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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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"Ich heiße Julius Latierre, geborener Andrews!" Rief der fast ausgewachsene Jüngling mit dem hellblonden Haar, als er die kreisrunde Silberbrosche am Brustteil seines blaßblauen Umhangs befestigte. Darauf stand in einem Halbkreis in breiter Schrift aus runden Druckbuchstaben: "Stellvertretender Sprecher Saal Grün m. Julius Andrews" Das ihn um etwa zehn Zentimeter überragende, rotblonde Mädchen blickte mit Rehbraunen Augen vergnügt grinsend auf das Metallding am Umhang.

"Na, ob die Brosche das echt kapiert, Monju?" Fragte die halbwüchsige Hexe den Jüngling. Dieser schwieg jedoch. Fünf Minuten blieben ihnen beiden noch, zur Rue de Camouflage, der für Hexen und Zauberer zugänglichen Straße in Paris, hinüberzuwechseln. Noch einmal beschwor er: "Ich heiße Julius Latierre, geborener Andrews!" Da begann die angesteckte Brosche sacht zu vibrieren, und der in sie eingravierte Schriftzug wand sich in Wellen, die sacht begannen und dann immer weiter auslenkend, immer schneller abfolgend, die Gravur aufwühlten, bis diese sich aufzulösen drohte. Dann, knapp zehn Sekunden nachdem die Brosche zu vibrieren begonnen hatte, kamen die Buchstaben mit einem Ruck wieder deutlich zum Vorschein. Doch an Stelle des Schriftzugs "Andrews" war nun der Name "Latierre" darauf zu lesen. Die Brosche beruhigte sich und blieb nun kalt und starr, als habe der kurze Aufruhr nicht stattgefunden. Die schwarzhaarige Frau mit den saphirblauen Augen, die dem jungen Paar in blaßblauer Kleidung die ganze Zeit zugesehen hatte, deutete auf den brennenden Kamin.

"Die Brosche hat es kapiert, Madame Latierre", sagte sie amüsiert. Dann sprach sie ernst weiter: "Damit wird es jetzt Zeit, daß ihr beiden rübergeht. In vier Minuten wird Professeur Paximus am Ausgangskreis sein."

"Dann wünsche ich euch allen noch ruhige und friedliche Wochen, Catherine. Wollen nur hoffen, daß die Lage in Frankreich nicht auch so wird wie die in Großbritannien", seufzte der blonde Jüngling, den die Brosche als Julius Latierre auswies. Er blickte seine Mutter an, die neben der schwarzhaarigen Frau stand. Sie lächelte etwas verhalten.

"Du mußt wohl zuerst", sagte Mildrid Latierre zu dem Jungen, der seit seinem fünfzehnten Geburtstag ihr angetrauter Ehemann war. Er nickte und griff eine Prise des Zauberpulvers, mit dem Kamine zu Schnellwegen oder Fernsprechvorrichtungen gemacht wurden. Als das Flohpulver in den Flammen aufging loderten diese smaragdgrün auf. Julius ergriff den eleganten Koffer, dessen Namenszug er bereits vor zwei Tagen hatte umändern lassen. An diesem war eine Lederhülle mit einem Flugbesen befestigt. Dazu nahm er noch eine Reisetasche auf. Dann kletterte er in den Kamin. Er fühlte die angenehme Brise der ihn umtosenden Feuerwand. "Rue de Camouflage!" Rief er. Mit einem Rauschen wie ein nahebei vorbeirasender Schnellzug verschwand er in einem wilden Wirbel.

"Dann sage ich mal bis bald, Martha und Catherine. Ich denke mal, ich darf euch aus Beaux zumindest anschreiben, wenn ich Julius da nicht näher als Sprechweite kommen darf", seufzte Mildrid und ergriff ihren Koffer. Auch an diesem war ein Lederfutteral mit einem Flugbesen angebunden. Sie stieg in den breiten Kamin in der oberen Wohnung des Hauses, in dem sie nun lebte und rief das gleiche Ziel aus wie Julius.

"Na hoffentlich kommen die beiden gut klar", sagte Martha Andrews, die jetzt, wo ihr Sohn fort war, Kleine Tränchen in den Augen stehen hatte. "Schon schlimm genug, daß in England jetzt ein Massenmörder regiert. Dann soll er mit seiner neuen sozialen Stellung noch ein anstrengendes Schuljahr überstehen."

"Ich denke nicht, daß Madame Maxime und meine Mutter ihm die Silberbrosche zugebilligt hätten, wenn sie ihm nicht zutrauten, damit umzugehen", versuchte Catherine, ihre Nachbarin zu beruhigen.

"Das habe ich ihm auch gesagt, Catherine", erwiderte Martha Andrews. "Aber erstens war das noch vor der vorzeitigen Hochzeit mit Mildrid. Und zweitens war es da auch noch nicht so klar, daß dieser Wahnsinnige, der seinen eigenen Namen mit einem Fluch belegt hat, ein ganzes Land unterjochen wird, wo noch viele Freunde von Julius wohnen."

"Das wird Professeur Faucon ganz sicher bedenken", sagte Catherine Brickston. "Julius wird uns ja über Viviane eine Nachricht schicken, wenn er gut angekommen ist", sagte Catherine.

"Mit Verlaub, Catherine. Aber nach dem, was Professeur Faucon meinem Sohn in den letzten Wochen und Monaten abverlangt und zugeschustert hat beruhigt mich das nicht unbedingt", erwiderte Martha. Dann sagte sie noch: "Dann kommen noch diese Sonderregeln für Mildrid und ihn dazu und die Bürde der Saalsprecher-Aufgaben. Kein Mensch, auch kein Superzauberer, für den ihr meinen Sohn ja gerne anseht, hält alles aus, Catherine. Gerade wo Julius noch im Wachstum ist und seinen eigenen Platz im Leben finden will, sollte er auch genug Spielraum haben, seine Fähigkeiten auszuprobieren, nicht nur was die Schule für richtig hält."

"Ich verstehe was du meinst, Martha. Wahrscheinlich wird Hippolyte dir da sogar beipflichten. Doch Beauxbatons muß strenge Regeln einhalten, weil so viele Schülerinnen und Schüler da untergebracht sind, die miteinander zurechtkommen müssen. Wenn ein Paar vorzeitig heiratet, darf das in der Schule keine Unstimmigkeiten auslösen, keinen Neid und keine sonstigen Gefühle, die das Miteinander und die Leistungsfähigkeit der Einzelnen beeinträchtigt."

"Du hast bei deiner Mutter offenbar sehr gut gelernt", schnaubte Martha Andrews, der diese Formulierung irgendwie zu kalt rüberkam. Catherine erkannte, welchen Fehler sie gemacht hatte. Sie hatte Millie und Julius zwischen den zeilen als mögliche Störquelle bezeichnet. Genau das wollte sie ganz bestimmt nicht. So sagte sie:

"Martha, ich empfinde es auch als überzogen, was die beiden an Sonderregeln aufgebürdet bekamen. Aber die einzige Möglichkeit, ihnen das zu ersparen, wäre gewesen, die beiden von der Akademie zu nehmen. Sicher will ich nicht, daß dein Sohn von den ganzen Sonderaufgaben niedergedrückt wird. Doch du weißt noch gut, wie das lief, als Constance Dornier ungewollt schwanger wurde. Das hat die Leute in Beauxbatons noch empfindlicher gemacht als eh schon. Du willst doch auch, daß dein Sohn ein gut ausgebildeter Zauberer wird."

"Ja, aber kein lebender Roboter", knurrte Martha. "Und da darfst du mir ruhig glauben, daß ich weiß, wie schnell jemand in soeine Entwicklung hineingetrieben werden kann."

"Ich weiß das auch, Martha. Ich weiß das von Joe, der auf Leistung getrimmt wurde, und ich habe auch sieben Jahre Beauxbatons hinter mich bringen müssen, die ich längst nicht durchweg schön fand, Martha", erwiderte Catherine leicht verstimmt. Doch dann beruhigte sie sich wieder und sagte freundlicher als eben noch: "Ich denke, dein Sohn hat von dir und Richard genug geerbt, um ohne zum Golem oder Roboter zu werden klar zu kommen. Sonst hätte er mit Mildrid ganz bestimmt nicht die Brückenprobe bestanden. Sonst würde das rubinrote Zuneigungsherz sie nicht miteinander verbunden halten. Er schafft das Jahr und die beiden die dann noch kommen, Martha. Und er wird ein Mensch bleiben. Dafür werden Millie und ihre Familie schon sorgen."

"Falls er nicht noch einmal in sowas wie bei den Sterlings reingeschickt wird, Catherine", zischte Martha Andrews. Catherine Brickston seufzte wortlos. Dann sagte sie abschließend:

"meine Mutter zeigt sowas nicht. Aber glaube es mir, daß das schlechte Gewissen immer noch an ihr nagt, ihn zu dieser Reise überredet zu haben." Das nahm Martha Andrews mit einem leicht ungehaltenen Achselzucken zur Kenntnis und blickte dann auf das kaminfeuer, daß sich nach Millies Abreise wieder in das munter prasselnde, orange-gelb-rote Flammengetümmel zurückverwandelt hatte. Sie nahm einen halbrunden Stein vom Tisch, öffnete eine kreisrunde Klappe unter dem Sims und legte den Stein hinein. Denn im Moment wollte sie den eigenen Kamin nur zu Kontaktfeuergesprächen benutzen, da sie selbst ja nicht flohpulvern konnte. Catherine nickte ihr zu und fragte, ob sie mit ihr und ihrer Familie zu Abend essen wolle, um nicht so abrupt allein in der Wohnung zu sein. Doch Martha schüttelte den Kopf.

"Danke für das Angebot, Catherine. Aber du verstehst, daß ich mich nach der Sache mit deinen Schwiegereltern so gut es geht aus euren Familienangelegenheiten heraushalten möchte. Außerdem will ich mir von Joe nicht dauernd unterschwellige Bemerkungen anhören, daß Millie und Julius jetzt wieder züchtig getrennt bleiben müssen."

"Du weißt doch, was ich ihm darauf einmal geantwortet habe", meinte Catherine verschlagen grinsend.

"Ja, daß du ihm gerne noch ein Kind schenken möchtest, wenn er sich so vernachlässigt fühle", erwiderte Martha und mußte wider ihre Stimmung lächeln. Catherine nickte nur. Dann wünschte sie ihrer Nachbarin noch einen angenehmen Abend und verließ die obere Etage des Hauses in der Rue de Liberation. Martha ging in die Küche, wo der Kalender über der Anrichte ein Sonnenblumenmotiv zeigte, das Bild des August. Sie betrachtete das rot umkringelte Datum, den 26. August und wünschte Julius überwiegend gute Zeiten im neuen Schuljahr.

 

__________

 

"Na, wolltet ihr nicht händchenhaltend hier eintrudeln?" Feixte ein Junge mitten im Stimmbruch, der am Rande einer grünen, kreisförmigen Fläche lauerte, als Julius mit seinem Koffer und der Reisetasche heranspazierte. Er setzte das größere Gepäckstück kurz ab und winkte seinem Klassenkameraden Hercules lässig zu. Dann sah er Céline Dornier, ein hochaufgeschossenes, dürr gestaltetes Mädchen mit schwarzem Schopf und blassem Gesicht. Sie stand neben einer älteren Mitschülerin, die vom Gesicht und Haar her ihre große Schwester war. Auf den Schultern der zwei Jahre älteren Hexe saß ein kleines Mädchen mit nachtschwarzen Zöpfen. Die Kleine sah Julius und winkte ihm mit ihren kurzen Ärmchen. Er nahm seinen Koffer wieder und ging zu den Dorniers hinüber.

"Hallo, Julius", begrüßte Céline ihn und sah auf die silberne Brosche. "Hatten sie dir die schon vor deinem Geburtstag geschickt oder danach?" Dann deutete sie auf ihre blaßblaue Bluse, an der auch eine silberne Brosche angesteckt war. "Stellvertretende Sprecherin Saal grün Melle. Céline Dornier" stand darauf zu lesen. Er sah sie an und meinte:

"Meine kriegte ich Anfang Juli, Céline. Wußte nicht, daß du auch eine kriegen würdest."

"Haben wir ja bei deinem Geburtstag auch nicht drüber geredet", sagte Céline und begrüßte Julius nach Landesart. "Ich darf mir diesen Krempel mit Yvonne Pivert teilen. Du hast das ja mitgekriegt, das die und Monique ja ähnlich gute Noten hatten. Außerdem ist die gut darin, Leute zusammenzutrommeln. Die wäre wohl letztes Jahr schon fällig gewesen, wenn aus Virginies Klasse nicht noch eine als Stellvertreterin gut gewesen wäre", sagte Céline. "Aber daß die Dinger auch den neuen Familiennamen annehmen wußte ich nicht. Dann könnte ich Robert nächstes Jahr schon auf den Besen heben." Julius wunderte sich ein wenig. Früher waren Céline und Mildrid einander wie zwei angriffslustige Katzen begegnet. Doch irgendwie hatte die sehr dünne Mitschülerin es sehr locker weggesteckt, wie sich Julius über den körperlichen Tod von Claire Dusoleil weggetröstet hatte.

"Hallo, Monsieur Julius Latierre", grüßte Constance den jüngeren Mitschüler und winkte ihm. Das kleine Mädchen, das gerade etwas mehr als ein Jahr auf der Welt war, streckte die kleinen Händchen nach ihm aus. "Ich wollte es Céline nicht glauben, als sie das erzählt hat, daß die Mildrid und dir das haben durchgehen lassen. Dann wird Cythera womöglich bald einen Spielkameraden kriegen."

"Hallo Constance, Hallo Cythie", grüßte Julius und ergriff vorsichtig die rechte Hand des Kleinkindes. "Das war sozusagen ein Hochzeitsgeschenk von Beauxbatons, daß Millie und ich uns in der Akademie selbst nur ansprechen aber nicht mehr richtig anfassen dürfen. Also nix von wegen gemeinsames Schlafzimmer und Kindersegen."

"Vielleicht auch nicht das schlechteste", erwiderte Constance Dornier. "Meine Eltern wollten Cythie bei sich behalten, weil sie ja jetzt auch zu laufen anfängt und ich die da nicht immer beaufsichtigen kann, wenn ich im Unterricht sitze, jetzt, wo ich endlich die ZAGs habe. Aber die von Beaux haben mir gesagt, ich soll sie großziehen. Also ziehe ich die jetzt auch groß."

"Lallollo", brabbelte Cythera Dornier.

"Madame Rossignol freut sich schon drauf, die Kleine in den Unterrichtsstunden betüddeln zu dürfen", feixte Céline und schnitt ihrer kleinen Nichte eine Grimasse. Diese giggelte glockenhell.

"Na, hast du ihn schon abgelegt? Oder hat die Maxime ihn dir verboten, rotes Luder?!" Hörte Julius Hercules Moulins brüchige Stimme gehässig tönen. Millie lachte nur und konterte:

"Nur kein Neid, weil Belisama dich noch nicht rangelassen hat, Culie." Sie zwinkerte ihm verwegen zu. Alle im Kreis wartenden wandten sich um. Einige Jungs lachten. Einige Mädchen erröteten. Elternpaare, die ihre Kinder verabschiedeten, warfen Mildrid einen tadelnden Blick nach dem andren zu. Julius konnte fünf Elternpaare sehen, die nicht wie Zauberer und Hexen gekleidet waren. Sie standen zusammen und blickten verunsichert in die Runde der Leute hier, während ihre Kinder, zwei Jungen und drei Mädchen, alles mit großen Augen und Ohren in sich aufsogen. Einer der Jungen blickte Millie an, die gerade Hercules ziemlich rüde abgefertigt hatte und grinste sie an. Sie grinste zurück und deutete auf Julius, der bei den Dorniers stand. Eine der fünf Mütter, die eindeutig aus der Muggelwelt kamen, blickte Constance und ihre auf den Schultern thronende Tochter ungläubig an. Julius sah es und grinste.

"Entweder denkt die, daß die Kleine besonders begabt ist oder fragt sich, ob ihre Tochter bald auch sowas auf den Schultern tragen wird", meinte Julius zu Céline. Diese blickte die Muggelfrau an und lächelte. Julius ging demonstrativ zu Millie hinüber und stellte sich in einem Meter Abstand neben sie hin. Der Junge, der sie eben angegrinst hatte, blickte verstohlen zu ihm auf und wandte sich dann ab.

"Dem hat das wohl imponiert, wie kess du bist, Millie", raunte Julius seiner Frau zu. Dann sah er Hercules, der mit in die Hüften gestemmten Fäusten auf ihn zuschritt, die Lippen fest aufeinandergepreßt.

"Pennst du jetzt mit der in einem Raum, weil die sie dir angebunden haben, Monsieur Latierre?" Schnaubte er.

"Wirst du mitkriegen, wenn wir im Speisesaal sitzen", sagte Julius.

"Am besten läßt dich die Maxime noch mal über den Teppich laufen, ob du echt nicht bei denen in den Saal reinkommst, wenn du der schon deine tollen Quidditchtricks beigebracht hast."

"Habe ich schon mal erwähnt, daß ich das echt traurig finde, daß du nur an Quidditch denkst. Vielleicht hat dir keiner Angst machen wollen und dir nicht gesteckt, daß der Irre Lord Unnennbar das englische Zaubereiministerium kassiert hat und nun locker das ganze Land aufmischen kann", schnarrte Julius. "Also komm mir jetzt nicht mit so nebensächlichen Klamotten!"

"Nebensächlich? Du hättest uns letztes Jahr fast den Pokal vermasselt. Und die da hat dich wohl an ihr rumschrauben lassen, damit die den Pokal in diesem Jahr knutschen kann und ..."

"Deshalb bist du hier in Paris geblieben, weil die süße Sammie sich von dem Geschwätz langweilt, das du hier gerade absonderst, Hercules", warf Millie ein. "Abgesehen davon, daß aus dir der blanke Neid spricht, daß Julius nicht nur für die Schule lebt und die passende Hexe für das Leben dazwischen gefunden hat, quasselst du nur vom Pokal. Wäre schon schön, den mal wieder rot werden zu sehen. Aber Julius hat voll recht, daß da draußen genug Drachenmist am qualmen ist, um das ganze Land ersticken zu lassen."

Hercules warf Millie einen sehr verächtlichen Blick zu und deutete auf Julius. "ich neidisch auf den, weil er seinen ..."

"Hercules, benimm dich!" Bellte eine ziemlich erboste Männerstimme. Julius erkannte den Vater des Klassenkameraden, der befunden hatte, nachzusehen, was sein Sohn so anstellte. "Haben wir beide nicht geklärt, daß du dich in diesem Jahr zusammenreißt und dich nicht mit aller Welt anlegst?" Blaffte Monsieur Moulin noch. "Ist schon schlimm genug, daß alle Welt weiß, daß mein Sohn zu den fünf undiszipliniertesten Schülern des Vorjahres gehört. Also gib gefälligst Ruhe und lass die beiden da, wenn die meinen, ihr Leben schon so früh festlegen zu lassen!"

"o, hat die Tante mit den Kühen dich abgeseift, weil du wegen ihrer überstarken Küken bei Dedalus geklingelt hast?" Fragte Hercules respektlos. Sein Vater ergriff ihn beim Kragen und zog ihn mit sich aus dem Kreis.

"Oh, da hat der nette Culie jetzt aber ganz bestimmt was ganz verkehrtes rausgelassen", spöttelte Millie leise. "Und in einer Minute ruft Paximus die Sphäre auf. Wenn Papa Moulin seinen Ableger dann nicht im Kreis zurückläßt kann der den gleich mit nach Hause nehmen und behalten."

""Wahrscheinlich hat Tante Babs die Vorgesetzte raushängen lassen, als Dedalus angedeutet hat, Callie und Pennie dürften vielleicht nicht in eure Mannschaft rein", vermutete Julius. Dann sah er noch Millies Eltern, die gerade noch rechtzeitig zur Verabschiedung herbeikamen.

"Benehmt euch gut und kommt gut ins ZAG-Jahr rein!" Forderte Albericus Latierre, ein zauberer, der so klein wie ein achtjähriger Junge war. Seine über einen Meter neunzig große Frau, die Millie sehr ähnelte, umarmte Julius innig und sagte:

"Was immer die Anstandsleute in Beaux euch angebunden haben, Julius, laßt euch einander nicht vermiesen!" Dann umarmte sie ihre Tochter noch einmal.

"Meine Herrschaften!" Rief ein gerade in den Kreis eintretender Zauberer mit schwarzem Vollbart. "Alle, die keine Schüler der Beauxbatons-Akademie sind, bitte aus dem Kreis treten! Alle Schüler bitte in den Kreis eintreten! Ich werde gleich die Reisesphäre beschwören!"

"Ich geh mal zu den neuen Muggelstämmigen rüber und bleibe bei denen", sagte Julius seiner Frau. Diese zwinkerte ihm zu und meinte:

"Deshalb haben sie dir die Brosche verpaßt, weil du das besser kannst als die anderen hier." Julius nahm dieses Kompliment schweigend zur Kenntnis und eilte zu den fünf Elternpaaren hinüber, wobei er, beinahe automatisch, auf die silberne Brosche deutete, die nun, wo er sie länger als fünf Minuten trug, diebstahlsicher auf ihn geprägt war.

"Messieurdames, ich weiß, das muß für sie jetzt total merkwürdig sein. Aber bitte verlassen Sie den kreis! Ich gehöre zu den Vertrauensschülern, den sogenannten Saalsprechern. Wir passen schon auf ihre Kinder auf."

"Wie läuft denn das mit dem Transport? Ist das wie fliegen oder wie Beamen?" Fragte ein besorgt aussehender Vater.

"Sowas dazwischen, Monsieur. Wir verschwinden für die Außenstehenden in einem Augenblick, reisen aber so um die fünf Sekunden in einer Art Zwischenraum. Ich habe das jetzt schon so oft mitgemacht und dabei immer alles am und im Körper behalten."

"Muß dann wohl sein", sagte der besorgte Vater und winkte seiner Frau zu, die ihre Tochter umarmt hielt. "Komm, Amélie, lass Nadine los! Wird wohl nicht so schlimm sein."

"Ich will das sehen, wo die hinkommt!" Entgegnete die verängstigt wirkende Mutter. Da trat Madame Belle Grandchapeau vom Rand des Kreises her heran. Sie winkte den fünf Familien. Dann ging sie zu der Mutter des blonden Mädchens und sprach auf sie ein, wobei sie immer wieder hektisch auf Paximus blickte, der eine große Taschenuhr hochhielt. Julius prüfte seine Weltzeituhr. Wenn Paximus den strengen Zeitplan einhalten mußte, dann würde er genau um viertel nach Sechs abends die Reisesphäre beschwören und jeden mitnehmen, der im Kreis stand. Das war in genau zwanzig Sekunden.

"Ich will wissen, wo meine Tochter hingebracht wird und wie!" Beharrte Nadines Mutter darauf, die Abreise mitzuerleben, während ihr Mann und Belle auf sie einsprachen. Einer der Jungen, dessen Eltern bereits den Ausgangskreis verlassen hatten, kam auf Julius zu und sagte:

"Ihr seid Vertrauensschüler oder sowas? Stark, daß ich'n Zauberer sein soll. Die dunkelblonde Maman auf Abruf da hat gemeint, daß ich in dieser Beauxbatons-Penne irre Sachen lernen kann. Kannst du dich auch schon teleportieren wie diese Madame Grandchapeau?"

"Das kriegen wir im sechsten Schuljahr. Ich bin jetzt im fünften. Wie heißt du?" Erwiderte Julius.

"Pierre Marceau. Marceau wie die Schauspielerin", erwiderte der Junge eifrig. Dann winkte er den anderen vieren. Nadine kam schüchtern herüber. Julius sah, wie ihre Eltern von Belle Grandchapeau aus dem Kreis geführt wurden. Offenbar hatte Nadines Vater seine Frau beruhigen können. Julius scharte die fünf Muggelstämmigen um sich und blickte noch einmal auf die Uhr. Es waren noch fünf Sekunden bis zur Abreise. "Nicht erschrecken, Leute. Gleich werden wir in eine rote Lichtkugel eingehüllt und schwerelos. Dauert nur fünf Sekunden."

"Schwerelos?! Wie im Weltall?! Cool!" Rief Pierre. Nadine erbleichte ein wenig. Doch sie sagte nichts.

professeur Paximus warf einen schnellen Blick auf den Kreis, um den herum mehrere Dutzend Elternpaare standen. Er sah, wie Hercules Moulin von seinem Vater in den Kreis hineingestoßen wurde. Offenbar war das klärende Vater-Sohn-Gespräch unvollendet abgebrochen worden, las Julius an den Gesichtern der Moulins ab. Millie hatte derweil elfjährige Mädchen um sich versammelt, die wohl auch ihr erstes Jahr beginnen würden. professeur Paximus hob seinen Zauberstab. Schlagartig erstarben alle Unterhaltungen. Die Elternpaare winkten von draußen zum Abschied. Dann rief der Lehrer drei Zauberwörter aus, worauf aus seinem Zauberstabeine goldene Fontäne emporschoss, die weiter über ihnen zu einer sonnenuntergangsroten Halbkugel anwuchs, die sich über den Kreis stülpte und dann in einem Augenblick zu einer vollständigen Lichtkugel wurde. Wie Julius es den Muggelstämmigen vorhergesagt hatte wurden alle schwerelos und schwebten in der Mitte der Kugel, bis Paximus ankündigte, daß sie gleich am Ziel seien. Nadine fiel fast hin, als die Schwerkraft sie alle wieder zu Boden zog.

"Voll stark!" Rief Pierre begeistert. "Dachte schon, das zerbröselt einen wie beim Beamen."

"Ist schon 'ne feine Sache, die Reisesphäre", warf Julius lächelnd ein. Wie tat es ihm gut, das Vergnügen eines elfjährigen Jungen zu erleben, für den alles hier eine wahre Wunderwelt sein mußte. Das lenkte ihn von seinen eigenen Sachen und den Gedanken an Voldemorts Terrorherrschaft und die ganzen düsteren Sachen ab.

"Mir ist übel", quängelte Nadine leicht blaß um die Nase.

"Und was ist jetzt?" Fragte Pierre und blickte auf den weißen Prachtbau, vor dem bereits hunderte andere Schülerinnen und Schüler standen. Er zuckte zusammen, als er die mehr als drei Meter große Frau im schwarzen Satinkleid sah, die hoch erhoben die nun vollzähligen Schüler und Lehrer überblickte.

"Au Kacke, 'ne Riesenfrau", entschlüpfte es Pierre. "Was macht die hier?"

"Die ist unser Boss, Pierre. Madame Maxime, die Schulleiterin", stellte Julius die ungeheuergroße Frau vor, die gerade mit ausladenden Handbewegungen die Gruppe aus Paris aus dem Kreis heraustrieb. Neben ihr stand als drastischer Kontrast eine gerade 1,60 Meter große Hexe mit schwarzem Haar, das auf Nackenhöhe zu einem festen Knoten gebunden war. Der Blick ihrer saphirblauen Augen traf den von Julius Latierre, der freundlich grüßend winkte.

"Wer ist die neben der Riesendame?" Fragte Pierre. Julius stellte sie als "Professeur Faucon, Lehrerin für Verwandlung und Abwehr dunkler Zauber" vor. Dann sah er sich um, ob noch alle muggelstämmigen Erstklässler bei ihm waren. Nadine hatte sich zurückfallen lassen. Offenbar hatte sie Angst vor der Riesenfrau, die gerade die Stimme erhob, um über jedes aufgeregte Geplapper hinwegzurufen:

"Mesdemoiselles und Messieurs! Herzlich willkommen in der Beauxbatons-Akademie! Die neuen Schüler möchte ich bitten, sich meiner Kollegin Professeur Faucon anzuschließen!" Sie deutete auf die Hexe neben sich, die nickte und bereits nach den jüngsten Schülern hier ausschau hielt.

"Die neuen Schüler bitte zu mir herüber! Die neuen Schüler bitte zu mir herüber!" Rief Professeur Faucon. Nadine wich immer weiter zurück.

"Wie ist die denn drauf?" Fragte Pierre.

"Das ist noch ziemlich freundlich, Pierre. Am besten gehst du jetzt zu ihr rüber", sagte Julius ruhig. Dann wandte er sich Nadine zu, die nun wie angewachsen auf dem Hof stand. Da trat noch jemand aus dem Palast, eine Frau in weißer Tracht wie eine Krankenschwester, die zielstrebig auf Constance Dornier und ihre kleine Tochter zuhielt.

"Die junge dame da, bitte auch zu mir, wenn es gestattet ist!" Herrschte Professeur Faucon die muggelstämmige Erstklässlerin an. Julius ging rasch zu ihr hin und sagte ihr, daß ihr nichts böses passieren würde und sie mit den anderen Neuen nur in den Warteraum geführt würde, bis sie zur Auswahl aufgerufen würde. Da kam Sandrine Dumas aus Millemerveilles herbei, die wie Céline und Julius die silberne Stellvertreterbrosche trug, eben nur, das darauf "Saal gelb" stand.

"Ich bringe sie rüber", sagte Sandrine nur. Julius nickte ihr zu. Womöglich befand Sandrine, daß Nadine bestimmt in ihrem Saal unterkommen würde, wo hauptsächlich schüchterne, friedliebende und einfühlsame Schüler unterkamen. Sie lächelte Nadine an und ergriff ihre Hand. Da löste sich die Starre, und die neue Schülerin trottete hinter Sandrine her, die sie bei Professeur Faucon ablieferte. Julius gesellte sich zu den Jungen aus seiner Klasse, wobei ihm sofort auffiel, daß Hercules Moulin sich abseits hielt.

"Monsieur Latierre", grüßte ihn Robert Deloire, Célines fester Freund und, wenn es nach ihr ging, so gut wie angetrauter. "Wie waren die Flitterwochen?" Fragte er noch. Es klang ehrlich begeistert und nicht verächtlich.

"Aufregend und auch schön, Robert."

"Culie ist ja voll durch den Wind. Hat Bertillon ihm schon den neuen Stundenplan geschickt?" Feixte Gaston Perignon. Julius schwieg dazu.

"Haben die dich in Paris zur Muggelstämmigeneinweisung abkommandiert?" Fragte André Deckers. "Gérard meinte sowas." Er deutete auf Gérard Laplace, den Sohn der Arithmantiklehrerin. Julius nickte.

"Haben die dir die Silberbrosche angeklebt. Denken die, du könntest denen sonst die ZAGs verhauen, wenn nicht?" Fragte Gaston Perignon, ein belgischer Mitschüler. "Die kleine Duisenberg hat ja die goldene abbekommen. Die war wohl zu brav für 'ne Blaue."

Julius blickte sich um und entdeckte die kleine, kugelrunde Sechstklässlerin, die als Sucherin und Kapitänin in der Quidditchmannschaft des blauen Saales großes Ansehen erworben hatte. Sie erkannte, daß er sie anblickte und schenkte ihm ein Lächeln, das mit dem goldenen Schimmer der runden Brosche um die Wette strahlte.

"Mit dem Pack an Aufgaben, das da dranhängt nicht gerade empfehlenswert", seufzte Julius. Die Blauen galten schulweit als aufsässig, chaotisch und vorwitzig.

"Alle anderen bitte jetzt in den Speisesaal, falls niemand noch irgendwelche Räumlichkeiten besuchen muß!" Rief Madame Maxime. Sofort setzte sich die Kolonne der Schülerinnen und Schüler in Marsch und durchschritt das weit geöffnete Portal mit den beiden sieben Meter hohen Torflügeln. Leise wie in einer Kirche huschten die Beauxbatons-Schüler zu einem großen, mit hellen Teppichen ausgelegten Saal mit sechs runden Tischen, die in Sechseckformation aufgestellt waren. An dem mit einer grasgrünen Tischdecke ließen sich Julius und seine Kameraden nieder. Hercules blickte ihn immer wieder von der Seite an und deutete auf einen breiten und langen Teppich, der in genau den sechs Farben schillerte, in denen die Tische gedeckt waren.

"Hat die dich nicht doch noch mal drüberlaufen lassen", hörte er Hercules zischen. Robert meinte dazu:

"Meintest du, weil der jetzt Latierre heißt müßte er noch mal über den Teppich, Hercules?"

"Klar, wo der doch jetzt mit diesen roten Ludern verstöpselt ist", knurrte Hercules.

"Ich dachte, du hätt'st jetzt 'ne Freundin, Hercules. Immer noch auf die Kiste mit Bernie festgenagelt?" Fragte André Deckers leicht genervt.

"Dich hat keiner gefragt", schnarrte Hercules. Julius befand, nicht gleich jetzt von den neuen Saalsprechervorrechten Gebrauch machen zu müssen. Das würde ihm noch früh genug abverlangt.

"Ey, wir haben das ZAG-Jahr. Macht euch bloß nicht mehr Streß als die uns eh schon aufdrücken!" Knurrte Robert Deloire. Dann krachte es dreimal wie Gewehrfeuer. Madame Maxime hatte in ihre gewaltigen Hände geklatscht.

"Madame, Mesdemoiselles et Messieurs", begann Madame Maxime unüberhörbar zu sprechen. "Noch einmal heiße ich Sie alle herzlich in den Mauern der Beauxbatons-Akademie willkommen. Ein neues Schuljahr beginnt, in dem Sie alle, wie sie hier sind, eine weitere Stufe Ihres Lebens erklimmen werden. Für einige von Ihnen wird es das entscheidende Jahr sein, in dem Sie ihre abschließenden Prüfungen der magischen Fachrichtungen ablegen werden. Ebenso beginnt für eine Menge von Ihnen in diesem Jahr die vielschichtige magische Ausbildung. So lassen Sie uns nun die Schülerinnen und Schüler willkommen heißen, die in diesem Jahr ihren Weg zu uns gefunden haben! Ich werde sie den Nachnamen nach aufrufen, damit sie sich dem Teppich der Farben stellen, der ermessen wird, in welchem der sechs großen Säle unserer Akademie sie wohnen werden." Sie machte einige Sekunden Pause und rief dann "Albert, Nadine!" in den Speisesaal.

"Die zuerst", flüsterte Julius, als das blonde Mädchen, dessen Mutter sie nicht allein im Kreis zurücklassen wollte, durch die sich öffnende Tür am Ende des Lehrertisches hereintrat. Die neue Erstklässlerin blickte sich verängstigt um und provozierte so ein schadenfrohes Gelächter vom Blauen Tisch her. Dann betrat sie den Teppich der Farben. Schlagartig verschwanden alle blauen, roten und violetten Anteile aus dem Muster, und die grünen, gelben und weißen Farben breiteten sich über den Teppich aus.

"Die meint wohl, gleich vom Erdboden verschluckt zu werden, wie?" Feixte Hercules, als das Mädchen mit einem zweiten, sehr zitternden Schritt nach vorne auf dem Teppich voranschritt. Doch die Farben blieben. Die zweit- und Drittklässler aus dem grünen Saal stimmten einen Anfeuerungsgesang an, in den sofort auch die Weißen und die Gelben mit einstimmten. Denn Rot, Blau und Violett waren ja schon aussortiert. Davon beflügelt schritt Nadine Albert nun mutiger voran. Doch erst beim fünften Schritt verschwand der weiße Farbanteil.

"Diese ängstliche Puppe kriegen wir doch nicht", seufzte Hercules. Julius sah Giscard Moureau an, der ihn fragend anblickte. Nadine indes tat gerade den siebten Schritt auf dem Teppich. Immer noch war dieser grasgrün und zitronengelb. Erst nach dem neunten Schritt verschlangen die gelben Farbanteile die grünen, und über dem Tisch mit der entsprechenden Farbe läutete eine Bronzeglocke.

"Hätte mich echt gewundert, wenn die bei uns reingekommen wäre", machte Hercules eine weitere Bemerkung. Julius fragte sich, ob Hercules ihn provozieren wollte, ob er bereits für solche Sprüche Strafpunkte aussprechen würde. Sollte er Hercules den Gefallen tun oder so tun, als habe er ihn nicht gehört? Gérard meinte zu Julius:

"Sandrine hat das wohl gleich gemerkt, daß sie sich um die kümmern muß. Muggelstämmig, nicht wahr?"

"Mit überängstlichen Eltern, Gérard. Nicht jeder steckt das so locker weg, daß es die Zaubererwelt gibt, Gérard. Meine Eltern haben auch dran knabbern müssen, und ich hab's auch erst kapiert, als ich die ersten gewollten Zauber hingekriegt habe", sagte Julius. Dann wurde auch schon der nächste Schüler aufgerufen, während Professeur Paximus die neue Bewohnerin des von ihm geleiteten Saales an ihren Tisch führte, wo Sandrines Saalsprecherkollegin sie in Empfang nahm. Der zweite Neuzugang brauchte nur fünf Schritte, um bei den Violetten einquartiert zu werden. Der Dritte war nach acht Schritten ein ordentlicher Bewohner des weißen Saales, und der vierte wurde nach sechs Schritten im roten Saal willkommen geheißen. Weitere zehn Neuzugänge später war immer noch niemand neues dem grünen Saal zugeteilt worden, obwohl der Teppich Grün häufig als eine der verbleibenden Farben zeigte. Julius beobachtete die Prozedur mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Als Madame Maxime "Delacour, Gabrielle!" Rief, setzte leises Wispern und Raunen ein. Auch am grünen Tisch fragten alle, ob es die Schwester der überragend schönen Fleur war, die jetzt Weasley hieß. Julius wurde gefragt, ob die wirklich den englischen Gringotts-Zauberer geheiratet habe. Er fragte darauf zurück, was die Großbritannienkorrespondentin Iris Poirot dazu geschrieben hatte.

"Die schrieb nur, daß Fleuer Delacour der französischen Zaubererwelt den Rücken kehren wolle, weil sie auf Eurer Insel den Zauberer für's Leben gefunden habe. Über 'ne Hochzeit stand da nix drin", sagte Robert. Julius fragte sich, warum er nicht Catherine nach der Ausgabe vom ersten August gefragt hatte. Wollte und sollte er denen hier jetzt erzählen, daß genau an Fleurs Hochzeitstag die Todesser das Zaubereiministerium übernommen hatten? Wußten die hier das überhaupt noch nicht? Was hatte diese Iris Poirot denn überhaupt so in den letzten paar Wochen geschrieben? Er erinnerte sich nicht, in den Ausgaben des Miroir Magique irgendeinen Artikel von ihr gelesen zu haben.

"Na, ob die bei den Violetten einzieht wie ihre große Schwester?" Fragte Gaston und blickte das zierliche Mädchen an, das selbstbewußt am Lehrertisch vorbeiging, den daran sitzenden Lehrern zuwinkte und dann auf den Teppich trat. Rot, Violett und Grün.

"Alter Fußabtreter! Hast uns schon zwölfmal Grün gezeigt", knurrte Gaston. "Wenn die so erhaben tut wie ihre Schwester kommt ja nur Violett ... Hups?" Soeben lösten sich alle violetten Anteile auf dem Teppich auf und wurden von den roten und grünen Farbanteilen verdrängt.

"Sähe den Roten ähnlich, so'ne Veela-Braut abzukriegen", schnaubte Hercules. Langsam aber sicher erreichte diese Gehässigkeit bei Julius die rote Markierung. Gabrielle Delacour schritt wie auf Flügeln über den Teppich. Sie schenkte den verbliebenen Farben darauf keine Beachtung. Sie blickte geradeaus. Sicher hörte sie die Zurufe aus dem roten Saal, vor allem von den Jungen, die Fleur ja noch erlebt hatten und nun hofften, eine ebenso tolle Hexe in ihrem Saal zu haben. Die Grünen wurden nun auch lauter. Auch Hercules feuerte Gabrielle an, bloß nicht zu den Roten zu gehen. Beim allerletzten Schritt schlug zum ersten Mal an diesem Abend die Glocke über dem grünen Tisch an. Der Teppich war nur noch grasgrün, und Gabrielle blieb stehen und lächelte den ihr zuwinkenden Saalbewohnern zu.

"Oha, da wird Céline demnächst was zu tun kriegen, wenn die Mädels sich über die aufregen, weil die denen alle die Jungs verdreht", stöhnte Robert.

"Du meinst damit auch dich, Robert", schnarrte Hercules.

"Pass besser auf, daß da, wo du gerade sitzt, nicht gleich wer tot vom Stuhl kippt", blaffte Robert zurück. Jetzt reichte es. Julius stand auf, während Professeur Faucon Gabrielle begrüßte und an den grünen Tisch führte, wo die leicht untersetzte Yvonne Pivert sie in Empfang nahm und ihr den Wegekalender und das Schulregelverzeichnis in die Hand drückte.

"Robert, Hercules. Tut mir echt leid. Ich wollte nicht so früh mit sowas anfangen. Aber so geht's nicht", knurrte Julius. "Zehn Strafpunkte für Hercules Moulin wegen mutwilliger Provokation eines Mitschülers und noch mal zehn für dich, Robert, weil du ihn bedroht hast."

Robert starrte Julius verdutzt an, während Hercules ihn überaus abfällig anblickte. Es war kein Haß, sondern blanke Aufsässigkeit. Professeur Faucon, die gerade am grünen Tisch stand witterte wohl den in der Luft hängenden Ärger und kam rasch hinzu.

"Was war los?" Fragte sie harsch. Hercules deutete auf Julius und grinste unangebracht. Robert errötete nur.

"Die beiden haben sich wegen unseres Neuzugangs im Ton vergriffen", sagte Julius, der jetzt eh nicht mehr zurückziehen konnte. Robert nickte und sah Professeur Faucon abbittend an.

"Und Sie sprachen Strafpunkte aus, will ich annehmen?" Fragte die Saalvorsteherin sehr bedrohlich klingend.

"Für jeden zehn", bestätigte Julius.

"Für eine offene Bedrohung wären zwanzig angeraten, Monsieur Latierre", herrschte ihn die Saalvorsteherin an. "Wir sind hier nicht im Urwald, wo man sich nach Belieben die Krallen entgegenstreckt. Was haben Sie Ihrem Kameraden denn angedroht?" Fragte Professeur Faucon Robert.

"Ich sagte, daß die Saalsprecherinnen hier wohl demnächst viel zu tun hätten, weil die Delacour-Mädchen doch Veelas in der Verwandtschaft haben und die vielleicht die ganzen Jungen hier durcheinanderbringt. Der da", wobei er auf Hercules deutete, "Ließ dann den Satz ab, daß ich mich damit selbst meinen würde. Ich sagte ihm dann, er solle sich in Acht nehmen. Mehr war nicht."

"Der sagte mir, ich sollte aufpassen, nicht tot vom Stuhl zu kippen", spie Hercules der Lehrerin entschlossen entgegen. Professeur Faucon sah erst ihn, dann Robert an. Julius wußte, daß der keine Occlumentie anwenden konnte und wollte gerade einwerfen, ihn nicht damit auszuforschen, als Professeur Faucon ihn anblickte. Sofort schottete er alle verräterischen Gedanken ab.

"Sie selbst haben in den verstrichenen Ferien miterleben müssen, wie leicht ein Zauberer einen anderen Menschen tot umfallen lassen kann. Wenn Monsieur Deloire wirklich derartiges angedroht hat, sind zehn Strafpunkte zu wenig, und zwanzig ebenfalls", zischte sie. "Deshalb erhalten Sie, Monsieur Deloire, zu den zehn bereits ausgesprochenen noch vierzig weitere Strafpunkte hinzu. Von einem ZAG-Schüler erwarte ich eine gute Selbstbeherrschung und Verantwortungsgefühl. Das werde ich Ihnen morgen Nachmittag nach der Nachmittagsstunde in meinem Übungsraum beibringen, wie wichtig das ist. Und Sie, Monsieur Latierre, erhalten wegen unzureichender Erfüllung Ihrer neuen Aufgaben zu den achtzig Strafpunkten noch zehn Unterlassungsstrafpunkte. - Oh, wo Sie mich gerade so freudestrahlend anlächeln, Monsieur Moulin, dürfen Sie auch noch einmal achtzig Strafpunkte wegen unkameradschaftlichen Verhaltens, fortgesetzter Aufsässigkeit und Respektlosigkeit einem Mitglied des Lehrkörpers und Ihrem stellvertretenden Saalsprecher gegenüber entgegennehmen. Sie fangen wirklich früh an, meine Herren."

Die drei Jungen blickten einander und dann die Lehrerin an. Julius fragte sich, ob er nicht besser die beiden hätte quatschen lassen sollen. Womöglich dachten Robert und Hercules das auch gerade über ihn. Andererseits hatte Professeur Faucon schon recht. Als Zauberer jemandem auch nur aus jungenhafter Unbeherrschthheit den Tod anzudrohen war zu viel.

"Dupont, Alain!" Rief Madame Maxime den nächsten Neuzugang auf. Professeur Faucon eilte an den Lehrertisch zurück.

"Tja, da hast du dir den Klatscher selbst an die Birne gedroschen", feixte Hercules Moulin. Doch Julius überhörte es. Noch mal wollte er sich wegen dieses Dummschwätzers keine Strafpunkte einhandeln. Er dachte daran, daß Millie jetzt auch neunzig Strafpunkte bekam, ohne was dafür angestellt zu haben. Das konnte noch was geben, wenn die ihren Disziplinarquotienten abfragte. Aber das sollte er Hercules ganz bestimmt nicht auf's Butterbrot schmieren. Denn der meinte doch jetzt, ihn mit in seinen persönlichen Sumpf runterzuziehen. Und nach all dem, was er in den beiden vergangenen Sommerferien und im letzten Schuljahr erlebt hatte, war das dieser unbelehrbare Knilch nicht wert.

Alain Dupont zog im roten Saal ein. Dann folgten drei Violette am Stück, dann eine Schülerin für die Gelben und dann eine weitere Klassenkameradin für Gabrielle Delacour.

"Diesmal kriegen wir nur Mädels", meinte Gaston Perignon und blickte Julius an. Der nickte jedoch nur zustimmend.

"Die bei den Roten können langsam mal ans Anbauen denken", grummelte Hercules, weil die nächsten vier Jungen bei den Roten einzogen. Dann folgten zwei Gelbe, Zwillingsbrüder, die irgendwie mit Arnica Dulac aus der Mannschaft der Gelben verwandt waren. Dann kam Pierre Marceau an die Reihe. Der brauchte erst einmal zwei Minuten, um den Speisesaal komplett zu überblicken. Doch dann lief er wie ein Soldat im Geschwindschritt über den Teppich, der jedoch locker die Farben wechselte, wobei beim ersten Schritt noch alle sechs blieben und dann Schritt für Schritt Weiß, Violett, Gelb und Rot verschwanden. Dann lösten sich auch noch die blauen Farbflecken auf. Klong! Der erste im grünen Saal wohnende Erstklässler war zugeteilt.

Dann verteilten sich die nächsten zwanzig auf alle anderen Säle, bis nur noch vier Mädchen überblieben. Die erste landete nach sieben Schritten bei den Grünen. Die zweite nach acht, die Dritte nach neun und die Vierte brauchte gerade einmal vier Schritte zu tun, wie damals schon Julius, als er noch Andrews geheißen hatte. Damit war der Tross der Neuzugänge ordentlich auf die sechs Säle verteilt. Pierre Marceau blickte sich verdutzt und dann verdrossen um. Er war der einzige Junge von sieben Erstklässlern aus dem grünen Saal. Die Roten hatten fünfzehn Neuzugänge bekommen, die weißen gar achtzehn.

"Jupidu! Da hat Professeur Trifolio in seiner Kräuterkundeklasse fünfundzwanzig Leute", amüsierte sich Gaston Perignon.

"Da wird er sich freuen", befand Robert und blickte Julius an, als müsse der gleich wieder an Strafpunkte denken. Dann kam der gemütliche Teil: Das Abendessen. Julius genoß mit dem Essen auch das gefräßige Schweigen. Die Neuankömmlinge sprachen miteinander. Die bereits mehr als ein Jahr hier lernenden tauschten Ferienerlebnisse aus. Natürlich wurde Julius gefragt, wo und wie er denn mitbekommen haben sollte, wie schnell Zauberer andere Menschen umbringen konnten. So erzählte er, was ihm am ersten August in der Villa der Sterlings passiert war. Er hoffte nur, daß das nicht wie Angabe rüberkam und verschwieg auch, daß Professeur Faucon ihn darum gebeten hatte, dort hinzugehen. Die Flucht aus dem Haus erklärte er mit Todessern, die den Arrestdom aufgerissen hatten, so daß alle Zauberer die überlebenden Muggel per Apparieren in Sicherheit bringen konnten.

"Und du hast das mitgekriegt, wie die Tante von deiner Schulkameradin totgeflucht wurde?" Fragte Robert.

"Gesehen habe ich's nicht. Aber ich habe jemanden den Todesfluch ausrufen hören und das typische Geräusch gehört, wie Professeur Faucon es uns ja vorgeführt hat."

"O Mann, dann sollte ich mit solchen Sprüchen besser echt aufhören", seufzte Robert. "Klar, das Kö..., ähm, Professeur Faucon da so drauf angesprungen ist. Die hat ja bei solchen Sachen ihren Mann verloren."

"Der tischt uns doch nur was auf, um das Getue von der zu begründen", warf Hercules ein. "Wenn die Leute von Ihr-wißt-schon-wem echt in England den Laden übernommen hätten, wie er meint, dann hätte die Poirot das doch als dicke, fette Schlagzeile in roten Buchstaben in den Miroir reingesetzt."

"Nur wenn die rechtzeitig von der Insel runterkam. Julius sagte doch gerade, der hätte womöglich was gemacht, um ausländische Leute fernzuhalten. Weil die könnten ihm ja kräftig in den Kessel spucken, wenn die rauskriegen, daß er sich das Zaubereiministerium gekrallt hat." Julius erschrak. Natürlich konnte Iris Poirot bei Errichtung des Ausländerabwehrfluches sofort gestorben sein. So fragte er:

"Ich habe zwar alle Zeitungen durchgeblättert. Aber vielleicht ist mir das entgangen, was die nach dem ersten August geschrieben hat."

"Am vierten schrieb die was von einem großen Erfolg gegen Anhänger von Ihr-wißt-schon-wem", sagte Robert. Seitdem kam die mit nix neuem mehr rüber." Julius atmete kurz auf, erkannte dann aber, daß das keine gute, sondern schlechte Nachricht war. Iris Poirot war zwar nicht gestorben, stand aber mit Sicherheit unter der Kontrolle der Todesser. Außerdem mochte wer anderes in ihrem Namen geschrieben haben. So sagte er:

"Hercules, auch wenn du meinst, durch diese Strafpunktesache von eben Oberwasser bekommen zu haben, obwohl das absoluter Quatsch ist, bleibe ich dabei, daß der bitterböse Lord Unnennbar das britische Zaubereiministerium übernommen hat. Ich habe mir das Wetten abgewöhnt. Außerdem wäre das fies, drauf zu wetten, wann die ersten Horror-Meldungen bei uns eintrudeln, weil Leute von hier von ihren Verwandten entweder gar nichts mehr hören oder eben nur Mord und Totschlag erzählt bekommen."

"Warum soll das Quatsch sein, daß dir deine eigenen Strafpunkte um die Ohren geflogen sind, Monsieur Latierre?" Erwiderte Hercules verächtlich.

"Weil du deine ja auch abbekommen hast, Hercules. Und du hast auch neunzig abgeräumt, du Dussel", warf Gaston ein, der sich amüsierte, daß Hercules so vernagelt war. "Du hättest unsere Saalkönigin nicht so blöd angrinsen sollen, wo die gerade so toll in Fahrt war."

"Auf die fünfzig kommt's mir heute auch nicht mehr an, Gaston", knurrte Hercules. Doch Gaston meinte dazu nur:

"Das weiß ich, wo dein Papa schon die ersten zwei Heuler in Arbeit hat. Oder glaubst du, Professeur Faucon würde das nicht weitermelden, daß Moulins Sohn da weitermacht, wo er vor den Ferien aufgehört hat? Mir tun jetzt schon die Ohren weh." Das traf und saß. Mit einem Mal wich alle Hähme und Aufsässigkeit aus Hercules' Gesicht. Julius dachte an das Gespräch, das Monsieur Moulin mit seinem Sohn hatte führen wollen und wohl nicht ordentlich beendet hatte. Hing da vielleicht schon eine Drohung in der Luft, daß Hercules das ZAG-Jahr nicht zu Ende bringen würde, wenn er so weitermachte? Andererseits wollte Julius das nicht hinterfragen. Ihn nervte es nur, daß Hercules womöglich wegen der zerdepperten Beziehung mit Bernadette derartig aus der Bahn geflogen war. War er noch abzubremsen und auf die richtige Spur zurückzusetzen? Hing das womöglich dann an ihm, Julius Latierre? Dieser wollte es sich in diesem Moment nicht einreden.

"Fällt euch eigentlich nicht auf, daß wir offenbar keinen neuen Lehrer für magische Geschöpfe haben?" Fragte Robert nach dem Abendessen. Seine Klassenkameraden nickten. "Dann möchte Madame Maxime wohl weiterunterrichten", vermutete er. Die Erwähnte erhob sich gerade in diesem Moment. Alle anderen taten es ihr gleich, setzten sich aber, als sie mit einer Handbewegung dazu aufforderte.

"Eigentlich hatte ich gehofft, Ihnen allen noch heute Abend einen neuen Lehrer vorstellen zu können. Doch ich erfuhr, daß der Kollege heute Abend noch in Australien weilt und erst morgen früh seinen Dienst antreten kann. Aber ich möchte Sie natürlich nicht im unklaren lassen, wer es ist und welches Fach er geben wird. Es handelt sich um Maurice Pivert, Experte für wild lebende Tierwesen und zertifizierter Fachzauberer für den Umgang mit Tierwesen der Stufe XXX und höher, der ab morgen den Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe erteilen wird." Alle am grünen Tisch blickten Yvonne Pivert an. Die Saalsprecherin strich sich verlegen durch ihr walnußfarbenes Haar und blickte Madame Maxime verlegen an. "Ich erkenne, daß hier einige Leute bereits von ihm gehört haben. Dann wissen Sie sicher auch, daß er schon einmal angeboten bekam, dieses Fach zu unterrichten und es damals zurückwies, weil er andernorts wichtige Projekte betreuen mußte. Diesmal hat er verbindlich versichert, daß es ihm eine Ehre sei, für unbestimmte Zeit sein bescheidenes Fachwissen mit interessierten Junghexen und -zauberern zu teilen. Wie erwähnt wird er pünktlich um acht Uhr morgen früh zum Unterricht antreten. Da ich seine Zusage leider erst vor zwei Wochen erhielt und die Stundenpläne bis dahin schon ausgefertigt hatte, weiß ich, daß die Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse ihn als erste im Unterricht begrüßen dürfen. Ich erwarte ein untadeliges Betragen und die ungeteilte Aufmerksamkeit, die ein Kollege mit solcher Kompetenz verdient. So verbleiben mir noch einige Hinweise: Wie Sie wohl größtenteils mitbekommen haben, ist der neue stellvertretende Saalsprecher des grünen Saales in den Ferien mit Elterlicher Zustimmung mit der bisherigen Mademoiselle Mildrid Latierre den Bund der Ehe eingegangen. Da beide noch nicht volljährig sind, schlafen und wohnen sie weiterhin in den ihnen zugewiesenen Sälen und sind gehalten, ihren neuen Status nicht zu unangebrachter Aufschneiderei oder neiderregendem Tun zu mißbrauchen. Dies zur gerechtfertigten Allgemeininformation an Sie alle, werte Kolleginnen und Kollegen, sowie Sie, Madame, Mesdemoiselles und Messieurs aus der Schülerschaft der Beauxbatons-Akademie." Wie zu erwarten war erfüllte ein erregtes Raunen und Getuschel den Speisesaal. Sämtliche Hexen und Zauberer darin blickten sich um und sahen erst Julius mit der Silberbrosche und dann die rotblonde Mildrid Latierre, die kerzengerade auf ihrem Stuhl saß und freundlich dreinschaute. Hercules Moulin verzog das Gesicht und blickte zum weißen Tisch hinüber. Seine Freundin Belisama Lagrange blickte mit versteinerter Miene zum grünen Tisch hinüber. Auch am roten Tisch blickte jemand sehr ungehalten zu Julius hinüber: Es war die sehr lerneifrige Bernadette Lavalette, die wie Julius und Sandrine die Silberbrosche trug. Julius fragte sich, was dieses Mädchen für einen Grund hatte, ihn so giftig anzuglotzen, als wolle sie gleich tödliche Blitze aus ihren Augen auf ihn schleudern. Madame Maxime ließ ihre Worte eine Minute lang wirken. Dann klatschte sie in ihre Hände und holte sich damit die volle Aufmerksamkeit für ihre Ansprache zurück.

"Die neuen Schülerinnen und Schüler werden nach dem Abendessen von den für sie zuständigen Saalsprechern durch unseren Palast geführt, um sich mit den räumlichen Gegebenheiten vertraut zu machen, sowie mit den Wegen zu den Büros ihrer Saalvorsteher, so wie die Bibliothek, den Krankenflügel und den zur Schule gehörenden Meeresstrand." Das mit dem Strand ließ sie einige Sekunden lang nachwirken. Denn von hier aus war kein Meer zu sehen, zu hören oder zu riechen. Dann sagte sie noch: "Außerdem bat mich Schuldiener Bertillon, der für die Ordnung auf den Gängen und Höfen zuständig ist, alle Schüler darauf hinzuweisen, daß auf den Gängen nicht gezaubert werden darf und die aushängenden Gemälde nicht verrückt, beschmutzt, beschädigt oder heruntergenommen werden dürfen. Außerdem hat er die Liste unzulässiger Spielgeräte und Hilfsmittel um zweihundert Artikel erweitert. Besonders hervorzuheben sind hier Tragbare Sümpfe aus Großbritannien oder selbsterhaltendes Feuerwerk aus selber Quelle. Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen einen guten Abend und eine erholsame Nachrtruhe! Morgen früh beginnt für Sie alle das neue Schuljahr."

"Tja, da hat es Giscard jetzt schön einfach. Der kann mit diesem Pierre Marceau ganz ruhig durch die Schule laufen und dem in aller Ruhe erklären, wer und was bei uns so wichtig ist", sagte Robert und blickte Giscard Moureau an, der sich kurz umsah und dann Julius anblickte.

"Was mich angeht gehe ich kurz zu Goldschweif, damit die sieht, daß ich wieder da bin", sagte Julius. Die Knieselin, die ihn sich vor zwei Jahren als Vertrauten ausgeguckt hatte, würde ihn von seiner schlechten Stimmung kurieren, wie sie es schon früher getan hatte. Der Trank der Bindung wirkte hoffentlich noch.

"Ähm, Julius, ich denke, weil wir nur einen neuen Jungen in den grünen Saal bekommen haben kannst du mit dem die Runde machen. Du hast bestimmt den besseren Dreh, dem alles richtig zu erklären", sagte Giscard Moreau zu Julius, als dieser mit den anderen aus dem Speisesaal ging. Julius überlegte kurz. Einem Muggelstämmigen, der sich wie ein Schneekönig freute, hier gelandet zu sein, alles zu erklären, war bestimmt noch besser als Goldschweif zu streicheln und sich von ihr was vorschnurren zu lassen. Pierre Marceau trippelte bereits aufgeregt von einem Bein auf das andere. Julius lächelte ihn an. Giscard nickte den beiden zu und sagte dann: "In Ordnung, Pierre, du gehst mit Julius rum. Der kennt sich hier genausogut aus wie ich. Danke, Julius."

"Moment, ich brauche aber das Zugangswort für unseren Saal", sagte Julius. Giscard nickte und holte einen Zettel hervor, auf dem Julius "Caput leonis" lesen konnte, wenn er ihn ganz nahe vor die Augen hielt. Dabei vibrierte seine Brosche leicht. Dann reichte er Giscard den Zettel zurück. "Hab's mir gemerkt", sagte Julius und winkte Pierre Marceau. Doch als sie gerade losgehen wollten, kam Professeur Faucon vom Lehrertisch her und winkte Julius und Céline, die sich gerade mit Laurentine Hellersdorf zum grünen Saal absetzen wollte, nachdem Yvonne Pivert sechs miteinander tuschelnde Mädchen hinter sich hergelotst hatte.

"Auch, wenn ich mir denken durfte, daß Sie nach nur einem, noch dazu der nichtmagischen Welt entstammenden Neuzugang den Einweisungsgang delegiert haben, Monsieur Moureau, möchte ich Sie darum ersuchen, diesen Rundgang in eigener Person durchzuführen, da ich mit ihrem Stellvertreter und seiner gleichrangigen Kollegin eine notwendige unterredung halten muß. Monsieur Marceau, begleiten Sie bitte Monsieur Moureau, der Sie mit den wichtigen Wegen und Räumen vertraut machen wird!" Sagte die Saalvorsteherin. Pierre blickte sie etwas enttäuscht an, weil er wohl gehofft hatte, mit Julius, der sich mit seiner früheren Welt doch gut auskannte, besser klarzukommen. Doch der unerbittliche Blick der saphirblauen Augen duldete keinen Widerspruch. Pierre merkte das wohl sofort. So folgte er Giscard, der ebenfalls leicht enttäuscht war, doch keine zusätzlichen Freiminuten herausgeholt zu haben.

"Sie beide folgen mir unverzüglich!" Kommandierte Professeur Faucon.

Im Büro der Verwandlungslehrerin ließ diese erst einmal das Schild "Bitte draußen warten" an ihrer Tür erscheinen. Dann ließ sie die beiden neuen Silberbroschenträger Platz nehmen.

"Ich habe es sehr wohl mitbekommen, Mademoiselle Dornier, wie sie und Mademoiselle Pontier fast in Streit gerieten, als Mademoiselle Delacour sich an ihrem Tisch umgeblickt hat. Wurden Sie dabei in irgendeiner Form respektlos behandelt?"

"Das würde ich nicht so nennen, Professeur Faucon", druckste Céline herum. "Sie meinte nur, ich solle auf meinen Freund aufpassen, weil die Delacour-Mädchen ja Veelablut in den Adern hätten und Jungs mit einem Augenzwinkern um den Verstand bringen können. Ich meinte dann zu ihr, sie solle sich besser aus meinen Sachen raushalten. Mehr war nicht."

"Und, hat sie sich an Ihre Forderung gehalten, sich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einzumischen?" Bohrte Professeur Faucon nach. Céline bekam erst eine gesunde, rosige Gesichtsfarbe und wurde dann knallrot. Sie schüttelte schwerfällig den Kopf.

"Öhm ... sie ... öhm ... meinte dann irgendwann ... öhm, daß Gabrielle Delacour meinen Freund schon ... so komisch angeglubscht haben soll. Da habe ich ihr angedroht ... öhm, ... na ja, so Strafpunkte anzuhängen. Ich hab's aber nicht gemacht."

"Erst einmal sollten Sie sich angewöhnen, bei einer Aussage nicht zu stammeln, Mademoiselle Dornier. Zweitens hätten Sie es nicht bei einer Androhung belassen, sondern ein gewisses Maß an Strafpunkten aussprechen müssen, Mademoiselle Dornier. Monsieur Latierre hier wird Ihnen wohl all zu gerne bestätigen, wie konsequent ich durchgreifen mußte, als er verabsäumte, einen ungebührlichen Zwischenfall zwischen Monsieur Deloire und Monsieur Moulin zu ahnden. Damit Sie das noch einmal ganz klar erfassen können, Mademoiselle Dornier und Monsieur Latierre: Sie sind wie wir Respektspersonen geworden. Als solche tragen Sie um der Schulordnung und ihres eigenen Ansehens Willen die Verantwortung dafür, daß Ihnen niemand auf der Nase herumtanzt, wie gut befreundet sie vorher mit jemandem waren oder es noch sind. Bonus- oder Strafpunkte zu vergeben ist nicht nur ein Vorrecht, sondern auch eine Verpflichtung, sofern Sie Zeuge einer ungebührlichen oder gar ordnungsgefährdenden Handlung werden. Ihr Freund, Mademoiselle Dornier, äußerte Monsieur Moulin gegenüber die Drohung, daß er bei einem weiteren falschen Wort tot von seinem Stuhl fallen könne. Sie mögen mir beide eine gewisse Überempfindlichkeit zu unterstellen wagen, daß ich derlei wie auch immer gemeinte Drohungen nicht spaßig finden kann. Zumindest aber wissen Sie, Monsieur Latierre, daß Sie nicht alles überhören können, was jemand sagt, nur um einer fragwürdigen Harmonie Willen. Monsieur Moulin legte, soweit ich seine Mimik deuten durfte, keinen Wert auf ein harmonisches Auskommen mit Ihnen, und Monsieur Deloire hat wohl eingesehen, daß bestimmte Formulierungen für einen ZAG-Kandidaten nicht mehr statthaft sind. So mußten Sie, Monsieur Latierre, die einprägsame Erfahrung machen, daß gut gemeinte Zurückhaltung sich gegen Sie selbst wenden kann. Denn immerhin können wir Lehrer die Anzahl von Ihnen nicht ausgesprochener Strafpunkte verdoppeln und Ihnen zuerkennen, wie Sie ja nun bestätigt bekommen haben, wenn Sie nicht den Vorrechten und Pflichten glauben wollten, die Ihnen mit Ihren Saalsprecherbroschen zugeteilt wurden. Da Sie, Mademoiselle Dornier, verabsäumten, Ihrer Mitschülerin Irene Pontier die Mindestanzahl von fünf Strafpunkten wegen Respektlosigkeit einem Saalsprecher gegenüber auszusprechen tu ich dies hiermit. Mademoiselle Pontier erhält fünf Strafpunkte. Sie erhalten zehn Strafpunkte wegen der versäumten Disziplinarmaßnahme." Céline blickte Professeur Faucon schicksalsergeben an.

"Das wollte ich Ihnen beiden noch klarmachen, damit Sie der Ihnen nicht ohne Grund zuerkannten Würde gerecht werden, Mademoiselle und Monsieur. Und wo Sie beide schon einmal hier sind, erinnere ich Sie noch einmal daran, daß nächste Woche Samstag um zehn Uhr die erste Saalsprecherkonferenz im Büro von Madame Maxime stattfindet. Monsieur Latierre, Sie kennen ja den Weg zum Eingang. Das Passwort lautet "Radices mundi". Und wo Sie auch schon einmal hier sind", sagte die Lehrerin noch und holte zwei Formulare hervor "... füllen Sie bitte schon einmal aus, an welchen Freizeitaktivitäten Sie teilzunehmen wünschen! Bei Ihnen, Monsieur Latierre, habe ich natürlich schon Verwandlung für Fortgeschrittene und Schach festgelegt, da ich es nicht mit meiner Lehrverpflichtung vereinbaren kann, einen derartig talentierten Zauberer nicht optimal gefördert zu haben und ich Ihr Talent im Schach nicht ungenutzt in Beauxbatons einschlummern sehen möchte. Bei Ihnen, Mademoiselle Dornier, habe ich ähnliche Erwägung gelten lassen und Sie verbindlich für die Zauberkunst-AG meiner Kollegin Bellart vorgemerkt. Allerdings hätte ich auch nichts einzuwenden, wenn Sie sich in Verwandlung für fortgeschrittene eintragen möchten, fordere dies jedoch nicht von Ihnen, im Gegensatz zu Monsieur Latierre."

"Meine Schwester will da wohl auch mitmachen. Was gelten da jetzt für Sonderregeln wegen Cythera?" Fragte Céline.

"Die selben wie für den Unterricht und die allgemeinen Mahlzeiten. Ihre Nichte verbleibt während dieser zeit in der Obhut von Madame Rossignol. Ihre Schwester hat diesbezüglich ja eine Regelung mit Madame Maxime und meinem Kollegen Trifolio getroffen. Madame Maxime beharrt auf den damals getroffenen Verpflichtungen Ihrer Schwester, für das hier empfangene und geborene Kind Sorge zu tragen. Aber näheres weiß auch ich nicht, weil mein Kollege Trifolio dafür zuständig ist."

Julius ließ schon mal alle Samstagskurse wie Kräuterkunde und Tanzen wegfallen. Quidditch trug er wieder ein, wobei der ausgesuchte Kapitän der Mannschaft und/oder der Fachlehrer für Besenflug Einspruch erheben konnten. Céline wählte Quidditch ebenfalls aus, um sich um die von Virginie freigemachte Jägerposition zu bewerben oder als Hüterin an Monique Lachaises Stelle zu treten. Natürlich trug er sich auch in die Zauberkunst-AG und den Duellierclub ein und suchte sich auch den Freizeitkurs magische Tierwesen aus. Auch dieses Jahr wurde wieder ein Zauberwesenseminar angeboten. Da wollte er an und für sich Millie fragen, ob sie da auch noch einmal mitmachen wollte. So würden sie sich dann, auch wenn sie sich nicht mehr als eine schlichte Begrüßungsumarmung erlauben durften immer wieder sehen können. Er trug sich also auch dafür ein, sowie für magische Alchemie. Verwandlung für Fortgeschrittene fand dieses Jahr an jedem Donnerstag statt. Professeur Faucon fragte ihn auch, ob er bereit sei, als Konversationspartner an einem Kurs Englisch für Fortgeschrittene teilzunehmen, der montags nachmittags stattfand. Er stimmte dem zu. Céline wandte ein, daß Constance auch dabei sein würde, weil sie in den zwei vergangenen Jahren den Einsteigerkurs mit Hilfe des Sprachlernbuches geschafft habe. Ein Monsieur Guy Berlios, der als Sprachkursleiter angestellt war, gab die hier angebotenen Sprachkurse Englisch, Deutsch und Spanisch. Als Julius so jedem Werktag mindestens einen Freizeitkurs zugeordnet hatte, gab er sein Formular an die Saalvorsteherin ab. Da hörten sie von draußen das leise Tuscheln herankommender Junghexen.

"So, die Damen, und hier ist das Büro von Professeur Faucon", hörten sie die neue Saalsprecherin Yvonne Pivert erklären. Sofort herrschte Stille.

"Ah, Ihre ganz jungen Mitschülerinnen sind nun da. Offenbar hat Mademoiselle Pivert befunden, zunächst den Weg zu mir zu erklären", sagte Professeur Faucon und ließ mit einem Zauberstabschlenker das Türschild auf "Bitte Anklopfen" umspringen. Céline und Julius wurden in den Rest ihres freien Abends entlassen. Beim Hinausgehen erhaschte Julius noch einen Blick auf Gabrielle Delacour, die ihn freundlich anlächelte. Die Veela-Kräfte in ihr waren wohl noch nicht richtig erblüht. Doch er fühlte jetzt schon eine gewisse Verwirrung, die dieses Lächeln auslöste. Céline verzog dabei eher das Gesicht, wie Yvonne Pivert, die nicht gerade froh war, eine Horde giggelnder Erstklässlerinnen herumzuführen, von denen eine angeborene Veela-Kräfte ausstrahlte. Er erinnerte sich daran, wie ihn Fleur angewidert hatte, als er für vier Tage Belle Grandchapeaus Zwillingsschwester gewesen war. Barbara Lumière hatte ihm dann erzählt, daß Veelas und Veela-Abkömmlinge bei Frauen und Mädchen eine unterschwellige Ablehnung auslösten, die wie Eifersucht wirken konnte.

"So, Monsieur Latierre, wie viel hat Robert denn an Strafpunkten kassiert?" Fragte Céline. Julius verriet es ihr. "Das geht noch. Wenn der in der nächsten Woche gut Bonuspunkte sammelt, können wir am nächsten Sonntag doch wieder ans Meer."

"Ich wohl nicht", sagte Julius erschüttert.

"Tja, an die vierhundert Bonuspunkte holst du nicht so locker rein, wo die jetzt wissen, was du denen zeigen kannst", lächelte Céline. Es war aber kein schadenfrohes Lächeln, sondern aufmunternd. "Abgesehen davon kannst du dein Bonuspunktekonto benutzen, wenn der DQ bei dir knapp unter fünf liegt. Und mit dem Bonuspunktekonto kommst du locker über fünf."

"Ich frage mich ernsthaft, wie Gloria das gemacht hat, nur fünfzehn Strafpunkte im ganzen Jahr zu kriegen", seufzte Julius, der sich zu sehr an sein erstes Jahr hier erinnerte, wo er in einer Woche auch um die fünfzig Strafpunkte abbekommen hatte.

"Offenbar nur das gesagt, was keinen Saalsprecher oder Lehrer ärgern konnte, Julius. Gehst du jetzt in den grünen Saal zurück?"

"Nein, ich gehe bis vor Saalschluß zu Goldschweif, guten Tag sagen", sagte Julius. Céline grinste.

"Willst du der erklären, daß dir die Latierres eine ihrer fliegenden Kühe zum Geburtstag geschenkt haben?"

"Die beiden werden sich wohl nicht so schnell zu sehen kriegen", sagte Julius dazu nur.

"Überhaupt schon merkwürdig, wie locker unsere Saalkönigin das jetzt sieht, daß Millie und du verheiratet seid, wo die mit Mildrids Oma Ursuline doch wohl andauernd aneinandergerät."

"Sagen wir's so. Weil es anderswo kräftig gekracht hat, kracht es jetzt nicht mehr zwischen den beiden. Professeur Faucon und Mildrids Oma Ursuline haben es eingesehen, daß alles, was irgendwann mal gelaufen ist vorbei ist und es wichtigere Sachen gibt, vor allem nachdem das in England jetzt so rabenfinster ist."

"Dann stimmt das also doch, daß er, dessen Name nicht genannt werden darf, in deiner alten Heimat das Ministerium überfallen hat?" Fragte Céline besorgt klingend.

"Überfallen und eingesackt", bestätigte Julius. Céline wurde eine Spur bleicher als sie sonst schon war. Dann sagte sie leise:

"Dann müssen wir hier in Frankreich doch bestimmt drauf gefaßt sein, daß er auch hier zuschlägt wie damals im Sternenhaus."

"Möglich ist es", räumte Julius ehrlich ein. "Das ist ja der Punkt, warum ich mich von Hercules' gehässigem Gequatsche so angenervt fühle. Der redet von Quidditch und davon, wie blöd doch alle roten Mädels sind und von nix anderem. Du hast Kevin Malone zweimal bei meinem Geburtstag mitbekommen. Céline. Der hatte diesen Sommer eine Höllenangst, weil er irgendwelche Todesfeen gehört haben will. Du weißt das vielleicht, daß diese Geisterwesen in Irland umherstreifen und vor den Häusern der Familien heulen, von denen bald wer sterben soll. Deshalb hat jeder Ire Angst davor, die einmal zu hören."

"Oha! Ja, da hätte ich dann wohl auch Angst, wenn die echt den Tod von wem vorhersagen können", preßte Céline zwischen fast zusammengebissenen Zähnen hindurch. Dann deutete sie auf ihre Silberbrosche:

"Ich denke, die haben die mir deshalb zugespielt, weil die nicht wollen, daß ich mich auch im ZAG-Jahr schwängern lasse wie Connie. Aber das sagst du bitte keinem, auch nicht Millie!"

"Gut, ich sag's keinem, daß du im ZAG-Jahr nicht geschwängert werden möchtest", sagte Julius mit verschmitztem Grinsen. Gegenseitig durften sie sich ja keine Strafpunkte aufhalsen. Céline erkannte das auch und nahm es mit Humor.

"Zumindest sollte der Jemand mich vorher im Brautkleid gesehen haben, bevor ich ein Kind von dem kriegen möchte. Dann noch viel Spaß mit Goldschweif!" Sie winkte Julius zu und ging ihrer Wege. Julius probierte aus, ob er noch gut wandschlüpfen konnte und kam bei den Gehegen der magischen Tiere heraus, wo er Corinne Duisenberg mit ihren fünf Erstklässlerinnen traf. Sie winkte Julius zu. Zwei der Neublauen kicherten belustigt. Es amüsierte sie wohl, daß Julius schon mit fünfzehn verheiratet war. Corinne schschte sie an und begrüßte den Kollegen.

"Das war mir klar, daß sie dich mit einspannen, Julius. Noch einmal herzlichen Glückwunsch nachträglich zu deiner frühen Hochzeit. Patrice hat es mir am anderen Tag geschrieben. Ich habe mich dann mal schlaugelesen und über das Matrimonium ante Maturam einiges rausgelesen."

"War für mich auch eine Überraschung, Corinne. Patrice hat mir aber nicht erzählt, daß du die goldene Brosche trägst."

"Weil es sie ärgert, Julius. Sie ist Pflegehelferin, darf aber keinem Strafpunkte geben. Ich bin jetzt hauptamtliche Saalsprecherin. Na gut, mit meinen ZAGs drohte das sich ja doch an. Kam sogar in Verwandlung auf "Erwartungen übertroffen". Da hat meine Mutter gesagt, ich sollte das weiterlernen und am besten den Fortgeschrittenenkurs machen. Dafür hat es mich in Zaubertränken auf "Mies" runtergezogen. Hätte mich vielleicht doch häufiger mit meiner Tante zusammensetzen sollen, wo die's mir angeboten hat. Aber dafür kommen Professeur Fixus und ich uns jetzt nicht mehr ins Gehege."

"Soll auch was für sich haben", sagte Julius.

"Hattest schon Ärger mit deinen Leuten wegen der Brosche oder Millie?" Fragte Corinne. Julius verschloß sofort seine Gedanken. Sie lächelte. "Geht mich ja auch nichts an. Ich sollte mich jetzt auch mit meinen Hühnern hier zum Stall zurückbegeben. Man sieht sich dann!"

"Dann bis zum nächsten Mal", grüßte Julius.

Beim Knieselgehege traf er seine Frau, die Goldschweif auf dem linken Arm trug.

"Habe mir schon gedacht, daß du noch einmal herkommst, Monju", sagte sie ruhig. "Was wollte eure Saalvorsteherin denn am Tisch von dir?"

"Mir klarmachen, daß ich jemandem zu wenig Strafpunkte verteilt habe. Dabei hat die mir gleich neunzig Strafpunkte aufgehalst."

"Ist ja doch mutig, mir das ins Gesicht zu sagen, Julius. Du weißt ja wohl, was das für mich heißt?"

"Ich hoffe mal, dein DQ ist dadurch nicht total versaut." Goldschweif entrollte sich und sprang von Millies Arm, um zu Julius hinüberzulaufen. Das Katzenwesen mit dem silbergrauen Fell und dem goldbraunen Schweif, der wie der eines verkleinerten Löwens aussah, strich um seine Beine und schnurrte:

"Du hast dich jetzt für sie entschieden, Julius. Ihr gehört euch jetzt gegenseitig. Wann kriegt ihr euer erstes Junges?"

"Kaum hier, schon wieder im alten Trott", grinste Julius und fragte nach Goldschweifs Kindern. Diese waren nun groß genug, ihre eigenen Mäuse und Ratten zu jagen.

"Also, wenn du uns beiden je neunzig Strafpunkte eingebrockt hast, Monju, dann klappt das mit dem Meerbesuchsbrief nächste Woche dann noch, wenn du und ich jeweils vierhundertfünfzig Bonuspunkte reinholen. Ich weiß, ist nicht gerade einfach. - Aber wenn das diese Woche nicht geht, dann nächste Woche wieder. Oder denkst du, du räumst jetzt jeden Tag so viele Strafpunkte ab?"

"Dann können wir beide aber das ZAG-Jahr abhaken", sagte Julius. Seine Frau pflichtete ihm bei. Dann sagte sie ruhig:

"Zumindest hast du mich vorgewarnt. Und wir wußten das ja auch, daß wir uns die Strafpunkte entsprechend teilen. Was in der Sonderregel nicht drinsteht, aber so praktiziert wird, ist auch, daß wir die Bonuspunkte zu gleichen Teilen kriegen. Das soll vorbildliches Verhalten eines in der Schule wohnhaften Ehepaares belohnen, hat Tine mir erzählt", flüsterte Millie. "Aber lass das Professeur Faucon nicht wissen, bevor die das nicht in unseren Bewertungsbüchern nachlesen kann!" Julius nickte. Dann sagte er noch zu Goldschweif, daß sie vorerst besser nicht zu ihm ans Fenster kommen solle, weil die anderen Jungen im Moment so gereizt wären.

"Millie paßt auch auf dich auf. Sie sagt aber, daß ihr hier nicht die Stimmung ausleben dürft. Das ist gemein."

"Ja, ist es", schnurrte Julius zurück. Außer ihm konnte niemand verstehen, was Goldschweif sagte. Für ihn klang es wie die Stimme einer Frau in mittleren Jahren.

Ohne üblichen Gutenachtkuß und ohne innige Umarmung wünschten sich die beiden jungen Eheleute eine gute Nacht. Julius kehrte nun auch in den Palast zurück. Zusammen mit Giscard prüfte er um zehn Uhr, ob alle Bewohner des grünen Saales im Gemeinschaftsraum oder den Schlafräumen waren. Pierre Marceau hatte einen eigenen kleinen Schlafsaal bekommen. Er erzählte Julius noch, daß das Teleportal zum Strand toll wäre. Traurig war er, weil sein Mobiltelefon nicht funktionierte. Aber Giscard hatte ihm die Eulen gezeigt und wie diese Post mitnehmen konnten.

Im Fünftklässlerschlafsaal herrschte eisiges Schweigen. Offenbar hatten sich Hercules, Gaston und André verkracht. Gérard saß mißmutig auf seinem Bett und Robert hatte sich bereits hinter seinem Schnarchfängervorhang verkrochen.

"Das werden jetzt noch drei lustige Jahre", murrte Gérard. "Sandrine ist voll eingespannt. Pflegehelfertruppe und Silberbrosche. Da ist wohl für uns nicht mehr viel Zeit."

"So'n Pech aber auch. Der eine ist vorzeitig verknotet worden und darf nicht mehr ran. Und dem anderen seine Freundin hat sich zu heftig bei den Lehrern und der Rossignol beliebt gemacht und hat jetzt auch keine Zeit mehr zum Schmusen", feixte Hercules. Julius baute sich kerzengerade vor ihm auf und sagte mit einem festen aber ruhigen Tonfall:

"Das ist dein Problem, Hercules, daß dich keine ranlassen will, nicht mal Belisama. Denn nur von der kannst du das haben, daß Millie und ich uns nur wie gute Kameraden begrüßen dürfen. Aber ich sage dir noch was, damit du nicht vor lauter Denken um den Schlaf kommst: Millie und ich wußten das vorher, und es ist uns nicht wichtig, ob wir uns hier in Beauxbatons übereinander hermachen können oder nicht, weil wir beide, sie und ich, wissen, daß es auch was außerhalb von Beauxbatons gibt, und daß das ganze kein Scherz ist."

"Na klar, jetzt wieder die Kiste, daß der Unnennbare das britische Zaubereiministerium kassiert haben will", grummelte Hercules. Gaston und André lauerten wohl auf eine weitere Unbedachtheit. "Außer dir hat hier keiner was davon mitbekommen."

"Tja, weil ich nicht nur Zeitung lese, um auf dem laufenden zu sein", konterte Julius. "Deshalb lasse ich mich von dir auch nicht noch mal so runterziehen wie im letzten Jahr. Du hast zu mir mal Kameradenschwein gesagt. Klär das mit dir ab, wer das zu dir sagen könnte, wenn du dich mit allen anlegst. So viel dazu."

"Ich sag nichts mehr", knurrte Hercules. Offenbar machte ihm aber nur die über seinem Kopf schwebende Strafarbeit bei Professeur Faucon zu schaffen. Julius sagte nichts weiteres. Er machte sich bettfertig. Zu seiner Erleichterung hing Auroras großes Wandbild unversehrt und gerade an der Wand. Die Bewohnerin saß zusammen mit Serena Delourdes im Vordergrund und lächelte ihn an. Als er im Bett lag und den Vorhang zugezogen hatte, sagte er zu ihr: "Sage Viviane bitte, sie möchte meiner Mutter bestellen, daß ich gut angekommen bin! Dann sage deinem Original bitte noch, daß mir das Kleid vielleicht doch zu groß ist, als da so locker reinzuwachsen."

"Wenn du die Brosche meinst, dann hat mein echtes Ich nie gesagt, daß das locker geht, Julius", sagte die gemalte Aurora Dawn. "Aber reinwachsen wirst du schon. Ich habe das mit den beiden Streithähnen mitgekriegt. Hercules wollte schon ansetzen, mein Bild runterzureißen. Aber weil gerade Serena Delourdes bei mir war, hat er sich das nicht gewagt. Abgesehen davon könntest du ihn dann wegen Sachbeschädigung locker über zweihundert Strafpunkte auflegen. Irgendwo wird auch bei diesem Trotzkopf die Schmerzgrenze erreicht sein."

"Kann sein", seufzte Julius. Dann wünschte er Aurora und Serena noch eine gute Nacht und legte sich hin. Er bezauberte sein Bett mit dem Pacibiculum-Zauber, damit ihn niemand im Bett überfallen würde und kroch unter die Bettdecke.

"Ich wünsche dir noch eine gute Nacht, Mamille", schickte er eine Gedankenbotschaft an seine Frau. Diese antwortete prompt:

"Und wage dich bloß nicht, morgen schon wieder neunzig Strafpunkte auf mein Konto draufzuladen!" Julius mußte grinsen, schwieg aber dann. Er steckte sich das rubinrote Herz wieder unter seine Schlafanzugjacke. Dann drehte er sich um und schlief ein.

 

__________

 

Am nächsten Morgen wurden sie von den umherziehenden, mexikanischen Musikern geweckt, deren Stammbild bei Millies Cousinen Callie und Pennie im Schlafsaal hing. Julius Latierre freute sich über diesen Weckdienst. Denn so würde Giscard oder er nachher nicht so viele Probleme haben, die Jungen von der ersten bis zur siebten Klasse wachzukriegen. Seine Schlafsaalkameraden waren da nicht so von begeistert. Gaston meinte, Julius solle seinen jetzt angeheirateten Cousinen als Untersaalsprecher befehlen, das Bild mit den fröhlich trompetenden Mariachis wieder abzuhängen. Robert wandte noch ein, daß sie erst um sechs Uhr geweckt werden müßten und nicht schon um halb sechs. Julius erwiderte darauf:

"Wenn Madame Maxime denen das mit dem Bild nicht verbieten kann, dann kann ich das erst recht nicht. Ihr könnt ja noch 'ne halbe Stunde schlafen. Wenn Giscard dann die Runde macht kommt ihr wenigstens leichter aus den Federn."

"Du gehst wieder runter zum Stadion?" Fragte Gérard.

"Nur wenn Giscard mich nicht verdonnert, euch aus den Betten zu holen."

"Könnte dem einfallen um zu sehen, ob du die großen Jungs auch beeindrucken kannst", feixte Gaston. Dann zog er seinen grasgrünen Vorhang wieder vor das Bett. Julius grinste in sich hinein, wenn er dachte, daß er zum einen mehrere Spielfilme mit Armeeausbildern gesehen und zum zweiten einiges von Barbara van Helderns Aufweckmethoden mitbekommen hatte. Doch ihm war jetzt nicht danach, seinen Kameraden davon zu erzählen. Er machte sich frühsporttauglich und lief in den Aufenthaltsraum hinunter, wo er Pierre Marceau traf, der bereits fix und fertig angezogen an einem Tisch saß und einen Brief schrieb.

"Gut, daß ich meinen Schlepptop nicht mitgebracht habe. Dieses Antielektronikfeld ist ja fies. Mein Mobiltelefon kriege ich nicht zum laufen. Der Wecker spinnt total und mein Walkman gibt nur lautes Krachen und Rauschen von sich. Louis Vignier hat mir das gestern erzählt, daß die ganze Magie hier alle Geräte ausklinken läßt. Ist das auch umgekehrt?"

"Sagen wir es so, da wo ich wohne vertragen sich Magie und Elektronik gerade soeben noch. Dann kriegte meine Mum ja auch nichts mehr auf die Reihe bei ihrer Arbeit, von Joe, unserem Nachbarn, ganz zu schweigen. Ähm, der Umhang sitzt gut, aber deine Haare solltest du vor dem Runtergehen noch bürsten. Die sind hier überkorrekt was das Aussehen angeht."

"Wollte ja auch erst den Brief hier fertigmachen", sagte Pierre. "Und du willst raus zum Frühsport?"

"Jawoll", erwiderte Julius. Dann kam Yvonne Pivert aus dem Mädchentrakt herunter. Sie begrüßte Pierre und wiederholte, was Julius wegen der Frisur gesagt hatte. Sie befand, das seine Haare für einen Jungen auch etwas zu lang geraten seien und änderte im Handumdrehen die Haartracht des einzigen Jungen aus der ersten Klasse. Dieser meinte dann, daß das komisch kitzelte und Yvonne sagte, daß er so jetzt wesentlich weniger Schwierigkeiten in den nächsten tagen haben würde. Julius hatte sich von Catherine kurz vor der Abreise die Haare kürzen lassen.

"Du gehst auch zum Frühsport raus?" Fragte Julius.

"Nein, da laufen mir zu viele rote Draufgänger draußen rum. Ich belasse es bei Ballett und Quidditch. Céline will auch in die Mannschaft rein, hat sie gesagt. Dann geh ich als Stammhüterin in den Torraum, und Monique kann mit ihr und dir den Quaffel nach vorne bringen. Céline meinte auch, du wärest nicht drum rumgekommen, deiner Angetrauten den Dawn'schen Doppelachser zu zeigen. Dann lernen die den auch bei den Roten."

"Das mit diesem Quiddritsch habe ich auch noch nicht drauf", meinte Pierre. "Klingt aber heiß, in der Luft rumzuflitzen und vier Bälle gleichzeitig zu spielen."

"Wolltest du nicht mal Sucherin werden?" Fragte Julius.

"Dafür bin ich in den letzten zwei Jahren etwas zu lang und ein wenig zu umfangreich geworden, um noch wendige Manöver zu fliegen. Agnes ist gut eingespielt. Ich kann auch gut im Torraum spielen."

"Das komplette Saalsprecheraufgebot in der Mannschaft? Könnte wer was gegenhaben", unkte Julius, dem aufgegangen war, daß beide Saalsprecherinnen und beide Saalsprecher der Grünen in die Mannschaft wollten.

"Öhm, ich weiß nicht, ob ich auf so'nem Hexenbesen sitzen kann. Muß bei Jungs doch ziemlich weh tun." Julius erklärte ihm dann, daß ein Polsterungszauber das Sitzen sehr angenehm machte. Um kurz vor sechs trudelte dann noch Giscard ein. Er blickte verblüfft auf Pierres neue Frisur, sah Yvonne an und nickte. Dann sagte er Julius:

"Wir wechseln uns ab mit dem Aufwecken. Heute fang ich an. Morgen bist du dann dran", sagte der Träger der goldenen Brosche. Julius nickte.

"Das mache ich mit Céline auch so", sagte Yvonne. "Könnte euch ja passieren, daß ihr nächstes Jahr schon die goldene Brosche tragen dürft."

"Oder müßt", grummelte Julius. Yvonne grinste nur, während Giscard ihm zustimmend zunickte.

Wie im letzten Schuljahr absolvierte Julius eine halbe Stunde Frühsport. Außer Millie und ihren Verwandten waren noch andere Mädchen aus dem roten Saal und an die zwölf Jungen der vierten bis siebten Klasse der Roten auf dem Feld. Er staunte, daß Patricia Latierre es geschafft hatte, ihren Klassenkameraden und anvisierten festen Freund Marc Armand zum Mitmachen zu bewegen.

gründlich geduscht, rasiert und gekämmt erschien er dann kurz vor sieben zum Kleiderappell. Wie alle stellvertretenden Saalsprecher bildete er den Abschluß aller Jungen seines Saales, als sie in zwei Reihen den grünen Saal verließen und in den Speisesaal einrückten.

Hercules bedachte Julius nur mit einem verächtlichen Seitenblick. Doch auch den anderen gönnte er keine freundliche Miene und auch kein Wort. Er hatte sich mit Robert und Gérard verkracht, weil er gefordert hatte, daß sämtliche Pärchen in Beauxbatons sich nicht mehr umarmen dürfen sollten. Das erzählte zumindest Robert Deloire. Julius dachte sich seinen Teil dabei. Offenbar dachte Hercules nicht daran, daß dann auch Belisama und er dieser Regel unterworfen wären, oder er ging davon aus, daß sich dadurch nicht viel für ihn ändern würde.

Alle die eintraten sahen, daß am Lehrertisch ein hochgewachsener, breitschultriger Zauberer mit kurzem, Braunen Haar saß. Er lächelte alle Schüler aufmunternd an. Seine grünblauen Augen wirkten selbst auf die Entfernung lebhaft. Das war also der neue, Professeur Maurice Pivert, Lehrer für magische Geschöpfe.

Als die Zeitung eintraf kam erst unruhiges Getuschel an den Tischen auf, und dann aufgeregtes Durcheinanderrufen und Gestikulieren. Julius, der den Miroir Magique ebenfalls aboniert hatte, konnte an der Schreckensmeldung, die die Seite Eins mit fingerlangen Schlagzeilen beherrschte, nichts wirklich neues mehr entdecken.

 

BRITISCHES ZAUBEREIMINISTERIUM IN HAND DES UNNENNBAREN

 

FÜNF FRANZÖSISCHE ZAUBERER VERSCHWUNDEN FRANKREICHS ZAUBEREIMINISTER WARNT VOR ÜBERGRIFFEN

 

Der Artikel beschrieb, daß fünf Zauberer aus Lyon nachforschen wollten, was mit ihren Verwandten in England los sei. Trotz der Warnung des Zaubereiministers, daß Großbritannien im Moment kein sicherer Ort mehr sei, seien sie hinübergeflogen. Doch seitdem hätte niemand ein Lebenszeichen von ihnen erhalten. Minister Grandchapeau erklärte nun offiziell, daß das britische Zaubereiministerium von dem Unnennbaren übernommen worden sei und alle ausländischen Zauberer beim Eindringen in das Land sofort geortet und getötet würden. Auf die Frage, wieso die Großbritannienkorrespondentin Iris Poirot in ihren letzten zwei Artikeln nichts von einem Umsturz geschrieben habe äußerte Grandchapeau, daß sie womöglich unter den Imperius-Fluch genommen worden sei, um der ausländischen Presse eine ungetrübte Welt vorzugaukeln. Julius stutzte, weil der Minister sich auf einen Artikel vom vierzehnten August bezog. Da wirkte aber schon längst der Flächenfluch, der nicht in England geborene Hexen und Zauberer ergriff und tötete. Außerdem rief der Minister zur äußersten Wachsamkeit auf, da nun damit zu rechnen sei, daß wieder Dementoren nach Frankreich vordringen mochten. Er forderte alle kontinentaleuropäischen Zaubereiministerien auf, die bereits vereinbarte Zusammenarbeit voranzutreiben und dem mächtigen Feind keinen Fingerbreit an weiterem Boden zu überlassen. Julius blieb ganz ruhig. Robert und Gérard sahen ihn abbittend an. Er hatte sie ja doch nicht belogen. Madame Maxime ließ die Schüler zwei Minuten lang miteinander reden. Dann klatschte sie in die Hände und rief "Ruhe!" Diese trat dann auch prompt ein. Dann sagte sie mit entschlossener Stimme:

"Messieurdames et Mesdemoiselles, für wahr es ist eine Schreckensnachricht, die wir da gerade in der Zeitung lesen müssen. Das, was die meisten redlichen Hexen und Zauberer als größten Alptraum ansehen mögen, ist Wirklichkeit geworden. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat das Zaubereiministerium seiner Heimat überfallen, den Zaubereiminister getötet und einen ihm offenkundig absolut unterworfenen Beamten zum neuen Minister erheben lassen. Somit regiert in unserem nördlichem Nachbarland nun ein größenwahnsinniger, doch leider auch hochintelligenter und überragend zaubermächtiger Tyrann mit seiner Schar von willigen Gehilfen, die Folter und Mord zu ihrer Berufung gemacht haben. Dies tut er bereits seit dem Spätabend des ersten August." Wieder kam hektisches Durcheinandertuscheln auf. "Ich ersuche um Ruhe und Aufmerksamkeit!" Brüllte die Schulleiterin in den Speisesaal, daß die Tassen auf den Untertellern klirrten. Als ihr alle wieder zuhörten fuhr sie fort: "Zaubereiminister Grandchapeau bat die Presse darum, den Umsturz noch nicht zu veröffentlichen, da seine Leute nach hier lebenden Anhängern des Massenmörders suchten, die vielleicht einen ähnlichen Übergriff bei uns vorhatten. Gestern jedoch sah er sich dazu gezwungen, die erschreckende Sachlage publik zu machen, weil fünf Beamte ihre Verwandten aus England herausholen wollten. Nach Informationen von Professeur Faucon hat der Unnennbare einen grausamen Fluch über das ganze Land verhängt, der alle magischen Menschen tötet, die nicht auf britischem oder irischem Boden geboren wurden. Diesem Fluch sind die fünf Beamten höchstwahrscheinlich zum Opfer gefallen. Der Minister und die Liga gegen die dunklen Kräfte versicherten mir als für Sie alle hier verantwortlichen, daß wir in Frankreich zunächst keinen solchen Übergriff zu erwarten haben und trotz der Bedrohung von außen unser Leben fortsetzen können, solange keine eindeutigen Vorzeichen erkennbar sind, daß unser Land direkt gefährdet wird. Was Sie und Ihre Familien angeht, so gilt: Daß wir hier in der Beauxbatons-Akademie das neue Schuljahr wie geplant beginnen und wie in den letzten Jahren durchlaufen. Hier sind Sie alle durch mehrfach gestaffelte Schutzzauber geschützt, und Ihre Angehörigen erhalten vom Ministerium Sicherheitsratschläge, wie sie ihre Wohnsitze wirkungsvoll sichern können. Es besteht also kein Grund zur Angst oder Panik. Sie alle sind hier in Sicherheit. Die Liga gegen die dunklen Kräfte ist bereit, jeder magischen Familie im Lande bei der Errichtung der Schutzzauber beizustehen. Das schließt auch die Familien jener Schülerinnen und Schüler ein, die keine magischen Eltern oder Verwandten besitzen. Sicher wird es die einen oder anderen Eltern oder Erziehungsberechtigten geben, die befinden, Sie aus unserer Obhut herausholen zu müssen. Diesen Eltern kann und werde ich nicht verwehren, ihre Kinder abzuholen. Doch im Moment sind sie alle hier an einem der sichersten Orte der französischen Zaubererwelt. Jene Eltern, die selbst einmal hier zur Schule gingen wissen das. Was die nicht mit eigenen Zauberkräften ausgestatteten Eltern angeht, so werde ich ihnen begreiflich machen, daß nur der Erwerb von Wissen und die Übung der magischen Fertigkeiten gegen den übermächtig erscheinenden Feind helfen. Er darf nicht glauben, daß er nur mit dem Fuß aufstampfen muß, um die ganze Welt erbeben zu lassen. Deshalb werden meine Kollegen gleich an die ihnen zugeteilten Tische gehen und die Stundenpläne verteilen. Beauxbatons wird seinen Lehrbetrieb wie geplant aufnehmen und Sie alle am Reichtum seines vielfältigen Wissens teilhaben lassen. Wer Freunde und Verwandte in Großbritannien hat, und sich um diese sorgt, mag dies bitte seinem oder ihrem Saalvorstand mitteilen. Wir werden dann zusehen, Kontakt aufzunehmen, bei dem kein Menschenleben gefährdet wird. Der Unterricht beginnt in einer halben Stunde. Sie erhalten jetzt die Stundenpläne.

Gabrielle Delacour blickte zu Julius Latierre hinüber, der ihr wortlos zunickte. Sie wußte, daß er noch mit Freunden in Hogwarts in Verbindung stand. Es sollte also normal weitergehen. Doch so richtig wollte das hier wohl keiner hinnehmen. Als Professeur Faucon mit den Stundenplänen die Runde machte, wurde sie von mehreren Schülern gefragt, wie ihre Eltern denn sicher sein konnten, wenn er, der nicht mit Namen genannt werden durfte, ein ganzes Land übernommen hatte. Pierre Marceau hatte noch nicht begriffen, warum sich hier alle angstvoll anblickten und aufgeregt durcheinanderschwatzten. Er verstand nicht, warum viele Schüler kreidebleich geworden waren. Sicher würde er sich schon was unter einem mörderischen Tyrannen vorstellen können, dachte Julius. Immerhin wimmelte es im Star-Trek-Universum ja auch von bösartigen, brutalen Wesen wie den Klingonen der ersten Serie, den Kardasianern der nächsten Generation, Datas bösen Zwillingsbruder oder den Borg. Doch das waren nun mal alles erfundene Bösewichte, die ihm nichts hatten antun können und die er mit einem Knopfdruck vom Bildschirm verbannen konnte. Er dachte daran, wie sehr er sich im ersten Jahr in Hogwarts über Voldemort lustig gemacht hatte. Das war schon vier Jahre her, vier Jahre, in denen er doch vieles hatte lernen müssen, um zu begreifen, daß die Zaubererwelt ein tödlich gefährliches Pflaster werden konnte, wenn Wahnsinnige wie Voldemort, Bokanowski oder die Wiederkehrerin an die Macht gelangen mochten. Doch er hatte das ja am eigenen Leib mitbekommen, wie Voldemort das Ministerium gestürzt hatte. Dennoch war er wieder hergekommen, war nicht nach Übersee geflüchtet, obwohl seine Mutter und er bestimmt dort hätten weiterleben können. Jetzt wußten es also alle französischen Zeitungsleser. Wie würde das sich auf das Land auswirken? Er erinnerte sich an die gesammelten Berichte vom zweiten Weltkrieg, vom Einmarsch der Ostblocktruppen in Ungarn oder die Tschechoslowakei, dachte an Kriegsberichte in den aktuellen Nachrichten und wußte, daß die Aufregung sich schnell wieder legen würde, wenn in den nächsten Tagen nichts neues beunruhigendes passierte. Irgendwann, so wußte er auch, würde die Normalbevölkerung zum Alltag übergehen. Da sie in der Zaubererwelt ja auch kein Fernsehen hatten, konnten sie nicht täglich mit neuen Schreckensbildern konfrontiert werden, mußten das Elend und die Grausamkeiten nicht mit ansehen, die seit nun einigen Wochen in Großbritannien stattfanden. So verbittert ihm das auch vorkam: Wenn Voldemort nichts tat, um in andere Länder vorzurücken, würden die britischen Inseln bald keine Erwähnung mehr finden, außer, daß sie von der Außenwelt abgeriegelt seien. Doch Julius Latierre wußte auch, daß der größenwahnsinnige Massenmörder sich nicht mit einem Land zufrieden geben würde. Er hatte Sharanagots Zepter geraubt, mit dem er uralte Echsenwesen wecken und befehligen konnte. Dieses Mittel würde er bestimmt nicht nutzlos herumliegen lassen, wenn er damit der gesamten Welt seinen abartigen Willen aufzwingen konnte. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Herr der Todesser neuen Machthunger fühlen würde. Er ärgerte sich, daß er alleine nichts gegen diesen Schwerstverbrecher ausrichten konnte. Sicher, er könnte ihn vielleicht überraschen und mit einem Feindeswehrzauber von sich fernhalten. Das ging aber nur eine Stunde lang. Und was dann?

"Worüber grübeln sie nach, Monsieur Latierre?" Riß ihn Professeur Faucons Stimme aus seinen Gedanken. Er sah sie leicht verdutzt an und antwortete:

"Ich dachte nur daran, daß dieser Schweinehund auch Hogwarts einkassieren kann, wann immer er will und vor allem alle Muggelstämmigen drangsalieren wird."

"Und Sie denken daran, wie hilflos Sie dieser Tatsache gegenüberstehen, weil Sie weit fort und noch nicht stark genug sind, gegen diese Mörder zu kämpfen", vermutete die Lehrerin, in deren Augen wilde Entschlossenheit stand. Julius nickte verhalten. "Er ist nur stark, wenn wir ihn stark sein lassen wollen. Tyrannen wie er müssen in ständiger Angst vor ihrem Ende leben, egal wie mächtig sie sich fühlen oder nach außen hin auftreten. Wer sich nur Feinde und unterworfene Sklaven macht, wird früher oder später auf eine Kraft treffen, die ihn zurückwirft oder vernichtet. Wenn wir ihn schon nicht vernichten können, so werden wir ihn zumindest zurückwerfen. Deshalb sind Sie alle hier. Und hier sind Sie in Sicherheit." Julius nickte wieder. Sagen konnte und wollte er nichts. ER nahm seinen Stundenplan und studierte ihn. In der ersten Stunde war Zaubereigeschichte, wie vor zwei Jahren schon einmal. In der zweiten kam Verwandlung, dann Arithmantik. Nachmittags Verteidigung gegen die dunklen Künste. Die erste Stunde bei dem neuen Lehrer, der erst diesen Morgen am Lehrertisch aufgetaucht war, würden sie am Dienstag morgen in der ersten Doppelstunde haben. Dann kam eine doppelte Doppelstunde Zaubertränke und nachmittags Kräuterkunde. Mittwochs war der Vormittag der reinen Theorie gewidmet. Alte Runen, Arithmantik, Zaubereigeschichte. Nachmittags dann noch einmal der neue Lehrer. Donnerstags war Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Kräuterkunde und Verwandlung. Abends wieder Astronomie. Freitags noch einmal eine Doppeldoppelstunde Zaubertränke, Alte Runen und Zauberkunst.

"Nett, unsere Saalvorsteherin gleich zweimal an einem Tag", stellte Gérard fest, als er den Stundenplan betrachtete. "Deshalb wollte die euch beide gleich nach der heutigen Nachmittagsstunde einbehalten", wandte er sich an Robert Deloire. Dieser blickte nur grimmig zurück. Julius sagte dazu nichts.

Als die Aufforderung Madame Maximes erklang, machten sich alle auf, um für den ersten Schultag des neuen Jahres die nötigen Bücher und Gebrauchsgegenstände zu besorgen. Unterwegs zum grünen Saal lief Julius Pierre Marceau über den Weg, der ganz aufgeregt war.

"Verwandlung bei Faucon. Ist das sowas wie Molekulartransformation?"

"So was in der Richtung, Pierre. Du lernst, Gegenstände und kleine Lebewesen in was anderes zu verwandeln. Aber von Molekülen und Atomen reden die hier nicht. Die sind bei den Zaubern gleichermaßen erfaßt."

"Und wer soll das sein, der der nicht beim Namen genannt werden darf. Klingt ja voll gruselig", fuhr Pierre erregt fort.

"Das ist der Typ auch. Ich schreibe dir seinen Namen auf. Der hat in England nämlich einen Fluch ausgerufen, der jeden verpetzt, der diesen Namen laut ausspricht. Solange ich nicht weiß, wie weit dieser Fluch reicht und was dann passiert, wenn jemand den Namen sagt, spreche ich den auch nicht mehr laut aus, obwohl ich es früher locker gemacht habe, wo die anderen hier schon Angst kriegen, wenn sie ihn denken."

"Ach du Kacke, wie das Ding, daß man den Teufel nicht beim Namen nennen darf, weil er dann sofort erscheint?"

"Ja, das genau hat dieser Schweinehund gezaubert. Und ich weiß nicht, ob das nur Großbritannien betrifft oder auch Frankreich und den Rest von Europa. Ich denke mal, bis Australien oder Amerika reicht dieser Fluch dann doch nicht."

"Außerdem ist das ziemlich fies, seinen Namen nur so zum Spaß zu rufen, hat maman mir erzählt", mischte sich Gabrielles helle Stimme ein, die schon ziemlich wie die ihrer großen Schwester klang.

"Ich wollte Julius nur fragen, wer dieser Typ ist, vor dem ihr alle Angst habt, Gabie", sagte Pierre. Ich hab doch von eurer Welt bis vor drei Wochen noch gar keinen Dunst gehabt."

"Kapiere ich. Ich wollte nur sagen, daß du den Namen von dem nur sagen solltest, wenn du dich nicht drüber lustig machen willst. Yvette!" Eine von Gabrielles Klassenkameradinnen kam gerade erst aus dem Speisesaal. Die junge Hexe, deren Großmutter mütterlicherseits eine Veela war, ließ Pierre und Julius in Ruhe.

"Kommt mir das nur so vor oder ist die hübsche Gabie etwas überdreht?" Fragte Pierre. Julius meinte dazu, daß das wohl die Aufregung sei. Dann eilte er weiter, um seine Sachen zu holen.

Die Stunden verliefen bis auf eine kurze Ansprache, wozu das Fach Zaubereigeschichte und Verwandlung nach den UTZs noch gebraucht würden mit gewohntem Trott. Professeur Pallas war humorvoll und locker, Professeur Faucon ernst und streng. In der Fünften Klasse sollten sie das Verschwindenlassen von Gegenständen und kleinen Tieren lernen. Da Julius das schon konnte, sollte er nur eine Wiederholungsübung machen, wobei er die Dematerialisationen ungesagt ausführte. Seine Versuchsobjekte waren graue Wasserratten und Ochsenfrösche, während die anderen zunächst Wasser aus Teetassen verschwinden lassen mußten, ohne sie zu berühren. Hercules schummelte einmal, als Professeur Faucon mit Laurentine sprach, die irgendwie keine Probleme damit hatte, zehn Teetassen hintereinander leerzuhexen. Doch als sie bei ihm stand und gerade ansetzen wollte, ihn zu loben, stutzte sie und blickte kurz unter den Tisch, wo Hercules den Inhalt der Tasse hingeschüttet hatte.

"Das sind dann mal eben zwanzig Strafpunkte für Sie wegen vorsetzlicher Irreführung eines Lehrers und noch einmal dreißig Strafpunkte wegen Leistungsverweigerung, Monsieur Moulin. Offenkundig drängt es Sie danach, unsere Akademie weit vor den ZAGs zu verlassen. Falls dies Ihr wunsch ist, dann nur weiter so! Falls nicht, dann strengen Sie sich jetzt gefälligst an und führen die Ihnen gegebenen Anweisungen aus! Glaubten Sie denn wirklich, mir wäre dieser Trick noch unbekannt, wo ich mehrere hundert Hexen und Zauberer ausgebildet habe?" Hercules verzog nur das Gesicht, sagte aber kein Wort mehr. Nach einigen Sekunden Schweigen ging der Unterricht weiter. Am ende der Wiederholungsübung beschwor Julius ungesagt Tische, Stühle, Kerzen, Blumenvasen und am Ende einen Aktenschrank herauf, und das alles ohne die nötigen Zauberformeln auszusprechen. Céline und Laurentine sahen ihm anerkennend zu. Laurentine zielte auf ihren nun voll Wasser befindlichen Krug. Plopp! Zwei Liter Wasser verschwanden, ohne daß die untersetzte Junghexe das Wort "Evanesco" laut ausgesprochen hatte. Professeur Faucon bekam dies durchaus mit und trat an die Bank Laurentines.

"Wiederholen Sie das bitte noch einmal!" Sagte sie, nicht streng, sondern aufmunternd klingend. Mit einem Stupser füllte die Lehrerin den Krug wieder randvoll mit Wasser auf. Laurentine errötete an den Ohren. Doch damit konnte sie die Verwandlungslehrerin nicht von ihrem Platz vertreiben. So hielt sie den Zauberstab auf den Krug gerichtet und verfiel in eine konzentrierte Haltung. Plopp! Wieder verschwand das Wasser ohne von einem lauten Zauberwort dazu aufgefordert zu werden.

"Wunderbar, Mademoiselle Hellersdorf! Ausgezeichneter Fortschritt!" Lobte Professeur Faucon diese Vorführung. Julius lächelte Laurentine an. Sie hatte wohl soeben zum ersten Mal ungesagt gezaubert.

"zwanzig Bonuspunkte für jede Leistung und zehn für die Disziplin, diese Leistung zu erzielen und zu reproduzieren, Mademoiselle. Macht zusammen fünfzig Bonuspunkte. Herzlichen Glückwunsch!"

"Was soll daran denn so sensationell sein?" Fragte Hercules ungebeten. Alle schwiegen wieder. Professeur Faucon steuerte ruhig den Platz an, an dem Hercules saß und stellte ihm einen vollen Krug voll Wasser hin. "Wenn Sie den in meinem Beisein ohne Aussprechen des nötigen Zauberwortes leeren stimme ich Ihnen zu, daß es keine Sensation ist, die mit fünfzig Bonuspunkten belohnt werden muß", sagte sie. Hercules straffte sich und zielte mit seinem Zauberstab auf den vollen Krug. Alle starrten wie gebannt auf den Schüler, der nun versuchen sollte, ungesagt zu zaubern, was an und für sich erst in der sechsten Klasse pflicht war. Es dauerte eine Minute, in der Hercules verkrampft die Lippen zusammenpreßte, um nicht zu flüstern oder zu sprechen. Doch der Zauberstab in seiner Hand ruckelte unstetig, und das Wasser im Krug blieb wo es war. Eine halbe Minute später zitterte der Zauberstab, und das Wasser im Krug kräuselte sich. Es lief über den Rand. Dann beruhigte es sich wieder. Hercules legte den Zauberstab hin und schöpfte Atem.

"Immerhin zehn Bonuspunkte für den sichtbaren Ansatz kann ich Ihnen geben, Monsieur Moulin. Sie erkennen nun, welche Konzentration und Zauberkraft jemand aufwenden muß, um diesen Krug magisch zu leeren. Aber sein Sie beruhigt, daß ich das von Ihnen bis auf weiteres nicht mehr verlangen werde, sofern Sie einsehen, wie schwierig es ist, ungesagt zu zaubern. Monsieur Latierre ist mit einer höheren Grundbegabung geboren worden. Deshalb konnte und mußte ich von ihm derartige Zauber erwarten. Für die Grundbegabung kann er genausowenig wie Sie, daß Sie den überwiegenden Zaubererweltbevölkerungsanteil repräsentieren, dessen Mitglieder erst ab einem bestimmten Bildungs- und Reifegrad solche Zauber ausführen können. Zu Ihrer und Ihrer Kameraden Beruhigung: Ich persönlich vermochte erst am Ende des ZAG-Jahres einfache Zauber ungesagt zu vollbringen. Falls Sie sich also darauf besonnen haben, uns bis zu den ZAG-Prüfungen erhalten bleiben zu wollen, Monsieur Moulin, können Sie in den von Ihnen besuchten Freizeitkursen mit Zauberstabgebrauch einfachste ungesagte Zauber üben, wie das Zauberstablicht. Aber seien Sie vorgewarnt, daß ungesagte Zauber ein mehrfaches der mentalen Ausdauer verzehren. Deshalb möchte ich Sie und die meisten anderen hier bitten, sich zunächst mit den verbalisierten Zaubern zu begnügen. Allerdings möchte ich Mademoiselle Hellersdorf darum bitten, ihre geäußerte Leistung zu üben und zu steigern. Doch dies tun Sie bis auf weiteres in den Zauberstabbasierenden Freizeitkursen!" Laurentine nickte und ließ das Wasser aus vier weiteren Krügen verschwinden.

Am Ende der Doppelstunde gab Professeur Faucon weitere Bonuspunkte aus. Jeder erhielt für eine gelungene Leistung fünf. Julius bekam für die Beschwörung pro Erfolg auch nur fünf Bonuspunkte. Nach der hier üblichen Verabschiedung stahl sich Hercules davon, um auf den Pausenhof zu kommen.

"Hat er es jetzt endlich begriffen, daß er hier was wichtiges lernen kann?" Fragte Robert Julius auf dem Weg nach draußen.

"Offenbar hat er begriffen, daß er kurz davor stand, rauszufliegen", stellte Julius fest. "Vielleicht hat er ja doch jetzt seine Schmerzgrenze erreicht."

"Ja, aber das mit Bébé ist doch auch was. Liegt das doch daran, daß eure Eltern nicht zaubern konnten?" Fragte Robert Julius.

"Also bei meinen ist klar, daß sie vor mehreren Jahrhunderten magische Vorfahren hatten. Ob das bei Laurentine auch so ist, weiß ich nicht. Ihre Eltern wollen das immer noch nicht wahrhaben, daß sie eine Hexe ist und das auch richtig lernen soll. Die interessieren sich ganz bestimmt nicht dafür, ob die bereits Zauberer in der Ahnenlinie hatten."

"Habt ihr es von mir?" Fragte Laurentine, jedoch nicht verärgert sondern amüsiert. Julius gestand es und fragte sie, ob sie heute zum ersten Mal ungesagt gezaubert hatte. Sie erwiderte darauf, daß sie in den Sommerferien von Virginie und ihrer Mutter dazu angeregt worden war, einfache Zauber ungesagt zu wirken, als sie auf Anweisung Madame Delamontagnes hin mehrere Kerzen mit Zauberkraft entzünden sollte und ein paarmal nicht laut "Incendio" gesagt hatte.

"Oh, dann hat Madame Delamontagne unsere Saalvorsteherin offenbar nicht informiert. Sonst wäre die nicht so erfreut und überrascht gewesen", meinte Julius leise. "Also braucht sie das im Moment auch nicht zu wissen."

"Mit heute schon neunzig Bonuspunkten ins Schuljahr reinzugehen hätte ich vor einem Jahr auch nicht gedacht", sagte Laurentine erfreut. Dann ging sie über den Pausenhof, um sich dort mit Estelle aus dem weißen Saal zu unterhalten. Julius und Robert blieben zusammen, trafen sich mit Céline und Mildrid. Dann kamen noch Sandrine und Gérard hinzu. Julius sah zu Bernadette hinüber, die ganz allein dastand. Ihre silberne Stellvertreterinnenbrosche blinkte im Sonnenlicht.

"Die fühlt sich ziemlich groß damit, Julius", sagte Mildrid, die zwischen ihr und ihm übliche Koseform weglassend. "Die hat Caro hingehängt, weil die bei Professeur Trifolio eine Schlingblattstaude mit Salz gefüttert hat, um den Greifreflex der Blätter zu blockieren. Dafür hat er der glatt zwanzig Strafpunkte draufgelegt. Ich hoffe mal, du hast keine Strafpunkte gekriegt."

"Neh, nur siebzig Bonuspunkte, weil ich einen halben Möbelladen materialisiert habe, Millie", erwiderte Julius. Sie strahlte ihn an und schüttelte ihm die Hand. Mehr wollten sie sich nicht herausnehmen.

"Es gibt Leute, die gieren danach, anderen eins reinzuwürgen", meinte Robert. Julius ging nicht darauf ein, sich den Schuh anzuziehen. Denn er fand, das der ihm nicht paßte. Sandrine sagte dafür:

"An diesen Broschen hängt eine Menge dran, Robert. Aber man sollte doch noch Mensch bleiben und nicht zum Punkteverteilgolem werden."

"Unsere frühere Verweigerin hat heute ohne ein Wort gezaubert", sagte Gérard zu Sandrine. "Könnte der jetzt passieren, daß unsere Saalchefin die demnächst nicht mehr so großzügig belohnt wie heute. Bei Julius tut sie das ja auch nicht."

"Das stimmt wohl, Gérard. Aber du hast ja gehört, warum die das nicht tut", erwiderte Julius. Natürlich wollten die zwei Hexen aus den anderen Sälen wissen, was sie denn machen mußten.

"Das kriegen wir dann wohl auch in VfF", seufzte Millie. Céline grinste sie an und meinte:

"Hast du dich da etwaa freiwillig eingetragen?"

 

"Nach meiner letzten Jahresendnote, und weil ich einen guten ZAG darin haben möchte, habe ich mich da freiwillig eingetragen. Du auch?"

"Ja, habe ich", erwiderte Céline leicht verdrossen. Doch dann lächelte sie wieder. Sandrine hatte sich ebenfalls in Verwandlung für Fortgeschrittene eingetragen. Robert grinste sie alle an und warf ein:

"Wenn Professeur Trifolio uns so sieht, meint der glatt, wir wollten 'ne Pärchenparty feiern. Müßten wir noch Hercules und Belisama dazuholen."

"Der ist aber nicht bei Belisama", stellte Millie fest und deutete in eine Ecke des Hofes, wo Belisama Lagrange mit Laurentine und Estelle zusammenstand. Hercules stand irgendwie weit ab an der Mauer. Julius fragte sich, was das jetzt sollte. Warum war Hercules nicht bei seiner Freundin? Hatte die ihn fortgeschickt, weil sie mit Laurentine und Estelle über reine Mädchenangelegenheiten reden wollte? Oder hing da etwas schief? Falls ja konnte das vielleicht die Antwort auf Hercules' trotziges Verhalten sein? Doch im Moment lenkten ihn seine Frau und seine restlichen Klassenkameraden vom Nachdenken ab. Sie sprachen über die ersten Stunden. Einmal kam Pierre Marceau vorsichtig heran. Julius entschuldigte sich bei seinen Kameraden und ging zu ihm. "Na, wie war's?" Fragte er.

"Nicht so doll für den Anfang. Ich habe ein mickriges Streichholz in eine Stecknadel verwandelt. Gabie hat zehn Stück davon hingekriegt. Na ja, der Replikator wurde ja auch nicht an einem Tag perfekt. Aber cool ist das immer noch. In der zweiten Stunde hatten wir diese kleine mit den rotbraunen Locken und der goldenen Brille. Die ist voll gruselig mit der Stimme. Und dann kann die noch Gedanken lesen. Das war schon abgedreht. Ich habe dann den Trick ausprobiert, an einen fiesen Ohrwurm zu denken. Hat die schön irritiert. Klar, wer die Pippi-Langstrumpf-Melodie im Kopf hat, kriegt die nicht so schnell wieder raus. Aber Zaubertränke sind schon was tolles. Ich habe den, den die von mir haben wollte sogar hingekriegt. Ist nur so'ne Panscherei mit irgendwelchem Glibberzeugs."

"Professeur Fixus? Die haben wir morgen. Ihr habt mit denen aus dem roten Saal?"

"Joh, haben wir. Sind auch 'n paar drin, die sie hier Muggelstämmige nennen. Was hast du gleich?"

"Arithmantik. Das ist sowas wie Zahlenmagie, nur das du dabei ziemlich aufpassen mußt, die Verknüpfungen zusammenzukriegen."

"In Mathe bin ich nicht so gut. Mit Naturkunde habe ich's eher gehabt", sagte Pierre. "Deshalb freue ich mich schon auf Kräuterkunde. Gabie sagt, die haben hier richtig fiese, fleischfressende Pflanzen. Kriegen wir die schon in der ersten Stunde?"

"Ganz bestimmt nicht, Pierre. Professeur Trifolio, der hagere Herr mit dem braunen Haar, der gerade Pausenaufsicht macht, macht mit euch erst harmlosere Pflanzen wie Speerdorn oder Kartoffelpilze oder Springbohnen. Aber die haben's auch in sich."

"Joh, da sind wir dann mit denen vom weißen Tisch zusammen. Ich soll mir vorher noch den festen Arbeitsumhang überziehen. Dann bin ich mal in die Ecke da. Tschüs!"

"Bis bald", erwiderte Julius und kehrte zu seinen Kameraden zurück.

"Na, hat der Kleine Fixie überlebt?" Fragte Millie schelmisch grinsend. "Der ist ja mit Brian Beauvin in der Zaubertrankklasse."

"Ja, er hat eure Saalvorsteherin überlebt. Die freut sich bestimmt, wenn die den schwedischen Schlager den ganzen Tag im Kopf haben muß. Gut, daß wir die morgen erst haben."

"Ein schwedischer Schlager?" Fragte Robert. "Auf Schwedisch. Dann hat die den wohl nicht verstanden."

Julius summte ihnen die eingängige Melodie aus der beliebten Serie nach dem weltberühmten Kinderbuch vor.

"Ey, lass das bitte. Das ist ja wirklich ein fieser Ohrwurm", protestierte Sandrine. Millie mußte dem beipflichten.Julius bemerkte, daß das Lied der Teletubbies wesentlich gemeiner war. Immerhin hatte er diese komischen vier Puppen, die für Babys und Kleinkinder erfunden worden waren, einige Male im Fernsehen gesehen und sich am Ende gefreut, daß er in seiner frühesten Kindheit nicht mit diesen Dingern zu tun hatte. Sein Angebot, die Musik als Gedankensperre gegen Professeur Fixus vorzusingen, lehnten seine Kameraden jedoch ab. Noch so'n Muggel-Ohrwurm wollten sie nicht den ganzen Tag im Schädel trällern haben. Millie raunte Julius zu, ihr lieber das echte wegschließen der Gedanken beizubringen. Er schüttelte behutsam den Kopf. Das würde ja auffallen.

"Wenn ihr was geheimes habt ziehen wir uns mal zurück", sagte Sandrine. Doch Millie winkte ab. "Ist schon um die nächste Ecke, Sandrine." Dann sprachen sie über die Zeitungsmeldung. Julius erwähnte, daß er fast selbst von denen umgebracht worden wäre, die die Sterlings angegriffen hatten. Das er Sophia Whitesand und die anderen mit dem alten Fluchumkehrzauber aus Altaxarroi gerettet hatte, ließ er wieder aus. Millie ließ ihm das durchgehen. Sie wußte ja, daß das nicht jeder wissen mußte. So verflog die große Pause, und es ging in die Arithmantikstunde. Julius konnte Belisama ansehen, daß sie mit irgendwas beschäftigt war, das nichts mit dem Unterricht zu tun hatte. Doch er wagte nicht, sie nach irgendwas zu fragen. Er verfolgte den Unterricht und überlegte dabei, ob er Arithmantik nach den ZAGS behalten wollte, falls er ein "Erwartungen übertroffen" schaffen sollte.

Nach dem Mittagessen war noch einmal Professeur Faucon mit dem Unterricht dran. Sie eröffnete die Doppelstunde wie am Morgen, daß die Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie, wie das Fach im Beauxbatons-Jargon hieß, eine wortwörtlich überlebenswichtige magische Fertigkeit war, und sie jedem, der einen ZAG mit "Erwartungen übertroffen" schaffte, empfehle, in diesem Fach die UTZs zu erreichen. Hercules verzog darüber nur das Gesicht. Offenbar war ihm nicht danach, noch zwei Jahre mehr mit dieser Lehrerin klarkommen zu müssen, wenn es sich vermeiden ließ. "Natürlich mag es hier welche geben, die meinen, einen ZAG unter "Erwartungen übertroffen" als Erfolg feiern zu können, wweil ich sie dann nicht zur Fortführung anhalten kann. Aber wie erwähnt, Messieursdemoiselles, dieses Fach kann Ihr Leben schützen und das Ihrer Freunde und Angehörigen. Also sollten Sie in Ihrem ganz eigenen Interesse dafür arbeiten, ein brauchbares Resultat für die ZAG-Prüfung zu erreichen. Es könnte mir auch durchaus in den Sinn kommen, diejenigen, die sich absichtlich zurückgenommen und unter ihrem Wert anzubieten gewagt haben, in den Ferien die Prüfung nachholen zu lassen. Hier sehe ich niemanden, der oder die nicht zumindest ein "Akzeptabel" erreichen kann. Soviel dazu. beginnen wir das neue Schuljahr mit einer Wiederholungsrunde in mittelschweren Offensiv und Defensivzaubern!" Sie formierte zunächst vier Paare und sortierte Julius und Céline aus. So standen Robert und Gérard, Jasmine und Irene, Gaston und André, sowie Laurentine und Hercules einander gegenüber.

"Denken Sie, Julius wäre einem von uns zu stark?" Fragte Hercules herausfordernd.

"Zweifeln Sie meine Auswahlkriterien an, Monsieur Moulin? Das würde aber den Guten Eindruck von heute Morgen wieder zunichte machen. Sie sind hiermit gewarnt", entgegnete Professeur Faucon.

"Warum haben Sie mich nicht mit wem zusammengestellt?" Fragte Céline die Lehrerin.

"Weil sonst eine ungerade Verteilung entstanden wäre. Aber Sie werden noch zum Einsatz kommen, Mademoiselle Dornier", entgegnete Professeur Faucon. Dann gab sie das Zeichen zum Beginn der Übung. Julius stand mit Céline daneben und sah, wie sich die Kameraden mittelstufige Flüche um die Ohren hieben, die von Gegenflüchen oder Schilden abgefangen oder zerstreut wurden. Laurentine fing Hercules' Flüche mit einem stabilen Schildzauber auf. Dann rief Hercules: "Expelliarmus!" Im selben Moment ergriff ihn jedoch eine unsichtbare Macht und warf ihn mit schwung durch den Raum gegen die hinter ihm liegende Wand. Sein Entwaffnungszauber krachte gegen die Decke und zersprühte daran. Wie an einen mächtigen Magneten gezogen klatschte Hercules an die Wand und wurde mit Kopf und Gliedern daran festgeheftet. Julius hatte kein "Murattractus" von Laurentine gehört. Dennoch war sie es wohl gewesen, die ihren Duellgegner an die Wand geklebt hatte.

"Ich fürchte, Mademoiselle, Sie haben die Schwelle der von Ihnen zu erwartenden Leistungen weiter angehoben", sagte Professeur Faucon und befreite Hercules aus seiner Lage. Dieser sah Laurentine verärgert an. Doch die Lehrerin sagte rasch: "Ich gehe davon aus, daß Sie ein fairer Verlirer sind und Mademoiselle Hellersdorf nicht weiter nachsehen, daß sie Sie überrumpelt hat. Hätte ich vorher gewußt, daß sie auch schon einige Zauberflüche ungesagt wirken kann, hätte ich ihr untersagt, ungesagt zu zaubern, um bei Übungen die gleichen Ausgangsbedingungen zu schaffen. Also, Mademoiselle Hellersdorf, hiermit teile ich Ihnen zwanzig Bonuspunkte wegen einer hervorragenden Demonstration Ihrer Zauberkraft zu, muß Ihnen aber auch zehn Strafpunkte wegen Tiefstapelei auferlegen, weil Sie es versäumt haben, mich früh genug über ihre Lernfortschritte zu informieren." Laurentines überlegenes Lächeln gefror. Hercules hingegen grinste schadenfroh. "Versuchen Sie beide es noch mal. Wie gesagt, Mademoiselle Hellersdorf, unterlassen Sie bis auf meinen Widerruf jeden Versuch, ungesagt zu zaubern. Was meinen Sie, warum ich Ihren Kameraden Monsieur Latierre nicht mit Ihnen zusammen üben lasse?" Laurentine und Hercules nickten. Dann gingen sie noch einmal in Ausgangsstellung und legten ein kurzes Übungsduell mit wechselseitigen Angriffen hin.

Um den Fünftklässlern zu zeigen, wie rasant und unberechenbar ein Duell von nonverbal wirkenden Zauberern und Hexen ablief, verdonnerte Professeur Faucon Julius nach den Übungsrunden zu einem fünf Minuten dauernden Duell in einem extra gezeichneten Bannkreis, der Querschläger und Streueffekte zurückhalten sollte. Es war ein Feuerwerk aus farbigen Blitzen, hellen Strahlen, sprühenden Funken und schillernden Lichtentladungen. Flüche und Gegenflüche sausten, brausten, schwirrten, sirrten, fauchten und zischten zwischen Professeur Faucon und Julius hin und her, krachten gegen Schilde und prallten pfeifend davon ab oder zersprühten prasselnd und knisternd an Gegenflüchen oder an der unsichtbaren Barriere, die der mit Runen geschriebene Bannkreis bildete. Fast hätte sich Julius dabei die Flammengeißel eingefangen oder einen Schocker abbekommen. Irgendwann konnte er nur noch neue Schildzauber zwischen sich und seiner Opponentin aufbauen, weil diese nun auch gekoppelte oder addierte Zauber brachte. Das konnte und tat er zwar auch, stellte jedoch fest, daß manche davon nicht losgehen wollten. Als das höllische Gewitter dann vorbei war sah Professeur Faucon Julius anerkennend an und gab ihm zehn Bonuspunkte für jede unbeschadet überstandene Minute.

"Monsieur Latierre hat bei meiner respektablen Kollegin Tourrecandide bereits eine derartige Erprobung über sich ergehen lassen. Freut mich zu sehen, daß Sie noch in guter Form sind, Monsieur Latierre!" Julius nickte anerkennend und kehrte an seinen Platz zurück. Der Rest der Doppelstunde war Theorie: Dunkle Kreaturen aus Übersee waren das Thema.

Nach der Stunde behielt Professeur Faucon Robert und Hercules im Raum. Sie sollten jetzt nachsitzen, wußte Julius. So ging er zusammen mit Laurentine, die trotz der Strafpunkte den Erfolg doch noch genoß, Céline und Gérard zurück zum grünen Saal.

"Wo hast du ungesagt zaubern dürfen?" Fragte Julius. Denn in den Ferien durften sie ja eigentlich nicht zaubern, wenn es ihnen keine Amtsperson erlaubte oder ein Notfall vorlag.

"Madame Delamontagne nutzte das aus, mich noch einmal einige Tage bei sich zu haben und brachte mich darauf, mit ihrer Tochter zu üben, soweit ich sie dabei nicht verletzte oder für ihren Bräutigam unansehnlich machen würde. Da habe ich nicht nur die ersten Verschwindesachen ausprobiert, sondern auch zwei oder drei Duellzauber, wie den Entwaffnungszauber, den Schocker und den Anheftungsfluch. Ich wollte Hercules nur zeigen, daß er mich nicht so überlegen anzugrinsen braucht."

"Das ist dir jetzt auch gelungen", meinte Gérard. "Hätte nicht viel gefehlt, und dem wäre die Zunge ausgerutscht. Unsere Lehrerin hat's wohl schon gewittert und wollte ihm Strafpunkte ersparen."

"Machst du Witze? Wo die so gern damit hantiert?" Fragte Céline. Julius räusperte sich nur. Céline grinste ihn nur an und meinte, daß er ihr keine Strafpunkte geben durfte. Natürlich wußte Julius das.

Julius hatte sich bereitgefunden, einer Gruppe Mitschülern im Freizeitkurs Englisch für Fortgeschrittene als Konversationspartner zu helfen. Monsieur Guy Berlios, ein leicht untersetzter Zauberer mit graubraunem Haarschopf und einer silbernen Brille auf der breiten Nase, war ausgesprochen begeistert, nach Gloria Porter wieder einen Muttersprachler in seinem Kurs begrüßen zu dürfen. Außer Julius waren noch Gabrielle Delacour, Laurentine Hellersdorf, Millie Latierre, Sandrine Dumas, Constance Dornier, Estelle und Edith Messier, sowie Apollo Arbrenoir, Xavier Holzmann und Maurice Dujardin in der Gruppe. Sie erzählten sich ihre Ferienerlebnisse, wobei Julius die Reisen über die alten Straßen Altaxarrois ausließ und die Party bei den Sterlings nur soweit erwähnte, wie er nicht auf die Zauber eingehen mußte, die er gewirkt hatte. Wo sie es von Fleur Delacours Hochzeit hatten fragte Gabrielle ihn zwinkernd, ob Mildrid und er nicht doch besser auf eine richtige große Hochzeit hätten warten können. Millie meinte dazu ganz locker:

"Gabrielle, unsere Eltern fanden, daß wir jetzt schon zusammenleben sollten. Deine Schwester hat ja ihren Nun-Ehemann ja erst beim Trimagischen Turnier kennengelernt und mußte ein Jahr lang gucken, ob er der richtige ist. Wir brauchten dafür nur ein paar Stunden und die letzten Monate." Julius nickte. Gabrielle erzählte dann noch, wie sie den Todessern entkommen waren, die meinten, Harry Potter auf dem Fest antreffen zu können. Der sei auch dabei gewesen, aber verwandelt. Apollo fragte dann, in wen oder was denn. So drehte sich das Gespräch nun um Harry Potter, ob er der Auserwählte sei und wie er dem Unnennbaren bisher immer wieder entkommen konnte. Sie sprachen über Hogwarts, wo Julius eine Menge zu beisteuern konnte und ließen sich von ihm beschreiben, was bei Dumbledores Beerdigung so alles zu sehen und zu hören gewesen war. So verflog die Zeit, und alle bedauerten es, um sechs Uhr schluß machen zu müssen.

Robert und Hercules waren bleich und total eingeschüchtert. Als Julius Robert fragte, was Professeur Faucon mit ihnen angestellt habe sagte er:

"Das gehört besser nicht beim Abendessen erzählt." Hercules nickte. So mußten die Jungen aus der ZAG-Klasse warten, bis sie wieder im grünen Saal waren. Dort berichtete Robert, während Hercules verknirscht abzog, um seinen Arbeitsumhang zu holen. Denn er würde gleich mit Schuldiener Bertillon und den vier anderen zu Putzdienst verurteilten Schülern den Palast durchkehren müssen.

"Wir waren in dem Raum, wo auch der Duellierclub stattfinden soll, Julius. Also erst einmal hat die uns wie am Nachmittag Fluchabwehr machen lassen. Das ging ja noch. Aber dann sollten wir gegen sie antreten. Die hat Zauber gebracht, die schon fies sind. Einmal hat es mich aus meinem Körper rausgehauen. War schon gruselig. Dann hat sie Hercules in so einen bunten Lichtstrahl gehüllt und in einer weißen Schale verschwinden lassen, wo sie ihn erst einmal hat strampeln lassen. Während der Zeit hat die mich fertiggemacht. Die hat eine Riesenkiste in den Raum reingeholt, aus der Ratten und Fledermäuse rausgesprungen sind. Dann hat die mich ungesagt auf der Stelle erstarren lassen. Die rausgelassenen Biester sind herumgelaufen und geflogen, als hätten die gewußt, was ihnen blühen sollte. Dann fing die an, die Viecher mit diesem Avada Kedavra umzuhauen. Dabei sind mir die grünen Blitze häufig knapp an den Ohren vorbeigesirrt. Als die so einige Dutzend Ratten plattgemacht hat, kamen diese Langschwänze drauf, daß sie bei mir Schutz finden konnten, weil Professeur Faucon nie auf eine Ratte gezielt hat, die direkt vor mir rumgequiekt hat. Da sprangen mich dann also zehn von diesen Biestern an und krallten sich auf meiner Schulter und an meinen Armen fest. Da verpaßte die mir mit "Iovis" einen Schlag, der sich gewaschen hat. Die Quieker sind von mir runtergefallen. Blitz, Blitz, Blatz hat die sie dann abgemurkst. Da fingen die paar noch lebenden Ratten an, Professeur Faucon anzugreifen. Doch sie zog mit einm kurzen Wink eine den ganzen Raum durchziehende Feuermauer, in der zwei Ratten laut schreiend verbrannt sind. Die dann nur noch zwei Biester versuchten zu fliehen und wurden von ihr auch noch mit dem Todesfluch erledigt. Dann ging sie dazu über, die über uns fliegenden Fledermäuse abzuschießen. Ich höre jetzt immer noch das Sirren und das panische Flattern und Quieken der Fledermäuse. Als sie dann keine Fledermaus zum totfluchen mehr fand ließ sie Hercules aus der Schale. Der muß ja geglaubt haben, sie könnte ihn mit dem Fluch treffen. Aber die Ratten, die an der Schale hochgesprungen waren, fanden mit ihren Krallen keinen Halt und rutschten immer wieder runter. Ich denke mal, wenn Hercules Glück hat, konnte er von innerhalb dieser Hexeneierschale nicht sehen, daß da so viele Ratten über ihn weggerannt sind. Als sie alle toten Tiere hat verschwinden lassen hob sie diesen Erstarrungszauber auf und fragte mich, ob ich es jetzt begriffen hätte, daß ein Zauberer nicht aus purem Spaß oder einer jugendlichen Laune heraus jemandem den Tod androhen solle. Ich sagte natürlich, daß ich es jetzt kapiert habe. Mann, die Frau ist echt heftig drauf."

"Ui, schon ziemlich fies sowas", stimmte Gérard dem Klassenkameraden zu. "Danke, daß du uns das vorgeführt hast, wie die einem was beibringen kann, wenn der es im Unterricht selbst nicht kapieren kann."

"Haha, Gérard", knurrte Robert. Julius hatte zugehört und sich seinen Teil gedacht. Jemanden mit einem Bewegungsbann festzunageln und dann links und rechts an ihm vorbei mit Todesflüchen Ratten totzuhexen grenzte schon ziemlich an Folter. Doch sollte er sie darauf ansprechen und fragen, ob das nicht ein wenig zu weit gegangen sei? Abgesehen davon, daß er dafür bestimmt Strafpunkte bekäme war ihm schon klar, daß sie ihm antworten würde: "Sie merken es doch selber, daß man manchen Dickschädeln nur so klarmachen kann, daß Zauberei kein reines Vergnügen ist." Also verwarf er den Gedanken wieder, sie bei der ersten Saalsprecherkonferenz darauf anzusprechen. Er empfahl Robert jedoch, Schwester Florence zu fragen, ob sie ihm Träum-gut-Tee geben könne. Robert wies diese Empfehlung mit einem Schulterzucken zurück. "Ob ich diese Nacht oder irgendwann später von dieser Nachsitzenstunde träume ist doch gleich." Julius nickte. Doch er hatte bisher gute Erfahrungen mit Träum-Gut-Tee gemacht.

Im Schachclub traf Julius zuerst auf Yvonne Pivert. Gegen die hatte er in den letzten Zwei Jahren nur zweimal gespielt und nach wenigen Zügen gewonnen. Diesmal dauerte die Partie bis kurz vor neun.

"Mein Vater wird wohl auch ein paarmal hier mitspielen", sagte sie. "Ihr habt den morgen, sagte Céline." Julius nickte. Er fragte sie dann, wie der neue Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe sei.

"Das kann ich jetzt nicht sagen, Julius. Ich kenne den ja nur als meinen Vater. Und ich bekomme schon mit, daß Lehrer anders zu ihren Kindern sein können, wenn sie die im Unterricht haben, zumindest hier in Beauxbatons. Du wohnst ja quasi mit einer zusammen, die da bestimmt hunderte von Liedern von singen kann." Sie schmunzelte. Julius nickte. Er fragte, ob sie in Magizoologie einen UTZ machen wolle. Sie schüttelte den Kopf. "Ist wahrscheinlich der ausschlaggebende Grund für ihn gewesen, jetzt doch noch hier anzufangen. Ich mache meine UTZe in Kräuterkunde, Verwandlung, Zauberkunst, Zaubertränke und Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie."

"Oh, die Heiler-Kombination", stellte Julius fest. Yvonne nickte, wandte aber ein, daß sie keine Heilerin werden wolle, weil die bis zum Ende ihrer Ausbildung nicht heiraten dürften und sie gerne demnächst wen auf ihren Besen heben wolle. Sie grinste wie ein kleines Mädchen und flüsterte Julius zu:

"Du wirst da wohl auch Probleme kriegen, wenn du in die Heilerzunft willst, wo du schon frühzeitig verheiratet wurdest."

"Im Moment zieht mich da auch nicht viel hin, Yvonne. Ich würde mich dann doch eher auf Kräuterkunde oder Tierwesen spezialisieren."

"Klar, da hättest du zu jeder Seite eine offene Tür", erwiderte Yvonne lächelnd. "Links Babsie Latierre, rechts Camille Dusoleil, wenn ich meinen Kundschaftern trauen darf." Julius beruhigte sie, das "ihre Kundschafter" sie nicht falsch informiert hätten. Dann gebot Professeur Paximus, der Leiter des Schachclubs, daß die beiden sich neue Gegner suchen oder eine zweite Partie spielen sollten. Patricia Latierre, Julius' Schwiegertante, winkte ihm zu, und so spielte er bis kurz vor zehn gegen diese eine abwechslungsreiche Partie.

"Na wie ist es denn, jetzt wieder allein im Bett zu liegen?" Flüsterte Pattie.

"Kein Kommentar, Tante Patricia", erwiderte Julius. Pattie Latierre sah ihn verknirscht an und mußte dann grinsen.

"Hat Millie dir gesagt, daß die mich nur mit Tante anredet, wenn die sich über mich ärgert oder mich ärgern will? Ich denke mal, Babs, Trice und Hipp lassen sich nur so anreden, um den Jüngeren zu zeigen, daß sie älter sind. Das brauch ich echt nicht."

"Geht klar, Tantchen", erwiderte Julius leise. Pattie knurrte ihn dafür an, nahm sich aber keine Handgreiflichkeiten raus. Sie bedankte sich dann noch mal für die Schachpartie und verabschiedete sich von Julius. Er gab ihr mit, Millie von ihm eine gute Nacht zu wünschen. Sie deutete auf sein Pflegehelferarmband und meinte, er könne das doch damit auch machen. Darauf sagte er nichts.

Wieder zurück im grünen Saal unterhielt er sich noch ein wenig mit Céline, Laurentine, Robert, Gérard und Gaston. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß Laurentine und Gaston langsam aber sicher näher zusammenrückten. Hatte Laurentine ihre Vorsätze wirklich ganz aufgegeben, daß sie keinen Zauberer zum Freund haben wollte? Als für die Fünftklässler die Schlafenszeit angebrochen war, sah sich Julius nach Giscard Moureau um. Doch der war nicht da. So mußte er, auch wenn er das nicht vorhatte, den Saal weiterbeaufsichtigen, wie er es von seinem Aufgabenzettel und den Saalsprechern, die er selbst miterlebt hatte wußte. Jetzt waren nur noch die Jungen und Mädchen der UTZ-Klassen und Céline Dornier da, die wohl weil sie durfte länger aufblieb. Julius fragte sich, wo Hercules Moulin abgeblieben war. Als er vom Schach zurückgekommen war, hatte er ihn nicht mehr im Saal selbst gesehen. Die Bettenkontrolle hatte Giscard gemacht, bevor er noch einmal aus dem Saal war. Suchte der Hercules vielleicht? Er bat Céline hier aufzupassen und ging nach oben zum Fünftklässler-Schlafsaal. Die Kameraden lagen alle in den Betten, die Vorhänge vorgezogen. Auch Hercules' Bett war besetzt, wie die über dem Beistellstuhl hängenden Kleidungsstücke verrieten. Er sagte seinen Kameraden, die sicher noch wach waren, daß er wegen Giscards Abwesenheit noch Aufsicht führen würde. Hercules zog den Bettvorhang auf und raunzte:< "Mann, ich war schon am schlafen. Mach du mal drei Stunden Putzdienst ohne Zauberstab, ey!" Julius entschuldigte sich ruhig und kehrte nach unten zurück. Gegen halb zwölf kehrte Giscard von einer Wolke Badeölduft umweht zurück. So konnte Julius nun auch zu Bett gehen.

 

__________

 

"Juhu, Monju! Kommst du heute wieder zu uns runter?" Grüßte ihn Millies Gedankenstimme, leise aber doch verständlich. Julius legte sich seinen Herzanhänger an die Stirn und schickte zurück: "Geht nicht. Muß heute wecken gehen. Waren die Mexikaner schon bei euch?"

"Genau, Süßer. Die kommen bestimt auch bald bei euch durch", klang ihre Gedankenstimme jetzt so deutlich, als säße sie unter seiner Schädeldecke. Da erklangen auch schon die Trompeten der gemalten Mariachis. Er wünschte seiner jungen Ehefrau noch einen guten Start in den Morgen.

"Wir sehen uns ja dann gleich bei Pivert und bleiben zusammen bei Professeur Fixus." Julius bestätigte das.

Geduscht, gestriegelt und bereits im Tagesumhang inspizierte Julius den Saal. Wie üblich hatten die in Beauxbatons unbemerkt arbeitenden Hauselfen in der Nacht alle Pergamentschnipsel und Bonbonpapiere fortgeräumt. Alles auf den Tischen lag noch wie es am Abend zuvor liegengelassen worden war. Pierre Marceau saß auch schon wieder an einem Tisch. Julius wunderte sich, wie der Junge ohne Zaubererbilder und einen brauchbaren Wecker so früh aus den Federn fand. Doch die Antwort bekam er ohne zu fragen.

"Hi, Julius. Ist schon klasse, dieser Wecker, den Professeur Faucon aus einem Hosenknopf gezaubert hat. Wenn der losgeht ist der zwar ziemlich laut, aber läuft wenigstens."

"Du mußt nicht schon um halb sechs raus, wenn du dann nur im Saal sitzen möchtest", sagte Julius. "Da kannst du ruhig um sechs aufstehen, wie die meisten."

"Ich bin der totale Frühaufsteher, vor allem wenn die mich hier schon um halb zehn ins Bett schicken. Zu Hause kann ich schon bis elf aufbleiben. Wieso ist das hier noch so eng mit den Zeiten?"

"Einmal geht das um die Benutzung der Badezimmer, daß da nicht alle zugleich reingehen. Zum anderen wird gesagt, daß jüngere Schüler mehr Schlaf bräuchten, um sich von dem Schulzeug zu erholen. Das kriegst du auf jeden Fall mit, wenn ihr Astronomie habt."

"Jau, morgen abend", erwiderte Pierre. Da kam dann noch Yvonne Pivert in den Aufenthaltsraum.

"Huch, Pierre, bist ja auch schon wieder so früh raus", grüßte sie den Erstklässler.

"Ich habe jetzt 'nen richtigen alten Wecker mit Zeigern und so'nem Ticktack-Getriebe."

"Hat Gabrielle erzählt, daß Professeur Faucon dir einen gemacht hat, weil du mit einem hier nicht laufenden Elektrowecker hingekommen bist. Du machst gleich Wecken, Julius?" Fragte sie ihren Kollegen. Dieser nickte.

"Wäre lieber wieder runter zum Frühsport, Yvonne", seufzte er. Sie lächelte nur. Julius verstand, was sie damit sagen wollte und grinste zurück. Die beiden unterhielten sich mit Pierre noch über Zauberschach und Quidditch. Als die große Standuhr ansetzte, sechs Uhr zu schlagen, sprang Julius auf und lief in den Jungentrakt zurück. Da er Pierre nicht mehr wecken mußte, hielt er gleich auf den Schlafsaal der Zweitklässler zu, klopfte laut an die Tür und trat ohne hereingerufen zu werden ein, wie er es von Edmond Danton und Giscard Moureau mitbekommen hatte. "Einen wunderschönen guten Morgen!" Rief er. Eigentlich wollte er den typischen Armeeausbilder bringen. Aber bei den Jungen hier tat es vielleicht auch die muntere Begrüßung. Als er aber nach drei Sekunden noch keine Bewegung in den Vorhängen sah holte er seinen Zauberstab heraus und machte eine schwungvolle Bewegung damit, wobei er "Movete Vorhänge" dachte. Mit lautem Rascheln flogen die Bettvorhänge zur Seite. "Jemand Lust auf ein Vollbad im Bett?" Fragte er mit hinterhältigem Grinsen, als sich ihm die verschlafenen Gesichter der zwölfjährigen entgegendrehten. Louis Vignier, auch ein Muggelstämmiger, grummelte, daß er gerade schön geträumt hatte. Julius grinste und meinte dazu, daß er sich den merken solle um dann abends da weiterzuträumen. Louis grummelte. Da entließ Julius für genau eine Sekunde einen eiskalten Wasserstrahl aus seinem Zauberstab, ohne "Aguamenti" auszusprechen. Irgendwie kam er sich jetzt doch überlegen vor. Louis schoss förmlich aus dem Bett. Seine Schlafanzugjacke war pitschnaß.

"Mann ey", maulte er. Die anderen hatten den Wasserweckruf wohl mitbekommen und sprangen freiwillig aus den Betten.

"Also auf und anständig waschen, kämmen und anziehen, bitte! Ich habe noch andere Leute hier zu wecken.""

"Mann! Mein Schlafanzug ist voll naß, ey", quängelte Louis und warf die durchtränkte Jacke auf das Bett. Die anderen kicherten. Julius war aber schon wieder zur Tür hinaus und machte sie zu.

"Schönen guten Morgen, der Beauxbatons-Weckexpress! Es ist sechs Uhr, und wer kein tägliches Murmeltier ist jetzt raus aus der Falle!" Trällerte Julius. Auch hier mußte er die Bettvorhänge erst mit einem ungesagten Öffnungszauber bei Seite fliegen lassen. Doch dann standen die Jungen auf. Offenbar waren sie schon auf eine Wasserladung gefaßt. so ging er weiter zum Schlafsaal der siebtklässler, die neben dem der drittklässler wohnten. Hier warf er sich in die Brust und stürmte nach dem ersten lauten Pong an die Tür hinein:

"Alle Mann raus aus den Betten! Sechs Uhr hat's geschlagen, und ab jetzt ist Schluß mit Schnarchen!" Brüllte er wie ein Stier. "Wer in drei Sekunden nicht auf den Käsefüßen ist kriegt die Dusche ans Bett, aber kalt! Eins! Zwei! Drei! Die vorhänge blieben zu. "Movete Vorhänge", dachte Julius und ließ die grasgrünen Stoffbehänge zur Seite rauschen. "Aguamenti frigidum", dachte er mit gewisser Schadenfreude und zielte auf Giscard Moureau. Dieser wollte es wohl wissen, und wußte eine Sekunde später, das Julius einen Gartenschlauchdicken, winterkalten Wasserstrahl zaubern konnte, der ihn, seinen Schlafanzug und sein Bett sofort durchnäßte. Mit einem lauten Aufschrei entfuhr der Saalsprecher seinem pitschnassen Bett wie ein Springteufel seiner Dose.

"Is' gut, Julius! D-d-das ist ja saukalllt." Das war wohl für die anderen das Signal, ebenfalls schnell auf die Beine zu kommen. Einer bekam jedoch noch eine Ladung Eiswasser ins Gesicht und prustete.

"Morgen gehst du wieder wecken, Giscard. Sonst schwimmt dein Bett noch weg", feixte einer der noch rechtzeitig aus den Federn entschlüpften Siebtklässler. Der gebadete schien darauf keine Antwort zu haben oder vor lauter Zittern keine Luft zum Sprechen zu bekommen. Womöglich dachte er auch nur daran, ob er dem Wasserkünstler dafür Strafpunkte aufbrummen konnte. Aber Julius hatte ihn und die anderen ja gewarnt. Außerdem konnten die sich und die Betten abtrocknen. So war er dann auch schnell wieder unterwegs. bei den Fünftklässlern kehrte er noch einmal den Armeeausbilder heraus. Robert riß den Vorhang auf und meinte: "Ey, nich' so laut!" Dann flogen wieder alle Bettvorhänge zur Seite. Das reichte den anderen, sich schnell aus dem Bett zu katapultieren. Offenbar war das Aufzaubern der Vorhänge sowas wie eine Vorwarnung, stellte Julius fest. Hercules glotzte ihn schlaftrunken an, wagte aber nicht, irgendwas zu sagen. "Okay, Leute, ihr kennt das Spiel ja schon länger als ich", sagte Julius nun ganz ruhig. "Also in ungefähr 'ner Dreiviertelstunde unten im Saal."

"Dann schmeißt du uns so früh raus", maulte Gaston. Doch Julius überhörte es. Er verließ den Schlafsaal wieder und steuerte den der Viertklässler an. Dort mußte er mehr Überzeugungsarbeit leisten, aber nicht mit Wasser. Die Nummer konnte nicht immer gebracht werden, sondern mit einem kalten Luftstrahl direkt unter die Bettdecken. Einen erwischte er damit wohl an einer ganz empfindlichen Stelle. Der Getroffene schrie kurz auf und stieß sich aus dem Bett ab, um Julius den Eisluftstrahl-Zauberstab aus der Hand zu nehmen. Doch dieser tauchte zur Seite, und der so rüde geweckte Bursche knallte mit dem Kopf gegen den Seitenpfosten seines Kameraden gegenüber. "Autsch! Drachenmist!" Fluchte er. Sein Kamerad lachte und meinte, daß er doch nicht gleich durch den ganzen Raum springen müsse. Julius kitzelte den Rest der Schlafbagage mit dem Kaltluftstrahl wach und sagte:

"Hauptsache, ihr seid jetzt auf."

Die Sechstklässler taten so, als könnte sie nichts beeindrucken. Julius brachte den Armeeausbilder und hämmerte an jedes Bett. "Wer in drei Sekunden nicht aus den Flohkisten raus ist wird blitzblank geschrubbt, daß jeder sich drin spiegeln kann! Raus jetzt!" Doch sie reagierten nicht. Julius versuchte die Vorhänge aufzuziehen. Doch magisch ging das nicht. So zog er mit den Händen daran und bekam sie auf. Dann zielte er auf den ersten und dachte "Nudato addo Ratzeputz". Der Bursche im Bett grinste ihn feist an. Da flogen ihm plötzlich Schlafanzugjacke und Hose vom Körper, und ein rosa Schaumkleks explodierte auf seinem Leib und scheuerte ihn.

"Ey, Hallo, das ist unfair. Lass das!" Julius bewegte den Zauberstab vor und zurück. Die anderen reckten ihre Hälse. Da zog er den Zauberstab einmal links und einmal rechts der Betten lang und erwischte sie alle mit dem Säuberungszauber.

"Okay, jetzt glauben wir's ja", prustete der letzte, der unter den Scheuerzauber geraten war. "Morgen soll Giscard wieder wecken kommen!"

"Dann raus aus der Falle ihr alle!" Rief Julius noch und verließ den Raum. Der, den er mal eben ausgezogen und abgeschrubbt hatte starrte seine Kameraden an:

"Das hat Mogel-Eddie nie gewagt. Ist der Bettwärmer von Millie Latierre auf Streit aus?"

"Der hat sich nur von Giscard erzählen lassen, daß du faule Möhre morgens so schwer aus der Kiste findest und dich dann nicht richtig saubermachen willst", antwortete der bohnenstangengleiche Antoine Lasalle vergnügt grinsend. Er hatte den Sauberzauber nicht so brutal abbekommen wie die anderen.

Weil es zum Weckdienst dazugehörte, die aufgeweckten Jungen im Saal zu inspizieren, mußte Julius nun die ganze Zeit wwarten, bis sich die Burschen und Knirpse in den Badezimmern ausgetobt hatten. Zu seiner Erleichterung hatte keiner gewagt, sich seinetwegen nicht anständig anzuziehen. So konnten sie dann in gewohnter Manier zum Speisesaal marschieren. Neues stand nicht in der Zeitung. Es wurde nur noch einmal aufgerufen, sich an die Sicherheitsinstruktionen des Zaubereiministeriums zu halten.

Sie waren alle gespannt, wie der neue Lehrer unterrichten würde. Professeur Pivert kam mit festem Schritt den Gang zum Vorbesprechungsraum entlang. Heute trug er einen ziegelroten Arbeitsumhang und hatte sich einen kleinen Strohhut mit zwei weißen Kakadufedern auf den Kopf gesetzt. Julius fragte sich, ob Madame Maxime ihm diese Kleidung lange durchgehen lassen mochte. Die große Klasse, zu der ja nicht nur Leute aus dem grünen, sondern auch aus dem weißen und dem Roten Saal gehörten, machte respektvoll Platz. Professeur Pivert begrüßte sie alle mit einer kontrabaßgleichen Stimme, ruhig aber dennoch kraftvoll. Dann gebot er mit der von den meisten geübten Strenge, daß alle eintreten sollten. Es fehlte niemand.

"Meine würdige Vorgängerin hat mir genügend Berichte über den Stoff und den Verlauf des Unterrichts zur Verfügung gestellt. So wie ich es ersehen kann haben Sie tatsächlich alle Tiere der Einteilung XXX nach Skamander ZAG-tauglich durchgearbeitet. Sie hatten auch schon Hippogreifen, Abraxarieten und Einhörner, kann ich hier lesen. Mediterane Harmonovons durften Sie auch schon bewundern. Wer kann mir noch mal die wesentlichen Verhaltensmerkmale dieser raren Tierwesenspezies sagen?" Millie, Bernadette, Hercules und Julius hoben die Hände. Pivert suchte sich Hercules aus, der versuchte, sich kurz zu fassen, um die kleinen, eiförmigen Wesen mit den vier Ärmchen zu erläutern. Dafür bekam er zehn Bonuspunkte. Dann fragte Pivert Julius, was er ihm über Latierre-Kühe erzählen konnte. Das war natürlich ein Heimspiel für ihn, wo er ja selbst eine zur Pflege bekommen hatte. Er betete kurz die Zahlen von Größe, Gewicht, Trinkwassermenge und Milchleistung herunter und erwähnte dann die körperlichen und charakterlichen Eigenschaften. Nach zwei Minuten war er damit durch.

"Ich sehe, ich habe den richtigen gefragt. Auch zehn Bonuspunkte, Monsieur Latierre. Nun, Madame Latierre, was können Sie mir über kalifornische Wüstenwollwürmer erzählen?" Céline hob die Hand und wandte ein, daß sie die noch nicht gehabt hatten. Pivert grinste und meinte:

"Sie glauben also, daß es diese Tiere gibt?" Millie, die ja eh erzählen sollte, nickte ihr und ihm zu und erzählte dann das, was Brittany Forester und ihre Mutter über die gefährlichen Riesenwürmer beigebracht hatten, deren mit Wolle bewachsene Haut zur Herstellung von Quodpot-Kleidung und Handschuhen umgenäht werden konnte. Allerdings bekäme man die Haut nur von einem toten Wüstenwollwurm.

"Moment, Sie waren doch nicht etwa mal da?" Fragte Pivert verdutzt. Millie antwortete gelassen, daß sie im Sommer in Viento del Sol gewesen sei, wo sie mit Professor Forester und ihrer Tochter Brittany über diese Wesen gesprochen hatte.

"Da war ich nicht drauf gefaßt. Ich habe jetzt gedacht, Sie müßten passen. Dann hätten wir die Stunde wunderbar mit einer Diskussion über Überseetiere aller Art eröffnen können. Aber zumindest kann ich Ihnen zwanzig Bonuspunkte dafür zuteilen. Ich habe dieses ruppige Spiel auch einmal ausprobiert. Aber für so was werde ich doch schon zu alt", sagte Professeur Pivert. Wer kann mir außer den tatsächlich existierenden Würmern Tiere aus Übersee nennen. Nur ein Tier pro Melder!" Mehrere Arme zuckten nach oben. Belisama erwähnte den Roch. Julius erwähnte den australischen Billywig, Millie den amerikanischen Donnervogel, Hercules den chinesischen Feuerball, Céline erwähnte das Tebo, und so ging es weiter. Der Lehrer schrieb sich alle Tiernamen auf und verlangte dann von jedem, in zwanzig Minuten so viel er oder sie wußte zu dem von ihm oder ihr genannten Tierwesen aufzuschreiben. Somit hatte er erst einmal Zeit, um irgendwas anderes vorzubereiten. Julius fragte sich, ob sie heute noch einmal vor die Tür gehen würden. Nur das Kratzen von Federn auf Pergament war zu hören. Dann verkündete Pivert, das die Zeit um sei. Er sammelte die Berichte nicht ein, sondern verlangte von den Schülern, ihre Niederschriften selbst laut vorzulesen. Einige sahen den neuen Lehrer entgeistert an.

"Leute, wer mit magischen Tierwesen nach den ZAGs und UTZs weitermachen will muß das können, vor Publikum vorzulesen. Also bitte. Fangen wir mit Ihnen an, Mademoiselle Lagrange." Belisama räusperte sich und las dann ihren Bericht über den Roch, alias Volapetriferus orientalis vor. Danach kam Bernadette dran, die etwas über den Phönix zu erzählen hatte. Und so ging die Reihe um, bis Julius über den blauen Billywig berichtete, jenes blitzschnell fliegende, blau schimmernde Fluginsekt, das ausschließlich in Australien beheimatet war und dessen Stachel ein zum Schweben bringendes Gift injizierte, das von jugendlichen Hexen und Zauberern gerne als Wirkstoff für sehr starke Drogen verwendet wurde. Er erwähnte kurz das Gegengift, wie es die Heilerinnen Morehead und Herbregis vor dreißig Jahren entwickelt hatten, gestand jedoch ein, daß dessen Zusammensetzung ihm unbekannt sei und wenn dann doch eher in den Zaubertrankunterricht gehöre. Bernadette funkelte ihn verächtlich an, während Millie ihm schelmisch zuzwinkerte, Hercules ein verhaltenes Grummeln von sich gab und Gaston nur nickte. Leonie Poissonier blieb ganz gefaßt. Sie sollte gleich ihre Niederschrift über Goldpanzerameisen vortragen und tat dies mit der Stimme und Eleganz einer Primadonna, die einen Rap einstudiert hatte. Dies kam wohl nicht nur Julius so vor. Denn Professeur Pivert sagte nach dem Vortrag: "Nun, für Sprechrhythmik kann ich Ihnen leider keine zusätzlichen Bonuspunkte zuerkennen, Mademoiselle Poissonier. Mir geht es um Inhalt und Vermittlung." Die Klasse grinste. "Aber sei es drum, mit Ihrer Stimme dürfen Sie gerne vorsingen. Sie besuchen den Schulchor?" Leonie bejahte es. Was sollte die Frage denn jetzt? Jetzt wollte der Lehrer auch von den anderen erfahren, welche Kunstrichtungen sie neben dem Unterricht ausübten. Hercules blies kurz die Backen auf und verkündete, daß er in den letzten drei Jahren in der Trompetengruppe der Blechbläser mitgespielt habe. Millie sagte auch, daß sie im Chor singe, Céline führte aus, daß sie öfter in der Handarbeitstruppe gewesen sei, Julius erwähnte, daß er sich ein wenig in magischer Malkunst versucht habe, was von den Jungen mit einem spöttischen Grinsen bedacht wurde. Er erwähnte noch daß er in der Holzbläsergruppe sei. Bernadette fragte Pivert, was diese Frage außerhalb der Fachrichtung sollte. Julius war froh, daß er seinem Drang widerstanden hatte, die Frage zu stellen. Denn Pivert wurde ziemlich ernst als er erläuterte:

"Ihr Mut, einen Lehrer zu fragen, warum er dieses oder jenes wissen will ehrt sie, Mademoiselle Lavalette. Meine Frage zielt schlicht darauf ab, ob Sie alle, wie Sie hier sitzen, ausschließlich für akademische Bildung und theoretisches Wissen empfänglich sind oder auch kreative und esthetische Fähigkeiten besitzen, die sich sehr oft vom rein akademischen Denken abheben und uns Menschen von den Tieren unterscheiden. Die Muggel sagen, das Rad sei die wichtigste Erfindung der Menschheit. Die Zauberer sagen, die Verbindung zwischen Holz und magischen Tierfasern habe die magische Menschheit vorangebracht. Diese Leistungen kamen nicht durch reines betrachten und Theoretisches Grübeln, sondern durch Phantasie, durch Ausprobieren scheinbar unlogischer Zusammenhänge. Daher ist mir persönlich wichtig, daß meine Schüler auch in Bereichen der Kunst arbeiten, wie der Musik, der Malerei - dabei verstehe ich nicht, wieso Sie Ihren Kameraden so abfällig angrinsen mußten, die Herren Moulin und Perignon - Bildhauerei, Schauspiel, Architektur und Schreibkunst. Einige Magier zählen auch die errichtung vielfältiger, sich bewegender Illusionen als Zweig der Kunst. Jedenfalls werden Sie im Verlauf dieses Jahres erkennen, daß Kreativität eine wichtige Kraftquelle ist, wenn Sie mit magischen Tierwesen zu tun bekommen. Aber nun weiter in der Reihe! Monsieur Perignon, was möchten Sie uns zu den Acromantulas berichten?" ...

Als endlich alle die kurzen Texte über die von ihnen eingebrachten Tierwesen vorgelesen hatten, vergab Professeur Pivert Bonuspunkte. Millie und Julius erhielten dreißig Bonuspunkte, weil Millie fundiert aber auch mitreißend zusammengefaßt hatte, was über den Donnervogel zu sagen war. Belisama, Hercules, Gaston und Céline erhielten 25 Bonuspunkte, während die anderen 20 bekamen. Bernadette wollte schon fragen, was an ihrem Bericht so grund verkehrt gewesen sei, da schaltete der neue Lehrer unvermittelt um zwei Gänge höher. "Nun haben wir uns hoffentlich lange genug beobachtet, die Damen und Herren. So folgen Sie mir so gut Sie zu Fuß sind zur Schulmenagerie!" Er erhob sich, eilte zur Tür und schwang sie auf, als wolle er die Schüler vor einem herannahenden Feuer in Sicherheit bringen. Diese plötzliche Eile verblüffte Julius. Doch sie sprang auf ihn über, als habe Pivert alle mit einem Schalthebel auf höhere Leistung umgestellt. Sie eilten hinaus. Pivert prüfte wohl, ob noch wer im Klassenraum zurückgeblieben war und rollte das Feld der hinauseilenden Schüler von hinten auf, trabte mit ausgreifenden Schritten an allen vorbei und übernahm die Spitze, worauf er das Tempo noch mehr anzog. Millie und Julius, sowie Leonie konnten als einzige gut mithalten. Die anderen strampelten sich zwar ab, blieben aber immer weiter zurück. Hercules versuchte sich in Spurts, um den wachsenden Vorsprung immer wieder anzuknabbern.

"Was wird das denn jetzt?" Fragte Millie ihren Mann.

"Er wollte unser Wissen und unsere Vermittlungsweise testen, hat ausgelotet, ob wir auch was mit Kunst anfangen können, weil Leonie einen glockenhellen Rap hingelegt hat, und jetzt will der sehen, wie sportlich wir sind", erwiderte Julius, seinen Atem gut einteilend, wie er es in den vielen Jahren Dauerlauftraining gelernt hatte. Leonie nickte ihm zu.

"Dann hat Brunhilde mich nicht vergackeiert. Die sagte sowas, daß unser neuer Lehrer nix von Einseitigen Leuten hält. Der war ja früher in deinem Saal untergebracht, Julius."

Als sie vor einem Steinhaus ankamen, aus dem ihnen lautes Fauchen und Schnauben entgegendrang und der in der Nase beißende Raubtiergeruch entgegenwehte, hob der Lehrer eine silberne Taschenuhr hoch und rief den Schülern zu: "Sie drei sind noch bei zehn Bonuspunkten gelandet. Neun! Acht! Sieben! ..." Als er bei null ankam, zählte er wohl nur leise. Julius fragte sich, was für ein Geschöpf da wohl im Haus lauerte. Hier war er doch schon mal gewesen. Vor den Sommerferien hatte hier der Stall für die Goldeihühner gestanden. Jetzt fauchte und knurrte sie ein wesentlich gefährlicheres Geschöpf von drinnen an. Nein, zwei Geschöpfe. Das weit zurückgelassene Hauptfeld der Schüler verlangsamte das Lauftempo ein wenig. Pivert mißfiel das, und er trieb zur Eile an. Darauf gaben die beiden Kreaturen im Steinbau ein an Bauch und Ohren rüttelndes Gebrüll von sich, wie Julius es in friedlicher Ausgabe von den Latierre-Kühen gewöhnt war. Millie winkte Julius kurz heran und flüsterte ihm zu: "Diese Biester da drinnen lassen meine Tante bestimmt nicht ruhig schlafen. Das sind Feuerlöwen, Julius: Ziemlich gefährliche Biester."

"Was?!" Entfuhr es Julius. Pivert wandte für einen Sekundenbruchteil seinen Kopf zu ihm und funkelte ihn verärgert an, konzentrierte sich aber wieder auf die herankeuchenden Schüler. Leonie trat zu Millie und Julius und sagte:

"Meinst du das da drinnen sind mauretanische Feuerlöwen, Millie? Dann hat der sich aber was wirklich brandgefährliches zum Einstieg für uns herbringen lassen. Wundere mich, daß Madame Maxime diese Biester hier duldet."

"Nachdem Professeur Pivert unsere Wissensaufnahme und Weitergabe, sowie unsere künstlerischen Interessen und unsere körperliche Kondition geprüft hat, kommt jetzt wohl die Mutprobe", seufzte Julius. Da kamen Hercules und Caro als erste vom Hauptfeld an. Dann Céline, die zwar einen schnellen Schritt drauf hatte, jedoch unüberhörbar nach Luft rang. Erst weiter hinten folgten die übrigen Klassenkameraden, wobei Belisama und Bernadette die Schlußlichter bildeten.

"So, die Damen und Herren. Das war ja wohl nicht gerade empfehlenswert", sagte Pivert. Madame und Monsieur Latierre, sowie Mademoiselle Poissonier sind die einzigen, die für den Weg hierher Bonuspunkte erreichen konnten. Sie anderen erhalten für unzureichende körperliche Leistung Strafpunkte, deren zahl die Summe der Sekunden nach der zehnten nach meiner Ankunft mit zwei multipliziert ergeben. Mademoiselle Dornier und Monsieur Moulin erhalten somit dreißig wegen fünfzehn Sekunden über dem von mir festgesetzten Bonuszeitraum, Mademoiselle Lagrange und Mademoiselle Lavalette erhalten vierundfünfzig Strafpunkte wegen bewußter Verzögerung."

"Das wird sich noch erweisen, Professeur", schnaufte Bernadette. "Sportliche Prüfungen und Bewertungen stehen Ihnen nicht zu. Ich lasse mir auf keinen Fall vierundfünfzig Strafpunkte auferlegen, nur weil ich keinen Sinn darin sah, mit Ihnen um die Wette zu laufen, und Mademoiselle Lagrange bestimmt auch nicht." Belisama nickte verhalten.

"Die übrigen erhalten vierundvierzig Strafpunkte", fuhr der Lehrer fort, als habe er Bernadettes Protest nicht gehört. Doch er hatte ihn sehr wohl gehört. Denn mit einer Unerbittlichkeit, wie sie eher zu Madame Maxime oder Professeur Faucon passen mochte sagte er: "Sie legten Protest ein, daß Sie keine vierundfünfzig Strafpunkte hinzunehmen bereit seien. Wie Sie wünschen, dann erhalten sie zu diesen noch zwanzig dazu, wegen offener Kritik an den unterrichtsfördernden Maßnahmen, Mademoiselle Lavalette. Da Mademoiselle Lagrange ihnen durch Nicken beigepflichtet hat, ergehen an diese genauso viele zusätzliche Strafpunkte. Damit erkläre ich diese unnötige Diskussion für beendet. Es steht Ihnen frei, meine Methoden bei Ihren Saalvorständen zur Sprache zu bringen. Aber selbst da werden Sie, wie ich fürchte, auf Granit beißen, weil ich auf ausdrückliche Bitte Madame Maximes diese Lehranstellung angenommen habe und diese mir schriftlich versichert hat, daß ich freie Hand habe, den Unterricht nach meinem besten Wissen und dem Wert meiner Erfahrungen zu gestalten."

"Die haben den Drachen mit 'nem Basilisken ausgetrieben", schnaubte Hercules wütend. Pivert hörte das. im Steinbau rumorten die eingesperrten Tiere. Ein lautes Fauchen erklang, und die dicke, hellgraue Wand schimmerte an einer Stelle leicht rötlich.

"Offenkundig sind Sie mit ihrem verhältnismäßig guten Abschneiden unzufrieden, Monsieur Moulin. Das sind für Sie genau fünfzig Strafpunkte, wegen Beleidigung meiner Vorgängerin, meiner Person und offenem Ungehorsam."

"Hat sich das zu Ihnen noch nicht rumgesprochen, daß ich dieses Jahr den Rekord in Strafpunkten abräumen will?" Fragte Hercules unverhohlen gehässig. Alle anderen zuckten zusammen. Wieder fauchte es laut, und die Wand errötete an einer anderen Stelle etwas mehr. Julius hob behutsam die Hand und sah den Lehrer nicht unterwürfig, aber freundlich an:

"Professeur Pivert, bei allem Respekt. Die Wesen dort drinnen werden durch diese Auseinandersetzung hier noch mehr gereizt. Wie wir jetzt alle sehen können, speien sie Feuer. Deshalb frage ich Sie, ob Sie mit uns nicht einige Meter weiter zurückweichen, damit die Wesen dort drinnen wieder zur Ruhe kommen."

"Die Wände halten das aus. Dafür sind sie gemacht, Monsieur Latierre", knurrte der Lehrer. Die anderen wichen jedoch schon zurück. "Habe ich gesagt, Sie sollen sich zurückziehen?! Stehenbleiben!" Rums! Ein Dröhnen wie zehn Sturmböen zugleich erschütterte die Wand, die nun kirschrot erglühte. Alle fühlten die von ihr ausstrahlende Hitze. Millie starrte mit steigendem Unbehagen auf die Wand. Belisama suchte mit ihrem Blick den besten Fluchtweg. Bernadette scharrte mit den Füßen und atmete tief ein und aus. Offenbar wollte sie genug Frischluft in die Lungen pumpen, um einen neuen Lauf zu überstehen, womöglich einen auf Leben und Tod. Pivert blickte auch etwas besorgter auf die Wand. Julius konnte zwar keine Gefühle fremder Wesen lesen wie Corinne Duisenberg. Dennoch wurde er den Eindruck nicht los, daß Pivert die Kontrolle über alles hier verlor, über die von ihm ziemlich unfair abgestraften Schüler und vor allem über die Bestien im Steinbunker. Millie ergriff Julius' Hand, als wolle sie ihm zeigen, daß sie bei ihm war. Vielleicht wollte sie ihn aber auch nur sofort mitreißen, wenn sie weglaufen mußte oder von ihm mitgenommen werden, wenn er die Beine in die Hand nahm. Erneut fauchte es drohend von drinnen. Und wieder rüttelte ein mächtiges Gebrüll an Ohren und Bauchdecken der Schüler.

"Wenn Sie uns wirklich mauretanische Feuerlöwen vorführen wollten, Professeur Pivert, dann wäre das jetzt etwas ungünstig", sagte Leonie Poissonier. Millie nickte beipflichtend. Hercules erschrak sichtlich.

"Stimmt das, Professeur?!" Stieß er aus. "Haben Sie da echt mauretanische Feuerlöwen drin? Die sind so gefährlich wie halbwüchsige Drachen und dabei noch gewandter." Professeur Pivertschnarrte ihn an: "Halten Sie den Mund!" Als Antwort toste es wieder im Steinbunker, und die Wand vor ihnen glühte nun unverkennbar rot auf. Die Klasse wich vor der Hitze zurück, vielleicht auch vor den noch unsichtbaren Ungeheuern hinter der Wand. Bernadette hatte eine Entscheidung getroffen. Sie machte auf den Absätzen kehrt und lief los. Belisama folgte ihr keine Sekunde später. Und jetzt war die Schülerstampede nicht mehr aufzuhalten. Alle die weit genug weg von dem Lehrer gestanden hatten spurteten los, auch Hercules Moulin. Millie und Julius sahen gerade noch, wie die Mauer gelb aufglühte und sich nach außen wölbte. Die Bestien brannten sich ihren Weg durch die Barriere. Wenn die jetzt durch die Mauer kamen, war weglaufen sinnlos, erkannte Julius. Millie an seiner Hand zerrte an ihm. Noch blieb sie bei ihm stehen, während Leonie bereits Fersengeld gab. Sie waren alleine mit dem Lehrer, der nicht wußte, ob er seinen Schülern hinterherlaufen, hinterherbrüllen oder etwas gegen die eingesperrten Monster machen sollte. Julius dachte nach, ob ein Besänftigungszauber die Tiere beruhigen konnte. Sie hatten sowas doch gelernt, gerade um angriffslustige Tiere noch rechtzeitig zu beruhigen. Doch die wirkten über einen hauchdünnen Lichtstrahl, der genau ausgerichtet werden mußte. Pivert stand mit zitternden Beinen da. Sein Blick war wie festgeschraubt auf die immer wieder aufglühende Wand gerichtet. Dann bildeten sich erste Risse. Julius fühlte, daß Millie jetzt loslaufen wollte.

"Millie, das bringt nichts mehr. Ich mach was!" Sagte Julius und wandte sich ihr so zu, das er ihre andere Hand ergreifen konte, um seine Zauberstabhand freizukriegen. Sie zuckte zurück, blieb aber stehen. Der unbändige Wille, nicht mehr einfach so rumzustehen oder sinnlos wegzurennen hielt sie am Platz. Julius zog seinen Zauberstab. Von den Mitschülern war nichts mehr zu hören oder zu sehen. Die Wand bröckelte. Gleich würde sie bersten. Dann konnte in der nächsten Sekunde schon ein Feuerstrahl ... "Katashari!" Rief Julius. Seine Angst war echt und bestimmt groß genug. Er dachte an ein unförmiges Monstrum, das von ihm weggestoßen wurde. Ein silberner Strahl schoß geräuschlos auf die Mauer zu, durchdrang diese. Julius fühlte, das er ein Ziel fand. Ein unterdrückter Laut wie ein kurzes Winseln erklang. Da bröckelte die Mauer. Die Glut hatte den Mörtel pulverisiert und das Gestein aufgerissen. Julius sah den mächtigen Kopf, der dreimal so groß war wie sein eigener Kopf. Es war der Schädel eines Löwen mit rotgoldener Mähne und rotbraunem Fell. Apfelgroße, gelbe Raubtieraugen richteten sich auf den Zauberschüler. Der Rachen der hervorbrechenden Kreatur klaffte auf, Julius widerstand dem Ekel, den der nach verfaultem Fleisch und Schwefel stinkende Atem verbreitete und rief noch einmal: "Katashari!" Er hatte sich nicht getäuscht. Der zweite Silberstrahl fand den zweiten Löwen. Und nun konnten sie sehen, wie das Ungeheuer in ein silbernes Licht eingehüllt wurde, für einen Moment auf der Stelle stand und dann wie gegen eine dicke Mauer geprallt zurückschrak und ein tiefes Winseln ausstieß. Julius keuchte. Die zwei Zauber und die Aufregung verlangten nach mehr Sauerstoff. Doch jetzt, wo er beide vorübergehend gebannte Geschöpfe sehen und vor allem riechen mußte, konnte er nicht innehalten. Millie klopfte ihm auf die Schultern.

"Die Raubtiernummer ist noch nicht vorbei", seufzte Julius. "Ich hol den Unfeuerstein her. Hätte ich eigentlich schon längst machen müssen, ich Erbsenhirn", knurrte er dann noch. Dann konzentrierte er sich und sprach leise die Apportierformel, wobei er seinen neuen Unfeuerstein vor dem geistigen Auge hatte. Da ploppte es, und der schwarze Zauberstein lag vor Ihm. Er wußte nicht, wie lange der Tötungstrieb der beiden Löwenmonster blockiert wurde. Bei Menschen konnte das zwischen ein paar Sekunden und fünf Minuten vorhalten, hatte Ianshira ihm beigebracht. So tippte er schnell den Stein mit dem Zauberstab an. Jetzt würde im Umkreis von hundert Metern jedes Feuer erlöschen, ob magisch oder unmagisch. Sie waren dreihundert Meter vom Palast fort. Madame Maxime mußte also nicht auf ihren Flohpulverkamin verzichten. Bei Feuerwesen wie Drachen konnte deren Flammenatem in einem Bereich bis zu zehn Metern um den Stein herum neutralisiert werden. Damit war erst einmal kein Feuerangriff möglich. Doch die Biester besaßen lange, gelblichbeige Reißzähne. Die konnte er damit nicht neutralisieren. Sicher, er konnte die Schutzblase wirken. Doch die schützte nur Millie, Professeur Pivert und ihn selbst. Wenn die Monster aus dem Bann der Todeswehr erwachten, würden sie die ganze Schule in Gefahr bringen. Millie holte ihren Zauberstab heraus und begann einen Singsang, den er irgendwoher kannte. Ja, das war der Einschläferungszauber, mit dem Fleur Delacour damals den walisischen Grünling eingelullt hatte. Den konnte er doch auch. Er sah, wo Millie hinzielte und ging mit dem gleichen Zauber den zweiten Löwen an. Dieser wankte nach dem ersten Durchgang, schwankte nach dem zweiten und fiel nach dem dritten krachen zu Boden. Sicherheitshalber führte Julius noch einen vierten Durchgang aus. Millie hatte ihren Löwen ebenfalls schon am Boden und zauberte noch einmal, um sicherzustellen, daß das Ungeheuer nicht aufwachte, wenn sie es nicht wollte. Pivert stand nur daneben, den Blick immer noch auf die nun herausgesprengte Wand fixiert. Offenbar stand er unter Schock.

"Wir müssen die Biester fesseln oder am Boden festmachen", sagte Julius. Millie sah ihn an. Dann erhellte ein Geistesblitz ihr Gesicht.

"Die haben doch Magie in sich, Monju. Dann verpacke ich die jetzt ganz einfach. Oma Line und ihre neue Freundin haben mir den erklärt, als du noch in England unterwegs warst, weil sie finden, daß jede Hexe den können muß. Aber den kannst du vielleicht auch gut lernen", sagte sie.

"Millie, die biester sind halb so groß wie Temmie. Glaubst du ..." Doch Mildrid Latierre begann bereits mit einem Zauberspruch, den sie getragen aussprach und dabei den Zauberstab wie einen Taktstock führte. Weißer Nebel trat heraus, der die Umrisse des Löwens verschwimmen ließ. Sie sprach den Zauber noch einmal, diesmal mit höherem Tempo. Julius sah und hörte ihr genau zu. So ging also der Einkapselungsfluch, ein beliebter Fang- und Aufbewahrungszauber starker Hexen. Und das er eine davon geheiratet hatte merkte er jetzt. Denn der Nebel pulsierte nur einmal, dann kondensierte er, um in nur einem Augenblick zu einer festen Schale um das massige Tier zu kristallisieren, auf dessen Rücken Julius mächtige, goldgefiederte Schwingen sehen konnte. Er hatte in Millemerveilles geflügelte Löwen gesehen, die sich orientalische Zaubererfürsten als Symbole ihrer Macht hielten. Doch dieses Ungetüm, daß gerade in Millies magischer Kapsel verschwunden war, war diesen Tieren um ein vielfaches überlegen. Nicht nur durch den Flammenatem. Nicht nur durch die imposante Größe. Es war auch die erhabene Erscheinung, die diese Geschöpfe zu herausragenden Vertretern magischer Geschöpfe machten. Konnte man einen Drachen den Kaiser der magischenTiere nennen, so waren diese hier die wahrhaftigen Könige im Reich der Fabeltiere. Millie atmete mehrmals tief durch. Offenbar hatte der Incapsovulus-Zauber ihr gut Kraft entzogen. Julius bot ihr an, seine Tagesausdauer zu spenden, damit sie weitermachen konnte.

"Damit du mir hier umfällst, wie damals, wo du Oma Line und meine ganz kleinen Tanten gerettet hast? Neh, Lass mal, Monju! Das kriege ich noch hin. Dann darfst du mich gerne zu Madame Rossignol tragen, falls ich umfalle."

"Ich mach das", sagte unerwartet Professeur Pivert und richtete seinen Zauberstab auf sich und dann auf Millie. "Transfusio Validitatis!" Rief er dann. Ein roter Lichtbogen spannte sich von ihm zu Mildrid, die sichtlich munterer wurde, während der Lehrer sich immer schwerer auf den Beinen hielt. Fünf Sekunden. zehn Sekunden. Dann erlosch der Lichtbogen, und Pivert stürzte zu Boden.

"Na toll, jetzt habe ich was von Yvonne Piverts alten Herren in mir wirken. Du weißt ja, was Oma Line dir nach deiner Kraftübertragung gesagt hat."

"Ja, daß in ihr und den beiden Kleinen was von meiner Lebenskraft drinsteckt. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, Mildrid. Der zweite Löwe liegt noch im Schlaf. Pack den auch ein!"

"Da kannst du dich drauf verlassen", schnaubte Millie entschlossen und vollführte den Einkapselungszauber noch einmal. Diesmal war sie sicherer und sprach lauter und schneller. Der Nebel kam dichter auf als vorher und kristallisierte noch schneller zu jener hoffentlich harten Schale aus, die den zweiten Feuerlöwen, der dann doch eher eine Löwin war, vollständig einschloß. Nicht eine Kralle lugte heraus. Und die fußballgroße Schwanzquaste war auch nicht zu sehen. Julius wagte es und zauberte sich eine Kopfblase, um den Schwefelgasen im Steinbunker zu entgehen. Dann ging er los und betrat den Bunker. Er sah sofort, daß hier jemand magische Bannlinien gezogen hatte, die die Bestien jedoch mit ihren Klauen immer mehr eingerissen hatten. So kamen sie also frei und konnten ihr Feuer gegen die Wand spucken.

"Welcher idiotische Stümper hat sich eingebildet, diese Riesenkatzen mit 'ner schlichten Mauerlinie zurückzuhalten. Sowas gehört in einen Käfig oder mit 'nem Rückhaltering, daß die Tiere die Linie nicht berühren können", dröhnte seine Stimme dumpf wie aus einem vor den Mund gehaltenen Kochtopf. Millie zauberte sich auch die Kopfblase, die ihr ihre Tante Béatrice beigebracht hatte und eilte in den Bunker. Sie sah, was Julius sah und dachte dasselbe. Laut dröhnte ihre von der Blase gefilterte Stimme: "Der Drache, der einen so großen Haufen scheißen kann, wie Professeur Pivert und wer noch ihn verzapft haben, der muß erst mal schlüpfen. Heute geht noch 'n Brief an Tante Babs raus. Die soll mal nachgraben, wer da so dusselig gewesen ist."

"Deine Tante macht Babyurlaub", feixte Julius. "Wer hat denn solange die Kommandobrücke?"

"Das wird die mir schon sagen", dröhnte Millies dumpfe Antwort. Sie verließen den zerstörten Bunker, um fast auf Madame Maxime zu prallen, die gerade heranstampfte, Wut und Sorgen im Gesicht. Sie sah Pivert am Boden liegen und die beiden jungen Eheleute von bläulichen Kopfblasen verziert aus einem zerstörten Steinbau kommen. Julius neutralisierte schnell die Kopfblase und sagte: "Wir habenProfesseur Pivert nicht ohnmächtig gezaubert. Das war er selbst, auch wenn Sie es mir vielleicht nicht glauben."

"Ihren zauberstab, Madame und Monsieur Latierre, wenn ich bitten darf!" Schnarrte Madame Maxime. Wollte sie die Stäbe hier und jetzt zerbrechen, weil sie die beiden wegen eines Angriffs auf einen Lehrer von der Schule weisen mußte? Doch Julius hoffte darauf, daß sie nur die damit zuletzt gewirkten Zauber nachprüfen wollte. Da kamenauch Bernadette Lavalette, Professeur Fixus und Professeur Faucon, die etwas auf der Nase hatte, das Julius Grund zur Hoffnung gab. Es war Florymont Dusoleils Retrokular.

"Wer hat den Incapsovulus-Zauber gewirkt?" Fragte Professeur Faucon. Bernadette blieb stehen und staunte. Millie löste ihre Kopfblase, bevor sie auch ihren Zauberstab abgeben wollte. Doch Madame Maxime zögerte, ihn anzunehmen.

"Ich habe die beiden Biester da mit dem Zauber eingepackt, Professeur Faucon", sagte Millie. Sie sah dabei Professeur Fixus genau in die Augen. Sie hätte auch Professeur Faucon ansehen können, dachte Julius. Die Saalvorsteherin der Roten nickte und trat dann auf Julius zu:

"Warum sind Sie nicht vor der Gefahr geflohen, Monsieur Latierre? Das war äußerst riskant."

"Weil es dafür schon längst zu spät war, Professeur Fixus. Die beiden Tierwesen hätten sich keine drei Sekunden später befreit und hätten uns zu Fuß oder aus der Luft locker einholen und ganz nebenbei umbringen und fressen können. Mir blieb nur ein Zauber, um die Angriffslust zu unterdrücken. Das hat zum Glück funktioniert. Zum Glück!" Erwiderte Julius.

"Ein Zauber, mit dem Angriffslust unterbunden wird?" Fragte Professeur Fixus. Professeur Faucon nickte ihr zu und hantierte an dem Brillengestell des Retrokulars. Julius bemerkte, wie sie sich umblickte, eine Weile auf die Stelle sah, wo Professeur Pivert vorhin den Kraftübertragungszauber gewirkt hatte. Dann nickte sie und nahm die Brille wieder ab. Sie wandte sich Madame Maxime zu: "Monsieur Latierre spricht die Wahrheit. Er hat also keinen magischen Angriff auf einen Lehrer verübt."

"Das glaubte ich ohnehin nicht, Blanche. Ich wollte nur die Zauberstäbe auf die drei letzten Zauber prüfen, um es auch beweisen zu können. Aber hier liegt ja auch Professeur Piverts Zauberstab. Accio!" Der Zauberstab des ohnmächtigen Lehrers flog Madame Maxime in die freie Hand. sie hielt ihren an diesen Stab und murmelte: "Prior Incantato!" Ein nebelhafter roter Lichtstrahl schlug aus dem anderen Zauberstab und formte zwei geisterhafte Erscheinungen, eine männlich, die andre weiblich. Ausgangspunkt des Strahles war die männliche Gestalt. Der Endpunkt war die weibliche Erscheinung. Sie löschte das heraufbeschworene Echo des letzten Zaubers wieder und steckte den Stab des Mitarbeiters ein. Dann gebot sie allen, ihr ins Schloß zu folgen. Professeur Faucon bat sie darum, daß Julius und Mildrid den ohnmächtigen Professeur Pivert in den Krankenflügel schaffen mochten. Sie erlaubte es. Julius beschwor die Trage, Millie hob Pivert magisch darauf, und gemeinsam eilten sie zum Schloß zurück. Der Unfeuerstein blieb noch wo er war. Julius wußte, das er ihn vor vierundzwanzig Stunden nicht mehr in den Palast zurückholen konnte. Wenn den jemand fand und mitnahm wurde es vielleicht lustig.

Madame Rossignol war sichtlich aufgeregt, aber auch erleichtert, als die beiden Pflegehelfer bei ihr im Büro erschienen.

"Belisama ist nebenan bei Estelle. Sie hat einen Schock erlitten. Sie hat Céline und Bernadette ohne Rücksprache mit mir zu den Klassenräumen gebracht, wo Professeur Fixus und Professeur Faucon unterrichteten. die beiden haben UTZ-Kandidaten, die gerade frei haben zur Aufsicht abkommandiert. Ihr müßt euch also keine Sorgen machen, daß die zweite Klasse der Gelben in Verwandlung einen Tag nachhinkt und die dritte Klasse von Weiß und Violett einen Zaubertrank ohne Aufsicht braut." Dann übernahm sie den ohnmächtigen Pivert und schickte Millie und Julius zunächst zum Umziehen, bevor sie bei Madame Maxime vorsprachen.

Im Büro der Schulleiterin berichteten Mildrid und Julius noch einmal, wie sie die beinahe tödliche Begegnung mit den Feuerlöwen erlebt hatten. Bernadette und Céline, sowie der stellvertretende Saalsprecher der weißen hörten zu. Dann meinte Bernadette:

"Du darfst in den Ferien doch gar nicht zaubern, Mildrid. Wo und wie willst du denn dann diesen komplizierten Zauber gelernt haben?"

"von mir hat sie ihn erlernt, Mademoiselle Lavalette", mischte sich Professeur Faucon ein. Das verdutzte Bernadette derartig, daß sie für's Erste kein Wort mehr herausbekommen konnte.

"Überhaupt erstaunlich, daß er bei nichthumanoiden Lebewesen wirkt", bemerkte Professeur Fixus.

"Ich werde mit dem Tierwesenbüro kontaktfeuern, um genug kompetente Leute herzubestellen, die die beiden Löwen fortbringen und sie am Besten wieder in die Menagerie zurückzubringen."

"Haben Sie die Erlaubnis gegeben, diese Kreaturen hier anschleppen zu lassen, Madame Maxime?" Fragte Bernadette. "Wenn das stimmt, was die beiden gerade hier erzählt haben, haben die Leute, die die Biester angebracht haben die total stümperhaft gesichert."

"Zu Ihrer Frage: Ich erteilte die Erlaubnis, daß Professeur Pivert zwei junge Exemplare der Gattung Leo Pyropheros für den Unterricht der Klassen über der fünften herbeischafft. Von adulten, also ausgewachsenen Exemplaren, war absolut keine Rede. Und um Ihrer aller Fragen vorwegzunehmen: Es waren nach der Größe der magischen Kapseln zu folgern ausgewachsene Exemplare, ein Männchen und ein Weibchen."

"Vielleicht stecken die zwei Jungen ja noch in dem Weibchen", feixte Marco Baudelaire.

"Was soll dieser spöttische Unterton, Monsieur Baudelaire?" Fragte Madame Maxime sehr bedrohlich. Marco schwieg. Immerhin bekam er dafür keine Strafpunkte. Professeur Faucon bot an, das nachzuprüfen. Nicht das nachher behauptet wurde, man habe doch geliefert, was bestellt worden sei. Sie erbat sich von Madame Maxime die Erlaubnis, sich von Julius per Wandschlüpfsystem mitnehmen zu lassen. Da diese das nicht alleine entscheiden konnte mußte Julius noch einmal Schwester Florence anrufen. Diese fragte leicht ungehalten: "Fühlen Sie sich unwohl, Blanche?" Doch dann gab sie das Einverständnis.

"Haben Sie das schon einmal mitgemacht?" Fragte Julius.

"Einmal hat mich eine gewisse Laura Rocher auf diesen Weg mitgenommen, weil ich beim Duellieren einen Muskelversteinerungsfluch ins Bein bekommen habe", sagte die Lehrerin. "Ist aber schon einige Jahrzehnte her." Julius ergriff ihre Hand und wandschlüpfte mit ihr auf die Seite der Außenwand, wo sie zu dem zertrümmerten Steinbunker mit den davor liegenden Kapseln kommen konnten. Als sie die beiden Kapseln erreichten, blieben diese ruhig.

"Also, auch wenn ich immer noch gewisse Vorbehalte gegen die Manieren und Umgangsformen deiner verschwägerten Verwandtschaft hege, kann ich doch nicht behaupten, daß ihre Abkömmlinge faul oder unfähig sind", sagte die Lehrerin anerkennend und deutete auf die beiden Kapseln. "Selbst diese magischen Tiere so tief in Schlaf zu versetzen, daß sie immer noch nicht aufgewacht sind, das verdient Anerkennung. Aber die mag Madame Maxime erteilen, falls sie meiner Meinung ist." Sie bedeutete Julius, bei den Kapseln zu warten. Er hoffte, daß sie wirklich bombenfest waren, um der Urgewalt der Riesenlöwen zu widerstehen. Nach zwei Minuten kehrte Professeur Faucon aus dem zerstörten Bunker zurück.

"marco Baudelaire hatte mit seiner spöttischen Bemerkung tatsächlich recht. Die Löwen ist trächtig, wenngleich ich nicht sagen kann, ob mit einem oder zwei Jungen."

"Das ist, als wenn ich mir bei einem humorvollen Flaschengeist etwas wünsche und das wahr wird, ohne so zu werden, wie ich es eigentlich wollte."

"Es geht schon damit los, daß ein real existierender Flaschengeist nur dem verpflichtet ist, der ihn in dieser Flasche bannte", sagte Professeur Faucon. "Aber ansonsten ist es schon wahr, daß Wünsche so unmißdeutbar wie möglich formuliert werden müssen.

"Dann sind wir hier fertig?" Fragte Julius. Es war ihm doch unheimlich, diese zwei riesigen Kapseln wie Eier des Rochs zu sehen und sich vorzustellen, daß seine Frau Mildrid zwei gefährliche Bestien darin eingekerkert hatte. Das konnte sie ja dann auch mit ihm machen, wenn sie fand, er solle ihr nicht andauernd weglaufen. Irgendwie erregte ihn dieser Gedanke seltsamerweise.

"Wir sind hier fertig. Ich habe die Gesichter der Leute gesehen, die diese Tiere unter Schlafelixier in diesen Bunker verbracht und eine dürftige Mauerlinie gezogen haben. Die saßen alle mal bei mir im Unterricht", knurrte Professeur Faucon. "Hätte nicht übel Lust, jedem von denen einen Heuler zu schicken, wie stümperhaft sie gearbeitet haben. Aber dann müßte ich ja begründen, woher ich das weiß. Aber denen werden wir auch so beikommen."

"Ich werde den Gedanken nicht los, daß das vielleicht Absicht war. Wenn wir ohne diesen Krach wegen der Strafpunkte wegen schwacher körperlicher Form in dieses kleine Häuschen da reingestiefelt wären ..."

"Hätten die Geschöpfe euch wohl im Handumdrehen getötet. Ich verstehe Maurice nicht. Er hätte doch schon am Brüllen der Tiere erkennen müssen, daß es keine Jungtiere sind."

"Das hat er wohl auch, aber er mußte erst einmal klären, wer das Sagen hatte", sagte Julius. "Ich habe ihn mir genau angesehen, bevor ich Ianshiras erstes Geschenk ausgepackt und die beiden da fast blind zurückgetrieben habe. Der stand da und sah nur auf die Mauer, als fühle er sich in einem Alptraum, aus dem er nicht aufwachen könnte."

"Ja, aber er hat sich aus dem Schock gelöst, um Mildrid etwas von seiner Lebenskraft zu geben."

"Weil er erkannt hat, welchen Riesenhaufen Drachenmist ..." Professeur Faucon räusperte sich lautstark. "... welchen Riesenärger er da heraufbeschworen hat. Könnte ihm ja passieren, daß der zur zweiten Doppelstunde schon nicht mehr antreten darf."

"Apropos, die zweite Doppelstunde beginnt in fünfzehn Minuten. Wir kehren zurück in den Palast. Dort wirst du dich dann zur Doppelstunde Zaubertränke einfinden!" Julius nickte. Er deutete noch einmal auf den Unfeuerstein. Professeur Faucon verhüllte diesen mit einem Tarnzauber. Morgen konnte Julius ihn sich zurückholen.

Applaus brandete auf, als Mildrid und Julius nach der abschließenden Besprechung mit Madame Maxime mit ihren Zaubertrankutensilien vor Professeur Fixus' Kerker standen. Caro, Leonie, Laurentine, Céline und Jasmine umarmten und küßten Julius. Apollo, die Ruiter-Zwillinge, Robert, Gaston und Gérard hieben ihm kräftig auf die Schultern. Auch Millie wurde von den Mädchen umarmt, wobei Céline es nur bei einem flüchtigen Wangenkuß beließ. Hercules und Bernadette standen wie unbeteiligte Zuschauer am Rande. Es sah so aus, als müßten beide die Trophäe für die größten Feiglinge annehmen, während Millie und Julius als Helden der ZAG-Klasse gefeiert wurden. Julius fühlte die Spuren verschiedener Lippenstifte auf seinen Wangen und nutzte die erste Gelegenheit, sie sich mit einem Reinigungstuch abzuwaschen. Dann kam Professeur Fixus. Sie sah alle an und umarmte Julius auch zum großen Staunen aller Anwesenden. "Beglückwünschen darf man ja wohl jemanden, der soeben zum Träger des Ordens für besondere Verdienste um Beauxbatons erklärt worden ist. Herzlichen Glückwunsch, Madame und Monsieur Latierre! - So, und nun alle hinein, zum Unterricht!" Befahl sie mit ihrer Windgeheulstimme. Bernadette und Hercules sahen sich betreten an. Orden für besondere Verdienste. Die beiden bekamen einen Orden, weil sie nicht weggelaufen waren. Bernadette fragte sich, ob man also nur für große Dummheit ausgezeichnet wurde. Hercules fragte sich, ob er jetzt überhaupt noch für voll genommen wurde. Aber Gaston und Gérard waren doch auch davongerannt. Doch die steckten das lockerer weg als er.

"Benötigen die Mademoiselle Lavalette und der Monsieur Moulin eine schriftliche Aufforderung?!" Schrillte die Zaubertranklehrerin durch die Tür. "Oder gehen Sie auf Strafpunkte aus. Dem könnte ich sehr leicht abhelfen." Die beiden folgten der Lehrerin, die hinter ihnen die Tür schloß. Der Unterricht konnte beginnen.

Mittags lief die Nachricht von den riesigen Löwen, die Feuer speien konnten durch ganz Beauxbatons. Auch das Mildrid und Julius einen Orden dafür bekommen sollten, daß sie die Tiere unschädlich gemacht hatten, ohne sie zu töten, eilte schneller als der Wind durch den weißen Palast. Einige von den älteren wollten die Bestien ausgepackt sehen. Andere meinten, daß sie das doch nicht wirklich wollten. Pierre und die Mädchen der ersten Klasse wollten wissen, wie das gelaufen war. Julius erzählte es so ruhig wie möglich, wobei er den altaxarroischen Zauber mit keinem Wort erwähnte. Sie hatten halt einen starken beruhigungszauber benutzt. Sowas lernten sie ja in der dritten und vierten Klasse. Damit hatte Julius die Neuzugänge darauf eingeschworen, alles zu lernen, was ging. Wer wußte heute schon, ob das gelernte nicht morgen schon gebraucht wurde.

Nach der Kräuterkundestunde, wo Julius dreißig weitere Bonuspunkte abräumte, winkte ihm Belisama zu. Hercules schien das nicht besonders störend zu finden. Er sah es und ging einfach weiter. Ob es Belisama weh tat konnte Julius ihr nicht ansehen. Sie bedeutete ihm, ihr zu folgen. Vor einem Zugang zum Wandschlüpfsystem ergriff sie seine Hand, um mit ihm gemeinsam an das von ihr bestimmte Ziel zu wechseln. Er fragte sich, was sie jetzt schon wieder vorhatte. Hatte sie mit Hercules was abgesprochen, um ihn dranzukriegen? Sie kamen in der Nähe des Ostparks heraus. Dort wartete Milie und winkte. Also doch eine abgesprochene Aktion, wenn auch mit Millie, erkannte Julius.

"Hat dein Freund Terz gemacht, Belisama?" Fragte Millie die Jahrgangskameradin, die bis heute Morgen noch als ihre Feindin erschienen war.

"Nicht jetzt, aber wenn später, dann ist es auch egal, Mildrid", erwiderte Belisama. "Außerdem habe ich im Moment keine Lust, mich mit dieser Bücherhexe vergleichen zu lassen. Aber dazu vielleicht nachher. Ich wollte Julius jetzt dabei haben, um das, was ich dir sagen wollte, auch gleich ihm zu sagen", holte Belisama aus, während sie durch den Park schlenderten und auf den Pavillon zuhielten, an dem für Julius ein Bündel Erinnerungen klebte. Offenbar hatte Millie Belisama ... Doch das würde sie wohl nicht herumreichen, weil es ja dann nicht nur ihr und ihm gehörte. Er bot sich jetzt einfach an, entschied Julius und setzte sich mit den beiden jungen Hexen in den überdachten Raum.

"Ich habe wohl einiges gesagt, was ziemlich gemein oder dumm war", begann Belisama. Julius hörte nur zu. "Als Madame Rossignol uns die "Frohe Kunde" mitteilte, eure Eltern hätten zugestimmt, euch beide nach einem alten Gesetz schon mit fünfzehn zu verheiraten, da ist mir alles hochgekommen, was ich an dir, Mildrid, auszusetzen habe. Ich konnte das echt nicht verstehen, daß du, Julius, dich mit dieser nur auf körperliche Sachen fixiertem Hexe einlassen konntest." Millie räusperte sich, sagte aber nichts. "Mir ging durch den Kopf, daß du, Mildrid, Julius zur körperlichen Liebe verführt hast und jetzt schwanger wärest wie Constance im fünften Jahr. Etwas anderes konnte ich mir echt nicht vorstellen. Hercules war natürlich sauer auf dich, Mildrid, weil er glaubte, du wärest wie diese Bücherkrähe, die jetzt auch so'n Silberding an der Bluse hat. Und er ist wohl auch sauer auf dich, Julius, weil er sich denkt, daß du das schon hingekriegt hast, was ihm diese überkandidelte Pute noch nicht gegeben hat, und daß die euch das in Beaux jetzt erlauben, wenn die euch ein Zweierzimmer geben. Das habe ich ja auch gedacht, muß ich ja zugeben. Jedenfalls wurde der restliche Sommer ziemlich kühl, weil wir uns nur von euch beiden oder von seiner Ex und ihm hatten. Stell dir mal vor, Julius, Mildrid würde bei jeder Sache sagen: "Ja, aber bei Gérard war das viel netter, interessanter, besser, heftiger, spannender und so weiter. Würdest du da nicht auch denken, du wärst eigentlich nicht am richtigen Platz?"

"Das hat sie nicht gemacht", sagte Julius. Millie meinte dazu:

"Ich kann ja auch keine Orange essen und sagen, das einApfel besser schmeckt. Abgesehen davon hat Gérard sich im guten Ton von mir getrennt und wurde nicht, wie das viele, auch du, Belisama, immer wieder behaupten, weggeworfen, um mir Platz für 'nen neuen zu sichern. Dann hätte ich ja schon die halbe Jahrgangsstufe und die zwei ganzen drüber bei mir durchputzen lassen müssen."

"Jedenfalls meinte ich einmal, daß ich nicht wie seine Ex bin, weil ich mit einem Jungen oder Mann erst intim werden will, wenn der mir abends aus einem Brautkleid hilft, und er bei der ja wohl schon ... na ja, vorbeigeschaut hat." Sie errötete leicht, was Millie amüsierte und Julius kalt ließ. "Da sagte der mir erst, daß er die nicht mehr sehen oder sprechen wolle, weil die ihm versprochen habe, es mal ... öhm, ... auszuprobieren. Dannhätte die aber gemerkt, daß sie doch lieber liest als ... in die Sterne zu gucken. Ich sagte ihm dann, daß ihr Jungs, Julius, wohl meint, ihr wäret dann erwachsen und hättet alles andere hinter euch, wenn ihr einer Frau ganz nahe gewesen seid."

"Bei euch gibt's eine, die hat das wohl auch geglaubt, Belisama", sagte Mildrid kühl.

"Eben, und genau deshalb will ich das gar nicht erst darauf anlegen, mit wem zusammenzukommen, wegen gemeinsamer Unerfahrenheit nichts schönes dabei zu erleben und dann mit einem Baby im Bauch rumlaufen und zur Krönung noch ein Jahr länger zur Schule zu gehen als die anderen, die dann an mir vorbeilaufen und mir zuwinken, weil sie jetzt erst einmal Spaß haben können, während ich schon dran denken muß, wie ich das Kind satt und gut angezogen kriegen kann. Ich verrate dir da bestimmt keine großen Mädchengeheimnisse, Julius, wenn ich dir sage, daß es schon einige im weißen Saal gibt, die Connie um Cythera beneiden. Weil einige wissen echt nicht, für wen oder wozu sie lernen, weil die Eltern ja auch hier waren und die Geschwister und so weiter. Mildrid, du kennst das." Sie nickte. "Julius, du bist in der Hinsicht ja unbeschwert. Was du hier machst machst du für dich und nicht für deine Verwandten. Du hast dich dazu entschlossen, Zauberer zu werden, also das, was du bist auch richtig machen zu können, meine ich. Du hast dich mit Gloria gut verstanden, obwohl du meintest, daß die Zaubererwelt ziemlich rückständig ist, weil wir keine Flugzeuge und kein Fernsehdings oder Telefonsprechgerät haben. "

"Und keine Computer", warf Julius noch ein. Millie zwickte ihm in die Nase.

"Ja, diese Kompjuttersachen haben wir auch nicht. Aber Gloria hat dir ja gezeigt, was wir dafür haben, und du hast gelernt und dich umgesehen. Dann lief dir ein schönes nettes Mädchen mit schwarzen Haaren und braunen Augen über den Weg. Ihr habt Musik gemacht, getanzt, euch geschrieben. Du mußtest ja dann unbedingt in dieses Hogwarts zurück, wo das trimagische Turnier war, wo diese übereitle Fleur Delacour meinte, gewinnen zu können. Ich habe es ihr gegönnt, mal nicht das zu kriegen, was sie haben wollte. Nur fies, warum Harry Potter gewonnen hat. Aber andererseits bist du deshalb zu uns rübergekommen, damit deine Mutter friedlich weiterleben kann. Du wolltest hier nicht bleiben, weiß ich. Laurentine und Claire haben das mir erzählt. Aber irgendwie hat es dir doch was gebracht."

"Ja, einen vier-Tage-Schmink-und-Körperhygienekurs", warf Julius ein. Millie und Belisama lachten. Sie lachten gemeinsam, nicht jede für sich.

"Das hat dir mehr Respekt vor Frauenkörpern beigebracht als jedem Jungen hier, der das nicht erleben durfte oder mußte", sagte Millie. Belisama sagte dazu nur:

"Vielleicht war es gut, daß du nicht mit Mildrid oder mir so halb vertauscht worden bist. Sonst würdest du uns ja doch eher als Schwestern sehen und nicht als Freundinnen." Wieder lachten beide. Dann fuhr Belisama damit fort: "Ich habe mich sehr für Claire gefreut, daß du ihre Zuneigung erwidert und nicht wie ein roher Bengel abgewiesen oder für noch zu früh oder mit der überhaupt nicht erklärt hast. Den Rest erspare ich uns, weil er zu traurig ist. Nur so viel: Claire wollte haben, daß du glücklich wirst und du mit ihren Freunden und Freundinnen weiter gut auskommst. Ich habe dich, Mildrid, da immer als Störung gesehen, als jemand, die nicht begreifen will oder kann, daß Claire ihren Freund sicher hatte. Jetzt wissen wir es alle besser, nicht wahr?" Millie und Julius nickten.

"Tja, und jetzt sind die Ferien um. Die Schule macht uns viel Streß. Wir drei sind immer noch Pflegehelfer, und du bist sogar stellvertretender Saalsprecher, Julius. Ich finde, wenn wir beide schon nicht zusammen gehen können, dann müssen wir uns auch nicht andauernd zusammen streiten, Julius. Wenn Mildrid wirklich diejenige ist, die besser zu dir paßt - und das meine ich jetzt nicht körperlich, Mildrid - dann werdet glücklich und setzt genug plärrende Babys in die Welt!" Sie ergriff Millies linke Hand mit der rechten, Julius' Rechte hand mit der linken, der dann wiederum Millies rechte Hand mit seiner Linken ergriff. Dabei war es ihm, als erwärme sich sein Pflegehelferarmband leicht, und wohlige Impulse gingen durch den Herzanhänger. Sie hielten sich mehr als zehn Minuten. Julius empfand eine innere Verbundenheit, die über erotische Gefühle erhaben war. Es war eine Verbundenheit, die Freundschaft alleine nicht erreichen konnte. Er dachte daran, daß Belisama zu Claires besten Freundinnen in Beauxbatons gehört hatte und Millie von Ammayamiria den Segen erhalten hatte, Claires Platz an seiner Seite einzunehmen. Mochte es sein, daß jetzt gerade Ammayamirias Kraft durch sie drei strömte, weil sie alle an Claire dachten, über die sie verbunden waren, und die in ihnen weiterlebte? Er wußte es nicht. Er genoß diese Art von Vereinigung, die keine Schulregel in Beauxbatons verbot. Warum mußten sie drei bis gestern auf so unterschiedlichen Wegen laufen? Er fragte sich, ob Sandrine und Céline diesen Kreis nicht teilen sollten, natürlich mit Robert und Gérard. Doch in diesem Moment wollte er kein Wort sagen, das dann doch das berühmte Wort zu viel sein mochte. Er war froh, daß Millie und Belisama das Schicksal von Blanche Rocher und Ursuline Latierre erspart bleiben würde, sich zu zerstreiten und erst nach Jahrzehnten die gemeinsamen Zeiten willkommen heißen. Erst als sein Armband zitterte und ohne, daß er den Kontaktstein berührte Madame Rossignols Abbild erschien, erkannte er, daß ihre stille, harmlose Dreierrunde nicht unbemerkt geblieben war.

"Ihr habt also geschafft, was das letzte Mal vor siebzig Jahren passiert ist, den Ring der Einheit", sagte Madame Rossignol. "Ich freue mich für euch, Belisama und Millie, daß ihr den Streit jetzt doch so früh ausräumen konntet. Ich freue mich für dich, Julius, daß du jetzt nicht zwischen zwei verfehdeten Hexen hin und hergerissen wirst. Ihr seid jetzt hier gerade als ungeheuer wirkungsvolles, einzelnes Subjekt. Eure drei Einzelströmungen sind verschwunden. Das ist schön, das mit eigenen Augen sehen und protokollieren zu dürfen. Aber ihr solltet jetzt langsam voneinander ablassen, weil gleich die Freizeitkurse anfangen und ich nicht weiß, wer da bei welchem mitmacht. Wer als letzter Kontakt aufnahm muß als erster loslassen." Julius nickte und ließ Millies rechte Hand los. Dann löste er seine rechte aus Belisamas linker, die dann Millie los ließ. Das Abbild flackerte wild und verschwand. Die Armbänder pulsierten mehrmals. Dann war alles ruhig.

"Wir sehen uns dann morgen wieder alle bei einem hoffentlich kontrolliert ablaufenden Zaubertierunterricht", sagte Belisama und küßte Millies Wange. Diese Küßte Julius' Wange, und der Belisamas und Millies Wangen. Dann gingen sie ihrer Wege.

Julius war noch berauscht von dieser Versöhnung, daß er fast in Yvonne Pivert reingerannt wäre.

"Mag ja sein, daß mein Vater euch heute morgen übel mitgespielt hat, Julius. Aber mich mußt du dafür wirklich nicht flachlegen."

"Flachlegen? Öhm,örmm", erwiderte Julius.

"Damit könntest du dich besser bei meinem Vater rächen, in dem du seine einzige Tochter zur Frau machst. Aber ich fürchte, da hätte die, die schon deine Frau ist, was gegen."

"Die wollte dich als Schwester adoptieren, weil dein Vater sie mit einem Anteil seiner Tagesausdauer gestärkt hat", sagte Julius.

"Gute Idee das.Dann hätte ich eine Mutter, die mir die Tür zur Abteilung für magische Spiele und Sport aufhalten kann. Aber wo du mich fast umgeworfen hast, Julius: Kannst du Pierre beim Anfang mit dem Flugbesen helfen? Seine Klassenkameradinnen sind dem heute was vorgeflogen, und er hat sich nicht so recht getraut, zu fliegen."

"Ich habe heute frei. Das könnte gehen. Wo ist der denn jetzt?"

"Noch auf dem Feld, sich von Professeur Daedalus richtig in Grund und Boden schimpfen lassen, weil er meinte, daß Fliegen nur was für Hexen sei und er lieber das Teleportieren lernen würde, wobei er wohl Apparieren meint."

"Da muß der aber noch sechs Jahre warten, lachte Julius. - Ich bring den auf einen Besen, und zwar ohne so brutal wie Barbara Lumiére damals zu Laurentine war."

"Schön, mach das!" Sagte Yvonne. Dann meinte sie noch:

"Mein Vater wurde übrigens entlastet. Er hat diese Monstren nicht bestellt, sondern junge. Die großen Biester wurden abgeholt. Weißt du, wer die Einfuhrgenehmigung für die Biester erteilt hat?"

"Bestimmt nicht Barbara Latierre, die läßt ja nicht mal Minimuffs ins Land", erwiderte Julius.

"Ach ja, die Kiste. Neh, es war Monsieur Moulin von der Tierwesenbehörde. Die haben ihm vergessen zu sagen, daß die beiden bestellten Feuerlöwenjungen noch in ihrer Mutter stecken und die nicht von ihrem Männchen getrennt werden konnte. Der hat morgen 'ne Anhörung vor der inneren Abteilung."

"Und wenn dein Vater weiterunterrichtet, bleiben die Strafpunkte für die, die zu langsam waren bestehen?"

"Madame Maxime hat sie auf die Hälfte reduziert, weil körperliche Übung nicht unbedingt zu einem Fachlehrer für magische Tierwesen gehört. So konnte sie das nur mit Verschleppung des Unterrichts rechtfertigen. Gefällt der Bücherwühlerin trotzdem nicht. Das brachte ihr noch mal zzwanzig unhalbierte Strafpunkte. Ich sage dir das, damit du damit klarkommst, wenn Hercules heute Abend wohl wieder mies gelaunt ist."

"Danke für die Warnung", sagte Julius. Dann lief er los zum Quidditchstadion.

Es war nicht einfach, Pierre davon zu überzeugen, daß er immer noch ein Junge blieb, wenn er auf einem Besen flog. Um ihm zu zeigen, wie viel Spaß das machte holte er seinen Ganymed 10 und ließ ihn hinten aufsitzen. Das sprach sich rum, und bald hatten sie mehrere Soziusflieger um sich herum, wie die Latierre-Zwillinge, Patricia und ihren Freund, der immer wieder erschrocken aufschrie, wenn seine Freundin gewagte Manöver ausflog. Corinne kam mit ihrer Tante Patrice auf dem Besen herbei und flog mit. Julius wunderte sich, wieso die alle frei hatten. Am Ende wagte sich Pierre auf einen Ganymed 4. Julius lieh sich einen gleichartigen Besen, um mit den Steuerungseigenheiten klarzukommen. Als die Abendessenszeit anbrach, gelobte Pierre, auch auf so einem Flitzer fliegen zu wollen.

Tatsächlich war Hercules noch mieser gelaunt als gestern. Nur er verhielt sich klug und ließ seine Wut nicht bei Tisch ab, wo Professeur Faucon es mitbekommen könnte. Madame Maxime erklärte noch einmal, daß Professeur Pivert nicht Schuld an dem Vorfall vom Morgen sei, sofern es die Bestellung und Lieferung betraf. Eine gewisse Schuld rechnete sie ihm dafür an, daß er die Lieferung nicht geprüft hatte.

Nach dem Abendessen fing Hercules Julius vor dem Schlafsaal der Fünftklässler ab. Er wirkte sehr angriffslustig. Julius nahm sich vor, trotzdem ruhig zu bleiben.

"Hat sich Mademoiselle Tugendfein bei dir ausgeheult, und schmeißt du die Latierre jetzt auf den Müll?"

"Tugendfein? Wer soll das sein?" Fragte Julius ahnungslos tuend.

"Belisama, die blöde Schnäpfe. Erst ist die dir hinterhergerannt, als du hergekommen bist. Dann mußte sie wegen Claire zurückstecken. Dann ist die dir wieder nach, als Claire noch nicht ganz unter der Erde war. Dann hat die Latierre dich irgendwie gekriegt. Durftest wohl schon vor dem Hochzeitstag bei ihr den Garten umgraben, wie? Hast dann gemerkt, daß du auch nur 'n Junge bist wie alle anderen und kein Gehirn auf Beinen, wie? Tja, und weil Belisama meint, ich wolle zu viel von ihr, rennt sie dir jetzt wieder nach, weil sie hofft, du wärest diese rote Verdreherin endlich leid, weil du jetzt alle Knicke und Falten an ihr gesehen hast. Oder ist das nicht so?""

"Erstens, Hercules, bei allem Respekt, den ich als Kamerad für dich habe, geht weder dich, noch wen anderen an, mit welchen Hexen ich in welcher art gut ausgekommen bin, auskomme und auskommen werde. Zweitens hat Belisama nicht gesagt, daß sie dich loswerden will. Wollte sie das, würde sie dir wen anderen anbringen, damit du endlich mal den Druck loswirst, den du offenbar hast. Was drittens heißt, daß ich in den Jahren als wandelndes Gehirn wesentlich ruhiger hier klargekommen bin als du in den zwei Jahren als wandelnder Piephan." Hercules hob die Faust. Julius machte sich auf ein schnelles Ausweichmanöver gefaßt. "Ah, du meinst, du müßtest mich hauen, um zu zeigen, daß du deinem Namensvetter gerecht wirst, der damals ganze Legionen verhauen hat. Aber ich fürchte, da dürfte dich dann heute abend Madame Rossignol ..." ER tanzte den rechten Haken aus, der nicht besonders wuchtig und nicht besonders zielgenau geführt wurde. "Wie gesagt, du würdest dich dann von Madame Rossignol zudecken lassen ..." ER tanzte einen linken Schwinger aus. Hercules fixierte ihn.

"Für die beiden Schläge gegen mich zwanzig Strafpunkte. Oder möchtest du lieber in den Krankenflügel?" Eine Kombination flog auf ihn zu, die er mit gestrafftem Oberkörper wegsteckte und dann blitzschnell die linke Handkante an Hercules' rechten Lungenflügel krachen ließ. dieser keuchte. Julius blieb nach außen ruhig und kühl. Er raunte: "Von deinen Vier Schlägen hat mich nur einer erwischt, und das nicht sonderlich beeindruckend. Mein erster Schlag hat dich keuchen lassen. Was meinst du, wie das ausgeht. Bei der Gelegenheit noch zu Belisama: Sie ist nicht Bernadette. Sie hat mit der nur eins gemeinsam: Sie wollen sich nicht zu früh schwängern lassen und wollen deshalb keine Kleingärtner einlassen." Hercules teilte nun immer wieder aus. Julius steppte, wippte und drehte die Schläge weg. Einmal landete er noch eine Handkante kleiner Stärke an Hercules' Brustkorb und trieb ihn zurück. Diesr versuchte, wieder in den Nahkampf reinzukommen. Julius ließ sein rechtes bein stehen, packte den fast wie ein Berserker austeilenden Klassenkameraden mit zwei schnellen Griffen und sichelte ihm das linke Bein von innen weg, versetzte ihm noch eine passende Drehbewegung und sah zu, wie er hinschlug. Da war Giscard heran.

"Okay, Julius, du mußtest dich wehren, habe ich sehen können. Ich habe euch dieses kindische Getue auch nur durchgehen lassen, weil ich wollte, daß du ihm zeigst, wie wendig und trainiert du bist. Treiberreflexe bringen's bei Faustkampf nicht, Hercules. Fünfzig Strafpunkte wegen tätlichen Angriffs auf einen stellvertretenden Saalsprecher. Um welches Mädchen ging es denn?"

"Er meinte, ich würde seiner derzeitigen Freundin Mut machen, ihn zu verlassen und dafür meine Ehe mit Mildrid zerbröseln. Nix dergleichen habe ich vor. Belisama hat nur eingesehen, daß sie und er sich bei meinem Geburtstag ziemlich dumm verhalten haben. Da er meint, Jungs müßten auch mit anderen Sachen denken als dem Gehirn, hat Belisama da wohl keine Probleme. Weil die hat mehrere anatomische Feinheiten, mit denen sie denken könnte." Hercules schnellte hoch ... und voll in einen ungesagten Schockzauber Giscards hinein.

"Du bist Pflegehelfer, Julius. Du darst hier niemanden verletzen oder sonst wie um seine Gesundheit bringen. Dafür wird Madame Rossignol dir womöglich zehn oder zwanzig Strafpunkte geben. Deshalb solltest du ihr das direkt melden, aber auf deine Notwehrsituation plädieren. Ich biete mich als Zeuge an", sagte Giscard. Julius nickte. Er war es leid, sich für diesen Jungen da, den er früher als guten Kameraden gesehen hatte, wie ein psychologischer Boxball anzubieten oder dann echt eine Tracht Prügel zu erwarten, wenn der junge Herr da auf dem Boden meinte, seine Launen nicht anders abreagieren zu können. So meldete er den Vorfall bei Schwester Florence und brachte Hercules zu ihr. Sie atestierte dem Jungen ein paar blaue Flecken von den Handkantenschlägen und den Stürzen, kurierte dies mit einer Zaubersalbe und sagte:

"Das macht der nicht noch einmal. Der ist sowieso so ein Raufbold. Aber einen meiner Pflegehelfer angreifen?" Sie rief per Armband alle Pflegehelfer in ihr Büro. Als diese da waren weckte sie Hercules auf und fragte ihn, was ihm denn eingefallen sei, einen aus ihrer Truppe anzugreifen. Er stieß gegenüber Belisama und Julius aus, daß er vermute, daß die beiden sich doch noch zusammengetan hätten, warf Millie einen gehässigen Blick zu und meinte:

"Du hast den jetzt wohl lange genug an dir rumprobieren lassen, Mädel. Von wegen treu bis das der Tod uns scheidet. Pah! Der trifft sich doch schon wieder heimlich mit Belisama. Der will jetzt 'ne biedere Jungfrau haben." Die beiden angesprochenen Mädchen grinsten jedoch nur überlegen. Deborah Flaubert aus dem weißen Saal sah ihn sehr genau an und fragte:

"Dann möchtest du keine biedere Jungfrau haben, Hercules? Möchtest du eine haben, die sagt: "Warum nicht, wir tun's jetzt." Das läuft gut ab und macht euch beiden irren Spaß. Das wiederholt ihr, wo es heimlich geht, bis sie dir sagt, daß sie von dir ein Kind erwartet. Was machst du dann?"

"Was wird das für ein Verhör?" Knurrte Hercules. Madame Rossignol sah ihn an und sagte:

"Du hast einen meiner Pflegehelfer, jemanden, der dafür da ist, daß es dir und deinen Freunden körperlich und seelisch gut geht, beleidigt und angegriffen, weil du eifersüchtig auf ihn bist. Oder ist es keine Eifersucht, sondern Frustration? Deborah fragt dich doch ganz klar, ob es dir lieb ist, wie Malthus Lépin der Schule verwiesen zu werden, weil du hier gegen die aus gutem Grund bestehenden Anstandsregeln verstoßen hast?" Fragte Madame Rossignol. Hercules überlegte. Die ihn umsitzenden Pflegehelfer, acht Mädchen und zwei Jungen, darunter seine derzeitige Freundin Belisama, sein Klassenkamerad Julius und dessen irgendwie vorzeitig angetraute Frau Mildrid, machten ihn sichtlich nervös. Er kam sich vor wie vor Gericht.

"Verdammt, ich will doch hier keine wie Connie schwängern", stieß er aus. "Aber es kann doch nicht beim Händchenhalten bleiben, verdammt noch mal!"

"Das stimmt. Umarmungen und Küsse sollten schon möglich sein", sagte Gerlinde, Millies Saalkameradin.

"Worum es jetzt eigentlich geht", sagte Madame Rossignol, "Ist dieser Angriff von eben. Findest du das echt toll, jemanden zu verprügeln, der versucht, Ärger von euch allen fernzuhalten?"

"Der weiß genau, daß ich mit Belisama gehe", sagte Hercules auf Julius deutend. Dieser konterte schlagfertig:

"Und du weißt genau, daß ich eine Partnerin habe. Belisama weiß das auch, und die ist damit auch einverstanden." Hercules blickte Belisama verdutzt an. Doch diese nickte. Sie erzählte dann daß es albern gewesen sei, sich aufzuregen, anstatt das eigene Leben weiterzuführen. Hercules meinte dann nur:

"Dann hast du dich mit den beiden Superhelden versöhnt und verbündet? Tolle Partnerin!"

"Die kann ich immer noch für dich sein, wenn du mal nachdenkst und vor allem aufhörst, mich andauernd mit einer anderen zu vergleichen. Ich bin nicht die und die ist nicht ich. Das einzige, was die mit mir gleich hat ist, daß sie noch nicht ganz so weit gehen will, daß sie Gefahr läuft, wie Connie Dornier ein ganzes Jahr nachholen zu müssen. Willst du ein ganzes Jahr nachholen?"

"Bloß nicht. Außerdem würden meine Verwandten das nicht wollen. denen wäre es ... Drachenmist!" Hercules hatte sich in seiner Nervosität und Verachtung verplappert. Er hatte den Pflegehelfern und damit Millie, Julius und Belisama genau den Ansatz geliefert, ihn fertigzumachen. Und Madame Rossignol brachte es auf den Punkt:

"Dann werde ich Madame Maxime und jedem Saalvorsteher den Vorschlag machen, für jeden von mir registrierten Angriff auf einen meiner Pflegehelfer dreihundert Strafpunkte verhängen zu lassen. Das waren früher nur fünfzig. Aber offenbar reicht das nicht. Unter Angriffen verstehe ich auch Beleidigungen, die das Selbstwertgefühl eines Pflegehelfers schädigen können. Wenn Madame Maxime das genehmigt, erhältst du dann rückwirkend sechshundert Strafpunkte, junger Mann. Das dürfte dein Bonuspunktekonto sehr empfindlich reduzieren. Von deinem Disziplinarquotienten ganz zu schweigen."

"Ey, wegen der paar Leutchen, die nur ein bißchen von Heilzaubern verstehen? Diese hohe Zahl gilt für Lehrer oder Schulheilerinnen wie Sie", schnarrte Hercules.

"Wie gesagt, Monsieur Moulin. Das wird Madame Maxime befinden. Stimmt sie zu, könnte sie auch darüber nachdenken, dich gleich in die Ehrenrunde zu schicken. Das Schuljahr ist ja noch jung."

"Feige Erpressung ist das. Dann könnte mir jeder von Ihren Tanzpüppchen einen Riesenhaufen Drachenmist ans Bein kleben, um mich hier rauszukriegen!"

"Unsere Arbeit hier verlangt, daß wir verantwortungsvoll mit unseren Vorrechten Umgehen, Hercules. Keiner hier, weder Belisama, noch Mildrid, noch Julius oder Sandrine werden dir irgendwas anhängen. Es geht nur um offene Angriffe. Und die gelten dann nicht nur für dich so hoch strafbar, sondern für alle." Patrice Duisenberg blickte Madame Rossignol an.

"Das würde mir im blauen Saal auch eine gewisse Sicherheit mehr geben", sagte sie. Millie und Gerlinde reklamierten dasselbe für den roten Saal.

"Dann bleibt es dabei. Ich schlage es Madame Maxime vor. Besonders nachdem, was in der Zaubererwelt gerade stattfindet ist es wichtig, die Harmonie, den Frieden und die Disziplin in Beauxbatons zu bewahren."

"Klar, jetzt alle gegen mich, weil ich diesem Musterbengel da eins vor die Glocke zimmern wollte."

"Das ist wie bei den drei Musketieren, Hercules. Einer für alle, alle für einen", sagte Julius. Hercules grummelte nur. Dann sagte Madame Rossignol. "In Ordnung! Ich denke, er hat es verstanden. Geht bitte! Ich denke, eure Freizeitsachen fangen gleich an."

"Ja, und mein Putzdienst", knurrte Hercules. "Die schmeißen extra Dreck hin, damit ich den mit dem blauen Gesocks wegscheuern darf. Und was dich angeht, Belisama, wenn dir mehr an der Freundschaft mit der Latierre-Henne liegt, dann brauchst du mich ja nicht mehr zum Trösten. Also such dir wen neues zum bequatschen und zuheulen!"

"Das ist doch mal ein ehrliches Wort", knurrte Belisama. Dann folgte sie ihren Kameradinnen und Kameraden hinaus.

"Diese Strafpredigt war längst fällig", knurrte Carmen Deleste, die jetzt in der vierten Klasse war. "Dem kommen wir anders nicht bei." Julius mußte gestehen, daß dies wohl stimmte. Zumindest waren für Belisama jetzt alle Karten auf dem Tisch. Er hatte sie nicht als Freundin behalten wollen. Millie, Sandrine und Debbie boten sich an, für Belisama da zu sein. Sie nahm das Angebot ganz gelassen an. Offenbar wollte sie nur Gewißheit haben.

Millie, Patrice, Sixtus und Julius nahmen erneut an dem Zauberwesenseminar teil, das Madame Maxime gab. Die würde sich jetzt vielleicht einige Minuten verspäten, wenn Madame Rossignol sie über den neuen Strafpunktekatalog informierte.

Als das Seminar mit einer Sammlung von Themen und allgemeinem Überblick beendet war kehrten die Teilnehmer in ihre Säle zurück.

Hercules war mit dem Putzdienst fertig und war nur noch müde. Julius ließ ihn in den Schlafsaal entschwinden. Giscard übernahm die Aufsicht um elf Uhr, und so konnte auch Julius Latierre nach einem langen, aufregenden Tag zu Bett gehen.

 

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Auch wenn Professeur Pivert nach der Sache mit den Feuerlöwen bei den Lehrern und Schülern schlechter dastand legte er weiterhin Wert auf gute körperliche Fähigkeiten. Bernadette versuchte ihn in eine Diskussion zu treiben, diese Bewertung zu unterlassen. Doch er sagte nur, daß er lediglich die Strenge der Bewertung zurückgenommen habe, aber nicht darauf verzichten würde, weil er es so mit Madame Maxime ausgemacht habe. Bernadette drohte daraufhin mit Teilnahmeverweigerung. Pivert meinte dazu ganz ruhig, daß sie ja gehen könne, aber er dann für die mutwillige Leistungsverweigerung die den Schulregeln folgende Menge Strafpunkte aussprechen müsse. Millie grinste, als weder Pivert noch Bernadette es sehen konnten. Bernadette war an einem Schwachpunkt getroffen worden. Sicher, Pivert war jetzt auf Bewährung Lehrer und konnte beim nächsten kleinen Fehler seinen Hut nehmen. Doch Bernadette würde in diesem Jahr arge Probleme bekommen, in die Reihe der zehn besten Schüler der Akademie aufzurücken.

Der Rest des Mittwochs verlief wie sonst. Der Unterricht wurde nun im gewohnten Trott fortgesetzt. Auch die Alchemie-AG verlief wie sonst. Professeur Fixus machte Julius zum Leiter einer Arbeitsgruppe, in der auch seine Frau, Marie van Bergen und Louis Vignier mitwirkten. Somit war er weit genug weg von Bernadette, die ihre eigene Arbeitsgruppe führte, in der auch Patrice Duisenberg mitmachte.

Abends kam noch die Holzbläsergruppe. Giscard schickte ihn dann zur Bettkontrolle aus. Pierre Marceau hatte sich ein Buch aus der Bibliothek besorgt, um mehr über Quidditch zu erfahren.

"Aber lies nicht zu lange", ermahnte Julius ihn. Er kannte das Buch und wußte, daß es durchaus eine schlaflose Nacht bereiten konnte, wenn man es nicht zur Seite legte. Er prüfte den Wecker, den Pierre bekommen hatte. Er stand auf halb sechs morgens.

"Sogesehen kannst du dann aufstehen, ... ach neh, hier hängt ja kein Zaubererbild." An den Wänden hingen Poster von französischen Fußballspielern, ein großes Bild mit der Steuerbordansicht eines zwischen den Sternen fliegenden Raumschiffes mit der Seriennummer NCC 1701-D auf dem zigarrenförmigen Haupttriebwerk und ein Poster der Spice Girls. "Giscard hat nichts dazu gesagt, daß du ein erfundenes Raumschiff und fünf freche Mädchen bei dir hängen hast?" Fragte er schmunzelnd.

"Er meinte, weil das ja Muggelbilder wären würden die sich nicht bewegen. Ansonsten hätte er wohl was gegen die fünf Girlies einzuwänden."

"Stimmt, wenn die sich bewegen könnten würden die rumlaufen und "Girl Power", Mädels an die macht, rufen oder sich vor unschuldigen Knäblein wie dir nackig machen."

"Echt, würden die das? Heiß! Kannst du sowas machen, daß Bilder lebendig werden?"

"Nur mit magischen Farben und entsprechenden Zaubern", sagte Julius. "Aber ich frage mal rum, ob dir jemand ein harmloses Zaubererbild malen möchte. Dann brauchst du den Wecker nicht mehr. Wir kriegen nämlich jeden Morgen Besuch von mexikanischen Musikern."

"Arrrrriba México!" Rief Pierre begeistert. Julius lachte. Dann verabschiedete er sich.

als er alle bis zur fünften klasse zur Nacht verabschiedet hatte blieb er noch eine Weile im Aufenthaltsraum und sprach mit den UTZ-Schülern. Einer wollte wissen, ob er morgen nicht eine Stunde später aufstehen dürfe, weil er ja die erste Stunde frei habe.

 

"Hmm, ich bin mir da nicht sicher. Aber Professeur Faucon hat mal behauptet, daß wer länger als eine halbe Stunde nach dem offiziellen Wecken noch wie ein Murmeltier schliefe, würde automatisch in eines verwandelt und bliebe das dann auch", erwiderte Julius sehr ernst dreinschauend. Die Mitschüler zuckten zusammen. Einige blickten schadenfroh ihre Kameraden an. Dann meinte Yvonne Pivert:

"Oh, der ist gut, den muß ich mir merken, wenn die jungen Damen die halbe Nacht vertratschen und morgens nicht aus den Betten finden." Alle sahen sie an, und Julius grinste über den ihm gelungenen Scherz. Offenbar kauften die hier sowas ziemlich leicht ab. Erst sahen ihn alle verärgert an. Dann mußten sie aber lachen.

Er wurde dann gefragt, was er für UTZ-Fächer nehmen würde, weil sie es ja alle mitbekommen hatten, daß er wohl alle ZAGs packen würde. Er sagte nur, daß er wohl in die Zauberkunst, Kräuterkunde oder Tierwesenberufe einsteigen würde, das aber jetzt natürlich nicht ganz alleine entscheiden konnte, wo er dafür wohnte. Céline, die auch noch mit im Saal war, meinte dann, daß die in Millemerveilles ihn wohl mit Kußhand aufnehmen würden, und Millie wohl auch nichts dagegen hätte. Das ließ Julius erst einmal so stehen.

 

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Die nächsten zwei Tage verstrichen routiniert. Hercules war nach den gehäuften Strafpunkten bei Madame Rossignol sichtlich ruhiger geworden. Er sprach mit Julius nur noch, wenn es unbedingt nötig war. Der stellvertretende Saalsprecher mußte einmal Gaston und Gérard zurechtweisen, weil sie Hercules jetzt damit aufzogen, daß er wohl nun Angst vor ihm hatte. Er machte klar, daß sie dann genauso Strafpunkte für die Gesamtwertung abkriegen würden und am Ende des Schuljahres Saal Grün noch hinter dem blauen landen würde. Das traf, saß und wirkte. Julius und Giscard wechselten sich beim Wecken und der Bettkontrolle ab. Der Saalsprecher meinte einmal zu ihm, daß die scherzhaft gemeinte Androhung, eine halbe Stunde nach dem offiziellen Wecktermin zum Murmeltier zu werden einige doch beeindruckt habe. In der Zeitung stand nach dem erschütternden Artikel über das britische Zaubereiministerium auch nichts mehr. Julius vermutete, daß Grandchapeau jetzt landesweit nach Unterstützern des dunklen Lords jagen ließ.

Als Julius am Morgen des 31. August aufwachte, wunderte er sich, wo denn die Mexikaner geblieben waren. Hatten die Latierre-Zwillinge sie doch von ihrer Wand genommen? Die Antwort darauf brachte ihm die gemalte Ausgabe einer Hexe mit braunem Haar, die in einem wasserblauen Umhang in das große Gemälde eintrat, das sonst von Aurora Dawns Bild-Ich bewohnt wurde.

"Ich habe diesen Vagabunden aufgetragen, euch erst zu wecken, wenn ich dir was erzählt habe, was dich vielleicht etwas betrüben kann, dir aber als wichtige Nachricht aus der Welt deiner Mutter nicht vorenthalten werden darf. Heute nacht erlag die Kronprinzessin eures Königshauses zusammen mit ihrem Geliebten oder Verlobten den Folgen eines schweren Autounfalls." Julius erschrak. Lady Diana war tot? Sicher, er hatte sich nie sonderlich für die britische Königsfamilie interessiert. Aber die Ex-Frau des britischen Kronprinzen war ja doch was besonderes ... gewesen. Einige Sekunden ließ er Gedanken und Gefühle in sich darum streiten, wie er nun auf diese Nachricht reagieren sollte. War er traurig? War er nur betrübt? Oder nahm er diese Meldung nur als weitere schlechte Nachricht von so vielen zur Kenntnis? Dann fragte er, ob Viviane mehr darüber berichten konnte und erfuhr, daß die einstige Vorzeigeprinzessin der königlichen Familie mit ihrem neuen Gefährten in Paris unterwegs gewesen sei und von Presseleuten auf Motorzweirädern verfolgt worden sei, die wohl Sensationsfotos machen wollten. Dabei sei der Motorwagen in einem Tunnel gegen eine Abstützung geprallt. Der Lenker des Wagens sei wohl sofort tot gewesen. die beiden Fahrgäste auf dem Rücksitz wären noch in ein Krankenhaus gebracht worden, hätten aber den schweren Verletzungen nicht lange standgehalten. Julius dachte an seine Mutter. Kannte die die Gegend, wo das Unglück passiert war? Diese Frage stellte er Viviane. Diese antwortete:

"Sie hat sehr traurig zu mir gesagt, daß sie da schon einmal mit den Grandchapeaus gespeist habe und auch den betreffenden Tunnel kenne. Deshalb betrübt sie das ja sehr, zumal sie ja die Nachrichten aus der Muggelwelt immer verfolgt habe."

"Wieder jemand gestorben, der ein wenig mehr gutes in die Welt bringen wollte", seufzte Julius. Doch mehr konnte er dazu nicht sagen. Paris, vor allem das Paris der Muggel, lag im Moment so weit von ihm fort wie der Mond von der Erde. Er bedankte sich für die Mitteilung und wünschte Viviane Eauvive einen doch noch schönen tag. Millie meldete sich mit Hilfe des Herzanhängers bei ihm. Sie gedankensprachen unabhörbar über die Meldung aus der Muggelwelt. Sie fragte ihn dabei, ob das vielleicht ein Anschlag der Todesser sein mochte, um die Muggel in Angst und Trauer zu stürzen. Julius wiegelte ab. Die Todesser hätten dann ja Agenten in Frankreich bemühen oder selbst herüberkommen müssen. Außerdem hätten sie dann sicher gewartet, bis die Mutter der zwei Enkel Elisabehts II. in England selbst gewesen sei. Dann hätten sie den Tod auch wie einen Mord erscheinen lassen, um zu zeigen, daß prominente Muggel nirgendwo sicher seien. Millie sah dies ein. Julius bemerkte dazu nur, daß die Muggel wohl viele Verschwörungstheorien aufstellen würden, weil sich viele nicht so einfach mit einem schlichten Autounfall als Todesursache abfinden würden. Er beendete diese unhörbare Unterhaltung mit der Feststellung:

"Jedenfalls klebt an diesen Klatschzeitungen, deren Reporter Prominente sogar bis in die Schlafzimmer hinein verfolgen ab jetzt Blut. Das ist wie bei der Atombombe, wo die Naturwissenschaften ihre politische Unschuld eingebüßt haben. Wollen wir hoffen, daß jetzt doch einige Tratschtanten etwas mehr Respekt vor dem Privatleben anderer Leute haben, auch wenn sie hundertmal so berühmt sind. Wir sehen uns dann nachher."

"Komm gut aus dem Bett, Monju", mentiloquierte Millie.

Die Weckrunde lenkte Julius von der traurigen Meldung ab, und auch der restliche Morgen vertrieb die Gedanken an das, was jetzt in der Muggelwelt los sein würde. Mit der Eulenpost kam ein Päckchen für Julius an. Er staunte nicht schlecht, als er auf dem Päckchen einen Zustellaufkleber einer weltweiten Kurierfirma fand. Daneben war mit roter Tinte Markiert "Per Muggelkurier zugestellt von Familie Plinius und Dione Porter". Professeur Faucon kam kurz herüber, als Julius das Päckchen öffnete und zwei Ausgaben des englischen Tagespropheten herausholte.

"Die trauen den Eulen nicht mehr", meinte Julius. Bei den Zeitungen war noch ein kurzer Brief Glorias, in dem sie schrieb, daß ihre Eltern ihm und Professeur Faucon zukünftig wichtige Zeitungsausgaben per Muggelkurierdienst nach Frankreich schicken würden, um eine Eulenkontrolle zu umgehen. Glorias Vater spiele sogar mit dem Gedanken, alle Briefe ins Ausland über ein Muggelpostamt zu faxen, weil das Postamt in Frankreich, an das auch Muggel Briefe für ihre Kinder in Beauxbatons faxen konnten, sehr gut dafür geeignet sei. Dann las er kurz die Zeitung aus der alten Heimat und übersetzte für seine Klassenkameraden, was da stand. Wie er schon befürchtet hatte ging das neue Ministerium jetzt dazu über, die angeborenen magischen Kräfte sogenannter Muggelstämmiger zu überprüfen. Denn es könne ja keine Magie vererbt werden, wo nicht schon Magie im Blut läge, so die These von Voldemorts Marionettenregierung. Daher müßten sich alle, die ohne magische Eltern oder anverwandten Zauberei gebrauchten einer Befragung stellen, wie sie in den Besitz ihrer magischen Kräfte gelangt seien. Robert erwiderte dazu sarkastisch:

"Oh, dann meint der wohl, die Leute des Ministeriums hätten einer Horde von Zauberkraftdieben erlaubt, diese Zauberkraft richtig zu lernen. Klingt ja wunderbar. Dann müßtest du ja von zehn Leuten zugleich alle Magie abgesaugt haben."

"Klar, mit meinen unsichtbaren Vampirzähnen habe ich arglosen Reinblütern die Essenz ihrer Magie aus dem Leib gesogen", knurrte Julius. Gérard sagte erschüttert:

"So wie du uns das jetzt vorliest glauben das bestimmt viele aus England noch, daß Kinder unter elf Jahren ausgewachsenen Hexen und Zauberern einen Teil der Zauberkraft wegnehmen können. Was wird denn das, wenn es fertig ist?"

"Nicht mehr und nicht weniger als die Rechtfertigung dafür, alle Muggelstämmigen vorzuladen und dann mit oder ohne Gerichtsverhandlung verschwinden zu lassen, bis diese Wahnsinnigen ihr Ziel erreichen und nur noch inzüchtige Reinblüter übrig sind. Das wird das, Gérard", entrüstete sich Julius. Sicher hatte er damit gerechnet, daß die neuen Machthaber nicht lange fackeln würden, um die ihrer Meinung nach unreinen Elemente aus der von ihnen gewünschten Welt auszuradieren. Doch es jetzt schwarz auf weiß vor Augen zu habenversetzte ihm schon einen Stich in die Seele. Er dachte wieder an Henry Hardbrick, sowie andere Muggelstämmige. Er dachte an Mr. Riverside, der Anfang August versucht hatte, seine Mutter nach England zu locken. Millie hatte danach gemeint, er sei wohl schon ein toter Mann. Dann kam er darauf, daß die ja auch ihn ins Visier nehmen würden, den angeblichen Zauberkrafträuber, der mit einer riesigen Menge Zauberergold nach Frankreich abgewandert war. War er hier wirklich sicher? Vielmehr, brachte er durch seine Anwesenheit in Frankreich nicht die französische Zaubererwelt in Gefahr? So weit weg lagen die britischen Inseln nicht, als daß keine Invasion erfolgen konnte. Doch im Grunde war die Situation ja nicht anders als seit zwei Jahren, erkannte Julius. Denn damals hatte Catherine schon mit gerechnet, daß er, der Ruster-Simonowsky-Zauberer, von den Handlangern Voldemorts gejagt werden könnte. Nur jetzt hatte dieser Massenmörder den ganzen Verwaltungsapparat des Zaubereiministeriums in seinen bleichen Klauenhänden. Ob er hier weiterhin unbehelligt blieb war nun doch fraglich. Aber was sollte er jetzt dagegen machen? Noch mal auswandern? Wohin? Australien? Die vereinigten Staaten? Das wären wohl die einzigen Orte, wo Voldemorts Marionetten nicht an ihn drankämen. Wieder weglaufen? Nein! Er war jetzt hier und blieb hier. Jetzt verstand er Gloria, die unbedingt und unter allen Umständen wieder nach Hogwarts wollte. Jetzt erst recht hieß die Devise. Es war wie mit den Feuerlöwen. Zum Weglaufen war es zu spät. Diese Erkenntnis rüttelte ihn wieder auf. Er würde nicht mehr weglaufen, solange es eine Hoffnung gab, die Gefahr zu bekämpfen, sie zumindest auf Abstand zu halten.

"Wenn Muggelstämmige in England diese Zeitung hier auch kriegen, dann können die sich doch absetzen. Die brauchen doch nur in der Muggelwelt unterzutauchen", sagte Robert.

"Die alleinstehenden werden das wohl machen", sagte Julius. "Wenn die fix genug sind sitzen die ersten von denen jetzt schon in einem Flugzeug nach Anderswo. Die brauchen nur zu einer Telefonzelle in der Muggelwelt, sich ein Taxi rufen und zum nächsten Flughafen. Ich denke nämlich, das die meisten von denen noch britische Pfund gebunkert haben, wenn sie zu Verwandten oder in den Urlaub von der Zaubererwelt fahren wollen. Pech haben die, die Familien gegründet haben. Wohin mit denen? Kann sogar sein, daß die Mordfresser schon Ehepartner oder Kinder von denen gekidnappt haben, um die an der Leine zu halten. Alles ist drin." Die Jungen erbleichten. Julius hatte es mit einer solchen Gefühllosigkeit erläutert, daß es ihnen allein davon schon Angst und Bange wurde.

"Ihr habt damit gerechnet, daß sowas passiert, Julius", brach Hercules das Schweigen, das eine Minute lang wie eine bleischwere Decke auf ihnen gelastet hatte. "Du hast uns doch die ganze Zeit erzählt, daß Du-weißt-schon-wer an die Macht gekommen ist. Da habt ihr doch bestimt überlegt, was der jetzt machen wird."

"Ja, haben wir, Hercules. Schön, daß du endlich merkst, wie unwichtig mir deshalb so Bemerkungen wie "Verrat am grünen Saal" oder "Verschenkter Quidditchpokal" sein müssen. Außerdem, wenn ihr eh schon Angst habt, könnte dem Bastard einfallen, daß Britannien und Irland ihm irgendwann zu klein sind. Der denkt doch - wenn man bei einem offenbar kranken Hirn davon reden darf - daß er das richtige tut, alle reinblütigen Zauberer und Hexen zu Herrschern der ganzen Welt zu machen. Und die Welt hört ja hinter Irland nicht auf. Der hat einen Fluch über das Land gelegt, daß kein magischer Mensch, der nicht in Großbritannien und Irland geboren wurde, lebend dorthin kann."

"Dann hätte der doch gleich einen Fluch machen können, der alle Muggelstämmigen auf einen Schlag auslöscht", wandte Gérard mit Unbehagen in der Stimme ein.

"Offenbar mußte er sich entscheiden, was ihm gefährlicher werden könnte, ein Gegenschlag der anderen Zaubereiministerien oder Muggelstämmige, die ihm durch die Lappen gehen könnten, wenn seine Endlösung bekannt würde."

"Endlösung?" Fragte Robert. Julius beschrieb ihm dann, daß es in Deutschland einmal eine Gruppe von Leuten gab, die was gegen Juden und andere Minderheiten im Lande hattenund die alle in großen Sammel- und Vernichtungslagern umbringen wollten. Sechs Millionen hätten sie dabei tatsächlich geschafft.

"Tolles Wort, Endlösung. Weil Lösung klingt ja gut. Ein Problem wird gelöst. So konnten die das damals verkaufen", warf Gérard ein. Professeur Faucon kam noch einmal herüber und bekamdie letzten Worte mit.

"Ohrenfällig diskutieren Sie gerade die unerträglichen Meldungen in der Zeitung, die Monsieur Latierre zugestellt bekam. Und wie ich Ihrer Äußerung entnehmen durfte, Monsieur Laplace, hat er Ihnen eine ähnliche Situation im Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 geschildert. Damals dort und heute hier mußten sich Menschen klar entscheiden, ob sie die Tyrannei unterstützen, sie stillschweigend zulassen, ihr entfliehen oder ihr Widerstand entgegensetzen wollten. Bedauerlicherweise haben sich sehr viele aus Angst vor Vergeltung dazu entschlossen, die Barbarei zu erdulden und sich ihr nicht als Opfer anzubieten. Und wie in Deutschland damals und in anderen Ländern der Erde, gab es Menschen, die den Verbrechern mit Mut und Menschlichkeit entgegentraten und lieber bereit waren, für eine freie Welt zu sterben als in einer unterdrückten Welt zu leben. Diese Entscheidung wird jetzt in Großbritannien abverlangt, und auch wir werden uns entscheiden müssen, ob wir uns zu Tätern, Mitläufern, ewigen Flüchtlingen oder Freiheitskämpfern machen wollen. Dies nur zu diesem Zeitpunkt, weil Monsieur Latierre Ihnen natürlich nicht vorenthalten durfte, was seine Freunde in England jetzt zu befürchten haben. Madame Maxime hat übrigens meine Ausgabe erhalten, Monsieur Latierre. Wären Sie so freundlich, mir Ihre Ausgabe noch einmalzur Verfügung zu stellen, um sie den Verantwortlichen in der Liga gegen die dunklen Künste vorzulegen, um den neuen Status quo bekanntzumachen?" Julius gab ihr die Zeitung. Danach sprachen sie nicht weiter über die trüben Aussichten für britische Muggelstämmige.

Der Schultag verlief routiniert wie in den letzten Tagen. Auch die Zauberkunst-AG und das Duelltraining blieben wie vor den Sommerferien.

 

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Weil Julius an diesem Samstag keinen Weckdienst hatte machte er wieder Frühsport. Dabei traf er auch auf Brunhilde Heidenreich, die aus Straßburg stammende Saalsprecherin der Roten. Diese fragte ihn:

"Na, nervös vor der heutigen Konferenz? Ist ja deine erste."

"Als stellvertretender Saalsprecher. Aber als Pflegehelfer habe ich ja schon Erfahrungen mit Konferenzen", sagte Julius. Denn morgen war ja auch die erste Pflegehelferkonferenz des neuen Schuljahres. Da würde es wohl darum gehen, daß sie dieses Jahr keinen Neuzugang bekommen hatten. Nachdem Felicité Deckers mit allen Ehren verabschiedet worden war waren sie eben einer weniger als im letzten Jahr. Dann fiel ihm was ein: "Öhm, wenn die Konferenz jeden Samstag stattfindet, wie regelt sich das dann mit der Strandaufsicht?"

"Die lost Madame Maxime aus. Könnte dir also passieren, daß du heute nicht hingehen, sondern am Strand aufpassen mußt, wenn du den DQ nicht unterschritten hast." Julius sagte ihr, das er den gerade so wieder auf fünf hochgekriegt hatte, nachdem er am Ankunftstag erst so viele Strafpunkte bekommen hatte. Millie hatte fleißig mitgeholfen, daß sie beide jeweils 500 Bonuspunkte erworben hatten, was den DQ auch ohne die Teilverrechnung mit dem Bonuspunktekonto über fünf gehoben hatte. Doch das mußte er Brunhilde nicht im Einzelnen aufzählen.

"Dann sieh zu, daß ihr den hoch genug haltet! Ich bekam ja mit, daß deine Strafpunkte auch Millie angerechnet werden und ihre dir. Gilt ja auch für die Bonuspunkte. Aber das wollte euch eure Saalkönigin wohl nicht aufs Butterbrot schmieren, daß Millie dich rausreißen kann, wenn du in der Woche weniger Bonuspunkte kriegst als nötig ist." Julius nickte und lächelte wissend. Dann fragte er noch, ob sie einen neuen Sucher gefunden hätte. Sie grummelte erst, dann sagte sie:

"Laertis mußte einsehen, daß er im letzten Jahr den Pokal versaut hat. Ich habe es seiner Schwester versprochen, ihn fit zu machen. Aber sechs versiebte Schnatzfänge in sechs Spielen sind mindestens einer zu viel, und schon gar der gegen euch. Den Pokal hätten wir kriegen müssen."

"Ja, dreihundert Punkte unterschied wären das gewesen. Wir wären nicht um hundertfünfzig Punkte nach oben gekommen, und ihr hätte noch mal hundertfünfzig Punkte auf den Sieg mit draufpacken können. Aber diesmal geht das nicht so einfach."

"Wo Leute von euch doch schon tönen, daß ihr uns den Pokal freiwillig überlassen würdet?" Fragte Brunhilde. "Nein danke! Wir möchten den gewinnen und nicht in den Hintern geschoben kriegen."

"Erzähl das den Leuten, die du gemeint hast!" Sagte Julius. "Abgesehen davon spielen wir nur einmal gegen euch."

"So ist es", bestätigte Brunhilde.

"Hey, wolltest du nicht noch ein bißchen trainieren?" Fragte Millie ihren Mann. Dieser sagte ihr, daß er sich gerade mit Brunhilde über die Saalsprecherkonferenz unterhalte. Millie schob daraufhin ab. Brunhilde grinste und fragte, ob das jetzt der Versuch sei, sich gegen sie durchzusetzen. Er erwiderte, daß er eine laufende Unterhaltung nicht einfach so abwürgen wolle. So sprachen sie noch fünf Minuten über die Saalsprecherkonferenz, worum es da für gewöhnlich ging und daß alle Anwesenden Stimmrecht hätten, wenn beispielsweise schulweite Projekte geplant würden. Julius wollte dann noch wissen, ob der zur Strandaufsicht abgestellte Saalsprecher dann auch bei einer Abstimmung mitmachen konnte. Die Antwort war nein. Über die Beschlüsse wurde nur mit den Anwesenden abgestimmt. Nach dieser kurzen Unterhaltung nahm er das Training wieder auf. Millie fragte ihn dann noch, ob er Brunhilde auch über die Quidditchmannschaft ausgehorcht habe. Er fragte keck zurück, ob es da denn was gäbe, was sich auszuforschen lohne. Sie meinte dann, daß sie alle dieses Jahr von den Roten das blaue Wunder erleben würden. Er fragte dann:

"Dann dürfen deine Cousinen Treiberinnen sein?"

"Ja, dürfen sie, sofern sie im letzten Monat vor dem Spiel keine Kraft- und Gewandtheitfördernden Tränke eingenommen oder Zauber auf sich angewendet haben. Das hat Culies Vater nämlich nicht überlegt, daß Callie und Pennie dann auch gut in Form bleiben, wenn sie keine Latierre-Kuhmilch mehr trinken. Der hat wohl gedacht, die wären davon abhängig. Nur so viel dazu." Sie grinste überlegen. Julius nickte. Er wollte erst gar nicht fragen, was mit dem Dawn'schen Doppelachser war.

"Weißt du schon, wer nachher am Strand aufpaßt, Julius?"

"Das wird Madame Maxime wohl noch auslosen. Schön, daß wir beide zumindest den DQ gerettet haben."

"Der nicht hätte gerettet werden müssen, Monju, wenn du dich mit eurem neuen Strafpunktesammler vom Dienst nicht gleich am ersten Abend gezofft hättest", schnarrte Millie. Julius widersprach und führte an, daß die Strafpunkte ja wegen Robert aufgelaufen seien, weil der Hercules mal eben so den Tod angedroht hatte. Millie meinte dazu:

"Ja, stimmt zwar. Aber Bernie hat mich auf der Liste, Monju. Die hat da keine Probleme, mir Strafpunkte anzuhängen, vor allem nachdem wir einen neuen Lehrer haben, der sie jetzt richtig schön rangekriegt hat."

"Ich müßte Gloria mal fragen, wie die nur auf fünfzehn Strafpunkte gekommen ist. Ich glaube nicht, daß sie dafür wem hinten reingekrochen ist."

"Und daß sie wen vorne reinkriechen lassen würde ist ja auch sehr unwahrscheinlich, nachdem wie die sich bei Britt so aufgeführt hat."

"Die würde eher sagen, daß ihr euch aufgeführt habt", gab Julius zurück. Millie lachte.

"Nur mit dem Unterschied, daß Brittany, Mel und ich uns benommen haben, wie Mädchen, die Spaß am Leben haben eben sind, während deine blondgelockte Schulfreundin meinte, mit fünfzehn schon so tun zu müssen wie eine vergrätzte Hexe, die vom Leben schon genug hat und keinen Spaß mehr haben will. Das weiß die, daß ihre Cousinen, Britt und ich das so sehen. Deshalb kannst du das auch wissen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben."

"Die fangen heute wieder an in Hogwarts. Nachdem was in der Zeitung stand, die sie mir zugeschickt hat, wird das wohl ziemlich düster."

"Aha, ich merk's, Julius. Du kannst nicht zugeben, daß ich recht habe und willst mich jetzt mit einem fiesen Thema runterziehen. Gut, das stimmt schon, daß die da drüben jetzt wohl ziemlich gemeine Sachen am laufen haben. Ich denke sogar, die ganzen neuen Muggelstämmigen werden gleich da eingesackt, wo die alle losfahren. Doch im Moment können wir da nichts gegen machen, Julius. Wir müßten denen ja dann irgendwie auf die Finger hauen können. Und das hat dieser Bandit im Moment noch vermasselt. Ich kapiere zwar, daß du deshalb nicht mal eben so Spaß haben möchtest. Doch solange es keine Möglichkeit gibt, denen zu helfen, solange nützt denen das auch nicht, wenn wir alle hier vor Sorgen eingehen. Denen können wir nur helfen, wenn wir selbst weiterleben wollen, Monju. Weiterleben heißt auch, daß wir nicht nur düsteren Gedanken nachhängen. Dann hättest du deine letzten zwei Geburtstage nicht feiern dürfen, geschweige denn Weihnachten oder die Ankunft der ganzen Babys aus dem Club der guten Hoffnung.""

"Weißt du wie sich das anfühlt, wenn du auf einer Party bist und irgendwer reinkommt und dir erzählt, daß jemand, den du gut kanntest und mit dem du gut klarkamst tot ist?"

"Nein, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß Leute wie Claire oder Glorias Oma ganz bestimmt nicht wollten, daß ihr nur traurig seid. Aber das hatten wir schon, und du hast gesagt, daß du mir da zustimmst." Julius nickte. Das hatten sie wirklich schon durchgekaut. Callie eilte heran und fragte, ob sie jetzt nur noch miteinander reden wollten oder noch Lust auf einen Dauerlauf hätten.

"Wir haben sonst keine Möglichkeit, uns über wichtige Sachen zu unterhalten, Callie", meinte Millie dazu. "Julius hat Angst um seine Freunde in Hogwarts, weil die da heute wieder hinfahren und Du-weißt-schon-Wer was gegen Muggelstämmige hat. Ich möchte ihm klarmachen, daß das denen nicht weiterhilft, deshalb auf alles zu verzichten, solange wir noch lebenkönnen. Als seine Frau habe ich das Recht dazu, ihn aufzumuntern und die Pflicht, ihn nicht in einem düsteren Gedankensumpf absaufen zu lassen."

"Ach, Oma Line meint mit ehelichenPflichten aber was anderes. Und das dürft ihr hier ja nicht", feixte Callie. Millie lief wutrot an und sprang vor, um der vorlauten Cousine die Ohren langzuziehen. Doch diese giggelte, sprang los und wetzte davon, Millie hinter sich herlotsend. Julius dachte, daß Millie schon recht hatte, das Leben nicht mit Sorgen zu vertun. Aber das änderte nichts daran, daß er Angst um seine Freunde hatte. Um sich abzulenken rannte er los, um die beiden Verwandten zu verfolgen. Doch natürlich hatten die schon zu viel Vorsprung. So verfiel er in seinen üblichenDauerlauftrab und umrundete zweimal das Stadion, wobei ihn die Latierre-Zwillinge dreimal überholten. Millie gesellte sich dann noch zu ihm und brachte ihn dazu, das Tempo in der letzten Runde noch einmal anzuziehen. Sie grinste, als sie nach dem Lauf schnell atmend ausliefen und dann vor dem Stadion hielten.

"Huh, die nächsten Bonuspunkte bei Professeur Pivert sind uns sicher, Monju", keuchte Millie. Julius stimmte ihr zu. Dann fragte er, warum Bernadette es nicht darauf anlegte und auch trainierte.

"Weil das Zeit kosten würde, sich auf die Leistung hochzukämpfen, die der sehen will. Und sie will lieber in allen Fächern Ohne-Gleichen-ZAGs haben als wegen ein paar Bonuspunkten bei Pivert ihrenLernplan umschmeißen."

"Dann soll die das so nehmen wie es ist", erwiderte Julius. Millie nickte ihm zu.

"Sag ihr das nachher, wenn die nicht ans Meer muß. Ähm, wenn die Stranddienst schiebt teil mir das bitte noch vorher mit, falls ich das nicht so rauskriege!" Julius versprach es ihr.

"Na, schaffen die Latierre-Mädels dich?" Fragte Robert, als Julius noch gut erschöpft seine schweißnassen Sportsachen ablegte und sich gründlich abduschte.

"Oder ich die, Robert. Alles 'ne Frage der mentalen Kondition."

"Achso, dann habt ihr euch vorhin mit irgendwelchen auswendig gelernten Texten beballert, um zu sehen, wer als erstes patzt", lachte Robert.

"Genau, Robert. Wir haben aus unseren Lieblingsschulbüchern zitiert, um zu sehen, bei wem die Texte sicher sitzen."

"Für den Schulchor muß deine Zugesprochene ein gutes Gedächtnis haben, um ihre Texte und Stimmen zu behalten. Das ist bei Musikern ja ein bißchen einfacher, wenn du dir nur die Melodie merken mußt."

"Hast du das von Céline? Die ist doch jetzt auch bei uns reingekommen, nachdem sie von Madame Dusoleil Claires Flötensammlung geerbt hat."

"So in der Richtung, Julius. Das macht dich nicht traurig, daß Céline jetzt bei euch auf einer von Claires Flöten mitspielt?"

"Im Gegenteil. Dadurch ist von Claire wieder was bei uns in der Truppe drin", sagte Julius. "Letztes Ostern war ja fies, wo wir die Eltern begrüßen wollten und ich da wieder mal gemerkt habe, daß jemand ganz wichtiges nicht mehr da ist."

"So kann man auch drüber wegkommen", seufzte Robert.

Die Posteulen brachten Briefe und kleine Päckchen. Julius erhielt einen Brief seiner Schwiegereltern, die ihn aufmunterten, nicht die Freude am Leben zu vergessen, auch wenn er alles Recht habe, sich Sorgen um seine Freunde zu machen. Dann brachte eine von Catherines Eulen noch einen Brief seiner Mutter, der seine Stimmung nicht verbessern konnte.

Hallo Julius!

Das mit Lady Diana hat dir Viviane ja erzählt. Die ganze nichtmagische Welt ist in Trauer. In England schimpfen viele auf die Königin, weil die sich bisher nicht dazu geäußert hat. Aber ich denke, die Dame hat auch ein Anrecht auf private Gefühle. Die rätseln jetzt darüber, wie dieser Autounfall passieren konnte, und ob die Ärzte nicht zu spät am Unfallort waren. Natürlich zeigen jetzt auch viele mit den Fingern auf die Klatschpresse und ihre Paparazzi, weil die Diana und ihren Freund durch die halbe Stadt gehetzt hätten. Soviel zu der Stimmung in der nichtmagischen Welt, die im Moment nicht heller ist als die in der magischen Welt.

Gestern morgen erhielt ich einen Anruf, daß unser Anwalt Dr. Riverside am 30. August tot in seiner Badewanne gefunden wurde. Die Kanzlei hätte seine Unterlagen über den Hausverkauf noch und wollte wissen, ob ich die Unterlagen haben möchte oder einen ihrer anderen Anwälte mit meinen Anliegen betrauen möchte. Ich habe die Unterlagen natürlich zurückerbeten. Die Zaubererweltsachen bewahrte er ja anderswo auf. Damit haben wir irgendwie gerechnet, nicht wahr? Aber jetzt kommt der dicke Hammer, mit dem wir zwar auch gerechnet haben, aber nicht in dieser brutalen Auswirkung. Am Nachmittag landete eine Eule bei uns, die einen Brief aus dem britischen Zaubereiministerium mitbrachte. Darin werde ich Ultimativ aufgefordert, dich am ersten September um elf Uhr zum Bahnhof Kings Cross in London zu bringen, da für alle von Hogwarts aufgenommenen Schüler Schulpflicht bestehe, und die Eltern sich strafbar machten, wenn sie ihre Kinder vom Schulbesuch abhielten. Die denken also, ich hätte dich Hogwarts entzogen, und da wir in England geboren wurden, hättest du dort und nur dort zur Schule zu gehen. Außerdem wollen sie wissen, mit welchem Recht ich eine größere Summe Zauberergold von England nach Frankreich verbracht habe. Sollte ich der Aufforderung nicht nachkommen und dich nicht nach London zum Bahnhof bringen, würden die Bankkobolde von Gringotts angewiesen, dem Ministerium so viel Gold zu überlassen, wie du und ich "unrechtmäßig transferiert" hätte, was die Kobolde dann als legitimen Grund sehen würden, jede bei Ihnen deponierte Barschaft auf der ganzen Welt abzuheben. Außerdem hätte ich damit zu rechnen, daß ich bei der ersten anstehenden Reise auf die britischenInseln von Beamten des Zaubereiministeriums festgenommen und zum Verhör in dasselbe verbracht würde. Das mir dann selbstverständlich die Erziehungsberechtigung für dich entzogen würde brauche ich hier nicht näher auszuführen. Wenn ich dich heute um elf am Bahnhof abliefere, würdest du in Hogwarts alle nötigen Bücher ausgeliehen bekommen, bis ich diese nachträglich bezahle, das sei so mit dem neuen Schulleiter vereinbart worden. Und wer glaubst du, ist das? ... Okay, du hast etwas von meinem Verstand geerbt. Außerdem hatten wir es ja schon von ihm. Also, es ist ... der sogenannte Professor Severus Snape.

Ich habe Catherine gebeten, Hippolyte herzurufen, weil die ja jetzt die magische Fürsorgerin ist. Catherine hat den Brief auf schwarzmagische Beigaben untersucht und zwei Zeitbombenflüche gefunden, die wohl ab heute oder morgen gewirkt hätten. Einer hätte den Träger des Namens auf dem Briefumschlag, also mich, mit einer Art Markierung versehen, damit ich egal wo ich britischen Boden betrete sofort geortet werde. Der zweite hätte mich auf den Befehl dessen, der die zu diesem Fluch benötigte Gegenkomponente besitzt wie eine lebende Statue erstarren lassen. Beide Flüche wären durch den Sanctuafugium-Zauber gelähmt und würden nur in Kraft treten, wenn ich den Brief aus dessen Wirkungsbereich hinausbrächte. Sie hat ihn dann in einem goldenen Feuer verbrennen lassen. Das war nötig, um die eingewirkten Zauber unschädlich verpuffen zu lassen, sagte sie mir. Denn es gäbe Flüche, die würden die Zerstörung ihres Trägermediums übel vergelten. Hippolyte fragte mich, ob ich denn nicht als Französin geführt würde. Da fiel mir ein, daß wir beide hier keine eingetragenen Staatsbürger sind und das ein großer bürokratischer Aufwand sei und du dann ja auch einmal anwesend hättest sein müssen. Ich fürchte, da haben wir beide eine schwere Unterlassungssünde begangen. Ich sagte ihr, daß ich eine ordentliche Aufenthaltserlaubnis für dich und mich besitze, die ich jedes halbe Jahr verlängern ließe, indem ich Kopien deiner Geburtsurkunde und anderer Dokumente und ein aktuelles Foto einreiche. Sie erwähnte dann, daß du durch die Heirat mit Mildrid natürlich eingebürgerterFranzose im Sinne der Zauberergemeinschaft seist, das den Muggeln natürlich nicht bewußt sei. Sie fragte mich dann, ob es "bei uns Muggeln" auch möglich sei, unerwünschte Ausländer des Landes zu verweisen oder auf Antrag den Behörden eines anderen Landes auszuliefern. Damit war mir klar, daß wir tatsächlich ernste Probleme haben, Julius. Wenn dieser imperius-Fluch wirklich so erschreckend wirksam ist, bräuchten die nur jemanden zu Scotland Yard zu schicken und denen einzusuggerieren, ich sei eine flüchtige Verbrecherin, die sich mit dir, dem Erben von Richard Andrews, und einer großen Summe Geldes ins Ausland abgesetzt habe. Der einzige Schutz wäre wohl die französische Staatsbürgerschaft nach Muggelgesetzen. Aber das geht ja nicht so schnell.

Hippolyte und Catherine sagen, daß du in Beauxbatons bleiben sollst und sie dich dort auch nicht wegschicken, wenn sie eine Aufforderung von Hogwarts bekämen. Was die Sache mit dem Geld angeht, so sollte ich heute noch nachzählen, wie viel im Verlies ist, das aufschreiben und griffbereit aber nicht so leicht zu entdecken aufbewahren. Wenn du diesen Brief erhältst werde ich das wohl schon erledigt haben. Bleibt dann also nur noch die mögliche Abschiebung durch nichtmagische Polizisten. Da arbeiten wir jetzt dran.

Bitte sag Gloria bescheid! Sie möchte ihren Vater warnen, weil er mir damals mit dem Geld geholfen hat. Ansonsten hoffe ich, daß du trotz dieser unangenehmen Vorzeichen noch eine relativ friedliche Zeit haben wirst. Da wo du bist bist du sicher.

Alles liebe und schöne

 

deine dich liebende Mutter, Martha Andrews

 

Julius Gesicht verriet nicht, was er fühlte. Er dachte seine Selbstbeherrschungsformel: "Was mich stört verschwinde! Meine Gedanken beherrschen meine Gefühle ..." Er mußte sich zusammennehmen. Er konnte seiner Mutter von hier aus nicht helfen. Außerdem war der Brief gestern Nachmittag losgeschickt worden. Sie hatten ihm eine Ausrüstungsliste für Hogwarts-Schüler zugeschickt? Die hätte er doch dann kriegen müssen, weil die Eulen den Adressaten einer Nachricht doch überall finden konnten und ... Fast hätte er laut losgelacht. Die in England wußten ja nicht, daß er jetzt Julius Latierre hieß. Wenn die eine Eule für Julius Andrews losgeschickt hatten, konnte die arme ja dreimal um die Erde fliegen oder einen anderen Julius Andrews ansteuern, der nichts mit ihm zu tun hatte. Oh, das konnte noch was geben, wenn irgendwo in der Welt einer mit diesem Namen eine Ausrüstungsliste für eine Zaubererschule bekam. Wenn die Eule aber nach Frankreich geschickt wurde, flog die wohl noch irgendwo im Land herum und suchte. Damals, wo er vier Tage mit Belle Grandchapeau zusammengeflucht war, hatte ihn Jane Porters Eule ja nur deshalb gefunden, weil er ja den Namen nicht geändert hatte und sie auch noch auf den Brief geschrieben hatte, daß er gerade Mademoiselle Grandchapeaus Zwillingsschwester war. Dann dachte er daran, daß seine Mutter jetzt tatsächlich im Fadenkreuz von Voldemorts Marionettentheater war. Er faltete den Brief so ruhig es ging zusammen und steckte ihn wieder in den Umschlag. Sollte er jetzt Professeur Faucon darüber informieren oder es erst einmal so laufen lassen wie bisher?

"Worüber denkst du nach?" Fragte Robert ihn besorgt klingend.

"Das heute in Hogwarts das neue Schuljahr anfängt, und ich wohl froh sein muß, da nicht mehr hinzugehen", sagte Julius. Das kam der Wahrheit doch sehr nahe.

"Vor zwei Jahren wärest du gerne wieder da hingefahren", erinnerte Robert ihn und sich.

"Wenn ich da schon gewußt hätte, was ich zwei Wochen später mitbekommen habe, hätte ich da genauso gedacht wie heute. Hogwarts ist nicht mehr friedlich und frei, Robert. die Muggelstämmigen kommen gar nicht erst da an, egal ob Erst- oder siebtklässler. Und die Zauberergeborenen kommen zu einem Mörder hin, der bestimmt noch den einen oder anderen guten Freund mitbringt. Zwei Lehrerstellen waren ja offen, Muggelkunde und Verteidigung gegen dunkle Kräfte."

"Oh, so'n Drachenmist! Du meinst, die haben den als Schulleiter da eingesetzt, der Dumbledore abgemurkst hat?" Wollte Gérard wissen. Julius nickte. "au haua!" stieß Robert aus.

"Und das stand in dem Brief drin?" Fragte Gérard. Julius bejahte es. Ab da ließen sie ihn erst einmal in Ruhe weiterdenken. Er blickte auf seine Uhr. In England war es gerade acht Uhr morgens. Ja, eine Maschine von Paris nach London hätten sie gerade noch erwischen können. Dann würden sie nach anderthalb Stunden landen, nach einer weiteren halben Stunde vom Flughafen wegkommen, mit dem Taxi in die Stadt rein, wohl vom Stau abhängig. Dann käme er immer noch um elf Uhr auf Gleis 9 3/4 an, um den Zug nach Nirgendwo zu erwischen. Denn nach Hogwarts käme er garantiert nicht mehr hin. Er bräuchte sich dann nicht einmal Gedanken um seine Mutter zu machen. Die würde von freundlichen Untermarionetten abgeholt, zum Oberkasperle Thicknesse hingebracht oder von dessen Untermarionetten verhört oder gleich einem der drei unverzeihlichen Flüche unterworfen. Letzthin würde sie so oder so nicht mehr nach Paris zurückkehren. Aber er saß nicht mit seiner Mutter in einem Flugzeug und bangte darum, was ihn in England erwarten würde. Er saß in Beauxbatons. Dann kam ihm wieder ein belustigender Gedanke: Die Leute im britischen Zaubereiministerium wußten ja nicht, daß Martha Andrews wußte, daß das Ministerium gefallen war. In den englischen Zaubererzeitungen stand ja nur drin, das Thicknesse neuer Zaubereiminister war. Gingen die denn davon aus, daß seine Mutter nicht mitbekam, was in der Zaubererwelt los war. Wußten die etwa nicht, bei wem sie wohnte? Das mußten sie wohl wissen. Aber ob sie wußten, daß es schon um die halbe Welt war, wer im Zaubereiministerium wirklich die Fäden in der Hand hielt, daß konnten sie nur ahnen. Dann fiel ihm wieder ein, was seine Mutter geschrieben hatte: "Bitte sag Gloria bescheid. Sie möchte ihren Vater warnen, weil er mir damals mit dem Geld geholfen hat." Das ließ sich wohl schnell regeln, wenn er erst einmal aus dem Speisesaal raus konnte. So frühstückte er noch zu Ende und hoffte dabei, daß seine Mutter bei Catherine und seinen Schwiegereltern gut aufgehoben war.

"Julius, wir gehen nachher zusammen zu Madame Maxime", informierte ihn Giscard. "Wenn ich das richtig mitbekommen habe, ist Corinne heute Morgen als Strandaufsicht ausgelost worden." Julius hatte vor lauter Grübeln nicht mitbekommen, daß Corinne irgendeine Nachricht bekommen hatte, die das verriet. Er fragte Giscard, woran er das gesehen hatte.

"Madame Maxime hat einen Sperlingskauz, der schulinterne Empfänger anfliegt. Der hat ihr einen zusammengerollten Zettel hingelegt. Daran konnte ich das sehen", erklärte Giscard. Julius nickte. So würde die kleine, kugelrunde Saalsprecherin der Blauen nicht zu ihrer ersten Konferenz hingehen, sondern Mitschüler am Strand beaufsichtigen.

Als sie endlich aus dem Speisesaal durften nutzte Julius die Gelegenheit, in die Nähe des Vertrauensschülerbades zu schlüpfen. Giscard hatte ihm verraten, daß das Passwort dafür "Venusmuschel" hieß. Er peilte mit Augen und Ohren in jede Richtung des Korridors. Könnte ja immerhin sein, daß hier jemand ein Morgenbad nehmen wollte. Er dachte daran, daß er einmal im Bad nicht mehr hören könnte, wenn jemand hier langkam. Da dachte er an den Passantes-Zauber, eine art Magische Lichtschranke, die er an einem bestimmten Punkt errichten und mit einem Signalgeber verbinden konnte. Er schritt bis zum einen Ende des Korridors, schwang den Zauberstab kurz von links nach rechts und Murmelte "Anuntio Passantes!" Ein bläuliches Flirren spannte sich wie eine Wand von zwei Metern Höhe dort aus, wo der Zauberstab hindeutete. Er tippte sich dann an das Uhrenarmband und murmelte "Passantes anuntiantur!" Das bläuliche Flirren verschwand. Doch Julius war sich sicher, daß da jetzt eine unsichtbare und durchlässige Barriere aus Zauberkraft stand. Er eilte schnell zum gegenüberliegenden Korridorende und wiederholte den Zauber, wobei er seinen rechten Schuh als Signalgeber bestimmte. Dann lief er schnell zur Tür, die hinter einem Mosaik lag, das einen See zeigte, auf dem mehrere Enten schwammen. Leise quakend paddelten die weiß-braunen Wasservögel herum. Julius stellte sich genau davor und wisperte "Venusmuschel". Die Enten huschten lautlos nach links und rechts davon, und mitten aus dem See stieg eine Wasserfontäne, die sich nach oben reckte, um dann einen glitzernden Bogen zurück zur blauen Wasseroberfläche zu schlagen. in dem Moment, wo der Bogen geschlossen war, erschien eine wasserblaue Tür mit einer korallenroten Klinke. Julius drückte die Klinke und fühlte, wie die Tür nach innen schwang. Er betrat eine Fensterlose Halle, die nur das Licht vom Korridor reflektierte. Kaum war er durch die Tür, fiel diese zu. Unvermittelt meinte er, sechs große Bogenfenster zu sehen, die eine Aussicht auf verschiedene Bereiche des Schulgeländes boten. Er stand auf einem Teppich wie aus echtem Gras. Er schimmerte in einem satten Grün. Er blickte staunend auf das blau-weiß gekachelte Marmorbecken. Es war kreisrund und durchmaß bestimmt zehn Meter. Er schätzte die Tiefste Stelle mit zwei Metern ab. Das war ein Bad für einen König und nicht für einen popeligen Vertrauensschüler, dachte er. Doch er war ja nicht zum baden hier. Er holte den Zweiwegespiegel mit dem Sonnensymbol hervor und rief "gloria Porter!" Hinein. Erst tat sich nichts. Dann, nach dem vierten Mal, erschien Glorias Gesicht im Spiegel.

"Hups, wo bist du denn?" Fragte sie, als sie die Umgebung betrachtete.

"Im Bad für Saalsprecher", sagte Julius, wobei er Englisch sprach. Er hoffte, daß hier keiner Mithörte. Für einen Klangkerker war die Halle ihm im Moment zu groß. "Nur so viel: Snape ist tatsächlich Hogwarts-Schulleiter geworden. Meine Mum bekam die Aufforderung, mich dort hinzuschicken. Außerdem soll sie denen im Marionettentheater des Obergangsters erklären, wie und wieso sie eine größere Goldmenge nach Paris transferiert hat. Sag deinem Vater, er soll sich unauffindbar machen! Die denken schon, daß sie die Kobolde im Griff haben und sich das Gold von uns zurückholen können. Dann werden die auch wissen wollen, wie eine Muggelfrau so viel Zauberergold zusammenkriegen konnte. Mums Rechtsanwalt ist tot. Angeblich in der Badewanne ertrunken oder beim Föhnen ausgerutscht. Könnte sein, daß die seine ganzen Unterlagen über uns haben. Korrektur: Die haben die ganzen Unterlagen von ihm."

"Aha, das mit Snape war also schon länger klar. Gut, mußten wir ja mit rechnen. Wir haben es heute morgen im Propheten gelesen. Meine Eltern haben den Fidelius-Zauber gemacht, damit keiner weiß, wo sie wohnen. Außerdem haben wir einige superstarke Schutzzauber aufgerufen. Dad hat natürlich damit gerechnet, daß sie ihm nachstellen können. Keine Sorge, die Kobolde wissen das doch nicht, wer den ganzen Vorgang mit eurem Geld durchgezogen hat. Die hätten den doch sonst schon gegrillt, weil er ihnen so viel Gold aus den Ärmeln geschüttelt hat. Aber was passiert, wenn deine Mutter dich nicht zum Bahnhof bringt?" Fragte Gloria. "Wie wollen die denn an euch drankommen?"

"Erst einmal wollen sie uns den Geldhan komplett zudrehen. Dann haben sie in dem Brief, den sie meiner Mutter zugeschickt haben, zwei Flüche verpackt, mit denen sie sie bei Zuwiderhandlung der Anweisung sofort orten und festsetzen können, wenn sie nach Großbritannien kommt. Die gingen nur nicht los, weil sie den Brief ja in unserem Wohnhaus bekommen hat." Gloria nickte. "Jetzt warten wir ab, was passiert", beendete Julius seine Mitteilung. Er sagte noch: "Gloria, am besten bleibst du zu Hause. Die haben dich da auf der Liste, wenn Snape Schulleiter ist. Wenn die wirklich meinen, mich kassieren zu wollen, kassieren die dich, um an mich dranzukommen."

"Du meinst die Carrows? Das sehe ich nicht so, Julius. Die sind zwar brutal, hat Dad gesagt. Aber dafür sind die dümmer als ein Gorilla."

"Gorillas können einen zu Muß stampfen, Gloria. Öhm, wer sind die denn?"

"Ach, das stand nicht in dem Brief? Verstehe. Amycus und Alecto Carrow, auch die Carrow-Combo, sind Geschwister. Beide waren in Slytherin. - wo auch sonst? - Beide sind reinblütig. - was sonst?- und beide wurden damals nicht angeklagt, weil sie für die zur Last gelegten Taten Alibis hatten. Er soll Verteidigung gegen dunkle Künste geben. Sie soll Muggelkunde unterrichten."

"Also wird der eine euch zeigen, daß schwarze Magie ein legitimes Mittel zur Machtausübung ist. Und die andere wird euch ins Hirn stampfen, daß Muggel wilde Tiere sind, die endlich eingesperrt, versklavt oder erlegt gehören", seufzte Julius. Gloria nickte wieder. In dem Moment ging der mit dem Uhrenarmband gekoppelte Meldezauber los. So sagte er schnell: "Denk noch mal drüber nach mit Hogwarts! Da kommt wer". Dann verstaute er den Spiegel im Brustbeutel. Er wandte sich um. In diesem Augenblick quakten die Enten auf der anderen Seite: "Besetzt!"

"Drachenmist!" Fluchte eine Mädchenstimme. Das war Bernadette Lavalette. Julius blieb ruhig. Dann vibrierte seine Armbanduhr wieder. Sie hatte die unsichtbare Schranke wieder durchquert. Er atmete auf. Immerhin hatte er jetzt auch gehört, was passierte, wenn jemand im Bad war. So wurde die Privatsphäre gewahrt. Doch weil Bernadette ein ziemlich schlaues Mädchen war, hieß das jetzt, daß er ohne eine Aura aus Badeduft nicht zur Konferenz gehen durfte, weil sie dann bestimmt fragte, wer das Bad benutzt hatte. So nutzte er die Gelegenheit und testete das Bad und die verschiedenen Badezusatzspender. Einmal tauchte er tief in das warme Wasser und gab sich eine Minute lang dem Klopfen seines Herzens hin. Als er wieder aus dem Becken stieg, hatte er noch eine halbe Stunde bis zur Konferenz. Er nahm eines der flauschigen Badetücher, die fast so groß wie ein Bettlaken waren und rubbelte sich damit trocken. Als er das Tuch auf eine Ablage links neben den paar Dutzend Tüchern ablegte, klappte diese nach hinten in die Wand und schwang ohne das Badetuch wider zurück. Im gleichen Moment fiel ein frisches Tuch aus einer Klappe und legte sich sauber gefaltet auf den Stapel. Jetzt konnte Julius unter die Saalsprecher treten. Er verließ das Bad und ging zum Korridorende. Dabei vibrierte seine Armbanduhr. Er zückte den Zauberstab und tippte sie an: "Finis Anuntio!" Er sah einen Funkenwirbel vor sich tanzen, der nach einer Sekunde mit einem leisen Knacklaut verpuffte. Er lief zurück zum anderen Meldezauber und hob auch diesen auf. Dann wandschlüpfte er in den grünen Saal, wo er sich Schreibzeug holte. Die Konferenzen bei Madame Rossignol liefen nicht ohne Protokoll ab, und wer wußte schon, ob er nicht als Protokollführer drankam? Und Mitschreiben lohnte sich auch immer. Céline schnupperte, weil er eine unsichtbare Schleppe aus Badeölduft hinter sich herzog. Doch sie sagte nichts.

Kurz vor zehn verließen Yvonne mit Céline und Giscard mit Julius den grünen Saal. sie liefen auf üblichem Weg zu einem Bild im achten Stock, auf dem ein sich streitendes Königspaar abgebildet war. Julius konnte gerade noch sehen, wie Deborah Flaubert von der Königin an der Hand in das Bild hineingezogen wurde, wo es aussah, als flöge sie ohne Flügel oder Besen davon. Der König fing gerade davon an, seine Gattin zu tadeln, weil sie so unzüchtig hinter dem Saalsprecher der Roten hergeglotzt haben solle. Sie konterte damit, daß er ja die Saalsprecherinnen fast an ihren Brüsten gepackt hätte. Giscard pflanzte sich deshalb keck vor der Königin auf und langte nach ihrer Oberweite. Sie zuckte entrüstet zurück und errötete.

"Na, wird er die Rundungen meiner Gemahlin lassen und sich betragen wie es ihm geziemet! Was will er!"

"Wir begehren Einlaß. Radices Mundi", sagte Giscard.

"Nun, so sei es", schnarrte der König. Seine Gemahlin blickte Giscard abschätzig an. Er ergriff die Hand des Königs und verschwand im Bild. Julius wollte die Hand der Königin nehmen. Doch diese zischte ihm zu, daß sie sich heute nicht mehr unsittlich berühren lassen wolle. So ergriff er die Hand des Königs und fühlte, wie diese fest und dreidimensional wurde, ihn packte und mit Schwung in das Bild zog. Er glitt durch einen schwerelosen Raum aus vielen leuchtenden Farben, genau auf einen hellen Lichtpunkt zu. Dann überflog er eine üppige Wiese und plumpste aus fast anderthalb Metern Höhe in einen sechseckigen Raum mit einem Schrank, einem Kamin, verschiedenen Instrumenten und einer Standuhr. Über ihm wachten an jeder der sechs Wände die sechs Statuen der Gründer von Beauxbatons. Er lief sofort zur noch geöffneten Tür in einen hufeisenförmigen Korridor. Diesem folgte er bis zur Tür, hinter der Madame Maximes geräumiges Sprechzimmer lag und klopfte an. Er wartete artig, bis er hereingebeten wurde und betrat den Salon mit dem großen Tisch und den großen, gepolsterten Stühlen. Dutzende von Zauberergemälden hingen an den Wänden. Sie zeigten ehemalige Schulleiter von Beauxbatons, die gerade aufmerksam aus ihren Rahmen herabblickten. An der Decke hing ein Kronleuchter mit vierundzwanzig Armen. Am Tisch saßen schon die Saalsprecher des violetten, weißen und gelben Saales. Julius erfaßte sofort, daß hier nach Geschlechtern geordnet wurde. Rechts von Madame Maximes thronartigem Riesenstuhl vor Kopf reihten sich die Saalsprecher und ihre Stellvertreter, links von ihr die Saalsprecherinnen. Giscard begrüßte Madame Maxime mit einer leichten Verbeugung und ging dann auf die Herrenseite hinüber. Julius begrüßte die Schulleiterin ebenfalls und gesellte sich dann zu Giscard. Es dauerte noch einige Minuten, bis die Saalsprecher der Roten erschinen und die der Blauen ohne Corinne. Dann traf noch Professeur Faucon als Stellvertretende Schulleiterin ein. Sie warteten schweigend, bis die große Standuhr zehn Uhr schlug. alle hier versammelten Schüler von Beauxbatons erhoben sich. Madame Maxime begrüßte noch einmal alle Anwesenden. Sie grüßten im Chor zurück wie im Unterricht üblich. Dann erhielten sie die Erlaubnis, sich hinzusetzen.

"Bitte nehmen Sie die auf dem Tisch ausliegenden Tagesordnungen zur Hand!" Wies die Schulleiterin die Konferenzteilnehmer an. Julius las auf seinem Ablaufplan, daß sie über den Beginn des Schuljahres, die Eingewöhnung der Kinder aus Muggelfamilien, die Angelegenheit mit den Feuerlöwen, Piverts Sportlichkeitsbenotungen, die neue Strafpunktezumessungsverordnung bei Übergriffen auf Pflegehelfer, in dem Zusammenhang auch über Hercules Moulin und einige andere Strafpunktesammler, sowie die Sondersituation von Julius und Mildrid Latierre sprechen würden. Julius riß sich zusammen, nicht verlegen oder verdrossen dreinzuschauen. Es war doch nur logisch, daß das einzige Schülerehepaar in Beauxbatons zur allgemeinen Diskussion stand und damit auch ein Fall für die Konferenz der Saalsprecher war. Womöglich würden sie morgen bei den Pflegehelfern auch noch einmal über Millie und ihn reden. Nur da würde Millie dabei sein und keine Bernadette Lavalette.

"Kommen wir zunächst zur Frage des Protokollführers. Wie üblich beginnt der oder die mit dem ersten Nachnamen in alphabetischer Reihenfolge", sagte die Halbriesin. Julius grinste innerlich. Diesmal war er nicht der erste. "Brigantier, François", der Leiter des gelben Saales, hatte die Ehre, so bestimmte es Madame Maxime. Der Auserwählte nahm Schreibzeug und Pergament und notierte schnell etwas. Dann begann die eigentliche Konferenz. Madame Maxime berichtete, daß ihr die Saalvorsteher berichtet hätten, daß sich die Erstklässler aus nichtmagischen Familien bis auf drei Ausnahmen aus dem blauen, rotenund gelben Saal sehr gut eingelebt und keine Schwierigkeiten bereitet hätten. Nadine Albert aus dem gelben Saal habe durch fortbestehendes Heimweh Probleme mit der Umstellung und im Zuge dessen schon einhundert Strafpunkte erhalten. Die Sprecherin der Mädchen aus dem gelben Saal, Arnica Dulac, warf ein, daß diese Punktezuteilung die Erstklässlerin noch mehr verunsichert und von einer erfolgreichen Eingewöhnung abgehalten hätten. Professeur Faucon sagte dann, daß es ja deshalb wohl nur einhundert Strafpunkte seien, weil dieses Problem durchaus wahrgenommen würde. Aber sie müsse eben damit zu leben lernen, daß es hier kein Telefon, keinen Fernseher und kein Musikabspielgerät gebe. Immerhin habe sie sich im Schulchor gut eingeführt. Arnica wandte ein, daß der frühere Freundeskreis auch nicht zu unterschätzen sei. Aber "Mademoiselle Dumas" habe bereits gute Fortschritte erzielt, um Nadine mit ihren Klassenkameradinnen zusammenzuführen. Dabei wies sie auf Sandrine, die das Wort erhielt und bestätigte, daß sie wohl gut mit Nadine reden könne und durch den Muggelkundeunterricht auch genug wisse, um das eine oder andere zu vergleichen. Dann ging es um zwei regelrechte Raufbolde, die die neue Umgebung wohl noch nicht ganz akzeptiert hätten. Als sie damit durch waren ging es um den neuen Lehrer. Der Vorfall mit den Feuerlöwen wurde noch einmal zusammengefaßt. Madame Maxime begründete das Festhalten an Professeur Pivert damit, daß sie erkannt habe, daß sie sich eher auf ihre Pflichten als Schulleiterin konzentrieren müsse und weil Pivert trotz dieses Patzers ein kompetenter Experte für Zaubertiere sei. Bernadette hob die Hand und wollte sprechen. Die Schulleiterin gestattete es ihr:

"Bei allem Respekt für Ihre Prioritäten, Madame. Aber es stimmt mich zumindest sehr merkwürdig, daß Sie Professeur Armadillus wegen einer reinen Nachlässigkeit mit Knieseln gekündigt haben und Professeur Pivert, der als Lehrer überhaupt keine Erfahrung vorweisen kann, darf sich einen derartig gefährlichen Fehler erlauben, wie ausgewachsene Feuerlöwen ohne die nötigen Sicherheitsvorkehrungen auf dem Schulgelände unterzubringen. Er hätte bei deren Ankunft schon dabei sein und die Lieferung beanstanden müssen, da er zwei Jungtiere für den Unterricht angefordert hat und keine trächtige Löwin mit ihrem wilden Beschützer. Und wenn er schon nicht bei Lieferung vor Ort sein konnte, hätte er vor Unterrichtsbeginn die Gegebenheiten prüfen und die Gefahr erkennen müssen. Hat er aber nicht. Dann hat er die ZAG-Klasse zu diesen Tieren hingeführt - wobei die Art und Weise beim nächsten Tagesordnungspunkt erwähnt wird -, konnte das Brüllen hören und die Glut auf der Wand sehen. Allerspätestens da hätte er als Experte erkennen müssen, daß er seine Schüler in allergrößte Gefahr brächte, wenn er diese in den Steinbau führte. Er hätte den sofortigen Rückzug anordnen und einen wirksamen Rückhaltebannkreis ziehen müssen. Stattdessen wollte er seine neue Autorität um keinen Preis der Welt reduzieren. Es ist ein schierer Glücksfall, daß diese Kreaturen nicht das ganze Schulgelände in Schutt und Asche gelegt und sämtliche Schüler getötet und gefressen haben. Daher beantrage ich erneut die Ausschreibung der Arbeitsstelle des Lehrers für angewandte Magizoologie." Nicht wenige der Saaalsprecher stimmten ihr durch Nicken zu. Auch Julius mußte einsehen, daß das Ding mit den Feuerlöwen mehr als die Sache mit Goldschweif und ihren Kindern war. Er verstand auch nicht, wie Madame Maxime den einen Lehrer feuern und den anderen unterstützen konnte. Falls sie einen logischen Grund außer ihrer sonstigen Verpflichtungen besaß, so kannte er ihn nicht. Das erkannte wohl auch die stellvertretende Schulleiterin und sprach die Frage aller anderen aus:

"Ich denke, die Damen und Herren hier wünschen eine logische Begründung, um das Verhältnis des einen zum anderen Fehlverhalten eines Lehrers zu begreifen, Madame Maxime. Welchen Grund führen Sie an, den Kollegen Pivert zu behalten?"

"Auch wenn ich weder Ihnen noch den hier versammelten Saalsprechern eine Rechtfertigung schuldig bin, werte Kollegin, so sollen Sie und Sie anderen diese erhalten. Außer meiner spärlichen Zeit, die ich in diesem Schuljahr nicht mit Unterricht ausfüllen kann, gibt es auch im ganzen Land keinen ausgewiesenen Kenner magischer Tierwesen, der nicht andernorts beschäftigt ist. Professeur Pivert zu entlassen hieße also, das Fach einstweilen vom Lehrplan zu nehmen. Das wiederum würden die Schulräte als Vernachlässigung des Unterrichtsangebotes betrachten. Beauxbatons erteilt seit seiner Gründung Unterricht im Umgang mit magischen Tierwesen. Dieses Angebot mangels Lehrkraft aufzukündigen würde für uns alle einen herben Ansehensverlust bedeuten. Daher habe ich Professeur Pivert trotz der Schwere seines Fehlverhaltens als Lehrer behalten müssen. Allerdings hat er sich einverstanden erklärt, nur die Hälfte des jedem Fachlehrer ausgezahlten Gehalts zu akzeptieren. Ich habe auch im Ministerium angefragt, ob einer der dort beschäftigten in der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe einstweilen diesen Unterricht erteilen würde. Doch dort fand sich niemand, der Willens oder fhähig war, einzuspringen. Durch die Mutterschaft der Abteilungsleiterin Madame Latierre mußte das personal umgruppiert werden. Insofern müssen wir den Lehrer behalten, den wir haben."

"Dann hätten Sie Professeur Armadillus nicht entlassen dürfen", begehrte Brunhilde Heidenreich auf. Bernadette und die Saalsprecher der Blauen nickten zustimmend. Madame Maxime straffte sich. Julius fühlte die plötzlich aufgekommene Spannung. Man hatte gewagt, eine frühere Entscheidung der Schulleiterin zu kritisieren. Das konnte eigentlich nicht gut gehen. Alle rechneten mit einem trommelfellgefährdenden Tadel. Doch die Halbriesin antwortete so leise, daß sie alle die Ohren spitzen mußten. Doch das wirkte wohl noch stärker als lautes Gebrüll.

"Sie wagen es, meine Personalentscheidungen zu bestreiten, Mademoiselle Heidenreich? Sie vermessen sich, mir Empfehlungen auszusprechen? Glauben Sie allen Ernstes, daß ich derlei nötig hätte? Nein, nein und nochmals nein, die Anwesenden Damen und Herren. Ich hielt die Entlassung von Monsieur Armadillus damals für zwingend geboten. Genauso halte ich die Beharrung auf Professeur Pivert für zwingend geboten. Es sei denn, irgendwer setzt voraus, ich würde meinen Dienst als Schulleiterin vernachlässigen, um das Unterrichtsangebot aufrechtzuerhalten. Für Ihre Vermessenheit erhalten Sie fünfzig Strafpunkte, Mademoiselle Heidenreich. Und alle, die Ihnen Zustimmung bekundet haben jeweils zehn. Wären Sie erst dieses Jahr mit der Saalsprecherwürde betraut worden, hätte ich es bei zwanzig belassen können. Aber von jemandem, die schon das zweite Jahr diese verantwortungsvolle Aufgabe versieht, erwarte ich mehr Beherrschtheit und Einsicht. Und für Sie alle hier gilt: Personalentscheidungen rechtfertige ich ausschließlich gegenüber den Schulräten und/oder der Abteilung für magische Ausbildung und Studien. Ende der Diskussion!" Bernadette funkelte die Schulleiterin zornig an. Professeur Faucon starrte sehr entschieden zurück. "Somit ist klar, daß Professeur Pivert weiterhin den Unterricht erteilt, falls er sich keinen neuerlichen Fehler erlaubt. Dann und erst dann müßte ich seine Entlassung verfügen. Nächster Tagesordnungspunkt: Auffällig undisziplinierte Schüler."

"Entschuldigung, Madame Maxime", wandte Bernadette ein und klopfte mit dem rechten Zeigefinger auf ihre Tagesordnung. "Laut der von Ihnen ausgegebenen Tagesordnung wünschen Sie zuvor eine kurze Besprechung über Professeur Piverts außerfachlicher Bewertungsweise der Körperlichen Verfassung der an seinen Stunden teilnehmenden Schüler. Alle bei ihm lernenden Schüler klagen über ungerechte Sonderbewertung auf Grund geäußerter Sportlichkeit oder Körperkraftdefizite. Soweit ich weiß wurde Professeur Daedalus nicht als Leiter aller aakademieweiten Spiele und Sportarten zurückgestellt."

"Nun, es steht auf der Tagesordnung", sagte Madame Maxime. "Sie kritisieren die Zumessung von Bonus- und Strafpunkten ohne fachliche Signifikanz?" Fragte Madame Maxime. Bernadette nickte. Die anderen, die ihr vorher zugestimmt hatten, hielten sich jetzt schön zurück. Julius fiel auf, wie gelassen Yvonne diese Debatte verfolgte. Immerhin ging es um ihren Vater.

"Sie würden diese Debatte nicht fordern, Mademoiselle Lavalette, wenn Sie nicht zu jenen Schülern gehörten, die sehr viele Strafpunkte von ihm erhalten haben", stellte Madame Maxime fest. "Ich habe mich natürlich mit Professeur Pivert darüber unterhalten, ob eine derartige Zusatzbewertung seiner fachlichen Autorität zu- oder abträglich ist. Er wies zurecht darauf hin, daß die Schulordnung den Lehrern erlaubt, Notenpunkte wegen schwerwiegender Schreibfehler abzuziehen. Da seine Arbeit häufig körperlichen Einsatz verlange, sei es daher nur gerecht, die körperliche Verfassung der an seinem Unterricht teilnehmenden Schüler zu bewerten", sagte die Schulleiterin. Darauf bekam sie vom Saalsprecher der Weißen die Antwort, daß weder Armadillus, noch sie selbst auf besondere Fitness wertgelegt habe, was Madame Maxime die unerwartete Bemerkung entlockte, daß wer ihr folgen könne und zeitnah mit ihr bei den zu behandelnden Geschöpfen eintraf seinen Körper gut in Form hielte und sie das daher nicht sonderlich hervorheben mußte. Bernadette warf Julius anblickend ein, daß dieser und Mildrid sich durch Benutzung magischer Hilfsmittel über gebühr gestärkt hätten und daß dies entweder unfair gegenüber den anderen oder gesundheitlich bedenklich sei. Julius blieb ruhig. Als Madame Maxime ihn jedoch anblickte und ihm auffordernd zunickte, straffte er sich und sagte so lässig er konnte:

"Madame Maxime, Professeur Faucon, liebe Mitschülerinnen und Mitschüler! Ich verwende einen Schwermacherkristall und treibe jeden freien Morgen Frühsport. Das sind keine unzulässigen Methoden. Viele, gerade aus dem roten Saal, machen das genauso wie ich. Was Mildrid Latierre angeht, so legen ihre Eltern wert auf eine gute körperliche Form, und sie selbst tut das auch. Ob das unfair ist, kann ich nicht sagen. Ungesund ist es jedenfalls nicht. Sonst hätte Madame Rossignol sie und mich sicherlich schon zur Mäßigung angehalten. Schließlich möchte sie keine total erschöpften oder kaputt trainierten Pflegehelfer haben." Alle grinsten, von Bernadette abgesehen, die das offenbar nicht genau bedacht hatte. Dann schwang Julius noch eine rhetorische Keule. "Immerhin ist die Quidditchmannschaft des roten Saales sehr an der Eingliederung der beiden Schwestern Calypso und Penthisilea Latierre interessiert, die mit Hilfe von Latierre-Kuhmilch stärker und ausdauernder wurden als Leute, die nicht an diesen Wunderstoff herankommen konnten. Wenn Sie, Mademoiselle Lavalette, also sagen, überragend gut in Form zu sein sei unfair, müßten Sie ihre Mitschülerin Mademoiselle Heidenreich dazu zwingen, auf die Aufnahme der beiden Mädchen zu verzichten, der Fairness wegen." Brunhilde blickte ihn sehr kritisch an, mußte dann aber grinsen. Offenbar gefiel es ihr, Bernadette derartig vorgeführt zu sehen. So meldete sie sich und sagte, daß sie als hauptamtliche Saalsprecherin nicht die Ratschläge ihrer Stellvertreterin beherzigen müsse und als Mannschaftskapitänin nur Professeur Fixus' oder Professeur Daedalus' Einspruch bei der Mannschaftsaufstellung befolgen müsse. Das ließ Bernadette noch finsterer dreinschauen. Julius steckte die ihm entgegengefeuerten Blicke der ZAG-Mitschülerin ruhig weg. Sie wußte, daß er wußte, daß sie gerade ins Hintertreffen geraten war. Daran konnte auch ihr wütender Blick nichts mehr ändern.

"Mich hat Professeur Pivert auch mit Strafpunkten bedacht, weil ich nicht hinter ihm hergerannt bin wie ein Hund hinter dem Hasen", warf Golbasto Collis, der Saalsprecher der Violetten ein. "Ich sah es nicht ein, mich derartig abzuhetzen", gab er offen zu. Alle blickten den kleinwüchsigen Schüler an. Professeur Faucon ergriff nach kurzem Augenkontakt mit Madame Maxime das Wort. "Soweit ich orientiert bin kamen Madame Maxime und Professeur Pivert darüber ein, daß die Zumessung von Strafpunkten wegen nicht vorhandener Kraft und Ausdauer halbiert und die Zumessungskriterien entschärft wurden. Deshalb steht dieses Thema zur Debatte, um die Verhältnismäßigkeit der Mittel abzuklären. Jeder hier in diesem Raum und alle anderen Schüler können sich aussuchen, ob und in welchem Umfang sie sich körperlich ertüchtigen wollen."

"Eben gerade das stimmt ja jetzt so nicht mehr", widersprach Bernadette und erhielt zustimmendes Nicken von den Vertretern der Weißen, Violetten und Gelben. "Wir sollen dazu genötigt werden, die ohnehin schon kostbare Zeit, die wir zum Lernen und zur Bewältigung der Hausaufgaben brauchen, mit irgendwelchen Turnübungen vertun, weil ein Lehrer sich anmaßt, dafür Punkte aussprechen zu müssen, obwohl ihm die Regeln das nicht auferlegen. Wenn Sie, Professeur Faucon, sagen, jeder könne es sich aussuchen, ob und wie er oder sie sich mit sowas befassen mag, dann sehe ich die akademischen Leistungen hier gefährdet, wenn er allen abnötigt, sich derartig zu betätigen. Außerdem, Monsieur Latierre, ist es auch unfair denen gegenüber, die nicht bei Professeur Pivert haben. Denn die bleiben von dieser Anmaßung verschont. Sie betonen doch allen gegenüber, ob sie es interessiert oder nicht, daß Sie logische Zusammenhänge schätzen. Was passiert denn, wenn das rumgeht, daß der Unterricht bei Professeur Pivert eine Strafpunktegarantie beinhaltet, falls keiner seine anderen Studien zurückstellt, um dessen Ansprüchen gerecht zu werden?" Sie sah Julius herausfordernd an. Der dachte kurz nach und antwortete dann, als er von den beiden höchsten Damen im Raum die Erlaubnis bekam:

"Selbstverständlich würde niemand mehr seinen Unterricht besuchen, weil er ja nur ein Wahlpflichtfach ist, das entweder gar nicht gewählt oder nach einem beendeten Schuljahr abgewählt werden kann. Außerdem ist es wie alle anderen Fächer nach den ZAGS abwählbar. Es würde also niemand mehr dieses Fach wählen, wenn er oder sie weiß, daß er die Körperform stark bewertet. Folge: Er hätte keine Schüler mehr zum unterrichten. Folge: Das Fach praktische Magizoologie wäre überflüssig und damit auch dessen Lehrer." Alle sahen Julius an. Die, die Bernadette zugestimmt hatten nickten ihm zu. Er hatte Bernadette jetzt einen Vorteil zugespielt, den sie rigoros ausnutzte.

"Da diese Meinung nicht von mir kommt, aber wie Sie mitbekommen dürfen von allen als einleuchtend gesehen wird, stelle ich hiermit den Antrag, Professeur Pivert dazu zu veranlassen, im eigenen Interesse auf diese Sonderwertung zu verzichten, und zwar vollständig. Keine bonuspunkte und keine Strafpunkte mehr zu verhängen, sofern diese nicht im Rahmen des von ihm unterrichteten Faches gerechtfertigt sind. Wer meint, Zeit für äffisches Rumturnen zu haben, soll eben sehen, wo er oder sie am Schuljahresende steht. Es darf jedoch keiner dafür bestraft werden, wenn er oder sie mehr Wert auf die von den Lehrern erteilten Hausaufgaben und Unterrichtsvor- und Nachbereitungen legt. Falls Sie es wünschen, bitte ich um die Erlaubnis, über diesen Antrag abstimmen zu lassen. Sie und ich mögen dann mit der jeweiligen Mehrheit leben.""

"Gemäß den Schulregeln haben Sie das recht dazu, einen Antrag zu stellen und zur Abstimmung vorzulegen", sagte Professeur Faucon. Diesen müssen Sie dann aber schriftlich formulieren und den Abstimmungsberechtigten mindestens eine Stunde vor Abstimmung aushändigen."

"Das ist kein Problem", sagte Bernadette und griff nach ihrer Mappe. Sie zog eine Rolle zusammengesteckter Pergamentblätter heraus und übergab ProfesseurFaucon einen Zettel. "Wie Sie sehen, habe ich genau das vorhergesehen und den Antrag bereits fertig."

"Sie rechnen also damit, daß wir noch eine Stunde für die restlichen Themen verwenden oder solange hier sitzenbleiben, bis die vorgeschriebene Stunde verstrichen ist", erkannte Professeur Faucon, während Madame Maxime etwas verdrossen dreinschaute. Bernadette nickte. Professeur Faucon nickte. So ging der Antrag an alle Saalsprecher. Julius las ihn kurz durch und nickte. Darüber konnten sie wirklich abstimmen.

So ging es weiter mit dem Tagesordnungspunkt undisziplinierte Schüler und Schülerinnen. Giscard und Julius mußten noch einmal erläutern, wie Hercules Moulin die ersten Tage trotz vorangegangener Disziplinierung mehrere Strafpunkte angehäuft hatte. Bernadette versuchte Julius zu provozieren, in dem sie ihm vorhielt, daß seine Frau auch nicht gerade ein Beispiel vorbildlichen Verhaltens bot. Brunhilde blickte sie verwundert an. Er sagte dazu nur, daß sie das gerne diskutieren könnten, wenn die Tagesordnung bis zu diesem Thema abgearbeitet sei. So ging es dann um den neuen Strafpunktekatalog bei Übergriffen auf Pflegehelfer. Sandrine und Deborah nickten entschlossen, als Julius ausführte, was bei der spontanen Versammlung aller Pflegehelfer entschieden worden war. Sandrine betonte, daß es schon wichtig sei, daß die Pflegehelfertruppe ohne Angst vor Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten arbeiten könne. Debborah nickte zustimmend. "Wir haben besondere Pflichten, nicht nur Rechte. Deshalb ist es gut, wenn wir auch besonderen Schutz vor rüpelhaften Leuten bekommen", beendete Sandrine ihre kurze Ausführung. Alle nickten ihr zu. Denn nicht jeder Pflegehelfer war auch Saalsprecher und konnte mal eben Strafpunkte oder Disziplinarmaßnahmen verteilen. Somit war das Thema schnell vom Tisch. Sie sollten es den Mitschülern eben beibringen, was nun Sache war. Da die Schulräte dem bereits zugestimmt hatten, sollte es in die Schulregeln aufgenommen werden.

Am Ende sprachen sie noch einmal über Millie und Julius. Außer Bernadette waren alle der Meinung, daß es kein Problem sei, daß die beiden schon mit fünfzehn verheiratet seien. Bernadette fragte, ob diese Blitzhochzeit wegen einer Schwangerschaft abgehalten wurde. Julius verneinte das. Millie wolle zuerst mit der Schule soweit fertig werden, daß sie Zeit für Kinder habe. Er fragte bei der Gelegenheit Brunhilde und Bernadette, ob sie irgendwas an ihrem Verhalten nach der Hochzeit auszusetzen hätten. Brunhilde verneinte das, während Bernadette trotzig behauptete, Mildrid wäre ihr gegenüber aufsässig. Madame Maxime bemerkte:

"Ich habe den beiden den Verbleib in der Akademie gestattet, sofern sie sich an zusätzliche Bedingungen halten. Bisher habe ich von niemandem die Meldung erhalten, daß dies nicht der Fall sei. Ich habe dieses Thema auch deshalb nur auf die Tagesordnung gesetzt, weil ich von Ihnen hören möchte, wie Ihre Mitschüler diese gesellschaftliche Besonderheit aufgenommen haben." Die Blauen meinten, daß ihre Mitschüler wohl dachten, die Latierres hätten Julius für sich gesichert, weil er eben in so vielem was draufhabe und die meinten, das würde deren Zuchtlinie veredeln. Die Gelben fragten nur, wie so eine Frühehe gerechtfertigt wurde und hatten auch vermutet, Mildrid sei durch eine unbedachte Liebe mit Julius bereits schwanger. Ähnliches dachten die Weißen, die durch Constance Dornier ja schon eine gewisse Erfahrung vorweisen konnten. Die Roten boten ein Spektrum von Erstaunen über Zustimmung bis Neid, weil die Latierres ihre Vorrangstellung ausgenutzt haben könnten. Einige fragten offen, ob eine Ehe mit einem Muggelstämmigen und damit dessen Verwandten lange gut gehen würde. Giscard sagte offen, daß er sich zwar sehr gewundert habe, daß Julius sich so früh auf eine feste Bindung eingelassen habe, vor allem nach dem Tod von Claire Dusoleil, jedoch seine Konsequenz lobte. Einige anderen Schüler sehen es nicht so locker. Nicht nur Hercules habe von unfairen Tricks der Latierres gesprochen, um den Quidditchpokal zu den Roten wandern zu lassen. Wieder andere hatten sogar spekuliert, Mildrid könne Julius mit einem Liebestrank verführt haben. Julius nickte. Das hatten manche Viert- und Siebtklässler ihm sogar ins Gesicht gesagt. Doch überwiegend waren sie der Ansicht, daß das die beiden alleine betraf. Somit wurde dieser Teil auch abgehakt. Damit war die Stunde um, und Bernadettes Antrag über Piverts Sportwertung kam zur Abstimmung. Die Saalsprecher wurden gefragt, wer dafür sei, Professeur Pivert zu empfehlen, auf die Sonderwertungen zu verzichten und nur noch unterrichtsrelevante Bewertungspunkte zu vergeben. Zwanzig der dreiundzwanzig Saalsprecher stimmten dafür. Brunhilde stimte dagegen. Offenbar wollte sie Bernadette damit in die Schranken weisen. Yvonne und Julius enthielten sich. Madame Maxime ließ François Brigantier das Ergebnis notieren und erklärte dann für das Protokoll: "Ich werde Professeur Pivert empfehlen, seine Sonderbewertungen zu unterlassen." Damit war die erste Saalsprecherkonferenz, an der Julius teilnehmen durfte, beendet.

Die versammelten Schülerinnen und Schüler verabschiedeten sich von der Schulleiterin und der Professeur Faucon und verließen das Besprechungsszimmer. Als Julius hinausgehen wollte winkte Professeur Faucon ihn zurück. Giscard wandte sich um, wurde aber mit einer entschlossenen Armbewegung zum Verlassen des Salons aufgefordert. Er nickte Julius zu und ging.

"Ich erhielt heute Morgen wohl Zeitgleich mit Ihnen Post, Monsieur Latierre", sagte die Saalvorsteherin der Grünen, als sie sicher waren, daß sämtliche Saalsprecher durch das Bildertor die Räume der Schulleiterin verlassen hatten. "Madame Brickston sandte mir eine Eule, daß Ihre Mutter eine ernstzunehmende Drohung erhalten habe, Sie entweder nach Hogwarts zurückzuschicken oder mit massiven Beeinträchtigungen rechnen zu müssen. Madame Brickston ist zwar seit dem 20. Juli 1997 nicht mehr für ihre magischen Belange zuständig. Dennoch erachtete sie es als richtig, mir das mitzuteilen. Sie bat mich, Sie nach der Saalsprecherkonferenz ein Kontaktfeuergespräch mit Ihrer Mutter führen zu lassen. Ich habe Madame Maxime gefragt, ob Sie dies von hier aus tun mögen." Madame Maxime nickte bestätigend. Julius fragte zurück, was er noch tun solle. Professeur Faucon sagte deutlich:

"Das ist doch keine Frage: Sie bleiben hier bei uns und setzen Ihre magische Ausbildung fort. Dieser Vorstoß, Sie in eine offenkundige Falle hineinzutreiben, darf nicht gelingen."

"Ich käme ja eh nicht nach Hogwarts", sagte Julius. "Wenn ich das richtig gelesen habe, kassieren die vom neuen Zaubereiministerium alle Muggelstämmigen ein, die sich nach Kings Cross wagen."

"Dies steht sehr zu befürchten", bestätigte Professeur Faucon. Madame Maxime meinte:

"Meine hochgeschätzte Mitarbeiterin befürchtet, daß es nicht bei dieser Drohung und den gescheiterten Festsetzungsflüchen bleiben könnte", sagte Madame Maxime. "Daher genehmige ich Ihnen, meinen Kamin für ein Gespräch mit Ihrer Mutter zu benutzen." Julius bedankte sich und ging in die sechseckige Ankunftshalle zurück. Dort warf er Flohpulver in den Kamin und steckte seinen Kopf in die grünen Flammen. "Pont des Mondes!" Rief er aus und schloß die Augen, bis die Herumwirbelei seines Kopfes nachließ. Seine Mutter saß im Wohnzimmer. Bei ihr waren Catherine Brickston und seine Schwiegereltern. Er grüßte lässig mit: "Wir sind wohl ein paar Minuten spät dran für den Flieger nach London, Mum."

"Ich habe es ihr verboten, dich aus Frankreich wegzubringen, um dich in eine andere Schule zu schicken", sagte Hippolyte Latierre. Dann erst sprach Martha Andrews:

"Natürlich mußte ich mir nicht vonHippolyte verbieten lassen, dich nach England zu bringen, weil mir gerade nach dem Tod von Riverside, der ganz bestimmt kein Unfall war, unmißverständlich klar war, daß ich weder dir noch mir einen Gefallen damit tue. Catherine hat diese beiden Flüche neutralisiert. Damit haben die wohl nicht gerechnet. Und wenn sie mir auf nichtmagische Weise die Hölle heiß machen wollen, tauche ich eben unter."

"Die Meldebehörde hier weiß doch, wo wir wohnen", sagte Julius. "Was machst du denn, wenn die Sûrté von Scotland Yard einen internationalen Haftbefehl zugefaxt kriegt, und du keine französische Staatsbürgerin bist?"

"Sieh mal an, da hast du auch dran gedacht", sagte seine Mutter beklommen. "Nathalie, also Madame Grandchapeau, sagt, daß auch sie die bürokratischen Formalitäten nicht so einfach beschleunigen können. Da hätten wir dran denken müssen, als wir wußten, was in England gerade los ist."

"Die werden wohl bis elf Uhr britischer Zeit warten, bevor die was anstellen. Es sei denn, denen ist klar, daß wir eh nicht rüberkommen", sagte Julius. Seine Mutter nickte. Sie blickte wohl auf die Wanduhr und meinte: "Jetzt ist es halb zwölf hiesiger Zeit. Vielleicht fackeln die wirklich nicht lange, wenn die Abfahrtszeit des Hogwarts-Expresses verstrichen ist. Catherine meint, die könnten mich hier im Haus nicht festnehmen, weil das ein feindlicher Akt gegen einen beschützten Bewohner wäre. Aber die Alternative wäre, Catherine und ihre Familie zu beeinträchtigen, weil Sie einer "Verbrecherin" Obdach gewährt haben. Joe könnte dann nicht mehr zu seiner Arbeit, ohne unterwegs von der Polizei wegen Beihilfe zur Kindesentführung und räuberischen Erpressung festgenommen zu werden. Aber Madame Grandchapeau meinte, daß die bei der Sûrté auch einen Verbindungszauberer sitzen hätten. Wenn der aber nicht mitbekommt, daß nach mir gesucht wird ..."

"Die habenin London auch welche, Mum. Ist deshalb wohl möglich, daß die schon auf dem Sprung sind", sagte Julius. Seine Mutter nickte. Immerhin hatte sie ja mitbekommen, daß die Versuche ihres Mannes, Polizei und Geheimdienste nach Hogwarts suchen zu lassen, gründlich im Sande verlaufen waren, weil an wichtigen Nahtstellen der Sicherheitsbehörden Agenten der Zaubererwelt saßen. Genau das konnte jetzt für sie gefährlich werden.

"Ich habe deiner Mutter geraten, alle anfallende Arbeit erst einmal von hier aus zu machen", sagte Hippolyte. Catherine fügte dem noch hinzu, daß Madame Grandchapeau bereits ihr Einverständnis geäußert habe. Allerdings stehe demnächst wieder eine Computereinweisungseise an, und zwar nach Spanien.

"Wissen die Señores da unten denn, was in unserer alten Heimat gerade passiert ist?" Fragte Julius.

"Darüber weiß ich nichts", sagte Catherine. Hippolyte sah ihren Schwiegersohn beruhigend an und sagte, daß ihr Cousin zweiten Grades in Valencia bescheid bekommen habe. Catherine und Martha nickten beruhigt. Dann sagte Albericus Latierre:

"Also, falls bei deiner Mutter wirklich diese Gesetzesleute der Muggel antanzen, haben Hipp, Catherine und ich was vorbereitet, daß sie schnell untertauchen kann. Das gehört wohl auch zu einem Aktionsplan, den Catherine mit ihrer Mutter abgesprochen hat. Du bist in Beaux gut aufgehoben. Millie hat geschrieben, daß ihr zwar einige Dummschwätzer aushalten müßt, die euch das nicht gönnen, verheiratet zu sein. Aber ich weiß, ihr packt das. Bei Madame Maxime und Professeur Faucon bist du sicherer als anderswo. abgesehen vom Château Tournesol oder Millemerveilles."

"Ich hatte auch nicht vor, hier wegzugehen, um diesen Marionetten in London in sämtliche offenen Messer zu rennen", erwiderte Julius. Seine Mutter nickte.

"Also, ich bleibe erst einmal hier. Catherine kauft für mich mit ein. die Mesdames Grandchapeau wissen bescheid. Ich bin hier eh besser auf dem laufenden, was in der nichtmagischen Welt los ist."

"Apropos, was war das jetzt mit der Kanzlei von Riverside? Wollen die jetzt das mit dem Haus regeln?"

"Ich habe denen gesagt, die möchten mir meine Unterlagen zuschicken, da ich ja schon lange in Frankreich lebe. Im Zweifelsfall muß ich das Haus erst einmal leerstehen lassen. Wir hatten dieses Thema ja schon."

"Übrigens habe ich die Warnung an Glorias Eltern rausgehen lassen. Die meinte ja irgendwann, daß ihr Vater eh schon zugesehen hat, nicht aufzufliegen", sagte Julius. "Aber was, wenn die den Kobolden in London echt eine Abbuchungsanweisung geben?"

"Julius, dann müßten die Kobolde in Gringotts London erst mal wissen, wo ihre Kollegen in Gringotts Paris eure Sachen hingesteckt haben", sagte Catherine. "Ohne Verliesnummer und Berechtigungsnachweis können die euch nicht einfach Geld abbuchen. Das ist ja der Punkt, warum sie versucht haben, deine Mutter mit zwei Greiferflüchen zu belegen. Sie können ihr diese Informationen erst entreißen, wenn sie ihnen in die Hände fällt. Aber auch da haben wir schon was ausgetüftelt, daß ihr beiden nicht betteln gehen müßt."

"Catherine, nichts für ungut. Aber wenn meine Mutter das jetzt gehört hätte, daß du im Ansatz denkst, Martha und Julius könnten zum Betteln gezwungen werden, würde sie dich wohl zum Duell fordern, wegen schwerer Beleidigung. Sie hat doch schon gefragt, warum Martha nicht bis auf weiteres ins Château umzieht."

"Ja, und bevor ihr weiter wie bei einem Kind über mich als mit mir redet, Catherine und Hipp, wißt ihr ja, daß ich meine Arbeit nur mit einem funktionsfähigen Computer ausüben kann. Wenn das Château so voller Magie plus Sanctuafugium-Zauber steckt, funktioniert kein Rechner. Und ich möchte nicht auf jemandes Tasche liegen", stellte Julius' Mutter klar.

"Das klärst du mit meiner Mutter, wenn die Situation brenzlig wird", schnarrte Hippolyte.

"Dann werde ich meinen Kopf wieder einholen, Mum. Ich hoffe, das klappt alles, und die kommen nicht auf komische Ideen."

 

"Bedanke dich artig bei Professeur Faucon, daß sie dich mit mir direkt hat sprechen lassen!" Forderte Martha Andrews von ihrem Sohn.

"Klar, mach ich. Vor allem bei Madame Maxime. Ich hänge nämlich gerade vor ihrem Kamin rum. Tschüs, Catherine, Hipp und Albericus!"

"Halt dich weiter so gut wie bisher, Julius!" Gab ihm seine Schwiegermutter noch mit. Dann zog er den Kopf wieder zurück nach Beauxbatons.

"Meine Mutter möchte Ihnen recht herzlich danken, daß Sie mich mit ihr direkt haben sprechen lassen", sagte Julius zu Madame Maxime. Diese nickte. Dann bedeutete sie Julius, sie und Professeur Faucon noch einmal in den Salon zu begleiten. Dort stellte sie eine Kanne Tee mit zwei normalgroßen Porzellantassen und einem mindestens fünf Liter fassenden Tonkrug auf den Tisch und beschwor eine dampfende, silberne Teekanne herauf. Diese war so groß wie ein Putzeimer. Sie goß der Mitarbeiterin und dem Schüler die Tassen voll und schenkte sich dann selbst von dem würzig duftenden Tee ein. Offenbar wollte sie die beiden noch einige Zeit bei sich haben.

"Ihre Mutter schrieb, daß es nun amtlich sei, daß Dumblydors mutmaßlicher Mörder sein Nachfolger in Hogwarts geworden ist", begann die überlebensgroße Dame mit leicht verächtlichem Unterton. "Das heißt, daß Ihre frühere Schule nun auch der Kontrolle dessen unterliegt, dessen Name nicht genannt werden darf. Hörten Sie davon, was mit der Fachlehrerin für Studien der nichtmagischen Welt geschehen ist?"

"Sie soll zurückgetreten sein", sagte Julius betrübt. "Aber das glaubt in England eigentlich keiner. Sie hat nämlich vorher in der Zeitung groß behauptet, daß muggelstämmige Zauberer die Zaubererwelt bereichern würden. Das war in der Situation wie ein selbstgeschriebenes Todesurteil."

"Sie ist auf jeden Fall unauffindbar", sagte Madame Maxime. "Ich habe mich damals beim trimagischen Turnier oft und leidenschaftlich mit ihr über die Integrationsschwierigkeiten von Muggelstämmigen unterhalten. Sie versprach mir, mit mir in Briefkontakt zu bleiben. Daran haben wir uns bis zur feierlichen Beisetzung Dumblydors gehalten."

"Dann ist diese Stelle in Hogwarts vakant", stellte Professeur Faucon fest. "Höchstwahrscheinlich wird der Mörder sie mit einem seiner Anhänger besetzen. Ähnliches muß ich für das Unterrichtsfach Verteidigung gegen die dunklen Künste befürchten. Dann gäbe es in Hogwarts ein dunkles Triumvirat, daß die dort lernenden Schüler terrorisiert und auf eine bestimmte Denkweise einschwört."

Die beiden Lehrer sind Alecto und Amycus Carrow. Gloria Porter hat mir das mitgeteilt, als es amtlich wurde", sagte Julius.

"Die beiden?" Schnaubte Professeur Faucon. "Leute, die keinen Intellekt besitzen und diesen Mangel mit brutaler Gewalt überdecken. Da hat er wahrlich drei Musterexemplare seiner Bande nach Hogwarts geschickt." Die Anwesenden nickten. Julius hörte sich dann an, wer die Carrows waren und daß Alecto wohl einen reinblütigen Zauberer hatte heiraten sollen, dessen Familie sie jedoch wegen ihrer körperlich-geistigen Ausprägung ablehnte. Seit dem, so Professeur Faucon, hänge sie an ihrem brutalen Bruder. Madame Maxime berichtete dann von ihrem Gespräch mit den anderen Schulleitern, die Dumbledore die letzte Ehre erwisen hatten. Julius hörte zu, wie sie erzählte, wie die Nachricht in Thorntails und Burg Greifennest aufgenommen worden war. Zwischendurch schlug die große Standuhr im sechseckigen Eingangsraum zwölfmal. In London war es jetzt erst elf Uhr. Jetzt fuhr er los, der Hogwarts-Express. Julius erwähnte es kurz, daß der Zug mit der scharlachroten Lokomotive immer genau um elf Uhr vormittags losfuhr. Professeur Faucon erfaßte die Stimmung, in die Julius abglitt.

"Für die armen beginnt jetzt wohl ein Jahr voller Furcht und Schrecken", seufzte sie. Madame Maxime nickte. Dann fragte sie:

"Halten Sie immer noch Kontakt über das Gemälde von Aurora Dawn?" Julius bejahte es. "Alexandrine, bitte suchen Sie die Gemälde nach einer jungen, schwarzhaarigen Hexe mit graugrünen Augen ab und bitten Sie sie zu mir!" Rief sie einem Gemälde zu, das eine ziemlich beleibte Hexe mit schwarzen Ringellocken und einer goldenen Brille zeigte, die in einem roséfarbenen Kleid abgebildet war.

"Sie meinen Aurora Dawn, Olympe", sagte die gemalte Hexe mit einer kehligen Stimme. Madame Maxime bestätigte es. Die gemalte Hexe nickte und verließ ihr Bild nach links, tauchte im Bild eines schwarzbärtigen Zauberers so breit wie hoch auf und verließ dann die Galerie des Salons.

"Es ist doch noch kein Schüler in Hogwarts", sagte Julius.

"Genau deshalb will ich ja jetzt mit Mademoiselle Dawns gemaltes Selbst reden. Es könnte immerhin sein, daß das Subjekt Snape bereits im Schloß eingetroffen ist, um die dort residierenden Lehrer zu instruieren, wie sie sich zu verhalten haben", erwiderte Madame Maxime. Keine fünf Minuten später tauchte Aurora Dawns Bild-Ich zusammen mit der Hexe Alexandrine auf. Madame Maxime begrüßte sie kurz. Sie sagte ihr, daß sie ihr original in Hogwarts von weitem gesehen habe und nun, wo dort neue Verhältnisse entstanden seien, gerne den Kontakt dorthin suchte, ohne mit dortigen Menschen direkt zu sprechen. Aurora zwinkerte Julius zu und sprach dann zu Madame Maxime:

"Ist nicht so einfach, zu ihnen zu kommen, Madame Maxime. Ihre Abgesandte mußte mich am Arm halten, um die Barriere zu durchdringen. So etwas gibt es in Hogwarts auch, um die Portraits der Schulleiter vor unerwünschten Besuchern zu schützen. Außerdem kann Julius Ihnen doch Bericht erstatten."

"Ja, das kann er tun. Aber dazu müßte er immer erst zu mir. Ich bitte Sie darum, mir jeden Tag um Mitternacht unserer Zeit einen Bericht über die Lage dort zukommen zu lassen. Alexandrine wird Sie auf der Höhe des siebten Stockwerks abholen und zu mir geleiten, wie gerade eben."

"Wenn Sie das wollen", grummelte die gemalte Aurora Dawn. "Ich könnte allerdings auch zu Professeur Faucon gehen, wie ich es bisher immer getan habe, wenn was wichtiges anlag."

"Nun, jetzt erwarte ich von Ihnen, daß Sie mir einen täglichen Bericht überbringen", blieb die Schulleiterin hartnäckig. Dann sagte sie noch: "Ich wünsche vor allem über die in Hogwarts erteilten Unterrichtsstunden, Behandlungsweisen von Schülern und Disziplinarmaßnahmen unterrichtet zu werden."

"Ich habe es von der Mutter meines natürlichen Ichs gehört, daß Snape jetzt den großen Chef geben darf. Wünschen Sie seine Methoden zu übernehmen?" Fragte Auroras Bild-Ich sehr frech. Die hier versammelten Würdenträger vergangener Zeiten schlugen empört die Hände vor die Gesichter und schnalzten mißbilligend mit den Zungen.

"Diese Impertinenz habe ich nicht erwartet", knurrte Madame Maxime. "Aber damit Sie beruhigt sind, Mademoiselle Dawn: Ich habe es nicht nötig, mir von einem Handlanger eines mordlüsternen Magiers Methoden zur Führung einer Schule abzuschauen und diese dann auch noch zu übernehmen."

"In Ordnung, ich seh zu, daß ich jeden abend um elf Uhr mitteleuropäischer Zeit einen kurzen Tagesbericht abliefere. Darf ich dann wieder gehen. Ich wollte gerade zu Magistra Eauvive."

"Sie dürfen", gestattete es Madame Maxime. Die beleibte Hexe Alexandrine verließ mit Aurora die Galerie. Julius überlegte, wie sie mit Nachnamen hieß und fand in seinem Gedächtnis nur eine Alexandrine, nämlich Alexandrine Charpentier, die von 1753 bis 1806 Schulleiterin gewesen war. Sie war die erste Hexe, die nach Sardonias Fall und den ganzen Nachbeben wieder ein verantwortungsvolles Amt bekleiden durfte. Die war bestimmt eine interessante Interviewpartnerin, um mehr über Anthelia herauszufinden, dachte Julius.

"Damit hätten wir die Grundlage für eine weitergehende Überwachung der Situation in Ihrer alten Schule", sagte Madame Maxime. "Dann können wir nun zum Mittagessen gehen." Julius fiel siedendheiß ein, daß sie ja schon zehn Minuten über die Mittagszeit waren. Sie zückte ihren Zauberstab und vollführte an Julius einen schnellen Haarkämmzauber, glättete den Sonntagsumhang und sagte: "Sie zuerst, Monsieur Latierre, damit Sie weit genug vor mir den Speisesaal erreichen."

Julius nickte und verabschiedete sich von der Schulleiterin und Professeur Faucon. Mit demselben Passwort wie beim hereinkommen verließ er den Wohn und Arbeitsbereich Madame Maximes, wobei er den König anstieß, der gerade seine Frau umarmte. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, dachte er, bevor er durch das Wandschlüpfsystem in die Nähe des Speisesaals wechselte. Madame Maxime brauchte jetzt wohl noch zwei Minuten, wenn sie auf dieselbe Weise ihren Arbeitsbereich verließ. So traf er bei seinen Schulkameraden ein, die ihn fragten, wo er denn solange geblieben sei. Er sagte nur, daß die beiden hohen Hexen noch etwas von ihm über Hogwarts wissen wollten. Und das war ja noch nicht einmal gelogen.

Am Nachmittag gingen Millie und er an den Strand. Brunhilde hatte die Nachmittagsaufsicht. Auch beim Schwimmen mußte Julius die Silberbrosche tragen. Jetzt verstand er, warum Millie ihm beim Einkaufen mehrere Schwimmanzüge empfohlen hatte. Immerhin hatte ihre Schwester Martine ja auch einmal dieses Verantwortungsschmuckstück getragen. Nachdem sie einige Minuten im wogenden Meer geschwommen waren, ruhten sie sich auf flauschigen Handtüchern aus. Dabei vermieden sie jede Berührung, die als zärtlich oder gar lustvoll gedeutet werden könnte. Sie unterhielten sich über die Konferenz und vor allem über Bernadettes Auftritt. Dann fragte sie:

"Hast du wirklich Angst vor meinen kleinen Cousinen, daß du Bernie gegen Brunhilde aufhetzen wolltest, Monju?"

"Ich wollte deiner Klassenkameradin nur zeigen, daß sie den Begriff Fairness sehr unterschiedlich auslegt. Und das wirst du ja nicht bestreiten, daß eine deiner "kleiner Cousinen" so stark ist wie wir beide zusammen. Da habe ich zumindest einen gehörigen Respekt."

"Und trotzdem spielen die mit in der Mannschaft, Monju. Da kann sich euer Hercules grün und blau ärgern", grinste Millie. Julius fiel dazu nur ein, daß er keine Lust hatte, Hercules noch mehr zu ärgern. Immerhin ginge das ja auch auf das Gesamtkonto des grünen Saales. Millie kicherte darüber und meinte dann amüsiert:

"Das ist denen bei uns egal, wenn sie meinen, sich aufregen zu müssen."

"Ja, aber denen bei uns nicht, und Professeur Faucon schon gar nicht", seufzte Julius. Millie kicherte wieder und wandte ein, daß es auch Professeur Fixus nicht egal sei.

Julius verfiel nach der zweiten Schwimmrunde in tiefes Nachdenken. Im Geist sah er sich in einem Wagon des Hogwarts-Expresses. Es würde wohl noch vier Stunden dauern, bis er sein Ziel erreichte. Er dachte an Gloria, die Hollingsworth-Zwillinge, Kevin, Fredo und Eric, die jetzt einer düsteren Zeit entgegenfuhren. Er hoffte, daß Gloria trotz der zu erwartenden Kontrollen am Abend noch einmal mit ihm sprechen würde. Denn unter Umständen war ab jetzt jeder Brief an ihn gefährlich, zumal sie dann ja mit seinem Nachnamen ... Er stutzte. Gloria und die Hollingsworths kannten seinen neuen Nachnamen. Ebenso Kevin. Der Schutz, den dieser ihm bisher geboten hatte könnte dabei schwinden. Das sagte er auch Millie. Die lächelte ihn nur an. Er wußte, daß sie ihn jetzt am liebsten geknuddelt hätte. Aber es waren doch zu viele Augen in der Nähe.

"Wenn Ma schon bei deiner Mutter war, dann wird ihr hoffentlich einfallen zu Oma Line zu gehen, daß sie es im Château zum Familiengeheimnis erklärt. Aber ich kann meinen Nachrichtenboten gleich noch losschicken, damit sie das macht", sagte Millie. Julius fiel ein tonnenschwerer Felsblock vom Herzen. Damit konnte Gloria geschützt werden.

Nach dem Abendessen mentiloquierte Millie vom Mädchenklo der Roten aus, daß sie die Bitte an ihre Oma weitergeleitet habe. Falls Gloria, Betty und Jenna es nicht allen auf die Nase gebunden hatten, um Line Latierre früh genug die feierliche Anweisung erteilte, konnte er sich einstweilen noch hinter seinem Namen verstecken.

Abends prüfte Julius, ob er alle Hausaufgaben für die nächste Woche fertig hatte und half dann den jüngeren Schülern. Céline kam einmal herüber, weil sich Gabrielle ziemlich kockett an Julius heranpirschte:

"Lass du den bloß in Ruhe. Der ist gut vergeben, Gabie!"

"Ja, aber wenn er Pierre die Sachen von Fixus erklärt kann er die uns doch allen erklären."

"Ich kann den Erstklässlerkram von Professeur Fixus auch erklären", knurrte Céline. Julius bot ihr an, sich einfach dazuzusetzen. Während Céline und er den Erstklässlern die im Moment einfach erscheinenden Zaubertränke erklärten, war um sie herum nur Geplauder. Die Leute hier waren froh, die erste Schulwoche überstanden zu haben.

Erst als Céline und Julius ihre neuen Schützlinge in die Schlafsäle geschickt hatten, kehrte die trübe Vorstellung von den Leuten in Hogwarts wieder zurück. Würde der sprechende Hut wieder alle zuteilen wie üblich? Oder würde die uralte Kopfbedeckung diesmal streiken, weil Feinde die Macht in der Schule an sich gerissen hatten? Er bedauerte es einen Moment, daß Gloria kein Zuneigungsherz trug. Dann hätten sie über die große Entfernung hinweg unbemerkt mentiloquieren können. Vielleicht konnte er gleich Aurora Dawn fragen, wenn die Jungen seiner Klasse im Bett lagen und er den Schnarchfängervorhang zwischen sich und sie ziehen konnte. Er dachte an die Worte seiner Mutter, Catherines, Hippolytes und Professeur Faucons, daß er hier war und hier blieb.

Gegen zwölf Uhr Ortszeit herrschte scheinbare Stille im Schlafsaal. Julius hatte den Zweiwegespiegel mit dem Sonnensymbol neben sich auf das Kopfkissen gelegt. Er hatte Millie noch kurz eine gute Nacht gewünscht, als er das Aurora-Dawn-Portrait leer vorgefunden hatte. Eine Minute nach zwölf vibrierte der Spiegel. Er nahm ihn schnell und wisperte "Bin da."

"Kann nicht lange sprechen, weil ich wohl beobachtet werde, Julius. Muggelstämmige waren im letzten Wagon. Zug auf offener Strecke von Dementoren angehalten worden. Alle Insassen des letzten Wagons wurden herausgeholt und fortgebracht. Sprechender Hut sang von einer Zeit, wo jeder sich auf das besinnen solle, was wirklich wichtig für das Leben sei. Die haben den Ravenclaw-Eingang verändert. Da ist jetzt eine Tür, die vor vierzig Jahren mal da war, wo ein Türklopfer in Adlerform dranhängt, der statt eines Passworts die richtige Antwort auf eine Frage haben will. Das sei im Sinne der alten Traditionen, hat Snape erzählt. Lea Drake ist auch nicht mitgekommen, Julius. Das war echt gruselig, wie diese vermummten, Dunkelheit und Kälte verströmenden Kreaturen die Kinder aus dem Zug geholt haben. Ich höre die Schreckensschreie von denen jetzt noch. Die Carrows haben schon beim Abendessen ziemlich deutlich gezeigt, daß die keine Probleme haben, aufsässige Schüler zu bestrafen. Mehr ist im Moment wohl nicht sonderlich wichtig. Will die erstenSchultage abwarten."

"Mist verdammt!" Schnaubte Julius. "Ist auch schon genug Horror vor dem Einschlafen."

"Sehe ich auch so. geh jetzt noch einmal in den Ravenclaw-Aufenthaltsraum. Hoffentlich komme ich an diesem blöden Adler vorbei."

"Wer die Frage beantwortet kommt bei Ravenclaw rein?" Fragte Julius.

"Deshalb haben sie das System bei Dumbledores Amtszeit auf Passwörter umgestellt", meinte Gloria.

"Wie war die Stimmung bei euch:

"Frostig, als wenn Dementoren ständig an dir vorbeilaufen", erklärte Gloria. "Ich hatte sogar den Eindruck, die Kerzen in der großen Halle dunkler glimmen zu sehen."

"Das kann von der Atmosphäre sein, Gloria", versuchte Julius zu erklären. Gloria nickte. Doch überzeugt war sie nicht. Julius bedankte sich noch einmal für die kurze Information. Dann drehte er sich um und versuchte, genug Schlaf zu erwischen, um sonntags nicht umzufallen.

 

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Am Sonntagmorgen fand die erste Pflegehelferkonferenz des Schuljahres statt. Es gab keine Neuzugänge. Daher sprachen sie gleich über die Ereignisse der ersten Schulwoche und die neue Strafpunkteregelung. Danach bedankte sie sich bei Belisama, Mildrid und Julius, daß sie den seit Monaten schwehlenden Streit doch noch hatten beilegen können, wofür es von den anderen auch Applaus gab.

"Wir werden es vor allem in diesem Schuljahr schwer haben, in einer friedlichen Umgebung zu arbeiten. Da ist jede unnötige Spannung hinderlich", sagte Madame Rossignol. "Wir hier müssen miteinander gut zusammenarbeiten. Der Angriff von Hercules Moulin auf Julius zeigt, daß unsere Aufgabe nicht von allen gleichgut respektiert wird. Ihr genießt eine Sonderstellung mit bestimmten Vorrechten und Pflichten. Um die Rechte werdet ihr manchmal beneidet. Deshalb gibt's einige, die euch gerne Steine in den Weg legen wollen. Da ist es noch wichtiger, wenn wir alle zusammen geschlossen auftreten."

Nach der Konferenz wurden die Übungsgruppen eingeteilt. Millie und Belisama waren in einer Gruppe, Julius in der zweiten. So hatte er am restlichen Morgen zur freien Verfügung.

Den Nachmittag verbrachten die beiden jungen Eheleute wieder am Strand. Diesmal hatte Yvonne Aufsicht, die sehr genau hinsah, was die beiden taten. Die Saalsprecher hatten sich ja darauf verständigt, daß Millie und Julius sich nicht all zu innig berühren durften. Doch im Moment fühlten sie keine Entbehrung. Von Anlächeln und netten Worten war in den Zusatzbedingungen ja keine Rede gewesen.

 

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In den nächsten Tagen wurde Julius von Aurora Dawns Bild-Ich auf dem Laufenden gehalten, wie sich die Lage in Hogwarts entwickelte. Gloria fand sogar ein paar Möglichkeiten, ihm eine kurze Nachricht mitzuteilen. Was sie zu sagen hatte war erschreckend. Sie hatte gleich die erste Stunde bei Alecto Carrow Muggelkunde gehabt und dabei einen hetzerischen Vortrag über die Wertlosigkeit der Muggel und ihre lärmigen, die Luft verpestenden Maschinen erdulden müssen. Zwischen den Zeilen hatte die Glorias Meinung nach fettleibige Hexe dazu aufgerufen, Muggel zu töten, wo es sich machen ließ. Das Fach mußte nun von jedem Schüler in Hogwarts besucht werden. Die Slytherins hatten Aufwind. Sie biederten sich dem Dreiergespann von Voldemorts Gnaden förmlich als Hilfstruppe an. Professeur Faucon meldete sich auch über den zweiten Spiegel, den Julius hatte. Sie sagte nur:

"Ich habe Gloria Porter eindringlich gebeten, sich nicht offen an Widerstandsaktionen zu beteiligen und ihr geraten, immer mit Gegenflüchen versehene Kleidungs- oder Schmuckstücke am Körper zu tragen. Um sich nicht unnötig zu gefährden, soll sie den Zweiwegespiegel nur noch dann benutzen, wenn sie eine dringende Meldung machen muß. Ansonsten möge sie als Vertrauensschülerin darüber wachen, daß ihren Hauskameraden kein unnötiges Ungemach zustößt. Wir können ihr im Moment nicht groß helfen. Sie hat sich als unsere Kundschafterin in Hogwarts angeboten. Ich hieß sie darauf, sich dann auch so unauffällig zu benehmen, daß ihr niemand unterstellen könnte, gegen die dortigen Machthaber zu konspirieren. Allerdings wird sie, und das konnte ich ihr nicht ausreden, versuchen, ihren Freunden heimlich Nachhilfe in wirksamen Schutzzaubern zu erteilen und so vor den Schikanen zu schützen, die mit absoluter Sicherheit erfolgen werden."

"Sie sprach von einer hausübergreifenden Truppe", sagte Julius. Gloria hatte ihm genau eine Minute zuvor gesagt, daß sie die Peeves-Patrouille wieder aufleben lassen wolle, allerdings ohne Slytherins. Das Ziel sollte nach außen die Abwehr von Peeves' Streichen sein. Nach Innen wollten Gloria, Betty, Jenna, Kevin und ein paar Gryffindors zusehen, die Überwachung durch Snape und die Carrows zu erschweren.

"Ich komme hier zu nichts richtigem", hatte Gloria wütend geschnaubt. Dann hatte sie schnell die Verbindung beendet. Jede unnötige Sekunde mit dem Spiegel in der Hand konnte gefährlich sein, wußte auch Julius. Daß Beauxbatons über Aurora Dawns Bild auch einen Kanal nach Hogwarts hatte, war in Hogwarts noch nicht durchgesickert. Julius machte sich jedoch keine Illusionen, daß Snape und die Carrows alle bestehenden Verbindungen zur Außenwelt überprüfen und die sie störenden kappen würden.

"Dankbar nahm Julius die Ablenkung durch den Unterricht an. Pivert hatte ihnen zu Beginn der ersten Dienstagsstunde erklärt, daß er es sehr bedauere, die eigentlich so gut angelaufene Zusatzmotivation seiner Schüler nicht mehr anbieten zu dürfen, er sich aber an die Anweisungen halten würde. Ab da war sein Unterricht tatsächlich hochinteressant, wenngleich Julius die Abraxas-Pferde bereits im letzten Jahr in der Tierwesen-AG studiert hatte.

Am Freitag bekam Julius wieder ein Paket aus England, das wohl zuerst von einem Muggelpostkurier transportiert worden war, um dann in Paris per Eule weitergeleitet zu werden. Er öffnete das Paket und fand vier Ausgaben des Tagespropheten darin. Das Bild auf der ersten Seite versetzte ihm einen starken Stich ins Herz. Dieses krötenhafte, selbstgefällig lächelnde Gesicht kannte er gut genug, um auch ohne die darunter stehenden Schlagzeilen schlimmes zu erahnen.

 

REGISTRIERUNGSKOMMISSION FÜR MUGGELSTÄMMIGE FEIERT ERSTE ERFOLGE

 

 

KOMMISSIONSLEITERIN DOLORES UMBRIDGE IST ZUVERSICHTLICH

 

ALLE UNRECHTMÄßIG ZAUBERNDEN ELEMENTE DINGFEST ZU MACHEN

 

"Diese verdammte Giftkröte fällt immer auf ihre schleimigen Füße und steigt immer weiter nach oben", schnarrte Julius. Gérard, Robert und Hercules blickten ihm über die Schulter und versuchten mitzulesen. Aber sie konnten ja kein Englisch, im Gegensatz zu Professeur Faucon, die vom Lehrertisch herübergekommen war und Julius leise bat, die Zeitung nach dem Studium an sie abzugeben. Julius gab ihr die anderen Exemplare schon einmal und las seinen Kameraden vor, wie erfolgreich die neu eingerichtete Registrierungskommission für Muggelstämmige die Theorie der Mysteriumsabteilung bestätigt habe, daß Zauberkraft nur von Zauberern vererbt werden könne. In bereits zwanzig Verfahren seien Leute, die nachweislich keine Zauberer als Eltern hatten, des Diebstahls von Zauberkraft überführt und zu einer unbefristeten Haft im Zauberergefängnis Askaban verurteilt worden. Weitere Verfahren seien anhängig, zumal die sogenannten Muggelstämmigen versuchten, die Spuren ihrer "schändlichen Untaten" zu verwischen und falsche Bürgen vorwiesen, die beharrlich vorgeben, sie hätten ihre Zauberkraft nicht durch gewaltsame Handlungen an sich gerissen, sondern seien bereits damit geboren worden. Demnach sei es auch Aufgabe der Kommission, die Eltern dieser Subjekte zu vernehmen, um die Art, wie sie ihren Kindern Zauberkraft zugeführt haben zu ermitteln, um weitere Untaten dieser Art ein für allemal zu unterbinden.

"Will sagen, daß die Muggelstämmigen nicht alleine gefährdet sind", erläuterte Julius überflüssigerweise.

"Klar, wenn elfjährige Kinder wie Pierre schon zaubern können, muß ihnen jemand diese Kraft irgendwie eingetrichtert haben", knurrte Gaston. Julius las weiter vor und verzog das Gesicht als er las: "Außerdem gilt es, die Theorien von Ruster und Simonowsky als das zu entlarven, was sie sind, eine unverzeihliche Lüge und Irreführung der gesamten Zaubererwelt. Leider, so die Leiterin der Registrierungskommission für Muggelstämmige, hätten sich die Hauptverdächtigen für Zauberkraftdiebstahl bereits vor Jahren aus dem Zuständigkeitsbereich des Ministeriums davongestohlen und würden unter dem Schutz anderer Zaubereiministerien ihr verbrecherisches Treiben fortsetzen. Minister Thicknesse hat bereits einen Aufruf an andere Zaubereiministerien losgeschickt, solchen Personen keinen Unterschlupf mehr zu gewähren und sie umgehend auszuliefern."

"Das geht ganz klar gegen dich, Julius", erkannte Gérard. Der nickte bestätigend. Dann meinte er: "Ist ja toll, daß diese fette Kröte meinetwegen schlaflose Nächte hat, weil ich ihr nicht ins Netz gegangen bin. Vielleicht sieht die mich als ihren schlimmsten Alptraum an. Es sei ihr gegönnt. Sie ist ja im Moment wohl der zweitschlimmste Alptraum der britischen Zaubererwelt."

"Moment, diese ümbrisch ist doch die, die vor zwei Jahren in Hogwarts Schulleiterin war", sagte Gaston. Julius nickte wieder.

"Wie gesagt, diese Kröte fällt offenbar immer wieder auf ihre Füße wie eine Katze. Erst hat sie Hogwarts tyrannisiert, und jetzt darf sie in Lord Unnennbars Namen die ganze britische Zaubererwelt tyrannisieren. Bilderbuchkarriere heißt das wohl."

"Gab immer schon Leute, die wie Fett auf jeder Brühe schwammen", wandte Gaston ein.

"So kann man das auch nennen", knurrte Julius und übersetzte den unglaublichen Artikel noch zu ende. Dann blätterte er die Zeitung weiter durch und fand eine Meldung, daß Minister Thicknesse das Aurorenkorps zur Jagd auf Aufrührer veranlaßt habe, da es nun schon zum dritten Mal vorgekommen sei, daß ministeriumsfeindliche Personen, die verdächtig waren, dem Phönixorden anzugehören, heimliche Versammlungen veranstaltet hätten, um neue Mitkämpfer zu rekrutieren, um die gewaltsame Übernahme des Ministeriums durchzuführen. "Der weiß ja, wovon er spricht", grummelte er leise.

Nach dem Frühstück gab er Professeur Faucon die Zeitung. Diese sah ihn sehr entschlossen an und sagte: "Sie dürfen versichert sein, Monsieur Latierre, daß Minister Grandchapeau und alle anderen Beamten des Zaubereiministeriums nicht ein Wort glauben, daß Zauberer wie Sie durch eine Form von Diebstahl zu ihren magischen Kräften gelangt sind. Es ist ein Skandal, daß es in Ihrer früheren Heimat nicht einen gibt, der diesem Geschmiere offen entgegenwirkt."

"Lesen Sie bitte noch die Zeitung, die ich Ihnen gab! Die wollen ja bewiesen haben, daß die Theorie von Ruster und Simonowsky eine Lüge ist", knurrte Julius.

"Sein soll, Monsieur Latierre", berichtigte ihn Professeur Faucon. "Wenn Sie sagen, es ist eine Lüge, glauben Sie diesen Schmierern und denen, die ihnen diese Unglaublichkeiten diktieren." Julius verzog einen Moment das Gesicht, nickte dann aber. "Ungeachtet dieser höchst beunruhigenden Entwicklungen auf den britischen Inseln bitte ich Sie jedoch darum, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Den von Nichtmagiern abstammenden Hexen und Zauberern Ihres Geburtslandes ist nicht damit gedient, daß Sie in Ihrer Leistungsbereitschaft nachlassen. Wir sehen uns dann heute Abend im Duellierclub." Julius nickte und verabschiedete sich.

Natürlich sprach es sich schnell in der Schule herum, daß Julius Zeitungen aus seiner früheren Heimat bekommen hatte. Robert sagte es Céline, Gaston erzählte es Laurentine, Gérard kam wohl vor dem Unterricht noch dazu, es Sandrine zu erzählen. Vor dem Zaubertrankkerker fragte Mildrid ihn, was ihm da am Morgen zugestellt worden sei, weil irgendwie einige Leute ziemlich geheimnisvoll und beunruhigt getuschelt hatten. "Die, die früher mal in Hogwarts Schulleiterin war, darf jetzt Muggelstämmige vor Gericht bringen und sie wegen unrechtmäßigem Besitz von Zauberkraft nach Askaban schicken. Angeblich hat die geheimnisvolle Mysteriumsabteilung rausbekommen, daß es keine Muggelgeborenen geben kann. Außerdem suchen die mich, weil ich denen früh genug von der Schippe gesprungen bin", faßte Julius den verwerflichen Artikel in drei Sätzen zusammen. Millie sah ihren Mann mitfühlend, aber auch verbittert an.

"So weit sind die also schon, daß die sowas offen in die Zeitung reinschmieren dürfen, ohne Krach mit anständigen Zauberern zu befürchten", knurrte sie. "Diese Hexe, die du meinst. Umbridge hießt die doch. Ist das im Englischen nicht auch ein Wort für Ärgernis?"

"Stimmt, hast recht, Millie. Das paßt auf diese Giftkröte total", bemerkte Julius und lächelte verkniffen.

"Und was hat dir eure Saalchefin mitgegeben, als du ihr dieses Dreckblatt hingeworfen hast?" Wollte Millie wissen. Julius sah sie leicht ungehalten an und meinte: "Was wohl, daß ich mich von diesem Zeug nicht runterziehen lasse und bloß nicht im Unterricht durchhängen soll." Millie nickte. Eigentlich hätte sie die Frage ja echt selbst beantworten können.

Professeur Fixus erschien im Gang zum Zaubertrankkerker und begrüßte ihre Schüler aus dem roten und grünen Saal. Sie schloß die schwere Tür auf und ließ alle an sich vorbei in die weite Steinhalle eintreten. Dann hakte sie alle Namen auf der Liste ihrer Schüler ab und wies auf die Tafel. "Viele Schüler finden, sie müßten zur Einstimmung auf die Prüfungen diverse Mittelchen zur Gedächtnisverstärkung und Intelligenzaufbesserung herumreichen. Die meisten davon sind schlicht weg Betrug. Außerdem können solche Tränke leicht den Verstand schädigen, wenn sie fehlerhaft hergestellt oder überdosiert werden. Daher werden wir uns in den nächsten Wochen mit jenen Elixieren und Gebräuen befassen, die im Ruf stehen, das Gedächtnis zu verbessern oder das Denken zu vereinfachen. Bitte notieren Sie es sich gleich, daß Sie alle vor den ZAG-Prüfungen befragt werden, ob sie derartige Mittel bei sich tragen oder eingenommen haben. Um die Chancengleichheit zu garantieren werden Sie vor Antritt der Prüfungen eine Dosis mit bekannten Gegenmitteln einzunehmen haben, um ausschließlich auf Grundlage ihrer eigenen Gedächtnisleistungen und Aufnahmefähigkeiten die Prüfungen auf sich zu nehmen. Dies nur, um jedem florierenden Handel mit derartigem Unrat gleich die Grundlage zu entziehen. Ich trug Mademoiselle Lavalette und Monsieur Latierre für die Ferien auf, Bicranius Beaumonts Trank der mannigfachen Merkfähigkeit zu studieren und über ihn eine schriftliche Hausarbeit zu verfertigen. Außerdem wollte ich von Ihnen anderen was über Paralelltränke wissen. Die meisten von Ihnen haben dabei mehr als zehn Notenpunkte erlangt. Besonders freue ich mich, daß Mademoiselle Hellersdorf dreizehn und Madame Latierre vierzehn Punkte erreicht haben. Mademoiselle Lavalette und Monsieur Latierre, die sich in den letzten zwei Jahren als hochbegabt für die Komplexität der Zaubertrankbraukunst hervorgetan haben, konnten wie ich zu erwarten hoffte fünfzehn Punkte für ihre Arbeit erhalten. Monsieur Moulin, Sie wiesen in Ihrer Hausarbeit darauf hin, daß der Grünwald'sche Fastentrank nicht mit einem Kessel alleine gebraut werden kann, bleiben mir jedoch eine Erklärung schuldig, warum nicht. Ich hoffe, Sie haben sich derweil über die korrekte Begründung informiert. Dann nennen Sie diese hier und jetzt bitte!"

Hercules sah die Lehrerin verdutzt an und wandte ein, daß fünf Kessel nötig seien, aber im Buch nicht ein Satz stehe, warum das so sei. Professeur Fixus sah ihn leicht ungehalten an und fragte ihn, welches Buch er denn gelesen habe. Als er das zum Unterricht empfohlene Buch erwähnte, wies sie ihn streng darauf hin, daß in diesem gerade zu diesem Kapitel auch anndere Bücher empfohlen würden und diese in der Bibliothek auslägen. Dann fragte sie Bernadette nach der Begründung.

"Einige Parallelgebräue sind nötig, um die alchemistische Synthese in mehreren Stufen zu ermöglichen. Sie müssen zeitgleich gebraut werden, weil der Synthesevorgang innerhalb von exakt zwei Minuten mit zeitlich vorgeschriebenen Mischungen aus allen fünf Kesseln zu erfolgen. Deshalb gehört gerade Beaumonts Trank zu den zehn Parallelgebräuen mit der Schwierigkeitsstufe sechs von sieben. Das steht aber in dem Buch drin, daß es Tränke gibt, die in mehreren zeitgleich aufgesetzten Kesseln gebraut werden, um eine zirkuläre Mischung zur stufenweisen Synthese zu ermöglichen, nämlich im Kapitel "Grundlegende Anforderung bei Tränken ab der fünften Potenz." Hercules schnitt eine sehr mißmutige Grimasse und warf Bernadette einen leicht verächtlichen Blick zu. Julius hörte aus dieser Belehrung die überhebliche Bemerkung heraus, daß man sie ja hätte fragen oder das Buch gründlicher durchlesen können. Da Hercules kein Bücherwurm war mußte ihn das heftig treffen.

"Gut erklärt, und mit dem nötigen Hinweis auf das Kapitel ergänzt, Mademoiselle Lavalette. Zwanzig Bonuspunkte dafür", lobte die Lehrerin die Leistung ihrer Schülerin. "Sie verstehen also, Monsieur Moulin, warum Sie deshalb nur neun von fünfzehn Punkten erwerben konnten. Sie haben zwar Zutaten und Brauvorgang korrekt beschrieben, jedoch die Gründe für die Brauphasen ausgelassen. Zaubertränke sind nicht wie Kuchen oder Suppen, meine Herrschaften. Es reicht nicht, nur die Zutatenliste und Zubereitung zu lernen. Sie müssen auch wissen, warum Sie das so und nicht anders machen müssen", belehrte Professeur Fixus ihre Klasse. "Mademoiselle Hellersdorf hat das gewußt und sogar den entsprechenden Abschnitt aus dem Buch erwähnt, den Sie anführten, Mademoiselle Lavalette." Das setzte Hercules noch mehr zu als der Kommentar von Bernadette. Zumindest saß er sehr verknirscht auf seinem Platz und schien mit seinen Blicken "Lasst mich bloß in Ruhe!" zu rufen.

Professeur Fixus befragte die Schüler nun der Reihe nach, was sie über die Wirkung und Nebenwirkung von Beaumonts Trank zu berichten hatten. Als Millie gefragt wurde, wann es ratsam sei, den Trank nicht zu trinken, erzählte sie ruhig, daß es wohl Nebenwirkungen geben könne, wenn eine werdende Mutter diesen Trank einnahm. Julius fragte sich zwar, ob das jetzt wirklich in der Klasse ausgewalzt werden sollte. Aber er schwieg. Als sie angeführt hatte, daß sie selbst eine Familie getroffen habe, deren Erstgeborener im Mutterleib wohl eine Dosis für sein ganzes Leben abbekommen habe, fragte die Lehrerin herum, ob jemand anderes von dieser Familie gehört oder sie getroffen habe. Julius zeigte auf. Was sollte es nun. Er bestätigte Millies Aussagen.

"Daran, Madame, Mesdemoiselles et Messieurs, können Sie alle sehen, daß magische Hilfsmittel bei übermäßiger oder unbedachter Verwendung auch ungewollte Folgen haben können. Ich erfuhr bereits vor drei Jahren von dieser Familie, deren Namen Sie, Madame und Monsieur Latierre, diskreterweise nicht erwähnt haben. Der Fall wurde im "Praktischen Zaubertrankbrauer" und dem Heilerherold beschrieben. Natürlich ist es für die Familie unangenehm, wenn sie einen Sohn hat, der nahezu ohne emotionale Intelligenz aufwachsen muß und das Dasein eines wandelnden Gedächtnisses führt. Deshalb, die jungen Damen in dieser Klasse, sollten Sie irgendwann nach Beauxbatons einmal freudiger Erwartung sein, verzichten Sie besser auf die Einnahme des Trankes, um dem in Ihnen heranreifenden Kind die Möglichkeit zu belassen, sich zu freuen, die gefühlsmäßige Umwelt seiner Mitgeschöpfe zu erfahren und in ihr zu leben! Soviel zu der Ferienhausarbeit. Schreiten wir nun zur Zubereitung eines Trankes, der im Ruf steht, die Denkgeschwindigkeit zu verfünffachen. Wer möchte mir freiwillig die Zubereitung von Quintus Gleißenblitzes Schnelldenkertrank verraten?" Bernadettes rechter Arm ragte keinen Lidschlag später nach oben. Julius ließ sich drei Sekunden Zeit, um zu prüfen, ob er die Zusammensetzung auch wirklich hersagen konnte. auch Laurentine zeigte auf. Hercules, Robert und Gaston sahen sie verblüfft an. Bernadette schenkte ihr einen leicht herablässigen Blick. Julius und Gaston hingegen blickten sie aufmunternd an. Tatsächlich durfte sie die Rezeptur und Zusammensetzung hersagen. Wie üblich schrieb eine unsichtbare, von Zauberhand geführte Kreide die Zutaten und Zubereitungsanleitung an die Tafel. Als Laurentine nach fünf Bedenksekunden sagte, daß sie nun alles zusammenbekommen hatte, ließ die Lehrerin einen roten Schimmer erscheinen, der die Schrift auf der Tafel verwischte und dann so wie zuvor wieder auftauchen ließ. Kein roter Strich und keine Korrekturbeschriftung war dazugekommen. Bernadette sackte wie in den Magen getroffen zusammen und brauchte zwei Sekunden, um sich wieder aufzurichten. Dann ging es an die Zubereitung.

Nach der doppelten Doppelstunde verließen Millie und Julius ungeniert nebeneinander herschreitend die Klasse. Bernadette versuchte, Laurentine abzufangen. Doch Professeur Fixus scheuchte sie unmißverständlich weiter. Gaston schob sich zwischen Bernadette und Laurentine.

"Irgendwer oder irgendwas hat eure frühere Verweigerin total umgekrempelt, Monju. Hast du gesehen, wie Bernie geglotzt hat, weil Laurentine die ganze Leier fehlerfrei runtergerattert hat? Herlich war das."

"Ich denke, sie ist wegen Claire so verändert, Millie. Claire und Céline haben immer versucht, ihr klarzumachen, daß sie eine Hexe ist und das hier richtig ausnutzen möchte, was sie hier lernen kann. Offenbar setzt sie das jetzt um, weil Claire nicht mehr da ist."

"Das wird's wohl sein, Monju", meinte Millie. Dann deutete diese auf Professeur Pivert, der die Pausenhofaufsicht machte. Julius war heute als begleitender Pflegehelfer eingeteilt.

"Ich bekomme mit, daß Sie offenbar über die gerade in Großbritannien stattfindenden Ereignisse besorgt sind, Monsieur Latierre", eröffnete der Zaubertierwesenlehrer ein Gespräch. Julius nickte. "Vielleicht ist es besser, wenn Sie ihren Freunden oder Angehörigen dort mitteilen, keine neuen Zeitungen mehr von dort zu beziehen, um sich dem ZAG-Jahr widmen zu können. Damit würden Sie auch das Klima in Beauxbatons schonen."

"Nichts für ungut, Professeur. Aber solange Professeur Faucon mir nicht verbietet, den britischen Tagespropheten zu erhalten, möchte ich schon gerne wissen, was sich dort abspielt. Ich habe Freunde in Hogwarts. Wissen Sie vielleicht, was da gerade vor sich geht?" Pivert nickte verhalten. "Dumbledores Mörder, der im Auftrag des schwarzen Magiers mit dem gefürchteten Namen gehandelt hat, leitet die Schule. Zwei andere Handlanger besagten Dunkelmagiers helfen ihm dabei, Hogwarts zu einem Nest der Angst und dunklen Kräfte umzubauen. Da will ich es verdammt noch mal wissen, was wie und warum da so in der restlichen Welt los ist. Wie gesagt werde ich nichts dagegen machen können, wenn mir Professeur Faucon verbietet, die britische Zeitung zu kriegen. Hier im Miroir steht ja nichts mehr drin, seit Poirots letztem Artikel."

"Mir geht es um das Lernen hier, Monsieur Latierre. Wer Angst hat oder wütend ist kann sich nicht richtig auf die Arbeit hier konzentrieren. Und ich bin mir sicher, daß Professeur Faucon das genau so sieht wie ich und die entsprechenden Konsequenzen ziehen wird. Es liegt natürlich nicht an mir, Ihnen Anweisungen zu erteilen, solange Sie nicht bei mir im Unterricht sitzen. Ich gebe lediglich wieder, was mir und den anderen Lehrerinnen und Lehrern aufgefallen ist."

"Also auch Professeur Faucon", sagte Julius kühl. "Und diese hätte schon nach der ersten Briefsendung dieser Art verfügen können, daß ich keine Zeitungen oder was ähnliches mehr kriegen darf. Da sie es nicht hat, darf ich es noch, wobei Sie das "noch" gerne betonen möchten." Pivert war sprachlos. Julius hatte ihm mit zwei Sätzen die weitere Argumentation vermasselt. So blieb ihm nur, die Schüler in der Pause zu beobachten und aufzupassen, das nichts schlimmes passierte. Ein Blauer zog unvermittelt eine blaue Flasche mit einer weißen Wolke aus dem Umhang und entkorkte diese. Mit einem Schlag wurde es eiskalt, und alle Schüler standen mitten in einem heulenden Schneesturm.

"Das ist nicht wahr!" Rief Pivert entrüstet, als ihm myriaden Schneeflocken wild ins Gesicht flogen und auf seinem roten Samtumhang landeten.

"Ich bringe diese Leute von Forcas um!" rief Gerlinde van Drakens, Julius' Pflegehelferkameradin. Alle begannen zu bibbern, weil der aus der Flasche losgelassene Eiswind ihnen zusetzte.

"Einen Schneesturm aus der Flasche", knurrte Pivert. "Jetzt reicht es langsam mit diesem Unfug. Letztes Jahr in Australien hat doch glatt wer einen tragbaren Sumpf mitten auf eine Schafsweide gelegt." Er prustete, um den auf seinem Mund liegenden Schnee wegzublasen. Doch der freigesetzte Schneesturm konnte das natürlich hundertmal besser, und segnete ihn sofort wieder mit einer eiskalten, flauschigweichen Schneedecke. Mittlerweile lag der Schnee bereits einen Zentimeter Hoch auf dem Pausenhof. Der Blaue, der das weiße Inferno entkorkt hatte war im Getümmel der Schneeflocken in Deckung gegangen.

Julius versuchte, durch die weiße, wirbelnde Wand seine Mitschüler auszumachen. Er sah Pierre und Gabrielle, die aneinandergeklammert dastanden und zitterten. Zwischendurch schüttelte Fleurs Schwester den Schnee aus ihrem Haar heraus. Ältere Schüler versuchten der Schneeflut mit ihren Zauberstäben Einhalt zu gebieten. Doch dabei kamen nur neue Wetterstörungen heraus. So krachte keine fünfzehn Meter von Julius entfernt ein Blitz in den Boden. Anderswo prasselte auf eine Fläche von fünf mal fünf Metern Hagel mit taubeneigroßen Körnern nieder. Und bei einem Schüler, der für einen Moment eine schneesturmlose Zone gezaubert hatte, klatschte ein melonengroßer Schneeball voll auf seinen Kopf herab, bevor ihn das restliche Schneetreiben wieder einhüllte.

"Meteolohex Recanto!" Rief Pivert, mit bereits mit Eiskristallen verziertem Zauberstab. Es krachte laut, und um ihn und Julius entstand eine Zone ohne Schnee und Wind. Doch das hielt keine zwei Sekunden vor. Dann ertönte eine lachende Stimme, die "Netter Versuch" trällerte, und mit lautem Klatschen verschwand Piverts Kopf in einem einen Meter durchmessenden Schneeball, bevor mit lautem Wusch der Schneesturm auch sie beide wieder umfing. Julius überlegte, ob er mit inverser Logik was machen konnte, also kalten Wind zaubern, um den magischen Schneesturm scheinbar zu verstärken, um die beiden Magien gegeneinander aufzuheben. Doch mit Forcas' Wetterscherzen hatte er da so seine Erfahrungen gemacht. Da half meistens nur ein gegenläufiger Zauber aus derselben Quelle, also ein Sandsturm statt eines Schneesturms. Im Moment galt es wohl, alle Schüler aus der Wirkungszone des tobenden Winterwetters herauszubringen. So bezauberte er seine Stimme mit dem Sonorus-Zauber und rief: "Pflegehelferanweisung! Alle Schüler zurück in den Palast! Wiederhole: Pflegehelferanweisung! Alle Schüler zurück in den Palast!"

Dieser Aufforderung folgten alle, vor allem, weil die Saalsprecher und anderen Pflegehelfer ihre Mitschüler antrieben. Pivert versuchte zwar, Julius zurechtzuweisen, daß er keine Anweisungen zu erteilen hatte. Doch der Schnee und die in den Palast zurückstürmenden Schüler zwangen ihn, diese Zurechtweisung erst einmal zu vergessen. Alle eilten in die kleine Halle vor dem Pausenhofausgang. Doch der Schneesturm blies seine weiße Fracht auch hier hinein. Erst als auch Julius und Professeur Pivert in der Halle waren und der Lehrer die Tür zuschlug, hatten sie Ruhe vor dem Sturm. Alle zitterten und bibberten. Viele schüttelten sich wie nasse Hunde, um die kiloschweren Schneemassen aus den Haaren und der Kleidung zu bekommen. So entstanden in der Halle mehrere Schneehaufen, die in der wohltuenden Wärme zu großen Pfützen auseinanderliefen.

"So, wo ist der Bursche, der uns allen dieses Spektakel beschert hat?!" Rief Pivert zitternd. Er klopfte und wischte sich immer noch Schnee aus Umhang und Haaren. Doch keiner der Jungen aus dem blauen Saal reagierte. Professeur Fixus tauchte auf und wollte schon lospoltern, daß sie alle draußen zu sein hatten. Doch das Geheul und das Bibbern der zusammengedrängten Schüler, so wie das leise Knirschen des Schnees veranlaßten sie, keine Strafpredigt gegen alle zu halten. Sie blickte sich um und deutete dann auf einen der Schüler, der sich in einer Ecke schön weit weg von Pivert verborgen hatte. Der Lehrer nickte seiner Kollegin zu und brach sich mit ausfahrenden Ellenbogen eine Bahn durch die Schülerschar. Julius rief derweil Madame Rossignol und teilte ihr mit, daß jemand einen Schneesturm aus einer Flasche im Pausenhof losgelassen hatte.

"Diese Wetterbomben sind sehr hartnäckig und vor allem ausdauernd", knurrte die Schulheilerin. "Alle Schülerinnen und Schüler zu mir zur Einnahme des Anti-Erkältungstrankes!" Den letzten Satz hatte die Heilerin wohl aus allen Pflegehelferarmbändern zugleich ertönen lassen. Denn alle zehn Pflegehelfer trieben die in ihrer Nähe bibbernden Mitschüler zusammen, um sie in Richtung Krankenflügel in Marsch zu setzen. Pivert war derweil bei dem Schneesturmmacher angekommen und packte diesen beim Kragen. Julius wartete nicht darauf, was der Missetäter für seinen weißen Zauber abbekommen würde. Er formierte alle in seiner Nähe stehenden so, daß er sie zum Krankenflügel losschicken konnte, darunter auch Gabrielle und Pierre. Da "alle Schüler" zum Krankenflügel sollten, galt das auch für Julius.

"Ist ja toll, aber fieskalt, so'n Flaschenschneesturm", meinte Pierre.

"Blöd ist das!" Keifte Gabrielle. "mein Haar ist total vereist. Das ist trolldoof sowas."

So rückte die gesamte Schülerschaft von Beauxbatons zehn Minuten vor dem Pausenende in den Krankenflügel ein. Da im Behandlungsraum absolut kein Platz für alle war, ließ Madame Rossignol alle im weitläufigen Schlafsaal Aufstellung nehmen. "Wer sich auch nur wagt, sich auf eines der Betten zu setzen kriegt Ärger!" Rief sie, weil einige Anstalten machten, sich mit den nassen Umhängen auf die blütenweiß bezogenen Betten zu pflanzen. Dann winkte sie ihre Pflegehelfertruppe zu sich und gab jedem davon einen Becher mit dampfendem Inhalt. "Austrinken!" Kommandierte sie. Als alle brav getrunken hatten, postierte sie fünf Pflegehelfer mit je zwei großen Behältern auf der einen Seite und teilte mehrere Stapel Holzbecher aus. die fünf übrigen Pflegehelfer schickte sie mit den Eimern und Bechern auf die andere Seite des Schlafsaales, wo sie den darin dampfenden Trank in Becher füllten und weitergaben. Wer getrunken hatte sollte seinen Becher bei Madame Rossignol abgeben. Julius fragte sich, ob sie wirklich genug Becher für mehr als achthundert Schüler vorrätig hatte. Doch die Stapel schienen immer nachzuwachsen. Irgendwann, so ungefähr eine halbe Stunde innerhalb der nächsten Unterrichtsstunde, waren alle Schüler getrocknet und mit aus den Ohren quellendem Dampf sichtbar mit dem Anti-Erkältungstrank versorgt. Die geleerten Becher verschwanden auf magische Weise. Madame Rossignol ließ nun fünf Schüler nebeneinander durch die Tür, wobei sie jedem einen Zettel an den Umhang steckte. So schleuste sie in einer weiteren Viertelstunde alle Schüler hinaus, wobei sie ihre Pflegehelfer zunächst zurückbehielt. Als bis auf die zehn Helfer alle durch die Tür waren kam Pivert mit dem Missetäter am Kragen herein.

"So, der soll wohl auch noch was abkriegen", sagte der Lehrer und nieste herzhaft. "Ich habe dem schon zweihundert Strafpunkte aufgeladen. Haptschii!!" Madame Rossignol tadelte ihn, weil er beim Niesen eine bis zur Tür in den Schlafsaal fliegende Schleimfontäne ausgespuckt hatte.

"Abkriegen ist ein sehr gutes Stichwort, Maurice. Du bist also der nette Zeitgenosse, der seine Mitschüler mit einem Schneesturm im Spätsommer beehrt hat. Dann darfst du gleich anfangen, den ganzen Krankenflügel zu putzen. Gib mir deinen Zauberstab her!"

"Nö, den behalte ich", begehrte der Blaue auf.

"Das glaube ich aber nicht", schnarrte Pivert und zwang den Jungen aus der sechsten Klasse mit einem Halbnelson zu einer Verbeugung. Er fischte schnell in die Taschen des Übeltäters und schnippte der Heilerin den sechs Zoll langen Zauberstab des Jungen zu. Diese herrschte den dann an: "Damit du hier nicht zu mogeln anfängst, Bürschchen. Bei der Gelegenheit. Deine Mitschüler wurden von mir wegen Heilbehandlung für ihr Zuspätkommen von allen Strafpunkten befreit. Ich mußte zweihundert Liter Anti-Erkältungstrank verabreichen. Ein Liter kostet drei Galleonen, Freundchen. Das macht sechshundert Galleonen. Diese Anzahl an Strafpunkten erhältst du für deinen Schneezauber obendrauf. Da sich alle zu dieser Zeit im Pausenhof aufhielten waren also auch meine zehn Pflegehelfer draußen. Das heißt, du hast mal eben zehn Pflegehelfer zugleich mit deinem Zauber angegriffen. Nach der neuen Strafzumessungsregel sind das mal eben dreitausend Strafpunkte dazu. - Hält dein Bonuspunktekonto das noch aus?" Der Junge sackte im Griff des Lehrers zusammen. Julius erbleichte. So schnell konnte man sich also einen Freiflugschein aus Beauxbatons einhandeln. Madame Rossignol deutete auf die zehn Pflegehelfer und sagte: "Ihr geht jetzt in euren Unterricht. Hier sind noch zehn Entschuldigungszettel für euch." Sie gab ihnen von den Zetteln, die sie eben allen Schülern ausgeteilt hatte. Als Julius mit Sandrine zum Kursraum für alte Runen unterwegs war, sagte diese:

"Der kann froh sein, wenn er gleich nach dem Putzen aus dem Palast verschwinden darf. Hast du die andren Mädchen gesehen, die ihn giftig angeguckt haben, als Fixus ihn unten entlarvt hat?"

"Ja, die hätten den am liebsten zu Hackfleisch verarbeitet und in Bolognesesoße eingerührt, wenn ich das richtig gesehen habe", sagte Julius.

"Es gibt Mädchen, die es nicht haben können, wenn wer ihre Frisur verstruwelt. Wahrscheinlich wird Madame Maxime noch einen Heuler an Felix Forcas schicken."

"Der hat bestimmt schon zweihundert von der gekriegt", sagte Julius kühl. Sandrine mußte darüber grinsen.

"Du hast Pivert die Initiative weggenommen, Julius. Meinst du, der könnte dir dafür was?" Fragte Sandrine.

"Wird sich nächste Woche zeigen", sagte Julius. "Abgesehen davon hat Madame Rossignol uns doch erklärt, daß wir bei der Pausenhofaufsicht unter Vorbehalt, daß der eingeteilte Lehrer nicht sofort Einspruch erhebt, Anweisungen erteilen dürfen, wenn es um Heilsachen geht. Schneesturm aus Flaschen. Ist zwar ein toller Gag, aber nach einer Minute schon nervig, wenn man sich nicht mal eben zurückziehen darf."

"Was war denn das für'n Zauber, den Pivert versucht hat?"

"Ein Wetterverwünschungsumkehrungszauber, Sandrine. Meteolohex Recanto. Normalerweise funktioniert der bei allen magisch erzeugten Wetterstörungen. Aber Forcas hat da wohl eine Gegenmaßnahme eingebaut wie bei dem Liter Londoner Nebel, den mal wer im Zauberkunstraum rausgelassen hat. War auch lustig und größtenteils harmlos. Aber Psst, muß keiner mitkriegen, daß ich als Broschenträger sowas witzig finde."

"Manche Scherze sind ja auch witzig. Aber das mit dem Feuerwerk vor einem Jahr in Millemerveilles war auch nicht so ganz lustig. Marielle hatte noch lange Angst, abends ins Bett zu gehen."

"Die müßte doch jetzt auch in der Übergangsklasse sein", sagte Julius.

"Wie Babette auch, Julius. "Wieso hat Madame Brickston die nicht zu uns nach Millemerveilles geschickt? Da kennt die doch auch genug Leute."

"Vielleicht zu teuer", scherzte Julius.

"Haha, Julius. Aber wir sind gleich am Klassenraum", wisperte Sandrine.

Durch den Schneesturm in der großen Pause konnte Professeur Milet ihr Stundenpensum nicht mehr durchbringen. So gab sie ihren Schülern auf, bis zur nächsten Stunde im Runenwörterbuch alle mit Querrunen geschriebenen Begriffe zusammenzusuchen und eine Liste anzufertigen, wie diese bei der Zeichnung magischer Vierecke die Wirkung beeinflußten.

Beim Mittagessen fehlte der Schneesturmbeschwörer am Tisch der Blauen und würde wohl auch nicht mehr wiederkommen. Madame Maxime hielt eine donnernde Strafpredigt und forderte die Saalsprecher auf, alle Zimmer zu durchsuchen, um derlei unerwünschte Sachen zu beschlagnahmen. Deshalb durften die vierundzwanzig Saalsprecher nicht an den Freizeitkursen am Nachmittag teilnehmen. Giscard vereinbarte mit Julius, mit ihm zusammen durch die Schlafsäle zu gehen. Julius überlegte, ob er noch irgendwelche unerwünschten Gegenstände oder Tränke mitführte. Außer den Langziehohren in seinem Brustbeutel fiel ihm nichts ein. Tja, und den Brustbeutel trug er ja immer bei sich. Und es war ja nur von den Schlafsälen die Rede gewesen.

"Zumindest haben wir nichts gefunden", sagte Giscard, nachdem sie eine Stunde lang die sieben Schlafsäle durchsucht hatten. Yvonne meinte, daß sie bei zwei Sechstklässlerinnen Phiolen mit dem blauen Sündentilger gefunden habe, diese aber da gelassen hätte, weil es besser sei, wenn die damit hantierenden Mädchen zumindest verhüteten.

"Ja, aber dadurch animieren wir die doch erst recht zur Unzucht, Yvonne", widersprach Giscard.

"Richtig, Giscard. Weil sie ja sonst schwanger werden könnten. Dann wäre es ja Zucht", erwiderte Yvonne darauf. Julius war baff. Den Gag hätte er eigentlich anbringen müssen. Aber genial blieb der trotzdem. Giscard blieb das Gesicht stehen, während Céline und Julius lachten.

"Du weißt genau, wie ich das meine, Yvonne", knurrte Giscard.

"Du meinst, wie die Schulregeln das meinen, Giscard", berichtigte ihn seine Kollegin. Giscard sagte darauf nichts mehr.

Nach dem Abendessen tobte sich Julius so weit es ging beim Duelltraining aus. Eine ungesagte Runde lang mußte er sogar gegen Professeur Faucon antreten, was die magische Begrenzung des Übungsfeldes immer wieder wie eine Glocke zum Klongen brachte. Nachdem die Zeit für die Freizeit-AG abgelaufen war sagte die Lehrerin noch:

"Natürlich habe ich es gemerkt, daß Sie sich innerlich auf eine Schlacht gegen all diejenigen vorbereiten wollen, die in England gerade ihre Mitmenschen terrorisieren. Ich hoffe nur, daß wir eine Möglichkeit finden, den Schaden möglichst klein zu halten."

"Dazu müßten wir zu denen hin und die aus dem Ministerium raustreiben", knurrte Julius.

"Es gibt noch eine Alternative zur Gewalt", sagte die Lehrerin geheimnisvoll lächelnd. "Die sollte Ihnen als intelligentem Zauberer durchaus mehr behagen als der Kampf."

"Die List", sagte Julius darauf. "Wir müßten diese Schweinehunde mit irgendwas aus dem Konzept bringen, weil die im Moment denken, ihnen könne keiner was."

"Ich meinte vor allem Aktionen, die zeigen, daß es immer noch zu hoffen lohnt und diese Bande noch lange nicht gewonnen hat. Allein schon, daß Harry Potter und Sie sich diesem Tyrannen und seinen Marionetten bisher so erfolgreich entziehen gibt denen, die davon erfahren Anlaß zur Hoffnung." Julius stutzte. Sie hatte gerade Harry Potter und ihn im selben Satz und selben Zusammenhang erwähnt. Nachdem, was Darxandria ihm aufgeladen hatte, bevor sie für ihn in Temmies Körper eingezogen war, könnte man ja auch glauben, er habe eine vorherbestimmte Mission, ein unausweichliches Schicksal. So sagte er:

"Das Problem ist nur, daß Harry Potter wohl irgendwann mit diesem Massenmörder zusammentreffen muß um eine eindeutige Entscheidung zu kriegen. Ich kann nur hoffen, daß meiner Mutter und mir, sowie Millies Eltern und Verwandten nichts passiert."

"Der Kontakt nach England ist für uns sehr wertvoll, Monsieur Latierre. Deshalb sind Sie nicht minder wichtig, Monsieur Latierre." Julius hatte irgendwie den Eindruck, als winke die Saalvorsteherin mit einem Zaunpfahl, den er im Moment nicht sehen konnte. Doch mehr ließ sie im Moment nicht heraus. Er sagte dann noch:

"Ich bin nicht der einzige mit Kontakten nach England. Mildrid kennt ja Schulfreunde von mir, und Gabrielle Delacour hat ihre Schwester da wohnen."

"Das ist vollkommen korrekt", sagte Professeur Faucon wieder geheimnisvoll wirkend. Dann wies sie Julius an, sich zunächst einmal keine Gedanken mehr um Hogwarts oder die britische Zaubererwelt zu machen. Zum einen haben wir noch keinen Ansatz, um aktiv eingreifen zu können. Zum anderen ist es nie verkehrt, den Feind eine Weile glauben zu lassen, er habe alles unter Kontrolle. Ja, ich weiß, in dieser Zeit kann er unermeßlichen Schaden anrichten. Doch wie gesagt fehlen uns noch genügend Ansätze, um diesem Treiben entgegenzuwirken." Julius nickte. Rein logisch betrachtet war jede Aktion nutzlos, wenn ihre Erfolgswahrscheinlichkeit bei null lag. Um diese Wahrscheinlichkeit zu steigern bedurfte es Informationen und weitere Hilfsmittel, Organisation und den richtigen Zeitpunkt. So nickte er bestätigend und kehrte in den grünen Saal zurück.

"Könnte es sein, daß Ammayamiria Laurentine hilft?" Hörte er millies Gedankenstimme, als er in seinem Bett lag und kurz vor dem Einschlafen war. Er setzte sich auf und legte sich schnell wieder hin, weil Alexandrine Charpentier gerade mit Aurora Dawn in das große Gemälde zurückkehrte. Sie hatte offenbar den täglichen Bericht über Hogwarts abgeliefert. Julius hatte es dreimal versucht, sie zu bitten, ihr auch was zu erzählen. Doch Aurora hatte darauf nur geantwortet, daß Madame Maxime ihr das verboten hätte, solange es keine Information war, zu der er was wichtiges beisteuern konnte. Das in Hogwarts gerade finstere Zeiten eingekehrt waren reichte nicht aus, um ihn zu irgendwas zu befragen. So blieb er scheinbar schlafend liegen und dachte konzentriert:

"Dann müßte Laurentine Ammayamiria sehen können, Millie. Und das kann sie ja nicht."

"Vielleicht muß sie das nicht, Monju. Es würden ja auch schon Gedanken reichen", erwiderte Mildrid. Julius überlegte kurz. Dann schickte er über die Herzverbindung zurück:

"Ich denke, Laurentine konnte das immer schon. Sie wollte es nur nie zeigen, Mamille. Und jetzt macht sie Bernie fertig, weil die ihr früher immer dumm kam."

"Ist tatsächlich ein Grund", dachte Millie zurück. Dann schwiegen beide Eheleute.

 

__________

 

Zwei Wochen vergingen, ohne daß neue Zeitungen aus England eingetroffen wären. Einmal nur hatte Gloria Julius in knappen Sätzen berichtet, daß es eine Widerstandsbewegung in Hogwarts gebe, die sich gegen das Regime von Snape und den Carrows auflehne. Ginny Weasley gehöre wohl dazu, ebenso wie Luna Lovegood. Diese habe sie sogar leise gefragt, ob sie nicht auch mitmachen wolle. Professeur Faucon hatte ihm am nächsten Tag über Viviane ausrichten lassen, daß sie Gloria angewiesen habe, weiterhin unauffällig zu bleiben. Doch Julius hatte die Strimen in Glorias Gesicht sehen können, die wohl von Schlägen oder leichten Schnitten herrührten. Gloria hatte dazu jedoch kein Wort verloren. Das war ja auch nicht nötig.

Mittlerweile wußten die Quidditchmannschaften auch, wann sie gegeneinander spielen mußten. So sollten die Roten zuerst gegen die Violetten spielen, dann die Blauen gegen die Weißen. Am Schluß der Runde stand dann die Partie Grün gegen Gelb. Rot und Grün würden in der übernächsten Runde direkt aufeinandertreffen. Hercules hatte dazu nur bemerkt, daß die roten dann Julius' Flugmanöver gut genug ausprobieren konnten. Julius hatte es vorgezogen, nichts dazu zu erwidern. Schließlich war es ja nicht sein Flugmanöver.

Am vierten Sonntag des Schuljahres weckte ihn Alexandrine Charpentier um fünf Uhr morgens aus einem Traum, der fast schon in erotische Wallungen ausuferte. Er brauchte drei Sekunden, um zu erkennen, wo er war und wer da zu ihm sprach.

"Ich habe den Auftrag von Madame Maxime, Sie dazu einzuladen, nach dem Mittagessen sehr rasch zu ihr zu gehen und Ihre Ehefrau, sowie Mademoiselle Delacour mitzubringen. Näheres darf ich nicht dazu sagen."

"Oh, und dann schickt Madame Maxime Sie und nicht Aurora Dawn?" Fragte Julius.

"Mademoiselle Dawn befindet sich wohl derzeitig in einem anderen Portrait. Werden Sie der Einladung folgen, Monsieur Latierre?"

"Natürlich. Richten Sie Madame Maxime bitte aus, daß ich gegen halb zwei zu ihr kommen werde!"

"Das werde ich", erwiderte die gemalte Ausgabe einer ehemaligen Schulleiterin. Dann huschte sie aus dem Bild hinaus. Julius lag noch so da und überlegte, was diese Einladung zu bedeuten hatte. Diese füllige Hexe mit den schwarzen Ringellocken hatte gesagt, er solle sehr rasch zu Madame Maxime hingehen. Irgendwie war das doch überflüssig, solche Eile anzufordern. Irgendwas klingelte da ganz sachte in ihm. Er fragte sich, was Madame Maxime vorhatte, daß er mit Millie und Gabrielle Delacour hingehen sollte. Mit ihr hatte er in den letzten Tagen nicht viel zu tun gehabt, außer daß er Pierre, der angefangen hatte, für sie mehr als Kameradschaft zu empfinden, darauf hinzuweisen, daß das von Gabrielles Veela-Anteilen kommen mochte. Doch das hatte Pierre nicht im mindesten von ihr abgebracht. Vielleicht ergab sich heute eine Gelegenheit, mit Gabrielle zu reden, ob sie im Ernst schon irgendwelche Jungen betören wollte.

"Ah, du bist auch wach, Monju! So'ne umfangreiche Tante mit Ringellocken war gerade bei mir und hat gemeint, du möchtest mich nach dem Mittagessen zu Madame Maxime mitnehmen. Die sah aus, als hätte die auch mal zwölf Kinder gekriegt wie Oma Line", trällerte Millies fröhliche Gedankenstimme in Julius Bewußtsein.

"Huch, die kam auch zu dir? Die war vor fünf Minuten bei mir und hat mich gebeten, dich und Fleurs kleine Schwester mitzunehmen. Offenbar möchte Madame Maxime einen Kaffeeklatsch machen. Nur daß ich keine Hexe bin."

"Was auch sehr in Ordnung ist, daß du keine Hexe bist, Monju. Sonst müßten wir uns irgendwann drum zanken, wer unser erstes Kind austrägt. Aber was will Madame Maxime von uns? Ausgerechnet dich und Gabrielle. Will die gucken, ob Mademoiselle Was-bin-ich-schöns kleine Schwester dich mir ausspannen kann?"

"Dann müßte sie erst einmal klären, ob sie was von Pierre Marceau will oder nicht", erwiderte Julius.

"Ja, stimmt, die beiden hängen häufig zusammen. Wundere mich, das der Hungerhaken mit der Silberbrosche noch nicht mit 'nem Eimer wasser dazwischengegangen ist. der kleine Muggelstämmige ist offenbar voll von der beeindruckt. Liegt das bei euch Muggelstämmigen im Blut, daß Veela-Mädchen euch gleich so erwischen?"

"Wie meinst du das?" Fragte Julius mentiloquistisch zurück.

"Das Martine mir erzählt hat, daß du damals vor der Quidditch-Weltmeisterschaft fast unter Fleurs Rock gekrochen wärest, um mitzukommen."

"Anregende Vorstellung", schickte Julius zurück.

"Klar, meinst jetzt, mich damit ärgern zu können. Aber Fleur hätte dich wohl nicht da rangelassen. Also lassen wir das! Also was will die Maxime von uns dreien?"

"Madame Charpentier, so heißt die Dame mit den Ringellocken, hat gesagt, ich soll mit euch sehr rasch ... zu Madame Maxime hinkommen. Mann, bin ich vernagelt!"

"Was ist, Monju. Hat was bei dir geklingelt?" Fragte Millie.

"Geläutet wie sämtliche Glocken von Nôtre Dame, Millie. Ich lass dazu nur so viel raus: Wenn wir bei ihr sind, werden wir wohl dazu angehalten sein, sonst keinem was zu erzählen."

"Würde Bernie und die anderen auch blöd gucken lassen, wenn ich der auf's Brot schmiere, daß Madame Maxime, mit Gabrielle Delacour, dir und mir 'ne lustige Plauderstunde veranstalten will", schickte Millie zurück. Dann war Julius für eine kurze Weile mit seinen Gedanken alleine. "So, da bin ich wieder, Monju. Könnte das Treffen was damit zu tun haben, daß wir drei über unsere Familien Kontakte ins Ausland haben, auch nach England?" "Yep", schickte Julius zurück. "Hab' ich's mir doch gedacht, Monju. Die werte Dame will nicht so rumhocken, wo ihr großer Freund in Hogwarts gerade wohl Megastress hat. Stimmt's oder stimmt's?"

"Millie, welcher Mann möchte schon immer eine kluge Frau um sich herum haben?" Seufzte Julius.

"Du zum Beispiel. Denk dran, die Brücke hat uns beide wohl sehr gründlich verglichen und zueinander passend gefunden. Sicherer kann das nicht gehen. Also ist das so was. Dann lass ruhig raus, was die deiner Ansicht nach vorhat! Hört ja sonst keiner zu."

"Das überlasse ich dann doch lieber Madame Maxime", schickte er zurück. Er erinnerte sich, daß Millie ja noch keine Occlumentie erlernt hatte. Aber das galt ja dann auch für Gabrielle Delacour. Abgesehen davon, wer sagte ihm eigentlich, daß nur er, seine Frau und die silberblonde Erstklässlerin mit der Veela-Großmutter dort sein würden? Er schickte noch ein "Bis dann nachher vor der Konferenz. Zu keinem ein Wort über heute Nachmittag!"

"Hat mir die Ringellockentante auch schon gesagt", gedankenknurrte Millie. Dann konnte Julius wieder für sich alleine denken.

Es kostete ihn etwas Mühe, seine Gefühle und Gedanken zu beherrschen. Während er bei der Pflegehelfersitzung dabei war und danach mit Sandrine, Patrice und Gerlinde die Ersthelferübungen machte, fragte Patrice ihn einmal, ob er was von seinem irischen Freund gehört habe, der bei seinem Geburtstag so traurig und verängstigt gewesen war.

"Die lassen keine Briefe mehr raus, Patrice. Seitdem ich weiß, wer da in Hogwarts das Sagen hat, habe ich auch nicht mehr damit gerechnet, daß die denen erlauben, mit mir Kontakt zu halten. Was ich von da weiß kommt aus Quellen, die ich hier nicht erwähnen möchte."

"Das ist doch rum, daß du über Auroras Bild mitkriegst, was da abgeht", flüsterte Patrice, während Madame Rossignol Sandrine und Gerlinde den Blutgerinselentfernungszauber erklärte.

"Eben, und die darf mir nur noch was erzählen, wenn ich auch dazu gefragt werden soll, was ich davon halte", sagte Julius. "Madame Maxime hat sie für sich vereinnahmt."

"Das ist bedauerlich", sagte Patrice und hob den Zauberstab, um Julius' eine Armbandage anzulegen und wieder verschwinden zu lassen.

"Ich habe auch Angst, daß meinen Freunden da was passiert", gestand Julius ein. Patrice nickte ihm zu. Konnte es sein, daß sie damals von Kevins Besuch mehr ergriffen worden war als es den Anschein hatte?

Nach dem Mittagessen suchte Julius Gabrielle Delacour. Tatsächlich schien es, daß sie Pierre um ihren kleinen Finger gewickelt hatte. Denn er trug ihr mindestens dreißig Bücher aus der Bibliothek hinterher, als sie in Richtung grüner Saal einherschritt. Julius fragte ihn: "Ui, hat die die alle fallen lassen, Pierre. Ist einer der ältesten Mädchen-Tricks."

"Ja, drum funktioniert der ja auch", flötete Gabrielle, während Pierre sich abmühte, den Bücherstapel zu balancieren. Dann fragte sie Julius, was er wollte. Er trat zu ihr. Sie war wohl darauf gefaßt, daß er sie küssen wollte, als er seinen Kopf ihrem näherte. Pierre war auch darauf gefaßt, den Stapel fallen zu lassen und den großen Jungen zu verhauen, wenn der an Gabrielle herumknabbern würde. Doch Julius flüsterte ihr nur ins Ohr: "Madame Maxime möchte uns gleich sehen."

"Weiß ich, hat mir die dicke Charpie schon heute Morgen aus Fleurs Minibild raus zugeknödelt", zischte Gabrielle. Also hatte Gabrielle ein Bild von ihrer großen Schwester bei sich hängen. Dann war das vielleicht ähnlich wie seine Verbindung über Aurora Dawn. Julius fragte Pierre, ob er die Bücher mal eben per Zauberkraft tragen sollte. Wie er erwartet hatte lehnte Pierre das rundweg ab. Julius hatte jetzt die Bestätigung. Gabrielle war gekommen, hatte gesehen und über Pierre gesiegt, wenngleich er nicht verstand, was sie an ihm faszinierte. Sicher, er war aufgeweckt, nicht dumm, wohl auch ziemlich stark und ließ sich von der Tretmühle nicht kleinkriegen. Womöglich lag es in den Genen der beiden Halbveelas, sich potentielle Heiratskandidaten nicht im Sammelbecken französischer Zauberer zu suchen, vermutete Julius. Verdammt, was sollte das denn? Er war selbst schon verheiratet! Gabrielle war vier Jahre jünger als er! - Na und? - Doch Millie war ihm ebenbürtig. Sie sah auch nicht schlecht aus. Gabrielle konnte ja nichts für ihr überragendes Aussehen. Sicher, sie sah noch nicht so fraulich aus wie ihre große Schwester - Obwohl kleine Erhebungen in Gabrielles Seidenbluse den Beginn der Weiblichkeit verrieten. Auf jeden Fall wirkte ihr Veela-Zauber, und er mußte zusehen, den von sich fernzuhalten. Pierre hatte sich vollkommen ohne zu überlegen davon einfangen lassen. War der mit elf schon so empfänglich dafür? Oder spielte Gabrielle noch andere Möglichkeiten aus? Aber das ging ihn doch nichts an, solange sich Pierre nicht mit anderen Jungen wegen ihr prügelte oder meinte, sie ganz und gar kennenzulernen und sie dann Connie Dornier nachschlug ... Es betraf ihn nicht!

"Was hast du denn da alles ausgeliehen?" Fragte Julius Gabrielle.

"Och, nur ein paar Bücher über Zauberkunst, Invivo-ad-Invvivo-Verwandlungen, Zaubertränke und Bücher über berühmte Hexen und Zauberer, um Pierre zu erklären, bei wem er hier gerade ist", sagte Gabrielle. "Der hat mir was von diesen Spice Girls erzählen wollen. Aber die kenne ich ja schon von Babette."

"Kennst du die auch?" Fragte Pierre.

"Die Spice Girls? Nicht persönlich, Pierre. Oder meinst du Babette Brickston?"

"Die meine ich", sagte Pierre.

"Was man so kennen nennt, wenn man bald zwei Jahre in der Wohnung über ihr wohnt", sagte Julius lässig. Gabrielle dirigierte Pierre zur Tür zum grünen Saal. Da kam Yvonne um die Ecke und sah die drei an. "Hat sie dich wieder zum Bücherschleppen gekriegt, Pierre? Hoffentlich läßt sie dich da auch mal drin lesen", sagte sie amüsiert.

Als Pierre die Bücher in den grünen Saal gebracht hatte, übernahm Gabrielle einen kleinen Teil, trug ihn in den Mädchentrakt und holte sich dann noch einen Teil, den sie wohl in den Schlafsaal für Erstklässler trug. Dann sagte sie zu Pierre: "Du kannst schon mal über Hecate Leviata und Angelique Liberté nachlesen, Pierre. Ich habe draußen noch was zu erledigen", stellte Gabrielle fest. Pierre gehorchte wie ein dressierter Hund und zog sich mit den Büchern an einen freien Tisch zurück. Gabrielle verließ den grünen Saal ohne weiteres Wort. Julius wartete einige Sekunden und folgte ihr. Unterwegs trafen sie Mildrid, die lässig an die Wand gelehnt stand, aus der sie wohl gerade herausgeschlüpft war.

"Ach, hast du die kleine gefunden", begrüßte Millie Julius. Gabrielle straffte sich und starrte Millie wütend an. Doch diese straffte sich auch. Sie maß jetzt bestimmt schon einen Meter fünfundachtzig. Wenn sie so weiterwuchs, hatte sie ihre große Schwester in zwei Jahren eingeholt. Gabrielle in des war einen Kopf kleiner als Julius, der bereits hochblicken mußte, um seiner Frau tief in die Augen sehen zu können.

"Hat meine Schwester mir gesagt, daß ihr Latierres lange, auf eure Kraft beschränkte Biester seid. Weiß nicht, was die Maxime von dir oder uns wollen könnte."

"Du hast gerade "Beschränkt" gesagt? Dann frage mal deine große Schwester, worauf die beschränkt war!" Knurrte Millie. Julius schritt ein und rief die beiden Mädchen zur Ordnung, ohne Strafpunkte auszuteilen. Bei Millie wäre ihm das vielleicht auch nicht so gut bekommen. Er wies darauf hin, daß sie alle drei zu Madame Maxime gehen sollten. Und das taten sie dann auch.

Gabrielle war nicht sonderlich beeindruckt von dem Sprung durch die Bilder. Fleur hatte ihr schon davon erzählt. Auch Millie empfand den Wechsel in Madame Maximes Arbeits- und Wohnräume nicht so beeindruckend wie Julius bei seinem ersten Mal.

Als sie im sechseckigen Empfangsraum ankamen, glaubte Julius, seinen Ohren nicht mehr trauen zu dürfen. Er hörte mehrere Stimmen, die er kannte. Da war zum einen Professeur Faucon. Dann Madame Maxime. Gut, mit denen hatte er gerechnet. Doch da waren noch zwei Stimmen, die er hier nicht erwartet hatte. Sie sprachen gerade mit jemanden, der vom Klang der Stimme her nicht persönlich in dem Raum anwesend war, womöglich ein Portrait. Auch diese Stimme erkannte Julius. "Mädels, wir werden gleich gute bekannte treffen", sagte Julius. Er fragte sich, wie sie es angestellt hatten, daß seine Mutter nach Beauxbatons gelangt war. Normalerweise durften Nichtmagierinnen weder apparieren noch durch den Kamin reisen. Die Reisesphäre wäre wohl für einen Gast etwas auffällig gewesen. Dann blieb nur ein Auto, daß vor Beauxbatons angehalten hatte, oder ein fliegendes Tier wie ein Thestral oder eine Latierre-Kuh. Catherine, die er gerade mit Madame Maxime sprechen hörte, war bestimmt mit seiner Mutter auf demselben Weg angereist. Millie blickte Julius vielsagend an. Doch dieser schwieg. Gabrielle horchte nun auch auf, weil sie zwei weitere Stimmen erkannte. Das waren ihre Eltern.

Der Salon sah aus wie sonst. Nur unter dem Kronleuchter hing, mit dem weißen Blütenkelch nach unten, eine langstielige Rose. Damit hatte Julius es amtlich. Doch nicht nur er begriff sofort, was hier los war. Gabrielle sah die einzelne Blume am Leuchter baumeln und sagte völlig unbekümmert:

"Ach, das mit der Rose. Hat mir Fleur in diesem Sommer von erzählt, daß man damit sagt, daß sachen nicht weitererzählt werden sollen."

Madame Maxime sah die Ankömmlinge und wandte sich dann an Gabrielle. "In welchem Zusammenhang hat Ihre Schwester dieses Symbol erwähnt, Mademoiselle Delacour?"

"Sie hat erzählt, daß sie das mal gelernt hat, wenn nicht mit Zauberei gemacht werden soll, daß was nicht erzählt wird", sagte Gabrielle frei heraus. Madame Maxime schien diese Antwort zu beruhigen. Sie entspannte sich. Julius fragte sich auch, ob Fleur ihrer kleinen Schwester da doch nicht etwas mehr verraten hatte. Aber das mußte er nicht hier oder jetzt nachprüfen. Er hoffte nur, daß Gabrielle sich daran hielt, daß nun alles, was in diesem Raum besprochen wurde, nicht anderswo verraten werden durfte. Julius begrüßte seine Mutter und Catherine, die Claudine in einem Tragetuch bei sich hatte. Babettes kleine Schwester war in den vier Wochen wieder ein klein wenig gewachsen, meinte Julius. Zumindest hatte sie nun dichtes, schwarzes Haar bekommen. In ihrem immer noch zahnlosen Mund steckte ein rosaroter Schnuller. Er begrüßte auch Apolline und Pygmalion Delacour, Fleurs und Gabbrielles Eltern. Professeur Faucon blickte besorgt auf ihre Enkeltochter. Martha Andrews mied jeden Blick auf Claudine und sprach mit einer gemalten, untersetzten Hexe in einem Bild, die neben der ihr im Umfang etwas überlegenen Alexandrine Charpentier saß. Sie trug ein geblümtes Kleid und auf dem graublonden Schopf einen Strohhut.

"Das wußte ich nicht, daß Ihr Vorbild mehrere Ableger von Ihnen hat malen lassen", sagte Martha Andrews gerade. "Ich meine, es ist unheimlich, mir vorzustellen, daß sie dadurch eine Art Geist von sich in unserer Welt hinterlassen hat."

"Ja, den Eindruck haben viele Menschen, auch wenn die Vorbilder noch unter ihnen selbst weilen, Martha. Hi Honey. Noch mal herzlichen Glückwunsch nachträglich. Wie steht dir der neue Nachname?" Fragte die im Bilderrahmen von Madame Charpentier steckende Ausgabe von Glorias Großmutter Julius Latierre.

Ich habe mich dran gewöhnt, nicht mehr der erste beim Aufrufen zu sein, Mrs. Porter", sagte Julius lässig. Madame Maxime räusperte sich und schloß dann die Tür. Jetzt blieb alles gesagte in diesem Raum. Denn er war ein permanenter Klangkerker. Als alle saßen erschienen Tassen und Teller auf dem Tisch. Es sollte offenbar eine längere Sitzung werden.

"Wir sind nun vollzählig", sagte die Schulleiterin. Sie ließ fünf Sekunden verstreichen und deutete dann auf die Rose am Kronleuchter. "Monsieur Latierre hat, wie ich sehen konnte, die Bedeutung dieses einfachen aber bedeutungsschweren Beiwerkes erkannt. Ebenso haben Sie, Mademoiselle Delacour, offenbar schon davon gehört, wofür es steht. Bleibt mir dann nur noch, die Eheleute Delacour, Madame Latierre, Madame Andrews und Madame Brickston in unserer kleinen Gemeinschaft zu begrüßen. Die Rose am Kronleuchter weist darauf hin, daß ab sofort und jederzeit, wenn sie dort zu sehen ist, nichts, was in diesem Raum besprochen wird, außerhalb davon weitergegeben werden darf, weder mündlich, noch schriftlich, noch in einer anderen, Menschen verständlichen Weise. Professeur Faucon und ich haben nach nun vier Wochen hilfloser Untätigkeit befunden, daß das, was sich derzeit in Großbritannien zuträgt, von freiheitsliebenden Hexen und Zauberern nicht ignoriert werden darf. Ich habe bewußt darauf verzichtet, Angehörige des Zaubereiministeriums zu dieser Unterredung hinzuzubitten, weil uns die Erfahrung lehrt, daß ministerielle Beamte zum Ziel jener Verbrecher werden können, welche derzeit Macht und Einfluß ausüben. Ich habe befunden, daß wir nur diejenigen Personen in dieser Gemeinschaft zusammenführen, die Interesse, Mittel und Kenntnisse besitzen, mit Freunden, Angehörigen oder Nachrichtenverbreitungsstellen in Großbritannien in Kontakt zu treten, sowie Pläne zu fassen, um jenen dort beizustehen, die in Bedrängnis geraten sind, ohne dabei selbst in erscheinung treten zu müssen."

"Sie meinen, ich soll über Fleur mit den Leuten reden, die mit Biel Weasli befreundet sind?" Fragte Gabrielle. Professeur Faucon nickte und betonte noch einmal, daß es sonst keiner wissen dürfe. Madame Delacour, die die Ausstrahlung einer Veela in großem Maße verströmte, sagte ruhig: "Fleur hat uns angeboten, die neuesten Meldungen innerhalb des Phönixordens an die Liga gegen die dunklen Künste in Frankreich weiterzuleiten."

"Unsere Kontakte zur britischen Sektion sind komplett versiegt", berichtete Professeur Faucon. "Es ist fraglich, ob deren Mitglieder noch am Leben sind, da ihre Namen dem Ministerium bekannt waren." Julius sog Luft zwischen den Zähnen durch. "Wir dürfen nur noch hoffen, daß die meisten Mitglieder des Phönixordens, der seinerzeit an Dumbledores Seite gegen den hier nicht näher zu benennenden Meister dunkler Künste antrat, dem Ministerium nicht bekannt sind. Insofern besteht durchaus noch die Möglichkeit, Kontakt zu dem Orden zu halten und Hilfe zu leisten, auch wenn wir nicht nach Großbritannien gehen können."

"Abgesehen davon, daß ich die Art, wie ich hierhergeschmuggelt wurde immer noch sehr gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen gruselig und wiederlich finde, frage ich doch jetzt einmal, was ich dabei tun kann", sprach Julius' Mutter, als Madame Maxime ihr das Wort erteilte. "Ich bin ja nur das, was man in Ihrer Welt "Muggel" nennt. Ich verfüge nicht über Zauberkraft oder Kenntnisse, damit umzugehen. Inwieweit kann ich Ihnen behilflich sein, Madame Maxime und Professeur Faucon?"

"Indem Sie die Kommunikationsmittel Ihrer Welt benutzen", sagte Professeur Faucon. "Ich konnte Madame Maxime davon überzeugen, daß wir in diesem Fall die umfangreichen Neuerungen der nichtmagischen Fernverständigungsmittel benutzen sollten, weil unsere Gegner nicht davon ausgehen, daß jemand solche Mittel benutzt. Sie halten nichtmagische Menschen für schwach und unterentwickelt, kurz für wertlos. Wer Eulen, Kontaktfeuer und Mentiloquismus benutzen kann, würde kein Telefon beachten. Wer nicht weiß, was ein Computer heute alles leisten kann, kann nicht davon ausgehen, daß solche Geräte weltweit miteinander vernetzt sind. Und wer Besen, Flohpulver und Apparitionen als schnelle Verkehrsmittel zur Verfügung hat, unterschätzt die Flugmaschinen und Schnellbahnen der Muggelwelt. Dies zu Ihren Möglichkeiten, Madame Andrews. Kommen wir nun zu dem, was wir tun können und müssen!" Sie winkte mit dem Zauberstab, und mit leisem Plopp erschien ein Packen Pergament auf dem Tisch. "Dies ist eine detaillierte Liste aller von Nichtmagiern abstammenden Hexen und Zauberer. Bevor die Verbindung zur Liga endgültig abrisß gelang es einem Kollegen, diese Liste mit einem Muggelposttransporter außer Landes zu schaffen und an meine Zweitanschrift in Marseille zu versenden. Diese Leute haben Angehörige, die in der nichtmagischen Welt leben und genauso in Gefahr schweben, Opfer des neuen Regimes zu werden. Sie gilt es zu warnen und eine mögliche Abreise von den britischen Inseln zu organisieren. Zwar wird der Kanaltunnel auf britischer Seite bewacht, jedoch nicht die Fährverbindungen. Ihre Aufgabe, Madame Andrews, wird darin bestehen, mögliche Fluchtwege für verfolgte Muggelstämmige zu errechnen und mitzuteilen, wie wir den Fliehenden eine möglichst schnelle Ausreise aus Großbritannien und Irland ermöglichen können. Gehen Sie davon aus, daß es um eine Minute gehen kann, wenn jemand von Heschern des neuen Zaubereiministeriums aufgestöbert wurde und fliehen muß!" Martha Andrews nickte.

"Unsere Aufgabe wird es sein, über die Kontakte, die wir haben, weiterhin am Puls der Ereignisse zu bleiben und zu prüfen, ob es uns nicht gelingt, Muggelstämmige unter der Nase der sogenannten Registrierungskommission hindurchzuschmuggeln."

"So wie mich in diesen Kamin?" Fragte Martha Andrews beklommen. Julius wollte sie schon fragen, wie sie sie hergebracht hatten. Doch Professeur Faucon und Catherine sahen ihn so an, daß er nicht ungefragt lossprechen würde.

"Madame, Monsieur und Mademoiselle Delacour, Sie möchten bitte über Madame Fleur Weasley Kontakt zum Phönixorden Dumbledores aufnehmen und diesen darum bitten, Muggelstämmigen Hexen und Zauberern bei ihrer Flucht zu helfen. Kämpfe gegen Todesser sind im Moment eher hinderlich als befreiend", sagte Madame Maxime. Dann wandte sie sich an Catherine Brickston. "Sie, Madame Brickston, koordinieren die ermittelten Fluchtwege in der Muggelwelt und die in der Zaubererwelt mit Madame Andrews und halten über das Portrait von Magistra Eauvive Kontakt zu uns." Catherine nickte. Dann wandte sich Madame Maxime an Mildrid: "Sie, Madame Latierre, sind zum einen als Ehefrau von Monsieur Julius Latierre von mir befugt, dieser Gemeinschaft beizuwohnen, um Ihre vorzeitig geschlossene Ehe nicht durch ein schweres Geheimnis zu belasten. Professeur Faucon hat mich davon überzeugen können, daß derartige Heimlichkeiten sich nicht dauerhaft verschweigen lassen, ohne eine Partnerschaft zu schädigen oder zu zerstören." Professeur Faucon nickte. "Darüber hinaus trifft es sich sehr gut, daß Ihre Familie weitverzweigte Kontakte in die globale Zauberergemeinschaft besitzt. Bitte ermöglichen Sie es uns, diese Kontakte zu nutzen, ohne Ihren Eltern Grund und Auftraggeber liefern zu müssen! Monsieur Latierre: Sie verfügen über zwei direkte Verbindungen nach Hogwarts. Wir wissen daher, daß für die muggelstämmigen Schüler zunächst einmal keine Hilfe mehr möglich ist, da sie von Dementoren aus dem Schulzug geholt und ohne Gerichtsverhandlung nach Askaban verbracht wurden. Daher möchten wir Sie bitten, uns bei der Beurteilung der Vorgänge in Hogwarts zu helfen."

"Welche zweite Verbindung meinen Sie, Madame Maxime? Das Bild von Aurora Dawn sagt im Moment doch nur Ihnen, was in Hogwarts los ist", wandte Julius ein. Doch Madame Maxime sah ihn sehr streng an und sagte:

"Ich spreche von der Zweiwegespiegelverbindung mit Mademoiselle Porter, die uns im letzten Jahr die Ehre erwies, hier ein erfolgreiches Schuljahr zu erleben. Also versuchen Sie bitte nicht, mir vorzumachen, Sie hätten nur eine Möglichkeit, mit Ihrer ehemaligen Lehranstalt in Verbindung zu treten!"

"Ja, stimmt", sagte Julius geschlagen. Wie konnte er auch erwarten, daß Professeur Faucon das für sich behalten würde. Jane Porter im Gemälde von Alexandrine Charpentier verzog zwar das Gesicht, lächelte ihn aber aufmunternd an. Dabei kam Julius eine Frage in den Sinn, die er gleich stellte:

"Können wir Sie dort auch einsetzen?" Professeur Faucon nickte heftig. Madame Maxime schränkte ein, daß das an der Anzahl der Portraits hinge, in die die gemalte Ausgabe Jane Porters wechseln könne. Jane Porter sagte, daß sie in Amerika und England hingelangen könne. Dabei zwinkerte sie Julius vielsagend zu. "Aber das muß auch nicht jeder wissen", fügte sie noch hinzu. Professeur Faucon und Julius wußten auch warum.

"Damit haben wir die Zuständigkeiten verteilt", sagte Madame Maxime. "Kommen wir zu den bisher gesammelten Fakten, um unsere Ausgangslage zu bestimmen!" Sie breitete die von Julius erhaltenen Exemplare des Tagespropheten aus und besprach mit den Anwesenden die Situation in der allgemeinen Zaubererwelt. Dann berichtete Julius, was er aus Hogwarts erfahren hatte und erwähnte auch, daß Gloria Porter bei ihrem letzten Gespräch leicht verletzt gewesen war. Jane Porter blickte verärgert aus dem Bilderrahmen herunter. Julius machte schon ein abbittendes Gesicht. Da schüttelte Jane Porter den Kopf und sagte beruhigend: "Honey, für diese Schweinereien kannst du nichts. Es ist bedauerlich, daß es noch keine Möglichkeit gibt, dort direkt einzugreifen."

"Hat Gloria Ihnen gegenüber erwähnt, was es mit diesem Adrian Moonriver aus der dritten Klasse auf sich hat?" Fragte Madame Maxime. Sie wies auf Alexandrines Bild. Diese schüttelte bedauernd den Kopf. Julius sagte nur, daß er den Jungen auf der Party bei den Sterlings getroffen hatte. Mußte er hier vor den Delacours jetzt unbedingt rauslassen, was er selbst so alles angestellt und hinbekommen hatte? Madame Maxime nickte. Professeur Faucon nahm Julius die Bürde ab.

"Es steht zu vermuten, daß dieser Junge Erbe einer uralten Familie ist, die mächtige Schutzzauber kannte und daher mindestens ein Schutzartefakt besitzt und zweitens sehr gut vorgebildet ist. Was hat Ihnen Aurora Dawn über den Jungen erzählt, Madame Maxime?"

"Das er die neuen Machthaber irgendwie gut auf Abstand halten könne. Strafmaßnahmen gegen ihn würden nicht greifen oder würden gleich unterlassen. Er halte sich aber eher im Hintergrund." Julius nickte. Konnte er sich vorstellen. Oder sollte Adrian den Carrows auf die Nase binden, daß er ihnen zehnmal überlegen war? Was nützte es, diese beiden von Hogwarts zu verjagen, wenn Voldemort jederzeit neue Kreaturen dort hinschicken konnte. Auf Abstand halten war da noch die bessere Taktik.

"Über den sogenannten Unterricht der Carrows wissen wir ja auch einiges. So vertritt diese Alecto Carrow in Studium der nichtmagischen Welt die radikale These, daß magielose Menschen niederen Tieren gleichen und entweder als Arbeitssklaven zu halten oder als wilde Tiere zu betrachten sind, die je nach Lästigkeitswert verjagt bis erlegt werden dürfen", sagte Professeur Faucon. "Amycus Carrow unterrichtet den skrupellosen Einsatz dunkler Kräfte, bringt den höheren Klassen sogar die gezielte Anwendung der unverzeihlichen Flüche bei, mit mentalen Komponenten und Grundvoraussetzungen. Es ist anzunehmen, daß die Todesser sich in Hogwarts einen willigen Kampfkader heranziehen wollen, der ideologisch festgelegt ist. Falls es uns nicht vergönnt sein sollte, die Gefahr des Psychopathen wirkungsvoll einzudämmen, haben wir in einem Jahr eine junge Generation willensarmer Kämpfer, die angreifen, was ihnen anzugreifen befohlen wird."

"Das mag für die Slytherins gelten, Professeur Faucon. Aber Hufflepuffs, Ravenclaws und vor allem Gryffindors lehnen diese Art von Zauberei größtenteils ab", wandte Julius ein.

"Unter dem entsprechenden Druck zerbricht alles, wenn genug Zeit vergeht, Monsieur Latierre", sagte Professeur Faucon. "Genau das soll unser Ziel sein, den Druck zu mindern oder gegen jene umzukehren, die im Moment dort zu sagen haben. Meine Kollegin McGonagall hat über Aurora Dawn mitteilen lassen, daß sie die brutalen Strafmaßnahmen ihrer aufgenötigten Kollegen so weit es geht zu umgehen versucht. Sie und die übrigen Lehrer, außer Binns, dem das Geschehen gleichgültig ist, und Snape natürlich, halten ihre schützenden Hände über die Schüler."

"Wenigstens ein Hoffnungsschimmer", sagte Martha Andrews. Alle anderen nickten.

"Dumbledores Armee", brachte Madame Maxime ein weiteres Stichwort ein. Julius berichtete, daß damit Hogwarts-Schüler gemeint seien, die damals wegen des unzureichenden Unterrichts in Verteidigung gegen die dunklen Künste eine Selbstlern-Gruppe gegründet hatten, die dann zur Widerstandsorganisation gegen Dolores Umbridge wurde.

"Macht Gloria da mit?" Fragte Jane Porter. Julius verneinte es. Zumindest war sie nicht offen beigetreten.

Nach besprechung der bisherigen, eigentlich wenigen Fakten planten sie, wie sie den bedrohten Muggelstämmigen helfen konnten, aus Großbritannien zu entkommen. Hier zeigte sich, daß Martha Andrews doch nicht nur schmückendes Beiwerk dieser neuen Gemeinschaft unter der Rose war. Denn sie hatte, wohl von Catherine vorgewärmt, Flugpläne und Schiffsverbindungen, Autobahnkarten und Eisenbahnfahrpläne aus Großbritannien und anderen Ländern beschafft und erläuterte, wie man zwischen den Verkehrsmitteln wechseln konnte, was eine Passage von London nach Dublin kosten mochte oder ein Direktflug London New York. Sie erwähnte dabei auch, daß es möglich sei, Leute unauffällig in Flugzeuge zu schmuggeln, wenn sie entweder als Besatzungsmitglieder oder Gepäckstücke oder Frachtgut getarnt würden. Dann würden auch keine auffälligen Namen auf Passagierlisten auftauchen. Es sei dann sogar möglich, mehrere Phantom-Passagiere zu erschaffen, die mit dem Flieger X nach New York flögen, während die natürlichen Passagiere mit dem Fliger Y nach Kapstadt reisten. Unter der Voraussetzung, erst einmal von den britischen Inseln runterzukommen, waren sogar Privatmaschinen denkbar. Sie sagte am Ende: "Wenn Sie das alles überwachen wollten, bräuchten Sie mehr Personal als sie haben. Diese Fanatiker fürchten sich vor uns sogenannten Muggeln, weil wir mehr sind als die und weil wir durch die Magielosigkeit Geräte und Transportverfahren entwickelt haben, um tausende von Menschen innerhalb von wenigen Minuten mehrere Kilometer weit zu befördern. Ein Besen kann nur eine zusätzliche Person tragen. Ein Apparator kann maximal zwei gleichgroße Begleiter mitnehmen, sofern diese nicht auch apparieren können. Dann gehen sogar zwei hoch n Personen in eine Apparition, wobei der Wert n zwischen eins und vier ligen kann. Öhm, Catherine hat mir verraten, daß es eine obere Begrenzung der Personenzahl gibt, die sich räumlicher Höchstwiderstand nennt und sich aus Personenzahl und summierter Körpermasse errechnet. ... Entschuldigung, wenn ich jetzt zu sehr in mathematische Erklärungen abgeschweift bin, Madame Maxime."

"Abgesehen davon, daß es eigentlich nicht gestattet ist, Nichtmagier über die theoretischen Grundlagen magischer Verkehrsmittel zu unterrichten, haben Sie natürlich recht. Die Personenzahl ist hier wichtig, weil es um Einheiten lebender Materie geht, die zeitlos den Ort wechseln soll. Für eine Einheit gilt keine Massenbeschränkung, wie ich Ihnen aus eigenster Erfahrung bestätigen kann." Millie grinste hinter vorgehaltener Hand. Denn den besten Test dafür hatte nicht die Schulleiterin, sondern die fliegende Kuh Artemis hinbekommen.

"Das Apparieren wird wohl überwacht?" Fragte Monsieur Delacour. "Wie ist es mit Portschlüsseln?"

"Wissen wir nicht", sagte Madame Maxime. Alle nickten. Das wäre noch möglich, Portschlüssel abzuwerfen. Julius hatte da sogar die Idee, Modellflugzeuge über den Kanal zu schicken, die kleine aber wirkungsvolle Gegenstände trugen. Allerdings mußte hier die Wechselwirkung zwischen Magie und Elektronik bedacht werden. Millie schlug vor, Monsieur Dusoleil damit zu beauftragen, das herauszufinden und falls gewünscht abzustimmen. Madame Maxime war einverstanden. Viviane konnte diesen Auftrag überbringen, wenn Julius sagen konnte, woher sie diese nichtmagischen Fluggeräte bekamen. Das konnte Catherine sagen, weil ihr Mann einen Arbeitskollegen hatte, der Modellflug als Hobby betrieb. Professeur Faucon dämpfte die Euphorie, indem sie sagte, daß Portschlüssel leicht geortet werden konnten, wenn sie nicht von einem unortbaren Punkt an einen anderen reisten."

"Schreiben Sie Mr. Quinn Hammersmith im Laveau-Institut an, Professeur Faucon", schlug Jane Porter vor. "Teilen Sie ihm mit, daß sie glauben, daß es keinen Portschlüssel gibt, der nicht geortet werden kann. Er wird darauf brennen, Ihnen das Gegenteil zu beweisen. Beziehen Sie sich auf ein Gespräch mit Jane Porter. Das wird ihn antreiben."

"Mein Vater hat einen Muggelwagen mit Transitionsturbo. Meine Großmutter hat dafür gesorgt, daß in Großbritannien keiner mitbekommt, daß er dieses Fahrzeug hat. Vielleicht ist er wegen meiner Großmutter Lu..." Madame Maxime verzog sehr verärgert ihr Gesicht. Doch Professeur Faucon nahm keine Rücksicht darauf und sagte:

"Wenn Madame Fleuer Weasley gegen die Auswirkungen des Fremdgeborenenvernichtungsfluches immun ist, könnte das auch für Ihren Vater gelten. Aber garantieren möchte ich das nicht. Daher unterlassen wir das besser."

"Bleiben also ganz große Flugzeuge, Eisenbahnen, Schiffe, mittelgroße Flugzeuge und kleine, unbemannte Motorflugzeuge, um den Herren Todessern die Beute abzujagen", faßte Martha noch einmal zusammen.

"Davon abgesehen, daß bei diesen Leuten ein oder zwei Hexen mit dabei sind, sind das keine Herren", korrigierte sie Professeur Faucon. Doch ansonsten stimmte sie zu.

Als dann alle Möglichkeiten gegen alle Unmöglichkeiten abgewogen worden waren, beschloß Madame Maxime die erste Sitzung sub Rosa mit der neuen, kleinen Gemeinschaft. Sie wies noch einmal darauf hin, daß außerhalb dieses Raumes zu niemanden gesprochen werden durfte. Die Delacours verabschiedeten sich von ihrer Tochter und suchten den Kamin auf, der vorübergehend für Ganzkörperpassagen geöffnet war. Als sie verschwunden waren sah Martha Catherine an.

"Müssen wir diese Nummer noch einmal machen, Catherine? Das war unangenehm."

"Ich weiß, Martha", sagte Catherine. Dann deutete sie auf Millie, Gabrielle und Julius. "Geht schon einmal in den allgemeinen Bereich zurück! Das könnte Madame Andrews sonst peinlich sein."

"Wieso, was macht ihr denn mit ihr?" Wollte Gabrielle wissen. Da umfaßte Julius Sie bereits, flüsterte dem Wiesenlandschaftsbild unter Viviane Eauvives Standbild die beiden Passwörter zu und sprang mit ihr in das Bild hinein. zwanzig Sekunden später tauchte er wieder auf. "Mußte die Kleine im Grünen Saal abliefern, weil die nicht weggehen wollte. Ich sagte ihr, ich würde dich holen, Millie. Was stellt Catherine denn mit dir an, Mum?" Fragte Julius.

"Okay, sei es, bevor er mich nur noch damit löchert", knurrte Martha. "Deine Mutter meint ja, daß sei das einzig richtige Mittel. Hätte ja auch weiter unten landen können", seufzte Julius' Mutter.

"Genau, das kleinere Übel", sagte Catherine und hob ihren Zauberstab. Vorsichtig zielte sie damit auf den rosaroten Schnuller im Mund ihrer Tochter. Sie konzentrierte sich, vollführte eine schnelle, aber wenig auslenkende Zauberstabbewegung, worauf ein blau-grüner Blitz herauszuckte und Claudine einhüllte. Im selben Moment verschwand Martha Andrews. Claudine quängelte, weil ihr bei der Zauberei der Schnuller im Mund verrutscht war. Millie machte "Häh?!" Professeur Faucon trat hinzu und sagte zu Catherine, daß sie es den beiden erklären würde. Catherine nickte und kletterte in den breiten Kamin. "Ponde des Mondes!" Rief sie aus und verschwand.

"Was war das jetzt? Hat sie Martha, ähm, Julius' Mutter in Nichts aufgelöst oder was?" Wollte Millie wissen. Auch Julius war neugierig.

"Eine Translokation der Stufe zwei, Madame und Monsieur Latierre", setzte ProfesseurFaucon an. "Sie verknüpft Verwandlungszauber und Ortsversetzung. Ein beliebiger Gegenstand kann mit einem beliebigen Lebewesen magisch verknüpft werden, daß sobald eines von beiden magisch versetzt wird, das zweite an genau demselben Standort erscheint. Bei der Stufe zwei ist es noch stärker. Das Lebewesen wird in den toten Gegenstand verwandelt, mit dem es verbunden ist, wenn dieser an einen genau definierten Ort geschickt wird. Das so umgewandelte Lebewesen nimmt dann in einem Sekundenbruchteil Form, Größe und exakten Standort des fortgeschickten Gegenstandes an. Die erste Stufe werden Sie in der siebten Klasse lernen. Die zweite Stufe lernen nur Lehrkräfte oder Personen, die mit Verwandlung zum Zweck der Tarnung und Enttarnung arbeiten müssen."

"Moment, dann hat Catherine Julius' Mutter ..."

"In Claudines Schnuller verwandelt, weil der an einen bestimmten Ort teleportiert wurde", führte Julius die Erkenntnis aus. Professeur Faucon nickte. "Öhm, spürt die dabei was, ich meine, merkt sie, wenn sie ... ein Babyschnuller ist? Öhm, klingt eher nach einer ziemlich fiesen Strafe als nach einer genialen Schmuggelmethode."

"Ja, es ist ihr sichtlich unangenehm, diesen Weg zu nehmen. Aber Catherine und ich konnten sie gestern abend davon überzeugen, daß wir sie sonst nicht im Flohnetz transportieren können", erwähnte die Verwandlungslehrerin.

"Ich fürchte, sie spürt das echt, Millie", seufzte Julius. Er wußte ja, daß Lebewesen auch dann noch etwas empfanden, wenn sie rein äußerlich in tote Objekte verwandelt wurden. Wer sich selbst verwandelte konnte sich im Rahmen der angenommenen Form und Größe noch bewegen.

"Dann stimmt's, daß sie wohl das kleinere Übel erwischt hat", stöhnte Millie. "Sagen Sie das bitte nicht meiner Mutter. Sonst kommt die auf die Idee, das mit mir und Miriam auszuprobieren!"

"Dazu müßte sie wissen wie es geht, Madame", erwiderte Professeur Faucon. "In diesem Fall sind Catherine und ich ausgebildet." Julius unterdrückte ein Schütteln. Seine Mutter machte schon was durch wegen ihm. Das konnte er ihr offenbar nie im Leben zurückzahlen. Leicht beklommen verabschiedete er sich mit Mildrid von Madame Maxime und ProfesseurFaucon und flohpulverte zurück.

"Hätten Sie dem Jungen das nicht ersparen können, Blanche?" Fragte Madame Maxime.

"Ich finde, er sollte schon wissen, auf welche Abenteuer seine Mutter sich einläßt, um uns zu helfen, damit unter anderem er die Hoffnung auf eine freie Zaubererwelt nicht aufgeben muß." Aus dem nun offenen Salon hörten sie Alexandrine und Jane Porter über Sardonia und Anthelia diskutieren. ProfesseurFaucon dachte sich ihren Teil. Doch im Moment wurde sie nicht mehr gebraucht. Sie kehrte ebenfalls durch das Wiesenlandschaftsbild in den allgemeinen Bereich zurück.

Millie und Julius verbrachten den restlichen Nachmittag am Meeresstrand, wo Deborah gerade Aufsicht hatte. Abends machte er mit Hercules und Céline Musik im grünen Saal. Als er müde vom aufregenden Sonntag ins Bett fiel und den Schnarchfängervorhang vorgezogen hatte tauchte Jane Porters gemalte Erscheinung in Aurora Dawns Bild auf.

"Bläänch hat mir angeboten, an eurer Geheimkonferenz mitzuwirken. Ich ärgere mich mehr als du, daß ich nicht mal eben nach Hogwarts gehen, dort in Glorias Schlafsaal heraustreten und sie mir ähnlich wie Catherine es mit Martha getan hat unter den Arm klemme, um dann durch die Bilderwelt wieder zu verschwinden. Wenn ich nicht beschlossenhätte, vorerst wegen der Wiederkehrerin unterzutauchen, hätte ich ihr die Ohren so langgezogen, daß sie sehenden Auges diesen Mördern in die Hände laufen wollte."

"Ist wohl nicht möglich, jemanden so einfach aus der natürlichen Welt zu entführen", sagte Julius.

"Ich kann es dir gerne beweisen, wie einfach das geht, Honey, indem ich hier und jetzt aus dem Rahmen herauskletter, dich einschrumpfe oder in was gut verstaubares verwandle, das nicht mehr zu sehen ist und dann in nur zehn Sekunden mit dir wieder im Bilderrahmen verschwinde."

"Pech nur, daß die Schlaftrakte einen Alarm haben, der Besucher des anderen Geschlechtes verpetzt", feixte Julius.

"Würde denen nichts nützen, wenn ich dich in zehn Sekunden fortgeschafft habe. Wer glaubt schon, daß eine gemalte, freundliche Hexe einen jungen Zauberer aus seinem Bett klauen kann."

"Gut, daß der Vorhang vor ist. Sie könnten die Jungs hier auf abgedrehte Ideen Bringen, daß sie ihre Traumfrauen als Bilder hier aushängen und hoffen, die klettern heraus, wenn sie wen zum Kuscheln haben wollen."

"Eben, und deshalb lasse ich dich noch ein wenig in deiner angestammten Welt, Honey. Schlaf schön! Morgen ist wieder ein harter Tag. Zweimal Bläänch über den Tag verteilt."

"Die freut sich schon wieder drauf", sagte Julius. Jane Porter nickte und verschwand aus dem Bild. Julius zwinkerte der nun leeren Leinwand zu. Dann drehte er sich um und schlief ein.

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