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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Die französische Zaubererwelt war erschüttert. Die geflügelten Monster, mit denen die dunkle Matriarchin Sardonia vor 350 Jahren die Welt in Angst und schrecken gehalten hatte waren wieder aufgetaucht, zumindest die, von denen Gerüchte und bis dahin nicht nachprüfbare Vermutungen annahmen, daß sie noch irgendwo versteckt waren. Nur wenige wußten, wer die Kreuzungen aus Insekten und Menschen aus ihrem sicheren Versteck geholt hatte. Doch keiner wußte, was sie, die Wiederverkörperung von Sardonia selbst oder ihrer Nichte Anthelia, mit diesen geflügelten Ungeheuern vorhatte, außer ihr selbst natürlich. Julius Andrews, der unfreiwillig zum Kreis der Eingeweihten gehörte, bekam über sein Gemälde von Viviane Eauvive am Donnerstag abend noch mit, daß alle Experten für magische Geschöpfe und Kenner der sardonianischen Zeit am nächsten Tag an einem geheimen Ort zusammentreffen sollten, um zusammen mit dem Zaubereiminister persönlich zu erörtern, was zu tun war und wie dieser neuen Bedrohung begegnet werden konnte. Als er zu Catherine zum Abendessen hinuntergehen wollte, ploppte es im Kamin im Wohnzimmer, und Ursuline Latierres Stimme rief:

"Julius, bist du da?!"

"Wollte gerade runter zu den Brickstons, Ursuline!" Rief er, als er schon fast an der Wohnungstür war. Er eilte ins Wohnzimmer und sah den Kopf von Millies Großmutter zwischen den kleinen Flammen hocken.

"Du hast das sicher auch mitbekommen, daß da jemand alte Ungeheuer aus einem tiefen Loch heraufbeschworen hat, Julius. Hat Catherine dir gesagt, ob irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wurden?"

"Das mit den Entomanthropen habe ich heute morgen aus der Zeitung erfahren, Ursuline. Offenbar wissen die im Ministerium nicht genau, wie sie damit fertig werden sollen oder sagen das noch nicht, weil sie das erst ausarbeiten müssen. Catherine hat mir jedenfalls noch nichts gesagt."

"Ich dachte schon, weil diese Wesen nur von jemandem geweckt werden können, der oder die weiß, wie Sardonia sie befehligt hat und wahrscheinlich auch so denkt wie sie", erwiderte Ursuline Latierre. Julius nickte. Das war eine logische Schlußfolgerung, die jeder finden konnte, ohne daß er ein Geheimnis ausplauderte. Vielleicht wußte die beleibte Hexe mit den rotblonden Haaren, die trotz ihrer fünfundsechzig Jahre noch keinen Graustich zeigten sogar mehr als er selbst unfreiwillig mitbekommen hatte.

"Catherine meinte nur, daß wir wohl erst einmal abwarten sollen, was sich tut und was das Ministerium beschließt. Babette und ich haben im Moment keine besonderen Anweisungen."

"Was will Grandchapeau auch groß machen, wenn keiner außer einem bretonischen Bauern gesehen hat, daß diese Wesen ausgeflogen sind und daß in einer nahebei gelegenen Höhle ein Stück Granitwand herausgebrochen ist. Keiner hat gesehen, wohin diese Biester geflogen sind und wer genau sie wachgerufen hat."

"Kann sein, daß die jetzt in England herumschwirren", erwiderte Julius mit großem Unbehagen. Er konnte es sich gut vorstellen, daß die Wiedergekehrte den Dementorenangriff auf Frankreich heimzahlen wollte. Aber auch wenn hundert Entomanthropen hundert zu viel waren waren sie gegen Voldemorts Dementoren wohl doch zu wenig, falls der nicht noch andere Schreckenskreaturen in seinem Dienst hatte. Er konnte sich Riesen und Golems vorstellen, die der größenwahnsinnige Zauberer befehligte, ja ein Heer von lebenden Leichen wie ein General der Untoten in die Schlacht schicken konnte, Vampire und ihm nachlaufende Werwölfe zusammenrufen und noch dieses oder jenes an Unheil anrichten konnte.

"Ich denke eher, diese Monstren sollen sich erst einmal vermehren", vermutete Madame Latierre ebenfalls nicht gerade beruhigt. "Hätte nicht gedacht, daß ich das noch mitbekomme, wie dieser Alptraum zurückkommt. Aber irgendwie können wir nicht alle in Deckung bleiben und warten, was passiert, Julius. Ich wollte dich auch deshalb direkt sprechen und nicht langwierig mentiloquieren, weil ich das von gestern Nacht mitbekommen habe. Ich freue mich, daß du und Millie euch füreinander entschieden habt."

"Was hast du denn genau mitbekommen?" Fragte Julius leicht verunsichert.

"Sagen wir es so: Alles was wichtig ist. Ich habe schon gedacht, du wärest von der Sache im Sommer noch stark verunsichert, was die direkte Nähe zu anderen weiblichen Wesen angeht. Aber so wie ich das mitbekommen habe ..." Julius fühlte, wie seine Ohren und dann sein Hals erröteten und die Röte sich unaufhaltsam über sein Gesicht ausbreitete. Ursuline schmunzelte ihn an und sprach weiter: "Oh, das ist doch nichts verwerfliches, wofür du dich schämen müßtest, Julius. Du hast Millie ja nicht hungrig sitzen lassen. Ich hoffe, du lernst das noch, daß die angeblich so diskreten Dinge des wahren Lebens keine Verbrechen sind, solange sie im gegenseitigen Einverständnis passieren. Böse müßte ich euch eigentlich nur sein, daß ihr die Gelegenheit nicht nutzen wolltet, mir den ersten Urenkel zu präsentieren. Aber ich sehe ein, daß ihr erst einmal mit euch und Beauxbatons zurechtkommen wollt, bevor ihr für jemand neues Zeit und Ruhe habt." Julius stutzte. Er wollte Ursuline schon entgegnen, daß sie doch immer nur an das eine dachte, brachte jedoch kein Wort heraus. Statt dessen hörte er in seinem Kopf Catherines Gedankenstimme:

"Wolltest du heute noch was zu Abend essen, Julius?" Er sah Ursuline an und meinte:

"Ich hätte mich noch gerne weiter mit dir unterhalten, Ursuline. Aber Catherine hat mir gerade gedroht, meine Portion vom Abendessen mitzuessen."

"Sähe ihr ähnlich", erwiderte Ursuline grinsend. "Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Ach ja, da du und Millie nun zumindest was meine Familie angeht zusammengehört, sofern du nicht die Unverschämtheit besitzt, sie ohne triftigen Grund wieder wegzustoßen, bist du wie sie und ihre Verwandten am Sonntag zum Osterfest bei uns in Tournesol eingeladen. Wenn deine Mutter wieder zurückkommt, kannst du sie gerne mitbringen. Es sei denn, du möchtest ihr nicht erzählen, daß du dich für meine Enkeltochter Mildrid entschieden hast."

"Dann hätten wir ein Problem", erwiderte Julius und schickte auf gedanklichem Weg an Catherine: "Ursulines Kopf ist noch bei mir im Kamin, will ihr noch anständig auf Wiedersehen sagen." Dann sprach er wieder für Ursulines Ohren vernehmbar: "Meine Mutter darf nicht durch die Kamine, nicht floh-pulvern und nicht auf einen Besen, und Demie willst du ja nicht vor unserer Haustür parken."

"Ist doch gar nicht nötig, Julius. Hipps Mann hat doch dieses Mehrleutefahrzeug, Omnibus heißt das doch, obwohl der ja wohl nicht "für alle" ist", erwiderte Ursuline mit breitem Grinsen. Julius nickte zustimmend. Dann wünschte er Ursuline noch einen schönen Abend.

"Den werde ich bestimmt haben, jetzt wo ich weiß, daß du doch noch gut untergekommen bist", erwiderte Ursuline Latierres Kopf und verschwand aus dem kleinen Feuer. Julius löschte die Flammen mit einem kleinen Eimer Wasser und ging hinunter zu den Brickstons.

Joe wußte es noch nicht, daß Julius und Millie sich aufeinander eingelassen hatten. Er fragte Julius, was Madame Latierre von ihm gewollt habe. Ohne Probleme sagte er ihm, daß seine Mutter und er eingeladen worden seien, im Sonnenblumenschloß den Ostersonntag zu feiern.

"Au ja, Mayette meinte, ich könnte ja auch kommen", freute sich Babette, wobei ihr winzige Krümel bereits gut zerkauter Pommes Frites aus dem Mund schwirrten. Joe funkelte sie tadelnd an, Catherine zischte ihr zu, erst runterzuschlucken, bevor sie was sagen wollte und meinte dann laut:

"Deine Oma Blanche möchte aber, daß wir diesen Ostersonntag mit ihr in Millemerveilles feiern, Babette. Du weißt doch, daß sie nur alle zwei Jahre Ostern feiern kann."

"Muß das echt sein, Catherine", grummelte Joe, und Babette nickte ihm beipflichtend zu.

"Joe, wir müssen es doch nicht echt jedes zweite Jahr durchdiskutieren, und besonders nicht jetzt, wo Claudine unterwegs ist", schnaufte Catherine.

"Ich erinnere mich gut, daß du immer was gefunden hast, um nicht zu meinen Eltern mitzukommen und wir hier selten mit ihnen gefeiert haben", warf Joe ein. Julius sah ihn erwartungsvoll an. Immerhin hatte Joe es letztes Weihnachten nicht mehr mit seinen Eltern ausgehalten und sie mehr oder weniger höflich wieder ausgeladen. Joe sah ihn an und sagte dann noch:

"Wie wollt ihr dann dahinkommen, wo Ursuline und ihre Kinderschar feiern? Will die vielfache Mutter und Großmutter mit Demeter oder einer anderen Flügelkuh hier vor unserer Haustür landen?"

"Nöh, Albericus hat doch einen VW-Bus", warf Julius ein. "Der kann bestimmt auch Raumsprünge machen. Außerdem weiß ich ja nicht, ob Mum mitkommen will." Er dachte schon daran, daß er zu Albericus wohl irgendwann Beau-Papa, also Schwiegerpapa sagen müßte, wenn das mit Millie nicht doch eine kurze Laune des Schicksals blieb. Dann dachte er daran, daß seine Mutter nicht gerade begeistert sein mochte, wenn er ihr die ganze Geschichte vom Quidditch-Spiel bis zu den Stunden unter der gläsernen Kuppel der Festung der Mondtöchter erzählen würde. Er hatte es doch noch im Ohr, wie sie ihm vor nun schon fünf Jahren eindringlich darum gebeten hatte, sich nicht auf zu viel auf einmal einzulassen und immer erst zu überlegen, ob er nun schon alles ausprobieren müsse.

"Also, Joe, wenn du zu deinen Eltern möchtest, reisen Babette und ich eben allein nach Millemerveilles", sagte Catherine. Joe schien über diese Auswahl gründlich nachdenken zu müssen, weil er in eine starre Haltung verfiel und eine Weile lang nichts von seiner Umgebung mitzubekommen schien. Dann war es, als habe jemand hinter seiner Stirn eine helle Lampe angeknipst, so strahlte er.

"Bei Mum und Dad wird am Sonntag auch Mortimer sein, mein Cousin aus Plymouth. Wenn du echt nichts dagegenhast kann ich übermorgen rüberfliegen."

"Öhm, kann ich mit?" Fragte Babette aufgeregt. Doch Catherine funkelte sie so warnend an, daß sie von einem Moment zum anderen kreidebleich wie ein Vampir wurde. Dann sah sie Joe an und sagte mit schwer unterdrücktem Unnmut:

"Gut, klär das ab, wann du fliegst, Joe. Ich werde es Maman schon irgendwie verkaufen können, zumal es ja im Moment genug gibt, was sie davon abhält, dir und mir in unser Privatleben reinzureden."

"Klingt aber jetzt nicht gerade begeistert", meinte Joe leicht verschmitzt grinsend. Julius wußte, daß er hier besser nichts sagen sollte. Babette sah ihn fragend an. Doch er wich ihrem Blick aus und sah statt dessen auf seinen halbleeren Teller.

"Natürlich bin ich nicht begeistert, wenn alle in Millemerveilles meinen könnten, wir gingen unserer Wege, weil du nicht mit Babette und mir bei Maman feiern willst."

"Du hast mir die Alternativen angeboten, Catherine, und jetzt ärgere dich bitte nicht, daß ich lieber meinen Cousin um mich haben will als deine alles kontrollieren wollende Mutter. Daß wir nicht auseinander sind wissen wir beide und Babette, und das ist die Hauptsache", erwiderte Joe. Seine Frau schnaufte einmal, zweimal. Dann nickte sie ihm schwerfällig zu. Dann sagte sie: "Wir reisen dann eben am Sonntag alleine nach Millemerveilles, fals Julius und seine Mutter nicht auch mitkommen wollen."

"Du hast doch gehört, daß die runde Omama Ursuline ihn und seine Mutter gebucht hat", feixte Joe. Da wird er wohl lieber hingehen als zu Blanche."

Julius dachte nun, daß er zu Albericus wohl doch nicht Schwiegerpapa sagen mußte. Da klingelte das Telefon. Joe sprang auf, froh, dieser für ihn unangenehmen Situation entfliehen zu können und ging an den Apparat. Catherine sah Babette und Julius an. Doch weder mit dem Mund noch mit magischer Gedankenstimme sagte sie was zu Julius.

"Ja, der ist gerade bei uns. Du weißt ja, Catherine wollte ihn nicht alleine essen lassen", hörte Julius Joe sagen und wußte sofort, mit wem er sprach. Er machte sich sprungbereit, sofort an den Telefonapparat zu laufen, wenn er gerufen würde. "Neh, er hat uns gerade erzählt, daß ihr beide für Sonntag wieder im Sonnenblumenschloß eingeladen seid. ... Ich bin in England bei meinen Eltern, wo noch andere Verwandte hinkommen. Catherine ist mit Babette am Sonntag in Millemerveilles. ... Morgen Mittag? Sollen wir dich abholen? ... Oh, das wird aber dann teuer für die feine Mademoiselle! ... Schon gut, Madame. ... Achso, die hat das Spiel mit dem Schrumpfwagen ... Ich weiß, nicht übers Telefon. Also kommst du morgen Mittag wieder. Willst du den jungen ...? Kein Problem! Julius!!"

Julius schnellte vom Stuhl hoch und war keine zwei Sekunden später am Telefon.

"Hi, Mum! Alles klar in Amerika?"

"Diesmal ja, Julius. Ich bin morgen um ein Uhr eurer Zeit wieder in Paris. Madame Grandchapeau und ich kommen direkt vom Flughafen rüber. Wie war das Spiel am Mittwoch?"

"Die Pelikane haben gewonnen, Mun", erwiderte Julius unverbindlich. "Und es sind einige Sachen hier passiert, die ich dir gerne erzählen möchte, wenn du wieder da bist", fügte er noch hinzu.

"Schlimmes oder angenehmes?" Fragte seine Mutter verhalten.

"Wie gesagt, das würde am Telefon zu lange dauern, Mum", antwortete Julius darauf.

"Dann hoffe ich mal letzteres", erwiderte Martha Andrews. "Bis morgen dann."

"Bis morgen, Mum", entgegnete Julius.

"Die hat ihren Wagen also eingeschrumpft und als Spielzeugauto durch den Zoll gekriegt", sagte Joe zu Julius. "So kann man auch um die Wagenmiete rumkommen."

"Sie konnte ja schlecht mit Mum apparieren", sagte Julius dazu nur. Joe, der immer noch in Telefonnähe stand nahm den Hörer noch einmal ab und wählte eine Nummer in England. In seiner und Julius' Muttersprache begrüßte er dann seine Mutter Jennifer. Er sagte, daß er sehr gerne zu ihr kommen würde. Catherine habe von ihrer Hebamme die Anweisung bekommen, keine längeren Reisen anzutreten, bevor das Kind geboren sei, besonders keine Flugreisen, wegen der Höhenstrahlung. Julius zog sich in das Esszimmer zurück, wo Catherine ihn ansah und mentiloquistisch fragte:

"Wolltest deiner Mutter nicht gleich sagen, was du gestern angestellt hast, wie?" Er schickte zurück, daß er und sie dafür Ruhe haben und allein sein sollten, weil er ihr alles erzählen wolle. "Vielleicht klagt sie Hippolyte wegen Kuppelei mit Minderjährigen an", kam Catherines Bemerkung nur für Julius wahrnehmbar zurück.

"Das wäre ein Ding", mentiloquierte Julius. Das könnte ihr echt einfallen, Hippolyte Latierre anzuzeigen, weil sie Millie und ihn angestiftet hatte, über diese Brücke zu gehen und dann noch zugelassen hatte, daß ihre Tochter und er sich in der Festung ganz toll liebgehabt hatten.

"Jetzt lügt der doch glatt, daß ich nur wegen des Babys nicht mit ihm mitkommen kann. Was soll das eigentlich mit Höhenstrahlung?" Fragte Catherine nun halblaut sprechend.

"Die kosmische Strahlung wird bei zunehmender Höhe über dem Boden immer stärker, weil sie weniger gefiltert wird", sagte Julius laut. Deshalb wird werdenden Müttern bis zum dritten Monat abgeraten, Flugreisen zu machen, um das Erbgut des Kindes nicht zu schädigen und es damit mißgebildet oder lebensunfähig zur Welt kommen zu lassen."

"Ich bin aber schon im siebten Monat, Julius", knurrte Catherine, als wenn er das nicht wüßte. Dann sah sie ihn beruhigend an und sagte leise: "Wenn Joe meint, die Beziehung zu seinen Eltern und meiner Mutter mit irgendwelchen Flunkereien halten zu müssen. - Ich habe deinen Teller noch stehen gelassen. Du möchtest wohl noch zu Ende essen." Julius nickte.

So, ich bin dann von samstag Mittag bis Sonntag abend bei meinen Eltern", sagte Joe. Catherine vermied es, darauf zu antworten. Babette fragte ihn, ob er nicht mit ihrer Mutter reden könne, daß sie mitkäme.

"Neh neh neh, Mademoiselle, du fährst bestimmt nicht mit deinem Vater allein zu Oma Jennifer und Opa James, ohne daß jemand aus der Zaubererwelt dabei ist", warf Catherine ein. "Und ich darf ja nicht mit, nachdem, was Joe über meine besorgte Hebamme erzählt hat." Babette funkelte ihren Vater an, weil der ihr den Ausflug nach England vermasselt hatte, bevor die Verhandlungen richtig angelaufen waren.

"Wann fliegst du denn dann?" Fragte Julius Joe.

"Ich mach das gleich im Internet klar, daß ich Samstags früh losfliegen kann. Die kleine Zeitverschiebung kommt mir ja zur Hilfe, daß ich dann mittags in Birmingham bin", sagte Joe gelassen, obwohl seine Frau wie seine Tochter ihn mißmutig anglotzten.

"Das ist ja eh komisch, daß Oma Jennifer dir nicht gesagt hat, du sollst zu Hause bleiben", knurrte Babette.

"Ach, wegen Weihnachten? Das ist schon um zwei oder drei Ecken, Babette. Die hat mir auch erzählt, daß sie jetzt in einem Intensivkurs Französisch lernt, um sich von dir oder deiner Oma nicht immer wie dumm und ungebildet darstellen zu lassen. Dad hat sich breitschlagen lassen, auch einen Kurs zu machen. Könnte sein, daß die in zwei Monaten, wenn Claudine da ist, schon einiges verstehen."

"Mit dem provencalen Französisch hängt Madame Faucon die doch immer noch ab", warf Julius ein. "Ich kriege das doch selbst mit, wie anders der klingt."

"Der Lehrer kommt aus Aix-en-Provence", zog Joe einen weiteren Trumpf aus dem Ärmel. "Mum weiß wohl, wer mit mir verwandt ist."

"Hat was für sich, Joe. Dann muß Julius sich nicht mehr als Heuchler oder Lügner beschimpfen lassen", sagte Catherine nun ganz gefaßt. "Dann wird sie selbst hören, was Maman sagt. Aber in zwei Monaten wird sie wohl nur oberflächliche Konversation machen können."

"Selbst das ist mehr als beim letzten Besuch von ihr", erwiderte Joe. Julius sagte nichts dazu. Er erinnerte sich noch zu gut, wie er Weihnachten zwischen Madame Faucon und Jennifer Brickston übersetzt hatte.

"Noch was von dem Frikassee?" Fragte Catherine Julius, der gerade seinen Teller leerbekommen hatte. Er lehnte höflich ab und bekam dafür den Nachtisch, einen Vanille-Jogurt mit Erdbeeren, von Catherine selbst gemacht.

"Madame Brickston?" erklang die Stimme von Minister Grandchapeau aus dem Partyraum, wo der an das magische Transportnetz angeschlossene Kamin stand. Catherine verließ den Raum.

"Ist das nicht euer oberster Boss?" Fragte Joe auf Englisch.

"Genau der, Joe", erwiderte Julius. Catherine sprach wohl leise mit dem Zaubereiminister, der danach wohl ganz im Haus Rue de Liberation 13 erschien und mit ihr kurz in das schalldichte Arbeitszimmer verschwand.

"Hups, was geht denn jetzt ab?" Fragte Joe. Julius überlegte kurz, ob er es Joe auftischen sollte, wo Babette dabeisaß. Er sagte dann:

"In den letzten Tagen ist einiges los gewesen, worüber der Minister mit Catherine wohl reden will." Dann tat sich die Tür zum Arbeitszimmer wieder auf, und der Zaubereiminister schritt zurück zum Partyraum, wo er wohl den Kamin für eine schnelle Rückreise in sein Büro benutzte.

"Joe und Babette, ich muß morgen früh zu einer Besprechung. Der Minister wollte keine Eulen herumschicken, um mich und die anderen, die da noch hinkommen anzuschreiben."

"Ist der große, böse Bube aus England jetzt doch schon in Frankreich angekommen?" Fragte Joe etwas respektlos. Babette erschauerte. Catherine verzog das Gesicht und holte einmal tief Luft. Julius sah Joe an und meinte:

"Der braucht nicht rüberzukommen, der kann wen schicken, und die Typen willst du nicht kennenlernen, glaub's mir."

"Worum es genau geht darf ich nicht sagen, Joe. Aber du solltest froh sein, wenn dieses Treffen hilft, daß wir hier nichts schlimmes erleben müssen", sagte Catherine. Joe schwieg dazu.

"Dann bin ich ja morgen ganz alleine hier", sagte Babette. Doch ihre Mutter hatte das wohl schon einkalkuliert.

"Ich schicke dich zu Denise und hole dich wieder ab, wenn die Besprechung vorbei ist."

"Au Ja, Maman", freute sich Babette. "Denises Maman könnte mir wieder zeigen, wie eine Hexe richtig fliegt. Oma Blanche will ja haben, daß ich vor Beaux schon gut fliegen kann, damit das nicht so rauskommt, daß ich bei euch nicht viel fliegen kann."

"Sie meint wohl eher, damit die anderen von da dich nicht dumm angrinsen, wegen des Muggels, der dein Vater ist", warf Joe verächtlich ein. Catherine räusperte sich leise aber vernehmlich.

"Dann habe ich morgen sturmfreie Bude", sagte Julius dazu nur. Joe starrte ihn ungehalten an, während Catherine leise sagte:

"Ich denke mal, du wirst dich hier anständig benehmen, während wir alle unterwegs sind. Außerdem mache ich unten den Kamin zu. Aber vielleicht willst du ja mit Babette zu Camille und Florymont rüber."

"Hmm, morgen nicht, wo Babette denen schon auf die Bude rückt", antwortete Julius. Insgeheim dachte er daran, wie er es Camille und Florymont erklären sollte, daß er jetzt mit Mildrid zusammen war. Er mußte ihnen ja nicht alles erzählen. Außerdem wollte er nicht unbedingt, daß Professeur Faucon es früher als nötig erfuhr. So sagte er dann, daß er morgen wohl einen Tag mit dem Fernseher und dem Rechner zubringen würde, bis seine Mutter wieder da sei. Catherine nickte ihm zu. Joe sagte kein Wort.

Nach dem Abendessen kehrte Julius in die von seiner Mutter und ihm bewohnte Wohnung zurück. Wo er sich seinen Gedanken überließ. Was war das für eine Besprechung, zu der Catherine hinsollte? Wer kam da alles hin? Wo fand sie Statt? Worum ging es da? Auf die letzte Frage konnte er eine Antwort finden, nämlich um die wieder aufgetauchten Entomanthropen. Wenn Catherine dort hingehen sollte, dann wohl, weil sie eine Expertin für Sardonia war. Etwas mulmig war ihm schon bei dem Gedanken, daß diese geflügelten Monster aufgetaucht waren. Er hatte sie in Slytherins Galerie des Grauens kennen und fürchten, ja auch hassen lernen müssen. Damals hatte er einen Drachenhautpanzer mit einem starken Abwehrzauber gegen jede körperliche Gewalt getragen und sich aus der Zauberschmiede des hinkenden Kallergos und seiner goldenen Metallmädchen ein Kurzschwert organisiert, mit dem diese Biester durch einen kleinen Schnitt in ihre Ausgangswesen Mensch und Honigbiene zerlegt werden konnten. Er hatte nach der mehr als glücklichen Rückkehr von diesem Alptraum in der Bilderwelt erfahren, daß es das echte Schwert der Entschmelzung noch irgendwo in der natürlichen Welt geben sollte. War die Wiedergekehrte jetzt auch da hinter her, um ihre Insektenkrieger zu schützen? Vielleicht ging es morgen genau darum, vermutete Julius. Vielleicht wußte jemand, wo das Schwert versteckt war, damit es gegen die Kreaturen eingesetzt werden konnte. Würde die Wiedergekehrte mit den Entomanthropen einen großen Angriff auf die Zaubererwelt starten oder sie im Stile von Greif- und Rollkommandos einsetzen, als eine Art fliegende Todesschwadron, die zuschlug und sofort wieder verschwand, ohne Spuren zu hinterlassen. Mit diesen Monstern, deren Stärke er durchaus kennengelernt hatte, waren beide Taktiken denkbar. Es konnte tatsächlich sein, daß die Wiedergekehrte die neue Sttreitmacht schon zum Gegenbesuch nach England ausgeschickt hatte, um Voldemort den Dementorengroßangriff gebührend zu vergelten. Aber wie er schon gedacht hatte war das im Moment wohl ziemlich hoffnungslos. Eher vermutete er, daß die Insektenmenschen Zeit finden sollten, sich in Ruhe zu vermehren, sofern unter ihnen eine bereits befruchtete Königin war. Waren es jedoch nur Dronen oder unfruchtbare Arbeiterinnen, so hatte die Wiederkehrerin nicht viel von ihrer Privatarmee, außer daß sie sie als fliegende Leibwache mitnehmen konnte. Dann dachte er daran, was ihm Catherine und Professeur Faucon andeutungsweise mitgeteilt hatten. Es war bei dem Dementorenangriff nicht nur darum gegangen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Mochte es sein, daß Voldemort die Gunst der Stunde nutzen wollte, um seine Helfer, die als einzige dunkle Kreaturen nach Millemerveilles vordringen konnten an einen bestimmten Ort zu schicken, damit sie ihm etwas besorgten, was ihm Macht über die Insektenmonster gab? Dann Waren alle Überlegungen falsch, die von der Wiederkehrerin ausgingen. Sollte er das jetzt Catherine sagen und damit das Versprechen brechen, daß er Jane Porter und Professeur Faucon gegeben hatte? Er erschrak, als sein Pflegehelferarmband zitterte. Er mußte einmal durchatmen, um seine Fassung zurückzugewinnen. Dann legte er den linken Zeigefinger auf den weißen Stein des silbernen Armbandes und sah, wer ihn da sprechen wollte. Es war Belisama Lagrange. Oha! Das konnte noch was geben.

"Hallo, Julius. Schwester Florence hat mir erlaubt, mit dir zu reden, weil ich nach dem ganzen Trubel gestern den Eindruck hatte, die Latierres hätten dich einfach so mitgenommen, und du hättest mich vielleicht noch einmal gesucht."

"Du hast mich gesucht?" Drehte Julius die Bemerkung einfach um. "Ich dachte, du wärest mit deiner Familie nach dem Spiel sofort nach Callais oder Millemerveilles gereist."

"Nein, bin ich nicht. Ich habe noch gekuckt, ob wir dich noch in der Rue de Camouflage finden können. Auf die Idee, das Armband zu benutzen kam ich ja dummerweise erst heute morgen", sagte Belisama. Julius überlegte wohl, ob er ihr gleich den Hammer der Woche um die Ohren hauen sollte oder sie erst einmal ganz unbefangen abwimmeln konnte. Er preschte vor und fragte:

"Bist du noch lange in Paris geblieben?"

"Nur eine Stunde", erwiderte Belisama mit verhaltenem Lächeln. "Warst du noch mit den Latierres zusammen?" Fragte sie zurück. Julius nickte.

"Den ganzen Tag bis spät am Abend", sagte Julius, der fand, daß das Belisama keine Probleme machen würde. Doch offenbar reichte ihr das schon aus, um vergrätzt dreinzuschauen.

"Was haben die denn mit dir so angestellt?" Fragte sie argwöhnisch.

"Erst saßen wir in einem Café, daß 'ner Cousine von Madame Hippolyte Latierre gehört, und nachmittags waren wir dann bei Martines und Millies Eltern im Haus bis Abends."

 

"Du hättest besser zu uns rüberkommen sollen", schnaubte Belisama. "Wir waren nachmittags noch in Millemerveilles. Die Latierre-Brut verdirbt dich noch, wenn die meinen, dich vereinahmen zu können, ohne daß da wer zwischengeht."

"Mädel, woher willst du wissen, ob ich nicht vorher schon verdorben war?" Entgegnete Julius. Wollte er ihr das jetzt nicht doch irgendwie beibringen? Sie war ja weit genug weg, und Schwester Florence wußte es eh schon.

"Dann wärest du gleich bei dem roten Haufen in den Saal gekommen", knurrte Belisama. "Oder noch schlimmer, bei diesem blauen Gesocks. Aber ich hab's natürlich gesehen, daß der Teppich auch rote Teile drinhatte, als du auf ihm gelaufen bist. Deshalb finde ich, daß du dich nicht weiter auf diese Latierre-Sippe einlassen sollst. Nachher vergißt du noch, wofür du eigentlich lernst."

"Für das Leben, Mademoiselle", knurrte nun Julius, der jetzt ganz knapp davor war, dieser jungen Zicke den Schreck in der Abendstunde zu versetzen. "Zumindest habe ich das von meinen Eltern immer so erzählt bekommen, und auch die Latierres denken und reden so. Wahrscheinlich konnte ich deshalb gestern auch so gut mit Martine und Mildrid reden." Jetzt hatte er sie in einer Ausgangsstellung, wo er ihr gleich den seelischen Kinnhaken versetzen würde. Nein, er wollte nicht böse zu Belisama sein. Aber irgendwann mußte sie es doch wissen. Doch mit ihrer nächsten Bemerkung vertat sie die Chance, es hier und jetzt zu erfahren.

"Martine ist doch genauso verdreht wie ihre Schwester. Wenn du meinst, mit der besser auszukommen als mit mir sehe ich es nicht ein, warum ich mich da noch weiter reinhängen soll."

"Tja, dann haben wir beide im Moment wohl nichts mehr zu besprechen", sagte Julius. Belisama sah ihn verdutzt an. Doch dann antwortete sie:

"Du wirst schon sehen, wo du hinkommst, wenn du meinst, diesen Ludern nachzulaufen, Julius. Denke aber dann bloß nicht, daß ich noch auf dich warte, wenn du mit denen nix mehr zu schaffen haben willst."

"Danke für den Hinweis", entgegnete Julius kühl. Dann verschwand Belisamas Abbild. Keine fünf Sekunden später zitterte das Armband erneut. Dieses Mal war es Madame Rossignol.

"Ich verstehe, daß du ihr nicht gleich im ersten Ansatz auf die Nase binden wolltest, daß du und Millie euch über die in Beauxbatons erlaubte Weise hinaus geeinigt habt, Julius. Aber denkst du nicht, es wäre besser gewesen, es ihr irgendwie beizubringen? Deshalb habe ich ihr ja die Erlaubnis gegeben, mit dir zu sprechen."

"Das ist mir klar, Madame Rossignol. Nur andererseits hat sie sich nicht gerade so benommen, als könne ich ihr das in Ruhe erzählen. Außerdem hätte sie dann gemeint, ich wäre wohl nicht mehr bei klarem Verstand. Jetzt wird sie es für die natürliche Folge halten, wenn ich mit Millie in der Schule zusammengehe."

"Möchte der junge Herr mir etwa beibringen, wie junge Leute denken und empfinden?" Fragte Madame Rossignol mit warnendem Unterton. Julius schüttelte den Kopf. "Hätte ich dir auch nicht geraten. In dem Fach bin ich doch ein wenig besser. Außerdem war ich selbst einmal ein junges Mädchen, nicht nur vier Tage und eine Stunde lang. Ich weiß daher, daß sie jetzt ziemlich verunsichert ist, ob sie noch Chancen bei dir hat oder nicht und wird daher ihre Anstrengungen noch verstärken, Mildrid als deine Partnerin in den Schmutz zu ziehen. Diese wiederum würde nicht so zurückhaltend sein wie du und es ihr granithart um die Ohren hauen, ja es ihr sichtbar vorführen, daß du bereits was mit ihr angefangen hast. Wie Belisama dann darüber hinwegkommt, ja vielleicht sogar einen Haß auf dich entwickelt, mag ich nicht in allen Einzelheiten ausführen. Da gestehe ich dir genug eigene Vorstellungskraft zu."

"Ich hätte es ihr erklärt, daß Millie und ich uns darauf verständigt hätten, wegen dieser Streiterei zwischen ihr und Belisama erst einmal miteinander zusammenzusein. Belisama hätte dann mitbekommen, daß sich da wohl mehr entwickelt und das ganze dann irgendwie hingenommen. Und ich möchte mich hier nicht noch weiter entscheiden, wer mich hassen und wer mich lieben soll, Madame. Aber ich sehe es ein, daß es jetzt nicht gerade gut wäre, wenn Millie ihr knallhart erzählt, was passiert ist. Das betrifft nur sie und mich. Bitte erlauben Sie mir, mit ihr zu sprechen!"

"Ich sehe das ein", grummelte die Heilerin von Beauxbatons. So konnte Julius keine drei Sekunden später Millie Latierre sehen, die wohl auf ihrem Bett saß, der Körperhaltung nach.

"Oh, Monju, hat Madame Rossignol dir erlaubt, mit mir zu reden?" Begrüßte sie Julius mit sehr erfreutem Lächeln. Julius nickte und erzählte ihr, was gerade passiert war.

"Du bist echt zu behutsam, Monju. Du hättest ihr einfach sagen können: "Belisama, Millie und ich sind jetzt zusammen, die Familie von der hat nichts dagegen, fertig." Die hat's doch darauf angelegt, sowas zu erwischen."

"Du aber auch", erwiderte Julius. "Hätte ja auch andersrum laufen können."

"Tja, wenn die sich darauf eingelassen hätte, dich über diese Brücke zu tragen, Cherie. Aber dann hätte sie erkennen müssen, daß sie eben auch nur ein normales Mädchen ist und sich wohl so darüber geärgert, daß ihr beide mit der Brücke durchgesackt wäret. Aber ich will nicht mehr gehässig über Belisama reden. Wenn die es erfährt, und wenn du es ihr nicht sagst, tu ich's, wenn die mir so blöd kommt wie dir gerade. Sieh es bitte ein, daß daran nichts schlimmes ist, daß wir zusammen sind. Sage ihr das, wenn sie es genau wissen will, und mach dir keinen Kopf darum, wie sie das hinnimmt. Die freut sich sowieso nicht darüber, egal wie du es ihr servierst."

"Billige deinem Auserwählten zu, daß er sich schon Gedanken macht, wer wie mit einer Neuigkeit umgeht", klang Madame Rossignols Stimme durch das Armband. Millie verzog kurz das Gesicht, nickte dann und meinte:

"Okay, du bist nicht ich und hast eben noch Schwierigkeiten, einfach zu sagen, was ist. Ich denke auch, daß das nicht ganz verkehrt ist, zu überlegen, wer wem was sagt. Aber Belisama ist auch nur eine Mitschülerin, Julius. Wenn wir alle mit Beaux durch sind hat die das eh längst vergessen, daß die sich an dich dranhängen wollte, weil die entweder bis dahin wen anderen hat oder sie erkennt, daß du mit mir besser zusammengepaßt hast. Diese Mondtöchter haben es uns doch erzählt, daß wir nur über die Brücke rüberkamen, weil wir uns unbewußt schon aufeinander geeinigt haben. Ich finde, das sollte dir den richtigen Mut machen, mit denen, die dich vielleicht danach dumm anquatschen zu müssen ganz gelassen umzugehen. Aber ich werde dir zu Liebe nicht mit Belisama darüber reden, solange die mich in Ruhe läßt. Wenn das aber rum ist in Beaux, und glaube mir, daran geht nix vorbei, daß das rumgeht, wird sie dich und mich nicht in Ruhe lassen, bevor wir ihr das nicht irgendwie beigebogen haben. Wir müssen ihr ja nicht gleich aufladen, wie tief wir schon verbunden waren." Sie lächelte überlegen, und Julius wurde es dabei heiß und kalt. Er sah zur Wohnzimmertür, die fest verschlossen war. Der Fernseher war laut genug, um Viviane nicht alles mithören zu lassen. Wenn die das nämlich mitbekam war es tatsächlich in einer Minute durch Frankreich herum.

"Ja, das sollten wir besser nur denen erzählen, die es auch was angeht", sagte Julius. Millie nickte. Zwar konnte Professeur Fixus es vielleicht aus ihr heraushören, aber die durfte es zumindest nicht weitererzählen, weil es nicht in Beauxbatons passiert war. Die beiden deuteten einen Gutenachtkuß an, weil es ja in echt nicht ging und verabschiedeten sich.

 

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Am nächsten Morgen erwachte Julius schon um halb sechs. Offenbar war sein alter Tag-Nacht-Rhythmus wieder in Ordnung, obwohl er hier weder einen durchgeregelten Schultag noch Sport hatte. Er überlegte sich, ob er wieder in die Badewanne klettern sollte. Doch nachher würde seine Mutter ihm wegen Wassergeld oder sowas ... Ach was! Er stand auf, ging ins Badezimmer und ließ sich die Wanne volllaufen, in der er dann eine Stunde bei lockerflockiger Popmusik aus Frankreich und dem Rest der Welt in den Tag hineinglitt. Heute würde seine Mutter aus Amerika zurückkehren, und innerlich war er noch nicht klar, wie er ihr die Sache mit Millie erzählen sollte. Er wußte nur, daß er es ihr erzählen mußte, allein weil er ihr zeigen wollte, daß er um Sachen, die auch sie betrafen, keine Geheimnisse machen würde. Dabei fiel ihm auf, daß er es wohl immer noch nicht ganz verdaut hatte, daß seine Mutter ihm vier Monate lang nicht erzählen konnte, was mit seinem Vater passiert war. Da mußte er wohl also noch ganz mit fertig werden, vor allem, weil sie ja auch unter dieser Geheimnistuerei gelitten hatte. Das durfte er nicht vergessen. Die Frage, wie sie es hinnehmen würde, daß er sich mit Millie zusammengetan hatte konnte er wohl nur dadurch beantworten, wenn er seiner Mutter alles erzählte, anfangend mit dem Treffen im Café von Temmie Orchaud. Er machte sich gerade tagesfertig, als im Radio die Nachrichten liefen, auf diesem Sender etwas lockerer präsentiert als auf einem für Leute über dreißig gehörten Programm.

"... hat es gestern in Brüssel eine lebhafte Diskussion gegeben, ob die Staffel Mirage-Flieger, die im Tiefflug über die Bretagne gesaust sein sollen auf die Kappe der NATO oder unseres Verteidigungsministers gehen. Jaja, im Frühling fliegen die Düsenjäger wieder tiefer", bemerkte der Nachrichtensprecher, dessen Stimme ihn so auf Mitte zwanzig schätzen ließ. "Jedenfalls will das Verteidigungsministerium nichts davon gewußt haben, und von der NATO sei im Moment auch keine Luftwaffenübung über Frankreich angesetzt. Vielleicht kriegen wir das in den nächsten Stunden noch mit."

"Tiefflieger über der Bretagne, von denen keiner was weiß?" Wunderte sich Julius. Ihm fiel auf, daß es gestern ja wirklich unbekannte Flugobjekte über der angegebenen Region Frankreichs gegeben hatte. Hatte irgendwer im Zaubereiministerium dem Augenzeugen per Gedächtnisveränderung eingebimst, das wären ganz gewöhnliche Düsenjäger gewesen? Dann hatten die wohl was wichtiges vergessen, nämlich sicherzustellen, daß die Befehlshaber der Luftstreitkräfte das auch wußten, daß da welche vorbeigefaucht waren. Er ging ans Telefon. Im Speicher war die Mobilfunknummer einer gewissen Nathalie Grandchapeau enthalten. Diese rief er nun an.

"Schönen guten Morgen, Madame Grandchapeau. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu früh behelligt", begrüßte Julius die Mutter Belles und direkte Vorgesetzte seiner Mutter.

"Ich bin schon seit fünfzehn Minuten im Büro, Julius. Irgendwie ist da gestern was schiefgelaufen, was wir schnellstmöglich korrigieren müssen. Hat dein Anruf vielleicht was damit zu tun?" Erwiderte Madame Grandchapeau. Julius bejahte es und gab in einem Satz wider, was der Nachrichtensprecher gerade seinen Hörern vorgesetzt hatte.

"Wir waren nicht darauf gefaßt, daß dieser Muggel erst die Presse und dann die Militärorganisationen anrufen würde. Offenbar will er Schadensersatz für ungelegte Hühnereier und abfallende Milchleistungen wegen der sogenannten Tiefflieger. Mindestens hundert Leute, von denen wir bisher noch nicht alle Aufenthaltsorte kennen, müssen mittlerweile mit der Sache beschäftigt sein."

"Oha, wahrscheinlich noch mehr, wenn das durch die Zeitungen geht, daß irgendwelche unangemeldeten Düsenjäger, also Kampfflugzeuge im Tiefflug über die Felder eines braven Bauern weggezischt sind. Nicht daß diese Insektenmonster damit was angerichtet haben, ohne selbst zuzuschlagen."

"Sagen wir es so, Julius. Wir merken jetzt, wo wir überall nachhaken und feinkorrigieren müssen und wie schnell das dann gehen muß, bevor diese Ungeheuer tatsächlichen Schaden anrichten. Ich sehe es als notwendige Übung unserer Desinformationsabteilung und der Eingreiftruppe zur Behebung von magischen Katastrophen. Immerhin sitzen ja gute Leute in den entscheidenden Behörden der Muggelwelt."

"Dann hoffe ich, daß Sie das Chaos in der Muggelwelt gut in den Griff kriegen können, bevor noch wirklich wer glaubt, hier würde wer irgendwas anstellen", erwiderte Julius. Madame Grandchapeau erwiderte darauf:

"Wir haben schon größere Informationslawinen abgewettert, Julius. Nur mit den heutigen Techniken kann sich eine ungewollte Nachricht schneller ausbreiten als früher. Deshalb sind wir ja froh, daß deine Mutter für uns arbeitet. Ich hörte, sie kommt heute wieder. Grüße sie bitte von mir!"

"Werde ich machen, Madame", sagte Julius noch und beendete das Telefongespräch. Im Radio lief derweil wieder Musik.

"Tja, das hätten die vielleicht vorhersehen können. Vielleicht wäre es besser gewesen, diesem Bauern einzubläuen, da wäre überhaupt nichts vorbeigeflogen", dachte Julius. Doch er war nicht in der Desinformationsabteilung und mußte sich deshalb keinen Kopf machen. Er hatte andere Probleme mit diesen Monstern als ob die muggel sie für unangemeldete Düsenflieger hielten oder nicht. Zu wissen, daß sie nun auch in der natürlichen Welt wieder herumflogen war schlimm genug. Sich vorzustellen, daß sie bald schon irgendwen angreifen würden war schlimmer. In Slytherins Bildergalerie hatte ihm Goldschweif immer rechtzeitig sagen können, wann eine dieser Kreaturen im Anflug war, noch bevor er es hatte hören oder sehen können. Doch jetzt, in der freien Natur, war er diesen Bestien genauso ausgeliefert wie jeder andere, auf den sie es absahen. Das machte ihm doch schon Angst. Denn er dachte auch daran, daß er nur an drei Plätzen wirklich sicher vor diesen Geschöpfen sein würde: Die Rue de Liberation, Millemerveilles und die friedliche Festung der großen Himmelsschwester. In seiner Phantasie stiegen Horrorbilder von zu hunderten auf Häuser niederstürzenden Entomanthropen auf, die keine Gnade kannten. Diese Widerkehrerin hatte eine Schreckensarmee zusammengestellt, gegen die jede Muggel-Luftwaffe unbedeutend aussah. Doch er hatte auch gelernt, daß es nichts brachte, andauernd Angst zu haben. Er selbst war dreimal in gefährliche Situationen geraten, aus denen er nur rausgekommen war, weil er sich nicht von Angst hatte fesseln lassen. Sicher, bei der Galerie hatte ihm Lady Medea geholfen, noch rechtzeitig wegzukommen. Bei der Begegnung mit Hallitti war er nur entkommen, weil diese Wiederkehrerin mit ihren Bundesschwestern eingegriffen hatte, nachdem er für sie den Schlupfwinkel der Abgrundstochter "gefunden" hatte. Ja, und der Besuch in der alten Festung der Morgensternbrüder wäre ohne Ashtaria wohl für ihn tödlich ausgegangen, und wohl auch für Claire und ihre Großmutter, ja alle Anverwandten der beiden, die nicht im todesähnlichen Zauberschlaf gelegen hatten. Er hatte Hilfe gehabt, unverhofft und teilweise nicht unbedingt gerngesehen. Aber letzthin war er auch entkommen, weil er sich nicht wie das Kaninchen vor der Schlange verhalten hatte. Aber was war nun? Lebten jetzt nicht alle in großer Gefahr? Gut, das war schon so, als dieser Irre Lord Voldemort wiedererstanden war, und trotzdem hatte Julius sein Leben fortgesetzt, gerade um diesem Verbrecher nicht die Genugtuung zu bieten, seine Rückkehr alleine würde die ganze Welt anhalten. So mußte, ja würde er nun auch mit der neuen Lage weiterleben. Er konnte froh sein, daß er in dieser Lage nicht allein sein mußte. Millie, das hatte er gestern wieder erlebt, schien mehr Entschlossenheit und Unbekümmertheit zu besitzen als er. Doch konnte es nicht auch sein, daß sie damit was überspielte, was ihr Angst machte oder sie unsicher machte? Julius wußte es nicht. Aber jetzt hatte er ja die Möglichkeit, das langsam und sicher herauszubekommen.

Bevor er zum Frühstück hinunterging stieg er auf den Dachboden, wo die Eulenpost eintraf. Ja, da war Francis, den er zu Barbara van Heldern geschickt hatte. Auf ihn hatte er die ganze Woche gewartet. Er wollte ihn sofort zu Professor Dumbledore schicken, um ihn wegen der Sache mit den Verschwindeschränken vorzuwarnen, ohne zu verraten, woher er das wußte. Ja, das war auch noch so ein Ding, wo er sich Sorgen drum machte. Er las die Antwort von Barbara, daß sie sich freute, von ihm zu lesen und er doch in den Ferien auch einmal zu ihnen nach Brüssel kommen könne. Sie freute sich auf das Kind und gab Julius noch Grüße für die Dusoleils und ihre eigenen Eltern mit. Offenbar ging sie stark davon aus, daß er demnächst wieder in Millemerveilles sein würde. Er schmunzelte. Dann nahm er ein neues Pergament, überlegte kurz, wie er den Brief an Dumbledore formulieren sollte und schrieb:

Sehr geehrter professor Dumbledore,

auch wenn ich davon ausgehen muß, daß Sie davon schon längst gehört haben, möchte ich doch, um eine gewisse Beruhigung für mich zu haben, von etwas schreiben, was mir Sorgen um die Sicherheit von Hogwarts macht.

Durch einen Zufall, wie ich ihn bisher wohl nicht erlebt habe, erfuhr ich davon, daß es magische Gegenstände gibt, die es ermöglichen, lebende Wesen von einem Ort an einen anderen zu versetzen, keine Portschlüssel, sondern Schränke, in denen jemand oder etwas scheinbar verschwindet, in Wirklichkeit jedoch irgendwo anders auftaucht, besonders dann, wenn ein solcher Schrank mit einem anderen verbunden ist und somit der Verschwindende kurz darauf im anderen Schrank auftaucht. Ein ähnliches Prinzip kennen die Muggel aus ihren Zukunftsgeschichten, wo solche Sachen als Materietransmitter bezeichnet werden, die jemanden aufnehmen, verschwinden lassen und dann entweder an einem beliebigen Ort auftauchen lassen oder in einem auf sie eingerichteten Gegenstück zum Vorschein kommen lassen. Meine Befürchtung ist nun, daß irgendwer aus der Clique von Voldemort oder jemandem, der genauso skrupellos ist, einen solchen Schrank nach Hogwarts bringt, beziehungsweise einen dort schon stehenden Schrank benutzt, um heimlich Leute reinzubringen, die dann auf die Schüler und Lehrer losgehen können. Da es in unserer Zeitung drinsteht, daß jemand die gefürchteten Entomanthropen Sardonias wiedergefunden und befreit hat, wäre es wohl sehr schrecklich, wenn diese Wesen durch eine solche Verbindung bei Ihnen oder in Beauxbatons reinkommen könnten, ohne von den Sicherheitszaubern abgehalten werden zu können. Daher möchte ich Ihnen den Vorschlag machen, daß Sie bitte prüfen, ob es in Hogwarts einen solchen Verschwindeschrank gibt, und falls ja, den entweder unbrauchbar zu machen oder aus der Schule zu schaffen. Wie geschrieben ist dies nur ein Vorschlag, keine verbindliche Anweisung.

Zumindest ist mir jetzt ein wenig wohler, nun, wo ich Ihnen meine Befürchtung mitgeteilt habe.

Mit hochachtungsvollen Grüßen
                    Julius Andrews

"Bring den bitte zu Professor Dumbledore nach England, Francis!" Sagte Julius, als er seine Schleiereule mit dem Brief betraute. "Ich weiß, du bist gerade erst aus Brüssel zurück. Aber das hier ist wichtig. Bring den bitte zu Professor Dumbledore. Der ist wohl noch in Hogwarts." Francis plusterte sich kurz auf, schüttelte die Flügel, als wolle er zeigen, wie müde er doch war, wandte sich jedoch um und flog durch die auf Euelnannäherung selbstätig aufschwingende Dachluke hinaus in den pariser Frühlingsmorgen.

Nach dem Frühstück verbrachte Julius einige Stunden vor dem Computer, um sich mit den Datenverarbeitungsprogrammen in Form zu halten. Die Ruhe in dem Haus war wie eine immer schwerer werdende Decke. Er fühlte sich etwas allein. So gegen elf Uhr hielt er es nicht länger aus. Er mußte mit irgendwem reden. Er ging ins Wohnzimmer und entzündete ein Feuer im Kamin. Dann warf er etwas Flohpulver hinein und steckte den Kopf in die smaragdgrünen Flammen, die sich für ihn wie eine warme Brise anfühlten. Wollte er Millie sprechen oder vielleicht doch ihre Großmutter? Vielleicht sollte er auch mal kurz bei den Dusoleils vorbeisehen, für den Fall, daß er in den nächsten Tagen rüberkommen möge. Er entschied sich für Millie. Wie hieß deren Kamin noch mal? Er dachte nach. Millie hatte ihm das bisher nicht gesagt. Er zog den Kopf noch einmal aus dem Kamin, worauf das smaragdgrüne Feuer wieder zu orangegelben Flammen wurde, die munter an den aufgelegten Holzscheiten fraßen. Er konzentrierte sich auf Hippolyte Latierre, deren Stimme er nun gut genug kannte, um sie anzumentiloquieren.

"Darf ich über den Kamin mit Mildrid sprechen, bitte? Sonst müßte ich Schwester Florence fragen, und die könnte mithören."

"Möchtest du zu uns, Julius?" Fragte Hippolyte unhörbar zurück. Julius überlegte kurz. Wenn er hinging, würde er es verpassen, wenn seine Mutter vom Flughafen kam oder anrief, wenn es später würde. Also wollte er nur über Kontaktfeuer mit ihr sprechen. Er schickte zurück, daß er auf seine Mutter warten wolle, die heute aus den Staaten zurückkam und wohl nur über den Kamin sprechen wolle.

"Gut, dann kommen Millie und ich eben zu dir rüber. Pond des Mondes war der Name eures Kamins?" Empfing Julius Hippolytes Antwort. Er mentiloquierte ein Ja zurück. Dann fiel ihm noch ein, daß er es bei Catherine anmelden sollte, wenn er Besuch bekam und bat um eine Minute Wartezeit, um das zu klären. Er versuchte, Catherine zu erreichen. Doch er bekam keinen Kontakt zu ihr. Nur ein dumpfer Druck auf seinen Kopf war zu fühlen, der von den Versuchen eben kommen konnte. Entweder war Catherine in einer geschützten Umgebung, wo derlei Verständigungsmöglichkeiten nicht funktionierten, oder sie mußte sich gegen geistige Belauschung absichern und damit alle von außen kommenden Geistesimpulse blockieren. Konnte immerhin sein, daß sie bei ihrer Mutter war. Doch diese würde nicht so einfach ihre Tochter legilimentieren. Er befand, daß er keine Antwort von ihr kriegen würde und mentiloquierte es an Hippolyte, daß Catherine wohl an einem geschützten Ort war und er daher weder die Erlaubnis noch ein Verbot bekommen hatte.

"Du mußt also Besucher anmelden?" Fragte Hippolyte. Offenbar sah sie es ein, daß Catherine solche Richtlinien ausgegeben hatte. Julius bejahte es.

"Und du mußt dich auch abmelden, wenn du wohin gehst, richtig?"

"Genau", bestätigte er.

"Gilt das nur für den Kamin oder auch wenn du so aus dem Haus gehst?" Wollte Hippolyte wissen. Julius erwiderte, daß es wohl vordringlich für den Kamin galt, weil er ja sonst keinen Grund hatte, aus dem Haus zu gehen.

"Gut, dann schicke ich Martine, daß sie dich abholt. Wie nahe kann man an euer Haus apparieren?"

Nicht weniger als fünfzig Meter", gab Julius ohne groß nachzudenken die gewünschte Auskunft. "Dann mitten rein in einen Pulk von Muggeln? Nicht sonderlich gut, wo die in der Desinformationsabteilung schon genug um die Ohren haben", erwiderte Hippolyte. "Dann mußt du dir überlegen, wie wichtig dir das ist, um eine Anweisung zu mißachten oder nicht", gab sie noch weiter. Julius wußte, daß sie sehr freimütig war, aber doch auch ihre Grenzen hatte und die Anweisung von anderen nicht leichtfertig abtat. Außerdem wollte er nicht wo Viviane Eauvives Bild ihn mehr oder weniger kontrollieren konnte irgendwas anstellen, was Catherine über mehrere Ecken mitbekommen konnte. An und für sich ärgerte er sich ein wenig, daß er sich auf dieses Geschenk der Eauvives eingelassen hatte. Doch da hatte er eine Idee. Er mentiloquierte Hippolyte, daß er Millie dann kontaktfeuern würde, wenn seine Mutter wieder da sei, da ja mit ihrer Rückkehr Catherines Anweisungen nicht mehr gültig waren. Hippolyte schickte zurück, daß er dann "Maison Mardi" rufen solle. Er fragte zurück, wieso dieser Kamin ausgerechnet "Dienstagshaus" heiße.

"Da haben Albericus und ich es bezogen und den Anschluß so nennen lassen. Aber wenn deine Mutter wieder da ist, und du ihr das von Millie und dir erzählt hast, was du ihr erzählen möchtest, kontaktfeuer mich oder melo mir, daß sie es weiß. Ich möchte dann gerne zu euch rüberkommen."

"Ob das so gut ist?" Fragte Julius.

"Besser als sie mit dieser neuigkeit alleine zu lassen. Sie könnte ja immerhin auf die Idee kommen, wütend auf mich zu sein. Dann will ich da sein, um damit anständig umzugehen."

"Wütend auf Sie?" Tat Julius ahnungslos.

"Sicher. Ich habe Millie und dich doch zu den Mondtöchtern hingebracht und es darauf angelegt, daß ihr beide euch da einander klarwerdet. Soviel ich von den Muggelgesetzen weiß könnte deine Mutter mir daraus Anstiftung zur Unzucht oder sowas ähnliches anhängen wollen. Nur das die Zaubereigesetze da ein wenig anders beschaffen sind."

"Das können Sie mir ja erklären, wenn der Fall eintritt", erwiderte Julius, der schon wieder fühlte, wie ihm der Kopf vom konzentrierten Denken heiß wurde. Hippolyte bestätigte es. Dann war der Kontakt beendet. Er stand auf und ging hinaus in den Flur, wo Vivianes Bild hing.

"Entschuldigung, Viviane, kannst du mir bitte helfen, mit Aurora Dawn zu sprechen. Ich will ihr sagen, was in der Zeitung von gestern stand und nicht die Telefongebühren meiner Mutter zu teuer machen."

"Sie weiß es schon, was in den Zeitungen stand, Julius. Auch Araña Blanca weiß es schon", erwiderte Vivianes Bild-Ich. Julius nickte. Araña Blanca war der Deckname für die in der Bilderwelt untergetauchte Jane Porter. In welchem Bild mochte die sich gerade aufhalten? Mit Vivianes Hilfe könnte sie sogar zu ihm kommen und hier aus der Bilderwelt heraustreten. Doch das war jetzt wohl nicht nötig.

"Was war das eigentlich gestern abend, wo du in eurer Wohnstube mit Belisama, Madame Rossignol und Mildrid gesprochen hast, Julius? Ich habe mein Ich in Beauxbatons aufgesucht, aber nichts genaues erfahren. Könnte es sein, daß du eine Entscheidung bezüglich der beiden Mädchen getroffen hast?"

"Öhm, ja, habe ich", sagte Julius unverbindlich klingend.

"So, und zu wessen Gunsten hast du dich entschieden?" Fragte Viviane bestimmt.

"Das möchte ich nicht verraten, bevor ich nicht wieder in Beauxbatons bin", sagte Julius. Er konnte sich denken, daß die Eauvives es nicht besonders schätzen würden, wenn es bekannt würde ... Er merkte, er mußte noch mehr Entschlossenheit bekommen, seine Entscheidung für Millie allen gegenüber zu vertreten.

"Nun gut, es wird sich dann ja erweisen, ob deine Entscheidung dir weiterhilft, wenn du damit länger zu leben gelernt hast", sagte Viviane leicht mißmutig. Sie konnte ihm hier in der Rue de Liberation keine Anweisungen geben, und das ärgerte sie wohl. Vielleicht, so dachte Julius, wußte sie auch schon, für wen genau er sich entschieden hatte, und das ärgerte sie erst recht, beziehungsweise, es würde ihre jetzt lebenden Nachfahren ärgern. Er wollte sich gerade von Viviane verabschieden, als es im Kamin wie ein heranrauschender Express-Zug fauchte. Er hatte von niemanden gesagt bekommen, daß er oder sie zu Besuch kommen wollte außer Hippolyte Latierre. Aber die würde erst ...

"Julius, wo steckst du?" Schnarrte Professeur Faucons Stimme. Er nickte Vivianes Bild zu und ging ruhig ins Wohnzimmer. Blanche Faucon stand da, angetan mit einem hellblauen Kleid, das ihr bis zu den Knöcheln herabwallte und von einem silbernen Schmuckgürtel oberhalb der Hüften umschlossen wurde. Alles in allem wirkte die gestrenge Lehrerin und Mutter Catherines nicht gerade so, als wolle sie einen Freundschaftsbesuch abstatten. Sie sah Julius prüfend, ja durchdringend an. Er wendete sofort die Occlumentie an, die er gelernt hatte, fühlte seinen Herzschlag beschleunigen und fragte sich, was sie hier wollte. Er hoffte, daß seine Kehle nicht ausgetrocknet war.

"Guten tag, Professeur Faucon", sagte er so ruhig wie möglich klingend.

"Wenn man das so nennen darf", erwiderte die Lehrerin harsch. "Darf ich mich setzen?" Julius deutete auf einen der freien Stühle. "Es gibt zwei Punkte, weswegen ich hier bin", fuhr sie nicht weniger ungehalten klingend fort. "Catherine ist noch mit einigen anderen Herrschaften im Gespräch. Ich konnte mir einige Freiminuten herausnehmen, die ich nicht zu verschwenden wünsche."

"Ich stehe Ihnen zur Verfügung", erwiderte Julius und wartete, bis sie saß, um sich ihr gegenüber niederzulassen.

"Du wirkst angespannt, als erwartest du eine Strafpredigt oder eine böse Neuigkeit", stellte die Lehrerin fest. Julius fragte sich, wie er denn anders kucken sollte, wenn sie ihn beim Eintritt schon so angeflaumt hatte. Doch er wartete, bis sie sagte, was sie durch die Kamine zu ihm getrieben hatte.

"Nun gut", begann sie schließlich nach fünf Schweigesekunden. "Der erste Punkt ist der, daß ja nun jeder im Lande mitbekommen hat, daß Sardonias alte Kreaturen wieder aufgetaucht sind. Du bist von uns lebenden Hexen und Zauberern der einzige, der solche Wesen in Aktion erlebt hat. Deshalb werde ich zu gegebener Zeit beantragen, dich als Zeugen zu hören, natürlich dann, wenn der Minister die Geheimhaltungsstufe um die Affäre um die Bilder Slytherins soweit absenkt, daß mehr als zehn Personen davon wissen dürfen. Daß ich herkam stellt an sich einen leichten Verstoß gegen die uns heute anempfohlene Schweigepflicht dar. Catherine und ich sind jedoch der Überzeugung, daß die aktuelle Lage bestimmte Umgehungen zuläßt und denke, der Zaubereiminister wird letztendlich unserer Meinung sein. Deshalb bin ich jetzt hier, um dich darauf vorzubereiten, daß du in den nächsten Tagen noch zu einer geheimen Besprechung gebeten werden könntest."

Julius hörte ihr zu, ohne etwas einzuwenden. Dann sprach Professeur Faucon etwas an, von dem er nun sicher war, daß dies der Grund für ihre Verärgerung war.

"Der zweite Punkt, weswegen ich dich hier und jetzt aufsuche, junger Mann, betrifft eine Angelegenheit, über die ich unverzüglich mehr zu erfahren wünsche. Denise Dusoleil hörte von Mayette Latierre gestern, daß du und die junge Mademoiselle Mildrid euch einander angenähert hättet, um fortan partnerschaftlich verbunden zu sein. Stimmt das?" Die Frage klang für Julius wie eine Angriffsdrohung. Er atmete tief durch und entschied sich, die Katze aus dem Sack zu lassen. Ob sie ihm jetzt was erzählen wollte, daß die nichts für ihn sei oder in Beauxbatons war nun egal. Er sagte laut und unerwartet unerschüttert:

"Wenn Mayette das gehört hat, wenn ich auch nicht weiß woher, dürfen Sie davon ausgehen daß sie nicht lügt. Ja, ich habe nach einem längeren Gespräch mit Mildrid beschlossen, mit ihr zu gehen. Was dagegen?"

"Was soll denn diese freche Frage jetzt?" Knurrte Madame Faucon. "Schließlich hat Denise Camille erzählt, Mildrid wäre mit dir mehr als vier Stunden alleine unterwegs gewesen. Wo wart ihr da, bitte schön?"

"Immerhin hat sie "bitte schön" gesagt", erkannte Julius und antwortete hörbar. "Wir haben einen ruhigen Ort gesucht, wo wir uns über alles unterhalten konnten, was uns betrifft, über den Streit zwischen ihr und Belisama, ihre früheren offenen Anfragen an mich und warum sie meinen könnte, daß wir zusammenpassten und wie weit ich dem zustimmen würde oder nicht. Mir kam dann schließlich die Erkenntnis, daß mir Millies Art besser liegt als Belisamas. Das hat eben gedauert."

"Du hast mir die Frage nicht beantwortet, wo ihr gewesen wart, Bursche", schnaubte Professeur Faucon. Julius fand, daß sie hier kein Recht hatte, ihn Bursche zu nennen und auch kein Recht hatte, ihn auszufragen. Immerhin war sie nicht für seine Privatangelegenheiten außerhalb von Beauxbatons zuständig. Doch ihm fiel eine Antwort ein, die nicht gelogen war und ihr doch nicht weiterhalf.

"Ihre Mutter hat uns nacheinander an einen verlassenen Ort in den Bergen gebracht, wo wir uns aussprechen sollten, bis wir eine eindeutige Entscheidung getroffen hätten. Wo genau dieser Ort ist kann ich nicht sagen, weil ich ja appariert wurde und kein Naviskop mithatte. Muß aber noch in der mitteleuropäischen Zeitzone liegen, weil meine Uhr nicht umgesprungen ist.""

"Ein Ort in den Bergen? Wieso hat Madame Hippolyte euch nicht einfach bei sich im Haus in ein ruhiges Zimmer verfrachtet?" Entfuhr es Professeur Faucon. In genau diesem Moment läutete das Telefon. Julius machte Anstalten, aufzustehen. Doch die Lehrerin funkelte ihn warnend an.

"Du bleibst hier. Dieser Apparat besitzt einen Anrufbeantworter. Das will ich jetzt wissen, warum sie euch in die Berge verbracht hat!"

"Tut mir leid, Madame, aber wenn meine Mutter dran ist will die jetzt sofort mit mir sprechen", knurrte Julius kampflustig und sprang vom Stuhl auf. Professeur Faucon starrte ihm nach. Doch er war bereits an der Tür. Sie griff nach ihrem Zauberstab, als es im Kamin fauchte. Diese Ablenkung nutzte Julius und schlüpfte unangefochten aus dem Wohnzimmer, das so groß wie ein Tanzsaal war. Er hörte gerade noch, wie Madame Faucon sich darüber ärgerte, daß Hippolyte Latierre im Wohnzimmer angekommen war. Doch im Moment galt Julius Aufmerksamkeit dem Telefon. Er wußte, daß es nach viermaligem Läuten den Anrufbeantworter einschalten würde, und pflückte mit einer Hand den Hörer von der Gabel, während er mit der anderen die Arbeitszimmertür zuwarf, nicht zu heftig aber hörbar.

"Andrews hier", meldete er sich rasch.

"Hallo, Julius. Wir sind schon in Paris. Belles Mutter konnte uns einen Direktflug von Los Angeles sichern. Ich weiß nicht, ob Catherine für uns was zu essen machen wollte. Sie ist nicht zu erreichen. Am besten gehen wir heute Mittag auswärts essen."

"Oh, das ist schön, daß ihr schon da seid. Wann kommt ihr zu Hause an?" Fragte Julius.

"Ich denke in einer halben Stunde, wenn Madame Grandchapeau ihren kleinen Wagen gut durch den Mittagsverkehr steuern kann", erwiderte Martha Andrews. Dann fragte sie, ob noch wer da sei. Natürlich hörte sie das nun aufgekommene Wortgefecht zwischen Madame Faucon und Hippolyte Latierre. So sagte er:

"Madame Faucon kam rüber und Mildrids Mutter auch. Hier in Frankreich ist einiges passiert."

"Und dann treffen die sich bei uns?" Wunderte sich Martha Andrews. "Wo ist denn Catherine?"

"Sie ist in einer Besprechung, wo genau weiß ich nicht", sagte Julius wahrheitsgemäß.

"Was fällt Ihnen ein, den Jungen derartig lang mit Ihrer Tochter allein zu lassen?!" Polterte Madame Faucon gerade. Julius fühlte sich wi im freien Fall. Seine Mutter, die wohl gerade noch was sagen wollte schwieg für einen Moment. Dann fragte sie leicht irritiert klingend:

"Öhm, Julius, wovon haben die beiden es genau? Was war mit dir und einem von Hippolytes Mädchen?"

"Das werde ich dir gerne erzählen, wenn wir alleine sind, Mum. Das soll nämlich nicht in die Zeitung."

"Akzeptiert", erwiderte seine Mutter leicht ungehalten, aber ohne weiterzubohren. "Ich bin dann um wohl viertel vor Zwölf da. Wir gehen dann auswärts essen, falls Catherine nicht vorher zurückkommt."

"Ich sehe zu, daß ich unseren Besuch mit der gebotenen Höflichkeit bis dahin verabschieden kann", erwiderte Julius entschlossen und sagte schnell "Bis dann, Mum!" Weil im gleichen Moment Hippolytes Stimme unverdrossen und laut tönte:

"Madame Faucon, was bilden Sie sich ein, in das Privatleben meiner Familie reinzureden? Soweit ich weiß sind Sie für den privaten Umgang des Jungen nicht zuständig, solange er außerhalb von Beauxbatons ist, und natürlich gilt dies auch für meine Tochter Mildrid."

Julius fragte sich, ob er die beiden Hexen miteinander rangeln lassen sollte oder nicht doch besser dazwischenging. Was immer die jetzt besprachen betraf ihn, und er wollte nicht wie ein kleiner Junge in einem abgeschlossenen Raum warten, bis die Erwachsenen mit dem Geplauder über ihn durch waren. So machte er die Arbeitszimmertür wieder auf, ging ganz ruhig zum Wohnzimmer und sah die beiden unangemeldeten Besucherinnen an. Offenbar versuchte Professeur Faucon, die um drei Jahrzehnte jüngere Hippolyte, die sie jedoch um drei Dezimeter überragte, von unten her niederzustarren. Doch was sonst bei vielen Leuten klappte, vor allem bei den Beauxbatons-Schülern, wirkte nicht auf Millies Mutter. Selbst in der fortgeschrittenen Schwangerschaft, ja vielleicht sogar deswegen stand sie hoch aufgerichtet und entschlossen da.

"So, die Damen, bevor Sie beide sich hier in meiner Wohnung weiterzanken wie kleine Mädchen, nur eine Information, daß meine Mutter in einer halben Stunde schon zurückkommt. Sie konnte einen Direktflug nehmen und damit die drei Stunden einsparen, die sie sonst noch gebraucht hätte."

"Wunderbar, dann kann ich Martha sogleich darauf hinweisen, daß sie Maßnahmen gegen diese Person hier einleitet", schnaubte Madame Faucon. Doch Hippolyte lächelte überlegen. Julius sah sie an und fragte höflich, ob sie sich hinsetzen möge. Eine Viertelstunde lang könne er wohl noch erübrigen. Hippolyte nickte ihm bestätigend zu und ließ sich auf einen freien Stuhl sinken. Julius setzte sich links neben sie hin, während Professeur Faucon sich immer noch sehr verärgert dreinschauend gegenüber auf den Stuhl setzte. Hippolyte sah ihn an und meinte ruhig:

"Trice hat geplaudert, Julius. Sie hat's Maman erzählt, und Mayette hat es dummerweise gehört, daß du und Millie von mir am Abend alleingelassen wurdet."

"Jawohl, und darüber will ich unverzüglich alles wissen, was es dazu zu sagen gibt", warf Professeur Faucon ein. Julius straffte sich. Selbst das bedrohliche Funkeln der saphirblauen Augen seiner Lehrerin flößte ihm im Moment weder Unterwürfigkeit noch Furcht ein.

"Bei allem Respekt, Professeur Faucon: Sie sind weder für meine magischen, noch privaten Sachen zuständig. Zum zweiten ist das hier meine Wohnung, solange meine Mutter nicht da ist, was heißt, hier brüllt niemand rum, nur ich. Zum dritten hat wer schreit meistens unrecht. Viertens ist zwischen Mildrid und mir nichts gelaufen, was unsere schulischen Fähigkeiten beeinträchtigt. Im Gegenteil, weil wir nun klar haben, daß wir beide es miteinander versuchen wollen, nicht nur für einige Tage, sondern länger, können sie und ich uns jetzt bestimmt besser auf alle Aufgaben konzentrieren. Mehr bbrauchen Sie nicht von mir zu wissen", sagte er mit einer von ihm selbst unerwarteten Entschlossenheit. Hippolyte behielt Professeur Faucon dabei im Auge. Auch als diese ihren Zauberstab hob, sah sie sie sehr aufmerksam an. Dann sagte sie:

"Blanche, wenn Sie dem Jungen jetzt einen Sprechbann oder dergleichen aufhalsen geben Sie nur zu, daß Sie unrecht haben und der Junge Ihnen sonst argumentativ überlegen ist."

"Verschanzen Sie sich bloß nicht hinter dem Mutterschutz, Hippolyte. Es würde Ihnen arg bekommen, wenn Sie zu der unverzeihlichen Handlung noch einen offenen Zwist mit mir suchen. Niemand der bei Verstand ist sucht meine Feindschaft", schnaubte Professeur Faucon. Dann sah sie Julius wieder an und fauchte: "Ich hätte nie gedacht, daß du derartig leicht zu beeinflussen bist und auf das Spiel dieser Sippschaft eingehst, dich mit einer von ihnen verkuppeln zu lassen. Ich ging davon aus, daß du dir ein vernunftbegabtes Mädchen als mögliche Partnerin auserwählen würdest. Dich mit dieser ungehobelten Natur einzulassen und daran zu Grunde zu gehen werde ich nicht dulden."

"Einen winzigen Moment, Blanche", knurrte nun Madame Latierre. "Zum einen haben Sie dem Jungen gegenüber keine Weisungsberechtigungen, was seine privaten Tätigkeiten angeht, solange sie nicht die schulischen Leistungen beeinträchtigen. - Na!" Professeur Faucon hob wieder den Zauberstab. Doch Hippolyte hielt ihren auch schon in der Hand. Julius sah in die Augen der Lehrerin, wobei er fühlte, wie ihm die wilde Entschlossenheit zur immer stärkeren Wut wurde. Er zwang sich, ruhig genug zu bleiben, um seinen Geist zu verschließen, keinen greifbaren Gedanken zuzulassen. Dann sagte er:

"Bevor ich weiter mit Ihnen rede packen Sie bitte den Zauberstab fort, Madame Faucon!"

"Was fällt dir ein?" Schnarrte diese. Doch Julius sah sie nun unerbittlich an. Offenbar war die Lehrerin es nicht gewohnt, daß Leute ihr gegenüber so heftig aufbegehrten. Dann meinte Hippolyte:

"Sie haben es gehört, Blanche, daß der Junge in Abwesenheit seiner Mutter Hausrecht in dieser Wohnung hat. Also bitte!"

"Dann stecken Sie Ihren Stab gefälligst zuerst fort!" Fauchte Madame Faucon wie eine in die Enge getriebene Katze. Hippolyte sah sie ruhig an und steckte ihren Zauberstab fort. Tatsächlich nutzte Professeur Faucon die Situation nicht aus. Eine werdende Mutter mit Magie anzugreifen war ein Straftatbestand, und zudem hätte sie sich dann noch Feigheit vorwerfen lassen müssen. So steckte die Lehrerin den Stab wieder fort, erhob sich und sah Julius an.

"Ich war der Überzeugung, du wärest erwachsen genug, die, die dir gutes wollen von denen zu unterscheiden, die dich nur ausnutzen wollen. Aber ich fürchte, du brauchst in dieser Hinsicht noch viel Anleitung. Ich hoffe nur für dich, daß dieses Mädchen dich nicht zu unzüchtigen Handlungen animiert hat. Dann würde diese Dame da zu deiner rechten noch ärger belangt werden, sobald sie erfolgreich niedergekommen ist."

"Ich weiß nicht, wie vernünftig jemand Ihrer Meinung nach sein darf, ohne dabei zu einem Golem zu werden. Waren Sie es nicht, die mir geraten hat, mich auch wieder meinen privaten Bedürfnissen zu widmen? Und was die Anleitung angeht: Ich habe niemandem gesagt oder sonstwie zu verstehen gegeben, daß ich entweder schon erwachsen genug bin oder noch zu klein für bestimmte Sachen. Aber ich weiß jetzt, daß Sie darauf spekuliert haben, ich möge mit Mademoiselle Lagrange zusammenfinden, in jeder Hinsicht wohlgemerkt. Auch auf die Gefahr hin, daßSie dann auch von der enttäuscht sind und nicht nur von mir: Dieses Mädchen ist mir vom Verhalten her zu albern und unehrlich. Das habe ich gestern abend erst wieder gemerkt, als sie mit mir über die Armbänder sprach." Hippolyte Latierre grinste in sich hinein, während Julius den rechten Ärmel zurückschob und das Pflegehelferarmband vorzeigte. Professeur Faucon errötete wohl auch vor Zorn. Dann schnarrte sie:

"Soll das etwa heißen, daß Madame Rossignol über diese Angelegenheit mehr weiß als du mir mitteilen wolltest?"

"Ja, soll es", feuerte Julius eine Antwort ab, von der er wußte, daß sie wie eine Bombe einschlagen würde. Hippolyte Latierre legte ungefragt nach:

"Ja, haben Sie denn gedacht, daß Madame Rossignol nichts davon mitbekommt, wenn zwei Pflegehelfer zur gleichen Zeit ähnliche Empfindungen haben und am selben Ort zusammensind?"

"Wie gesagt", schnaubte Professeur Faucon, "Ich werde die Mutter dieses Jungen dahingehend beraten, gegen Sie und Ihre verlotterte Sippschaft Anklage wegen unerlaubter Zusammenführung Minderjähriger zum Zwecke geschlechtlicher Tätigkeiten zu erheben. Ich mag mir nicht vorstellen, daß die Mutter des Jungen Ihrem Treiben zustimmt. Dann wird sich zeigen, ob diese angeblich frei heraus geschlossene Partnerschaft bestehenbleibt."

"Ich denke Sie haben Ihre freien Minuten nun ausgiebig genutzt, Madame Faucon", sagte Julius immer noch von einer ungewohnten Entschlossenheit und Kraft erfüllt. "Ich denke, Sie werden bei der Besprechung zurückerwartet, von der Sie gerade kamen."

"Morgen bin ich wieder hier und werde deiner Mutter verkünden, was ich über dich erfahren mußte, Julius Andrews. Unabhängig davon was du wagst, ihr zu erzählen oder nicht", knurrte Madame Faucon. Dann ging sie zum Kamin. Doch Hippolyte wollte sie nicht so einfach davonrauschen lassen.

"Moment, Blanche, Sie haben mir und dem Jungen gegenüber sehr wüste Drohungen ausgestoßen. Deshalb finde ich, es ist nur gerecht, wenn ich Sie darauf hinweise, daß auf Grund der Sachen, die Sie gerade erfahren haben, Ihnen ja nicht einfallen möge, diesem Jungen hier, meiner Tochter Mildrid, meiner ebenfalls in der Akademie lernenden Schwester und meinen Nichten gegenüber willkührlich aufzutreten. Allein schon die Bezeichnungen "Verlotterte Sippschaft" und "Ungehobelte Natur" sind für eine angesehene Lehrperson von Beauxbatons inakzeptable Wertungen, die mir, der Mutter einer von Ihnen und Ihren Kollegen in loco Parentis betreuten Schülerin, sehr zu denken geben müssen. Also bleiben Sie bitte sachlich und verzichten Sie unbedingt auf irgendwelche Maßnahmen, die über die in Beauxbatons gültigen Maßnahmen hinausgehen. Meine Mutter wird Ihnen sicher ähnliches raten."

"Sie glauben, Sie haben den Jungen sicher, wie, weil Ihre von jedem gebührenden Anstand freie Mutter dieses Ritual mit ihm vollzogen hat, ohne eine Einwilligung der für ihn bestimmten magischen Fürsorgerin. Ich fürchte nur, da werden Sie eine herbe Enttäuschung erleben. Bis morgen dann!" Schnarrte Professeur Faucon noch und warf eine Prise Flohpulver in den noch brennenden Kamin. Mit einem Energischen Ausruf "Maison du Faucon!" verschwand sie aus dem Kamin.

"Kuck mal da, sie ist über ihr eigenes Haus zu dir gekommen, damit keiner mitbekommt, wo sie eigentlich herkommt", feixte Madame Latierre.

"Eigentlich wollte ich das nicht, daß sie das jetzt schon mitkriegt. Denn genau diese Nummer habe ich von ihr erwartet", seufzte Julius, dem jetzt erst so recht klar wurde, daß die gestrenge Lehrerin ihm das mit Millie nicht durchgehen lassen wollte.

"Was nur zeigt, daß die gute Blanche zu berechenbar geworden ist, so daß selbst ein junger Bursche wie du vorhersehen kann, wie sie auf bestimmte Sachen anspricht", sagte Hippolyte. Julius sah sie ernst an und erwiderte:

"Ja, aber mit der Kuppelei könnte sie recht haben, falls Mum sich darauf einläßt, gegen Sie zu klagen, Madame."

"Zum einen habe ich dir in der Nacht, wo du dich meiner Tochter anvertraut hast schon gesagt, daß ich lieber eine angeblich unanständige Tochter als eine anständige Bettpfanne haben möchte. Zweitens wäre es wohl nicht im Sinne deiner Mutter, wenn sie dich gewaltsam vom leben abhalten würde, selbst wenn es einige Elternpaare gibt, die mit der Partnerwahl ihrer Kinder absolut nicht klarkommen. Zum dritten kannst du mich in Abwesenheit von Leuten außerhalb der Latierre-Familie beim Vornamen nennen und das Du verwenden. Viertens werde ich gleich meine Frau Mutter aufsuchen und ihr die Sache in einem Klangkerker berichten. Ich weiß immer noch nicht, wie Mayette Trice und ihr zuhören konnte."

"Pattie hat sich wohl in den Weihnachtsferien ein Langziehohr besorgt, eine Erfindung der Brüder Fred und George Weasley, mit der man leise oder ferne Gespräche abhören kann, über eine Direktleitung. Könnte sein, daß Mayette das ausprobieren durfte, um mal zu lauschen. Da hilft auch ein Klangkerker nicht, wenn die Zugänge nicht mit Imperturbatio-Zaubern belegt sind. - Ich hab' so'n Ding auch.""

"Oh, habe ich von Teti schon von gehört, daß die Zauberer jetzt sowas haben, was die Zwerge schon als Großhörer kennen. Dann hätten die mentiloquieren sollen", grummelte Hippolyte. "Danke für den Hinweis! Ich mache mir aber keine großen Sorgen, daß ich wegen dieser Entscheidung von mir und euch vor Gericht muß. Ich frage mich nämlich ernsthaft, was die gestrenge Blanche Faucon getan hätte, wenn du nicht mit Mildrid, sondern mit Martine oder Béatrice über die Brücke gegangen wärest. - Gut, das ist jetzt rein akademisch. Ich denke, du sprichst jetzt erst einmal mit deiner Mutter, am besten irgendwo, wo es keinen Kamin am Netz gibt. Falls ich dir einen guten Rat geben darf: Erzähle ihr alles. Nicht, daß sie nachher noch deshalb auf mich losgeht, weil sie nicht alles erfahren hätte oder es ihr andere verfälscht zutragen. Ich halte sie für stark genug, damit fertigzuwerden."

"Die Babys kriegt ja dann auch Millie", erlaubte sich Julius eine Frechheit.

"Du bist zwar ein kleiner Frechdachs, aber deshalb wollte Millie dich wohl auch in ihren Armen haben. Kannst du den Kamin hinter mir zumachen, bevor die überaus entrüstete Madame Faucon noch einmal zurückfaucht?"

"Neh, kann ich nicht. Mum kann als einzige die Verschlußsteine einsetzen", sagte Julius.

"Dann hoffen wir mal, daß die Besprechung wegen der Entomanthropen sie nun etwas länger beschäftigt. Wie heute schon erwähnt würde ich gerne herkommen, wenn du deiner Mutter genug erzählt hast."

"Wieso kamst du genau in dem Moment, als Professeur Faucon hier aufgetaucht ist?" Wollte Julius noch wissen.

"Weil Maman in dem Moment herausbekommen hat, was Mayette weiß und ich mir sicher war, daß es nicht lange dauert, bis Blanche hier auftaucht. Wie gesagt, sie ist sehr berechenbar geworden. War nicht immer so. Aber offenbar fühlt sie sich in dieser Rolle nun zu wohl, seitdem sie Lehrerin ist. Im Zweifelsfall bin ich morgen auch wieder hier, Julius."

"Ich sehe zu, das mit Mum zu bereden", sagte Julius.

"Ich denke, wir kriegen das hin. Komm jetzt bloß nicht auf die Idee, Millie wieder loswerden zu wollen, weil dir eine gesagt hat, sie sei eine ungehobelte Natur aus einer verlotterten Sippschaft!"

"Mir war klar, daß zwischen Professeur Faucon und deiner Mutter irgendwas gelaufen ist, was die beiden nicht gut miteinander auskommen läßt. Aber wenn ich euch für unanständig oder dreckig oder sowas halten würde hätte ich das Millie schon viel viel früher um die Ohren gehauen und mich da bestimmt auch nicht auf den Besuch im Sonnenblumenschloß eingelassen."

"Abgesehen davon, daß du dir den Körper meiner Schwester nicht ausgeborgt und ihre Leidenschaft erlebt hättest", feuerte Hippolyte noch eine einschlagende Bemerkung ab, die Julius ihr aber nicht übelnahm, sondern nur zustimmend nickte. Dann verschwand Hippolyte im Kamin.

"Wenn Denise es irgendwie Professeur Faucon weitergetratscht hat, weiß es Camille schon längst. Ich glaube, ich ruf die noch mal", dachte Julius und warf Flohpulver in den Kamin. Als er seinen Kopf erfolgreich zur Adresse "Jardin du Soleil" geschickt hatte saß Camille zusammen mit Ursuline Latierre im Kaminzimmer.

"Hattest du Besuch von jemandem?" Fragte Camille merkwürdig erheitert grinsend. Ursuline lächelte warm.

"Ja, zwei Hexen waren bei mir, eine sehr verärgerte und eine, die es nicht auf sich sitzen lassen wollte, daß sie von der verärgerten runtergeputzt werden soll. Meine Mutter kommt auch gleich schon nach Hause. Die haben einen Direktflug erwischt", sagte Julius.

"Und jetzt schickst du deinen Kopf zu uns um mich zu fragen, wie die verärgerte Hexe das mitbekommen konnte, was Millie und dich zu den abgeschieden lebenden Töchtern des Mondes getrieben hat?" Fragte Camille. Julius ließ seinen Kopf vor und zurückruckeln.

"Tja, Denise hat's von Mayette, die das wohl von ihrer Mutter und ihrer Schwester Trice hat. Die hat's dann Melanie erzählt, die gestern abend hier war, die dann wohl ihrer Mutter was erzählt hat. Interessante Kette."

"Aha, von Cassiopeia wurde Madame Faucon dann angestachelt", knurrte Julius. "Ist dann wie beim Stille-Post-Spiel. Möchte nicht wissen, was bei Professeur Faucon da angekommen ist."

"Was wohl, daß du mit Millie die wildeste Unzucht des Universums getrieben hast und sie vom Fleck weg mit Drillingen geschwängert wurde", erwiderte Ursuline. Julius fühlte, daß Camille ihm nicht böse war. Als sie dann noch sagte, daß sie von der Festung der Himmelsschwester schon gehört habe und daher wisse, daß die beiden wohl nicht hineingelangt wären, wenn in ihnen keine Einigkeit vorhanden wäre, nickte Ursuline Latierre.

"Deine Tochter Claire hat das wohl schon immer gewußt, Camille. Sonst hätte sie nicht so wild gegen Millie gefaucht." Julius fragte sich, ob das jetzt so gut war. Immerhin hatte Claire wohl deshalb mit ihm den Corpores-Dedicata-Zauber gemacht und wegen dem ...

"Ich denke, Claire würde jetzt, wo sie nicht weiter auf Julius aufpassen kann froh sein, daß da jemand mit genug Entschlossenheit und Stärke ihn durchs Leben begleiten will", sagte Camille. Dann wandte sie sich noch an Julius und sagte: "Ich denke, wir kriegen das hin, daß Hippolyte nicht vor Gericht kommt, weil sie euch beide aufeinander losgelassen hat. Falls doch irgendwelche Schwierigkeiten auftreten, kannst du mich ja anmentiloquieren."

"Ich hoffe, es geht noch irgendwie", seufzte Julius. Dann verabschiedete er sich von den beiden Hexen. Ursuline sagte:

"Falls deine Mutter es erlaubt, komme ich heute abend noch zu euch. Am besten bringe ich Hippolyte und Béatrice noch mit. Ich sehe es nicht ein, daß Blanche und die verklemmte Cassiopeia in meine Familienangelegenheiten reinpfuschen können."

Julius zog seinen Kopf wieder zurück. Jetzt fühlte er sich wohler. Sollten sich die Erwachsenen, die ja eh immer dachten, alles richtig zu machen und besser zu wissen drum schlagen, was gut oder schlecht für ihn wahr. Das würden sie ja sowieso tun.

Er ärgerte sich ein wenig, daß er nicht den Zweiwegespiegel hatte, um mit Gloria zu sprechen. Jetzt so rumzusitzen und zu warten, wo anderswo schon hitzig drüber diskutiert wurde, was er so angestellt hatte und wer wem dafür was anhängen könnte, bereitete ihm ein gewisses Gefühl der Hilflosigkeit, so wie einem kleinen Jungen, der vor die Tür oder auf sein Zimmer geschickt wurde, damit seine Eltern sich über ihn unterhalten konnten. Doch er war kein kleiner Junge mehr und wollte über alles mitreden, was ihn betraf. Millie war da bestimmt nicht anders. Sollte er versuchen, sie anzumentiloquieren? Doch nein! Diese Kunst durfte er nur auf Leute anwenden, die sie auch beherrschten, weil sie ja auch antworten können sollten. Um sich von seinen Gedanken abzubringen ging er in sein Zimmer und legte eine CD von Krachmeister B. ein. Er stöpselte die neuen Infrarotkopfhörer ein, um Viviane nicht auch noch auf die Palme zu bringen.

"Was die ander'n alle sagen,
muß dich echt nicht wirklich plagen,
weil sie fragen und sie sagen was sie woll'n.
Nur der Mensch kann voll genießen, 
läßt sich nicht so leicht verdrießen,
von dem was sie auch beschließen wie die Tollen."

Dieser Auszug aus dem "Scheißegal-Rap", kam für Julius offenbar wie gerufen. Das war genau die Einstellung, die ihm jetzt weiterhelfen konnte. Vielleicht hatte er sich zu lange darauf eingelassen, immer nur aufzupassen, was andere von ihm erwarteten. Andere, wie Lester und Malcolm hatten da schon wesentlich früher nichts mehr von hören wollen, und Kevin Malone war ja auch so drauf, wußte er. Gut, Rauschgift an die Mitschüler zu verkaufen, wie es seine Grundschulfreunde Lester und Malcolm gemacht hatten, das würde er dann wohl doch nicht anfangen, und sich mit allen gleich anzulegen, nur um Spaß zu haben wie Kevin das gemacht hatte war auch nicht so ganz sein Ding.

Der rüpelhafte Rapper, der angeblich aus einem der finstersten Stadtviertel von New York stammte - konnte ja auch eine Erfindung der Plattenfirma sein, wie die angeblich so alte Freundschaft der fünf Spice Girls - heizte mit den einfachen, aber basslastigen Rhythmen und seinen provokanten Texten gut ein. Julius genoß es für zwanzig Minuten, nicht an Beauxbatons oder die Zaubererwelt zu denken. Als er gerade das fünfte Stück auf der CD anhören wollte, der den schlichten Titel trug "Was geht ", hörte er das Telefon klingeln. Wie lange mochte es schon läuten? Er legte die drahtlosen Kopfhörer auf das Bett und ließ Krachmeister B. ungehört weiterrappen. Er lief los, hörte noch, wie der Anrufbeantworter ansprang, bevor er den Hörer ergreifen konnte. Er blieb stehen und wartete, bis die Ansage durchgelaufen war und der Signalton erklang. Vielleicht war es seine Mutter, die wissen wollte wo er war.

"Hallo, Martha und Julius, Aurora Dawn hier. Schade das ihr im Moment nicht da seid. Ich wollte euch nur sagen, daß ich das mitbekommen habe, was in den letzten Tagen alles bei euch passiert ist und mit euch direkt drüber reden ..." Julius pflückte den Hörer von der Gabel. Mit einem langen Piep schaltete sich der Anrufbeantworter aus.

"Hi, Aurora, war gerade nicht nah genug dran", sprach Julius in den Hörer. "Ich warte auf Mum, die kommt heute von einer Dienstreise zurück."

"Ach, die war ja in den Staaten. Hat Viviane meiner Bild-Version gesagt", erwiderte Aurora Dawn leicht überrascht, doch noch mit einem echten Menschen telefonieren zu können. "Das mit den Entomanthropen war bestimmt eine böse Überraschung für dich, oder?"

"Sagen wir's so, gefreut habe ich mich nicht drüber", erwiderte Julius. "Catherine hätte fast ihr Kind verloren, als das bei uns in der Zeitung stand und ist jetzt wohl mit einigen Experten am diskutieren, was dagegen gemacht werden kann."

"Ich weiß ja von dir, wie gefährlich diese Wesen sind. Hast du irgendwas erfahren, wie viele es genau sein sollen?"

"Nachdem, was ich gehört habe hundert stück", seufzte Julius. "Damit könnte diejenige, die die wachgemacht hat eine ganze Menge anstellen."

"Oha! Öhm, die? Wen meinst du, Julius?"

"Ähm, ich meine die Hexe, die mich damals so zufällig vor Hallitti gerettet hat. Könnte sein, daß die alte Sachen von Sardonia gefunden hat und das nun für sich ausnutzt", sagte Julius, dem nicht so ganz geheuer war, etwas anzuschneiden, was eigentlich geheimgehalten werden sollte. Doch er hoffte, es gut erklärt zu haben.

"Hmm, dann passt das zu dem, was ich auch gehört habe", erwiderte Aurora Dawn. "Ich bekam mit, daß es wohl eine neue Anführerin geben soll, die etwas mehr drauf hat als die Ladies aus den Schwesternschaften. Aber pssst, das hast du nicht von mir!"

"Was habe ich nicht von dir?" Erwiderte Julius.

"Alles klar, Julius. Nur so viel noch: 'ne alte Mitschülerin von mir hat mich und andere angeschrieben, wir möchten doch aufpassen, ob sich irgendwas tut, was mit dem Unnennbaren oder anderen unangenehmen Zeitgenossen zu tun hat. Mein Bild-Ich hat von ihrer Ladyschaft in Hogwarts erfahren, daß jemand dort wohl Heimlichkeiten ausheckt, die kein simpler Streich sein mögen. Vielleicht kommst du einmal zu mir rüber, damit wir das ohne Zuhörer bereden können. Weil die nette Mitschülerin nämlich darauf besteht, daß nur die was wissen sollen, die damit was anfangen können."

"Dein Bild-Ich hat nichts gesagt, daß in Hogwarts was läuft", versetzte Julius leicht erregt. "Was genau soll denn das sein?"

"Darüber hat sich die Lady nicht ganz ausgelassen. Nur daß jemand dort wohl irgendwas im Verborgenen macht. Gut, seit der verfluchten Kette ist ja eh klar, daß jemand es auf Leute in Hogwarts abgesehen hat. Aber daß die Sache noch weiterläuft ..."

"Offenbar hat derjenige oder diejenigen noch nicht erreicht, was er oder sie wollte oder wollten", vermutete Julius mit gewissem Unbehagen.

"Ja, du hattest es nach Weihnachten kurz erwähnt, daß wohl wer Harry Potter oder Professor Dumbledore zu ermorden versuchen könnte. Deshalb habe ich dir das ja auch erzählt, Julius."

"Welche Mitschülerin war denn das, die dir das mit den merkwürdigen Vorkommnissen gesagt hat?" Wollte Julius wissen.

"Das darf ich nicht verraten, Julius, weil die sonst vielleicht großen Ärger kriegen könnte. Mit der habe ich auch sehr selten noch zu tun."

"Okay, lassen wir es mal dabei", erwiderte Julius, der sich seinen Teil dachte. Vielleicht gehörte jene Mitschülerin ja selbst zu einer Hexenschwesternschaft. Aurora Dawn fragte ihn noch, ob er in den nächsten Tagen Zeit hätte. Da hielt er es für angebracht, ihr kurz zu erzählen, was in den letzten Tagen so gelaufen war, ohne auf alle Einzelheiten eingehen zu müssen.

"Ach, dann hast du dich also doch nicht für Martine entschieden, Julius? Wird die gute Professeur Faucon wohl ziemlich ärgern, wenn sie das hört", erwiderte Aurora darauf.

"Ist schon passiert, Aurora. Die war vor nicht einmal einer halben Stunde hier und hat einen Riesenzoff veranstaltet, was mir denn einfiele oder daß ich wohl von Madame Latierre mit ihrer Tochter verkuppelt worden sei und dergleichen. Ich rede mit Mum drüber, was gelaufen ist. Dann weiß ich ungefähr, wie die Kiste weitergeht."

"Nun, sogesehen habe ich das auch schon geahnt, daß du eher mit der temperamentvollen Mademoiselle Mildrid zusammenkommen wirst, allein schon wegen der größeren Gemeinsamkeiten."

"Häh? Wegen welcher Gemeinsamkeiten?" Fragte Julius überrumpelt.

"Ihr seid beide noch in der Schule, einander ebenbürtig, habt ähnliche Interessen, wie Zaubertränke, Tanzen und magische Tierwesen und Zauberwesen und ergänzt euch bestimmt sehr gut. Gut, mit martine wärest du vielleicht auch gut ausgekommen. Aber du hast ja selbst erwähnt, daß sie da wohl nicht so sicher war, weil sie von ihrem eigentlich sicheren Auserwählten sitzengelassen worden ist. Sie wollte wohl nicht einfach wen neues haben, noch dazu einen, der im Verhältnis zu ihr noch im Entwicklungsstadium, nur weil sie vielleicht wen für innige Stunden haben wollte. Ich kenne diese Festung nicht, von der du da erzählt hast. Aber ich ahne, daß diese Brücke, über die Millie dich mal eben hinweggetragen hat genau auslotet, ob es in denen, die gleichzeitig hinübergehen eine Gleichschwingung gibt, je besser desto leichter macht sie einen wohl."

"kennst du diesen Zauber?" Fragte Julius.

"Nicht so einen. Der Corpores-Dedicata ist mir zwar geläufig, aber einen Zauber, den man auf einen Gegenstand legen kann, der so wirkt, kenne ich nicht. Psychomagie war die schwache Seite bei meiner Ausbildung. Meine Mentorin hat mir geraten, mich dann doch eher auf Beratungen und Beruhigungstränke zu beziehen, wenn jemand mit seelischen Anliegen zu mir kommt", erwiderte Aurora leicht verlegen klingend. Dann sagte sie sehr entschlossen: "Falls du bei dem Krach mit Professeur Faucon jemanden brauchst, der für dich eintritt, lass es mich bitte wissen! Ich denke, bei allem Respekt, daß Professeur Faucon dich zu sehr für ihre eigenen Ansichten vereinnahmen möchte und ihr eine gefühlsbetonte, nicht ganz so leicht auf sogenannte Vernunftsachen einzusteuernde Freundin da reinfuhrwerken könnte. Oh, jemand will zu mir", sagte sie noch. Julius hatte die Türklingeln in Auroras Haus läuten gehört. Deshalb verabschiedete er sich rasch und legte auf.

Wieder in seinem Zimmer war die CD schon beim überübernächsten Stück angekommen. Er schaltete den CD-Spieler aus und machte auch die Sendestation seines Kopfhörers aus. Als er die Anlage wieder auf Lautsprecherbetrieb umgeschaltet hatte hörte er, wie sich ein Schlüssel im Wohnungstürschloß drehte. Endlich kam seine Mutter nach Hause.

"Julius, bist du da?!" Rief sie.

"Bin im Zimmer, Mum!" Rief Julius zurück.

"Catherine hat irgendwo diesen Ortszeittrank hingetan. Den trinke ich erst. Dann können wir essen gehen", antwortete seine Mutter.

"Soll ich mich noch irgendwie umziehen?" Fragte Julius.

"Was hast du denn an?" Wollte Martha Andrews wissen. Julius trat zur Antwort auf den Flur und präsentierte sich in seinen Jeans und dem Pullover. Hier im Haus brauchte er ja keinen Umhang zu tragen. Sie meinte, er möge sich den Sonntagsanzug anziehen, den sie ihm zu Weihnachten besorgt hatte. Er hoffte, daß der ihm noch passte. Sie meinte dazu, daß er wohl nicht mehr so schnell wachsen würde. Julius probierte den Anzug und fühlte sich leicht eingeengt. Aber er respektierte, daß seine Mutter, wenn sie mit ihm in ein gutes Restaurant gehen wollte, mit einem entsprechend gekleideten Begleiter gehen mochte. Zumindest brauchte er keine Krawatte oder Fliege umzubinden. Ob seine Mutter ihn noch einmal mitnehmen würde, wenn er ihr in nicht mehr all zu ferner Zeit auftischen würde, was er vor zwei Tagen erlebt hatte? Das mußte er schon selbst herausfinden. Er hoffte nur, daß Professeur Faucon nicht gleich noch durch den Kamin fauchen und ihm die Schau stehlen und seine Mutter vorbearbeiten würde. Deshalb hatte er es auch ein wenig eilig, als Martha Andrews aus ihrem taubenblauen Hosenanzug schlüpfte und sich mit Rock und Bluse ausgehfertig ankleidete. Sie merkte es wohl und fragte ihn, warum er so hektisch sei.

"Ich möchte dir so viel erzählen und möchte nicht, daß jemand uns dazwischenkommt, der oder die durch den Kamin reinkommen könnte", sagte er wahrheitsgemäß. Seine Mutter grinste ihn an und fragte wie beiläufig:

"Hast du es dir mit jemandem verscherzt?"

"Dazu sage ich erst was, wenn ich dir alles erzählt habe, was ich in der Woche so erlebt habe", wich Julius aus. Seine Mutter sah ihn sehr genau an, als wolle sie ihm die Antworten aus dem Kopf legilimentieren. Doch sie konnte das ja gar nicht. Nach fünf Sekunden, die für Julius fast zur Ewigkeit zu werden drohten, entspannte sie sich wieder, ging ins Wohnzimmer und setzte die beiden halbrunden Zaubersteine in die Aussparung am Kamin, womit dieser nun ganz gesperrt war. Julius überlegte schon, ob er vor dem Essengehen nicht doch schon die Katze aus dem Sack lassen sollte, um nicht gerade in großer Öffentlichkeit in einen wilden Streit zu geraten. Doch er besann sich, daß gerade wo viele Leute waren Leute, die sich was auf ihre gute Erziehung einbildeten wesentlich ruhiger blieben als ohne fremde Leute in Hörweite. Sie fragte lediglich noch, ob Babette bei ihrer Oma sei und ob Catherine nicht noch käme. Julius verneinte beides.

"Babette ist bei Denise. Catherine ist in einer geheimen Besprechung, wohl auch mit ihrer Mutter, wenn ich das richtig mitbekommen habe."

"Oh, war was schlimmes. Madame Grandchapeau sagte was, daß es in der Nacht, bevor wir geflogen sind wohl wieder einen Angriff dieser Dementoren gegeben hat. Freundlicherweise erzählte sie es mir erst, als wir bereits gelandet waren", entgegnete seine Mutter. Julius nickte. Dann sagte er noch:

"Ja, und weil diese Dementoren in Frankreich eingefallen sind hat jemand beschlossen, alte Monster aus einem magischen Überdauerungszustand aufwecken zu müssen, die jetzt irgendwo herumwuseln und keiner weiß, wo und wozu."

"Alte Monster? Schlimmer als Dementoren oder diese Hallitti?"

"Sagen wir's so, schwächer als Hallitti und ihre Schwestern, aber stärker als jeder Mensch und dazu noch viele. Aber das möchte ich dir gerne erzählen, wenn wir unser Essen schon gut genug verdaut haben, zumal ich selbst ja nicht genau weiß, woher diese Kreaturen kommen."

"Nun, ich sehe ein, daß es Sachen gibt, die nicht unbedingt gleich nach einer langen Reise erzählt werden sollen. Aber daß deine frühere Mitschülerin mir erst was erzählte, als wir schon weit weg von Zuhause waren hat mich doch etwas verdrossen."

"Dann wart mal ab, was du nachher noch hörst", dachte Julius und sagte laut: "Mir ist ja nichts passiert. Hier ist ja der Schutzbann wirksam, und in Millemerveilles hatten sie auch Glück gehabt." Wieder nur für sich fügte er hinzu: "Wenn man das Glück nennen kann."

"Dann wollen wir mal, Julius", sagte seine Mutter dann. In dem Moment dröhnte Madame Faucons Gedankenstimme in Julius Bewußtsein:

"Sage deiner Mutter bitte, Sie möchte den Kamin freigeben, damit ich zu euch kann!" Julius verstand nun, warum es zu den unbedingten Verhaltensrichtlinien beim Mentiloquieren gehörte, keine Regung auf eine empfangene Gedankenbotschaft zu zeigen. Er zwang sich, nach außen hin ruhig zu bleiben. Dann schickte er nur zurück:

"Wir sind schon unterwegs zum essen." Dabei beließ er es. Als dann die Frage zurückkam, wo sie hinwollten gab er nur ein "Weiß ich nicht" zur Antwort. Währenddessen lief er wie auf Autopilot geschaltet hinter seiner Mutter her hinunter in die Garage, wo der Wagen der Andrews nun alleine im großen Betonraum stand. Martha kramte die Fernbedienung für die Tür aus dem Handschuhfach und startete den Motor.

"Wir fahren nach Versaille", sagte sie nur. "Da habe ich vor zwei Wochen ein kleines und nicht zu überlaufenes Restaurant aufgetan."

"Wenn ihr wiederkommt, möchte Sie umgehend den Kamin freigeben, damit ich zu euch kann. Anderenfalls komme ich zu Catherine", hallte Professeur Faucons Gedankenstimme in Julius' Kopf. Er schickte zurück, er würde ihr Bescheid geben, wenn sie wieder zu Hause seien. Dann müsse sie nicht zu lange warten.

"Vergiss das bloß nicht", hörte er die Stimme seiner Lehrerin bedrohlich nachschwingend in seinem Geist. Er dachte schon daran, erst zwei Stunden nach dem Nachhausekommen Meldung zu machen. Doch wenn Madame Faucon gerade in ihrem Haus war, konnte er sie nicht erreichen, weil sie auch einen Blockadezauber gegen Gedankenbotschaften um ihr Haus gelegt hatte.

Die Fahrt nach Versaille, wo das altehrwürdige Königsschloß zu finden war, daß Julius bereits mehrmals besucht hatte, nutzte Martha, um Julius von ihrer Reise zu berichten. Sie hatte auch Zachary Marchand wiedergesehen. der muggelstämmige Zauberer, der in der Bundesermittlungsbehörde FBI arbeitete, war damals mit ihr zusammen in das geheime Versteck von Hubert Laroche verschleppt und dort in jene Einlagerungsmaschine gesteckt worden, die angeblich die Prozesse einer menschlichen Gebärmutter immittieren sollte, nur mit dem Unterschied, daß ausgewachsene Menschen darin durch Unterkühlung und zugeführte Nährstoffe und Drogen auf ein Zehntel ihrer üblichen Stoffwechselrate verlangsamt wurden. Seit diesem traumatischen Erlebnis hatte Martha mit der an sich gut unterdrückten Platzangst zu kämpfen gehabt, bis sie von Madame Eauvive unter Mithilfe von Ursuline Latierre einer radikalen aber wirkungsvollen Therapie unterzogen worden war. Er ließ sie ruhig berichten, was sie in ihrer spärlichen Freizeit erlebt hatte und hörte sie über die einerseits überheblichen Leute aus dem Zaubereiministerium dort schimpfen, die andererseits total hilflos im Umgang mit Computertechnik waren und das dadurch überspielten, daß sie sehr herablassend mit ihr umgesprungen seien.

"Dieser ganze Kram sei doch eh völlig widersinnig, hat einer behauptet, und es sei wohl absolute Zeitvergeudung, sich mit diesem "Muggelzeug" zu befassen. Belle Grandchapeau hat für mich dann erklärt, wie notwendig es sei, sich gerade mit den Informationsverarbeitungsprinzipien der nichtmagischen Welt auszukennen und sie auch nutzen zu können, gerade um der Zaubereigeheimhaltung wegen, wo das Internet sich in den letzten Jahren zum weltumspannenden Freimedium entwickelt hat, in das jeder reinschreiben und jeder was herausschöpfen kann, ohne daß da jemand prüft, wie stichhaltig oder wahrheitsgetreu die Informationen sind oder ob sie gegen Menschenrechte und Moralprinzipien verstießen oder nicht. Immerhin hatten die den Befehl von oben, sich in die moderne Technik einweisen zu lassen. Ich habe den amtierenden Zaubereiminister sogar sprechen können. Er erinnert sich noch an diese Gerichtsverhandlung, von der du mir erzählt hast und wollte wissen, wie es Gloria Porter ginge. Ich habe ihm nur erzählt, daß sie wohl einigermaßen Tritt gefaßt habe, ich aber längst nicht alles mitbekäme, was sie gerade umtreibt. Ich denke, das ist in ihrem Sinne."

"Ganz bestimmt", erwiderte Julius. "Der will ja eh nur wissen, ob Gloria vielleicht mehr über die Sache weiß als er. Soweit ich mitbekommen habe, haben die vom Laveau-Institut den Deckel draufgemacht, was genau passiert ist."

"Aha, und er dachte, du hättest von Gloria was gehört und mir erzählt, damit er es dann heimlich aus mir herausholen kann. Diese Gedankenlesesache, Julius, spürt ein Nichtzauberer das, wenn es passiert?"

"Hmm, ich spüre es nur deshalb, weil ich gelernt habe, mich davor zu schützen. Ob andere es mitkriegen, wenn sie derartig durchsucht werden weiß ich nicht. Andererseits ist das eine sehr ungern gesehene Sache und darf vor keinem Zauberergericht als Mittel zur Beweisfindung benutzt werden, wegen des Rechtes an einem unangetasteten Geist. Nur schwarze Magier sind skrupellos genug, das immer und überall anzuwenden. Höchstwahrscheinlich kann der Wahnsinnige Voldemort das, und diese Hexe, die mir damals in der Höhle von Hallitti geholfen hat kann es allemal. Das konnte ich spüren, weil ich mich an sachen erinnerte, die in der gerade passierten Situation nicht gerade ins Bewußtsein springen. Auch wie Jeanne geheiratet hat habe ich es mitbekommen, weil der Zeremonienmagier jeden kurz durchleuchtet hat, ob jemand die Hochzeit erzwungen hat oder nicht."

"Hmm, ich habe keine derartigen Spontanerinnerungen oder dergleichen erlebt. Wird also nicht bei mir nachgesehen haben, ob ich was weiß."

"Das kann auch nicht jeder, Mum. Diese Kunst, so hat Catherine mir ganz am Anfang erklärt, setzt verdammt viel Selbstbeherrschung voraus und die Fähigkeit, sich konzentriert auf fremde Gedanken einzustimmen und sie zielgerichtet zu erfassen. Das kann nur, wer genug eigene Willensstärke und Training hat."

"Und das dauert dann seine zeit, um sowas zu lernen", vermutete seine Mutter. Er nickte bestätigend. Andererseits konnte er sich vorstellen, daß gerade Leute wie Davenport, die lange im Hintergrund gearbeitet hatten, diese Mentalzauberkunst erlernt hatten, um gegebenenfalls einen günstigen Moment abzupassen, Karriere zu machen. Es war ja keineswegs so, daß irgendein Schreckenswesen die Gegend unsicher machte und der zuständige Zaubereiminister das geheimhielt.

"Jedenfalls soll ich dir noch einmal schöne Grüße von den jungen Damen Brittany Forester und Melanie und Myrna Redlief bestellen. Madame Grandchapeau war zwar ein wenig merkwürdig gestimmt, weil die drei dich aus der Ferne so hofiert haben, aber sie konnte schlecht was dagegen sagen", sagte Martha Andrews noch.

"Das wäre ja wohl auch sehr vermessen gewesen", warf ihr Sohn ein. Dann dachte er, ob es vielleicht doch stimmte, daß Mel Redlief nach seiner blitzartigen Alterung um zwei Jahre darauf ausging, ihn für sich sichern zu können. Brittany war im Grunde wie die Latierre-Mädchen, offen, frei heraus und voller Energie. Hätte er sich nicht für Millie entschieden ... Aber sie war nicht auf der Blumenwiese gewesen. Doch die war ja nicht unbedingt verbindlich, fand er.

"So, jetzt habe ich dir eine Menge von mir erzählt. Was hast du denn so weltbewegendes erlebt, während ich mich mit arroganten und ignoranten Leuten herumgeschlagen habe?" Forschte Martha nun nach, was ihr Sohn so wichtiges oder unwichtiges zu berichten hatte.

"Nun, ein Punkt ist das mit den Dementoren, wo ich nichts mitbekommen habe, Mum. Dann war ich bei dem Quidditchspiel in Paris, zusammen mit den Latierres. Da habe ich auch Schulkameraden von mir getroffen, unter anderem Belisama und Hercules. Danach war ich mit den Latierres bei einer Cousine von Hippolyte, die ein abgedrehtes Café in einer Seitengasse der Rue de Camouflage betreibt, wo die Gäste wie in einer andauernden Mondnacht sitzen. Tja, und was danach so gelaufen ist erzähle ich dir, wenn wir ruhig sitzen, am besten auf englisch, um die, die zuhören mögen nicht alles mitbekommen zu lassen.

"Aber dann sollten wir die Begriffe "Zaubererwelt", "Hexen und Zauberer" und dergleichen vermeiden", meinte Martha Andrews. Julius nickte. Andererseits konnte er ihr schlecht alles erzählen, wenn er bestimmte Sachen nicht erwähnen durfte. Aber er fühlte sich herausgefordert, das doch irgendwie hinzukriegen. Immerhin konnte es ja passieren, daß er Verwandten von sich was erzählen sollte, die wirklich nichts mit der Zaubererwelt zu schaffen hatten.

Vor einem zweigeschossigen Haus, das einem alten Landhaus aus den Zeiten vor der französischen Revolution nachempfunden sein mochte, parkte martha Andrews ihren Wagen. Sie gingen durch eine breite Eichentür in einen mit mittelhellen Teppichen ausgelegten Vorraum. Julius sog die Wohlgerüche von gebratenem Fleisch, Fisch und anderen Köstlichkeiten in die Nasenflügel, lauschte dem leisen Raunen viler sich in gedämpfter Lautstärke unterhaltender Gäste und das leise Säuseln ruhiger Musik, die dem ganzen hier eine dezente Klangatmosphäre verlieh.

"Madame et Monsieur", begrüßte ein vornehm daherschreitender Kellner in blütenweißer Jacke die Neuankömmlinge.

"Andrews der Name, ich habe gestern Abend telefonisch reserviert", sagte Martha Andrews leise aber bestimmt. Der Kellner nickte und wandte sich an einen Kollegen, der vor einer Computeranlage saß. Dieser ließ sich den Namen sagen. Martha buchstabierte ihn noch einmal. Dann sagte der Kellner:

"Natürlich, Madame Martha Andrews aus Paris. Eigentlich hätte ich den Namen sofort erkennen müssen. Sie haben Tisch siebzehn", informierte der Ober die beiden Besucher und führte sie persönlich in den großen Gastraum im zweiten Geschoss. Julius erkundigte sich leise, ob im Erdgeschoss auch ein Saal war.

"Dieser ist für Angestellte hier ansessiger Firmen für die Mittagspause reserviert", erwiderte der Kellner. Julius fragte sich, welche Firmen ihren Mitarbeitern diesen Luxus gönnten, einen ganzen Restaurantsaal für die Mittagspause anzubieten anstatt einer Kantine. Doch das gehörte wohl zu den Sachen, die ihm der Kellner wohl nicht beantworten durfte. Diskretion hieß das wohl.

Der Tisch war frisch gedeckt und mit sauberen Besteckteilen für alle Arten von Speisen ausgestattet. Eine große Kerze im silbernen Leuchter wartete darauf, entzündet zu werden, was ein anderer Kellner mit einem Zwischending zwischen Pistole und Feuerzeug besorgte. Martha und Julius gaben sich die zwei Minuten lang der vorherrschenden Atmosphäre von Gemütlichkeit und Erhabenheit hin, bis sie jeweils eine in echtes Leder gebundene Speisekarte überreicht bekamen.

"Och, neh, das kann doch wohl nicht angehen", sagte Martha, nachdem sie einen Blick in die Karte getan hatte. "Ich habe eine ohne Preise. Julius, hast du die Preise bei dir?"

"Ja, und die sind gepfeffert und gesalzen, Mum", erwiderte Julius schmunzelnd.

"Dann gib die mir bitte und nimm meine. Ich hätte vielleicht betonen sollen, daß ich deine Mutter bin, wenngleich ich das auch als Kompliment nehmen kann, wenn wer glaubt, daß ein junger Herr mich zum essen ausführen möchte."

Julius tauschte mit seiner Mutter die Karten und fragte leise, wieso bei ihr keine Preise aufgeführt waren.

"In einigen Restaurants gilt es immer noch, daß der Herr die Zeche zahlt und die von ihm ausgeführte Dame sich keinen Kopf darum machen möge, was sie gegessen und getrunken hat."

"Solange der Herr genug in der Brieftasche hat", vermutete Julius richtig.

"Ja, richtig. Vielleicht gilt es hier noch immer, daß Damen nicht mit den aufkommenden Kosten behelligt werden dürfen."

"Eigentlich ziemlich überholt, wo so viele Frauen mehr Geld verdienen können als manche Männer", raunte Julius amüsiert.

"Tja, aber das ist eben Stil, Julius. Einige Sachen wirken überholt, werden aber deshalb noch gemacht, weil sie eben eine bestimmte Lebensweise bezeichnen. Und was die wirklich gewürzten Preise hier angeht, so habe ich mich hier schon zweimal satt essen können, ohne mich dabei zu ruinieren", bekräftigte Julius' Mutter noch.

Nachdem sie für sich ein Vier-Gänge-Menü zusammengestellt hatten und ihre Bestellung aufgegeben hatten atmete Julius ruhig ein und aus, um seinen Körper zu entspannen und seine Gedanken so zu ordnen, daß er gleich in Ruhe erzählen konnte, was er mit Millie angestellt hatte. Allerdings wollte er die wirklich heftige Nachricht, daß sie beide schon zusammen im Bett waren erst bringen, wenn er wußte, wie seine Mutter mit der Geschichte an sich klarkam. Als sie mit der Vorspeise beschäftigt waren begann er, wo bei er seine Muttersprache benutzte:

"Also, um das wichtigste zuerst zu erzählen, Mildrid und ich haben uns geeinigt, miteinander zu gehen, ja, wenn das so gut anläuft wie es aussieht auch zusammen zu bleiben." Er sah seine Mutter an, die genau zuhörte. Sie zeigte keine äußere Regung, kein Wimpernzucken und kein Mienenspiel. Sie nickte ihm nur zu, als er drei Sekunden gewartet hatte. "Nun, es ist so, daß wir wie erwähnt nach dem Spiel in einem Café waren, daß einer Cousine von Hippolyte Latierre gehört. Da haben wir uns lange über die Schule unterhalten und was da in den letzten Wochen so abgelaufen ist, besonders zwischen Belisama und Mildrid. Millie wollte wissen, warum ich eigentlich nicht gleich gesagt habe, ob ich von ihr oder Belisama was wollenkönnte oder mir beide gestohlen bleiben könnten. Ich sagte dazu noch, daß ich mir da selbst ja erst klarwerden müsse und nicht einer von ihnen unnötig vor den Kopf stoßen wollte. Die hat mich dann im Beisein ihrer Schwester gefragt, ob ich nicht doch eher mit großen Mädchen was anfangen wolle, weil das mit den rothaarigen Zwillingen für sie so aussieht, daß ich mich auf die einpeilen könnte. Martine meinte dann, von ihrer Warte her könnte es mit uns beiden was geben, falls ich echt auf sie abfahren würde und bereit sei, mich auf sie einzulassen, weil sie ja schon voll im Leben stehe und so."

"So, und was hat Hippolyte Latierre dazu gesagt?" Wollte Martha Andrews wissen, die immer noch nicht verriet, wie es in ihr arbeitete.

"Die mußte wegen so'ner Formalie in ihr Büro. Du weißt ja, daß sie für die Sportbehörde arbeitet und da vor allem die Mannschaften in der Liga zu betreuen hat."

"Oh, dann hat die dich mit den beiden Mädchen alleine gelassen?" Wunderte sich seine Mutter. Offenbar wirkte die Neuigkeit doch etwas heftiger als sie durch ihren gefühlsmäßigen Schutzpanzer abschirmen konnte, erkannte Julius nun.

"Eine halbe Stunde lang, Mum. Die wollte natürlich nicht, daß wir uns in der Zeit zerfleischen konnten. Du weißt ja, wie die beiden miteinander sind. Nachher hätten die mich in eine unsinnige Zankerei mit reingezogen."

"Aha", erwiderte Martha dazu nur.

"Okay, im wesentlichen lief es darauf hinaus, daß ich irgendwann gesagt habe, ich würde mir vorstellen, daß es sowohl mit Mildrid als auch mit Martine klappen könnte, aber das nicht einfach so entscheiden könnte. Da kam Madame Latierre auf die Idee, ich könne ja mit einer nach der anderen über eine versteckte Brücke in eine abgelegene Burg hinübergehen, von der gesagt wird, daß sie jedem Paar, das hinübergeht zeigen kann, ob das was geben würde oder nicht. Da mir nichts besseres einfiel, weil ich in dem Moment wirklich echt dazwischenhing, ob jetzt Martine oder Millie, habe ich dem ganzen zugestimmt. Hippolyte hat uns dann hingebracht. Der Gag ist, daß die Frau den Mann oder Jungen, mit dem sie sich einlassen möchte, auf den Schultern über diese Brücke trägt. Kommt sie drüben an, ohne unter dem Auserwählten zusammenzubrechen, ja hat sie das Gefühl, mit ihm zu schweben, so ist das der richtige. Wenn nicht, dann nicht."

"Moment, Julius. Du hast dich wieder auf ein merkwürdiges Ritual eingelassen, diesmal freiwillig und bei klarem Verstand?"

"Yep", machte Julius nur.

"Und Martine ist mit dir nicht über diese Wunderbrücke gekommen?" Fragte Martha. Julius nickte. Dann sagte er:

"Ich weiß nicht, ob's an der Atmosphäre der Berge da lag oder an dem Gedanken, jetzt unbedingt rauszukriegen, ob es mit wem läuft oder nicht. Aber als ich von Millie über diese Brücke getragen wurde hatte ich echt das gefühl, immer leichter zu werden und habe alles gute und interessante in ihr gesehen und erkannt, daß ich das toll finde. Sie auch, offenbar. Denn als wir dann drüben ankamen haben wir uns noch lange unterhalten, wie wir das empfunden haben."

"Dann bist du also mit der jüngeren Tochter Hippolytes über diese sagenhafte Brücke gegangen, beziehungsweise, hast dich von ihr hinübertragen lassen, um dann erst klar zu erkennen, daß du schon immer mit ihr zusammensein wolltest, aber es wegen Claire und ihrem zu frühen Tod nicht wahrhaben wolltest?"

"Öhm, stimmt genau, Mum", bestätigte Julius unerwartet erleichtert, daß seine Mutter die Zusammenhänge sofort und ohne heftige Gefühlswallungen ausgesprochen hatte.

"Ja, und weil ihr beide das geschafft habt seid ihr schon so gut wie verheiratet, wie bei diesem Ritual, das du mit Claire durchgeführt hast?" Wollte sie im Flüsterton wissen.

"Nicht in dem Sinne, daß dieser Gang ein Heiratsversprechen ist, Mum. Es hat wohl nur zeigen sollen, daß wir beide innerlich doch irgendwo gleichgetaktet sind. Tja, und wir haben uns dann wie gesagt lange da aufgehalten, was für uns irgendwie wie im Fluge vorbeiging. Genaueres möchte ich dir dann erzählen, wenn wir ganz für uns sind."

"Ich fasse zusammen: Was hast du erlebt? Du hast die von der Schulkrankenschwester geforderte Entscheidung gesucht, aber nur dadurch gefunden, daß du dich mit Martine und Mildrid einer mystischen Schicksalsprüfung unterzogen hast und dabei festgestellt, daß du schlicht nur zu schüchtern warst, gleich für eine der beiden empfänglich zu sein. Hippolyte hat euch an diesen Ort gebracht, offenbar weil sie wollte, daß ihre Töchter und du es ein für allemal herauskriegt, mit welcher der beiden du am besten zurechtkommst. Hattest du dabei den Eindruck, von ihr gezwungen zu werden?"

"Nein, hatte ich nicht. Ich hätte jederzeit ablehnen können und ihr sagen können, sie könne ihre beiden gefälligst wem anderen unterjubeln. Aber irgendwie wußte ich da schon, daß ich das jetzt wissen wollte, ob Martine oder Mildrid. Tja, und im Nachhinein bin ich sogar mit dieser Kiste glücklich, weil Martine nach der Sache mit Edmond wohl gleich klargemacht hätte, was ich bei ihr zu tun und zu lassen hätte und sie dir wohl gleich auf die Bude gerückt wäre wegen neuem Wohnsitz und Sorgerecht."

"Nun, da du allen Gesetzen nach ja noch minderjährig bist hätte ich da wohl noch was zu zu sagen", erwiderte Martha Andrews. Sie wirkte ernst, aber nicht erbost, stellte Julius mit gewisser Erleichterung fest. Oder sie behielt sich ihre Wut für einen späteren Zeitpunkt vor, wenn sie ihn oder die Latierres so richtig runtermachen konnte.

"Das hat Catherine auch gemeint", erwiderte Julius.

"Nachdem was ich doch mitbekommen konnte - und ich vertraue da meiner Beobachtungs- und Schlußfolgerungsgabe - ist Professeur Faucon nicht gut auf die Familie Latierre zu sprechen. Ich denke, falls sie das erfährt, was du mir gerade offenbart hast, Julius, könnte sie sehr erzürnt reagieren."

"Was du nicht sagst", erlaubte sich Julius eine Frechheit. "Das hat die schon. Sie sprach von Kuppelei, weil Madame Latierre es drauf angelegt hat, mich mit einer ihrer Töchter zusammenzubringen und hat gemeint, du solltest Madame Latierre anzeigen."

"Nun, im ersten Moment kam mir wirklich die Idee, das zu tun, wenn ich mich schlau genug gelesen habe, was da geht oder nicht", erwiderte Martha Andrews. "Andererseits will ich erst von ihr hören, was sie sich dabei gedacht hat und warum sie meint, du würdest mit einer ihrer Töchter gut zusammenpassen, geistig-gesellschaftlich natürlich."

Julius konnte ein gewisses Grinsen nicht ganz unterdrücken. Seine Mutter stutzte und schien darüber nachzudenken, ob sie ihm jetzt eine lautstarke Gardinenpredigt halten oder einfach darüber hinwegsehen sollte. Dann fragte sie:

"Muß ich diesem Grinsen entnehmen, daß da noch mehr passiert ist, Julius? Ein einfaches Ja oder Nein bitte!"

"Ja, Mum", erwiderte Julius nun entschlossen, jede Schimpftirade oder gar eine Ohrfeige hinzunehmen, falls seine Mutter sich dazu hinreißen lassen würde.

"Möchtest du mir das hier erzählen, oder gehört das nicht in ein vornehmes Lokal?"

"Es gehört vor allem nicht vor so vielen Leuten, Mum", erwiderte Julius ruhig. Seine Mutter nickte schwerfällig. Dann fragte sie:

"Catherine weiß aber alles, was du erlebt hast?"

"Ja, weiß sie, Mum. Und es macht mir auch keine Angst, ob du das nun für hinterhältig, unanständig oder gesetzlos hältst. Es ist passiert und ich selbst habe es ganz frei von irgendwelchem Druck so angestellt."

"Ich kann mir vorstellen, daß Mildrid entsprechend interessiert war, Julius. Ich wundere mich nur, daß du jetzt doch anfängst, Sachen, die nicht mit reiner Vernunft zusammengehen anzustellen, insbesondere nach der Sache mit deinem Vater."

Boing! Da war der Tiefschlag, auf den er gewartet hatte. Sie hatte ihm mal soeben untergejubelt, daß er an sich gefälligst nichts dafür zu empfinden oder bloß nicht darauf einzugehen hatte, weil ja gerade mit seinem Vater die Sache mit der verführerischen Hallitti passiert war.

"Das war 'ne andere Kiste, Mum. Paps war sauer, weil er nicht bekommen hat, was er wollte und war danach 'ne ganze Zeit alleine und hat sich dann mit der ersten eingelassen, die ihm Honig um den Mund geschmiert hat. Bei uns war das ein Prozeß, der vielleicht schon vor zwei Jahren angefangen hat und durch diesen Brückengang nur entschieden wurde."

"Moment, vor zwei Jahren warst du aber noch mit Claire zusammen, Julius", wandte seine Mutter ein. Er nickte. "Aber ich verstehe, was du meinst. Immerhin hat Millie dich ja da und wohl auch deswegen schon umschwärmt, weil sie davon ausging, daß du es ja irgendwie wert sein müßtest, wenn eine ihrer Mitschülerinnen sich für dich erwärmt hat. Ich bin ja nicht so vernagelt, daß ich das nicht irgendwie mitbekommen hätte. Außerdem haben wir beide uns ja vor meiner Abreise schon unterhalten, daß ich von Millies Oma weiß, daß diese sich was bei dir ausgerechnet hat. Es muß schon was dran sein, daß die Weibchen einer Species einen Sinn für die Partnerwahl haben. Leider funktioniert der wohl nicht immer."

"Du meinst wegen Paps und dir?" Fragte Julius.

"Öhm, so drastisch direkt hätte ich das jetzt nicht unbedingt hören wollen, Julius. - Aber warum sollte ich es nicht zumindest einräumen", knurrte seine Mutter dazu nur.

Der nächste Gang wurde aufgetragen, und die beiden sprachen weiter über Millie und Julius, und woher Martha den Eindruck hatte, daß es irgendwie sowieso auf eine Beziehung zwischen ihn und Mildrid hinausgelaufen wäre. Sie führte an, daß die beiden trotz unterschiedlicher Grundcharaktere wohl viele Gemeinsamkeiten hätten, wozu es eigentlich keine drastische Entscheidungshilfe gebraucht hätte. Sie erwähnte in dem Zusammenhang, daß sie beide wohl bisher ein gutes Verhältnis zu den eigenen Eltern gehabt hätten, was ja für Claire auch zutraf, Millie in einer Weise den Gefühlen denselben Raum einräumte, den Julius seinem Verstand eingeräumt habe, daß sie durchaus sehr intelligent sei, weil sie ja sonst wohl sofort bei ihm auf Granit gebissen hätte und wohl nach Claires Tod sofort angefangen hätte, ihn für sich zu begeistern, ohne einzukalkulieren, daß er sich davon angewidert fühlen könne, und nicht zu letzt die Tatsache, daß sie beide Wert auf klare Verhältnisse legten.

"Woher willst du denn das mit den klaren Verhältnissen wissen, Mum?" Fragte Julius.

"Ganz einfach, weil sie Claire und dich gepiesackt hat, um zu testen, ob es was ernstes zwischen euch ist, nicht einfach nur, um dich ihr auszuspannen. Du hast mir erzählt, und ich habe es von anderen auch in gewisser Weise bestätigt bekommen, daß sie nach der Walpurgisnacht aufgehört habe, dich zu umgarnen, es eher ihrer Schwester überlassen habe, mit dir umzugehen und Claire an deiner Seite wohl akzeptiert hat. Außerdem habe ich bei Claires Beerdigung und danach nicht mitbekommen, daß es sie gefreut hätte, daß die Konkurrentin weg ist. Oder hattest du den Eindruck?"

"Öhm, stimmt, die hat zumindest mir gegenüber nicht rausgelassen, daß sie das gefreut hat. Im Gegenteil. Sie hat mir erzählt, daß sie nicht gewußt hat, wie sie damit fertig werden sollte. Sie hätte auch noch weitergewartet, hat sie mir an diesem Abend erzählt. Aber weil Leute, die sie für unpassend hielt, schon wieder hinter mir hergelaufen seien, wäre ihr klargeworden, daß sie mir zeigen müsse, daß sie immer noch da sei und ich nicht irgendeiner nachrennen sollte, bevor ich nicht ganz genau klar hätte, ob das diejenige ist, mit der ich echt zusammenbleiben will."

"Stimmt, davon hatten wir's ja vor meiner Abreise auch schon", erwiderte Martha Andrews. Julius nickte.

"Nun, trotzdem möchte ich gerne den Rest der Geschichte erfahrenund von Hippolyte hören, ob sie das wirklich so gewollt hat und ob sie dich nicht doch irgendwie dazu genötigt hat. Ich möchte nur alles ausklammern, was den Eindruck erweckt, daß du ohne es zu wollen in eine endgültige Situation getrieben wirst. Mehr dazu also auf der Heimfahrt und dann bei uns", beschloß Martha Andrews dieses Thema. Da sie hier nicht über die sonstigen Vorkommnisse in der Zaubererwelt reden konnten, unterhielten sie sich über Amerika, warum Martha zum Schluß noch in Los Angeles gewesen war und wie sie mit Madame Grandchapeau die Filmstudios von Hollywood besichtigt hatte.

"Sie hat gelacht, als ich ihr erzählte, daß fortgeschrittene Technologie wie Magie erscheine. Als wir dann die Filmstudios besucht hatten und einige Ausschnitte von berühmten Filmen auf Video angesehen haben, mußte sie mir zumindest zustimmen, daß mit technischen Tricks doch eine Menge gezaubert werden könne, zumindest interessante Illusionen."

"Ja, kann ich mir vorstellen, besonders bei Sachen wie dem Beamen in den Enterprise-Folgen oder den Dinosauriern von Steven Spielberg", erwiderte Julius.

"Apropos Spielberg: Sie hat sich "E.T." und "Die unheimliche Begegnung der dritten Art" auf Video besorgt, um zu erfahren, wie Menschen mit ihnen fremden Kulturen oder Wesen umgehen, beziehungsweise, wie die Unterhaltungsbranche daraus Geschichten macht."

"Och, keinen Film über Hexen oder Drachen?" Fragte Julius.

"Nein, hat sie nicht", erwiderte seine Mutter.

So verplauderten sie die Zeit zwischen den Gängen, bis Marthas Mobiltelefon klingelte. Sie ärgerte sich ein wenig, daß sie es nicht abgeschaltet hatte.

"Was soll ich sagen, wenn es Catherine ist?" Fragte sie Julius.

"Das wir noch essen sind", sagte Julius. Martha nahm ab und meldete sich. Julius dachte sowieso, daß es nicht Catherine sein würde, weil die ihn direkt anmentiloquiert hätte. Tatsächlich war es Zachary Marchand, der sich erkundigte, ob Martha wohlbehalten angekommen sei, weil bei ihr zu Hause nur der Anrufbeantworter rangegangen sei. Sie sagte ihm nur, daß sie gerade sehr interessante Sachen von ihrem Sohn zu hören bekommen habe, schwieg aber darüber, was. Danach schaltete sie das Funktelefon ganz aus.

"Wundere mich sowieso, daß wir deshalb nicht rausgeworfen wurden", meinte sie amüsiert, weil zwar viele mißmutig herübergestarrt hatten, aber wohl wegen der fremden Sprache nicht wußten, ob es ein wichtiges Geschäftsgespräch oder ein Telefongeturtel gewesen war. Julius fragte sich allerdings selbst, was er davon halten sollte, daß seine Mutter so locker mit Zachary Marchand sprach. Doch nachdem was er nun angefangen hatte war er jetzt der Letzte, der ihr irgendwelche komischen Fragen dazu stellen sollte. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, daß seine Mutter mit dem FBI-Agenten was anfangen würde. Aber sogesehen schienen ja Brittany und Glorias Cousine Melanie ja auch irgendwelche Vorstellungen zu haben, mit ihm, Julius, was anfangen zu können.

Nachdem sie das sündhaft teure Mittagessen genossen hatten und Martha mit ihrer Kreditkarte die Zeche gezahlt hatte, fuhren sie langsam zurück nach Paris. in einem Parkhaus in der Nähe eines Einkaufszentrums stellte Martha den Wagen erneut ab. Hier wollte sie sich von Julius die ganze, nun unzensierte Geschichte erzählen lassen. Als er damit endete, daß Millie und er miteinander Sex gehabt hatten verzog seine Mutter zwar für einen Moment das Gesicht, nickte dann aber so, als habe sie nur eine Bestätigung für eine unangenehme Vermutung erhalten.

"Und das ließ sich nicht anders regeln, Julius? Bist du dir darüber im klaren, daß die in der französischen Zaubererwelt sowas als inoffizielle Hochzeit ansehen könnten?"

"Das wurde mir bereits erzählt, und ich finde trotzdem nicht, daß ich das bereuen müßte", erwiderte Julius ruhig.

"Dann wird es Zeit, mit Hippolyte zu reden. Am besten fahren wir zu ihr, damit ich den Kamin nicht extra aufmachen muß. Du hast deinen Zauberstab mit?"

"Ja, habe ich", sagte Julius und klopfte an sein Hosenbein, in dem er so unauffällig es ging das Futteral mit seinem Zauberstab trug. Uneingeweihte mochten die leichte Ausbeulung vielleicht für eine Rolle Geldscheine halten, die so diebstahlsicher wie möglich untergebracht war.

"Du hast erzählt, daß Béatrice sofort da war und sichergestellt hat, daß ihr beiden nicht ungewollt Eltern werdet. Ist ja nett von dir, daß du mich nicht schon so jung Zur Oma machen wolltest."

"Wir wollen noch die restlichen Jahre in Beauxbatons rumkriegen können, Mum", sagte Julius dazu nur. Seine Mutter nickte nur und stieg kurz aus, um für die zehn Minuten Parkzeit zu zahlen.

"Die rechnet das gleich in Galleonen um, um das Hippolyte aufzubrummen", dachte Julius. Als seine Mutter zurückkehrte und den Motor startete sagte er noch:

"Außerdem wollte ich dir ja noch erzählen, was es mit diesen Monstern auf sich hat. Irgendwer hat uralte Ungeheuer aus einem Tiefschlaf aufgeweckt, die irgendwo versteckt waren. Es sind Kreuzungen zwischen Menschen und Insekten, Mum. Ganz abscheuliche Viecher, hundert Stück."

"Moment, Julius. Du willst mich jetzt nicht verschaukeln, oder?"

"Absolut nicht", erwiderte Julius aufrichtig. "Die Biester gibt es, beziehungsweise, jetzt ist klar, daß es sie gibt. Belles Mutter muß schon ordentlich ackern, um die ganze Kiste nicht bei den Muggeln durchsickern zu lassen."

"Wie groß sind diese Kreaturen, Julius?" Wollte Martha wissen.

"Menschengroß, Mum. Aber sie haben die Kraft mehrerer Menschen, wie das bei Insekten ja üblich ist. Stell dir einen erwachsenen Mann vor, der das zwanzigfache seines eigenen Gewichts hochheben kann!"

"Das möchte ich lieber nicht, Julius. Was für Insekten wurden in diese Monstren eingekreuzt?"

"Gemeine Honigbienen", erwiderte Julius. "Wahrscheinlich denken die dann auch in Bienenstockkategorien, also nicht für sich selbst."

"Können die fliegen?" Fragte seine Mutter.

"Ja, können die", bestätigte Julius.

"Weshalb ist Catherine damit befaßt?" Wollte seine Mutter noch wissen.

"Weil diese Monster aus der Zeit von Sardonia stammen, Mum. Catherine hat ja das Buch über diese dunkle Hexe geschrieben."

"Oha, und das in ihrem Zustand", seufzte Martha. "Und diese Monster haben solange irgendwo geschlafen oder im Scheintodzustand zugebracht?"

"Das ist wohl so, Mum. Ich denke nicht, daß diese Biester unsterblich sind." Er wußte natürlich, daß diese Insektenwesen nicht unsterblich waren. Doch die beste Waffe gegen sie hatte er bisher nur in der gemalten Welt zu sehen bekommen.

"Gut, sollen sich die damit auseinandersetzen, die davon mehr Ahnung haben als wir beide zusammen. Wovon ich Ahnung habe, und worüber ich mich deshalb jetzt gleich mit Hippolyte unterhalten werde, ist im Moment dringlicher."

"Hoffentlich ist sie da", meinte Julius. "Ich sollte sie benachrichtigen, wenn ich dir alles erzählt habe."

"Nun, ich hoffe, du hast mir wirklich alles erzählt und mich nicht doch an einigen Stellen verulkt. Aber du hättest ja auch behaupten können, es sei überhaupt nichts passiert."

"Ich habe von dir gelernt, daß die Wahrheit im Zweifel besser ist als jede Ausrede", erwiderte Julius. Seine Mutter nickte. Er mentiloquierte schnell an Hippolytes Adresse:

"Bin mit meiner Mutter unterwegs zu dir. Bist du zu Hause?"

"Was hast du ihr erzählt?" Kam nach weniger als zwei Sekunden die Antwort so laut und deutlich, daß Julius fürchtete, seine Mutter könnte die Stimme aus seinem Kopf hören.

"Ich habe ihr alles erzählt, auch daß ich mit Millie Liebe gemacht habe."

"Gut, ich sehe es ein, daß sie dann zu mir will. Eigentlich ziemlich mutig, nicht bei euch zu Hause auf mich zu warten."

"Nach der Kiste von heute morgen will Mum den Kamin erst aufmachen, wenn sie mit dir geredet hat", erwiderte Julius auf unhörbare, weitreichende Art.

"Alles in Ordnung, Julius. Ich bin zu Hause. Ich rufe nur Maman und Béatrice."

"Wenn du meinst, daß das so sein soll", erwiderte Julius. Hippolyte schwieg dazu.

"Sie ist zu Hause, Mum. Mir wäre fast die Birne explodiert, so überdeutlich bekam ich ihre Gedankenstimme ab", sagte Julius.

"Kein Wunder, nachdem ihre Mutter dich mit einem Teil ihrer Lebensenergie aufgeladen hat und du die intimste Nähe mit ihrer Tochter gesucht hast bist du ja ein idealer Empfänger für ihre Gedankensendungen."

"Hat dir Catherine das erklärt, wie das mit dem Mentiloquismus geht?" Fragte Julius.

"Ja, hat sie. Daher weiß ich, daß du bestimmt mit unseren entfernteren Verwandten wie Camille und Florymont, aber durch das Ritual von Ursuline auch mit ihr und ihren direkten Abkömmlingen besonders gut kommunizieren kannst."

"Öhm, stimmt", bestätigte Julius perplex.

Einige Blocks vor dem Geschichtsmuseum schaffte Martha es, einen freien Parkplatz zu ergattern. Julius unkte zwar, daß der Wagen nachher mindestens zwanzig Beulen vorne und hinten haben würde, aber seine Mutter hatte sich offenbar an den Pariser Stadtverkehr gewöhnt.

"Ich kann mir das von Catherine bei Bedarf ausbeulen lassen. Abgesehen davon rührt den dann auch kein Autodieb mehr an."

Sie gingen durch das Geschichtsmuseum, das Julius trotz der vielen Besuche in der Zaubererstraße noch nie richtig besichtigt hatte und betraten die Rue de Camouflage, wo die Eheleute Hippolyte und Albericus Latierre schon auf sie warteten. Monsieur Latierre sah Julius leicht verstimmt an, sagte jedoch keinen Ton mehr als für eine höfliche Begrüßung nötig war. Hippolyte, die ihren Mann um mehr als zwei Köpfe überragte lächelte hingegen, beruhigend und keineswegs künstlich.

"Da bin ich mal eine Woche im Ausland, und schon passieren die wildesten Sachen", versuchte sich Martha in einer lockeren Bemerkung.

"Immerhin nichts, wovor du Angst haben müßtest, Martha", erwiderte Hippolyte, wesentlich geübter in Lockerheit.

"Nun, das sollten wir zunächst besprechen, was wie wo wann mit wem und warum gelaufen ist", erwiderte Martha Andrews nun etwas ernster. Monsieur Latierre nickte ihr schweigend zu. Auf Julius wirkte das irgendwie lustig, wie der kleinwüchsige Zauberer, der eine reinrassige Zwergin zur Mutter hatte mit dem hohen Federhut wackelte. Hatte irgendwas von einer Wackelpuppe, die man anstupsen konnte, dachte er.

"Nun, ich möchte die Sache nicht auf einer belebten Straße bereden. Falls möglich muß das nicht gleich in die Zeitung", sagte Martha Andrews noch. Beide Latierres und Julius nickten ihr zustimmend zu. Danach gingen sie zum Haus der Latierres, wo Béatrice mit Martine und Mildrid auf sie wartete. Millie lief sofort auf Julius zu. Doch seine Mutter sah sie sehr streng an, und ihr Vater machte wegscheuchende Handbewegungen in ihre Richtung.

"Guten Tag, junge Dame. Junges Fräulein ist ja jetzt wohl unangebracht", begrüßte Martha Andrews Mildrid. Diese sah sie jedoch sehr unbekümmert an und fragte:

"Oh, dann hat Julius alles erzählt?"

"Keine Einzelheiten, aber das wesentliche", erwiderte Julius' Mutter etwas unwirsch, weil Millie weder verlegen noch schuldbewußt auf sie wirkte. Julius erkannte, daß die Angelegenheit eh nicht mehr zu ändern war und jede Verlegenheit dabei wohl total unnötig war. "Ein wenig ungehalten bin ich schon, wenn Leute, denen ich ein gewisses Maß an Verantwortungsbewußtsein zutraue, meinen Sohn in Sachen verwickeln, die sehr nachhaltig sind, Mildrid Ursuline Latierre."

"Ich denke mal, Sie reden erst mit Maman, dann können Sie sich von mir noch erzählen lassen, was los war, Madame Andrews. Nur eins: Ich bereue nichts", und Julius zugewandt, "und er auch nicht."

"Wir haben das nicht mal eben so aus einer Laune raus angestellt, Mum", fügte Julius noch hinzu. Seine Mutter wirkte jetzt wieder so, als trüge sie eine Maske der Gefühllosigkeit.

"Mir war es auch nicht recht, Mildrid", knurrte Albericus. "Aber deine Mutter mußte ja ihren Dickschädel durchsetzen und deinen gleich auch noch gewähren lassen. Denke aber immer daran, was deiner Schwester passiert ist!"

"Lass mich da bitte raus, Papa", fauchte Martine. "Es ist jetzt erst die Sache zwischen Millie und Julius zu klären, zumindest soweit seine Mutter das klären möchte."

"Zumindest ob ich deine Mutter nicht vor einem Gericht eurer Welt wegen Anstiftung zur Unzucht oder sowas anklagen soll", feuerte Martha Andrews ab.

"Oh, hat die respektable Professeur Faucon bereits mit dir gesprochen, Martha?"

"Nein, hat sie nicht. Ich pflege mir eine Meinung weitestgehend durch eigene Erkundigungen und Erfahrungen aus erster Hand zu bilden. Aber es erscheint mir zumindest nachvollziehbar, warum Professeur Faucon entrüstet ist. Also bitte, treten wir ein.

"Julius, du gehst mit Martine auf ihr Zimmer! Millie, du bleibst bis wir dich rufen in deinem Zimmer!" Verfügte Monsieur Latierre. Seine Frau segnete die Anweisung durch ein Nicken ab. Martine nahm Julius bei der Hand und führte ihn in ein geräumiges und mit viel buntem Raumschmuck ausgestattetes Zimmer. Sie wies auf einen hochlehnigen Stuhl, der in einer Ecke stand und holte ein kleines rotbraunes Paket unter einem wuchtigen Schreibtisch hervor, das sie wie eine Zeitung auseinanderfaltete und dann einen ähnlichen Lehnstuhl zum Vorschein brachte. Julius kannte diesen Möbelzauber schon von einem Besuch bei Céline Dornier in den letzten Osterferien.

"Also, Maman hat festgelegt, daß sie und Papa mit deiner Mutter zunächst alleine reden wollen. Oma Line und Tante Trice sind nur hier, weil sie nachher noch mit deiner und meiner Mutter reden wollen, zumal Tante Trice ja nach dem Ausflug zu den Töchtern der großen Himmelsschwester sofort zu euch gekommen ist. Aber Maman und Papa wollen ohne Zeugen mit deiner Mutter reden. Papa ist wohl nicht sonderlich begeistert von der Sache. maman wollte es ihm eigentlich nicht erzählen, was Millie und du genau angestellt habt. Aber wo deine Saalkönigin wohl gerade einen wilden Wirbel veranstaltet sah sie es ein, ihm das zu erzählen. Ihr habt euch ja auch genug Zeit gelassen, bevor ihr herkommen konntet."

"Millie hat in einem Punkt völlig recht, jetzt noch was zu bereuen bringt es nicht", sagte Julius dazu nur. Martine nickte.

"Wie gesagt, ihr habt euch darauf eingelassen, und egal ob mein Vater und deine Mutter jetzt sauer darüber sind oder nicht, ihr beide müßt damit leben. Stell dir doch mal vor, deine Mutter sucht jetzt wirklich ein Gesetz raus, gegen das meine Mutter verstoßen hat und zeigt sie an, wobei sie ja nur vor den Zaubererweltgerichten Anklage erheben kann, wäre die Sache für Millie und dich trotzdem dieselbe wie vorher, weil ihr ja über die Brücke gegangen seid. Ich hätte ja mit dir auch rübergehen können. Dann wäre die Sache dieselbe."

"Martine, ich hätte mich ja nicht auf diese Mondfestungs-Sache eingelassen, wenn ich da nicht schon irgendwie drauf ausgegangen wäre, daß ich mit dir oder Millie was anfangen wollte. Dann wäre ich ja gar nicht erst mitgekommen, beziehungsweise hätte deiner Mutter gesagt, sie könne mich nach Hause bringen. Mum will jetzt nur wissen, ob das echt meine Entscheidung war oder deine Mutter mich zu irgendwas gezwungen hat. Meine Version kennt sie jetzt ja. Sie will eben alles wissen, um sich was dazu denken zu können, was an sich voll in Ordnung ist."

"Ich gehe auch davon aus, daß deine Mutter nicht loszieht und meine Mutter verklagt. Es hätte ja durchaus auch sein können, daß Millie und du irgendwo ohne Aufsicht zusammengefunden hättet. Dann wäre sie ja genauso verantwortlich wie meine Mutter."

"Mum möchte gerne die gewisse Kontrolle behalten, die sie noch über mich hat, Martine. Durch die Schule und daß ich zaubern kann ist ihr ja doch viel weggenommen worden. Professeur Faucon hat ihr ja nach der Sache mit dem Vita-mea-Vita-tua-Ritual vorgeknallt, daß sie ja von Zauberersachen immer noch so gut wie keinen Dunst hat", antwortete Julius.

"Oha, das hat ihr bestimmt nicht gefallen", seufzte Martine. Julius nickte bestätigend. "Aja, und jetzt hast du dich wieder auf was magisches eingelassen, wo sie nichts mehr gegen machen kann. Das sie da natürlich nicht begeistert ist ist mir klar."

"Wie gesagt, jetzt will sie wissen, woran sie bei deiner Mutter ist. Sie weiß ja auch, daß Schwester Florence mir geraten hat, die Angelegenheit mit Belisama und Millie in den Ferien zu klären", erwiderte Julius.

"Stimmt schon", sagte Martine. "Hast du es Belisama schon erzählt, daß du dich entschieden hast?" Wollte Martine wissen.

"Die wollte mir gestern vorhalten, ich hätte mit euch nichts zu schaffen und seid den Aufwand nicht wert. Da habe ich gedacht, ihr das jetzt noch nicht zu erzählen."

"Millie würde das ihr gleich bretthart vor den Kopf schlagen", entgegnete Martine. "Was die bessere Methode ist weiß ich selbst auch nicht."

"Ich wollte Belisama jetzt nicht gehässig kommen", wandte Julius ein.

"Aber manchmal ist die direkte Möglichkeit doch die bessere", entgegnete Martine.

"Auch wenn sie noch so brutal ist?" Fragte Julius.

"Da mußt du dir jetzt drüber klarwerden, wem du jetzt eher verbunden bist, Julius. Ich verstehe zwar, daß du mit Belisama kameradschaftlich gut auskommen willst und ihr nicht wehtun möchtest, aber wenn du wirklich ehrlich mit meiner Schwester zusammensein willst mußt du auch vor anderen Leuten dazu stehen. Edmond wolte es am Anfang auch nicht haben, daß alle anderen das wußten, daß wir zusammenwaren. Vielleicht hätte ich da schon stutzig werden sollen." Julius sah sie verdutzt an. "Was nicht heißt, daß sich das bei meiner Schwester und dir wiederholen muß", fügte sie dann noch hinzu.

"Falls doch sehe ich zu, möglichst weit weg zu sein", warf Julius tollkühn ein.

"Ich denke das nicht. Dafür hast du bereits zu deutlich gezeigt, daß du schon immer mit einer von uns zusammensein wolltest, auch wenn du das nicht zugeben würdest."

"Wenn du das meinst", erwiderte Julius dazu nur.

"Okay, ich sehe ein, daß du die neue Situation erst richtig verinnerlichen mußt. Ist ja gerade erst zwei Tage her", sagte Martine. "Dann sind da heute noch Professeur Faucon und deine Mutter dazugekommen, die dir jetzt wohl ein schlechtes Gewissen gemacht haben."

"Habe ich nicht", sagte Julius. "Es ist nur ziemlich blöd, wenn andere Leute andauernd meinen, zu wissen, was jetzt richtig oder falsch für mich ist und dann versuchen, mich in irgendeine Richtung zu zerren, weil sie sagen, sie wollten eh nur mein bestes. Deshalb will ich das auch bald wissen, wie die Kiste nun weitergeht."

"Ganz einfach, Julius: Wenn deine Mutter meint, meine Mutter anzuklagen, geht die Sache vor Gericht, und sowohl deine als auch meine Mutter verfeinden sich dabei. Dir wird dann, falls deine mutter recht kriegt verboten, weiterhin mit Millie umzugehen, was Leute wie Professeur Faucon und Professeur Fixus dann sehr gern überwachen, ja durch einen Abstandszauber sicherstellen, daß ihr nie näher als zwei Schritte zusammenkommt. Das ist ja das, was Edmond dir und Claire anhängen wollte, wenn ich das noch richtig mitbekommen habe."

"Richtig", grummelte Julius, der sich noch zu gut an den Tag nach Walpurgis erinnerte.

"Wenn aber meine Mutter recht bekommt, und glaube mir, sie hatte alles Recht der Welt, Millie einen ihr genehmen Partner zuzuführen, könnte es darauf hinauslaufen, daß sie verfügen könnte, daß Catherine den magischen Fürsorgeauftrag an sie abtreten muß um sicherzustellen, daß du auch anständig ausgebildet wirst. Dann könnte Tante Trice oder Oma Line den Auftrag kriegen, deine magischen Angelegenheiten zu regeln, weil sie selbst ja dann befangen wäre und Catherine sich doch eher von ihrer Mutter beeinflussen lassen würde."

"Ich dachte, es könnte nicht heftiger werden", seufzte Julius. "Hätte ich das alles gewußt hätte ich die Sache mit der Festung doch besser gelassen."

"Tja, und dann hättest du weiter darauf hoffen müssen, daß sich Millie und Belisama irgendwie einigen oder das Dutzend Bettpfannen vollmachen. Genau das ist ja wohl der Punkt, warum Maman das so deutlich haben wollte."

"Was wäre denn, wenn wir beide über die Brücke gekommen wären?" Fragte Julius.

"Dann wären wir beide zusammen, und Professeur Faucon würde darauf drängen, mich auch noch wegen irgendwelcher Unzuchtsachen dranzukriegen. Hätten wir beide dann ein Kind gemacht, würde ich darauf drängen, daß du und ich einen gemeinsamen Wohnsitz haben. Aber die große Himmelsschwester hat uns beide ja geprüft und gemeint, wir beide würden doch nicht gut zusammengehören." Sie sprach sehr gefühlfrei, und dennoch vermeinte Julius einen leicht enttäuschten Ausdruck in ihrem Gesicht zu sehen, der jedoch rasch in eine ruhige Miene wechselte.

"Ich denke, deine Tante hätte da genauso wie jetzt auch bei Millie sofort eingegriffen", sagte Julius. "Abgesehen davon haben die Töchter der Himmelsschwester gesagt, daß wir in der Festung nur dann ein Kind auf den Weg bringen, wenn wir beide das ohne wenn und aber wollten. Allerdings kommt mir das etwas heftig vor, daß Millie und ich ab jetzt in drei Jahren eins hinbekommen sollen."

"Das sagen die, weil die ein Orden des Lebens und Wandels sind, Julius. Sicher wollen die nicht, daß junge Paare bei denen Liebe machen, ohne daß die jemals ein eigenes Kind dabei zu Stande bringen", sagte Martine dazu. "Überleg mal, Millie wird am fünfundzwanzigsten April fünfzehn. In zwei Jahren wäre sie dann volljährig. Oder haben die Mondtöchter das so gesagt, daß ihr dann ein Kind haben müßt, wenn ihre große Mutter drei mal zwölf Umläufe geschafft hat?"

"Öhm, neh, haben die nicht", erkannte Julius. Er hatte bisher echt geglaubt, daß dieses heimliche Ultimatum, daß Millie und er in sechsunddreißig Mondumläufen ein Kind haben sollten hieße, daß das Kind aus dem Segen der Himmelsschwester dann zur Welt zu kommen hätte. Aber das hatten die so nicht gesagt. Aber was sie gesagt hatten war, daß Millie und er innerhalb von Sechsunddreißig Bahnen der großen Himmelsschwester ein neues Leben zeugen würden. Innerhalb hieß also auch, daß sie von jetzt an innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind bekommen konnten, es aber spätestens bei Ablauf der Frist unterwegs sein würde.

"Dann seid ihr jedenfalls volljährig. Ich entsinne mich in den Bulletins de Beauxbatons was gelesen zu haben, daß es vor etlichen Jahrzehnten Fälle gegeben hat, wo volljährige Schülerinnen und Schüler offiziell verheiratet waren und innerhalb der Schule auch intim werden durften, solange das niemand sonst mitbekam, aber dann auch zumindest ein Kind bekommen konnten. Das ist aber wie gesagt schon etliche Jahrzehnte her und wird von den moderneren Schulregeln nicht mehr erwähnt", sagte Martine.

"Ja, damals galten junge Frauen mit vierzehn ja schon als erwachsen", sagte Julius. Martine nickte. Dann sagte sie:

"Sicher könnte deine Saalkönigin was dagegen haben, daß Millie und du in einem Raum zusammenwohnt. Dann müßte sie ja zugeben, einer Latierre bei der Stammbaumverlängerung zu helfen." Julius verzog das Gesicht. Doch dann mußte er grinsen. Das mochte es sein, was die gestrenge Professeur Faucon so gegen die ganze Sache aufgebracht hatte.

"Soweit sind wir noch nicht, Martine. Die letzten drei Jahre haben mir gezeigt, daß es nicht klappt, Sachen im Voraus zu planen."

"Ja, aber jetzt sollte alles doch irgendwie klar sein, wie's weitergeht", warf Martine mit einem drohenden Unterton ein. "Jetzt, wo du in Beauxbatons wirklich gut angekommen bist und die nächsten drei Jahre wohl gesichert sind. Denn egal, was deine und meine Mutter jetzt miteinander ausdiskutieren, du bleibst in Beaux und bleibst ganz sicher auch mit Millie zusammen, auch ohne daß wir dich an sie ketten müssen."

"Dein Vater war da nicht sonderlich begeistert", sagte Julius dazu.

"Klar, weil Millie einen anderen Mann im Leben gefunden hat, dem sie ihre volle Aufmerksamkeit und Liebe geben möchte. Kein Vater mag das. Wenn die eigene Tochter sich auf andre Männer einläßt."

"Hast recht, Monsieur Dusoleil hat mir ja auch heftig eingeredet, ich solle Claire ja nicht wehtun", seufzte Julius. Er dachte daran, daß er indirekt doch ... Aber nein, dann hätte sie ihm bestimmt nicht die Blumenwiese gezeigt oder ihm in ihrer neuen Daseinsform gut zugeredet.

"Es gibt so Sachen, das habe ich ja selbst gelernt, wo die Eltern eben sauer sind, wenn sie nicht die ersten sind, die was ihre Kinder betreffendes mitkriegen und das dann auch nicht mehr umstoßen können."

"Sehe ich an meiner Mutter", bemerkte Julius. "Mit Claire das war eine Sache, wo sie sich langsam dran gewöhnen konnte. Aber das ich jetzt mit Millie zusammenbin muß sie heftig getroffen haben, noch dazu weil eure Mutter uns ja vor dieser Brücke abgesetzt hat", sagte Julius.

"Ich sehe, du verstehst. Andererseits müssen wir alle, wenn wir erwachsen werden eigene Entscheidungen treffen, ohne immer zu fragen, ob wem das passt oder nicht, Julius. Ich war damals der Meinung, daß ich mit Edmond das ganze Leben zusammensein würde und er das auch wolle. Mich ärgert ja nur, daß er nicht den Mut hatte, seine Entscheidung auch durchzuziehen, wo er sich doch sonst alles so reiflich überlegt hatte."

"Ich hoffe, ich muß es nicht doch eines Tages bereuen", sagte Julius leise.

"Nur, wenn du Millie wirklich sehr fies abfertigst, Julius. Ich hätte für Edmond sehr vieles hingegeben, wenn er bei mir geblieben wäre. Ich gehe davon aus, daß Millie das auch so empfindet. Weil sonst hätte sie dich nicht über die Brücke tragen können."

"Das sehe ich ein", erwiderte Julius darauf. Einige Sekunden vergingen. Beide sahen sich an. Von unten hörten sie einen gedämpften Wortwechsel. Julius blickte hinunter, als könne er wie Moody durch beliebige Hindernisse hindurchsehen und lauschte, ob er was verstand. Martine sah es wohl und schmunzelte.

"Möchtest wohl gerne hören, was da unten abgeht, wie?" Julius schrak ertappt zusammen, nickte dann aber.

"Mal sehen", sagte Martine und griff an eine Schreibtischschublade. Sie zog sie auf und holte eine Stoffhaube mit magischen Symbolen darauf heraus. Julius erkannte sie. Das war eine Exosenso-Haube. "Wenn Maman findet, du solltest zuhören wird sie das Gegenstück dazu bei sich tragen", sagte Martine. Julius fragte sie, warum sie die Exosenso-Haube habe und nicht Lutetia Arno oder Béatrice.

"Weil Oma Teti diesen "Zaubererschnickschnack" nicht benutzt und Tante Trice mir die Überwachung von Miriam anempfohlen hat, wenn sie bei meinen anderen Tanten zu tun hat. Deshalb habe ich eine. Komm, setz sie auf. Miriam kriegt davon nichts mit, wenn Maman findet, du oder ich sollten zuhören." Julius überlegte kurz. Das war eine Versuchung. Sollte er sich darauf einlassen und wie der Lauscher an der Wand die eigene Schand' hören? Andererseits mußte Madame Latierre das magische Auflegetuch ja nicht um ihren Hals oder um den Bauch gebunden tragen, wenn sie nicht wollte, daß jemand sich in ihre Wahrnehmung einklinkte. Dann hätte sie wohl auch gleich einen Klangkerker erschaffen. Und den hatte sie eindeutig nicht errichtet. Er nahm die Haube und zog sie sich über. Sofort wurde es dunkel und still um ihn, und er meinte, im absoluten Nichts zu schweben. Dann hörte er dumpfes Pochen und mittelstarkes fauchen, hörte ein schnelleres, höher klingendes Pochen und fühlte, daß die Quelle dafür in ihm selbst war. Er fühlte Bewegungen seiner Arme und Beine, die er aber nicht steuern konnte und erkannte, daß er unter Wasser sein mußte. Madame Latierre hatte also wirklich das Auflegetuch so angebracht, daß jeder mit der Haube in die Wahrnehmungswelt ihrer ungeborenen Tochter eintauchen konnte. Er ertappte sich bei der Vorstellung, daß er jetzt dort war, wo Millie auch einmal gewesen war und wie es ihm ein Gefühl von Erhabenheit aber auch Befremden bereitete, weil er sich in etwas hineingedrängt hatte, daß eigentlich nur ihr gehören sollte.

"Nun, zumindest redest du mich nicht mit "Madame" an, Martha", sagte Hippolyte gerade, und ihre Stimme war für Julius wie ein lautes dröhnen über das Rauschen und Pochen ihres Blutkreislaufes hinweg. "Wie du es mir eben erzählt hast hat Julius dir alles erzählt, was am Mittwoch abend gewesen ist. Nun möchte ich meine Sichtweise der Ereignisse schildern."

"Nun, ich frage mich, ob du da nicht doch zu weit gegangen bist, die beiden Kinder einer Zauberprüfung zu unterziehen und dann ohne daß du eingreifen konntest hinzunehmen, daß sie miteinander intim wurden", hörte er seine Mutter wie durch dick gepolsterte Wände antworten. Irgendwie bedauerte er es, daß sein lebender Horchposten nicht den eigenen Hals mit dem Tuch umschnürt hatte, weil er gerne gesehen hätte, wie seine Mutter dreinschaute. Er fühlte, wie Miriam Latierre ihr linkes Bein ausstreckte, als würde er selbst es tun. Er fragte sich wieder, ob gerade ungeborene Kinder nicht doch einen unbewußten Eindruck davon hatten, wenn jemand sich in ihre Wahrnehmung einschmuggelte. Vielleicht waren sie ja für Magie empfänglich.

Er hörte nun überdeutlich, wie Hippolyte seiner Mutter erzählte, was an dem Tag geschah, angefangen von der Quidditchpartie über den Mittag im Café von Artemis Orchaud, wo sie erkannt hatte, daß Julius sich gerne für eine ihrer Töchter entschieden hätte, aber doch zu große Bedenken wegen all der Leute hatte, die ihn dafür maßregeln würden und sie genau überlegt habe, daß er sich in den nächsten Wochen auch keinen Ruck geben würde. Soviel zur eigenen Schande, dachte Julius, der sich in Miriams kleiner Welt zwischen Geborgen und eingeengt fühlte. Er hörte Hippolyte sagen, daß sie den Hinweis ihrer Cousine wohl durchdacht habe.

"Ich ging davon aus, daß er entweder von keiner meiner beiden Prinzessinnen über diese magische Brücke getragen werden könnte, dann wäre die Sache für Mildrid eindeutig gewesen, oder daß er von meiner Kronprinzessin Martine oder eben Mildrid hinübergetragen werden könnte. Falls das passierte, so wußte ich, würden sie dort drüben die Zeit nutzen, um sich einander zu öffnen."

"Ja, in jeder hinsicht", knurrte Albericus' Stimme. Miriam langte mit dem rechten Arm aus und hieb irgendwo gegen die weiche Umgrenzung ihres Vorlebensraumes. Offenbar hatte ihr die harsche Stimme des Mannes, den sie mal Papa nennen würde Angst gemacht.

"Du weißt genau, Beri, daß Millie und das Lagrange-Mädchen sich immer mehr in der Wolle hatten. Immerhin warst du auch mit bei Schwester Florence", erwiderte Hippolyte Latierre. Wieder hätte Julius gerne gesehen, wie die mit ihr im Raum sitzenden dreinschauten. "Eigentlich wollte ich es dir erst erzählen, wenn Millie ihn auf den Besen holen würde. Aber weil Blanche Faucon ja meint, sie hätte da reinzufuhrwerken mußte ich es dir zumindest erzählen."

"Da hatten wir es schon, wie ich das finde, Hipp. Ich mag den Burschen auch und finde, daß er und Millie gut zusammenpassen. Aber daß sie es gleich wortwörtlich ausprobieren mußten kam mir doch etwas zu schnell. Denkst du, ich will, daß Millie denselben Krach wie Constance Dornier kriegt?"

"Deshalb hat Trice Millie ja auch gleich nach der Reise in die Festung behandelt, Beri", erwiderte Madame Latierre. Für Julius wie näherkommender Gewitterdonner grummelte es in ihren Eingeweiden.

"Der Meinung schließe ich mich an", hörte er seine Mutter sagen. "Andererseits kann ich dich auch verstehen, Hippolyte, daß du als Mutter eine Entscheidung haben wolltest, wenn du eine Möglichkeit sahst, die beiden über ihre Lage klarwerden zu lassen. Ich weiß auch, was in Beauxbatons für drakonische Strafen drohen, wenn Pflegehelfer massiv gegen die Regeln verstoßen. Andererseits wäre es sehr anständig gewesen, wenn du mit mir vorher über diese geheime Festung und ihre Magie gesprochen hättest und mir die Gelegenheit gegeben hättest, Einspruch dagegen einzulegen."

"Ach, du meinst echt, daß die Rossignol unsere Tochter in eine Bettpfanne verwandelt hätte, nur weil die mit einer Klassenkameradin sich um einen Jungen zankt, Hipp? Ich hätte dich für besonnener gehalten."

"Ich habe es damals mitbekommen, wie es einen der Pflegehelfer erwischt hat, der meinte, Madame Rossignol bis zum Äußersten zu reizen und die Privilegien ausnutzte. Deshalb weiß ich auch, daß sie keinen Zank innerhalb der Truppe haben will. Denkst du, ich wollte es drauf ankommen lassen, daß die beiden für alle Zeiten in Beauxbatons bleiben müssen?" Julius fühlte es um sich herum vibrieren und vermeinte, daß Miriams kleine Behausung etwas nach oben verzogen wurde. Offenbar straffte sich Hippolyte bis zum Anschlag.

"Und da hast du dann befunden, daß es Mildrid besser bekommen würde, wenn sie sich mit meinem Jungen auf dieses Experiment mit der gläsernen Brücke einließe?" Warf Julius' Mutter ein. Hippolyte antwortete nicht hörbar. Julius vermutete nur, daß sie wohl nickte und sich dann wieder entspannte, weil der runde Unterleib sie wohl etwas piesackte.

"Nun, die Sache ist ja jetzt unumkehrbar. Millie und er haben es miteinander getan, wollen miteinander zusammenbleiben, wohl solange Millie es für richtig und wichtig hält und wir müssen rauskriegen, wie wir damit umgehen sollen", sagte Albericus. Julius' Mutter wandte ein:

"In der nichtmagischen Welt könnte ich dich problemlos wegen Kuppelei mit Minderjährigen anzeigen, Hippolyte. Das weißt du auch. Ob es in der magischen Welt etwas entsprechendes gibt weiß ich noch nicht. Das mache ich davon abhängig, was deine jüngere Tochter erzählt, wie sie das empfindet. Ich bin da nicht sonderlich zufrieden mit, daß mein Sohn derartig fest gebunden werden soll, ohne daß ich dazu noch was einwenden darf."

"Natürlich darfst du was dazu einwenden, Martha. Dafür bist du ja jetzt hier", sagte Hippolyte. "Außerdem wolltest du ja erst nur mit mir sprechen und hast den Mut gefunden, zu mir zu kommen, wo du dich ja dann doch irgendwie auslieferst."

"Ich denke, du würdest mehr Ärger bekommen, wenn Catherine mich zu lange vermißt. Oder willst du Julius dann auch zum Schweigen bringen, wenn du mich loswerden willst?" Erwiderte Martha Andrews.

"Ich stellte es nur fest, daß du schon viel Mut aufgebracht hast, dich in die Drachenhöhle zu trauen, ohne zu wissen, ob du mit dem Bewohner gut klarkommst oder nicht", stellte Hippolyte nur klar. Dann sagte sie ihr noch, daß es tatsächlich ein Gesetz in der Zaubererwelt gebe, daß eine magisch bewirkte Zusammenführung von Minderjährigen zum Zwecke geschlechtlicher Handlungen unter Strafe stellte, allerdings müsse die entsprechende Anzeige von den Eltern eines der betroffenen Minderjährigen erstattet werden. "Deshalb wird Blanche Faucon darauf drängen, daß du mich wirklich vor Gericht zerrst, Martha. Daher empfinde ich es schon als sehr mutig, in mein Haus zu kommen, wo ich hier und jetzt alle Möglichkeiten hätte, dich von einer solchen Anzeige abzubringen."

"Zumindest hast du mir nichts zu trinken angeboten", sagte Martha Andrews.

"Ja, eben um dir keinen Anlaß zum Mißtrauen zu geben."

"Wer sagt mir denn, daß du nicht den Stuhl verhext hast, auf dem ich sitze?" Wandte Julius' Mutter ein.

"Die Tatsache, daß du mir immer noch zuhören und antworten kannst", erwiderte Hippolyte Latierre.

Julius fragte sich, ob seine Mutter darauf eine passende Antwort geben würde. Doch da traf ihn etwas, als würde er im vollen Lauf gegen eine Betonwand prallen und zurückgeworfen. Er fühlte für einen winzigen Moment dieses absolute Nichts ohne Licht und Geräusch. Dann fühlte er, wie er steif und starr auf dem Boden hockte und mit wie festgeschraubtem Blick auf einen Baum starrte, fühlte einen Zauberstab in der fest verschlossenen rechten Hand halten.

 

__________

 

Hippolyte merkte es wohl, als das magische Auflegetuch sacht vibrierte. Also war Julius Andrews auf den Vorschlag Martines eingegangen und benutzte Miriams gut verpackte Ohren zum Lauschen. Sie fand es widersinnig, daß er nicht bei der Besprechung dabeisein durfte, wollte Martha jedoch den Willen lassen, mit ihr und Albericus alleine zu sprechen. Doch als sie einen leichten Ruck in dem Auflegetuch fühlte, fragte sie sich, ob irgendwas passiert war. Dann erklang wie aus ihrem Unterleib eine erschrockene und gleichermaßen entrüstete Stimme, die aber nur sie zu hören vermochte:

"Madame Latierre, trennen Sie unverzüglich die Artefakt-Verbindung zwischen sich und Julius Andrews!"

"Nun, noch weiß ich nicht, ob nicht irgendein Bewußtseinsveränderungsfluch auf mich einwirkt, Hippolyte. Aber ich hätte mich bestimmt nicht zu dir begeben, wenn ich einen Grund gefunden hätte, dir zu mißtrauen", sagte Martha Andrews gerade.

"Trennen Sie auf der Stelle die Verbindung!" Schrillte es aus Hippolytes rundem Schoß. Diese mentiloquierte an Blanche Faucon zurück:

"Das kommt davon, wenn man nicht abwarten kann, bis jemand zu einem hinkommt, Blanche. Sein Sie froh, daß Ihr Gezeter nur von mir gehört werden kann."

"Ich werde Madame Andrews raten, Sie hinterhältiges Stück vor Gericht zu bringen", keifte die nur für Hippolyte hörbare Stimme Professeur Faucons. "Lassen Sie mich sofort frei! Es widert mich an, Ihren Uterus auch noch eine Sekunde lang frequentieren zu müssen."

"Dann seien Sie so freundlich und bitten mich darum!" Mentiloquierte Hippolyte. Laut sagte sie dann noch:

"Zum Mißtrauen hast du auch keinen Grund, Martha. Ich bin durchaus bereit, mich mit dir vor jedem Gericht der Welt auseinanderzusetzen, wenn du wirklich findest, daß meine Tochter deinen Sohn nicht verdient hat oder er zu jung für sie sei und er was anständigeres verdient habe."

"Das sowieso!" Fauchte Blanche Faucons Stimme von Hippolytes Körpermitte her.

"Wenn Sie nicht anständig bitten oder Ruhe geben bleiben Sie bis Miriams Geburt bei mir", schickte Hippolyte eine Gedankenbotschaft zurück.

"Das hätten Sie so gerne", knurrte es zurück.

"Julius hat sich darauf eingelassen, mit dir mitzukommen und hat sich wohl freiwillig auf Millies Schultern gesetzt, um sich hinübertragen zu lassen. Da sie beide wohl drüben ankamen, wie Julius mir erzählte, hat dieser Segen der Himmelsschwester wohl innere Gemeinsamkeiten festgestellt. Ich wäre eine schlechte Mutter, wenn ich ihm nicht die Gelegenheit geben würde, diese Gemeinsamkeiten auszuforschen."

"Waaas?!!" Krakehlte es für alle außer Hippolyte unhörbar zurück.

"Nun, dann möchtest du dir nicht noch Mildrids Version anhören, Martha?" Fragte Hippolyte von dem Spektakel in ihrem Unterleib völlig unbeeindruckt.

"Ich möchte gerne mit ihr alleine sprechen, von Frau zu Frau sozusagen. Das heißt, du und Albericus möchtet mich bitte mit ihr alleine lassen."

"Das sehe ich nicht ein", knurrte Albericus, der offenbar darauf gehofft hatte, daß Martha der ganzen Sache mehr Widerstand entgegensetzen würde. Doch seine Frau sah ihn beruhigend an, während von anderer Stelle her noch jemand energisch protestierte. "Nun, zumindest hat sie dann alle Versionen zu hören gekriegt", grummelte er dann noch. Dann stand er auf und verließ den Raum.

"Millie, kommst du bitte runter! Julius' Mutter möchte sich mit dir alleine unterhalten!" Rief Hippolyte laut. Dann folgte sie ihrem Mann hinaus.

"Himmelsschwester? Segen der Himmelsschwester?!" Erklang Blanche Faucons nun wieder zwischen Schreck und Ungehaltenheit schwingende Gedankenstimme. "Sie haben Ihre Tochter und den Jungen diesen Einsiedlerinnen gebracht, und Mildrid hat ihn über die gläserne Brücke der vereinten Leichtigkeit tragen können?! - Trennen Sie sofort die Verbindung! Ich verlange, daß Sie mich auf der Stelle freigeben, wenn Sie länger als zum Ende der Stillzeit dieses Mädchens in Freiheit bleiben wollen!"

"Ich wollte es an und für sich niemandem mitteilen, Blanche. Aber da Sie dem Jungen ja nachspionieren mußten und statt bei ihm bei meiner noch zu kriegenden Tochter gelandet sind, Blanche", mentiloquierte Hippolyte. "Wenn Sie mich darum bitten, gebe ich Sie gerne frei. Denken Sie, mir macht das Spaß, Sie mit mir herumzutragen und eventuell neu zur Welt bringen zu müssen. Aber wie Sie einmal zu mir sagten: Höflichkeit kommt weiter und Lektionen müssen gelernt werden."

"Nun gut, damit ich nicht wahrhaftig auch noch aus Ihrem Schoß hinausgetrieben werden muß: Bitte trennen Sie die Verbindung, damit ich wieder meinen eigenen Körper empfinden kann, Madame Latierre!"

"Selbstverständlich gerne", mentiloquierte Hippolyte, schwenkte vom Flur her zum Badezimmer hinüber und schloß die Tür von innen. Dann öffnete sie das elastische Unterhemd mit den Knöpfen, von dem sie mehrere Exemplare angeschafft hatte und zog das Auflegetuch darunter hervor. Dieses kräuselte sich für einen Moment, dann gab es Ruhe. In ihrem Kopf erklang nun die Gedankenstimme Professeur Faucons:

"Dafür werde ich Sie belangen, Sie verdorbenes Weibsbild. Wie die Mutter so die Tochter und die Enkeltochter gleich mit."

"Ich fürchte, Sie werden es sich sehr gut überlegen, mich für diesen Schabernack zu belangen, den Sie sich selbst gespielt haben, Blanche. Ich habe Sie nicht dazu aufgefordert, die Wahrnehmung meiner ungeborenen Tochter zu infiltrieren, was im Klartext ein Eingriff in meine Intimsphäre bedeutet und ich allen Grund zu einer Gegenklage habe, da mir während des Mutterschutzes mehr Rechtssicherheit zusteht. Einen angenehmen Tag noch, Blanche. Genießen Sie die Frische Luft!"

Sie legte sich das Tuch wieder auf den Bauch und knöpfte ihr Unterhemd zu. Dann machte sie sich wieder öffentlichkeitstauglich und verließ das Badezimmer.

 

__________

 

Julius saß bewegungsunfähig auf dem Boden und hörte seinen Atem und sein Herz schlagen. Doch mehr bekam er nicht mit. Es war schon beängstigend, daß er nun auf einer Wiese hockte. Dann hörte er eine Männerstimme rufen:

"Hallo, Blanche, was machst du denn hier draußen?!" Er hörte Schritte von hinten herankommen und fühlte die Wärmeausstrahlung eines Menschen dicht hinter sich. "Blanche? Geht es dir nicht gut?" fragte die Stimme. Es war die von Monsieur Castello aus Millemerveilles. Wieso sprach er ihn mit Professeur Faucons Vornamen an? Julius fühlte, wie eine Hand seine rechte Schulter ergriff. Doch er konnte sich nicht bewegen, keine Winkelsekunde den Kopf drehen, die Augen nicht von dem Baum abwenden, dessen Konturen langsam zu flimmern begannen, weil er ihn so fest anstarrte. Jemand rüttelte ihn, wohl Monsieur Castello. Sein Oberkörper bewegte sich keinen Millimeter vor und zurück. "Blanche, was ist mit ihnen?" Monsieur Castello trat in den festbetonierten Blickwinkel von Julius Andrews. Das Flimmern des Baumes verschwand, weil das Gehirn ein neues Bild erfassen konnte, einen älteren Zauberer mit zopfartigem Bart unter dem Kinn, der besorgt in seine Augen blickte. Dann hob der altgediente Quidditchspiler und dorfeigene Schiedsrichter seinen Zauberstab und vollführte den Notrufzauber. Keine zehn Sekunden später krachte es laut. Jemand war appariert.

"Oh, was ist los, Antoine?" Hörte Julius Madame Matine. Sie sah ihn an und hob den Zauberstab. Sie konnte er doch anmentiloquieren, fiel es ihm ein. So tat er es:

"Madame Matine, ich weiß nicht wie, aber irgendwie stecke ich wahrnehmungsmäßig bei Ihnen in Millemerveilles. Sie stehen gerade rechts von mir", schickte er an die Adresse der Heilerin.

"Oha, Antoine. Ich fürchte, hier hat es eine Reisigmann-Transperzeption gegeben", sagte sie. Dann fühlte Julius die Spitze eines Zauberstabs an seinem Kopf und danach ein Gefühl, als bliese ihm ein Fön von Innen die Haare nach oben. "Tatsächlich. Die gute Blanche hat wohl versucht, den jungen Monsieur Andrews per Exosenso-Zauber zu finden und geriet dabei über Kreuz mit einer von ihm bereits etablierten, durch Verbindungsartefakte stärker wirkenden Exosenso-Verbindung. Vielleicht hat Catherine ihm erlaubt, in die Wahrnehmung ihrer ungeborenen Tochter einzutauchen."

"Ich dachte, das Haus von Blanches Tochter sei gegen Exosenso abgeschlossen", meinte Castello, der die Heilerin mit großen Augen ansah.

"Julius, hast du die Exosenso-Haube auf?" Fragte Madame Matine.

"Ja, habe ich", erwiderte Julius mentiloquistisch, ohne zu verraten, mit wem er tatsächlich verbunden gewesen war. Eine Überkreuzung zweier Fernwahrnehmungszauber hörte sich für ihn gleichermaßen faszinierend und bedrückend an.

"Dann mentiloquiere der Person, die das passende Gegenstück hat bitte, daß sie das Tuch lösen soll, um die Urwahrnehmung wieder herzustellen!" Wies ihn Madame Matine an. "Du steckst in Professeur Faucons Wahrnehmung und blockierst ihre dem Willen unterworfene Muskulatur."

"Ich probiere es", erwiderte Julius. Doch er schaffte es nicht, eine Verbindung mit Hippolyte Latierre herzustellen. Etwas schien sie abzuschirmen, oder jemand funkte sprichwörtlich dazwischen, weil er keine klare Botschaft senden konnte. Seine konzentrierten Gedanken schienen zu verzerren.

"Ich komme nicht durch", mentiloquierte Julius an Madame Matine. "Könnte es sein, daß Professeur Faucon ihrerseits mentiloquiert?"

"Natürlich", bestätigte Madame Matine. "Das unangenehme ist nur, daß ich die Verbindung von meiner Seite aus nicht trennen kann, weil die Kombination Haube und Tuch um ein vielfaches stärker wirkt als ein direkt gewirkter Zauber."

"Okay, dann probiere ich das andere Ende", erwiderte Julius und stellte sich vor, mit Blanche Faucons Stimme zu sprechen, die sagte:

"Professeur Faucon, bitte teilen Sie Madame Latierre mit, sie möchte das Tuch wegnehmen!"

"Was meinst du wohl, was ich die ganze Zeit versuche", schnarrte Professeur Faucons Gedankenstimme zurück.

"Wer trägt das Tuch?" Fragte Madame Matine. Monsieur Castello lauschte. "Antoine, ich glaube, ich benötige keine weitere Hilfe. Ich kümmere mich um Blanche."

"Wie du meinst, Hera", sagte Monsieur Castello und ging davon. Julius dachte sich, daß der ältere Zauberer seine von Florymont gebauten Wolfsohren aufsetzen würde, um zu lauschen, wie die Sache weiterging. Julius mentiloquierte:

"Ich bin bei den Latierres mit meiner Mutter. Martine hat mich testen lassen, ob ihre Mutter das Tuch trägt, weil ihre Tante ihr gesagt hat, sie solle auf sie und das Kind aufpassen."

"Weil die Zwergin anständige Zauber ablehnt", knurrte Madame Matine hörbar. Dann verzog sie ihr Gesicht zu einer Mischung aus Verärgerung und Verlegenheit. "Das dürfte Blanche nicht behagen, ausgerechnet mit der Enkeltochter dieser korpulenten Besserwisserin verbunden zu sein."

"Denken Sie, mir gefällt das, in ihrem verkrampften Körper festzuhängen?" Erwiderte Julius. Doch als habe er damit ein rettendes Zauberwort ausgerufen fühlte er sich unvermittelt vom lautlosen, absolut dunklen Nichts davongetragen, hatte für einige Sekunden den Eindruck, durch dichten Stoff zu sehen und glitt wieder durch die licht- und lautlose Zwischenzone zwischen sich und einem Exosenso-Ziel. Wieder umgaben ihn die Geräusche und Tasteindrücke der kleinen Welt von Millies erwarteter Schwester. Wieso hatte Hippolyte ihn nicht einfach zu sich selbst zurückkehren lassen?

"Julius, bis du wieder da?" Hörte er sie leise genug sagen, daß außenstehende es wohl nicht gehört haben mochten.

"Uuääää!!" Mentiloquierte Julius. Die Welt um ihn herum erzitterte unter einem sehr amüsierten Lachen.

"Blanche hat das ungeduldige Baby besser gegeben als du, Julius."

"Ich denke, du kriegst jetzt Ärger", mentiloquierte Julius.

"Ach, weil die meinte, dich auszuspionieren und dabei bei Miriam und mir hängengeblieben ist?" Fragte Hippolyte wieder sehr leise, aber für Julius, der mit Miriams Ohren hörte noch überdeutlich.

"Warum hast du mich nicht zu meinen Wahrnehmungen zurückspringen lassen?" Wollte Julius wissen.

"Weil ich nur wenige Sekunden Zeit hatte und nicht wußte wohin mit dem Tuch", erwiderte sie leise. Julius hörte wie hinter Wattewänden Albericus Latierre mit seiner Schwiegermutter reden, die wohl ziemlich gelassen auf ihn einredete.

"Wenn Martine dir nicht die Haube abnimmt, wirst du mir wohl noch beim Abendessen zuhören müssen. Soll ziemlich laut sein, hat Tine mir mal gesagt, als sie einen halben Tag bei ihrer Schwester mitgehört hat."

"Ich habe schon gehört, daß du Hunger hast", versetzte Julius darauf gedankensprachlich. Dann fiel ihm ein, was Martine ihm über das Mentiloquieren während einer Exosenso-Verbindung mit einem ungeborenen Kind erzählt hatte. Er fragte, ob sie ihn wie üblich höre. Sie sagte leise:

"Neh, im Moment kommt deine Gedankenstimme von da, wo Miriam wohnt. Ist etwas befremdlich aber auch praktisch, wenn jemand wie Trice durch Umgebungswahrnehmung was untersucht und darum bittet, bestimmte Bewegungen zu machen."

Julius fühlte, wie sie wohl langsam daherging, weil alles um ihn schwankte. Dann hörte er ein Klopfen an einer Tür. Dann wieder Bewegungen. Dann glitt er fast übergangslos in seine natürliche Wahrnehmungsweise zurück. Er sah Hippolyte, die nun auf Martines Bett saß.

"Habe ich dir erlaubt, den Jungen zum Lauschen anzustiften?" Fragte Hippolyte ihre älteste Tochter, jedoch mit einem schalkhaften Lächeln.

"Du hast keinen Klangkerker errichtet, Maman, und Julius fand, er habe ein Recht, was mitzukriegen", erwiderte Martine gelassen. "Was ist mit seiner Mutter, Maman?"

"Die redet jetzt mit deiner jüngeren Schwester, von Frau zu Frau."

"Triangulieren heißt das in der Ortsbestimmung", sagte Julius und sah Martine an. "War schon gruselig, die Sitzung. Ich habe zwar viel mitgekriegt, aber dann meinte jemand, sich in die Verbindung einklinken zu können. Dabei bin ich dann im bewegungsunfähigen Körper des Jemand gelandet, nach Madame Matines Aussage dem Reisigmann-Transperzeptions-Effekt zum Opfer gefallen."

"Ups, hat deine magische Fürsorgerin -?" Erschrak Martine. Doch Julius schüttelte den Kopf. Hippolyte grinste schadenfroh und meinte:

"Da soll einer noch einmal sagen, ältere könnten von jüngeren nichts neues lernen. Jetzt weiß die gute Blanche, daß es nicht immer unentdeckt bleibt, wenn sie jemanden auskundschaftet."

"Öhm, Professeur Faucon? Auuua!" Seufzte Martine.

"Tja, die wird jetzt heftig überlegen müssen, ob sie mir dafür mit dem Besen ins Reisigwerk rasseln kann, weil ich ihr ja nicht erlaubt habe, in Miriams Wahrnehmungswelt einzudringen."

"Schon heftig, daß die mich mit dem Zauber ausspionieren wollte", knurrte Julius. "Ich dachte, sowas tut man nicht oder nur im Notfall oder wenn man den dunklen Kräften anhängt."

"Nun, ich denke, das alte Schultrauma wegen Maman hat sie geritten, über ihre eigenen Anstandsregeln hinwegzuspringen, Julius. Peinlich dann, wenn sie derartig danebengreift."

"Das findest du lustig, Maman? Nachher macht die dir wirklich Feuer unterm Kessel", unkte Martine.

"Dann rufe ich Onkel Otto, der ist doch in der Rechtsabteilung. Der soll mich dann gegen sie vertreten. Bestenfalls wird sie von aller Welt ausgelacht, schlimmstenfalls verliert sie nicht nur die Anstellung, sondern darf mir Mamans Gewicht in Galleonen an Entschädigung zahlen", sagte Hippolyte. "Das du Julius zu mir gelassen hast habe ich ja einkalkuliert. Ich hätte ja das Tuch auch weglassen können. Aber daß sie mir derartig nahe kommt und mich dafür noch beleidigt war ganz bestimmt nicht mein Wunsch."

"Könnte nur sein, daß Julius Ärger mit der kriegt, wenn sie ihn wieder in Beauxbatons hat", seufzte Martine.

"Hat er sie darum gebeten, ihn per Exosenso zu suchen?" Fragte Hippolyte. "Es bestand kein Anlaß dazu, ihn damit zu überwachen. Sie wird sich dann hübsch zurückhalten."

"Wird sowieso schon heftiger für Julius und Millie", sagte Martine.

"Morgen will sie mit seiner Mutter reden, Tine. Am besten schicke ich Otto zu den Brickstons. Josianne hat ja im Moment ja auch keine Beschwerden", erwiderte Hippolyte. In dem Moment ertönte Catherines Gedankenstimme in Julius' Kopf.

"Julius, hast du die Verbindung wieder lösen können?"

"Ich bin wieder ich selbst", erwiderte Julius. "Wir unterhalten uns gerade drüber, daß deine Mutter meinte, mich heimlich auskundschaften zu müssen."

"Ich fürchte, das hat sie ziemlich heftig aufgebracht. Könnte sein, daß ihr nachher schon einen Brief vom Zaubereiministerium habt. Könnte mir auch passieren, daß sie und Eleonore Delamontagne mir den Fürsorgeauftrag für dich entziehen."

"Abwarten", mentiloquierte Julius nur. Dann sprach er mit den beiden Damen Latierre. Hippolyte sagte:

"Wie gesagt, mir kann sie nichts anhaben, weil sie sich damit selbst einer Anklage aussetzt. Hexen während der Schwangerschaft und Stillzeit genießen besondere Unantastbarkeit. Gegen den Willen der Mutter darf keine körperliche Gewalt oder Zauberei an ihr oder ihrem Nachwuchs rühren. Außerdem denke ich eher, daß Blanche jetzt sehr erschüttert ist, weil sie ohne meinen eigentlichen Willen mitbekommen hat, wie du zu Mildrid gefunden hast, Julius."

"Ach, die kennt diese Festung?" Fragte Julius. Dann fiel es ihm ein, daß Catherine sie ja auch kannte und zog die Frage zurück.

"Hey, Julius, wenn du meine Tochter und meine Enkel ausreichend unterhalten hast komm bitte zu mir runter ins kleine Wohnzimmer", mentiloquierte Ursuline Latierre, so laut, daß Julius meinte, sie habe eine Rundumverstärkeranlage mit zehntausend Watt verwendet. Er fragte, ob er noch anwesend sein müsse, weil Ursuline ihn sprechen wolle. Hippolyte und ihre Tochter schüttelten die Köpfe. Julius verbeugte sich andeutungsweise und verlies das Zimmer, froh auf seinen eigenen Beinen mit von ihm gewollten Bewegungen den Standort wechseln zu können.

 

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Catherine reiste sofort hinüber zu ihrer Mutter, die sie in einer Mischung aus Wut und Hilflosigkeit in der Wohnküche fand.

"Sie hat den Jungen diesen Mondhexen anvertraut. Sie hat ihre unausgegorene Tochter mit ihm über die Magische Brücke gehen lassen", zeterte Madame Faucon. "Hätte nicht gedacht, daß sie so drastisch vorgeht. Dieses Weib hat seine ungehörigen Eigenschaften an die eigenen Töchter weitervererbt und verdirbt den Jungen, und ich kann da nichts gegen machen."

"Maman, hallo, ich bin hier", sagte Catherine, als ihre Mutter einen Moment innehielt, um Atem zu schöpfen. Sie fühlte sich auf einmal doppelt so schwer wie durch die Schwangerschaft eh schon. Ihre Mutter in hilfloser Wut quängeln zu sehen wie ein kleines Kind rührte sie sehr stark an. Madame Faucon wandte sich um. Aus den nun stark geröteten, sonst saphirblauen Augen rannen Sturzbäche von Tränen. Sie sah ihre Tochter sehr verbittert an, schnäuzte sich zweimal in ein geblümtes Taschentuch und fragte dann:

"Catherine Brickston, hast du das etwa gewußt, daß diese Lotterhexe deinen Schutzbefohlenen mit ihren Töchtern über diese Glasbrücke geschickt hat?"

"Woher weißt du das, Maman. Hat Hippolyte Latierre es erwähnt, als du aus Versehen ...?"

"Ja oder nein, Catherine!!" Schrillte Madame Faucon.

"Ja, Maman ich wußte das. Er hat es mir am nächsten Morgen sofort erzählt, als er ..."Klatsch-klatsch! Ansatzlos traf Catherine auf jede Wange eine wuchtige Ohrfeige. Sie fürchtete schon, ihre Backenzähne zu verlieren und fühlte einen Schmerz wie nach einer Berührung mit einem heißen Bügeleisen. Total verstört, aber nun auch mit angestrengt zurückgehaltener Wut starrte Catherine ihre Mutter an, deren Gesicht eine rotäugige Zornesfratze War.

"Du hast den Jungen dieser Sippschaft ausgeliefert, die nichts besseres zu schaffen hat, als ihn ihrer verdorbenen Blutlinie einzuverleiben. Hätte ich das gewußt, hätte ich den Jungen nach dem Spiel sofort abgeholt und zu mir mitgenommen."

"Du hast mich geschlagen, Mutter! Das war das letzte Mal in deinem und meinem Leben, daß ich mich von dir habe schlagen lassen. Am besten lass ich dich alleine, damit du wieder zu klarem Verstand kommst, Mutter", schnaubte Catherine und wandte sich abrupt um. Sie verließ die Wohnküche, eilte aus dem Haus hinaus, lief von ihrer nun immer wilder kochenden Wut getrieben so weit fort, daß sie bedenkenlos disapparieren konnte, konzentrierte sich für drei Sekunden und wechselte zeitlos zum Ausgangskreis für die Reisesphäre hinüber. Hier holte sie erst einmal Atem, versuchte, diese Demütigung niederzuringen, die ihr passiert war. Seit dem sie neun Jahre alt war hatte sie keinen Klaps mehr von ihrer Mutter abbekommen, und jetzt das! Die Wut drohte, sie wieder ganz zu übermannen. Das mochte auch an der foranschreitenden Schwangerschaft liegen. Sie mußte sich wieder zusammennehmen, um nicht vor lauter Aufregung ihr Kind zu verlieren, das sie im Sonnenblumenschloß empfangen hatte. Offenbar würde Claudine von ihrer Oma nicht gemocht werden, weil sie eben dort und unter merkwürdigen Umständen gezeugt worden war, dachte Catherine und fühlte, wie Tränen der Wut und Enttäuschung in die Augen stiegen. Doch sie mußte zurück zu ihrem Haus. Sie dachte einige Sekunden lang an angenehme Bilder vom Meer, von einem ruhigen Sandstrand. Dann trat sie in die Mitte des Kreises und riss sich zusammen, um die Reisesphäre für Paris aufzurufen. Dort angekommen schaffte sie es gerade soeben, ihre Selbstbeherrschung wiederzufinden. Julius hatte ihr einmal seine Selbstbeherrschungsformel Verraten. Julius! Der war jetzt bei den Latierres. Dann wollte sie da jetzt auch hingehen.

 

__________

 

Julius saß bei Ursuline in einem kleineren Wohnzimmer, das sie als Festpausenzimmer bezeichnete, weil hier wohl die Leute hinkamen, die von den wohl häufigen Feiern hier eine kleine Erholungspause haben wollten oder sich gerne ungestört und mit angemessener Lautstärke unterhalten wollten. Julius verriet ihr, was er gerade erlebt hatte.

"Ui, das wird Blanche wohl sehr doll aus der Bahn werfen. Aber mach dir keine Sorge, daß sie dir oder Hipp was ans Bein bindet. Einer werdenden Mutter ohne ihr Einverständnis derartig in den Bauch zu schauen ist nämlich strafbar, wenn's angezeigt wird."

"Ich denke eher, die wird nach den Ferien versuchen, mich und Millie wieder auseinanderzutreiben", sagte Julius.

"Was für euch beide heißt, daß ihr euch so gut es geht an die Schulregeln halten solltet. Dann kann sie euch nämlich nichts", erwiderte Ursuline. "Sonst müßte sie ja zugeben, daß sie parteiisch ist, und damit dem widersprechen, was sie mir am Elternsprechtag entgegengehalten hat, von wegen, ich sollte mir nicht einbilden, daß sie meine Tochter anders behandelt als die anderen. Immerhin hat sich Babette ja mit meiner Drittkleinsten gut angefreundet."

"Da könnte sie zwischenfunken", erwiderte Julius.

"Bitte was?" Fragte Ursuline.

"Ich meine, dazwischengehen, um das wieder auseinanderzureißen."

"Dann müßte sie es Babette ja erklären, warum ihre neue Freundin nicht der rechte Umgang ist. Außerdem hat da Catherine wohl noch was drüber zu befinden, und mit der kommen meine immer runder werdenden Zuckermädchen und ich doch sehr gut zurecht. Sonst hätte die nach eurer Mondnacht ja gleich alles in Bewegung gesetzt, um Hipp und mir das Leben zu vermiesen. Im Grunde genommen ist deine Fürsorgerin froh, daß es entweder Martine oder Millie geworden wäre. Gut, mit Bine und San wärest du ganz bestimmt auch gut zurechtgekommen. Die beiden sind sehr intelligent, vernünftig, aber auch lebensoffen wie meine Söhne und Töchter. Aber ich bin froh, daß du endlich den nötigen Halt wiedergefunden hast."

"Das sagst du nur, weil ich mich mit Millie und nicht mit Belisama eingelassen habe."

"Junger Mann, ich hätte dir bestimmt nicht nur etwas von meiner Lebensessenz übertragen, wenn ich dich nicht so mögen würde wie du bist. Wenn ich sage, daß ich froh bin, daß du einen sicheren Halt gefunden hast, dann gilt das für alle möglichen Partnerinnen, die du hättest finden können."

"Nun gut, das glaube ich dir. Aber so wie das jetzt aussieht sollte ich wohl mit Millie ausmachen, daß wir nach der Schule das Land wechseln, wenn Professeur Faucon uns das nicht gönnt, daß sie und ich Kinder haben. Die müssen ja dann nicht unbedingt nach Beauxbatons, solange Professeur Faucon Lehrerin ist."

"Na, du wirst doch nicht daran denken, Millie irgendwo hin in die Fremde mitzunehmen, nur weil Blanche immer noch nicht über das hinweg ist, was sie und ich damals erlebt haben!"

"Das muß ja ziemlich fies gewesen sein", sagte Julius.

"von außen betrachtet schon, Julius. Aber wer die ganzen Hintergründe kennt sieht ein, daß sie einen Großteil daran Mitschuld hat."

"Was war denn das?" Fragte Julius. Doch Ursuline schüttelte den Kopf.

"Julius, deine Saalvorsteherin und ich hatten als Schulmädchen unsere Erlebnisse. Wenn ich dir das jetzt erzähle, was genau passiert ist, dann wärest du versucht, das für dich auszunutzen oder verlörest den Respekt vor ihr. Deshalb sage ich es dir nicht, weil ich nämlich will, daß du weiterhin gut und reichlich von ihr lernst, was sie dir beibringen kann und sie als große Hexe respektierst. Sie hat hart dafür gearbeitet und einiges einstecken müssen, um zu werden, was sie jetzt ist. Denke bitte daran, daß sie es war, die deiner Mutter und dir geholfen hat, daß ihr weiter zusammenwohnen dürft, auch wenn es in direkter Weise Catherine war, die es angeleiert hat. Ich halte die gute Blanche trotz aller Meinungsunterschiede für eine sehr kundige und achtbare Hexe, die jedem ihrer Schüler das Höchstmaß an Wissen geben kann und will, solange die Schüler es auch von ihr annehmen. Also ärgere sie nicht und freu dich, daß du bei und von ihr lernen darfst! Meine Kinder sind alle sehr froh, viel von ihr mitbekommen zu haben, wenngleich sie sich bei mir häufig ausgeheult oder beschwert haben. Und, das muß ich dabei eindeutig betonen, sie hat meine Kinder niemals anders behandelt als die übrigen Schüler, obwohl sie die Gelegenheit hatte, sich für so manches zu revanchieren. Aber Rache ist nicht ihre Lebensphilosophie, und deine ja auch nicht, wie ich sicher weiß."

"Woher willst du das wissen?" Fragte Julius.

"Weil ich es über meine Enkelinnen und Patricia mitbekommen habe, daß du deine Schulkameraden davon abgebracht hast, wegen des Mordes an Aurélie und Claire in übermäßigen Rachegedanken abzugleiten."

"Öhm, die waren aber nicht an unserem Tisch, als ich das mit meinen Klassenkameraden besprochen habe", sagte Julius.

"Das stimmt wohl, aber in Beaux bleibt doch nichts unterm Teppich."

"Du wirst mir unheimlich", erwiderte Julius.

"Och, komm, das meinst du nicht wirklich", erwiderte Ursuline vergnügt lächelnd. "Denke dran, ich bin deine Schwiegeroma. Du willst doch nicht behaupten, du hättest Angst vor mir?"

"Habe ich so nicht gesagt. Ich sagte nur, daß du mir unheimlich wirst", hielt Julius dagegen. Sie hörten eine Türglocke läuten.

"Na, wer beehrt uns da wohl?" Flötete Ursuline.

"Könnte Catherine sein", erwiderte Julius schlagfertig.

"Oder Blanche, die uns gleich noch einmal fürchterlich wild anfauchen möchte", sprach Ursuline dagegen.

"Wollen wir wetten?" Fragte Julius herausfordernd.

"Oh, Vorsicht, mancher, der mit mir gewettet hat hat das später bereut", warnte Ursuline mit verschlagener Miene. Julius konterte mit einem überlegenen Grinsen und sagte:

"Mein Schulfreund Kevin hat mir auch gesagt, er wolle nicht mehr mit mir wetten, weil ich zu oft gewonnen habe."

"Erübrigt sich wohl auch", schnurrte Ursuline, als Catherines Stimme im Flur zu hören war. Julius grinste noch breiter. Er hätte die Wette gewonnen. Leider hatte er zu spät gefragt und keinen Einsatz ausgemacht. Ursuline schien seine Gedanken zu lesen und schnurrte wie eine große Katze:

"Das freut dich jetzt, daß deine Fürsorgerin sich Sorgen um dich macht, oder?"

"Neh, das nicht, nur daß ich die Wette gewonnen hätte", erwiderte Julius.

"... Martha redet mit Millie? Gut, dann warte ich, bis die beiden Frauen sich ausgesprochen haben und nehme Mutter und Sohn dann wieder mit", sagte Catherine gerade.

"Julius ist mit meiner Mutter im kleinen Wohnzimmer. Ich bring dich gerne hin", sagte Hippolyte. Catherine willigte wohl stumm ein. Denn keine fünf Sekunden später klopfte jemand an die Tür. Ursuline rief: "Herein!" Catherine trat ein. Julius sah sie aufmerksam an und gewahrte zwei leicht gerötete Handabdrücke auf ihren Wangen. Auch Ursuline sah es wohl. Da lief Catherine so rot an, daß die beiden Abdrücke völlig verschwanden.

"Geht es deiner Mutter nicht gut, Catherine?" Fragte Ursuline ehrlich bekümmert. Catherine trat ein und schloß die Tür. Sie suchte sich einen freien Stuhl in Julius' Nähe und setzte sich.

"Ich hoffe, meine Mutter kommt über den Schock hinweg, den ihr die Erkenntnis bereitet hat, daß dein junger Gesprächspartner und Empfänger deiner Lebensessenz mit deiner Enkeltochter Mildrid den Segen der Himmelsschwester empfangen hat", grummelte Catherine. Dann wandte sie sich an Julius und fragte ihn aus, was er auf seinem heimlichen Horchposten mitgehört hatte, und Julius gab offen und ehrlich Auskunft.

"Nun, dann zeichnet sich wohl ab, daß deine Mutter keine Anzeige gegen Millies Mutter erstatten wird, sofern das Mädchen ihr gegenüber nicht unverschämt auftritt."

"Was im Klartext heißt, außer deine Mutter wird das keinen mehr aufregen?" Fragte Julius.

"kurz und richtig", erwiderte Catherine verdrossen. Julius sah sie an, als müsse er sich auf ein Donnerwetter von ihr einrichten. Aber das wäre dann ja gestern fällig gewesen. Ursuline sagte Catherine:

 

"Ich habe acht Kinder gut durch Beaux kommen gesehen, Catherine. Ich denke, deine Mutter wird ihre professionelle Würde wiederfinden und jede aufgekommene Wut vertreiben."

"Das hoffe ich auch", knurrte Catherines Mutter. Julius sah sie wieder sehr betreten an. Dann gab er sich einen Ruck und fragte frei heraus:

"Hat sie dir die beiden Backpfeifen reingehauen, Catherine?"

"Julius, ich möchte das gerne auf ihre starke Verunsicherung wegen dieser Reisigmann-Sache zurückführen und weil sie nicht wußte, daß du mit Millie diese Einheitsbrücke überquert hast. Insofern bitte ich euch beide, das nicht weiter zu beachten. Sonst müßte ich meine eigene Mutter wegen tätlichen Angriffs auf mich anzeigen, und das ist das letzte, was ich ihr antun möchte."

"Catherine, bei allem Respekt vor deiner Mutter, den ich durchaus habe sollte dein Schützling schon wissen, ob seine Handlung dich mit deiner Mutter zusammenkrachen ließ und was ihm dadurch noch anstehen könnte", warf Ursuline unerwartet ernst ein.

"Gar nichts wird da noch nachkommen, Ursuline. Bitte reite nicht darauf herum!"

"Nun gut, das soll dann deine Sache sein", grummelte Ursuline. Julius nickte. Sie unterhielten sich dann noch über den Restaurantbesuch und warum seine Mutter direkt hierhergekommen war und nicht in die Rue de Liberation 13 zurückgekehrt war. So vergingen wohl zwanzig bis dreißig Minuten, bis Hippolyte durch den Flur rief, daß sie alle zum Kaffee ins Wohnzimmer kommen möchten.

"Offenbar ist das Schwiegermutter-Schwiegertochter-Gespräch gelaufen", bemerkte Julius leicht abfällig. Catherine sah ihn tadelnd an, während Ursuline belustigt grinste.

"Eigentlich wollte ich mit euch zu uns zurück, bevor Joe kommt. Vielleicht ist meine Mutter wieder zur Ruhe gekommen", sagte Catherine. Julius nickte ihr nur zu.

"Hui, sieht aber auch nicht schlecht aus, was du da angezogen hast, Monju", grüßte Millie ihren Auserwählten und knuddelte ihn vor allen zusehenden Augen. "Deine Mutter hat sich mit mir lange und ausführlich unterhalten. Ich denke, wir beide kommen jetzt wohl sehr gut zurecht", sagte sie und nickte Julius' Mutter zu. Diese nickte zurück.

Bei Kaffee und Sträuselkuchen sprachen sie über Marthas Amerikareise. Millie warf ein, daß sie gerne die beiden Cousinen von Gloria kennenlernen würde, die offenbar genauso viel für Julius übrig hatten wie sie.

"Im Sommer könnte ich ja wieder hinfahren und mit denen und ihren Schulkameraden Quodpot spielen. Vielleicht darfst du dann mit. Aber die können kein Französisch ohne Wechselzungentrank", warf Julius ein.

"Dann muß ich den wohl trinken", konterte Millie schlagfertig. Julius meinte dann noch:

"Wir könnten ja so zwei Wochen dahin, wenn die im Betrunkenen Drachen Zimmer vermiten. So zwischen dem zwanzigsten Juli und dem ersten August hätte ich bestimmt Zeit."

"Ganz bestimmt nicht, Lümmel", warf Ursuline doch eher erheitert als tadelnd ein. "Immerhin möchte ich gerne noch einmal im Schachturnier gegen dich antreten, am besten im Finale, und ich denke die in Millemerveilles möchten dich auch wieder tanzen sehen, damit sie wissen, daß das Leben weitergeht und du ihnen nicht böse bist und sie dir nicht böse sind."

"Ach, stimmt ja, der ist ja im Sommer wieder", erkannte Mildrid. "Ey, da möchte ich aber nach Möglichkeit auch mitmachen."

"Ich fürchte, dann müßte dich jemand von da offiziell beherbergen", warf Catherine leicht verhalten ein. "Damals war das ja so, daß Barbara van Heldern mit ihrem Mann den Ball nach der Hochzeit mitgefeiert hat und die Gäste da alle selbstredend mitfeiern konnten. Das wird in diesem Jahr anders."

"Och, das kriege ich mit Caro hin, daß ich da einige Tage wohnen darf", meinte Millie völlig unbekümmert. Catherine sagte nichts dazu.

"Nun, bis dahin ist ja doch noch einiges an Zeit", wandte Hippolyte ein. ursuline meinte dazu:

"Ich denke, wenn ich die Einladung kriege, Eleonore Delamontagne noch einmal im Schach schlagen zu dürfen, kann ich dich mitnehmen, Mildrid. Julius wird dann bestimmt entweder bei Catherines Mutter wohnen oder bei den Dusoleils. Da bin ich mir ziemlich sicher."

"Wie gesagt, Maman, ist das noch weit hin. Die beiden müssen ja erst mal durch die Jahresendprüfungen kommen", wiederholte Hippolyte.

"Allein schon um Professeur Faucon keinen Grund zu geben, Julius und mich rauszuwerfen klemme ich mich da ganz sicher hinter", hielt Millie dem entgegen. Julius nickte ihr beipflichtend zu.

Als sie dann mit dem Kaffeetrinken fertig waren rief Catherine zum Aufbruch. Julius verabschiedete sich von allen weiblichen Latierres mit einer innigen Umarmung und sagte zu Albericus:

"Ich verspreche, daß ich mit Millie so gut es geht zurechtkommen werde."

"Bei dem Temperament und Sturkopf, den Millie von mir und ihrer Mutter hat wirst du da sehr hart zu tun haben, junger Mann. Millie wollte dich für sich haben, du mußt damit fertigwerden. Mehr will ich im Moment nicht von dir. Ich weiß ja, daß du zu denen stehst, die dir was bedeuten."

Wir sehen uns wahrscheinlich noch in den Ferien", sagte Julius dazu nur.

"Mich nicht. Ich muß ins Ausland", sagte Albericus.

"Kenne ich irgendwo her", erwiderte Julius.

"Ja, das kann schon familientötend sein", grummelte Albericus und sah seine Frau an. "Vor allem wo es jeden Tag passieren kann, daß unsere neue Tochter ankommen möchte. Aber meine Mutter hat mir ja schon eingeheizt, daß ich dabei nicht zuschauen darf."

"Schade eigentlich", sagte Julius dazu. Albericus nickte. Dann war die Abschiedsrunde endlich vorbei.

Die Fahrt zurück in Martha Andrews' Wagen verlief schweigend. Jeder hing seinen oder ihren Gedanken nach. Catherine schloß die Haustür auf und ließ ihre Mitbewohner ein. Sie sah ihnen nach, wie sie die Treppe hinaufstiegen und öffnete ihre eigene Wohnungstür.

"Ich habe diese junge Hexe fast nicht wiedererkannt, als sie zu mir in das Wohnzimmer kam", brach Martha das Schweigen. "Sie sprach mich sehr höflich an, ohne überzogene Ehrerbietungoder Verachtung. Ich dachte erst, sie würde heucheln, als sie mir erzählte, daß sie sehr gerne mit mir über das sprechen wollte, was ihr beide getrieben habt. Aber als sie dann ganz ruhig erzählte, wie sie und du erst in diesem Café und dann bei ihrer Mutter miteinander geredet habt und sie dich dann über die Brücke getragen hat und ihr euch mit diesen Mondschwestern unterhalten habt, wurde mir klar, daß dieses Mädchen doch genug Umgangsformen gelernt hat. Ich sprach dann mit ihr darüber, wie sie sich das weitere Leben mit dir vorstelle, lauerte wahrhaftig auf eine Gelegenheit, sie auf reine Vergnügungssucht festnageln zu können. Aber irgendwie hat sie sich wohl sehr gut auf ein solches Gespräch vorbereitet. Sie sagte ganz gelassen, daß sie hoffe, daß der Besuch in der Festung der Himmelsschwester ihr sehr geholfen habe, mit dir ohne das sonstige Geplänkel zwischen Schülern zusammenzukommen und daß sie nun, wo ihr euch zusammengetan habt durchaus hofft, daß sie nach Beauxbatons eine Anstellung finden kann, die es ihr erlaubt, mit dir weiterhin gut zusammenzuleben, sich sogar vorstellen könne, eine Zeit lang nur im Haus zu bleiben, wenn ihr Kinder haben würdet. Ich fragte sie darauf hin, ob sie das sagte, weil sie meine, ich würde es erwarten. Sie sagte dann nur, daß sie durch ihre Verwandten doch mitbekommen hätte, daß es ziemlich schwierig sei, eine Familie und einen Beruf zusammenzubringen und sie doch sehr gerne Kinder haben wolle, weil sie fände, daß das zu ihrem Leben dazugehören solle und hoffe, daß du auch eine richtige Familie mit ihr gründen wolltest. Ich provozierte sie dann mit der Äußerung, daß du ja auch nach Beauxbatons in die nichtmagische Welt zurückkehren könntest und dir dort was suchen könntest." Julius verzog etwas das Gesicht. "Sie sagte dann ganz ruhig, keineswegs angegriffen, daß sie dir diese Entscheidung nicht übelnehmen würde, wenn du wirklich außerhalb der Zaubererwelt leben wolltest. Das ist so das wesentliche, was ich aus dem Gespräch, daß dann noch in privatere Details von ir ging, die zu erzählen ich ihr überlassen möchte, berichten kann. Ich habe versucht, sie aus dem Konzept zu bringen und doch immer wieder Antworten bekommen, die nicht wie auswendig gelernt klangen und doch sehr überlegt wirkten. Zumindest ist sie sich ihrer Sache sicher genug, daß ich sie nicht erschüttern konnte. Ich habe ihr erzählt, daß viele Mädchen in ihrem Alter meinten, den Mann fürs Leben gefunden zu haben und dann nach einem Monat wieder von diesem Traumprinzen getrennt waren, auch wenn sie zwischendurch mit diesem im Bett waren. Sie sagte dazu nur, daß es nicht so sei, daß die Latierres grundsätzlich nur für das körperliche lebten, aber es als wichtigen Bestandteil des Lebens sähen und keine Probleme hätten, darüber zu sprechen. Sie sagte mir, daß sie es sich schon sehr wohl überlegt habe, mit wem sie das berühmte erste Mal erleben wolle und ob sie dann enttäuscht oder zufrieden sein würde. Wie gesagt, hier kommen einige private Sachen ins Spiel, die ich ihr gerne überlassen möchte."

"Dann hast du den Eindruck gehabt, mit einer fast erwachsenen Frau zu sprechen?" Fragte Julius kategorisch.

"Ja, das kann ich so zusammenfassen", bestätigte Martha Andrews. Dann holte sie die beiden Sperrsteine aus dem Kaminsockel. "Vielleicht möchte Professeur Faucon noch einmal zu uns kommen. Jetzt, wo ich alle relevanten Meinungen gehört habe, scheue ich mich nicht, mit ihr darüber zu diskutieren, falls du möchtest, wo du dabei bist."

"Ich weiß nicht, ob sie jetzt die große Lust hat, mit dir über diese Sache zu reden, Mum. Ich vermute, sie möchte nicht, daß ich mit Millie zusammenbleibe und überlegt wohl schon, ob sie was dagegen machen kann, falls du Hippolyte nicht anzeigst", äußerte Julius eine Befürchtung.

"Nun, das wird sich dann klären, wenn sie sich bereitfindet, mit mir zu sprechen. Öhm, könnte es sein, daß Catherine von irgendwem geohrfeigt worden ist? Ich vermeinte gerötete Stellen auf ihren Wangen zu sehen, die wie Handabdrücke aussahen. Ich hoffe nicht, daß ihre Mutter sie geschlagen hat, weil sie ihr das nicht gleich brühwarm erzählt hat."

"Catherine meint, das sei nichts wichtiges, und ich wollte nicht weiter darauf herumreiten", erwiderte Julius. Seine Mutter hatte mit einer Kombinationsgabe eines Sherlock Holmes die Sache glasklar durchschaut. Von unten klangen Schritte auf der Treppe, nicht die Catherines. Dann klingelte es an der Tür. Martha öffnete. Hereinkam Madame Blanche Faucon. Sie war ganz ruhig, sah eher so aus, als habe sie eine wichtige Entscheidung getroffen und wolle diese verkünden. Martha bat sie ins Wohnzimmer und bot ihr einen Stuhl an.

"Nun, es ist schon richtig", setzte Madame Faucon an, "Daß ich die Entwicklung der beiden vergangenen Tage nicht gerade freudig begrüßt habe, Martha und Julius. Es ist auch so, daß ich meine Vorbehalte gegen die Umgangsformen und die Lebensweise jener Familie habe, mit der ihr beide euch auf die eine und die andre Weise eingelassen habt. Doch ich mußte zu der Erkenntnis gelangen, daß ich weder das Recht, noch die Mittel habe, diese Entwicklung umzukehren und eine wie auch immer geartete Korrektur vorzunehmen. Ja, ich empfinde immer noch eine große Abscheu gegen die Art, wie die Familie Latierre das eigene Leben und die Leben anderer handhabt. Aber ich habe in meiner Zeit als Lehrerin der Beauxbatons-Akademie keinen einzigen Grund finden können, diesen Leuten schlechte Noten zu geben oder ihnen weniger oder mehr Strafpunkte zuzumessen als dem Durchschnitt. Denn was immer ich und andere über die Latierres sagen können: Sie wissen, was sie tun und lassen müssen, um gesellschaftlich geachtet zu sein und ohne willkürliche Verletzungen ihrer Mitmenschen ihre Ziele verfolgen zu können. Insofern hätte ich die stattgefundenen Ereignisse voraussehen können und müssen, wenn ich auch der festen Überzeugung anhing, daß du, Julius, dich nicht auf eine solche Lebensart einlassen und dich doch eher den zivilisierteren Familien zuwenden würdest. Ob ich mit einer Entscheidung für Mademoiselle Lagrange oder wen anderen besser hätte leben können? Mag sein. Aber wie bereits erwähnt habe ich weder das Recht noch die Mittel, die Ereignisse umzukehren und in eine andere Richtung zu lenken. Du, Julius, wolltest offenkundig eine Beziehung, ohne dich jedoch entscheiden zu können. Die Tatsache, daß du damals mit Claire Dusoleil sehr konsequent zusammengelebt hast und dich sehr für sie eingesetzt hast beruhigt mich dahingehend, daß du diese Beharrlichkeit auch in die neue, von dir doch irgendwie herbeigesehnte Beziehung einfließen läßt. Ich bin zwar immer noch sehr skeptisch, was die Wünsche und taten von Mildrid Latierre angeht, hoffe jedoch in deinem Sinne, weil mir trotz alledem immer noch sehr daran gelegen ist, daß es dir in jeder Hinsicht wohlergeht, darauf vertrauen, daß du und sie die herbeigeführte Beziehung so auslebt, daß sie für dich nicht zum Nachteil gereicht, sondern dir eine Möglichkeit eröffnet, ein glückliches und einträgliches Leben zu verschaffen, Julius. Ich leiste hiermit keine Buße oder habe eine andere Meinung als vorher. Was ich jetzt gesagt habe entspringt der reinen Vernunft, die mich heute teilweise unverzeihlich im Stich gelassen hat. Daß ich die Latierres für eine haltlose, zu offenherzige Gesellschaft halte, in die ich dich sehr ungern geraten sehe, halte ich aufrecht. Jetzt ist es jedoch so, daß ich weiß, daß jeder Widerstand dagegen nur noch mehr Ungemach heraufbeschwören wird, den ich gerade dir vom Leib halten möchte. Daher bin ich noch einmal hergekommen, um ihnen, Martha, mitzutteilen, daß ich es Ihnen überlassen möchte, ob Sie Madame Hippolyte Latierre wegen ihres Vorgehens belangen möchten oder nicht. Ich darf mich wie erwähnt nicht einmischen, sofern Sie nicht darauf ausgehen, mich vor Gericht als Zeugin vernehmen zu lassen. Mehr wollte ich nicht dazu sagen. Nur noch drei Sachen, die ich dich, Julius", sie sah Julius sehr ernst an, aber nicht bedrohlich, "einzuhalten bitte." Er nickte ihr einverstanden zu. "Zum ersten bitte ich sowohl dich als auch Mademoiselle Latierre darum, niemandem, der es nicht direkt nach dieser Sache erfahren hat, zu berichten, daß ihr in der Festung der Himmelsschwestern wart und daß du, Julius, dabei Mildrid Latierres Unschuld mit ihrem Einverständnis genommen hast. Es würde zu viel Wirbel in der Akademie verursachen, wenn diese Tatsachen frei gehandelt würden." Julius nickte. Er würde das mit Millie noch einmal klären, bevor sie Caro und anderen Mädchen aufs Brot schmieren würde, wie sie und Julius sich geeinigt hatten.

"Zum zweiten", fuhr Madame Faucon fort, "möchte ich dich und Mademoiselle Latierre darum bitten, euch nach Möglichkeit nicht mehr als für Begrüßungen und Abschiede üblich anzunähern und in den Ferien bei eventuellen Wiederholungen intimer Handlungen darauf zu achten, daß Mademoiselle Latierre nicht wie Mademoiselle Constance Dornier zu früh in andere Umstände versetzt wird. Ob ihr euch diesbezüglich weniger zurücknehmen müßt, wenn ihr volljährig seid kann ich noch nicht sagen." Julius nickte wiederum. Auch diese Bedingung war einfach einzuhalten.

"Gut, dann noch zur dritten Sache, die ich dich zu tun bitten möchte", setzte Madame Faucon an. "Vermeidet es irgendwie, daß ich außerhalb der Schule mit den zwischen euch stattfindenden Privatangelegenheiten behelligt werde. Sofern ich nicht hören muß, daß die Beziehung zwischen euch nicht doch schädlich für dich verläuft, wünsche ich zu keiner Zeit darüber zu hören, was ihr beiden miteinander beredet oder tut, sofern es nicht in meinen Zuständigkeitsbereich in Beauxbatons fällt. Wenn ihr das einhalten könnt, wünsche ich dir, Julius, daß du in dieser neuen Beziehung Frieden, Glück und Lebenserfüllung finden mögest!"

"Ich denke, ich kann diese drei Bitten erfüllen", sagte Julius dazu nur. Seine Mutter nickte. Dann sprach sie:

"Ich habe mich mit meinem Sohn, Madame Latierre und Mildrid lange und gründlich ausgesprochen. Ich hätte auch dann von einer Anzeige abgesehen, wenn Sie mir hier und Jetzt hundert Gründe dafür vorgelegt hätten. Als den entscheidenden Grund dagegen sehe ich es nämlich so, daß ich möchte, daß Julius endlich mehr Halt im Leben findet, nachdem gerade im letzten Jahr so viel passiert ist und davor schon viel Unregelmäßigkeiten geherrscht haben. Ich habe Mildrid Latierre als vielleicht noch nur auf Spaß ausgerichtete, aber dennoch schon vorausschauende junge Dame erlebt, die ich mir trotz aller möglichen Vorbehalte als Partnerin für meinen Sohn vorstellen kann und durch den Umgang mit ihrer Familie auch einen guten Kontakt habe, wenngleich ich mit den Dusoleils natürlich auch weiterhin gut verbunden bleiben möchte, wie Julius es wohl auch möchte." Julius nickte nur. Er wollte jetzt nicht reinquatschen, daß seine Mutter nicht seine Meinung zu vertreten habe. "Ein Gerichtsverfahren gegen Madame Latierre würde mehr Unmut als Sicherheit bringen, zumal ich Madame Latierres Motive zu gut nachvollziehen kann, wenn ich bedenke, welchem Regeldruck gerade die Pflegehelfertruppe unterworfen ist und ich Madame Rossignols Bestrebungen kenne, möglichst keine Streitigkeiten in ihrer Truppe aufkommen zu lassen. Wie Sie hoffe ich auch darauf, daß allen geäußerten Bedenken zum Trotz die Sache für Julius und Mildrid vorteilhaft weitergehen wird. Um dies zu begünstigen möchte ich jede Streitigkeit mit Mildrids Verwandtschaft vermeiden, wenn nicht wirklich was schädliches für Julius dabei entsteht."

"Nun, wie erwähnt ist es Ihre Entscheidung und Ihre Angelegenheit, Martha. Ich möchte mich daher empfehlen und noch ein wenig mit meiner Tochter sprechen. Es gab da einen Vorfall, den ich nicht so dahinstehen lassen darf."

"Sehen wir uns in den nächsten Tagen noch einmal?" Fragte Martha Andrews.

"Nun, da ich davon ausgehen muß, daß Sie und Julius nun am Ostersonntag wohl im Château Tournesol verbringen werdet, bliebe die zweite Ferienwoche, falls Sie gerne noch einmal mit mir Schach zu spielen wünschen, Martha."

"Natürlich möchte ich das Angebot wahrnehmen", sagte Julius' Mutter sofort. Madame Faucon nickte ihr zum Abschied zu und verließ die Wohnung.

"Es wird also doch nicht alles so heiß gegessen wie es gekocht wird, Julius", sagte seine Mutter. "Was immer zwischen Ursuline und Blanche vorgefallen sein mag, zumindest sind beide vernünftig genug, das nicht zu einer Familienfehde ausufern zu lassen. Vielleicht hat sie sich auch in eine ungünstige Lage gebracht, zu weit aus dem Fenster gelehnt und gerade so noch den rettenden Rückzug in die sichere Wohnung geschafft."

"Das mag sein, Mum", erwiderte Julius nur.

 

__________

 

Der Samstag verlief ohne wichtige Neuigkeiten. Nur daß Ursuline Latierre einen offiziellen Einladungsbrief schickte, um die Andrews zum Osterfest einzuladen sei zu erwähnen.

Am Sonntag hörten die Andrews von unten wie Babette im Garten nach Ostereiern suchte. Julius sah den Platz an, wo der Apfelkern eingegraben worden war, der von Camille Dusoleil mit der überragenden Zauberkraft von Ashtarias Heilsstern angereichert worden war. Im Moment konnte er nicht viel mehr als einen zerbrechlichen Schößling davon erkennen. In einem Jahr würde daraus wohl schon ein junger Baum geworden sein. Seine Mutter sah ebenfalls hinunter, wo Babette im Gras nach den ausgestreuten bunten Eiern suchte, die der Osterhase, an den das junge Hexenmädchen wohl auch nicht mehr so recht glaubte, zurückgelassen hatte. Nach dem Frühstück wurden Julius und seine Mutter von Albericus Latierre in seinem VW-Bus abgeholt. Tatsächlich besaß dieser jene magische Vorrichtung, welche wie bei anderen Zaubererautos auch einen zeitlosen Ortswechsel ermöglichte. So war es kein Thema, nachdem sie die Vorstädte von Paris hinter sich gelassen hatten, auf einem fast unbefahrenen Feldweg mit lautem Knall mehrere hundert Kilometer zu überspringen und bereits in der Nähe des Sonnenblumenschlosses anzukommen. Als sie alle zusammen dann vor der großen Landewiese anhielten, flog gerade eine weiße Flügelkuh heran und ging zur Landung über.

"Ach, Babs ist auch schon da", sagte Hippolyte Latierre, die auf der Rückbank des Busses gesessen hatte und sich die Fahrt lang mit Martha Andrews und ihren beiden Töchtern unterhalten hatte. Julius saß vorne und genoß die Anreise. Albericus drückte auf die Hupe, was von der gerade erst gelandeten Latierre-Kuh mit einem lauten, die Eingeweide durchmassierendem Muhen beantwortet wurde.

"Du weißt, daß Babs das nicht mag, wenn du mit diesem Muggel-Trötding Lärm machst", warf Hippolyte ein.

"Die soll sich nicht so haben", lachte Albericus.

Vor dem Tor wurden die Gäste von den Hausherren und Schloßbewohnern willkommen geheißen. Julius, der seinen weinroten Festumhang trug, stand zwischen seiner Mutter und Mildrid, die beide in hellen Blautönen gekleidet waren. Ursuline Latierre umarmte Julius. Sie hatte ihre beiden jüngsten Töchter in Tragetüchern über der Schulter hängen.

"Der steht dir immer noch sehr gut", sagte sie und streichelte den geschmeidigen Umhang. "Pech nur, daß Millie keinen roten Umhang anziehen wird."

"Dann stimmt das, daß Leute mit rötlichen Haaren ungern rote Sachen tragen?" Fragte Julius.

"Das klärst du mit Millie", schnurrte Ursuline. Dann rief sie: "Hallo, Babs. Hast du Demie tatsächlich wieder trächtig gekriegt?"

"Weiß ich nicht so genau. Ares hat sich viermal mit ihr beschäftigt. Zweimal hat sie ihm die Hinterhufe gezeigt. Eigentlich wollte ich Lennie nicht zum Fliegen nehmen, aber die erscheint mir im Moment doch etwas ruhiger als die restliche Herde!" Rief Barbara Latierre, die wieder in jenem Cowgirl-Anzug steckte, in dem Julius sie zum ersten Mal hatte sehen können. Er wunderte sich, daß die Kluft die foranschreitende Zwillingsschwangerschaft von Millies Tante locker aushielt. Als sie ihren Mann und ihre Kinder aus der Transportkabine herausgelassen hatte stieg sie selbst die Treppe hinunter. Als sie die Andrews sah, strahlte sie vergnügt.

"ah, ihr seid doch gekommen", sagte sie und eilte auf Julius zu, den sie in die Arme schloß. Er überroch den Dunst von Kuhstall, den Barbara um sich verbreitete und wünschte ihr frohe Ostern.

"Ich habe es sehr gerne gehört, daß Millie und du euch doch zusammengerauft habt. Meine beiden Grazien wollten ja schon Wetten darauf abschließen, ob ihr euch endgültig zusammentun oder rettungslos verkrachen würdet. - Hallo, martha. Schön, dich hier auch wiederzusehen."

"Hallo, Barbara", erwiderte Martha. "Ist ja noch nicht lange her, daß in Beauxbatons Elternsprechtag war."

"Apropos, wolten Raphaelle und ihre Familie noch kommen, Maman?" Fragte Barbara. "Fühle mich irgendwie so alleine als Zwillingsmaman."

"Raphaelle kann nicht, weil Trice sie für die nächsten Tage ans Bett gefesselt hat", sagte Ursuline. "Ihr Mann bleibt bei ihr. Aber die Mädchen kommen."

"Bine und San. Kriegen die jetzt auch schon Kinder?" Fragte Barbara verschmitzt grinsend.

"Irgendwann bestimmt", lachte Ursuline. Martha fühlte sich etwas unwohl, weil nun wieder so viele schwangere Frauen um sie herumstanden. Callie und Pennie umschwirrten Millie und Julius und wollten von denen wissen, wie es denn kam, daß sie beide sich nun doch zusammengetan hatten. Doch Millie sagte dazu nur, daß sie lange genug miteinander geredet hatten und es Julius doch klargeworden sei, daß er mit ihr halt besser dran sei.

 

"Echt, Julius? Ich dachte du fährst auf die Montferres oder diese Belisama ab", warf Callie ein.

"Das ist ja der Punkt. Bei den Montferres hätte ich ja irgendwann eine aussuchen müssen. Belisama hat es irgendwie darauf angelegt, daß ich erst einmal nicht daran gehen wollte, mit ihr was anzufangen. Tja, und jetzt ist das eben so, daß Millie und ich zusammen gehen wollen."

"Soso, du hättest eine aussuchen müssen", lachte Sandra Montferre. Julius hatte nicht mitbekommen, daß die beiden rothaarigen Schwestern angekommen waren. "Was hättest du gemacht, wenn wir um dich gewürfelt hätten?" Fragte San und nahm ihn in die Arme.

"Ich hätte euch den Würfelbecher weggenommen", sagte Julius. Milie kniff San kurz und schmerzhaft in den verlängerten Rücken. Doch diese verzog keine Miene.

"Was wird das, Millie? Bist du schon eifersüchtig?"

"Ich wollte nur feststellen, daß ihr euch das mit dem Auswürfeln eh abschminken könnt", sagte Mildrid. Sabine begrüßte derweil Julius' Mutter. Dann kam sie noch zu Julius.

"Hallo, Julius. Ich hörte, der Nachmittag nach dem Spiel war für dich und Millie noch sehr konstruktiv. Maman sagte uns das gestern, daß du mit ihr wohl soweit klar seist, daß ihr zumindest die nächsten drei Walpurgisnächte zusammenfeiern wollt. Ihr seid mit diesem Blechwagen da gekommen, habe ich gehört?"

"Ja und ja", erwiderte Julius. Millie machte wieder Anstalten, die Junghexe zu kneifen, die Julius gerade umarmt hielt. Doch Bine war darauf gefaßt.

"Wag dich und ich häng dich mit dem Kopf nach unten an eines der Hörner von dieser Kuh da oben!" Knurrte sie und deutete auf den Turm, auf dem eine große Abbildung einer Latierre-Kuh thronte.

"Dann verspielen wir aber den Pokal", erwiderte Millie. Bei dieser Erwähnung fiel Julius etwas ein, an das er im Eifer der letzten Tage überhaupt nicht gedacht hatte. Wie würden die anderen aus seiner Klasse denken, ob er wegen Millie den Quidditchpokal sausen ließ oder nicht?

"Den kriegen wir auch so", erwiderte Bine.

"Och, weil Brochet den Schnatz fängt?" Fragte Julius herausfordernd.

"Das frage Brunhilde!" Knurrte Sabine. Dann sagte sie noch: "Aber deinem Kameraden Hercules Moulin bestellst du bitte, daß er sich bloß nicht einbilden soll, San oder mich mit dem Schläger zusammenzudreschen! Das würde ihm nicht gut bekommen."

"Der denkt dann eh, ich wäre jetzt für die Roten."

"Echt?" Fragte Callie, die es geschafft hatte, sich näher heranzupirschen.

"Wäre zwar nicht unfein, wenn wir den Pokal dieses Jahr noch einmal küssen dürften, aber langweilig, wenn wir dafür das Spiel schieben müssen, was Millie?"

"Ich habe dem nicht gesagt, daß er meinetwegen das Spiel verhunzen soll", erwiderte Millie und pflückte ihren neuen Freund und Auserwählten aus Sabines Armen. Sie zog ihn an sich, als wolle sie ihn auch sehr innig umarmen und flüsterte:

"Wir werden gegeneinander spielen und so spielen wie wir können, Monju. Bruno hat gegen Jeanne so gespielt und ich will mir das dumme Geschwätz meiner Cousinen nicht anhören, daß ich mit dir zusammen sei, um ein einziges Quidditchspiel zu schieben. Autsch! Wer war das?!" Schnaubte sie, als ihr jemand von hinten an den auf den Allerwertesten geschlagen hatte. Sie sah noch Pennie davonhuschen, gab Julius aus ihrer Umarmung frei und jagte der jüngeren Cousine nach.

"Pack schlägt sich, Pack verträgt sich", meinte Ursuline und winkte Julius hinter sich her ins Schloß.

Die Feier fand in jenem großen Saal statt, wo sie auch schon im Sommer gespeist hatten. Nur daß diesmal die Brickstons fehlten. Julius wurde zur Rechten von Ursuline platziert, während Martha Andrews zur Rechten von Ferdinand Latierre zu sitzen kam. Millie und die Montferres reihten sich rechts von Julius auf. Nach einem üppigen Frühstück sprachen sie über das vergangene Jahr, was alles so passiert war, vom Sommer über die Geburt von Felicité und Esperance, daß mehrere bald Nachwuchs erwarteten und daß die Andrews nun nun auch zur Latierre-Familie gehörten.

"Antoinette hat zwar protestiert, weil ich euch eingeladen habe und sie über ihre eigenen dunklen Pfade gehört hat, daß meine Enkelin Mildrid die Gunst von Julius erringen konnte. Aber da kann sie nichts gegen machen", verkündete Ursuline.

"Dann bleibt deine Lebensgabe zumindest in der Familie", lachte Otto Latierre seine Mutter an. Diese grinste überlegen und erwiderte:

"Zumindest weiß der Junge es zu würdigen, was wir zu bieten haben." Alle lachten, außer Martha. Julius erkannte, daß es etwas anders war als sonst. Was er von heute an tun oder sagen würde wurde noch genauer beobachtet.

Sie redeten über alles, was den einen oder die Andere Interessierte, von Quidditch über Schach, Zauberwesen und Tierwesen, Pflanzenkunde oder Musik. Nach dem üppigen Mittagessen vertrieben sich die Gäste die Zeit in den Gartenanlagen. Julius spielte gegen die angereisten Männer aus dem Latierre-Clan Fußball und versuchte dabei einmal, Albericus Latierre mit einem hohen Flankenschlag zu überspielen. Doch dieser sprang leichtfüßig vom Boden ab, drehte sich dabei gekonnt nach oben und bugsierte den Ball mit dem Kopf aus zwei Meter Höhe zurück in Julius' Hälfte.

"So nicht!" Rief Albericus. Julius sah das ein. Albericus hatte doch etwas von der überragenden Kraft und Gewandtheit der Zwerge im Körper. Immerhin hatte er dessen Mutter sehr schnell laufen sehen können.

Am Abend, als alle sich von der Toberei auf der Wiese wieder gesellschaftstauglich hergerichtet hatten wurde zum Tanz aufgespielt. Millie und Julius eröffneten den improvisierten Ball. Nach einigen Stunden, als er mit wirklich jeder Frau und jedem Mädchen aus der Festgesellschaft mindestens einen Tanz hingelegt hatte, verabschiedeten sich die Andrews' von den Schloßbewohnern. Als Albericus Latierre sie vor dem Haus Rue de Liberation absetzte, wünschten die Latierres ihren neuen Anverwandten noch eine gute Nacht.

"Eleonore hat ihren Kopf durch den Kamin gesteckt, Julius", begrüßte Catherine ihren Schützling an der Tür. "Sie fragte mich ernsthaft, ob an den Gerüchten etwas dran sei, daß du mit Mildrid Latierre gehen würdest. Ich bestätigte, daß es kein Gerücht mehr sei. Sie würde dich gerne demnächst sprechen, wenn du nach Millemerveilles gehst."

"Ach, will die mir auch noch eine Gardinenpredigt halten? Hat Professeur Faucon ihr das nicht erzählt, daß sie selbst das nicht mehr für nötig hält?"

"Eleonore hatte immer ihren eigenen Kopf, Julius. An deiner Stelle würde ich demnächst mal nach Millemerveilles reisen und mich ihr stellen. Immerhin möchtest du ja ganz sicher wieder dort feiern, auch wenn das heute so aussah, als hättest du eine gewisse Ausweichmöglichkeit gefunden."

"Babs Latierre hat Millie und mich für Dienstag eingeladen, ihren Bauernhof zu besuchen. Demie wurde wohl erfolgreich gedeckt, wie es wohl heißt", erwiderte Julius.

"Gut, dann gehst du da am besten am Mittwoch hin, Julius. Ich denke, du solltest Eleonore nicht zu lange warten lassen."

"Deine Mutter möchte haben, daß ich nicht drüber rede, wie Millie und ich das klarbekommen haben, daß wir wohl was gemeinsam haben. Ich habe es ihr heute noch erzählt, wo wir getanzt haben. Sie ist damit einverstanden. Dann kann ich das Madame Delamontagne wohl kaum auf die Nase binden."

"Am besten nimmst du Millie am Mittwoch mit", sagte Catherine dazu nur. "Dann wird sie auch sehen, was ihr beide nun alles zu bedenken habt."

Julius nickte. Dann wünschte er Catherine noch eine gute Nacht.

Tja, Julius, du hast mit deiner geknüpften Beziehung zu Mildrid gesellschaftliches Neuland betreten", sagte Martha Andrews zu ihrem Sohn, als sie wieder unter sich waren. "Das mit Eleonore wird wohl die vorerst letzte Hürde vor dem Ferienende sein."

"die wollte ja auch das Sorgerecht. Ich kann mir vorstellen, daß die respektable Madame Delamontagne genauso sauer ist wie Professeur Faucon. Aber die hatte es wenigstens eingesehen, daß da nicht mehr dran zu drehen war", sagte Julius leicht angenervt.

"So ganz bin ich nicht überzeugt, daß Eleonore Delamontagne das so einfach hinnimmt, Julius. Aber du wirst da schon durchkommen", sagte seine Mutter. Er nickte dazu nur.

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