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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Blanche Faucon fuhr aus dem Schlaf hoch. Diese durchtriebene, triebhafte Hexe Ursuline hatte ihr mühsames Seelengleichgewicht wieder erschüttert. Nicht nur das, sie hatte Catherine, Blanches eigen Fleisch und Blut, auf ihre Seite ziehen können. Ja, und als Julius Andrews' fünfzehntr Geburtstag anstand hatte dieses unterleibsfixierte Weibsbild mit der nächsten Dreistigkeit aufgewartet. Obwohl Blanche Faucon wußte, was die Überquerung der gläsernen Brücke der Mondtöchter in letzter Folge bedeutete, traf sie Ursuline Latierres klare Ankündigung doch sehr unerwartet. Ihre Tochter Hippolyte wollte Julius offiziell zu ihrem Schwiegersohn erklären lassen. Blanche hatte dann versucht, ihr und ihrem Bruder Charles und ihrer Mutter dieses Vorhaben auszureden. Doch dies war ihr mißlungen. Schlimmer noch, sie mußte sogar die Richtigkeit von Hippolytes Beweggründen anerkennen und dieser Person, die ihr selbst damals die schmerzhafteste Erfahrung vor dem gewaltsamen Tod ihres Mannes bereitet hatte, sogar noch zustimmen, weil sie die Gründe für eine frühzeitige Verheiratung ihres Schülers Julius Andrews nachvollziehen konnte. Immerhin wußte sie, daß die Latierres zu den mächtigsten Zaubererdynastien Europas gehörten und über die Jahrhunderte ihres Bestehens hinweg höchstwirksame Sicherheitsvorkehrungen erworben und eingerichtet hatten. Doch warum hatte sie jetzt gerade wieder von dieser Sache damals geträumt? Warum konnte sie nicht einfach vergangenes vergangen sein lassen und der von ihr selbst doch schon so vielen Schülern gepredigten Grundhaltung folgen, sich nicht dauernd über schwere Fehlschläge zu beklagen, sondern daraus neue Kraft zu schöpfen und mehr Weisheit zu ernten? Sie dachte wieder an den Tag vor Virginies Hochzeit zurück. Sie war ohne ein Ungemach zu ahnen aufgestanden, hatte mit Catherine zusammen die letzten Vorbereitungen getroffen, Julius zum Geburtstag das schöne Lied vom neuen Morgen vorzutragen und dann von Catherine erfahren, daß Julius wohl an diesem Tag nicht nur seinen Geburtstag feiern würde. Dann war da noch die Eule von Bonfils gekommen, daß der Familienstand des Beauxbatons-Schülers Julius Andrews geändert werden könnte. Daraufhin hatte sie Catherine harsch ausgefragt, was sie darüber wüßte und die haarsträubende Begebenheit der letzten Nacht erfahren, daß Julius sich auf Barbara Latierres Anregung und Catherines Einwilligung hin einem Experiment unterzogen habe, bei dem unumstößlich herausgekommen sei, daß Julius eine magische Verbindung mit einer dieser geflügelten Kühe besitze, die nun jedoch verändert sei, weil Darxandrias in Julius hinterlassenes Bewußtseinsfragment in das magische Tierwesen übergewechselt sei. Daraufhin hatte Blanche Catherine zunächst sehr verärgert angefahren, was dieser eingefallen sei, sich mit Béatrice über eines der streng gehütetsten Geheimnisse des französischen Zaubereiministers zu unterhalten. Ja, und dabei war halt auch für Catherine überraschend herausgekommen, daß die Latierres Julius mit Mildrid vorzeitig vermählen wollten. Sie war froh, daß Joseph, ihr immer noch aufsässiger und undankbarer Schwiegersohn, nicht zu den Frühaufstehern gehörte und sie in Blanches Dauerklangkerker miteinander sprachen. Dann, als habe diese übergewichtige, ungehobelte Person es geahnt, war Ursuline Latierre mit ihrer Tochter Hippolyte und ihrem Sohn Charles bei ihr aufgetaucht. Sie sah sie immer noch deutlich vor sich, wie sie seelenruhig vor der Haustür stand und keineswegs schuldbewußt sagte:

"Madame Faucon, ich denke, wir haben etwas sehr wichtiges zu klären, bevor Sie meinen, aus welcher guten Absicht heraus auch immer in Sachen reinzufuhrwerken, die Sie nur sehr indirekt betreffen." Blanche hatte darauf sehr verärgert geantwortet:

"Ich erfuhr gerade diese Ungehörigkeit, daß Ihre Tochter es wagen wolle, einen meiner besten Schüler vor der Volljährigkeit mit einer ihrer Töchter zu verheiraten, weil Sie meinen, der junge Mann passe sehr gut in Ihren übergroßen Zuchtstall."

"Sehen Sie, Blanche, genau diese Ihrer doch eigentlich unwürdige Haltung mir gegenüber hat mich dazu getrieben, das wie, warum und vor allem warum so früh so ruhig sich zwei erwachsene Hexen unterhalten können zu klären", hatte diese rotblonde Hexe mit der Natur eines weiblichen Kaninchens darauf geantwortet. Ihr Sohn warf dann noch ein:

"Meine Schwester bat mich, bei der wohl wirklich fälligen Unterredung dabeizusein, weil ich ja im Ministerium in der Abteilung für magische Rechtsprechung beschäftigt bin."

"Dann wissen Sie ja auch, was Befangenheit ist", hatte Blanche darauf geantwortet. In dem Augenblick war Babette wohl zu der Überzeugung gelangt, den schönen Tag doch nicht zu spät anzufangen. So waren die Latierres und Madame Faucon im von außen abhörsicheren Arbeitszimmer gelandet, und hatten sich dort über alle dafür- und dagegensprechenden Tatsachen unterhalten. Doch sie merkte bald, daß Ursulines unerträgliche Gelassenheit und Überzeugung auf sehr gutem Fundament bauten und sie, Blanche Faucon, weder rechtliche, noch familiäre Handhabe besaß, das Vorhaben zu verhindern. Zwar hatte sie zwischendurch Hippolyte noch einmal angefahren, daß sie es ja darauf angelegt habe, einen talentierten und umfassend geschulten zauberer ihrer Blutlinie einzuverleiben, doch Hippolyte hatte sie nur sehr überlegen angeblickt und mit einer unerhörten Streichelbewegung über ihren doch wieder merklich abgeschwollenen Bauch gesagt, daß Blanche es ja ihrer eigenen Neugier zuzuschreiben habe, daß sie überhaupt in die Sache eingeweiht worden sei und das Wort "Einverleiben" in diesem Zusammenhang eine ganz merkwürdige Bedeutung bekomme. Auch die sehr verärgerte Bemerkung, daß Blanche Hippolyte für eine sehr vernünftige Hexe gehalten habe war wirkungslos verpufft. Tja, und jetzt war Blanche Faucon gerade aus einem Traum aufgeschreckt, der aus den Erinnerungen an den Vorfall von damals bestanden hatte. Julius Andrews hieß nun schon seit zwei Tagen und einigen Stunden Julius Latierre. Warum konnte sie nicht einfach davon ausgehen, daß er mit Millie eine vernünftige, anständige und loyale Partnerin gefunden hatte, der er in gegenseitiger Liebe verbunden war? Weil der bittere Gedanke daran, woher Mildrid stammte diese Zuversicht im Keim erstickte. Sie, Blanche Faucon, war schon wieder von den Latierres hintergangen worden. Ihr war dann nur übriggeblieben, Madame Maxime zu informieren und mit ihr die alten Regeln zu studieren, die seit Jahrhunderten nicht mehr angewendet worden waren. Dabei hatte sie sich von Madame Maxime noch eine deutliche Mahnung anhören müssen, daß sie Julius wie damals Catherine nur als Schüler zu sehen hätte und dessen Familienangelegenheiten nur dann beeinflussen dürfe, wenn Anlaß zur Sorge bestand, daß sie ihn als Schüler und Zauberer nachhaltig verderben könnten.

"Nur weil Sie mit Madame Ursuline Latierre unangenehme Erfahrungen gemacht haben, haben Sie kein Recht, in ihre Angelegenheiten hineinzuwirken. Außerdem wissen wir nicht, ob dem Jungzauberer Julius Andrews überhaupt gestattet wird, mit Mademoiselle Mildrid Latierre die vorzeitige Ehe einzugehen. Sie übergeben Madame Delamontagne die Zustimmungsformulare. Falls es wahrhaftig zu einer elterlichen Eheerlaubnis kommt, werden die beiden Schüler sich den entsprechenden Zusatzregeln zu beugen haben oder der Akademie verwiesen. So einfach ist das", hatte die halbriesische Schulleiterin ihre Zurechtweisung beendet.

"Nun, zumindest wird den beiden die Freude an voreiligen Sachen verleidet", dachte Blanche Faucon noch, bevor sie sich noch einmal herumdrehte und hoffte, die bis sieben Uhr fehlenden Stunden noch verschlafen zu können.

 

__________

 

Es war wie mit dem von Claire gemalten Musikzwerg, der in Julius Schulkoffer in der Rue de Liberation 13 ruhte, dachte Julius, als er vom lauten Muhen der Miniatur-Ausgabe Temmies aufwachte. Er schlüpfte blitzartig aus dem Bett und eilte mit zwei langen Schritten zu der Nachbildung hinüber. Er griff kurz aber sachte an die vier Zitzen der kleinen Flügelkuh und strich kurz darüber. Dieses würdigte die Mini-Temmie mit einem erleichterten Blick. Er hatte Barbara Latierre gefragt, warum sie nur einmal am Tag so unter Druck stehe. Diese hatte ihm das an Bellona vorgeführt, daß echte Latierre-Kühe nicht wie gewöhnliche Hausrinder im Zwölf-Stunden-Takt gemolken werden mußten. Er holte seine Trainingssachen und verließ leise das Waldlandschaftszimmer, damit seine Mutter noch etwas schlafen konnte. Er erinnerte sich noch zu gut daran, wie sie gestern sehr ungehalten gemurrt hatte, weil ihr der Champagner und der Met, den sie bei Virginies Hochzeit getrunken hatte, schmerzhaft in ihrem Schädel hämmernde Zwerge beschert hatte. Zumindest hatte Camille das mit einem gewissen Lächeln so genannt. Wie gestern würde er gleich von Martine abgeholt. Camille hatte seinen Trainingsanzug grasgrün umgefärbt. So brauchte sie diesen nicht jeden Tag zu waschen.

"Juhu, Monju! Schon auf?" Hörte er die Gedankenstimme seiner Frau unter seiner Schädeldecke. Irgendwie meinte er seit ihrer mal soeben abgehaltenen Hochzeit, daß die Melo-Verbindung mit Millie jetzt noch stärker war. Er brauchte nur zurückzudenken, daß er sich gerade für den Frühsport bereitmachte.

"Tine holt dich gleich wieder rüber, Süßer. Hat deine Mutter diese Nacht besser geschlafen als die davor?"

"Auf jeden Fall", erwiderte Julius unhörbar und über die gewisse Entfernung zur großen Wiese hinüber. Dann fiel ihm ein, was heute für ein Tag war. Eine gewisse Schwermut überkam ihn. Wenn er nicht so neugierig gewesen wäre, würde er heute nicht mit Millie mentiloquieren, sondern mit mehreren anderen im Garten für Claire ein Geburtstagsständchen singen. Einen Moment lang fühlte er den Sog jenes Gefühlsstrudels, der ihn in den Wochen nach Claires körperlichem Tod immer wieder gepackt und mehrere Minuten lang in wild kreisenden Gefühlen von Schuld, Bedauern, Zweifeln und Einsamkeit hatte treiben lassen. Doch die Kraft dieses Strudels reichte jetzt nicht mehr aus. Er brauchte nur an Ammayamiria, die Blumenwiese, die Mondburg und Millie zu denken, um wieder obenauf zu treiben. Millie bekam jedoch mit, daß er offenbar für einige Sekunden sehr betrübt gewesen sein mochte. Natürlich wußte sie auch, daß es am Datum lag. So mentiloquierte sie Julius zurück:

"Sie ist bei uns, Julius, und sie hat ja auch nichts dagegen, daß wir beide zusammen sind. Ich denke sogar, daß sie sich freut, daß wir zusammen sind."

"Da hast du wohl recht", dachte Julius und ging hinunter, wo Camille bereits auf ihn wartete. Sie wirkte nicht so fröhlich wie sonst. Er konnte ihr ansehen, daß sie mit allem, was an diesem Tag dranhing, sehr arg zu ringen hatte. Heute sollte er sich besser nicht mit ihr anlegen, dachte er. So wünschte er ihr ruhig einen guten Morgen, sagte jedoch nicht mehr. Denn er fürchtete, daß jedes Wort mehr eines zu viel sein konnte.

"Morgen, Julius. Ist das nicht ein sehr schöner Tag?" Fragte Camille ihn zurück.

"Ja, das stimmt", erwiderte Julius rasch.

"Ich weiß, ich sehe so aus, als würde ich gleich im Boden versinken, Julius. Aber was auch immer mich in den letzten Minuten umgetrieben hat und bestimmt noch einmal umtreiben wird, an unserer Beziehung wird das nichts ändern", sprach Camille. "Es ist eben halt so, daß die letzten fünfzehn Jahre und neun Monate für mich sehr viele Erinnerungen gebracht haben, die zwischendurch immer wieder über mich hereinbrechen. Das kennst du ja auch."

"Zu gut", bestätigte Julius so ruhig er konnte. "Du weißt ja auch, daß ich das nicht wollte, was passiert ist und ..."

"Natürlich wissen wir das, Florymont, Jeanne, Denise und ich", würgte Camille seinen Wortstrom ab. "Niemand hier macht dir deshalb einen Vorwurf. Das haben wir dir damals ja schon alle gesagt."

"Außer mir", grummelte Julius.

"Du wußtest doch am wenigsten, was dir bevorstand", wandte Camille ein. "Also bist du auch nicht daran schuld, wie sich das alles entwickelt hat. Im Grunde hätte Antoinette Eauvive mir früher von dieser Prophezeiung erzählen sollen, wenn das Schicksal dadurch hätte gewendet werden können. Auch hätte meine Mutter bessere Schutzmaßnahmen für ihr eigenes Haus treffen können. Das sind so viele Sachen, die anders hätten laufen können, daß du dir überhaupt keinen Vorwurf machen darfst. Im Gegenteil, Julius. Du hast Claire zwei sehr schöne Jahre geschenkt und ihr geholfen, Liebe zu fühlen. Das hat ihr die Stärke gegeben, ihren Weg zu gehen und heute immer noch bei uns zu sein." Julius nickte schwerfällig. Dann jedoch lächelte er Camille an, die ihn sehr ehrlich anstrahlte und sagte:

"Es kann auch sehr erhebend sein, die Mutter einer höheren Erscheinung zu sein." Julius konnte darauf nichts mehr antworten. Denn jemand läutete die Türglocke.

"Oh, ich habe dich aufgehalten, Julius. Deine Schwägerin wartet draußen", bemerkte Camille und öffnete die Tür. Martine stand im ebenfalls grasgrünen Sportanzug davor und sah Camille behutsam an. Diese lächelte jedoch.

"Oh, hast du deinen Übungszweiteiler jetzt auch umgefärbt?" Fragte Camille und machte eine überstreichende Handbewegung über das luftige Baumwollkostüm aus einem kurzärmeligem Oberteil und einer knielangen Hose.

"Als du Julius gestern damit hast losziehen lassen meinte meine Mutter, wir könnten alle in grasgrünen Sachen üben. Tante Babs hatte sich ja schon beschwert, wir würden Lonies Trinkwasser zum Waschen verschwenden."

"Ja, wenn ihr auch auf der Wiese rumtoben müßt", entgegnete Camille darauf. Martine grinste nur und sagte:

"Die Alternative wäre im Zelt zu üben. Dagegen haben Tante Babs und Onkel Jean was."

"Soso, wegen denen hast du auch einen grünen Anzug an", lachte Camille Dusoleil. Dann stupste sie Julius an und sagte:

"Dann mach, daß du mit deiner kraftstrotzenden Verwandtschaft in den neuen Morgen reinkommst!" Julius verabschiedete sich bis nachher und ging zu Martine hinüber. Als beide dann Seit an Seit disapparierten, wandte sich Camille um und kehrte ins Haus zurück. Es stimmte schon, daß sie Julius keinen Vorwurf machen wollte. Aber wo sie in dieser Nacht von Claires Geburt geträumt hatte, waren all die Erlebnisse davor und danach wieder auf sie eingestürmt, und sie hatte doch ein oder zweimal in Gedanken gefragt, warum Julius sich auf diese Sache mit den Morgensternbrüdern eingelassen hatte. Andererseits konnte er wirklich nichts für diese Heuchler, die gutes wollten und böses getan hatten, indem sie ihre Mutter mit diesem Fluch belegt hatten, der fast auch ihr, Camille, sowie Jeanne, Denise und ihrer Nichte Melanie zum Verhängnis geworden wäre. hätten sie nicht früh genug davon erfahren, wäre die weibliche Linie Aurélie Odins mit ihr gestorben, unwiderbringlich. So wußte sie, daß ihre Tochter und ihre Mutter als ein Wesen weiterlebten und damit alles erhalten blieb, was sie erlebt und erlernt hatten. Der Gedanke daran, daß sie auch zusehen mochten, wenn Denises Urenkel geboren würden heiterte sie dann wieder auf.

 

__________

 

Nach der ausgedehnten Frühsporteinheit mit seiner neuen Verwandtschaft und dem Frühstück beschloß Julius Latierre, mit seiner Frau zum Friedhof zu fliegen, um mit ihr allein den Grabhügel zu besuchen. Er hatte es nicht gewagt, Camille oder Florymont zu fragen, ob sie dort hingehen wollten. Denn heute wollten sie Claires Geburtstag feiern, und nicht ihren abgelegten Körper betrauern. So erwähnte er auch nicht, daß Millie und er das Grab besuchen wollten. Doch zumindest Camille hatte es wohl erfaßt, was er vorhatte. Denn als er mit seinem Besen losflog, um seine Frau bei Caros Eltern abzuholen, mentiloquierte sie ihm noch:

"Guck dir ruhig an, wie der kleine Baum sich aus der Erde geschoben hat, Julius!" Er schickte zurück:

"Mache ich."

Millie wartete auf der Terrasse des Chapeau du Magicien, der Dorfschenke von Millemerveilles. Caroline Renard unterhielt sich mit ihr. Die beiden jungen Hexen wirkten nicht so, als sei das eine freundschaftliche Plauderei. Als Julius dann landete winkte ihm Millie zu. Sie trug einen dunkelblauen Umhang.

"Schön, daß du kommst, Julius. Caro meinte schon, du seist mich schon leid."

"Habe ich nicht gesagt", knurrte Caro. "Ich sagte nur, daß wenn ihr beiden jetzt schon alles wie'n Ehepaar erlebt, könntest du, Julius, bald finden, daß dir die Kiste zu schwer wird."

"Dafür muß die Kiste erst einmal voll genug werden, Caro", erwiderte Julius grinsend. "Wir haben die ja erst drei Tage."

"Was du nicht sagst", knurrte Caro, während millie ihrem Mann bedeutete, ihr Platz auf dem Besen zu machen. Er winkte sie heran und ließ sie hinter sich aufsteigen. Dabei erhaschte er ein albernes Grinsen Caros. Deshalb sagte er:

"Die weiß, daß ich vor zwei Jahren mit dir und den anderen, die keine Soziuserlaubnis hatten geübt habe, Caroline." Das trieb der brünetten Gastwirtstochter das Grinsen aus. Julius startete mit Millie durch und flog davon.

"Wo die wohl mit dem hinwill", sagte sie ihrer Mutter, die gerade frischgewaschene Tischtücher über den blitzblanken Tischen herabsinken ließ.

"Wo wohl, Caroline. Die werden wohl Claires Grab besuchen." Caroline Renard nickte nur.

"Hast du dich mit deiner Klassenkameradin gezankt?" Fragte Julius.

"Hast du wohl mitgekriegt, Monju. Die hat doch echt gemeint, wir hätten sie und ihre Eltern um eine anständige Hochzeitsfeier betrogen, Monju. Aber dafür könnten wir wohl demnächst die Kindesweihe bei denen feiern. Ich habe der dann erzählt, daß ich zwar gerne schon wen kleines von dir haben würde, wir aber erstmal mit Beaux durchkommen wollen, wo Königin Blanche uns beiden dieses nette Hochzeitsgeschenk mit den Sonderregeln an die Backe geklebt hat. Die hat dann nur "Ach wie schade" gemeint und gesagt, daß dieser ganze Zirkus mit der frühen Hochzeit ja dann für nix gewesen sei, wenn du mich nicht schon dick machen dürftest. Da habe ich ihr ganz gelassen geraten, sich bei Connie Dornier zu erkundigen, wie schön das wahr, als Maman in Beaux rumzulaufen und ich bei Madame Rossignol ja gerne anregen könnte, daß alle Mädels aus dem roten Saal an Cythie volle Windeln gegen frische wechseln üben sollten. Die meinte dann, ich würde dich eh bald ankotzen, und dann würdest du sehen, mich schnell wieder loszuwerden. Tja, und da kamst du auch schon angesegelt."

"Ich habe Krach mit Hercules, du mit Caro", erwiderte Julius etwas verhalten darauf.

"Ach Quatsch, die Caro ist doch nur neidisch, weil sie keinen abbekommen hat, mit dem sie vielleicht schon richtig zusammenleben will. Im Grunde ist die doch froh, daß ich noch kein Baby kriege. Denn das würde ja dann bei uns mit im Schlafsaal schlafen. Und Miriam ist ja nicht die einzige, die nachts rumschreit. Und Culie Moulin ist von der Tintensäuferin Bernadette geschädigt. Ob Belisama das reparieren kann weiß ich nicht. Aber wenn die meint, ihn gegen uns beide aufzuhetzen, wird das wohl erstmal nix werden."

"Man sollte doch meinen, daß Hercules, wo er eine neue Freundin hat, etwas umgänglicher mit anderen Paaren ist", sagte Julius. Millie knuddelte ihn von hinten und erwiderte:

"Das ist doch das Problem von dem. Er kann uns Mädels aus dem roten Saal nicht mehr ab, obwohl er gerne bei einer von uns so nahe wie's geht rangekommen wäre. Jetzt hat er sich von Belisama anlachen lassen, weil die dich nicht gekriegt hat. Denkst du, der merkt das nicht, daß er im Grunde ihre zweite Wahl ist?"

"Bin ich im Grunde ja auch für dich", sagte Julius. Er konnte es gerade noch vermeiden, sie als seine zweite Wahl zu bezeichnen.

"Gérard hat sich wie'n kleiner Junge verhalten, Monju. Der hätte zum einen nicht jeden auf's Brot schmieren müssen, daß er mit mir supergut zusammen war und zweitens nicht so wehleidig wegrennen sollen, als eure Saalkönigin ihn blöd angemacht hat. Aber der fühlt sich bei Sandrine sehr wohl, weiß ich. Außerdem haben die beiden uns gratuliert und Sammie und ihr Nachläufer Hercules hätten uns am liebsten was auf den Hals gejagt."

"Oha, beschwör das bloß nicht herauf, Mamille", seufzte Julius.

"Glaub's mir, Julius, der wird nicht lange bei Belisama bleiben. Die wollte dich eifersüchtig machen, als sie bei dem Quidditchspiel mit ihm in eine Reihe gegangen ist. Das ist voll nach hinten losgegangen. Sie kann den im Moment nur halten, weil sie diesen blöden Zoff mit mir warmhält und er wegen Bernie für alles empfänglich ist, was gegen uns Mädels aus dem roten Saal geht. Abgesehen davon denke ich nicht, daß du mich nur deshalb wieder loszuwerden wagen würdest, nur weil so'n Jüngelchen, das es zu gerne mal mit 'nem Mädel ausprobiert hätte, so eiskalt abgelegt worden ist."

"Was hast du denn mit Gérard besser gemacht?" Fragte Julius nun doch sehr ungehalten.

"Ich habe ihm die Wahl gelassen, entweder zu mir zu stehen und das auszuhalten, was die achso unparteiische Blanche Faucon versuchen könnte oder sich wen neues zu suchen, weil ich keinen Angsthasen zum Freund haben will. Er hat dir wahrscheinlich erzählt, daß ich mich einige Tage lang mit wem aus höheren Klassen getroffen habe. Aber der wollte nur auftrumpfen, und ich war damals noch zu blöd, das zu kapieren. Hat ja auch nicht lange gehalten, und passiert ist zwischen dem und mir ja auch nichts, wie du ja selbst rausgekriegt hast."

"Na ja, klingt schon seltsam, wenn du sagst, daß Bernie Hercules so eiskalt abserviert hat, wo Gérard mir was ähnliches von sich und dir erzählt hat."

"Zu dem ich auch voll stehe, Julius. Das mit Gérard hätte schön werden und lange halten können. Jetzt noch drüber zu jammern, daß das nicht ging, ist doch völlig dämlich."

"Ich stelle lediglich fest, daß du kein Unschuldsengel bist, Millie. Aber ich wollte ja auch eine Hexe und keinen Engel."

"Ach, jetzt kommt diese Muggelweltnummer wieder, daß alle Hexen gemein, durchtrieben, hinterhältig und schlichtweg böse sind, oder?"

"Das hast du jetzt gesagt", konterte Julius. Voraus lag bereits der äußerste Ringweg des speichenradförmig beschaffenen Friedhofs. In einem sanften Neigungswinkel führte er den Ganymed 10 nach unten.

"Joe Brickston denkt das von seiner Schwiegermutter wohl immer noch. Aber trotzdem hat er einer Hexe zwei Kleine Hexen in den Schoß geschoben und freut sich, weil die beiden da wieder gut rausgekrabbelt sind, auch wenn die eine ziemlich quirlig und frech ist und die andere ihm den Schlaf vermiest", erwiderte Millie auf seine letzte Bemerkung.

"Okay, dann sehe ich zu, keine neuen Hexen auf den Weg zu bringen", erwiderte Julius keinesfalls ernst klingend.

"Nur Jungs sind doch langweilig. Andererseits kuck ich mir jetzt auch gut an, wie Tine und ich mit Maman zurechtkommen und die mit Oma Line. Wenn wir mal selber mindestens eine Tochter haben weiß ich dann hoffentlich, wie ich richtig mit der umgehen kann."

"Hat mein Vater auch mal gesagt, daß er die Fehler, die sein Vater am ihm begangen hat, nicht an mir wiederholen wollte. Und was hat er gemacht? Der hat einen Beruf gewählt, wo er andauernd und zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Arbeit gerufen wurde. Da war der Job meines Opas wesentlich berechenbarer. Dann wollte der mich auch nach Eton ins Internat schicken, wo er selbst gewesen ist, hat aber Mum gegenüber immer behauptet, da auch so manchen Schaden abgekriegt zu haben. Wir sollten also besser mit unserem Kind zu leben lernen und uns nicht an dem halten, was unsere Eltern so mit uns gemacht und für richtig gehalten haben."

"Du meinst mit unseren Kindern, Monju", berichtigte ihn Mildrid.

"Das wird erst in zwei Jahren wichtig", erwiderte Julius.

"Hallo, du hast das Thema angefangen, Süßer", entgegnete Millie amüsiert. Da landeten sie vor dem Eingang.

"Huch, warum fliegst du nicht rüber?" Fragte Millie ihren Mann.

"Weil das hier ein ungeschriebenes Gesetz ist, daß Besucher des Friedhofs nicht mit magischen Mitteln zu den Gräbern hin dürfen", erklärte Julius mit leicht gesenkter Stimme. Millie schwieg dazu nur. Er schulterte seinen Besen und nahm Mildrids linke Hand in seine rechte. Dann betraten sie schweigend den Gemeindefriedhof von Millemerveilles.

Der Weg über den Friedhof kam Julius irgendwie leichter vor als bei seinem letzten Besuch. Er lief mit seiner Frau erst einen der geraden Wege entlang, der die ringförmigen Wege mit gemeinsamen Zentrum überschnitt, bis sie den nun üppig mit frischem Gras bewachsenen Hügel vor sich sahen, auf dessen Kuppe eine weiße Marmorplatte ruhte, in die mit erhaben wirkenden Buchstaben "Claire Dusoleil * 1982 X 1996" eingraviert war. Tatsächlich, er hatte das Grab von Claires Körper wiederfinden können. Bei seinem letzten Besuch hatte Ammayamiria ihn hier aufgesucht und gehalten, nicht eher wieder herzukommen, bis er eine Nachfolgerin für Claire gefunden hatte. Sie hatte ihn vom Grabhügel heruntergezaubert und diesen dann vor ihm verborgen gehalten. Jetzt lag der grüne Hügel vor Millie und ihm in der warmen Sonne. Mildrid sah den Hügel hinauf und betrachtete die weiße Gedenkplatte. Immer noch hielt sie Julius' Hand. Beide sahen den zerbrechlich wirkenden Schößling, der genau im Zentrum des Grabhügels aus dem Erdreich ragte, die winzigen Zweige, die eher noch Blumenstengeln als den Ästen eines Baumes ähnelten. Das würde einmal ein Apfelbaum werden, wie er genau vor Claire Dusoleils Fenster in den Himmel ragte. Er verglich den hier heranwachsenden Baum mit dem Schößling, der im Garten der Brickstons aus dem Boden gekommen war. Camille hatte die fünf verteilten Apfelkerne mit dem silbernen Pentagramm ihrer Mutter berührt und wohl die mächtige Zauberformel gesprochen, die die volle Kraft des uralten Erbstückes weckte. Somit war der aufwachsende Baum mit einem Funken jener magischen Kraft erfüllt, die allen, für die das Kleinod gemacht war, Schutz und Lebenskraft spendete. Er dachte daran, wie er Aurélie Odin in dem Moment mit dem Pentagramm berührt hatte, als Yassin iben Sina aus purer Verzweiflung den Todesfluch nach ihm schleuderte und dabei Aurélies Körper traf, der dann im plötzlich gleißend hell strahlenden Licht des silbernen Sterns aufging und ihn selbst umfing. Als ob seine Gedanken sie herbeigerufen hatten, trat hinter dem schmalen Stamm des knapp ein Jahr alten Apfelbäumchens eine Gestalt hervor, die aus rotgoldenem Licht zu bestehen schien und vom Gesicht und Haar her so aussah wie eine gleichalterige Schwester Camille Dusoleils. Außer dem im Vergleich zur restlichen Erscheinung dunklem, sanftgewelltem Haar, trug die weibliche Erscheinung nichts am Körper. Sie glitt lautlos über den Grabhügel. Julius sah es genau, daß zwischen ihren Füßen und dem Gras ein paar Zentimeter Abstand lagen. Im Gleichen Moment, wo er die trotz hellem Sonnenlicht hell und warm leuchtende Erscheinung sah, drückte Millie seine Hand ganz fest und deutete mit ihrer freien Hand auf die überirdische Erscheinung, welche die rechte Hand zum Gruß hob und sachte winkte, während sie ihm und Millie zulächelte.

"Das ist ... Ist sie das, Julius?" Hörte er seine Frau fragen. Da begriff er. Sie sah die rotgolden leuchtende Frauengestalt ebenfalls.

"Du siehst sie auch, Millie?" Fragte er fast überflüssigerweise. "Das ist Ammayamiria", stellte er die Lichtgestalt vor, die auf halber Höhe des Hügels verharrte und ihnen beiden zunickte. Millie ließ seine Hand los.

"Jetzt ist sie wieder fort", sagte Millie und suchte mit ihren rehbraunen Augen den Hügel ab.

"Sie ist aber noch da, Millie", sagte Julius, der genau sah, wo Ammayamiria sich befand.

"Echt, Monju?" Fragte Millie. Dann ergriff sie seine Hand wieder. "Huch, jetzt sehe ich sie auch wieder. Geht wohl nur, weil ich deine Hand halte."

"Das wird's wohl sein", sagte Julius. "Aber da muß noch mehr sein. Offenbar treffen sich die Verbindung zwischen ihr und mir und dir und mir."

"Willkommen an der Ruhestatt meiner Seelenmutter", sprach Ammayamiria mit einer sehr freundlichen Stimme, in der ein wenig von Claire Dusoleils Klang mitschwang. Die beiden Jungvermählten betraten den grünen Hügel, um den übergangslos ein silbriger Nebel zu wabern schien, der alles um den Hügel herum unsichtbar machte. Nur die Sonne strahlte hell und heiß vom hohen Himmel herab. Durch Julius' und Millies Körper floß eine wohltuende Wärme, die nur wenige Sekunden vorhielt. Doch beide hatten diesen Strom gespürt. Ammayamiria sprach weiter: "Ich kann zu dir sprechen, Mildrid, weil du über mehrere gemeinsame Kräfte mit Julius verbunden bist. Die von deiner Großmutter an Julius überreichte Lebenskraftverstärkung verbindet ihn und dich körperlich. Doch Darxandrias Kraft, die euch über euer beider Zuneigung und Verbundenheit berührte, erlaubt dir, mich sehen und hören zu können, solange du mit Julius körperlich verbunden bist. Ich kam nur deswegen hierher, weil ich wußte, daß er dich herführen würde, und um euch beiden zu gratulieren, daß ihr den Mut gefunden habt, euch vor der Welt zueinander zu bekennen und mich bei dir, Millie zu bedanken, daß du Julius Mut und Liebe zum leben erhalten hast und wohl noch lange weitererhältst. Du hörtest ja von Julius, daß ich über alle die wache, die meinen Mutterseelen im Leben und in Liebe verbunden waren. Sei also versichert, daß meine Mutterseele Claire dir nicht mehr böse ist, weil du zu ihren körperlichen Zeiten um ihren Auserwählten gerungen hast. Ich weiß nun, daß du es ehrlich meintest und freue mich, daß der Segen der Himmelsschwester euch beide zusammengeführt hat. Ich werde nun wieder für euch beide unauffindbar werden. Ich kam nur, um mich dir zu zeigen, Mildrid Ursuline Latierre, Tochter der Hippolyte und des Albericus. Allerdings möchte ich, daß deine Eltern nicht erfahren, daß es mich gibt. Es würde noch mehr unangenehme Fragen für Julius nach sich ziehen."

"Ich sag's keinem, ammayamiria. Das würde mir eh keiner abkaufen. Nachher denken die noch, ich hätte eine Ausrede nötig, um mit Julius zusammen zu sein", erwiderte Millie. Ammayamiria lächelte sie an und wandte sich dann um. Ihr langes, dunkles Haar schien wie mit goldenen Funken durchsetzt, als sie für einen Moment ruhig dastand und dann übergangslos verschwand. Mit ihr löste sich auch der silbrige Nebel auf, der den Hügel umgeben hatte.

"Ist sie jetzt auch für dich verschwunden?" Fragte Millie unter dem Eindruck, den Ammayamiria auf sie gemacht hatte. Julius sah sie an und sagte halblaut:

"Sie ist auch für mich nicht mehr sichtbar. Aber sie wird wohl weiter von irgendwo außerhalb unserer körperlichen Welt aufpassen, was mit mir so passiert oder mit Viviane Aurélie Dusoleil oder Denise."

"Jetzt verstehe ich, warum Tante Camille und Onkel Florymont so gut damit leben können, daß Claire nicht mehr da ist", wisperte Millie. Dann deutete sie auf das Apfelbäumchen und fragte: "Bildet der Baum die Verbindung zwischen ihr und unserer Welt?"

"So ähnlich. Du hast es ja mitbekommen, daß Camille fünf Apfelkerne an Jeanne, ihren Vater, ihre Schwiegereltern und mich verteilt hat und den fünften hier einmal von uns anderen vieren hat anfassen lassen, bevor sie ihn eingrub. Die Kerne stammen von einem Apfel, der an einem Baum hängt, der von Claires Zimmer aus zu sehen war und der ihr wohl sehr vertraut und wichtig war. Damit besteht jetzt eine Verbindung zwischen uns vieren und Claires hier ruhendem Körper."

"Das ist ja wie bei den Druiden, Monju. Die haben auch mächtige Rituale mit Hilfe von Bäumen gewirkt", bemerkte Millie dazu. Dann führte sie ihren Mann auf die Kuppe des Hügels. Julius streckte die freie Hand nach dem schmächtigen Stamm des Baumjünglings aus und umfaßte diesen noch ohne probleme. Dabei fühlte er ein schwaches Pulsieren, das sich über seinen Arm in seinen Körper ausbreitete und den Herzanhänger an seinem Hals anregte, im selben Takt zu schlagen. Millie fühlte das wohl über ihre Hälfte des Zuneigungsherzens und lächelte.

"Ich verstehe, was du gerade gesagt hast, Monju. In dem Baum steckt eine lebendige Zauberkraft drin."

"Ja, das ist wahr", bestätigte Julius. Er vermutete, daß die verbindene Magie des Heilssterns in diesem Baum pulsierte und fortbestand, solange der baum lebte. Doch das mit dem Heilsstern wollte er Millie nicht erzählen. Denn das gehörte wohl zu Camilles wertvollsten Geheimnissen.

Sie blieben zwei Minuten auf dem Grabhügel, auf dem das Gras saftig grün sproß und der kleine Apfelbaum im sachten, warmen Sommerwind raschelte. Julius verharrte Hand in Hand mit Mildrid vor dem zerbrechlich erscheinenden Stamm und gab sich den Erinnerungen an die Zeit mit Claire hin, wie er sie in der Rue de Camouflage zum ersten Mal gesehen hatte, das Quidditchspiel, zu dem ihm Virginie Delamontagne zusammen mit Prudence Whitesand hingebracht hatte, das Duett auf Blockflöten, das Sprachlernbuch, weswegen er Millies Muttersprache wie seine eigene sprechen konnte, die einen und Claires Geburtstage verschiedener Jahre, die drei Sommerbälle in Millemerveilles, der Corpores-Dedicata-Zauber und die Walpurgisnacht vor einem Jahr. Seine Gedanken waren so tief in die Erlebnisse mit Claire abgeschweift, daß er nicht merkte, wie seine Augen zufielen. Als Millie seine Hand erneut drückte bemerkte er es erst und sah sich verstohlen um. Da stand Jeanne mit ihrer Tochter in den Armen. Er hatte nicht mitbekommen, daß sie hergekommen war. Einen Moment dachte er schon, sie sei gegen die hier gültigen Anstandsregeln appariert. Doch dann verriet ihm seine Armbanduhr, daß er wohl schon seit einer Viertelstunde auf dem Friedhof unterwegs war. Der Weg hierhin dauerte bei ruhigem Marsch zwei bis drei Minuten. Also warum sollte Jeanne nicht ganz gemütlich hergekommen sein. Sie sagte kein Wort. Sie lächelte nur Millie an, die unbefangen zurücklächelte. Jeanne nahm ihre kleine Tochter aus dem Tragetuch und hockte sich mit ihr vor den kleinen Apfelbaum. Sie bugsierte Vivianes Ärmchen um den kleinen Baum herum und streichelte ihr dreimal über den Rücken. Mildrid und Julius sahen ihr zu. Sie wunderten sich nicht, daß Viviane ganz ruhig blieb, während ihre Mutter sagte:

"Siehst du, Vivi. Da schläft deine Tante Claire." Sie ließ ihre Tochter noch eine halbe Minute an den schmalen Stamm gelehnt. Dann hob sie sie behutsam wieder auf und barg sie in den Armen. Julius blickte sie aufmunternd an. Sie lächelte und deutete auf Mildrid.

"Nett, daß sie dich begleitet, Julius. Ich dachte mir, daß du heute auch herkommen würdest. Maman war ja schon heute morgen hier und hat gegossen."

"Ich wußte nicht, wann du herkommst, Jeanne. Dann hätten wir dich nicht gestört", wandte Julius ein.

"Dann hätte ich wohl euch gestört, Julius. Nein, ihr habt mich nicht gestört. Ihr seid dann ja auch heute Nachmittag bei Maman und Papa, nicht wahr?" Millie und Julius nickten. "Gut, dann sehen wir uns da ja auch wieder. Ach, Julius, hast du schon die Einladung zum Schachturnier und zum Sommerball gekriegt?"

"Gestern abend noch, Jeanne", antwortete Julius. "Ich überlege mir nur, ob ich zum Turnier hingehen soll. Als frisch verheirateter Mann wäre das ja ein schwerer Fehltritt, nicht zum Sommerball hnzugehen."

"Welcher Name stand denn auf der Einladung zum Schachturnier?" Wollte Jeanne wissen.

"Julius Latierre", gab Julius Auskunft.

"Dann hat Julius Latierre auch da hinzugehen. Oder denkst du, Madame Delamontagne möchte sich dem Gespött der Leute aussetzen, daß sie zu feige sei, gegen zwei gute Schachspieler der Latierre-Familie anzutreten?" Millie grinste verhalten.

"Könnte ich so jetzt nicht sagen", erwiderte Julius grinsend. Millie sah Viviane Aurélie an und schnitt ihr eine Grimasse. Jeanne fragte sie, ob sie das Baby einmal auf den Arm nehmen wollte. Millie strahlte und nickte. Jeanne gab ihr vorsichtig das kleine Bündel eigenes Fleisch und Blut. Mildrid nahm Viviane zärtlich in die Arme und grinste sie an. Viviane gluckste erfreut, als Millie sie ein wenig wiegte und ihr was vorsang. Julius beobachtete sie genau. Sah so ein Mädchen, besser eine junge Frau aus, die von einer kleinen Schwester genervt sein mochte? So wie sie Viviane hielt wirkte sie selbst wie die Mutter des Kindes, wenngleich das flauschige, schwarze Haar auf dem runden Babykopf klar verriet, daß es Jeannes Tochter war. Er dachte daran, wie Millie genauso zuerst mit Larissa Swann umgegangen war, bis sie von etwas, was er nicht mitbekommen hatte, merklich abgekühlt war. Doch hier blieb sie ruhig, ja aufmunternd und warm. Julius sah Jeanne an und mentiloquierte ihr: "Pass auf, daß sie dir die Kleine auch wiedergibt."

"Ich fürchte, die wird von dir fünf solche kleinen Quängelbündel haben wollen", bekam er von Jeanne zurückübermittelt. Millie sah Julius an und sagte:

"Sieht irgendwie süß aus, so'ne kleine Dusoleil. Aber sie hat Brunos Augen."

"Echt?" Fragte Julius und sah Vivianes Augen genauer an. Er mußte seiner Frau rechtgeben. Millie sah Jeanne an und sagte freundlich:

"Ich hoffe, nur weil es eine Tochter ist, daß du mit der trotzdem mehr Spaß als Ärger hast, Jeanne."

"Mütter und Töchter, ich weiß, Mildrid. Nur das ich keine große Schwester hatte, an der meine Mutter sich hätte einüben können. Aber du hast recht, Vivi hat Brunos Augen. Wird deine Oma freuen, daß was aus ihrer entfernten Verwandtschaft in einer Dusoleil-Tochter weiterlebt."

"Du fütterst sie gut. Wie schwer war die bei der Geburt?"

"siebeneinhalb Pfund, Mildrid. Ich habe mich schon gefragt, wo die anderen zwanzig pfund abgeblieben sind, die ich im Bauch liegen hatte."

"Hat meine Mutter auch gemeint, als Miriam ankam", lachte Millie. Julius wunderte sich. Da sprach eine junge Mutter mit einer jungen Frau, die wohl auch schon gerne ein Kind haben würde über ihr neugeborenes Töchterchen, und das genau über dem im Boden vergrabenen Sarg der jüngeren Schwester. Doch er wagte keinen Einspruch. Womöglich gefiel das Ammayamiria sogar, wenn sie ihnen immer noch zusah und zuhörte. Er konnte sich sogar vorstellen, daß sie durch seine, Jeannes oder Vivianes Augen und Ohren alles mitbekam. Er schloß einen Moment die Augen, während Jeanne und Millie sich über das kleine Mädchen unterhielten, das irgendwann mal auch eine Hexe sein mochte und stellte es sich vor, als Viviane in Millies Armen zu liegen und zu denken: "Soll ich der gleich was vorquängeln, damit die mich wieder hergibt?" Dann öffnete er seine Augen wieder und sah, wie Millie Vivi vorsichtig an ihre Mutter zurückreichte.

"Jetzt im Moment ist sie richtig brav. Aber in einer Stunde wird sie wohl wieder irgendwas haben und mir und Bruno was vorsingen. Ich bringe sie wieder nach Hause. man sieht sich!"

"Bis bald", wünschte Julius. Millie winkte ihr nach und rief: "Bis dann, Jeanne!"

"Ach neh, hast du das jetzt auch übernommen", lachte Jeanne. Dann gab sie Millie noch schöne Grüße für ihre Verwandten mit und verließ den Grabhügel. Millie und Julius blieben noch eine Minute stehen, bevor sie wieder Hand in Hand herabstiegen und schweigend zum Ausgang des Friedhofes zurückschlenderten.

"Sollen wir noch mal zu Caro hin, um zu klären, ob die immer noch sauer auf dich ist?" Fragte Julius Millie.

"Neh, lass mal, Monju!" Erwiderte seine Frau. "Fliegen wir lieber zur Wiese. Pattie, Callie und Pennie wollten Quidditch trainieren. Da wollte ich mitmachen, vor allem, wenn Maman auch mitspielt."

"Ach, und du möchtest dir von mir noch mal den Doppelachser vorführen lassen, damit wir Hercules im nächsten Schuljahr so richtig auf die Palme bringen können?" Fragte Julius.

"Ich habe nicht gesagt, daß du da mitmachen mußt, Monju. Ich meinte nur, daß meine Cousinen und Pattie üben wollen und ich da wohl mitmachen werde, weil ich die einzige in der Stammauswahl bin, die gerade hier ist", erwiderte Millie.

"Achso", entgegnete Julius grinsend. "Dann kann ich ja zu Camille und Florymont zurückfliegen und meiner Mutter zusehen, wie sie gegen Oma Line verliert."

"Oder umgekehrt", wandte Millie ein.

"Wenn ich ab morgen spiele muß ich wissen, was meine Mutter Schwiegeroma Line neues beigebracht hat. Nachher kriege ich die noch im ersten Spiel. Hätte den Vorteil, daß wir dann die nächsten Sommerferien freier planen könnten."

"Du meinst, weil sie dich dann vielleicht schon aus diesem blöden Turnier rauswirft und nur die, die die ersten vier Plätze erreicht haben eingeladen werden?" Fragte Millie. Julius grinste. "Ich denke, Oma Line würde es dir verbieten, gleich davon auszugehen, daß du verlierst, egal gegen wen."

"Eigentlich wollte ich deine Mutter noch fragen, was jetzt mit diesem Zeitungsinterview ist. Hatten deine Eltern nicht gestern den Termin?"

"Dann mußt du schon zu uns kommen", stellte Millie klar. Julius nickte ihr zu. Dann flog er mit ihr im Hui zur Landewiese, wo die geflügelte Riesenkuh Bellona gerade lautstark aus dem autobusgroßen Wassertrog soff. Hippolyte Latierre flog gerade auf ihrem eigenen Ganymed 10 einige Aufwärmrunden über der Wiese.

"Bruno hat das Stadion für uns freigehalten, Millie! Will Julius mitspielen?!" Rief sie dem Besen-Tandem zu.

"Ich wollte Millie nur bei euch abliefern, weil deine Mutter gegen meine Mutter spielt und ich mir ansehen möchte, worauf ich mich vorbereiten muß!" Rief Julius zurück.

"Was?! Na klar, die haben dich ja für dieses Figuren-Verhauspiel ab Morgen einberufen", erwiderte Hippolyte. Julius sah ihr deutlich an, daß sie sich freute, wieder auf einem schnellen Besen herumfliegen zu können. Zumindest wohl solange ihre Schwester Béatrice ihr das wegen Miriam nicht untersagte. Er wußte es ja von Constance Dornier, daß sie in Beauxbatons kein Quidditch mehr spielen durfte.

"Eigentlich wollte ich noch wegen der neugierigen Mademoiselle Chermot fragen, was ihr gestern deinem Verwandten erzählt habt", wandte sich Julius noch einmal an Hippolyte.

"Geht klar, Julius. Lande, damit Millie ihren Besen holen kann!" Julius brachte seinen Besen auf die Wiese herunter. Keine Sekunde darauf landete auch Hippolyte. Millie eilte davon, um ihren eigenen Besen zu holen.

"Dann komm mal mit in die Transportkabine!" Forderte seine Schwiegermutter ihn auf. Sie wandte sich dann noch an ihre Schwester Patricia, die vom Alter her auch glatt ihre Tochter hätte sein können. "Pattie, wenn Millie mit dem Besen rauskommt wartet bitte noch ein paar Minuten. Ich muß mit Julius noch was besprechen."

"Geht klar, Hipp", erwiderte Patricia Latierre und winkte ihren Nichten Calypso und Penthesilea.

"Also folgendes, damit du zu unseren beiden Müttern kannst und ich mal wieder spielen kann, solange sich Trice mit Aurora Dawn unterhält, Julius", setzte Hippolyte an, als sie in der Transportkabine saßen, die von Hippolyte zu einem provisorischen Klangkerker gemacht worden war. "Albericus und ich haben gestern im Sonnenblumenschloß mit Gilbert gesprochen. Natürlich hat er den Auftrag, mit einer sensationellen Geschichte herauszukommen. Andererseits weiß er auch, daß Sachen, die nur unsere Familie angehen, zu der du jetzt ja auch gehörst, nicht in die Zeitung reingehören. Und nachdem wir ihm erzählt haben, wie Millie und du euch gefunden habt und wir erfahren mußten, daß gewisse Damen und Herren in Beauxbatons und anderswo dich für haarsträubende Missionen heranziehen, befanden wir, daß es vorerst nicht in die Zeitung reinkommt, weil die im Ausland gelesen werden könnte. Da du mit ihr nach Beauxbatons zurückkehrst werden es die dort lernenden eh erfahren und damit deren Eltern und so langsam auch die restliche französischsprachige Zaubererwelt. Er ließ sich dann darauf ein, der Redaktion von "Neues aus der Gesellschaft" zu servieren, daß wir nichts gegen eine dauerhafte Verbindung zwischen euch einzuwenden haben und daher sehr erfreut sind, daß ihr beiden euch gut versteht. Dann wird er die natürlich sehr unvollständige Geschichte bringen, daß Albericus und ich irgendwann mitbekommen haben, daß Mildrid und du euch dazu entschlossen habt, miteinander zu gehen, daß wir dich eingehend kennenlernten und dich ihr gönnen, sofern du sie aushältst. Wenn dann jemand bei der zeitung anzeigen sollte, ihr seid ja schon Verheiratet, wird dazu keine Stellung genommen. Die Redaktion hat von Gilbert schon viel interessantes Material bekommen, als daß sie ihn verärgern möchte. Außerdem wird diese Geschichte erst dann in die Zeitung gesetzt, wenn das Schuljahr in Beauxbatons angefangen hat, weil wir davon ausgehen dürfen, daß Madame Maxime dich als Julius Latierre offiziell in der Schule zurückbegrüßen wird. Er wollte zwar noch ein kleines Interview mit dir machen. Aber wir haben ihn an Catherine verwiesen, die für solche Fragen zuständig ist. Und die hat bereits angekündigt, daß du bis auf weiteres zu keiner Sache und für niemanden vom Miroir Magique zur Verfügung stehen wirst, weil offenkundig mit deinen Erlebnissen vom letzten Sommer die allsommerlichen Nachrichtenflauten überstanden werden sollen und du ein Anrecht auf störungsfreie Fortentwicklung hättest. Dem hat ja auch Madame Faucon zugestimmt."

"Och, hat sie das?" Fragte Julius verächtlich.

"Auch wenn sie immer noch gegen uns voreingenommen ist will sie bestimmt nicht, daß du nur noch zum Thema für irgendwelche Sensationsgeschichten wirst. Sei froh, daß du fürsorgliche Leute in einflußreichen Stellungen hast!"

"Ja, Moment mal, aber jeder andere Reporter braucht doch nur ins Familienregister zu schauen. Da werden Millie und ich doch wohl als Ehepaar geführt."

"Da schon, Julius. Aber anders als bei den Muggeln ist das Reportern nicht so einfach zugänglich. Und Familienangelegenheiten stehen zumindest in Frankreich gleichberechtigt neben der Pressefreiheit. Das gilt ja auch für die Eauvives, mit denen du über mehrere Ecken und Generationen hinweg verwandt bist."

"Oh, das könnte auch noch was geben, wenn Antoinette Eauvive findet, ich hätte mich einfach so von euch vereinnahmen lassen", seufzte Julius.

"Unsere beiden Familien sind in den vergangenen Jahrhunderten oft genug miteinander verknüpft worden, Julius. Und meistens war das zum Vorteil beider Familien. Sonst hättest du schon längst einen Heuler oder dergleichen bekommen."

"Verstehe, weil ich ja auch kein geborener Eauvive bin, sondern nur über mehrere Generationen mit der Familie verbunden bin", wandte Julius ein. Er hatte ja die umfangreiche Familienchronik der Eauvives und konnte da ja nachschlagen, wie oft es eine Familienzusammenführung mit den Latierres gegeben hatte.

"Es bleibt also dabei, daß Millie und du verheiratet seid, aber die Zeitung das nicht allgemein herumreichen darf und statt dessen eine rührselige Geschichte veröffentlicht, die für die, die bisher noch nicht wissen, daß ihr offiziell verheiratet seid ausreicht", wandte Hippolyte ein. Julius nickte zustimmend. Dann verabschiedete er sich von seiner Schwiegermutter und verließ die Landewiese. Millie sah ihm noch beim Start zu. Eigentlich hätte er ruhig mit ihr und den anderen Quidditch üben können. Was interessierte den so heftig am Schach? Sie überlegte sich, ob sie ihm, ihrer Tante Patricia und ihrer Großmutter dabei zusehen wollte. Immerhin hatte ihre Oma es hinbekommen, daß ihre drei Jahre jüngere Tante Pattie mitspielen durfte. Würde sie gegen Julius spielen?

"Jeanne hat mir mentiloquiert, daß sie euch auf dem Hügel getroffen hat", begrüßte Camille Julius. Dieser bejahte es und erwähnte auch, daß er ein warmes Pulsieren fühlen konnte, als er den Apfelbaum angefaßt hatte.

"Hat Jeanne auch erstaunt, Julius. Aber du kannst dir ja denken, woher das kommt", erwiderte Camille sehr leise. Julius nickte erneut. Dann fragte er, wo seine Mutter gerade sei.

"Ich habe den Beiden die äußerste Ecke des Gartens zugewiesen, wenn die schon meinen, noch vor diesem Turnier Schach spielen zu müssen. Uranie guckt sich das an", knurrte seine Gastgeberin. Julius grinste und begab sich in den Garten, wo er die laufende Partie und die darauf folgende Revanche bis zum Mittagessen verfolgte. Als Ursuline Latierre zu ihrer Familie zurückapparierte sagte er seiner Mutter frech:

"Danke, daß du ihr die Tricks zeigst, die ich von dir gelernt habe. Dann können wir nächsten Sommer ein paar freie Tage mehr verplanen."

"Abgesehen davon, daß du bestimmt auch andere Fertigkeiten beim Schach erlernt haben dürftest, werden die dich wohl immer wieder einladen, Julius. Allein Eleonore Delamontagne könnte finden, daß du gefälligst da mitzuspielen hast, wo du sie zweimal in wichtigen Spielen besiegt hast."

"Mum, du könntest recht haben", grummelte Julius.

"So, ihr beiden, und auch du, Uranie. Jetzt ist Mittagessen dran", stellte Camille sehr entschieden fest. Martha sah ihre Gastgeberin zwar erst etwas vorwurfsvoll an, weil diese sie wie ein unmündiges Kind zurechtwies. Doch weil Camille das nicht beeindruckte, nickte sie ihr nur zu.

Nach dem Mittagessen spielte Julius mit Uranie Dusoleil eine Partie und verschaffte sich nach nur zwölf Zügen einen unumkehrbaren Vorteil.

"Ich fürchte, ich werde in diesem Jahr auch nur beim Halbfinale zusehen dürfen", seufzte Jeannes und Denises Tante. Julius bot ihr eine Revanche an. "Nein, lass mal, Julius! Ich weiß jetzt wieder, wo ich ungefähr stehe. Ich habe mir diese füllige Hexe angesehen, die es irgendwie hinbekommen hat, daß du sie jetzt Schwiegeroma nennen darfst. Auch habe ich die Kenntnisse deiner Mutter bewundert, von denen du ja doch einige erworben und für dich selbst ausgefeilt hast. Ich hoffe, daß wir beiden morgen wieder gegeneinander antreten dürfen, vielleicht sogar übermorgen. Erzähl mir lieber von Amerika!"

"Amerika erhielt seinen Namen vom italienischen Seefahrer Amerigo Vespucci, nachdem dieser das Land genauer beschrieb, in das der Genueser Christoph Columbus im Auftrag des spanischen Königspaares nach einem Westweg nach Indien suchte und dabei ..."

"Öhm, nicht über die Geschichte oder gar die erdkundlichen Gegebenheiten, junger Mann", schnitt Uranie ihm das Wort ab, mußte aber dabei lächeln. "Ich wollte eigentlich nur wissen, was du und deine ... junge Ehefrau da so erlebt habt."

"Achso", tat Julius jetzt erst erkennend. "Und ich fürchtete schon, du wolltest von mir wissen, was ich über Amerika weiß. Da wäre ich irgendwann auch arg ins schlingern gekommen, was Geschichte und Landkarten angeht." Doch weil er dabei jungenhaft grinsen mußte, erkannte Uranie Dusoleil, daß er eigentlich schon gewußt hatte, was sie von ihm hören wollte und was nicht. So erzählte er seiner beinahe-Schwiegertante, was er in Viento del Sol erlebt hatte, ließ jedoch die ganz privaten Details aus und beließ es nur bei der Erwähnung, die alleinerziehende Mutter Peggy Swann und ihre Tochter Larissa besucht zu haben. Zumindest erwähnte er die Quodpotspiele und was in New Orleans vorgefallen war, da dies ja auch in der Zeitung erschienen war. Uranie Dusoleil hörte sich das alles ohne Zwischenbemerkungen an, bis Julius von sich aus zu erzählen aufhörte. Dann fragte sie ihn nach einzelnen Sachen aus, erwähnte, daß sie diese eiserne Jungfrau Pabblenut auch schon einmal getroffen habe und diese behauptet hatte, sie, Uranie, sei ja wohl auf ihrer Linie, weil sie ja auch noch nicht verheiratet oder gar Mutter sei.

"Da hat die gute Madame Unittamo schon recht. Mademoiselle Pabblenut ist im Grunde arm dran und sehr zu bedauern. Ihre Sympathie für mich verflog ja auch, als sie erfuhr, daß ich durchaus gerne wen an meiner Seite hätte, den richtigen jedoch noch nicht gefunden hätte. Damit konnte ich die in Aussicht stehende Lehranstellung in ihrem zölibatären Lehrinstitut vergessen."

"Oh, du hast ein Angebot von ihr bekommen?" Fragte Julius interessiert.

"Ich hätte durchaus keine Probleme gehabt, für ein paar Jahre Astronomie oder auch Französisch zu unterrichten. Aber in Beauxbatons wollte ich nicht anfangen, solange Madame Maxime da Schulleiterin ist. Nicht das ich wegen ihrer körperlichen Besonderheit was an ihr auszusetzen hätte. Aber so ganz geheuer ist sie mir doch nicht. Ich weiß nicht so recht, ob ich deine Saalvorsteherin Blanche Faucon bewundern oder bedauern soll, daß die es mit ihr so lange aushält."

"Dann ist es doch die Abstammung", wandte Julius ein. Uranie mußte wohl kurz überlegen. Dann sagte sie:

"Also daß ihre Körpergröße auf einen riesischen Elternteil zurückgeht erfuhr ich erst Jahre nach meinem UTZ-Abschluß. Aber während ich in Beauxbatons Schülerin war, habe ich sie als Schulleiterin und zum Teil auch als Lehrerin miterlebt. Damals fehlte ein Lehrer für Zauberkunst, und ich habe bei dieser sehr großen Dame mindestens zweihundert Nachlässigkeitsstrafpunkte in einem Jahr erhalten. Florymont hat mich deshalb gerne aufgezogen, daß ich im nächsten Jahr schon zweihundert Strafpunkte hätte, bevor ich im Ausgangskreis von Beauxbatons ankomme. Immerhin habe ich es geschafft, um den Jahresputzdienst herumzukommen und durfte die ersten Jahre deiner jetztzigen Saalvorsteherin miterleben. Aber du wolltest ja wissen, ob ich in einer anderen Schule hätte lehren wollen. Hogwarts hätte mich vor neunzehn Jahren auch interessiert. Aber die damalige Ministerin Bagnold hatte einen Erlaß durchgesetzt, daß ausländische Hexen und Zauberer keine Lehrtätigkeit ausüben dürften, angeblich zum Schutz dieser Leute, weil damals ja Du-weißt-schon-wer zum ersten Mal gewütet hat. Tja, und in den Staaten Nord- und Südamerikas war zu diesem Zeitpunkt kein Bedarf an Astronomiefachkräften. Da bin ich dann doch hiergeblieben und habe meine Studien und Instrumente verbessert." Julius nickte. Er kannte Madame Maxime ja jetzt auch als Lehrerin und hatte es auch schon mitbekommen, daß sie sehr schnell mit Strafpunkten dabei war. Vielleicht würde sie für das kommende Schuljahr einen anderen Lehrer einstellen.

"Was hast du denn in St. Tropez so erlebt?" Wollte Julius nun seinerseits wissen. Er ging davon aus, daß Uranie ihm auch keine all zu privaten Sachen erzählen würde. Doch die auch bei den Muggeln berühmte Stadt an der Côte d'Azur interessierte ihn auch so schon. Vielleicht könnte er da ja mal mit seiner Mutter oder mit Millie hinfahren. So hörte er sich an, wie Uranie von Sonne, Strand und luxus sprach, wie sie sich über die vergnügungssüchtigen Überreichen aus der Muggelwelt ausließ und wie sie einen ganzen Tag auf einem magisch aufgebesserten Segelschiff auf dem Mittelmeer zugebracht hatte. Etwas ähnliches hatte Julius ja in Kalifornien auch erlebt, wenngleich das, was Uranie erwähnte doch nicht so familiär war wie die Reise mit den Foresters, Redliefs, Gloria und Millie. Zwischen den Zeilen hörte er jedoch heraus, daß die bisher so zurückhaltende Schwester Florymonts tatsächlich mehr als nur die Wärme der Sonne erlebt hatte. Er fragte sie jedoch nicht nach Namen oder Einzelheiten. Vielleicht schwärmte Uranie ja im Moment auch eher als daß sie sich für festere Bindungen interessierte. Er fragte sich, ob ihm das mit Millie oder Claire nicht auch so ergangen wäre, wenn die beiden ihm nicht deutlich gezeigt hätten, daß sie bereits mehr wollten als nur schöne Kuschelstunden.

Als Uranie ihren Bericht von der blauen Küste beendet hatte sprachen sie über ihre und Julius' gemeinsame Leidenschaft für den Weltraum und die Sterne. Julius erwähnte, daß er vor seiner Abreise in die vereinigten Staaten die ersten Bilder von Pathfinder aus dem Internet geholt hatte und besprach mit ihr die Zukunft der Raumfahrt, ob irgendwann wieder Menschen auf dem Mond landen und da vielleicht sogar eine dauerhafte Forschungsstation bauen würden. Dann hatten sie es noch von Astrologie, an die Julius überhaupt nicht glaubte und Uranie nur aus dem Wahrsagenunterricht was darüber wußte.

"Also viele behaupten ja, daß die Magie nur funktioniert, weil die Sterne uns die nötige Energie geben und auch die Zukunft vorherbestimmen", sagte Uranie. "Aber wenn es danach ginge müßten alle Voraussagen der letzten Jahrhunderte ja alle eingetreten sein. Natürlich kommen die berufsmäßigen Astrologen dann gerne mit der Ausrede, daß die Leute, die bestimmte Prophezeiungen gemacht haben, die Sterne nicht richtig vermessen haben und daher Fehldeutungen machen mußten. Diese Hexen und Zauberer konnten es zumindest aber dann auch nicht besser. Ich habe mich nur für Sterndeutung interessiert, weil ich mehr über Herkunft und Hintergrundgeschichte der Planetennamen und der Sterne haben wollte, weil das in der Astrologie ja sehr wichtig ist."

"Sogesehen dürften wir gar nicht auf dem Mars landen, weil der altrömische Kriegsgott sauer werden könnte, daß so viele Sterbliche auf ihm herumkrabbeln wie Läuse", spottete Julius. Uranie nickte.

"Genau das würden manche Astrologen behaupten. Sie sagen ja schon, daß die Muggel uns alle in den Untergang gerissen haben, weil sie die Ruhe des Mondes gestört haben und die große Himmelsschwester zurecht wütend werden könnte. Sie reden dann gerne von einer alles verschlingenden Flut, wie es sie vor Jahrtausenden schon gegeben haben soll, wodurch dieses sagenhafte Atlantis im Meer versunken sein soll und die als Grundlage verschiedener Religionen herangezogen wird." Julius mußte sich arg anstrengen, keine Regung zu zeigen. Immerhin verdankte er die gemeinsame Zukunft mit Millie Leuten und Zaubern im Namen des Mondes, der großen Himmelsschwester. Konnte er denn mit absoluter Sicherheit ausschließen, daß die Himmelskörper nicht irgendwie auf lebende Wesen wirkten? Immerhin funktionierte seine Armbanduhr ja auch in Wechselwirkung mit den Himmelskörpern, auch irgendwelcher galaktischer Kräfte, womit nicht unbedingt die alle Sterne zusammenhaltende Schwerkraft gemeint sein mußte. Doch an Horoskope und dergleichen wollte er dann doch nicht glauben.

So ging der Nachmittag dahin, bis Millie mit ihrem Besen auf der landewiese vor dem Haus der Dusoleils landete. Sie trug ihr meergrünes Kleid. Julius hatte sich den weinroten Festumhang angezogen. Überrascht war er, daß Camille in einem rubinroten Kleid in den Garten kam. Sonst trug sie nur Grüntöne. Rot war die Lieblingsgrundfarbe ihrer Tochter Claire. Daran mochte es wohl liegen. Denn auch Martha Andrews hatte sich etwas hellrotes angezogen, um die zu ehrende, die leider nicht mehr anwesend sein konnte, zufriedenzustimmen.

Zunächst war es eine eher schweigsame Zusammenkunft. Keiner wollte irgendwas sagen, um die Stimmung zu stören, die sich bei allen eingestellt hatte, auch bei Millie, die sehr wohl wußte, daß ihre von Bruno angeheirateten Verwandten sehr viele Erinnerungen an diesen besonderen Tag im Jahr knüpften. Doch irgendwann, während sie leise bei Kaffee und Kuchen saßen, fragte Camille, ob allen die Sprache vergangen sei. Julius wandte dann ein, daß er nichts sagen könne, was er nicht schon längst gesagt habe. Martha bedauerte, daß sie nichts dem Anlaß entsprechendes erwähnen könne. Millie nickte dazu nur. So fragte Camille alle nacheinander, was ihnen denn an wirklich schönen und wichtigen Erinnerungen an Claire verblieben seien. Sie sah dabei erst Millie an, die sich straffte und dann von der gemeinsam angefangenen Schulzeit in Beauxbatons sprach, wie sie mit ihr erst relativ selten zu tun hatte, vom Zaubertrankunterricht abgesehen, bis halt im dritten Jahr wer neues in Claires Saal und Klasse eingezogen sei.

"Ich will nicht behaupten, daß ich das immer gut gefunden habe, daß Claire diesen Jemand von vorne herein mit Beschlag belegt hat. Aber irgendwie habe ich das dann doch mitbekommen, daß es wohl besser so sei. Lustig war nur, daß die Knieselin Goldschweif das immer anders gesehen hat. Julius hat mir das irgendwann erzählt, daß die Knieselin davon ausgegangen sei, Claire und er seien echte Geschwister und wie umständlich das der kleinen, vierbeinigen Mademoiselle beigebracht werden mußte, daß das doch nicht so war." Damit gab sie das Wort an Julius weiter, der noch einmal von der Zeit von vor drei Jahren sprach und dann die Zeit in Millemerveilles und Beauxbatons zusammenfaßte. Danach bekräftigte seine Mutter mit wenigen Worten, daß sie Claire sehr gemocht habe und sie sich gut als ihre Schwiegertochter hätte vorstellen können, daß sie aber jetzt auch sehr froh über Julius' Wahl sei und daß es wohl in Claires sinn sei, daß er wieder jemanden an seiner Seite hatte. Danach sprach Camille Dusoleil und erzählte in einer halben Stunde, was sie vor und nach Claires Geburt alles mit ihr erlebt hatte. Ihr Mann ergänzte diese fünfzehn Jahre in dreißig Minuten mit eigenen Eindrücken. Julius erfuhr dabei mehr über diese Kräuterkundlerkonferenz, bei der Aurora Dawn und Camille Dusoleil sich zum ersten Mal begegnet waren. Er erkannte, wie tief es auch Aurora getroffen haben mußte, daß Claire nicht mehr da war. Denn Camille erwähnte einmal, daß seine australische Brieffreundin nach ihrem ersten Ausbildungsjahr als Heilerin in Millemerveilles gewesen war, wie sie später mit Camille mehrere Wochen zusammengesessen hatte, um an ihrem berühmten Buch "Der kleine Hexengarten" zu schreiben und daß Claire von Aurora zum Einstieg in Beauxbatons eine signierte Ausgabe dieses Buches geschenkt bekommen hatte. All das hatte ihm Claire so nie erzählt, obwohl sie wußte, wie wichtig Aurora Dawn auch in Julius' Leben war. Dann sprach noch Jeanne von ihrer Zeit als großer Schwester Claires und das sie einiges gerne noch zurückgenommen hätte, was sie ihr damals so angetan oder gesagt hatte, aber auf der anderen Seite auch oft genug von Claire angenervt gewesen sei. Zum Schluß schilderte Uranie noch ihre Erlebnisse mit ihrem zweiten Patenkind und sagte abschließend:

"Nun, wir alle wissen, daß Claire sich freut, daß wir trotz ihres Wegganges noch füreinander da sein wollen und uns immr noch gut leiden können. Dessen sollten wir uns dann auch in zehn Jahren und mehr erinnern." Alle pflichteten ihr bei. Dann sprachen sie über die Sachen, die sie gerade umtrieben: Jeannes Tochter Viviane, der Musikpark, die Vorbereitungen für die Quidditch-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr, die anstehenden ZAGs, Julius' Geburtstagsgeschenk von Barbara Latierre, die Pläne des jungen Ehepaares Latierre, wie die Kameraden in Beauxbatons davon überzeugt werden könnten, daß sie Millie und Julius nicht böse sein sollten, die Deutschlandreise Marthas, die Tage in Kalifornien und der anstehende Sommerball. Geburtstagsgeschenke für Claire gab es nicht. Dafür tanzten die Gäste am Abend. Florymont, Bruno und Julius kamen dabei nicht so recht zur Ruhe, weil auf jeden von ihnen zwei unermüdliche Tanzpartnerinnen kamen. Julius wurde von Uranie abgeklatscht, als diese ihren Bruder an dessen ältere Tochter weitergereicht hatte, deren Mann gerade mit Julius' Mutter tanzte. Millie und Denise tanzten zusammen, wobei Millie der zehnjährigen Denise ein paar schnellere Schrittfolgen beibrachte und führte. Camille stand dabei und sah zu. Dann tanzte Julius auch mit Denise, machte mit ihr sogar einige Rock-'n-Roll-Hebeübungen und freute sich richtig, daß er trotz der traurigen Gewißheit, daß Claire nicht mehr mit ihm tanzen konnte, immer noch Spaß an dieser Art der gemeinsamen Bewegungsübungen hatte. Er verdrängte den Gedanken sehr schnell, daß Denise in zwei Jahren genauso wie Claire aussehen würde und in fünf Jahren so aussehen würde, wie Claire jetzt ausgesehen hätte. Er erinnerte sich daran, daß er Claire immer mit Jeanne verglichen hatte. Also tat er das jetzt mit Denise. Er dachte, daß Jeanne vor neun Jahren so wie Denise ausgesehen haben mochte. Außerdem hatte er ein Bild von einer jungen, erwachsenen Denise im Kopf. Denn er hatte einmal davon geträumt, mit Martine eine Tochter zu haben und deren Einschulung in Beauxbatons vorhergeträumt. Doch dieser Traum würde sich nicht so erfüllen, wie es damals im Sommer ausgesehen hatte. Als er mit Millie tanzte, fragte sie ihn:

"Na, hat sich das kleine Mädchen gefreut, daß ein großer Junge mit ihm tanzt?"

"Ich denke, Denise sieht es etwas lockerer als Camille und Florymont. Sie weiß, daß ihre Schwester Claire jetzt wo ist, wo es ihr sehr gut geht."

"Aber ich denke, sie hängt noch sehr an ihr", sagte Millie. "Ich habe zwar genug Streß mit Tine. Aber wenn die einfach von jetzt auf gleich für immer verschwinden würde könnte ich das auch nicht mit dem Unterzeug ablegen. - Aber wehe du sagst ihr das, Monju!"

"Warum soll die nicht wissen, daß du sie liebst?" Fragte Julius zurück. "Ich habe ja keinen Dunst von großen Schwestern."

"Weil ich nicht will, daß Tine meint, mir in mein Leben reinreden zu müssen. Einmal Saalsprecherin, immer Saalsprecherin, Julius. Das hast du doch auch bei Barbara van Heldern gesehen, als die vor drei Tagen hier war. Die beiden haben sich oft in der Wolle gehabt, aber dann immer wieder vertragen. Pack schlägt sich und verträgt sich eben schnell."

"Habt ihr's von Tine und mir?" Fragte Jeanne, die ihren Vater an Martha Andrews weitergereicht hatte. Millie sah sie sehr unbekümmert an und meinte, daß sie von Barbara und Tine gesprochen habe. Jeanne lachte nur amüsiert. Dann klatschte sie Julius ab. Millie ging zu Bruno, der jedoch von seiner Schwiegermutter aufgefordert wurde.

"Wir sollten für jeden Tanz einen einzigen Partner und Herrenwahl vereinbaren", meinte Julius nicht ganz so ernst. Jeanne lachte.

"Nichts gibt's. Ihr seid nur drei, und wir kleinen und großen Mädchen wollen tanzen. Sieht ja deine Frau genauso."

"Jetzt sitzt die halt bei Uranie. Die will wohl nicht mit anderen Frauen tanzen wie Denise", bemerkte er noch.

"Jetzt, wo sie wohl anfängt, sich für gewisse Sachen zu interessieren", erwiderte Jeanne hintergründig und lächelte wissend. Julius Latierre schwieg dazu jedoch. Jeanne fragte ihn, wen er morgen am liebsten im ersten Spiel als Gegner haben wolle. Er antwortete:

"Um Madame Faucon und Madame Delamontagne richtig zu ärgern, müßte ich morgen eigentlich gleich gegen meine angeheiratete Omama spielen. Wenn die gewinnt, kann ich mir das Turnier in Ruhe ansehen. Wenn die verliert ärgert sich Madame Delamontagne, daß sie gegen sie im letzten Jahr verloren hat."

"Ich denke, Millies Großmutter möchte dich vor dem Endspiel nicht gegenübersitzen haben. Na ja, mal sehen, ob ich morgen über die ersten beiden Spiele hinauskomme. Barbara spielt ja auch wieder mit, wo sie noch hier ist."

"Oh, dann könnte sie die Revanche kriegen, die ich ihr im Grunde seit zwei Jahren schulde."

"Du schuldest ihr keine Revanche. Daß sie im letzten Jahr nicht mitgespielt hat ist ja auch ihr eigenes Ding gewesen", sagte Jeanne. Julius nickte.

Kurz vor elf Uhr befanden die Dusoleils, daß alle die, die morgen beim Schachturnier mitmachen wollten, besser jetzt schlafen gehen sollten, damit gewisse hohe Herrschaften nicht meinen könnten, nur deshalb gewinnen zu können, weil ihre Gegner unausgeschlafen seien. Julius gefiel es zwar nicht, schon jetzt ins Bett geschickt zu werden. Aber die Art, wie Camille das sagte ließ ihn schmunzeln. So endete Claires fünfzehnter Geburtstag mit fünf Minuten Abschiedsgrüßen. Millie küßte Julius ganz unbefangen auf den Mund und wünschte ihm genug Erholung, damit er "diesen langweiligen Kram" am nächsten Tag besser durchstehen könnte. Er erwiderte darauf:

"Dann darf ich morgen früh aber nicht mit dir und den anderen trainieren, Mamille. Wie willst du das deiner Mutter beibringen?"

"Das ihre Mutter sonst zu früh gegen dich gewinnt und dann traurig wäre", erwiderte Millie locker und knuddelte ihren jungen Ehemann noch einmal kräftig. Dann war die Feier vorbei. Julius ging mit seiner Mutter in das Waldlandschaftszimmer. Sie hörten noch, wie Aurora Dawn, die den ganzen Tag mit Béatrice Latierre die bevorstehende Heilerkonferenz in Marokko besprochen hatte, in ihr Gästezimmer ging. Er schickte ihr noch einen Gutenachtgruß als Gedankenbotschaft.

"Ich hoffe, du warst heute eher gut gelaunt als traurig", kam die Antwort zurück. "Schlaft gut!"

 

__________

 

Es war nicht wie im letzten Jahr, wo der kleine metallische Zaubererhut in Julius' Gepäck zu summen begonnen hatte und dann eine magische Schrift versprüht hatte, daß er an diesem Tag seinen Titel zu verteidigen habe. Der Bronzehut verhielt sich völlig wie ein toter Gegenstand.

"Maman findet, ein wenig körperliche Ertüchtigung fördert das Denken, Julius. Ich hol dich in zehn Minuten wieder ab", erreichte ihn Martines Gedankenstimme, als er im Badezimmer stand und sich rasierte. Er konzentrierte sich und mentiloquierte zur Antwort:

"Klar, weil sie Schach nicht besonders mag und findet, ich sollte nicht zu weit im Turnier kommen, damit sich ihre Mutter schön ärgert."

"Vielleicht", kam Tines Gedankenantwort zu ihm zurück. Mehr unhörbare Fernbotschaften tauschte sie dann nicht mit ihrem Schwager aus.

So griff sich Julius den grasgrünen Trainingsanzug und ging hinunter. Seine Mutter war auch schon auf. Offenbar war der Gedanke an das Schachturnier für sie wie ein Aufputschmittel, obwohl sie selbst nicht mitspielen durfte. Als Julius dann von Martine vor der Haustür abgeholt wurde sagte Martha zu Camille:

"Jedenfalls kriegt Julius körperliches und geistiges Training. Wenn das so bleibt muß ich mir echt keine Sorgen machen."

"Ich habe eine erwachsene Tochter, Martha. Im Grunde hört das Sorgenmachen erst auf, wenn du selbst tot umgefallen bist", erwiderte Camille. "Meine Mutter hat sich auch ihr ganzes Leben darum gesorgt, ob es mir gut geht, ob ich nach den drei Schwangerschaften auch nicht zu füllig bleibe, aber trotzdem genug zu essen habe. Wenn sie hier bei mir war, hat sie ohne von mir gebeten zu werden den Haushalt gemacht und mir oft Erfahrungsberichte und Lebensweisheiten mitgegeben. Das hat mich schon immer wieder geärgert. Aber trotzdem vermisse ich sie heute genauso wie Claire. Ich denke schon, daß Julius für dich ähnlich empfindet."

"Mein Problem ist nur, Camille, daß ich von Leuten wie Madame Faucon und Eleonore Delamontagne immer wieder zurückgestupst werde, wenn irgendwas anliegt, wo ich mich als seine Mutter zu äußern sollte. Du bist neben Hippolyte und Ursuline die einzige Hexe, die zuerst bei mir angefragt hat, was ich davon halte. Gut, das mit der Hochzeit vor vier Tagen hat mich auch unvorbereitet getroffen, wenn auch nicht unerwartet", erwiderte Martha Andrews. "Ja, auch daß mein Sohn den Namen seines Vaters abgelegt hat hat mich etwas betrübt. Aber wenn er wirklich eines Tages mit Mildrid Kinder haben wird, werde ich die Oma sein, Grandmaman oder Granny oder wie immer das genannt wird."

"Ich denke, Celestine und Arminius fühlen sich auch etwas merkwürdig, daß Viviane nicht Chevalier mit Nachnamen heißt. Aber es ist trotzdem genauso ihre Enkeltochter wie meine."

"Gut, andere Namen ändern einen Menschen ja nicht automatisch, Camille. Ich wollte nur sagen, daß ich nach Claires tragischem Fortgang froh bin, daß jemand außer mir noch für Julius da ist und auf ihn aufpaßt."

"Das werden Florymont und ich auch tun, Martha. Da hat sich durch die schnelle Hochzeit nichts geändert. Ich weiß auch, daß Hippolyte und Albericus das nicht so locker aus dem Bauch heraus entschieden haben. Was immer sie Julius in den letzten Jahren aufgeladen haben, von dem ich längst nicht alles mitbekommen durfte, er braucht uns alle, die aufpassen, daß er sich nicht verheizt oder von irgendwem anderem verheizen läßt. Blanche mag die Latierres nicht. Meine Mutter kam auch nicht mit Ursuline zurecht, weil die beiden unterschiedlichste Anstandsbegriffe hatten. Aber nachdem Jeanne jetzt irgendwie in diesem Clan mit drinhängt kann ich doch sehr aufrichtig behaupten, daß sie schon darauf achten, mit wem sie aus welchem Grund zu tun haben wollen und mit wem nicht. Claire wußte auch, daß sie Julius nur halten konnte, weil sie nicht nur gemeinsame Interessen hatten, sondern nur solange sie ihn so nahm wie er war. Ihr tat es nur sehr weh, daß er sich ihr nicht anvertrauen konnte oder durfte."

"Hast du das von ihr erzählt bekommen oder heimlich ihr Tagebuch gelesen?" Fragte Martha herausfordernd.

"Ich habe ihr Tagebuch geerbt, Martha. Es hat mir doch einiges erzählt, von dem ich natürlich weiß, daß Claire es mir nie freiwillig erzählt hätte. Aber es hat mir geholfen, sie zu verstehen und Julius' Situation genauer zu betrachten. Dein Sohn ist wegen seiner Zaubergaben besonders versucht, mehr zu tun, als Jungen in seinem Alter abverlangt und zugetraut wird. Ich habe den sehr starken Verdacht, daß Blanche ihn diesbezüglich stärker beansprucht, als für seine Seele gut ist. Das habe ich dir ja damals auch geschrieben, daß mir das schon auffiel."

"Ich erinnere mich, Camille. Das war der Brief, bevor ich zum ersten Mal hierherkam", sagte Martha etwas ungehalten. "Darin hast du natürlich in bester Absicht kritisiert, wir würden Julius zu schnell großziehen wollen und ihm nicht genug Zeit lassen, Kind zu sein. Vielleicht stimmte das damals sogar. Richard und ich wollten, daß er schnell genug aus unserer Abhängigkeit freikommt und gleichzeitig als Sohn eines hohen Firmenangestellten repräsentierbar ist. Heute weiß ich, daß wir ihn vielleicht etwas zu schnell vorangetrieben haben. Andererseits ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Deshalb hoffe ich, daß er von Leuten wie dir oder den Latierres die Sachen lernen kann, die Richard und ich für unnötig hielten oder für unangebracht ansahen, um ein wirklich frei gestaltbares Leben führen zu können."

"Ich wollte deine Fürsorge und Rechte auf Mitsprache bei Julius nicht schlecht reden, Martha. Mir ging und geht es nur darum, daß ich Julius sehr gerne habe, auch schon bevor er mit Claire zusammenkam und jetzt immer noch. Immerhin sind wir miteinander über mehrere Verknüpfungen verwandt", erwähnte Camille.

"Das stimmt, Camille", sagte Martha. Dann befand sie, daß sie besser drinnen im Haus weiter miteinander sprechen sollten. Camille erklärte sich einverstanden.

An der mehrere Dutzend Jahre älteren Ursuline Latierre sah Julius, daß es wohl kein Akt war, morgens Sport zu treiben und dann noch Schach zu spielen. Auch die jungen Mütter Barbara, Josianne und vor allem Hippolyte hielten sich ran. Gut erschöpft, doch von der frischen Luft wach gehalten, verabschiedete sich Julius von seiner neuen Verwandtschaft, um sich von Martine zu den Dusoleils zurückbringen zu lassen.

"Frühstücke gut, damit du mir bloß nicht in der ersten Runde rausfliegst!" Ermahnte Ursuline ihren Schwiegerenkel Julius.

"Wenn wir beide gleich im ersten Spiel zusammengewürfelt werden freuen sich Madame Faucon und Madame Delamontagne. Dann fliegt jedenfalls einer der möglichen Endspielgegner vorher raus", wandte Julius ein.

"Na, du wirst doch nicht hoffen, daß wir beide gleich im ersten Spiel zusammentreffen. Abgesehen davon teilen die ja bei den ersten Spielen aus den benachbarten Spielstärken zu und nicht aus der gleichen. Da werden wir beide uns nicht im ersten Spiel sehen", erwiderte Ursuline. Dann brachte Martine Julius zum Haus Camilles und Florymonts zurück.

Julius beherzigte Lines Ratschlag und aß genug zum Frühstück, um sich satt aber nicht zu träge zu fühlen. Vor allem trank er viel frischen Saft und gönnte sich nur eine große Tasse Milchkaffee, um nicht zu aufgeregt zu sein und genug Flüssigkeit im Körper zu haben. Er kannte es ja schon, daß ein hochrangiges Schachspiel genauso auszehrte wie mehrere Runden Dauerlauf. Zusammen mit Uranie, Jeanne und Florymont begab er sich nach dem Frühstück zum Rathaus. Er flog mit Jeanne als Sozia auf dem Ganymed 10, während Florymont seine Schwester auf dem Ganymed 9 Jeannes transportierte.

"Geht auch gut", sagte Julius zu Jeanne, als sie gelandet waren.

"Du meinst, ich bin dir nicht zu schwer gewesen. Könnte wirklich wieder etwas abnehmen. Als Maman Denise zur Welt gebracht hat war sie so rund wie deine angeheiratete Großmutter. Das sollte mir als Warnung genügen", sagte Jeanne.

"Wer kümmert sich eigentlich um Viviane und Petit-Charles, wenn Barbara und du am Turnier teilnehmen?" Fragte Uranie ihre Nichte.

"Wir haben genug für die beiden auf Vorrat ausgelagert, Tante Uranie. Die nächsten zwei Tage dürfte es reichen. Außerdem hat Bruno sich schon beklagt, ich würde zu viel mit Viviane machen und er nichts."

"Ich hoffe, Hera läßt dir und ihr das durchgehen, daß ihr mitspielt", sagte Uranie.

"Die soll sich nicht so haben. Line Latierre hat hochschwanger am Turnier teilgenommen, Madame Delamontagne war da auch gerade in guter Hoffnung. Meine Tochter ist schon einen Monat auf der Welt. Die soll sich nicht so haben."

"Wollte nur sagen, daß sie das vielleicht als Ungehorsam ihren Heileranweisungen gegenüber verstehen könnte", sagte Uranie. Florymont nickte, sagte jedoch nichts. Wie seine Frau, so war wohl auch seine Tochter nicht bereit, wegen eines gerade geborenen Kindes auf die üblichen Sachen zu verzichten. Doch er schwieg.

"Deine Frau steht da mit deiner Schwiegertante", flötete Jeanne und deutete auf Millie und Patricia, die so nebeneinanderstanden wie zwei Schwestern.

"Pattie meinte, wenn ich sie Tante nennen würde wäre das so wie von Millie her", erwiderte Julius. "Millie nennt sie dann nur Tante, wenn sie sich mit ihr über irgendwas hat."

"Rein verwandtschaftsrechtlich ist sie aber deine Schwiegertante, genauso wie die ganz kleinen von Dutzendmutter Ursuline deine Tanten sind und du der einzige den ich kenne bist, der seiner Schwägerin den Schnuller wegnehmen oder sie in frische Windeln packen kann", stichelte Jeanne und deutete auf die Latierres, die sich nun voneinander verabschiedeten. Hippolyte und ihre Töchter winkten Julius zu. Seine Schwiegermutter deutete auf ihre Mutter und nickte ihr und ihm aufmunternd zu. Dann sah sie Madame Delamontagne an, die mit ihrem Sohn Baudouin herankam.

"Hätte ich gewußt, daß Madame Delamontagne ihren Kleinen mitbringt hätte ich mir das Auswringen sparen können", grummelte Jeanne. Ihre Tante tadelte sie, nicht so unanständig daherzureden. Julius überhörte es jedoch. Er sah Madame Faucon, die gerade zwanzig Schritt entfernt apparierte. Er fragte sich, warum sie damals mit ihm zu Fuß oder auf dem Besen angereist war, wo er gerade im letzten Jahr häufig an der Hand einer erfahrenen Hexe mitgenommen worden war. Doch heute war heute.

"Vielleicht treffen wir in einem der kommenden Spiele aufeinander", bemerkte Jeanne und winkte Julius zu. Ihr Vater und ihre Tante nickten nur beipflichtend und schritten in Richtung Rathaus davon.

Wie in den drei Jahren zuvor begrüßte Monsieur Pierre die freiwillig oder zum Mitspielen überredeten Turnierteilnehmerinnen und -teilnehmer und erwähnte die eigentlich allen bekannte Tatsache, daß vier verschiedenstarke Gruppen unterschieden wurden und die die beiden schwächsten und die beiden Stärksten in den ersten beiden Spielen gegeneinander zugelost wurden. Dann öffnete er die mit A und B gekennzeichneten Wandelraumtruhen und loste die ersten Spieler zu. Julius kannte die beiden aus Beauxbatons. Beim alljährlichen Schulturnier waren sie meistens nach den ersten vier Spielen ausgeschieden. Dann kam Florymont Dusoleil, der in die B-Gruppe eingestuft worden war, der gegen ein gerade elfjähriges Mädchen aus der A-Gruppe spielte, daß wohl dieses Jahr nach Beauxbatons kommen würde. Als die Gruppen A und B einander zugelost worden waren, stieg die Spannung in Julius. Er bekam mit, wie Patricia Latierre gegen Barbara van Heldern ausgelost wurde. Patricia war in die D-Gruppe eingeteilt worden. Uranie Dusoleil bekam es mit Madame Faucon zu tun. Julius überlegte schon, wen sie ihm zulosen würden. Wenn er wieder in der D-Truhe einsortiert war, konnte er wohl kaum gegen Madame Delamontagne oder seine Schwiegergroßmutter spielen. Tatsächlich erwischte Line Latierre Begonie L'ordoux, die Bienenzüchterin, gegen die Julius auch schon einmal gespielt hatte. Madame Delamontagne bekam es mit Madame Pierre zu tun. Julius fragte sich, wie das mit Baudouin gehen sollte, der in einem Tragekörbchen lag. Er ertappte sich bei dem ungehörigen Gedanken, daß ungeborene Babys wesentlich ruhiger beim Turnier dabei waren. Er erinnerte sich an das Halbfinale, wo er die mit Felicité und Esperance schwangere Ursuline nicht hatte schlagen können. Dann verkündete Monsieur Pierre:

"Monsieur Julius And..., öhm, Latierre aus Gruppe D gegen ..." Er fischte in die mit einem C markierte Truhe und zog einen Zettel aus der gähnenden Schwärze des magischen Möbelstücks. "... Madame Jeanne Dusoleil!" Da war es also, das von Jeanne vorausgesagte Zusammentreffen. Julius entspannte sich. Wenn er sich voll konzentrierte würde er wohl zumindest in die zweite Runde kommen.

Als alle sechzehn Eröffnungsspiele ausgelost worden waren und die Opponenten einander gegenübersaßen fragte einer der Jungen aus der A-Gruppe, ob das mit dem Baby nicht unfair Madame Delamontagne gegenüber sei, weil die ja dann nicht voll bei der Sache sein konnte. Alle grinsten hinter vorgehaltener Hand. Monsieur Pierre sah Madame Delamontagne an, die sich noch einmal erhob und ruhig sagte:

"Ich kann mich voll konzentrieren. Wenn mein Sohn was haben sollte, werde ich die allen zugestandenen Austrittspausen dafür nutzen, um ihm zu geben, was er gerade benötigt."

"Falls sie im ersten Spiel nicht schon wegen des Babys rausfliegt", feixte ein anderer Junge, der zur B-Gruppe zugeteilt worden war. Seine Altersgenossen kicherten albern.

"Rechne dir das als Ehre an, Brian, wenn du mich im Halbfinale antreffen kannst", knurrte Madame Delamontagne. Jetzt lachten die Kameraden Brians über diesen, weil sie sich echt nicht vorstellen konnten, daß er diese Ehre erleben würde.

"Genug der Nettigkeiten", schnarrte Monsieur Pierre mit befehlsgewohnter Stimme. Alle verfielen in aufmerksames Schweigen. "Beginnen wir!" Eröffnete der Turnierleiter das 652. Schachturnier in der Geschichte Millemerveilles.

Jeanne war etwas aus der Übung, fand Julius, als er sie nach nur zwanzig Zügen mattsetzen konnte. Doch das gab er nicht an sie weiter, weder mit dem Mund, noch mit an sie gerichteten Gedankenbotschaften. Sie sah ihn nur anerkennend an und sagte:

"Immerhin habe ich gegen einen möglichen Endspielteilnehmer verloren."

Sie beobachteten die restlichen Spiele. Madame Faucon gewann gegen Jeannes Tante nach vierzig Zügen. Ursuline Latierre hatte Madame L'ordoux wohl noch schneller abgefertigt als Julius Jeanne, und Barbara lieferte sich mit Patricia eine zähe Schlacht mit vielen Umgruppierungen und Rückzugsgefechten, bis Patricia ihre Schachmenschen in eine entscheidende Formation bringen konnte. Damit waren Barbara und Jeanne, die beiden jüngsten der hier versammelten Hexenmütter, bereits nach diesem Spiel vom Turnier befreit. Nur Florymont erreichte von den Dusoleils die nächste Runde. Madame Delamontagne wäre fast über eine Unaufmerksamkeit aus dem Turnier gestolpert. Gerade noch rechtzeitig kehrte sie ihre schwache Position in den entscheidenden Vorteil um und schlug Madame Pierre nach fünfzig Zügen.

"Das wär's fast gewesen", grinste Julius Jeanne an. Diese nickte ebenso amüsiert. Dann sagte sie:

"Ich nutze die nächsten Tage und übe mit deiner Mutter. Irgendwo habe ich da bestimmt was übersehen, was ich hätte ausnutzen sollen."

"Kein Kommentar", erwiderte Julius darauf.

Als alle sechzehn Spiele beendet waren beglückwünschten die Verlierer die Gewinner, die sich bereits umsahen, mit wem sie es denn als nächstes zu tun bekommen würden. Julius konnte sich denken, daß er vielleicht gegen Patricia oder Madame Faucon antreten könnte. Doch aus der C-Gruppe waren noch genug übriggeblieben, die gegeneinander gespielt und so nicht den großen Favoriten als Steigbügel in die nächste Runde gedient hatten. Nach der Mittagspause ging es weiter, wobei Julius gegen eine Cousine Sandrines spielte, die vor zwei Jahren mit Beauxbatons fertig geworden war. Florymont Dusoleil hatte seinen Gegner ebenfalls besiegen können. So waren es nur noch acht, die morgen das Viertelfinale austragen würden. Da hier ja wie bisher im KO-System gespielt wurde, würde sich am morgigen Nachmittag die Gruppe der letzten Vier treffen. Julius fragte sich, ob Patricia und Florymont Dusoleil vielleicht durch einen Zufall dazugehören mochten. Ansonsten blieben die souveräne Ursuline, Madame Delamontagne, Madame Faucon und er als hochgehandelte Kandidaten übrig.

"Ich hoffe, Sie alle finden heute Abend die nötige Erholung und erhalten genügend Schlaf, um morgen früh in ganzer Frische und vollkonzentriert weiterzuspielen", gab Monsieur Pierre den acht verbliebenen Teilnehmern mit auf den Heimweg. Alle, die zugesehen hatten sahen vor allem Madame Delamontagne und Ursuline Latierre an. Julius war sich sicher, daß sich alle heimlich fragten, ob die beiden mit späten Mutterfreuden gesegneten Hexen sich da nicht doch etwas zu viel zugetraut hatten. Doch die Entschlossenheit Eleonore Delamontagnes und die Gelassenheit Ursulines erstickten jeden möglichen Einwand im Keim.

"Ich bring dich zu Maman und Papa", sagte Jeanne zu Julius und führte ihn aus dem großen Saal der Dorfschenke, wo sie nach der Auslosung im Rathaus zusammengesessen hatten. Monsieur Castello, der wie Florymont Dusoleil und Patricia Latierre zu den noch verbliebenen Teilnehmern gehörte, winkte Julius zu. Dieser ging auf den Quidditch-Schiedsrichter zu und beglückwünschte ihn zur Teilnahme am Viertelfinale.

"Du hast gegen das kleinere der beiden Latierre-Mädchen im Turnier schon gespielt, Julius?" Fragte der zopfbärtige Zauberer.

"Ja, und auch schon gewonnen", erwiderte Julius.

"Gut zu wissen. Ich habe das mitbekommen, daß sie offenbar von ihrer Mutter die Schachkenntnisse geerbt hat."

"Würde mich nicht wundern, wenn die schon als Turnierspielerin geboren wurde", warf Julius ein und stellte es sich vor, daß Patricia wie ihre ganz kleinen Schwestern bereits im Mutterleib an einem Schachturnier teilgenommen hatte. Doch laut sagte er das nicht. Da kam gerade Madame Faucon herüber und sagte ruhig:

"Wir könnten durchaus morgen früh aufeinandertreffen, Julius. Bitte sei nicht so ängstlich wie mein Opponent gerade eben!"

"Natürlich nicht, Madame", erwiderte Julius darauf. Dann verließ er mit Jeanne den Chapeau du Magicien und ließ sich von ihr auf seinem Besen zu ihrem Elternhaus bringen.

Am Abend sprachen außer Camille und Denise alle über den bisherigen Turnierverlauf. Auch Aurora Dawn beteiligte sich an der Diskussion, bis sie befand, daß Julius für den morgigen Tag genug Schlaf bekommen solle. Aus Solidarität mit ihrem Sohn verabschiedete sich auch Martha Andrews von den Hausmitbewohnern. Aurora ließ sich von Julius die Nachbildung Temmies ausleihen, um morgen nicht wieder zu früh geweckt zu werden. Jetzt, wo klar war, wie der Weckruf der bezauberten Miniatur abgestellt werden konnte, wollte Aurora Dawn einen Klangkerker in ihrem Zimmer errichten. Als Julius in seinem Bett lag, wünschte ihm Millie noch eine erholsame Nacht.

 

__________

 

"Bringst du Felicité und Esperance mit, Oma Line?" Fragte Julius am nächsten Morgen beim trotz Turnier stattfindenden Frühsport.

"Die sind bei Hipp und Josianne auch gut aufgehoben", sagte Line Latierre. "Außerdem können die hier bei uns besser rumkrabbeln als still in einem Körbchen zu liegen wie der Kleine von Eleonore Delamontagne."

"So, das reicht jetzt, Hipp", gebot Béatrice den morgentlichen Übungen Einhalt. "Denk dran, daß du deine Körperreserven immer noch für wen mitverwalten mußt und du, Maman, hast heute wieder einen anstrengenden Tag vor dir."

"Ist das eine Heileranweisung?" Fragte Hippolyte ihre jüngere Schwester.

"Muß ich sowas echt so bekräftigen, Hippolyte?" Fragte Béatrice ungehalten zurück. "Sei es drum! Ich erteile euch und auch Julius die Heileranweisungen, eure Körper nicht über Gebühr zu beanspruchen, wenn ihr eurem Geist noch was abverlangen wollt oder mit Säuglingen umzugehen verpflichtet seid."

"Nur keinen Neid, Schwesterherz", erwiderte Hippolyte. Julius sah Line an und meinte:

"Hipp hält Béatrice wohl für sowas wie eine eiserne Jungfrau oder was?"

"Das ganz bestimmt nicht, Julius. Den Titel hat schon viel früher wer anderes beansprucht", entgegnete Line tiefgründig lächelnd. Da fiel Julius ein, daß heute, am fünfundzwanzigsten Juli, die gerichtliche Anhörung zu Dione und Melanie Porters Laden für Kosmetika stattfinden würde, weil Ms. Pabblenut und Gleichgesinnte was am dortigen Warenangebot auszusetzen hatten. Er sagte deshalb:

"Ich verstehe, du meinst die freundliche Ms. Pabblenut, die mit ihren Broomswood-Hexen Mrs. Porters Geschäfte verderben möchte."

"Hmm, die hätte diesen Titel tatsächlich verdient. Immerhin steht der Begriff ja auch für ein gemeines Folterinstrument, das viele fälschlich der sowieso schon brutalen Inquisition im Mittelalter zusprechen." Julius mußte gegen den Ernst dieser Aussage grinsen. Er kannte sogar eine Rockband, die sich nach diesem schmerzhaften Gerät benannt hatte. Andererseits fand er das auch toll, die Pabblenut so zu bezeichnen, und natürlich auch deren nonnenhaft lebende Mitstreiterinnen. Er erwähnte, daß die Porters heute wohl von einem Richter gesagt bekämen, ob sie was aus ihrem Laden entfernen, diesen ganz schließen oder wie eröffnet weiterführen könnten.

"Wenn das Turnier und der Sommerball rum sind und die beiden Damen ihren Laden nicht schließen mußten, geh ich mal rüber und seh mir den an. Millie sagt ja, daß da für jede und jeden was zu haben ist, und ich will nicht abstreiten, daß ich durchaus was brauchbares anschaffen würde. Aber jetzt geh frühstücken. Wie ich deine Gastgeberin einschätze wird sie nicht wollen, daß du hungrig zum Turnier zurückkommst. Und die Ausrede würde ich dir auch nicht durchgehen lassen, wegen Unterernährung zu verlieren."

"Tja, dann iss du aber auch gut, Schwiegeroma", erwiderte Julius frech. Er betrachtete die Mutter von zwölf Kindern und überlegte, ob er das loslassen sollte, daß sie immer noch sehr gut ernährt aussähe. Doch er ließ es lieber. Außerdem kam Millie zu ihm hin und wünschte ihm noch einen erfolgreichen Tag, wenn er schon dieses Spiel spielen müsse.

Nach dem Frühstück flog er alleine auf dem Besen zum Schachturnier zurück, wo er sich fragte, ob er gegen Ursuline oder Patricia Latierre spielen würde. Doch als die letzte Auslosung aus den Truhen lief, stellte sich heraus, daß Julius gegen Florymont Dusoleil antreten mußte, während Patricia gegen Madame Delamontagne und Monsieur Castello gegen Madame Faucon zu spielen hatte. Das Losglück meinte es offenbar sehr gut mit Line Latierre, weil diese den einzigen verbliebenen Turnierteilnehmer aus den unteren Spielergruppen zum Gegner bekam.

Julius hatte wie oftmals zuvor leichtes Spiel mit Jeannes Vater. Dieser sah mißmutig zu, wie sein König nach fünfzehn Zügen bereits seine Insignien niederlegte und sich vor den siegreichen Schachmenschen von Julius verneigte.

"Ich weiß es echt nicht, wo es bei mir klemmt, daß ich das Spiel in- und auswendig kenne und doch immer wieder gegen Jeanne, Uranie oder dich verlieren kann", grummelte Florymont. Julius konnte ihm darauf auch keine Antwort geben. Er blickte sich interessiert um, wer nun zur Gruppe der letzten Vier gehören würde. Ursuline Latierres Gegner hatte offenbar keine echte Chance gehabt. Denn die beiden unterhielten sich beinahe flüsternd. Offenbar analysierten sie das gerade beendete Spiel. Die Beisitzerin Lines war Madame Descartes gewesen, die Julius in den letzten Jahren häufiger als Spielprotokollantin erlebt hatte. Er sah, wie Line ohne Anflug von Überheblichkeit mit ihren Händen Schachzüge simulierte, um ihrem gerade zwölf Jahre alten Opponenten zu erklären, was gerade gelaufen war und wo was hätte anders laufen können. Madame Delamontagne keuchte angestrengt. Julius konnte von seinem Sitzplatz aus sehen, daß die Partie mit Pattie offenbar noch lange nicht entschieden war. Seine Schwiegertante - er mußte immer noch grinsen, wenn er das dachte - wirkte noch entspannt und zuversichtlich. Offenbar hatte sie die Großmeisterin in eine ganz heikle Lage gebracht.

"Also wenn Pattie Latierre das Spiel gewinnt wird Madame Delamontagne nächstes Jahr nicht mehr mitspielen", flüsterte Julius Florymont zu. Dieser versuchte, den Verlauf der Partie zu erfassen und meinte:

"Eleonore hat beide Läufer verloren und ihren König zu nahe an die rechte untere Ecke ziehen lassen. Wenn sie sich da nicht rausspielt kann Patricia sie gleich mit einer Hufeisenformation mattsetzen."

"Schon fertig wie ich sehen kann", mentiloquierte Line Julius zu. Dieser konzentrierte sich und schickte zurück:

"Wir sehen gerade Patties Spiel zu."

"Hast Hoffnung, gegen sie im Halbfinale anzutreten wie?" Bekam er eine Frage direkt unter seine Schädeldecke.

"Ich würde mir auch gerne ansehen, wie ihr beide im Vergleich seid", melote er frech zurück.

"Das könnte ein sehr langes Spiel werden, wo sie mich kennt und ich sie", erwiderte Line. Dann wandte sie sich wieder ihrem geschlagenen Gegner zu, der sehr interessiert an ihren Lippen und Vorführungen hing.

Es dauerte eine knappe Stunde, bis Eleonore Delamontagne sich aus der hoffnungslos scheinenden Lage befreien und Patricia doch noch besiegen konnte. Weil Madame Faucon Monsieur Castello in dieser Zeit ebenfalls besiegt hatte, war die Gruppe der vier Halbfinalisten komplett. Es waren dieselben wie im letzten Jahr.

"Wird irgendwie langweilig", warf Julius ein. "Vielleicht hätte ich doch gegen dich verlieren sollen, Florymont." Er grinste seinen Opponenten herausfordernd an.

"Damit wir unter den Heulern von Blanche oder Eleonore leiden sollen, daß du mich absichtlich hast gewinnen lassen, Julius. Nein danke! Ich mute meinen Ohren schon genug Knallen, Krachen und Pfeifen zu."

"Nun, offenbar gibt es doch soetwas wie Kontinuität im Schach", stellte Monsieur Pierre fest. "Denn nun sind die vier letzten Teilnehmer ermittelt, und das sind dieselben wie im Jahr zuvor. Allerdings möchte ich Mademoiselle Patricia Latierre zu ihrer sehr vielversprechenden Leistung gratulieren. Offenbar möchte sie bald in die Fußstapfen ihrer Mutter treten."

"Die sind aber wohl ziemlich tief und breit", gab einer der Zuschauer, der Junge Brian, einen gehässigen Kommentar ab. Line lachte nur lauthals und meinte:

"Jungchen, wenn du so tiefe Eindrücke machen möchtest wie ich mußt du aber wesentlich mehr essen und mindestens elf Jahre lang so, wie für zwei auf einmal. Dann kannst du erst mitreden."

"Solange ich nicht zwölf Blagen ..."

"Monsieur Lemonde, mäßigen Sie sich!" Schnarrte Madame Faucons Stimme.

"Die macht echt keine Ferien", seufzte Florymont. Julius nickte. Er wußte das ja auch, daß die Verwandlungslehrerin eigentlich keine Ferien machte, wenn sie hier in Millemerveilles war. Doch Brian schien das nicht zu beeindrucken. Er fragte frech, ob sie ihm dafür Strafpunkte aufhalsen wolle, weil er feststellte, daß Madame Latierre wirklich tiefe Fußabdrücke machte. Monsieur Pierre, der diesen Vergleich ja gemacht hatte, sah mit leicht erröteten Ohren von Madame Latierre zu Brian und zurück. Doch die füllige und doch noch so gewandt und beweglich gebliebene Mutter und Großmutter lächelte warmherzig.

"Ich nehm das mal als große Anerkennung für meine Leistungen an, Brian." Fast alle lachten, nur Madame Delamontagne und Madame Faucon nicht. Die erste, weil sie selbst auch ohne die vor einigen Monaten beendete Schwangerschaft schon ziemlich korpulent war, die zweite, weil ihr die Art nicht gefiel, wie Ursuline die auf sie gerichtete Aufmerksamkeit zu teilweise derben Späßen ausnutzte.

"Es ist echt schade, daß deine Mutter nicht mitspielen darf", wandte sich Line an Julius, während sie beim Mittagessen nebeneinander saßen. Madame Delamontagne verbrachte die große Pause mit ihrem Sohn in einem kleinen Nebenraum.

"Ich denke, sie möchte vor unserer Abreise gerne noch einmal gegen dich spielen, Oma Line", erwiderte Julius. Patricia fragte ihn, ob er da noch einen Ausweg gesehen hätte, um die Überlegenheit Madame Delamontagne gegenüber zu behalten. Er erwiderte, daß sie wohl einen ihrer Bauern zu voreilig gezogen hatte, so daß Madame Delamontagnes Dame ihn problemlos schlagen und den König absichern konnte. Patricia nickte. Ihre Mutter meinte zu ihr:

"Die Idee war schon nicht schlecht, Kind. Es hätte nur der dritte Bauer sein sollen und nicht der zweite."

Kriege ich wohl irgendwann mal richtig hin", entgegnete Patricia. Sie sah Julius an und fragte ihn, was er gemacht hätte, wenn sie gegen ihn hätte spielen müssen.

"Ich hätte dich gewinnen lassen, damit ich zusehen kann, wie du gegen deine Mutter spielst", antwortete er. Das trug ihm von seiner Schwiegergroßmutter ein Nasenzwicken und von Madame Faucon einen sehr verärgerten Blick ein.

"meine Tochter kriegt schon genug geschenkt, Julius. Siege in einem Schachturnier langweilen sie aber. Abgesehen davon hättest du dann auf die Revanche vom letzten Jahr her verzichten müssen.""

"Die steht ja wohl eher Madame Delamontagne zu", knurrte Madame Faucon.

"Ich verstehe, Madame Faucon, Sie möchten gegen den jungen Mann hier im nächsten Spiel antreten, weil Sie befürchten, Ihre mühsam aufrechterhaltene Selbstbeherrschung könnte bei einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit mir selbst versagen", stichelte Line Latierre. Julius fühlte, daß die beiden Hexen sich gleich in der Wolle haben würden.

"Ich weiß, daß Sie diesen Jungen all zu gerne wie eine eigene Trophäe betrachten, weil Ihre Tochter ihn mit Ihrer Enkelin zusammengebracht hat. Aber er ist keine Trophäe, und ganz bestimmt nicht Ihre", grummelte Madame Faucon.

"Nun, was für mich gilt ist dann ja auch für Sie verbindlich, Madame. Oder wollen Sie etwa immer noch abstreiten, daß Sie den Jungen wie einen nie geborenen Sohn oder wie einen über Umwege bekommenen Enkel Ihren Vorstellungen nach formen möchten?"

"Ihm eine gute Unterweisung und einen stabilen Rahmen für Verhaltensweisen zu geben ist nichts anrüchiges. Im Gegensatz zu Ihren Ansichten und Ihrer Auffassung von Dingen des Lebens."

"Eigentlich dachte ich, das Thema wäre schon vor Jahren gründlich abgehandelt worden", grinste Ursuline keinesfalls eingeschüchtert. "Oder meinen Sie, der Junge hier dürfe sich nicht von selbst entwickeln, weil er sonst merken würde, daß er mehr vom Leben möchte als nur gute Noten haben?"

"Entschuldigung die Damen, aber wenn Sie über mich sprechen möchten, sollte ich besser nicht in Hörweite sitzen", schaltete sich Julius ungehalten ein. Madame Faucon sah ihn vorwurfsvoll an, seine angeheiratete Großmutter hielt ihn unmißverständlich an der Schulter und mentiloquierte:

"Lass dich bloß nicht von Blanche Faucon einschüchtern. Lernen heißt nicht nur spuren, sondern auch Ausprobieren." Madame Faucon sagte laut und vernehmlich:

"Ich fürchte, Monsieur Latierre, daß Sie sich damit abfinden lernen müssen, daß meine Ansichten mit denen Ihrer Frau Schwiegergroßmutter an vielen Stellen divergieren."

"Na, sprechen Sie bitte so, daß der junge Mann es auch versteht, Blanche", erwiderte Line belustigt. Die Angesprochene verzog das Gesicht. Julius wiegelte ab:

"Das Wort kenne ich. Heißt auseinandergehen oder abweichen. Kommt auch in der Mathematik vor."

"Sie sehen, Ursuline, daß dieser junge Mann bereits mit fünfzehn Jahren über einen umfangreicheren Wortschatz verfügt als Sie mit fünfundsechzig."

"Oh, da haben Sie was mißverstanden, hochverehrte Madame Faucon", erwiderte Line sehr erheitert. "Es ging mir nur darum, daß wenn wir schon über unsere Auffassungen meinem Schwiegerenkel gegenüber sprechen, er jedes Wort auch verstehen sollte, wenn wir ihn nicht wie ein kleines Kind vor die Tür schicken möchten."

"Ich muß mich meiner Ausdrucksweise nicht schämen", schnarrte Madame Faucon. Julius fragte sich nun wirklich, ob diese Antipathie der Lehrerin ihre sonst so strickt geäußerte Selbstbeherrschung nicht doch sehr stark anknackste.

"Ich schäme mich meiner Ausdrucksweise auch nicht. Im Gegenteil, ich bin froh, weil mich jeder sofort versteht. Und das ist doch der vordringliche Sinn einer Sprache."

"So wie Sie daherreden muß ich vielleicht doch irgendwem danken, daß Sie Ihren Körper besser pflegen als ihre Wortwahl", fauchte Madame Faucon.

"Ich arrangiere das, daß Sie mit meiner Mutter sprechen können, Blanche", erwiderte Ursuline Latierre amüsiert. Offenbar gewann sie im selben Maß an Heiterkeit wie Madame Faucon sich ärgerte. Julius setzte schon an, was zu sagen, als Patricia ihm sagte:

"Maman findet, weil du jetzt unseren Namen trägst könntest du ruhig etwas lockerer reden, und das gefällt Professeur Faucon nicht."

"Das ist durchaus richtig", schnarrte Madame Faucon. "Immerhin hat Ihre Tochter eine gesunde Auffassungsgabe."

"Sagen wir es so, Blanche, daß sie die von mir geerbt hat", erwiderte Ursuline Latierre.

"Nun, das wird wohl so sein, daß Sie ihre an ihre Tochter abgegeben haben, wenngleich ich doch noch etwas darum bangen muß, daß Patricia vielleicht doch zu viel von Ihnen geerbt hat."

"Nur die wirklich vorteilhaften Sachen, Blanche", erwiderte Ursuline Latierre. Dann sagte sie noch: "Es stimmt auch, daß mir sehr viel daran liegt, meine Verwandten, angeboren oder angeheiratet, so unbeschwert wie möglich durchs Leben zu begleiten und sie nicht in irgendwelchen Verhaltenskäfigen festzusetzen. Sie sprechen von Rahmen. In einem Rahmen läßt es sich nicht vermeiden, immer wieder anzuecken. Bei einem sich immer weiter ausbreitenden Feld voller Möglichkeiten ist das schon wesentlich schwieriger." Julius grinste. Also konnte seine mitgeheiratete Oma auch in Bildern sprechen.

"Anecken vielleicht nicht, aber sich hoffnungslos verlaufen oder auf weiter Flur alleine sein", konterte Madame Faucon. "Wenn Sie das wollen, dann bedanke ich mich für diese Ankündigung. Sie wird mir helfen, meinen Umgang mit Ihren Kindern und Kindeskindern umsichtiger zu üben." Patricia verstand darin eine Art Drohung und sah leicht verängstigt zu der Lehrerin und dann zu ihrer Mutter, die jedoch ganz gelöst und sogar erheitert blieb.

"Das würde ein glatter Widerspruch dessen sein, was wir beide am Elternsprechtag miteinander besprochen haben. Und soweit ich noch weiß liegt Ihnen nichts daran, sich in Widersprüchen zu verstricken, Blanche."

"Natürlich sehen Sie das als Widerspruch an, weil Sie nur in begrenzten Schemata denken können. So viel zu ihrem weiten Feld freier Möglichkeiten."

"Ich denke mal, daß wir beide irgendwo schon richtig auf die uns anvertrauten jungen Menschen einwirken. Aber dabei sollte jeder den anderen respektieren."

"Dann sollten Sie sich meinen Respekt verdienen", schnarrte Madame Faucon. Julius hörte zwischen den Zeilen heraus, daß sie offenbar sehr darunter litt, daß Ursuline sie wohl nicht so respektierte, wie sie es von ihren Schülern erwartete und den Eltern dieser Schüler nahelegte.

"Mich so sehr zu verränken, daß ich mich nicht mehr wiedererkenne ist das bißchen Respekt nicht wert, daß Sie dann vielleicht für mich empfinden, Blanche. Außerdem bewundern Sie es doch, daß ich relativ unvoreingenommen an alles herangehen kann, während Ihr Beruf und ihre Rangstellung Ihnen gewisse Schranken setzen, aus denen Sie bloß nicht ausbrechen dürfen. Wenn Julius hier an der Seite meiner Enkelin Mildrid ein angesehener Zauberer werden soll, dann bestimmt nicht nur, weil er nur irgendwelche Regeln befolgt ohne Sinn und Eigenverständnis. Und wenn das wirklich an mir hängen sollte, ihm das beizubringen, wie ich es meinen Kindern beigebracht habe und auch meinen Enkeln beibringen möchte, dann sei es so. Sie machen Ihre Arbeit und ich zeige ihm die Welt außerhalb der Arbeit."

"Auch Sie haben lernen müssen, daß längst nicht alles so läuft, wie jemand es sich wünscht", knurrte Blanche Faucon. "Gerade als mehrfache Mutter mit einer großen Verantwortung mußten Sie es lernen, daß das Leben kein Wunschkonzert ist."

"Wie oft wird dieses Bild wohl in Zukunft noch bemüht", seufzte Ursuline Latierre. "Wer selbst Musik machen kann muß nicht immer auf die von anderen hören, kann aber mit anderen zusammen wunderbar aufspielen. Etwas zu tun, weil es getan werden muß, macht das Leben nicht wichtiger als etwas zu tun, weil es einen weiterbringt, weil es Spaß macht und gewisse Erfolge bringt, darauf kommt es an. Und genau die Erfahrung habe ich als mehrfache Mutter, oder wie die junge Laurentine es nannte, als Mutter der Nation, durchaus gemacht, Madame Faucon. Ich weiß schon, was ich meinen Kindern abverlangen muß, weiß aber auch, was ich Ihnen als Gegenleistung dafür bieten muß. Beides in einer gesunden Mischung ergibt eine sehr freundliche, aber auch respektable Zusammenarbeit. Aber ich möchte die Pause nicht weiter mit längst durchgekauten Grundsatzdiskussionen vertun. Da könnte ich mich gleich mit Bellona darüber streiten, warum das Gras beim Wiederkäuen besser schmecken soll als beim Ausrupfen." Patricia und Julius grinsten, während die übrigen Insassen des Schankraumes und Caroline, die ohne groß aufzufallen bediente, interessiert und amüsiert lauschten. Madame Faucon verzog das Gesicht und schnarrte:

"Sie wollen mich doch nicht mit einer Ihrer Kühe vergleichen."

"Durchaus nicht, Madame Faucon. Daher meine ich ja, daß wir über all das ja schon oft genug geredet haben und es nicht andauernd wieder hochkommen lassen müssen. Ist ja auch Ihre Lebenszeit, die Sie dafür aufbringen." Julius lachte nun unverhohlen und fing sich von Madame Faucon einen sehr verärgerten Blick ein. Doch er wußte, daß sie im Moment nichts mehr sagen konnte. An einer offenbar schon längst gelaufenen Diskussion festzuhalten zeigte ja doch nur, daß ihr keine neuen Argumente einfielen. Genau das würde sie hier in Hörweite mehrerer Schüler schlecht wegkommen lassen. Also seufzte sie nur noch:

"So bleibt mir, an Ihren Kindern und an dem jungen Mann, den Sie über gewisse Hintertreppen in Ihre ohnehin schon große Sippschaft absorbiert haben die nötigen Feinkorrekturen vorzunehmen, um sie nicht völlig ziellos durch ihr Leben schlingern zu lassen."

"Dafür werden Sie bezahlt, um Ihnen anvertrauten Jungen und Mädchen Ziele im Leben zu ermöglichen", bemerkte Ursuline nur darauf. Dann war dieses Geplänkel zwischen nicht mehr ganz so jungen Hexen wohl beendet.

Julius vergaß diese ihm merkwürdig vorkommende Käbbelei sehr schnell wieder. Denn die Frage, wer seine nächste Gegnerin sein würde, ließ ihn alle anderen Gedanken vergessen. Würde er im Halbfinale gegen Madame Delamontagne spielen? Oder würde er gegen seine angeheiratete Großmutter anzutreten haben? Möglich war auch, daß er eine weitere Partie gegen Madame Faucon bestreiten durfte. Er dachte daran, daß er bereits einmal in einem Endspiel gegen sie gespielt hatte. Die Partie hatte er zwar verloren, aber dennoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Gegen Madame Delamontagne hatte er schon ein Finale gewonnen. Wenn er wie im letzten Sommer gegen Ursuline Latierre spielen würde, bekäme er die Revanche. So oder so, er war zum vierten Mal im Halbfinale dieses Turniers. Eigentlich sollte es doch unwichtig sein, gegen wen er spielte und ob er gewann oder verlor. Den Bronzehut würde er dann auf jeden Fall kriegen. Patricia Latierre war jetzt mit dem Turnier durch. Sie konnte jetzt locker zusehen, gegen wen ihre Mutter spielte und ob es nur ein spiel war oder auch noch das Finale sein würde. Monsieur Pierre begutachtete die vier Halbfinalisten, die drei Hexen im mittleren Alter und den äußerlich schon ausgewachsenen Jungzauberer, an dessen neuen Nachnamen sich der Sicherheitsverantwortliche von Millemerveilles wohl noch gewöhnen mußte. Womöglich, so überlegte Julius, durchdachte Monsieur Pierre die verbleibenden Konstellationen für das Halbfinale.

"Iss besser noch was, Julius. Du spielst nachher eine sehr anstrengende Partie", wandte sich Ursuline Latierre an ihren Schwiegerenkel. Madame Faucon sah sie etwas verdutzt an, mußte jedoch zustimmend nicken. Julius erkannte, daß er zu sehr ins Grübeln geraten war und besann sich auf das Mittagessen. Zwar mochte er es nicht, wie ein kleines Kind zu irgendwas angehalten zu werden. Aber die Art wie Ursuline es machte gefiel ihm weit mehr als die strenge Art Madame Faucons.

"Jetzt wird's richtig spannend", hörte Julius aus der Menge der ausgeschiedenen Turnierteilnehmer, die natürlich sehen wollten, wie die vier verbliebenen Konkurrenten einander zugelost wurden und wer von ihnen ins Endspiel gelangen würde. Julius dachte seine Selbstbeherrschungsformel, um keine störenden Gefühle und keine verräterische Regung aufkommen zu lassen. Monsieur Pierre warf die Namenskarten der vier Halbfinalisten in eine magische Schatulle, wo sie raschelnd durchgemischt wurden, bis zwei Karten wie von Sprungfedern geschnellt herausflogen und Saltos schlugen, bis Monsieur Pierre sie auffing. In jeder Hand eine Karte wandte er sich an die vier letzten Turnierteilnehmer und verkündete. "Die letzte auszulosende Paarung, die für eine der Halbfinalpartien, fällt auf Madame Blanche Faucon und Madame Ursuline Latierre. Damit steht die zweite Partie auch fest: Monsieur Julius ... Latierre tritt gegen Madame Eleonore Delamontagne an.

Julius atmete innerlich durch. Wenn er dieses Spiel gewann, würde er gegen eine der beiden einander nicht mögenden Hexen antreten müssen. Sollte er da nicht besser verlieren?

"Lass dir bloß nicht einfallen, aus Rücksichtnahme auf meine postnatalen Pflichten unter deiner bisherigen Leistungsstufe zu spielen, Julius!" Zischte Eleonore Delamontagne. "Wenn es dir möglich ist, gewinne diese Partie!" Julius fragte sich, ob die Dorfrätin seine Gedanken gelesen haben mochte. Er fragte sie jedoch nur:

"Apropos Pflichten. Wie ist das mit den Pausen?"

"Im Grunde nehme ich die Pausen in Vertretung meines Sohnes wahr, wenn es sein muß", erwiderte Madame Delamontagne. Julius nickte.

Während der Partie, die wegen vorausberechneter Züge und möglicher Ausweichstrategien sehr schleppend zu verlaufen schien, konzentrierte sich Julius darauf, jede mögliche Falle seiner Gegnerin früh genug zu erkennen und den Spieß umzudrehen, wenn sie ihn ließ. Weil sie zwischendurch wegen Baudouin unterbrechen mußte und mal fünf und mal zwanzig Minuten im Toilettentrakt für Damen verschwand, hatte Julius Gelegenheit, nicht nur die Fortsetzung der eigenen Partie zu überdenken, sondern konnte auch die parallel verlaufende Partie Madame Faucons und Ursulines beobachten. Der für sein Spiel abgestellte Beisitzer warf hingegen immer wieder blicke auf die Uhr und auf die Tür mit der Hexe im wallenden rosa Rock. Er schwieg jedoch. Denn die Beisitzer durften nicht mit den Spielern sprechen, solange die Partie nicht entschieden war. Julius sah, wie Ursuline scheinbar wahllos Schachmenschen marschieren ließ, sie immer wieder zum Schlagen anbot, aber dann doch einen gestaffelten Rückzug spielte. der weiße König trippelte schon längst mitten auf dem schwarz-weißen Brett herum, um möglichst in alle Richtungen ausweichen zu können, wenn Madame Faucon ihm Schach zu bieten drohte. Die Beauxbatons-Lehrerin hingegen hatte ihren König auf seinem Grundfeld stehengelassen, ebenso wie die beiden Türme. Julius überlegte, ob sie darauf setzte, durch eine Rochade einen Vorteil herauszuholen. Indes prügelten sich die Bauern wie Straßenjungen, wenn sie einander schlagen konnten. Einer der weißen Springer galoppierte gerade gegen einen schwarzen Läufer an, der jedoch von der schwarzen Dame gedeckt wurde. Er fragte sich, warum Milies Großmutter derartig leichtfertig einen Springer opfern wollte. Offenbar wunderte dies auch Madame Faucon. Denn als der Springer den Läufer geschlagen hatte und nun von der gegnerischen Dame bedroht wurde, blickte die Lehrerin leicht verstört über das Brett, suchte wohl nach möglichen Fallen. Doch der gegnerische Springer war ungedeckt, und wenn sie die Dame losschickte, ihn zu schlagen, stünde diese sogar günstig für ein Schach.

"Wir sind noch nicht fertig, Julius. Baudouin ist jetzt satt und müde genug. Du darfst mir also jetzt deine volle Aufmerksamkeit widmen", sagte Madame Delamontagne, die unbemerkt von Julius aus der langen Pause zurückgekehrt war. Der Beisitzer nickte ihr und ihm zu und heftete seinen Blick auf das Geschehen auf dem ihm zugeteilten Brett.

Julius war voll auf seine Partie konzentriert und spielte umsichtig. Stellungsgeplänkel und angetäuschte Attacken beherrschten sein Spiel. Er wußte, daß sie die Tricks seiner Mutter kannte und wollte sie dazu bringen, davon auszugehen, daß er gleich den einen oder anderen davon anwenden würde. Dennoch gingen alle Bauern verloren, und der Umstand, daß er seine wichtigen Figuren einander decken ließ, bewahrte ihn davor, in eine aussichtslose Unterzahl zu geraten. Er rechnete einige Züge im Voraus durch, versuchte, Feldgewinne ohne große Verluste zu erringen, hielt sich jedoch die Möglichkeit eines Rückzugs offen. Er wußte nicht, wie viel Zeit verging, bis er es schaffte, drei Schachmenschen zu platzieren, daß sie Madame Delamontagnes Dame bedrohen konnten. Sie versuchte, ihre Königin zu decken, entblößte dabei aber den Königsturm, den Julius dann mit seinem Läufer schlug. Zwar konnte Madame Delamontagne die Dame dann freisetzen, errang damit aber keinen Vorteil. Julius wendete eine von Mrs. Forester abgeschaute Taktik an, die entweder die Dame oder den König in zwei Zügen bedrohen würde. Damit zwang er seine Gegnerin, den König zu ziehen, womit er Luft hatte. Denn so konnte sie nicht mehr rochieren, wodurch er vor einem unvermittelt springenden Turm geschützt war. Danach schaffte er es, den König in fünf Zügen von vier Seiten einzukesseln. Das er einen Läufer einbüßte störte ihn nicht, weil er im Gegenstoß die Dame aus dem Spiel warf und dann mit den restlichen Schachmenschen den Ring um den König schloß.

"Du bist matt!" Frohlockte einer von Julius Türmen, als der König hoffnungslos festgesetzt da stand und sich hilfesuchend umschaute. Dann nahm er seine Krone ab und legte sie vor sich nieder.

"Die Doppelstrategie hätte ich voraussehen müssen", knurrte Madame Delamontagne. "Du hast riskiert, die Partie zu verlieren, nur um meine Dame zu schlagen. Ich wollte sie halten. Das war mein Fehler. Ich hätte sie opfern sollen, um die Einkreisung zu vereiteln. Aus Fehlern lernt man. Herzlichen Glückwunsch!" Sie Reichte Julius ihre Hand und bedankte sich noch einmal für eine lehrreiche Partie. Der Beisitzer schloß sein Notizbuch und ging zu Monsieur Pierre. Im gleichen Moment hörte Julius ein kleines Männchen ächzen und dann mit einer Stimme wie von einer winzigen Frau rufen: "Ätsch! Schach matt!"

"Das ist nicht wahr!" Hörte er Professeur Faucon verärgert entgegnen. Er blickte sich schnell um. Da stand Ursulines Dame auf der Grundlinie in gerader Linie zum gegnerischen König, der von einem Läufer, beiden Springern, beiden Türmen und dem König umzingelt war. Nur nach vorne hätte er wohl noch Platz gehabt. Doch da stand jetzt die Dame.

"Sie haben versäumt, alle meine Bauern zu schlagen, Blanche. Da konnte ich es mir leisten, im Schutz der anderen einen einzigen durchzubringen", erwiderte Ursuline Latierre erfreut. Der geschlagene König legte Krone und Zepter nieder und verbeugte sich. Daraufhin verwandelte sich die Dame in einen Bauern.

"Dabei wollte ich genau das vereiteln", knurrte Madame Faucon.

"Oh, habe ich gemerkt und deshalb drei Bauern so zurückgehalten, daß ich damit durchmarschieren könnte. Sei es drum, Blanche."

"Das war ein gemeiner Hinterhalt. In anderen Umständen haben sie ehrlicher gespielt."

"Oh, darf ich Sie dann beglückwünschen, Blanche, daß Sie bald auch Nachwuchs haben werden. Wäre ja doch was sehr bereicherndes", erwiderte Ursuline Latierre.

"Das könnte Ihnen so gefallen, wie?" Schnarrte Madame Faucon. "Aber da muß ich Sie enttäuschen, werte Madame. Ich empfinde kein Verlangen danach, nur um des Kindersegens wegen Zeit und Anstrengung zu investieren und mich von meinen wirklich wichtigen Angelegenheiten abzulenken."

"Das ist es eben, was Sie immer vorgeschoben haben, Blanche", erwiderte Ursuline Latierre erheitert. "Sie meinten schon als junges Mädchen, nichts damit zu tun zu haben, was Ihr Körper verlangt und ohne das auszukommen. Aber auch Sie haben ja gelernt, daß nur gute Noten und tolle Zeugnisse nicht den Spaß am Leben ausmachen."

"Wie Sie sagten, Madame Latierre habe ich gelernt, und zwar daß ich mich in diesem Leben nicht mehr auf Ihr Niveau herablassen werde."

"Ich hörte, Sie seien eine gute Verliererin, Blanche. Dann erweisen Sie mir die Ehre und Ihrem hohen Niveau die gebührende Anerkennung und gratulieren mir bitte", erwiderte Ursuline Latierre völlig unbeeindruckt. Monsieur Pierre nickte ihr verhalten zu. Julius fragte sich, was in die sonst auf Haltung und Besonnenheit bedachte Madame Faucon gefahren sein mochte. Irgendwann waren die beiden irgendwie und ziemlich heftig aneinandergeraten. Soviel konnte er sich denken. Immerhin waren die beiden fast zur gleichen Zeit in Beauxbatons gewesen. Aber was mochte Madame Faucon derartig an Ursuline Latierre verärgert haben, daß es bis heute noch anhielt. Vor allem die letzte Bemerkung Ursulines schien in der Lehrerin einen Dampfdrucktopf zum Kochen zu bringen.

"Sie glauben schon, das Turnier gewonnen zu haben, weil Sie und Ihre berechnende Tochter Ihren Endspielgegner vereinnahmt haben. Aber ich hoffe sehr, daß Sie morgen die längst überfällige Lektion erhalten, daß Sie nicht alles erlangen können, wonach Ihnen ist."

"Nun, was das Endspiel angeht, so stimme ich Ihnen gerne zu, daß ich denke, was erreicht zu haben. Zum einen darf ich den Titel vom letzten Jahr verteidigen und damit allen Schachinteressierten hier und anderswo beweisen, daß ich kein Kind im Bauch haben muß, um wirklich gut zu spielen. Zum zweiten habe ich mich das ganze Turnier lang darauf gefreut, gegen den begabten jungen Zauberer zu spielen, den ich, wie Sie so schön sagten, vereinnahmt habe. Ich glaube nicht, daß ich das Spiel bereits gewonnen habe, nur weil er meine Enkeltochter geheiratet hat. Ich denke doch, daß er da sehr gut zwischen Familie und sportlichem Wettkampf unterscheiden kann. Aber immerhin sehe ich, daß er im Endspiel steht und damit die Möglichkeit besteht, eine sehr interessante Partie zu spielen."

"Madame Faucon, bitte beglückwünschen Sie Madame Latierre, wie es die Anstandsregeln des Turniers gebieten!" Mischte sich Monsieur Pierre ein. Madame Faucon erstarrte für einen Moment. Dann reichte sie Ursuline die Hand und sagte kalt wie ein Eisberg:

"Herzlichen Glückwunsch zum Erreichen des Finales, Madame Latierre. Ich wünsche Ihnen eine abwechslungsreiche und lehrreiche Partie."

"Vielen Dank, Madame Faucon. Es hat mich sehr gefreut, gegen Sie gespielt zu haben", erwiderte Ursuline warm lächelnd. Madame Faucon ließ die große, weiche Hand ihrer siegreichen Opponentin los und wandte sich gerade noch langsam genug, um nicht unhöflich zu wirken ab. Dann sah sie Julius an und kam auf ihn zu. Madame Delamontagne und ihr Gegner erhoben sich. Monsieur Pierre gebot mit einer Handbewegung Ruhe.

"Damit, Mesdames, Messieurs et Mesdemoiselles, steht das Finale des sechshundertzweiundfünfzigsten Schachturnieres in der Geschichte von Millemerveilles fest. Es wird eine bisher nur viermal vorgekommene Partie zweier Verwandter sein. Morgen Nachmittag um zwei Uhr werden Madame Ursuline und Monsieur Julius Latierre im Rathaus das Finale bestreiten und um die Ehre spielen, den goldenen Zaubererhut von Millemerveilles dieses Jahres zu erringen. Die letzte innerfamiliäre Finalpartie, für alle an der Turniergeschichte interessierten, fand 1947 zwischen Madame Cécilie Dumas und ihrem Sohn Bastian statt. Ich bitte die beiden Finalteilnehmer, sich also morgen nachmittag um zwei Uhr zur Eröffnung der alles entscheidenden Partie in der Eingangshalle des Rathauses einzufinden, mit ihren bisher verwendeten Schachmenschen und, wie wir alle hoffen, in bester körperlich-geistiger Verfassung.""

"Lass dich bloß nicht von dieser Person derartig überrumpeln wie ich heute und zeige ihr, daß sie nicht alles erlangen kann, wonach sie begehrt!" Zischte Madame Faucon. Madame Delamontagne wirkte sichtlich verdrossen. Julius fragte sich, warum die beiden Hexen, die sonst keine Probleme damit hatten, eine Schachpartie zu verlieren, ausgerechnet bei dieser Partie gerade eben so dünnhäutig reagierten wie Babys, denen jemand den Schnuller weggenommen hatte. Ebenso fragte er sich, ob das vielleicht anders gelaufen wäre, wenn er gegen Madame Faucon oder seine im Eiltempo mitgeheiratete Großmutter gespielt hätte. Im Moment konnte er keine dieser Fragen klären und wollte nur noch raus aus der Schenke, um für sich allein zu sein oder zumindest keine mißmutigen Hexen um sich haben.

"Ich denke, wir treffen uns im nächsten Sommer wieder hier, Madame Delamontagne", sagte er noch. Es blieb ihm jetzt nichts mehr übrig, weil er den silbernen Zaubererhut ja schon sicher hatte und jeder Finalteilnehmer im nächsten Turnier wieder eingeladen wurde.

"Sicher werden wir das", erwiderte Madame Delamontagne und rang sich ein Lächeln ab. Dann winkte ihm Jeanne. Er verabschiedete sich von Madame Delamontagne und Madame Faucon, wünschte Line Latierre noch einen angenehmen Abend und riet ihr dreist, bloß gut durchzuschlafen, weil sie morgen Nachmittag bestimmt alle Energie bräuchte.

"Das gilt dann ja auch für dich, mein Junge", lachte Ursuline. "Ich werde Hipp empfehlen, dich morgen nicht zu ihrer Morgengymnastik einzubestellen, damit du in der nötigen Ruhe aus dem Bett finden kannst." Julius nickte ihr nur zu und verließ dann mit den Dusoleils die Schenke.

"Also einmal lasse ich mir von Maman erzählen, was die beiden so heftig aneinanderrasseln ließ", meinte Florymont, nachdem sie in sein Haus zurückgekehrt waren. Wer mit "Die beiden" gemeint war mußte er nicht erwähnen. Denn auch wenn Camille nicht beim Halbfinale zugesehen hatte war ihr klar, daß offenbar wieder die beiden leise verkrachten Hexen Ursuline und Blanche gegeneinander angetreten waren.

"Meine Mutter war schon zehn Jahre aus Beaux raus, als Blanche eingeschult wurde. Deshalb ist alles, was sie von dieser Sache mitbekommen hat, aus dritter oder vierter Hand und daher nicht unbedingt zutreffend", sagte Camille dazu nur. Dann bat sie zum Abendessen.

"Soso, dann spielst du morgen Nachmittag gegen deine Schwiegeroma", stellte Martha Andrews fest, als sie mit ihrem Sohn allein im Waldlandschaftszimmer war. Julius bestätigte das. "Könnte ihr einfallen, zu denken, weil sie schon einige Partien gegen mich gespielt hat leichtes Spiel mit dir zu haben. Ich hoffe, du hast nicht nur von mir was gelernt."

"Wie ich heute gespielt habe habe ich nicht nur von dir, weil ich ja wußte, daß Madame Delamontagne auch schon oft gegen dich gespielt hat", beruhigte ihr Sohn sie . Dann wünschten sie sich noch eine gute Nacht.

 

__________

 

Wie die beiden Tage zuvor hörten sie das Muhen der Mini-Temmie nicht, weil Aurora Dawn sie solange in ihrem Zimmer aufbewahrte, bis das Turnier vorbei war. Auch kündigte keiner aus dem Latierre-Clan an, daß Julius zum Frühtraining anzutreten habe. Darüber war er auch sehr froh, denn er fühlte nach den anstrengenden Spielen von Gestern seinen Kopf etwas schwerer als üblich, als habe er am Abend viel Wein oder Met getrunken. Dagegen half ihm Camille, indem sie ihm reichlich klares Wasser zu trinken gab. Den Morgen verbrachte er dann weit von allen Schachbrettern und -menschen entfernt in der grünen Gasse, wo er ganz für sich alleine durch die Freilandpflanzungen spazierte und die Ruhe genoß. Seine Mutter hatte ihm dringend geraten, nicht an das Finalspiel zu denken. Sie Selber habe einmal den Fehler gemacht, die Endpartie im Kopf durchzuspielen und sei dann prompt im Spiel in eine von ihr nicht berücksichtigte Falle geraten, die ihr, wo sie noch nicht so lange Schach spielte, eine herbe Niederlage eingebrockt habe.

Mittags aßen die Dusoleils und ihre Gäste im Garten. Denise war bei Mayette und den anderen Kindern der Latierres.

"Es ist nett, daß Eleonore mir erlaubt hat, mir das Finale anzusehen", sagte Martha zu Camille und Florymont. Julius wußte nicht, ob das seine Gewinnchancen verbessern würde, wenn ihm seine Mutter über die Schulter sah. Andererseits konnte er ihr nicht einfach verbieten, ihm zuzusehen, wo sie schon nicht mitspielen durfte. So überhörte er das einfach und beschloß, in dem Moment, wo er die Schachmenschen auf dem Brett vor sich sah, nicht daran zu denken, wer ihm alles zusah. Auch wenn Ursuline Latierre ihm das in Erinnerung rufen sollte, um sich einen Vorteil zu ergattern, würde er sich mit seiner Selbstbeherrschungsformel darüber hinwegsetzen.

Die Uhr in der großen Eingangshalle des Rathauses zeigte fünf Minuten vor zwei Uhr, als Monsieur Pierre die Opponenten und ihre Zuschauer dort begrüßte. Er wies noch einmal auf die einlegbaren Pausen hin. Dann sagte er noch:

"Wir alle, Ihre bisherigen Gegner, Ihre Angehörigen und wir von der Turnierleitung hoffen, daß die familiäre Bindung zwischen Ihnen weder dem einen noch der anderen ein Hindernis in den Weg zum goldenen Zaubererhut legen. Viel Glück, Madame und Monsieur Latierre! Mögen Kenntnis und Können über den Sieg des Turnieres entscheiden!"

Eine Minute vor zwei Uhr gaben sich die Endspielgegner die Hand zum Gruß. Dann setzten sie sich. Ihre Schachmenschen flitzten in wenigen Sekunden auf ihre Ausgangsfelder. Ursuline spielte weiß. Punkt zwei Uhr begann die erste wirklich entscheidende Partie zwischen Julius und seiner angeheirateten Großmutter. Sie schickte den Bauern ihres königsseitigen Turmes zwei Felder vor. Julius überlegte, ob er den diesem gegenüberstehenden Bauern oder den seines Springers auf der linken Flanke vorrücken lassen sollte. Jetzt ging es also tatsächlich darum, ob er gegen diese füllige Hexe mit der offenen Art und dem im Moment ruhigen Mondgesicht gewinnen konnte oder nicht.

Nachdem Julius die ersten vier Züge reine Eröffnung überstanden hatte, wobei Line beide Flanken in das Niemandsland des Schachbrettes geschickt hatte, kam es zu den ersten Figurengewinnen und -verlusten. Dabei hütete sich Julius davor, bereits mit wichtigen Figuren vorzustoßen. Er setzte auf Abwartetaktik und hoffte, irgendwann in nächster Zeit die Strategie seiner Gegnerin erkennen zu können. Er ging natürlich davon aus, daß sie ebenfalls darauf lauerte, seine Strategie zu durchschauen und ihm dann kräftig in den Besenschweif zu krachen, wie es in der Zaubererwelt hieß. Doch Zug Nummer zehn wurde von beiden vollendet, ohne daß dem einen oder der anderen ein erkennbarer Vorteil erwuchs oder einer der Finalisten bereits zeigte, wie er oder sie die Partie gewinnen wollte. Nun wurden die Denkpausen zwischen den Zügen länger. Madame Descartes, die mal wieder als Julius' Beisitzerin die Züge und Bedenkzeiten in ihr Notizbuch eintrug, blickte immer auf die Armbanduhr, um sicherzustellen, daß die Opponenten sich an die Bedenkzeitobergrenze hielten. Nach Zug Nummer dreizehn bot Line Julius zum ersten Mal Schach. Doch er konnte sich daraus befreien, ohne wichtige Stellungen aufzugeben oder seiner Gegnerin Raum für einen weiteren Angriff zu überlassen. Zwar konnte er nicht verhindern, daß einer seiner Springer im Bestreben, die Dame zu schützen vom Brett gefegt wurde, machte jedoch nicht den Eindruck, dadurch in Nachteil zu geraten. Er hütete sich davor, irgendwelche Bauern zu übersehen oder die Dame zu früh anzugreifen. Andererseits versuchte er natürlich, seine Bauern so weit sie konnten nach vorne zu schicken. Nach zwanzig Zügen und Gegenzügen hatten beide Gegner ihre Schachmenschen bis auf die Könige von den Grundlinien heruntergeführt. So war beiden die Möglichkeit einer Rochade verwährt. Die Bedenkzeiten füllten nun mehrere Minuten. Julius hatte mehrere sinnvoll erscheinende Angriffsversuche verworfen, als er sah, wie seine Gegnerin ihre Schachmenschen so formierte, daß jeder direkte Angriff aufgefangen und in einen Konter umgewandelt werden würde. Doch irgendwann mußte er, um das eine Schach auszugleichen, einen Vorstoß wagen. Mit Logik und Vorausberechnung alleine spielte kein lebender Schachspieler. Das hatte Captain Kirk seinem ersten Offizier häufig vorgeführt, der sich was auf seine vulkanische Logik einbildete. Als er es dann doch wagte, über die rechte Flanke anzugreifen und es sogar schaffte, ein Schach im nächsten Zug zu ermöglichen, ging einer seiner letzten Bauern verloren, und Lines König erhielt eine Rückzugsmöglichkeit, die ihn in eine für mindestens fünf Züge unangreifbare Stellung bringen würde. Statt dessen geriet Julius Dame einmal in akute Bedrängnis. Er dachte schon darüber nach, sie zu opfern oder in eine harmlose Stellung zurückzurufen, als er erkannte, daß beide Möglichkeiten ihn in zehn Zügen mattsetzen würden. So blieb ihm nur die Frechheit, die gegnerische Dame mit dem letzten Bauern zu bedrohen, wodurch er diesen zwar verlor, aber das drohende Matt in zehn Zügen vereitelte. Damit war aber auch die Möglichkeit weg, daß er beim Verlust der Dame einen Bauern an ihrer Stelle weiterspielen konnte, wenn er diesen auf Lines Grundlinie schmuggeln konnte. Er wendete mehrere Tricks an, die er von Brittanys Mutter gelernt hatte und zog die Partie damit in eine unabsehbare Länge. Das gutmütige, keineswegs siegessichere Lächeln seiner Schwiegeroma verriet ihm jedoch, daß sie sich darüber freute, nicht schon in den nächsten Minuten den Sieg zu sichern. Er dachte nicht an seine Mutter, Jeanne, Florymont und Uranie, Camille oder seine gerade zwölf Jahre alte Schwiegertante Patricia, die ihm zusahen. In seinem Kopf und vor seinen Augen war nur das Quadrat aus zweiundreißig weißen und zweiunddreißig schwarzen Quadraten und die winzigen magisch belebten Figuren darauf. .

Beim zweiundfünfzigsten Zug mußte Julius bis zur Obergrenze der Bedenkzeit überlegen, wie er weiterspielen konnte, um doch noch zu gewinnen. Denn jetzt zeigte sich Lines langjährige Praxis doch als überlegen. Er mußte etwas machen, womit sie unmöglich rechnen konnte, um sie zu verwirren, womöglich ins Hintertreffen zu treiben. So begann er, auch den König als angreifende Figur zu spielen, was diesem offenbar sehr behagte, wenn er einem Turm von schräg links oder rechts drohen konnte oder sich so stellte, daß ein vorrückender Springer von ihm geschlagen werden konnte. Er führte den König nun wie einen Libero im Fußball oder wie er selbst beim Quidditch als Abfangjäger. Zwar geriet er dabei immer wieder ins Schach, und seine Gegnerin sah ihn immer wieder fragend an. Sie mentiloquierte jedoch nicht. Beim Turnierschach war das verboten, auch wenn es schwer nachzuweisen wäre, wo beide so dasaßen, als würden sie miteinander unhörbare Botschaften austauschen. Als Julius' König den letzten Bauern Lines geschlagen hatte, bat diese um die lange Pause. Madame Descartes notierte es und steckte ein Lesezeichen in ihr Buch und klappte es zu.

"Du fällst gleich vom Stuhl, Junge. Du hättest vor zehn Minuten schon die Pause anfordern sollen", tadelte ihn Line mit der besorgten Strenge einer liebenden Großmutter. "So wie du dich bisher schlägst könnte es nämlich noch bis Mitternacht dauern."

"Trink was, Julius!" Hielt ihn Camille an, als er zu der aufgebauten Theke mit den leichten Speisen und Getränken ging und fühlte, wie sein Körper von der anstrengenden Denkarbeit gut ausgezehrt worden war. "Ich glaube, ich stelle mich nach der Partie mal auf die Waage. Ich hörte mal was, daß Großmeister bei einem Turnier ein oder zwei Kilo abgespeckt haben."

"Hat man mir auch schon mal nachgesagt, daß Schach bei mir eine gute Diät sei", erwiderte Madame Delamontagne, die den Verlauf der Partie wohl sehr genau verfolgt hatte.

"Jedenfalls ein spannendes Spiel", sagte Martha Andrews. Sie hätte ihrem Sohn gerne irgendwelche Tipps gegeben. Doch zum einen durfte sie es nicht, weil Turnierüberwacher in der Nähe standen. Zum anderen wußte sie nicht, ob Line Latierre nicht doch was aufschnappte oder gar damit rechnete, genau diese Spielzüge von Julius parieren zu müssen, weil sie, Martha, sie bereits in Partien angewendet hatte. Madame Faucon stand abseits. Offenbar wollte sie nicht den Eindruck erwecken, für Julius Partei zu ergreifen oder ihm einen entscheidenden Hinweis zu geben. Line stand bei ihren Familienangehörigen, die ihr aus Interesse oder Höflichkeit zusahen. Julius konnte seine Frau bei Martine sehen. Sie sah zwar irgendwie gelangweilt aus, war jedoch wohl daran interessiert, wie es ausgehen würde. Sollte er sie fragen? Doch seine Mutter und Camille hielten ihn mit ihren Blicken am Buffet. So trank er viel, aß genug, um sich wieder frisch und doch nicht zu voll zu fühlen, suchte kurz die Toilettenräume auf und kehrte dann zu seinem Platz zurück. Line Latierre fand sich zehn Minuten später ein. Auch sie hatte wohl noch genug gegessen und getrunken und die Zeit wohl auch mit ihren jüngsten Töchtern verbracht. Jedenfalls konnten beide ausgeruht weiter gegeneinander spielen.

Die Partie zog sich zwar, aber Julius fand immer weniger Möglichkeiten, zumindest ein Schach zu verhüten. Immer mehr von seinen Figuren gingen verloren. Daß er überhaupt noch Möglichkeiten fand, einer drohenden Niederlage auszuweichen lag daran, daß er abwegige Züge machte, die zwar legal im Sinne der Schachregeln, aber doch sehr ungewöhnlich für einen erfahrenen Schachspieler waren. Die Verwirrungstaktik schien ihm doch noch etwas zu bringen. Doch als er kurz vor elf Uhr seinen zweiten Turm verloren hatte zeichnete sich ab, daß er wegen Unterzahl verlieren mußte. Er konnte nur noch ausweichen. Angriffe waren jetzt nicht mehr möglich. Vielleicht gelang ihm noch ein Konter. Aber das würde dann der letzte in dieser Partie sein, wenn er nicht den entscheidenden Durchbruch schaffte. So hob er sich die Möglichkeit eines letzten Angriffes auf, hinderte seine Opponentin nur daran, ihre Figuren so vor und um seinen König zu bringen, daß er ins Schachmatt geriet. Es gelang ihm zumindest, Lines Läufer restlos vom Brett zu schicken. Doch wenn er die Dame angriff, standen da immer noch genug andere weiße Figuren, die ihr Deckung gaben. Dann ging es darum, den letzten Vorstoß zu führen. Mit der Dame und seinem verbliebenen Springer bereitete er die Entscheidung vor. Doch als er dafür die linke Flanke öffnete, postierten sich beide weißen Springer so, daß sie den König im Falle, daß die weiße Dame geschlagen wurde, ins Schach trieben und er dann nur noch darum kämpfen konnte, nicht im nächsten Zug ins Schachmatt zu geraten. So opferte Julius seine Dame, um den König freizuhalten. Doch damit hatte er sich endgültig auf die Verliererstraße begeben. Seine Gegnerin sah ihn leicht verdrossen an, als wolle sie ihn gleich ausschimpfen, was ihm denn einfiel, derartig unüberlegt in die Niederlage zu steuern. Doch er hielt noch vier Züge durch, bis er erkannte, daß ihm nur noch sieben Züge verblieben, bis er endgültig verloren hatte. Er konnte jetzt aufgeben und die Partie damit beenden oder die sieben Züge laufen lassen. Er überlegte, welches Ende seiner Gegnerin lieber war. Die Latierres schätzten Mut und Kampfbereitschaft. Auch wenn sie wußte, daß er wußte, daß sie schon gewonnen hatte würde sie ihm bestimmt übelnehmen, wenn er dem König befahl, die Niederlage zu bekunden. Tatsächlich schaffte er es doch noch, statt in sieben Zügen Mattgesetzt zu werden, acht weitere Züge zu überstehen, weil er mit dem Mut der Verzweiflung die weiße Dame andauernd bedrohte und Line diese offenbar nicht opfern wollte. Doch als dann bis auf einen schwarzen Ritter auf müde wirkendem Rappen kein anderer Bundesgenosse des schwarzen Königs mehr auf dem Brett stand, war allen klar, daß gleich der finale Zug im Finale gemacht würde. Julius ließ den offenbar schon über seine Niederlage sicher seienden König noch einmal zurückweichen. Dann war es passiert. Er stand so, daß der nächste Zug der weißen ihn mattsetzen würde. Ursuline blickte auf das Brett, auf ihren Gegner und in die Runde der Zuschauer. Julius behielt jedoch nur das Brett im Blick. Im Moment durfte es für ihn nichts anderes geben. Dann erfolgte der alles entscheidende Befehl seiner Gegnerin, und sein König legte seufzend seine Krone und das Zepter vor den siegreichen, weißen Schachmenschen nieder. Madame Descartes stoppte die Zeit und notierte sich den letzten Zug mit seiner Nummer und dem Ausgang der Partie.

"Herzlichen Glückwunsch, Madame Latierre!" Sagte Julius total erschöpft. Er war nicht unglücklich oder wütend, weil er verloren hatte. Es gab ja schließlich lebenswichtigeres als Schach. Aber die Partie hatte ihn sichtlich ausgelaugt. Und als er auf seine Armbanduhr sah, fragte er sich, wo die letzten zehn Stunden und fünf Minuten geblieben waren. Er erhob sich und streckte Ursuline Latierre die Hand entgegen, während seine Schachmenschen mit langen Gesichtern vom Brett und in die schwarze Hälfte ihrer hausförmigen Schachtel zurücktrotteten. Monsieur Pierre erhob sich von seinem Platz, von dem er als oberster Turnierrichter die Partie beobachtet hatte und stellte sich in Positur, um den Sieger dieses Jahres zu verkünden. Julius sah seine Mutter an, die ihm anerkennend zunickte und lächelte. Dann sah er Madame Delamontagne unbewegt und kühl wie ein großer, runder Eisberg auf ihrem Platz sitzend. Ganz das Gegenteil bot Madame Faucon, die neben der zweiten diesjährigen Bronzehutgewinnerin stand. Sie machte wilde Gesten und schien ihr stark gerötetes Gesicht nur schwer im Zaum zu halten. Julius konnte deutlich sehen, wie hektisch sie atmete. Mehr noch als gestern hatte er den Eindruck, daß in der Lehrerin ein unbändiges Feuer loderte, das darum kämpfte, aus ihr herauszubrechen wie aus einem lange nicht tätigen Vulkan. Ihre eng zusammengerückten, saphirblauen Augen blitzten Gefahrvoll. Er konnte ihr deutlich die Lust ansehen, gleich loszustürmen und irgendwen anzuspringen, anzubrüllen und zu würgen, wenn sie nicht den Zauberstab ziehen und der Quelle ihrer gerade so noch stummen Wut einen nachhaltigen Fluch oder Zauber überzubraten. Ihr Blick traf seinen, und er zuckte erschrocken zurück. War das eine Drohung? War es ein heftiger Vorwurf? Oder war es ein schlichter Ausdruck höchster Verärgerung, was er in ihrem Blick sah? Jedenfalls fühlte er sich von einem Moment zum anderen noch ausgelaugter als durch die Partie an sich.

"Somit, Messieursdames et Mesdemoiselles, heißt die Siegerin des diesjährigen Schachturnieres von Millemerveilles genauso wie im Jahr zuvor Madame Ursuline Latierre", sprach Monsieur Pierre es offiziell aus, was alle hier mitbekommen hatten. "Herzlichen Glückwunsch zu einer erfolgreichen Titelverteidigung, Madame Latierre. Die letzte von einem auswärtigen Turnierteilnehmer errungene Titelverteidigung wurde von Madame Claudine Rocher im Jahre achtzehnhundertsiebenundneunzig errungen. Sie, Madame Latierre, sind damit die erste erfolgreiche, nicht in Millemerveilles lebende Turniergewinnerin seit hundert Jahren, die ihren Titel verteidigen konnte." Julius fühlte seinen Magen verkrampfen. Hatte der Turnierleiter gerade "Claudine Rocher" gesagt? Doch weil er sowohl seinen ohren als auch seinem Gedächtnis noch traute, obwohl sein Gehirn in den vergangenen Stunden schwer geschuftet hatte, mußte er das anerkennen. Also hatte Madame Faucons Großmutter dieses Turnier auch schon mindestens zweimal gewonnen. Womöglich hatte sie, die Lehrerin, das für eine absolute Ausnahme gehalten und fühlte wohl einen gewissen Stolz. Und ausgerechnet die Hexe, die sie aus ihm unbekannten Gründen nicht mochte, hatte es geschafft, diese Ausnahme genau einhundert Jahre später zu halbieren. Oder hatte vor Claudine Rocher noch jemand den Titel mehrmals verteidigt? Was wäre gewesen, wenn er letztes Jahr gegen Ursuline Latierre und dann gegen Madame Delamontagne gewonnen hätte? Wäre Madame Faucon dann auch auf ihn so stocksauer wie jetzt auf Ursuline? Sollte er das klären oder besser auf sich beruhen lassen und hoffen, daß es irgendeine Marotte von ihr war? Vielleicht überlegte sie schon, wie sie ihn spüren lassen sollte, daß er sie wütend gemacht hatte. Vielleicht glaubte sie sogar, er habe absichtlich verloren. Dabei mußte sie doch auch schon wie er erkannt haben, daß er keine Möglichkeit mehr hatte, die Partie zu gewinnen.

"Ich bitte nun Sie, die vier besten Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Turniers, die von ihnen errungenen Siegestrophäen entgegenzunehmen!" Sprach Monsieur Pierre unbeeindruckt von den Beifalls- und Mißfallensäußerungen aus dem Publikum. Die vier zu ehrenden Turnierteilnehmer stellten sich nebeneinander auf, wobei Line ihren linken Arm um Julius Schulter legte. Links neben ihm nahm Madame Delamontagne Aufstellung. Daneben, weit genug von ihm weg und am weitesten von Ursuline Latierre entfernt, stand Madame Faucon, die immer noch unter Dampf stand und ihre Lippen fest zusammengepreßt hielt, als fürchte sie, sich zu erbrechen, wenn sie auch nur ein Wort sagte. Julius befand, daß er hier und jetzt zu müde und doch auch zu erleichtert war, zumindest so weit gekommen zu sein, daß er sich nicht länger auf die wütende Lehrerin konzentrieren wollte. Er sah Monsieur Pierre, der eine Mahagonitruhe in die Halle schweben ließ, der er, wie in den drei Jahren zuvor, vier glitzernde Gegenstände wie miniatur-Eistüten entnahm. Er verkündete, daß Professeur Blanche Faucon für das Erreichen des Halbfinales einen der zwei zu vergebenden Zaubererhüte in Bronze erhielt und überreichte ihr feierlich die kleine Trophäe, über deren Krempe wie Julius sich sicher sein konnte, der Name der Preisträgerin und die Jahreszahl eingeschrieben wurde. Dann übergab der Turnierleiter den zweiten Bronzehut an "Madame Eleonore Delamontagne" und gratulierte ihr, wenngleich Julius ihr ansehen konnte, daß sie gerne einen anderen dieser Zauberhüte gewonnen hätte. Als sie das bemerkte, sah sie ihn mit einem freundlichen Ausdruck an, der ihm ohne gesprochene oder zugedachte Worte verriet, daß sie ihm nicht böse war, daß sie nicht ins Finale reingekommen war. Doch dann kam auch schon die Reihe an ihn, "Monsieur Julius Latierre". Er streckte seine rechte Hand aus und nahm mit einem höflichen Lächeln die silberne Ausgabe des Turnierpreises entgegen, wobei er immer noch mit etwas Unbehagen sah, wie sein Name, sein neuer Name, wie mit dem Strahl eines schräg hinter ihm irgendwo lauernden Lasers in das Metall eingeschmolzen wurde. Doch der kleine Zaubererhut erhitzte sich nicht. Er ruhte harmlos glänzend in seiner rechten Hand.

"Und nun noch, für die erfolgreiche Verteidigung des Titels Sieger oder Siegerin des Schachturnieres von Millemerveilles, überreiche ich den goldenen Zaubererhut an Madame Ursuline Latierre", beendete Monsieur Pierre die Siegerehrung und drückte Line Latierre den goldenen Zaubererhut in die sich behutsam vorstreckende rechte Hand. Damit überreichte er ihr auch die Verpflichtung, im nächsten Jahr wiederzukommen und den Titel noch einmal zu verteidigen. Im Moment vermutete Julius, daß es hier in Millemerveilles niemanden gab, der sie davon abhalten konnte, dieses nette Goldhütchen ein drittes Mal in Folge zu gewinnen. Denn jetzt hatte sie es allen bewiesen, daß sie, ob schwanger oder nicht, eine überragende Schachspielerin war, an der selbst seine Mutter immer wieder schwer zu knabbern hatte. So gesehen hatte er ihr zehn lange Stunden Kampf geliefert, bevor er schließlich doch verloren hatte. Jetzt standen sie alle vier mit ihren Trophäen in der Hand da. Blitze und rote Rauchwolken brachen aus einer magischen Kamera, die die Szene in mehreren Bildern festhielt. Jetzt würde Madame Faucons Wut wohl für etliche Jahrzehnte auf einem Film und auf bezauberten Fotos gebannt bleiben, dachte Julius, während er mit der eingeübten Fröhlichkeit eines zu photographierenden in das leblose Glasauge des Kameraobjektivs lächelte. Er hoffte innerlich, daß kein Reporter des Miroir Magique anwesend war. Zumindest hatte er keinen sehen können.

"Sonnen Sie sich in diesem Gefühl der absoluten Befriedigung, Ursuline, wie Sie es so gerne tun!" Schnarrte Madame Faucon, als die Halbfinalisten den Gewinnern fair gratulierten.

"Dabei habe ich seit damals, wo wir schon einige Male zusammen gespielt haben den Eindruck, daß Sie keine schlechte Verliererin sind, Blanche", wunderte sich Line mit einem erheiterten Gesichtsausdruck, das die sehr schwer gebändigte Wut Madame Faucons auch noch zu verhöhnen schien. "Ich habe mit dem jungen Mann hier eine sehr lehrreiche und spannende Partie gespielt und mich und ihn dabei wohl sehr gut in Atem gehalten. Warum sollte ich mich also nicht darüber freuen, gewonnen zu haben. So sicher wie Sie es wohl sehen war das nämlich nicht."

"Jetzt wagen Sie es auch noch, mich zu verspotten, Madame Latierre? Sie haben doch förmlich darauf abgezielt, gegen Julius hier zu spielen, um sich und ihm zu zeigen, wie haushoch Sie ihm überlegen sind und sich daran zu ergötzen, ein auf merkwürdige Art in den Schoß Ihres Clans gefallenen Jungzauberer vorzuführen wie eines Ihrer Rinder."

"Es ist schon richtig, daß ich mich sehr danach gesehnt habe, gegen Mildrids jungen Ehemann zu spielen, nicht um ihn fertigzumachen oder an der Führkette herumzuziehen, sondern weil ich ihn für einen sehr talentierten Schachspieler halte und genau wie Sie und Ihre geschätzte Nachbarin, Madame Delamontagne, keine Gelegenheit auslasse, gegen einen wirklich guten Spiler anzutreten. Und ich habe es gerade gesagt, daß das nicht so klar war, daß ich die Partie auch gewinnen würde. Da ich weiß, daß jeder Turnierteilnehmer Einblick in die Partien seiner Gegner nehmen darf, lesen Sie sich bitte alle Züge dieser Partie durch, wenn Sie den einen oder anderen Zug oder die damit erspielte Stellung nicht mitgekriegt haben. Aber ich denke, Sie haben es schon gesehen, daß mein Endspielgegner sehr stark darum gekämpft hat, mehr als zwanzig Züge durchzuhalten und doch noch die eine oder andere Möglichkeit zu finden, gegen mich zu gewinnen. Also weiß ich echt nicht, warum Sie sich jetzt so heftig aufregen."

"Natürlich wissen Sie das nicht, Madame. Das wußten Sie noch nie, welche Folgen Ihr Tun haben würde. Aber Sie haben sich dann sehr genüßlich daran geweidet, wenn Sie erfolgreich waren, nicht wahr?" Knurrte Madame Faucon. Alle anderen lauschten. Ursuline merkte das und sagte:

"Leute, Madame Faucon ist wütend, weil sie meint, ich hätte einen ihrer Schüler gemeinerweise überrumpelt. Jetzt meint sie, Ihre Wut mit ganz alten Sachen begründen zu müssen, die für sie und für mich schon lange nicht mehr zählen."

"So, das zählt also nicht für Sie, was damals geschehen ist. Immerhin haben Sie ja die Dreistigkeit besessen, ihr halbes Leben auf dieser nicht zählenden Sache aufzubauen. Wie sehen ihre ältesten Söhne und Töchter das denn, daß das nicht mehr für Sie zählt?"

"Oh, jetzt wollen Sie mir einen seelischen Tiefschlag versetzen, Blanche, wie reizend von Ihnen", flötete Ursuline alles andere als betroffen. In Julius dämmerte in diesem Moment schwach aber erkennbar eine gewisse Ahnung herauf. Außerdem fürchtete er, daß seine Lehrerin gerade dabei war, ihren guten Ruf zu verspielen, nur weil sie meinte, auf irgendeiner alten Sache herumreiten zu müssen. Hatte sie ihm nicht immer wieder erzählt, es sei nicht richtig, sich zu sehr an früheren Fehlern und Rückschlägen festzuklammern? Dann hatte sie das wohl vor lauter Wut vergessen. Ursuline sagte noch: "Meine Töchter und Söhne wissen, daß sie alle für mich zählen, Blanche. Ich denke, Catherine sieht das genauso bei Ihnen. Was ich nur sagen wollte war, daß die Sachen, die passiert sind, von unserer Warte her nicht mehr so viel bedeuten wie damals. Aus reiner Fairness möchte ich da nicht weiter drauf herumreiten, Blanche. Oder meinen Sie, daß das hier alle wissen sollen, wo Ihre so wild brennende Wut auf mich herkommt? Dann müßten wir beide aber die ganze Geschichte erzählen. Ich habe da nichts von. Und Sie würden sich damit allen Leuten hier ausliefern, die damals nicht dabei waren und die nicht erkannt haben, daß das was passiert ist begraben ist, wenn Sie so wollen wortwörtlich."

"Natürlich ist mir klar, daß Sie sich nicht um Sachen wie Trauer und Mitgefühl scheren, Madame Ursuline Latierre. Aber leider haben Sie in dem Punkt recht, daß die Angelegenheit zu übler Nachrede führen könnte. Drum nur noch mal so viel: Sie wähnen sich immer sicher, daß das, was Sie machen auch richtig ist. In der Hinsicht haben Sie mir, womöglich ohne es zu wollen, einen wichtigen Erfahrungsvorsprung verschafft. Das muß ich Ihnen leider zuerkennen. Aber je später der Tag kommt, an dem Sie erkennen, was alles nicht richtig gelaufen ist, desto schmerzhafter wird er sich für Sie auswirken. Gute Nacht, Madame Latierre!"

"Ihnen auch erholsame Ruhe, Madame Faucon", erwiderte Ursuline, als Professeur Faucon bereits auf dem Weg in Richtung Rathausportal war. Monsieur Pierre scharrte mit den Füßen auf den blauen, weißen und roten Marmorfliesen. Offenbar kämpften in ihm der Drang, Madame Faucon nachzugehen und sie zu fragen, was dieser Aufruhr jetzt zu bedeuten hatte und die Pflichten des Turnierleiters, die Veranstaltung korrekt und so erhaben es ging zu Ende zu bringen. Da eine der Trophäengewinnerinnerinnen es gegen ihre sonstige Haltung und Würde vorgezogen hatte, einfach davonzugehen um nicht zu sagen abzuhauen, hielt er sich jedoch nicht länger als eine Minute damit auf. Er beglückwünschte noch einmal alle Gewinner und bedankte sich bei allen Schachspielern für die Teilnahme. Er betonte, daß die Finalteilnehmer im nächsten Sommer wieder eingeladen seien, am nächsten Millemerveilles-Schachturnier teilzunehmen. Dann wünschte er ihnen allen eine geruhsame und angenehme Nachtruhe.

Julius nahm Millies Glückwünsche entgegen, wobei sie beide darauf achteten, daß kein Photograph sie auf's Korn nahm.

"Ich weiß nicht, was deine Oma mit Madame Faucon angestellt hat, Millie. Aber das muß ziemlich wehgetan haben", flüsterte Julius.

"Hat uns Oma Line nie genau erzählt, was das war, Julius. Sie sagte nur was, daß sie uns Latierres wegen etwas nicht mag, was zwischen ihr und Oma Line gelaufen sein soll. Außer meiner Mutter und Tante Trice weiß das aus unserer Familie auch keiner, was das war. Maman hat mich nur immer angehalten, mich nicht mit Professeur Faucon anzulegen, weil sie nicht wußte, ob ihr das wegen mir übel aufstoßen könnte. - Hey, Pattie, mach keine langen Ohren!" Patricia Latierre hatte sich anscheinend unbemerkt herangepirscht und lauschte, ob die beiden was über die Sache von eben ausplauderten.

"Ich wollte dir nur sagen, Mildrid, daß wir jetzt nach Hause wollen. Maman ist müde und will vor dem Schlafengehen die Kleinen noch mal sehen. Wenn die hier dir nicht erlaubt haben, bei Julius zu schlafen möchtest du bitte mitkommen", knurrte Patricia. Millie sah sie leicht abfällig an, nickte dann aber und knuddelte Julius noch einmal. Dann zog sie mit ihren Verwandten ab.

"Die frische Luft wird mich wohl wieder aufladen", sagte Julius, als er mit seiner Mutter und den Dusoleils die Rathaushalle verlassen hatte. Madame Delamontagne disapparierte gerade, um zu ihrem Sohn zurückzukehren, den sie auf Bitten der Turnierleitung in der Obhut ihrer Mutter und der Hauselfe Gigie gelassen hatte.

"Wir apparieren, wenn alle raus sind", mentiloquierte ihm Camille und stellte sich gleich so, daß er sich bei ihr festhalten konnte. Doch die übrigen Turnierteilnehmer und Zuschauer machten keine Anstalten, das Rathaus so schnell zu verlassen. Sie schwatzten miteinander und sprachen über den Auftritt Madame Faucons. Einige ältere Hexen und Zauberer äußerten ihre Verunsicherung. Jüngere Hexen und Zauberer kicherten oder machten Witze darüber, daß die achso gestrenge Blanche Faucon von der großen, runden Dutzendmutter wohl einmal richtig was abbekommen haben mußte, wenn die sonst so strenge und auf Haltung pochende Lehrerin ihre eigenen Regeln vergaß. Um nicht herumzustehen wie bestellt und nicht abgeholt gingen die Dusoleils und ihre Gäste los, passierten die menschenleeren Straßen. Die meisten Häuser auf dem Weg waren bereits in Dunkelheit getaucht. Julius fühlte seine Lebensgeister zurückkommen. Offenbar wirkte das Ritual jener Hexe, gegen die er heute seine schwerste Schachpartie gespielt hatte wie eine Dosis Wachhaltetrank. Er fühlte sich an der frischen Luft immer wacher und schritt neben Camille aus, als wolle er ihr davonlaufen.

"Hallo Julius, nicht so rennen! Ohne uns kommst du eh nicht ins Haus rein", lachte sie und griff ihn sacht am Arm, um ihn abzubremsen.

"Irgendwie lädt mich eure gute Luft wieder auf", scherzte Julius. Camille lächelte hintergründig. Dann sagte sie:

"Dann sollten wir die letzten paar hundert Meter besser abkürzen, bevor du meinst, die Nacht durchmachen zu müssen. Es sei denn, du möchtest zu Jeanne und die Nachtwache bei Viviane übernehmen."

"Ach, und du meinst, der Kleinen würde dabei nichts passieren?" Fragte Julius.

"Ganz bestimmt nicht", grinste Camille, ergriff Julius Arm fest genug und warf sich mit ihm in die Disapparition hinein.

"Florymont brachte Martha auf dem gleichen, schnellen Weg zurück. Er meinte noch, daß das hoffentlich keiner mitbekommen hatte.

"Wenn es keiner gesehen hat, kriegt es auch keiner mit, Florymont", sagte Camille. "Ist Jeanne auch zu Hause?"

"Die ist auch zu Hause, ma Chere", erwiderte Florymont. Dann sagte er noch: "Aurora ist bei Béatrice. Sie wird wohl zurückkommen, wenn ihre Mutter wieder auf der Wiese ankommt."

Tatsächlich kehrte Aurora Dawn keine zwei Minuten später zurück. Sie ließ sich von Julius den Ausgang des Turniers berichten und verfügte dann, daß er besser morgen länger schlafen solle. So gingen Martha Andrews, Julius Latierre und Aurora Dawn auch bald auf ihre Zimmer. Florymont sah seine Frau an und fragte leise:

"Glaubst du, dem Jungen könnte da noch was nachkommen, weil Blanche so überaus gereizt war?"

"Ich denke, ihre Wut ging gegen Ursuline, Florymont. Ich verstehe es nicht, warum sich um dieses Spiel so wild gezankt werden könnte. Muß also was von viel früher sein."

"Gut, das vermute ich auch, Camille. Aber Blanche ist doch sonst so beherrscht."

"Du meinst, sonst so verbissen darauf bedacht, sich nicht aufzuregen, Florymont. Wir wissen das beide nicht, was die beiden Damen sich damals getan haben. Ich fürchte nur, daß sie es Julius als Dummheit oder jugendliche Unbedarftheit auslegt, daß er ausgerechnet mit einer von Ursulines Enkeltöchtern zusammengekommen ist."

"Wenn ich ehrlich bin, Camille würde mich das auch stören, wenn ich nicht wüßte, das sie es ihm erlaubt hat und es offenbar sehr gut findet", erwiderte Florymont. Camille wußte natürlich, von welcher Sie er sprach und nickte zustimmend.

 

___________

 

Aurora hatte auf ihre Heileranweisung hin die Mini-Temmie noch bei sich behalten, damit Julius ordentlich durchschlafen konnte. Er mußte so tief geschlafen haben, daß er sich nicht einmal an einen Traum erinnern konnte. Um sieben Uhr wachte er auf und war sofort hellwach. Seine Mutter atmete ruhig und langsam. Offenbar schlief sie irgendwie für ihn mit. Er selbst fühlte sich nämlich nun zu wach, um noch länger im Bett herumzuliegen. Er holte seinen roten Herzanhänger unter der Schlafanzugjacke hervor und legte ihn auf seine Stirn.

"Na, bist du auch schon wach?" Fragte Millie ihn über die große Entfernung unhörbar für andere.

"Das Ritual von Oma Line hat mich offenbar nach vorgestern wieder gut mit Energie aufgeladen. Wohl auch, weil Oma Line sich so gefreut hat, daß sie gewonnen hat."

"Ach, du meinst, wie wach du bist hängt daran, wie es Oma Line geht?" Fragte Millie. "Dann sieh bloß zu, sie nicht traurig oder wütend zu machen!" Julius schrak leise zusammen. Was hatte er denn da jetzt vom Stapel gelassen? Hoffentlich stimmte das nicht. Denn dann hinge er ja wirklich an Lines Launen wie ein Ungeborenes an der Nabelschnur. So schickte er zurück:

"War Oma Line im letzten Jahr denn immer fröhlich?"

"Überwiegend. Wie du mitgekriegt hast konnte selbst Königin Blanche sie nicht aus dem Tritt bringen."

"Klar, weil sie voller Glückshormone war", erlaubte sich Julius eine Frechheit.

"Wir haben heute alle länger geschlafen, Monju. Kommst du um acht zum Morgentraining?"

"Wenn ich jetzt nein sage?" Fragte Julius zurück.

"Wird das Maman und Tine nicht beeindrucken", konterte Millie.

"Ist denn deine Oma auch schon wach?" Fragte Julius.

"Oma Tetie? Das weiß ich nicht. Oma Line ist schon mit Tante Babs bei Bellona, um sie ein wenig zu bewegen. Du weißt ja, daß Latierre-Kühe nicht auf so kleinen Wiesen rumstehen können."

"Weiß ich sowas?" Fragte Julius herausfordernd.

"Sollte man meinen", erwiderte Millie unbeeindruckt. "Du hast jetzt wohl noch Zeit, bis Maman Miriam fertiggestillt hat. Dann wird sie fragen, ob ich wüßte, ob du erholt genug bist oder nicht."

"Und du möchtest sie natürlich nicht belügen", erwiderte Julius. Millie schickte ihm ein "Könnte schwer sein" zurück. Dann beendeten sie die Gedankenverständigung. Julius suchte gerade seine Sportsachen, als etwas in seinem Brustbeutel vibrierte. Er schrak einen Moment zusammen. Dann erkannte er, daß es einer der beiden Zweiwegespiegel sein mußte, die er dort aufbewahrte. Ein Gegenstück davon hatte Gloria Porter am Ende des Schuljahres zurückbekommen. Das zweite Gegenstück war nach Jane Porters drastischem Ausstieg aus der Zaubererwelt zu Professeur Blanche Faucon umgezogen. Er dachte daran, daß an den Tagen, wo er um die Finalteilnahme im Schachturnier gespielt hatte, diese Anhörung wegen Mrs. Porters und Melanies Laden in New Orleans sein sollte. Das war ihm ganz entfallen, so sehr hatte er sich auf Schach konzentriert. Er verließ schnell und so leise er konnte das Zimmer und schloß sich im Badezimmer ein. Er öffnete den Brustbeutel und tastete nach dem Spiegel, der zitterte. Als er diesen zwischen den Fingern spürte und vorsichtig hervorholte, sah er am Mondsymbol auf der Rückseite, daß es der war, der ihn vor einem Jahr noch mit Glorias Großmutter Jane verbunden hatte. Er blickte in den Spiegel und sah eine recht ausgeschlafene, aber irgendwie auch verkniffen dreinschauende Professeur Faucon.

"Ich fürchtete schon, du würdest es nicht bemerken, daß der Spiegel reagiert, Julius. Ich wünsche angenehme Nachtruhe gehabt zu haben und einen guten Morgen", sprach Madame Faucons Stimme aus dem Spiegel. Julius bedankte sich und wünschte ihr dasselbe. "Wo bist du jetzt?" Fragte die Lehrerin. Er antwortete, daß er im Gästebadezimmer sei. "Gut, wahrscheinlich hat es dich sehr stark irritiert, wie ich gestern auf den Finalsieg dieser Person reagiert habe, die dich nun dazu nötigen könnte, sie Großmutter zu nennen", knurrte sie etwas ungehalten. Julius nickte, weil es ja stimmte. "Ich war und bin zwar davon überzeugt, daß diese Familie dich auf eine knapp an der Unzulässigkeit entlangschrammende Weise an sich gezogen hat, habe aber erklärt, da nichts gegen zu unternehmen, solange sie dich nicht zu irgendwelchen wirklich unentschuldbaren Handlungen verleiten. Allerdings ist mir zum einen die Art, wie diese Hexe ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen gestaltet zuwider. Andererseits muß ich einräumen, daß sie trotz ihrer Eigenheiten einen gewissen Ruf genießt, und daß ich meinen gestern sehr unüberlegt in Gefahr gebracht habe. Auch habe ich den Eindruck gewonnen, daß du findest, ich würde dir deshalb besondere Sanktionen oder Animositäten zukommen lassen, weil du gestern nicht gewonnen hast. Das es nach dem dreißigsten Zug bereits unmöglich war, diese Person zu besiegen mußte ich ja bereits während der Partie erkennen. Sie hat dich in eine ähnliche Falle gelockt wie mich, wenngleich dein Verwirrspiel auch nicht zu verachten war. Immerhin hast du sie länger auf Abstand gehalten als einige andere Spieler, die ich kenne und hast bis zur dir erschlossenen Niederlage gespielt. Wahrscheinlich hast du meine Bitte als Forderung gesehen und dich damit einem höheren Druck ausgesetzt. Dies und meine wohl der fortgeschrittenen Tageszeit zuzurechnende Verärgerung haben dich wohl davon überzeugt, ich würde dich irgendeines Versagens beschuldigen und meine Autorität dazu verwenden oder gar mißbrauchen, dich für dieses Versagen zu bestrafen." Julius überlegte, ob er das bejahen sollte, wollte oder durfte oder ein höfliches "Nein, so war das nicht" antworten sollte. Doch diese Antwort, so erkannte er, würde Madame Faucon als Heuchelei auffassen. Wenn sie gestern nur auf Ursuline wütend war, dann sollte er ihre Entschuldigung, die es wohl sein sollte, einfach annehmen und sie nicht doch noch auf ihn selbst wütend machen. So nickte er statt irgendwelcher Worte. "Das habe ich in dem Moment erkannt, als du vor mir zurückgeschrocken bist. Ich habe die fragliche Szene bei mir noch einmal genau durchdacht und erkannt, daß die Fehler, die ich gemacht habe nicht dir anzukreiden sein dürfen, und auch nicht Mildrid oder ihrer Mutter. Madame Odin erzählte mir einmal, daß in den Diktaturen der Muggel ganze Familien und Dynastien dafür belangt wurden, was ein Mitglied daraus getan hatte, ob es ein Verbrechen nach allen Maßstäben war oder ein gerechtfertigtes Aufbegehren gegen die Tyrannei in ihrem Land. Ähnliches betreibt ja jener wahnhafte Massenmörder und Terrorist, der in deinem Geburtsland nach der absoluten Macht greift." Julius nickte. Von Sippenhaft und Familienschande hatte er natürlich aus Filmen und Dokumentationen auch schon was gehört. Er fragte sich jedoch, warum Madame Faucon jetzt erst darauf kam, wenn es wirklich etwas war, was unmittelbar mit den Latierres zu tun hatte. Doch die Antwort bekam er prompt. "Als du das letzte Mal allein unterwegs warst boten mir die Latierres an, bei Ihnen auf Rufe von dir zu warten. Ich habe es abgelehnt, weil ich nicht auf ein von diesen Leuten bewohntes Grundstück gehen und damit meine Haltung gegen Madame Ursuline Latierre aufweichen wollte. Madame Rossignol hat mich damals darauf hingewiesen, daß eine derartige Beharrlichkeit bei einer immer größer werdenden Bedrohung von außen nicht mehr zeitgemäß sei. Die Folge war, daß sie die de Facto bereits um Ostern zwischen dir und Mildrid geschlossene Partnerschaft zu einer de Jure gültigen Ehe erklären ließen. Offenbar sind sie der Ansicht, ich würde dich aus eigenem Antrieb oder in Befolgung einer Anweisung oder begründeten Bitte in diese waghalsigen Abenteuer hineintreiben. Mit welchem Recht sie beanspruchen, darüber zu befinden, was du tun und lassen sollst oder darfst entzieht sich mir zwar. Doch jetzt haben sie das Recht, und das hieße auch, daß meine eigenen Prinzipien unsere bisherige in den allermeisten Fällen konstruktive Beziehung zerstören können. Allerdings, um wieder zu gestern Abend zurückzukommen, erklärt dir das nicht, was mich da übermannt hat, derartig alle gebotene Haltung zu vergessen und sogar gegen die Anstandsregeln des Turniers zu verstoßen und mich damit zum Gerede der Dorfgemeinschaft zu machen. Ich möchte dir gerne erläutern und beschreiben, warum ich gestern diesen ungebührlichen Ausfall erlebt habe. Falls du heute an keine Verabredungen gebunden bist möchte ich dich fragen, ob du zwischen zehn Uhr morgens und zwölf Uhr Mittags zu mir herüberkommen möchtest. Ich hoffe, dir in dieser Zeit erhellen zu können, was mich gestern derartig verstimmt hat. Ich stelle es dir jedoch frei, einfach nur meinen Versuch einer Entschuldigung anzunehmen, daß ich dir gestern den Eindruck vermittelt habe, ich würde dich für die Niederlage und die Frühehe persönlich verachten oder anfeinden."

"Ich vermute mal, daß was Sie mir erklären möchten bezieht sich auf irgendwas, daß Ihnen mit Madame Ursuline Latierre passiert ist", antwortete Julius. "Falls ja, dann wäre das doch ein ganz persönliches Geheimnis, und Sie müßten mir, einem Ihrer Schüler, nichts davon erzählen. Immerhin könnte ich damit ja gegen Sie vorgehen."

"Sicher könntest du das tun. Aber bisher habe ich nicht den Eindruck gewonnen, daß du mit dir zugetragenen Vertraulichkeiten und Geheimnissen hausieren gehst oder dir sonstige Vorteile davon versprichst. Denn dann hättest du deinen Freundinnen Claire oder auch Gloria und deiner ... Ehefrau Mildrid schon früher erzählt, was du alles mitbekommen und ausgeführt hast. Abgesehen davon könnte ich dann immer noch Anklage wegen Erpressung gegen dich erwirken, und das ginge für dich schlechter aus als für mich. Was ich jedoch sehr wichtig finde ist, daß du erfährst, daß du mit deiner Beziehung zu den Latierres nicht zu meinem Feind geworden bist und warum ich bisher und vielleicht auch später noch gewisse Vorbehalte gegen Ursuline Latierre äußern könnte. Um deine Frage zu beantworten: Es geht um den Kern meines Zerwürfnisses mit dieser Hexe. Denn ich muß leider auch davon ausgehen, daß du irgendwann von ihr erfährst, was zwischen ihr und mir damals vorfiel und könntest dann erst recht der Meinung nachhängen, ich hätte es ja darauf angelegt. Um für den Fall, daß du diese Offenbarung eines Tages erhältst beide Seiten zu kennen, habe ich mich dazu durchgerungen, dir genauso wie damals Catherine zu vermitteln, was mich so nachhaltig in Unmut versetzt hat. Aber wie erwähnt stelle ich es dir frei, dir von mir erläutern zu lassen, was der Grund ist oder weiterhin mit dem unbestimmten Gefühl zu leben, du hättest dir willentlich oder unwillentlich meine Feindschaft errungen. Glaube mir bitte, dazu müßtest du weit schwerwiegenderes tun!"

"Ich bin gleich bei den Latierres wegen Frühsport. Wenn ich da nicht hingehe werden sie mißtrauisch", sagte Julius. "Aber um die Zeit, wo Sie wünschen, könnte ich bei Ihnen sein. Ich gehe davon aus, daß meine neue Verwandtschaft davon nichts wissen darf."

"Es wäre für eine unbefangene Beurteilung besser, wenn du erst meine Version erfährst. Ob Madame Ursuline Latierre dir dann ihre Version erzählt soll mir dann egal sein", erwiderte Madame Faucon. Julius nickte. Er konnte sich zwar einen gewissen Grund denken, warum Madame Faucon so wütend auf seine Schwiegeroma war. Doch es wäre dreist gewesen, sie offen zu fragen, ob er recht hatte. So verabredete er sich für zehn Uhr morgens mit der Lehrerin und beendete die Zweiwegespiegelverbindung. Er verstaute das magische Artefakt und lauschte. Hatte ihm jemand zugehört? Er wusch sich schnell und zog seine grasgrünen Sportsachen über.

"Könnte es sein, daß du von Blanche irgendwelche Fernsprechartefakte bekommen hast?" Flüsterte Camille, die ihn unten erwartete.

"Das ist was, daß wir nur selten benutzen. Glorias verstorbene Großmutter hat uns beiden damit ausgestattet."

"Natürlich, weil Melo nicht unendlich weit reicht und durch einige Zauber unterbrochen werden kann", grinste Camille. "Kein wunder, daß Hippolyte dich schnellstmöglich mit ihrer Tochter zusammenbinden wollte. Nach den Biestigkeiten, die sich Blanche wohl früher schon geleistet hat und nach dem Ausflug, wo du meiner Mutter hast helfen wollen ..."

"Camille, bitte erzähl das keinem weiter! Das war damals schon, wo Mrs. Porter nicht wußte, wo mein Vater steckte und sich mit mir auch wegen der Lage in Europa auf dem laufenden halten wollte."

"Was dann ja auch dazu geführt hat, daß Blanche im letzten Sommer mal eben aus Millemerveilles verschwinden mußte und mit dir als um zwei Jahre älter gewordenen Burschen zurückkam", erwiderte Camille etwas verstimmt. "Wie gesagt verstehe ich Hippolyte. Wenn Maman es damals nicht mit diesen Heuchlern übertrieben und sich und uns diesem Fluch ausgesetzt hätte ..."

"Hätte ich Claire auch sehr gerne geheiratet, Camille. Du weißt das, Florymont weiß das und jeder andere auch", erwiderte Julius etwas unbedacht. Camille verzog ihr Gesicht noch mehr als eben noch. Doch dann lächelte sie.

"Wenn sie das nicht auch gewollt hätte und dich nicht so sehr lieben würde, wärest du wohl auch nicht zurückgekehrt. Außerdem wollte Ammayamiria die Verbindung mit Mildrid. Das weiß ich jetzt. Trotzdem macht die gute Blanche immer noch mit dir ihre achso gut gemeinten Pläne. Ich hoffe nur inständig, daß du nicht dabei aus der Welt verschwindest wie Claire und Maman oder endgültig über die Schwelle gehst, die zwischen den Lebenden und Toten verläuft. Falls sie das von dir verlangt, bestelle ihr bitte, bekäme sie sehr großen Ärger."

"Ich werde es ihr ausrichten", sagte Julius. Camille liebte ihn wirklich wie einen Sohn, den sie bisher nicht bekommen hatte. Mit ihr als Schwiegermutter wäre er gewiß wesentlich harmonischer ausgekommen als mit Hippolyte Latierre. Denn Camille besaß eine Art, Leute ohne sie zu maßregeln zu bestimmten Sachen zu bringen, während Hippolyte womöglich mehr auf die Bevormundungstour stand, dachte Julius. Allein schon, daß sie ihn ohne ein Widerwort zu gestatten bei diesen Frühsporteinheiten ihrer Familie eingespannt hatte sprach eher für eine Frau, die nicht lang erklärte, sondern ansagte, was sie wollte und nach Möglichkeit keinen Widerspruch zuließ. Vielleicht hätte er sich dem entziehen können, indem er bei der Hochzeit vor nun schon einer Woche "nein" geantwortet hätte. Doch jetzt war es zu spät. Außerdem machten ihm die Übungen auch Spaß und zeigten ihm, wie gut er seinen Körper belasten und ausreizen konnte. In diesem Sinne wartete er darauf, daß seine Schwägerin ihn abholen kam. Die Zeit bis dahin verplauderten Camille und er mit dem, was in den letzten Tagen außer dem Schachturnier gelaufen war. Die Morgenzeitung traf ein. Da Florymont noch schlief holte Camille sie herein und setzte sich mit Julius ins Musikzimmer.

"Julius, hier steht was über die Sache, von der Gloria und ihre Cousinen es hatten", sagte Camille und reichte ihm die Zeitung. Auf Seite eins stand nichts, weil es für die französische Zaubererwelt wohl nicht wichtig war. Aber unter "Auslandsnachrichten" fand er den betreffenden Artikel und las ihn gerade so laut vor, daß Camille es gut verstehen konnte.

"Dreifache Niederlage für selbsternannte Hüterin der Hexenmoral", setzte er an und fuhr fort: "Wie der Zauberspiegel in seiner Ausgabe vom 21. Juli berichtete entrüsteten sich Lehrerinnen der US-amerikanischen Broomswood-Akademie für junge Hexen über einen Teil des Warenangebotes in der kürzlich eröffneten Niederlassung von Madame Dione Porters Vertrieb für magische Kosmetikprodukte in New Orleans. Sie würden zu unzüchtigem Verhalten anregen und Hexen zu reinen Lustobjekten abwerten, so Prof. Pabblenut, die Direktrice von Broomswood, der einzigen Schule nur für Hexen in der nordamerikanischen Zaubererwelt. Dies sei Geschäfts- und rufschädigend, so Hypereides Greenwood, der von Madame Porter und ihrer für New Orleans angestellten Geschäftsführerin Mademoiselle Melanie Redlief beauftragte Rechtsbeistand. Das Geschäft wurde magisch verriegelt und eine gerichtliche Klärung im Ministerium angesetzt, die zum einen über die angebotenen Artikel befinden und danach noch über die erhobene Gegenklage entscheiden sollte. Am 25. Juli tagte das Gericht, daß sich aus Experten für magischen Handel, Strafrecht und Ausbildungsfragen zusammensetzte. Da Prof. Pabblenut eine schriftliche Zulassung als Gerichtsbeisitzerin besitzt trat sie als Sprecherin ihrer Kolleginnen auf und lieferte sich mit Greenwood ein gefühlsträchtiges Wortgefecht, in dem sie immer wieder hervorhob, wie wichtig die Erziehung von jungen Hexen zur Sittsamkeit und Disziplin sei, wohingegen ihr Opponent einwandte, daß die Produkte ordentlich bei der Handelsabteilung angemeldet und von dieser genehmigt seien und zum einen in einem Raum nur für weibliche Kunden auslägen und zum anderen für Kinder unter zwölf Jahren wohl nicht einzusehen seien. Er verwies darauf, daß in der Muggelwelt sogenannte Supermärkte problemlos Artikel zur Körperpflege für Frauen und zur nicht von deren sog. Heilkundigen zu verschreibenden Mittel zur Empfängnisverhütung präsentiert wurden, worauf Pabblenut der Ansicht war, das dieser Vergleich die Argumentationsschwäche Greenwoods bezeichne. Für sie unglücklicherweise saßen im Gericht eine Muggelstämmige und eine Halbmuggelstämmige, die Greenwoods Begründung nachvollzogen und betonten, daß derartige Produkte ja auch verkauft werden müßten, um die Freiheit der körperlichen Selbstbestimmung und Gesunderhaltung zu sichern, wie ja auch in der Zaubererwelt üblich. Eine vom Gericht vorgenommene Prüfung des Warenangebotes ergab, daß an Feilbietung und Verwendungszweck nichts anrüchiges sei, weil ja sonst jeder Artikel, der das körperliche Wohlbefinden und Erscheinungsbild verbessern würde anrüchig zu nennen sei, also auch jede Seife und jedes Mittel zur Haar- und Bartpflege. Das überzeugte einen mit bemerkenswertem Vollbart verzierten Zauberer im Gericht. Somit wurde dem Antrag auf Verbot der fraglichen Artikel nicht stattgegeben. Darauf folgte gestern noch die Verhandlung über die Ruf- und Geschäftsschädigung. Nach einhellig übereinstimmenden Aussagen der geladenen Zeuginnen und Zeugen haben die Vertreterinnen der Broomswood-Akademie sich sehr anmaßend und abfällig über Betreiber und Kunden des umstrittenen Geschäftes geäußert. Es wurde sogar erwähnt, daß eine der empörten Besucherinnen gegen eine junge Kundin handgreiflich geworden sei. Auf die Frage des Vorsitzenden, den ehrenwerten Richter Chrysostomos Ironside ..." Julius setzte ab und erklärte Camille, daß er den Richter kenne und sich wundere, daß er eine gewöhnliche Verhandlung abhalte. Camille nickte ihm zu und forderte ihn auf, zu Ende zu lesen. ... Auf die Frage des Vorsitzenden, den ehrenwerten Richter Chrysostomos Ironside, warum die bedrängte Kundin sich dann nicht als Zeugin zur Verfügung gestellt habe oder gar Anzeige erstattet habe, wandte Greenwood ein, daß die betreffende Kundin sich im Rahmen erlaubter Selbstverteidigung ohne Zauberstabeinsatz gewehrt und den Angriff damit vereitelt habe und nur zu einem kurzen Besuch in New Orleans gewesen sei. Dabei kam heraus, daß es sich bei der Angegriffenen um Mademoiselle Mildrid Latierre handelte, deren Mutter im hiesigen Zaubereiministerium die Abteilung für magische Spiele und Sportarten leitet. Lesen Sie bitte hierzu einen kurzen Kommentar von Gilbert Latierre auf Seite 5! Nach einer Stunde Beweisaufnahme entschied das Gericht, der Klage Madame Porters stattzugeben. Somit müssen die Gegenbeklagten an Madame Porter den durchschnittlichen Umsatz einer Woche und eintausend Galleonen Entschädigung für die böswilligen Behauptungen bezahlen, das Geschäft vertreibe zur Unzucht verleitende Produkte." Julius pfiff durch die Zähne und schnarrte schadenfroh "Das wird teuer, die Damen." Camille bestand darauf, auch den letzten Teil von ihm vorgelesen zu bekommen. So blätterte er auf die angegebene Seite mit der Fortsetzung und las: "Und als wenn dies nicht schon ein herber Doppelschlag für die selbsternannten Hüterinnen der Hexenmoral wäre, entschied der US-amerikanische Zaubereiminister Cartridge nach Beratung mit dem Leiter der Ausbildungsabteilung, die Zulassung der Broomswood-Akademie im Zuge der bereits einmal erwähnten Schulreform zu widerrufen und sämtliche dort gerade studierenden Junghexen zur weiteren Ausbildung nach Thorntails zu überstellen. "Anstalten, wo Hexen zur zwanghaften Selbsteinschränkung und Angst vor ihrem eigenen Körper erzogen werden, widersprechen dem freiheitlichen Geist der nordamerikanischen Zaubererwelt", so Cartridge auf einer internationalen Pressekonferenz am Nachmittag des 26. Juli. "Da Broomswood eine rein private Lehranstalt war empfehle ich der Ausbildungsabteilung, den Eltern die Differenz für die bereits entrichteten Schulgebühren für das kommende Jahr zurückzuerstatten und das für Thorntails beanspruchte Schulgeld von der Broomswood-Akademie einzufordern.""

"Hoha", bemerkte Camille dazu. Julius grinste unverhohlen. Dann las er noch einen kurzen Artikel über Werdegang und öffentliche Verdienste von Alexandra Gladia Monica Pabblenut vor und lachte, als er las: "Die Beharrlichkeit und für sich und alle in ihrem unmittelbaren Umfeld arbeitenden Hexen verordnete geschlechtliche Enthaltsamkeit haben ihr den nicht ganz schmeichelhaften Beinamen "Die eiserne Jungfrau" eingetragen. Doch anstatt sich über diese Betitelung zu empören sieht es Alexandra Pabblenut offenbar als Auszeichnung an."

"Warum lachst du, Julius?"

"Also ich würde mich entweder Schämen oder drüber aufregen, wenn mich wer nach einem fiesen Folterinstrument benennt", brachte er heraus, als er eine kurze Lachpause einlegen konnte. Camille fragte ihn, was das denn für ein Folterinstrument sei und erfuhr, daß es angeblich im Mittelalter erfunden wurde und wie es aussah, worauf sie wohl allein von der Vorstellung einen schmerzhaften Gesichtsausdruck bekam. Dann gab er ihr die Zeitung wieder. Sie fragte ihn, ob er nicht daran interessiert sei, was Gilbert Latierre geschrieben habe. Er nahm die Zeitung noch einmal und las nach, daß Mildrids Eltern keinen Sinn darin sähen, einen Rechtsstreit mit einer bedauernswerten Hexe vom Zaun zu brechen, da bei der fraglichen Handgreiflichkeit keine Magie verwendet wurde. Außerdem sei die Haltung der Broomswood-Hexen den Latierres hinlänglich bekannt und könne auch durch einen aufwühlenden Gerichtsprozeß nicht verändert werden. Er grinste und bemerkte dazu: "Will heißen, daß Hipp und Millie diese Lady Pabblenut nicht die Zeit wert ist, die dafür aufgebracht werden müßte."

"Nun, sie würde es wohl so sehen. Außerdem ist sie jetzt sehr arm dran. Ihr ganzes Lebenswerk wird soeben zerstört. Ich möchte nicht überlegen, in welcher seelischen Verfassung sie jetzt ist. Ich könnte das wohl nur nachempfinden, wenn jemand herkommt und auf ministerielle Anordnung die grüne Gasse dem Erdboden gleichmacht und von mir noch Geld dafür verlangt, daß das gemacht wird."

"Das mit der Schule hing ja schon lange über dieser Dame. Wahrscheinlich hat der Minister das schon länger vorgehabt, Broomswood zuzumachen. Andererseits gibt es in allen freiheitlichen Ländern Privatschulen, weil Eltern meinen, daß die für ihre Kinder besser sind als große öffentliche Schulen. Das kapiere ich dabei nicht, daß Cartridge einfach so eine Privatschule zumachen kann und sich dabei noch auf freiheitliche Werte berufen kann."

"Das tut er ja deshalb, weil er fürchtet, daß die freiheitlichen Werte in dieser Schule nicht nur nicht beachtet sondern mißachtet werden und die Schüler mehr Schaden nehmen als durch das Lernen gewinnen", legte Camille die Aussage des US-amerikanischen Zaubereiministers aus.

"Seine Frau soll da ja auch gelernt haben", wandte Julius ein. "Könnte sein, daß sie ihm in den Ohren gelegen hat, andere Mädchen vor dieser Furientruppe zu bewahren. Ich habe das ja mitgekriegt, wie aggressiv die drauf sind. Diese Archer hätte Millie ja fast noch einen Zauber übergebraten, wenn ihr nicht zu viele Zauberstäbe entgegengehalten worden wären."

"Von dir auch?" Fragte Camille rein rhetorisch. Julius grinste bestätigend. "Hätte dich auch nicht gerade empfohlen wenn nicht", sagte Camille dazu.

"Julius, hast du schon in die Zeitung schauen dürfen?" Mentiloquierte Millie eine amüsierte Frage. Julius schickte ihr ein unhörbares "Ja, habe ich" zurück. Dann erfuhr er noch, daß er in fünf Minuten abgeholt würde.

Als er nach dem üblichen Frühtraining noch einige Minuten mit seinen rotblonden Verwandten über die Zeitungsmeldungen sprach, meinte Béatrice noch:

"Ich werde mir dieses Geschäft selbst ansehen, wenn ich aus Marokko zurück bin, Leute. Nachher vergeht sich Dione Porter noch gegen die internationalen Statuten für die Herstellung und den Vertrieb von Heilmitteln."

"Tante Trice, das meinst du nicht echt", knurrte Millie.

"Stimmt, Millie. Es gibt in den Staaten genug Heiler, die das prüfen können, wenn sie es nicht schon im Vorfeld geprüft haben." Millie fragte Julius, ob er nachher noch Quidditch spielen wolle. Er bedauerte, daß er keine Zeit dafür habe, da er den Vormittag schon anders verplant habe."

"Ohne mir zu sagen, womit, Monju?" Fragte Millie mißtrauisch.

"Hat sich erst heute morgen ergeben, Millie. Ich hoffe, das dauert nicht zu lang", erwiderte Julius etwas schuldbewußt. Hippolyte sagte dazu:

"Es ist schon richtig, daß sich Eheleute miteinander absprechen sollten, was sie so am Tag tun. Andererseits kannst du es Julius nicht vorwerfen, daß er wo er hier ist die Angebote wahrnimmt, die er in Paris nicht hat oder mit den Leuten weiterverkehrt, die sich auch sehr für seine Entwicklung interessieren. Ich kann Albericus ja auch nicht mit Partnerschaftsringen an mich fesseln oder ihn überall hin begleiten."

"Ich finde halt, daß wir jetzt, wo wir offiziell miteinander leben unsere Ferien miteinander verbringen sollten, wo es geht, Maman", knurrte Millie.

"Eben, wo es geht", erwiderte Julius nun sehr entschlossen, weil ihm Tines Rat wieder eingefallen war, nicht zu unterwürfig aufzutreten. "Und heute vormittag geht es leider nicht."

"Bist du dabei allein oder gehst du zu wem hin?" Forschte Millie weiter. Julius gönnte sich den Scherz und antwortete:

"Ich bin allein, wenn ich zu jemanden hingehe."

"Was soll denn das für 'ne Antwort sein?" Fauchte Millie. Ihre Mutter und ihre Tante Béatrice grinsten über diese Schlagfertige Antwort.

"Das ich zu dieser Sache alleine hinfliegen kann und nicht Seit an Seit apparieren muß", erwiderte Julius. Millie fragte dann noch, zu wem er denn flöge und er sagte es ihr so unverbindlich klingend wie möglich: Madame Faucon."

"Dann pass bloß auf, daß die dich nicht unter den Imperius-Fluch nimmt oder dir einen Vergessenszauber überzieht, um mich aus deinem Kopf rauszuhauen!" Schnarrte Millie. Julius nickte. Hippolyte versank für einige Sekunden in nachdenklicher Ruhe. Dann sagte sie:

"Womöglich will sie sein Versprechen einlösen, daß er ihr gegeben hat, bevor ihr beiden in die Staaten abgereist seit, Millie. Du weißt schon was."

"Ne is' Klar, Maman", grummelte Millie verdrossen. "Er kann jetzt was, was sie noch nie gehört hat. Das darf natürlich nicht so bleiben."

"Millie, ich finde, die hat schon das Recht, das zu wissen und wenn's geht auch zu lernen. Unter Umständen kann sie das euch dann auch in Beauxbatons beibringen. Und wenn das wirklich so wirksame Sachen sind, dann bin ich als deine und Miriams Mutter sehr dafür, wenn ihr das lernen könnt."

"Dann kann er mir das doch auch beibringen", widersprach Millie. Ihre Mutter schüttelte den Kopf und bemerkte dazu:

"Millie, so sehr ich das bedauere, du kannst leider noch nicht so gut zaubern wie Julius. Womöglich will Madame Faucon von ihm lernen, ab wann wer diese Sachen ausführen kann. Außerdem darfst du in den Ferien nur zaubern, wenn du von jemanden offiziell dazu aufgefordert wirst oder in einer Notlage Bist, aus der du nur mit Zauberkraft rauskommst. Also lass deinen Mann bitte klären, ob er der einzige Jungzauberer ist, der solche Sachen machen kann oder ob andere das auch lernen können!"

"Nach der Kiste von gestern abend bin ich da nicht so sicher, ob Kön..., ähm, Madame Faucon wirklich schon klar hat, daß Julius und ich jetzt zusammenleben und in ein paar Jahren auch 'ne eigene Familie haben."

"Sie hat sich bei mir entschuldigt, weil sie fürchtete, ich hätte mir gestern den Schuh angezogen, den sie hingeworfen hat", wandte Julius ein. Millie machte "Häh?!"

"Aschenputtel, Millie. Ein Märchen der Muggel, wo ein armes Mädchen von einer guten Fee schöne Kleidung und Schuhe für einen Ball kriegt und weil sie bis Mitternacht wieder zu Hause sein muß etwas spät losläuft und dabei einen Schuh verliert, mit dem der Königssohn, der sich in sie verliebt hat, sie dann später erkennen kann, weil er nur ihr paßt", erwiderte Hippolyte amüsiert. "Das meint Julius. Madame Faucon könnte gemeint haben, er würde meinen, sie sei auf ihn wütend gewesen, weil er gegen Maman nicht gewonnen hat."

"Die hat doch selbst gegen Oma Line verloren, Maman", grummelte Millie. "Außerdem ging's wohl um die Kiste, die sie sich mit Oma Line geleistet hat."

Julius erkannte, daß er hierzu besser nicht mehr sagen sollte, weil er dann ja hätte zugeben müssen, daß die Verabredung wohl um "diese alte Kiste" gehen würde.

"Ich bring dich zu Camille zurück, damit du gut frühstücken kannst. Sonst meint Madame Faucon noch, du müßtest bei ihr frühstücken. Und da könnte sie dann ja doch dieses oder jenes in den Kaffee oder in die Marmelade tun, Millie."

"Haha, Maman", schnaubte Millie. Julius hielt sich bei seiner Schwiegermutter am Arm fest und durchstieß mit ihr den immer noch alles einquetschenden Tunnel durch Raum und zeit.

"Vielleicht erzählt Madame Faucon dir, was damals passiert ist. Maman wollte es mir und meinen Geschwistern nicht im einzelnen auftischen, was da gelaufen ist, obwohl sie sich dabei ganz unschuldig gefühlt hat", wisperte Hippolyte noch vor dem Haus. "Falls Madame Faucon dir also mehr erzählt und möchte, daß du es für dich behältst, tu ihr den Gefallen! Nachher kriegt Millie noch Ärger mit ihr, weil sie sich respektlos benimmt. Und das würdest du dann auch abkriegen."

"Verstehe, Hippolyte", wisperte Julius zurück. Dann umarmte er seine Schwiegermutter noch einmal, bevor diese alleine disapparierte.

Nach einem reichhaltigen Frühstück mit der bei den Dusoleils üblichen Zeitungsvorleserunde holte Julius seinen Ganymed 10 aus dem Zimmer und flog kurz vor zehn Uhr zum Haus Madame Faucons.

"Es ließ sich nicht vermeiden, daß meine Frau erfuhr, daß ich zu Ihnen komme, weil sie gerne Quidditch mit mir trainiert hätte", sprach Julius nach der Begrüßung.

"Soso, Quidditch", knurrte Madame Faucon. Doch dann atmete sie tief durch und sagte: "Natürlich nimmt sie ganz ihr Erbe alle Möglichkeiten wahr, die sich aus eurer vorzeitigen Verheiratung ergeben, auch die Beherrschung dieses fabulösen Doppelachsenmanövers. Na ja, damit wirst du dich mit deinen Mannschaftskollegen und im Spiel gegen Mildrids Mannschaft befassen müssen. Hast du deinen gesetzlich angetrauten Verwandten eröffnet, weshalb ich dich ihnen für diesen Vormittag vorenthalten wollte?"

"Weil Sie von mir über die Sachen was wissen wollen, die ich bei diesem Ausflug gelernt habe, auf den Sie mich geschickt haben", erwiderte Julius. Die Erfahrung lehrte ihn, nicht ohne Klangkerker um sich herum auszusprechen, was er in Khalakatan erlebt hatte. Madame Faucon nickte jedoch erkennend und führte Julius in ihr Arbeitszimmer. Dieses war wie das ihrer Tochter Catherine ein dauerhafter Klangkerker. Julius starrte wie elektrisiert auf den großen, flachen Gegenstand auf dem freigeräumten Schreibtisch. Es war ein steinernes Gefäß, wie eine Schale, an deren Rand mehrere ineinanderverschnörkelte Runen eingeschrieben waren. Doch am seltsamsten war das, was sich in dem Gefäß befand. Es sah aus wie eine aus sich selbst leuchtende, silbrig-weiße Substanz, die weder flüssig noch gasförmig zu sein schien. Es wirkte wie in halbflüchtigen Zustand umgewandeltes Mondlicht. Der schimmernde Stoff bewegte sich ohne äußere Einwirkung in sachten Strömen und Spiralen. Er kannte dieses hochpotente Gefäß von seiner kurzen Zeit in Belle Grandchapeaus Klasse und dem Schnellkurs in höherer Fluchabwehr und wirksamen Duellzaubern vor seinem allerersten Ausflug in die magische Bilderwelt.

"Sie haben ein eigenes Denkarium?" Fragte er erstaunt und deutete auf das steinerne Becken, in dem sich feinstofflich konzentrierte Erinnerungen und Gedanken von wem auch immer befanden.

"Seitdem ich in die obersten Ränge der Liga gegen die dunklen Künste aufgestiegen bin, Julius. Es ist schon sehr erleichternd, die eigenen Gedanken auslagern und nach gewisser Zeit geordnet betrachten zu können", sagte Madame Faucon. "Allerdings habe ich, wie du dir denken kannst, meine in das Denkarium übertragenen Erinnerungen kopiert, so daß ich mir aller erlebten Einzelheiten noch bewußt werden kann. Meine schönsten, traurigsten, schlimmsten und wichtigsten Erlebnisse habe ich dort konzentriert. Damit sind wir auch schon bei dem, was ich dir offenbaren möchte, weil ich finde, daß du zumindest meine erlebte Sicht der Ereignisse von damals erfahren sollst, um nicht ständig daran zu denken, meine Verärgerung über Ursuline Latierre und ihre Verwandtschaft richte sich auch gegen dich. Abgesehen davon sollte ich es vielleicht doch bedenken, daß Ursuline trotz allem keine echte Feindin im Sinne von mein Leben oder meine Existenz bedrohende Gegenspielerin ist."

"Werden Sie mir dieses Erlebnis aus dem Denkarium direkt in meine Erinnerungen übertragen, wie Sie das mit den stärkeren Flüchen damals gemacht haben?" Fragte Julius.

"Nein, in diesem Fall werden wir eine andere Verwendungsart des Denkariums nutzen, nämlich das direkte Eintauchen in darin gesammelten, zusammenhängenden Erinnerungen. Dabei können wir beide meine Erlebnisse von damals gemeinsam nachempfinden, ähnlich wie du es in dieser Stadt bei den feinstofflichen Daseinsformen dieser alten Magi erfahren hast."

"Dann können Sie machen, daß ich wie ein für die anderen unsichtbarer Zuschauer mitten im Geschehen mitkriege, was Sie erlebt haben?" Fragte Julius.

"Das kann im Grunde jeder, der ein Denkarium vor sich hat, Julius. Wir beide müssen nur unsere Köpfe in das Gefäß eintauchen, um die von mir hervorgehobenen Erinnerungen mit unserem Geist zu berühren, sie darin aufquellen zu lassen und so nacherleben, was sie erzeugt hat. Dir ist ja klar, daß ich dir einen sehr persönlichen Einblick in eines meiner gravierendsten Erlebnisse gestatte." Julius nickte bestätigend. "Dies tue ich, weil ich mir sehr sicher bin, daß du das, was du dabei erfährst, nicht gegen mich verwenden wirst. Zumindest jedoch wirst du mich danach vielleicht anders wahrnehmen, bestenfalls besser verstehen."

"Sie müssen das nicht tun, Madame", gab Julius ihr Gelegenheit, ihr Vorhaben zu überdenken.

"Das habe ich auch zuerst gedacht. Aber dann ist mir klargeworden, daß wenn ich mir absolut sicher bin, daß unsere Beziehung durch Unkenntnis stärker belastet wird als durch die vollständige Preisgabe gewisser Dinge, ich dir offenbaren muß, was mir damals passiert ist. Bevor du einwerfen magst, daß Catherine wohl eher ein Recht hätte, dies zu wissen: Sie weiß was mich umtreibt. Als sie erwachsen war habe ich sie auf diese Reise in meine Erinnerungen genommen, weil sie anfing, sich mit Hippolyte Latierre besser anzunähern und wie du fand, ich wäre ausschließlich auf sie wütend. Du bekommst also nichts, was ich meiner Tochter vorenthalten würde, Julius. Wie erwähnt muß ich sogar davon ausgehen, daß Ursuline Latierre dir irgendwann ihre Version der Ereignisse berichtet. Das könnte dich darauf bringen, deine gesellschaftliche Beziehung zu mir anzuzweifeln oder gegen sie selbst und damit deine neue Familie voreingenommen zu sein. Auch wenn es mir bisher nicht gerade behagt, wie sich dein Leben entwickelt hat muß ich doch damit leben, daß du mit Mildrid zusammengekommen bist. Und jetzt möchte ich keine weitere Zeit vertrödeln." Sie zog ihren Zauberstab und rührte damit in der halbstofflichen Masse aus silberweißem Etwas. Dann nickte sie Julius zu und gebot ihm, einfach seinen Kopf in das Denkarium einzutauchen. Der Übergang würde völlig schmerzlos verlaufen. Sie knieten sich beide vor dem Denkarium nieder und senkten ihre Köpfe. Dabei lagen sie fast Wange an Wange, so daß Julius Madame Faucons Wärmeausstrahlung fühlen und ihren Atem hören konnte. Dann füllte erst das silberweiße Leuchten sein Gesichtsfeld aus, bevor er wie durch einen schwarzen Schacht zu stürzen meinte, bevor er ohne Aufprall mitten in einem Korridor wieder auftauchte. Er stand sicher und blickte sich um. Diesen Gang kannte er. Das war der Weg zum Speisesaal von Beauxbatons. Und fünf Meter vor ihm ging eine junge Hexe im blaßblauen Beauxbatons-Schulmädchenkostüm. Die Schülerin mochte gerade sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein, besaß pechschwarzes Haar, das sie auf Nackenhöhe mit einer unauffälligen Spange zusammengebunden hatte und wirkte sehr entschlossen. Julius vermeinte, Catherine in jungen Jahren zu sehen. Doch wenn das eine Erinnerung Madame Faucons war, konnte ja nur sie es sein. Hinter ihm stand, aufrecht und ebenfalls entschlossen dreinschauend, die ihm vertraute, über sechzig Jahre zählende Madame Faucon. Ihr vergangenes Ich schritt davon.

"Wir müssen mir folgen", sagte Madame Faucon. Ihre Stimme hallte von den Wänden wider wie in diesem Korridor üblich. Julius fragte sie leicht verunsichert, ob man sie hören könne. Sie verzog nur das Gesicht. Da zog er die Frage zurück. Sie befanden sich nicht wirklich hier. Es war wie die Zeitreise mit Kantoran, dem Altmeister Altaxarrois, wo ganze Elefanten ohne ihn zu bemerken und zu behelligen durch ihn durchgelaufen waren und er mitten in einem ausbrechenden Vulkankrater gestanden hatte, ohne von der herausschießenden Glut eingeäschert zu werden. Dennoch hatte er das Gefühl des Festen Bodens unter den Füßen und hörte den Widerhall seiner eigenen Schritte. Ja, er roch sogar den Hauch von altem Mauerwerk und Putzmittel, der Beauxbatons wie ein Parfüm erfüllte. Er fragte neugierig, ob sie den Sichtkontakt zu Madame Faucons früherem Ich verlieren könnten oder automatisch in ihrer Nähe blieben.

"Wenn wir weiter fort sind, als ich damals sehen konnte oder du mein junges Ich nicht mehr siehst, endet diese Erinnerung, Julius. Dann würdest du in die damit verknüpfte Folgeerinnerung überwechseln, ohne die gespeicherten Erlebnisse vollständig nachempfunden zu haben", erläuterte Madame Faucon die Eigenschaften dieser Art von Zeitreise. So blieben sie der jungen Blanche auf den Fersen, die damals noch ihren Mädchennamen Rocher getragen hatte. Es ging aber nicht in den Speisesaal, sondern in Richtung Bibliothek. Julius fragte, in welcher Klasse Madame Faucon damals war. Drei Mitschüler liefen ihnen über den Weg, die teils respektvoll, teils verhalten grinsend grüßten. Warum die junge Blanche so respektiert wurde erkannte Julius, als sie nach links abbog und er auf ihrer blaßblauen Bluse eine goldene Brosche erkennen konnte. Natürlich hatte er immer schon vermutet, daß seine Hauslehrerin mindestens stellvertretende Saalsprecherin gewesen war. Aber daß sie hauptamtliche Saalsprecherin war beeindruckte ihn doch ein wenig. Dann dachte er daran, daß das hier kein Ausflug war, bei dem Madame Faucon ihn noch mehr von sich beeindrucken wollte als früher. Doch warum hatte sie ihn nicht gleich in die entscheidende Erinnerung eintauchen lassen? Mußte er sich diesen ganzen Rundumfilm vom Anfang ansehen? Diese Frage wollte er gerade stellen, als jemand aus dem letzten Quergang vor der Schulbücherei auftauchte. Es war eine junge, sehr hoch gewachsene Hexe mit rotblonden, frei ihren Oberkörper umspielenden Haaren, die eine silberne Brosche trug, auf der Julius "Stellvertretende Sprecherin Saal Rot Melle. Ursuline Latierre" lesen konnte. Also waren sie offenbar an der richtigen Stelle in die Erinnerung eingetaucht. Julius schauderte etwas, wie sehr Ursuline ihrer Enkeltochter Martine glich und erinnerte sich daran, wie er durch die von ihr auf ihn übertragene Lebenskraftanreicherung und eine leicht verärgerte Sandra Montferre für einige Minuten genau dieses Aussehen angenommen hatte. Ja, so hatte Ursuline also wirklich ausgesehen. Jetzt verstand er auch, wie heftig es Madame Faucon erwischt haben mußte, das jüngere Ich Ursulines leibhaftig wiederzusehen. Er war froh, doch noch er selbst geworden zu sein und nicht als verspäteter Zwilling Ursulines weiterleben zu müssen.

"Hallo Blanche, wieder durch Bücher wühlen?" Begrüßte Line Latierre sie. Die junge Blanche antwortete mit einer glockenreinen, aber sehr pickiert klingenden Stimme:

"Ich habe dieses Jahr noch die UTZ-Prüfungen vor mir. Etwas, womit du dich ja erst im nächsten Jahr ernsthaft zu beschäftigen meinst, Ursuline."

"Die Gnade der späten Geburt, Blanche. Aber muß das jetzt echt sein, daß du kurz vor Weihnachten in der Bib untertauchst, wo ich von den anderen gehört habe, daß sie vor der Heimreise noch einen Tanzabend machen wollen. Monsieur Maindure wird ja erst nach Weihnachten zurückkommen."

"Klar, wenn die Katze aus dem Haus ist, Ursuline", knurrte die Schülerin Blanche. "Aber du bildest dir wohl ein, daß nur weil Professeur Tourrecandide wegen der Unterrichtsvor- und Nachbereitung nicht immer aufpassen kann alle Anstandsregeln vergessen werden. Gerade wo du die Silberbrosche trägst solltest du das nicht mal denken, Ursuline."

"Oh, was haben wir wieder für unreine Hintergedanken, Blanche?"

"Nur die, daß du unreine Hintergedanken hast, Ursuline. Oder stimmen die Gerüchte etwaa nicht, daß du deine Saalmitbewohner zu einem Wettbewerb angestachelt hast, wem es gelingt, deine Unschuld zu nehmen?"

"Wenn dann ganz bestimmt nicht hier, wo die so hinter her sind, daß Mädchen hier auch Mädchen bleiben", lachte Ursuline.

"So'n Pech aber auch", feixte Blanche. "So wie du rumstromerst wundere ich mich, daß du noch kein Kind im Bauch hast."

"Glaub's mir, Blanche, wenn diese komischen Regeln hier nicht wären hätte ich schon längst wen zu mir reingelassen."

"Du redest vulgär", naserümpfte Blanche.

Und du spiel dich nicht auf, als wärest du so'n Eisblock, an den sich bloß keiner rantrauen darf. Ich habe es durchaus mitbekommen, wie du Roland, Fabian und Pierre doch mal das eine oder andere warme Lächeln zugedacht hast. Da unten drin ist schon angeheizt worden, Blanche." Ursuline deutete dreist auf die untere Körperhälfte ihrer Mitschülerin. Die Junge Blanche verzog ihr Gesicht. Sie besaß die gleichen saphirblauen Augen, die Catherine von ihr geerbt hatte. Und darin glomm bereits jene durchdringende Strenge, für die sie Jahrzehnte später bei ganzen Schülergenerationen gefürchtet sein würde. "Glotz mich nicht so anmaßend maßregelnd an, Blanche. Oder willst du mir strafpunkte geben?"

"Ich nicht, aber Professeur Fixus könnte das", drohte Blanche.

"Nur weil ich dir gesagt habe, daß du dich auch zur erwachsenen Frau entwickelst, Blanche? Das meinst du nicht echt."

"Nicht deshalb, sondern weil du meinst, daraus einen Vorwand ableiten zu können, deinem Körper mehr Freiheiten einzuräumen. Hast du es vielleicht schon getan?"

"Soll ich dich dasselbe fragen, Blanche?" Erwiderte Ursuline keck. Du würdest sagen, daß mich das nix anginge, solange du nicht mit einem meiner Brüder zusammenfindest."

"Ich ziehe die Frage zurück", schnaubte Blanche. "Warum soll ich mich mit dir abgeben. Für dich ist Laura zuständig."

"Die hat nur gesagt, daß ich nicht ihren Typen mehr als nett begrüßen darf", erwiderte Ursuline. "Pummelchen will den nämlich auf den Besen heben."

"Findet sie das gut, wie du über ihre Korpulenz lästerst?"

"Sie meinte, daß sie ist was sie ißt und bisher kein Problem damit hat und für Jules eben auch schön warm und weich sein möchte, wenn sie beide du-weißt-schon-was tun wollen."

"Ihr wart und seid ein schoßlastiges Pack", knurrte Blanche.

"Ach neh, und du bestehst nur aus einem Kopf, wie?" Fragte Ursuline und langte Blanche unverfroren an die linke Brust und unter den Bauchnabel, worauf Blanche angewidert zurücksprang und wutrot anlief. Julius mußte noch über die französische Version seines Vornamens nachdenken. Deshalb bekam er nicht so richtig mit, wie Ursuline lachte und sagte:

"Ich sag's ja, bei dir unten drin wird schon angeheizt. Glaub's mir, Blanche, daß du dich nicht lange hinter den ganzen Büchern verstecken kannst. Ich würde mir an deiner Stelle bald wen zum Kuscheln suchen, wenn du nicht dem erstbesten Typen um den Hals fallen willst, daß er dich ganz privat besucht. Viel Spaß mit den alten Schmökern, Blanche!"

"Ich halte dich nicht auf, Ursuline. Wenn du es so eilig hast, riskier ruhig den Rauswurf, weil du meinst, deiner Mutter statt guter UTZs ein Baby auf den Tisch legen zu müssen."

"Ich sag's dir, Blanche. Du bestehst nicht nur aus deinem Kopf. Dann wär'st du ja'n Tintenfisch."

"Das ich dir nicht gleich ein paar Tentakel anhexe", schnaubte Blanche und tastete nach einer länglichen Ausbuchtung in ihrem Seidenrock.

"Das habe ich gerne, keine Wahrheit vertragen und dem, der sie ausspricht mit Flüchen drohen", schnarrte Ursuline kampfeslustig und griff ebenfalls nach ihrem Zauberstab. Doch sie zog ihn nicht blank, um Blanche keinen Vorwand für einen Präventivschlag zu bieten.

"Mir steht das Recht zu, undisziplinierte Schüler für gewisse Zeit in niedere Lebensformen zu verwandeln. Bei dir wäre ein Kaninchen wohl angemessen."

"Mir steht das auch frei, Blanche", knurrte Line nun sehr drohend. "Bilde dir nix auf die Supernote bei Énas ein. Ich bin auch gut in Verwandlung. Kriegst du nur nicht mit, weil du eben schon im siebten Jahr bist."

"Aber in Flüchen bin ich dir allemal über", schnaubte Blanche nun sehr bedrohlich wie ein Drache kurz vor dem Feuerspeien.

"Oh, wenn du findest, ich liefe vielleicht schon mit wem ganz kleinem unterm Rock rum solltest du das besser nicht probieren, wegen Mutterschutz und so. Hat Laura zumindest erzählt, und die ist ja eine von den Silberbandträgerinnen."

"Hat mir Yvonne auch erzählt", schnarrte Blanche und ließ den gerade freigezogenen Zauberstab wieder sinken. Ursuline grinste sie herausfordernd an.

"Du glaubst also echt, ich hätte mir schon wen zustecken lassen", gab sie in überlegener Pose zur Antwort und wippte mit ihrem Unterleib, der noch straff und flach war und weit weg von der sehr runden Form, die Julius von der heutigen Ursuline kannte.

"Ich riskiere es besser nicht. Nachher fliegen wir beide ohne Besen, weil ich dich, wo du dich zur Mutter hast machen lassen, attackiert habe. Aber ich habe schon genug Zeit mit dem sinnlosen Geplänkel vertan", fauchte Blanche. "Wenn du nichts in der Bibliothek zu tun hast, was ich schon bemerkenswert fände, dann geh deiner Wege!"

"Wie heißt das, Blanche?"

"Gehen Sie gefälligst Ihrer Wege, Mademoiselle Latierre!"

"Das Wort heißt zwar "Bitte", aber ich will mal nicht so sein. Bis dann in der Zaku-AG!"

"Wenn es sich nicht vermeiden läßt", knurrte Blanche und ging weiter. Ursuline blickte ihr spöttisch nach. Sie hatte dieselben rehbraunen Augen wie alle ihre Töchter und Enkeltöchter. Julius wagte es, seine Hand nach der linken Schulter der athletischen Junghexe auszustrecken, deren frei und luftig herabwallendes Haar sie sehr anziehend machte. Seine Hand glitt ohne auf Widerstand zu treffen durch die Schulter hindurch. Madame Faucon hinter ihm räusperte sich mißbilligend. Doch dann sagte sie ohne Arg, gehört zu werden:

"Du siehst, daß die hier agierenden Personen durch nichts von uns Notiz nehmen können. Folgen wir meinem jugendlichen Ich!"

Julius fragte sich, was sie in der Bibliothek anderes zu sehen bekamen als eine Bücher wälzende Blanche. Doch diese betrat die Bücherei, und hörte wie die Besucher ihrer Erinnerung das leise gemurmel ihrer Mitschülerinnen. Ein spindeldürrer, betagter Zauberer war gerade dabei, die jungen Mädchen zu ermahnen, leise zu sein. Blanche rümpfte die Nase. Julius sah sich um, ob er vielleicht wen erkannte, dem er im echten Leben bereits begegnet war.

"Das waren die Collinebleu-Schwestern. alle drei im Blauen Saal, wo sie hingehörten", erläuterte Madame Faucon. "Ich verstehe es bis heute nicht, wie meine Schwester deren Schwager heiraten konnte." Jetzt erkannte Julius eines der jungen Mädchen. So sah Nicole L'eauvite aus, die seinen Saalkameraden Yves auf den Besen gehoben hatte und im letzten Jahr Saalsprecherin der Blauen gewesen war. War das Nicoles Mutter oder Tante, die er da jetzt sah? War ja eh egal, weil er nicht mit ihr reden konnte und sie für den Fortgang dieser Geschichte wohl nicht so wichtig sein mochte.

"Entweder mäßigen Sie sich oder verlassen die Bibliothek!" Schnarrte der alte Zauberer mit ziemlich kratziger Stimme. Die drei Schwestern, die wohl so im Abstand von zwei Jahren zur Welt gekommen sein mochten, kicherten albern. Die älteste machte jedoch Pssst und deutete auf den Stapel Bücher, den die drei sich wohl zusammengeklaubt hatten. Dann gebot sie, besser aus der Bibliothek rauszugehen. Ihre jüngeren Schwestern nahmen die Bücher und folgten ihr leise kichernd. Dabei liefen sie Blanche fast über den Haufen und gingen schnurstracks auf Julius zu, der zusammenzuckte, weil die älteste genau auf seiner Linie lief. Dann dachte er, daß es ja völlig egal war, ob er auswich oder nicht und streckte sich unerschütterlich wirkend und nahm es hin, daß sie einfach durch ihn hindurchmarschierte wie durch Luft, ohne daß er es fühlte, geschweige denn sie. Madame Faucon ergriff ihn von hinten und wollte ihn zurückziehen, als das Mädchen, das wie Nicole L'eauvite aussah, durch sie hindurchging. Sie schüttelte sich, als habe sie ein Geist angefaßt. Doch das war wohl keine empfindungsmäßige Regung.

"Dir macht das offenbar Spaß", zischte sie Julius vorwurfsvoll zu. "Denkst dir womöglich, wir würden mich sogar in die Waschräume für Hexen begleiten, oder?"

"Nur, wenn Sie das so vorbereitet haben, Madame", sagte Julius. "Abgesehen davon muß ich Ihrem jüngeren Ich ja auf den Fersen bleiben. War das Nicole L'eauvites Großmutter?

"Ja, war sie", knurrte Madame Faucon. "Allerdings wird sie meinen Schwippschwager erst in drei Jahren von diesem Zeitpunkt an auf den Besen heben. Ich war bei ihrer Hochzeit dabei, weil ich über Madeleine zu ihrer Verwandtschaft gehöre."

"Oh, das wußte ich nicht", sagte Julius.

"Ich habe noch keinem erlaubt, meine verwandtschaftlichen Beziehungen in allen Details zu veröffentlichen. Die die es betrifft wissen es so auch." Julius verstand, daß er dieses Thema besser auf sich beruhen lassen sollte. Er konzentrierte sich wieder auf die Schülerin Blanche, die gerade bei dem betagten Zauberer stand und ihn nach bestimmten Büchern fragte. Verärgert machte sie dann kehrt.

"Von mir läßt du dich jetzt nicht durchqueren", knurrte Madame Faucon und zog Julius zur Seite. Sie war für ihn vollkommen greifbar, stellte er spät doch rechtzeitig fest. Das lag wohl daran, daß sie beide derselben Zeit entstammten.

"Die blöden Gänse", hörte er Blanche leise fluchen. "Ausgerechnet Pastorius Pentagon."

"Oh, die haben ein Buch ausgeliehen, daß Sie sich besorgen wollten?" Fragte Julius.

"Eines der fünf weltweit existierenden Exemplare über antike Ritualzauber und Metamorphosen", erläuterte Madame Faucon. "Spielt für den Fortgang dieser Ereignisse nur die untergeordnete Rolle, daß ich damals unverrichteter Dinge die Bibliothek verließ." Sie machte kehrt und folgte ihrer jugendlichen Ausgabe. Julius ging ihr nach und sah Blanche schnell in Richtung der sternförmigen Halle Laufen, von der aus alle Säle in Beauxbatons anzusteuern waren. Dabei lief sie einer ziemlich runden Hexe über den Weg, die von Ursuline, die sie hoch überragte, begleitet wurde. Die korpulente Schülerin trug die goldene Saalsprecherbrosche und hieß dieser nach Laura Poissonier. Ihre Augen sahen so aus wie die von César Rocher. Da fragte sich Julius, ob Blanche mit dieser Hexe verwandt war. Doch die unterkühlte Antwort eben hatte ihn gelehrt, nicht wegen der Verwandtschaftlichen Beziehungen hier in Madame Faucons erstem UTZ-Halbjahr herumzuspazieren.

"Hallo, Blanche", grüßte Laura die strebsame Schülerin. "Warst aber schnell durch mit der Bib."

"Hallo Laura. Hatte Pech, weil die blöden Gänse aus dem Collinebleu-Stall sich ausgerechnet das Buch geborgt haben, daß ich für meinen Aufsatz brauche. Jetzt schreibe ich halt erst die Erörterung für Énas, bevor ich über den braunen Basilisken von Byzanz nachrecherchieren kann."

"Du überarbeitest dich noch, zukünftige Cousine. Will mein zukünftiger Onkel, daß du ihm die UTZs schon zu Weihnachten ablieferst?"

"Zum einen sind wir noch lange keine Cousinen", knurrte Blanche. "Zum anderen läßt du meinen Vater bitte aus dem Spiel. Der hat schon genug um die Ohren." Damit war für Julius die Frage nach der Verwandtschaft geklärt.

"Denkst du, mir ging das quer am Hintern vorbei, daß deine Oma Claudine von diesem Vieh gefressen wurde?" Schnaubte Laura. "Jules ist wegen dieser Sache auch ganz traurig. War ja auch seine Oma."

"Nicht vor der da", schnarrte Blanche und deutete auf Ursuline. Diese sah sie verärgert an und knurrte:

"Ey, was heißt hier "nicht vor der da!"?"

"Das ich unsere Familienangelegenheiten nicht bespreche, während umtriebiges Pack wie du hier herumläuft", erwiderte Blanche sehr biestig. Madame Faucon seufzte hörbar. Julius vermutete sehr stark, daß gleich die wirklich entscheidende Stelle in diesem Gedankenfilm kommen mußte.

"Blanche, bei allem Verständnis für eure Trauer, bringt es das nicht, sich kratzbürstig aufzuführen. Oder meinst du, damit ziehst du dir 'nen tollen Zauberer an Land?" Entgegnete Laura Poissonier. "Bitte entschuldige dich bei Ursuline!"

"Du kannst mich nicht dazu zwingen, Laura. ich bin Saalsprecherin, genau wie du."

"Nur, daß ich weiß, daß ich auch eine Frau bin und nicht nur eine Bücherhexe. Also entschuldige dich bitte bei Ursuline!"

"Wie gesagt, Laura, du hast keine Handhabe, mir das aufzuzwingen. Es sei denn, du riskierst den Imperius-fluch. Aber das könnte dir sehr übel bekommen. Abgesehen davon habe ich es nicht nötig, jetzt auf Gedeih und Verderb irgendwelchen Zauberern nachzulaufen. Du magst meinen Cousin ja auf deinen Besen holen und dann, so das Schicksal das nicht anders regelt, mit ihm intim werden ..", begann Blanche eine Tirade. Doch Laura und Ursuline lachten lauthals.

"Blanche, hör bitte auf, so akademisch daherzureden. Du bist zu oft bei der Tourrecandide", knurrte Laura.

"Auch für dich immer noch Professeur Tourrecandide, Laura", schnarrte Blanche wild entschlossen. Ihre Wangen begannen in sachtem Rotton zu glühen. Offenbar fuhren ihre Hormone gerade mit ihr Achterbahn, dachte Julius. Selbes konnte dann erst recht für Ursuline gelten.

"Also, du gönnst es mir, das dein Cousin den kleinen Jules in Lauras ganz privater Bude durchputzen läßt. Danke für deinen Segen", erwiderte Laura. Dann sagte sie noch: "Nur, damit du nicht beim nächsten Saalsprecher-Treffen meinst, ich würde die Lehrer hier nicht respektieren, Blanche. Ja, es ist Professeur Tourrecandide."

"Und die Entschuldigung für das Pack will ich immer noch, Blanche. Meine Muttr hält viel von unserer Familienehre, und nachdem Papa wie deine Oma Claudine nicht mehr da ist sehe ich nicht ein, warum du mehr trauern dürfen sollst als ich. Abgesehen davon hab' ich dir gerade erzählt, daß du auch schon bald auf wen scharf wirst, Blanche. Da kannst du dich noch so sehr hinter deinen Büchern verbuddeln."

"Ich bleibe dabei, daß du bestimmt eher mit einem unehelichen Kind aus Beauxbatons entlassen wirst, als ich deine Auffassung von Betätigung wertschätzen werde." Wieder seufzte Madame Faucon. Julius wandte sich um. Doch seine Wegführerin deutete nach vorne, daß dort die wirklich interessante Handlung stattfand.

"Wer sagt mir denn, daß du dich nicht schon heimlich hast durchwalken lassen, Blanche?" Fragte Ursuline sehr direkt und herausfordernd. Blanche errötete nun vollständig, wohl aus Scham und aus Wut zugleich. Sie machte Anstalten, nach ihrem Zauberstab zu greifen. Doch Laura hielt sie am rechten Arm und zischte ihr was zu, das Julius aus drei Metern Entfernung nicht verstehen konnte. Er ging deshalb näher heran. Doch da rief Blanche:

"Ich bin nicht so eine wie du, Ursuline! Ich werde erst dann einen Mann bei mir liegen lassen, wenn ich mein Leben sicher geplant habe und den Mann vorher geheiratet habe, wie meine Mutter das getan hat und wie meine Großmutter Claudine es getan hat!"

"Das glaube ich dir nicht, Blanche", schnarrte Ursuline. Laura sah beide stumm an. Offenbar wußte sie nicht, für wen sie jetzt Partei ergreifen sollte. "Du bist zu neugierig. Das seid ihr Grünen doch alle. Du würdest bestimmt nicht warten, bis so'n Zeremonienmagier die goldenen Funken über euch versprüht hat, bevor du nicht die wichtigste Erfahrung einer erwachsenen Hexe machen wolltest. Du lügst dir was vor, Blanche. Das wird sich ziemlich übel rächen."

"Von dir lasse ich mir doch nicht so kommen, Ursuline. Ihr Latierres seid so gestrickt. Deine Mutter lief wohl schon mit dir schwanger, als sie deinen Vater geheiratet hat, gerade so noch nach dem Abschluß, wie?" Madame Faucon seufzte wieder.

"Ja, stimmt, durch die Nabelschnur hat die Hochzeitstorte super geschmeckt", feixte Ursuline. "Mann, Blanche, du bist vor lauter Trauer und deiner achso tollen Herkunft her so verbohrt. Als wenn meine Mutter es nötig hatte, den Zauberer zu heiraten, der ihr ein Kind macht, wenn sie den nicht auch richtig geliebt hätte. Also dafür hätte Maman dich jetzt in einen großen Wassertrog verwandelt und unsere Kühe aus dir saufen lassen. Aber ich bleibe dabei, Blanche, daß du schon bald wen so toll findest, daß du das, was du Unschuld nennst, für ihn hergibst."

"Ich denke, bevor das passiert hast du schon das zweite Kind unterm Herzen, Ursuline. Wollen wir wetten, daß ich länger durchhalte als du?"

"O du willst mit mir wetten, daß du deinen Schoß besser unterdrücken kannst als ich, Blanche?" Flötete Ursuline. "Du meinst, ich hätte es schon getan oder stünde dicht davor, es zu tun, daß du als strahlende Siegerin hervorgehst? Wenn du meinst, du hättest das schon sicher ... Aber dann sollten wir den Einsatz klären und vor allem, wir sollten uns gegenseitig überprüfen, ob wir beide noch unangeknackst sind, V. I. positiv, wie Laura das wohl nennen würde."

"Nicht hier in der Halle, du umtriebiges Luder", schnarrte Blanche.

"Blanche, nichts für ungut, aber sowas solltest du besser lassen", sagte Laura sehr eindringlich.

"Ach ja, Laura? Wieso?" Entgegnete Blanche schnippisch und funkelte die beiden Mädchen aus dem roten Saal saphirblau an. "Ihr denkt doch hauptsächlich mit euren Unterleibsorganen, weil die stärker durchblutet sind als eure Gehirne. Das unterscheidet euch von mir und Leuten wie Didier. Deshalb kann ich mir das leisten, mit dir zu wetten, Ursuline."

"Wenn du es so willst, Blanche. Dann sollten wir uns zeigen, daß wir noch nicht innig besucht wurden", knurrte Ursuline. Laura, der die Bemerkung über die unterschiedliche Durchblutung offenbar ziemlich übel aufgestoßen war, nickte Ursuline nun beipflichtend zu. Julius dachte, daß das nicht gerade intelligent gewesen war, was die junge Blanche da angestoßen hatte. Diese tönte gerade sehr siegessicher:

"So sei es, Ursuline. Ich glaube es nämlich erst, wenn ich sehe, daß du noch unberührt bist."

"Ach du dicke Latierre-Kuh! Wie das klingt", spottete Ursuline. "Dann klären wir das ab!" Laura nickte ihr beipflichtend zu. Dann winkte sie den beiden Kontrahenttinnen, ihr ins Bad für Saalsprecherinnen zu folgen. Julius blickte sich rasch nach Madame Faucon um, die sehr verkniffen dreinschaute und ihn dann anstupste, den drei Mädchen nachzugehen.

Es ging aus der sternförmigen Halle hinaus, durch mehrere Kalendergänge, woran Julius den Wochentag erkennen konnte und dann in einen Trakt, den er bisher nur zweimal betreten hatte, als er im Zuge der Pflegehelferorientierung mit Jeanne Dusoleil dort aus einer Wand gekommen war und sich den Weg dann noch einmal vorgestellt hatte. Vor einem glatten Stück Mauer blieben die drei stehen. Laura trat vor und drückte die goldene Brosche an die Wand. Leise knirschend tat sich ein Spalt auf, der sich innerhalb von drei Sekunden zu einem Durchgang verbreitete, durch den zwei durchschnittlich gebaute Menschen hindurchpaßten. Laura mußte sich etwas durchquetschen, während Ursuline den Kopf einzog, um nicht an die obere Kante des Durchlasses zu stoßen. Julius beobachtete den Vorgang mit großem Interesse. Womöglich lief das bei den männlichen Broschenträgern ähnlich ab. Dann wurde er von hinten angestupst und stolperte fast durch den Zugang, gefolgt von Madame Faucon, die bereits von den sich schließenden Mauerstücken durchdrungen wurde und wie ein alle Farben behaltendes Gespenst aus der Wand heraustrat.

Sie standen in einem großen Saal, dessen Boden und Wände mit meergrünen und himmelblauen Fliesen und Kacheln ausgekleidet waren. Im Zentrum lag ein meergrünes, ovales Becken, so groß wie das Schwimmbecken im Garten seines Onkels Claude. Im Moment befand sich kein Wasser in dem Becken. Doch das brauchten die drei Hexen nicht. Laura postierte die beiden jungen Streithexen einander gegenüber und forderte: "Dann zeigt euch mal, wie es bei euch unterm Rock aussieht!" Ursuline zog entschlossen an ihrem Rock und streifte mit einer aufreizenden Bewegung ihren Unterrock ab. Blanche zögerte einen Moment. Doch dann ließ auch sie ihre Beinkleider fallen. Julius wandte sich schnell um, als er für einen Sekundenbruchteil Ursulines nackten Unterleib gesehen hatte. Madame Faucon sah ihn erst tadelnd, dann anerkennend an. Nach zwanzig Sekunden sagte Laura: "Also die Grundbedingung ist bei euch beiden gegeben." Ihre Stimme hallte weit wie in einer Kathedrale. Er hörte das Rascheln von bewegter Seide, wartete noch einige Momente, bis Madame Faucon ihm zunickte und er sich wieder dem Geschehen zuwandte.

"Gut, dann klären wir den Einsatz", fuhr Ursuline mit lange nachhallender Stimme fort. Blanche bestätigte das mit einem entschlossenen Nicken:

"Laura, du bist unsere Zeugin", sagte sie. "Ich wette mit Ursuline Latierre, daß sie es nicht schafft, einen Zauberer hier oder außerhalb von Beauxbatons zurückzuweisen und sich von allen körperlichen Vergnügungen fernzuhalten, bis ich verheiratet bin."

"Gut, und ich wette, daß du, Blanche Rocher, noch vor mir das erste Mal Liebe machst."

"Was tust du, wenn ich gewinne?" Fragte Blanche.

"Wenn ich finde, daß ich lange genug gewartet habe und nicht neben dir als alte Jungfer vertrocknen will, dann darfst du es groß in den Miroir Magique reinbringen, daß Ursuline Latierre billiger ist als eine Wonnefee und für jeden der sie richtig anfaßt zu kriegen sei." Blanche nickte entschlossen. "Und wenn du vor mir mit wem ganz nahe zusammenfindest, werte Blanche Rocher, dann wirst du mich komplett nackt im großen Mädchenbad auf dem ersten Stock vor allen Kameradinnen aus deinem und meinem Saal auf Knien um Verzeihung bitten, daß du dich für besser gehalten hast als mich. Aber das ist dir eh zu riskant, Süße."

"Deine süße bin ich ganz bestimmt nicht. Und so wie du und deine Sippe gestrickt sind ist der Einsatz für mich kein Risiko. Ich nehme an", sagte Blanche. Julius fühlte, wie sich Madame Faucons Hand um seine linke Schulter verkrampfte.

"In Ordnung, ich nehme auch an", sagte Ursuline Latierre. Laura bezeugte dann die Wette und den jeweiligen Einsatz und schlug durch.

"Die Wette gilt", sagte die korpulente Sprecherin der Roten. Dann verließen sie das Badezimmer wieder. Madame Faucon hielt Julius zurück.

"Das war der erste große und unverzeihliche Fehler in meinem ganzen Leben", beichtete sie ihrem Wegbegleiter. Die Magische Beleuchtung des Bades erlosch und tauchte sie beide in eine Dunkelheit, die so vollkommen war, daß Julius meinte, im sternenlosen All zu schweben. Dann standen sie ohne Vorankündigung auf dem Pausenhof von Beauxbatons. Madame Maxime patrouillierte mit einem blonden Mädchen, das wohl in der dritten Klasse war. Er sah neben Madame Faucon, die ihn immer noch an der Schulter hielt ihr jüngeres Ich, das schön weit von Ursuline entfernt an einer Mauer stand und eine große Pergamentrolle vor den Augen hielt.

"Madame Maxime ließ sich damals noch Professeur Maxime nennen und unterrichtete dasselbe, was sie in diesem Jahr neben ihren sonstigen Obliegenheiten unterrichtete", erwähnte Madame Faucon. "Diese Erinnerung stammt vom zweiten Januarmontag. Ursuline Latierre hat sich sehr verknirscht an die Abmachung gehalten, was ihr einigen Ärger mit den Jungen eingetragen hat. Aber das ist nicht so von bedeutung wie die Ereignisse ab diesem Montag." Julius dachte derweil über den Ausgang dieser sehr krassen Wette nach. Ihm war klar, daß eine von beiden verloren haben mußte, weil Ursuline bekanntlich zwölf Kinder bekommen hatte und Madame Faucon ja auch ein Kind zur Welt gebracht hatte. Und in ihm gährte die dumpfe Vorahnung, daß nicht seine Schwiegeroma die Verliererin dieser Wette war. Doch er wollte nicht zu voreilig fragen. Immerhin bot ihm Madame Faucon ja einen sehr persönlichen Einblick in ihre Jugendzeit.

"Komm mit!" Forderte sie ihn auf, ihrem jüngeren Ich zu folgen, das gerade von einer jüngeren Mitschülerin herbeigewunken wurde, um ihr zu erklären, wie die Ausgangsbewegung für eine Tier-zu-Tier-Verwandlung ging. Ursuline hielt sich indes mit versteinerter Miene auf dem Hof auf und stierte Löcher in den Himmel.

"Énas hat euch wohl gezeigt, daß bei einer Interspezies-Transfiguration von kkleiner zu großer Tierart ein von unten nach oben geschwungener Wink mit dem Zauberstab auszuführen ist. Maya Unittamo schreibt aber auch, daß du bei der Tier-zu-Tier-Verwandlung auch eine sehr sachte Aufwärtsstoßbewegung machen kannst, wenn du dir sicher bist, was für ein Tier du hervorbringen willst", dozierte sie, fast schon so wie später als hauptamtliche Lehrerin. "Ich zeige dir das noch mal", sagte sie dann noch und führte erst behutsam und dann mit dafür nötiger Geschwindigkeit die entsprechende Bewegung aus, wobei aus ihrem Zauberstab grüne Funken flogen.

"Abruptus!" Sagte sie schnell, um den Funkenstrom abebben zu lassen. "Du siehst, daß damit schon eine Menge Magie freigesetzt wird. Weil ich nicht sofort die entsprechende Folgebewegung gemacht habe und vor allem kein entsprechendes Ziel anvisiert habe, kam es zu einer ungerichteten Freisetzung. Mit "Abruptus" hebst du wie bei den niederen Verwandlungen eine fehlzuschlagen drohende Behexung oder Verwandlung auf." Das Mädchen nickte bestätigend. Dann führte es die entsprechende Bewegung mit Folgebewegungen aus. Ein violetter Blitz schoss aus dem Zauberstab, krachte an die Wand und zerstob dort mit lautem Pfeifen wie Feuerwerk.

"Mademoiselle Camus, was soll denn das?" Herrschte Professeur Maxime die junge Schülerin an. "Fünfzehn Strafpunkte wegen unbedachter Zauberei auf dem Pausenhof."

"Professeur Maxime, sie hat lediglich ausprobiert, ob sie die von Unittamo empfohlene Abfolge richtig verinnerlicht hat", sprang Blanche der jüngeren Mitschülerin bei.

"So, dann erlege ich Ihnen vierzig Strafpunkte wegen Anstiftung zur unbedachten Zauberei auf dem Pausenhof auf, Mademoiselle Rocher", schnarrte die Halbriesin. Julius fragte sich, ob das wegen Blanches Status als Saalsprecherin so hoch ausfiel. Denn diese nahm die Wertung widerspruchslos hin und sagte der jüngeren Mitschülerin ohne Zauberstab, wie sie die Bewegungen üben konnte. Professeur Maxime eilte davon, weil die bei ihr mitpatrouillierende Pflegehelferin gerade in einen Streit hineinrannte, der zwischen mehreren Schülern an den Rand der gegenseitigen Behexung geriet.

"Es verhielt sich schon zu meiner Schulmädchenzeit so, daß die Blauen und die Roten gerne Streit suchten", seufzte Madame Faucon. Dann deutete sie auf einen sehr sportlich aussehenden Jungzauberer im blaßblauen Umhang, dessen dunkelbraunes Haar ordentlich gescheitelt war und dessen smaragdgrüne Augen Willenskraft und Intelligenz verrieten. Er steuerte scheinbar ziellos auf Blanche Rocher zu, wobei er fast ihr gegenwärtiges Ich durchquerte, wenn dieses nicht hektisch einen Schritt zur Seite getan hätte.

"Hallo Blanche, was war denn das gerade?" Fragte er. Julius sah, das er die silberne Stellvertreterbrosche vom violetten Saal trug und las daran ab, daß er Roland Didier hieß. Bei diesem Vornamen klingelte es in Julius' Kopf leise. Roland! War das nicht der Vorname von Ursulines erstem Mann gewesen, Mildrids leiblichen Großvater mütterlicherseits?

"Hallo Roland. Ich habe der jungen Mademoiselle Camus nur die Tier-zu-Tier-Verwandlung erklärt. Konnte nicht wissen, daß sie gleich damit eine Mauer zu behexen versucht", erwiderte Blanche verlegen lächelnd. "Und schon die ganzen Gamp-Gesetze für Professeur Énas ausgewertet?"

"Der Wortlaut des zweiten elementaren Gesetzes will mir nie so recht einfallen", antwortete Roland ebenso verlegen lächelnd. Seine Stimme klang selbst für einen jungen, für das weibliche Geschlecht empfänglichen Mann wie Julius sehr anziehend.

"Das erste besagt, daß tierische und pflanzliche Komponenten nicht beliebig aus dem Nichts beschworen werden können, also keine Lebensmittel aus Nichts erzeugt werden können. Das zweite sagt: "Es ist nicht möglich, lebende Pflanzen wie Bäume oder Sträucher aus dem Nichts zu erschaffen oder eigenständig lebende und handelnde Tiere zu beschwören, sondern nur vorübergehende magische Wesen, die jedoch dem Willen des Zauberers unterworfen bleiben und bei Nichtbeachtung nach kurzer Zeit zu Staub zerfallen." Außerdem wird da noch gewarnt, lebende Menschen aus dem Nichts zu erschaffen, weil dies das Gefüge zwischen belebter Natur und Magie derartig erschüttert, daß der Zauberkundige dabei eigene körperlich-seelische Substanz einbüßt, im Extremfall sogar stirbt. Das dritte Gesetz besagt, daß keine metallischen Körper oberhalb von Eisen aus dem Nichts beschworen werden können, weil die Kraft, die aufgewendet werden muß, im dreifach mit sich multiplizierten Grundkraftverhältnis der nächstniedrigen Stufe zunimmt. Also wenn bei Eisen der Wert zwei gilt, gilt bei Kupfer der achtfache wert, bei Silber bereits der fünfhundertzwölffache und bei Gold und Platin ist er höher als die bisher festgestellte Höchstkraft eines Zauberers. Ich denke, daß nicht einmal Grindelwald oder Dumbledore es gewagt hätten, Gold aus dem Nichts zu machen", Sagte Blanche.

Julius hörte zwar interessiert zu, wenngleich er diese Ausnahmegesetze schon einmal gelesen hatte. Doch er fragte sich, ob dieser Bursche da nicht eigentlich was anderes wollte, als höhere Verwandlungsgesetze nachlernen.

"Ach klar, und das vierte Gesetz war das, daß du Gold in wertloses Zeug verwandeln aber nichts wertloses in Gold oder Platin verwandeln kannst und das du einen Vorrat von Edelmetallen nicht verringern oder vervielfältigen kannst, wenngleich sich eine Menge einschrumpfen und rückvergrößern läßt", preschte Roland vor. Blanche nickte. Roland holte sein Notizbuch heraus und schrieb sich eifrig nieder, was er gerade gelernt hatte. Dann bedankte er sich bei Blanche und fragte, ob sie sich wegen dieses Dämonsfeuer-Aufsatzes für Tourrecandide am Nachmittag in der Bibliothek treffen könnten. Blanche sagte zu. Julius sah Madame Faucon an, die im Moment starr und völlig beherrscht dastand und zusah, wie ihr jüngeres Ich zu seinem Posten an der Mauer zurückkehrte und das Pergament weiterlas.

Dann hüllte sie beide wieder diese absolute Dunkelheit und Leere ein, die nur einen Moment verharrte, um sie an einem anderen Ort und etwas weiter in der Zukunft der erinnerten Ereignisse in der Bibliothek absetzte, wo Julius unfreiwilliger Augen- und ohrenzeuge wurde, wie Blanche und Roland sich scheinbar nur über die Schulaufgaben unterhielten. Doch zwischendurch erzählten sie von ihren Familien, daß Blanche gerade um ihre von einem Letifolden getötete Großmutter trauerte, Roland Angst vor dem Versagen bei den UTZs hatte, weil er gerne zu den Desumbrateuren gehen wollte und sich freue, doch noch wen in Beauxbatons gefunden zu haben, mit dem er sich intelligent unterhalten konnte. Julius konnte dazu nur ein leises "O-o" erwidern. Madame Faucon räusperte sich einmal. Dann fragte sie:

"Was gibt dir Anlaß, eine derartige Äußerung zu machen, Julius?"

"Nichts für ungut, Madame. Aber mir fallen da drei Möglichkeiten ein, wie die Sache jetzt weitergeht. Dieser Bursche ist nicht dumm, und womöglich geht es ihm nicht nur darum, supertolle UTZs zu kriegen, sondern auch wen für sich zu begeistern, die sich hauptsächlich aufs Lernen eingestimmt hat. So freundlich wie der ist könnte der auf was richtig langwieriges oder auf die schnelle Nummer, öhm, eine kurze Liebesbeziehung ausgehen. Könnte aber auch sein, daß Ihre damalige Mitschülerin Ursuline befindet, daß Sie diesen Typen nicht verdient haben und ihn ausspannt. Damit hätte sie dann zwar die Wette verloren, aber einen tollen Typen an Land gezogen. Denn ich hörte, daß Ursulines erster Mann Roland mit Vornamen hieß."

"Und die dritte Möglichkeit, Julius?" Fragte Madame Faucon.

"Ist, daß dieser Typ nicht der Roland ist, den Ursuline Latierre mal geheiratet hat, sondern einer, der aus welchem Grund auch immer findet, er müsse vor den UTZs schon eine Hexe betören, die ihn auf den Besen holt, hat aber dann irgendwas gemacht, was Sie von ihm abgebracht hat, von der Wette mal abgesehen."

"Dicht am Ziel vorbei", schnarrte Madame Faucon. "Aber sehr knapp", knurrte sie dann noch, während sie verärgert zusah, wie ihr früheres Ich zwischen hochgelehrten Diskussionen weiter mit Roland plauderte. Dann kam wieder dieses überleitende, sternenlose All, durch das sie in die nächste Erinnerung hinüberglitten. Roland ließ gerade mehrere Blumensträuße aus seinem Zauberstab sprießen und gab sie Blanche Rocher, die sich rasch umsah, ob jemand das mitbekam. Sie suchte Ursuline Latierre. Doch von dieser und den anderen Roten oder Grünen war nichts zu sehen.

"Hattest wohl keine Zeit, mir echte Blumen zu pflücken, wie?" Fragte Blanche verhalten grinsend. Roland nickte abbittend.

"Ich weiß nicht, warum wir da ein Geheimnis draus machen müssen, daß wir am Valentinstag zusammen im Park sind", sagte Roland. "Oder hast du Angst vor irgendwem? Ich meine, wir sind doch beide volljährig, und Valentin ist in Beauxbatons doch gestattet."

"Ich habe meine Gründe, warum das nicht jeder wissen soll, Roland", schnarrte Blanche. "Beauxbatons ist ein Dorf voller Lästermäuler und Klatschbasen. Ich möchte mir vor den UTZs nicht noch den ganzen Unfug von den Roten und Blauen nachsagen lassen, nicht, bevor ich die Prüfungen nicht bestanden habe."

"Gut, in Ordnung. Ich verstehe zwar nicht, was uns das Gerede der anderen kümmern soll. Die reden ja eh was sie wollen. Aber ich respektiere das, daß du denen nicht noch mehr zu reden geben willst, Blanche. Vor allem wenn ich dran denke, daß Babsie Latierres Kronprinzessin es irgendwie auf dich abgesehen hat."

"Die dumme Gans ist doch nur sauer, weil ich sie dazu gebracht habe, ihre Freizügigkeit einzufrieren", bemerkte Blanche dazu. Julius mußte den Seufzer seiner Begleiterin nicht hören um zu kapieren, daß ihr jüngeres Ich da gerade was ziemlich unüberlegtes geäußert hatte. Er hatte vielleicht nicht die Supermenge Erfahrung mit Mädchen oder Frauen, weil Claire und Millie ihn doch schnell vom freien Markt geholt hatten. Doch er wußte auch aus eigenen Erfahrungen, wie schnell irgendwas so dahergesagtes wie ein Bumerang auf einen selbst zurückschlagen konnte. Außerdem konnte er sich die Arroganz dessen erlauben, der die Zukunft schon kennt. Denn irgendwas mußte in der nächsten Zeit noch passieren, daß die beiden heute erwachsenen Hexen sich immer noch wie Hund und Katze anknurrten und die Zähne fletschten.

"Wenn du nicht willst, daß die zweibeinige Latierre-Kuh rummuht, wir gingen zusammen, dann bleiben wir besser in der Bibliothek, Blanche", bot Roland an. Blanche sah ihn jedoch trotzig an und sagte:

"Ich habe nun den Unsichtbarkeitszauber der Stufe eins raus, Roland. Wenn wir uns an den Händen halten können wir ungesehen in den Park."

"Gibt das nicht Strafpunkte, wenn wir unsichtbar herumspazieren?" Fragte Roland.

"Nur wenn wir dabei irgendwas unrechtmäßiges anstellen oder uns einer Disziplinarmaßnahme entziehen wollen", erwiderte Blanche. Roland nickte. Er sah sie anerkennend an, und Julius konnte sehen, wie die sonst so eiskalte Junghexe förmlich auftaute. Dann vollführte sie ungesagt den zeitweiligen Unsichtbarkeitszauber an Roland und dann an sich. Sie verschwanden für Madame Faucon und Julius. Doch die Szene wechselte erst, als eine Tür von selbst auf- und wieder zuging.

Diesmal wechselten sie in ein Klassenzimmer, wo gerade Zauberkunst angesagt war. Julius sah, wie Blanche, Nicole L'eauvites Vorfahrin, Laura Poissonier, Roland Didier und noch fünf andere aus verschiedenen Sälen höhere Objektbezauberungen einstudierten. Der Lehrer war ein hagerer Zauberer, der fast wie Professeur Trifolio aussah. Julius gewahrte, wie sich Blanche und Roland über die ausgeführten Zauber heimlich Nachrichten mitteilten. Er konnte zwar nicht die Nachrichten selbst erkennen, weil sie einen zwischen sich vereinbarten Code benutzten. Aber daß sie sich heimliche Mitteilungen zuschickten erkannte er als Sohn einer Informatikerin doch ganz deutlich. So fragte er Madame Faucon, was die tanzenden greifbaren Illusionen bedeuteten.

"Gut, da ich dich in diese Affäre hineingebracht habe sollst du wissen, daß Roland und ich in dieser Stunde unsere Osterferien abgestimmt haben. Ich war damals so von mir und der Beziehung überzeugt, daß ich, da ich mich ja auch niemandem anvertraut habe, keine Bedenken hatte, dieses heimliche Verhältnis in die Ferien hinüberzunehmen. Doch mehr in wenigen Augenblicken."

Diesmal wechselte die Szenerie sehr umfangreich. Sie waren nicht mehr in Beauxbatons, und es war den Bäumen und der Temperatur nach zu schließen schon Frühling. Er sah ein Haus auf einem Hügel, vor dem Blanche Rocher wartete und ihm zuwinkte. Das konnte nicht sein! Er drehte sich um und sah Roland Didier aus weiter Ferne heranfliegen. Er saß auf einem Besen, der etwas behäbig daherflog. Womöglich war es der erste der Ganymed-Serie, vermutete Julius. Dann schwirrte der Besen über ihn hinweg und landete mit etwas Auslauf. Roland mußte mit seinen festen Schuhen wie ein landendes Flugzeug bremsen. Blanche klatschte in die Hände. Dann winkte sie Roland zu sich. Julius brauchte nicht die Anweisung, so schnell es ging zu den Beiden hinüberzulaufen, um zu hören, was sie besprachen. Als sie bei den beiden nun nicht so heimlich miteinander turtelnden Teenagern ankamen fing Julius noch Blanches Kompliment für die gekonnte Landung auf.

"Mit dem alten Feger ist das noch eine Kunst für sich", grummelte Roland. "Ich hoffe mal, daß die Ganymed-Werke bald auf die Hinterbeine kommen und den Zweier rausbringen." Julius grinste in sich hinein. Also hatte er den Besen richtig zugeordnet.

"Der ist nur sehr kostspielig. Mein Vater wollte mir einen für die Zeit nach den Prüfungen vorbestellen. Aber sechshundert Galleonen, nur für zwanzig Stundenkilometer mehr und einer besseren Fluglagekontrolle ...", knurrte Blanche.

"Apropos Vater. Ihm möchtest du mich doch vorstellen, oder?" Fragte Roland und wurde etwas verlegen.

"Natürlich möchte ich das. Das ist doch Sinn und Zweck unseres Treffens heute." Roland nickte vorsichtig. Dann folgte er seiner Freundin in das rote Fachwerkhaus.

"Wo liegt das Haus?" Fragte Julius.

"mein Elternhaus liegt zwanzig Kilometer südwestlich der Vogesen", seufzte Madame Faucon. Julius fragte sich, welches dunkle Geheimnis dieser Seufzer andeuten mochte. Würde er gleich mehr als den Ausgang dieser für ihn sehr verdächtigen Beziehung erleben? Im Moment sah es jedoch erst nach Sonnenschein aus, und das in jeder Hinsicht. Der Frühlingsmorgenhimmel erstrahlte in einem azurblauen Ton, und die Sonne stand als gleißendgoldener Ball über einem weit entfernt über den Horizont lugenden Berggipfel. Die Sicht war traumhaft. Doch wenn er noch erleben wollte, was die Erinnerung bereithielt mußte er in ihrem Fokus bleiben, also in Sichtweite von Blanche Rocher.

Roland wurde von einem Zauberer mittleren Alters mit struweligem, schwarzen Schopf und hellgrünen Augen begrüßt, der den jungen Mann schon wie den künftigen Schwiegersohn umarmte. Roland fragte höflich nach Madame Rocher und erfuhr, daß sie in der Küche werkelte. Blanche beschrieb, daß ihre Mutter ihr das Kochen mit und ohne Zauberkraft beigebracht und ihr mindestens fünfhundert einheimische Rezepte und Speisenfolgen und hundert ausländische Gerichte vorgestellt habe. Sie brachte Roland in den Salon und eilte dann in die Küche, um ihrer Mutter zu helfen. Madame Faucon und Julius folgten ihr, weil sie sonst aus der direkten Sicht geraten wären. Madame Faucon strahlte mit ihrem jüngeren Ich um die Wette, als sie der braunhaarigen Hexe mit dem Zauberstab zur Hand ging, deren saphirblaue Augen sie geerbt und an Catherine, Babette und womöglich Claudine weitervererbt hatte. Er überhörte das für ihn nicht so prickelnde Fachsimpeln über Gewürze, Brattemperaturen und das richtige Anrichten. Es hätte ihn eher interessiert, was sich Monsieur Rocher und Roland von Mann zu Mann einander zu sagen hatten. Womöglich würde das ihm den entscheidenden Hinweis geben. Doch weil sich Blanche Rocher nicht daran erinnern konnte, hatte Blanche Faucon es natürlich nicht in das Denkarium einfüllen können. Sie war Regisseurin und Hauptdarstellerin dieses Films.

Was ist an diesem Tag so wichtiges passiert, daß wir ihn bisher ungerafft miterleben?" Fragte Julius. Doch Madame Faucon sagte nur, daß die Kleinigkeiten manchmal ein Bild ausmachten. So wartete er geduldig eine Stunde und fragte sich, ob diese Erlebnisse in Echtzeit liefen und die Stunde Erinnerung in einer Stunde Lebenszeit stattfand oder wie ein Traum in wenigen echten Minuten ablief. Er blickte auf seine Uhr. Tatsächlich zeigte sie hier, in Blanche Rochers / Faucons Erinnerung noch die wirkliche Zeit. Er stellte fest, daß es bereits elf Uhr Mittags durchwar. Er hoffte, daß er pünktlich zum Mittagessen zu den Dusoleils zurückkehren konnte. Denn er wußte nicht, wie er sich selbst aus diesem Ablauf hier herausheben konnte. Denn er fühlte nicht, daß er vor dem Denkarium kniete. Er lief hinter der unverheirateten Blanche her, als diese mit ihrer Mutter das umfangreiche Mittagessen auftrug. Während des Essens unterhielten sich Gastgeber und Gast über die Zukunftspläne rolands und Blanches. Blanche hatte vor, nach Beauxbatons zwei Weiterbildungsjahre in England zu verbringen und dort neben der Sprache auch weitere Zauber und Zaubertränke zu studieren. Auf die Frage, was sie mit diesem Wissen machen wollte sagte sie stolz:

"Entweder gehe ich dann ins Zaubereiministerium oder strebe ein Lehramt in Beauxbatons an, wenngleich ich noch nicht weiß, ob ich mich dazu mehr auf Transfiguration, Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie oder Zauberkunst festlegen soll. Alte Runen wären auch nicht schlecht, aber etwas zu theoretisch."

"Du willst da freiwillig wieder rein, Blanche?" Wunderte sich Roland. "Maindure ist ein Zuchtmeister, und Tourrecandide und Maxime eifern ihm da wunderbar nach. Also ich persönlich bin nach den UTZs mit der Schule fertig. Es sei denn, ich gründe eine Familie und schicke die Kinder dann da hin. Ich fürchte nur, daß die Halbriesin dann Schulleiterin wird, weil Professeur Tourrecandide schon jetzt ziemlich leicht genervt von uns ist und bestimmt nur noch zehn Jahre hinbekommt."

"Na na, junger Mann, so respektlos sprechen Sie bitte nicht von den ehrwürdigen Lehrern von Beauxbatons", maßregelte Madame Rocher den jungen Gast. Monsieur Rocher sagte dazu:

"Estelle, er ist doch noch jung. Und recht hat er ja irgendwo doch, daß Professeur Tourrecandide wohl bald genug von quirligen und vorlauten Zaubererkindern haben dürfte. Immerhin hörte ich sowas, daß ihr schon angeboten wurde, in die Ausbildungsabteilung zu wechseln, falls sie vom Lehrbetrieb genug habe."

"Ja, dennoch gehört es sich doch gerade für jemanden aus einer Ministerialbeamtenfamilie, die ihn unterrichtenden Lehrer mit dem nötigen Respekt zu bezeichnen", sagte Madame Rocher. Julius schwante, von wem seine Lehrerin die überkorrekte, strenge Art übernommen hatte. Doch er schwieg. Er wunderte sich, daß er auf den Möbeln richtig sitzen konnte, während die handelnden Personen durchlässig waren.

Nach dem Mittagessen, während dem Madame Rocher einen herzlicheren Ton hatte finden können, vertrieben sich Blanche und ihr Freund die Zeit mit Quidditchübungen, die sie sehr auszehrten.

"Warum willst du diese akademische Laufbahn einschlagen, Blanche. Du könntest in einer Profi-Mannschaft mitspielen. Das brächte dir mindestens zehn Jahre abwechslungsreiches Leben."

"Ich spiele gerne Quidditch, Roland. Aber die Profi-Liga ist mir zu überfrachtet mit geschäftlichen Interessen und Überfliegern. Da ziehe ich eine rein akademische Laufbahn doch vor. Da gibt es zwar auch überhebliche Leute. Aber mit denen kann ich wohl eher mithalten als mit Leuten, die nur auf ihre Flugbesen gucken. Genauso könnte ich dir doch abraten, zu den Desumbrateuren zu gehen. Das ist doch sehr gefährlich."

"Jetzt, wo Grindelwald weg ist denke ich mal, daß wir erst einmal Ruhe haben und nur das aufräumen müssen, was er in Europa hinterlassen hat", sagte Roland. Dann verfiel er in mehr oder weniger wirksame Schmeicheleien und fragte Blanche, ob sie ihn auch einmal besuchen käme. Sie stimmte zu. So verabredeten sie sich für den Dienstag nach Ostern. Madame Faucon seufzte wieder einmal. Doch die von ihr vorbereitete Abfolge von Handlungen lief weiter. Sie wechselten in einen großen Salon über, wo Blanche sich mit Rolands Vater über zeitgenössische Verwandlungskunst und Quidditch unterhielt, gegen seine Mutter Schach spielte, wobei Julius sah, wie sie einige Züge ausprobierte, mit denen sie ihn vor drei Jahren schon beharkt hatte. Danach traf sie sich mit Roland in dessen großem Zimmer, wo sie ein magisches Grammophon abspielen ließen. Julius hatte schon Grammophone erlebt. Aber die Zauberergrammophone bestachen ihn durch die Raumklangqualität, gegen die eine Rundumklang-Stereoanlage wie ein Mono-Radio abschnitt. Vor allem wenn er bedachte, in welchem Jahr das gerade nacherlebte stattgefunden hatte zeigte sich ihm wieder der Vorsprung der magischen vor der technischen Welt. Die Musik war langsam und wiegend. Blanche und Roland tanzten dazu einen Walzer, wobei sie sich immer näher kamen. Julius fühlte, wie es zwischen den beiden immer angeregter wurde. Er erkannte, worauf die ganze bisherige Rückschau hinauslaufen würde und sah nun deutlich vor sich, wie dieses hier nacherlebte Zusammentreffen ausgehen würde. Er wandte sich zu Madame Faucon um. Sie sah, das er wohl sehr sicher war, was passieren würde. Er brauchte das von der den Raum ausfüllenden Musik unterlegte Geplauder nicht wortwörtlich zu verstehen. Erst sah er, wie Blanche Rocher sich etwas zierte, dann von Rolands sachten Berührungen und Worten immer mehr auftaute, ja förmlich wie Wachs in der Kerzenflamme dahinschmolz, bis er Anstalten machte, sie langsam zu entkleiden. Er drehte sich behutsam um, daß er nur den wuchtigen Eichenschrank ansah, der Rolands Kleidung, den Besen und eine Sammlung alter Zauberbücher enthielt. Als er dann die eindeutigen Laute des Paares hörte, das in diesem Ausschnitt aus Erinnerungen nur drei Jahre älter als er selbst war, hatte er es amtlich, daß Blanche Rocher die Wette mit Ursuline verloren hatte. Die Musik übertönte die Geräusche der Liebe. Er wußte von Roland, daß dieses Zimmer ein Klangkerker war. Dennoch waren sie sehr leise im Vergleich zu seiner ersten Liebesnacht mit Millie. Madame Faucon sah ihn dankbar an, weil er nicht der jugendlichen Versuchung erlag, ihrem jüngeren Ich zuzusehen. Sie sagte, als ihr vergangenes Ich lautstark die lange unterdrückte Wonne fand, daß sie Roland zu Gute halten mußte, daß er genau wußte, wie er sie in die entsprechende Stimmung bringen mußte. Und bei dem einen Mal blieb es nicht. Offenbar sah es Blanche Rocher als unzureichend, den lange geleugneten Hunger mit einem einzigen Zusammensein zu stillen. "Das war die zweite große Dummheit, die ich in meinem bisherigen Leben begangen habe", schnaubte sie verärgert. Dann winkte sie Julius, ihr zu folgen, um ihr gestraucheltes junges Ich dem unerhörten Treiben zu überlassen. Wie Geister gingen sie einfach durch die geshlossene Tür und wechselten damit zu einem Springbrunnen über, wo Blanche und Roland sich unterhielten.

"Das muß in Beauxbatons keiner wissen, Roland. Ich muß die Mädchen dort nicht künstlich neidisch machen", sagte Blanche, die ein veilchenblaues Kleid trug. Roland nickte ihr zu und säuselte zärtlich:

"Wenn du dir sicher bist, daß da nichts nachkommt, ma Chere, dann behalten wir das für uns."

"Versprichst du es mir, Roland?" Fragte Blanche.

"Ich verspreche dir, daß in Beauxbatons keiner mitbekommen wird, daß wir uns schon einander geliebt haben." Madame Faucon verzog das Gesicht zu einer sehr verärgerten Grimasse, atmete tief durch und sagte:

"Nun kannst du dir das grausame Ende dieser schändlichen Geschichte ansehen." Sie zog Julius sacht hinter sich her vom Springbrunnen weg, bis sie diese dunkle Leere des Übergangs umfing und wieder in Beauxbatons absetzte. Er sah Blanche, die Roland erblickte, wie dieser gerade aus dem Seitengang kam, der zum violetten Saal führte. Sie wollte ihn grüßen. Doch er ging einfach an ihr vorbei, als kenne er sie nicht oder halte sich noch mehr an die Vereinbarung als gebeten. Blanche wagte es wohl nicht, ihm nachzurufen. Sie folgte ihm mit ihren saphirblauen Augen, bis sie ihm leise nachging, hinunter ins Erdgeschoß. Dann folgte sie ihm durch das Hauptportal auf die weitläufigen Länderein mit dem großen Grünen Forst darum herum, betrat den östlichen Park und sah mit einem verärgerten Ausdruck, wie Laura und Ursuline miteinander schwatzend auf Roland zukamen. Als Roland Ursuline ansprechen wollte, machte diese eine wegscheuchende Handbewegung. Er wich zurück und blieb bedröppelt stehen. Blanche tauchte zwischen zwei mannshohe Büsche, während Ursuline und Laura weiterschwatzten.

"Er ist immer noch hinter dir her, Ursuline", lachte Laura. "Obwohl du ihm seit dieser Wette mit Blanche immer wieder die kalte Schulter gezeigt hast." Julius wich den beiden jungen Hexen aus. Einmal sah er Lauras Gesicht ganz aus der Nähe. Ja, auch sie hatte sich dafür gut gehalten, daß sie heute eine füllige Großmutter war, mußte er neidlos anerkennen.

"So lange diese eingebildete Besserwisserin meint, Jungfräulichkeit sei so prickelnd, muß ich ihn von mir fernhalten. Sonst gewinnt die Pergamentpute noch diese überhebliche Wette."

"Ursuline, du brauchst nur die Hand auszustrecken, und zwölf Jungs hängen sich dran", sagte Laura noch amüsiert.

"Ich will keine zwölf Jungs an einer Hand, es sei denn, die zwengen sich vorher aus meinem Unterbau raus", knurrte Ursuline.

"So'n Unsinn sagst du nicht mehr, wenn du den ersten Knaben auf die Weise in die Welt setzt", lachte Laura. Dann verschwanden sie auch schon aus der Hörweite von Madame Faucon und Julius. Blanche Rocher hockte noch einige Sekunden zwischen den Büschen. Dann hechtete sie hervor und lief hinter den beiden Roten her. Madame Faucon und Julius folgten ihr so schnell wie nötig. Julius hatte keine Mühe. Das Training der letzten Wochen und Monate hatte ihm eine sehr gute Kondition verschafft. Auch Madame Faucon hielt beneidenswert schritt. Er fragte sich, was die ehrenwerte Hexe dafür tat, so gut zu laufen. Oder lag es daran, daß sie nicht in der wirklichen Welt waren? Mochte hier der Wunsch, hinter jemandem herzulaufen ausreichen? Möglich war es. Jedenfalls hielt Blanche einen gewissen Abstand zu Ursuline und Laura Poissonier. Dann ging es wieder durch das Portal. Julius beschloß, den beiden Mädchen vorne weg auf Hörweite zu folgen und überholte Blanche Rocher mal eben. Seine Begleiterin blieb auf der Höhe ihres früheren Ichs und wirkte angespannt wie vor einem bevorstehenden Kampf oder in einem wiederkehrenden Alptraum, dessen schrecklicher Höhepunkt unmittelbar bevorstand. Julius lauschte auf das Schwatzen der beiden jungen Hexen, die zu seiner Lebzeit bereits mehr oder weniger geachtete Großmütter waren. Er dachte an den Besuch von Artemis' Mondscheincafé, wo sie ihn ganz unvoreingenommen umarmt und sich darüber beschwert hatte, daß ihr Enkel César so ausgehungert aussähe und deshalb nicht mehr gescheit spielen konnte, nachdem die Millemerveilles Mercurios gegen die Pariser Pelikane verloren hatten. Laura meinte zu Ursuline, daß sie gleich die alle zwei Sonntage stattfindende Pflegehelferkonferenz hatte und Madame Bonfils sehr unerbittlich sei, was die Pünktlichkeit ihrer neun Mädchen anging. Sie entblößte das Julius all zu vertraute Pflegehelferarmband, das sie am linken Arm trug und wandschlüpfte davon. Ursuline blieb einen Moment stehen. So tat es auch Blanche Rocher. Dann ging seine da wirklich rassig und rank gewachsene Schwiegeroma weiter, Richtung bibliothek. Blanche folgte ihr in einem Abstand, in dem sie nicht so leicht gehört werden konnte. So führte Ursuline sie in die Schulbücherei, wo der alte Bibliothekar gerade mit einem Staubwedel durch die Regalreihen schlurfte und sich ächzend nach oben streckte, was sein betagter Rücken wohl sehr ungern mit sich machen ließ. Dann sah Blanche Rocher wohl Roland, der mit drei dicken Büchern unter dem Arm zu einem freien Tisch hinübersteuerte, wobei er dem weißhaarigen Bibliothekar tunlichst aus dem Weg blieb. Dabei konnte er Ursuline sehen, die gerade eine Kreuzung zweier Regalkorridore passierte und winkte ihr leise zu. Ursuline verzog das Gesicht, straffte sich und eilte so leise es ging zu Roland. Unbemerkt von beiden tauchte Blanche zwischen den Regalen auf, peilte den wilden rotblonden Schopf ihrer Wettpartnerin an und kauerte sich hinter dem Regal mit den Büchern über Zaubertränke. Offenbar hatte sie Rolands Winken gesehen und daß Ursuline zu ihm ging. Offenbar hatte sie die ganze Verfolgung auch deshalb unternommen, weil sie das mitgehört hatte, was Ursuline über Roland gesagt hatte. Jetzt war sich Julius sicher, daß Madame Faucons zweitschlimmstes Erlebnis tatsächlich den traurigen Höhepunkt erreichte. Julius ging keck durch die Bücherregale, nahm den durch seinen Kopf wischenden Staubwedel nicht zur Kenntnis und pflanzte sich als absolut unbemerkbarer Horchposten zwischen Blanche auf der einen und Ursuline und Roland auf der anderen Seite.

"Findest du nicht, daß dieses doofe Spiel jetzt langsam reicht, Ursuline. Seit einem halben Jahr frage ich dich, ob das mit uns doch was festes wird. Und kurz vor Weihnachten kühlst du ab", zischte Roland.

"Süßer, du weißt genau warum. Ich habe diese Pergamentpute, die auf eiserne Jungfrau macht nicht darum gebeten, mir diesen Quatsch vorzuschlagen. Aber ich sehe es nicht ein, daß die am Ende noch recht kriegt."

"O, hast du mich denn so vermißt, Ursuline? Sahst nie danach aus", feixte Roland.

"Denkst du, ich will mir von dieser überheblichen Grünen vorwerfen lassen, ich sei 'ne billige Wonnefee oder sowas? Die wartet doch förmlich drauf, mich mit 'nem Typen zu erwischen. Außerdem hast du mir im letzten Vierteljar auch nicht so heftig nachgeschmachtet."

"Tja, weil ich besseres zu tun hatte, Ursuline. Wenn du meinst, durchhalten zu müssen, Blanche hat's nicht durchgehalten", grinste Roland. Julius verzog sein Gesicht.

"Ach neh, woher willst denn du das wissen. Die hat sich doch nie mit einem Typen erwischen lassen. Abgesehen davon, wenn du mich schon als eiskalt bezeichnest, gefriert bei Blanche sogar die Sonne. Die ist stur und hartnäckig drauf aus, mich fertigzumachen. Will der aber zeigen, daß ich da locker mithalten kann."

"Ist nicht mehr nötig, Ursuline. Ich habe die rumgekriegt", zischte Roland, und seine Gesichtszüge waren eine Maske grenzenlosen Triumphes.

"Du spinnst, Kleiner", knurrte Ursuline genervt. "Die Rocher macht doch auf eiserne Jungfrau, nur weil die anderen den Spaß verderben will."

"Von wegen eisern, Ursuline. Als ich lange genug an der rumgeschmeichelt und die richtigen Stellen zum Anfassen gefunden habe, ist die in meinen Händen wie Wachs zerlaufen. Und als sie nach einem Besuch bei mir wieder abreiste, war sie keine Jungfrau mehr. Ich habe ihr zwar gesagt, das keinem zu erzählen. Aber wenn du dafür wieder die Alte wirst, Ursuline ..."

"Wie,du hast dich an die rangemacht, sie mit deiner Intelligenztour auf dich eingestimmt und dann dein bestes Stück ... Was für'n hoher Preis, nur weil du findest, ich sei dir das wert", grinste Ursuline. Blanche Rocher, die hinter dem Regal hockte, wimmerte leise. Aus ihren Augen fielen die ersten Tränen. Sie warf sich herum und eilte so schnell wie möglich aus der Bibliothek.

"Huch, was war denn das?" Fragte Roland. Dann verschwanden er und Ursuline übergangslos. Julius stand nun mit Madame Faucon zusammen vor der Eingangstür einer Mädchentoilette. Julius sah, daß auch in den Augen der fünfzig Jahre älteren Hexe Tränen glitzerten, und sie dagegen ankämpfte, in die selbe ohnmächtige Wut und Enttäuschung zurückzufallen, die ihre jüngere Ausgabe gerade durchlitt. Julius sagte nur:

"So ein Schweinehund. Der hätte glatt nach Slytherin gepaßt."

"Ich war damals ein sehr sehr dummes Mädchen, Julius. Ich war davon überzeugt, daß ich das nötige Durchhaltevermögen hätte. Ich glaubte daran, daß Roland Didier aufrichtig an meiner umfassenden Bildung interessiert war. Ich wollte ihm nicht wehtun, als er anfing, auch meinen Körper zu bewundern. Doch ich hätte ihn zurückweisen müssen, als er darauf ausging, mich ... Du weißt was ich meine", schniefte Madame Faucon, während Blanche Rocher von drinnen lautstark losheulte. Julius fragte sich, warum sie diese Erinnerung noch nacherlebten. Er betrat mit Madame Faucon den Waschraum. Denn im Moment waren keine anderen Schülerinnen dort, die er ungewollt hätte beobachten können. Er sah nur Blanche Rocher und ihr zukünftiges Ich. Die erste in Tränen aufgelöst, die zweite mit dem Ausdruck großer Bestürzung im Gesicht. Dann hörten sie alle die heraneilenden Schritte. Blanche sprang in eine der leeren Kabinen und zog die Tür zu. Julius fürchtete schon, gleich aus dieser Erinnerung herauszugleiten, weil er sie nicht mehr sah. Doch er hörte sie leise schniefen und sah Ursuline Latierre, die mit entschlossener Miene hereinkam.

"Mademoiselle Rocher, sind Sie hier?" Fragte sie scheinheilig klingend. In diesem Moment konnte Julius verstehen, was seine Lehrerin zu dieser nachhaltigen Verachtung getrieben hatte. Das war nicht die lebenslustige, aber auch freundliche Mutter und Großmutter, sondern eine biestige, halb ausgegohrene Hexe, die sich daran weiden wollte, wie ihre Wettpartnerin ihre Niederlage beweinte. Doch halt! Da war doch noch was! Fiel es Julius ein. Der gegenseitige Wetteinsatz. Ursuline fragte noch einmal höflich. Dann rief sie: "Blanche, ich habe Roland Didier getroffen. Der behauptet doch glatt, du hättest den leidenschaftlichen Tanz vom Mädchen zur Frau getanzt. War es schön? Tat es weh? Hat es dich so richtig sattgemacht?!"

"Halt dein ungewaschenes Schandmaul, Latierre!" Schrillte Blanche aus der Kabine, riss die Tür auf und hielt den Zauberstab auf Ursuline gerichtet, die schnell zur Seite wich, so daß der aus Wut geschleuderte Fluch sie verfehlte. Dann hatte Ursuline ihren Zauberstab freigezogen und "Expelliarmus!" Gerufen. Wut und Tränen hinderten Blanche daran, dem Zauber auszuweichen oder ihn zu kontern. Ihr Zauberstab flog von einem scharlachroten Blitz getroffen aus der Hand und schlidderte über die blitzblanken Marmorfliesen in die hinterste Kabine. Blanche wollte schon hinterhertauchen, da rief Ursuline: "Nudato!" Blanche stolperte über ihren wie von einer unsichtbaren Faust herabgerissenen Seidenrock. Julius wandte sich wieder ab. Ursuline hatte er einmal mit bloßem Unterleib gesehen. Er wollte es Madame Faucon nicht antun, sie unbekleidet zu sehen. Ursuline stapfte in Siegerlaune an Julius vorbei und ergriff Blanche wohl. Diese versuchte sich zu wehren, kam aber gegen die ihr kräftemäßig wohl überlegene Ursuline nicht an.

"Gleich nach der Muttermilch bekam diese Furie die unverdünnte Milch der Latierre-Kühe. Ich hatte keine Möglichkeit, mich ihrer zu erwehren, nachdem sie mich entwaffnet hatte. Ich danke dir, daß du der Verlockung widerstandest und nicht hinsahst, wie sie mich rüde anfaßte und begaffte und dann ..."

"Ich sehe es wohl. Ja, du wurdest tatsächlich sehr innig besucht, eiserne Jungfrau. Damit ist dir wohl klar, wer von uns beiden die Wette verloren hat, nicht wahr, Mademoiselle Saalsprecherin?"

"Kauf dir einen Sumpf und versenk dich darin!" Hielt Blanche mit bösen Worten gegen.

"Vielleicht mache ich das mal. Aber zunächst erwarte ich, daß du genug Ehre aufbringst und deine Wettschulden einlöst. Kommt rein, Mädels!"

Da strömten mehrere Dutzend sechzehn bis achtzehn Jahre alte Hexen in das Mädchenklo, unter ihnen Laura Poissonier und die stellvertretende Saalsprecherin der Grünen. "Laura, was haben Blanche und ich gewettet?" Fragte Ursuline. Laura wiederholte, was Ursuline und Blanche gewettet hatten. Für Julius stand fest, daß er auf lange absehbare Zeit keine Wette mehr anbieten oder annehmen würde. Jetzt war ihm auch vollkommen klar, was Ursuline mit diesen Anspielungen gemeint hatte, mit ihr zu wetten hätte mancher schon bereut. Auf jeden Fall war ihm nun deutlich vor augen geführt worden, was da zwischen Blanche Faucon und Ursuline Latierre so sehr im Argen lag, daß sie selbst deren Kinder und Enkelkinder mit einer gewissen Verachtung ansah und warum sie seine Verbindung mit Millie erst so heftig angefochten hatte. Er fragte sich, ob es nicht tatsächlich ein Spiel Ursulines gewesen war, um ihn in die Familie zu holen. Doch die Mondtöchter, die Brücke und all das konnten doch unmöglich zu diesem Spiel gehören. Ja, und die halben Herzen, die Millie und er trugen, das war doch auch echt. Doch er verstand, daß Madame Faucon das wie das Ding damals als abgekartetes Spiel ansah, ja ansehen mußte. Er fühlte sich hundeelend, weil er auf der einen Seite an die Liebe zu Millie und die warmherzige Aufnahme in ihre Familie glaubte, aber auch mit Madame Faucon mitlitt, der so übel mitgespielt wurde.

"Blanche, Wettschulden sind Ehrenschulden", bestand Ursuline auf die Einlösung des Wetteinsatzes. "Also knie dich bitte hin und sage, was du zu sagen versprochen hast!"

"Ihr habt mich reingelegt. Das war keine faire Wette", schniefte Blanche.

"Glaub's mir, Blanche, daß ich Roland nicht auf dich angesetzt habe. Ich werde ihn bei nächster Gelegenheit gründlich mit dem Ratzeputzzauber bearbeiten, weil er meinte, über dich an mich ranzukommen. Er hatte es wohl ziemlich nötig, und du wohl auch. Also gib endlich zu, daß du auch nur eine normale Hexe mit den ganz normalen Gelüsten bist und entschuldige dich bei mir für die Überheblichkeit, mit der du mir gekommen bist!" Die anderen Hexen starrten in die Richtung, wo Blanche wohl immer noch ganz nackt von Ursuline festgehalten wurde. Dann hörten sie, wie sie sagte:

"Du hast gewonnen, du falsches Aas. Ich mach, was du verlangt hast." Ursuline trat zurück. Julius erkannte es daran, daß er ihre Wärmeausstrahlung in seinem Rücken fühlte. Er hörte nacktes Fleisch auf dem Boden landen und vernahm Blanches Stimme von unten her.

"Hiermit gebe ich hoch und heilig zu, daß ich auch nur eine Hexe bin, die nicht nur einen Kopf hat, sondern auch ihrem restlichen Körper nachgiebt. Ich entschuldige mich aufrichtig bei dir, Ursuline Latierre, daß ich behauptet habe, dein Gehirn würde weniger durchblutet als dein Unterleib und bitte dich um Verzeihung dafür, daß ich dich als triebhaft und unanständig bezeichnet habe." Nach einigen bangen Schweigesekunden fragte sie: "Reicht dir das?"

"Ja, das reicht mir, Blanche. Steh wieder auf und zieh dich wieder an!"

Julius sah, wie Blanche nach einer Minute an ihm vorbeiging und die Reihen der hämisch und vergnügt dreinschauenden Roten und der etwas verstört bis schadenfroh guckenden Grünen anblickte. Da war ihm, als erlebe er ein Déjà Vu. Genau dieses Bild hatte er doch schon einmal gesehen. Die Antwort gab ihm Madame Faucon:

"Dieses Bild dürftest du kennen, Julius. Du hast es bei der Occlumentie-Endprüfung aus meinem Geist erhaschen können, als Austère und ich dich zugleich legilimentiert haben. Dieses Bild ist bis zum Massenmord im Sternenhaus und dem Tod meines Mannes Hugo das schlimmste von mir erlebte Erinnerungsfragment. Diese Demütigung, diese lodernde Wut, diese abgrundtiefe Verzweiflung und diese an meiner Seele zerrenden Selbstvorwürfe. Mehr mußt du nicht nacherleben. Wir kehren in die Gegenwart zurück." Julius sah unvermittelt über sich ein kreisrundes Loch in der Decke. Dann fühlte er wieder Madame Faucons Gesicht in seiner Nähe und tauchte mit einem leichten Schwindelgefühl aus einem wild wirbelnden silberweißen Strudel auf. Er fühlte, wie er kniete. Madame Faucon zog sich am Schreibtischrand hoch. Er selbst brauchte sich nicht abzustützen. Er sah das Denkarium, in dem ein letztes Mal die von oben sichtbare Reihe der hämisch glotzenden Schulmädchen, einer triumphierenden Ursuline Latierre und der am Rande der endgültigen Auflösung stehenden Blanche Rocher zu erkennen war. Dann zerlief dieses Bild in silberweißen Schlieren.

"Ich hoffe, Sie halten mich nicht für einen Heuchler, wenn ich Ihnen sage, daß es mir leid tut, was Ursuline Latierre und Roland Didier damals mit Ihnen angestellt haben."

"Ich nehme dein großes Bedauern zur Kenntnis, Julius. Aber an den damaligen Gegebenheiten kannst du nichts ändern. Ebenso kann ich nichts daran ändern, daß du und Mildrid, die Enkeltochter Roland Didiers, einander gefunden habt. Zum gewissen Teil ist es auch mein Verschulden, daß ich in diese demütigende Situation geriet. Denn das war der Grund, warum ich dir meine traumatischen Erinnerungen zeigte. Ich habe diesen Dschinn aus seiner Flasche entlassen, ohne zu begreifen, daß ich ihn dort nicht wieder hineinzwingen konnte. Ich habe mich damals so überlegen und selbstbeherrscht gefühlt, daß ich nie daran gedacht habe, daß ich eben auch nur eine fühlende Hexe bin, die gewisse Bedürfnisse hat. Vor allem war ich ein dummes, von den Wallungen der Adoleszenz berauschtes Mädchen, das meinte, sich gegen alles und jeden durchsetzen zu können. Ursuline Latierre hat mich nach meinem Höhenflug sehr schmerzhaft auf den Boden geholt. Jetzt, wo ich nach all den Jahren diese Folge von Ereignissen mit der Erfahrung und Weisheit einer erwachsenen Hexe nacherleben konnte, weiß ich, daß ich auch eine Teilschuld an dieser Sache trage. Sicher haben sich Ursuline und Roland mir gegenüber hinterhältig benommen. Andererseits habe ich ihnen ja auch die nötige Angriffsfläche geboten. Ich hätte niemals eine Wette abschließen sollen, Julius. Ich hörte von Madame Maxime, daß du mit diesem aufmüpfigen und jetzt wohl auch sehr kleinlauten irischen Burschen gerne wegen lächerlicher Sachen gewettet hast. Du kannst von sehr großem Glück sprechen, daß du dabei nie in eine demütigende Lage geraten bist. Überlege es dir also sehr gut, mit wem du um was welche Wette abschließt! Ich hätte auf Laura Poissonier, die heute den Nachnamen meiner Eltern trägt, hören sollen. Sie wußte es offenbar schon die ganze Zeit, daß man seinen Körper nicht wie ein bockiges Tier fesseln und anketten kann. Um die Geschichte noch für dich korrekt zu Ende zu erzählen, Julius: Die Sache ging in Beauxbatons rum. Überall nannten sie mich "Die eiserne Jungfrau", wie sie es mit dieser bedauerlichen Hexe in den Staaten tun, die jetzt auch unter sehr herben Enttäuschungen und Demütigungen leiden mag. Anfangs habe ich mit Strafpunkten dagegen angekämpft. Doch als der Schulleiter, Monsieur Maindure, mich befragte, warum ich diesen Spitznamen zugedacht bekam und ich ihm wahrheitsgemäß berichten mußte, drohte er mir damit, mich von der Schule zu verweisen, wenn ich nicht lernte, mit dieser Niederlage zu leben und daraus zu lernen. Das hätte mir fast die UTZs vereitelt. Ich vergrub mich nur noch in meine Lernerei, wie du es getan hast, als Claire ging. Ich bestand alle Prüfungen mit Auszeichnungen. Ich ging nach Oxford, weit weg von meinen Schulkameraden. Die Einladung zu Ursulines Hochzeit mit Roland Didier verbrannte ich mit Zauberfeuer und tat so, nicht eingeladen worden zu sein. Von Männern, Muggeln wie Zauberern, ließ ich mehr als zehn Jahre Augen und Finger. Ich sah sie nur als Mitstudenten, Assistenten und schmückendes Beiwerk. Dann traf ich Hugo. Es brauchte Zeit, bis wir beide unsere gemeinsame Liebe entfachen konnten. Ihn störte es nicht, daß vor ihm schon jemand die allernächste Nähe zu mir gefunden hatte. Ich gebar uns beiden Catherine und beschloß, sie mit der nötigen Disziplin, aber auch mit der nötigen Wärme und Anerkenntnis ihrer Gefühle zu erziehen. Dies gelang mir wohl in Beauxbatons, obwohl ich natürlich weiß, daß meine Strenge ihr nicht immer behagte. Ich ließ es zu, daß sie einen Muggel zum Mann nahm. Warum sollte er schlechter sein als ein Zauberer. Ich liebe Babette und Claudine und erkenne Joseph als ihrer beider Vater an. Aber ich muß dennoch darauf bestehen, daß er unsere Welt achtet und als Teil seiner Welt respektiert, um Babette und Claudine ein geordnetes Leben zu bieten. Ich denke natürlich immer daran, auf welche Weise Claudine entstanden ist und habe manchen düsteren Gedanken gehegt, daß diese Sippschaft sich auf diese Weise gute Fortpflanzungspartner sichert. Doch es sind nur da neue Kinder gezeugt worden, wo sich die Paare wirklich einander lieben und vertrauen. Welchen Beweis für die Aufrichtigkeit von Josephs und Catherines Liebe konnte ich daher erhalten als eine zweite Enkeltochter? Ich habe gemeint, daß ich an dir all die Fehler korrigieren könnte, die andere an dir begangen haben, weil sie dich nicht als das leben lassen wollten, was du nun einmal bist, ein talentierter, intelligenter, aufgeweckter Zauberer. Deshalb war ich auch wütend, als ich erfuhr, daß ausgerechnet Ursulines und Rolands Enkeltochter es geschafft hat, dich auch auf der gefühlsmäßigen Linie zu erwischen, nachdem du mit Claire eine vielversprechende Zukunft vor dir hattest. Doch ich muß wieder einmal einsehen, daß geistige Reifung ohne körperliche und emotionale Reifung unmöglich ist. Nur du hattest das Glück, auf zwei aufrichtige und ihre Gefühle bejahende junge Hexen zu treffen, die es als großes Ziel ansahen, dich für sich zu gewinnen. Dadurch bist du jener Demütigung vorerst entronnen, die mich mit siebzehn Jahren eiskalt erwischt hat, weil ich zu überheblich war und mich mit einer jungen Hexe anlegte, die ihr Verlangen nach erotischen Erfahrungen über die Verpflichtungen in der Schule stellte. Sie hat ein Jahr nach mir sehr gute UTZs erworben und sich einige Jahre im Quidditch behauptet. In ihrer neuen Rolle als Mutter und Großmutter ist sie jedoch unerreicht. Und vielleicht ärgert mich das am meisten, daß aus dieser kindischen, mich vollkommen niederschmetternden Wette für sie mehr Glück als Strafe erwachsen ist. Ich kann mich nur damit trösten, daß die Geburt eines Kindes mit großen Schmerzen verbunden ist und sie sich diesen Schmerzen zwölfmal ausgeliefert hat. Sie behauptet zwar, daß sie bei den beiden letzten Kindern keinen Fortuna-Matris-Trank eingenommen hat. Doch so richtig will ich das nicht glauben."

Julius hatte Madame Faucon in Ruhe ausführen lassen, was sie ihm erzählen wollte. Doch nun meldete er sich zaghaft zu Wort:

"Also was das Gefühl totaler Hilflosigkeit angeht, so habe ich davon wohl im letzten Sommer mehr als genug abbekommen, als ich nach meinem Vater gesucht habe und da zuerst einmal erfahren mußte, daß er als landesweit gesuchter Massenmörder durch die Staaten zieht und keiner ihn stoppen konnte. Als ich dann rausfinden konnte, was wirklich mit ihm war, bekam mich diese Monsterbraut Hallitti zu fassen und hätte mich fast in ihren Bann gezogen. Nur diese Hexen in weiß mit dieser Widerkehrerin als Anführerin hat das vereitelt. Aber soll ich denen jetzt dankbar sein? Die haben mich doch glatt als Lockvogel benutzt. Dann die Sache mit den Morgensternbrüdern, Madame Odin und Claire. Ich war kurz davor, Madame Odin zu befreien, als dieser Todesfluch sie traf. Nur der Heilsstern, den Camille, also Madame Dusoleil jetzt trägt, hat sie nicht einfach so sterben lassen. Aber daß Claire dabei auch ihren Körper aufgeben mußte wollte ich absolut nicht. Bei dieser Sache bekam ich auch mit, daß es magische Schränke gibt, die wie Teleportale oder Materietransmitter Leute oder Sachen über große Strecken zueinander hinschicken können und schrieb das auch Professor Dumbledore, weil ich Angst hatte, jemand könnte so einen Schrank in Hogwarts hinstellen und durch den Todesser um alle Sicherheitsvorkehrungen herum einschleusen. Was meinen Sie, wie heftig mich das getroffen hat, als ich dann hörte, daß genau das passiert ist und Dumbledore dabei von einem seiner eigenen Lehrer ermordet wurde. Davor passierte das mit Bokanowski, dem ich auch nur wieder wegen dieser Hexenschwestern entwischen konnte. Ich weiß nicht, was Sie als demütigend bezeichnen, Madame Faucon. Aber hilflos habe ich mich für die fünfzehn Jahre bisher schon häufig genug gefühlt." Madame Faucon sah ihn abbittend an und nickte. Dann sprach sie:

"Nun, du bist in ausweglos erscheinende Lagen geraten, aus denen du dich mit eigener Kraft nicht befreien konntest. Ich hingegen habe mich von ganz allein ausgeliefert, ohne Zwang und ohne Notlage. Insofern ist dieses Debakel schon eine schweere Demütigung. Aber du hast natürlich insofern recht, daß dein Leben schon viermal gefährdet wurde, in Slytherins Bildergalerie, bei der Sache mit Hallitti, in der Festung der Morgensternbrüder und in Bokanowskis Schreckensburg. Natürlich kannst du diese ganzen Vorfälle als schwere Schläge verbuchen. Auch ist es natürlich so, daß eine Gefahrensituation immer schwerer im Leben wiegt als eine alberne Absprache oder Wette. Dennoch hatte ich bisher immer große Vorbehalte gegen Ursuline Latierres Sippschaft. Jedesmal, wenn ich sie oder ihre direkten Nachkommen sah, erinnerte ich mich an dieses falsche Spiel, daß Roland und sie mit mir getrieben haben. Ich muß mich immer schwer zusammenreißen, wenn ich andere Mitschüler von damals sehe, weil ich nicht weiß, ob nicht einer die Erlebnisse, die ich dir eben gezeigt habe, gegen mich verwenden möchte. Auch wenn die fraglichen Ereignisse fast fünfzig Jahre her sind, können immer noch besorgte Eltern die Frage stellen, ob ich noch Herrin meiner Einschätzung und Gefühle bin. Und nach meiner unverzeihlichen Geistesabwesenheit nach dem Schachturnier hätten sie sogar allen Grund, an meiner Objektivität zu zweifeln", räumte Madame Faucon verdrossen ein.

"Nun, die nacherlebten Sachen haben mich ziemlich heftig durcheinandergebracht, muß ich sagen", warf Julius ein. "Wie soll ich denn jetzt mit Mildrids Großmutter umgehen? Ich kann die doch nicht auch noch zu verachten anfangen."

"Natürlich habe ich diese Frage in meine vorangegangenen Überlegungen mit einbezogen, weil ich mir darüber klar war, daß du in jedem Fall eine andere Ursuline Latierre zu sehen bekommst als die, die du vor Jeannes Hochzeit kennengelernt hast. Allerdings ist die, die du eben gerade gesehen hast, genauso von den Ereignissen und Erfahrungen überholt worden wie meine naive, selbstherrliche Jugendversion. Insofern kann ich sagen, sowie die junge Blanche Rocher ist auch die siegestrunkene Ursuline Latierre verschwunden. Die einzige, die damit wohl nicht so recht klarkommt bin wohl ich."

"Wie kommen Sie darauf, Madame?" Fragte Julius.

"Aus einem ganz einfachen Grund", setzte Madame Faucon an: "Von allen schlimmen Dingen, die ich erlebt und mit angesehen habe, wirkt die fatale Wette und der Verrat von Roland Didier an mir bis heute als eines der stärksten Ereignisse nach. Das mag daran liegen, daß aus diesem für mich traumatischen Ereignis neues Leben entstand, das sich weiterverbreitet hat. Mein Mann starb. Ihn kann ich betrauern oder in Frieden ruhen lassen. Ihm begegne ich in Catherine und meinen Enkeltöchtern. Gute Freunde, die beim ersten Feldzug wieder diesen selbsternannten dunklen Lord starben, kann ich betrauern. Doch mit der fatalen Wette und wie Ursuline mir ihre körperliche Überlegenheit demonstrierte arbeitet mein Geist heute noch. Ich frage mich immer wieder, was zwischen ihr und mir hätte entstehen können, wenn ich nicht aus lauter Trotz diese Wette angeboten hätte."

"Entschuldigung, falls das für Sie jetzt altklug rüberkommt, Madame, aber ich möchte es doch gerne sagen, weil Sie mir das alles gezeigt haben", holte Julius weit aus. Madame Faucon wiegte den Kopf. Dann nickte sie sehr entschlossen. "Ich denke, jetzt, wo in meiner Heimat wieder dieser Massenmörder Voldemort an die Macht will, sollten wir alle die Sachen endlich begraben, die uns damals oder vor kurzer Zeit aneinanderrasseln ließen. Ich weiß, daß ich durch die offizielle Verbindung mit Millie nicht nur Freunde in Beauxbatons treffen werde. Aber ich habe durch Kevin Malone, den Sie als Aufmüpfig bezeichnet haben, was wahrscheinlich die zutreffendste Bezeichnung war, ziemlich drastisch mitbekommen, wie schnell jemand in ernste Sorgen und Nöte reinrasseln kann. Es soll zwei Methoden geben, einen Feind oder Feindschaft zu beenden: Die erste ist der Krieg bis zum Sieg aber mit sehr vielen Opfern. Das zweite ist der Friedens- und Freundschaftsschluß. Wenn ein Feind zum Freund gemacht wird ... ich meine, von der Logik her klingt das irgendwie vernünftig."

"Genau diese schwerfallende Erkenntnis habe ich auch errungen, als ich mich nach dem Schachturnier zu Bett begab und lange nicht schlafen konnte. Ich habe an alle Ratschläge gedacht, von Hexen und Zauberern, die älter und weiter herumgekommen sind als du, wie Jane Porter, Madame Rossignol, meine Mentorin Tourrecandide, die selbst an einem schweren Seelentrauma trägt, wie du weißt. Alle sagten im wesentlichen, daß es nichts einbringt, sich die Wunden zu lecken, wenn sie dabei immer wieder aufreißen. Deshalb habe ich dir jetzt diese Erinnerungen gezeigt. Ich wollte hören, was du mit deiner bisherigen Erfahrung von nur fünfzehn Jahren daraus schließt. Es ist schon bemerkenswert, daß dein Vorschlag sich mit einigen von Professeur Tourrecandide decken. Außerdem hat Madame Ursuline Latierre mir immer wieder Frieden angeboten. Ich sah dies jedoch als Heuchelei oder schlechtes Gewissen, weil sie indirekt ihren Liebhaber und späteren Ehemann auf mich angesetzt hat, zumindest aber billigend in Kauf nahm, daß er mich umwarb und verführte. Doch Roland ist tot, in Erfüllung seiner Pflicht gestorben für seine Frau, seine Kinder, sowie alle anständigen Hexen und Zauberer dieses Landes. Das Hippolyte, Barbara, Béatrice und die anderen ein Teil von ihm sind, sticht mir zwar immer in die Seele, wenn ich sie vor mir sehe, hat mich aber zumindest nicht dazu verleitet, sie in Beauxbatons schlechter zu behandeln als die übrigen Schüler. Ich merke es daran, daß ich mit patricia, der viertjüngsten, wesentlich lockerer umgehen kann, was gemäß meiner Erziehungsweise lockerer genannt werden darf."

"Ich denke, Ursuline Latierre würde gerade jetzt, wo das in England kurz vor zwölf ist mit Ihnen sehr gut klarkommen. Noch mal auf Kevin zurückzukommen. Ich habe es mitbekommen, daß er sich bei Camille für die Nummer mit dem Sumpf und dem Feuerwerk entschuldigt hat. Vielleicht hätte er sich auch bei Belisama dafür entschuldigt, daß er ihr mit diesem Superfeuerwerk die halbe Frisur verkohlt hat. Der hat gemerkt, daß es nichts bringt, sich mit Leuten anzulegen, die einem nichts getan haben, und der hat mich im letzten Jahr als leicht anzupassenden Austauschstrammsteher bezeichnet."

"War ich diejenige, die dir mal erzählt hat, daß eine gesunde Mischung aus Respekt und Furcht charakterfördernd ist? Dein Schulfreund - ich gehe davon aus, er möchte diese Bezeichnung gerne wieder für sich beanspruchen - hat leider die Lektion erhalten, wie schnell große Furcht Menschen schwächt. Dadurch hat er ohne es zu beabsichtigen den Unterschied zwischen Respekt und Angst erlernt. Natürlich möchte er jetzt mit denen, die ihm vorher nichts getan haben und ihm nichts tun wollen besser zurechtkommen. Aber ich erfuhr von Catherine auch, daß es wegen der Hochzeit mit Mildrid möglicherweise unausräumbare Differenzen mit Monsieur Moulin gibt."

"Ich denke eher, der ist wütend, weil er eine Freundin im roten Saal hatte, mit der er gerne das erlebt hätte, was man den Leuten von da nachsagt. Belisama, die jetzt mit ihm geht, wollte mich zum festen Freund haben und ist wütend auf Mildrid, weil diese mich für sich hat gewinnen können. Ich hoffe aber, daß ich mit dem einen und der anderen irgendwie wieder klarkomme, ohne mich von Millie zu trennen. Der eine ist mein Klassen- und Schlafsaalkamerad. Die Andere ist mit Millie und mir in der Pflegehelfertruppe. Wir müssen irgendwie noch drei Jahre miteinander klarkommen."

"Daran erkennst du, wie schwierig es ist, menschliche Beziehungen in logische Muster einzusortieren, Julius", bemerkte Madame Faucon dazu. Julius erzählte dann noch, was an seinem Geburtstag passiert war, soweit Madame Faucon es nicht von Catherine oder Camille erzählt bekommen hatte. Zwar wurmte es ihn, ihr einen Rechenschafts- und Verlaufsbericht abzuliefern. Aber nur so konnte er sicherstellen, daß sie seine Sichtweise mitbekam. Dann bemerkte Madame Faucon, daß es bereits zwölf Uhr war.

"Auch wenn meine pflanzenkundliche Nachbarin nicht all zu streng auf Einhaltung bestimmter Zeiten bedacht ist solltest du jetzt besser auf dem schnellsten Wege zu ihr zurückkehren, bevor sie noch denkt, ich wollte dich den ganzen Tag bei mir behalten. Aber die Angelegenheit mit den atlantischen Zaubersprüchen würde ich gerne noch mit dir besprechen. Wie sieht eure restliche Ferienplanung aus, Julius?"

"Morgen Sommerball, übermorgen Abreise mit den Latierres, weil Millie und ich zur Hochzeit und zu meinem Geburtstag eine ihrer jüngeren Flügelkühe geschenkt bekamen. Dann zurück nach Paris, weil wir uns wohl neu einrichten. Da Millies Eltern und meine Mutter zugestimmt haben, daß Millie bei meiner Mutter und mir wohnen kann, und Catherine nichts dagegen eingewendet hat, gibt es wohl einiges umzuräumen. Ich habe zwar eine Einladung von Pina Watermellons Onkel nach London bekommen, weil er am ersten August einen beruflichen Augstieg feiert. Aber mir ist irgendwie etwas mulmig dabei, weil ich zum einen nicht weiß, ob meine Mutter da mitkommen will und wir ja dann irgendwie hin und wieder zurück müßten. Außerdem spukt da jetzt irgendwo ein ganz böser schwarzer Magier mit seiner Mörderbande herum. Da könnte es jeden Tag knallen."

"Und gesetzt den Fall, du reist nach England?" Fragte Madame Faucon.

"Werde ich da wohl einen Tag zubringen und wieder zurückkommen. Dann weiß ich nicht, was Millie noch gerne vorhat. Das kann ich jetzt nicht mehr ganz alleine entscheiden."

"Weiß deine Angetraute, daß du diese Einladung nach England erhalten hast?"

"Hmm, ich habe es außer meiner Mutter noch keinem vor Ihnen erzählt", stellte Julius fest.

"Dann besprich es mit ihr. Sicher ist ja, daß du in der Muggelwelt nicht als Julius Latierre auftreten kannst, weil dies unnötige Verwirrung schafft."

"Was für sie schon ein Grund wäre, mich da nicht hinzulassen", wandte Julius vorwitzig ein. Madame Faucon nickte.

"Besprich bitte mit Mildrid, daß ich gerne auf dein Angebot zurückkommen möchte, die alten Zauber zu erlernen!" Julius bekräftigte, daß er sie schon darauf hingewiesen habe und sie wissen wolle, ob sie diese Zauber auch erlernen könne. Madame Faucon überlegte kurz. Dann sagte sie:

"Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann haben diese Erzmagier dir diese Zauber beigebracht, weil sie befunden haben, daß du sie anwenden und meistern kannst. Ob das für alle minderjährigen Hexen und Zauberer gilt steht dahin. Aber ich überlege gerade, daß wir eine größere Runde daraus machen, die sich in Millemerveilles oder bei Catherine trifft. Ich werde die nächsten Tage darüber nachsinnen. Und jetzt kehre bitte in das Haus Camilles zurück!"

"Ja, mache ich, Madame. Ich bedanke mich bei Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich setzen!"

"Ich werde über die Dinge noch einmal nachdenken, die sich durch die gemeinsame Reise in meine Erinnerungen und das Gespräch danach ergeben haben", sagte die Lehrerin noch. Dann führte sie Julius in ihre Wohnküche, wo er den Kamin benutzte, um zu den Dusoleils zurückzuflohpulvern.

Camille wunderte sich, daß Madame Faucon Julius tatsächlich zur Mittagszeit wieder hatte gehen lassen und wollte ihn aushorchen. Doch Julius sagte ganz ruhig, daß er sehr eindringlich gebeten worden sei, nichts zu erzählen, was er bei Madame Faucon hatte tun oder erzählen dürfen.

"Nun, solange du mit Blanche nicht alle ihr so wichtigen Anstandsregeln verworfen hast muß ich mir keine Gedanken machen, Julius. Oder hat sie dich wieder für irgendwas geheimes vorbereitet?"

"Wenn das so wäre müßte ich dich töten, wenn ich es dir erzähle, Camille", konterte Julius.

"Nana, Julius, mit sowas macht man keine Scherze", schnaubte Camille. Doch was Julius erreichen wollte erreichte er. Sie hörte auf, ihn weiter zu fragen. Florymont führte Julius die frei verkäuflichen Neuheiten seiner Werkstatt vor, wie die Allwegschuhe, mit denen vom Festen Grund über Sumpfland bis zum offenen Meer alle Oberflächen begehbar waren.

"Das einzige Problem mit dem Schuh ist Hitze über fünfzig Grad. Daher könnte er in Wüsten unbrauchbar sein. Aber ich bin damit mal locker über den See der Farben gelaufen. Fühlte sich wie auf einem Sprungkissen an. Über Flüsse ist nicht so einfach zu laufen, weil das fließende Wasser einen mitzureißen versucht. Ähnlich ist das beim Meer, weil die Wellen die Oberfläche schwanken lassen. Aber für geübte Langstreckenläufer ist der Allwegschuh die beste magische Reisemöglichkeit ohne Besen oder Apparieren."

"Übers Wasser laufen? Da könnten die Kirchenleute was gegen haben", wandte Julius ein. Florymont grinste.

"Habe ich auch gehört, das dieser Jesus Christus über einen See gewandelt sein soll."

"Er wollte wohl die überteuerte Überfahrt nicht bezahlen", scherzte Julius. Florymont grinste.

"Ich wundere mich, daß es noch keine Siebenmeilenstiefel in der echten Zaubererwelt gibt, wo es mal so eben über Kilometer wegspringende Fahrzeuge und jetzt auch Flugbesen gibt", sagte Julius und beschrieb Florymont die Zauberstiefel aus den Märchen seiner Kinderzeit.

"Hmm, entweder einen Gesamtbeschleunigungszauber, der aber viel Magie benötigt und daher leicht zum ausbrennen neigt oder Zauber, die bei jedem Bodenkontakt eines Schuhs eine gewisse Wegstrecke überspringen lassen. Soweit ich unterrichtet bin funktioniert der Transitionsturbo ja nach dem Prinzip, Geschwindigkeit in einen Versetzungszauber umzuwandeln, will sagen, je schneller das Fahrzeug fahren kann, desto weiter kann es springen. Bei den Bronco-Besen, von denen ich auch schon gehört habe, reicht dieser Zauber jedoch nur fünf Kilometer weit, weil da ja noch andere Zauber eingewirkt wurden. Pinkenbach läßt grüßen." So unterhielten sich der Zauberkunstexperte und der Schüler über Möglichkeiten, den schnellen Standortwechsel ohne Apparieren in Gegenstände nicht größer als einen Schuh einzuwirken, sprachen von dafür geeigneten Materialien und die Grenze zwischen Objektteleportation und Apparition, die bei sowas wie Siebenmeilenstiefeln wohl umgangen oder fließend gestaltet werden mußte. Florymont beschloß, sich mit dem Thema zu befassen, wenn seine laufenden Projekte beendet seien. Da Julius mittlerweile wußte, wie wichtig Geheimhaltung sein konnte, fragte er nicht danach, was sein Gastgeber gerade baute.

"So, ihr kleinen und großen Jungs, es gibt Abendessen!" Trällerte Camilles Stimme aus dem Nichts.

"Ach, hast du jetzt eine Art Sprechanlage gebaut?" Fragte Julius.

"Genau. Ein Schallverpflanzungszauber, der fest in der Küche und diesem Haus hier eingearbeitet ist", sagte Florymont lächelnd. Dann begaben sich die beiden Zauberer ins Wohnhaus.

"Die restliche Zeit am Tag widmete Julius seiner Frau. Mit dieser besuchte er ein Freiluftkonzert im Musikpark. Er sprach jedoch nicht über die Erlebnisse vom Vormittag. Millie fragte nur einmal, was da gelaufen war. Julius verwies jedoch darauf, daß Madame Faucon ihn gebeten hatte, nichts zu erzählen. Es sei aber nichts, was gefährlich werden könnte, sondern nur sehr vertraulich. Danach sprachen sie über die nicht geheimen Sachen, die Florymont neu gebaut hatte.

"Ihr hattet es von Stiefeln, mit denen man bei jedem Schritt über eine große Strecke gehen kann? Das baut dir Oma Teti im Vorbeigehen", wandte Millie ein. "Gute Idee. Die braucht nur gescheite Stiefel, Drachenhaut oder Rem-Leder, und dann kann die mit ihrer Zwergenmagie machen, daß du bei jedem Schritt hundertmal weiter nach vorne kommst als so", behauptete Millie. Doch Julius wandte ein, daß die Zwerge wohl keine Raumsprungzauber kannten, weil sie ja sonst auch irgendwie apparieren könnten. Millie wiegte den Kopf und sagte dann:

"Das stimmt leider.In meinen Unterlagen über Zwerge stand nix, daß die große Strecken ohne Zeitverbrauch überspringen können. - Aber sie sagte mal was von Flugschuhen, die ein Zwergenschuster mal gemacht haben soll. In einer Mutter-Kind-Gruppe hat sie davon mal gehört. Das muß sogar krach gegeben haben, weil die und einen Goldfindestock mal jemand gefunden und rausgekriegt hat, wie die gehen. Wurde dann als Muggelmärchen ausgegeben."

"Ich nehm dann doch lieber Besen, Teppiche oder Flugtiere", sagte Julius. "Außerdem lernen wir in zwei Jahren Apparieren. Insofern wundert es mich nicht, daß kein Zauberer sowas wirklich für nötig gehalten hat."

"Ach, eine nette Sache wäre das schon. Du gehst los und bist in einer Minute von hier in Paris, ohne dich auf das Ziel konzentrieren zu müssen. Oder du läufst an und hebst ab, ohne einen Besen mit dir rumschleppen zu müssen. Aber ich fürchte, die Zwerge sind da mittlerweile durch Zaubereigesetze von abgehalten worden, sowas zu machen, wenn Muggel dadurch ganz komische Sachen machen könnten", erwiderte Millie. Julius nickte. Dann sprachen sie über den schönen Abend und vereinbarten, was sie am nächsten Abend zum Sommerball anziehen wollten. Julius fühlte sich dabei zwar irgendwie komisch, begriff jedoch, wie wichtig das Claire war und für Millie ebenso wichtig war.

Julius brachte Mildrid auf seinem Flugbesen um Mitternacht zur großen Wiese zurück, die nun fast schwarz dalag. Bellona lag mit auf dem Rücken zusammengefalteten Flügeln da. Ihr Fell warf das silberweiße Mondlicht unabgemildert zurück, so daß sie wie ein schlafender Patronus wirkte. Er erschauerte bei dem Gedanken, daß morgen vor einem Jahr ein Rudel Dementoren über Millemerveilles hergefallen war. Doch der Gedanke, daß sie alle diese ungeladenen Besucher mit vereinter Kraft zurückgeschlagen hatten und daß die magische Schutzglocke über dem Dorf jetzt auch keine Dementoren mehr durchlassen würde beruhigte ihn.

"Morgen kommst du dann zum Frühstück um neun zu uns", erinnerte Millie ihn an etwas, was sie am Abend ausgemacht hatten. Julius' Mutter wollte mit Madame Delamontagne noch einmal Schach spielen. Er gab seiner Frau einen Abschiedskuß und wünschte ihr noch eine gute Nacht. In diesem Moment quängelte eines der Babys.

"Das ist einer der Jungs von Tante Babs", flüsterte Millie. "Langsam hab' ich's raus, wer wie plärrt und quängelt." Julius nickte nur und saß auf seinem Besen auf.

 

__________

 

Als Julius Latierre am nächsten Morgen nach dem Frühsport erneut zu den Latierres flog fand er dort nicht nur seine Frau und ihre Verwandtschaft vor, sondern auch Madame Faucon, die sich etwas abgelegen von den Zelten mit Line Latierre unterhielt. Julius sah an der Körperhaltung der beiden Hexen, daß sie sich ganz ruhig und friedlich unterhielten.

"Das wolltest du mir gestern nicht erzählen, wie du Königin Blanche dazu gekriegt hast, sich mit Oma Line zu vertragen", begrüßte ihn Millie nach der Besenlandung.

"Ich denke, ich habe dazu nicht die Macht, sie zu irgendwas zu kriegen, Mamille", erwiderte ihr Mann lächelnd. Zumindest hatte die Lehrerin eine Möglichkeit gefunden, den an und für sich überholten Krach mit Line zumindest zurückzustellen. Seine Schwiegermutter Hippolyte winkte ihm zu und deutete auf einen großen Tisch, auf dem bereits Geschirr für eine gemütliche Kaffeetafel aufgebaut war.

"Was immer du mit Madame Faucon erledigt hast, Julius, es hat offenbar was in ihr umgestellt", sagte sie ihm leise, damit ihre Mutter und die Besucherin, die etwa fünfzig Meter weiter an einem Tisch saßen, nicht mithören konnten. Babs sortierte gerade die Kinder, Nichten und Neffen.

"Kein Kommentar", erwiderte Julius darauf nur. Hipp lachte lauthals. Albericus wurde von seiner Schwägerin Barbara angehalten, die Toberei mit den Jungen aus dem Clan zu beenden.

"Pattie, zieh dich um, bevor du herkommst!" Wies Hipp ihre jüngere Schwester an.

"Wieso, die Sachen sind doch kein Problem, oder bleibt die alte zum Frühstück?"

"Madame Faucon bleibt wohl zum Frühstück, Pattie. Also zieh dir was sauberes an!" Beharrte Hippolyte auf ihre Anweisung.

"Meine anderen gewöhnlichen Sachen sind im Waschfaß. Babs wollte die Klamotten alle bis morgen sauber kriegen."

"Dann sei es", knurrte Hippolyte und erhob sich, ging um den Tisch herum und bearbeitete Patricias mindgrünen Rock, auf dem Grasflecken und Erdkrusten klebten mit dem Sauberzauber Ratzeputz. Ihre viertjüngste Schwester quiekte ein- oder zweimal, weil der rosa schäumende Reinigungszauber sie wohl heftig an den Beinen oder anderen Stellen schrubbte. Doch am Ende waren ihre Alltagssachen wieder vorzeigbar.

"Hallo Julius", grummelte Pattie. "Hast du der Faucon gesagt, die soll herkommen?"

"Das hätte ich mal wagen sollen", erwiderte Julius. "Die ist wohl nach der Sache vorgestern drauf gekommen, daß die das mit deiner Mutter klären will, was zu klären geht. Oder denkst du, ich dürfte der was sagen?"

"Hätt' ja sein Können", grummelte Patricia. Millie fragte sie, warum sie so mies drauf wäre.

"Du weißt das schon, Mildrid", schnaubte Patricia. "Also frag' nich' so blöd!"

"Nur weil Marcs Eltern dir geschrieben haben, du hättest die Pfoten von ihm zu lassen?" Fragte Mildrid erstaunt. "Wenn dir der Junge echt wichtig ist kann dir das doch egal sein."

"Ja klar, wenn die auch Fixie so'n Brief schicken, daß die bloß aufpassen soll, daß ich mit dem nix anfangen soll. Dann hat Königin Blanche jetzt auch ..."

"Madame oder Professeur Faucon, Pattie", berichtigte sie ihre älteste Schwester.

"Hipp, spiel dich nich' auf!" Blaffte Patricia. Da kamen aber auch schon Ursuline und Madame Faucon. Vor nicht einmal zwei Tagen hätte Julius es nicht für möglich gehalten, daß die beiden sich mal an einen Tisch setzen würden, ohne daß Madame Faucon wie eine angriffslustige Löwin geknurrt und gefaucht hätte. Julius stand auf und begrüßte seine Schwiegergroßmutter und die Besucherin höflich. Dann nahm Madame Faucon rechts von Ferdinand Latierre Platz, während Ursuline Julius und Millie auf ihre rechte Seite am Tisch umsetzte und Pattie sich auf den Stuhl setzte, den er schon leicht angewärmt hatte.

"Also, wie ihr alle mitbekommen durftet, haben Blanche und ich uns ausgesprochen und erkannt, daß keiner von uns es nötig haben sollte, sich wegen längst zurückliegender Sachen dauerhaft mit anderen Leuten zu streiten", eröffnete Ursuline allen Verwandten und besuchern. Madame Faucon nickte zustimmend. Dann ging es ans Frühstück. Julius feixte Hippolyte zugewandt, daß er jetzt alle am Morgen heruntergeturnten Pfunde wieder zunehmen würde.

"Beim englischen Frühstück bestimmt. Aber bei unseren Sachen nicht so einfach. So viel kannst du im Wachstum nicht essen, um das am selben Tag wieder zuzunehmen", erwiderte Hippolyte. Dann sprachen sie noch über den Sommerball, daß nun alle in Beauxbatons lernenden Latierre-Kinder auch dort hinkommen würden. Julius erwähnte, daß seine Mutter und er am ersten August zu einer Beförderungsfeier in London eingeladen seien, aber nicht wüßten ob und wie sie da hinkommen sollten, weil es in England gerade ziemlich schwierig sei, problemlos irgendwo hinzukommen.

"Ja, und meine Mutter hat mir dann noch erzählt, daß gestern über der englischen Grafschaft Surrey und den angrenzenden Grafschaften eine große Anzahl Polarlichter zu sehen gewesen wären. Allerdings haben die Astronomen von da das nicht rechtzeitig mitbekommen und deshalb keine Bilder davon machen oder auf Filme aufnehmen können. Joe Brickston meinte, seine Frau glaubt nicht, daß das Polarlichter waren, wolle aber nicht erzählen, was es dann sonst sein könnte", sagte Julius dann noch.

"Polarlichter gibt's doch nur ganz oben im Norden, wo es nur Eis gibt", sagte Albericus. "Ich habe zwar noch keine gesehen, aber habe das im Unterricht gelernt. Soll toll aussehen, rote und grüne Blitze oder Lichtvorhänge. Wie Feuerwerk, nur ohne Knall und Hui."

"Hat uns Paralax in der zweiten auch mal gezeigt, wie sowas aussieht", meinte Millie. "Soll aber auch am Südpol vorkommen."

"Stimm, Millie", bestätigte Julius. "Aber wenn ich euch jetzt erzähle, woher das kommt, würde ich euch langweilen."

"Gack-gack-gack. Dann leg das ei auch", grinste Callie Latierre.

"Ganz weit oben in der Lufthülle kommen winzige Teilchen von der Sonne an und bringen die Luft zum aufleuchten. Weil diese Teilchen vom Magnetfeld der Erde angezogen werden, kommen die da am häufigsten vor, wo die Pole des Magneten Erde liegen, also an Nord- und Südpol. Nur wenn aus der Sonne besonders viele dieser Teilchen herausfliegen, die Sonnenwind genannt werden, können Polarlichter auch in Mitteleuropa gesehen werden. Wußte gar nicht, daß es in den letzten Tagen so heftig auf der Sonne zuging."

"Dann hätten diese Lichter wohl auch an anderen Stellen gesehen werden können", stellte Jean Latierre fest. Julius nickte. Auch er glaubte nicht so recht an ein besonderes Naturschauspiel, wenngleich er gerne einmal echte Polarlichter sehen würde. So sprachen sie noch über Naturschauspiele wie Sonnen- und Mondfinsternisse, Sternschnuppen, Regenbögen und aus sicherer Entfernung beobachtete Vulkanausbrüche. Offenbar fand Julius kindgerechte Erklärungen dafür, was Millie warm lächeln ließ und die anwesenden Eltern und Großeltern anerkennend nicken machte.

"Warum konnte uns Paralax sowas wie die Sonnenfinsternis nicht in so einfachen Worten erklären und muß so Sachen wie Bahnneigungen und optischen Durchmesser erzählen?" Fragte Martine. Darauf hatte Julius keine Antwort.

Als das Frühstück beendet war, liefen die Kinder unter fünfzehn Jahren wieder zum spielen auf die Wiese zurück. Patricia, Callie und Pennie flogen auf ihren Besen zu Schulkameraden aus Millemerveilles. Albericus paßte wieder auf die tobende Meute auf, während die erwachsenen, zu denen auch Julius und Millie gezählt wurden, noch am Tisch sitzen blieben.

"Ich habe es dir angesehen, daß du auch nicht an Polarlichter über England glaubst, Julius", sagte Madame Faucon. Ursuline nickte ihr beipflichtend zu. Dann sah sie ihren Schwiegerenkel an und fragte, warum er das nicht glauben wollte.

"Öhm, zum einen hätten die Astronomen Tage vorher schon mitbekommen, daß ein richtiger Sonnensturm losbricht, der Polarlichter bis runter nach England aufleuchten macht. Zum zweiten wären diese Lichter nicht nur über Surrey und ein paar angrenzenden Grafschaften zu sehen gewesen. Zum dritten hätte es mindestens einen gegeben, der Bilder oder einen Videofilm davon gemacht hätte, wenn das wirklich mehr als zwanzig Minuten gedauert hat. Also vermute ich eher was von innerhalb der Erdatmosphäre."

"Was konkret?" Fragte Madame Faucon sehr ernst klingend.

"mein Schwiegervater hat das ja erwähnt, daß Polarlichter rote und grüne Blitze seien können. Jetzt kennen wir Zauberer und Hexen doch eine ganze Menge Zaubersprüche, die rote und grüne Blitze machen. Vor allem was die grünen angeht wird mir da ganz anders, wenn ich mir denke, daß da jemand eine Menge von gemacht haben könnte. Dann wäre das nämlich eine magische Luftschlacht gewesen, diese Todesser und ihr böser Herr und Meister gegen Leute vom Ministerium oder von Dumbledores Anhängern."

"Exakt das hat Catherine mir gestern abend noch per Kontaktfeuer mitgeteilt, daß es wohl eher eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen dieser Mörderbande und ihren Feinden war", bestätigte Madame Faucon. "Insbesondere ist dabei der Ort zu bedenken, wo diese Kampfhandlungen stattfanden. In Surrey wohnt nämlich jemand, der von diesem Psychopathen wie besessen gejagt wird, weil er ihm bereits mehrere schwere Niederlagen beibrachte."

"Also in Surrey", seufzte Julius. Er hatte sich schon immer gefragt, wo die nichtmagischen Verwandten Harry Potters lebten, zu denen dieser im Sommer zurückkehrte. Andererseits hatte Dumbledore bei der letzten Sitzung der Sub-Rosa-Vereinigung erwähnt, daß er den Jungen, der den Todesfluch Voldemorts überlebt hatte, mit einem besonders wirksamen Schutzzauber umgebenhatte, der dem Sanctuafugium-Zauber ebenbürtig war. Warum sollten sich also Dumbledores Anhänger oder das Ministerium mit den Todessern eine Luftschlacht liefern, die doch jedem Muggel sprichwörtlich ins Auge fallen mußte, wenn Harry Potter doch so gut beschützt wurde?"

"Vor allem wäre das ein ziemlich böses Vorzeichen, wenn sich diese Mörder schon in großer Zahl eine offene Schlacht mit jemandem liefern, der die Muggel zugucken können", warf Ursuline ein. "Sie haben also recht, Blanche, daß das englische Zaubereiministerium sehr stark gefährdet ist. Bringen wir es auf den Punkt, Blanche. Ihren Informationen nach soll der Junge, der überlebt hat, Harry Potter, in Surrey bei seinen Muggelverwandten untergebracht sein. Heißt dieser Kampf jetzt, daß er dort nicht mehr ist? Heißt das, er wurde anderswo hin gebracht? Und wenn er anderswo hingebracht wurde, waren das seine Freunde, die das taten oder seine Feinde?"

"Sagen wir es so, daß wir es sicher wüßten, wenn seine Feinde ihn in ihre Gewalt bekommen hätten. Denn dann hätte dieser größenwahnsinnige und menschenfeindliche Hexer das alle Welt wissen lassen, wo Harry Potter als Hoffnungssymbol gegen ihn gilt", erwiderte Madame Faucon. Julius nickte ebenso wie der Rest der Anwesenden. Da schien Ursuline noch was einzufallen. Sie überlegte und sprach es dann laut aus:

"Könnte es sein, daß Harry Potter demnächst volljährig wird, Blanche?" Die Gefragte nickte. "Dann wird der Schutz, den sein Mentor Dumbledore ihm gewährt hat in dem Moment erlöschen, wo er volljährig wird. Dann ging es wohl darum, ihn von einem diesem Totflucher bekannten Ort wegzuschaffen, bevor der Schutz verfällt und der Unnennbare den zum Mann gewordenen Jungen sofort dort angreifen würde."

"Interessante These, wie kommen Sie darauf, Ursuline?" Fragte Madame Faucon.

"Benedictio matris moribundae, Blanche. Ich bin mir sicher, daß Sie den kennen", erwähnte Ursuline. Blanche Faucon nickte bestätigend. "Mit diesem Zauber kann eine Mutter, wenn sie den Tod vor Augen hat, einem Bruder oder einer Schwester mehr Stärke geben, ihr Kind zu beschützen, solange es Kind ist. Jetzt kommt dazu, daß Harrys Mutter unmittelbar vor dem Angriff auf den Jungen selbst gestorben ist, wie wir alle wissen. Dann fiel der Fluch auch noch auf den Mörder selbst zurück. Dadurch hat sich der Zauber verstärkt und mußte nur noch von einem magischen Boten übermittelt werden. Solange der Junge bei einem Bruder oder einer Schwester seiner Mutter lebte, schützte das Blut des Blutsverwandten ihn in einer gewissen Umgebung vollkommen gegen seine Feinde, genauso wie der Sanctuafugium-Zauber. Nur dieser muß von mindestens zwei Zauberern oder Hexen begonnen und ausgeführt werden und hält nur solange, wie die zu schützenden, also namentlich bedachten Personen in diesem Bereich leben oder arbeiten. Bei diesem mächtigen Zauber, der auch als letzte Mutterliebe oder Kindesschutz nicht gerade vielen bekannt ist, ist der Schutz unbrechbar, bis das zu behütende Kind volljährig geworden ist. In diesem Moment erlischt der Zauber unwiederbringlich."

"Das trifft zu", erwiderte Blanche Faucon und sah sich um, ob ihr jemand ungebetenes zuhören konnte. Dann sagte sie: "Es gibt nur wenige, die über die Natur dieses Zaubers unterrichtet sind. Und es sollte auch so bleiben. Womöglich gehörte Harry Potters Mutter zu den eingeweihten, die ihn aufrufen konnten und hatte noch genug Zeit, ihn im Angesicht des Todes in sich anzureichern, um ihn durch ihren Tod auf ihren Sohn anzuwenden. Nur Liebe und Todesangst, Besorgnis und Einfühlungsvermögen können diesen machtvollen Zauber errichten. Allerdings wuchs Harry Potter bei den Muggelverwandten seiner Mutter auf. Also mußte jemand den Zauber von ihm auf diesen Blutsverwandten übermitteln, um ihn voll wirksam werden zu lassen."

"Ich denke mal, das wird derselbe gewesen sein, der Harrys Mutter den Zauber beigebracht hat", wandte Julius ein. "Und derjenige lebt auch nicht mehr", seufzte er noch.

"So ist es", seufzte Madame Faucon. Die anderen schienen zu überlegen, wen er meinte. Dann klickte es wohl bei allen, und sie nickten beipflichtend.

"Es steht in keinem Schulbuch und wird eigentlich nur von weisen Hexen unterrichtet", mentiloquierte Madame Faucon an Julius' Adresse. "Mir entzieht sich, wie Dumbledore, ein Junggeselle, die nötigen Kenntnisse bekommen hat."

"Ja, und deshalb haben die, die zu Harry Potter konnten ihn schnell abgeholt, bevor er siebzehn wird?" Fragte Martine. Madame Faucon antwortete, daß es wohl die naheliegendste Vermutung sei. Denn sonst wäre die Luftschlacht ausgerechnet über Surrey nicht nötig gewesen.

"Dann hätten doch welche mit ihren Fernrohren sehen müssen, daß da Zauberer auf fliegenden Besen in der Luft sind", warf Albericus ein.

"Haben bestimmt welche", sagte Julius. "Aber die Vergissmichs haben denen dann eingepflanzt, nur hübsche, glühende Polarlichter gesehen zu haben. Das erklärt ja auch, wieso keiner Bilder davon gemacht hat." Alle nickten. Dann diskutierten sie die Frage, ob Harry Potter in ein sicheres Versteck gebracht werden konnte, was nun zu befürchten war und wie man in Frankreich darauf vorbereitet sein konnte. Jetzt zeigte sich, wie klug es von Madame Faucon war, ihren uralten Groll gegen Ursuline und ihre Abkömmlinge durch den Schornstein zu jagen. Denn es entspann sich eine sehr konstruktive Besprechung über Maßnahmen, die getroffen werden konnten und mußten. Julius schlug vor, seine Mutter und er könnten über Diktaturen in der Muggelwelt alles zusammentragen, was es gab. Madame Faucon verkündete, daß Catherine bereits die entsprechenden Stellen in der Zaubererwelt kontaktieren wolle, um Vorkehrungen im Falle eines Übergriffes zu treffen. Ursuline würde ihre Verwandten weltweit über Portraits und andre Wege informieren, daß wohl bald ein Umsturzversuch in England zu befürchten war. Denn allen war klar, daß die Luftschlacht nur das Vorspiel für den wirklichen großen Angriff der Todesser sein würde. Julius erinnerte sich an die vielen Krimis und Spionagefilme, die er mit seinen Eltern hatte sehen dürfen und warf ein, daß ein Umsturz am besten gelänge, wenn der Angreifer sich Verbündete auf der anderen Seite verschaffte. Zehn Sekunden Schweigen folgten. Dann sagte Madame Faucon:

"Eben genau dies befürchte ich, seitdem ich die Nachricht von der Wiederverkörperung dieses Verbrechers erhalten habe. Um selbst wieder Gestalt zu gewinnen hat er bereits auf dieses Mittel zurückgegriffen, und mit dem Imperius-Fluch, Drohungen und Verlockungen dürfte es ihm nicht schwerfallen, geeignete Kandidaten auf seine Seite zu ziehen oder aus Angst vor ihm alle nötigen Türen zu öffnen, um ihn unangefochten passieren zu lassen."

"Dann müßten wir uns alle gegenseitig mißtrauen, Blanche", warf Ursuline ein.

"Genau das will dieser Mörder erreichen, Ursuline. Und genau deshalb müssen wir ihm mit Liebe, Zusammenhalt und Vertrauen entgegenwirken", bekräftigte Madame Faucon. Julius hörte daraus die Begründung, warum Madame Faucon ihren alten Grimm abgelegt hatte. Jetzt galt es, wie Dumbledore es am Ende des trimagischen Turniers gefordert hatte, daß alle zusammenhielten, die bedroht wurden und dem Feind damit entgegenzuwirken. Denn wenn der Zusammenhalt verschwand, hatte jeder Angreifer leichtes Spiel. Das kannte er ja auch aus den Asterix-Comics, wo die Römer dem Dorf der Unbeugsamen ein Naturtalent in Sachen Zwietracht und Mißtrauen auf den Hals gehetzt hatten. Hoffentlich besaß Voldemort nicht so einen wie Tulius Destruktivus! Obwohl, wenn er an Dolores Umbridge dachte ... Da konnte noch übles Ungemach nachkommen.

"Dann sind wir uns einig, daß wir unsere Freunde und Verwandte entsprechend informieren, daß die versuchte Machtübernahme durch den, dessen Name nicht genannt werden darf, unmittelbar bevorsteht", faßte Ursuline die Diskussion in einem Schlußsatz zusammen. Alle nickten ihr bestätigend zu. Danach kehrte Julius zu Camille und Florymont zurück.

Es erwies sich als gut, daß Denise am Nachmittag schon zu ihren Freunden unter zwölf Jahren wollte, wo sie auch die Nacht verbringen wollte. So konnte Julius seinen Gastgebern und mit Hilfe des Portraits von Viviane Eauvive den lebenden Eauvives mitteilen, was demnächst anstand.

"Dann werde ich, wenn wir zu Hause sind, eine großangelegte Recherche über Diktaturen und Gewaltherrschaften beginnen", sagte Martha Andrews. "Ich werde es Nathalie vorschlagen, mich für drei Wochen dafür freizustellen. Immerhin haben wir sogenannten Muggel doch schon eine Menge geschichtliche Erfahrung mit Tyrannen und Massenmördern."

"Die haben wir zwar auch, Martha. Aber Vergleiche mit anderen Gesellschaften können nur nützen", sagte die gemalte Viviane in Camilles und Florymonts Schlafzimmer. Dann wurde beschlossen, es so erstmal bewenden zu lassen.

Millie ließ sich von ihrer großen Schwester kurz vor Beginn des Sommerballs per Apparition zu den Dusoleils bringen. Martine trug einen fließenden, königsblauen Festumhang aus Seide und hatte sich goldene Bänder durch das Haar geflochten und fünf dazu passende Armbänder an jeden Arm gesteckt. Julius hatte sich seinen weinroten Festumhang angezogen und sein Haar mit dem Goldhaarelixier aus Melanie Redliefs Laden aufgepeppt. Ebenso liefen Millie und Martine mit jenem feurig wirkenden Glitzerglanz in ihrem Haar herum. Mildrid trug einen smaragdgrünen Festumhang, der genauso fließend und luftig war wie der ihrer Mutter. Camille bewunderte den Stoff und das leuchtende Grün. Sie selbst führte einen grasgrünen Festumhang aus und hatte sich Schmuck aus Jade an Armen und im Haar angelegt.

"Da sehe ich mit meinem popeligen Kleid aber wie bei einer schnöden Geschäftsbesprechung aus", fand Martha mit Blick auf eine veilchenblaue Ballrobe, die sie sich zugelegt hatte. Doch keiner wollte ihr das bestätigen. Florymont trug einen Umhang aus waldgrünem Samt und einen smaragdgrünen Zaubererhut.

"Ich habe das mit Monsieur Pierre und Madame Delamontagne abgeklärt, daß ich als Ministerialbeamtin in der Personenverkehrsabteilung in Millemerveilles zwei Sonderapparitionen mit nichtmagischen Personen durchführen darf. Weil es ja nicht zu Privatgrundstücken geht und wohl schon einige Leute da eintrudeln mußte ich das", sagte Martine zu Martha gewandt. Diese nickte bestätigend. Sie ließ sich von ihrer neuen Verwandten am Arm ergreifen und verschwand mit dieser mit hörbarem Plopp.

"So, wir anderen auf die Besen!" Trieb Florymont die drei noch vor seinem Haus wartenden an. So saß Milie hinter Julius und Camille hinter Florymont, als sie zum Musikpark hinüberflogen. Unterwegs trafen sie andere Dorfbewohner und deren Gäste, Auch Millies Eltern, die in aufeinander abgestimmten grünen Umhängen gekleidet waren.

"Ah, da sind Sie ja!" Grüßte Roseanne Lumière, die Dorfrätin für Kulturelle Angelegenheiten und Sprecherin des Festes die Ankömmlinge. "Madame und Monsieur Latierre, Sie werden heute an einem der Tische für Ehepaare zu sitzen kommen. Immerhin ist es ja im ganzen Dorf herum, daß Sie beide einander angetraut wurden." Julius sah sich um, wer schon alles saß. Dann fragte er, mit wem Millie und er am selben Tisch sitzen würden.

"Lauter gute Bekannte von Ihnen, Monsieur Latierre. Die jüngeren Eheleute Dusoleil und die van Helderns. Sie haben mich darum gebeten, wenn dies gestattet wird, Sie beide zu ihnen an den Tisch zu setzen", erläuterte Madame Lumière.

"Klar, weil Brunos Frau mit ihrer Schwiegermutter dauernd Krach hat", meinte Millie, als Roseanne Lumière schnell zu anderen Gästen hinüberging, um sie zu begrüßen. Jeanne, die gerade wohl auch gelandet war, winkte Julius zu. Sie trug einen silbergrauen Festumhang, den Julius beim trimagischen Turnier bei Fleur Delacour gesehen hatte. Aber zu Jeannes schwarzem Haar paßte es auch, das sie bis auf ein goldenes Band auf Nackenhöhe ungebändigt belassen hatte.

So fanden sich die Gäste nach und nach ein und besetzten die ihnen zugewiesenen Tische. Julius fühlte sich einen Moment lang merkwürdig, als er mit seiner untergehakten Frau einen der Tische auf der Südseite des Tanzplatzes angesteuert hatte, wo ausschließlich Ehepaare und alleinstehende Erwachsene versammelt waren. In diesem Moment landete auch Aurora Dawn, die das wie gewebtes Morgenrot aussehende Kleid trug und sich glitzernde Steine in das schwarze Haar gesteckt hatte. Neben ihr landete Béatrice Latierre, die in einem grün-goldenen Glitzerkleid steckte und goldene Bänder durch ihr Haar geschlungen hatte. Er suchte Schulkameraden und fand Sandrine und Elisa Lagrange an einem Tisch sitzen. Alles war anders als vorher, obwohl der Tanzplatz und die Festbeleuchtung so beschaffen waren wie die drei Male davor. Callie und Pennie saßen an der Westseite, ebenso Patricia Latierre. Diese durfte sich mit Caro Renard und Jacques Lumière einen Tisch teilen.

"Hat deine Mutter Jacques wieder herbringen können?" Fragte Julius Barbara van Heldern, die sah, wie er sich einen Überblick verschaffte.

"Das war diesmal nicht nötig", sagte Barbara schmunzelnd und deutete auf einen anderen Tisch, wo Julius die brünette Mésange Bernaud sah, die laut Patrice Duisenberg eine Hoffnung der Quidditchmannschaft des blauen Saales war und gerade die dritte Klasse beendet hatte. Er dachte gerade die Frage, als Barbara sie beantwortete und Millie wissend grinste.

"Ja, so wie es aussieht ist mein Bruder darauf gestoßen, daß es neben Zaubertränken und Zaubertieren noch andere interessante Sachen gibt. Zwar ist meine Mutter nicht so begeistert, weil er sich eine quirlige Blaue als ... Studienobjekt ... ausgesucht hat. Aber zumindest war das ein Grund, freiwillig zum Ball zu kommen. Pech nur, daß sie fünf Tische von ihm entfernt sitzt."

"Klar, weil deine Mutter die Tischordnung macht", stellte Julius grinsend fest. Millie meinte dann noch:

"Mésange singt ja mit mir im Schulchor, und Callie und Pennie sind wütend auf die, weil die Jacques irgendwie die letzten sechs Wochen angehimmelt hat. Weiß zwar nicht, was Callie und Pennie an dem Typen so toll finden ..."

"Na, Madame, du sprichst von meinem Bruder", unterbrach sie Barbara, mußte dann aber amüsiert grinsen, weil Millie sich nicht beeindrucken ließ.

"Soso, so sucht sich jeder kalte Deckel den passenden Topf", kommentierte Julius die Information, die irgendwie an ihm vorbeigegangen war. Vielleicht wußten auch nur die Blauen und die Roten was davon. Aber das hatte bisher doch immer gereicht, um durch ganz Beauxbatons zu kursieren.

"Zumindest hat deine Mutter sie eingeladen", wandte Millie an Barbaras Adresse ein.

"Stimmt, sie hätte es darauf ankommen lassen können, daß eure temporeiche Familie über Calypso und Penthisilea die zweite Chance kriegt. Aber dann wäre er definitiv nicht herzukriegen gewesen", erwiderte Barbara. Julius war froh, daß Jacques große, starke Schwester ihn und Millie zusammen akzeptierte, nachdem sie ihm an seinem Geburtstag erst die kalte Schulter gezeigt hatte.

"Ihr eröffnet den Ball, wenn ich das richtig sehe", sagte Jeanne, als die Musiker des Abends auf der Bühne Aufstellung nahmen. "Virginie hat sich heulersicher verkrümelt. Zumindest hat Roseanne sie nicht erreichen können, nachdem sie mit Aron davongeflogen ist."

"Da frag mal meine Mutter, ob man sich heulersicher verstecken kann", grinste Julius und deutete zu dem Tisch hinüber, wo Madame Faucon mit seiner Mutter, Madame Matine, Seraphine Lagrange und Uranie Dusoleil eine Runde alleinstehender Frauen bildete. Jeanne ließ sich dann erzählen, was Julius' Eltern vor drei Jahren widerfahren war, als sie meinten, ihn bei Joe und Catherine vor Hogwarts und der restlichen Zaubererwelt verstecken zu können. Jeanne kannte die Geschichte ja, daß danach eine Kontaktsperre für Julius' Eltern verfügt worden war und er auch deshalb sehr froh gewesen war, mit ihr am trimagischen Weihnachtsball teilnehmen zu dürfen. Barbara und Millie grinsten, während Bruno meinte:

"Ausgerechnet bei Königin Blanches Tochter. Da wird die gute aber richtig gut auf alle Muggel zu sprechen gewesen sein." Julius nickte. Dann sah er Madame Lumière die Bühne betreten. Diese begrüßte alle Besucher des Sommerballs, bedankte sich, daß so viele Damen und Herren herbeigekommen waren und stellte das Orchester aus zwölf Musikern vor. Dann deutete sie auf den Tisch, an dem Mildrid und Julius Latierre saßen und bat das junge Paar auf die Tanzfläche. Viele der Gäste sahen sie ziemlich überrascht an. Denn es war noch nicht bei allen rumgegangen, daß sie nun einander verbunden waren. Die, die es längst wußten teilten es ihren Tischgenossen mit.

"Jetzt kann Gilbert Latierre das auch in die Zeitung setzen", bemerkte Julius, als er mit seiner Frau den ersten Walzer tanzte.

"Macht dir das so viel Sorgen, Julius?" Fragte sie.

"Nach der Sache mit den Polarlichtern über Surrey wäre es vielleicht nicht so toll, wenn wirklich alle das mitkriegen. Ich denke nämlich immer noch, daß deine Eltern das mit uns schnell unter Dach und Fach bringen wollten, um entweder dich, mich oder uns beide besser abzusichern."

"Vor allem vor den tollen Ideen von Königin Blanche", erwiderte Millie darauf. "Mach dir keinen Kopf darum, ob dieser Mistkerl in England sich dafür interessiert, wer mit wem verheiratet ist. Außerdem hat eure Tageszeitung hier bei uns keinen Korrespondenten mehr, weil der, der hier war, vor zwei Jahren zu häufig versucht hat, die wirklichen Geschichten um den Unnennbaren und Harry Potter zu bringen. Die haben den gefeuert. Da der aber mit einer französischen Hexe verheiratet ist, blieb er im Lande. Sagt zumindest Gilbert. Oder willst du die ganze letzte Woche und das davor wieder zurückdrehen?"

"Ganz bestimmt nicht", beteuerte Julius. Seine Frau lächelte ihn wohlwollend an. Dann überließen sie sich dem Tanz.

Nach dem Eröffnungswalzer war Herrenwahl, und Julius tanzte mit seiner Mutter. Dann war wieder Damenwahl, und Jeanne forderte ihn auf, während Millie Bruno aufforderte. Danach folgten mehrere Tänze, wo Julius mit Mildrid tanzte. Zwischendurch ging er auch ans Buffet und genehmigte sich eine Kleinigkeit zu essen.

Einmal nach ungezählten Tänzen mit verschiedenen Partnerinnen, darunter fast alle anwesenden Latierres und Dusoleils, bat ihn auch Madame Faucon, ihn zu einem Walzer zu begleiten. Als die ersten Takte verklungen waren sagte sie leise:

"Du hast dich bestimmt gefragt, was meine harte Haltung gegen Ursuline endgültig aufgeweicht hat, nicht wahr?"

"Als ich Sie heute Morgen dort sah schon. Aber als wir über diese Polarlichter über England sprachen ist mir der Gedanke gekommen, daß es daran liegen könnte."

"Das habe ich mir gedacht, daß dir das einfällt", erwiderte Madame Faucon. "Tatsächlich ist mir da erst richtig klar geworden, daß dieser Dunkelmagier, der meinen Mann Hugo ermordet hat, mächtig genug werden könnte, die ganze Welt in Angst, Haß und Zerstörung zu treiben, wenn wir ihm dafür genug Nahrung bieten. Ich habe dann die ganze Nacht darüber sinniert, ob ich die zahlreichen Angebote Ursuline Latierres nicht doch bedenken und den Frieden mit ihr machen sollte. Ich habe zwar zu Madame Rossignol gesagt, daß ich nicht von Prinzipien abweichen möchte, nur weil dieser Mörder sich wieder austobt. Aber nach deiner letzten weiten Reise und den damit verbundenen Enthüllungen habe ich erkennen müssen, daß künstliche Feindschaften ein Luxus sind, den wir uns nicht mehr leisten können, und ich da mit gutem Beispiel vorangehen muß, wenn ich für dich und die anderen Schüler ein Vorbild bleiben will. Daher habe ich am Morgen gefragt, ob ich Ursuline sprechen könne. Sie hat dem sofort zugestimmt. Bevor du eintrafst haben wir die wirklich großen Hindernisse aus dem Weg geräumt. Auch habe ich an das denken müssen, was sich durch deine und Mildrids Verbindung ergeben hat. Mir war klar, daß ihre Eltern diese schnelle Entscheidung deshalb gesucht haben, weil sie davon ausgehen, daß ich dich wenn nicht mit gesetzlicher Hilfe dann auf eine abenteuerliche Weise bemühen könnte und sie nur dagegen Einspruch erheben könnten, wenn deine Angelegenheiten sie offiziell etwas angehen. Tja, und in dieser Eigenschaft kamen Ursuline, Charles und Mildrids Mutter am Morgen deines fünfzehnten Geburtstages zu mir und informierten mich. Ich muß zugeben, daß ich da noch sehr mißgestimmt war. Aber sie brachten Argumente vor, die ich nicht widerlegen konnte. Diese und die mit dir unternommene Rückschau bewogen mich, mein Verhältnis zu den Latierres zu überarbeiten. Ich will nicht behaupten, daß mir alles gefällt, was Ursuline denkt, sagt und tut. Aber wenn sie damit niemanden körperlichen oder seelischen Schaden zufügt, sollte ich diese Meinungsunterschiede mit mehr Ruhe betrachten als vorher. Außerdem bin ich als Großmutter wohl kaum geeignet, mich weiterhin selbst oder durch andere als eiserne Jungfrau zu bezeichnen. Diese fragwürdige Benennung haben sich andere leider mehr verdient."

"Sie möchten mir nicht erzählen, welche Argumente das waren, Madame?" Fragte Julius.

"Zu diesem Zeitpunkt nicht, Julius. Darüber können wir uns andernorts und zu gegebener Zeit unterhalten", wehrte Madame Faucon ab. Julius nickte. Was sie ihm nicht sagen wollte, würde er auch nicht erfahren, wußte er. Dann sagte die Lehrerin noch leise:

"Was die von dir erwähnte Einladung zu diesen Muggeln Sterling angeht, Julius, so möchte ich dich trotz des Risikos bitten, ihr zu entsprechen. Ich habe da nämlich etwas, daß ich Mr. Sterlings Patentante übereignen möchte und nicht weiß, wann und wie ich unauffällig zu ihr hingelangen kann. Ich gehe davon aus, daß wenn ich deine Frau und ihre Eltern übermorgen darum bitte, daß sie dir die Erlaubnis erteilen. Über den Hinweg werde ich euch dann ebenfalls informieren, jetzt wo das Flohnetz so versperrt wurde."

"Können Sie das was auch immer nicht direkt an Lady Genevra schicken?" Fragte Julius argwöhnisch.

"Ich fürchte, daß an der Grenze Eulenprüfer lauern, die alle Nachrichten und Pakete aus dem Ausland abfangen. Und das, was ich ihr zugedenke darf auf keinen Fall in andere Hände fallen als die Lady Genevras." Dann mentiloquierte sie ihm: "Du weißt, wem sie nahesteht?" Julius setzte schon zu nicken an, schaffte es aber rasch, keine verräterische Geste zu machen und dachte nur zwei lateinische Wörter zurück, worauf er ein "Dies ist wohl sicher zur Antwort in sein Bewußtsein gepflanzt bekam. Also ging es Madame Faucon darum, der heimlichen Hexenschwesternschaft etwas wichtiges zuzuspielen, ohne daß auffiel, von wem es kam. Er sollte also reitender Bote sein. Er hoffte nur, daß es von Millies Seite her keinen Einwand geben würde und vor allem, daß das Ministerium in England mit seinem Übereifer die Lage immer noch kontrollierte. Er gab ihr das Versprechen, daß er Mildrid nicht erzählte, daß sie ihn um diesen Gefallen gebeten hatte.

Nach dem einzigen Tanz mit Madame Faucon widmete er sich seinen Pflegehelferkameradinnen Mildrid und Sandrine. Irgendwann durfte er auch mit Madame Delamontagne tanzen, die nun, wo Virginie nicht mehr dabei war, ihre Garderobe frei aussuchen konnte und in einer wasserblauen Ballrobe mit silbernen Verzierungen zum Fest gekommen war. In der großen Pause sprach er mit Elisa Lagrange, die im September zu Seraphines Hochzeit als Brautjungfer gehen wollte.

"Ich freu mich, daß es an einem Samstag passiert. Da verpasse ich keinen Schultag", sagte sie. "Dann wird Trifolio mich wohl beurlauben."

"Bei mir ginge das nicht", grinste Julius.

"Das hättest du auch gerne. Keine richtige Hochzeitsfeier machen und dann Schulfrei kriegen, um eine andere Hochzeit zu besuchen."

"Ui, war das zu heftig für dich?" Fragte Julius herausfordernd.

"Wunder dich nicht, wenn die euch in Beaux nicht nur zujubeln!" Schnarrte Elisa. Doch dann wurde sie wieder freundlich genug, um über verschiedene Sachen zu reden.

Nach der Pause ging es weiter mit Musik und Tanz. Julius lernte, daß er, nur weil er verheiratet war, als Tanzpartner nicht weniger begehrt war wie vorher. So konnte er keinen Tanz auslassen, selbst wenn er es gewollt hätte. Am Ende des Abends dankte er Ursulines großzügigem Geschenk, daß er sich noch auf den Beinen halten konnte, auch wenn ihm die Füße wehtaten. An den Tischen warteten alle auf das Urteil der Tanzrichter, wer denn die goldenen Tanzschuhe gewonnen hatte. Julius hatte sich nicht damit befaßt, wer besser oder schlechter tanzen konnte als er. an die Hälfte der aufgespielten Tänze hatte er mit Millie getanzt, aber bei weitem nicht so viele wie mit Claire. Ein wehmütiger und ein fröhlicher Gedanke an sie lenkten ihn für einige Sekunden ab. So kam es ihm vor, als ob Roseanne Lumière auf der Bühne appariert war, als sie sich mit dem Stimmverstärkerzauber überall Gehör verschaffte.

"Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher. Es hat mich auch diesen Abend wieder sehr gefreut, wie viele Damen und Herren sich auf die gesellschaftlichen Tänze verstehen. Auch der Jugend, die heute abend wieder gezeigt hat, das Wildheit und Anmut keine sich aufhebenden Eigenschaften beim Tanzen sein müssen, gebührt meine Anerkennung. Nun möchte ich zur Antwort auf die große Frage schreiten: Wem von Ihnen und euch werde ich diesen Abend die goldenen Tanzschuhe des Sommerballes umhängen. Wie eingangs erwähnt konnte ja die Gewinnerin vom letzten Jahr nicht mehr mittanzen. Aber, so wie wir alle hier den Abend verbracht haben, weiß ich, daß sie immer noch in unseren Herzen wohnt und sich darüber gefreut hat, daß wir alle uns hier zum friedlichen Miteinander versammelt haben. So erfolgt nun die Verleihung der bronzenen, silbernen und goldenen Tanzschuhe." Madame Lumière machte eine taktische Sprechpause. Unter leisem Trommelwirbel sagte sie dann: "Die Gewinner des bronzenen Tanzschuhs in diesem Jahr zeigten sowohl Können als auch Ausdauer und bekundeten durch die Harmonie ihres Tanzes, daß sie füreinander empfinden und nicht nur im Tanze durchs Leben zu gehen bereit sind. In der Kategorie äußeres Erscheinungsbild erzielten sie 60 Punkte, weil einigen Richtern der Glanz des Haares etwas zu gewagt für einen Tanzabend erschien." Damit war Julius klar, wer gleich die bronzenen Tanzschuhe bekommen würde. Doch er lächelte. Millie tat dies auch. "Hingegen zeigten sie ein umfangreiches Können und erwarben bei den gezählten Tänzen 150 Punkte. Dieselbe Punktzahl bekamen sie für die Partnerschaftliche Harmonie. Damit erringen Madame Mildrid und Monsieur Julius Latierre die bronzenen Tanzschuhe dieses Sommerballes." Unter Applaus standen Millie und Julius auf und betraten die Bühne, wo Madame Lumière ihnen die säuglingsfußgroßen Bronzetrophäen an roten Schnüren um den Hals hängte. Julius zischte seiner Frau zu, daß sie jetzt doch was rotes angezogen hatte. Er war nicht traurig, jetzt schon hier oben zu stehen. Im Gegenteil. Jetzt erkannte er, daß es mit Claire was einmaliges, schönes und besonderes gewesen war, das durch eine neue Partnerin nicht einfach ersetzt werden konnte. Mildrid fand es wohl schön, daß sie beide zumindest auf der Bühne standen.

"Die Gewinner des silbernen Tanzschuhs haben in allen drei Kategorien 200 Punkte erringen können. Ich bitte Madame Jeanne und Monsieur Bruno Dusoleil auf die Bühne", fuhr Madame Lumière mit der Verkündung fort. Wie auf Wolken schwebten Jeanne und Bruno von ihrem Tisch zur Bühne herüber und bauten sich neben der Gastgeberin auf.

"Somit, Mesdames, Messieurs et Mesdemoiselles, kommen wir zum krönenden Abschluß dieses Abends. Das Paar, das gemeinsam die höchste Auszeichnung ertanzt hat, kann sich rühmen, zu den alteingesessenen Teilnehmern dieser Veranstaltung zu gehören. In äußerem Erscheinungsbild erzielte es 200 Punkte, im Bereich technisches Können bei über 80 Prozent aller Tänze erwarb es sich 210 Punkte, und im Bereich partnerschaftliche Harmonie konnte es 300 Punkte erringen, weil jeder von ihm getanzte Tanz in Vollendung vorgetragen wurde." Sie machte wieder eine rhetorische Pause. Der Schlagzeuger ließ seine Stöcke sanft aber schnell auf der großen Trommel tanzen. Dann steigerte er die Lautstärke, bis Madame Lumière laut verkündete: "Die Gewinner des goldenen Tanzschuhs in diesem Sommer sind Madame Camille und Monsieur Dusoleil!" Der Schlagzeuger ließ sein Trommelbesteck mit vier lauten Schlägen auf der Trommel auftreffen, während wie vorhin Applaus durch die Reihen der Festgäste brandete. Ein dreifacher Tusch erklang, als Jeannes Eltern auf der Bühne erschienen und sich die drei Siegerpaare herzlich beglückwünschten. Julius sah kleine Tränen in Camilles Augen und fühlte, was sie dachte. Sie hätte sich wohl sehr gefreut, wenn ihre zweite Tochter mit ihm diesen Moment noch einmal erlebt hätte, die ganze Familie vereinigt mit den Trophäen. Jeanne stellte sich hinter ihre Mutter, den silbernen Tanzschuh am weißen Band um den Hals gehängt. Bruno stellte sich hinter seinen Schwiegervater, während Millie und Julius sich dahinter einreihten, um gleich die abschließende Polonese zu eröffnen. Nachdem Madame Lumière den drei Siegerpaaren noch einmal gratuliert hatte, kam die Reihe an Camille Dusoleil, sich die Polonese auszusuchen. Sie wählte den Flug der tausend Besen, den sie ihrer fortgegangenen Tochter Claire widmete. Julius fühlte einen Kloß in seinem Hals. Doch da setzte bereits das muntere Spiel der vier Streicher ein, und die Polonese begann. Vorne weg marschierte einer der beiden Trompeter und schmetterte seinen Teil der Komposition, während die sechs Trophäenträger ihm und Barbara van Helderns Mutter folgten. Hinter Julius reihten sich die Gäste an den bühnennächsten Tischen in die immer länger werdende Schlange ein, die sich über die Tanzfläche schob und an den übrigen Tischen immer mehr Zuwachs bekam, bis sie an den südlichen Tischen umknickte und zur Bühne zurückging, wobei sie das lange hintere Ende von sich passierte. So ging das, bis alle Festgäste mitmachten und dann das ganze lange Stück lang, wobei sich auch Musiker mit lauten Instrumenten in die Schlange einsortierten, um Takt und Rhythmus zu halten. Schließlich war auch dieser gemeinsame Tanz vorüber, und Madame Lumière verabschiedete die Gäste.

"In Ordnung, Monju! Morgen früh um neun reisen wir ab", sagte Millie, als sie sich von Julius verabschiedete und ihn leidenschaftlich küßte. Er fühlte sich richtig glücklich, daß er es geschafft hatte, den Sommerball mitzumachen, ohne ständig daran zu denken, daß Claire nicht mehr da war. Sie hatte es gewollt, daß er weiterlebte. Ja, und er konnte es. Er knuddelte seine junge Ehefrau und wünschte ihr noch eine gute Nacht. Sie hauchte ihm zu:

"Schlaf dich aus. Wir machen morgen keine Frühsportübungen." Julius nickte und wünschte ihr auch noch einmal eine gute Nacht. Dann sah er zu, wie ihre große Schwester mit ihr disapparierte.

Die Dusoleils und ihre Gäste ließen den Abend noch einmal schön ausklingen. Doch um viertel nach eins waren alle müde genug.

 

__________

 

"Ich habe es am Abend versucht, aus deinem Schwiegervater rauszukitzeln, warum Ursuline uns unbedingt erst mit zu sich nehmen will", flüsterte Martha noch ihrem Sohn zu. Dieser gähnte und antwortete:

"Erstmal geht's wohl zu Barbara auf den Hof, wo ich das Original dieser kleinen da entgegennehmen darf", sagte Julius und deutete auf die Mini-Temmie. "Ich weiß es aber auch nicht, warum wir dann noch einmal in Ursulines Schloß übernachten sollen. Hippolyte ließ dazu auch nichts raus. Womöglich sollen wir beide offiziell in der Familie willkommen geheißen werden, wie Antoinette das mit uns getan hat."

"Wenn sie meint", grummelte Martha Andrews und blickte die geflügelte Kuh an. Sie sagte dem Miniatur-Abbild Temmies: "Ich weiß, daß ihr auch eure Milchproduktion einhalten könnt. Also bitte nicht so früh aufwecken."

"Ich weiß nicht, ob sie das versteht", grinste Julius. Dann legte er sich in das gemütliche Himmelbett und schlief in die verbleibende Nacht hinein, die vorerst letzte, die er in Millemerveilles verbrachte.

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