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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Am Montag morgen rief Zachary Marchand an. Die Andrews' saßen gerade beim Frühstück. Martha Andrews ging an den Apparat und hörte eine Weile zu. Dann sagte sie leicht beklommen:

"Und wer das war weiß bisher keiner, Zach? ... Muß nichts zu bedeuten haben, Zach. ... Wer sagt dir denn, daß euer Minister den nicht selbst ... Nur eine Möglichkeit, Zach. Nur eine Möglichkeit. ... Dem geht's soweit gut. Als ich bei euch drüben war hat der sich eine neue Freundin ausgesucht ... Jaja, hab' ich dir ja erzählt, auf ärztliche Anweisung. ... Das mußt du nicht wissen, wer genau, wenn er es dir nicht selbst sagt. ... Kann ich mir vorstellen. ... Dann pass auf, daß du nicht noch in die Sache reingezogen wirst! ... Wer ist denn Lino? ... Achso, die. ... Hoh, wird wohl was mitbekommen haben und mußte sich unsichtbar machen. ... Ja, ich weiß, dir ist das zu ernst, um .... Nein, ich bin nicht beleidigt. Wenn du es nicht bist. ... Das freut mich. ... Ja, sag ich ihm. Sag du denen dann irgendwie, daß - Ach neh, lass es besser! Nachher meinen die noch, ich hätte mir was eingebildet ... Nöh, ist völlig egal, ob das gestimmt hätte oder nicht. Ich hätte früher zumindest gedacht, daß jemand nicht alle beisammen hat, der sowas auch nur denkt. ... Mädchen halt, Zach! ... Dann pass gut auf dich und deine Kollegen auf! ... Ja, mach ich. Tschüs!""

"Soso, ihr seid schon beim netten Du", feixte Julius. Seine Mutter lief an den Ohren etwas rot an. Mit einem Blick, der ihm soviel sagte wie: "Du mußt mir das gerade sagen" sah sie ihn für fünf Sekunden an. Dann sagte sie ernst:

"Die haben wieder Probleme drüben. Der Gegenkandidat von Davenport ist in seinem Haus verbrannt. Sie vermuten Mord in Tateinheit mit Brandstiftung."

"Ach du großer Drachenmist", fiel Julius dazu nur ein, als er leicht erschrocken seine Mutter ansah. "Hat er dir das genau so gesagt oder da noch etwas mehr rüberkommen lassen?"

"Nun, nach unserer Absprache, nur in für Nichtzauberer unverdächtigen Sätzen zu sprechen, konnte er mir das nur so sagen: "Davenports Gegenkandidat ist in seinem Haus verbrannt, womöglich Mord und Brandstiftung in einem." Dann meinte er noch, daß die Wahl wohl auf Eis läge, bis klar sei, ob's wirklich Mord war. Mehr durfte er mir so nicht sagen."

"Öhm, was ist mit Linda Knowles?" Fragte Julius nach.

"Die wollte Davenport wohl interviewen und ist nicht mehr nach Hause gegangen oder bei ihrem Redakteur aufgetaucht. Mr. Marchand vermutet, die hätte vielleicht was mitgehört, was sie nicht hätte hören dürfen und sei untergetaucht." Kann sich wer für andere unauffindbar zaubern, Julius?"

"Da fragst du besser Professeur Faucon. Die kennt sich mit dem Verstecken und Finden besser aus als ich", erwiderte Julius verschmitzt grinsend. "Aber nach meinem Bisherigen Datenbestand könnte sie sich entweder wie du sagtest unsichtbar machen, was aber nur hinhaut, wenn keiner mit Lebewesenfindezaubern oder Enthüllungszaubern nach ihr sucht, sich verwandeln, was aber womöglich mit dem entsprechenden Originalansichtzauber aufgedeckt werden kann oder an einem unortbaren Ort, einem geheimgehaltenen Haus oder einer für keinen zu findenden Ortschaft aufhalten. Mehr fällt mir nicht ein."

"Dann wird die wohl letzteres gemacht haben", sagte seine Mutter. "Zach meinte nur, daß sie "Mister Davenport" interviewen wollte und danach irgendwie verschwunden sei, obwohl das Gebäude gut überwacht werde."

"Welches, Mum? Das Zaubereiministerium?"

"Wird er wohl gemeint haben", bestätigte seine Mutter.

"Dann hatte die wohl beim Minister selbst was mitgekriegt, was sie zum Verschwindibus veranlaßt hat. Oha! Hoffentlich hat Davenport nicht befunden, den Gegenkandidaten aus dem Weg zu räumen."

"Das habe ich ihm ja auch vorgehalten, wie du mitgekriegt hast. Aber er hat das entschieden bestritten. Als ich drüben war, hatte ich eh den Eindruck, daß dieser Davenport mit dem ganzen Rummel um sein Amt nicht richtig warm geworden ist und den Job gerne loswerden will. Er macht jetzt nur in Aktionismus, weil er die Verantwortliche für den Gegenkandidaten suspendiert hat. Hmm, Zach meinte vorhin auch, dieser Ironquill, also das Opfer, wäre genau so ein "Wunderknabe" gewesen wie du. Ich vermute mal, er meinte damit diese Ruster-Simonowsky-Koinzidenz, wegen der du so gut zaubern kannst. Womöglich war dieser Ironquill auch so begabt.""

"Ups, und dann hat der sich einfach so umlegen lassen?" Fragte Julius leicht erschüttert. "Sieht nach Leuten von Voldemort aus."

"Du meinst, die wollen keinen Minister, der keine reinblütigen Zauberereltern hat. Das ist dann Terrorismus in Reinkultur."

"Dann könnte dein amerikanischer Telefonfreund tatsächlich in die Kiste reingezogen werden, weil seine Behörde ja mit sowas zu tun hat", erwiderte Julius.

"Wenn da nicht wer so tut, als wäre es wer von diesem Voldemort, um den Verdacht von sich abzulenken", entgegnete Martha Andrews. Julius nickte unwillkürlich.

"Das ist auch drin", seufzte er und dachte dabei an die Wiederkehrerin, die ja bereits einen Anschlag Voldemorts vorgetäuscht hatte, um den Mord an Beryl Corner dem Irren aus seiner früheren Heimat in die passenden Schuhe zu schieben. Daß der sich das nicht bieten lassen würde war klar. Aber wie wolte der an sie rankommen?

"Die in den Staaten machen jetzt einen Wirbel um diesen Anschlag und die verschwundene Reporterin. Könnte sein, daß die Freiheit bei denen bald nur noch mit dem Zusatz: "Solange wir nicht von Terroristen unterwandert sind" auf dem Papier steht. Wäre wohl ziemlich gut, wenn sie den oder die so schnell wie möglich kriegen, bevor bei denen jeder jeden verdächtigt oder Leute anfangen, vor Minderheiten Angst zu kriegen."

"Egal wer den Konkurrenten von Davenport ausgeknipst hat, Mum", sie sah ihn sehr vorwurfsvoll an. Er hielt inne und formulierte neu: "Also, wer immer Mr. Ironquill ermordet hat, wenn's wirklich Mord war, der hat sich gut abgesichert, daß ihm oder ihr keiner drauf kommt. Sonst hätte der oder die ja am Tatort warten können, bis die Strafverfolgungszauberer anrücken. Hmm, und diesmal sollte ja wohl auch kein Angriff Voldemorts vermutet werden, Mum. Dann hätte ja das dunkle Mal über dem Ort gehangen, ein grüner Totenkopf aus Zauberlicht mit einer züngelnden Schlange zwischen den Kiefern."

"Hmm, stimmt. Davon hörte ich, daß dieser Wahnsinnige und seine Leute sich auf diese Art zu ihren Anschlägen bekennen. Aber dann müßte ja jemand auch wissen, wie dieses Zeichen gezaubert werden muß." Julius erstarrte für eine Sekunde. Er durfte keinem erzählen, was er über die Wiederkehrerin gehört hatte, daß sie in Bartemius Crouchh Juniors entseeltem Körper Halt gefunden hatte und dessen noch vorhandenes Gedächtnis benutzen konnte, wo bestimmt auch alle Bestandteile des Beschwörungszaubers für das dunkle Mal enthalten waren.

"Wenn einer von den Leuten aus der Bande das wem verrät, wie's geht", sagte er, um die Erstarrung zu erklären.

"Ich denke, der wird das rauskriegen, wer sowas herumerzählt", sagte seine Mutter dazu. "Ich denke, ein Aussteiger oder Verräter hat keinen Tag mehr zu leben."

"Das wage ich nicht zu bezweifeln", erwiderte Julius dazu nur.

"Mr. Marchand hat noch gesagt, daß er die Cottons wiedergetroffen hat. Ich soll dir schöne Grüße von Sharon und Ginger ausrichten, und daß Sharon in den nächsten Tagen zu Brittany nach Viento del Sol geht, um noch dieses Quodpot-Spiel zu üben, um gut aus der laufenden Schulsaison rauszukommen."

"Ach, und du hast gedacht, die beiden Mädels wollten was von mir?" Fragte Julius seine Mutter herausfordernd.

"Sagen wir's so, daß ich die Möglichkeit nicht kategorisch ausschließen wollte", erwiderte Martha etwas verstimmt, mußte aber lächeln. Immerhin hatte sie es ja auf die Frage angelegt. Dann fragte sie, wie er darauf käme, daß sie das denke.

"Weil du angesetzt hast, den beiden ausrichten zu lassen, ich sei jetzt vergeben. Abgesehen davon, daß Brittany, wenn sie wirklich echt hinter mir her wäre nicht gestört hat, daß ich damals noch mit Claire zusammen war würde sie das jetzt auch nicht stören, wenn die wirklich noch was mit mir laufen haben wollen könnte."

"Lümmel!" Fauchte seine Mutter zurück. Doch sie grinste. Offenbar war es genau das, was ihr durch den Kopf gegangen war. Julius meinte dann noch:

"Es ist schon richtig, daß Brittany und ich was ziemlich haarsträubendes erlebt haben. Aber ich denke doch, daß sie selbst gut verplant ist. Bei Mel bin ich mir nicht sicher, ob die mich nicht zu Glorias angeheiratetem Cousin hätte machen wollen. Oha, was mach ich hier eigentlich? Jetzt fang ich schon an zu tratschen."

"Bevor du jetzt noch sagst, daß sowas typisch für Frauen sei möchte ich dir nur sagen, daß ich im Leben mehr Tratschonkels als Tratschtanten getroffen habe. Außerdem möchte ich nicht wissen, was Männer so bereden, wenn sie auf einer öffentlichen Toilette Erleichterung suchen."

"Wahrscheinlich ähnliches was Frauen und Mädchen so quatschen", erwiderte Julius. Immerhin kannte er beide Seiten des Menschseins, wenngleich er die Mädchenseite nur wenige Tage hatte kennenlernen dürfen.

"Gut, lassen wir es, Julius. Nachher verdrehen wir beide uns noch in irgendwelchen absolut lächerlichen Mutmaßungen", sagte Martha Andrews. Um sich und ihren Sohn von diesem für sie doch eher albernen Tehma abzubringen fragte sie ihn, ob er nicht doch schon heute zu Eleonore Delamontagne wollte. Er sagte, er wolle heute gerne wieder etwas von der nichtmagischen Welt erleben, wo sie beide doch selten zusammenseien. Sie fragte ihn, wann er morgen auf den Latierre-Hof wollte. Er dachte kurz nach und antwortete seiner Mutter, daß irgendwas vom Vormittag gesagt worden sei. Sie nickte kurz.

"Ich bin ja morgen bei den Grandchapeaus im Ministerium, weil ich ihnen zugesagt habe, was über die NATO zu recherchieren. Da muß ich nachher noch einmal drangehen, um den Vortrag so verständlich wie möglich hinzukriegen. Da kann ich ja schlecht mit für uns selbstverständlichen Begriffen arbeiten."

"Einiges habe ich Madame und Monsieur Grandchapeau Vorletzten Sommer erklären können", sagte Julius. Seine Mutter nickte. "Die Aufzeichnungen habe ich glaube ich sogar noch." Er ging in sein Zimmer und suchte in den alten Pergamenten, die er in einer kleinen Kiste unter dem Bett aufbewahrte nach den entsprechenden Pergamenten. Er suchte sie unter einem Stapel von Briefen von Claire, darunter auch ihre Einladung zur Walpurgisnacht im letzten Jahr. Unvermittelt überkam ihn eine gewisse Wehmut. Diese Handschrift, die sorgfältige Wortwahl, das alles würde er jetzt nicht mehr auf einer Einladung finden. Doch komischerweise hatte er auch die Einladungen Belisamas und Millies behalten. Er las Millies Einladung noch einmal halblaut und fühlte, wie er aus dem plötzlichen Stimmungstief wieder aufstieg.Er gab sie seiner Mutter zu lesen.

"Hallo, Julius!

An und für sich solltest du den Brief schon vor zwei Tagen kriegen, damit sicher ist, daß du den als ersten kriegst. Aber Maman und Martine waren dagegen. Sie meinten, ich sollte dich erst hier richtig anschreiben.

Wie du weißt, haben wir ja vom 30. April zum 1. Mai die Walpurgisnacht, wo sich die Hexen Europas mit Zauberern ihrer Wahl eine herrliche Feier gönnen, mit Besenfliegen, Tanzen, Singen und Spielen zu zweit. Ich hörte, daß bei Erwachsenen letzteres noch wilder sein soll als es hier in Beauxbatons erlaubt ist.

Wahrscheinlich wirst du von der netten Dame Dusoleil schon gebucht worden sein. Aber solange du von der keine offizielle Einladung hast, bist du offiziell frei ansprechbar, und sie kann da nichts gegen sagen. Außerdem finde ich, daß es doch sehr schön aussähe, wenn du in deinem Drachentänzer-Umhang zusammen mit mir auf einem Besen sitzen würdest. Claire weiß, daß sie nicht dieSuperfliegerin ist. Wahrscheinlich dürfte sie mit dir oder wem auch immer hinten drauf nicht so tolle Manöver fliegen. Legst du also Wert darauf, den Abend mit jemanden zu verbringen, die dir fliegerisch näher kommt, dann schick mir am besten gleich deine Zustimmung.

Keine Sorgen, daß an deiner Beziehung zu Claire was kaputt geht! Viele Hexen erwählen sich Zauberer, die schon fest verplant sind. Man will ja schließlich auch mal was anderes ausprobieren dürfen, oder?

Hiermit lade ich dich also offiziell ein, bei Walpurgis mein Begleiter zu sein. Ich freue mich schon!

                    Mildrid Ursuline Latierre"

Als er daran dachte, daß er dieses Jahr eine noch verbindlichere Einladung erwarten durfte, fühlte er sich wieder besser. Er suchte weiter nach den Pergamenten über seinen Atombombenvortrag und fand sie schlußendlich. Als er seiner Mutter die Aufzeichnungen übergeben hatte, sah er sich das Fernsehprogramm vom späten Vormittag an. Außer einer Zusammenfassung des letzten Spieltages der höchsten Liga im französischen Fußball und einer Klatschsendung über die immer noch die Musikwelt aufmischenden Spice Girls war jedoch nichts für ihn dabei, was interessant war. Natürlich würden sie über den Mord an einem Mitbewerber um das Amt des amerikanischen Zaubereiministers keine Nachrichten im Fernsehen bringen. Dennoch versuchte er, einiges über die USA mitzukriegen, was ihn auf den neusten Stand bringen konnte. Könnte ja immerhin passieren, daß in der dortigen Zaubererwelt etwas lief, was in den Fernsehnachrichten erwähnt wurde. Immerhin war die Sache mit seinem Vater ja auch durch die Nachrichten gegangen, und dieser unnatürliche Sturm und die zusammenbrechende Brockgdale-Brücke waren ja auch in den Fernsehnachrichten gewesen, wie er sich gut erinnerte. Doch als seine Mutter an die Tür klopfte und ihm zurief, sie sei jetzt mit ihrem Vortrag durch und ob er mit ihr in die Stadt wolle, rief er zurück, daß er sofort fertig sei. Er schaltete den Fernseher aus und zog sich ausgehfertig an.

Bis in den späten Nachmittag hinein trieben seine Mutter und er sich in Paris und Umgebung herum. Mit den Brickstons aßen sie zu Abend, wobei Joe Martha Andrews ausfragte, was sie morgen so großartiges erzählen würde. Babette wollte wissen, ob Millie morgen auch auf dem Latierre-Hof sein würde, wobei sie Julius herausfordernd zuzwinkerte.

"Wir haben uns da nicht festgelegt", sagte Julius ganz gelassen. "Wahrscheinlich werde ich da nur Callie und Pennie treffen, und die anderen, die da im Moment Ferien machen."

"Das verstehe wer will, was euch beide da zusammengebracht hat", erwiderte Joe darauf. Babette sah erst ihren Vater und dann wieder Julius an und sagte grinsend:

"Eben wohl daß das keiner verstehen kann. Pattie ist ja auch hinter einem her, der keine Zauberereltern hat."

"Das dir Pattie dafür nicht die Ohren langzieht", erwiderte Julius mit leicht drohendem Unterton. Doch Babette hörte nicht zu grinsen auf und entgegnete keck:

"Denke ich nich', weil die dann eher Mayette die Ohren langziehen muß."

"Jaja, weswegen ich bald Krach mit deiner Oma Blanche gehabt hätte", dachte Julius nur für sich. Laut sagte er: "Du kommst noch in das Alter, wo du es kapierst, wieso sowas geht und wieso nicht, Babette."

"Hoffentlich nicht so früh", knurrte Joe. Julius lächelte ihn an und meinte:

"Ich fürchte, daß kriegst du erst mit, wenn Babette das will, daß du's mitkriegst."

"Ey, Vorsicht, Bursche!" Fauchte Joe. Catherine meinte dazu in einem ruhigen, wenn auch bestimmten Tonfall:

"Ich denke, ihr müßt euch nicht jetzt darüber haben, wer mit wem wieso wie zusammen ist. Babette, ich fürchte, du mußt noch lernen, daß es nicht immer lustig ist, über die Angelegenheiten von Anderen zu reden. Ich erinnere mich gut, daß du das nicht magst, wenn jemand über das spricht, was du so angestellt hast oder gerade anstellst."

"Du hast nur gesagt, daß es gemein ist, wenn jemand hinten rum über wen redet, Maman. Aber Julius kann doch sagen, wann dem was nicht passt, wenn ich was frage, oder, Julius?" Erwiderte Babette vorsichtig und blickte Julius aus großen, saphirblauen Augen fragend an. Dieser ließ alle Gesichtszüge zu einer Maske der Gefühllosigkeit erstarren und bewegte nicht einmal den Kopf. Sie sah ihn durchdringender an, daß er fast Occlumentie benutzt hätte, um sich ihr gegenüber abzuschließen. Doch Babette konnte ganz bestimmt noch nicht in den Geist anderer Leute hineinblicken. Sie schien immer mehr darunter zu leiden, daß Julius ihr keine Antwort gab. Irgendwann sah sie sehr betrübt weg und sagte nichts mehr.

"Ist das mit Blanche denn jetzt geklärt?" Fragte Joe. "Nicht daß die uns nachher noch irgendwelche Vorwürfe macht."

"Der Zug ist doch schon fast am nächsten Bahnhof", erwiderte Julius. Catherine räusperte sich. Dann sagte sie noch eindringlicher als eben schon:

"Joe, was da zwischen Martha, Julius und den Latierres vorgeht betrifft nur sie. Dir wird keiner irgendeinen Vorwurf machen. Oder fühlst du dich irgendwie schuldig?"

"Nichts für ungut, Catherine. Aber seitdem Martha und Julius mit uns im selben Haus wohnen hatte und habe ich den Eindruck, wir seien für alles mitverantwortlich, was mit ihnen passiert. Ja, und ich traue es deiner Mutter durchaus zu, daß sie ihre schlechte Laune an uns auslassen könnte, wenn was nicht so läuft wie die Erhabene es sich gewünscht hat." Babette grinste über diese Bemerkung.

"Für die magischen Angelegenheiten des Jungen bin nur ich zuständig, Joe. Also bist du nicht zu behelligen, wenn was passiert, was in diesen Bereich fällt. Was die privaten Dinge angeht, betrifft es ihn und seine Mutter und die, die in die konkreten Dinge einbezogen sind. Falls du nicht möchtest, daß du wegen irgendwas verantwortlich gemacht werden kannst, benimm dich bitte auch nicht so, als hättest du die Verantwortung!" Stellte Catherine klar. Joe sah seine Frau und dann Julius an, der ihn herausfordernd anblickte. Martha sah Joe an und sagte:

"Joe, der Junge hatte einen Vater, der seine Pflichten sehr ernst genommen hat. Du mußt ihn nicht ersetzen oder dich in entsprechenden Anwandlungen ergehen. Was zwischen Hippolyte, ihren Töchtern, mir und Julius vorgeht betrifft uns, wie Catherine sehr richtig festgestellt hat."

"Martha, du weißt genau, daß ich ... Ach lassen wir's", knurrte Joe. Julius vermutete, was Joe sagen wollte und sagte unaufgefordert:

"Du hast 'ne Tochter, für die du dich verantwortlich fühlen darfst, Joe. Ich denke, deine Schwiegermutter wird dich da schon früh genug dran erinnern, wenn sie in etwas mehr als einem Jahr selbst nach Beaux geht."

"Bißchen mehr Respekt vor erwachsenen Leuten täte dir nicht schlecht, Julius."

"Du meinst jetzt konkret vor dir", versetzte Julius unbeeindruckt. Catherine sah ihn zur Vorsicht gemahnend an. Doch sie schwieg, was ihm als Zugeständnis reichte, sich alleine mit Joe auseinanderzusetzen.

"Nicht nur mit mir. Mit allen, die zufällig nicht die magische Grundbegabung drinhaben."

"Ui, und ich habe schon gedacht, du hättest Minderwertigkeitskomplexe", schickte Julius eine heftige Antwort zurück. Joe machte Anstalten, aufzuspringen, als sich Julius' Mutter wieder einschaltete:

"Joe, wenn du dich wie ein halbstarker aufführst, behandelt dich Julius wie Seinesgleichen. Wenn du Respekt von ihm haben möchtest, benimm dich wie ein erwachsener Mann! Ich sag's noch einmal: Du hast bestimmt nichts zu befürchten, wenn wir beide was tun, was deiner Schwiegermutter nicht gefällt. Sie wird sich dann nur an uns wenden und dich nur mit den Dingen behelligen, die mit dir und deiner Familie zu tun haben, sollte da was sein, was sie verärgert. Aber das weißt du ja schon zur Genüge."

"Okay, ich sag' nichts mehr", knurrte Joe nun richtig vergrätzt. "Wenn meine Meinung nicht zählt, muß sie auch keiner hören. Das gilt auch für dich, Catherine."

"Öi, das wollte ich nich'", lamentierte Babette, die hier und jetzt mitbekam, wie schnell sich ein lustiges Geplauder über irgendwelche Beziehungen in eine düstere Stimmung verwandelte. Catherine sah Julius ruhig an und sagte leise aber entschieden:

"Es stimmt schon, daß du nicht nur vor denen Respekt haben solltest, die Magie benutzen können, weil du nie weißt, ob du nicht eines Tages auf ihren Guten Willen angewiesen bist, Julius. Andererseits hast du natürlich recht, daß mein Mann nicht dein Vater ist und sich deswegen keine überflüssigen Gedanken um dein Privatleben machen muß. Da das hier jetzt alle mitbekommen haben, halte ich diesen Punkt für abgeschlossen."

Julius erwartete, daß Joe seine Alphamännchenposition nicht so einfach aufgeben würde und dazu noch was loswerden wollte. Doch Joe behielt was immer er noch sagen wollte für sich und zeigte keine Reaktion auf Catherines Worte.

"Morgen früh bin ich auf dem Latierre-Hof. Ich frage nachher noch einmal an, ob und was ich vorbereiten soll", sagte Julius ruhig.

"Warum kann ich da nicht mit, Maman?" Fragte Babette. "Wenn Mayette da auch ist ist das unfair."

"Zum einen ist Mayette nicht da, weil sie morgen mit ihrer Mutter und Patricia nach Lyon geht, um Josianne zu besuchen, die ja auch ein Baby kriegt, Cherie. Zum zweiten hat Barbara im Moment genug Leute um sich herum", sagte Catherine. Babette grummelte zwar, nahm dies aber als unumstößlich hin.

Nach dem Abendessen winkte Martha ihren Sohn ins gemeinsame Wohnzimmer und schloß die Tür. Sie schaltete den Fernseher ein und stellte sich in die entfernteste Ecke des tanzsaalgroßen Raumes.

"Das ihr beide das nicht kapieren wollt", grummelte sie. "Ich meine Joe und dich."

"'tschuldigung, Mum, aber wenn der meint, mir in meine Sachen reinreden zu müssen und sich dabei nicht an seine eigenen Grenzen hält muß ich das auch nicht tun."

"Ja, aber du weißt genau, daß mir das heftig aufs Gemüt schlägt, wenn wegen längst geklärter Sachen diese Angriffsstimmung aufkommt", sagte sie. "Er hat insofern recht, daß du durchaus noch lernen mußt, in gewissen Situationen einfach jemanden reden zu lassen, ohne gleich darauf anzuspringen", schnarrte sie.

"Ach du denkst, ich hätte das so hinnehmen und schlucken sollen, daß er Catherine, dir und mir ganz konkret zeigt, wie gerne er in meine Angelegenheiten reinreden würde und Catherine damit zu deutlich zeigt, daß er immer noch nicht drüber weg ist, daß zwischen ihm und dir nichts festes zu Stande gekommen ist? Vergiss es, Mum! Wenn der meint, er müsse Paps ersetzen und von mir den Respekt verlangt, den ich Paps und dir gebe, dann hat der sich geschnitten. Nur du, Catherine und Leute, die mir wirklich was wichtiges beibringen können können so mit mir reden."

"Joe könnte dir im Punkte Computer und Arbeitsmoral noch was beibringen", knurrte seine Mutter. Doch genau das hätte sie nicht sagen sollen.

"Immerhin habe ich ohne ihn rausgekriegt, daß du mir im letzten Jahr das Internet zensiert hast, Mum. Und was die Arbeitsmoral angeht, weiß ich jetzt echt nicht, was ich im letzten Halbjahr besser hätte machen sollen, wenn dir Professeur Faucon schon sagt, ich täte mehr als gut für mich sei, ausgerechnet sie. Ich bin kein Partytyp, der alles liegen läßt, nur weil es ihm keinen Spaß macht, Mum. Also erzähl mir jetzt bitte nicht, daß Joe mir da noch was beizubringen hat, was Paps und du mir nicht schon längst beigebracht habt. Der hätte Joe das nicht durchgehen lassen, wenn der sich in unsere Angelegenheiten reingehangen hat. Oder habt ihr euch in die Sachen der Brickstons reingehangen, als ihr hier wart und noch nicht wußtet, daß Catherine und Babette Hexen sind?""

"Das Thema hatten wir schon", knurrte Julius' Mutter, die begriff, daß sie sich ein ihr sehr unangenehmes Thema ausgesucht und sich Julius ungewollt ausgeliefert hatte.

"Ja, eben und deshalb ist die Kiste für mich schon längst zu, Mum. Ich hab's mitgekriegt, wie Joe sich von seiner eigenen Mutter drangsalieren läßt und teilweise dafür geschämt hat, wie sein Vater, mit dem ich wesentlich besser klarkam als Joe selbst, so drauf war. Der soll seine echten Minderwertigkeitskomplexe nicht an mir abreagieren, Mum. Das habe ich ihm nur sagen wollen. Wir beide haben zu viel mitgemacht um uns durch ihn das Leben dummreden zu lassen. Sicher bin ich wohl erst vierzehn Jahre alt. Aber ich lasse mir nicht mehr mit diesem Werd-erst-mal-was-Getue kommen, schon gar nicht von Leuten, die mir da kein besseres Vorbild sein können. Noch mal zu den Computerkenntnissen: Bist du echt schlechter drauf als Joe? Das bringt mich aber jetzt zum grübeln."

"Ist gut, Julius. Ich habe den falschen Ansatz gewählt, worüber ich mich selbst wundern muß. Die Situation ist offenbar doch nicht so einfach zu bewältigen wie ich dachte. Joe hätte nicht damit anfangen sollen, daß Blanche ihm Vorhaltungen machen könnte, weil du dir eine Enkeltochter ihrer Intimfeindin ausgesucht hast."

"Ich denke, mit dem Wort sollten wir beide sehr vorsichtig sein. Feind heißt bei uns tatsächlich wer, der einem ans Leder oder die Rangstellung will. Ich denke nicht, daß Ursuline derartig drauf ist, was Prrofesseur Faucon angeht. Aber was den ersten Teil angeht hast du recht, Mum. Wenn Joe nicht hätte raushängen lassen, daß er meint, für mich verantwortlich zu sein, wäre die ganze alte Leier nicht noch mal hochgekommen. Ich bleibe nur dabei, daß ich mir von dem keine Nachhilfestunden in gutem Benehmen geben lassen muß. Das habe ich auch seiner Mutter gesagt, als die ein ähnliches Ding versucht hat. Sicher bin ich längst nicht mit allem fertig, was ich lernen kann, egal was. Aber das heißt nicht, daß ich mir von echt jedem von oben herab alles bieten lassen muß. Wenn wir uns da einig sind, Mum, kriegen zumindest wir beide keinen Krach mehr."

"Das hat Catherine genau gemeint, daß wir alle daran denken sollten, wer mit wem wie steht oder nicht", seufzte Martha Andrews. Sie erkannte, daß die Zeit wohl gekommen war, wo reine Vernunft genauso verkehrt war wie bloßes Beharren auf eine Vorrangstellung. Insofern war sie froh, einen Sohn statt einer Tochter zu haben. Sie hoffte nur, daß sie sich mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter dafür nicht andauernd in der Wolle haben würde, unabhängig davon, ob diese eine Hexe war und sie selbst nicht. Doch sie selbst hatte ja befunden, daß Millie Latierre vernünftig genug auftreten konnte und durchaus Respekt vor ihr hatte.

"Es war ein wenig zu hart, daß du ihm das vor den Kopf geschlagen hast, daß er sich bei mir was ausgerechnet hatte, Julius. Jetzt weiß er, daß ich dir das erzählt habe und du ihn damit noch besser in die Enge drängen kannst, auch und vor allem vor Catherine und Babette. Manchmal sollten Kenntnisse wie Atomwaffen eingelagert und nicht einfach so benutzt werden."

"Atomwaffen sollte keiner haben oder einlagern, Mum. Und was das mit dir und Joe angeht, halte ich ihn nicht für so blöd, daß er das geglaubt hat, daß du mir nie erzählt hast, was er damals gehofft hat. Ich denke auch, daß Catherine das weiß, daß er sich deshalb so reinhängt, weil er da immer noch nicht drüber weg ist, daß Paps dich ihm ausgespannt hat, bevor er wirklich was mit dir angefangen hätte. Ich habe es in ihren Augen gesehen, daß sie das Thema kennt und es deshalb nicht gerne beredet, vor allem wo sie das zweite Kind von Joe kriegt."

"Ja, vielleicht hat er es langsam durchschaut, daß es nicht von irgendwoher kam, daß sie und er noch einmal so richtig füreinander entbrannt sind. Vielleicht war das psychologisch verkehrt, daß Ursuline diesen Club der guten Hoffnung so hofiert hat."

"Er hat mit keinem Wort erwähnt, daß er sich betrogen fühlt, Mum", sagte Julius. "Und ich kann an ihm nichts sehen, was mir verraten kann, daß er Claudine nicht haben will."

"Da stimme ich dir zu, Julius. Er wartet auf sein zweites Kind. Wahrscheinlich stört es ihn nur, daß Catherine sich diesmal durchgesetzt hat und Madame Matine als Geburtshelferin haben wollte."

"Womit Professeur Faucon noch stärker an Claudines Entwicklung beteiligt ist als bei Babette", sagte Julius dazu. Seine Mutter nickte.

"jedenfalls sollten wir beide versuchen, uns von Joe nicht mehr so leicht auf solche Sachen wie eben bringen zu lassen. Ich denke, da stimmst du mir zu, daß du das noch lernen mußt."

"Du meinst, wenn ich rauskriege, wie ich das einfach überhöre, wenn der mir wieder einen vorhält, wie verantwortlich er für mich sei, Mum? Hast recht, ist schwer. Aber Es gibt Sachen, die sind schwerer und vor allem wichtiger." Seine Mutter nickte erst, verzog aber das Gesicht, weil er nicht gerade die Antwort gegeben hatte, die sie von ihm hatte hören wollen. Doch ihn kümmerte das jetzt nicht mehr. Er würde halt demnächst wie beim Occlumentie-Training üben, etwas einfach ins Leere laufen zu lassen, was Joe ihm vorhielt und sehen, wie er damit fertig wurde.

Ohne weiter über dieses Thema zu reden, weil beide es für erledigt ansahen, saßen Mutter und Sohn Andrews beim Fernsehen und ließen den Krimi aus den 50er Jahren auf sich wirken, bis um zehn Uhr abends das Telefon klingelte. Martha ging an den Apparat und meldete sich, während Julius im Wohnzimmer sitzen blieb und verfolgte, wie der Polizeiinspektor kurz davorstand, den raffinierten Mörder mit den Beweisen seiner Untat zu konfrontieren. Doch mit halbem Ohr bekam er mit, daß seine Mutter sichtlich erschrocken klang als sie ausstieß:

"Was, der jetzt auch?! ... Das fürchte ich auch. Oha, Zach! ... Keine neuen Anweisungen? ... Da will jemand eure Verwaltung zerlegen und ...""

"Und anhand dieser Erdkrümel konnten wir beweisen, daß nur Sie Monsieur Dubois getötet haben konnten, Monsieur Morelle", sagte in diesem Moment der Inspektor abgebrüht zum Hauptverdächtigen.

"Nein, Catherine hat nichts dergleichen erwähnt, Zach", klang die Stimme von Julius' Mutter wie eine Antwort auf diese Vorhaltung aus dem Arbeitszimmer.

"Ich würde an Ihrer Stelle gestehen", fuhr der Inspektor gerade fort. "Womöglich können Sie der Guillotine dadurch noch entgehen."

"Wie, sie haben den erwischt?" Hörte Julius die Frage seiner Mutter, während Monsieur Morelle tief durchatmete und begann, ein volles Geständnis abzulegen. Als wenn seine Mutter in diesem Krimi mitspielte hörte Julius sie sagen:

"Ah, er gesteht. ... Oh, natürlich weiß ich, was du meinst. Nicht leicht was anderes nachzuweisen, oder?"

"Ich ging davon aus, keiner käme mir drauf", sagte der überführte Mörder gerade mit einem höchst beklommenen Tonfall.

"Wie gesagt, hier ist alles wie gehabt, Zach. Morgen rede ich vor interessiertem Publikum über die NATO. ... Ja, ausgerechnet eine Mathematikerin und Computerexpertin", sagte Martha noch, wobei sie nun etwas erheitert klang.

"Nur Sie müssen meine Situation verstehen", sprach der überführte Mörder im Fernsehen, "daß ich dazu gezwungen war. Ich konnte nichts anderes tun."

"Wie, der ist kein Amerikaner. Woher weißt du .... Wenn du schon gackerst mußt du das Ei auch legen, Zach. Unter Umständen muß ich das weitergeben", hörte Julius seine Mutter. "In Ordnung, Zach, ich danke dir für die Information. Aber wozu hast du sie mir gegeben, wenn ich sie nicht verwenden darf? Ich dachte ihr wißt genau, was ihr geheimhalten müßt. ... Ich weiß, das war jetzt spitzfindig. Aber du hast mir gerade einen gehörigen Schrecken eingejagt mit deiner Nachricht."

"Wenn ich es nicht getan hätte, hätte er meine Familie und mich ruiniert", rechtfertigte Morelle seine Tat.

"Okay, ich sage es keinem weiter, Zach. Nur Julius muß ich das wohl erzählen. ... Nein, der kann das für sich behalten, Zachary."

Julius befand nun, daß der Telefonkrimi wesentlich spannender wurde als der gerade im Endspurt befindliche Fernsehkrimi. Morelle hatte den Mord begangen und dabei Erde aus dem Dorf bei Avignon am Schuh gehabt, die dann am Tatort geblieben war. So'n Pech aber auch! Julius griff die Fernbedienung - auch eine Art Zauberstab - und drückte auf den Bereitschaftsknopf. Mit leisem Knacken und Knistern erlosch das Fernsehbild und verstummte die Stimme des zum Mörder gewordenen Opfers einer Erpressung. Gerade in dem Moment sagte seine Mutter:

"Wenn der meint, daß es noch keiner wissen soll, Zach. ... Ja, ist gut, Zach! Noch mal danke für die Information! Gute Nacht! ... Natürlich ist es bei dir noch Nachmittag. Aber wir haben hier schon zehn Uhr durch. ... Dann noch einen schönen Abend!"

"Krimi ist aus, Mum! Morelle war's doch. Du hattest recht!" Rief Julius seiner Mutter zu.

"Zumindest konnte der Darsteller von François Dubois nach dem Film wieder aufstehen", sagte seine Mutter, als sie auf halbem Weg zwischen Arbeitszimmer und Wohnzimmer war.

 

"Der war ein mieser Erpresser, Mum. Aber stimmt schon, daß kein Mensch der Welt das Recht hat, einen anderen umzubringen, außer in unmittelbarer Notwehr."

"Zach ist ein komischer Vogel, Julius. Der ruft mich an, um mir ganz aufgeregt zu erzählen, natürlich unter Benutzung unserer Hilfsbegriffe, daß Davenport jetzt ebenfalls ermordet wurde. So heute um vier Uhr unserer Zeit muß das passiert sein, wo wir im Café des Fleurs gesessen haben."

Julius erschrak und erbleichte. "Davenport ist auch tot!" Rief er. Damit war es mit der Geheimhaltung wohl vorbei, die der FBI-Agent wohl verlangt hatte. Martha Andrews stand da wie zur Salzsäule erstarrt und horchte wie ein erschrecktes Reh in die Stille hinaus. Dann sagte sie halblaut:

"zach meinte, wir sollten das keinem erzählen, wenn die es drüben nicht auch veröffentlichen wollen, Julius. Aber es sieht so aus, als wäre ein ausländischer Zauberer der Drahtzieher und ..."

Es fauchte im Kamin, und Catherine landete auf dem Rost. Mit einem schon etwas ausladenden Schwung wuchtete sie sich aus dem Kamin heraus und baute sich in ihrer ganzen runden Form vor den Andrews' auf.

"Wie war das bitte, Julius und Martha?" Sagte sie kalt wie ein Eisblock. Martha errötete und warf Julius einen vorwurfsvollen Blick zu, weil der sich nicht hatte beherrschen können. Doch Julius blickte Catherine an und sagte ruhig:

"Mums Telefonfreund hat ihr gerade erzählt, daß der amerikanische Zaubereiminister ermordet worden sei, wohl von einem ausländischen Zauberer. Könnte also doch der Irre von der Insel sein."

"Okay, Catherine, ich habe es Mr. Marchand zwar versprochen, es möglichst für mich zu behalten. Aber ich weiß, daß du jetzt nicht mehr weggehst, bevor du die Geschichte gehört hast. Setz dich bitte wohin, wo du es bequem genug hast!"

Catherine ließ sich im Sessel nieder und entspannte sich. Martha und Julius nahmen ihr gegenüber Platz, und Martha berichtete:

"Also, heute Morgen bekam ich schon einen Anruf von Mr. Marchand, daß am Samstag der aussichtsreichste Mitbewerber um das Amt des US-amerikanischen Zaubereiministers einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Gerüchte und Verdächtigungen wie üblich. Aber kein konkreter Hinweis. Und jetzt gerade eben ruft mich Mr. Marchand noch einmal an, um mir zu sagen, daß Minister Davenport selbst tot in seinem Büro gefunden wurde, mit schweren inneren Verletzungen. Diesmal haben sie den Täter erwischt, der erst unruhe gestiftet und dann den Minister getötet haben soll. Zachary benutzte das Wort "Von einem unabwendbaren Zwang getrieben. Damit meint er den Imperius-Fluch."

"Verstehe. Wer ist der Täter und von wem wurde er zur Tat gezwungen?" Fragte Catherine immer noch kalt klingend, als mache ihr das gar nichts aus, mal eben zu erfahren, daß irgendwer einfach so wichtige Zauberer ermordete. Womöglich wühlte es sie innerlich auf, und Claudine konnte es am schnelleren Herzschlag ihrer Mutter hören, dachte Julius für sich.

"Genau da fiel Mr. Marchand ein, daß es eigentlich keiner wissen dürfe und sagte nur was von einem Zauberer außerhalb von Amerika. Könnte also doch dieser Voldemort sein."

"Neh, Mum, davon hatten wir's heute morgen doch schon", setzte Julius zum Widerspruch an. "Dann wäre ja das dunkle Mal aufgetaucht. Der Typ ist doch zu machtgeil ..."

"Julius", zischte Catherine, und seine Mutter blickte ihn ebenso tadelnd an wie sie. "Verdirb nicht unsere Sprache!"

"... Also so machtsüchtig, daß er doch jeden wissen lassen will, was er tun kann und wen er einfach so umbringen kann, weil er es will", führte Julius seinen Satz zu Ende.

"Ja, aber wenn dieser Imperius-Fluch nur einen einfachen Befehl übermittelt und keine komplexen Anweisungen, konnte der davon getroffene wohl nur den Mordauftrag ausführen", sagte Martha Andrews.

"Da muß ich dir widersprechen, Martha, was die Macht des unverzeihlichen Imperius-Fluches angeht. Widerstandskraft und Auffassungsgabe sind die Kriterien, die über die volle Wirkung und Folgen entscheiden. Wenn die Widerstandskraft klein, aber die Auffassungsgabe sehr groß ist, dann kann der Anwender des Fluches sein Opfer zu wirklich komplexen Handlungen zwingen." Julius nickte ihr zustimmend zu. Er selbst hatte es am eigenen Körper und Geist zu spüren bekommen, wie beängstigend einsetzbar dieser Fluch war, als Catherines Mutter ihn das Kampflied der Sardonianerinnen mit einer Mädchenstimme hatte singen lassen, alle Strophen, von denen er die erste geradeso kannte.

"Ja, aber soweit deine Mutter und du mir das erklärt haben kann damit doch nur ein Befehl zur Zeit übermittelt und zur Ausführung aufgezwungen werden", widersprach Julius' Mutter. Catherine nickte zwar, berichtigte sie jedoch indem sie sagte:

"Ja, der auszuführende Befehl mit allen darin enthaltenen Einzelheiten, unerheblich ob die Ausführungsart dem Opfer geläufig oder völlig fremd ist."

"Stimmt, Mum. Bei den Versuchen, zu denen ihr beide eure schriftliche Zustimmung gegeben habt, hat mich Professeur Faucon einmal ein Kampflied der Schwesternschaft um Sardonia alle Strophen lang singen lassen, von denen ich nur die erste mal gelesen habe. War schon unheimlich."

"Deshalb hat meine Mutter diese Versuche ja auch angeregt und vom Ministerium absegnen lassen", wandte Catherine ein. "Damit die, die sie für fähig genug hält, damit fertig zu werden, erfahren, wie es sich anfühlt und wie sie sich dagegen wehren können." Martha nickte. Das mit Sardonias Lied hatte Julius ihr im letzten Sommer schon erzählt und daß er es mit Belles Stimme hatte singen müssen. Auch daß er die Hymne vom FC Liverpool nachgesungen hatte, die er beschämenderweise auswendig konnte, hatte er ihr erzählt.

"Jedenfalls wollte der vorhin so sangesfreudige Mr. Marchand das Lied nicht zu Ende singen", beendete Martha ihren Bericht.

"Ich denke, das geht eh durch die amerikanische Presse. Besonders die hellhörige Mademoiselle Knowles wird das schneller auffangen als es gesendet wurde", sagte Catherine. Martha Andrews verzog das Gesicht, und Julius presste die Lippen aufeinander, als gelte es, von nun an kein Wort zu viel mehr entschlüpfen zu lassen. Doch dann sagte seine Mutter:

"Offenbar hat sie das schon aufgefangen, als der Gegenkandidat Ironquill ermordet wurde. Sie ist verschwunden, als sie den Minister interviewen wollte. Zumindest das hat Mr. Marchand mir gesagt."

"Und das macht dich nicht stutzig?" Fragte Catherine Martha. Julius wunderte sich, daß Catherine immer noch so kühl wirkte. Sonst gerieten Frauen in anderen Umständen doch leichter aus der Fassung. War wohl auch nur ein Vorurteil.

"Warum sollte mich das stutzig machen?" Wandte Martha Andrews ein. "Wahrscheinlich haben die Attentäter schon in der Nähe gelauert und die günstigste Gelegenheit abgepaßt. Immerhin hatten die für den tatsächlichen Anschlag einen der Leibwächter unterworfen, der erst Chaos gestiftet haben soll und dann für einige Zeit verschwunden war, um dann irgendwo reumütig aufgefunden worden zu sein."

"Eben, und das sollte dich als Logikerin doch stutzig machen", meinte Catherine. Julius schien zu begreifen. Wenn dieser fremde Zauberer die ganze Zeit in der Nähe war, wäre es doch wesentlich einfacher gewesen, entweder die hellhörige Lino zum Mord an Davenport zu treiben oder diesen selbst mit Imperius zu beharken. Mit dem Todesfluch konnte sich jemand auch selbst umbringen, oder er konnte eine andere Selbstmordmethode benutzen wie aus einem Fenster springen oder sich ertränken oder in einem geschlossenen Raum in Brand stecken und ohne weitere Gegenwehr bei lebendigem Leibe verbrennen. Deshalb war Imperius ja so grausam.

"Mum, Catherine meint, das Lino den Minister dann beim Interview schon hätte töten können, allein um die Spur auf irgendwelche Hexen zu lenken. Aber ich hab's doch selbst mitgekriegt, daß die im Ministerium Meldezauber haben, die Flüche aufspüren können. Catherine, du weißt das doch noch, wie es mit dem Ex-Minister Pole oder seinem Doppelgänger gelaufen ist."

"Schon richtig, daß diese Mademoiselle Knowles nicht im Ministerium selbst unter den Fluch gezwungen werden konnte, ohne eine Reihe von Alarmzaubern auszulösen", sagte Catherine und atmete durch, weil ihr Kind sich gerade anders hinlegen wollte. "Aber Der Attentäter hätte dem Minister in den Privaträumen oder außerhalb des Ministeriums den Mordanschlag oder Selbstmordzwang aussetzen können. Linda Knowles hätte also entweder gar nicht mitbekommen können, wenn jemand in der Nähe des Ministers irgendwas plante oder wäre vor dem Interview bearbeitet worden, den Minister zu töten und dann zu verschwinden. Offenbar hat der Minister den Besuch jedoch unbeschadet überstanden. Dann soll es ein Leibwächter gewesen sein, der unter Imperius getötet hat, noch dazu mit einem Zauber, der innere Verletzungen verursacht, die jeder Heiler nach Aufspüren des Fluches hätte beheben können? Oder hat dir Zachary Marchand erzählt, der Fluch sei aufgespürt worden?"

"Der hat mir erzählt, der Verdächtige habe Chaos im Ministerium veranstaltet, wohl um schnell ins Ministerbüro zu apparieren. Er hat vielleicht ein Notfallprotokoll ausgenutzt, um sein Opfer schnell zu finden."

"Irgendwas passt da nicht so ganz", sagte Catherine und stand wieder auf.

"Schickt Viviane los! Sie möchte in den Staaten nachforschen, wie das genau passiert ist, sowohl der Mord an Davenports Gegenkandidaten, als auch an Davenport selbst!"

"Geht klar", sagte Julius und huschte hinaus, bevor seine Mutter ihm nachrufen konnte, er dürfe es doch keinem weitergeben. Er bat Viviane höflich, sich bei ihren Portraits in den Staaten umzuhören, was genau passiert sei. Keine zwei Minuten Später kehrte die gemalte Ausgabe der Mitgründerin von Beauxbatons zurück.

"Also, folgendes", setzte sie an und blickte auf Catherine, Martha und Julius herab: "Eigentlich will Milton Cartridge, der schnell zum kommissarischen Nachfolger berufene Zaubereiminister nichts an die Öffentlichkeit dringen lassen. Aber den Tod von Davenport kann er natürlich nicht vertuschen, besonders nach den Ereignissen im letzten Sommer und den Morden an Beryl Corner, Ardentia Truelane und Jane Porter. Offiziell wird es heißen, das ein heimtückischer Mordanschlag auf den Minister verübt wurde. Näheres dazu würden noch folgende Ermittlungen ergeben, deren Einzelheiten die Presse nicht erfahren dürfe, um den oder die Täter, Täterin oder Täterinnen nicht vorzuwarnen. Tatsächlich geschah folgendes, wie die Portraits im Ministerium auf Betreiben meines in New Orleans und anderswo existierenden Ebenbildes in Erfahrung bringen konnte: Davenport wurde kurz vor Zehn Uhr Washingtoner Zeit von einem der Indiskretion verdächtigen Leibwächter namens Edgar Fowler dazu veranlaßt, in das Wachhaus für Muggelannäherungen zu gehen, um sich mit dem Verdächtigen zu unterhalten, wohl über den Mordfall Ironquill, der zwei Tage zuvor geschah. Die Leibwachen gingen davon aus, daß der Minister den nur ihm zur Verfügung stehenden Schnellaufzug benutzte, um das Wachhaus zu erreichen, von dem aus eine vollständige Apparitionssperre errichtet werden konnte. In diesem sei dann für einige Sekunden Feuer ausgebrochen. Dann sei der Verdächtige mitten in der Eingangshalle appariert, habe mit ungezielten Flüchen alle Alarmzauber des Ministeriums ausgelöst und damit die Evakuierungsmaßnahmen eingeleitet, die eine vollständige Apparitionsfreigabe für die sonst dagegen abgeschlossenen Bereiche beinhalten. So konnte er ins Ministerbüro hineinapparieren und Minister Davenport dort selbst töten oder dessen Leichnam deponieren. So genau weiß das keiner. Welche Spuren es am Leichenfundort selbst gab konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Jedenfalls wurde Fowler eine halbe Stunde später vor dem Ministerium aufgegriffen. Er legte ein Geständnis ab und beteuerte, unter der Wirkung des Imperius-Fluchs gestanden zu haben, den ein kleiner Zauberer mit gedrungenem Aussehen auf ihn gelegt hatte, der nach Angaben der Strafverfolgungsabteilung einem russischen Schwarzmagier entspräche, der an und für sich im Februar bei einer Auseinandersetzung mit Dementoren und anderen Getreuen des britischen Dunkelmagiers Voldemort gestorben sein soll. Sie vermuten, daß entweder ein von diesem Zauberer erschaffenes Abbild an seiner Stelle handelt oder Fowler den Imperius-Zwang vorschützt, um nicht voll schuldfähig befunden zu werden. Der Zwölferrat wird morgen in öffentlicher Sitzung zusammentreten und über diesen Fall vorverhandeln."

"Wußte ich es doch", knurrte Catherine, deren Gefühle wohl wieder an die Oberfläche dringen konnten. Julius dachte noch nach, als seine Mutter schon fragte:

"Wieso wollte dieser Fowler den Minister im Wachhaus sehen? Abgesehen davon war das doch besetzt, wenn ich mich nicht ganz täusche. Die sollen aufpassen, daß keine Muggel, die die offiziellen Wanderwege benutzen können, zu nahe an das Ministerium herankommen und da nicht einfach jemand zufällig appariert. Hat der angeblich imperiisierte Zauberer die Posten getötet? Und warum ist der nicht gleich ins Ministerium rein und hat die Alarmzauber losgetreten?"

"Aha, es geht doch", grummelte Catherine. Julius nahm diese Fragen erst einmal in sich auf, während Viviane kurz überlegte und dann sagte:

"Was die Posten angeht, so wurden diese hinter dem Wachhaus gefunden. Jemand hat sie wohl überrumpelt und mit einem Schlaftrank handlungsunfähig gemacht."

"Häh? Der Schocker hätte doch gereicht", brach es aus Julius heraus.

"Ja, stimmt", wandte Catherine ein.

"Ihr habt recht", sagte Viviane. Martha Andrews schlug die Hände vor's Gesicht.

"Irgendwas stimmt doch da nicht."

"Ich kann dir auch sagen, was, Mum", meinte Julius.

"Ja, was denn, Julius?" Grummelte seine Mutter verärgert.

""Ganz einfach, überhaupt nichts stimmt da an der Aussage oder den Spuren, wie du sie beschrieben bekommen hast, Viviane. Damit meine ich nicht, daß du gelogen hast, sondern daß die belogen wurden, die die Spurenbeschreibungen mitbekommen haben. Oder an der Tat selbst ist alles von A bis Z getürkt."

"Bitte was?" Fragte Viviane.

"Vorgetäuscht", übersetzte Martha den etwas saloppen Ausdruck ihres Sohnes. "Die ganze Tat ist ein einziger Haufen von Irreführungen, bis auf die Leiche, die ist wohl echt. Es sei denn, jemand hat vom Minister einen Klon hergestellt oder sowas und den umgebracht und platziert. Dann wäre Davenport entweder noch am Leben und entführt oder er wäre tot, aber das schon seit gewisser Zeit. - Natürlich!" Das letzte Wort schrie sie fast. "Der Minister starb bereits am Samstag, und diese Linda Knowles hat das mitbekommen und mußte deshalb auch verschwinden. Ich werde alt!"

"Oh, das eröffnet natürlich gewisse Ansätze", knurrte Viviane. "Entschuldigt mich bitte, ich kann und darf das nicht aufschieben." Sie verschwand rechts durch den Rahmen, wechselte wohl zu einem anderen Portrait ihrer Selbst hinüber.

"Deine Mutter ist in Millemerveilles, Catherine?" Fragte Julius.

"Ja, noch, Julius. Aber ich werde sie dort aufsuchen, wenn ich genug zusammenhabe, um ihr einen brauchbaren Bericht zu geben."

"Dem Minister auch?" Fragte Julius. Catherine schüttelte den Kopf. Seine Mutter nickte ihr zu. Dann sagte sie:

"Julius, ich fürchte, was da läuft ist mehr als eine Reihe von Mordanschlägen. Offenbar hat sich der falsche Davenport durch irgendwas verraten und mußte sterben, bevor das ans Licht kam. So sieht es jetzt aus, als wenn Fowler zusammen mit Knowles und dem ominösen Drahtzieher den Minister heute ermordet hätte. Natürlich war Fowler nicht allein. Aber warum er dann nicht gleich die Wächter getötet hat."

"Öhm, mir fällt da ein, daß die Schocker ja auch angepeilt werden können. Womöglich hat der, der das Wachhaus überfallen hat ein Gas benutzt und den Leuten dann erst den Schlaftrank verpasst, um sie ruhig zu halten, ohne daß jemand das zunächst mitgekriegt hat. Hmm, aber dann hätte wer auch immer gleich ein tödliches Gift verabreichen können, mit dem Gas schon. Da gibt's einige, die bei Sarin und VX besser als erlaubt mithalten können. Ich habe das mal in "Alchemistische Alpträume" gelesen, als ich wissen wollte ..."" Catherine sah Julius ernst an.

"Also, die Wachen wurden nicht getötet. Das paßt gar nicht zu dem Zeitgenossen, den Viviane erwähnt hat. Ich habe natürlich auch von ihm gehört, Martha und Julius. Er ist in Osteuropa das, was der, welcher sich Lord Voldemort nennt im Westen ist. Deshalb kann ich mir lebhaft vorstellen, daß die beiden Schwarzmagier sich gegenseitig aus dem Feld schlagen wollten."

 

Viviane kehrte zurück und sagte:

"Ich hoffe, meine Aktion war vorbeugend und nicht sinnlos."

"Was hast du gemacht?" Fragte Julius in einer Mischung aus Neugier und Beklemmung.

"Ich habe alle relevanten Gemälde wichtiger persönlichkeiten gebeten, gut aufzupassen, ob sie irgendwas verdächtiges mitbekommen, was in der Welt vor sich geht. Bedauerlicherweise verfüge ich über keine Verbindungen nach Osteuropa, wo der Herd dieser Gefahr zu finden sein mag."

"Kann nichts schaden", sagte Catherine. Da klingelte das Telefon. Martha ging an den Apparat. Es war Joe Brickston.

"Catherine, du möchtest bitte die Sperrzauber lösen, mit denen du ihn da unten in seiner eigenen Wohnung eingekerkert hast", gab Martha weiter.

"Ich werde natürlich sofort zu ihm hinuntergehen und mich bei ihm entschuldigen, wenn ich alles beisammen habe, was ich wissen muß", sagte Catherine dem Arbeitszimmer zugewandt. Martha gab es so weiter. Dann erwiderte sie noch, daß er sich bei Madame Grandchapeau über diese Behandlung beschweren würde, wenn du nicht in fünf Sekunden bei ihm seist."

"Wegen Claudine", knurrte Catherine und eilte mit ausladenden Bauchbewegungen ins Wohnzimmer, wo sie den Kamin entzündete, Flohpulver hineinwarf, in die grüne Feuerwand hineinkletterte und dann den Heimatkamin ausrief.

"Mum, die Kiste riecht nach einem Riesenhaufen Ärger", raunte Julius.

"Julius, vielleicht sollten wir beide in den nächsten Tagen nicht mehr vor die Tür gehen", raunte seine Mutter zurück.

"Du meinst, wer die Sache in den Staaten durchgezogen hat könnte auch in Frankreich zuschlagen?"

"Gut, daß du so eine gute Auffassungsgabe hast, Julius", erwiderte Martha erleichtert. "Es könnte sein, daß dieser Russe oder Osteuropäer auch hier zuschlägt. Das Stichwort "Klon" hat bei mir eine Menge Alarmglocken zum läuten gebracht."

"Du meinst, dieser Typ klont Abbilder derer, die für ihn handeln sollen? Dann müßte der was von den Originalen kriegen, Haare oder Hautproben. Das wäre dann wohl doch schon einem aufgefallen."

"Nicht unbedingt, Julius. Wenn jemand sich den betreffenden Personen nähern kann und die entsprechenden Proben mitgehen lassen kann. - Ich hoffe, meine Phantasie spielt mir da einen Streich, und das in Amerika war eine schlecht geplante Infiltrationsaktion, die den Drahtzieher zum Untertauchen und Stillhalten gezwungen hat. Die mögliche Alternative wäre zu schrecklich."

"Du meinst, daß bereits Klone von wichtigen Leuten rumlaufen und von diesem Iwan ferngesteuert ... Oh, Drachenmist! Das geht natürlich", erkannte Julius. Er sah Viviane an und fragte:

"Hat sich Davenport den Zeugenberichten nach irgendwie auffällig bewegt oder merkwürdig gesprochen?"

"Nein, nicht das ich wüßte. Abgesehen davon wäre das ja dann zu auffällig. Hinzukommt, daß jemand ja gerade im letzten Jahr den aussichtsreichen Versuch gerade noch im letzten Moment vereitelt hat, eine wirksame Fernkontrolle über Menschen zu erlernen", erwiderte Viviane, ohne mit einer Wimper zu zucken. Julius beherrschte sich, nicht selbst irgendeine Regung zu zeigen. Dann sagte er zu seiner Mutter:

"Im Haus zu hocken und jeden zu verdächtigen bringt nichts. Mum. Selbst wenn wir hier vor bösen Kreaturen sicher sind würden wir wahnsinnig. Geh einfach davon aus, daß Davenports Tod nur deshalb so seltsam rüberkommt, weil jemand die wahre Mordmethode verheimlichen wollte." Seine Mutter nickte schwerfällig.

"Ich denke ernsthaft daran, den Vortrag morgen abzusagen", sagte Martha Andrews. Doch dann straffte sie sich, als wolle sie eine unbequeme Last abschütteln und sagte entschlossen: "Aber dann könnte ich mich gleich von Catherine in Tiefschlaf versenken lassen und die nächsten hundert Jahre verschlafen. Du hast recht, Julius. Wir dürfen uns nicht von unserer Vorstellung ins Bockshorn jagen lassen, die Morde in Amerika könnten nur der Auftakt sein."

"Ich geh morgen zu Babs Latierre. Sonst geht das schneller durch die Welt, daß wir was gehört haben, was wir nicht wissen dürfen, Mum. Wenn wirklich was läuft, nützt uns das Haus hier auch nichts, wenn draußen alle lauern, die uns was wollen, weil wir die Sache aufgedeckt haben. Womöglich bilden wir uns da nur was ein, weil die Sache so merkwürdig abgelaufen ist. Womöglich ist die Sache ganz einfach. Lino sollte rauskriegen, was der Minister in den nächsten Tagen vorhatte, dann tauchte sie unter und überließ Fowler und den anderen die Bühne. Der Minister wurde im Wachhaus ermordet und dann im Büro abgelegt, um die Leute zu verunsichern. Macht sich ja nicht gut, wenn der höchste Beamte im sichersten Raum der Dienststelle stirbt."

"Natürlich, Julius. Das und nichts anderes ist es. Die Spuren wurden deshalb so gelegt, damit jeder glaubt, Davenports Ermordung stünde im Zusammenhang mit dem Tod von Ironquill. Womöglich bot der Tod von Ironquill nur die Gelegenheit, Davenport umzubringen und es so hinzustellen, daß es ein Folgemord war. Am Ende ist der Herausforderer wirklich durch einen Zauberunfall gestorben", erwiderte martha Andrews und schlug sich die Hände vor's Gesicht. "Und wir machen hier sämtliche Pferde scheu. Gut, daß ich nicht im Ministerium für Sicherheitsfragen zuständig bin. Ich kucke doch zu viele Krimis, und dein Vater hat mich zu viele Zukunftsfilme sehen lassen. Am besten gehen wir schlafen, um unser müdes Hirn wieder zu normalisieren!"

"Ist vielleicht besser", sagte Julius.

"Aber eines möchte ich noch wissen, Julius: Warum hat Morelle Dubois ermordet?"

"Hmm, er wurde von dem erpresst, weil er irgendwelche Urkunden gefälscht hat, die ihm mehr Macht gaben als ihm zustand. Was genau habe ich nicht mehr mitgekriegt, weil ich die Glotze abgeschaltet habe, als das mit dir und Zach Marchand spannender wurde als der Krimi."

"Natürlich, Morelle war drauf und dran, Generaldirektor einer Chemiefirma zu werden. Womöglich hat er seine Diplome frisiert, um die Karriereleiter überhaupt besteigen zu dürfen", sagte Martha Andrews. "schön, wenn es noch vorhersehbare Krimis gibt. Das entspannt doch auch."

"Stimmt, Mum. Nacht!" Sagte Julius. Er ging in sein Zimmer und lauschte auf die Unterhaltung einen Stock tiefer. Jetzt hatten sich Catherine und Joe womöglich wegen eines Gangsters, der die Ermittler nach Strich und Faden verschaukelt hatte, dachte Julius. Morgen würde er zu Babs Latierre gehen und sich mit harmlosen Flügelkühen und ihrer Haltung beschäftigen. Doch irgendwie ließ ihn der Gedanke nicht los, daß seine Mutter doch recht haben konnte, und irgendwer Klone oder auch Simulakren von wichtigen Zauberern und Hexen herstellte und sie irgendwie so hinbekam, daß sie unauffällig handeln konnten. Denn er wußte, daß Jane Porter genau so ihren Tod vorgetäuscht hatte. Außerdem konnte er nicht mit Sicherheit ausschließen, daß es außer den grünen Würmern in Slytherins Galerie nicht noch andere Überwachungs- und Fernsteuerungsmöglichkeiten gab. Dann wäre es noch nicht einmal nötig, einen magischen Klon zu bauen. Die Zielperson mußte nur an diese Fernsteuerung angeschlossen werden, was an und in sich auch schon grausam genug erschien. So verscheuchte er diesen neuen Gedanken mit der Vorstellung, jemand habe Davenport anderswo umgebracht und gezielt im Ministerium ausgelegt, um denen da vorzuführen, daß auch dort wer tot umfallen könnte. Außerdem hatte er den Namen dieses russischen Dunkelmagiers noch nicht mitbekommen. Vielleicht gab es den wirklich nicht mehr, weil Voldemort in seiner brutalen Gründlichkeit alle umbrachte, die ihm zu gefährlich wurden. Das rückte ihn, Julius, zwar auch auf die Abschußliste, beruhigte ihn aber seltsamerweise sofort, weil er sich langsam auf die Vermutung festlegte, daß es diesen Russen nicht mehr gab und Fowler nicht unter dem Imperius-Fluch gestanden hatte. Morgen würde er zu Babs Latierre gehen und sein Gehirn wieder ausschütteln, nachdem es heute derartig rotiert hatte.

 

__________

 

Catherine unterhielt sich lange mit ihrem Mann. Natürlich war der ungehalten, daß sie einfach alle Türen und Fenster mit einem Verriegelungszauber versperrt hatte, damit er nicht einfach hinter ihr herlaufen konnte. Aber andererseits konnte sie ihn nicht einfach alles mithören lassen, was sie mit Martha und Julius besprach. Er machte ihr Vorhaltungen, sie würde ihn wie einen kleinen, unmündigen Jungen behandeln, und er würde sich das nicht mehr lange bieten lassen. Doch sie sagte ihm, daß es Dinge gebe, die zu wissen tödlicher war als sie nicht zu wissen. Sie erklärte ihm, daß Julius und dessen Mutter durch Zufall auf etwas gebracht worden seien, was den beiden arge Probleme bereiten konnte, wenn sie, Catherine, nicht dafür sorgte, daß sie mit diesem Wissen nicht an die falschen Stellen traten. Joe knurrte darauf nur, daß sie ihm vieles erzählen könne und er selbst enscheiden wolle, was er wissen und was er nicht wissen dürfe und er gewiß mit einer wie auch immer gearteten Information besser umgehen könne als ein halbwüchsiger Junge, der seinen Vater, die erste große Liebe und sein erstes Zuhause verloren habe. Das stimmte Catherine nun sehr ungehalten.

"Joe, seit Jahren versuche ich dir so behutsam wie es geht, Sachen zu erklären, die du wissen mußt, um mit mir und Babette ohne Probleme leben zu können. Ich bin dabei immer so rücksichtsvoll wie möglich gewesen, anders als meine Mutter." Sie funkelte ihn saphirblau an, und offenbar reagierte ihr gemeinsames Kind auf die steigende Erregung, weil der vorgewölbte Bauch sich mal hier und mal da merklich ausbeulte. "Doch ich fürchte, Maman hatte zumindest in der Hinsicht recht, daß es Dinge gibt, die du nicht behutsam sondern nur granithart lernen kannst. Also fühle das!" Joe wollte gerade ansetzen, irgendwas zu erwidern, als sein Blick von dem seiner Frau eingefangen wurde. Er glaubte, in zwei saphirblaue Seen zu stürzen und fühlte sich unvermittelt wieder in dem Gitterbett liegen, in dem er die ersten vier Jahre seines Lebens die Nächte verbracht hatte. Er wollte gerade den Mund auftun, als die dunkle Nacht über ihn hereinbrach und er unvermittelt das tiefe Dröhnen hörte, mit dem ein riesiges, schwarzes Rad auf ihn zurollte, über dem wie ein riesiges Auge aus Feuer der Scheinwerfer eines überdimensionalen Lastwagens glomm. Er schrie auf, als er den über ihn wegdonnernden Boden der gigantischen Zugmaschine wahrnahm, das Beben des Bodens fühlte. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Das war doch der Alptraum, den er fünf Wochen lang nicht mehr loswurde, seitdem er beim Spielen auf der Straße wirklich fast von einem 40-Tonner überfahren worden war und nur seine geringe Körpergröße ihn davor bewahrt hatte, umgestoßen und plattgewalzt zu werden, als der Wagen mit dem glücklichen Zufall, dem viele Kinder ihr Leben verdanken, genau in der Mitte auf ihn zugedonnert war und er die für ihn viel zu großen Räder links und rechts an sich vorbeirollen gesehen hatte. Joe wimmerte, als ihn diese längst verdrängt geglaubte Todesangst wieder voll erwischte. Doch es war nicht vorbei. Kaum war der monströse Laster über ihn hinweggedröhnt, prügelten fünf verwegen aussehende Jungen auf ihn ein, wie damals in der zweiten Klasse, als ihm ein siebtklässler das neue Spielzeugauto weggenommen hatte und er gemeint hatte, sich mit dem Burschen anlegen zu müssen und gleich von ihm und seinen Kumpels verprügelt wurde. Da die Bande gemerkt hatte, daß der schlachsige Junge, dessen Mutter ihn immer auf feiner Pinkel anzog nicht viel Kraft hatte, hatten sie ihn fast ein Jahr lang vertrimmt, bis er von einem Cousin seines Vaters nicht nur ein paar Boxhiebe erlernt hatte, sondern vor allem die Schwachstellen dieser Raufbolde herausgefunden hatte. Doch es hatte ihn viele Beulen, blaue Flecken und mehrere zerrissene Hosen und Hemden gekostet, stark genug zu werden. Wieso fiel ihm diese ebenso überwunden geglaubte Quälerei wieder ein? Dann sah er sich in der Turnhalle stehen, die Knuffe von Mr. Murray in den Seiten, der ihn immer wieder anbrüllte, nicht so lahm und hölzern zu sein. Sport war nie sein Lieblingsfach gewesen. Fußball hatte er gerne gespielt. Aber Murray hatte es immer zugelassen, daß die Jungs ihn nie in die Mannschaft nahmen, weil "Der doch eh zu schwächlich" war. Beim Schwimmen wäre er ja fast mal ertrunken, weil der Lehrer ihn absichtlich untergetaucht hatte und immer gerufen hatte: "Strammer durchziehen, Schlappschwanz!" Woran das gelegen hatte hatte Joe erst kurz vor seinem siebzehnten erfahren. Der Lehrer war mit seinem Vater in der Schule gewesen, und sein Vater hatte ihn immer im Sport überflügelt. Er war also das willkommene Ziel für angestaute Rachegelüste gewesen. All diese Schikanen, die einen sechs- bis zwölfjährigen Jungen zur Hölle auf Erden gereichten, überkamen ihn wieder mit all der damals gefühlten Brutalität, und ohne daß er mit dem Verstand des erwachsenen Mannes dagegen ankämpfen konnte. Dann wechselte der Strom der Erinnerungen Form, Farbe und Geschmack. Statt rauflustiger Jungen und brutaler Sportlehrer tauchte nun Nina, die erste Liebe seines Lebens auf. Er war damals fünfzehn Jahre alt gewesen und hatte dieses weizenblonde Pferdeschwanzmädchen abgöttisch geliebt. Ja, sie hatte ihn, das Mathe-As, damals auch sehr angehimmelt und ihn sogar rangelassen, wie sie es nannten. Zweimal hatte er mit ihr die körperliche Liebe erlebt. Doch nach der Lust kam bald schon die Qual, als er erfuhr, daß sie sich ihm nur angeboten hatte, um seine Mathe-Kenntnisse für sich und ihren echten Freund auszunutzen, der im Rechenfach sonst eine Niete war. Diese herbe Enttäuschung fraß wieder an seinem Herzen. Er sah sich Tränenfluten heulend in der hintersten Ecke des ansonsten leeren Computerraumes. Dieses Flittchen hatte ihn mißbraucht, sich ihm wie Fleisch auf einem Grill angeboten, nur um ihrem blöden Freund die Zwischenprüfungen in Mathe zu retten. Danach hatte er lange darauf verzichtet, einem Mädchen nachzusehen. Auch wenn sie ihn für andersrum angesehen und dann noch gehänselt hatten, hatte er keiner Frau mehr nachgesehen, bis zur Uni, wo er Martha kennengelernt hatte. Doch da war dieser Eton-Schnösel, der sich für was besseres als er gehalten hatte und ihm vorhielt, er könne doch nicht alleine überleben und mit seinen überschlauen Sprüchen bei Martha gelandet war. Diese Schmach, diese vernünftige, logisch denkende Frau an diesen Schlauberger und Angeber zu verlieren, quoll wieder an die Oberfläche seines Bewußtseins. Dann sah er sich in den übergroßen Armen von Blanche, seiner Schwiegermutter. Er konnte sich nicht mehr kontrolliert bewegen. Sein Kopf war zu schwer geworden, und in seinem ganz zahnlosen Mund steckte der Sauger einer Flasche, aus der er warme Milch trank. Er hörte Blanche noch sagen: "Dich werde ich lehren, meine Tochter und mich wie unreife Kinder herumzuscheuchen. Er fühlte, wie etwas von dem, was in seinen Mund gelaufen und im Magen verschwunden war, warm und unangenehm Naß zwischen seinen Beinen herauskam, bevor es versickerte. Er fühlte, wie Blanche ihn mit ihren riesigen Händen griff, behutsam aber unerbittlich und ihn in neue Windeln einwickelte. Dann fand er sich laut wimmernd auf dem Stuhl wieder, auf dem er Catherine gegenübersaß. Demütigung, Trauer, Wut und Angst rangen um seinen Verstand. Catherine erkannte, daß sie hier und jetzt eingreifen mußte, wollte sie ihn nicht ein für allemal gegen sich aufbringen.

"Du wirst jetzt sehr böse auf mich sein, aus lauter Wut und Hilflosigkeit, weil ich dich das alles habe sehen und durchleben lassen", sagte sie mit sanfter Stimme. Joe hob die rechte Hand zum Schlag. Doch sein Arm zitterte. "Ja, wenn dir danach ist, schlag mich", sagte sie ruhig. "Aber dann wirst du deine zweite Tochter nicht aufwachsen sehen können, und Babette auch nicht mehr. Aber wenn du findest, daß du nicht mehr mit mir zusammensein willst, dann ist das vielleicht was du willst. Aber du hast eben gesagt, du kämst mit unangenehmen Sachen besser zurecht als "ein Halbwüchsiger, der seinen Vater, seine Heimat und seine erste richtige Liebe verloren hat. Wenn das so ist, wirst du verstehen, warum ich das machen mußte."

"Halt's Maul!" Schnaubte Joe und setzte an, Catherine die Faust mitten zwischen diese saphirblauen Hexenaugen zu rammen. Doch er sah seine Tochter in diesen Augen, Babette, die ihn für den einzigen wichtigen Mann ihres Lebens hielt, und er vermeinte den Herzschlag seiner ungeborenen Tochter zu hören, ein Stück Leben, das ein Stück von ihm selbst war. Er fühlte Tränen aufsteigen. Sein Arm sackte schlaff herunter, unfähig zu einer Bewegung. Catherine blieb auf der Hut, nicht doch einen Schlag abzubekommen. Ruhig sagte sie:

"Das wirst du als den brutalsten Angriff sehen, den jemals jemand auf dich ausgeübt hat." Sie sprach Englisch, seine Muttersprache. "Doch anders konnte ich dir nicht verdeutlichen, wie viel besser es ist, wenn du nicht alles weißt, was jemandem, der mit dieser Macht noch ungehemmter umspringt dazu bringen könnte, dich solange zu quälen und auszuforschen, bis du für ihn alles tust, um nicht weiter behelligt zu werden."

"War das eine Art Gedächtnisabtaster?" Fragte Joe immer noch schwer erschüttert von dem eben erlebten.

"Das Wort trifft in der Wirkung zu. Wenn du jetzt nicht die ultimate Todesangst vor mir hast und mir zuhören kannst, verspreche ich dir, daß das, was ich dir eben angetan habe, nie wieder von mir ausgeht." Joe wimmerte noch etwas. Doch Catherines Stimme klang nicht triumphierend oder überlegen, sondern mitfühlend. Vorsichtig streckte er seine immer noch zitternde Hand nach ihr aus, berührte erst ihren üppiger gewordenen Brustkorb, strich unbeholfen nach unten und kam auf dem prallen Bauch seiner Frau zum liegen. Er fühlte, wie das werdende Leben darin sachte Arme und Beine bewegte. Catherine erkannte, daß er etwas suchte, was ihm Halt gab. Ein Vater suchte halt bei seinem ungeborenen Kind. Sie atmete ruhig, während Joe darum rang, die Ruhe wiederzufinden, die Wut, die aus Angst entstanden war, die wiederum aus der blanken Hilflosigkeit erblüht war, zu verdrängen, sich darauf zu besinnen, daß da ein kleines Wesen war, daß noch hilfloser war als er und trotzdem so viel Lebensfreude ausstrahlte, bevor es auch nur einen Atemzug getan hatte. Er führte die andere Hand an den Bauch seiner Frau und strich sacht darüber. Catherine atmete ruhig ein und aus. Sie erkannte, daß er im Moment zu sich selbst zurückfinden wollte. Sie fühlte, daß die Gefahr, von ihm aus purer Wut der Verzweiflung niedergeschlagen zu werden im Moment nicht mehr da war. Als er endlich wwieder ruhig atmete, sagte er mit belegter Stimme:

"Kann das jeder oder jede von euch?"

"Längst nicht jeder, Joe. Und nur die wirklich machtgierigen rücken einem Menschen auf diese Weise auf den Leib", sagte Catherine. In Joes Gesicht zuckte es zweimal. Dann fragte er schnell:

"Ist es das, was du dem Jungen im letzten Sommer in euren Privatstunden beigebracht hast, das mit anderen zu machen?"

"Nein, Joe. Ich habe ihn gelehrt, sich dagegen zu wehren, niemanden so an sich ranzulassen, wie du mich gerade herangelassen hast. Meine Mutter und ich haben es ihm beigebracht, als wir erkannten, daß das, was er mitbekommen hat, als Waffe gegen ihn verwendet werden kann, wenn es ihm jemand aus dem Geist schöpft. Er hat das gelernt, weil er erkannt hat, daß es Sachen gibt, die zu wissen gefährlich sind, wenn die falschen Leute es erfahren. Und wenn Babette alt genug ist, bringe ich es ihr auch bei."

"Dann weißt du immer, was ich denke und fühle?" Fragte Joe nun wieder etwas argwöhnischer.

"Nein, Joe. Ich wende diese Kunst niemals an, um nach meinem Vergnügen oder aus Machtgier Leute auszuspionieren, schon gar nicht euch, die ihr mir alles bedeutet. Ein einziger Gedanke, den Menschen von sich aus miteinander teilen gibt mehr her als alle gewaltsam entrissenen Gedanken zusammen."

"Sagt wer?" Fragte Joe.

"Logophil vom hohen Tal", sagte Catherine sanft. "Er gehörte zu denen, die Beauxbatons gegründet haben und hat viele Bücher über Verständigung zwischen Hexen und Zauberern geschrieben. Zu seiner Zeit kam diese Zauberei auf, Geschöpfen in die Erinnerungen und Gefühle hineinzusehen. Bei einer Diskussion über die moralische Betrachtung dieser neuen Zauberei erwähnte er diesen Satz und stellte damit heraus, daß er diese Zauberei für grundsätzlich unanständig und grausam ansah. Nur wer gelernt hat, seine eigenen Gefühle und Gedanken zu beherrschen und einen unerschütterlichen Charakter besitzt, darf diese Kunst erlernen. Allerdings reizt das gerade die, die besonders unersättlich und hinterhältig sind um so mehr, diesen Zauber heimlich zu lernen. Aber wer mit seinen Mitmenschen gut auskommen will, widersteht der Versuchung, ihn anzuwenden und lebt damit wesentlich befreiter, Joe. ich mußte das jetzt aber mit dir machen, damit du endlich begreifst, daß ich dich nicht wie einen unmündigen Jungen oder einen überneugierigen Burschen behandele, sondern nur sicherstelle, daß dir niemand etwas entreißen kann, was dein Leben gefährdet. Und was Martha und der Junge erfahren haben, könnte sie umbringen, wenn es von jemandem auf die grausame Weise entrissen wird, mit der ich deine schlimmsten Erlebnisse und größten Enttäuschungen hochgespült habe. Leider kannst du, weil du keine eigene Magie besitzt, den Abwehrzauber nicht erlernen, sogern ich ihn dir beibringen würde, auch wenn ich mich dabei gegen unsere Gesetze vergehen würde. Deshalb bleibt mir nur, dich vor dieser Art Wissen zu schützen, das dich umbringen könnte, auch wenn du dich dann immer noch als bevormundet und unangemessen behandelt fühlen mußt. Aber du sagtest, du seist vernünftig genug, mit allem fertig zu werden. Das habe ich gehofft, weil ich sonst nicht dieses drastische Mittel ergriffen hätte."

"Versprichst du mir, daß du das keinem erzählst, was du bei mir aufgewühlt hast und das nie wieder mit mir machst?" Fragte Joe, der zwischen großer Beklemmung und Verlustangst hing. Beklemmung, weil er jetzt wußte, wie mächtig seine Frau wirklich war. Sie konnte erkennen, wenn er sie belog, ihm die größten Geheimnisse entreißen oder ihn wie gerade eben mit seinen tiefsten Ängsten und Demütigungen foltern. Verlustangst, weil er daran dachte, daß er einen großen, sehr wichtigen Teil seines Lebens verlieren würde, wenn er nicht genug Mut aufbrachte, diese Beklemmung loszuwerden und die Liebe, die ihn mit Catherine verband, ihn aus dem Sumpf von Enttäuschungen, Ausgrenzungen, Versagensängsten und Einsamkeit herausgeführt hatte, als einzig wichtiges Element in seinem und ihrem Leben zuzulassen, auch wenn er mit einer ihn ihre Übermacht spüren lassenden Schwiegermutter auskommen mußte, häufig wütend wurde, wenn Babette ihre erwachenden Zauberkräfte zu irgendwelchen Streichen gegen ihn verwendete und es im tiefsten inneren immer noch nicht verwunden hatte, daß martha Andrews, die er noch als Martha Holder kennengelernt hatte, diesen draufgängerischen, angeberischen Laborpanscher genommen hatte und der Sohn dieses Kerls daran schuld war, daß er sie nun jeden Tag sehen konnte, wie er auch die Sonne sehen konnte, und beide gleichermaßen unerreichbar weit von ihm weg waren und um den Jungen für seinen Geschmack viel zu viel Gewese gemacht wurde. Wie sollte der denn lernen, ein richtiger Mann zu werden ... Nein, das war unfair. Der Junge hatte auch schon Tiefschläge einstecken müssen, von denen er, Joe längst nicht wußte, ob und wie gut der sich davon erholt hatte. Jetzt kam ihm dieses pseudoautoritäre Getue vom Abend lächerlich vor. Der Junge hatte seinen Vater sterben sehen müssen, ohne es aufhalten zu können. Vielleicht konnte Joe das erst begreifen, wenn sein eigener Vater unter seinen Augen starb. Der Junge hatte eine Freundin gehabt, eine, die ihm den Halt gab, den Nina ihm nur zum Schein gegeben hatte, diese Hure. Einen solchen Menschen zu verlieren tat ganz bestimmt mehr weh als jede Enttäuschung. Also wußte der Junge tatsächlich etwas mehr als er, Joe Brickston, der erwachsene Mann, der Familienvater, disziplinierte, manchmal wegen seiner Herkunft herabgewürdigte Angestellte, der immer fleißig und pünktlich seine Arbeit tat. Die Erkenntnis, seine eigene, kindische Verbitterung über daß, was ihm passiert war gegen Marthas Jungen zu richten, war nicht nur unfair, sondern schlicht weg dumm. Dabei war Dummheit das einzige, was sie ihm nie vorgeworfen oder ihm gehässig um die Ohren gehauen hatten. Er widerstand dem Gedanken, daß Julius wegen seiner Zauberkräfte doch ziemlich verhätschelt worden war mit dem Gedanken, daß er auf Gedeih und Verderb Catherines Mutter ausgeliefert war, noch mehr als Joe, der jederzeit die Zelte abbrechen und abhauen könnte, wenn sie ihm zu sehr auf die Nerven ginge. Seine Hände lagen immer noch auf Catherines Unterleib, nicht an einer Stelle, wo er sie nur für ganz nahe Begegnungen berühren konnte, aber so, daß er die Bewegungsübungen seiner Tochter Claudine fühlen konnte, sie streicheln und zu ihr sprechen konnte.

"Ich verspreche dir, dich nicht noch einmal derartig anzurühren, wie ich das gerade getan habe", sagte Catherine noch einmal und ganz ruhig. Joe erwiderte immer noch beeindruckt von der geballten Ladung verflogen gehoffter Erinnerungen:

"Ich werde aufhören, dir in die Angelegenheiten mit Julius und seiner Mutter reinzureden. Ich denke, der Junge wird mich dann auch zumindest ernstnehmen."

"Wenn du der Meinung bist, dich mit Julius auseinandersetzen zu müssen, und er geht darauf ein, dann werde ich dir nicht vorschreiben, was richtig und was falsch ist, Joe. Doch bedenke immer dabei, daß Julius niemals einen Vaterersatz in dir suchen wird. Wenn du es schaffst, dich ihm so zu präsentieren, daß er in dir eher einen älteren Freund sehen kann, wirst du bestimmt sehr gut mit ihm klarkommen. Außerdem sind Jungen und Mädchen mit vierzehn keine kleinen Kinder mehr, die sich alles einfach so sagen lassen, ohne zu fragen, was das soll und warum sie das jetzt eigentlich tun sollen."

"Das mit den Türen und Fenstern, Catherine. War das wirklich so wichtig?" Wollte Joe wissen.

"In diesem Fall ja, weil du nach dem, was am Abend bei Tisch gelaufen ist durchaus versucht hättest, dich mehr in Marthas und sein Leben reinzudrängen. Da ich selbst noch nicht weiß, was ich mit dem anfangen kann, was sie mir erzählt haben, wollte ich sicherstellen, daß dieser bedauerliche Zank vom Abend nicht noch einmal hochkocht", sagte Catherine. Dann erkannte sie, daß sie länger mit Joe gesprochen hatte als sie eigentlich vorhatte. Sie entschuldigte sich und sagte, sie müsse noch einmal zu ihrer Mutter, um mit ihr über die Sache zu sprechen, die sie erfahren habe. Joe sah ihr nach, wie sie im Kamin verschwand. Eines konnte man ihm auf keinen Fall vorwerfen, daß er ein langweiliges Leben hätte.

Catherine erschien bei ihrer Mutter und informierte sie über das, was Zachary Marchand erst etwas zu freigiebig und dann doch unvollständig preisgegeben hatte. Blanche Faucon hörte sich mit steigender Erregung an, was Catherine erzählte. Als sie ihren Bericht beendet hatte holte sie zweimal tief Luft und sagte dann nur:

"Wenn das wirklich Bokanowskis Werk ist, dann haben wir alle nicht aufgepaßt und werden einen hohen Preis dafür zahlen."

"Was meinst du, was ich mit Martha und dem Jungen machen soll, Maman?"

"Hast du mir nicht vor ein paar Tagen überdeutlich erklärt, daß du für die Belange des Jungen zuständig bist, solange er nicht in Beauxbatons ist?" Erwiderte ihre Mutter ungehalten. Catherine nickte. "Das beste wäre, du bringst beide zu mir oder zu Eleonore. Unser Abwehrdom hält zumindest noch. Vielleicht solltest du mit Joe und Babette auch herüberkommen. Aber ich weiß zum einen, daß wir auch Schreckgespenster sehen mögen und alleine die Angst und Übervorsicht ausreicht, Leuten wie Bokanowski, dem Mörder deines Vaters und dieser Wiederkehrerin kampflos alles zu überlassen, was wir aufgebaut haben. Deshalb solltest du den Jungen fragen, ob er dann, wenn er zu Eleonore geht, um ihr von seiner neuen Beziehung zu berichten, womöglich bei ihr Quartier nimmt, bevor dein Mann oder sonst wer wieder einmal behauptet, ich würde den Jungen vereinnahmen. Oder wenn er schon unbedingt mit einer aus dem Latierre-Sttall mehr als gut auskommt, soll ihn dieses Frauenzimmer, das sich was auf seine Fruchtbarkeit einbildet in ihrem illustren Lustschloß wohnen lassen, bis er die Nase von ihr und ihrer Bande vollhat. Sonst fiele mir nichts ein, um deine Frage zu beantworten. Doch, lass Martha und ihn versuchen, ihr Leben weiterzuführen! Uns selber zu Gefangenen der Angst zu machen würde diesen skrupellosen Dunkelhexen und Schwarzmagiern so passen."

"martha und Julius vermuten wohl, daß die Morde in den Staaten darauf hinweisen, daß Bokanowski auch anderswo in die Zaubererwelt hineinfuhrwerken könnte oder das schon getan hat. Ich hoffe nur, sie bekommen beide keinen Verfolgungswahn."

"So wie wir, Mmeine Tochter? Manchmal ist Wissen und Erfahrung ein schlimmerer Fluch als alle, die wir im Unterricht und darüber hinaus studieren können", erwiderte Madame Faucon. Dann sagte sie noch: "Wie gesagt, lass Martha und den Jungen ihr normales Leben weiterleben! Das war das einzige, was dich und mich über den Verlust deines Vaters hinweggerettet hat."

"In Ordnung, Maman. Danke dir! Gute Nacht!" Sagte Catherine dann erleichtert und kehrte in ihr Haus zurück.

 

__________

 

Um sechs Uhr schaltete sich Julius' Radiowecker ein. Gerade liefen die Nachrichten. Nichts neues von den angeblichen unangemeldeten Düsenflugzeugen, deren Auftauchen letzten Donnerstag fast einen internationalen Streit ausgelöst hätte. Julius stand auf und ging ins Bad. Seine Mutter schlief offenbar noch, deshalb machte er sich so leise wie es ging für den Tag bereit. Duschen oder baden wäre jetzt irgendwie Wasserverschwendung, da er damit rechnete, am Abend mit einem starken Hauch von Landluft am Körper wiederzukommen. Als er so weit war, piepte gerade der Wecker seiner Mutter.

"Ich habe schon gehört, daß du wach bist!" Rief Martha Andrews ihrem Sohn zu. Dieser erwiderte, daß er schon mal Tee aufsetzen würde und den Toaster anwerfen wolle. Sie rief dann zurück, daß sie in einer halben Stunde bei ihm sei.

Das Frühstück verlief ruhig und ohne die aufregenden Vermutungen vom gestrigen Abend. Es stimmte schon, daß eine Sache leichter fiel oder nicht mehr so schwer wog, wenn eine Nacht darüber geschlafen wurde. Das wußte Julius von seinen Schularbeiten genauso wie seine Mutter von einem schwierigen Computerprogramm.

"Wann hat Barbara gesagt, sollst du bei ihr eintrudeln?" Fragte seine Mutter. Er antwortete:

"So gegen neun, Mum. Ich kann ja den Kamin nehmen, dann bin ich direkt bei denen im Haupthaus. Wann geht dein NATO-Vortrag über die Bühne?"

"Gegen elf. Minister Grandchapeau und seine Frau wollten noch prüfen, ob noch jemand interesse hat, zuzuhören. Ich schätze, bis heute Mittag ist der Fertig. Vorher mache ich für Nathalie, also Madame Grandchapeau noch eine Zusammenstellung der wichtigsten Internet-Suchmaschinen. Immerhin könnte es wichtig sein, Suchanfragen mit Stichwörtern, die auf die Zaubererwelt hindeuten auf für die Geheimhaltung harmlose Weise zu beantworten. Ich arbeite schon an einem entsprechenden Programmpaket."

"Hacking für die Regierung?" Fragte Julius frech. "Du willst die Suchmaschinen anzapfen und mit einem Umleitungsvirus füttern, das als solches nicht auffällt?"

"Öhm, so was ähnliches habe ich ja schon hinbekommen, wie du weißt. Allerdings lief das bisher nur auf einem konkreten Rechner", sagte sie verlegen dreinschauend. Julius wußte zu gut, was sie meinte und antwortete entsprechend trocken:

"Ja, ich erinnere mich. Ich habe besagtes Suchanfragenfilterprogramm ja ausgiebig testen dürfen, allerdings ohne das zu wissen, was ja Zweck der Übung war, oder?"

"Ich hätte nicht davon anfangen sollen", grummelte Martha Andrews. Julius grinste überlegen. Er wollte gerade noch was sagen, als sein Pflegehelferschlüssel vibrierte. Er hob den rechten Arm und deutete auf das silberne Armband mit dem weißen Schmuckstein.

"Wer wird da wohl was von dir wollen?" Fragte seine Mutter so, daß es darauf nur eine Antwort geben konnte. Julius tippte an den Stein. Millies vollständiges, nichtstoffliches Abbild erschien rechts von ihm. Die gerade noch jüngste Tochter von Hippolyte und Albericus Latierre trug einen grasgrünen Arbeitsumhang. Vom leicht unscharf wirkenden Hintergrund her stand sie auf einer Wiese.

"Hallo, zusammen!" Grüßte sie die Andrews'. "Tante Babs hat mir erlaubt, schon mal rüberzukommen, als ich sie gefragt habe, ob du heute oder morgen zu ihr wolltest, Monju."

"Habe mir doch glatt gedacht, daß du dann auch da aufkreuzt", erwiderte Julius feist grinsend. Seine Mutter fragte, ob ihre Tante wirklich so freimütig zugestimmt habe.

"Was sollen wir schon anstellen, Madame Andrews? Wir besichtigen die komplette Herde Latierre-Kühe, kucken uns an, wie deren Milch verarbeitet wird und was Tante Babs sonst noch alles auf ihrem Hof hat."

"Ich lass ihn gleich zu euch rüber", sagte Martha Andrews etwas verhalten lächelnd. Julius meinte dann noch:

"Hast du deinen Besen mit rübergenommen, Mamille?"

"Eigentlich hätte ich den mitnehmen sollen. Aber ich bin so durch den Kamin", erwiderte Mildrid.

"Wie geht's deiner Familie so?" Wollte er wissen.

"Martine hat gestern eine alte Hexe von einem Kirchturm runterholen müssen, die sich total verappariert hat. Zum Glück hat das keiner gesehen. Maman richtet sich schon auf die Babypause ein und deligiert immer mehr Sachen, und Papa kommt langsam damit klar, daß wir beide uns von der Himmelsschwester haben segnen lassen. Und bei euch läuft's auch rund?"

"Wo hast du denn den Ausdruck her?" Wunderte sich Martha Andrews. Millie sah Julius an, der bestätigend nickte.

"Wie das so läuft. Mum muß heute interessierten Zuhörern was über den westlichen Militärpakt der Muggel erzählen, während ich mir weiße Flügelkühe ansehen gehe", sagte er dann noch.

"Westlicher Militärpakt? Achso, diese nordatlantische NATO-Organisation, wo Amerika, Frankreich und England mit drinhängen. Deshalb war der Minister gestern in Spanien. Maman sagte sowas, daß er mit Madame Belle Grandchapeau in Madrid war, um seinen Kollegen Löwenfuß zu treffen. Vielleicht wollte der den einladen."

"Löwenfuß?" Fragte Julius. Seine Mutter nickte und flüsterte ihm "Pataleón" zu. Er nickte zurück. Dann sagte sie:

"Danke für die Warnung. Dann muß ich meine wichtigsten Passagen noch einmal auf Spanisch einüben, falls Minister Grandchapeau ihn dazu bewegt, den Vortrag anzuhören."

"Im Zweifelsfall wird die vornehme junge Madame Grandchapeau ja auch da sein, wenn ich das von Maman mitgekriegt habe", sagte Millie darauf nur. Martha sah dem Abbild kritisch in die rehbraunen Augen und erwiderte:

"Ich bin mit der Sprache wieder ganz fit, Mademoiselle. Ich habe ja mittlerweile gute Übungspartner und -innen."

"Ich meinte ja nur, daß es keine Probleme geben würde", erwiderte Millie unbefangen. Dann sagte sie zu Julius: "Also dann bis gleich, Monju. Zieh dir nur einen reißfesten Umhang an. Tante Babs könnte auf die Idee kommen, uns alle zum Stalldienst einzuteilen."

"ich mach mich gleich fertig, Süße. Bis dann!"

"Bis dann", sagte Millie. Ihr abbild verschwand wieder.

"Ich dachte, ihr dürftet diese Verbindung nur Weihnachten oder Ostern nutzen", wunderte sich Martha Andrews.

"Wahrscheinlich hat Madame Rossignol ihr das erlaubt, weil sie findet, ich sollte neue Kontakte so einfach wie möglich nutzen. Ich werf mir den blauen Umhang über, mit dem ich im Tierwesenunterricht bin", sagte Julius. Seine Mutter nickte. Sie mußte sich ja auch noch arbeitstauglich anziehen. Denn im Nicki-Hausanzug würde sie sich niemals in einem Büro sehen lassen.

Als Julius den blaßblauen Arbeitsumhang und ein Paar Gummistiefel angezogen hatte - könnte ihm ja doch aus Versehen passieren, daß er in etwas reintrat - verabschiedete er sich von seiner Mutter und öffnete den Einstieg ins Flohnetz. Als er in der smaragdgrünen Feuerwand stand, die auf ihn wie eine sanfte, warme Brise wirkte, rief er "Valle des Vaches!" und verschwand mit lautem Wusch aus dem Kamin der Wohnung in der Rue de Liberation.

Nach einer halben Minute Wirbelei durch das magische Verbindungsnetz fühlte er, wie er auf einem anderen Rost landete und schlüpfte reflexartig aus dem Kamin. Er roch frische Croissants, Kakao und Bohnenkaffee. Er stand in einer Wohnstube, die der von Professeur Faucon ähnelte, nur das hier noch zwei wuchtige Eichenschränke einander gegenüberstanden. In der Mitte stand ein trapezförmiger Tisch, dessen Breitseite auf zwei breite Türen wies. An der Schmalseite saß Jean Latierre, Barbara Latierres Ehemann und bald zweifacher Zwillingsvater. an jeder Schrägseite saß eine seiner beiden Töchter, die sich beinahe aufs Haar glichen, wenn sie nicht unterschiedliche Frisuren gewählt hätten. Während eine ihr rotblondes Haar zu einer Lockenfrisur gedreht hatte, ließ die andere ihr Haar als ungebändigte Mähne über ihre Schultern herabwallen. Julius wünschte allen einen recht schönen guten Morgen, als er in den Raum hineintrat und die große Wanduhr betrachtete, die wie eine goldene Sonne aussah und statt Ziffern Abbildungen von Blumen, Tieren und Menschen zeigte. Er mußte grinsen, als er sah, daß an der Stelle der Sechs eine geflügelte Kuh zu finden war, während dort, wo bei einer Zeigeruhr die Zwölf war die Abbildung kugelrunder Menschen, Mann, Frau und Kind zu finden war. Der Mann hielt ein Messer, die Frau eine Schöpfkelle und das Kind eine kleine Gabel in der rechten Hand. Er hörte nur halb, wie ihn die anwesenden Latierres begrüßten. Dann tauchte durch die rechte der beiden sichtbaren Türen seine Freundin auf, die ihr Haar hochgesteckt und mit einem silbernen Band festgemacht hatte.

"Ach, da habe ich ja richtig gehört", sagte sie. Julius reagierte auf die Stimme Millies und fand in die Gegenwart zurück, nachdem er die große Wanduhr so eingehend betrachtet hatte. "Gummistiefel?" Fragte Millie, und ihre Cousinen kicherten. Dann traten noch sechs Jungen und Mädchen aus den ersten beiden Beauxbatons-Klassen ein, gefolgt von Barbara Latierre.

"Hallo, Julius", grüßte Marie van Bergen, die Zweitklässlerin aus dem grünen Saal, die muggelstämmig wie Julius war.

"Ach, du bist auch hier?" Fragte er erstaunt. "Wußte gar nicht, daß du deine Ferien hier verbringen wolltest."

"Bis kurz vor den Ferien wußte ich das auch nicht", sagte Marie. "Ein paar Klassenkameradinnen aus dem roten Saal haben mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, den Latierre-Hof zu besuchen. Meine Eltern haben sich dann von Madame Barbara Latierre erklären lassen, was mich hier erwartet. Schon schön, aber auch anstrengend. Bleibst du die restlichen Ferien auch hier?"

"Neh, nur den Tag heute", erwiderte Julius. Millie räusperte sich und deutete auf zwei Mädchen aus dem roten Saal, die sich gerade mit Callie und Pennie unterhielten. Julius bekam nun heraus, daß Callie die mit den Locken war. Als sie sah, daß er sie ansah winkte sie ihm. Er ging näher heran, während Barbara Latierre verkündete, daß jetzt das zweite Frühstück anstehe und die Jungs und Mädchen gut essen mögen.

"Na, gefallen dir meine Locken?" Fragte Callie ihn herausfordernd, während Barbara auf die beiden freien Stühle neben ihr deutete. Julius sah es als Einladung und ließ sich nieder. Millie setzte sich rechts von ihm hin. Dann sagte er zu Callie:

"Siehst ein wenig aus wie Gloria Porter. Wolltest du das so?"

"Ich wollte mal wissen, ob das anders rüberkommt, wenn ich mir Locken drehe. Könnte ich glatt behalten", sagte Calypso Latierre verschmitzt grinsend. "Pennie meint, das sei doch albern. Aber ich finde das irgendwie süß."

"Ob Gloria das süß findet oder sich nur amüsiert, daß eine ihre Locken nachdreht kriegen wir dann ja mit, wenn wir wieder in Beaux sind", warf Millie ein. Julius sagte dazu:

"Die hat Naturlocken. Die muß sie morgens wohl nur richtig legen und fixieren, also mit der Frisurhaltlösung durchkämmen, die ihre Mutter verkauft."

"Frisurhaltlösung? Woher weiß'n du das?" Fragte Callie leicht verdutzt.

"Das Zeug habe ich auch, um nich' alle drei Stunden meine Haare nachkämmen zu müssen, wenn ich Quidditch spiele und danach zu 'ner Feier gehen will."

"Aber schminken tust du dich nicht, oder?" Fragte Millie keck. Julius schüttelte den Kopf.

"Nöh, nicht mein Ding", sagte er kühl.

"Jamm, Pfannkuchen!" Freute sich einer der Jungen, ein schlachsiger Klassenkamerad von Marc Armand aus dem roten Saal.

"Wahlweise mit Speck, Honig, oder Apfelstücken", sagte Jean Latierre, als das große Tablett mit den goldgelben Eierpfannkuchen hereinschwebte. Dazu kamen die von Julius schon gewitterten Croissants, eine putzeimergroße Kanne Kakao, eine dito Kaffeekanne und zwei große Milchflaschen, Butter, Marmelade und Honig. Julius bedauerte es, schon gut gefrühstückt zu haben. Aber von den Eierpfannkuchen wollte er doch gerne noch einen ausprobieren.

"Du hast schon gefrühstückt?" fragte Barbara Latierre, nachdem sie Julius persönlich begrüßt hatte. Er nickte. Dann fragte er, ob es von den Eierkuchen welche in klein gab. Sie schüttelte den Kopf.

"Wir können uns einen teilen", meinte sie dann. "Welche Sorte möchtest du probieren?" Julius antwortete, daß er die Honigvariante probieren wolle.

Er sah zu, wie die Ferienbewohner kräftig zulangten, trank Kakao und einen Schluck von der Städtermischung der Latierre-Kuhmilch und unterhielt sich mit Millie und Callie über den Hof.

"Du hättest gleich zu uns kommen können", meinte Callie. "Hier ist es absolut nicht langweilig."

"Ich hatte noch einiges um die Ohren. Außerdem hätte meine Mutter dann alleine in der Wohnung bleiben müssen", sagte er. Millie sah ihre gerade lockenhaarige Cousine an und meinte:

"Willst du testen, ob du auf ihn so wirkst wie Gloria, Callie. Dann wundere dich nicht, wenn er dich eher als gute Kameradin ansieht."

"Ich weiß, Millie, ihr beiden seit jetzt zusammen. Wie immer du das hingebogen hast. Aber reden darf ich doch noch mit ihm, oder?" Erwiderte Callie. Julius fühlte sich unangenehm an die Eifersüchteleien zwischen Millie, Belisama und Claire erinnert und wollte gerade sagen, daß ihn das nervte, als Millie sagte:

"Ich bin nicht eifersüchtig auf dich, Callie, wenn du das meinst. Ich habe dir nur gesagt, daß er und Gloria anders miteinander umgingen als er und Claire oder wie das zwischen ihm und mir läuft."

"Ey, zankt euch bitte nicht", erwiderte Julius. "Ich hoffte, daß wäre vorbei."

"Wir zanken uns nicht, Julius. Wenn sowas passiert würden dir die Ohren abfallen", erwiderte Millie grinsend. Callie knurrte nur, daß sie es ja gerne darauf ankommen lassen könne. Doch Millie schüttelte den Kopf und sagte, daß sie nicht hergekommen sei, um sich mit wem zu zanken. Dann wandte sie sich noch einmal an Julius und sagte:

"Hast du das Belisama langsam mal gesagt, daß wir beide jetzt miteinander gehen, oder legst du es darauf an, daß ich mit der rede?"

"Ich habe noch nicht raus, wie ich ihr das erzähle. Abgesehen davon kann das auch Schwester Florence besorgen. Wir müssen der das doch nicht erklären."

"Sagen wir's so, vom Gesetz her nicht", erwiderte Millie darauf. "Aber wir beide kriegen das hin, ohne daß sie sich danach was antut."

Julius war schon drauf und dran, Millie zu belehren, daß sie nicht so abfällig reden sollte. Doch er wußte, daß sie wußte, daß er nicht wollte, daß Belisama, die wie sie hinter ihm hergelaufen war, das mit ihnen beiden so abbekam, daß es ihr zu heftig weh tat. Deshalb sagte er nichts dazu und dachte daran, daß die gerade erst einige Tage alte Beziehung wohl noch richtig eingesteuert werden mußte, wenngleich diese Brücke der vereinenden Leichtigkeit ihnen beiden gezeigt hatte, daß sie an und in sich wunderbar miteinander zurechtkommen würden. Und die Stunden im Gästebett der Mondtöchter versprachen eine abwechslungsreiche Zeit. Er wußte es doch schon seit seinem ersten Schultag in Beauxbatons, daß Millie ganz anders gestrickt war wie er. Doch irgendwie paßte das doch, nicht nur körperlich.

"So, meine lieben, die Mädchen können sich draußen auf den Wiesen austoben, während ich die Jungen gleich mit zur Nordweide mitnehme", sagte Barbara Latierre. Julius sah sie an. Im Moment war sie trotz der Zwillingsschwangerschaft wohl in guter Tagesform.

"Marie, du wolltest Formationsfliegen lernen", meinte Pennie Latierre zu Marie. "Callie und ich probieren gleich welche aus. Kommst du jetzt gut mit dem Besen klar?"

"Natürlich", sagte Marie van Bergen. Offenbar nutzte sie die Ferien auf einem magischen Bauernhof, um das Besenfliegen zu üben. Womöglich würde sie im nächsten Jahr die Soziusflugprüfung machen wollen, um an der Walpurgisnacht richtig teilnehmen zu können. Millie fragte ihre Tante, ob sie mit zu den Latierre-Kühen dürfe, obwohl sie kein Junge war. Diese erlaubte es.

So ging es hinaus an die nach Gras und Blumen duftende Frühlingsluft. Schon von weitem hörte Julius das mehrstimmige Muhen der Latierre-Kühe, das ihm die Bauchdecke massierte. Er fragte, wieviele Tiere gerade draußen waren.

"Wir haben die ganze Herde auf den Weiden, vier Weiden mit je zehn ausgewachsenen und acht Jungtieren. Jeder Herde gehört ein Bulle an", sagte Barbara Latierre.

"Vor einem Tag hat dieser Ares Demeter besprungen. War das heftig", sagte Olivier, einer der Zweitklässler aufgeregt. "Ich dachte, die reißen sich gegenseitig die Flügel aus oder trampeln sich tot. Aber für die war das echt wie'n Spiel. Wie klingonischer Sex." Julius grinste. Also war Olivier auch muggelstämmig und Star-Trek-Fan. Babs Latierre sah ihn amüsiert an, während Millie fragte, was Klingonen für Wesen waren. Olivier sah sie verdutzt an. Babs Latierre blickte Julius an und gab die Frage an ihn.

"Ziemlich ruppige, auf ihre Ehre und Kriegskunst versessene Wesen von einem anderen Stern in einer in der Zukunft spielenden Geschichte. Die haben schon ziemlich schmerzhafte Vorstellungen vom Liebemachen." Alle anderen sahen ihn jetzt auch verdutzt an, während Olivier nur nickte und Millie grinste. Barbara sagte nur:

"Nun, vielleicht wissen wir das im Mai, ob Demies Liebesspiel mit Ares uns demnächst ein Latierre-Kälbchen beschert. Ostara könnte auch noch eins empfangen, wie sie im Moment gestimmt ist. Also passt bitte auf, wenn ihr mit ihr oder ihrer Schwester zu tun kriegt! Ein zärtlicher Stubser von ihnen könnte euch ein paar Knochen brechen."

"Ich habe mir das einmal angesehen, wie die's machen, Monju", flüsterte Millie. "Sollte man glauben, daß die das als Liebe ansehen."

"Ich denke eher, denen geht's darum, daß die stärkste Kuh vom stärksten Bullen geschwängert wird", erwiderte Julius. Andererseits wußte er gerade von Demeter beziehungsweise Demie, daß Latierre-Kühe eine gewisse Intelligenz besaßen. Ob ihr Gefühlsleben da so einfach auf reine Stärke ausgelegt war konnte er nicht mit Sicherheit sagen.

Der Weg zu den Weiden war weit. Sie brauchten zehn Minuten, um an den mehr als fünfzehn Meter hohen Stallgebäuden vorbei zur südlichen Weide zu kommen. Julius erkundigte sich, wie die Belüftung in den Ställen funktionierte. Barbara Latierre erklärte ihm, daß eine Anordnung jede Minute ein- und ausblasender Pumpen jeden Stall mit Frischluft versorgte. Sie würde ihm das zeigen, wenn sie die weidenden Tiere begutachtet hätten. Millie meinte:

"Die Abgase von denen werden oben rausgesaugt und irgendwo zusammengedrückt, um damit zu heizen. Wenn keine Kühe und Bullen im Stall sind, wird noch einmal belüftet und dann solange nichts gemacht, bis die ganze Herde wieder drin ist."

"Erzähl ihm doch nicht alles auf einmal!" Erwiderte Barbara, die jetzt wieder merkte, daß sie mehr mit sich herumtrug als üblich. Julius fragte, ob es ihr gut gehe.

"Trice war gestern hier. Ich darf noch etwas herumlaufen, hat sie gesagt", erwiderte sie darauf. Dann erreichten sie die Weide. Sie sahen die geflügelten Kühe und einen Bullen, der besonders durch seine längeren Hörner hervorstach.

"Wo ist Demie?" Fragte Julius und bekam zur Antwort eine Kuh gezeigt, die genüßlich an einem mannshohen Busch rupfte. In der Mitte der Weide lag ein Teich, der den Tieren als Wasserstelle diente. Als er von oben ein Muhen hörte und den Kopf in den Nacken warf, sah er eine andere Latierre-Kuh, die mit auf diese Entfernung elegant wirkenden Flügelschlägen über sie hinwegflog. Julius hoffte nur, daß diese Tiere nicht wie Vögel ihren Kot im Flug absetzten. Das wäre eine ziemlich unangenehme Sache, von den Lastwagenradgroßen Fladen getroffen zu werden. Davon lagen gerade einige auf der Wiese mit den kniehohen Halmen und Wedeln herum und dampften im Schein der Frühlingssonne wie kochender Spinat, nur nicht so angenehm riechend. Olivier trat zu Julius und meinte:

"Als Madame Barbara gestern nicht hingesehen hat habe ich so'ne Tretmiene mal angezündet. Sah aus wie 'ne Geburtstagstorte mit zweihundert brennenden Kerzen drauf. Wie kommt das?"

"Methangas", sagte Julius. "Ein Verdauungsgas wie es in jedem Furz zu hören ist."

"Echt, das brennt dann auch", meinte Olivier aufgeregt.

"Ja, aber würde ich besser lassen, wenn du dir nicht das Hinterteil und wertvollere Sachen wegbrutzeln willst", warf Julius ein. Millie grinste ihn an. Barbara kam heran. Jetzt watschelte sie doch ein wenig, fand Julius.

"Also du hast das gestern angestellt, Bürschchen", sagte sie zu Olivier. "Hättest fast die ganze Herde in Panik versetzt, weil der brennende Fladen die von der Weide ferngehalten hat. Dafür darfst du heute abend in der Melkgruppe mithelfen, die Milchfässer zu rollen und die Schläuche anzuhängen."

"Haben Sie das Supergehör?" Fragte Olivier. Dann sah er, daß Barbara eine weiße Muschelschale in der rechten Hand hielt. Julius grinste.

"Ich muß zwischendurch hören, ob's meinen Wonneproppen gut geht. Da habe ich auch dein Geständnis gehört", sagte Barbara. Olivier errötete. Dann trollte er sich.

"Da reden die in den Nachrichten davon, daß Methan die Atmosphäre aufheizt, weil die ganzen Normalkühe so viel davon ablassen. Millie sagte was, daß ihr das auffangt und verheizt", wandte sich Julius an Barbara.

"Ja, ist schon praktisch, wenn große Öfen befeuert werden müssen. Muggel machen da sogar Elektrostrom draus, habe ich mal gelesen. Stimmt das?"

"Ja, stimmt", sagte Julius. "Aber warum fliegen ihnen die Kühe nicht weg? Die eine da eben ist ja richtig flott auf den Flügeln gewesen."

"Artemis? Ja, für eine, die gerade acht Jahre alt ist normale Stärke."

"Artemis, wie deine Cousine?" fragte Julius. Millie grinste.

"Stimmt, die kennst du ja auch jetzt. Deshalb heißt Temmie auch nach ihr", wobei sie auf die immer noch ihre Runden drehende Kuh deutete. "Meine Cousine war vor acht Jahren hier, als sie kam. Es ist eine von Demies Töchtern. Ich habe euch ja in der Zaubertier-AG erzählt, daß Demie schon sechs Kälber bekommen hat."

"Dafür daß Demie erst zwanzig ist und die Kälber zwei volle Jahre austrägt schon früh gestartet", sagte Julius dazu.

"Ja, mit fünf Jahren, als sie zu drei Vierteln ausgewachsen war. Poseidon hat es nicht abwarten können und sie als erster beglückt. Der ist jetzt auf der Südweide, schön weit weg von Ares."

"Öhm, Ares hat die geflügelte Temmie auf den Weg gebracht?" Fragte Julius.

"Ja, sonst würde er Temmie jetzt bestimmt nachfliegen und sehen, ob sie für ihn bereit ist. Aber die kennen ihre eigenen Töchter am Geruch und machen sich nur an sie ran, wenn deren Mütter oder Tanten nicht verfügbar sind. Meine Großmutter, die so heißt wie ich und ab und zu mal hier vorbeikommt, um mich zusammenzustauchen, weil ich ihre Tiere nicht ordentlich vermehre, hat das mal erlebt, wie eine von Ostaras Tanten vom eigenen Vater mit Nachwuchs gesegnet wurde, weil die Mutter und ihre Schwestern gerade in der Zaubererwelt unterwegs waren. Die passen eigentlich schon auf, keine Inzucht zu treiben, gerade weil die gesamte Stückzahl nur fünfzig Tiere beträgt", sagte sie und wandte sich zwei Jungen zu, die auf den Bullen zugingen, der sie bereits erwartungsvoll anblickte. "Hallo, legt euch nicht mit ihm an!" Rief sie. Dann disapparierte sie mit leisem Plopp und stand keine Hundertstelsekunde später neben den beiden übermutigen Zwölfjährigen.

"Hoi, mit dem Gepäck so leise disapparieren ist wohl eine Kunst", staunte Julius. Millie meinte, daß das eben eine Frage der Gewandtheit und Fluß von Körper und Gedanken sei, wie laut jemand appariere.

"Maman kann das auch, und Tine hat sich mal fast unhörbar hinter mir hingezaubert. Es heißt, daß Frauen und Mädchen ganz leise können, wenn sie voll konzentriert und gut drin geübt sind."

"Jungs nicht?" Fragte Julius.

"Das weiß ich jetzt nicht so genau. Paps ist ja schon wegen Oma Teties Erbanteil zum Leiseapparator geboren. Da kuck! Temmie landet!"

"Was hat deine Tante da gesagt, daß die Leute hier in Melkgruppen eingeteilt werden? Also müssen die doch schaffen."

"Ja, wenn sie wollen, oder wenn Tante Babs wie eben findet, daß jemand nicht respektvoll mit dem allen hier umgeht. Also leg dich nicht mit ihr an! Sonst läßt die dich nicht mehr nach Hause, bevor du Demie, Ostara und Temmie komplett leergepumpt hast und die ganze Milch ordentlich ins Kühllager gebracht hast, ohne Zauberkraft versteht sich", erwiderte Millie.

"Wenn ich die Uhr im Wohnzimmer richtig kapiert habe morgens um sechs und abends um sechs, richtig?"

"Ganz genau", erwiderte seine Freundin anerkennend lächelnd. "Die Uhr ist übrigens von Uroma Barbara so bemalt worden. Die gibt sogar die entsprechenden Geräusche von sich, wenn die betreffende Stunde ist, der Hahnenschrei um vier Uhr morgens, die Kuh um sechs, Besteckklappern um zwölf uhr Mittags und leises Schnarchen um Mitternacht."

"Eh, dann kann die Uhr ja echt zwölf Stunden verstellt werden", meinte Julius.

"Neh, kann nicht. Hat einen Selbststellzauber drin, der mit dem Sonnenlauf verknotet ist, wie deine Weltzwiebel." Sie deutete auf Julius' linken Arm, wo er die praktische Weltzeitarmbanduhr trug. Er schmunzelte. Dann dachte er an Betty und Jenna, von deren Eltern er die Uhr geschenkt bekommen hatte, weil er ihnen so gut im Unterricht geholfen hatte. Das war im Jahr des trimagischen Turnieres gewesen, wo Fleur Delacour, Jeanne Dusoleil, Belle Grandchapeau, Barbara Lumière und César Rocher in Hogwarts waren. Mildrid nahm ihn beim Arm und führte ihn zu der Stelle, wo Artemis runterging. Dabei paßten sie auf, daß sie schön weit von Ares dem Bullen wegblieben, der gerade auf zwei Jungen zutrabte, die sich einer grasenden Kuh näherten.

"Die hat er wohl aufgefüllt, weil er die so bewacht", meinte Millie. Dann kamen sie bei Artemis an, deren Euter locker und weich war. Offenbar hatte sie entweder noch nie Milch produziert oder war am Morgen schon gemolken worden. Mit einem lauten Geräusch drückte sie einen Fladen aus dem Hinterteil, der auf den Boden klatschte.

"Moment, nicht zu nah ran", meinte Julius. Doch Millie zog ihn ungestüm vorwärts.

"Die tut uns nichts. Auch wenn die dich noch nicht kennt, Monju ist die vielleicht verspielt, aber vorsichtig. Du darfst bloß keine Angst zeigen, weil sie dann welche kriegt und denkt, du würdest gleich mit ihr kämpfen wollen. Dann fliegt sie entweder weg oder schlägt aus. Wenn du jetzt zurückweichst, rückt sie näher um zu sehen, was du hast."

"Gemäß dem Grundsatz, daß ein größeres Tier nie rausfinden darf, wie heftig es einem Menschen überlegen ist", grummelte Julius, als Mildrid ihn weiterzog und er befand, daß er jetzt eh nicht mehr weglaufen konnte.

"Die vierbeinige Temmie gehört der mit zwei Beinen, sagt Tante Babs. Gegessen werden kann sie nicht mehr. Aber als Reit- und Transportmädel soll sie in einem Jahr fertig sein. Wenn sie dann gebraucht wird, kommt Tante Temmie her und holt sie ab."

"Die ist voll ausgewachsen", stellte Julius fest, obwohl Demies Tochter Artemis ein flauscheriges Fellkleid und weicheres Flügelgefieder hatte.

"Wenn Tante babs uns läßt können wir auf ihr ein wenig herumfliegen. Vom Hof geht's nicht runter, weil sie den Bleibering anhat." Millie deutete auf einen dünnen, verschnörkelten Metallring um Artemis' Hals. Das beantwortete Julius' Frage von eben, warum die Tiere nicht einfach davonflögen.

"Ich glaube, um die lenken zu können müssen wir die selbst ausgebildet haben, damit die uns als Alphatiere für voll nimmt", sagte Julius. Millie erwiderte darauf:

"Dann dürfte Tante Temmie sie nicht nehmen können, Monju. Die müssen nur an den Menschen als Leittier an sich gewöhnt sein. Frag doch Tante Babs, ob wir beide eine Runde mit Temmie fliegen dürfen!"

"Ich weiß nicht, ob deine Tante unns nicht für was anderes eingeladen hat", meinte Julius dazu. Doch dann besann er sich. Fragen kostete bekanntlich nichts, und mehr als ein Nein riskierte er damit nicht. Er mentiloquierte Barbara Latierre an, wobei er meinte, in ein Mikrofon im Hauptschiff der St.-Pauls-Kathedrale zu sprechen.

"Ach, hat dich Millie umgarnt, mit Temmie zu fliegen, weil ihr gerade bei der steht?" Kam eine Gegenfrage zurück. "Die ist noch nicht richtig eingearbeitet. Ihr könnt mit Demie fliegen. Die hat sich von Ares schon gut erholt, und erst wenn in sechs Wochen klar ist, daß sie trächtig ist oder nicht, wird es schwieriger, sie zu fliegen."

"Deine Tante sagt, wir sollen Demie nehmen, weil die ruhiger und richtig eingearbeitet ist", gab Julius weiter.

"Hmm, auch nicht schlecht", erwiderte Millie. "Ist zwar dann nicht so spannend wie mit einer, die noch richtig wild ist, aber ich werde mich nicht mit Tante Babs anlegen."

"Wo ist Demie?" mentiloquierte Julius.

"Ich helf euch gleich mit dem Zwei-Personen-Aufsatz", gedankensprach Barbara Latierre. Dann sah Julius, wie Ares aufflog und auf eine Kuh zuhielt, die gerade mit dem Fressen fertig war und sich zum Wiederkäuen hinlegte. Julius erkannte, daß der Prachtbursche auf eine neue Paarungsrunde ausging.

"Dann nehmt doch Temmie. Ares hat wohl noch nicht genug von seiner Auserwählten", mentiloquierte Barbara Latierre, als der Bulle die geflügelte Kuh beschnupperte und anstubste. Sie wälzte sich einmal hin und dann her. Offenbar war sie sich nicht sicher, ob sie Lust hatte und falls ja nicht einfach so loslegen wollte. Es ploppte wieder, und Babs Latierre stand neben Julius und Millie.

"Natürlich kann es innerhalb von zwei Wochen mehrmals zum Deckakt kommen. Dann mach ich euch Temmie flugfertig. Aber macht sie nicht wilder als sie ist! Temmie, also meine Cousine, will sich bald mit ihr vertraut machen."

"Welche Kommandos befolgt sie?" Fragte Julius und bekam acht Kommandolaute zumentiloquiert. Millie sah ihn an. Dann flüsterte ihre Tante ihr die Laute und Worte zu. Sie hob den Zauberstab und rief: "Accio Zweieraufsatz!" Keine fünfzehn Sekunden später schwirrte ein Ding wie ein Dreimannschlafsack heran und plumpste vor Barbara auf den Boden.

"So, ihr beiden. Das ist jetzt ein Zweieraufsatz und Zaumzeug. Julius, du hast das bei meiner Mutter schon gesehen, wie sie Demie gelenkt hat. Millie, du hast das mit Tine von mir mitbekommen, wie's geht. Temmie ist noch ziemlich verspielt. kämpft nicht gegen ihren Bewegungsdrang an, sondern nutzt ihn nur aus! Sonst wird sie die Hilfen nur als Lästig empfinden und sich irgendwann dagegen stemmen", sagte sie, während sie mit Zauberkraft einen sattelartigen Aufsatz mit einem darauf befestigten Sitz wie ein in die Breite gezogener Sportwagensitz auf Temmies Rücken legte. Die Latierre-Kuh raschelte einmal mit den Flügeln, tat aber sonst nichts. Ebenso praktizierte Barbara Latierre die armdicke Trense und die Ketten um Temmies Kopf und befestigte die dünnen aber stabilen Führketten an Halterungen in der Mitte des Sitzes. Dann ließ sie eine schmale treppe heruntergleiten.

"So, wenn ihr oben seid, Millie und Julius, nicht gleich an den Ketten zerren oder was rufen, sondern euch erst sichern! Wenn Temmie losgeht, könnte sie euch sonst runterwerfen", sagte Barbara halblaut und winkte den Beiden zu, die Treppe hinaufzusteigen.

"Wie kommen wir wieder runter, wenn wir landen?" Fragte Julius.

"Du melost mir das, und ich lass euch dann runter", sagte sie. Temmie fühlte, daß jemand ihr ins Genick krabbelte und schnaubte wie ein übergroßes Pferd. Als die von der Himmelsschwester gesegneten in den weichen Polstern des großen Doppelsitzes saßen und ihre Füße durch die festen Lederriemen an den Fußrasten geschoben hatten legte Julius sich die hauchdünne Sicherheitskette um die Hüften. Millie tat es ihm gleich. Dann löste sie die Führketten und drückte sie Julius in die Hand.

"Leg los!" Forderte sie ihn auf. "Du bist hier der Gast. Bring sie hoch!"

Julius fühlte sich zwar doch etwas unangenehm, ein Tier, was ihm wortwörtlich haushoch überlegen war anzutreiben und das noch nicht richtig eingearbeitet worden war, wollte Millie gegenüber aber keine Hemmungen zeigen und rief ihr zu: "Und los, Temmie, Mädchen! Los und hoch!"

Temmie schnaubte erneut, schüttelte sich einmal, als wolle sie damit zeigen, daß sie das irgendwie lästig fand, daß da wer auf ihrem Rücken hockte und ihr sagte, was sie zu tun hatte. Doch dann trabte sie an. Julius hielt die Führketten fest in den Händen. Die Griffe fühlten sich warm und weich wie ein Fellbezug auf einem Autolenkrad an. Als Artemis dann in einen schnelleren Trab verfiel, mal nach links und nach rechts tänzelte wie ein in Fahrt kommendes Rodeopferd, stießen Millie und Julius immer wieder mit den Körpern aneinander. Dann ging die Kuh in gestreckten Galopp über. Julius rief ihr zu: "Und Hooooch!" Wie in den Weihnachtsferien meinte er, seine Eingeweide würden durch die Wirbelsäule gequetscht, als die Kuh mit einem mächtigen Satz abhob und mit kräftigen flügelschlägen Höhe nahm.

"Wie ein Tritt in den Hintern", meinte Julius zwischen Freude und prickelndem Unbehagen. Artemis warf den Kopf herum. Julius wollte die Ketten strammziehen. Doch Millie erinnerte ihn daran, nicht gegen sie zu kämpfen, sondern sie sachte zu führen. Unter ihnen lag nun die Weide ausgebreitet, wie ein großes, flaches Stück englischer Rasen, dann nur noch eine flimmernde, grasgrüne Fläche mit weißen Tupfern drauf. Dann warf sich die Weide nach links und machte dem blauen Frühlingshimmel platz. Julius begriff, daß die Kuh sich gerade auf den Rücken geworfen hatte und nun in Rückenlage weiterflog.

"Das sind diese Unarten, die junge Reitkühe noch haben", meinte Millie grinsend, obwohl sie wie Julius in den straff gespannten Sicherheitsketten hing und sie beide allmählich ein unangenehmes Ziehen im Nacken fühlten.

"Kuck mal, da unten scheint die Sonne", meinte Julius, der befand, so lässig wie möglich bleiben zu wollen. Dann kippte Artemis kurz nach vorne, dann nach hinten und drehte sich mit einer schnellen Wende wieder in Normallage. Dann stieg die junge Latierre-Kuh in einer weiten Spiralbewegung nach oben, immer höher.

"Na, schon mal in einer Wolke gebadet, Monju?" Fragte Mildrid.

"Neh, noch nicht, Mamille", erwiderte Julius vom Adrenalin berauscht. "Besser ich lasse sie nicht zu hoch steigen."

"Och, lass sie mal. Halte nur die Ketten, damit sie weiß, daß wir noch da sind!" Jauchzte Millie. Tatsächlich tauchte Artemis keine zwei Minuten später in eine dicke, weiße Haufenwolke ein. Schlagartig fühlte Julius sich, als sprühe ihm jemand mit einem feinstrahligen, aber unter hohem Druck stehendem Gartenschlauch von oben bis unten naß. Er konnte nicht anders als albern lachen und bekam dabei einiges von dem in der Luft schwebendem Wasser in den Mund.

"Höher sollten wir jetzt aber nicht", meinte er, als Artemis Anstalten machte, ihren Aufstieg fortzusetzen. "Nachher kommen wir einem Flieger der Air France in die Quere oder werden von einem Düsenjäger gestreift."

"Tja, dann mach mal, Monju!" Spornte Millie ihn an.

"Haaalllooo, Temmie! Nicht höher! Haaallloooo!!" Rief er so entspannt er klingen konnte. Doch Artemis wollte wohl nicht aufhören. Er drückte die Führketten nach oben, wodurch Temmies Unterkiefer etwas belastet wurde. Die Kuh gab trotz Trense ein ungehaltenes Muhen von sich, drehte sich nach rechts und zog die Flügel an, so daß die Drehung mehr Schwung bekam und sie eine blitzsaubere Pirouette drehte, wobei sie sofort nach unten durchsackte und das Pärchen im Zweiersitz schwerelos in die Halteketten gehoben wurde. Wieder ging's durch die Wolke, wo Temmie befand, die Flügel wieder auszubreiten und im weißen aber kalten Dampf zu baden.

"Wenn wir nachher 'ne Erkältung kriegen", meinte Julius zu Millie.

"Macht uns Tante Trice schneller wieder gesund als die Schnupfenerreger uns packen können. Probier mal das Wasser!" Sie streckte ihre Zunge heraus, ließ sich die heranbrausenden Wassertröpfchen darauf sammeln und schluckte sie hinunter. Julius tat es ihr gleich. Was für ein herrlicher Geschmack. Ganz anders als Regenwasser sonst schmeckte, wenn es von oben bis fast auf den Boden gelangt war.

"Offenbar findet Temmie es schön, sich richtig zu duschen", meinte Millie. "Ein richtiges Saubermädel." Offenbar hatte Temmie es irgendwie verstanden, weil sie einen langgezogenen, wie befreites Aufatmen klingenden Schnaufer von sich gab.

"Die hat das gehört", meinte Julius. Da preschte die junge Latierre-Kuh los und stieß aus der nun ziemlich ramponiert hinter ihr verwirbelnden Wolke heraus und wieder nach oben.

"Irgendwie höhensüchtig", meinte Julius, als Temmie sich übergangslos nach hinten durchsacken ließ und dann fast Senkrecht nach oben vorstieß.

"Versuch's noch mal", meinte Millie, die vom Andruck in den Sitz gepresst wurde. Julius kommandierte erst den Halt und dann "Laaangsam aaabwärts, Temmie!" Artemis verstand offenbar nur Abwärts. Daß sie langsam machen sollte entging ihr völlig. Denn sie warf sich ungestüm nach vorne, so daß ihr Schweif beinahe senkrecht in den Himmel ragte und zog die Flügel an. wie ein tonnenschwerer Schneeball sauste sie nach unten. Julius genoß für genau fünf Sekunden die Schwerelosigkeit des absolut freien Falls. Offenbar hatte das dralle Flügelmädchen sich und sie beide über tausend Meter hochgetrieben. Millie genoß wohl auch den freien Fall. Immerhin hingen sie noch gut in den Ketten. Dann sahen sie zwei weitere geflügelte Kühe anfliegen, ohne Reiter.

"Oh, Mist! Ich fürchte, wir sind gerade zur Luftballettübung gekommen", sagte Millie nun etwas weniger erheitert als gerade eben noch. Julius griff fester zu den Ketten, als die beiden anderen Kühe, die von der Bewegung her wohl auch noch sehr jung waren Artemis umflogen und sie von links und rechts bedrängten. Temmie breitete die Flügel bis zum Anschlag aus. Laut rauschend fing sich der scharfe Flugwind darin, der in den letzten Sekunden stets von unten gekommen war. Mit einem Ruck fing sie den Sturzflug ab und warf sich nach rechts.

"Versuch sie aus der Formation zu treiben!" Mentiloquierte Barbara Latierre. Julius fragte sich zwar, woher die da unten wußte, daß er die Führketten hielt, befolgte aber den Befehl und kommandierte mit sanftem Nachdruck nach Rechts und dann nach vorne zu fliegen. Doch die beiden anderen Kühe blieben keine zwei Spannweiten von Temmie entfernt. offenbar fanden sie, daß die Kameradin mit ihnen fangen spielen wollte. Julius sah, wie eine mit ganz nach hinten eingeklappten Beinen keinen Meter an seinem Kopf vorbeizischte, den rechten Flügel am Körper, den linken gerade durchschwingend, so daß sie einen kräftigen Rechtsdrall bekam und knapp über den beiden die Flugbahn querte.

"Huh, war das knapp", meinte Julius. "Ich hätte fast eine Zitze von der ins Gesicht bekommen."

"Du kannst machen was du willst, Monju. Die beiden da sind ihre Cousinen. Die sind genauso alt wie Temmie", stieß Mildrid aus, als Julius gerade ein weiteres Richtungskommando gab. Langsam wurde aus dem Spaß für ihn zu viel Ernst, weil Temmie ihre beiden Verwandten nicht abschütteln konnte, obwohl sie die Kommandos nun anstandslos befolgte und auf jeden Zug der Ketten ansprach wie ein Flugzeug mit Servosteuerung. Doch die zwei Cousinen schienen das als willkommenes Spiel zu sehen. Er mentiloquierte Barbara, er könne nicht aus der Formation ausbrechen.

"Halt die Ketten bloß fest! Wenn du sie losläßt wird Temmie dich nicht mehr beachten", mentiloquierte Barbara nun ebenfalls erregt. Millie fühlte sich nun auch nicht mehr locker. Doch irgendwie schaffte sie es, ihre Angst zu kontrollieren, sich nicht in eine Panik hineintreiben zu lassen, obwohl die wuchtigen Leiber der beiden anderen Flügelkühe immer wieder bedrohlich heranrasten wie übergroße Schneebälle, die ein hundert Meter großer, unsichtbarer Riese nach ihr und Julius geworfen hatte. Julius selbst fühlte seinen Herzschlag in den Ohren hämmern wie ein Techno-Stück. Er hatte bald weder Luft noch Spucke, um seiner immer trockener werdenden Kehle die Kommandos zu entringen, um Artemis zu dirigieren. Als dann eine Kuh frontal auf Temmie zuflog meinte er, gleich würde sie ihre Hörner in seinen Leib rammen. Etwas wie ein elektrischer Schlag durchpulste seinen Leib. Dann fühlte er sich irgendwie anders, sah die übergroße Kuh verkleinert, aber immer noch auf ihn zufliegen. Er fühlte, wie etwas auf seinem Rücken wild auf- und niederschwang, fühlte seine Arme und Beine nach hinten gebogen, die Arme unter Brustkorb und Bauch, die Beine langgestreckt und ein merkwürdiges Gefühl zwischen den Beinen und am Steißbein. Warum auch immer warf er sich auf den Rücken, legte alle Körperglieder an und schlug einen halben Salto, und das alles in einer halben Sekunde. Wie aus weiter Ferne hörte er Millies Ausruf:

"Hups, ein Dawn'scher Doppelachser, Monju! Wie konnte Temmie denn sowas! Monju? Julius!" "

Er wollte antworten. Doch jetzt erst fiel ihm auf, das sein Mund zugebunden war und ihm etwas hartes fest zwischen den Zähnen steckte. Da begriff er mit einer Wucht, die einem explodierenden Stern gleichkommen mochte, daß er auf irgendeine Weise Temmies Körper übernommen haben mußte. Er fühlte ihre Sinne, konnte den Körper aber auch bewegen, wie er wollte. So stieß er erst nach unten, suchte dann Norden, wobei er ein Gefühl hatte, als drehe sich etwas in seinem Kopf, als er sich ausrichtete und flog über die Weide dahin. Die beiden anderen Kühe folgten wohl, wie er am rascheln der Flügel hörte. Doch er schwang Temmies Flügel immer wilder aus, bekam erst langsam einen gleichbleibenden Rhythmus und fühlte dann, wie ihm etwas in den Arm kniff. Wieder meinte er, einen Stromschlag zu kriegen. Dann fand er sich in seinem eigenen Körper neben Millie im Zweiersitz. Temmie flog rasend schnell auf den Teich in der Mitte der Weide zu. Er hielt die Ketten noch fest in Händen und rief:

 

"Temmie, aaabwäääärrts!" Die Latierre-Kuh sackte durch, fing sich jedoch nach einer halben Sekunde und ging in einen Gleitflug mit flachem Neigungswinkel über. Julius konnte sie nun mit den Ketten bis kurz vor den Teich führen, wo sie ein paar Mal mit den Flügeln ausschlug und dann wie ein landendes Flugzeug aufsetzte und ein paar Meter weiter vorgaloppierte, bevor sie mit Flügeln und Hufen den Schwung abrupt aufhob.

"Julius, was hast du gemacht? Ich dachte erst, die eine würde uns aufspießen. Dann macht Temmie einen Doppelachser, wie Aurora Dawn ihn erfunden haben soll, die du ja kennst und fliegt dann ganz schnell von den anderen weg. Du hast dagesessen, die Ketten fest in den Händen, warst aber irgendwie steif wie ein Brett. Du hast nicht geantwortet, als ich dich gerufen habe. Erst als ich dir in den Arm gekniffen habe bist du heftig zusammengefahren und warst wieder klar", sprudelte es aus Millie heraus.

"Ich weiß auch nicht, was das war, Millie. 'ne ganz abgedrehte Nummer war das. Ich hatte für 'ne halbe Minute das Gefühl, ich sei Temmie und habe mich von den anderen abgesetzt", sagte Julius.

"Was?" Fragte Millie noch sichtlich aufgeregt von diesem Wahnsinnsflug.

"Du hast es ja doch geschafft", mentiloquierte Barbara. "Halt die Ketten noch fest bis ich bei euch bin!"

 

Muh! Über ihnen zischten gerade die beiden nun noch zu zweit spielenden Kühe dahin. Temmie machte Anstalten, wieder loszulaufen. Doch Julius zog die Ketten so stramm er konnte und befahl: "Steeeeeeh, Temmie! Steeeeeh!"

Babs apparierte. Keine Sekunde später glitt die Treppe herunter. Millie und Julius brauchten die Sicherungsketten nicht zu lösen. Die flogen wie von einer Bogensehne geschnellt von ihren Hüften weg. Keine Sekunde später waren die beiden auch schon auf der Treppe unterwegs nach unten. Erst als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten merkten beide, daß sie sichtlich erschöpft waren und ihr Gleichgewichtssinn sich erst einmal wieder einränken mußte.

"Wir haben versucht, diesen Blödsinn abzubrechen", setzte Julius an. Doch Babs hielt ihm den Mund zu und sah ihn abbittend an.

"Ich hätte es doch wissen müssen, daß die beiden Temmie nachjagen, wenn sie fliegt. Die käbbeln sich immer. Das ist allein meine Schuld, was euch passiert ist und daß ich euch den Spaß verdorben habe. Ich trockne euch erst einmal ab." Mit einer spielerischen Zauberstabbewegung zunächst gegen Millie und dann gegen Julius trocknete sie deren Haare und Kleidung in einem einzigen Augenblick. Dann ließ sie den Zweieraufsatz magisch von Temmie herabgleiten, nahm ihr ohne es zu berühren das Zaumzeug ab und führte die beiden Latierre-Kuh-Rodeoreiter einige Meter fort. Da sprang Temmie nach vorne, stieß ein lautes Muhen aus und hob fast ohne Anlauf ab.

"Jetzt kann die sich mit den beiden austoben", sagte Barbara und umfing Julius und Mildrid mit je einem Arm. Beide zitterten leicht vor überstandener Angst und Kälte, weil das lange Bad in der Wolke sie doch sichtlich abgekühlt hatte. Zumindest hatte Babs sie nun wieder richtig abgetrocknet.

"Ich habe ja schon abgedrehte Sachen erlebt und überlebt. Aber das eben war was ganz neues", sagte Julius.

"Wir gehen erst einmal zum Haus zurück", sagte Barbara Latierre, verstärkte die Umarmung und drehte sich unvermittelt. Diesmal knallte es sehr laut, als sie mit ihrer Nichte und deren neuem Freund gleichzeitig disapparierte. Als sie wieder aus dem viel zu engen schwarzen Gummischlauch heraus waren und sich im Wohnzimmer widerfanden, meinte Mildrid:

"Öhm, das geht auch zu dritt und schwanger?"

"Seitdem Maman es mit Hipp und mir viermal gemacht hat, wo Trice gerade unterwegs war weiß ich das das geht, wenn du jemanden retten und an einen dir ganz gut bekannten, sicheren Ort bringen willst, Millie", sagte Barbara. Doch offenbar war die Dreierapparition in freudiger Erwartung etwas zu heftig. Sie keuchte und drohte, den Halt zu verlieren. Millie und Julius stützten sie und führten sie zu einer Bank, wo sie sich langmachte und die Beine hochlegte. Julius war nun im Pflegehelfermodus wie damals bei Constance Dornier und sprach ihr ruhig zu, ganz ruhig ein- und auszuatmen. Babs befolgte die Anweisungen widerspruchslos. Als sie sich wieder besser fühlte und aufsetzte zwinkerte sie Julius zu, der ansetzte, sich für die unaufgeforderten Anweisungen zu entschuldigen. Doch sie schüttelte den Kopf und sagte:

"Wie hast du es hinbekommen, daß Temmie dieses Manöver fliegt. Ich habe mal davon gehört, daß eine Hexe in Hogwarts das auf ihrem Besen gelernt hat. Hipp erzählte es mir, daß sie ein Doppelachsen-Wendemanöver erfunden hatt. Aber wie du ihr das in einem Sekundenbruchteil abverlangt hast ist mir neu. Das erzählst du mir bitte."

"Öhm, die Kiste ist noch abgedrehter als ihr glaubt", begann Julius und berichtete in einigen Sätzen, wie er in großer Panik, die anfliegende Kuh könnte ihn aufspießen, diesen Stromstoß oder was es war verspürt und sich dann in Temmies Körper wiedergefunden hatte, wie er wohl aus Quidditchreflex heraus das Manöver ausgeflogen und die beiden Raufboldinnen abgehängt habe. Erst als Millie ihm in den Arm gekniffen habe, sei er wieder zu sich selbst gekommen.

"Aha, dann kannst du den Doppelachser ja wirklich", gab Millie verwegen grinsend zurück. "Hast ihn wohl für das Spiel gegen uns aufgespart, wie? Aber mit Flügeln ist der bestimmt anders als mit 'nem Besen."

"Okay, ich habe den gelernt wo ich über Weihnachten in Millemerveilles war und werde wohl nicht dran vorbeikommen, den zu bringen, um den Pokal zu behalten. Aber wie ich den Trick hinbekommen habe, mich in Temmies Körper einzuklinken weiß der Teufel."

"Immerhin hat der auch Hörner, wenn ich die jüdisch-christlichen Darstellungen noch richtig kenne", meinte Babs Latierre trocken. Millie grinste. Offenbar war ihre Tante nach dem kurzen Schwächeanfall wieder ganz die alte. Dann meinte sie:

"Ich hoffe mal nicht, daß du das zur Gewohnheit werden läßt, in meine drallen Mädels reinzuschlüpfen. Dann müßte ich ja jede fragen, ob du es nicht bist, wegen der Flugkommandos."

"Tante Trice hat mal von einem Zauberer erzählt, der vor zweihundert Jahren gelebt hat und wenn er Angst vor einem Tier bekommen hat irgendwie dessen Körper übernommen und es von sich weggebracht hat, aber erst wieder er selbst wurde, wenn das Tier einschlief oder seinem richtigen Körper Schmerzen zugefügt wurden. Deshalb warst du so starr, bis ich dir in den Arm gekniffen habe", meinte Mildrid. Julius' Pflegehelferarmband zitterte. Millies nicht. Er stellte den Kontakt her und sah Schwester Florence. Diese fragte ihn, was passiert sei, weil sie erst zur Panik ausufernde Angst und dann eine tiefschlafartige Abwesenheit registriert hatte.

"Die große Schwester sieht dir zu", dachte Julius in Anspielung der berühmten Parole aus Orwells "1984". Dann erzählte er sein Erlebnis.

"Meine Schwester Béatrice kennt das Phänomen offenbar auch", warf Barbara ein, als Madame Rossignols Abbild nachdenklich die Stirn runzelte.

"So? Dann konsultierst du sie bitte umgehend, Julius!" wies ihn die Schulheilerin von Beauxbatons an. Dann verschwand sie. Barbara nickte ihm zu. Er stimmte sich auf Béatrice Latierres Stimme ein und schickte ihr die Botschaft, bitte sofort auf den Hof ihrer Schwester zu kommen. Als es keine fünf Sekunden später leise Ploppte, stand Béatrice Latierre mit ihrer Ausrüstung im Wohnzimmer. Sie sah auf Barbara, die den Kopf schüttelte. Dann sah sie Julius an. Dieser sagte ihr:

"Ich wollte dich nicht so übereilt herrufen. Aber Madame Rossignol gab mir die Anweisung, dich zu fragen, weil mir gerade was total abgedrehtes passiert ist." Als sie dann einander gegenübersaßen berichteten Mildrid und Julius, was ihnen auf dem verrückten Ausritt mit Artemis passiert war. Béatrice sah ihre Schwester vorwurfsvoll an, die darauf errötete.

"Soweit ich weiß hat unsere Mutter uns immer erzählt, daß die jungen Kühe wie die Bullen keine Gelegenheit auslassen, sich beim Fliegen gegenseitig zu necken. War keine andere frei?"

"Ich wollte unsere gute Demie nehmen. Aber Ares wollte was anderes von der, Trice."

"Ich verstehe, Babs und werde dir da jetzt auch nicht mehr reinreden, weil du die Tiere versorgst. Aber zu dir, Julius. Du hast für eine halbe Minute den kompletten Körper von Artemis übernommen, nicht nur gefühlt, was sie fühlte?"

"Ja, das war eine vollständige Körperübernahme", bestätigte Julius. Béatrice nickte. Sie sah ihn von oben bis unten an, führte einmal ihren Zauberstab wie eine Untersuchungssonde über ihn und fragte dann:

"Hast du irgendwann mal ein Erlebnis gehabt, wo ein Tier oder mehrere dich in große Panik versetzt hat beziehungsweise haben?" Julius nickte wie auf Knopfdruck. Dann sah er Millie und Barbara an, als wolle er prüfen, ob er in ihrer Anwesenheit sowas derart drastisches rauslassen dürfe. Dann gab er sich einen Ruck und berichtete sein Erlebnis im alten Sanderson-Haus, was ja dann auch auf der Liste der von ihm schon ausgeführten Zauber gestanden hatte.

"Verstehe, derselbe Auslöser also. Babs hat dir also erzählt, daß vor zweihundert Jahren einer gelebt hat, der als kleiner Junge von einem streunenden Hund angefallen worden ist und dabei fast gestorben wäre. Als er dann mit dreißig Jahren von einem Hippogreif attackiert worden ist, und er fast in Panik geriet, fühlte er sich irgendwie in den Körper des Tierwesens verschlagen, brachte es dazu, fortzufliegen und weit fort von ihm zu landen. Als seine Frau ihn fand und erst glaubte, er sei tot, bis sie ihm in den Arm kniff, kehrte sein Bewußtsein in den richtigen Körper zurück. Mit seinem Einverständnis wurde ausprobiert, ob es sich wiederholte. Dabei kam raus, daß dieses Phänomen nur bei halbintelligenten magischen Tierwesen funktionierte, die selbst gerade emotional sehr ausgereizt waren. Es wurde dann als magisch katalysierter Paniktotalabwehrreflex eingetragen und danach nie wieder heilkundlich dokumentiert. Will sagen, bei Zauberwesen wie Kobolden, magischen und nichtmagischen Menschen oder ordinären Tieren trat das Phänomen nicht auf und bei magischen Tierwesen nur, wenn diese im gleichen Moment sehr wütend, euphorisch, angriffslustig, ängstlich oder im Paarungsrausch waren. Hinzu kommt noch, das der besagte Zauberer seit frühester Kindheit überdurchschnittlich hohe Zauberkräfte besaß, weil seine Eltern jeweils aus einer langen Ahnenreihe früher magisch begabter Menschen abstammten, bei denen irgendwann die Zauberkräfte eingeschlafen waren. Trifft das nicht auch bei dir zu?" Sie zwinkerte Julius herausfordernd zu, und er nickte.

"Also habe ich nichts so neues erlebt", sagte er noch. "Aber hattest du nicht gesagt, Trice, daß dieser Zauberer das erst mit dreißig erlebt hat? Vorher ist der nicht in solche Panik oder sowas geraten?"

"Zumindest nicht bei einem magischen Tierwesen."

"Da bin ich ja beruhigt", sagte Julius. "Ich hatte schon befürchtet, jetzt ohne es zu wollen in irgendwelche Zaubertiere reinzuschlüpfen. Nachher lande ich noch in einem Flubberwurm oder teile mir mit Goldschweif den Körper."

"Wenn ich dich nicht gekniffen hätte wärest du immer in Temmie dringeblieben", meinte Millie. "Da habe ich aber was gegen."

"Tröste dich! Dieser Effekt hält nur solange vor, bis das fragliche Tierwesen erschöpft ist und einschläft", sagte Béatrice.

"Als was gelten Entomanthropen?" Fragte Julius. Béatrice sah ihn verstört an, nickte dann aber und sagte:

"Da sie menschliche Anteile besitzen gehören sie der Skamander-Einteilung nach zu den Zauberwesen, wie eigentlich auch die Meerleute und Zentauren, die das aber abgelehnt haben, um nicht behelligt zu werden." Julius atmete tief durch. Als habe sie seine Gedanken erfaßt sagte die Heilerin dann noch:

"Hast wohl gehofft oder befürchtet, bei einem Zusammenstoß mit diesen Bestien einen übernehmen und steuern zu können, wie? Fürchte nur, daß klappt nicht. Aber ich hoffe für dich und uns alle, daß wir diesen Wesen niemals leibhaftig begegnen. Das es sie wieder gibt ist schon grausam genug."

"Dann ist soweit alles in Ordnung", sagte Barbara Latierre erleichtert.

"Ich muß deinen Gast nur darauf hinweisen, daß ich diesen Vorfall der Heilerzunft melden muß, falls Madame Rossignol das noch nicht getan hat, Babs", erklärte Béatrice. Julius nickte. Dann fügte sie hinzu: "Da Madame Rossignol dich aber an mich überwiesen hat geht sie davon aus, daß ich das erledigen werde. Bei den beiden Jungs alles in Ordnung, Babs?"

"Die fragen sich immer, wenn du kommst, ob sie jetzt ganz eng zusammenkauern müssen oder rauskommen sollen", grummelte Barbara.

"Ich untersuche dich nur noch einmal, um sicherzusein, daß wir drei dir nicht helfen müssen, sie hier und jetzt zur Welt zu bringen."

"Mach mich nicht wütend, Schwesterchen! Ich hatte in den letzten sieben Monaten keine Wehen und auch nicht heute morgen", sagte Babs. Doch Béatrice war wieder unerbittlich. Sie schickte Millie und Julius vor die Tür, damit sich Babs nicht ihren Blicken ausgesetzt fühlen mußte.

"Das wär's noch gewesen, die beiden aus Tante Babs rauszuziehen, weil du in Temmie reingesprungen bist", grummelte Millie.

"Glaube mirr, Mildrid, ich habe in meinem Leben noch mehr vor, als Leute auf dem Rücken rumzuschleppen, Grünzeug zweimal hintereinander zu essen und Milch aus mir rauspumpen zu lassen. Es gibt nur eine Art, in einen anderen Körper reinzuschlüpfen, die mir wirklich gefällt", wisperte er ihr ins Ohr.

"Oja, das weiß ich", schnurrte Millie. "Und meiner freut sich schon aufs nächste Mal. Temmie wäre mir doch ein wenig zu schwer und haarig gewesen!" Dann gab sie ihm einen sehr langen Kuß auf den Mund, den er in jeder Hinsicht anstandslos erwiderte und verlängerte, bis Béatrice herauskam.

"Na, soll ich euch mit kaltem Wasser abspritzen, oder war das schon alles, was ihr euch gerade leisten wolltet?" Fragte sie schelmisch grinsend. Julius verstand diese Hexe immer noch nicht. Die konnte mal unerbittlich streng und dann locker wie ein Schulmädchen drauf sein. Er löste sich vorsichtig von Mildrid und sagte ganz frech:

"Millie war eifersüchtig auf Artemis, weil ich ohne Vorspiel drin war."

"Apropos, Mildrid. Ich gebe dir besser ein paar von den kleinen Sündentilgern mit, die deine Schwester kennt. Lass dir vor dem nächsten ganz nahen Spiel mit Julius von Martine zeigen, wie sie benutzt werden."

"Die blauen Fläschchen. Hat mir Tine sofort gezeigt, als ich wieder zu Hause war", sagte Mildrid. "Zwei habe ich von der gekriegt, wo sie im Moment keinen kennt, für den sie sie bereithalten müßte", fügte sie noch hinzu.

"Komm, du hast demnächst eine ganz kkleine Schwester, mit der du dich ums Spielzeug zanken darfst", sagte Trice und holte ein kleines Paket mit veilchenblauen Miniflaschen heraus, die wie eingeschrumpfte Weinflaschen aussahen. Daneben lag noch ein dicker Korken wie für eine ganz große Flasche.

"Ach, chemische Keule zum Durchspülen?" Fragte Julius auf die Fläschchen deutend. Béatrice nickte. "Da gibt's einfachere Sachen zum verhüten."

"Mit denen du mir bloß nicht kommen sollst, Monju. Ich hab's bei 'ner Muggelstämmigen aus der Dritten mal gesehen, wie diese Drüberziehdinger aussehen. Dann könnten wir gleich durch die Klamotten."

"Der blaue Sündentilger tötet alle unerwünschten Sachen ab, Viren, Pilze und Bazillen", sagte Béatrice. "Eigentlich war der nur für die Körperpflege von Hexen, bis rauskam, daß der in hhöheren Dosen auch männliche Saat abtötet, solange der Inhalt wie üblich zehn Minuten wirkt. Du hast das ja in Aktion gesehen."

"Ach das Zeug", meinte Julius abfällig. Béatrice grinste ihn an. Barbara kam aus dem Wonraum.

"Ich muß noch mal raus und die Jungs und Mädels beaufsichtigen, bevor denen was passiert. Trice, du hast mich zulange aufgehalten. Bis nächste Woche dann!" Sie disapparierte mit leisem Plopp.

"Offenbar wirkt das in sie selbst hinein, daß sie diesmal ein paar Lausbuben ausbrütet", sagte Béatrice wieder ungehalten. Dann griff sie wieder in die Ausrüstungstasche und holte eine Flasche und zwei Trinkbecher heraus. "Sie hat mir erzählt, daß ihr in einer großen Wolke herumgeflogen seid. Ich gebe euch besser die Erkältungsvorbeugungslösung, bevor ihr im Frühling mit Schnupfen nach Beaux zurückfaht und ich von eurer Heilerin und Pflegehelferchefin einen Abriss kriege, was mir einfiel, euch in voller Kenntnis der Erkrankungsmöglichkeit unbehandelt gelassen zu haben."

"Das ist und bleibt ein Dreckzeug", knurrte Millie. "Habe ich früher schon nicht gemocht,und jetzt, wo ich mal nachgelesen habe, was da alles reinkommt ..."

"Soll ich es dir wie vor fünf Jahren eintrichtern, Mademoiselle?" Fragte Trice bedrohlich klingend. Millie verzog das Gesicht und nahm den Becher, ließ ihn sich vollschenken und trank ihn angewidert dreinschauend leer. Julius stürzte seine Dosis mit Todesverachtung hinunter, fühlte, wie es ihn durchwärmte und wie ihm dann Dampf aus den Ohren schoss. Er hielt sich die bald ofenwarmen Ohren zu und produzierte einige Rauchzeichen.

"Toller Trick", grinste Millie, der der Dampf die gerade erst getrockneten Haare durchwühlte.

"Okay, ich empfehle mich dann! Paßt gut auf euch auf!" Sagte Trice und disapparierte mit leisem Plopp.

"Gehen wir noch mal raus?" Fragte Millie. Julius nickte.

"Aber auf einer Latierre-Kuh müssen wir heute nicht mehr reiten, oder?"

"Neh, das hat mir für die Ferien auch gereicht", sagte Mildrid. "Aber du kannst mir den Dawn'schen Doppelachser zeigen", schnurrte sie dann.

"Natürlich zeige ich dir den, wenn wir uns den Pokal sichern", erwiderte Julius.

"Das werden Bine, San und ich euch austreiben, Monju. Allein schon deshalb, damit Dummschwätzer wie Hercules Moulin nicht meinen, du hättest mich deshalb als neue Freundin angenommen, damit ihr den Pott behalten dürft. Ich will da auch mal Champagner draus trinken und den bei Fixie besuchen, wenn die meint, mich wegen irgendwas in ihre Laberbude zu rufen."

"Dann muß ich den Doppelachser natürlich voll ausspielen, damit Professeur Faucon nicht ausrastet, daß ich mich nicht nur mit dir zusammengetan habe, sondern ihr deshalb den Pokal aus dem Zimmer habe spielen lassen", brummselte Julius verrucht.

"Also bleibt es dabei, daß du mir den Doppelachser heute nicht vorführen möchtest, Monju", schnurrte Mildrid und schmiegte sich an ihn.

"Heute nicht. Bin heute genug durch die Luft gewirbelt worden. Außerdem hast du ja gesehen, wie der geht."

"Du kommst nicht drum rum, daß ich den lerne, und sei es, daß ich deine Brieffreundin Aurora Dawn bitten muß, ihn mir aus reiner Fairness beizubringen."

"Gerade deshalb hat die ihn mir ja beigebracht, wo keiner zugeschaut hat", schnurrte Julius wie ein sich wohlfühlender Löwe. Millie kniff ihm in die Wange und hakte sich bei ihm unter.

Bis zum Mittagessen schlenderten die beiden über das große Grundstück, besichtigten die Stallungen, die Milchlager, die wie unterirdische Kühltanks aussahen und betrachteten einen der Bullen, der anscheinend friedlich im Gras lag, bis sie auf zehn Meter heran waren und halfen Babs Latierre beim ausfegen der Ställe, die wirklich nicht unangenehm nach Kuh stanken, sondern nach frischem Stroh und Blumenwiese. Zusammen mit den übrigen Feriengästen aßen die Latierres und Julius in der großen Wohnstube zu Mittag, wo Julius von den Jungen und Mädchen zu dem Abenteuer mit Temmie befragt wurde. Julius verschwieg, wie er die verspielte Flügelkuh wirklich dazu bekommen hatte, die Formation zu verlassen und zu landen. Das mußte echt nicht jeder wissen, fand auch Millie, die auch nicht verriet, was dort oben passiert war. Allein schon der Flug, sowie das Bad in der Wolke waren für die übrigen Jungen und Mädchen spannend genug.

"Mit wie viel G können die abheben?" Wollte Olivier wissen.

"Sechs G, Olivier. Dreißig Meter in der ersten Sekunde."

"Super!" Rief Olivier. "Wie'n Kampf-Jet. Aber ohne Fliegeranzug zerbröselt es dich doch dann."

"Das geht, wenn der Transportaufsatz innerttralisiert ist", wandte Marie ein. "Das ist der magische Andruckneutralisator. Deshalb können die Besen ja auch so tolle Manöver machen, ohne daß der drauf sitzende runtergefeuert wird."

"Voll cool! Dann könnte man ja mit der Sache in einer Stunde zum Mars fliegen", ereiferte sich Olivier.

"Den Pfadfinder überholen, der im Juli da landen will?" Fragte Julius. Er freute sich schon darauf, in den nächsten Sommerferien die bisher spektakulärste Marsmission der NASA mitbekommen zu können, wenn schon nicht unbedingt die Landung, dann zumindest die Bilder, die der Roboter von der Marsoberfläche zurückfunken sollte, wenn er nicht den roten Planeten leicht bis hammerhart anbohrte und kaputt ging. Jean Latierre fragte, was an Flügen im leeren Weltraum so spannendes oder wichtiges sein sollte, daß die Muggel dafür viel Geld ausgaben und Jahre lang auf die Ergebnisse warten wollten. Julius erklärte dann so ruhig er konnte, daß es ja um den Willen ging, neue Sachen zu entdecken und neue Sachen zu erfinden und auszuprobieren, einfach herauszufinden, was alles ging oder noch nicht ging. Barbara meinte dazu, daß es schon interessante Sachen gebe. Aber einiges davon sei ja dann doch zu schlimmen Dingen mißbraucht worden. Marie sagte dazu nur:

"Bei allem Respekt, das gilt auch für die Magie, Madame. Wir haben gelernt, daß viele Zauber von bösen Leuten in Flüche oder andere Angriffszauber umgewandelt worden sind und daß sogar manche Heilzauber darunter sind, die ursprünglich nur gutes bewirkten."

"Ist ja alles richtig", sagte Babs Latierre. "Nur Sprengvorrichtungen, die eine ganze Stadt einfach vom Erdboden wegfegen können oder andere Waffen sind ja wohl kaum für gutes gebaut worden."

"Ja, aber in Frankreich schwören sie auf die AKWs", warf Olivier ungefragt ein. "An der halben Loire stehen welche rum und bringen 'ne Menge Strom ins Netz."

"Und jede Menge Atommüll", grummelte Julius. Seine Meinung zur wie auch immer gemeinten Nutzung der Atomkraft war eindeutig. Sie war zu gefährlich, und mit dem Abfall würden sich die Menschen noch Jahrtausende lang abfinden müssen. Weil das Tischgespräch nun ein Thema erreicht hatte, wo urwüchsige Zauberer und Hexen nicht recht mitkamen, erklärte Julius den Gastgebern und seiner Freundin kurz, worum es ging und erhielt Zustimmung, was den Atommüll anging.

"Deshalb fliegen wir auch in den Weltraum, um zu kucken, ob wir das Zeug nicht irgendwo anders bunkern können", sagte Olivier. Marie meinte dann:

"Na klar, wie auf der Mondbasis Alpha 1, wo sie den ganzen Atomschrott auf der erdabgewandten Seite vom Mond zusammengepackt haben, bis der dann die kritische Masse erreichte und den Mond von der Erde weggeblasen hat."

"'tschuldigung, Leute, aber wenn wir da mitreden dürfen sollen müssen wir doch etwas mehr wissen", warf Barbara ein. "Abgesehen davon ist der Mond doch noch da wo er hingehört."

"Ist wohl eine Zukunftsgeschichte, wo Leute sich ausdenken, was mal passieren könnte", meinte Julius. Marie nickte und fragte dann, ob er die Serie nicht kenne, immerhin käme die ja aus England wie die mit den diktatorischen Weltraummädchen.

"Von 'ner Mondbasis weiß ich nix, Marie. Das mit den Weltraummädchen hat mein Vater mal gesehen, wo ich ein kleiner Pimpf war. Kann mich jetzt nicht mehr erinnern, was da genau abging." Doch das stimmte so nicht ganz. Immerhin hatte er einmal eine Szene aus einem Buch über Sardonia und Anthelia geträumt und dabei Sachen aus dieser Weltraumserie eingebaut. Aber mit Star-Trek kannte er sich aus, wie Olivier. So ging es von den versuchten Sachen der Muggel zu den wirklich nur erdichteten Geschichten, auch denen, wo Magie eine Rolle spielte, womit sie die Kurve zurück zu Themen bekamen, wo ausnahmslos alle was zu sagen konnten. So verging die Mittagsstunde und eine halbe Stunde mehr, bis Babs befand, die Kinder und Jugendlichen sollten wieder rausgehen.

"Gerade ihr, Marie und Olivier, seid hier, um genug frische Luft abzukriegen. Das habe ich euren Eltern zumindest garantiert. Also raus mit euch!"

"Zeigst du uns ein paar Quidditch-Manöver, Julius?" Fragte Marie. Millie sah sie zustimmend an.

"Ich habe keinen Besen mit", sagte er.

"Das ist ja wohl kein Ding", sagte Pennie. "Du nimmst meinen. "Millie, hast du deinen mit?"

"Wenn ich gewußt hätte, daß ich von Julius ein geniales Punktwendemanöver lernen kann hätte ich meinen mitgenommen", knurrte Pennies Cousine. Julius grinste schadenfroh.

"Was für'n Manöver?" Fragte Callie.

"Zeige ich euch, wenn wir gegen euch den Pokal verteidigen", sagte Julius.

"Nix, den kriegt Fixie ins Zimmer", blafften Callie und Pennie zeitgleich.

"Tja ja, die besten Jäger auf dem Platz hab'n die Roten. Aber die kriegen niemals einen Schnatz", spöttelte Julius.

"Wag dich dieses Lied zu singen, Julius und ich sage Maman, sie soll dir Miriam auf den Rücken binden, wenn sie da ist, oder besser, dich mitkriegen lassen, wie sie ankommt", knurrte Millie.

"Ist ja doch wahr, daß ihr mit dem Brochet keinen Schnatzfang hinkriegt", meinte einer der anderen Jungen, einer aus dem weißen Saal. "Den haben ja sogar die Gelben ..."

"Wen noch?" Fragte Mildrid herausfordernd. Der Junge schwieg betroffen.

"So, Schluß jetzt und raus mit euch Rasselbande!" Kommandierte Barbara. Ihr Mann schloß seinen Mund wieder. Offenbar wollte er was sagen. Die Feriengäste verließen das Haus und verteilten sich auf den Wiesen, dem Übungsflugplatz und dem Laufplatz. Julius und Mildrid sahen den anderen beim Besenflug zu. Pennie lieh ihm einmal ihren Besen und sah zu, was er von den Manövern, die er schon gebracht hatte, den anderen beibringen konnte. Dann wollte er mit Pennie im Tandem fliegen, um ihr ein paar Soziusflugminuten zu bieten, als Babs ihn anmentiloquierte.

"Julius, da ist Besuch für dich."

"Wer?" Schickte er zurück.

"Madame Belle Grandchapeau. Sie wartet an der westweide auf dich."

Julius versuchte, mit Belle zu mentiloquieren um ihr zu sagen, daß er käme. Doch merkwürdig, er bekam nicht diesen typischen Nachhall, den eine gelungene Verbindung in seinen Gedanken erzeugte. Babs tauchte auf und holte ihn ab, um ihn zur Westweide zu apparieren.

"Ich kann die nicht mit Melo erreichen", mentiloquierte Julius an Barbara. Diese schickte zurück, daß sie sich wohl auf etwas ganz wichtiges konzentriere. Dann gelänge die Verbindung nicht immer. Julius fragte sich, worauf sie sich wohl konzentrierte, wenn sie wartete. Doch da stand sie auch schon, Belle Grandchapeau, das dunkelblonde haar wie üblich leicht gewellt, gekleidet in einen meergrünen Umhang, der irgendwie amtlich wirkte.

"Hallo, Julius. Ich wußte erst nicht, wo du steckst", begrüßte sie ihn, nachdem Barbara Latierre dezent disappariert war.

"Ist was mit meiner Mutter? Die wollte doch heute bei euch den Vortrag halten", sagte Julius besorgt und trat auf Belle zu. Dabei begann sein Pflegehelferschlüssel zu zittern, nicht so, als riefe ihn jemand, sondern pulsierend, wie damals, als er in einem gewöhnlichen Autobus von jener blonden Hexe passiert worden war, die ihm später scheinbar selbstlos Körper und Seele gerettet hatte. Er stutzte. Hinter Belle lag ihr Ganymed 10 im Gras.

"Nein, deiner Mutter geht's gut, Julius. Sie hat mich nur drum gebeten, dich dazuzuholen, weil mein Vater, also der Zaubereiminister, die Sache mit den Atomwaffen noch einmal genauer erklärt bekommen möchte. Ist ja schon eine Zeit her, wo du ihm und Maman davon erzählt hast." Julius bewegte vorsichtig den rechten Arm vorwärts. Das zittern unter dem reißfesten Ärmel wurde etwas stärker. Er dachte sofort seine Selbstbeherrschungsformel. Das Armband warnte ihn.

"Meine Mutter hat doch alle Aufzeichnungen mitgenommen", tat er verwundert, obwohl in seinem Kopf gerade Alarmstufe Rot gegeben wurde. Er mied den direkten Blickkontakt mit Belle, weil er nicht wußte, ob er sich gut genug abschirmen konnte.

"Und dann soll ich jetzt mit dir zurück nach Paris? Apparieren?"

"Nein, mit dem Besen", meinte Belle. "Das Ministerium ist jetzt weitläufig apparitionssicher."

Julius entsann sich, daß keiner der Latierres davon was erwähnt hatte. Er dachte weiter seine Selbstbeherrschungsformel. Wenn er rausbekommen wollte, was hier gespielt wurde, dann mußte er nach außen hin ruhig bleiben.

"Du bist also mit dem Besen die ganze Strecke geflogen?" Fragte Julius ehrlich erstaunt.

"Ging nicht anders, weil ich nicht wußte, ob der Hof hier auch zu ist. Diese Latierres sind ja genauso mißtrauisch wie die auf der Elfenbeininsel."

"Die sind nicht mißtrauisch", meinte Julius. "Vielleicht kommen sie nicht mit jedem klar. Aber apparieren kann man hier. Sonst wäre ich ja wohl nicht so schnell hergekommen."

"Das weiß ich jetzt", grummelte Belle. Julius hörte heraus, daß sie offenbar unter Zeitdruck stand. Das in Kombination mit den Warnimpulsen des Armbandes war mehr als alarmierend.

"Ich dachte, meine Mutter wäre mit dem Vortrag schon durch. Eine Stunde hat sie dafür ausgerechnet. Oder war der spanische Zaubereiminister bei euch?"

"Huch, woher weißt du, daß wir den dazuholen wollten?" Fragte Belle nun etwas überrascht.

"Hat deine Mutter gesagt", erwiderte Julius. Belle schien sich zu entspannen. Doch genau das beunruhigte Julius noch mehr. "Woher sollten wir das sonst wissen? Ist er denn dagewesen?"

 

"Nein, er konnte doch nicht", sagte Belle. "Aber Minister Grandchapeau will dich in den nächsten zwanzig Minuten sehen. Wir fliegen hier weg, falls um den Hof ein Dom wie in Millemerveilles liegt und apparieren dann so nahe heran wie's geht."

"Öhm, das würde doch den Muggeln auffallen", meinte Julius.

"Ich kenne einen Umweg, wo wir in die Nähe der Rue de Camouflage können."

"Dann können wir doch gleich den Kamin benutzen, um ins Besuchervoyer zu kommen. Wieso hast du das nicht gleich so gemacht?" In weiter Ferne brüllte einer der Latierre-Bullen mit bauchkitzelndem Bassgebrumm.

"Weil das nicht jeder wissen darf, daß mein Vater sich für diesen NATO-Pakt interessiert, Julius. Also komm bitte. Mein Vater befürchtet, daß diese Atombomben vielleicht von der, die die Entomanthropen gerufen hat benutzt werden. Jede Sekunde ist kostbar."

"Die würde das nie machen", dachte Julius bei sich und versuchte noch einmal, Belle anzumentiloquieren. Wieder gelang es nicht. Er überlegte, ob er Babs Latierre anmentiloquieren sollte, um sie zu warnen. Aber wovor genau? Vor Belle?

"Julius, mein Vater gab mir die Anweisung, dich zu ihm zu bringen, so schnell es geht, ohne durch Apparitionsmauern brechen zu müssen oder das Flohnetz zu benutzen."

"Okay, dann erlaube mir bitte, daß ich Madame Latierre sage, das ich weg bin, damit sie sich keine Sorgen macht."

"nein, das wirst du nicht", erwiderte Belle unvermittelt grob und ergriff Julius am rechten Handgelenk. Es blitzte hell auf, als sie mit den Fingern das Pflegehelferarmband berührte, und mit einem lauten Aufschrei schrak sie zurück. Da war es für Julius sonnenklar, daß von Belle Gefahr drohte. Sein erster Impuls, den Zauberstab zu ziehen und einen möglichen Angriff zu vereiteln warf er hin. Er mußte Catherine anmentiloquieren, um sie zu warnen. Er wollte sich gerade auf Catherine einstimmen, da traf ihn ein Schockzauber voll in den Magen. Belle oder wer immer es wirklich war, hatte den Zauberstab wohl im Ärmel versteckt gehalten und sofort gehandelt, als der Schock verflogen war, den ihr das Pflegehelferarmband versetzt hatte. Julius fühlte nicht, wie er hinfiel, wie ihn das Wesen, das wie Belle aussah und sprach mit übermenschlicher Kraft und leichtigkeit vom Boden pflückte, nun sehr darauf bedacht, das bezauberte Armband nicht noch einma zu berühren, daß ihm beinahe Hören und Sehen hatte vergehen lassen. Julius wurde zum Besen geschleppt. Dann wurde er auf dreißig Zentimeter Länge eingeschrumpft, noch einmal geschockt und dann in eine kleine Umhängetasche gesteckt. Keine zehn Sekunden später raste Belle davon.

 

__________

 

Mildrid stand noch am Übungsfeld, als Julius mit ihrer Tante zur Westweide appariert war. Was wollte die hochvornehme Belle Grandchapeau von ihrem Freund? Er hatte ihr doch erzählt, daß seine Mutter vor den Grandchapeaus einen Vortrag halten wollte. Ging's darum?

"Hey, Millie, wo ist denn Julius hin?" Fragte Callie.

"Deine Mutter hat ihn abgeholt und zur Westweide gebracht, weil da Belle Grandchapeau was von ihm will, was auch immer."

"Die? Dann hat das wohl was mit dem Ministerium zu tun", sagte Callie.

"Ich bin neugierig", gab Millie zu. "Gibst du mir bitte mal deinen Besen?"

"Lass dich nicht von maman erwischen! Ich hörte, dein Süßer hätte einiges geheimes mit dem Minister und seiner Familie am laufen."

"Ich will ja nicht reinfuhrwerken, wenn das wirklich so wichtig ist."

"Kannst du den nicht über dein Armband rufen?" Fragte Callie.

"Das könnte mir Madame Rossignol verübeln. Ich mach mich selbst dahin. Darf ich deinen Besen?" Callie nickte und überließ Millie ihren Ganymed 8. Sie saß auf und brauste los. War zwar nicht mehr so doll wie ihr Zehner, aber für einen schnellen Flug zur Weide schon geeignet. In einer Minute würde sie da ankommen. Da zitterte ihr Armband. War das Julius? Sie stellte Kontakt her. Doch es war Schwester Florence.

"Millie, was ist mit Julius? Irgendwas düsteres ist in seiner Nähe!"

"Was?!" Rief Mildrid und verriss fast den Besenstiel.

"Sein Schlüssel gibt über den Curattentius Warnmeldungen aus. Weißt du was?"

"Meine Tante hat ihn vor einer halben Minute abgeholt und zur Westweide gebracht, wo Belle Grandchapeau sein soll, Madame. Da ist er jetzt wohl. Aber wenn der Curattentius-Zauber anschlägt heißt das doch, daß er gerade von einer dunklen Kreatur bedroht oder angegriffen wird!"

"Genau deshalb will ich wissen, was los ist und ..." Das Gesicht des frei neben Millie in der Luft mitfliegenden Abbildes der Heilerin wurde bleich. "Der Zauber ist gerade mit voller Stärke ausgelöst worden. Er wird angegriffen."

"Drachenmist!" Brüllte Millie aus Wut und Hilflosigkeit heraus.

"Mädchen, wo bist du gerade hin?" Fragte Madame Rossignol sehr energisch.

"Ich will dahin, wo er ist."

"Das machst du nicht, Mädchen. Ich schicke professeur Faucon hin. Wo ist diese Westweide?"

"Eine Besenflugminute von mir weg. Ich fliege da hin und seh mir das an, was da läuft!" Rief Millie und flog schneller.

 

"Ich gebe dir eine klare Anweisung, Mildrid Latierre, lande und bleib weg. Du kannst ihm jetzt eh nicht mehr helfen. Er wird gerade schneller als zu Fuß vom Ort bewegt. Wenn ich das richtig ablese ist er betäubt oder im Koma."

"Sabberhexenschleim!" Fluchte Millie.

"Das habe ich jetzt nicht gehört, Mademoiselle. Fliege sofort zu deiner Mutter hin."

"Wenn die auf 'nem Besen sitzen kriege ich den noch ein", knurrte Millie kampfeslustig.

"Du sagtest, es sei Belle Grandchapeau, angeblich?"

"Mist, die hat den Zehner und ich nur Callies Achter", grummelte Millie. Zähneknirschend kehrte sie um und flog zum Wohnhaus. Madame Rossignol sagte dann, daß sie Professeur Faucon und den zaubereiminister informieren würde.

"Ich will nicht noch frecher rüberkommen als sie mich eh schon sehen, Madame, aber wenn jemand so getan hat, als sei es Belle Grandchapeau oder Belle Grandchapeau dazu gebracht hat, Julius hoppzunehmen könnte der oder die auch den Minister erwischt haben", sagte Millie und erkannte jetzt erst, was sie da eigentlich von sich gegeben hatte. Madame Rossignol bekam vom Entsetzen geweitete Augen, nickte wild und meinte:

"Mädchen, ich fürchte, das könnte wahrhaftig passiert sein. Aber Professeur Faucon kann dieser Jemand nicht erwischt haben, weil sie noch in Millemerveilles ist. Ich schicke sie zu euch."

"Das können Sie auch vergessen, Madame. Die betritt den Latierre-Hof nicht. Zumindest sagt meine Großmutter das."

"Ich verstehe, daß du jetzt sehr aufgebracht und durcheinander bist, Mildrid, deshalb habe ich auch das jetzt nicht gehört", erwiderte Madame Rossignol. Sie schien über was nachzudenken. Dann sagte sie: "Dann fliege zurück von wo du herkamst. Du erzählst deiner Tante kein Wort. Das soll deine Tante Béatrice tun."

"Seh ich ein", grummelte Millie. Ihrer hochschwangeren Tante jetzt auf die Nase zu binden, daß sie Julius mal eben in eine Falle reingebracht hatte würde ihr bestimmt nicht guttun. So flog sie zähneknirschend zum Übungsfeld zurück. Unterwegs verschwand Madame Rossignols Abbild.

"Und, bist du rangekommen?" Fragte Callie ihre zornig dreinschauende Cousine.

"Neh, die waren schon weg. Die vornehme Madame hat Julius einfach mitgenommen", sagte sie und log damit noch nicht einmal.

"Oh, das tut mir aber leid", feixte Callie. Millie nahm den Besen und holte aus, um ihn Callie über die albernen Locken zu zimmern. Da ploppte es, und Catherine Brickston apparierte.

"Oh, was sollte das geben, die Damen?" Fragte sie, als Millie gerade zuschlagen wollte.

"Öhm, ich wollte Callie den Besen zurückgeben", sagte Mildrid, senkte den Stiel behutsam und gab ihn Callie zurück.

"Was machst du denn hier, Catherine?" Fragte Pennie.

"Ich suche den, auf den ich eigentlich aufpassen soll, Julius Andrews. Ich hörte gerade, er sei abgeholt worden und wollte wissen, wieso."

"Da mußt du mit unserer Mutter sprechen, Catherine", sagte Callie. Seit den Sommertagen im Sonnenblumenschloß und dem daraus entstandenen Club der guten Hoffnung duzten sich ja alle, die zu den betreffenden Familien gehörten.

"Keine Sorge, deshalb bin ich hier. Komm bitte mit, Millie!"

"Geht klar, Catherine", sagte Millie und griff Catherines Hand. Da ihre eigene Mutter immer noch lässig mit Begleitung apparieren konnte erstaunte es die Zwillinge nicht, daß die ebenfalls schwangere Catherine mit Millie verschwand, ein wenig lauter als ihre Mutter, aber doch noch relativ leise.

"Irgendwas ist da krumm", meinte Callie zu ihrer Schwester.

"Du meinst, daß mit Belle war nicht sowas ministermäßig geheimes oder sowas?" Fragte Pennie.

"Millie ist ja fast mit meinem Schnuckelbesen auf mich losgegangen", knurrte Callie. "Da ist bestimmt was anderes gelaufen, wenn dann noch Königin Blanches Kronprinzessin mit Zusatzgepäck appariert, wo deren Mutter Oma Line damals geschworen hat, hier niemals einen Fuß hinzusetzen."

"Vielleicht wieder sowas wie im Sommer, diese Succubus-Sache. Falls das sowas wird kann ich Millie verstehen", erwiderte Pennie.

"Dann wäre doch Belle nicht angerückt, blöde Gans."

"Ey, wenn du von mir eine übergezogen kriegen willst kein Problem", fauchte Pennie. "Aber wenn diese Succubusse sich tarnen oder in andere Leute verwandeln können."

"Können die nich', Pennie. Ich habe mir in der Bibliothek den Schinken über dunkle Kreaturen geliehen, den du zu gruselig findest. Da steht nur drin, daß die Leute wie mit so'nem Imperius-Fluch dazu zwingen können, zu machen, was die wollen, vor allem Männer."

"In so'nem Buch steht bestimmt nicht alles drin", feixte Pennie. Callie wandte ihrer Schwester den Rücken zu und ging einfach weg. Pennie wußte, daß sie sie jetzt eine Stunde oder so nicht mehr anquatschen sollte, wenn es nicht doch noch zu einer Prügelei kommen sollte.

Catherine derweil erschien mit Millie vor dem Wohnhaus. Dort öffnete Jean Latierre die Tür und ließ sie rein.

"Catherine, du auch hier? Trice ist bei Babs und erzählt ihr was, wo ein Heiler bei sein soll."

"Passt gut, ich will das hören", knurrte Catherine und zwang sich, nicht in unbändige Wut oder Hysterie zu geraten. Die Hormone fuhren mit ihr gerade Achterbahn, und sie hatte keine Lust, hier und jetzt auszurasten oder heulend zusammenzubrechen und Claudine in diesem Haus zur Welt zu bringen. Das konnte sie ihrer Mutter wirklich nicht noch zumuten. Aber was dachte sie da? Es gab im Moment wesentlich drängendere Sachen und vor allem gefährlichere. Sie schob Jean bei Seite und eilte in die Wohnstube. Millie hatte nicht gehört, daß Catherine gerufen hatte. So konnte das nur diese Melo-Sache sein, die Julius gelernt hatte und sie nicht lernen durfte. Denn ihre Tante sagte nur:

"Gut, Catherine, ich warte noch. Millie wollte sich auch ins Wohnzimmer hineinschieben. Doch Catherine stieß sie unsanft zurück. Millie war schon drauf und dran, Catherine dafür in die Seite zu hauen. Doch einer werdenden Mutter was zu tun wurde bestraft, und sie konnte dann nur hoffen, im Gefängnis zu landen und nicht in Madame Rossignols Bettpfannenregal. So blieb sie draußen. Offenbar wurde ein Klangkerker errichtet, weil sie keine zehn Sekunden später nichts mehr von drinnen hören konnte. Ihr Onkel kam heran und fragte, was Catherine wirklich wollte.

"Julius ist weggeholt worden, Onkel Jean. Entweder hat Belle unter dem Imperius-Fluch gehandelt, oder es war wer, der sich mit Vielsafttrank in Belle verwandelt hat. Jedenfalls ist Julius' Pflegehelferarmband losgegangen, Madame Rossignol hat mich angerufen, wo er gerade sei und dann ist er weggebracht worden, auf einem Besen, vielleicht dem Zehner von Madame Grandchapeau."

"Ach du meine Güte", seufzte Jean Latierre. "Wir hatten hier keinen Schutzzauber, wegen der Tiere und so. Woher wußten die dann, wo der war?"

"Wie ich sagte, weil Belle entweder nicht Belle war und die womöglich Julius' Mutter ausgehorcht haben oder den Minister gleich mitkassiert haben."

"Ruf keinen Drachen, wenn du nicht willst, daß er kommt!" Erschrak Jean Latierre.

"Was meinst du denn dann, warum Catherine keine Minute später hier ankam, wo Königin Blanche sich wegen irgendwas zwischen ihr und Oma Line nicht hertraut?" Begehrte Millie auf.

"Gut, Mädchen, ist gut. Wir werden rausfinden, was passiert ist."

"Wenn Julius was passiert", knurrte Millie.

"Können wir auch nichts dagegen machen, Mildrid", erwiderte ihr Onkel.

"Das werden wir sehen", schnarrte Mildrid.

Béatrice erläuterte ihrer Schwester und Catherine, was passiert war. Zwischendurch hörten sie Millies wütendes Knurren von draußen.

"Die hätten wir reinlassen können", meinte Babs, als sie unter dem Einfluß eines leichten Beruhigungstranks die Geschichte gehört hatte. Catherine hatte ebenfalls eine kleine Dosis des Beruhigungstrankes geschluckt, um nicht doch noch ihr Kind zu verlieren.

"So, Catherine, deine Mutter hat dich angemelot, als Madame Rossignol sie kontaktgefeuert hat", sagte Béatrice. "Sieht mir glatt danach aus, als hättet ihr mit etwas ähnlichem gerechnet."

"Béatrice, ich weiß, du fühlst dich seit dem Ritual deiner Mutter auch für den Jungen mitverantwortlich. Deshalb verrate ich es dir, was wir seit gestern abend eigentlich gewußt haben mußten", sagte Catherine unter dem sanften Einfluß des Trankes und schilderte das, was sie gestern Abend mit den Andrews' besprochen hatte. Sie schloß damit, daß sie Martha noch versucht habe, abzuraten, den Vortrag zu halten. Doch diese habe ihr erzählt, daß sie alle wohl einem genialen Ablenkungsmanöver aufgesessen sein mochten, daß der amerikanische Zaubereiminister nicht wirklich ermordet worden sei oder soetwas.

"Ihr habt doch ein Viviane-Eauvive-Gemälde bei euch. Hat das nicht nachgeforscht, was los ist?" Fragte Béatrice und blickte auf ihre Schwester und auf Catherine.

"Da hatte ich keine Zeit mehr für, weil meine Mutter verlangt hat, sofort zu euch zu kommen und mir anzuhören, was ihr wißt."

"Also daß wir gar nichts wissen", sagte Barbara, die nun doch etwas erregter klang, so daß ihre fürsorgliche Schwester sie mit bangem Blick im Auge behielt.

"Ich kehre sofort nach Hause zurück. Wenn Millie mit ihrer ziemlich waghalsigen Vermutung recht haben sollte, könnte der Minister entweder schon ein Opfer dieses Kerls geworden sein oder es noch werden."

"Du hast den Namen von dem Trollpopel noch nicht rausgerückt", fauchte Barbara Latierre.

"Wenn das mit dem Ablenkungsmanöver nicht stimmt, dann hängt niemand geringeres als Igor Bokanowski da mit drin. Dann hätten wir es mit lebenden Abbildern, besseren Simulakren zu tun, oder wie Julius sagen würde, Klone."

"Verdammt, der ist doch von Ihr-wißt-schon-wem, ach was, diesem Voldemort vernichtet worden. War mal ein brillanter Heilmagier und konnte Sachen machen, wo Großmeister heute noch staunen. Was den damals aus der Bahn geworfen hat weiß ich nicht", sagte Béatrice.

"Seine Frau wurde von Vampiren angegriffen, und er ist mit seinem Antrag gescheitert, alle Vampire auszurotten, egal ob Hell- oder Dunkelmondler. Ich habe das in der Biographie der potentiell gefährlichsten Zauberer der Gegenwart nachgelesen."

"Ich weiß nur, daß sein Doktor Medicationis Magicae aberkannt wurde", sagte Béatrice betrübt. "Aber was könnte der von Julius -? Ich ziehe die Frage zurück. Du hast ja erzählt, daß einer der Ermordeten in den Staaten ein Ruster-Simonowsky war. Sollte es wirklich Bokanowski sein, könnte der darauf verfallen, gezielt Ruster-Simonowsky-Zauberer zu jagen, weil er irgendwas über sie rausfinden will, was ihm nicht nur nicht bekannt war, sondern ihm in die Quere gekommen ist."

"Ich hoffe, Madame Rossignol kann ihn weiterverfolgen, egal wo er hingebracht wird. Ich schicke Vivianes Bild los, sie soll die Nachricht rumgehen lassen."

"Gut, ich geh rüber ins Schloß und jage jeden gemalten Würdenträger los, seine Gegenstücke zu instruieren", sagte Béatrice. "Du, Babs, legst dich bitte auf die Bank und bleibst liegen! Heileranweisung! Ich bin in einer halben Stunde wieder bei dir. Catherine, am besten informierst du deine Hebamme, sie soll auf dich aufpassen oder gehst besser zu dir. Ich will nicht haben, daß du oder meine Schwester in Schwierigkeiten geratet!"

"Wie du erkannt hast habe ich eine eigene Hebamme, Béatrice. Aber in diesem Fall füge ich mich deiner Heileranweisung. Wäre ja auch in Heras Sinne."

"Wollt ihr das in die Zeitung setzen, daß Julius entführt wurde?" Fragte Barbara Latierre nun wieder etwas mehr benommen.

"Ganz bestimmt nicht", knurrte Catherine. Dann kehrte sie durch den Kamin in ihr Haus zurück.

 

__________

 

Madame Faucon erfuhr umgehend von Schwester Florence, was passiert war. Sie erschrak heftig. Dann überkam sie eine Woge verschiedener Gefühle: Angst um Julius, Wut auf die Kreatur, die ihn entführt hatte, aber vor allem Wut auf sich selbst, weil sie doch seit gestern alle Anzeichen dafür bekommen hatte, daß ein brandgefährlicher Widersacher, der dafür berüchtigt war, mit menschlichem Leben herumzupfuschen, das Zaubereiministerium Nordamerikas infiltriert hatte und ganz bestimmt schon andere Ministerien im Auge hatte, ja unter Umständen bereits unerkannte Handlanger von sich dort untergebracht hatte. Als sie die Woge unbändiger Gefühle endlich niedergerungen hatte verließ sie ihr Haus, aus dem Heraus sie nicht mentiloquieren konnte und begab sich an einen Punkt, von dem aus sie ihre Tochter erreichen konnte und schickte ihr die Botschaft zu:

"Catherine, Julius wurde von einer mit dunklen Kräften angereicherten Kreatur in Belle Grandchapeaus Gestalt vom Latierre-Hof entführt. Frage Barbara Latierre, was sie davon mitbekommen konnte! Werde mit Austère und Boragine ins Ministerium gehen und Minister Grandchapeau überprüfen."

"Julius entführt?!" Kam eine sehr erschüttert wirkende Gedankenbotschaft zurück.

"Ja, entführt. Hätten wir mit rechnen müssen", mentiloquierte Professeur Faucon zurück.

"Bin sofort unterwegs", schickte Catherine zurück.

"Die war ja ein paarmal auf diesem Viehhof", knurrte Madame Faucon. Sie verstand es bis heute nicht, was ihre Tochter damals an diesen Leuten gefunden hatte. Sie hatte es zwar einmal versucht, es ihr zu verbieten, aber damit erst recht ihre Neugier geweckt. Nun gut, sollte sie das mit den Latierres klären, und war damit aus der eigentlichen Gefahrenzone heraus. Denn Professeur Blanche Faucon war sich sicher, daß die Überprüfung des französischen Zaubereiministers wesentlich heikler sein würde als im ersten Moment zu erwarten war. Wieder zurück im Haus kontaktfeuerte sie erst mit ihrer Kollegin Professeur Fixus, der sie in drei Sätzen erklärte, was passiert war und was sie mutmaßte. Mit ihr zusammen wagte sie eine Kontaktfeuerkonferenz mit ihrer früheren Lehrerin und Mentorin, Professeur Austère Tourrecandide. Dieser erläuterte sie in wenigen Sätzen, was passiert war.

"Das wäre sehr viel nützlicher gewesen, Blanche, wenn du mich gestern abend schon über diese Angelegenheit informiert hättest", knurrte Professeur Tourrecandide verärgert. "Natürlich habe ich von dem Tod des Ministerpostenanwärters in den Staaten erfahren. Aber von einem veritablen Mord an dem Amtsinhaber wußte ich bis jetzt nichts. Wenn du schon Informationen von derart emminenter Tragweite erhältst, solltest du sie stante Pede an mich weitergeben, Blanche."

"Ich hätte Sie bestimmt nicht behelligt, Austère, wenn mir nicht klargeworden wäre, welche Tragweite die Affäre bereits besitzt", erwiderte Professeur Faucon etwas unterwürfig klingend. Boragine Fixus, deren Kopf im Kamin der früheren Fachlehrerin für Schutz vor zerstörerischen Zauberkräften neben dem ihrer Kollegin hockte, wußte zu gut, wie unerbittlich die gemeinsame, frühere Lehrerin sein konnte. Doch was auch immer Professeur Tourrecandide für Tiraden hatte ausstoßen wollen hatte wohl zeit. Denn die beinahe weißhaarige Hexe trieb zur umgehenden Überprüfung des französischen Zaubereiministers. Sie kommandierte ihre beiden jüngeren Kolleginnen und ehemaligen Schülerinnen, sich zur Rue de Camouflage zu begeben. Dort wolle sie in einer Minute zu ihnen stoßen. Gemeinsam wollten sie sich dem Ministeriumsgebäude zu Fuß nähern und durch den Besuchereingang eintreten. Erst verschwand Professeur Fixus' Kopf aus dem Kamin, dann der von Professeur Faucon.

Keine zwei Minuten später trafen sich die drei Hexen vor den Kaminen im Geschichtsmuseum in der französischen Zaubererstraße. Sie verständigten sich nun über Mentiloquismus, wobei Professeur Faucon und Tourrecandide ihren Geist für Professeur Fixus offenhielten, so daß diese die Botschaften mithören konnte.

"Blanche, wir nutzen die Hintertür, damit der Minister nicht gewarnt wird, falls er bereits unter Bokanowskis Bann steht oder gar ein Replikant des Originals im Dienst dieses russischen Schwarzkünstlers ist", mentiloquierte Professeur Tourrecandide, während sie die breite Kopfsteinpflasterstraße entlanggingen.

"Sie wissen, daß wir uns strafbar machen, falls sich unsere Befürchtung doch als unzutreffend erweist", wies Professeur Faucon ihre Kollegin und Mentorin hin. Diese schickte ohne körperliche Regung zurück:

"Ob jetzt schon oder erst noch muß ich davon ausgehen, daß Bokanowski unser Zaubereiministerium in seine Pläne einbezieht, Blanche. Wenn wir den Minister vor einer Entführung und seinem Austausch bewahren um so besser."

"Ich soll ihn prüfen", mentiloquierte Professeur Fixus an Professeur Faucon. Diese bejahte es auf dieselbe unhörbare Weise.

Sie erreichten das Ministeriumsgebäude, das keine äußerlich sichtbare Tür besaß. Wer hier hineinwollte mußte ein Haus weiter in den Besuchereingang treten und sich anmelden oder apparierte direkt im Besuchervoyer oder benutzte den Flohnetzanschluß. Doch Professeur Tourrecandide kannte einen streng geheimen Zugang unter der Straße, der ausschließlich von Sicherheitszauberern oder dem Minister selbst benutzt werden durfte, wenn der Besuchereingang blockiert und das Apparieren oder die Kaminbenutzung aus Sicherheitsgründen unterbunden wurden, im Fall einer Belagerung durch böswillige Zauberer zum Beispiel.

"Intratio urgentis passabilis!" Dachte Professeur Tourrecandide und klopfte auf einen bestimmten Kopfstein im Boden, als ihre Kolleginnen dicht bei ihr standen. Sie durfte diesen Zauber nicht laut aussprechen, weil sonst sofort Alarmzauber im Ministerium angesprochen hätten und sie in wenigen Sekunden von Beamten der inneren Schutztruppe umstellt und überwältigt worden wären. Der Stein erzitterte. Dann stieg um die drei eine unsichtbare Wand hoch, formte eine Kuppel über sie. Für die Passanten auf der Straße waren sie in diesem Moment nicht mehr zu sehen, als das Stück Pflasterstraße mit ihnen abwärts glitt wie eine Fahrstuhlplattform, in einen tiefen Schacht sank und keine fünf meter tiefer vor einer Metalltür anhielt. An diese tippte Professeur Tourrecandide mit dem Zauberstab und wiederholte ungesagt die magische Parole "Intratio urgentis passabilis." Über ihnen hatte sich bereits wie bei einem alten Paternosteraufzug ein neues Straßenstück eingefügt, das nicht als Einstieg zu erkennen war. Die Tür schwang geräuschlos auf. Professeur Tourrecandide entzündete ihr Zauberstablicht und führte die beiden jüngeren Kolleginnen durch mehrere unbeleuchtete Korridore. Schließlich standen sie vor einer Mauer. Auch hier wandte sie die unhörbare Parole an, während sie einen bestimmten Mauerstein mit dem Stab berührte. Für genau drei Sekunden klaffte die Mauer breit genug auf, daß sie hindurchschlüpfen konnten, bevor der Zugang sich wieder schloß. Für alle dahinter laufenden Besucher des Ministeriums war dieser Vorgang unsichtbar, weil eine halbrunde illusionäre Wand vor der Stelle entstanden war, die den Eindruck einer unversehrten Wand vermittelte, bis die heimlichen Besucherinnen den Wirkungsbereich verlassen hatten und nun wie appariert im Besuchervoyer auftauchten. Da gerade zwei weitere zauberer apparierten fielen sie nicht weiter auf. Mit einem der Fahrstühle fuhren sie nach oben bis zu den Büroräumen des Ministers. Dort standen vier Wächter mit erhobenen Zauberstäben. Professeur Tourrecandide sagte sofort:

"Der Minister hat uns herzitiert. Es geht um die Affäre Davenport in den Staaten. Er wünscht unsere Expertise. Bitte lassen Sie uns durch."

"Moment, ich muß Sie anmelden", sagte einer der Wächter. Da traf ihn ein ungesagter Erstarrungszauber. Gleichzeitig wurden zwei seiner Kollegen mit dem Bewegungsbann handlungsunfähig gemacht. Der vierte Wächter wollte gerade einen Alarmzauber auslösen, als ihn Professeur Faucons unhörbarer Bewegungsbann erwischte und wie seine Kollegen zu einer lebenden Statue machte. Ohne weiteres Wort eilten die drei Hexen, die nun genau wußten, daß sie sich wohl noch vor einem Zauberergericht verantworten mußten durch das Vorzimmer des Ministers und öffneten ohne anzuklopfen die Tür zum Büro von Zaubereiminister Armand Grandchapeau persönlich. Zumindest sollte nur er in diesem Büro residieren.

Sie fanden einen Mann vor, der wahrhaftig wie der Minister aussah in dessen Sessel sitzend und verblüfft auf die drei unangemeldeten Besucherinnen blickend.

"Boragine, prüfen Sie ihn bitte!" Mentiloquierte Professeur Faucon ihrer Kollegin.

"Wo ist Ihre Tochter, Armand?" Fragte Professeur Tourrecandide sehr harsch. Der mann im Sessel sagte ihr, sie habe sich unwohl gefühlt und sei nun in ihrem Haus. Professeur Fixus schnarrte mit Windgeheulstimme:

"Dann hat sie gelogen. Sie war auf dem Latierre-Hof. Barbara Latierre hat sie dort beobachtet. Dann ist sie mit Monsieur Andrews ..." Sie erstarrte, sah den Minister durch ihre ovalen Brillengläser an und verfiel in eine angespannte Haltung.

"Blanche, er ist nicht der Minister!" hörte Professeur Faucon die Gedankenstimme ihrer Kollegin. Keine Sekunde später mußte wohl auch Professeur Tourrecandide diese Botschaft gehört haben. Denn anders war es nicht zu erklären, daß beide Verteidigungsexpertinnen gleichzeitig ihre Zauberstäbe in Händen hielten und auf den Mann richteten, der im Sessel saß. Tatsächlich gleichzeitig riefen sie: "Stupor!" Beide ausgelösten Schockzauber trafen den Mann, der wie Minister Grandchapeau aussah am Körper und ließen ihn im Sessel zusammensacken.

"Er hat keine Occlumentie benutzt?" Wunderte sich Professeur Tourrecandide.

"Das schon, aber ein merkwürdiges Wispern ging von ihm aus wie ein Strahl aus Gedanken, der in eine Richtung östlich von hier weist und ständig von dort beantwortet wird", sagte Professeur Fixus und trat auf den Minister zu. "Im Moment ist dieser Strom versiegt, als hätten wir die Verbindung getrennt und ... Nein! in Seinem Nacken ist etwas, das rudimentäre Gedanken aussendet und wieder stärker wird."

"Etwas wie ein Willenswickler?" Fragte Professeur Tourrecandide und trat näher, um sich den geschockten anzusehen. Sie legte seinen Hals frei, sah aber keinen dünnen, grünen, pulsierenden Faden, der sich darum schlang und mit den Enden am Hinterkopf festsaß. Nur eine rosarote, sternförmige Zeichnung in der Haut war zu sehen.

"Er hat ein Mal im Nacken, daß mir nie bekannt war", sagte sie. Dann erkannte sie, wie sich der geschockte langsam bewegte. "Zurück, der Schocker hält nicht mehr vor!" Rief sie und sprang von dem Betäubten zurück.

"Das kann nicht angehen, zwei gleichzeitig zu neutralisieren", dachte Professeur Faucon. Doch genau das passierte.

"Ihr vermaledeites Hexenpack!" Schnarrte Grandchapeau und riss seinen Zauberstab hoch. Ein unsichtbarer Fluch, der den Willen in einer Woge aus Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit ertränken sollte brandte durch den Raum, ein Flächenfluch, der mehrere Gegner gleichzeitig betreffen sollte. Doch weil er unbedingt gemeint hatte, vorher noch eine Beschimpfung ausstoßen zu müssen hatten die drei Besucherinnen sich bereits hinter silbrigen Schilden in Deckung werfen können. Mit einem Glockenartigen Laut zersprühte der Fluch an den drei Schilden. Sofort stießen die beiden ausgewisenen Fluchabwehrmeisterinnen Gegenflüche aus, die der Eindringling in Grandchapeaus Erscheinungsform mit einer Zauberstabbewegung abwehrte. Der Kerl war durchaus gut, erkannte Professeur Faucon. Da rief Professeur Fixus: "Expelliarmus!" Gerade als der Fremde einen weiteren Angriff wagte. Direkt danach dachte Professeur Faucon konzentriert "Confundiridio!" Keinen Sekundenbruchteil später vollführte Professeur Tourrecandide eine Bewegung, die den Incapsovulus-Zauber einleitete. Grandchapeaus Zauberstab flog gerade von einem scharlachroten Blitz aus Professeur Fixus' Zauberstab getroffen davon. Ein regenbogenfarbiger Lichtstrahl hüllte den Mann im Sessel ein und ließ ihn verwirrt umherblicken, während ein weißer Nebel aus Professeur Tourrecandides Zauberstab trat und den Gegner in eine dichte Wolke einschloß, die sich innerhalb von Sekunden zu einer eiförmigen, weißen Schale verfestigte.

"Diesem Kerker wird er ohne Zauberstab nicht entrinnen können", knurrte Professeur Fixus wild entschlossen. Doch da glühte die Umkapselung sonnengelb auf. Sie fürchteten schon, sie würde gleich bersten. Doch wie es aufgeleuchtet war erlosch das gelbe Glühen keinen Moment später wieder. Die Kapsel blieb dabei völlig unversehrt.

"Offenbar sollte der Eindringling mit einem Fernvernichtungsfluch eliminiert werden, weil er sowohl wertlos wie schädlich für seinen Meister wurde", mentiloquierte Professeur Faucon. Ihre ältere Fachkollegin gedankensprach zurück:

"Distignitus, Blanche. Ein sonst recht nützliches Mittel, um wertlose Gehilfen zu vernichten. Er dachte nur nicht daran, daß Incapsovulus jede im Körper wirkende Magie in die Umkapselung ableitet, sofern sich nicht jemand selbst schwächt und den Unterbrechungszauber wirkt." Dann Sagte sie mit sehr Befehlsgewohnter Stimme ein Wort, daß ihre Kolleginnen zusammenschrecken ließ: "Imperio!"

"Jetzt sind wir alle lebenslänglicher Gefangenschaft geweiht", dachte Professeur Faucon. Wie konnte ihre sonst so gesetzestreue und beherrschte Kollegin sich hinreißen lassen, einen unverzeihlichen Fluch anzubringen? Da hörte sie die Stimme Grandchapeaus aus der magischen Kapsel:

"Ich habe nur einen Herrn und Gebieter, Igor Bokanowski. Ich habe nur einen Herrn und Gebieter, Igor Bokanowski!" War die auf Russisch wiederholte Botschaft, die immer und immer wiederkehrte wie ein indisches Mantra.

"Austère, lassen Sie ihn. Er wird von einem Fremdorganismus beherrscht", zischte Professeur Faucon. Sie wunderte sich, daß die Flüche und vor allem Imperius keinen Alarm geschlagen und mehrere Sicherheitszauberer auf den Plan gerufen hatten. Doch dann fiel ihr ein, daß dies nicht nötig war, weil das Ministeriumsbüro so gesichert war, das der legitime Minister vor Flüchen geschützt und bei den Unverzeihlichen schnell an einen anderen Ort gezaubert wurde, bevor der Fluch wirksam werden konnte. Also handelte es sich bei dem Subjekt, daß sie gerade überwältigt hatten zweifelsfrei um einen ganz anderen Mann, nicht um den legitimen Minister. Aber wieso hatte die Flucherkennung ihn dann nicht sofort verraten oder überwältigt? Sie sah ihre Kolleginnen an und sagte:

"Daß es nicht der wahrhaftige Armand Grandchapeau ist ist ja eindeutig. Aber wie konnte ein ihm nachempfundener Usurpator hier unerkannt eindringen?"

"Das Büro wehrt fremde Flüche ab, sobald sie hier gewirkt werden", sagte Austère Tourrecandide. Wann immer der Austausch vollzogen wurde, es war nicht in diesen Räumen."

"Dann müssen wir davon ausgehen, daß der wahrhaftige Minister tot ist?" Fragte Professeur Faucon beklommen, weil ihr im selben Moment einfiel, daß Belle Grandchapeau dann auch nicht die echte Belle Grandchapeau war. Der eingekapselte Gefangene lachte höhnisch.

"Ja, weil ihr mich überwältigt habt", sagte er auf Französisch.

"Eben nicht", schlug Professeur Tourrecandides Stimme wie ein Schwerthieb in diese unpassend überlegene Behauptung ein. "Der, dessen Abbild du wurdest, muß noch leben, damit du sein Äußeres wie sein Wissen benutzen kannst. Wahrscheinlich befindet er sich noch irgendwo im Ministerium, eingeschrumpft und handlungsunfähig eingeschlossen in einem ihn schützenden Gefäß."

Der Gefangene stieß auf Russisch eine äußerst rüde Verwünschung an Tourrecandides Adresse aus, die nur sie und Professeur Faucon verstehen und Professeur Fixus als gedankliche Simultanübersetzung aus ihren verbalen Geistesausstrahlungen auffangen konnte.

"Ich werde dieser Bitte nicht entsprechen", erwiderte Professeur Tourrecandide nun völlig ruhig in der Heimatsprache dessen, der den Eindringling in seinen Diensten hatte. Die Kapsel ruckelte und rumorte, weil ihr Gefangener versuchte, sich freizusprengen. Schmerzenslaute drangen heraus, weil der falsche Grandchapeau sich dabei wohl Verletzungen zuzog und dann unvermittelt Ruhe gab.

"Ihr wißt zu viel. Aber der Minister wird dieses Wissen mit seinem Leben bezahlen. Der Meister wird ihn sehr bald in seiner Gewalt haben und töten. Hört ihr?! Er wird ihn umbringen und mich befreien!"

"Das wage ich zu bezweifeln, daß er dich befreien wird. Er sucht bestimmt nach einem anderen Weg, dir das wertlose Leben zu nehmen", entgegnete Professeur Tourrecandide. "Wir suchen das Original", flüsterte sie ihren Kolleginnen zu und wandte sich zum Gehen.

Vor der Tür standen immer noch die Wächter.

"Sollen wir ihnen sagen, was geschehen ist?" Fragte Professeur Faucon. Ihre Kollegin bejahte es und löste den ersten aus dem Bewegungsbann. Als die vier vorübergehend stillgelegten Wächter ihre Zauberstäbe heben wollten, sagte deren Anführer:

"Moment, die haben da drinnen gegen wen gekämpft. Der Minister ist gegen Flüche abgesichert. Gehen wir rein und sehen erst nach!"

"Die drei Damen haben sich gegen verschiedene Gesetze vergangen", wandte ein anderer, gerade wohl um die dreißig Jahre alter Zauberer ein.

"Dann werden sie auch belangt", sagte der Anführer und öffnete die Tür. Seine Kollegen hielten die drei Hexen in Schach, die demonstrativ ihre Zauberstäbe fortgesteckt hatten.

"Verdammt, das geht nicht an. Der Minister kann so nicht überwältigt werden!" Rief der Anführer.

"Lösen Sie diese Kapsel auf, Lambert!" Klang es Hohl aus dem Büro. Das war der Gefangene.

"Öhm, die hätte sie gar nicht einschließen dürfen, Monsieur Grandchapeau", sagte der Anführer.

 

"Weil es nicht der richtige Minister ist. Die Fluchsicherung hat ihn zwar nicht als unbefugten erkannt und entsprechend reagiert, aber ihn auch nicht vor Angriffszaubern bewahrt", sagte professeur Tourrecandide.

"Vielsaft-Trank?" Fragte der Wächter, der sie in Schach hielt.

"Etwas wesentlich wirksameres und unerhörteres", grummelte Professeur Tourrecandide.

"Moment, Austère, Sie denken doch nicht etwa daran, daß dieser Bokanowski Slytherins Aufzeichnungen über die Kräfte der Hydra benutzt hat? Das wäre in der Tat unerhört und obendrein schwer nachprüfbar", seufzte Professeur Faucon. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Das war die Lösung für die Tode von Ironquill und Davenport. Ironquill war ein Ruster-Simonowsky-Zauberer gewesen. Womöglich verlieh ihm das eine bis dahin unbekannte weil ja bis dahin nicht herausgeforderte Immunität gegen die auf Zauberer übertragene Teilkraft einer getöteten Hydra.

"Moment, Slytherin, Bokanowski? Sie reden von Igor Bokanowski? Der ist doch tot", meinte einer der Wächter verunsichert.

"Ich fürchte, er hat uns alle genarrt, vor allem jenen, der sich überheblich Lord Voldemort nennt", knurrte Professeur Tourrecandide. Bei der Nennung des auch in Frankreich gefürchteten Namens schraken die Wächter zusammen. Die Lehrerin lächelte kalt. "Sie erschrecken bei diesem Namen, wohingegen sie gerade zwei Namen nicht minder grausamer und gerissener Zauberer aussprechen konnten. Ich habe Sie nicht dazu erzogen, Angst vor einem Namen selbst zu haben, und meine Kollegin hier", wobei sie auf Blanche Faucon deutete, "ganz gewiß auch nicht."

"Was ist das denn dann, wenn kein Vielsaft-Trank?" Fragte der jüngere Wächter wieder und sah die drei sonst sehr ehrwürdigen Hexen an.

"Davon ausgehend, daß Sie zurzeit niemanden bewachen müssen sollten wir dieses Thema im Büro Ihres Vorgesetzten erörtern, Messieurs", sagte Tourrecandide. Die Wächter nickten unwillkührlich unter dieser befehlsgewohnten Stimme. Sie gingen mit den dreien, die ihrem weiteren Schicksal entgegensahen, in das Büro des Leiters der inneren Sicherheitstruppen, wo sie zunächst einen gründlichen Bericht abgaben, was sich ereignet hatte und was sie dazu getrieben hatte, durch den geheimen Zugang ins Ministerium einzudringen, Sicherheitsbeamte kampfunfähig zu zaubern und unaufgefordert ins Büro des Zaubereiministers hineinzugehen. Zumindest waren außer Grandchapeau keine weiteren Zauberer von Kreaturen Bokanowskis ausgetauscht worden, noch nicht. Sicherlich hätte er das bald getan, wenn sein Einschleusungsvorhaben weit genug gediehen wäre. Offenbar war er durch die Todesfälle in Amerika in Gefahr geraten.

"Messieurs", beganng Professeur Tourrecandide, nachdem sie den Bericht abgeschlossen hatte, "wir haben es hier mit einem Gegner zu tun, dem das unversehrte Leben so heilig ist wie der Staub unter seinen Schuhen, also gar nicht. Das es geheime Aufzeichnungen diverser Dunkelhexen und -zauberer gibt, ist auch keine Weltneuheit. Spätestens seit dem Wiederauftauchen jener insektoiden Kreaturen, die einst von Sardonia ersonnen und benutzt wurden, kann niemand mit klarem Verstand daran zweifeln, daß auch andere skrupellose Magi vergangener Zeiten düstere Vermächtnisse hinterließen, an die nur rührt, wer ebenso machtsüchtig wie hemmungslos geartet ist. Eines dieser düsteren Geheimnisse, das ich selbst zu meiner Zeit im Lehrkörper von Beauxbatons in einem Buch der verbotenen Abteilung fand und nur denen zu lesen erlaubte, die ich für charakterfest und besonnen genug erachtete, damit keinen Mißbrauch zu treiben, ist die Methode, die Wandlungsfähigkeit und das Regenerationsvermögen einer Hydra, Serpens septemcapites hydra, zum Teil auf sich selbst oder auf andere zu übertragen. Wer sich diesem Verfahren unterwirft, wird unumkehrbar verändert, bleibt jedoch äußerlich der, der er oder sie vorher auch war. Jedoch Körperkraft und Regeneration steigen um ein vielfaches an, und der Nutzer dieser Kraft kann durch beinahe zur Bewußtlosigkeit führende Strangulation eines beliebigen tierischen Lebewesens dessen Gestalt und Erfahrungen übernehmen. Das Opfer dieses Angriffs schrumpft dabei auf ein fünfzigstel der Ausgangsgröße zusammen und verliert die Besinnung, wird handlungsunfähig und überlebt ohne sichere Verwahrung gerade eine Woche, weil die Atmung verlangsamt ist und die Luft schwerer in die Lungen eindringen kann. Das der Eindringling, den meine Kolleginnen und ich eingekapselt haben, sich diesem unerhörten Verfahren unterzogen haben muß beweisen die Kenntnisse, die er besaß, um sich nicht als Abbild des Ministers zu verraten, sowie die übermenschliche Kraft, die er besaß, um zwei Schockzauber zugleich zu überwinden. Wir müssen davon ausgehen, daß auch Angehörige von Minister Grandchapeaus Familie von derartigen Gehilfen Bokanowskis überwältigt und ausgetauscht wurden. Das einzig gute an dieser Situation ist, daß die Eindringlinge davon ausgehen mußten, ihre Rollen über mehr als eine Woche hinaus, ja womöglich ein Leben lang ausfüllen zu müssen und sie ihre Opfer daher in Gefäßen, die ihnen atembare Luft und Schutz gewährt aufbewahren, um weiterhin Gestalt und Kenntnisse von ihnen zu behalten. Denn stirbt ein handlungsunfähiges Opfer, so kehrt der teilweise von der Kraft der Hydra durchdrungene Magus in seine Ursprungsgestalt zurück und verliert auch die vor dem Austausch erworbenen Kenntnisse des Opfers. Daher hoffe ich inständig, daß sowohl der Minister als auch seine Tochter Belle, die definitiv zu den Ausgetauschten gehört, in der Nähe ihrer Überwinder aufbewahrt werden. Ich schlage daher vor, nach kleinen Behältern zu suchen, die gegen Lebensquell- und Verwandlungsserkennungszauber abgesichert sind. Meine Kolleginnen und ich harren derweil in Ihrer Obhut, um uns der uns bewußten Verantwortung zu stellen." Professeur Faucon und Professeur Fixus nickten.

"Sind Sie sicher, daß sonst keiner diesem Hydra-Austausch-Zauber zum Opfer gefallen ist?" Fragte der Leiter der inneren Sicherheitstruppe. Professeur Fixus schüttelte vorsichtig den Kopf. Sie sagte, daß sie mit ihrer Gabe alle überprüft habe, die ihr hier über den Weg gelaufen seien, aber nicht alle, die in Frage kämen. So wurde sie beauftragt, alle zu überprüfen, die gefährdet waren. Da die beiden Lehrerinnen Faucon und Tourrecandide den falschen Minister überwältigt hatten, sagte der Sicherheitsleiter:

"Ich halte meinen Kopf dafür hin, falls sich erweist, daß Sie unrecht hatten und es irgendwie geschafft haben, die Fluchabsicherung im Büro des Ministers auszutricksen, Mesdames. Somit erkläre ich, daß Sie nicht widerrechtlich eingedrungen sind und auch sonst keine strafbaren Handlungen begangen haben, sollte sich erweisen, daß Ihre Geschichte, so haarsträubend sie ist, der Wahrheit entspricht, wovon ich im Moment nicht weiß, was mir lieber wäre, ob es stimmt oder Sie uns hier arglistig getäuscht haben. Prüfen Sie bitte alle in Frage kommenden!"

Die Überprüfung zeigte, daß der Feind wohl nur zwei Handlanger in das Ministerium eingeschmuggelt hatte. Nathalie Grandchapeau befand sich mit Martha Andrews in einem Gebäude, daß das Zaubereiministerium in der Muggelwelt angemietet hatte, um dort mehrere Computer zu betreiben. Auch sie war die einzig richtige. als Martha wissen wollte, was Professeur Faucon und Professeur Fixus zu ihnen geführt hatte sagte Professeur Faucon:

"Martha, ich fürchte, jemand hat deinen Sohn entführt, nachdem er den Zaubereiminister und Belle gegen ihm unterworfene Ebenbilder von ihnen ausgetauscht hat." Martha Andrews erschrak sichtlich. Nathalie Grandchapeau schlug die Hände vors Gesicht.

"Das kann nicht wahr sein, Blanche", stieß die Frau des Zaubereiministers aus. Doch alle drei Lehrerinnen nickten heftig. Martha Andrews erbleichte zwar, erholte sich aber wesentlich schneller als ihre direkte Vorgesetzte.

"Dann hatten Julius und ich doch recht, daß jemand Klone, also lebende Abbilder wichtiger Leute in die Welt geschickt hat. Dann hätte ich den Jungen nicht ziehen lassen dürfen. Wir hatten es erst gestern abend davon, daß wir wohl für gewisse Zeit im Schutzbereich des Hauses bleiben müßten."

"Moment, Martha, was war gestern abend los", wollte Nathalie Grandchapeau wissen. Martha Andrews erzählte nun alles, was sie gestern erfahren hatte.

"Ich verstehe, daß Sie ohne konkrete Beweise nicht einfach weitermelden wollten, was Sie erfahren haben, Martha. Auch mußten Sie ja davon ausgehen, daß tatsächlich schon Leute von uns gegen solche Klone ausgetauscht worden sein mochten. Aber was ist mit Armand und Belle, Professeur Tourrecandide? Leben sie noch?"

"Nun, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Nathalie, befürchte ich, daß Ihre Tochter nicht mehr benötigt wird, sobald ihr Ebenbild den Jungen bei Igor Bokanowski abgeliefert hat. Denn durch die Entführung des Jungen hat sie oder er sich selbst enttarnt, und Bokanowski weiß durch den von uns ausgeschalteten Replikanten des Ministers, daß wir ihm auf der Spur sind. Somit steht zu befürchten, daß Belle sterben wird, sobald ihr schwarzmagisches Ebenbild am Bestimmungsort eintrifft. Wir hoffen noch, Armand zu finden, um ihn retten zu können. Vorher dürfen wir seinem Ebenbild keinen körperlichen Schaden zufügen."

"Was wird aus Julius?" Fragte Martha Andrews. "Wurde er wirklich entführt? Was will dieser Bokanowski von ihm?" Doch eine Antwort darauf konnte sie sich selbst geben. Julius war wie dieser Ironquill ein Ruster-Simonowsky-Zauberer. Für jemanden, der mit Lebewesen experimentierte ein gefundenes Fressen, neue Erkenntnisse zu erlangen. Das was sie befürchtet und deshalb als überschießende Phantasie abgetan hatte bewahrheitete sich nun doch. Sie zwang sich, nicht loszuheulen.

"Nun, wir werden nichts unversucht lassen, deinen Sohn zu finden, Martha. Er trägt das Pflegehelferarmband. Daher wissen wir überhaupt, was passiert ist. Schwester Rossignol verfolgt ihn, soweit es ihr gelingt. Vielleicht führt uns der Feind damit zu seinem Versteck, und wir können ihn dort herausholen, bevor es zu spät ist", sagte Professeur Faucon.

"Julius hat was von einem Zauber erzählt, mit dem er seinen Vater gefunden hat, als der von dieser Hallitti beherrscht wurde. Machen Sie den mit mir!" Verlangte Martha Andrews.

"Das geht nicht, weil du keine eigenen Zauberkräfte hast, Martha", sagte Professeur Faucon. Martha Andrews seufzte bestürzt. Dann straffte sie sich unvermittelt.

"Ich möchte wo sein, wo ich die Suchaktion mitverfolgen kann", sagte sie.

"In Ordnung", sagte Nathalie. "ich auch. Wir gehen nach Beauxbatons zu Schwester Florence. Professeur Faucon und Professeur Fixus, bitte melden Sie Madame Maxime mein und Martha Andrews' Eintreffen in zehn Minuten!"

"Öhm, ich weiß nicht, ob das so gut ist", wandte Professeur Tourrecandide ein. Doch ihre Kolleginnen nickten Nathalie zu.

"In Ordnung. Wir nutzen Die Reisesphäre. Wie weit ist der Ausgangskreis von hier?" Fragte Professeur Tourrecandide.

"Zehn Minuten mit dem Automobil. Wir nehmen Marthas Wagen", sagte Nathalie Grandchapeau. Die drei Hexen disapparierten.

"Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich den Jungen nicht aus dem Haus gelassen", sagte Martha, immer noch gegen die Tränen ankämpfend.

"Das schlimmste an diesen Verbrechern und ihren Untaten ist, daß wir uns dazu verleiten lassen, uns einzuigeln, unser Leben zu unterbrechen und bange in einem angeblich sicheren Versteck zu hocken, bis die Gefahr vorbei ist, Martha. Das will dieser englische Wahnsinnige erreichen, wie auch diese Hexe, die die Entomanthropen geweckt hat, wie auch dieser Igor Bokanowski, Martha. Wir dürfen uns trotz der Gefahren nicht davon abbringen lassen, unser Leben so normal wie möglich zu leben, unserer Arbeit nachzugehen und unsere Freizeit zu gestalten, wie wir es wünschen. Du konntest deinen Sohn genausowenig einsperren wie ich meine Tochter", sagte Nathalie ganz ruhig. "Lass uns gehen!"

"Moment, ich sichere nur das System und fahre alles runter", sagte Martha und betätigte bei mehreren Programmen die Datensicherung. Dann fuhr sie den Netzwerkcomputer und die drei daran angeschlossenen Endgeräte herunter. Sie verließen das Gebäude, für das das Ministerium mehr als 5000 Franc im Monat ausgeben mußte, um die Muggelmedienaußenstelle der Zaubererwelt zu betreiben und fuhren mit Marthas Auto durch den chaotischen Stadtverkehr die wenigen Häuserblocks bis zum Eingang des Geschichtsmuseums. Nathalie schrumpfte das Auto ein, um es nicht den als Politessen verkleideten Sicherheitshexen in die Hände fallen zu lassen und suchte mit ihrer Mitarbeiterin aus der Muggelwelt den Ausgangskreis auf. Keine zwanzig Sekunden später entließ sie eine sonnenuntergangsrote Lichtspähre im Ausgangskreis von Beauxbatons. Madame Maxime stand da wie eine lebende, über drei Meter hohe Götinnenstatue.

"Meine Kolleginnen Faucon und Fixus haben mir Ihr Kommen angekündigt, Mesdames. Ich bedauere den Umstand, der Sie herführte, heiße Sie aber dennoch in Beauxbatons willkommen. Folgen Sie mir bitte!

Einige Schüler, die über die Osterferien in der Akademie geblieben waren, beobachteten die Schulleiterin und ihre Gäste. Sofort setzte ein Tuscheln an, was Julius' Mutter, die ja alle von den Elternsprechtagen und Claires Beerdigung her kannten mit der Frau des Zaubereiministers hier wollte. Wie in einer teilweise nach außen hin geschlossenen Institution sprossen die Gerüchte und zeugten in Windeseile neue Gerüchte, daß mit Julius was nicht stimme oder Julius vielleicht doch wieder mit Belle körperverbunden worden war, diesmal für immer. Ein besonders schlau auftretender Sechstklässler streute sogar aus, daß irgendwer Belle und Julius zu einer androgynomorphen Lebensform zusammengeflucht hatte und sich die beiden Mütter nun unterhalten mußten, wer nun noch wessen Mutter war. Ein anderer, der nicht zurückstehen wollte setzte die Behauptung in Umlauf, daß Julius was Passiert sei, was nicht mehr zu korrigieren war und Belle, weil sie schon mal mit ihm zusammengelebt hatte darauf eingegangen sei, mit ihm den Iterapartio-Zauber zu wirken, der einer Hexe ermöglichte, jemand bereits geborenen wie ein eigenes Kind in sich zu empfangen und neu zur Welt zu bringen. Doch so wildwuchernd die Gerüchte auch waren, an die wahren Tatsachen reichten sie nicht heran. Denn auch als die beiden Mütter mit Madame Maxime sich in Madame Rossignols Sprechzimmer eingeschlossen hatten und die drei Pflegehelferinnen Patrice Duisenberg, Sandrine Dumas und Gerlinde van Drakens die Versorgung der Erkrankten übernehmen sollten, ohne zu wissen, warum, kam die Gerüchteküche Beauxbatons nicht darauf, daß Belle und Julius die Opfer eines bösen Zauberers geworden waren, der danach trachtete, die ganze Welt nach seinem Bild neu zu formen.

 

__________

 

Wo war er? Eben noch hatte ihn der Schockzauber erwischt, und jetzt lag er auf kaltem Felsgestein. In der Ferne rauschte es rhythmisch, und er roch kalte, salzige Seeluft. Also war er irgendwo am Meer. Nächste Frage: Wie hieß das Meer?

"Los steh auf und lass bloß deine Finger vom Zauberstab!" Schnarrte ihn eine weibliche Stimme an. Das war Belle. Nein, das war nicht belle! Wer immer das war sah nur so aus. Konnte es sein, daß das eine der Hexen war, die mit der Wiederkehrerin zusammenhingen? "Stehst du wohl auf, du Schlammblutmutant!" Fauchte die Erscheinung, die wie Belle aussah. Julius erinnerte sich. Belle hatte ihn am rechten Arm zu packen versucht und dabei vom Curattentius-Zauber im Pflegehelferarmband eine gewischt bekommen. Vielleicht sollte er ihr das Armband voll an den Kopf drücken, wie jemand im Vampirfilm einem Vampir ein Silberkreuz aufdrückte. Vielleicht zerfiel sie dann zu Staub. "Denk nicht einmal dran!" Knurrte die Gestalt, die wie Belle aussah und klang und deutete mit dem Zauberstab auf Julius, der unbewußt den rechten Arm gehoben hatte. "Vor mir her!"

"Wer bist du?" Wagte Julius zu sprechen, als er langsam aufstand. Sein Zauberstab steckte in seinem Gürtelfutteral, diebstahlsicher wie sein Brustbeutel, die Armbanduhr ... und ganz besonders das Pflegehelferarmband.

"Ich beantworte keine Fragen, Mißgeburt. Das macht er, wenn er guter Laune ist", schnarrte Belle oder der Klon von Belle. Ja, das mußte ein Klon sein, erkannte Julius. Wie Davenport vielleicht einer gewesen war, hatte der russische Unbekannte sie irgendwo erwischt und geklont. Er sah nach oben. Es war bereits dunkel. Zeit für eine amateurastronavigatorische Standortbestimmung hatte er nicht, weil ihm die Spitze eines Zauberstabs in den Rücken piekste. Er wollte mit einer fließenden Bewegung den rechten Arm nach hinten schwingen lassen, um dem Geschöpf mit dem Armband den nächsten Schock zu verpassen, als ihn eine unsichtbare Kraft anhob und einige Meter nach vorne trug. Beinahe wäre er der Länge nach hingeschlagen.

"Vorwärts, wenn du nicht Höllenqualen leiden willst!"

"Warum kommt mir dieser Klon nicht mit dem Imperius-Fluch?" Fragte sich Julius. "Kann die den nicht?" Zumindest erkannte er, daß man ihn nicht gleich töten wollte. Dieser Er, den der Klon von Belle erwähnt hatte, wollte ihn lebendig haben. Damit rasteten diverse Räder in die passenden Zapfen ein, die er gestern bereits mit seiner Mutter angekurbelt hatte. Wer immer "er" war hatte bei diesem Ironquill wohl was übersehen, weil der ein Ruster-Simonowsky war, wie Julius selbst. Was machte ein irgendwie wissenschaftlich angetriebener, wenn er was antraf, was ihn verwunderte? Er erforschte es. Er wußte, daß er nur eine Chance hatte, wenn er hier und jetzt flüchtete. Aber wohin? Er hob langsam seine Armbanduhr. Hier war es gleich Mitternacht. In London war es gerade zehn Uhr abends. Also war er eine Zeitzone östlich von Mitteleuropa. Dann konnte das Meer, das er hörte die Adria, die Ägeis oder das Schwarze Meer sein. Er drehte den Kopf, sah Belles Klon hinter ihm hergehen, ihn nicht aus den Augen lassend. Hatte dieses Geschöpf nicht Belles Ganymed 10 mitgehabt? Wo war der dann jetzt.

Von vorne her klangen mehrere Stimmen, die eine basslastige Sprache benutzten. Die Stimmen klangen alle gleich. Er blickte wieder nach vorne. An Flucht war jetzt nicht mehr zu denken. Denn da vor ihm erschinen vier Männer, klein und gedrungen, die im Licht des abnehmenden Mondes alle wie ein Ei dem anderen glichen. Dann sah er noch etwas, eine mehr als mannshohe Mauer, über der sich hohe Türme in den gestirnten Himmel bohrten. Das war eine alte Burg. Die vier von Vorne rückten heran, während der Klon von Belle schön hinter ihm blieb. Jetzt noch einen Ausfall zu probieren war wohl sinnlos. Selbst wenn er sein Armband als Waffe benutzen und dann irgendwie noch seinen Zauberstab zücken konnte waren die ihm fünf zu eins überlegen. Vielleicht konnte er sie mit dem Mondlichthammer ...

"Wirst du wohl vorwärtsgehen, du Bastard!" Schnaubte Belles Klon, der immer noch Französisch mit ihm sprach. Julius sah zwei Zauberstäbe aufblitzen. Nur Zwei? Die beiden anderen hielten keine in der Hand. Jetzt sah er genau, daß sie alle vollkommen gleich aussahen. Der Schauer dieser Erkenntnis hielt nur eine Sekunde vor. Also hatte dieser geheimnisvolle Er sich einen Stall voller Klone zusammengebrütet. Womöglich waren es sogar seine eigenen Klone, damit er im Bedarfsfall zwischen ihnen untertauchen konnte. Julius fühlte im Moment weder Furcht noch Hilflosigkeit. Das Nachdenken über seine Situation und was er gerade sah erweckte in ihm eine völlig gefühlfreie Angespanntheit, alles aufzunehmen, was er aufnehmen konnte, um es in das Puzzle einzusetzen, daß da gerade vor ihm entstand. Wie auf Autopilot geschaltet ging er weiter, blickte die vier Klone scheinbar teilnahmslos an, nahm sie lediglich zur Kenntnis. Er dachte an seinen Ausflug in die Bilderwelt. Auch da war er an Sachen geraten, die er nur gepackt hatte, weil er sich zusammengenommen und keine Panik geäußert hatte. Und wo er am Morgen noch fast mit einer verspielten Latierre-Kuh zusammengestoßen war und für ein paar Sekunden deren Cousine besetzt hatte, war der Anblick vier geklonter Typen mit eher dreieckig wirkenden Gesichtern mit dunklen Augen nichts besonders erschreckendes mehr. Er ging weiter, wußte, daß er gleich in der Burg war und da nicht mehr herauskommen würde, wenn er nicht gut aufpaßte. Er verschloß seinen Geist, für den Fall, daß irgendwer von denen ihn legilimentisch durchleuchten konnte. Er kümmerte sich nicht darum, daß Belles Klon noch hinter ihm war. Sein Armband zitterte merklich, immer stärker. Er näherte sich also einer Zone voll schwarzer Magie. Warum hatte das Armband eigentlich nicht in der Bilderwelt so reagiert? Die Frage würde er jetzt wohl nicht mehr klären können, dachte er.

"Heute morgen habe ich mich in Panik versetzen lassen. Hier darf ich mir das nicht erlauben", dachte er. Dann überschritt er die Schwelle des weit geöffneten Burgtores, das in zwei meterhohe Flügel aus Holz und Metallbeschlägen auseinandergezogen war. "Jeder der hier eintritt, lasse vorher alle Hoffnung fahren", dachte Julius an das, was laut seiner Mutter der italienische Dichter Dante auf das Tor zur Hölle geschrieben hatte. Aber er war nicht Dante, und was immer für eine Hölle hier war, er war nicht tot. Im gewaaltigen, vom langen Schatten der Burgmauer verdüsterten Hof standen weitere Klone. Julius zählte kurz durch und kam auf fünfzehn, während er weiterging. Ihm fiel auf, daß nur die hälfte von ihnen leuchtende Zauberstäbe in den Händen hatte. Einer grinste ihn an und sagte auf Englisch: "Willkommen in unserer Burg, Schlammblutmißgeburt! Hoffentlich bringst du uns was schönes mit." Die anderen lachten darüber zeitgleich, daß Julius an einen automatischen Ablauf dachte und daher nicht reagierte. "Ey, ich habe dir was gesagt, du Mißgeburt!" Knurrte der Klon, der ihn angesprochen hatte und trat ihm in den Weg. Belles Klon sagte was in dieser basslastigen Sprache. Das war Russisch, vermutete Julius. Er kannte die Sprache zwar nicht. Aber die würde schon passen, zumal der Anstifter der Morde an Ironquill und Davenport ein Russe sein sollte. Vorsichtig hob er den rechten Arm. Der Klon vor ihm schrak zurück. Also hatte es sich schon in dieser Burg herumgesprochen, was das Armband mit schwarzmagischen Kreaturen anstellte, dachte Julius und mußte sich arg anstrengen, nicht zu grinsen. Er senkte den Arm wieder und ging weiter. Die anderen Klone behelligten ihn nicht. Konnten die nicht eigenständig denken? Nein, Julius dachte eher daran, daß sie einen Befehl bekommen hatten, ihn nicht mehr anzupöbeln. Wer immer diese Mehrlinge ausgebrütet hatte mochte sogar jetzt sehen können, wie er über den Burghof ging, in ein würfelartiges Steingebäude hineingetrieben wurde und von einem Klon geführt und von Belles Klon angetrieben durch Korridore eilte, vorbei an weiteren Klonen. Hinter sich hörte er jemanden "A delante!" Rufen. Das war keiner der Klone im Hof. "Siera tu Boca!" Schnarrte diese Stimme noch. Das war Spanisch, erkannte Julius. War er nicht der einzige Gefangene.

"Hier durch!" Knurrte ein vor einer Abzweigung wartender Klon. Julius sah, daß dieser einen Zauberstab hielt. So folgte er der Anweisung. Er war doch eh schon verloren. Nein, das durfte er nicht denken! Verloren war er erst, wenn er sich nicht mehr frei bewegen konnte. Und noch konnte er es. Noch!

Am Ende des Korridors lag eine Tür, die sich auf die Handberührung eines der Klone auftat und eine Steintreppe nach unten freigab. Julius mußte nun doch unangemessen grinsen. Wie im Gruselfilm. Die Bösewichter wohnten alle im Keller, Dracula, Frankenstein und wer sonst noch so alles. Das war also auch nichts neues für ihn. Er wunderte sich auch nicht mehr über die vielen verschlossenen Stahltüren, hinter denen er Zisch-, Fauch, Quiek- und Knurrlaute hörte. Offenbar klonte der Unbekannte Widerling nicht nur, sondern züchtete eigene Monster. Oder war er am Ende im Hauptquartier dieser Wiederkehrerin? Vielleicht hielt die sich männliche Klonsklaven zum Bedienen und Verheizen. Doch nein, dieser Er passte doch eher zu den Morden in den Staaten. Außerdem hätte ihn diese Wiederkehrerin längst kassieren können, als er noch einmal in den Staaten war, um seine Mutter abzuholen. Dann war es wohl besagter russischer Schwarzmagier, der sich nach Catherines Aussage im Februar mit Voldemort gefetzt und dabei angeblich den Löffel abgegeben hatte. Wenn Voldemort sich mit diesem Typen angelegt hatte war der bestimmt nicht schwächer oder gnädiger gestimmt, erkannte Julius. Dennoch wollte er hier und jetzt keine Furcht mehr an sich ranlassen. Wenn das wirklich ein Schwarzmagier war, dann war der doch scharf darauf, seinen Gegnern Angst zu machen und würde es nicht vertragen, wenn dem nicht so war. So ging er ruhig weiter, überhörte das mal tierhafte, mal menschenähnliche Schnauben, Stöhnen, Fauchen und Grummeln. Solange er nicht einem dieser Monster da hinter den Türen zum Fraß vorgeworfen werden sollte war noch nichts ganz verloren. Julius wunderte sich auch nicht, daß sie ihm nicht die Augen verbunden oder ihn betäubt hier reingetragen hatten. Das hieß nur, daß er hier nicht mehr hinausgelangen würde, nicht lebend. Nein, auch das wollte er jetzt nicht denken. So dachte er seine Selbstbeherrschungsformel und schaffte es, sich damit frei von jedem bedrückenden Gefühl zu halten. Hinter sich hörte er Kommandos auf Spanisch. Als er "A la isquierda!" hörte, was er bei den Ferien auf Mallorca und anderswo in Spanien mal als "Nach links!" übersetzt bekommen hatte, verstand er, daß wer immer noch in die Klonburg getrieben wurde nicht hinter ihm hergeleitet wurde. Denn bisher waren sie nur nach rechts und nach unten abgebogen. Dann standen sie vor einer massiven Eichenholztür mit großer Klinke. Belles Klon rief was auf Russisch. Von drinnen hörte er eine Antwort mit der Stimme, die die anderen Klone besessen hatten. Doch sie klang eine Winzigkeit strenger, befehlsmäßig. Dann sprangen mehrere unsichtbare Riegel auf, und die Türklinke senkte sich wie von einer unsichtbaren Hand gedrückt. Ohne Quietschen oder Knarren schwang die Tür nach außen. Julius trat unwillkührlich zurück, bis sie offen war. Daß er jetzt da hineingehen sollte brauchte ihm keiner zu sagen. Er trat durch die Tür, daran denkend, hier gleich alle Antworten auf seine Fragen zu kriegen, zu leiden und am Ende zu sterben. Aber er würde wem auch immer dort drinnen nicht zeigen, ob er Angst hatte oder nicht. Und vielleicht hatte er doch eine Chance, wenn sie ihn mit dem da drinnen alleine ließen, weil der sich zu sicher war.

Der Raum war etwa zehn mal zehn Meter in der Fläche und ragte drei Meter nach oben. Hier gab es fast nichts an Einrichtung, außer zwei hochlehnigen Stühlen, einer Vitrine und einem Messingbecken, in dem eine Art grüner Schlauch pulsierte, der an einem Ende in einer gallertartigen Kugel auslief, die in einer grünlichen Lösung schwamm. Julius wähnte sich im Willenswicklerlabor in Slytherins Galerie des Grauens. War das vielleicht etwas ähnliches wie eine Brutkönigin? Dann sah er den Mann im hohen Stuhl mit zwei goldenen Drachenköpfen. Er glich den Klonen draußen, auch wenn er statt eines schlichten Umhangs einen Umhang aus Bärenfell trug. Als der Blick der dunklen Augen seinen suchte, verschloß Julius seinen Geist noch mehr als zuvor. Ja, da war ein gewisser Druck zu spüren. Doch als er sich anstrengte, an nichts greifbares zu denken, verflog er.

"Herzlich willkommen in meiner erhabenen Burg, Julius Andrews!" Schnarrte der Mann im Lehnstuhl auf Englisch. Er hielt einen knorrigen Zauberstab hoch. Einen ähnlichen hatte Julius bei den Durmstrangs gesehen, als sie am trimagischen Turnier teilgenommen hatten. Der entführte Beauxbatons-Schüler fühlte zwar, daß er hier mit dem Befehlshaber, ja dem obersten Chef der Klone selbst zu tun hatte, tat aber so, als wäre der auch nur einer dieser Mehrlinge. "Ich habe dir was gesagt, Andrews!" Schnarrte der Fremde wieder. Seine basslastige Stimme verlieh seinen Worten ein gefahrvolles Knurren.

"Parlez-vous Français?" Fragte Julius zurück. Auf Französisch kam dann die Antwort:

"Das und noch einige Sprachen mehr, Bursche. Nimm das Armband ab!" Befahl der Fremde. Hinter Julius standen drei seiner Klonbrüder oder -söhne und Belles Klon mit erhobenen Zauberstäben. Der gefangene Schüler grinste überlegen.

"Das kann ich nicht. Mir wurde es angelegt."

"Dann hol deinen Zauberstab raus und lass ihn fallen!" Schnaubte der Fremde.

"Nöh", erwiderte Julius.

"Wie bitte?!" Brüllte der Fremde.

"Meinen Zauberstab geb ich nicht ab", sagte Julius, der sich nun seiner Muttersprache bediente.

"Imperio!" Rief der Fremde und deutete auf Julius. Dieser wußte, daß er dem Fluch wohl nicht widerstehen konnte. Er fühlte die alle Gedanken fortspülende Woge übergroßer Glückseligkeit und hörte den Befehl in seinem Kopf: "Nimm deinen Zauberstab heraus und lass ihn fallen!" Er versuchte, sich gegen den Befehl zu stemmen, schaffte es, ihm einmal, zweimal zu trotzen. Doch der dritte Befehl zwang seine Hand, an den Gürtel zu greifen und das Futteral zu berühren. Doch was war das? Er bekam es nicht auf. "Nimm deinen Zauberstab ab und lass ihn fallen!" Dröhnte die magische Stimme in seinem Kopf. Erneut zerrte er am Futteral. Doch es bewegte sich keinen Millimeter. Ja, seine Finger verloren jeden Halt daran und glitten kraftlos ab. Da drang ein Gedanke in sein vom Fluch leergefegtes Bewußtsein. Der Diebstahlschutz blockierte alle, die gegen den Willen des Eigentümers etwas wegnehmen wollten. Nur der Eigentümer bei freiem Willen konnte es tun. Diese Erkenntnis sprengte die geistige Klammer, in der sein Bewußtsein eingekeilt gewesen war, und er mußte lachen. "Das war wohl ein Satz mit X, Klonemann! Der Stab ist diebstahlsicher untergebracht und kann nur von mir rausgeholt werden, wenn ich das von ganz allein will."

"Verflucht!" Brüllte der Fremde. Dann richtete er wieder seinen Zauberstab auf Julius. Dieser dachte nun, daß er gleich den Cruciatus-Fluch abkriegen sollte, bis er den Stab freiwillig wegwarf. Deshalb sagte er: "Den Stab geb ich nicht her, egal was du machst."

"Crucio!" Rief der Fremde im Stuhl. Julius warf sich zur Seite, hielt das Armband vorgestreckt, und der Fluch ging ins leere. Nein, er traf Belles Klon. Dieser schrie auf, und der Schlauch im Becken peitschte wie eine Schlange durch den Raum, als sei er ebenfalls vom Fluch getroffen worden. Sofort ließ der Mann im Lehnstuhl den Stab wieder sinken. Er sah Belles Klon an und bellte ihm was zu. Julius sah, wie das Geschöpf, das wie Belle Grandchapeau aussah, auf ihn zuhechtete und ihn von hinten zu packen versuchte. ER warf sich herum, landete mit links einen Handkantenschlag an den Brustkorb, der jedoch von der rechten Brust abgefedert wurde und drückte das Armband an den Hals der Kreatur, die unter einem grellen Blitz aufschrie und zurücktaumelte, ein schnurgerades Brandmal am Hals. Doch das Armband hatte damit seine Ladung weißer Magie verbraucht. Es mußte sich erst wieder regenerieren. Julius fühlte eine schlanke Frauenhand, die jedoch stahlhart zupackte wie die Hand eines Roboters oder Kyborgs. Dann hatte ihn auch die zweite Hand zu fassen bekommen und hob ihn federleicht an. In zwei langen, schnellen Schritten war die Kreatur mit Julius beim zweiten Stuhl und warf ihn brutal hinein. Julius wollte schon aufspringen, da schoss von hinten etwas wie eine kopflose Schlange heran und schnürte ihn unbarmherzig die Arme und den Brustkorb ein. Das Armband lag keine zwei Zentimeter unter der wie lebendig wirkenden Fessel, der einzigen, wie Julius erstaunt feststellte. Seine Beine konnte er noch bewegen. Doch seine Füße fanden keinen Halt mehr. Der Stuhl war zu hoch. Er versuchte, ihn mit reiner Rückenmuskelkraft umzuwerfen. Doch der Stuhl stand fest wie einbetoniert. Belles Klon grinste ihn überlegen an. Der Fremde im Bärenfell, der jetzt genau gegenüber von Julius saß, blaffte seinen Züchtungen was auf Russisch zu. Sie verließen den Raum und warfen die Tür zu. Rasselnd schlossen sich auch von innen nicht zu sehende Verriegelungen. Sie waren allein. Doch Julius saß an Armen und Oberkörper gefesselt in einem festgebackenen Stuhl, und der Andere hielt einen Zauberstab in der Hand.

"Du weißt sehr gut, Schlammblutmutant, daß ich dich jetzt gnadenlos foltern könnte, bis du mir jeden Gefallen tust, den ich von dir verlange", brummte der Fremde wie ein wütender Bär. "Aber das könnte die Ergebnisse verfälschen, wenn du so stur bist, daß nur der Wahnsinn deine Sturheit austreiben kann. Außerdem wollte ich mich mit dir unterhalten, jetzt wo du weder das Armband noch deinen Zauberstab benutzen kannst."

"Ich habe von meinen Eltern gelernt, mit fremden Leuten nicht zu reden, vor allem dann nicht, wenn die sich mir nicht vorgestellt haben", versetzte Julius, der jetzt wirklich glaubte, nichts mehr verlieren zu können außer seinem Leben.

"Ach, natürlich, die feine englische Art gepaart mit der französischen Höflichkeit", feixte der Unbekannte. "Warum auch nicht. Vielleicht bringst du dann den angemessenen Respekt auf. Also, Bursche, ich bin Igor Bokanowski, Doktor der magischen Heilkunst. Für dich also Dr. Bokanowski."

"Ich bin kein Heuchler und sage deshalb nicht angenehm", erwiderte Julius. "Wer ich bin weißt du ja, Igor, Nummer wieviel?"

"Doktor heißt das! Doktor Bokanowski, verdammt noch mal!" Schnarrte der Fremde. "Ich bin der erste und einzig wahre Igor Bokanowski!"

"Gut, ich mußte ja mal fragen, bei den vielen Abzügen, die von Ihnen draußen rumlaufen", versetzte Julius nun unangebracht heiter. "Ist das nicht langweilig, jeden Tag nur das eigene Gesicht zu sehen?" Er hielt seinen Geist nun verschlossen, weil Bokanowski ihn mit seinem Blick förmlich zu durchbohren versuchte.

"Deine Überheblichkeit treibe ich dir bald aus, Schlammblutmutant!" Blaffte er. "Ich vertraue nur mir selbst. Und meine gelungenen Ebenbilder sind nur dafür da, das zu tun, was ich allein nicht tun kann. Du wirst nicht drum herumkommen, zuzugeben, wie genial es ist, was ich zustande gebracht habe."

"Was meinen Sie genau?" Fragte Julius immer noch unbekümmert klingend. Man konnte diesen Kerl doch so leicht wütend machen. Das war also sein Schwachpunkt.

"Ich habe mich selbst vervielfältigt. Ich habe Wesen erschaffen, die besser sind als diese grünen Würmer, mit denen du im letzten Jahr zu tun hattest. Wer damit versehen ist, handelt mit normaler Geschwindigkeit. Ich habe unbesiegbare Geschöpfe erschaffen, die darauf warten, auf die unwürdigen Bewohner dieser Welt losgelassen zu werden, und ich habe es erreicht, daß ich unerkennbar in der ganzen Welt handeln kann, durch meine Getreuen, die in die Gestalten wichtiger Persönlichkeiten schlüpfen können."

"Öhm, schlüpfen können?" Fragte Julius. "Ich dachte Sie hätten die Originale kopiert wie sich selbst", erwiderte Julius.

"Tja, hast du nicht gedacht, daß die Frau, mit der du dir wegen eines kindischen Scherzes einmal vier Tage lang den Leib geteilt hast nicht dieselbe ist, wie?"

"Doch, als mein Armband ihr eine verpaßt hat", sagte Julius schlagfertig und mit dem nun unerschütterlichen Gefühl dessen, der alles riskieren kann, wenn er nichts mehr zu verlieren hat. Außerdem war dieser Igor da etwas zu freigiebig mit seinem Wissen. Er verriet Julius nämlich mal soeben, daß er sich nicht nur die körperlichen Vorlagen des französischen Zaubereiministers und seiner Tochter verschafft hatte, sondern irgendwie auch deren Wissen an sich reißen konnte. Logisch, wollten diese Klone ja an deren Stelle weitermachen, ohne sich wegen irgendeiner Kleinigkeit zu verraten, wie es den Spionen und Geheimagenten in Filmen und Fernsehserien ab und an zustieß. Denn nur der echte Zaubereiminister Frankreichs wußte von Julius Ausflug in die Bilderwelt, außer Professeur Faucon, Madame Maxime und Professor Dumbledore. Und an die drei anderen war der Kerl bestimmt nicht rangekommen, wenn Dumbledore selbst Voldemort Angst machen konnte.

"Ja, das hätte ich bedenken sollen", knurrte Bokanowski. "Eigentlich hätte ich es von jemandem, der mir in die Hände fiel erfahren müssen. Rate mal wer?"

"Öhm, brauch ich doch gar nicht, weil Belles Klon mich doch hoppgenommen hat."

"Nur die?" Lachte der Fremde.

"Nachdem deine Klone den echten Zaubereiminister gegen seine Kopie ausgetauscht haben natürlich. Sonst wäre die Nummer mit meiner Entführung ja nichts wert, oder?" Versetzte Julius, der so lässig sprach wie er es in dieser Situation hinbekommen konnte. Bokanowski starrte ihn an, versuchte ihn wohl wieder zu legilimentieren. Doch Julius blieb diszipliniert und hielt seine Gedanken verschlossen. Dann sagte er noch:

"Außerdem ist Klonen ja ein alter Hut und nichts geniales mehr. Das können ja sogar die Muggel."

"Was? Was heißt klonen eigentlich? - Niemals. Du hast dieses Ministerprinzesschen belogen und die anderen auch, als ihr beide auf Zwillingsschwestern machen mußtet. Die Magieunfähigen können sich niemals selbst vervielfältigen."

"Können Sie doch", versetzte Julius. "In einem Jahr geht das ganz bestimmt. Die haben letzten Sommer ein Schaf aus einer Körperzelle eines anderen kopiert und Louise Brown ist seit einem Jahr volljährig. Die wurde im Reagenzglas gemacht und nicht im Mutterleib empfangen. In einem Jahr können Muggel auch Menschen klonen. Das muß ich nicht mehr miterleben, um das zu wissen."

"Du meinst, ich würde dich nicht lang genug am Leben lassen, wie?!" Rief Bokanowski.

"Wenn Sie echt so intelligent sind, wie Sie behaupten wäre es dumm, mich jetzt wieder laufen zu lassen. Oder wollen Sie mich auch klonen?"

"Replizieren, verdammt noch mal! Benutze dieses Unfähigenwort nie wieder."

"Klingt nicht netter", bemerkte Julius ungefragt.

"Du lügst. Sonst würdest du mir deine Gedanken und Gefühle nicht vorenthalten. Legilimens!" Julius vollführte sofort die von Catherine und Professeur Faucon erlernten Techniken, seinen Geist zu verschließen, als Bokanowski seinen Zauberstab auf ihn richtete. Er blendete alle Gefühle und Gedanken aus, bis auf ein Lied, daß er einige Male von seinem Onkel Claude gehört hatte, daß die amerikanische Sängerin Pat Benatar gesungen hatte: "Du weißt und ich weiß, mein Klon schläft allein,
kann nur für sich sein, für immer." Diese Liedzeilen ließ er nun immer stärker durch sein Bewußtsein klingen, bis er glaubte, die stimmgewaltige Rocksängerin selbst sänge durch seinen Mund.

"Ich werde dir helfen, mich zu verhöhnen!" Schrie Bokanowski, der offenbar nicht die nötige Ruhe hatte, einen Geistesangriff lange durchzuhalten wie Professeur Faucon oder Catherine. Julius ließ das Lied verfliegen und schuf wieder eine Leere in seinem Kopf. Er hatte nichts gedacht, was diesem bösen Meister da was von sich hätte preisgeben können. Als er sich wieder auf die Umgebung einstellte hörte er aus der Ferne ein lautes Gebrumm näherkommen, das ihm nun doch einen gehörigen Schrecken einjagte, denn er erkannte es sofort. Wahrscheinlich erkannte dieser Igor, den er insgeheim den irren Igor nannte auch, was da auf sie beide zubrummte.

"Nein, das ist doch nicht wahr", knurrte er und griff nach dem pulsierenden Schlauch im Becken, der nun etwas langsamer pulsierte. Julius hörte das wütende Gebrumm. Es mußten viele sein. Womöglich hatte sie alle hundert hergeschickt. Aber woher wußte die denn, wo die Burg lag? Wollte sie angreifen oder dem Klonmeister ihre Dienste anbieten? Na, das war ja wohl die dümmste Frage, dachte Julius bei sich. Die würde sich doch keinem Zauberer unterwerfen oder den gar als gleichberechtigten Partner anbieten.

"Tatsächlich, die verruchte Brut Sardonias!" Schnaubte Igor. "Aber die werde ich gleich ausradiert haben", schnarrte er.

"Das glaubst du doch selbst nicht, Klonemann. Die Biester sind fast unknackbar. Da du ja rausgelassen hast, daß du den echten Minister durch einen anderen Klon ersetzt hast ..."

"Du sollst dieses Wort nicht benutzen, verdammt noch mal!!" Schrie Igor und hielt den Zauberstab auf Julius gerichtet. Gerade setzte er an, den Cruciatus-Fluch zu rufen, als der grüne Schlauch in seiner anderen Hand wieder wilder pulsierte. Igor senkte den Stab und konzentrierte sich auf irgendwas. Julius vermutete, daß der Schlauch mit dem gallertartigen Klumpen am anderen Ende eine Verbindung zu den Klonen draußen darstellte. Jetzt gab er wohl Befehle an die Klone weiter.

"Sieh es dir an", schnarrte Igor und hob den Zauberstab. Aus dem Nichts heraus entstand ein zwei Meter großes Viereck, wie ein frei in der Luft schwebendes Fenster. Innerhalb des Quadrates konnte Julius dreidimensional einen Ausschnitt des Burghofes erkennen, mit einem Stück Nachthimmel darüber. Und aus diesem Himmel stürzten sich gerade jene geflügelten Ungeheuer, denen er selbst in Slytherins Galerie begegnet war. Diesmal waren es nicht nur zwölf, und diesmal traten sie nicht in überschaubaren Gruppen auf, sondern stießen als entschlossenes Geschwader herab. Die auf dem Hof wachenden Igor-Klone mit Zauberstab eröffneten sogleich das magische Feuer. Doch die ersten Flüche prallten wirkungslos an den Panzern der mehr als zwei Meter großen Kreaturen ab, deren Körper denen von Bienen glichen, aber deren Köpfe menschlich waren, von den langen, haarigen Fühlern mal abgesehen. Da blitzte es dreimal grellgrün, und drei Entomanthropen stürzten ab. Dabei schlugen sie jedoch auf drei zauberstablose Klone. Die übrigen Igors wurden von den nun herangebrausten Insektenmonstern niedergefegt, hochgeworfen oder mit bloßen Händen erschlagen, wenn nicht von degenartigen Stacheln aus dem Hinterleib aufgespießt, hochgeschleudert und dann abgeschüttelt. Das ganze ging so schnell vor sich, daß die zwei weiteren vom Todesfluch getroffenen Monster nicht viel ausmachten. Denn nun hatten die fliegenden Ungetüme Nahkampfreichweite und pflückten, stießen und schleuderten ihre Gegner einfach vom Boden. Julius erschauderte beim Anblick dieser Vernichtungswut. Auch Igor Original schien mit der Situation doch nicht so leicht fertig zu werden wie er gehofft hatte. Zwar schossen zwei Igors noch zwei von den ungebetenen Gästen mit dem Todesfluch ab, wurden dannn aber gleich von deren wütenden Kameraden erledigt.

"Ups, jetzt hast du deine Dus alle verbraucht, und von den Monsterbienen sind noch zu viele da", spottete Julius, obwohl gerade er beim Anblick der wütend dreinschlagenden und -stechenden Insektenungeheuer einen Schauer nach dem anderen den Rücken herablaufen fühlte.

"Dir stopfe ich gleich die freche Klappe, Schlammblutbastard!" Schrillte Igor, nicht unbedingt nur wütend, sondern vor allem kampfeslustig. "Wenn meine herrlichen Ebenbilder nicht mehr auf dem Hof sind, sei es eben die volle Härte meiner Macht." Er hieb mit dem Zauberstab gegen eine Wand und rief etwas in russischer Sprache, wohl einen Auslösebefehl. Schlagartig schossen Feuerwände und Lichtbögen über den Hof. Doch die Insektenmonster glitten durch das Elementarkraftinferno hindurch wie durch warmen Sommerwind. Bokanowski schrie einmal, als eine Doppelreihe verspäteter Igors ins Freie stürmte und voll in eine aufschießende Flammenfontäne geriet. Die Nachhut sprang sofort in das Hauptgebäude zurück und suchte sich wohl sichere Verstecke. Hier und da fauchte ein Feuerball aus der Mauer, schlug ein bläulich-violetter Kugelblitz über den Hof. Doch die Insektenmonster flogen oder rannten auf ihren drei Gliederpaaren weiter. Julius erkannte, daß diesen Wesen mit gewöhnlichen Angriffszaubern nicht beizukommen war, wenn nicht der Todesfluch gewirkt wurde. Er wußte, daß Avada Kedavra nicht in einen Gegenstand eingelagert werden konnte wie Decompositus oder diverse Fangflüche. Außerdem hörte er das Brummen der noch vielen Entomanthropen schon nachhallend, als seien die ersten bereits in der Burg. Woher hatte diese Hexe gewußt, wo die Burg lag? Denn jetzt war ja sonnenklar, daß sie kein Bündnisangebot unterbreiten wollte.

"Wenn diese Hure glaubt, daß ich mich von irgendwelchen alten Honigbienen beeindrucken lasse täuscht sie sich. Dann eben so!" Schnaubte Bokanowski auf Englisch, damit Julius es wohl genau verstehen konnte. Er sah, wie seine Feuer- und Hitzezauber wirkungslos verpufften. Hörte wie Julius, daß die Angreifer gerade am Hauptgebäude die Wände einzureißen begannen. Er bestrich weitere Stellen einer Wand mit dem Zauberstab, und laut Rasselnd und klappernd taten sich Türen auf, und das von Julius vorhin schon gehörte Zischen, Fauchen, Quieken und Knurren erfüllte nun die Burg.

"Aha, der Ururenkel von Frankenstein läßt seine Haustierchen raus!" Rief Julius, der sich im Moment am sichersten Ort der ganzen Burg wähnte und obendrein mit der Egalhaltung eines zwischen Hammer und Amboss liegenden Eisenstücks den Lauf der Dinge erwartete. Denn ihm war eine Lösung eingefallen, warum die Entomanthropen ausgerechnet jetzt die Burg angriffen. Die Lösung gefiel ihm zwar überhaupt nicht, aber rein logisch war sie die zutreffendste: Die Wiederkehrerin hatte das mit Ironquill und Davenport mitgekriegt und daraus gefolgert, daß Bokanowski dahinterstecken mochte, obwohl der ja angeblich bei einer Schlacht mit Voldemort gestorben war. Dann hatte sie rausgefunden, was Ironquill so besonders machte, ja es vorher wohl schon gewußt und sich gedacht, daß igor alle lebenden Ruster-Simonowskys fangen wollte, um rauszukriegen, was bei Ironquill schiefgelaufen war. Also hatte sie nichts weiter tun müssen als die Leute zu überwachen, die mit ihm, Julius, in Verbindung treten konnten, darunter auch Belle. Womöglich konnte sie Igors Klone von richtigen Menschen unterscheiden. Dann brauchte sie ihn nur noch zu verfolgen. Womöglich hatte sie auf dem Latierre-Hof schon auf der Lauer gelegen und ...

"Sieh dir an, wie Feuer mit Feuer bekämpft wird, Sohn einer verwelkten Mistblume!" Schnarrte Bokanowski. Julius sah durch das magische Fenster und erblickte kleinere und größere Bestien, die den Entomanthropen in nichts nachstanden. Heuschrecken mit Menschenköpfen, Riesenskorpione, sowie kleinere, aber gegenüber ihren natürlichen Vorlagen immer noch hundertfach vergrößerte Ameisen mit Menschenköpfen quollen auf den Burghof.

"Ich hätte die auch gleich mit meinen Krawummkäfern angreifen können. Aber die hebe ich mir auf, falls sie mir nicht alle Schmeißfliegen geschickt hat", sagte der irre Igor.

"Krawummkäfer? Was soll denn das sein?" Fragte Julius belustigt klingend.

"Meine speziellen Lieblinge, du Schlammblutmutant. Die sind nicht so leicht zu töten, und falls doch, nehmen sie den mit, der das hinkriegt. Außerdem lieben sie es, in feindliche Kreaturen reinzufliegen und dabei zu explodieren, wobei sie die Kreatur natürlich pulverisieren."

"Och, Kamikazeflieger, auch ein uralter Muggelhut", erwiderte Julius darauf so abfällig, als hätte ihm jemand einen Computer von vor vierzig Jahren als große Neuheit angeboten. Bokanowski schnaubte ihn an, was ihm einfiel, so über seine genialsten Züchtungen zu reden.

"Damit habe ich einmal dreißig von deinem selbstherrlichen Landsmann Voldemort verrückt gemachte Drachen erledigt, ohne in die Nähe zu müssen und mehrere seiner antiken Golems zerbröselt."

"Echt, Voldemort kann Golems machen?" Fragte Julius schnell, weil ihm die Vorstellung, daß der Irre aus England solche Mordmaschinen haben konnte nicht schmeckte.

"Hija, kann der wohl. Muß jetzt nur viele neue machen, weil ich bestimmt alle mit meinen Krawummkäfern erledigt habe. Nur die verflixten Dementoren konnte ich damit nicht kriegen. Aber gegen die werde ich bald was haben, da wird sich dein Mitschlammblut umgucken. Kuck mal! Ich brauche meine kleinen explosiven Lieblinge nicht loszuschicken. Meine großen Kuscheltiere erledigen die Schmeißfliegen auch."

Julius sah, daß Bokanowskis Monster tatsächlich gegen die Entomanthropen die Oberhand errangen. Auf jeden fliegenden Eindringling kamen mindestens drei andere Bestien.

"Ist nur blöd, die dann alle wieder einzusammeln, wenn die echt mit hundert Entomanthropen fertig werden", meinte Julius. Er wußte schon, daß es keine hundert Entomanthropen waren. Womöglich hatte die Wiederkehrerin gerade mal die Hälfte von denen vorgeschickt, um zu testen, wie gut die Burg verteidigt wurde und im Fall, daß sie sie überrennen konnte nicht alle ihre Monster aufs Spiel zu setzen und im Fall, daß die Verteidigung zu gut war was anderes ... Das ging auch, dachte Julius. Wie bei Asterix und der Tour de France.

"Doktor Igor, kennst du eigentlich Asterix?" Fragte Julius.

"Ja, lateinisches Wort für Sternchen", lachte Bokanowski. "Oder wofür steht das sonst noch, du vorlauter Schlammblutmutant?"

"Das mit dem Schlammblut langweilt mich schon seit Hogwarts und den Slytherins da und den Mutanten nehme ich mal als Kompliment, daß ich dir von den Erbanlagen was voraushabe, Igor. Na, lass den Zauberstab besser unten! Man könnte mich ja schreien hören."

"Wer, man. In meine Burg ist außer diesen paar Schmeißfliegen keiner eingedrungen."

"Tja, das kommt davon, wenn man keine Asterix-Hefte gelesen hat", meinte Julius. "'ne tolle Geschichte, die im alten Gallien spielt, so zur Zeit von Julius Cäsar, also meinem Namensvetter aus Rom", begann Julius wie eine Bergquelle zu sprudeln. "Die Römer hatten ganz Gallien besetzt, bis auf ein Dorf, dessen Druide einen Zaubertrank brauen konnte, der übermenschlich stark macht, sowas wie der Herakles-Trank. Jedenfalls ..."

"Schnauze!" Bellte Bokanowski. Julius hatte damit gerechnet, daß er dem bösen Bokanowski mit diesem für ihn belanglosen Kram auf die Nerven gehen konnte. Doch da war noch was, ein Rumsen, als wenn etwas eingeschlagen oder explodiert wäre, gefolgt von einem Rumpeln. Offenbar hatte igor ihn deshalb angeblafft. Julius hielt seinen Geist weiter so gut es ging verschlossen. Wenn Igor ihn nicht direkt anblickte, war er sicher vor dem Geistschöpfen, und jetzt war ihm das noch wichtiger als vorher. Er sah wie Bokanowski den Ausblick des magischen Fensters änderte. Er konzentrierte sich auf seinen rechten Arm. Er wollte ihn mit einem Ruck freibekommen. Tatsächlich schaffte er es, ihn etwas höher zu ziehen, so daß das nun wieder stark zitternde Pflegehelferarmband knapp unter dem lebendig wirkenden Strang war, der ihn mit Brustkorb und Armen an den Stuhl fesselte. Wenn er den Arm noch mal mit einem Ruck bewegen konnte ...

"jetzt wird von diesen Fliegern keiner mehr übrigbleiben, Bengel. Was auch immer du mit deinem Asterix ... " Das nächste Wort war russisch. Dem Tonfall und dem wutroten Gesicht Igors nach war es aber wohl sehr unfein. Er sah hellrote Schlieren auf tiefrotem Grund durch das Fenster tanzen. Offenbar war dort eine Unterbrechung des Überwachungszaubers. Julius war klar, was das hieß, und Bokanowski wohl auch. Der Magier griff wieder zu dem wild pulsierenden Schlauch und gab wohl unhörbare Befehle an seine Klone weiter, wenn von denen noch welche übrig waren. Dann wischte er mit einer Zauberstabbewegung durch das magische Fenster und stellte die Hofansicht wieder ein. Das Monstergemetzel war noch wütender geworden. Julius unterdrückte den Würgeanfall, als er das viele, glibberige Zeug sah, das Blut und sonstige Körperflüssigkeiten sein mochte. Vereinzelt konnte er abgetrennte Glieder und Körperstücke sehen, und zwischendurch surrte ein schon angerupft wirkender Entomanthrop aus Sardonias altem Arsenal über den Hof, verfolgt von einer meterhoch springenden Heuschreckenkreatur, die wohl aus einer Wanderheuschrecke und einem arglosen Menschen zusammengehext worden war. Dann meinte er irgendwo aus der Burg jemanden "Avada Kedavra!" rufen zu hören, während Bokanowski mit der freien Hand am Schlauch dasaß.

"Tja, gleich bist du wieder einmalig, nach dem du dich selbst durch deine wilde Vermehrungswut entwertet hast, Igor. Dir ist klar, daß deine Burg trotzdem im Eimer ist, du armseliger Möchtegernfrankenstein."

"Nenn mich nicht Frankenstein! Das ist der größte Humbug, den sich magieunfähige Muggel je ausgedacht haben. Teile von Toten zusammennähen und mit Elektrizität neu beleben. Sowas konnte sich ja nur eine Frau ausdenken."

"Echt, Frankenstein ist von einer Frau erfunden worden?" Fragte Julius beeindruckt klingend. "Ich dachte die Geschichte ist aus dem vorigen Jahrhundert oder so. Da hatten Frauen schon Ahnung von Wissenschaft. Voll krass!"

"Das nennst du Wissenschaft, du nervtötender Bastard?!" Schrie Bokanowski. Julius dachte, daß der nicht so laut brüllen sollte. Denn da hörte er schon wieder jemanden den Todesfluch aufrufen, eine Frau mit einer entschlossen klingenden Altstimme, und trübe erinnerte er sich, daß er diese Stimme schon einmal "Avada Kedavra" hatte rufen hören. Deshalb sagte er schnell:

"Erzähl du mir nichts von anständiger Wissenschaft, Doktor Klon! Ich habe dich nicht gebeten, mich in deine Burg zu holen, Igor. Wenn ich dich nerve hättest du mich zu Hause lassen sollen. Vielleicht müßtest du deine Burg dann nicht renovieren."

"Dein vorlautes Maul stopfe ich dir nachher, wenn ich dein Blut auffange und dich zusehen lasse, wie es langsam aus dir herausgepumpt wird", knurrte Igor.

"Hui, nicht nur Frankenstein, sondern auch noch Dracula. Hast dich aber gut geschminkt für einen Vampir."

"Du wagst es!" Brüllte Bokanowski. In seinen Augen loderte glühender Haß, sein Gesicht war ein Dreieck unbändiger Wut. Er griff gerade nach seinem Zauberstab, als der grüne Schlauch, den er immer noch in der Hand hielt heftiger pulsierte. Der Zauberstab in der Hand zitterte wild und sprühte dabei Funken, die silbern und rot zur Decke emporknisterten. Bokanowski bebte. Er keuchte wie eine bergauf fahrende Dampflok und deutete wieder auf Julius.

"Wenn du mich töten willst, sprich den Fluch deutlich genug aus, Igor!" Goss Julius weiteres Öl in das lodernde Feuer aus Wut und Haß. Offenbar hatte er ihn mit seiner Vampirbemerkung an einer ganz empfindlichen Stelle erwischt.

"Das könnte dir schleimigem Schlammblut so passen, dich hier und jetzt zu töten und mir jede Möglichkeit zu nehmen, deine widerlich hohe Zauberkraft studieren zu können. Aber ich werde rausfinden, was an dir und diesem singenden Auswurf aus Spanien so besonders ist. Aber glaube mir, für den Vergleich mit diesen Blutsaugern wirst du leiden, Bürschchen. Leiden, als wenn du in allen Höllen gleichzeitig bist, an die irgendwer auf diesem Planeten glaubt", schnaubte Bokanowski immer noch voller Haß. Dabei starrte er auf das magische Fenster, das die grausame Szene im Hof zeigte. Julius sah nicht hin. Er beobachtete Bokanowski, der mit der einen Hand am Schlauch und mit der anderen Hand den Zauberstab haltend dastand und seine Miene des gnadenlosen Hasses zu einer Mine des Triumphes wurde. Offenbar stand der Sieg seiner Kreaturen unmittelbar bevor. Julius faßte neuen Mut und blickte in das Fenster hinein und sah, das gerade die letzten vier bienenähnlichen Entomanthropen, die schon arg verstümmelt waren, von mehreren Heuschrecken-Entomanthropen zugleich gepackt und gnadenlos niedergerungen wurden. Damit brach der Angriff von Sardonias alten Luftkriegern endgültig zusammen. Bokanowski lachte. Julius überlegte, ob gleich neue dieser Wesen kommen würden. Andererseits, wenn sie wie die Gallier bei "Asterix und die Tour de France" vorgegangen waren, die die das Dorf umstellenden Römer mit aller Macht angegriffen hatten, um sie auf eine bestimmte Seite zu locken ...

"Du siehst, du Mißgeburt, daß diese Flügelmonster meinen Kreationen nicht das Wasser reichen konnten", triumphierte Bokanowski, als seine Monster sich über die hingeschlachteten Bienenentomanthropen hermachten. "Dieses dumme Weib hätte es wissen müssen, daß so wenige von denen mir nichts anhaben können. Dann wollen wir mal sehen, was dich so unverschämt stark gemacht hat, Bürschchen." Er stand auf, ließ den grünen, lebendig wirkenden Schlauch los, der nun von alleine weiterpulsierte und trat auf seinen Gefangenen zu. Dieser spannte alle Muskeln im rechten Arm an, um diesen mit größter Kraft hochzureißen ... Rums! Ein heftiger Knall rüttelte schmerzhaft an den Trommelfellen, und wie von einer Sturmböe vorangepeitscht stob eine Wolke Holzmehl in den Raum. Das magische Fenster erlosch im selben Moment. Julius riss seinen Arm hoch und berührte die Fessel mit dem Armband. Der lebendig wirkende Strang zuckte wie unter einem Stromschlag und peitschte laut sirrend davon. Bokanowski warf sich herum. Julius' Hand war am Zauberstab, ehe eine Zehntelsekunde vorbei war. Er sprang ihm förmlich in die rechte Hand. Er dachte nur noch: "Zehn Sekunden müssen reichen." Dann rief er schnell, während Bokanowski auf ihn zusprang:

"aulalhischa, Shedehuabtarakator Kirimwawiddisigalmattu!" Der Stab glühte weißgolden auf, und ein von oben rasch abfallender Ton, der unter die menschliche Hörgrenze durchsackte erklang. Bokanowski hing mit seinen Füßen knapp in der Luft, während Julius auf seine Uhr sah und aufsprang. Er warf sich herum. Ja, da stand genau die Hexe, die er schon einmal in einer ähnlichen Lage gesehen hatte. Sie war wirklich im Schutz des scheinbaren Hauptangriffes in die Burg eingedrungen. Er sah das entschlossene Gesicht unter dem strohblonden Haar und wußte, Bokanowski, der ihn fast schon mit den Fingern berührt hatte, würde ihm nicht mehr hinterherlaufen können. Er spurtete los, durch die von einem überheftigen Reducto-Fluch pulverisierte Tür hindurch in den Gang, wobei alles vor ihm einen starken Blaustich zu bekommen schien, vorbei an auf dem Boden liegenden, womöglich toten Ameisen, durch die nächste Abzweigung, die ihn, wie er wußte auf den richtigen Weg führen würde. Er lief noch einige Meter, während sich um ihn herum nichts bewegte. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr, sah, wie die zehnte Sekunde davontickte und rief die geheimen Worte in umgekehrter Reihenfolge, die vorhin die Zeit um ihn eingefroren hatten."Kirimwawiddisigalmattu, Shedehuabtarakator, aulalhischa!" Kein Widerhall erklang. Er hörte die Worte so, als habe er seine Ohren verstopft. Dann glühte sein Zauberstab erneut auf, und in einem Moment sauste ein Ton von unterhalb bis oberhalb seines Hörbereiches. Er sah auf die Uhr, die mit einem lauten Klick zehn Sekunden zurücksprang, fühlte wie ihm ein langer Bart aus dem Gesicht heraussprang und seine Fingernägel Wuchsen. Diese schnitt er während er weiterlief magisch ab, wie er es in der Zauberkunst-Ag gelernt hatte. Den Bart würde er gleich magisch stutzen. Feinrasieren würde er sich hoffentlich dann anderswo. Erst einmal hieß es, dieser verfluchten Burg zu entgehen. Laute Schreie drangen an seine Ohren, Schreie eines Menschen unter Todesqualen. Das war der Klonmeister selbst. Offenbar bekam er gerade den Cruciatus-Fluch ab. Julius empfand kein Mitleid mit diesem Zauberer. Er hatte ihn verschleppt und wollte ihn wie eine Laborratte lebendig zerlegen, um sein Geheimnis herauszufinden. Für einen Moment blieb er stehen. Dann lief er weiter, während Bokanowski seine Todesqualen durch die Burg schrie. Er eilte durch die Korridore, doch kurz vor dem Hof bremste er ab. Vor sich sah er vier Igors ohne Zauberstab, die in respektvollem Abstand vor einer menschengroßen Heuschrecke standen. Da wurde Julius klar, daß er den Hof nicht erreichen würde, geschweige denn lebend entkommen konnte. Denn draußen warteten noch die Monster. Er tauchte in den Korridor zurück. Da hörte er die Igors hinter ihm herrennen. Sein Schwermachertraining zahlte sich wieder einmal aus. Sie holten ihn nicht ein. Doch da kam die Abzweigung zurück zu Igor eins und seiner neuen Besucherin. Er warf sich herum und wisperte "Malleus Lunae!" Aus seinem Zauberstab schoss ein silberner Fächer heraus, traf alle vier Igors und warf sie um. Julius rannte los, suchte einen niedrigen Durchgang, um nicht von einem der Monster erwischt zu werden. Mit den Ameisen würde er wohl fertig, wenn sie zurückkehrten. Da würde eine Feuerwand reichen. Doch alle Türen waren zu, und er drohte schon, sich im Gewirr der Gänge zu verlaufen. Da sah er ein etwa einen Meter hohes Loch rechts von einer massiven Metalltür, vor der ein toter Igor lag. Den hatte wohl die Wiederkehrerin auf dem Gewissen. Er warf sich nach vorne und schlüpfte durch das in die Wand gestanzte Loch in einen Raum, den er sofort als Labor einstufte. Er sah halbhohe Zylinder aus Glas oder Kristall. In diesen schwappte eine grünliche Lösung, in der wiederum schleimige, scheibenförmige Etwasse schwammen, die mit langen stacheligen Armen wie eine Mischung aus Quallen und Seesternen in der grünen Brühe ruderten, die für sie wohl eine Nährlösung war. Er hörte die in die Burg zurückkehrenden Monster. Hier herein würden sie nicht kommen. Aber wenn er auf die Zylinder starrte, die über durchsichtige Schläuche an eine tankartige Umwälzanlage angeschlossen waren, wurde ihm etwas anders. Was hatte der Klonkönig gesagt? Er hatte nicht nur sich selbst vervielfältigt und einen Weg gefunden, seine Sklaven in wichtige Personen der Zaubererwelt zu verwandeln, sondern auch Wesen erschaffen, die wie die Willenswickler wirkten, nur nicht mehr so träge. Da war ihm klar, daß er hier die Brutstätte jener neuen Unterwerfungsparasiten vor sich hatte, die pulsierten. Pulsierten? Da stach ihm die Erkenntnis ins Bewußtsein, daß sie am oder im Körper eines Menschen wohl auch pulsierten, leise zwar, eigentlich nicht hörbar, aber für jemanden mit besonders guten Ohren vielleicht doch herauszuhören. Das war es also, warum die hellhörige Lino verschwunden war. Die hatte es wohl gehört, und der Klondoktor hatte das begriffen und sie verschwinden lassen, bevor sie das wem sagen konnte. Er starrte auf die in ihrer Lösung paddelnden Geschöpfe, die jedes für sich einen arglosen Menschen versklaven konnte. Das und die nun wieder in der Burg herumkriechenden Monster zeigten ihm, daß er mit seiner Flucht nicht viel erreicht hatte. Auch wenn die Hexe Bokanowski abmurkste, würden diese Biester in den Zylindern und die draußen vor dem Loch in der Wand noch da sein, ihn nicht mehr rauslassen. Er hörte leises Scharren auf dem Boden, noch einige Meter weit weg. Inbrünstig dachte er:

"Hätte ich Nitro würde ich diese verdammte Hexenküche einfach in die Luft jagen!"

"Das mit der Hexenküche verbitte ich mir", schnarrte ohne Warnung eine ungehaltene Frauenstimme, die er zu gut kannte. Sofort wandte er die Occlumentie an. Hoffentlich hatte die Hexe nicht doch wichtige Gedanken auffangen können. Denn sowohl Sardonia als auch Anthelia konnten wie Professeur Fixus worthafte Gedanken hören.

"Du hast wahrlich sehr fleißig geübt. Das freut mich, Julius Andrews. Wir müssen hier fort", sprach die Hexe, die Bokanowskis Burg angegriffen und wohl gesiegt hatte.

"Och, wie denn. Ich war schon fast am Hof, bis mich so'n Heuschreckenbiest fast gekillt hätte", schnarrte Julius auf Französisch zurück. Dann sah er die strohblonde Hexe an und fragte:"Wollen Sie mich diesmal wieder retten oder besser doch umbringen?"

"Du meinst, nichts mehr zu verlieren zu haben, daß du mir derartig dreist kommst, Julius Andrews", lachte die Hexe vergnügt. "Aber deine Frage möchte ich beantworten. Du warst nicht mein Feind und bist es auch jetzt nicht. Ich werde dich, Señor Colonades und alle die von Bokanowski gegen seine Handlanger ausgetauscht wurden hier herausbringen und euch eurer Wege ziehen lassen. Also komm!"

Julius dachte nicht lange nach. Er folgte der Hexe im rosa Umhang durch das Loch in der Wand zurück in den Gang. Er dachte schon, daß sie in Richtung Hof gingen. Doch die Fremde führte ihn durch mehrere andere Korridore. Da stürzten sich mehrere Igor-Klone auf sie. Drei von den acht hatten Zauberstäbe. Julius brauchte keine Fluchfreigabe. Er schickte einen Mondlichthammer aus, der zwei auf einen Streich niedermähte. Er sah, wie die Wiederkehrerin starke Stromstöße in die Reihen schickte, worauf einige gelähmt umfielen, andere wie erstarrt stehenblieben. Die beiden Flüche, die ihnen entgegengeschleudert wurden parierte die Hexe mit einer Zauberstabbewegung, die Julius in Ehrfurcht erstarren ließ. Wahrlich, sie war ein Profi in sowas. Merkwürdigerweise tötete sie keinen. Ihr ging es wohl nur darum, freie Bahn zu haben. Die hatten sie nach nur drei Sekunden auch und liefen weiter. Da sprang ihnen noch ein Pulk Igors aus zwei Gängen gleichzeitig entgegen. Diesmal rief Julius seinen Mondlichthammer ganz laut aus, während die Wiedergekehrte mit einer ausladenden Zauberstabbewegung alle umwarf, die noch stehenblieben und von links nach rechts einen besonders starken blitz knapp über sie hinwegschlagen ließ. Julius konnte den Gedanken nicht abschütteln, daß sie beide gerade ein Team bildeten, das auf Gedeih und Verderb zusammen kämpfen mußte, bis kein Feind mehr stand oder sie beide in einem Anflug von Wikingerehre mit den blitzenden Zauberstäben in der Hand den Tod fanden. Doch nach dieser Packung Igor-Klone war der Weg nun frei bis zu einer Tür, vor der ein Julius fremder Mann wache stand und sofort den Zauberstab hob. Da verlor er unvermittelt den Boden unter den Füßen, ließ den Stab dabei fallen und hing zwei Meter über dem Boden in der Luft, ohne einen Halt an der Wand oder der Tür zu finden.

"Die Versklavende Kreatur in seinem Genick reagiert sehr empfindlich auf Elektrizität!" Rief die Hexe Julius zu. Dieser verstand sofort und zielte auf den Hals des in der Luft herumrudernden Mannes. Ungesagt schickte er einen heftigen Stromstoß los, der knapp am Hals des Mannes vorbeifauchte und in die Wand einschlug. Der Fremde zuckte heftig zusammen, als habe die Entladung ihn voll getroffen. Dann flog er einfach durch den Korridor. Da begann jemand hinter der Tür mit einer sehr schönen Stimme ein Lied zu singen, das Julius nicht kannte. Es drang in ihn ein, rührte ihn ganz tief an, ließ Saiten in seiner Seele erklingen. Er sah, wie die Hexe von der Wirkung des Liedes wie in einer Trance erstarrte, während er selbst das Bedürfnis verspürte, den Sänger noch besser hören zu wollen. Er ging zur Tür, öffnete sie und sah einen kleinen, dicken Mann mit dichtem, schwarzem Haar und tiefbraunen Augen, der immer noch lauthals und mit glockenreinen Tönen singend heraustrat. Der Fremde sah lächelnd die Hexe an, die nun ganz entspannt aber unbeweglich dastand, während Julius ihm entgegentrat. Ohne seinen Gesang abzubrechen wandte sich der magische Sänger dem freien Korridor zu und ging los. Julius folgte ihm, angetrieben von der Macht des Liedes, nicht mehr an die Gefahren denkend, die auf diesem Weg liegen mochten. Sie liefen weiter. Auch als ein paar vereinzelte Igor-Klone mit Zauberstäben auftauchten ging es weiter. Der kleine dicke Magier sang sein Lied, das Julius beflügelte, ohne Furcht zu folgen und die Gegner auf der Stelle bewegungslos dastehen ließ. Dann erreichten sie den Hof. Da waren die Monster. Julius fühlte die Übelkeit, als er den ekligen Geruch in die Nase bekam, der unmißverständlich Tod und Vernichtung bedeutete. ER schloß die Augen und hielt sich die Nase zu. Doch die klaren Töne des Sängers klangen weiter in seinen Ohren. Er fühlte weder Furcht noch Zweifel. Er folgte blind und doch genau den Weg einhaltend dem wohltuenden, ihn tragenden Gesang, weiter und weiter. Er lief, ohne von irgendwem oder irgendwas behelligt zu werden, weiter. Bis er freien Wind spürte. Wind? Sie waren aus dem Burghof heraus. der seewärts blasende Wind erreichte sie nun wieder voll und ganz. Doch sie gingen ruhig weiter. Immer noch sang der Fremde, den Julius aus dem Kerker befreit hatte und der ihn ohne Angst und Argwohn an allen Gefahren vorbeigeführt hatte. Erst als sie schon lange von der Burg weg waren und über einen Felsenhang geklettert waren, hielt der magische Sänger inne. Julius fühlte sich befreit und doch für einen Moment leer. Der Gesang hatte seine ganzen Ängste und Sorgen vertrieben und nur Leere zurückgelassen, als er verklungen war. Dann kam er wieder zu klarem Verstand. Er sah den Mann vor sich, der sich umdrehte und nach etwas suchte, seinem Zauberstab womöglich.

"Hablas Español, Chico?" Hörte Julius eine Frage. Das sollte wohl heißen, ob er Spanisch könne. Er schüttelte den Kopf und fragte:

"Do you speak English?" Der Fremde schüttelte bedauernd den Kopf. Julius fragte dann: "Parlez-vous Français?"

"O Oui oui", stieß der Fremde erleichtert aus. Dann sagte er nun für Julius verständlich:

"Wir sind aus dieser Burg weg, Chico. Wie heißt du?"

"Julius Andrews, Señor", stellte sich Julius vor.

"Mui encantado! Äh, sehr erfreut, Julio. Schon von dir gehört. Bist auch ein Ruster-Esimonowki, nicht wahr?"

"Sie auch?" Fragte Julius überflüssigerweise zurück. Denn was sollte der kleine, dicke Mann da vor ihm sonst sein als der zweite noch lebende Ruster-Simonowsky, der wohl in Spanien zu Hause war. Er nickte.

"Ich bin Orfeo Colonades, Julio. Irgendwer hat Miguel Juarez vom Zaubereiministerium verflucht, mich zu stehlen, ähm, fortzubringen, hierher", sagte Colonades. Seine Stimme klang beim Sprechen nicht überdurchschnittlich, fand Julius. Aber das konnte die Sprache sein. Vielleicht klang er in seiner Muttersprache überragender. "La Bruja, die Hexe, weißt du ob die zu denen gehört, die Juarez verflucht haben?"

"Die ganz bestimmt nicht. Aber die ist auch nicht gerade wohltätig. Die hat uns nur rausgeholt, damit sie uns für sich haben kann, wenn die aus der Burg rauskommt", sagte Julius. "Die wollte nur Bokanowski auslöschen. Sie hält sich für die Erbin Sardonias, hat wohl auch genug Magie dafür drauf und kann womöglich worthafte Gedanken hören.""

"Dios mio!" Erwiderte Colonades. "Dann habe ich richtig gehört, das Brummen und Schwirren. Natürlich habe ich von diesen Bestien gelesen. Dann müssen wir weg hier. Gib mir deine Hand, Julio!" Julius zögerte. Konnte man von hier einfach disapparieren? Immerhin waren sie aus der Burg raus. Er blickte sich um. Die Burg war fast nicht mehr zu sehen. Da hörten sie ein fernes Schwirren über sich. Sie sahen nach oben. Leise surrten fünf winzige Punkte über sie hinweg zur Burg.

"Oha, die hat noch welche übrig", stöhnte Julius. Colonades bekreuzigte sich. Ein echter Zauberer als katholischer Christ. Irgendwie fand er das lustig, wo die Katholiken doch die energischsten Verächter der Magie waren. Aber es war logisch, daß Orfeo als Kind vor seiner Zaubereiausbildung genauso muggelmäßig aufwuchs wie alle anderen Nichtmagier, und davon waren in Spanien wie Frankreich die meisten Verehrer des Papstes und seiner Kirche. Er fühlte, wie Colonades ihn am Arm ergriff. Julius wehrte den Griff ab und griff seinerseits nach der Hand des spanischen Barden. Dieser konzentrierte sich. Wo würden sie gleich landen? Fragte sich Julius. Da wirbelte Colonades herum ... "Aaaah!!" Julius fühlte etwas wie einen brennenden Schmerz auf der Haut. Gleichzeitig war ihm, als stieße er gegen etwas, verlor den Halt und taumelte. Er keuchte, während Colonades wie ein nasser Sack umkippte und es seinem runden Bauch verdankte, nicht zu hart aufzuprallen.

"Mist!" Fluchte Julius auf Englisch. Dann nahm er seinen Zauberstab. Hatte er was über abgeblockte Apparitionen gelesen? Er hatte nur gelesen und gehört, daß mancher, der innerhalb einer Antiapparierzone zu verschwinden oder aufzutauchen versuchte entweder einen heftigen Schock erlitt oder an seinen Ausgangspunkt zurückgeschleudert wurde. Offenbar waren sie in einer solchen Antiapparierzone, obwohl die Burg schon fast nicht mehr zu sehen war. Fast nicht mehr war wohl noch zu nah, erkannte Julius. Er streckte seinen Zauberstab senkrecht über seinen Kopf und wollte gerade den Notrufzauber wirken, als ihm schmerzhaft klar wurde, daß kein Heiler ihn hier so schnell erreichen würde, weil ja diese verdammte Antiapparierzone wirkte. Er mußte den Mann weitertragen, ihm womöglich eine Trage zaubern. Aber die felsen vor ihnen waren nun hoch und glatt. Er griff sich an das Pflegehelferarmband. "Schwester Florence, ich rufe Sie!" Rief er laut. Sein Armband erwärmte sich. Dann erschien in der Luft das Abbild von Schwester Florence Rossignol, leicht unscharf aber noch zu erkennen.

"Julius, bist du in unmittelbarer Gefahr?" Fragte sie.

"Im Moment nicht. Ich war bei Bokanowski in der Burg. Die Hexe von damals mit Hallitti hat mit den Entomanthropen einen Sturmangriff gefahren und sich davon abgedeckt reingeschlichen und den bösen Meister wohl ausgeknipst. Ich bin mit einem Zauberer aus Spanien aus der Burg entwischt, der ein Superzauberlied draufhat, daß Monster und Feinde blockiert und Freunden die Angst nimmt. Die Hexe plündert jetzt wohl die Burg aus oder macht da alles platt, ich weiß nicht, ob die schon wach ist, nachdem Señor Colonades uns da rausgesungen hat. Er wollte mit mir disapparieren und ist voll gegen eine Antiappariersperre geprallt, die die Burg umgibt. Ich glaube, wir sind in Russland, irgendwo an einer Felsenküste vom schwarzen Meer. Wie kann ich dem Mann helfen?"

"Hui, Junge, komm jetzt erst mal zu Atem! Disapparieren und Apparieren geht nicht? Wolltest du den Notrufzauber machen?"

"Ja, schon, Schwester Florence", sagte Julius. "Aber dann krachen die Heiler alle in die Absperrung und werden dabei vielleicht getötet. Ist mir gerade noch eingefallen, als ich das "Advoco" schon rufen wollte. Können Sie mir sagen, was ich machen kann, um den wieder auf die Beine zu kriegen. Ich kann ihn ja nicht einfach einschrumpfen oder verlangsamen."

"Wohl wahr. Appariersperren versetzen einem Zauberer tückische Nervenschocks. Hast du was abgekriegt?" Wollte die Heilerin wissen.

"Ich habe erst etwas sengendes am Körper gefühlt und ein Gefühl, in eine Gummiwand reinzuspringen. Mehr war nicht."

"Colonades sagst du? Verstehe, der zweite Ruster-Simonowsky. Dann hatt Blanche, öhm, Professeur Faucon doch recht, der hatte es auf euch abgesehen. Die andere Hexe, wo ist die jetzt?"

"Noch in der Burg. Eben sind noch fünf von diesen Entomanthropen über uns weggesummt, nachdem sie ihr halbes Geschwader beim Sturm verheizt hat. Ich will nicht, daß die uns findet."

"Ruhig, Julius. Du untersuchst ihn jetzt, wie du es gelernt hast und mißt seinen Herzrhytmus. Dann prüfst du seinen Kopf, ob sein Gehirn unregelmäßige Schwingungen ausstrahlt. Ich leite dich an. Also los!"

Julius kam sich vor wie ein Rettungssanitäter der Feuerwehr, der vor Ort einen Notarzt anfunkte und um Therapiemaßnahmen bat. Er prüfte mit Hilfe seiner Uhr und dem Zauberspruch "Auscultato" die Körperfunktionen. Das Herz schlug schnell, flach und unregelmäßig, obwohl der Mann wie im Tiefschlaf lag. Mit dem Zauber "Cerebrundae", wurde er zu einer art EEG-Gerät. Ein kaum merkliches Zucken ging durch seine Hand, kein Vibrieren oder Zittern, wie Schwester Florence ihm für den Normalfall angekündigt hatte.

"Entweder habe ich den Zauber nicht richtig angewendet oder er hat fast keine Gehirnaktivitäten mehr", sagte Julius nun ruhig, weil er ja Hilfe hatte.

"Das wäre der erste Zauber, den du gesagt nicht auf Anhieb hinbekommen hättest", sagte Schwester Florence ruhig. "So schwer ist der nicht. Dann liegt es am Patienten. Der Schock hat ihn wirklich arg in Mitleidenschaft gezogen. Ich sage dir jetzt genau, was du machen kannst. Bei dem Herzschlag und Atem kann er noch zehn Minuten durchalten. Es gilt erst, sein Gehirn mit stimulierenden Strömen in einen gesunden Rhythmus zurückzukriegen und anzuregen. Dann kannst du sein Herz-Kreislaufsystem stimulieren und ... Was ist das für ein Geräusch?" Julius hörte es jetzt auch, hinter sich, sehr tief herankommend, das Summen, das er nie wieder zu hören gehofft hatte.

"Verdammt, die fünf Bienenmonster kommen von der Burg. Sie ... Nein!"

Von oben stieß ein laut brummendes Ungetüm auf ihn herab wie ein Adler auf den Hasen, packte ihn fest aber nicht in Mordabsicht und hob ihn federleicht hoch, brauste mit allen vier Flügeln surrend nach oben. Julius sah gerade noch, wie ein zweites Monster unter ihm aufstieg, das Colonades ebenso locker zwischen den vier vorderen Gliedmaßen hielt. Es ging mehrere hundert Meter hinauf. Schwester Florences Abbild hing immer noch neben Julius, machte das rasante Flugmanöver locker mit. Aus dem Armband klang jedoch kein Ton von ihr. Julius kämpfte gegen den aufsteigenden Haß, der aus der uralten Furcht entbrannte, die er seit den Wespen im Sanderson-Haus vor fliegenden Insekten empfunden hatte, und seit Slytherins Galerie besonders vor diesen Monstern. Doch ihm fiel ein, daß er jetzt mit Haß überhaupt nicht weiterkam. Abgesehen davon, daß er einen Riesenschrecken bekommen hatte, als er aus blindem Haß eines dieser Wesen mit dem Schwwert der Entschmelzung einen Fühler glatt abgehauen hatte. Er mußte sich beruhigen, wieder klar denken. Wenn sie ihn jetzt doch töten sollten, dann konnte er nichts dagegen tun. Wollten sie ihn nicht töten, würde der Flug irgendwo zu Ende sein. So oder so hatte er es dann hinter sich. Er beneidete Colonades, der bewußtlos war und von dem Horrorflug nichts mitbekam. Sollte er Schwester Florence bitten, eine letzte Botschaft für Millie anzunehmen. Nein, das hieße ja, daß er sich aufgab. Das wollte er nicht. Außerdem wollte er Millie nicht als einer in Erinnerung bleiben, der seiner Todesangst nachgegeben hatte. So hielt er den Mund und dachte seine Selbstbeherrschungsformel, bis es im Hui nach unten ging und kurz vor einem Felsplateau wie auf einem unsichtbaren Sprungkissen durchgefedert wurde, bevor das Insektenungeheuer weich aufsetzte. Dann sah er vor sich aus einem leichten Flimmern die mächtige Hexe entstehen, einen glitzernden Besen in der rechten Hand haltend, einen Harvey 5. So hatte sie ihn wohl verfolgen können, als Belles Klon ihn verschleppt hatte. Womöglich auf einen unhörbaren Befehl gab der Entomanthrop ihn frei, kaum das die Bezwingerin Hallittis und jetzt auch Bokanowskis sichtbar geworden war. Sie ging auf Colonades zu, der immer noch bewußtlos war. Julius hob schon den Arm, um Schwester Florence was zuzurufen, als die wiedergekehrte einen Zauberstabschlenker vollführte. Als kneife ihm jemand mit einer eiskalten Zange in das Handgelenk fühlte Julius den Schmerz. Leise knackend erlosch Schwester Florences Erscheinung. Das Armband fühlte sich nun an wie ein dicker Ring aus Eis.

"Der Unterbrechungszauber hält nur fünf Minuten vor. Dann kannst du sie wieder rufen. Lass mich an den Barden heran!" Befahl sie in einem strengen Kommandoton. Julius deutete auf Colonades und grummelte:

"Er hat versucht, mit mir zu disapparieren. Aber warum sage ich Ihnen das?" Doch als er sah, mit welcher Sorgfalt und Kunstfertigkeit sie den bewußtlosen Spanier behandelte und wieder auf die Beine brachte sagte er nichts.

"Gleich wird die Burg der Bestien mit lautem Donnerschlag vergehen, besser als ich es vermocht hätte!" Rief die unheimliche und doch so heilkundige Hexe erst auf Französisch, dann wohl noch auf Spanisch.

"Soll das heißen, die Burg geht gleich genauso kabumm wie der Krug von Hallitti?" Erschrak Julius.

"Seltsam ausgedrückt aber zutreffend", sagte die Hexe, die schon wieder ein rettender Engel war, aber sonst wohl eher für was anderes zuständig war. Sie wandte sich ab. Julius ebenso. Sie holte mehrere kleine Metallzylinder hervor, öffnete sie und entnahm ihnen behutsam mehrere auf Daumenlänge eingeschrumpfte, wohl betäubte Menschen. Sie legte sie auf den Boden. Dann sagte sie zu Julius:

"Ich kehre nun zurück von wo ich kam. Ihr werdet sicherlich aufgefunden werden. Die Zylinder überlasse ich euch, damit sie lernen, die Spürzauber zu verbessern."

"Beim Ersten Mal war es ein Krug. Jetzt 'ne Burg. Wir sollten uns besser nicht noch mal treffen, bevor noch der ganze Planet in die Luft geht", stieß Julius trotzig aus.

"Dies lieggt mir absolut fern, unsere große Mutter derartig grausam zu ermorden", sagte die nicht gerade vertrauenswürdige Hexe ruhig. "Und ob wir uns wiedersehen oder nicht, wage ich heute nicht zu mutmaßen. Gehab dich wohl, Julius Andrews und genieße weiterhin die Milch des Wissens, die Maman Beauxbatons dir darbringt!" Sie saß auf ihrem Besen auf und wurde sofort unsichtbar. Offenbar flog sie jetzt davon. Denn surrend flogen die Entomanthropen ebenfalls davon.

"Macht sie mit der Burg, was sie mit dem Krug der Abgrundstochter gemacht hat?" Fragte Colonades, der sich offenbar wieder ganz wohl fühlte.

"Wahrscheinlich hat sie einen Selbstvernichtungssprengsatz oder sowas gefunden oder mit den Fünf Biestern, die uns hier abgesetzt haben eigenen Sprengstoff mitgebracht. Entweder hat sie alles aus der Burg rausgeholt, was ihr wichtig war oder wollte nichts mehr damit zu schaffen haben und es keinem anderen Überlassen", sagte Julius leicht verunsichert.

"An und für sich müßten wir dieser Hexe dankbar sein", meinte Colonades. "Dich hat sie jetzt das zweite Mal gerettet, nicht wahr?"

"Ärgert mich zwar, das zuzugeben, aber stimmen tut's doch. Obwohl beim ersten Mal hat die mich wohl als Köder ausgeworfen, damit Hallitti anbeißt. Und bei diesem Mal denke ich, daß sie einfach irgendwo gewartet hat, bis der Belle-Grandchapeau-Klon loszieht und mich einkassiert. Apropos", erwiderte Julius und sah auf den Boden, wo die eingeschrumpften Menschen lagen. Sie hatten keine Kleidung am Leib. Er zählte durch und beleuchtete sie mit dem Zauberstab. Sechs von denen kannte er nicht. Halt! Fünf von denen kannte er nicht. Einer von denen, die er nicht so gut kannte war der bulgarische Zaubereiminister, dessen bild er mal in der Zeitung gesehen hatte, als sie im Hogwarts-Express über die Quidditch-WM gesprochen hatten, die von diesen Hooligans, wohl Todesser, so mies beendet wurde. Colonades erkannte zwei der Julius unbekannten. Das waren der spanische Zaubereiminister Pataleón und ein Beamter namens Miguel Juarez. Julius sah jetzt, daß es der Mann war, der vor der Tür des Barden gewacht hatte. Das brachte ihn auf eine Frage:

"Wieso haben Sie nicht schon vorher gesungen, um die Gegner auszutricksen?"

"Wollte ich ja, aber der Juarez, der mich weggeschleppt hat hat mir immer einen Schweigezauber angehängt. Im Kerker hat er mich alle Minute mit diesem Zauber getroffen, bis du und sie kamt und ihn niedergekämpft habt. Als ich wieder singen konnte, habe ich sofort gesungen. Das ist meine besondere Eigenschaft, Lieder zu singen, die bestimmte Gefühle und Verhaltensarten bewirken. Ich kann auch ein Heillied, was leichtere Verletzungen verschwinden läßt. Dauert allerdings länger als der Zauber."

"Wußte nicht, daß es magische Barden gibt", sagte Julius. "Ich kenne zwar Zaubergesänge, aber nur mit Zauberstab. Ui, da liegen Monsieur Grandchapeau und seine Tochter. Der Schweinehund hat also beide erwischt. Pech nur für ihn, daß mein Armband gepetzt hat, daß seine Version von Belle Grandchapeau eine dunkle Kreatur war."

"Was hast du für eine besondere Eigenschaft, Julio? Jeder Ruster-Esimonowki hat sowas", wandte sich Colonades an Julius.

"Öhm, ich kann fast alles wortlos zaubern, was meine Lehrer drauf gebracht hat, mir schon in der vierten Sachen aus der sechsten Klasse beibringen zu wollen. Deshalb konnte ich wohl auch so früh zu den Pflegehelfern."

"Wortlos kann ich auch zaubern", sagte Colonades gelangweilt. "Anderes. Kannst du was anderes noch, was andere nicht können. Hoffentlich nicht Parsel."

"Das fehlte noch, ich und Parsel wie Voldemort oder Harry Potter." Colonades schrak zusammen und bekreuzigte sich wieder. Julius sah ihn mitleidig an. Nicht der auch noch, dachte er. Dann fiel ihm ein, was ihm auf dem Latierre-Hof passiert war. Doch das war ja keine Sache, die er von sich aus konnte, und das mußte der kleine, runde Spanier ja nicht wissen. So sagte er nur: "Vielleicht kann ich von allein unsichtbar werden oder ohne Zauberstab was anderes werden. Weiß ich noch nicht."

"Wirst du wohl können, wenn du dich mit einer Frau hingelegt hast, oder bist du nicht für Frauen?"

"Ein bißchen zu persönlich für einen Sohn der katholischen Kirche", knurrte Julius zurück. Sollte er dem Mann da jetzt sein Liebesleben ausbreiten? Soweit kam's noch.

"Verstehe, ist deine Sache, klar. Wollte nur sagen, daß ich das auch erst konnte, als ich mit meiner Cariña die erste Liebe gemacht habe. Mehr wollte ich nicht sagen."

Bumm! Als wäre eine zehn Meter dicke und hundert Meter lange Kanone abgefeuert worden rüttelte der dumpfe Knall einer Explosion an Bäuchen und Ohren der beiden Ruster-Simonowsky-Zauberer. Ein kurzer, starker Windstoß blies ihnen von hinten ins Genick, und für einen Moment konnte Julius ein gelbes Licht in einer Wolke widerscheinen sehen. Er drehte sich um und sah in großer Entfernung eine winzige, rote Sonne, die rasend schnell unter den Horizont glitt und nur ein blutigrotes Dämmerlicht zurückließ, das keine zehn Sekunden später erlosch.

"Erst in Amerika und jetzt in Russland. Hoffentlich bricht jetzt nicht doch noch der Atomkrieg aus", unkte Julius.

"War das die Burg?" Fragte Colonades.

"Todsicher", erwiderte Julius, als er von etwas abgelenkt wurde. Die verkleinerten Menschen auf dem Boden begannen zu wachsen, nahmen innerhalb von Sekunden die doppelte, dann dreifache Größe an, wuchsen weiter und weiter und weiter, bis sie normalgroße Menschen ohne Kleidung waren. Da es außer Belle alles zauberer waren, konnte Colonades sie gut aus dem Blick lassen.

"Verdammt, Bokanowski, du ...", fluchte Armand Grandchapeau, der in seiner natürlichsten Erscheinungsform nicht so würdig erschien wie üblich. Dann sah er Julius und Colonades, der wiederum Miguel Juarez ansah, der zusammen mit Pataleón aus der magischen Starre erwachte. Belle sah Julius an.

"Ach du meine Güte, ich hab' ja nichts an. Dieser Mistkerl hat mich ... Was ist passiert?" Fragte sie. Julius gab ihr seinen Zauberstab, damit sie den Schnellankleidezauber an sich vollführen konnte. Colonades folgte dem Beispiel. Doch von den Männern konnte diesen Zauber nur einer, den Julius noch nicht kannte. Sie halfen nun den anderen, sich notdürftig mit Kleidung zu bedecken. Belle zog ihrem Vater einen Festumhang an und setzte ihm einen aus dem Nichts gezauberten Zylinder auf.

"Das Maman nicht denkt, du würdest deine Würde vergessen, papa", sagte sie lächelnd und gab Julius seinen Zauberstab wieder.

"Ein gewisser Igor Bokanowski hat Sie alle gegen Ebenbilder ausgetauscht, die Ihre Rollen übernehmen und durchhalten sollten. Das hätte auch fast geklappt, wenn in Amerika nicht der Zaubereiminister und sein Mitbewerber um das Amt ermordet worden wären", sagte Julius auf Englisch. Zumindest hoffte er, daß die meisten das konnten.

"Unverschämter Igor Bokanowski lääbte nochch", fauchte der bulgarische Zaubereiminister, dem Belle einen adretten Fuchspelzumhang übergezogen hatte.

"Offenbar", meinte Colonades. Alle sahen Julius Andrews an. Er erkannte, daß sie ihn wohl alle schon als Zeitungsbild gesehen hatten.

"Was ist genau passiert?" Fragte Minister Grandchapeau.

"Öhm, also Bokanowski oder wie er hieß hat Ebenbilder von sich gemacht und wohl auch solche, die sie einschrumpfen konnten und dann als Sie rumlaufen konnten, meine Dame, meine Herren."

"Ja, und wieso sind wir jetzt hier und wieder frei?" Fragte pataleón, der tatsächlich ein flüssiges Englisch sprach, allerdings mit amerikanischem Akzent.

 

Julius berichtete kurz, was er selbst mitbekommen hatte, angefangen von den Meldungen über die Morde in Amerika, seine und seiner Mutter Anfangsvermutungen, die sie erst nicht wahrhaben wollten und die dann doch grausame Wahrheit geworden waren, bishin zu seiner Entführung und die Neuauflage der Hexe in Rosa als rettender Engel. Dann berichtete Colonades, wie er von Juarezes Doppelgänger überredet wurde, ihn zu begleiten und dann betäubt wurde und erst vor der Burg wieder geweckt wurde.

"Also hat der Sie, Rodrigo, zuerst überwältigt, um mich zu kriegen", knurrte Grandchapeau auf Oxfordenglisch. Offenbar fanden es alle gut, eine gemeinsame Sprache zu benutzen, wenngleich Colonades nur mit Übersetzer hatte berichten können. Belle sah ihn interessiert an und fragte Julius, seit wann er sich einen Vollbart stehen lasse. Er meinte dazu, daß er wohl in einen Haarwachstumszauber reingerannt sei, als er aus Bokanowskis Raum geflüchtet war, als er von der Hexe abgelenkt wurde. Minister Grandchapeau lächelte, bevor ihm klar wurde, daß Julius wohl etwas anderes angestellt hatte.

"Können wir von hier aus disapparieren?" Fragte einer der Julius' unbekannten Minister.

"Weiß nicht, eben war noch eine Zone gegen Apparieren da. Könnte aber jetzt klappen, weil Sie alle wieder frei sind", sagte Julius. Dann hörten sie das Krachen und knallen apparierender Zauberer oder Hexen, sowie das Schwirren vieler Besen. Julius blickte sich um. Unzählige Zauberstablichter flammten auf, und einige magische Lichtkugeln erglühten am Himmel.

"Also wenn die ankommen können, könnten wir abrücken", meinte Julius zu Minister Grandchapeau. Dann erkannte er, daß von vorne auch welche heranflogen.

"Ach neh, die alten Buran-Besen. Die Krücken sind bei denen noch Standard?" Fragte Miguel Juarez auf Englisch, als er die Zauberer erkannte.

"Auf dem Buran-Express chat unser Victorr Krrum geholt Schnatz bei Weltmeisterschaft", erwiderte der bulgarische Zaubereiminister darauf.

"Tja, aber Irland hat den Pokal gewonnen", mußte Julius dazu einwerfen, obwohl er kein Ire war.

Stoi!" Rief einer der Besenflieger. Sollte wohl "Stehenbleiben" heißen. Das taten sie dann auch. Als sie alle umringt von entschlossen dreinschauenden Zauberern dastanden trat ein Mann mit hellen Locken in einem langn Umhang herbei, der zwar so aussah, als habe er schon einige Dutzend Jahre auf dem Buckel, halte sich aber immer noch sehr in Form, obwohl er einen kleinen Spitzbauch besaß und eine silbrig blitzende Brille aufhatte, deren Gestell durchaus aus dem silbernen Horn eines Einhorns geschnitzt worden sein mochte, also garantiert mehrere hundert Galleonen gekostet haben mochte. Die helle Lockenpracht zierte nicht nur den Kopf mit der Bärenfellmütze, sondern auch das Gesicht von den Wangenknochen bis runter zum Hals.

"Das ist doch nicht wahr", sagte der Neuankömmling, dem die anderen ehrfürchtig Platz gemacht hatten. "Ein Treffen der Kollegen am Meer nach Mitternacht, und keiner hat mich eingeladen oder gefragt, ob ich nicht wen einladen kann", begrüßte er die Versammelten auf Englisch mit stark russischem Akzent.

"Gosbodin Arcadi persönlich", erwiderte Pataleón den Gruß. "Das haben wir eurem Musterknaben Bokanowski zu verdanken, daß wir alle hier stehen. Der hat uns überwältigt und verschleppt."

"Igor Bokanowski? Der ist doch tot!" Schnarrte der Mann, der mit Gosbodin Arcadi angesprochen worden war. Julius konnte nicht anders und raunte:

"Jetzt auf jeden Fall."

"Ach, noch wer da!" Sagte der Zauberer namens Arcadi. Julius schwante jetzt erst, daß das wohl auch ein Zaubereiminister war, bestimmt der russische. So stellte er sich anständig vor, ebenso Colonades. Anschließend befahl Arcadi seinen Leuten was in seiner Heimatsprache. Alle hier versammelten sollten zunächst ins Ministerium nach Moskau überwechseln um dort zu berichten, was ihnen passiert war. Julius bat vorher darum, mit jemandem Kontakt aufzunehmen und deutete auf das Armband an seinem rechten Handgelenk.

"Damit kannst du wen rufen?" Fragte Arcadi. Julius nickte und stellte den Kontakt mit Schwester Florence her.

"Habe ich mir doch gedacht, daß diese Hexe einen Unterbrechungszauber kennt. Aber dafür wissen wir jetzt wohl wer sie ist", sagte Madame Rossignol, als Julius ihr berichtet hatte, daß sie jetzt alle außer Gefahr seien und zunächst in das russische Zaubereiministerium gingen, um dort Bericht zu erstatten.

"Gut, Professeur Faucon kommt auch hin. Sage dem Vertreter von Minister Arcadi bitte, sein Vorgesetzter möge dich erst berichten lassen, wenn sie da ist", sagte Schwester Florence. Julius bestätigte und gab die Bitte an die korrekte Adresse weiter.

"Ah, Mütterchen Blaantsch kommt hin. Geht in Ordnung", sagte Arcadi.

"Sie läßt ausrichten, daß sie das Mütterchen als Kompliment nimmt", sagte Schwester Florence. "Ihr kommt dann wohl alle zurück, die in Frankreich wohnen."

"Ist Catherine auch bei Ihnen?" Fragte Julius.

"Nein, sie nicht, Julius. Aber deine Maman ist bei mir und hat hier lange Stunden voll Bangen und Hoffen erlebt."

"Dann bestellen Sie ihr bitte schöne Grüße und eine gute Nacht!"

"Ist angekommen", sagte Schwester Florence noch. Dann verschwand ihr frei schwebendes Bild.

Da das Apparieren nun kein Problem war wurde Julius von einem Mitarbeiter Arcadis in die Nähe des Ministeriums gebracht, wo er und die anderen von Bokanowski entführten in verschiedene Räume gebracht wurden. Offenbar sollten sie da ihre Berichte abgeben. Julius wartete in einem Raum, der ländlich eingerichtet war. Er betrachtete die Zylinder, die ihm die Wiederkehrerin überlassen hatte. In diesen unscheinbaren Gefäßen hatten alle von den Klonen eingeschrumpften Leute gesteckt. Doch es war einer mehr dabei als er Gefangene gezählt hatte. Als er die kleinen Metallbehälter näher vor die Augen hielt erkannte er noch zwei sachen. Alle Zylinder waren aus eisenartigem Metall. Nur einer war etwas schwerer und glänzte wie pures Gold. Außerdem standen in den etwas mehr als daumenlangen Zylindern ihm fremde Buchstaben. Das konnte die russische Schrift sein. Besonders in dem goldenen Zylinder war sie besonders verschnörkelt und etwas größer. Er brauchte nicht groß zu überlegen, daß Bokanowski diesen Zylinder für jemanden besonderen aufbewahrt hatte. Mochte es sein, daß der goldene Zylinder noch nicht gebraucht worden war? Er stellte die kleinen Behälter auf den Tisch vor sich hin und wartete. Da endlich hörte er Professeur Faucons Stimme. Es stimmte doch, daß eine Sprache den Klang veränderte. Denn als er sie nun Russisch sprechen hörte, was sie neben vielen anderen Sprachen wohl auch fließend beherrschte, klang ihre Stimme eine Spur tiefer als sonst. Dann öffnete sich die Tür, und die Leiterin des grünen Saales von Beauxbatons und Fachlehrerin für Verwandlung und die Abwehr dunkler Künste betrat in ihrem mauvefarbenen Umhang das Zimmer, zusammen mit dem Minister persönlich.

"Guten Morgen, Julius", grüßte sie ihn auf Französisch. "Erst einmal darf ich dir von deiner Mutter und Catherine schöne Grüße bestellen und ihrer Freude über deine unerhoffte Rettung weitergeben." Sie umarmte ihn innig und küßte ihn auf die Wangen. Dann sagte sie zu ihm: "Hätten wir beide mit rechnen müssen, daß dieser Naturschänder dich in seine Finger bekommen will und diese Hexe das vorhergesehen hat. Bei der Gelegenheit noch einen Gruß von Señora Araña. Wenn du wieder bei uns in Beauxbatons bist, möchtest du dich bei ihr melden."

"Geht klar", sagte Julius.

Professeur Faucon betrachtete die auf dem Tisch stehenden Zylinder und nickte. "Woher hast du die?" Fragte sie.

"Die habe ich einfach so übergeben bekommen, als wir von Igors Burg weit genug weg waren. Ob Sie's glauben oder nicht, da waren die eingeschrumpften Originalversionen der Zauberer und Hexen drin, die von Igor Bokanowskis Abbildern ausgetauscht wurden", sagte Julius leicht bedrückt. Professeur Faucon nickte und griff nach einem der Behälter. Sie betrachtete ihn, nickte wieder und stellte ihn zurück. Dann nahm sie mehrere Zylinder, prüfte sie offenbar und steckte dann einen in ihre Tasche.

"Erstens habe ich diese Gefäße sofort als das erkannt, was du mir über sie erzählt hast, Julius, und zweitens hat dieser genial wie größenwahnsinnig veranlagte Zauberer in jeden den Namen des darin einzukerkernden eingraviert, in kyrillischer Schrift." Sie griff nach dem goldenen Zylinder und nickte sehr heftig. "Und den hier werde ich gleich überreichen."

"Ist der für Gosbodin Arcadi gewesen?" Fragte Julius, dem nun deutlich schwante, was der goldene Zylinder bedeutete. Seine Lehrerin nickte wieder energisch. Dann fiel Julius noch ein, daß in Bokanowskis Raum eine Vitrine gehangen hatte. Da waren die Gefäße wohl eingestellt gewesen, damit dieser Wahnsinnige seine Gefangenen begaffen konnte.

"Wenn ich überlege, daß er mir wohl auch gerne solch ein illustres Gefäß zugedacht hätte, wenn sein Plan aufgegangen wäre", knurrte Professeur Faucon.

"Ich erzähle Ihnen gleich, was genau passiert ist. Professeur Faucon", sagte Julius. Sie nickte. Dann schien für sie das Thema mit den Zylindern abgehakt zu sein.

"Noch etwas, Julius. Hast du den Antidot-Trunk von Aurora Dawn noch bei dir?"

"Oja, den habe ich immer bei mir", sagte Julius und klopfte auf seinen Brustbeutel unter dem Arbeitsumhang, der noch einen leichten Duft von Kuhstall verströmte. Professeur Faucon holte mit dem Zauberstab ein Glas aus der Luft, füllte es mit "Aguamenti" fast bis zum Rand und hauchte ihm zu:

"Füll eine Dosis davon ein und trink das Glas leer, bevor Arcadi reinkommt. Der ist leicht beleidigt, wenn er keinen hat, der mit ihm beim trinken mithält." Julius kapierte und holte schnell die Antidot-999-Flasche hervor, die er zu seinem zwölften Geburtstag bekommen und bisher nicht verwendet hatte. Er spritzte eine abgemessene Dosis der rosafarbenen Flüssigkeit in das Glas, schüttelte es lässig, bis die Flüssigkeit wieder glasklar war und trank das Glas bis zum letzten Tropfen leer. Er sicherte den Dosierer der Antidot-Flasche und praktizierte sie in seinen Brustbeutel zurück. Eine Stunde lang würde nun jedes tierische oder Pflanzliche Gift, das nicht durch magische Ingredentien verstärkt worden war, sofort unwirksam, wenn es in seinen Körper gelangte. Das galt dann auch für Alkohol. Professeur Faucon hatte nichts davon getrunken.

Arcadi trat ein und schloß die Tür. Blanche Faucon nickte ihm zu. Dann holte er zwei Gläser hervor und eine große Flasche. Julius blickte argwöhnisch auf den Inhalt der Flasche.

"Ist nicht Wahrheitstrunk. Ist Lebenswasser, Jungchen. Anständiger Wodka, den mein Väterchen selbst noch brennt."

"Sowas kenn ich nicht. Deshalb bitte nur einen winzigen Schluck", wandte Julius ein. Er mußte dem russischen Zaubereiminister ja nicht auf die Nase binden, daß er ihn im Moment locker unter den Tisch saufen könnte. Ein winziger Schluck war für den Minister ein halbes Wasserglas voll. Julius beroch den Inhalt und nippte dann, als sich beide mit ihren jeweiligen Trinksprüchen zugeprostet hatten daran.

"Andere haben nicht viel erzählen können. Sie hatten eine Einladung bekommen von einem Kollegen und wurden da überwältigt. Dann sind sie erst da wieder zu sich gekommen, wo meine schnelle Eingreiftruppe euch gefunden hat. Was ist dir genau passiert, und was ist das mit dieser anderen Hexe, die diese fliegenden Ungeheuer kommandiert hat?" Julius sah ein Notizbuch mit einer schreibbereiten Flotte-Schreibefeder darauf. Er fragte, ob die auch Französisch und Englisch könne. Arcadi sagte nur "Da". Professeur Faucon belehrte ihn, daß das ein Ja sei. Julius begann dann, wobei er zwischendurch aus dem Glas trank, nicht zu viel auf einmal, zumal der Minister es und die Flasche irgendwie verhext hatte, daß sofort was aus der Flasche ins Glas transferiert wurde, ohne umgegossen werden zu müssen. Julius erzählte, was er von der Sache mit den US-amerikanishen Zaubereibeamten gehört hatte und wie er dann von einer Kopie von Belle Grandchapeau entführt worden sei und was er in der Burg erlebt hatte. Die Zeit lief, und die Flasche wurde langsam leerer. Professeur Faucon saß abseits und hörte zu, um nicht in die Versuchung zu kommen, sich auch etwas vom russischen Lebenswasser einzuverleiben, das beim Schlucken stark durchwärmte, aber dann wie X-belibiges Wasser im Magen gluckerte. Der Minister trank mindestens doppelt so schnell wie Julius. Doch dafür wirkte der Alkohol bei ihm auch ziemlich rasch, während Julius flüssig und zusammenhängend berichtete, wie er von Bokanowski verhöhnt wurde und es für angebracht befunden hatte, ihn durch unterdrückte Angst aus dem Konzept zu bringen, was ja auch geklappt hatte. Dann berichtete er von den Entomanthropen, beschrieb die Hexe, die ihn wieder einmal ohne seinen Wunsch gerettet hatte und wie nach der Explosion der Burg die gefangenen Minister und Beamten wieder zur Normalgröße angewachsen waren. Er sah auf seine Uhr und stellte fest, daß er noch etwa zwanzig Minuten folgenlos trinken konnte. Blanche Faucon sprang nun ein und erzählte, wie sie nach der vom Pflegehelferarmband signalisierten Entführung den Zaubereiminister zur Rede stellen wollten und daß sich dabei herausstellte, daß es nicht der echte war und was ihre Kollegin Tourrecandide und sie daraus herleiten konnten. Julius hörte mit großen Augen auf die Lehrerin blickend zu, wie sie erzählte, was mit dem Hydra-Zauber für eine große Macht genutzt werden konnte. Dann erzählte sie auch was von Professeur Fixus, die eine Art Gedankenstrahl von dem Simulacrum hatte ausgehen hören können. Julius war, als explodiere eine Supernova in seinem Kopf, der durch das Antidot noch völlig frei von alkoholischem Nebel war.

"Dann konnte diese Hexe, die sich als Erbin Sardonias ausgibt, das wohl auch irgendwie nutzen, um die Klone, also die Doppelgänger, zu erkennen und zu verfolgen."

"Davon ist wohl auszugehen, Julius", sagte Professeur Faucon. "Denn ich gehe davon aus, daß sie ähnlich wie Sardonia worthafte Gedanken hören kann. So konnte sie nach der Affäre in den Staaten darauf warten, bis entweder Minister Grandchapeau oder ein Mitglied seiner Familie ausgetauscht wurde und dich einzufangen versuchte. Apropos Minister Grandchapeau. Erst sah es so aus, als könne sein Abbild nicht getötet werden, weil wir es in einer magischen Kapsel eingeschlossen haben. Doch meine Kollegin Tourrecandide berichtete mir kurz vor deinem befreienden Kontakt mit Schulheilerin Rossignol, daß die Kapsel mit lautem Knall implodiert sei und nichts übriggeblieben sei. Offenbar hat dieser Verbrecher noch einen Fluch in seine Abbilder eingewirkt, daß bei seinem Tod alle sterben, vielleicht nur einer übrigblieb um ihn zu beerben. Aber wenn ich das richtig mitbekommen habe hat er alle in der Burg versammelt."

"Wir suchen bereits nach einem Ableger von ihm, Blaantch", sagte Arcadi. "Dieser Mistkerl hat uns mehrere anständige Mitarbeiter gekostet und mehrere unschuldige Zauberer und Magielose getötet. Zumindest ist seine Burg jetzt sicher zerstört. Wir dachten erst an eine Kernspaltungsbombe, bis wir die Stücke des Mosaiks zusammenhatten, daß da etwas anderes explodiert war. Außerdem paßt deine Geschichte von den fliegenden Ungeheuern zu einem Zauber, den wir als Massenapparition eingestuft haben, obwohl er keine typischen Apparitionsmuster zeigt", erwiderte der Minister, der mit schon leicht ungerichtetem Blick auf den goldenen Metallzylinder blickte, den Professeur Faucon in der Hand hielt.

"Natürlich, das Verlegungsritual", sprach Professeur Faucon. "Sardonia hat es erfunden, und wir glaubten, es sei mit ihr in der Schlacht von Millemerveilles untergegangen. Sie konnte ihre Kreaturen und Helferinnen innerhalb einer Minute hunderte von Kilometern weit in einem großen Pulk transportieren. Allerdings muß bei jedem Transport Ausgangs- und Zielpunkt aufs Neue bezaubert werden, was wohl Kraft kosten mag."

"Sie kennen das Ritual, Blaantch?" Fragte Arcadi aufgeregt.

"Kennen im Sinne, daß ich weiß, daß es existiert hat, beziehungsweise, wohl immer noch existiert, Maximilian. Offenbar ist mit der Kenntnis um die Führung der Entomanthropen auch das Wissen um dieses Ritual in die Hände jener Hexe gefallen, die sich nun zweimal als scheinbare Dea ex Machina präsentiert hat, also als unverhoffte Retterin. Dabei hat sie dies nur tun können, weil sie eigene Ziele verfolgte und dazu die Gefangennahme von Monsieur Andrews in Kauf genommen hat. Wollen wir hoffen, daß sie nun einstweilen dort bleibt, wo sie sich verkrochen hat und wir nicht noch mal auf ihre scheinheilige Gnade angewiesen sein mögen."

"Blaantch, möchten Sie nicht auch was trinken?"

"Wenn Sie einen guten Wein im Keller haben werde ich nicht nein sagen, Maximilian. Aber Ihr Lebenswasser beleidigt meine Geschmackssinne. Das wissen Sie, und ich sehe keinen diplomatischen Fehltritt darin, dies offen zuzugeben." Arcadi lachte. Julius kippte gerade wieder etwas aus dem Glas in sich hinein und verwandelte den hochprozentigen Stoff damit in reines Kartoffelwasser. Die Flasche war jetzt so gut wie leer. Arcadi schüttete sich den Wodka genüßlich in den Bauch, bis die Flasche leer war. Zumindest wurde sie nicht wieder nachgefüllt. "Aber als Entschädigung dafür, nicht mit Ihnen angestoßen zu haben, Maximilian, möchte ich Ihnen dies hier überreichen", sagte Professeur Faucon und gab dem Zaubereiminister den goldenen Metallbehälter in die Hand. Er nahm ihn und betrachtete ihn. Julius sagte noch einmal, daß in diesen Behältern die eingeschrumpften Gefangenen gesteckt hatten. Arcadi verzog das Gesicht. Dann mußte er lachen.

"Hat dieser Lump extra einen solchen Fingerhut für mich persönlich gemacht", brachte er heraus. "Wollte mich wohl irgendwo ausstellen, auf dem Kamin oder in einem Schaukasten, wie? Nun, behalten werde ich ihn, damit ich weiß, wie nahe ich fast auf den Wert eines Fingerhutes reduziert worden bin." Dann wandte er sich Julius zu und sagte schon gut berauscht vom Wodka: "Nun, vielen Dank, mein Junge, daß du mir alles erzählt hast." Julius erwiderte, daß es selbstverständlich für ihn war, daß er die Hintergründe dieses Verbrechens aufklären müßte, soweit er konnte. Dann verließen Professeur Faucon und er das Ministeriumszimmer. Arcadi sah auf die beiden Gläser und dachte:

"Also dieser Bursche kann was vertragen. Vielleicht sollte ich ihm den Orden "Held des magischen Volkes" verleihen.

Auf Ministeriumskosten ging es per Flohpulver zur Grenze, dann nach Frankreich und von da aus in den Kamin "Ponts des Mondes, wo Julius Mutter und Catherine schon auf ihn warteten. Er entschuldigte sich, daß er ihnen Sorgen bereitet hatte und bat darum, ihn erst morgen zu befragen.

 

__________

 

Am nächsten Morgen frühstückten die Andrews' zunächst alleine, wobei Julius seine Geschichte erzählte. Catherine kam einige Minuten danach herauf und ließ sich von Julius noch einmal die wichtigsten Dinge erzählen. Er ließ jedoch aus, wie heftig die Schlacht der Entomanthropen gewütet hatte und wie genau diese sternförmigen Wesen ausgesehen hatten, die Bokanowski gezüchtet hatte.

"Ossa Chermot hat schon geeult, daß sie ein Interview mit dir führen möchte. Ich habe sie gebeten, dich einen Tag zur Ruhe kommen zu lassen", sagte Catherine. Dann haben dir zwei junge Damen aus den Staaten geschrieben. Hier, bitte." Sie gab Julius zwei Briefe. Er bedankte sich und öffnete sie nacheinander. Er grinste.

"Eine gewisse Brittany Dorothy Forester und eine Miss Melanie Redlief teilen mir mit, ob ich nicht Lust hätte, am Samstag in Viento del Sol das sogenante Spiel des Jahres zu bewundern, wo eine Bande namens Windriders gegen einen Haufen namens Rossfield Ravens Balleintopfen spielt. Da die Sache in Viento del Sol steigt könnte ich sogar mit meiner Mutter dahin."

"Ach, und das würde dich interessieren?" Fragte Martha Andrews.

"Ein bißchen weit für einen Tag", sagte Julius. "Am Sonntag gehts ja schon zurück nach Beauxbatons."

"Stimmt, die haben ja keinen Ausgangskreis", sagte seine Mutter. "Aber prinzipiell hättest du schon Lust, für dieses Balltopfspiel hinzureisen?"

"Natürlich für das Spiel, Mum. Vielleicht auch, um Ossa Chermot aus dem Weg zu gehen. Aber dann sollten wir morgen schon ... Oh, wollte ich nicht heute noch nach Millemerveilles?"

"Wolltest du?" Fragte Catherine schelmisch grinsend. Julius nickte. Er erklärte, daß er sich mit Madame Delamontagne über die Sache mit der Mondfestung unterhalten wollte, ohne die Mondfestung direkt zu erwähnen.

"Ich fürchte, meine Mutter hat ihr das schon untergejubelt, Julius", sagte Catherine. "Aber geh ruhig hin! Vielleicht ist es für dich gut, mal mit wem anderem über was anderes zu sprechen als über diesen Bokanowski und was uns fast alle erwischt hätte."

"Okay, die Damen, dann setz ich mich gleich ab, wenn Madame Delamontagne mich empfängt."

"Wenn du bis heute Mittag nicht zurücksein kannst, melo mich an, Julius. Jetzt geht das ja zwischen Millemerveilles und hier."

"Geht klar, Catherine!" Sagte Julius und kontaktfeuerte Madame Delamontagne. Als sie ihm sagte, er könne herüberkommen, warf er seinen noch in Paris knienden Körper hinterdrein, so daß die bestehende Verbindung ihn vollständig im Haus der Dorfrätin für gesellschaftliche Angelegenheiten erscheinen ließ.

"Ist sehr aufmerksam von dir, daß du trotz der gestrigen Turbulenzen doch noch die Gelegenheit nutzen möchtest, dich mit mir über dein Abenteuer von letzter Woche zu unterhalten. Ich erfuhr, daß Madame Faucon darüber nicht gerade erfreut war. Erzähl mir bitte so unbefangen wie es dir fällt, was genau passiert ist, sofern es nicht um ganz intime Details geht!" Sagte die im Moment noch etwas fülliger wirkendere Hexe, deren neugeborener Sohn Baudouin gerade in seiner himmelblauen Wiege schlief. Sie saßen im Arbeitszimmer der Dorfrätin, die sich spontan einen freien Morgen verordnet hatte. Er sprach davon, was in der letzten Woche so alles geschehen war, erwähnte auch den Besuch im Café von Artemis.

"Ja, Laura Rocher ist eine sehr kontaktfreudige Hexe. Wundert mich nicht, daß alle ihre direkten Nachkommen im roten Saal gelandet sind", bemerkte Madame Delamontagne einmal. Dann erzählte Julius ihr von der Prüfung durch die Brücke. Als er dann mit dem einfachen Satz: "Dann wußten wir, daß wir wohl ohne größere Probleme zusammenbleiben würden" geendet hatte, fragte sie ihn, ob er diese Entscheidung mit ganzem Herzen getroffen habe, wenn er hierfür schon keinen Verstand benutzen konnte. Er erzählte ihr dann frei heraus, daß es wohl in ihm irgendwo schon immer die Auswahlmöglichkeit zwischen Claire und Mildrid gegeben habe, Claire aber in dem Moment mehr zu ihm gepaßt habe und er mit ihr auch sehr viel gemeinsam hatte. Bei Millie sei es wohl diese Unbefangenheit, Sachen zu sagen, die sie bewegten oder frei heraus zu sagen, was sie wollte und was nicht. Das habe er zwar anfangs nervig gefunden, jetzt könne er das aber nachempfinden.

"Hmm, wieso?" Fragte Madame Delamontagne ruhig und keineswegs vorwurfsvoll.

"Weil ich gerade im vergangenen Jahr gelernt habe, daß es passieren kann, daß schöne Momente einfach verschwinden und Gelegenheiten, was zu machen, was Spaß macht oder wichtig ist schnell weg sind, wenn ich sie nicht sofort nutze."

"Nun, in dem Zusammenhang hast du dann mit Mademoiselle Latierre auch die körperliche Wonne gesucht und wohl gefunden, nicht wahr. "

"Sie wollten keine intimen Details haben", erinnerte Julius sie daran, was sie vorhin zu ihm gesagt hatte. Er glaubte, sie würde ihm wegen seiner Frechheit rügen. Doch sie nickte nur und erwiderte:

"Gut, das habe ich gesagt und werde dich jetzt nicht anderweitig befragen. Ich wollte dir nur mitteilen, daß mir dieses Mondfestungsritual durchaus bekannt ist, nicht erst seit Madame Faucon am letzten Wochenende mit mir gesprochen hat. Da Mildrids Mutter ja förmlich darauf hingearbeitet hat, daß es zwischen einer ihrer Töchter und dir zu einer partnerschaftlichen Bindung kommen möge, und deine Mutter wohl mit allen beteiligten gesprochen hat und befunden hat, ihr beide mögt das nun in Eigenverantwortung fortsetzen, darf und werde ich nichts dagegen sagen, zumal ihr beide ja nicht in Millemerveilles wohnt. Offenbar ist Camille ja auch nicht traurig darüber. Nur solltest du gerechterweise wissen, daß du mit dieser Beziehung deine Stellung in der französischen Zaubererwelt änderst. Die Latierres gelten nicht nur als wohlhabend und einflußreich, sondern auch als eher für Festlichkeiten und ihre landdwirtschaftlichen Erzeugnisse und nutztiere berühmt. Mag sein, daß du nun die Gelegenheit hast, andere Facetten dieser Familie kennenzulernen. Doch falls es dir noch nicht hinlänglich bekannt war, solltest du das schon wissen, daß es einige geben könnte, die dich danach beurteilen, daß du mit einer Hexe aus dieser Familie partnerschaftlich zusammenleben möchtest und bereits sehr konkrete Schritte unternommen hast, die dir ein Zurück so gut wie nicht mehr gestatten."

"Sowas ähnliches hat mir Catherine Brickston auch erzählt. Aber eins verstehe ich dabei nicht: Wieso passe ich dann mit dem, was Sie über mich gesagt haben in eine derartige Familie hinein? Mein Zauberpotential allein kann das doch nicht sein, oder?"

"Ich denke, diese Brücke hätte euch dann rigoros zurückgehalten, oder wie ihr junges Volk sagt, durchhängen lassen. Wenn es Mildrid nur um deine besondere Begabung ginge, wäre keine Harmonie möglich gewesen. Du hast Claire erwähnt. Natürlich fühlst du dich ihr immer noch verbunden und möchtest nicht den Eindruck erwecken, sie zu verraten, indem du ausgerechnet mit der jungen Dame eine Lieson mit Tendenz zur Ehe und Familie eingegangen bist, die ihr selbst nicht sonderlich behagte." Julius nickte. Er konnte Madame Delamontagne schlecht von Ammayamiria erzählen, die ihn förmlich dazu getrieben hatte, sich möglichst bald wen neues zu suchen und ihm Millie wieihre Schwester als Auswahl zugestanden hatte. "Was ich denke ist, daß Mildrid im Moment in der Vorstellung lebt, das alles wonach ihr ist und was kein Verbrechen ist auch getan werden sollte, sofern sie es hinbekommt, daß derjenige, mit dem sie es tun will, was nicht allein sexuell gemeint ist, sich darauf einläßt. Claire ist in dem Sinne erzogen worden, daß alle eine Gemeinschaft bilden und keiner die eigenen Bedürfnisse über die der anderen stellen darf. Womöglich ist sie daher auch betrübt gewesen, daß du dich im letzten Jahr mit einigen Geheimnissen beladen ließest. Hier in Millemerveilles teilt jeder mit jedem alles, Freude und Schmerzen. Deshalb stand Claire wohl auch gegenüber Mildrid so auf Abwehr. Caroline, die ja in Mildrids Saal wohnt, hat wohl ähnliche Ambitionen gehabt wie Mildrid selbst, aber wohl dann ihrer Erziehung folgend ihr eigenes Interesse zurückgestellt und ihr, Mildrid, damit freie Bahn verschafft. Rechne also bitte auch damit, daß einige junge Damen und Herren aus Millemerveilles mit dir anders umgehen werden als früher!" Julius nickte. Er dachte sogar schon an seine eigenen Saalkameraden wie Hercules, Robert, Céline und Bébé. Aber damit mußte er jetzt klarkommen.

"Mehr kann und werde ich dir nicht mitgeben, Julius. Es ist sehr entgegenkommend von dir gewesen, mir deine Version der Geschichte zu erzählen."

Baudouin schrie.

"Wie geht es Ihnen, jetzt, wo Sie noch einmal Mutter sind?" Fragte Julius.

"Im Moment empfinde ich die Zeit nach der Geburt zwischendurch wie einen Wachposten auf einem auf dem Meer segelnden Schiff. Die meiste Zeit ist Ruhe. Doch zwischendurch muß gearbeitet werden. Und wenn nachts ein Sturm kommt, müssen die Segel eingeholt werden. Die Schwangerschaft als solches war körperlich anstrengend und hat mich häufig an die Grenzen meiner Selbstbeherrschung getrieben. Aber merkwürdigerweise empfinde ich die nachgeburtlichen Pflichten als Pendeln zwischen Leere und Betriebsamkeit."

"Constance Dornier sagte mir einmal, als sie mit Cythera schwanger war habe sie es erst nicht haben wollen. Aber nach der Geburt würde sie in jeder Minute denken, ob ihre Tochter nicht im nächsten Moment was von ihr wollte", sagte Julius.

"Tja, die eine erlebt dies ungewollt mit fünfzehn Jahren, die andere erlebt es nach einer langen Zeit noch einmal. Dennoch werde ich wohl jetzt, wo ich zwei Kinder habe, nicht auf ein drittes hinarbeiten. Und du solltest mit deiner neuen Partnerin wohl abwägen, wann ihr beide dieses Abenteuer angehen könnt, ohne euch selbst dabei aus der Bahn zu werfen."

"Constances Beispiel hat gezeigt, daß sich das nicht lohnt, sich auf das Glück allein zu verlassen, ob ein Kind ankommt oder nicht", sagte Julius dazu. "ich denke auch, daß Martine ihrer Schwester da schon gut zugeredet hat."

"Das kann ich mir vorstellen. Aber ich fürchte, Baudouin hat nun doch ein Recht auf Aufmerksamkeit."

Julius verabschiedete sich von Madame Delamontagne. Wo er schon einmal in Millemerveilles war, wechselte er mit dem Flohpulver zu den Dusoleils. Mit Camille und Florymont unterhielt er sich bis kurz vor dem Mittagessen über das Abenteuer von gestern. Camille nahm ihn in die Arme und sagte:

"Es ist schlimm, daß ausgerechnet dir so viele Sachen zustoßen, nur weil du besonders starke Zauberkräfte hast. Aber zumindest ist jetzt die Gefahr vorbei."

"Die von diesem Bokanowski, Camille. Die Hexe, die ihn und seine Burg in die Luft gejagt hat läuft noch herum, und wir wissen nicht, was die noch alles vorhat."

"Solange du nicht mehr für sie als Köder oder Einstiegshilfe herhalten mußt können wir das Leuten wie Blanche oder den anderen Experten überlassen."

"Ich hoffe es, Camille. Vielleicht kommt diese Hexe auch zur Vernunft und schwört Sardonias Erbschaft ab. Ich habe die gesehen. Die hat wohl als Heilerin was drauf."

"Oh, dann schlägt sie wohl eher nach Anthelia als Sardonia, soweit ich in der Schule gut genug aufgepaßt habe. Sardonia hatte von magischer Heilkunde keine Ahnung, während Anthelia zu den Pflegehelfern gehörte." Julius erbleichte. Das meinte Madame Rossignol also gestern damit, daß sie nun wüßten, mit wem sie es zu tun hätten. Da hätte er auch selbst drauf kommen können.

"Hallo, die mag vielleicht so auftreten wie Sardonia oder Anthelia, Julius. Aber sie kann doch keine von den beiden sein."

"Es gibt Leute in der Muggelwelt, die sind so vernarrt in ein Vorbild, daß sie alles darüber lernen und nachleben wollen, Aussehen, Kleidung, Gewohnheiten, Vorlieben und Kenntnisse. Was bei den Muggeln geht geht auch in der Zaubererwelt. Der, den ihr nicht gerne beim Namen nennt will doch als Erbe von Slytherin gesehen werden und hat sich bestimmt alles angelesen, was diesen Zauberer so angetrieben hat. Warum solle eine Hexe, die für Sardonia und ihre Helferinnen schwärmt, nicht so leben, als wäre sie eine von denen?"

"Dann wäre sie krank und hätte starke Selbstbildverzerrungen, Julius. Ich habe auch eine Menge Vorbilder. Aber ich bin froh, daß ich ich bin und meine ganz eigenen Sachen erleben kann, ohne irgendwen - wie sagtest du es? - nachzuleben."

"Ich wolte dir das nur erklären, warum es mich eben so heftig erwischt hat, Camille", sagte Julius. Das er sie, seine beinahe-Schwiegermutter, gerade hemmungslos angelogen hatte tat ihm zwar in der Seele weh. Aber er hatte Jane Porter und Professeur Faucon das Versprechen gegeben, daß er nicht verraten würde, daß die neue, starke Anführerin der sardonianisch denkenden Hexen eine Wiederverkörperung einer der beiden stärksten Hexen aus der Riege Sardonias war. jetzt wußte er auch, was sie damit gemeint hatte: "Du weißt genug über mich, daß du mich erkennst, wenn wir uns wiederbegegnen." Ihm fiel der Traum wieder ein, wo er sich als Flüchtling aus dem unterirdischen Reich Sardonias gesehen hatte und von Anthelia selbst gezüchtigt und auf die "richtige Spur" zurückgebracht werden sollte. Im Grunde war es doch ganz egal, ob es Sardonia selbst oder Anthelia war. Über Anthelia wußte er ja auch nur schlimmes, wie sie in England die dortigen Hexenorden aufgemischt und sich zur Anführerin der dunklen Hexen dort aufgeschwungen hatte. Ja, und genau diese Auffassung, sich über alle zu erheben, paßte ja auch zu den bisherigen Erlebnissen mit der nun nicht mehr ganz so unbekannten Hexe. Sie hatte in den Staaten einen Krieg der dunklen Bruderschaften ausgelöst, um diese auszurotten. Das war ihr wohl gelungen. Dann war Hallitti aufgekreuzt, womöglich in ihrem üblichen Revier, die mußte weg. War auch gelungen und wohl auch das beste für seinen Vater. Dann war das mit den Entomanthropen und dem Dementorenüberfall in Millemerveilles. Offenbar hatte sie den Psycho Voldemort dazu verführt, die Dementoren reinzuschicken, wo sie nicht drankonnte, um ihm dann was auch immer einfach aus der Hand zu nehmen, weil er eh nichts damit anstellen konnte. Er hatte ihr also geholfen, wie Julius ihr unfreiwillig geholfen hatte, erst Hallitti und jetzt Bokanowski zu finden und zu erledigen. Alles paßte zu einer Hexe, die aus dem Schatten einer übermächtigen Anführerin heraustreten wollte besser als zu jener übermächtigen Anführerin selbst, die es wohl nicht nötig gehabt hätte, ihr Erbe aus Millemerveilles herausbringen zu lassen, wenn sie alles noch in ihrem Gedächtnis hatte.

"Was hast du in den nächsten Tagen noch vor?" Fragte Camille, um ihn aus der trüben Stimmung herauszuholen.

"Ich habe Eulen von Glorias Cousine Melanie und ihrer Klassenkameradin Brittany bekommen. Sie laden mich zu einem Quodpot-Spiel ihrer Lieblingsmannschaften ein. Ich weiß noch nicht, ob ich dahingehen soll."

"Warum nicht? Wo soll das denn stattfinden?" Fragte Camille.

"Viento del Sol, Kalifornien."

"Wo es niemals regnet", grinste Camille. Florymont sagte:

"Ja, da haben wir mal gewohnt, vor zehn Jahren, wo Sommerferien waren. Sonniges Gemüt heißt das Dorfgasthaus da. Camille hing ja nur im Garten, und ich hatte die Kinder zu betreuen."

"Was dich nicht daran gehindert hat, mir zu helfen, daß ich unsere Denise zu uns kommen fühlen durfte", erwiderte Camille schlagfertig. Florymont räusperte sich und nickte dann.

"Also fahr da hin, Julius. Am besten nimmst du Millie mit, wenn ihre Eltern ihr das erlauben. Ich denke, Quodpot könnte ihr gefallen."

"Hmm, Camille. Könnte ich mir auch vorstellen", sagte Julius. Dann verabschiedete er sich von den Dusoleils und kehrte in die Wohnung in der Rue de Liberation zurück.

Am nachmittag fragte er bei den Latierres an, ob er zu ihnen rüberkommen dürfe. Hippolyte erlaubte es ihm. Von irgendwoher hatte sie sogar gehört, daß Julius eine Einladung zu einem Ligaspiel im Quodpot erhalten habe.

"Hups, woher wißt ihr das?" Fragte Julius, dessen Kopf im Kamin der Latierres steckte.

"Babette spricht mit Mayette, Mayette mit Patricia, Patricia mit Callie, Callie mit Millie", sagte Hippolyte. Julius nickte. "Gewöhn dich besser richtig daran, daß wir vieles schnell mitkriegen!" Sagte sie noch lächelnd. Dem konnte Julius nichts entgegensetzen.

Eine Stunde später saßen Martha und Julius Andrews im Wohnzimmer der Latierres in der Rue de Camouflage. so weit war der Weg ja doch nicht, daß seine Mutter nicht mitkommen konnte. Babs und Jean waren mit ihren beiden Töchtern auch da. Bei Kaffee und Kuchen sprachen sie kurz noch einmal über die gestrigen Vorkommnisse.

"Stellt euch vor", sagte Barbara. "Die achso über uns erhabene Professeur Blanche Faucon hat am Abend noch den Kopf bei uns aus dem Kamin gesteckt und mir verbindlich versichert, daß ich keine Schuld daran habe, was dir zugestoßen ist oder noch zustoßen könnte. Ich fragte sie, ob sie mir das auch sagen könne, wenn sie auch mit ihren Füßen bei mir im Wohnzimmer stünde. Da meinte sie nur, daß ich mich da bei meiner Mutter bedanken dürfe, daß sie den Latierre-Hof niemals betreten würde. Ich frage mich, ob Hipps Miriam nicht mehr Haltung hat als diese Dame, die euch unterrichtet."

 

"Ich kann, darf und werde die nicht fragen, warum das so heftig ist", sagte Julius. Hippolyte meinte:

"Am besten hätte ich sie eine Woche bei mir behalten, damit sie lernt, uns zu würdigen. Aber wegen Julius konnte ich das nicht."

"Neh, die hätte ich nicht eine Minute lang so bei mir haben wollen wie du, Hipp", sagte Barbara. Julius verstand, was die beiden meinten. Seine Mutter nicht so recht. Um ein etwas bequemeres Thema anzuschneiden sprach er von den Einladungen. Er sah Millie an und erzählte ihr, daß er ja schon mal Quodpot gespielt und zwei Profi-Spiele gesehen habe.

"Tja, ich denke nur, die wollen nur dich da haben", sagte Millie leicht verstimmt. "Abgesehen davon läßt mich Maman wohl nicht mal eben nach Amerika, wenn da im Moment wieder das große Chaos ist."

"Sagt wer?" Fragte Hippolyte. Millie sah sie verwundert an. Ihr Vater sah seine Frau fragend an, tauschte vielleicht sogar Gedankenbotschaften mit ihr aus. Dann meinte Hippolyte:

"Wie du weißt, ist unsere Verwandtschaft auch in den Staaten ansessig. In VDS sagst du, Julius? Kein Problem. Ich kenne da eine ganz entfernte Cousine. Die hat ein Bild, das mit einem hier verbunden ist. Wenn du mir versprichst, daß du auf dich und Julius aufpaßt, kläre ich das mit der Unterkunft. Es ist ja wohl klar, daß ein Tag alleine nicht ausreicht."

Damit war die Sache entschieden, ehe Julius und seine Mutter bis drei gezählt hatten. So kam es, daß am Abend feststand, daß Martha und Julius Andrews zusammen mit Mildrid am Donnerstag morgen mit der Reisesphäre nach New Orleans wechselten und von da aus ein Mr. Southerland sie mit einem Ministeriumsauto nach VDS bringen würde. Hippolyte hatte nicht nur ihre entfernte Verwandtschaft, sondern auch jemanden aus der dortigen Spiele-und-Sport-Abteilung angezupft, wie Julius beiläufig mitbekommen hatte ein heimlicher Quidditch-Fan, der womöglich bei der kommenden Weltmeisterschaft dabei sein wollte. Als er zu seiner Mutter abends im Wohnzimmer der gemeinsamen Wohnung sagte:

"Irgendwie schon viel Klüngel in der Zaubererwelt. Einer will Karten für die WM und bucht dafür ein ganzes Auto, um eine Muggelfrau, einen Zauberer und eine Hexe mal eben zum Quodpot-Spiel zu bringen, ohne die Garantie zu haben, ob er die WM-Karte auch kriegt. Öhm, wir müssen die Mädels drüben informieren, daß es dann drei Karten werden. Dann werden wir auch sehen, ob Brittany und Melanie damit klarkommen."

"Millie kann doch kein Englisch. Aber wenn wir morgen hingehen und Sonntags Mittags unserer zeit wieder nach Hause kommen paßt das ja mit dem Wechselzungentrank", sagte Martha Andrews. "Aber du hast recht: In der Zaubererwelt wird wirklich viel geklüngelt. Klüngeln wir also mit und hoffen, daß wir dabei guten Eindruck machen!"

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