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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Suzanne hielt es keinen Tag mehr hier aus. Friedenslager. Von wegen Frieden! Seitdem sie in dieser Barackensiedlung innerhalb eines düsteren Burghofes eingepfercht war war kein Tag vergangen, an dem sie nicht von frustrierten Hexen und Zauberern schikaniert worden war. Als wenn die brutalen und schadenfrohen Wächter nicht genug wären, wurde sie beschimpft, geschlagen, getreten und herumgeschubst. Und das alles nur, weil sie Didier hieß. Hinzu kam, daß einige Zauberer und homophile Hexen versuchten, ihr geschlechtliche Zuwendungen abzuringen, um sie weiterhin unbehelligt zu lassen. Tisiphone hatte sie sogar schon getrietzt, sie könne sich doch von ihrem Lieblingsgefangenen schwängern lassen, um mit dem einen Platz im Familienbau zu kriegen. Da gäbe es kleinere Zimmer. Doch Suzanne hatte zu tiefst angewidert diese Offerten zurückgewiesen. Als besagter Zauberer dann meinte, sie ohne derartige Zusagen nehmen zu können waren die beiden Montferre-Schwestern dazwischengegangen und hatten den Kerl mit bloßen Fäusten so heftig verprügelt, daß mehrere Knochen gebrochen, und Brustkorb, Kinn und Rücken ein einziger grünblauer Fleck waren. Als Garout, einer der brutalsten Aufpasser die beiden jungen Hexen dann mit einem glühenden Messer "rasieren" wollte, hatte eine ältere Hexe namens Lévande ihn mit Reinigungsalkohol überschüttet, ohne daß Garout sie erkannte. Das magisch glühende Messer hatte die Ladung sofort wie eine Fackel entflammt und damit auch den bösartigen Kerl, der im Ruf stand, ein Werwolf zu sein. Er hatte sich sofort laut schreiend davongestürzt, um Wasser und Heilzauber über sich zu wirken. Denn vor lauter Lust am Quälen hatte er den Zauberstab nicht gezogen.

"Die kriegen dich dran, Lévande", zischte Sabine der mindestens vierzig Jahre älteren Hexe zu. Diese sagte jedoch nur:

"Garout geht zu weit. Was immer Suzannes Onkel da befohlen hat, ein Freibrief zum Quälen der Gefangenen war das wohl nicht."

"Sie haben Überwachungszauber", sagte Suzanne. "Die finden raus, daß du die Spiritusflasche geschwungen hast."

"Die haben mir zwar den Zauberstab weggenommen, aber nicht meine Magie, Mädchen. Wenn ich nicht will, findet und enthüllt mich kein Überwachungszauber. Habe ich bei einem alten Medizinmann in Afrika gelernt, wie man vor Hellsehern und Fernbeobachtern geschützt ist. Paßt gut auf euch auf." Suzanne sah der hageren Hexe mit der braunen Naturkrause und der kastanienbraunen Haut nach. Dann stimmte es also doch, daß sie afrikanische Zaubererweltwurzeln hatte und nicht von einem eingewanderten Muggel stammte. Tatsächlich wurde ihr selbst nicht nachgestellt. Doch Sandra, Sabine und Suzanne sollten verhört werden, ob sie gesehen hatten, wer den Reinigungsalkohol verschüttet hatte. Offenbar wurmte es die Wachmannschaft von Lager fünf, daß jemand unerfaßbar herumlief. Da sie Suzanne für das schwächste Glied der Kette hielten, sollte sie vor dem Verhör in den unheimlichenKellern der Burg warten. Diese Wartezeit wurde ihr schlimmster Alptraum. Denn immer wieder hörte sie nebenan wartende Hexen und Zauberer um Hilfe oder Gnade schreien. Dann hörte sie Wasser rauschen. Es klang wie ein Fluß, der genau über ihr ... Da stürzten erst haarfeine und dann Armdicke Wasserfälle von oben herab. In wenigen Sekunden stand sie bis zu den Waden im kalten Wasser. Dann bis zu den Hüften. Die Angst stieg mit dem kalten Naß um die Wette. Ihr schlimmster Alptraum, hilflos zu ertrinken, sollte also wahrwerden. Das war der Grund, warum sie keine Badewannen mochte, nie ans Meer von Beauxbatons gegangen war und in Wasserzaubern möglichst beste Noten errungen hatte, um die Fluten zurückzudrängen. Jetzt reichte ihr das Wasser bereits zum Brustkorb. Sie schrie um Hilfe. Doch sie wußte, daß ihr hier niemand helfen würde. Man wollte sie nicht verhören. Man wollte sie elendig ersaufen lassen wie eine schmutzige Kellerratte. Jetzt stand das Wasser ihr bis zum Kinn. Sie mußte schwimmen. Kunststück, wo sie nie in so tiefes Wasser gegangen war, daß sie es gut hätte lernen können. Zu allem Überfluß verstärkte sich der Wasserfall aus der Decke noch. Sie erinnerte sich an einen Irrwicht, der sich vor ihr in eine meterhohe Flutwelle verwandelt hatte. Jetzt steckte sie in einem zu kleinen Raum und drohte zu ertrinken. Ihr letzter Schrei wurde zum Gurgeln. Dann überdeckte das Wasser schon ihre Ohren. Sie zwang sich, nicht einzuatmen. Auch als der ganze Raum unter Wasser stand hielt sie noch durch. Doch dann ließ der Atemreflex ihr keine Wahl mehr. Sie öffnete den Mund und sog das Wasser in die Lungen, die schmerzten. Angst und Schmerz wurden eins. Rote Ringe leuchteten vor ihren Augen, zerstoben zu einem wilden Funkenwirbel und färbten ihre Umwelt immer dunkler. Gleich würde es schwarz vor ihren Augen werden, und dann war es vorbei. Die gepeinigten Lungen voller Wasser, ihre gepeinigte Seele in heilloser Todesangst gefangen, trieb sie da ... und fühlte unvermittelt, daß sie auf dem Boden lag. Nichts tat ihr mehr weh. Sie keuchte und schluchzte. Dies war das einzige Wasser, daß gerade im Raum war. Was sie erlebt hatte war nur ein magisch erzeugter Alptraum, ein Alptraum, der ihre schlimmste Angst nachbildete. "Beim nächsten Mal ist es echt", knurrte Garouts absolut gehässige Stimme durch den Raum. "Also spur gefälligst und tu alles und sag alles, was man von dir will, klar?" Suzanne konnte nur schluchzen. Da begann es wieder zu rauschen. War es wieder nur ein Spuk, oder diesmal Wirklichkeit. Da fühlte sie, wie etwas sie erst sanft berührte, gerade als ein Strom Wasser aus der Decke stürzte. Und unvermittelt fühlte sie sich in einem anderen Körper wieder. Sie atmete ruhig und frei. Sie sah auf ihre Hände. Sie waren kastanienbraun. "Ganz ruhig, mein Mädchen. Maman Lévande paßt auf dich auf. Keine böse Macht kann dir wehtun", klang eine tiefe, freundliche Stimme in ihrem Inneren, nicht nur im Kopf. Da wußte sie, daß die halbafrikanische Hexe sie mit einer Form Introsensozauber in ihre Wahrnehmung geholt hatte, um ihr die Alptraumbilder zu ersparen, die ihren Körper peinigten. Doch wenn ihr Körper jetzt wirklich von Wasser überflutet wurde? "Dein Leib ist nun starr und sicher vor allen bösen Sachen", hörte sie wie zur Antwort Lévandes Stimme. Suzanne beruhigte sich. Es mochte wohl einige Minuten dauern, da sagte die innere Stimme: "Du kannst jetzt wieder in deinen Körper. Sie öffnen den Raum. Du kannst mich nicht verraten. Ich habe nichts getan, was du beobachtet hättest." Unvermittelt fand sich Suzanne in ihrem eigenen Körper wieder. Als sie nun gefragt wurde, wer Garout mit dem brennbaren Putzmittel übergossen hatte, sagte sie wie eingeschüchtert, daß sie das Gesicht des oder derjenigen nicht erkannt hatte. Tisiphone, die zweite unbarmherzige Person aus den Reihen der Wächter, grinste sie gemein an und wandte sich an Garout. "Siebenmal habt ihr das über sie ergehen lassen? Dann spurt die wirklich. setz die blöde Bine Montferre in den Keller!"

"Ich lass mir von dir keine Anweisungen geben, Tissie", knurrte Garout. "Ich mach erst die andere von den beiden klar."

"Wehe dir, du machst sie dir gefügig, Léon", fauchte Tisiphone. Ihr Kollege grinste grausam und schnarrte:

"Ich habe kein Schild am Körper, daß ich nur für dich da bin, Tissie." Dann trollte er sich. Suzanne sollte warten, bis die beiden anderen verhört worden waren. Doch es dauerte stunden, bis die beiden Zwillinge trotzig und ungebrochen vor Léon Garout standen. Er fragte sie, versuchte, ihnen Cruciatus aufzuhalsen. Doch der sonst so gefürchtete Folterfluch tat ihnen nichts. Irgendetwas schützte sie vor ihm. Als Garout ausholte, um Sabine die Faust ins Gesicht zu dreschen, schrie er auf und hielt sich den Arm. "Mist, wie geht das denn?" Fluchte er. Suzanne erschrak, als sie sah, wie in Garouts Gesicht schwarzes Haar wuchs, immer dichter. Das war kein Bart. Das war Fell. Also stimmten die Behauptungen. Garout war ein geborener Werwolf. "Ich zerfleische dich, du mieses Stück dreck. Ich reiß dir die Dutteln einzeln vom Leib, du miese Schlampe", brüllte er. Da traf ihn ein halbherziger Schockzauber am Bauch und ließ ihn umkippen.

"Ich weiß nicht wie, aber irgendwas ist hier, daß euch verfluchten Montferres beschützt. Léon und ich kriegen das raus. Und dann drehen wir beide euch drei nacheinander durch die Fleischmühle", keifte Tisiphone, bevor sie die drei in ihre Baracke schickte.

Zwar hatte Lévande die drei beschützt, aber wohl nur, um sie nicht dazu zu bringen, sie zu verraten. Doch zu wissen, daß selbst die brutalste Bande Didiers nicht alles machen konnte, was sie wollte, ließ Suzanne und die Zwillinge in einen halbwegs ruhigen Schlaf finden.

Die nächsten Tage jedoch bekamen sie zu spüren, daß sie bei den Wächtern unten durch waren. Diese hetzten Mitgefangene gegen die drei ehemaligen Schülerinnen auf, hielten ihr Essen und Trinken vor und ließen sie meterhohe Stangen hochturnen, um an Wasserbeutel zu gelangen. Dabei mußten sie statt der grauen Einheitskleidung Oberschenkelkurze Baströcke tragen, nichts anderes. Das führte dazu, daß gerade die männlichen Insassen widerlich begeistert johlten, pfiffen und klatschten. Suzanne stürzte fast ab. Dabei verlor sie ihr Baströckchen. Puterrot von dieser gemeinen Demütigung konnte sie gerade noch auf den bloßen Fußsohlen aufkommen. Garout ließ sie mit dem Zauberstab wieder aufsteigen und eine unfreiwillige, langsame Pirouette drehen, bis alle umstehenden sie komplett unbekleidet begafft hatten. Dann fiel Suzanne in den Burghof. Wieder stürzten Tränenfluten aus ihren Augen.

"Süßes Mädel, nicht wahr?" Blaffte Garout mit Geifer an den Mundwinkeln. Tisiphone riß Suzanne hoch und ließ sie sich wieder mit der verhaßten grauen Einheitskluft bedecken.

"So geht das jeder und jedem, der meint, uns hier verarschen zu können", schnarrte Tisiphone inbrünstig. "Wir sind hier die, die sagen, was geht und was nicht geht. Die Regel ist so einfach, daß jeder Troll sie kapiert. Und jetzt abmarsch ihr Spanner!" Sie wedelte mit ihrem Zauberstab und rief"Agualenti!" Suzanne vermutete, daß sie den Wasserstrahl auf die sich auf ihre Kosten heißgelaufenen Gemüter schießen wollte. Doch statt des dicken Strahls dröppelte es aus dem Zauberstab und rieselte keine fünf Millimeter von der Spitze wie Frühlingsregen zu Boden. Alle lachten, bis auf Garrout, der machte eine wütende Zauberstabbewegung, die eine unsichtbare Stoßwelle in die Menge schleuderte, die alle zurückwarf und durcheinanderpurzeln ließ. Bine, San und Suzanne zogen sich schnell zurück, bevor Tisiphone einen ihrer berüchtigten Wutanfälle kriegen konnte. Suzanne fühlte Wut und gnadenlosen Haß auf die Wächter. Doch was würde es helfen. Sie war dazu verdammt, in dieser von Menschen gemachten Hölle zu bleiben, weil sie es gewagt hatte, ihren Onkel Janus Didier zu kritisieren. So wie es aussah, würde nur der freundliche Herr mit der Sense sie hier herausführen, um sie an einen weit fortgelegenen Ort zu bringen. Sollte sie diesen Herrn vielleicht durch irgendwas dazu bringen, früher zu ihr zu kommen? Nein, das wäre doch genau, was diese Barbaren von ihr wollten. Sie mußte durchhalten. Jeden neuen Tag mit neuer Hoffnung angehen, daß Minister Didier bald von der wütenden Masse nicht mehr schweigend zusehender aus dem Amt gejagt und selbst in diesen Menschenpferch gesteckt wurde.

Als es Vollmond war, hörte Suzanne in ihrer Baracke Nummer sieben durchdringendes Wolfsgeheul. Sie verstand, daß Léon Garout nun seiner angeborenen Natur unterworfen war und draußen herumlief. Was für ein finsterer Charakter ihr Onkel doch war, einen echten Werwolf zum Gefängniswärter zu machen. Niemand würde freiwillig hinausgehen und womöglich von diesem Ungeheuer gebissen und selbst mit der Lykanthropie angesteckt werden, wenn die Bestie nicht so gnädig war, ihr Opfer in Stücke zu reißen.

 

__________

 

"Wenn wir eure netten Klamotten nach England schaffen wollen muß das Aasgeiergeschwader noch mal abgelenkt werden", grummelte Joe Brickston. Er hatte sich nur schwer damit abgefunden, daß Antoinette Eauvive ihm auch magisches Potential eingeflößt hatte. Die Art und Weise wie sie es getan hatte war ihm zu wider. Auch daß er nicht gefragt worden war kam ihm immer wieder hoch. Doch er hatte einsehen müssen, daß er dadurch um eine unbestimmte Zeit im magischen Tiefschlaf herumkam. Dennoch mied er nach Möglichkeit Marthas und Madeleines Nähe und warf Viviane Eauvives lebendigem Gemälde einen verächtlichen Blick nach dem anderen zu, auch wenn er nicht wußte, daß dieses der Schlüssel zu seinem unerwünschten Glück gewesen war.

"Florymont kann dieses Feuerwerk nicht noch einmal abbrennen", wandte Catherine ein. Jetzt wissen die da draußen, daß es dazu diente, sie abzulenken. Um sie nachhaltig loszuwerden müßten wir eine eigene Abwehrtruppe aufbieten. Da ich fürchte, daß alle über uns fliegenden Leute unter fremdem Willen stehen wäre es nicht nur ungerecht, sondern gemein, sie mit Gewalt zu stoppen."

"Ach neh, aber die dürfen ihre Zauber machen", knurrte Joe. "Geht das nicht, daß ihr denen aus dem Gehirn streicht, daß es Millemerveilles gibt?"

"Das wäre zwar möglich, aber nicht die beste Lösung, Joe", entgegnete Martha. "Denn dann würden auch alle vergessen, die gerade hier sind. Stell dir das bitte mal vor, was dann mit Sandrine und den anderen in Beauxbatons ist, wenn die plötzlich nicht mehr wissen, wo sie herkommen und wer ihre Eltern sind. Denn genau so würde sich das auswirken."

"Dann müßt ihr die dazu bringen, freiwillig die Belagerung aufzugeben", raunzte Joe. "Ihr müßtet wen hier haben, der die wirkungsvoll auf Abstand halten kann."

"Womit wir wieder bei der Gewalt sind, Joe", warf Catherine ein. "Nein, ich fürchte, um die dort oben wirkungsvoll daran zu hindern, weiter hier zu patrouillieren, müssen wir erst Didier aus dem Amt drängen."

"Jede Minute kann ein unschuldiger Mensch in England, Irland oder Schottland von diesen Umbridge-Leuten gefangengenommen werden", drängte Martha zum Handeln. "Die Antisonden können nun in Serie produziert werden. Das apparieren ist nun auch ungefährlich. Dann sollten wir weitermachen wie bisher geplant."

"Wie das, wenn da draußen mehrere Leute auf Besen herumfliegen?" Fragte Joe. Martha überlegte. Dann sagte sie: "Albericus kann mit seinem Bus hier nach Millemerveilles reinfahren. Das geht schnell genug, daß die da oben es erst sehen, wenn er schon durch die Absperrung ist. Ich kläre das mit Monsieur Charpentier und Madame Delamontagne."

"Ich bringe dich zu ihnen", sagte Catherine. Joe grinste. Zwar ärgerte er sich, daß er diese so simple Idee nicht gehabt hatte, aber er freute sich, daß die sogenannte Muggeltechnik schon wieder ausschlaggebend sein würde, auch wenn Albericus Latierre seinen VW-Bus mit diversem Hokuspokus frisiert hatte.

Martha war etwas mulmig zu Mute, als Catherine mit ihr außerhalb des Apparitionswalles um das Haus ihrer Mutter stand. "Das mußt du auch erfahren, Martha. Möglicherweise willst du es ja irgendwann auch können", mentiloquierte sie ihrer Mitbewohnerin zu und ergriff ihre Hand. Martha nickte und ergab sich in das unvermeidliche Schicksal.

Es fühlte sich wahrhaftig so an, als werde sie von einem mörderisch zusammendrückenden schwarzen Etwas gepeinigt, das ihre Lungen zusammenpreßte und ihre Augen in den Kopf zu quetschen schien. Sie meinte, gleich wie in einer Schrottpresse zu Haut und Knochen zermalmt zu werden. Dann ebbte der unerträgliche Druck schlagartig wieder ab. Um Martha entstand die Welt mit ihren Bildern, Geräuschen und Gerüchen neu. Nur daß sie jetzt vor dem Schachgarten stand.

"Stimmt schon. Ist sehr gewöhnungsbedürftig", wisperte Martha, weil sie das Gedankensprechen noch nicht konnte. Dann betrat sie den Garten und zog am Glockenseil der Haustür. Eleonore Delamontagne ließ sie hereinkommen. Ihr Schwiegervater war gerade zu Besuch. In einem zum Klangkerker umgewandelten Arbeitszimmer legte Martha ihre Idee vor.

"Das Pech ist nur, daß Albericus den Bus innerhalb einer Arrestaura zurücklassen mußte, die bis heute nicht aufgehoben wurde. Diese blockiert einen Transitionsturbo ebenso wie das Apparieren von Hexen und Zauberern. Die übrigen ministeriumseigenen Automobile stehen im Ministeriumsgebäude selbst und sind im Moment unerreichbar."

"Das Ding mit dem Feuerwerk kann Florymont nicht noch einmal machen. Aber wozu haben wir die Antisonden, wenn wir sie nicht dorthin bringen können, wo sie gebraucht werden?" Wollte Martha wissen.

"Es geht doch nur darum, über die Dorfgrenzen wegzukommen", stellte Martha fest. Den Rest können unsere Kollegen doch im zeitlosen Sprung überwinden."

"Nicht mit nahezu fünfhundert dieser Antisonden, Martha. Florymonts Patent läßt sich offenbar sehr gut umsetzen", erwiderte der Gegenminister. "Aber ich verstehe, daß diese nützlichen Teile hier sehr nutzlos sind. Dann bleibt uns halt nur der offene Ausbruch auf Besen."

"Oder ein unsichtbares Fluggerät oder -tier", erwiderte Martha, der eine weitere Lösung eingefallen war. Doch das hieße, die beiden über Julius' Hochzeitsgeschenk zu informieren. Und ob er das wollte wußte sie nicht.

"So was haben wir leider nicht", sagte Madame Delamontagne.

"Wir machen das so, Martha: Wir bieten eine dreifache Übermacht an Besenfliegern auf. An vier Transportbesen hängt die Kiste. Wir schaffen sie raus aus Millemerveilles. Dann disapparieren so viele Leute von uns mit der Kiste, um sie zur Landesgrenze zu bringen. Von da aus soll einer der Züge die Kiste durch den Tunnel bringen, damit sie in England von Ihrem Verbindungsmann abgeholt werden kann, Martha.""

"Catherine sagt, es solle möglichst gewaltlos ablaufen, diese Leute da draußen von Millemerveilles fernzuhalten", wandte Martha Andrews ein.

"Wir wollen die nicht umbringen, sondern nur daran hindern, uns am freien Abzug aus Millemerveilles zu hindern", grummelte der Gegenminister. Natürlich gefiel ihm diese Situation auch nicht. Martha nickte. Sie wußte, daß Phoebus Delamontagne genau wußte, daß die Patrouillenflieger nicht aus eigenem Antrieb handelten. Da ihr im Moment auch keine bessere Lösung einfiel gab sie sich einstweilen damit zufrieden. Albericus' Bus wäre schon eine brauchbare Alternative gewesen. Sie bat Eleonore, sie wieder zum Haus Madame Faucons zurückzubringen. Diese wußte noch nichts von Marthas neuem status, obwohl sie es als Dorfrätin für gesellschaftliche Angelegenheiten unmittelbar betraf. So unterdrückte sie ihr Unbehagen vor der zweiten Apparition als Hexe, überstand den sie zusammenquetschenden dunklen Gummischlauch und erstattete Catherine Bericht. Diese hatte derweilen Besuch von Jeanne Dusoleil und der kleinen Viviane Aurélie bekommen. Im Arbeitszimmer Madame Faucons sprachen die Hausbewohner und Jeanne über das Problem.

"Mein Vater hat das schon bedacht, Martha. Ich habe doch Oma Aurélies Flugteppich. Der ist groß genug, um die Kiste zu tragen und schnell genug, um durch die Patrouillenreihen zu brechen. Papa hat Forcas' Nebelbomben eingelagert, die setzen wir ein. Wenn dieses Telefonierding von hier aus geht, frage den, mit dem du damals Julius' Freunde aus Hogwarts rausgeholt hast, ob er die Kiste am anderen Ende des Tunnels abholen kann."

"Kann ich machen", sagte Martha zu Jeanne. Dazu mußte sie jedoch den Klangkerker verlassen, da dieser auch elektromagnetische Signale zurückhielt, wie sie mittlerweile wußte.

 

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"Und ihr seid euch sicher, daß die uns jetzt nichts mehr können?" Fragte Tim Abrahams, als er drei Wochen vor Weihnachten mit seiner frisch angetrauten Frau Galatea in das Haus auf dem Hof Hühnergrund zurückkehrte. Seine Schwiegereltern Ceridwen und Darrin Barley nickten.

"Ich habe die Feindesabwehr verstärkt. Selbst mit Brachialgewalt kommen die jetzt nicht mehr zu uns rein", erwiderte Ceridwen stolz. "Aber so wie es aussieht, werden wir hier wohl wieder gefragt, ob wir helfen können."

"War schon schön im Tal bei deiner guten Bekannten, Mum Ceridwen", sagte Tim. "Aber irgendwie möchte ich auch wieder was nützliches tun."

"Ich habe dein mitnehmbares Fernsprechgerät in einem Lagerhaus mit Elektrokraft aufgeladen. Vielleicht sind ja Anfragen angekommen." Tim nickte und ließ sich sein Mobiltelefon geben. Tatsächlich waren mehrere Nachrichten im elektronischen Postfach und drei Kurzmitteilungen. Ein Anruf war Werbung. Der zweite von seiner Mutter, warum er nicht erreichbar sei und der dritte von Martha Andrews aus Frankreich. Sie hatte auch die drei Kurzmitteilungen verschickt, alle mit dem Inhalt, daß er zurückschreiben solle, um eine Ladung Magieausstrahlungsartefakte entgegenzunehmen und sie nach möglichkeit an die in der Muggelwelt untergetauchten Hexen und Zauberer zu verteilen, die darauf hofften, das Land verlassen zu können. So schrieb er zurück:

Tunnel nicht empfehlenswert wegen Thicknesses Kontrollen. Komme mit Boot. Termin nach Erhalt vereinbaren!

 

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"Als wenn ein Boot harmloser sei", grummelte Martha im Schutz des Klangkerkers, als sie Tims Kurzmitteilung erhalten hatte. Auf diese Weise konnten die da draußen auch nicht mithören, was die ehemalige Muggelfrau und der muggelstämmige Zauberer miteinander abklärten.

"Hängt davon ab, wo er langfährt", sagte Jeanne. "Vielleicht kann er ein nichtmagisches Motorkraftboot beschaffen, mit dem er von überall herüberkommen kann."

"Dann stellt sich die Frage, wo wir ihn am besten treffen sollen", seufzte Martha. "Oder du zeigst mir, wie ich mit dem Teppich fliegen kann, Jeanne. Dann fliege ich alleine mit der Kiste bis nach England. Der Fluch unseres Feindes kann mir nichts anhaben, weil ich dort ja geboren wurde."

"Mag sein, Martha. Aber du kannst nichts machen, wenn Dementoren an der Küste herumschwirren. Du könntest weder sehen, woher sie kommen noch mit dem Patronus-Zauber gegen sie kämpfen. Ich könnte mir Mamans Silberstern ausleihen. Der wird mich genauso beschützen wie sie, wenn ich in die Wirkungszone des Ausländervernichtungsbanns eindringe. Aber vielleicht ist ein Boot wirklich die bessere Lösung."

"Vor allem, weil ihr beiden nicht mehr riskieren müßt als nötig", sagte Catherine kategorisch. "Ihr beiden seid hier zu wichtig. Martha brauchen wir wegen der Muggelweltangelegenheiten, und du hast eine noch nicht entwöhnte Tochter, Jeanne."

"Und ich habe eine Mutter, die mir genau das gleiche gesagt hat, Catherine", knurrte Jeanne. "Aber wenn eine Möglichkeit besteht, muggelstämmigen Hexen und Zauberern in England zur Flucht zu verhelfen, möchte ich da nicht außen vorbleiben. Aber ich sehe es ein, daß der Flug an die Nordsee- oder Atlantikküste schon riskant genug ist. Ich fliege mit Martha dorthin, sobald Bruno und die anderen Quidditchspieler und die von Pierres Sicherheitstruppe den Weg freigeräumt haben. Der Teppich ist besser geeignet als zusammengebundene Besen. Und Hera hat Maman verboten, sich auf waghalsige Sachen einzulassen, solange mein Geschwisterchen noch nicht geboren ist."

"Das sollte auch für stillende Mütter gelten", grummelte Catherine dann noch. Doch schließlich nickte sie. Martha schickte per Mobiltelefon eine Kurzmitteilung an Tim, in der sie um einen ihm genehmen Zeit- und Treffpunkt bat. Vier Stunden später landete die Kurznachricht mit der Zeile "Bautag des Wundermädels acht Volle nach Ras Triumph bei der Königin von Neptuns Schwert". Martha verzog das Gesicht. Wieso konnte der Bursche nicht einfach schreiben, wann genau und wo? Die Kurznachrichten konnten von Zauberern doch nicht abgefangen werden. - Aber von anderen Leuten in England und Frankreich. Gut daß sie Joes und ihr Mobilfunktarnprogramm benutzt hatte, um Tim unter fünf verschiedenen Phantomnummern zu erreichen.

"Vielleicht wollte dein Verbindungsmann zum Geheimdienst", feixte Joe, als Martha ihm im schalldichten Büro diese Botschaft übermittelte.

"Vielleicht wollte er eher verhindern, daß jemand hinfährt um zu sehen, was passiert. Aber Rätsel mag ich. Und das dürfte nicht zu kompliziert sein", erwiderte Martha, nun vom Ratefieber gepackt. "Bautag des Wundermädels. Könnte ein etwas despektierlicher Geburts- oder Namenstag einer bekannten Frau aus der Religion sein."

"Bautag, Martha", sagte Joe. "Will sagen, wann dieses "Wundermädel" gebaut, also gezeugt wurde oder auch empfangen, wenn du es von der mütterlichen Seite her siehst." Martha schlug sich die Hände vor den Kopf. Der Tag war also gemeint. Tja, in drei Tagen feierten die überwiegend katholischen Muggel Frankreichs Mariä Empfängnis, wo die Mutter des Christkindes der kirchlichen Auffassung nach als von aller Sünde reingespülte Jungfrau im Leibe ihrer Mutter Anna empfangen wurde. Acht Volle nach Ras Triumph konnte nur acht Stunden nach Mittag heißen. Ra beziehungsweise Re war der altägyptische Sonnengott gewesen. Also an Mariä Empfängnis um acht Uhr Abends. "Bleibt nur die Frage, was für eine Königin von Neptuns Schwert das sein soll. Neptun hatte doch einen Dreizack und kein Schwert", warf Martha ein. Joe grinste nun sehr überlegen.

"Hast du nicht gesagt, daß dieser Zauberer, mit dem du Kurzmitteilungen austauschen kannst einen Vater bei der Navy hat?" Fragte er belustigt. Martha fand zwar nichts amüsantes dabei, doch sie nickte gelassen. "Sein Vater ist da schon in zweiter Generation. Der Großvater von ihm hat ein Schiff kommandiert, daß die Allierten zur Normandie gebracht hat. Könnte sein, daß Richards Onkel auf dem Schiff war. Der ist da nämlich am Strandabschnitt Juno ... Ich Idiotin!!" Entrüstete sich Martha. Joe grinste nur und murmelte "Wenn du das so sagst."

"Juno, Gold und Schwert, die drei Hauptabschnitte der britischen Invasionstruppen. Das ganze hieß Operation Neptun und bereitete die zweite Front im zweiten Weltkrieg vor. Neptuns Schwert. Heißt also, da wo in dieser Operation Neptun der Strandabschnitt Schwert lag. Aber was für eine Königin meint er noch."

"Den Unterabschnitt, Martha. Alle Strandabschnitte wurden noch mal unterteilt, um die Zuteilung der Truppen zu koordinieren", sagte Joe. "Wir hatten einen Veteranen, der damals dabei war als Geschichtslehrer. Bei dem Strandausflug wurden ihm zwei Finger und der linke Fuß weggeschossen. Daher kenne ich sämtliche Details und Ortsangaben noch heute auswendig, auch wenn mein Opa George ein Jägerpilot war, der über Britannien wachte, um Hitlers Himmelhunde auf Abstand zu halten. Damit hast du deine Orts- und Zeitangaben. In drei Tagen am Strandabschnitt Schwert, Unterabschnitt Königin", erwiderte Joe. "Offenbar hat diese alte Hexe Eauvive dich mit ihrem Aufhockzauber aus dem Trott gebracht."

"Gut, dann möchte ich gerne von dir einen Ausdruck der Landkarte mit den bezeichnenden Strandabschnitten, bevor ich meinem Verbindungsmann den Termin bestätige", entgegnete Martha seelenruhig, als sei ihr Joes Überlegenheit nicht so zu Bewußtsein gekommen. Zehn Minuten später surrte der Ausdruck einer Landkarte aus dem Tintenstrahldrucker von Joe Brickston. Die Solarzellen lieferten wirklich jeden benötigten Strom.

Mit Jeanne und ihrem Vater klärte sie die Flugroute ab. Als sie dann abends im Haus der Faucons im Bett lag, dachte sie daran, wie nützlich es doch war, auch Geschichtskenntnisse der nichtmagischen Welt zu haben.

Mitten in der Nacht schrak sie von einem ungewohnten Geräusch aus dem Schlaf. Es war ihr einen Moment lang so, als brausten alte Propellerflugzeuge über Millemerveilles hinweg. Das mochte von den Erinnerungen an den Tag X kommen, als die Alliierten unter großen Verlusten die deutschen Atlantikbefestigungen überrannten, um ihre nachrückenden Truppen aufs Festland zu bringen. Doch da war es wieder. Ein schnell lauter werdendes Brummen, wütend und in großer Eile klingend. Und da war noch ein solches Geräusch. Martha öffnete das Dachfenster ihres Gästezimmers und blickte in die gerade sternenklare Nacht hinaus. Da erschrak sie. Gerade stürzte sich eine Dreiergruppe aus monströsen Wesen aus dem Himmel. Gigantische Insekten, die wütend brummend über Millemerveilles hinwegschwirrten. Waren das womöglich jene Entomanthropen? Julius und Catherine hatten ihr ja erzählt, daß es diese schwarzmagisch erzeugten Bestien gab und ... Rrrrdschummmm! Wieder surrte ein derartiges Ungetüm über das Dorf hinweg. Dann konnte Martha aus weiter Ferne einen Schrei hören, der ihr das Blut gefrieren ließ. Griffen diese Ungeheuer sie nun auch noch an? Ein zartes Klopfen an der Tür ließ sie wie elektrisiert zusammenfahren. Sie brauchte drei Sekunden, bis sie wieder klar denken konnte. "Ja, bitte!" Rief sie. Catherine trat ein. Sie wirkte angespannt.

"Entomanthropen schwirren über uns herum. Zu uns reinkommen können die wohl nicht. Aber beruhigen kann mich das auch nicht", wisperte sie.

"Ich habe mir das schon gedacht", erwiderte Martha. "Aber was wollen die dann."

"Wollen wollen die nichts, Martha. Sie führen nur Aufträge aus oder handeln instinktiv. Ich vermute jedoch, daß sie Jagd auf wen machen. Kann sein, daß die Wiederkehrerin Millemerveilles höchst selbst angreifen will, weil hier Sardonias Machtzentrum war und sie meinen könnte, Eigentumsrechte daran zu besitzen. Könnte aber auch sein, daß die Monster die Schlangenbestien unseres Erzfeindes bekämpfen wollen, Feuer mit Feuer sozusagen."

"Sind denn wieder welche aufgetaucht?" Fragte Martha verängstigt.

"Muß ich nachfragen. Von hier aus kann ich kein Melo."

"Bruno hat Wachdienst an den Überwachungsgeräten", erwiderte Martha so leise sie konnte. Die Schreckensrufe und laut ausgestoßenen Zauberwörter hallten wie Grüße aus der Hölle zu ihnen durchs offene Fenster.

"Jedenfalls bringen sie die Patrouille durcheinander", entgegnete Catherine. Dann schlug sie vor, daß sie und Martha hinausgingen und die Angelegenheit prüften. Martha war einverstanden und ließ es sich gefallen, daß Catherine sie mit einem gekonnten Zauber in einer einzigen Sekunde außentauglich ankleidete. Leise, um die anderen nicht zu wecken verließen sie das Haus. Sie apparierten vor dem Rathaus, gerade als gleich vier dieser Brummer über sie hinwegbrausten. Auch der Gegenminister und seine Abteilungsleiterin zur Abwehr dunkler Machenschaften Tourrecandide trafen gerade auf zeitlose Weise ein.

"Ich hörte es schon. Sieben Schlangenbestien und bisher zwölf Entomanthropen. Offenbar gilt diese Aktion nicht uns", sagte Madame Tourrecandide. Dann deutete sie auf Martha. "Nichts für ungut, Martha. Aber vielleicht hätten Sie in der Sicherheit des Hauses bleiben sollen."

"Ich passe auf sie auf, Madame Tourrecandide", erwiderte Catherine behutsam. Monsieur Delamontagne nickte.

Da das Polyteleoptron, die Batterie aus hundert magischen Fernrohren mit Bildübermittlungszauber, nur dem was zeigte, der die darauf eingerichtete Brille trug, konnten Martha, Catherine und die beiden Mitglieder der Liga gegen dunkle Künste nicht sehen, was Bruno sah. Dieser vermeldete jedoch, daß er von norden her sieben dieser Schlangenwesen hatte anrücken sehen können. Er wollte gerade Alarm geben, als eines der drei im Dorfzentrum stationierten Fernrohre von sich aus seine Bilder übermittelte, weil sein Annäherungsmeldezauber sehr heftig auf ein von weit oben herabstürzendes Etwas reagiert hatte. Das waren die ersten Entomanthropen, die Bruno in seinem Leben gesehen hatte. Die Insektenmonster griffen jedoch nicht die Besenflieger an, sondern attackierten wie herabstoßende Adler die Schlangenwesen, die wieder einmal mehr versucht hatten, nach Millemerveilles hineinzugelangen, und dabei die Grenzkuppel leicht zum flimmern brachten.

"Will sagen, wenn uns mehr als acht oder zehn von denen zugleich bestürmen könnten sie durchbrechen?" Fragte Gegenminister Delamontagne.

"Denke eher, daß es viel mehr sein müssen", sagte Bruno. "Genaueres weiß ich jedoch auch nicht. Aber jetzt ... Oha, die reißen die Schlangenbiester vom Boden weg und tragen sie immer höher. Die verwandeln sich in Menschen und ... wie heftig. Diese Insekten durchbohren die mit ihren Giftstacheln. Sieht echt schlimm aus, wie die Stachelspitzen die richtig durchstoßen und an der anderen Seite rausgucken", kommentierte Bruno mit hörbarer Beklemmung in der Stimme. "Scheint was zu bringen. Die aufgespießten Schlangenmenschen fallen tot runter und bleiben liegen. Das haben Avada Kedavra und eine Salve Feuerbälle nicht hingekriegt. Sie zerschmettern sogar, wenn sie aufschlagen. Suche Schlangenmenschen!" Der letzte Befehl war an das Polyteleoptron gerichtet, daß per Stimmkommando Fernrohre abfragte oder, was Florymont noch eingerichtet hatte, bestimmte Personen oder Geschöpfe suchen konnte. Nach zehn Sekunden sagte Bruno, daß zwei von den unheimlichen Kriegern sich wie Würmer im Boden eingegraben hatten und nicht mehr da seien. Martha fragte besorgt, ob diese Bestien dann auch nach Millemerveilles hineingelangen könnten.

"Ich bin zwar nicht mit allen Einzelheiten der Kuppel vertraut, Martha. Aber sie reicht bestimmt mehrere hundert Meter in die Tiefe. Außerdem würde sie jedes hier nicht geduldete Geschöpf, daß es irgendwie doch schafft, hereinzukommen, aus Millemerveilles hinaussaugen wie ein großer Staubsauger."

"Dann wären die ja schon längst bei uns reingekommen", wandte Bruno ein. Danach meldete er: "Die Entomanthropen haben bei der Überquerung des Dorfes vier Artgenossen eingebüßt. Todesfluch von den Patrouillenfliegern. Aber offenbar war ein Zauberer oder eine Hexe unter ihnen, jemand auf einem unsichtbar machenden Besen. Jedenfalls bekam die Patrouille einen Schwarm bunter Flammenzungen ab, der die Insektenmonster umschwirrt und beschützt hat."

"Dann ist die Wiederkehrerin also tatsächlich im Lande und lenkt ihre Ausgeburten persönlich", knurrte Catherine.

"Kennst du den Zauber mit dem bunten Feuer. Sah irgendwie aus wie Florymonts Feuerwerk", erwiderte Bruno darauf.

"Volinguignis, Bruno, ein elementaranimierender Flächenzauber, eine Vorstufe des Dämonsfeuers, mit dem du fliegende Flammen erzeugst, die auf einen Gegner oder eine Gruppe von Gegnern gelenkt werden können. Anders als Dämonsfeuer erlöschen die Flammen aber, wenn die Gegner außer Sicht ihres Beschwörers sind und sind überhaupt besser beherrschbar."

"Den hat uns deine Mutter aber nicht erklärt", wandte Bruno ein, während Monsieur Delamontagne Catherine leicht tadelnd ansah und Madame Tourrecandide ihr anerkennend zunickte.

"Soweit ich orientiert bin graduierten Sie auch nicht in Protektion wider destruktive Formen der Magie, Monsieur Dusoleil", stellte die frühere Lehrerin von Beauxbatons fest. Bruno nickte. Damit war für ihn der Käse gegessen. Wenn Professeur Faucon wem diesen Zauber zeigte oder nur darüber sprach, dann mußte der oder die in den UTZ-Klassen sein. Und mit einem A-ZAG hatte Bruno Professeur Faucons Mindestanforderung verfehlt.

"Ich kann leider nichts amüsantes oder anerkennenswertes daran finden, wenn jemand diesen oder andere hochgradige Zaubereien einsetzt, Monsieur Dusoleil", begründete Monsieur Delamontagne seinen Widerwillen gegen Catherines Ausführung. "Wenn auch noch stimmt, daß jene unrühmliche Dame, die sich als Sardonias Erbin versteht in der Nähe ist, haben wir alle Grund zur Besorgnis. Denn auch wenn es zunächst scheint, daß sie unsere heimliche Verbündete ist, handelt sie doch nur nach eigenem Gutdünken und ihren ganz eigenen Absichten."

"Tatsache ist jedoch, daß diese Entomanthropen eine probate Waffe gegen diese sonst so unverwüstlichen Kreaturen sind, Austère", wandte Monsieur Delamontagne ein. "Offenkundig hat sie diese Scheusale für Fälle wie den gerade bestehenden wiedererweckt oder neugezüchtet."

"Falls letzteres der Fall ist, Phoebus, dann wurden dafür unschuldige, weibliche Menschen geopfert. Sardonia erschuf den ersten Entomanthropen aus weiblichen Ungeborenen. Aber zum Ende ihrer Macht konnte sie auch halbwüchsige Mädchen dieser unzulässigen Prozedur unterwerfen."

"Austère, diese unrühmlichen Tatsachen sind auch mir geläufig", wies der Gegenminister darauf hin, daß er keinen Nachhilfeunterricht benötigte. "Stellen wir also nur fest, daß diese Schlangenbestien von Entomanthropen getötet werden können, wo Zauberer mit Todesflüchen oder Feuerstrahlen vollkommen machtlos sind. Wir dürfen wohl auch konstatieren, daß die geflügelten Ungeheuer vordringlich zum Angriff auf diese reptilischen Gehilfen unseres Erzfeindes abgestellt sind. Oder verzeichnen die Patrouillenflieger Verluste, Monsieur Dusoleil?"

"Keine Verluste, Monsieur Leminnistre", meldete Bruno kurz, knapp und umfassend. "Die mußten nur ausweichen. Die Entomanthropen ignorierten sie. Auch als vier von ihnen mit Feuerbällen vernichtet wurden blieben sie auf ihrem Kurs. Irgendwie können sie mit ihren Fühlern wohl die Schlangenmenschen wittern."

"Deshalb sagen die Muggelzoologen ja auch Antennen dazu", wandte Martha ohne groß zu überlegen ein. "Womöglich können sie bestimmte Duftstoffe oder Schwingungsmuster auffangen, die nur von diesen Wesen ausgehen. Wenn sie dann noch im Schwarm kommunizieren, kann die spezifische Zuordnung schnell im ganzen Schwarm weitervermittelt werden."

"Dann sollten wir beide, Austère, uns umhören, wo diese Nacht noch solche Zusammenstöße passiert sind", sagte Monsieur Delamontagne. "Leider ist unser Informationsnetz noch zu lückenhaft. Gilberts wackere Zeitung hat uns zwar einige unentschlossene und eingeschüchterte zurückgebracht, aber nicht alle Fäden, die wir jetzt brauchen könnten."

"Daran arbeite ich noch, Phoebus. Durch die Postblockade können wir eben nicht alle erreichen", schnarrte Professeur Tourrecandide.

"Die Patrouille fliegt gerade weg. Offenbar haben die Jungs es sehr eilig, ihre Begegnung weiterzumelden", teilte Bruno ihnen mit.

"Wäre jetzt ein genialer Zeitpunkt, um unsre Kiste rauszubringen", dachte Martha. Doch was hätte es für einen Sinn, damit am vereinbarten Strandabschnitt der Normandie zu warten, immer in Gefahr, von Muggeln oder Zauberern aufgestöbert zu werden? Nein, so unangenehm es ihr war, sie mußten die Kiste offen durch die Reihen der Patrouille bringen.

 

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Schreckensschleicher hatte in den Jahrhunderten seiner Existenz als Skyllianri vergessen, wie sich Angst anfühlte. Um so heftiger wurde er daran erinnert, als diese gepanzerten Brummflügelwesen ihn und seine Truppe aus sechs Artgenossen überfiel und in einem Hundertsteltag bis auf ihn und Wagenlenker, den von ihm gemachten Artgenossen, keiner mehr am Leben blieb. Diese schrecklichen Wesen rissen sie aus dem Schutz der Erde heraus in die feindliche Luft. Hashlalian hatte deutlich spüren können, wie seinen Artgenossen die Kraft schwand, regelrecht aus ihnen herausfloß. Diese gemeinen Fluggeschöpfe hatten das wohl gewußt und gewartet, bis die von ihnen weggerissenen wieder in schwächlicher Form herumlaufen mußten, um sie dann, ganz ohne Schutz durch die Erde, mit ihren langen Körperspeeren zu durchbohren. Er hatte fliehen müssen. Keuchend kam er nach einem Hundertsteltag wieder an die Erdoberfläche. Er hatte die Gegner abgeschüttelt. Nur weil er Skyllians Gabe besaß, in festem Boden wie in flüssigem Wasser zu schwimmen und eine unversiegbare Ausdauer besaß, hatte er seine Gegner hinter sich lassen können.

"Meister, brummende Flügelwesen töten uns. Was sollen wir machen?" Dachte er an die Adresse seines wahren Herrn und Meisters.

"Diese Brut ist lästig. Macht mehr von euch. Bleibt in den lauten Städten und bleibt Menschen, bis ich euch sage, daß ihr angreifen sollt", zischte die Antwort des Meisters unter seiner mit Schuppen gepanzerten Schädeldecke. Hashlalian bestätigte das. Doch das Grauen, daß er sonst verbreitete, war mit einem Schlag zu ihm selbst gekommen, hatte sich aus der verachtenswürdigen Luft heraus auf sie alle gestürzt und fünf Jetztzeitbrüder getötet. Sie konnten ihn jederzeit wieder angreifen. Doch der Befehl des Meisters war eindeutig. Sie sollten mehr werden.

 

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Von wegen Weihnachten. Julius hatte in seinem ganzen bewußt wahrgenommenen Leben noch keine Vorweihnachtszeit erlebt, die so bedrückend und kühl verlief wie dieses Jahr. Jetzt waren es schon mehrere Wochen her, daß die Säulen der Gründer aktiviert worden waren. Die psychologische Attacke auf die Muggelstämmigen wurde immer wieder diskutiert, auch die Annullierung seiner Ehe mit Mildrid. Mittlerweile waren auch mehrere Ausgaben der Temps de Liberté nach Beauxbatons gelangt. Mit großem Vergnügen hatte er erfahren, daß jemand wahrhaftig eine Batterie von Restkraftentladungsüberlagerern im Land installiert hatte, um Apparitionsspürer auszuhebeln. Dann hatte er erfahren, daß wiederholt Entomanthropen gesichtet worden waren, die in der Nähe von Muggelansiedlungen zugeschlagen hatten, sowohl aus der von Didier beherrschten, wie aus der freien Zeitung. Gegen wen ging es für Anthelia und ihre Monsterbienen? Da Didier keine wütenden Verlustmeldungen in die Zeitung setzen ließ und die Temps auch keine Verluste an Hexen und Zauberern beklagte, holen sich wohl Schlangenmonster und Entomanthropen keine Opfer unter den Magiern. Womöglich hatte die Wiederkehrerin ihren Ausgeburten befohlen, eben nur die Schlangenkreaturen zu jagen.

Neben den Sorgen in seinem Wachleben gab ihm Darxandria, die offenbar durch ihre neue Lebensform immer mehr gehemmt wurde, Unterricht auf Ailanorars Stimme. Jetzt konnte er die ganze Melodie nachsingen oder -pfeifen. Womöglich sollte er sie noch auf der Traumversion des Instrumentes nachspielen, bevor die drei, die ihm Unterricht erteilten, ihn zum Uluru vorstoßen lassen wollten. Womöglich würde er vor Weihnachten noch um den Lotsenstein bitten müssen, um das Kapitel Schlangenmenschen endlich abhaken zu können.

Es war Freitag, der siebte Dezember 1997, als Professeur Faucon ihn und die anderen Mitglieder der neuen Sub-Rosa-Gruppe für den Abend zu einer Besprechung einlud. Céline war nicht begeistert, als Professeur Faucon Gabrielle persönlich nach dem Duelltraining aus dem grünen Saal abholte, wo sie an und für sich schon im Bett liegen sollte. Nicht ganz gelogen vermeldete sie, daß Gabrielle als einzige eine Verwandte in Britannien hätte, und die Gefahr durch den Unnennbaren nur behoben werden könne, wenn dort lebende Hexen und Zauberer die nötigen Informationen zusammentrugen. Jetzt, wo die Posteulensperre auf der Akademie lastete, waren Verwandtschaftsbeziehungen noch wichtiger.

In Madame Maximes Konferenzraum eröffnete Professeur Faucon allen hier wohnenden Mitgliedern der Sub-Rosa-Gruppe: "Es ist Monsieur Florymont Dusoleil gelungen, eine genügend große Anzahl von Textilien herzustellen, die die eigenmagische Ausstrahlung auf einen wert senken, den Magiespürer nicht mehr wahrnehmen können. Ich möchte Ihnen mitteilen, daß Madame Andrews morgen eine große Anzahl davon in Richtung britische Inseln transportieren wird, um die hier bereits häufig besprochene Fluchthilfe für gejagte Muggelstämmige wieder aufzunehmen. Ich hoffe nur, daß während der von Britannien und dem Didier-Regime erzwungenen Untätigkeit keine weiteren Opfer der wahnsinnigen Kampagne zu beklagen waren. Allerdings sind Umbridge und ihre Hatz auf Muggelstämmige mittlerweile das kleinere Übel geworden. Wie Sie aus der Temps de Liberté mitbekommen haben treiben sich wohl nun mehrere Kreaturen in unserem Land herum, die Anlaß zur Besorgnis geben.

Da wären zum einen die bereits um Ostern herum erwähnten Entomanthropen Sardonias. Sie sind nun wieder zahlreich anzutreffen und machen keinen Versuch, sich unauffällig zu verhalten. Jedoch - dies erscheint als gute Nachricht - gehen sie nicht auf Beute unter Menschen aus. Madame Andrews konnte über die bereits vor Monaten geknüpften Verbindungen ins weltweite Informationsnetz der Muggel ermitteln, daß diese Wesen zwar von einigen Zeitgenossen gesehen worden sein sollen, es in Frankreich aber keinerlei übergriffe gegeben hat. In anderen Ländern sind diese Wesen offenbar nicht lange genug in Muggelsiedlungen herumgeflogen, um mehr als genug Muggel auf sie aufmerksam zu machen." Sie schwieg einige Sekunden, als müsse sie genau überlegen, was sie nun sagen wollte. "Wesentlich heimtückischer erscheinen die zweiten Ungeheuer, die seit wohl einigen Wochen in Frankreich herumlaufen. Es handelt sich dabei um jene schlangenhaften Kreaturen, die dem Miroir nach nur das Phantasieprodukt eines betrunkenen Muggels gewesen sein sollen. Leider ist nun auch Didiers Lügnern und Einschüchterern klar geworden, daß diese Kreaturen höchstreal und zweifelsohne gefährlich sind. Es wurden sogar schon Truppen, die bisher gegen Dementoren kämpfen sollten herangezogen, um diese Monstren aufzuspüren und zu vernichten. Was der Miroir nicht erwähnt und die Temps de Liberté auf Grund unzureichender Quellenangaben nicht zu veröffentlichen wagt ist, daß diese Wesen gegen jede Form physischer und magischer Gewalt immun sind. Es hat leider schon Tote gegeben. In England, dem Geburtsland von Monsieur Latierre, sind zu allem Übel auch noch Wertiger aufgetaucht, die der Schlangenbestien wegen dort eingedrungen sind. Eine vertrauenswürdige Quelle dort berichtete mir, daß es innerhalb des Machtapparates von Thicknesse zu Unsicherheiten gekommen sei, ob solche Wertiger nicht auch Angehörige der Zaubererwelt anfallen, töten, oder zu Ihresgleichen machen. Denn anders als Werwölfe vermögen Wertiger es, in ihrer Wergestalt die Willenshoheit zu behalten und ganz gezielt Menschen anzufallen, die für ihre Zwecke nützlich sind. Zudem sind sie in Tiergestalt wie die Schlangenwesen gegen Magie und körperliche Gewalt gefeit, können jedoch durch offenes Feuer oder Eiseskälte bis zum Tode verwundet werden. Anders als die Schlangenwesen, die, wie ich auf Grund alter Berichte annehmen muß, von einem magischen Gegenstand und dessen Besitzer abhängig sind, können Wertiger sich im Rahmen der Entstehungshierarchie frei entfalten." Millie hob die Hand. Madame Maxime nickte ihr zu.

"Entstehungshierarchie, was bedeutet das bitte?"

"Das ein Wertiger dem Wertiger gehorchen muß, welcher ihm den Keim seiner Daseinnsform einpflanzte, seinerseits aber jeden Wertiger beherrscht, dessen Entstehung er selbst herbeiführte. Hierbei muß zwischen angeborenen und erworbenen Wertigernaturen unterschieden werden. Wertiger können in Menschengestalt menschengleiche Kinder zeugen, die instinktiv den Eltern und deren Eltern unterworfen sind und jeden durch Infektion zu einem ihrer Art mutierten befehligen können. Sie vermögen auch, die Natur des Raubtieres besser zu unterdrücken, während die später zu Wertigern gewordenen Menschen überaus aggressiv und blutrünstig auftreten können. Das ist mit Entstehungshierarchie gemeint. Ob sie bei Schlangenwesen vorhanden ist wissen wir nicht."

Julius hob die Hand und wandte ein, daß das dann ähnlich sei wie bei Vampiren. Worauf Professeur Faucon für Gabrielle anfügte, daß Vampire es aber mit potentiellem Nachwuchs einvernehmlich regeln mußten, falls die Opfer nicht einfach so sterben sollten und es hier von der Mondphase abhing, wie aggressiv oder besonnen ein Vampir mit Menschen umsprang. Millie und Julius nickten. Es war zwar schon ein Jahr her. Aber beide erinnerten sich an die Vampireheleute Sangazon.

"Also haben wir es mit vier Gruppen zu tun", faßte Madame Maxime zusammen. "Da sind die Todesser und ihr mordlustiger, machthungriger Anführer, der Gewalt über das britische Zaubereiministerium errungen hat. Jene erwähnten Schlangenwesen dürften ihm direkt unterstehen, sofern er jenes Artefakt besitzt, daß Sie erwähnten, Blanche." Professeur Faucon nickte heftig. "Des weiteren haben wir in Frankreich es mit einem paranoiden, übereifrigen Machthaber zu tun, der unsere freiheitliche Zauberergemeinschaft in eine Diktatur aus Angst und Mißtrauen verwandelt hat. Die dritte Gruppe stellen die Entomanthropen dar, die von jener mysteriösen Hexe geführt werden, die Monsieur Latierre zweimal aus lebensbedrohlicher Lage rettete, allerdings nicht aus Menschlichkeit, sondern berechnung. Es ist anzunehmen, daß diese Hexe Anhängerinnen aus der internationalen Gemeinschaft von Hexen hinter sich geschart hat und womöglich ein weltweites Informationsbeschaffungs- und Aktionsnetzwerk unterhält." Alle Zuhörer nickten. "Schlußendlich ist der lange Zeit als begrabener Mythos fehlgedeutete Clan der Wertiger phönixgleich wiedererstanden und jagt seinerseits nach den Schlangenwesen, wohl alten Feinden dieser Zauberwesengruppe. Wir dürfen diesen Clan auch nicht als unerwarteten oder gar willkommenen Bündnispartner sehen, da diese Kreaturen sich wie Werwölfe und Vampire vermehren und so wie eine Epidemie ausbreiten können. Unschuldige Menschen, magisch oder Muggel, werden gegen ihren Willen zu bösartigen Geschöpfen, die wiederum eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen. Da sie - ich denke, die gleichen Wissensgrundlagen zu besitzen wie Sie, Blanche - anders als die Mehrheit der Lykanthropen ihr Dasein nicht als Krankheit, sondern Segnung ansehen, werden sie auch nicht davor zurückscheuen, ihren Zielen hilfreiche Menschen zu ihren Artgenossen zu machen. Höchstwahrscheinlich ist diese Einstellung auch der Schlüssel für das Auftauchen dieser Bestien in Großbritannien."

"Häh?" Machte Gabrielle, während Millie über Madame Maximes Aussage nachdachte. Professeur Faucon setzte schon zu einer Antwort an, als Jane Porters scheinbar gemaltes Selbst in einem der Schulleiterportraits auftauchte.

"Mesdames, Mademoiselle et Monsieur, tut mir Leid, diese ganz sicher sehr wichtige Lagebesprechung so unhöflich unterbrechen zu müssen. Aber falls es hierbei auch um die Entomanthropen geht, so ist es sehr wichtig, daß Sie alle erfahren, daß es in Amerika jetzt auch Vorfälle mit diesen Wesen gibt. Offenbar hielt die, die diese Biester gezüchtet hat es für sinnvoll, auf dem nordamerikanischen Kontinent mindestens eine Brutkönigin zu erschaffen. Diese dient wohl als Rückendeckung für die, die in Europa herumfliegen. Jedenfalls hat eine solche Brutkönigin vor einer Stunde ein großes Wohnhaus in Barstow überfallen und dabei drei Menschen verschwinden lassen. Sie ist aus dem Nichts aufgetaucht und hat sich von oben in das Gebäude gestürzt. Warum sie das getan hat weiß noch keiner. Auch wie sie genauso im Nichts verschwinden konnte weiß niemand. Ich fürchte allerdings, daß die Wiederkehrerin ihren neuen Bestien etwas beigegeben hat, daß sie apparieren lassen kann. Dann könnte jederzeit an jedem Ort eine solche Monstrosität auftauchen. Dies bitte ich unbedingt in alle künftigen Überlegungen einzubeziehen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Ich empfehle mich bis auf weiteres." Sie wartete nicht ab, ob noch jemand was sagen wollte oder nicht. Sie verschwand nach rechts aus dem Portrait. Die überfallartige Mitteilung wirkte wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Alle sahen sich betreten an, auch Madame Maxime. Julius dachte darüber nach, was für eine Gefahr eine Entomanthropenkönigin darstellte, die wie eine Hauselfe oder seine Flügelkuh Temmie urplötzlich irgendwo auftauchen und nach angerichtetem Schaden übergangslos verschwinden konnte. Er glaubte keinen Sekundenbruchteil daran, daß Jane Porter alias Araña Blanca ihnen hier was frei erfundenes hingeknallt hatte, um sich wichtig zu machen. Was wußten sie denn auch schon von Sardonias Entomanthropenköniginnen? Vielleicht war das sogar eine Standardfunktion von denen, nach belieben zu apparieren. Villeicht konnten sie dabei sogar ihre Nachkommen mitnehmen wie Hauselfen oder Zauberer das ja auch mit Lebewesen machen konnten.

"Nun, da unsere Besucherin jenseits der Bildergrenze uns nicht mehr berichten konnte müssen wir dieses Kapitel zunächst als ungeklärt bei Seite legen", sagte Madame Maxime. "Ich stelle lediglich noch einmal fest, daß wir im Moment in einer sehr beunruhigenden Lage sind. Warum ich Sie zu mir gebeten habe, vor allem Mademoiselle Delacour: Die Verbindung nach England ist seit der sehr raschen Abreise von Mademoiselle Porter aus Hogwarts geschwächt. Es besteht zwar noch eine Verbindung nach Hogwarts aber nicht in den Rest der Zaubererwelt Britanniens. Ihre Großmutter Léto verriet uns aus dem Seminar intelligente Zauberwesen, daß sie Verbindung zu allen Verwandten halten kann, vordringlich derer, die in direkter Blutlinie von ihr abstammen. Trifft dies auch für Sie, ihre Mutter und Ihre Schwester zu?"

"Oma Léto kann ein Lied singen, das jede hört, deren Namen sie dabei singt. Damit kann sie egal wie weit weg auch jemandem was zusingen. Sie meinte aber, daß nur Veelas, die eigene Kinder bekommen haben das können. Also ich kann das Lied nicht singen."

"Verstehe, über diesen Nachteil hat mir Ihre Großmutter nichts gesagt", grummelte Madame Maxime. "Damit geht uns zunächst eine vielleicht aussichtsreiche Verbindung verloren. Denn mir wäre nicht bekannt, daß Ihre Schwester bereits ein Kind zur Welt gebracht hätte. Und von Ihnen hoffe ich sehr ernsthaft, daß Sie während Ihrer Zeit in Beauxbatons auch keinem Kind das Leben schenken, solange Sie und der mögliche Vater noch Minderjährig sind", fügte die Schulleiterin noch an. Gabrielle verzog das Gesicht. Mußten die immer noch auf den Erkundungsspielchen zwischen ihr und Pierre Marceau herumreiten? Julius fragte Professeur Faucon, ob die andere Verbindung denn regelmäßig sei.

"Der Kontakt besteht und ist auch ergiebig, was Zeitungsmeldungen und Radionachrichten betrifft", sagte die Verwandlungslehrerin.

"meine Mutter soll morgen diese Antisonden ausliefern? Ich habe noch keine zu sehen bekommen", sagte Julius. Professeur Faucon beschrieb die Art und Funktion der magischen Textilien, die das jedem magisch begabten Menschen eigene Zauberkraftruhepotential überdecken konnten, allerdings zu dem Preis, daß dann keine nach außen wirkbare Zauber gelangen, solange das Kleidungsstück getragen wurde. Millie meinte dazu:

"Hauptsache, die kommen damit an jedem Magiespürer vorbei. Aber eine vorübergehende Verwandlung geht dann noch, falls die Kontrollzauberer Bilder von Gesuchten haben?"

"Ja, eine Verwandlung wird nicht aufgehoben. Es können halt nur keine neuen Zauber ausgeführt werden", sagte Professeur Faucon. Bei Flugreisen sind jedoch Erkennungsdokumente nötig. Aber an dem Problem wurde bereits gearbeitet."

"Wie will meine Mutter aus der Blockade raus. Ausfall oder Ablenkung?" Wollte Julius wissen.

"Madame Jeanne Dusoleil hat sich erboten, sie auf einem gewissen Flugteppich zu transportieren, Monsieur Latierre."

"Über Millemerveilles fliegen aber mindestens zehn Leute mit Besen herum", wandte Julius ein.

"Denen morgen fünfzig flugerfahrene Hexen und Zauberer entgegenfliegen werden, um sie in einem bestimmten Abschnitt zu binden, während Ihre Mutter mit Madame Dusoleil besagte Auslieferung durchführt", entgegnete Professeur Faucon. Julius war damit jedoch nicht zufrieden.

"Mir wäre es lieber, keiner bekäme das mit, daß jemand aus dem Dorf rausfliegt, schon gar nicht, daß meine Mutter dabei ist. Warum kann das nicht eine Gruppe erfahrener Zauberer machen?"

"Weil hierfür ein Kontakt über Muggelkommunikationsmedien erforderlich ist", erwiderte Professeur Faucon. Sie mochte erraten, in welcher Zwickmühle Julius steckte. Er würde wohl gerne vorschlagen, Temmie einzusetzen. Doch das hieße, Madame Maxime und Gabrielle zu verraten, was die große Flügelkuh alles konnte.

"Meine Tochter wird Ihre Mutter durch partielle Verwandlung so unkenntlich machen, daß kein Patrouillenflieger sie erkennen wird, sofern einer die Abreise beobachtet." Julius nickte nur. Dann verlangte Madame Maxime von ihm, zu berichten, ob er schon nähere Hinweise auf die Abwehrwaffe gegen die Schlangenkrieger besäße. Das verstand Julius so, daß Gabrielle jetzt in das Geheimnis eingeweiht werden sollte, daß er mit Darxandria verbunden war. So berichtete er nur davon, daß er ohne es zu wollen eine magische Prüfung bestanden hatte, und dabei mit dem lange verschütteten Geist einer Königin des alten Reiches in Verbindung getreten war, die von da an über seine Träume zu ihm sprechen konnte und ihm auf diese Weise auch verraten hatte, wo eine magische Flöte lag, mit der graue Riesenvögel angelockt werden konnten, die die Todfeinde der Schlangenkrieger waren. Er beendete den Bericht mit der Verkündung: "Sie hat mir die Melodie beigebracht, und jetzt soll ich sie im Traum nachspielen, bis ich das so gut kann, daß ich im Wachzustand auf diesem Instrument spielen und die richtigen Töne hervorbringen kann. Wenn das geht, soll ich zum Uluru und die Zauberflöte blasen."

"Solange müssen wir diesen Entomanthropen und Wertigern gestatten, diese Reptilienbrut niederzuhalten, auch wenn dabei Dutzende von Menschen sterben", grummelte Professeur Faucon.

"Im Rahmen jener Prüfungen, die Sie außerhalb von Beauxbatons bestehen mußten erlernten Sie diverse Zauber, Monsieur Latierre. Diese Gewißheit bringt mich darauf, ein Anliegen vorzutragen, das der gemäß Grandchapeaus Handlungsweise legitime Gegenminister Delamontagne an mich herantrug, zumal er selbst ja schon eine Kompetenz in der Beseitigung dunkler Zauber für sich beanspruchen darf. "Wären Sie an den Wochenenden in der Lage und gewillt, ihm und einem auserlesenen Kreis von Vertrauten diese Zauber beizubringen?"

"Nun, falls er mit vertrauten auch Professeur Tourrecandide meint weiß ich nicht, ob diese es sich gefallen lassen möchte, von einem ZAG-Schüler was neues beigebracht zu bekommen, obwohl es was uraltes ist", wandte Julius ein. "Aber natürlich bin ich bereit, jedem, dem ich vertrauen kann diese Zauber beizubringen, da sie ja auch nicht tödlich sind. Öhm, dazu müßte ich jedoch aus Beauxbatons hinaus, oder die Damen und Herren zu uns herein."

"Ich gewähre Ihnen den geheimen Weg, diese Akademie befristet zu verlassen", sagte Madame Maxime, ohne zu verraten, wie dieser Weg gehen sollte. Aber das konnte sich Julius eh denken. "Dann erkläre ich mich sehr gerne bereit, dem stellvertretenden Zaubereiminister Delamontagne und einer von ihm ausgewählten Gruppe Hexen und Zauberer die vier alten Zauber der hellen Kräfte so gut ich das kann beizubringen", sagte Julius. Professeur Faucon nickte sehr erfreut. Millie sah sie an und erhielt ein Nicken zur Antwort.

"Diese Unterweisungen sind äußerst wichtig, und ich bitte mir aus, daß Sie, Monsieur Latierre, sie mit allem gebotenen Ernst erteilen und darauf achten, daß jeder Ihnen zur Unterweisung anempfohlene die von Ihnen erworbenen Kenntnisse so gut erlangt, wie Sie sie erlangt haben. Denn gegen die Schlangenkrieger hilft keine herkömmliche Magie. Abgesehen davon entsinne ich mich, daß Sie einen Fluchumkehrer erlernt haben, der jeden Bann oder Fluch in sein Gegenteil wendet. Trügt mich meine Erinnerung in diesem Punkt?"

"Nein, Madame Maxime. Das stimmt. Ich habe diese Zauber erlernt", sagte Julius, um in Gedanken hinzuzufügen: "Sonst säße ich jetzt garantiert nicht hier." "Dann frage ich Sie mit dem, was Sie erlernt haben, ob damit auch Schutzzauber aufgehoben werden können." "Nur wenn sie bösartig sind, Madame Maxime. Die von mir gelernten Zauber sollen nur helfen und schützen, aber keine magischen Schilde brechen, die ihrerseits schützen."

"Nun, unterstellen wir einmal, daß diese Orte mit bösartigen Zaubern belegt sind, um Feinde oder Neugierige wirksam fernzuhalten. Würden diese Zauberbanne dann in ihr Gegenteil umgekehrt?"

"Will sagen, wo vorher eine Abweisung passiert würde eine Einladung oder Verlockung stattfinden? Hmm, hängt nicht zuletzt auch von dem Objekt oder der verzauberten Fläche ab. Auch hier zählt der eingenommene Raum", antwortete Julius. Professeur Faucon und Millie nickten. Sie wußten ja, wie einschneidend Julius' Erfahrung mit dem Fluchumkehrzauber waren. Dann klickte es in seinem Gehirn. Er fragte ungestüm:

"Sie wollen die Friedenslager befreien, richtig?"

"Sagen wir es so, Monsieur Latierre. Minister Delamontagne möchte dies tun. Ihre Frau Mutter hat ja einen geographischen Lageplan der acht Lager beschaffen können. Es wäre unmenschlich, diese Information nicht zu nutzen, um die dort internierten Hexen und Zauberer zu befreien. Da er im Moment nicht ausreichendes Personal hat, um jeden mutmaßlichen Standort mit umfangreichen Zerstreuungszaubern zu bearbeiten, hofft er auf einen Zauber, der ohne Ansehen des antagonierenden Fluches dessen Wirkung aufhebt oder weit genug abschwächt, um in das davon eingeschlossene Gebiet vorstoßen zu können. "

"Ich erfuhr ja wie Sie von diesen Zaubern, Madame Maxime und erfuhr dabei auch, daß dieser Fluchumkehrer bei großflächigen Verhexungen von einem alleine nicht ausgeführt werden sollte", warf Professeur Faucon ein. "Erfuhren Sie, ob eine simultane Bezauberung den räumlichen Faktor aufhebt, Monsieur Latierre?"

"Hmm, ich bekam ihn als Zauber zum Einzelgebrauch beigebracht. Deshalb kann ich das nicht verbindlich sagen. Da müßte ich hoffen, daß ich diese Nacht wieder von Darxandria träume, um sie das zu fragen."

"So, diese Daraxandra kennt diese Zauber?" Fragte Gabrielle Delacour. Julius nickte. Dann hob Millie die Hand:

"Ich kriege immer wieder Nachrichten von meiner Oma Ursuline und den anderen aus meiner Familie. Die sind sehr böse auf Didier, weil er Sabine und Sandra in ein Friedenslager gesteckt hat. Ich hörte mal sowas, daß man jemanden selbst durch Schutzzauber finden könne. Haben Sie das nicht gemacht, als Sie Ihren von diesem Succubus versklavten Vater gesucht haben, Monsieur Latierre?" Julius nickte. Stand ja schließlich in der Zeitung. Professeur Faucon rümpfte zwar die Nase, wohl weil sie wie Julius drauf kam, wohin Millies Frage zielte. Doch sie nickte ihm zu und sagte dann:

"Das ist ein Zauber, der eine Mischung aus Ritual und unmittelbarer Zauberei ist. Ich kenne ihn zwar, aber kann ihn nicht selbst anwenden, weil mir die Sprache nicht vertraut ist. Er schafft einen durch sämtliche Barrieren dringenden Kontakt zwischen Blutsverwandten. Da Madame Raphaelle Montferre der Festnahme entgehen und sich in die Zuflucht des Châteaus Tournesol retten konnte vermute ich, daß sie mit Hilfe dieses Zaubers den Aufenthaltsort ihrer Töchter herausfinden soll, richtig?" Millie nickte bestätigend. Madame Maxime verzog zwar das Gesicht, weil sie nicht schon früher auf diese Idee gekommen war. Doch dann nickte sie auch.

"Nun, Blanche, es verhält sich doch so, daß wir mindestens eine Person kennen, die diesen Zauber bereits ausgeführt hat, nicht wahr?"

"So verhält es sich, Madame Maxime", erwiderte Professeur Faucon. "Wenn Sie gestatten werde ich mit der betreffenden Person Kontakt aufnehmen und mir diesen Zauber von ihr beibringen lassen." Julius mußte sich arg anstrengen, nicht zu grinsen. Das hätten sie vor knapp zehn Minuten schon erledigen können. Aber er verstand, daß Gabrielle nicht auch noch in Jane Porters Weiterleben eingeweiht werden mußte. So beschlossen die Mitglieder der Sub-Rosa-Gruppe, dem Gegenminister zu helfen, die Friedenslager zu befreien. Da Julius der einzige verfügbare Zauberer war, der die atlantischen Zauber aufrufen konnte, hieß das für ihn, daß er bis auf weiteres jeden Samstag nach dem Mittagessen einen Ausflug machen sollte. Es würde wohl nach Millemerveilles gehen.

 

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In der Nacht durfte Julius im Traum die erlernte Melodie auf der magischen Silberflöte Ailanorars nachspielen, was längst nicht so einfach war wie auf einer Blockflöte. Denn das fremdartige Instrument besaß ein völlig anders angeordnetes Lochmuster. Damit konnten nicht nur die allgemein genormten Töne und Halbtöne, sondern auch sachte Zwischenstufen gespielt werden. Und bei dem Lied, das Julius nun Nacht für Nacht immer tiefer in sein Gedächtnis eingesogen hatte, kamen solche Zwischenstufen vor. Rhythmus, Tempo, Melodie und Lautstärke, fast alles, was ein Musikstück bezeichnete, mußten peinlich genau eingehalten werden, um den dadurch freiwerdenden Zauber in die gewünschten Bahnen zu lenken. Das wußte Julius. So war es für ihn nicht so einfach, obwohl er Darxandrias Grifftechnik genauso gründlich verfolgt hatte wie den Klang der Melodie. Erst nach der dritten Runde, als er alle achtundvierzig klaren Töne durch Überdeckung bis zu drei Löcher pro Finger ausprobiert und das Umgreifen herausbekommen hatte, konnte er die ersten Töne der magischen Melodie nachspielen. Anore, der ebenfalls in seinen Träumen auftretende Schamane aus dem hohen Norden trommelte den Takt, um Julius zu unterstützen. Darxandria stand daneben und lauschte den erst quietschenden und dann immer klareren Tönen. Manchmal fragte sich Julius, ob er nicht eine Hand zu wenig hatte, um dieses uralte Klangerzeugungsmittel so zu benutzen, wie es sein Erbauer vorgesehen hatte. Als er nach einer unbekannten Zahl von Wiederholungen endlich die erste Hälfte des Zauberliedes langsam aber tongenau nachspielen konnte, rief es auf Darxandrias goldbraunem Gesicht ein erfreutes Lächeln hervor. Der Medizinmann der Aborigines tanzte zu den Tönen wie ausgelassen, und Anore klopfte begeistert auf das Fell seiner Trommel ein. Von dieser Zuversicht und Erfolgsfreude getragen schaffte Julius auch das dritte Viertel der Melodie. Dann sagte Darxandria:

"Für dieses Mal reicht es. Ich denke, du wirst noch fünf Schlafzeiten benötigen, um das Lied ohne Fehler und in der richtigen Geschwindigkeit nachzuspielen. Dann magst du den Lotsenstein gebrauchen, um dort, wo Ailanorar seine Stimme verborgen hat hinzureisen, um das Lied im Wachleben erklingen und Ailanorars Getreue herbeieilen zu lassen. Dies ist dann wohl auch sehr dringend, auch wenn die fliegenden Geschöpfe der vom Licht verlassenen zusammen mit der von dunkler Saat befallenen Katzenkrieger Jagd auf Skyllians Krieger machen."

"Moment, Darxandria! Meinst du mit den Katzenkriegern die Wertiger aus Indien?" Wollte Julius noch wissen. Doch da glitt er schon längst durch die schwarze Leere zwischen Traumland und Beauxbatons-Schlafsaal. Als er sich ohne die silberne Zauberflöte in seinem Bett wiederfand ärgerte er sich ein wenig, weil Darxandria ihn ohne die üblichen Abschiedsworte verlassen hatte. Da schmetterten die Mariachis ihren üblichen Morgengruß. Diesmal war es der Huttanz. Der Tag fing also an, und er, Julius Latierre, sollte sich nicht zu sehr aufregen, weil Darxandria ihn ohne Abschiedswort verlassen hatte. Er hatte sich verpflichtet, Minister Delamontagne und von diesem ausgesuchten Leuten seine vier besonderen Zaubersachen beizubringen. Er wußte, daß das nicht so einfach war wie es bei ihm gelaufen war. Sollte er die ausgesuchten vielleicht nach Khalakatan bringen, um Ianshira zu bitten, ihnen die vier wirksamen Zauber beizubringen? Nein, das hätte Professeur Faucon ihm dann wohl gleich so empfohlen, wenn sie dies wirklich für richtig hielt. Außerdem mußte längst nicht jeder wissen, wo und wie er an diese Zauber gelangt war.

Der Morgen verlief wie jeder Samstagmorgen. Nach dem Frühstück, bei dem es zwanzig neue Ausgaben der Temps de Liberté zu lesen gab, trafen sich die Saalsprecher und ihre Stellvertreter bei Madame Maxime, um die Ereignisse und Anliegen der verstrichenen Woche zu besprechen. Dabei ging es auch um die Schlangenkrieger, deren Erwähnung in der neuen Zeitung für weiteres Unbehagen gesorgt hatte. Beobachtungen der fliegenden Entomanthropen über Millemerveilles und anderswo riefen ebenfalls große Besorgnis hervor. Immer wieder waren die Insektenmenschen dabei gesehen worden, wie sie adlergleich aus großer Höhe herabstießen und aus einer Menschenmenge heraus einen Mann oder eine Frau in die Luft emporrissen. Die Vergissmichs Didiers waren im Dauereinsatz, um diese Horror-Ereignisse aus den Gedächtnissen der Muggel zu löschen. Jetzt griffen die von Julius' Mutter programmierten Internetsicherungen, die jede in das weltweite Datennetz gelangte Nachricht über außergewöhnliche Sachen zu einer rein erfundenen Geschichte stempelten oder die Verfasser für unglaubwürdig ansah. Julius mochte sich nicht vorstellen, daß seine Mutter nun auch selbst mit der Verfremdung eingespeister Daten arbeitete. Immerhin machte sie jetzt den gleichen Job für Delamontagne wie für Grandchapeau. Gilbert Latierres Zeitung stellte jedoch klar, daß die von den Entomanthropen heimgesuchten Menschen mit dem dunklen Keim der Schlangenmenschen befallen waren, da die von zahlreichen Stacheln durchbohrten und aus großer Höhe zu boden gestürtzten Opfer nicht nur eine tödliche Konzentration von Insektengift enthielten, sondern verändertes Blut besaßen, was auf eine vorangegangene Vergiftung hinwies. Auch waren bei Nacht vor Millemerveilles aufgetauchte Schlangenkrieger von Anthelias Entomanthropen aufgegriffen und in großer Höhe getötet worden. Das hatte Darxandria damit gemeint, daß dieses Flugungeheuer die Schlangenmonster genauso jagten wie es die grauen Vögel Ailanorars auch tun würden, wenn Julius sie mit der Stimme ihres Meisters herbeirufen konnte.

Nach dem Mittagessen rief Professeur Faucon Millie und Julius in ihr Sprechzimmer, wo sie wie Madame Maxime eine weiße Rose von der Decke herabbaumeln hatte.

"Ich habe mich in dieser Nacht mit Wachhaltetrank und Gedächtnisverstärker darum bemüht, den Sanguivocatus-Zauber zu erlernen, Mildrid und Julius. Ist trotz des Trankes nicht so einfach. Aber ich werde in den nächsten Tagen noch weitere Sitzungen durchführen, bis ich ihn kann. Nur dies zu eurer Information."

"Wie sollen wir denn hinübergehen?" Fragte Millie. "Das Intrakulum kann doch nur den, für den es gemacht wurde und ein kleines Lebewesen versetzen. Und wir sind dann zu dritt."

"So wie ich deinen Mann bereits begleiten konnte, Mildrid. Durch Verwandlung und Verbergen, daß wir nicht zu sehen oder klein Genug für den Weltenwechselzauber sind", erwiderte Professeur Faucon und zückte ansatzlos den Zauberstab. Bevor Millie etwas einwenden konnte verschwand sie auch schon in einem violetten Blitz. An ihrer Stelle hockte ein weißes Kaninchen auf dem Boden. Sie deutete auf den Tisch, wo Julius das Intrakulum unter einem Pergamentblatt hervorlugen sah. Als er danach griff, rauschte es, und an Stelle der Lehrerin lag nur ein Fingerhut auf dem stuhl. Das Kaninchen schlackerte mißmutig mit den Ohren. Es war eindeutig weiblich, und besaß rehbraune Augen, wie Millie.

"Sie hätte dich besser erst damit fertig werden lassen sollen, daß es so und nicht anders geht, Millie", sagte Julius dem Kaninchen, das widerwillig mit dem Kopf schüttelte und die Nagezähne fletschte. Dann beruhigte sich die verwandelte Junghexe wieder. Julius ergriff erst das Intrakulum. Dann hob er den Fingerhut auf und steckte ihn in eine verschließbare Außentasche seines Schulumhanges. Anschließend ging er in die Knie, streichelte über das samtweiche Fell des Kaninchens und setzte es auf seine Schulter, wo es sich so fest es ging in den Stoff des Umhangs krallte. Dann rief Julius die Magie des Intrakulums auf und wechselte in das Weizenfeldbild hinüber, wo Viviane Eauvive sie erwartete und ohne große Begrüßungsarie in ihr Stammbild in Beauxbatons hinüberführte. Von da aus gelangten die drei Intrakulisten zu einem anderen Portrait Viviane Eauvives, wo Julius gebeten wurde, in seine Welt zurückzukehren. Als das geschafft warstellte er fest, daß er im Haus Professeur Faucons angekommen war. Er holte den Fingerhut aus seiner Tasche und legte ihn hin. Catherine Brickston stand bereits parat.

"Der Fingerhut ist wohl meine Mutter. Sieht ihr ähnlich, Millie in ein Kaninchen zu verwandeln", amüsierte sich Catherine Brickston. Julius fühlte, wie das Nagetier wider Willen Anstalten machte, ihm von der Schulter zu springen. Schnell setzte er es auf den Boden. Der Fingerhut lag jedoch immer noch unverändert da. Wollte sich Professeur Faucon nicht zurückverwandeln?

"Wir sind da, Professeur Faucon!" Rief Julius. Doch die Lehrerin reagierte nicht. "Soll ich das besorgen, Millie zurückzuverwandeln?" Fragte Catherine. Julius setzte schon an, zu nicken. Doch dann richtete er seinen zauberstab auf das Kaninchen. Bei einer genau festgelegten Zauberstabbewegung sprach er die Formel für den Reverso-Mutatus-Zauber, der jede Verwandlung rückgängig machte. Mit lautem Knall wurde das Kaninchen zu Millie. Erst dann rauschte es, und aus einem bunten Wirbel verstofflichte sich Professeur Faucon.

"Sie hätten mir das ruhig überlassen dürfen, als was ich rübergehen will, Professeur Faucon", knurrte Mildrid. "Warum ausgerechnet ein Kaninchen?"

"Weil es ein kleines und doch bewegliches Lebewesen ist, während ein Fingerhut nun einmal ein unbewegliches Objekt ist", schnarrte Professeur Faucon. Dann begrüßte sie ihre Tochter.

"Minister Delamontagne, seine Schwiegertochter, Professeur Tourrecandide, Madame Matine, Madame Grandchapeau, Tante Madeleine und Monsieur Pierre treffen in fünf Minuten ein", teilte Catherine den Ankömmlingen mit. "Ich hoffe, du fühlst dich nicht ganz verlegen, so hochrangigen Leuten was neues beizubringen."

"Verlegen nicht, nur unsicher, ob ich das kann", sagte Julius darauf. "Denn so wie ich das gelernt habe kann ich das denen nicht zeigen, falls Professeur Faucon nicht vorschlägt, ich möge jeweils drei von ihnen nach Khalakatan bringen. Aber ich vermute, daß die Sicherheitseinrichtungen da keinen in den Turm des Wissens reinlassen, der nicht befugt ist, und ich das eben nicht weiß, wie das bestimmt wird."

"Zumal wir den Kreis derer, die von deiner Reise in die alte Stadt und der Begegnung mit den Altmeistern wissen sollen möglichst klein halten wollen", sagte Professeur Faucon dann noch. Julius nickte. Dann fragte er, ob seine Mutter noch im Haus sei.

"Sie ist mit Antoinette im Château Florissant, ihren neuen Zauberstab aussuchen. Antoinette mußte sehr behutsam nach genug Zauberstäben suchen, um eine ähnlich gute Auswahl zu bieten wie Monsieur Charpentier in Paris oder Ollivander in London. Didier hat ein Register von Zauberstäben und Zauberstabbesitzern angedroht, um sicherzustellen, daß aus der Zaubererwelt ausgestoßene keine neuen Zauberstäbe erlangen können. Da mußte sie im Ausland einkaufen, unter anderem in den Staaten."

"Moment mal, die hat neue Zauberstäbe gekauft?" Fragte Julius, dem sofort eine Unsumme Galleonen durch den Kopf ging, wenn er sich vorstellte, wie viele Zauberstäbe er bei Ollivander vorgelegt bekommen hatte, bis er den am besten zu ihm passenden Zauberstab gefunden hatte.

"Mach dir da besser keinen Kopf drum, Julius", erwiderte Catherine, die damit rechnete, daß Julius die horrende Geldmenge erwähnen mochte. "Adrian Grandchapeau erstattet ihr die Kaufsumme, weil ja anzunehmen ist, daß wir irgendwann die Insassen der Friedenslager befreien. Kommen wir bis dahin nicht an die beschlagnahmten Zauberstäbe heran, brauchen die Befreiten neue Zauberstäbe. War nicht so einfach, mit den Kobolden einen Kredit auszuhandeln. Die hätten es lieber gehabt, wenn Minister Delamontagne oder Minister Grandchapeau ihnen die Benutzung eigener Zauberstäbe erlaubten."

"Verstehe", erwiderte Julius. "Und meine Mutter darf von dem Haufen neuer Zauberstäbe einen aussortieren?"

"Ganz richtig", bestätigte Catherine.

"Wo befinden sich Joseph und Babette?" Fragte Professeur Faucon.

"Joseph und Babette sind bei den Dusoleils. Du sagtest ja, daß wir nur zwei Zeitstunden für diesen Unterrichtstag ansetzen, weil es sonst in Beauxbatons auffallen würde, daß zwei Schüler und eine Lehrerin nicht auffindbar sind." professeur Faucon nickte. Da läutete es an der Tür. Die eigentliche Hausherrin verließ ihr gesichertes Arbeitszimmer um die Besucher persönlich hereinzubitten. Catherine schloß kurz die Tür, um Julius abhörsicher zu sagen, daß Jeanne mit seiner Mutter die Antisonden transportieren würde. Dann betraten die erwachsenen Nachhilfeschülerinnen und -schüler das Büro, das nun sehr voll wurde. Julius straffte sich und atmete tief durch. Er mußte schlicht vergessen, daß einige von denen drei- bis siebenmal so alt wie er selbst waren. Professeur Faucon wartete, bis der angeworbene Nachhilfelehrer die Gäste einzeln begrüßt hatte. Dann nickte sie dem Zaubereigegenminister zu.

"Ich freue mich, Monsieur Latierre, daß Sie sich dazu bereitgefunden haben, uns an dem Wissen, an das Sie unter großen Gefahren und Entbehrungen gelangt sind, teilhaben lassen zu wollen. Ich hoffe sehr, daß die von mir ausgewählte Gruppe von Interessenten Sie nicht sonderlich beunruhigt und Sie uns allen so umfangreich und sorgfältig wie es geboten ist jene verschütteten Zaubereien zu erläutern, die Sie erlernt haben. Professeur Faucon, Ihre Saalvorsteherin, nahm mir das Versprechen ab, Sie nicht nach dem Weg zu fragen, auf dem Sie Zugang zu diesen Erkenntnissen erlangten. Dies darf ruhig Ihr Geheimnis bleiben. Doch wie genau diese Zauber auszuführen sind und welche Wirkung sie besitzen möchten wir alle hier so umfangreich wie Sie es erlernten erfahren. Bitte fangen Sie an!"

"Sehr geehrter herr stellvertretender Zaubereiminister, Mesdames et Monsieur", setzte Julius an. "Es freut mich, daß Sie alle mir, einem noch in der magischen Ausbildung befindlichen Jungzauberer, so viel Vertrauen schenken möchten, um Zaubereien zu erlernen, die wohl größtenteils im Laufe der Jahrtausende vergessen wurden. Ich hoffe auch, vor allem für Madame Grandchapeau, daß es nicht zu anstrengend ist, sie auszuführen." Er betrachtete die eindeutig in freudiger Erwartung befindliche Tochter des verschwundenen Ministerehepaares. Diese nickte ihm jedoch zuversichtlich zu, und auch Madame Matine, die ortsansessige Hebamme, bedeutete ihm, mit der eigentlichen Sache fortzufahren. So beschrieb er, daß er aus einer Quelle, die gutartiges Zauberwerk bevorzugte, vier mächtige Zauber gelernt hatte, um mächtige Feinde zu vertreiben, am Töten zu hindern, Flüche jeder Art in ihr Gegenteil zu verkehren und einen Schutzraum zu errichten, der selbst mächtigen Aufhebungszaubern widerstand. Dann erwähnte er, daß diese Zauber deshalb nötig waren, weil die Schlangenkrieger Skyllians, von denen er in diesem Zusammenhang erfahren hatte, gegen die allermeisten Zauber immun seien, solange sie Körperkontakt mit der Erde besaßen. Da hakte Professeur Tourrecandide ein.

"Mit anderen Worten, wenn diese Kreaturen der Erde entrissen werden sind sie verwundbar? Dies erklärt die grausam anmutende Methode der Entomanthropen. - Entschuldigung, Monsieur Latierre. Fahren Sie bitte fort!" Julius nickte und begann mit dem Zauber, der zum töten entschlossene Menschen und Monster vorübergehend von ihrer Tötungsabsicht abbringen konnte.

 

__________

 

Martha Andrews starrte einen Moment auf den großen Stapel Schachteln in unterschiedlicher Länge. Grob geschätzt lagen da an die hundert eingepackte Zauberstäbe vor ihr. Einen davon sollte sie sich aussuchen. Da sie damals nicht dabei gewesen war, wie Julius seinen eigenen Zauberstab bekommen hatte, kannte sie das Auswahlverfahren nur von seiner Schilderung. Etwas merkwürdig kam sie sich doch vor. Jetzt sollte sie endgültig ihr neues Leben als Hexe beginnen. Das war wie der erste Schultag, die erste Liebe, die Geburt ihres Sohnes.

"War nicht so ganz leicht, diese einhundertfünfzig Zauberstäbe so heimlich es ging zusammenzubekommen", sagte Antoinette Eauvive. "Wir mußten in Italien, Spanien, Deutschland, Belgien und den USA einkaufen und einkaufen lassen, um keinen Argwohn bei Didiers Handlangern zu erregen. Bevor ich die zusammengetragenen Stäbe nach Millemerveilles transportieren lasse hast du das privileg, deinen eigenen Zauberstab aus der Menge auszusuchen, Martha."

"Du weißt bestimmt, daß ich mit Jeanne heute abend zur Landesgrenze fliegen muß, um diese Antisonden-Kleidung an Mr. Abrahams zu übergeben", sagte Martha. "Wie lange dauert es für Zaubereianfänger, ihren eigenen Zauberstab zu finden?"

"Das ist unterschiedlich. Einige haben nur fünf Stäbe ausprobieren müssen. Andere haben ein halbes Sortiment durchgehen müssen, bis sie den optimalen Zauberstab fanden. Ich selbst mußte damals dreißig Zauberstäbe ausprobieren. Ich habe dabei nicht auf die Zeit geachtet. Meine Tochter Cloé hat siebzig Zauberstäbe ausprobieren müssen, bis Monsieur Charpentier mit dem Ergebnis zufrieden war. Ich bin zwar keine Expertin für Zauberstabkunde, kann aber mit den Erkenntnissen einer Heilerin abschätzen, wie gut das Zusammenspiel zwischen dir und jedem von dir ausprobierten Zauberstab ist. Deshalb fangen wir besser gleich an, Martha, damit ich dir bei erfolgreicher Auswahl bereits einige wichtige Zauber beibringen kann. Ich gehe davon aus, deine geistige Reife und das in dir erwachte Grundpotential machen es möglich, daß du rasch ein paar nützliche Zauberstücke erlernen wirst", erwiderte Antoinette.

"Moment, wenn das alles brandneue Zauberstäbe sind, Antoinette, werden die dann nicht wertlos, wenn ich die durchprobiere?"

"Oh, wenn das so wäre müßten die Zauberstabmacher jeden nur einmal ausprobierten Zauberstab sofort auf den Kompost werfen. Sie bleiben voll funktionsfähig und können einer anderen Hexe oder einem Zauberer als eigener Zauberstab dienen. Oder hast du nach der ersten geschlechtlichen Zweisamkeit aufgehört zu denken und zu fühlen?" Martha blieb die Luft weg, weil Antoinette eine derartige Frage stellte und dabei auch noch mädchenhaft grinste. Es dauerte fünf Sekunden, bis sie die Worte wiederfand und schnell ausstieß: "Natürlich nicht, Antoinette. Wundere mich jetzt aber wirklich über diese Frage."

"Warum? Es ist nichts anstößiges daran, festzustellen, daß sich durch bestimmte Sachen nichts an den Fähigkeiten und dem Charakter ändert. Bei mir war das ja nicht anders", erwiderte Antoinette und legte zwanzig Schachteln links auf den Teppich im Dauerklangkerker-Arbeitszimmer aus. "Die nicht oder nur mäßig mit dir harmonieren kommen nach rechts. Haben wir die zwanzig durch, kommen die nächsten zwanzig dran", legte Antoinette die Vorgehensweise fest. Dann begannen sie.

Martha erfuhr nicht, wo genau der jeweilige Zauberstab herkam, den sie gerade ausprobierte. Sie mußte einfach nur einmal damit winken. Doch die ersten zehn Zauberstäbe verhielten sich dabei entweder sperrig, gaben mißtönende Pfeiflaute von sich oder spuckten blubbernd kleine, graue Dampfwolken aus, die keine Sekunde später verweht waren. Dabei kam es nicht auf die Länge an, erkannte Martha. Einmal mußte sie einen Weißbuchenstab schlank und lang wie eine Reitgerte schwingen. Doch dieser Stab zitterte nur wild und ließ ein Geräusch ertönen, daß wie eine an der Tischkante angezupfte Stricknadel klang. Ein Zauberstab, gerade doppelt so lang wie ein Zahnstocher quiekte wie eine auf den Schwanz getretene Maus und bog sich einen Moment durch.

"Man könnte meinen, die Dinger seien lebendig", seufzte Martha bei all diesen Effekten.

"In gewisser Weise sind sie es auch, martha. Allerdings erhalten sie ihr gewisses Eigenleben nur dann, wenn sie von einer magischen Person geführt werden und sind dieser unterworfen, sofern keine Veela- oder Thestralhaare verwendet werden. Es hat sogar schon einen gegeben, der gewagt hat, das silberne Haar eines Demiguisen in einen Zauberstab einzuarbeiten. Das Resultat war, daß der Stab bei der Probe mit seinem Anwender verschwand und der arme Mann erst einen Tag später in einem Dorf in Afrika wieder ans Licht der Öffentlichkeit treten konnte, ohne Zauberstab. Seitdem werden diese Haare nicht mehr verwendet."

"Kann eine mächtige Hexe oder ein Zauberer seine Haare für Zauberstäbe hergeben?" Wollte Martha wissen.

"Eher nicht, weil in diesen Haaren dann zu wenig Magie steckt, Martha", erwiderte Antoinette und gab ihr einen knorrigen Zauberstab aus Schachtel Nummer elf in die Hand. "Piiiuii!" Heulte eine weiße Dampfwolke heraus, als Martha ihn schwang. Fast war ihr auch, als wolle der Stab sich ihrer Hand entwinden. "Können wir also auch aussortieren", bemerkte Antoinette dazu und gab ihr Zauberstab Nummer zwölf zum Ausprobieren. Dieser schlanke, etwa zehn Zoll lange Stab zitterte wild und sprang Martha wie ein gefangener Grashüpfer aus der Hand. "Eindeutig, du bist nicht die Hexe, die einen Eschenstab mit dem Schweif eines Einhornhengstes verwenden sollte", stellte Antoinette Eauvive fest. "So ein Stab ist eher für Mädchen als für erwachsene geeignet. Jungen und Männer würden den wohl gar nicht erst hochheben können, ohne den Widerwillen zu erregen."

"Weil Einhörner die Nähe von Jungfrauen suchen?" Fragte Martha.

"Vor allem die Hengste. Die Schweife der Stuten sind dagegen auch für Jungzauberer handhabbar. Probier mal den hier! Mahagoni und Drachenherzfaser." Martha nahm den Zauberstab, der gut und gern zehn Zoll lang war und schwang ihn. Erst kam keine Reaktion. Dann fauchte es, und eine schwefelgelbe Qualmwolke brach aus der Spitze. Der Gestank von faulen Eiern ließ die beiden Frauen an ihre Nasen fassen. "

"Vienneicht zu ndekadennt für nmich", näselte Martha, während Antoinette einen Luftreinigungszauber wirkte, der mit kühler Brise den Raum durchblies.

"Englischer Humor oder was?" Fragte die Heilerin und Hausherrin von Schloß Florissant. "Aber stimmt, wer mit Mahagoni herumwerkelt hat schon einen Hang zum Protzen." Dann reichte Sie Martha Probestab Nummer vierzehn. Dieser gab ein Geräusch wie eine durch die Luft peitschende Pistolenkugel von sich. Mehr aber auch nicht. Martha fragte noch einmal, was genau der für sie bestimmte Zauberstab bewirken sollte. Sie erfuhr, daß ein ergiebiger Funkenregen gepaart mit einem starken Windstoß die üblichen Indikatoren für den passenden Zauberstab seien. Doch die ersten zwanzig Zauberstäbe wurden abgearbeitet, ohne etwas annäherndes auszulösen. Bei Zauberstab siebenundzwanzig meinte Antoinette: "Oh, Apfel und Phönixschwanzfeder. Die Kombination hatte meine Mutter auch. Probier den mal!" Martha nahm den etwa neun Zoll langen Zauberstab in die rechte Hand. Unvermittelt meinte sie, daß das magische Stück Holz sich erwärmte, nicht schmerzhaft, sondern gerade so wie der Körper eines Kaninchens oder einer Katze. Als sie ihn hob fühlte sie, daß irgendwas wie ein Energiestrom durch ihre Hand in ihren Körper floß und die Bewegung verstärkte. Sie zögerte einen Moment, dann schwang sie den Stab sacht durch. Dabei brach eine Fontäne goldener und roter Funken heraus, die sofort den ganzen Raum ausfüllten und in einem gleichzeitig aufgekommenen Wind tanzten. Martha befürchtete schon, daß die Funken den Stapel mit den Zauberstabschachteln in Brand stecken konnten. Doch die tanzenden Lichtchen versengten weder sie noch sonst was. Der Wind war warm wie am Strand von Jamaika, wo sie mit Richard die Flitterwochen verbracht hatte. Diese Erinnerung und die vertrauenserweckende Wärme ließn in ihr ein unbändiges Gefühl der Verbundenheit aufwallen. Auch ohne Antoinettes höchstzufriedenen Kommentar war ihr klar, daß dieser ihr fortan zugehöriger Zauberstab war.

"Das dürfte meine selige Mutter Primavera freuen, daß jemand aus der Familie die gleiche ausschlaggebende Afinität zu ihrer Zauberstabkombination hat. Ihrer war nur zwei Zoll kürzer als der hier."

"Huch, deine Mutter hieß Frühling?" Wunderte sich Martha. Antoinette lachte. "stimmt, hat daran gelegen, daß sie in dieser Jahreszeit auf den Weg ins Leben gebracht wurde. Deshalb wollte meine Großmutter sie ursprünglich Valpurga nennen, hat sich dann aber für das italienische Wort für Frühling entschieden."

"Du meinst spanisch, Antoinette", berichtigte Martha ihre Gastgeberin. Diese nickte und meinte, daß es in beiden Sprachen dasselbe bezeichne. "Dann sind wir also durch", sagte die Hausherrin noch und gab Martha die dazugehörige Schachtel. Sie las die Aufschrift: "Apfelbaum nach erster Fruchtbildung mit Schwanzfeder einer Phönixhenne, neuneinhalb Zoll, schlank und federnd, gefertigt von Samantha Dexter, Weißrosenweg 15, New Orleans, vereinigte Staaten von Amerika 1996". "Oh, die junge Ms. Dexter. Die kenne ich sogar", sagte Martha erheitert und erwähnte die Begegnung mit der Zauberkunstexpertin im Weißrosenweg.

"Dann wohl wirklich ein reiner Hexenstab", amüsierte sich Antoinette. Dann räumte sie die ausprobierten und unangetasteten Zauberstäbe mit eigenen Händen wieder in eine Abstellkammer zurück. Martha winkte noch einmal mit dem neuen Zauberstab und rief sich die Zauberwörter ins Bewußtsein, die sie mal mitbekommen hatte. Am einprägsamsten war ihr "Expelliarmus" im Gedächtnis geblieben. Professor McGonagall hatte ihrem Mann damit eine Pistole aus der Hand gezaubert. So deutete sie auf die Wand und rief "Expelliarmus!" Knisternd entluden sich scharlachrote Funken aus dem Stab und zerstoben ohne weitere Wirkung an der Wand. Antoinette kehrte zurück, als Martha das Zauberwort noch einmal rief. Eine Dreierkaskade roter Blitze pfiff aus dem Zauberstab und schlug bollernd gegen die Wand.

"Na, das wollte ich eigentlich nicht, daß du unbeaufsichtigt herumprobierst, Martha", tadelte Antoinette die neue Hexe. "Aber interessant, daß du dieses Zauberwort so gut kennst. Hast du schon Erfahrung mit dem damit ausgeführten Zauber?" Sie nickte und beschrieb die entsprechende Situation und daß sie sich schon häufig gewünscht hatte, jemanden so zu entwaffnen. Danach sollte sie den Zauber wiederholen, wobei Antoinette sich als Vorführmodell anbot. Doch erst nach dem achten Mal schlug jener scharlachrote Blitz aus dem Stab heraus, den Martha schon gesehen hatte und prellte Antoinette den Zauberstab aus der Hand. Sie hob ihn wieder auf und verlangte noch mindestens fünf Wiederholungen. Als jede Wiederholung ihr den Zauberstab aus der Hand geschlagen hatte meinte sie: "Gut, einverstanden. Der sitzt bei dir. Hängt wohl auch mit deiner Beziehung zum Zauberstab zusammen. Aber jetzt fangen wir besser mit den ganz leichten Sachen an. Lumos!" Die Spitze ihres Zauberstabes leuchtete auf wie die Glühbirne einer Taschenlampe. Martha verstand und wiederholte das Zauberwort. Bereits nach dem zweiten Mal brachte sie ihren Zauberstab zum leuchten. "Nox!" Rief Antoinette, worauf ihr Zauberstablicht erlosch. Martha schmunzelte über das Wort und rief es aus. Das Licht flackerte jedoch nur. Erst nach dem zweiten Mal ging es ganz aus. "Du mußt bei der Sache sein, Martha. Das ist bei jedem Zauber unbedingt wichtig. Du mußt die Wirkung deines Zaubers bewußt wünschen. Später wirst du viele Sachen wie nebensächliche Handreichungen hinbekommen. Aber du mußt das Magiepotential erst daran gewöhnen, von dir nach außen gerichtet zu werden."

"Wie kam der Erfinder des Lichtausschalters auf das lateinische Wort für Nacht?" Fragte Martha.

"Hmm, die frage habe ich unserem Zauberkunstlehrer damals auch gestellt, weil meine Eltern mir schon als Mädchen Latein beigebracht haben. Er meinte dann, daß die alten Römer, von denen dieser Zauber schon ausgeführt wurde, damit die Nachtdunkelheit zurückholen wollten. Ursprünglich hieß die Formel "Revoco Noctem! Ich rufe die Nacht zurück. Es stellte sich jedoch heraus, daß das den Zielzustand beschreibende Hauptwort bereits genügte. Du hast also auch Latein erlernt. Dann sollten wir auf dich aufpassen, wenn du mit Eigenkreationen herumexperimentieren möchtest. - Achso, bei dem Lichtentzünder ist es ähnlich verlaufen. "Luminosus Os", der leuchtende Mund, hieß die urtümliche Lichtformel. Das hat sich im Laufe der Jahrhunderte dann auch zu einem Wort zusammengeschoben. Damit kannst du übrigens auch Lampen und Kerzen entzünden, wenn du den Zauberstab an die Leuchtkörper hältst. Dann springt die Lichterzeugungsmagie auf den Docht über. Aber jetzt wiederholen wir den Zauber noch zehnmal. Ich finde, du bist sehr gut beschulbar." Martha ließ zehnmal das Licht ihres Zauberstabes an- und ausgehen, entzündete fünf Kerzen und eine Öllampe mit Zauberkraft und fragte, warum sie dafür nicht Incendio gebrauchen sollte.

"Incendio kann auch Kerzen entzünden, wenn du mehrere Meter Abstand hast und den zauber per Willenskraft so klein wie möglich dosierst. Aber ansonsten entfacht er in Zauberstabausrichtung ein nichtmagisches Feuer. Insofern ist Lumos schon der sichere Zauber."

So brachte Antoinette Martha noch ein paar der Erstklässlerzauber bei, wie den Öffnungszauber Alohomora, den sie an einem Vorhängeschloß auf dem Tisch ausprobierte. Denn die Tür andauernd zu öffnen hätte den Klangkerkerzauber unterbrochen. Martha fragte, ob sie auch ein paar nützliche Schutzzauber lernen konnte.

"Wenn du genug Übung hast auf jeden Fall, Martha. Ich überlege mir auch, dir Verwandlungszauber beizubringen. Aber wir müssen ja klären, ob du sieben Jahre am Stück nur lernen möchtest, oder ob du auch andere Verpflichtungen oder Interessen hast."

"Sagen wir es so, ich werde jetzt wohl nicht mit magischen Pflanzen und Zaubertränken herumwerkeln wollen. Aber nützliche Zauber möchte ich dann, wenn ich das schon von dir ermöglicht bekommen habe, so gut es geht erlernen", erwiderte Martha. "Vor allem wenn ich bedenke, daß ich heute Abend mit Jeanne diese Antisonden ausliefern soll. Da müssen wir um fünf Uhr los."

"Was in einer Stunde ist, Martha. Dann liefere ich dich am besten gleich bei Jeanne im Haus ab."

"Besser nicht, weil sie keinen Klangkerker hat. Soweit ich weiß soll Julius um vier wieder nach Beauxbatons zurückkehren."

"Viviane, ist Julius von dir schon nach Beauxbatons zurückgebracht worden?" Fragte Antoinette die gemalte Gründungsmutter.

"Ich habe ihn und seine Begleiterinnen gerade zurückgebracht. Der hatte keine Angst vor dem hochrangigen Haufen, dem er da was neues beibringen sollte. Ich habe die gute Tourrecandide selten so zurückhaltend und aufmerksam auf was neues lauschend erlebt. Und die junge Mildrid Latierre ist offenkundig schneller erwachsen geworden als wir es den jungen Latierres sonst zutrauen."

"Na ja, wenn sie so erwachsen wird wie ihre kinderreiche Großmutter wird sie wohl immer noch ein junges Mädchen bleiben", schnarrte Antoinette Eauvive. "Sind die anderen denn noch bei Catherine?"

"Nein, die sind auch gerade wieder fortgegangen", erwiderte die portraitierte Viviane Eauvive. "Wie ich sehe habt ihr für Martha einen brauchbaren Zauberstab gefunden", fügte sie noch hinzu. Antoinette und Martha nickten. "Gut, dann bringe ich euch beide zu Catherine", bot sie noch an. So kehrte Martha wie üblich verkleinert mit Antoinette Eauvive in Professeur Faucons Haus zurück. Eine Viertelstunde später wurde sie von Catherine per Seit-an-Seit-Apparition vor Jeanne Dusoleils Haus gebracht. Florymont kam gerade mit Monsieur Pierre und einigen anderen leise auf Besen angeflogen, an denen eine würfelförmige Kiste befestigt war.

"Das wird eine echte herausforderung", flüsterte Florymont. In der Ferne war ein lautes Johlen zu hören, als wenn eine aufgebrachte Fan-Meute auf ihre Gegenspieler losstürmte. "Bleibt weg von hier! Hier wohnen wir!" Skandierte die Menge. Martha hörte, daß sie offenbar durch die Luft flog, konnte aber zunächst keinen erkennen.

"Hoffentlich passiert denen nichts", unkte Jeanne. "Bruno ist etwas ungestüm."

"Die kleine ist schon bei Barbara?" Fragte Florymont.

"Ja, und da soll sie bleiben, sollte mir was unerwünschtes zustoßen", erwiderte Jeanne. Ihr Vater nickte betreten. Dann wünschte er Jeanne und Martha einen guten Flug und löste die Haltegurte von der Kiste. "Ich habe sie mit dem Centigravitus-Zauber belegt, Jeanne. Das müßte dein Regenbogenprinz tragen können", wisperte er, während in der Ferne lautes Johlen und Brüllen erklang. Dann hörte Martha das Zischen und Schwirren durch die Luft schlagender Zauberblitze. Jeanne verzog das Gesicht. Ihr Vater saß schnell auf dem Besen auf und winkte seinen Begleitern, die kein Wort gesagt hatten. Ohne Kommando hoben sie alle ab und schwirrten davon, nicht in Richtung der lautstarken Meute. Jeanne ließ die Kiste auf den persischen Flugteppich hinüberschweben und winkte Martha wortlos. Es knallte und krachte in der Ferne. Aufschreie waren zu hören. Jeanne sah sehr sorgenvoll aus. Dennoch wollte sie den Abflug nicht länger hinauszögern. Was da in der Ferne passierte lief ab, damit sie und Martha den wertvollen Inhalt der großen Kiste aus Millemerveilles hinausbrachten. Sie gab ihrem Teppich den Befehl zum losfliegen. Martha wußte ja, daß die Sprache eine Form des Altpersischen war. Ohne Flugwind zu verspüren und ohne ein Schaukeln zu bemerken saß Martha neben Jeanne am Vorderende des orientalischen Zauberteppichs. Die Kiste bereitete dem magischen Knüpfkunstwerk weder Hecklastigkeit noch Durchhängen, wohl weil sie mit einem Gewichtserleichterungszauber belegt war. Millemerveilles fiel unter ihnen weg und verschwamm unvermittelt in einem Gewirr von Grau, grün und braun. Nun sahen sie nur noch eine unbebaute Landschaft unter sich. Martha konnte jedoch nun die kleinen, schnell durcheinanderfliegenden Besenreiter erkennen und vermeinte, winzige schwarze Punkte zwischen ihnen herumsausen zu sehen. Daneben blitzte und leuchtete es immer wieder auf, wenn sich die Patrouille mit dem Entlastungsgeschwader einen magischen Luftkampf lieferte. Jeanne sagte nichts. Auch Martha schwieg. Jedenfalls hatte der Ausfall der Dorfbewohner die gesamte Patrouille auf sich gezogen. In ihrer Richtung konnte sie keinen auf einem Besen sehen. Dann nahm der Regenbogenprinz noch mehr Fahrt auf, brauste dahin. Jeanne blickte wie Martha um die große Kiste herum, die zwei Drittel des Teppichs einnahm, jedoch keinen Millimeter verrutschte. Der Lärm blieb hinter ihnen zurück. Martha wollte schon aufatmen, als genau über ihnen drei Zauberer auf Rennbesen wie Raubvögel herabstießen. Jeanne hatte die drei unerwarteten Angreifer auch gesehen und riß den Zauberstab hoch. Martha langte nach ihrer großen Handtasche, wo ihr eigener Zauberstab verstaut war. Da flog ein blaugrüner Feuerball aus einem der Zauberstäbe von oben. Jeanne erschrak. Doch der Teppich reagierte ohne Kommando. Er sprang förmlich zur Seite. Fauchend verfehlte die Glutkugel den Regenbogenprinzen um fünf Meter und detonierte zwanzig Meter weiter unter ihm in einer rotgoldenen Flammenwolke.

"Habt euch eingebildet, wir fielen noch mal drauf rein, wenn die Patrouille abgelenkt wird, wie?!" Rief ein bulliger Zauberer mit schwarzem Haar, den Martha als Ferox Garout beschrieben bekommenhatte. "Landet oder sterbt!" Rief der bullige Zauberer noch. Jeanne schickte ihm ohne ein Wort einen Zauber zur Antwort entgegen, der den Besen mitten im Flug abstoppte und seinen Reiter fast abwarf. Die beiden anderen schleuderten bunte Blitze, die bestimmt nicht so lustig wirkten wie sie aussahen. Der Teppich wich jedoch so gekonnt aus, als lebe er und könne genau erkennen, woher ein Angriff kam. Mit einem weiteren Besenstopper nagelte Jeanne den zweiten Angreifer in der Luft fest. Der Dritte, jener der gerufen hatte, wich dem Bewegungsstopzauber jedoch aus und zielte auf Martha Andrews. Er entblößte seine gelblichgrauen Zähne zu einem fiesen Grinsen. In der Sekunde bekam Martha ihren Zauberstab aus der Tasche frei. "Avada ..." setzte Garout an, als Martha "Expelliarmus!" rief. Der Angreifer rief gerade ein zweites Wort. Doch da flog ihm schon ein scharlachroter Blitz entgegen und prellte ihm den Zauberstab aus der Hand, der mit scharfem Knall in grünem Feuer zerplatzte. Jeanne zielte auf Garout und rief: "Mikramnesia!" Wie vor eine Mauer gerannt zuckte der Angreifer zurück. Das reichte aus, um ihn endgültig abzuhängen. Um die Sicht auf den Teppich zu verschleiern ließ Jeanne sogar noch zwei magische Nebelwolken los.

"Mußte der ja wirklich nicht weitermelden, daß du neuerdings mit einem Zauberstab hantieren kannst", hörte Martha Jeannes Gedankenstimme in ihrem Kopf. "Kurzzeitamnesie. Der wird nicht mal mehr wissen, wie er dort hingekommen ist, wo er jetzt ist."

"Ich mußte zaubern. Ich wußte nicht, was er uns da aufbrennen wollte", rechtfertigte sich Martha.

"Neh, war schon verdammt richtig, dem den Zauberstab wegzuschlagen. Der wollte dich umbringen, Martha. Du warst nur schneller als er, wohl weil er seine Überlegenheit zu sehr auskosten wollte und zu langsam gesprochen hat", sagte Jeanne nun mit körperlicher Stimme. "Aber jetzt kriegen die uns nicht mehr ein. Der Impedimentazauber hält die beiden ersten noch eine Minute an ihrem Platz fest, und Garout wird erst einmal zusehen müssen, wo er eigentlich ist. Auch wenn er uns noch sehen könnte, dürften wir jetzt schon nur noch ein winziger Punkt sein, der verschwindet."

"Wußte gar nicht, daß der Teppich eine Ausweichautomatik hat", kam Martha auf die präzisen Ausweichbewegungen ohne Kommando zu sprechen.

"Sonderausstattung von Mehdi Isfahani. Der Teppich weicht allen bösartigen Zaubern aus. Hätte vielleicht auch den Todesfluch vorbeizischen lassen. Aber wir müssen es ja nicht darauf anlegen", erwiderte Jeanne.

"Denkst du, die jagen uns noch mehr von diesen Leuten auf den Hals?" Fragte Martha.

"Deshalb fliegen wir auch nicht in gerader Linie zum Strand. Der Teppich ist ausdauernd und sehr schnell. Da können wir genug Bögen fliegen", sagte Jeanne, die aufatmete, weil sie der unmittelbaren Gefahr entronnen waren. Martha legte ihren Zauberstab wieder in die Tasche. "Dann stimmt es doch, was Maman mir zumentiloquiert hat. Antoinette hat dich mit diesem Hexenritual mit eigener Zauberkraft aufgefüllt, die nicht mehr versiegen kann, bis du stirbst oder zehn Jahre nichts damit anstellst. Weiß Julius das?"

"Er hat es als einer der ersten erfahren", erwiderte Martha und schilderte Jeanne, was ihr passiert war, als sie weit genug über dem Boden und von Millemerveilles fort waren. Mit mehr als vierhundert Stundenkilometern - zumindest vermutete Martha das auf Grund der zurückgelegten Strecke - umflogen sie den Großraum Paris und schlenkerten in weiten Bögen in Richtung Normandie herum. Die beiden Hexen blickten sich immer wieder um, ob über oder unter ihnen neue Feinde auftauchen mochten. Dann rasten sie einen Fluß entlang. Das war die Orne. Dieser folgten sie nach Norden. Mittlerweile war es schon dunkel, so das sie wohl von keinem am Boden mehr gesehen werden würden. Jeanne überwachte den Flug mit einer Nachtsichtbrille aus den Beständen ihres Vaters. Kurz vor acht Uhr erreichten sie die Atlantikküste. Martha fröstelte es ein wenig. Hier hatten vor dreiundfünfzig einhalb Jahren Briten und Amerikaner gegen die Deutsche Besatzungsmacht gekämpft. Viele tausend Mann waren bei der Landung gefallen. Sie kam jetzt her, um wichtige Hilfsmittel für eine rasche Flucht aus England abzuliefern. Jeanne ließ sich von Martha auf der Karte die genaue Stelle zeigen und landete, nachdem sie einmal herumgekreist war. Niemand war dort unten.

"Ich schicke ihm eine Kurzmitteilung", sagte Martha und holte ihr Mobiltelefon hervor. Jeanne wirkte derweil einen Menschenanzeigezauber und hielt sie am Arm. "Vom Landesinneren her kommt jemand durch die Luft", zischte sie. Martha warf sich herum und sah nach oben. Doch die Dunkelheit war hier vollkommen. martha hatte jedoch keinen Grund, Jeannes Warnung nicht zu glauben. Sie langte wieder nach ihrer Handtasche. Jeanne hielt sie jedoch fest. "Lass den drin", fauchte sie. "der ist unsichtbar." Martha dachte, daß es jetzt wohl sehr brenzlig würde. Da lachte eine sehr bösartige Männerstimme auch schon.

"Daa wolltet ihr also hin, ihr verdammten Weiber. Habt meinen Kleinen schön ausgetrickst. Aber bringt euch jetzt auch nichts mehr!"

"Werden wir gleich wissen", knurrte Jeanne und machte eine ausladende Zauberstabbewegung. Martha warf sich in Deckung, als mehrere Blitze aus dem Himmel zu ihnen herabsausten. Unvermittelt wölbte sich ein silberner Dom über den beiden Hexen und fing die Zauber ab. Zwei der Flüche flogen zu ihren Absendern zurück, die Martha nun als hektisch herumfliegende Schemen erkennen konnte. Dann landeten die Angreifer. Martha konnte einen bärengleichen Mann mit silbergrauem Haar sehen, der im Licht seines Zauberstabes siegessicher vortrat, während seine drei Begleiter ihre Zauberstäbe in Anschlag brachten.

"Nach der Kiste mit den Dementoren und den Schlangenbiestern ist jeder Zentimeter Strand mit Meldezaubern für Magie bepflastert, ihr dummen Gänse", schnarrte der Kerl, der einen Umhang trug, wie ihn die Patrouillenflieger trugen. Jeanne murmelte derweil einen neuen Zauberspruch und zielte auf den silberhaarigen, der irgendwie einen Hauch des Todes verströmte. Der fing den Fluch Jeannes jedoch mit einer wie beiläufig wirkenden Zauberstabbewegung ab und lachte. Die zwei anderen näherten sich der immer noch schimmernden Kuppel. Martha ging davon aus, daß sie diese locker niederreißen konnten. Doch irgendwie schien die mondlichtgleiche Strahlenkuppel sie zu beeindrucken, sie davon abzuhalten, ernsthaft gegen sie vorzurücken. Nur der gehässig lachende Alte trat immer näher an die Kuppel heran und zielte mit dem Zauberstab auf Jeanne.

"Bildest dir ein, dein dummer kleiner Hexenzauber hält mich ab, du Schlampe. Aber er kommt vom Mond. Und der Mond und ich sind sehr gute Kameraden. Im Gegenteil, dieses lächerliche Ding da macht mich nur noch entschlossener, dich und dieses Muggelweib da zu zerreißen."

"Selbst einer wie du kommt da nicht durch, Garout", sagte Jeanne. "Mondabhängigkeit hin oder her. Der Zauber ist der Schutz der jungen Mutter. Da kommst du nicht durch."

"Junge Mutter! Wie köstlich!" Rief der silberhaarige und trat näher. Die beiden anderen standen immer noch wie in Trance vor der Kuppel. Martha traute ihren Augen nicht. Das Haar des Fremden veränderte sich. Zwar war es so schon struppig. Aber nun ähnelte es immer mehr einem wilden Fell. Jeanne erbleichte, während der nicht beeindruckte Fremde sie überlegen anglotzte. Sein Mund wurde dabei einer Schnauze immer ähnlicher. Martha gefror das Blut. War das ein Werwolf. Jeanne straffte sich und sagte: "Auch du kommst da nicht durch, Garout, auch wenn deine Eltern und deine reudigen Söhne alle mit Werwut geboren wurdet." Der Angesprochene schnaubte und funkelte sie zornig an. Er senkte den Zauberstab. Jeanne feuerte sofort einen breiten Silberfächer auf ihn los. Doch dieser warf den Angreifer nur für einen Moment zu Boden. Er rollte sich herum. Martha sah nun graues Fell im Licht der Kuppel. Der Mann wurde immer mehr zum Wolf. Da rief jemand aus großer Ferne: "Katashari!" Ein silberner Blitz fegte aus der Dunkelheit heran und hüllte den Werwolf in ein helles Licht ein. Schlagartig hockte der wie betäubt da und rührte sich nicht mehr. Da ploppte es, und Catherine Brickston stand hinter ihm. "Per Catenam incarcerus!" Rief sie mit auf den betäubten weisenden Zauberstab. Laut rasselnd peitschte eine silberne Kette aus dem Zauberstab und schlang sich um die Arme und Beine des Fremden, zog sich zu und fesselte ihn. Klirrend griffen die sich berührenden Glieder ineinander und schmiedeten Garout gänzlich in die silbernen Ketten. Mit einem letzten, metallischen Schlag sprang die Kette von Catherines Zauberstabspitze ab und verschmolz mit den einschnürenden Gliedern. Catherine verlor jedoch keine Zeit damit, die Überrumpelung auszukosten. Sie warf sich herum und rief "Stupor!" Einer nach dem anderen fiel unter dem Schockzauber zu boden.

"Die Kiste vom Teppich und dann schnell weg, ihr zwei!" Zischte Catherine Brickston. Da rauschte es vom Meer her. Martha warfsich herum und sah einen Fischkutter. Dieser fuhr jedoch ohne Motorkraft, nur durch einen Vortriebszauber angetrieben. An Deck stand ein junger Mann in blauem Ölzeug mit einem Fernrohr und einem Zauberstab.

"Moin, ist das hier die Normandie?!" Rief der Mann auf Englisch.

"Neh, das ist die Auvergne!" Rief Martha Andrews, die die Stimme erkannte. Tim Abrahams lachte schallend. Natürlich hatte er Marthas Stimme auch erkannt. Außerdem hatte sie ihm ja per Kurzmitteilung von einem arabischen Luftpostservice geschrieben. Die Riesenkiste auf einem bunten Teppich war ja wohl aussagekräftig genug. Martha winkte ihm zu. Der Fischkutter stoppte kurz vor dem Strand. Tim Abrahams sah die Kiste an und fragte, ob er die haben dürfe. Martha bejahte das. Jeanne auch. Sie ließ die Kuppel in ihren Zauberstab zurückweichen. An Deck des Kutters erschien noch eine Person, eine Frau in grauem Ölzeug, die interessiert die Silberkuppel angesehen hatte.

"Ist der Zauber schwer zu machen, Madame?" Fragte sie Jeanne auf Englisch.

"Es ging. Hätte nur gedacht, daß dieser Werwolf da genauso vor zurückschreckt wie die beiden anderen."

"Werwolf?" Fragte Tim Abrahams. "Dann stimmt die Kiste doch, daß Greyback in Frankreich ein paar nette Freunde hat. Soll ich den reudigen Köter ausknipsen?"

"Er ist gefesselt. Das wäre Mord", wandte Catherine ein, als Tim aus seiner Jacke eine Pistole zog.

"Ungezieferbekämpfung Madame, ähm, Brickston?"

"Genau, Mr., Ähm, Abrahams. Ich dachte, Sie wären alleine gekommen."

"Um den Klotz von Kiste da unter den Arm zu klemmen?" Fragte Tim Abrahams. "Das geht wohl nicht. Vor allem wenn da schon ein starker Materiebeeinflussungszauber drinsteckt. Meine Frau und ich nehmen die so mit. Locomotor Kiste!" Die Kiste hob vom Teppich ab und glitt wie auf einem Luftkissen über den Strand und über die Brandungswellen hinweg auf das Deck des Kutters. "Gally bring die bitte runter!" Wandte Tim sich an die Frau neben ihm. Diese winkte einer geschlossenen Ladeluke. Diese klappte auf. Danach bugsierte sie die Kiste mit dem Locomotor-Zauber in den Bauch des Kutters. Tim wandte sich dann noch an die drei Hexen am Strand.

"Danke für den Service. Ich hoffe, die nächste Lieferung geht nicht so öffentlich über die Bühne. Meine Frau hat mir was von Meldezaubern erzählt, die schon auf dem Meer gewirkt haben. Aber mit dem Motor wären wir zu langsam angekommen. Wir sind auch schon wieder weg. Bis zum nächsten Mal!" Die Ladeluke klappte wieder zu. Tim Ging ans Ruder, während die mit ihm fahrende Hexe den Propulsus-Zauber ausführte und das große Boot ohne Segel und Schraubendrehung seewärts immer schneller davonglitt.

Ein wütendes Knurren erklang, als Garout aus der magischen Betäubung erwachte. "Ich bringe euch alle um. Ich reiß euch die .... rrrrroarrrr!" Während seines Wutausbruches verwandelte er sich vollends in einen struppigen, grauen Wolf, der zornig knurrend gegen die ihn einschnürende Kette kämpfte, um sich schnappte und sich auf dem harten Boden herumwälzte, daß seine Fesseln klirrten und knirschten.

""Gute Idee", schnaubte Catherine und beharkte die beiden geschockten Zauberer mit einem Zauber, den Martha nicht kannte und nur das Wort "Obleviate" heraushörte. Dann schockte sie den gebundenen Werwolf und machte mit ihm diesen Obleviate-Zauber. Dann beschwor sie ein scharfes Messer aus der Luft. Martha sah mit entsetzen, wie Catherine sich damit eine Tiefe Schnittwunde am linken Handgelenk beibrachte. Offenbar hatte sie sich die Pulsadern geöffnet, denn sofort ergoß sich ein rhythmischer Blutstrom über den Boden und traf das Maul des betäubten Werwolfs, bedeckte es bald vollends, bevor Catherine den verletzten Arm wild herumschlenkerte und so mehrere Blutlachen schuf. Dann hielt sie sich den Zauberstab an die schlimm aussehende Verletzung und murmelte "Episkye!" Der Blutstrom versiegte. Und als Catherine mit "Ratzeputz amplifico" ihren Arm von Blut freigezaubert hatte meinte sie: "Jeanne, du nimmst deinen Teppich unterm Arm. Ich appariere mit Martha hundert Meter vor die Begrenzung von Millemerveilles im Süden. Im Osten und Westen rangeln die noch auf dem Besen. Didier hat zwar Verstärkung geschickt, aber gegen hundertfünfzig versierte Hexen und Zauberer auf Besen und alle zwanzig Klatscher aus dem Bestand der Mercurios stehen die schwer da. Es gelang uns sogar Gefangene zu machen. Als sie vom Besen fielen hat die Kuppel sie solange festgehalten, bis sie vor Schmerzen ohnmächtig wurden. Dann fielen sie durch."

"Hat von uns wer was abbekommen?" Fragte Jeanne besorgt.

"Leichte Fluchschäden. Aber nichts schwerwiegendes. Deinem Mann ging es gut, als ich aus Millemerveilles raus bin", erwiderte Catherine. Jeanne und Martha atmeten auf. Ihretwegen Leute zu verlieren war die größte Sorge, die sie hatten. Jeanne rollte ihren Teppich ein, an dem nicht ein Sand- oder Staubkorn hängengeblieben war. Dann disapparierte sie.

"Hoffentlich halten die Restkraftresonatoren noch", wisperte Martha.

"Sonst wäre schon wer aufgetaucht, als ich hier ankam, Martha. Moment, ich wecke die eben noch auf! Retardo Enervate! Retardo Enervate! Retardo enervate!" Rief Catherine und deutete auf die drei bewußtlosen. Dann umfing sie Martha mit ihrem freien Arm und wirbelte mit ihr auf der Stelle herum. Mit einem vernehmlichen Knall verschwanden beide im Nichts. Zehn Sekunden später regte sich Garout als erster. Dem verwandelten und somit im rein animalischen Rausch befindlichen Werwolf stach sofort das um sein Maul verteilte Blut anregend in die Nase. Doch er war gefesselt.

Catherine und Martha reapparierten knapp zehn Meter von Jeanne entfernt, deren Flugteppich sich gerade wieder von selbst auseinanderrollte.

"In Ordnung. Aufsitzen und nach Hausefliegen!" Kommandierte Catherine. Das ließen sich die junge und die neue Hexe nicht zweimal sagen. Mit einem scharfen Befehl trieb Jeanne den Regenbogenprinzen dazu an, nach oben zu springen und in rasantem Tiefflug durch die unsichtbare und für gutartige Hexen und Zauberer durchlässige Kuppel zu fliegen.

"Dann können die anderen jetzt zurück", sagte Martha, als sie die Häuser der Ansiedlung sah. Catherine nickte und verfiel wie Jeanne in konzentrierte Haltung. Martha dachte daran, daß sie diese Fernverständigungskunst wohl auch bald lernen würde.

Am Zentralteich trafen sie die wackeren Mitglieder des Ausfallkommandos. Keiner hatte bleibende Schäden davongetragen. Janine Dupont hatte nur ihren Besen verloren, César Rocher lief in einem angekokelten Quidditchumhang herum und genierte sich nicht, daß sein leicht gewölbter Bauch im Licht der Straßenlaternen glänzte.

"War 'ne geniale Idee von Professeur Tourrecandide, uns nicht zu weit über der Kuppel zu halten. Da konnten wir die immer wieder gegenkrachen lassen", erzählte Bruno seiner Frau, Martha und Catherine. "Dafür das die werte Professeur Tourrecandide schon mehr als neunzig Sommer erlebt hat ist die aber noch gut auf dem Besen unterwegs."

"Hauptsache, es ist euch nichts schlimmeres passiert", schnarrte Jeanne.

"Einmal hat wer versucht, Virginie mit dem Todesfluch abzuschießen. Da hat die ein Manöver gebracht, das habe ich vorher nicht gesehen. 'ne Richtungsänderung um zwei Achsen auf einem Punkt. Der Grüne Blitz hat die um vier Längen verfehlt. Und der, der ihn geschleudert hat ist dann in der Kuppel hängengeblieben", sagte César. Jeanne und Martha erschraken. Dann tauchte Virginie aus dem Nichts heraus auf.

"Bin der guten Hera unterm schützenden Rock weggesprungen. Wollte dir nur sagen, daß du deinem Sohn bitte meinen allerherzlichsten Dank übermitteln möchtest, daß der uns im letzten Jahr dieses Flugmanöver beigebracht hat", sagte Virginie.

"Sag mal, hat deine Mutter das echt zugelassen, daß du mit dem Baby in der Ausfalltruppe mitfliegst, Virginie", schnarrte Jeanne.

"Komm, das hat mir schon Hera Matine um die Ohren gehauen. Denkst du, ich sehe zu, wie Aron und die anderen herumfliegen? Dem Baby ist nichts passiert, außer daß ich es jetzt über dem Herzen trage."

"Virginie, das ist nicht komisch", blaffte Jeanne, während Catherine Martha sacht beim Arm ergriff und sagte: "Wir gehen dann besser nach Hause."

"Ey, ich bin volljährig, Jeanne. Und du bist keine Pfl..." Mehr hörte Martha nicht von Virginies trotziger Antwort, weil sie da gerade wieder durch diesen lästigen, viel zu engen Gummischlauch gezwengt wurde. Als sie wieder ordentlich im Raum-Zeit-Gefüge waren standen sie vor der Grundstücksgrenze von Professeur Faucon.

"Catherine, was sollte dieser makabre Gag mit dem Blut?" Fragte Martha im Schutz des Dauerklangkerkers.

"Ich habe allen dreien eine neue Erinnerung verpaßt. Der nach kamen die beiden unbefallenen Zauberer gerade noch an, als Garout den, der am Strand landete in Wergestalt fraß. Um ihn sich vom Hals zu halten haben sie ihn dann mit Ketten gefesselt. Die Blutspuren zeigen jetzt, daß da jemand am Strand war, von dem nichts mehr übrigblieb. Selbst unter Imperius dürfte denen klar geworden sein, daß mit einer solch unberechenbaren Kreatur wie Lycaon Garout mehr Schaden als Nutzen zu erwarten ist."

"Vielleicht hatte Tim recht, und er hätte diesem Monster Silberkugeln oder andere wirksame Todesarten verpassen sollen", grummelte Martha.

"Martha, ich habe ihn mit einem Mordgierabwendezauber belegt und dann noch gefesselt. Er war wehrlos. Dein Sohn, der mir den Zauber erst heute Nachmittag so gründlich wie nötig beigebracht hat, hat eindeutig gesagt, daß ich ihn nur dann wirken kann, wenn ich bisher keinen Menschen gezielt getötet habe und dies in Zukunft auch nicht tue. Hätte ich deinen muggelstämmigen Kontaktmann seine Pistole benutzen lassen, wäre das glatte Beihilfe zum Mord gewesen. Er hat es ja immerhin eingesehen, daß es keine Kunst ist, ein wehrloses Wesen zu erschießen. Offenbar hat das Soldatenblut ihn da nicht so drastisch beeinflußt."

"Er hat wohl auch noch nicht getötet", wandte Martha ein. Catherine nickte schwerfällig. Dann sagte sie: "Jedenfalls gut, daß ich auf meine Mutter hörte und euch Rückendeckung gab. Ich habe die Kiste mit einem Localisatus-inanimatus-Zauber verfolgen können und im sicheren Abstand am Boden begleitet. Die Anti-Apparierspürer sind ganze Verliese voller Gold wert. So konnte ich euch noch zu Hilfe kommen. Das hätte auch anders ausgehen können. Dann hätte ich Lycaon Garout in Nothilfe töten müssen. Aber der atlantische oder altaxarroi'sche Zauber ist wesentlich humaner."

"Oh, ich war unhöflich. Ich habe mich ja gar nicht bedankt, weil du uns vor diesen Leuten gerettet hast", fiel es Martha ein.

"Martha, das gehört immer noch zu meinem Job, Leute vor dunklen Mächten und Kreaturen zu schützen. Und dein Job ist das auch. Das war meine Pflicht, dir und Jeanne zu helfen, auch und vor allem, weil die Arbeit, die du machst, bestimmt vielen unschuldigen Leuten in deinem Geburtsland das Leben rettet."

"Trotzdem möchte ich, daß du weißt, daß ich das nicht für selbstverständlich halte, was du gemacht hast."

"Bedanke dich bei deinem Sohn, daß er sich bereiterklärt hat, mir, meiner Mutter und einigen anderen diese humanen Verteidigungszauber beizubringen."

"Ich mußte diesen anderen Garout entwaffnen, Catherine. Jeanne hat ihm mit einem Kurzzeitamnesie-Zauber die Erinnerung daran genommen. Er wollte uns töten, hat Jeanne gesagt."

"Die Garouts sind wahrlich geborene Werwölfe. Bei denen ist das nicht nur eine magische körperliche sondern auch geistige Erkrankung. Sie äußert sich in überhöhter Aggression und Mordlust, sowie Größenwahn, wenn die Kräfte des Mondes stärker werden. Ich will es nicht begreifen, daß Didier diese gefährlichen Geschöpfe dazu abgestellt hat, friedliche Hexen und Zauberer zu bewachen."

"Moment, wenn diese Psychosen bei denen schon durch die angeborene Werwolfkrankheit auftraten, waren die doch schon immer so. Wie konnten die dann in einer Zaubererschule wie Beauxbatons unterrichtet werden?"

"Das wurden sie nicht, Martha. Meine Mutter erwähnte, daß sich Professeur Tourrecandide und Madame Maxime, die damals beide Lehrerinnen waren, sehr vehement dagegen verwahrt haben, die drei Söhne der Garouts aufzunehmen. Lycaon und seine Frau Malorie trugen den Werwutkeim, die Lykanthropie schon in sich. Lycaon war ein geborener Werwolf. Malorie wurde erst mit zwanzig mit dem Fluch infiziert. Sie wird ihm wohl einige Zauber beigebracht haben, oder Lycaons Eltern werden das gemacht haben. Die haben dann auch ihre Söhne ausgebildet, nachdem sie sich einer ständigen Aufenthaltsüberwachungspflicht unterworfen haben. Offenbar braucht Didier wirklich scharfe Bluthunde, wohl auch um die nicht mit Imperius zu versklavenden Mitarbeiter an offener Meuterei zu hindern", seufzte Catherine.

"Ein Regime der Wahnsinnigen, wie in Großbritannien", stöhnte Martha. "Es wird zeit, daß wir Didiers Wahnsinn stoppen, um uns vor dem, wegen dem er das alles angeblich macht besser schützen zu können."

"Hast du nicht gesagt, daß die loyalsten Mitarbeiter eines Tyrannen die sind, die ohne ihn nichts geworden wären?" Fragte Catherine. Martha nickte betreten. Dann wandte sie sich an Vivianes Bild: "Bitte bestelle Julius, daß ich unversehrt wieder in Millemerveilles angekommen bin und daß Virginie Rochfort sich sehr herzlich bei ihm bedankt, daß er ihr ein lebensrettendes Besenflugmanöver beigebracht hat!"

"Oh, das wird noch wen freuen. Immerhin hat er das von Aurora Dawn erlernt. Da diese Heilerin ist wird sie wohl froh sein, daß dieses Manöver wahrhaftig Leben und Gesundheit erhalten kann", entgegnete die gemalte Gründungsmutter von Beauxbatons. Dann verließ sie ihr Bild, um die Grüße zu übermitteln.

"Die gute Hera Wird Virginie wohl mit Walpurgisnachtringen an sich ketten", stellte Catherine fest. Martha nickte. "In anderen Umständen gilt der Schutz des ungeborenen Kindes mehr als die Entscheidungsfreiheit. Das habe ich auch wieder begriffen, als Claudine unterwegs war. Ich muß mich noch bei Tante Madeleine bedanken, daß sie sie für mich behütet hat."

"Und wenn sie hunger hatte, ich meine Claudine?"

"Habe ich was ausgelagert, Martha. Wir Hexen können das auch, nicht nur die Muggelmütter. Abgesehen davon hätte ich meiner Tante zugetraut, die Kleine selbst anzulegen."

"Das war dann wohl nicht nötig", wandte Martha ein.

"Denke ich auch", sagte Catherine und verließ das Arbeitszimmer. Martha blieb noch ein paar Minuten hier. Gerade mit den ersten Zauberkunststücken ausgebildet war sie heute schon in eine sehr gefährliche Situation geraten. Vielleicht sollten sie das mit den Antisonden doch auf andere Weise lösen, vielleicht durch Frachtflugzeuge.

 

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Julius atmete auf, als er am späten Samstagabend erfuhr, daß seiner Mutter nichts passiert war. Viviane erwähnte nur, daß sie mit einem gewissen Lycaon Garout aneinandergeraten seien, der ein geborener Lykanthrop sei. Er hatte von den Garouts schon gehört, und zwar nichts gutes. Das seine Mutter in die Nähe eines solchen Wesens geraten war erschreckte ihn zwar. Doch er war beruhigt, daß sie und Jeanne wieder heil aus der Situation herausgekommen waren. Vor allem war er beruhigt, daß er wichtigen Leuten in Millemerveilles den Mordgier und Friedensraumzauber hatte beibringen können. Damit war Minister Delamontagnes Truppe besser auf die Skyllianri vorbereitet als Didier. So legte er sich mit dem Gefühl, die Welt ein wenig sicherer gemacht zu haben ins Bett und überließ sich seinem Schlafleben, in dem er wieder mit Darxandria und den beiden Ritualmagiern aus Nord und Süd zusammentraf.

 

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"Schön, daß du schon wach bist, Julius", begrüßte ihn Gloria um fünf Uhr morgens, nachdem er nach einer anstrengenden Übungsrunde Ailanorars Lied zu zwei Dritteln in der nötigen Geschwindigkeit hinbekommen hatte. "Wir haben nämlich ein kleines Problem hier", fuhr Gloria fort, deren Gesicht im Zweiwegspiegel nicht gerade zufrieden aussah.

"Wegen der Entomanthropen. Wir haben es gehört, daß bei euch eine apparierfähige Brutkönigin aufgetaucht sein soll", sagte Julius rasch um Zeit zu sparen. Gloria nickte heftig. Doch ihr Anliegen war ein anderes:

"Wishbone ist wegen dieser Kiste komplett aus der Spur, Julius. Immerhin ist er mit der großen Ankündigung ins Amt gewählt worden, die magische Gemeinschaft der Staaten vor allem bösen zu beschützen. Deshalb ist der jetzt auch hinter uns her."

"Hinter euch? Ich dachte, gegen diese Erziehungsberechtigungsklausel kann er nix machen", erwiderte Julius verunsichert.

"Haben wir auch gedacht. Gestern bekamen die Hollingsworths, Kevin und ich einen Brief aus Washington, daß versucht worden sei, uns widerrechtlich ins Land zu schmuggeln und wir daher unverzüglich ausgewiesen würden, sobald wir in die Weihnachtsferien fahren. Wishbone prüfe derzeit eine Anklage auf kriminelle Einreise und Urkundenfälschung seitens meiner Eltern und Onkel Marcellus, sowie die die Betty, Jenna und Kevin hier betreuen wollten. Die Erziehungsberechtigungsklausel sei in diesem Fall ungültig, da das hierzu vorgeschriebene Verfahren weder beantragt noch abgelaufen sei. Daher seien wir illegal in die Staaten eingereist. meine Eltern hätten zu Beginn der Ferien mit mir das Land zu verlassen. Widrigenfalls würden sowohl sie als auch Tante Geraldine und Onkel Marcellus verhaftet. Echt super, ne?"

"'tschuldigung, Gloria. Aber damit habe ich jetzt echt nicht gerechnet", seufzte Julius. "Öhm, was macht ihr denn jetzt. Nach Frankreich rein ist jetzt auch nicht mehr drin, seitdem Didier jeden aus England für Kriminell hält und mich allen Ernstes zur Rückkehr nach England aufgefordert hat, um mich der fürsorglichen Obhut einer gewissen Dolores Jane Umbridge anzuempfehlen."

"Das meinst du nicht ernst, Julius", erschrak Gloria. Julius holte den betreffenden Brief aus seinem Brustbeutel und las ihn halblaut hinter den Schnarchfängervorhängen vor. Gloria erbleichte. Ihre graugrünen Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen.

"Dann hättest du besser gleich mit uns kommen sollen, Julius. Ist ja nett, daß du mir das jetzt schon erzählst und nicht erst in zwei Monaten."

"Gloria, du hast dich heute zum ersten Mal seit mehreren Wochen wieder gemeldet. Da wir einen Zeitunterschied von neun Stunden zu bedenken haben und ich nicht weiß, wann du eine ungestörte Gelegenheit findest, mit mir zu sprechen, ging das jetzt erst", schnaubte Julius. "Apropos, wir quatschen, und ich weiß nicht, wie sicher das ist, wo du bist."

"Ich sitze im Büro von Prinzipalin Wright. Sie ist für ein paar Minuten runter, um was wegen Professor Verdants Mutterschutz zu klären. Ihre drei Babys kommen ja demnächst an."

"Aha, und dann hat die dich ganz unbewacht in ihrem wabenförmigen Zimmer sitzen lassen?" Fragte Julius.

"Hups, woher -? Sicher, du warst ja schon mal hier", grummelte Gloria. "Stimmt, die hat mich einbestellt und mich angewiesen, hier zu warten, weil sie vorher noch wegen Professor Verdants Drillingen was klären müsse. Dabei hat die mich so komisch angeguckt, als plane sie einen Streich oder sowas. Ich habe okklumentisch zugemacht. Die muß ja nicht wissen, daß ich den Spiegel habe."

"Neh, muß sie nicht", erwiderte Julius, dem gerade ein dutzendarmiger Kronleuchter aufging. "Aber ich denke, Professeur Faucon hat ihr die Kiste erzählt, wie ich dich damals wegen Hallitti um Hilfe gebeten habe."

"Mann, bin ich eine blöde Gans", schnarrte Gloria. "Hätte ich doch echt drauf kommen müssen."

"Sei froh, daß sie dir das erlaubt hat. Wohl auch, um ihrerseits Kontakt mit uns zu halten", sagte Julius nun ganz ruhig. Dann fragte er, was die Porters denn nun unternehmen würden.

"In England kassieren uns Thicknesse und Umbridge sofort ein. Mum und Dad prüfen wohl, ob sie, die Hollingsworths und Malones nach Australien überwechseln wollen. Latona Rockridge ist wohl noch vernünftig genug. Wieder 'ne andere Schule."

"So wollten Professeur Faucon und ich das echt nicht, Gloria. Wir wollten euch nur aus Hogwarts rausholen und in Sicherheit bringen."

"Und das könnte einen internationalen Knatsch geben, falls meine Eltern vor eine Kommission oder den Richterrat bestellt werden und erklären müssen, wie sie überhaupt ins Land kamen."

"Dann sagt ihr einfach, daß ihr mit Muggelflugzeugen rübergeflogen seid."

"Damit die hier die Flughäfen noch mehr überwachen. Ich bekam es doch mit, daß bei euch jetzt derartiges läuft wie in England auch."

"Die Welt ist schon verrückt", schnaubte Julius. Da hörte er die fernen Worte "Lucem Scientiae!" "Oh, Prinzipalin Wright kommt wieder zu dir hoch. Auch wenn sie es weiß, muß sie dich nicht mit dem Spiegel erwischen. Tschüs!"

"Ich melde mich übermorgen wieder wenn ... Ups!" Glorias Gesicht erbleichte erneut, weil hinter ihr der weißhaarige Kopf der Thorntails-Schulleiterin auftauchte. "Teilen Sie Mr. Andrews oder Professeur Faucon bitte mit, daß folgendes geregelt ist. Sie, sowie die jungen Misses Hollingsworth und Mr. Malone verbleiben über die nächsten Ferien in den Mauern von Thorntails. Die Klage wider Ihre Eltern und die Familien Ihrer Kameraden wurde wegen der Notlageverordnungsklausel eingefroren. Ihre Eltern und Sie sind solange geduldet, wie eindeutige Anzeichen dafür bestehen, daß Sie in ihrer Heimat in Lebensgefahr geraten können. War nicht so einfach, Wishbones Sturkopf davon zu überzeugen, daß er Sie-wissen-Schon-wem hilft, sobald er Sie in Ihr Geburtsland ausweist. Aber er will sich nicht vor der magischen Öffentlichkeit als Helfershelfer dieses Wahnsinnigen hinstellen lassen. Ms. Knowles vom Westwind und eine ehemalige Kollegin von hier haben ihn davon überzeugt, keine Entscheidungen zu fällen, die unseren Schutz erflehende Menschen in den sicheren Tod zurückschickt. Ah, Mr. Andrews also", sagte die Schulleiterin noch und lächelte erfreut. "Hat meine neue Schülerin Sie aus der wohlverdienten Nachtruhe gerissen?"

"Ich war schon wach. Hier ziehen um die Zeit immer ein paar gemalte Mariachis durch. Außerdem muß ich heute die Meute meines Saales wecken", erwiderte Julius unbeeindruckt, daß die ältere Hexe Gloria und ihn erwischt hatte. Die hatte es ja schließlich darauf angelegt.

"Nun, heute ist Sonntag, da werden sie wohl genug Erholung finden. Grüße an Professeur Faucon!"

"Danke, werde ich ausrichten", sagte Julius und sah, wie Glorias und Prinzipalin Wrights Gesichter aus dem Glas verschwanden, bis er nur noch sein Spiegelbild erkannte.

"Überall ticken die aus, nur wegen dieses einen gemeinen Schweinepriesters und Massenmörders. Alles Schwächlinge!" Schimpfte Julius im Schutz des Bettvorhangs. Dann fragte er sich, wer da bei Wishbone auf den Busch geklopft hatte. eine ehemalige Kollegin? Das konnte nur Maya Unittamo gewesen sein. Bei der konnte er es sich am besten Vorstellen, daß die für Jane Porters Familie eintrat. Schön, daß es noch Leute mit Rückgrat gab, dachte Julius zufrieden.

Die erste Sonntagsausgabe der Temps de Liberté wurde in Beauxbatons gleich mit vierzig Exemplaren ausgeliefert. Einige Schüler grummelten zwar, sie würden auch den Miroir Magique weiterlesen und vor allem Briefe von ihren Verwandten bekommen. Doch die neue Zeitung war beliebt, und das nicht, weil sie gegen Didiers Politik protestierte, sondern weil sie auch Nachrichten aus der Muggewelt und Antworten auf Leserbriefe von Beauxbatonsschülern brachte. Bis heute wußte niemand außer Madame Maxime, Professeur Faucon und die verheirateten Latierres, wie die Zeitung trotz Patrouillenfliegern und Eulenpostblockade ihren Weg in den weißen Palast fand. Doch niemand zweifelte daran, daß sie wahrhaftig von draußen stammte und nicht etwa hier in Beauxbatons gedruckt wurde, um den Anschein von Außenkontakt zu erwecken. Die Zeitung machte mit dem Artikel "Wilder Werwolf als Bluthund" auf. Julius erschauerte, als er las, daß ein Landfriedenszauberer Didiers mit Namen Lycaon Garout am gestrigen Abend in der Normandie einen dort mit den Meldezaubern zusammengeratenen Fremden angefallen und aufgefressen hatte. Kollegen dieses wohl mondphasenunabhängigen Lykanthropen seien zu spät gekommen und hätten ihren werwütigen Kollegen gerade noch mit einem Fesselzauber bändigen können.

"Der alte Garout ist also auch schon als Werwolf geboren worden", schnarrte Robert Deloire. "Meine Oma hat mir davon erzählt, daß der Probleme hatte, seine drei Bälger hier nach Beaux reinzukriegen. Damals war Madame Maxime nur Lehrerin hier und hat mit Professeur Tourrecandide verhindert, daß die Burschen hier reinkamen. Deren Mutter ist auch eine Werwölfin."

"Über die hatten wir's im Zauberwesenseminar", sagte Julius. "Hat sich Didier offenbar die falschen Leute für seine Truppe ausgesucht. Aber woher weiß Gilbert Latierre davon?"

"Steht weiter unten, daß einer der beiden, die Garout beim Blutrausch ertappt haben eine Eule an die Temps geschickt und sich dann irgendwo verkrochen hat. Wahrscheinlich sucht Didier den jetzt."

"Dann geht Minister Delamontagnes Saat doch auf, daß Leute aus Didiers Bande die Flatter machen", grummelte Julius. Dann las er noch, daß beherzte Besenkunstflieger und Quidditchprofis aus Millemerveilles gestern abend einen gewaltsamen Protest gegen die andauernde Belagerung gestartet und dabei zehn Belagerer bewußtlos in Millemerveilles festgesetzt hätten. Julius wußte, daß dieser Ausfall kein Protest, sondern eine Ablenkungsaktion für seine Mutter gewesen war. Doch das durfte er im Namen der Rose nicht verraten.

"Na, jetzt sieht es aber danach aus, als würden Didier und Delamontagne den Ärger im magischen Kampf ausfechten", unkte Gérard, als Julius ihm die Zeitung zu lesen gegeben hatte. "Nachher rücken Ihr-wißt-schon-Wers Leute problemlos bei uns ein, weil keiner aufpaßt, um sie abzufangen."

"Gérard, die sind schon längst da", schnaubte Julius. "Hier in der Zeitung stand es Ttagelang drin, daß diese Schlangenmonster, die angeblich nur das Phantasieprodukt eines betrunkenen Muggels waren, durch das Land ziehen. Die sind von ihm, diesem Schweinehund Voldemort", fuhr er verärgert fort. "Und weil die von dem sind, macht die andere Hexe, die sich als Sardonias Erbin bezeichnet, mit ihren nicht weniger fiesen Flügel- und Stachelmonstern Jagd auf die. Die hat wohl auch mitgekriegt, daß diese Brut nur im Fluge erledigt werden kann, weil die am Boden gegen alles immun sind."

"Sollen wir uns darüber freuen?" Schnarrte Gérard. "Wenn die diese Schlangenbiester echt plattmacht, können deren Riesenbrummer über unschuldige Leute herfallen. Dann hätten wir den Drachen mit dem Basilisken ausgetrieben."

"Deshalb sagte ich auch, daß diese Insektenmonster genauso fies sind wie die Schlangenmonster. Die haben aber den kleinen Unterschied, daß die mit Waffen und Zerstörungszaubern erledigt werden können und sich wohl nicht wie Werwölfe und Vampire vermehren können. Will sagen, irgendwo gibt es Brutköniginnen. Bringt man die um, ist der Nachschub an Entomanthropen erledigt. Bringt man alle Brutköniginnen um, gibt es bald keine Entomanthropen mehr. Die Schlangenwesen können wenn sie wollen wie normale Menschen aussehen. Ich weiß nicht, woher die Entomanthropen das wissen, wen sie angreifen müssen, um so einen Gegner zu erwischen. Weil sonst gäbe es ja hunderte von Toten."

"Ist nicht gesagt, Julius. Auch die achso neue und scheinbar so wahrheitsliebende Temps de Liberté muß nicht alles wissen, und falls doch, muß sie nicht alles ausplaudern", hakte Gérard ein. Julius mußte zugeben, daß dieser Einwand berechtigt war. Abgesehen vom spärlichen Wissen der neuen Zeitung konnte Delamontagne ebenso gewisse Meldungen zurückhalten wie Didier. Im Grunde ging es bei beiden Zeitungen darum, von möglichst vielen Leuten geglaubt zu werden. Nur hielt er es aus bestimmten Gründen eher mit der Temps de Liberté als mit dem ministeriellen Miroir Magique.

"Wieder zurück zum eigentlichen Punkt, Julius. Wenn die über Millemerveilles jetzt anfangen, mit da herumfliegenden Zauberern zu kämpfen, kämpfen bald überall im Land welche gegeneinander", kehrte Robert zum Anfang der hitzig werdenen Debatte zurück. "Wollen wir das echt, einen Krieg französischer Zauberer und Hexen gegeneinander?"

"Gegenfrage, möchtest du dich lieber von Didier in ein Friedenslager sperren lassen, weil du längst nicht immer seiner Meinung sein kannst?" Hielt Julius dagegen. "Die die Zeitung machen - wo ja auch ein angeheirateter Verwandter von mir und Didier mitmischt - wollen das abstellen, daß Hexen und Zauberer wegen einer anderen Meinung in so einem Friedenslager verrotten. Und was mich persönlich angeht, Robert, habt ihr alle das mitgekriegt, daß dieser paranoide Feigling im Zaubereiministerium kein Problem damit hat, mich mal eben zum Abschuß für Thicknesse freizugeben. Und an meinem Leben habe ich immer noch sehr großes Interesse. Ich denke, dein Leben ist dir auch verdammt wichtig."

"Gut, das haben wir wohl alle begriffen, daß Didier total danebenhaut. Mit schönen Worten alleine kriegen sie ihn aber nicht weg und ... Gut, schön, ich sehe es ein, daß bestimmte Sachen gemacht werden müssen, um ihn von seinem Stuhl runterzuschmeißen", knurrte Robert. Julius hakte dann noch ein:

"Außerdem wissen die Mitarbeiter von Monsieur Delamontagne, daß viele von Didiers Helfern unter dem Imperius stehen oder mit ihren Familien oder ihrem Eigentum erpreßt werden, um zu spuren. Wenn dann gezeigt wird, daß es Leute gibt, die sich das nicht mehr gefallen lassen, ohne gleich einen totalen Krieg anzufangen, wirkt das auch auf die tatenlose Mehrheit, daß Didier nicht einfach machen kann, was er will." Robert nickte. Gérard und André schwiegen sich dazu aus.

Der restliche Sonntag verging mit Hausaufgaben und Gesprächen über die Zukunft der Zaubererwelt. Die grauen Wolken außerhalb der Schule krochen wie gewaltige Ungeheuer am Himmel entlang. Doch kein Regentropfen verirrte sich auf den Boden. Julius fühlte die Bürde des stellvertretenden Saalsprechers nun noch schwerer. Denn der Frust, daß sie alle über Weihnachten hier im Palast zu bleiben hatten und nicht einmal mitbekamen, wie es ihren Familien erging, gährte nun in den Reihen der Schüler. Der Unmut über die fortdauernde Belagerung machte auch vor den Lehrern nicht halt. Für diese kam noch hinzu, daß sie von Didier geächtet und damit aller Rechte beraubt worden waren, weil sie nicht auf seinen Boykottaufruf eingegangen waren. wie viele Familien mochten noch in solchen Schwierigkeiten stecken? Julius fragte sich mit gewissem Unbehagen, wie lange es dauern mochte, bis der Frust über Didiers Gefängniswärterpolitik in offene Wut ausbrechen würde, Wut auf die Familien, die vor Didiers Bande sicher waren. Wenn er es so nahm lief seine Zeit, so oder so. Wenn nicht bald einschneidende Dinge geschahen, die Didiers Macht ins Wanken brachten, könnte jemand darauf kommen, daß Latierres, Eauvives und die in Millemerveilles sicheren Familien doch von Didiers Maßnahmen profitierten, weil sie in Sicherheit leben konnten. Irgendwie ließ ihn diese Vorstellung nicht mehr los. So fragte er Madame Rossignol, ob im Moment wer im Krankenflügel sei. Sie bestätigte ihm, daß im Moment keiner behandelt werden müsse. Er wandschlüpfte zu ihr und sprach mit ihr in einem provisorischen Klangkerker.

"Julius, die Latierres und Eauvives stehen auf Didiers Liste unerwünschter Personen. Das hat er hundertmal in die von ihm gesteuerte Zeitung reinsetzen lassen. Also bin ich mir sicher, daß von der Seite her keine Möglichkeit mehr besteht, daß ihr hier Ärger bekommt. Interessanterweise hat Sandrine mich auch schon gefragt, ob die andern hier neidisch werden könnten, daß die Bewohner von Millemerveilles so sicher leben. Wenn die dort in Millemerveilles genug machen, um Didiers Einfluß zu verringern, wird keiner hier aufstehen und die beschuldigen, sich feige zu verstecken. Im Grunde war es höchste Zeit, daß diese Gegenbewegung ins Leben gerufen wurde. Der äußere Feind reicht völlig aus", erwiderte die Heilerin von Beauxbatons. "Aber Sandrine und du habt mich darauf gebracht, mich sorgfältiger über den allgemeinen Gemütszustand von euch auf dem Laufenden zu halten."

"Wahrscheinlich wird das wegen Weihnachten noch schlimmer, wo viele hier gerne zu ihren Familien wollen und nicht so gut informiert sind, wie es denen geht", vermutete Julius Latierre.

"Die Alternative wäre, sich von überängstlichen Dummköpfen in Käfigen einsperren zu lassen. Und was dich angeht, so hofft dieser Narr darauf, sich bei dieser Marionette Thicknesse beliebt machen zu können. Dabei sind seit mehreren Wochen keine Dementoren mehr ins Land vorgestoßen."

"Wegen der Schlangenwesen. Die können sich unauffälliger ausbreiten", unkte Julius. Madame Rossignol nickte wortlos. Nach einer halben Minute sagte sie:

"Die Briefblockade muß unbedingt aufgehoben werden. Ich sehe es ein, daß Zeitungsmeldungen, von denen keiner weiß, wie sie hier hereinkommen, nicht genügen. Der verpatzte psychologische Anschlag auf euch Muggelstämmigen hat eindeutig bewiesen, wie wichtig der persönliche Kontakt zu den Eltern und auswärtigen Freunden und Verwandten ist. Und diese unmenschlichen Banditen wissen das genau. Wenn sie uns schon nicht aushungern können warten sie halt, bis uns der nächste Bunkerkoller heimsucht oder die Schüler in Panik oder aus Wut auf die Lage hier rausrennen und die schützende Grenze überschreiten."

"Gut, daß außer Millie, Madame Maxime, Professeur Faucon und Ihnen keiner weiß, daß ich hier schon rausgekommen bin", seufzte Julius. Dann rückte er noch mit dem heraus, was Gloria ihm am frühen Morgen erzählt hatte.

"Ja, es ist wahrlich erstaunlich, wie sehr die grenzenlose Bosheit eines einzigen verwirrten Geistes ganze Länder lähmen und deren Machthaber zu unmenschlichen Aktionen treiben kann. Dabei sollten wir Franzosen - und durch die Heirat von Millie, die für mich nach wie vor gültig ist, gehörst du auch dazu - es besser wissen, daß die Furcht und das Ducken vor einem bösartigen Machtmenschen uns nur selbst zu unmenschlichen Randfiguren macht. Insofern schon sehr wichtig, daß Millemerveilles, daß damals das Zentrum des Schreckens war, heute als Licht der Hoffnung leuchtet."

"Muggel nennen es das Licht am Ende des Tunnels. Nur wissen manche nicht, ob es der taghelle Ausgang oder die Lichter des entgegenkommenden Zuges sind", grummelte Julius.

"Was diese Sache mit Gloria und den anderen betrifft, Julius, so wird sich dieser Wishbone hüten, die aus dem Land zu jagen, weil doch zu viele Leute gegen ihn aufgebracht sind. Ein falscher Schritt kann ihn selbst in den Abgrund treten lassen. Wahrscheinlich wollte er nur zeigen, daß keiner so einfach in die Staaten einreisen kann. Gegen die Tatsachen, wie sie in England gerade vorherrschen, kann er so jedoch nichts ausrichten. Prinzipalin Wright hat das klar erkannt. Sie bietet deinen vier Freunden Asyl und hält damit die Ziele einer menschlichen, freien Gesinnung hoch. Hinzukommt die fortgesetzte Diskriminierung der Hexen. Da werden nicht nur fragwürdige Hexenzirkel gegen Sturm laufen. Wobei ihm das wohl auch sehr rasch mehr als das Amt kosten kann, wenn bestimmte Leute wahrlich wütend werden."

"Trotzdem ist er noch an der Macht, Madame Rossignol. Offenbar fühlen sich viele noch wohl unter seiner Führung."

"Ich denke eher, die meisten haben Angst, den ersten Schritt zu tun, würden aber jedem zujubeln, der das macht. In einem Land wo jeder Mut hat können keine Helden Wachsen, Julius. Und die die Mut haben müssen noch nicht einmal kämpfen. Sie müssen nur aufhören, für den Unterdrücker zu arbeiten."

"Passiver Widerstand wie vor fünfzig bis sechzig Jahren in Indien?" Fragte Julius.

"Das ist eine Möglichkeit. Jedoch fürchten viele Zauber wie Imperius oder Cruciatus."

"Genau, und über Angst sind sie alle zu packen, weil jeder was hat, daß er nicht verlieren möchte. Aber Angst führt zu Wut, und Wut führt zu Haß, sagen die Jediritter. Das geht irgendwann mächtig in die Hose", erwiderte Julius.

"Diese Jediritter kenne ich nicht persönlich, sehe deren Philosophie nach dem, was deine Saalvorsteherin mir mal über sie erzählt hat kritisch, Julius. Es ist korrekt, daß eine Freiheit von Angst einem mehr Freiraum und Besonnenheit verschafft. Aber wenn du ein Gefühl aus deiner Seele verbannst, findest du bald andere Gefühle, die nicht so negativ sind, die du aus deinem Bewußtsein verdrängst. Angst vor Verlust kann ja auch daher kommen, wenn du liebst. Also kann Liebe zur Angst vor Verlust führen, die sich in einigen Fällen schon in Eifersucht äußert. Dürfen wir dann auch nicht lieben, nur um nicht mehr hassen zu können?"

"Hmm, die Frage kommt in der Geschichte mit den Jedis ja auch vor. Einer von denen verliebt sich, heiratet ganz heimlich und träumt andauernd, daß seine Frau bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes stirbt. Das macht ihm Angst. Die Angst macht ihn anfällig für Versprechungen, diese Träume nicht wahr werden zu lassen ..."

"Und aus den Versprechungen wird eine unweigerliche Verführung zur dunklen Seite", vollendete Madame Rossignol. "Du siehst also, der Umgang mit den Gefühlen ist ein sehr schweres Stück Arbeit. Und du hast vor genau einem Jahr sehr extreme Gefühle gehabt, an denen du uns jedoch nicht immer teilhaben lassen wolltest. Wäre es dir lieber gewesen, wenn ich oder ein anderer Heiler dir ein Elixier gegen Emotionen gegeben hätte? Oder hättest du dich damals anders entschieden, als du dich entschieden hast?"

"Das mit dem Verdrängen von Gefühlen hat meine Mutter probiert und ich zum Teil auch. Bringt aber nichts. Abgesehen davon kam das ja alles daher, weil ich was wichtiges erlebt und verloren habe. Ohne Gefühle wwürde ich mich ja fragen, ob das wirklich wichtig war."

"Richtig, Julius. Deshalb müssen wir alle mit unseren Gefühlen, und damit auch der Angst, leben. Wir dürfen uns nur nicht von den Gefühlen versklaven lassen, weder von den scheinbar guten wie Liebe, Erfolg und Freude, noch von den nicht immer schlechten wie Angst, Trauer oder Wut. Die Dosis macht das Gift, Julius. Dieser Grundsatz gilt für alle Anwendungen, nicht nur bei den Heilern. Das was deiner Mutter widerfahren ist beweist es ja auch. Ihr ist einerseits etwas sehr wertvolles geschenkt worden. Andererseits muß sie nun mit diesem Geschenk richtig umzugehen lernen. In letzter Konsequenz könnte sie Didier sogar noch zu Dank verpflichtet sein, weil er sie vor das Problem gestellt hat, ohne Muggelabwehrtrank in Millemerveilles zu bleiben oder früh genug anderswo hinzuziehen." Julius mußte gegen die ihn gerade belastende Stimmung lächeln. Es stimmte. In letzter Abfolge von Ursache und Wirkung hatte Didier seiner Mutter das Leben als Hexe verschafft, weil Antoinette Eauvive es nicht auf sich sitzen lassen wollte, daß seine Mutter zu den Latierres ins Sonnenblumenschloß umziehen würde, sobald der Trank aufgebraucht war. Ohne Antoinettes Entschluß würden die Muggelstämmigen in Beauxbatons bis heute noch keine Nachrichten von ihren Familien bekommen, die mehr waren als ach so bedauerliche Todesmeldungen. Madame Rossignol sagte dann noch einmal: "Zwei Dinge müssen unbedingt in nächster Zeit geschehen. Die Leute in den Friedenslagern müssen wieder in Freiheit gesetzt werden, und die Postblockade zwischen uns hier und unseren Angehörigen muß aufgehoben oder gründlich unterlaufen werden. Wenn Delamontagne dies hinbekommt, womöglich mit der Hilfe deiner Mutter und dir selbst, wird niemand hier mit dem Finger auf dich oder Millie oder Sandrine zeigen und euch elende Feiglinge oder sowas nennen. Wenn es das ist, wovor du hier im Moment Angst hast, so richte die dabei freiwerdende Energie auf diese beiden Ziele aus! Da du nicht dem Weg der blindwütigen Gewalt folgst, wird alles, was dir gelingt, auch wenn es noch so bescheiden wirkt, nachhaltiger sein als ein Duell mit Didier oder dem wahnhaften Zauberer in Großbritannien selbst. Das ist die einzige therapeutische Empfehlung, die ich dir mitgeben kann. Lerne hier, was du lernen kannst und biete dein Wissen und Können denen, die konstruktiv damit umgehen möchten an!" Sie strich Julius zärtlich über die Wange und drückte ihn für eine Sekunde an sich wie eine Großmutter ihren Enkelsohn. Dann wünschte sie ihm noch einen angenehmen Restabend. Julius bedankte sich und verließ das Sprechzimmer. Diese Hexe, die sonst sehr streng, ja auch überbehütsam auftreten konnte, hatte ihm mit leisen worten und einem tiefgehenden Einblick in das Wohl und Wehe der Gefühle gezeigt, daß er sein Schicksal in der Hand hielt. Er durfte sich nicht von Didiers Politik unterdrücken und nicht von möglichen Unruhestiftern und Neidern aus der Balance bringen lassen. Mit dieser Gewißheit kehrte er in den grünen Saal zurück. Er hatte ja auch schon was getan. Er hatte einigen Leuten nützliche und vor allem friedfertige Zauber beigebracht, die sie vorher noch nicht gekannt hatten. Damit trug er dieses Wissen nicht mehr alleine mit sich herum. Es wog schon weniger als vor einem Tag noch. Auch das mit Gloria, Betty, Jenna und Kevin lastete nicht mehr so stark auf seiner Seele. Er hatte ihnen zur Flucht verholfen. Zwar wären sie ohne ihn vielleicht nicht in Gefahr geraten. Doch er hatte sich der Verantwortung gestellt und ihnen geholfen. Jetzt trug Prinzipalin Wright die Verantwortung für die vier und hatte, wo er sie hören konnte versichert, daß denen in Thorntails nichts zustoßen würde. Mit dieser beruhigenden Erkenntnis verbrachte er den restlichen Abend und legte sich um halb zwölf ins Bett. Er dachte an die Hilfe für die Muggelstämmigen in England. Wenn die Übergabe dieser Ausstrahlungsüberdecker geklappt hatte, mochten jetzt vielleicht schon Familien froh und frei in einem Flugzeug sitzen und dem dunklen Imperium Lord Voldemorts entkommen sein, und das nur, weil er, Julius, ein Zauberer war und seine Mutter sich seiner neuen Welt verpflichtet hatte.

 

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Die neue Schulwoche begann mit einem ausführlichen Artikel in der Temps de Liberté, daß die Bewohner Millemerveilles alle Rechte abgesprochen bekommen hatten. Es sei, so ein an den Dorfrat gerichteter Brief Didiers, unzumutbar, daß eine "kleine Gruppe aufrührerischer Hexen und Zauberer" das friedliche Miteinander in Frankreich stören könne wie sie es wolle. Daher seien alle Familien, die mit "Diesen Rebellen und Unruhestiftern" zusammenarbeiteten jedes Rechtsanspruches verlustig, ja müßten sogar davon ausgehen, vor dem Landfriedenstribunal angeklagt und verurteilt zu werden. Damit zeige Didier, daß die Entstehung einer legitimen Stellvertretung Grandchapeaus seiner Macht und seinem Wahn wahrlich zusetze. Dann ging es noch um die Schlangenmonster, von denen um Millemerveilles immer wieder welche auftauchten. Sie griffen nie am Tag an. Es habe tatsächlich auch versuche gegeben, unterirdisch nach Millemerveilles vorzudringen. Doch auch das sei gescheitert. Offenbar befand das Didier-Regime, daß die Beauxbatons-Schüler nicht nur die Gegenzeitung Temps de Liberté erhalten dürften und ließ Eulen mit der von Paris aus verteilten Zeitung Miroir Magique durch. Darin erwähnte ein Reporter, von dem Julius bis dahin nichts gelesen hatte, daß der Versuch gescheitert sei, dem "rechtmäßigen Ministerium" eine aus Angst und Unmut geborene Idee entgegenzustellen, die nicht einmal davor zurückschrecke, straffälligen Menschen zur Flucht zu verhelfen. Julius hatte dafür nur ein "Schön wär's" übriggehabt.

Am Mittwoch machten beide Zeitungen mit einem Artikel auf, der in Beauxbatons für Gesprächsstoff sorgte.

 

ANGRIFF UNBEKANNTER KAMPFDRACHEN

 

 

KRIEGE DER UNGEHEUER VERSCHÄRFT SICH

 

In den späten Abendstunden des vergangenen Dienstages beobachteten vier Muggel aus Nizza merkwürdige, fliegende Objekte, die sich sehr schnell am Himmel entlang bewegten und dabei pulsierende Feuerwolken ausstießen. Einer der Muggel konnte mit einem Fernrohr näheres ausmachen und schlug Alarm bei den Stadt- und Landeswächtern. Denn er vermeinte, schnell fliegende Echsenwesen mit langen Mäulern und zwei sehr schnell schwingenden Flügeln gesehen zu haben, die in einer Keilformation ins Landesinnere vorstießen. Er konnte sogar eine photographische Aufnahme von diesen Geschöpfen machen. Sowohl Didiers Leute als auch dem legitimen Stellvertreter Minister Grandchapeaus zugetane Überwacher bei den Muggeln konnten diese Aufnahmen erwischen und die betreffenden Muggel vernehmen. Diese sagten einhellig aus, daß diese Fluggeschöpfe wie "Drachen aus den Märchen" aussahen, jedoch eine langgezogene Form aufwiesen und bei weitem nicht so groß wirkten wie sie sich Drachen vorstellten. Der Lenker einer Drehflügelflugmaschine der Muggel konnte sogar zwei dieser Wesen verfolgen und seinem Befehlshaber berichten, daß diese beinahe so schnell vorankamen wie seine Flugmaschine. Er habe sie jedoch nur mit den Augen oder seinen Bildaufnahmegeräten ausmachen können. Die unsichtbaren Abtaststrahlen, die die Muggel Radar nennen und damit ferne Objekte zu entdecken und ihre Bewegungen zu verfolgen, konnten diese Wesen nicht berühren, die der Drehflüglerlenker als "Düsendrachen" bezeichnete. Sogenannte Ufologen, Muggel, die von der Vorstellung fasziniert sind, den Weltraum durchquerende Fahrzeuge von anderen Sternen zu entdecken, behaupteten, daß es sich bei den gesichteten Geschöpfen um getarnte Beobachtungsfahrzeuge handele, die durch eine auf der Erde nicht existierende Vorrichtung das zeigten, was den, der sie sah mit seiner größten Angst konfrontiere. Didiers Leute mußten die Sichtung tatsächlich für eine von Muggeln durchgeführte Übung ausgeben, bei der besondere Flugmaschinen mit neuartigem Antrieb ausprobiert wurden, die den bisherigen Flugapparaten überlegen seien. Da nicht nur über Nizza, sondern auch Monte Carlo, St. Tropez und Marseille solche Geschöpfe gesehen wurden, ist davon auszugehen, daß es sich um einen großangelegten Überfall dieser Drachen handele. Tragischerweise kam es mitten in der Nacht zu einem Vorfall, bei dem zehn Muggel starben. Dabei soll eines der gesichteten Flugwesen einen Selbstfahrwagen vom Typ Automobil Omnibus von oben her wortwörtlich unter Feuer genommen und komplett verbrannt haben, bevor es in die glühenden Trümmer hinabstieß und jemanden pickte. Gegen vier Uhr Morgens seien zwei dieser fremden Fluggeschöpfe dabei beobachtet worden, wie sie sich mit den bereits seit Tagen über unserem Land herumschwirrenden Insektenungetümen einen Kampf in der Luft lieferten, bei dem laut Zeugenaussage der Hexe Melisende Clopin vier Entomanthropen vernichtet wurden. Didiers Leute haben verbreiten lassen, daß die neuen Flugungeheuer wohl Hilfstruppen des Unnennbaren seien, die die Entomanthropen bekämpfen sollen, um daneben die Dementoren und anderen Schreckenstruppen des britischen Dunkelmagiers zu unterstützen. Die uns zugegangenen Bildaufnahmen, die wegen der Muggeltechnik nur eine starre Momentabbildung sind, zeigen, daß es tatsächlich kleinere Drachen sind, die nicht länger als vier Meter seien, dafür jedoch mit einer vielfachen Wendigkeit und der vierfachen Reisefluggeschwindigkeit aller bisher bekannten Drachenarten ausgestattet seien. Zwar ist uns von der Temps de Liberté der Zugang zum ministeriellen Archiv der magischen Tierwesen versperrt. Magizoologen in Millemerveilles und dem Château Tournesol gehen jedoch davon aus, daß es sich nicht um Geschöpfe des Unnennbaren handele, sondern vielmehr um die vor einhundert Jahren letztmalig gesichteten Kampfdrachen der Elfenbeininsel. Für alle unsere Leser, die den Begriff Elfenbeininsel zum ersten Mal vernehmen: Dabei handelt es sich um eine im Mittelmeer gelegene, durch Unortbarkeits- und Unerreichbarkeitszauber geschützte Zuflucht von Hexen und Zauberern, die vor mehreren Jahrhunderten der magischen Festlandsgemeinschaft abgeschworen haben, um in selbstgewählter Abgeschiedenheit von allem anderen zu leben. Der Umstand, daß die neue Gruppe fliegender Ungeheuer überwiegend im Mittelmeerraum gesichtet worden ist, sowie die Beschreibungen des letztmaligen Erscheinens stützen diese Vermutung. Somit bleibt die Frage offen, unter wessen Befehl diese neuerlichen Eindringlinge stehen und ob wir froh oder zu tiefst beunruhigt sein müssen, daß sie da sind. Denn, werte Leserinnen und Leser, über die Motive der Bewohner der Elfenbeininsel kann nur spekuliert werden. Davon ausgehend, daß die dort lebenden Hexen und Zauberer, die angewidert von den Gräueln der sogenannten Revolution jeden Kontakt mit der magielosen Welt verweigern, weder im Sinne Didiers noch unseres freien Umgangs mit Muggeln und Muggelstämmigen handeln. Professeur Tourrecandide vermutet, daß die Elfenbeininsulaner die Gunst der Stunde nutzen und das in Frankreich bestehende Mißverhältnis in der magischen Welt nutzen wollen, um ihre Vorstellungen von einer von allem Muggeleinfluß gereinigten Zaubererwelt durchzusetzen. Daß sie ihre Kampfdrachen dabei auch gegen die Entomanthropen schicken ergebe sich, so Professeur Tourrecandide, aus der auch auf der Elfenbeininsel verwurzelten Abneigung gegen alle von Sardonia hervorgebrachten Dinge und Geschöpfe. Wir täten gut daran, so die von Gegenminister Delamontagne berufene Leiterin der Abteilung zur Eindämmung dunkler Mächte, diese Eindringlinge nicht als unsere Verbündeten zu betrachten, sondern vielmehr als Nutznießer des Chaos und der Bedrohung sowohl durch die Insektenwesen der Erbin Sardonias, als auch der doch nicht so unbezwingbaren Schlangenbestien des Unnennbaren. Falls es wirklich die legendären Kampfdrachen von der Elfenbeininsel sind, müssen sie von dort lebenden Magiern geführt und gegen die ausgewählten Ziele geschickt werden. Über die endgültigen Ziele wissen weder Didiers Leute noch die Mitarbeiter von Grandchapeaus Stellvertreter etwas. Wir wurden lediglich gebeten, allen noch frei lebenden Hexen und Zauberern zu empfehlen, keine ausgedehnten Flugreisen auf Besen, Flugteppichen oder anderen Transportmitteln zu unternehmen, weil es unklar ist, wie die aufgetauchten Kampfdrachen auf magische Flugobjekte oder -tiere reagieren. Viceminister Delamontagne versucht, Kontakt mit den Sprechern der Elfenbeininsel aufzunehmen, um Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Madame Barbara Latierre, die von Viceminister Delamontagne zur Leiterin der Tierwesenbehörde ernannt wurde, konnte der Temps de Liberté einige interessante Einzelheiten über die Kampfdrachen liefern. Diese und die von den Muggeln ergatterten Starrbildaufnahmen finden Sie auf seite fünf folgende.< Eine kurze Geschichte der Elfenbeininsel, erzählt von Madame Catherine Brickston, lesen Sie bitte auf den Seiten acht und neun!

Wir werden Sie alle selbstverständlich auf dem laufenden halten, wie viele dieser Drachen es gibt und gegen wen sie tatsächlich in Marsch gesetzt wurden. Der Überfall auf den Muggelbus läßt zumindest vermuten, daß auch die Schlangengeschöpfe des Unnennbaren bekämpft werden, sofern der aus dem verbrannten Fahrzeug herausgeholte Mensch kein Mensch war. Doch auch wenn Monsieur Delamontagne von Tag zu Tag mehr Unterstützung erhält können er und seine Mitarbeiter noch längst nicht alle Nachrichtenquellen ausschöpfen, die einem Zaubereiministerium zur Verfügung stehen.

Julius las auch den die Drachen betreffenden Abschnitt im Miroir. Auch dort wurde vermutet, daß es Geschöpfe der Elfenbeininsel seien, und es wurde ein Schreckensszenario entwickelt, daß die in Abgeschiedenheit lebenden Bewohner im Sinne des britischen Erzfeindes handelten, nachdem die Entomanthropen der Erbin Sardonias offenbar dessen Bodentruppen schwächten. Ein düsteres Bild von einer Invasion von Reinblütigkeitsfanatikern und Muggelhassern wurde dazu benutzt, um allen Hexen und Zauberern davon abzuraten, sich von Didiers Führung abzuwenden und "Diesen Besserwissern und Rebellen aus Millemerveilles" nachzulaufen, die sie absolut gar nicht vor den Auswirkungen einer solchen Invasion schützen könnten.

"Hmm, woher wissen die von dieser Insel, daß hier in Frankreich gerade Entomanthropen herumfliegen, wenn die doch angeblich von nix was wissen wollen?" Fragte Julius halblaut. Robert meinte dazu nur:

"Kann möglich sein, daß über deren kleiner Insel auch ein paar Entomanthropen aufgetaucht sind und die sofort dagegenhalten wollten."

"Oder sie haben Agenten bei uns in Frankreich, die ihnen das gemeldet haben. So viel zur totalen Abgeschiedenheit", warf Julius ein, dem die einzig richtig erscheinende Antwort eingefallen war. "Will sagen, irgendwer innerhalb der Zauberer- oder Muggelwelt spioniert für diese Leute auf der Elfenbeininsel, entweder um Gefahren für diese abzuwenden oder eine günstige Gelegenheit zu finden, daß die uns ihren Willen aufzwingen können. Nachdem, was Barbara Latierre rausläßt wurden diese Drachen aus Greifvögeln und kleineren Drachenarten zusammengekreuzt und mit irgendwas bezaubert, was ihre Lebensprozesse beschleunigt, damit sie schneller als übliche Drachen fliegen können. Die Feuerimpulse, die gesehen wurden sollen daher kommen, daß deren Stoffwechsel so stark beschleunigt sei, daß sie ständig heißen Atem ausstoßen. Nicht gerade Tiere, die man in großen Ställen halten kann. Die Biester sind wohl auch schwer zu packen. Damals mußten zwanzig Zauberer ran, um einen davon vom Himmel zu holen, weil die quirligen Ungetüme versucht hatten, einen halbmuggelstämmigen Zaubereiminister zu entmachten. Der hatte den Vorstoß damit zurückschlagen können, daß er zwei Drachenlenker hat festnehmen lassen können, die im Austausch eines magisch beeideten Friedensvertrages auf ihre Heimatinsel zurückgeschickt wurden. Also müssen von denen jetzt auch wieder welche im Land sein."

"Ist schon schwer zu verdauen, daß da jemand kleine Drachen zum Luftkampf gezüchtet hat", sagte Robert. "Und wer sagt uns, daß diese Biester Ruhe geben, wenn sie Sardonias Entomanthropen erledigt haben?"

"Nur wer von denen, Robert", erwiderte Julius darauf nur. Er las Catherines Schilderung von der Insel, von der er im Zusammenhang mit der französischen Revolution und dabei gestorbener Hexen und Zauberer schon gehört hatte. Es war nur bekannt, daß es um eine trapezförmige Insel ging, die vor fünfhundert Jahren ein Rastplatz für französische und italienische Hochseefischer war. Der Name kam daher, daß die dort lebenden Zauberer sich über alles auf dem Festland erhaben fühlten und lieber in Abgeschiedenheit leben wollten, als sich von den Einflüssen aus der Muggelwelt abhängig zu machen. Über die Lebensweise und das Aussehen der Bewohner sei seit der französischen Revolution nichts mehr bekannt. Damals hatten sich Zaubererfamilien, die sich was auf ihre Reinblütigkeit einbildeten, mit dem Adel verbundenen Zaubererfamilien zusammengetan und diese Schutz- und Unbetretbarkeitszauber über die Insel gelegt. Sie sei fortan nicht mehr auf den Land- und Seekarten zu finden. Schiffe, die durch Unwetter in ihre Nähe gerieten, würden von einem Zauber ähnlich wie der Zugang zur Rue de Camouflage um die Insel herumgelenkt oder deren räumliche Position unbemerkbar überspringen. Der letzte Kontakt sei eben 1897 gewesen, wo ein Zaubereiminister namens Auguste Saunier versucht habe, ein Durchmischungsgebot einzuführen, das allen durch Inzucht reinblütig gebliebenen Zaubererfamilien auferlegte, mit magielosen Männern und Frauen Nachwuchs zu zeugen. Das habe den Unmut der Elfenbeininsulaner ausgelöst, aber auch zu Protesten bei den nicht ganz so reinblütigen Familien geführt, weil dies die Aufweichung der Geheimhaltung bedeutet hätte. Saunier mußte nach seinem Sieg über die ihm auf den Hals geschickten Kampfdrachen die Vorschläge zurücknehmen. Zumindest hatte er bewirkt, daß weitere reinblütige Zaubererfamilien auf die Elfenbeininsel ausgewandert waren. Das hieß jedoch nun, daß die Leute da wirklich finden konnten, Voldemort habe recht, wenn er eine muggelfreie Zaubererwelt schaffen wolle. Dann mußten natürlich erst die Entomanthropen erledigt werden, um die Skyllianri weitermachen zu lassen. Es konnte aber auch sein, daß die Leute von der Insel auch Voldemorts Pläne verachteten und deshalb gegen beide im Land herumlaufenden Monsterarmeen kämpften. Damit blieb eben nur die Frage, woher die Insulaner wußten, was hier los war, falls sie keine Spione in Frankreich hatten.

"Sehen auf jeden Fall schnittig aus, diese himmelblauen und feuerroten Drachen", sagte Gérard Laplace, als er die von barbara Latierre aus dem Gedächtnis nachgemalten Wesen sah.

"Ich fürchte, Sardonias Erbin und seine dunkle Mordschaft werden das nicht lange auf sich sitzen lassen, wenn sich noch wer anderes in ihren Krieg einmischt", sagte Julius. "Womöglich werden deren Monster dann noch heftiger zuschlagen. Dann wären wir alle hier voll zwischen den Fronten, so wie ein Getreidekorn zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben werden kann."

"Ich glaube, es fliegen schon genug Ungeheuer im Land rum, Julius. Du brauchst da keinen weiteren Drachen zu rufen", erwiderte Robert beklommen.

"Entschuldigung, ich wollte nur feststellen, daß wir egal was diese Drachen antreibt keinen Grund haben, uns drüber zu freuen, daß sie zu uns gekommen sind. Kann auch sein, daß diese Aussteiger auf der unerreichbaren Insel sich total vertun und ihre Einmischung genau das bewirkt, was sie nicht wollten."

"Wo wir alle das eh nicht wissen, was die wollen", erwiderte Gérard. "Als wenn da draußen nicht schon genug Drachenmist am qualmen wäre." Darauf konnten die anderen Jungen nur noch mit einem Nicken antworten.

Die Meldung über die kleinen aber schnell fliegenden Drachen sorgte natürlich auch in den Unterrichtsstunden für Diskussionsbedarf. In Zaubereigeschichte wurde das Thema Elfenbeininsel auf die Tagesordnung gesetzt. Madame Maxime besprach am Nachmittag die Möglichkeit, solche Drachen zu züchten und beschloß, vom üblichen Lehrplan abzuweichen und Drachen als allgemeines Unterrichtsthema durchzunehmen, obwohl diese gefährlichen wie erhabenen Tierwesen erst für die UTZ-Klässler vorgesehen waren. Auch sprachen sie darüber, wie man Drachen lenken könne. Mildrid vermutete, daß jedem Drachen ein Lenker zugeteilt wäre, der mit dem Interfidelis-Trank eine Beziehung dazu aufgenommen habe. Julius durfte dann noch einmal die Vorzüge dieser Verbindung aus eigener Erfahrung beschreiben. Belisama wandte jedoch ein, daß Drachen an sich gegen so viele Zauberkräfte immun seien, daß es wohl nicht mit diesem Trank getan sei, um sie zu bändigen, abgesehen davon, daß sie wohl schwer zu halten waren, wo es hieß, daß die Elfenbeininsel gerade einmal sechzehn Kilometer lang sei.

"Womöglich werden die im Zauberschlaf gehalten", vermutete Leonie. "Wenn die echt nur zur Verteidigung oder solchen Angriffen auf andere Länder gezüchtet worden sind, sind die im Frieden viel zu gefährlich und verfressen, um sie wach zu lassen."

"Neh, ist klar, Leonie. Aber Drachen sind auch sehr widerstandsfähig gegen Schlaftränke", sagte Caroline Renard dann noch. Seitdem sie und ihre Familie zu rechtlosen Leuten erklärt worden waren, war sie besonders kratzbürstig geworden.

"Wenn das stimmt, was Madame Latierre über die Drachen in die Temps geschrieben hat, dann wurden die mit einem Lebensprozeßbeschleuniger bezaubert, also etwas, was anders wirkt als ein Heilzauber, der Lebensprozesse stark verlangsamt. Vielleicht können sie das beliebig einstellen, wie schnell oder langsam so ein Drache lebt. Wenn welche gebraucht werden, wird deren Zeit so schnell gestellt, daß innerhalb von ein paar Tagen einsatzfähige Exemplare da sind. Werden die dann nicht mehr gebraucht, werden die entweder noch schneller gestellt, um möglichst früh zu sterben, womöglich zu verhungern, oder sie werden so langsam gemacht, daß sie Jahre lang in Verstecken bleiben, ohne sich sichtbar bewegen zu können."

"Tja, oder die werden mit einem Schrumpfzauber belegt, damit sie weggepackt werden können wie Kaninchen oder weiße Mäuse", vermutete Plato Cousteau. "Es gab doch diesen Fall, wo wer einen Papageien mit einem Elefanten gekreuzt hat und dieses Tier die Körpergröße ändern konnte."

"Ja, mit der Folge, daß diese Fehlzüchtungen fast zu einer Gefahr für die Menschheit geworden sind", schritt Madame Maxime ein. "Was diese Kampfdrachen angeht, so halte ich persönlich eine ganz andere Vermutung für zutreffend: Wenn Drachen gebraucht werden, werden gewöhnliche Tiere mit Tränken oder eigens dafür erfundenen Zaubern verwandelt. Werden sie nicht mehr gebraucht wird die Verwandlung rückgängig gemacht."

"Das müßten dann aber sehr mächtige Verwandlungszauber sein", sagte Caroline bedrückt. "Drachen sollen eine ziemlich hohe PTR haben."

"Quintapeds", warf Belisama sehr beklommen ein. "Das waren früher mal Menschen, die durch einen böswilligen Zauber in fünfbeinige Ungetüme verwandelt wurden, die dann nicht mehr zurückverwandelt werden konnten." Madame Maxime nickte, obwohl sie Belisama für den unerlaubten Einwurf eigentlich Strafpunkte geben wollte. Dann sagte sie: "Wie erwähnt vermute ich eine solche Maßnahme, weil Zauber, die die Zeit als solches beeinflussen, ungleich schwerer sind und Wesen, die ihre eigene Körpergröße beliebig ändern können zu gefährlich sind, da sie harmlos klein unbemerkt irgendwo eindringen können und dann unüberwindlich anwachsen, um schlimme Verheerungen anzurichten."

"Vielleicht geht auch die Methode Bokanowski, um diese Geschöpfe zu kontrollieren", wandte Julius ein, als er sich durch Handheben Sprecherlaubnis erbeten hatte. Er beschrieb noch einmal die künstlichen Lebewesen, die die Doppelgänger des russischen Schwarzmagiers davon abgehalten hatten, ihren Herrn und Gestaltgeber anzugreifen.

"Es wurden bei den letzten klar zugeordneten Angriffen dieser Drachen Zauberer festgenommen, die sie befehligt hatten. Wie dies ging wurde zum ministeriellen Geheimnis erklärt, um Nachahmungen zu unterbinden. Denn der Interfidelis-Trank ist nur anwendbar, wenn eine Vertrauensbasis zwischen den beiden Partnern besteht. Drachen würden sich Menschen immer überlegen fühlen, was die Menschen Angst vor diesen Wesen empfinden läßt. Es wäre dann also nötig, die Ungeheuer zu unterwerfen und nicht darauf zu hoffen, daß sie von sich aus tun, was die Menschen von ihnen erwarten. Denn der Interfidelis-Trank lähmt nicht den freien Willen, wie Monsieur Latierre gerade vorhin klar beschrieben hat. Sonst hätte er beispielsweise die Attacke auf meinen Vorgänger Armadillus durch einen simplen Befehl unterbinden können oder müsse sich den Launen und Vorlieben Goldschweifs unterwerfen. Sicher, es kam durch Interfidelis schon zu Emotionsabstimmungen zwischen magischem Menschen und magischem Tierwesen. So beschrieb die österreichische Tierwesenwexpertin Kreszenz Rosshufler 1920, wie sie sich mit einer Abraxarietenstute per Interfidelis-Trank verbunden hat und deren Paarungsstimmung und deren Gefühlsschwankungen empfand. Dies führte auch dazu, daß diese Hexe zwei Jahre lang Schwangerschaftssymptome zeigte, obwohl sie nachweislich kein Kind trug. Es stellte sich heraus, daß sie bei der Abmessung der Trankdosis den Anteil des Tierwesenblutes zu hoch abgemessen hatte."

"Und dann haben Sie es zugelassen, daß Julius mit Goldschweif diese Verbindung eingeht?" Fragte Gérard Laplace. Madame Maxime sah ihn mißbilligend an und verwies darauf, daß sowohl Professeur Faucon, als auch Monsieur Armadillus und Madame Rossignol dem zugestimmt hatten. Danach ging es wieder um die Kampfdrachen im Vergleich zu bereits länger nichtbekannten Drachenarten und das wild lebende Großdrachen nur schwer in einem bestimmten Gebiet zu halten waren.

Am Donnerstag ging es in Verwandlung um die Frage, ob gewöhnliche Tiere in Drachen verwandelt werden könnten und ob eine solche Verwandlung dann wieder umzukehren war. Professeur Faucon wandte ein, daß Madame Maxime diese Theorie habe, da es wohl nicht angeraten war, wendige und gefährliche Tiere ohne magische Beschränkung zu halten, solange sie nicht gebraucht würden. Sie wies jedoch darauf hin, daß alles, was magische Lebewesen hervorbrachte, durch herkömmliche Verwandlungen unumkehrbar sei, da die in die Verwandlung oder Erschaffung eingeflossene Zauberkraft sich in dem lebendigen Wesen verstärken könne. Hierzu führte sie Erkenntnisse früherer Verwandlungsexperten an und zitierte Sonderrichtlinien zu den ohnehin bestehenden Vivo-ad-Vivo-Bestimmungen, denen nach Kreuzungen zur Erschaffung magisch aktiver Tierwesen genehmigt werden müßten und die Zuwiderhandlung mit langjährigen Gefängnisstrafen geahndet würde. Dies sei bereits als Folge des sardonianischen Zeitalters so verfügt worden und fände ja heute seine traurige Bestätigung, wo die Entomanthropen wieder aufgetaucht seien und stark vermutet werden müsse, daß die Hexe, die sich als Sardonias Erbin ausgebe, neue Exemplare davon erschaffen habe. Laurentine fragte, ob es, so grausam das rüberkommen könne, nicht möglich sei, daß Zauberer sich selbst in Drachen verwandeln könnten.

"Hierzu müßte der einzelne Magier über ein Zauberkraftpotential verfügen, das mindestens fünfzigmal so hoch ist wie der durchschnitt, da die Zauberkraft eines Drachens im Verhältnis Körpergröße und Potential erheblich größer ist. Selbstverwandlungen - und hier erlaube ich mir gerne einen kurzen Vorgriff auf den Lehrstoff der UTZ-Klassen - wirkt immer zusammen mit eigenem Magiepotential in Abhängigkeit zu den Abmessungen des Verwandlungszieles. Will sagen, wer sich in einen Elefanten zu verwandeln wünscht muß mehr Magie investieren, um dieses Ziel zu erreichen als jemand, der die Gestalt einer Maus anzunehmen wünscht. Außerdem muß derjenige genug Zauberkraft in sich anreichern, um eine Rückverwandlung innerhalb des Zeitraumes zu schaffen, in dem sein Geist vor der Anpassung an die Körperform sicher ist. Die einzige Ausnahme bilden Animagi, die ausdrücklich die Verwandlung in das ihrem Charakter entsprechene Tier erlernen. Wir haben uns ja schon mit der inneren Tiergestalt befaßt. Magische Tiere wie Abraxas-Pferde, Kniesel oder Drachen weisen nicht nur unterschiedliche Abmessungen auf, sondern auch eine andere, ihnen innewohnende Magie, die zwar nicht nach außen wirkt, aber doch das Grundkraftvermögen magischer Menschen weit übersteigen kann. Daher weisen sie eine besonders hohe Passivtransfigurationsresistenz auf. Im Umkehrschluß ist also festzuhalten, daß jeh höher die Passivtransfigurationsresistenz des magischen Wesens ist, die Wahrscheinlichkeit, sich in ein solches Wesen zu verwandeln, sehr gering ist. Bei den Quintapeds verhielt es sich so, daß mehrere böswillige Magier den Zauber zugleich angewendet haben. Daher wäre es zwar möglich, das mehr als fünfzig Zauberer einen Menschen in einen Drachen verwandeln könnten, wenn sie simultan und gleichstark auf das Ziel ausgerichtet zaubern. Aber ein solcher Drache wäre dann unumkehrbar verwandelt. Die menschlichen Charaktereigenschaften und die Persönlichkeit würden sich im Laufe der zeit verändern."

"Bei den Entomanthropen genügt jedoch eine Hexe, um die Verwandlung hinzubekommen", warf Julius ein, den der Bericht über die apparierfähige Brutkönigin nicht losgelassen hatte.

"Zum einen wissen wir nur aus wenigen Schilderungen, was Sardonia damals getan hat. Das muß nicht heißen, daß es nur so und nicht anders verlaufen ist. Zum anderen ist über den genauen Vorgang der Entomanthropenschöpfung so gut wie nichts bekannt. Und das was Experten wie ich erfahren haben, darf nicht öffentlich erwähnt werden. Daher möchte ich Sie alle um Verständnis bitten, daß wir dieses Thema nicht weiterdiskutieren können. Ich wiederhole mich nur dahingehend, daß diese Verwandlungssonderrichtlinien auf Grund der Entomanthropen erlassen wurden und daß mir keine Möglichkeit bekannt ist, daß ein Mensch sich selbst oder durch die Macht anderer in einen Drachen verwandeln kann."

"Dann bleibt ja nur, daß diese neuen Drachen irgendwie gut eingesperrt werden müssen, solange keiner sie braucht", wandte Laurentine ein. Alle anderen nickten zustimmend. Professeur Faucon sagte dazu:

"Madame Maxime in allen Ehren, aber ich vermute sehr stark, daß diese Drachen in einen Kristallisierungszauber eingeschlossen werden, so bald ihre Aufgabe erfüllt ist. Es gibt Flüche, die Menschen und andere magische Lebewesen in materielle Magie einschließen können. Es steht zu vermuten, daß die zwar nicht körperlich verwundbaren Drachen durch etwas ähnliches, daß außerhalb ihrer Körper wirken kann gebändigt werden."Céline wandte ein, daß Madame Maxime das doch auch wissen müsse.

"Sie geht schlicht davon aus, daß die räumlichen Abmessungen einen solchen Zauber beschränken", sagte die Verwandlungslehrerin. Auch dem stimmten alle zu.

"Glauben Sie, daß die Leute von der Elfenbeininsel nur gegen die Entomanthropen kämpfen wollen?" Fragte Julius.

"Glaubensfragen sind nicht so ganz meine Sache, Monsieur Latierre. Wenn Sie jedoch meine Meinung über das Auftauchen dieser Flugbestien zu diesem Zeitpunkt hören möchten, so vermute ich sehr, daß die Drachen sowohl gegen die Entomanthropen als auch die Schlangenwesen kämpfen sollen. Warum dies jetzt erst geschieht entzieht sich mir genauso wie die klaren Motive der Elfenbeininselbewohner."

"Dann fürchten Sie, daß diese Drachen nicht so schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, wenn die ganzen Entomanthropen und Schlangenwesen vernichtet sind?" Wollte Laurentine wissen. Professeur Faucon überlegte kurz und fragte dann zurück, welche Meinung Laurentine dazu habe. "Nun, sagen wir es so, mein Vater kommt aus einem Land, wo bis vor wenigen Jahren noch Soldaten aus anderen Ländern stationiert waren, erst als Besatzungstruppen nach dem letzten großen Weltkrieg und danach als sogenannte Schutzmächte. Daran habe ich gerade gedacht, daß diese Reinblütigkeitsleute ihre Kampfdrachen nicht abziehen werden, auch wenn sie die Insektenbiester und die Schlangenmonster von Lord Unnennbar erledigt haben. Nach dem, was wir bei Professeur Pallas erfahren haben, wäre das doch eine günstige Gelegenheit, die selbstgewählte Abschottung aufzugeben, um die französische Zaubererwelt nach ihrem Vorbild umzubauen. Und dann fürchte ich persönlich, daß Leute wie Julius oder ich ziemlich übel angepackt werden, weil wir eben keine sogenannten Reinblüter sind. Wir könnten dann den Teufel mit dem Beelzebub oder den Drachen mit dem Basilisken ausgetrieben bekommen." Julius hob die Hand.

"Ich möchte Mademoiselle Hellersdorf zustimmen. Da wir bei Professeur Pallas auch mitbekommen haben, daß wir alle hier heute so gut wie nichts mehr von diesen Meistern der Insel wissen, könnte das echt passieren, daß die das Chaos hier ausnutzen, um eigene Vorstellungen durchzusetzen, oder um es allgemein verständlich zu sagen: Wenn wir, also die freie, magische Gemeinschaft nicht bald wieder klar bestimmen, wohin die Reise geht, machen die Inseltypen ihr Ding, und das muß nicht besser sein als das, was die Todesser auf meiner Insel gerade durchziehen."

"Sehen Sie, deshalb wollte ich gerne den Grund für Ihre Frage erfahren, Mademoiselle Hellersdorf", übernahm Professeur Faucon nun wieder das Wort. "Es ist auch in der Geschichte der Zaubererwelt schon einige Male vorgekommen, daß sogenannte Befreier mit großem Beifall begrüßt wurden, die dann jedoch zu langjährigen Besatzern wurden. Professeur Pallas bespricht mit Ihnen wohl gerade die letzten Riesenkriege des 18. Jahrhunderts. Wo die Riesen durch eigene Mordlust oder von Hexen und Zauberern dezimiert wurden, besetzten machthungrige Zauberer das freigewordene Gelände und drohten immer wieder damit, den Riesen die Rückkehr zu ermöglichen, wenn man ihre Tributforderungen nicht erfüllte. Es wurde nie vollkommen aufgeklärt, ob das Wirken der dunklen Hexe Anthelia in Großbritannien nicht als Reaktion auf die dort stattgefundenen Zerwürfnisse zwischen Hexen und Zauberern, Riesen und Menschen zurückzuführen ist, sie das ausgefüllt hat, was in der Politik ein Machtvakuum genannt wird. Deshalb sehe ich den Eingriff dieser Kampfdrachen auch mit größerer Sorge als Erleichterung. Diese - Wie nannten Sie sie, Monsieur Latierre? - Meister der Insel, haben sicherlich erfahren, daß es im Moment zwei widerstreitende Parteien in der französischen Zaubererwelt gibt. Wenn zwei sich streiten freut sich der dritte, lautet ein Sprichwort. Natürlich werden uns die ominösen Machthaber von der Elfenbeininsel etwas von einem guten Zweck erzählen, den sie verfolgen, daß sie die magische Menschheit nicht tatenlos in Chaos und Zerstörung versinken sehen durften und eine wirksame Streitmacht zur Verfügung hatten, um die Krieger Voldemorts zu vertreiben oder zu vernichten. Welchen Preis sie dafür verlangen, wenn Ihr Eingreifen sich ausgezahlt hat, wissen wir alle nicht. Ich jedoch bin der festen Überzeugung, daß dieser Preis sehr hoch sein dürfte. Ja, und ohne Ihnen beiden jetzt dunkle Aussichten zu verkünden, Mademoiselle Hellersdorf und Monsieur Latierre: Diese Leute könnten allen hier einreden, daß die Ursache für das Chaos und die dunkle Stimmung durch die ihrer Meinung nach übergroße Toleranz gegenüber der Muggelwelt wachsen konnte und das in Zukunft unterbunden werden muß. Daher ist es nun dringender als vorher, daß ein Zaubereiminister mit freiheitlichen Ansichten und Zielen das Land führt und durch starken Rückhalt in der Bevölkerung zum Ausdruck bringt, daß wir uns weder von einem geisteskranken Zauberer aus Großbritannien, noch von einer elitären, rassistischen Bande von Isolationisten diktieren lassen, wie wir zu leben und zu denken haben. Deshalb ist es vor allem hier in Beauxbatons wichtig, daß wir alle uns klar zu Monsieur Delamontagnes Politik bekennen. Ich weise in dem Zusammenhang noch einmal darauf hin, daß seit jener Abwanderung auf ihre Reinblütigkeit stolzer Hexen und Zauberer Verhältnisse, wie sie beispielsweise in Hogwarts oder Redrock bestehen, kein Forum mehr besitzen. Wir sollten es nicht einmal in Erwägung ziehen, uns derartig zurückzuentwickeln. Soviel zum zaubereipolitischen Exkurs, Mesdemoiselles et Messieurs. Kehren wir nun wieder zu einem auf diesen Fachunterricht bezogenen Punkt zurück: Wer kann mir den exakten Wortlaut der verwandlungsbezogenen Richtlinien zur Beschränkung von magischen Tier- und Pflanzenkreuzungen widergeben?" Laurentine, Céline und Julius hoben die Hand. Céline durfte diese Frage beantworten. Danach begann eine Diskussion über die Auswirkungen dieser Gesetze, welche abenteuerlichen und welche nützlichen Tierkreuzungen es gab und ob die Schüler die verwandlungsbezogenen Eigenschaften dieser Tiere wie die Passivtransfigurationsresistenz oder -akzeptanz kannten, inwieweit die Anzahl magischer Menschen, die einen synchronisierten Verwandlungsakt ausführten diese Bezugswerte beeinflussen konnten und inwieweit die Artenunterschiede diese Bezugswerte stärkten oder schwächten. Julius wurde nicht von ungefähr gefragt, was er über die Latierre-Kühe wußte. Er konnte dazu sagen, daß Barbara Hippolyte Latierre, welche die Tiere erstmalig nach mehreren gescheiterten Kreuzungsversuchen erschaffen hatte, eine Vier-Stufen-Verwandlung durch Verschwindenlassen, Umwandlung der jeweiligen Tiere in eine andere Tierart und die Verschmelzung bewirkt hatte. Dabei sei neben der Größenänderung auch eine Menge selbsterhaltenes Zauberkraftpotential aufgebaut worden, was den Latierre-Kühen eine PTR über 99 eingetragen hatte. Durch die selbständige Vermehrung der ersten Zuchtpaare sei die magische vereinigung verstärkt worden. Da hier vier Ausgangstiere in die Erzeugung einbezogen wurden, habe sich deren natürlicher Fremdverwandlungswiderstand versechzehnfacht gemäß der Magiepotenzierungsregeln von Gamp, Wendel und Sandberg.

"Würde eine derartige Kreuzung heute noch zugelassen?" Fragte Professeur Faucon. Eigentlich war das eine Frage für den Zaubertierunterricht. Doch Julius beantwortete sie.

"Nach den internationalen Beschränkungen von 1967, die von Scamander angeregt wurden, dürfte es heute keine solchen Neuzüchtungen mehr geben, da die magische Handhabbarkeit großer Tierwesen, die aus unterschiedlichsten Naturlebewesen entstehen, schwer vorherzusehen ist und neben der Unvorhersehbarkeit der körperlichen und magischen Eigenschaften auch ein unbestimmbarer Einfluß auf das natürliche Gefüge entstehen kann. Daher dürfen Kreuzungen nur noch auf ministerielle Erlaubnis hin mit Tieren kleiner als ein Pferd durchgeführt werden, deren natürliche Eigenschaften ähneln, so daß eine größtmögliche Charaktervorhersage gemacht werden kann. Latierre-Kühe dürften dieser Beschränkung nach nicht mehr neu erschaffen werden. Bereits bestehende und katalogisierte Tierschöpfungen dürfen jedoch unter der Aufsicht der magischen Tierwesenbehörde weiter gezüchtet werden."

"Das könnte man dann aber glatt als Vetternwirtschaft auslegen, wenn eine Züchterin von solchen großen Tierwesen einen hohen Rang in der Tierwesenbehörde bekleidet", warf Gérard Laplace ein, nachdem er den Schulregeln folgend um Sprecherlaubnis gebeten hatte. Professeur Faucon nickte ihm zwar zu, fügte aber an, daß zu der Zeit, als das Neukreuzungsverbot in Kraft trat, kein Mitglied der Latierre-Familie in der magischen Tierwesenbehörde tätig war. Julius nickte bestätigend. Abgesehen davon war ja gerade auch keiner aus der Latierre-Familie in der in Paris angesiedelten Tierwesenbehörde tätig.

Nach dem Unterricht winkte Laurentine Julius zu sich heran, als sie auf dem Weg zum grünen Saal waren.

"Ich hätte ja fast losgelacht, als du das von den Meistern der Insel gesagt hast. Kennst du die etwa auch?"

"Wie, die von der Elfenbeininsel? Neh, ich habe das nur gesagt, weil wir's bei Professeur Pallas davon hatten, daß damals die ältesten Zaubererfamilien, die dahin ausgewandert sind wohl die Herrscherclique gebildet haben und das wohl bis heute so geblieben sein könnte", erwiderte Julius. "Aber eigentlich möchte ich das gar nicht so genau wissen, wenn die denselben Hirnkrampf haben, daß nur reinblütige Hexen und Zauberer in der Welt zu sagen haben sollen", fügte er noch hinzu.

"Ach so. Nein, ich habe mich da an eine ähnliche Herrscherclique erinnert gefühlt, von der mein Vater aus einer Weltraumheftserie erzählt hat. Die haben die Andromeda-Galaxis beherrscht und sich durch kleine Apparate relativ unsterblich gehalten, daß sie über mehrere Jahrtausende an der Macht bleiben konnten", erwiderte Laurentine darauf leicht verlegen. Julius wandte ein, daß er diese Geschichte wohl nicht kannte, weil er hauptsächlich nur aus dem Kino und dem Fernsehen was über Zukunftsdichtungen wußte.

"Diese superlange, wohl immer noch laufende Serie hat meinen Vater ja drauf gebracht, Raumfahrtingenieur werden zu wollen. Er hat wohl gehofft, irgendwann die erste Marsmission mitgestalten zu können, wenn er schon kein Astronaut werden kann."

"Wieso kann er nicht?" Fragte Julius.

"Die wollten den schon nicht bei der Bundeswehr haben, weil er die Gesundheitsanforderungen nicht ganz erfüllte. Eigentlich wollte er da zur Luftwaffe und bei der Gelegenheit Flugzeug- und Raketentechnik studieren. Das hat er dann an einer zivilen Uni gemacht und bereut das auch nicht, daß die den beim Bund, wie er es nennt, nicht haben wollten."

"Achso, und wegen dieser Bedenken damals findet er, daß die ihm im Astronautenauswahlverfahren auch eine Absage geben", vermutete Julius. Laurentine nickte. "Aber das muß mein Vater nicht wissen, daß ich dir das erzählt habe, Julius. Der fragt sich eh schon, ob es mich noch gibt oder ich noch weiß, wer er ist", wandte Laurentine ein. Julius wies darauf hin, daß durch seine Mutter doch wieder Kontakt zur magielosen Welt möglich war. Doch Laurentine widersprach, daß ihre Eltern wohl denken mochten, sie habe sich beeinflussen lassen und solange sie von ihr keine handgeschriebenen und persönlich getexteten Briefe mehr bekämen annehmen müßten, daß alle Muggelstämmigen von ihren Eltern weggehalten würden. "Deshalb hätte diese Schweinerei mit den Horrormeldungen für Muggelstämmige ja fast geklappt, Julius", stellte sie noch fest. "Sie haben halt nur den Pudel gehauen, allen zur gleichen Zeit solche tollen Briefe zu schicken."

"Noch mal zu diesen Meistern der Insel, Laurentine: Zauberer und Hexen können an und für sich sehr alt werden. Allerdings glaube ich nicht, daß reine Inzucht deren Gesundheit verbessert hat. Laut Professeur Pallas waren es dreißig Familien, die sich damals abgesetzt haben. Dann mögen noch ein paar dazugekommen sein. Ob die nach den Jahrhunderten noch genetisch unbedenklich sind weiß der Geier."

"Laut Kate Polasky würden dreißig Paare doch schon reichen, um eine genetisch gesunde Zivilisation zu gründen", antwortete Laurentine. "Die kennst du ja. Das war in der Folge mit den Klonen."

"Stimmt, erinnere mich, die irischen Aussteiger und die sich selbst klonenden Wissenschaftler, die kurz vor dem genetischen Zusammenbruch standen", bestätigte Julius.

"Abgesehen davon, ob die genetisch noch für mehr als hundert Lebensjahre gebaut sind, Julius: Die könnten durch Maßnahmen wie solche Zellaktivatoren oder das von den alten Alchemisten so verzweifelt gesuchte Lebenselixier genauso unsterblich sein wie die Meister der Insel aus Andromeda."

"Oder sie verjüngen sich ständig mit dem Infanticorpore-Fluch. Allerdings weiß ich da nicht, wie oft der auf ein und dieselbe Person gesprochen werden darf, ohne doch irgendwelche Körper- oder Geistesschäden anzurichten. Ich kenne nur Fälle, wo Hexen oder Zauberer das einmal mit sich selbst gemacht haben und so an die dreihundert Jahre alt wurden."

"Kuck mal, daß würde schon reichen, wenn die echt gegen 1789 die Insel übernommen haben", wandte Laurentine ein und bog in die sternförmige Halle ein, von der aus es zum grünen Saal ging. Julius folgte ihr.

"Interessante Idee. Das können wir vielleicht in der nächsten Stunde Protektion wider destruktive Formen der Magie besprechen."

"Ich habe den Eindruck, daß Königin Blanche da heute nicht so sonderlich begeistert war, daß wir im vorgesehenen Unterricht nicht weitergemacht haben. Ich denke, die wird sich das nicht noch mal gefallen lassen. Abgesehen davon wäre das ja eh nur reine Spekulation. Was sollten wir da groß bereden?"

"Nicht mehr und nicht weniger als die Frage, wie oft ein Mensch durch Infanticorpore-Fluch zurückverjüngt werden kann, ohne Probleme zu kriegen. Wer alt wird kann Probleme mit dem Gedächtnis kriegen. Bei einer Wiederverjüngung könnten dann Sachen unwiederbringlich aus dem Gedächtnis verschwunden sein oder unangenehme Sachen, an die der betreffende Mensch sich im Alter nicht mehr erinnern konnte mit einem Schlag wieder in seinem Kopf herumspuken. Außerdem ist längst nicht klar, ob es für das menschliche Gedächtnis nicht eine Obergrenze gibt, also wie lange ein Mensch maximal Erinnerungen in sich aufnehmen und geordnet abrufen kann. Wurde das bei diesen Unsterblichen auch angesprochen, ob die deshalb größenwahnsinnig wurden, weil in deren Gehirne nichts mehr reingepaßt hat?"

"Interessante Frage. Wurde nie erwähnt, ob unsterbliche Menschen irgendwann nichts neues mehr in ihr Gedächtnis aufnehmen können. Es wird da wohl immer nur von den langen Erfahrungen geredet. Außerdem werden die ja nicht körperlich älter, sondern werden auf einer bestimmten Altersstufe gehalten, wo sie noch sehr fit im Kopf sind." Julius nickte. Abgesehen davon wußte er doch von den Altmeistern Altaxarrois, daß es für einen vom Gehirn losgelösten Geist keine Gedächtnisobergrenze gab. Mochte es sein, daß ein körperlich sehr sehr langlebiger Mensch da auch keine Probleme hatte? Das war zwar eine höchst interessante, aber auch akademische Frage. Dann fiel ihm ein, daß er in Hogwarts mal davon gehört hatte, daß es tatsächlich gelungen sei, den legendären Stein der Weisen zu erschaffen, der Gold im Überfluß sowie das Lebenselixier erzeugen konnte. Da wollte er sich noch einmal schlau lesen. Denn falls diese Elfenbeininsulaner das Geheimnis auch kannten waren sie nicht nur unendlich reich, sondern konnten so lange leben wie sie wollten.

"Ich glaube, ich werde am Wochenende mal in die Bibliothek gehen und in der Alchemieabteilung nach dem Stein der Weisen suchen", stellte er fest. Laurentine grinste und meinte dazu nur, daß er wohl kaum ein Buch finden würde, wo das Verfahren erwähnt wurde, diesen sagenhaften Gegenstand zu erschaffen, weil ja sonst jeder Zauberer schon so einen Stein hätte.

"Ich muß auch nicht wissen, wie das geht, sondern ob es Belege dafür gibt, daß es schon mal wem gelungen ist, Laurentine", erwiderte Julius amüsiert. Seine Klassenkameradin schmunzelte nur und fragte ihn, ob er unsterblich werden wolle.

"Na, ob das so toll ist, ewig zu leben, Laurentine. Entweder sind dann alle um dich herum unsterblich, und du langweilst dich irgendwann, immer die gleichen Gesichter zu sehen und die gleichen Ideen zu hören, oder du gehörst zu so einer kleinen Clique Auserwählter und mußt immer zusehen, wie Leute, die dir wichtig sind um dich herum alt werden und sterben, ja daß du irgendwann deine eigene Urenkelin heiraten könntest, weil sie der Frau ähnlich sieht, die ihre Uroma war. Wenn du da nichts hast, wofür du mehrere Jahrhunderte Zeit brauchst, kannst du leicht irrsinnig werden. Außerdem hast du dann irgendwann alles mal mitbekommen, was Menschen so umtreibt. Meine Mutter erzählt häufig, daß die Geschichte sich ständig wiederholt, und wenn nicht an einem Ort, dann zumindest irgendwo auf der Welt."

"Es sei denn, du wirst damit beauftragt, eine ganze Galaxis friedlich zu vereinen und zu führen", erwiderte Laurentine. "Oder um die Menschen vor der Wiederholung ihrer Fehler zu schützen und quasi als Wächter auf der Welt bleibst." Julius stutzte. Er hatte Laurentine nie vom gläsernen Konzil erzählt und würde das wohl auch nicht so schnell tun. Aber genau das war der klare Beweis für die Möglichkeit, wenn schon nicht körperlich, dann zumindest geistig unsterblich zu sein und die ganze Welt beobachtten zu können. Allerdings konnten die auf diese Weise überdauernden Altmeister nicht in den Lauf der Dinge eingreifen. Nur wer zu ihnen fand konnte von ihrer Erfahrung und ihren Ideen profitieren, so wie Julius und alle, denen er versprochen hatte, die vier alten Zauber für Schutz und Verteidigung beizubringen. So sagte er nur:

"Ja, aber um so ein Wächter zu sein mußt du erst einmal lernen, alle eigenen Ansprüche aufzugeben, um jeden Menschen gleich zu behandeln." Laurentine nickte dazu nur. Dann bog sie in den Gang ab, der heute auf den grünen Saal zuführte.

 

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Der Unterricht im Traum ging weiter. Julius konnte die magische Silberflöte nun so gut spielen, daß er meinte, nur dieses Instrument erlernt zu haben. Als er die magische Melodie nun mit dem von Darxandria empfohlenen Tempo gespielt hatte und für einige Momente merkwürdige graue Wolken über den Himmel jagen sah, sagte Darxandria:

"Der gänzlich vom Licht verlassene Meister der kraft ist wütend, weil seine unbesiegbar erscheinenden Kämpfer zu unterliegen drohen. Er hat befohlen, daß sie sich noch schneller vermehren und ruft damit Tod und Verheerung hervor. Dennoch schrumpft seine Streitmacht, und Skyllians in dessen Stab wohnendes Selbst ist zornig. Hinzu kommt, daß sich nun ein abgeschlossenes Volk berufen fühlt, eure Welt nach seinem Gutdünken umzuformen. Es wird wahrlich Zeit, Ailanorars Stimme zu wecken und damit die Streiter des Meisters der Lüfte zu rufen, um Skyllians Macht endgültig zu beenden, bevor sie einen Weg findet, die Auslöschung zu verhindern."

"Findest du, daß ich jetzt zum großen roten Felsen gehen soll?" Fragte Julius.

"Nein, leider noch nicht. Du mußt noch mehrere Male das Lied Ailanorars erproben, bevor du es wagen darfst, es im Wachleben zu spielen. Jeder falsche Ton kann eine Katastrophe heraufbeschwören. Doch ich bin sehr zuversichtlich, daß du vor der Wintersonnenwende an den erwähnten Ort reisen und die lange verschollene Stimme finden und erwecken kannst. Denn außer dem Lied gibt es noch etwas, auf das du gefaßt sein mußt. Jedes Ding, daß die mächtigsten von uns herstellten, birgt das Sein dessen, der es herstellte. Du weißt es ja von Yanxothars Schwester und von mir, daß dies zutrifft. Wir könnten ja nicht miteinander sprechen, wenn du meinen Kopfschmuck nicht getragen hättest. Ähnlich wie bei der Klinge Yanxothars und meiner Kettenhaube wohnt auch Ailanorars Selbst in seinem mächtigsten Werkzeug, seiner Stimme aus Mondglanz. Du mußt es dir unterwerfen oder dich von ihm losreißen, willst du die Stimme erklingen lassen. Wie genau dies geht kann ich dir nicht sagen, weil jeder von uns seine eigenen Methoden hat, das eigene Machtinstrument zu schützen. Mein Mittel ist die Frist, die mein Kopfschmuck getragen werden darf. Die anderen mögen unverzüglich um ihre Vorrangstellung kämpfen. Du erfuhrst ja auch, daß jener, der sich Voldemort nannte, nicht mit ganzer Seele gegen Yanxothars Sein antrat und sich daher in seine Welt zurückwerfen konnte. du wirst wohl, da du dein Sein nicht durch verderbliche Kraft zersplittert hast, mit ganzem Selbst an Ailanorar herantreten müssen. Sei dir dabei immer bewußt, daß du nicht für dich alleine Anspruch auf sein Zeichen der Macht erhebst, sondern es für die Rettung der Welt vor seinem Erzfeind Skyllian benutzen möchtest! Dies wird dir einen entscheidenden Vorteil bringen, um die Kraftprobe zu bestehen."

"Was ist Mondglanz, Darxandria? Die Flöte ist doch aus Silber", wunderte sich Julius.

"Mondglanz ist auch Silber, allerdings mit einem zwanzigsten Anteil Orichalk", erklärte Darxandria. "Ebenso ist Sonnenglanz eine Mischung aus neunzehn Anteilen Gold und einem Teil Orichalk."

"Ich habe dich gar nicht gefragt, ob das in Ordnung ist, daß ich einigen Leuten die vier Zauber beibringe, die deine Cousine mir beigebracht hat", kam Julius auf etwas, daß er vor lauter Lernen nicht bedacht hatte.

"Hätte sie gewollt, daß nur du ihr Wissen nutzen kannst, hätte sie es unverbreitbar in deinem Geist versiegelt, Julius Latierre, Träger meines Siegels." Dann fragte er mit besorgtem Blick: "Was passiert, wenn ich den Seelenkampf mit Ailanorar nicht gewinne?"

"Dann wirst du in seinem Selbst aufgehen und dein Wissen sein Wissen werden. Und Ailanorars Stimme wird bleiben, wo sie ist und schweigen. Dann wird Skyllians Saat wuchern und die ganze Welt verheeren, wenn die geflügelten Streiter sich gegenseitig vernichten und keine Zeit mehr haben, Skyllians Krieger zu bekämpfen. Das abgeschiedene Volk erweist der Welt einen verderblichen Dienst, weil es ausgerechnet jetzt seine feuerspeienden Geschöpfe ausgeschickt hat. Daher muß Ailanorars Stimme erklingen. Du wirst dich ihrem Meister stellen und die Prüfung bestehen müssen, die er dir auferlegt. Ich weiß, dies ist eine schwere Last, die ich dir auf die Schultern lade. Doch ich weiß auch, daß du sie tragen kannst, ohne unter ihr zusammenzubrechen", erwiderte Darxandria. "Denn du stehst auf sicherem Grund und wirst erfüllt von Verbundenheit und Mut, Neugier und Verantwortung, Liebe und Entschlossenheit. Ruhe dich nun noch etwas aus, bevor du in dein Wachleben zurückkehrst, um die nächsten Tage zu bestreiten!" Mit diesen Worten verwandelte sich Darxandria in Artemis zurück. "Ja, wird wohl echt langsam Zeit, daß du auf dieser Flöte spielst", brummte sie dann noch. "Ich merk das, daß ich bald nicht mehr anders sein möchte als Artemis." Dann flog sie davon. Der Schamane der Inuit und der Medizinmann der Aborigines lösten sich wie Dunst auf. Julius triebauf die Blumenwiese zurück, wo Claires losgelöstes Bewußtsein ihm ihre möglichen Nachfolgerinnen vorgeführt hatte. Danach folgten noch Traumsplitter, die er nicht so deutlich in Erinnerungen behalten konnte, nur das er einmal mit Millie in der Hochzeitskammer der Latierres auf dem Bett saß war ihm am anderen Morgen noch bewußt.

 

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"Die haben es immer noch auf mich abgesehen", schluchzte Suzanne Didier, als sie am vierzehnten Dezember mit der geheimnisvollen Lévande zusammentraf. Die halbafrikanische Hexe, die trotz des entwendeten zauberstabs immer noch ihre Magie benutzen konnte nickte. "Sie können und werden es nicht vergessen, daß einer von ihnen fast verbrannt ist, ohne herauszufinden, wer das getan hat. Aber sei guten Mutes, meine Tochter. Wir wurden nicht vergessen."

"Eh, Suzanne, was quatschst du mit der alten Spinnerin da?!" Brüllte Léon Garout durch das Lager. "Tisiphone will haben, daß du Feuerholz haust. Du siehst immer noch so unterentwickelt aus."

"Besser im Körper unterentwickelt aussehen als im Geist, Werwolf", dachte Suzanne nur. Doch weil sie ohne Zauberstab den Launen von Garout und seiner Partnerin Tisiphone ausgeliefert war beugte sie sich der Anweisung. Doch irgendwie fühlte sie dabei, wie ihr ständig neue Kraft zufloß. Zwar schwitzte sie bei der harten Arbeit, genug Feuerholz für alle zu spalten, doch sie fühlte sich keinen Moment erschöpft. Ihre Arme schmerzten nicht, und keine Müdigkeit wollte in ihr aufkommen. Das verriet sie Tisiphone jedoch nicht, die sie und zwei andere Hexen, die ihren Unmut erregt hatten, bei der schweißtreibenden Arbeit beobachtete. Die Montferre-Zwillinge, die ebenfalls unter den Schikanen der Wächter zu leiden hatten, sollten derweil Kartoffeln schälen und Gemüse putzen, und das ganz ohne Zauberkraft. Suzanne bewunderte die beiden, daß sie nach außen hin so gefaßt ertrugen, was die Bande ihnen hier auflud. Doch sie wußte auch, daß sie wie große Kessel waren, die jederzeit überkochen konnten. Garout könnte es eines Tages bereuen, die beiden so drangsaliert zu haben.

Am fünfzehnten Dezember wurde eine ganze Familie in das Lager gebracht. Suzanne erfuhr, daß Monsieur Lefeu die Ladeninhaber in der Rue de Camouflage zur Arbeitsniederlegung aufgerufen hatte. Das war natürlich eine massive Störung der Ordnung, wie ihr offenbar größenwahnsinniger Onkel sie sich vorstellte. Die Eheleute und ihre zwei unter zehn Jahren alten Söhne landeten in einer der Häuser für Familien. Madame Lefeu mußte wie alle anderen Hexen ihr schönes, langes, schwarzes Haar bis auf einen Zentimeter abschneiden lassen. Um sie auch seelisch zu demütigen flocht sich die wohl ebenso brutale wie gehässige Tisiphone eine Perücke aus diesem Haar. Doch das brachte zum ersten Mal Garout gegen sie auf. Suzanne konnte es mithören, wie der offensichtlich mit seinem dasein zufriedene Werwolf die durchgeknallte Hexe ausschimpfte, weil sie meinte, ihr äußeres verändern zu müssen und daß die geraubte Haarpracht die Überwachung von Madame Lefeu erschweren konnte. Suzanne vermutete, daß er damit meinte, die gedemütigte Hexe dann nicht mehr klar wittern zu können. Sie dachte daran, daß in zehn Tagen Weihnachten sei und es hier, im sogenannten Friedenslager Nummer fünf, alles andere als weihnachtlich zugehen würde. Sie ging sogar davon aus, daß die Wachen sich daran weiden würden, daß die Gefangenen total betrübt in diesen Tag hineingingen. Haß loderte in ihr auf, Haß auf den Mann, zu dem sie mal aufgeblickt hatte, der sie als kleines Mädchen immer wieder auf dem schoß hatte sitzen lassen, aber dann, als sie vom kleinen Mädchen zur jungen Frau heranwuchs, immer kälter und distanzierter wurde. Sie dachte daran, daß sie ihm zugejubelt hatte, als er Zaubereiminister geworden war. Doch bald schon hatte er sich von einer sehr finsteren Seite gezeigt. Daß er wohl sehr große Angst vor dem Feind aus England hatte war keine Entschuldigung für das alles, was er angestoßen hatte. Ja, und es war unverzeihlich, daß er nicht einmal mehr vor der eigenen Verwandtschaft zurückscheute, wenn jemand daraus ihn kritisierte. Sie erkannte mit größter Verachtung, daß ihr Onkel, Janus Didier, das schlimmste war, was der französischen Zaubererwelt seit Sardonia zugestoßen war. Und so wie es aussah, konnte diesen Kerl nichts und niemand aufhalten. Womöglich stimmten die heimlichen Vorwürfe, er arbeite tatsächlich mit dem Unnennbaren zusammen. Dann war ihr Heimatland erledigt. Sardonia hatte ein Jahrhundert geherrscht. Falls Janus Didier, den sie vor wenigen Monaten noch respektvoll Onkel genannt hatte, ähnliche Ambitionen hatte, dann würde sie wohl in diesem verfluchten Gefangenenlager verrotten und von halbwahnsinnigen Kreaturen wie Tisiphone und Léon Garout um Leib und Seele gebracht werden. Falls die beiden und die ihnen schweigend zustimmenden anderen Wächter die brutale Gangart weiterführten, würde es bald die ersten Toten hier geben. Aushungerstrafen und dieser Folterkeller, der einem die schlimmsten Ängste vorführte, würden jeden hier im Laufe der zeit erledigen. Womöglich war sie sogar eine der ersten, die diesem Terror zum Opfer fiel. Sie dachte noch daran, was dem armen Tropf passiert war, der zu fliehen versucht hatte und dabei Stunden lang durch ein unterirdisches Labyrinth geirrt war, in dem er wie in jenem grausamen Kellergewölbe alptraumhafte Dinge erlebt hatte, daß er total verstört wieder herausgekommen war und sich vor die Wächter geworfen hatte, die ihn dann noch mit dem Cruciatus-Fluch gefoltert hatten. Der Versuch, einem der Wächter den Zauberstab wegzunehmen war daran gescheitert, daß das ganze Lager mit Überwachungszaubern durchsetzt war und sofort mehrere andere Wächter mit Flüchen auf die tollkühnen Insassen eingedroschen hatten, als der schrille Warnzauber losgegangen war. Die vier jungen Zauberer waren dann in einem dieser Panikmacherkeller verschwunden und erst einen Tag später wieder herausgeholt worden. Von da an waren sie teilnahmslos und eingeschüchtert und konnten nur die einfachsten Sachen ausführen, weil ihr Verstand am Rande des Totalzusammenbruchs stand. Das waren eindeutig Verbrechen, die hier im Namen der Sicherheit begangen wurden. Suzanne war sich sicher, daß was hier passierte auch in den anderen erwähnten Lagern an der Tagesordnung war. Wie viele anständige Hexen und Zauberer mochten in diesen Strafkolonien bereits zu seelischen Trümmerhaufen zerfallen sein? Sie nahm sich vor, sich nicht so einfach zerstören zu lassen. Doch sie wollte es auch nicht darauf anlegen, für die kleinste Aufsässigkeit bestraft zu werden. Das war nicht einfach. Vor allem, wo das Duo Brutale Tisiphone und Léon sie schon auf dem Kieker hatten, mochte es nur eine Frage der zeit sein, bis auch sie derartig hart bestraft wurde, daß sie nicht mehr wußte, wo und wer sie war. Die meisten anderen kuschten vor den Bewachern. Auch die Montferre-Zwillinge fügten sich in jede ihnen aufgeladene Zwangsarbeit. Der einzige Trost, den Suzanne empfand war, daß die Bewacher nicht auf die Idee kamen, ihre Gefangenen sexuell zu mißbrauchen, noch nicht. Womöglich taten sie es nur nicht, weil sie ihre Ideen noch nicht alle ausgereizt hatten. Doch wenn sie sich vorstellte, wie viele unverheiratete Hexen und zauberer hier herumliefen ... Nachher kam noch der Befehl, die magische Menschheit durch willfährige Nachzuchten aufzubessern. Der Haß in ihr flammte immer wieder auf, wenn sie der Resignation nahe war. Flüchten konnte sie nicht. Die Wächter entwaffnen war auch nicht gelungen. Dann blieb kein gewaltsames Mittel übrig, um das Joch abzuwerfen, unter das ihr eigener Onkel sie und alle anderen gezwungen hatte. Garout hatte mehrmals genüßlich erwähnt, daß die Lager unortbar waren. Selbst wenn jemand die ungefähren Standorte erfahren mochte,würde niemand näher als dreihundert Meter an die Lager herankommen. Und wer es doch wagte, würde wohl gleich als weiterer Dauergast einziehen und da die besonderen Räume kennenlernen dürfen.

"Heh, auseinander!" Brüllte Garout, als vier männliche Gefangene aufeinander einprügelten, wohl weil einer dem anderen was übles gesagt hatte. Mit einer Salve aus Flüchen trieb er die vier Streithammel auseinander, klebte jeden von ihnen an die Außenmauer der alten Burganlage und hielt jeden einzelnen für mindestens eine Minute unter dem Cruciatus-Fluch. Dann zog er ihnen mit Zauberkraft alle Sachen aus und ließ sie splitternackt in der vorwinterlichen Kälte frieren. Ja, die Grausamkeiten eines Léon Garout waren offenbar noch nicht erschöpft. "Niemand außer uns Wachen hat das Recht, hier irgendwem Schmerzen zuzufügen. Das merkt euch gefälligst!" Schnarrte Garout und scheuchte die teils angewiderten, teils neugierigen Zuschauer in ihre Baracken zurück.

Als Suzanne abends aus dem Fenster der Baracke blickte, sah sie die vier Zauberer immer noch an der Mauer festhängen. Der Anhaftungsfluch wirkte so stark, daß sie nicht einmal vor Kälte zittern konnten. Wollte Garout die vier elendiglich erfrieren lassen? Wo immer sie hier genau waren. Die Nächte hier wurden richtig Kalt. Von dem Feuerholz, daß sie zurechtgehackt hatte, würde wohl schon morgen nichts mehr übrig sein. Falls Garout die vier Delinquenten wirklich dem Kältetod überließ, dann war die Grenze überschritten, wußte Suzanne. Dann würde er auch nicht mehr davor zurückschrecken, andere zu Tode zu quälen, falls er sie nicht mit der ihm innewohnenden Werwut anstecken wollte.

Als Suzanne mitten in der Nacht aus unruhigen Träumen von Schneestürmen und im Eis eingeschlossenen Menschen erwachte, schlich sie an das Fenster und versuchte, die schweren Läden so lautlos es ging zu öffnen. Doch die massiven Verschläge waren von außen verriegelt. Bisher hatte sie das nie nachgeprüft. Doch jetzt, wo sie wissen wollte, ob die vier Bestraften noch an der Burgmauer klebten, wallte eine starke Verzweiflung in ihr auf. Diese Bande schloß also abends die Fensterläden so gut, daß keine nichtmagische Macht sie aufbekam. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit hielt sie die ganze Nacht wach. Doch am Morgen stellte sie fest, daß die vier nicht erfroren waren. Garout oder ein anderer Wächter hatte den Anhaftungsfluch gelöst und die vier in die ihnen zustehende Baracke zurückgeschickt. Jedenfalls tauchten sie am Morgen auf und erhielten von einem der Wächter den Trank gegen Unterkühlung und Erkältungen. Zumindest wollten diese Unmenschen hier keine Epidemie riskieren, womöglich, weil sie der dann selbst ausgeliefert waren. Dennoch beruhigte es Suzanne nur wenig, daß hier bisher niemand bewußt getötet worden war. Der Winter würde noch lange dauern, und was danach kam wußte keiner.

 

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Wie in der vergangenen Woche wechselte Julius mit Professeur Faucon und Millie heimlich nach Millemerveilles über, wo er ihnen und der Gruppe um Phoebus Delamontagne seine vier besonderen Zauber beibrachte. Professeur Faucon hatte ihn gebeten, ihnen den Fluchumkehrer zuerst beizubringen. Ihm war klar, wozu das gut sein sollte. Doch er merkte an, daß damit eben nur Flüche umgekehrt wurden, aber keine neutralen Zauber wie Unortbarkeit oder Annäherungsmeldezauber. Die in der letzten Woche überwältigten Patrouillenflieger hatten Bleiberecht erhalten, nachdem eindeutig war, daß der Imperius-Fluch von ihnen gewichen war, der sie zuerst am Betreten Millemerveilles gehindert hatte. Immerhin waren Didier damit zehn zuverlässige Helfer abgejagt worden. Das Manöver sollte nun jeden Samstag wiederholt werden, bis dem Machthaber in Paris alle brauchbaren Zauberer fehlten, um eine lückenlose Bewachung des Magierdorfes beizubehalten. Julius' Mutter wurde nun schon seit mehr als einer Woche in einfachen zaubern unterwiesen, hatte von Catherine im Klangkerker auch den Zauber gelernt, um zum Töten entschlossene Wesen vom Angriff abzuhalten. Als Julius wieder in Beauxbatons war sagte Professeur Faucon im Schutz des provisorischen Klangkerkers:

"Ich habe von deiner Mutter die ungefähren Orte der Friedenslager erhalten. Gegenminister Delamontagne plant in den nächsten Nächten die Befreiung der ersten zwei Lager, wo die Anverwandten noch in Freiheit lebender Hexen und Zauberer eingesperrt sind. Eine derartige Aktion war ja schon lange geplant. Aber jetzt haben wir die Chance, diese unsäglichen Einrichtungen nicht nur genau zu finden, sondern auch zu betreten."

"Catherine erwähnte, daß die ersten Muggelstämmigen aus England mit Hilfe dieser Antimagie-Kleidung mit Flugzeugen ausreisen konnten. Das wird seiner Unnennbarkeit nicht gefallen."

"Ja, und sie hat auch erwähnt, daß diese Verbrecherbande geldgierige Kreaturen angestachelt hat, nach flüchtigen Muggelstämmigen und sogenannten Unerwünschten zu suchen. Offenbar haben sie Hilfsmittel, den Standort sofort zu bestimmen, wo der verwerfliche Kampfname des Psychopathen laut ausgesprochen wird. Allerdings ist das auch schon einigen zum Verhängnis geworden, weil offenbar muggelstämmige Wertiger herausbekommen haben, daß man damit auch gute Fallen stellen kann. Siebzehn Zauberer kamen bei scheinbar so leichten Festnahmeversuchen wortwörtlich unter die Räder, als sie mitten auf einer dicht befahrenen Autostraße auftauchten. Aber der Feind hat schnell gelernt. Er hat Karten der wichtigsten Fernstraßen ausgeteilt. Das erschwert natürlich auch die Fluchtchancen der Muggelstämmigen, die über solche Verkehrswege zu entkommen trachten", entgegnete Professeur Faucon.

"Werden die Antisonden-Sachen nach Gebrauch zurückgeschickt?" Fragte Millie, die mal wieder als Kaninchen durch die Bilderwelt getragen worden war.

"Ja, das hat deine Schwiegermutter mit diesem Mr. Marchand hinbekommen, daß eine Frachtmaschine die nicht mehr benötigten Kleidungsstücke zurückbringt, sofern die damit ausgerüsteten in die Staaten gereist sind. Für Australien, wo Mrs. Priestley die Flüchtlinge empfängt, wurde eine ähnliche Vereinbarung getroffen. Allerdings sollen noch einmal fünfhundert antimagische Textilien direkt nach England transportiert werden. Jetzt, wo sie den alten Garout sicher fortgesperrt haben, weil er für Didier eine zu große Belastung war, besteht wohl auch nicht mehr so viel Risiko. Die Patrouille um Millemerveilles schrumpft weiter zusammen. Irgendwann wird Didier sich was überlegen müssen, um die Bewachung aufrecht zu halten. Oder wir gewinnen mehr und mehr an gflugerfahrenen Mitstreitern."

"Die Wache über Beauxbatons ist immer noch da", sagte Julius. "Sollen wir nicht auch so was machen?"

"Nein, werden wir nicht", sagte Professeur Faucon sehr entschieden. "Madame Maxime und Madame Rossignol haben es klar festgelegt, daß niemand von der Schülerschaft versuchen soll, gegen die über uns kreisenden Überwacher vorzugehen. Außerdem schleichen vier Hadesianerhunde um das Gelände herum."

"Schon nette Tierchen", knurrte Julius. Er hatte einen dieser dreiköpfigen Riesenhunde einmal mit seinem Omniglas beobachtet, wie er versuchte, durch den grünen Wald um das Gelände einzudringen und dabei immer im Kreis um die Ländereien gelaufen war. Diese wohl aus Griechenland stammenden Kreaturen hatten wohl die Vorlage zu Cerberus, dem Höllenhund geboten. Madame Maxime hatte allen geraten, diese Geschöpfe nicht zu provozieren, sondern einfach weiter herumlaufen zu lassen. Sie konnten nicht auf das Gelände vordringen, weil der Schutzbann der sechs Säulen jeden feindlichen Eindringling zurückhielt. Die vier dreiköpfigen Bluthunde mochten zwar die Witterung aller Menschen in den Nasen haben und mit ihren sechs Ohren die leisesten, durch keine Magie abgeschirmten Geräusche hören. Doch wenn sie nur den Befehl hatten, keinen von drinnen nach draußen entwischen zu lassen, würden sie wohl keine Bedrohung sein, solange alle hübsch friedlichauf den umfrideten Ländereien blieben.

"Gegenminister Delamontagne hat was angedeutet, daß das mit den Kampfdrachen nicht so locker hingenommen werden soll", erinnerte Julius seine Frau und die Lehrerin an eine kurze Erwähnung des Gegenministers, bevor er den heutigen Sonderunterricht begonnen hatte. "Wie kann man Drachen besiegen, die so wendig und gepanzert sind? Geht der Todesfluch bei Drachen?"

"Nun, Monsieur Delamontagne meinte es erst einmal so, daß er Kontakt mit denen von der Elfenbeininsel aufnehmen wolle, um zu klären, wer die Drachen geschickt habe. Über die Motive werden sie ihm wohl nichts verraten", erwiderte Professeur Faucon. Dann sagte sie noch: "Ab einer gewissen Größe ist Drachen mit einem einzelnen Todesfluch nicht beizukommen, solange der Fluch nicht direkt in das geöffnete Maul hineingezielt wird. Doch bekanntlich reißen Drachen ihre Mäuler nur zum Fressen oder Feuerspeien auf. Beides ist für einen unmittelbar davor hockenden Zauberer tödlich. Ob die kleineren Kampfdrachen von der Elfenbeininsel schwächer sind als die großen, normal schnell alternden Wildformen weiß ich nicht. Es steht zu befürchten, daß Monsieur Delamontagne dies demnächst herausfinden lassen wird. Doch zunächst dürfte ihm eine diplomatische Rückfrage wichtiger sein. Es ist allemal besser, wenn er den ersten Kontaktaufnahmeversuch macht, bevor die Leute von da uns mit irgendwelchen unannehmbaren Forderungen zuvorkommen, beispielsweise, ihnen die Leitung der Zaubereiverwaltung zu überlassen. Es könnte Didier einfallen, eine derartige Forderung anzunehmen, um erstens die ganze Verantwortung für seine Untaten abzuwälzen und zweitens einer klar kampfstarken Truppe die Handlungsfreiheit zu überlassen, um Frankreichs Zaubererwelt vor Voldemort zu schützen, was er ja nach wie vor behauptet", erwiderte die Lehrerin.

"Oha, dann wird's aber jetzt echt bald Zeit, daß jemand Didier aus dem Amt kegelt", schnarrte Julius. "Nachher werden wir von diesen Inseltypen beherrscht, die sich dann mit Voldemort über die Ausrottung von Muggelstämmigen einigen dürfen, um des lieben Friedens unter reinblütigen Gesinnungsgenossen Willen."

"Ich denke sehr stark, daß es einen solchen Handel nicht geben wird", entgegnete Professeur Faucon schroff. "Vielmehr dürften die Regenten der Elfenbeininsel in Voldemort den Beweis für die Schädlichkeit von Muggeleinflüssen sehen, sofern dieser nicht eindeutig nachweisen kann, daß er reinblütig ist. Und, daß habe ich ja schon mal erwähnt, dies trifft nicht zu." Julius nickte. "Es wird also keinen Handel mit diesem Wahnsinnigen geben. Doch es muß damit gerechnet werden, daß die Leute von der Elfenbeininsel danach trachten, eine Elite reinblütiger Zauberer und Hexen zu etablieren, die sich nicht besonders von den Wahnvorstellungen Voldemorts und seiner Kumpane unterscheidet. Dies gilt es zu verhindern, nicht nur wegen dir, Julius oder wegen Laurentine, Marie oder Pierre, sondern wegen der geistigen Freiheit unserer magischen Gemeinschaft. Diese Isolationisten dürfen nicht triumphieren, wo sie vor zweihundertzehn Jahren fanden, sich vom Rest der Welt auszuschließen. Aber die Diskussion über die Motive dieser Leute hat eine andere Frage aufgeworfen, beziehungsweise eine mögliche Antwort auf die längst noch nicht geklärte Frage eröffnet, was genau wie und warum mit Minister Grandchapeau und seiner Ehefrau passiert ist. Durch die Sache mit den Drachen, die klar beweist, daß die Elfenbeininsulaner über unsere derzeitige Situation orientiert sind, haben sie sich selbst auf die Liste derer gesetzt, die verdächtig sind, Minister Grandchapeau und seine Frau verschleppt zu haben. Falls dies stimmen sollte - und ich ersuche euch beide darum, das erst einmal nicht mit euren Freunden und Kameraden zu diskutieren - könnten Minister Grandchapeau und seine Frau Nathalie auf der Elfenbeininsel gefangengehalten werden. Allerdings fällt mir kein plausibles Motiv für eine derartige Einmischung ein."

"Vielleicht wollten sie die beiden durch Imperius oder etwas anderes umpolen, also zu ihren Anhängern und Marionetten machen. Doch mit Didiers Übereifer in Sachen Unterdrückung und Angstreaktionen haben sie womöglich nicht gerechnet. Vielleicht wollten sie einen anderen, ihnen genehmen Zaubereiminister auf den Regierungsstuhl heben, wußten jedoch nicht, wie."

"Moment mal, Professeur Faucon. Vermuten Sie, daß jemand im Ministerium Didier beziehungsweise Grandchapeau ein Agent der Elfenbeininsel war oder ist?" Griff Julius den hingeworfenen Faden auf. Millie sah erst ihn an und dann Professeur Faucon. Diese blickte ihrerseits Julius an. Ihre saphirblauen Augen strahlten Entschlossenheit aus.

"Die Frage würdest du nicht stellen, wenn du die Antwort nicht durch die ganzen Ereignisse kennen würdest, Julius", sagte die Lehrerin unmißverständlich. "Die Eheleute Grandchapeau setzten sich für eine Abwartehaltung ein, wollten mit den Mitteln, Dementoren zu verwirren weitere Übergriffe ohne Gegenstöße abwehren. Das hätte entweder zu einer Stärkung von Grandchapeaus Ansehen oder zu einer unaufhaltsamen Invasion durch Voldemorts Gefolgschaft geführt. Irgendwer muß verraten haben, wo Minister Grandchapeau mit seiner Frau hinfliegen wollte und daß sie dabei keine Leibwächter mitnehmen würden. Durch Grandchapeaus Verschwinden entstand eine instabile Lage in der französischen Zaubereiverwaltung. Wie wir mitbekommen haben schrien viele nach einem starken Führer. Es erwies sich jedoch, daß Didier diesem Anspruch nicht wirklich gerecht werden konnte. Die Lage ist nun unsicherer als vorher. Die Gemeinschaft könnte nun jedem, der sie beschützt, offen zugeneigt sein. Und wenn ihr euch die Berichte über die Drachen anseht, mag diese Saat auf fruchtbarem Boden gefallen sein. Denn die Angst vor den Entomanthropen ist nach Sardonias zeit wieder aufgekeimt. Jeder hier will diese Bestien loswerden. Daß da noch diese Schlangenkrieger sind erhöht die Angst und den Ruf nach einer beide Gegner bezwingenden Macht. Jetzt haben wir es gewagt, Monsieur Delamontagne zu Grandchapeaus Stellvertreter zu machen. Dies könnte nach den Schikanen Didiers die unsichere Lage wieder ins Lot bringen. So oder so wußten die von der Insel über das bescheid, was in den letzten Monaten hier geschah. Also müssen sie mindestens einen Spion in unserem Land unterhalten, ebenso wie die Wiederkehrerin ihre Agentinnen in Frankreich und anderswo beschäftigt."

"Ich dachte, die wollten nichts mehr mit unserer Welt zu tun haben", wandte Mildrid ein. Professeur Faucon und Julius sahen sie an. Die Lehrerin antwortete kalt und trocken:

"Solange wir nicht tun, was sie wollen. Und um zu wissen, was wir tun müssen sie wohl wen bei uns unterbringen."

"Das Problem für die dürfte das Einschleusen sein", sagte Julius. "Bei einer Gemeinschaft, wo viele einander kennen ist das nicht so einfach, wen unbekannten einzuschmuggeln ... außer, sie tarnen ihn oder sie als muggelstämmig. Aber das ginge ja dann nur, wenn der Agent oder die Agentin bereits als Kind nach Frankreich geschickt wurde."

"Ja, weiter", spornte Professeur Faucon Julius an. Millie sah ihren Ehemann verdutzt an. Dieser überlegte kurz und hieb sich dann die flache Hand vor die Stirn.

"Natürlich, so geht's. Sie machen einen von sich zum Baby, schieben das arglosen Muggeleltern als echten Wechselbalg unter und warten ab, wie gut ihr eigener Sprößling in die magische Gemeinschaft reinwächst. Womöglich müssen sie das mit mehreren machen, um ganz sicher zu sein, an den richtigen Plätzen wen unterzubringen. Die brauchen ja zunächst nur zu beobachten und weiterzumelden. Schläfer heißen solche Agenten, die sich nur in dem Land, wo sie eingesetzt werden, ganz unauffällig benehmen müssen. Ich hoffe mal, ich habe da jetzt nicht irgendwelche überschüssige Phantasie spielen lassen."

"Julius, das wäre heftig. Dann könnten Leute wie Marc oder euer Pierre solche Agenten sein, die sich zunächst mal ganz normal benehmen", wandte Millie ein. "Schon fiese Vorstellung."

"Und genau deshalb, weil diese Art der Infiltration nicht unmöglich ist ersuche ich euch beide, außerhalb dieses Klankerkers mit keinem darüber zu diskutieren", schnarrte Professeur Faucon. Millie meinte dann noch:

"Moment, wenn die Leute von sich infanticorporisieren, müssen die ja ein Paar finden, das gerade ein Kind bekommen hat, noch dazu genau wissen, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Das richtige Kind würde dann ja wohl weggeholt, um den Austausch hinzukriegen."

"Ist nicht nötig, Millie. jeden Tag kommen ungewollte Kinder zur Welt und werden ausgesetzt oder vor Krankenhäusern oder Klöstern hingelegt. Längst nicht immer kann die Mutter eines solchen Kindes herausgefunden werden. Die Einschleuser müssen also nur in eine größere Muggelstadt rein und ihren Mikroagenten vor einem geeigneten Haus parken. Den Rest erledigt unser vereintes Pflichtbewußtsein, uns um solche kleinen Würmchen zu kümmern. Ob Waisenhaus oder Pflegefamilie, irgendwie kommt der neu in die Gesellschaft hineinwachsende schließlich nach Beauxbatons."

"Häh? Irgendwie hörte ich aber mal, daß Kinder gleich nach der Geburt hier oder in anderen Zaubererschulen registriert werden. Meine Mutter erzählte, ich sei wohl schon seit dem fünfundzwanzigsten April 1982 hier registriert gewesen."

"Genau wie meine Enkeltochter Claudine oder deine kleine Schwester Miriam jetzt schon registriert sind, Mildrid. Wenn ein zauberer Vater und/oder eine Hexe Mutter wird erfolgt mit der Namensgebung eine magische Anmeldung in der führenden Schule des Geburtslandes. Auch Cythera Dornier wurde in dem Moment für eine Ausbildung in Beauxbatons vorgemerkt, als ihre Mutter sie nach der Geburt mit ihrem Namen bedacht hat. Nur bei muggelstämmigen Kindern muß zunächst das Erwachen magischer Kräfte erkannt werden. Doch sobald das passiert, werden auch sie vorgemerkt."

"Bei mir also mit vier Jahren", erwiderte Julius nachdenklich. Daß Zaubererkinder schon bei der Geburt vorgemerkt wurden erstaunte ihn nicht sonderlich, wenn er auch nicht wußte, wie das ging. So fragte er das locker.

"Es ist ähnlich der Spur, die jedem minderjährigen Zauberer oder jeder Hexe unter der Volljährigkeitsgrenze anhaftet, soobald sie hier angekommen sind. Die Geburt bewirkt eine Veränderung des magischen Gefüges. Da das meiste davon nur zwischen Schulleiter und Stellvertreter bekannt sein darf, darf ich da nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Sobald mindestens einem Magischen Menschen ein Kind geboren wurde, richtet sich das Verfahren auf dieses Kind, bis es erstmalig mit seinem vollen Namen angesprochen wurde. Dann erfolgt die Registratur. Ob das Kind dann die Erwartungen für die Aufnahme erfüllt muß sich dann zwar erst herausstellen, aber für das Ministerium und die Zaubererschule ist es schon wichtig, Nachwuchs früh genug zu registrieren. In vielen Fällen veranstalten magische Eltern auch Geburtsfeiern, äquivalent zu den Kindstaufen in christlichen Glaubensgemeinschaften. Hierbei kann der Zeremonienmagier die magische Registratur bestätigen."

"Ähm, entschuldigung, Professeur Faucon. Da sehe ich aber jetzt einen kleinen Haken. Wenn die Leute auf der Insel alle Hexen und Zauberer sind, ist auch jedes neue Kind ja dann magisch angemeldet", sagte Julius.

"Nein, ist es nicht, weil es eine Übereinkunft gibt, daß dort geborene Zaubererkinder nicht nach Beauxbatons gehen und daher nicht registriert werden", erwiderte Professeur Faucon. Der Geburtsort ist obendrein durch Unortbarkeitszauber abgeriegelt. Also werden die Bewohner der Insel weder von Beauxbatons noch vom Zaubereiministerium erfaßt. Deine scheinbar phantastisch anmutende Vermutung könnte also zutreffen, Julius, sofern sich jemand von diesen Leuten findet, der oder die eine zweite Kindheit in einer verachteten Umgebung auszuhalten vermag. Obwohl, es wäre durchaus möglich, daß diesen ... Schläfern, ein zeitabhängiger Gedächtniszauber aufgesetzt wird, der ihre frühere Identität unterdrückt und sie zunächst wie gewöhnliche Kinder aufwachsen und alles neu erlernen läßt. Irgendwann, ob schon während der Schulausbildung oder bei Erreichen der Volljährigkeit, wird die unterdrückte Identität wieder freigegeben, und der entsprechend präparierte entsinnt sich, wer und was er oder sie ist und nimmt die geheime Tätigkeit auf. Kontakt mit der Heimat erfolgt dann über Mentiloquismus mit einem möglichst nahen Verwandten, bestenfalls der wahrhaft leiblichen Mutter. Wie erwähnt ist diese Vorstellung so brisant, daß ich Sie beide dringend ersuchen möchte, außerhalb dieses Klangkerkers nicht darüber zu sprechen. Wir könnten sonst in eine ähnlich paranoide Stimmung verfallen, wie sie Didier an den Tag legt. Denn bei aller Möglichkeit eines solchen Infiltrationsmanövers dürfen wir nicht ausschließen, daß der Agent oder die Agenten hier geborene und von den Herren der Elfenbeininsel angeworbene Hexen und Zauberer sind, die unser geltendes Gesellschaftsmodell ablehnen."

"Warum so kompliziert, wenn's auch so einfach geht", grummelte Julius, dem diese sich anbietende Lösung wohl zu simpel gewesen war. Dabei würde die wohl eher hinhauen.

"Sicher ist nur, daß es mindestens einen Spion im Auftrag der Elfenbeininsel gibt. Ob dessen Wiege selbst dort stand oder hier auf dem Festland, ist für den Umgang mit dieser Erkenntnis zweitrangig", erwähnte Professeur Faucon. "Es heißt für uns nur, daß wir nicht nur vor Voldemort, Didier oder der Wiederkehrerin auf der Hut sein müssen. Die Lage hat sich durch diese Einmischung alles andere als entspannt."

"Ähm, das mit den möglichen Agenten könnte Monsieur Delamontagne interessieren", wandte Julius ein.

"Könnte nicht, sondern tut es tatsächlich, Julius. Er geht auch von mindestens einem Spion im Auftrag der Elfenbeininsel aus", sagte Professeur Faucon. Julius und Millie nickten. Dann bat die Lehrerin die beiden, sie jetzt zu verlassen, damit es nicht doch noch auffallen würde, daß die beiden seit mehreren Stunden nirgendwo in Beauxbatons zu finden waren. Julius ging ruhig mit seiner Frau in die Bibliothek, wo er sich der Alchemieabteilung zuwandte, wo Gabrielle und Pierre gerade vor einigen dicken Büchern standen und belustigt miteinander tuschelten.

"Hallo ihr beiden", wisperte Julius und tippte Pierres Schultern an. Er mußte es sofort verdrängen, daß jeder Muggelstämmige ein Agent der Elfenbeininsel werden könnte. Weil sonst könnte er ja gleich sich beschuldigen. "Sucht ihr was bestimmtes?"

"Gabie erzählt mir einen, was man aus Veela-Haar machen können soll", gab Pierre leicht verlegen zur Antwort. "Ich denke, die erzählt mir da was vom Pferd."

"neh, tue ich nicht", knurrte Gabrielle. "Mein Zauberstab hat das Haar von Oma Léto drin, die 'ne ganze Veela ist. Außerdem kann man Veela-Haare auch in magischen Tinkturen und Tränken verwenden."

"Stimmt, Pierre. In "Unglaublich aber wirksam" wird beschrieben, daß jeder Zentimeter Veela-Haar die Wirkung von Tausendschön-Trank auch als Myriakallos-Lösung verlängert. Das ist eine außen wie innen anwendbare Mixtur, die das eigene Aussehen so verändert, daß der oder die es trinkt dem absoluten Schönheitsideal der von ihm oder ihr am meisten bewunderten Person entspricht. Wenn du dir damit die Haut einreibst, verjüngt sie sich um ein halbes Jahr pro Zentimeter Veela-Haar. Das Problem beim Trinken ist jedoch, daß sobald der Trank nachläßt erstens dein Aussehen wieder auf den natürlichen Wert absinkt und zweitens starke Minderwertigkeitskomplexe auftreten, weil alles in deiner umgebung überragend schön aussieht. Deshalb gehört er als Trinkmittel auch zu den Tränken der Kategorie sieben, also nicht uneingeschränkt zu verwenden und zu handeln gemäß anhaltender Nachwirkungen auf Körper und/oder Geist. Der Trank geht zwar auch ohne Veela-Haare, hält dann aber nur einen halben Tag vor."

"Echt?" Fragte Pierre. Millie grummelte zwar, grinste dann aber Julius an. Dieser nickte. Gabrielle grinste auch. "Ist aber nur bei reinrassigen Veelas klar überprüft", fügte Julius noch hinzu. "Dann gibt es noch den Pulchraflor-Trank, der von Ziergärtnern geschätzt wird, weil der Blumen und Ziersträucher optimal wachsen läßt und sie vor Läusen und Pflanzenkrankheiten schützt. Hier kann ein einziger Zentimeter Veela-Haar die Wirkungsdichte verdoppeln, also bei halber Standarddosis die volle Wirkung bringen. Aber Veela lassen sich nicht so gern an den Haaren greifen. Es wird bei beiden Tränken nämlich auch davor gewarnt, einer Veela gegen ihren Willen Haar abzuschneiden. Bei Myriakallos führt das dann nämlich dazu, daß beim Einreiben dichtes Haar auf der Haut sprießt und beim Trinken wird zwar das Aussehen optimiert, aber gemäß dem Schönheitsideal des anderen Geschlechts. Bei Pulchraflor werden die damit behandelten Pflanzen zu aggressiven Teratophyten, also Monsterpflanzen. Ein Bericht behauptet, daß ein Zaubergärtner, der einer Veela Haar geklaut hat, von seinen eigenen Rosen aufgefressen wurde, die schlagartig auf die zehnfache Größe wuchsen und in ihren Blütenkelchen Reißzähne ausgebildet haben." Millie grinste nun schadenfroh, weil Pierre kreidebleich wurde.

"Okay, wenn deine Oma mir keine von ihren Haaren schenken möchte lassen wir das besser. Sonst laufe ich nachher noch als Geri Halliwell oder Mel C rum", seufzte Pierre. Julius mußte grinsen und sagte, daß die beiden Spice Girls wohl bei ihrem Aussehen etwas nachgeholfen haben mußten.

"Abgesehen davon tut sich sowas wirklich nur wer an, der oder die mal eben auf die Idee kommt, wen beeindrucken zu müssen", windgeheulsäuselte Professeur Fixus, die gerade mit vier anderen Büchern um die Ecke kam. Pierre wurde nun blaß wie ein Vampir, während Gabrielle knallrot anlief, Millie verlegen umherblickte und Julius nickte. "Ihre frühere Schulkameradin Mademoiselle Porter durfte in meinem Unterricht einmal einen Vortrag über magische Verschönerungsmittel halten, sofern sie keine Betriebsgeheimnisse ihrer Mutter ausplaudern mußte. Da hat sie die Myriakallos-Lösung auch beschrieben, mit einer unüberhörbaren Verachtung", fuhr die Lehrerin ungeachtet der wortlosen Reaktionen der vier Schüler fort, als hätten sie gerade bei ihr Unterricht.

"Wohl auch, weil das Schönheitsideal nichts auf den einzelnen abgestimmtes ist und die Wirkung eh schnell vorbeigeht", sagte Julius. Professeur Fixus nickte. Millie sah ihn anerkennend an und Pierre machte nur "Mmmhmm".

"Überhaupt sollten Sie sich gar nicht erst mit dem Gedanken anfreunden, Veela-Haar in irgendwelchen Tränken oder anderen Sachen zu verwenden, Monsieur Marceau. Es hat nämlich auch die Nebenwirkung, daß Frauen auf andere Frauen allergisch reagieren und heterosexuelle Männer das Interesse an weiblicher Begleitung verlieren, ohne der Homophilie zuzuneigen, sofern sie mehr als zehn Wirkungstage des Trankes erlebt haben. Daher wird im Moment diskutiert, ob die Beigabe von Veela-Haar den Tausendschön-Trank nicht zum Trank der Kategorie acht erhebt, also einem für den Handel verbotenen und nur mit ausdrücklicher, ministerieller Genehmigung zu verwendenden Trank, Monsieur Latierre. Wenn wir irgendwann wieder klare Verhältnisse im Zaubereiministerium haben wird diese Entscheidung wohl anstehen, da bin ich mir sicher." Julius nickte und achtete peinlich genau darauf, seinen Geist vor der Lehrerin verschlossen zu halten. Da Millie das jedoch nicht konnte, ging ihm siedendheiß auf, daß sie ohne es zu wollen übermitteln konnte, was sie gerade erlebt und anschließend besprochen hatten.

"Sind Sie in die Bibliothek gekommen, um ihren jüngeren Saalkameraden Nachschlagewerke für meinen Unterricht zu empfehlen, Monsieur Latierre?" Erkundigte sich Professeur Fixus. Julius schüttelte den Kopf, öffnete seinen Geist und dachte nur: "Wegen des Steins der Weisen wegen Unsterblichkeit von Elfenbeininsulanern." Laut sagte er, daß er in Hogwarts mal gehört habe, daß jemand den Stein der Weisen geschaffen hatte und ob das stimme, daß damit die Unsterblichkeit möglich war.

"Soweit mir geläufig ist erreichte nur Nicholas Flammel dieses Ziel und konnte mit Hilfe des Steines über sechshundert Jahre leben." Julius nickte wild. Also stimmte dieses Gerücht doch, was in Hogwarts herumgegangen war. Er hatte es erst für eine Retourkutsche von Leuten gehalten, die seinen Spott über die Alchemie kontern wollten.

"Angeblich soll der unnennbare Schwarzmagier hinter dem Stein hergewesen sein. Deshalb hätte Professor Dumbledore ihn am Schluß zerstören müssen." Professeur Fixus nickte. "Die Frage ist aber, ob es mehr als nur den einen Stein gab. Ich meine, Flammel könnte es doch einigen erzählt haben, mit denen er gut auskam."

"Nach meinen Informationen waren längst nicht alle magischen Menschen im Stande, Flammels Vertrauen zu gewinnen, und schon gar nicht, wenn es um das mächtigste alchemistische Erzeugnis aller Zeiten ging. Falls Sie darauf hinauswollen, daß jemand in selbsterwählter Abgeschiedenheit die Jahrhunderte überlebt hat, so zweifel ich dies an. Wege, wie der Stein der Weisen hergestellt werden könnte werden tausende beschrieben. Womöglich war Flammels Weg der tausendunderste und wurde zudem auch nicht in einem Buch niedergeschrieben. Das Ideal eines ewigen Lebens im ungefährdeten Reichtum hat Magier und Muggel schon über viele hundert Jahre beschäftigt und tut dies wohl heute noch. Viele religöse Würdenträger der Muggel sahen in dieser Bestrebung den klaren Beweis für die unbestreitbare Verderbtheit der magie an sich, da hier gegen ihr Gottesbild von einem von einem Schöpfergott vorbestimmten und nicht vom Menschen zu verlängerndem Leben verstoßen wurde. Solche Gedanken oder Experimente konnten nur in ewiger Verdammnis enden."

"Tja, und trotzdem gab es genug Könige, die gerne ein bißchen mehr Gold haben und alle ihre Nachbarkönige überleben wollten", wandte Julius ein. "Da konnte so ein Priester hundertmal "Teufelswerk!" rufen und dem König mit Ausschluß aus der Kirchengemeinde drohen. Auf diese Weise sei das europäische Porzellan erfunden worden, weil ein Alchemist auf der Suche nach der Goldformel Porzellan nachgebacken hat. Das hat ihn und den König, für den er arbeitete genauso reich gemacht, als hätten sie ihr eigenes Gold gemacht", ließ Julius etwas von seinem Muggelwissen vernehmen. Professeur Fixus nickte bestätigend. Dann deutete sie auf Mildrid und bat sie, sie in ihr Sprechzimmer zu begleiten. Mildrid folgte nach kurzem Zögern.

"Habt ihr was angestellt, daß Fixie deine Angetraute jetzt mitnehmen muß?" Fragte Pierre verschmitzt grinsend. Julius schüttelte den Kopf. Er wandte nur ein, daß Brunhilde oder Bernadette vielleicht was gemeint haben könnten, er jedoch nichts angestellt habe. Was er wirklich dachte behielt er ganz sicher für sich. Da er nicht mehr über den Stein der Weisen nachlesen mußte beriet er die beiden Erstklässler noch, welche Veröffentlichungen es noch über Körperfragmente magischer Wesen gab. Dabei dachte er daran, daß es schon gruselig war, sich vorzustellen, daß diese Reinblütigkeitsfanatiker von der Elfenbeininsel Spione in die Muggelwelt einschleusten.

nach dem Abendessen besuchte Julius Goldschweif. Ihre Kinder waren mittlerweile selbständig. Leonardo würde wohl bald in eine andere Zuchtgruppe überwechseln, während die kleine Prinzessin, Goldschweif XXVII. ihrer Mutter immer ähnlicher wurde. Der wirkliche Unterschied zwischen ihr und Julius' Goldschweif war der, daß er die jüngere Knieselin nicht verstehen konnte.

"Gefangene Menschen auf fliegenden Ästen, die immer noch versuchen, das, was uns hier schützt zu durchschlagen", sagte Goldschweif. Dann habe ich gestern noch eines dieser bösen Brummflügler gehört, die wir hinter dem Lichtsturm getroffen haben." Julius erschrak. Entomanthropen in der Nähe von Beauxbatons? Was wollten die hier? Er fragte, wie viele von den Brummflüglern sie gehört habe.

"Einer flog hier herum. Wurde aber immer langsamer. Wenn es dunkel ist, können die nicht so schnell fliegen, weil es kalt ist. Die auf den Ästen fliegenden haben ihn gejagt und dann mit einem starken Stoß der Kraft getötet."

"Immerhin sind die Entomanthropen nicht gegen den Todesfluch immun", dachte Julius. Dann sagte er leise, daß diese Wesen nicht nach Beauxbatons hereinkommen könnten. Goldschweif bestätigte das. Die gute Kraft der sechs ersten, darunter die ihr von irgendwoher vertraute Kraft Vivianes, hielt alle bösen draußen. Sie fauchte nur, daß ganz hungrige Mehrkopfvierbeiner um den Wald herumliefen und immer wieder knurrten oder hächelten. Julius nickte. Das waren die Hadesianerhunde, die Beauxbatons bewachten. Er dachte an die Geschichten mit Cerberus dem Höllenhund. Orpheus hatte den mit seiner Musik in Trance versetzt. Herakles hatte die Bestie mit seiner übermenschlichen Kraft gebändigt und entführt. Sollte er das mal darauf anlegen, einen solchen Wauwau mit Musik einzulullen? Aber der Ärger, den er dann mit Professeur Faucon und Madame Rossignol bekam wäre ungleich schlimmer, als von so einer Riesenbestie zerfleischt zu werden. Solange diese Monsterhunde draußen gehalten wurden, konnten sie ihm egal sein.

Abends bestellte Madame Maxime Millie, Gabrielle und Julius über Umwege zu sich ein.

"Ich möchte Ihnen mitteilen, daß die Befreiung des ersten sogenannten Friedenslagers unmittelbar bevorsteht", sagte Madame Maxime. "Didier ist nun endgültig zu weit gegangen. Er hat die Delacours verhaften und wegen Konspiration mit dem Unnennbaren zur Verbannung in eines der Friedenslager aburteilen lassen." Gabrielle erschauerte. "Damit hat er das Schicksal dieser ohnehin fragwürdigen Einrichtungen besiegelt. Ich erhielt diese Nachricht von Léto, Ihrer Großmutter, die mit Ihnen ja in gedanklicher Verbindung steht. Immerhin hat Didiers Friedenswächter Pétain die beiden nicht voneinander getrennt, so daß die Chance, beide noch diese Nacht herauszuholen günstig ist. Und wenn dieses Lager von loyalen Leuten Delamontagnes gestürmt wird, werden auch alle anderen Insassen freikommen. Für diesen Zweck wurde bereits ein besonderer Portschlüssel angefertigt. Das wird Didier übles Ungemach bereiten, wenn diese Aktion erweist, daß ein Friedenslager keine Zuflucht, sondern eine Strafkolonie ist. Die Vorbereitungen laufen schon."

"meine Eltern. Warum die und warum jetzt?" Fragte Gabrielle aufgeregt.

"Dies entzieht sich mir im Moment, weil ich zu Ihren Eltern keine direkte Verbindung halte. Ihre Großmutter Léto gab mir die Kunde. Wie genau möchte ich auch im Schutze der Rose hier nicht preisgeben", erwiderte Madame Maxime.

"Hat Madame Léto Ihnen mitteilen können, ob Madame Delacour ein bestimmtes Lager erwähnt oder ist die bei diesen Einrichtungen offenbar vorhandene Mentiloquismussperre auch bei der Mutter-Tochter-Verbindung von Veelas wirksam?" Wollte Professeur Faucon wissen.

"Apolline Delacour konnte noch das Bild von drei farbigen Flammen übermitteln. Offenbar unterdrückt die Sperre gegen Mentiloquismus nur bedingt die Gedankenverständigung der Veela."

"Das heißt, es ist das Lager Nummer drei, das in der Nähe der schweizer Grenze angesiedelt sein soll", bemerkte Professeur Faucon. "Besteht die Möglichkeit, daß Apolline Delacour eine einfache Ja-Nein-Frage beantworten kann?"

"Die Möglichkeit besteht wohl. Welche Frage ist das?" Wollte Madame Maxime wissen.

"Befinden sich die Schwestern Montferre in diesem Lager?" Gab die Lehrerin die Frage an die Schulleiterin weiter. Diese nickte und gebot allen für eine Weile ruhig zu warten. Sie verließ den Konferenzraum und schloß die Tür von außen. Trotz Klangkerker wagte niemand ein Wort zu sagen. Gabrielle war sichtlich erschrocken und stierte hilflos umher, während Millie und Julius wie zum Angriff bereit dasaßen. Nach fünf Minuten kehrte Madame Maxime zurück und schloß die Tür. Dabei schüttelte sie entschlossen den Kopf. Als die Klangkerkermagie wieder wirkte sagte sie: "Apolline Delacour konnte die Montferres dort nicht sehen und auf Nachfrage erfahren, daß sie dort nie gewesen waren.

"Gut, dann werden wir dem ideenreichen Janus Didier eine doppelte Schmach bereiten", knurrte Professeur Faucon. "Wieviele Spezialisten werden die Delacours und deren Mitgefangene zu befreien versuchen?"

"Professeur Tourrecandide, Madame Matine und Monsieur Pierre. Léto wird ebenfalls dabei sein, um die Position des Lagers zu erspüren. Wir wissen nicht, mit wie vielen Zauberbannen es gesichert ist. Außerdem werden noch acht Personen aus der Liga dabei sein." Sie erwähnte dann noch, wer genau. Professeur Faucon straffte sich und sagte:

"Gut, dann werden meine Tochter Catherine, Monsieur Delamontagne und ich ein weiteres Einsatzkommando führen, sofern Phoebus dem Zustimmt. Ich weiß mittlerweile, wie ich den Sanguivocatus-Zauber verwenden muß, um Familienangehörige zu befähigen, durch alle magischen Barrieren Kontakt mit Blutsverwandten aufzunehmen. Madame Raphaelle Montferre befindet sich ja immer noch in Freiheit. Wenn es gelingt, eine ihrer Töchter oder beide zu orten, wissen wir, in welchem Lager sie sind und können die dortigen Schutzzauber bekämpfen. Ich gehe davon aus, daß Didiers Handlanger für jedes Lager eine ähnnliche Struktur von Schutzzaubern verwenden. Sind die bei zwei Lagern identisch, besteht die große Chance, auch die restlichen sechs Lager zu befreien. Bislang wissen wir, welche Gebäude er dafür vorgesehen hat. Aber durch Unbetretbarkeitszauber sind sie unerreichbar. Wir müssen sogar davon ausgehen, daß eine weiträumige Appariersperre errichtet wurde. Das heißt, wir müssen uns auf Besen nähern. Leider verfügen wir nicht über Harvey-Besen."

"Entschuldigung, daß ich mich unangekündigt einschalte", ertönte Jane Porters Stimme aus einem der Gemälde. "Aber das Problem mit Fernbeobachtungszaubern hat Mr. Hammersmith schon vor fünf Jahren gelöst, weil es ja durchaus vorkommen kann, daß Mitarbeiter des Laveau-Institutes unaufspürbar an einen bewachten Ort gelangen müssen. Er hat Vorrichtungen zum Tragen an Besen und/oder Personen entwickelt, die pro Tag Aufladungszeit zwei Stunden lang alle erdenklichen Beobachtungszauber unterbinden, sowohl Exo- und Introsenso, als auch Bildverpflanzung, Überwachungszauber und Menschen- und Lebensquellfinder. Mit gängigen Tarnzaubern können Sie sich selbst unsichtbar machen. Die Besen werden dann zu unort- und -verfolgbaren Objekten."

"Bedauerlicherweise befindet sich diese Ausrüstung in der Werkstatt eines Quinn Hammersmith in einem abgeschotteten Land in einem mit Sicherheitszaubern gespicktem Gebäude und wohl dazu noch in einem mit Sicherheitszaubern versehenen Raum. Wie sollen wir dort hingelangen? Auf welche Weise können wir Mr. Hammersmith zur Herausgabe dieser bestimmt wertvollen Artefakte veranlassen, ohne gleich gewalttätig zu werden?" Fragte Professeur Faucon.

"Quinn hat in seiner Werkstatt nicht so viel Platz für die Lagerung von bereits erprobter Ausrüstung. Ich habe es eingerichtet, daß ich dort eben hin kann um wiederverwertbare Ausrüstungsgüter zu holen, wenn ich sie brauche. Einen Kontraspektor, so nennt Quinn diese nützlichen Kleinodien, habe ich damals schon für mich allein gesichert, für den Fall, daß ich in die Nähe stark beschirmter Gebäude müßte. Ich sorge dafür, daß Sie zwanzig Stück davon erhalten. Nach Gebrauch überlassen Sie sie der Quelle, aus der sie sie erhalten haben!"

"Wie schnell können diese Artefakte zur Verfügung gestellt werden?" Fragte Madame Maxime.

"Innerhalb von zwanzig Minuten werden sie auf eine Professeur Faucon bekannte Weise bei ihr eintreffen", antwortete Jane Porter. Dann verließ sie das Bild, in dem sie Stand, trat in ein anderes hinüber und verschwand unter dem unteren Rahmen wie eine Taucherin unter der Wasseroberfläche.

 

"Gut, dann solte ich mich zum Empfang dieser Gegenstände einfinden", sagte Professeur Faucon. Madame Maxime erlaubte ihr, sich zu entfernen.

"Madame Latierre, bitte finden Sie sich mit jenem kleinen Bild, über das Sie Kontakt zu Ihrer Familie halten in fünf Minuten wieder bei mir ein! Monsieur Latierre, bitte bringen Sie Mademoiselle Delacour zurück in den grünen Saal und versehen Sie Ihre Aufsichtspflicht als stellvertretender Saalsprecher! Ich denke, Sie werden im Moment nicht mehr benötigt und alles läuft zur vollsten Zufriedenheit ab." Julius nickte und verabschiedete sich von der Schulleiterin. Er bedauerte es zwar, nicht weiter mitzubekommen, wie das mit der Befreiungsaktion laufen sollte. Andererseits konnten das wirklich diesmal die ausgebildeten Hexen und Zauberer alleine erledigen. Ihm war nicht so ganz wohl dabei, diese berüchtigten Friedenslager anzugreifen. Außerdem war er sich sicher, daß Madame Rossignol ihn bestimmt wieder tadeln würde, wenn er sich auf irgendwelche nächtlichen Ausflüge einließ.

Als er Gabrielle im grünen Saal abgeliefert hatte, übernahm Yvonne Pivert sie unverzüglich und führte sie zum Erstklässlerschlafsaal. Julius sah auf seine Uhr. War es denn wirklich schon viertel Nach neun? Die arme Gabrielle mußte um halb Zehn im Bett liegen, falls sie keine schriftliche Begründung für das länger Aufbleiben beibringen konnte. Sogesehen war er als Fünftklässler und Silberbroschenträger besser dran. Er konnte bis Mitternacht aufbleiben. Außerdem war morgen Sonntag. Er fragte sich, ob die Insassen der Friedenslager drei und wo auch immer Bine und San gefangensaßen morgen einen Grund zum Feiern oder die Widerstandsbewegung um Phoebus Delamontagne einen Grund zur Trauer haben würden.

Er hatte sich zur Ablenkung ein Buch über Zauberkunst aus seiner tragbaren Bibliothek herausgeholt, als Madame Rossignol ihn über das Armband anzitterte.

"Julius, komm bitte zu mir in den Krankenflügel. Es geht um die weitere Unterbringung deiner Mutter", sagte sie. Julius verstand das zwar nicht, weil durch Antoinettes Ritual kein Muggelabwehrzauber mehr auf seine Mutter wirkte. Aber er nutzte die Gelegenheit, den grünen Saal noch einmal zu verlassen. Giscard war eh mit der Bettkontrolle dran.

"Daß ich das wegen deiner Mutter für eventuelle Mithörer sagte dürfte dir klar sein, sagte die Schulheilerin, als sie einen üblichen Klangkerker aufgebaut hatte. "Die gute Blanche Faucon hat mich durch Viviane gebeten, mit dir auszuharren, bis sie von Madame Reichenbach zurückgebracht wird. Zwar wollte sie dich erneut als Transporthilfe einspannen. Doch ich konnte mich diesmal durchsetzen, zumal die Yankee-Dame mit dem Blumenkleid in Schutz- und Abwehrzaubern besser ausgebildet ist und noch dazu einige Voodoo-Tricks kennt. Da sie ja zudem ebenfalls ein Intrakulum besitzthabe ich entschieden Veto eingelegt. Ich drohte ihr an, dich per Infanticorpore-Zauber vollständig zu verjüngen und dich ihrer Tochter zur Pflege zu überlassen, bis du alt genug seist, die ausstehenden Schuljahre unter der Aufsicht von Madame Eauvive nachzuholen. Ich habe die Heilerklausel zitiert, die derartige Rehabilitationsmaßnahmen regeln. Oder wärest du dann lieber zu deiner Schwiegertante Béatrice umgezogen?"

"Sie wissen, daß ich durch die Sache mit Hallitti keinen klaren Altersüberblick mehr habe?" Erschrak Julius. Madame Rossignol wußte das natürlich. "Sowie Professeur Faucon", fügte sie noch an. "Die Vorstellung, daß du von ihrer Tochter neu aufgezogen werden müßtest behagt ihr nicht. Immerhin scheint es mir so, als wolle sie dich im nächsten Jahr bereits durch die UTZ-Prüfungen schicken. Sie hat eingesehen, daß ich diesmal das längere Ende vom Besenstiel in der Hand halte. Deine Frau ist bei Madame Maxime. Sie hat erlaubt, daß du bei ihr wartest, bis die Aktion erledigt oder es kurz vor Mitternacht ist. Spätestens dann solltest du in deinem Schlafsaal sein."

"Dann muß ich denen was erzählen, wenn Giscard, Céline und Yvonne noch wach sind", sagte Julius.

"Schlicht und ergreifend, daß deine Mutter durch diverse Versuche meiner Kollegin Madame Matines mit einer geringeren Dosis des Trankes auskommt und daher bis Februar in Millemerveilles verbleiben kann. Da wir hier ja alle die Weihnachtstage zu verbringen haben besteht dann ja die Möglichkeit, über Vivianes Bild mit deiner Mutter zu sprechen. Es sei denn, wir alle erhalten dieses Jahr noch das ganz große Weihnachtsgeschenk, und Didier und Pétain sind bis dahin aus Amt und Würden verdrängt, die Kaminsperren und die Belagerungen aufgehoben, und du könntest wie alle anderen zu deiner Mutter in die Ferien."

"Kann sein, daß das diese Nacht schon angeleiert wird", sagte Julius zuversichtlich. Er dachte jedoch daran, daß Didier seinen Posten mit Klauen und Zähnen verteidigen würde. Und dieser Pétain, der zwar so einfältig war, sein eigenes Veritaserum zu schlucken, aber sonst bestimmt nicht so leicht zu beeindrucken war, würde ebenfalls nicht auf seinen schönen Posten verzichten. Da müßte wirklich schon was umwälzendes passieren, beispielsweise der Tod Voldemorts oder eine klare Bestätigung, daß Didier von Anfang an für den gearbeitet hatte. Doch er glaubte nicht mehr an den Weihnachtsmann. Nach einer kurzen Voranmeldung über Serenas Bild-Ich wandschlüpfte Julius in die Nähe des Bildes mit dem streibaren Königspaar. Jetzt war es viertel vor zehn. Als er bei Madame Maxime ankam, diktierte Millie ihrem Postschmetterling gerade eine weitere Nachricht:

"... soll Raphaelle sich bereithalten, um ihre Tochter per Suchzauber zu erreichen. Ende!" Der bunte Schmetterling gab ein wie auf dem Kamm geblasenes Trötsignal von sich und flitzte mit flinken Flügelschlägen nach rechts oben aus dem Bild.

"Habe ich dir schon gesagt, daß ich mir sowas auch zu Weihnachten wünsche", meinte Julius zu Millie.

"Hmm, das mit den Geschenken wird wohl dieses Jahr nichts", grummelte Millie. Madame Maxime deutete auf einen freien Stuhl und dann auf eine leicht silbrige Leinwand. Zwei Meter davon entfernt befand sich ein dreifußstativ mit einer rechteckigen verstellbaren Halterung und etwas, das wie ein silbernes Ohr oder eine Muschelschale aussah. "Ihre Gattin staunte nicht schlecht, als ich ihr beschrieb, was diese Konstruktion darstellt, Monsieur Latierre. Diese Vorrichtung wurde vor zwanzig Jahren entwickelt, um die via Zweiwegspiegel übertragenen Bilder und Geräusche zu vergrößern und zu verstärken, und zwar so, als stehe der Kontakt in Lebensgröße vor uns. Darüber hinaus ist es möglich, von der magischen Spiegelfläche eingesammelte Bilder der Umgebung wie durch ein Fenster zu beobachten. Meine Mitarbeiterin wies mich darauf hin, daß Sie einen Zweiwegespiegel besitzen, dessen Gegenstück sie in Besitz hat. Bitte befestigen Sie ihren Spiegel mit der Spiegelfläche zur Leinwand hin!" Julius staunte nicht schlecht. Eine Vorrichtung, die die sonst winzigen Bilder aus dem Spiegel an diese zwei mal zwei Meter große Folie werfen konnte. Er erkannte auch ein kugelförmiges Gebilde über der Leinwand. Das war bestimmt ein magischer Lautsprecher, der jeder Stereoanlage ebenbürtig war. So montierte er den Spiegel so, daß die silberne Muschel fest an der Rückwand anlag und die Spiegelfläche der silbernen Wand zugekehrt war. Kaum hatte er den verstellbaren rahmen ordentlich fest um seinen Spiegel geschlossen, leuchtete die Wand in einem flimmerfreien warmen Licht auf. Nichts von wegen Spiegelung.

"Wer hat denn diese geniale Vorrichtung gebaut?" Fragte Julius.

"Agilius Dornier, Monsieur Latierre. Er wollte sich bei uns für die sieben wichtigsten Jahre seines Lebens Bedanken", sagte Madame Maxime. Dann erschien, wie hinter einem erleuchteten Fenster, Professeur Faucons Gesicht wie in Nahaufnahme. "Aha, die Verbindung steht", hörten sie ihre Stimme wie direkt in den Raum gesprochen. Julius fühlte den Adrenalinstoß. Das war ja besser als Fernsehen, und ganz bestimmt live.

"Blanche, ich hoffe, Sie und Ihre Begleiterin sind gut an den Ausgangspunkt gelangt", sagte Madame Maxime. Julius wunderte sich, daß der Klangkerkerraum die Spiegelverbindung erlaubte und fragte die Schulleiterin leise danach.

"Der Projektionsverstärker verzehnfacht die Verbindungskraft", wisperte Madame Maxime. Währenddessen beschrieb Professeur Faucon, daß sie gerade vom Grundstück Madame Eauvives disappariert seien und gleich ins Château Tournesol hinüberwechselten, wo sie Madame Raphaelle Montferre so leise es ging abholen würden.

Wenige Sekunden später wischte etwas schwarzes durch das Bild, und Julius vermeinte ein dumpfes Wupp zu hören. Das übertrug also der Spiegel, wenn jemand apparierte. Sofort sah und hörte er das Feuerwerk über dem Schloß. Es zischte, fauchte, schwirrte, pfiff, heulte und krachte in einer Tour. Dann sah Julius die große rothaarige Raphaelle Montferre mit drei Besen aus dem Portal kommen. Über ihr loderten bunte Feuer. Julius fragte sich, wo Jane Porter war. Doch da wurde er von einem neuerlichen Wupp mit schwarzem Schlierenspiel abgelenkt. Die Absetzbewegung aus dem Sonnenblumenschloß hatte unhörbar funktioniert. Wenn Florymonts Restkraftresonatoren noch gingen, würde dieser Raumsprung ein über das ganze Land Laut hallendes Superecho erzeugen, daß alle Spürvorrichtungen übersättigte. Dann sah Julius die dunkle Landschaft aus der Besenflugperspektive. Schade, daß der Spiegel keine Restlichtverstärkung hinbekam. Doch es ging zunächst nur auf ein Hochplateau. Dort beobachtete Julius, wie jemand anderes den Spiegel übernahm, damit Professeur Faucon und Madame Montferre zu sehen waren. Julius erkannte die Vorbereitungen für das Sanguivocatus-Ritual. Damals hatte er mit Mrs. Porter von jenem Haus aus, in dem sein Vater im Bann Hallittis seine letzten Opfer geholt hatte damit losgelegt. Doch offenbar war das heute nicht nötig, auch wenn es bestimmt durch eine starke, magische Barriere gehen würde.

"Blut der Ahnen, Blut der Lebenden, verbunden durch alle Zeiten,
hilf uns die Mutter zur Tochter zu leiten!" Hörten die drei Beobachter Professeur Faucon eine Litanei singen, während sie aus Raphaelles Arm Blut in einem verzierten Kelch auffing. Julius fühlte sich unmittelbar in jenes verwüstete Zimmer in Ohio zurückversetzt, wo Jane Porter diesen Zauber mit ihm durchgeführt hatte. Als der Kelch fast voll war, stieß Professeur Faucon noch ein fremdartiges Wort aus. Dann bestimmte sie mit dem Vier-Punkte-Zauber die genaue Nordrichtung, zauberte ein frei in der Luft schwebendes X aus lodernden Flammen und ließ Raphaelle Aufstellung nehmen, daß sie die Flammenmarkierung im Blick behielt. Julius Erklärte Millie so leise er konnte, wozu das gut war und kommentierte auch die zweite Stufe. Professeur Faucon tunkte ihren Zauberstab in den Kelch mit dem Blut ein und malte damit mehrere Zeichen auf den glatten Boden. Dabei sprach sie Julius unbekannte Zauberwörter und umschritt Raphaelle, daß diese am Ende den Mittelpunkt eines magischen Kreises aus mit ihrem Blut gezeichneten Symbolen bildete.

"Jetzt muß sie eine ihrer Töchter rufen", wisperte Julius. Madame Maxime hörte ihm genauso aufmerksam zu wie Mildrid. Tatsächlich rief Raphaelle Montferre nach Sabine, ihrer ältesten Tochter. "Außer einer Barriere ist auch der Abstand entscheidend. Die Rufe brauchen pro zehntausend Männerschritte eine Sekunde, bis sie den Gerufenen erreichen können, wenn keine Barriere existiert, hat Mrs. Porter mir erklärt", wisperte Julius, während Professeur Faucon um den Kreis aus Blutsymbolen herumschritt, den Zauberstab senkrecht aufgerichtet und dabei einen mysteriösen Singsang anstimmte, in dem ihre ganze Entschlossenheit mitschwang. Es dauerte zwanzig Sekunden, da begann das in Südostrichtung weisende Symbol zu glühen, leuchtete immer heller, bis es so hell wie eine Straßenlaterne erstrahlte. Die Verbindung stand. Über dem Symbol konnte Julius eine schwach glimmende Erscheinung ausmachen. Übertrug der Spiegel also nicht nur natürliche, sondern auch magisch erzeugte Bilder, stellte er fest. Vielleicht hing das aber auch von der person ab, die den Spiegel berührte, was das Gegenstück zeigte, dachte er, während er die rötlich glühende, geisterhaft durchsichtige und immer konturschärfer werdende Erscheinung beobachtete. Es war eindeutig die Gerufene, die voll konzentriert dastand. Doch hinter ihr stand noch jemand, eine Hexe, von der Schattierung her eine Nachfahrin afrikanischer Menschen, die ihre rechte Hand auf der Schulter der jungen Hexe ruhen hatte, bis beide undurchsichtig und wie in das Licht des strahlenden Symbols gebadete Originalansichten aussahen. Sabine hatte sich verändert. Ihr Haar war auf einen kümmerlichen Rest zurückgestutzt worden. Sie trug einen grauen Umhang mit der Aufschrift FL 5 und wirkte angespannt, aber auch angenehm überrascht.

"Huch, das ist Lévande Rafiki", hörten sie Jane Porters überrascht klingende Stimme. "Habe schon lange nichts mehr von ihr gehört." Julius betrachtete die hagere Frau mit der mittelbraunen Hautfarbe und der dunkelbraunen Naturkrause. Auch sie trug diese graue Lageruniform mit der Aufschrift FL 5, wirkte jedoch nicht so angespannt wie Sabine, sondern im höchsten Maße triumphierend, als habe sie gerade einen großen Sieg errungen oder eine lebenswichtige Prüfung mit Auszeichnung bestanden. Professeur Faucon sah die beiden Erscheinungen erfreut lächelnd an, während Raphaelle Montferre in konzentrierter Haltung dastand. Dann holte die Lehrerin einen zusammengefalteten Plan aus ihrem Umhang, betrachtete ihn und nickte. Mit einer Dankesgeste deutete sie auf die wie vollständig apparierte aber über dem leuchtenden Symbol schwebende Erscheinung der beiden Hexen. Dann vollführte sie mit dem Zauberstab eine sachte Kreisbewegung über Raphaelle hinweg. Die heraufbeschworene Erscheinung glühte hell auf und verschwamm, um mit dem Leuchten des magischen Symbols zu verschmelzen. Dieses wurde darauf innerhalb einer Sekunde so dunkel wie alle anderen Symbole. Über dem gemalten Kreis flimmerte es rötlich. Julius vermeinte, ein leises Knistern und Prasseln zu hören. Dann sah er, wie die gemalten Zeichen zu kleinen Flammen wurden, die aufloderten und dann erloschen. Von den gemalten Symbolen war nichts mehr übrig. "Sie hat die Magie kontrolliert aufgehoben", hörten sie Jane Porters Stimme, deren Besitzerin außerhalb des sichtbaren Geschehens stehen mochte.

"Professeur, das war ja einmalig", sagte Raphaelle. "Ich konnte mit Bine Wörter und Bilder austauschen. Sie wartet auf uns."

"Wir hatten unerwartete Hilfe", erwiderte Professeur Faucon. "Dann stimmt es doch, daß die werte Madame Rafiki auch in einem dieser Lager verschwunden ist. Sie beherrscht afrikanische Ritualmagie besser als ich und hat den Aufspürzauber erfaßt und für uns verstärkt. Lager fünf also."

"Bine und Sandra sind dort mit hundert anderen, darunter die Lefeus und Suzanne Didier", erwiderte Raphaelle Montferre. Julius stutzte. Suzanne war in einem Friedenslager? Dann nahm dieser Diktator in Paris wirklich keine Rücksicht. Doch warum war Suzanne in diesem Lager? Hatte die echt was gemacht, was ihren Onkel verärgert hatte?

"Teilen Sie bitte Madame Léto mit, wir wissen, wo das zweite Lager ist, Madame Maxime. Wir brechen auf, wenn wir die Truppe zusammenhaben. Wo das Lager ungefähr liegt wissen wir von Madame Andrews. Es zu enthüllen dürfte das größere Problem sein."

"Die Kontraspektoren werden die Spiegelverbindung unterbrechen", wisperte Jane Porter. "Erst wenn wir das Lager enttarnt haben können wir sie wieder ablegen. Bis dahin bitte keine Panik!"

Professeur Faucon erhielt wohl den Spiegel zurück, was an einem heftig wackelnden Bild zu erkennen war. "Dann los!" Trieb die Lehrerin sich und ihre Begleiter an. Dann wirbelte wieder dieses schwarze Schlierenmuster durch das Bild. Die Beobachter in Beauxbatons sahen und hörten wie Hexen und zauberer auf Besen, tausende mochten es sein, über ihnen kreisten. Da fiel Julius auf, daß es viele gleich aussehende Leute waren wie Klone. Womöglich hatte da wer den Selbstbildvervielfältigungszauber benutzt, mit dem Blanche Faucon die Alarmtruppe japanischer Zauberer verwirrt hatte, dachte Julius. Dann sah er zwanzig Leute mit geschulterten Besen apparieren und durch eine flimmernde Barriere treten. Catherine und Monsieur Delamontagne hatten zwei Besen geschultert. Diese wurden an Professeur Faucon und Raphaelle Montferre weitergereicht. Dann wirbelte wieder mit lautem Wupp das schwarze Schlierenmuster durch das Bild und hinterließ eine veränderte Landschaft. Madame Maxime stand auf und verließ wortlos den Konferenzraum, von dessen nur halb erleuchtetem Kronleuchter eine weiße Rose herabhing. Eine Minute später war sie wieder da, schloß die Tür und meldete entschlossen: "Madame Létos Gruppe trifft gleich ein, Blanche." Die Lehrerin nickte und deutete nach hinten, wo Julius nun einen aus dem Nichts auftauchenden Rucksack erkannte. professeur Faucon öffnete den Transportbehälter und holte goldene Halsbänder heraus, an denen Julius je drei pyramidenförmige Kristallkörper erkennen konnte. Dann wisperte sie: "Wenn die zweite Einsatzgruppe bei uns ist legen wir die Kontraspektoren an. Das wird die Spiegelverbindung unterbrechen. Ich unterbreche den Kontakt besser auf übliche Weise, um keine unliebsamen Störeffekte auszulösen. Wenn wir das Lager erreicht und enthüllt haben, kann ich die Verbindung wieder herstellen." Madame Maxime bestätigte die Unterbrechung und sah wie die beiden anderen Beobachter, wie das Bild verschwand und nur das warme Hintergrundleuchten auf der magischen Projektionsfolie glomm.

"Spannend wie eine Mondlandung", sagte Julius. "Ich verstehe zumindest jetzt, was die Leute damals so toll an den Bildern vom Golfkrieg fanden. Das Gefühl, bei irgendwas dabei zu sein, ohne sich selbst in Gefahr bringen zu müssen ist echt da."

"Immerhin erkennen Sie, daß das Vorhaben gefährlich ist", bemerkte Madame Maxime dazu. "Ich hoffe nur inständig, daß es ohne Verluste verläuft."

 

__________

 

Sabine und Sandra saßen mit Suzanne Didier in ihrer Baracke und beobachteten die Patrouille der Wächter. Irgendwie hatten sie das Gefühl, als dürften sie jetzt noch nicht in diese Feldbettartigen Kojen. Sabine dachte daran, daß sie nun mehr als einen Monat in diesem Lager festsaßen. In wenigen Tagen würde es Weihnachten sein. Zumindest würde sie an diesem Tag nicht alleine sein. Doch in dieser Strafkolonie würde eh keine rechte Feierstimmung aufkommen. Da fühlte sie, wie etwas gutmütiges in ihrer Nähe erschien. Sie konnte nichts sehen. Doch irgendwie fühlte sie, woher diese gutmütige Ausstrahlung kam und konzentrierte sich darauf. Dann dachte sie an die merkwürdige Hexe Lévande, die ihnen in diesem Lager wie ein Ruhepol und sicherer Halt vorkam. Dann hörte sie die warme Stimme der halbafrikanischen Hexe: "Man ruft nach dir. Ich helfe dir, zu hören und zu antworten." Da meinte Sabine, eine warme, schlanke Hand auf ihrer rechten Schulter zu fühlen. Ein Schauer wie von einem aufmunternden Getränk durchflutete sie. Ihre Sinne wurden schärfer, und sie meinte, das Atmen aller Leute in allen Baracken zu hören, durch die Fenster immer weiter in die Landschaft zu blicken und alle Gerüche verstärkt wahrzunehmen. Dann glaubte sie, aus weiter Ferne ihre Mutter rufen zu hören. Sie drehte sich in die Richtung, aus der die seit Beginn ihres Lebens so vertraute Stimme kam, hörte sie immer deutlicher. Dann öffnete sie den Mund. "Nur Denken", zischte Lévandes Stimme in ihrem Kopf. Sie schloß ihren Mund und konzentrierte sich wieder. Die Stimme ihrer Mutter kam immer näher. Sie dachte so, als wolle sie es rufen: "Raphaelle, ich bin hier! Hier bin ich, Raphaelle!" Anders als die meisten Kinder hatte sie nie Maman zu ihrer Mutter gesagt. Irgendwie hatte Raphaelle das gar nicht haben wollen. Ihre Mutter antwortete. Ja, und da konnte sie sie von rotem Licht umflossen vor sich sehen. Sie fühlte immer noch Lévandes Hand auf ihrer Schulter ruhen und sah ihre Mutter nun so, als stünde sie direkt vor ihr. "Ich bin hier, Raphaelle!" Dachte sie, und wie in einer mächtigen Kuppelhalle klangen ihre Worte nach. Dann berührten ihre Blicke einander, und Sabine sah eine Flut von Bildern, hörte Worte und Geräusche und wußte, daß sie im gleichen Moment ebenfalls Erinnerungen von sich weitergab. Sie sah die Flucht ihrer Eltern, wie sie im Château Tournesol waren und hörte, daß geplant war, sie zu befreien. Sie dachte dabei selbst "Lager fünf, bin mit San zusammen, mit den Lefeus und Suzanne Didier. Léon Garout und Tisiphone bewachen uns. Paßt auf die beiden auf! Keine Ahnung, welche Zauber die aufgebaut haben."

"Ich komme mit Professeur Faucon, Catherine und einer Bekannten von Professeur Faucon, die nicht erkannt werden möchte", empfing sie Raphaelles Antwort. "Bleibt in eurem Schuppen und wartet, bis wir euch rausholen!"

"Wir bleiben im Schuppen", versprach Sabine. Dann ebbte die magische Verbindung ab. Sie kehrte in ihr Hier und Jetzt zurück. Lévandes Stimme durchdrang noch einmal ihren Geist: "Sie wissen, wo wir sind. Befolge, was deine Mutter dir auftrug!"

"San, wir kriegen bald Besuch", flüsterte sie ihrer wenige Minuten jüngeren Schwester ins Ohr. Diese wisperte zurück:

"Träumst du schon? Wer soll uns hier besuchen, wo der Werwolf da draußen gleich wieder heult."

Sabine deutete zur Antwort nur auf ihren Brustkorb. Sandra grinste verhalten. Offenbar hatte sie den Hinweis korrekt verstanden. Doch dann fragte sie noch: "Wie soll das denn gehen, wo wir nicht wissen, wo wir sind?"

"Suchzauber, San", flüsterte Sabine auf der Hut vor Mithörzaubern. Dann schwieg sie. Sie hoffte, daß es wirklich klappte. Draußen stieß Garout ein klagendes Geheul aus. Dieser geborene Werwolf brauchte keinen Vollmond, um sich in einen Werwutanfall hineinzusteigern. Damit konnte er die Gefangenen noch besser in Schach halten. Denn von einem Werwolf gebissen oder zerfleischt zu werden wollte wirklich niemand hier riskieren. Sabine dachte sorgenvoll daran, daß die angekündigte Befreiungstruppe mit diesem Risiko fertig werden mußte. Zumindest aber hatte sie ihre Mutter warnen können. Wenn Professeur Faucon mitkam, bestand sogar die Möglichkeit, diese Bestie zu bändigen, bevor sie ihre Werzähne in unschuldige Leute reinschlagen konnte. Einerseits bangte sie darum, daß die Befreier gegen eine zu starke Übermacht anrennen mochten. Andererseits hofte sie, diesem wahr gewordenen Alptraum entrinnen zu können. Sie wollte nicht daran denken, was passieren würde, wenn das nicht gelänge.

Die Zeit kroch träge dahin. Auf etwas erhofftes zu warten war wie eine Folter, fand Sabine. Da sie keine womöglich magischen Gegenstände behalten durften konnte sich Sabine nur auf die gleichmäßig tickende Standuhr im Zentrum des großen Raumes innerhalb der Baracke verlassen. Tick tack tick tack! Lief da ihre Lebenszeit ab? Oder trippelte mit jeder dahintickenden Sekunde die Rettung heran, bereit, sie aus Didiers Irrsinn herauszuholen? So verstrichen Minuten. Als Sabine nach einer elend langen Warterei wieder auf das Zifferblatt der Standuhr blickte, war gerade eine Viertelstunde um. Wie lange mochte es dauern, bis ihre Mutter und die anderen wußten, wo das Lager war? Sie war sich sicher, daß sie zumindest die Richtung herausbekommen hatten. Aber sie wußte ja überhaupt nicht, von wo aus Raphaelle den Rufzauber ausgeführt hatte. Womöglich lag um dieses sogenannte Friedenslager eine Appariermauer, die mehr als einen Kilometer weit reichte. Dann hörte sie ein lautes Angriffsgeheul. Sie eilte mit Sandra zum Fenster und sah, wie Garout in seiner Wolfsgestalt davonjagte, Richtung Burgmauer. Auf der Mauer standen mehrere Zauberer in den Umhängen der Landfriedenstruppe. Sie sollten wohl nach außen hin aufpassen, während andere Wächter im Steingebäude und dem Burgfried das Lager selbst überwachten. Garout sprang immer wieder an der Mauer hoch und Kleffte wie ein losgelassener Bluthund. Die Wächter im Wehrgang wagten nicht, hinunterzuklettern. Auch von denen wollte keiner von einem Werwolf gebissen werden. sie blickten sich andauernd um. Doch offenbar sahen sie nicht, was den Lykanthropen so wütend machte.

"Halt's Maul, Léon!" Schrillte Tisiphones Stimme vom Turm her. "Da is nix!" Schickte sie noch nach. Doch Sabine war sich sicher, daß der Werwolf eine Veränderung hörte. Womöglich konnten seine feinen Ohren näherkommende Feinde erfassen. Vielleicht witterte er auch nur frisches Menschenfleisch, an das er nicht herankam, solange das mächtige Burgtor versperrt war. "Der wird wohl jetzt komplett verrückt!" Rief einer der Wächter von der Mauer her. "Da ist nichts zu sehen. Habt ihr was?"

"Nix und noch mal nix!" Keifte Tisiphone. "Léon gib Ruhe, verdammt!"

"Brat ihm den Schocker über!" Rief ein Wächter von der vfür Sabine aus nicht zu sehenden Seite des Burghofes. Lichter flammten in den Baracken auf. Getuschel setzte auch in ihrer Baracke Nummer sieben an. Alle wachten von dem irrsinnigen Gekleff und den Rufen der Wächter auf. Garout preschte derweil in die Richtung, aus der die Aufforderung gekommen war, ihn zu schocken. Doch Tisiphone rief schnell: "Nicht schocken. Der hält die Leute drin!" Offenbar befolgte man ihre Anweisung. Denn das wütende Jaulen und Blaffen des Lykanthropen klang weiter.

"Der ist der einzige, der merkt, was abgeht", flüsterte Sabine ihrer Schwester zu. Diese nickte nur, während die anderen sich vor den Fenstern drängten. Zu sehen war jedoch nichts. So vergingen einige Minuten, bis wie aus heiterem Himmel blaue und silberne Lichtvorhänge über den Himmel herabfielen und rot-blaue Blitze wie Elmsfeuer über die Mauerkrone zuckten. Sofort war wilder Tumult unter den Wächtern. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sie hatten auch niemanden gesehen oder dergleichen. Es zischte laut und überall wiederhallend, als zwei weitere silberne und blaue Lichtvorhänge wie geisterhaft verfärbte Polarlichter über dem Lager erglühten, die nun bis zum Boden reichten. Dann knatterte, wummerte und prasselte es, und alle, Wächter und Gefangene, meinten in einer ständig auftauchenden und verschwindenden Landschaft zu stehen, die alle Farbe verloren hatte. Dann rollte ein Donnerschlag wie von einer hundert Meter durchmessenden Pauke hallend über sie alle weg, und die Welt bekam ihren Bestand und ihre Farben zurück. Sofort schrillte der Alarmzauber los, begleitet von einem rhythmischen Tröten und der magischen Warnung: "Achtung, Eindringlinge!"

Alle Bewohner der Baracke drängten zum Fenster, um zu sehen, was draußen vorging. Gerade konnte Sabine eine Gestalt auf einem Besen ausmachen, die in zwei ihr entgegenfliegende Zauber hineinraste, diese jedoch mit einem großen Schild abwehrte. Auch von oben stießen fliegende Hexen und Zauberer herab und schleuderten ihrerseits Zauberflüche gegen den Turm, von dem aus sie schon unter magisches Feuer genommen wurden. Die Wächter auf der Mauer schlugen mit Verteidigungszaubern los. doch die Angriffe verfehlten ihre Ziele. Dann krachte es mehrfach am Tor. Sofort konzentrierte sich die Abwehr auch darauf. Garout raste im gestreckten Galopp in Richtung des Portals, genau in zwei von oben niedersausende Schockzauber hinein. Mit einem ohrenbetäubenden Jaulen fiel der Werwolf um. Zwei Schocker waren auch für den Lykanthropen zu viel. Dann entbrannte eine offene Zauberschlacht zwischen den blitzartig im Hof gelandeten und den vor dem Tor angetretenen Eindringlingen auf der einen und Tisiphones Wachmannschaft auf der anderen Seite. Doch schnell stellte sich heraus, daß die Wächter in der Unterzahl waren. Mindestens zwanzig Hexen und Zauberer auf Besen und zu Fuß beharkten die Mannschaft. Schocker und silberne Fächer, Erstarrungszauber und magische Fesseln setzten einen nach dem anderen außer Gefecht. Dann sah Sabine Tisiphone auf die Baracke zielen, in der sie, San und Suzanne wohnten. "Sofort aufhören, oder ich fackel die Bude ab!" Schrillte sie, während sie von treuen Kollegen flankiert wurde, die ihr geltende Angriffe parierten. Einer der Wächter deutete auf den betäubten Garout und weckte ihn wieder auf. Wütend warf sich der Werwolf herum und ging auf eine Hexe im Mauvefarbenen Umhang los. Diese stand fest wie ein Felsen in der Brandung da, den Zauberstab auf die heranstürmende Bestie gerichtet. Da schlug ein silberner Lichtstrahl heraus, hüllte Garout ein und ließ ihn laut aufheulend erschlaffen. Er rutschte vom eigenen Schwung getragen einige Meter weiter. Sein gerade noch bedrohlich geöffnetes Maul wies zum Boden. Der buschige Schwanz des Lykanthropen hing schlaff herab. Als habe das Licht ihm jede Blutgier und Mordlust ausgetrieben. In den nächsten Sekunden umfloß den Werwolf weißer Nebel, der sich in einem Moment zu einer ovalen Schale verfestigte. "Expellamus!" Rief Tisiphone auf die Hexe in Mauve zielend. Doch es knallte nur wie von einer langen, unsichtbaren Peitschenschnur. Mehr passierte nicht.

"Expelliarmus!" Stieß Professeur Faucon wütend aus. Tisiphone wollte dem scharlachroten Blitz ausweichen. Ihre beiden Flankenschützer versuchten, sich vor sie zu werfen. Doch aus unsichtbarer Quelle erblühte ein silberner Lichtschirm vor Professeur Faucon. Die ihr entgegengefeuerten Zauber prallten mit lautem Pong und Klong dagegen. Ihr Entwaffnungszauber erwischte Tisiphones Zauberstabarm und riß ihr den Stab aus der Hand. Der Stab segelte in hohem Bogen durch die Luft und landete zielgenau vor der Tür zur Baracke. "Hundertmal habe ich Ihnen diesen Zauber vorgeführt, Mademoiselle Lesauvage", schnarrte Professeur Faucon dann noch. Sabine besann sich nicht lange, hechtete zur Tür, riß sie auf und warf sich nach vorne. Mit der linken erwischte sie den entwundenen Zauberstab ihrer Peinigerin und zielte auf einen der noch stehenden Wächter, der gerade Catherine Brickston vor sich auftauchen sah. "Avada ..." Rief der Wächter nun wild entschlossen. Da umglänzte ihn jenes silberne Licht, daß den Lykanthropen Garout kampfunfähig gemacht hatte. Der Wächter, der gerade noch das zweite Wort des Todesfluches ausrufen wollte, erstarrte und stand dann da, als wisse er nicht mehr, wo er sich befand. Der Zauberstab entfiel seiner Hand. Tisiphone indes stürzte auf die Barackentür zu, hinter der Sabine mit ihrem Zauberstab bereitstand. "Das ist meiner, du Auswurf einer schmutzigen ..."

"Deterrestris!" Schnarrte Sabine. Tisiphone verlor den Boden unter den Füßen und stieg erschreckt kreischend und mit Armen und Beinen rudernd nach oben. Der Schwung ihres Sturmlaufes trug sie über das Dach der Baracke und ließ sie immer höher nach oben schnellen, wie eine Luftblase durch Wasser. "Dafür mach ich dich tot!" Rief einer der Wächter von der anderen Seite her und zielte auf Sabine, die geistesgegenwärtig in die Baracke zurückhechtete. Doch der Wächter konnte seine Drohung nicht ausführen, weil eine hochgewachsene Hexe mit wallendem roten Haar mit einer energischen zauberstabbewegung einen roten Schockblitz abfeuerte, der den Wachzauberer am Bein erwischte und von der Mauer fallen ließ. Einer der gelandeten Befreiungstruppler ließ ihn federleicht auf den Boden sinken, bevor er ihn mit einem magischen Netz einwickelte.

Hohl klingendes Heulen klang über das Schrillen und tröten der Alarmzauber hinweg. Garout war aus der merkwürdigen Lähmung erwacht und versuchte nun, gegen die ihn umschließende Kapsel anzukämpfen. Jetzt waren es wohl nur noch zwei Wächter im Turm. Diese griffen mit Zauberflüchen an. Der Turm widerstand Gegenschlägen. Offenbar waren Schildzauber eingewirkt worden. Da trat die hagere Hexe mit der kastanienbraunen Haut aus ihrer Baracke. Sie bewegte die Arme in einem langsamen Rhythmus und sang mit ganzer Kraft ein magisches Lied, daß außerhalb der europäischen Tonleitern lag. Vorsichtig wandte sie sich dem Turm zu, aus dem immer noch Flüche herausflogen. Einmal war es sogar der grüne Todesblitz, der knapp an einem würdigen Zauberer vorbeisirrte und mit Getöse ein Loch in die Burgmauer sprengte.

"Ihr könnt nicht gewinnen!" Schnarrte eine magisch verstärkte Stimme aus dem Turm. "Devorato Inimicum!" Hörte Sabine eine Zauberformel. Ohne Vorwarnung quoll tiefschwarzer Dunst wie besonders rußiger Qualm aus den Wänden des Turmes und dehnte sich erschreckend schnell aus. Doch der würdige Zauberer, der fast dem Todesfluch erlegen wäre, sowie Professeur Faucon und Catherine Brickston riefen zusammen mit einer anderen Hexe, die Sabine nicht sah: "Antiscotergia!" Blaues Licht erstrahlte aus wohl vier oder fünf Zauberstäben und erfaßte den schwarzen Nebel, der beinahe einen der Befreier erreicht hatte. Der finstere Brodem glühte auf und verging im magischen Licht. Gleichzeitig knirschte und krachte es dort, wo der Turm stand. Das Mauerwerk bekam Risse. Polternd brachen die ersten Steine heraus und zerfielen noch im Fallen zu Staub.

"Ihr wart allesamt nicht bei Sinnen!" Schnarrte Professeur Faucon, als die beiden hartnäckig Widerstand leistenden Lagerwächter aus der Tür hervorstürzten und voll in einen silbernen Lichtfächer aus unsichtbarer Quelle rannten. Wie ein in der Tonhöhe abfallender Klang sank das Schrillen zu einem immer leiser werdenden Wimmern ab. Das Tröten des Eindringlingsalarms ebbte mit einem gequält klingenden Quääk ab. Jetzt war nur noch das wütende Heulen, Knurren und Blaffen des gefangenen Werwolfes zu hören, der wohl mit Krallen und Zähnen die aus seiner ihm selbst innewohnenden Magie materialisierte Kapsel ankämpfte.

"Hier spricht Vicezaubereiminister Phoebus Delamontagne!" Rief der ältere Zauberer, den Sabine jetzt erst als Virginies Großvater erkannte. "Ich erkläre dieses unwürdige Lager hiermit für aufgelöst. Kommen Sie nun bitte heraus, Die damen und Herren!"

 

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Madame Maxime, Millie und Julius mußten fast zwanzig Minuten warten, bis auf der Projektionsfolie ein neues Bild auftauchte. Julius sah gerade zwei silberne Lichtvorhänge, unter denen erst flirrend, dann wie unter wilden Wellen liegend und schließlich konturscharf eine mittelalterliche Burg erschien. "Dreifach gestaffelter Unerreichbarkeitszauber. Ist jetzt aufgehoben. Wir greifen an", hörten sie Professeur Faucons Kommentar. Dann sahen sie den Kampf aus der Sicht der Lehrerin. Besenflieger attackierten die Wachen auf der Burgmauer, die mit Flüchen dagegenhielten. Aus dem Turm und von im Hof herumlaufenden Wächtern schlug den Angreifern massives Abwehrfeuer entgegen. Eine magische Stimme dröhnte: "Achtung, Eindringlinge!" Julius sah mit Schrecken, wie ein struppiges Ungetüm von Wolf auf Professeur Faucon zurannte. Er hörte sie "Katashari!" Rufen und sah, daß auch ein Werwolf diesem Zauber nicht widerstehen konnte. Die gebündelte Angriffslust wich mit einem Schlag von der Bestie und ließ sie hilflos wie einen neugeborenen Welpen auf die Lhererin zurutschen. Diese wendete nun den Incapsovulus-Zauber an. Millie meinte: "Gut zu wissen, daß der gegen solche Biester auch geht. Kann nur einer der Garout-Brüder sein. Die können auch ohne Vollmond zu Wölfen werden, wenn sie wütend oder angriffslustig genug ... Oi, da ist ja Tines Freundin." Julius sah die vierschrötige Hexe, die einen zu ihrem Aussehen gar nicht recht passenden, seidenweichen schwarzen Schopf besaß in einem purpurroten Umhang. "Expellamus!" Rief die Wächterin Professeur Faucon entgegen. Doch es klatschte nur laut wie eine Zirkuspeitsche.

"Expelliarmus!" Hörten sie Professeur Faucons wütenden Ausruf. Zwar versuchten zwei Kollegen dieser brutal aussehenden Hexe, die Lehrerin vorher zu erwischen. Doch irgendwer warf einen großen Schild zwischen sie und die Angreifer. Klong-Pong! Die beiden ihr geltenden Flüche zerbarsten an diesem Schild. Zeitgleich fegte der Entwaffnungszauber der wütenden Verteidigerin dieses unsäglichen Lagers den Zauberstab fort, der hoch in die Luft flog und aus dem Erfassungsbereich des Spiegels trudelte. Julius sah erst, wo der Stab gelandet war, als die Tür einer von mehreren großen Baracken aufflog und eine Frau in Grau hervorsprang, nach etwas griff und den Stab dann gegen die nun auf sie zurennende Wächterin hob. Diese wollte schon zum direkten Angriff übergehen, als sie wie mit purem Wasserstoff gefüllt vom Boden abhob und fast wie ein springender Floh über die Baracke hinwegsegelte. Doch sie stieg mit Armen und Beinen um sich schlagend weiter nach oben, während ihre Überwinderin, die Julius jetzt als eine der Montferres erkannte, in die Baracke zurücktauchte, weil ein anderer Wächter ihr den Tod androhte. Dann sah er Madame Montferre einen Schocker auf den Wächter auf der Mauer schleudern. Der von Didier eingeteilte Lagerbewacher stürzte ab, wurde jedoch vor dem Aufprall aus schätzungsweise zehn Metern Höhe abgefangen. Aus dem Turm kamen noch Gegenangriffe und schließlich schwarzer Qualm, der von Professeur Faucon, Monsieur Delamontagne, Catherine Brickston und Jane Porter wie im Chor in blauem Licht zerstreut wurde. Das bekam dem dicken Burgfried offenbar nicht gut. Der Turm in der Hofmitte bröckelte und wankte. Zwei Wächter in Purpur stürzten wohl in Panik aus der Tür hervor und wurden von einem Mondlichthammer umgehauen. Der Turm ächzte und knirschte. Da rief Monsieur Delamontagne über das Geheul des gefangenen Werwolfs hinweg, daß das Lager aufgelöst sei. Die Gefangenen sollten nun herauskommen. Dies ließen sie sich nicht zweimal sagen. Julius sah die in Wolkengrau gekleideten Hexen und Zauberer verschiedener Altersstufen. Er erkannte die braunhäutige Hexe, die mit Sabine zusammen als Projektion aufgetaucht war. Alle Hexen hatten sehr kurze Haare.

"Oi, das mit den Haaren sieht fies aus", sagte Millie. Madame Maxime, deren eigener schwarzer Schopf ihr bis auf den Rücken herabreichte, rümpfte ebenfalls die Nase über diese Verstümmelung der Hexen. Sabine und Sandra verknäuelten sich mit ihrer Mutter in einer Dreierumarmung. Suzanne Didier weinte ganze Tränenbäche, als einer der Befreier sie bei der Hand nahm und auf den Hof führte. Der beschädigte Burgfried knarzte nun sehr bedrohlich. Wie auf ein lautloses Kommando stiegen drei Befreiungstruppler auf ihre Besen und stießen in den Nachthimmel hinauf. Daraufhin eilten vier weitere Zauberer auf den Turm zu und stellten sich so, daß sie ein Quadrat bildeten. "Supportum Aedificium!" Hörte Juius den einheitlichen Beschwörungsruf, nachdem einer der vier dreimal gewunken hatte. Aus den Zauberstäben schossen grüne lichtstrahlen lautlos nach oben. Gleichzeitig sausten von oben drei grüne Leuchtbalken herunter und durchschnitten die von unten aufgestiegenen. Daraufhin verknäuelten sich die Lichtstränge zu einem Skelett wie ein Baugerüst, das oben aus einem Leuchtkegel bestand. Julius meinte, das von längst nicht jedem schön empfundene Stahlgerippe des Eiffelturms aus phosphorgrünem Licht wiederzuerkennen. Schließlich schnurrten die aus den Zauberstäben gekommenen Lichtstrahlen von ihren Aufrufern fort und verschmolzen mit Boden und Dach. Zwar knirschte der Turm noch etwas. Doch offenbar würde er jetzt keinen erschlagen, sollte er einstürzen.

"Kriegen wir den in Zauberkunst auch mal?" Fragte Julius Madame Maxime.

"An für sich nicht, weil er immer zu siebt gewirkt werden muß und nur von erfahrenen Baumagiern einstudiert wird, die sich mit Gemäuern auskennen", erwiderte Madame Maxime. Während die sieben von Befreiungstrupplern zu Baumagiern umfunktionierten Zauberer den Turm stabilisierten, ergoß sich die Flut der herausgerufenen Gefangenen über den hof. Dann landete einer der fliegenden Zauberer mit der gerade ohne Besen in die Luft gehobenen Wächterin, die mit dicken Seilen gefesselt und geknebelt war. Als sämtliche Gefangenen aus den Baracken heraus waren, wollte eine große Meute auf die Wächter losgehen. Julius konnte deutlich die Wut und den Haß in den Gesichtern der Befreiten leuchten sehen. Doch Monsieur Delamontagne ließ keine Rache zu. Er feuerte laute Knallfrösche in die sich zusammenrottenden Ex-Insassen hinein und bellte befehlsgewohnt: "Halt. Die Betreiber dieses Lagers sind meine Gefangenen und unterstehen nur meiner Gewalt. Jeder blindwütige Angriff auf sie wird von mir und meinen Begleitern unterbunden, wenn es sein muß mit Zaubermacht!"

"Diese Bestien gehören erschlagen!" Keifte eine entrüstete hexe in Grau. "Dieses Monster Garout gehört mit einem Silberbolzen durchbohrt!" Brüllte ein kleiner, dicker Zauberer mit schwarzem Stoppelhaar. Der gefangene Werwolf jaulte, knurrte, fauchte und schnaubte immer noch, was durch die weiße Kapsel unheimlich hohl klang. einige nicht einzuschüchternde Zauberer versuchten, einen in einem Netz eingeschnürten Wachzauberer in Purpur zu treten und wurden unvermittelt von einem blauen Lichtgewitter umtost, daß offenbar auch körperliche Auswirkungen hatte. Monsieur Delamontagne fuchtelte mit seinem Zauberstab und verpaßte jedem mit Rache im Sinn diese magische Energiedusche. Die davon betroffenen schrien erschreckt und wimmerten. Dann gaben sie endlich Ruhe.

"Dolodium, verwandelt wütenden Haß in Schmerz, bis aller Haß verflogen ist", erklärte Professeur Faucon, die offenbar befand, daß ihr wer zusah, der und die bei ihr Unterricht hatten.

"Ich hatte Sie gewarnt, Messieursdames", blaffte Monsieur Delamontagne. "Ich bitte mir nun aus, daß wir uns nicht so barbarisch benehmen, wie die Herrschaften, deren fragwürdiges Gastrecht Sie ertragen mußten." Einige lachten verächtlich. Andere nickten. Die von der Energiedusche betroffenen sahen den Gegenminister nur betreten an. "Die Wächterinnen und Wächter werden, sofern sie es nicht schon sind, ihrer Zauberstäbe entledigt und bis auf weiteres in magischen Tiefschlaf versetzt. In diesem werden sie an einem gesicherten Ort bleiben, bis sie vor einem freien Zauberergamot über ihre Schuld oder Schuldunfähigkeit befunden werden. Diese Entscheidung ist einhellig im Rat der Stellvertretung des verschollenen Zaubereiministers Grandchapeau beschlossen worden und ist nur von mir oder der Leiterin für die Bekämpfung krimineller Zauberei und Zauberkundiger zu widerrufen", hörten alle, die im Lager und die auf der anderen Seite der Spigelverbindung Delamontagnes Entscheidung. Dann entrollte einer der Befreier ein mindestens zwölf Meter langes und sieben Meter breites Tuch wie das Sprungtuch bei der Feuerwehr.

"Alle ehemaligen Bewohner dieses ungastlichen Ortes bitte am oder auf dem Tuch versammeln!" Rief Professeur Faucon, daß Julius meinte, ihre Stimme würde den Kronleuchter von der Decke fegen. "Dies ist ein extragroßer Portschlüssel. Wenn sie alle Körperkontakt mit ihm aufnehmen, werden Sie an einen Sicheren Ort verbracht."

"Ach Ja, und wohin genau?" Fragte eine Hexe mit unsauber gekürztem schwarzen Schopf. "Millemerveilles", erwiderte Professeur Faucon darauf. Offenbar war dieses Ziel auch gleich ein Test, ob wirklich alle Lagerinsassen anständige Hexen und Zauberer gewesen waren. Kamen sie nicht nach Millemerveilles, waren sie eindeutig von dunklen Absichten erfüllt. Das wußte in Frankreich jeder, erkannte Julius und sah zu, wie erst die gefangenen Kinder auf das tuch geführt wurden. Dann versammelten sich die Erwachsenen auf dem Riesentuch. Wer keinen Stehplatz mehr ergatterte, mußte sich hinknien und mindestens eine Hand an den groben Stoff legen. Als restlos alle ehemaligen Gefangenen zuzüglich Madame Montferre Kontakt mit dem Tuch hatten, rief Professeur Faucon ein Passwort aus, um die Portschlüsselmagie wachzurufen. Julius sah, wie um das ausgebreitete Tuch eine himmelhohe blaue Lichtspirale erstrahlte und alles in sich aufnahm. Dann war diese Leuchterscheinung übergangslos fort.

"Geben Sie bitte folgende Informationen weiter, falls das zweite Kommando noch nicht am Einsatzort ist!" Bat Professeur Faucon Madame Maxime. Diese nickte, notierte sich die Beschaffenheit der Unerreichbarkeitszauber und verließ den Konferenzraum. Julius blickte auf seine Weltzeituhr. Millie konnte mächtigen Ärger kriegen, weil es schon nach zehn Uhr war. Doch daran dachte diese wohl im Moment nicht. Sie und ihr Mann beobachteten weiter, wie die Gefangenen entwaffnet wurden. Offenbar hatte Monsieur Delamontagne einige Experten für magischen Tiefschlaf mitgenommen. Innerhalb von zehn Minuten lagen alle Gefangenen da wie tot. Nur der eingekapselte Werwolf hatte noch nicht aufgehört, gegen sein enges Gefängnis anzukämpfen. Julius erinnerte sich daran, daß Werwölfe, die keinen Menschen anfallen konnten, entweder von ihrer Blutgier getrieben herumliefen oder aus lauter Frust, nichts zu finden sich selbst anknabberten. Hoffentlich war dieser Werwolf nicht so einer, der sich selbst bei lebendigem Leib auffraß. Madame Maxime kehrte zurück.

"Informationen kamen noch rechtzeitig, um das zweite Ziel schneller anzugehen, Blanche. Befreiung möglich."

"Ich ehe davon aus, daß Léto ihr Lied der Trance singt. Dann werden zumindest die männlichen Verteidiger schnell zu überwinden sein", sagte Professeur Faucon. "Ich habe Monsieur Pierre geraten, Alraunen-Ohrenschützer mitzunehmen."

"Grüßen Sie bitte Madame Rafiki von mir. Ich gehe davon aus, daß ihr afrikanischer Zauber Ihnen geholfen hat, die Gegner so schnell zu überwältigen", gab Madame Maxime noch weiter.

"Ja, mach ich", erwiderte Professeur Faucon.

"Entschuldigung, wo bringen Sie die gefangenen hin?" Fragte Julius laut.

"Sie werden in stabilen Gitterkäfigen im See der Farben versenkt", schnarrte Professeur Faucon. Julius erschauderte. Auch Millie wirkte nicht besonders glücklich über diese Erklärung. "Im tiefen Zauberschlaf können sie Monate überdauern", sagte Professeur Faucon noch. "Die Wassermenschen im See werden sie bewachen. Das ist der sicherste Unterbringungsort für die Gefangenen, bis wir Zugang zu Mitteln haben, um sie auf Imperius-Fluch oder freiwillige Auftragsausführung zu testen. Dazu muß Didiers Verbrecherbande jedoch zuerst aus dem Ministerium verjagt werden. Monsieur Pierre und Professeur Tourrecandide werden morgen die Befreiten vernehmen, um deren Aussagen als Beweismittel zusammenzutragen. Aber einen aggressiven Werwolf als Bewacher einzuteilen ist schon Grund genug für eine Haftstrafe. Wenn wir die Lager alle befreit haben, können wir Didier notfalls mit Gewalt aus dem Ministerium herausholen."

"Wird die neue Zeitung das erfahren, was mit dem Friedenslager da passiert ist?" Fragte Julius.

"Noch nicht. Wir werden erst zusehen, möglichst viele Lager zu stürmen und zu befreien. Monsieur Gilbert Latierre wird dann nächste Woche einen ausführlichen Artikel veröffentlichen können. Das dürfte dann für Didier zu spät sein, um wirksame Gegenmaßnahmen zu treffen."

"So, der zweite Portschlüssel kann aufgerufen werden, Blanche", sagte Monsieur Delamontagne.

"Moment, was machen wir mit Léon Garout?" Fragte die Lehrerin den gerade nicht zu sehenden Gegenminister.

"Sie haben ihn überwältigt, Blanche. Was schlagen Sie vor?"

"Ebenfalls in Tiefschlaf versenken. Wenn wir Zugriff auf den Wolfsbanntrank erhalten können wir ihn damit behandeln", erwiderte Professeur Faucon.

"Ich habe 'ne Armbrust und ein paar im Mondsteinformen gegossene Silberbolzen", schnarrte einer der gerade nicht im Erfassungsbereich stehenden Zauberer. "Dann wäre das Kapitel Léon Garout endgültig erledigt."

"Brian, die Tötung eines Werwolfs ist immer das letzte Mittel", wandte Catherine Brickston ein. "Wir sollten uns nicht dazu versteigen, blindwütig alle Lykannthropen umzubringen. Denn wenn wir bei einem ohne direkte Notlage anfangen, können wir gleich alle töten."

"Dann sperrt dieses Ungeheuer in einen Käfig, wo es hingehört", schnarrte der Zauberer namens Brian.

"Nicht immer sind die einfachsten auch die richtigen Lösungen, Brian", fügte Professeur Faucon noch hinzu. Leises Grummeln war die Antwort. Dann traten alle zurück, damit die Lehrerin die Einkapselung auflösen konnte. Millie und Julius stockte der Atem, als ein blutüberströmtes Geschöpf herausfiel. Alle Pvier Pranken hatten keine Krallen mehr. Und aus dem kurzen Wolfsmaul floß ein Gemisch aus Geifer und Blut. Bis auf zwei Backenzähne oben und unten hatte der Lykanntrhop sein ganzes Gebiß eingebüßt. Die einzelnen Zähne verteilten sich um ihn herum.

"Ui, das war aber wohl nicht so gemeint", seufzte Julius. Der geschundene Werwolf sprang auf die verletzten Pranken, suchte mit seinen flackernden Augen nach der, die ihn überwältigt hatte. Sie hob den zauberstab an, da schwirrte etwas glitzerndes von links ins Bild und bohrte sich in die Brust des Werwolfs, bevor Professeur Faucon den Schocker aufrufen konnte. Mit einem letzten, langgezogenen Winseln, das in Röcheln und dann einen einzigen keuchenden Ton überging, zuckte der blutbesudelte Werwolf auf dem Boden herum. Dann blieb er reglos liegen. Aus der Brust ragte der Elfenbeingriff eines Wurfdolches.

"War besser so für den, Blanche", vernahmen alle Brians Stimme. "Den Dolch habe ich für solche Fälle immer dabei." Der Werwolf am Boden veränderte sich. Das war das untrügliche Zeichen, daß er durch Todesfluch oder pures Silber getötet worden war.

"Brian, das war nicht nötig", schnarrte die Lehrerin und wandte sich um, wodurch Julius nun auch diesen Brian sehen konnte. Millie erkannte ihn. Er war im ZAG-Jahr gewesen, als ihre Schwester Martine eingeschult worden war.

"Sie haben den nicht auf dem Gewissen", schnarrte Brian. "Diese Garout-Bälger hätten gar nicht erst aus den Windeln rauswachsen dürfen. "

"Brian, Ihren Zauberstab bitte", sagte Monsieur Delamontagne.

"'tschuldigung, Monsieur Delamontagne. Aber das meinen Sie jetzt nicht ernst, oder?" Schnarrte Brian.

"O doch, sehr ernst sogar, Monsieur Montpelier", knurrte der Gegenminister. "Sie haben gegen meine Anweisung gehandelt, keinen Gefangenen vorsetzlich zu töten. Deshalb erkläre ich Sie für verhaftet."

"Nur weil ich einen reudigen Werwolf getötet habe, Phoebus. Ich habe eine Frau, einen Bruder, vier Kinder und drei Neffen, die alle besser schlafen werden, weil sie wissen, daß einer der drei Garout-Abkömmlinge ihnen nicht mehr gefährlich werden kann, Herr Gegenminister. Und Sie brauchen jeden engagierten Helfer. Also vergessen wir das mit der Festnahme. Ansonsten bekommt Monsieur Didier morgen schon .. Rrg!" Den letzten Teil seiner Drohung konnte Brian Monttpelier nicht mehr aussprechen, weil Monsieur Delamontagne ihm mit einem ungesagten Schockzauber die Besinnung raubte. "Accio Brian Montpeliers Zauberstab", schnarrte der wohl ziemlich verärgerte Gegenminister. Ein schmales Holzstück flog ihm zu. Dann hob er erst den Schockzauber auf, um gleich darauf den Schlaf der Todesnähe auf Brian Montpelier zu sprechen, in den auch die anderen versenkt worden waren.

"Soll er auch in die Obhut der Wasserleute gegeben werden?" Fragte Catherine Brickston.

"Bis wir eine sichere Gerichtsstätte haben oder Monsieur Grandchapeau wieder da ist oder wir ins Ministerium umziehen", schnaubte Monsieur Delamontagne. Dann wiederholte er für alle Laut: "Ich bekräftige hiermit, daß kein von uns gefangengenommener Mitarbeiter Didiers, ob Muggel, magischer Mensch, Halbmensch oder Wergestaltiger, ohne unmittelbare Notsituation getötet werden darf. Wenn wir jetzt mit blutiger Rache anfangen, hat Didier ein Mittel um uns vor dem Rest der Zaubererwelt als blutrünstige Rebellen zu präsentieren. Das sollte in die Köpfe aller hier anwesenden hineingehen. So, und jetzt verbringen wir die schlafenden Gefangenen zum festgelegten Ort. Wie lange halten die Kontraspektoren noch durch, wenn wir nochmaligen Gebrauch von ihnen machen?" Fragte er Professeur Faucon.

"Wir benötigten fünf Minuten Flugzeit, um den absolut genauen Standort zu finden, um die Gegenzauber optimal zu wirken. Da die restlichen Lager nicht so einfach zu orten sind könnten wir das dreifache brauchen, weil wir langsam fliegen. Also eine Viertelstunde. Die Artefakte halten dann noch hundert Minuten stand, bevor ihre Magie regeneriert werden muß. Allerdings habe ich das Wort gegeben, sie vor Tagesanbruch wieder dort hinbringen zu lassen, wo ich sie herhabe, Phoebus."

"Das reicht völlig aus, um mindestens noch ein oder zwei Lager zu befreien", sagte der Gegenminister. Offenbar hatte ihn der Erfolg beflügelt, die ganzen Strafkolonien Didiers in einer Nacht zu stürmen. Professeur Faucon widersprach dem nicht. Immerhin wußten sie die Standorte und mußten nur die Unerreichbarkeitsmagie aushebeln. Jetzt, wo sie die Hauptstrukturen kannten, mochte die Befreiung der noch bestehenden Lager tatsächlich eine leichtere Angelegenheit sein. So beschlossen sie, in einer halben Stunde zwei weitere Lager anzugehen, sofern die Truppe unter Professeur Tourrecandides Kommando Erfolg hatte.

Als die Gefangenen von vier Begleitern per Portschlüsseltuch fortgeschafft worden waren, wandte sich Professeur Faucon an ihre Zuschauer in Beauxbatons, während Monsieur Delamontagne mit Catherine die Steinbauten mit dem Fluchumkehrer aus Altaxarroi beharkten.

"Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich die möglichen Befreiungsaktionen begleiten, Madame Maxime. Ich werde mich erst dann wieder über den Spiegel melden, wenn etwas unvorhergesehenes passiert ist oder werde mich gegen halb Sechs morgens wieder bei Ihnen einstellen. Madame und Monsieur Latierre haben wohl genug mitbekommen. Vielen Dank für die Zauberformeln, Monsieur Latierre. Es war lehrreich und beruhigend zu sehen, daß selbst ein tobsüchtiger Werwolf damit kampfunfähig gemacht werden kann. Daß er sich dann fast selbst zerfleischt und von einem Werwolfhasser erdolcht wird konnte ich nicht voraussehen. Ähm, kann ich den Mordgierunterdrückungszauber dann noch wirken, weil ich Léon Garout in diese Lage brachte?"

"Soweit ich es gelernt habe müssen Sie aktiv jemanden töten, um den Zauber nicht mehr anwenden zu können", erklärte Julius. "Da der zauber ja schon verflogen war, als Monsieur Montpelier seinen Silberdolch geworfen hat, haben nicht Sie diesen kranken Typen ermordet. Dann dürften Sie den Todeswehrzauber noch benutzen können."

"Das hoffe ich. Könnte nämlich sein, daß ich ihn diese Nacht noch einmal beanspruchen muß", erwiderte Professeur Faucon, während es im Hintergrund krachte, pfiff und wie von einer singenden Säge jaulend durch die Nacht hallte. Einmal konnte Julius sehen, wie Catherine und der Gegenminister sehr schnell auf ihren Besen über den Platz flogen, bevor eine hundert Meter hohe Stichflamme aus dem Steinbau schoß, diesen dabei mit sich hochriß und im Flug in glühende Asche wie aus einem Vulkannschlot verwandelte.

"Dieser universelle Gegenzauber ist offenbar nicht immer angeraten", stellte Professeur Faucon fest, als sie mit der unsichtbaren Jane Porter aus der Gefahrenzone heraus war.

"Er kehrt Flüche in ihr Gegenteil um", erinnerte sie Julius an das, was er am Nachmittag noch erläutert hatte.

"Offenbar ein Zauber, der alles, was in seiner Wirkungszone war festhalten oder in sich einschließen sollte", vermutete Jane Porter. "Wäre interessiert, was dein aatlantischer Zauber aus Decompositus oder Auraveneris macht, Honey."

"Oder Imperius, Mrs. Porter", fügte Julius hinzu.

"Ich wollte deiner Hauslehrerin schon empfehlen, diesen Lykannthropen damit zu belegen. Aber womöglich wäre die Werwut dann invertiert worden."

"Klar, bei Vollmond ein tobsüchtiger Mensch und bei Tag ein hundetreuer Wolf", spann Julius den Faden zu Ende, den Jane Porter ausgeworfen hatte.

"Nun, da Sie beide nun Zeugen wurden, daß Didiers größtes Druckmittel nicht unüberwindlich ist, empfehle ich in meiner Eigenschaft als Schulleiterin, daß Sie beide nun in Ihre Säle zurückkehren. Ihren Spiegel behalte ich einstweilen hier, Monsieur Latierre. Ich behalte mir jedoch vor, ihn Ihnen wieder zurückzuerstatten."

"Natürlich, Madame Maxime. Ähm, ich durfte noch außerhalb der Säle sein. Aber Mildrid", sprach er es nun aus. Madame maxime holte zwei Formulare aus ihrem weiten Satinumhang und füllte diese aus. Damit bestätigte sie, daß sie darüber diskutiert hatten, daß Martha Andrews im Falle, daß der Muggelabwehrhemmungstrank gänzlich aufgebraucht war, der gemeinsame Wohnsitz der jungen Eheleute bis zum Eintritt der Volljährigkeit das Château Tournesol sein sollte, weil Julius Mutter entweder dorthin ziehen oder im magischen Tiefschlaf zubringen oder ins Ausland ausreisen würde. Das sollten sie beide den jeweiligen Saalsprechern übergeben.

"Wenn Bernadette, also Mademoiselle Lavalette mich abfängt glaubt die das eh nicht", knurrte Millie. "Dann werde ich Sie in den roten Saal geleiten, Madame Latierre", beschloß Madame Maxime.

Als Julius weit nach Elf wieder im grünen Saal war, war Giscard nicht da. Gut, als stellvertretender Saalsprecher durfte er in Ausnahmefällen auch bis Mitternacht außerhalb des grünen Saales sein. Yvonne und Céline waren noch auf. Julius tischte ihnen die Geschichte mit der Wohnsitzverlegung auf. Céline meinte dann:

"Giscard ist schon im Bett. Carmen hat für ihn mit Madame Rossignol gesprochen, die ihm bestätigt hat, daß du bei Madame Maxime seist um etwas zu besprechen. Das hat ihm gereicht."

"Morgen ist Sonntag. Wieso wollte er da so früh ins Bett?" Fragte Julius.

"Sowas darf ich den bestimmt nicht fragen", erwiderte Céline schnippisch.

"Er war den ganzen Abend in der Bibliothek. sowas kann einen schon müde machen", sagte Yvonne. Julius nickte zustimmend.

Er hielt es noch bis Mitternacht aus, bevor er so leise er konnte ins Bett ging.

 

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Léto war froh, als sie ihre Tochter Apolline und ihren Schwiegersohn Pygmalion wieder in die Arme schließen konnte. Die Sache war schnell und ohne Verluste abgelaufen. Auf Grund der Informationen, die Madame Maxime über den mit ihren Tränen polierten Kristallkelch mit ihr ausgetauscht hatte, war es eine Sache von nur einer Minute gewesen, die gestaffelten Unerreichbarkeitszauber zu brechen und dann, nachdem sie ihre Verbergerketten abgenommen hatten, mit schnellem Vorstoß gegen den Mittelturm und die Wächter auf der Mauer alle Gefangenen befreit hatten. Professeur Tourrecandide, die sie selbst einmal als junges Mädchen getroffen hatte, brachte die Befreiten dann auf einem übergroßen Tuch nach Millemerveilles, dorthin, wo nach Fleurs Erzählungen auch der Ankunftskreis für die Reisesphäre sein mußte. Anschließend hatten sie sich im Rathaus von Millemerveilles getroffen, wo sie vereinbart hatten, noch mindestens zwei weitere dieser Gefangenenlager aufzulösen. Sie entschieden sich für die Lager sechs und acht, weil diese in verborgenen Talkessel lagen, also nicht viel Platz war, um den Unerreichbarkeitszauber groß entfalten zu können. Da ihr Lied der Veela mit dazu beigetragen hatte, daß vor allem die männlichen Verteidiger des Lagers keinen Widerstand leisten konnten, durfte sie auch bei einer der nächsten Missionen dabei sein.

Martha Andrews, die der Beratung beigewohnt hatte, atmete auf, daß ihre Informationen tatsächlich wertvoll genug gewesen waren, um unschuldige Leute aus der Gefangenschaft zu befreien. Nach dem unerwartet raschen Erfolg rückten Delamontagnes Truppen wieder aus. Über Millemerveilles tobte immer noch die magisch verhundertfachte Ausfalltruppe auf Besen, um die Patrouille zu beschäftigen. Dabei waren zehn weitere Didier-Helfer gefangengenommen worden. Martha fragte sich, ob das mit der scheintodartigen Inhaftierung im See der Farben wirklich ungefährlich für die Gefangenen war. Weil Millemerveilles jedoch kein richtiges Gefängnis besaß, erschien auch ihr diese außergewöhnliche Haftbedingung als zumindest für's erste brauchbar. Sie dachte an Zukunftsvorstellungen, in denen Schwerverbrecher weder in Gefängniszellen eingesperrt gehalten noch hingerichtet, sondern tiefgefroren wurden. Sie hatte sich immer über diese genauso unmenschliche wie unsinnige Bestrafung ereifert. Was brachte es einer Gesellschaft, Schwerkriminelle auf diese Art zu konservieren, um sie irgendwann in Jahrzehnten wieder aufzutauen? Die hatten doch dadurch keine Möglichkeit, ihre Verbrechen zu bereuen und sich zu besseren Menschen zu entwickeln. Hinzukam, daß sie an eine völlig neue Umgebung angepaßt werden mußten, oder, was wesentlich haarsträubender war, die neue Umgebung mit den Verbrechern nicht mehr fertig werden konnte, weil sie über alle Gewalt erhaben war. Außerdem alterten diese Straftäter nicht, konnten also sogar die Kinder ihrer Opfer überleben. Seitdem sie in Laroches Höllenlabor in dieser Pseudogebärmutter eingesperrt gewesen war, hatte sie zu derartigen Strafmaßnahmen ein noch stärkeres Unbehagen entwickelt. Dennoch hatte sie stillschweigend hingenommen, daß die Gefangenen aus Didiers Reihen im todesähnlichen Tiefschlaf im See der Farben versenkt wurden, bis klar war, wie sie zu behandeln waren. Die letzten Minuten vor der Operation in diesem Frankenstein-Labor bei New Orleans spukten ihr immer wieder durch den Kopf. Um sie zu verdrängen rief sie sich die zunächst bedrückenden und dann sehr angenehmen Stunden in Ursulines allernächster Nähe ins Gedächtnis zurück. Wenn die Gefangenen schliefen, würden sie nicht merken, wo sie waren. Und wenn es unschuldige Opfer Didiers waren, so würden sie nach seiner hoffentlich bald möglichen Entmachtung wieder freigelassen.

"Martha, Raphaelle möchte mit dir noch mal reden", sagte Jeanne Dusoleil, die ebenfalls bei der Nachtsondersitzung dabei gewesen war, während ihr Mann und ihre früheren Schulkameraden die fliegende Patrouille in Schach hielten. Martha nickte. Womöglich wollte sich Raphaelle Montferre bei ihr bedanken, weil die Friedenslager ohne sie nicht so einfach gefunden werden konnten. Per Seit-an-Seit-Apparition brachte Jeanne Julius' Mutter vor ihr Haus. Dort würden die Montferres die Nacht verbringen, bis sie morgen zur Dorfgrenze apparieren, diese unangefochten durchschreiten und dann zum Château Tournesol überwechseln würden, unter allen Flugbewachern hindurch.

"Ich wollte die Gunst der Stunde noch einmal nutzen, mich bei dir zu bedanken, weil du das mit den Friedenslagern herausgefunden hast. Ich hörte auch, daß Florymont Dusoleil was gebaut hat, um Apparatoren unaufspürbar zu machen. Das erleichtert eine ganze Menge."

"Ich habe mich nur gegen Pétains Hinterhalt gewehrt, Raphaelle", sagte Martha Andrews bescheiden. "Auch hätten deine Töchter bestimmt früher herausgeholt werden können."

"Das stimmt zwar. Aber ohne die geeigneten Hilfsmittel war es nicht möglich, Bine und San zu finden. Professeur Faucon mußte ja erst lernen, wie dieser Blutsverwandten-Suchzauber geht. Ist ja doch nicht so einfach. Außerdem war es schon richtig, diese Fernbeobachtungszauber auszutricksen, die diese Unfriedenslager umgaben. Womöglich existieren diese Strafkolonien übermorgen schon nicht mehr, dann war es für alle, die dahingeschickt wurden früh genug. Ich denke, Ursuline wird sich freuen, daß Bine und San jetzt auch bei ihr wohnen dürfen, bis wir sicher wissen, daß Didier nicht mehr im Amt ist. Julius hat Professeur Faucon alte Zauber beigebracht, hat Professeur Faucon erzählt. Meine Töchter möchten die auch lernen."

"Das liegt nicht bei mir, das zu klären, Raphaelle", sagte Martha Andrews. "Da mußt du dich mit Gegenminister Delamontagne oder Madame Maxime drüber unterhalten."

"Wenn diese Belagerung um Beauxbatons erledigt ist können die beiden ihn wieder anschreiben. Er kam mit Ihnen immer sehr gut aus." Sabine Montferre betrat Jeannes Salon. "Hallo, Martha. San und ich freuen uns, daß wir dank deiner Informationen früh genug aus Tisiphones und Léon Garouts privater Folterkammer raus sind." Martha starrte Sabine an. Ihre Haare waren so kurz geschoren, daß sie die Kopfhaut durchschimmern sehen konnte.

"Ich dachte, ihr könnt eure Haare wieder nachwachsen lassen", sagte Julius' Mutter.

"Das mache ich auch. Aber erst lassen San und ich uns von Gilbert fotografieren, damit der Artikel auch richtig rüberkommt."

"Professeur Faucon sagte, daß das Lager von allen Flüchen und Sperrzaubern befreit worden ist. Aber was, wenn Didier es wieder neu aufbauen läßt?"

"Da ganz bestimt nicht mehr. Die Burg dürfte mittlerweile abgebrannt sein", sagte Jeanne. "Immerhin sind die Einschließungsflüche ja zu regelrechten Ausspeiflüchen umgeschlagen." Martha nickte. Sie hatte den Bericht ja gehört. "Selbst wenn Didier dort wieder Leute hinschicken lassen will werden die schnell merken, daß da kein Lager und keine Wächter mehr sind. Aber im Moment verhalten sich ja alle hübsch kleinlaut. Das wird sich dann erst wieder ändern, wenn die Befreiung diese Nacht ganz groß rauskommt."

"Hoffen wir, daß Didiers Irrsinn dann endlich erkannt wird und seine Anweisungen nicht mehr befolgt werden", sagte Martha Andrews. Zwei Babys begannen nacheinander zu quängeln und zu schreien.

"Ist Barbara wieder bei denen über dem Dorf?" Fragte Raphaelle Montferre.

"Nein, sie sitzt an Papas Polyteleoptron", erwiderte Jeanne. "Außerdem haben Barbara und ich das beschlossen, daß wir uns bei der Versorgung unserer Kinder abwechseln, bis Charles mit dem Zahnen anfängt."

"Da, Raphaelle, Jeanne kann noch ein weiteres Kind durchfüttern", sagte Sabine.

"Ich habe im Moment auch zwei, Bine", sagte Raphaelle Montferre. "Aber ich habe genug freundliche Cousinen im Sonnenblumenschloß. Aber ab morgen bin ich auch wieder für die kleinen Schreihälse zuständig."

"Wollte schon sagen", erwiderte Sabine und machte eine andeutende Bewegung zum Oberkörper ihrer Mutter.

"Was wolltest du sagen, daß San und du lange nichts anständiges mehr zu schlucken bekommen habt?" Fragte Raphaelle grinsend. Sabine grinste zurück und antwortete:

"Bei unserem Bedarf wärest du dann aber doch fix und alle, Raphaelle."

"Legst du es darauf an, meine kleine?" Fragte Sabines Mutter. Martha sah die beiden Hexen an und überlegte, ob sie sich in dieses Geplänkel einmischen sollte. Sie nahm Jeannes lautlose Einladung an, sie zu begleiten. Da die beiden Babys gerade naß waren erbot sich Martha, Jeanne beim Windelnwechseln zu helfen. Irgendwie überkam sie bei dieser nicht für Jedermann angenehmen Arbeit der Gedanke, ob sie nicht jetzt, wo sie selbst magisch aktiviert war, auch so lange fruchtbar blieb wie Ursuline Latierre oder Eleonore Delamontagne.

"Hat dich das angewidert oder verlegen gemacht, wie Raphaelle und Bine miteinander umspringen?" Flüsterte Jeanne.

"Sagen wir es so, ich bin ja nicht Raphaelles Tochter. Ich ging immer davon aus, daß private Themen nicht dermaßen locker besprochen werden."

"Bei den roten schon, Martha. Ich habe es mal mitgekriegt, wie Caros Mutter sich mit ihrer Tante drüber hatte, ob sie noch Spaß im Bett haben würde. Caros Tante hat im Gastraum voll abgezogen, was für Techniken sie alle beherrscht. Ich habe da gerade Claire abgeholt, die mit Caro und Sandrine bei Caros Eltern eingeladen war. Claire war da gerade sieben. papa war nicht sonderlich begeistert, als Claire das alles ganz unbekümmert wiederholt hat. Maman hat ihr dann erklärt, daß sowas nur Leute aus dem roten Saal überall erzählen können. Das hat Claire dann bei der Einschulung wohl drauf gebracht, die Roten für unanständig zu halten. Mittlerweile dürfte sie wissen, daß Julius mit Millie eine gute Begleiterin durchs Leben bekommen hat."

"Die haben noch nicht zu leben angefangen, Jeanne. Und mit Claire wäre ich bestimmt auch sehr gut ausgekommen."

"Weil du nicht ihre große Schwester gewesen wärest, Martha", lachte Jeanne, während sie die kleine Viviane zurück in die verzierte Wiege bettete und den kleinen Charles in eine rote Wiege daneben. "Was macht der Unterricht bei Antoinette", mentiloquierte Jeanne Martha. Diese konnte ja doch nicht darauf antworten und sagte nur: "Ich habe mich an das ganze neue hier und um mich herum langsam gewöhnt. Kann mir zumindest vorstellen, hier in Millemerveilles oder in Viento del Sol zu wohnen, solange ich ein paar Sachen aus meinem bisherigen Leben behalten kann." Jeanne nickte.

"Dann soll die dir Melo beibringen, damit wir diesen Langohren da draußen nicht alles zu hören überlassen müssen", schickte Jeanne ihrer entfernten Verwandten zurück. Dann sollte Martha ihr aufschreiben, was sie schon gelernt hatte. Julius' Mutter schrieb dabei noch auf, daß sie erst nur die Zauberkunst- und Verteidigungssachen erlernen würde. Verwandlungen wollte Antoinette ihr erst später beibringen. Zaubertränke wolle sie nicht erlernen. Jeanne schrieb auf die Rückseite des Pergamentes, daß sie aber wenigstens die einfacheren Zauberkräuter kennen sollte, um sich beim Kauf magischer Heilmittel in der Apotheke nicht überfordert zu fühlen. Martha sagte, um vielleicht noch draußen herumfliegende Mithörer zu beschäftigen: "Madame Dumas will nächste Woche mit den zehnjährigen in die grüne Gasse. Weiß deine Mutter das schon?"

"Ganz sicher", sagte Jeanne und mentiloquierte: "Das ist doch schon ein guter Einstieg für dich." Hörbar fügte sie dann noch hinzu: "Ich geh mal davon aus, daß du da mitgehen wirst. Oder hast du dich um deine hiesigen Pflichten herummogeln können, wenn die Kinder nicht im Klassenzimmer sitzen?"

"Meine hiesigen Pflichten bestehen darin, Mittlerin zwischen magischer und technischer Welt zu sein. Dazu gehört der Grundschulmathematikunterricht, ein paar Englischkenntnisse und Beschreibungen der magielosen Zivilisation. Wenn die aber deiner Mutter durch die grüne Gasse nachlaufen werde ich nicht gebraucht."

"Ach, hast du Angst, die kleinen Hexenund Zauberer könnten dich da dumm aussehen lassen?" Ging Jeanne auf das Spiel ein. "Dann solltest du morgen mit Maman alleine durch die grüne Gasse gehen und dir die interessantesten Sachen erklären lassen. Dann gucken die dumm."

"Vielleicht sollte ich das wirklich machen. Lenkt mich bestimmt von dem ganzen finsteren Drama um Didier und seine Friedenslager ab." Jeanne nickte nur.

Es läutete an der Haustür. Jeanne öffnete und ließ Madeleine L'eauvite ein.

"Martha, du bist auch noch hier. Wunderschön. Dann können wir beide gleich nach Hause fliegen. Die Patrouille ist zerschlagen, ohne einen von denen verletzen oder töten zu müssen. Ich kann jetzt sogar rausfinden, wer unter dem Imperius Steht, und vor allem, den dann ausbrennen. Meine kleine Schwester und ich haben uns ja mentiloquistisch darüber in der Wolle gehabt, ob dieser Fluchumkehrer, den dein Sohn uns gezeigt hat wirklich alle Flüche umkehrt oder nur solche, die stationär auf Gegenstände oder Räume gelegt wurden. Ich habe das jetzt mal ausprobiert. Wenn ich einfach ins Blaue hineinzaubere, passiert nichts. Die Magie braucht ein Gegengewicht, eine Reibfläche oder einen Widerstand. Zieht auch keine Kraft ab, wenn nichts vor einem verflucht ist. Damit habe ich im Schutze des Plurimagines-Zaubers draufgehalten. Und siehe da, bei allen, die ich getroffen habe, blitzte es bläulich auf, und ich meinte für einen Moment, Janus Didiers verzerrtes Gesicht zu sehen. Die haben sich dann umgeschaut und sind dann ohne weitere Anfechtung weggeflogen. Von denen, die hier über Millemerveilles herumgeflogen sind, steht wohl keiner mehr unter dem Imperius-Fluch oder tut jetzt das Gegenteil von dem, was ihm oder ihr eingepflanzt wurde. Wenn sie also beauftragt waren, Millemerveilles zu überwachen und niemanden auf Besen rein- oder rauszulassen, kommen die erst wieder, wenn der verdrehte Fluch entweder von selbst abklingt oder erkennen, daß sie was falsches getan haben."

"Ups! Dann will ich den zauber auch lernen, Martha. Teil das deinem Sohn bitte mit", bemerkte Jeanne dazu.

"Ich fürchte, die Gruppe ist schon gut besetzt", sagte Madeleine leise. Doch sie lächelte tiefgründig. "Julius und der alte Phoebus Delamontagne haben nicht gesagt, daß die, die diese Zauber lernen, sie keinem anderen beibringen dürfen. Er hat nur gesagt, daß zunächst die damit umgehen sollen, die für Befreiungsaktionen eingeteilt werden sollen und sich mit diesen Schlangenbestien anlegen sollen."

"Barbara sitzt gerade und hält die Umgebung im Blick, Madame L'eauvite", sagte Jeanne.

"Ach, und du hast ihren kleinen Racker. Dann sollten wir dich jetzt besser schlafen lassen, damit du morgen früh wieder ausgeruht genug bist. Martha, sollen wir?"

"Das letzte mal, wo ich mit dir auf einem Besen gesessen habe hätte ich fast Camilles gutes Abendessen wieder ausgewürgt", erwiderte Martha. "Ich glaube, heute möchte ich lieber apparieren."

"Damit ich dein Abendessen auswürgen muß, Martha?" Julius' Mutter sah sie verdutzt an. Doch die Hexe, die Blanche Faucon so ähnlich sah grinste wie ein fröhliches Schulmädchen. Hatte diese Hexe sie doch schon wieder auf die Schippe genommen!

"Ich möchte mir gerne ansehen, wie du fliegst, Martha, jetzt wo keiner zuguckt." Genau in diesem Augenblick tauchte Raphaelle mit ihren Töchtern aus dem Gästeschlaftrakt auf. Madeleine erkannte, daß sie sich so gut wie verplappert hatte. Doch die Erkenntnis irritierte sie nur einen Moment. Dann sagte sie: "Jetzt, wo du schon so lange hier wohnst, und wo du dauernd den Trank zu schlucken bekommst, kannst du bestimmt auch bald auf einem Besen fliegen." Die Montferres grinsten. Martha tat so, als ginge sie auf Madeleines Humor ein und sagte:

"Deine Schwester hat gesagt, wenn ich das schaffe, auf einem Besen zu fliegen, würde ich von ihr sofort nach Beauxbatons geholt, damit ich nicht von dir das fliegen lernen müßte."

"Du bist ein bißchen zu groß für meine kleine Schwester, Martha. Aber wenn du findest, daß du wohl doch noch nicht auf einem Besen alleine fliegen kannst, bring ich dich nach Hause. Und ihr drei Grazien ... Ui, war das die Mode in diesem gastlichen Ferienlager?" Fragte Madeleine mit Blick auf die Zwillinge.

"Toller Urlaub, mit Werwölfen und tolpatschigen Hexen, die ihr schlechtes Zauberspruchgedächtnis durch Gehässigkeiten ausgeglichen haben", schnaubte Sabine Montferre. "Suzanne Didier haben sie mal völlig nackt auf einen Mast hochklettern lassen, damit sie einen Beutel Wasser von da runterholt."

"Mädchen, das meinst du nicht ernst. Ich meine, ich kann viel Spaß ab. Aber wenn das jetzt ein Scherz war ..." Sandra schüttelte den Kopf, und Sabine sah auch nicht so aus, als habe sie die ältere Hexe verulken wollen. "Wer hat das gemacht?" Fragte Madeleine.

"Léon Garout", knurrte Sandra.

"Tja, dann hat dieser Bursche zumindest einmal ein nacktes Mädchen außer seiner Mutter zu sehen gekriegt, bevor Brian Montpelier sein Herz versilbert hat."

"Was, der Schweinehund ist tot?" Fragte Sabine und lauerte darauf, ob Madeleine grinste oder sowas. Aber sie sah jetzt so aus wie ihre jüngere Schwester, ernst, entrüstet und verdrossen.

"Brian Montpelier befand, daß Léon Garout keinem mehr gefährlich werden soll. Hat meiner Schwester nicht behagt." Die Montferres nickten, sahen aber auch erleichtert aus. Dann sagte Madeleine: "So, junge Damen, die Hausherrin muß für zwei Babys mitschlafen. Ich bringe die Mutter eures Quidditchkameraden jetzt zu uns nach Hause. So wie ich das sehe muß ich mir dann noch den Nutrilactus-Trank genehmigen, um Claudine satt zu halten. Was tut man nicht alles als Patentante?"

"Ob Ihrer Schwester das behagen würde?" Fragte Raphaelle Montferre.

"Claudine wird's ihr nicht verraten. Sie wird sich nur wundern, wenn Claudine etwas von meiner Lebenslust mit einsaugt und in Beaux dann im blauen Saal unterkommt."

"Da kommt Babette schon hin", warf Jeanne ein. Madeleine grinste wieder überlegen und wisperte verschwörerisch: "Dreimal darfst du raten, warum. Gute Nacht ihr wilden weiber. Ähm, und ihr beiden solltet euch entscheiden, ob ihr die Haare ganz abmacht oder wieder wie richtige junge Mädchen rumlaufen wollt. Dazwischen sieht nicht aus."

"Sagen Sie das Tisiphone Lesauvage", fauchte Sabine.

"Ich fürchte, die weiß das schon", erwiderte Madeleine L'eauvite. Dann winkte sie Martha, die nicht so recht wußte, ob sie sich jetzt erheitert oder betrübt fühlen sollte, nach dem Wechselbad an Emotionen. Sie verabschiedete sich von den Montferres und Jeanne Dusoleil und folgte Madeleine nach draußen, wo der Familienbesen Blanche Faucons an der Wand lehnte.

"Ui, und ich habe schon gedacht, daß du echt möchtest ...", flüsterte Martha und blickte nach oben. Doch es flog niemand mehr auf einem Besen herum.

"Das will ich wirklich, Martha. Morgen früh drehen wir zwei mal eine Runde über dem abgelegenen Obstgarten, wenn sicher ist, daß keiner mehr spannt. Fliegen oder Apparieren?"

"Lieber apparieren", wählte Martha. Madeleine nickte und zog sie völlig gelassen mit sich durch dieses dunkle, viel zu enge Gummirohr, dessen anderes Ende außerhalb der Grundstücksgrenze Professeur Faucons lag.

Babette saß noch im Wohnzimmer und wiegte Claudine, die ungeduldig quängelte.

"Die war vollgekackt. Ich habe sie gewindelt. Papa bringt das nicht. Nur jetzt will die wohl noch was nachsaufen. Wo ist Maman?" Zischte Babette ungehalten.

"Die hilft ein paar Leuten, die sich verlaufen haben, wieder in unsere freie Welt zurückzukommen, Kleines", flüsterte Madeleine L'eauvite. "Das mit Claudine kriege ich hin."

"Häh? Kannst du das auch?"

"Jawohl, Babette, euer beider Patentante kann das. Ich muß nur selbst vorher was trinken."

"Okay, Babette. Dann kannst du wohl auch ins Bett. Deine Maman kommt wohl in ein paar Stunden wieder", sagte Martha. Babette sah ihre Großtante mißtrauisch an. Diese nickte jedoch und sah sehr zuversichtlich aus.

 

 

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Es war mitten in der Nacht. Der finstere, spitze Aufsatz auf dem Turm wirkte wie der Hut eines mindestens zehn Meter großen Zauberers. Der kleine, dicke Mann schlich wie eine Katze um das Mauseloch über den kopfsteingepflasterten Hof. Rings um ihn erhob sich eine zehn Meter hohe Mauer, die das kleine Dorf aus Holzhütten, den alten Burgbrunnen und die weiten Gartenanlagen umfriedete. Frieden. Das war, wofür diese alte Festung nun stand, Frieden vor Aufrührern und Ministeriumsfeinden. Dies war sein Werk, sein Reich, Friedenslager Nummer eins. Flavio Maquis genoß es, über seine Errungenschaft zu wachen. Mit Janus, seinem alten Freund aus Beauxbatons-Zeiten, hielt er das Land ruhig vor Leuten, die die Bedrohung von den britischen Inseln ausnutzten, um das bestehende Machtgefüge zu unterlaufen und von innen her zu zerstören. Grandchapeau hatte es mit Abwarten und schönen Worten versucht. Sein Freund Janus war da anders gestrickt. Er wollte den Gegenschlag, als die Dementoren in das Land einmarschiert waren. Viele der alteingesessenen Hexen und Zauberer hatten es jedoch besser wissen wollen und ihm gedroht, ihm die Gefolgschaft zu versagen. Das konnte nur heißen, daß sie das Ministerium übernehmen wollten. Maquis war stolz, etwas geschaffen zu haben, daß die böswilligen Zeitgenossen sicher von der Welt fernhielt. Gerade gestern hatte es wieder einer versucht, dieser Festung, seinem Lager eins, zu entwischen. Über die Mauer ging nicht, weil die Wände mit einem Sapovia-Zauber behandelt waren und so schlüpfrig waren, daß keiner sich dran halten konnte. Außerdem waren die ohnehin schon harten Steinblöcke nachgehärtet worden, daß selbst ein Diamant an ihnen Kratzer bekommen würde. Zudem wachten oben in den Wehrgängen noch zehn zuverlässige Leute. Zehn weitere wechselten sich im Turm ab. Also hatte der Besserwisser gemeint, ohne Zauberstab und Richtungsweiser durch die Kellergänge zu entwischen. Als er dann nach fünf Stunden schluchzend aus dem Labyrinth der Verzweiflung herausgepurzelt war, wußte der es jetzt endlich. Wer hereinkam, kam nur wieder raus, wenn Didier dies anordnete, und sonst nicht.

Der verwegen wirkende schwarze Schnurrbart bog sich in der kalten Brise, die über den Bergrücken wehte, auf dem die alte Burg stand. Doch sowohl der Gipfel, als auch die alte Feste waren durch Unauffindbarkeits und Umlenkungszauber für jeden unbefugten verwehrt. Irgendwo in einer der Holzhütten plärrte ein Kleinkind. Flavio grummelte. Er war also nicht mehr der einzige, der wach war. Wenn diese gerade anderthalb Jahre alte Göre schrie, wurden deren Eltern, die versucht hatten, Didiers Portschlüsselüberwachung zu stürmen, wie auch alle anderen Bewohner wach. Man durfte ihn hier draußen nicht sehen. Außer dem Truppenchef der hier stationierten Wächter wußte niemand in diesem Lager, daß er hier war. Janus Didier hatte darauf bestanden, daß keiner wußte, daß er auf dem Festland war. Wer ihn suchte, mochte in seinem Strandhaus auf Korsika suchen.

Flavio wandte sich der südöstlichen Ecke der Mauer zu und trabte auf leisen Sohlen dort hin, zog seinen Zauberstab aus Pinienholz mit der Herzfaser eines bretonischen Blauen hervor und kkitzelte vier kleine Steine auf Brusthöhe. Leise schabend klaffte ein Durchgang in der Mauer auf. Flavio schlüpfte hindurch und stand auf einer Metallplatte. "Flavio Privat ungestört", zischte er. Sofort ging die Maueröffnung zu, und die Metallplatte sank schnell in die Tiefe. Dann bog sie in einen von merkwürdigem Nebel verhangenen Tunnel ein. Der grünliche Nebel bestrich Flavio Maquis und erzeugte ein Gefühl, als tasteten aberhundert kalte Finger hektisch über seinen Körper. Das war ein Sicherheitszauber, falls doch einmal jemand den geheimen Zugang benutzte. Nur Flavio konnte ungefährdet durch diesen Nebel gleiten. Jeder andere würde innerhalb von Sekunden vereist, ohne zu erfrieren. Das hatte er Janus zwar angedeutet, aber nicht im Detail beschrieben. Am Ende des Eisnebeltunnels stieg die Metallplattform mit hoher Geschwindigkeit wieder nach oben, Er befand sich im Mittleren Turm. es ging in der massiven Säule aufwärts bis in jene schwarze Turmspitze, seine geheime Zentrale, von der aus er das Lager und dessen Umgebung überwachen konnte. Doch nicht nur das eine Lager konnte er von hier aus überprüfen, sondern auch den Zustand der übrigen sieben Lager, vor allem den von Lager vier. Dort, so hatte Didier ihn ersucht, sollten die Hexen und Zauberer aufbewahrt werden, die besonders gefährlich waren. Deshalb lag dieses Lager ja auch nicht in der Burg, die dort stand, sondern darunter. Die Metallplattform ruckte und stand. Flavio legte seine linke Hand an ein Stück Mauer, das leise knirschend auseinanderklaffte und einen weiteren Durchgang freilegte. Jetzt stand Flavio in Mitten eines kreisrunden Raumes mit mehreren Fenstern, einem erleuchteten Glastisch und vielen klickenden, tickenden und klackernden Instrumenten, die Uhren oder Wettergläsern ähnelten. Die Fenster waren Bildverpflanzungsscheiben, mit denen er in alle Richtungen des Lagers und in die Umgebung blicken konnte. Trotz der Dunkelheit wirkte die Aussicht wie an einem späten Vormittag. Doch für die Aussicht hatte er keinen Blick. Ein unangenehmes, rhythmisches Summen vom leuchtenden Glastisch her paßte nicht in die gewohnte Atmosphäre. Mit zwei langen Schritten war Flavio an dem langen, rechteckigen Tisch. Es wirkte so, als läge unter der Glasplatte eine selbstleuchtende Landkarte Frankreichs. Flavio sah sofort, daß da was nicht stimmte. Acht Punkte waren mit großen Zahlen in Rechtecken Markiert. Das waren die Standorte der Friedenslager. Vier Markierungen leuchteten blutrot. Das durfte nicht sein. Zwei wechselten gerade die Farbe von Gelb zu Orange. Nur zwei Markierrungen, die mit 1 und 4 beschriftet waren, glommen in einem beruhigenden, satten Grün. Lager 7 und Lager zwei wurden immer röter, während die Markierungen 3, 5, 6 und 8 stetig rot leuchteten. "Das kann nicht gehen. Das ist nicht möglich. Die Zauber müssen doch ...", schnarrte er, als sich gerade die Zahl 2 blutrot einfärbte. Das konnte nur heißen, daß kein lebendes Wesen mehr in diesem Lager war. Nicht nur das, auch die Schutzzauber waren aufgehoben. Jetzt wurde auch die Zahl 7 rot. Er stampfte mit dem Fuß auf. Wegen der Lautlossohlen seiner Schuhe war jedoch kein Geräusch zu hören. Er warf einen Blick auf die große, runde Wanduhr, während das Summen aus dem Tisch nun in ein mißtönendes Summsextett einstimmte. Er zog den Zauberstab und hieb damit gegen den von sich aus linken Rand der Tischplatte. Das Summen erstarb. Nur die roten Zahlen und die zwei einzigen grünen waren auf der Landkarte zu erkennen. Er tippte mit dem zauberstab die Nummer fünf an und sagte "Überblick und Status!" Sofort änderte sich das Erscheinungsbild der Tischplatte. Er sah auf eine Trümmerlandschaft. Glut leuchtete aus verkohlten Holzresten. Schwerer Qualm hing über einem schroffen Krater. Ein großer Trümmerhaufen lag dort, wo eigentlich ein Burgfried hätte stehen müssen. Nur die Mauern und Ecktürme standen noch. Allerdings sahen die Brüstungen der Wehrgänge schartig und angekokelt aus, und die Ecktürme wiesen schwarze Brandspuren und gezahnte Löcher auf. Das war unmißverständlich. Jemand hatte Lager fünf angegriffen und zerstört. Keine Menschenseele war auszumachen. Flavio sah gerade noch, wie der Krater in sich zusammensank. Dann verschwamm das Bild und hinterließ eine nachtschwarze Glasplatte. Damit war es nun klar, daß dieses Lager restlos vernichtet war. Als er die Gesamtübersicht wieder aufleuchten ließ, erloschen gerade die roten Markierungen von Lager drei und Lager acht. Auch diese Standorte waren restlos unbrauchbar geworden. Sofort holte er sich die Ansicht von Lager zwei auf die Glasplatte. Auch hier dasselbe Bild. Ein Krater, jede Menge Qualm, allerdings noch über lodernden Bränden, ein eingestürzter Burgfried und angekokelte Türme und Mauerkronen. Wer immer diese Angriffe ausgeführt hatte war von oben her vorgestoßen, erkannte Flavio. Denn das Tor war verschlossen, verriegelt und außerhalb der Umfriedung unbeschädigt. Die Appariersperre wirkte einen Kilometer weit. Nur mit den genau abgestimmten Portschlüsseln war eine Ankunft ohne Vorwarnzeit möglich. Die Fernüberwachungszauber reagierten auf jede Form sich bewegender Magie, registrierten menschliche Lebenszeichen und konnten Bilder sich nähernder Feinde in die Überwachungskammer in den Mitteltürmen übertragen. Warum hatten diese Vorkehrungen die Angreifer nicht gemeldet? Wie hatten die den genauen Standort des Lagers ermitteln können, ohne zuerst entdeckt worden zu sein? Wie hatten sie die dreifache Unbetretbarkeitsverriegelung überwunden? Sicher, er hatte die Meldezauber so eingerichtet, daß sie den Ausfall der Lager zeigen konnten. Dabei war er aber immer von einer Meuterei der Insassen ausgegangen. Daß jemand von außen es schaffen würde, unbemerkt alle Sicherheitszauber zu unterlaufen und auszuhebeln durfte nicht sein. Aber es war so. Maquis ließ die Gesamtübersicht wieder auftauchen. Weitere rote Markierungen verschwanden restlos. Er blickte noch einmal auf die Uhr. Jetzt war es knapp drei Uhr. Letzte Nacht und um acht Uhr abends war die Übersichtnoch so grün wie sonst was gewesen, fast schon langweilig. Er hatte sich Lager drei angesehen, weil ihm gemeldet worden war, daß eine Halbveela und ihr Ehemann dort einrückten. Er hatte die überragend schöne Frau über die Meldezauber beobachtet, bis sie in einer der Baracken verschwunden war. Sich anzusehen, wie sie gemäß der von seiner Mitarbeiterin Tisiphone Lesauvage in grauer Lagerkleidung zum Haareschneiden ging hatte er dann verworfen. Es würde diesem überirdisch anmutigen Wesen sicher einen ordentlichen Knick in der Schönheit geben, wenn ihr wallendes, weiches Haar dem Friseur zum Opfer fiel. Er überlegte schon, sich das abgetrennte Veela-Haar zuschicken zu lassen, um damit zu experimentieren. Doch noch rechtzeitig war ihm eingefallen, daß Veela-Haar sehr eigenwillig war und sich nicht einfach für irgendwelche Sachen verwenden ließ. Um neun Uhr hatte er gegessen, um dann, weil ja alle Insassen bei Einbruch der Dunkelheit in den Baracken zu sein hatten, seinen heimlichen Spaziergang unternehmen wollte. Und in dieser Zeit, wo er die Ruhe und Abgeschiedenheit genossen hatte, mußte irgendwer eine gezielte Angriffsserie auf sechs Friedenslager gestartet haben. Er, Flavio Maquis, hatte das nicht mitbekommen. Es hatte keine Hinweise gegeben, daß irgendwer die Lager diese Nacht angreifen wollte, geschweige denn angreifen konnte. Lager drei und fünf waren als erste attackiert worden. In drei war die Halbveela untergebracht. Mochte es damit zu tun haben? Hatten sie sich womöglich eine silberblonde, überirdisch schöne Laus in den Pelz gesetzt? Aber in Lager fünf wohnten keine Halbmenschen. Außerdem erklärte das auch nicht, wie die Angreifer die Lagerüberwachung unterlaufen konnten. "Listen der Lager drei und fünf!" Rief Flavio einem klobigen Kasten auf einem Steinsockel Zu. Sofort surrten mehrere Pergamentblätter heraus. Flavio holte sie sich und studierte die Besatzung und die dort internierten. Als er bei Lager fünf las, daß beide Montferre-Schwestern, die bei den pariser Pelikannen spielten dort eingesperrt waren und auch Suzanne Didier, Janus' Nichte, ahnte er, wie die Angreifer, zweifellos die Handlanger dieses sogenannten Gegenministers Delamontagne, die Lager genau gefunden hatten. Die Montferres sollten an und für sich zusammen in Lager fünf untergebracht werden, die Eltern, die beiden Töchter und die wenige Monate alten Söhne. Die Eltern waren jedoch mit den Säuglingen entwischt. Womöglich konnten sie ihre Töchter mit einem zauber finden. Dann stutzte er noch. Welcher Idiot hatte es darauf angelegt, diese Voodoo-Hexe Lévande Rafiki in Lager fünf unterzubringen? Die war ohne Zauberstab noch mächtiger als mit. Also hatte jemand sowohl die Halbveela als auch die Montferre-Zwillinge aufgespürt. Dann brauchten sie nur noch den genauen Standort zu finden und mit Aufhebungszaubern zu prüfen ... Aber wären dabei doch vorher entdeckt und ganz sicher aufgehalten worden. doch die Fragen mußte er auf später verschieben. Ihm fiel gerade ein, daß wenn sechs Lager so einfach überrant und geräumt werden konnten, Lager eins und vier bald folgen würden, die Angreifer womöglich schon unterwegs waren. Er mußte den Minister fragen, was er tun sollte. Denn wenn der Fall eintrat, daß ein Friedenslager angegriffen wurde, konnte er noch einen Trumpf ausspielen. Er eilte zu einem anderen Tisch, auf dem eine Vorrichtung wie ein Glaswürfel stand. Er griff den Würfel und drehte ihn einmal links und einmal rechts herum. Nur über diese Verbindung konnte er den Minister direkt erreichen. Zwar wartete der auf seine Frau, die für die Weihnachtsferien aus der Schweiz nach Hause kam und wohl staunte, jetzt als Frau Zaubereiminister angesprochen zu werden, doch er mußte jetzt mit ihm reden. Didiers Gesicht erschien im Würfel.

"Janus, Bis auf Lager eins und vier sind alle Lager gestürmt und geräumt worden. Sind alle unbrauchbar! Ich weiß nicht, wer das war und wie das gelaufen ist. Aber ich muß damit rechnen, daß Lager eins und vier auch noch gestürmt werden."

"Was, die Lager sind ... das kann nicht gehen, die Schutz- und Abwehrzauber."

"Ich weiß es nicht. Irgendwer hat die alle überwunden. Lager drei und fünf waren wohl die ersten. Was soll ich machen?"

"Du hattest doch die tollen Einfälle, wie die Lager zu schützen sind", schnarrte Didier, der jedoch nicht ganz so gelassen war wie er wirken wollte. Flavio sah es an seinen Augen.

"Ich kann eins und vier mit Ortstauschzauber anderswo unterbringen. Aber dann kommen deine Leute und mögliche Insassen nicht mehr ohne neue Portschlüsselbestimmung hinein."

"Delamontagne, er war wirklich so dreist ...", schnarrte Didier. "Mach den Ortstausch. Wir sind verraten worden. Die Bande darf die beiden anderen Lager nicht finden, sonst tanzt sie uns morgen auf der Nase herum."

"Verstanden, mache ich", atmete Flavio auf. Er hatte genau den Befehl erhalten, den er sich erhofft hatte. Er stellte den Glaswürfel wieder auf den Tisch und lief zu einem anderen rechteckigen Tisch, der jedoch nicht von vorne herein leuchtete. Dennoch konnte Maquis eine neue Landkarte erkennen, auf der jedoch nur noch zwei Stellen deutlich markiert waren. Sofort tippte er die Stellen an und murmelte Passwörter. Da bebte die Erde. Damit hatte Flavio jedoch gerechnet. Unvermittelt fühlte er sich so, als drehe sich alles um ihn, obwohl alles ruhig und an Ort und Stelle blieb. Dann war das Beben vorbei. Da wo Lager eins eben noch war, würden nun grobe Felsbrocken liegen. Da wo Lager vier gewesen war, würde sich nur noch ein Wald erheben. Hoffentlich hatte er es wirklich geschafft. Er wartete die ganze Nacht. Doch es erfolgte kein Angriff. Janus Didier verlangte ihn für den nächsten Montag in seinem Büro zu sprechen. Er legte sich hin und schlief unruhig. Man hatte seine Selbstsicherheit und seine Ehre erheblich angekratzt. Außerdem wußte er nicht, wer die Zauberer waren, die all seine Schutzmaßnahmen verhöhnt hatten. Doch das Lager eins und das Lager vier waren nun unauffindbar. Selbst wenn jemand den früheren Standort kannte, würde er oder sie dort nichts mehr finden.

 

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"Honey, wir haben noch vier weitere Lager geknackt", begrüßte Jane Porter Julius aus dem Bild Aurora Dawns heraus. Julius hatte diese Nacht mal nicht von Darxandria geträumt, sondern von der geflügelten Kuh Temmie, die ja Darxandrias zweite Verkörperung war. Sie hatte ihn auf ihrem Rücken über Millemerveilles getragen, wobei er Madeleine L'eauvite und ihre Schwester gesehen hatte, wie sie Didiers in Purpur gekleidete Friedenswächter mit seinem Fluchumkehrer in die Flucht getrieben hatten. "Bevor die Wintersonnenwende kommt, wirst du Ailanorars Stimme erklingen lassen. Dannwerden Skyllians Krieger endlich aus der Welt geschlagen, und ich darf endlich nur für Millie, dich und das Kind in mir da sein", hörte er Temmies Cello-Stimme aufmunternd sagen.

"Dann sind es nur noch zwei?" Fragte Julius.

"Schön wär's, Julius. Aber offenbar hat irgendwas diesen Lumpenhund darauf gebracht, daß seine netten Ferienlager nicht mehr erwünscht waren. Als wir Lager eins und Vier besuchen wollten, weil Quinns Kontraspektoren noch für zehn Minuten gut waren, fanden wir da, wo sie sein sollten, nur leeres Buschland ohne Magie. Er hat wohl einen Ortstauschzauber einarbeiten lassen, dieser feige Dummkopf."

"Das hätte er doch schon längst machen können, wo er wußte, daß Mum die Standorte kennt", wunderte sich Julius.

"Ist ihm aber wohl erst eingefallen, als die ersten sechs Lager fluchtartig geräumt wurden", sagte Jane Porter grimmig. "Aber wir haben mindestens siebenhundert unschuldige Leute, davon acht Neu- und drei Ungeborene aus diesen Straflagern herausgeholt, Honey. Und das ist eine ganze Menge. Egal wo dieser Schweinehund die übrigen Lager jetzt versteckt hat. Bläänch und der Tausendsasser Phoebus werden die finden. Nur soviel, damit du weißt, daß du stolz auf dich und deine Mutter sein darfst. Bis dann irgendwann, Honey." Sprach's und verließ das Bild nach rechts. Julius ging davon aus, daß Professeur Faucon Madame Maxime informieren würde. Immerhin hatte es keine Verluste gegeben. Nur Didier fehlten jetzt mehrere Dutzend Helfer. Doch davon durfte im Moment keiner was wissen.

Millie und er taten so, als habe es die letzte Nacht nicht gegeben. Das ging so lange, bis Professeur Faucon ihn in ihr Sprechzimmer einbestellte. Dort verriet sie ihm:

"Didiers Macht ist stark erschüttert. Wie ein verwundetes Tier könnte er jetzt um sich beißen. Daß wir sechs von acht Lagern geräumt und zerstört haben verdankt er einzig dem Umstand, daß deine Mutter die Lage dieser Lager früh genug erfahren hat. Womöglich hat er die Ortstauschung der verbliebenen Lager nur deshalb befohlen, um sie zu schützen, nachdem wer auch immer ihm gemeldet hat, daß die anderen Lager trotz Melde- und Sperrzauber gestürmt und geräumt werden konnten. Da ein Ortstauschzauber nach dem Aufruf keine Verbindung zu dem ursprünglichen Objekt behält, können wir die fehlenden Lager nicht mehr so zielgenau aufsuchen. Aber wir bleiben dran. Denn was Didier wohl noch nicht weiß ist, daß Ianshiras Fluchumkehrer tatsächlich auch Imperius-Opfer verändern kann. In welcher Weise wissen wir nicht. Meine Schwester hat es aufs Geratewohl an Patrouillenfliegern über Millemerveilles versucht. Fazit, Im Moment fliegt dort kein fremder Besen herum. Damit haben wir Didier einen weiteren schweren Schlag versetzt. Ich fürchte nur, daß er die Gefangenen der beiden unversehrten Lager eins und vier als Geiseln gegen Monsieur Delamontagne verwenden wird, sobald wir versuchen, ihn gewaltsam zu entmachten. Du spielst Schach und weißt daher, daß ein Patt eine unklärbare Situation darstellt. Wir wissen nicht, wo die beiden letzten sogenannten Friedenslager sind. Didier weiß nicht, wie wir die anderen sechs geräumt haben und hat vielleicht auch noch nicht erfahren, daß wir ihm Leute abspenstig machen, sofern sie mit dem Imperius-Fluch behaftet sind. Allerdings werden wir morgen in der neuen Zeitung lange Interviews mit ehemaligen Insassen lesen können. Nur wenn wir das noch stillschweigend duldende Zauberervolk auf unsere Seite ziehen können, besteht die Möglichkeit, Didier erst machtlos und dann würdelos zu machen. Wie weit bist du mit dem magischen Lied gediehen, welches du demnächst spielen sollst?"

"Darxandria will, daß ich es in den nächsten Tagen spiele", sagte Julius nur.

"Gut, gib mir umgehend per Vivianes oder Auroras Bild bescheid, wenn ich dir den stein geben soll. Eine von uns, entweder Madame Maxime oder ich, werden dich dann begleiten."

"Entschuldigung, Professeur Faucon. Es wäre mir lieber, wenn ich die geflügelte Artemis mitnehme. Bei unserer letzten Rundreise über die alten Straßen war sie uns eine wertvolle Hilfe. Und ich gehe davon aus, daß ihre Schwangerschaft oder Trächtigkeit noch eine gewisse Ausdauer zuläßt. Wir müssen nur zum Ausgangspunkt in den Pyrenäen und dann direkt zum Uluru."

"Wie erwähnt, teile es mir mit, wenn Darxandria dir sagt, du sollst los! Kläre du das mit deiner schwiegertante Barbara. Immerhin hat sie dir Darxandrias neue Daseinnsform ja zur Verfügung gestellt." Julius nickte und bestätigte das. Dann fragte er, ob sie nun, wo sie wußten, daß der Fluchumkehrer auch Imperius-Opfer betreffen konnte, die Wache über Beauxbatons auch damit ausschalten konnten.

"Es wäre meine Entlassung und deine gesicherte Zukunft als praktisches Utensil im Krankenflügel, wenn die einzigen magischen Menschen hier, die den Fluchumkehrer können es darauf anlegen, sich von der immer noch bestehenden Übermacht dort draußen gefangennehmen oder töten zu lassen. Und Grandchapeaus Stellvertreter Delamontagne könnte dann noch nicht einmal sagen, daß er etwas von dieser Operation gewußt hätte."

"Nein, das stimmt. Insofern wäre das glatte Selbstzerstörung, wenn ich da nur für fünf Sekunden rausfliege."

"Richtig, weil du nicht meine vorwitzige Schwester bist und nicht hundert volljährige Besenflieger um dich herum haben kannst wäre das glatter Selbstmord, falls Didiers versklavte Handlanger dich nicht lebendig nach Großbritannien verschicken."

"Mir reicht, wie diese Umbridge bei Dumbledores Beerdigung ausgesehen hat, wie sie Kevin und die Anderen als sogenannte Großinquisitorin drangsaliert hat und wie sie gegen Muggelstämmige hetzt und das sie bedenkenlos Dementoren einsetzt. Daß die neuen Erstklässler aus Hogwarts auf offener Strecke entführt wurden zeigt mir deutlich, daß ich dieser Kröte nicht in die Finger geraten will, wenn es sich vermeiden läßt."

"Ein sehr weiser Vorsatz", lobte Professeur Faucon ihren herausragenden Schüler, der trotz der schweren Lasten, die ihm aufgeladen wurden, noch immer ruhig blieb, nicht größenwahnsinnig oder paranoid. Eigenschaften, die Janus Didier im Übermaß hatte.

 

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"So, und jetzt nach links!" Kommandierte Madeleine L'eauvite. Martha war es immer noch mulmig, auf diesem dünnen Holzstab zu hocken wie in einem unsichtbaren Sattel und vor Madeleine über den Wipfeln des Obstwaldes zu fliegen, einer Gegen, die im Dezember von keinem aus Millemerveilles aus Versehen angesteuert wurde. Hier wuchsen alle möglichen Obstsorten, in einigen Gewächshäusern sogar Bananen, Ananas und Mangos. Jetzt, wo die Fastwintersonne fahl auf kahle Bäume herabschien, war hier ein guter Übungsplatz für Besenflüge. Martha dachte an ihre ersten Autofahrübungen mit ihrem Vater auf einem Verkehrsübungsplatz, allgemein auch Idiotenhügel genannt. So was ähnliches war das jetzt hier.

"Nicht zu stark auf die Unterarme, martha, sonst bist du immer Vorlastig!" Korrigierte Madeleine die Haltung der unverhofften Neuhexe. Martha zog ihre rechte Hand vorsichtig zurück. Tatsächlich pendelte sich der Besen nun eher nach hinten. "Gut und jetzt noch ganz entspannt im Rücken, damit dein Hinterteil lockerer aufliegt. Wunderbar!"

"Wir sind jetzt eine halbe Stunde unterwegs. Findest du nicht, daß wir aufhören sollten, bevor doch noch eine Patrouille aufkreuzt?" Fragte Martha nach hinten und fühlte, wie der Besenschweif sich den kahlen Kronen der Bäume zuneigte. So stieg sie jedoch in einem immer steileren Winkel nach oben. Schnell korrigierte sie nach, kippte dabei fast nach vorne, bekam dieses verhexte Fluggerät aus Blanches Beständen aber wieder in die Waagerechte. Sie schaffte es sogar, keine Schlagseite zu kriegen.

"Catherine und Camille passen auf. Und solange wir unter zweihundert Metern über Grund bleiben können die uns von oben nicht sehen. Du machst das schon ganz richtig. Ich möchte nur, daß du ein Gefühl für Richtungsänderungen kriegst. Denn immerhin könntest du von Eleonore oder Camille gefragt werden, ob du am Walpurgisnachtflug teilnimmst."

"Das fehlte mir noch, mit hundert übermütigen Hexen um ein großes Feuer fliegen. Das lassen wir besser ausfallen, Madeleine", sagte Martha, wobei sie jetzt darauf achtete, durch die Kopfdrehung keine Fluglageänderung zu verursachen.

"Gut, ich merke es, das ist dir noch unangenehm. Dann will ich das auch nicht überfordern. Lass mich mal vorbei! Ich fliege dir den richtigen Landewinkel vor. Ich weiß, daß du schon gut landen kannst. Das kriegen wir schon", sagte Madeleine und überholte Martha mit einem kecken Schwung nach links und oben. Dann flog sie genau vor ihr Her. Martha folgte ihr, hielt die Spitze ihres Besens in einer geraden Linie mit den gerade ausgerichteten Reisigbündeln Madeleines. Diese fühlte sich als Fluglehrerin offenbar sehr wohl, denn sie flog noch einige sachte Bögen, prüfte, ob Martha mithielt und landete dann fast auf dem Punkt, während Martha unbeholfen wie ein Segelfluganfänger über die nackte Erde schlidderte und immer wieder kleine Hopser baute, bis sie endlich die Füße fest auf den Boden stemmen und sich hinstellen konnte.

"Alles ganz an dem Besen?" Fragte Madeleine und prüfte das magische Fluggerät. "Ob an mir noch alles ganz ist interessiert wohl nicht", grummelte Martha.

"Deine Knochen hätte Antoinette wieder hinbekommen. Aber wenn ein Besen kaputtgeht, der meiner Schwester gehört bekäme ich großen Krach mit der", lachte Madeleine und umarmte Martha wie eine Tochter. Martha fühlte dabei, daß die Pflichten einer Patentante wohl noch nicht ganz verschwunden waren.

"Kannst du da nicht auch was gegen trinken, um wieder wie vorher auszusehen. Joe hat dich ja heute morgen schon angesehen, als wolltest du in einem fragwürdigen Film oder Theaterstück auftreten."

"Der hat nur dumm geglotzt, weil er seine kleine Tochter bei mir gesehen hat. "Aber Catherine wollte nachher noch einmal mit Blanche los. Da werde ich die Kleine noch mal versorgen. Aber ich denke, Catherine wird bald eh auf äußere Nahrungsmittelversorgung umstellen. Die Kleine quängelt nämlich schon so, als wollten da die ersten kleinen Beißerchen durchkommen. Da stehen uns allen wohl bald schlaflose Wochen bevor."

"Das wäre das allerkleinste Übel. Nach dem Coup mit den Friedenslagern ist Didier angezählt. Draußen brummen die Insektenmonster dieser Wiederkehrerin herum, und auf dem Boden laufen diese Schlangenbestien herum. Wir dürfen uns also eine von drei Katastrophen aussuchen."

"Na, nicht schwarzmalen, Martha. Die Insektenbiester sind nicht unverwundbar, und die Schlangenungeheuer können ohne festen Kontakt zur Erde auch nicht viel aushalten."

"Wollen's hoffen", sagte Martha nur. Dann disapparierte Madeleine mit ihr in Richtung Maison de Faucon.

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