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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Da Millie von der Zweiwegespiegelverbindung mit Gloria wußte, ließ er sie dieser am Montag Nachmittag im Pavillon des Ostparks zum Geburtstag gratulieren. Sie war ehrlich erleichtert, daß das magische Husarenstück so reibungslos abgelaufen war und Gloria mit ihren Eltern, den Malones und den Hollingsworths jetzt sicher war. Gloria meinte dazu, daß es wohl eine heftige Umstellung werden würde und sie jetzt wohl die nächsten drei Jahre in einem fremden Land bleiben müsse. Dann erwähnte sie noch, daß die Latierres sie alle komfortabel untergebracht hätten. Um nicht zu auffällig mit dem Spiegel herumzuhantieren faßten sich die beiden Junghexen so kurz, als würde jede Minute eine Galleone kosten. Gloria sagte dann noch zu Julius:

"Professeur Faucon möchte dir Bescheid geben, wenn wir hier abreisen. Wir warten noch auf diesen Typen mit der amerikanischen Himmelswurst."

"Ich hoffe, ihr könnt noch vor Halloween rüber. Das soll in den Staaten noch heftiger sein als in England", sagte Julius darauf.

"Haben mir Mel und Myrna auch schon von vorgeschwärmt", erwiderte Gloria darauf nur. "Würde uns vielleicht den Neuanfang erleichtern, wenn wir erst eine Party feiern, bevor wir uns mit dem Alltag in Thorntails abgeben müssen", antwortete Gloria. Dann verabschiedete sie sich von Millie und Julius und bedankte sich für das außergewöhnliche Geburtstagsgeschenk, daß sie und ihre engsten Freunde wohl doch noch mehr als ein paar Tage länger leben durften. Julius erwiderte "Keine Ursache" darauf und beendete die magische Sprechverbindung.

"Deine Freunde und deren Verwandte sollten so schnell wie möglich rüber in die Staaten", raunte Millie. "Könnte immerhin passieren, daß die bei euch auf der alten Insel bald wieder von sich hören lassen, weil du die vier aus Hogwarts rausgeholt hast. Womöglich suchen die schon nach diesen Sonnenlichtrittern."

"Nur wenn das breit im Tagespropheten drinstehen darf, daß da welche die Biege gemacht haben, die auf Umbridges Abschußliste standen", erwiderte Julius halblaut. "Vielleicht wußten außer Snape und der Umbridge nur noch die Marionette Thicknesse was von der Anklage."

"Und er natürlich", erwiderte Millie verbittert. Julius nickte. Denn er wußte, wer "er" war.

Abends holte Julius bei Aurora Dawn Erkundigungen ein, wie der Tag in Hogwarts gelaufen war und erfuhr, daß das verschwinden Glorias, der Hollingsworths und Kevins als gescheiterter Fluchtversuch verkauft worden war. Damit schlug Snape zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen mußte er nicht zugeben, daß sie sich erfolgreich davongemacht hatten. Zum anderen konnte er mit einer Schauergeschichte von strafenden Dementoren die anderen Schüler in Schach halten und so mögliche andere Fluchtpläne, die davor irgendwer mal geschmiedet hatte, für undurchführbar erklären.

 

__________

 

Dieser Gedankentöner ist schon sehr praktisch. Ich muß aber aufpassen, nicht zu gescheit zu reden, wenn ich den umhabe. So'n rotblonder Junge hat mich am Morgen lange betrachtet. Wenn ich dem nicht über den Gedankentöner gesagt hätte, daß ich was rausfallen lassen müßte, hätte ich den fast unter einem von meinen Fladen begraben. Ich fühle, daß irgendwas mit mir anders ist. Dann wird das wohl mit diesem wilden Burschen Perseus geklappt haben. Aber erst mal will ich keinem was davon sagen, bis ich das ganz genau weiß. Außerdem soll ich Julius' Freunde und deren Eltern ja noch irgendwo übers Meer bringen. Die jüngere Barbara könnte meinen, ich dürfte das nicht machen, wenn die weiß, das ich echt was kleines im Bauch habe. Ist ja gerade einen Mond her. Hmm, was reden die in dem ganz großen Wohnhaus jetzt? Es geht darum, wann die wegfliegen sollen. Der fremde Junge, Kevin heißt er, wird von seiner Mutter gerufen, um mitzuhören, was geredet wird. Ich bleibe auf der Wiese bei meinen körperlichen Basen zweiten Grades, die die jüngere Barbara mit mir hier hingeführt hat. Immerhin muß ich keinen Festhaltering um den Hals tragen wie die beiden.

 

__________

 

Auch am Dienstag stand nichts im Miroir Magique, daß in England etwas besonderes vorgefallen war. Minister Didier hatte der Presse und damit der magischen Öffentlichkeit nur drei neue Abteilungsleiter vorgestellt. Außer der Umbildung in der Abteilung für magische Spiele und Sport war natürlich auch jemand als neuer Vorsitzender in die Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit gerückt, die vorher von Didier geführt worden war. Es handelte sich um den an die sechzig Jahre alten Zauberer Émile Pontier, der Irenes Großvater Väterlicherseits war. Außerdem hatte Didier die Abteilung für magische Gesetzeseinhaltung in zwei Abteilungen gespalten, die Abteilung für innere Sicherheit und die Abteilung zum Schutz vor auswärtigen Bedrohungen. Julius stutzte bei dem Vornamen des neuen Abteilungsleiters für die internationale Zusammenarbeit. Welche Schreibweise war denn jetzt korrekt? Denn Camilles Bruder schrieb sich "Emil" ohne Akzentzeichen. Doch weil es wichtigeres gab, vor allem den laufenden Unterricht, verdrängte Julius diese Frage erst einmal.

Bei Cyrus Moulin, dem neuen Zaubertierlehrer, besprachen sie gerade Mammalavis alpinensis Volpertingeri, jenes im deutschsprachigen Alpenraum lebende Mischwesen mit Entenfüßen, Körper und Schweif eines Eichhörnchens, vierspitzigem Hirschgeweih und Adlerflügeln, das die magische Fähigkeit besaß, sich auf ein Viertel seiner normalen Größe einzuschrumpfen oder auf doppelte Größe anzuwachsen, ganz wie die Situation es verlangte. Doppelt so groß wie ein Eichhorn konnte der Volpertinger sogar ziemlich unangenehm werden, weil die krallenbewehrten Pfoten und die Nagezähne gefährliche Waffen waren. Vor allem die Männchen, die sie im Unterricht besprachen, bliesen sich magisch auf die doppelte Größe auf und stießen schrille Drohlaute aus, um die Schüler auf Abstand zu halten, während ein Weibchen vor der Schülerschar mauseklein zusammenschrumpfte und wie ein Kolibri davonschwirrte.

"Wer möchte mir das abnehmen, über die zwei Fortpflanzungsweisen dieser Wesen zu berichten?" Wandte sich Professeur Moulin an die Klasse. Millie, Belisama, Leonie und Julius zeigten auf. Belisama sollte antworten.

"Die weiblichen Volpertinger machen es von der Jahreszeit abhängig, wie sie ihre Jungen bekommen. Wenn sie im Sommer begattet werden legen sie bis zu fünf sperlingseigroße, dunkelbraune Eier ins Moos und brüten sie aus. Wenn sie jedoch im Winter begattet werden tragen sie wie Säugetiere bis ins Frühling bis zu zwei Junge pro Wurf aus, die sie dann an zwei Zitzen am Unterbauch säugen. Warum das so ist und nicht einheitlich ist bisher nicht klar nachgewiesen. Vermutet wird, daß die in sie eingekreuzte Natur von Vögeln ihnen im Sommer nur das Eierlegen ermöglicht, während der Hirsch- und Eichhörnchenanteil ihnen im Winter die übliche Trächtigkeit von Säugetieren als bessere Fortpflanzungsstrategie vermitteln. Wie erwähnt gibt es dazu bisher nichts genaueres."

"Das sind mal eben zehn Bonuspunkte für Sie, Mademoiselle Lagrange", erwiderte der Lehrer, der mit derselben Strenge und Sachlichkeit unterrichtete, wie sie ein Jahr zuvor noch Aries Armadillus an den Tag gelegt hatte. Dann wollte er noch wissen, ob Volpertingereier gehandelt werden durften und ob sie für bestimmte magische Zwecke gebraucht werden durften. Millie erwähnte dazu, daß die Eier wertlos wurden, wenn sie länger als einen Tag von der brütenden Mutter fortgeholt waren und beim Aufschlagen einen höchst unangenehmen Gestank verbreiteten, als würde man zehn faule Hühnereier auf einmal aufschlagen. Julius hob noch einmal die Hand.

"Das liegt wohl daran, daß die in den Eiern ruhenden Embryonen wohl sehr rasch absterben, weil sie wohl nur in der Nähe der Mutter gedeien können. Der Gestank ist das Verdauungsgas Schwefelwasserstoff, das auch im menschlichen Körper entsteht, wie mancher hier wohl schon oft hat riechen müssen." Alle anderen grinsten. Professeur Moulin verzog nur vergnügt das Gesicht und fragte Julius, was an dem stinkenden Gas so wichtig sei, daß er es ausführlich erwähnen wollte. "Weil der Verwesungsprozeß der Volpertingerembryonen wohl mit einer ziemlich hohen Rate abläuft. Außerdem kann das Gas in seine zwei Grundstoffe zurückgespalten werden. Wasserstoff und Schwefel für sich brennen gut. Außerdem ist Schwefelwasserstoff giftig. Man sollte also nicht zu viel davon einatmen, eben weil es ja ein Rückstand von Verdauungsvorgängen ist", erwiderte Julius. Caroline sah ihn verdattert an. Professeur Moulin nickte jedoch und wandte ein:

"Alchemisten in Deutschland und Österreich zahlen mehrere Galleonen für Volpertingereier. Außerdem hörte ich, daß die auch von Forcas gerne gekauft werden. Liegt wohl doch an diesem übelriechenden Gas. Fünf Bonuspunkte dann noch für Sie, Monsieur Latierre."

In der Doppelten Doppelstunde Zaubertränke sollten sie einen komplizierten Trank in zwei Kesseln zur gleichen Zeit brauen, der in der ZAG-Prüfung vorkommen mochte. Außer Bernadette und Julius hatte niemand diesen Trank am Ende fehlerfrei hinbekommen. Nur Millie und Laurentine kamen mit ihrem Gebräu dem gewünschten Ergebnis nahe genug, um noch ein paar Bonuspunkte dafür einzustreichen, während die anderen gar keine bis fünf Strafpunkte wegen grober Nachlässigkeit abbekamen. Bernadette funkelte Millie verächtlich an, die jedoch ganz gelassen dasaß und sich artig für die fünf Bonuspunkte bedankte.

"Sie hätten bei der Zugabe von Ringelnatterschuppen eben einmal mehr umrühren müssen, um den Trank hundertprozentig hinzubekommen, Mademoiselle Hellersdorf", belehrte Professeur Fixus Julius' Saalkameradin. "Aber die fünf Bonuspunkte für einen erfolgversprechenden Ansatz haben Sie sich verdient", fügte sie noch hinzu. "Sie haben sich sehr beachtlich gesteigert, Mademoiselle Hellersdorf, und das stimmt nicht nur mich sehr zuversichtlich, daß Sie Ihre Magische Ausbildung mit einem anerkennenswerten Ergebnis abschließen können. Halten Sie sich bitte weiter so ran!"

"Wenn ich mir überlege, wie Professeur Fixus und Laurentine vor zwei Jahren noch miteinander umgesprungen sind", meinte Julius in der großen Pause dazu, als er mit seiner Frau, Gérard, Sandrine, Robert und Céline auf dem Pausenhof stand.

"Das war in der zweiten noch heftiger", sagte Céline. Da hat Laurentine alle Tränke verbockt, bis auf den in der Endprüfung. Damit ist die immer knapp über den sechs Mindestpunkten im Jahresendzeugnis langgeschrammt. Die Fixus ist nicht blöd, Leute. Die hat wohl damals schon gemeint, daß Bébé sich nur bei ihr durchhängen läßt, um nicht raushängen zu lassen, daß sie doch eine Hexe ist."

"Sich dummstellen geht bei ihr ja auch ziemlich schlecht", wandte Sandrine ein. Millie grinste und meinte, daß Caro das auch kapiert hatte, als die erste Klasse um war.

"Das probieren die Blauen immer wieder aus. Außer Jacques strampelt sich von denen nur Patrice bei ihr so ab."

"Die Zuteilung der Klassen will mir bis heute nicht in den Kopf", wandte Julius ein. Darauf wurde er natürlich gefragt, wie das in Hogwarts mit zusammengelegten Sälen gelaufen sei. Das gab ihm die Gelegenheit, sich und die anderen an die guten alten Zeiten zu erinnern, die in Hogwarts gerade Lichtjahre weit entfernt waren.

Wie in der letzten Woche angekündigt erschien zum Zauberwesenseminar ein solch überragend schönes Wesen mit hüftlangen, silberblonden Haaren, die den schlanken Körper wie sacht wogende Wellen umflossen. Die erscheinung besaß ausgeprägte weibliche Formen und ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen. Himmelblaue Augen strahlten aus dem makellosen Gesicht und versetzten jeden Zauberer, der hineinsah in wohlige Erregung. Überhaupt umkleidete dieses Wesen eine Aura wohltuender Erregung, als es neben Madame Maxime vor den Seminarraum trat. Die Jungen aus dem Seminar trieben wie magnetisch angezogen auf die überragende Besucherin zu, während die Mädchen schwer an sich hielten, nicht wütend auf die Fremde zuzuspringen, die viel zu schön um wahr zu sein war und alle hier mit ihrer überirdischen Ausstrahlung durchdrang. Auch Julius geriet in den Sog dieser übermenschlichen Attraktivität und stolperte wie betrunken auf die in ein langes, himmelblaues Seidenkleid gehüllte Frauengestalt zu, die er am Gesicht als eine Verwandte von Apolline, Fleur und Gabrielle Delacour erkannte. Gerade so durchdrangen die Gedanken seinen von der umwerfenden Kraft fast vollkommen benebelten Verstand, daß diese Anziehungskraft wohl doppelt oder dreimal so groß war wie die ihrer Nachkommen. Doch da war was, das ihn nicht so stark in den Bann der Veela hineingleiten ließ, etwas wie wortloser Widerwille, eine unbegründete Abneigung gegen diese Erscheinung, die den Nebel in seinem Verstand immer wieder durchdrang. So torkelten seine Seminarkameraden an ihm vorbei, das er an letzter Stelle auf die Fremde zustolperte. Da erwischte ihn eine schlanke, aber ziemlich kräftige Hand am linken Arm und zog ihn zurück. In dem Moment verdrängte der in seinem Geist lauernde Widerwille den Wunsch, diesem übernatürlich schönen Wesen da so nahe es ging zu kommen und brachte ihn zu Verstand zurück.

"Du weißt genau, zu wem du gehörst, Julius. Ich guck mir das nicht an, wie du einer Veela ins Netz gehst."

"Mist, ich dachte, ich hätte das jetzt raus, wie ich das von mir abhalten kann", knurrte Julius. Madame Maxime starrte indes die anrückenden Jungzauberer an, die nun begannen, sich gegenseitig aus dem Weg zu schubsen. Da klatschte sie kräftig in die Hände und brachte alle zum zusammenfahren. Jetzt verflog auch bei den berauschten Jungen der Veela-Zauber. Madame Maxime blickte die Besucherin vorwurfsvoll an, die eine Unschuldsmiene aufsetzte und dann hochkonzentriert auf die Seminarteilnehmer blickte. Julius fühlte, wie die besondere Ausstrahlung nachließ. Also konnten reinrassige Veelas das auch steuern, wie stark sie männliche Wesen beeinflussen wollten. Das Fleur und Gabrielle das konnten wußte er ja längst. Aber die waren ja auch nur zu einem Viertel Veelas. Nur zu einem Viertel. Er ärgerte sich. Das lag nicht nur daran, daß über das geteilte Zuneigungsherz Millies Abscheu gegen die Veelakraft auf ihn übertragen worden war, sondern auch, weil er seit der unrühmlichen Begegnung mit Hallitti daran gearbeitet hatte, sich nicht noch einmal derartig überrumpeln zu lassen. Dieses Wesen da hätte ihn im vollen Griff ihres Zaubers glatt alles abverlangen können, erkannte er jetzt. Und offenbar dämmerte es langsam auch den Jungen, die erst zu sich gefunden hatten, als Madame Maxime in die Hände klatschte.

"Ich habe unsere Besucherin eigentlich gebeten, keine derartige Demonstration ihrer besonderen Kraft zu bieten", schnarrte Madame Maxime. "Nun, aber zumindest wissen die Herren unter Ihnen nun, wie Hinfällig sie einer Veela gegenüber werden können. Sei es drum. Betreten Sie bitte den Seminarraum und nehmen Sie Platz! Wenn Sie einmal sitzen, Messieurs, bleiben Sie gefälligst auch sitzen! Es sei denn, ich fordere einen von Ihnen auf, im Stehen etwas zu erläutern." Bedröppelt betraten die Jungen den Raum, immer wieder auf die Veela blickend, die nun hinter Madame Maxime zurücktrat. Die Junghexen funkelten die Besucherin ungehalten an, vor allem Millie, die Julius immer noch am Arm hielt und neben sich auf einen Stuhl bugsierte. Madame Maxime feuerte zwar einen tadelnden Blick auf die rotblonde Schülerin ab. Doch diese hielt dem Blick stand. Solange Madame Maxime ihr nicht befahl, sich etwas weiter von Julius fort hinzusetzen, würde sie in seiner Nähe bleiben. Die Schulleiterin dachte aber wohl nicht daran, das junge Ehepaar auseinanderzusetzen.

"Wie letzte Woche angekündigt möchten wir heute abend über Veelas sprechen. Wie Sie alle miterleben durften, haben diese magischen Wesen eine große Macht, abgesehen davon, daß sie in ihrer weiblichen Ausprägung überragend wohlgestaltet sind. Bevor wir über den soeben gewonnenen Eindruck weiterdiskutieren und mehr über die Lebensweise der Veelas sprechen werden, möchte ich die heutige Besucherin vorstellen. Es ist die einzige im westeuropäischen Raum sesshaft gewordene Veela Léto, die vor einhundert Jahren aus Südosteuropa zu uns kam." Die Erwähnte nickte allen anwesenden aufmunternd zu. Wieder fühlten sie die wohlige Ausstrahlung, die von ihr ausging. Die älteren Jungen aus dem Seminar ruckten auf ihren Stühlen. Doch in Julius Verstand hielten sich die Hingabe und die Abscheu die Waage, so daß er irgendwie noch frei denken konnte. Er fühlte, wie die Abscheu ihm von außen zufloß, über seine Hälfte des roten Zuneigungsherzens in ihn einströmte. Seine rechte Hand ruckte kurz nach oben. Wollte er wirklich den Anhänger losmachen, der ihn mit seiner Frau verband? Diese merkte wohl, daß er dieser Kreatur da vorne, die viel zu schön als das es erlaubt sein durfte aussah, wieder nahe sein wollte. Doch Léto erkannte wohl, daß sie die Wirkung ihrer Veela-Aura niedrighalten mußte. Sie war ja auch nicht hier, um alle Jungzauberer in Reichweite zu vereinnahmen. Millie legte Julius kurz die Hand auf die Schulter, worauf sein Verstand sich wieder klärte.

"Mademoiselle Messier, sie wollten uns über die Veela einen kurzen Vortrag halten", sagte Madame Maxime, als alle der Besucherin höflich applaudiert hatten, obwohl es in den Mädchen brodelte und die Jungen kurz davorstanden, wie Wachs in der Sonne dahinzuschmelzen. Edith Messier erhob sich, wobei sie es vermied, die Veela anzusehen und ging an die Tafel, um dort Stichwörter hinzuschreiben. Léto verringerte ihre Wirkung noch mehr, so daß Julius sie nun nur als überragend schöne Frau sah und nicht als unsagbar anziehende Erscheinung. Edith beschrieb, daß die Veela eine ziemlich alte Zauberwesenart seien, vordringlich im südosteuropäischen Raum von der Nordgrenze Griechenlands über die Balkanländer bis zur tschechischen Grenze vorkamen und es wohl auch männliche Exemplare gab, die jedoch nicht gerne gesehen werden wollten und sich daher meistens in unscheinbare Vögel verwandelten. Sie erwähnte, daß es bisher nur fünf dokumentierte Fälle gab, wo eine Veela mit einem Menschen Nachkommen gezeugt habe, alles Töchter, von denen dann wieder mehrere Töchter abstammten. Julius erinnerte sich an Gabrielles Beschreibung von der Hochzeit ihrer Schwester, wo mehrere Cousinen zu Gast gewesen waren. Edith erwähnte auch, daß die Veela die Elemente Feuer und Luft als besondere Ausprägung besäßen. Das ließ Julius wieder überlegen, welche Begabungen Gabrielle zeigen würde. Zum Schluß sagte Edith noch:

"Die Veela besitzen - wie wir alle gerade erleben durften - die besondere Eigenschaft, männliche, humanoide Wesen anzuziehen und sie dazu zu bringen, alle Furcht und Zurückhaltung zu vergessen, jedoch nicht mehr Herren ihres eigenen Verstandes sind. Daher werden Veela mißverständlicherweise mit Succubi verglichen, weiblichen Zauberwesen, die durch ihre Magie geschlechtsreife Menschen unterjochen und durch den Liebesakt auszehren. Von Veelas ist derartiges Verhalten bis her nicht bekannt."

"Möchten Sie mich ärgern, Mademoiselle?" Fragte Léto mit einer glockenhellen Stimme, die überhaupt keine Spur von Alter verriet und jeder Opernsängerin die Neidesblässe ins Gesicht getrieben hätte. Alle Anwesenden lauschten gespannt, was Edith darauf sagen würde, vor allem Julius, der ja die erwähnten Teufelsweiber bereits kennenlernen mußte.

"Ich sage nur, daß die besondere Kraft der Veela bisher nicht dazu verwendet wurde, humanoide, männliche Wesen zu schädigen. Aber ausgenutzt haben die es wohl schon oft genug, wie sie wirken."

"Einverstanden, Mademoiselle Messier. Das ist jetzt genug", schritt Madame Maxime ein. Dann bat sie um Entschuldigung, falls Edith die Besucherin beleidigt haben sollte. Julius dachte eher daran, daß die dann wohl handgreiflich geworden wäre, wie Fleur damals, wo die Hardbricks in Hogwarts waren. er fühlte sich berufen, was einzubringen und meldete sich. Madame Maxime sah ihn an und nickte. Er widerstand dem Reflex, aufzustehen. Sie hatte ihm das ja nicht ausdrücklich erlaubt.

"Die Damen und Herren, die schon im letzten Schuljahr in diesem Seminar dabei waren haben ja erfahren, was die wesentlichen Eigenschaften der Abgrundstöchter sind, und ich kann aus absolut unerwünschter Erfahrung bestätigen, daß es da einen himmelweiten Unterschied zwischen Veelas und diesen Kreaturen gibt. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!" Léto sah ihn beruhigt an und lächelte, daß es ihm heiß und kalt durch den Körper lief. Madame Maxime bat die Besucherin nun darum, über die für die Schüler gestatteten Einzelheiten aus ihrem Leben zu sprechen. Sie erzählte darauf von ihrer Ankunft in Frankreich, wie sie sich in einen Zauberer verliebt hatte und von diesem bereits erwähnte fünf Töchter bekommen hatte. Diesen Töchtern und deren Töchtern und Söhnen hatte sie Stücke ihres Kopfhaares für die Anfertigung von Zauberstäben überlassen. Monsieur Lignus Charpentier, Ollivanders Fachkollege in Paris, hatte dann die für die Mädchen charakteristischen Baumsorten herausgefunden und die Stäbe hergestellt. Sie selbst durfte und konnte keinen Zauberstab benutzen, was ihr jedoch gleichgültig war, da sie einige nützliche Zauber mit ihren Händen ausführen konnte. Zum Beweis ließ sie zwischen ihren schlanken Händen eine Wolke aus gelborangem Feuer aufleuchten und brachte mit einem konzentrierten Blick und einer nach oben weisenden Handstellung einen leeren Stuhl zum schweben, lenkte ihn mit geringen Fingerbewegungen und setzte ihn fast lautlos wieder auf den Boden. Alle Anwesenden staunten, auch als sie eine goldene Lichtkugel über der rechten Hand aufleuchten ließ, die nach oben glitt und dabei zur Größe eines Luftballons anwuchs, bevor Léto das magische Licht mit einer sachten wischbewegung erlöschen ließ. Alle applaudierten, als sie ihre angeborenen Zauberfähigkeiten demonstriert hatte. Madame Maxime fragte, ob wer noch Fragen hätte. Golbasto fragte ungehemmt, ob von Létos anderen Enkeln noch welche zu haben seien. Das löste bei den Jungen Reaktionen zwischen Belustigung und Zustimmung aus. Madame Maxime räusperte sich und bemerkte, daß diese Frage hier nicht hingehöre. Millie hob die Hand und fragte mit schwer unterdrücktem Widerwillen:

"Haben Sie nur Töchter hinbekommen?"

"Ich selbst habe fünf Töchter geboren, Madame Latierre. Aber ich weiß von einer meiner Töchter, daß sie auch schon einen Jungen zur Welt gebracht hat", erwiderte Léto. Corinne Duisenberg wollte dann wissen, ob dieser Junge ähnliche Eigenschaften wie seine Großmutter hätte.

"Für jede Großmutter der Welt sieht der eigene Enkelsohn sehr schön aus. Ob er ähnliche Kräfte hat wie ich muß sich noch herausstellen. Er ist gerade sieben Jahre alt."

"Dann werden wir, die wir hier sitzen das wohl nicht mehr mitkriegen", warf Patrice Duisenberg ein.

"Gut, Madame, Messieurs et Mesdemoiselles", beendete Madame Maxime die Seminarstunde nach weiteren Fragen über das Leben einer Veela unter Zauberern. "Dann möchte ich mich im Namen aller Teilnehmer bei Ihnen bedanken, daß Sie uns die Ehre gegönnt haben, über ihre Rasse mehr zu lernen, als bisher in Bruchstücken vorhanden war." Léto erwiderte den Dank, verabschiedete sich von den Schülern und schritt anmutig aus dem kleinen Illusionsraum, der heute einer festlich erleuchteten Halle nachempfunden gewesen war. Madame Maxime folgte ihr aus dem Raum, wobei sie vor allem die Jungen mit eindringlichen Blicken und Handbewegungen anhielt, sitzenzubleiben. Nach einer Minute kehrte sie wieder zurück und beendete den heutigen Themenabend.

Nach dem Zauberwesenseminar wurde Julius von Madame Maxime zurückgehalten.

"Professeur Faucon erwartet uns in ihrem Sprechzimmer", sagte die Schulleiterin nur. Das genügte Julius auch schon. Schweigend folgte er der Halbriesin zum Büro seiner Saalvorsteherin. Als sie es betreten hatten, baute Professeur Faucon einen Klangkerker auf und winkte der Tür. Diese verriegelte sich mit leisem Klick.

"Madame Barbara Latierre ließ mir mitteilen, daß sie beabsichtigt, die von Ihnen aus England herübergeholten Flüchtlinge in dieser Nacht zu einem Treffpunkt fünfhundert Kilometer westlich der französischen Atlantikküste zu bringen, wo sie in ein nordamerikanisches Luftschiff umsteigen mögen", eröffnete Professeur Faucon. Madame Maxime fragte, ob das mit den Muggelflughäfen wirklich nicht mehr möglich sei. Darauf wandte Professeur Faucon ein, daß die zehn größten Flughäfen mit nun drei Desumbrateuren besetzt worden seien, die auf magische Eigenausstrahlung abgestimmte Spürgeräte mit sich führten, die auch Verwandlungszauber aufspüren könnten.

"Was liegt Didier daran, Muggelverkehrswege zu überwachen?" Fragte Madame Maxime verhalten zornig.

"Das, was seinem sogenannten Kollegen in London daran liegt", erwiderte Professeur Faucon. Ihm geht es wohl darum, muggelstämmige Hexen und Zauberer zu finden, die aus Großbritannien herüberkommen und dabei Muggelverkehrsmittel benutzen. Er hat bestimmt eine Ahnung davon, wie tragfähig und schnell Flugzeuge sein können. Er möchte auf diese Weise zu uns kommende Muggelstämmige entweder gleich als illegale Einwanderer festnehmen lassen oder sie direkt nach Großbritannien und Irland zurückschicken, um Thicknesses Anschuldigung zu entkräften, er unterstütze flüchtige Verbrecher. Bei der Gelegenheit wird er wohl auch behaupten, Todesser zu ergreifen, die auf Muggelweise herüberkommen, nachdem der britische Grenzkamin nicht mehr benutzt werden kann." Madame Maxime grummelte erneut. Julius nickte. "Deshalb möchte Madame Latierre die aus England herübergeholten Hexen und Zauberer nun auf der jungen Latierre-Kuh Artemis zu einem Treffpunkt über dem Meer bringen, wo sie ein nordamerikanisches Luftschiff treffen sollen, daß die Geretteten aufnimmt und in die vereinigten Staaten hinüberbringt. Madame Latierre geht davon aus, daß das Vorhaben bei völliger Dunkelheit ablaufen kann. Schließlich darf keiner die fliegende Kuh sehen. Sie wurde mit den Ausreisenden bereits gestern Nacht in die Nähe des Startpunktes verlegt", erwähnte Professeur Faucon. Julius vermutete es nur, daß sie ihre Vorgesetzte beschwindelte. Sicher stand Temmie noch auf der großen Weide des Sonnenblumenschlosses. Denn sonst hätte Gloria ihm und Millie ja schon was erzählt, daß sie bereits an der Atlantikküste seien. Doch er ließ es sich nicht anmerken, und Madame Maxime ging nicht weiter darauf ein, weil Professeur Faucon ihr und Julius erläuterte, wie das Rendezvous durchgeführt werden sollte und daß Julius besser dabei sein sollte, weil keiner wußte, ob Latierre-Kühe freiwillig und noch dazu bei völliger Dunkelheit über offener See flogen. Auf die natürlich folgende Frage der Halbriesin, was Julius denn dabei bewirken könne, durfte er noch einmal schildern, was ihm in den Osterferien mit Artemis passiert sei, warum diese darauf nun in ihm eine Art Leitbullen sah und daß er sie wohl aus diesem Grund zum fünfzehnten Geburtstag und der Hochzeit mit Millie erhalten hatte. Madame Maxime dachte kurz nach und bemerkte dann:

"Da haben Sie wohl Glück gehabt, als der vorübergehende Kollege Pivert mit Ihnen und den anderen diesen wahnwitzigen Ausflug auf Thestralen unternommen hat. Ich frage mich und damit Sie beide jetzt jedoch, wieso ich von diesem Vorfall erst jetzt erfahre, Blanche und Monsieur Latierre", grummelte Madame Maxime. "Immerhin hätte es durchaus passieren können, daß Sie etwas ähnliches in dem von mir erteilten Unterricht noch einmal erlebt hätten."

"Ich habe es Madame Rossignol mitgeteilt", erwiderte Julius. "Außerdem passierte mir das an dem Tag, an dem mich dieser Handlanger von Bokanowski entführt hat. Da gab es wirklich wichtigeres zu bedenken", entgegnete Julius. Professeur Faucon wandte dann noch ein:

"Madame Rossignol hielt es für nicht so gravierend, auch mich darüber zu informieren. Dies erfuhr ich erst, nachdem mir im Sommer die näheren Umstände mitgeteilt wurden, weshalb Madame Barbara Latierre eine ihrer jungen Kühe an Monsieur Latierre übergab." Das war noch nicht mal gelogen, erkannte Julius.

"Gut, ich muß wohl anerkennen, daß Vorfälle, die ausschließlich in den Ferien auftreten, sofern sie ohne nachhaltige Auswirkungen bleiben, nicht an mich weitergemeldet werden müssen, Blanche. Aber diese Besonderheit hätte Madame Rossignol mir durchaus mitteilen dürfen, wie ja auch die besonderheit von Monsieur Moulin, Hercules. Madame Latierre, Mildrid, weiß von dieser Begebenheit?" Fragte Madame Maxime noch einmal. Julius bestätigte, was er gerade selbst geschildert hatte. "hmm, dann ist es vielleicht nicht schlecht, wenn diese in Zukunft in Ihrer Nähe verbleibt, wenn Sie im Unterricht praktische Magizoologie mit potentiell gefährlichen Zaubertieren arbeiten müssen", schnaubte sie dann noch. Offenbar mißfiel es ihr, daß etwas derartig wichtiges vor ihr geheimgehalten worden war. Professeur Faucon und Julius verloren darüber kein Wort. Dann sagte die Schulleiterin mit verknirschter Miene zu, daß Julius zwischen elf Uhr abends und sechs Uhr morgens an dem Ausflug teilnehmen dürfe, um die Aktion, die vor zwei Nächten durchgeführt worden war, erfolgreich abzuschließen. Julius erhielt eine schriftliche Mitteilung für seinen Saalsprecherkollegen Giscard Moureau, daß Professeur Faucon ihn wegen Vorfällen in Großbritannien im Einvernehmen mit Madame Maxime zu einem Erläuterungsausflug in das Hauptquartier der Liga gegen die dunklen Künste mitnehmen wolle. Er stimmte sich mit Madame Rossignol ab, daß er noch einmal Wachhaltetrank einnehmen solle, wo er von Montag auf Dienstag genug Schlaf bekommen habe. Dann kehrte er kurz in den grünen Saal zurück, besprach sich mit Giscard und wünschte ihm noch eine gute Nacht. Wann er zurückkehren würde konnte er ihm nicht sagen. Giscard und Céline fragten ihn nur, warum ausgerechnet er zu dieser Besprechung mitreisen sollte.

"Weil ich die Lage in Hogwarts kenne", antwortete Julius darauf nicht ganz gelogen. Dann prüfte er, ob er in seinem Schulumhang locker einen Ausflug auf einer Latierre-Kuh mitmachen konnte, stellte fest, daß das ging und kehrte per Wandschlüpfsystem vor Professeur Faucons Büro zurück. Dort erwartete ihn Madame Rossignol mit dem Wachhaltetrank.

"So, die Dosis reicht bis morgen abend zehn Uhr, sofern du nicht wieder haarsträubende Zauber wirken mußt, Julius. Dann empfehle ich allen hier Anwesenden und dir, vor Dezemberanfang keinen Wachhaltetrank mehr einzunehmen, damit dein Körper sich nicht unnötig auf einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus einstellt", bemerkte die Schulheilerin, als Julius die abgemessene Menge getrunken hatte. Dann flohpulverte er sich ins Château Tournesol. Angeblich sollte er von dort Seit an Seit mit seiner Schwiegermutter Hippolyte zum Startpunkt der nächtlichen Reise apparieren. Tatsächlich jedoch wurde er von Ursuline Latierre erwartet, die ihn umarmte und dann sagte: "Temmie wartet auf dich draußen. Dein irischer Schulfreund ist ja hin und weg von der. Der war gestern und heute die ganze Zeit mit Babs bei ihr und hat das Cogison ausprobiert. Gloria kennt das ja noch vom letzten Jahr. Aber die beiden Mädchen trauen der Sache nicht so recht über den Weg. Aber am besten gehst du jetzt da hinaus und unterhältst dich mit Babs und den anderen. Ich passe hier auf die anderen auf."

"Die anderen?" Wollte Julius wissen. "Sind die alle wieder hier?"

"Nachdem der nette Mensch, der sich nicht traut, als mein Schwager aufzutreten Hipp aus dem Ministerium gejagt hat und seine feinen Ideen von einer wehrhaften Zaubererwelt angedacht hat und du vorgestern deine Schulfreunde aus Hogwarts rausgeholt hast haben alle ihre Kinder zu mir hingebracht, falls sie schnell wieder vor randalierenden Dementoren in Deckung springen müssen. Falls ihr in den Ferien aus Beauxbatons raus dürft kommen Millie und du mit Martha besser auch zu uns rüber. Catherines Haus wird ein wenig zu oft von diesen Ungeheuern umzingelt. Der Sanctuafugium um das Château ist etwas weitläufiger und von mehr Zauberern und Hexen errichtet worden. Außerdem könnte ich den Standort zum Familiengeheimnis erklären und ihn damit quasi wie im Fidelius-Schutz verschwinden lassen. Aber du wolltest glaube ich zu deiner neuen Kameradin raus. Ihr habt eine lange Nacht vor euch."

"Ist meine Mutter immer noch hier?" Wollte Julius wissen.

"Nein, sie ist bei Catherine und Joseph in Paris. Sie meint, dort besser die Nachrichtenlage überblicken zu können, warum auch immer. Denn dieses Elektrorechnerding kann ja nichts aus der Zaubererwelt weitermelden."

"Ja, aber ein Zaubererbild, daß die Eauvives mir geschenkt haben", erwiderte Julius. Ursuline lächelte wissend. Dann schubste sie Julius sacht in Richtung Salonausgang.

Auf dem Weg zur Weide traf er Béatrice an. Diese erkundigte sich, ob Julius Wachhaltetrank eingenommen hatte. Er bejahte es.

"Gut, dann solltest du aber bis Dezember keine neue Dosis einnehmen. Die menschliche Natur läßt sich nicht dauerhaft austricksen", sagte sie halblaut.

"Hat mir Madame Rossignol schon klargemacht", erwiderte Julius leicht angenervt. Béatrice nickte jedoch unbeeindruckt und offenbarte, daß sie Babs und Julius auf dem Ritt zum Meer begleiten würde.

"Ich habe deine Freunde auf Nachwirkungen von Schadenszaubern untersucht. Womöglich wird meine amerikanische Kollegin Merryweather die auch noch mal zu sich zitieren. Aber ich habe bereits eine schriftliche Bestätigung ausgefertigt, daß deine vier ehemaligen Mitschüler keine Folgeschäden abbekommen haben. Gloria erwähnte ein Messer mit Flagrantebezauberung, mit dem diese Alecto Mädchen gefoltert hat. Daß sie nicht damit bekanntschaft gemacht hatte lag wohl daran, daß Snape sie immer wieder zu sich zitiert hat und Professeur Faucon ihr eingeschärft hat, bloß nicht übermäßig aufzufallen."

"Ein immerglühendes Messer? Oha, da kann man ja ziemlich viel Schaden mit anrichten", murmelte Julius. Béatrice nickte. "Meine Kollegin in Hogwarts wird wohl arge Probleme haben, diese sogenannten Strafaktionen zu korrigieren. Soweit ich über verwinkelte Verbindungen mitbekommen konnte wurde ihr am ersten September die klare Anweisung erteilt, bloß nicht gegen die neue Schulführung aufzubegehren, weil sie dann schnell ihre Anstellung verlieren würde und Hogwarts danach wohl keinen Heiler oder eine Heilerin zugeteilt bekäme."

"Das Problem haben die Lehrer da auch, Trice", seufzte Julius frustriert. "Die Schweinebande machen lassen und möglichst die Schüler vor unnötigen Aktionen schützen oder aufmucken und einen Tritt in den Hintern kassieren, der sie direkt nach Askaban schießt. Ich weiß nicht, ob Professeur Faucon das so hingenommen hätte."

"Eine Katze kann bei eisiger Kälte vor einem Mauseloch sitzen, Julius. Die warten auf die eine Chance, diesen Haufen Mist auszukehren. Aber nur dann, wenn sie wissen, daß der Unnennbare ihnen nicht sofort einen neuen Misthaufen reinsetzt." Julius nickte dazu nur.

Draußen stand Temmie mit einem großen Transportkasten auf dem Rücken. Betty und Jenna standen unschlüssig zehn Meter von ihrem linken Hinterbein entfernt, während Kevin bereits am oberen Ende der Ziehharmonikatreppe stand und winkte. Babs Latierre sprach in die offene Transportkabine hinein. Temmie hob ihren gewaltigen Kopf und drehte ihn in Julius' Richtung. "Dickes Mädchen, da bin ich", sagte Julius laut. Um Temmies Hals hing der große, runde Balg, das vergrößerte Cogison aus dem Hause Dexter.

"Kann fliegen, Julius. komm auf mich rauf!" Blökte das magische Hilfsmittel, um worthafte Gedanken hörbar zu machen.

"Schon unheimlich groß dieses Tier", wimmerte Betty, als Julius neben sie trat. "Und die soll uns alle auf dem Rücken zum Meer tragen?"

"Das kann die", beruhigte sie Julius. "Wenn du da erst mal oben in der Kabine bist fällt das dir gar nicht mehr auf, daß du auf 'ner Latierre-Kuh sitzst. Glloria kennt das ja schon. Die ist wohl schon oben in der Kabine."

"Ey Julius, voll stark das Mädel ... Huaahh!" Rief Kevin und konnte sich gerade noch an den Halteseilen festklammern. Betty und Jenna unterdrückten einen Aufschrei, weil Temmie sich schüttelte. Babs Latierre umschlang Kevin mit einem Arm und zog ihn wie beiläufig in die Kabine hinein, wobei sie ihm wohl noch sagte, daß er nicht so laut rufen sollte.

"Die wirft uns doch alle runter", wimmerte Jenna. Julius sah Temmie an und sagte ruhig: "Temmie, der wollte mich nur begrüßen. Ganz ruhig!" Und seinen ehemaligen Schulkameraden von Hogwarts zugewandt sagte er: "Die hat sich nur erschreckt, weil Kevin so'n Krach gemacht hat. Ich bin schon oft genug mit der geflogen, Betty und Jenna. Das ist ganz sicher. Ich bringe euch schnell in die Kabine hoch. Da könnt ihr nicht rausfallen. Oder wollt ihr hierbleiben?"

"Mum und Dad trauen diesem Fleischberg auch nicht so recht, Julius", wandte Jenna ein. Doch weil die bereits oben in der Kabine waren, sahen es die Zwillinge ein, ebenfalls die Transportkabine zu betreten. Julius führte sie zur Treppe und hinauf in die Kabine. Dort begrüßte er leise alle anderen Auszufliegenden. Trice wechselte noch ein paar leise Worte mit ihrer älteren Schwester und betrat dann die Kabine.

"Komm durch die Luke zu mir raus! Dann kann ich die Treppen einholen", mentiloquierte ihm Babs Latierre. Julius schickte ein einfaches "Ja" zurück. Béatrice schloß die Tür von innen. Klappernd faltete sich die Ziehharmonikatreppe zusammen, wobei die Stufen papierdünn wurden. Julius erklärte allen noch einmal halblaut, daß sie jetzt losflögen und sofern Temmie durchhielte, in wenigen Stunden am Atlantik sein konnten. Mr. Porter erwähnte, daß sie darüber am Mittag informiert worden seien. Ihm sei die Sache nicht ganz so geheuer. Aber Gloria habe ihm Mut gemacht, daß diese Transportart sicher genug sei. Julius nickte ihm aufmunternd zu und kletterte durch die offenstehende Dachluke hinaus, um sich neben seine Schwiegertante zu setzen.

"Gut, Julius. Sichern!" Sagte die Hüterin der Latierre-Kühe. Julius band sich die dünnen aber haltbaren Sicherungsketten um den Körper. "Wie lang hält dein Wachhaltetrank?" Fragte sie ihn leise. Er erwiderte: "Ohne Melo bis zehn Uhr morgen abend."

"Dann mit Stimmkommandos, Julius. Bring uns hoch!"

"Alle sicher verstaut!" Rief Julius. "Dann loooos, Temmie. Feines Mädchen!" Rief er seiner tonnenschweren Neuerwerbung zu.

"Mädchen ist gut", blökte das Cogison. Dann galoppierte Temmie los und stieß sich ab.

"Wir haben den Gewichtsverringerungszauber von ihr ausprobiert. Wie zu befürchten beißt der sich mit dem Centigravitus-Zauber der Kabine", wisperte Babs, als Julius die geflügelte Kuh ohne Führketten auf den direkten Kurs gesteuert hatte. Um Temmies Flügel und die Kabine legte sich ein silberner Hauch, und der Flugwind ließ nach. "Aber diesen Windumlenkungszauber konnte sie machen. Wird ihr doch die dreifache Normalgeschwindigkeit und Reichweite bringen", wisperte Babs Latierre, während Julius von drinnen eine leise aber gelöste Unterhaltung mithörte, wie sich Béatrice mit den Hollingsworths über das Reisen auf Latierre-Kühen unterhielt.

"Ist denn jetzt sicher, daß Temmie was Kleines ausbrütet?" Fragte Julius leise.

"Fühl mich anders. Könnte Kind in mir sein", erwiderte Temmie. Babs flüsterte ihm ins Ohr, daß Demeter das auch schon einen Monat nach der Begattung gespürt hatte. Auch sie hätte ja einige Wochen nach der wilden Zeit im Sonnenblumenschloß eine Veränderung an sich gespürt, das dann aber besser von Trice nachprüfen lassen. "Die Bullen, die erfolgreich begattet haben riechen das am Urin der von ihnen besprungenen Kühe und kehren dann den großen Beschützer raus. Dann muß ich Kühe und Bullen weiträumig voneinander trennen, damit wir mit den Kühen noch arbeiten können. Könnte sein, daß Temmie in fünf Monaten bereits milchen kann. Bei ihren Tanten und ihrer Mutter war das bei der ersten Trächtigkeit zumindest möglich. Dann muß sie aber mindestens ein Jahr vor dem Kalben trockengestellt werden, um die nötige Grundmilch auszubilden."

"Apropos, nuckeln deine Kleinen jetzt an der Flasche?" Fragte Julius so behutsam er das fragen konnte.

"Meine Schwestern und Schwägerinnen helfen aus", wisperte Babs und fügte mentiloquistisch hinzu: "außerdem habe ich den starken Verdacht, daß Maman auch noch was vorrätig hat. Trice hat sie schon gefragt, ob sie nicht besser Amme wird. Da meinte sie, daß Trice das doch tun könnte. Um eine Amme zu sein müßte sie nicht zwangsläufig ein eigenes Kind geboren haben."

"Geht mich auch nichts an", erkannte Julius, daß er da wohl in zu intime Angelegenheiten reingefragt hatte. Babs meinte dazu:

"Wenn ich's dir nicht erzählt hätte würde Maman es dir auf die Nase binden. - In Ordnung, jetzt einfach so weiter. Die Höhe reicht aus. Du bist ein wenig zu kalt angezogen für die Jahreszeit."

"Stimmt", knurrte Julius, der bereits merkte, wie die Oktobernachtkälte in seine Glieder kroch. Doch Babs hatte offenbar vorgesorgt. Sie holte taschentuchgroße Stoffstücke aus ihrem dicken derben Reiseumhang und legte sich und Julius je eins auf die Knie. Sofort wuchsen die Stoffstücke zu dicken Daunendecken an, die Julius wie eine Bettdecke um sich herumdrehen konnte.

"Trice hat es geschafft, deinen Gästen zu empfehlen, sich schlafen zu legen", wisperte Babs Latierre, als sie sich und Julius fest in die gleichwarm bleibenden Decken eingemummelt hatte. Um sich und die nun gleichmäßig aber ziemlich schnell dahinfliegende Temmie wachzuhalten sprachen sie über die letzten Wochen und die Aktion in Hogwarts. Babs konnte das Cogison sogar auf Flüsterbetrieb umstellen, staunte Julius. Temmie verriet in einer künstlich einfachen Sprechweise, daß sie bei dem großen Haus mit den Türmen bleiben würde. Da könne sie auch spielen, wobei sie hier keine Schwestertöchter, also Cousinen hatte. Jemand von denen hätte aber was großes Rundes mit harter Luft gemacht, dem sie nachjagen könne.

"Wenn das Kalb sich zu bewegen anfängt hört das Toben sowieso erst einmal auf", meinte Barbara Latierre dazu nur. Dann sprachen sie leise über die Dementoren.

"Ich schätze, Maman hat es dir erzählt, daß Hipp und wir anderen die Kinder bei ihr gelassen haben und jeden Tag für ein paar Stunden rüberkommen, um mit ihnen zu sprechen. Könnte sein, daß diese Dementoren uns dazu zwingen, uns ganz da einzurichten. Um den Hof liegt ja leider kein Sanctuafugium. Aber wir können den geheimhalten. Womöglich werde ich noch einen Bullen zu Maman rüberbringen, der die da schon stehenden Kühe noch nicht geschwängert hat."

"Könnte passieren, daß der neue Minister Zoff macht, weil das englische Marionettentheater ihm immer noch auf den Füßen steht wegen den von der Schippe gesprungenen Muggelstämmigen. Allein die Sache mit den Flughäfen zeigt ja, daß der sich gut von diesen Gangstern einschüchtern läßt."

"Dazu kommt noch, daß bis jetzt niemand weiß, was mit den Grandchapeaus passiert ist und warum denen etwas passiert ist", entgegnete Barbara. "Und wie geht es dir und Millie?" Julius schilderte darauf noch, was er gerade am Abend erlebt hatte und wandte sogar ein, daß er fast mit Fleurs Großmutter mitgegangen wäre, wenn Millie ihn nicht zurückgehalten hätte.

"Das fehlte noch, daß diese Kreatur dich einwickelt und nicht eher wieder ausläßt, bis du ihr einen Veela-Ruster-Simonowsky-Mischling in den Schoß gelegt hast. Außerdem ist die definitiv zu alt für dich, auch wenn sie wohl noch wie das blühende Leben aussieht", schnarrte Babs. Julius schmunzelte. Mochte das der Widerwille sein, den alle Hexen gegen Veelas hatten? So meinte er nur, daß Léto wohl auch kein Interesse an ihm gehabt hätte.

"Sag das mal nicht zu laut, Julius. Wir wissen bis heute nicht, wie alt Veelas werden können. Könnte sein, daß sie noch sehr jung ist und nur aus Anstand auf einen zweiten oder dritten Mann verzichtet hat, nachdem Apollines Vater im gesegneten Alter von hundertdreißig Jahren eingeschlafen ist. Oder hat die euch das erzählt?"

"Nein, hat sie nicht", erinnerte sich Julius. Da hörte er ein leises Fauchen und Singen voraus und warf den Kopf in den Nacken. Deutlich sah er durch die glitzernden Wolkengebirge, die knapp hundert Meter über ihnen begannen, ein rotes und ein grünes Licht und vier glühende Flammen.

"Da oben ist eine vierstrahlige Passagiermaschine, Babs. Die will wohl nach Marseille. Temmie, nix böses. Nur ein Flugzeug der Magielosen über uns!"

"Ist ziemlich laut", fauchte das Cogison. "Tut in den Ohren Weh und macht so komisches Rauschen."

"Dabei ist der Flieger noch wohl mehrere Kilometer über uns", grinste Julius. "Wenn du neben so'nem Vogel stehst fliegen dir die Ohren weg. Aber dafür passen mehr als zweihundert Menschen mit Gepäck und Essen da rein und können mehr als zehn Stunden lang fliegen."

"Willst du mich ärgern, Julius?" Fragte Temmie per Cogison. "Ich muß keinen Fressen, um den zu fliegen. Und ich kann auch weit fliegen."

"Du sitzt gerade auf ihrem Rücken, Julius. Leg dich besser nicht mit ihr an", erwiderte Babs.

Die Wolkendecke riß auf, und sie konnten die Sterne sehen. Julius nahm mit dem Blick des Hobbyastronomen die Sternbilder war und erkannte daraus die Flugrichtung. Der Mond schien auf sie herab. Auch wenn er nur halb zu sehen war bot er einen majestätischen Anblick.

"Die große Himmelsschwester sieht uns zu", raunte er leise und deutete auf den Mond.

"Stimmt. Und sie paßt auf uns auf", entgegnete Babs sehr behakt klingend.

Eine ganze Zeit flogen sie ohne weiteres Wort dahin. Zwischendurch berührten sich Barbara und Julius leicht, um sicherzustellen, daß sie nicht eingeschlafen waren. Doch Julius hielt der Wachhaltetrank aufrecht. Temmie machte gleichmäßige Flügelschläge und wiegte sich sanft wie ein Boot auf sanften Wellen.

"Wie die Babys", hörte er Béatrices Gedankenstimme in sich. "Das Schaukeln hat sie alle einschlafen lassen."

"Willst du auch schlafen?" Fragte Julius mentiloquistisch. Die Verbindung war immer noch optimal.

"Ich habe auch Wachhaltetrank eingeworfen und mir eine von Florymonts Nachtsichtbrillen aufgesetzt und lese noch was", gedankenantwortete Béatrice. "Babs hat euch die Decken umgelegt. Da sind Wollmützen dran. Setzt die besser auf! Die Sterne sagen mir, daß es draußen kalt werden kann." Julius bestätigte es und stupste Babs an, die nun doch döste. Sie hatte sich jedoch so tief in die Decke hineingleiten lassen wie in einen Schlafsack. Sie zeigte Julius, wo die Mützen waren und langte mit der linken Hand unter der Decke hervor, um unter dem Sitzbrett eine kleine Schublade aufzuziehen, in der zwei Feldflaschen lagen. "Trice hat das angeordnet, daß wir einen Kältewiderstandstrank einnehmen." Julius fügte sich der Heileranweisung. So konnte ihnen die immer größere Kälte nichts mehr anhaben. Und Temmie war durch genügend Wolle und eine gewisse Speckschicht optimal dagegen geschützt. Außerdem bewegte sie sich und erzeugte damit genug Körperwärme. Jetzt sprachen Babs und Julius über den entlassenen Lehrer Pivert und das dieser sich wohl zu viel zugemutet hatte.

"Ich habe immer schon mit dem Gedanken gespielt, selbst bei euch anzufangen. Aber zum einen müßte ich den Hof dafür aufgeben. Zum anderen könnte ich meine Familie nicht so umsorgen wie bisher, weil ich ja auch zu Callie und Pennie genauso streng sein müßte wie zu euch. Mit Madame Maxime verstehe ich mich auch nur wegen der größeren Entfernung zwischen ihr und mir. Ich fürchte, sie würde mir nach der Sache mit Armadillus und Pivert zu häufig dreinreden, wie der Unterricht laufen sollte. Aber das was sich Pivert mit den Thestralen geleistet hat war schon ein starkes Stück. Wenn die Ferien sind ziehe ich Millie die Ohren lang, daß sie sich von Monsieur Pivert hat einschüchtern lassen, ihm nicht auszureden, auf ungesattelten Thestralen zu fliegen, noch dazu bei Sturm und Gewitter. Ich habe ihn nach Australien zurückkehren lassen. Soll er sich da mit den grünen Känguruhs und diesen Wollmilchleuten rumschlagen."

"Der ist widerstandslos gegangen?" Fragte Julius verwundert.

"Der wollte da eigentlich nie richtig weg, hat wohl darauf gehofft, wegen meiner Mutterschaft die Karriereleiter eine Stufe höher zu klettern. Weil mein Vertreter aber wen anderen begünstigt hat, wollte der zu euch nach Beaux. Hätte er sich aber etwas besser anstellen sollen, um da zu bleiben", grummelte Babs. Julius räumte ein, immerhin ein paar interessante Tiere wie die Feuerlöwen und die Hippocampi gesehen zu haben.

"Da hätte Madame Maxime den schon mit ihren übergroßen Händen packen und im hohen Bogen runterwerfen sollen. Der hat alle Schüler gefährdet. Ihr hattet ein unverschämtes Glück, daß diese Biester sich haben schocken lassen, bevor sie euch fressen konnten." Julius nickte. Babs wußte also nicht, wie das mit den Feuerlöwen genau ausgegangen war.

"Ganz viele Lichter unter uns", cogisonierte Temmie. Julius blickte nach unten. Da lag tatsächlich hell erstrahlend das netzartige Lichtermeer einer Stadt. War das Paris? Er wußte nicht, wie schnell Temmie flog und ob Paris auf der direkten Route lag. Aber für einen Moment wärmte er sich an der Vorstellung, daß seine Mutter dort unten ruhig schlief.

Die Reise durch die Nacht ging weiter, wobei Julius im Geist mehrere Hausaufgaben durchging, um die künstliche Munterkeit irgendwie auszunutzen, während Barbara Latierre im Schutz der Ketten und Decke doch noch eingeschlafen war. Mit Temmie zu mentiloquieren traute er sich nicht, weil er nicht wußte, wieviel Kraft ihn das kosten mochte. Irgendwann fauchte das Cogison: "Rieche Salz in der Luft. Wir kommen ans Meer."

"Okay, Temmie, am besten landest du, wenn du siehst, daß uns keiner zugucken kann und läßt noch mal alles raus, was nicht mehr gebraucht wird", wisperte Julius. Temmie wiegte sich bestätigend und flog noch eine Zeit weiter, bis Julius in der Ferne die Gestirne auf einer dunklen Oberfläche widerscheinen sah. Jetzt war es tiefste Nacht. Temmie verzögerte den Flug langsam. Das silberne Leuchten um ihren Körper erlosch. Der Flugwind pfiff ihnen eiskalt um die Nasen und Ohren. Temmie sank so sacht durch, daß Julius nur an der näherkommenden Erdoberfläche und den immer weiter ausladenden Küstenformen erkannte, daß sie niedergingen. Dann landete die von Darxandrias Geist erfüllte Latierre-Kuh. Der Ruck beim Aufsetzen weckte Barbara Latierre. Doch von der Kabine her kam kein Laut.

"Das Stimmt schon, daß die Zeit wie im Flug vergehen kann", grummelte Barbara, während Temmie mit erleichtertem Schnaufen unverdaulichen Ballast abwarf.

"Mit Demie oder Ostara habe ich mich noch nie auf einen Nachtflug gewagt", gestand Babs ein. Frag sie, ob sie Hunger und Durst hat?"

"Kannst mich selber fragen, Barbara", fauchte das Cogison gegen das rhythmische Wellenrauschen an, daß die ewige Musik dieses Ortes war. "Will erst alle da rauslassen, wo sie hinwollen. Dann will ich essen. Die kalte Nacht macht nicht so müde wie der Tag."

"Dein Kalb, Temmie", sagte Barbara leicht mißgestimmt.

"Warum soll sich eine Kuh vernünftiger verhalten als eine Hexe", lachte Béatrice Latierre. Keiner hatte gehört, wie sie aus der Kabine gekommen war. Sie stand auf dem Dach und grinste ihre Schwester an.

"Kannst du lautlos apparieren?" Staunte Julius.

"Bei der Lautstärke meiner Schwester konntest du das nicht hören, Julius", erwiderte Béatrice. Julius amüsierte sich wieder, weil die junge Heilerin wieder zwischen mehreren Verhaltensweisen wechselte. Im Moment war sie wieder auf junges Mädchen eingestellt.

"Sie kann das noch nicht einschätzen, wie es sie auszehrt, so schon so weit zu fliegen. Geschweige denn trächtig", knurrte Barbara.

"Ich sage es, liebe Schwester, daß du von einer Kuh, auch wenn sie eine gewisse Intelligenz äußert nicht mehr Vernunft erwarten kannst als von dir selbst. Und ich habe dich und Raphaelle und Josianne oft genug bremsen müssen, wenn ihr meintet, auch noch im achten Monat wie Schulmädchen herumtoben zu müssen. Aber trinken sollte Temmie was." Mit diesen Worten disapparierte Béatrice mit leisem Plopp, als habe jemand behutsam eine Champagnerflasche entkorkt. Erst ließ sie Temmies Ausscheidungen verschwinden. Keine zehn Sekunden danach stand ein busgroßer Trog vor Temmie, in den Béatrice frisches Wasser hineinbeschwor.

"Meeresnähe macht diesen zauber noch leichter", mentiloquierte sie an Julius' Adresse.

Temmie wollte gerade ansetzen, aus dem Trog zu saufen, als sie die Ohren aufrichtete und lauschte. "Andere Menschen ganz ohne Laufen angekommen. fliegen jetzt auf langen Flugstangen", cogisonierte Temmie. Julius verstand.

"Trice, wir haben einen Spürstein gekitzelt. Zurück in die Kabine!" Stieß er aus. Béatrice stieß eine undamenhafte Antwort aus und ließ den Trog verschwinden, um dann im nächsten Moment selbst zu disapparieren. Julius blickte sich um. In der Dunkelheit war nichts und niemand zu sehen. "Bin in Kabine. Los weg!" Mentiloquierte Béatrice. Julius gab das Gedankenkommando an Temmie. Diese lief los und hob ab. gleich darauf wurden sie und alles was auf ihr war unsichtbar. Da konnte Julius die schattenhaften Bewegungen im Dunkeln sehen, die vom Land her näherkamen. Temmie brauchte überhaupt keine Anweisung, den heranbrausenden Besenreitern aus dem Weg zu bleiben. Sie warf sich ungestüm nach hinten und stieg mit wuchtigen Flügelschlägen nach oben, um dann in die waagerechte Fluglage zurückzufallen. Sie brach nach rechts aus, als grüne, flimmernde Lichter auf sie zuhielten.

"Vivideo-Zauber", knurrte Babs. "Nur dumm, daß bei der Dunkelheit und Entfernung jeder sehen kann, wo deren Auslöser gerade sind."

"Von moderner Luftaufklärung haben die auch keinen Dunst. Sonst wüßten die, daß sie erst mit passiven Suchgeräten suchen, bevor sie sich durch aktive Suchstrahlen verraten", grummelte Julius und mentiloquierte an Béatrice, daß sie noch verfolgt wurden.

"Kann sie mit der Brille deutlich sehen. Zwanzig Zauberer in Ministeriumsumhängen. Wohl die Strandaufsicht auf Dementorenjagd."

"Nur, daß die jetzt uns jagen", grummelte Julius. Doch da fiel das grünflimmernde Suchkommando auch schon merklich zurück. Temmie flog jetzt mit sehr raschen Flügelschlägen. Silberner Hauch umfing ihren Körper, die Kabine und die Flügel. Die Latierre-Kuh flog einen großen Bogen über die Ausläufer des atlantischen Ozeans und kehrte weit genug von den Besenreitern fort auf das Land zurück. Doch sie landete nicht sofort, sondern brauste im beinahe geräuschlosen Gleitflug mehrere Kilometer ins Landesinnere zurück, bevor sie landete und sich enttarnte.

"Gut, daß deine Gäste meinen leichten Schlummertrunk noch nicht ausgeschwitzt haben", mentiloquierte Béatrice an Julius. "Hätte ich dumme Gans wirklich dran denken sollen, daß gerade die Küsten mit weiteren Spürzaubern bestückt wurden."

"Du hast geahnt, daß Temmie sich und uns mal unsichtbar machen müßte?" Fragte Julius auf gedanklichem Weg zurück.

"Seitdem ich weiß, daß sie so manches kann ja", erwiderte Béatrice nur für Julius vernehmbar.

"Die suchen weiter am Meer", cogisonierte Temmie. Jetzt, wo sie wußte, daß alle durch einen Zaubertrank im Schlaf lagen brauchte sie ihren guten Wortschatz nicht mehr zu verheimlichen.

"Ohne Cogison wären wir aufgeflogen", stieß Julius aus. Babs meinte dann:

"Und wenn wir nur auf einer gewöhnlichen Kuh geritten wären auch. Und wenn meine werte Schwester es nicht nötig gehabt hätte, Temmie und mich zu maßregeln und dabei statt durch die Luke zu klettern appariert wäre."

"Das habe ich gehört", schnarrte es aus der Kabine zurück. Offenbar hatte Béatrice die Reisenden wirklich gut eingeschläfert, daß sie so laut sprechen konnte.

"Das grundproblem bleibt, daß Temmie vielleicht noch was trinken muß, bevor wir über das Meer fliegen."

"Das macht mir wirklichnichts aus, gleich zum Treffpunkt zu fliegen, Barbara", cogisonierte Temmie. Sagt mir nur, wann wir losfliegen. Ich werde dann, um die, die uns suchen nicht noch mal an uns rankommen zu lassen erst ganz hoch und dann ganz schnell nach vorne. Dann mach ich die Flügel so weit es geht auseinander und fliege so. Wenn ich den Mantel der Windumlenkung mache, den die ja nicht kennen, daß wir ganz weit über denen und ganz leise und schnell über die wegfliegen, fast bis ganz runter aufs Wasser. Dann sind wir wohl weit genug vom Land weg, daß die Spürsachen uns nicht mehr finden, und ich kann weiterfliegen. Ich mach uns unsichtbar. Das können die auch nicht spüren."

"Ich hätte mir das doch überlegen sollen, Temmie zu behalten", erwiderte Barbara. "Das wäre eine geniale Leitkuh. Nur schade, daß ihre Intelligenz sich nicht auf die Kälber vererben läßt."

"Ich bin doch bei euch, Barbara", ertönte die Antwort aus dem Cogison. Julius grinste. Temmie machte noch eine halbe Stunde Pause. Dann stellte Babs mit einem Blick auf ihre Armbanduhr fest, daß sie nun losfliegen sollten, um im vorausberechneten Zeitraum das magische Luftschiff aus den Staaten zu treffen. Temmie tarnte sich und alle ihre Fluggäste. Dann trabte sie gemütlich an, hob ab und flog erst einige Kilometer, um genug Schwung für den Aufstieg zu gewinnen. Dann ging es fast wie in einer Rakete so senkrecht in den immer noch tintenschwarzen, von den Lichtern ferner Sonnen durchstochenen Himmel hinauf. Julius wies Temmie darauf hin, daß sie bloß noch genug Luft bekommen müsse, um das ungeborene Kalb in sich nicht weit vor der Geburt sterben zu lassen. Temmie hörte nicht darauf und fegte auf eine dicke Wolke zu. Knapp vor dem unteren Rand verringerte die Flügelkuh den steilen Aufstiegswinkel und stieg in einer sanften Kurve noch etwas höher. Dann legte sie sich wieder in waagerechte Fluglage und schwang die Flügel durch, erst langsam und wuchtig, dann immer schneller, bis Julius fast meinte, die gefiederten Schwingen würden gleich wie Propeller kreiseln. Dann hörte das wilde Rauschen auf, um einem leisen Rauschen zu weichen. Temmie lag nun ruhig in der Luft. Die unsichtbaren Flügel so weit wie es ging ausgespannt. Sie keuchte zwar angestrengt. Doch irgendwie meinte Julius, eine gewisse Genugtuung in diesem Schnaufen zu hören, während sie in einem Neigungswinkel unter einem Viertelgrad wieder nach unten flogen. Wie viel Auffassungsvermögen mußte Darxandria besessen haben, um sich in nur wenigen Monaten so perfekt auf diesen neuen Körper einzustellen, daß sie dessen Eigenschaften nun meisterhaft ausspielte? Julius dachte noch einmal daran, was passiert wäre, wenn ihr in ihm schlummerndes Bewußtsein seinen Geist nicht aus der Verbindung mit Temmie gelöst hätte und er mit ihrer tierhaften und ungestümen Natur verschmolzen wäre. Er hätte sich wohl nie daran gewöhnen können, selbst wenn Temmies ganzes Wissen und ihre Erfahrung mit dem Körper zur Verfügung gestanden hätte.

"Da ist die Küste wieder. Wir müssen mindestens doppelt so schnell wie ein Ganni 10 sein", flüsterte Babs, während scheinbar langsam die Küstenlinie unter ihnen zurückfiel. Julius vermeinte, dunkle Punkte über das Wasser huschen zu sehen. pechschwarze Flecken, die Löcher in das kaum sichtbare Flimmern der wiedergespiegelten Sterne bohrten. Sie bewegten sich zum Land hin.

"Ach du großer Drachenmist. Da unten ist was, was mir nicht gefällt", grummelte Julius.

"Da kommen so schwarze flecken vom Meer her. Die sind kreisrund und schlucken wirklich alles Licht. Sehe Eiskristalle in der Spur, die sie hinterlassen", mentiloquierte Béatrice.

"Ich wußte, daß mir das nicht gefällt", knurrte Julius.

"Ganz tief unter uns ansaugende Kraft. Ist sehr gierig und grausam", sagte Temmie über das Cogison.

"Soll ich das noch mal sagen, daß mir das nicht gefällt", schnarrte Julius und zählte weitere dieser unheilvollen schwarzen Flecken. Dann fragte er Béatrice, wie sie das Eis denn sehen konnte.

"Neue Erfindung von Florymont. Die Nachtbrille kann Sachen zwanzigmal vergrößern", erwiderte Béatrice aus der Kabine heraus. Julius peilte inzwischen, ob die unheimlichen Dunkelflecken aus der Richtung kamen, wo die britischen Inseln lagen und erhielt die nächste Bestätigung, daß sie gerade hoch genug über einer neuen, auf Frankreich vorrückenden Dementoreninvasion hinwegflogen.

"Dementoren, Julius?" Fragte Babs. Julius nickte und erklärte Temmie, was Dementoren waren so wie er es Goldschweif erklärt hatte.

"Dann ist von Iaxathans Versuchen doch noch was mehr übriggeblieben als die Skyllianri", cogisonierte Temmie. Barbara Latierre stupste Julius an, damit er sich ihr zuwandte. Sie waren ja alle noch unsichtbar und vermeinten, frei in der Luft zu fliegen.

"Schlangenmenschen aus dem alten Reich, Tante Babs. Es wird befürchtet, daß welche das Reich überlebt haben und der große böse Zauberer mit dem unnnennbaren Namen die vielleicht aufweckt, wenn er es nicht schon längst getan hat."

"Er hat sie schon geweckt, Julius. Er läßt sie nur noch nicht offen losschlagen", rückte Temmie mit der nächsten Unheilsnachricht heraus. Julius keuchte kurz. Dann zitierte er Professeur Faucons lateinischen Spruch, wenn etwas zu erwartendes eingetreten war.

"Könnte es sein, daß es da Sachen gibt, über die vielleicht doch der eine oder andere mehr was wissen sollte?" Fragte Barbara Latierre ungehalten. Julius räumte nur ein, daß es nicht allein am ihm läge, was er erzählen dürfe und was nicht, aber sowohl Hippolyte, Albericus und Millie schon bescheid wüßten.

"Dann werden Trice und ich unserer ganz großen Schwester solange die Füße kitzeln, bis sie uns freiwillig erzählt, was ihr da so alles ausgebrütet habt", knurrte Barbara Latierre. "Immerhin sind wir mit dir ja alle verwandt."

Mag ja angehen, Tante Barbara. Aber das erlaubt mir noch lange nicht, alles zu erzählen."

"Ich erzähle es dir und deiner Schwester, wenn Julius in seine Schule zurückgekehrt ist", erklang das Cogison. "Denn vielleicht werdet ihr mich erneut mit ihm irgendwo hinfliegen lassen müssen."

"Ich überlege mir, ob ich dich nicht zum Hof zurückbringe und dich da nur noch auf das Kalb warten lasse, das Perseus dir zugesteckt hat", knurrte Babs. Julius wußte, wie verärgert die Latierre-Hexen werden konnten, wenn jemand, für den sie sich verantwortlich fühlten, ihnen was verheimlichte, was ihm gefährlich werden konnte.

"Gleich läßt der Trank nach", erwähnte Béatrice ganz am Rande. Temmie verstand. Sie flog noch einen halben Kilometer weit, bevor sie sich und alles auf ihr wieder sichtbar werden ließ. Die Wächter da unten hatten jetzt eh ganz andere Sorgen als die zu finden, die am Strand Zauberstabzaubereien benutzt hatten. Julius fiel siedendheiß ein, daß ja jener Aufspürzauber auf ihm lag, der dem Ministerium verriet, wenn von ihm oder irgendwem in seiner unmittelbaren Nähe gezaubert wurde. Der jähe Schrecken, der ihn darauf ergriff, ließ ihn kreidebleich werden. Konnten die dadurch vielleicht alles ermitteln, was Temmie so anstellen konnte? Babs fragte ihn, was ihn so heftig erschreckt hatte, und er verriet es ihr, Trice und Temmie.

"Das haben wir geprüft, erwiderte Béatrice mentiloquistisch. "Artemis hat eine magische Ausstrahlung, die bis einen Durchmesser von zwanzig Metern abschirmt. Mein Fehler eben war, daß ich wohl einen Schritt aus dem Bereich herausgetreten bin. Sonst hätten die dich ja schon längst wegen unerlaubter Zauberei von der Akademie geworfen. Julius atmete hörbar durch. Das stimmte. Denn im Sommer war er ja häufiger unterwegs gewesen und hatte entweder selbst gezaubert oder bei Zaubereien anderer dabeigestanden. Aber wenn Béatrice das wußte, warum war sie dann außerhalb des Schutzbereiches seiner neuen Vertrauten appariert? Ihm fiel nur ein, daß beim Apparieren nicht jeder Zentimeter Entfernung genau eingeplant werden konnte. Im Wesentlichen ging es um Körperlängenbruchteile, die mehr als ein Achtel betrugen, wie präzise jemand einen zeitlosen Standortwechsel hinbekam. So hatte er es gelernt, als er mit Jeanne Dusoleil die Theorie des Apparierens durchgekaut hatte.

Temmie setzte nach fünf Minuten weiterem Gleitflug wieder mit dem Flügelschlag ein, um die trotz Windumlenkung stark verringerte Geschwindigkeit wieder zu erhöhen. Eine Knappe Stunde flogen sie so, während die Fluggäste in der Kabine sich nun aufgeregt unterhielten, wie sie in den Staaten anfangen wollten. Die gefährliche Situation mit den Zauberern, und daß sie über einen Invasionstrupp Dementoren hinweggesegelt waren, hatten sie verschlafen. Und die drei Wachgebliebenen sahen keinen Sinn darin, es ihnen zu erzählen.

"Julius Latierre, hörst du mich!" Erklang eine Mädchenstimme in Julius Kopf, die er zuletzt nach seinem Geburtstag gehört hatte. Das war Brittany Forester. War sie etwa in der Nähe? Er konzentrierte sich und arbeitete die fünf Aufbaustufen einer Gedankenbotschaft ab und schickte zurück: "Britt, wo bist du denn?"

"Wohl nahe genug", kam die Antwort. "Warten auf euch am Treffpunkt. Die Redliefs und die Verwandten von den Mädchen und Kevin sind bei uns.

"Wir kommen wohl langsam an den Punkt zur Übernahme", sagte Julius und hielt Ausschau, ob er irgendwas ungewöhnliches zwischen den Wolken sehen konnte.

"Trice bestimmt gerade unseren Standort. Wenn wir nahe genug sind, sollen wir den Regenbogenlichtzauber wirken."

"Wie kann sie denn den Standort genau bestimmen, während wir fliegen?" Fragte Julius.

"Über das Erdmagnetfeld, wie Temmie und alle wanderlustigen Flugtiere", erwiderte Babs. Julius dachte an sein Naviskop. Das klappte jedoch nur, wenn sie festen Boden unter den Füßen hatten. Dann gab Béatrice die Werte aus. Barbara ließ Temmies Flug um einige Grad nach Rechts korrigieren und den Flug dann ein wenig verlangsamen. Dann empfing Julius erneut Britts Gedankenstimme.

"Da ist sowas weißes in der Ferne. Seid ihr das?" Julius blickte sich um. Babs Latierre deutete auf einen Punkt zehn Grad rechts voraus und wohl zwanzig Grad über ihnen. Da konnte er eine merkwürdige Erscheinung sehen, die aussah wie ein flirrendes Stück Himmel, das genau auf sie zuwanderte. Er erinnerte sich, daß ihm die Redliefs sowie Madame Antoinette Eauvive erzählt hatten, daß die amerikanischen Zauberzeppeline eine Tarnung besaßen, die sie mit dem himmel zu verschmelzen vermochte. Aus der Nähe mochte die Tarnung nicht so unübersehbar sein wie aus der Ferne. Er mentiloquierte an Brittany, daß sie das wohl waren. Gloria bestätigte, bereits mit ihrer Cousine Melanie in Kontakt zu stehen, und Mr. Porter erwähnte, daß er soeben mit seiner Schwester Geraldine ein paar Gedanken ausgetauscht hatte.

"Okay, keine Muggelflugmaschinen oder Schiffe in zwanzig Meilen Umkreis", melote Brittany. "Señor Artesano hebt die Tarnung auf." Julius faßte die flirrende Himmelserscheinung nun scharf ins Auge und sah, wie sich aus ihr erst unscharf dann deutlich etwas wie eine fünfzig Meter lange, silbrigblaue Wurst bildete. Zu hören war jedoch nichts. Magische Zeppeline besaßen keinen Motor im mechanischen Sinn. Temmie blickte dem leblosen Flugkörper mit einer Mischung aus Neugier und Mitleid entgegen. Offenbar gewann die Verschmelzung von Darxandrias Geist und einer Latierre-Kuh unbelebten Flughilfen nichts ab, dachte Julius.

"Okay, haben euch auf ein Uhr von uns aus im Blick. Höhenwinkel so an die zwanzig Grad. Wie weit seid ihr noch weg?" Fragte Julius.

"Moment! Der freundliche Señor prüft das", erwiderte Brittany. Temmie ruckelte. "Okay, nur noch eine halbe Meile", kam die Antwort.

"Kribbelnde Kraft ging durch mich durch", cogisonierte Temmie. Julius verstand, daß sie gerade von einer Art magischem Radar angestrahlt worden waren. Er kannte ja auch einen Distanzmessungszauber, der ähnlich einem Wassertiefenlotungszauber arbeitete. Womöglich hatte das amerikanische Luftschiff die praktischen Spürzauber fest eingearbeitet. Julius gab es weiter, daß die Flügelkuh auf magische Ströme reagierte. Dann befahl er Temmie hörbar, ein wenig aufzusteigen. Der Zauberzeppelin sank beinahe waagerecht. Dann flogen Kuh und Luftschiff auf derselben Höhe. Babs hieß Julius und alle anderen melofähigen Mitreisenden, nach der Seite zu fragen, wo die Tür lag. Zur Antwort drehte die silbrigblau schimmernde Flugwurst sich auf der Stelle einmal herum. Sie schien gerade in der Luft zu stehen wie ein Hubschrauber.

"Langsam ranfliegen, Temmie!" Befahl Julius. Temmie verstand aber auch so. Babs erklärte ihm, daß sie genau den Abstand und den Höhenunterschied halten mußten, den die Ziehharmonikatreppe überwand. Julius wollte das gerade an Temmie weitergeben, so zu fliegen, als Temmie meinte: "Kann nicht fliegen, wenn laufbretter draußen." Babs blickte verdattert auf den mächtigen Kopf der Flügelkuh. Sicher, sie hatte es noch nie konkret ausprobiert, während des Fluges jemanden aus der Kabine aussteigen zu lassen. Sie hatte wohl nicht genau überlegt, wie weit eine Latierre-Kuh die Flügel auslenken mußte, um die Höhe zu halten, besonders im Langsamflug. Temmie teilte ihr in ihrer künstlich verstümmelten Sprechweise mit, daß entweder schnell und schwache Flugbewegungen oder langsam mit ausschlagenden Flügeln um oben zu bleiben ginge.

"Verdammt, das habe ich vorher nicht genau durchdacht", knurrte Babs wütend auf sich selbst. Julius teilte das mit.

"Von einem Flugding auf ein anderes apparieren ist wohl ziemlich riskant", klang Brittanys Antwort. "Aber ich seh hier gerade im Vergrößerungsfenster, daß auf eurer Kiste eine rechteckige Stelle ist, die wie 'ne Dachluke aussieht."

"Stimmt, ist eine", bestätigte Julius.

"Dann geht das noch besser. Macht die auf und fliegt so zwanzig Meter unter uns. Señor Artesano kann 'ne Strickleiter runterlassen. Müßt dann halt nur so gleichmäßig unter uns weiterfliegen." Julius atmete auf und gab die Information weiter. Béatrice öffnete daraufhin die Dachluke, während Temmie sich von Babs und Julius unter den Zeppelin dirigieren ließ. Die Hollingsworths schienen nicht begeistert davon, über eine Strickleiter mehrere hundert Meter über offenem Meer zu einem anderen Lufttransportmittel hinaufzuklettern. Als sie unter einer aufklaffenden Bodenluke der als walzenförmige Wölbung erkennbaren Gondel waren, fiel eine silbergraue Strickleiter mit Bambussprossen und danach noch ein Sicherungsgeschirr am Seil herunter. Béatrice bugsierte die Kletterhilfe mit Zauberstabbewegungen genau in die offene Dachluke. Kaum war die Leiter in der Transportkabine, wurden die Stricke fest wie Holzholme. Betty ließ sich von Béatrice ins Sicherungsgeschirr legen und sah zu, wie die jüngere der Hollingsworth-Schwestern etwas unsicher die dreißig Zentimeter voneinander entfernten Sprossen erklomm. Julius fragte derweil, wer denn außer den Redliefs und dem Eigner des Luftschiffes an Bord war und erfuhr, daß auch Kevins Verwandte und die der Hollingsworths mitgekommen waren. Betty turnte derweil immer noch nicht ganz so begeistert hinauf. Offenbar holte jemand das Sicherungsseil ein und verlieh ihr etwas mehr Auftrieb. Hätten die eigentlich auch gleich so machen können, dachte Julius. Andererseits war ein Auf- und Abseilen wegen möglicher Windböen riskanter, wußte er aus dem Fernsehen, wenn Rettungssanitäter sich aus Hubschraubern abseilen mußten, weil ihre Maschine nicht landen konnte. Nach etwa einer Minute halfen zwei starke Männerarme Betty durch die runde Bodenluke. Keine fünf Sekunden später fiel das Sicherungsseil wieder herab, wurde von Béatrice per Fernlenkzauber sicher durch die Dachluke bugsiert und an Jennas Körper festgemacht. Diese erkletterte die nun feste Leiter, während Temmie ruhig mit den Flügeln schlug um Geschwindigkeit und Abstand zu halten. Jenna war etwas mutiger unterwegs und erreichte in nur vierzig Sekunden die Bodenluke. Dann folgten ihre Eltern. Als diese wohlbehalten umgestiegen waren wollte Kevin in das Luftschiff. Er kletterte mit affenartiger Gewandtheit hinauf. Julius konnte jedoch sehen, daß er seine Augen geschlossen hielt und sich auf den sicheren Griff seiner Hände und das ihn haltende Sicherungsgeschirr verließ. Dreißig Sekunden später verschwand er durch die Bodenluke. Julius fragte sich, ob er sich nicht besser von seinen Freunden hätte verabschiedensollen, bevor diese mal eben im freien Flug von Temmie in den Zeppelin umstiegen. Rufen konnte er nicht, weil Temmie womöglich aus dem Rhythmus geraten wäre. So winkte er jedem weiteren, der ausstieg zum Abschied zu. Plinius Porter erwiderte die Geste sehr inbrünstig, während die Malones ihn eher abschätzig ansahen. Sie dachten wohl daran, daß es kein Grund zum fröhlichen Winken gab, wenn sie alles in der Heimat hatten aufgeben müssen. Immerhin waren sie nicht gefragt worden, ob sie Irland verlassen wollten. Man hatte sie ohne Vorankündigung weggeholt. Das fiel Julius jetzt wieder ein, daß die Eltern Kevins alles andere als begeistert gewesen waren, jedoch wegen der Situation nichts weiteres dagegen vorgebracht hatten. Zum Schluß stieg Gloria auf der Strickleiter nach oben. Sie sah Julius in die Augen und mentiloquierte ihm: "Danke für alles, Julius. Aber lass bitte demnächst die gefährlichen Alleingänge!"

"Kommt gut drüben an!" Mentiloquierte Julius seiner früheren Schulkameradin. Diese nickte gegen die üblichen Verhaltensregeln beim Gedankensprechen und turnte grazil die Leiter hinaufund durch die Luke im Zeppelin.

"Alle Mann an Bord!" Vermeldete Gloria mentiloquistisch und gab Julius mit, er möge sich bei den Latierres für die Hilfe bedanken. Dann löste sich die Starre der Stricke. Die Leiter wurde in Windeseile eingeholt und verschwand wie die Passagiere im Bauch des Luftschiffs. Brittany meldete noch einmal, daß alle Passagiere wohlbehalten umgestiegen waren. Dann klappte die Luke zu. Julius gab ihr mit, sich bei Señor Artesano zu bedanken. Dieser ließ über Gloria ausrichten, daß das zu den Hilfsverpflichtungen der Eauvives gehört hatte und er froh sei, dem gefährlichen Hexenmeister mit dem unnennbaren Namen eins ausgewischt zu haben. Dann drehte sich der Zeppelin auf der Stelle und nahm Fahrt auf. Julius vermeinte ein leises Säuseln zu hören, während das zigarrenförmige Fluggerät davonbrauste, immer schneller wurde und dabei die Tarnung wieder in Kraft setzte, worauf es schnell zu einem Stück Himmel zu werden schien.

"Okay, ich bleibe bei euch auf dem Bock", verkündete Béatrice und schloß die Dachluke von außen. Sie schwang sich neben Julius, der in der Mitte auf dem Bock saß und sicherte sich.

"Dann zurück, Temmie!" Befahl Julius. Die geflügelte Kuh änderte ihren Schlagrhythmus. Sie schwang die Flügel Richtungsversetzt durch, klappte sie ein und drehte damit eine halbe Pirouette, bevor sie mit steigender Geschwindigkeit Landwärts flog. Jetzt brauchte sie keine Anweisung mehr, wo genau sie hinfliegen mußte. Ihr behagte es ja auch nicht, über dem wogenden Atlantik herumzukreuzen.

"Joh, haben jetzt unsere Reisegeschwindigkeit drauf, Julius. Gute Heimkehr!" Erhielt er noch einen Gedankenruf von Brittany. Julius stimmte sich noch auf Gloria ein und melote, sie möge ihm per Spiegel mitteilen, wenn sie gut angekommen sei. Doch der Nachhall seiner gedachten Worte wurde bereits sehr schwach. Wie ein Flüstern im Wind erhielt er Glorias Antwort, daß sie den Zeitunterschied bedenken würde. Dann waren sie wohl zu weit voneinander entfernt, um miteinander zu mentiloquieren.

"Der Bock mit dem Trog könnte uns noch böse aufstoßen", knurrte Béatrice. "Ich hätte das doch wissen müssen, daß die die Küste überwachen, verdammt noch mal!"

"Wenn der Kessel schon umgefallen ist bringt's das Lamentieren nicht mehr, Trice", knurrte Barbara Latierre ungehalten zurück. "Ich dachte, bei der Heilerausbildung bringt man euch das zielgenaue Apparieren bei."

"Habe mich nur um einen Meter verschätzt, Babs. Du hast in der Hinsicht schon größere Fehlsprünge hingelegt, hat Maman erzählt", fühlte sich Béatrice zu einer Entgegnung herausgefordert.

"Nur, daß ich nicht zielgenau apparieren können muß, kleine Schwester", grummelte Babs. Julius wollte schon ansetzen, diesen überflüssigen Zank mit einem Zwischenruf abzuwürgen, als Temmie cogisonierte, daß sie nicht auf direktem Weg zurückfliegen, sondern weit nach Nordosten schwenken wolle, um mögliche Verfolger abzuschütteln.

"Die haben vielleicht noch mit den Dementoren zu tun", meinte Julius. Er blickte auf seine Uhr. Sie hatten tatsächlich jetzt halb fünf am Morgen. Wenn Temmie nur mit zweihundert Stundenkilometern flog, würden sie um sieben Uhr wieder über Land sein. Aber die geflügelte Kuh nahm gut Fahrt auf. Julius nahm über das Armband Kontakt mit Madame Rossignol auf und meldete Vollzug.

"Bleibt bloß über fünfhundert Meter, wenn ihr die Küste erreicht, Julius! Dementoren marodieren noch in Frankreich. Zwar konnte ein Pulk von denen in der Normandie zurückgeschlagen werden. Sie sind aber über den Kanal eingefallen", erwiderte die Schulheilerin. Julius nickte.

Temmie wiederholte das Manöver von vorhin, unsichtbar aus großer Höhe die Trennlinie zwischen Meer und Land im Gleitflug zu überqueren. Diesmal fing sie den Sinkflug im flachen Winkel nicht ab, sondern korrigierte nur die Flugrichtung ein wenig. Tatsächlich konnte sie noch einige Horden Dementoren an ihrer Dunkelheit und Kälte verbreitenden Ausstrahlung spüren. Doch die vier Meter großen Ungeheuer, die bis vor wenigen Jahren noch als äußerst wirkungsvolle Wächter von Askaban gedient hatten, konnten die über sie dahinschießende Flügelkuh nicht orten, weil sie eben zu weit über ihnen flog.

"Na, ob Didier jetzt immer noch große Töne spuckt?" Fragte Barbara. Béatrice und Julius bekräftigten, daß der neue Minister sich doch jetzt erst recht bestätigt fühlte. Selbst wenn die Gefühlsstromstreuer, die an einfachen Haustieren angebracht waren, die Dementoren wirkungsvoll von lohnender Beute ablenkten, würde Janus Didier darauf bestehen, die wehrfähigen Zauberer und Hexen zum Abwehrkampf einzuziehen.

Weit ab von jeder Siedlung, mindestens zwölf Kilometer landeinwärts, landete Temmie. Béatrice wollte gerade die Treppe auslegen, um ihr den Wassertrog hinzustellen, als Temmie über das Cogison mitteilte: "Bleibt ganz ruhig. Ich bring uns jetzt zum großen Haus von Ursuline." Béatrice und Barbara sahen auf Temmies weißen Rinderschädel, als könnten sie in diesen hineinsehen. Julius schwante, daß die geflügelte Kuh testen wollte, ob sie mit Zusatzgepäck aparieren konnte. Daß Darxandrias Wissen ihr dazu verholfen hatte wußte er ja schon. Aber so ganz geheuer war ihm nicht dabei, wenn er daran dachte, was beim Apparieren alles schiefgehenkonnte. Doch ehe er ansetzen konnte, was dagegen einzuwenden, fühlte er sich bereits in jenen mörderisch engen Gummischlauch gepreßt, der ihm die Luft aus den Lungen preßte und die Augen in den Kopf hineinzuquetschen schien. Dann ließ der höllische Druck auch schon wieder nach. Sofort tastete er sich ab, horchte in seinen Körper hinein. Nichts war verändert. Auch Babs und Trice prüften, ob bei diesem unerwarteten Sprung irgendwas von ihnen verlorengegangen oder verformt worden war. Temmie straffte sich und lief auf ihren vier stemmigen Beinen los. Sie waren auf der Landewiese vor dem Sonnenblumenschloß angekommen. Im leichten Trab umrundete Temmie den fünfeckigen Stammsitz der Latierre-Sippe und suchte die weitläufigen Wiesen auf, auf denen ihre Artgenossen noch im tiefen Schlaf lagen.

"Erspart uns, dich Seit an Seit hierher zu bringen", bemerkte Béatrice. Da apparierte Mutter auch schon mit vernehmlichem Plopp und ließ ohne dazu aufgefordert zu werden die Treppe vom Bock herunter.

"Na, alles noch dran?" Fragte Line Latierre Julius verschmitzt grinsend.

"War schon riskant, Line. Hätte ja einer von uns in Temmies Bauch landen können oder Babs hätte Temmies Kalb zum Austragen abbekommen können", erwiderte Julius. Temmie cogisonierte:

"Habe seit wir auf den alten Straßen waren viel geübt, Julius. Geht jetzt ganz sicher. Aber nur wenn ich das kenne, wo ich hin will mach ich das mit wem oben drauf."

"Alle Passagiere sind gut umgestiegen", hat Trice mir zumentiloquiert, Julius", sagte Line. "Ich sprüh mal eben Temmies parfüm von dir runter, bevor ich dich Blanche zurückschicken kann. Du bist dann rechtzeitig zum Fertigmachen in Beaux." Julius nickte seiner Schwiegeroma zu und ließ sich von ihr mit dem magischen Geruchsvertilger besprühen, der speziell Latierre-Kuh-Ausdünstungen auslöschte. Dann folgte er seinen Verwandten ins Schloß, wo er sich noch einmal für die Hilfe bedankte und dann vom Salon aus per Flohpulver nach Beauxbatons zurückkehrte, wo er, um nicht sonderlich aufzufallen, erst im Grünen Saal aus der Wand herausschlüpfte, als Viviane Eauvives Bild vermelden konnte, daß niemand mehr dort war. Schnell nahm er eine Dusche und zog sich neue Sachen an, bevor er mit den anderen in den Speisesaal hinunterging, als wäre er nie weggewesen und sei wie alle anderen wohlbehalten aufgestanden, um einen neuen Schultag in Beauxbatons zu verleben. Ihm war jedoch klar, daß durch den erneuten Einfallsversuch der Dementoren kein Grund zur Entspannung bestand. Janus Didier, der neue Zaubereiminister, würde diesen Einmarschversuch nicht ohne weitere Folgen hinnehmen.

Tatsächlich stand in der Morgenzeitung bereits etwas vom neuerlichen Überfall von mindestens tausend Dementoren. Zwar sei die Erfindung, die sie ablenken konnte, erfolgreich eingesetzt worden. Doch allein der Umstand, daß die Kreaturen von den britischen Inseln und anderen Orten Europas nun auch Handgreiflich gegen Muggelsachen geworden waren, weil sie keine Menschen gezielt anfallen konnten, belegte, daß Voldemort seine Helfer noch lange nicht für erfolglos hielt. Namhafte Hexen und Zauberer äußerten sich in der Zeitung, daß Didier doch den Mund ziemlich vollgenommen hatte, wenn diese Monster jetzt nicht mehr davor scheuten, geparkte Autos zu beschädigen oder Schaufensterscheiben einzuschlagen. Einige Dementoren waren sogar in Häuser eingedrungen und hatten versucht, die Bewohner zu ergreifen. Doch die Abteilung für innere Sicherheit war sofort in Aktion getreten und hatte die gefährlichen Eindringlinge gestellt und mit Patronus-Zaubern vertrieben. Doch die Dementoren waren diesmal hartnäckig geblieben. Ihre Taktik, nicht mehr als vereinte Front, sondern als weiträumig operierende Horden anzugreifen, funktionierte trotz der Abwehrmaßnahmen noch. Immer wieder waren welche nachgerückt, wenn Patronus-Zauber die Truppen geschwächt hatten. So hatte sich die Abwehrschlacht bis eben in die frühen Morgenstunden hingezogen. Wohl erst die einsetzende Morgendämmerung hatte die Feinde schließlich zum Rückzug bewogen.

"Hier steht noch was von wem, der am Atlantikstrand ohne Anmeldung gezaubert hat", sagte Robert. "Didier behauptet, daß seien mit den Dementoren eingesickerte Todesser gewesen, die die Spürzauber testen wollten und dann auf Besen davongeflogen wären und sich hinter den vorstoßenden Bestien im Land zu verteilen." Julius erschrak. Béatrices Zauber hatte dem Minister also eine Steilvorlage geboten, jetzt sogar von einer Infiltration Frankreichs sprechen zu können. Das würde nicht lange dauern, bis Didier einschneidende Maßnahmen verkünden würde. Zunächst beließ er es nur bei kämpferischen Phrasen, daß Frankreich sich nicht infiltrieren ließe und die aus England eingesickerten Todesser und deren hiesige Helfershelfer bald schon aufgegriffen würden. Doch zwischen den Zeilen las Julius eine an ihn gerichtete Warnung heraus. Didier würde diesen neuen Überfall als Vorwand benutzen, jeden nicht hier geborenen Zauberer entweder gesondert zu prüfen oder gleich des Landes zu verweisen. In seinem Fall würde das unweigerlich seinen Tod oder die Gefangenschaft in Askaban bedeuten. Er hoffte nur, daß seine Ehe mit Mildrid ihn vor diesem Schicksal bewahren konnte. Doch was war mit seiner Mutter? Daß ihre Staatsangehörigkeit noch nicht geändert worden war hatten sie ja schon als Problem erkannt. Wenn sie schon keine Möglichkeit hatten, ihn einfach so auszuweisen, seine Mutter genoß diesen Schutz nicht. Und vor allem konnte Didier die nichtmagischen Behörden darauf stoßen, daß jemand unerlaubterweise in Frankreich lebte, selbst wenn Martha Andrews eine ordentliche Aufenthaltserlaubnis besaß. Die konnte aber jederzeit widerrufen werden, wenn woher auch immer ein Verdacht geäußert wurde, sie sei in irgendwelche verbotenen Sachen verstrickt. Und was Thicknesses Untermarionette Umbridge mit Gloria und Kevin versucht hatte konnte Didier mit Julius' Mutter anstellen, sie unter irgendeinem Vorwand festnehmen zu lassen und mit Ausweisung zu bedrohen, um ihn, Julius, womöglich weil er ihn für indirekt schuldig an den dauernden Angriffsversuchen der Dementoren hielt, loswerden zu können.

"Fertigmachen zum Unterricht!" Befahl Madame Maxime in gewohnter Weise. Julius atmete durch. Sich den Kopf zu zerbrechen half nichts, solange er nicht wußte, wie Didier auf die neuen Angriffe reagieren würde. Er dachte vielmehr daran, wie schnell diese magischen Luftschiffe fliegen konnten. Oder fuhren die auch, wie es bei Heißluftballons genannt wurde? War doch egal. Sie waren wohl mindestens so schnell wie ein Düsenflugzeug. Er bedauerte es, wegen der Hektik des schnellen Umsteigemanövers nicht selbst in diese silberblaue Himmelswurst hineingeklettert zu sein, um die darin sitzenden Leute zumindest mal zu begrüßen und sich für die Hilfe zu bedanken. Er wußte halt nur, daß Glorias, Bettys und Jennas Verwandte, wie die von Kevin an Bord gewesen waren und Brittany Forester sich das auch nicht hatte nehmen lassen, ihre früheren Schulkameradinnen zu begleiten. Vielleicht hatte auch Professor Forester mit im Zeppelin gesessen. Dann hätte die zum einen eine hervorragend manövrierbare Latierre-Kuh in Aktion erleben und gleich die nötigen Formalitäten für die Umschulung nach Thorntails durchführen können. Er nahm sich vor, Vivianes Bild-Ich am Abend zu interviewen, wer mit dem weit entfernten mexikanischen Familienangehörigen zusammen über den Atlantik gekommen war. Jetzt galt eben erst einmal der übliche Trott.

Millie tat so, als wisse sie genausowenig über Julius' Nachtflug wie alle anderen, als er sie vor dem Arithmantikraum traf. Sie plauderte mit ihm über den anstehenden Unterricht. Als er sie nachmittags im Unterricht von Professeur Moulin wiedertraf zwinkerte sie ihm nur vielsagend zu, als sie sich mit einer Rotte Nogschwänzen befaßten, die auf der Suche nach säugenden Muttersäuen hektisch umherliefen. Außerdem versuchten sich die kleinen, blaßrosa Kreaturen, die wie neugeborene Ferkel aussahen, gegenseitig wegzubeißen und veranstalteten ein in die Ohren stechendes Quieken und Kreischen, weil sie keine Artgenossen näher als fünf Meter an sich heranlassen wollten.

"Diese Kreaturen", brüllte Cyrus Moulin gegen den Höllenlärm der Nogschwänze an, "gehören zu den magischen Schmarotzertieren. Sie sind außerhalb der Paarungszeit ausgesprochene Einzelgänger und folgen der Duftspur gewöhnlicher Hausschweine der Art Sus scrofa domestica, um sich an den Zitzen säugender Muttertiere zu laben, was zum einen den von diesem geworfenen Ferkeln der notwendigen Nahrung beraubt und zum zweiten die Muttersau auszehrt, weil der Nogschwanz den dreifachen Tagesbedarf eines üblichen Ferkels vertilgt und die Muttersau dazu zwingt, über die übliche Laktationszeit hinaus Milch zu geben. Dies führt natürlich dazu, daß der reguläre Wurf verhungert und die vom Nogschwanz heimgesuchte Muttersau selbst abmagert und obendrein nicht für Nachzuchten zur Verfügung steht, wobei der Nogschwanz sich nicht mit einer säugenden Sau zufriedengibt und damit eine ganze Schweinezucht verderben kann. Gerade in Zeiten, wo die Muggel einen größeren Bedarf nach Schweinefleisch besitzen und Mast- und Zuchtbetriebe mit mehr als tausend Individuen in den sogenannten Industrieländern an der Tagesordnung sind, können Nogschwänze sich nach Belieben sattfressen und vermehren. Wer kann mir erzählen, wie Nogschwänze wirkungsvoll bekämpft werden?" QUIEK!! Ein besonders lautes Exemplar, den Geschlechtsmerkmalen nach ein Männchen, schrillte über alle seine Artgenossen hinweg, warf sich herum und flitzte trotz seiner kurzen Beinchen wie eine flüchtende Maus davon. Professeur Moulin machte eine halbe Pirouette, um den ausbüchsenden Nogschwanz noch vor der kurzfristigen Maschendrahtumzäunung abzufangen. Mit einem Schockzauber warf er das Zaubertier zu Boden. Die übrigen Nogschwänze quiekten und rannten durcheinander, stießen und bissen einander und versuchten, sich davonzumachen. Da winkte Moulin mit dem Zauberstab, und aus dem Zaun wurde eine drei Meter hohe Backsteinmauer, die die zusammengepferchte Rotte nun sicher eingesperrt hielt. Auch ihr ohrenbeträubender Krach wurde schlagartig leiser. "Wer möchte meine Frage von eben beantworten?" Rief der Lehrer in Erinnerung, daß sie diese Tiere ja jetzt besprechen wollten. Millie, Caro und Julius zeigten auf. Caro sollte antworten.

"Nogschwänze lassen sich nicht einfach zwischen echten Ferkeln erkennen und falls doch, nur solange von einem Schweinehof runterjagen, bis die Sonne untergeht. Dann kommen sie wieder und hängen sich an eine säugende Sau dran. Nur wenn ein vollkommen weißer Hund, vom Westhighland-Terrier bis zu einer schneeweißen Dogge den Nogschwanz aufstöbert und hetzt kann der Schmarotzer dauerhaft von dem Bauernhof verjagt werden. Offenbar fürchtet er die Farbe Weiß in Verbindung mit dem Geruch eines Hundes oder Wolfes und meidet dessen Revier für immer, auch wenn der betreffende Hund nach erfolgreicher Verscheuchungsaktion wieder verschwindet. Das Schädlingsbekämpfungsbüro züchtet für diesen Zweck weiße Hunde, wenn für es als Ordinärtierärzte arbeitende Informanten in der Muggelwelt über ungewöhnliches Ferkelsterben und Abmagerungserkrankungen speziell von Mutterschweinen berichten", erwähnte Caro. "In meiner Heimat Millemerveilles haben wir vier weiße Jagdhunde, um denen, die bei uns Hausschweine halten, jeden Nogschwanz vom Hof zu halten."

"Das ist alles korrekt, Mademoiselle Renard. Zehn Bonuspunkte für Sie", bestätigte Professeur Moulin. "Dann möchte ich von einen von Ihnen gerne wissen, wie sich diese eher einzelgängerischen Wesen vermehren." Diesmal zeigten nur Millie und Julius auf. Professeur Moulin überblickte noch einmal die Klasse und nickte dann Julius zu.

"Skamander erwähnt in "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind ja nur, daß Nogschwänze mit weißen Hunden von einem Schweinestall oder Bauernhof ferngehalten werden können. Aber Gudrun Rauhfels schreibt in ihrem Handbuch für magische Nutztiere und Schädlinge, daß die männlichen Tiere alle Vierteljahre den von ihnen heimgesuchten Hof verlassen und mit für Menschen unhörbaren Tönen und einem sehr intensiven Geruch ihre Paarungsbereitschaft anzeigen. Sie warten dann auf fruchtbare Weibchen, die vom Geruch des Nogschwanzebers betört in eine Art Rausch verfallen, während dem sie sich nicht gegenseitig beißen. So kann ein Nogschwanzeber bis zu sechs Artgenossinnen begatten. Der Paarungsakt findet meistens in den Neumondnächten statt und wird bei der ersten Morgendämmerung beendet, egal, ob der Nogschwanzeber alle herbeigelockten Sauen begattet hat oder nicht. Anders als gewöhnliche Hausschweine wirft ein Nogschwanzweibchen nur ein Junges nach einer Tragzeit von einem Monat. die Jungen sind bei ihrer Geburt mausgroß und saugen sich an einer der beiden einzigen Zitzen der Mutter fest. So wird die gerade von der Nogschwanzsau befallene Muttersau auch zur unfreiwilligen Amme des Nogschwanzjungen. In dieser Phase kann ein Nogschwanz auch von einem nichtmagischen Bauern als fremd erkannt werden, auch wenn die meisten Bauern den Nogschwanz für ein Ferkel mit einem krankhaften Geschwür halten, solange sich das Junge nicht bewegt. Wenn das Junge in den ersten fünf Wochen sein Gewicht verdoppelt hat, sondert seine Mutter einen Stoff in der Milch ab, der das Junge derartig anwidert, daß es die Zitze losläßt und auf eigenen Beinen davonläuft. Danach frißt es Körner und Regenwürmer, bis es halb so groß wie seine Mutter ist und sucht sich einen eigenen Schweinestall zum schmarotzen aus."

"Hmm, Sie erwähnten meine deutsche Kollegin Rauhfels, Monsieur Latierre. Diese erwähnt auch, warum Nogschwänze nicht der Einfachheit halber erlegt werden können. Haben Sie das auch gelesen?" Julius nickte bestätigend. "Dann erklären Sie uns das bitte auch noch!" Forderte Professeur Moulin ihn auf.

"Nogschwänze haben aus einem bisher nicht bekannten Grund die Fähigkeit, einem unmittelbar drohenden gewaltsamen Tod durch eine Art Fluchtapparition auszuweichen und besitzen ein Gefühl für tödliche Gefahren wie Gifte oder Fallen. Daher ist die einzige Methode, sie zu töten, sie verhungern zu lassen, schreibt Gudrun Rauhfels."

"Nun, dann dürfen Sie jetzt fünfzehn Bonuspunkte entgegennehmen, Monsieur Latierre", sagte Professeur Moulin. Belisama fragte, ob die Bedrohung mit dem Tod dann nicht ausreichen würde, einen Nogschwanz vom Hof zu verjagen. Professeur Moulin sah Millie an, als könne die dazu was sagen. Sie straffte sich und erwähnte, daß die Schweineparasiten nur dann dauerhaft von einem Hof fernblieben, wenn sie von einem weißen Hund zu Fuß über die Hofgrenze getrieben würden. Wenn sie das, was Julius Fluchtapparition nannte, bringen würden, wären sie beim nächsten Sonnenuntergang wieder da.

"Ja, aber wenn jemand mit einer Knallwaffe auf diese Tiere Schießt", wandte Belisama ein. "Ich meine, die Muggel haben doch diese Feuerspuckrohre, mit denen sie Bleikugeln oder Sprengkugeln verschießen können."

"Nun, das hat keine Wirkung, weil der davon bedrohte Nogschwanz wohl die intuitive Gabe hat, eine Stunde in die Zukunft zu sehen. Erkennt er, daß er in diesem Zeitraum tödlich verwundet wird, flieht er auf die erwähnte Weise", wandte Professeur Moulin ein. "Aber ich kann ihnen das gerne vorführen." Er winkte der Backsteinmauer zu, die darauf wieder zu einem Maschendrahtzaun wurde und holte ein Blasrohr aus seinem Umhang. Alle Nogschwänze hatten sich in einem Abstand zueinander niedergekauert, der ihren Gedrängeabwehrmechanismus nicht auslöste. Auch der eben betäubte Nogschwanz stand wieder auf seinen Beinen. Professeur Moulin zog sich Drachenhauthandschuhe über und pflückte aus einem festen Bambusrohr einen gefiderten Pfeil heraus, den er geübt in das Blasrohr einsetzte und dann zielte. Ein kaum vernehmliches Pfft erklang. Der fliegende Pfeil war nur ein winziger Schemen. Doch kurz bevor er das ausgesuchte Ziel traf verschwand der Nogschwanz mit vernehmlichem Piff in leerer Luft. Der Pfeil blieb zitternd im Boden stecken.

"Ich habe einige Pfeile mit dreifacher Runesporgiftdosis imprägniert. Wer davon nur geritzt wird stirbt in weniger als dreißig Sekunden. Bei Nogschwänzen würde der Tod theoretisch fünfmal so schnell eintreten. Sehen Sie, wie die anderen Exemplare sich nun vom Einschlagort entfernt halten!"

"Ja, und wo ist das Biest jetzt hinappariert?" Wollte Caro wissen.

"Der Radius beträgt tausend seiner Längen. Da es hier keine säugenden Sauen gibt wird er sich nun auf die Suche nach Nahrung machen, will er nicht verhungern."

"Das der überhaupt von hier disapparieren kann ist doch komisch", wandte Céline Dornier ein. "Ich dachte, von Beauxbatons aus ginge das nicht."

"Verhält sich wie bei den Hauselfen", erwiderte Professeur Moulin. Das genügte den Schülern, wo sie alle schon einmal Hauselfen hatten apparieren oder disapparieren sehen können.

"Toll, dann läuft da jetzt ein Nogschwanz frei rum", wandte Millie ein. Professeur Moulin sah sie tadelnd an, verzichtete jedoch auf Strafpunkte. "Ich habe das Schädlingsbekämpfungsbüro informiert, daß ich mindestens einen Nogschwanz aus Beauxbatons hinausjagen wollte. Sie haben die betreffenden Schweinezüchter in der Umgebung bereits vorgewarnt, daß wegen Ratten staatliche Schädlingsbekämpfer mit Ungezieferspürhunden anrücken würden. Wenn der Nogschwanz sich einen Hof aussucht, wird er dort schon erwartet."

"Und die anderen Biester?" Wollte Céline wissen.

"Die anderen Exemplare, Mademoiselle Dornier, werde ich nach dieser Unterrichtsstunde wieder von Leuten aus der Schädlingsbekämpfung einsammeln und abtransportieren lassen", beantwortete Professeur Moulin die Frage.

Während der Alchemie-AG fragte Millie Julius: "Willst du schon gutes Wetter bei Tante Babs machen, daß sie dich für die Tierwesenabteilung empfiehlt, Julius?"

"Du hast ja gehört, daß diese kleinen Schmarotzerschweinchen Schädlinge sind. Da möchte ich schon wissen, wie fies die sich auswirken und was man gegen die machen kann", entgegnete Julius ganz lässig. Während sie einen Trank zubereiteten, der die Augen befähigte, sich vorübergehend auf besonders ferne oder besonders Kleine Objekte einzustellen mußte er an Lea Drake denken, die jetzt mit diesem ihm bis dahin unbekannten Trank der Verborgenheit hantierte, um als lebendes Gespenst in Hogwarts herumzuspuken. Professeur Fixus beaufsichtigte die letzte Brauphase und fragte Julius dann, was bei zu langer Einnahme des Intervisus-Trankes passieren würde.

"Die Augenlinsen weichen mit der Zeit auf, sodaß sie sich nicht mehr richtig formen lassen, um Dinge Scharf zu sehen. Daher wird vor einer längeren Anwendung als eine Stunde pro Woche gewarnt", erwiderte Julius. "Stattdessen wird empfohlen, bezauberte Sehhilfen oder magische Fernrohre zu benutzen, wenn man länger mit fernen Objekten oder winzigen Gegenständen arbeiten will."

"Stimmt haargenau, Monsieur Latierre. Dann erwähnen Sie mir gegenüber bitte noch mal den maximalen Annäherungs- oder Vergrößerungsfaktor, den der Trank erzielt!"

"Hundertfache Vergrößerung, ähnlich wie ein Trimax-Glas. Ebenso können hundertmal weiter als mit unbehandeltem Auge zu sehende Gegenstände klar erkannt werden. Der Vorteil des Trankes beruht darauf, für eine kurze Zeit kein Fernrohr benutzen zu müssen, da es die Sonne spiegeln könnte und die Hände blockiert."

"Stimmt auch", erwiderte Professeur Fixus. Dann ging sie weiter.

Nach der Holzbläser-AG beeilte sich Julius, um zehn Uhr im Bett zu liegen. Yvonne, Céline und Giscard erklärte er, daß er in den letzten Tagen doch etwas schläfriger geworden sei und sich einmal länger ausruhen wolle, um zu sehen, ob das nur Schlafmangel sei. Als er noch vor seinen Kameraden im Jungenschlafsaal der Fünftklässler ankam wartete Vivianes Bild-Ich bereits auf ihn. "Deine ehemaligen Schulkameraden aus Hogwarts sind wohlbehalten in der Thorntails-Akademie eingetroffen. Die dortige Schulleiterin Wright hat die von ihren in den nordamerikanischen Staaten geborenen Verwandten ausgefüllten und unterschriebenen Anträge bewilligt. Mademoiselle Porter hat ausrichten lassen, daß sie sich trotzd der plötzlichen Umstellung noch einmal bedankt, daß du sie errettet hast und daß sie um acht Uhr Abends Ihrer neuen Ortszeit an dich denken wird."

"Thorntails liegt in Kalifornien", murmelte Julius und rechnete schnell den Zeitunterschied in die Hiesige Ortszeit um. Acht Uhr dort hieß fünf Uhr morgens bei ihm in Beauxbatons. Allerdings würde er da wohl noch Schlaf nachholen. So fragte er Viviane, ob sie Gloria irgendwie mitteilen könne, daß er erst einen Tag später mit ihr sprechen könne. Viviane verstand und bejahte es. Sie wünschte Julius noch eine Gute Nacht. Kaum war sie fort, wurde Julius auch schon vom aufgeschobenen Schlaf übermannt.

 

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Tatsächlich wurde er erst wach, als die Mexikaner mit lautem Trompeten- und Fidelklang durch die Bilder zogen. Das war um halb sechs. Julius fühlte sich jedoch nun richtig wach und ging daran, seine Weckdienstaufgaben zu erledigen.

In der Zeitung wurde berichtet, daß ein Beamter des Ministeriums, der nach England geschickt wurde, von dort nicht mehr zurückgekehrt war. Es handelte sich um Didiers neuen Untersekretär, einen Monsieur Beaumot. dem Reporter des Miroirs erschien es merkwürdig, daß nicht der Minister oder sein Pressesprecher diesen Verlust gemeldet hatte, sondern Beaumots Schwester, die ihm den Haushalt führte.

"Er will es offenbar nicht kapieren", knurrte Julius, als er den Artikel weitergelesen hatte. "Der verheizt seine eigenen Leute, indem er die in diesen Ausländervernichtungsfluch reintreibt. Soll der selbst sich doch davon zerbröseln lassen, damit nicht noch mehr unschuldige Leute dran glauben müssen!"

"Das meinst du nicht ernst", gab Robert erschüttert zur Antwort. "Das wäre ja eine Art von Verrat am Ministerium, dem den Tod zu wünschen."

"Ach neh, dann siehst zumindest du das ein, daß über den britischen Inseln ein Vernichtungsfluch liegt, der alle mal eben ausknipst, die nicht dort geboren wurden?" Fragte Julius gehässig. Robert verzog das Gesicht und nickte verhalten. Dann deutete er auf einen weiteren Artikel in der Zaubererzeitung, der Julius alarmierte. Er las halblaut vor, was da stand.

"Angesichts der immer weiter ausufernden Überfälle jener grausamen Geschöpfe, die als Dementoren bekannt sind, läßt das Zaubereiministerium die Option eines allgemeinen, magischen Notstandsgesetzes prüfen, daß neben einer Einberufung aller in der Abwehr dunkler Künste ausgebildeten Hexen und Zauberer zwischen 17 und 100 Lebensjahren auch eine Einwanderungsbeschränkung beinhaltet, die nicht auf französischem Boden geborene Hexen und Zauberer und eventuelle nichtmagische Verwandte daraufhin überprüft, ob sie während ihres Aufenthaltes dem Feind von den britischen Inseln aktiv oder durch reine Informationsbeschaffung geholfen haben oder helfen, unsere Zauberergemeinschaft zu zersetzen und sie dem übermächtigen Feind, dessen Name uns zu gut bekannt ist, schwach und hilflos auszuliefern. Ebenso, dies erfuhr der Miroir Magique aus gut informierten Kreisen, müsse geprüft werden, ob Sympathisanten der einstmals hier wütenden Dunkelhexe Sardonia dem neuen Feind der französischen Zaubererwelt behilflich sind. Mehr ist im Moment nicht zu erfahren, da Minister Didier sich mit den dafür zuständigen Abteilungsleitern in Schweigen hüllt. Feststeht jedoch, daß die Dementorenangriffe unser Land mehr erschüttern als unsere Nachbarn, was die Vermutung nahelegt, daß der Befehlshaber dieser Ungeheuer in unserem Land etwas wertvolles sucht oder davon ausgeht, leichtes Spiel zu haben. Bösartige Anschuldigungen, es seien die Befürworter von Minister Didiers Sicherheitspolitik, die Minister Grandchapeau und dessen Ehefrau in einen Hinterhalt gelockt und getötet hätten, könnten aus den Reihen jener Personengruppen stammen, die das Zaubereiministerium destabilisieren wollen. Vielmehr erweist es sich doch jetzt als richtig, wenn wir alle, die wir dazu ausgebildet und fähig sind, dem Ruf des Ministers folgen und die Dementoren mit vereinten Kräften nachhaltig aus dem Land verjagen. Die Argumente jener, die dieser Maßnahme widersprechen, dürften mittlerweile als hinfällig angesehen werden. Im Grunde verdanken wir es nur dem Einsatz jener bis heute nicht genau erläuterten Maßnahme, daß die Dementoren keine weiteren Menschen an Leib oder Seele geschädigt haben. Doch wissen wir nicht, ob der andauernde Ansturm dieser Wesen noch lange ausreichend abgewehrt wird, wenn die erwähnte Maßnahme rein Passiv ist und nicht in der direkten Bekämpfung der Invasoren besteht. Minister Didier hat zugesagt, bis zum kommenden Samstag eine eindeutige Entscheidung zu treffen, die er besten Gewissens vertreten kann und die die größten Erfolgsaussichten hat. Helfen wir ihm alle dabei, diese Plage endgültig loszuwerden, indem wir uns bereithalten, sofort mit aller Kraft gegen die Angreifer zu kämpfen, wenn Minister Didier dies ausdrücklich anordnet. Schicken Sie Ihre Einsatzbereitschaftserklärung an die Abteilungen für magischen Landfrieden und magischen Grenzschutz und Verteidigung! Die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder liegt in unser aller Hand."

"Super, das macht doch richtig munter", knurrte Gérard Laplace. "Alle ab siebzehn Jahren sollen sich diesen Biestern als Futter anbieten. Wo uns Professeur Faucon allen über der vierten gerade den Patronus ins Hirn stampft könnte dein angeheirateter Großonkel dann gleich wen herschicken, um die Leute über siebzehn einzusammeln, die den gut genug können."

"Wie geht noch mal der Spruch, Gérard? Rufe keinen Drachen, wenn du nicht willst, daß er kommt?" Erwiderte Julius unbehagt.

"Aha, daran hast du also auch schon gedacht", schnarrte Gérard. "Nur gut, daß ich diesen Knilch nicht als Verwandten bekommen habe. Ich müßte mich echt schämen."

"Wieso'n das, Gérard? Wenn diese Dementoren nicht anders von uns abgehalten werden können, dann sollten alle, die den Patronus können die auch angreifen oder zumindest zurückschlagen", wandte Gaston Perignon ein. "Ihr meint nur, daß wir uns damit voll selbstvernichten. Aber was wenn das der einzige Weg ist, die Biester plattzumachen?"

"Achso, du findest das also gut, wenn Leute von hier, die noch nicht mit der Schule durch sind, vom Ministerium zusammengetrommelt werden, um darauf zu hoffen, den Patronus auch zu bringen, wenn die Dementoren kommen? Du hast das damals nicht mitgekriegt, wie diese Monster in Millemerveilles reingerauscht sind. Da waren mindestens hundert Hexen und Zauberer. Aber es haben nur zehn oder zwanzig von denen was ähnliches wie einen vollen Patronus hinbekommen", warf Gérard ein. "Zwanzig von über hundert. Na, wie rechnet sich das dann, wenn jemand noch nicht so stark zaubern kann?"

"Du meinst echt, der würde Madame Maxime anschreiben, die sollte alle aus den beiden Oberklassen ins Ministerium rüberschicken, die schon siebzehn Jahre auf der Welt rumlaufen?" Warf Gaston ein. "Das bringt der doch nicht."

"Gaston, frag Laurentine, wie heftig das reinhaut, wenn mehrere Dutzend Dementoren zugleich auf dich zulaufen", warf Julius ein. "Die war damals auch mit dabei, wie die Barbara van Helderns Hochzeitsball aufgemischt haben. Außerdem hat uns Professeur Faucon ziemlich nah an der echten Wirkung gezeigt, daß es bei totaler Dunkelheit, Kälte und aufgeladener Verzweiflung viel schwerer ist, den eigenen Patronus zu rufen."

"Von dir abgesehen für jeden von uns, weil wir den eben noch nicht richtig können", knurrte Gaston. "Aber für die Siebtklässler, die bei ihr weitergelernt haben doch bestimmt genauso einfach zu erledigen wie für dich."

"Einfach?" Stieß Julius verwundert aus. "Das nennst du einfach, einen vollgestaltlichen Patronus zu rufen. Und wie gesagt war das, was sie mit uns gemacht hat nicht die ganze, echte Wirkung von denen. Wenn die dich nämlich umschwirren hast du nicht nur den Eindruck, total unglücklich und unfähig zu sein, sondern kriegst auch deine schlimmsten Erinnerungen vorgeführt. Das hatten wir im Unterricht bisher nicht, und Professeur Faucon hat nie behauptet, daß sie uns einen echten Dementor zum Üben anbringen wird."

"Also ich bleib dabei, Leute, daß wenn diese Biester nicht anders zu erledigen sind von allen, die den Können mit dem Patronus angegriffen werden sollten", erwiderte Gaston. Robert schwieg dazu. Er hatte die Stirn in Falten gelegt, als ob er über dieses Problem ganz gründlich nachdenken müsse. André Deckers fragte dann:

"Hast du Bammel, die könnten dir und deiner Maman was anhängen, weil ihr nicht hier geboren seid?" Julius ließ die Frage in sich eindringen und wirken. Ja, genau das hatte er sich ja in dem Moment überlegt, als er den Artikel gelesen hatte. Da stand nichts von französischen Staatsbürgern, sondern von in Frankreich geborenen Hexen und Zauberern. Das sollte er besser klären, bevor der Drachenmist am dampfen war. André zugewandt antwortete er:

"Meine Mutter und ich rechnen schon seit der Machtübernahme des achso unnennbaren Obergangsters in England damit, daß alle Engländer und andere Ausländer verdächtigt werden könnten, für den zu arbeiten. Im zweiten Weltkrieg haben die Yankees alle Japaner in große Lager eingesperrt, weil sie mit Japan Krieg führten und nicht wollten, daß die Japaner in den Staaten dem Feind helfen könnten, auch wenn sie schon Jahrzehnte da gelebt haben. Das wäre sogar das kleinere Übel."

"Häh?" Entgegnete André. Robert sah auch sehr verdutzt aus. Julius straffte sich und sagte nun ganz gefaßt:

"Wenn die meinen, alle nicht hier geborenen Hexen und Zauberer und deren Verwandte in große Lager einzusperren wäre das ein kleines Übel, weil das größere Übel wäre, die auf meine alten Heimatinseln abzuschieben, möglicherweise noch als Beschwichtigungsgeschenke für den Irren mit den roten Augen. Wirf dem Wolf Fleisch hin, dann frißt er dich nicht! Das könnte Didier denken."

"So wie unsere Saalkönigin dich unter ihre Fuchtel genommen hat würde die dich eher in einen Scheuerlappen oder sowas verwandeln, als dich ihm auszuliefern", wandte Robert ein. Gaston, Gérard und André grübelten derweil. Dann deutete André auf einen anderen Artikel, etwas kleiner als die beiden anderen. könnte sein, daß da wer aus lauter Angst vor den Dementoren was zusammenfaselt oder das ganze noch mehr aufblasen will", sagte Julius' Klassenkamerad. Julius ließ sich die Seite ansagen und las nun leise:

 

MERKWÜRDIGES MONSTRUM IN NIZZA GESICHTET

 

Gegen elf Uhr abends meldete der Muggel François Tibaud der Polizei, den Gesetzeshütern der Muggel, daß er hinter seiner Garage, wo er seinen Motorwagen eingestellt hatte, einen gerade siebzehnjährigen Jungen gesehen hatte, der aus einem Abwasserkanal kletterte. Der Muggel Tibaud wollte den Jüngling fragen, was er mitten in der Nacht im Kanal zu suchen hatte, als der sich vor seinen Augen in ein mehr als zwei Mann hohes Ungetüm mit zweifarbigem Schuppenpanzer und schlangenartigen Gliedern verwandelt haben soll. Tibaud erschrak darüber so heftig, daß er eine Sekunde lang nichts hätte tun oder sagen können. Dann sei er ins Haus gerannt und habe mit einem Fernrufgerät namens Telefon erwähnte Gesetzeshüter gerufen. Als diese jedoch eingetroffen waren sei der Junge, der sich angeblich in ein Ungeheuer verwandelt habe wieder verschwunden. Tibaud sei leicht benommen gewesen, sagte der für die Muggelweltüberwachung zuständige Sicherheitsbeamte, dem die Sichtung natürlich gemeldet wurde. Allerdings habe es keine Hinweise auf magische Aktivitäten in der Gegend gegeben, und Tibaud sei ohne dies stark betrunken von anderthalb Flaschen Rotwein gewesen. Eine Gedächtnisuntersuchung des Muggels habe lediglich merkwürdige Trugbilder gezeigt, wie doppelte Laternenpfähle und sich wiegende Häuser. Daher dürfen wir wohl davon ausgehen, daß die Dementorenkräfte, die keine zwei Kilometer vom Ort entfernt wüteten, dem bereits betrunkenen Muggel zusätzliche Alptraumvisionen vorgegaukelt haben. Wir erfuhren auch nur deshalb davon, weil der zuständige Überwacher in Nizza nach dem Ministerium auch den Miroir Magique über diese mögliche Gefahr informierte. Aber jetzt dürfen wir wohl Entwarnung geben. Die Dementoren sind und bleiben die einzigen Ungeheuer, die uns und die Muggelwelt heimsuchen.

"O Scheiße!" Blaffte Julius sichtlich erschüttert. Da er selten Schimpfwörter gebrauchte fuhren seine Klassenkameraden verstört zusammen. Robert fragte Julius, was denn sei. Dieser überlegte schnell, was er dazu sagen sollte. Denn von den Schlangenmonstern Skyllians oder Sharanagots wollte er jetzt nichts erzählen. Die passende Antwort fiel ihm erst drei Sekunden nach seinem derben Ausspruch ein. "Könnte sein, daß die Dementoren eben nicht die einzigen Monster sind, die ins Land kommen. Stellt euch mal vor, daß Lord Unnennbar einen neuen Zauber erfunden hat, um Menschen mit Schlangen zu kreuzen, weil er diese Tiere gut steuern kann. Dann könnte der solche armen Teufel glatt als heimliche Vollstrecker nach Frankreich reinschleusen, wenn seine Dementoren alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und so wie der Artikel sich liest schließen die im Ministerium das auch nicht ganz aus, Leute. Sonst hätten die sich nicht so einen Abgebrochen, die Halluzinationen eines Betrunkenen zu erklären. Zumindest traue ich das diesem wiederaufgestandenen Massenmörder zu, derartige Versuche zu machen. Ich war doch bei Bokanowski. Ich habe das gesehen, wie ein Schwarzmagier Menschen und Tiere zusammenfluchen kann, wenn er gemein genug ist, Leute."

"Eh, du willst doch nicht sagen, daß wir jetzt auch mit so vermischten Monstern zu tun kriegen wie diese Entomanthropen Sardonias", erschrak Gérard. Robert und Julius nickten. Gaston und André grinsten jedoch nur.

"Wenn gerade in dem Moment ein Dementor an diesem Muggelhaus vorbeigeflogen kam und der dem Muggel seine heftigsten Alpträume ins Hirn gesetzt hat kann der so'n Schlangenmenschen für echt gehalten haben", wandte Gaston ein. "Das stand doch schon häufiger in der Zeitung, daß die Vergissmichs Opfern der Dementorenangriffe die Erinnerungen an ihre schlimmsten Erlebnisse abschwächen mußten, um die im Glauben zu lassen, es sei nur kalt und düster gewesen."

"Zumindest ist das eine Erklärung", sagte Julius, der sich jedoch sicher war, daß es die falsche war. "Wollen nur hoffen, daß nicht noch wer solche Viecher zu sehen kriegt."

"Das wäre wirklich fies", seufzte Robert. "Ich hörte, der könne mit Schlangen reden und denen Befehle geben. Dann könnte der solche Menschen wie unter'm Imperius rumkommandieren."

"Leute, wenn das Ministerium Hinweise hätte, daß solche Schreckgestalten hier rumliefen würden wir das gerade von Didier doch in riesigen Alarmparolen um die Ohren gehauen kriegen", widersprach Gaston.

"Na klar", grummelte Julius. "Der würde uns das brühwarm erzählen, wenn es Monster gäbe, die mit den Dementoren zusammen eingewandert sind. Und morgen kommt der Weihnachtsmann."

"Du hast offenbar ein Problem damit, Didier zu vertrauen, Julius", warf ihm Gaston ganz direkt hin. Julius bestätigte das. "Jemand der in die Zeitung reinschmiert, daß er alle verdächtigt, die nicht in diesem großartigen Land geboren wurden hat mein Vertrauen auch nicht verdient", stieß Millies Ehemann sehr entschlossen aus. "Immerhin wollte dieser Typ, als er noch nicht in Grandchapeaus warmem Sessel platznehmen durfte schon haben, daß alle von England für gesuchte Verbrecher erklärten Hexen und Zauberer nach Möglichkeit ausgeliefert werden sollen. Dem würdest du auch kein Wort glauben, wenn dermal eben in die Zeitung reinschreibt, daß alle Leute, deren Nachnamen mit einem P anfangen am besten eingesperrt gehören, Monsieur Perignon. Also nenne mir bitte einen logischen Grund, warum ich diesem neuen Typen einen einzigen Millimeter über den Weg trauen sollte!"

"Gut, diese Kiste mit den hier nicht geborenen Hexen und Zauberern ist fies", räumte Gaston ein. "Aber er meint es doch nur gut, verdammt!"

"Tja, und mit dieser Begründung ist schon manches Unheil losgetreten worden", grummelte Julius und schilderte, was seine Mutter ihm über Leute, die es nur gut gemeint hätten, zu berichten gewußt hatte. Dabei erwähnte er auch seinen Vater, daß er ihn ja nur weil er das richtige wollte versucht hatte, ihn von Hogwarts fernzuhalten. Robert nickte. Ab da schwiegen sie sich an und frühstückten, um bloß nichts mehr sagen zu müssen. Julius war sich sicher, daß dieser angeblich besoffene Muggel Tibaud einen Skyllianri gesehen hatte. Offenbar wollte das Zaubereiministerium die Sichtung schnellstmöglich unter den Teppich kehren. Nur die guten Beziehungen zum Miroir hatten das durchsickern lassen, und Didiers Leute hatten schnell was anderes glaubhaftes gegensteuern müssen. Mochte es sein, daß der betreffende Ministerialbeamte schon im Zentaurenverbindungsbüro die Akten von Links nach rechts und zurück sortieren durfte? Denn wenn Didier die Sache ernstnahm, mußte ihm klar werden, daß die ganze Nummer mit den Dementoren wirklich nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war, um solche Monster wie die Skyllianri ins Land zu schmuggeln oder diese dort heimlich ihre wahren Pläne umsetzen zu lassen. Julius dachte mit Schaudern darüber nach, was für Pläne das dann sein sollten. Er wußte von der virtuellen Zeitreise mit dem Altmeister Kantoran, daß die Skyllianri sich ähnlich wie Vampire vermehren konnten. War es das, was Voldemort wollte? Besser, war es nur das, was dem vorschwebte? Oder sollten die Schlangenkrieger aus Altaxarroi noch mehr Unheil anrichten als sich nur heimlich auszubreiten? Dann fragte sich Julius, warum Tibaud die Begegnung mit diesem Monster, wenn er es denn wirklich gesehen hatte, überlebt hatte? Wollten die Schlangenkrieger, daß jemand von ihnen wußte? Bei Anthelia, der wiedergekehrten Hexenlady, war er sich sicher, daß sie ihn nur deshalb zweimal hatte entwischen lassen, weil sie wollte, daß die Welt von ihr erfuhr. Oder hatte dieser Tibaud wirklich schneller als das Monster es mitgekriegt hatte die Polizei gerufen, und das Biest mußte sich absetzen, wenn es keinen anderen Befehl hatte. Dann fiel ihm die grausamste Alternative ein. Tibaud hatte die Begegnung mit dem Skyllianri nicht überlebt. Nicht als unversehrter Mensch. Dann war das natürlich ein Grund für Didier, möglichst schnell einen tonnenschweren Deckel draufzuknallen. Denn wenn das rumging, daß da fremde Kreaturen herumliefen, die normale Menschen zu ihren Artgenossen machen konnten, war seine ganze hochgelobte Sicherheitspolitik im Eimer. Panik und Aufruhr würden dann ausbrechen. Jeder würde jedem mißtrauen, und Voldemort hätte erreicht, was er wollte, den Zerfall des französischen Zaubereiministeriums.

"Fertigmachen zum Unterricht!" Befahl Madame Maxime um Viertel vor acht und erlöste damit Julius und seine Klassenkameraden aus der Schweigsamkeit.

"Wir können ja Professeur Faucon fragen, ob die an sowas glaubt, daß der Unnennbare solche Monster machen kann", schlug Robert vor. Alle stimmten ihm zu. Julius war sich jedoch schon sicher, welche Antwort sie zu hören bekommen würden.

"Ach, Sie haben auch diesen scheinbar unwichtigen Artikel in der Zeitung gelesen?" Fragte Professeur Faucon in der Stunde Verteidigung gegen dunkle Kräfte. Die Jungen nickten. Gaston deutete auf Julius und erwähnte, daß dieser glaube, er, der nicht beim Namen genannt werden dürfe, könne jetzt auch schon Schlangen und Menschen zusammenfluchen. Professeur Faucon sah Julius an und fragte ganz ruhig:

"Beziehen Sie diese Vermutung aus Ihrer Erfahrung mit dem russischen Verbrecher Bokanowski und die Wiederkehr der Entomanthropen aus der dunklen Ära?"

"Ganz genau, Professeur Faucon", erwiderte Julius frei von Gefühlen.

"Nun, auch wenn eine derartige Vermutung mehr Angst als nötig auslöst ist es nicht verkehrt, dem uns alle bedrohenden Schreckensmagier zu unterstellen, daß auch er die Kenntnisse wie Skrupellosigkeit besitzt, Menschen und Tiere zu willigen Hilfskreaturen zusammenzufügen. Selbst ich, die über derartige Verfahren einiges gelernt habe, kann mich der Vorstellung nicht entziehen, daß nicht nur Sardonia gefährliche Kreaturen erschaffen konnte. Wir wissen alle zu wenig über das, was jenem Magier an Wissen zu Gebote steht. Was jedoch eindeutig feststeht ist der Umstand, daß er ein Parselmund ist, der mit Schlangen sprechen kann. Ein Parselmund vermag durch die für Schlangen verständlichen Lautäußerungen seinen Willen auf diese Tiere zu übertragen, ihnen unbedingt auszuführende Befehle zu erteilen. Da entbehrt es nicht einer gewissen Logik, wenn er sich mit Wesen umgibt, die für Parsel empfänglich sind und ihm bedingungslos gehorchen. Aber wo wir es jetzt von schwarzmagischen Mutationen haben, wo Sie bei mir ja nicht nur die Abwehr destruktiver Zauberkräfte sondern auch Verwandlungskunst lernen möchte ich von Ihnen allen wissen, ob Sie bereits dokumentierte Verwünschungen kennen, bei denen Menschen zum Zwecke schwarzmagischer Beherrschbarkeit umgestaltet wurden." Alle zeigten auf. Céline erwähnte die Entomanthropen. Alle ließen ihre Hände wieder sinken, bis auf Julius. Professeur Faucon sah ihn an und fragte ihn, ob ihm noch mehr einfiel, was er mit Sicherheit erwähnen könne.

"Ich bin mir nicht sicher, ob das eine rein schwarzmagische Sache ist, Professeur Faucon. Aber ich erfuhr mal von einem Zauber, der androgynomorphe Fusion heißt. Dabei werden zwei Menschen, einer männlich, einer weiblich, zu einem Körper vereinigt, der aber kein Zwitter ist, sondern je nach Stimmung oder Bedarf nur die Frau oder nur der Mann sein kann."

"Natürlich haben Sie sich über andere Effekte informiert, als Sie vor genau zwei Jahren gezwungen wurden, vier Tage mit Mademoiselle Grandchapeau zusammenzuleben", erwiderte die Lehrerin. Gaston und Gérard grinsten jungenhaft. "Wüßte gar nicht, was es da so einfältig zu grinsen gibt, die Herren Perignon und Laplace", fauchte sie dann noch, bevor sie ohne Zuteilung von Strafpunkten weitersprach. "Nun, Madame Rossignol und ich hatten es nur dann für möglich erachtet, daß Sie mit einer Mitschülerin androgynomorph fusioniert wären, wenn diese mit Ihnen verwandt oder durch eine magische Kraft verbunden wäre. Hätte der unselige Monsieur van Minglern sie beispielsweise mit einer Ihrer Pflegehelferkameradinnen wie Sandrine Dumas dem Körpertauschfluch unterworfen, hätte die nur den halben Effekt erzielende Ursache, die Sie zu Mademoiselle Grandchapeaus Zwillingsschwester auf Zeit gemacht hat wohl androgynomorph fusioniert. Sie wären dann das ganze gemeinsame Leben lang mit der Leidensgenossin dazu verurteilt geblieben, einen Körper als Lebensfokus zu benutzen und sich dabei geistig immer mehr aufeinander abzustimmen." Gérard zuckte zusammen. Julius verbarg seine Schadenfreude. Bestimmt dachte Gérard jetzt daran, daß Julius fast mit Sandrine einen gemeinsamen Körper gehabt hätte. "Wie Sie, Monsieur Latierre habe ich Kenntnis davon, daß vordringlich magische Geschwisterpaare derartig fusionierten. Und um schlußendlich auf die Frage nach der Ausrichtung zu kommen: Mesdemoiselles et Messieurs: Die Androgynomorphe Fusion beraubt die dieser unterworfenen nicht ihrer Willensfreiheit. Sie sind dann halt nur dazu gezwungen, wie miteinander verwachsene Zwillinge zu leben, jeder mit den Bedürfnissen und Launen des anderen konfrontiert, wobei das natürlich auch die Gedanken und Erinnerungen betrifft. - Ja bitte, Mademoiselle Dornier?" Céline hatte aufgezeigt.

"Was wäre denn passiert, wenn Julius nicht mit Belle Grandchapeau sondern meiner Schwester dem Intercorpores-Fluch unterworfen worden wäre. Ich meine, Constance war zu dem Zeitpunkt ..." Sie errötete an den Ohren. "Sie trug Cythera schon in sich."

"Ein derartiger Fall ist bislang nicht beschrieben worden. Also kann ich nur mutmaßen, daß der Fluch dann drei menschliche Wesen betroffen hätte. Bestenfalls hätte er dann gar nicht gewirkt. Schlimmstenfalls wären Mutter und Kind dabei gestorben, weil das Ungeborene mit Ihrer Schwester den Körper getauscht hätte und außerhalb des Mutterschoßes nicht hätte leben können, weil die inneren Anlagen für willensunabhängige Atmung noch nicht bestanden hätten. Oder Monsieur Andrews wäre an die Stelle des Kindes oder Ihrer Schwester getreten, und das Ungeborene wäre in seinem Körper gestorben. Dieser Fluch wurde natürlich bisher nie an schwangeren Hexen ausprobiert." Céline erblaßte noch mehr als ihre Gesichtsfarbe das eh schon hergab. Auch Julius ließ diese Vorstellung nicht kalt. Auch die gerade noch spöttisch grinsenden Kameraden erblaßten. Dann fiel Laurentine noch ein, daß auch Werwölfe und Vampire schwarzmagische Mutationen waren, wofür sie zehn Bonuspunkte erhielt. Die anderen sogen zischend Luft zwischen ihren Zähnen ein. Das tat ja wirklich weh, dachte Julius.

"Wir dürfen also zwei Grundarten bösartiger Körperveränderungen notieren", setzte Professeur Faucon an, wobei sie das Wort "Notieren" betonte und damit alle antrieb, ihre Schreibsachen bereitzumachen: "Erstens gibt es durch Flüche oder Tränke übertragene Zauber, die bösartige Veränderungen an Körper und Geist hervorrufen, wobei die Fusion von Mensch und Tier im Zusammenspiel mit Beeinflussungszaubern eindeutig schwarzmagischen Zwecken dient und Flüche wie Infanticorpore - den hier auch keiner mehr erwähnt hat - oder Intercorpores einen anderen schwächen können. Zweitens gibt es durch magische Erkrankungen oder angeborene magische Körperveränderungen, deren Ursprung einmal böswilliges Zauberwerk gewesen sein mag", diktierte sie den Schülern in die Federn. Julius ärgerte sich daß er nicht den Infanticorpore-Fluch erwähnt hatte. Aber die Skyllianri hatten seinen Verstand blockiert. Das durfte nicht so bleiben. Professeur Faucon fragte ihn dann auch, was er vom Infanticorpore-Fluch wisse, wo er ihn zweimal in Aktion erlebt habe. Julius hätte fast "dreimal" gesagt. Doch gerade rechtzeitig fiel ihm ein, daß die Vorführung des Fluches in der Mojavewüste hier nicht ausgeplaudert werden sollte. Er beschrieb Henry Hardbrick, von dem er nicht wußte, ob er und seine Eltern nicht längst tot waren und den freiwilligen Versuch, für den ihm Claire anschließend zwei Ohrfeigen versetzt hatte. Dann sprachen sie über die Entomanthropen, obwohl die ja eher in den Magizoologieunterricht gehört hätten. Sie diskutierten auch gutartige Mischwesen wie Zentauren oder Wassermenschen, handelten in einer kurzen Wiederholung Vampire und Werwölfe ab und kamen dann auf die Abgrundstöchter, über die Julius mehr als ihm lieb war zu berichten wußte.

"Damit haben wir noch eine weitere bösartige Bezauberung mit menschlichem Leben, werte Schüler, die magische Fortpflanzung ohne Partner. In der magielosen Tierwelt sind es vor allem parasitische Insekten wie Kopf- und Blattläuse, die ohne Paarung Nachkommen hervorbringen können. Menschen können dies für gewöhnlich nicht. Die einzige Person, die dies jemals gewagt hat, durch Parthenogenese, also jungfräuliche Zeugung, Nachkommen hervorzubringen war Lahilliota, die Mutter der neun Abgrundstöchter. Allerdings büßte sie mit jeder widernatürlichen Geburt ein Stück ihrer eigenen körperlich-seelischen Substanz ein und ließ bei der neunten Geburt ihr Leben, was die so entstandene Tochter ungleich mächtiger machte als ihre acht älteren Schwestern. Riesenspinnen fürchten den Basilisken, Vampire fürchten die Abgrundstöchter. Und diese fürchten ihre jüngste Schwester und halten sie tunlichst im Schlaf und von allen fern, die sie aufwecken könnten."

"Was ist dann mit diesem Iterapartio-Zauber, mit dem sich fast tote Hexen oder Zauberer als neue Kinder zur Welt bringen lassen können?" Wollte Irene Pontier wissen und sollte dann erst einmal erläutern, was das für ein Zauber sei und ob ihr bekannt sei, welche Bedingungen erfüllt werden mußten, um ihn erfolgreich aufzurufen. Weil sie eben nur erwähnte, daß damit halt eine Hexe jemanden als ihr Kind wiedergebären konnte erhielt sie gerade einen Bonuspunkt für die interessante Frage. Dann sagte Professeur Faucon:

"Er gilt als höchst selten gewählter, eindeutig auf gegenseitigem Vertrauen basierender Zauber, bei dem unbedingte Hingabe an die künftige Mutter und der bedingungslose Wunsch, den zu rettenden wie ein natürlich empfangenes Kind aufzuziehen wirken müssen. Er ist also keine schwarzmagische Zauberei, bei der jemand Schaden erleiden oder einem anderen gefügig gemacht werden soll. Auch wenn das eigentlich Stoff der UTZ-Klassen ist könnte ich mir vorstellen, daß der eine oder andere davon gehört hat, was alles zusammenwirken muß und welche Gesetzeseinschränkungen diesem Zauber übergeordnet sind." Julius hob die rechte Hand, wobei sein Pflegehelferarmband aufblitzte. Das veranlaßte Professeur Faucon zu der Bemerkung, daß er das wohl im Rahmen seiner Pflegehelferunterweisungen erfahren haben könnte. So schilderte er die fünf unabkömmlichen Voraussetzungen und erwähnte auch, daß dieser Zauber beim Ministerium angemeldet werden mußte und der dadurch zum zweiten Mal ins Leben zu bringende magische Mensch alle Ansprüche an seinen bisherigen Besitz verwirkte, als wenn er tatsächlich gestorben sei. Er müsse sogar einen anderen Namen erhalten.

"Ja, und genau da wird dann jene Hingabe, die bereits erwähnt wurde erschüttert, weil der zu rettende magische Mensch wahrhaftig mit Nichts als dem wortwörtlich nacktem Leben beginnen muß. Obendrein heißt es bei den bisherigen Dokumentationen dieses Zaubers auch, daß die wiederzugebärende Person bei vollem Bewußtsein alle Stadien des heranreifens und Aufwachsens erlebt, also wie beim Infanticorpore-Fluch alle Erinnerungen und Erfahrungen behält. Auch das dürfte einige davon abhalten, sich auf diese Weise ein zweites Leben zu verschaffen. Ich wüßte zum Beispiel nicht, ob ich im Angesicht des Todes einer gebärfähigen Verwandten soviel Hingabe entgegenbrächte, mich ihrer mütterlichen Obhut anzuvertrauen." Einige Jungen grinsten. Professeur Faucon rümpfte die Nase und knurrte dann: "Ich gehe davon aus, daß Sie meine weiblichen Verwandten nicht gut genug kennen und daher meinen, es sei eine lustige Vorstellung."

"Ich habe Ihre Tochter ja schon gesehen", meinte Gérard. "Die würde das wohl auf sich nehmen."

"Ich werte das zu Ihren Gunsten mal als Wertschätzung meiner Tochter für mich, Monsieur Laplace. Daher verzichte ich auf die Zumessung von Strafpunkten. Statt einer Strafe dürfen Sie sich als Hausaufgabe ohne Hilfe von Klassenkameraden überlegen, wie es für Sie wäre, mit der Hilflosigkeit eines Ungeborenen und Säuglings auf die Zuwendung einer Ihrer Verwandten angewiesen zu sein, Wobei Sie ihre Mutter gerne außen vorlassen möchten, da ich mir vorstellen kann, daß sie es für legitim hielte, sich und Sie dem Zauber zu unterwerfen, um ihr Leben zu bewahren. Denken Sie vielleicht an eine Ihrer Tanten!" Gérard erbleichte, was die anderen Jungen außer Julius zum kichern brachte. Professeur Faucon fühlte sich bestätigt und sagte nur noch:

"Um dieses Kapitel abzuschließen stellen wir also fest, daß jede Form der Magie, ob Bös- oder gutartig ausgerichtet, immer in die fundamentalen Grundrechte eines freien Menschen eingreifen. Magie, egal in welcher Form, verlangt nach verantwortungsvollem Umgang, wobei die Unversehrtheit menschlichen Lebens oberstes Gebot ist, werte Herrschaften. Das habe ich Ihnen in einer der ersten Stunden überhaupt erzählt und werde es auch künftig bei sich bietenden Gelegenheiten wiederholen. Was Sie alle von uns Lehrern oder von magischen Mitmenschen lernen gibt Ihnen allen eine große Macht. Konstruktiver Umgang mit Macht heißt immer, verantwortungsvoll damit umzugehen. Das wird immer schwerer, je besser und vielfältiger Sie ihre Zauberkräfte anwenden können. Denn die Gefahr der Versuchung ist immer da. Damit möchte ich den Bogen zurück zum Ausgang unserer vom eigentlichen Lehrplan geführten Diskussion schlagen. Die Vorkommnisse der vergangenen Wochen und Monate beweisen es Ihnen und mir auf erschreckende Weise, wohin selbstsüchtiger Umgang mit Magie führt und wie bedrohlich leicht wir alle versucht sein können, etwas zu tun, was einem vernunftgemäßen und förderlichen Umgang mit Zauberei und Hexerei widerspricht."

"Da stand was drin, daß Minister Didier wohl bald alle den Patronus-Zauber kennenden Hexen und zauberer zwischen siebzehn und hundert Jahren aufruft, gegen die Dementoren zu kämpfen", sagte Robert. "Wie sehen Sie das, Professeur Faucon?"

"Ich entsinne mich, Ihnen einmal am Frühstückstisch bekundet zu haben, daß mich eine derartige Einberufung besorgt, Monsieur Deloire. Monsieur Latierre erwähnte ja auch, daß eine derartige Frontenbildung genau das sein könnte, was unserem Feind von den britischen Inseln zuarbeitet. Da sich meine Meinung seither nicht geändert hat bestätige ich Ihnen gerne, daß ich mich gegen eine derartige Einberufung verwahre. Ich bin durchaus bereit, meine Kenntnisse und Fähigkeiten gegen diese Kreaturen anzuwenden, aber nicht unter der Führung eines Kriegsherren, der außer "Folgt mir alle nach!" und "Auf in den Kampf!" nichts wahrhaft intelligentes auszudrücken weiß."

"Mit anderen Worten, Sie würden einem direkten Befehl des Ministers nicht gehorchen?" Fragte Gaston Perignon. Professeur Faucon war zu klug, um die in der Frage lauernde Falle nicht zu erkennen. Sie sah Gaston sehr entspannt an und antwortete:

"Ich werde mich keinem Befehl widersetzen, der mich dazu auffordert, das Leben aller mir anvertrauten Personen zu schützen und ihnen Beizustehen. Denn niemand muß mir sowas befehlen, weil ich das für meine moralische Verpflichtung halte. Und ich werde niemanden davon abhalten, eine Entscheidung zu treffen, die dazu dient, sich und seine Angehörigen zu schützen, sofern er volljährig ist und sich seiner oder ihrer Fähigkeiten und Unzulänglichkeiten im klaren ist. Will sagen, nur weil jemand wie Sie jetzt den Patronus-Zauber von mir erlernt würde ich ihn noch nicht für ausgereift befinden, gegen hunderte von Dementoren zugleich ins Feld zu ziehen. Das wäre Anstiftung zum Selbstmord und würde meiner soeben gemachten Aussage widersprechen, daß ich alles tun werde, die mir anvertrauten Personen zu beschützen. Außerdem - dies dürfen Sie Ihren bereits volljährigen Saalkameraden gerne von mir ausrichten - würde eine Entscheidung, die den Abbruch der laufenden Ausbildung erforderlich macht, das unwiderrufliche Ende der Ausbildung bedeuten. So steht es in den Schulregeln. Wir von der Akademie dürfen niemanden nach Vollendung des siebzehnten Lebensjahres und erfolgreicher ZAG-Examinierung zur Fortsetzung der Ausbildung zwingen. Doch bisher haben es gerade eine Handvoll Schülerinnen und Schüler abgelehnt, die angebotene Ausbildung vorzeitig zu beenden. Da ich heute keinen Unterricht in der siebten Klasse habe sehe ich kein Problem darin, daß Sie Ihren älteren Mitschülern diese Botschaft überbringen. Sollten welche darunter sein, die befinden, sich einem noch nicht ergangenen Ruf des neuen Zaubereiministers zu fügen und ihre Ausbildung ohne UTZ-Abschluß zu beenden, dürfen diese gerne zu mir oder Madame Maxime kommen, um dies offiziell bekanntzumachen oder sich über die möglichen Auswirkungen einer unvollständigen Ausbildung informieren zu lassen. Für Sie alle hier, die Sie ja noch einige Zeit bis zur Volljährigkeit vor sich haben, gilt nach wie vor der Auftrag der Ausbildungsabteilung und der Wunsch Ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten, Sie so umfassend dies geht mit Ihren magischen Fähigkeiten vertraut zu machen und Ihnen genug Zauber beizubringen, daß Sie sich im Alltagsleben behaupten können. Mehr ist von meiner Seite aus nicht dazu zu sagen." Alle nickten ihr zu. Doch Gaston ließ nicht locker.

"Ja, aber wenn der Minister jetzt sagt, daß Sie, weil Sie den Patronus wohl am optimalsten können, mit allen, die den auch gut genug können hier ausrücken, um die Dementoren plattzumachen. Dann müßten Sie doch gehen, oder?"

"Abgesehen davon, daß das fremdwort Optimal nicht mehr gesteigert werden kann und Dementoren von einem gegen sie geführten Patronus-Zauber nicht getötet sondern nur nachhaltig vertrieben werden können gilt in dieser unserer Zaubererwelt immer noch die Meinungs- und Entscheidungsfreiheit, Monsieur Perignon." Gaston grummelte verächtlich. "Na, werden Sie ja nicht ungemütlich, junger Mann! zehn Strafpunkte wegen indirekter Respektlosigkeit gegenüber einem Lehrer, Monsieur Perignon. Um auf Ihre Frage noch einmal zurückzukommen, die wohl beinhaltet, ich müsse mich jedem ministeriellen Befehl unterwerfen, so sage ich dazu, damit Sie es wirklich begreifen: Ich erachte die derzeitige Politik von Minister pro Tempore Didier nicht für vernünftig, sondern aus blanker Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung erwachsen. Niemand, der oder die bei klarem Verstand ist, sollte sich einem Befehl fügen, der wider jede Vernunft erteilt wird. Jeder Vorgesetzte weiß, daß alle Anweisungen, die aus reiner Verzweiflung geboren werden, das Vertrauen seiner Untergebenen erschüttert. Und sollte - was ich nicht hoffen möchte - der amtierende Zaubereiminister darauf setzen, daß sich alle aus lauter eigener Angst widerspruchslos hinter ihm zusammendrängen und er jeden auch noch so wahnwitzigen Befehl erteilen könne, dann ist er nicht viel besser als jene Marionette in Großbritannien oder deren Herr und Meister. Wie erwähnt werde ich mich konkreten Vorhaben nicht verweigern, die den Schutz von Ihnen und allen anderen hier zum Ziel haben. Aber da der derzeitige Zaubereiminister bisher nur Andeutungen und Wunschvorstellungen in die Zeitung setzen ließ, kann ich beim besten Willen nicht wie ein Golem hinter ihm herlaufen, nur weil er gerade am lautesten ruft. Halten Sie sich für einen Golem, Monsieur Perignon? Würden Sie ohne nachzudenken alles tun, was ihnen jemand sagt?" Bei den letzten Worten war Professeur Faucon immer lauter geworden, vermied es gerade so noch, zu schreien. Gaston zeigte sich davon jedoch unbeeindruckt. Er antwortete:

"Ich kann mich gut daran erinnern, daß Sie mir und jedem anderen hier, auch Julius", wobei er auf den Klassenkameraden deutete, "ganz klar eingeschärft haben, daß wir hier alle zu parieren haben, wenn Sie oder andere Lehrer, ganz oben Madame Maxime, uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben. Wie war das denn mit diesem Schrumpfzauber gegen Laurentine in der ersten Stunde in der Dritten?" Laurentine warf Gaston einen flehenden Blick zu, doch besser nicht genau darauf herumzureiten. "Wenn wir nicht machen, was Sie wollen, Professeur Faucon, setzt es Strafpunkte oder kriegen wir irgendwelche dummen Ackerstrafen ab, wenn Sie nicht meinen, uns in irgendwelche kleinen Tiere verwandeln zu müssen wie Laurentine, Hercules oder mich. Sie sind doch wohl die letzte, die mir zu sagen hat, was freier Wille ist und der über allen anderen Sachen zu stehen hat. Wenn diese Dementoren echt jetzt anfangen, in Häuser reinzugehen, und der Minister sagt, daß alle die den Patronus können die zu beharken haben, ist das genauso wie Ihre achso vernünftigen Anweisungen an uns. Weil der Minister eben der oberste aller Zauberer ist hat der die Verantwortung, genau wie Sie hier für uns, eben nur für die ganze Zaubererwelt und die Muggel hier in Frankreich. Aber klar, Sie halten den Minister für unvernünftig. Der kann Ihnen ja keine Strafpunkte dafür reinwürgen, wenn Sie nicht spuren oder Sie in irgendwas verwandeln, weil er die Zaubereigesetze nicht so einfach verbiegen kann. Aber er könnte Sie vor Gericht stellen, weil Sie versuchen, seine Maßnahmen zu blockieren. In der Zeitung stand ja drin, daß wohl geprüft werden soll, ob die Dementoren keine Helfer hier haben, die denen zeigen oder sagen, wo es sich lohnt, anzugreifen. Sie denken wohl, daß Ihre große Zuchtmeisterin Tourrecandide, die bisher gegen die Aufstellung einer Abwehrtruppe gewettert hat, ein gutes Vorbild ist, sich nicht mehr an die eigenen Regeln halten zu müssen, die Sie uns hier mit verschiedenen Tricks und Anweisungen ins Hirn hämmern. Und wie war das eben gerade? Wir sollen den Siebtklässlern bestellen, daß die sich bitte artig bei Ihnen oder Madame Maxime melden, wenn sie aus der Akademie rauswollen, um gegen die Dementoren zu kämpfen. Das ist doch auch so'ne Tut-gefälligst-was-ich-sage-Anweisung.So, und wenn Sie jetzt meinen, mir den Sprechbann oder Strafpunkte überziehen zu müssen, tun Sie sich keinen Zwang an!"

"Für die Redeweise und die Lautstärke muß ich Ihnen in der Tat zwanzig Strafpunkte auferlegen, Monsieur Perignon", erwiderte Professeur Faucon, in deren saphirblauen Augen ein gefährliches Feuer loderte. Julius würrde sich nicht wundern, wenn gleich grelle, saphirblaue Blitze herausschlagen und Gaston zu Asche verbrennen würden. Von der Körperhaltung her blieb die Lehrerin jedoch relativ entspannt vor ihrem Pult stehen, machte nicht einmal Anstalten, ihren Zauberstab zu heben. Sie atmete ruhig durch, während Gaston sich straffte und nervös mit den vor dem Stuhl hängenden Füßen ruckte wie ein Tier zwischen Flucht und Angriff. "Wenn Sie mich jetzt wirklich persönlich angegriffen hätten, mich beispielsweise eine Heuchlerin oder Zuchtmeisterin geschimpft hätten, wäre Ihnen der Sprechbann als Mindeststrafe sicher gewesen. Aber da ich Ihr gegenwärtiges Dilemma ergründen wollte ließ ich Sie frei sprechen. Wir haben noch fünf Minuten Zeit, und ich hätte dieses Thema gerne in dieser Stunde noch geklärt, bevor es den Nachmittagsunterricht beeinträchtigt, Monsieur Perignon. Ich habe vorhin gesagt, daß Magie nur verantwortungsvoll ausgeübt werden soll. Dies ist eine Verpflichtung der Beauxbatons-Akademie gegenüber der magischen Gemeinschaft, Ihren Eltern, die Sie in unsere Obhut gegeben haben und Ihnen Persönlich, um Sie davor zu bewahren, sich und anderen Mitmenschen unnötigen Schaden zuzufügen und die Folgen Ihrer zauberischen Handlungen zu bedenken. Deshalb liegt es in der Natur der Sache, daß sie die Ihnen erteilten Anweisungen auszuführen haben, um dieses Ziel zu erreichen. Die Akademie muß nach strickten Regeln geführt werden, um die individuellen Vorlieben und Fähigkeiten ihrer Schüler für sie alle vorteilhaft zu ordnen. Dazu gehört auch Gehorsam. Naturgemäß kommt es vor, daß bestimmte Argumente von Schülern wie Ihnen nicht auf Anhieb verstanden werden und nicht immer genug Zeit verfügbar ist, alles so oft und so lange zu erläutern, bis alle es uneingeschränkt verstehen können. Daher sind in vielen Fällen klare Anweisungen nötig, deren Ausführung sichergestellt werden muß. Das ist nicht nur bei uns in Beauxbatons so, sondern gilt auch für Durmstrang, Greifennest, und zu Zeiten des seligen Kollegen Dumbledore auch in Hogwarts." Julius zuckte zusammen. Was in Hogwarts ablief hatte mit Vernunft wirklich nichts mehr zu tun. "Und wenn sich jugendliche wie Sie in der Phase körperlich-seelischer Unruhe befinden, müssen klare Regeln greifen, deren Einhaltung mit Mitteln ohne Folgeschäden durchgesetzt werden müssen. Allein der Umstand, daß Sie jetzt sehr angespannt und alarmiert vor mir sitzen, Monsieur Perignon, zeigt uns allen, daß in Ihrem Kopf gerade eine heftige Unruhe herrscht. Ohne Anweisungen und Regeln würden Sie einander mit den hier erworbenen Zauberfertigkeiten das Leben zur Hölle machen. Es würde eine Gewaltpyramide entstehen, bei der einige Wenige aus den Oberklassen Sie und alle anderen schwächeren beliebig drangsalieren. Eben um das zu verhüten gelten die klaren Schulregeln und die Sanktionen gegen ihre Verletzung. Sie erwähnten ja, daß ich mal gezwungen war, Sie vorübergehend in einen Goldfisch zu verwandeln, weil Sie in jungenhafter Kampfeslust meinten, sich mit Ihrem Klassenkameraden Hercules Moulin prügeln zu müssen. Hätte ich diese Maßnahme nicht ergriffen, hätten Sie beide sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit geschlagen, womöglich andere in Ihre pubertären Streitereien hineingezogen. Hier in der Akademie laufen genug junge Herren herum, die Ihnen rein körperlich überlegen sind. Es wäre Ihren Eltern gegenüber unverschämt, wenn wir zuließen, daß Prügeleien hier an der Tagesordnung sind, geschweige magische Auseinandersetzungen zwischen hoffnungslos unterschiedlichen Gegnern ohne fachkundige Aufsicht. Das habe ich Ihnen jedoch damals ausgiebig erklärt. Offenbar sollten Sie neben den bisher im Unterricht erlernten Kenntnissen auch die Ihnen vermittelten Verhaltensrichtlinien und Erfahrungen im Umgang mit Ihren Mitschülern wiederholen, bevor Sie in die ZAG-Prüfungen gehen. Das kann ich auch guten Gewissens allen anderen hier empfehlen." Dabei sah sie Céline und Laurentine flüchtig an, bevor ihre saphirblauen Augen Gaston wieder festnagelten, der meinte, was einwerfen zu müssen. "Und auch die Verdeutlichung, wie wichtig es ist, die eigenen Zauberkräfte sinnvoll anwenden zu lernen nötigte mich dazu, zu Beginn Ihres dritten Schuljahres, als Monsieur Latierre als Julius Andrews zu uns stieß, ein einprägsames Beispiel zu geben, was passieren kann, wenn jemand mit starken Zauberkräften nicht früh genug lernt, diese richtig einzusetzen. Zumindest bin ich beruhigt, daß dieses mahnende Beispiel so gut in Ihrer Erinnerung verankert ist, wie ich es beabsichtigt habe. Daß ich Monsieur Latierre dazu anhielt, ja ihm sogar eine Verwandlungsstrafe androhte, Mademoiselle Hellersdorf vorübergehend einzuschrumpfen, war nötig, weil Mademoiselle Hellersdorf damals wider jede gebotene Vernunft die gezielte Ausbildung ihrer klar erkannten Zauberkräfte verweigern wollte und Monsieur Latierre, der ebenso ohne magische Verwandtschaft aufgewachsen ist, durch einen seltenen Umstand überdurchschnittlich starke Zauberkräfte besaß. Ich habe es nach dem von Ihnen erwähnten Vorgang erläutert, warum ich Ihrem neuen Klassenkameraden diese unmenschlich wirkende Anweisung erteilte und halte meine Begründung aufrecht, daß diese Vorführung nötig war, um Ihnen allen und besonders Mademoiselle Hellersdorf zu verdeutlichen, welche Gefahren im ohne vernünftige Ausbildung gewirkter Magie liegen. Die sukzessive Steigerung von Mademoiselle Hellersdorfs Leistungen geben mir recht und sind ein Gewinn für sie, nicht für mich. Sicher besteht die Möglichkeit, jemanden bei schweren Verstößen der Akademie zu verweisen, damit er oder sie sich selbst überlassen herausfinden mag, wie er oder sie weiterleben soll. Allerdings - und auch das erwähnte ich bei besagtem Vorgang - unterscheiden wir schon zwischen eigenem Vorsatz und äußerer Beeinflussung, ob wir jemanden unverrichteter Dinge von der Akademie weisen. Und ich wage es jetzt einfach zu behaupten, daß Mademoiselle Hellersdorf sehr glücklich darüber ist, nicht vorzeitig entlassen worden zu sein." Laurentine nickte verhalten. "Und wo wir es schon von ihr hatten, erwähnten Sie noch den Vorfall, bei dem Mademoiselle Lumière, heutige Madame van Heldern, eine Verwandlung als Strafe für nötig hielt, weil Mademoiselle Hellersdorf sie mit einem rüden Wort bedenken wollte. Verbale Angriffe auf Mitschüler und vor allem die mit großer Verantwortung und Verpflichtungen betrauten Saalsprecher dürfen hier auch nicht hingenommen werden. Sie werden sich im Leben keine Anerkennung erwerben, wenn Sie sich zu jeder Gelegenheit wie Gossenkobolde ausdrücken oder meinen, wie die Zwerge durch wüste Bezeichnungen Stärke vorzutäuschen. Der Begriff Kraftausdruck ist eigentlich eine Irreführung. Wer Schimpfwörter oder Beleidigungen verwendet zeigt keine Stärke, sondern geistige Schwäche. Um das zu lernen gelten dieselben Maßnahmen wie bei körperlichen oder magischen Gewaltakten zwischen Ihnen von der Schülerschaft. Ich war auch einmal ein junges Mädchen hier. Ich habe auch vieles nicht sofort begreifen wollen, was mir hier aufgetragen und angewiesen wurde. Ich mußte lernen, daß sich viele Sachen erst dann erschließen, wenn sie aus der Entfernung mehrerer Jahre betrachtet werden. Ich halte mich nicht für unfehlbar. Ich möchte Ihnen nur helfen, Ihre eigenen Erfahrungen zu machen, ohne sich und andere langfristig zu beeinträchtigen. Und damit wieder zurück zu dem Thema, daß Sie im Moment wohl sehr erregt, Monsieur Perignon: Ich erachte das, was der zeitweilige Zaubereiminister Didier derzeitig unternimmt für unbedacht und übereifrig. Er sieht im Moment nur die ständig anbrandenden Dementoren und meint, eine Abwehrstreitmacht aus versierten Hexen und Zauberern würde die Ursache für ihre Angriffe beseitigen. Sie dürfen sich das gerne von Madame Rossignol bestätigen oder widerlegen lassen: Ein Leiden wird nicht dadurch kuriert, daß man nur die Symptome behandelt. Ist es nicht heilbar, können die Auswirkungen zwar gelindert werden, erreichen jedoch nur einen Zustand trügerischer Ruhe. Minister pro Tempore Didier zielt darauf ab, mit der gründlichen Abwehr der Dementoren jeden Angriffsplan des sogenannten dunklen Lords zu vereiteln und ihm die Lust an der gewaltsamen Unterwerfung auszutreiben. Das Gegenteil wird eintreten. Auch wenn die Dementoren einmal oder immer erfolgreich zurückgedrängt werden können wird jener wahnhafte Zeitgenosse erst recht darauf ausgehen, seine krankhaften Ideen in unsere freiheitliche Zauberergemeinschaft zu pressen, uns in ständiger Angst gefangenzuhalten und das Gift seiner Irrlehre über uns zu verteilen, bis ihm genug Hexen und Zauberer erliegen, um von innen her gegen uns zu kämpfen. Was Didier gerade unternimmt könnte auf lange Sicht gefährlicher ausufern als jede Dementoreninvasion. Und bevor Sie mir zu unterstellen wagen, ich wüßte nicht, wie heftig jeder Überfall ist möchte ich Sie alle daran erinnern, was um die Osterzeit diesen Jahres vorgefallen ist und diejenigen, die im Juli 1996 in Millemerveilles waren bitten, ihre Erfahrungen mit den damals eindringenden Dementoren zu schildern, weil das offenbar nicht ausreichend getan wurde. Ich weiß mich mit vielen französischen Hexen und Zauberern darin einig, daß eine Vertreibungsstreitmacht gegen dementoren alleine keine Lösung ist. - Ich hoffe, Ihnen allen jetzt unmißverständlich erläutert zu haben, wieso ich dem derzeitigen Vorgehen des amtierenden Zaubereiministers nicht uneingeschränkte Gefolgschaft oder Zustimmung entgegenbringen kann." Die Schulglocke läutete. "Damit erkläre ich die Unterrichtsstunden und die Diskussion für beendet. Bitte begeben Sie sich auf den Pausenhof um für die anstehenden Stunden genug frische Luft aufzunehmen!"

"Auf wiedersehen bis heute Nachmittag, Professeur Faucon", antworteten die meisten im Chor, nur nicht Gaston. Der wußte offenbar nicht, ob er jetzt gewonnen, verloren oder nur seine Zeit und Energie verpulvert hatte. Er sagte jedoch nichts, solange Julius und Céline in der Nähe waren. Céline wurde wortlos von Laurentine aufgefordert, mit ihr eine reine Mädchentruppe zu bilden, die auf dem Pausenhof um Belisama und Estelle ergänzt wurde. Gérard sah, wie Gaston mißmutig dreinschauend in eine Ecke des Pausenhofes ging. Deborah Flaubert machte gerade Pausenhofaufsicht mit Professeur Trifolio. Sandrine und Millie kamen herüber und winkten ihren männlichen Partnern einladend zu.

"Was ist denn mit Gaston los, Gérard. Gab's Streit mit Professeur Faucon?" Fragte Sandrine besorgt. Millie nickte ihr beipflichtend zu.

"Wir hatten es von dem, was im Miroir drinstand, Sandrine. Wir wollten wissen, ob's diese Schlangenmensch-Monster gibt, die der Muggel in Nizza gesehen haben will. Dann hatten wir's von magischen Fusionen, Körperveränderungsflüchen und magischen Kreuzungen. Dann meinte Gaston noch, rauskitzeln zu müssen, ob unsere respektable Saalvorsteherin in die Dementorenabwehrtruppe eintritt, wenn Didier sowas haben will. Sie meinte dann sowas, daß ihr Didiers Ideen nicht vernünftig genug wären, worauf Gaston meinte, ihr vor den Kürbis knallen zu müssen, daß sie das gerade nötig hätte, klare Anweisungen abzulehnen, wo wir bei ihr alle zu spuren hätten. Das artete dann darin aus, daß Gaston fast als Maus oder sonst was aus der Klasse geschickt worden wäre. Professeur Faucon erzählte dann noch was, warum wir hier alle so straff gehalten würden und daß sie sich nicht widerspricht, wenn sie meint, daß sie Didiers Befehle nicht alle ausführen will. Dabei wollten wir nur wissen, ob's diese Schlangenmonster geben kann." Millie und Julius sahen sich flüchtig an. Der keine Zwanzigstelsekunde dauernde Blick enthielt so viel wie ein Wortwechsel. Sandrine fragte beunruhigt:

"Meint ihr, dieser Muggel hat wirklich ein magisches Ungeheuer gesehen?"

"Da waren Dementoren in der Nähe, Sandrine. Könnte sein, daß der einen Moment was fieses aus seinen schlimmsten Alpträumen gesehen hat. Wenn der Angst vor Schlangen hat könnte sowas bei rauskommen. Außerdem soll der getrunken haben", sagte Gérard. Julius wandte ein, daß es dem Unnennbaren ähnlich sähe, seine Lieblingstiere mit Menschen zwangszufusionieren, aber eben Aussage gegen Aussage stehe.

"Dann wäre das ja total verkehrt, wenn sich alle nur auf die Dementoren konzentrieren", erschrak Sandrine. "Denn ob da solche Monster sind oder nicht, er könnte ja auch seine Helfer aus England rüberschicken, die Muggel verzaubern können."

"Ihr in Millemerveilles habt mit den Dementoren ja keine Probleme mehr", warf Gérard ein. Sandrine erwiderte darauf nur, daß sie verdammt froh darüber sei.

"Du hattest es ja schon häufiger gesagt, daß die Dementoren nur als Ablenkungsmanöver reinkommen, Julius. Klar, wenn dann alle Zauberer und Hexen nur auf die losgehen können kann Ihr-wißt-schon-wer noch wen reinschicken, der nicht so auffällig aber wesentlich gefährlicher ist." Julius nickte heftig.

"Klar, wenn er mit Hexen zusammenkommt, die für Sardonias Ideen sind", wandte Gérard ein.

"Eher fallen Weihnachten und Ostern auf denselben Tag, als daß die Sardonianerinnen mit Ihr-wißt-schon-wers Bande zusammenkommen, und wenn dann nur, um sich gegenseitig abzumurksen", stieß Millie aus. Julius nickte und wandte ein, daß er ja nicht wüßte, ob diese fremde Hexe, der er begegnet sei, nicht gerade was gegen den britischen Massenmörder plane. Immerhin hatte sie ja Sardonias Entomanthropen aufgeweckt. Das nahmen die drei anderen so hin. Dann fragte Sandrine, ob Julius was von seinen Schulfreunden in Hogwarts gehört habe. Da wäre doch wohl gestern Halloween gewesen.

 

"Da haben die schon seit Schuljahresanfang Halloween", knurrte Julius, ohne die eigentliche Frage zu beantworten. Erst als Sandrine Millie ansah, die ihren Mann genau ansah sagte er: "Ich habe Gloria am 29. Oktober zum Geburtstag gratuliert. Bisher läuft alles in Hogwarts so wie seitdem Snape da Schulleiter geworden ist. Denke nicht, daß die Halloween da wirklich gefeiert haben.""

"Du hättest es Bébés Angelachtem echt noch mal aufs Brot schmieren müssen, was bei denen in Hogwarts gerade für Sachen laufen, Julius. Dann hätte der sich nicht mit Professeur Faucon so angelegt. Die wäre ja fast wie ein Erumpenthorn explodiert."

"Der glaubt doch wie viele von euch anderen Jungs, daß ich nur sage und mache, was Professeur Faucon in den Kram paßt", grummelte Julius. "Da hätte ich stocktauben Ohren gepredigt. Ich Hab's euch ja oft genug erzählt, was Auroras Bild-Ich mir von da an Neuigkeiten rüberholt. Und die Kiste mit der anti-Schlammblutkampagne habe ich euch auch erklärt." Sandrine verzog das Gesicht und glubschte Julius an wie einen ekligen Wurm. "Entschuldige Sandrine, ich weiß, das ist ein Unwort. Aber die haben das in meiner alten Heimat zum geläufigen Begriff erhoben, um denen einzureden, daß wir Muggelstämmigen alle böse und gefährlich sind. Verkehrung der Tatsachen heißt das wohl in der Politik oder Psychologie. Jedenfalls haben mir Glorias Eltern mit Muggelpaketpost Umbridges Hetzblatt zugeschickt, in dem dazu aufgerufen wird, alle Muggelstämmigen, die sie dort unverholen mit dem netten Wort mit Schlamm bezeichnen, anzuzeigen, damit die die anständige Zaubererwelt nicht weiter vergiften und zersetzen können. Das war dieses Rosa Ding, das ich Professeur Faucon rübergereicht habe, damit die das ihren Leuten von der Liga gegen dunkle Künste zeigen kann." Sandrine sah Gérard an, der ihr zunickte. Er hatte es ihr wohl erzählt. Gérard meinte dann noch, daß sie es vom Iterapartio-Zauber gehabt hatten. Offenbar wollte er seine Freundin damit ein wenig aufziehen. Diese hatte wohl noch nie was davon gehört. Millie grinste Gérard schelmisch an, als der es Sandrine erklärte.

"Achso, und du wolltest jetzt wissen, ob ich den mit dir machen würde, wenn dir was heftiges passiert. Neh laß mal! Ich kann dich dann ja schlecht heiraten. Aber ich könnte Tante Jacqueline fragen, ob die dich noch mal für mich großzieht. Cousins und Cousinen dürfen ja noch heiraten, wenn beide Elternpaare dem zustimmen."

"Das ist doch die quirlige, die als einzige von deiner Familie bei den Blauen war", meinte Gérard. Danke, verzichte." Die jungen Hexen lachten. Millie zwinkerte Sandrine verschwörerisch zu. Diese sah Julius an und meinte nur:

"Ich denke mal, daß niemand wirklich mit diesem zauber hantieren will. Ich meine, da reicht dann schon Infanticorpore, um sich ganz klein werden zu lassen. Neh, wachs lieber richtig zu Ende und sieh zu, daß du es dir mit mir nicht doch noch verscherzt, Gérard." Das genügte Gérard.

"Mach dich ab, blauer Quaffel", schnarrte Gastons ungehaltene Stimme über den Platz. Julius fuhr herum und sah Corinne Duisenberg, die gerade mit enttäuschter Miene von Gaston fortlief. Professeur Trifolio verschaffte sich durch fuchtelnde Armbewegungen freie Bahn und lief zu Gaston hinüber, während Deborah den Kontrollgang fortsetzte, als Saalsprecherin und Pflegehelferin. Laurentine winkte Corinne zu und bedeutete Belisama und Estelle, ein wenig zurückzubleiben. Trifolio herrschte inzwischen Gaston an. Julius widerstand dem Drang, ebenfalls zu ihm hinüberzulaufen. Millie sah Gaston verdutzt an und dann Corinne. "Was wollt'n die bei dem?" Entschlüpfte ihr eine Frage.

"Hat wahrscheinlich empathisch mitgekriegt, daß er gerade ziemlich durch den Wind ist und wollte sich nur erkundigen, woran's lag", meinte Julius. Corinne konte ja Gefühlswellen von anderen wie mit einem Radioempfänger auffangen. Außerdem war sie Saalsprecherin. Aber es mußte schon sehr viel mit Gaston los sein, wenn sie so offen auf ihn zuging. Laurentine und Corinne winkten Julius. Er entschuldigte sich bei seiner Frau, Sandrine und Gérard und ging ruhig hinüber, wobei er sich auf seine mittlerweile gut eingespielten Occlumentie-Fertigkeiten konzentrierte. Corinne lächelte ihn mit ihrem kleinen, runden Mondgesicht an.

"Corinne sagt, Gaston hätte tierischen Bammel. Ich wußte das nicht, sonst wäre ich bei dem geblieben", sagte Laurentine. Sie wirkte neben der kugelrunden Corinne nicht mehr ganz so füllig, wie er sie in der dritten Klasse noch erlebt hatte. Überhaupt hatte sich Laurentine in den letzten Monaten zu einer hochgewachsenen, nicht schlecht aussehenden Junghexe entwickelt, und ihr babyhaftes Gesicht war durch dezent hervortretende Wangenknochen richtig erwachsen geworden.

"Wir hatten uns in der letzten Stunde über die Zeitungsartikel, die Dementoren und ob Lord Massenmord neue Monster machen kann, die hinter den Dementoren ins Land reinrutschen können, Corinne", sagte Julius. "Kann sein, daß ihm jetzt erst richtig aufgeht, was passieren kann."

"Du meinst dieses Schlangenungeheuer, das der angeblich besoffene Muggel gesehen hat, Julius? Wenn der das wirklich gesehen hat, ist das was uraltes, was dieser Irre irgendwie wieder wachgemacht hat, wie die Hexe, die die Insektenmonster aufgeweckt hat", erwiderte Corinne. Das erwischte Julius so überraschend, daß er fast die geistige Balance für die Abschottung verloren hätte. Laurentine nahm ihm die Frage aus dem Mund, was sie damit meine und woher sie das hätte.

"Alte Geschichten, in denen dieses versunkene Land vorkommt, daß die Ägypter und Griechen Atlantis genannt haben. Da soll's mehrere Mischwesentypen gegeben haben, aus denen sich einige heute noch lebende Wesen entwickelt haben sollen. Besonders heftig haben Schlangenmenschen gegen Vogelmenschen gekämpft. Es heißt, daß die nach dem letzten großen Kampf, bei dem das Land unterging, nicht alle gestorben sind, sondern sich einige versteckt haben und schlafen sollen. Ich kam drauf, weil es hieß, daß die Schlangenmenschen sich in normalaussehende Menschen verwandeln könnten. Die sollen den indischen Nagas als Vorbild gedient haben, während die Vogelmenschen dem indischen Göttervogel Garuda als Vorlage gedient haben sollen, hat mir meine Brieffreundin Parvati mal geschrieben, als wir's von echten und nur erfundenen Zauberwesen hatten."

"Parvati Patil?" Fragte Julius.

"Genau die, Julius. Seitdem dieser Thicknesse bei euch in England Minister ist und Snape Schulleiter kriege ich nur keine Post mehr von der. Wollte dich schon eh gefragt haben, was da gerade läuft. Aber nach den SSKs traue ich mich nie so recht, weil du immer von Céline und Piverts Prinzessin umringt bist."

"Hättest Patrice fragen können, ob die mich mal anzittert. Sowas läßt uns Madame Rossignol gerade noch durchgehen", sagte Julius darauf.

"Hätte ich echt mal dran denken sollen", grummelte Corinne. "Der ZAG-Kram und die Brosche", murrte sie dann noch. Laurentine sah sie schadenfroh an.

"Dafür müßt ihr im Moment kein Quidditch spielen."

"Aber trainieren tun wir", grummelte Corinne. Julius fragte dann so unverfänglich wie er konnte, ob Corinne noch mehr über diese Schlangenwesen wüßte. Die sagte jedoch, daß sie nur gehört habe, daß sie nur geweckt werden könnten, wenn jemand mit Schlangen sprechen und einen bestimmten Zaubergegenstand benutzen würde. Dabei rückten ihre schmalen Füße etwas weiter auseinander. Sie stand nun da wie eine Reiterin, die nach langem Ritt vom Pferd gestiegen war und ihre steifen Beine noch nicht gesittet zusammenstellen konnte. Dabei meinte Julius, eine ihm von anderswo her vertraute Regung in ihrem Gesicht zu erkennen. Er hielt seinen Geist jedoch weiterhin verschlossen.

"Atlantis? Das Märchen gibt's also auch bei den Zauberern?" Fragte Laurentine. Julius hätte ihr eigentlich jetzt sagen können, daß er eine alte Stadt dieses versunkenen Reiches schon betreten hatte und sogar auf uralten Schnellwegen dieser versunkenen Welt gereist war. Doch er wollte Laurentine nicht zum Grübeln bringen. So sagte er nur:

"Da ich mal hörte, daß es auch Wertiger gibt, könnten indische Schlangendämonen vielleicht auch existieren. Oha, wenn der unnennbare Obergangster echt rausgefunden hat, wo die schlafen ... Dann prost Mahlzeit freie Zaubererwelt!"

"Die vergackeiert uns doch", grummelte Laurentine. "Die will sich dir gegenüber nur wichtig machen, nachdem Gaston die abgefertigt hat."

"Wir haben gleich bei Professeur Faucon. Ich kann die ja mal fragen", wandte Corinne ein.

"Dann mach vorher dein Testament, Mädchen", grummelte Laurentine. "Gaston hat die so heftig aufgeladen, daß die bei der geringsten Erschütterung mit neunundsiebzig Megatonnen explodiert."

 

"Neunundsiebzig komma acht drei fünf, Laurentine", entschlüpfte es Julius, bei dem die Zahlenangabe einen bestimmten Speicher abgerufen hatte.

"Wie, achso? Stimmt", grummelte Laurentine und mußte lächeln. "Auf jeden Fall will die davon wohl nichts hören, schon gar nicht, wenn du dabei das olle Atlantis einwirfst. Für Spekulationen ist die wohl jetzt nicht gerade in Stimmung für die Schlangenmenschengeschichte."

"Die macht auch immer ganz zu, wenn wir bei der haben", säuselte Corinne. "Aber bei der kommt das dann nicht so rüber wie Schokolade."

"Häh?" machte Julius, während Laurentine verächtlich grummelte.

"Heiß und süß, Julius. Okay, ich geh dann zu meinen Mädels zurück, bevor die mich noch mit wem von den Violetten verkuppeln. Man sieht sich am Samstag, Julius."

"Jo, tut man", erwiderte Julius leicht verwundert. Corinne ging davon.

"Mit zumachen meint die dieses Occlumentie-Ding, mit dem du deine Gedanken verstecken kannst", knurrte Laurentine.

"Und meine Gefühle, Laurentine. Wußte nur nicht, daß die das süß findet. Hätte jetzt gedacht, die irritiert das, wenn jemand sich vor ihr zumacht."

"Wo wir's von den neunundsiebzig komma acht drei fünf Megatonnen hatten ist dir doch bestimmt noch bekannt, was Lwaxana Troi über den holographischen Barmann aus der Dickson-Hill-Simulation gesagt hat", schnarrte Laurentine noch.

"Moment, muß den entsprechenden Unterordner aufmachen. - Aha, Folge "Andere Sterne andere Sitten", wo die Picard nachgestiegen ist, weil sie gerade viermal so scharf auf wen war als üblich. Au haua!"

"Ja, genau, Julius. Hast du nicht gesehen, wie die sich vor dir hingestellt hat, als wolle sie haben, daß du ihr wo hingreifst? Und dann dieser unanständige Ausdruck, mit dem Milie dich auch manchmal ansieht."

"Was habt ihr von mir?" Fragte Millie, die unbemerkt von Laurentine und Julius näher herangekommen war.

"Sie meint, du müßtest aufpassen, daß Corinne mich dir nicht wegfuttert", legte Julius aus, was Laurentine angedeutet hatte.

"In die kleine paßt du nicht ganz rein, Julius. Das hätte 'nen lauten Knall gegeben und 'ne riesensauerei. Aber die hat dich schon so einladend angeguckt, Julius. Das wirst du mir nicht verheimlichen können. Wer nur nackte Menschen sieht fühlt sich von dick angezogenen irgendwann ganz heiß angezogen."

"Du mußt das sagen, Mildrid Ursuline Latierre", knurrte Laurentine. "Ich geh zu Gaston rüber und seh zu, daß der vor Trifolios Stunde wieder klar ist", grummelte sie und ging davon.

"Mademoiselle bin-doch-'ne-Hexe macht auf Anstandsmädchen, Monju. Aber recht hat sie, daß die kleine runde Duisenberg dich jetzt wohl gerne anguckt, weil du dich zumachen kannst. Kommst du wieder mit zu Sandrine und Gérard?"

"Wenn die das wollen", meinte Julius, der über Corinne nachdenken mußte. Einerseits hatte er bisher geglaubt, außer Professeur Faucon, Madame Maxime und Madame Rossignol der einzige in Beauxbatons zu sein, der die Skyllianri kannte. Andererseits berührte es ihn, daß Corinne ihn womöglich sehr erotisch fand, weil er seine Gefühle vor ihr verstecken konnte.

Gaston hielt sich im Kräuterkundeunterricht gut zurück. Trifolio hatte ihn mit hundert Strafpunkten und drei Stunden Parkputzen bedacht, weil er eine Saalsprecherin beleidigt hatte. Am Nachmittag sah er Professeur Faucon immer wieder verächtlich an, wenn diese andere Schüler bei den Übungen beaufsichtigte. Julius fragte sich, ob er Gaston nicht mehr über die Schlangenmonster erzählen sollte. Doch zunächst wollte er abwarten, ob noch weitere Sichtungen gemeldet würden oder der Minister auf Zeit den Deckel draufhalten würde. Was davon würde ihm mehr beunruhigen?

Die Astronomiestunde war trotz ihrer späten Stunde eine schöne Entspannung für Julius. Sie besuchten den Jupiter-Mond Io, den vulkanisch aktivsten Himmelskörper im ganzen Sonnensystem.

"Io ist der sichtbare Beweis für die Gezeitenkräfte seines Mutterplaneten. Durch die Schwankungen in der Umlaufbahn reibt die Schwerkraft Jupiters das Material so stark aneinander, daß ungeheure Energien freigesetzt werden. Die Muggel haben dieses Naturphänomen erst in den siebziger Jahren entdeckt, als ihre Raumerkundungsmaschinen Voyager I und II das Mondsystem des Jupiters durchquert haben", erläuterte Paralax, während hinter ihm gerade eine kilometerhohe Säule aus schwefelgelber Glut in den leicht gelblich-roten Himmel fuhr. Über ihnen wölbte sich der gigantische Körper des Planeten Jupiter. Julius meldete sich, während vor ihm gerade der Boden aufriß und glutflüssiges Material wie aus einem lecken Wasserrohr herausspritzte. Da alles eine reine Bildillusion war sprach er unbekümmert:

"Hinzu kommt noch, daß durch Jupiters starkes Magnetfeld jede Menge hochgeladener Teilchen herumschwirren. Für uns bekanntes Leben wäre das absolut tödlich, auf einem der inneren Monde zu sein." Er verdrängte den Gedanken an den aufreißenden Boden, der ihn an den Untergang von Slytherins Galerie erinnerte.

"Über den Jupiter selbst werden wir uns in der nächsten Stunde näher befassen", sagte der Astronomielehrer. "Zunächst geht es um seine Monde, wie sie entstanden und wie sie möglicherweise einmal enden." Laurentine und Julius durften wieder einmal ihr aus der magielosen Welt herübergerettetes Weltraumwissen anbringen. Die es interessierte hingen an ihren Lippen. Die anderen waren froh, sich nicht unnötig hervortun zu müssen. Gaston blickte immer wieder von seiner Freundin zu Julius, als wolle er gleich "Unsinn" oder "Schwachsinn!" Reinrufen, wenn der eine oder die andere was punkteträchtiges beisteuerte. Im Schlafsaal fragte Gaston Julius, warum der Unterricht immer abends sein müsse, wo Paralax mit ihnen in letzter Zeit doch eh in seiner Vorführkuppel abhing.

"Weil der uns heute so gut es ging vorführen wollte, wie die Jupitermonde beschaffen sind. Nächste Woche gucken wir uns den großen Brummer wohl im Teleskop an."

"Wozu der ganze Schwindel. Die Sterne sind doch weit weg, und wir können nicht mal mit dem schnellsten Ganni zum Mond fliegen."

"Das habe ich auch mal geglaubt, daß die Himmelskörper nichts mit Magie zu tun haben und einfach nur interessante Sachen sind. Mittlerweile kenne ich aus Professeur Faucons Buch über Astralmagie ein paar Zauber, die ihre Kraft aus den Planeten, der Sonne, dem Mond und den Sternen ziehen. Insofern schon was wichtiges. Und Jupiter ist verdammt wichtig, weil der herumirrende Kometen einfängt und zerbröselt, bevor wir die auf den Kopf kriegen können. Vor drei Jahren im Juli ist genau sowas passiert."

"Merk dir den Krempel für nächste Woche, damit wir anderen uns wieder zurücklehnen können", grummelte Gaston schläfrig. Robert grinste nur.

 

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"Hi Julius wie Ist's?" Grüßte ihn um fünf Uhr morgens Gloria Porters Gesicht im Zweiwegespiegel. Sie deutete amerikanischen Akzent an.

"Yea großartig", konterte Julius und stellte sicher, daß seine Bettvorhänge richtig zugezogen waren. "Ich habe die Nacht jetzt hinter mir. Wie geht's euch? Wo seid ihr denn gelandet?

"Kevin ist zu Myrna nach Greenskale reingebimmelt worden, ich bin mit Jenna bei den Redhawks gelandet, und Betty ist in Bluespring reingekommen. Hat den beiden nicht gefallen, getrennt zu werden. Kevin hat sich mit 'nem schokoladenbraunen Muggelstämmigen namens Elroy Jackson angefreundet. Außer mir gibt's hier noch drei weitere Glorias in unterschiedlichen Häusern und Klassen. Muß ich mich auch erst dran gewöhnen, weil eine von denen, Gloria Lexington, Seniorvertrauensschülerin in meinem Haus ist. Apropos, Prinzipalin Wright hat angedeutet, daß ich bei guter Leistung im nächsten Jahr Vertrauensschülerin werden könnte, da sie Professor Dumbledores und Professor McGonagalls Urteil hoch einschätzt. Müssen hier in Verteidigung und Muggelkunde viel nachackern, was zu befürchten war. Wir haben die nette Professor Purplecloud als Verteidigungslehrerin. Die ist wirklich unheimlich. Wir vier sind in einem nachhilfekurs Verwandlung, um die Unittamo-Techniken zu lernen. Professor Turner besteht da drauf. Immerhin haben wir Zaubertränke bei Silvy Verdant. Die wird immer runder, Julius. Ich glaube, ich verkneif mir das mit dem Kinderkriegen."

"Die hat Drillinge am Start, Gloria, das kommt nicht so häufig vor. Außerdem hat sie den Fortuna-Matris-Trank genommen."

"Erzähl mir mal was neues, Julius!" Knurrte Gloria gelangweilt.

"Gut, gestern stand in der zeitung was von einem Muggel, der einen Jungen gesehen haben will, der sich in ein schlangenartiges Monster verwandelt haben soll", feuerte Julius eine Neuigkeit ab, von der er nicht wußte, wie sie bei Gloria einschlagen würde. Sie verzog das Gesicht und fragte Julius, ob er sie veralbern wolle. Er gab in wenigen Worten den wesentlichen Inhalt des Artikels wieder. Gloria sah ihn besorgt an.

"Hättest besser gleich mit uns rübergehen sollen, Julius. Wußte doch, daß das mit den Dementoren nur ein Vorspiel ist. Dann stimmen die Gerüchte doch, die Oma Jane mir mal erzählt hat. Irgendwo auf der Welt soll's ein Versteck geben, in dem uralte Monster schlafen, die aus dem alten Reich stammen sollen, Atlantis, wenn du's so willst. Die könnten nur von einem Parselmund mit einem magischen Zepter aus der Zeit von damals aufgeweckt werden. Das Zepter würde irgendwo im indischen Dschungel von Wertigern bewacht. Ich meine, Oma Jane hat das so rübergebracht wie ein Schauermärchen."

"Gesetzt den Fall, der unnennbare Meister des Grauens hat dieses Zepter gefunden. Was ist an diesen Monstern so gefährlich?" Fragte Julius gelassen wirkend.

"Daß sie andere Leute mit bloßem Blickkontakt unterwerfen können und so gut wie unverwundbar sein sollen, solange sie auf festem Erdboden stehen."

"Unverwundbar? Ui, das wäre echt heftig, wenn Lord Massenmord solche Kreaturen aufgeweckt hätte."

"Mach dich bloß nicht lustig, Julius. Ich glaube nämlich nicht, daß du nicht auch von diesen Biestern gehört hast, wo sich Königin Blanche und Oma Jane ja einen Wettbewerb drum geliefert haben, wer dich und mich am besten mit fortgeschrittenen zaubersachen vollstopfen kann. Nur unfair, daß Oma Jane nicht weitermachen kann", erwiderte Gloria und blickte einen Moment traurig aus dem Spiegel. Julius befand, besser nicht weiter darauf herumzureiten und fragte nach der Anreise, und ob der nette Minister Wishbone Terz gemacht habe.

"Britt war mit ihrer Mutter in dieser Himmelswurst. Wenn du da mal drin bist ist das wie ein gemütliches Haus. Nur wenn du durch die Fenster guckst fällt auf, daß du fliegst. Señor Artesanos Frau hat uns mittags mit Chilly con Carne und Tortillas bei Laune gehalten. Britt hat nur die Maisröllchen gefuttert. Ihre Mutter hat das sehr bewundert, wie die rotblonde Landhexe und du die große weiße Dame ohne Zaumzeug gelenkt habt. Die haben in VDS ja jetzt auch ein paar von denen."

"War ein bißchen Hektisch, das Umsteigen und weiterfliegen, wie?" Fragte Julius.

"Besser als uns von Didier oder den Dementoren kassieren zu lassen. Noch mal schöne Grüße an deine Verwandten. Wir schreiben, wenn wir die erste Woche ganz rumgekriegt haben. Immerhin haben wir hier Halloween gefeiert, und der kopflose Clown hat seinen abgetrennten Schädel wie eine Deckenlampe angebracht und ganz gruselig singen lassen, während die einsame Nonne, ein anderer Geist, alte Weisen über eine Jungfrau Maria gesungen hat. Die ist ja deshalb ein Geist geworden, weil sie kurz vor ihrem Tod erkannt hat, daß sie magische Kräfte hat. Der Schreck, daß sie eine Hexe, eine Squib, war, hat sie dann endgültig dahingerafft, und sie hatte Angst, in der Hölle zu landen und darf jetzt weiterspuken. Schon traurig. Aber wir haben ja auch in Hogwarts einen Mönch. Warum sollen die in den Staaten keine Nonne haben?"

"Stimmt, Gloria. Wo bist du eigentlich gerade, daß wir so lange quatschen können?"

"Im Musikraum. Die haben hier alle möglichen Instrumente. Da die keinen geregelten Freizeitplan wie in Beauxbatons haben kommen die Interessierten sporadisch hierher. Ich habe Meldezauber ausgelegt, um rechtzeitig gewarnt zu werden."

"Die jedoch nur bei lebendigen Wesen wirken, junges Fräulein", erklang aus dem Hintergrund eine tadelnde Frauenstimme. Gloria erschrak zwar, fing sich aber schnell. "Das ist die häusliche Hilda, die strickende Geisterfrau", zischte sie Julius zu.

"Bestell der gespenstischen Dame schöne Grüße von mir. Sie kennt mich wohl noch von vor einem Jahr im Sommer", sagte Julius.

"Mach ich, Julius ... Huaaa, ist das k-kalt, mann!" Knurrte Gloria, als ihr eine schlanke, perlweiße Frauenhand von hinten auf die Schulter tippte. Die Spiegelverbindung brach ab.

"Oha, da muß sich Gloria aber einen besseren Ort aussuchen", dachte Julius. "Hoffentlich macht Prinzipalin Wright wegen der Spiegel keinen Streß."

Glücklich, daß Gloria und die anderen sicher angekommen waren verbrachte Julius den letzten Schultag der Woche. In der Zeitung stand wieder etwas von Dementorenangriffen. Offenbar hatten die ihre Mission noch nicht restlos erfüllt, dachte er verdrossen. Doch er las von keinen weiteren Schlangenmonstern. Womöglich hatte Didier sofort eine Sonderabteilung aus dem Boden gestampft, die besonders solchen Meldungen nachjagte und sie vor der Zeitung aus dem Verkehr zog. Ein Leserbrief von Professeur Tourrecandide klagte den zeitweiligen Minister Didier an, sich zu sehr auf die Dementoren zu konzentrieren und dabei strategisch wichtige Sachen der Zaubererwelt außer Acht zu lassen. Julius fragte sich, ob die ehemalige Lehrerin von Professeur Faucon noch lange so weitermachen durfte. doch im Moment war außer den Dementorenangriffen nichts, was Anlaß zu größerer Furcht geben konnte. Zumindest stand nichts davon in der zeitung.

 

__________

 

Bei der Saalsprecherkonferenz am folgenden Samstag ging es darum, ob bei einer Einberufung aller mit dem Patronus vertrauter Hexen und Zauberer auch volljährige Schülerinnen und Schüler der Beauxbatons-Akademie folgen müßten. Madame Maxime und Professeur Faucon erklärten, daß sie befinden müßten, wer wirklich gut auf diese Bedrohung vorbereitet sei und den betreffenden Schülern die Folgen einer Entscheidung nahelegen würden. Giscard wandte ein, daß einige seiner Jahrgangskameraden sofort losfliegen würden, wenn Didier sie gegen die Dementoren einberief. Julius nutzte die Gelegenheit, um den scheinbar so lächerlichen Artikel über den gesichteten Schlangenmenschen zu erwähnen. Corinne nickte ihm zu und bat ums Wort. Sie erwähnte, was sie über die uralten Schlangenmenschen aus Atlantis gehört habe. Professeur Faucon sah sie und Julius sehr prüfend an. Die anderen Schüler lauschten leicht angespannt. Denn sie fragten sich, ob an dieser Geschichte wirklich was dran sei. Bernadette Lavalette bat ums Wort und wandte ein:

"Wenn es derartige Monster echt gegeben hätte, dann wären die jetzt bestimmt ausgestorben. Abgesehen davon wäre der Unnennbare ja dann gleich mit diesen Bestien losgezogen, wenn die mächtiger sind als Dementoren. Die in Indien erzählen sich seit Anfang ihrer Kultur Geschichten über die Götterwelt, und die indischen Zauberer versuchen wohl, auf reale Sachen zu verweisen, warum es diese Nagas und Garuda und vielleicht noch den elefantenköpfigen Ganesh gegeben haben könnte."

"Mademoiselle Lavalette, es ist unbestritten, daß wir über außereuropäische Zauberwesen nur das wissen, was Beobachter niederschreiben und berichten konnten", wandte Professeur Faucon ein. "Feststeht, daß es im südostasiatischen Raum Wertiger gibt, die sehr stark sind und gegen Flüche größtenteils immun sind", fügte sie noch hinzu. "Sicher muß eine Erwähnung welcher Art auch immer auf mögliche Hinweise geprüft werden. Doch sollten Sie wie alle anderen hier gelernt haben, daß die Grenzen magischer Erscheinungen sehr weit gesteckt sind. die Mehrheit der Zaubererwelt hält die Existenz eines vorgeschichtlichen Reiches, in dem Magier von heute ungeahnter Macht residiert haben, für blanke Phantasterei, einen scheinbar hilflosen Versuch, sich ähnelnde Kulturentwicklungen weltweit zu deuten. Doch ich darf Ihnen und Ihren Mitschülern versichern, daß es genug physische Zeugnisse gibt, daß dieses alte Reich bestanden hat. Abgesehen davon existieren die Entomanthropen ja auch noch, obwohl ihre Schöpferin vor Jahrhunderten aus der Welt verschwand. Es gibt Überdauerungszauber, die über das hinausgehen, was wir Ihnen hier in Beauxbatons beibringen wollen und dürfen. Unter gewissen Umständen sind im Schutz eines solchen Überdauerungszaubers tausend Jahre nicht mehr als eine Stunde für uns. Doch ich stimme Ihnen dahin zu, daß es bisher nur diese eine Aussage gab, deren Wert bestritten wird."

"In der Muggelwelt hält man doch alles für blanke Spinnerei, was für Hexen und Zauberer völlig normal ist", wandte Julius ein, als er noch einmal das Wort erhalten hatte. "Eigentlich geht's darum, zu beweisen, warum etwas nicht geht, als zu beweisen, wie etwas gehen kann."

"Ja, aber die Lage ist auch so schon alarmierend genug, Monsieur Latierre", knurrte Bernadette verdrossen. "Wenn dann noch irgendwelche Zusatzgeschichten von Werschlangen oder sowas in Umlauf gebracht werden, könnten wir ja gleich behaupten, er, der nicht beim Namen genannt werden darf, könne ein Tor aufmachen, um die Monstren unserer schlimmsten Alpträume in die Welt zu rufen. Bei den Muggeln wird das Hexen und Zauberern ja unterstellt, Helfer aus jenseitigen Dämonenreichen, auch Hölle genannt, auf die Erde zu rufen."

"Ich hätte vor drei Jahren auch nicht geglaubt, daß es echte Succubi gibt, Mademoiselle Lavalette", warf Julius ein. Bernadette sah ihn herausfordernd an und erwiderte, daß außer seiner Aussage nichts genaues darauf hinweise, daß es diese Abgrundstochter wirklich gegeben habe, und er sich mit Alterungstrank um zwei Jahre älter geschummelt habe, um groß aufzutrumpfen. Da schritt Professeur Faucon ein.

"Die unliebsame Konfrontation mit einer der Abgrundstöchter ist eindeutig belegt worden, Mademoiselle Lavalette. In den Staaten wurde sie von genügend Leuten gesehen, und ihre Vernichtung beschwor ein Erdbeben und eine massive Lichtentladung, die auch aktenkundig ist. Unterstellen Sie also bitte nicht Monsieur Latierre, er habe sich eine derartig aufwühlende Geschichte ausgedacht, um sich vor irgendwem wichtig zu machen!" Bernadette schwieg darauf hin. So kamen sie zu anderen anstehenden Themen. Julius erfuhr, daß nicht nur Gaston Perignon die Autorität der Lehrer anzweifelte. Corinne erwähnte, daß viele ihrer Mitschülerinnen bezweifelten, daß Beauxbatons sicher sei und mit den Gedanken spielten, ihre Eltern zu bitten, sie von der Schule zu nehmen.

"Ich erhalte seit dem ersten größeren Angriff der Dementoren fast jeden Tag Briefe von Ihren Eltern, Mesdemoiselles et Messieurs", schaltete sich nun die Schulleiterin in die Debatte ein. "Die meisten Briefe sind Aufforderungen, sicherzustellen, daß wir vom Lehrkörper der Beauxbatons-Akademie das Vertrauen der Eltern besitzen und darum gebeten werden, weiterhin das Wohlbefinden von Ihnen allen zu gewährleisten. Bisher hat mir niemand unterstellt, Sie irgendwem auszuliefern. Die kritischsten Stimmen stellen nur fest, daß frühere Schülergenerationen offenbar nicht intensiv genug auf die jetzt über uns alle hereinbrechende Bedrohung vorbereitet worden seien. Das weise ich natürlich zurück, weil unter meiner Leitung kein einziger Schüler, der willens und fähig war, das von uns angebotene Wissen aufzunehmen, unzureichend ausgebildet die Obhut unserer Akademie verließ. Und um das auch in Zukunft nicht geschehen zu lassen werden wir darauf achten, daß keine böse Macht die Akademie überwältigen kann, wie es in Hogwarts geschehen ist."

"Über Hogwarts wissen Sie doch nur das, was Monsieur Latierre angeblich von da mitbekommt", wandte Bernadette Lavalette ein. "Ein bißchen dürftig, diese Informationsquelle." Julius hatte keine Lust, der stellvertretenden Saalsprecherin der Roten den Streit zu bieten, den sie offenbar suchte. Offenbar versuchte sie jetzt mal wieder, seine Glaubwürdigkeit hier auszuhebeln und damit das Vertrauen der Lehrer in ihn zu kritisieren. Wußte sie denn nicht, daß sie sich da auf hauchdünnes Eis begab?

"Ich verfüge auch über Quellen aus England, die bestätigen, was Monsieur Latierre über Hogwarts und die britische Zaubererwelt berichtet, Mademoiselle Lavalette", schnarrte Professeur Faucon sehr bedrohlich. "Unterlassen Sie diese diffamierenden Unterstellungen! Sie befinden sich nicht gerade in einer starken Position, um Anschuldigungen oder Abfälligkeiten vorbringen zu dürfen, Mademoiselle Lavalette." Das wirkte endlich. Alle hatten begriffen, daß Bernadette sich fast ein Eigentor fabriziert hätte. Golbasto brachte noch vor, daß einige aus seinem Saal sich beschwert hätten, weil das Quidditchturnier ausgesetzt worden sei, er jedoch die Entscheidung weiterhin für richtig hielt. Dann wurde noch gefragt, ob Didier nun höchst offiziell Zaubereiminister bleiben würde, und warum bis jetzt nichts näheres über den Verbleib der Eheleute Grandchapeau herausgekommen sei. Aus dem violetten Saal war immer lauter der Vorwurf zu hören, daß das Ministerehepaar verraten worden sei und der oder die Verräter noch unerkannt seien. Madame Maxime wandte daraufhin ein, daß sie hier in Beauxbatons weder den Auftrag noch die Möglichkeiten hätten, die Umstände zu prüfen, unter denen Minister Grandchapeau verschwunden sei und ob es noch Hoffnung geben dürfe, ihn lebend und an Geist und Körper gesund wiederzufinden. Professeur Faucon wiederholte am Ende der Konferenz, was sie Gaston und den ZAG-Schülern ihres Saales am Donnerstag gesagt hatte, bat jedoch darum, daß erst einmal die Entwicklung abgewartet werden sollte.

"Bernadette scheint ohne Rücksicht auf Verluste drauf auszugehen, dich als Dummschwätzer hinzustellen", meinte Giscard nach der Versammlung zu Julius, als sie im grünen Saal waren und ihren jüngeren Mitschülern die Ergebnisse der Konferenz erläuterten. Julius nickte.

"Ich habe ihr nichts getan und nehme ihr auch nichts weg, Giscard. Sie bildet sich nur ein, ich hätte hier Sondervollmachten und genieße eine Extrabehandlung vor allem von Professeur Faucon. Außerdem versucht sie wohl, Probleme mit Millie an mir auszulassen. Ich habe aber keine Lust, mich mit Mademoiselle Lavalette herumzuzanken, ob das stimmt, was ich über Hogwarts oder die Abgrundstöchter erzählt habe oder nicht. Ich müßte mir eher Sorgen machen, falls wirklich wichtige Leute aus der Zaubererwelt mir unterstellen wollten, ich hätte Unsinn erzählt, um bestimmte Leute blöd aussehen zu lassen. Aber im Moment bin ich beruhigt, daß die wirklich wichtigen Leute mir meine Erlebnisse glauben."

"Die Frage ist nur, wer ist heute wichtig und wird das morgen sein", seufzte Giscard. Diese Frage borhte sich sofort wie ein gefräßiger Wurm in Julius' Bewußtsein. Was wenn schon bald auf Grund der ständigen Übergriffe radikale Maßnahmen getroffen würden? Noch hatte Didier nur geredet, zum Durchhalten aufgefordert und versucht, ihm praktisch erscheinende Auswege anzubieten. Außerdem wußte der zeitweilige Minister, daß er sich das Vertrauen der Zauberergemeinschaft wohl noch nicht so recht verdient hatte.

 

__________

 

In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag erfolgte der wohl schwerste Übergriff der Dementoren auf Frankreich. Sie kamen direkt nach dem Dunkelwerden und verschwanden erst mit dem ersten Morgengrauen. Allerdings wirkten die Gefühlsverstreuer weiterhin, so daß die einfallenden Horden keine Beute machen konnten. Allerdings provozierten sie Verkehrsunfälle in ganz Frankreich. Catherines Haus wurde wieder umzingelt. Doch diesmal brauchte Julius nicht einzugreifen, weil ihre Tante Madeleine zu Besuch war und wie ihre Schwester einen flugfähigen Patronus hervorbringen konnte. Die von Grandchapeau zugeteilten Sicherheitszauberer hatten sich nach den neuerlichen Angriffswellen wieder über das ganze Land verteilt. Didier sah es nicht ein, zehn versierte Kämpfer um ein kleines Haus zu postieren, wenn anderswo ganze Landstriche überrannt zu werden drohten. Alle in Beauxbatons hielten den Atem an, wie Didier auf diesen massiven Angriff reagieren würde. Die Montagsausgabe des Miroir Magique brachte die Antwort:

 

MINISTER DIDIER SAGT:

 

 

"DAS MAß IST VOLL"

 

In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag überrollte unser großartiges Land eine Woge von mindestens zweitausend Dementoren. Selbst die immer noch geheimgehaltene Erfindung, ihre Witterung zu verwirren, vermochte nicht, ihren Schrecken zu bändigen. Dreißig Muggel starben bei Zusammenstößen mit ihren Maschinenkutschen zwischen Paris und Dijon. Das waren dreißig Tote zu viel, stellen die Leiter der Grenzsicherung und des Landfriedens einhellig fest und treten jeder Kritik entgegen, die Ihnen Unfähigkeit vorwirft, die Dementoren bereits beim Betreten Frankreichs zurückzuwerfen. Minister Janus Didier stellte sich gestern Mittag, als die Trümmer der schwersten Angriffswelle der Geschichte, weitestgehend fortgeräumt waren. Er erschien sichtlich verärgert, aber auch wild entschlossen, diese ständigen Beleidigungen und Bedrohungen unserer Gemeinschaft nicht länger hinzunehmen.

"Wer immer bisher der Meinung war, diese Ungeheuer würden irgendwann die Lust daran verlieren, uns andauernd heimzusuchen dürfte nun eindeutig eines besseren belehrt sein", sagte der immer noch mit dem Status der Zeitweiligkeit amtierende Zaubereiminister unserer Reporterin Ossa Chermot. "Es ist nun eindeutig, daß die ständigen Angriffe dazu dienen sollen, den Schutz unserer Welt zu zerstören und obendrein die sorgsam gehegte Geheimhaltung der magischen Welt zu demontieren. Denn auch wenn die nichtmagischen Mitbürger die Schreckgestalten nicht selber sehen können wirken ihre dunklen Kräfte auf sie ein und verursachen Zusammenstöße mit Todesfolge. Unsere wackeren Heiler wurden allein in der vergangenen Nacht andauernd bemüht, die verletzten Muggel zu behandeln, die durch die Kräfte der Dementoren zu Schaden kamen. Dabei sind wir alle über die Grenzen unserer Belastbarkeit gefordert worden, weil mein Vorgänger versäumt hat, rechtzeitig auf die aufgekommene Gefahrensituation zu reagieren. Für mich steht eindeutig fest, daß diese ganzen Invasionsversuche nichts anderes sind, als ein abgekartetes Spiel, um die Stabilität und Harmonie der magischen Gemeinschaft zu zerstören. Mein Vorgänger Grandchapeau hat behauptet, er, der nicht mit Namen genannt werden darf, habe die Macht in Großbritannien übernommen. Auch haben bisher so honorige Hexen und zauberer behauptet, über den britischen Inseln läge ein Fluch, der alle nicht dort selbst geborenen Hexen und Zauberer unmittelbar töte. Ja, da wurde mal vor langer Zeit behauptet, es gebe einen derartigen Fluch, der bestimmte Personen am Betreten eines Ortes hindern und sie beim kleinsten Versuch mit dem Tode bestrafen könnte. Aber, meine lieben Mitbürger, nicht einmal er, der nicht beim Namen genannt werden darf, vermag zwei große Inseln unter einen derartigen Bann zu legen. Grandchapeau behauptete auch, daß der neue Zaubereiminister Thicknesse unter dem Imperius-Fluch stehe und wollte alle Beziehungen zu ihm abbrechen. Die Möglichkeit besteht. Doch weiß ich selbst von Besuchen in Großbritannien, daß der amtierende Zaubereiminister durch starke Schutzzauber vor jedem hinterlistigen Angriff geschützt ist, wenn er sich in seinen Amtsräumen aufhält. Ich halte es eher für glaubwürdig, daß der Umsturz der gesamten europäischen Zaubererwelt geplant ist, weil selbst Sie-wissen-schon-wer weiß, daß ein isolierter Gebietsgewinn nicht lange vorhält, wenn er nicht die Nachbarn unterworfen hat. Er hat Helfer und Helfershelfer in alle Welt geschickt, um seine Machtübernahme vorzubereiten. Agenten der Angst und des Chaos, die den Dementoren mitteilen, wo die Schwachstellen in unserer Grenzsicherung sind und ihnen lohnende Ziele zeigen, um möglichst viel Terror und Verheerung in nicht nur unser Land zu bringen. Es heißt, er versuche alle Hexen und Zauberer mit nichtmagischen Eltern auszurotten und betreibe eine massive Hetzkampagne gegen solche magischen Mitmenschen. Sicher ist, daß viele Hexen und Zauberer, die keine magischen Vorfahren hatten, in den letzten Wochen zu uns herüberkamen, um sich hier anzusiedeln oder weiterzuziehen. Bei dieser Gelegenheit könnten sich auch Spießgesellen des Unnennbaren in unser Land und unser Vertrauen eingeschlichen haben. Es wäre nicht der erste Fall, wo in Flüchtlingsgruppen feindliche Agenten und Attentäter mitgezogen wären. Darum habe ich, um der Bedrohung herr zu werden, mehrere öffentliche Erlasse verfügt und meinen Sicherheitstruppen klare Geheimanweisungen erteilt, um diesem Spuk endlich den Garaus zu machen. Rückwirkend zum ersten November verfüge ich, daß jede Hexe und jeder Zauberer im vollbesitz körperlicher, geistiger und magischer Stärke, die oder der das siebzehnte Lebensjahr vollendet hat, in die Pflicht genommen wird, ihre oder seine Fertigkeiten in der Abwehr dunkler Kreaturen bei einer Examination vor ausgesuchten und für unbedenklich befundenen Mitgliedern der inneren Schutztruppe vorzuführen hat. Dazu gehört auch eine Befragung, um die Gesinnung klar zu ergründen. Wer von meinen Mitarbeitern für Fähig befunden wird, soll in einer neuen Abwehrtruppe gezielt die Dementoren bekämpfen. Alle beruflichen Verpflichtungen sind dabei nichtig. Außerdem werden meine Mitarbeiter in den nächsten Wochen weitere Anweisungen ausführen, die es den eingesickerten Störenfrieden und Attentätern vergellen soll, sich bei uns eingenistet zu haben. Näheres dazu möchte ich nicht verraten, um die fraglichen Subjekte nicht zu warnen und zu Gegenmaßnahmen zu veranlassen. Daß ich Ihnen das jetzt andeute kommt daher, daß ich bereits seit einer Woche die entscheidenden Aufträge ausführen lasse. Weiterhin darf ich Ihnen mitteilen, daß die von mir eingerichtete Abteilung für magischen Grenzschutz keine Zuwanderung von ausländischen Hexen und Zauberern mehr zuläßt, um die Gefahr eines hinter den Dementoren vorgetragenen Schattensturmes so gering wie möglich zu halten. Wer vorgibt, vor der Tyrannei des Unnennbaren zu fliehen soll sich in der Abteilung für inneren Frieden registrieren lassen und sich zu gegebener Zeit einer Befragung unterziehen. Dies gilt nicht nur für jene, die erst vor einigen Wochen zu uns eingewandert sind. Wer allen ministeriellen Anweisungen ohne Widerspruch Folge leistet hat von mir und meinen Mitarbeitern nichts zu befürchten, egal ob er oder sie das Kind magischer oder nichtmagischer Eltern ist. Wer jedoch danach trachtet, unsere Gemeinschaft zu zersetzen und allen Frieden und alle Sicherheit zu stören, wird erkennen müssen, was es heißt, sich mit dem französischen Zaubereiministerium anzulegen. Ich darf in diesem Zusammenhang ankündigen, das der Abteilungsleiter für die Durchsetzung magischer Gesetze bereits wirksame Maßnahmen und Sanktionen ausarbeitet, um dem Treiben der Agenten des Unnennbaren nachhaltig Einhalt zu gebieten. An Ihre Leserinnen und Leser richte ich den Appell, alle gegenwärtigen Verpflichtungen auf Zurückstellung zu prüfen und sich für die von mir umrissenen Maßnahmen bereitzuhalten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!"

Auf die Frage nach näheren Einzelheiten verweigerte Minister Didier die Antwort. Auf die Frage nach seiner Einschätzung, was das Verschwinden von Madame und Monsieur Grandchapeau herbeigeführt hat, antwortete Minister Didier, daß dies interne Ermittlungen berühre, über deren Stand und Verlauf keine Auskunft erteilt werden dürfe. Dann hieß er unsere Reporterin, ihn seinen Amtsgeschäften zu überlassen, was klar und deutlich heißt, daß er der Presse keine weiteren Auskünfte erteilen möchte. So bleibt uns nur zu fragen, ob es diese Agenten des Unnennbaren gibt, welche Absicht sie denn hätten und welchen Schaden sie bereits verursacht haben könnten. unsere Reporterin Ossa Chermot bemüht sich derzeit, Stellungnahmen von hochrangigen Mitgliedern der Zaubererwelt zu bekommen. Wir hoffen zuversichtlich, morgen früh näheres berichten zu können.

"Oha, jetzt hat er echt das Kriegsrecht ausgerufen", stöhnte Julius. Robert fragte ihn, was er damit meine. Julius schilderte, daß er mit seiner Mutter verschiedene Regierungsformen besprochen habe. Eine Möglichkeit bestand demnach darin, daß ein Herrscher alle bürgerlichen Rechte außer Kraft setzen und die Soldaten zur Sicherung der Ordnung losschicken konnte. Etwas ähnliches fürchtete er hier und jetzt. Gérard meinte dazu, daß es wohl nicht schlecht sei, wenn alle anständigen Zauberer sich meldeten, um rauszubekommen, was sie tun konnten. Gaston wandte ein:

"Dann wird sich unsere werte Saalkönigin da nicht rausreden können, daß das ein unvernünftiger Befehl sei. Denn sonst könnte die ja glatt als Ihr-wißt-schon-Wers Agentin verdächtigt werden." Julius schwieg dazu. Sie hatten es jetzt schwarz auf weiß, daß der neue Minister die Zügel anziehen wollte und mal eben verkündet hatte, daß alle Zauberer sich seinem Befehl zu unterstellen hätten, auch wenn sie nicht im Ministerium arbeiteten. Daß er das so gesondert betont hatte, daß alle, ob mit oder ohne magische Eltern geschützt würden, klang so, als wolle der Minister sicherstellen, daß alle Hexen und Zauberer mit nichtmagischen Eltern sich irgendwann registrieren lassen sollten. Ähnliches verlangte ja auch die Kommission für Muggelstämmige in England. Bei dem Gedanken daran läuteten Julius' innere Alarmglocken. Im Namen der Sicherheit könnte es dem Minister einfallen, alle Muggelstämmigen in Schutzhaft zu nehmen, weil er fürchtete, daß sie bald gezielt gejagt würden. Das konnte noch was geben.

Nicht nur am grünen Tisch wurde die vollständige Aussage des amtierenden Ministers diskutiert, wie Julius am überdurchschnittlich lauten Raunen hören konnte. Madame Maxime klatschte in die Hände und verlas Didiers Stellungnahme und vagen Ankündigungen laut, um allen hier dieselben Informationen in möglichst wenig Zeit zukommen zu lassen. Dann sagte sie laut und unmißverständlich:

"Beauxbatons genoß zu allen Zeiten seiner Geschichte eine Unantastbarkeit im Namen der sicheren Ausbildung. Ich werde warten, ob Minister Didier tatsächlich darauf abzielt, diesen Status quo in Frage zu stellen und welche plausiblen Argumente er dafür vorzubringen hat. Bis dahin erwarte ich von Ihnen allen hier, daß Sie die an Sie gestellten Aufgaben mit allem Ihnen möglichen Einsatz erfüllen, als sei diese Aussage nicht in die Zeitung gesetzt worden. In einer halben Stunde beginnt der Unterricht. Frühstücken Sie ausreichend, um genug Energie für den Vormittag aufzunehmen! Vielen Dank!"

"Mal sehen, ob sich Professeur Faucon in der Verwandlungsstunde dazu äußert", sprach Robert einen Gedanken laut aus.

"Das wird sie, wenn sie das für nötig hält, wohl eher heute Nachmittag machen, wenn wir Verteidigung gegen die dunklen Künste bei ihr haben", vermutete Gérard.

"Sollen wir wetten?" Fragte Robert. Gaston schmunzelte nur. Julius lehnte es ab, auf derartige Sachen zu wetten. Die anderen Jungen grinsten ihn an. Natürlich durfte ein Broschenträger nicht wetten, war doch klar.

So verging die erste Doppelstunde, wo sie es von den Riesenkriegen und deren Folgen hatten. Dann folgte Verwandlung. Tatsächlich sagte Professeur Faucon zu Didiers Äußerungen kein einziges Wort. Doch alle fühlten fast körperlich, wie angespannt die Lehrerin war, auch wenn sie nicht strenger als ohnehin schon die Klasse anleitete, Verschwindezauber auf niedere Wirbeltiere anzuwenden, während Julius sich wieder in Beschwörungszaubern üben sollte und dabei Sachen wie Kerzenleuchter oder kleinere Kommoden dauerhaft zu materialisieren, bis er sie wieder verschwinden lassen sollte.

Nach dem Mittagessen fragte Laurentine Julius, ob Gaston irgendwas geäußert hätte, ob er Professeur Faucon auf die Didier-Doktrin ansprechen wolle. Julius fragte, was eine Doktrin sei, weil er mit politischen Ausdrücken nicht so vertraut war wie mit naturwissenschaftlichen oder Zaubereikundlichen Sachen. "Damit ist eine Grundhaltung gemeint, die ein Regierungschef äußert, beispielsweise, wenn ein Präsident klarstellt, daß in seinem Land keine Rassentrennung erlaubt sein darf oder mit bestimmten Staaten keine Geschäfte gemacht werden dürfen und das so einschneidend formuliert wird, daß es die ganze Politik bestimmt. Zumindest hat mein Vater das mal so erklärt, als es um die Frage nach einem Verzicht auf Atomenergie ging, daß sowas dann wohl als neue Doktrin gelten würde. Wobei in Frankreich wohl keine Partei auf die Atomkraftwerke verzichten möchte."

"Die alle schön die Loire entlang aufgereiht sind", grummelte Julius. Er war zwar nicht gegen neue Technologie an sich, fragte sich aber immer wieder, zu welchem Preis sie zu haben war. Ähnliches durfte er jetzt wohl auch in der Zaubererwelt fragen, was die von Didier versprochene Sicherheit kosten würde und wer wie dafür zu zahlen hatte.

"Dann liege ich was Didiers Äußerungen angeht ja doch irgendwie richtig, daß er heute das Kriegsrecht über die französische Zaubererwelt ausgerufen hat. Zumindest das haben meine Eltern mir mal erklärt."

"Stimmt, könnte echt so rüberkommen", seufzte Laurentine. "Und das gemeine daran ist, daß ein Großteil der Bevölkerung nichts davon mitbekommen wird, was bei uns jetzt so läuft."

"Nun denn", setzte Julius an, "wollen hoffen, daß die Freie Zaubererwelt nicht von diesem übereifrigen Typen kaputtgemacht wird. Weil dann könnte der Lord Unnennbar gleich eine Glückwunscheule schicken, daß allein die Angst vor ihm schon ausgereicht hat, alle Freiheiten aufzugeben."

"Ob wir soweit sind, Julius? Könnte ja auch alles funktionieren, ohne unsere Freiheit aufgeben zu müssen."

"Ja, wenn er das ganze auf Freiwillig hätte laufen lassen. Aber wie das in der Zeitung steht will er das verpflichtend machen, und gute Hexen und Zauberer ausschließlich zum Kampf gegen Dementoren einstellen. Die fehlen dann anderswo", erwiderte Julius. "Abgesehen davon haben die ja schon von sich aus bei der Verteidigung ihrer eigenen Wohnorte gezeigt, daß sie keine Probleme haben, einzelne Angriffe abzuwehren. Nur jetzt sollen sie nur noch für die Abwehr bereitstehen. Und ob das was bringt weiß ich nicht."

"Ich auch nicht, Julius. Aber ändern können wir beide im Moment auch nichts dran", erwiderte Laurentine verdrossen.

Im Unterricht brachte nicht Gaston sondern Céline das Thema Dementorenabwehrverpflichtung zur Sprache. Professeur Faucon nickte ihr verhalten zu und sagte dann: "Es war zu erwarten, daß der zeitweilige Minister Didier seine Ankündigungen wahrmachen wird, weil er davon ausgeht, daß nur auf Befehl hin eine erfolgreiche Abwehr dieser Bedrohungen funktioniert. Er hat tatsächlich auch schon einen Brief an Madame Maxime geschickt. Darin fordert er sie auf, alle Schüler über siebzehn von unabhängigen Experten auf die Fähigkeiten prüfen zu lassen, Dementoren abzuwehren. Die Experten werden am Wochenende zu uns stoßen. In meiner Eigenschaft als Lehrerin für die Protektion gegen destruktive Formen der Magie soll ich die Schüler meiner UTZ-Klassen darauf vorbereiten. Dies habe Priorität, obwohl es noch genug andere, wesentlich gravierendere Gefahrenquellen gibt als die Dementoren."

"Und was hat Madame Maxime Ihnen dazu gesagt?" Fragte Julius.

"Daß sie dem Minister eine Antwort schicken wird, die beinhaltet, daß ohne ausdrückliche Aufforderung des Elternrates keine Änderungen am laufenden Unterricht vorgenommen werden dürfen und daß volljährige Schüler, die aus freien Stücken die Ausbildung beenden wollen, unwiderruflich die Akademie zu verlassen haben und ob Didier damit einer ganzen Jahrgangsstufe die Chancen auf einträgliche Berufe in der Zaubererwelt versagen möchte, wenn er verlangt, daß jeder sich ihm und seiner sogenannten Abteilung für innere Sicherheit zur Verfügung zu stellen hat."

"Das heißt aber dann auch, daß Sie als hier lebende Expertin für den Patronus-Zauber zu springen haben, wenn Minister Didier ruft", provozierte Gaston die Lehrerin.

"Abgesehen davon, daß ich nicht springe, sondern gesittet gehe, fliege oder appariere, Monsieur Perignon, wird zu klären sein, ob zwanzig oder dreißig weitere Hexen und Zauberer im Kampf gegen die Dementoren mehr ausrichten als eine mobile Einsatztruppe, die nur dort eingreift, wo wirklich Gefahr besteht. Wenn Sie die Meldungen gelesen haben, wo die Dementoren zugeschlagen haben, so können Sie feststellen, daß sie sich mittlerweile nicht mehr auf größere Ansiedlungen stürzen, sondern auf einzelne Dörfer. Sie nutzen das Überraschungsmoment, weil sie in friedlichen Kleinsiedlungen in den Pyrenäen oder dem Rhonetal nicht erwartet werden. Ich erinnere noch einmal daran, daß die Übergriffe einem bestimmten Zweck dienen, den wir bisher nicht erkannt haben. Denn wenn es nur darum ginge, Menschen zu entseelen, hätten die Dementoren dies bereits bei ihren allerersten Heimsuchungen vorangetrieben. Sie bereiten einen heimlichen Angriff von anderer Seite vor, der sich schwerwiegender auswirken wird als zehntausend Dementoren."

"Sagen Sie", wandte Gaston ein. "Aber wer sagt, daß es den Dementoren nur noch nicht erlaubt wurde, voll zuzulangen, weil Sie-wissen-schon-Wer keine seelenlosen zauberer haben will?"

"Der Umstand, daß er ja dann seine Helfer auf arglose Muggel hetzen würde, um diese zu entseelen."

"Ich fürchte, wir werden diese Biester nur los, wenn mehr von diesen Sachen gemacht werden, die die wirklich auslöschen können", wandte Julius ein. "Ich lese nur was davon, daß Leute die abwehren sollen. Wenn man Ratten loswerden will, reicht das nicht, die für einige Zeit fortzuscheuchen. Die kommen wieder, solange sie Futter finden und sie keiner wirklich tothaut." Professeur Faucon sah Julius verdrossen an, als wolle sie ihm gleich vorhalten, nicht so rechthaberisch daherzureden, wenn er keine wirksame Lösung anzubieten habe. Dann sagte sie ganz ruhig:

"Es gibt neben der vor einigen Wochen noch vortrefflich funktionierenden Abtötungsart Zauber, mit denen Dementoren unwiederbringlich beseitigt werden können, Monsieur Latierre. Doch hierzu müßten pro Dementor mindestens vier ausgebildete und mit dem Zauber vertraute Personen aufgeboten werden. Dann würden Sie dem geschäftsführenden Minister Didier indirekt zustimmen, wenn er eine Einberufung aller volljährigen Hexen und Zauberer anordnet, um ausschließlich der Dementorenplage Herr zu werden."

"Warum weiß eigentlich keiner so genau, was diese Biester hervorbringt?" Warf Laurentine ein. "Dann könnte der Prozeß entweder angehalten oder umgekehrt werden. Dann könnte sowas wie ein Sterilisationsfeld diese Biester abtöten. Wie reagieren die zum Beispiel auf elektrische Entladungen? Können die mit gebündeltem Licht bekämpft werden? Sind die wirklich gegen Geschosse immun? Wie vermehren die sich? Kann man deren Paarungstrieb oder Jungfernzeugung blockieren?"

"Gebündeltes Licht?" Fragte Gaston. "Kenne keinen Zauber, mit dem sowas geht. Abgesehen davon bringt sowas doch nichts, weil licht keinen körperlichen Schaden anrichten kann." Laurentine seufzte verhalten, während Professeur Faucon Julius auffordernd ansah und ihn anwies, seinem Klassenkameraden zu beschreiben, wie Licht in der Muggelwelt gebündelt werden konnte und ob das irgendwelche Auswirkungen hätte.

"Gehört zwar eher in den Muggelkundeunterricht, aber ist kein Problem das zu erklären", erwiderte Julius und ging an die Tafel. Er beschrieb die Erfindung und Verwendung von Laserstrahlen und beendete den Kurzvortrag damit, daß ja auch Sonnenlicht als von Linsen gebündelte Strahlung Löcher in Sachen hineinbrennen oder Feuer entzünden konnte und Laserstrahlen noch stärker gebündelte Lichtstrahlen seien. "Die Frage, ob diese Art von künstlicher Eneergiestrahlung Dementoren verletzen oder töten kann wurde wohl deshalb noch nicht angewendet, weil alles nichtmagische Licht von der Dementorenaura verschluckt wird. Insofern weiß ich nicht, ob ein Laserstrahl dann wirklich noch stark genug wäre, um bei einem Dementor anzukommen. Stromschläge wie magische Entladungen oder Blitze machen denen nichts aus, weil sie schweben, Laurentine. Das heißt, die sind nicht geerdet." Laurentine schlug sich mit der flachen Hand an die Stirnn und nickte höchst verbittert.

"Hätte ich ja drauf kommen können", grummelte sie. "Ich habe die Viecher doch in Millemerveilles sehen müssen."

"Kommen wir also zu anderen Gewaltformen, wie Geschosse oder Säuren", warf Professeur Faucon ein. "Dementoren sind zu stark, um sie mit Schlägen zu traktieren und vermögen es, Klingenwaffen und Geschossen blitzschnell auszuweichen. Feuer gehört zu den nichtmagischen Lichtquellen und ist daher wirkungslos. Die von Monsieur Latierre erwähnte Muggeltechnik, Licht zu glühendheißen, skalpellscharfen Strahlen zu bündeln unterliegt der Intoleranz elektronischer Geräte gegen Magie, und Dementoren verbreiten eben eine starke magische Ausstrahlung, besonders in der Rotte. Daher würde die Lichtverstärkung durch künstlich emittierte Strahlung versagen, weil ihre Prozesse zum Erliegen kommen, bevor ein solches Lichtbündel erzeugt werden kann. Bleiben noch Säuren. Säuren gefrieren in der Wärme entziehenden Aura der Dementoren und können daher nicht auf sie einwirken. Wurde alles schon versucht."

"Sie atmen doch. Dann ginge doch Sauerstoffentzug", wandte Laurentine ein.

"Sie atmen mentale Energie, Mademoiselle Hellersdorf. Sie saugen glückliche Gedanken ein und hinterlassen unangenehme bis peinigende Erinnerungen und Gefühle. Allerdings wurde bisher auch nicht versucht, einen Dementor in einen gegen Atemluft abgeschlossenen Raum zu sperren und zu sehen, ob er ohne das Atemgas Sauerstoff weiterleben kann."

"Sonst wären die schnell erledigt. Du stellst ein paar Leute in Raumanzügen in eine große Halle als Köder hin. Die Dementoren kommen rein. Tür zu. Die Luft wird abgepumpt und Peng, die sind tot", erwiderte Julius, nachdem er sich von Professeur Faucon Sprecherlaubnis geholt hatte. Dann zuckte ein Gedankenblitz hinter seiner Stirn und ließ ihn sehr aufgeregt nachfragen, warum Dementoren nur bis zu zweihundert Meter hoch fliegen könnten.

"Wir wissen es nicht", erwiderte Professeur Faucon. Julius fragte dann noch, ob Dementoren das spüren könnten, was Muggel Radioaktivität nannten und ob ihnen das vielleicht was anhaben könnte.

"Dies hieße einen Drachen mit mehreren Basilisken oder gar Nundus auszutreiben", knurrte Professeur Faucon. "Selbst wenn diese unsichtbare Kraft auf Dementoren tödlich wirken würde, auf Menschen und andere Lebewesen wirkt sie ja auch tödlich. Da Sie das besser wissen als die meisten in diesem Raum wollten Sie uns bestimmt nicht empfehlen, Quellen dieser Strahlung gegen Dementoren einzusetzen oder gar jene zerstörerischen Atomspaltungsbomben zu benutzen."

"Bloß nicht!" Erwiderte Julius. "Ich wollte nur wissen, ob da etwas zu bekannt wäre. Denn wenn man mehr als tausend Meter nach oben steigt, ist die aus dem Weltraum kommende Strahlung von den fernen Sternen stärker, je weiter es nach oben geht. Hätte sein können, daß Dementoren deshalb nicht gerne über zweihundert Meter nach oben steigen. Oder sie brauchen Kontakt mit der Erde. Sie haben uns doch erzählt, daß ein Dementor bei Nacht seine Kraft bis knapp zweihundert Meter Umkreis ausdehnen kann. Das paßt auch zu meinen Erlebnissen im Hogwarts-Express. Da war es nur ein Dementor, der die Abteile durchsucht hat. Und trotzdem war alles stockdunkel und Kalt."

"Wie gesagt, wissen tun wir es nicht, Monsieur Latierre. Aber Professeur Tourrecandide hat bereits vor zwanzig Jahren eine ähnliche Vermutung geäußert wie Sie, Monsieur. Sie behauptete, daß Dementoren deshalb nicht höher steigen könnten, weil die Erde als stabilisierender Faktor benötigt würde. Sie können jedoch in großen Höhen existieren, wo die von Ihnen erwähnte Weltraumstrahlung ebenfalls etwas stärker einwirkt, Monsieur Latierre. Allerdings können sie nicht mehr als zweihundert Meter über einer annähernd stabilen Oberfläche fliegen. Wenn Sie über offenes Meer fliegen, steigen sie gerade zehn ihrer Längen nach oben, hat meine Fachkollegin einmal beobachtet, als sie im Auftrag der Liga wider dunkle Kräfte die Gefängnisinsel Askaban umrundet hat, um die Sicherheitsvorkehrungen zu prüfen."

"Dann schlage ich mal ganz dreist vor, daß jemand was baut, was diese Ungeheuer mehr als zweihundert Meter vom Grund wegzieht oder mehr als zehn Meter von der Wasseroberfläche", warf Julius ein und erntete amüsiertes Grinsen. Professeur Faucon sah ihn mit einer Mischung zwischen Zustimmung und Verdrossenheit an. Sie sprach jedoch weder Lob noch Tadel für diese Idee aus, sondern wies nur darauf hin, daß sich Dementoren nicht mal eben einfangen und an irgendwelche Zugvorrichtungen fesseln ließen, um dieses Experiment durchzuführen. Hinzu käme ja die Verzweiflung, die sie in jedem fühlenden Wesen erzeugten. Diese würde die Hoffnung auf Gelingen eines solchen Versuches niederdrücken und den Tatendrang lähmen, ihn zu wagen. Also blieben als verläßliche Methoden nur der Patronus, der mehrere hundert von ihnen verscheuchen konnte, wenn er mächtig genug beschworen wurde, jene vom Ministerium bereits angewandte Methode, sie aufzulösen und die von einem Zauberer namens Balder entwickelte Methode, sie zu zerstören. Die letzte sichere Methode bestünde darin, sie alle zusammenzutreiben und in einer Zone mit Flugabwehrzaubern einzuschließen und sie sich selbst zu überlassen, bis sie alle ihre Kraft verbraucht hätten und dann wie heruntergebrannte Kerzen von selbst erlöschen würden.

"Sie haben diesen Geschöpfen damals einen ungeheueren Gefallen getan, sie als Wächter eines magischen Gefängnisses einzusetzen", schnarrte Professeur Faucon noch. "Jetzt bekommen wir alle ihre Dankbarkeit zu spüren."

"Dann bleibt wieder die Frage, ob Sie den Befehl ausführen würden, gegen diese Wesen zu kämpfen, wenn der Minister das verlangt", wandte Gaston ein.

"Zum einen muß kein Minister mir befehlen, Dementoren abzuwehren, wenn ich sie antreffe", erwiderte Professeur Faucon. "Zum anderen unterstütze ich durch meine Mitgliedschaft in der Liga gegen dunkle Künste jeden Kampf gegen bösartige Zauberkräfte und -wesen und helfe mit Ratschlägen und Taten dabei, diese Gefahren zu beseitigen. Die beste Art ist bisher die, Ihnen allen genug Kenntnisse und Praxis zu vermitteln, gegen die Bedrohungen der dunklen Seite bestehen zu können. Damit meine ich nicht nur Dementoren."

"Mit anderen Worten, Sie würden nicht losgehen, wenn der Minister Ihnen den Befehl erteilte, am Strand aufzupassen, daß keine Dementoren durchbrechen", wollte Gaston sie festnageln. Laurentine hob die Hand. In ihrem Gesicht stand wilde Entschlossenheit.

"Gaston, du willst Professeur Faucon unbedingt als unzuverlässig hinstellen oder gar feige nennen. Aber dann frage ich dich doch mal, wer uns hier weiter unterrichten soll, wenn jeder halbwegs mit dem Patronus klarkommende Zauberer oder jede Hexe, die von diesem Zauber genug Ahnung hat als Strandaufsicht abkommandiert wird. Ich meine, würde es dann das Unterrichtsfach Protektion gegen destruktive Formen der Magie überhaupt noch geben? Überleg dir das bitte mal!" Gaston sah seine Klassenkameradin, mit der er sich in den letzten Wochen etwas mehr beschäftigt hatte perplex an, während Julius Laurentine hochachtungsvoll anlächelte. Er hob die Hand, bevor Gaston seine Verwirrung überwinden konnte. Professeur Faucon nickte ihm zu.

"Da hätte ich auch schon drauf kommen müssen, Laurentine, daß das vielleicht der Zweck dieser ganzen Angriffe ist, nämlich alle fähigen Verteidigungsexperten davon abzuhalten, anderen was beizubringen, weil sie selbst zu sehr beschäftigt sind. Verteidigung gegen böse Zauber gehört zu den Grundfächern in Beauxbatons, so die Schulordnung. Das heißt, jeder hier muß dieses Fach von der ersten bis mindestens zu den ZAGs mitmachen. Wenn es aber nicht mehr unterrichtet werden kann, weil kein Fachlehrer gefunden wurde oder unterrichten kann, verstößt Beauxbatons gegen die mit den Vorläufern des französischen Zaubereiministeriums getroffenen Absprachen, eine umfassende Grundausbildung in allen unschädlichen Zweigen der Magie zu erteilen. In Hogwarts haben sie vor zwei Jahren die nette Dolores Umbridge als vom Ministerium abgestellte Lehrerin ertragen müssen, weil Professor Dumbledore von sich aus keinen finden konnte, der das Fach unterrichtet. Für Hogwarts galt damals dasselbe wie heute noch für Beauxbatons, also daß dieses Fach unbedingt von der ersten Klasse bis zu den ZAGs unterrichtet werden soll. Wenn Minister Didier jetzt verlangt, daß sämtliche darin geübte Hexen und Zauberer nur noch Dementoren abwehren müssen, fällt der Unterricht in diesem wichtigen Fach aus. Da kämen Madame Maxime und die Schulräte arg in Erklärungsnot. Abgesehen davon, daß wir hier dann nichts brauchbares mehr lernen würden, um uns gegen den Zauberer mit dem unaussprechlichen Namen und seine Bande zu schützen."

"Ja, und in letzter Konsequenz müßte entweder der Lehrauftrag von Beauxbatons völlig neu festgeschrieben werden, wozu die Zustimmung aller Eltern dort unterrichteter Schüler einzuholen ist, oder die Akademie müßte nach den gegenwärtig gültigen Regeln geschlossen werden, weil sie ihrem Auftrag umfassender Ausbildung nicht mehr nachkommen könne", schnarrte Professeur Faucon und zwinkerte Julius zu. "So möchte ich Sie, Monsieur Perignon, und jeden anderen, der oder die sich nicht getraut hat, mich hier zu einer Aussage im Sinne Didiers festnageln zu wollen dringendst die Frage zu bedenken anempfehlen, ob Sie darauf verzichten wollen, weiterhin in Ihren magischen Fertigkeiten ausgebildet zu werden. Sicher werden gerade die aus reinen Zaubererfamilien stammenden unter Ihnen einwerfen, daß Ihre Eltern oder anderen Verwandten Sie weiterhin ausbilden können, wie es vor der Gründung der Akademie üblich war. Dann dürfen Sie jedoch nicht vergessen, woher Ihre Eltern eine systematische Ausbildung erhalten haben, um diese mit Ihnen teilen zu können. Zaubererschulen wie Beauxbatons und das Hogwarts von vor dem ersten August diesen Jahres wurden von wackeren und weitsichtigen Größen der magischen Welt begründet, um die bis dahin bestehende Unordnung magischer Kenntnisse und Fertigkeiten zu beenden und unserer Zaubererwelt ein festes, dauerhaftes Fundament zu verschaffen, auf dem jeder, in dessen Körper und Geist magische Kräfte angelegt sind, nach allgemein gültigen Regeln erlernt, diese zu nutzen und im Sinne einer gesellschaftlich anerkannten Weise damit umzugehen. Sicher gab und gibt es Unterschiede in Kenntnis und Talenten, auch in Beauxbatons. Aber was nützt Talent, wenn es nicht systematisch ausgelotet wird und mit dem anderer ständig verglichen wird? Was nützen Kenntnisse, wenn es keinen Ort gibt, wo sie gebündelt und weitergegeben werden können? Jeder magische Mensch müßte dann durch Ausprobieren und Irrtümer lernen, was er oder sie kann. Denn längst nicht immer findet ein magisch begabtes Kind den richtigen Lehrmeister, und schon gar nicht, wenn es aus einem magielosen Elternhaus stammt. Soviel für Sie zum bedenken nach dem Unterricht. Jetzt erwarte ich von Ihnen allen die volle Aufmerksamkeit für die heutige Übungseinheit. Anknüpfend an die Diskussion der letzten Stunde werden wir heute über gefährliche Zauberwesen sprechen. Dementoren haben wir ja in diesem Zusammenhang schon erwähnt. Schreiben Sie sich bitte ohne Absprache auf, welche Wesen Ihnen aus dem bisherigen Unterricht oder beiläufigen Erwähnungen im Gedächtnis verblieben sind! Sie haben zwanzig Minuten Zeit."

Sie sprachen dann über die Kreaturen, die eindeutig bösartig waren oder nur unter bestimmten Umständen gefährlich werden konnten und unterteilten sie mit einer Bewertungsskala, wobei Wesen, die ihre gefährlichen Eigenschaften wie ansteckende Krankheiten weitergeben konnten am Ende als bedrohlicher eingestuft wurden als jene, die einzelne Menschen bei einer direkten Begegnung töten konnten. Allerdings brachten Céline und Julius ein, daß Werwölfe, obwohl sie ihren Fluch weitergeben konnten, weniger gefährlich seien als Vampire oder Abgrundstöchter, weil letztere arglose Menschen versklaven und mit Teilen ihrer Kräfte versehen konnten, um andere Menschen zu töten. Julius dachte an die Skyllianri. Wenn Corinne auch schon von denen gehört hatte, dann könnte er die doch auch hier im Unterricht erwähnen. Womöglich würden dann alle hier total erschüttert sein. Doch woher er wußte, was er wußte, sollte außer Professeur Faucon kein weiterer mitbekommen. Allerdings nahm er sich vor, Professeur Faucon zu bitten, die Liga gegen die dunklen Künste auf diese Wesen aufmerksam zu machen, falls die Lehrerin das noch nicht getan hatte.

Nach dem Unterricht behielt Professeur Faucon Céline und Julius im Klassenraum. "Ihr Kamerad Monsieur Perignon ist nicht als einziger der Meinung, ich hätte umgehend alle Verpflichtungen Ihnen gegenüber zurückzustellen und mich dem Zaubereiministerium zur Verfügung zu stellen. Daher wird heute Abend eine außergewöhnliche Saalsprecherkonferenz stattfinden. Die von Ihnen besuchten Freizeitkurse fallen für Sie deshalb heute aus."

"Laurentine nannte die Äußerungen von Minister Didier eine Doktrin, weil die dazu führen könnten, daß die ganze französische Zaubererwelt umgekrempelt wird", erwähnte Julius. "Fürchten Sie, daß Didiers Politik Beauxbatons gefährdet?"

"Nicht nur aber auch", knurrte Professeur Faucon. "Aber dies behalten Sie einstweilen für sich, weil Madame Maxime in diesem Zusammenhang nähere Einzelheiten erbeten hat und diese bis zum Mittag noch nicht eingetroffen sind. Am Lehrertisch besprachen wir die möglichen Auswirkungen dessen, was auch ich eine Doktrin nennen möchte. Immerhin hat Didier klar skizziert, daß er wie sein US-amerikanischer Kollege Wishbone eine Politik der Abschottung und Überwachung betreiben will. Was in der Zeitung stand und wohl noch stehen wird ist nur ein Bruchteil dessen, welche Umwälzungen sich bereits ereignet haben und noch ereignen werden. Ich erwähne in diesem Zusammenhang nur, daß meine Kollegin Tourrecandide ultimativ aufgefordert wurde, ihre kritischen Äußerungen gegen den amtierenden Zaubereiminister zurückzunehmen und seine Vorgehensweise zu unterstützen. Da Sie beide intelligent genug sind, um die Bedeutung dieser Enthüllung zu erkennen, werde ich weder Ihre noch meine Zeit mit überflüssigen Erläuterungen vertun. Bitte teilen Sie Ihren Saalsprecherkollegen mit, daß wir uns heute abend um acht Uhr in Madame Maximes Sprechzimmer treffen!" Céline und Julius nickten zustimmend und verließen den Unterrichtsraum.

"Ultimativ, was heißt das, Julius?" Fragte Céline beunruhigt.

"Daß sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt tun muß, was der Minister von ihr verlangt. Sonst könnte ihr was unangenehmes passieren", sagte Julius. Céline verstand und wurde blasser als sie eh schon war. Julius zog sie damit auf, daß alle meinen könnten, sie habe sich in einen Vampir verwandelt, wofür sie ihm verärgert in die linke Seite boxte.

Als die Saalsprecher sich um acht Uhr abends in Madame Maximes Salon versammelt hatten waren außer der Schulleiterin und Professeur Faucon auch Monsieur Descartes von der Abteilung für magische Ausbildung und Studien sowie Madame Marianne Lagrange als Abgesandte der Schulräte von Beauxbatons anwesend. Offenbar ging es um die Zukunft von Beauxbatons. Die halbriesische Schulleiterin verlas zur Einleitung noch einmal die Verlautbarung des derzeitigen Zaubereiministers und las dann zwei Briefe vor. Der eine war die bereits erwähnte Ankündigung, alle volljährigen Schüler zu prüfen, wie gut sie den Patronus beherrschten und eine Anfrage, ob diese Schüler dann vom laufenden Unterricht freigestellt werden würden. Der zweite Brief war eine Antwort auf Madame Maximes Rückfrage, wie sich der Minister den Lehrbetrieb von Beauxbatons vorstelle und die verbindlichen Regeln für den Schulbesuch mal so eben außer Kraft setzen wolle. Didier oder eine Schreibkraft in seinem Auftrag hatte ziemlich ungehalten formuliert, daß der Minister durch die ihm übertragene Verantwortung verpflichtet sei, alle Kräfte auszuschöpfen, wenn eine Gefahr nicht allein mit ministeriellem Personal beseitigt werden konnte. Didier erkenne aber an, daß der Unterricht gegen die dunklen Künste nicht gestört werden dürfe und forderte Madame Maxime auf, ihm geeignete Vorschläge zur Fortsetzung zu machen, falls sich erweise, daß Professeur Faucon als Abwehrexpertin gegen Dementoren unentbehrlich für die Gegenwehr sei. Es sei nicht geplant, den Unterricht der Akademie zu beeinträchtigen, weil die großen Leistungen von Beauxbatons der Zaubererwelt bisher vortreffliche Dienste erwiesen hätten. Allerdings müsse Madame Maxime akzeptieren, daß außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Maßnahmen verlangten. Die Schulleiterin machte nach Verlesung dieses Abschnittes eine taktische Pause. Alle sahen sie an. Golbasto und Julius blickten die mehr als drei Meter hochgewachsene Direktrice verstehend an. Sandrine fragte, ob das hieß, daß volljährige Schüler vielleicht sogar vom Ministerium gezwungen werden könnten, die Schule zu verlassen, um gegen die Dementoren zu kämpfen. Madame Maxime las den Brief noch einmal leise und nickte dann schwerfällig. Julius bat ums Wort.

"Ich habe das heute morgen mit meinen Klassenkameraden schon mal angedeutet, daß Minister Didier sowas wie das Kriegsrecht über die französische Zaubererwelt ausgesprochen hat, Mademoiselle Dumas. Das heißt, im Namen der Sicherheit vor einem Feind von außen oder Innen können Sicherheitskräfte die zugesprochenen Rechte außer Kraft setzen. Das kann also auch das Recht auf freie Berufswahl und Unversehrtheit betreffen. Das verstehe ich zumindest darunter, daß Mitarbeiter des Ministeriums alle Schüler über siebzehn prüfen wollen. Beim Muggelmilitär nennt man das Musterung, weiß ich von meinen Eltern. Im Krieg wurden junge Leute, damals nur Männer, von Ärzten untersucht, ob sie zum kämpfen geeignet waren und dann als Soldaten in die Schlacht geschickt. Ich weiß nicht, wie das in Frankreich bei den Muggeln ist, ob die eine sogenannte Wehrpflicht haben, wo jeder junge Mensch ab Volljährigkeit für eine Zeit lang Soldat sein muß oder ob die Truppen aus Freiwilligen bestehen. Ich hörte nur mal was von der in Frankreich betriebenen Fremdenlegion, die Ausländer als Soldaten hält und in ziemlich gefährliche Aktionen reinschickt. Womöglich ist das Monsieur Janus Didier auch völlig egal, wie das bei den Muggeln abläuft, weil er schlicht große Angst hat, die Dementoren könnten uns alle überrollen, wenn er nichts tut."

"Will sagen, weil ich den Patronus gelernt habe müßte ich auf den Rest der Ausbildung hier verzichten?" Wandte sich Giscard Moureau an Madame Maxime. Diese sah ihn sehr entschlossen an und sagte:

"Nun, was Monsieur Latierre angedeutet hat entspringt der durch viele Kriege getrübten Geschichte seiner Eltern und Verwandten. Ich möchte jedoch nicht kategorisch ausschließen, daß er recht behalten kann. Vieles hängt davon ab, ob die Dementoren nun immer weiter über unser Land herfallen oder irgendwann aufgeben, weil sie entweder das Ziel ihrer Angriffe nicht erreichen oder zum Rückzug befohlen werden, weil der Zweck ihrer Überfälle längst erfüllt ist. Um Ihre Frage zu beantworten, Monsieur Moureau: Sie haben das von den magischen Bürgerrechten und der Schulordnung garantierte Recht, Ihre Ausbildung bei Vollendung des siebzehnten Lebensjahres abzubrechen, sofern Sie dies vor dem Beginn des letzten Schuljahres offiziell bekanntgeben oder durch familiäre Umstände gezwungen sind, während eines Schuljahres die Ausbildung zu beenden. Verlassen Sie ohne derartige Ankündigungen die Akademie oder bleiben ohne ausdrückliche Begründung dem Unterricht fern, erlischt unser Ausbildungsangebot an Sie unwiderruflich. Nur familiäre Umstände erlauben es Ihnen, nach deren Bewältigung, das letzte Schuljahr zu absolvieren, zu dem Sie jedoch eben erst im folgenden Schuljahr berechtigt sind. wie es in Hogwarts oder Durmstrang gehandhabt wird weiß ich nicht und ist für meine Entscheidungen auch unerheblich. Sie können freiwillig die Schule verlassen. aber dann eben für immer. Ist also zu klären, ob eine Anfrage des Zaubereiministeriums Ihnen diesen Schritt wert ist oder nicht. Wir können Sie nicht zwingen, hierzubleiben, bieten Ihnen jedoch die Möglichkeit, Ihre Ausbildung mit bestmöglichen Resultaten abzuschließen. Falls Minister Didier befindet, alle von seinen Leuten geprüften Schülerinnen und Schüler hätten unverzüglich die Akademie zu verlassen, muß er mir und dem hier anwesenden Monsieur Descartes eine gesetzliche Begründung vorlegen und ebenso erwähnen, wie Ihre Zukunft nach der hoffentlich nur kurzfristigen Verwendung aussieht. Ich gehe nicht davon aus, daß er Aufwandsentschädigungen und Lebenshaltungskosten übernehmen möchte, wo die Goldreserven des Ministeriums nicht gerade überragend groß sind. Er müßte Ihnen ja eine Arbeitsstelle garantieren oder eben eine Entlohnung auf Lebenszeit, sofern Sie nicht in außerministeriellen Berufen unterkommen können, die lediglich die ZAG-Reife erfordern. Nicht jeder hier kann zum hohen Beamten im Zaubereiministerium werden. Es muß auch Händler und Handwerker in der Zaubererwelt geben. Aber mit einer umpfangreichen Ausbildung haben Sie alle wenigstens die Auswahl, wofür Sie sich letztendlich verwenden möchten. Ohne UTZs ist diese Auswahl sehr beschränkt, und akademische Berufe für Sie unzugänglich. Sie könnten also auch nicht in die Heilerzunft eintreten oder in die Erforschung magischer Vorgänge. Um Ihnen diesen Ausfall zu entschädigen muß Minister Didier erst einmal klarstellen, was genau er von Schülern erwartet, die noch nicht fertig ausgebildet sind und wie er diese für die Zukunft versorgen will. Womöglich werden seine neuen Abteilungen befinden, daß eine Aufwandsentschädigung an bereits ausgebildete Hexen und Zauberer günstiger ist als die Einberufung von Schülern. Es sei denn, er kommt mit der Ausbildungsabteilung, den Schulräten und uns vom Lehrerkollegium darüber ein, die Vollendung Ihrer Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt zu garantieren, allerdings dann auf Ministeriumskosten. Soviel im Rahmen der noch gültigen Rechtsgrundlage." Madame Maxime machte eine taktische Pause, um ihren letzten Satz in den Köpfen ihrer Zuhörer nachhallen zu lassen. Yvonne Pivert hob die Hand und fragte, ob Madame Maxime damit andeuten wollte, daß die bisher geltenden Rechte einfach so aufgehoben werden könnten. Die Schulleiterin deutete auf Julius, als sie sagte: "Sie hörten es, daß es bei den Muggeln offenbar schon häufiger vorkam, daß im Angesicht einer echten oder eingebildeten Bedrohung alle bürgerlichen Rechte aufgehoben wurden und die Abwehrtruppen festlegen konnten, wer was zu tun und zu lassen hatte. In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, daß Didier bereits eine allgemeine Ausgangssperre für alle magischen Menschen in der Nähe der Meeresstrände überdenkt und auf Grund kritischer Äußerungen überprüfen will, ob er einen ausreichenden Rückhalt in der magischen Gemeinschaft besitzt. Professeur Tourrecandide wurde per Expresseule dazu aufgefordert, noch in dieser Woche alle Äußerungen zu widerrufen, die das Vorhaben Didiers kritisieren, weil sie widrigenfalls mit einer Ermittlung wegen böswilliger Verschleppung notwendiger Maßnahmen rechnen müsse. Ihre Argumente gegen eine Generaleinberufung gelten dem zeitweiligen Minister nichts. Auch ihre Anfragen, ob schon näheres über das Verschwinden seines Vorgängers ans Licht gekommen sei, ignorierte er. Es hat den Anschein, als wolle er nicht mehr wissen, ob Madame und Monsieur Grandchapeau getötet oder nur entführt worden seien. Einigen vertraulichen Quellen durfte ich entnehmen, daß Didier versucht, ihr Verschwinden für endgültig zu erklären und jene Hexen und Zauberer zu bearbeiten angesetzt hat, die dies nicht hinnehmen wollen. Madame Belle Grandchapeau hält sich mit ihrem Gatten in Millemerveilles auf. Seltsamerweise sind bis zum heutigen Tag ausschließlich Briefe zwischen ihr und Didier ausgetauscht worden. Er hat es bisher nicht für nötig befunden, sie in eigener Person aufzusuchen. Sie begründet ihren Verbleib in Millemerveilles mit dem ausdrücklichen Wunsch ihrer Eltern, an einem sicheren Ort zu bleiben, um dort gegebenenfalls ihr erstes Kind zur Welt zu bringen."

"Interessant", warf Julius ein. Professeur Faucon sah ihn schweigend an. Ihr Blick verriet ihm jedoch, daß sie seine Auffassung teilte.

"Könnte es sein, daß der Minister selbst bereits unter der Kontrolle des bekannten Feindes steht?" Fragte Giscard. Alle schwiegen. Julius sah sich mit seiner vagen Vermutung nicht mehr alleine. Madame Maxime wandte ein, daß er sich dann anders verhalten würde und die Dementoren wohl kaum noch über die europäischen Städte herfallen müßten, wenn ihr Herr und Meister bereits Einfluß auf amtierende Zaubereiminister besitze. Julius bat ums Wort und erwähnte Bokanowski, der es beinahe geschafft hätte, völlig heimlich verschiedene Zaubereiministerien zu kontrollieren. Professeur Faucon nickte ihm zu. Doch dann sagte sie:

"Dann würde Didier anders vorgehen. Er würde Mißtrauen innerhalb der Zauberergemeinschaft schüren, um dann geeignete Sündenböcke zu präsentieren, Muggelstämmige und Mitglieder der Liga gegen die dunklen Künste. Er würde die Abneigung gegen diese Mitmenschen anfachen, bis alle nicht verdächtigten ihn anflehen würden, die Störenfriede und Gefahrenherde zu beseitigen. Im Moment ist das einzige des psychopathischen Magiers, dem Didier unterworfen ist, die Angst vor ihm und den Dementoren, was leider auch eine wirksame Form der Kontrolle ist. Warum Didier sich bisher davor gescheut hat, nach Millemerveilles zu reisen entzieht sich mir zwar, aber daß er von dunklen Absichten erfüllt oder von dunklen Kräften besessen wäre kann ich zum jetzigen Zeitpunkt wohl ausschließen. Womöglich wird die junge Madame Grandchapeau gesondert geschützt. Didier müßte sich absolut vertrauenswürdig verhalten, um sich ihr nähern zu können. Und da sie ihm nicht traut und er die Geheimnisse von Millemerveilles fürchtet, riskiert er seine gerade erst errungene Stellung nicht, um irgendwelche Schutzzauber auszulösen."

"Sehe ich ebenso, Blanche", erwiderte Madame Maxime. "Er weiß, daß die junge Madame Grandchapeau und ihr Gatte an einem sicheren Ort sind. Sie hatte dort genug Zeit, wirkungsvolle Schutzzauber einzurichten, die von der Abwehrglocke des Dorfes unterstützt werden." Professeur Faucon nickte bestätigend. Womöglich hatte sie die Sicherheitsmaßnahmen für die Grandchapeaus mit eingerichtet. Julius wußte das genausowenig wie die anderen hier im Raum. Madame Maxime kam dann wieder auf die anstehenden Sonderprüfungen und ordnete an, daß alle Saalsprecher mit den UTZ-Schülern darüber sprechen und ihnen noch einmal die bisher gültige Gesetzeslage schildern sollten. Dann ging es noch um vielleicht anstehende Schutzmaßnahmen für Beauxbatons. Bisher hatten die Dementoren die Schule verschont. Das mußte nach dem massiven Angriff vom Wochenende nicht so bleiben. Madame Maxime erwähnte, daß sie es dem amtierenden Minister wohl auch begreiflich machen könne, daß die minderjährigen Schüler von gut ausgebildeten Lehrern gegen Dementoren beschützt werden mußten. Dies wollte sie in der Antwort auf die verlesene Antwort an Didiers Büro schicken. Die Saalsprecher nickten. Monsieur Descartes wurde gebeten, mit dem Minister über den geltenden Status von Beauxbatons zu sprechen und ihm klarzumachen, daß es ein ungemeiner Schaden sei, in den laufenden Unterricht der Akademie hineinzufuhrwerken und es auch im Sinne des Ministeriums sein solle, wenn dort ausgewiesene Experten gegen die dunklen Künste Wache hielten, falls die Dementoren sich nicht nur auf freie Ansiedlungen beschränkten. Madame Lagrange sicherte der Schulleiterin zu, mit den Schulräten klarzustellen, daß Beauxbatons nicht irgendwelchen Sonderregeln unterworfen werden dürfe. Immerhin würde hier die magische Jugend in ihre Verantwortung und Befähigung hineinerzogen. Dann verabschiedeten sich die Teilnehmer voneinander. Erst verließen die Gäste den Wohn- und Arbeitsbereich der Schulleiterin durch den Kamin. Dann wechselten die meisten Saalsprecherinnen und Saalsprecher durch das Bildertor in die allgemein zugänglichen Abschnitte des Palastes zurück. Julius hielt sich zurück, als erwarte er, noch einmal von Professeur Faucon oder Madame Maxime angesprochen zu werden. Auch Bernadette Lavalette blieb zunächst zurück. Offenbar ahnte sie, daß Julius noch ein paar Worte mit seiner Saalvorsteherin wechseln wolle. Doch als diese Anstalten machte, durch das Bildertor zu verschwinden, verließ auch Bernadette den sechseckigen Empfangsraum. Julius stand nun allein mit Madame Maxime vor dem Bild mit der Wiesenlandschaft, die an die draußen vorherrschende Jahres- und Tageszeit angekoppelt war.

"Hatten Sie noch erwartet, von Professeur Faucon wegen der Sichtung dieses Schlangenwesens befragt zu werden, Monsieur Latierre?" Wollte die Schulleiterin wissen.

"Hätte sein können, daß sie sich gerne noch einmal dazu geäußert hätte."

"Warten wir die weiteren Entwicklungen ab, Monsieur Latierre!" Sagte die Halbriesin und deutete auf das große Wandgemälde. Julius verstand und verabschiedete sich höflich. Weder die Schulleiterin noch seine Saalvorsteherin wollten im Moment mit ihm über die Skyllianri reden. Temmie hatte es ihm gesagt, daß diese Monster aufgewacht seien, und die Beschreibung des angeblichen Trunkenboldes Tibaud deutete auch auf die Skyllianri hin. Dabei fiel ihm ein, daß sie lange nichts mehr von den Entomanthropen gehört hatten. Hatte die Wiederkehrerin die ihr verbliebenen Biester wieder einschlafen lassen oder anderswo untergebracht? Wußte die vielleicht davon, daß Voldemort die Skyllianri aufwecken wollte? Oder tappte sie im Dunkeln wie die Mehrheit aller Hexen und Zauberer? Womöglich war sie gezwungen, sich vor Voldemort zu verstecken, bis ihre eigenen Kräfte groß genug waren, um sich mit ihm anzulegen. Immerhin, so wußte er, hatte die Wiederkehrerin etwas aus Millemerveilles mitgehen lassen, obwohl sie da nicht selbst hineingelangt war. Die Entomanthropen waren ja der Beweis, daß sie etwas von ihrer Tante gebraucht hatte, um die Insektenmonster aufzuwecken. Was mochte Anthelia noch alles in Petto haben? Julius durchquerte den bunten Übergang zwischen den Bildern und landete außerhalb des Königsbildes. Heute würde er weder die Antworten auf seine unausgesprochenen Fragen bekommen, noch irgendwas wichtiges im Kampf gegen die Dementoren beisteuern können.

 

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Merkwürdigerweise ließen die Dementorenüberfälle nach. Nur vereinzelte Paare stromerten durch Frankreich. So vergingen die nächsten Schultage ohne weitere Schreckensmeldungen. Julius ging jedoch davon aus, daß das, was die Dementoren tun sollten, nun erledigt war. Solange keiner wußte, was das war, würden sich alle freuen, erst einmal Ruhe vor den Monstern zu haben. Didier äußerte sich in der Zeitung mit verhaltenem Optimismus, der Plage letzthin doch Herr zu werden. Doch zwischen den Zeilen las Julius heraus, daß er bereits mit anderen Unanehmlichkeiten rechnete. Immer wieder tönte die Versicherung, daß alle, die das Ministerium unterstützten nichts zu befürchten hätten, egal, ob magisch oder nichtmagisch. Dann kam der Samstag, wo die unabhängigen Prüfer des Ministeriums die UTZ-Schüler auf ihre Fähigkeiten prüfen sollten, den Patronus zu erschaffen. Professeur Faucon nutzte die Zweiwegespiegelverbindung, um Julius am frühen Morgen um fünf Uhr zu wecken.

"Julius, heute soll diese Prüfung sein. Ich traue Didier nicht über den Weg, daß er nur UTZ-Schüler prüfen lassen will. Im Moment ist es zwar ruhiger geworden, aber das kann die Ruhe vor dem nächsten Sturm sein. Was ich dir auf jeden Fall raten möchte: Laß dich von niemandem aus Didiers Truppe dazu verleiten, ihnen deinen Patronus vorzuführen. Du bist als minderjähriger Zauberer durch die Akademie und die Zustimmungspflicht deiner Mutter und den Latierres geschützt. Aber wir wollen bei diesem Aktionisten keine Begehrlichkeiten wecken. Verbringe den anstehenden Tag mit den gewohnten Obliegenheiten! Beachte die Prüfer nicht! Sie werden nach der Saalsprecherkonferenz zu uns stoßen. Zieh dich mit den anderen Fünft- und Sechstklässlern in die allgemeinen Bereiche zurück! Kümmer dich nicht darum, was passiert! Deine Fürsorger haben uns bereits schriftlich aufgefordert, dich unter allen Umständen in der Akademie zu halten, auch wenn Didier etwas aus seinem Ärmel schüttelt, da nicht Alter sondern Befähigung ausschlaggebend sein soll. Noch hat er die Volljährigkeitsgrenze nicht nach unten verschoben und wird dies wohl auch nicht tun. Das sage ich dir nur, weil ich fürchte, daß Didier den Auftrag erteilt haben könnte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Bedenke, daß er eine Überprüfung eures Statusses vornehmen lassen wollte! Wir wissen nicht, was er aus lauter Angst vor dem Massenmörder alles anstellen wird, um ihn zu beschwichtigen, wenn seine Abwehrpläne nicht funktionieren."

"Okay, ich bleibe schön unauffällig. Aber die wissen von der Sache damals, daß ich den Patronus kann, Professeur Faucon."

"Mag sein, aber trotzdem darfst du dich diesen Leuten nicht als lohnende Hilfskraft empfehlen", erwiderte Professeur Faucon. "Außerdem hoffe ich insgeheim, daß die zu prüfenden Schüler nicht gut genug sein werden. Einige von Ihnen beherrschen den Patronus noch nicht, geschweige unter echten Gefahrenbedingungen."

"Hat Madame Maxime es nicht geschafft, alle hier unter den Schutz von Beauxbatons zu stellen?"

"Das wird sie euch allen in der Saalsprecherkonferenz verraten, Julius. Es ging mir jetzt vordringlich darum, daß du diesen Leuten nicht ins Fangnetz gehst." Julius bestätigte das und verabschiedete sich bis später.

Beim Frühstück sprachen die Siebtklässler schon von der anstehenden Sonderprüfung. Madame Maxime verlor darüber jedoch kein Wort. Um zehn Uhr trafen sich die Saalsprecher und ihre Stellvertreter zur üblichen Wochenkonferenz. Madame Maxime verlas die Tagesordnung. Dernach ging es um die üblichen Berichte über das Klima in den Wohnsälen, die Situation, nachdem der Ansturm der Dementoren zurückgegangen war und die nach der SSK angeordnete Sonderprüfung und die Rolle von Beauxbatons. Als sie über die üblichen Themen aus den Wohnsälen gesprochen hatten erklärte Madame Maxime:

"Folgendes habe ich unmißverständlich klargestellt, Mesdemoiselles et Messieurs: Beauxbatons hat eine Verpflichtung allen hier eingeschulten Jungen und Mädchen gegenüber, ihnen neben einer umfassenden Zaubereiausbildung auch körperliches und geistiges Wohlergehen zu gewähren. Hierzu gehört auch, daß die hier tätigen Experten zur Abwehr von Dementoren, außer mir und Professeur Faucon auch Professeur Fixus und Madame Rossignol, im Sinne dieser Gewährleistung nicht für Sondereinsätze des Ministeriums abkommandiert werden dürfen. Des weiteren gilt, daß die volljährigen Schüler, die sich zum Schutz gegen Dementoren qualifiziert haben und ganz freiwllig dem Ministerium helfen wollen, die Möglichkeit erhalten sollen, das Schuljahr zu wiederholen, sofern das Ministerium die Aufwendungen dafür bezahlt, da den betreffenden Schülern ja ein Jahr verlorengeht, in dem sie durchaus bereits ein eigenes Einkommen hätten erzielen können. Allerdings behält sich das Ministerium vor, den besten Absolventen der Prüfung Anstellungen in den beiden Abteilungen für inneren Frieden und magische Grenzsicherung plus Gefahrenzulage zu verschaffen. Wer dieses Angebot schriftlich annimmt darf das Schuljahr nicht wiederholen. Ich möchte nicht dafür garantieren, daß die betreffenden Schüler dadurch irgendwelche Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Ministeriums besitzen. Nur, damit Sie, die vielleicht in Frage kommen, sowie Ihre volljährigen Mitschüler orientiert sind. Wer nicht zufriedenstellend aus der Prüfung hervorgeht, und dennoch die Ausbildung beenden will, beendet sie ebenso unwiderruflich wie jene, die eine feste Anstellung im Ministerium angetragen bekommen. Ich empfehle diesen Schülerinnen und Schülern, ihre Kenntnisse nicht nur der Abwehr bösartiger Zauber, sondern auch aller anderen von ihnen belegten UTZ-Fächer bis zum ordentlichen Abschluß in der Beauxbatons-Akademie zu vervollständigen. Das Ministerium war und ist nicht der einzige mögliche Arbeitgeber der magischen Welt. Zur Prüfung zulässig sind nur Schüler, die das siebzehnte Lebensjahr vollendet haben. Ich erhielt zwar eine Anfrage seitens des Leiters der Abteilung für inneren Frieden, Monsieur Pétain, nicht nur volljährige Schüler zu prüfen, konnte dieses Ansinnen jedoch mit Verweis auf die magische Gesetzgebung und den Status in Loco Parentis von Beauxbatons zurückweisen. Will sagen, wir dürfen keine nichtschulischen Prüfungen an Minderjährigen Schülern erlauben. Daher werde ich den Prüfungsort, die Aula der Akademie, mit einer Alterslinie absichern, damit nicht irgendwelche vorwitzigen Jungen und Mädchen befinden, sich in die Prüfung hineinschummeln zu können. Erwähnter Monsieur Pétain wird in Vertretung des Ministers die Prüfungen abnehmen lassen. Ihm zur Seite stehen drei Mitarbeiter aus der Grenzschutz- und der Innenschutzabteilung. Ich werde nach der Konferenz ausreichende Bekanntmachungen an Sie austeilen, die Sie bitte allen volljährigen Mitschülern Ihrer Wohnsäle aushändigen möchten, wann und wo die Prüfung stattfindet. Des weiteren bitte ich mir aus, daß alle, die sich daran beteiligen anständig zurechtgemacht und bekleidet sind, da dies hier auch eine Frage der Ehre für Beauxbatons ist. Gemäß einer erbetenen Beschreibung des Prüfungsablaufes werden die gebetenen Schülerinnen und Schüler in drei Kategorien geprüft. Sie sollen einen wirksamen Patronus-Zauber ausführen, sich bei völliger Dunkelheit ohne Furcht durch ein Labyrinth aus Gängen zurechtfinden und den Patronus unter Einwirkung des Depressissimus-Zaubers mindestens so gut wie in der ersten Teilprüfung vollbringen. Professeur Faucon wird die Prüfungen als Beobachterin verfolgen. Soviel zum Ablauf und den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben." Die Saalsprecher nickten still. Julius dachte schon, daß dieser Pétain wohl gezielt ihn prüfen lassen wollte. Professeur Faucon hatte sich also nicht geirrt.

Nach der Konferenz schwärmten die Saalsprecherinnen und Saalsprecher aus, um den älteren Mitschülern ihrer Häuser die "frohe Nachricht" Madame Maximes zu übergeben. Julius überließ es Giscard, seine Klassenkameraden zu informieren. Er selbst verließ den Palast, um sich mit Millie über die anstehende Sonderprüfung zu unterhalten.

"Wer außer dem alten Pétain wird dabei sein, Julius?" Fragte Millie ihren Mann.

"Die Namen hat Madame Maxime nicht genannt. Woher kennst du denn Monsieur Pétain?"

"Ist ein Jahrgangskamerad von Monsieur Janus Didier gewesen. Hat im violetten Saal gewohnt, sich aber mit Monsieur Didier häufig getroffen. Man könnte sagen, die beiden sind alte Kumpels. Der erzählt was von Vetternwirtschaft und betreibt selbst welche, Julius. Pétain war mal Geschichtsexperte, bis er sich auf magisches Recht spezialisierte. Offenbar hat sein alter Schulkamerad ihn beim Sprung auf der Leiter mit hochziehen dürfen. Gut, daß die Maxime ihm das vermasselt hat, minderjährige Schüler zu prüfen. Pétain gilt als rechthaberisch, kann aber auch sehr charmant sein. Wenn ich Oma Line glauben darf hat er einen guten Stand bei den alleinstehenden Hexen gehabt, Typ unscheinbar und unterdurchschnittlich. Er hat ihnen wohl das Gefühl gegeben, doch was mehr wert zu sein als jeder Mensch es ist. Sieben von denen sollen von ihm schwanger geworden sein. Aber seine Eltern schwimmen in Goldbarren, Julius. Da konnte er die Mütter locker auszahlen. Weiß das auch nur, weil Oma Line sich mal mit einer der abgelegten Bettwärmerinnen Pétains unterhalten hat. Die war wohl sauer, von ihm kein Kind gekriegt zu haben, weil die erfolgreich begatteten durch den Kindersegen sorgenfrei leben konnten. Oma Line nannte Pétain deshalb auch den goldenen Kuckuck."

"Zumindest einer, der goldene Eier gelegt hat", nahm Julius den Faden auf. "Aber was sollte den an mir oder anderen Minderjährigen interessieren."

"Der hat bestimmt gehört, wie du mit Oma Line und anderen die Dementoren in Millemerveilles zurückgetrieben hast, Julius. Aber ich finde auch, daß du hier im Moment besser aufgehoben bist als an einem Strandabschnitt vom Atlantik." Julius nickte ihr bestätigend zu.

Wie er es Professeur Faucon versprochen hatte hielt er sich am Nachmittag hübsch von der Aula und den Prüfern fern. Offenbar waren die Siebtklässler länger beschäftigt als zu erwarten gewesen war. Denn beim Abendessen fehlten sie und Professeur Faucon. Madame Maxime würgte das Getuschel ab, indem sie sagte, daß die Prüfer offenbar sicherstellen wollten, daß die betreffenden Schüler den Patronus wirklich konnten. Julius wunderte sich eh, daß alle Siebtklässler den Kurs Verteidigung gegen dunkle Künste belegt hatten. Das dem nicht so war erfuhr er später am Abend von Giscard, als alle Siebtklässler der Grünen wieder in ihrem Saal waren.

"Tja, einige haben den Mund zu voll genommen und keinen Silberhauch hinbekommen", sagte Giscard. Überhaupt haben die bei den ganzen Leuten nur fünf rauspicken können, die in allen drei Kategorien die Nerven behalten und die Patronus-Zauber machen konnten. Tja. Die dürfen sich jetzt überlegen, ob sie freiwillig in Pétains Truppe eintreten oder warten sollen, bis sie jemand ruft."

"Du gehörst nicht zu den fünfen?" Fragte Julius.

"Von den fünfen war ich sechster. Julius. Die Trockenübung hat zwar geklappt. Aber dieses verfluchte, sich ständig bewegende Dunkellabyrinth hat mich zu viel Zeit gekostet. Und unter dem Depressissimus-Fluch bekam ich überhaupt keinen Patronus mehr hin. Professeur Faucon hat mich nur mit steinerner Miene angeglotzt, als wüßte sie nicht, ob sie mich gleich ausschimpfen oder bis zur nächsten Stunde damit warten sollte. Dann haben sich der kleine, hagere Pétain mit den schwarzen Locken und seine Leute mit Professeur Faucon gehabt, weil die ihren Schülern offenbar nicht gut genug gezeigt habe, wie der Patronus ging. Es sah so aus, als wolle Pétain sich mit ihr duellieren. Sie blieb jedoch ganz kühl und sagte, daß der Minister ihn wohl mit falschen Hoffnungen nach Beauxbatons geschickt habe. So viele Hexen und Zauberer, die einen vollgestaltlichen Patronus rufen könnten gebe es nicht, und er möge den Schülern doch zur Veranschaulichung seinen Patronus vorführen. Er versuchte den Patronus und feuerte ein paar silberne Seifenblasen in die Gegend. Als er dann noch unter dem Deprississimus-Fluch das Spiel wiederholen sollte, wurde der ziemlich knurrig und meinte, daß nicht er hier zur Prüfung angetreten sei. Dann ist er mit seinen Leuten wieder abgezogen."

"Wo kamen die fünf denn her, die dem Ministeriumstypen gefallen haben?" Fragte Julius.

"Zwei Violette, zwei Weiße und Hubert Dubois. Der hat einen genialen Patronus in Hengstform hingezaubert, auch unter dem Fluch. Offenbar hat der den geübt. Von den Violetten war einer Golbasto Collis, der seinen Delphin-Patronus in allen Kategorien hinbekommen hat. Hat den wohl geübt, weil wir dieses Jahr kein Quidditch gegen ihn spielen."

"Moment, wenn Golbasto vom Ministerium ausgesucht wird und bei denen anfangen darf müßte der die Brosche abgeben."

"Das ist das kleinere Übel, Julius. Sein Stellvertreter kriegt die goldene, und die silberne kriegt Picard, so einfach."

A ja, und dann geht Monsieur Collis?" Fragte Julius.

"Pétain hat den über alle grünen Kleewiesen der Welt gelobt und gemeint, daß nur weil jemand klein sei das nicht heißen dürfe, daß keine mächtigen Zaubertalente in ihm schlummerten. Der geht bestimmt, allein schon um sich an den Dementoren zu rächen."

"Das ist das dümmste Motiv", grummelte Julius. "Da hätten die Dementoren gleich was, womit sie ihn fertigmachen können, nämlich daß sie sich ihm überlegen fühlen können."

"Madame Maxime will jetzt wohl abwarten, wer von den fünfen geht oder nicht. Ich bin ehrlich gesagt froh, hierbleiben zu können." Julius stimmte ihm in Gedanken zu.

 

__________

 

In den folgenden Tagen berichtete die Zeitung jeden Morgen von Einfallversuchen der Dementoren vor allem über das Mittelmeer und den Atlantik, weil sie da in weit auseinandergezogener Front vorrücken konnten. Julius sprach mit Gloria Porter über die Spiegelverbindung. Sie erwähnte, daß Kevin sich Sorgen um seine Posteule Boann mache. Gloria hatte ihrer eigenen Eule befohlen, am Abend der Flucht mit Kevins Eule und der der Hollingsworths auszufliegen und nicht mehr zurückzukommen. Mittlerweile hatten sie in den Staaten neue Posteulen, die wesentlich ausdauernder gezüchtet wurden. Gloria äußerte den Verdacht, daß sie vor Zeiten die Eulen mit ausgesprochenen Langstreckenvögeln gekreuzt hatten. Doch davon sei wohl nur noch das Durchhaltevermögen geblieben. Kevin habe sich mit ihr gezankt, weil sie seine Eule einfach fortgeschickt hatte. Doch Gloria hatte ihm erklärt, daß die Eulen in Hogwarts wohl nicht weiter geduldet würden, falls Snape nicht sogar auf die Idee kam, sie mit Aufspürzaubern zu versehen, um den Standort der Flüchtlinge zu finden. Julius vermutete, daß die Eulen womöglich sogar über den großen Teich fliegen, von Inselgruppe zu Inselgruppe, möglichst nördlich, um eine kurze Meeresstrecke zurückzulegen. Es mochte sogar sein, daß die speziell auf gute Orientierung und Personenauffinden geprägten Vögel die Nordpolroute nahmen, von England über Schweden, Finnland und die Arktis über Kanada runter zu den Staaten. Gloria schüttelte den Kopf. "Das wäre Wahnsinn, Julius. Die würden über der Arktis glatt einfrieren. Da fängt doch bald der Winter an. Dann ist da keine Sonne mehr."

"Eben, und Eulen sind Nachtvögel", erwiderte Julius darauf nur. Gloria schwieg dazu.

Catherines Tante Madeleine hatte sich fürs Erste in der Rue de Liberation 13 eingerichtet, um ihren fliegenden Patronus sofort rufen zu können, wenn sich mal wieder Dementoren auf der Sanctuafugium-Schutzblase festklebten. Julius' Mutter hatte einen Brief aus dem Ministerium erhalten, sie solle sich am kommenden Samstag bei Minister Didier einfinden, da dieser das Muggelverbindungsbüro wiedereröffnen wollte und hierzu jemanden aus der Handelsabteilung mit mäßigen Muggelweltkenntnissen abgezogen habe, dem sie unter die Arme greifen sollte. Julius hatte seine Mutter mit Hilfe der gemalten Viviane gefragt, ob sie das wirklich machen sollte. Sie hatte die Antwort zurückgeschickt, daß sie langsam wieder Platzangst bekäme, wenn sie nur in der Wohnung sitzen würde und eine regelmäßige Tätigkeit ihr sicher gut tun würde.

Am Donnerstag machte der Miroir mit einem Artikel auf, der zunächst ganz beiläufig wirkte, für Julius jedoch einen weiteren Grund zur Besorgnis bot.

 

NEUE ABTEILUNG FÜR MAGISCHE FAMILIENBETREUUNG BEGRÜNDET

 

Zaubereiminister Didier unterzeichnete am gestrigen Tag eine Verfügung, um die von ihm zugesagten Sicherheitsgarantien einhalten zu können. Er richtete eine aus zwei Büros bestehende neue Abteilung innerhalb der magischen Gesetzesüberwachung ein, die sich speziell für die Betreuung und Absicherung von Familien mit magischen Kindern und Jugendlichen einsetzt. Damit reagiert er auf die drängenden Anfragen besorgter Eltern, die Kinder unter dem Einschulalter für Beauxbatons besitzen. Hierfür verkleinerte er die Abteilung für magische Ausbildung und Studien und schloß das Büro zum vernunftgemäßen Gebrauch der Magie, dessen Kompetenz nun vollständig der Abteilung für inneren Frieden zugewiesen wurde. Das größere der beiden Büros ist das für die Betreuung schulpflichtiger Hexen und Zauberer. Das kleinere Büro soll muggelstämmige Hexen und Zauberer unter elf Lebensjahren verwalten und gegebenenfalls wie zehnjährige Hexen und Zauberer in Einführungsschulen unterbringen. Auf die Frage, ob die Beauxbatons-Akademie das Mindesteinschulalter nicht um zwei Jahre senken solle, um alle als magisch begabten Kinder sicher unterzubringen erwiderte der Leiter der neuen Abteilung, Monsieur Lucian Lagrange (49), daß die magischen Gesetze eindeutig seien, daß Kinder vor der Aufnahme in Beauxbatons die grundlegenden nichtmagischen Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen, sowie einen passablen Wortschatz erlernen sollten, um nach der Zaubereiausbildung eigenständig arbeiten zu können. Außerdem sei die Einschulungsaltersgrenze ja deswegen auf vollendete elf Lebensjahre festgelegt worden, weil sich bis dahin erst die magischen Eigenschaften so weit eingependelt hätten, daß eine gleichmäßige Förderung möglich sei. Die Schulen für magische Kinder unter zehn Jahren sollen mit zusätzlichen Sicherheitsfachkräften besetzt werden, die aufpassen, daß die Kinder nicht von bösartigen magischen Wesen angegriffen werden können. Hierfür sei auch eine Zusammenlegung verstreuter Schulen zu regionalen Einrichtungen in Planung. Für muggelstämmige Kinder mit Zauberkräften soll ein Programm ausgeführt werden, das die betreffenden Jungen und Mädchen in exklusiven Internatsschulen zusammenführt, die über die Geräte und Versorgungsanlagen der nichtmagischen Welt verfügen. Denn es sei bekannt, so Lagrange, daß der Feind von den britischen Inseln gezielt auf Muggelstämmige Jagd mache. Um diese zu schützen sei eine Rundumüberwachung unumgänglich. Die größte Schwierigkeit besteht dabei in der Überzeugung der Eltern, da die Zaubereigesetze noch nicht erlauben, nichtmagischen Eltern die Überstellung ihrer magisch begabten Kinder in Einrichtungen des Zaubereiministeriums abzuverlangen. Deshalb gilt im Moment die Umschulung solcher Kinder auf eigenen Wunsch der Eltern als angestrebtes Etappenziel.

Um überhaupt festzustellen, wie viele magische Familien und muggelstämmige Mädchen und Jungen es gibt. Hierzu werden bis zum ersten Dezember Formulare an alle bisher bekannten magischen Haushalte verschickt, in die die Anzahl der Mitglieder, deren Alter, Bildungsstand, Beruf und Gesellschaftsrang einzutragen sind. Monsieur Lagrange hofft, bis Weihnachten alle nötigen Angaben beisammen zu haben, um seine neue Abteilung mit höchster Erfolgswahrscheinlichkeit führen zu können. Der Zaubereiminister bitte alle magischen Mitbürger darum, die erfragten Angaben vollständig und wahrheitsgemäß einzutragen und die ausgefüllten Formulare zügig zurückzuschicken.

"Will Didier jetzt eine Familienüberwachung einrichten?" Fragte Julius leicht ungehalten. Robert Deloire fragte ihn, was er meine und las den betreffenden Artikel selbst. "Die haben doch alle Angaben über die magischen Leute", wunderte er sich. "Wenn Leute von Beaux aufgenommen werden, legen die im Ministerium doch schon eine Akte an, wo alle Zeugnisse und Ausbildungsbestätigungen reinkommen. Also was soll das jetzt mit der Extrabefragung?"

"Ich denke, das ist dazu da, um den Eltern auf kurz oder lang die Kinder wegzunehmen, Robert", äußerte Julius einen üblen Verdacht, der ihn selbst erschauern ließ. Robert sah ihn verdutzt an und fragte: "Meinst du das echt, Julius?" Dieser nickte verhalten. Gérard erwiderte darauf, daß es doch klar sei, daß das Ministerium jetzt wegen der Dementoren auch die Grundschulen sichern wolle und deshalb ja doch wissen müsse, wer da so alles hinginge. Julius wollte dem nichts hinzufügen. Vielleicht hatte er sich auch von Didiers Eifer und Verfolgungswahn anstecken lassen. Dennoch kam er nicht darüber hinweg, daß das neue Zaubereiministerium jetzt dasselbe machte wie Thicknesses Marionettentheater, um alle magischen Leute besser überwachen zu können.

Am Nachmittag während des Fortgeschrittenenkurses Verwandlung wisperte Professeur Faucon ihm zu: "Heute Abend um neun in meinem Sprechzimmer, Monsieur Latierre!" Julius zwang sich, nichts darauf zu antworten außer sacht zu nicken. Die Verwandlungslehrerin bemerkte dann noch etwas zu seinen Übungen und bedauerte erneut, daß er noch nicht größere Selbstverwandlungen an sich ausführen dürfe, weil er noch minderjährig sei, weil er wohl jetzt die Leistungsgrenze für eingeschränkte Selbstverwandlungen erreicht habe und die multiple Materialisation lebloser Objekte mehr als zufriedenstellend beherrschte. Julius hatte es mal ausprobiert, Dumbledores Schlafsackbeschwörung nachzuahmen, mit der der ermordete Großmeister der Magie im Jahr, wo Sirius Black gesucht wurde, alle Schüler in der Großen Halle hatte übernachten lassen. Allerdings war er nicht so größenwahnsinnig, gleich über fünfhundert Schlafsäcke auf einen Zauberstreich erscheinen zu lassen. Er wollte nur zehn haben und bekam es im zweiten Ansatz hin, zehn rote, weiche Schlafsäcke aus dem Nichts erscheinen zu lassen. Professeur Faucon hatte daraufhin verlangt, er möge versuchen, so viele wie möglich heraufzubeschwören, um zu prüfen, welches Verhältnis Anzahl und Größe der Objekte erreicht werden konnte. Bei zwanzig auf einen Zauber materialisierten Schlafsäcken war für Julius die Grenze erreicht. Mehr als zwanzig führten zu schneller Auflösung der beschworenen Gegenstände oder zu unerwünschtem Aussehen.

"Also ich kann wohl an die hundert dieser Schlafsäcke mit einem Zauber zur Verfügung stellen", sagte Professeur Faucon. "Wenn der selige Albus Dumbledore mehrere Hundertschaften davon auf einen Wink erscheinen lassen konnte, beweißt das einmal mehr das magische Potential dieses Mannes. Außerdem ist dies wie alle andere Zauberei abhängig von der Anzahl der Übungen."

"Moment, heißt das, daß ich jetzt zwanzig Prozent Ihrer Leistungsfähigkeit bei diesem Zauber hinkriege?" Wollte Julius wissen.

 

"Das können Sie so nicht sagen, Monsieur Latierre. Da müssen Sie viele Faktoren einbeziehen, wie Beschaffenheit, Größe, Anzahl der gewünschten Objekte, Übungen mit multipler Materialisation und durch Lebensalter gereifte Zauberkräfte. Da Sie zu den wenigen Zauberern gehören, die keine Probleme mit mathematischen Beschreibungen und Gesetzmäßigkeiten haben können Sie das Verhältnis Ihrer jetzigen Leistung zu meiner gegenwärtigen Leistung anhand der Ihnen bekannten Gesetzmäßigkeiten errechnen. Ich denke, das gebe ich Ihnen mal als theoretische Übung bis zur nächsten Kursstunde auf, da es Sie offenbar interessiert. Und jetzt führen Sie mir nonverbal den Animierzauber an mehreren Gegenständen zugleich vor. Bringen Sie diese Fünf Stühle dazu, in Fünfeckformation einmal durch den Kursraum zu marschieren und desanimieren Sie sie dann ebenso ungesagt!" Julius atmete hörbar ein und aus. Das war heftig. Zwar konnte er kleinere Gegenstände mit Scheinleben erfüllen, aber immer nur einzeln. Er dachte die Formeln durch, die mit der entsprechenden Anweisung verknüpft werden sollten. Professeur Faucon ließ mit einer fließenden Zauberstabbewegung fünf Holzstühle erscheinen. Julius dachte noch einmal an die wichtigen Formeln. "Recibento Animationem", um die Stühle zu beleben, wobei er alle Möbelstücke mit dem Zauberstab überstreichen sollte. War das erfolgreich mußte er noch "Pluris locomotor" denken und dann den Befehl aussprechen, den die animierten Gegenstände ausführen sollten. Bei einzelnen Bezauberungen konnte so das Verhalten lebendiger Vorlagen mit einfließen, wie bei dem Drachenmodell, daß er bekommen hatte und die Mini-Temmie, die er wegen ihrer schwer abstellbaren Weckfunktion nicht aus der Transportkiste rausgelassen hatte. Entscheidend war, daß der Zauber stark genug war, um dauerhaft zu wirken, bis der, der ihn aufrief ihn widerrief, der Gegenstand zerstört wurde oder die Bezauberung im Verhältnis Bewegungen pro Zeit wie eine elektrische Batterie nachließ, bis er schlußendlich ganz erlosch. Nur wenn ein animierter Gegenstand für jede Bewegung oder Lautäußerung die fünffache Zeit Ruhepause einlegte, blieb der Zauber bis Widerruf oder Zerstörung voll wirksam. Das alles ging Julius durch den Kopf und verdrängte jede Überlegung, warum Professeur Faucon ihn heute Abend sprechen wollte.

Erst im dritten Ansatz bekam Julius es hin, die fünf Stühle in gewünschter Formation durch den Kursraum klappern zu lassen, was von den anderen Teilnehmern teils neidvoll, teils bewundernd betrachtet wurde. Als die fünf bezauberten Möbel einmal durch den weitläufigen Übungssaal marschiert waren nahm Julius den Zauber von ihnen. Das hieß, er versuchte es, alle gleichzeitig zu entzaubern, was dazu führte, daß die zu tilgende Magie unkontrolliert freigesetzt wurde und die fünf Stühle unter einem grellen Blitz und lautem Knall zu herumwirbelnden Aschewolken werden ließ.

"Nun, offenbar war das ein Fehlschlag. Für den Teilerfolg kann ich Ihnen zwanzig Bonuspunkte geben. Sie bleiben besser bis auf weiteres dabei, jede Animation einzeln zu widerrufen, um eine derartige Entladung zu verhindern", sagte die Lehrerin über das Schweigen der erschrockenen Schüler hinweg.

"Hat die nicht schon genug von dir verlangt", knurrte Constance Dornier. "Die hat dich durch ZAG-gleiche Prüfungen gejagt und meint jetzt, dir in diesem Schuljahr schon die UTZ-Leistungen abverlangen zu können, wie?"

"Sie findet wohl, ich dürfte mich hier nicht langweilen und müßte halt immer wieder mitkriegen, daß ich immer noch Grenzen habe", sagte Julius darauf nur. Constance grummelte darüber nur. Dann meinte sie: "Mein Vater hat mir einen Trick verraten, wie multiple Animierzauber ohne diesen Knall abgebaut werden können. Du wiederholst die Befehlsübermittlung mit der Komponente, daß alle bezauberten Gegenstände unbeweglich bleiben sollen. Dann kannst du den Zauber von allen Sachen gleichzeitig wegnehmen."

"Und warum hat mir Professeur Faucon das nicht verraten?" Fragte Julius.

"Tja, weil das so nicht in den Schulbüchern drinsteht. Die von Ganymed haben das auch erst nach viel Ausprobieren rausgefunden, als ihnen die Modellbesen nicht mehr gehorchten und sie eine Stillhalteanimation auf diese drauflegten. Könnte man fast als Betriebsgeheimnis sehen. Aber mein Vater hat mir nicht verboten, das anzuwenden und weiterzugeben."

Julius probierte aus, was Constance vorgeschlagen hatte und schaffte es, vier Zigarrenkisten zugleich zu einer einheitlichen Bewegungsabfolge zu bringen und den Zauber auf einen Schlag wieder abzubauen, ohne es noch einmal blitzen zu lassen. Professeur Faucon bekam das nicht mit, weil sie mit einem Siebtklässler der Weißen zu tun hatte, der sich in Nebel verwandelt hatte und nicht mehr in seine Feste Form zurückfand.

Zwischen Zaubertier-AG und Astronomiestunde ging Julius zu Professeur Faucon. Er dachte, sie habe die neue Sub-Rosa-Truppe zusammengetrommelt. Doch er war der einzige, der ihr Sprechzimmer betrat. Sie schuf einen Klangkerker und gebot ihm, sich hinzusetzen.

"Das meine Schwester Madeleine derzeit bei Catherines Familie und deiner Mutter im Haus wohnt, um Dementoren abzuwehren weißt du ja", sagte die Lehrerin ruhig. "Du hast wohl auch erfahren, daß deine Mutter am Samstag ins Ministerium gehen soll, um sich dort für die Wiedereröffnung des Muggelkontaktbüros zu melden. Heute Morgen erhielt Catherine einen Brief, daß sie sich ebenfalls mit deiner Mutter bei Minister Didier einzufinden hat, weil dieser unumstößlich klären will, daß mit eurer Übersiedlung damals alles in Ordnung ist. Catherine wollte es nicht so recht glauben, als sie lesen mußte, daß ernsthaft überlegt wurde, daß sie deine Mutter vielleicht deshalb zu sich nach Paris geholt hat, weil sie und du mit dem britischen Zaubereiministerium in Konflikt geraten seid. Didier hat die Frechheit besessen, Monsieur Grandchapeau und Monsieur Descartes zu unterstellen, gegen europäische Zaubereiministerien kolaboriert zu haben, um einen Ruster-Simonowsky-Zauberer unter Kontrolle zu bringen, der zur Gefahr für sein Geburtsland hätte werden können." Julius zuckte zusammen. "Ich wollte meinen Augen auch nicht trauen, als Catherine mir diese Unverschämtheit per Kamin überstellt hat. Aber es stimmt. Der zeitweilige Minister hat offenbar einen von Thicknesse ausgelegten Köder geschluckt und zappelt jetzt am Haken dieser Marionette."

"Klar, wenn Thicknesse behauptet, ich sei eine wandelnde Zeitbombe", knurrte Julius verächtlich. "Aber wieso kam der dann darauf, meine Mutter wieder einstellen zu wollen?"

"Zweierstrategie, Julius. Er geht davon aus, daß deine Mutter weiterhin etwas sinnvolles tun möchte und bietet ihr an, weiter für die Zaubererwelt zu arbeiten. Auf der anderen Seite will er prüfen, ob Catherine und sie bereits gegen irgendwelche Zaubereigesetze verstoßen haben. Wenn er ganz unverfroren ist könnte er deinen Eltern sogar unterstellen, daß sie dich der Obhut des Zaubereiministeriums hätten überlassen müssen. Das sage ich dir nur, weil ich mittlerweile mit allem rechnen muß. Entweder geht er davon aus, daß Catherine sich mit deiner Mutter über diese Briefe unterhält oder rechnet nicht damit."

"Glauben Sie das, daß er nicht davon ausgeht?" Fragte Julius verdrossen. Ein Kopfschütteln seiner Lehrerin war die erwartete Antwort. "Dann frage ich mich, was die Einbestellung für das Muggelkontaktbüro soll."

"Was ich im Moment vermute ist, daß deine Mutter vor die Wahl gestellt werden soll, sich unter die Aufsicht des Ministers zu stellen und dich am besten gleich mit, wenn sie hier weiterleben möchte. Immerhin hat sie in den letzten beiden Jahren mit ihren Fachkenntnissen einen großen Beitrag zur friedlichen Koexistenz zwischen magischer und nichtmagischer Gemeinschaft geleistet. Er wäre sehr einfältig, wenn er diese Möglichkeit nicht weiter ausschöpfen würde, gerade jetzt, wo wir andauernd von Dementoren heimgesucht werden."

"Ja, doch wenn ich Sie jetzt richtig verstehe müßte meine Mutter dann ganz kleine Brötchen backen, also alles machen, was Didier von ihr verlangt."

"Zumindest das im Rahmen der Sittlichkeit machbare", knurrte Professeur faucon. Julius fragte sie dann, ob dann auch überprüft würde, ob die vorzeitige Ehe zwischen ihm und Mildrid wieder in Frage gestellt würde. Er wußte, daß Professeur Faucon vor einem halben Jahr noch Beifall geklatscht hätte, wenn das für ungültig erklärt worden wäre.

"Das ist das Dilemma des neuen Ministers, Julius. Einerseits würde er dich gerne noch als in Frankreich geduldeten, weil in Großbritannien verfolgten Schüler sehen, der jederzeit mit seiner Mutter ausgewiesen werden könnte. Andererseits kann er jetzt, wo deine Verbindung mit Mildrid rechtskräftig gemacht wurde, einen französischen Staatsbürger nicht einfach ausweisen, auch wenn er ein Verbrechen gegen die Zauberergesetze begangen hätte. Deshalb unterstelle ich ihm mal, daß er den Schwachpunkt deines sozialen Umfelds, die britische Staatsangehörigkeit deiner Mutter, ausnutzen wird, sollte ihm wirklich danach sein, dich loszuwerden, womöglich sogar dem Psychopathen und seinen Marionetten auszuliefern. Wissen wir denn, ob Thicknesse und Umbridge nicht gleich nach der Befreiung deiner Schulfreunde geschrien haben, wir hätten ihr Land destabilisiert? Hinzu kommt, daß viele muggelstämmige Hexen und Zauberer durch unser Land gereist sind, die vor den Nachstellungen des Wahnhaften fliehen mußten. Er geht nach wie vor davon aus, daß die Dementoren als Vergeltung für diese Flucht zu uns geschickt werden, wohl auch, um die Flüchtigen zu finden und zurückzuschaffen oder gleich vor Ort zu entseelen."

"Aber bisher sind die Dementoren nicht nach Beauxbatons gekommen", wandte Julius ein.

"Weil außer unserem Ministerium, Madame Maxime und uns Lehrern hier keiner weiß, wo Beauxbatons liegt. Sollte es wider die gegenwärtige Situation irgendwann ein trimagisches Turnier geben, werden nur die Schulleiter der Teilnehmer über die geographische Lage der Akademie orientiert. Das war bisher unser größter Schutz vor Unbilden, war es Sardonia, sei es Grindelwald, oder seien es die Dementoren. In dem Moment, wo Dementoren Beauxbatons erreichen, müssen wir von massivem Verrat ausgehen."

"Hmm, wie bei den Grandchapeaus?" Fragte Julius. Professeur Faucon verzog das Gesicht und nickte verdrossen.

"Somit könnten wir jederzeit angegriffen werden. Das ist ja auch der Grund, warum Didier unsere Eingabe akzeptiert hat, daß wir die fähigsten Patronus-Zauberer in Beauxbatons hier behalten. Du erinnerst dich doch noch, wie es vor Ostern war. Grandchapeau wollte anregen, daß ich den UTZ-Schülern die Balder-Methode beibringe. Madame Maxime hat das mit der Begründung abgelehnt, daß dafür mehrere Hexen oder Zauberer zusammenwirken müssen und ich stattdessen den Patronus als brauchbaren Zauber vermitteln solle."

"Stimmt, habe mich schon gewundert, daß die UTZ-Klassen noch nichts über die Balder-Methode erzählt haben", erwiderte Julius. "Aber die Incantivacuum-Kristalle wären noch besser."

"Nur leider schwer herzustellen", erwiderte Professeur Faucon. "Oder sollen wir besser sagen, zum Glück für eine friedliche Zaubererwelt. Mächtige Waffen sind in einer Friedlichen Welt eine größere Bedrohung als ein wirksamer Schutz." Julius nickte verhalten. Dann fragte er:

"Was passiert, wenn meine Mutter und Catherine nicht die Antworten geben, die Didier hören will?"

"Deshalb habe ich dich zu mir zitiert, Julius. "Gesetzt den Fall, Didier will deine Mutter abschieben und dich gleich mit, obwohl du als Monsieur Latierre den Schutz unserer Nation genießt, haben deine Mutter und Catherine beschlossen, daß deine Mutter bis auf weiteres das Land verläßt und in der Muggelgemeinschaft irgendwo in Übersee weiterlebt. Finanziell wäre sie für die nächsten sieben Monate unabhängig genug, um nicht unter freiem Himmel verhungern oder erfrieren zu müssen. Du bliebst natürlich in Beauxbatons. Ob du die Ferientage dann bei Catherine oder in einem anderen Zaubererhaus zubringst würde sie dann mit dir, Mildrid und mir besprechen, wenn der unerwünschte Fall tatsächlich eintreten sollte."

"Wo sollte meine Mutter denn hin? Die Staaten? Ohne Arbeitserlaubnis käme sie da nicht unter, zumindest nicht für mehr als drei Monate. Und Sie sprachen ja davon, daß sie nur in der nichtmagischen Welt leben sollte."

"An dem Problem wird bereits gearbeitet. Denn wir haben einen entscheidenden Vorteil: Das Zaubereiministerium kann die elektronischen Verständigungsmittel der Muggelwelt nicht überwachen. Deine Mutter kann also telefonieren oder diese Elektrobriefe über das weltweite Rechnernetz versenden. Denn außer Madame Belle Grandchapeau verfügt niemand in der Zaubererwelt über die nötigen Sachkenntnisse, diese Nachrichtenwege zu überwachen. Das ist ja genau das, was deine Mutter für die Zaubererwelt so wertvoll macht. Sie darf von uns wissen und kann gleichzeitig ihre Fachkenntnisse weiter anwenden, um die Geheimhaltung sicherzustellen."

"Na hoffentlich sieht der nette Monsieur Didier das auch so und läßt sie hier arbeiten", seufzte Julius.

"Ich muß ehrlich gestehen, daß ich es begrüßen würde, wenn deine Mutter sich aus Didiers Einflußsphäre absetzt. Sie wird immer noch von Thicknesse gesucht, und das von mir nolens volens genehmigte Husarenstück, mit dem du Mademoiselle Porter, ihre Kameradinnen Betty und Jenna Hollingsworth und den doch noch sehr unbändigen Monsieur Malone vor dieser Opportunistin Umbridge gerettet hast könnte die Verbrecherbande noch hartnäckiger deinen Kopf fordern lassen, und das womöglich wortwörtlich." Julius erbleichte, nickte aber. Sowas ähnliches hatte er ja schon längst erwartet.

"Also am Samstag entscheidet sich das?" Wollte Julius wissen.

"Ja, am Samstag", bestätigte Professeur Faucon. Dann bat sie Julius, erst einmal nichts davon weiterzuerzählen, sondern zu warten, wie die Sache ausging. Er nickte ihr verhalten zu und ging dann in den Astronomieunterricht, wo sie über den Jupiter sprachen.

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