. Seitdem können Geri und sie ihre Frau-zu-Frau-Gespräche unabhörbar für Marcellus führen. Tja, und wenn Myrna die siebzehn voll hat, dann bringt ihre Oma ihr das beredte Schweigen auch noch bei", sagte sie noch und grinste dabei feist wie ein freches Schulmädchen, das gerade jemandem eins ausgewischt hat.

"Ja, aber war das jetzt ein Zufallstreffer oder schon ein Fuß in der Tür?" Fragte Julius noch etwas verunsichert.

"Ich sagte - und das nicht einfach so -, daß in dem Moment, wo du raushast, jemanden zu erreichen, das Eis gebrochen ist. Ich hoffe, dir selbst ist das nie passiert und du kennst auch keinen, dem das passiert ist. Aber wenn jemand durch eine Eisdecke bricht, fragt er oder sie nicht mehr danach, ob das Eis anderswo fester ist", erwiderte Mrs. Porter leicht ungehalten, weil Julius sich nicht einfach mit seinem Erfolg anfreunden oder abfinden wollte. Dann sagte er noch:

"Aber ich bin noch keine siebzehn. Krriegen Sie da nicht wirklich Ärger?"

"Nur, wenn ich dich aus Jux und Vergnügen damit traktiert habe, ohne jeden Grund. Aber genau den habe ich. Wie gesagt will ich haben, daß wir beide uns ohne Worte austauschen können. Deshalb werde ich dir jetzt beweisen, daß es kein Zufall war. Ich drehe mich weg von dir, und du näherst dich mir in Gedanken. Dann schickst du mir Zahlen zu, erst zweistellige, dann dreistellige. Dabei höre ich die Zahlen als Wörter und sehe sie nicht als Ziffernfolge. Das machen wir solange, bis du es glaubst, Freundchen. - Und los geht's!"

Mrs. Porter wandte sich ab. Julius dachte, daß er nicht denken sollte, sie würde die Botschaften legilimentisch abfangen. Er konzentrierte sich auf das strahlende Gesicht der Hexengroßmutter und ließ erst einen leisen Ton im Kopf erklingen. Dann empfand er die Freude, die das Gesicht ausstrahlte, dachte so, als würde Mrs. Porter laut sagen: "Zweiundvierzig! Zweiundvierzig!" Bei der dritten Wiederholung meinte er, die Stimme klänge in einem großen Klassenzimmer. Beim vierten Mal wäre sie in einem langen Korridor und beim fünften Mal in einer großen Halle.

"Na klar, Honey. Zweiundvierzig!" Sagte Mrs. Porter. "Hast du den Nachhall mitbekommen?"

"Öhm, wie oft habe ich das denn gedacht?" Fragte Julius.

"Sooft, daß die Summe zweihundertzehn ergibt."

"Huch! Dann haben Sie das fünfmal ... Kein Kommentar. Ich probier's noch mal."

Er konzentrierte sich erneut, ließ einen noch wärmeren Summton im Kopf erklingen, stellte sich das strahlende Gesicht Mrs. Porters vor, nahm die Freude in sich auf und dachte daran, Mrs. Porter würde laut sagen: "Vierundfünfzig! Vierundfünfzig!" Schon beim ersten Mal hallten ihre Worte wie in einem weiten Raum. Beim zweitenmal hallte es wie in einer Kathedrale.

"Zweimal vierundfünfzig ergibt einhundertacht", trällerte Mrs. Porter für die Ohren hörbar.

"Noch mal", bestand Julius auf eine dritte Runde und konzentrierte sich. Summton, freudestrahlendes Gesicht, Freude pur und dann mit Mrs. Porters Stimme "Kleines Kind, was bist du Müd" auf Französisch singend.

"Sieh was draußen g'rad' geschieht!" Sang Mrs. Porter die nächste Zeile in der Heimatsprache Professeur Faucons. "Also lauter mußt du nicht mehr in mich reindenken, Honey", lachte sie dann, wobei sie wieder Englisch sprach. "Schönes Wiegenlied. Hat Bläänch dir das beigebracht?"

"Öhm, in gewisser Weise", sagte Julius. Ob er das Mrs. Porter erzählen sollte, wo und in welchem Zustand er das Lied zum ersten Mal mit nicht vorhandenen Ohren gehört hatte? Besser nicht.

"Gut, Honey, da du dich jetzt übrigens in nur fünf Sekunden auf mich einstimmen kannst und ich denke, daß das im Verlauf der nächsten Durchgänge noch schneller geht, kommen wir jetzt zum wesentlichen. Wir beide werden uns unsichtbar machen, sobald wir aus dem Schutzbereich des Institutes heraussind. Da der Harvey-Besen dem Institut gehört und der Ganymed nicht getarnt werden kann, müssen wir in den Städten der Muggelwelt unsichtbar und unhörbar sein. Das mit der Unsichtbarkeit besorge ich für dich, wenn wir draußen sind. Hast du Mut zum Risiko?"

"Ich will wissen, was mit meinem Vater ist und ob wir den befreien können", sagte Julius.

"Okay, dann warte hier bitte!" Sagte Mrs. Porter.

Julius starrte die Tür an, durch die Mrs. Porter ihr Büro verließ. Er dachte daran, daß er wohl gleich irgendwas abgedrehtes machen mußte. Er sah die Bilder an. Hätte er das Intrakulum, hätte er was machen können, womit die Geheimniskrämer hier nie rechnen würden, weil das wieder ein anderes Geheimnis war. Aber erstens hatte er das Intrakulum nicht. Zweitens sah er in diesem Büro keine gemalte Person, die er fragen könnte, ob sie ihm einen schnellen Weg nach draußen zeigen konnte. Drittens konnte er Jane Porter nicht mitnehmen.

Zwei Minuten waren gerade verstrichen, da betraten Mrs. Porter und Ardentia Truelane das Büro.

"So, Julius! Ardentia bringt uns jetzt raus, ohne daß Arcos Kettenhunde das mitkriegen. Mr. Davidson erzählt dem Minister gerade, er hätte uns Asyl gegeben. Ardentia bringt uns dahin, wo dein Vater das letzte Mal zugeschlagen hat. Wo war daß? - A ja, Las Vegas, Nevada!"

"'tschuldigung, Mrs. Porter. Aber da war doch so'n Anruf auf Mr. Marchands Telefon, daß ein Doppelgängerfreund vom FBI in Columbus, Ohio zugeschlagen hätte, zusammen mit 'ner Rothaarigen. Ich fürchte, die meinen Paps und diese Höllenbraut."

"Das fürchte ich für dich mit", seufzte Mrs. Porter. "Ja, ich habe das auch gehört. Aber wann und wo genau das war ..."

"Kriegen wir da raus, Mrs. Porter. Die haben bestimmt ein Internetcafé da."

"Du mit deinem Internet", grummelte Mrs. Porter. Aber dann mußte sie nicken. Dann wandte sie sich Ardentia zu.

"Ihn zuerst, Ms. Ardentia!" Die jüngere Hexe nickte und deutete mit dem Zauberstab auf Julius. Diesem schwante, daß jetzt entweder ein Schlafzauber oder eine Verwandlung ... "Centinimus!"

Mit einem Ruck ließ Ardentia den zauberstab waagerecht nach unten schnellen. Julius kannte diesen Zauber, seiner Meinung nach zu gut. Doch bevor er sich völlig an den ersten Schultag in Beauxbatons erinnerte, explodierte die Welt um ihn wie ein mit mehreren hundert Atmosphären aufgeblasener Riesenluftballon. Alles wuchs in alle Richtungen des Raumes an. Julius meinte, in ein bodenloses Loch zu fallen. Die Luft wurde immer dichter, bis sie ihm fast wie Wasser vorkam. Schwer atmend sah er sich ängstlich um. Baumhohe und meterdicke Stuhlbeine ragten hinter ihm auf, und so hoch wie die Astronomiekuppel hing die zerklüftete und zerkraterte Unterseite des Schreibtisches über ihm. Dann kam von oben eine Hand, die größer war als ein ungarischer Hornschwanz, rosig und mit quaffelgroßen Löchern übersäht, verwirbelte die halbflüssige Luft um ihn und ergriff ihn mit meterlangen Fingern gerade so fest, daß er nicht eingequetscht wurde. Im Hui ging es nach oben, an einem engmaschigen Gebilde wie ein grasgrünes Netz vorbei. Wie unmittelbar neben ihm stehende Glocken klimperte etwas vor ihm. Der Schock der heftigen Verkleinerung machte ihn immer noch sprach- und bewegungslos. Dann sah er zwei riesige grüne Hügel auf sich zurasen, bis er genau zwischen ihnen in ein grobmaschiges Netz plumpste. Heftige Stöße wie Erdbeben erklangen. Er fühlte etwas wie Wind um sich herum und merkte, wie er heftig schaukelte. Nicht mehr lange, und er würde seine Sandwiches ausspeien. Dann begriff er. Ardentia hatte ihn in ein bestimmt sehr feinmaschiges Netz an einer Schnur um den Hals geworfen. Dasselbe würde sie mit Jane Porter machen. So baumelte er vor ihrem Brustkorb.

Es klackerte sehr Laut, als würde ein tonnenschwerer Riegel vorgelegt. Julius sah sich um. Sein Sichtfeld war durch Ardentias Oberweite verstellt. Nach unten konnte er die lastwagengroßen Schuhe der Hexe sehen, die tief unter ihm gerade zum Halten kamen. Dann hörte er wieder das Zauberwort. Es klang wie ein Donnerwetter für Julius, der sich die Ohren zuhielt. Ein Pfeifen wie eine Sturmböe durch eine Türritze, und keine zehn Sekunden später kullerte Mrs. Porter in das Netz. Sie sagte mit keuchender Stimme:

"Kopfblasenzauber, Honey. Der geht in dem Zustand."

Julius zückte seinen Zauberstab. Würde es klappen, auch als centinimisierter Mensch zu zaubern? Doch Mrs. Porter machte schon die ersten Gesten für den Kopfblasenzauber. Also machte er sie auch und murmelte halblaut die entsprechenden Worte. Dann stülpte sich die bläuliche Energiesphäre um seinen Kopf und schloss wie aus Gummi um seinem Hals. Tatsächlich wurde die Luft sofort besser, staunte Julius. Er konnte freier atmen. Die Kopfblase konnte halten, bis man sie auflöste oder einschlief. So konnte er also die eine Stunde austricksen, die ihm in diesem Zustand sonst geblieben wäre, bevor die viel zu dicke Luft von seinen Lungen nicht mehr ausreichend veratmet werden konnte. Er fühlte Mrs. Porters Arm um seine Schulter gleiten und sie sich eng an ihn kuscheln.

"Du bist ein Glückspilz, Julius", mentiloquierte sie ihm. "Die liebste Oma der Südstaaten hat dich im Arm, und die schönste und intelligenteste Hexe drückt dich an ihre Brust."

Tatsächlich fühlten beide, wie die Überriesin Ardentia sie beide im Tragenetz oder was es immer war anhob und hinter dem grünen Vorhang ihres Kleides wieder absinken ließ. Es wurde schlagartig wärmer. Bumm-bumm! Bumm-bumm! Bumm-bumm! pochte es wie eine mehrere Meter große Pauke in unmittelbarer Nähe. Der Takt des Lebens, Ardentias Herzschlag.

"Hier sind wir erst einmal gut aufgehoben", mentiloquierte Mrs. Porter. Julius konzentrierte sich. Durch die beiden Kopfblasen würde jeder laute Ruf von ihm unhörbar werden. Er schaffte es, Mrs. Porters strahlendes Gesicht wieder vor sich zu sehen und ließ Ardentias Herzschlag als wortloses Gedankenbild nachhallen, bis er es schaffte, "Abgedrehter Zustand und Ort", zu denken, mit Mrs. Porters Stimme. Sie hallte in seinem Kopf wie von weit entfernten Wänden wider.

"Ich fragte dich ja, ob du Mut zum Risiko hast, Honey", kam eine Antwort in seinem Kopf an.

Merkwürdigerweise fühlte er von den Bewegungen nicht mehr viel. Mochte es sein, daß dieses Netz innerttralisiert war? Die Frage stellte er Mrs. Porter auf wortlosem Weg.

 

"Ardentias Kleid, Honey. Sie hat es vorhin mit dem Zauber belegt, damit wir hier nicht so herumschlingern. Aber du wirst immer schneller und lauter. Dauert nicht mehr lange und jeder mich betreffende Gedanke kommt sofort bei mir an."

"Ehrlich?" Schickte Julius nach wohl nur fünf Sekunden Vorbereitung zurück.

"Neh, so schnell geht das nicht, Julius", kam ein irgendwie amüsierter Gedanke zu ihm zurück. "Die Stufen müssen schon eingehalten werden. Nur sie brauchen nicht mehr so lange, und wenn die Einstimmung oft genug geklappt hat, dann erreichst du mich oder die entsprechende Person besser." Einige Momente Schweigen und nur das Pochen von Ardentias Herz und das laute Fauchen ihres Atems, dann kam Mrs. Porters Gedankenstimme wieder durch. "Wir haben den Harvey-Besen erreicht, den wir beide heute hier geparkt haben. Jetzt geht's los!"

Es fauchte nun lauter und lauter. Aber Julius fühlte nichts davon. Das innerttralisierte Hexenkleid und der auch innerttralisierte Flugbesen schluckten jede Bewegungsänderung total. Kurz nach dem es angefangen hatte, ließ das Fauchen nach. Julius hörte durch die dicke Kopfblase Ardentias Stimme, die so heftig wie die Musikanlage in einer Diskothek in den Ohren und dem Bauch dröhnte:

"Ich bin Ardentia Truelane und auf dem Weg nach New York."

"Gut, kann passieren!" Kam eine knurrige Donnerwetterstimme zurück. Das war dieser Arco Swift, dieser Strafverfolgungszauberer, dachte Julius sich. Das Fauchen setzte wieder ein, wurde diesmal lauter und höher. Es wurde etwas kühler unter dem Titaninnenkleid. Julius kannte es schon, daß seine Uhr auch im verkleinerten Zustand lief. Immerhin war er einmal noch heftiger verkleinert worden, durch einen Duellunfall im Ferienkurs bei Professeur Faucon.

"Kuschel dich noch etwas enger, Honey. Mein Mann wird dich dafür nicht gleich zum Duell fordern", mentiloquierte Mrs. Porter. Durch die Kopfblase sah Julius wie durch ein bläuliches Goldfischglas ihr amüsiertes Gesicht. Sie atmete ruhig, während sie ihn noch enger an sich zog und er die Umarmung erwiderte. Tatsächlich konnten sie sich so gut warm halten, bis das Fauchen in der Tonhöhe und Lautstärke wieder absank und verging. Sie hörten nur die Schritte und das Echo aus großer Entfernung. Es polterte beinahe ohrenzerreißend. Dann wurde es still.

"Achtung, ich disappariere jetzt", zischte es wie von hundert Kompressoren geblasene Luft. Dann kam dieses Gefühl, wie durch ein zu enges Rohr gepresst zu werden. Dann vergingen zwanzig Sekunden, in denen Julius nur das Herz und die Lungen seiner ihn im Moment weit überragenden Transporterin hörte. Dann kam wieder eine Apparierwarnung. Wieder durchlebte Julius dieses Schrottpressengefühl. Dann war es auch schon wieder vorbei.

"Das wir nicht miteinander verknäuelt wurden ist ein Wunder", fand Julius, als er nach dem zweiten Sprung festgestellt hatte, daß Mrs. Porter und er nicht aus Versehen zusammengewachsen oder gar miteinander verschmolzen worden waren. Dann ruckelte es wieder. Sie wurden angehoben, hinter dem großfaserigen grünen Stoff vorbei hinaus gehoben und für einige Sekunden wieder vor Ardentias Brustkorb hin- und hergeschaukelt, bis Ardentias Megahand hineinlangte und beide zusammen herausfischte, vorsichtig absetzte und auf die Füße stellte.

Der Boden war eine weite, weiße Fläche mit winzigen Erhebungen. Julius sah sich um. Doch die Ausmaße des Raumes und seiner Einrichtungsgegenstände überstieg sein Sichtfeld. In der Ferne meinte er in großer Höhe etwas weißes zu erkennen, das ihn irgendwie an ein Waschbecken erinnerte. Konnte es sein...?

Schlagartig stürzte alles um Julius herum in sich zusammen, während er glaubte, von innen her aufgeblasen zu werden. Dann stand er im weiß gefliesten Gang einer öffentlichen Toilette. Jedoch gab es hier keine Urinale. Also hatte er sich eben doch nicht verkuckt.

"So, wir können jetzt voneinander lassen", mentiloquierte Mrs. Porter, die immer noch an Julius festgeklammert hing. Der Rückvergrößerungszauber konnte also zwei auf einmal treffen, erkannte Julius. Dann ließ er von Glorias Oma ab. Von draußen klangen Schritte. Mrs. Porter schob Julius in eine offene Kabine und drückte die Tür zu. Julius schloss sofort die Verriegelung.

"Und ich sage dir, Kathy, der Typ ist 'ne Niete", klang die Stimme eines wohl fünfzehn- oder sechzehnjährigen Mädchens herein. Eine andere Mädchenstimme meinte:

"Nur weil du den nicht gleich ins Bett ... Oh, Verzeihung!"

"Och, das macht doch nichts, Missy. Ich war auch mal jung und hinter den tollsten Typen her", lachte Mrs. Porter vergnügt. Julius konnte sich vorstellen, daß die beiden Mädchen wohl knallrot geworden waren, weil ihre heiße Plauderei von einer älteren Dame belauscht wurde. Auch wußte er jetzt, daß er hier solange drinbleiben mußte, bis die beiden wieder fort waren.

"Okay, nutze die Chance, Honey und komme erst raus, wenn die beiden Mesdemoiselles wieder verschwunden sind. Wir warten dann vor der Tür und sichern deinen Abgang", mentiloquierte Mrs. Porter. Dann entfernten sich Ardentia und Mrs. Porter angeregt über irgendwelche erfundenen Verwandten herziehend, wobei Mrs. Porter wohl die Großtante aus dem Süden gab. Julius nahm den Ratschlag ernst und nutzte die Gelegenheit und den Ort aus. Es dauerte dann zwar noch etwas, bis die beiden miteinander schwatzenden Mädchen, die es wohl immer noch von einem gewissen Typen hatten, mit ihrem Teil ihres Besuchs in dieser Einrichtung fertig waren und wieder hinausgingen. Julius grinste. Als man ihn gefragt hatte, warum Mädchen immer zu zweit aufs Klo gehen mußten hatte er behauptet, die täten das, weil sie sich dort vor Zuhörern sicher fühlten. Mochte vielleicht doch was dran sein.

Er wartete etwa zwanzig Sekunden, in denen er die Kopfblase zerfließen ließ. Dann verließ er die für ihn eigentlich nicht erlaubte Toilette und traf auf dem Gang nach Draußen.

Sie standen auf einer Straße, die dicht befahren war. Offenbar war das hier eine stadteigene Bedürfnisanstalt. Nur wo war das Reinigungspersonal.

"Okay, Jane, die Dame wird in fünf Minuten wieder aufwachen. Ich mache mich sofort weg", sagte Ardentia Truelane und steckte eine kleine Sprühflasche in ihr Kleid zurück.

"Schlafgas?" Fragte Julius.

""Rauschnebel. Die vergisst die letzten zwei Minuten vor dem Einatmen", grinste Ardentia. Julius kannte die Rauschnebelhecke. Offenbar war sie für Muggel noch heftiger als für Hexen und Zauberer. Er verstand auch, warum Ardentia nicht den zauberstab gebraucht hatte. Gedächtnis- oder Schlafzauber würden vielleicht doch irgendwen auf den Plan rufen. Das Apparieren war da vielleicht noch zu vertuschen.

"Jo, Danke, Ms. Ardentia", sagte Mrs. Porter. Sie melden dann Mr. Davidson, wir seien auf der Spur von Richard Andrews!"

"Ja, mach ich", sagte Ardentia, betrat das Toilettenhäuschen erneut und disapparierte.

"Kriegen die das hier nicht mit?" Fragte Julius.

"Heh, was habe ich dir heute beigebracht?!" Dröhnte eine tadelnde Gedankenstimme in seinem Kopf. Er konzentrierte sich und stellte die Frage unhörbar.

"Braver Junge! Also, wenn du es keinem erzählst, weil Ardentia sonst tierischen Ärger von drei Seiten kriegt: Sie und einige gute Freundinnen von ihr haben mehrere Damentoiletten in den Staaten mit Antiaufspürzaubern präpariert, die Apparatoren und Tarnzauber verbergen. Aber wie gesagt, das darf keiner wissen", mentiloquierte Mrs. Porter.

Julius staunte. Hatten die vom Institut etwa eine Spionin bei gewissen Hexenschwestern? Wäre schon genial.

"So, kommen wir zum wesentlichen", sagte Mrs. Porter leise und holte zwei silberne Stirnbänder aus ihrem Umhang. "Das Stirnband der unsichtbaren Freunde", kam Julius ein Gedanke, der nicht sein eigener war. Er nahm eines der Bänder und erkannte den fließenden Stoff, aus dem Tarnumhänge bestanden. Würde das ihn unsichtbar machen. Diese Frage mentiloquierte er. Er merkte, das er langsam Übung darin bekam und sich nicht mehr solange auf die aufbauenden Stufen konzentrieren mußte.

"Nein, das kann es nicht, weil dafür zu wenig Demiguisenhaar verwendet wurde, Honey. Aber wenn ich uns beide gleich für alle Augen verschwinden lasse, wirst du mich noch sehen können und ich dich", kam die gedankliche Antwort. Julius band sich das Stirnband um. Dabei meinte er, die ganze Welt würde flimmern wie ein alter Fernseher. Doch dieser Eindruck hielt nur zwei Sekunden vor. Dann sah er die Umgebung wieder flimmerfrei. Mrs. Porter band sich ihr Stirnband um den Kopf und schien ebenfalls diesen Flimmereindruck zu haben, weil sie kurz hintereinander blinzelte.

"So, Honey, Claire und Glo finden wohl beide, daß du einen ansehnlichen Körper hast. Ich kann dem auch zustimmen. Trotzdem müssen wir deine sichtbare Erscheinung einstweilen verschwinden lassen", dachte sie ihm zu. Dann deutete sie mit dem Zauberstab auf ihn und murmelte etwas, das Julius im Lärm der Autos nicht hören konnte. Dann hatte er das Gefühl, eine hauchzarte Decke würde über ihn ausgebreitet und sich vollständig anschmiegen. Dann fühlte er etwas wie ein Frösteln, das nur einen Sekundenbruchteil anhielt. Danach war er weg! Zumindest konnte er von sich selbst nichts mehr sehen. Er kannte das von den Tarnumhängen. Nur daß er diesmal keinen davon trug. Er sah Mrs. Porter an, wie sie den Zauberstab auf sich selbst richtete. Er sah ihre Erscheinung kurz flimmern. Dann umhüllte sie ein hauchzarter silbriger Glanz, und das Stirnband pulsierte im silbernen Licht. In dem Moment konnte Julius auch sich wieder sehen, auch in diesen hauchzarten silbrigen Glanz eingehüllt.

"Ich sehe dich gut und du mich auch", mentiloquierte Mrs. Porter. "Dann wollen wir mal einen Zeitungsstand aufsuchen. Die alten Nachrichtenverbreiter sind mir immer noch lieber als diese Computerzauberei. Übrigens schickst du mir am besten nur noch ein bis drei Wörter als Antwort. Los geht's!"

Julius folgte der für den Rest der Welt unsichtbaren Hexe ganze fünf Minuten lang bis zu einer Straßenkreuzung, wo ein junger Mann gerade die neusten Schlagzeilen ausrief und eine große Umhängetasche mit Zeitungen trug.

"Massenmörder wieder da! Bringt Frauenmörder jetzt auch kleine Kinder um? Kaufen sie die Columbus-Chronik!"

"Vergiss das siebte Gebot!" Kam Mrs. Porters Gedankenstimme, als sie in einem Moment, wo der Zeitungsverkäufer eine ältere Frau bediente eine Ausgabe aus der Tasche pflückte, die sie unter ihren Umhang schob, wo auch Julius sie nicht mehr sehen konnte.

"Ich habe Muggelgeld", mentiloquierte Julius. Er bekam zur Antwort, daß es auffälliger sei, ihm heimlich Geld hinzulegen als die Zeitung zu stiebitzen. Außerdem wäre das das einzige Mal, wo sie stehlen müßten. Sie führte Julius durch weitere Straßen, vorbei an Leuten, die sehr mißmutig bis gleichgültig dreinschauten. Dann erreichten sie eine stille Seitenstraße, in die Mrs. Porter Julius hineinführte. Zwei halbwüchsige Jungen drückten sich an eine Häuserwand und spähten umher. Entweder waren sie auf der Flucht oder auf der Jagd. Das machte Julius schmunzeln. Denn was waren er und Mrs. Porter denn gerade? Glorias Großmutter führte Julius weiter bis zu einer leeren Einfahrt, wo sie mit ihm hineinschlüpfte und sich wie die beiden Jungen an eine Wand drückte. Dann holte sie die geklaute Zeitung unter ihrer Kleidung hervor und schlug sie auf Seite eins auf. Julius las mit, daß der seit Monaten gesuchte Mann, der sich als Richard Andrews ausgegeben hatte, doch nicht getötet worden sei. Er habe in den späten Stunden des vergangenen Abends in einer Siedlung nahe der Stadt zwei Familien heimgesucht. Dabei seien die Eltern und ihre gerade zwei Monate alten Kinder auf eine rätselhafte Weise getötet worden. Zeugen, die den Vorfall beobachtet hatten hatten ihn eindeutig identifiziert, obwohl der Mann sich wohl durch Schminke und Harrfärbung das Aussehen eines älteren Mannes verpasst habe. Von einer Frau mit langen roten Haaren, die angeblich bei ihm gewesen wäre, konnten die Zeugen den Reportern jedoch nicht viel berichten. Sie sei neben ihm hergegangen und dann mit ihm um eine Straßenecke verschwunden, ganz gemütlich, als hätte sie nichts angestellt.

"Jetzt sind alle Wichtel auf dem Dach", mentiloquierte Mrs. Porter. Julius erbleichte, was ihm in seinem derzeitigen Zustand eine ähnliche Erscheinung wie Marie Laveau gab. Was schrieben die da von seinem Vater, daß er sich auf älteren Mann geschminkt hatte? War das wirklich nur Maske?

"Was ist mit Paps?" Dachte er immer wieder. Die Konzentration wollte im Moment nicht so recht, weil er kein angenehmes Gefühl in sein Bewußtsein einströmen lassen konnte. So flüsterte er es.

"Das habe ich befürchtet, Julius", kam Mrs. Porters Gedankenantwort. Sie nannte ihn nicht wie üblich Honey. Dann meinte sie es ernst, wußte er. "Dieses Monster konnte ihn wohl gerade so vor dem Tod retten. Dabei hat er wohl einiges von seinem früheren Aussehen eingebüßt. Als sie die ganzen Kinder getötet hat habe ich schon befürchtet, daß sie das nicht unmittelbar für sich selbst tat."

"Dann ist es wohl heftig", schaffte Julius diesmal eine unhörbare Antwort.

"Ja", antwortete Mrs. Porter ebenso unhörbar. Sie las noch einmal, auf welcher Straße das Passiert war und beriet sich mit Julius, daß sie ihn wohl sichtbar machen mußte, um ein Taxi zu dieser Straße zu benutzen, da er das Muggelgeld hatte. Er sollte nur nicht die genaue Hausnummer verraten. So nahm sie den Unsichtbarkeitszauber von ihm weg. Er konnte sie zwar noch sehen, aber das silberne Leuchten um sie herum war stärker geworden, während es um ihn nicht mehr glitzerte.

"Du mußt das stirnband abnehmen und den Umhang ablegen!" Wies Mrs. Porter ihn an. So zog er den Umhang aus, unter dem er noch übliche Straßenkleidung trug. Er gab ihn Mrs. Porter, die ihn einschrumpfte und fortsteckte. Dann machte er sich das Stirnband ab. Alles flimmerte wieder und Mrs. Porter war plötzlich verschwunden. Doch er wußte, sie würde ihm mühelos folgen. So stopfte er sich das Band in die Hosentasche und suchte ein freies Taxi. Als er eines fand klappte er die hintertür auf und rief hinein:

"Entshuldigung, sind Sie noch frei?" Der Fahrer nickte ihm zu und beäugte ihn sehr eingehend. Mrs. Porter drückte sich an Julius vorbei und kletterte wohl in den Wagen. Julius nickte und schlüpfte auf die Rückbank. Er zog die Tür zu und fühlte Mrs. Porters rechten Arm an seinem linken. Er nahm den Sicherheitsgurt und schnallte sich an. Dann sagte er die Straße und eine Hausnummer, die mindestens zehn Häuser weit vom gesuchten Tatort entfernt lag. Warum sie dort hinmußten konnte er nur vermuten. Es mochte Zauber geben, bei denen Verwandte, die zu verschiedenen Zeiten an einen Ort kamen erfuhren, was vorher passiert war. Schade fand er es, daß sie nicht Monsieur Dusoleils Retrocular hatten, eine Brille, die die Ereignisse der letzten zwei Tage zeigte. Doch die war ein Geheimnis der französischen Zaubererwelt, das er nicht verraten durfte.

Unterwegs sprach Julius überhaupt nicht, weder mit dem Taxifahrer, noch mit der unsichtbaren Mrs. Porter neben ihm. Er bekam nur mit, daß die Straße, zu der er wollte, wohl noch von Presse und Fernsehleuten wimmelte. Jetzt, wo der seit langem gesuchte Massenmörder auch unbescholtene Familien und nicht nur verwerfliche Straßenmädchen heimsuchte, waren alle Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen in heller Aufregung. Julius selbst mußte seine Selbstbeherrschungsformel denken, um sich nicht selbst in einer Flut aus Angst und Verzweiflung zu verlieren. Denn wenn das wirklich sein Vater angerichtet hatte, was da in der Zeitung stand, dann war er wohl nicht mehr zu retten. Als der Taxifahrer dann per Funk durchgab: "Bin gleich frei", mußte sich Julius wieder auf seine Umgebung einstellen.

"Joh, wieviel macht's?" Fragte er so locker wie möglich wirkend.

"Das sind mal eben vierzehn Flöhe, Bursche", sagte der Taxifahrer. Julius griff unter sein T-Shirt und fingerte einen Packen Geld aus dem Brustbeutel. Schnell zählte er dem Taxifahrer die gewünschte Summe und einen Dollar Trinkgeld hin und machte die Tür auf.

"Ey, Moment. Wo mußt du genau rein?" Fragte der Taxifahrer. Julius zeigte spontan auf eines der Häuser in der Nähe. "Mein Onkel und meine Tante warten schon. Bin froh, daß ich noch rechtzeitig in der Stadt angekommen bin", sagte Julius.

"Soll ich dich hinbringen? Die Gegend ist nicht mehr so sicher wie vor 'nem Tag."

"Ich komme schon klar", sagte Julius ruhig.

"Neh, Junge, ich bring dich besser hin", sagte der Taxifahrer. Julius wollte gerade was erwidern, als ein Gedankenbefehl durchkam: "Halt den Atem an!" Er verstand sofort und sog so viel Luft in die Nase ein, daß seine Lungen sich anspannten.

"Ey, was is' jetzt?" Fragte der Fahrer, als mit einem kurzen, lauten Zischlaut eine bläuliche Wolke im Fahrgastraum aufquoll und sofort alles in dichten Nebel hüllte. Der Fahrer schrak zusammen, sah sich verwirrt um und bekam einen glasigen Ausdruck in den Augen, dann schien er zu schlafen. Julius wartete noch genau fünf Sekunden, dann öffnete er die Seitentür, schwang sich heraus und wartete, bis eine weiche, unsichtbare Hand ihm über das Gesicht streichelte. Er klappte die Tür wieder zu. In dem Moment fühlte er, wie sich diese hauchzarte Decke wieder über seinen Körper legte. Dann kam das Frösteln, und er war für sich und alle anderen unsichtbar. Schnell zog er das Stirnband aus seiner Hosentasche und band es sich um den Kopf. Wieder flimmerte es vor seinen Augen. Dann sah er Mrs. Porter in jenem silbrigen Glanz neben ihm.

"Komm, Julius! Der Fahrer wird in der nächsten Minute wieder bei Sinnen sein. Er wird dann nur wissen, daß er dich hierhergefahren hat."

"Er wird Ffragen", mentiloquierte Julius zurück.

"Vielleicht. Aber er wird nicht drauf kommen, was passiert ist.

"Na gut", schickte Julius zurück und folgte der Hexe bis zu dem Haus, um das noch viele Kamerateams herumstanden. Ein Radioreporter hielt interviewlustigen Nachbarn das Mikrofon hin und fragte sie aus, was sie mitbekommen hatten. Das wollte Julius wohl auch wissen. Denn er stahl sich von Mrs. Porter fort und stellte sich so, daß er dem Interview zuhören konnte.

"... und sie sind sich ganz sicher, daß es dieser Mann war, der bereits in Detroit Leute umgebracht hat?" Wollte der Reporter wissen und hielt seinem Gesprächspartner ein Phantombild unter die Nase.

"Neh, nicht ganz. Der sieht zwar ähnlich aus. Aber der von dieser Nacht war bestimmt sechzig Jahre alt. Der hat aber dreingehauen wie Mike Tyson in seinen besten Zeiten."

"Woher wissen Sie das?" stellte der Reporter dieselbe Frage, die Julius gerade durch den Kopf ging.

"Ich habe doch den Krawall im Haus mitgekriegt. Erst hat's gerumst. Dann schrie Anna Stephens los, ihr Mann Maurice läge am Boden. Dann wurde sie auch ruhig. Als dann die Cops angerückt sind haben die festgestellt, daß der Typ Maurice Stephens heftig umgehauen hat, bevor er ihn, seine Frau und den kleinen Gabriel umgebracht hat."

"Mehr haben Sie nicht mitbekommen?" Wollte der Radiomann wissen und sah ihn etwas enttäuscht an.

"Nöh, mehr war nicht."

"Von einer rothaarigen Frau haben Sie dann wohl auch nichts mitbekommen, oder?"

"Rothaarig? Das hätte ich mir gemerkt", grinste der interviewte Nachbar. Ein Polizist trat hinzu und fragte den Radioreporter:

"'tschuldigung, geht das live raus?"

"Na klar", sagte der Reporter. Der Polizist verzog das Gesicht und ging weiter.

"Offenbar sind unsere Freunde und Helfer nicht besonders begeistert, daß dieser Mensch immer noch unterwegs ist", grinste der befragte Nachbar.

"Nun, viel konnten Sie mir ja auch nicht sagen", erwiderte der Radioreporter und bedankte sich für das Stehgreifinterview.

"Jetzt komm wieder her, Julius!" Herrschte Mrs. Porter Julius nur für diesen vernehmbar an. Er nickte Mrs. Porter zu und kehrte zu ihr zurück.

"Wenn ich nicht selbst so neugierig gewesen wäre hätte ich dich jetzt wieder eingeschrumpft und in meine Rocktasche gesteckt, Jungchen", fauchte Mrs. Porter Julius unhörbar an. "So konnte ich mit dem Exosenso-Zauber mithören, was dieser Rundfunkmensch da gefragt hat. Der Polizist war übrigens ein Schulkamerad von Geri, von dem ich lange nichts mehr gehört habe. Ist der also auch ein Muggelmaulwurf geworden. Dabei hat der eine Hexe und einen Zauberer als Eltern."

"Ach deshalb hat der so komisch gekuckt", antwortete Julius, der den Tadel Mrs. Porters schnell verdrängte.

"Weil es noch mehr aufgefallen wäre, wenn er jetzt schon eine Gedächtnisveränderung bei dem Befragten und dem Reporter gemacht hätte, wo das ins ganze Land rausposaunt wird. Die haben auch echt geschlafen", versetzte Mrs. Porter mit sichtlich nachschwingendem Unmut. "Aber wir haben zu tun. Dahinten ist das haus, wo Hallitti und dein Vater zugeschlagen haben. Wir schleichen uns an den Polizisten und Reportern vorbei und sehen zu, den stereometrischen Mittelpunkt des Hauses zu finden. Hoffentlich liegt der nicht gerade in einer Wand."

""Der Stereomittelpunkt", gab Julius amüsiert zurück. Doch er hatte wohl verstanden, wie Mrs. Porter es meinte, und das sie wußte, daß er sie verstanden hatte, zeigte sie ihm mit einem nur für ihn sichtbaren tadelnden Blick.

"Jedes Gebäude hat durch seine Statik und das Verhältnis von Raum und Masse seinen Mittelpunkt in dem Raum, den es einnimmt. Den müssen wir finden, Julius. Wenn du gedacht hast, wir müßten den Tatort selbst aufsuchen, irrst du dich. Denn wir müssen davon ausgehen, daß dein Vater sich nicht mehr in dieser Gegend befindet. Deshalb müssen wir eine den Raum überwindende Suche durchführen, die eben vom räumlichen Mittelpunkt des Hauses ausgehen muß. Dann wollen wir mal", sagte Mrs. Porter und griff Julius bei der Hand. Zwar konnten sie sich beide noch sehen, aber die sonst eher gutmütige und lebensfrohe Hexe wollte wohl verhindern, daß ihr Schützling wieder davonschlich.

Sie mogelten sich an den Reportern und mehreren laufenden Kameras vorbei, krochen unter einer aufgebauten Sperre hindurch und schlichen an das Haus heran, wobei sie aufpassen mußten, nicht in eines der gepflegten Blumenbeete zu treten, als drei Polizisten den Zuweg auf ganzer Breite einnahmen. Schließlich standen sie vor der Haustür, die keine Einbruchsspuren aufwies. Ein amtliches Siegel klebte über dem Türschloß.

"War zu erwarten", mentiloquierte Julius.

"Mal sehen, ob die Fenster auch versiegelt sind", antwortete Mrs. Porter. "Zumindest sind drinnen wohl keine Polizisten mehr."

Julius sah dies auch so und folgte der Hexe einmal um das Haus. An einer Fensterscheibe saß gerade eine Fliege, die davonschwirrte, als Julius die Scheibe näher begutachten wollte.

"Von innen sind auch Siegel angebracht worden", teilte Mrs. Porter Julius mit. "Das heißt, wir müssen zaubern. Das könnte auffallen. Mal sehen!" Sie zog ihren Zauberstab und rief den Zauberfinder auf. Sie strich damit einmal kurz über das Haus hinweg. Dabei blitzte es auf Höhe des zweiten Stocks golden auf. Dort mußte ein magischer Gegenstand sein. Die Hexe verzog das Gesicht. "Genau da müßte der gesuchte Mittelpunkt sein. Genau da hat Swifts Truppe einen Spürstein hingelegt. Den habe ich jetzt natürlich gekitzelt. Nox!" Der rot-blau flirrende Lichtkegel des Zauberfinders erlosch wieder. Sie zog Julius im geschwindschritt um die nächste Häuserecke, als es keine zwanzig Meter weiter weg ploppte.

"Keine Minute", stellte Mrs. Porter mit verkniffener Miene fest. Da kamen auch schon zwölf Polizisten angelaufen, ihnen voran der, den Julius bei dem Radioreporter gesehen hatte.

"Irgendwer hat hier den Zauberfinder draufgehauen", sagte der. "Das Haus muß besetzt werden."

"Geht in Ordnung", sagte ein anderer Polizist und disapparierte mit manierlichem Ploppen. Weitere uniformierte Männer verschwanden ebenfalls. Da griff Mrs. Porter Julius bei der Hand und drehte sich blitzschnell auf der Stelle. Wieder hatte er das Gefühl, durch diese viel zu enge Gummiröhre gedrückt zu werden. Als er seine Sinne wwiederhatte stand er in einem Kellerraum. Dort apparierten gerade zwei weitere Polizisten. Sie blickten sich um, sahen jedoch niemanden. Dann zogen sie ihre Zauberstäbe. Einer murmelte: "vivideo!" Julius riss sich los und zückte seinen Zauberstab. Da traf ihn bereits ein grünes Flimmern, das zu einer scharf umrissenen, hell pulsierenden Aura um seinem Körper zerfloss. "Malleus Lunae!" Wisperte er. Als der zweite Zauberer gerade auf die angezeigte Lebensaura zielte, schlug ein silbern leuchtender Fächer aus Julius Stab und warf beide mit Wucht an die Wand.

"Gut, Julius! Jetzt wissen Sie, das wir hier sind", knurrte Mrs. Porter mit ihrer natürlichen Stimme und zog ihren Zauberstab. "Wie gut bist du im Duellieren? Blöde Frage eigentlich."

"Eh, Rob, was ist da unten?!" Rief einer der anderen verkleideten Zauberer. Julius überlegte schnell. Schon kamen Schritte herunter. Die Kellertür war aus Eisen. Dann ging es.

"Ich schliesse die Tür richtig zu, und Sie machen diesen Eisenhärtungszauber, bitte!" Zischte Julius. "Colloportus!"

"Ferrum Durus! Ferrifortissimus!" Rief Mrs. Porter. Kurz leuchtete die Tür in einem merkwürdigen Grün-Blau. Dann versuchte schon jemand, den Alohomora-Zauber. Julius hielt in Gedanken die Formel "Colloportus" ausrufend dagegen.

"Okay, dann so!" Rief einer und schickte wohl den Reducto-Fluch gegen die Tür. Mit lautem Knall erzitterte die Tür in den Angeln. Dann ploppte es wieder. Diesmal war es Mrs. Porter, die zauberte. Sie sang etwas, wobei sie ihren Zauberstab auf den Eindringling gerichtet hielt. Dieser erstarrte, versuchte, seinen Zauberstab hochzureißen, verlor diesen jedoch aus den Fingern und sackte nach hinten über.

"Alohomora!" Riefen zwei auf einmal. Julius fühlte, daß er da nicht gegenhalten konnte. Die Tür flog auf ...

"Flammurus Altus!" Rief er mit einmal von links nach rechts schwingendem Zauberstab. Sofort schoss zwischen ihm und der Tür eine den Raum in ganzer Breite und höhe ausfüllende Feuerwand empor, die ohne Brennstoff loderte.

"Scheiße, die haben eine Mauer hochgezogen!" Rief einer der Zauberer.

"Ja, aber dann können die auch nicht raus!" Rief ein anderer triumphierend und rief: "Extingeo!" Die Feuerwand erzitterte und bekam an einer der Tür nahen Stelle einen kreisrunden, grünlich lodernden Farbton.

"Idiot! Das ist Zauberfeuer. Das kriegst du so nicht weg!" Brüllte ein dritter Zauberer und stieß aus: "Elementa Recalmata!" Mit einem lauten Wuff brach die Feuerwand innerhalb einer Zehntelsekunde zusammen. Julius hätte auch nicht gedacht, daß eine Feuerwand einen ausgebildeten Strafverfolgungszauberer aufhalten konnte. Aber zum ärgern war sie doch ganz hübsch gewesen. Außerdem war er immer noch unsichtbar. So sahen die drei nun hereinpreschenden Cops mit Zauberstäben nur ihre am Boden und an der Wand liegenden Kollegen. Drei waren aber einer zu viel, fand Julius. Einer wirkte den Lebensquellanzeiger, während die beiden anderen sich wohl darauf einrichteten, einen angezeigten Gegner sofort anzugreifen.

Wieder leuchtete es silbern auf, diesmal wesentlich heftiger. Alle drei Zauberer wurden zu Boden geworfen. Mrs. Porter hatte den Mondlichthammer-Fluch benutzt.

"Wir können uns hier nicht ewig halten, Julius. Kopfblase!" Mentiloquierte Glorias Großmutter Julius. Dieser nickte und machte schnell die entsprechenden Zauberstabgesten, als bereits weitere Schritte von oben zu hören waren. Gerade soeben schaffte er es, die Frischluftblase um seinen Kopf zu zaubern, als auch schon vier weitere Zauberer hereinstürmten und blindwütig "Stupor" riefen. Julius ließ sich fallen, und die vier roten Schockblitze krachten gegen die Kellerwand, wo sie kohlschwarze Brandstellen hinterließen. Dann zischte es laut, und bläulicher Rauschnebel waberte durch den Raum. Diesmal war es eine größere Menge, erkannte Julius, als der betäubende Dunst sich dicht und ungestüm ausbreitete. Die vier Angreifer taumelten und fielen um. "Raus hier!" Kam der Gedankenbefehl Mrs. Porters. Julius gehorchte sofort und eilte der Hexe nach, die eine große Sprühflasche in der linken und den Zauberstab in der rechten Hand hielt. Weitere Ministeriumszauberer kamen heran, wankten und kippten benebelt um. Mrs. Porter und Julius eilten die Kellertreppe hinauf, als drei weitere Zauberer apparierten. Sie rümpften die Nasen, taumelten und fielen ebenfalls um.

"Sie werden sich gleich drauf eingestellt haben. Wir müssen den Mittelpunkt finden", hörte es Julius in seinem Kopf. Dann hatten sie den Flur des ersten Stockwerks erreicht. Es knallte mehrmals hinter ihnen. Offenbar hatte die Strafverfolgung sämtliche verfügbaren Zauberer losgeschickt.

"Können Sie keine Mauer um das Haus ziehen?" Fragte Julius, als er einen Moment zum konzentrieren fand. Mrs. Porter schüttelte den Kopf. Dann fiel ihr was ein. Eine Apparitionsmauer konnte sie nicht errichten. Aber sie konnte das Lied der Feindeswehr singen. Julius hatte schon davon gehört. Es wurde im Buch "Der Voodoo-Schild" erwähnt und konnte alle feindlich gesinnten Geister, ob in Körpern oder ohne, aus der Hörweite des Sängers verjagen und für gewisse Zeit auf Abstand halten. Zwei Hexen der Strafverfolgungsabteilung stürmten aus dem Wohnzimmer heraus. Der Rauschnebel war inzwischen aufgebraucht und hatte viele wackere Helfer Swifts betäubt. Doch die beiden Hexen hatten den Kopfblasenzauber verwendet und waren genauso wie Mrs. Porter und Julius davor geschützt. Eine hob den Zauberstab und rief "Discovobscuro latissimus!"

Julius kannte den Zauber gut genug. Damit konnten unsichtbare Wesen enttarnt werden. Er riss seinen Zauberstab hoch und dachte konzentriert: "Creato Nebulam Amplifico!"

Kaum erfasste ihn ein heißer Schauer am ganzen Körper, der den silbrigen Glanz um ihn aufflackern und verschwinden ließ, wallte ein weißer Nebel auf, der schlagartig immer dichter und undurchsichtiger wurde. Julius sprang vor, an einer der Hexen vorbei, die wohl noch einen Fluch schleudern wollte und erreichte das Wohnzimmer. Mrs. Porter stieß wohl noch eine Zauberformel aus, der ein lautes Fauchen folgte und warf sich ebenfalls ins Wohnzimmer, nun auch für alle anderen Sichtbar.

"Hand her!" Befahl Mrs. Porter gedanklich. Julius gehorchte. Dann disapparierten sie. Der Ort, an dem sie wieder auftauchten, war eine Vorratskammer, in der allerlei Dosen und Tüten mit haltbarem Inhalt herumstanden. Mrs. Porter sah sich umund nickte.

"Sieh dir diese runde Schachtel da an, Julius! Er tat es. "Da muß der Spürstein drinliegen." Julius nickte wieder und besah sich die runde Schachtel, die arglose Leute für eine Keksdose halten mochten. "Es hat also funktioniert", sagte Mrs. Porter nun mit körperlicher Stimme. Julius wunderte sich, was funktioniert hatte. Da krachte es so laut, weil vier Strafverfolgungsbeamte gleichzeitig apparierten.

"So, hier ist die Jagd zu Ende, Mrs. Porter. Expelliarmus!" Rief einer der Zauberer und deutete auf Mrs. Porter. Ein anderer hob den Zauberstab, um Julius anzugreifen, der sich in den unsichtbaren Schild einhüllte. Sein Goldblütenhonig würde diesen sogar verstärken, wußte er schon seit seiner Wahnsinnstour durch die Bilder von Hogwarts. Ein scharlachroter Blitz fegte auf Mrs. Porter zu und prällte ihr den Zauberstab aus der Hand. Dabei wurde sie nach hinten gerissen und verlor die Balance und fiel um. Julius sah den ihn angreifenden Zauberer an. Der schleuderte gerade den Incarcerus-Fluch. Julius konterte in Gedanken mit "Renihilis!" Die auf ihn zuschnellenden Seile trafen ihn nicht mehr, sondern lösten sich auf.

"Verdammt, wie kann der Bengel ..." Knurrte der Angreifer, als Julius sich fallen ließ und dabei "Confundiridius" dachte. Ein regenbogenfarbiger Lichtstrahl traf den ihn angreifenden Zauberer voll und hüllte ihn in eine Wolke irritierender Lichtentladungen ein. Die drei anderen schleuderten den Expelliarmus-Zauber. Doch dabei hatten wohl zwei sich unglücklich aufgestellt, weil die Entwaffnungsblitze zusammenprallten und sich aus den Flugbahnen warfen. Der dritte Blitz zischte knapp an Julius' rechtem Arm vorbei und warf eine Reihe Konservendosen um, die scheppernd durch den Raum kullerten.

"Verdammt, wie habt ihr euch denn aufgestellt?" Schimpfte einer der drei Zauberer, die den Angriff gestartet hatten. "Stupor!" Der rote Schockzauber prallte gegen Julius' Schild und schlug wegen der kurzen Entfernung auf den Angreifer zurück. Dieser wurde am Bein getroffen und fiel um. Ein anderer Zauberer zielte auf Mrs. Porter, die gerade mit der freien Hand die runde Schachtel ergriff und damit ausholte.

"Stupor!" rief der vorletzte noch aktionsfähige Zauberer, da flog ihm die Schachtel genau in die Flugbahn. Der rote Blitz schlug wie ein Geschoss in die Schachtel ein. Da war es, als würde eine kleine Sonne im Raum aufleuchten. Weißgelb erstrahlte die Schachtel, rotierte dabei wie ein wildes Feuerrad und wurde dabei immer größer.

"Augen zu, Julius!" Kam Mrs. Porters Gedankenbotschaft. Julius schloss sofort die Augen und hielt sich noch die Hände davor. Gleichzeitig öffnete er den Mund weit. Dann krachte es auch schon wie eine explodierende Granate. Der Junge fühlte, wie er durch den Raum geschleudert und gegen die Wand geschmettert wurde. Er hörte einen Engelchor und sah einen Schwarm von explodierenden Sternen vor sich. Dann blieb er leicht benommen liegen.

"Hui, Julius! Das wäre es", kam die Gedankenstimme Mrs. Porters. Er versuchte, sich zu bewegen. Alles tat ihm weh. Doch offenbar war nichts gebrochen. Als er die Augen wieder öffnete, sah er, daß er mit Wucht gegen einen Stapel Küchenrollen geflogen war. Die hatten wohl das schlimmste verhindert.

"Mann, was war denn das?" Quälte er sich mit körperlicher Stimme eine Frage ab.

"Diese Idioten haben vergessen, daß ein Spürstein hier drin ist. Wenn man einen davon mit einem Körperbeeinträchtigungszauber behext, wird dieser im Stein soweit aufgeschaukelt, bis die Materie die Magie nicht mehr halten kann und den vielfachen Wert des Zaubers radial freisetzt, also nicht in einer kugelförmigen, sondern flachen Ausbreitung", sagte Mrs. Porter. Dann stand sie wieder auf und klaubte ihren Zauberstab auf. Die eben noch stehenden Zauberer waren von der vollen Wucht des Schockzaubers erfaßt worden. Überall lagen zusammengedrückte Konservendosen herum. Zucker, Salz und mehl hatten sich im Raum verteilt. Julius wunderte sich, daß er kein Ohrenklingeln hatte. Zwar hatte er den Mund offen gehabt, wie sein Vater es ihm als Vorbereitung auf heftige Explosionen eingeschärft hatte, aber er dachte, dieser Knall hätte ihn doch ärger betreffen müssen.

"Wir müssen hier raus, bevor noch andere hier auftauchen", sagte Julius.

"Nein, wir müssen hierbleiben. Hier ist der Mittelpunkt, Julius. Aber ich werde diese Bande jetzt rauswerfen. Komm noch mal zu mir!"

Julius versuchte, sich hinzustellen. Doch seine Beine zitterten wild. So kroch er zu Mrs. Porter, die die Explosion wohl besser überstanden hatte.

"Ich helfe dir gleich. Umfasse meine Hüften und halte dich gut fest!" Forderte Mrs. Porter. Julius schaffte es, seine schmerzenden Arme hochzuheben und Mrs. Porters breite Hüften zu umklammern. Kaum hatte er diesen Körperkontakt hergestellt, begann sie laut und sehr inbrünstig ein Lied zu singen, dessen Sprache er nicht erkannte. Er merkte nur, daß es sich sehr angsteinflößend anhörte. Doch sonst empfand er nichts weiteres. Er hörte Schritte von unten heraufkommen. Warum apparierten die nicht einfach? Dann spürte er, wie unsichtbare Wellen von Mrs. Porters Körper ausgingen, die Schwingungen ihrer Stimme verstärkten und sich immer stärker aufschaukelten. Julius hielt sich gut fest. Dabei flossen die Wellen durch ihn hindurch. Es fühlte sich an wie von unsichtbaren Händen geschüttelt zu werden. Dann klang Mrs. Porters Stimme so raumfüllend, daß er nicht mehr sagen konnte, von wo sie kam. Hätte er sie nicht festgehalten, hätte er nicht zu sagen vermocht, wo sie gerade stand. Dann krachte es mehrmals in einiger Entfernung. Julius sah die Luft vor und um sich herum flimmern, immer mehr wie ein Sturm aus elektrischen Funken wirbeln und dann mit einem lauten Faucher wieder zur Ruhe kommen. Mrs. Porter hörte zu singen auf. Es hatte ihr wohl ziemlich zugesetzt. Sie keuchte wie nach einem anstrengenden Dauerlauf. Dennoch half sie Julius auf die Beine. Als er stand, sah er, daß die vier Gegner nicht mehr im Raum waren. Wo waren sie hin? Er stellte diese Frage laut.

"Sie sind von der Magie des Liedes davongetragen worden. Ihre Geister wurden mit den Körpern soweit fortgetragen, so weit meine Stimme zu hören war. Alle anderen in diesem Haus mußten von sich aus den Ort verlassen und können ihn für eine Stunde nicht mehr betreten. Ein innerer Widerwille hindert sie daran, hier einzudringen. So, Honey, dann wollen wir mal sehen, wie wir dich wieder hinkriegen!"

Julius prüfte seinen Zauberstab und führte zusammen mit Mrs. Porter eine gründliche Körperuntersuchung durch. Er erkannte, daß Glorias Oma wohl auch die grundlegenden Heilzauber gelernt hatte. Denn sie wandte Zauber an, die ihn schnell von den Schmerzen befreiten. Zum Glück hatte er sich nichts gebrochen.

"Sind die Leute die hier drin waren verletzt worden?" Fragte Julius.

"Du meinst ob sie noch kucken oder hören können, Julius? Weiß ich nicht so genau. Der Knall der Explosion war nicht leise. Aber die eigentliche Gefahr war der Lichtblitz. Könnte sein, daß der zu einer vorübergehenden Erblindung führt. Deshalb habe ich dir geraten, die Augen zu schließen."

"Warum sind nicht sofort nach dem Donnerschlag neue Zauberer und Hexen hier reingekommen?" Fragte Julius, dem das merkwürdig vorkam, daß keiner neu hereinappariert war.

"Das ist der zweite Effekt eines überladenen Spürsteins, Honey", gab sie mit Siegerlächeln zur Antwort. "Für eine Minute wird jeder von außen kommende Zauber zurückgedrängt. Deshalb kamen die netten Damen und Herren ja erst so spät auf die Idee, sie könnten ja zu Fuß heraufkommen. Wahrscheinlich haben sich einige beim Apparierversuch heftig den Kopf an der Verdrängung gestoßen. Das hätten die alles wissen müssen."

"Deshalb wollten Sie unbedingt hierher", sagte Julius.

"Nein, nicht nur deswegen. Vor allem, weil hier der von mir erwähnte Mittelpunkt ist", sagte Mrs. Porter.

"Ja, aber woher wußten sie, wo der Spürstein war?"

"Die runde Schachtel unter dem Regal passte nicht zu dem anderen Zeug, was hier aufbewahrt wurde, Julius", erwiderte Mrs. Porter. "Ich weiß echt nicht, was Swifts Leute heute im Kaffee hatten. Aber die Intelligenz hat's nicht gesteigert. Die haben einfach einen Stein in seiner Schachtel unter ein Regal gelegt, als sie den räumlichen Mittelpunkt bestimmt haben. Hätten sie ihn zusammen mit Mehl oder Zucker in eine mitgebrachte Tüte gelegt und die in eines der Regale gestellt, hätte ich den Zauberfinder benutzen müssen. Wahrscheinlich wird Swift jetzt rotieren, weil seine Leute so gründlich auf die Nase gefallen sind. Aber wir müssen uns auf das wesentliche konzentrieren. Unsichtbar müssen wir erst einmal nicht mehr werden. Hier sind wir sicherer als anderswo, zumindest für die nächsten knapp sechzig Minuten."

"Ja, aber was soll ich jetzt genau tun?" Fragte Julius.

"Wir werden nun die Spur aufnehmen, die dein Vater hinterlassen hat. Da er hier als letztes aufgetaucht ist, dürften wir hier die besten Aussichten haben, seine Fährte durch Raum und Zeit zu finden. Dazu benötige ich nur ein Wenig Blut von dir und deine Unterstützung bei dem Ritual, einem Hybrid aus alter Anrufung und hermetischer Zauberkunst."

"Wieviel Blut von mir brauchen Sie?" Fragte Julius Andrews mit bangem Gesichtsausdruck.

"Gerade so viel, daß ein kleiner Kelch damit gefüllt werden kann, Julius. Wie du gemerkt hast kenne ich wie du die wichtigsten Heilzauber wie den zum Schließen von Wunden. Also, bist du bereit dafür oder möchtest du lieber wieder ins Institut zurück?" Sie sah ihn herausfordernd an. Julius überlegte. Einen kleinen Kelch von seinem Blut. Das würde er schon überleben, aber unangenehm war es schon. Dennoch wollte er jetzt kein Feigling sein und auf halbem Weg umkehren. Wenn es eine Möglichkeit gab, seinen Vater zu retten, dann lag sie bei ihm. So nickte er und hielt seinen linken Arm hin.

"Nehmen Sie sich bitte, was Sie brauchen", sagte er entschlossen.

"In Ordnung, Honey. Wir kriegen das ganz gut hin", sagte Mrs. Porter nun aufmunternd. Sie kramte in ihrer Kleidung und holte einen silbernen Kelch und ein kleines, silbernes Messer hervor. Der Kelch war mit fremdartigen Symbolen verziert, und der Griff des Messers war aus einem rötlichen Holz. Julius biss die Zähne zusammen, als die Hexe die Messerklinge an den hingehaltenen Arm heranführte und mit zwei schnellen Schnitten eine X-förmige Wunde in den Unterarm ritzte. Sofort tropfte Blut heraus, das sie mit dem Kelch auffing. Die Verwundung schmerzte ihm. Doch er blieb tapfer und lenkte sich mit seiner Selbstbeherrschungsformel ab. Mrs. Porter sang Zeilen irgendeines Liedes oder Gebetes herunter. Was genau das sollte wußte Julius nicht. Doch dann hörte er sie auf Englisch sprechen:

"Blut der Ahnen, Blut der Lebenden, verbunden durch alle Zeiten,
Hilf uns den Sohn zum Vater zu leiten!"

Diese Anrufungsformel wiederholte sie mindestens zehnmal. Während dessen floss Julius' Blut stetig in den Kelch hinein, bedeckte den Grund, füllte ihn zu einem Viertel, dann zur Hälfte, dann zu drei Vierteln aus. Dann, bevor das aufgefangene Blut den oberen Rand erreichte, stieß Mrs. Porter noch einige fremdartige Laute aus. Julius fühlte, wie etwas ihm am Arm zog, als sei aus der frischen Wunde ein langer Faden mit einem Gewicht daran in den Kelch gesunken. Dann nahm Mrs. Porter den Kelch wieder fort und stellte ihn auf den Boden. Sie holte den Zauberstab hervor, säuberte Julius Wunde und verschloss sie auf magische Weise. Von dem eingeritzten X war nichts mehr zu sehen. Doch das Gefühl, irgendwie mit dem Arm an dem Kelch festgebunden zu sein hielt an.

"So, Julius. Das war der erste Schritt. Stell dich bitte nun aufrecht in die Mitte des Raumes hin!" Verlangte Mrs. Porter. Julius nickte und maß mit seinem Blick die gesamte Raumgröße durch. Dann trat er auf dem vor Zucker und Salz knirschenden Boden auf den Punkt, der die Raummitte bezeichnete. Mrs. Porter nickte und legte den Zauberstab auf ihre flache Hand.

"Weise mir die Richtung! Murmelte sie. Sofort richtete sich der Zauberstab wie eine Kompassnadel in eine bestimmte Richtung aus. Die Spitze deutete auf eine freie Wand des Raumes. Mrs. Porter nickte wieder, nahm den Zauberstab und ging zu der Wand. "Flagrate!" Murmelte sie, wobei sie mit dem Zauberstab ein großes X in die Luft zeichnete. Darauf loderte ein flammendes X an der Wand auf. "Damit ist der Norden markiert", erklärte sie Julius, der seinen Kopf wandte und ihr zusah. "Dreh dich so, daß du mit dem Gesicht dieses Zeichen siehst!" Instruierte Mrs. Porter ihren Begleiter. Dieser gehorchte unverzüglich. Neugier machte sich an Stelle von Unbehagen in ihm breit. Was sollte dieser Zauber und wie ging es damit weiter?

Mrs. Porter schwang den Zauberstab und rief: "Ratzeputz!" in den Raum. Sofort flog alles Mehl, das Salz und der Zucker auf und verschwand restlos. Dann trat sie mit dem vollen Blutkelch auf Julius zu, hockte sich hin, tunkte den Zauberstab in den Kelch ein und malte mit der so getränkten Spitze ein dem Jungen unbekanntes Zeichen auf den Boden. Danach sagte sie ein Wort, das er auch nicht kannte. Sie erhob sich wieder, ging im Uhrzeigersinn einige Grad eines gedachten Kreises um Julius herum, hockte sich wieder hin, benetzte erneut den Zauberstab mit seinem Blut und malte ein zweites mysteriöses Zeichen auf den Boden, das sich vom ersten leicht unterschied. Wieder sprach sie das Julius fremde Zauberwort aus wie beim ersten Symbol. Jetzt konnte er sogar sehen, wie ein rotes Flackern an der Zauberstabspitze erschien und wieder verging und der Stab danach völlig sauber war. Mrs. Porter ging weiter, wieder einige Grad auf der gedachten Kreislinie entlang und wiederholte den Vorgang mit dem Kelch und dem Zauberstab. Insgesamt malte sie zwölf Zeichen auf den Boden und beendete den Vorgang mit demselben Zauberwort. So wanderte sie langsam um Julius herum und erreichte nach etwa zehn Minuten die erste, in Nordrichtung gemalte Markierung. "So, Honey, das war der zweite und etwas kompliziertere Schritt. Beim dritten brauche ich jetzt deine Hilfe. Du mußt deinen Vater in Gedanken rufen, während ich den Sanguivocatus-Zauber vervollständige. Gelingt mir das, so wirst du körperlich spüren, wo er sich gerade aufhält und ihn auch rufen hören. Gleichzeitig wird das Symbol, das am ehesten in die Richtung deines Vaters weist, aufleuchten. Am besten schließt du wieder die Augen, um dich zu konzentrieren. Fairerweise muß ich dich darauf hinweisen, daß die Tochter des Abgrunds es bemerken kann, wenn wir deinen Vater suchen. Außerdem könnte ihr Schlafplatz, an dem er wohl wieder ist, den Zauber abschwächen, sodaß wir länger brauchen als die Durchschnittszeit. Die liegt erwiesenerweise bei einer Sekunde pro zehntausend Männerschritten, also ungefähr zehn Kilometer. Es könnte sogar sein, daß die Abgrundstochter versucht, sich zwischen dich und deinen Vater zu drängen. Aber keine Panik, sie kann dir nichts tun, solange die Feindeswehrmagie und der Sanguivocatus-Zauber wirken. In beiden Zaubern bist du vor direkten Attacken und Fernangriffen geschützt."

"Schön, daß ich das jetzt schon erfahre", grummelte Julius.

"Immer noch früh genug", erwiderte Mrs. Porter lächelnd.

"Ja, doch wenn dieses Biest mitkriegt, daß ich Paps zu rufen versuche, kriegt es raus, wo wir sind."

"Nur die Richtung, nicht die Entfernung", erwiderte Mrs. Porter beruhigend dreinschauend. "Für die Abgrundstochter ist der Zauber erst erkennbar, wenn dein Vater auf ihn reagiert. Wann er begonnen wurde weiß sie nicht und bekommt daher auch nicht mit, wie weit du entfernt bist. Glaube mir, ich will dich diesem Monster nicht opfern. Es hat schon zu viele Menschenleben auf dem Gewissen", beteuerte Mrs. Porter, Julius nichts böses zustoßen lassen zu wollen.

"Dann will ich jetzt anfangen", sagte Julius entschlossen und murmelte: "Vater, ich bin's, Julius! Höre mich! Wo bist du?" Diesen Satz sprach er erst laut, dann dachte er ihn nur noch. Dabei stellte er sich seinen Vater vor, wie er mit ihm vor dem Weihnachtsbaum stand, als er gerade sechs Jahre alt war. Das war die schönste Erinnerung, die er an den sonst meistens streng und kühl wirkenden Vater hatte.

Mrs. Porter wanderte mit dem erhobenen Blutkelch um Julius herum, während sie den Zauberstab senkrecht erhoben hielt. Dabei sang sie unverständliche Silben aus einer Sprache, die uralt oder streng geheim sein mochte. Julius fühlte mit jedem Wort das Band zwischen sich und dem Kelch stärker werden. Dann schien es, als umspülten ihn sanfte Meereswellen immer weiter und weiter. Er dachte den Ruf, den er seinem Vater schickte, immer und immer wieder. Vielleicht mentiloquierte er ihm sogar. Doch daran konnte er jetzt nicht denken, weil er sich auf die Rufformel konzentrieren mußte. Immer und immer wieder wiederholte er den lautlosen Ruf an seinen Vater, während Mrs. Porter um ihn herumging und dabei ihr magisches Lied sang.

 

__________

 

Swift war wütend. Seine Wut drohte, ihm die Halsschlagader zerplatzen zu lassen. Er hatte den ganzen Morgen lang versucht, die beiden Gesuchten, Jane Porter und diesen Engländer Julius Andrews, festnehmen zu lassen. Dann waren sie an seinen Leuten und ihm vorbei in das Marie-Laveau-Institut entwischt, wo Davidson ihnen Unterschlupf gewährte. Was fiel dem ein, die beiden noch zu beschützen? So hatte er einen halben Tag damit zugebracht, sich über die Schutzzauber um das Institut Gedanken zu machen, bis eine Mitarbeiterin, Ardentia Truelane, herausgeflogen kam. Er und seine Leute hatten sie überprüft. Diese Hexe war eine gute Okklumentorin, und weil sie keinen ministeriellen Befehl hatten, unbeteiligte festzunehmen, hatte man sie ziehen lassen. Als dann aber eine schnelle Eule von der Zaubereiüberwachung kam, der in Columbus, Ohio versteckte Zauberkraftspürstein habe einen Zauberfinder in unmittelbarer Nähe gemeldet, wurde ihm klar, was los war. Seine als gewöhnliche Polizisten verkleideten Kundschafter hatten den Stein im Haus versteckt, weil er, Swift, davon ausging, daß die Leute vom Laveau-Institut irgendwas unternehmen würden, wenn sie erfuhren, daß dieser Andrews wieder gemordet hatte. Ja, und das war dann wohl auch der Fall. Sofort hatten die Kollegen vor Ort Verstärkung angefordert. Swift apparierte in zwei Etappen nach Columbus und wollte in das fragliche Haus eindringen. Doch als er davor ankam überkam ihn ein unwiderstehlicher Drang, es nicht zu betreten. Dieser Drang versetzte ihm arge Schmerzen und verursachte eine aufkommende Panik, sodaß er meinte, seine Beine liefen ohne sein zutun mit ihm los. Als er dann erfuhr, daß zwölf Zauberer und vier Hexen im Haus mit zwei erst unsichtbaren Eindringlingen, einer älteren Hexe und einem Zauberschüler nicht fertig wurden, ja von diesen förmlich außer Gefecht gesetzt worden waren, war diese ohnmächtige Wut in ihm hochgekocht wie heiße Milch.

"Ihr Idioten konntet mit zwei Gegnern nicht fertig werden?!" Herrschte er einen Untergebenen an, den sie gerade aus einer Rauschnebelbetäubung geweckt hatten.

"Die sind gut, Mr. Swift", wimmerte der so heruntergeputzte Zauberer. "Die Frau hat mächtige Flüche drauf und der Junge kann schon wortlos zaubern. Wir konnten uns nicht richtig auf sie einstellen."

"Natürlich ist Jane Porter eine versierte Hexe, sonst würde die ja wohl kaum im Laveau-Institut arbeiten!" Schnauzte Swift den Mann an, bevor eine Mitarbeiterin von ihm herankam und ihn halblaut darauf hinwies, daß Muggelreporter in der Nähe wären.

"Verdammt, die auch noch", knurrte Swift. "Gedächtnisse modifizieren und auf Aufzeichnungen achten! Rückzug ins Hauptquartier in fünf Minuten!"

"Sir, wir können nicht mehr ins Haus", wisperte eine andere Hexe.

"Dieses vermaledeite Ritualzaubern. Sie hat einen Bann gegen alle Feinde gewirkt", schnaubte Swift. "Vor einer vollen Stunde können wir dort nicht mehr rein oder bis die beiden sich verzogen haben."

Seine Leute zauberten, daß die Muggel der unmittelbaren Umgebung die Vorfälle vergaßen. Die als Polizisten verkleideten Zauberer beschlagnahmten alle Aufzeichnungen mit der Begründung, es dürfe nicht zu viel über den Tatort oder die Täter bekannt werden, um nicht irgendwelche Trittbrettfahrer auf den Plan zu rufen.

Dann zogen sich die meisten Leute der Strafverfolgungsabteilung zurück. Man wollte die beiden geflohenen, von denen keiner wußte, wie sie es angestellt hatten, das Institut zu verlassen, von den Inobskuratoren jagen lassen, der Elite der amerikanischen Jäger böser Hexen und Zauberer. Doch vor dem Ablauf einer Stunde würde niemand in das Haus hineingelangen, der den beiden nachstellte, weder Mensch noch Geist. Auch kein Fluch aus der Ferne konnte sie erreichen, wußte Swift.

"Wie konnte ich mich auf diese Idioten verlassen?" Schnaubte Swift. Wütend hieb er nach einer Fliege, die wohl auf der Suche nach einem Mülleimer oder Kothaufen die Straße entlangsurrte. Doch das Insekt wich dem Schlag gekonnt aus und surrte in einem weiten Bogen um das Haus herum. Swift sah sich kurz um und disapparierte dann.

 

__________

 

Julius trieb in diesen um ihn herumwogenden Wellen aus Zauberkraft, dachte an seinen Vater und rief ihn immer wieder in Gedanken. Mrs. Porter ging weiterhin singend um ihn herum. Der halbvolle Silberkelch schien jeden Ton von ihrem magischen Lied zu verstärken. Unbeirrt umschritt die Institutshexe ihren Gast aus Europa. Sie sah, wie er teils konzentriert, teils geistesabwesend das flammende X an der nördlichen Wand ansah. Dann fühlte sie, wie der Kelch vibrierte, immer wärmer wurde. Im gleichen Moment erstarrte Julius in einer völlig gespannten Haltung. Alles an ihm verriet, daß er etwas wahrnahm, das nichts mit Mrs. Porters Gesang zu tun hatte. Dann begann die mit Blut gemalte Markierung in südwestlicher Richtung, in einem violetten Feuer zu glühen. Die Verbindung war hergestellt.

Julius Andrews fühlte, wie die Verbindung zu seinem geopferten Blut immer fester wurde. Dann, als habe etwas ihn am linken Ohr gestreichelt, vernahm er ein fernes Wispern, das den Namen seines Vaters und ihm selbst trug. Das Wispern wurde lauter, wandelte sich zu einem fernen Ruf, der wie durch weite Hallen zu ihm herüberklang. Er rief in Gedanken zurück:

"Paps, wo bist du?!" Seine Gedanken schienen wie Echo an fernen Berghängen widerzuhallen. Dann war der Ruf so deutlich hörbar, daß Julius meinte, sein Vater stehe gleich neben ihm. Dann wandte er sich um und sah einen violetten Lichtschein über einem der Symbole. In diesem Lichtschein sah er das Gesicht seines Vaters, angestrengt dreinschauend. Es wurde immer deutlicher, während es den Namen des Jungen rief. Julius sah weiter hin und meinte, nicht mehr in diesem Vorratsraum zu stehen, sondern frei zu schweben. Er sah und hörte nur seinen Vater, der ihn mit erwartungsvoller Miene ansah. Dann hörte er noch ein amüsiertes Lachen, das Lachen einer Frau mit einer wundervoll tiefen Stimme.

Wie aus dem Nichts stand sie neben seinem Vater, der jetzt nicht nur ein Gesicht, sondern seinen Körper bekommen hatte. Sie trug ein langes, weißes Kleid wie aus Seide. Ihr feuerrotes Haar umfloss sehr ansehnlich ihren Rücken, und sie besaß eine Haut wie weißen Marmor. Ihr Gesicht war makellos schön. Jedes Fotomodell der Welt verblaßte gegen diese Erscheinung. Doch es waren die Augen, diese golden schimmernden Augen, die Julius' ganze Aufmerksamkeit forderten. Sie lächelte ihn an und trat zwischen seinen Vater und ihm. Er fühlte einen heftigen Druck auf seinen ganzen Körper einwirken. Gleichzeitig meinte er, diese goldenen Augen wollten ihm die Gedanken aus dem Kopf saugen.

"Du bist also auch in der Gegend, Julius Andrews", lachte die Unheimliche, während sie Julius' Vater mit einem Arm umklammerte und zurückhielt. "Ich freue mich, daß du deinen Vater so vermißt, daß du ihn so sehr suchst."

"Lass ihn in Ruhe, du Vogelscheuche!" Stieß Julius aus. "Du hast ihn lange genug gequält."

Die überirdisch schöne Frau lachte laut und zuckersüß.

"Wer sagt dir denn sowas", sagte sie gekränkt und schnalzte mißbilligend mit der Zunge. "Ich habe ihm die Erfüllung seines Lebens gegeben. Er ist dankbar dafür, daß ich ihn so glücklich machen kann. Niemand quält ihn. Was er tut tut er freiwillig, für mich und sich. Er freut sich, bei mir zu sein und will gar nicht mehr zurück. Deine Mutter hat ihn verstoßen, ihm ihre Liebe verweigert, ihm das Recht genommen, ein Vater zu sein. Wer quält hier wen, Julius?"

"Du bist eine Tochter des Teufels, und dem Teufel soll man nichts glauben", knurrte Julius in Gedanken. Die Fremde Lachte schallend los.

"Der Teufel? Von dem habe ich schon lange nichts mehr gehört. Aber die Bockshörner, die ihm deinesgleichen aufgesetzt haben, würden bei so schönen Spielen nur stören, wie ich sie mit deinem Vater spiele. Aber das kannst du ja nicht begreifen. Die Liebe ist für dich doch nur ein Wort, oder?"

"Du redest von Liebe? Du weißt doch schon gar nicht was das ist!" Schrie Julius und merkte, daß er es auch mit seiner Stimme rief.

"Und ob ich das weiß, was das ist, Julius. Ich werde es dir beweisen. Denn das genau willst du doch, oder? Du willst von einer wie mir, der nachgesagt wird, die geheimsten Wünsche zu befriedigen, alles erleben, was den Knaben vom Mannesdasein träumen macht. Sieh mich ruhig an und gestehe dir ein, daß du mich genauso begehrst wie dein Vater und alle anderen Männer vor ihm es getan haben!"

Julius sah die Fremde an, die seinen Blick einfing. Sie begann, ein eindringliches Lied zu singen, das tief in sein Bewußtsein eintauchte und ihn alle Wut auf sie vergessen ließ. Er trat einen Schritt auf sie zu. Da überkam ihn die Wucht eines Schockzaubers, und die Verbindung riss ab.

"o, Mann", stöhnte er, als er auf einem Feldbett wieder zu sich kam. Mrs. Porter stand neben ihm und sah ihn sehr eindringlich an. Neben ihr standen Mr. Davidson und Ardentia Truelane.

"Ich hätte nicht gedacht, daß sie so mächtig ist, Honey", seufzte Mrs. Porter. "Ich ging davon aus, der Zauber wehrt sie besser ab. Immerhin habe ich dich wohl noch rechtzeitig zurückgehalten."

"Wovon sprechen Sie?" Fragte Julius.

"Der Sanguivocatus-Zauber hat sehr gut gewirkt, Julius. Wir haben den Kontakt zu deinem Vater herstellen können, besser als es zu erwarten war. Natürlich, weil dieses Geschöpf es so gewollt hat. Es wollte die Verbindung dazu nutzen, dich auszuforschen oder deinen Geist zu unterwerfen. Hat sie dich angesehen?"

"Wer?" Fragte Julius irritiert. Mrs. Porter sah ihn nun sehr beunruhigt an. Er sah sie an und dachte dabei an seinen Vater, den er für einige Sekunden im violetten Licht gesehen hatte, das über einem der mit Blut gemalten Symbole erschienen war. Als ihm aufging, daß sie ihn legilimentierte verzog er das Gesicht zu einer wütenden Grimasse. Doch sie schüttelte sehr mißbilligend den Kopf und meinte:

"Junge, ich habe diesen Versuch mit dir gemacht, weil ich davon ausging, daß du dabei nicht in Gefahr geraten kannst, von Swifts Leuten abgesehen. Aber offenbar hat sie durch deinen Vater mehr Macht gegen den Sanguivocatus-Zauber aufbieten können. Damit hätte ich rechnen müssen. Was für eine blinde Kuh ich doch war."

"Selbstvorwürfe bringen es nicht, Mrs. Porter", wagte Ardentia Truelane einen Widerspruch. Mr. Davidson nickte ihr zu.

"Ja, aber stimmen tut es trotzdem, Kind", warf Mrs. Porter ein.

"Ich habe diese Höllentochter nicht gesehen", sagte Julius. "Wie soll sie mich da beeinflussen?"

"O doch, du hast sie gesehen, Junge. Du hast sogar mit ihr gesprochen, laut und deutlich. Ja, und auch ich konnte sie kurz in dem Verbindungslicht sehen. Was meinst du, warum ich dich geschockt habe, damit du ihr nicht doch verfällst."

"Warum kann ich mich dann nicht erinnern?" Fragte Julius.

"Der Schocker wird die Erinnerung an sie gelöscht haben, weil du gerade nur an sie dachtest, Julius", sagte Davidson. "Spezifische Amnesien kommen vor, wenn jemand auf einen bestimmten Gegenstand, Vorgang oder Gedankengang fixiert ist. Außerdem vermutet Mrs. Porter, daß dieses Wesen wohl aus deinem Geist herausgeprällt wurde. Dabei magst du die mit ihr verbundenen Erinnerungen verloren haben. Vielleicht ist das auch gut so."

"Weil dieses Weib sonst einen Fuß in meiner Seele hätte?" Fragte Julius nach zwei Sekunden Bedenkzeit.

"Sehr materialistisch formuliert aber sinngemäß richtig", gestand Mr. Davidson ihm zu. Mrs. Porter sah ihn wieder abbittend an.

"Ich wollte nur, daß wir endlich herausbekommen, wo sie ist. Offenbar hätte ich sie besser einschätzen sollen."

"Nun, sie hat den Muggel sicher", sagte Mr. Davidson. "Der Kontakt mit dem Jungen wird für sie eher ein Spiel gewesen sein, das wir besser nicht wiederholen."

"Ich fürchte, Elysius, Sie täuschen sich", begehrte Mrs. Porter auf. "Wenn sie den Kontakt so widerstandslos zuließ und dann versuchte, Julius aus der Ferne zu beeinflussen, dann war das kein Spiel, sondern der Versuch, ihn auch in ihren Bann zu ziehen. Julius ist ein sehr gutes Medium für Mentiloquismus, wie ich festgestellt habe. Darüber hinaus ist er ein sehr überragender Zauberer, wie ich ebenfalls nicht nur vom Hörensagen weiß, sondern selbst beobachten durfte. Hallitti wird ihn jetzt nicht mehr vergessen. Am besten, ich bringe ihn morgen wieder nach Millemerveilles zurück, zusammen mit seiner Mutter."

Julius sah die Hexe an. Hatte er da jetzt echte Beunruhigung bei ihr bemerkt?

"Sie hätten ihn gar nicht erst herholen dürfen", schnaubte Mr. Davidson. "Immerhin wußten Sie, warum der Minister den Fall als oberste Geheimsache klassifiziert hat."

"Daß wir jetzt alle hier zusammenstehen zeigt mir, daß Sie wissen, daß nicht ich den Jungen herholen wollte. Ich weiß, daß er in der Obhut von Madame Brickston und unserer Fachkollegin Professeur Faucon sehr gut aufgehoben ist. Ich werde ihn dort wieder hinbringen und mir lieber das Donnerwetter von Bläänch anhören als den Jungen weiterhin dieser Gefahr auszusetzen, in die ich ihn gebracht habe", sagte Mrs. Porter.

"Dann müssen Sie meiner Mutter aber erzählen, warum wir auf einmal nicht mehr willkommen sind", knurrte Julius. Erst hingen sie ihn wie einen Köder an die Angel. Dann hätte der dicke Fisch fast angebissen, und jetzt sollte er mit schönem Gruß vom Institut Laveau zu Professeur Faucon zurückgebracht werden. Aber wie waren sie eigentlich an den Strafverfolgungsleuten dieses Swift vorbeigekommen? Diese Frage wollte er noch beantwortet haben.

"Nun, ich habe dich sobald der Schockzauber wirkte vorübergehend auf ein Zehntel deiner Größe eingeschrumpft und bin mit dir an den Ort disappariert, an den du dich sicher noch erinnerst. Von dort aus bin ich in unser Besenhaus und von da an zum Institut, vor dem ja keiner mehr war, weil die ja alle nach uns beiden gesucht haben. Hier selbst habe ich dich wieder zurückvergrößert. Den Trick hat mir mal jemand verraten."

"Die freut sich bestimmt, daß Sie sie trotz allem so verehren", grummelte Julius.

"Gut, dann wollen Sie den Jungen und seine Mutter morgen mit der Reisesphäre wieder zurückbringen?" Fragte Mr. Davidson.

"Ja, aber nur, wenn es hinhaut, daß der Minister nichts davon erfährt. Da Mr. Marchand noch informiert werden muß, daß wir die Urlaubspläne geändert haben, könnte das noch heikel werden. Aber ich werde es hinbekommen. Schade, daß du dann das Spiel der Windriders nicht mehr sehen kannst. Brittany hätte sich bestimmt gefreut, dich mit ihrer Begeisterung für ihre Heimmannschaft anzustecken."

"Boing, jetzt reiben Sie mir ruhig Salz in die Wunde, Mrs. Porter", fauchte Julius, während Mrs. Porter ihn angrinste, nicht so warmherzig oder amüsiert wie sonst. Offenbar lastete das fast in einer Katastrophe geendete Experiment heftig auf ihrer Seele, dachte Julius. Er konnte dieser Frau, dieser Hexenkünstlerin, nicht böse sein.

"Also bringen Sie mich jetzt zu Zachary Marchand zurück?" Fragte er schüchtern.

"Auf keinen Fall, Julius. Ich hole deine Sachen bei ihm ab und rede mit deiner Mutter. Du wirst verstehen, daß ich ihr nichts sagen kann, was mit deinem Vater passiert ist. Ich behaupte einfach, du müßtest das Land verlassen, weil du vom Minister zur unerwünschten Person erklärt worden seist."

"Sie wissen doch, daß ich ihr am Telefon schon angedeutet habe, daß ich weiß, was wirklich mit Paps passiert ist", sagte Julius. Mrs. Porter zuckte zusammen und lief rot an. Julius erkannte in dem Moment, daß er nach dem Schachturnier in Millemerveilles den ersten Denkfehler begangen hatte. Sie hatte es offenbar vergessen.

"Ich kann ihr die Geschichte nicht erzählen, Julius. Aber gut das du mich daran erinnerst. Dann werde ich eben schlüssig beweisen, daß du vorhattest, deinen Vater mit Zauberkraft zu befreien und der Minister dir deshalb die Strafverfolger auf den Hals geschickt hat. Ich hätte dich gesucht, gefunden und dich in unser Institut zurückgebracht. Dann kann sie keinen Logikfehler finden."

"Tja, wenn sie nicht ein besseres Gedächtnis hat als Sie", grinste Julius verächtlich. Mrs. Porter sah ihn jetzt mit einem ähnlichen Ausdruck an, den er bei Professeur Faucon am Morgen des ersten Mais gesehen hatte, als sie ihn in ihrem Sprechzimmer wegen Edmond Danton heruntergeputzt hatte.

"Junger Mann, wenn du Glück hast, wirst du mal so alt wie ich. Dann wirst du feststellen, daß längst nicht alles im Wachbewußtsein bleibt, was man am Tag erlebt hat. Verscherz es dir nicht noch mit mir. Ich habe dich heute gut aus allem rausgehalten. Vergiss das ja nicht!"

"Das stimmt", pflichtete Mr. Davidson seiner Mitarbeiterin bei.

"Ich denke, ihr habt beide großen Hunger", lockerte Ms. Truelane die Stimmung auf. Julius nickte, Mrs. Porter auch. So saßen sie in einem der kleineren Speisezimmer, wo eine Hauselfe namens Jigg sie mit Fleischklößen, roten Bohnen und Reis versorgte. Das Essen und der bereits heftig nachlassende Zaubertrank sorgten dafür, daß Julius an diesem Abend bereits um halb neun im Gästezimmer des Institutes zu Bett ging. Er dachte noch daran, daß er morgen um diese Zeit wieder in Millemerveilles sein würde, wieder bei Claire. Das war ein ziemlich kurzer Ausflug nach Amerika. Immerhin hatte er Quodpot ausprobiert, ein Profispiel gesehen und zusammen mit Brittany herausbekommen, was mit seinem Vater passiert war. Er hatte die Audienz um Mitternacht erlebt, bei der der Geist Marie Laveaus ihm eine sehr unheimliche Zukunft vorhergesagt hatte, in der es auch um diese Töchter des Abgrunds ging, von denen eine seinen Vater versklavt hatte. Ja, und mit Mrs. Porter hatte er gegen den Willen des hiesigen Zaubereiministers nach seinem Vater gesucht und ihn auch gefunden. Zumindest wußte Mrs. Porter wohl, in welcher Richtung sie suchen mußte. Er wußte es nicht. Er war der Köder an der Angel gewesen, und beinahe hätte ihn ein dicker Fisch gefressen, der wohl schwer zu fangen war. Ja, und morgen sollte er wieder nach Millemerveilles. Immerhin würde man sein Gedächtnis wohl nicht verhunzen, wie der Minister es wohl plante. Marie Laveau hatte den alten Davidson wohl ziemlich heftig eingeschüchtert, hatte Julius mitbekommen können. Doch was würden sie nun tun? Was immer es war, es würde ohne ihn stattfinden. Einerseits ärgerte es ihn, jetzt, wo es möglich war, seinen Vater zu finden, ohne weiteres in die leicht angekratzte Sicherheit von Millemerveilles zurückzukehren. Andererseits sollte er sich besser noch nichts darauf einbilden, was er alles konnte. Wenn es stimmte, was Mrs. Porter erzählt hatte - und warum sollte sie ihn belügen? -, dann war dieses weibliche Monster ihm haushoch überlegen. Es hatte seinen Vater gekriegt. Da war es nur anständig, wenn man dafür sorgte, daß es ihn, Julius, nicht auch noch bekam. Mit dieser Erkenntnis schlief er ein.

Du musst dich anmelden (anmelden) um ein Review abzugeben.
Disclaimer: All publicly recognizable characters, settings, etc. are the property of their respective owners. The original characters and plot are the property of the author. No money is being made from this work. No copyright infringement is intended.

Bad Behaviour hat in den letzten 7 Tagen 103 Zugriffe blockiert.