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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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"Sie sieht jetzt etwas besser aus als zu dem Zeitpunkt, als sie aus mir rausgekrochen kam, Julius", sagte Jeanne Dusoleil mit sehr erfreutem Gesicht, als sie das neugeborene Mädchen, das in geblümten, rosarot gehaltenen Erstlingssachen steckte aus der liebevoll geschreinerten Wiege hob und ihrem Gast behutsam in die Arme legte. Leise Glucksend blickte das in dicke Windeln eingewickelte Baby Julius mit hellblauen Augen an. Das helle, fast bleiche Gesichtchen der gerade erst drei Tage alten Viviane Aurélie war rund wie der Vollmond, und auf dem großen, von pulsierenden Adern durchzogenen Kopf spross ein sehr dünner schwarzer Flaum.

"Na, hallo, kleine Mademoiselle", sprach Julius Andrews mit leicht erhöhter Stimme auf das kleine Bündel Menschenleben ein und lächelte dabei. Irgendwie, ob auf Grund seines Wissens um Säuglingspflege oder aus Instinkt, hielt er sein Gesicht nur zwanzig Zentimeter von Vivianes niedlicher Stupsnase entfernt und grinste wie ein Clown. Viviane öffnete ihren zahnlosen Mund zu einem leisen lachen. Dann quiekte sie scheinbar vergnügt.

"Man merkt das, daß du das gelernt hast, Julius. Aber offenbar strahlst du auch was aus, was Vivi freut", sagte die junge, stolze Mutter, deren üppige Statur ihr doch noch etwas zu schaffen machte.

"Und die hatte es sehr eilig, anzukommen", meinte Julius zu Jeanne. "Hat sich wohl gelangweilt. Außerdem siehst du von außen bestimmt besser aus."

"Soll das ein Kompliment sein?" Fragte Jeanne verhalten grinsend. "Abgesehen weißt du doch nicht, ob es in mir nicht doch schöner aussieht, alles rund und weich und warm."

"Dunkel und feucht, eng und vor allem laut", fügte Julius dem hinzu. Jeanne machte Anstalten, ihm dafür in die Nase zu kneifen. Doch er hielt reflexartig das kleine Menschenwesen hoch, daß irgendwann wohl auch einmal eine Hexe werden würde und fing sich statt eines Nasenkneifers einen kräftigen Zeigefingerstoß in den Bauchnabel ein.

"Wag dich, dich hinter meiner Tochter zu verschanzen, Bürschchen!" Stieß Jeanne aus, mußte dabei aber grinsen.

Bruno, Viviane Aurélies Vater, betrat das Zimmer und sah seine Frau und Julius, der mit dem Baby im Arm so aussah, als sei er der Vater.

"Wie ein großes frisches Brot mit Kopf, Armen und Beinen dran, nicht wahr, Julius. Außerdem hat sie meine Augen geerbt", sagte Bruno und blickte stolz auf das Baby, das immer noch leise und vergnügt kieksend in Julius Armen lag und seinen schweren Kopf in seine rechte Hand bettete.

"Die meisten Babys haben blaue Augen, Bruno", sagte Julius verschmitzt grinsend. "Aber ansonsten hast du recht. Ist wie ein Laib Weißbrot."

"Bevor du sie anknabberst gibst du sie mir besser wieder", sagte Jeanne leicht ungehalten, mußte dann aber lachen. Julius gab ihr das Baby zurück. Bruno meinte:

"Ich hätte mir zwar gerne einen Bertrand gewünscht. Aber Jeanne wollte sich lieber eine lebendige Puppe heranziehen, nachdem sie gemerkt hat, daß sie mit Spielzeugpuppen nichts mehr anfangen kann."

"Du wolltest eine Tochter, mon Cher. Denn ihr Männer bestimmt das, ob's ein Junge oder Mädchen wird", warf Jeanne ein und legte ihre kleine Tochter in die Wiege zurück. Julius betrachtete das Pentagramm an der Wiege und dachte daran, daß Vivianes Großmutter diese mit einem starken weißmagischen Schmuckstück berührt hatte und die mächtige Schutzformel gesprochen hatte, um das Babymöbel zu einem beschützenden Aufbewahrungsort zu machen.

"Ja, die Kiste hat uns Hera Matine immer wieder erzählt, Jeanne. Aber dein fruchtbares Ei hätte meine Mädchensamen doch nicht reinlassen müssen."

"Du meinst wohl, ich hätte deine Mädchensamen nicht reinlassen müssen, Bruno. Willst du vor Julius hier darum zanken, daß ich uns eine Tochter geboren habe und keinen Jungen wie Barbara? Ganz bestimmt willst du das nicht, Cherie", entgegnete Jeanne. Julius grinste beide an. Er verkniff es sich, Bruno damit zu kommen, wie ein Mann es hinbekommen konnte, eher einen Jungen als ein Mädchen auf den Weg zu bringen. Doch eine Sache konnte er sich nicht verkneifen:

"Bruno, die Samenanteile, wo die Mädchen draus werden können sind ausdauernder als die von den Jungs. Die verheizen sich zu schnell."

"Siehst du, Bruno?" Fügte Jeanne dem hinzu und winkte ihrem Mann und dem Gast, ihr zu folgen.

"Schade, daß Mum nicht nach Millemerveilles mitkommen konnte. Wieso mußte euch gerade um den Zeitraum der Muggelwillkommenstrank ausgehen?" Fragte Julius.

"Jahreszeit und große Nachfrage, Julius. Der Vorrat war nicht für so häufige Besuche aus der Muggelwelt ausgelegt. Aber Virginie hat schon Druck gemacht, daß genug für die Tage um ihre Hochzeit herum verfügbar ist", sagte Jeanne, während sie Julius in den Salon hineinwinkte, wo die jungen Eltern Barbara und Gustav van Heldern mit ihrem Sohn Charles saßen. Julius konnte nicht anders als fünf Sekunden auf Barbaras üppige Oberweite zu starren. Gustav räusperte sich zwar, sagte jedoch keinen Ton. Barbara nahm es mit Humor und fragte ihn, ob er auch Hunger habe und das sie genug vorrätig habe. Julius errötete leicht an den Ohren. Dennoch sagte er, daß er Charles nichts wegfuttern wollte.

"Eigentlich sollte der Bengel erst gestern ankommen", sagte Barbara. Gustav nickte und blickte leicht ungehalten auf das Baby im blauen Strampelanzug.

"Er wollte wohl auch noch nicht am vierundzwanzigsten Raus", fiel es Julius ein, daß Barbara sehr lange mit der Geburt zu tun hatte. Er vermied es, seinen Traum zu erwähnen, wo er Charles van Heldern hatte betteln hören, daß Viviane doch bitte noch nicht zur Welt kommen solle, damit er noch etwas im Mutterleib bleiben könne. Gustav sagte:

"Ja, und wenn diese blöde Zicke von Hebamme meine Frau nicht hier festgesetzt hätte wäre Charles in Brüssel angekommen und hätte sich und mir diesen bürokratischen Krempel erspart."

"Du bist nur sauer, weil das magische Bodenrecht unseren Sohn zum Franzosen gemacht hat und deine Großtante nicht ein Kind mehr auf ihre Abholliste setzen konnte", knurrte Barbara und winkte Julius zu sich heran. Dieser ging zu ihr hinüber und ließ sich neben sie auf das breite Sofa nieder. "Hat mir zwar höllisch wehgetan und mir alle Tagesausdauer rausgezerrt, dieser kleine Sturkopf, aber froh bin ich doch, daß er jetzt schon da ist und ich wieder ein paar Kilos runterkriegen kann", mentiloquierte sie Julius. Dieser schickte zurück, daß sie ja bei der Geburt schon fünf Kilo losgeworden sei, worauf sie laut sagte, daß sie sich während der Schwangerschaft an die zwanzig Kilo Zusatzgewicht angefuttert habe und jetzt froh sein könnte, daß sie wieder richtig trainieren könnte. Darauf sagte eine strenge Frauenstimme vom Flur her:

"Erst wenn die drei Wochen rum sind, Madame van Heldern. Ich verstehe zwar, daß du nun wieder deine alte Form und Figur wiederhaben willst, aber du hast jetzt ein Kind und hast gefälligst aufzupassen, daß du deinen Körper nicht gefährdest. Und was die alte Zicke angeht, Monsieur van Heldern, so habe ich mit Ihrer frau Großtante kontaktgefeuert und erfahren, daß diese Ihre Mutter ans Kindbett festbinden mußte, um sie von voreiligen Anstrengungen abzuhalten. Außerdem pflichtet sie mir vollkommen bei, daß ich alles Recht habe, Ihre Frau und Ihren Sohn zu betreuen, wenn es schon soweit war. Das mit der Staatsangehörigkeit ist für den Kleinen völlig egal, solange er eine gesunde Mutter und einen beschützenden Vater um sich herum hat." In dem Moment erklang der unverkennbare Ton eines sich in Charles' Windeln verfangendem Leibwindes. Julius grinste und bemerkte Frech:

"Wie du hörst ist es ihm Pupsegal, ob er von einer belgischen oder französischen Hebamme aus deiner Barbara herausgezogen wurde." Hera Matine, die in Millemerveilles erfahrenste Hebamme und eine der niedergelassenen Heilerinnen des Dorfes trat ein und steuerte Julius an.

"Ist ja schön, daß du trotz unnatürlich schneller Alterung und den ganzen Erlebnissen der letzten Monate noch etwas von einem Lausbuben an dir hast, Julius", knurrte sie, mußte jedoch lächeln. Dann sah sie Gustav van Heldern sehr tadelnd an. Dieser wandte sein Gesicht ab.

"Barbara, ich finde, du solltest dich gleich wieder hinlegen. Nur weil du dich immer als Spitzensportlerin betätigt hast heißt das nicht, daß du zwei Tage nach der Geburt schon so auf dem Sofa herumsitzen solltest. Das ggleiche gilt auch für die junge Madame Dusoleil", sagte Hera Matine. Barbara entgegnete aufsässig, daß Madame Delamontagne schon am Geburtstag ihres Sohnes Bauduin wieder herumgelaufen sei und sogar eine Rede zum Jubiläum von Millemerveilles gehalten habe.

"So, das reicht, junge Dame. Wenn du in zwei Minuten nicht im Bett liegst binde ich dich für die nächsten drei Wochen daran fest und lass dich mit deinem Sohn in Windeln machen", schnaubte Madame Matine. Barbara sah sie ungehalten an, wollte wohl sagen, daß sie kein kleines Mädchen mehr sei. Doch die Unerbittlichkeit im Gesicht der Heilhexe und Hebamme schien ihr jeden Trotz auszutreiben. Sie erhob sich wortlos, wünschte den Anwesenden noch einen schönen Nachmittag, nahm ihr Kind und trollte sich. Jeanne grinste hinter Madame Matines Rücken. Doch als die Heilerin sich umwandte, verflog das Grinsen schlagartig.

"Du gehst am Besten auch gleich wieder ins Bett, Jeanne. Nur weil es bei dir nicht so anstrengend war heißt das nicht, daß du weniger Erholung nötig hättest", sagte Madame Matine sehr entschieden.

"Moment mal! Dann können wir aber nicht mit Julius auf Vivianes und Charles' Ankunft anstoßen", sagte Jeanne dazu.

"Womit denn?" Fragte Madame Matine argwöhnisch.

"Die Jungs wollten Champagner trinken und Barbara und ich Traubensaft", sagte Jeanne.

"Morgen nachmittag vielleicht", sagte Madame Matine und scheuchte Jeanne mit einer Armbewegung aus dem Raum.

"Die ist schlimmer als Königin Blanche", hörte Julius Jeannes Stimme in seinem Kopf. Er unterdrückte den Drang, zu nicken und mentiloquierte:

"Am besten wärest du nach Brüssel gereist, um deine Tochter da zu kriegen."

"Das hätte ich Maman und Papa nicht antun wollen und mich hier in Millemerveilles wohl lange nicht mehr sehen lassen dürfen, um die wütende Hera nicht gegen mich aufzubringen", erwiderte Jeanne. Madame Matine sah Julius mit einem Ausdruck gewissen Mißtrauens an. Er wandte sein Gesicht ab. Da hörte er Madame Matines Gedankenstimme sagen:

"Mentiloquieren mit jungen Müttern ist genauso anstrengend wie körperliche Arbeit, Julius. Wenn du dich jetzt darauf einläßt, mit den beiden heimliche Gedanken auszutauschen verabreiche ich dir genug Schlaftrunk für eine ganze Woche." Julius verzichtete auf eine Antwort. Solange er nicht bestätigte, daß er mit Jeanne und Barbara mentiloquierte konnte diese überfürsorgliche Hexe ihm da nichts. Er wandte sich an Bruno und fragte ihn, ob das jetzt für ihn leichter oder schwerer sei, jetzt wo das Baby auch schreien konnte.

"Solange ich Jeanne nur helfen muß, die Kleine richtig anzulegen und die vollgeschissenen Windeln ..."

"Bruno, nicht solche Wörter!" Unterbrach Hera Matine den Vater Vivianes.

"Stimmt doch, Madame Matine", sagte Bruno trotzig. Julius fragte, warum Catherine nicht so heftig umsorgt würde. Immerhin wären sie ja vor zwei Tagen noch auf dem Latierre-Hof gewesen.

"Dann lass dir von deiner Fürsorgerin erzählen, wie oft ich bei ihr vorbeigeschaut habe um sicherzustellen, daß sie sich nicht überanstrengt!" Erwiderte Madame Matine. "Am liebsten hätte ich sie hierhergeholt, um sie genau zu beaufsichtigen. Aber sie verweigerte es, weil sie nicht von ihrer Familie wegwollte."

"Gute Idee, dann pack ich meine Leóncita heute noch ein und reise mit ihr nach Brüssel zurück", warf Gustav ein. "Sie können uns nicht zwingen, hierzubleiben."

"Jungchen, verdirb es dir nicht mit mir! Immerhin verdankt dein Sohn mir sein Leben", stieß Madame Matine aus. "Außerdem kann ich dich gerne in die Empfindungswelt deiner Frau einfügen, damit du merkst, wie auszehrend das für sie war. Glaub es mir, daß ich solche jungen Burschen wie dich schon sehr gut zur Besinnung bringen kann, wenn sie meinen, den großen Maxen zu markieren. Barbara wurde hier geboren und hat aus einem mehr oder weniger großen Zufall heraus körperlich befunden, euren Sohn hier zur Welt zu bringen und untersteht damit meiner Verantwortung. Finde dich also mit meinen Maßnahmen ab! Soweit ich weiß haben deine Schwiegereltern dir bisher genug zu Essen und ein warmes Bett gegeben und wollen das solange tun, bis Barbara und Charles erholt genug sind, um zu euch nach Hause zu reisen."

"Ja, das ist doch der Punkt. Meine Schwiegereltern wundern sich doch, warum meine Frau hier im Wochenbett rumzuliegen hat und nicht in ihrem Elternhaus", begehrte Gustav auf.

"Weil es da im Moment zu turbulent zugeht", befand Madame Matine. "Deine beiden Schwägerinnen sind jetzt im richtigen Quängelalter, und dein aufmüpfiger Schwager ist mir nicht gerade der richtige Umgang für einen Neugeborenen." Gustav mußte nicken. Julius räusperte sich und meinte, daß er dann besser in einigen Tagen wiederkommen sollte, um zusammen mit den jungen Müttern auf das neue Leben anzustoßen. Bruno meinte:

"Eh, jetzt biste einmal hier, auch wenn das mit eurem Kamin jetzt supergut geht. Heute lassen wir Vivi und Charles pullern bis die Hütte wegschwimmt."

"Ich höre wohl nicht richtig", schnarrte Madame Matine über Gustavs und Julius' jungenhaftes Lachen hinweg. Doch Bruno grinste nur überlegen und sagte sehr unverfroren:

"Regen Sie sich bloß nicht auf. Sonst lass ich mein nächstes Kind von Madame Arno holen. Die hat damit eh mehr Erfahrung." Als habe Hera Matine einen wuchtigen Schlag in den Magen bekommen fuhr sie zusammen. Ihr Gesicht erstarrte zu einer Maske des Zorns, und sie atmete mehrmals laut ein und aus. Dann jedoch mußte sie überlegen lächeln und sagte nur:

"Die Zwergin holt nur Kinder ihrer eigenen Kinder. Wenn du sie als Hebamme gewollt hättest hättest du ihre Enkeltochter Martine heiraten oder auch nur in andere Umstände versetzen müssen. Da du jetzt aber nicht nur Ehemann, sondern auch Vater bist, erübrigt sich diese Alternative wohl. Sei froh, daß ich dich nicht für diese Unverschämtheit zu deiner Tochter in die Wiege lege und es deiner Frau überlasse, ob sie dich mit ihr gemeinsam großzieht. Was diese vulgäre Ankündigung von dir angeht, so weise ich als Heilerin darauf hin, daß euer junger Gast zum einen noch minderjährig und zum andren immer noch im Wachstum ist und daher mit alkoholischen Sachen sehr sehr behutsam umgehen muß. Sollte ich erfahren, daß ihr beide ihn zu übermäßigem Trinken verführt habt, kann ich auch ohne von seiner Mutter oder Fürsorgerin dazu befugt zu werden Maßnahmen gegen euch beide verhängen, Monsieur Bruno Dusoleil. Abgesehen davon dürften deine Schwiegereltern es nicht mögen, wenn ihr beide den Jungen Mann hier zu gesundheitsschädlichem Treiben verführt. Ich empfehle mich."

"Wiedersehen, Madame Matine, und vielen Dank", wünschte Bruno. Julius hörte jedoch den Anflug von Heuchelei in seiner Stimme heraus. Doch die Heilerin schien darauf nicht zu achten oder es für unnötig zu halten, was dazu zu sagen. Sie verließ das Haus und disapparierte wohl.

"Die alte Glucke bildet sich ein, weil sie mich bei meiner Mutter unten rausgezogen hat könnte die mich wie einen kleinen Jungen rumkommandieren. Ich denke, Jeanne und Barbara kommen gleich auch wieder zu uns", grummelte Bruno. Gustav fragte:

"Ihr habt das Kind doch jetzt. Was will die Alte dann noch hier. Ich denke, die ist Heilerin."

"Haut deine großartige Großtante denn ab, wenn sie ein Kind ausgepackt hat?" Fragte Bruno herausfordernd. Gustav verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. "Na siehste. Julius, ich denke schon, daß du weißt, was bei dir reingeht, ohne dich umzuwerfen. Bei den Latierres kriegst du ja auch kein reines Wasser", sagte Bruno. Julius nickte, wies aber darauf hin, daß er am Ende des Abends ja noch den Zielkamin fehlerfrei ausrufen mußte, um nicht aus Versehen bei Madame Maxime im Kamin zu landen.

"Wenn du solche Angst vor drei Glas Rotwein hast kann ich Jeanne ja fragen, ob du bei ihr dranuckeln darfst", erlaubte sich Bruno einen derben Scherz. Gustav legte nach und meinte, daß seine Frau eher darauf eingestellt war, einen durstigen Jungen zu bedienen. Da kam Barbara durch die Tür. Sie trug einen dunkelroten Morgenrock, der ihre Rundungen verhüllte.

"Das haben wir gerne, zu geizig, zwei Glas Wein rauszurücken, aber den Gast einladen, dem eigenen Sohn die Milch wegzutrinken", sagte sie mit einem Ist-nicht-so-gemein-Grinsen.

"Oh, die drei Wochen sind schon um", feixte Bruno. "Barbara van Heldern durfte wieder aufstehen."

 

"Pass mal auf, daß ich dich nicht für drei Wochen ins Bett lege, Bruno Dusoleil. Dann wäre Jeanne zumindest nicht so einsam da", erwiderte Barbara und setzte sich neben Julius.

"Leoncita, vielleicht solltest du doch besser im Bett bleiben, wie die nette Tante Hebamme gesagt hat", meinte Gustav.

"Ich hab das gehört, daß ihr Jeannes und Brunos Weinvorrat plündern wollt und stimme Hera Matine zu, daß jemand aufpassen muß, daß Julius hier nicht unterm Tisch landet. Ist ja schon schade, daß Martine wegen ihrer Arbeit nicht mit ihm mitkommen konnte. Da Jeanne mir gerade gemelot hat, daß ihr der Rücken wehtut bin ich das dann, weil ihr das nicht könnt."

"Eh, der hier ist aus den Windeln raus", meinte Bruno und stupste Julius herausfordernd an. "Der kann sagen, wenn er genug hat."

"Kann er das, wenn ihr meint, ihm vorzuführen, was Mannsbilder wie ihr schlucken könnt?" Konterte Barbara.

"Und dein Rücken ist in Ordnung. Und das untere Gebäude auch?" Knurrte Bruno.

"Ich bin hart im nehmen und kann mich schnell wieder erholen, wie du weißt, Bruno. Also lassen wir das." Julius mentiloquierte Jeanne, ob es ihr wirklich nicht gut ginge.

"Hera hat einen Meldezauber an mein Bett gemacht. Wenn ich aufstehe, weiß sie das", kam die Antwort.

"Und bei Barbara hat sie das vergessen?" Schickte er zurück.

"Wohl nicht", erwiderte Jeanne. Julius sah Barbara an und melote ihr die Frage, ob Madame Matine ihr Bett nicht mit einem Aufsteh-Anzeigezauber belegt hatte. Barbara schickte ihm nach vier Sekunden zurück:

"Versucht hat sie's. Aber sie war so nachlässig, meinen Zauberstab in Reichweite liegen zu lassen. Da ich alle möglichen Spür- und Meldezauber kenne, konnte ich den unterbrechen, ohne daß die Glucke es merkt. Aber sag das Bruno und Gustav nicht laut, weil sie sonst meinen, Hera Matine würde ihre Betten überwachen!" Julius bestätigte das und sagte zu Barbara laut:

"Hat es dich wirklich so heftig erwischt?"

"Ja, hat es. Aber nach einem Tag war alles wieder gut. Die Alte ist nur zu überbehütsam bei Mädchen, die sie selbst am Kopf aus Mutters Backstube gezogen hat", sagte sie und bewies damit, daß sie im Punkte derbe Reden mit den erwachsenen Zauberern locker mithalten konnte. Dann meinte sie an Brunos und Gustavs adresse:

"Ihr wißt, daß Julius gerade knapp fünfzehn ist. Er darf zwar schon einiges anstellen, aber sich totsaufen ist ihm verboten. Wer das zuläßt oder anleiert landet im Gefängnis, und da werden dein sohn und ich dich nicht besuchen, Gustav, und Jeanne würde wieder zu ihren Eltern ziehen, wenn du auf Staatskosten untergebracht würdest. Also laßt mich mal schön bei eurer Willkommensparty mitfeiern. Jeanne hat genug traubensaft hochgeholt, um mich den Abend lang bei Laune zu halten."

"Und Charles?" Fragte Gustav.

"Der liegt jetzt bei Viviane mit in der Wiege. Wenn was ist kann Jeanne ihm was geben."

"Eh, euer Bengel soll meiner Tochter was wegsaufen und dann noch im selben Bett mit ihr schlafen. Ihr fangt aber früh an, die beiden zu verkuppeln", erboste sich Bruno, mußte dann aber lachen.

"Tja, dann weißt du zumindest, woran das liegt, wenn deine Tochter in neun Monaten einen kugelrunden Bauch hat", fühlte sich Julius nun berufen, eine Derbheit anzubringen. Alle im Salon mußten darüber lachen. Dann holte Bruno den Rotwein. Das erste Glas trank Julius pur. Dann, so nach einer halben Stunde, trank er das zweite mit Traubensaft verlängert, was auch keine schlechte Wahl war, wie er fand. Er unterhielt sich mit den beiden Vätern, wie sie die Geburt ihrer Kinder miterlebt hatten, wo sie ja nicht im selben Raum mit den werdenden Müttern sitzen durften. Barbara horchte Julius über die Feier bei den Latierres aus und erkundigte sich, ob Millie und er sich noch gut verstünden. Er erzählte ihr die Sache mit der Flügelkuh Artemis und daß Millie eifersüchtig sei, weil diese ihm wohl gerne nachgeflogen wäre und melote ihr, warum die Kuh so empfand. Bruno und Gustav wetteiferten darum, wer den derbsten Spruch des Abends bringen würde. Bruno meinte einmal:

"Dann kannst du ja demnächst wieder dein Nudelholz schwingen, belgischer Bäckermeister. Oder willst du warten, bis der Kleine in Beaux das erste Mädel küßt?"

"Du sei mal ganz ruhig. Du hast eine Eauvive-Nachfahrin geheiratet und kein Latierre-Kaninchen. Würde mich wundern, wenn du den zweiten Braten vor Vivis erstem Kind ins Rohr schiebst", konterte Gustav.

"Gut, daß sowas für mich nix neues mehr ist", melote Julius. Dann meinte er laut:

"Oh, dann müßtest du warten, Bruno. Millie hat mir angedroht, daß wenn ich nicht auf ihren Besen gehoben werden will ich entweder ihre kleine Schwester oder deine Tochter heiraten muß und erst dann was auf den Weg bringen darf."

"Du wirst dich doch von dieser Göre nicht auf den Besen heben lassen", knurrte Gustav, während Bruno lachte.

"Habe ich doch schon, bei Walpurgis", erwiderte Julius. Gustav fiel die Kinnlade herunter, während Bruno meinte:

"Ich dachte schon, du solltest Mogeleddies Platz bei Martine einnehmen, wenn du es mit Millie nicht mehr aushältst."

"Die spielt nicht mehr mit Sachen von ihrer kleineren Schwester", erwiderte Julius. Barbara grinste dazu nur. Die ehemalige Saalsprecherin der Grünen, die sie vor der Feierstunde hatte heraushängen lassen, war wohl zu ihrem Sohn in Vivianes Wiege gekrabbelt und schlief. Ja, sie brachte es sogar fertig und sagte:

"Solange Millie die Sachen nicht im Mund oder anderswo drin hatte kann Tine sich doch immer noch bedienen." Julius stutzte erst, mußte dann aber grinsen, während Barbara das dritte Glas Traubensaft in sich hineinschüttete.

"Eh, sauf dem Jungen nicht alles weg, wenn du den schon keinen reinen Wein gönnst!" Feixte Bruno. "Sonst muß der doch bei dir mittrinken."

"Das macht dich irgendwie an, was Bruno, daß Jeanne und ich jetzt mehr Oberklasse haben und du da nicht so einfach dran darfst", knurrte Barbara. Dann füllte sie Julius Glas halb mit Traubensaft und halb mit Wein voll. Julius fühlte jedoch bisher keine Wirkung von den drei ganzen Gläsern Wein, die auf fünf Gläser Traubensaftgemisch verteilt waren. Offenbar hielt Ursulines Lebenskraftverstärkung ihn nüchtern genug. Bruno und Gustav, die bereits fünf Gläser puren Wein intus hatten, begannen langsam etwas neben der korrekten Sprechweise zu reden.

"Ich geh da erst wieder dran, wenn die Kleine das Glibberzeug da rausgesogen hat. Will mir doch nicht die Finger versauen, nur um lieb zu meiner Jeanne zu sein", leierte Bruno und grinste albern.

"Ohne das Glibberzeugs wärst du doch nicht über die ersten drei Tage gekommen, Bruno. ... Hicks ... Also mach dich nicht drüber lustig!" grölte Gustav. Nebenan schrien beide Babys. Barbara fuhr vom Sofa hoch und verzog das Gesicht. Dann setzte sie sich wieder hin.

"Geht's dir wirklich gut?" Fragte Julius sie leise.

"Darf nicht so heftig aufspringen. Sonst ist alles in Ordnung", sagte Barbara. "Jeanne hat die beiden. Die feiern jetzt auch. Die trinken jetzt Brüderschaft", melote sie an Julius' Adresse, während Bruno und Gustav noch über die letzte Bemerkung lachten.

"Muß der Kleine nicht noch neu gewickelt werden?" Fragte Julius.

"Hat Madame Matine gemacht, kurz bevor du hier im Kamin gelandet bist", sagte Barbara leise, weil Mentiloquieren auch anstrengend war. Dann fragte sie Julius, wann er denn wieder zu Hause sein müsse. Er sagte, daß er wie Cinderella bis Mitternacht ausbleiben durfte, bevor es Ärger geben konnte. Seine Mutter wisse ja, wo er sei.

"Das sind dann noch zwei Stunden", stellte Barbara nach einem Blick auf Julius' Weltzeituhr fest. Bruno füllte derweil sein Glas wieder voll und trank es mit einem Schluck halb leer.

"Auf die Liebe, das Leben und die Früchte von beidem!" Prostete Bruno allen zu.

"Auf unsere Frauen, die uns so laute und stinkende, aber doch irgendwie niedliche Bälger hinlegen!" Erwiderte Gustav.

"Ich bringe Jeanne mal was von dem alkoholfreien Gesöff rüber", beschloß Julius. Bruno grinste ihn an und meinte, daß er nur sehen wollte, wie 'ne Frau sich im Bett rekelte. Julius konterte damit, daß er das schon gesehen habe. Bruno, schon vom Geist des Weines am schnellen Denken gehindert sah ihn perplex an. So legte Julius nach: "meine Mutter natürlich, von innen und von außen." Bruno konnte dazu erst nichts dazu sagen. Barbara lachte erheitert. Dann gab sie Julius ein frisches Glas und die Traubensaftflasche und wisperte ihm zu, Jeanne nicht aufzuwecken, wenn sie schliefe. Er nickte ihr zu und verließ die fröhliche Trinkgemeinschaft und ging hinüber ins Elternschlafzimmer, während Barbara Bruno beruhigte, daß Julius seine Frau bestimmt nicht unsittlich anmachen würde. Als dieser dann leise an die Tür klopfte klang es in seinem Kopf:

"Komm rein, Julius!"

Der Gast der Kinderwillkommensparty wollte schon im Rückwärtsgang zur Tür hinaus, als er sah, daß Jeanne die beiden Babys sicher auf dem Bauch liegen hatte und das girige Nuckeln und Schmatzen hörte.

"Komm rein, Julius. Die können dich nicht beißen!" Sagte Jeanne, die etwas erschöpft aussah. Julius trat ein, sah für vier Sekunden genau hin, wie Jeanne die beiden Neugeborenen hielt und schloß dann die Tür.

"Ist an und für sich sehr privat, dich dabei zu behelligen", meinte Julius.

"Du siehst ja nicht alles von mir, weil die beiden dranliegen. Barbara hat ihren Kleinen wohl nicht richtig satt werden lassen. Wenn der so weitermacht habe ich gleich nichts mehr drin." Julius grinste erst, sah dann aber wieder ernst auf Jeanne.

"Öhm, ich wollte dir was von dem Traubensaft geben. Bruno meinte zwar, du solltest auch was von dem Wein trinken, aber nachher fängt dann seine Tochter noch an, irgendwelche Sauflieder zu singen", scherzte Julius.

"Ich muß liegenbleiben. Mit dem Glas geht's also nicht. Aber dahinten liegt ein Sauger, den maman mir gegeben hat. Ist zwar noch ein wenig früh, aber wenn der schon mal da ist kann ich den benutzen." Julius verstand, nahm das Holzfläschchen und stutzte. Das war doch genau das, daß Camille ihm vor zwei Jahren mitgegeben hatte, als er bei Madame Faucon Nachhilfeunterricht in Verteidigungszaubern und Flucherkennung hatte.

"Hups, das Fläschchen kenne ich doch", sagte er leise. "Hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte daraus trinken müssen."

"Falls Madame Faucon sich nicht den Nutrilactus-Trank verabreicht hätte", erwiderte Jeanne. "Aus dem Fläschchen haben Denise, Claire und ich auch schon getrunken, als wir kurz vor dem ersten Zahn waren. Also macht das nichts aus", erwiderte Jeanne. Julius nickte. Dann füllte er die kleine Holzflasche randvoll mit Traubensaft, pfropfte den Gummisauger darauf und gab sie Jeanne, wie er es bei Cythera schon einigemale gemacht hatte. Irgendwie war das komisch. Da nuckelte eine Frau an der Flasche, während zwei Neugeborene an ihren Brüsten lagen. Doch er vertrieb das leichte Grinsen schnell wieder. Als Jeanne die Flasche fast restlos leergetrunken hatte plärrte ihre Gedankenstimme in seinem Kopf, sie wolle noch mehr haben. Er füllte die Flasche noch einmal nach und gab sie Jeanne.

"Hast Übung damit, wie. Ich hörte das, daß du mit Connies Baby viel gearbeitet hast. Und wenn das stimmt, was ich sonst so gehört habe, mußt du auch schon wissen, wie ein kleines Kind gefüttert werden muß", melote Jeanne. Dabei verschwand leise gluckernd der Traubensaft in ihrem Mund. Julius fragte sie hörbar, was sie meinte. Jeanne blieb stumm, bis sie die zweite Dosis Traubensaft im Bauch hatte und ließ Julius die nun benutzte Flasche wegnehmen.

"Tine meinte, daß Millie wohl beim Glockenschlag zum siebzehnten Geburtstag was kleines von dir herantragen möchte und du dich schon verpflichtet hättest. Mehr wollte sie nicht rauslassen, weil das Latierre-Familienangelegenheiten berühren würde."

"Soso, sagt Martine. Die hat mir nur gesagt, daß wenn ich mich auf Millie einließe, und das würde so lange halten, daß die mich auf den Besen holen wollte, hätte ich mich auf den Besen heben zu lassen, wenn sie, also Martine, mich nicht mit irgendwelchen grünen Waldfrauen verheiraten soll, weil sie nicht will, daß Millie so einen Feigling abbekäme wie Edmond Danton einer war."

"Also man kann über die Latierres sagen was man will, aber in bestimmten ganz persönlichen Sachen kennen die sich zu gut aus, als daß Millie vor ihrem siebzehnten von dir oder sonst wem so einen Wonneproppen kriegt, wie Vivi und Charles welche sind. Aber mach nichts, was du nicht echt selbst machen willst, Julius. Erwachsenwerden ist was herrliches, wenn du dir Zeit damit lassen kannst. Bruno und Gustav sind jetzt gerade nur so ausgelassen, weil sie ab Übermorgen wieder arbeiten müssen, von wegen Frau und Kind versorgen."

"Ich hab's nicht eilig, auch wenn mein Körper schon fast ganz ausgewachsen ist", sagte Julius, verschwieg Jeanne dabei jedoch, daß er und Millie sich bereits besser kannten als die Maman Beauxbatons es ihren Schützlingen erlaubte.

"Du nicht, aber sie vielleicht. Ich weiß, warum Martine dir so'ne Drohung vorgehalten hat und meine, bei aller Freundschaft, daß sie selbst schuld ist, daß sie zu früh alles wissen wollte. Da sie das weiß und ich mir denke, daß sie dir auch erzählt hat, wieso sie ihrer kleineren Schwester ähnliches ersparen will sage ich dir das jetzt. Und jetzt geh wieder rüber zu den beiden Saufbrüdern!" Julius hörte Bruno und Gustav laut lachen und nun immer unartikulierter miteinander scherzen, während Barbara leise mitlachte.

"Dein Mann ist nicht eifersüchtig auf mich", scherzte Julius noch. "Sonst hätte der mich nicht allein zu dir gelassen."

"Es ist blöd, daß Hera mich hier ans Bett gefesselt hat. Das ist unfair, daß Barbara ihren Zauberstab in Reichweite liegen hatte", knurrte Jeanne. Julius fragte, wo ihr Zauberstab denn liege und bekam die Antwort, daß er in der obersten Schublade des Kleiderschrankes liege. Julius ging an den Schrank, holte Jeannes Stab heraus und trat an ihr Bett zurück. Jeanne grinste. Julius nahm ihr die beiden Kinder ab, die gerade wohl satt genug waren, wandte sich diskret um, um Jeanne nicht auf den freien Oberkörper zu sehen und wartete zehn Sekunden. Dann knisterte es leise. Jeanne sagte dann:

"Das ist sehr nett von dir gewesen. Lege die beiden Kleinen bitte in die Wiege! Ich komm gleich mit dir raus."

Es knarrte ein wenig, als Jeanne sich aus dem Bett stemmte. Dann rauschte es leise. Julius wandte sich um und sah, daß Jeanne ihren sonnengelben Festumhang trug, der jedoch oben und unten sichtlich ausgebeult wurde.

"Mist, ich sollte mir für den Sommerball was dezenteres zulegen", sagte sie, nahm Julius fest in die Arme und drückte ihm ihre vom Traubensaft leicht gesprenkelten Lippen auf jede Wange.

"Warum hat Barbara das Bruno nicht gesagt, er sollte mir den Zauberstab geben?"

"Weil sie wollte, daß du ihren Kleinen satthältst", vermutete Julius.

"Dafür darf die morgen meine Kleine satthalten", knurrte Jeanne und hakte sich bei Julius unter.

"Eh, Schujusch, wasch haste scho lang bei meiner Frau gemacht?" Fragte Bruno, der offenbar in der Zeit, wo Jeanne zwei Babyflaschen Traubensaft geleert hatte mehrere Gläser der gegohrenen Ausgabe nachgelegt hatte.

"Er hat mir gezeigt, daß er auf unsere Tochter aufpassen kann, wenn sie nicht mehr bei mir trinken muß", sagte Jeanne und sah Bruno und Gustav leicht amüsiert an. Dann blickte sie Barbara an. Diese sah sie unschuldsvoll an und deutete auf Julius. Doch Jeanne schüttelte den Kopf und wies auf Barbara zurück. Ob sie sich dabei was zumentiloquiert hatten, wußte Julius nicht. Jedenfalls lächelten beide dann.

Der restliche Abend verstrich mit mehr oder weniger flüssigen Gesprächen über die Zukunft der jungen Eltern und die Feier bei den Latierres. Jeanne meinte dann wohl so zum Scherz:

"Wenn diese junge Flügelkuh Temmie sich auch in dich verguckt hat wie Goldschweif, dann könnten die andere Barbara und ihre Familie dir das proppere Mädel zum fünfzehnten Geburtstag schenken." Sofort trat Stille ein. Bruno, der gerade Glas nummer acht mehr oder weniger elegant leerte glubschte Julius mit bereits ziemlich trüben Augen an und lallte:

"Dasch dicke M-Mädel ... Hicks ... pascht 'och g-gar-n-nisch bei denen ins Hauschrein, Scherri."

"Ich darf ja nicht mal Goldi bei mir einziehen lassen, geschweige denn eine sieben Meter hohe Latierre-Kuh", betonte Julius.

"Dann tschiescht du bei der reinn", lallte Gustav amüsiert. "Aber diesche Viescher schinddoch viel schu ... Hrk, schu teuer schum verschenken. Auscherdem hascht du ja schon 'ne Latierre-Kuh am Halsch ... Ha-ha-hhrks!"

"Gustav, du hast definitiv genug", knurrte Barbara nun etwas ungehalten.

"Mann, Leo-leontschita, geh doch ins Bett wo du hingehörscht", grummelte Gustav und fuhr unter einem heftigen Schluckauf zusammen.

"Pass mal auf, daß ich dich nicht gleich wickel und in Charles' Bett reinlege", knurrte Barbara. Bruno grinste. Jeanne meinte zu Julius:

"Das mit der Kuh war nur ein Scherz, Julius. Ich denke, daß Madame Barbara Latierre ihre Kühe nicht in Muggelsiedlungen reinbringt."

"Hätte mir auch noch gefehlt", grummelte Julius. Da Barbara und Gustav sich gerade in die Wolle kriegten, weil Gustav den saufberechtigten Macho raushängen ließ und Barbara ihm noch mehr Wein verbieten wollte und Bruno über Jeannes letzte Andeutung kichern mußte, hörte es außer Jeanne wohl keiner.

"Hat deine Mutter gesagt, du sollst erst um oder bis Mitternacht zu Hause sein?" Mentiloquierte Jeanne. Julius schickte zurück, daß er bis Mitternacht zu Hause sein möge, was hieß, er könne auch weit davor nach Hause flohpulvern. Er verstand es so, daß Jeanne ihn wohl gerne aus der Runde heraushaben wollte. Da klingelte es. Die beiden Hexen sahen sich schuldbewußt an. Das mochte Madame Matine sein. So verschwanden sie beide, wobei Barbara Julius auf Jeannes Wink am Arm ergriff und locker aus dem Salon hinausbugsierte, bevor der sich wehren konnte. Vor der Tür wartete aber nicht die Hebamme Madame Matine, sondern César Rocher und Yves, die Met organisiert hatten. Barbara zog Julius mit ins Elternshlafzimmer, als die beiden, die auch schon gut angetrunken waren, in den Salon hineinstürmten.

"Oha, der Abend fängt wohl erst an", feixte Julius.

"Habe ich befürchtet, daß die beiden noch auflaufen", sagte Barbara. "Deshalb wollte ich dabei sein, um sicherzustellen, daß du dich von dieser Saufbande nicht doch unter den Tisch trinken läßt", meinte Barbara. Julius sah sie etwas vorwurfsvoll an und meinte, daß er schon selber einschätzen könne, wie viel er trinken konnte und daß er auch kein Problem damit habe, nein zu sagen, wenn er genug hatte.

"Julius, nichts für ungut, aber ich habe es hier in Millemerveilles leider immer wieder mitgekriegt, wie sich Jungs von deinem körperlichen Alter aneinander hochziehen um zu zeigen, wie stark und trinkfest sie sind. Wenn jetzt noch César und Yves dazukommen geht das gleich genauso los", sagte Barbara. Jeanne nickte. "Was ich über Verantwortung für dich gesagt habe meine ich auch so. Wenn dir wegen dieser Bande, zu der unsere Männer gehören was passiert wäre, hätten die dafür Ärger gekriegt und ..."

"Hey, Barbarabra, lasch Schujusch wieder zu uns rüber!" Rief Gustav.

"Vergiss es, Gustav!" Rief Barbara sehr entschlossen. "Ich bring den jetzt nach hause", sagte sie. Julius sah auf seine Uhr. Es war Viertel nach elf.

"Meine Mutter läßt mich nicht mehr herkommen, wenn ich nicht früh genug nach Hause komme!" Rief er. Er nickte Barbara zu und mentiloquierte:

"Ich muß mich zumindest verabschieden, bevor die denken, ich wäre nur 'ne halbe Hose, die sich von anderen rumkommandieren läßt." Dann ging er schnell hinüber zum Salon, begrüßte César und Yves, nahm zum Gruß und Abschied noch ein kleines Glas Met zu sich und meinte dann:

"So, Jungs, dann feiert mal schön. Aber vergesst nicht, daß ihr dafür alle vollgepinkelten Windeln mit der Hand waschen müßt."

"Der ist gut", meinte Yves amüsiert, während Bruno und Gustav total verstört dreinschauten. Julius verabschiedete sich dann locker und deutete auf den Kamin. Barbara entzündete ihn und warf Flohpulver hinein. Julius bedankte sich bei den jungen Eltern für die Einladung und rief den Zielkamin aus: "Pond des Mondes!"

"Na, noch alles senkrecht?" Fragte Ursuline Latierre, die wohl ihre Ankündigung wahrgemacht hatte und sich zu einer Schachpartie eingefunden hatte.

"Immerhin bin ich bei euch hier gelandet und nicht im Partnervermittlungsbüro für läufige Sabberhexen", konterte Julius. Seine Mutter sah ihn perplex an, während Ursuline lachte.

"Dann haben die Burschen dich echt mit Rotwein abgefüllt", knurrte sie. Doch weil Julius immer noch ganz nüchtern dreinschaute und sich auch ohne Gleichgewichtsprobleme bewegte atmete sie auf.

"Barbara van Heldern hat Anstandshexe gespielt und mich nach dem ersten Glas mit mehr Traubensaft als Wein abgefüllt, Mum."

"Na, und wie fühlt sich Jeanne jetzt als Maman?" Fragte Ursuline.

"Rund und erschöpft", sagte Julius darauf. Da ploppte es im Kamin, und Barbara van Helderns Kopf saß auf dem Kaminrost.

"Ah, er ist richtig angekommen", sagte sie nur. "Oder vielleicht auch nicht. Öhm, guten Abend, Madame Latierre!"

"Guten Abend, Madame van Heldern. Wie geht es Ihnen?" Fragte Ursuline Latierre zurück.

"Mir soweit so gut. Ich muß nur gleich noch meinem nun einem wandelnden Weinfaß ähnelndem Gatten den Weg ins Bett zeigen. Aber zumindest weiß ich jetzt, daß Julius seins heute noch findet."

"Immer noch Saalsprecherin, was, Madame van Heldern?" Lachte Ursuline.

"Junge Mutter, Madame Latierre. Beschützer- und Behütungsinstinkt. Sowas kennen Sie ja nicht", erwiderte Barbara mit einem mädchenhaften Grinsen. Ursuline lachte lauthals, stand auf und umarmte Julius Andrews.

"Neh, sowas kenne ich nicht, nicht wahr, Julius."

"Ganz bestimmt nicht", erwiderte Julius, der aufpassen mußte, nicht in den langen, weichen Armen der dutzendfachen Mutter zerdrückt zu werden. Barbaras Kopf bewegte sich einmal vor und zurück. Dann verabschiedete sich die Mutter von Charles van Heldern und zog ihren Kopf aus dem Kamin zurück.

"Die hat in Beaux schon auf dich aufgepaßt, nicht wahr. Tine erzählte mal sowas", wandte sich Madame Latierre an Julius.

"Sie hat sich mit Jeanne abgewechselt", antwortete der junge Zauberer darauf. Seine Mutter fragte dann, ob er jetzt gleich ins Bett wolle. Er meinte, daß er noch etwas essen wolle. Die Knabbereien bei den Dusoleils hatten ihn nicht richtig satt gemacht. So holte er sich aus der Küche noch Brot und Bratenfleisch und leistete den beiden Schachexpertinnnen Gesellschaft bis kurz vor eins. Dann war er müde genug, um sich hinzulegen.

 

__________

 

Er war wieder völlig nackt unter einem abenddämmerungsblauen Himmel, eher einer selbstleuchtenden Kuppel unterwegs. Ringsum ragten termitenbauartige Gebäude aus einem weißen, kristallartigen Baumaterial in die Höhe. Die Straßen waren wie mit einem weichen, Schall schluckenden Belag überzogen, und in der Nähe und auch weiter Ferne erhoben sich gigantische Türme, die wie übereinandergestapelte Leiber zusammengerollter Schlangen oder aufrecht stehende, von außen vergoldete Regenwürmer ohne Borsten aussahen. Julius dachte daran, daß er diese stille, im Moment nur von ihm besuchte Stadt in der Nacht das letzte Mal besucht hatte, als Professor Dumbledore ermordet worden war. Seither hatte er nicht wieder von dieser merkwürdigen wie majestätischen Stadt geträumt, beziehungsweise, Zugang zu ihr gefunden. Er blickte sich um und entdeckte den höchsten aller hier aufgebauten Türme, der gleich einer mächtigen Mittelsäule den dämmerungsblauen Himmel zu stützen schien. Denn der rosiggoldene Glockenhelm des Turmes, der auf dem geringelten Gebäude ritt, berührte die leuchtende Kuppel. Vielleicht mochten da noch mehrere Meter fehlen, vermutete Julius. Doch als er am Fuß des Turmes eine Erscheinung sah, die für seine Augen genauso groß wie er selbst erschien, also wohl hundertmal größer als er selbst sein konnte, erschrak er ein wenig. Es war die in ihre sonnengelben Gewänder gekleidete Erscheinung Darxandrias, einer hochgewachsenen Menschenfrau mit goldbrauner Haut, silberblondem Haar und mondlichtfarbenen Augen. Sie winkte ihm zu und blickte ihn eindringlich an. Er setzte an, auf sie zuzugehen, als er den Boden unter den Füßen verlor und mehrere Meter angehoben wurde. Er erschrak zuerst, als er mit zunehmender Geschwindigkeit auf die riesenhafte Erscheinung zuflog, als zöge sie ihn mit den Fingern der auf ihn deutenden Hand an wie ein superstarker Magnet einen frei herumfliegenden Eisensplitter. Dabei schien sie im Verhältnis zum Turm zu schrumpfen. Das Gebäude wurde breiter und höher, und während Julius zwischen den übrigen Gebäuden hindurchsegelte, immer noch schneller werdend, wuchs das imposante Bauwerk weiter an. Er fühlte einen warmen, aber scharfen Flugwind, hörte das Rauschen der ihn umwehenden Luft in den Ohren und merkte, daß er nicht einfach so angezogen wurde, sondern in einer Art nichtstofflichem Sessel sitzend dahinbrauste, genau auf die vor dem immer mehr anwachsenden Turm wartende Darxandria zu. Erst als er schon meinte, mit großer Geschwindigkeit in den Turm hineinzukrachen, senkte Darxandria ihre Hand sachte, was ihn merklich abbremste und kurz bevor er sie erreichte zum Stillstand kommen ließ. Sie senkte die Hand nun ganz, was ihn selbst weich auf dem Boden aufkommen ließ, keine zehn Schritte mehr von der beinahe vergessenen Herrscherin des alten Reiches entfernt. Sie blickte ihn immer noch sehr eindringlich, ja fordernd an und wartete. Er blickte sich um. Nun standen sie am Fuß des überhohen Gebäudes, das nun, wo er knapp davor stand, so breit war, daß es mehrere Fußballstadien umfassen konnte und bestimmt zehn Kathedralen im untersten Ringsegment beherbergen konnte, vom Fundament bis zu den Turmspitzen.

"Tritt zu mir hin, Träger meines Siegels!" Hörte er Darxandrias Stimme, die wie das Läuten einer kleinen Glocke raumfüllend den weiten Platz um den gigantischen Turm ausfüllte. "Es ist nun endgültig an der Zeit, daß du erfährst, was ich dir schon längst habe mitteilen wollen", hörte er sie noch sagen, und in der sonst so warm klingenden Stimme schwang eine gewisse Verärgerung mit. Er trat auf Darxandria zu, näherte sich ihr bis auf einen Schritt. Diesen einen Schritt überwand sie nun von sich aus und schlang Julius einfach in ihre schlanken Arme. Er versuchte, sich zu lösen. Doch sie hielt ihn so sicher wie eine Stahlklammer.

"Entschuldigung, Darxandria, Ähm, Majestät, aber ..."

"Schweige, bis ich dich dazu auffordere, zu sprechen", zischte Darxandria ihm zu. "Seitdem Trauer und Wut deinen Geist erfüllt haben und ich nicht im Stande war, dir das Tor hierher zu Öffnen, habe ich sehr ungeduldig auf den Tag gewartet, an dem du dich von den Ereignissen erholt hast, die dich bei deinem letzten Besuch hier fortgelockt und mir entzogen haben. Denkst du denn, ich hätte dich damals ohne Grund hierhergeführt?"

"Nein, natürlich nicht", knurrte Julius nun selbst ungehalten. "Warum hältst du mich fest?"

"Damit du mir nicht noch einmal so einfach entwischen kannst, Julius Andrews. Es ist zu wichtig, daß du endlich erfährst, was sich in deinem Wachleben anbahnt."

"Kommt dieser Iaxathan wieder?" Entfuhr es Julius erschrocken. Darxandria verzog darauf das Gesicht. Dann sagte sie ruhig:

"Nein, der Schattenfürst, der sich selbst als Kaiser der alles endenden Nacht bezeichnen ließ, hat noch nicht die Kraft, seinem selbst gewählten Kerker zu entweichen, Julius. Doch ich fühle, daß das Erbe seines Feldherren erwacht ist. jener von der unterwerfenden, Furcht einflößenden und zerstörerischen Seite der Kraft besessene, der sich in Überheblichkeit und Rachsucht Lord Voldemort nennt, hat an das Zepter von Skyllian gerührt, der da auch Sharanagot, der Meister der düsteren Erdkrieger genannt wurde und wie gesagt der mächtigste Feldherr Iaxathans war. Er zeugte mit den dunklen Quellen der Kraft hunderte von mächtigen Kriegern, die Stärke und Wesen am Boden kriechender Kaltblüter mit der Geistesstärke und Entschlossenheit von Menschen vereinten und zum Schrecken der Bewohner meines Reiches wurden, beinahe unbesiegbar von Nutzern der Kraft. Das sie dennoch nicht obsiegten lag an Ailanorar und Yanxothar, die lernten, die Erdkrieger zu schwächen und mit den ihnen entstammenden Wesen und Kräften zu vernichten. Doch Skyllian hat kurz vor der endgültigen Vernichtung seiner mörderischen Heerscharen mehrere Dutzend von ihnen in einer Festung tief im Boden verschwinden lassen, gepanzert gegen die Kräfte von Feuer, Wind und Wasser, gebettet in zeitlosem Schlaf und beinahe unauffindbar. Sein Zepter brachte er an einen Ort, den er nur seinen menschlichen Sklaven verriet, jedoch so, daß sie den Ort nicht von sich aus verraten konnten, sondern ihn nur an ihre Erben weiterreichen konnten, wenn sie selbst unmittelbar vor der Pforte zum Totenreich standen. Iaxathans Bann schützte seine Diener davor, uns von den Streitmächten der hellen Gefilde den Ort dieser schlafenden Krieger zu verraten. Skyllian selbst stellte sich in einer letzten Schlacht Ailanorar und beendete ihrer beider körperliches Sein. Um Ailanorars Macht nicht vergehen zu lassen, hatte dieser zuvor wie Yanxothar einen Gegenstand erschaffen, in dem er seine Macht und seine Seele übergehen ließ, so daß nur sein Körper in der letzten Auseinandersetzung starb. Auch Skyllian muß etwas ähnliches getan haben. Denn kurz vor seinem Ende rief er, daß sein Werk und Wille in einer Zeit, in der die Welt näher an der Dunkelheit treibe zurückkehren und das Werk auf der Weltenkugel vollenden würde, wenn einer, der frei von allem Ballast lichthafter Gedanken sei sein Zepter finden und sich seiner Hilfe versichern wolle."

"Und dieses Zepter dieses Monsterkriegerkommandanten ist jetzt bei Voldemort?" Fragte Julius erschauernd.

"Er hat es gewagt, die niedergeschriebenen Berichte eines alten Meisters der Kraft zu studieren und ihnen nachzugehen und sich das düstere Vermächtnis anzueignen, von dem er glaubt, weil in ihm ein altes Erbe schlummert, Macht darüber zu erhalten. Doch auch wenn er zunächst frohlocken wird, daß ihm das Zepter und damit die schlafenden Krieger verbunden sind, wird jenes am Ende Macht über ihn erlangen und ihn zu einem Sklaven Skyllians machen und damit zu einem niederen Diener Iaxathans. Nur wer es schafft die alten Wächter des Himmels zu gewinnen und das Zepter aus sicherer Entfernung zu entkräften, vermag den Sieg der Erdkrieger abzuwenden und sie endgültig vom Angesicht unserer Mutterwelt verschwinden zu lassen. Mir ist jedoch nicht bekannt, wo und wie diese Macht zu wecken ist, solange nicht die Stimme Ailanorars aus ihrem langen Schlaf geweckt wird. Das wollte ich dir in dieser Nacht erzählen, als jener, der noch rechtzeitig vom Pfad der Verlockung auf den Weg des Lichtes zurückgekehrt ist, die Pforte ins Totenreich durchschritt. Nun, wo schon so viele Tage verstrichen sind, fühle ich, daß jener, der sich Lord Voldemort nennt, bereits nach der Ruhestätte der schlafenden Krieger sucht, um sie zu seinem Dienst zu rufen, sie zu seiner Heerschar und seinen Statthaltern zu machen. Da ich nicht mehr in der Welt der seienden wirken kann, vermochte ich nur, hilflos mitzuverfolgen, wie er seine Anstrengungen darauf richtete, den verfemten Ort zu finden, zu lernen, wie er ohne Gefahr für sich die schlafenden Krieger erwecken und sich zu ihrem Befehlshaber aufschwingen kann. Deshalb fürchte ich nun, wo ich dich endlich wieder zu mir habe bringen können, daß er bereits weiß, wo dieser Ort liegt und wie er die vergessenen Krieger aufwecken kann. Wenn sie einmal erwacht sind und ihm folgen, kann keine euch heute noch bekannte Kraft sie wirksam abhalten. Nur wenn jemand voller Mut und Mitgefühl für die Seinen die Stimme Ailanoras erklingen läßt, und damit seinerseits die Himmelswächter aus ihrer Abgeschiedenheit herbeirufen kann, werden die Krieger Skyllians oder Sharanagots zu besiegen sein."

Unvermittelt stieß sich Darxandria mit Julius vom Boden ab und stieg rasendschnell auf. Julius hing in der Umarmung der alten Herrscherin und fühlte sich sichtlich beklommen. Er fühlte diesmal keinen Flugwind, sah nur, wie sie wie eine startende Weltraumrakete auf die Himmelskuppel zurasten, sie trafen und dann unvermittelt über der hellblau schimmernden Erdkugel schwebten wie ein Satellit in einer hohen Umlaufbahn. Dann ging es genauso rasant wieder hinunter, mitten hinein in eine Sumpflandschaft bei Nacht. Julius sah kurz vor der Landung die silberne Scheibe des Mondes über sich und stellte fest, daß die Sternbilder sich verändert hatten. Dann hörte er das Glucksen und Schmatzen der nach Moder und Fäulnis stinkenden Oberfläche und sah einen schuppigen Schädel, beinahe Flach wie der einer Riesenschlange, aus dem trüben Wasser eines Morastlochs herausquellen. Die Kreatur, die auf diese weise wie aus dem Sumpf selbst geboren hervorkroch war größer als Zwei Meter, besaß über den ganzen Körper einen dunklen, drachenartigen Schuppenpanzer, wirkte langgezogen und doch breit und besaß muskulöse Gliedmaßen, die selbst wie die angewachsenen Leiber von Schlangen wirkten und in gewaltigen Pranken ausliefen, die mehrere bewegliche Finger mit langen, dolchartigen Krallen besaßen. Wie eine Verschmelzung aus einer Sumpfechse und einem Moorzombie bewegte sich das dem Morast entstiegene Geschöpf hölzern und mit starr hin und her rollenden, lidlosen Augen auf Darxandria und Julius zu.

"Verharre bewegungslos und schweigsam!" Zischte ihm die alte Herrscherin zu. "Die dich und mich umkleidende Kraft macht uns für seine Augen unsichtbar, solange wir ruhig und ohne Angst am Ort verharren."

Dem Moormonster, das nun laut schnaubend auf festeren Boden hinüberstakste, folgten weitere Unheilsungetüme aus demselben Morastloch und anderen Schlammlöchern. Julius hatte Mühe, diese sich erhebende Alptraumarmee so furchtlos wie möglich anzusehen. Um seine Angst gänzlich zu unterdrücken zählte er die bereits sichtbaren Kreaturen. Es waren zwölf Stück. Doch noch war die hier aufmarschierende Truppe nicht vollzählig. Weitere Wesen wühlten und wanden sich aus dem Schlamm heraus, krochen und wankten auf dem Boden, umwanderten die sie beobachtenden Besucher aus der Kuppelstadt und bildeten drei Reihen, wobei sie sich zischend und schnaubend etwas mitzuteilen schienen. Julius meinte, einer Konferenz von Riesenschlangen und Drachen zuzuhören. Er wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, daß er diese Wesen kannte, von irgendwoher in seinem Gedächtnis her schon einmal gesehen hatte. Dann fiel es ihm ein, daß er ja die reptilienartigen Gorn schon kannte, die in der ersten Serie des Star-Trek-Universums erwähnt wurden. Captain Kirk hatte in einer Folge ohne seine hochtechnischen Ausrüstungsgüter gegen den Captain eines Gorn-Schiffes kämpfen müssen, weil eine beiden Gegnern überlegene Macht ihren Streit mitbekommen und sich massiv eingemischt hatte. Ja, so ähnlich wie diese unheimlichen Gestalten hatte der Gorn-Kommandant ausgesehen. Auch dachte er an Geschichten über Schlangenmenschen, nicht die gummiartig beweglichen Artisten im Zirkus, sondern magische Wesen aus den Kerker-und-Drachen-Abenteuern und anderen Geschichten. Mochten diese scheinbaren Erfindungen auf eine uralte Angst zurückgehen, die den Untergang von Atlantis überdauert hatte? Er wußte es nicht. So konnte er nur dastehen, immer noch in Darxandrias Umarmung eingeschlossen, und mit schwer zu unterdrückender Furcht zusehen, wie sich die Echsenwesen zu einer Hundertschaft formierten. Dann, als der Sumpf keine weiteren von ihnen mehr freigab, schnarrte und fauchte der erste, den Julius hatte emporsteigen sehen können, und mit nun sehr geschmeidigen Bewegungen marschierten die Monsterkrieger los, ohne Waffen, ohne Uniform, nur eingehüllt in ihre Schuppenkleider und mit ihren Krallen an Händen und Füßen bestückt. Womöglich, so fiel es Julius ein, besaßen sie auch Giftzähne, um ihren Gegnern unheilbare, tödliche Wunden beizubringen. Er erinnerte sich an die Berichte, daß Arthur Weasley von einer riesigen Giftschlange überfallen worden war und sich erst spät von seinen Verletzungen erholen konnte. Alle waren davon ausgegangen, daß Voldemort diese Schlange geschickt hatte, ja sie womöglich gezüchtet hatte. Wenn er wirklich etwas über diese uralten Krieger wußte, hatte er das damals schon benutzt?

"Wir sehen gerade den ersten Aufmarsch, Julius. Nicht nur hier, in den Sümpfen der östlichen Ebenen, sondern auch in den Hochtälern der Mitternachtsberge und der Wüste der gnadenlosen Mittagssonne kamen diese Geschöpfe aus der Erde. Skyllian hat sie gleichmäßig über meine Heimat verteilt, um an mehreren Stellen zugleich losschlagen zu können. Meine Getreuen erfuhren erst von der Gefahr, als die ersten Krieger die Siedlungen in der Nähe ihrer Brutstätte überfielen und die Bewohner niedermachten. Ob sie sie wie Beutetiere verschlangen oder aus der geraubten Lebenskraft selbst ihre neue Kraft schöpften oder gar eine sehr große Fruchtbarkeit besaßen habe ich selbst nicht mehr erfahren, weil ich mit Iaxathans Fernangriffen selbst zu tun hatte. Doch Ailanorar muß erkannt haben, woher die unaufhaltsame Vermehrung der Skyllianri rührte, weil er sonst nicht die Wächter des Himmels mit der nötigen Macht versehen hätte, diese Heerscharen zurückzuschlagen und zu vernichten", sagte Darxandria nun mit normaler Lautstärke. Dann stieß sie sich wieder ab und trug Julius wie vorhin mit raketengleicher Beschleunigung nach oben, wieder über den frei im sternenübersähten Schwarz des Alls schwebenden Erdenball, um dann genauso schnell wieder hinabzufahren, um durch die nichtstofflich erscheinende blaue Kuppel am mächtigen Turm entlang nach unten zu sinken, bis sie wieder in der Stadt standen. Immer noch hielt sie Julius umarmt. Doch er machte keine Anstalten, sich mit Gewalt daraus zu lösen. Im Moment fühlte er sich zu geborgen. der alptraumartige Abmarsch, den er gerade gesehen hatte, hatte ihm sichtlich Angst gemacht. Nur die unerschütterliche Nähe, die Darxandria mit ihm hielt, half seinem Verstand über die eingeflößte Furcht hinweg.

"Und diese Monster können jetzt wiederkommen?" Fragte Julius.

"Ja, das können sie, wenn der Verleitete wahrlich so töricht und machttrunken ist, sie zu wecken", erwiderte Darxandria. "Du hättest damals meinem Ruf folgen und zu mir hinübergehen sollen, statt dich auf die Trauer aus deiner Wachwelt einzulassen und dich mir zu entwinden. Nun fürchte ich, hat jener, der meint, nun alle Macht auf Erden in seiner Hand zu haben, sicherlich schon damit begonnen, die alten Krieger zu wecken. Dieses ist nicht mehr aufzuhalten. Wäre es möglich gewesen, ihm das Zepter Skyllians zu entwinden, als ich erfuhr, daß er es an sich nahm, würde uns nicht solches Ungemach bevorstehen."

"Ja, aber wie soll ausgerechnet ich diese Monsterarmee aufhalten? Du sagtest, sie wären gegen alle uns heute noch bekannten Formen der Magie immun", entgegnete Julius sichtlich verstört.

Darxandria sah ihn sehr streng an, als müsse sie ihn gleich ernsthaft maßregeln. Doch dann umspielte ein Lächeln ihren Mund, und sie griff sacht an ihr Gewand. Als schäle sie ihn daraus, entwand die alte Herrscherin dem fließenden Stoff einen runden Gegenstand, der wie eine männerfaustgroße Kugel aus Felsgestein aussah und mit linienartigen Verzierungen das schwache Licht der Himmelskuppel spiegelte. Julius erkannte das runde Ding sofort. Es war jener Stein, den er in der alten Festung der Morgensternbrüder aus der Truhe geholt hatte. Darxandrias Erscheinung selbst hatte ihm verraten, daß man zur Zeit des alten Reiches magische Wege damit bereisen konnte, ein Straßennetz, daß den ganzen Planeten überspannte.

"Ich gebe dir drei Wörter mit, mit denen du den Lotsenstein benutzen kannst, welchen du selbst in der Festung alten Wissens an dich genommen hast. Benutze ihn und finde diejenigen, die Ailanorars Vermächtnis hüten! Erfrage ihr Wissen und nimm es in dich auf! Dann werde ich dir weiterhelfen können!" Sagte Darxandria sehr ernst klingend und hielt den Stein hoch. Dann sprach sie laut und deutlich die drei Worte: "Ashmirin Pantiakhalakatanir Kenartis! Ashmirin Pantiakhalakatanir Kenartis! ..." Wieder und wieder sprach sie diese Worte laut aus, bis Julius sie zeitgleich mitsprach, worauf der runde Stein in Darxandrias Hand bläulich zu glühen begann und dann einen goldenen Lichthof um die Herrscherin erzeugte. Als er die drei Worte genau betont und wohl so wie sie klingen sollten nachsprach hörte Darxandria zu sprechen auf. Der Stein erglühte nun noch heller, schien dabei den Boden in ein helles goldenes Licht zu baden, das unter Julius' Füßen glomm und ihm den Eindruck vermittelte, nicht mehr zu stehen, sondern sanft zu schweben.

"Nun kennst du den Schlüssel zur Heimstatt des Wissens", sagte Darxandria und reckte den Stein kerzengerade in die Höhe. Der Lichtschein zog sich nun um sie zusammen, und mit einem lauten, singenden Geräusch, als klänge der Ton einer winzigen Stimmgabel rückwärts abgespielt immer lauter werdend, verschwand die alte Herrscherin in diesem Licht. Julius stand nun alleine vor dem Turm. Er blickte sich um. Dann rief er nach Darxandria. Doch sie antwortete nicht. Statt dessen wurde es immer dunkler um ihn. Übergangslos wechselte die Landschaft. Er stand wieder in diesem Sumpf, den er gerade eben besucht hatte. Ja, und da tauchte der flache Kopf des ersten Echsenmonsters aus dem dunklen, gluckernden Morast auf. Julius fühlte die aufkommende Panik. Zeitgleich hörte er aus weiter ferne ein vieltausendfaches Summen und Schwirren, daß ihm den weiteren Schrecken einjagte. Da kam ein großer Wespenschwarm angeflogen. Julius warf sich herum, rannte los und blieb schon nach drei Schritten im tückischen Schlamm stecken. Nun drohte die Panik, ihn zu überwältigen. Er rief nach Darxandria. Doch sie antwortete nicht mehr. Obwohl er versuchte sich nicht zu bewegen, zog ihn der Morast immer weiter nach unten. Nein, es war nicht der Morast alleine, sondern eine übermenschlich starke Klaue, die seinen linken Fuß gepackt hatte! Noch einmal rief er nach Darxandria. Doch diese antwortete nicht. Weiter und weiter zog ihn die unheilvolle Klaue in die Tiefe, würde ihn gleich im Sumpf verschwinden lassen. Da rief er in heller Panik die drei Worte, die er gerade erst gelernt hatte: "Ashmirin Pantiakhalakatanir Kenartis!!" Es war ihm, als dröhne das Echo seiner Stimme wie in einer weiten Felsenhöhle von allen Seiten zu ihm, wurde jedoch nicht leiser, sondern lauter. Dann, als es so laut wurde, daß es seine Ohren zu betäuben drohte, brach das Echo ab, und Julius sah einen goldenen Lichtschein um sich herum, der ihn einschloß und für wenige Sekunden sicher und geborgen in der Schwebe hielt. Dann erlosch es, und Julius fand sich mit klopfendem Herzen und laut schnaufend in seinem Bett wieder.

"Julius, hast du was schlimmes Geträumt?" Rief seine Mutter, die vor der Tür zu seinem Zimmer stand. Besorgnis klang in ihrer Stimme. Julius bemühte sich, die immer noch in den Knochen steckende Angst abzuschütteln. Er antwortete:

"Das war ziemlich heftig, Mum. Das habe ich seit der Sache mit den Entomanthropen nicht mehr erlebt."

"Darf ich reinkommen?" Fragte seine Mutter.

"Ich denke, der fiese Traum ist jetzt ganz weg und kommt heute nicht mehr wieder, Mum. Geh wieder schlafen, bitte! 'Tschuldigung, daß ich dich wachgemacht habe!"

"Das war unheimlich, Julius. Du hast Wörter in einer mir total unbekannten Sprache gerufen, dann geschrien und diese Wörter wie in Todesangst gerufen, als wären sie das einzige, was dich noch retten könnte", sagte Martha Andrews und öffnete die Tür. Sie trat ein, machte Licht und zog den Schreibtischstuhl heran, obwohl Julius sie abwehrend ansah.

"Das ist ein Alptraum, der mit einem Erlebnis zu tun hat, über das ich dir nichts erzählen darf", sagte Julius.

"So, du darfst mir also auch nicht alles erzählen, was dich so umtreibt und dich womöglich fast umgebracht hat?!" Empörte sich Martha Andrews. "Das finde ich nicht in Ordnung, Julius. Ich bin deine Mutter. Ich habe alles Recht, zu wissen, was dir solche Angst macht oder dich fast umgebracht hat. Deshalb wirst du mir jetzt erzählen, was das für ein Traum war und warum du ihn geträumt zu haben meinst!"

"Mum, bei allem Respekt, selbst Paps hat dir nicht alles erzählt, was er in seiner Firma so machen mußte. Und das war auch gefährlich", erwiderte Julius.

"Ja, und ich habe ihn dafür mehr als einmal sehr böse angeraunzt, Julius. Aber ihn habe ich nicht neun Monate lang im Leib getragen, unter großen Schmerzen geboren und mit großer Angst und viel Zuwendung über das erste Jahr und darüber hinaus gebracht. Außerdem bist du auch den Zauberergesetzen nach immer noch minderjährig. Also geht es mich verdammt noch mal was an, was die in Beauxbatons oder sonst wo mit dir angestellt haben!" Schnaubte Martha Andrews sichtlich verärgert. Einen solch unerbittlichen Blick, wie sie ihn gerade auf ihn richtete, kannte er von ihr nicht. Das machte ihm fast genauso zu schaffen wie die letzten Traumerlebnisse. Dann sagte sie noch: "Hat das was mit Millie und dieser Mondfestung zu tun, daß du diesen Frauen da was versprechen mußtest oder mit diesem Bokanowski? Rede endlich mit mir darüber, wenn du schon Claire unwissend sterben lassen mußtest!"

"Ey, Mum, das ist jetzt richtig unfair von dir", entrüstete sich Julius. "Es gibt halt Sachen, die habe ich tun müssen, weil es nicht anders ging. Professeur Faucon hat dir gesagt, daß es da noch vieles gibt, was du über die Zaubererwelt nicht weißt. Ich weiß ja selbst nicht genug darüber, um alles zu blicken, was richtig oder falsch ist."

"Ey, du hast Claudine aufgeweckt", tönte nun Catherines Gedankenstimme zwischen seinen Ohren. Tatsächlich plärrte einen Stock tiefer die kleine Tochter der Brickstons los wie eine Hafensirene.

"Siehst du, Mum, jetzt ist die Kleine wach geworden", knurrte Julius.

"Die wäre in einer halben Stunde eh von alleine wach geworden", schnaubte Martha Andrews ungewohnt gefühlsbetont. "Also erzähl mir nun gefälligst, was du genau geträumt hast und woher dieser Alptraum deiner Meinung nach kommt, wenn das nicht dieses Erlebnis mit den Wespen im Sanderson-Haus war. Oder war es die Sache mit Hallitti?"

"Sage deiner Mutter, ich komme mit der Kleinen rauf, damit Babette und Joe nicht die ganze Nacht von euch wachgehalten werden!" Klang Catherines Gedankenstimme in Julius' Kopf.

"Catherine kommt zu uns rauf. Offenbar hast du sie jetzt richtig geärgert, weil du mich so angeschnauzt hast und Claudine deshalb wach wurde."

"Jetzt bin ich es in Schuld, oder was?!" Schnarrte Martha Andrews. "Könnte dir und Catherine so passen, mir die Schuld dran in die Schuhe zu schieben, daß Claudine aufgewacht ist. Aber das trifft sich gut, wenn sie hochkommt. Dann kannst du ihr und mir diesen achso streng geheimen Alptraum erzählen."

"Wenn Catherine das erlaubt, beziehungsweise, wenn ich nicht gegen andere Anordnungen verstoßen muß", knurrte Julius zurück.

"Das werden wir sehen", fauchte seine Mutter gereizt zurück.

Eine Minute später klopfte Catherine an die Wohnungstür. Julius' Mutter öffnete. Julius selbst stand auf und zog widerwillig seinen Bademantel an. Seine praktische Weltzeituhr zeigte eine halbe Stunde vor vier uhr morgens mitteleuropäischer Zeit.

Catherine trug einen bis zu den in Filzpantoffeln steckenden geblümten Morgenrock und hielt Claudine, die noch leise quängelte in den Armen. Sie schloß die Tür und winkte Martha und Julius ins Wohnzimmer. Dort sprach sie solange auf ihre Tochter ein, bis diese mucksmäuschenstill war, legte erst einen Finger auf ihre Lippen und vollführte dann den Klangkerkerzauber. Dann setzte sie sich auf eines der Sofas und hielt Claudine so, daß sie sie sanft schaukeln konnte. Julius und seine Mutter beorderte sie mit einer entschiedenen Handbewegung auf das andere Sofa.

"So, was war los?" Fragte sie. "Ich hörte Julius laut schreien, wobei er auch mir total fremdartige Wörter ausstieß. War das wieder so ein seltsamer Traum wie der von dieser Stadt, Julius?" Setzte Catherine an.

"Öhm, damit fing es an", sagte Julius. "Aber ich weiß nicht, ob das so gut ist, wenn ich das hier erzähle, weil ich nicht weiß, ob meine Mutter davon was wissen darf. Und Claudine könnte es unbeabsichtigt im Gedächtnis behalten, bis jemand es herauslegilimentiert", versuchte Julius, das abzublocken.

"Was Claudine angeht mach du dir da keine Sorgen, Julius! Was dich angeht, Martha, so ist es zwar schon richtig, daß Julius Sachen erlebt hat, über die er nicht allen was erzählen darf. Aber ich vermeine gehört zu haben, daß du als seine Mutter ein gewisses Informationsrecht beansprucht hast. Das stimmt auch, Julius. Deshalb wirst du uns dreien jetzt deinen Traum erzählen, und du und ich klären dann ab, was er bedeutet und wo da Sachen berührt werden, die sonst wirklich keiner wissen darf", sagte Catherine. Martha warf ihr einen bitterbösen Blick zu. Das mochte was heißen, erkannte Julius.

"Catherine, du und deine Mutter habt euch mir damals offenbart, obwohl es dafür an und für sich keinen Grund gab, wenn damit die Geheimhaltung gefährdet wurde. Dann hast du mich inständig dazu bekniet, Julius zu fragen, ob er wegen dieses Massenmörders Voldemort mit mir umzieht. Deine Mutter und du hättet das wesentlich einfacher anstellen können, indem ihr Julius ohne mich zu informieren hättet verschwinden lassen. Also liegt euch was daran, daß ich weiterhin von Julius' Leben was mitbekomme und auch was dazu zu befinden habe. Also kommt mir beide jetzt nicht mit "Das ist nicht für deine Ohren bestimmt". Wenn du zu dem stehst, was du mir vor zwei Jahren verbindlich versichert hast, habe ich das Recht, alles und nicht nur die muggelgerechte Kurzfassung zu erfahren, was mit meinem Sohn passiert oder passiert ist, insbesondere nach dem, was mit seinem Vater passiert ist."

"Worüber du mir ja auch nichts erzählen wolltest, Mum", feuerte Julius einen passenden Kommentar ab. Catherine nickte schuldbewußt. Martha Andrews starrte ihren Sohn an. Dann mußte sie auch nicken. Dann sagte Catherine:

"Das berührt Sachen, wo auch der französische Zaubereiminister involviert ist, Martha. Wenn du wirklich alles wissen willst - und ich verstehe zu gut, daß du dich als seine Mutter sorgst und deshalb zu recht verärgert bist -, müssen wir ihn fragen."

"Catherine, auch wenn ich jetzt indirekt für Armand Grandchapeau arbeite hat er nicht zu verfügen, was ich über meinen Sohn wissen darf und was nicht. Dann hättet ihr, deine Mutter und du, mich erst gar nicht über euch informieren dürfen. Mir reicht es langsam. Wenn mein Sohn jetzt wilde Alpträume hat, weil man ihm Sachen zugemutet hat, die er wohl doch noch nicht verkraften konnte, dann will ich zuerst und vollständig darüber informiert werden, was passiert ist und woher diese Art von Träumen kommt, Catherine. Das kannst du auch gerne deiner achso kundigen Frau Mutter erzählen. Ansonsten wüßte ich nämlich nicht, wozu ich hier eigentlich noch gebraucht werde, wenn ich meine Pflichten als Mutter nicht mehr erfüllen kann, nämlich auf ihn aufzupassen und zu sehen, daß ihm nichts schlimmes zustößt, bis er alles gelernt hat, um alleine damit fertig zu werden."

"Wie gesagt, Martha, ich verstehe dich vollkommen und würde dir gerne helfen, alles zu erfahren. Aber bei einigen Sachen mußte Julius auf einen magischen Eidesstein schwören. Bei anderen Sachen wurde er nur deshalb ins Vertrauen gezogen, weil er gewisse Voraussetzungen mitbrachte, die zu dem fraglichen Zeitpunkt ..." Erwiderte Catherine nun ebenfalls verstimmt.

"Aha, diese verfluchte Ruster-Simonowsky-Begabung, die diese Hallitti auf meinen Mann gierig gemacht hat und meinen Sohn um Ostern herum fast umgebracht hätte, weil so ein russischer Schwarzkünstler meinte, rauszukriegen, woher diese Kraft kommt", schrillte Martha. "Mir reicht es wie gesagt langsam, Catherine." Claudine schrie nun hemmungslos. Catherine machte nicht einmal Anstalten, ihre Tochter zu beruhigen, so wütend war sie selbst. Sie brachte es jedoch fertig, Claudine auf das Sofa zu legen, wo sie nun weiterschrie und mit Tränen und Speichel den Sofabezug verunreinigte.

"Ich verstehe, dir reicht es. Was meinst du denn, wie es mir ging, als ich Sachen, die man auch mir nicht erzählen wollte bei den Occlumentie-Übungen hervorholte?!" Rief Catherine über das Geplärre ihrer Tochter hinweg. "Als ich herausbekam, was Minister Grandchapeau und andere mit ihm angestellt haben, besser, zu was sie ihn genötigt haben, war ich auch sehr wütend."

"Oh, das ist aber nett, daß du in deiner gerechten Wut keinen Moment gezögert hast, mich auch noch einzuweihen, damit du mit deiner Wut nicht alleine bist, Catherine", keifte Martha Andrews. "Diese ganzen Sachen, die ich durchmachen mußte, damit Julius sich in einer geregelten Umgebung entwickeln konnte, die Ablehnung durch meinen Mann, der Umzug, Laroche und sein Quacksalber, alles das hätte ich mir doch dann ersparen können, wenn es sowieso nicht erlaubt ist, daß ich alles weiß, was mein Sohn tut oder was ihm aufgeladen wird. Ich versuche immer, mich nüchtern mit Gegebenheiten zu befassen, Catherine. Aber irgendwo ist immer eine Grenze, und die habt ihr in diesem Fall, deine Mutter, du, der Zaubereiminister und auch du, Julius", wobei sie ihren Sohn anfunkelte, "weit überschritten. Armand Grandchapeau hat also mein Vertrauen mißbraucht, indem er meinen Jungen in irgendwelche Himmelfahrtskommandos getrieben hat, oder was? Klar, ein Ruster-Simonowsky-Zauberer ist ja wie Superman, unverwundbar und unsterblich oder zumindest besser als drei erwachsene Zauberer zu verheizen!"

"Wie gesagt, ich verstehe deine Wut, Martha. Aber um Claudines Willen sollten wir zumindest etwas leiser sprechen."

Es fauchte im Kamin, und Antoinette Eauvive erschien aus einer grünen Funkenwolke heraus. Das ockergelbe Leuchten an der Decke blieb davon jedoch unbeeindruckt.

"Vivianes Bild-Ich hat mich informiert, daß ihr beiden, martha und Catherine, euch wohl über einen Alptraum von Julius aussprechen müßt, bei dem sie alte Worte gehört hat, die ihr natürliches Vorbild selbst erst nach fünfzig Jahren Studium alter Sprachen gelernt hat", begrüßte sie die beiden Frauen, die sich immer noch angriffslustig anstarrten.

"Wissen Sie, was mein Sohn im Namen des Zaubereiministers angestellt hat?" Fragte Martha Andrews Antoinette herausfordernd.

"Hmm, etwas heikles, über das der Rest der Zaubererwelt und auch der muggelwelt nicht unterrichtet werden durfte. Nicht mal ich wurde zunächst informiert. Ist es das, was Sie wütend macht, Martha?"

"In der Tat, weil man mich als Julius' Mutter offenbar doch nicht für voll nimmt, Madame Eauvive. Sie, Catherine, andre erwachsene Damen und Herren aus der Zaubererwelt und mein Sohn halten mich bewußt dumm, beziehungsweise in absoluter Unkenntnis fundamentaler Angelegenheiten. jetzt fängt Julius schon an, in fremden Sprachen zu träumen und das in heller Panik. Deshalb will ich das hier und jetzt wissen, woher das kommt und inwieweit meine achso bescheidene Muggelfrauen-Meinung überhaupt noch erwünscht wird, darüber zu befinden, ob die Ursache dafür erledigt ist oder beliebig weiterwirken darf", erwiderte Martha.

"Catherine, Julius, ihr habt das gehört. Ich finde, sie hat nicht ganz unrecht", sprach Madame Eauvive leise. "Es stimmt jedoch, daß Julius hat schwören müssen, keinem was darüber zu erzählen, weil in einigen Fällen ein magischer Eid geleistet wurde. Ein Fall war ja die hinterlistige Verwandlung in Belle Grandchapeaus Zwillingsschwester. Dann war da natürlich die Sache mit Hallitti. Bei der Gelegenheit, Martha, wäre es nicht für Julius und Sie besser gewesen, Sie hätten die Nachrichten über seinen zum wahnsinnigen Mörder gewordenen Vater nicht aus falscher Sorgfalt zurückgehalten?"

"Jetzt kommen Sie mir auch noch überheblich", knurrte Martha Andrews. "Nur, weil Sie meinten, Julius und mich in Ihre Familienangelegenheiten einbeziehen zu müssen - weshalb Sie ja nun auch ungebeten hereingefaucht kamen - halten Sie sich wie Blanche Faucon für über meine Ansichten und Sorgen erhaben", schnarrte Martha Andrews und machte Anstalten, Antoinette Eauvive anzugreifen. Doch diese blieb ruhig.

"Weil eben zu viel schlimmes passiert ist und demnächst wohl noch passiert, Martha. Beruhigen Sie sich bitte wieder! Wir klären das vernünftig, ob jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen ist, daß Sie über bestimmte Dinge mehr erfahren. Aber das sollten wir nicht hier tun, sondern bei mir im Château Florissant. Denn dann, Martha, kann ich alles, was dort gesagt wird als Familieninterna der Eauvives behandeln."

"Das könnte Ihnen so passen, mich in Ihr Schloß zu zitieren, wo ich Ihnen erst recht ausgeliefert bin", entfuhr es Martha Andrews nun völlig gegen ihre sonst so vernünftige Art, und sie sprang vor. Da zuckte Madame Eauvives Hand zu ihrem blauen Umhang, und keine Zehntelsekunde Später zuckte ein roter Blitz aus dem blitzartig freigezogenen Zauberstab und traf Martha Andrews.

"Catherine, Sie begeben sich mit Ihrer Tochter wieder in Ihre Wohnung!" Sprach Madame Eauvive mit einem befehlsgewohnten Ton.

"ich bin seine magische Fürsorgerin", knurrte Catherine auf Julius deutend.

"Dann wird er Ihnen nach seiner Rückkehr auch Rede und Antwort stehen", erwiderte Antoinette Eauvive sehr ungehalten. "Ich werde die beiden jetzt mit zu mir nehmen und dort in meinem kleinen Besprechungszimmer über das reden, was in den letzten Monaten und Jahren passiert ist. Da ich das wie erwähnt als Familienangelegenheit der Eauvives behandeln möchte, dürfen Sie mich dabei nicht begleiten, Madame Brickston."

"Wie wollen Sie Martha hinüberbringen. Der Kamin und das Apparieren sind für sie tabu", sagte Catherine.

"Es wäre bei Ihnen nicht das erste Mal, daß Sie sich über die Transportbeschränkungen von Muggeln hinwegsetzen mußten, Madame Brickston. Ich entsinne mich, daß Sie vor vier Jahren einen arglosen Muggel vor einem Höllenfeuer in Sicherheit bringen mußten, das sein Haus erfaßt hat. Damals haben Sie, soweit ich informiert bin, den betreffenden Mann betäubt und dann eingeschrumpft, um ihn dann mühelos per Apparition mitzunehmen." In diesem Moment hob sie den Zauberstab und ließ ihn mit mittlerer Geschwindigkeit niedersausen. Martha Andrews schrumpfte unvermittelt auf nur zehn Zentimeter Größe zusammen. Antoinette sah Catherine an und sagte dann noch: "Ich bringe Ihnen beide Nachbarn wohlbehalten zurück, wenn wir alles geklärt haben. Das befreit Sie auch von dem Konflikt, Martha alles erklären zu wollen, es aber nicht zu dürfen, Madame Brickston. Kehren Sie mit ihrer sichtlich verängstigten Tochter wieder in Ihre Wohnung zurück!"

"Nein, ich bleibe hier in diesem Wohnzimmer", widersprach Catherine kategorisch. "Ich sehe ein, daß Ihr Weg womöglich der für alle bessere ist. Aber meine Fürsorgepflicht gebietet mir, sicherzustellen, daß mein Schützling auch wirklich unversehrt an Leib und Seele zurückkehrt. Ich gebe Ihnen zwei Stunden Zeit. Mein Mann weiß, daß ich bei Martha und Julius bin und Claudine mitgenommen habe, damit ich sie versorgen kann. Er wird solange weiterschlafen. Aber um spätestens sechs Uhr erwarte ich Martha und Julius Andrews wieder zurück. Andernfalls informiere ich den Zaubereiminister."

"Nun, diese Drohung sollten Sie besser nicht wahrmachen, Madame Brickston", erwiderte Antoinette Eauvive. "Der gute Armand Grandchapeau könnte dann befinden, daß um Martha von weiteren Nachforschungen abzuhalten eine gründliche Gedächtniskorrektur angezeigt wäre, zum Wohl der Zaubererwelt, aber auch und vor allem zu ihrem eigenen Wohl. Ich akzeptiere die Frist. Aber dann sollten wir uns nicht in längeren Debatten ergehen." Madame Eauvive zielte nun mit dem Zauberstab auf Julius. Dieser ärgerte sich schon, daß er seine Goldblütenhonigphiole nicht ausgepackt hatte. Da erwischte ihn auch schon ein Schrumpfzauber, der ihn auf ein Zehntel seiner Normalgröße verkleinerte. "Das spart Zeit und Flohpulver", hörte er Antoinettes Stimme wie ein Donnerwetter, bevor ihre für ihn nun mannshohe linke Hand aus großer Höhe nach ihm griff, ihn mehr oder weniger behutsam ergriff und mit der Geschwindigkeit eines Express-Fahrstuhls anhob. Catherine, die für Julius nun dreimal so groß wie Madame Maxime wirkte, blickte der Matriarchin der Eauvives nach, wie sie mit ihren eingeschrumpften Verwandten in den Kamin stieg und laut ihr Stammschloß als ziel anrief.

Julius schloß die Augen, während er sich in einer der Umhangtaschen, durch deren für ihn nun weitmaschig große Öffnungen er genug Luft bekam festkrallte, während der tornadogleiche Wirbel ihn und seine Transportgelegenheit durch das Flohnetz trug und dann irgendwo wieder freigab. Antoinette holte Julius vorsichtig aus ihrer Umhangtasche und rückvergrößerte ihn. Dann vollführte sie auch an seiner Mutter den Rückvergrößerungszauber, beide Male ohne hörbare Zauberformeln. Dann erweckte sie Martha aus der Betäubung.

"Was, Sie Hexe, haben mich ausgeknockt und ... wo sind wir?" Zeterte Martha los.

"Zum ersten heißt das hier und im Moment "du Hexe", Martha, weil wir uns zum zweiten in meinem Stammsitz befinden, wo im Moment nur Eauvives herumlaufen und gemäß der Familienabsprache jeder Eauvive jeden Verwandten duzt, wenn sie unter sich sind. Ich will dir nichts böses, im Gegenteil. Hier können wir drei uns richtig unterhalten, was dein Sohn erlebt hat und warum er drei atlantische Losungswörter im Traum schreit. Also kommt bitte, und Martha, sei deinem Sohn ein gutes Vorbild und finde zu deiner sonst so bewundernswerten Selbstbeherrschung zurück! Ich schreie nicht gerne gegen wütende Frauen an. Das ist unter meiner Würde."

"Gut, da ich dir offenbar wieder ausgeliefert bin ... Nun, wenn es wirklich nicht anders geht", knurrte Martha Andrews. Dann sah sie an sich und Julius herunter. "Wir hätten uns jedoch vorher ausgehtauglich ankleiden sollen."

"Nichts für ungut, Martha, aber dich habe ich bereits im Nachtgewand gesehen, und Julius hat sich nach dem Zusammentreffen mit Hallitti auch von mir untersuchen lassen. Außerdem ist es noch die Zeit für Morgenröcke und Bademäntel. Falls ihr findet, in meiner Anwesenheit unterbekleidet zu sein ..." sagte Antoinette, drehte sich rasch um sich selbst, als wolle sie disapparieren, wechselte jedoch nur die Kleidung, so daß sie nun im mitternachtsblauen Morgenrock dastand, unter dem ein himmelblaues Seidennachthemd aufblitzte, bevor sie den Morgenrock anständig zuknöpfte. Martha blieben die Worte im Hals stecken und die Augen wurden groß. Dann winkte Antoinette Eauvive ihren Überraschungsgästen, ihr zu folgen. Im kleineren Besprechungszimmer, dort wo sie um Weihnachten herum Julius zu seinem Zustand nach Claires Beerdigung ausgefragt hatte, entzündete sie mehrere Kerzen und zauberte eine große Teekanne aus dem Nichts, holte ebenso zeitlos drei Teegedecke herbei und ließ die Kanne von sich aus heißen Tee in die Tassen einfüllen. Dann sagte sie Julius zugewandt:

"So, Julius, erzähl deiner Mutter und mir jetzt bitte so ruhig du kannst, wovon genau du gerade eben noch geträumt hast!"

Julius überlegte nur einen Moment. Dann erzählte er seinen Traum von der alten, unbevölkerten Stadt, der Frau im sonnengelben Gewand und die Warnung, die sie ausgesprochen hatte. Den Lotsenstein ließ er erst einmal außen vor, bis Antoinette meinte, daß er wohl Sachen zurückhielt. Martha sah ihren Sohn dann ungehalten an.

"Du kennst diese Frau aus deinen Träumen", sagte Antoinette. Julius bejahte es. Dann sagte Antoinette noch: "Ist das das erste Mal, daß du ein derartig konkretes Erlebnis im Traum hattest?" Julius verneinte es. Dann mußte er erzählen, wann er zuerst von der alten Stadt und der Frau geträumt hatte. Das hatte ihm ja keiner per magischem Eid untersagt. Als es aber um Gregorians Bild ging und alles was damit zusammenhing, wußte er nicht, wie genau er das erzählen sollte. Denn dann könnte seine Mutter meinen, er sei unmittelbar schuld an Claires körperlichem Tod. Doch Antoinette half ihm, ohne daß seine Mutter das mitbekam, diese Ereignisse auszulassen, indem sie sagte, daß dieses Bild schon Jahrhundertelang in Beauxbatons hing und gemunkelt würde, es sei für einen bestimmten Fall dort aufgehängt worden, nämlich jemanden zu informieren, daß jemand, der von Darxandria Instruktionen bekäme, wieder da sei. Woher Julius mit Darxandria in Verbindung stand erzählte er nicht, weil Madame Eauvive eine bessere Idee hatte.

"Martha, er darf es nicht in Wort oder Schrift verraten, wie er an diese alte Dame aus Atlantis geraten ist. Deshalb werde ich die entsprechende Erinnerung jetzt aus seinem Geist herauskopieren und dir übermitteln. Dann weißt du, was er weiß, ohne daß er es verraten mußte."

"Wie bitte?! Das ist ja unheimlich", erschauerte Martha. Julius grinste. Madame Faucon hatte recht. Sie wußte wirklich nicht genug von der Zaubererwelt.

"Ich werde den betreffenden Teil seiner Erinnerung herausschöpfen, ohne daß er es vergessen muß. Das ist ein Eingriff, den ich als Heilerin schon mehrmals gemacht habe, um traumatische Erlebnisse, die mir ein Patient nicht beschreiben wollte oder konnte, zu erfassen und die geeignete Heilbehandlung zu erwägen. also, entspann dich, Julius und versuche bitte nicht, deinen Geist zu verschließen! Ich weiß, daß du diese Kunst nun sehr zufriedenstellend beherrschst."

Julius entspannte sich. Als Madame Eauvive mit dem Zauberstab an seine Schläfe tippte, war es ihm, als rasten alle Bilder aus dem Erlebnis mit der Galerie des Grauens durch seinen Kopf. Er fühlte ein leichtes Vibrieren in seinem Kopf. Dann zog Antoinette Eauvive den Zauberstab zurück, an dem ein beinahe ein Meter langer Faden aus einer silbern schimmernden, gasartigen Substanz hing. Als der Faden sich von Julius' Kopf löste, war es ihm, als drehte sich etwas darin um und käme dann mit einem leichten Ruck zur Ruhe. Mit diesem Zauber konnten Erinnerungen entnommen werden, entweder so gründlich, daß sie ihrem Träger gänzlich abhanden kamen oder so, daß sie für andre Betrachter einsehbar wurden. Antoinette brachte den zauberstab, an dem der lange Silberfaden hing vorsichtig an Marthas Schläfe und konzentrierte sich. Da sauste der Faden wie von einer unsichtbaren Spule aufgewickelt mehrmals um den Zauberstab herum und schlängelte sich dann einfach in Martha Andrews' Kopf. Ihre Augen zuckten hin und her, als verfolgten sie rasendschnell vorbeiziehende Bilder oder folgten blitzschnellen Bewegungen. Julius erinnerte sich daran, daß Leute die träumten ähnliche schnelle Augenbewegungen machten. Womöglich nahm seine Mutter die von ihm entnommene Erinnerung jetzt auch so ähnlich auf. Als der Silberfaden gänzlich hinter Martha Andrews' Stirn verschwunden war, bekam sie erst einen weltentrückten Gesichtsausdruck. Dann zuckte sie mehrmals zusammen, keuchte und stieß kurze Angstlaute aus. Eine Minute lang verblieb sie in diesem Zustand. Dann hörten die schnellen Augenbewegungen auf und ihr Gesicht nahm wieder wache Züge an.

"Das ist ja unerhört und grauenhaft", stöhnte Julius' Mutter. "Wie konnten Madame Faucon, der Zaubereiminister, Madame Maxime ... und Professor Dumbledore das nur zulassen, ja anregen?"

"Du hast von mir alle sinnlichen und gefühlsmäßigen Erinnerungen an diesen Vorfall empfangen, die dein Sohn in sich aufgenommen hat. Ergründe also selbst, was diese honorigen Damen und Herren dazu gedrängt hat, deinen Sohn derartig zu beanspruchen!" Empfahl Antoinette Eauvive. Martha Andrews sah ihren Sohn an, dann verfiel sie ins Grübeln, wobei ihr wohl immer wieder die grauenvollen Bilder aus der Galerie des Grauens durch den Kopf gingen. Dann sagte sie ruhig aber ernst:

"Ich verstehe jetzt, warum du diesen Einsatz machen mußtest, Julius. Ich verstehe auch, daß für bestimmte Ziele gewisse Risiken eingegangen werden müssen. Dennoch hätten mir Minister Grandchapeau und die beiden Damen, die mir gegenüber immer beteuert haben, daß ihnen dein Wohlergehen am Herzen läge, frühzeitig genug reinen Wein einschenken sollen. Ich erkenne zumindest, daß falls du bei diesem Himmelfahrtskommando gestorben wärest, mir wohl jede Erinnerung an dich genauso einfach hätte extrahiert werden können, wie ich jetzt deine Erinnerungen an dieses haarsträubende Ereignis zugeführt bekommen habe. Ich hoffe nur inständig, daß man in Zukunft von derlei Abenteuern absieht und dich doch noch als schützenswerten, entwicklungsbedürftigen Jungen ansieht, den man nicht wie einen tumben Marineinfanteristen in irgendwelchen achso glorreichen Schlachten verheizen darf. Ich frage mich jetzt nur, wie ich in Zukunft mit den vier, ähm, drei Verschwörern umgehen soll. Ich müßte dich aus reiner Sorgfaltspflicht von Beauxbatons herunternehmen, um Madame Maxime und deiner Hauslehrerin nicht weitere Gelegenheiten zu geben, dich wegen deiner hohen Grundkraft für aberwitzige Sachen einzuspannen. Aber das hieße, wieder das Land zu wechseln, da ich natürlich weiß, daß du mit dieser hohen Grundkraft nicht nachhaltig am Zaubern gehindert werden kannst. Andererseits kann ich ja jetzt nicht einfach so tun, als wäre alles wunderbar. Was Minister Grandchapeau angeht, so weiß ich, daß Politiker, so schön sie auch daherreden, immer eher das große Ziel als Einzelschicksale im Blick haben, und das mit den grünen Würmern ist, dies muß ich doch zugeben, ein sehr alarmierender Vorfall gewesen, der uns alle sehr drastisch betroffen hätte, wenn nichts unternommen worden wäre. Insofern verstehe ich dich, Julius, daß du dich bereitgefunden hast, mit diesem Intrakulum in die virtuelle Realität der gemalten Bilder vorzudringen und die Gefahr zu beseitigen. Immerhin hattest du ja mit der Knieselin eine höchstpotente Frühwarnerin dabei, und diese gemalte Lady Medea hat dir ja auch wirkungsvoll geholfen, von Aurora Dawn abgesehen, die ich bei der Gelegenheit eigentlich auch gleich gründlich ausschimpfen sollte, weil sie ja wußte, wie heftig das für dich war und nicht einmal daran gedacht hat, mich zu unterrichten."

"Sie ist Heilerin, Martha. In diesem Fall ...", setzte Antoinette Eauvive an.

"Ist Julius immer noch minderjährig und ich als leibliche Verwandte Informationsberechtigt, bei uns sogenannten Muggeln wie bei euch Hexen und Zauberern. Auch wenn die meisten Verletzungen mal so eben weggezaubert werden können sollte ich als Mutter doch zumindest einen Brief von der entsprechenden Heilerin kriegen, wo drinsteht, daß sie meinen Sohn behandelt hat und es ihm jetzt wieder gut geht", unterbrach Martha Andrews harsch.

"Bei allem Verständnis für deinen Unmut, Martha: Ich bin es nicht gewohnt, bei meinen Ausführungen unterbrochen zu werden", knurrte Antoinette Eauvive. "Denke bitte daran, daß alle hier nicht nur um Julius' sondern auch dein Wohl besorgt sind! Ein wenig Dankbarkeit und Respekt deinerseits ist daher nicht ganz unangebracht. Ja, und bevor du mir jetzt damit zu kommen wagst, ich solle dich gefälligst nicht wie ein kleines Mädchen herunterputzen, solltest du aufhören, dich wie eins zu benehmen und wirklich ernsthaft darüber nachdenken, warum es besser ist, wenn einige Dinge, die passiert sind besser nicht in aller Öffentlichkeit herumgereicht oder irgendwer öffentlich zur Verantwortung gezogen werden soll!" Martha hatte wohl tatsächlich entgegnen wollen, sich nicht wie ein unmündiges Kind herumkommandieren lassen zu müssen. Doch Antoinettes Vorhaltung erschien ihr doch gerechtfertigt. Sie bat um zwei Minuten Bedenkzeit. Als diese um waren sagte sie:

"In Ordnung, ich werde Catherine, ihrer Mutter, Madame Maxime und Aurora Dawn nicht die Hölle heiß machen, zumal sie mit ihren achso guten Absichten ja schon eine gute Wegstrecke dahin gebaut haben. Ich werde dein Angebot annehmen, Antoinette und es als eine verwandtschaftsinterne Angelegenheit betrachten. Catherine besteht aber wohl jetzt darauf, daß Julius ihr auch seinen Traum erzählt, zumal sie wohl von dieser Intrakulum-Geschichte auch erst gar nichts mitbekommen hat."

"Gut, aber deine Tasse Tee solltest du der Höflichkeit und Entspannung wegen doch noch leertrinken, Martha", erwiderte Antoinette Eauvive. Martha Andrews schluckte wohl eine verärgerte Bemerkung mit dem kalten Tee hinunter, der noch in der Tasse war. Dann brachte die Direktorin die beiden Gäste wieder in die Rue de Liberation dreizehn zurück. Dort wartete Catherine, die Claudine inzwischen Kinderlieder von der Stereoanlage vorspielen ließ. Martha sah sie zwar etwas vergrätzt an, weil sich Catherine einfach an der Musikanlage zu schaffen gemacht hatte, nickte dann aber, als sie sah, wie Claudine zufrieden auf einem Stapel weicher Decken gebettet dalag und schlief wie ein kleiner, pausbäckiger Engel mit himmelblauen Augen.

"So, Julius Andrews. Da du deiner Mutter offenbar deinen Traum und was dir dazu einfiel erzählt hast möchte ich jetzt hören, was du geträumt hast", sagte Catherine ruhig. Julius sah auf die Anlage und fragte Catherine, woher sie die CD mit den Kinderliedern hatte.

"Die habe ich hier oben hingelegt, für den Fall, daß deine Mutter Besuch von mir oder anderen jungen Müttern kriegt und wir die Kleinen beruhigen wollen", sagte Catherine. Dann setzte sie sich Julius gegenüber und überließ es ihm, leise über seinen Alptraum zu sprechen, während Antoinette Eauvive sich unhörbar auf das andere Sofa setzte und der Sammlung von Wiegenliedern lauschte, die da gerade abgespielt wurde.

"Gut, das muß dann meine Mutter wohl wissen, daß du diesen Lotsenstein benutzen mußt. Ich habe davon gehört, daß an der Mythologie von den indischen Nagas mehr dran sein soll als nur der Glaube, daß man sich irgendwelche Geschichten über Götter und Dämonen erzählen wollte", mentiloquierte sie Julius.

"Das wird noch ein Akt", schickte Julius zurück. "Nachher will die noch wissen, was meine Mutter jetzt weiß."

"Die braucht nur zu wissen, daß du wieder von dieser Darxandria geträumt und eine konkrete Warnung bekommen hast. Bisher hat sie ja nichts drastisches von dir verlangt, oder?"

"Das kann keiner vorher wissen, ob das, was Darxandria mir abverlangt drrastisch wird oder nicht", schickte Julius zurück, nachdem er sich gerade so noch beherrschte, nicht die volle Wahrheit über seine bisherigen Erlebnisse mit seiner Traumfrau aus Atlantis auszupacken, über die selbst Catherine als seine magische Fürsorgerin nichts wußte. Sein Kopf fühlte sich nun sehr heiß an, weil er jetzt schon bald eine Minute lang mentiloquierte.

"Nicht so lange Sätze, auch wenn wir uns sehen können!" Maßregelte Catherine ihren Schutzbefohlenen unhörbar.

"Claudine schläft jetzt durch bis morgen Früh?" Fragte Julius hörbar.

"So in einer Stunde lasse ich sie wieder trinken, Julius. Aber bis dahin sind wir beide dann wieder bei uns unten", antwortete Catherine. Dann sprachen sie leise über Atlantis, was sie davon wußten oder zu wissen glaubten. Martha Andrews war zwar immer noch skeptisch, was den genauen Lageort anging, aber daß es zumindest ein magisches Königreich gegeben hatte, das für die Atlantis-Geschichte pate gestanden hatte, wußte sie nun.

Catherine versicherte Julius' Mutter, daß ihr Julius genauso wichtig war wie ihr und sie daher schon hinter her war, daß ihm genausowenig passierte wie ihren beiden Töchtern. Das beruhigte Martha nur unwesentlich. Doch mehr konnte sie im Moment ja eh nicht mehr sagen.

Als es dann richtig Morgen war beschlossen Mutter und sohn, sich ein paar freie Stunden im Umland von Paris zu machen. Julius sprach dort mit ihr über die am nächsten Tag stattfindende Marslandung und was dabei für neue Erkenntnisse über den roten Nachbarn der Erde gewonnen werden könnten. Ihn selbst trieb jetzt aber Darxandrias Warnung und die wirklich heftig eingebläute Zauberformel um, mit der er den Lotsenstein benutzen sollte. Er fragte sich, ob er nicht schon wieder in eine brenzlige Situation hineingeraten würde, aus der ihn niemand herausholen könnte. Außerdem fragte er sich, ob die aufmarschierten Echsenmonster wirklich dem Gorn aus Star-Trek ähnelten. Jetzt, wo er wach war, wurde er das Gefühl nicht ganz los, daß er genau diese Wesen schon einmal anderswo gesehen hatte.

Nachmittags mentiloquierte Julius mit Catherine, die in der unteren Wohnung war, er würde gerne mit ihrer Mutter reden. Doch sie selbst konnte er nicht erreichen.

"Die ist gerade auf Anti-Voldemort-Tour, Julius", kam die Antwort. Julius fragte zurück, wohin sie gereist sei.

"Überall hin, wo sie wertvolle Getreue vermuten kann, Julius", war die Antwort. "Sie kommt wohl erst übermorgen wieder, hat sie mir geschrieben."

"Wenn das mit dem Lotsenstein nicht bald passiert könnte alles für die Katz sein", schickte Julius zurück.

"Nicht unbedingt, Julius. Der Wahnsinnige muß ja wohl erst herausfinden, wie er seine Errungenschaft benutzen kann", erwiderte Catherine.

"Und wenn er das schon weiß?" Fragte Julius auf gedanklichem Weg.

"Wissen und können sind immer noch zwei Dinge, Julius, auch und vor allem in der Magie."

"Weil Darxandria so'n Stress macht", erwiderte Julius.

"Was nicht heißt, daß es wirklich auf jede Sekunde ankommt. Sie hat Jahrtausende überdauert. Womöglich macht sie jetzt aus allem, was einige Wochen dauert eine Dringlichkeit."

"Wollen's hoffen, Catherine."

"Hoffnung ist das wichtigste überhaupt, Julius", belehrte ihn Catherine. Dann war der wortwörtliche Gedankenaustausch auch vorbei.

 

__________

 

Am nächsten Nachmittag versammelte sich eine kleine Gruppe um den Fernseher im tanzsaalgroßen Wohnzimmer. Julius hatte per Kontaktfeuer angefragt, ob Millie und ihre Schwester Lust hätten, sich die Landung des US-amerikanischen Marsroboters anzusehen, wenn sie direkt im Fernsehen übertragen wurde. Martine und Millie hatten beide zugesagt. Doch auch ihre Eltern hatten aus einem bisher nicht erwähnten Grund Interesse daran gefunden. Ebenso hatte sich Robert Deloire angekündigt, der eine Stunde vor dem vorhergesagten Landetermin mit seiner Freundin Céline herüberkam. Auch die Dusoleils waren "mal eben" herübergekommen, als Julius Camille anmentiloquiert hatte, ob ihr Mann das Muggel-Marsmobil bei der Landung sehen wollte. Denise und Babette saßen genauso gespannt vor dem Großbildfernseher wie auch Catherine und Joe, die die Zusammenkunft bekannter Leute begeisterte. Julius hatte in der Nacht vor diesem vierten Juli neunzehnhundertsiebenundneunzig wesentlich besser geschlafen als in der Nacht davor. So hatte er den Tag ruhig und völlig frei von düsteren Visionen und Vorahnungen die restlichen Hausaufgaben gemacht. Jetzt hatte er wirklich Ferien.

"Ja, und wenn dieses Pathfinder-Dings bei der Landung auf dem Mars kaputtgeht, Julius?" Fragte Albericus Latierre, der gespannt auf den Bildschirm blickte, auf dem gerade ein Reporter und ein kommentierender NASA-Mitarbeiter zu sehen waren, die noch einmal die wissenschaftliche Ausrüstung des unbemannten Raumfahrzeuges beschrieben.

"Tja, dann haben die Steuerzahler in den Staaten eine Menge Geld für einen kaputten Apparat ausgegeben, der nicht einmal mehr zurückgeholt werden kann, um ihn zu verschrotten", antwortete Julius.

"Kann mir wer von denen, die hier Englisch können das mal so übersetzen, daß ich armer Zaubererbubi das auch kapiere, was da abgeht?" Fragte Robert, der sich offenbar etwas hilflos fühlte. Seine Freundin grinste die Brickstons an. Doch Martha Andrews übernahm es, die gerade beschriebenen Einzelheiten zaubererwelttauglich zu übersetzen. Offenbar hatte sie sich mit der Rolle der Muggel-Zaubererwelt-Mittlerin sehr gut angefreundet, fand Julius. Florymont Dusoleil versuchte, mehr Bilder von den gezeigten Ausrüstungssachen zu erhaschen, blickte sehr wissbegierig auf den fast flimmerfreien Bildschirm, als die bevorstehende Landung in einer Trickfilmdarstellung gezeigt wurde.

"Aha, dann blasen sich kurz vor dem eigentlichen Landungsvorgang dicke mit gepresster Luft gefüllte Kissen auf, die diesen Pathfinder beim Aufschlag vor Beschädigungen bewahren sollen", faßte Jeannes und Denises Vater zusammen, was gerade erläutert wurde.

"Nachdem die Landefallschirme das Fahrzeug weit genug abgebremst haben", fügte seine Schwester Uranie hinzu. "Das ist bei einer so dünnen Gashülle ziemlich heikel."

"Umständlich, meinst du wohl, Uranie", warf Florymont ein. "Aber immerhin eine Möglichkeit, eine ziemlich selbständige Maschine auf dem Mars zu landen."

"Also für mich sieht es selbst auf dieser seltsamen abgehackten Bilderfolge zu rot und zu kalt aus", sagte Camille dazu. "Da wächst doch nichts. Da kann doch nichts wachsen."

"Aber ein schönes helles Rot ist das", mußte Hippolyte Latierre dazu einwerfen.

"Stimmt, könnten wir zur Saalfarbe machen", bemerkte Millie dazu.

"Marsrot", meinte Julius. "Das würde zum rüpelhaften Temperament einiger Leute bei euch passen."

"Die tun dir nichts mehr, seitdem wir beide zusammen sind, Julius", säuselte Mildrid. "Solange du auf dem Boden rumläufst und nicht im grünen Umhang auf einem Besen herumfliegst", fügte sie nach einer taktischen Pause verschmitzt grinsend hinzu.

"Camille, die wollen da bestimmt einmal Leute wohnen lassen", meinte Florymont zu seiner Frau, als wieder das Bild der beiden Männer eingeblendet wurde, die sich über die Landung unterhielten.

"Das Go für den endgültigen Landeanflug ist erteilt", sagte der NASA-Techniker, während seine Kollegen im Hintergrund die Steuerungseinrichtungen überwachten. "Das Signal wird nun ungefähr zwanzig Minuten brauchen, bis es den Lander erreicht. Der muß dann gemäß dem Programm zur Landung selbstätig anfliegen. Also werden wir in vierzig Minuten ungefähr wissen, ob Pathfinder korrekt landet. Wir vermuten, daß der Bodenkontakt zwischen 12.55 Uhr und 13.00 Uhr erfolgen wird. Das hängt nicht zu letzt vom Marswind ab."

"Glatt zum Mittagessen", scherzte der Reporter, wurde dann aber wieder sachlich. "Dann werden wir also hier um 13.20 Uhr wissen, ob das Raumfahrzeug erfolgreich gelandet ist. Drücken wir den Technikern und Wissenschaftlern die Daumen, daß die Landung gelingt, meine Damen und Herren!"

"Häh, wenn das Ding um eins ihrer Zeit da landet wissen die das doch sofort und nicht erst zwanzig Minuten später", warf Millie ein. Julius sah seine Freundin an, während Martine nickte.

"Das dauert, weil der Mars von der Erde gerade so weit weg ist, daß selbst die mit Lichtgeschwindigkeit durch das All fliegenden Funkwellen zwanzig Minuten brauchen, um vom Mars zur Erde zu kommen."

"Oha", meinte Millie. "Dann kracht dieses Pathfinder-Ding vielleicht auf einen Felsen da oben und schickt diese Radiowellen nicht mehr ab, und die Leute da im Fernseher, die das Gerät überwachen kriegen das erst zwanzig Minuten später mit? Wie können die dann schnell genug reagieren, wenn dieser kleine Marswagen da oben wirklich herumfahren kann und auf einen Abgrund zurollt?"

"Das haben die Programmierer der Maschine schon hier unten auf unserem blauen Planeten eingegeben, daß der Sojourner, also das Untersuchungsfahrzeug, Hindernissen ausweichen kann oder abbremst, bevor es einen zu steilen Abhang erreicht. Überleg mal, das die Frage: "Leute, ist das Gefährlich?" und die Antwort: "Ja, bleib besser stehen", vierzig Minuten auseinanderliegen würden", sagte Julius.

"Tja, die haben eben keinen überlichtfunk wie bei Kirk & Co.", scherzte Joe Brickston.

"Hmm, interessante Frage, ob Magie schneller als Licht sein kann", wandte Florymont ein. "Wenn künstliche Gedanken - so nenne ich diese Funksignale mal - wie beim Apparieren in weniger als einer Sekunde vom Ausgangspunkt zum Zielpunkt versetzt werden ..."

"Ich dachte, Magie ist der greifbare Beweis für die Existenz eines Hyperraums oder sowas", meinte Joe.

"Wenn ihr mit Hyperraum das bezeichnet, was den normalen Raum und die Zeit überwinden kann", erwiderte Florymont, während Denise und Babette gelangweilt gähnten, weil im Moment kein Trickfilm mehr lief.

"Moment, Julius", warf Martine ein. "So gesehen müssen diese Leute da in diesem Überwachungsraum alles, was sie diesem Pathfinder schicken wollen so vorherrechnen, daß er dann, wenn er das Signal kriegt, rechtzeitig macht, was ihm befohlen wurde, also jeden Befehl zwanzig Minuten vorher kennen, also wissen, wo das Gerät in zwanzig Minuten genau über dem Mars herumfliegt", stellte sie bewundernd fest. Julius nickte.

"Das machen deren Computer. Die wissen, wie schnell und in welcher Richtung das Fahrzeug gerade fliegt. Solange es seine Steuertriebwerke nicht gezündet hat, ist es ja gut auszurechnen, wo es in zwanzig Minuten sein wird", erklärte Martha Andrews ganz ruhig. "Kritisch wird es erst, wenn die Triebwerke laufen und das Raumfahrzeug in der Atmosphäre ist. Da kann es dann unvorhersehbare Verwirbelungen geben, der Marswind kann sich mal eben drehen und alles, was wir hier auf der Erde auch zu gut kennen. Will sagen, dann ist das Gerät dem Wetter ausgeliefert."

"Schon interessant", meinte Millie. "Ein Ding mal eben einige Millionen Kilometer weit in den leeren Raum schießen, da einige Tage herumgondeln lassen und dann genau im richtigen Moment zu sagen: "Jetzt geh runter und bleib bloß heil!" Ja, das ist schon eine Aufgabe für sich."

"Für mich auch eine sehr anschauliche Vorführung, was bei solchen Abenteuern zu bedenken ist", wandte Florymont ein. Da rauschte es. Jeanne Dusoleil plumpste mit ihrer Tochter Viviane, die verängstigt quängelte, aus dem breiten Kamin.

"Kind, mußtest du die Kleine mit durch das Netz nehmen?!" Schnarrte Camille ihre Tochter an. Diese grummelte zurück, daß es ja sonst keine Möglichkeit gegeben hätte, auch noch rüberzukommen.

"Ich habe sie sicher verpackt und gut festgehalten", sagte Jeanne noch, bevor sie die anderen begrüßte.

"Oh, dein Kind ist da?" Fragte Céline Jeanne aufgeregt. Babette blickte auch auf das in rosa Tücher gewickelte Bündel, aus dem Jeanne nun vorsichtig den großen Kopf hervorholte, so daß alle die kleine Viviane ansehen konnten. Damit eroberte sich das gerade zehn Tage auf der Welt befindliche Töchterchen von Jeanne und Bruno die volle Aufmerksamkeit. Denn außer Julius, der seine Willkommensparty mitgefeiert hatte, hatte sie keiner außerhalb der Dusoleil-Familie hier zu gesicht bekommen.

"Ich habe Claudines Wickeltisch hochgebracht, Jeanne, wenn deine Kleine ihn braucht", sagte Catherine zu Jeanne.

"In den nächsten drei Stunden nicht, Catherine. Danke für das Angebot."

"Weiß Hera, daß du auf bist?" Fragte Camille ihre Tochter.

"Ich habe mein Bett mit, Maman", knurrte Jeanne. "ich wollte das sehen, was papa und Tante Uranie so fasziniert. Ist dieses Maschinenfluggerät denn schon auf dem Mars gelandet?"

"So in einer halben Stunde vielleicht", informierte Julius die Überraschungsbesucherin, die seelenruhig ein kleines Schächtelchen aus ihrem Umhang zog, es so hinstellte, das keiner drüber fallen konnte aber sie noch den Fernsehschirm sehen konnte und das Schächtelchen zu einer Hälfte des Ehebettes anwachsen ließ, dann noch mit einer schnellen Zauberei in ein weites Nachthemd schlüpfte und unter die Decke kroch, während Viviane erst einmal von einem Armpaar zum nächsten wechselte.

"Ich finde, daß du das zu sehr auf die leichte Schulter nimmst, mein Kind", tadelte Camille ihre älteste Tochter. "Hera hat gesagt, daß du mindestens noch eine Woche dauerhaft ausruhen sollst und ..."

"Maman, du hast dich auch nicht dran gehalten, was die gute Hera gesagt hat. Nach meiner Geburt bist du schon nach zwei Tagen wieder in der grünen Gasse rumgelaufen, bei Claires Geburt hast du acht Stunden später schon wieder an einer Kräuterkundlerkonferenz teilgenommen, und Denise war noch keine vier Stunden von dir abgenabelt, als du unbedingt mit Trifolio an einer bunten Hecke herumschnippeln mußtest, wenn ich das noch richtig mitgekriegt habe", zählte Jeanne die Nachgeburtssünden ihrer Mutter auf, die davon verständlicherweise nicht gerade begeistert war. Florymont nickte zwar, sah Jeanne aber genauso tadelnd an wie seine Frau es tat.

"Ich liege ja wieder, Maman", knurrte Jeanne, als Camille den Mund zu einer Entgegnung öffnen wollte. "Ich habe von Hera Matine und Madame Rossignol genug gelernt, um mich selbst einzuschätzen und habe ja von dir und auch von Connie Dornier mitbekommen, was geht und was nicht."

"Béatrice wollte Babs ans Wochenbett fesseln, weil die kurz nach der Geburt schon wieder auf dem Hof herumlaufen wollte", wandte Hippolyte ein. "Meine Schwiegermutter ist da nicht so überfürsorglich gewesen."

"ja, weil die Zwerginnen mehr aushalten", meinte Albericus. "Da hat eine Frau von denen, die eine halbe Stunde vorher noch selbst in den Wehen lag schon wieder bei der nächsten Kameradin zu sein, bei der es so weit war, Hipp", sagte Albericus.

"Wollte Jeanne auch, als Viviane endlich angekommen war und es bei Barbara richtig losging", knurrte Camille. Dann wandte sie sich an Julius und deutete auf den Fernsehschirm, wo berade eine Satellitenaufnahme vom Landegebiet gezeigt wurde. "Sieht sehr ungastlich aus. Wo genau soll das Gerät landen?"

"Dort in dieser breiten Schlucht, Camille. Ares Vallis heißt sie", sagte Julius und bezeichnete das vorgesehene Landegebiet.

"Das Tal des Kriegsgottes?" Fragte Camille Dusoleil. Julius stutzte, dachte nach und nickte dann. Ares war bei den Griechen das, was Mars für die Römer gewesen war und Vallis war das lateinische Wort für Tal.

"Passt zu der Gegend, blutrot und verödet, wie ein von einer grausamen Schlacht entvölkerter Ort", grummelte Jeannes und Denises Mutter. Julius überlegte, ob er was dazu sagen sollte. Doch dann wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf den Kamin gelenkt, in dem es rauschte. Madame Matine erschien aus einem smaragdgrünen Flammenwirbel, stieß sich energisch vom Kaminrost ab und landete federnd im Wohnzimmer. Ihr Gesicht war ein einziger Tadel.

"Da ist sie also. Wollte mir Bruno nicht erzählen, wo seine Frau hingeflohpulvert ist", knurrte sie. "Als ich dann niemanden bei ihren Eltern fand und erfuhr, daß Denise sich bei den Andrews angucken wollte, wie eine Muggelmaschine auf dem Mars landet, brauchte ich nicht groß zu überlegen. Ja, kuck mich ruhig verdrossen an, Jeanne! Du meinst genau wie deine Mutter, daß du ja gut versorgt worden seist und schon wieder gut auf den Beinen bist und ..."

"Hera, muß das jetzt sein", knurrte Uranie Dusoleil zurück. "Jeanne wollte bei uns hier sein, weil sie sich auch für Astronomie interessiert. Wenn du nicht mehr zu sagen oder zu tun hast als sie anzuraunzen hebe dir das bitte für eine stunde auf, bis wir wissen, ob die Muggel ihre Raumflugmaschine tatsächlich unbeschädigt auf dem Mars gelandet bekommen."

"Uranie, ich verbitte mir solche Unverschämtheiten", Schnaubte die Heilerin und Hebamme aus Millemerveilles. Um die aufgekommene Gewitterstimmung wieder abzukühlen fragte Martha Andrews behutsam, ob Madame Matine sich hinsetzen wollte. Diese grummelte erst, nahm die Einladung jedoch an und nahm in Jeannes Nähe Platz.

"Jetzt dürfte das Signal die Landeeinheit erreicht haben", stellte der den Reporter unterstützende NASA-Techniker nach zwanzig Minuten fest. "Dann wissen wir es in zwanzig Minuten, ob der Landeanflug erfolgreich verläuft."

"Was fasziniert die Muggel an Maschinen, die in den lebensfeindlichen Weltraum fliegen?" Fragte Madame Matine Julius. Dieser sagte, daß es die Neugier sei, Forschungseifer und der Wunsch, mehr zu wissen. Außerdem könnten solche Maschinen den Flug eines Menschen oder einer Menschengruppe vorbereiten. Er verwies dann noch darauf, daß das Raumfahrzeug bestimmt interessante Fotos von der Marsoberfläche machen würde und erklärte, wie die Techniker Verbindung mit dem unbemannten Raumfahrzeug hielten. Dann verfolgte er mit, wie die Überwachungsmannschaft die letzten Vorbereitungen für eine hoffentlich erfolgreiche Landung traf. Jetzt noch groß eingreifen war nun nicht mehr möglich. Entweder würde sich das Raumfahrzeug bei der Landung verabschieden oder die frohe Kunde von der ersten Landung seit einundzwanzig Jahren nach Hause funken. In jedem Fall hingen zwanzig Minuten Verzögerung dazwischen.

"Jetzt könnte Pathfinder gelandet sein", bemerkte der Reporter, als es genau sieben Uhr mitteleuropäischer Ortszeit war. In den Ostküstenstaaten der USA konnten sie nun beim Mittagessen sitzen und genauso gebannt auf den Fernseher starren wie die Andrews und ihre Gäste. Vielleicht saß auch Zachary Marchand mit seinen Kollegen vor einem Fernseher. Es war zwar nicht so heftig wie bei der ersten bemannten Mondlandung, aber spannend war es doch, und die NASA hatte durch das Versprechen, die Fotos vom Mars kostenlos ins Internet einzuspeisen viele Leute heißgemacht, sich wieder für Raumflugprogramme zu interessieren. An der Westküste Amerikas, da wo auch das Zaubererdorf Viento del Sol lag, saßen womöglich welche noch beim Frühstück oder waren auf dem Weg zur Arbeit. In Australien war es dagegen früh am Morgen des fünften Juli. Vielleicht sah Bill Huxley diesen Nachrichtensender auch über Satellit. Ob Aurora Dawn sich das ansah oder sich gar nicht dafür interessierte wußte er nicht. Womöglich war sie auch unterwegs, um anderen Hexen und Zauberern zu helfen.

Um zwanzig nach sieben klatschten und jubelten die Techniker im Kontrollzentrum. Dann wurden die anzeigen eingeblendet, die verhießen, daß alle Funkkanäle in Betrieb waren und das Raumfahrzeug offenbar festen Boden unter sich hatte.

"Das schwierigste Manöver der Mission ist erfolgreich beendet", bestätigte der Reporter. "Pathfinder ist um 12.57 Uhr Ostküstenzeit auf dem Mars gelandet. Wie weit es vom vorbestimmten Landepunkt entfernt herunterkam wird gerade geklärt. Auch werden wir noch etwas auf das erste Bild, den Begrüßungsschnappschuß, warten müssen. Bei der hohen Bildauflösung, die die große Außenkamera liefert dauert es, bis alle Bildinformationen bei uns angekommen und zu einem Bild rekonstruiert worden sind."

"Immerhin haben die Steuerzahler keinen Verschrottungs-Stunt bezahlt", bemerkte Joe, während die übrigen Gäste teils fasziniert, teils gleichgültig die Euphorie der Überwachungstechniker verfolgten. Dann, so nach einer weiteren halben Stunde, wurde das Landungsfoto eingespielt das eine schroffe Felsformation unter dunkelrot schimmerndem Himmel zeigte.

"Sieht ja echt stark aus", meinte Babette. "Das ist erst das Landefoto."

"Sieht eher gruselig aus, als würde irgendwo ein großes Feuer brennen und den Himmel anleuchten", fand Céline Dornier. Robert hingegen ließ sich von der überschwenglichen Freude der Überwachungstechniker anstecken. Er strahlte alle an.

"Sieht spannend aus, die Landschaft. Könnte ich glatt mal hinfliegen. Aber den Besen haben die Ganymedwerke noch nicht gebaut, mit dem jemand dahin kann. Du kannst mit deinem Computergerät die Bilder kriegen, die dieses Pathfinder-Gerät da zur Erde zurückschickt?" Fragte er Julius, der bestätigend nickte. "Super. Kannst du mir die irgendwie auf Papier malen oder drucken lassen?" Wollte Robert noch wissen. Wieder nickte Julius. "Jau! Würde gerne mal die Sonne sehen, wie die auf dem blutroten Himmel aussieht."

"Wahrscheinlich kleiner und dunkler, aber dann eher weiß", vermutete Julius. "Aber wie der Himmel aussieht könnte die blau auf- und untergehen."

"Da wird die Astrokuppel in Beaux aber wohl umgebaut werden müssen", meinte Céline dazu nur. Doch Julius und Robert schüttelten die Köpfe.

"Haben die da schon ziemlich gut vorhergeahnt, wie es da aussieht, Céline", sagte Julius.

"Blauer Sonnenaufgang?" Kicherte Denise. "Ist ja komisch."

 

"Wie kommst du denn da drauf, daß die Sonne auf dem Mars blau aufgeht? Ich meine, nur weil der Himmel rot ist muß die Sonne doch nicht blau aufgehen, weil bei uns auf der Erde die Sonne beim Aufgehen rot ist und der Himmel sonst blau ist", wandte Millie ein. Julius sah seine Mutter an, die jedoch den Kopf schüttelte. Das hieß für ihn, ihr zu beschreiben, warum die Sonne überhaupt rot auf- und unterging und warum sie über dem Mars dann ausgerechnet Blau auf- und untergehen würde. So erzählte er seiner Freundin so sachlich aber auch einfach wie möglich, wie Sonnenlicht in der Lufthülle von Staub und Luft gestreut wurde und das Sonnenlicht beim Untergang einen immer längeren Weg zurücklegen mußte, bis alle blauen Anteile herausgefiltert waren und nur noch die orangeroten Farbanteile im Sonnenlicht durchkamen. Beim Marshimmel würde es, so seine Vermutung, tatsächlich anders sein, weil da die roten Bestandteile aus dem Sonnenlicht durch die dünne Atmosphäre und den roten Staub darin ausgefiltert würden.

"Das schreibst du dir besser auf, Millie, falls Professeur Paralax euch nach den Ferien damit kommt", wandte Martine ein.

"Sonnenaufgang auf dem Mars. Das wäre doch mal eine Bilderschau", meinte Robert. "Dann brächte es diese Sternenguckerei echt wieder", fügte er noch hinzu.

"Kann mir vorstellen, daß Professeur Paralax und andre Astronomielehrer jetzt eine Konferenz einberufen und überlegen, was von dem, was Pathfinder über die Marslandschaft nach Hause meldet im Unterricht wichtig ist und was nicht", meinte Julius schmunzelnd. "Vielleicht halten sie auch alles für blanken Humbug, was Muggelmaschinen ... Neh, tun sie ja nicht. Zumindest nicht in Hogwarts und Beauxbatons."

"War auf jeden Fall mal was anderes. Zwischendurch zwar langweilig, wenn sie nur die Muggel in dieser Fernbeobachtungshalle gezeigt haben, aber das Bild da eben war das warten wert", sagte Robert.

"Jungen lassen sich echt von Abenteuern und fremden Landschaften anstecken", meinte Martine dazu. "Die Farbtöne sind zwar interessant. Aber wenn ich das richtig im Kopf habe ist die Atmosphäre vom Mars nur ein Hundertstel so dicht wie die der Erde und kann auch nicht geatmet werden. Dann ist es da so kalt, daß kein flüssiges Wasser existieren kann, das nicht wegen der dünnen Lufthülle verdampft ist. Also ist es da total trocken. Da kann nichts leben."

"Eben deshalb haben die ja ihr Raumschiffding da hingeschickt", entgegnete Robert verbittert. "Die wollen wissen, ob es da mal wen gegeben hat oder nicht."

"In den Geschichten unserer Welt kommen andauernd sogenannte Marsmenschen in verschiedener Form vor", meinte Joe dazu. "Irgendwie wollen die Damen und Herren Wissenschaftler es nicht wahrhaben, daß da oben keiner wohnt oder je gewohnt hat."

"Das kannst du so nicht sagen, Joe, weil ja sonst diese riesigen Täler nicht existieren würden, wo du den Grand Canyon mehrmals drin verstecken kannst", widersprach Julius. "Also muß es irgendwann mal richtige Flüsse gegeben haben, gegen die Seine und Themse halb ausgetrocknete Rinnsale sind. Vielleicht war das bei dem Mars ähnlich wie bei uns hier zur Zeit der Dinosaurier. Könnte ja sein, daß ein Komet oder Asteroid auf dem Mars eingeschlagen ist und weil der weiter von der Sonne weg ist als die Erde eine wesentlich heftigere Eiszeit verursacht hat, bei der restlos alles ausgestorben ist und alles Wasser bei der sich verdünnenden Atmosphäre entweder verflüchtigt hat oder im Gestein eingefroren wurde. Deshalb hat der Pathfinder jetzt die Aufgabe, seine Umgebung zu untersuchen."

"Ja, irgendeinen Strohhalm müssen die sich ja noch erhalten, um die Leute bei Laune zu halten", knurrte Joe. Martine warf ein, daß auf dem Mars durchaus auch magische Kraftquellen existieren könnten. Weil es aber eben keine Möglichkeit gebe, mal eben dahinzufliegen könne das keiner nachprüfen.

"Das wäre es noch, daß da irgendwelche Golems oder Marsdrachen herumliefen", griff Robert Martines Einwand auf. "Dann hätten die von dieser NASA-Firma aber ein großes Problem, wenn diese Marsdrachen ihnen den Pathfinder wegbrutzelten."

"Wenn das Marsdrachen sind spucken die flüssigen Stickstoff", trieb Julius die Idee weiter. "Dann würden die die Kamera tiefgefrieren. Aber das Gerät ist ja für den kalten Weltraum ausgelegt worden."

Neh, die speien Hagelkörner", warf Robert ein.

"Vielleicht gibt's da ja Pflanzen wie den Moorgeist, Julius. Laurentine und du hattet doch erzählt, daß die Pflanzen wie vom Mars aussehen", erinnerte sich Céline an genau die Kräuterkundestunde, in der Julius von Madame Rossignol angerufen worden war, weil Cytheras Geburt begonnen hatte.

"Das müßte dann ja rotes Unkraut sein, wie Wells es in seinem Buch vom Krieg der Welten erwähnt", wandte Florymont Dusoleil ein, der von Julius die bekanntesten Zukunftsdichtungen der Muggelwelt zu lesen bekommen hatte. Seine Frau sah ihn verstimmt an.

"Ihr habt echt alle Ideen", knurrte sie. "Für mich sieht das Bild so aus, als könnte da nichts und niemand leben. Abgesehen davon, daß diese Lebewesen da nicht glücklich wären."

"Wenn die da leben können und nichts anderes kennen könnten die schon glücklich werden, Maman", sagte Jeanne. "Für die wäre die Erde zu blau und zu naß, zu warm und zu hell."

"Also, wenn keine Marsgeister oder Marsdrachen da oben herumspuken, die den Landeroboter angreifen können, wird die Frage, ob sie glücklich wären nebensächlich bleiben", sagte Joe.

"Jedenfalls sind die Muggel glücklich, die Monate und Jahre dafür gearbeitet haben, um dieses Raumfahrzeug dort hinzubringen", befand Catherine und beendete damit die Spekulationen um magische Lebensformen auf dem Mars. Weil nun noch ein Film über den bisherigen Verlauf der Mission von den Startvorbereitungen, dem Start am vierten Dezember 1996 bishin zur nun bestätigten Landung gezeigt wurde, waren alle erst einmal beschäftigt. Dann bat Martha Andrews die Gäste zum Abendessen. Sie hatte wieder ein Menü aus Uroma Hillarys persönlichem Kochbuch vorbereitet.

Jetzt, wo Pathfinder gelandet war fand Julius wieder Zeit, an Darxandrias Warnung und Auftrag zu denken. Ihm graute es etwas davor, diese Echsenmonster aus dem Sumpf wiederzusehen. Wie waren noch einmal die Zauberworte? sofort fielen sie ihm wieder ein: Ashmirin Pantiakhalakatanir Kenartis. Sollten es echt diese drei Worte sein, die womöglich die ganze Welt verändern konnten? Doch um das rauszufinden mußte er auf Madame Faucons Rückkehr warten, um mit ihr darüber zu sprechen, den Lotsenstein zu bekommen. Sicherlich würde sie ihn nicht alleine gehen lassen wollen.

"Hey, bist du jetzt auch auf dem Mars?" Fragte Millie, weil Julius nicht schnell genug auf eine Frage von ihr geantwortet hatte.

"Zum Teil, Millie", sagte Julius. "Ich muß an so vieles Denken, was für Muggel und Zauberer wichtig oder unwichtig ist. Ich denke, außer unseren Astronomielehrer interessiert das keinen anderen Zauberer und keine Hexe, ob auf dem Mars jemand leben kann oder nicht. Deine Verwandten finden ja auch, daß wir hier auf der Erde noch genug Sachen zum entdecken hätten. Dann habe ich daran gedacht, wer von deinen und meinen Bekannten vielleicht was gemacht hat, als Pathfinder gelandet ist. Insofern ... Was wolltest du denn wissen?"

"Ah, das ich dich was gefragt habe hast du zumindest mitbekommen, Monju", erwiderte Millie leicht ungehalten. Dann lächelte sie jedoch wieder und fragte: "Jetzt wo diese Sache gelaufen ist, was machst du in den nächsten Tagen?"

"Hmm, kommt darauf an, wann meine Mutter und ich anfangen, uns gegenseitig auf die Nerven zu gehen", flüsterte Julius. "Aber ich denke mal, deine Eltern haben dich schon für irgendwas verplant."

"Ich soll Callie und Pennie anlernen, bei uns im nächsten Jahr in der Mannschaft mitzuspielen. Das bißchen Übung, daß Brunhilde ihnen abverlangt hat reicht nicht aus. Aber ich kann dich da irgendwo immer noch zwischenschieben", raunte Millie. Julius grinste feist. So wie sie das sagte klang es verrucht und war bestimmt auch so gemeint. Martine sah ihre Schwester an, sagte aber nichts. Ihrer beiden Eltern diskutierten gerade mit Hera Matine, weil Hippolyte unvorsichtigerweise oder ganz bewußt erwähnt hatte, daß ihre Schwiegermutter trotz ihrer gewöhnungsbedürftigen Methoden eine sehr brauchbare Hebamme war, der sie jederzeit weitere Kinder anvertrauen würde. Weil Hera Matine darauf von barbarischen Sitten sprach und es abschätzig betonte, daß Lutetia Arno wohl doch besser in ihrer Zwergenhöhle geblieben sei handelte sie sich Albericus' Unmut ein.

"Oha, hat deine Ausbilderin genau das gesagt, was papa immer zum brodeln bringt", seufzte Millie. Jeanne unterhielt sich derweil mit Catherine über die Erfahrungen als Junge Mutter, wobei Catherine ihr ja um ein Kind voraus war. Julius fragte sich, ob Madame Matine nicht doch rassistisch oder speciistisch drauf war. Albericus sagte dann laut und schrill:

"Sie können meine Mutter doch nur nicht leiden, weil die Ihnen erfahrungstechnisch weit überlegen ist, Madame Matine. Deshalb hacken sie auf ihrer Abstammung rum, die damit nur sehr wenig zu tun hat. Zu sagen, daß sie in ihrer Zwergenhöhle hätte bleiben sollen, wo ich dabei bin ist eine bodenlose Gemeinheit, weil Sie damit ja sagen, daß es mich nicht geben dürfte."

"Ich stelle lediglich fest, daß Ihre Mutter sich gegen bestehende Verhaltenskonventionen benimmt und äußerst fragwürdige Untersuchungs- und Behandlungsmethoden benutzt. Ihre körperlichen und kulturellen Eigenarten sind dabei eben nicht so nebensächlich, wie Sie behaupten."

"Tickt die Alte jetzt aus?" Flüsterte Millie Julius ins Ohr. Dieser konnte das nicht klar verneinen, wollte seiner Ausbilderin für magische Ersthelfer nicht in den Rücken fallen. Martha Andrews blickte von den Latierres zu Madame Matine und wieder zurück, während Babette und Denise leise miteinander tuschelten, Robert den erregten Wortwechsel mit jungenhaftem Grinsen verfolgte, während seine Freundin lieber auf ihren Teller starrte, wohl weil sie nicht wußte, was sie jetzt davon halten sollte. Die Dusoleils schienen auch zu überlegen, ob sie dazwischengehen sollten. Denn als Albericus sagte, daß er froh war, daß seine Mutter seiner Frau geholfen habe, drei gesunde Töchter zu bekommen und sie nicht für mehrere Wochen ans Bett gefesselt habe schnarrte Madame Matine:

"Eben das ist für eine verantwortungsvolle Hebamme sehr unanehmbar, daß eine magisch unterbemittelte Amateurin an werdende Mütter herangelassen wird."

"Millie, du hast recht", flüsterte Julius seiner Freundin ins Ohr. "Die Alte tickt wirklich aus."

"So, mit andren Worten, ich bin ein blöder Halbzwerg, meine Frau ist eine dumme Latierre-Kuh ohne Hörner, weil sie sich von mir drei Viertelzwergbälger hat machen lassen und die dann auch noch so lieb hat, daß sie ihr von ihrer Milch was abgibt. Das betrachte ich als persönliche Beleidigung gegen meine Mutter, gegen mich und gegen meine Familie, Madame", schrillte der winzig wirkende Albericus Latierre. "Nehmen Sie das umgehend zurück, was Sie da gerade von sich gegeben haben, oder Sie kriegen drachenmäßigen Ärger!"

"Oh, Sie drohen mir?!" Keifte Madame Matine. Martha Andrews sah es nun doch ein, daß sie als Wohnungsinhaberin was dagegen machen mußte. Sie sprang auf und sagte laut aber gerade noch beherrscht:

"Madame Matine, Monsieur Latierre, hier wird nicht herumgeschrien, falls Sie beide nicht auch in Windeln machen müssen. Außerdem verbitte ich es mir in meiner Wohnung, daß meine Gäste sich gegenseitig beleidigen. Falls Sie unvereinbare Ansichten haben tragen Sie diese bitte wie erwachsene Leute aus! Hier sind junge Menschen, die Ihr lautes Gerangel als Vorbild für eigene Auseinandersetzungen verstehen könnten." Madame Matine sah Martha zornig an, während Albericus zu seinen Töchtern, dann zu Babette und Denise hinübersah und verärgert die Fäuste ballte. Julius fühlte sich dann noch berufen, was dazu zu sagen und sprach mit einem bei ihm selten gehörten strengen Tonfall:

"Sie zanken sich hier über Herkunft und Ausbildung herum, während in meiner Heimat Leute Todesangst haben, jederzeit könnten Voldemorts Handlanger zu ihnen kommen, ihre Familien quälen und dann einfach so umbringen. Soll das echt erwachsen sein?" Wie so häufig wirkte der Name des weithin gefürchteten Schwarzmagiers wie ein Blitzeinschlag in unmittelbarer Nähe. Alle Zaubererweltangehörigen sahen Julius erschrocken an, während Martha Andrews und Joe Brickston sich verstohlen anblickten. Totale Stille lag nun über dem Esszimmertisch, wo vor gerade einer halben Minute eine wilde Zankerei im Gang gewesen war. Ungefähr eine Minute lang sagte keiner mehr einen Ton. Dann ergriff Catherine das Wort:

"Martha und Julius, ihr habt beide recht. Uns jetzt über Abstammungsunterschiede zu ereifern ist genau das, was die Gehilfen des wahnsinnigen Verbrechers in England wollen, nämlich nur auf die Herkunft und die Abstammung zu sehen, einander damit zu traktieren und sich unrettbar zu zerstreiten, während diese Mörder weitermachen können, ja durch sowas wie das hier eben immer mächtiger werden. Hera", sie sah dabei Madame Matine an, " niemand hier streitet ernsthaft deine Kompetenz als Heilhexe ab. Sonst hätten Camille hier, ihre Tochter Jeanne oder ich uns und unsere bis dahin ungeborenen Kinder nicht deiner Sachkunde anvertraut. Allerdings mußt du auch zugeben, daß andere Hebammen auch ihr Fach verstehen, auch wenn sie nicht mit der uns geläufigen Magie arbeiten können und hauptsächlich von der eigenen Erfahrung mit sich selbst und werdenden Müttern aus ihrem Heimatvolk schöpfen können. Außerdem tut es wirklich schon weh, jemanden wegen seiner Eltern oder eines Elternteils persönlich herabzuwürdigen. Meine Tochter Babette könnte ja meinen, daß das sich so gehört und sie im kommenden Jahr, wenn sie nach Beauxbatons geht wegen ihres Vaters andauernd dumm und bösartig angeredet wird. Julius hier kennt das." Dabei deutete sie mit der rechten Hand auf Julius, während sie Hera Matine weiter im Blick behielt. "Er weiß, wie die Mitschüler aus dem Slytherin-Haus in Hogwarts über seine Eltern und seine Herkunft herziehen. Willst du, Hera, dich wirklich auf dieses unmenschliche Gebahren einlassen?"

"Dieser Kerl da", wobei Hera Matine auf Millies Vater deutete, "hat mich als unfähige Pfuscherin angeredet, Catherine. Ich muß daher ergründen, woher er diese Unverschämtheit nimmt."

"Nachdem diese Gewitterhexe da tönt, daß meine Mutter sich lieber als unmündiges nacktes Hausweibchen von einem bärtigen Kraftprotz mißhandeln und ohne geliebt zu werden ein Kind nach dem anderen zu kriegen haben sollte", knurrte Albericus Latierre. Seine Frau sah ihn beruhigend an. "Diese Gemeinheit lasse ich nicht auf mir sitzen, Madame. Und glauben Sie mir, daß meine Mutter die passende Antwort drauf findet."

"Wie gesagt, Sie drohen mir?" Schnarrte Madame Matine. Catherine sah Martha fragend an. Diese nickte ihr zustimmend zu. Dann bellte sie:

"Schluß damit! Wenn ihr beide euch nicht benehmen könnt schicke ich euch mit Marthas Einverständnis nach Hause."

"Ich werde mich nicht von diesem ungehobelten Klotz da erniedrigen lassen", knurrte Madame Matine.

"Und ich lasse mich und meine Familie nicht von einer überbehütsamen, nur ihre Meinung gelten lassenden, unbefriedigten Witwe beleidigen", schnarrte Albericus Latierre. "Die kann froh sein, daß ich in Anwesenheit meiner Töchter keinen verhaue. Aber wenn die es so will, kann sie sich gerne mit mir duellieren, wo sie will."

"So, das reicht jetzt", erzürnte sich Martha. "Zauberer und Hexen oder nicht, hier ist meine Wohnung, und Sie Madame, und du, Albericus, habt hier nicht wie Straßenbälger herumzuzetern und euch Prügel anzudrohen. Entweder hört das sofort auf, oder ihr fliegt beide hier raus, und zwar ohne Besen!"

Wieder herrschte einige Sekunden Stille. Hera Matine sah Julius' Mutter erst verdutzt, dann ungehalten und schließlich abbittend an. Dann sagte sie mit schwer unterdrückter Wut in der Stimme:

"So bleibt mir nur, mich zu empfehlen. Jeanne, in spätestens zehn Minuten komme ich bei euch zu Hause vorbei. Sieh zu, daß du dann da bist! Auf Wiedersehen, die Herrschaften!" Dann sah sie Julius an. Dieser hörte ihre Gedankenstimme:

"Mit diesem Pack hast du dich eingelassen. Ich hätte was besseres von dir erwartet." Julius fühlte, wie ihn die Wut zu packen versuchte. Diese Hexe da, die er für ihre Sachkunde und Erklärungsfähigkeit bewundert hatte, hatte jetzt auch ihn noch runtergeputzt. Doch dann sah er sie überlegen grinsend an und sagte:

"Letztes Jahr hatte Madame Delamontagne einen solchen Ausfall wie Sie gerade, Madame. Wenn es dieselbe Ursache ist, dann herzlichen Glückwunsch und auf Wiedersehen!" Alle sahen ihn nun verdattert an, als habe er einen ungemein heftigen Fluch ausgesprochen. Madame Matine erstarrte so, als sei sie versteinert worden. Zwei Sekunden lang sagte oder mentiloquierte sie nichts. Dann bohrte sich ihre Gedankenstimme in seinen Kopf:

"Denk bloß nicht dran, zu mir zu kommen, wenn die ihren Großeltern und Eltern nacheifernde Göre ein Kind von dir trägt. Offenbar hat sie dich mit ihrer Aufsässigkeit angesteckt." Dann zündete sie mit einer Zauberstabbewegung ein Feuer im Kamin an, warf aus einer kleinen Dose Flohpulver in die Flammen, kletterte wild entschlossen in den breiten Kamin hinein und rief "Chapeau du Magicien!"

"Hups, was will denn die bei Caros Eltern?" Fragte Millie, als die wütende Heilhexe in den grünen Flammen verschwunden war.

"Was wird die da wollen, sich zusaufen", feixte Albericus Latierre, während seine Frau ihn tadelnd ansah. Martine grinste verkrampft. Offenbar wollte sie sich nicht darüber amüsieren, konnte es aber nicht wirklich unterdrücken.

"Was hat Hera dir noch zumentiloquiert?" Fragte Catherine Julius auf die unhörbare Weise.

"Das Sie bloß nicht behelligt werden soll, wenn Millie ein Kind von mir erwartet", antwortete Julius wahrheitsgemäß. Er fragte sich, wie Catherine das mitbekommen hatte.

 

"Habe ich mir gedacht", mentiloquierte Catherine. "Du sahst für eine Sekunde so aus, als habe dir jemand gegen den Kopf geschlagen. Daher wußte ich das."

"Das war wohl ein heftiger Tiefschlag, den du der alten Kinderpflückerin da verpaßt hast", grinste Robert Deloire und bekam von seiner Freundin einen Ellenbogenstoß in die Seite.

"Ja, Julius, war schon unter der Gürtellinie, was du der achso respektablen Dame da entgegengeschmettert hast", befand Joe Brickston, der aber auch gegen ein tückisches Grinsen ankämpfte. martha Andrews saß mit einer ähnlich versteinerten Mine da, wie sie Madame Matine bei Julius' Bemerkung gezeigt hatte. Dann entspannte sie sich, weil alle sichtlich erleichtert dreinschauten, außer Albericus, der so winzig wie er war so wütend aussah. Hätte er keinen Bart getragen, hätte Julius ihn für einen bockigen Achtjährigen halten mögen, der zu irgendwas verdonnert worden war und jetzt überlegte, an wem er seine Wut auslassen sollte.

"Robert, das war jetzt total daneben", knurrte Céline ihren Freund an. "Du wurdest ja wohl auch nicht ohne Hebamme zur Weltgebracht, oder?"

"Sicher doch, Céline. Die hat mich auf dem Mädchenklo von Beauxbatons fast in die Schüssel fallen lassen", hielt Robert ihr boshaft entgegen.

"Neh, das ist nicht wahr, Robert", schnaubte Céline. "Dann hätte man das ja erzählt, daß vor Connie schon mal eine in Beaux unerlaubt ... Trollpopel!"

"Angenehm, Deloire", erwiderte Robert. Millie grinste ihn beipflichtend an.

"Die Herrschaften", erhob Catherine ihre Stimme zu einer unerbittlichen Maßregelung, "zwar haben uns Madame Matine und Monsieur Latierre vorgeführt, daß sich auch volljährige Hexen und Zauberer kindisch benehmen können, aber jetzt ist das Thema beendet, und ich möchte nichts mehr hören, was gegen die eine oder den anderen geht. Also benehmt euch gefälligst!"

"Catherine, das hier ist ...", warf Julius' Mutter ein.

"Ich weiß, eure Wohnung, Martha. Ich hielt es nur für geboten, diesem Treiben jetzt Einhalt gebieten zu müssen", erwiderte Catherine mit einer Stimme, in der die Strenge ihrer Mutter nachhallte.

"Catherine, du hast recht. Was hier abgelaufen ist war nicht schön", sagte Camille Dusoleil. Robert grinste noch, obwohl Céline versuchte, ihm das mit Knuffen und Puffen auszutreiben. Millie grinste zwar auch, hütete sich jedoch vor Catherines saphirblauem Blick. Es dauerte fast zwei Minuten, bis sie zu einem angenehmen Gespräch zurückfanden. Es ging noch einmal um die gerade im Fernsehen verfolgte Marsmission und das Kochbuch von Julius Urgroßmutter Hillary. Hippolyte, Camille und Jeanne fragten, ob sie sich die Kochrezepte ausleihen durften. Catherine lobte Martha für das Menü, das einen Auszug aus der britischen Kolonialgeschichte bezeichnete.

Jeanne wollte es sich nicht mit ihrer Hebamme verderben und kehrte eine Minute vor dem angesetzten Besuchstermin in ihr Haus zurück. Die verbliebenen Gäste saßen dann noch zwei Stunden bei Rotwein und Limonade zusammen. Dann verabschiedeten sich die Brickstons, die in die untere Wohnung zurückkehrten. Camille sah ihrem Mann zu, der Denise in seine Arme schloß und sich, nachdem er sich bei Martha und Julius für den interessanten Nachmittag bedankt hatte, mit Flohpulver zum "Jardin du Soleil" absetzte.

"Das war schon lustig, was du Hera unterstellt hast, Julius. Aber wahrscheinlich war sie nur wütend, weil Monsieur Latierre sie wirklich für unfähig erklärt hat. Immerhin hat sie ja auch schon um die vierzig Jahre Berufserfahrung. Wäre mir auch nicht entgangen, wenn Hera wen umgarnt hätte, um selbst noch einmal Mutter zu werden", sagte Camille Julius leise. Dann flohpulverte sie auch in ihr gemütliches Haus mit großem Garten zurück.

"So, Tine und Millie. Wir sollten dann auch mal. Miriam möchte wohl noch ein paar Stunden absolute Ruhe haben, bevor sie uns wachsingt", sagte Hippolyte. Ihre Töchter nickten. Millie umarmte Julius und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf jede Wange. Dann reisten auch die Latierres ab.

"Mein Vater dürfte jetzt abgefüllt sein, wenn deine Eltern wieder den alten Cognac rausgeholt haben", meinte Robert zu Céline. Diese umarmte Julius, gab ihm aber keine Wangenküsse. Offenbar fürchtete sie, sich bei ihm mit irgendwas von Millie anzustecken. Die beiden Hexenmädchen mochten sich nicht, wußte Julius. Robert hieb ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

"War schon toll, diese Marslandschaft. Wenn du die ersten Bilder von diesem Pathfinder-Apparat hast schick mir davon welche zu. Vielleicht kann ich die mit Marsgeschöpfen bemalen lassen und die bei uns im Schlafsaal aufhängen."

"Bertillon könnte uns dafür durch den Wolf drehen", meinte Julius. Dann wünschte er Céline und Robert noch eine gute Nacht.

Als Martha und Julius Andrews wieder für sich waren meinte sie zu ihrem Sohn: "Also, diese Hera Matine verstehe ich nicht. Was sollte das denn mit Albericus?"

"Weiß ich doch nicht, Mum. Irgendwie hatte die bei Dumbledores Beerdigung schon so einen Rappel, weil Hagrid seinen Halbbruder mitgebracht hat", sagte Julius.

"Ach, der echte Riese, von dem du mir erzählt hast. Hatte sie da nicht in Madame Maximes Hörweite gefordert, alle Riesen zu erlegen?"

"Genau, Mum", bestätigte Julius.

"Vielleicht kommt Madame Matine in die Wechseljahre. Das soll ja bei Hexen wesentlich später einsetzen. Da spielen die Hormone genauso verrückt wie bei der Pubertät oder einer Schwangerschaft", spekulierte Martha Andrews.

"Vielleicht kann sie es aber einfach nicht ab, daß sie nicht die einzige ist, die Kinder gesund auf die Welt holen kann. Zumindest hätte sie was Millies Oma väterlicherseits angeht mit Madame Maxime einen Club aufmachen können", sagte Julius.

"Ich kenne Mildrids Oma nicht gut genug. Aber soweit ich es mitbekam ist sie noch ungehemmter drauf als Ursuline."

"Was was heißen will, Mum. Du hast ja den Brief von mir gekriegt, was los war, als wir sie im Zauberwesenseminar bei uns hatten", erwiderte Julius vergnügt grinsend. Seine Mutter nickte bestätigend.

"Die hat damals gesagt, daß sie mit Millies anderer Oma am besten zurechtkam", erinnerte Julius seine Mutter an jene Halloweenparty, wo Madame Maxime Madame Arno fast verprügelt hätte, wenn die Zwergin nicht ihre geringe Körpergröße und Gewandtheit ausgenutzt und sich quasi unter ihr durch davongemacht hätte.

"Da haben wir Leute zu einem Fernsehnachmittag eingeladen und fast einen magischen Kampf geerntet. Das war wohl die Rache des altrömischen Kriegsgottes, das man einen Roboter auf ihn geworfen hat und der jetzt hautnah auf ihm herumkrabbeln kann", sagte Martha.

"Ja, aber was ich gesagt habe halte ich aufrecht", sagte Julius. "In England leben jetzt mehrere Leute wie du und ich in Angst und Schrecken, und Madame Matine hat nichts besseres zu tun als über Albericus' Mutter abzulästern und wundert sich, daß der das nicht einfach runterschluckt."

"Sogesehen dürften sich Menschen in Ländern, wo Frieden und Freiheit herrscht über nichts in der Wolle haben", seufzte Martha Andrews. "Aber weil Krieg und Folter ja so lange her oder so weit weg sind vergessen die meisten das zwischendurch, wie gut wir es eigentlich haben. Ich habe ja gestern nicht wesentlich besser reagiert."

"Ist schon um die Ecke. Du weißt ja jetzt, warum ich dir nicht alles erzählt habe."

"Ja, und jetzt kriege ich wohl noch andere Alpträume als sonst schon."

"Du wolltest das so, Mum", entgegnete Julius frech und lächelte sein braver-kleiner-Junge-Lächeln.

"Am besten gehst du jetzt schlafen. Wenn Claudine uns wieder um drei Uhr weckt haben wir nur fünf Stunden Ruhe", knurrte seine Mutter, mußte dann aber lachen.

Im Bett mentiloquierte Julius noch mit Millie.

"Und Céline hat dir keine Wangenküsse gegeben?" Hörte er die Stimme seiner lebhaften Freundin im Kopf.

"Hat wohl gedacht, sich was zu holen, wenn ich mir das Gesicht nicht vorher wasche", erwiderte Julius unhörbar.

"Die war doch nur mit, weil Robert die Marslandung angucken wollte. Vielleicht will sie ihrem Vater jetzt in den Ohren liegen, einen Besen zu bauen, der da hinfliegen kann. Soll mir aber egal sein. Was hat dir diese Krawallhexe in den Kopf gezaubert, Monju?"

"Welche Krawallhexe?"

"Die, die Robert als Kinderpflückerin bezeichnet hat natürlich. Also was war's?"

"Sie meinte, ich sollte nicht angelaufen kommen, wenn du von mir was Kleines bekämst", dachte Julius zurück.

"Wag dich das auch. Tante Trice, Oma Teti und Oma Line würden dich dafür einschrumpfen und in ein Einmachglas setzen oder was schlimmeres mit dir anstellen, wenn du diese überhebliche Wetterhexe fragst, ob sie unsere Früchte aus meinem Garten pflücken darf. Außerdem kannst du das jetzt auch alleine. Im Zweifelsfall darf Tine dir dann helfen."

"Noch sind wir nicht so weit", wehrte Julius ab. "Aber recht hast du schon."

"Was meinen Bauch angeht sowieso, Monju. Schlaf schön und träum von mir!"

"Als Baby, als Schulmädchen oder als Mutter meiner Kinder?" Fragte Julius zurück.

"Wenn du träumen willst, mein Baby zu sein habe ich nichts dagegen", erwiderte Millies Gedankenstimme. Julius fühlte, wie das rote Herz auf seiner Stirn wärmer wurde und stärker pulsierte.

"Gute Nacht, Mamille und träume schön von Viento del Sol."

"Gute Idee. War richtig heiß und wild da. Schlaf schön!"

Julius steckte den Herzanhänger wieder unter seine Schlafanzugjacke und drehte sich in seine Lieblingsschlafstellung. Vielleicht hatte er diese Nacht auch eine ruhige Nacht. Er hoffte es.

 

__________

 

Julius wanderte durch den Sonnenblumenwald vom Château Tournesol. Eigentlich suchte er Millie. Doch diese hatte ihm nur gesagt, hier auf sie zu warten, beziehungsweise ein wenig Spazieren zu gehen. Er genoss die wärmenden Sonnenstrahlen, die zwischen den wipfelgroßen Blütenkelchen hindurchschlüpften und ein helllgoldenes Lichterspiel auf dem Boden veranstalteten. Doch wo blieb Millie? Sie hatte ihm gesagt, noch einmal mit ihrer Großmutter zu sprechen, ob er seinen Geburtstag nicht bei ihnen im Schloß feiern sollte. Eigentlich konnte das nicht so lange dauern. Ursuline würde bestimmt zustimmen. Also wo blieb seine feste Freundin, das Mädchen, daß er unter dem Schutz des Mondes zur Frau gemacht und die ihn vom Jungen zum Mann gemacht hatte? Es war still um ihn herum. Kein Windhauch strich durch den Park aus baumhohen Sonnenblumen mit holzigen, sich windenden Stengeln, die mit meterweit ausladenden Blättern viel Schatten spendeten, und deren mehr als drei Meter durchmessende Blütenkelche an die zwanzig Meter über ihm prangten. Er lauschte Richtung Schloß. Doch er hörte überhaupt nichts. Er lauschte auf seinen Herzschlag, doch auch ihn hörte er nicht. Er griff sich erschrocken an die Brust. Ja, das sachte Pochen unter seinen Rippen war noch zu fühlen. Es war, als habe er sein Gehör verloren oder den geräuschlosen Raum gezaubert, wie die Montferre-Schwestern es ihm vor dem Seminartag mit den Sangazon-Vampiren beigebracht hatten. Er öffnete den Mund und rief:

"Hallo, hört mich jemand!" Seine Stimme hallte von den baumstammgleichen Sonnenblumenstengeln wider. Dann hörte er eine junge Stimme, wie die eines fremden Mädchens.

"Ja, Julius, ich bin in der Nähe." Er erkannte die Stimme nicht. Sie war tief und weittragend und dennoch eindeutig die eines jungen Mädchens. Außerdem kam sie nicht vom Schloß her, sondern von links oben. Er blickte auf. Doch die Blüten und Blätter der baumhohen Blumen versperrten ihm den freien Blick zum Himmel. Wer war denn das? Er lauschte und hörte jetzt endlich wieder was. Es klang wie das Durchschwingen mächtiger Flügel, wie er es bei den Latierre-Kühen gehört hatte, auf denen er schon geritten war. Doch da war noch etwas, ein näherkommendes Fauchen, Schnauben und Zischen. Er erschrak. Das klang doch genauso ... Da knarrte und krachte es keine fünfzig Schritte von ihm fort. Eine der gigantischen Sonnenblumen war wie ein gewöhnlicher Baum gefällt worden. Dann noch eine! Noch eine!! - Er hörte das näherkommende Fauchen, Schnauben und Zischen. Dann, als vier der dutzendmeterhohen Blumen gleichzeitig umknickten, sah er sie, die Heerscharen Skyllians. Jetzt, im Sonnenlicht, konnte er sehen, wie ihre echsenartigen Schuppenpanzer gefärbt waren. Er sah zwei etwa zweieinhalb Meter hohe Bestien, die giftgrün und schwarz gesprenkelt waren und die mit milchigweißen lidlosen Augen umherstarrten. Dann erkannte er noch zwei blutrot und erdbraun längsgestreifte Schuppenwesen, die ohne große Anstrengung die hohen Sonnenblumen umknickten. Julius fuhr herum und erblickte zu seinem Entsetzen einen weiteren Trupp dieser Verschmelzung aus bulligen Menschen und schlangenartigen Echsen mit biegsamen Armen und muskulösen, aber ebenso biegsamen Beinen, wieder die in Grün und Schwarz. Da wußte er, woher er das Bild dieser Bestien kannte, und es nagelte ihn förmlich am lockeren Humusboden fest. Das Zischen und Fauchen wurde lauter, wirkte triumphierend wie der Ruf überlegener Krieger. Dann hörte er das rhythmische Rauschen über sich. Er wagte den Blick zum Himmel und sah Temmie, die junge, verspielte, sprichwörtlich auf ihn fliegende Latierre-Kuh Temmie. Da hörte er die unheimlichen Krieger herankommen und schnarrend und zischend miteinander reden. Ihm war, als würden diese Monster nun wachsen, zusammen mit den Sonnenblumen, die Julius umstanden und nun wie einfaches Gras umgeworfen wurden. Doch dieser Vorgang hielt keine zwei Sekunden vor, da waren die ersten Skyllianer bis auf fünf Meter heran. Da verdunkelte sich der Himmel über Julius. Er sah nach oben und blickte in den weit wie ein Scheunentor aufklaffenden Rachen einer nun mindestens dreimal so großen Latierre-Kuh, Er roch angewidert den nach verfaulenden Pflanzen stinkenden, tropischheißen Atem. Er wollte fortlaufen. Doch von allen Seiten rückten die sich ihrer Beute sicheren Skyllianer heran, und da klatschte ihm eine rosarote, rauhe Zunge troffnass gegen den Rücken, las ihn wie ein loses Blatt vom Boden auf und warf ihn in die dunkelrote Höhle mit den weißgelben Mahlzähnen als Begrenzungsfelsen. Julius wollte schreien. Doch ihm blieb die Luft weg, als er von der rauhen, klitschnassen Zunge angehoben wurde und unhaltbar darauf fortrutschte, mitten hinein in einen meterhohen, sich windenden Tunnel. Mit einem lauten schmatzenden Geräusch wurde er unwiderstehlich von der wohl nun mehr als busgroßen Kuh hinuntergeschluckt, schlidderte die glitschige und warme, sich zusammenziehende und wieder entspannende Speiseröhre hinunter bis in einen großen, dunklen Raum, der lederartig weich und Warm war. Julius fürchtete schon, nicht mehr atmen zu können, weil die in diesem ersten von vier Mägen entstehenden Verdauungsgase sicher giftig für ihn waren. Doch als er doch Luft holte, wehte ihm der angenehme Duft von frischem Stroh um die Nase. Er meinte, in einem Sack groß wie ein Kleintransporter zu liegen, als er endlich Halt fand. Er hörte das laute Wummern eines mächtigen Herzens, hörte nun stoßweises Schnaufen und wie durch meterdicke Wände gefiltert das rhythmische Schlagen der Flügel.

"Monju, hat sie dich gefunden?" Hörte er Millie fragen. Er blickte sich um. Hier drinnen war es bis auf einen sehr schwachen Rotton stockdunkel. Er suchte und fand seinen Zauberstab und machte damit licht. Nun wurde die skuril geformte Behausung in einen blutroten Schein getaucht. Julius konnte nun beide Zugänge sehen und erkannte Millie, die keine drei Schritte von ihm am weichen, nachgiebigen Boden hockte.

"Verdammt noch mal, das kann doch nicht wahr sein", stieß er aus. Millie sah ihn an.

"Den Trick habe ich denen nicht zugetraut", sagte sie. Ihre Stimme klang in diesem sackartigen Gewölbe dumpf wie in einer Besenkammer.

"Welchen Trick?" Fragte Julius.

"Menschen, die ihnen was bedeuten instinktiv so klein zu schrumpfen, daß sie sie unzerkaut runterschlucken können und in ihrem ersten Magen eine für uns atembare Luft zu befördern", sagte Millie. "Die kam einfach angeflogen und schlabberte mich auf wie ein loses Getreidekorn. Ich wollte erst um Hilfe rufen. Doch irgendwie hat Temmie zu mir gesprochen.

"Böse Bodenkrieger haben Angst vor uns Latierre-Kühen", klang nun die tiefe Mädchenstimme von allen Seiten zu Julius. "Ich will nicht, daß ihr von denen totgemacht werdet. Die sind fast überall. Nur da, wo wir wohnen können sie nicht hin und nicht in das Schloß, weil Line was gemacht hat, um es vor bösen Bodenläufern zu verstecken. Ich habe gespürt, wo du warst und habe die, die zu dir gehört noch rechtzeitig zu mir genommen. Ihr seid nun in Sicherheit. Ich bringe euch zu meinen Cousinen hin, die Babs und die andren in sich drinhaben, um vor den bösen Bodenläufern sicher zu sein."

"Moment, Temmie. Das kann doch nicht angehen. Wieso könnt ihr sowas?!" Rief Julius. Auch seine Stimme hallte dumpf wider.

"Weil die, die jetzt ein Baum ist damals viel von ihrer menschlichen Liebe in unsere Vormütter und -väter fließen ließ. Deshalb können wir, die noch ohne Kalb im Bauch waren die, die wir besonders gernhaben zu uns nehmen und lebendig halten, wenn etwas ganz böses sie angreift. Eure Kraft, die uns auch gemacht hat, kann von denen abprallen. Nur was fliegt ist vor ihnen sicher", antwortete Temmie von lauten Atemzügen unterbrochen. Offenbar flog sie nun mit ihnen so schnell sie konnte.

"Ja, aber auch wenn in dir brauchbare Luft ist können wir nicht hier bleiben", sagte Millie laut. "Wir müssen was essen, trinken und uns bewegen, Licht haben und Sonne."

"Nein, müßt ihr nicht. Ich atme und esse und trinke für euch mit", sagte Temmies Stimme. "Und was das Himmelsfeuer angeht, so hat Julius ja das Zauberlicht in mir angemacht, wie ich mitbekommen kann."

"Ja, aber wenn du frißt und alles widerkäust und dann richtig runterschluckst gehen wir mit durch deinen ganzen Verdauungstrakt", wandte Julius ein. Da fühlte er, wie der Boden aufweichte und sich etwas um seine Beine zusammenzog. Auch Millies Beine verschwanden bis zur Hüfte unter einem zähen, lederartigen Stoff.

"So kann ich euch lebendig halten", sagte Temmie. Julius fühlte, wie das Pulsieren des großen Herzens etwas durch seine Beine trieb und erkannte, daß die unglaubliche Riesenkuh ihn mit ihrem Blutkreislauf verbunden hatte. "Die bösen Bodenläufer sind fast überall. Ich will euch nicht mehr hergeben."

"Ja, aber irgendwann willst du vielleicht ein Kalb haben", fiel es Millie ein. "Dann kannst du uns nicht so bei dir behalten."

"Dann werdet ihr mit meinen Kindern eins", kam Temmies knochentrockene Antwort. "Julius hat ja den Schlüssel nicht mehr, um das zu finden, was diese bösen Bodenläufer besiegen kann. Deshalb laufen sie jetzt auf der ganzen Erde herum. Nur weil wir sie von weitem hören und riechen und sofort wegfliegen können leben wir noch." Julius stutzte. Den Schlüssel. Ja, jetzt war es ihm klar. Das war schon wieder ein von Darxandrias Geistessplitter in seinem Kopf zusammengebrauter Traum. Natürlich konnten Latierre-Kühe nicht einfach Menschen so klein werden lassen und sie unzerkaut runterschlucken und dann noch einen angenehmen Scheunenduft in ihren Pansen herstellen, um die unfreiwillig geborgenen Schützlinge mit Luft zu versorgen. So sagte er:

"Natürlich habe ich den Schlüssel noch. Ich kann ihn benutzen, wenn ich den Stein kriege. Den hat meine Lehrmeisterin Faucon bekommen."

"Das glaube ich nicht, daß du den Schlüssel noch hast", widersprach Temmies Rundumstimme.

"Von was für einem Schlüssel habt ihr's, Monju. Das will ich noch wissen, bevor ich als Tochter von Temmie und Ares oder Poseidon neu zur Welt kommen muß und bis dahin in ihrem Pansen festhänge."

 

"Eine Zauberformel, um einen alten Stein aus Atlantis zu benutzen", sagte Julius, der sich sicher war, daß diese Millie neben ihm auch nur ein Teil des Traums war. Er beschrieb ihr, was gemeint war und woher er den Lotsenstein bekommen hatte. In der Überzeugung, jetzt gleich aus dem gigantischen Pansen heraus in seinem Bett zu erscheinen erzählte er von seinen Ausflügen in die Bilderwelt. Dann sagte er laut:

"Meine Lehrmeisterin hat den Stein, Temmie. Ich habe den Schlüssel noch im Kopf: Ashmirin Pantiakhalakatanir Kenartis!"

"Oh, das klingt wunderbar warm", sagte Temmie. Julius wiederholte die Worte. Da fühlte er, wie die zähe Haut, die seine Beine eingeschnürt hatte zerriss, sich ohne zu bluten zurückzog und ihn freigab. Dann fühlte er, wie sie schwerelos wurden. Julius flog dabei in Richtung Speiseröhre zurück, die ihn nun mit pumpenden Stauchungen und Dehnungen in Richtung Maul stieß.

"Heh, Monju, nimm mich mit!" Rief Millie ihm nach. Doch er konnte sich der ihn nun auswürgenden Kraft nicht entgegenstemmen. Dann fühlte er eine Bodenerschütterung und rutschte die letzten Meter, landete auf der breiten, rauhen Zunge, fühlte, wie sie ihn nach vorne schob und sah die auseinanderklaffenden Kiefer mit den felsblockartigen Raspelzähnen, die gut zum Zermahlen von holzigen Pflanzenteilen geeignet waren. Dann glitt er fast am Vorderende der Zunge hinaus in das Licht, fiel nur einen halben Meter und landete in mannshohem Gras, das unvermittelt zu kniehohem Wiesenkraut zusammenschrumpfte. Julius blickte sich nach Temmie um. Da, wo diese eben noch gestanden hatte, stand nun Darxandria, diesmal völlig unbekleidet.

"Du kennst die Worte. Hüte sie wohl und nutze den Stein, um an die erhabene Stätte zu kommen! Sprich das erste der drei Worte, das sagt, daß ein Leben über den Weg der Kraft gehen will. Folge dem Licht, daß der Stein dir zeigt, um den Eingang zu finden! Sprich es dann erneut, sowie das zweite Wort, um den Weg zu öffnen. Sage dann das dritte Wort, um den Schutz der Stadt für dich durchlässig zu machen! Dann wirst du an den Ort gelangen, wo alles Wissen gehütet wird, das du benötigst", sagte sie. Julius nickte. Da er wußte, daß er nicht in der ihm eigenen Wirklichkeit war, machte er sich keine Sorgen um Millie. Wahrscheinlich hatte sie in diesem Traum den Zweck der beruhigenden und vertrauten Ansprechstation erfüllt und wurde jetzt nicht mehr gebraucht.

"Ich weiß nicht, wo meine Lehrmeisterin gerade ist und wo sie den Stein hingebracht hat", sagte Julius. "Wie viel Zeit habe ich denn noch?"

"Einen Tag oder ein Menschenleben, Julius Andrews. Ich weiß es nicht, da meine Macht auf die beschränkt ist, die sich meinem Schutz anvertraut haben. Ich verspüre nur die lauernde Ungeduld Skyllians, die endlich von einem ihr würdigen Gebieter der Kraft auf die lebenden Menschen losgelassen werden will. Sie nimmt zu und wird, dies weiß ich, danach trachten, dem Räuber des Alten Herrscherstabes zu verkünden, wo und wie er die schlafenden Krieger finden und erwecken kann. Warte also nicht mehr lange, Julius Andrews, Träger meines Siegels. Mach dich auf und finde, was du finden mußt, um Skyllians Vorhaben zu vereiteln oder ihm den Erfolg zu versagen, falls der das Licht verschmähende Meister der Kraft die Krieger schon erweckt hat. Du bist mein Erbe. Erfülle also deine Pflicht!"

"Und was ist, wenn ich nicht will?" Muckte Julius auf.

"Oh, dann werden du und die deinen vom Angesicht der Erde verschwinden, und die junge Trägerin der Kraft, die du im Lichte der Nachtwächterin in seelischer Verbundenheit und körperlicher Wonne angenommen hast wird dir niemals Kinder schenken können. Ja, du wirst dann erleben müssen, wie die Welt, die du liebst, der zerstörerischen Dunkelheit zum Fraß vorgeworfen wird. Suche deine Lehrmeisterin auf und erbitte den Stein von ihr! Benutze ihn, wie ich es dir gesagt habe und finde das nötige Wissen und Können im Schutze der Heimstatt des Wissens!"

"Ist das auch so gefährlich wie das letzte Mal, wo du wolltest, daß ich irgendwo hingehe?" Fragte Julius argwöhnisch.

"Die einzige Gefahr ist die, daß du die Wächter der Heimstatt des Wissens nicht davon überzeugen könntest, daß du der Träger meines Siegels bist, Julius Andrews. Doch dies erscheint mir so sicher wie die Wiederkehr des Himmelsfeuers nach der dunklen Nacht."

"Beim letzten Ausflug, auf den dein in mich eingeschmuggeltes Wissen mich geschickt hat ist meine erste Gefährtin gestorben", schnarrte Julius.

"Nein, ist sie nicht. Sie gab nur in Liebe zu dir ihr körperliches Sein auf und verband sich mit dem körperlosen Sein ihrer Großmutter, um mächtiger als jemals zu erwarten war dich und die anderen, mit denen sie in Liebe verbunden ist zu bewachen und zu beschützen. Doch auch ihre Stärke würde untergehen, wenn es den Skyllianri gelingt, ihre verderbliche Daseinsform über diese Welt auszubreiten. Soll das Opfer ihres atmenden Körpers nicht vergeblich gewesen sein, so befolge mein Gebot und erlange Ailanorars Stimme, um die Wächter des Himmels anzurufen!"

"Hallo, hört mich da draußen noch wer?" Hörte Julius Millies Stimme wie aus einem verschlossenen Kellergewölbe klingen. Julius wollte schon sagen, daß er sie hörte, als Darxandriasich einfach umdrehte und davonging. Julius wollte ihr nachlaufen. Doch er kam keinen Meter weit. Irgendwas fing ihn ab wie ein unsichtbares Stahlnetz, das ihn zurückhielt, während Darxandria ruhig davonging. Er hörte Millies Stimme wie in weiter Ferne verschwinden. Dann bebte die Erde, und er stürzte in einen tiefschwarzen Spalt hinab, der ohne Aufprall in seinem eigenen Bett endete.

"Ich hätte mich damals nicht auf dieses Ding mit der Haube einlassen sollen", fluchte Julius leise. Er lauschte, ob seine Mutter wieder vor der Tür stand. Doch offenbar hatte er diesmal nicht in Panik geschrien. Statt dessen schrie nun Claudine einen Stock weiter unten.

"Vier Uhr", gähnte Julius. "Die Kleine hat einen Wecker im Bauch." Er dachte über den gerade überstandenen Traum nach. Darxandria hatte ihn wieder auf ihre gedankliche Daseinsebene geholt. Aber diesmal hatte sie sich was einfallen lassen, dachte Julius. Die Sache mit Temmie, daß er mit Millie im gigantischen, gut belüfteten Kuhmagen gehockt hatte, das war neu. Sonst hatte die letzte weißmagische Herrscherin von Atlantis ihn immer in diese Stadt geholt. Nein, nicht immer, fiel es ihm ein. Über Weihnachten hatte er einmal von ihr geträumt, daß sie beide splitternackt in einer geflügelten Riesenmuschel aus Silber durch die Luft geflogen waren und den Feuermagier und Heerführer Yanxothar bei seinem Aufmarsch zugesehen hatten, weil Voldemort das Schwert dieses Magiers an sich gebracht und kurz danach schon wieder verloren hatte.

"Monju, hat bei euch auch gerade der Maman-Hunger-Wecker geschrillt?" Drang Millies Gedankenstimme in seine eigenen Überlegungen vor.

"Öhm, ja", dachte er. Offenbar hatte sich Millie das rote Herz auf die Stirn gelegt. Sollte er ihr jetzt erzählen, daß er von ihr geträumt hatte? Doch mit dem nächsten unhörbaren Satz verging ihm diese Absicht.

"Puh, hatte gerade einen sehr abgedrehten Traum von uns beiden, wie wir von deiner neuen Freundin Temmie lebendig verschluckt wurden und du mir dann was von einer alten Herrscherin aus Atlantis erzählt hast, die durch irgendsoeine alte Kettenhaube von ihr mit dir in Verbindung getreten war, als du durch gruselige Bilder in Hogwarts gereist bist."

"Hups, das ist aber wirklich abgedreht", erwiderte Julius nach fünf Schrecksekunden.

"Hast du auch was geträumt?" Fragte Millie. "Diese Darxandira hat, als ich endlich aus ihrem hohlen Bauch rausklettern durfte gesagt, ich solle weiterhin auf dich aufpassen und dir helfen, Freude am Leben zu haben."

"Was genau habe ich in dem Traum erzählt?" Fragte Julius. Er konnte nicht verhindern, daß Millie seine Beunruhigung mitbekam. Auch seine Hälfte des Herzanhängers verriet ihr wohl, daß er sichtlich erschüttert sein mußte. Er dachte schon daran, das Schmuckstück abzulegen um Millie aus seinen Gedanken auszusperren. Doch sie schickte ihm zurück:

"Also es war so, daß ich mich mit dir bei Oma Line im Château Tournesol treffen wollte, weil du Oma Line zu deinem Geburtstag einladen wolltest. Dann, als ich sie fragen wollte, ob wir nicht bei ihr feiern könnten, kam Temmie angeschwirrt, machte ihr Maul über mir auf und hat mich einfach runtergeschluckt. Dann sagte eine Stimme, die gut von Temmie sein konnte, daß sie mich deshalb zu sich genommen hätte, weil irgendwelche bösen Bodenläufer hinter mir und dir herseien und sie nicht wolle, daß wir beide von denen totgemacht würden. Dann flog sie. Ich hörte dich rufen. Temmie hat geantwortet und dich dann wie mich runtergeschluckt. Dann hast du dich mit Temmie unterhalten und mir dann noch was über diese Kettenhaube erzählt, über ein Bild Gregorians in Beauxbatons, in das du irgendwie hineingestiegen bist, ähnlich wie das bei dem Bild mit dem sich ständig käbbelnden Königspaar ist, durch das es zu Madame Maximes Räumen gehen soll. Von da aus seist du in einer Festung von alten Magiern gelandet, die dich durch einen Parcours geschickt haben, aus dem du mit einem runden Stein zurückgekehrt bist. Die wollten dich danach nicht weglassen, und Claires Oma Aurélie, die als einzige Hexe in diesem Club herumlaufen durfte, hat dich dann gerettet, weshalb diese angeblich so gutmütigen Brüder sie mit diesem Blutrachefluch belegt haben, der Claire umgebracht hat. Schon krass. Dann hast du Temmie erzählt, du könntest diese Zauberformel noch, mit der du das verhindern sollst, daß die Erde von irgendwelchen Schlangenmonstern überrannt wird. Da hat Temmie dich wieder hochgewürgt und ist irgendwo gelandet, um dich wohl rauszulassen. Ich hing noch in ihr fest. Aber anstatt im vordersten Kuhmagen schwebte ich in einer Hohlkugel und hörte euch sprechen. Aber verstanden habe ich kein Wort. Diese Darxandria hat eine schöne Stimme, Monju. Vielleicht kommt das daher, daß ich gerne so feenhafte Stimmen höre und sie mir deshalb so wie eine kleine, läutende Glocke vorgestellt habe. Jedenfalls wurde mir die Herumhängerei in dieser dunkelroten Hohlkugel zu langweilig. Ich rief nach dir. Doch da polterte es um mich herum. Da sagte diese Darxandria was in astreinem Französisch, daß sie mir noch den Rest der Geschichte erzählen müsse, bevor sie mich in meine "Wachwelt" zurücklassen könne und alles, was sie mir bis dahin erzählte für keinen außer dir und mir herauszufinden sei und ich es auch nur dir erzählen könne und sonst keinem, um mich vor bösen Leuten zu schützen. Als sie damit fertig war meinte sie, jetzt könnte ich beruhigt zurückkehren. Dann fühlte ich, wie etwas mich umschlang und dann einfach nach unten und nach vorne zog, bis ich ohne großen Übergang in mein Bett zurückgeworfen wurde. Das war mit abstand der heftigste Traum, den ich jemals geträumt habe."

"Ja, wirklich heftig", mentiloquierte Julius. Er fühlte sich nicht so angestrengt wie bei den üblichen Gedankensprechrunden.

"Hast du auch was schönes geträumt?" Fragte Millie nun lauernd. Julius überlegte sich, ob es ein Zufall oder magische Verknüpfung gewesen sein mochte, daß sein Traum ihrem sehr ähnelte. Er überlegte nur eine Viertelminute. Dann erzählte er ihr unhörbar, was er geträumt hatte, während Claudine in der unteren Wohnung sich wieder beruhigte.

"Aha, dann stimmt das wohl mit dieser Kettenhaube", sagte Millies Gedankenstimme in seinem Kopf. "Wolltest du mir das irgendwann mal erzählen, wenn ich uns das erste oder das siebte Kind auf den Wickeltisch gelegt habe, Monju?" schnarrte ihre Gedankenstimme leicht ungehalten. Julius mußte zugeben, daß das alles zum einen so fantastisch sei, daß es ihm eh keiner geglaubt hätte und er zweitens Anweisung vom Zaubereiminister bekommen habe, keinem was darüber zu erzählen oder zu schreiben.

"Deshalb hat Goldi so besitzergreifend auf dich reagiert, als das Quidditchfinale vorbei war. Die hat das gespürt, daß du dich für irgendwen fast hättest verheizen lassen und wollte dir wen geben, die auf dich besser aufpassen konnte."

"Millie, das ist streng geheim", knurrte Julius ohne laut zu sprechen zurück.

"Also wolltest du wegen dieser Geheimniskrämer aus dem Ministerium lieber zusehen, wie deine Mutter und ich unwissend sterben oder nicht mitkriegen, warum du jetzt dieses oder jenes tust. Wenn du mir jetzt erzählen willst, daß du mich nur schützen wolltest, Monju, dann schütze ich dich demnächst vor allem, was dir was tun kann, indem ich meiner Schwester sage, sie soll dich in was flauschigweiches kleines verwandeln das nicht verdaut oder in Wasser aufgelöst werden kann. Dann bleibst du ab da solange bei mir, bis du es raushast, wem du weshalb was erzählen kannst und wem nicht."

"Och, und ich dachte schon, du würdest mich dann alleine lassen und alle anderen Mädchen vor mir warnen", erwiderte Julius.

"Nix gibt's, Monju. Du hast dich auf mich eingelassen; die Mondschwestern haben's abgesegnet; Königin Blanche hat's eingesehen, daß du jetzt zu mir gehörst, also gehörst du jetzt zu mir. Da müßtest du schon was drastischeres anstellen, um mich wieder loszuwerden, Süßer."

"So, was denn, Süße. Deine Schwester schwängern?" Hielt Julius sehr dreist dagegen.

"Die nicht, sondern diese Glucke Matine, die meinen Papa und mich so abartig runtergemacht hat. Wenn du der ein Balg zum Selbstausbrüten unten reinpustest, dann kriegst du von mir eine Tracht Prügel, vielleicht einen kürzeren Freudenspender und dann erst meinen Abschiedsbrief, wenn ich bis dahin nicht raushabe, wie man Menschen in praktische Haushaltsgeräte verwandeln kann. Och neh, ich sage Madame Rossignol dann, du hättest deine Pflegehelferprivilegien mißbraucht um als Witwentröster aufzutreten. Dann erledigt die das für mich, und Miriam darf dich dann benutzen, wenn ihr speiübel wird oder der flotte Durchmarsch sie erwischt. Also, mein rotes Herzchen, Halt dich fern von wetternden Witwen und anderen Zwergenhasserinnen."

"Oh, wollte gerade sagen, dann könnte ich ja auch Madame Maxime beehren", versuchte Julius immer noch, Millies Drohungen abzuschmettern.

"Oh, dann bräuchte ich nix zu machen, um dich richtig zu bestrafen, außer Madame Maximes Brautjungfer zu sein. Oder glaubst du, die würde dich an sich ranlassen, ohne dich unverzüglich für volljährig erklären zu lassen um dich auf den Besen zu holen? Ob die dann wen von dir austragen darf oder nicht, dann wärest du für dein restliches Leben gestraft, falls du nicht schon vorher beim Liebemachen mit ihr von ihr umgebracht wirst."

"Also, um dich loszuwerden müßte ich entweder Madame Matine schwängern oder Madame Maxime heiraten. Alle anderen sind noch für mich zu haben?"

"Dann könnte ich dich ja genauso fragen, ob ich mal mit Hercules oder Robert in die Hängematte klettern soll. Aber Hercules ödet mich an mit seiner Ablehnung aller Roten. Außerdem will ich mir von der Bücherhexe Bernadette nicht nachsagen lassen, wen zu vernaschen, den sie mal fast gehabt hätte. Robert würde zwar merken, daß es anders ist als mit einem wandelnden Besen mit Armen und Beinen, aber dann total am Boden sein, weil ihn Célines erklärte Antilieblingsschülerin rumkriegen konnte. Da soll der Hungerhaken den ruhig haben. Gérard ist zu leicht einzuschüchtern. Den hat Sandrine dann besser bei sich."

"Ich dachte dann eher an Paralax, Paximus und Bertillon", erwiderte Julius, dem es schon etwas merkwürdig anrührte, sich vorzustellen, daß Millie mal eben mit einem seiner Klassenkameraden zusammenfinden könnte.

"Neh, komm, die können doch schon beim Besenfliegen ihr Essen nicht bei sich behalten, und Bertillon ist ein spießiger Miesepeter. Tine und ich wissen das noch, wie der uns wegen angeblich zu großer Körperkontakte mit Strafpunkten beballern wollte. Nur weil wir schwestern sind durften wir uns nicht einmal die Hände geben. Wie krank ist der Kerl?"

"Steht mir kein Urteil zu zu wegen mangelnder Informationen und nicht vergebener Kompetenz", erwiderte Julius, dem es gerade sichtlich Spaß machte, Millie zu frotzeln und ihre Rachephantasien auszutesten. Außerdem hoffte er sie damit von dem gemeinsam geträumten Traum abzulenken. Doch Millie schickte ihm dann noch zurück:

"Ah, ich merk was du vorhast. Du wolltest mich von unserem ersten gemeinsamen Traum ablenken, Süßer. Ich halte also fest, daß du Sachen erlebt hast, die du selbst deiner Mutter nicht erzählen darfst, weil jemand da oben meint, besser zu wissen, wem du trauen darfst und wem nicht. Am besten treffen wir uns nachher bei mir. Da können wir uns in einem Klangkerker unterhalten. Dann kriegt das keiner mit. Dann erzähle ich dir auch, was mir diese Darxandria noch so erzählt hat."

"Was ist, wenn deine Maman meint, wir wollten es nur einfach so miteinander treiben, Mamille?"

"Wenn du dann eher in die Stimmung kommst, mir was zu erzählen, warum nicht? Aber ich denke mal, wir können anderswo wieder miteinander verschmelzen", hallte ihre Stimme verheißungs- wie erwartungsvoll in Julius' Kopf.

"Bestimmt findet sich in den Ferien noch was, wo wir uns zusammenlegen können", erwiderte Julius darauf. Dann fügte er noch hinzu: "Okay, Mamille, ich seh's ein, daß du keine Ruhe mehr gibst, bevor wir nicht geklärt haben, was mit diesem Traum los ist. Jetzt ist es nach vier Uhr. Sagen wir um zehn bei dir?"

"Ich kriege das mit Maman hin, daß wir zehn Minuten für uns und unhörbar sind. Ich schiebe meinen Kopf in euren Kamin rüber, wenn es geht", mentiloquierte Mildrid. Julius fiel noch etwas ein. Wer einen Klangkerker erzeugte, mußte im entsprechenden Raum bleiben. Wußte Millie das nicht mehr? Falls nicht, dann würde sie nachher noch Grund zum grummeln haben, wenn sie nicht weiter mit ihm mentiloquieren wollte, was ja doch irgendwann auffiel. Er fragte sich nur gerade, was Professeur Faucon sagen würde, wenn sie rausbekam, daß jetzt auch Millie von seinem Ausflug in Slytherins Galerie wußte. Was sollte Darxandria Millie gesagt haben? Solange sie in ihrer Obhut gewesen war wäre alles, was sie dort erfahren hätte unaufspürbar für andre. Er traute der alten Herrscherin aus Atlantis zu, daß diese über das in ihm enthaltene Seelenfragment oder was es war auch Millies Geist bezaubern konnte. Doch andrs als bei Leuten wie Voldemort und Bokanowski machte ihm das keine Angst, sich vorzustellen, daß Darxandria in seine Gedanken und seine Träume hineinwirken konnte. Womöglich ruhte ihr komplettes Ich in der Kettenhaube und hatte lediglich eine art gedanklicher Nabelschnur mit seinem Geist verknüpft. Was hatte sie ihm noch erzählt? Sie könne nur erfahren, was alle, die sich einmal ihrem Schutz anvertraut hatten mitbekämen. Natürlich hatten vor ihm, Julius, ja auch andere diese Kettenhaube getragen. Einige davon seien wegen Fristüberschreitung wahnsinnig geworden. Das war wohl eine Schutzmaßnahme, um die Haube nicht unbefugten unbegrenzte Macht zu geben. Und irgendwie hatte sie es herausgefunden, über die beiden Herzanhänger, die Goldschweifs magisches Gespür als eindeutig gutartig erkannt hatte, eine weitere Verbindung zu knüpfen. Vielleicht hatte sie es auch schon bei der Brücke zur Festung der Himmelsschwester geschafft, Millies Geist zu kontaktieren, ohne ihr zunächst aufzufallen. Also mußte Darxandria ihn und Millie nicht denselben Traum träumen lassen, wenn sie es nicht wollte. Aber was jetzt wichtiger war, das war die Bitte an Professeur Faucon, ihm den Lotsenstein zu geben, damit er damit in diese Heimstatt des Wissens reisen konnte, von der er jetzt schon ziemlich sicher war, wie sie aussah. Er beschloß, noch ein paar Stunden zu schlafen.

Ohne weiteren durchdringenden Traum verschlief er die Stunden bis sieben Uhr morgens.

 

__________

 

"Na, hast du dir schon die ersten Bilder vom Pathfinder geholt, Julius?" Fragte seine Mutter beim Frühstück, weil die Morgenmannschaft im Radio gerade von der geglückten Landung auf dem Mars sprach und die üblichen Scherze darüber machte.

"Wollte ich gleich machen, Mum", antwortete Julius. Robert wollte doch ein paar tolle Bilder haben. Ist denn auf unserem Nachbarplaneten schon Tag?"

"Oh, weiß ich nicht", sagte Martha Andrews und füllte ihre und seine Teetasse nach. "Dieses Gerät kann ja nur bei Tag arbeiten."

"Besser, es kann mit Solarstrom die energiereichsten Funksignale losschicken und die Erde auch erreichen, weil wir ja auf die Tagseite vom Mars gucken", präzisierte Julius. "Aber wenn die ersten freien Bilder auf der NASA-Seite rumliegen ziehe ich die mir."

"Kann ich auch machen, Julius. Wer weiß, wie groß die Dateien sind. Wenn die mit einer hohen Bildauflösung bei Farbdarstellung und Panoramaansicht arbeiten könnten da glatt zehn Megabyte pro Bild aufkommen, wenn nicht noch mehr. Ich habe ja jetzt ein 56000er-Modem."

"Ach so, wegen der Rechnung", grinste Julius. "Dann wüßte ich schon, was du mir zum Geburtstag schenken könntest."

"Habe ich mir wirklich überlegt. Aber so selten wie du hier bei mir bist ... Sagen wir's so, ich lade die Bilder herunter und brenne sie dir auf eine Daten-CD, wenn diese randvoll wird. Dann brauchst du dich nicht mit den langsamen Ladezeiten deines 14400er-Modems abzuplackern.

"Wenn du meinst, Mum", sagte Julius dazu nur. Sicher hätte er Robert gerne ofenwarme Marsfotos zugeschickt. Aber was seine Mutter sagte konnte schon stimmen. Außerdem war sie dann mit irgendwas für ihn beschäftigt.

"Das mit Madame Matine war ja doch ziemlich unfein", kam Martha Andrews noch einmal auf die unschöne Sache von gestern zurück. "Was kann Albericus dafür, daß seine Mutter eine Zwergin ist. Was können Martine, Millie und Miriam dafür, daß ihre Großmutter väterlicherseits eine Zwergin ist, vor allem weil Martine nicht danach aussieht und deine vom Mond gesegnete Freundin auch nicht."

"Ich weiß echt nicht, was mit der los ist", bemerkte Julius noch dazu. "Könnte wirklich Eifersucht oder Existenzangst oder was immer sein. Du hast Psychologie in der Schule gehabt. Wenn du das nicht weißt, weiß ich das schon gar nicht."

"Womöglich findet sie es tatsächlich widerwärtig, daß du, ihr Ferienschüler, dich auf jemanden eingelassen hast, deren Familie ihr nicht sympathisch ist", vermutete Julius' Mutter.

"Es steht mir ja auch nicht zu, mich über Madame Matine auszulassen, Mum", warf Julius noch ein.

Den Rest des Frühstücks verplauderten Mutter und Sohn noch mit Sachen aus der Muggelwelt, die in den letzten Monaten durch Presse Funk und Fernsehen gegangen waren. So um neun Uhr herum ploppte es im nicht brennenden Kamin im Wohnzimmer, und Millie rief laut: "Guten Morgen, Martha und Julius, Seid ihr zu Hause?!"

"Huch, was möchte deine Neuerwerbung denn schon so früh von uns?" Fragte Martha leise.

"Sie wollte doch schon vor mehreren Tagen mal mit mir über die nächsten Ferienwochen reden, was wir da so unternehmen könnten", antwortete Julius, der natürlich wußte, was Mildrid Latierre wollte.

"Soso, und gestern waren zu viele Leute um euch herum. Verstehe", erwiderte Martha etwas argwöhnisch dreinschauend. Dann rief sie zurück, daß sie in der Küche seien und deutete auf das Wohnzimmer, als sie ihrem Sohn sagte: "Dann nimm das Gespräch mal an, Julius!"

"Hah, da bist du ja, Monju", sagte Millies Kopf leise. Das rotblonde Haar lag wild zerzaust auf dem Kaminrost. "Ich habe meine Mutter gefragt, ob wir beide uns bei mir treffen können, um abzuklären, was wir in den nächsten Wochen noch unternehmen können, mit oder ohne Anstandshexen. Ich finde, die Ferien sind bestimmt schöner, wenn wir uns jetzt, wo wir uns nur aus der Schule kennen, noch besser kennenlernen können. Das hattest du doch auch bei der Babywillkommensfeier auf Tante Babs' Hof gesagt, oder?"

"Ach, und dann wolltest du, daß ich zu dir rüberkomme und nicht du zu mir?" Fragte Julius keck.

"Muß nicht jeder mitkriegen, was wir bereden, finde ich. Und Maman hat ein Büro mit Dauerklangkerker. Sie ist bereit, uns für so zehn Minuten oder so da reinzulassen, wenn wir sie nicht gleich zur Oma machen wollen, meint sie."

"Soso, Millie", lachte Julius. "So geheim ist das doch nicht, ob wir in den Ferien noch mehr miteinander zu tun haben wollen oder nicht."

"Alles müssen meine Eltern und Tine ja echt nicht mitkriegen, Monju. Wie sieht's aus. Kannst du um zehn rüberwirbeln?"

"Wenn ich nicht an eurem Haus vorbeiwirbel und aus Versehen bei Céline lande kein Problem", erwiderte Julius.

"Mit der kannst du mich nicht ärgern, Monju", grinste Millie überlegen. "Die hält sich ja schön aus deiner Reichweite", sagte sie dann noch.

"Wenn meine Mutter mich läßt, komme ich rüber zu euch", antwortete Julius.

"Schön, Monnju. Dann bis nachher", erwiderte Millie erfreut. Wie aus einem tiefen Brunnenschacht erklang Hippolytes Stimme:

"Meine Mutter wollte gleich zu euch rüber. Frage deine Mutter, ob sie darf!"

"Mum, Millies Mutter fragt, ob ihre Mutter nachher zu dir rüberkommen darf!" Rief Julius in Richtung Küche. Seine Mutter kam gerade ins Wohnzimmer und nickte Millie zu.

"Sie will es wohl wissen, die große Dame, wie? Mildrid, sage deiner Mutter bitte, daß ihre Mutter dann rüberkommen kann, wenn Julius zu dir pyroportiert ist, oder wie immer der Zauber mit dem grünen Feuer heißt." Millie stutzte über das ihr völlig unbekannte Wort "Pyroportieren", grinste dann und sagte, daß sie das ihrer Mutter sagen würde.

"In Ordnung, junge Noch-Mademoiselle. Wann soll mein Sohn zu euch herüberkommen?"

"Um zehn", war Millies kurze Antwort auf diese Frage.

"Oh, so früh? Verstehe, ihr wollt euch Zeit lassen. Solange ihr euch nur unterhalten wollt ... Okay, deine Oma kann dann rüberkommen. Ist die denn gerade bei euch?"

"Um halb zehn kommen sie und Tante Trice rüber, um nach Miriam zu sehen. Aber Psst, muß meine andere Oma nicht wissen", sagte Millies Kopf im feuerlosen Kamin.

"Dann um zehn", sagte Martha nickend. Julius verabschiedete sich von seiner festen Freundin und wandte sich, als deren Kopf mit lautem Plopp aus dem Kamin verschwunden war an seine Mutter.

"Das wird nicht lange dauern, denke ich, Mum. Ich denke, mittags bin ich wieder da."

"Soso, mein Sohn", erwiederte Martha etwas mürrisch. "Als wenn Mildrid nur zehn Minuten mit dir plaudern würde, wenn du schon einmal bei ihr im Haus bist."

"Wir klären nur ab, was wir in den nächsten Wochen so machen. Du weißt doch, daß Madame Lumière mich ja gerne wieder beim Sommerball sehen möchte, und Madame Delamontagne will bestimmt noch einmal Schach gegen mich spielen, um zu sehen, ob sie jetzt, wo ihr Baby auf der Welt ist wieder in Form ist."

"Apropos, Julius. Wir sollten uns vielleicht darüber unterhalten, wie und wo wir deinen fünfzehnten Geburtstag feiern. Camille hat mal vor drei Wochen den Kopf bei uns in den Kamin gesteckt und gefragt, ob wir wieder zu ihr rüberkommen oder bei uns hier im Haus feiern wollen. Aber das klären wir, wenn du mit der rotblonden Mademoiselle gesprochen hast."

"Können wir machen, Mum. Ich muß sowieso noch mit Catherine reden, wann ihre Mutter wiederkommt. der wollte ich diesen Alptraum erzählen und mit ihr abklären, was ich deswegen machen kann oder soll."

"Da will ich aber dabei sein, wenn du mit ihr sprichst, Julius", knurrte seine Mutter. "Noch mal lasse ich mich von der nicht dummhalten, wenn du verstehst, was ich meine."

"Vollkommen, Mum", erwiderte Julius darauf nur. Dann mentiloquierte er mit Catherine.

"Meine Mutter wird wohl morgen wieder in Frankreich sein, Julius", gedankensprach Catherine zur Antwort auf seine Frage. Nach vier Sekunden fügte sie noch an: "Am besten schickst du deine Eule zu ihr nach Millemerveilles."

"Gute Idee", schickte Julius zurück. Dann sagte er seiner Mutter, was er auf unhörbarem Weg erfahren hatte.

"Gut, dann schreibe dieser netten Dame, die meint, ich sei ja zu unwissend, daß ich solch brisante Sachen, die sie dir aufbürden konnte nicht verstehen könnte, daß ich darauf bestehe, daß sie hier bei uns mit dir spricht, wo ich dabei bin."

"Catherine will auch dabei sein. Dann könnten wir auch bei ihr in ihrem nach außen schalldichten Arbeitszimmer reden", wandte Julius ein.

"Soll mir recht sein. Öhm, besser ist es, wenn ich ihr meine Meinung persönlich schreibe. Du schreibst ihr, daß du einen besonders heftigen Alptraum von dieser Daxandra oder wie sie heißt hattest, und ich schreibe ihr, daß ich finde, daß das so nicht bleiben kann, daß ich nicht weiß, wer dir wegen was welche Sachen zumutet."

Julius nickte und holte Papier und Schreibzeug. Nachdem er und danach seine Mutter die besprochenen Zeilen aufgeschrieben und den Brief in einen Umschlag gesteckt hatten gingen beide auf den Dachboden, wo neben Julius' Schleiereulenmännchen Francis noch Catherines Posteule Plumette, eine schon altgediente Waldohreule, auf ihren Stangen in den offenen Käfigen saßen. Julius blickte auf den kleinen Stapel Pergamentumschläge, die unter der ein- und Auslaßluke lagen, durch die die Posteulen fliegen konnten.

"Oh, fünf Briefe für uns und einer ziemlich gut gefüttert", sagte seine Mutter. Sie klaubte die Umschläge auf, während Julius Francis leise anwies, den Brief nach Millemerveilles zu bringen und ihn in Professeur Faucons Eulenpostfach zu legen.

"Wohl deine neue Ausrüstungsliste, Julius", sagte Julius' Mutter, als Francis durch die Eulenluke flog. "Dann ist da wohl noch ein Brief von einer Ms. Brittany Forester. Was die wohl von dir möchte. Ja, und dann ist da noch ein Brief von einer Mademoiselle Virginie Delamontagne und einem Monsieur Aron Rochfort. Hups und ein Brief von einer Mademoiselle Laurentine Hellersdorf ist auch dabei. Der fünfte ist von Nathalie Grandchapeau. Der ist wohl für mich, neue Programmierinstruktionen."

"Ah, die sind aber früh mit der Ausrüstungsliste, Mum. Letztes Jahr kam die erst Anfang August", wunderte sich Julius.

"Vielleicht, weil ihr so früh Ferien bekommen habt", vermutete Martha Andrews und drückte ihrem Sohn die vier Umschläge in die Hand. Julius zuckte zusammen, als er den gut gefütterten Umschlag betastete. Er fühlte sich schwerer an als ein gewöhnlicher Brief, und durch den Umschlag konnte er etwas hartes, unnachgiebigges erahnen.

"Och nöh, das kann doch nicht deren Ernst sein", maulte er. Seine Mutter wollte wissen, was nicht "Deren Ernst" sein konnte.

"Zeige ich dir gleich, wenn ich das Ding nicht sofort ... Mist, jetzt ist Francis schon weg, und Catherine würde mir ihre Eule bestimmt nicht dafür ausleihen", grummelte er. Dann folgte er seiner Mutter hinunter ins eigene Wohnzimmer, wo er den bezeichneten Briefumschlag öffnete auf dem Stand:

Monsieur Julius Andrews
Zweites Schlafzimmer
Wohnung im ersten Stockwerk
Rue de Liberation 13
Paris

Er zog drei Seiten Pergament aus dem Umschlag und ein grasgrünes, mit Watte ausgepolstertes Seidensäckchen. Seine Mutter sah staunend auf den kleinen Behälter. Dann schien es in ihrem Kopf an der richtigen Stelle eingerastet zu sein, und sie lächelte aufmunternd. Julius grummelte zwar, dachte aber, daß er jetzt dadurch müsse. Er öffnete das verschnürte Säckchen und fischte mit Daumen und Zeigefinger nach dem kleinen, runden Metallobjekt, das darin lag, zog es übervorsichtig heraus und blickte auf eine silberne Brosche mit der im Halbkreis darauf eingeprägten breiten und runden Druckschrift: "Stellvertretender Sprecher Saal Grün m. Julius Andrews"

"Sag jetzt nicht, daß du das nicht irgendwie erwartet hättest!" Bemerkte seine Mutter dazu, als er ihr die silberne Brosche hinhielt, an der doch so viel dranhing.

"Befürchtet, willst du wohl sagen, Mum. Ich hab' gehofft, die würden mich damit in Ruhe lassen. Vielleicht kann ich die ja wem andren ..."

"Denk das nicht einmal, Julius! Ich glaube nämlich nicht, daß die diese Broschen mal eben als Belohnung für ein gutes Zeugnis rausrücken. Dann hast du doch erzählt, daß der Stellvertreter in letzten Jahr schon in der siebten Klasse war. Also brauchten die einen neuen."

"Ja, aber warum dann ich und nicht Robert oder Gérard? Das sie Hercules und Gaston nach dem Terz nach Ostern nicht nehmen wollten leuchtet mir ja doch irgendwie noch ein", grummelte Julius. Seine Mutter deutete statt einer Antwort auf die drei aus dem Umschlag gezogenen Pergamentbögen. Er nickte und nahm den obersten Bogen. Laut las er dann:

"Sehr geehrter Monsieur Andrews, hiermit möchten wir, der Lehrkörper und der Schulrat der Beauxbatons-Akademie, Ihnen mitteilen, daß Sie von Beginn des kommenden Schuljahres an bis auf Widerruf als stellvertretender Fürsprecher der männlichen Schülerschaft des von Ihnen bewohnten grasgrünen Saales ernannt sind. Die Ernennung erfolgte im Rahmen der alljährlichen Schuljahresabschlußkonferenz nach Ferienbeginn und wurde einstimmig ohne Gegenstimme verbindlich beschlossen. Hiermit sprechen wir, Madame Olympe Maxime und Professeur Blanche Faucon unseren herzlichen Glückwunsch zu dieser Ehrung aus, von der wir uns sicher sind, daß Sie sie mit der Würde und dem Respekt annehmen, den diese Ernennung verdient und sich im Rahmen der damit zuerkannten Rechte und Pflichten beispielhaft für ihre Mitschüler auch aus anderen Sälen erweisen mögen. Welcher Art die erwähnten Rechte und Pflichten sind entnehmen Sie bitte beigefügtem Schreiben zur Einsetzung amtierender Saalsprecher und ihrer Stellvertreter. Wir benutzen die Gelegenheit, Ihnen mit diesem Schreiben nicht nur unsere Wertschätzung zu bekunden, sondern auch, um Ihnen wie den übrigen Sprecherinnen und Sprechern der Wohnsäle der Beauxbatons-Akademie bereits zu diesem Zeitpunkt die Liste zu beschaffender Bücher und Ausrüstungsgegenstände für das kommende Schuljahr zu übermitteln. Noch einmal unseren herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Ernennung und unsere besten Wünsche für eine gedeihliche und geistig befruchtende Zusammenarbeit!"

"Wer hat das unterschrieben?" Fragte seine Mutter, nachdem Julius mit leisem Murren den Brief zu Ende gelesen hatte.

"Eine gewisse Olympe Maxime, eine uns gut bekannte Professeur Blanche Faucon und ... Ups, eine Madame Roseanne Lumière. Die Unterschriften sind echt, Mum. Ich habe die alle drei schon oft genug gelesen."

"tja, dann ist es wohl verbindlich, Julius", meinte seine Mutter dazu nur. Julius sagte nichts dazu und nahm den zweiten Bogen. Wieder las er laut vor:

"Auftragsbeschreibung für ernannte Saalsprecher und ihre Stellvertreter

Wenn Sie dieses Schreiben, sowie eine goldene oder silberne Brosche mit Ihrem Namenszug darauf zugeschickt bekommen, sind Sie als Sprecher des von Ihnen bewohnten Saales oder dessen Stellvertreter vorgeschlagen und durch die Schuljahres-Abschlußkonferenz des Lehrkörpers der Beauxbatons-Akademie für französischsprachige Hexen und Zauberer und des aus den Reihen der Eltern der diese Akademie besuchenden Schülerinnen und Schüler gebildeten Schulrates durch Mehrheitsbeschluß ernannt worden. Diese Entscheidung ist verbindlich und gilt bis auf einen offiziellen Widerruf der Schulleitung und des Ihrem Saal zugeteilten Vorstehers aus dem Lehrkörper der Beauxbatons-Akademie und darf von Ihnen nicht angefochten oder abgelehnt werden, sofern Sie nicht beabsichtigen, unverzüglich vom weiteren Besuch der Beauxbatons-Akademie ausgeschlossen zu werden, wovon wir natürlich nicht ausgehen. Um zu erfahren, was Ihnen für Aufgaben und Vorrechte aus der Ernennung erwachsen studieren Sie nun bitte die folgenden Einzelheiten!

 

Vorrechte

 

Als Sprecher der mit Ihnen in einem unserer Wohnsäle untergebrachten Mitschüler oder dessen Stellvertreter haben sie folgende erweiterten Rechte:

Erstens haben Sie das recht von allen nicht im Amt des Saalsprechers oder Stellvertreters befindlichen Mitschülerinnen und Mitschülern mit Monsieur und Ihrem Nachnamen angesprochen zu werden.

Zweitens ist es Ihnen vom Augenblick Ihrer Ankunft in der Akademie an gestattet, jederzeit den amtierenden Schulleiter oder die amtierende Schulleiterin aufzusuchen, um mit ihr über Vorkommnisse zu sprechen, die Ihre Mitschüler betreffen. Sofern Sie stellvertretender Sprecher Ihres Saales sind, klären Sie eine derartige Unterredung bitte mit dem hauptamtlichen Saalsprecher ab und überlassen ihm gegebenenfalls die Unterredung, falls er nicht befindet, daß Sie diese mit der gebotenen Sachlichkeit und Kenntnis wahrnehmen können!

Drittens steht es Ihnen zu, sich außerhalb der Unterrichtszeiten oder Freizeitkurse mit dem für Ihren Saal zuständigen Vorsteher zu treffen, um Konflikte, die sich aus Ihren schulischen Verpflichtungen und dem Amt des Saalsprechers oder Stellvertreters ergeben können zu besprechen und beizulegen.

Viertens ist es Ihnen gestattet, auch ohne Voranmeldung und ohne deren Anwesenheit die Schlafsäle der männlichen Schülerschaft Ihres Wohnsaales zu betreten, sollten Sie befinden, daß dort den Schulregeln widersprechende Aktivitäten stattfinden oder den Schulregeln nach verbotene Gegenstände oder Unterlagen aufbewahrt werden. Dies bedeutet aber auch, daß Sie strickt darauf hinzuweisen sind, daß Sie sich nicht am Eigentum ihrer Mitschüler vergreifen oder da selbst unzulässige Gegenstände oder Unterlagen deponieren dürfen. Damit Sie nicht denken, derlei unerkannt bewerkstelligen zu können sind Sie hiermit darauf hingewiesen, daß die Ihnen überreichte Brosche mit einem nur für Ihren Saalvorsteher erkennbaren Meldezauber belegt ist, der das Betreten anderer Schlafsäle anzeigt, sobald der Verdacht aufkommt, daß ein Saalsprecher oder dessen Stellvertreter dort unerlaubte Handlungen begangen hat. Näheres zu der Brosche lesen Sie bitte unter Aufgabenbereich!

Fünftens ist es Ihnen bei Antritt des zuerkannten Amtes gestattet, den Komfortbadesaal im Achten Stockwerk zu benutzen, dessen Zugang im östlichen Flügel des Schulgebäudes zu finden ist und durch ein Losungswort zu öffnen ist. Dies dürfen Sie gegebenenfalls auch bis zu zwei Stunden nach dem offiziellen Verschließen aller Wohnsäle tun, sofern Sie um Mitternacht in Ihren Wohnsaal zurückgekehrt sind.

Sechstens ist es Ihnen unabhängig von der gerade erreichten Klassenstufe gestattet, bis Mitternacht in Ihrem Gemeinschaftssaal zu verbleiben.

Siebtens ist es Ihnen hiermit erlaubt, jedem Schüler oder jeder Schülerin, vorzugsweise den in Ihrem Wohnsaal untergebrachten, nach eigenem Ermessen Bonus- oder Strafpunkte zuzuerkennen, solange es kein amtierender oder stellvertretender Saalsprecher oder eine amtierende oder stellvertretende Saalsprecherin ist. Allerdings gelten diese zuerkannten Punkte nur solange kein Mitglied des Lehrkörpers die Zuteilung dieser Punkte widerruft oder abändert. Dies soll willkürliche Maßnahmen verhindern, um die eigenen Mitschüler zu bevorzugen oder zu benachteiligen.

Achtens dürfen Sie Mitschülerinnen oder Mitschüler zu Aufräum und Reinigungsarbeiten in den Räumlichkeiten Ihres Wohnsaales einteilen. Der stellvertretende Saalsprecher darf dies nur tun, wenn der hauptamtliche Saalsprecher unabkömmlich ist oder dieses Vorrecht vor mehreren Ohrenzeugen oder dem Saalvorsteher auf ihn überträgt.

Neuntens dürfen Sie in Abwesenheit einer Lehrperson disziplinarische Maßnahmen innerhalb ihres Saales durchführen. Für einen stellvertretenden Saalsprecher gilt, daß er dieses Vorrecht nur ausüben darf, wenn der hauptamtliche Saalsprecher ebenfalls abwesend ist.

Zehntens und abschließend dürfen Sie, um disziplinarische Maßnahmen nachhaltig zu unterstreichen, befristete Bezauberungen an Ihren Mitschülern vornehmen, die keine körperlichen Schmerzen oder den Verlust eines lebendigen Körpers beinhalten. Hierzu gehört auch die befristete Verwandlung sehr undisziplinierter Mitschüler in tierische Lebensformen. Stellvertretende Saalsprecher dürfen derlei Maßnahmen anwenden, wenn der hauptamtliche Saalsprecher nicht anwesend war. Dem hauptamtlichen Saalsprecher steht es hingegen zu, die von seinem Stellvertreter ergriffenen Disziplinarmaßnahmen zu widerrufen. Für beide gleichermaßen gilt, daß der Vorstand des Wohnsaales die Maßnahme widerrufen kann und bei Verdacht auf eigenmächtige Züchtigung von Mitschülern selbst eine magische Disziplinierung durchführen darf.

 

Aufgabenbereich

 

Sobald Sie die Ernennung zum hauptamtlichen oder stellvertretenden Sprecher der männlichen Schülerschaft Ihres Wohnsaales erhalten haben, sind Sie verpflichtet, Ihnen vom Vorstand Ihres Wohnsaales zugeteilte Aufgaben wahrzunehmen. Des weiteren gelten folgende verbindliche Pflichten und Aufgaben:

Erstens sind Sie dazu verpflichtet, bei Ankunft auf den Ländereien der Beauxbatons-Akademie die Ihnen mit diesem Schreiben zugegangene Kennzeichnungsbrosche außerhalb des Ihnen zugeteilten Schlafsaales offen sichtbar am Brustteil Ihrer Kleidung zu tragen. Um zu gewährleisten, daß niemand Ihnen die Brosche entwenden kann heften Sie sie fünf Minuten vor der Abreise nach Beauxbatons an! Wenn sie es dreimal unterlassen, die Brosche offen sichtbar zu tragen, führt dies zum augenblicklichen Verweis von der Beauxbatons-Akademie. Bei minderjährigen Trägern dieser Brosche ist dies gleichbedeutend mit einem generellen Zaubereiverbot auf Lebenszeit." Julius stoppte die Verlesung. Eine Viertelminute lang starrte er abwechselnd auf die Silberbrosche und auf seine Mutter. Dann sagte er: "Was heißt, daß an diesem Ding hammerharte Arbeit dranhängt. Sonst würden die nicht diese Stahlkeule schwingen, Mum."

"Lies bitte weiter, Julius!" Forderte seine Mutter mit gelassenem Tonfall.

"Zweitens", fuhr Julius mit der lauten Verlesung fort, "sind Sie sowohl als hauptamtlicher als auch vertretender Sprecher Ihres Saales dazu verpflichtet, Anweisungen Ihres Saalvorstandes unverzüglich an Ihre Mitschüler weiterzugeben und auf deren Einhaltung zu achten. Für stellvertretende Saalsprecher gilt, daß Sie auch von ihren hauptamtlichen Kollegen solche Anweisungen erhalten können und diese ausführen müssen. Allerdings darf ein Stellvertreter Einspruch bei seinem Saalvorstand aus den Reihen des Lehrkörpers einlegen, wenn er den begründeten Verdacht hegt, von seinem hauptamtlichen Kollegen unzulässig drangsaliert zu werden.

Drittens sind Sie verpflichtet, unverzüglich jede Auseinandersetzung sowie Bosheiten Ihrer Mitschüler zu unterbinden, sei es durch eigene Disziplinarmaßnahmen oder in Rücksprache mit dem Saalvorstand, dem Sie das unerwünschte Verhalten zur Meldung bringen müssen.

Viertens müssen Sie darüber wachen, daß Ihre Mitbewohner außerhalb der Schlaf- und Waschräume stets ordentlich bekleidet und frisiert sind und sind verpflichtet, regelmäßige Nachlässigkeiten in Bekleidung und Haartracht zu ahnden.

Fünftens sind Sie als hauptamtlicher Sprecher Ihres Wohnsaales dazu angehalten, die Einhaltung der in den Schulregeln verordneten Schlafenszeiten zu überwachen. Dies kann auch der stellvertretende Sprecher des Wohnsaales tun, wenn der hauptamtliche Saalsprecher dies erbittet oder anordnet. Ebenso sind Sie verpflichtet, die männliche Schülerschaft Ihres Wohnsaales zu den in den allgemeinen Schulregeln erwähnten Zeiten zu wecken und das geordnete Aufstehen zu überwachen.

Sechstens sind Sie angewiesen, Ihre Mitschüler vollzählig und in geordneter Aufstellung zusammenkommen zu lassen, um zur in den allgemeinen Schulregeln vorgesehenen Zeit zum Frühstück in den Speisesaal einzutreten.

Siebtens sind Sie sowohl als hauptamtlicher wie auch als stellvertretender Saalsprecher dafür verantwortlich, daß die Mitbewohner Ihres Hauses die allgemeinen Saalöffnungszeiten einhalten und sich zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens innerhalb des Ihnen zugewiesenen Saales aufhalten. Wird ein Mitschüler beim Verstoß gegen diese Zeitregel ertappt kann dies zur doppelten Anzahl auszusprechender Strafpunkte gegen hauptamtlichen und stellvertretenden Saalsprecher führen, sofern nicht ein Mitglied des Lehrkörpers oder die amtierende Schulheilerin eine schriftliche Begründung für den Verstoß überreicht. Falls Sie einen Mitschüler nach der festgelegten Saalschlußzeit vermissen, haben Sie zwar die Erlaubnis, Ihren Saal zur Suche des oder der Vermissten zu verlassen, müssen jedoch die Suche um Mitternacht beendet haben. Ist die von Ihnen vermisste Person oder Personengruppe bis dahin nicht aufgefunden worden, erhält der hauptamtliche Saalsprecher und dessen Stellvertreter 300 Strafpunkte." Julius holte tief Luft. Seine Mutter verzog das Gesicht. Da war er also, der große Hammer. Zehn Sekunden lang blickten sich Mutter und Sohn tief in die Augen. Dann deutete Martha auf den Pergamentbogen in Julius' Hand und forderte ihn auf, zu Ende zu lesen. So holte er noch einmal tief Luft und fuhr fort:

"Achtens sind Sie verpflichtet, Fleiß und Leistungsbereitschaft Ihrer Mitschüler zu überwachen und bei Nachlassen der Leistungen oder gar absichtlicher Arbeitsverweigerung umgehend Ihren Saalvorstand davon in Kenntnis zu setzen. Allerdings können Sie vorher mit dem betreffenden Schüler sprechen, ob der Leistungsabfall beabsichtigt ist oder auf Grund gesellschaftlicher, familiärer oder körperlicher Probleme geschieht. Sollten vom Schüler eindeutig belegbare Probleme angeführt werden, kann der Saalsprecher oder dessen Stellvertreter die Ursache der Probleme ausräumen, indem er beispielsweise damit zusammenhängende Mitschüler zur Rede stellt, einen Brief an die damit zusammenhängenden Verwandten schreibt oder den Schüler unverzüglich zur amtierenden Schulheilerin bringt. Sollte sich im Fall einer körperlichen Schwächung des Leistungsvermögens erweisen, daß der betreffende Mitschüler bereits vorher davon wußte, daß seine Leistungen nachlassen würden, erhalten Saalsprecher und Stellvertreter die Hälfte der in den allgemeinen Schulregeln erwähnten Strafpunkte, die von der amtierenden Schulheilerin oder dem Saalvorstand oder der Schulleitung ausgesprochen werden. - Autsch, da hat's Seraphine und ihre Kollegin aber gut reingerissen, als Connie ihre Schwangerschaft solange verheimlicht hat."

"Oja, kann ich mir vorstellen", stimmte ihm seine Mutter zu. "Waren das jetzt alle Verbindlichkeiten?"

"Nöh, eine ist da noch, Mum", sagte Julius, der kurz den Aufgabenbereich überflogen hatte.

"Dann lies mir die auch noch vor, bitte!" Wünschte Martha Andrews.

"Neuntens haben Sie darauf zu achten, daß sich die Mitschüler Ihres Wohnsaales im Rahmen der dieses regelnden Abschnitte der Schulregeln jeder geschlechtlichen Annäherung mit anderen Schülern enthalten und bei körperlichen Berührungen nicht über ein zur Begrüßung oder Verabschiedung übliches Maß hinausgehen. Ihnen direkt zur Kenntnis gelangte partnerschaftliche Annäherungen die Mitschüler aus Ihrem Saal betreffen, haben Sie Ihrem Saalvorstand mitzuteilen. Diesem ist es belassen, die Partnerschaftliche Bindung zu untersagen oder weitergehend zu reglementieren. Sie selbst müssen hierbei mit bestem Beispiel vorangehen."

"Aha, dann hätte Professeur Faucon ja das Recht, deine Lieson mit Mildrid zu verbieten", erkannte Martha Andrews mit derselben ungehaltenen Miene wie ihr Sohn.

"Wäre ein gutes Argument, die Ernennung gründlich zu überprüfen, Mum", knurrte Julius. Dann las er der Vollständigkeit halber den Rest der offiziellen Informationen für angehende Saalsprecher und deren Stellvertreter.

"Abschließend werden Sie noch darauf hingewiesen, daß außerhalb der Ferien jeden Samstag eine Saalsprechervollversammlung in den Besprechungsräumen des amtierenden Schulleiters oder der amtierenden Schulleiterin stattfindet, an der Saalsprecher wie ihre Stellvertreter genauso teilzunehmen haben wie am Schulunterricht und den dafür gültigen Regeln unterworfen sind. Bitte trennen Sie den untersten Abschnitt dieses Schreibens ab und schicken uns diesen von Ihnen unterzeichnet zurück! Sollten Sie bei Erhalt dieses Schreibens den allgemeinen Zaubereigesetzen nach minderjährig sein legen Sie dieses Schreiben Ihrem Erziehungsberechtigten und oder amtlich eingesetzten magischen Fürsorger zur Kenntnisnahme vor und lassen ihn oder sie im Feld "von Erziehungs- oder Fürsorgeberechtigten" mitunterzeichnen! Die Liste mit den Vorrechten und Aufgaben behalten Sie, um Sie jederzeit zu Rate ziehen zu können." Julius las dann noch den untersten Abschnitt vor: "Hiermit bekunde ich durch meine Unterschrift, daß ich die Mitteilungen zu meiner Ernnennung als (stellvertretender) Saalsprecher vollständig gelesen und zur Kenntnis genommen habe und mich gemäß den darin mitgeteilten Bedingungen verhalten werde."

"Will sagen, wenn du und ich das hier unterschreiben und diesen Abschnitt mit dem Aktenzeichen zurückschicken, bist du in dieser Tretmühle eine Stufe weiter nach oben gerutscht und darfst nur noch vor den Lehrern buckeln, aber dafür mehr nach unten treten", seufzte seine Mutter. Offenbar mißfiel ihr diese Liste von Rechten und Pflichten auch ein wenig.

"Tja, aber wenn ich das nicht unterschreibe und Madame Maxime die Brosche in den großen Allerwertesten schiebe kann ich auch gleich meinen Zauberstab wegschmeißen. Haben die sich gut ausgedacht", knurrte Julius, der daran dachte, daß dann alles für die Katz' gewesen wäre, seine Zeit in Hogwarts, die Scheidung seiner Eltern, die Versklavung seines Vaters, die dabei angefallenen Todesopfer, seine Zeit in Beauxbatons, Claires körperlicher Tod und die gerade so richtig anlaufende Beziehung mit Mildrid, abgesehen von seinem Ausflug in die Galerie Slytherins und allem, was damit zusammenhing, auch das, was Darxandria von ihm verlangte. Denn dann würde er den Lotsenstein nicht mehr benutzen dürfen, und er konnte sich dann auf weitere Alpträume gefaßt machen, abgesehen davon, daß Voldemort dann tatsächlich diese Schlangenmonster auf die Menschheit loslassen konnte, ohne daß jemand was dagegen unternehmen konnte. Denn jetzt wußte er, woher er diese Kreaturen kannte. Er hatte eine davon in Marie Laveaus heraufbeschworener Zukunftsvision sehen können.

"Am besten unterhältst du dich mit Leuten, die das gerade machen oder schon hinter sich haben", meinte seine Mutter. "So wie ich das jetzt mitbekommen habe kannst du dich dem ja sowieso nicht entziehen. Gib mir das Schreiben noch mal, damit ich das noch mal lesen kann!"

"Da habe ich ja Glück, daß ich gleich zu jemandem hinflohpulver, die sich mit diesem Krempel auskennt", grummelte Julius. Seine Mutter nahm die Anleitung für Saalsprecher und las sie. Dann holte sie jenes silberne Messer, das sie von Hippolyte bekommen hatte und trennte mit leisem Ratsch aber blitzsauber den untersten Abschnitt ab. Dann gab sie Julius sein Schreibzeug und nahm ihren eigenen Bleistift. Nach zehn Bedenksekunden unterschrieb Julius die Kenntnisnahmeerklärung. Seine Mutter unterschrieb auch.

"Ich lass das auch von Catherine unterschreiben. Wenn die meinen, dich jetzt derartig fest einspannen zu müssen ... ich meine, zu erwarten war es ja nach Hogwarts und den zwei Jahren und diesem Superzeugnis ja doch schon, und eigentlich sollte ich mich als deine Mutter irgendwie stolz fühlen, daß du diese verantwortungsvolle Aufgabe zuerkannt bekommen hast. Zuerkennung heißt auch Anerkennung, Julius. Nicht alles ist schlimm, nur weil es mit mehr Verantwortung zusammenfällt. Dein Vater hatte keine Angst davor, als er zum Vertrauensschüler berufen wurde und hat auch keine Angst gehabt, Karriere zu machen. Vergiss das bitte nicht, Julius. Wenngleich ich dir zustimmen muß, daß gerade Blanche Faucon dich damit noch kürzer halten kann als sie es wohl ohnehin schon tut. Ich frage Catherine, ob ich als deine Erziehungsberechtigte das Protokoll der erwähnten Ernennungskonferenz bekommen kann, nur um sicherzustellen, daß hier nicht doch willkürlich ausgewählt wurde, um Leute an die Kandarre zu nehmen, die sonst keine Muße haben, mehr zu tun als von ihnen verlangt wird. Aber geh du erst mal zu deiner Freundin und kläre mit ihr ab, was ihr klären wollt. Jetzt, wo du diese Benachrichtigung bekommen hast, stellt sich eure Zukunft ja ganz anders dar."

"Was du nicht sagst, Mum", schnaubte Julius ungehalten. Doch irgendwie hatte seine Mutter ja recht, wenn sie sagte, daß er sich nicht vor diesem Job bange machen sollte, den ihm da irgendwelche Hexen und Zauberer aufgehalst hatten. Aurora Dawn hatte das auch nicht gleich machen wollen. Aber wie hatte sie es gesagt: "In übergroße Kleidung kann man immer noch reinwachsen." Doch das mochte für Hogwarts gelten. Für Beauxbatons war es eher ein enges Korsett, wo jede ausladende Bewegung schmerzhaft sein konnte. Doch dann nickte er seiner Mutter zu. Er deutete auf die übrigen Briefe. Noch hatte er zeit. So las er zunächst den Brief von Virginie. Wie er schon erwartet hatte, war es die Einladung zu ihrer Hochzeit mit Aron. Sie sollte am einundzwanzigsten Juli stattfinden, also genau einen Tag nach seinem Geburtstag. Dann bot es sich doch an, diesen in Millemerveilles zu feiern, zumal seine Mutter und die Brickstons ausdrücklich eingeladen wurden. Offenbar würde dann wieder genug Muggelabwehrunterdrückungstrank vorrätig sein, vermutete er. Auch der Brief von Laurentine, der auf Faxpapier geschrieben worden war, hatte mit der Hochzeit zu tun.

"Julius, ich habe ja noch keine eigene Eule und weiß auch nicht, ob ich das machen soll", las er laut vor. "Aber Virginie hat mich sehr höflich gefragt, ob ich Lust hätte, eine von ihren sechs Brautjungfern zu werden. Sie wollten drei von jeder Seite. Ich habe zwar noch gewisse Bedenken wegen Madame Delamontagne, andererseits hat Virginie mir im letzten Jahr doch wesentlich besser geholfen als Barbara in den Jahren davor. Deshalb mache ich das. Ich wollte es dir nur mitteilen, falls du von Virginie zur Hochzeit eingeladen werden solltest. Denn wenn ich dahingehe, so hat Virginie mir geschrieben, dürfte ich auch meine Eltern mitbringen. Wie wir dahinkommen weiß ich zwar noch nicht, zumal ich meinen Eltern noch die frohe Kunde irgendwie zuspielen muß. Aber wenn das klappt, und du dann auch dahinkommst, dann sehen wir uns eben wieder bei einer Hochzeit, wie im letzten Jahr auch."

"Offenbar haben ihr die beiden Hochzeiten gut gefallen", fand Martha Andrews. Julius nickte. Dann nahm er den Brief von Brittany Forester und las, daß sie erfolgreich bei den Viento del Sol Windriders eingetreten sei und am fünfzehnten Juli ihr erstes Spiel als Profi-Spielerin bestreiten würde. Falls er mit seiner Mutter und auch mit Millie zusehen wollte, könnte sie es arrangieren, daß sie bei ihren Eltern wohnen dürften, die sich schon sehr freuten.

"Oh, der fünfzehnte könnte eng werden, Julius. Da wollte Nathalie mich nach Deutschland rüberschicken, mit dem dortigen Muggelverbindungszauberer über die Einrichtung deutschsprachiger Überwachungscomputer zu reden. Aber ich lese gleich erst einmal den Brief, den Nathalie geschrieben hat."

"Das hat die junge Ms. Brittany wohl nicht vergessen, daß ich die mit einem Übungsquod rausgeknallt habe", grinste Julius, wenn er an das tolldreiste Manöver bei einem Quodpotspiel dachte, bei dem Millie und er in den Osterferien mitgemacht hatten. Dann sah er noch einmal auf seine Uhr. Es waren noch wenige Minuten bis zehn.

Als er die Briefe und die silberne Brosche gut fortgepackt hatte verabschiedete er sich von seiner Mutter und flohpulverte in den Kamin "Maison Mardi", das auch als Honigwabenhaus bekannt war. Die Wirbelei war nur fünf Sekunden lang. Dann landete er im Zielkamin.

"Überpünktlich, junger Mann", grüßte ihn Hippolyte lächelnd. Ihre Mutter stand neben ihr und strahlte Julius an.

"Ich fürchte, ich muß mir das angewöhnen", sagte Julius. "Ich habe nämlich heute morgen Post aus Beauxbatons bekommen."

"Huch, Pattie hat aber ihre Ausrüstungsliste noch nicht", wunderte sich Ursuline Latierre. Hippolyte nickte ihr beipflichtend zu. Dann mußte sie grinsen.

"War der Brief vielleicht etwas schwerer als sonst, Julius?"

"Zentnerschwer, Hippolyte."

"Martine hat auch einmal früher als die meisten anderen Post bekommen. Genauer gesagt zweimal. Herzlichen Glückwunsch, Julius!" Damit fiel Hippolyte ihrem Schwiegersohn in Wartestellung um den Hals und zog ihn ganz innig an sich.

"Ich weiß nicht, ob ich das wirklich verdient habe", presste Julius heraus.

"Wieso, ist es das goldene Ding?" Fragte Hippolyte belustigt.

"Neh, aber das andere ist auch schon heftig."

Martine kam in den Salon und sah ihre Mutter, wie sie Julius herzte. Sie fragte, was er ihr denn gutes getan hätte. Er sagte ihr, daß er Post von Beauxbatons bekommen habe, einen gut gefütterten Brief.

"Och, silbern oder gold, Julius?"

"Wenn Giscard was gemacht hätte, was ihn die goldene Brosche gekostet hätte wüßte ich das wohl. Neh, ich bin für seinen Stellvertreter aus der siebten eingezogen worden, weil der ja jetzt mit der Schule durch ist."

"Eingezogen? Komm, Julius. Mir hat das erst auch nicht so recht gepaßt, als mir so'n Brief geschickt wurde. Aber ich habe es gelernt, damit zu leben und nicht für jede Mitschülerin zur erklärten Haßhexe zu werden. Aber wenn ich das richtig mitbekommen habe wollte meine Schwester was von dir. Wenn die mit dir fertig ist können wir beide ja drüber reden, was du beachten mußt und was du lockerer angehen kannst."

"Danke dir, Martine", seufzte Julius. Dann ließ er sich von Hippolyte in ein kleines Arbeitszimmer führen, wo Millie schon auf einem Stuhl saß. Er wurde gefragt, ob er vorher noch was drängendes erledigen müsse. Er schüttelte den Kopf. Dann setzte ihn die Hausherrin auf den Stuhl.

"Vertrauen ist gut, Julius. Aber ich möchte nicht in den Ruf geraten, meine Tochter und ihren Zukünftigen in meinem Klangkerker-Arbeitszimmer zu neckischen Sachen verleitet zu haben. Ihr habt jetzt eine Viertelstunde, in der ihr beide auf den Stühlen sitzenbleiben müßt. Dann geht die Tür von alleine wieder auf", sagte sie überlegen ihre Tochter Mildrid anlächelnd. Dann schloß sie die Tür. Julius fühlte etwas wie einen Vierpunktesicherheitsgurt, der ihn fest aber nicht zu stramm an die Sitzfläche und die Lehne des Stuhls band.

"Das mußte ich ihr durchgehen lassen, Monju", knurrte Millie verbittert. "Was habe ich da gehört, die haben dir eine Brosche geschickt. Das hat Königin Blanche bestimmt gemacht, um uns beide besser drangsalieren zu können. Aber pssst."

"Du wolltest mir noch erzählen, was Darxandria dir noch so erzählt hat, als sie dich noch nicht ausgespuckt hat wie mich."

"Darxandria? Runtergeschluckt hat uns doch Temmie", wunderte sich Millie. "Oder hast du das anders geträumt?"

"Neh, als Temmie mich wieder ausgewürgt hat wurde sie zu Darxandria. Deshalb hattest du ja ein anderes Gefühl, in einem anderen Raum zu hängen. Aber was wollte die noch von dir?"

"Sie hat mir erzählt, daß du versucht hast, Claires Großmutter zu retten, weil diese sogenannten guten Brüder sie mit dem Blutrachefluch erwischt haben. Es ist dir ja auch fast gelungen, wenn der Obermotz von denen nicht gemeint hätte, dich aus lauter Angst vor einem ganz bösen, der irgendwann auftauchen könnte totfluchen zu müssen und sie dabei erwischt hat, was sie aber nicht umgebracht hat, sondern in ein Geschöpf aus reiner Magie verwandelt hat. Claire hätte dir dann auch noch helfen wollen und dabei ihren eigenen Körper wie einen Mantel abgelegt. Dumm für euch drei war dann nur, daß sie nicht mehr zurückkehren konnte. Deshalb hast du auch manchmal so komisch gekuckt, weil du dachtest, du hättest Claire umgebracht." Julius kuckte jetzt nicht wesentlich gelassener, sondern wie ein ertappter Verbrecher. Doch Millie lächelte, nicht schadenfroh, weil Claire deshalb aus dem Weg war, sondern aufmunternd, weil sie ihn nicht dafür verurteilen wollte. "Ich weiß, daß Claire und ihre Oma Aurélie durch diese Supermagie, mit der du ihr helfen wolltest überlebt haben, aber nicht mehr als lebende Hexen herumlaufen können, sondern irgendwie wie höhere Geister ... Oh, nein als ein höherer Geist weiterbestehen, der die Fähigkeiten von ihnen Beiden hat und von denen gesehen werden kann, der ihnen beiden in Liebe verbunden war. Jetzt kapiere ich auch, warum Denise Mayette was von einem Engel erzählt hat, zu dem Claire geworden sein soll. Es ist zwar traurig, daß du Claire nicht zurückbringen konntest. Aber wenn dieses Weib, Darxandria, dich schon so heftig beharkt wie mit diesem Traum gestern, dann hattest du wohl keine andere Wahl, als zu machen, was sie von dir wollte."

"Wenn Claire und ihre Großmutter jetzt irgendwie weiterbestehen, Millie, hast du dann keine Angst, sie könnten uns zusehen oder könnten was dagegenhaben, daß wir zusammen sind?"

"Ich habe dir schon einmal gesagt, Julius, daß ich wußte, daß Claire wußte, daß wenn nicht sie bei dir bleiben kann ich besser für dich geeignet wäre als die anderen, vor allem die verlogene und zickige Belisama. Wenn das, was Claire jetzt ist, echt was gegen uns hätte, dann hätte sie uns doch vor der Mondbrücke umwerfen oder total heftig erschrecken können, uns ein schlechtes Gewissen einreden können oder sich zu dir auf meine Schultern hocken und mich runterdrücken können. Nachdem, was Darxandria mir erzählt hat, könnte sie das wohl. Aber sie tut es nicht, weil sie will, daß du jemanden hast, die auf dich aufpaßt und dich glücklich macht, und das wohl in jeder Hinsicht. Oder war sie bei uns im Bett, als wir uns zum ersten Mal zusammengetan haben, Monju?" Julius schüttelte den Kopf. Weder in seinem Kopf noch für ihn irgendwie sichtbar war Claire besser Ammayamiria bei ihnen gewesen. Er hatte ja in der folgenden Nacht geträumt, daß sie ihn zu seiner Entscheidung gratulierte und ihm und Millie ein glückliches Leben gewünscht hatte. Sollte er das jetzt erwähnen? Nein, das wäre wohl zu viel des guten, dachte er. Er sagte nur, daß Darxandria ihm einen Auftrag erteilt habe, den er ausführen müsse, um ihn, den andere Zauberer nicht beim Namen nannten, nicht viel stärker werden zu lassen. Wenn sie nicht verstanden hatte, was für ein Auftrag das war, durfte er es ihr wohl nicht erzählen.

"Solange meine weiblichen Verwandten nichts damit zu tun haben oder du mich oder dich in Todesgefahr bringst, Monju. Sonst würde ich das eurer Saalkönigin in die Hand drücken, damit die das macht. Die meint ja, sich mit sowas eh besser auszukennen. Aber dann stimmt das, was ich geträumt habe?"

"Das was Darxandria dir erzählt hat stimmt, Millie. Aber das soll keiner sonst wissen. Claires Verwandte sind wenige, die das haargenau mitbekommen haben. Daher hat Mayette das ja von Denise. Wundere mich nur, daß ihre Eltern ihr das nicht verboten haben."

"Zu sagen, daß ihre Schwester ein Engel oder sowas ist und es ihr gut geht, Monju? Hätte doch keiner drauf kommen können, daß sie das tatsächlich so meint. Außerdem weiß eure Babette das ja auch und hat dich nicht dumm angequatscht oder was."

"Unsere Babette? Ich kann mich nicht erinnern, daß Catherine und Joe die uns geschenkt hätten. Dann wäre die immer noch zu teuer", erwiderte Julius darauf. "Aber sonst stimmt's schon, daß Babette nicht traurig ist, wenn sie über Claire spricht. ich war nur lange traurig, weil sie einfach nicht mehr so um mich rum war, wie ich es gewohnt war und ich der Idiot war, der das irgendwie angestellt hat."

"Du hast doch versucht, sie zu retten, sie zu beschützen, Monju. Dieser Blutrachefluch hätte sie ja auch so erwischt, wenn du nicht noch mal zu diesen Brüdern hingegangen wärest. Oder haben ihre Eltern dir Vorwürfe gemacht, als du es ihnen erzählt hast, was sonst keiner wissen durfte?"

"Erst haben sie komisch gekuckt, Millie. Aber dann ist uns diese Verschmelzung zwischen Claire und ihrer Großmutter erschienen und hat das bestätigt, was ich erzählt habe. Es stimmt auch, daß nur die sie sehen können, die mit ihr sehr gut auskamen. Also wirst du sie wahrscheinlich nicht zu sehen kriegen, selbst wenn sie für mich sichtbar und hörbar im Raum steht."

"Ach, ist sie jetzt da?" Fragte Millie herausfordernd. Julius verneinte es. "Daran siehst du, daß sie will, daß wir beide da weitermachen, wo ihr beide aufgehört habt", stellte sie kategorisch fest. "Ich bin dir zwar etwas böse, weil du so viele Sachen einfach nicht erzählen willst oder darfst. Aber ich seh's auch ein, daß die, die dir so'n Zeug's aufladen Gründe haben, die ich nicht verstehen kann oder verstehen muß. Aber das eine sage ich dir trotzdem, Monju, damit du nicht wieder denkst, das mit uns hielte nicht lange vor: Meine Eltern und Verwandten haben auch so ihre Geheimnisse. Unsere Familie hat ja auch ein paar Sachen, die nicht jeder wissen darf. Genau deshalb wäre es blöd und feige, jemanden deswegen nicht mehr zu lieben, nur weil der was mit sich rumschleppt, was er nicht jedem sagen kann. Es ist zwar schön, wenn jemand dem, den er sehr gern hat alles sagen kann, ist aber nicht das einzige, was wichtig ist, um das wie mit uns aufrecht zu halten. Und jetzt, wo du weißt, was ich von dir weiß, denke ich doch, daß du mir die Sachen, die damit zusammenhängen erzählen kannst, auch wenn jemand wie Königin Blanche oder die Maxime dir predigen, nichts zu erzählen. Ich bin jetzt bei dir. Du gehörst zu mir, sonst wären wir nicht in die Mondburg reinngekommen. Ich habe dich sehr früh in Beauxbatons sehr gerne gemocht, auch wenn du absichtlich alles mögliche angestellt hast, um von mir nicht gemocht zu werden. Martine hat sich auch auf Edmond so heftig eingelassen wie ich mich auf dich, auch ohne Mondtöchter und das alles. Sie wollte viel für ihn aufgeben und mit ihm zusammensein. Er aber war ein feiger Flubberwurm ohne Rückgrat. Ich denke nicht, daß du, auch wenn du jetzt die Silberbrosche hast und womöglich in einem oder zwei Jahren auch die Goldbrosche kriegst so'n Flubberwurm bist, Julius. Dann hättest du nicht alles versucht, Claires Oma und alle anderen Dusoleils zu retten. Soviel dazu."

"Ich werde wohl in den nächsten Tagen oder Stunden schon was machen müssen, was nicht jeder mitkriegen darf, Millie. Also ärgere dich nicht, wenn du in den nächsten Tagen nicht sofort was von mir hören kannst!"

"Siehst du, ist doch wesentlich leichter, sowas zu sagen, ohne schlechtes Gewissen zu haben, weil jemand einem was verboten hat, Julius. In Ordnung, dann hoffe ich sehr stark, daß du diesmal noch besser auf dich aufpaßt und schnell wieder zurückkommst. Ich hatte nämlich nicht vor, die restlichen Ferien traurig rumzusitzen." Damit hatte Julius einen Aufhänger, den vorgeschobenen Anlaß wahrzumachen und mit Millie über die nächsten Wochen zu reden. Sie stimmte ihm zu, daß er wohl bei den Dusoleils seinen Geburtstag feiern möge, aber dann bitte nur direkt verwandte Leute einladen sollte. Doch Julius erzählte ihr von Virginies Hochzeit.

"Und Virginie hat die Mademoiselle Bin-jetzt-doch-'ne-Hexe angeschrieben, sie solle ihr die Schleppe schleppen?" grinste Millie mädchenhaft. Julius nickte. "Ich habe keine solche Einladung gekriegt. Aber ich denke, ich kann mit Oma Line bei den Renards wohnen, wenn die wieder gegen euch alle Schach spielen will. Dann sehen wir uns eben auch so."

"Zu meinem Geburtstag kommen Tine und du doch bestimmt", sagte Julius.

"Nur, wenn du uns eine Einladung schreibst, die nicht amtlich rüberkommt", entgegnete Mildrid Latierre. Julius nickte. Dann erwähnte er noch Brittanys Brief und das er und sie eingeladen seien.

"Oh, hat die Gemüsefee es echt hingebogen, bei ihrem Lieblingsverein reinzukommen. Hat die denn schon die Abschlußwertungen? Die machen doch UTZs wie wir auch."

"Die werden die wohl Mitte Juli kriegen, Mamille. Aber wenn die sich schon verpflichtet hat ist die sich ihrer Sache wohl sicher."

"Hmm, Jetzt wo Miriam da ist. Aber du sagtest, die wollte dann klarkriegen, daß wir bei den Foresters wohnen. Maman würde uns alle glatt wieder in Charlies gemütliches Haus einquartieren, wohl dann mit einem Familienzimmer. Neh, die muß nicht dabei sein. Wenn deine Mutter mitkommt, haben Maman und Papa wohl nix dagegen."

"Glaub nicht, daß Britts Eltern uns so alleine lassen wie meine Mutter es getan hat", erwiderte Julius.

"Soso, du denkst wieder daran, ob wir beide uns wieder auf ganz natürliche Weise treffen können", raunte Millie verrucht. "Daran merkst du, daß der ganze Blödsinn, den dir Königin Blanche und ihre Tochter oder sonst wer einzureden versucht haben dir selbst nicht paßt, Monju. Aber deshalb müssen wir jetzt nicht nach allen möglichen Gelegenheiten kucken, wo wir beide uns richtig doll zusammentun können. Aber das Spiel von Brittany möchte ich schon gerne sehen", sagte sie. Julius nickte. So besprachen sie noch, was nach dem Sommerball möglich war. Millie meinte, daß er bestimmt wieder zu Callies und Pennies Zwillingsgeburtstag eingeladen würde. Allerdings würde der dann wohl auf dem Bauernhof stattfinden. Wie ihre Tante Barbara in Sachen kuscheliger Stunden drauf war wußte Julius ja von seinem Ausflug am vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Juni. "Zumindest kommst du dann nicht mehr in die Versuchung, irgendwas mit Tante Trice anzustellen, von dem ich immer noch nicht weiß, was es war."

"Das behalte ich auch für mich", erwiderte Julius verschmitzt grinsend.

Abschließend sprachen sie nun über die silberne Brosche. Julius zitierte aus den Rechten und Pflichten. Millie nickte grummelnd. Dann meinte sie:

"Wie gesagt könnten Madame Maxime und eure Saalkönigin das geschickt eingefädelt haben, um uns beiden den Spaß zu vermiesen, Monju. Aber wenn die das bei Tine schon nicht geschafft haben, dann schaffen die das bei dir und mir auch nicht. Außerdem dürfen dann nur Lehrer dir Strafpunkte geben, und wir müssen uns ja nicht genau da hinstellen, wenn wir uns umarmen oder küssen wollen, wo 'ne andere Saalsprecherbrosche in Sichtweite ist. Oder verpetzen diese Broschen das auch?"

"Davon stand nichts drin. Das wäre ja wirklich heftig", knurrte Julius.

"Na dann. Wenn tine dir angeboten hat, mit dir drüber zu reden, lasse ich dich gleich zu ihr, wenn Mamans Anstandszauber verflogen ist", erwiderte Millie.

Als dann tatsächlich die Tür von alleine aufsprang und die unsichtbare Rumpffessel verschwunden war sagte Julius noch einmal laut, daß sie sich gegenseitig anschreiben würden, ob es ginge oder nicht.

Die nächste Stunde saß Julius mit Martine in ihrem Zimmer. Millie war jetzt außen vor. Martine unterhielt sich mit Julius über ihre Zeit als Saalsprecherin, wobei sie betonte, daß die Anweisung für Mädchen noch drastischer sei als für Jungen. Da mußte nämlich auch darauf geachtet werden, daß die Mädchen keinen protzigen Schmuck trugen, ihre Haare nicht in grellen Farben frisierten und sich nicht viel zu auffällig schminkten. Außerdem wären die Saalsprecherinnen verpflichtet gewesen, frauentypische Körperauffälligkeiten wie Regelbeschwerden oder eben eine sich verratende Schwangerschaft sofort bei der Heilerin oder dem Saalvorsteher anzuzeigen.

"Ich weiß bis heute nicht, wieso Madame Denk-nicht-Dran nicht mit Trifolio oder Paralax geredet hat, als Constance was merkte. Die hat doch bestimmt mit Lépin gequatscht, ob es von ihrem ganz privaten Zweiertanz kommen könnte. Aber du verstehst jetzt, wieso ich damals so biestig gewesen bin, abgesehen davon, daß Seraphine bestimmt heftig in der Wertung runtergezogen wurde. Daß die trotzdem die beste Schülerin geworden ist wollte mir damals nicht in den Kopf und will es heute immer noch nicht. Wahrscheinlich hatte sie anderswo immer nur schönes Wetter und superviele Punkte gemacht."

"Ja, aber was ist jetzt für mich wirklich heftig und was nicht?" Wollte Julius wissen.

"Also das mit den Partnerschaften ist schon mal Humbug, Julius. Wer erzählt dir freiwillig, mit wem er zusammen ist. Sicher kommt das irgendwann raus und dann solltest du es melden. Aber solange keiner das offen rumgehen läßt. Meine Vorgängerin hat das mit Eddie und mir erst dann hingehangen, als sie mich und ihn Hand in Hand durch einen Korridor hat gehen sehen. Sie meinte, wir hätten das noch ein paar Monate geheimhalten können, wenn wir das gewollt hätten. Also dürfte es ja jetzt wohl jeder wissen. Dem habe ich zugestimmt. Also erzählst du das deiner Saalkönigin erst, wenn wer von deinen Jungs wirklich keine Probleme damit hat, mit einem Mädchen rumzulaufen!"

"Ja, aber diese Aufsichtspflichtgeschichte?"

"Steht deshalb drin, weil es vor 'nem halben Jahrhundert andauernd passierte, daß Schüler nicht um zehn Uhr im zugewiesenen Saal waren und ist wohl auch für die Blauen gedacht, damit deren Saalsprecher die von sich aus einsammeln gehen, bevor die was anstellen. Das ist ja das blöde, daß alle drunter leiden müssen, wenn einer was angestellt hat. In Hogwarts lief das doch noch krasser, oder?"

"Öhm, da hatten wir keine Saalschlußzeiten."

"Ja, aber wer nach zehn Uhr im Schloß rumgegeistert ist und erwischt wurde hat nicht für sich selbst sondern für sein oder ihr Haus einen Punktabzug kassiert, haben Jeanne und Barbara mir erzählt. Überhaupt wird da ja keiner einzeln bewertet. Macht einer was tolles, wird das ganze Haus belohnt. Macht wer was dummes, zieht es das ganze Haus mit runter. Das meine ich mit krasser, Julius."

"Das Prinzip der drei Musketiere, Martine. Einer für alle, alle für einen", erwiderte Julius darauf bissig.

"Ja, und weil die in Frankreich erfunden wurden hätten wir in Beaux das dann so wie in Hogwarts machen müssen? Neh neh, Julius, das wie es bei uns läuft ist schon besser, auch wenn dafür die Regeln als solche enger anliegen und wir doch einen besser durchgeplanten Tagesablauf haben. Mach's mit der Brosche wie ein Politiker: Melde das, was sonst wer mitgekriegt hätte, rede mit denen, auf die du aufpassen mußt, daß du denen gerne genauso viele Strafpunkte aufbrummst, wie du kassieren würdest, wenn die nicht um zehn im Wohnsaal sind! Sei freundlich aber unerbittlich, wenn Giscard dich zum Wecken losschicken sollte! Fang von dir aus keinen Streit an und lass dich auf keine außerschulischen Duelle ein, wenn du nicht eins beenden mußt. Wahrscheinlich haben sie dich deshalb auch genommen, weil sie wissen, daß du dich magisch wehren kannst und auch eine gute Disziplin hast."

"Woher willst du das mit der Disziplin wissen? ... Ich ziehe meine Frage zurück", entgegnete Julius, während Martine ihn sehr überlegen angrinste.

"Wir beide haben ein ganzes Jahr zusammen als Pflegehelfer gearbeitet, Jungchen. Wir haben dabei unter anderem Constances Kind auf die Welt geholt. Daher weiß ich das. Abgesehen davon könntest du bestimmt nicht halb so gut tanzen, wenn du das damals nicht mit der nötigen Disziplin gelernt hättest. Und da warst du erst neun Jahre alt, hast du uns bei Oma Line erzählt. Glaub's mir, ich kenne dich gut genug, um zu wissen, daß meine Schwester mit dir keine Probleme kriegen wird, wenn sie es nicht unbedingt darauf anlegt."

"Millie meinte, daß du mit der Brosche ernster geworden wärest. Was soll ich da machen, wo die mir bisher eh alle unterstellt haben, zu verkrampft und altklug zu sein?"

"Tja, dann mußt du dich ja nicht mehr verändern, Julius, wenn du den Ruf echt weghaben solltest. Gut, die Jungs aus meinem Saal haben sich schon gefragt, ob du ein normaler Junge wärest, während die Mädels schon wußten, daß die dich absichtlich kleingehalten haben. Bine und San haben's dir ja wohl häufig gesagt, daß du eigentlich auch bei uns gut reingepaßt hättest. Was gibt's da zu grinsen?"

"Klingt jetzt irgendwie zweideutig, was du gesagt hast, Martine."

"Verstehe, du hast also auch von Bine und San geträumt", konterte Martine und erwischte Julius ziemlich kalt. Dann grinste sie und meinte: "Sie meinten das natürlich so, daß du in unseren roten Wohnsaal gut hingepaßt hättest. Ob du bei der einen oder der anderen reingepaßt hättest hast du ja aus lauter Anstand nicht ausprobiert. Sagen wir es so, und deshalb bin ich froh, daß du mich an meinem freien Tag erwischt hast, Julius, daß ich dich noch nicht für so überängstlich auf Regeln bedacht halte wie Edmond. Deshalb kann ich dir auch nur den guten Rat geben, bloß nicht von diesen Sachen auf der Aufgabenliste eingeschüchtert zu werden. Die Jungs werden dich nicht mehr oder weniger respektieren, wenn du diese Regeln buchstabengenau durchziehst, und du selbst würdest dir am Ende nicht mehr beim Rasieren im Spiegel zusehen wollen. Aber dafür hast du ja noch früh genug gelernt, dich auf jemanden einzulassen, ob es jetzt Claire war, die auch nicht immer Barbaras Vorzeige-Mitschülerin war oder eben jetzt auf meine Schwester, mit der ich oft genug meine kleinen Wortgefechte hatte. Das sie die Silberbrosche nicht bekommen hat wundert mich nicht sonderlich, wenngleich ich es ihr auch gegönnt hätte, wenn sie sie bekommen hätte. Ich fürchte, sie werden Bernadette damit behängen, weil ich mir Caro und Leonnie nicht damit vorstellen kann. Aber soweit ich weiß ist aus der künftigen sechsten Klasse ja noch eine Stellvertreterin dabei. Aber wenn du noch von einem Jungen wissen willst, wie das als Saalsprecher lief, dann frage Bruno!"

"Der hat im Moment andere Sorgen, Martine. Der ist jetzt Papa und muß sich von zwei ungeduldigen Hexen herumscheuchen lassen."

"Tja, irgendwas müßt ihr Burschen ja auch dabei aushalten, wo ihr die Kurzen nicht neun Monate mit euch herumtragen müßt und euch einfach so ohnmächtig hinwerfen könnt, wenn der kleine Plärrer dann ernst macht und raus an die Luft will. Apropos, Hat sich Millie denn bedankt, daß sie Maman und Miriam bei ihrer gemeinsamen Anstrengung zugucken durfte?""

"Natürlich hat sie das", meinte Julius sofort. "Sie hat mir das auch erzählt, daß deine Mutter eure Schwester nicht rausrücken wollte und gesagt hat: "Wenn du dich so querstellst bleib halt drin!"."

"Oh, das war aber nicht fein von Mildrid", grinste Martine. "Aber stimmen tut's schon, daß Maman Miriam angedroht hat, sie dann ihr restliches Leben rumzutragen, wenn sie sich nicht endlich beeilt", sagte Martine. "Aber wenn du das meiner Mutter auf's Brot schmierst hast du die nächsten Wochen keine Planungslücken mehr. Dann stellt die dich als Hilfskraft für Miriam an, Baden, wickeln, Einsingen, falls sie dir nicht noch den Nutrilactus-Trank eintrichtert, um ein paar Freistunden mehr rauszuholen."

"Das könnte ihr jemand übelnehmen", sagte Julius dazu nur. "Ihre Mutter zum Beispiel, die im Schach gegen mich antreten will oder Madame Faucon, die meint, ich sollte nicht noch mithelfen, eure Familie bei guter Gesundheit zu halten."

"Tja, dann sollte das unter uns bleiben, was Millie dir erzählt hat", flüsterte Martine.

Es verging noch eine Stunde, in der Martine Julius einige Begebenheiten aus ihrer Saalsprecherinnenzeit erzählte. Dann meinte sie:

"Da kommst du mit klar, Julius. Auch wenn die Jungs aus deiner Klasse dir vielleicht die ersten Wochen tierisch zu schaffen machen und Königin Blanche meint, dir meine Schwester verbieten zu müssen. Aber ich hab's geschafft, Bruno hat's auch geschafft, und wir beide waren im roten Saal."

"Danke, daß du dir die Zeit genommen hast, mir das alles zu erzählen und mir zu raten, was ich wie machen kann", erwiderte Julius. Martine nickte.

"Ich tu das auch für Millie, damit sie auch ein paar schöne Stunden in Beauxbatons hat und sich nicht andauernd wegen dir ärgert. ich habe meine Erfahrungen mit Edmond noch in den Knochen, auch wenn ich diesen Feigling so sehr geliebt habe, daß ich für den vieles aufgegeben hätte. Aber er meinte ja, ich sei es ihm nicht wert. Tja, jetzt ist der irgendwo und muß aufpassen, nicht groß und berühmt zu werden, damit ihm keiner nachsagt, er habe sich vor der Besenwerbung gedrückt, nachdem er die Hexe, die ihn heiraten wollte vorher schon beglückt hat. Millie ist jetzt mit dir soweit durch?"

"Ja", erwiderte Julius.

"Ja, dann weiß ich nicht, was du jetzt vorhast."

"Ich flohpulver jetzt nach Hause und seh zu, daß ich noch was zu essen bekomme, bevor deine Oma Line meint, meine Portion mitessen zu müssen."

"Im Moment ist sie nicht schwanger, Julius. Die hat sich selbst sehr gut eingeschränkt, was das Essen angeht. Dann mach's gut!"

Julius bedankte sich bei Martines und Millies Eltern für die Gelegenheit, das was für ihn wichtig war zu bereden. Dann flohpulverte er sich zurück in die Wohnung, die er mit seiner Mutter bewohnte.

Ursuline fragte Julius, ob er mit Millie schon einen Fahrplan für die nächsten intimen Stunden erarbeitet hätte und grinste dabei mädchenhaft.

"Vergiss deine Urenkel, Ursuline. Vor meinem achtzehnten Geburtstag wirst du keinen zu sehen kriegen", konterte Julius.

"Dann wollen wir mal hoffen, daß ich deinen achtzehnten Geburtstag noch erlebe, Julius. Sonst bereust du das noch, was du gerade gesagt hast."

"Mal lieber hoffen, daß er seinen achtzehnten Geburtstag noch erlebt", knurrte Martha Andrews Julius zugewandt. "Im Moment ist in der Zaubererwelt zu viel Ungemach am Werk."

Ursuline blieb zum Mittagessen, wobei sie wirklich nicht mehr aß als Julius. Dann spielte sie noch die Schachpartie zu Ende, die sie und seine Mutter begonnen hatten. Julius sah ihnen eine Weile zu, befand dann, daß er dann doch etwas eigenes machen wollte und zog sich in sein Zimmer zurück, wo er am Computer arbeitete.

Abends saßen er und seine Mutter dann noch lange im Wohnzimmer und besprachen das, was Julius von Martine über die Saalsprecherpflichten gehört hatte. Martha Andrews sagte abschließend dazu:

"Ich hatte zuerst auch das Gefühl, einer Anleitung für Kasernen- oder Gefängnisaufseher zuzuhören. Aber es ergibt für mich doch einen gewissen Sinn, was diese strickten Vorgaben angeht, insbesondere nachdem, was ich über die Grundcharaktere aus den anderen Sälen mitbekommen habe und Martine dir erzählt hat. Wenn du eine Grenze so weit oder so fließnd ziehst, daß sie keiner mehr sehen kann, kannst du sie auch gleich weglassen, Julius. Insofern ist es angebracht, relativ enge aber nicht ganz so starre Grenzen zu ziehen, damit du selbst weißt, woran du bist. Gerade weil ihr mit Magie hantieren könnt und deshalb in große Versuchung geführt werdet ist es schon wichtig, euch Verantwortung im Umgang damit und miteinander zu lehren. Deshalb solltest du stolz sein, daß sie dich dafür für fähig befunden haben, diese Aufgaben zu bewältigen, mein Sohn. Du hast dich schon mit so vielen Herausforderungen arrangiert, dann packst du diese Brosche und was da alles dranhängt auch."

"Danke dir, Mum", sagte Julius ehrlich angerührt.

 

__________

 

In dieser Nacht träumte Julius weder von Darxandria, noch von jenen unheimlichen Schlangenmonstern, aber auch nicht von Millie. So war er am nächsten Morgen wesentlich ausgeruhter und erholter, als er sich die ersten freien Bilder von der Pathfinder-Seite im Internet ansah. Seine Mutter hatte recht. Sie nur angezeigt zu bekommen dauerte ziemlich lange, als müßten sie selbst vom Mars angefordert werden. Catherine lud die Andrews' zum Mittagessen ein. Babette war im Sonnenblumenschloß bei Mayette, wo auch Denise Dusoleil hinkommen wollte.

Meine Mutter kommt heute aus den Staaten zurück. Sie hat sich wohl dort mit Mr. Davidson vom Laveau-Institut und anderen getroffen. Ich habe ihr eine Express-Eule geschickt, daß sie bitte zu uns kommen möchte, wenn sie ihr Gepäck verstaut hat", teilte Catherine den Andrews' mit.

"Dann wird sich ja zeigen, ob das mit dem Stein so ist, wie ich es geträumt habe", sagte Julius. Er fühlte, daß er schon bald in ein neues Abenteuer ausziehen würde. Er war noch Junge genug, um es spannend zu finden, was zu machen, was vor ihm keiner gemacht hatte, aber schon erwachsener Mann genug um sich darüber Sorgen zu machen, ob er dieser großen Verantwortung, die Darxandria ihm aufgeladen hatte, gerecht zu werden. Sogesehen war die Ernnennung zum stellvertretenden Saalsprecher klein und unbedeutend dagegen, daß er angeblich der einzige war, der die Menschheit vor einer Horde uralter Monsterkrieger bewahren konnte.

Gegen drei Uhr am Nachmittag traf Madame Faucon im Kamin der Brickstons ein. Sie legte es nicht auf eine lange Begrüßungsszene an, sondern sah Catherine tadelnd an.

"Warum hast du dem Jungen nicht geraten, mir eine Express-Eule zu schicken, anstatt dich nur zu erkundigen, wo ich gerade bin, Catherine. Wenn er mir das geschildert hätte, daß er neue befremdliche Träume hat ... In deinem Arbeitszimmer will ich hören, was los ist", knurrte sie.

"Ich auch", knurrte Martha Andrews gleichermaßen ungehalten. Madame Faucon sah sie entrüstet an. Dann schien sie, in sich hineinzulauschen. Dann sah sie Catherine an und verfiel in eine starre Haltung.

"Offenkundig mißtrauen Sie uns, Martha", sagte sie dann Julius' Mutter zugewandt.

"Dazu habe ich ja wohl auch manchen Grund, Blanche", schnarrte Julius' Mutter mit versteinert wirkendem Gesicht zurück.

"Gut, ich gebe zu, daß mich eine derartige Enthüllung als Mutter auch in gewisse Verärgerung treiben würde, wenn jemand befindet, mir etwas über meine Tochter vorzuenthalten. Also kommen Sie auch mit!"

Im Arbeitszimmer Catherines berichtete Julius von jenem Traum, in dem er von Darxandria erfahren hatte, das die alten Krieger Skyllians oder Sharanagots wieder aufgeweckt werden sollten. den gemeinsam mit Millie durchlebten Traum verschwieg er jedoch und hielt sich durch Occlumentie wohl verschlossen.

"Ich wußte es, daß dieser Ausflug in die Festung der achso friedliebenden Bruderschaft noch ein Nachspiel haben würde", ereiferte sich Madame Faucon sichtlich verärgert und funkelte Catherine an. Dann verlangte sie von Julius, ihr die Skyllianri, die er gesehen hatte zu beschreiben oder ihn in seinen Geist einblicken zu lassen, was er mit der Begründung ablehnte, daß er nach dem Traum viel mit Millie und Martine über Beauxbatons und die gemeinsame Zukunft gesprochen habe.

"Oh, dann ist die Ernnennung auch schon eingetroffen", erkannte Madame Faucon und lächelte für einen winzigen Moment. Julius' Mutter sah sie an und sagte dazu nur:

"Da haben Sie doch drauf hingewirkt, Madame, oder?"

"Um dieses Thema nicht in die gerade wichtige Besprechung einschneiden zu lassen nur so viel, Martha: Ich bin froh, daß Ihr Sohn die nötigen Anlagen dafür mitbringt, diese verantwortungsvolle Tätigkeit im Rahmen seiner Schulzeit ausüben zu können und verhehle nicht, daß ich stolz bin, daß ich Ihrem Sohn auf diesen wichtigen Weg bis dorthin habe helfen können. Den Rest hat er alleine bewerkstelligt. Aber zurück zum Thema! Dann will ich jetzt von Ihnen eine möglichst detaillierte Beschreibung dieser Wesen haben und was genau Darxandria dir aufgetragen hat!"

Als Julius seinen Bericht wie gefordert beendet hatte sah er, wie Madame Faucon sehr ernst dreinschaute, als habe er ihr gerade verkündet, daß in den nächsten Minuten ein weltweiter Atomkrieg ausbrechen würde. Ja, auch ein wenig Angst vermeinte er im Gesicht der sonst über jede Furcht erhabenen Lehrerin zu sehen.

"Es wäre wohl nicht unpraktisch gewesen, wenn einige Kollegen in Indien mir und anderen Mitgliedern der Liga mehr über den Tempel der Tiger erzählt hätten. Offenbar befanden sie, daß es niemandem gelingen würde, dort einzudringen und es nicht wagen würde, das Artefakt der Schlangenkrieger an sich zu nehmen. Aber wir haben es nun einmal mit einem hochgradig irrsinnigen Zauberer zu tun, der vor nichts Halt macht, um seine verheerenden Ziele zu erreichen." Sie erzählte dann rasch, daß es im indischen Regenwald einen uralten Tempel gebe, der von halbmenschlichen Kreaturen, sogenannten Wertigern, bewacht würde und wo vor Jahrtausenden, wo die uralten Religionen wie der ägyptische Götterglaube und der Hinduismus ihre Wurzeln hätten, noch Relikte aus dem alten Reich gegeben haben mochte, die sowohl dem Guten wie dem Bösen zuzuordnen waren. Erst vor zwei Tagen, als sie selbst in Asien unterwegs war um vor dem Wiedererstarken Voldemorts und der unbekannten Hexenschwesternschaft zu warnen, habe sie erfahren, daß wohl jemand den Tempel der Tiger gesucht und gefunden habe. Aber nichts genaueres wußte keiner. Es wurde nur erwähnt, daß das Zepter des Urvaters aller Nagas, Schlangendämonen aus der indischen Mythologie, von den Hütern des Tempels bewacht würde, um Nagabapu, also dem Vater der Schlangendämonen, nicht zu neuer Macht auf Erden zu verhelfen. Sie erwähnte dann daß sie selbst bereits von diesen Schlangenkriegern gehört habe, sie aber wie vieles an Berichten über das alte Reich als unbewiesene, womöglich übertriebene Darstellung angesehen habe. Doch jetzt ergebe es einen gewissen Sinn. Denn die Kettenhaube Darxandrias sei ja real. Ebenso sei ja ein Feuerschwert, daß im letzten Oktober aufgetaucht war, in alten Berichten erwähnt worden.

"Diese alte Herrscherin hätte sich und uns allen einen größeren Dienst erwiesen, wenn sie dich schon weit vorher gewarnt und instruiert hätte", knurrte Professeur Faucon. Julius wandte ein, daß sie es wohl vorhatte, als er genau in der Nacht, in der Dumbledore ermordet wurde, von der alten Stadt geträumt hatte. Madame Faucon nickte schwerfällig.

"Nun, dann verstehe ich auch die Vehemens, mit der sie dich nun auf diese Bestien stößt und warum sie jetzt darauf dringt, daß du diese Stimme Ailanorars suchst. Auch von dieser kenne ich eine Geschichte, demnach es ein Artefakt sein soll, das ein Erzmagier der Lüfte angefertigt haben soll, um die Kräfte der Luft für Jedermann lenkbar zu machen, der sich als würdig erweist. In einem fragmentarisch erhaltenen Text über die Großen des alten Reiches heißt es auch, daß Ailanorar seine Söhne an die Grenzen der Welt geschickt hat, um die einfachen Völker anzuleiten, mit dem Wissen um die Magie richtig umzugehen. Es hieß da, daß wohl sämtliche Schamanen des nördlichen Polarkreises ihn als einen ihrer Hauptgötter angebetet haben sollen. Doch wie erwähnt sind das Berichte, die zum Teil als schwierig zu beweisende Theorien über den Ursprung des magischen Wissens angesehen werden. Aber es paßt insofern zu deinem Traum, daß Wesen, die auf die Erde fokussiert sind nur von Kräften der Luft überwunden werden können oder ihnen zumindest nicht unbeeindruckt entgegenstehen können."

"Ja, aber dann muß ich doch wohl nicht derjenige sein, der dieses Artefakt benutzt, oder?" Fragte Julius.

"Ich hoffe, diese Darxandria erkennt an, daß du nicht die ganze Welt auf deine Schultern laden kannst, Julius. Ich zumindest würde dir alles abnehmen, was jemand anderes dir aufbürdet, wenn ich weiß, daß damit übermächtige Verantwortung und Gefahr verbunden ist. - Ja, und Sie brauchen mich nicht so verächtlich annzugrinsen, Martha. Ich weiß, daß sich das für Sie jetzt wie Heuchelei anhören muß. Doch wenn Sie wirklich über alles, auch die an und für sich streng geheimen Details unterrichtet sind, die diese Kette von Ereignissen heraufbeschworen haben, dann wissen Sie ganz bestimmt auch, daß kein erwachsener Zauberer und keine voll ausgebildete Hexe der Gefahr hätte Herr werden können, die mich dazu zwang, jener heiklen Mission zuzustimmen, die Ihren Sohn in derartige Gefahr geführt hat. Womöglich hat Julius es Ihnen nicht erzählt, daß ich zu jeder Zeit meine Einwände gegen diese Mission erhoben habe. Glauben Sie ja nicht, daß ich Ihren Sohn seiner besonderen Grundkräfte wegen wie einen Köder an der Angel ansehe, um gefährliche Fische zu fangen oder ihn verheizen will, wie es bei den Muggeln heißt, wenn Kriegsknechte in aussichtslosen Schlachten ihr Leben lassen. Ich habe ihm damals geholfen, mit dem Optimum an Ausrüstung und Wissen diese Mission anzugehen, habe auch angeregt, daß er die Knieselin Goldschweif mit sich führt und somit sichergestellt, daß er lebend wieder zurückkommt, was ja zu unser aller Erleichterung auch geschehen ist." Martha Andrews starrte wie versteinert auf Madame Faucon. Doch dann entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder. Offenbar errinnerte sie sich genau an jene Szene, als Julius von Grandchapeau, Dumbledore, Maxime und Faucon instruiert und ausgestattet wurde. Sie nickte.

"Ich werde es hinbekommen, daß du morgen früh einen Drachenhautpanzer erhältst. Die Kettenhaube werde ich ohne unangenehme Rückfragen nicht von Minister Grandchapeau erhalten. Ebensowenig können wir dir die übrigen Ausrüstungsgegenstände zukommen lassen, die du hattest, Julius. Aber ich werde gleich noch mit Madame Maxime darüber sprechen, ob du Goldschweif nicht für diese neuerliche Reise ausleihen darfst, Julius."

"Oh, ich fürchte, das geht diesmal nicht, Madame Faucon. Darxandria sagte mir, daß das erste der drei Zauberwörter hieße, daß nur ein lebendes Wesen den alten Weg betreten will oder soll. Sie hat mir nicht verraten, wie ich ein weiteres Lebewesen mitnehmen kann", seufzte Julius, der allzu gerne Goldschweif mitgenommen hätte.

"Wie heißt das Wort?" Fragte Madame Faucon. Julius verriet es ihr.

"Wie heißen die beiden anderen Wörter?" Fragte sie dann noch. Julius versuchte, die beiden anderen Wörter auszusprechen. Doch irgendwas blockierte sofort seine Stimme und Zunge, als seien die Wörter selbst mit einem Schweigezauber verbunden. Er versuchte es zu mentiloquieren. Doch auch hier hatte er keinen erfolg. Aufschreiben ging auch nicht, weil er die Worte nur gesprochen wahrgenommen hatte. Als er sie dann lautbildhaft hinschreiben wollte, durchzuckte seine Hand ein stechender Schmerz, und er verlor die Feder.

"Nun, offenbar wurde dir das erste Wort frei aussprechbar in deinen Geist gelegt, damit du anderen davon berichten kannst, was für mich heißt, daß dir jemand helfen können soll, um den Eingang zu diesem magischen Verbindungsweg zu finden", vermutete Madame Faucon. Julius' Mutter nickte.

"Damit ist sichergestellt, daß niemand diesen Lotsenstein mißbrauchen kann", sagte Martha Andrews.

"Das sagen Sie mal besser nicht, Martha! Es ist nur so, daß Julius diese Worte von Darxandria gelernt hat. Aber vielleicht kann ich sie herausschöpfen, wenn du mich doch ..." Julius nickte schwerfällig. Dann würde gleich noch rauskommen, daß Millie auch in die ganze Sache eingeweiht war. Aber was sollte es noch. Er sah seine Lehrerin an, die leise "Legilimens" murmelte. Offenbar wollte sie mit ihrer ganzen Kraft an die entsprechenden Erinnerungen rühren. Doch alles, was Julius von diesem Zugriff auf seine Erinnerungen mitbekam war das Bild Darxandrias, das umflossen von goldenem Schimmer vor seinem geistigen Auge stand. Dann brach die Verbindung zwischen ihm und Professeur Faucon unmittelbar ab. Die erfahrene Hexenlehrerin keuchte vor Anstrengung. Außerdem war sie kreidebleich geworden, als habe ihr jemand ungeheure Angst eingejagt.

"Ich erlangte keinen Zugriff auf die mit Darxandria verbundenen Sachen. Ich sah nur ihr Bild. Sie kämpfte wider mich an. Wenn ich nicht wüßte, daß diese alte Großmeisterin der Magie Heil, Leben und Liebe als oberste Werte verehrt hätte, daß sie selbst einem Todfeind nichts antun wollte, dann müßte ich mir große Sorgen machen, Julius. Aber so hast du zumindest für's erste einen wirksamen Schutz vor unliebsamen Neugierigen", keuchte Madame Faucon. Dann sagte sie:

"Gut, wenn Ashmirin wirklich heißt, daß nur ein Lebewesen die magische Verbindung benutzen kann und ich jetzt auch weiß, daß deine Träume eine veritable Ursache haben, werde ich lediglich den besagten Drachenhautpanzer beschaffen. An diese Dinge kann ich ohne einen Zaubereiminister gelangen."

"Ich kann meine restliche Ausrüstung wieder mitnehmen", sagte Julius und dachte an sein Vielzwecktaschenmesser, das Zauberseil und vor allem die Phiole mit dem Goldblütenhonig.

"Vielleicht sollte ich dir auch meinen Tarnumhang mitgeben", bemerkte Professeur Faucon dazu. Dann nickte sie allen anwesenden zu, daß sie sicher sei, daß Julius so gut es ginge ausgestattet sei.

Martha Andrews überlegte eine Weile, ob sie es wirklich zulassen sollte, daß ihr Sohn erneut in eine unbekannte Situation, aus der ihn niemand herausholen konnte geschickt würde. Dann nickte sie. Julius hatte zu deutlich erwähnt, daß er weitere solche Alpträume fürchtete. Auch gefiel ihr die Vorstellung nicht, daß bösartige Kreaturen über die Erde herfallen konnten.

"Sie sagten eben etwas von Wertigern, Madame Faucon. Tigermenschen. Davon habe ich schon mal was gehört. Aber in unseren Schulbüchern wurden keine erwähnt. Wie kommt das?" Fragte Julius.

"Sagen wir es so, in den allgemein zugänglichen Büchern werden sie nicht beschrieben, weil sie zum einen nur im südasiatischen Raum vorgekommen sind und seit über einhundertfünfzig Jahren kein Wertiger mehr in Erscheinung getreten ist", sagte Professeur Faucon. "Es sind Zauberwesen, die aus einer damals gelungenen Verbindung zwischen Mensch und Tiger hervorgingen, anders als bei den Werwölfen, die einer unvollständigen Vereinigung entsprangen. Sie können willentlich zwischen Menschen- und Tiergestalt wechseln, behalten auch in Tiergestalt die Willenshoheit, sind sich also dessen, was sie tun bewußt und können es steuern und können sich auf zwei Arten fortpflanzen, durch einen Biß, wie die Werwölfe und durch natürliche Paarung in menschlicher Gestalt. Außerdem sind sie gegen direkte Flüche und alle Sorten Gifte gefeit und in ihrer Tiergestalt mit unbelebten Waffen nicht zu verletzen. Das einzige was ihnen schaden kann ist nichtmagisches Feuer."

"Oh, dann sind die von ihrer Raubtiernatur abgesehen ja jedem Magier haushoch überlegen", erkannte Julius.

"In direkter körperlicher Auseinandersetzung ja, Julius. Allerdings können sie von sich aus nicht zaubern, also auch nicht apparieren, verschlossene Türen aufspringen lassen oder fliegen. Außerdem erwähnte ich, daß sie nur in ihrer Tiergestalt von unbelebten Waffen nicht zu verletzen sind. Erwischt man einen Wertiger in seiner menschlichen Gestalt, ist er sehr wohl mit Schußwaffen zu treffen", erläuterte Professeur Faucon. Dann kehrte sie zum Thema zurück und legte mit den Andrews' und Catherine fest, daß sie bereits morgen früh um sechs Uhr mit Julius aufbrechen wolle, da sie entweder fliegen oder apparieren müßten, da der Eingang zur alten Straße von Atlantis gewiß nicht an einem Ort mit Flohnetzanschluß oder einer Reisesphäre in der Nähe lag, selbst wenn es wohl ein magisch hochpotenter Ort sein mußte.

"Ich gestehe Ihnen zu, daß Sie wie ich Julius' Wohlergehen sicherstellen wollen, Blanche. Deshalb gestatte ich es Ihnen und meinem Sohn, die Ursache für diesen Alptraum zu ergründen, beziehungsweise, den in diesem Traum verankerten Auftrag durchzuführen", rang sich Martha eine abschließende Bemerkung ab.

"Wie erwähnt, Martha, liegt mir sehr viel an Julius' Unversehrtheit. Gerade deshalb muß ich wieder einmal unwillig einwilligen, ihn in eine von mir nicht zu überblickende Lage zu schicken, weil die Alternative ungleich verheerender ist, nämlich zuzulassen, wie der psychopathische Massenmörder aus Ihrer Heimat diese uralte Geißel wiederentdeckt und nach seinem größenwahnsinnigen Plan gegen uns alle führt und dabei viele Unschuldige tötet, als wenn er und seine Handlanger nicht schon genug Macht und Motivation hätten, arglose Menschen zu ermorden", erwiderte Catherines Mutter.

"Dann ist es beschlossen", sagte Catherine selbst noch dazu. Julius nickte. Wenn er diese Alpträume loswürde und womöglich half, Voldemorts Machtzuwachs zu schwächen, dann war es das Risiko wert. Dumbledore hatte sein Leben für einen seiner Schüler gegeben. Wenn er dazu bestimmt war, seiner Mutter, Catherine und ihrer Familie und Millies Familie ein angstfreies Weiterleben zu ermöglichen, dann sollte es so sein. Mit diesem Anflug von Schicksalsergebenheit hörte er noch Professeur Faucons abschließende Instruktion, sich am nächsten Morgen um sechs Uhr bereitzuhalten. Dann beendeten sie ihre Geheimsitzung.

Die Andrews aßen schweigend zu Abend. Keiner wagte es, etwas zu sagen. Erst um zehn Uhr, nachdem sie einen der üblichen Abendspielfilme im Fernsehen gesehen hatten:

"Am Besten gehst du jetzt schlafen, Julius. Der Tag morgen wird bestimmt anstrengend sein. Du mußt alle Sinne beisammen haben und womöglich viel körperliche Ausdauer aufbringen."

"Du hast recht, Mum", sagte Julius. Dann zog er sich in sein Zimmer zurück. Er widerstand der Versuchung, mit Millie zu mentiloquieren. Vielleicht würde die Verbindung der beiden roten Herzen unterbrochen, wenn er in dieser ominösen Heimstatt des Wissens ankam.

 

__________

 

Um fünf Uhr morgens wachte Julius frisch und munter auf. Er zog sich leise an. Seine Mutter war ebenfalls auf den Beinen und gab ihm noch ein umfangreiches Frühstück zu essen. Dann sortierte Julius seine Ausrüstung. Auch den Besen nahm er mit. Die erfahrung in der Bilderwelt von Hogwarts hatte ihn ein schnelles und wendiges Transportmittel schätzen lassen. Als er sicher war, alles gut verstaut zu haben - er trug eine dünne Jacke mit verschließbaren Außen- und Innentaschen, in denen seine magischen Gerätschaften und die Phiole steckten - erhielt er Madame Faucons mentiloquistischen Ruf: "Ich warte in der Rue de Camouflage. Komm dort hin, Julius!"

"Ich soll in die Rue de Camouflage", teilte Julius mit. Seine Mutter gab ihm das Flohpulver. Da klopfte es an der Tür. Catherine Brickston wollte sich auch noch von ihm verabschieden.

"Komm gut nach Hause, Julius!" Sagte Martha ihrem Sohn. Sie küßte ihn. Catherine schloß sich diesem Wunsch an. Dann sahen sie und Martha Andrews mit Tränen in den Augen zu, wie Julius mit Flohpulver aus dem Kamin der Andrews verschwand.

Im noch leeren Geschichtsmuseum wartete Professeur Faucon und begutachtete ihn. Dann übergab sie Julius einen kurzärmeligen und beinlosen Einteiler aus grünem Drachenleder, in dem magische Verzierungen eingearbeitet waren. Julius suchte eine Nische in der weiten Halle und entledigte sich seiner Überkleidung. Dann stieg er in den geliehenen Drachenhautpanzer und zog Jacke und Hose wieder an. Als er zu Madame Faucon zurückkehrte, erhielt er von ihr noch ein kleines zusammengefaltetes Paket aus silbrigem Stoff. Dann nahm sie noch eine Phiole aus ihrer wohl rauminhaltsvergrößerten Handtasche.

"Derselbe Trank wie damals", sagte sie leise. Julius verstand. Sie wollte ihm keinen Glückstrank geben, weil er wohl eher Ausdauer brauchte. Also hatte sie den Wachhaltetrank bereitet, den er rasch trank. Er fragte, für wie viele Stunden dieser vorhalten würde und erfuhr, daß er damit einen vollen Tag nicht erschöpft werden könnte, wenn er nichts tat, was ihm in wenigen Sekunden die übliche Tagesausdauer entzog. Sie winkte ihm dann, ihr zu folgen.

Draußen auf der ebenfalls noch menschenleeren, kopfsteingepflasterten Rue de Camouflage gingen sie mindestens einhundert Meter zu Fuß. Dann holte Madame Faucon den runden Stein aus ihrer Handtasche, den mit den silbernen Verzierungen, die wie ein Netz aus Längen- und Breitengraden wirkten und teilweise so aussahen, als richteten sie sich auch in den umgebenden Raum. Julius nahm den Stein, der warm und ganz sacht vibrierend in seiner Hand lag wie der Transformator einer Modelleisenbahn. Er hielt den Stein an sein Ohr und hörte tatsächlich ein leises, dreistimmiges Summen. Dann sprach er das erste Zauberwort: "Ashmirin!" Sofort erglühte der Stein in einem goldenen Schimmer, und eine mit fremdartigem Symbol markierte Kreuzung der Linien leuchtete in einem warmen Gelbton. Sofort wußte Julius, in welche Richtung er sich drehen mußte, um die Markierung noch heller leuchten zu lassen. Irgendwie war ihm, als rase er durch die Luft, ohne vom Boden abzuheben. Eine Sekunde Später vermeinte er, an einem weitentfernten Ort zu stehen, ohne seinen Ausgangspunkt verlassen zu haben.

"Ist ja heftig, ich fühle etwas, als hätte mich jemand mal eben an einen Ort hoch über mir und in westsüdwestlicher Richtung getragen", sagte Julius.

"Wie weit ungefähr?" Fragte Madame Faucon.

"Hmm, irgendwie hatte ich den Eindruck mehrere hundert Kilometer in ein paar Sekunden überflogen zu haben", beschrieb Julius das Gefühl.

"Westsüdwestlich? könnte ein Ausläufer der Pyrenäen sein. Ähnlich dem Ort, wo diese ominösen Mondtöchter ihr Versteck haben müßten. Aber zum Fliegen ist er wohl zu weit weg."

"Vielleicht können Sie genau erfassen, wo wir hinmüssen", sagte Julius und reichte Catherines Mutter den Stein. Dieser erlosch. Madame Faucon hielt ihn einige Sekunden. Dann sprach sie das Zauberwort. Also war es deshalb frei auszusprechen gewesen, erkannte Julius. Wieder leuchtete der Stein golden auf. Wieder hob sich eine Markierung besonders hell und in warmem Gelb hervor. Professeur Faucon stand einige Sekunden konzentriert da.

"Tatsächlich. Es ist eine Apparitionsausrichtungshilfe. Denn ich, die ich mich ja schon hundertmal auf einen mir unbekannten Ort ausgerichtet habe, fühle es so, als stünde ich nun genau dort, wo du meintest, Julius. Halt dich bitte Fest!" Julius gehorchte und hielt sich am linken Arm der Lehrerin fest, die mit der rechten Hand den Zauberstab hob und in der linken Hand den Lotsenstein fest umklammerte. Dann drehte sie sich auf dem Punkt und zog Julius mit sich in eine alle Glieder und Körperpartien zusammenpressende Laut- und lichtlose Enge. Julius blieb der Atem weg. Dann war der Transit durch eine weit entfernte Punkte im Raum verbindende Größe auch schon wieder vorbei. Wo genau sie angekommen waren wußte Julius erst einmal nicht. Doch als er den kalten Wind fühlte und den Schnee zu seinen Füßen aufwirbeln sah, sowie die weißen Gipfel majestätischer Berge rings um sich ausmachte, wußte er, daß Madame Faucon sich nicht geirrt hatte. Sie standen in den Pyrenäen, dem Gebirge, das Frankreich von Spanien abgrenzte, und in dem irgendwo auch die geheimnisvolle, halbmondförmige Festung der Töchter der großen Himmelsschwester liegen mußte, die jedoch nur bei Mondlicht gefunden werden konnte. Madame Faucon hielt den Lotsenstein immer noch in der linken Hand. Dieser leuchtete nun nur noch an jener Markierung, die jedoch schwach glomm. Sie drehte den Stein, bis die Markierung zum Boden wies und für einen Moment sonnengelb aufleuchtete, um dann zu erlöschen. Nun war es nur noch eine silberne Markierung wie die anderen auf dem Stein.

"Es ist also, bevor du jetzt aufbrichst, um die Quelle deines bösen Traumes zu verschließen, daß diese Markierungen offenbar den nächstgelegenen Ausgangspunkt anzeigen. Will sagen, dieses Artefakt beinhaltet einen Standortsbestimmungszauber in sich und eben jene Ausrichtungszauber, die räumlich und gefühlsmäßig auf den nächsten Ausgangspunkt hinweisen", erläuterte Professeur Faucon ganz eine Lehrerin. Dann gehe ich davon aus, daß das zweite und das dritte Zauberwort die Zielrichtung und das Schlüsselwort sind, um die Verbindung zwischen diesem Ausgangspunkt und dem Ziel zu etablieren. Nun denn, junger Mann, vollbringen Sie, was eine uralte Meisterin der hellen Künste von Ihnen erwartet!" Sie drückte Julius den Lotsenstein wieder in die Hand. Er sah sie an. Sie nickte. Dann trat sie einige Schritte zurück. Offenbar rechnete sie mit etwas ähnlichem wie die Reisesphäre. Julius nickte, atmete einmal ein und aus und rief dann entschlossen:

"Ashmirin!" Unvermittelt leuchtete der ganze Stein hell golden auf. Das Licht schien wie glühendes Gas, schwerer als Luft zu boden zu sinken. Dann fühlte Julius es unter sich vibrieren und bemerkte, wie auch von unten her goldenes Licht wie ein Hauch Sonnengas aus dem Boden stieg, sich mit dem vom Stein ausströmenden Leuchten verband und dann zu einer von einer gerade einmal einen Meter durchmessenden Plattform mit einer knapp zwei Meter hohen Lichtsäule wurde. Julius hörte allen Umgebungshall ersterben, hörte nur seinen Atem und seinen Herzschlag, während er in dieser, sich nun oben fest schließenden Lichtsäule stand, die nun einen nichtstofflichen Zylinder aus goldenem Glanz um ihn formte. "Pantiakhalakatanir!" Rief Julius, und seine Stimme klang wie im Innern eines Metalltanks. Doch nichts weiteres geschah. Julius rief schnell noch "Kenartis!" aus, weil er nicht wußte, wielange der von ihm aufgerufene Zauber ausbalanciert blieb, bevor er unvollendet verebbte oder in einer unkontrollierten Magieentladung auseinanderflog. Beim Dritten Wort Fühlte er, wie er angehoben und nach vorne gezogen wurde. Dann schien die Erde ihn und den ihn umschließenden Zylinder zu verschlingen. Doch als er das feste Gestein über sich unversehrt zusammenkommen sah, erkannte er, daß er nun in einem langen Tunnel aus rotem, silbernem und Blauem Licht dahintrieb. Wie schnell, das bekam er nicht mit. Er hörte nur jenes dreistimmige Summen, das er in dem Lotsenstein selbst gehört hatte. Er fühlte, wie er mehrere Male nach links und nach rechts gedrückt wurde, vermeinte wie in einer Achterbahn mit sanfter Steigung und flachem Gefälle dahinzugleiten oder auf einer Wasserrutschbahn abwärtszugleiten. Er blickte auf seine Uhr, soweit er seine Arme in dieser nun wie massives Metall wirkenden Umhüllung bewegen konnte. Sie zeigte noch die in Paris gültige Ortszeit an und lief weiter. Julius wußte jedoch, daß sie durchaus eine kurze Weile ohne die Verbindung zur Erde und den Sternen der Galaxis laufen konnte. Ihm genügte es, daß er ungefähr zwanzig Sekunden lang in seiner heraufbeschworenen Transportkapsel durch jenen rot, blau und silbern flackernden Lichttunnel glitt. Dann machte der Tunnel einen scharfen Knick nach oben, und Julius fühlte, daß er wie ein aus der Flasche fliegender Sektkorken hinaufgeschossen wurde, sicher umfaßt vom magischen Lichtzylinder. Als der Schwung nachließ erkannte er, daß er nun auf einer goldenen Plattform stand, wie zu Beginn seiner Reise. Dann zerfaserte das goldene Licht, das ihn bis jetzt umschlossen hatte. Es zerstreute sich wie kleine goldene Sterne, die aus einer explodierenden Galaxis davonflogen. Dann erlosch auch der Lotsenstein, und Julius erkannte, das er unter einem mehr als einhundrt Meter hohen Torbogen aus einer Mischung aus Glas und rosigem Metall stand. Von einer Plattform oder einer magischen Begrenzung im Boden war nichts zu sehen. Dann hörte er eine wohlbekannte, wie Glockengeläut klingende Stimme, nicht mit den Ohren, sondern unmittelbar in seinem Kopf:

"Willkommen in Khalakatan, Julius Andrews, Träger meines Siegels!"

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