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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Das war alles nicht so gelaufen, wie sie sich das ausgerechnet hatten. Zwar waren die Dementoren erfolgreich abgewehrt worden, aber wohl auch nur, weil sie nicht mehr in dieser erdrückenden Übermacht einfallen wollten. Warum das so war wußten sie jetzt wohl. Alle die von Scheinangriffen und damit verhüllten Invasionsversuchen gesprochen hatten hatten recht behalten. Es waren neue, wohl gefährlichere Ungeheuer aufgetaucht, Menschen, die sich in echsengleiche Geschöpfe verwandeln konnten. Wie viele es genau waren wußte weder Janus Didier noch der gerade für diese Sache zuständige Sebastian Pétain genau. Es war auch zu befürchten, daß diese Monstren sich wie Werwölfe vermehren konnten. Und zum größten Verdruß Didiers hatten die ihm entwischten Hexen und zauberer auch noch gewagt, die von ihm eingerichteten Friedenslager anzugreifen. Tja, sie hatten sogar sechs davon erobern und deren Insassen befreien können. Nur noch Lager 1 und 4 waren unversehrt. Jetzt liefen über siebenhundert Hexen und Zauberer wieder frei herum, die nun nicht nur allen Grund hatten, Didiers Entlassung zu fordern, sondern auch darauf hinarbeiten würden, ihn aus dem Ministerium zu vertreiben. Und wenn Didier gehen mußte, würde Pétain mitgehen müssen. Ja, für wahr, nichts war so gelaufen, wie die beiden Begründer der gerade geltenden Staatsführung es sich ausgerechnet hatten.

"Deine Großnichte wird dir wohl keine Weihnachtskarte schicken, Janus", feixte Sebastian Pétain.

"Wenn das eine Aufmunterung gewesen sein soll ist sie total danebengegangen, Sebastian", schnarrte der noch amtierende Zaubereiminister. "Delamontagne wird es nicht wagen, mich aus dem Amt zu jagen, solange dieser britische Massenmörder und seine Anhänger uns bedrohen. Außerdem hatten wir doch recht, daß es in unserem Land genug Agenten dieses Wahnsinnigen gibt. Das kann und wird Delamontagne nicht leugnen können, wenn er nicht als Handlanger des Unnennbaren bezeichnet werden will."

"Zum einen, lieber herr Zaubereiminister, hast du ihn genauso wie seine Kollegin Tourrecandide schon lange als solchen bezeichnet, bevor er meinte, im Schutz von Millemerveilles als dein Gegenspieler bejubelt werden zu müssen. Zum anderen frage ich mich jetzt ernsthaft, wie wir diese Schlangenpest loswerden können, wenn wir nicht mehr wissen, wer im Ministerium noch zu uns steht, wer bereits auf Delamontagnes Seite übergewechselt ist und wer Agent des Unnennbaren ist", wandte Pétain ein. Das verbesserte Didiers Stimmung zwar nicht. Aber das wollte Pétain sowieso nicht erreichen.

"Ich halte die alle noch unter Kontrolle", knurrte Didier. "Falls du das nicht glaubst, beweise ich dir, daß ich dieses Haus noch sauber halte."

"Würde ich an deiner Stelle nicht versuchen, Janus. Ich kann mich gegen diesen Fluch wehren."

"Das bilden sich so viele ein", erwiderte der amtierende zaubereiminister. "Aber ich denke, daß du nicht lange widerstehen wirst."

"Oder du, Janus. Das einzige, was mich davon abhält, dir diesen Fluch aufzuhalsen ist der Umstand, daß jeder Versuch in diesem Büro geahndet wird. Aber du kannst nicht immer in diesem Raum sein, auch wenn dein Feldbett sehr bequem ist und dir deine servilen Hauselfen genug Essen und Trinken bringen, daß du nicht hier herausgehen mußt."

"Ich habe genug Möglichkeiten, das was draußen passiert zu verfolgen, Sebastian. Komm mir jetzt also nicht damit, daß ich mich selbst zum Gefangenen gemacht hätte."

"Interessante Vermutung", bemerkte Pétain dazu. "Wäre es dann nicht günstiger, du würdest zu deinem Freund Flavio ins Lager eins umziehen? Da würde dich niemand mehr behelligen."

"Außer denen, die da sind, Sebastian", knurrte Pétain. Da schepperte eine Silberschale auf dem wuchtigen Eichenholzschreibtisch Didiers. "Erweist du jemandem die Gunst einer Audienz?" Fragte Pétain spöttisch.

"Mir kann hier nichts passieren, Sebastian. Das wird wohl jemand sein, den ich herbestellt habe", erwiderte Didier.

"Und wenn es dein Neffe oder deine Großnichte ist, Janus?"

"Werden die gar nicht erst vorgelassen", erwiderte Janus Didier. Hinzukommt, daß ja alle ihre Zauberstäbe abgeben müssen, die hier reinwollen und ..." Da flog die Tür auf, und eine kleiderschrankbreite Frau mit schwarzer Löwenmähne stürmte herein. Didier sah gerade noch, wie seine Sekretärin von einem grobschlächtigen Mann festgehalten wurde. Er erstarrte vor Überraschung.

"Ach, da sind ja beide zusammen", schnarrte die Frau gefährlich klingend und deutete mit beiden Händen auf Didier und Pétain. "Dann spare ich Zeit. Gut. Was ist mit meinen Söhnen Ferox und Léon passiert?"

"Da sind Sie hier falsch, Malorie", erwiderte der Zaubereiminister ganz entspannt. "Wenn Sie wissen wollen, was mit Ihren Söhnen ist, dann sollten Sie nach Millemerveilles und diesen Besserwisser und Amtsanmaßer Delamontagne fragen. Immerhin hat der sich in diesem Schmierblatt von Gilbert Latierre ja damit gebrüstet, "die Bluthunde Didiers" an die Kette gelegt zu haben. Außerdem verbitte ich mir in diesem Büro jede Respektlosigkeit. Sie und Ihr Ehemann verdanken mir Ihre Rangstellung. Und Lycaon hat seine bereits verwirkt, weil er seine Natur nicht beherrschen konnte und damit nicht nur einen vielleicht wichtigen Gefangenen wertlos gemacht, sondern diesem Besserwisser Delamontagne auch noch genug Stoff für seine Entmachtungsphantasien gegen mich geliefert hat. Also nehmen Sie ihren Jüngsten da draußen mit, bevor der meiner Sekretärin auch noch was abbeißt! Und dann verschwinden Sie schnellstens wieder!"

"Faunus, der nette Herr Minister ist sehr stur!" Rief die ungebetene Besucherin in das Vorzimmer. "Der will mir nicht verraten, was mit deinen Brüdern passiert ist."

"Ach, will er das nicht?" Fragte eine rauhe Männerstimme. Didier sah nun, wie der ebenso schwarzhaarige Kerl im Vorzimmer seine Sekretärin in einen Würgegriff nahm. Sie versuchte zwar, sich aus der Umklammerung zu befreien. Doch der Fremde war stärker. "Wenn ihm die Süße hier was wert ist soll der rauslassen, wo Ferox und Léon sind."

"Ich dachte, deine Wolfsohren wären selbst zugestopft noch besser als die von richtigen Leuten", blaffte Janus Didier und hielt seinen Zauberstab in der Hand. "Wenn deine Mutter und du nicht gleich hier aus meinem Büro und Vorzimmer verschwunden seid, weiß ich ganz genau, was mit euch beiden passiert. Nur habt ihr dann nichts mehr davon."

"mach die Schlampe kalt!" Keifte die ungebetene Besucherin.

"Devorato Inimicum!" Rief der Minister. Pechschwarzer Nebel quoll blitzartig aus den Wänden des Büros und des Vorzimmers und berührte die ungebetenen Besucher. "Fressen und gefressen werden, Malorie", knurrte Didier, als er durch den düsteren Dunst sah, wie die Störerin wie in einem unsichtbaren Feuer verbrannte. Ihre letzten Schreie wurden von der schwarzen Nebelbank fast vollständig geschluckt. Es dauerte nur zehn Sekunden, da war von ihr nichts außer der Kleidung übrig. Didier sah durch die offene Tür und sah, wie gerade auch Faunus Garout seine letzte Sekunde in dieser Welt erlebte. Kaum war auch der zweite ungebetene Besucher vergangen, lichtete sich der für Didiers Feinde tödliche Brodem in einem Augenblick. Janus Didier ging hinaus, um seine Sekretärin zu beruhigen und ihr mitzuteilen, daß die Bedrohung ein für allemal beseitigt war. Sebastian Pétain blieb im Büro des Ministers. Während der schwarze Nebel die Garouts vernichtet hatte war um ihn eine grünlich schillernde Aura erglüht, deren Licht keinen Widerschein erzeugte. So hatte Janus Didier, den kein solches Leuchten umgeben hatte, nicht gesehen, was mit Sebastian Pétain passierte. Der Landfriedenshüter erkannte, wie gut es für ihn gewesen war, sich bei Zeiten mit einem Schutzzauber gegen schwarzmagische Elementarzauber zu belegen. Zwar dachte er nicht, daß Didier ihn so schnell als Feind einstufen würde. Doch zu wissen, daß er dann mal eben diesen Feindfressernebel aufrufen konnte galt sorgfältig erinnert.

"Du siehst, lieber Sebastian, daß ich mir überhaupt keine Sorgen machen muß, daß Leute wie Delamontagne oder Tourrecandide hier eindringen können", sagte Didier. Pétain mußte sich arg zusammennehmen, nicht lauthals zu lachen. Wußte Janus nicht, daß es gegen diesen Zerstörungszauber einen probaten Gegenzauber gab? Doch er schwieg. Womöglich hatte Didiers Bruder Roland es nicht für besonders angebracht gehalten, ihm wirklich jeden Gegenzauber beizubringen, und in Beauxbatons war dieser Zauber wohl auch nicht gelehrt worden, weil dort keine wirklich gefährlichen Feinde der Lehrer herumliefen, auf die dieser Nebel wirkte. Außerdem mußte dieser Zauber langwierig aufgebaut werden.Woher sollte Janus das also dann wissen, wie leicht ein geübter Abwehrzauberer wie Delamontagne oder die Tourrecandide diesen Nebel zerstreuen mochten?

"Janus, wenn die anderen im Ministerium wissen, daß du einen schwarzmagischen Zauber zur Verteidigung eingerichtet hast ..."

"Ich denke nicht, daß du es ihnen verraten wirst, Sebastian. Sonst könnte ich genug Beweise vorbringen, daß du nach meinem Amtsantritt diese höchst effektive Maßnahme in die sonstigen Sicherheitszauber eingeflochten hast."

"Ich habe nicht die Absicht, daß auszuplaudern, Janus. Denn sonst könnten wir beide gleich den Kontinent wechseln."

"Falls die gierige Meute dann überhaupt was von uns übrig läßt", schnarrte Didier. Seine Sekretärin saß derweil im Vorzimmer und rang mit den Nachwirkungen des Angriffs und wie dieser abgewehrt worden war. "Ich sehe es ein, daß du recht hattest, Sebastian. Die Garout-Sippe für unsere Sache einzuspannen war keine gute Idee", fügte der Minister noch an. Dann schloß er wieder die Tür zwischen Vorzimmer und Büro und sagte: "Kommen wir wieder auf die siebenhundert Flüchtlinge zurück. Haben deine Portschlüssel-Überwacher geschlafen, daß diese Bagage jetzt dort ist?"

"Deine Frage beantwortet das doch, Janus. Daß wir wissen, daß die Flüchtlinge alle nach Millemerveilles versetzt wurden, obwohl über den Lagern eine Portschlüsselbeschränkung stand, wissen wir, weil die Überwacher nicht geschlafen haben. Offenbar hat dein Lagerbaumeister die ganzen Schutzzauber nicht sicher genug verankert, daß Delamontagnes Bande sie so schnell und gründlich auslöschen konnten. Abgesehen davon gibt es bei seinem Stall von Aufrührern auch Experten aus der Portschlüsselüberwachung, die wissen, wie man die Einschränkung von Portschlüsseln beseitigen kann."

"Oder du hast dieser Muggelfrau mehr verraten, als du mir bisher erzählt hast, Sebastian. Immerhin kanntest du unser Vorhaben, die Einschränkung zu installieren, um eigene Portschlüssel dort ankommen zu lassen." Pétain mußte sich beherrschen, seinen Geist und sein Gesicht so undurchschaubar wie möglich zu halten. Er wußte genau, daß er dieser Muggelfrau die erwogenen Sicherheitsmaßnahmen beschrieben hatte, wenn auch nicht, wie genau sie angebracht und aufrechterhalten werden sollten, weil das Didiers ganz eigene Angelegenheit sein sollte. So sagte er rasch: "Ich wußte doch nicht, daß dein Freund Flavio eine Portschlüsseleinschränkung installieren würde. Ich wußte nur, wie eine Apparitionssperre errichtet werden sollte. Also konnte ich nur das verraten und nichts anderes, Janus."

"Das, was du verraten hast, war bereits viel zu viel. Ich bin froh, daß wir noch zwei Lager retten konnten. Andererseits können wir das nun vergessen, in Frankreich ein geeintes Bollwerk gegen den Unnennbaren und seine Helferin zu bilden, die sich als Erbin Sardonias ausgibt."

"Du hältst mir meine Fehler immer wieder vor, Janus. Dabei hast du gerade eben wieder einen gemacht. Denn du ignorierst es beharrlich, daß diese Hexe Sardonias Erbin ist. Wie sonst hätte sie die Entomanthropen nachzüchten können, wo das außer Sardonia niemand genau wußte."

"Natürlich wußte das jemand. Immerhin hat Catherine Brickston ja erwähnt, daß Sardonia für einige dieser Ungeheuer ungeborene Mädchen geopfert hat."

"Interessant, daß du dich auf jemanden berufst, den du auf deine Liste der Geächteten gesetzt hast, Janus. Abgesehen davon mögen die Ungeborenen nur ein Stadium der Experimente Sardonias gewesen sein, weil sie ihre Feindinnen strafen und deren Töchter zu ihren Werkzeugen machen wollte. Wissen wir, ob sie nicht auch wirksamere Methoden gefunden hat?" Fragte Pétain.

"Jedenfalls muß das nicht heißen, daß diese Hexe eine echte Erbin Sardonias ist", schnarrte Didier verbittert. "Und falls doch, dann ist es an dir, sie zu erledigen. Immerhin hast du von mir die Tötungsvollmacht für eindeutig aufständische Hexen und Zauberer erhalten, die mit schwarzmagischen Kreaturen gegen uns kämpfen."

"Ja, und Voldemort wartet schon darauf, daß wir zu ihm gehen, ihm die unter die Nase halten und dann den grünen Blitz auf ihn schleudern", spottete Sebastian Pétain. Janus schrak zusammen. Pétain hatte den Nahmen des gefürchteten Zauberers laut ausgesprochen. Doch es passierte nichts. Sebastian mußte nun doch vergnügt grinsen. "Du gebrauchst Sardonias Namen so ruhig, obwohl sie in ihrem Jahrhundert des Schreckens mehr Unheil angerichtet hat als dieser Voldemort in England. Was macht dir mehr angst vor dem als vor ihr?"

"Weil sie eindeutig tot ist und er nicht", schnarrte Didier. "Es gibt Zauber, um die Nennung eines Wortes weiterzumelden und bestimmt auch schwarzmagische Abwandlungen davon. Geh davon aus, daß der Unnennbare diese Zauber kennt und beherrscht."

"Und falls Sardonia doch in irgendeiner Form wiedergeboren wurde? Wissen wir wirklich, daß ihr Geist, ihre Seele, beim Sturm auf Millemerveilles vernichtet wurde? Wie sonst könnte die andere Hexe, die sich als ihre Erbin ausgibt, an Wissen über sie gekommen sein?"

"Auch das ist deine Aufgabe. Sind die Entomanthropenjäger noch nicht in der Lage, einen dieser Riesenbrummer einzufangen und zu verhören?"

"Nein, konnten wir nicht. Sie explodieren, wenn sie bewegungsunfähig gemacht werden. Aber das habe ich dir auch erzählt. Wir können sie nur töten oder frei herumfliegen lassen."

"Ich will wissen, wo deren Brutkönigin hockt", schnarrte Didier. "Sieh zu, daß diese Biester markiert werden! Und falls es sein muß, mach es persönlich!"

"Dafür müßten wir eines dieser Biester einfangen, also bewegungsunfähig machen. Was dann passiert, habe ich ja gerade erwähnt", erwiderte Pétain. Dann lauschte er in sich hinein: "Abgesehen davon zerlegen die diese Schlangenungeheuer. Gerade bekomme ich die Mitteilung, daß bei Nantes fünf dieser Insektenbestien zwei der Schlangenkreaturen erledigt haben. Schon effizient. Sie stoßen wie Raubvögel von oben herab, packen einen zu zweit und reißen ihn hoch. Offenbar wird ihre Unverwundbarkeit in dem Moment geschwächt, indem sie den Kontakt mit dem Boden verlieren. Dann kommen die Giftstachel zum Einsatz. Regt sich ein Schlangenmonstrum nicht mehr, lassen sie es fallen. Es bleibt dann auch tot."

"Nantes?" Fragte der Minister leicht erregt. "Da liefen diese Bestien herum?"

"Jetzt offenbar nicht mehr. Einer meiner Mitarbeiter läßt mit Creaturam Revelio Himmel und Boden nach diesen Geschöpfen absuchen. Bisher sind keine weiteren magischen Geschöpfe größer als Nogschwänze und Knarls in der Gegend von Nantes geortet worden."

"Ich will wissen, woher diese Bienenbiester kommen und wohin sie nach jedem Angriff verschwinden", fauchte Didier. Pétain nickte. Er wollte das schließlich auch wissen, und auch, woher diese Riesenbrummer wußten, wie sie gewöhnliche Menschen von diesen Schlangenbestien unterscheiden konnten.

"Ach ja, wenn wir schon bei unerwünschten Lebensformen in Frankreich sind, Sebastian. "Diese Drachen von der Insel haben bei ihrem letzten Angriff drei Muggel geröstet und einen Drehflügelapparat von denen vom Himmel geblasen. Sage den Drachenjägern, sie sollen die auch erlegen, ob sie uns helfen wollten oder nicht. Ich sehe es erstens nicht ein, daß wir uns von irgendwelchen zerstörungssüchtigen Monstern auf der Nase herumtanzen lassen. Zweitens will ich mir weder von Delamontagne noch vom Rest der Zaubererwelt nachsagen lassen, ich hätte diese Biester bestellt, weil ich mit denen von der Insel gut klarkäme. Die Leute da sollen bloß in ihrer Schutzzone bleiben. Das ist hier unser Land, und wer nicht darin leben will hat sich auch nicht in unsere Angelegenheiten einzumischen."

"Warum sagst du mir das, Janus?" Fragte Sebastian Pétain.

"Weil die Drachenjäger nicht nur die Kampfdrachen erlegen sollen, sondern jeden unverzüglich in Lager vier unterbringen sollen, der auf oder bei denen hockt, um sie zu steuern", erwiderte Janus Didier. Pétain nickte.

"Hast du noch keine Antwort von der Insel?"

"Langsam reicht's, Sebastian. Du weißt genau, daß zu denen keine Eulen durchkommen, wenn niemand ihnen das geheime Losungswort als Adresse mitteilt. Und bevor du wieder davon anfängst, Sebastian, Grandchapeau hat es mit ins Grab genommen."

"Oder auch nicht", erwiderte Pétain. "Die in freudiger Erwartung befindliche Madame Grandchapeau behauptet nach wie vor, durch einen Verbindungszauber mit ihren Eltern zu wissen, daß sie noch leben. Und die, welche Latierres Kampfblatt lesen könnten ihr das glauben. Die Chermot hat doch schon hunderte von Anfragen, ob wir nicht neue Suchaktionen anleiern sollten, statt gute Besenflieger über Beauxbatons zu lassen, damit die einen Ausfall Maximes und Faucons verhindern."

"Ich bestelle die gute noch einmal ein, damit sie verkündet, daß Madame Belle Grandchapeau lügt und das auch erklären kann, warum sie lügt."

"Natürlich, weil du in dem Augenblick deine Legitimation verlörest, wo er irgendwo wieder auftaucht, nicht wahr, Janus. Seine Leiche wäre dir lieber", raunte Pétain verschwörerisch. Didier wirbelte zu ihm herum. Doch Pétain blieb gelassen. "Sei besser froh, daß bisher keine Leiche von Grandchapeau aufgetaucht ist. Dieser Delamontagne und sein Schreiberling Latierre würden dich sonst vor aller Zaubereröffentlichkeit als Mörder bezeichnen. Ich gebe dir besser die Ausgaben der letzten fünf Tage."

"Du gibst mir alle uns in die Finger geratenen Ausgaben und die, die noch abgeliefert werden", schnarrte Didier.

"Vor allem die, in der deine Großnichte Suzanne dich als herrschsüchtigen und größenwahnsinnigen Tyrannen bezeichnet, der nicht einmal davor zurückscheut, unbeherrschbare Werwölfe und stümperhafte, aber dafür sehr brutale Hexen zur Bewachung von wehrlosen Gefangenen einzuteilen? Ich muß zugeben, das hätte ich auch nicht erwartet, daß du Léon Garout und diese Tisiphone Lesauvage mit so verantwortungsvollen Posten beehrst."

"In zwei Sekunden bist du hier raus, oder ich verpass dir einen Fluch, der dir dein großes Maul schließt!" Drohte Didier. Pétain nickte und ging durch die Tür, durch das Vorzimmer und hinaus auf den Gang. Didier sah ihm verächtlich nach. Am besten sollte er ihn auf eine eindeutig tödliche Mission schicken und Marat an dessen Stelle setzen, den er mit dem Imperius-Fluch kontrollieren konnte. Dieser Muggelstämmige Schlaumeier und schürzenjäger tanzte ihm schon zu lange auf der Nase herum. Doch er war zu schlau, als sich in eine Falle locken zu lassen, ohne sich abzusichern. Wenn er genau nachdachte erkannte er, daß er ihn besser nicht tötete. Denn er wußte nicht, ob dieser Kerl nicht etwas von dem zu vielen Wissen versteckt hatte, daß an einer öffentlich zugänglichen Stelle auftauchte, wenn ihm ein bedauerlicher Unfall zustieß. So mußte er ihn, diesen verächtlichen Blutegel, so lange an seinem Bein hängen lassen, bis er das genau wußte oder das überschüssige Wissen aus ihm heraustreiben, ohne ihn gleich sterben zu lassen.

 

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"Ich habe es mir genau überlegt", sagte Professeur Faucon. "Wir bleiben dabei, daß außer denen, die von deinem Abenteuer mit dem Lotsenstein und dem Auftrag Darxandrias unmittelbar wissen, keiner etwas erfahren soll. Deshalb werden wir nicht durch die Verbindung der Portraits von Aurora Dawn nach Australien wechseln, sondern die alten Straßen benutzen. Wie hat sich deine Schwiegertante zur Mitführung von Mademoiselle Artemis geäußert?"

"Hmm, meine Schwiegertante hat gesagt, daß sie Artemis nur noch innerhalb von Frankreich fliegen lassen will, weil sie nicht weiß, wie Artemis mit der ersten Trächtigkeit zurechtkommt. Und auch wenn der Grundsatz gilt: "Jeder Kuh ihr Kalb", und Temmies Kind damit auch Millie und mir gehören würde, will sie wegen der Zuchtlinien sicherstellen, daß Temmie dieses Latierre-Kalb auch ungefährdet austrägt und zur Welt bringt. Sie sagte was von Oberaufsicht über die bestehenden Exemplare."

"Mit anderen Worten, Sie enthält dir dieses Wesen vor - Tier ist in Anbetracht der geistigen Umwandlung ja kein angemessener Begriff mehr -, solange es ein Junges trägt?" Wollte Professeur Faucon wissen. Julius nickte verhalten. Er hatte das von Millie, die das über ihren familieneigenen Postweg erfahren hatte, daß Tante Babs das nicht wollte, daß er Temmie mitnahm.

"Nun, als ich mit Catherine schwanger war hat die gute Madame Matine ebenfalls versucht, meine Aktivitäten zu beschränken. Und von meinen Nachbarinnen, die in den letzten dreißig Jahren Mütter wurden, erfuhr ich ähnliches. Sie berief sich dabei auf das Wohl des Kindes, daß ja von mir abhängig sei und keine eigenständigen Entscheidungen treffen könne. Das hat mich jedoch nicht daran gehindert, Reisen zu unternehmen oder theoretische Arbeiten für die Liga auszuführen. Deine Schwiegertante ist also von ihrer bisherigen Haltung abgerückt, Artemis ein größtenteils und ihrer Natur angemessen selbstbestimmtes Leben zu gestatten?"

"Tja, das ist der Punkt, Professeur Faucon. Temmie will aber mitkommen, weil sie findet, daß ihr Wissen und die ganzen körperlichen und magischen Fähigkeiten mir helfen können. Wie Sie, Catherine und Madame Dusoleil. Außerdem hat sie meiner Schwiegertante angedroht, ihr Versprechen aufzukündigen, sich ihrer neuen Natur gemäß zu verhalten, wenn sie nicht entscheiden darf, was für mich, Ihren anerkannten Wegbegleiter, sicher und wichtig ist. Da sie mittlerweile sicher apparieren kann, kann meine Schwiegertante sie nicht einmal mehr mit dem Rückhaltering festsetzen. Da das Apparieren eines nichtmenschlichen Wesens anders abläuft als das einer Hexe oder eines Zauberers, könnte sie sie nicht einmal mit einem Antidisapparierzauber festhalten. Körperlich ist Temmie ihr eh überlegen. Das einzige was Tante Babs noch tun könnte, wäre der Todesfluch, falls sie den überhaupt kann. Und dann bekäme sie wohl ein arges Problem mit mir, auch wenn ich noch minderjährig bin. Denn ich könnte zusammen mit diversen anderen Zeugen beweisen, daß sie kein einfaches Tier, sondern ein selbstbewußt handelndes Lebewesen getötet hätte."

"Sicher, wir beide, Camille und deine Schwiegertante Béatrice wissen von der neuen Präsenz, die in Artemis erwacht ist. Aber ob das von einer Kommission der Tierwesenbehörde geglaubt worden wäre ist fraglich. Und der Fall Steinbeißer hat gezeigt, daß Zauberergerichte, die Tötungen von nichtmenschlichen Wesen verhandeln sollten, oft zu Gunsten des für die Tötung verantwortlichen Zauberers entschieden haben", erwiderte Professeur Faucon. "Vor einhundert Jahren wurde ein deutscher Zauberer namens Grimbart Steinbeißer von seinem Sohn Gernot angeklagt, weil sein Vater einen Hauselfen mit dem Todesfluch belegt hat, weil dieser ihm zu alt für die Hausarbeit war. Offenbar stand der Sohn in sehr gutem Verhältnis zu diesem Hauselfen. Grimbart wurde freigesprochen, weil er anführte, der Hauself habe seine Nutzlosigkeit erkannt und um die Schmach einer Entlassung abzuwenden um seinen Tod gebeten. Herr Steinbeißer konnte mehrere Hinweise geben, die sich auf Unterlagen bezogen, denen nach viele Hauselfen der letzten Jahrzehnte lieber von ihres Meisters Hand oder Zauber sterben wollten als nutzlos und verbraucht in ein Aufbewahrungslager für gebrechliche Hauselfen abgeschoben oder in eine unproduktive Freiheit entlassen zu werden. Insofern könnte deine Tante behaupten, Artemis habe sich immer ungebärdiger verhalten und sei gemeingefährlich geworden. Bei magischen Tieren mit einer Gesamtstückzahl von weniger als zweihundert und der damit einhergehenden Gefahr von Inzuchtauswirkungen kann sowas immerhin vorkommen. Aber ich bin mir sehr sicher, daß deine Schwiegertante es nicht über ihr Herz bringt, eine intelligente Lebensform mit dem Todesfluch auszulöschen. Außerdem könnte deine zweite, vierbeinige Vertraute jenen Zauber in sich erzeugen, der den Willen zum Töten lähmt, wie du ihn erlernt und Monsieur Delamontagne und mir beigebracht hast. Weiß deine Schwiegertante von den vier Zaubern?"

"Wenn Millie oder Schwiegermutter Hippolyte nichts davon erzählt hat nicht", erwiderte Julius. Er mußte jedoch davon ausgehen, daß seine angeheirateten Verwandten keine Geheimnisse voreinander hatten. Das befand wohl auch Professeur Faucon. Denn sie verzog das Gesicht und schnarrte verdrossen: "Deshalb wäre es wohl günstiger gewesen, du hättest nach deinem Ausflug in die verborgene Stadt nur mir, Catherine und Madame Maxime erzählt, was du dort erlebt und erlernt hast. Nun, auf der anderen Seite haben sich die vier alten Zauber ja bereits bewährt und bestimmt mehrere Dutzend Menschenleben gerettet. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Insassen des Lagers fünf von diesem Léon Garout in seiner Wergestalt angefallen worden wären. Ähnliches gilt ja für die anderen Lager, wo durchaus subversive, geistig unterentwickelte Elemente über die Gefangenen wachen durften."

"Was ich noch sagen wollte, Professeur Faucon: Meine Schwiegertante ist bereit, mir Artemis für die Reise nach Australien zu überlassen, wenn sie mitkommen darf. Ich müßte dann also mit der mir maximalen Anzahl von Straßenbenutzern rechnen, sofern ich Artemis Ungeborenes nicht einbeziehen muß."

"So, sie will dabei sein? Da muß ich wohl mit ihr noch einmal direkt korrespondieren und ihr verdeutlichen, daß ein Leben bereits als Leben gilt, wenn es sicher im Mutterleib oder einem Ei heranreift. Du dürftest also nur mit einer Begleitperson und der trächtigen Mademoiselle Artemis verreisen."

"Ähm, Camille, also Madame Dusoleil, war da auch schon schwanger, als wir über die alten Straßen gingen", wandte Julius ein. "Sicher, da war wohl noch nichts von einem Kind zu sehen. Aber Ihrer Erläuterung von Leben nach war es zumindest schon ... Okay, ich ziehe meinen Einwurf zurück. Garoshan hat mir ja erklärt, daß ich insgesamt vier Lebewesen größer als Mäuse mitnehmen könne. Madame Dusoleils Kind dürfte da noch wesentlich kleiner als eine Maus gewesen sein. Aber Temmies Kalb dürfte jetzt schon größer als eine Ratte sein, vielleicht sogar schon größer als ein kleiner Pudel. Dann ist das wohl richtig, daß ich da nur eine weitere Person mitnehmen darf."

"Oder wir verzichten ganz auf deine große, weiße Anvertraute und begehen zu zweit die alten Straßen. Ich habe ja bereits erfahrung mit der Zielausrichtung, wenn du den Lotsenstein aktiviert hast."

"Das wäre wohl die einzige Möglichkeit, ohne Temmie oder Tante Barbara zu sehr zu ärgern", warf Julius ein. Im Zweifelsfall wollte er dann doch besser wen dabei haben, der oder die gut in Verteidigungszaubern war. Und wie gut Barbara Latierre war wußte er nicht. Dann fiel ihm noch etwas ein: "Außerdem - so gemein das jetzt auch klingt - muß ich eh auf dem letzten Stück Weg alleine vorankommen. Zumindest hat Ianshira das erwähnt. Wenn diese Windgeister immer noch um den Uluru herumfliegen und diese Höhle bewachen, könnten die jeden anderen angreifen." Professeur Faucon verzog wieder das Gesicht. Ganz ausschließen konnte sie das nicht. Dann meinte sie: "Da du dich derzeit in unserer Obhut aufhältst, beschließe ich jetzt, daß nur wir zwei über die alten Straßen gehen und du diesen Auftrag ausführst. Goldschweif und Artemis verbleiben wo sie sind. Weitere Personen werden nicht einbezogen oder mitgenommen. Wann soll es losgehen?"

"Eigentlich gestern", wandte Julius ein. "Zwar haben Anthelias Entomanthropen bereits gut unter den Schlangenwesen aufgeräumt. Aber wenn die alten Gegenspieler von denen gerufen werden können, kriegen wir diese Brut ganz weg. Jeder Mensch, der von diesen Monstern angefallen und gebissen wird, ist so gut wie tot, auch wenn er sich in ein weiteres Ungeheuer verwandelt. Ich weiß nicht, wie viele Leute schon Opfer dieser Unwesen geworden sind. Aber jedes Opfer ist eins zu viel. Am liebsten würde ich noch heute losziehen und Ailanorars Flöte blasen."

"Dann sei es so", sagte Professeur Faucon unverzüglich. "Ich gehe davon aus, daß du außer dem Zauberstab, dem Pflegehelferarmband und deinem Zuneigungsherzen keine weitere Ausrüstung benötigst. - Hmm, die Goldblütenhonigphiole trägst du auch bei dir?" Julius nickte. Adrenalin ergoß sich in sein blut und jagte ihm kribbelnde Schauer durch Rücken und Glieder. Jetzt galt es. Er hatte damit gerechnet, daß Professeur Faucon noch Einwände und Vorschläge hätte, wann er aufbrechen sollte. Doch offenbar wollte sie noch vor Weihnachten sagen können, daß Voldemorts Schreckenskrieger aus Altaxarroi erledigt waren. Damit würde auch der Aufruhr, den die im Land herumjagenden Insektenbestien und die wendigen Kampfdrachen verursachten unnötig sein. Es hatte sich herausgestellt, daß die Entomanthropen wirklich nur solche Menschen angriffen, die eindeutig durch das magische Gift der Schlangenkrieger verändert worden waren. Wie Anthelia ihre Luftwaffe auf die Besonderheiten dieser Wesen abgestimmt hatte wußte er nicht. Doch sie verfolgte eindeutig das Ziel, Voldemorts alte Krieger auszurotten. Da die Drachen dazu übergegangen waren, auch Entomanthropen zu jagen, würde diese zugegeben sehr gründlich dreinschlagende Streitmacht stark eingeschränkt. Er wußte nicht, wie schnell sich Entomanthropen vermehrten, wie viele Brutköniginnen es gab, für die wiederum arglose Menschen als Opfer hergehalten hatten. Jeder Mensch, der für die Erzeugung weiterer Ungeheuer herangezogen wurde, war einer zu viel, vor allem wenn er zwei oder drei weitere Mitmenschen mit dem Keim der Schlangenkrieger verseuchen konnte. Daher verstand er das vollkommen, daß Professeur Faucon so früh wie möglich losziehen wollte. Doch in einer Viertelstunde war Saalschluß. Wenn er wieder länger ausblieb würde das die Saalsprecher argwöhnisch machen. Auch wenn Professeur Faucon ihn persönlich im grünen Saal abliefern sollte würden sie ihn nicht mehr in Ruhe lassen. Es wurde in Beauxbatons eh schon viel über ihn getuschelt, daß er von den Lehrern hier gesondert behandelt würde, daß er mehr Aufgaben zu erledigen hatte, ihm durch die frühe Verheiratung mit Millie mehr zugebilligt worden sei als anderen und sie einen Riesenaufstand um seine überragenden Zauberkräfte machten. Wenn dann noch durchsickerte, daß er auch noch für irgendwelche Sondereinsätze herangezogen würde ... Das wollte er dann doch nicht. Doch auch Professeur Faucon erkannte das.

"Wir werden das Manöver wiederholen, mit dem du damals deine Abreise nach Hogwarts verborgen hast, Julius. Um Mitternacht, wenn alle wie die Regeln es verlangen in ihren Schlafsälen zu sein haben, entzündest du diese Dunstkerze. Du selbst schützt dich mit einer Kopfblase vor dem geruchlosen Schlafdunst. Dann verläßt du den grünen saal und begibst dich zu Fuß zu mir, nicht durch das Wandschlüpfsystem, weil zu befürchten ist, daß Madame Rossignol dich dadurch abfangen und zu sich herüberholen kann. Wir beide zusammen treten dann mit dem Lotsenstein und dem Intrakulum die Reise an. Magistra Eauvive wird uns in mein Haus in Millemerveilles befördern, wo wir aus der Bilderwelt heraustreten und das Dorf mit drei Apparitionen verlassen, einmal zur Grenze, danach ins Hinterland, wo wir vor Fernbelauschung und -beobachtung sicher sein können und dann zum Ausgangspunkt für die alten Straßen. Ich hoffe, der ganze Vorgang wird nicht mehr als fünf Stunden beanspruchen. Solange wird die Dunstkerze brennen. Da es jetzt etwas mehr als einen Monat her ist, daß du den Wachhaltetrank eingenommen hast, steht dem nichts entgegen, daß wir beide eine ausreichende Menge davon trinken, um die Reise so ausdauernd und konzentriert es nötig ist zu überstehen." Julius nickte. So war es also abgemacht, daß sie beide um ein Uhr Nachts am zwanzigsten Dezember 1997 aufbrechen sollten, um wie sie beide hofften, den Vormarsch Voldemorts in Europa zu stoppen und ihm seine Streitmacht abzunehmen. Wie sie dann die Entomanthropen wieder loswerden konnten wußte er nicht. Er dachte immer mal wieder an das echte Schwert der Entschmelzung, daß durch Zauberei zusammengekreuzte Lebewesen in ihre Ausgangslebensformen spalten konnte. Doch wo lag das Schwert? Wer hatte es? Darxandria hatte wegen des magischen Musikunterrichts keine Zeit damit vertan, ihm diese Frage zu beantworten. Doch wenn sie die Skyllianri-Gefahr wirklich aus der Welt schaffen konnten, würde er noch einmal versuchen, mehr über das magische Kurzschwert zu erfahren, mit dem Bestien wie die Entomanthropen erledigt werden konnten. Also erst einmal die Skyllianri mit ihren alten Gegnern ausradieren!

Wie abgesprochen kehrte Julius in den grünen Saal zurück und ließ sich nichts anmerken. Um Zwölf Uhr lagen sie alle in ihren Betten. Um viertel vor eins zauberte Julius im Schutz des Schnarchfängervorhanges die magische Frischluftblase um seinen Kopf. Dann tippte er die in den Schlafsaal geschmuggelte Dunstkerze mit dem Zauberstab an und dachte "Incendio!" Mit einem kurzen, leisen Zischlaut leuchtete für einen Moment eine schwach glimmende Flamme auf, bevor nur noch beinahe durchsichtiger Rauch aus der Kerzenspitze stieg. Julius stellte die nun vor sich hindunstende Schlafnebelkerze so ab, daß sie nichts in Brand stecken aber auch nicht gesehen werden konnte, bevor sie ganz heruntergebrannt war. Dann zog er sich seinen Umhang für Außenarbeiten an, packte seine besonders dicken Schutzhandschuhe ein und prüfte den Inhalt seines Brustbeutels: Der Gringotts-Schlüssel, das Antidot 999 gegen die Wirkung der meisten natürlichen Tier- und Pflanzengifte, die Centinimus-Bibliothek und die Goldblütenhonigphiole, die er vorsorglich in einer verschließbaren Innentasche des Umhangs unterbrachte, um ihre volle Wirkung zu erzielen. Dann lag die Flotte-Schreibe-Feder, die er von Jennas und Bettys Mutter geschenkt bekommen hatte in ihrem schmalen Etui im Brustbeutel. Dann waren da noch die Zweiwegespiegel, die ihn mit Gloria und Professeur Faucon verbanden. Sie ließ er im Brustbeutel. Sonst nahm er nichts von seiner Ausrüstung mit. Ob Temmie ihm das verzeihen würde, daß er ohne sie aufbrach? Ob Millie ihm das übelnehmen würde, daß er ihr nicht bescheid sagte? Ob Madame Rossignol wütend werden mochte, wenn sie merkte, daß er wieder aus Beauxbatons verschwunden war? Gut, letztere wußte, daß er irgendwann zu dieser ominösen Suche aufbrechen würde. Aber wenn sie davon ausging, daß er ihr das vorher sagte, und er tat es nicht, mochte sie einmal mehr sehr zornig werden. Doch er hatte sich entschieden, die alte Pest, die Voldemort aus dem alten Reich aufgeweckt hatte, auszurotten, wenn er das wirklich konnte. Nur zu ihm hatte Darxandrias Geist einen so hervorragenden Kontakt. Sonst hätte sie wohl auch einem anderen von Ailanorars Stimme erzählen und ihn in seinen Träumen damit vertraut machen können. Er war durch den Besuch der alten Festung der Träger ihrer Siegelaura geworden. Solange die Zeitungen nicht darüber berichten konnten und ihn zum neuen Auserwählten ausriefen würde er sich wohl irgendwann daran gewöhnen. Irgendwie fühlte er sich auch erfreut, daß er heute Nacht vielleicht eine große Gefahr von der Menschheit abwenden konnte. Er fragte sich nur, warum er nicht schon vor vier Monaten hatte aufbrechen können. Wie viele Menschenleben wären dann wohl gerettet worden? Doch die Frage durfte er sich echt nicht stellen. Es passierte zu häufig, daß durch die nötige Vorbereitungszeit bereits Unheil angerichtet werden konnte. Er konnte nicht sagen, er sei zu spät gewarnt worden. Aber daß er ausgerechnet jetzt erst aufbrechen konnte, um das Unheil einzudämmen, hatte ihm weder Darxandria noch wer aus der Halle der Altmeister Altaxarrois erklärt. Vielleicht würde er in nicht einmal einer Stunde die Antwort auf diese bohrende Frage haben, falls er es schaffte, Ailanorars Stimme zu erlangen. Ein gewisser Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Hieß das nicht auch, daß er gegen einen dieser Flöte innewohnenden Wachzauber oder Wächtergeist ankämpfen mußte? Oder würde der ihn akzeptieren, wie viele anderen altaxarroischen Wesen und Zaubergegenstände ihn als Darxandrias Siegelauraträger akzeptiert hatten? Er konnte es nur hoffen. Denn sonst war nicht nur er verloren, sondern auch der Rest der Welt. Nein! Er durfte jetzt auf keinen Fall zurückschrecken. Auch wenn ihm gerade die gesamte Welt auf die Schultern gelegt worden war, mußte er den eingeschlagenen Weg jetzt konsequent zu Ende gehen. Ein Zurück gab es nicht mehr. Denn er war sich auch sicher, daß Darxandria ihn nicht mehr ruhig schlafen ließe, bis er diesen Auftrag ausgeführt hatte. Er hoffte nur inständig, daß das magische Lied und die Technik, wie es gespielt werden mußte, wirklich unfehlbar in seinem Gedächtnis verankert war. Doch Darxandria hatte ihn bisher nicht belogen oder überschätzt oder sonst etwas. Sicher, sie mochte einiges nicht mitbekommen oder erfahren haben. Doch im Moment konnte er nichts anderes tun als zu hoffen, daß sie ihn nicht in eine unentrinnbare Falle schicken würde.

Wie Professeur Faucon ihm geraten hatte ging er zu Fuß durch den völlig stillen Palast. Nur sein Zauberstablicht erhellte die Gänge. Julius war jederzeit bereit, es ungesagt wieder ausgehen zu lassen, wenn er von irgendwo Geräusche hören konnte. Er schlich so behutsam er konnte durch die Korridore, stieg die Tricktreppen hinauf und hinab und gelangte schließlich auf den Gang zu Professeur Faucons Sprechzimmer. Die Tür stand offen, und Professeur Faucon stand mit erleuchtetem Zauberstab in Türrahmem und winkte ihm wortlos zu. Er nickte ihr zum Gruß zu und schlüpfte in das Bereitschaftszimmer. Professeur Faucon folgte ihm und schloß die Tür. Dann baute sie mit "Sonincarcero" einen zeitweiligen Klangkerker auf. Julius fragte sich, ob sie nicht doch irgendwann einen dauerhaften Klangkerker errichten wollte, so oft, wie sie den Schallrückhaltezauber schon in diesem Raum verwendet hatte. Unaufgefordert ließ er die noch um seinen Kopf aufgebaute Frischluftblase verschwinden, um besser hören zu können und verstanden zu werden. Erst jetzt sagte die Lehrerin was: "Ich habe dich bei Madame Rossignol abgemeldet und ihr versichert, daß ich dich unversehrt zurückbringen oder für immer aus Beauxbatons fortbleiben würde. Sie ist zwar wie zu erwarten stand sehr ungehalten, weiß jedoch um deine besondere Aufgabe und wünscht dir alles glück, daß du brauchst."

"Schade, daß Felix Felicis und der Wachhaltetrank sich nicht miteinander vertragen", bemerkte Julius dazu.

"Allerdings", war Professeur Faucons kurze Antwort darauf. Dann schenkte sie aus einer bauchigen Flasche zwei Kelche mit Wachhaltetrank ein. Julius trank seine Dosis und straffte sich. Professeur Faucon schluckte ihre Menge des Zaubertrankes. Sie ergriff eine bequeme Handtasche, in der sie von Madame Rossignol diverse Heiltränke mitführte, gegen Hitze, Sonnenbrand, Unterkühlung und Vergiftungen. Dann deutete sie auf ihren Schreibtisch, wo das Intrakulum bereitlag. Julius fragte sich, ob das nicht riskant gewesen war, es offen hinzulegen. Doch so wie es aussah hatte es ja auch sonst keiner mitbekommen, daß es hier war. So nahm er es in eine Hand. Professeur Faucon gab ihm auch den Lotsenstein, jene runde Steinkugel mit den silbernen Quer- und Längslinien aus Metall, die wie ein altertümliches Gradnetz der Erdkugel aussahen und mit Schriftzeichen aus der längst vergessenen Sprache der Altaxarroin verziert war.

"Fliegen die über uns noch Patrouille?" Wollte Julius wissen.

"Zwanzig Mann auf Besen sind immer über dem Schulgelände unterwegs. Und außerhalb der magischen Begrenzung strolchen vier Hadesianer-Hunde herum und hoffen, daß jemand so unvorsichtig ist, die schützende Begrenzung zu überschreiten", schnaubte Professeur Faucon. Dann bedeutete sie Julius, sie gleich aufzunehmen und sich von Viviane Eauvive in ihr Haus nach Millemerveilles bringen zu lassen, sobald er in die Bilderwelt umgestiegen war. So wartete er, bis sich Professeur Faucon wieder in einen handlichen Fingerhut verwandelt hatte. Diesen verstaute er sicher in seinem Umhang und rief den Zauber des Intrakulums auf. Nachdem die Lichtspirale ihn auf dem Weizenfeld jenseits der Leinwand abgesetzt hatte, näherte sich Viviane Eauvive von rechts oben her und führte ihn ohne große Begrüßung durch die Bilderwelt von Beauxbatons bis in ihr Stammbild, daß abseits der für alle zugänglichen Korridore lag. Dort schritt sie mit ihm in einen farbigen Lichttunnel, dessen Endpunkt in einem anderen gemalten Zimmer lag. Durch das, was er Weltenfenster nannte, konnte er das Arbeitszimmer der Verwandlungs- und Verteidigungslehrerin erkennen. Niemand hielt sich dort auf. Ohne groß abzuwarten, ob noch wer hereinkommen würde verließ er die magische Parallelwelt der Zauberbilder wieder und holte den Fingerhut heraus, den er behutsam auf den Boden legte. Das scheinbar unscheinbare Hilfsmittel für Schneider und Näherinnen zerfloß in einem bunten Wirbel, der innerhalb einer Sekunde auf die Größe eines Menschen anwuchs und sich schlagartig als Professeur Faucon verstofflichte.

"Langsam erhalte ich Übung darin, diese Erscheinungsform anzunehmen und wieder abzulegen", bemerkte die Lehrerin und sah Julius auffordernd an. "Halten wir uns hier nicht länger auf als nötig! Catherine und deine Mutter wurden nicht von mir informiert, weil ich nicht wollte, daß deine Mutter sich hier im Zimmer aufhält und darum bangt, daß du zurückkehrst. Ich hoffe inständig, daß du wieder zurückkehren wirst und wir so unauffällig wie es geht nach Beauxbatons zurückkehren können."

"Ich hoffe, daß ich das alles hinkriege, was Darxandria und Sie von mir erwarten", sagte Julius. Er mußte sich sehr stark zusammennehmen, Professeur Faucon nicht spüren zu lassen, wie aufgeregt er war. Er fragte noch, ob über dem Dorf noch immer keine neue Patrouille Didiers kreiste. Sie erwiderte darauf, daß die Abwehr von Millemerveilles keine neue Patrouille mehr zuließe und jedesmal, wenn Didiers unterworfene Handlanger auftauchten, ihre Schwester Madeleine mit dem Fluchumkehrzauber dreinschlug, der sich als probates Mittel gegen den Imperius erwisen hatte, wenngleich keiner wußte, ob nur der eingepflanzte Auftrag ins Gegenteil verkehrt wurde oder der Fluch als solches erlosch oder vom gelähmten Willen zur verstärkten Willenskraft umschlug. Bisher hatten sie nichts gehört, daß die aus Didiers Sklaverei befreiten versucht hätten, ihren früheren Befehlshaber zu entmachten.

So leise sie konnten verließen Professeur Faucon und Julius das Haus der Lehrerin. Unangefochten passierten sie das Gartentor und traten auf den Weg hinaus, der zwischen den Häusern verlief. Für einen Moment blieben beide stehen und blickten sich um. Wie friedlich wirkte dieser Ort. Die Stille Rringsum, die Sterne an einem gerade wolkenlosen Himmel. Julius erblickte den Orion, eines der Wintersternbilder. Kein Besenreiter war zu erkennen. Er ertappte sich bei der Vorstellung, diesen friedlichen Ort hier gerade zum letzten Mal betreten zu haben. Nein! Er wollte und durfte sowas nicht denken! Er würde hier wieder herkommen. Doch er mußte auch daran denken, daß er kurz vor zwölf Uhr noch einmal mit Millie über die Anhänger mentiloquiert hatte. Diesmal wollte er nicht ohne Abschiedsworte aufbrechen wie damals, wo er die Galerie des Grauens aufgesucht hatte. Millie hatte ihm Glück gewünscht und versprochen, in ihren Gedanken bei ihm zu sein. Das hatte er Professeur Faucon nicht verraten, weil sie das ganz sicher nicht mochte, daß außer ihr und ihm noch jemand wußte, daß er gerade auf dem Weg zum Uluru war. Jetzt würde es wohl nur noch eine Minute dauern, bis er den großen Felsenberg in Australien vor sich haben würde. Dann würde es sich entscheiden, ob er der richtige Mann für den Job war oder komplett versagte.

Professeur Faucon bot ihm ihren linken Arm an, während sie mit der rechten Hand den Zauberstab nach oben hielt. Julius hielt sich so gut fest, ohne ihr den Arm einzuquetschen und erwartete die Disapparition. Ohne Ansage drehte sich Professeur Faucon auf dem Punkt. Julius konzentrierte sich darauf, mit ihr zusammen zu apparieren. Mittlerweile wußte er, daß das beim Seit-an-Seit-Apparieren auch helfen konnte, die Auswirkung des alles zusammenstauchenden Drucks zu mindern. Dennoch meinte er erneut, in einer Schrottpresse zermalmt zu werden, bis er keuchend frische Luft einsog und erkannte, daß sie auf einer freien, sich selbst überlassenen Fläche standen.

"Ich habe uns beide knapp einhundert Meter in die Nähe der Außenbegrenzung gebracht", wisperte Professeur Faucon auf der Hut vor möglichen Mithörern. "Wir müssen die Grenze zu Fuß passieren. Außerhalb werde ich uns dann so gut es geht an den Zugang heranführen, bevor du ihn aufrufst", mentiloquierte sie dann noch. Julius schickte ein "Verstanden" zurück. Dann gingen sie los. Knapp zwei Minuten später fühlte Julius ein kaltes Prickelnn von seinem Pflegehelferarmband ausgehen. Diese Empfindung hatte er bisher noch nie verspürt. Professeur Faucon winkte ihm, als er stehenbleiben wollte, um die Empfindung genau zu überdenken. Da ließ das Prickeln auch nach.

"Die Umgrenzung ist eben aus dunkler Magie. Dein Armband wird wohl darauf angesprochen haben, weil du dich ihr diesmal wesentlich langsamer angenähert hast als auf einem Besen", mentiloquierte Professeur Faucon. Dann bot sie Julius erneut ihren Arm an. Diesmal zählte sie leise: "Eins! Zwei! Drei!" Er stieß sich federnd vom Boden ab und fühlte, wie es ihm seine Arme, Beine, Lungen und den Kopf zusammendrückte, jedoch nicht so stark wie zuvor. Gleich danach ließ der starke Druck auch schon wieder von ihm ab. Er blickte sich um. Aus dem schwarzen und lautlosen Nichts der Apparition war ein Tal mit hohen Wänden geworden. Er hoffte, das es wirklich noch nicht möglich war, die Apparitionsspürer neu einzurichten.

"Wir sind bereits in den Pyrenäen, Julius. Gib mir noch einmal den Lotsenstein, damit ich die genaue Zielbestimmung machen kann!" Erläuterte die Lehrerin. Julius holte den magischen Stein hervor und reichte ihn Blanche Faucon. Diese hob den Stein an und rief beschwörerisch: "Ashmirin!" Sofort begann der Stein zu summen und eines der an den Gradkreuzungen eingearbeiteten Symbole glühte auf.

"Nicht schlecht! Nur zwei Kilometer weiter westlich", bemerkte die Verteidigungslehrerin. Dann stellte sie sicher, daß ihr Begleiter sicheren Körperkontakt mit ihr hielt und warf sich gleich in die dritte und entscheidende Apparition.

Ja, hier lag er, der Zugang, die geheimnisvolle Plattform, die jeden, der ihre Magie wachrufen konnte, an einen anderen der vielen Knotenpunkte der alten Straßen bringen konnte. Dies erkannte Julius an den Bergmassiven, die Professeur Faucon und ihn umgaben. Jetzt galt es nur, die Verbindung zum Uluru zu benutzen. Da nur Julius die richtigen Schlüsselwörter kannte und obendrein eine Passage für zwei Lebewesen aufrufen mußte, gab die Lehrerin ihrem Ausnahmeschüler den kugelrunden Stein zurück. Julius wollte gerade ansetzen, den Lichtzylinder für zwei Lebewesen aufzurufen, als mit einem gedämpften Poff, wie ein nicht richtig gezündeter Kanonenschlag etwas helles, gigantisches aus dem Nichts herausbrach. Professeur Faucon erstarrte, als das mehr als elefantengroße Ungetüm auf seinen vier starken beinen herantrottete. Julius bekam Augen groß wie Autoscheinwerfer, als er die geflügelte Kuh Artemis erkannte, die nun wie vorher bestellt vor ihm und seiner begleiterin verhielt. Um den Hals der magischen Milchlieferantin hing der große, blasebalgartige Sack des Cogisons. "Ich habe bereits in der Nähe gewartet", Trötete das Cogison, und die Stimmenimmitation klang belustigt. "Denn ich habe das gehört, was die jüngere Barbara zu Millies Mutter zu dem lebendigen Nachbild von Orion gesagt hat. Ich will mitkommen."

"Wenn Babs merkt, daß du dich mal eben abgesetzt hast gibt's Ärger", erwiderte Julius. "Nachher macht die eine unzerreißbare Kette an deinem Hals fest, bis dein Kind aus dir raus ist."

"Barbara Latierre meint es sehr gut, wenn sie sagt, daß es besser ist, nicht überall hin mitzukommen", schnarrte Professeur Faucon etwas ungehalten.

"Sie denkt nur daran, daß ich jetzt mit Kind ganz lieb herumstehen soll und warte, bis es aus mir raus ist, Blanche", cogisonierte Artemis. "Das ist aber mein Kind, und ich habe als Menschenfrau schon einige gehabt. Ich habe das genau nachgedacht, wie schnell das in mir jetzt wächst, wenn ich zwei Sonnenumläufe damit herumlaufen muß und ganz sicher erkannt, daß ich es gut weitertragen kann, solange ich mich und alles auf und in mir ganz leicht mache. Ich habe dir das schon gesagt, daß ich gerne das tun werde, was ich als Demeters Mädchen machen soll. Ich habe dir aber auch gesagt, daß ich mit dem, was ich im anderen Leben gelernt und gemacht habe weiß, was ich noch alles tun kann und was ich ganz bestimmt tun muß. Und bei Julius zu sein, wenn er Ailanorars Stimme aufweckt ist genau sowas, was ich machen muß, ob mit Kind im Bauch oder ohne."

"Ich sagte es damals auf dem ersten Weg über diese alten Straßen, daß Sie ein wenig mehr Gehorsam gegenüber denen üben sollten, die Ihnen zu essen und eine Wohnung geben, wenn Sie schon meinen, in dieser Lebensform zu bleiben", schnarrte Professeur Faucon.

"Ja, und ich habe dir damals auch gesagt, daß ich das gut machen kann, solange es nichts wichtigeres gibt, was ich machen muß und daß ich mit dem neuen Körper auch was erleben will. Und ich habe dir damals in der großen Halle des Sonnenpalastes erzählt, daß ich deshalb diesen Körper angenommen habe, damit Julius, der mein Siegel trägt, mit seinem Selbst nicht in diesem Körper feststecken mußte. Das heißt aber nicht, daß ich jetzt nur noch fresse, Wasser und Fladen rauswerfe und irgendwann in etwas mehr als einem Sonnenumlauf auch ein Kind aus mir herauskommen lasse. Aber wir reden zu lange. Julius, öffne die Straße für vier! Los!"

"Wie heißt das Wort?" Fragte Julius verschmitzt grinsend, während Professeur Faucon die Hände vor ihrem Gesicht zusammenschlug. Zur Antwort dröhnte Temmies natürliche Stimme mit einem alle Eingeweide und die Schädeldecke erschütterndem "MUUUUUUUUH!!" Professeur Faucons Hände zuckten zu ihren Ohrmuscheln und schlossen sich reflexartig darum, während Julius meinte, jemand habe in seinem Bauch einen Baßlautsprecher mit voller Stärke laufen lassen. Temmie hatte es voll raus, wie sie ihre Fähigkeiten ausspielen konnte. Professeur Faucon mentiloquierte: "Ruf bitte den Zylinder auf! Sonst löst sie noch eine Lawine aus." Julius warf den Kopf in den Nacken und fragte Temmie: "Vier Leben? Also gilt ein wachsendes Kind auch als eigenes Leben."

"Meins ganz bestimmt, weil es ganz sicher schon größer ist als diese piepsenden Nagetiere", cogisonierte Temmie. Julius winkte ihr zu, heranzutreten. Sie trug keinen Aufsatz. Sicher konnten sie beide locker ohne mit den Köpfen anzustoßen unter ihrem Körper stehen. Doch wenn sie bei der Ankunft hinfiel oder ihr Gleichgewicht wiederfinden mußte und austrat ... "Temmie, ohne den Sitz auf dir kannst du uns wohl nicht tragen, ohne daß wir runterfallen."

"Doch, geht ganz gut. Ursulines drittjüngstes Mädchen hat schon mal auf meinem rücken gesessen und ist mit mir rumgeflogen, als Barbara nicht auf mich aufpassen wollte. Ursuline hat gelacht", cogisonierte Temmie. "Haltet euch in meinr Kaltzeitwolle fest. Die ist lang und dicht. Tut mir nicht weh." Sie bewegte vorsichtig die Beine und senkte sich. Dann legte sie sich behutsamer, als es für ein derartig gewaltiges Tier anzunehmen war hin. Julius sah Professeur Faucon an. Diese schüttelte den Kopf, wiegte ihn und nickte dann in Richtung Temmie. Dann verwandelte sie sich ohne Zauberstabbenutzung. Aus ihrem Umhang wurden weiße Federn. Sie schrumpfte ein wenig. Ihre Beine wurden zu Vogelbeinen. Ihre Arme wurden zu mächtigen Adlerschwingen. Ihr schwarzes Haar schnellte wie eingesaugt in ihren Kopf und machte weißem Gefieder Platz. Diese Transformation dauerte nur eine Sekunde. Dann stieß sich der weiße Adler vom Boden ab und wechselte mit drei Flügelschlägen auf Temmies Rücken über, wobei sie sich in der Nähe der Hinterhand mit den messerscharfen Fängen in die wirklich lange und dichte Wolle krallte, daß die drei kräftigen Zehen förmlich darin versanken. "Frag sie, ob sie das fühlt!" Mentiloquierte Professeur Faucon. Julius sagte Temmie zugewandt: "Meine Begleiterin hält sich richtig bei dir fest. Tut das weh?"

"Ich spüre nur, daß sie auf mir drauf ist. Komm auch ruhig rauf!" Julius dachte daran, daß er zumindest eine Hand würde freihalten müssen, um den Lotsenstein bedienen zu können. Er steckte den Zauberstab fort und ging zu der Riesenkuh, die ihm das linke Vorderbein aufstiegsgerecht hinlegte. Doch das Bein war mindestens neunzig Zentimeter dick. Mit einer Mischung aus Sprung und Klimmzug stemmte Julius sich auf das ebenfalls mit dichter Wolle bewachsene Kuhbein und lief daran entlang bis zu den mindestens zweieinhalb Meter breiten Schultern, und bekam lange Wollhaare zu fassen. er grub seine Finger so tief in das Wollkleid Temmies, daß er seine Hand fast nicht mehr sehen konnte. Temmie fragte, ob er sicher saß. Als er ihr das geantwortet hatte bewegte sie sich vorsichtig und erhob sich, um auf der Plattform zu stehen. Julius umklammerte mit der freien Hand den Lotsenstein und rief: "Godjamirin Pangarmorantir Glenartis!"

Nach dem ersten Wort schnellte um sie herum ein goldener Lichtzylinder empor, auf dessen goldenem Boden sie standen. Als Julius das dritte Wort der dreiteiligen Passageformel aussprach, schloß sich die Lichtform über ihnen. Dann ruckte sie nach oben, dann nach vorne, sank schnell und raste dann durch den blau-rot-silbernen Lichttunnel, den Julius bereits von den alten Straßen her kannte.

 

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Barbara Latierre starrte aus dem Fenster des Kuhturms. Von da aus war die große Weide zu sehen, auf der Temmie wohnte. Sie hatte doch eben einen dumpfen Knall, ein verhaltenes Poff oder Puff hören können. Obwohl die Wiese nun in winterlicher Dunkelheit lag mußte sie doch eigentlich Temmies helles Wollkleid davon abgehoben sehen können. Doch da war nichts. Sie verzog das Gesicht. Dieses dicke, dreiste Biest hatte sich wohl mit der ihr eigenen Disapparition abgesetzt. Offenbar vermischte sich die Aufsässigkeit der Jugend, die Gemütsumstellung der Trächtigkeit und dieses Überlegenheitsgefühl der in Temmie körperlich gewordenen Hexenkönigin aus dem alten Reich. Womöglich hatte sie das mit den feinen Sinnen einer Latierre-Kuh mitbekommen, daß Barbara ihr die Mitreise verbieten wollte. Jetzt war sie verschwunden, und Barbara wußte nicht, wohin. Denn selbst wenn die Apparitionsspürer nicht gestört würden war Temmies Ortswechselzauber so anders, daß die Spürer ihn wohl nicht erfassen oder örtlich bestimmen konnten. Dann dachte sie daran, wie sie immer wieder Streit mit ihrer jüngeren Schwester Béatrice wegen scheinbar unvernünftiger Sachen während der Schwangerschaft mit Boreas und Notus bekommen hatte. Wußte sie denn wirklich, ob Darxandria, die nun Temmie geworden war, nicht doch was entscheidendes mit Julius und den möglichen Mitreisenden unternehmen mußte? Sicher hatte die wiederverkörperte Königin keine echte Beziehung zu ihrem Kind. Vielleicht wollte sie es loswerden oder ihren neuen Körper gleich wieder in irgendeiner Gefahr verlieren, um ihre Seele wieder zu befreien. Was hatte sie ihr damals erzählt? Sie hatte Temmies Körper übernommen, damit Julius nicht darin hängen blieb. Doch jetzt schien sie mit dieser Daseinsform richtig gut leben zu können. Oder gab es etwas, daß sie tun mußte, wenn wirklich die Reise zu diesem Ailanorar-Ding anstand? Ihr war nur bewußt, daß Temmie ihr deutlich gezeigt hatte, daß sie sich nicht von ihr festhalten ließ. Sollte sie ihr bei einer möglichen Rückkehr zeigen, wie reißfest zwei Ketten aus gehärtetem Stahl waren? Das hieß jedoch eher, falls temmie irgendwann wieder auftauchte und sich dabei auch noch sehen ließ.

Barbara öffnete das Fenster und blickte hinaus. Über dem weitläufigen Schloßgelände mit dem Riesensonnenblumengarten schwirrten zehn Zauberer auf Besen herum. Vor drei Tagen waren sie auf ein Dutzend Entomanthropen losgestürmt, das in dichter Formation in Richtung Loire über das Schloß hinwegsurrte. Die Patrouille hatte sechs der geflügelten Horrorwesen mit Todesflüchen und anderen Zaubern zum Absturz gebracht. Doch der rest hatte sich zu einem wilden Gewusel formiert und drohte, die Patrouille mit den lanzenartigen Giftstacheln zu durchbohren. Allerdings flogen sie nicht sonderlich schnell. So hatten die auf das Château Tournesol angesetzten Wächter noch vier weitere Insektenbiester herauszaubern können. Die zwei die übrigblieben waren dann aus Babs' Sicht verschwunden. Schon unheimlich, diese Kreaturen Sardonias so nahe über dem Schloß zu sehen. Sicher, der Sanctuafugium-Zauber würde sie abhalten, wenn sie auf hundert Meter herankamen. Aber zu wissen, daß sie existierten und herumflogen war schon schlimm genug. Hieß es von diesen Bestien nicht, daß sie keine Kälte vertrugen? Wieso flogen sie dann noch herum, wo die Nächte schon winterlich kühl waren?

"Temmie, wo immer du bist, paß auf dich und alle auf, die dir und mir wichtig sind!" Dachte Babs für sich.

 

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Hashlalian, der Schreckensschleicher, fühlte ein gewisses Unbehagen, etwas, das ihm sagte, daß seine Artgenossen nicht so ganz sicher waren. Der Skyllianri hatte seine feste Überzeugung, ihm und Geschwistern der alten Zeit und des Jetzt könne nichts passieren, immer mehr verloren. Immer wieder durchzuckten Todeslaute überfallener Skyllianri sein Bewußtsein. Schon wieder war ein Mitbruder diesen übergroßen Brummtieren zu nahe gekommen. Der Herr würde es ganz bestimmt nicht mit Lob und Anerkennung bewenden lassen. Als er dann von verstreuten Brüdern noch hörte, die Wächterkatzen hätten die Spur des Herrscherstabes aufgenommen und dabei mehrere Brüder auf einer Insel namens Großbritannien getötet wußte er, daß ihnen mächtige Feinde entgegengeschickt worden waren. Der Hüter des Herrscherstabes, der sie alle in die Welt geschickt hatte, hatte gewarnt, daß geflügelte Wesen wie Insekten über sie hereinbrechen wollten. Einige von diesen Flügelgeschöpfen waren dann in Angstschleichers Nähe geraten. Er mußte schnell flüchten und im Leib der großen Mutter Erde verschwinden. Doch sie mußten sich weiter vermehren, bevor der Meister den Befehl für den ersten Einsatz herausließ.

 

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ES GEHT WIEDER ÜBER DIE ALTEN WEGE. ICH HABE MICH IM MOMENT NICHT LEICHTER GEMACHT; WEIL DIE BEIDEN; BLANCHE, DIE VOGELFRAU UND JULIUS, DER TRÄGER MEINES SIEGELS, SONST ZU LEICHT GEWORDEN WÄREN UND DEN HALT VERLOREN HÄTTEN. DAS KIND IN MEINEM BAUCH BEDRÜCKT MICH IM MOMENT AUCH NICHT. MEIN KÖRPER HAT ES WOHL HINGENOMMEN, DAß ES JETZT IN IHM DRIN IST. JA, WIR KOMMEN JETZT AN. AH! DA IST JA DER GROßE FELSEN DES WINDES WIEDER! MAL SEHEN, OB ICH JULIUS UND BLANCHE BIS KURZ VOR DIE HÖHLE TRAGEN KANN ODER OB JULIUS GAROSHANS FLUGZAUBER BENUTZEN MUß, UM AN DEN WÄCHTERN VORBEI ZU AILANORARS STIMME ZU KOMMEN. JA; DIE WÜTENDEN WINDWESEN SIND HEUTE SEHR FRIEDLICH. ICH KANN BEIDE OHNE PROBLEME NACH OBEN TRAGEN. OHA! DA SITZT EIN MENSCH MIT DUNKLER HAUT. DAS IST DER, DER MIR GEHOLFEN HAT, JULIUS AILANORARS LIED BEIZUBRINGEN.

 

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Yati Wullayata wußte, daß heute der Tag war, an dem der junge Weiße den heiligen Berg besuchen und in die Höhle der mächtigen Windgeister gehen sollte. Darxandria, die goldene Frau aus der Traumzeit, hatte ihn, den Freund der Luft und der Erde, mit Tönen des heiligen Liedes gerufen und ihm berichtet, daß die Schlacht zwischen den Echsenmenschen und den mächtigen Vögeln des Himmels neu geschlagen werden müsse, um endlich Frieden vor diesen Kreaturen der Bösen Kraft aus der Erde zu haben. Drüben im Land der Weißen, die vor mehreren hundert Sonnenkreisen das Land seiner Ahnen erreicht und mit Gier und Todmachersachen an sich gerissen hatten, seien die uralten Feinde der Menschen, die ein dunkler König der Traumzeit erschaffen hatte, bereits wiedererwacht und wollten Menschen zu Ihresgleichen machen. Um das zu verhindern sollte ein Schützling der goldenen Frau, ein reich mit Zaubermacht beschenkter junger Weißer, die silberne Flöte des Königs aller Winde aus Uluru, dem heiligen Berg, herausholen und zu seinem Andenken spielen, um die geflügelten Krieger des Windkönigs zu rufen. Er hatte das Ritual des Traumwanderns ausgeführt, um an den Gedanken der goldenen Frau entlang in die Schlafwelt ihres Schützlings zu gelangen. Dort hatte er die mächtige Nähe eines weiteren Meisters der Winde erspürt, der aus einem Land der Kälte und des harten Wassers stammte und auch den alten Gesang des Königs der Winde kannte. Die goldene Frau bat sie beide anerkennend, ihr zu helfen. Sie strahlte dabei große Hoffnung und Güte aus. So halfen sie dem Jungen, der Julius hieß, nach einem mächtigen Krieger der Ahnen der Weißen. Immer wieder konnte Yati Wullayata sehen, wie die Goldene nach den lehrenden Träumen in ein weißes, sehr großes Tier mit Flügeln zurückkehrte, das ihr lebendes Äußeres in der Menschenwelt geworden war. Er hatte nun mehr als zwei Monde geholfen, und der Junge Julius hatte gehorsam und mit Hingabe die Töne des Liedes in sich aufgenommen und gelernt, die silberne Flöte des Königs der Winde zu spielen, um das Lied ohne falschen Ton erklingen zu lassen. Darxandria hatte ihm in der letzten Nacht, wo er sich seinen eigenen Träumen hingegeben hatte, in der Gestalt des geflügelten Riesentieres geweissagt, daß der Junge am kommenden Tage Uluru besuchen würde. Er würde wohl in Begleitung einer seiner Lehrerinnen kommen, die ihm ihren Weg zur Zauberei zeigte. Wenn sie es hinbekommen könne, würde sie, Darxandria, in ihrem neuen Körper auch herüberkommen. Er wußte, daß in der Nähe Ulurus ein Weg begann, der zwischen den Reichen der Lebenden und der Ahnen entlangführte. Er hatte versucht, den Zauber und die Geister, die diesen Weg umgaben zu ergründen. Doch der alte Weg hütete sein Geheimnis, und Yati Wullayata wußte, wie gefährlich es werden mochte, den Ahnen ihre Geheimnisse zu entlocken.

Jetzt saß der Freund der Winde und der Erde, einer der wenigen verbliebenen Hüter Ulurus, am Fuße des heiligen Berges. Um von den weißen Heimsuchern, die den roten Berg jeden Tag erkletterten und betasteten, nicht erkannt zu werden, schlüpfte er in die Gestalt seines Totemtieres, einer grünen Eidechse. In dieser Form war er ganz eng mit allen auf der Erde laufenden Tieren und mit den Seelen der Bäume und Sträucher verbunden, hörte das leise Seufzen der zu Stein gewordenen Schöpfer und hielt Verbindung mit dem Zauber Ulurus. Die Geister des Windes, die die Höhle der silbernen Flöte bewachten, damit kein Unerwünschter sie finden und rauben konnte, waren unruhig. Sie spürten offenbar die Nähe eines wichtigen Zeitpunktes. Wullayata horchte auf das Wispern der Windgeister. Doch selbst ihm, dem alten, weisen Zauberer, war die Sprache fremd. Sie war mit dem Ende der Traumzeit aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden oder blieb nur den Geistern und Göttern erlaubt. Womöglich würde jemand sofort tot umfallen, wenn er Worte dieser Sprache über seine Lippen brachte. Yati Wullayata fühlte, wie etwas den geheimen Weg zwischen den Welten berührte und wie ein unsichtbares Tor entstand, durch das wohl jemand diesen Ort betreten wollte. Wie lange war er nicht mehr an diesem Platz gewesen? Das alte Tor gab es also immer noch. Die Götter hatten es nicht zerstört. Er wußte, daß das Tor auf der abgewandten Seite Ulurus stand. Die Weißen durften nicht sehen, wer es durchschritt. Doch als er seine Gestalt erneut wechselte und ein magisches Lied in seinen Kopf hineinsang, das ihm die Flügel des Windes verlieh, hob er vom Boden ab und sauste wie ein schneller Vogel über den kargen Platz, der nun, da die Sonne wieder mit aller Kraft vom Himmel brannte, ein leichtes Flirren der darüber schwebenden Staubteilchen bot. Dann erreichte er den Ort und sah sie. Da flog sie, die große, weiße Gestalt, die einer dieser tiefe Töne brüllenden gehörnten Tiere glich, die größer als die blökenden Schafe waren und von den Menschen gezwungen wurden, die Milch für ihre Kinder herzugeben oder ohne den Respekt einer Jagd getötet und gegessen wurden. Sie trug mächtige Flügel, weiter ausgreifend als die des Cockaburra, der die Sonne weckt. Auf ihrem Rücken saß ein Weißer, der sein Jungendasein hinter sich ließ und wohl schon ein Mann sein mochte. Er trug einen den Körper umhüllenden Stoff aus ähnlich blauer Farbe wie die des Sommerhimmels. Hinter ihm saß ein großer, wolkenweißer Adler, dessen Federn ähnlich glänzten wie das dichte Fell der erhabenen Kreatur. Er wünschte sich, etwas höher zu steigen. Hinter ihm kamen die Windgeister in Unruhe. Sie witterten die Fremden, aus denen Zauberkraft zu ihm herüberwehte. Womöglich wollten sie sie vertreiben oder töten. Doch sie griffen nicht an. Sie umkreisten die Ankömmlinge, die mit Flügelschlägen in Richtung der Höhle flogen. Erst einhundert Schritte der Weißen davor verstellten zehn Windgeister ihnen den Weg und fuhren sie an, nicht weiterzufliegen.

 

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Es war immer wieder überwältigend, durch den magischen Lichttunnel zu reisen und dann aus der Erde emporzufahren wie der Teufel im Kasperlestück. Als der Zylinder sich aufgelöst hatte steckte Julius schnell den Lotsenstein fort. Temmie lauschte wohl mit Ohren und Zaubereiantennen.

Mitten am Tag", schrillte Professeur Faucon mit einer Raubvogelstimme. Julius hielt sich an Temmie fest, die unbekümmert durchstartete. Sie flog eine kurze Strecke. Julius konnte schon von weitem den kleinen, dunkelhäutigen Mann sehen, der ohne Fluggerät durch die Luft segelte. Das mußte ein besonders mächtiger Zauberer der Ureinwohner sein. Dann fiel ihm auf, daß er den Aboriginal kannte. Das war der, der bei seinen Unterrichtsstunden die Holzstäbe geschlagen hatte, um ihm den Rhythmus zu zeigen. Dann fauchte es unvermittelt vor ihnen. Aus dem Nichts heraus ballten sich mehrere graue Wolken, und ein scharfer, kalter Wind blies ihm ins Gesicht. Er krallte sich noch fester in Temmies Wolle und hoffte, nicht herunterzufallen. Doch Temmie machte behutsam kehrt. Die grauen Wolken zerfaserten und verschwanden so plötzlich, wie sie entstanden waren, und auch der Wind ebbte ab. Der fliegende Ureinwohner winkte dem Zauberschüler, der Temmie bat, zu landen, damit er die Hände frei hatte.

"Sie wollen nur einen, der nur mit seiner Zauberkraft in ihrem Element reisen kann", cogisonierte Temmie, und Julius hörte die gewisse Verdrossenheit heraus. Da landete der Ureinwohner vor Temmie auf dem Boden.

"Temmie und ich bleiben hier", mentiloquierte Professeur Faucon ihm. Dann flog sie auf und segelte im Gleitflug um Temmies Kopf herum, wich dem Ureinwohner respektvoll aus und landete. Kaum hatten ihre scharfen Krallen Bodenkontakt, wurde aus dem weißen Adler die Hexe Blanche Faucon. Julius hangelte sich zur rechten Schulter und umarmte das rechte Vorderbein der Latierre-Kuh und ließ sich einfach daran heruntergleiten. Temmie half ihm, indem sie das Bein ein wenig nach vorne setzte, daß er nicht im rechten Winkel hinunterglitt. Die Treppe war doch irgendwie sicherer. Allerdings war das auch mal wieder schön, an einer Kletterstange herunterzurutschen, vor allem, wenn die Stange eher dick wie ein junger Baummstamm und mit dichter Wolle bewachsen war. Nach nur sieben Sekunden federte er mit den Füßen den Aufprall auf dem Boden ab, löste sich von Temmie und wandte sich dem Ureinwohner zu. Beide sahen sich in die Augen. Julius unterdrückte den Reflex, sich abzuschirmen, als mehrere Bilder vor seinem inneren auge auftauchten. Der eingeborene Zauberer konnte also etwas ähnliches wie Legilimentie.

"Du bist der Weiße, den Darxandria, die dich hertrug, in die Höhle des Windkönigs schicken möchte?" Hörte er die Stimme des Ureinwohners mit Ohren und Geist. Er sagte: "Ja, das bin ich wohl. Aber wie komme ich zur Höhle hin?"

"Vermagst du, in den Lüften zu schwimmen wie ein Fisch im Wasser?" Fragte der Ureinwohner zurück.

"Ja, das habe ich von einem Meister des Himmels und der Erde gelernt", sagte Julius. Bisher hatten die beiden sich nicht vorgestellt. Doch der kleine Mann mit tiefschwarzer Haut wußte ganz bestimmt längst, wen er da vor sich hatte.

"Ich bin Yati Wullayata, Vertrauter der Ahnen und Menschen, Träger der Zauberkraft, Freund des Windes und der Erde. Und du bist Julius, der nach einem mächtigen Krieger seiner Ahnen benannt wurde." Julius überlegte, wen der Aborigine meinte, seinen Großonkel, der bei der Landung in der Normandie fiel oder den römischen Feldherren Julius Caesar? Aber weil er seine Ahnen meinte sollte es wohl sein Großonkel sein. So sagte er: "Ja, meine Eltern gaben mir den Namen eines meiner näheren Ahnen, der in einem großen Krieg kämpfen mußte und dabei getötet wurde."

"Du willst es also wagen, die silberne Flöte des Königs der Winde zu finden und auf ihr das mächtige Lied zu spielen, das die Vögel aus dem Himmel herabruft?"

"Nur, wenn Sie mir das erlauben und mir sagen, wie ich die Windgeister fragen kann, um es mir von Ihnen erlauben zu lassen", erwiderte Julius schnell. Er hatte nicht vergessen, daß Uluru für den hier ansässigen Stamm und viele andere Ureinwohner ein Heiligtum war, ähnlich einer Kirche oder Moschee. Da durfte man ja auch nicht einfach so in das allerheiligste oder auf das Minarett spazieren.

"Ich habe dir geholfen, das Lied des Königs zu lernen, weil ich weiß, daß die alten Krieger des Bösen erneut aufgewacht sind. So weiß ich, daß die Wächter der Winde dich nun vorbeilassen, wenn du ihnen zeigst, daß du wahrlich in ihrem Element bist. Aber nur du darfst die Höhle betreten. Kein anderer mit oder nach dir darf dort hinein. Uluru wird schon zu häufig von den Händen und Füßen der Unwissenden berührt.

"Hütest du diesen Ort?" Fragte Julius neugierig. Yati Wullayata verzog kurz das Gesicht und sagte: "Ich bedauere, ich darf mit dir nicht über den heiligen Berg sprechen, weil dein Volk nicht in der Traumzeit entstanden ist und daher mit Unwissenheit geschlagen ist." Julius fragte sich, ob er da gerade einen Faux-Pas gelandet hatte. Professeur Faucon trat jedoch für ihn ein: "Es kommen jeden Tag Menschen aus allen Ländern, um Euren heiligen Berg zu bewundern und seine Größe zu erfahren am Fuß wie oben. Wenn du der Hüter bist, muß dich das doch sehr verärgern."

"Es verärgert mich. Doch ich weiß, daß unsere Götter euch Fremde nicht dulden würden, wenn ihr sie selbst beleidigt. Wahrlich erzürnt es die Windgeister, wenn die Unwissenden in die Nähe der Höhle vordringen und werfen die Fremden zu Boden, daß ihre Seelen zu ihren Ahnen entfliehen. Daher berühren und bekriechen sie an einer anderen Stelle den Uluru. Doch dein Weg, Julius, ist nun frei, wenn du Mut und Können zeigst, ihn zu gehen und dich dem König der Winde offenbarst, auf daß er und nur er befindet, ob du weiterhin leben darfst oder deine Seele von ihm gefressen wird. So erhebe dich und durchreise die Luft!"

"Schöne Aussichten. Temmie, Professeur Faucon, falls ich in zwei Stunden nicht wieder zu sehen bin versucht, mit dem Lotsenstein wieder nach Frankreich zurückzukommen, ich bin dann wohl erledigt", sagte Julius und übergab Professeur Faucon den runden stein. "Giarmirin ist dann das erste Wort, weil Sie dann nur noch zu dritt sein werden."

"Ich würde mir gerade diesen Gedanken nicht als Motivationshilfe aussuchen, junger Mann", maßregelte die Lehrerin ihren Schüler. Temmie cogisonierte: "Mein Kind wird dich und deine Kinder mit eigenen Augen sehen, wenn du guten Mutes und reinen Gewissens bist, das richtige zu wollen und das richtige zu tun. Flieg schon los!"

Julius hörte von weiter weg das Geraune einer sehr weit entfernten Menschengruppe. Touristen oder Wissenschaftler? Wullayata wandte sich um und lauschte. "Sie kommen aus dem Westland Amerika und besteigen gerade den von Ihresgleichen in Uluru gesteckten Weg. Flieg los, Julius und erwecke den Windkönig, auf daß die Krieger aus der dunklen Kraft der Erde die Menschen nicht weiter bekämpfen können!" Gab ihm Wullayata die endgültige Besuchserlaubnis. Julius konzentrierte sich. Er war froh, Wachhaltetrank eingenommen zu haben. Denn außerhalb des Kugelsaales der Altmeister war es anstrengend, den Flugzauber ohne Besen und Teppich anzuwenden. Er dachte die fünf auslösenden Wörter und fühlte, wie ihre Kraft ihn leichter machte, bis er federleicht abhob und dann nach oben stieg. Nun steuerte er mit seinem Willen und zielgerichteter Körperstellung weiter nach oben. Er fühlte, wie von drei Seiten starke Windstöße über ihn fuhren. Doch er schaffte es. Die atemberaubende Landschaft um sich und unter sich nahm er nicht sonderlich zur Kenntnis. Sein Ziel war etwas wie ein kleiner Einschnitt im Fels. Dahinter mußte die Höhle sein, in der Ailanorar sein Musikinstrument versteckt hatte. Die Windgeister strichen mit lauen und kalten Lüftchen um ihn herum. Sie wollten ihm zeigen, daß sie in seiner Nähe blieben. Wie hatte Professeur Faucon diese aus magisch belebter Luft bestehenden Wesen genannt? Aeromorphe! Sie bewachten den Höhleneingang. Wie viele Menschen mochten ihnen zum Opfer gefallen sein. "Weiter rechts", hörte er Temmies Gedankenstimme in sich. Ja, weiter rechts konnte er nun im Einschnitt ein rechteckiges Loch erkennen, daß wie ein überdimensionaler Briefkastenschlitz auf ihn wirkte. Die rote Farbe, die die Sonne auf den zerklüfteten Felsbrocken zauberte, erinnerte Julius an die londoner Postkästen und Telefonhäuschen. Nun flog er in den Schatten Ulurus ein. Das gefiel ihm. Denn die Sommersonne hier brannte schon ordentlich auf den Pelz. Das erinnerte ihn daran, daß er besser Sonnenkrauttinktur aufgetragen hätte. Die australische Sonne galt als sehr UV-stark, weil über der Südhalbkugel ungesund wenig Ozon in der Stratosphäre war und die UV-Strahlung dadurch stärker durchschlug. Doch wenn er jetzt nur an Sonne und UV-Strahlen dachte würde er das, was gleich zu tun war, ganz bestimmt nicht hinkriegen. So flog er weiter und drang noch im Flug in die Höhle hinter dem Briefschlitz-Eingang ein. Die Windgeister umwehten ihn noch einmal wie auf Kaltluft gestellte Haartrockner. Sollte das Mut machen oder sagen, daß sie ihn nun seinem Schicksal überließen, wenn er schon so abgedreht war, hierher zu kommen? Er mußte sich konzentrieren! Abschweifende Gedanken waren hier ganz bestimmt ungesund, wenn nicht sogar tödlich, rief sich Julius verdrossen in Erinnerung. Er holte seinen Zauberstab wieder hervor und machte damit Licht. Die Höhle weitete sich ins Bergesinnere und endete an einer Wand. Rechts am Boden konnte Julius einen ungefähr kreisrunden Schacht erkennen. Irgendwie war ihm, als ob sein Pflegehelferarmband zu zittern begann. Er machte vorsichtige Armbewegungen. Das Zittern wurde stärker. Dann weiteten sich seine Augen. In einer von seinem Zauberstablicht nicht sofort erhellten Nische, die an sich schon eine kleine Höhle darstellte, hockte eine mindestens zwei Meter große Spinne, schwarz wie die Nacht und mit bleichen Augen. Als sie Julius sah, erhob sie sich auf ihren acht Beinen und machte Anstalten, auf ihn zuzulaufen. Julius fragte sich, ob er die Schachtwächterin töten sollte. Da fiel ihm ein, daß er Avada Kedavra noch nie selbst und mit voller Absicht gewirkt hatte. Das Spinnentier preschte nun mit auf dem Boden klickenden und rassenden Klauen auf ihn zu. Das Pflegehelferarmband zitterte nun sehr dringlich. Er hatte wohl nur noch fünf Sekunden ..."Katashari!" Rief er mit vorstoßendem Zauberstab. Silbernes Licht flutete durch die Höhle und hüllte das achtbeinige Ungetüm ein. Ihre Beine ineinander verheddernd glitt die Spinne aus und plumste hin. "Incarcerus!" Rief Julius und wickelte die gefährliche Höhlenbewohnerin ein. Immerhin hatte sie ihn töten wollen. Sonst hätte sie der Todeswehrzauber nicht so heftig getroffen. Erst als er sicher war, daß sich das achtbeinige Ungeheuer nicht mehr freimachen konnte, besah er sich den Schacht. Wie tief mochte es in den hinuntergehen? Hier lagen genug Steine herum. Er könnte einen davon runterwerfen und nach Steinzeitmenschenart die Tiefe über die Fallzeit bestimmen. Doch wenn genau da unten die magische Flöte lag und nicht total unzerstörbar war, konnte das Instrument von dem Stein kaputtgeschlagen werden. Also blieben nur zwei Möglichkeiten: Mit dem Kletterzauber Muscapedes hinunterzuklettern oder noch einmal den Flugzauber anzuwenden. Der Wachhaltetrank hatte die Auszehrung sofort ausgeglichen. Aber das mochte nicht heißen, daß das lange vorhielt. Doch er kannte ja einen guten Fallbremsezauber, den jemand auch auf sich selbst anwenden konnte, weil die den Körper ziehende Schwerkraft auf ein hundertstel verringert wurde, bis der bezauberte Körper Bodenberührung hatte. Er leuchtete noch einmal den Schacht aus. Da sah er etwas nebelartig silbernes in der Tiefe glitzern, kaum wahrnehmbar. Er erschrak über seinen beinahen Leichtsinn, einfach in den Schacht zu springen. Entweder war das da unten ein weiterer Zauber, in den er hineingeraten wäre, oder das da unten war das Netz der hier oben liegenden Riesenspinne, die gerade aus der vorübergehenden Starre erwacht war. Sie kämpfte mit den Seilen, die Julius kreuz und quer und doppelt und dreifach um Leib und Beinpaare des Monsters geschlungen hatte. "Machchchchch michchchch loooosssss!" Zischte das gefangene Spinnentier. Julius erstarrte. Wieso konnte er dieses Biest verstehen. Oder war das eine Ablenkung? "Looossssss machchchchch michchchch loooosssss!" Zischte das gefangene Riesenexemplar einer schwarzen Webspinne.

"Vergiss es", schnarrte Julius und wickelte noch ein paar heraufbeschworene Stricke mehr um die Beißzangen und den Kopf. Ein ungehaltenes Fauchen war die Antwort. Beinahe hätte er übersehen, daß die Spinne mit den gefährlichen Zangen ihre Fesseln hätte durchbeißen können. Dann überlegte er, was er mit dem Zeug im Schacht machen konnte, bevor er da runtersprang. Er prüfte, ob es ein Zauber oder Fluch war. Keine Reaktion. So schickte er mit "Aggregato Diffinducto" eine magische Verkopplung aus Zerreiß- und Sprengzauber nach unten. Laut zischend wie eine abwärts abgefeuerte Feuerwerksrakete fegte ein orangeroter Lichtstrahl nach unten, breitete sich wie ein Fächer aus und traf auf das Hindernis. Julius sah, wie es aufglühte und dann in wild peitschenden Fäden auseinanderflog. Doch die Gefahr war noch nicht vorbei. Immer noch hing genug Zeug da unten. So wiederholte er den Zauber zweimal, bis er sicher sein konnte, dort unten nichts mehr vorzufinden. Er sprang in den Schacht und wirkte sofort mit "Cadelento!" den Fallbremsezauber auf sich selbst. Nun fiel er wie eine aabgefallene Vogelfeder und schwebte in den Schacht hinunter. Als er auf der geschätzten Höhe des Spinnennetzes vorbeikam, fühlte er noch einzelne Fäden, die an ihm haften blieben und drohten, ihn festzuhalten. Das vertrackte war nun, daß er den Fallbremsezauber nicht unterbrechen durfte, um was anderes zu zaubern. Von oben hörte er ein leises Schaben, als er auf einem noch gestrafften, aber hauchdünnen Faden landete.

"Hassst du ssso gedachchcht Warmblüter", hörte er die zischelnde Stimme der Spinne in seinem Kopf. "Jetztztzt hab' ich dichchchch!"

"Telepathie. Deshalb konnte ich dieses Biest verstehen", dachte Julius. "Oben habe ich das sofort so empfunden, als spräche die Spinne mit mir. Aber als Spinnenfutter werde ich heute nicht auf der Speisekarte landen! Diffindo Amplifico!" Die letzten beiden Worte rief er mit aller Entschlossenheit. Zwar war jetzt der Fallbremse-Zauber unterbrochen und er drückte mit dem ganzen Gewicht auf die wenigen, ihn nun haltenden Spinnfäden, die seltsam knarrten. Dann war es ihm, als ziehe ihn etwas schnell nach oben. Er sah einen haarfeinen Faden links von sich zusammenschnarren und rechts auch. Doch das Restnetz hielt sein Gewicht wohl nicht so gut aus. Außerdem wirkte der Zerreißzauber und durchtrennte Zwei der Fäden, die mit einem trickfilmhaften Djoing zurückschnellten und an die Schachtwände klatschten. Julius zielte nun auf den Zugfaden. Ob die Spinne da oben sich hatte befreien können oder er einen wie auch immer ausgeklügelten Hebemechanismus ausgelöst hatte war jetzt einmal egal. Noch einmal rief er den Zerreißfluch und durchtrennte das eine, dann das andere Zugseil, das wild auslenkend nach oben peitschte und ihn fast im Gesicht traf. Damit war aber auch der Halt am kümmerlichen und doch so tückischen Rest des Gewebes dahin, und Julius stürzte in die Tiefe. ER bekam den Zauberstab wegen des sich nach dem Spannungsabriß um den Arm gewickelten Spinnfadens nicht in die richtige Position. Da dachte er schnell die fünf Wörter des Flugzaubers. Gerade so eben noch bremste er seinen Fall und landete auf hartem Untergrund. Mit zwei letzten Diffindo-Zaubern wurde er die an ihm hängenden Spinnfäden los.

"Tja, guckst du blöd, olle Tarantel", dachte Julius. Da merkte er, daß sein Herzanhänger schneller pulsierte als vor Antritt der Reise. Das hieß, daß Millies Herzschlag vom Schlaf- zum Wachrhythmus wechselte. Selbst hier in dieser Entfernung, in einer von Windgeistern bewachten Höhle, war der Kontakt noch vorhanden.

"Monju, geht's dir gut. Ich hatte eben geträumt, eine Monsterspinne hätte dich in einem Netz in einem Brunnen eingefangen und hätte dir gesagt, daß sie dich gleich fressen käme", hörte er Millies klare Gedankenstimme in seinem Kopf. Wie war das Möglich, wo in Beauxbatons Mentiloquismussperren wirkten und nur in großer Nähe und mit an den Kopf gedrückten Anhängern die Gedankenverbindung ging? Julius drückte sich den Herzanhänger an die Stirn und dachte konzentriert zurück: "Das war kein Traum. Ich bin echt gerade in einem tiefen Schacht, wo eine zwei Meter große Spinne in der Nähe hockte und ein fieses Netz gesponnen hat. Aber wieso verstehe ich dich so klar?"

"Weiß ich auch nicht. Ich höre dich so deutlich in mir, als hättest du dich bei mir in den Kopf gesetzt."

"Jedenfalls hast du irgendwie mitbekommen, was mir in echt passiert ist", schickte Julius zurück. "Na warte, ich komme runter", hörte er die telepathische Stimme der Spinne. "Ich habe hunger. Und du schmeckst bestimmt sehr gut, weißer Warmblüter."

"Mist, ich habe da eine ganz fiese Stimme gehört. War die Spinne das?" Hörte er Millies Gedankenstimme.

"Ja, war sie", erwiderte Julius. "Und ich habe meinen Katashari für heute schon auf die abgefeuert."

"Wenn das Vieh echt zu dir runterläuft halt dir den zauberstab an den Körper und rufe "Aura Basilisci! Denke dabei an eine meterlange grüne Schlange! Hat Tante Babs von einem Acromantula-Experten. Da haut jede Spinne vor dir ab."

"Könnte jetzt gut sein, wenn der klappt", dachte julius, als er sah, wie die schwarze Spinne an einem fingerdicken Haltefaden gesichert die Schachtwand herunterrannte. Ihre haarigen Fühler wiesen in seine Richtung. Ihre bleichen, leblos scheinenden Augen glotzten ihn an wie Milchglasbullaugen. "Aura Basilisci!" Rief Julius mit auf sich deutendem Zauberstab, wobei er sich den König der Schlangen, den Basilisken persönlich vorstellte, wie er ihn im Monsterbuch der Monster und den Kreaturen der Düsternis abgebildet gesehen hatte. Unvermittelt schrak die Spinne zurück, verhedderte sich mit ihren vier Beinpaaren und hakte sich mit den Klauen wieder in die Schachtwand ein. Julius vermeinte einen Entsetzensschrei zu hören. Dann lief das achtbeinige Alptraumgeschöpf senkrecht nach oben. Wie hatte die sich eigentlich befreien können? Julius überlegte, ob er den sie sichernden Haltefaden mit dem Diffindo-Zauber durchtrennen sollte. Dann fiel ihm der Relaschio-Zauber ein, der sogar dickes Tauwerk oder Ketten zerreißen konnte. Und dann? Dann würde das Biest runterfallen und vielleicht tot sein. Da er sie vorher mit dem Katashari-Zauber belegt hatte, der ziemlich Schnell wieder abgeklungen war, würde er seine Feindin im Zeitraum des halben Tages, den sie immun gegen den Todeswehrzauber blieb, töten. Das mochte ihn die Macht über Katashari und die anderen drei Zauber kosten. Da schwang sich die Spinne gerade über den Schachtrand.

"Wie lange hält der Spinnenschrecker vor, Millie?"

"Kommt auf deine Zauberkraft und die Größe der Spinne an", gab Millie zurück. "Tante Babs konnte damit zumindest einmal auf Borneo eine halbe Stunde lang unangefressen zwischen mehreren kapitalen Acromantula-Weibchen und -männchen herumspazieren. Sind ihr immer sofort aus dem Weg gegangen."

"Weil du so tust, als wenn du ein Basilisk wärest, Millie", vermutete Julius. "Spinnen haben mordsmäßigen Schiß vor diesen Supermonstern."

"Aua! da hätte ich echt alleine drauf kommen müssen", gedankenknurrte Millie verärgert. "Deshalb hat mir Tante Babs das auch nicht verraten, woher der Zauber kommt."

"Könnte mir helfen, wenn ich nachher wieder rauswill. Hmm, drei Gänge zweigen von hier ab. Hoffentlich laufen von der Giftspritze da oben nicht noch ein paar Brüder und Schwestern herum. Könnte in einem Labyrinth ausarten", schickte Julius zurück.

"Toll, super. Du bist in der Felsenhöhle, wo sie dich und Königin Blanche nicht reinfliegen lassen wollten?" Erkundigte sich Millie über die erstaunlich klare und stabile Gedankenleitung.

"Jawohl, Eure Ladyschaft", erwiderte Julius. Dann überlegte er, ob er nicht zumindest den Rückweg sichern sollte, falls die achtbeinige Weberin sich von dem Schock erholte und ihm wieder nachlief. Er mußte den Zugang zum Schacht verriegeln oder vermauern oder unpassierbar ... "Imperturbatio amplifico!" Rief er mit in den Schacht weisendem Zauberstab. Es gab ein vernehmliches Pflopp, als für einen Moment ein den Schacht ausfüllendes, blaues Leuchten erschien, das dann wieder erlosch. Jetzt war der Schacht unpassierbar. Hoffentlich kam Mademoiselle Spinne nicht darauf, ihrerseits ein Netz am oberen Schachtende zu spinnen, um ihn beim Rauskommen zu fangen. Der Imperturbatio-Zauber konnte feste Körper aller Art wie eine Stahlwand zurückweisen. Julius hoffte, daß sein verstärkter Zauber wie eine dicke Burgmauer aus Stahlbeton wirkte. Auf jeden Fall ging es jetzt darum, die silberne Flöte zu finden. Dann würde der eigentliche Hauptkampf eingeläutet.

Julius machte zunächst die Richtungsbestimmung mit dem Vier-Punkte-Zauber. Er wünschte sich jetzt, daß er Goldschweif mitgenommen hätte. Dann könnte er in die Gänge hinein, Gefahren rechtzeitig erkennen und jederzeit den richtigen Weg wiederfinden. Aber er hatte sie nun einmal nicht mitgenommen. Also half das Lamentieren nichts. Dann erinnerte er sich an den Insignius-Zauber. Mit dem konnte man Zeichen oder Bilder in das festeste Material einritzen, wenn es nicht schon anders bezaubert war. Damit konnte auch ein Gegenstand bezaubert werden, daß bei einem bestimmten Menschen eine bestimmte Zeichenfolge in die Oberfläche eingraviert wurde. Damit war es möglich, daß die Schachtrophäen in Millemerveilles sofort nach der Berührung ihres Gewinners dessen Namen und die Jahreszahl eingebrannt bekamen. Sie hatten ihn erst vor kurzem im Zauberkunst-Freizeitkurs als Verzierungszauber ausprobiert. "Insignio", dachte Julius und zielte mit dem Zauberstab auf den Eingang zum Nordgang. Wie mit einem unsichtbaren Laserstrahl brannte er nun das Wort Nordgang eins in die rechte Wand. "Finis Incantato", dachte er, um den Inschriftenzauber zu beenden. Entsprechend der Richtungen der anderen Gänge verfuhr er genauso. Dann ging er in den Nordgang und peilte mit einem Fluchfinder, ob er gleich irgendwo böse hineinrasseln würde. Doch es gab nichts. Auch Lebensformen wurden hier nicht angezeigt. Der Gang endete in einem kuppelförmigen Raum mit goldenen Reliefs an der Wand, die auffallend muskulöse Männer in den Fängen von Riesenspinnen zeigten. Dabei sah es für Julius, der bereits früh eine gewisse Erfahrung mit solchen Sachen gewonnen hatte so aus, als liebten sich Männer und Spinnen körperlich, auch wenn bei einer Darstellung die Spinne den Kopf ihres Umklammerten im Maul hatte und ein anderer Unglücklicher halb in einem Kokon hing, aus dem nur die Beine heraushingen. In der Mitte des Raumes stand eine mindestens zwei Meter lange und breite, eiförmige Schale aus Metall, in der ein flacher, aufgedunsen wirkender Sack aus weißem Stoff lag. Irgendwie meinte Julius, daß dies ein Bett sein mußte, vielleicht weil er wegen der makabren Darstellungen von Liebe und Tod sowas erwartete. Ansonsten befand sich absolut nichts in diesem Raum.

"Ob die Aborigines den Berg immer noch heilig finden, wenn die wüßten, was in dieser Höhle ist?" Fragte sich Julius. Er atmete ein und aus. Irgendwie roch die Luft hier anregend herb und süßlich, wie ein aufdringliches, fast verwehtes Parfüm. Er fühlte, wie seine Männlichkeit darauf ansprang. Doch bevor er sich seinen aufgestauten Hormonen ganz und gar auslieferte lief er aus der Kuppelhöhle. Kaum war er draußen, klang die betörende Wirkung ab. "Monju, woran denkst du gerade?" Hörte er Millies belustigte Gedankenstimme.

"Ich war in einem abgedrehten Liebeszimmer, Millie. Darstellungen von Männern, die's mit Riesenspinnen treiben und dabei gefressen werden wie die Männchen von Gottesanbeterinnen."

"Ach, und das hat dich so herrlich angeregt, daß mir unsere letzte Nacht vor dem neuen Schuljahr eingefallen ist?" Gedankenfragte Millie.

"Wer immer dieses Zimmer eingerichtet hat oder benutzt hat ein gasförmiges Aphrodisiakum da reingesprüht. Wenn das vor vielen Jahrhunderten war muß die volle Wirkung heftiger sein als Hallitti und alle ihre Schwestern zusammen."

"Zieh 'ne Probe für Oma Line, damit sie Opa Ferdinand noch mal zum Regenbogenvogelrufer macht!"

"Du hast Gedanken, Mädchen", schickte Julius zurück. "Weil ich keins mehr bin, Monju", säuselte Millie mentiloquistisch. "Okay, den Nordgang habe ich also geprüft. Nur diese Liebeskuppel. Hoffentlich finde ich im Westgang was anständiges."

"Was ist mit der Spinne?"

"Die hat den Spinnenschrecker wohl ziemlich heftig abbekommen und ist aus dem Schacht raus. Ich habe den Schacht imperturbiert. Fürchte nur, daß die mit einem neuen Spinnennetz am oberen Ende antwortet."

"Sieh zu, daß du diese Zauberflöte findest und damit wieder rauskommst. Aura Basilisci kann beliebig oft wiederholt werden", erwiderte Millie. Julius nickte, obwohl Millie das nicht sehen konnte und das auch gegen die Melo-Regeln war. Er lief durch den Nordgang zurück.

"Hübschschschscher Zzzzzauber, Warmblüter", durchzischte ihn die verächtliche Gedankenstimme der Spinne. Wieso konnte die ihn anmentiloquieren? War das am Ende gar keine Spinne, so wie Temmie ja keine reine Latierre-Kuh mehr war?

"Millie, die Spinne kann mich anmentiloquieren. Das hat die schon mehrmals gemacht. Könnte sein, daß die viel gefährlicher ist als sie aussah."

"Die hat dich angemelot?" Fragte Millie zurück. "Könnte sowas wie Temmie passiert sein? Aber dann ist die trotzdem nur eine Spinne, Monju."

"Wollen's hoffen", unkte Julius unhörbar.

Weil die Spinne ihn noch einmal mit der Aussicht, ihn gleich endlich fressen zu können zu irritieren versuchte, beeilte er sich mit dem Westgang, der nach hundert Metern zwei Abzweige hatte, von dem ein Treppengang nach norden unten und ein anderer nach Südwesten führte. Julius fragte sich, wie er sich da entscheiden sollte. Dann traf ihn eine Erkenntnis, die so wehtat, daß er schon leise aufschrie. "Ich Riesentroll!" Rief er dann noch. "Nox!" Das Zauberstablicht erlosch und deckte ihn mit völliger Dunkelheit zu. "Monstrato Incantatem!" Wisperte er. Nun erschien ein rot-blaues Flimmerlicht an der Zauberstabspitze. "Weise mir die Richtung!" Rief Julius. Der Zauberstab drehte sich wie eine Kompaßnadel auf seiner Hand und wies in den Gang, den er bereits als südwestlicher Gang 1 nach Schachtausgang markiert hatte. Dann lief er los. Der Zauberfinder reagierte ja auch auf Flüche. "Das kommt davon, daß ich den lange nicht mehr benutzt habe", gedankenknurrte Julius über sich selbst verärgert. "Wen oder was, Monju?" Erwiderte Millie. "Den Zauberfinder, Millie. Mit dem kann man nicht nur magische Gegenstände als solche anzeigen lassen, wenn die nicht durch einen genau auf diesen abgestimmten Schutz verborgen sind, sondern kann auch mit dem Vier-Punkte-Zauber die genaue Richtung auspendeln, in der der Gegenstand oder Raum mit der höchsten Magieausstrahlung liegt. Davon ausgehend, daß diese Flöte der mit abstand mächtigste Zaubergegenstand in dieser Anlage ist, kann ich die mit dem Zauberfinder anpeilen. Und das hat wohl geklappt", erwiderte er. "Hätte ich mir dieses abgedrehte Liebesnest gar nicht erst angucken müssen. Jetzt brauche ich nur noch nummerierte Richtungspfeile zu machen", erwiderte er.

So kam er nun etwas schneller zurecht. Er markierte die entsprechenden Richtungsänderungen und landete schließlich in einem geräumigen Zimmer ohne Teppich. Statt dessen standen da ein Schrank und ein Sessel mit rotem Bezug. Der Schrank glühte golden. Doch irgendwas darinnen überstrahlte es wie Sonnenlicht. Es wirkte wie eine besonders helle Neonlampe von mindestens einem Meter Länge. Dann erkannte er es als Umriß der gesuchten Flöte. Dann sah er noch ein Bild von einem goldhäutigen Mann in fließenden Gewändern, die wie gewobenes Himmelblau aussahen. Er besaß pechschwarzes Haar und hellwache, smaragdgrüne Augen. Er war in einem Sessel abgemalt, der wie der große, rote Ohrensessel aussah, der als zweites Möbelstück den Raum ausstattete. In den Händen hielt der Abgemalte jene silberne Flöte, die Darxandria ihm in den Träumen ganz genau beschrieben und zum Üben geliehen hatte. Julius löschte den Zauberfinder wieder. Es war klar, daß die Flöte im Schrank lag. Offenbar war es dem Windmagier Ailanorar nicht darum gegangen, sie vor Zauberfindern zu verstecken. Denn in Altaxarroi hatte es bestimmt schon ähnliches gegeben. Mit gewöhnlichem zauberstablicht leuchtete Julius den Raum noch einmal aus. Doch außer Schrank, Bild und Sessel war da nichts. Er überprüfte den Schhrank auf mögliche versteckte Flüche. Dabei erkannte er etwas, daß den Schrank wie eine dünne Hülle umspannte. Er ließ mit "Vaporadius" einen Dampfstrahl aus dem Zauberstab fauchen und erkannte mit einer Mischung aus Entsetzen und Bestätigung, wie der Dampf weiträumig um den Schrank herumgeleitet wurde. "Decompositus", dachte Julius. "Eine schnuckelige kleine Falle für alle, die nicht schnell genug an die Trillerpfeife rankommen können. Das mentiloquierte er auch seiner Frau. Dann versuchte er, den Decompositus-Fluch aufzuheben, wobei etwas den Zauber knisternd um den Schrank herumlenkte. Auch andere Fluchbrecher. Öffnungszauber oder Sprengflüche wirkten nicht. Dann kam Julius auf die Idee, den Fluchumkehrer zu verwenden.

"Angarte Kasanballan Iandasu Janasar!" Silbernes Licht schoß aus Julius' Zauberstab und traf den Schrank. Die darauf eintretende Veränderung war jedoch nicht, was Julius wollte. Der Schrank erglühte im silbernen Blitz und war einfach nicht mehr da. "Was für ein Zauber macht sowas?" Fragte er sich. Dann hörte er die Gedankenstimme der Spinne wieder: "Netter Zzzzauber, mein Leckerchchchen. Hassst michchchch ganzzz schschschön damit aussssgetrickssst. Aber ichchchch kriege dichchch dochchch. Essss gibt nur den einen Weg zzzzurück."

"Mistvieh", dachte Julius. Dann dachte er daran, daß er gerade die Flöte mit dem Fluchumkehrer irgendwo anders hingebeamt hatte. Jetzt mußte er sie wieder ... Da stockte ihm der Atem. Die Türöffnung wuchs zusammen. Es dauerte keine Sekunde, da war die Öffnung bombenfest verriegelt. Das war kein Fluch im üblichen Sinne, sondern ein Elementarzauber. Julius versuchte den Sprengfluch, den Steinzertrümmerer und sogar einen, der Gestein in eine knetbare Substanz verwandelte. Nichts half. Dann sah er auf das Bild. Der darauf abgemalte Flötenspieler im Sessel hatte sein Instrument aus dem Mund genommen und grinste schadenfroh. Dabei klopfte er auf die Rückenlehne seines Sessels. Julius untersuchte nun den Sessel auf Flüche und andere Zauber. Ein dünner Lichtfaden, kaum mit bloßem Auge zu sehen, wand sich wie eine Spirale aus dem Sessel. Doch was für ein Zauber das war wußte Julius nicht. Sollte er noch mal den Fluchumkehrer bringen? Nachher verschwand der Sessel noch oder verwandelte sich in irgendwas ganz anderes. Dann dachte er an das Bild. Der Flötenspieler im Sessel. Offenbar sollte das jedem Besucher was sagen, auch wenn er die alte Sprache nicht mehr konnte. Julius fragte sich, wie alt dieses Zauberergemälde sein mochte. Wenn es aus Altaxarroi stammte mochte das hier alles zehntausend Jahre alt sein. Phantastisch, daß sich Magie und damit behandelte Gegenstände über diesen Zeitraum halten konnten. Aber wer oder was war dann die Spinne? War im Moment unerheblich, weil der Ausgang zu war. Sollte er den Wink mit dem halben Gartenzaun befolgen und sich in den Sessel setzen? Da er nicht disapparieren konnte und auch nicht wußte, ob der alte Ailanorar das nicht auch unterbunden hatte, hatte er nichts zu verlieren. Er betastete den Sessel noch einmal. Dann ließ er sich frustriert hineinsinken. Ein kurzes Vibrieren ging durch das Sitzmöbel. Julius rechnete jetzt mit etwas wie einem Portschlüssel. Statt dessen ploppte es, und Ailanorars Stimme, die silberne Flöte, materialisierte über seinem Schoß und fiel herab. Julius Latierre sah sich um. Die Tür war immer noch zu. Dann griff er entschlossen nach dem Blasinstrument. Das Material fühlte sich warm und glatt wie Metall an, wog aber leicht wie ein entsprechend großes Holzstück in seiner Hand. Da fühlte er einen Krampf, der die Finger seiner Hand noch fester um die Flöte schloß. Ihm war in dem Moment sonnenklar, daß jetzt der härteste Teil der Sucherei kam, als er meinte, ein heller Lichtstrahl reiße ihn aus dem Sessel und sauge ihn durch einen Tunnel aus gleißendem Licht.

 

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Der blaue Drache raste mit wild schwirrenden Flügeln heran. Endlich hatte er die zwei Insektenmonster gefunden, die er suchte. Sein Befehl war eindeutig: Alles, was kein reinrassiger Mensch oder ein eindeutiges Tier war vernichten. Die beiden männlichen Entomanthropen, die ihrerseits einen Schlangenkrieger ausgemacht hatten, machten sich sofort zum Abwehrkampf bereit. Zwar war das flirrende, blau-weiße Drachenfeuer so heiß, daß jedes Gestein davon barst und schmolz und jedes Lebewesen in einer Mischung aus Dampf und Asche explodierte, aber es war nur eines. Der knapp vier Meter lange, libellengleiche Drache nahm den von ihm aus rechten Entomanthropen aufs Korn, riß sein mit dolchartigen Fangzähnen gespicktes Spitzmaul auf, um der brummenden Bestie eine tödliche Lohe entgegenzuspeien, da flog ein Ding wie ein Keramikteller zielgenau ins offene Drachenmaul. Es blitzte und prasselte, als der Drache das Etwas in den Schlund bekam. Mit einem langgezogenen, qualvollen Röhren stürzte der Drache ab, der noch im Flug in sich zusammenzusinken begann wie ein undichter Ballon. Schwarzer Rauch quoll in einem breiten Strahl aus dem getroffenen Maul, dessen Zähne herausbröckelten und im Fall zu Staub zerfielen. Als der Drache aufschlug, war nur der mit Magie durchsetzte Schuppenpanzer übrig, der wie ein besonders dicker Ledersack unter dem eigenen Gewicht zusammensank. Die Entomanthropen erhielten einen neuen Befehl: "Weiter zum Schlangenmenschen. Er darf keinen mehr beißen! hebt ihn hoch und stecht ihn tot!" Sie wußten nicht, woher der eindringliche Befehl kam. Selbst ihre auf kürzeste und lange Lichtwellen ansprechenden Facettenaugen machten nicht aus, wo die Befehlsgeberin sich aufhielt. Doch mit ihren armdicken Antennen witterten sie den vertrauten Geruch der Meisterin und folgten dem Befehl. Keine fünf Minuten später rissen sie einen über eine Schnellstraße nach Calais surrenden Renault von der Fahrbahn hoch und entführten das Fahrzeug, in dem nur eine Person saß, hoch in die Luft. Dann zertrümmerte einer der beiden Kerbtiermenschen die Fahrertür. Ein hagerer Mensch schnellte jedoch zur anderen Seite, um durch die Beifahrertür zu entwischen. Es war dem Jetztzeit-Skyllianri gleich, aus welcher Höhe er absprang. Auch wenn er hart aufschlagen mochte, würde der Kontakt mit dem schützenden Erdboden ihn vor Verletzungen und dem sofortigen Tod bewahren. Aber nur, wenn er nicht schon vorher getötet wurde. Der Schlangenmann sprang ab. Die beiden Insektenmonster ließen den entführten Wagen los und stießen mit wild brummenden Flügeln nach unten, um sich zusetzlich zur alles zur Erde hinziehenden Schwerkraft zu beschleunigen. Wie ein herabstoßender Adler packte einer der Entomanthropen den geflüchteten Skyllianri, der noch einen geistigen Hilfeschrei an seinen Herrn und Meister ausstieß. Doch ihm erging es nicht anders als bereits mehr als hundert seiner Artgenossen. Die beiden Insektenwesen zerrten ihn nach oben und rammten ihm ihre Giftstachel wie Speere in den Körper. Dann warteten sie, bis kein Leben mehr in dem Feind war und ließen die Leiche zu Boden stürzen. Ohne Leben war auch die Verbindung zur Erde nicht mehr herzustellen. So zerschmetterte der tote Schlangenmann nach einem Fall aus fünfzig Metern Höhe. Knapp hundert Meter hinter ihm war vier Sekunden zuvor der Wagen neben der Schnellstraße aufgeschlagen. Das Benzin hatte sich durch die Reibung entzündet und hüllte das Autowrack nun in lodernde Flammen ein. Womöglich würden die bald eintreffenden Feuerwehrleute und Polizisten von einem Unfall ausgehen, bis jemand feststellte, daß der Wagen aus mindestens hundert Metern Höhe abgestürzt war. Die Entomanthropen waren jedoch schon wieder unterwegs. Da sie und ihre Brüder und Schwestern in den letzten Wochen gründlich unter den Schlangenmonstern aufgeräumt hatten, wurde es immer schwerer, welche zu finden.

Die auf einem tarnfähigen Harvey-Besen dahinjagende Herrin der Entomanthropen war zufrieden mit sich. Ihre mit Antifluch-Zaubern beschichteten Handschuhe und die dito Tragetasche hatten sich bewährt. Es stimmte also doch, daß diese lästigen Kampfdrachen bei Berührung mit Decompositus-verfluchten Gegenständen genauso vergingen wie ungeschützte Menschen und Tiere. Auf diese Weise konnte sie die Einmischung von irgendwoher zurückdrängen und die ihr gehorchenden Insektenwesen ihren Auftrag ausführen lassen.

 

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"Wie macht die das?" Fragte Pétain seine Mitarbeiter, als sie ihm von einer völlig leeren Drachenhaut berichteten. Es war schon die siebte. Zwölf Kampfdrachen flogen über Frankreich herum, pickten Schlangenmenschen auf wie Vögel Käfer, um sie in der Luft zu zermalmen oder im überheißen Feueratem zu zerkochen. Falls sie keine Schlangenmenschen fanden, jagten sie die brummenden Bestien Sardonias, deren Stachel und Überstärke den Drachen nichts anhaben konnte, solange es nicht mehr als drei auf einmal waren. Denn diese Biester hatten gelernt, daß die Drachen durch Stiche in die Augen und Nasenlöcher zu erledigen waren. Doch dann fielen sie mit allen inneren Organen zu Boden und verendeten. Völlig entleerte Drachenhäute, die keine Spur von Schnitten oder Rissen aufwiesen sprachen eine andere Sprache. Die Herrin der Insektenmonster hatte eine Methode gefunden, die Drachen von innen her zu zerstören. So blieben nach den von den Insektenbestien erledigten vier Drachen und den sieben innerlich aufgelösten nur noch ein oder zwei Feuerspucker übrig. Ob das den Züchtern und Herren dieser roten und blauen Kampfkreaturen so recht war?

"Draachensichtungen im Ausland?" Fragte Pétain den Leiter des Kontaktbüros zur Grenzsicherung, die unter dem Kommando des imperisierten Monsieur Montpelier stand.

"Über Deutschland sind sieben Drachen unterwegs. Güldenbergs Leute lassen sie noch gewähren, weil sie denen die Arbeit gegen die Entomanthropen und Schlangenwesen abnehmen. Dann sind noch fünf über Spanien herumgeflogen, mittlerweile aber von Pataléons Leuten mit je zehn Mann Gegentruppe mit Zaubern und magisch gehärteten Eisenbolzen vom Himmel geholt worden. Vom Meer her sind keine weiteren Drachen mehr beobachtet worden. Kann sein, daß unsere eigenbrödlerischen Helfer von der Insel keine mehr haben. Werden sich ganz bestimmt nicht freuen, daß sie hier nicht lange geduldet wurden."

"Ich überlege, wie man Drachen so erledigen kann, daß nur noch die Schuppenkleider übrigbleiben", grummelte Pétain. Dann schlug er sich vor den Kopf und schnarrte: "Decompositus! Irgendwer hat kleine Wurfgeschosse damit verhext und den Drachen ins Maul geworfen, weil er oder sie nicht sicher sein konnte, daß der Fluch die magische Panzerung der Haut durchdringen kann. Also lösen sich die Drachen auch restlos auf, vom Panzer abgesehen, dessen Eigenmagie wohl gegen diesen Fluch gefeit ist."

"Das können die Entomanthropen aber nicht. Die müßten ja dann gut gegen alle Körperschädigungsflüche gesicherte Handschuhe oder Ganzkörperschutzkleidung tragen", wandte der Kontaktzauberer zur Grenztruppe ein. Pétain nickte nur und sagte, daß die Anführerin der Insektenwesen solche Handschuhe besitzen müsse und bestimmt einen fluchsicheren Aufbewahrungsbehälter benutze. Damit konnte sie die Drachen also in dem Augenblick angreifen, als diese ihre Mäuler zum Zupacken oder Feuerspeien öffneten. Riskant, aber einfach und vor allem höchst wirkungsvoll", mußte Pétain unwillig anerkennen. Er entließ seinen Mitarbeiter zur Nachtruhe. Delamontagnes Rebellenkomitee hatte angekündigt, auch die zwei verbliebenen Friedenslager aufzusuchen und zu befreien. So kam es vor, daß sich immer wieder Besenreiter begegneten und es zu magischen Scharmützeln kam, bis irgendwas, von dem Pétain bis heute nicht wußte, was es war, die Didier unterworfenen Zauberer zum Meinungsumschwung brachte. Einige unterworfen gebliebenen berichteten immer von silberweißen Lichtstrahlen, die die fraglichen Leute trafen und sie dann schneller als gedacht davonflogen, wegen der verbliebenen Feinde nicht mehr einzuholen. Sie tauchten nirgendwo mehr auf. Pétain verwünschte den Umstand, daß sie vor allem ledige Hexen und Zauberer für die Patrouillen eingespannt hatten. Das sollte ursprünglich dazu dienen, daß keine Familienangehörigen mißtrauisch werden konnten. Jetzt aber erwies es sich als Schwachpunkt im Plan, weil die irgendwie aus der Befehlsabhängigkeit von Didier herausgerissenen keinen Grund mehr hatten, dem Minister gegenüber loyal zu bleiben. Keine Ehegatten, keine Kinder, mit deren Unversehrtheit und Leben Pétain sich weiterhin den Gehorsam seiner Mitarbeiter sichern konnte. Mochte es sein, daß Delamontagne einen Fluch oder Zauber gefunden hatte, der Leute vorzeitig aus einem Imperius-Bann riß? Falls das wahr war bestand sogar die Wahrscheinlichkeit, daß die befreiten umgehend zu Delamontagne überliefen, um den Nachfolger Grandchapeaus von seinem Stuhl zu stoßen, weil er ihnen die Imperius-Befehle erteilt hatte. Warum noch keiner der Befreiten eine derartige Anklaage an den Zauberergamot geschickt hatte, konnte Pétain sich nur damit erklären, daß Delamontagne die Befreiten anhielt, erst Didiers Sturz abzuwarten, um ihn dann mit hunderten von Zeugenaussagen für den Rest seines Lebens in Tourresulatant verschwinden zu lassen, falls die Rebellen nicht fanden, ihre Feinde hinrichten zu lassen. In jedem Fall war er, Sebastian Pétain, in einer sehr unsicheren Position. Er verwünschte immer noch diese Muggelfrau, die er für einfältig gehalten hatte, was magische Möglichkeiten anging. Vielleicht stimmte doch, was der Miroir schrieb, daß sie nicht die echte Martha Andrews, sondern eine durch Vielsaft-Trank als sie auftretende Doppelgängerin mit magischer Ausbildung war. Denn nur so ließ sich auch ihre geglückte Flucht aus dem Ministerium erklären. Wie dem auch sei, Didier hatte diesen unverzeihlichen Unterschätzungsfehler als willkommenen Anlaß genommen, ihn, Sebastian Pétain, der mehr über Zauberei und magische Wesen wußte als der paranoide, übereifrige Monsieur Didier, immer wieder zurechtzuweisen, ihm immer wieder die Schuld für die Rückschläge im Plan zuzuweisen. Die französische Zaubererwelt hätte laut applaudiert, wenn die Lage der Friedenslager nicht zu früh herausgekommen wäre. Alle Unternehmungen, die einstmals wichtige Hexen und Zauberer zu Staatsfeinden erklärt hatten, wären als einzig richtig begrüßt worden. Madame Maxime und Professeur Faucon hätten sich arglos in die Obhut der Ministerialbeamten begeben. So war das Land nun gespalten und noch leichter anzugreifen. Diese Schlangenbestien, die Entomanthropen und die Dementoren hatten nun leichtes Spiel. Ja, und jetzt erledigte noch wer die für unbesiegbar geltenden Jagddrachen, die ganz klar von der Elfenbeininsel geschickt worden waren. Das mußte er sofort an eine nur ihm allein bekannte Stelle weitergeben. Als er dies getan hatte, erhielt er genau die Antwort, mit der er gerechnet hatte:

"Bring es zum Ende, wenn wir es nicht können! Grandchapeaus Anhänger dürfen nicht siegen. Sonst ist alles verloren."

 

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Die Sonne brannte auf die Riesenkuh, den dunkelhäutigen Australier und die Beauxbatons-Lehrerin herab. Professeur Faucon hatte nach fünf Minuten befunden, daß es zu gefährlich sei, daß sie sich der Sonne weiter aussetzten. So waren sie auf Temmies Rücken unsichtbar in den Schatten des Ayers Rock alias Uluru geflogen. Zwischendurch meinte die Lehrerin, daß die geflügelte Kuh auf irgendwen oder irgendwas lauschte. Sie hoffte, daß die in Temmie verkörperte Seele Darxandrias noch die Verbindung zu Julius Latierre besaß und erfassen konnte, was ihm gerade widerfuhr. Den Versuch, mit Exosenso in seine Wahrnehmung hineinzugleiten hatte sie nach einem mörderischen Rückpralleffekt ein für allemal aufgegeben. Yati Wullayata, der Magier der Aborigines, hatte ihr dann erzählt, daß es auch nicht gestattet sei, mit übernatürlichen Sinnen in den heiligen Berg einzublicken. Dies nahm sie ohne weiteres Wenn und Aber zur Kenntnis.

Die Zeit verging. Professeur Faucon fragte sich, ob es wirklich richtig war, den jungen Zauberer dieser unüberschaubaren Lage auszuliefern? Warum hatte Darxandria nicht mit wem anderen Kontakt aufgenommen, um ihn oder sie auf die Suche nach dieser Flöte vorzubereiten? Sie wünschte sich, daß Julius ganz unbehelligt lernen durfte, seine Zauberkräfte zu gebrauchen. Doch wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann mußte sie zugeben, daß sie ja damit angefangen hatte, ihn für waghalsige Vorhaben einzuspannen. Warum war sie nicht damals durch die Bilder in Hogwarts gegangen? Gut, Slytherin hatte seine Galerie des Grauens durch eine Alterslinie gesichert. Doch das konnte sie damals ja nicht wissen. Sie nicht! Der ermordete Dumbledore war jedoch genau auf diese Hürde gefaßt und hatte mit darauf hingewirkt, daß einer mit viel Zaubertalent aber noch unterhalb des abgewiesenen Alters war, um die Vernichtung der grünen Würmer erfolgreich abzuschließen. Damit war der Stein ins Rollen geraten, der eine ganze Lawine von Ereignissen ausgelöst hatte. Ja, und heute kam noch diese Suche und Benutzung der Flöte Ailanorars hinzu. Würde Julius dieses hochpotente Zauberinstrument ungefährdet bergen und benutzen können? Oder würde er allen Erwähnungen Artemis' zum Trotz als unbefugter abgewiesen oder gar ... Nein, an seinen Tod wollte sie ganz bestimmt nicht denken. Sollte der nämlich eintreten würde sie sich einer großen Zahl von Anklägern gegenübersehen, von seiner Mutter, die nun selbst magisch aktiv war, über die Dusoleils, Latierres und die Eauvives. Ein kleiner Hoffnungsschimmer hob ihre Stimmung an: Womöglich würde Ammayamiria bei ihm sein. Die transvitale Entität, die aus den ihrer Körper entledigten Seelen Aurélie Odins und Claire Dusoleils entstanden war, verfügte über eine sehr überragende Magie und war durch Julius' Erinnerung und Zuneigung im Stande, ihn zu überwachen. Sie hoffte, daß dieses Wesen jenseits der Lebenden ihm helfen würde.

"Sie sind besorgt, weil der Junge allein in Ulurus verbotene Höhle flog?" Fragte Yati Wullayata die ihn um einen Kopf überragende Hexe. Professeur Faucon nickte. "Er ist stark und hat eine gutmütige Seele. Er wird allen Anfeindungen dort widerstehen können und die silberne Flöte erlangen."

"Wenn das Ding wirklich von seinem Herrn und Schöpfer beseelt wurde, reicht es nicht aus, daß er mutig ist. Dann muß er mit der Kraft seines ganzen Geistes gegen diese Seele ankämpfen. Und das ist die brennende Frage, die mir nicht aus dem Kopf will: Kann er diese Prüfung bestehen?"

"Falls er dies nicht kann, wird der König der Winde ihn nicht mehr zurückkehren lassen", seufzte der Australier. Professeur Faucon wollte ansetzen, ihm zu sagen, daß sie genau das nicht hatte hören wollen, zumal sie es sich schon gedacht habe, da cogisonierte Temmie: "Jetzt muß er Ailanorar gegenübertreten, nachdem er es geschafft hat, eine üble Wächterin abzuschütteln, deren Macht er nicht einmal erahnen kann."

"Welche üble Wächterin?" Fragte Professeur Faucon harsch. "Von einer Wächterin haben Sie nie was erzählt, Mademoiselle Artemis."

"Ich habe die auch erst mitbekommen, als Julius sie sah. Da sind mir alte Sachen wieder eingefallen, die meine Mutterschwestertochter Iansshira gehört haben will, daß Ailanorar nicht allein in seinem Steinhaus der Macht wohnt. Ianshira hat erzählt, er soll eine Schwester gehabt haben, die wie er den Naturkräften verschrieben war." Dann erwähnte sie Professeur Faucon gegenüber etwas, was ihre eh schon angeschlagene Stimmung nicht aufhellte, sondern noch weiter eintrübte. Yati bemerkte dazu nur:

"In unseren Geschichten wird sie als Fluch Ulurus erwähnt. Ich kenne zwar ihren Namen. Doch wenn ich ihn ausspreche, wird ihr Zorn mich sofort zu Staub zerfallen lassen. Ich darf nicht einmal über sie reden, weil sie das bestimmt hören kann. So möchte ich dazu nicht mehr sagen."

"Mademoiselle Artemis, wenn Julius in einer Stunde nicht zurückkehrt bringen Sie mich bitte in die Nähe der Höhle. Mit den Aeromorphen werde ich wohl fertig, wenn es sein muß."

"Sie wollen die Wächter des Königs zum Kampf herausfordern? Das sind zu viele, um sie im offenen Kampf zu besiegen", warf der Magier der Aborigines ängstlich ein. Doch Professeur Faucon ignorierte diese Angst. Ihre Furcht war die, daß Julius in der Höhle, ganz auf sich alleingestellt, in eine für ihn unrettbare Zwangslage, eine Falle oder ein magisches Ringen geriet, daß er weder einschätzen noch gewinnen könnte. Die Information über die bösartige Wächterin und ihre Macht hatten sie da nur noch bestärkt, im Zweifelsfall gegen die aus beseelter Luft bestehenden Wächter zu kämpfen und das eigene Leben zu riskieren, um Julius' unversehrten Körper und Geist aus dieser Höhle herauszuholen. Temmie versprach, sie durch Horde der Windgeister zu tragen, falls Julius nicht in einer Stunde zurückkehrte.

 

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Millie fühlte einen gewaltigen Druck auf ihrem Zuneigungsherzen. Es pochte wild und hüpfte auf ihrer Stirn herum. Die zweite Tochter Hippolyte Latierres prüfte schnell, ob ihr Bettvorhang wirklich zugezogen war. Das fehlte jetzt noch, daß Bernadette fand, zu kontrollieren, ob sie auch tief und fest schlafe. Sie kroch unter ihre Decke, schlug diese gerade so um, daß sie darunter nicht ersticken mochte und preßte den Anhänger auf die Stirn. Dabei meinte sie, über eine lange, enge Rutschbahn zu sausen. Das Pulsieren des anhängers wurde immer schwächer, bis das halbe Herz beinahe reglos und immer kälter werdend auf ihrer Stirn lag. Sie erschrak. Starb Julius? "Monju! Melde dich!" Schickte sie einen besorgten Gedankenruf aus. Sie hörte nur einen schwachen Nachhall in ihrem Kopf. Dann meinte sie, durch die über ihrem Gesicht gezogene Bettdecke einen roten Berg von flirrender Luft umgeben zu sehen, in den sie hineinraste und dann, verschwommen, ein leuchtendes Etwas wie einen himmelblauen Schemen zu erkennen. Sie wußte nicht, was das war. Sie ahnte nur, daß dieses Etwas ihre Verbindung zu Julius störte, die bis dahin erstaunlich stark gewesen war.

 

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Als wenn er im Inneren einer brennenden Neonlampe dahingesaust wäre kam sich Julius vor. Dann verlor er jedes Gefühl für die Schwerkraft. Er flog völlig losgelöst und schwerelos in einer unendlich wirkenden Halle dahin, deren unerreichbar weit entfernte Wände, die himmelhohe Decke und der abgrundtief unter ihm liegende Boden in einem merkwürdigen Blau flackerten. Um ihn herum wirbelten Nebelschwaden wie dahinjagende Gespenster. Über sich meinte er einen Schwarm wohl lichtschnell dahinfegender Kometen zu sehen. Doch das alles war bestimmt nur Einbildung, eine von außen in seinen Verstand eingeflößte Illusion. Er durfte sich davon nicht ablenken lassen. "Was mich stört verschwindet! mein Geist herrscht über meine Gefühle! mein Geist herrscht über meine Gedanken!" Deklamierte er seine Selbstbeherrschungsformel. Er hörte sie jedoch wie Echos von weit entfernten Felsen widerhallen. Dann meinte er, die ihn umschwirrenden Leuchterscheinungen würden sich weit vor ihm zusammenballen. Einige der dahinrasenden Kometen stürzten herab, lösten sich dabei auf und wurden zu blauem Dunst, der in die sich bildende Ballung hineinströmte. Er dachte an Slytherins Bild. Mochte es sein, daß das hier alles aus der Kraft und dem Geist eines einzigen Wesens gebildet wurde? Jetzt erkannte er erst unscharf und dann immer deutlicher eine riesenhafte, jedoch menschenförmige Gestalt aus hellblauem Licht. Sie wuchs vor ihm auf und schien höher als der Uhrenturm von Viento del Sol oder der von Westminster. Er konnte nun ein gigantisches Gesicht erkennen, daß von weit oben auf ihn herabblickte. Er kam sich vor wie eine Ameise, die vor einem erwachsenen Mann strammsteht und ihn abschätzt, ob sie ihn gleich mit ihrer Säure bespritzen soll oder darauf gefaßt sein sollte, unter seinem Schuh zu Brei zertreten zu werden. Julius erkannte, daß er nicht mehr seinen üblichen Körper hatte. Er wirkte als rötliche Leuchterscheinung, die seine Körperformen nachzeichnete, ohne Kleidung, ohne Schmuck, ohne Ausrüstung. Auch sein turmhohes Gegenüber besaß nun scharf abgegrenzte Konturen. Es war ein nackter, himmelblau leuchtender Mann. Jetzt schrumpfte die Erscheinung zusammen, wurde dabei jedoch heller und undurchsichtig. Offenbar wollte wer immer mit ihm Kontakt aufnehmen. Der himmelblaue Geist war gerade auf eine Größe von zehn Metern zusammengeschrumpft, als er mit einer hohen, heiseren Stimme sagte: "Ah, ein neuer wagemutiger, der es geschafft hat, an meiner lieben Naaneavargia vorbeizukommen und fand, mein Erbe antreten zu können. Du hast Naaneavargia nicht getötet, weil du was gelernt hast, was die Lichtmeister dir beigebracht haben, um hungrige Mäuler und mordende Artgenossen von dir abzubringen. Schön schön! Das zeigt mir, daß du weißt, mit wem du es zu tun hast. Mit wem ich es zu tun habe weiß ich natürlich auc, Julius Latierre. Es war zwar nicht einfach, dich zu mir zu holen, weil irgendwas oder irgendwer dein inneres Selbst festgehalten hat. Aber du bist jetzt bei mir und wirst mir gefälligst verraten, warum du meinst, meine schöne Mondglanzflöte blasen zu müssen. Dann wirst du darum kämpfen müssen, in deinen kurzlebigen Körper zurückzukommen. Dumm nur, daß du Naaneavargia nicht getötet hast. So wird meine unersättliche Schwester darauf hoffen, daß du wieder in ihr Reich zurückkommst oder nach einer gewissen Zeit nach dir suchen, deinen Körper finden und ihn in ihrer ungestümen Fresslust verschlingen. Solltest du die Probe gegen mich nicht bestehen werde ich dich gnädig in meinem Sein aufnehmen, und du wirst nichts von dem spüren, was deiner sterblichen Hülle zustößt, wirst alles wissen, was ich weiß und mir alles geben, was du weißt. Aber sprechen wir erst einmal ein wenig. Es ist ja womöglich schon länger her, daß der letzte Sucher meine Stimme der Winde berührt hat. Seinem Wissen nach war das in einem Jahr namens eintausendfünfhundert nach der Geburt eines gewissen Jesus, der gefordert hat, daß doch alle friedlich miteinander umgehen sollen. Ich merke hier nichts von der Zeit. Sie ist eine Sache der Körperlichkeit."

"Du bist Ailanorar, der Windmeister?" Fragte Julius, dem die Aussicht, von diesem Geisterwesen dort, vielleicht einer Entität wie Ammayamiria, aufgesogen und in ihr auffgelöst zu werden, nicht besonders behagte. Aber er hatte ja gehört, daß diesem Instrument die Seele ihres Erbauers eingelagert war und jeden prüfte, der es benutzen wollte. Und jetzt gab es erst einmal kein Zurück für ihn. Er mußte dieses Wesen da in einem Kampf besiegen, wenn er auch nicht wußte, wie dieser Kampf geführt wurde und ob er auch nur den Hauch einer Chance hatte, zu gewinnen. Ailanorar lachte laut, als heule ein wütender Sturm heran. Dann sagte die Erscheinung:

"Ich war zu meiner körperlichen Zeit einer der zehn hohen Herrscher Altaxarroi. Den Namen dieses Landes kennst du ja, Julius. Viel von deinem mich betreffenden Wissen ist mit dir zu mir geflossen. Aber ich will von dir wissen, was ausgerechnet einen Knaben dazu befähigen soll, mein Lied der Himmelsburg zu spielen. Und jetzt komm mir nicht damit, Darxandria halte das für möglich! Sie mag eine sehr mächtige Herrscherin und Gebieterin der hellen Mächte sein. Aber wozu jemand fähig sein muß, der mein Erbe haben will, das bestimme ausschließlich ich. Also, warum meinst du, ich sollte dich hier wieder weglassen?"

"Aus dem ganz einfachen Grund, weil die Skyllianri und ihr neuer Meister sonst laut herumerzählen können, daß sie Euch besiegt haben, König Ailanorar", erwiderte Julius ungemein schlagfertig. "Im Grunde behaupten die das ja jetzt schon. Sie halten Euch für einen einfachen Windmacher, der genauso flüchtig ist wie das Element, dessen Kraft er beherrscht hat." Ailanorar verzog zwar erst das Gesicht, mußte aber dann lachen.

"So, sie finden also, daß sie das Recht haben, sich ungehindert über die Erde auszubreiten, aus deren dunklem Schoß sie ständig neue Kraft bekommen und Yanxothars und meine Anstrengungen verlachen zu können. Nur weil Skyllian sich von dem dunklen Herrscher hat bereden lassen, eine Träne der Ewigkeit zu trinken und damit die Kraft der Erde in sich zu vervielfachen, ist er nicht so mächtig wie ich und meine treuen Diener, die alle Jahre in der von gewöhnlichem Menschenvolk unbetretbaren Himmelsburg harren. Denn auch ich durfte eine mächtige Kost genießen, um mein Wissen und Können zu verstärken. Doch ich legte meine Körperlichkeit ab, wandelte sie in eine stärkere Kraft meines inneren Selbst um und wurde der Wächter meiner Stimme."

"Ihr seid also gefangen in Eurer magischen Flöte", wandte Julius rasch ein. "Nur wenn jemand anderes kommt und sie anfaßt könnt Ihr was machen."

"Ich habe damals entschieden, daß meine Stimme der Winde niemals von irgendwelchen daherlaufenden Trägern der Kraft oder gar der kraftlosen Rückständigen benutzt werden kann. Das heißt nicht, daß ich gezwungen bin, mit meiner Stimme verbunden zu bleiben." Julius wußte jedoch, daß der Windmagier log. Darxandria konnte nur durch das Experiment in Temmies Körper überwechseln. Dennoch war etwas von ihr in ihrer Kettenhaube gefangen, bis jemand sie wieder aufsetzte. Also mußte auch dieser Windmagier da bis zum Ende aller Tage in dieser Flöte hängen. Sicher, jetzt, im Moment, sah es hier nicht wie im Inneren eines silbernen Blasinstrumentes aus.

"Darxandria hat gesagt, daß nur Euer Lied die grauen Vögel aus Altaxarroi rufen kann, um alle Skyllianri zu vernichten. Wenn ich es nicht spiele, wird Voldemort, der neue Meister der Skyllianri, mit ihnen die ganze Welt beherrschen und uns alle auslachen, falls er nicht herkommt und die Flöte mit magischen Handschuhen greift und irgendwo hinbringt, wo kein anderer mehr zu ihr findet. Dann habt ihr und Euer Verbündeter Yanxothar verloren. Ich durfte mir den Kampf ansehen, den er gegen Skyllian geführt hat. Er wird sich freuen, daß Ihr verloren habt, König Ailanorar." Julius wußte, daß er diesem Übergeist da nur so kommen konnte, weil er ihm weder Gewalt noch magische Kräfte entgegensetzen konnte. Denn in diesem Zustand seiner in eine rötliche Projektion verwandelten Seele konnte er ja auch keinen Zauberstab benutzen. Dann fiel ihm noch was ein: "Ist die Riesenspinne wirklich Eure Schwester? Wie kommt das denn hin?"

"Nun, als ich gesund und glücklich meine ersten Schritte auf eigenen Beinen tat, beschlossen mein Vater und meine Mutter, noch eine Tochter haben zu müssen und machten das, was zur Entstehung neuer Kinder führen kann. Es gelang, und meine Mutter gebar uns allen ein Mädchen, das jedoch schon vor und nach der Geburt unbezwingbaren Hunger verspürte. Meine Mutter nahm während der Zeit, die sie sie ins Leben trug, keine eintausend Goldkrümel an Körpergewicht zu. Und Naaneavargia sog ihr dreimal so viel Milch aus den Brüsten wie zwei Kinder zusammen. Deshalb wurde sie auch Naaneavargia, die Unersättliche, genannt. Deshalb habe ich eine Schwester", erwiderte Ailanorar.

"Tja, aber die muß ja ähnlich für die Zeit nach dem körperlichen Ende vorgearbeitet haben wie Ihr, König Ailanorar", wandte Julius ein. "Falls es die große Spinne ist, die mich in der Ankunftshöhle begrüßt hat, dann müßte sie ja unsterblich geworden sein. Selbst für einen Blutsauger sind tausend Jahre fast schon zu viel."

"Auch sie trank von den Tränen der Ewigkeit und ließ es geschehen, daß sie dabei die Natur und Erscheinung einer Spinne annahm, weil dieses Tier mit seiner kunstvollen Webtechnik, der ewigen Lauerhaltung und dem Hang, über alles informiert zu sein, ihrem inneren Wesen entsprach. Die Tränen der Ewigkeit verleihen ewiges Leben, aber zu dem Preis, daß die unsichtbaren Eigenheiten dadurch besonders stark hervortreten."

"Interessant", erwiderte Julius, der mit Tränen der Ewigkeit nichts anderes als das legendäre Lebenselixier der Alchemisten verband oder jenes Wundergerät, das Laurentine als Zellaktivator bezeichnet hatte. Dann mochte diese Spinne da draußen wirklich Ailanorars Schwester sein. Das erklärte ihm auch, wie sie ihm mzumentiloquieren konnte. Die Vorstellung, entweder von der Seele Ailanorars oder vom Körper seiner Schwester gefressen und verdaut zu werden war zwar sehr unangenehm. Aber Julius wußte, daß er dort draußen, in der körperlichen Welt, etwas wichtiges zu tun hatte. "Ich werde mich nicht abhalten lassen, Eure magische Stimme erklingen zu lassen. Menschen, die mir wichtig sind, dürfen nicht von diesen Skyllianri getötet oder in Ihresgleichen verwandelt werden", stellte Julius klar.

"Du nimmst dir sehr viel vor, Junge. Bedenke, daß du hier bei mir keine andere Kraft als deinen Willen und deine Gefühle einsetzen kannst. Denn dein Zauberkraftausrichter befindet sich in deinem nun schlafenden Körper. Verlierst du die Kraftprobe mit mir, wirst du in mir aufgehen. Gewinnst du, erhältst du deinen Körper und die Stimme der Winde", erwiderte Ailanorar. "Aber ich bin mir sicher, daß du es begrüßen wirst, mit mir eins zu werden, als so oder so im Leib meiner Schwester zu vergehen, ohne einen weiteren Zweck erfüllen zu können."

"Ashtaria hat's mir schon angeboten, mit ihr zusammenzufließen", warf Julius ein. "Sie hat aber eingesehen, daß mein körperliches Dasein noch viele interessanten Sachen hat. Wie sieht diese Kraftprobe aus?"

"Du willst es also wirklich?" Schnarrte Ailanorar. "So wisse, daß ich der Stimme der Winde innewohne, um zu gewährleisten, daß kein unberechtigter auch nur einen Ton daraus erklingen läßt. Und ob du berechtigt bist solltest du besser nicht mehr von Darxandrias Worten abhängig machen. Ich werde gleich prüfen, wie gewandt dein Empfinden ist und wie stark du dich gegen mich und die herrschende Kraft stemmen kannst. Ich denke nicht, daß du sehr lange widerstehen kannst, Julius. Hier wird dein körperliches Dasein enden, ohne Schmerzen und langes Siechtum. Wir werden zur Musik der Himmelssphären tanzen. Übertrumpfst du mich dabei und vermagst obendrein, Abstand zu meinen Händen und Füßen zu halten, so hast du in dem Moment gewonnen, indem deine Kunst der meinen überlegen ist und du durch eigene Willenskraft so viel Abstand von mir erreichen kannst, daß ich dich mit keinem Ruf oder Handschlag mehr zurückhalten kann. Vermag ich jedoch, dich an mich zu ziehen und jeden Schritt von dir zu verstellen, so gehörst du mir. Naaneavargia mag dann meinetwegen deine leere Leibeshülle haben, wie die der übermutigen Söhne und Töchter der kraft, die wagten, meine Stimme ergreifen und forttragen zu wollen."

"Tanzen? In der Luft?" Fragte Julius leicht verdrossen. In diesem Moment kam ihnen der vorhin noch so unheimlich tief unter ihnen liegende Boden entgegen, ohne das er einen Fall spürte. Sicher, er war schwerelos. Das war im Grunde nichts anderes als freier Fall. Doch in dieser Welt Ailanorars galten die Gesetze der Schwerkraft eh nicht. Mit einem leichten Hopsa bekam Julius glatten, harten Boden wie blauen Marmor unter seine Füße. Auch Ailanorar stand nun fest auf dem Boden. Julius sah, wie sich leuchtende Muster dort bildeten, wo auf einem physikalisch gültigen Planeten der Himmel zu finden war. Dann hörte er das sachte Säuseln und Klingen wie große, angestrichene und sanft angestoßene Weingläser. Zu den hohen Tönen klangen noch sehr tiefe, die wohl den Kontrabaß eines großen Orchesters ersetzten.

"Gleich gilt es", erwiderte Ailanorar. Dann hob er die Hand und tanzte zu einem flotten Stück weit über sich, wie die Himmelsspiralen ineinanderflossen. Dann hob die Musik an, und Ailanorar machte ausgreifende Tanzschritte in Julius' Richtung. Der Windmagier war noch einmal geschrumpft. Nun mochte er nicht größer als Madame Maxime sein. Doch Julius wußte, daß sich das sofort wieder ändern konnte, wenn der körperlose Wächter ihn irgendwie beim Tanzen zu fassen bekam. Das würde also kein Tanz, sondern eine Kampfsportübung ohne Körperkontakt sein.

Wind kam auf. Natürlich. Hier in Ailanorars Reich wirkte die Magie der Luft. Julius machte eine geschickte Rechtsdrehung, um dem wie beiläufig nach vorne auslangenden Arm Ailanorars auszuweichen. Es war nicht leicht, im Rhythmus zu bleiben. Denn Julius wußte, daß dies der Schlüssel zum Erfolg war. Wie lange mochte er das jetzt durchstehen? Bis zum Ende, erkannte er, bis zum alles entscheidenden Ende. Konzentration war angesagt, keine Grübelei. Fast hätte er einen Trommler nicht beachtet, der die Schritttakte spielte. Ailanorar versuchte in geschmeidigen Annäherungsbewegungen, Julius zu fassen zu kriegen. Diser duckte sich jedoch im Takt der ihm fremden Musik und beschrieb dabei einen halben Kreis um Ailanorar. Dieser mußte sich drehen, um sein Gegenüber nicht aus dem Blick zu verlieren. Der Rhythmus und die Lautstärke waren jedoch von entscheidender Bedeutung. Bei jeder Runde, die Julius überstand, wehte der magische Wind stärker. Er kam mal von vorne, mal von links und mal von rechts. Julius fühlte, wie die immer unberechenbar scheinenden Luftbewegungen ihn aus dem Tritt und aus der Laufbahn drücken wollten. Ailanorar versuchte wahrhaft alles, seinen vom Körper gelösten Geist hier in dieser Zwischenwelt festzuhalten. Julius wollte ihn noch fragen, warum er es nicht dabei belassen könne, daß für bestimmte Notfälle sein Instrument doch besser sei als alle Gewalt. Doch Geschwindigkeit, Schrittfolgen und Lautstärke trieben Julius an, sich gegen die unstetigen Windböen zu wenden, die mal versuchten, ihn in Ailanorars Richtung zu werfen oder ihn zum Stolpern zu zwingen. Doch immer wieder schaffte Julius es, den Tanz im Sturm weiterzuführen. Doch auch wenn er Ailanorar wie ein Mond seinen Planeten umkreiste, der Windmagier fand immer wieder eine zum Takt passende Bewegung, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Also mußte die Seele dieses Magiers Blickkontakt mit Julius und jedem auserwählten Opfer halten. Ja, war er hier nicht überall zu gleich und daher in der Lage, ihm zuzusehen, ohne die Augen auf ihn zu richten? Julius mußte einem weiten Schritt ausweichen, der vom Zuschnappen einer Hand in leerer Luft gefolgt wurde. Fast hätte dieser Kerl ihn zu fassen bekommen. Dann hätte er doch auf Gewalt setzen müssen. Immer noch blieb Julius im komplizierten Rhythmus. auch Ailanorar mußte sich wohl anstrengen, seinen Tanz nicht zu einer Stolperpartie zu machen. Wieder fegte eine Sturmböe über sie beide hinweg. Julius reagierte und drehte eine Pirouette, wie er sie in Belles Ballettunterricht einmal ausprobiert hatte. Die Wucht des Windstoßes trug ihn einige Schritte von Ailanorar fort. Gerade noch rechtzeitig, um nicht außerhalb des Schritttaktes zu bleiben, machte er drei schnelle, zum Klang der Musik passende Schritte, mit denen er sich aus der Reichweite Ailanorars brachte. Dieser rief wohl einen neuerlichen Windstoß, der Julius von unten erwischen und anheben sollte. Doch der Zauberschüler machte die Beine breit und ging in eine Hockstellung, wodurch der tückische Wind ihn nicht umwerfen oder zu Ailanorar zurückzutreiben schaffte. Dieser erkannte, daß sein ausgesuchtes Seelenauffrischungsopfer bereits ziemlich aus seiner Reichweite verschwunden war und nun sogar anstalten machte, immer hinter dem Windmagier zu bleiben. Julius täuschte einen Schritt nach links an, worauf Ailanorar mit einer entschlossenen, aber gerade nicht zum Takt passenden Hüpfbewegung von sich aus nach rechts tanzte. Taktsicher machte Julius eine schwungvolle Bewegung und wechselte von Ailanorar weg. Dieser erkannte seinen Fehler zu spät und versuchte, zwischen den Taktzahlen durch zu ihm zurückzukehren. Dabei erkannte Julius, daß wenn einer nicht im Takt blieb, eine ungehaltene Folge von Geräuschen aus dem Himmel kam. Also war dieses Konzert eigentlich nur dazu da, die Tanzkunst und Konzentration der Duellanten zu testen. Julius täuschte eine Einhaltung der Richtung an und verlud Ailanorar, der zur Antwort immer wütendere Winde blasen ließ, um den ihm tanzmäßig ebenbürtigen Windmagier auszupunkten. doch die Stürme wurden immer schlimmer. Julius merkte nun, daß er sich nicht mehr so fließend bewegen konnte wie er wollte. Gleich würde das Wechselspiel der Windmagie ihn aus dem Takt bringen. Er mußte was gegen den Wind machen. Doch ohne Zauberstab war das wohl kaum drin. Es sei denn ..."Creato Paraventum!" rappte Julius auf den Takt eines mittelschnellen Glasharfenstückes. Würde Phantasie, die Vorstellung, etwas zu erschaffen, was er kannte, hier was bringen? Tattsächlich erschien hier kein Windschirm, wie Madame Delamontagne und seine Schwiegergroßmutter ihn optimal heraufbeschwören konnten. Doch für einen Moment dachte er, die Richtung des Windes von sich fort zu drängen. Er mußte neuere Zaubersprüche denken, die er dann in konkrete Auswirkungsvorstellungen umsetzen konnte. Ailanorar hüpfte gerade zum Takt der Musik einmal, um Julius zu erreichen, als dieser den Zauber zur Beschwörung eines Minitornados dachte. Für einen Moment bündelten sich die Windkräfte um Ailanorar. Doch dieser breitete die Arme aus und schickte die fremden Luftbewegungen fort. Mit Luftzaubern konnte Julius einem Erzmagier des Windes und der Luft ja auch nicht dauernd kommen. Doch Erde. Er deutete aus einer fließenden Tanzbewegung heraus auf den Windmagier und dachte ""Terremotus amplifico!" Seine Gedanken wurden nicht von den Wänden, sondern aus dem Boden als Widerhall zurückgeworfen. Gleichzeitig erzitterte der blaue boden unter Ailanorars Füßen. Doch dieser wurde jetzt richtig ungestüm. Er tanzte auf Julius zu, der auswich, bis er fast von seiner freien Hand gepakct wurde. Da sichelte der Zauberschüler Ailanorars rechten Fuß aus, ohne aus dem Rhythmus zu geraten. Der König der Winde kippte nach hinten, fiel aber nicht um, weil eben keine Schwerkraft hier wirkte. Julius tanzte gekonnt vier Schritte aus der Reichweite des ehemaligen Königs von Altaxarroi heraus. Dieser mußte sich jedoch schnell umorientieren. Dieser Bengel hatte ihn ausgetrickst. So war er nun nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich um einige Schritte von ihm getrennt. Die Musik war nun nicht mehr so harmonisch. Auch brachte Julius es fertig, eine winzige Erhebung im Boden entstehen zu lassen, während ein Wirbelsturm ihn zu packen versuchte. Er warf sich gegen die Drehrichtung des Luftwirbels und bekam gerade noch einen Schritt gemäß Taktvorgabe auf den Boden. Da stolperte Ailanorar über die winzige Unebenheit. Wieder kippte er. Und diesmal blies ihn eine von ihm selbst erzeugte Windböe so, daß er bäuchlings auf dem Boden landete. "Deprimo!" Rief Julius, als Ailanorar versuchte, mit einem weiten Schritt auf ihn zuzukommen. Tatsächlich entstand nun im Boden ein Loch, in das der Windmagier hineintrat und mit dem Bein bis zum Oberschenkel einsackte. Julius pirouettierte derweil wieder, um die Drehrichtung einer Wirbelsturmböe auszugleichen und machte bei den nächsten Tönen drei schnelle Seitwärtsschritte. Ailanorar wurde nun nicht nur ungestüm, sondern regelrecht wütend. Julius fragte sich, ob dieser Magier da über die Jahrtausende keine Selbstbeherrschung gelernt hatte. Er sprang vor, rammte seine offenen Hände voran und versuchte immer wieder, Julius in seine Reichweite zu kriegen. Den Trick mit den Löchern wiederholte Julius in unregelmäßigen Abständen und schaffte es, den altaxarroischen Windkönig mehr als einmal stolpern zu lassen. Auch kalte und glutheiße Luftmassen, die dieser ihm dafür entgegenschleuderte, halfen ihm nichts. Er versuchte nun, einen ihn umschließenden Sturm aufzurufen, einen nach oben weisenden Sog, einen Tornado, um Julius doch aus dem Tritt zu bekommen. Die Musik wurde nun immer mißtönender. Das vorhin so sphärische Spiel wie von Glasharfen klang nun wie ein Konzert von Kreissägen und Schleifmaschinen. Julius fühlte, wie die von Ailanorar erschaffene Windhose nach ihm griff. Wenn ihm in den nächsten zwei Sekunden nichts einfiel würde sie ihn hochreißen und wohl zu ihrem Herrn und Meister hinüberholen, der ihn dann nur noch umarmen mußte, um den Zaubertanzkampf zu gewinnen. Er mußte mehr Bodenhaftung haben, mehr Gewicht auf den Boden bringen. Er hockte sich hin, um dem Wind möglichst wenig Spiel zu bieten und rief: "Muscapedes!" Dann drückte er seine Füße fest auf den Boden, warf seinen Oberkörper nach vorne und drückte seine Hände auf den boden. Tatsächlich fühlte er die Anhaftkraft, die Auswirkung des Kletterzaubers war. Er klebte nun wie eine Fliege an der Wand am Boden, während die Windhose über ihn kam und an ihm zerrte. Er sah Ailanorar, der bereits wieder wuchs. Der Windkönig hatte wohl jeden Rest von Geduld verloren und wollte den Jungen nun als turmhoher Titan ergreifen. Julius fühlte auch, wie die Anhaftkraft nachließ. Außerdem würde er so nicht weitertanzen können. "Nette Versuche, Kräfte der Erde in diese Welt hineinzuwirken. Aber gleich ist dein Kampf vorbei. meine Stimme gehört mir, und du wirst mit mir an sie gebunden bleiben und jeden weiteren, der meine Schwester passieren kann, daran hindern, sie zu nehmen!" Donnerte Ailanorars Stimme. Er hob seinen linken Fuß an, der so lang wie ein gewöhnliches Auto geworden war. Julius sah sich schon unter der blau leuchtenden Sohle zerquetscht werden. Da kam ihm ein Einfall, der so wahnwitzig wie riskant anmutete. Er pfiff die ersten Töne der magischen Melodie, die Darxandria ihm zu üben vorgegeben hatte. Die Musik brach ab, und Ailanorars Windhose heulte unerträglich laut gegen die Töne an. Der Fuß des Windmagiers krachte neben Julius' rechten Arm auf den Boden, der zitterte. Julius löste schnell die Hände und pfiff die Melodie weiter. Da setzte die Musik wieder ein und spielte genau dieses Lied. Als wenn Julius dieses Stück mit den Gedanken dirigierte klang es nun lauter. Er dachte den Aufhebungszauber für Muscapedes und ging sofort über, nach der Melodie zu tanzen. Die Windhose war inzwischen zu einem ungerichteten Herumtosen freigesetzter Luftmassen geworden. Dann sah er, wie von oben ein feiner, goldener Lichtstrahl zu ihm hinunterreichte, der sacht pulsierte. Ailanorar kam gerade auf seinen Gegner zu und warf sich, dabei selbst eine Windböe verursachend, nach vorne unten. Julius tauchte zur seite weg und lief tänzelnd los, dabei weit ausgreifende Schritte machend und sich auf die Melodie besinnend. Immer wieder mußte er jedoch Löcher im Boden aufreißen lassen, so daß Ailanorar immer wieder stolperte und einmal hinflog. Julius brachte mehr abstand zwischen sich und den Windkönig von Altaxarroi. Die Musik erstarb. Das hieß für den Zauberschüler, seinen Lauf nach eigenem Rhythmus zu beschleunigen. Ailanorar preschte ihm nach. Eigentlich mußte er als Riese doch mit einem Schritt zwölf Schritte von Julius überwinden. Doch dieser schien immer schneller zu laufen, wie ein bionischer Superheld, der das zehnfache seines Lauftempos hinbekam.

"Wie komme ich hier raus?" Fragte sich Julius, während der Windmagier den Vorsprung wieder anknabberte. "Durch einen Tunnel bin ich rein! Durch einen Tunnel muß ich wohl wieder raus." Er konzentrierte sich. Dann sah er den goldenen Lichtstrahl. Wo kam der her? Was bedeutete er? Konnte er ihn nutzen? Er sah, daß der Strahl sanft pulsierte, sehr schwach, aber erkennbar. Ein pulsierender, leicht an Helligkeit und Breite zunehmender Lichtstrahl?

"Du kommst hier nicht weg. Du gehörst mir!" dröhnte Ailanorars Stimme. Julius hörte eine gewisse Verunsicherung heraus. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Lichtstrahl stammte von ihm selbst. Er hatte wohl eine schwache Verbindung zu seinem Körper gefunden. Er mußte sich nur auf etwas konzentrieren, was ihn in seinen Körper zog. Dann fiel ihm ein, daß sein Herzanhänger immer noch mit Millie in Beauxbatons verbunden war. Er dachte an das rote Herz und stellte sich vor, eins mit ihm zu werden. Er sprang hoch und blickte in den Lichtstrahl, der nun rot wurde. "Ich will zu Millie. Ich will mit meinem roten Herzen zu ihr in Verbindung treten!" Dachte Julius und sah nun deutlich ein großes, rot leuchtendes Gebilde vor sich, daß wie sein rotes Zuneigungsherz aussah und genau durch den goldenen Strahl gehalten wurde, der immer breiter wurde. Julius wiederholte den Wunsch. Dann fühlte er den Sog, der von dem roten Herzen ausging und sah Millies Gesicht, so groß wie ein Zifferblatt von Big Ben. Sie lächelte. Er konzentrierte sich auf ihre rehbraunen Augen und dachte: "Ich will zu ihr zurück!"

"Du elender Betrüger! Du bleibst hier!" Rief Ailanorar. "Das hast du mir verheimlicht, du Wicht! Ich laß dich nicht hier weg."

"Monju, du schaffst es. Ich fühle, daß du wieder zurückkommst", hörte er Millies aufmunternde Stimme, die nun selbst wie ein Donnerwetter klang, aber nicht Angst, sondern Zuversicht einflößte. Julius blickte sich um. Von hinten langte gerade Ailanorars rechte Hand nach seinem Bein. Doch er zog es an und warf sich nach vorne in die rote Projektion, peilte Millies Mund wie ein Eingangstor an und fühlte, wie ein kräftiger Sog ihn nach vorne zog. Gleichermaßen entstand um ihn herum ein Tunnel aus Licht, gebildet von jenem pulsierenden Lichtstrahl, der vorhin doch so hauchdünn und schwach erschinen war und nun eine Art Energietunnel bildete, in dem er nun wie von einem Magneten angezogen dahinraste. "Neieieiein!!" Brüllte Ailanorar. Julius fühlte, wie etwas von hinten nach seiner Schulter griff. Julius dachte jedoch nur noch an die Kraft, die ihn nach vorne zog. Auch als ihn riesige Finger ergriffen und festzuhalten versuchten, dachte er nur an Millie und die Verbindung zwischen ihr und ihm. "Du kannst nicht hier weg!!" Rief Ailanorar. "Millie, ich will zurück zu dir! Hilf mir!" Rief Julius über Ailanorars Wutgebrüll hinweg. Die zerrende Hand um seinem Oberkörper versuchte, ihn zurückzureißen. "Ich helfe dir, Monju! Komm wieder zu mir zurück! Hörst du! Komm wieder zu mir zurück!"

"Du elendes Feuerweib! Ich bin der Wind. Ich blase dich aus!""

"Ich komme zu dir zurück, Mamille! Ich will zu dir zurück!" Rief Julius. Er sah nur nach vorne. Er dachte nicht an die ihn haltende Hand, die nun immer kleiner Wurde. Hatten ihn vorher große Finger umklammert, hielt die Hand nur noch seinen Nacken. Dann gab es einen Ruck, einen grellen Lichtblitz und einen wütenden Aufschrei des Windmagiers und einen Freudenschrei Millies, als Julius kopfüber in ein gleißendes Licht hineinflog ... und mit einem ruck einen Halt fand. Doch das war nicht sein wirklicher Körper. Er fühlte, wie etwas direkt bei ihm war. "Geschafft, Monju!" Hörte er Millies zufriedene Stimme, bevor etwas ihn sanft ergriff und in einem warmen Strom davontrug, um ihn zwei Sekunden lang in einem hellroten Licht schweben zu lassen, in dem er zwei große Herzen schlagen hören konnte. Dann fühlte er ohne Übergang, wie er auf einer weichen Unterlage saß, seine Füße auf festem Boden, seinen Kopf und seinen Rücken gegen eine gepolsterte Lehne gepreßt. In seinen Händen hielt er etwas warmes, hartes, kurz pulsierendes und vermeinte einen winzigen Moment noch ein sehr verzweifeltes: "Nein! Das darf nicht wahr sein!" zu hören, das irgendwie vor ihm aus dem Raum zu kommen schien und doch von überall zugleich herstammen konnte. Dann lösten sich seine Finger von dem Etwas, das sie bis dahin unlösbar umschlossen hatten. Julius öffnete die Augen und sah gerade noch, wie die silberne Flöte über seine Beine hinabzurollen ansetzte. Er streckte die Beine aus und riß sie zusammengedrückt nach oben, so daß das glitzernde Musikinstrument wieder auf seinen Schoß zurückkullerte. Er zögerte einige Sekunden. Sollte er es jetzt noch einmal greifen? "Monju, das war ja echt das heftigste, was wir beide erlebt haben. Du warst für ein paar Sekunden mit mir zusammen in meinem Körper. Aber so wie das war ist das nicht die Art, wie ich das von dir mag, Monju. Dann bist du irgendwie in das Zuneigungsherz reingezogen und wohl wieder zu deinem Körper zurückgeschickt worden."

"Dann habe ich mich doch nicht vertan", mentiloquierte Julius an Millie, als er das Zuneigungsherz wieder auf seine Stirn legte. "Ich glaube, ich habe den Kampf gegen Ailanorars eingekerkerte Seele gewonnen. Ich muß seine Silberflöte jetzt wohl noch mal anfassen um zu sehen, ob ich sie jetzt behalten kann, ohne in Ailanorars Welt hinübergezogen zu werden."

"Wenn ich merke, daß du wieder verschwindest, rufe ich dich sofort zurück", erbot sich Millie. Julius bedankte sich dafür und hielt das Zuneigungsherz an seine Stirn gedrückt, während er mit der freien Hand nach der Flöte griff. Ihr Material fühlte sich immer noch warm an, als habe das Instrument in der Sonne gelegen. Oder lag das daran, daß er es mehrere Stunden mit den eigenen Händen warmgehalten hatte? Er horchte, ob gleich Ailanorars Gedankenstimme in ihm klingen würde. Doch es tat sich nichts. Er hob die Flöte und führte sie an den Mund. Immer noch machte das Instrument keine Anstalten, ihn erneut auf die Reise seines eingelagerten Wächters zu schicken. Er blies behutsam durch das Mundstück. Ein mittelhoher, schwebender Ton drang aus dem silbernen Instrument und füllte den Raum aus. Dabei war es Julius, als streiche eine warme Tropenbrise über sein Gesicht und durchkämme sein Har. Er ließ den Ton ausklingen und setzte die Flöte wieder ab. Er hatte sie wirklich erobert.

"Hallo, Jungchchchen! Wollte der alte Windmachchchcher dichchchch nichchchcht haben?!" Fauchte eine ihm wohlvertraute wie unheilvoll klingende Gedankenstimme durch seinen Kopf. Offenbar hatte sich die Spinne, die Ailanorars Aussage nach seine verwandelte Schwester Naaneavargia sein sollte, wieder von ihrem Schrecken erholt. Wie lange mochte er in dieser reinen Geisterwelt gewesen sein? Er verdrängte den Gedanken, dieser Kreatur da draußen zu antworten. Er blickte auf seine Uhr und stellte fest, daß von seiner Ankunft am Uluru nur eine halbe Stunde vergangen war. Er hatte befürchtet, über Stunden in Ailanorars Gedankenwelt gewesen zu sein. Aber da draußen lauerte immer noch diese Spinne. Auch wenn sie nicht durch seinen Imperturbatio-Zauber gebrochen sein mochte, mußte er zumindest damit rechnen, daß sie den Schachtausgang mit ihren Spinnweeben verstopft hatte. Töten durfte er sie nicht, weil trotz der bereits überwundenen Wirkung der Todesbannzauber noch auf ihr lag. Aber wie konnte er im Schacht nach oben an ihr vorbeikommen? "Mamille, den Windkönig habe ich wohl mit dir zusammen ausmanövriert. Aber seine gierige Schwester wartet wohl schon auf mich. Das ist die Spinne, die du im Traum gesehen hast."

"Spinn nicht rum, Monju! Das kann doch nicht sein. Oder hat der Typ von der Flöte dir erzählt, er hätte seine Schwester in so ein Vieh verwandelt, damit sie hier aufpaßt? Dann müßte die doch längst tot sein."

"Die ist zäh wie ein Drache, Mamille. Wenn das echt stimmt, was der Windmacher mir erzählt hat, hat die sowas wie das hammerharte Lebenselixier getrunken und ist unsterblich geworden, ohne weiter davon trinken zu müssen. Allerdings ist dann bei der die innere Tiergestalt vervielfacht nach außen gekehrt worden."

"Echt?! Ich denke doch, du willst mich nicht gerade jetzt verarschen, Monju. Oha, das wäre ja heftig, wenn man für die Unsterblichkeit nur als besonders großes Tier herumlaufen könnte. Dann wäre ich ja immer eine drachengroße Bärin, und du wärest größer als Temmie und die anderen Kühe zusammen. Neh, das lassen wir dann doch besser aus."

"Vor allem wenn du dann auch nur die Eigenschaften und Vorlieben des Tieres hast. Diese Riesenspinne da sieht mich nur als Futter an. Deshalb sehe ich zu, hier jetzt rauszukommen."

"Melde dich, wenn du mit Professeur Faucon und Temmie wieder in Frankreich bist! Es sei denn, du brauchst noch mal meine Hilfe."

"Ich hoffe, jetzt erst einmal nicht mehr", erwiderte Julius und steckte das Zuneigungsherz unter sein Unterhemd zurück. Dort fühlte er es warm und kraftvoll pulsieren, als flöße es ihm erfrischende Energien von außen ein. Er stand aus dem Sessel auf, praktizierte die magische Flöte aus warmem Metall in eine Innentasche seines Arbeitsumhangs, die Platz für Zauberstäbe, Handschuhe oder Gesichtsmasken bot. Dann zückte er seinen Zauberstab wieder. Er wandte sich der Wand zu, wo vorhin noch die Tür war. Ja, da war sie auch jetzt wieder. Er tastete sie mit dem Zauberstablicht ab, ob etwas verdächtiges davor lauerte oder befestigt war. Doch nichts war zu sehen. Dann marschierte er mit Hilfe der in den Stein gravierten Markierungen zurück, immer darauf gefaßt, gleich noch irgendwas oder irgendwen abwehren zu müssen. Fast wäre er über den dünnen Faden gestolpert, der knapp zehn Zentimeter über dem Boden durch den Korridor gespannt war. Da war ihm klar, daß seine erste Gegnerin in dieser Höhle es irgendwie geschafft hatte, den Schacht zu passieren. Vielleicht hatte sie sogar einen anderen Zugang benutzen können. Er fühlte den Adrenalinstoß, der ihn durchflutete. Wo war dieses Biest?

Vorsichtig überstieg er den Stolperdraht. Womöglich hatte Naaneavargia irgendwo ein Netz gesponnen, in das alle von ihr ausgelegten Fäden hineinführten. Die Erschütterung eines einzigen Fadens würde ihr verraten, wo er war. Er dachte an seine Insektenangst. Sollte er wahrhaftig noch eine unbeherrschbare Angst vor Spinnen kriegen? Apropos Angst. Womöglich konnte er sie wieder mit dem Zauber auskontern, den ihm Millie verraten hatte. Schade das nicht einmal Weihnachtskarten aus Beauxbatons hinausgelangten. Was dachte er denn da jetzt? Er war immer noch in großer, wenn nicht sogar tödlicher Gefahr und dachte an Weihnachtskarten. Offenbar war ihm der Seelentanz mit Ailanorar auf den Verstand geschlagen. Da fühlte er zwei Dinge. Zum einen vibrierte sein Pflegehelferarmband wieder wie oben im Eingangsbereich. Zum anderen ruckte und schüttelte sich die magische Flöte, die er eingesteckt hatte. Er fürchtete, daß das Instrument sich selbständig machen oder einfach in sein Versteck zurückgebeamt werden könnte. Dann sah er den indirekten Lichtschein. Wo kam das Licht her? Es flackerte nicht. Also war es kein Feuer. Beinahe hätte er einen weiteren Stolper- und Alarmfaden übersehen, weil er so angestrengt nach der fremden Lichtquelle suchte. Der Faden war fast so dünn wie ein Haar. Dieses Spinnenweib hatte wirklich was drauf. Selbst wenn er den Faden beim durchlaufen zerrissen hätte, wäre die sofort draufgekommen, wo er gerade war. Sein Armband sagte ihm, daß sie wohl in der Nähe lauerte. Das Ruckeln der eingesteckten Zauberflöte mochte daher kommen, daß Bruder und Schwester sich gegenseitig wahrnehmen konnten. Oh, dann bekam die auch mit, daß er gerade auf sie zukam. Er ließ seinen Blick herumsuchen, bewegte den Arm mit dem Pflegehelferschlüssel, um die Richtung der stärksten Reaktion zu erfassen. Sie kam aus der Richtung, wo die Lichtquelle sein mußte, deren Widerschein er sah. Lag da nicht der Gang, der in diesem Schlafzimmer endete? Wenn die da war brauchte er ihr nur den Rückweg zu verbauen und konnte dann locker nach oben durch den Schacht, alle möglichen Spinnwebfallen aus dem Weg fluchen und dann raus und runter vom Uluru. Er schlich so leise er konnte zum Ende des Korridors. Ailanorars Silberflöte ruckelte immer stärker. Hoffentlich bekam die Spinne das nicht mit. Er bog um die Ecke und sah, daß im Gang zu jenem Schlafzimmer freischwebende Lichtkugeln an der Decke glühten. Sie gaben ein freundliches, gelbes Licht ab, ähnlich dem der Sonne. Sein Armband reagierte stärker. Schnell machte er damit eine Wedelbewegung. Er hoffte, die Spinne sei jetzt in diesem Schlafraum. Doch nein. Sie mußte genau da sein, wo ... Patsch Patsch! Das Klatschen nackter Fußsohlen auf Stein ließ Julius zusammenfahren. Dann fiel das Licht aus dem Gang auf eine atemberaubende Erscheinung.

 

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"Wir brauchen im Moment nicht losfliegen. Er ist von Ailanorar weg. Ich bekomme mit, daß die Kraft seiner Stimme nun wieder zusammengezogen ist. Jetzt muß er nur wieder an der Wächterin vorbei", cogisonierte Artemis. Blanche Faucon erbleichte. Wenn stimmte, was Temmie mit ihren magischen Sinnen erfaßt hatte, dann mochte die eigentliche Gefahr noch bevorstehen. "Mademoiselle Artemis, wir holen ihn da raus", bestand die Lehrerin auf die Durchführung ihres Rettungsplans. "Mr. Wullayata, falls sie möchten bleiben Sie hier unten. Ich muß mit meiner Begleiterin hinauf zu der Höhle und den Jungen da rausholen."

"Das wird Ihnen nicht gelingen, Madame", erwiderte der Magier der Ureinwohner. "Die Geister des Windes haben sich nun dicht vor dem Eingang gedrängt. Ihr König hat ihnen befohlen, niemanden hineinzulassen, bis sein Herausforderer besiegt oder ohne Hilfe aus der Höhle entkommen ist."

"Nicht, daß ich Ihre Weise, mit Magie zu leben und zu arbeiten herabwürdigen möchte, Mr. Wullayata", setzte Professeur Faucon an. "Aber ich werde mich nicht von ein paar Aeromorphen daran hindern lassen, einen mir anvertrauten Schüler aus einer brandgefährlichen Lage zu befreien. Es steht Ihnen wie erwähnt frei, hier unten zu bleiben. Artemis kann den Wind um sich herumlenken, und ich beherrsche Zauber, um beseelte Elementarkräfte wie Dämonsfeuer oder Wind- und Wasserelementarwesen zu bekämpfen."

"Die in Uluru wirkende Zauberkraft ist mächtiger als hundert von Ihnen, die Magie als unbeseelte Sache sehen, Madame Faucon. Sie würden den Zorn aller diesen Berg hütenden Götter und Geister herausfordern, wenn sie die Wächter des Windkönigs niederzukämpfen wagen. Töten Sie einen, werden zehn neue nachrücken. Auch und gerade die Größe ihrer Begleiterin wird Ihnen da zum Verhängnis. Die Wächter des Windkönigs werden Sie töten, Madame. Es wäre ein sinnloser Tod, weil Sie den Jungen nicht erreichen würden. Vielmehr würden sie zur Strafe für eine solche Beleidigung selbst zu einer Wächterin des Windkönigs und vom Zauber Ulurus dazu verurteilt, seine Heimstatt zu verteidigen."

"Dafür, daß es Ihrem Stamm verboten ist, mit Außenstehenden über Ihr Heiligtum zu sprechen haben Sie jetzt aber eine Menge erzählt", schnarrte Professeur Faucon. "Aber ich werde zumindest eine Annäherung wagen. Artemis kann die unsichtbaren Wächter zählen und ihre Kraft abschätzen."

"Sie werden tot am Fuße des Uluru enden und den heiligen Berg dadurch entweihen. Danach werden alle ihm innewohnenden Kräfte Rache an den Frevlern auf und um ihn herum nehmen. Selbst wenn ich die unwissenden und überneugierigen Weißen verachte, die tagtäglich an den Hängen Ulurus hinaufklettern oder wenn sie Leute aus der Welt der seelenlosen Zauberei sind den Weg durch den Augenblick gehen, um auf seinem erhabenen Gipfel zu erscheinen, so will ich nicht ihren Tod herbeiführen. Andere weise Männer meines Stammes, die die Magie der Traumzeit und der daraus gewordenen Dinge und Wesen fühlen und um Hilfe rufen können würden Sie hinauffliegen lassen, um ein für allemal alle Fremden von hier zu verjagen. Aber ich möchte es nicht. Denn es würde nicht bei Uluru aufhören. Die Mächte des Berges würden über jeden herfallen, der mit den Frevlern irgendwas zu tun hat. Lassen Sie die Dinge geschehen wie sie müssen, Madame! Sie würden sie nur verschlimmern, wenn Sie nun gegen die Wächter des Windkönigs ankämpften." Der kleine, dunkelhäutige Mann in primitiver Stammeskleidung zitterte vor Erregung, vielleicht auch vor Angst. Temmie meinte dann: "Er hat recht, Blanche. In diesem Berg wohnen uralte Kräfte, die besser weiterschlafen sollen. Die meisten davon sind gut. Aber sie könnnten böse werden, wenn das Gleichgewicht zerstört wird."

"Woher wissen Sie das?" Schnarrte professeur Faucon Temmie an.

"Ich habe das unhörbare Lied der Erkenntnis gesungen, Blanche. Damit kann ich die Fähigkeiten, die mir dieser Körper bietet, noch weiter ausdehnen. Ich habe den Berg befragt, was in ihm ruht. Wie ich die Antworten erhalten habe kann ich so nicht erklären", cogisonierte Temmie. Blanche fragte sich, warum das Gedankenübersetzungsartefakt dann nicht reagiert hatte. Doch sie mußte Artemis glauben.

 

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SIE IST WIE EINE MUTTER ZU IHM. SIE WILL IHN DA UNBEDINGT WEGHOLEN. ABER DER ALTE TRÄGER DER KRAFT HAT RECHT. DA SIND HUNDERTE VON QUELLEN DER KRAFT. ICH KANN DA SOGAR WEITERE SCHLAFENDE SEELEN FINDEN. IN STEIN EINGESCHLOSSENE UND IN EINEM KRISTALLKERKER GEHALTENE SKYLLIANRI UND MEHRERE IN GLEICHEN KERKERN RUHENDE DIENER AILONARARS UND MEINES VATERBRUDERS YNXIATHALAN. IRGENDWO HABE ICH AUCH DAS SIEGEL DES TAUSENDSONNENFEUERS GEFUNDEN. WENN DAS ZERBRICHT KANN ES LOSBRENNEN. ICH WEIß NICHT, WIE STARK DAS DANN WIRD. NEIN! BLANCHE DARF DA NICHT SELBST HIN. OH, SIE HAT IHN GEFUNDEN. ICH WERDE VERSUCHEN, ÜBER SEINE GEFÄHRTIN MILDRID ZU HELFEN, FALLS ER SICH IHR NICHT ENTWINDEN KANN.

 

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Es war nicht die zwei Meter große, schwarze Spinne mit den bleichen Augen, die da aus Richtung des Schachtes auf ihn zukam. Es war eine hochgewachsene, sehr wohlgestaltete Frau mit goldener Hautfarbe und smaragdgrünen Augen. Um ihren Körper trug sie nur das lange, seidenweiche, schwarze Haar, das bis zu ihren Hüften herabwallte und ihn, den jungen Zauberer, merklich anregte. Sie genierte sich nicht, weil sie nackt war. Im Gegenteil. Sie machte ausladende Schritte, die ihre langen Beine besonders zur Geltung brachten, ihr weit geschwungenes Becken verheißungsvoll kreisen und ihre Rundungen herausfordernd wiegen ließen. Die Dame war entweder so eine Professionelle wie Halliti und ihre Schwestern oder ein Naturtalent, dachte Julius, der sich sichtlich beherrschen mußte, von der verlockenden Erscheinung nicht um seinen Verstand gebracht zu werden. Außerdem störte da etwas an der aufreizenden Darbietung: Sein Pflegehelferarmband zitterte nun wie wild, und die magische Flöte wand sich in seiner Umhangtasche hin und her, als wolle sie gleich herauskriechen und auf nicht vorhandenen Beinen davonrennen.

"Hallo, schöner junger Mann. Hast du es doch geschafft, dich gegen meinen windigen Bruder durchzusetzen", sprach sie mit einer Stimme wie eine sanft angestrichene Geige. "War bestimmt ein netter Schreck für ihn, daß es doch noch mal wer geschafft hat, ihn zu besiegen, wie?"

"Wie bist du denn durch den Zauber gekommen?" Fragte Julius, der wußte, wen er vor sich hatte.

"Weil die Kraft, die wirkte, als du zu meinem Bruder hingefunden hast, alle übernatürlichen Verschlüsse und Hindernisse beseitigt hat", erwiderte die unheilvolle Schönheit lächelnd. Julius zwang sich, seine Verärgerung darüber nicht zu zeigen. Sein Imperturbatio-Zauber war einfach ausgelöscht worden, als er in seinen Körper zurückgekehrt war.

"Ich dachte, du könntest nur noch als gefräßige Spinne rumlaufen, Naaneavargia", preschte Julius vor. Was sollte es? Manchmal siegte Frechheit ja doch.

"Damit du mir wieder diesen Angstzauber entgegenwirfst, der Spinnen zurücktreibt?" Lachte Naaneavargia. "In meiner geborenen Form kann der mir nichts mehr tun. Deshalb habe ich beschlossen, mich so zu zeigen, wie du mich bestimmt lieber sehen wirst."

"Tot?" Fragte Julius dreist.

"Wenn du das wirklich gewollt hättest, dann hättest du mir nicht diesen Gutmeisterzauber entgegengestoßen, der mich für einige Augenblicke niedergehalten hat, Julius." Sie sog Luft in ihre Nase, die schlank und irgendwie adelig wirkte. "Ah, die letzte Lichtkönigin hat ihren Liebreiz an dir festgeklebt, wie ich erkenne. Das hätte mir vielleicht ein gewisses Aufstoßen bereitet. Aber wir wären uns bestimmt einig geworden, daß du mir hilfst, bis zu meinem neuen Warten keinen Hunger mehr zu machen."

"Und das hier?" Fragte Julius und streckte das Armband vor. Er genoß, daß Naaneavargia sichtlich verdrossen davor zurückscheute. "Das hätte das, was du Darxandrias Liebreiz nennst bestimmt so stark gemacht, daß du dir an mir sowas von den magen verdorben hättest, daß du heulend und röchelnd krepiert wärest. Dein Bruder hat gemeint, daß du unsterblich wärest. Aber das hätte dich ganz sicher erledigt."

"Ganz bestimmt nicht, Julius. Ich habe schon einmal einen zu mir genommen, der meinte, sich mit Schutzzaubern umhüllen zu müssen. Das was mich lebendig hält und mich eigentlich nur in meiner Seelengestalt herumlaufen läßt ist stark genug, solche Schutzsachen kleinzuhalten, bis ich sie wieder loswerden kann. Außerdem würde dieses Ding da mich wohl nur ein- oder zweimal schmerzen. Dann wäre es ausgelaugt und müßte sich erholen. Und in der zeit könnten wir zwei deine tiefsten Wunschträume erfüllen und meine größten Bedürfnisse stillen."

"Immerhin bist du so ehrlich, daß du nicht behauptest, dich nur für mich zur Hure zu machen", knurrte Julius. "Aber ich habe schon eine Gefährtin, die mir hilft, meine Wunschträume zu erkennen und wahrzumachen. Außerdem stehe ich nicht auf Frauen, die sich seit tausend Jahren nicht geduscht haben."

"Geduscht? Ah, in einen künstlichen Wasserfall hineingestellt." Sie hob die rechte Hand und vollführte eine Geste. Julius fühlte unverzüglich, wie etwas mächtiges erwachte. Dann ergoß sich aus der massiven Felsendecke ein breiter, kristallklarer Wasserfall, in den sich die Schwester Ailanorars hineinstellte und genüßlich darin rekelte, bis ihr Haar klatschnaß über ihren Rücken Viel. Sie breitete Arme und Beine aus und ließ das heraufbeschworene Wasser jede freie Hautpartie ihres Leibes überspülen. Dann hob sie die linke Hand und vollführte eine andere magische Geste. Mit leisem Klatschen versiegte der Wasserfall. "Ja, das ist wirklich herrlich", sagte sie und machte mit ihren Händen weitere Zauberzeichen in leere Luft, worauf schlagartig ein Sturm aus heißer Luft durch den Korridor fegte. Ailanorars Flöte schüttelte sich wie angewidert. Offenbar behagte es der ihr eingelagerten Seele nicht, daß die Schwester ihres Inhabers auch mit dem Wind herumzaubern konnte.

"Okay, ich nehme das mit dem Duschen zurück. Aber ich treibe es bestimmt nicht mit einer, die von einem Augenblick zum nächsten eine Spinne werden und mich dann anders vernaschen kann, als ich das will", korrigierte Julius seine Ablehnung von eben. "Also, das wird nix mit uns ..." Er sah doch genauer hin, als Naaneavargia den Superfön-Zauber auf sich wirken ließ und dabei ganz unbekümmert alle intimen Einzelheiten ihres Körpers zeigte.

"Ah, dachte ich doch, daß dir das nicht entgeht, Julius. Das ist die Nebenwirkung des Gestaltwandelns. Wenn ich lange in meiner Seelengestalt herumgelaufen bin, ist mein Menschenleib wieder unberührt wie zum zeitpunkt meiner Geburt. Ist ja auch im Grunde wie eine Geburt, wenn ich mich drauf konzentrieren muß, meinen Menschenkörper wiederzukriegen. Aber was deine Angst angeht, ich könnnte genau dann, wenn wir beide einander das höchste Glück schenken die Wächterin werden, als die Ailanorar mich hier hingesetzt hat, dann kann ich dir versichern, daß ich meine Gestalten gut genug beherrsche, um zu wissen, in welcher Gestalt ich am besten bekomme, wonach mir ist." Mit einer flüchtigen Handbewegung stoppte sie den Heißluftsturm. Sie fuhr sich mit den Fingern der rechten durch das nun wieder trockene Haar, zog es auseinander und strich es glatt wie mit einem Kamm. Julius fühlte, wie ihn diese Handlung innerlich erhitzte, wie alles was Mann in ihm war davon in Aufruhr geriet. "Was mich stört verschwinde", dachte er, um die lodernde Leidenschaft, die dieses Spinnenweib, dieses unsterbliche Flittchen, in ihm entfacht hatte, zurückzudrängen, bevor Millie ihn fragte, was passierte. Auch könnte es sein, daß Schwester Florence das über das Armband anmessen konnte.

"So, ich bin noch da, Julius Garsanailanorari. Also störe ich dich nicht", sagte Naaneavargia. Julius fragte sich, was diese Benennung sollte. Verdammte Neugier! Er mußte occlumentieren. Dieses Weib konnte wohl seine Gedanken lesen. "Und dir übermitteln, was es denkt", klang ihre nun menschliche Stimme in seinem Geist. "Außerdem mag ich das sehr, wenn jemand versucht, mich aus seinem inneren Sein herauszuhalten. Huh, da kann ich noch leidenschaftlicher sein, bis ich alles mit ihm angestellt habe, was er sich wünscht und mir nicht zu verraten wagte."

"Schlampe!" War Julius' einzige Antwort. Gegen die war jede Rote von Bernadette abgesehen eine Klosterschülerin.

"Das ist das Wort für eine Frau, die keine Angst hat, zu sagen, was sie von einem Mann will und braucht", drang Naaneavargias Stimme wieder in seinen Geist ein. Er mußte zumachen. Sie draußen halten! "Lass dich nicht von der notgeilen Braut rumkriegen, Monju! Wenn die keine Kinder von dir will ist das die pure Zeitverschwendung", mengte sich nun Millies Melo-Stimme in seine wild herumwirbelnden Gedanken.

"Keine Sorge, ich mach's nicht mit Frauen, die keine echten Frauen sind. Die ist ja doch nur eine läufige Sabberhexe", schickte Julius zurück, Froh, daß Millie nicht dachte, er würde sie gleich mit der da betrügen.

"So wie ich das sehe, kommst du von diesem viel zu jungen Ding nur weg, wenn ich dir das da wegnehme", sagte Naaneavargia und deutete auf Julius Brustkorb. Doch dieser zog seinen zauberstab. "Du bleibst mir schön vom Leib, du Hure! Ich hatte schon mal mit einer von deiner Sorte zu schaffen, aber die war mächtiger als du. Und trotzdem gibt's die jetzt nicht mehr."

"Lahilliotas Töchter, ich hörte von ihnen. Sie genießen meinen Respekt, wenngleich ich ihre Mutter für eine dumme Frau halte, die meinte, ohne Mann neun Kinder auszubrüten. Das Mädchen, das jetzt schon Weib und Mutter sein will meint, ich wollte keine Kinder von dir haben? Warum nicht. Könnte Spaß machen, sie in mir herumstrampeln zu fühlen. Die Schmerzen, die sie beim herausbrechen machen könnten mir eine unglaublich erregende Wonne bereiten, und wenn ich sie satt genug gefüttert habe, können wir sie unter uns aufteilen", sagte Naaneavargia. "Junges Fleisch ohne harte Knochen schmeckt bestimmt ganz gut."

Julius bemühte sich, seine Angewidertheit hinter einem occlumentischen Schild zu verbergen. Dieses Weib war wirklich eine Sabberhexe. Doch ihm war etwas eingefallen, was seinen Ekel in Grenzen hielt: "Ich esse nichts, was aus mir selbst gekommen ist. Ich kaue ja nicht mal Fingernägel", sagte er ruhig. Dann fragte er: "Wieso hat dein Bruder dich hier als Wächterin hingesetzt? So stark wie du ja meinst zu sein brauchst du dir von einem, der sich in einer silbernen Flöte versteckt nix sagen zu lassen."

"Das tue ich deshalb, weil ich auch nicht will, daß jemand mit meinem Bruder da rausgeht und irgendwelchen Windkrempel macht. Damit es mir hier nicht zu langweilig wird hat er einen Zauber gemacht, daß ich solange in einem Schlaf der schnellen Jahre falle, bis wer wie du von den Luftwächtern da draußen reingelassen wird. Entweder landet der oder die dann bei mir oder bleibt bei meinem Bruder. Wenn kein lebender Körper mehr hier ist außer meinem und ich das, was übrig war ordentlich losgeworden bin, kann ich mich entweder in meinem Schlafzimmer oder der Wartenische hinsetzen und dann schlafen. Vielleicht kriegen wir das hin, daß du diesen Schlaf schlafen kannst, damit du mir nicht unter den Armen wegwelkst. Die Tränen der Ewigkeit sind leider nicht so einfach zu beschaffen."

"Kein Bedarf", knurrte Julius. Er rang um seine Gedankenhoheit. Er fühlte, daß Naaneavargia versuchte, in seinen Geist einzudringen und sah an ihrem Gesicht und ihrem Körper, daß sie das wirklich anregte. Er fühlte einen zunehmenden Druck auf seinen Kopf. Dann sagte sie in ihrer wohl verführerischsten Tonlage: "Wir halten uns wirklich zu lange auf. Du kannst es dir aussuchen. Entweder gehen wir beide in mein Lustgemach und finden heraus, wie sehr du doch von mir genießen willst, oder ich nehme deinen Leib und deine Seele als Wächterin in mich auf und genieße es, wie du in deinen letzten Lebensminuten all dein Wissen und Fühlen in mich einfließen läßt. Insofern schön, daß mein Bruder, dieser Windmacher, dich nicht zu sich nehmen konnte. Muß ich diesem jungen Feuerweibchen, das Erde heißt wohl noch dankbar sein. Du hast die Wahl: Gib mir deine Lust, oder gib mir dein Leben. Heraus kommst du hier nicht. Nicht mit meinem Bruder. Ach ja, falls du es vorziehst, von mir vertilgt zu werden legst du ihn bitte weit genug zur Seite. Er mag es nicht, wenn ich ihn aus Versehen mit runterschlucke. Sein kleiner Wohnbehälter kann zwar nicht kaputt gehen. Aber es ist ziemlich schwer, ihn wieder rauszudrücken. Und solange der in meinem Bauch ist, zetert er mit mir herum. Überhaupt, auch wenn du mir lieber als Wonnegefährte Gesellschaft leisten möchtest, kann er ruhig wieder in seinen kleinen Schrank zurück. Also gib ihn her!"

"Warum soll ich hier nicht rauskommen, Schlampe? Wenn du da oben ein Netz hingemacht hast kriege ich das in drei Ansetzen zerbröselt. Und an dir komme ich locker vorbei, egal ob du als die Schöne oder als Biest vor mir stehst. Ich habe es rein geschafft. Ich schaff's auch wieder raus."

"Du glaubst, ich würde mich erst in die Wächterin verwandeln, damit du mich wieder mit diesem auf Achtbeiner abschreckenden zauber vertreiben kannst", erwiderte Naaneavargia. "Aber das werde ich nicht. Auch als Menschenfrau bin ich sehr gewandt und stark. Und du würdest keiner Frau Gewalt antun."

"Hättest mein Gedächtnis besser durchlesen sollen, Mädchen. Dann wüßtest du, daß ich Hallitti nicht als Frau ansah und dich bestimmt auch nicht", erwiderte Julius trotzig. "Außerdem habe ich den hier", ergänzte er und wedelte mit seinem Zauberstab, aus dem wie zur Unterstreichung seiner Worte eine Wolke roter und goldener Funken hervorbrach.

""Hast du nicht gerade gesehen, daß ich sowas nicht brauche, um zu zaubern?" Lachte Naaneavargia erheitert los. "Wenn ich dich wirklich für so böse und skrupellos hielte, daß du mir wirklich wehtun wolltest, hätte ich ihn dir schon vorhin wegnehmen können, als du meintest, sicher über meinen Meldefaden hinweggestigen zu sein. Den habe ich so gesponnen, daß selbst ein Luftzug mich informiert. Ich lasse ihn dir nur, weil ich denke, daß wir damit noch ein paar schöne Spiele ausführen können. Aber jetzt, wo ich als Magierin vor dir stehe, solltest du nicht daran denken, mich zu bekämpfen. Also gib mir die Windpfeife mit meinem Bruder darin und entscheide dich für das Gemach oder meinen Magen. Ich kann mit beiden Möglichkeiten sehr gut leben."

"Deinen Bruder nehme ich mit raus, wenn ich dich schlafen schicke, Mädchen", knurrte Julius.

"Wie denn das?" Fragte Naaneavargia und machte eine Magische Geste, worauf Julius meinte, jemand packe mit unsichtbarer Hand an seinen ausgestreckten Zauberstab und versuchte, ihn aus seiner Zielausrichtung zu drücken. Doch er stemmte sich dagegen. Er hoffte, daß die Spinnenfrau da vor ihm nicht mitbekam, was er vorhatte. Er sagte noch: "In dein Gemach will ich nicht. Das Zeug, was du da ausgesprüht hast läßt mich andauernd niesen." Die Altaxarroin, die mal Spinne und mal Frau sein konnte, blickte ihn verwirrt an. Dadurch verschwand die telekinetische kraft, die seinen zauberstab festhielt. Ohne zu zögern rief er: "Angarte Kasanballan Iandasu Janasar!" Naaneavargia riss ihre smaragdgrünen Augen auf: "Wende alles Übel gänzlich um" verstand sie. Von einem derartigen Zauber hatte sie noch nichts gehört. Und jetzt sah sie noch, wie ein heller, silberweißer Lichtstrahl aus dem Zauberstab hervorschoß und genau zwischen ihren prallen Brüsten traf. Ihr Körper erstrahlte einen Moment in jenem Licht. Dann stand sie da, ganz und gar erstarrt wie ein Standbild aus Gold, Smaragd und schwarzer Seide. Das Ruckeln der Flöte in Julius Innentasche hörte auf. Auch das immer noch warnend zitternde Pflegehelferarmband beruhigte sich, nachdem kurz ein warmer Schauer von ihm ausging. "Hujujujui, ich sollte vielleicht doch mal bei einem Pokerturnier antreten. Hätte ja auch ein gutartiger Zauber sein können."

"Na, hat dich die goldene Sabberhexe jetzt als Bettwärmer sicher, Monju", hörte er Millies Gedankenstimme, nachdem er seinen Occlumentie-Schild aufgehoben hatte.

"Woher weißt du, daß die wie golden aussieht?" Wunderte er sich. "Überträgt das Herz jetzt auch Bilder?"

"Irgendwie wohl schon. Warum auch immer. Könnte daran liegen, daß die Glibberdose dich so angemacht hat und ich deshalb mitbekam, was dich gerade so heißmacht", erwiderte Millie unhörbar.

"Auf jeden Fall steht die da jetzt solange rum, bis ich hier raus bin. Ich habe den Schlafbann umgedreht, dem die unterworfen ist."

"Heiß! Dann magst du meine warme Stube doch lieber als dieses Biest?"

"Das hat mir wohl geholfen, der nicht in eines ihrer Netze zu gehen, entweder das mit dem Aphrodisiakum oder eines von den Spinnennetzen. Mal sehen, ob die welche oben hingesponnen hat. Die muß ich dann nämlich zerbröseln. Könnte etwas dauern."

"hast du die Trillerpfeife noch?"

"Joh, da blase ich nachher den Geschwaderruf der Global Airforce drauf", erwiderte Julius nun sichtlich lockerer, weil er die unmittelbare Bedrohung durch Ailanorars Schwester überstanden hatte. Dann ging er auf die erstarrte Altaxarroin zu und berührte ihre Haut. Sie fühlte sich nun an wie aus Stein. Er erlaubte sich die Frechheit, ihr an den Bauch zu klopfen. Es klang wie ein großer, massiver Tonkrug. "Offenbar ein Zeitablaufverlangsamungsfluch, der die eigene Massenträgheit anhebt", analysierte Julius seine respektlose Untersuchung. Dann passierte er die gebannte Schwester des Windmagiers und untersuchte den Weg vor ihm. Hinter ihm erloschen die Leuchtsphären. Er machte mit seinem Zauberstab Licht und fand wirklich ein sehr dichtes Spinnennetz direkt vor dem Schacht. Er erkannte, daß dieses Biest es dreifach durchwebt hatte, daß es nun eher einem Teppich glich. Er sah die klebrige Substanz auf der Oberfläche. Da wäre er wie an einem Fliegenfänger hängengeblieben. Toller Vergleich. Spinnennetze waren ja nichts anderes als natürliche Fliegenfänger. Er trat einige Schritte zurück und überlegte, ob er das Gewebe abbrennen, mit gekoppelten Zerstörungsflüchen oder mit dem Acidius-Zauber in einem Säurestrahl auflösen konnte. Er hatte Professeur Bellart mal ziemlich heftig erschreckt, als er sich bei diesem Zauber Flußsäure vorgestellt hatte und damit Stahl und Stein in Sekunden zersetzt hatte. Die aggressivste Säure, die der Sohn eines Chemikers kennengelernt hatte, würde mit dem Netz da bestimmt genauso leicht fertig werden. Aber dann müßte er durch ätzende Pfützen. Nein, das empfahl sich doch nicht. So wandte er die bereits erprobten Methoden von vorhin an und zerstrahlte das Gewebe mit kombinierten Diffindo- und Reducto-Flüchen. Als er das klebrige Gespinnst restlos zersetzt hatte, sprach er den Muscapedes-Zauber auf sich. Zwar konnte er ohne Besen in den Schacht hochfliegen. Aber er wollte den Wachhaltetrank nicht zu sehr ausreizen. Außerdem konnte er in den fünf Minuten, die der Zauber vorhielt, locker hinauf und mögliche weitere Spinnweben zerbröseln, bevor er hindurchflog. Schnell kletterte er mit Füßen und zauberstabfreier Hand nach oben. Am Schachtausgang war keine weitere Textilkunst der sonst so textilfreien Spinnenfrau zu finden. Auch am Höhlenausgang tummelten sich nur die fauchenden und heulenden Windgeister. Hoffentlich ließen die ihn durch. Er trat fast bis zum Schachtrand zurück und wirkte den Flugzauber. Dann brauste er los. Die Windgeschöpfe umtobten ihn zwar einmal, ließen ihn dann aber unbehelligt hinaus in die Sonne, die Julius in den Augen wehtat. Auf halbem Weg nach unten kam ihm etwas großes, weißes entgegen. Ohne große Worte nahm er das Angebot an und landete auf Temmies Rücken. Die Latierre-Kuh drehte bei und segelte ohne Flügelschlag zum Ausgangspunkt der alten Straßen zurück.

"Am besten setzen wir uns gleich ab", keuchte Julius. Dann sah er den Aborigine-Zauberer an, der in einer Art Meditation versunken war. "Haben Sie von ihm gehört, ob er hierbleiben oder anderswo hingebracht werden will?" Erkundigte sich Julius leise bei seiner Begleiterin.

"Er fing an zu meditieren, als deine ganz große Vertraute uns mitteilte, daß du der offenbar sehr lüsternen Schwester dieses Ailanorar gegenüberstandest. Wie auch immer sie eine magische Fernbeobachtung etabliert hat. Denn ein Exosenso-Zauber kam nicht durch, und mentiloquieren konnte ich auch nicht", erwiderte die Fachlehrerin für Verteidigung gegen dunkle Künste und Verwandlung. Julius wunderte sich. Mit Millie hatte er in der Höhle eine glasklare, stabile Verbindung gehabt, besser als sonst, weil sie sogar Bilder sehen konnte, die er gesehen hatte. Das wollte er jedoch nicht hier und jetzt vertiefen.

"Ich mußte dieses Weib mit dem Fluchumkehrer schlafen schicken. Die war so nett, mir zu verraten, daß sie dann in einen "Schlaf der schnellen Jahre" fällt, wenn kein lebendes Wesen in dem Höhlensystem herumläuft", warf Julius ein. "Kann sein, daß die gleich wieder wach wird, weil ich von der Höhle weit genug weg bin. Die könnte dann ziemlich sauer werden. Ich weiß auch nicht, ob die Windwesen da sie nicht rauslassen, weil ich Ailanorars Stimme ja jetzt rausgeschafft habe."

"Du wolltest sie nicht töten", entgegnete Professeur Faucon. "Vielleicht hätte das auch nicht funktioniert."

"Ich hatte sie am Anfang schon mit dem Tötungstriebabwehrzauber belegt. Ich weiß nicht, ob ich den dann noch mal hätte bringen können, wenn ich ein damit schon mal bezaubertes Wesen umbringe, noch dazu mit Magie."

"Das heißt, diese Schwester Ailanorars könnte jetzt schon wieder erwacht sein", schnarrte die Lehrerin. "Mademoiselle Artemis, haben Sie noch einen Kontakt zum inneren der Höhle?"

"Das einzige was ich von hier aus noch mitkriege ist, daß die Kraft, die Julius umgedreht hat, den Zustand erreicht, den sie hatte, als Julius in die Höhle reinflog", erwiderte Temmie über Cogison. Da erwachte der Zauberer der Aborigines. "Die Geister des Windes haben dich entkommen lassen, weil du den Zauber ihres Herren mitgenommen hast, Julius. Doch sie werden unruhig, weil du seinen Zauber verändert und die Wächterin geweckt hast, als du fortflogst. Sie wollen sie hinauslassen, weil sie ihren Zweck erfüllt hat. Es kann sein, daß sie dich jagen wird, wenn sie freikommt. Doch ich kenne ein Ritual, daß mir die Windgeister gnädig stimmt. Ich werde sie bitten, die Wächterin nicht hinauszulassen. Doch du mußt weit von hier fort sein, willst du den Zauber des Windgottes rufen. Sonst stört dieser mein Ritual, und du wirst nirgendwo auf dieser Welt Frieden vor der Wächterin finden."

"Oha, das fürchte ich auch. Ist sie vielleicht schon unterwegs nach draußen?" Fragte Julius.

"Sie erwacht gerade wohl. Jedenfalls werden die Windgeister unruhig, weil sie die einzige mit einer wachen Seele ist", erwiederte Yati Wullayata. "Ihr solltet nun über den Weg zwischen den Welten von hier fortgehen, bevor die Wächter des Windgottes erkennen, daß sie nichts mehr bewachen müssen." Mit diesen Worten sprang Yati Wullayata von Temmies Rücken und segelte federleicht zu Boden. Dann wurde der australische Zauberer zu einer Eidechse, genau wie er ihn in den Träumen von Darxandria gesehen hatte. Der Animagus flitzte los, wohl um weit genug von der Wirkungszone der alten Straßen wegzukommen.

"Nix wie weg, bevor die Windgeister echt meinen, die alte Sabberhexe da oben aus der Höhle rausspazieren zu lassen", knurrte Julius. Professeur Faucon gab ihm wortlos den Lotsenstein, bevor sie sich in den weißen Adler verwandelte, als der sie wohl besser auf Temmies Rücken Halt fand. Die geflügelte Kuh blieb ganz ruhig stehen, als Julius "Godjamirin!" Rief. Der goldene Lichtzylinder schnellte aus dem Boden und hüllte die drei sichtbaren und das im Moment noch unsichtbare Lebewesen auf der Plattform ein. "Pankiaterkanadanir Lemgartis!" Die Magie der alten Straßen trug sie nun davon. Als sie wieder in die natürliche Welt zurückkehrten, befanden sie sich in einem Kreis aus mächtigen Steinen. "Ich habe den spanischen Ausgang genommen, weil ich nicht weiß, ob Didier nicht doch weiß, wo ein Eingang zu den alten Straßen in Frankreich ist. Hier kann ich genauso auf der Flöte blasen wie anderswo auf der Welt."

Professeur Faucon breitete ihre mächtigen Flügel aus und glitt anmutig von Temmies Rücken herunter, um in der Nähe eines der Megalithen zu landen. Julius verstand, daß es wohl nicht so gut war, wenn er was immer vom Rücken einer ungesattelten Latierre-Kuh aus auslöste. Noch einmal dachte er die fünf Wörter des freien Fluges, die seinen Körper aus dem Griff der Schwerkraft lösten. Damit glitt er genauso durch die Luft wie seine Lehrerin, nur ohne Flügel. Als er neben ihr gelandet war, nahm diese wieder menschliche Gestalt an.

"Hier ist es mitten in der Nacht", stellte die Lehrerin ohne Uhr fest. Julius nickte. "Vielleicht erscheinen diese fliegenden Schlangenjäger nur bei Sonnenlicht."

"Hat meine Traummusiklehrerin nichts von erzählt, daß ich das Lied nur bei Tag spielen darf, um das hinzukriegen. Hoffentlich gibt es die überhaupt noch. Ich meine, auch Darxandria beziehungsweise Temmie kann nicht wissen, was in mehr als zehntausend Jahren so alles passiert ist."

"Dann hätte ich dich ganz bestimmt nicht dazu angetrieben, Ailanorars Lied zu lernen, wenn ich nicht sicher wäre, daß seine großen Vögel noch da sind", cogisonierte Temmie, bevor sie sich hinlegte und die Flügel sorgfältig über dem Rücken zusammenklappte. Julius nickte ihr zu und holte Ailanorars Flöte aus der Innentasche. Sie fühlte sich immer noch warm an, als habe sie eine Weile in der Sonne gelegen, aber nicht heiß wie ein Autodach nach drei Stunden Parken in der Sommersonne, sondern etwas wärmer als Julius' Hände. Professeur Faucon entzündete ihr Zauberstablicht und betrachtete das magische Musikinstrument. Das es eine Flöte sein mußte konnte sie an den Tonlöchern und den Öffnungen für Mundstück und Schall erkennen. Allerdings war Ailanorars Stimme nicht wie eine Block- oder Querflöte geformt. Vielmehr sah sie so aus wie drei miteinander verbundene Röhren, die über ein einziges Mundstück angeblasen wurden. Damit ließen sich bestimmt mehrere Oktaven mit feineren Unterteilungen hervorbringen, dachte die Lehrerin. Sie war zwar Cellistin, kannte sich aber doch ein wenig mit anderen Musikinstrumenten aus und wußte auch, daß die in Europa und den davon beeinflußten Ländern gültige Toneinteilung nicht das Maß aller musikalischen Möglichkeiten war und vor etlichen Jahrtausenden auch wohl noch nicht gegolten hatte. Julius prüfte, ob wirklich alles, was Darxandria ihm in den vielen Träumen gezeigt hatte, an der echten Flöte vorhanden war. Er griff die ersten Töne, ohne hineinzublasen, stellte fest, daß die Tonlöcher wirklich so zu benutzen waren und nickte Professeur Faucon zu. "Ich kann das wohl spielen. Von der Größe her ist sie nicht anstrengender zu blasen als meine Altblockflöte, weil die Röhren dünn genug sind. Ich kann froh sein, daß Ailanorars Stimme keine Posaune oder ein Alphorn ist."

"Das hätte auch noch was gegeben", grummelte Professeur Faucon. "In Graubünden hat ein Mitglied der Liga so ein Monstrum von Musikinstrument. Er hat es mit einem Selbstschrumpf- und Entschrumpfungszauber belegen müssen, weil dieses Instrument sechzehn Meter lang ist."

"Hui, damit hat der wohl locker für Stimmung auf jedem Fest gesorgt", bemerkte Julius dazu.

"Sagen wir es so: Sein Alphornspiel klang für mich angenehmer als sein Jodeln. Aber andre Länder, andere Musik. In diesem Sinne, Monsieur Latierre, führen Sie Mademoiselle Artemis und mir vor, welche Magie vor Jahrtausenden durch den allem überlegenen Zauber der Musik geweckt werden konnte, sofern Sie sich absolut sicher sind, die rettende Melodie wahrhaftig spielen zu können."

"Ich bin mir sicher", sagte Julius. Auch Temmie bemerkte über Cogison, daß sie sich ganz sicher sei. Julius atmete mehrmals ein und aus. War die ständige Wärme, die das merkwürdige, wie eine Verbindung aus Holz und Metall wirkende Material ausstrahlte, die ideale Betriebstemperatur für Ailanorars Stimme? Er hoffte nur, daß er damit nicht ein weltweites Wetterchaos auslöste, wenn er sich doch um einen Ton verspielte. Er rief sich die Melodie in sein Bewußtsein, bis er meinte, sie mit den Ohren nachzuhören. Dann nickte er, holte tief Luft und begann zu spielen.

 

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Yati Wullayata flog von seinem Zauber getragen hinauf zum Uluru. Die Windgeister bemerkten ihn. Sie fächerten aus und umringten ihn. Er konzentrierte sich und rief ihnen in Gedanken die Worte des Windes und der Freundschaft zu. Doch sie wollten sich nicht beruhigen. Immer näher kamen sie ihm. Er fühlte den schneidenden kalten Wind, der die hier herrschende Gluthitze verblies. Wenn er nicht bis zu der Höhle vordringen konnte, um die Windgeister durch das Ritual gutmütig zu stimmen, würden sie ihn hier draußen niederkämpfen. Der alte Magier der ersten Bewohner dieses Landstriches vertrieb die Angst. Er mußte sich voll und ganz auf seine Kraft konzentrieren. Da lag der Höhleneingang. Hoffentlich wirkte die von dem jungen Träger großer zauberkraft veränderte Magie noch so, daß die böse Wächterin wieder erstarrte, wenn sich ihr eine Menschenseele näherte. "Du kannst nicht vorbei!" wehten ihm bedrohlich schwingende Gedanken aus mehreren Dutzend Quellen entgegen. "Ich bitte euch um Hilfe, im Namen der großen Geister des Windes!" Rief Yati Wullayata in Gedanken zurück, als er bereits von eiskalten Armen aus verdichteter Luft gepackt wurde. "Du kannst nicht vorbei!!" Riefen ihm wohl alle hier wachenden Windgeister im Chor zu. Doch der Magier ließ sich nicht einschüchtern. Er war voll darauf konzentriert, die Wächtergeister zurückzutreiben, seine eigene Balance in der leeren Luft nicht zu verlieren. Er dachte die rituellen Worte, rief die Geister der Erde und des Windes an, die diesen Ort beschützten. Er fühlte die Magie, die in Uluru lebte, wollte sie herbeirufen, um die dunkle Wächterin in ihrer Höhle zu halten, deren Gedanken er immer noch fühlte, wenn er auch nicht verstand, was sie sagten. Doch die physischen Kräfte, mit denen die Windgeister ihn nun herumwarfen, störten seine Konzentration, zehrten ihn aus und schwächten jeden zauber, den er zu wirken versuchte. Um ihn herum wirbelten graue Wolken, zuckten Blitze durch die ineinanderrasenden Luftmassen und heulten die losgelassenen Luftmassen wie ein Rudel Dingos. Yati fühlte, wie seine Kraft immer mehr schwand. Doch er wußte, daß er nicht aufgeben durfte. Er versuchte, gegen das Tosen der Windgeister anzusingen, die magischen Worte zu rufen, die die Gunst der Geister heraufbeschwor. Tatsächlich ließen die ihm nächsten Windgeister von ihm ab. Doch sofort brausten ihre Artgenossen nach vorne und versuchten, den Eindringling zurückzutreiben oder ihn abstürzen zu lassen. Er kämpfte sich jedoch weiter auf den Höhleneingang zu. Alle Windgeister umtosten ihn nun und zerrten an ihm. Er konnte längst nicht mehr alle Wörter laut rufen, die ihm einfielen. Und weil sie mit wuchtigen Windstößen seinen Kopf herumschwingen ließen, konnte er auch keine klaren Gedanken mehr fassen. Nun versiegte auch die Macht, die er in sich gebündelt hatte, um dem Zwang der Erde zu entrinnen, der alles auf ihr festhielt, was keine Flügel hatte. Er fühlte, wie er in die Tiefe stürzte, gejagt von den Windgeistern, die ihn zwischendurch immer wieder auffingen und nach oben rissen, wohl eher, um ihn für die Unverfrorenheit zu strafen, sie herausgefordert zu haben. Yati erfaßte, daß sein Ende nahte. Also war die Vision, die sein alter Freund weiter Westlich erhalten hatte, doch richtig gedeutet worden. Darin hatte der Zauberer ihn in einem wütenden Wirbelsturm niederstürzen sehen und zerschmettert unter dem Leib einer riesenhaften, schwarzen Spinne liegen gesehen. Doch er wollte diese Welt nicht sinnlos verlassen. Er sah, wie der Boden auf ihn zuraste und rief magische Worte, die seine Seele für den Weg in die Ahnenwelt bereitmachten. Von dort aus wollte er sie bekämpfen, deren Gedanken ihn auch bei diesem endgültigen Fall in die Tiefe erreichten und nun voller Triumph waren. Er erkannte, daß er einen entscheidenden Fehler gemacht hatte, viel zu früh zum Berg hinaufzufliegen und die Windgeister auf sich zu lenken. Sie hatte in der Zeit ihr zugewiesenes Gefängnis verlassen können und konnte nun unbehelligt am Uluru hinunterlaufen, in die Freiheit. Auch wenn sie dort keine Zauberkraft besitzen mochte, weil diese im Berg selbst verblieb, war sie aus der ewigen Knechtschaft heraus. Yati wehrte die Trübsal über sein unverzeihliches Versagen ab. Er mußte das tun, was er noch tun konnte und rief die alten Worte des Magiers, die nur rufen durfte, wer wußte, daß er sterben und aus der Ahnenwelt heraus eine Aufgabe erfüllen mußte. Vielleicht würden ihn die Ahnen nicht zu sich lassen. Dann würde er als körperloser Geist in dieser Welt bleiben. Vielleicht halfen sie ihm aber auch, seine Aufgabe zu erfüllen. Mit dem letzten wort fühlte er, wie sein Körper von ihm abfiel. Er sah sich über diesem schweben und erkannte, wie er nun ohne weiter abgebremst zu werden auf den Boden schlug. Er fühlte keinen Schmerz, keinen Ruck und keine Macht, die ihn davonriß. Er hörte nur die Gedanken der Windgeister, die zornig zum Höhleneingang zurückkehrten und das überaus triumphale Lachen einer weiblichen, gierigen Seele, die gerade weiter unten am Uluru ankam und bald auf dem Boden sein würde. Yati schwebte, unsichtbar für Menschenaugen und unbehelligt von den Kräften der Windgeister, in Richtung Boden und sah sie, die schwarze Spinne, die ewige Wächterin, wie es in den alten Erzählungen erwähnt worden war. Sie war wirklich freigekommen. Gleichzeitig vernahm er mit einem Sinn für wirkende Magie, wie der heilige Berg erwachte, um die Veränderung in den ihn durchziehenden Kräften auszugleichen. Yatis Geist stieg schnell wie ein Adler hinauf und flog auf die Höhle zu. Da sah er, wie der Eingang sich verkleinerte. Die Windgeister fuhren gerade heulend in den Berg hinein, suchten wohl nach der Bewohnerin, die sie zu bewachen hatten. Doch sie würden sie nicht mehr finden. Da knirschte es und schabte, und der Eingang verschloß sich. Yati fühlte, wie die Macht der Erde die Wand an dieser Stelle so fest und hart wie den größten Teil des restlichen Berges versiegelte. Von nun an würde niemand mehr in diese alte Hinterlassenschaft des Windgottes eindringen. Er hörte das leise Knirschen, als sich die Höhle verengte, alle Durchgänge verschlossen wurden und alle Räume unbetretbar wurden. Die Windgeister waren jedoch nun gefangen, gefangen im einzigen nicht zu massivem Fels zurückverwandelten Raum. Er hörte ihre wütenden Gedanken, die in ein Geheul der Verzweiflung übergingen. Dann erloschen sie. Yati fühlte die Wellen der schlagartig freikommenden Windmagie, wie sie aus Uluru herausbrachen und die Luft der Umgebung aufwühlten. Wer jetzt auf dem Gipfel des roten Berges war, befand sich in tödlicher Gefahr. Denn die aufgewühlte Luft wurde von einer Sekunde zur Anderen zum Sturm. Yati erkannte, daß er dieses Unheil angerichtet hatte. War das nun die Strafe für all die Frevler, die den heiligen Berg erkletterten, ohne ihn zu respektieren? Er wußte es nicht, und konnte im Moment wohl nichts mehr tun, die übermächtige Kraft zu beruhigen, die sich ohne Führung und Befehl austobte. Ihm ging es um die entwischte Wächterin. Mit einem einzigen Gedanken versetzte er sich in ihre Nähe. Sie rannte auf ihren acht Beinen dahin, stemmte sich gegen den Sturm, der nun unbändig über das Land fegte, Sand und Staub hochwirbelte und Mensch und Tier in Lebensgefahr brachte. Als sie merkte, daß ihre übernatürlichen Körperkräfte nicht mehr lange gegen den Aufruhr des Windes ankämpfen konnten, krallte sie sich in den Boden und hielt sich fest. "Du darst nicht hier herumlaufen!" Rief Yati der entkommenen Wächterin zu. "Ich werde dich töten."

"Dassss glaube ichchch nichchcht", wehten ihm überlegene Gedanken der Spinne entgegen. Yati rief nun, wo er ein körperloser Geist war, die Worte des wütenden Sturmes. Da ein solcher bereits wehte, reichte es wohl aus, ihn gezielt auf dieses Wesen zu lenken, um es vom Boden hochzureißen, so hoch es ging zu wirbeln und dann aus viel zu großer Höhe wieder abstürzen zu lassen. Tatsächlich entstand über der Wächterin eine rötlich flirrende Windhose, die Sand und Staub emporriß und so zu einer wild kreisenden Säule wurde. Die Spinne fühlte, wie die unbändige Elementarkraft sie anhob, ihr die Luft unter dem Körper wegsaugte und dann die Klauen ihrer Beine aus der trockenen Erde zerrten. Sie begann sich im Kreis zu drehen. Immer schneller wirbelte sie herum. Dabei stieg sie immer weiter nach oben. "Dasss nütztztzt dir nichchchchtssss", zischte sie ihrem körperlosen Peiniger in Gedanken zu. Dann geschah es. Aus ihrem Hinterleib schossen Strahlen einer weißen Flüssigkeit heraus, umschlangen sie und wurden zu reißfestem Gewebe. Innerhalb weniger Sekunden wurde sie durch die Macht des Wirbelsturms ohne eigenes Zutun in einen Kokon aus eigener Spinnseide eingewickelt, der dick und weich ihren Körper wie eine weiße Kugel umschloß und noch genug feine Luftlöcher enthielt, um sie nicht ersticken zu lassen. Da ebbte Yatis Macht über die tobende Naturgewalt ab. Die Windhose zerstob im Spiel des wütenden Windes. Die Wächterin flog davon getrieben in einem Bogen um den Berg herum, wobei sie in die Tiefe stürzte. Yati fühlte, wie etwas ihn aus dieser Welt zog. Offenbar hatte er die Macht seiner letzten Anrufung verbraucht. Doch er wollte nicht zulassen, daß dieses Geschöpf da ungehindert über die Welt herfiel. So entschloß er sich, die verbotene Tat zu begehen. Er konzentrierte sich darauf, mit seinem Geist in den Körper der Feindin einzudringen, um sie dazu zu zwingen, sich selbst zu töten. Nur bösen Zauberern und deren rachsüchtigen Geistern fiel es ein, in andere Menschen zu fahren, um sie zu quälen. Zwar galt die geistige Herrschaft über Pflanzen und Tiere als minderschwerer Verstoß gegen die heiligen Gesetze. Doch Yati fühlte trotzdem eine gewisse Schuld. Doch das durfte er jetzt nicht auf sich wirken lassen. Er dachte die unheilvollen Wörter, bat die Geister vergangener Magier um ihre Hilfe, um den feindlichen Leib zu ergreifen. Er fühlte es schon, wie er innerhalb des Kokons war. Vielleicht würde der seine Erzeugerin nicht vor der Wucht des Aufpralls ... "Wie nett!" Rief die triumphierende Gedankenstimme der Wächterin, als eine unbändige Macht ihn packte und in einen Wirbel aus Bildern und Geräuschen hinüberriß, in dessen Zentrum er das goldene Gesicht einer überragend schönen Frau sehen konnte, deren grüne Augen ihn überlegen ansahen. "Seelenzauber! Glaubtest du alter Geisteranbeter wirklich, mich damit erledigen zu können?" Hörte er die Stimme von allen Seiten in ihn hineindröhnen. "Ich habe das gelernt, mir feindliche Seelen vom Leib zu halten, auch ohne Kraftausrichter. Aber es ist nett, daß du mir deine restliche Kraft schenken willst. Das wird mir helfen, mir einen eigenen Kraftausrichter zu schaffen, um außerhalb der Höhle weiterwirken zu können und ..." Ein dumpfer Schlag und Finsternis überkamen Yati für einen Moment. Dann sah er sich mit rasender Geschwindigkeit von der weißen Kugel fortfliegen, die gerade am Boden aufplatzte. Der Aufschlag hatte ihn aus dem Körper der Feindin hinausgetrieben, bevor sie ihn mit ihrer eigenen Zauberkraft einverleiben konnte. Dadurch war sie wohl auch abgelenkt worden, sich selbst zu schützen. Dann hatte er sein Ziel doch erreicht und sie getötet. Er empfing auch keine Gedankenströme mehr von ihr. Irgendwas zog ihn davon, weit über das Land, er wußte, wo es hinging, an die Stätte seiner Geburt, dort, wo er seinen Ahnen vorgestellt worden war, dort, wo sein geistiger Keim gelegt worden war. Womöglich würde er nun eins werden mit den Kräften der Traumzeit. Er hatte die Letzte Aufgabe seines Daseins bewältigt.

 

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Die Wetterstation am Ayers Rock im Uluru-Katatjuta-Nationalpark war die wichtigste Einrichtung. Denn hier wurde ermittelt, ob der einzige gesicherte Aufstieg auf den Sandsteinfelsen mitten in der zentralaustralischen Wüste für Touristen geöffnet oder geschlossen wurde. Zwar wußte Dr. Lindsey Fleet, die gerade diensthabende Meteorologin, daß die Anangu es aus Gründen ihrer Religion verabscheuten, daß Touristen auf ihrem heiligen Berg herumkletterten. Doch andererseits profitierten sie in gewisser Weise auch von dem Interesse der Europäer, Amerikaner und Asiaten, die Jahr für Jahr hierherkamen, um den über 800 Millionen Jahre alten Sandsteinbrocken zu bestaunen. Die letzten Touristen für heute waren vor einer Stunde hinaufgelassen worden. Dann war es jedoch wieder mal so heiß geworden, daß die Verwaltung den Weg zugemacht hatte. Nur wer von oben herunterwollte konnte jetzt noch passieren.

Lindsey sah auf ihre Meßgeräte. Alles sprach dafür, daß dieser Sommertag ohne weitere Besonderheiten verlaufen würde. Die prognosen sagten eine Höchsttemperatur von 111 ° Fahrenheit oder 45 ° Celsius voraus, mit Wind aus Südwest zwischen 5 und 10 Knoten, beziehungsweise 9 bis 18 Stundenkilometern. Die Computer säuselten leise vor sich hin. Auf den Monitoren leuchteten Wetterkarten des Nordterritoriums und Satellitenbilder, die jede Stunde aktualisiert wurden. Darüber hinaus konnte sie hier alle relevanten Wetterdaten ablesen. Im Moment blies ein aus Südsüdwest kommender Wind mit einer Geschwindigkeit von acht Stundenkilometern über die Windmeßvorrichtungen auf dem Gipfel des Ayers Rock hinweg. Dann wechselte die Richtung auf Südsüdost um, wobei eine Böe von dreißig Stundenkilometern aufkam, die zwanzig Sekunden vorhielt. Dann fiel der Wind wieder auf knappe 6 Stundenkilometer ab. Wie lange war sie selbst dort nicht mehr hinaufgestiegen? Das mußte jetzt zehn Jahre oder so her sein, erinnerte sich die noch junge Wetterkundlerin. Seit ihren frühen Mädchentagen faszinierte sie dieser Felsen, der scheinbar wie vom Himmel gefallen in der Wüstenlandschaft herumlag. Mittlerweile hatten Geologen ermittelt, daß der rote Sandsteinberg keineswegs so einsam in der Landschaft stand. Die Katatjuta-Felsen gehörten wie er zu einem uralten, durch Erosion und angewehten Sand geebneten Gebirge, daß wohl schon die Dinosaurier miterlebt hatte. Mit zehn Jahren war sie da mit ihren Eltern hinaufgestiegen. Sie erinnerte sich noch gut an einen dunkelhäutigen Mann, der ihr argwöhnisch hinterhergesehen hatte. Später hatte sie erfahren, daß es wohl ein Anangu-Medizinmann war, der den "Sitz der Ahnen" überprüft hatte und sich mal wieder über die ignoranten Kletterer geärgert hatte. Sie kannte natürlich die Geschichten von den magischen Kräften der Ureinwohner, glaubte jedoch nicht daran, weder an die Geschichte, daß sie Wasserstellen über mehrere Kilometer Entfernung erspüren konnten, noch das sie mit einem Knochen, den sie auf einen Menschen richteten dessen Tod herbeiführen mochten. Allerdings respektierte sie die Religion der Ureinwohner. Doch da sie es in Ordnung fand, wenn Touristenhorden in die großen und kleinen Kirchen der Welt hineingingen, um deren Einrichtung zu bestaunen, fand sie auch nichts dabei, daß Touristen diesen Sandsteinberg erstiegen. Womöglich gewannen die Leute dabei mehr Respekt vor der Erhabenheit, als wenn sie nur aus der Ferne oder vom Flugzeug aus auf den Ayers Rock sahen. Gefährlich war es dann, wenn die Sonne ihren Höchststand erreichte und die Felswände so heiß wurden, daß auch gute Kletterer mit Handschuhen schwer anfassen konnten und die Hitze ihre Körper rasch auslaugte, daß sie nicht mehr sicher vorankamen. Gleiches galt bei Regen, Sturm oder Nacht. Insofern sorgte Mutter Natur schon selbst dafür, daß längst nicht immer jemand da mal eben raufkletterte. Dennoch gab es immer wieder Anfragen von den Anangu, ob die Zahl der in den Park gelassenen Touristen nicht von staatlicher Seite her begrenzt werden sollte. Doch das betraf dann wohl nicht die Wetterstation und damit Lindseys Arbeitsplatz. Sie mochte sich zwar vorstellen, irgendwann einen besseren Job zu machen, beispielsweise in der Forschungsgruppe zur Klimastudie mitzuwirken. Aber bis dahin mußte ja wer hier die neusten Wetterdaten prüfen, auch wenn diese von der hochmodernen Einrichtung per Satellit an die Provinzhauptstadt sowie die meteorologische Zentralstelle in Canberra gefunkt wurden.

Interessant", dachte die Wetterfachfrau, als sie den Satellitenausschnitt des Ayers Rock betrachtete. Vor einer Stunde war dort keine Wolke zu sehen gewesen. Jetzt waren da kleine, graue Wolken, die in einer ungeordneten Formation schwebten und der Form nach gegen die vorherrschende Windrichtung verliefen. Das widersprach irgendwie den Gesetzen der Physik. Sie markierte den Bildausschnitt mit der Maus und wählte aus dem Ansichtmenü die Vergrößerungsfunktion aus. Tatsächlich, die Wolken verliefen nicht windrichtungskonform. Außerdem sah es so aus, als bildeten sie eine Gasse. Und dann meinte sie, sich total verguckt zu haben. Knapp zweihundert Meter vom Fuß des Felsenberges entfernt, stand eine weiße Kuh - mit Flügeln! Was war das denn bloß für ein Ding? Sie vergrößerte den Ausschnitt noch mehr. Doch hier stieß sie an die Grenze der Bildauflösung. Jetzt hatte sie zwar eine weitere Vergrößerung, die jedoch sehr grobkörnig aussah. Dennoch vermeinte sie bei dieser Kuh zwei Menschen sehen zu können, einen kleinen, dunkelhäutigen Mann, wohl ein Aborigine und eine Frau mit dunklem Haar in einem hellen Kleid oder Umhang, die auf der geflügelten Kuh saßen. Das konnte doch unmöglich echt sein! Sie klickte wieder auf Gesamtansicht und las das unten rechts angezeigte Datum der Aufnahme. Ja, das war knapp eine halbe Stunde her. Leider würde der in sechshundert Kilometern über der Erde kreisende Nahbeobachtungssatellit erst in einer Dreiviertelstunde wieder in Reichweite sein. Sie wollte gerade überlegen, ob sie damit zum Parkverwaltungsdirektor gehen sollte, als ein mehrstimmiges Piepen erklang, das ihre Aufmerksamkeit auf die Meßgeräte lenkte. Gleichzeitig hörte sie das unverkennbare Fauchen, daß einen Sturm verhieß. Sofort blickte sie auf die Anzeigen. Windgeschwindigkeit 180 Stundenkilometer, zunehmend! Luftdruck 800 hektopascal, absinkend! Wie konnte das passieren?! Das Telefon trällerte. Lindsey nahm den Hörer ab.

"Verdammt, was ist das?!" Brülte sie die Stimme des Verwaltungsdirektors an. "Draußen ist von einem Moment zum andren die Hölle ausgebrochen. Haben Sie geschlafen?!"

"Überhaupt nicht, Sir. Ich kann mir den drastischen Wetterumschwung nicht erklären, Sir. Ich prüfe das nach, wie der Sturm entstanden ist, Sir", erwiderte Dr. Fleet so sachlich klingend wie sie es noch hinbekam.

"Wozu haben wir eine bemannte Wetterstation, wenn sie nicht rechtzeitig warnt?! Auf dem Felsen sind dreißig Leute. Wenn die in diesen Sturm geraten sterben die, verdammt noch mal!"

"Dreißig Leute? O Scheiße!" Entfuhr es der sonst sehr auf gute Ausdrucksweise bedachten Wissenschaftlerin. "Hoffentlich können die in Felsvorsprüngen Schutz finden."

"Ich will wissen, wie dieser Sturm entstanden ist, warum Sie das nicht mitbekommen oder uns früh genug davon berichtet haben! Sollte sich rausstellen, daß Sie was übersehen haben, leite ich jede Schadensersatzforderung an Sie weiter, die mir auf den Tisch kommt und verklage Sie und Ihre Firma wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge!"

"Ich bin bereit, vor jedem Gericht meine Daten zu präsentieren, wenn ich weiß, was passiert ist", schnaubte Lindsey Fleet.

"Klar, weil Sie meinen, die sich zurechtbasteln zu können, von wegen, der Sturm wurde von den Abos dahingezaubert, weil sie uns loswerden wollen, oder was. Das können Sie aber vergessen."

"Sir, bei allem Respekt vor Ihrer berechtigten Erregung, ich habe es nicht nötig, mir entlastende Daten mit unglaubhafter Aussagekraft zurechtzubasteln. Der Wetterumschlag muß eine natürliche Ursache haben. Daß er in wenigen Sekunden erfolgte leite ich daraus ab, daß die Vorwarnung für Druckabfall oder Zunahme der Windgeschwindigkeit nicht bei den üblichen 900 Hektopascal Luftdruck und 20 Knoten Windgeschwindigkeit anschlugen, sondern unverzüglich, als der Sturm bereits losging."

"Ich bin zwar kein Experte für Wettersachen, Dr. Fleet. Aber eines habe ich auch gelernt, daß Stürme nicht von einer Sekunde zur anderen losbrechen können. Da muß mindestens eine Minute vorher schon was entsprechendes passiert sein." Jemand klingelte an der Tür. "Ah, Jones hat's geschafft zu Ihnen zu kommen. Ich will daß er ihnen dabei zusieht, wie Sie die Daten sichten."

"Das steht Ihnen zu", sagte Dr. Fleet und drückte den Knopf für den Türöffner. Es summte, klackte und heulte, als der angemeldete Besucher aus dem Sturm hereinkam.

"Danke für das tolle Wetter. Kann man gut einen Drachen bei steigen lassen", stieß Waldon Jones, der dritthöchste Mann in der Verwaltungshierarchie des Nationalparks gehässig aus, als er die ordentlich gekleidete Wetterkundlerin erreichte. "Könnte sein, daß dreißig Leute, fünfzehn Männer, sieben Frauen und acht Kinder zwischen sieben und fünfzehn Jahren keinen Weihnachtstruthahn mehr essen werden."

"Der Boss hat mir schon vorgeworfen, ich hätte diese Leute umgebracht, Jones. Lassen Sie sich bitte was neues einfallen!" Schnarrte Dr. Fleet. Da krachte es, als wenn wer eine Pistole abgefeuert hätte, und wie aus dem Boden geschossen standen zwei Männer in langen, roten Umhängen im Raum. Da die feuer- und sturmfeste Tür da schon längst wieder zugefallen war und nur eine Schlüsselkarte oder der Druck auf den Türöffnungsknopf sie wieder aufbekamen war dies eigentlich unmöglich.

"Hallo zusammen", sagte einer der beiden Männer und blickte sich um. "Wer kennt sich mit diesen Apparaten hier aus?" Fragte er ernst klingend. Lindsey nickte unwillkürlich. Das Auftauchen der beiden Fremden, die, wie sie jetzt sehen konnte, lange Holzstäbe in den Händen hielten, machten ihrer ganzen rationalen Denkweise arg zu schaffen.

"Gut, dann lassen Sie bitte mal ausdrucken, wie sich die ganzen Meßwerte der letzten zwei Minuten entwickelt haben. Können Sie das?" Lindsey nickte. Jones sah die beiden an und knurrte: "Wer sind Sie und wo kommen Sie so plötzlich her?"

"Ihnen zu sagen, wer wir sind und wo wir herkommen bringt Ihnen nichts, Sir, weil Sie es eh nicht weitererzählen können. Nur so viel: Wir wurden alarmiert, weil hier etwas außergewöhnliches freigesetzt wurde. So, jetzt lassen Sie mir bitte die Meßwerte der letzten zwei Minuten auf Papier drucken, Madam!"

"In meiner Eigenschaft als Abteilungsleiter für Besuchsbedingungen erteile ich Ihnen den Befehl, von diesen Leuten keine Anweisungen entgegenzunehmen und/oder auszuführen", schnarrte Jones. "Wer sind Sie also? Sagen Sie bloß nicht, Sie seien Zauberer, wenn Sie mit diesen Umhängen und Holzstäben da herumlaufen."

"Wie Sie möchten, das sagen wir nicht", erwiderte der von den zwei Eindringlingen, der das Wort führte. Sein Begleiter grinste belustigt. Statt dessen hielt er Jones den Stab entgegen und machte eine sachte Bewegung damit. Unvermittelt fühlte Jones, wie er erstarrte. Er konnte sich nicht mehr bewegen oder den Mund zum Sprechen öffnen. "Mann, Madam, machen Sie schon!" Schnarrte der Wortführer. Aus dem Telefonhörer drang wie aus geisterhaften Regionen die Stimme des Direktors: "Hey, Jones, was ist da bei Ihnen?!"

"Ups, Rod, waren wir echt die ersten?" Fragte der zweite Eindringling.

"Klar, Pine hat sich wieder verappariert. Okay, dann geh du zu dem Chef von dem park und klär ab, was alles rausgekommen ist!"

"Yep, Rod!" Bestätigte der zweite Mann und machte eine schnelle Drehung auf dem Absatz. Lindsey sah genau, wie sein wehender Umhang mit ihm zusammen von einem Moment zum anderen verschwand. Ein vernehmlicher Knall schallte durch die Beobachtungsstation.

"Das gibt es nicht", stieß sie aus. "Was sind Sie?"

"Ihr Vorgesetzter da hat gerade verlangt, nichts über uns zu verraten", sagte der, der mit Rod angesprochen worden war. "Nur so viel: Wir wollen klären, was passiert ist und dann sicherstellen, daß Sie nicht weiter beunruhigt sind. Dazu benötigen wir die Meßwerte, die Ihre Apparaturen da aufgezeichnet haben. Das Bild da auf dem Elektrofenster, was zeigt das?"

"Ähm, die unbesteigbare Seite vom Ayers Rock mit Wolken", erwiderte Lindsey Fleet. Der Eindringling betrachtete das Bild mit dem fremdartign, weißen Punkt darin und den Wolken, die sich irgendwie nicht gleichförmig zur Windrichtung verhielten.

"Wann ist das Bild gemacht worden?"

"Ähm, vor einer halben Stunde", erwiderte die Wetterkundlerin eingeschüchtert. Denn sie hatte messerscharf erkannt, daß all das, was in den letzten Minuten passiert war, nicht mit natürlichen Dingen zuging und daß die Eindringlinge übernatürlich begabt waren, Außerirdische, Mutanten oder Zauberer, wie sie sonst nur in Science-Fiction-Geschichten und Märchen vorkamen. Dann mochte der Sturm und das, was sie auf den Bildern gesehen hatte, ebenfalls auf überirdische Gewalt und Wesen zurückzuführen sein. Ihr war klar, daß dieser Fremde mit dem Stab - den sie der Einfachheit halber als Zauberstab anerkannte - nicht nur Jones erstarren lassen, sondern ihr noch andere Sachen zufügen konnte, wenn er sie nicht auf die physikalisch unmögliche Art verschwinden ließ, wie sein Kollege verschwunden war. Denn an einen Spiegeltrick wie im Zirkus oder Varieté konnte sie hier nicht glauben.

"Gut, die Bilder der letzten zwei Stunden will ich dann auch haben", sagte Rod bestimmend. Dann ploppte es leise. aus dem Nichts heraus stand eine Frau mit rotbraunen Haaren und graublauen Augen im Beobachtungsraum. Sie nickte Rod zu und sah Jones an, der wie ein Standbild dastand.

"Latona hat mich informiert, hier sei eine offenbar aboriginale Elementarkraft explodiert, Rod! ah, ich merke, was ich hier soll", sagte die Fremde und sah dann Lindsey Fleet an. "Sie sind hier die zuständige Wetterbeobachterin? Dr. Priestley, technische Aufklärung und Nachrichtenverbreitung", stellte sich die Unbekannte vor. Dann sah auch sie das Sattelitenbild auf dem Monitor.

"Sind Sie eine Magierin?" Fragte Dr. Fleet. Dr. Priestley nickte bestätigend. Rod grummelte nur, nickte dann aber auch. Dann sollte die Meteorologin die angeforderten Meßdaten ausdrucken lassen. Dabei wurde sie von der Fremden beobachtet, die anders als Rod nicht den Eindruck machte, sich nicht so recht mit den Geräten auszukennen. Als sie die Tabellen der ermittelten Wetterdaten und eine Graphische Umsetzung der Wetterentwicklung der letzten zehn Minuten hatte ausdrucken lassen, fragte sie die Frau, die sich als Dr. Priestley vorgestellt hatte: "Die Ausschnittsvergrößerung, Satellit oder Luftaufnahme?"

"Kein Kommentar", sagte Lindsey Fleet. "Nicht bevor ich nicht weiß, wer und was Sie sind und was Ihre Aufgaben sind."

"Dann muß ich das eben selbst rauskriegen", schnarrte Dr. Priestley bedrohlich und winkte der Wetterkundlerin mit dem Zauberstab zu. Diese ahnte zwar einen Angriff, hatte diesem jedoch nichts entgegenzusetzen. Sie erstarrte wie ihr Kollege Jones. Die Fremde machte sich an der zum Satellitenbildmonitor gehörigen Tastatur zu schaffen und vergrößerte den Bildausschnitt, bis die weiße Riesenkuh und die auf ihr hockenden Menschen wie gepuzzlet auf dem Bildschirm standen.

"Das könnte einer von den Windmagiern der Abos sein, June", knurrte Rod. "Wir wissen, daß die Ältesten aus der Delegation schon lange von uns verlangen, den Ayers Rock unortbar zu machen, damit die Muggel hier nicht herumlaufen. Ministerin Rockridge hat das aber abgelehnt, weil der Berg allen Menschen als Sehenswürdigkeit zur Verfügung stehen soll und reine Naturansichten nicht unter das Verbergungsgebot fielen, nur weil ein paar Abos glauben, in dem Berg wohnten ihre Ahnen."

"Ich bin zwar erst relativ kurz bei Ihnen angestellt, Rod, weiß aber, daß an den Geschichten alter Naturvölker doch mehr dran ist, als wir sogenanten zivilisierten Leute wahrhaben wollen. Aber jetzt brauche ich Ruhe, um dem Rechner alle Geheimnisse zu entlocken." Sie setzte sich an die Tastatur und hantierte mit einer Schnelligkeit daran herum, daß Rod mehrmals staunte, als June Priestley die Bilder auf dem Schirm ändern ließ, ihm unverständliche Angaben anzeigen ließ und dann mit einer Silberscheibe, die sie in eine ausfahrende und dann wieder im Rechnerkasten verschwindenen Schublade verschwinden ließ, noch mehr Sachen anstellte.

"Wunderbar, die Hintertür klappt, das Passwortverzeichnis habe ich auch. Oha, die Station funkt Telemetriedaten an einen Empfänger in der Provinzhauptstadt und auch nach Canberra. Wundere mich, daß ..." Das Telefon trällerte. June Priestley hielt sich den Zauberstab an die Kehle und murmelte: "Varivox!" Danach nahm sie ganz selbstverständlich den Hörer ab. "Wetterwacht Uluru-Katatjuta, hier, Diensthabende Doktor Fleet", meldete sie sich mit der Stimme der Wetterkundlerin.

"Die Zentrale in Canberra hier, Professor McGregor. Entschuldigung, was sind das für abstruse Werte, die da von Ihnen hereinkommen?" Fragte jemand am anderen Ende.

"Unsere Meßgeräte sind vor zehn Minuten ausgefallen. Die Rechner haben uns das nicht gemeldet und die letzten Werte wiederholt. Erst nach einem Reset wegen des Sturms konnten wir die Reservesensoren einschalten. Deshalb sieht das so aus, als habe sich das Unwetter in einer Sekunde aufgebaut", sagte June Priestley ganz ruhig, als habe sie sich diese Ausrede schon vor Stunden ausgedacht und oft genug vorgesprochen. "Im Moment können wir nur eine elektronische Diagnose der primären Sensoren durchführen, weil das Unwetter zu stark ist, um von Hand zu prüfen. Wenn wir das Ergebnis haben, erhalten Sie einen ausführlichen Bericht per E-Mail!"

"Per E-Mail! Wenn die gerade eingegangenen Daten stimmen haben Sie da gerade einen Sturm mit mehr als einhundertfünfzig Stundenkilometern. Und den wollen Sie in den letzten zwanzig Minuten nicht vorhergesehen haben? Abgesehen davon melden die Empfänger, wenn Sensorendaten ausbleiben. Was soll da also passiert sein?"

"Sir, ich kann es noch nicht mit Sicherheit sagen, aber ich fürchte, von irgendwoher haben wir ein Computervirus erhalten, daß speziell die Überwachung von Meßgeräten betrifft. Ich fürchte, ich muß einen Experten für die Software kommen lassen, um das ganze System überprüfen zu lassen. Sicher ist nur, daß bei Neustart der Meßüberwachung dieser Sturm da draußen angezeigt wurde. Wegen dem kam ich ja auf die Idee, den Rechner neuzustarten."

"Und wieso wird hier keine Neustartmeldung angezeigt?" Fragte der Mann am anderen Ende der Telefonleitung.

"Das weiß ich nicht, Sir. Mag sein, daß das noch von dem Virus herstammt. Aber wir haben leider viel zu tun. Womöglich befinden sich dreißig Personen im Bereich des Ayers Rock in Lebensgefahr. Ich will die Diagnose abschließen und bei hoffentlich bald erfolgendem Abflauen die manuelle Prüfung vornehmen, um zu ermitteln, ob es ein reines Software-Problem war. Ich melde mich dann wieder bei Ihnen."

"Ich schicke wen rüber, der das System checkt. Wenn Sie wirklich gehackt wurden und jemand ein Virus installiert hat könnten wir das auch abgekriegt haben", grummelte der Ferngesprächspartner June Priestleys. "Schalten Sie die Telemetrie aus!"

"Wie Sie wünschen", sagte June Priestley und klickte die entsprechenden Bildschirmsymbole an. "Ich erwarte dann Ihren Experten", sagte sie dann noch und verabschiedete sich höflich. Sie legte den Hörer zurück auf die Gabel und tippte sich mit dem Zauberstab an den Hals: "Naturavox!" Murmelte sie noch einmal mit Lindsey Fleets Stimme.

"Was war das jetzt?" Fragte Rod.

"Das, was ich immer schon prophezeit habe, Rod", setzte June Priestley mit ihrer angeborenen Stimme an. "Die Muggel haben uns was die Informationserfassung und -weitergabe angeht schon längst überholt. Ich sage es immer wieder und muß leider feststellen, daß es dann doch immer wieder ignoriert wird: Die Technik der Muggelwelt macht diese immer stärker. Wir dürfen es nicht mehr ignorieren, daß sie durch ihre Erkenntnisse und Gerätschaften vieles, wo wir mit Magie schon seit Jahrhunderten vertraut sind, genauso gut, wenn nicht noch besser hinbekommen, allerdings zum Preis einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Natur. Was die Informationstechnologie angeht müssen wir dringend auf der Höhe der Entwicklung sein und uns mit diesen Verfahren auskennen, sonst ist unsere ganze Geheimhaltung absolut wertlos. Diese Beobachtungsstation sendet regelmäßig alle von ihr erfaßten Wettermessungen an zentrale Sammelstellen, die damit Vorhersagen erstellen wollen, zumindest aber wissen wollen, wie das Wetter an verschiedenen Orten gerade ist. Der unangekündigte und wegen seiner transphysikalischen Entstehung nicht früh genug erkennbare Sturm hat Alarm ausgelöst, und ich mußte dem zuständigen Dienststellenleiter eine für ihn glaubhafte Geschichte auftischen, die ich bestimmt nicht hätte erzählen können, wenn ich nicht schon seit Jahrzehnten über derlei Dinge auf dem Laufenden bliebe. Es wird also nötig sein, meine Geschichte glaubhaft zu machen und den betreffenden Personen als einzig geschehen zu vermitteln. Die beiden Muggel hier werden besser betäubt, um nicht noch mehr Erinnerungen zu erzeugen." Sie betäubte Lindsey Fleet und Waldon Jones. "Im Grunde ist es gut, daß ich die Geschichte mit dem Sensorverwirrungsvirus aufgetischt habe. So erspare ich mir eine langwierige Datenänderung, die eine schnelle aber für die Muggel glaubhafte Wetteränderung dokumentiert. Besorgen Sie bitte die Gedächtniskorrektur, wenn ich hier fertig bin!" Rod grummelte. Eigentlich war er der Einsatzleiter hier.

"Ah, ich erfahre gerade, daß zwanzig Kletterer gerettet wurden. Meine Nichte und ihre Kollegen kümmern sich darum. Sie werden denken, daß sie vorzeitig von ihrer Kletterpartie zurückkehrten, weil ihnen der Wind nicht gefallen hat."

"Muß das denn sein?" Fragte Rod.

"Rod, was da abgelaufen ist war kein Naturphänomen. Wenn ich Ministerin Rockridge bei meiner Vereidigung richtig verstanden habe, dann müssen wir alle bei auftretenden Phänomenen der Magie alle dadurch gefährdeten Muggel beschützen, retten und behandeln, sofern sie noch leben."

"Wenn das wirklich ein Ritualzauber der Abos war ..."

"Nichts für ungut, Rod, aber wenn Sie sie schon erwähnen, nennen Sie sie entweder Eingeborene, Ureinwohner oder mit dem Namen ihres örtlichen Stammes."

"Ebenfalls nichts für ungut, June. Aber wir hier in Australien müssen uns von einer Asylantin aus England nicht vorschreiben lassen, wie wir die halbwilden hier nennen sollen."

"Eben genau deshalb wagte ich es, Ihnen eine respektvollere Ausdrucksweise vorzuschlagen", knurrte June Priestley. "Denn diese Leute sind keine Tiere oder niedere Kreaturen. Sie mögen zwar nicht den Erkenntnissen unserer Zivilisation zugeneigt sein. Aber sie sind weder dumm, noch kulturlos, und damit keine wie auch immer graduierten Wilden. Wenn Sie weiterhin mit mir zusammenarbeiten möchten bitte ich Sie, dies zu bedenken. meine Nichte hat in ihrer Ausbildung und ihrer Praxis als Heilerin oft genug erlebt, wie ausgeklügelt die Ritualmagie der Ureinwohner ist. Nur weil sie länger brauchen und anders einen Zauber herbeiführen als wir sind sie nicht schwächer oder im Bezug auf uns unterentwickelt. Allein schon daß einer von ihnen ohne Besen oder sonstige Flughilfen durch die Luft fliegen kann zeigt, daß ihre Zauberer große Macht besitzen. Womöglich haben Sie einen Zugang zur Magie, der wesentlich stärkere Effekte erzielt als unser Umgang mit Zauberkraft. Ich bin sogar geneigt, den Sturm als klaren Beweis für diese These anzuführen."

"Wie Sie meinen, June", knurrte Rod.

Es dauerte eine Stunde, bis der Sturm nachließ und dann ebenso plötzlich erstarb wie er entstanden war. leider forderte er fünf Menschenleben, weil schnell aufgestiegene Kletterfreunde versuchten, an einem anderen Hang, weit ab vom Touristenpfad, wieder hinunterzuklettern, was zwar verboten war aber doch immer mal wieder vorkam. June Priestley apparierte derweil durch die Empfangsstationen, die die Wetterdaten Lindsey Fleets erhalten hatten, um ihre Geschichte vom gestörten Vermessungsnetz zu untermauern. Dann mußte sie noch den Satelliten umprogrammieren, der die Bilder vom Ayers Rock machte und vertauschte die Dateien auf dessen Festplatte mit belanglosen Aufnahmen anderer Sommertage, wobei sie peinlich darauf achtete, daß die Tage und Stunden der Aufzeichnungen keine Fragen offenließen. Die Originaldateien ließ sie alle in Form von Bildern ausdrucken, um sie der Zaubereiministerin vorzulegen. Als sie am späten Abend zusammen mit Melchior Vineyard, dem Leiter für die Station zur Behandlung von Ritualopfern in der Sana-Novodies-Klinik und ihrer Nichte Aurora Dawn bei Zaubereiministerin Latona Rockridge zusammentraf, war sie sichtlich geschafft von der Arbeit.

"Ich habe das noch nie erlebt", sagte Melchior. "Das war wie ein Magiebeben mit einer anschließenden Wellenbildung. Ich habe das fast körperlich verspürt, weil ich die Ritualzauber doch gut verinnerlicht habe."

"Auf jeden Fall gut, daß ein paar junge Zauberer der Stämme uns als Aufspürer starker Ritualmagie helfen", sagte die Zaubereiministerin. "Ebenso ist es gut, daß ich auf den Vorschlag von Heilerin Dawn eingegangen bin, und Ihnen eine Betätigung als Muggel-Nachrichtentechnikexpertin gegeben habe. Sonst wüßten wir nicht einmal, daß es Aufzeichnungen von der Explosion der Windmagie gab. Abgesehen davon, June, haben Sie mir angekündigt, daß wir vielleicht näheres über die Umstände herausbekommen."

"Nun, Frau Ministerin, ich halte es zumindest für erwähnenswert", sagte June Priestley. "Der Bereich Ayers Rock wird von zwei Satelliten überwacht. Einer fliegt so hoch, daß er für eine Erdumkreisung einen ganzen Erdtag benötigt, was seinen Benutzern ermöglicht, ihn über einem bestimmten Punkt über der Erde scheinbar festzuhalten. Dieser künstliche Mond hat keine Sturmwolken vorher erkannt, nur das plötzlich entstehende Sturmchaos. Der zweite Überwachungsapparat im Weltraum fliegt auf einer eliptischen Bahn parallel zum Äquator und ermöglicht jede Stunde bis 75 Minuten eine Nahbeobachtung. Ich mußte eine Verbindung in die Staaten nutzen, da der künstliche Weltraumkörper nicht nur von Australien aus genutzt wird, um dessen Bildaufzeichnungen zu verändern. Das Bild hier dürfte sehr interessant sein. Ich bin versucht, den französischen und den spanischen Zaubereiminister zu fragen, ob sie über eine derartige Ausfuhr bescheid wußten."

"Nun, nach der Sachlage wäre ein Gespräch mit Monsieur Didier wohl ohnehin fällig, vor allem was die Gerüchte angeht, er halte die magischen Mitbürger in ständiger Angst, eingesperrt zu werden, wenn sie ihn kritisierten", sagte die Zaubereiministerin. Aurora Dawn bat um Sprecherlaubnis.

"Wie Sie wissen verfüge ich über eine gute Verbindung sowohl nach Hogwarts als auch nach Beauxbatons. Von daher weiß ich, daß Didier sich dort wohl eher zu Unrecht als Zaubereiminister bezeichnet. Er hat ein Regime der Unterdrückung und Verunsicherung errichtet, bei dem es nur darum geht, alle magischen Mitbürger unter seiner Kontrolle zu halten. Er scheut sich nicht davor, namhafte Zauberer in Internierungslagern einzusperren, weil diese seinen Führungsstil und seine Ziele in Frage gestellt haben. Das ging so weit, daß sich in Millemerveilles eine Gegenregierung formiert hat, die von Monsieur Phoebus Delamontagne geleitet wird."

"Besteht auch wieder eine Verbindung nach Millemerveilles?" Fragte June Priestley ihre Nichte. Diese nickte. "Mrs. Andrews konnte mit einem Verfahren, Sonnenlicht in Elektrizität zu verwandeln einen Computer in Betrieb nehmen."

"Mit Internetanschluß?" Fragte June Priestley. Aurora nickte. "Gut, dann frage ich bei Mrs. Martha Andrews, die womöglich für diese Gegenregierung arbeitet, ob sie weiß, ob jemand heimlich oder offiziell eine Latierre-Kuh nach Australien ausgeführt hat."

"Was?" Fragte Ministerin Rockridge. Sie ließ sich das zwar sehr puzzlehaft aussehende, aber doch noch gut erkennbare Bild vorlegen, daß eine wohl sehr große, weiße, geflügelte Gestalt zeigte.

"Das ist unmöglich", knurrte die Ministerin. "Unsere Tierwesenregulation besagt, daß derart große Geschöpfe nicht nach Australien eingeführt werden dürfen. Aber das ist wohl eine Latierre-Kuh. Es könnte sogar sein, daß da jemand drauf sitzt. Aber das ist nicht zu erkennen."

"Und Sie meinen, das Auftauchen dieser Kuh hat den Sturm ausgelöst?" Fragte Rod verhalten grinsend. "Wo uns Heiler Vineyard doch vorhin was von Erschütterungen der Eingeborenenmagie doziert hat?"

"Sagen wir es mal so, Rod: Ich denke nicht, daß die Kuh oder mit ihr dort aufgetauchte Personen den Sturm erzeugt haben, den ja auch unsere Spürvorrichtungen als Magieentladung registriert haben. Aber ich bin sicher, daß das Auftauchen der Latierre-Kuh eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt hat, an deren Ende dieser Sturm stand."

"Dann glauben Sie nicht, daß wer immer die Kuh ohne unsere Kenntnis und Erlaubnis dort hingeschafft hat den Sturm erzeugt hat?" Fragte die Ministerin noch einmal nach.

"Ich gehe sogar so weit und behaupte, daß es nicht das Ziel der Leute war, die dort auftauchten, einen unbändigen Sturm zu entfachen. Im Gegenteil, ich denke eher, daß wer immer das war nicht mehr auffallen wollte als nötig."

"Ach, und dann haben die irgendwas angestellt, was diesen Supersturm gemacht hat?" Fragte Rod Buckston, der Katastrophenumkehrtruppenleiter Nordterritorium.

"So ähnlich wie vor fünf Jahren ein Muggel eine alte Kupferlampe in London gekauft hat und einen seit eintausend Jahren darin gefangenen Dschinn freigelassen hat. Anders als die orientalischen Märchen behaupten erfüllen diese Geisterwesen nur dem Wünsche, der sie magisch an sich gebunden hat. Es kam zu zwölf Toten und zweihundert verletzten, als der freigesetzte Dschinn sich erst einmal austobte. Ich denke, den wollten die Muggel auch nicht freilassen."

"Ich erinnere mich. Das war ein Erdgeist, den sie nur mit Hilfe arabischer Bannformeln wieder einfangen konnten", erwiderte Buckston. "Sie meinen also, daß jemand etwas ähnliches hier am Ayers Rock angestellt hat, einen alten Aufbewahrungsort für Windelementarwesen geöffnet hat und die dann alles niedermachen wollten, was ihnen im Weg stand?"

"Wäre denkbar. Außerdem wissen wir nicht, ob nicht jemand von hier, ein Zauberer der Ureinwohner, das Auftauchen der Latierre-Kuh bemerkt hat und versucht hat, sie zu verjagen und dabei das ausgelöst hat, was bei uns eine Brightman-Steinhagel-Kaskade genannt wird", warf June Priestley ein.

"Um eine B-S-Kaskade loszulassen müssen aber mindestens drei zauberer und/oder Hexen zusammenwirken", wandte Rod Buckston ein. Aurora nickte ihm zustimmend zu.

"Wissen wir, ob die Ureinwohner nicht tatsächlich in dieser Welt verbliebene Geister benutzen können, um derartige Zauberkraftentladungen alleine hervorzurufen?" Fragte Ministerin Rockridge.

"Hmm, ich weiß längst noch nicht alles, was die können. Aber wenn ich irgendwas weiß, dann daß sie tatsächlich jeden Funken Magie, der in beseelten Lebewesen existiert, auf ein Ziel ausrichten können", fühlte sich Melchior Vineyard zur Antwort berufen. "Nach den Erzählungen der Anangu, dem Stamm im Gebiet des Uluru und der Katatjuta-Formation, wohnen im Uluru ihre Ahnen. Es mag also sein, daß dort ein uns unzugängliches Magiepotential gespeichert ist oder bei Bedarf erzeugt wird. Ob und wie es wachgerufen werden kann weiß ich nicht. Daher tendiere ich zu Mrs. Priestleys These, daß ein Magier der Ureinwohner die fremde Magie bemerkt hat, die das Erscheinen einer Latierre-Kuh verheißt und den Eindringling abzuwehren versuchte."

"Ich werde gleich morgen früh mit unseren eingeborenen Ratsmitgliedern sprechen, ob die etwas wissen, was da passiert ist", erwähnte die Zaubereiministerin.

"Und ich nehme Kontakt zu Mrs. Andrews auf, ob sie irgendwas in Erfahrung bringen kann, was die Latierre-Kuh angeht", sagte June Priestley.

"Gut, machen Sie es so! Rod, Sie achten darauf, daß die von Dr. Priestley erwogene Ausrede für die Muggel keine offenen Fragen mehr zuläßt. Ihnen allen vielen Dank für die schnelle und erfolgreiche Bewältigung dieses außerordentlichen Zwischenfalls!" Die Teilnehmer dieser Besprechung nickten und verabschiedeten sich von der ranghöchsten Hexe Australiens.

"Ich glaube, ich kann das einfacher rauskriegen, Tante June", eröffnete Aurora June Priestley, als sie abends in ihrem Haus bei Sydney saßen. Sie ging in ihr Sprechzimmer, kehrte nach fünf Minuten wieder zurück und sagte: "Aha, da ist jemand nicht in seinem Bett. Das passiert normalerweise nur, wenn jemand anderes ihm dazu den Auftrag erteilt. Wenn du Martha Andrews anschreibst, erwähne bitte nicht den Sturm und schon gar nicht die fünf Toten. Mag sein, daß das im Muggelfernsehen erwähnt wird. Aber wir müssen sie nicht mit der Nase darauf stoßen. Frage bitte nur, ob sie weiß, ob jemand auf welche Weise auch immer eine Latierre-Kuh nach Australien geschmuggelt hat. Ich habe da nämlich die Ahnung, daß dieses Tier unseren heißen Kontinent bereits wieder verlassen hat, wie es gekommen ist."

"Aurora, ich denke, langsam solltest du mir etwas mehr erzählen. Du tust manchmal sehr geheimnisvoll, daß ich nicht weiß, ob du das, was du weißt, selber wissen darfst."

"Sagen wir es mal so: eine Latierre-Kuh kann nicht im Flohnetz transportiert werden. Für den fliegenden Holländer ist sie zu auffällig, um nicht früh genug bekannt geworden zu sein, aus eigener Kraft kann so ein großes Tier auch nicht bis zu uns herüberfliegen. Also bleiben noch Muggelschiffe. Aber denen wäre es auch aufgefallen. Latierre-Kühe können nicht eingeschrumpft werden. Oder es ging per Flugzeug zu uns, gleicher Ausschluß wie bei der Vermutung, das Tier sei mit einem Schiff transportiert worden. Dann bleiben nur noch zwei Möglichkeiten: Ein Portschlüssel, der auch Tierwesen mitnimmt und eine bereits vorhandene magische Verbindung zwischen zwei Standorten, also Teleportale oder Fährenzauber, wie die Reisemöglichkeiten von Beauxbatons."

"In der Nähe von Ayers Rock?" Fragte June Priestley. Aurora nickte. Dann straffte sich June Priestley: "Aurora, könnte das sein, daß wir es mit dem Beweis für die Echtheit einer alten Legende zu tun haben, dernach es vor mehr als zehntausend Jahren ein magisch und kulturell sehr hoch entwickeltes Reich gab, daß Muggeln wie Zauberern heute als Atlantis bekannt ist?"

"Die alten Straßen von Atlantis, Tante June. Ich las mal was drüber, daß Hexen und Zauberer darüber streiten, ob es solche Verbindungswege wirklich hätte geben können. Aber zumindest wäre das eine Erklärungsmöglichkeit. Und das würde auch mit dem zusammenpassen, was ich gerade herausgefunden habe, Tante June. Leider darf ich nicht mehr erzählen, weil dies die Vertraulichkeit von Heiler-Patienten-Verhältnissen berührt. Nur soviel: Ich denke, daß die Latierre-Kuh schon wieder von unserem Kontinent runter ist."

"Ich denke, mit reiner Spekulation kommen wir nicht weiter", erwiderte June Priestley. "Es ist spät genug, um schlafen zu gehen", sagte die Muggeltechnik-Expertin dann noch. Aurora Dawn stimmte ihr zu.

 

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War es Andacht, war es gespannte Erwartung oder beides zugleich. Professeur Blanche Faucon lauschte den teils warmen, teils quietschenden Tönen, die von den Megalithen widerhallten. Sie hoffte, daß die Magie, die hier einmal betrieben wurde, nicht durch das uralte Musikinstrument aufgewühlt und ungerichtet freigesetzt wurde. Glockenhelle Töne, Triller und sehr schwer als unterschiedliche Töne erkennbare Passagen klangen durch die Nacht. Julius lehnte an einen der Steine und spielte die magische Melodie. Professeur Faucon dachte erst, er würde wie ein magicomechanischer Musiker einfach alles herunterspielen. Doch dann bemerkte sie, mit wie viel Gefühl Julius das von Menschenohren sehr sehr lange nicht mehr gehörte Lied vortrug. Offensichtlich hatte er diese Träume von Darxandria nicht nur damit zugebracht, die Melodie zu lernen, sondern auch die Luft einzuteilen, daß er keine längeren Atempausen machen mußte. Sie lauschte darauf, ob es eine feste Rhythmik gab und wenn ja, wie sie eingehalten wurde. Doch sie kam nicht dahinter, wie es ging. Eigentlich rechnete sie damit, daß unmittelbar was passierte, weil sie von magischen Instrumenten gehört hatte, die bereits nach dem zweiten absichtlich gespielten Ton etwas auslösten. Doch jetzt waren gerade hundert Töne oder mehr verklungen, ohne etwas auszulösen. Doch dann fühlte sie, wie um sie herum kalter Wind aufkam. Es war ein Fallwind wie der Mistral im Süden Frankreichs, als würde die Luft aus großer Höhe auf den Boden geblasen. Der Wind beruhigte sich jedoch. Es wurde ganz windstill. Statt dessen klangen die Töne noch intensiver. Doch Professeur Faucon meinte, ein Echo von oben zu hören. Sie blickte in den Nachthimmel. Er war sternenklar. Als sie angekommen waren hatten große Wolken die tintenschwarze, sie alle weit überspannende Kuppel bevölkert. Das mochten alles noch natürliche Wettererscheinungen sein. Aber warum leuchteten die Sterne nun so klar und hell? Kein einziger Stern, den sie sah funkelte. Und die Töne hallten immer länger nach. Das lag nicht nur an den um sie herum aufgestellten Riesensteinen. Temmie richtete ihre Ohren auf und hob den gigantischen Schädel an. Erfaßte sie etwas. Professeur Faucon konzentrierte sich. Auch sie hatte gelernt, durch bestimmte Gedankenverknüpfungen die Entfaltung von Magie zu erspüren. Außerdem hielt sie ihren Zauberstab in der Hand. Tatsächlich empfand sie etwas, das mit jedem Ton mitschwang, von den folgenden Tönen verstärkt oder in eine andere Richtung gelenkt wurde. Also war dieses Instrument wahrhaftig ein hochpotentes Artefakt, sicherlich ein mächtiges wie gefährliches Ding, mit dem der, der es besaß, große Wohltaten, aber auch großes Unheil heraufbeschwören mochte. Und jetzt hatte Julius dieses silberne Instrument und blies hinein, als habe er seit seiner Kindheit jeden Tag auf diesem Instrument gespielt. Sie wußte nicht, wie lange das Lied war und was es genau bewirken sollte. Sie wußte nur, daß wenn es einmal gespielt war, niemand wußte, wie das, was damit beschworen wurde, umzukehren war. Ton für Ton rührte Julius an etwas, von dem weder er noch seine Begleiterin aus Beauxbatons wußten, was das genau war.

 

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JA, DAS IST DAS LIED. JA, DAS IST AILANORARS STIMME. JEDER TON RUFT NACH ETWAS. JEDE KURZE FOLGE VON TÖNEN MACHT, DAß ICH BEWEGUNGEN IN DER ZAUBERKRAFT FÜHLEN KANN. SIE STEIGT NACH OBEN, FLIEGT MEHRMALS UM UNS HERUM UND KOMMT UNHÖRBAR ZU UNS ZURÜCK, UM MIT DEN GERADE KLINGENDEN TÖNEN WAS NEUES, NOCH STÄRKERES ZU MACHEN. ICH FÜHLE, WIE DIE MELODIE EINE UNSICHTBARE SÄULE FORMT, DIE SICH UM UNS DREHT UND IMMER HÖHER WIRD. SIE HÄLT DIE LUFT FEST: ES IST GENAUSO, WIE ICH ES ZUM ERSTEN MAL GESPÜRT HABE, ALS AILANORAR YANXOTHAR UND MIR DIESES LIED VORGESPIELT HAT, UM UNS SEINE GRAUEN HÖHENSTREITER UND DIE HIMMELSKRIEGER ZU ZEIGEN. KALTER WIND, WOHL AUS SEHR GROßER HÖHE, FÄLLT AUF UNS RUNTER. ICH ERKENNE NUN, WAS PASSIERT. DIE IN UNSERER MAGISCHEN SÄULE STEHENDE LUFT WIRD AUSGETAUSCHT. WOMÖGLICH WERDEN DIE TÖNE NUN AN EINEN ANDEREN ORT, WEIT ÜBER ALLEN BERGSPITZEN, HINGETRAGEN: JETZT HÖRT DER WIND VON OBEN WIEDER AUF. DOCH NUN SCHWINGT DIE GANZE SÄULE IM EINKLANG MIT DEM LIED. DOCH DIE STERNE STEHEN KLAR AM HIMMEL. DIE SÄULE MUß MINDESTENS ZWEITAUSEND MEINER SCHRITTE BREIT SEIN. ICH KANN ABER NICHT HERAUSFINDEN, OB SIE GANZ OBEN AUCH SO BREIT ODER GANZ ENG IST. JEDENFALLS HALLEN DIE TÖNE AUCH HÖRBAR NACH UND VERMISCHEN SICH MIT DEN GERADE VON AILANORARS STIMME KLINGENDEN TÖNEN. DIE SÄULE DREHT SICH IMMER SCHNELLER. SIE BEKOMMT IMMER MEHR KRAFT AUS DEM LIED. GLEICH IST ES EINMAL DURCHGESPIELT. JETZT SIND ES NUR NOCH ZWANZIG ZU SPIELENDE TÖNE. ICH FÜHLE DIE KRAFTSTÄRKER WERDEN, ALS WENN DIE MÄCHTIGE SÄULE GENAU AUF DIESE TÖNE GEWARTET HAT. JETZT KRIEGE ICH DAS MIT, DAß DIE VON DEN TÖNEN GETRAGENE KRAFT SICH WEIT ÜBER UNS ZUSAMMENZIEHT. IRGENDWAS BAUT SICH AUF. JA! ETWAS KOMMT DA WEIT ÜBER UNS AN. DIE LETZTEN TÖNE! DIE KRAFT IN DER SÄULE FLIEGT NACH OBEN. DIE SÄULE HEBT SICH. SIE DREHT SICH DABEI GANZ SCHNELL. JETZT SIND ES NUR NOCH FÜNF TÖNE. SIE WERDEN MIT IHRER KRAFT FÖRMLICH NACH OBEN GERISSEN. DANN KLINGT DER LETZTE TON. ER FLIEGT IN DER NACH OBEN ZURÜCKGEHENDEN SÄULE HERUM UND BLEIBT DARIN GEFANGEN: AILANORARS STIMME HAT EINE UNSICHTBARE VERBINDUNG MIT DEM, WAS NUN WEIT ÜBER UNS ANHÄLT. ICH FÜHLE EINEN LUFTWIRBEL UM UNS HERUM. DIE FESTGEHALTENE LUFT TOBT SICH UM UNS HERUM AUS. DIE KRAFT BALLT SICH ÜBER UNS ZUSAMMEN. JA! SIE IST DA!

 

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"Das kann nicht sein", dachte Vailadorat, der Wächter über der Welt. Sein spitzer, gekrümmter Schnabel zitterte vor Aufregung. Seit sechzig Sonnenwechseln wohnte er in der Burg, die keiner findet, weit über allem, was an die Harte Erde gefesselt ist. Seitdem er mit vielen anderen Augiliari in der Halle der Schlüpfenden aus seinem Ei gekrochen war kannte er fast nichts als diese weit über der Welt schwebende Burg über den Wolken, eingehüllt in die grünliche Blase der reinen Luft. Er hatte in den Lehrstunden bei Altaugilar Acropsat immer wieder gehört, daß sie, die Bewohner der Burg, die keiner finden kann einst vom Herrscher der Luft erschaffen worden waren, um über die Welt zu wachen. Doch sie durften nicht zu ihr hinunter, nicht in ihr wohnen und sich nicht von den Ungeflügelten erblicken lassen. Er hatte gelernt, daß Weltenwächter ein sehr verantwortungsvoller Beruf war. Denn der Viergoldschwingenträger, der Augiliar Garuschat, der bereits einhundert Sonnenwechsel lang regierte, hatte verboten, auch nur in die Nähe von Ungeflügelten zu kommen, sich auch nicht beim Fliegen zusehen zu lassen. Jenen, die sich trotzdem sehen gelassen hatten, war vor den Augen aller Bewohner die Flügel abgetrennt worden und die Frevler waren in eines der blauen Meere geworfen worden, zum Fraß für die dort lebenden Geschöpfe. Immer wieder schwebte die Burg, die keiner finden kann um die unter ihr leicht gewölbt ausgebreitete Weltenkugel. Pteranda, die nicht wie alle Mütter ihre Eier in die Halle des Schlüpfens bringen mußte, wenn die Schlüpflinge die ersten Laute von sich gaben, behauptete immer wieder, daß eines Tages die Stimme des Schöpfers die Burg, die keiner finden kann, zu sich rufen würde. Was war in den letzten zweihundert Sonnenwechseln nicht alles passiert? Die Ungeflügelten hatten es gewagt, sich ihrer zugewiesenen Welt zu entwinden und mit heißer Luft gefüllte Säcke zu machen, mit denen sie dann einige hundert bis tausend Augiliari-Längen aufsteigen konnten. Zwar hatte sie die Macht ihres harten Bodens doch irgendwann wieder zu fassen bekommen, doch sie hatten nicht aufgegeben. Sie hatten es sogar geschafft, etwas zu machen, das ohne Feuer Ungeflügelte in großen Körben durch die Luft trug, allerdings nur dahin, wo der Atem des Schöpfers sie trieb. Und die wurden immer verwegener! Bald fingen sie an, mit großen Stoffflügeln unbeholfen von Bergen herunterzufliegen. Dann bauten sie Metallvögel mit starren Flügeln, die immer weiter und immer höher und mit Feuerspuckrohren unter den Flügeln sogar immer schneller fliegen konnten. Vailadorat hatte wie viele Weltenwächter den Anzug der Unauffindbarkeit getragen, um die Ungeflügelten zu beobachten. Sie konnten ohne Hauch von Zauberkraft Licht und selbst rollende Gefährte machen, bändigten die Urkraft der lauten Lichter und formten damit neue Möglichkeiten. Die absolute Dreistigkeit leisteten sich erst die Untertanen des schreienden Fürsten im Land zwischen den Bergen und zwei Meeren, als sie lange Metallrohre fast bis in die Zone der ewigen Sterne und fehlenden Luft schickten und dann, ein paar dutzend Sonnen später, Leute aus dem langen Land am oberen Nordrand solche Dinger mit geflügelten Kästen drauf bis wirklich da hinauf schicken konnten. Dann taten das die vom nördlichen Teil des Doppelten kontinentes auch noch. Sie wagten es also, obwohl sie als Ungeflügelte auf der harten Erde zu bleiben hatten, bis in die verbotene Höhe zu den ewigen Sternen vorzudringen! Bald, so dachte Vailadorat, würde es zwischen denen und ihnen hier oben bestimmt einen schweren Streit geben. Die sollten gefälligst da bleiben, wo sie hingehörten. Nur einmal hatte Garuschat die Wolkenhüter losgeschickt, die schnellsten Vögel der drei Welten. Sie trugen eine alte Schuld ab, die Ungeflügelte, die mit der Kraft der Bewahrung vertraut waren, bei den Bewohnern der Burg, die keiner Findet, erworben hatten. Es ging um einen düsteren Turm, der weit vor Vailadorats Schlupfzeit gebaut worden war, um die schuppigen Feuerbläser zu befehligen. Der Turm konnte zerstört und die Feuerbläser vertrieben werden. Seitdem, und weil die ungezogenen Erdbewohner immer mehr mit diesen Metallvögeln herumflogen, hatten die Burgbewohner es vorgezogen, sich von der harten, gewölbten Welt unter ihnen fernzuhalten. Doch immer wieder erzählte Pteranda von Träumen, in denen sie von den Streitern des dunklen Schlüpflings der Erde erzählte, die durch ihr Gift ihr böses Sein auf die anderen Ungeflügelten übertrugen. Doch das mochten nur Angstträume sein, geboren aus der selbst auferlegten Abwesenheit von dem, was da unten so geschah. Sie sprach jedoch immer wieder von der Stimme des Schöpfers, die die Burg ergreifen und dorthin bringen würde, wo der sei, der sie richtig erklingen ließe. Der Kristall der tausend Winde, der die Burg, die keiner Finden kann durch zufällige Auswahl mal hier und mal dort über der harten runden Welt oder einem der weiten Meere dahinfliegen ließ, sollte für diesen Tag extra bearbeitet sein.

Und jetzt hörte er wirklich Töne, die aus einer blauen Wolke hervorquollen, die sich unvermittelt vor der grünen Hülle der reinen Luft und des Schutzes gebildet hatte. Ein Beben war durch die Burg, die keiner Finden kann gegangen. Die grünliche Leuchtblase hatte sich mit dem Blau der Wolke verfärbt, die nun zu einem hell strahlenden Ring wurde, der sie alle ergriff und einschloß. Aus dem inneren des alten Bauwerks war ein schwebender Klang gekommen, der sich mit den Tönen verbunden hatte. Die für ihren Standort über der Erde empfänglichen Bewohner kamen ganz durcheinander, als ihr Ortssinn ihnen verriet, daß sie schneller als ein Wolkenhüter dahinflogen. Dann warf etwas sie alle herum, und sie fanden sich über den Bergen der Landmassen wieder, wo die Landmasse namens Europa lag. Sie standen nun über einem Gebilde aus mehreren Steinringen, konnte der Augiliar mit seinen scharfen Augen erkennen. Er brauchte sein Weitblickglas nicht zu benutzen, um zu verstehen, daß dort unten mindestens ein Ungeflügelter wartete, der es geschafft hatte, die unauffindbare Burg zu sich zu rufen. Dieser mußte sofort ergriffen und vor den Viergoldschwingenträger Garuschat gebracht werden. Das konnte doch nicht angehen, daß jemand von denen wirklich die Burg fand, die sonst keiner finden konnte.

"Das Lied des Schöpfers ist erklungen. Bringt den, der es hat erklingen lassen!" Rief Garuschat mit der Kraft der Überallworte. Vailadorat meldete sich freiwillig für diesen Auftrag. Er wollte diesen Ungeflügelten sehen, der es gewagt und vollbracht hatte, die Stimme des Schöpfers zum klingen zu bringen. Er nahm noch zwei Cuarviri als Begleitschutz mit, ließ vier Wolkenhüter mit Sitzen belegen und stürzte sich in der blauen Kugel der unhaltbaren Schnelligkeit hinab in die Tiefe, der gewölbten, harten Erde entgegen.

 

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Was immer du angerichtet hast, Julius, jetzt ist es unumkehrbar", bemerkte Professeur Faucon. Temmie cogisonierte, daß die Himmelsburg Ailanorars über ihnen erschinen war. Doch die zwei Menschen konnten nichts sehen, das wie eine Burg aussah. Die Luft über ihnen brodelte förmlich. Offenbar hatte das magische Lied die Luftmassen mit einem gehörigen Bewegungsdrang erfüllt, daß Professeur Faucon meinte, die Sterne stünden in kalten Flammen. Zwei blaue Sterne schälten sich aus dem brodelnden Himmel. Nein! Das waren keine Sterne. Dann kamen da noch zwei. Sie wurden größer, erst langsam, dann immer schneller. Temmie cogisonierte "Wolkenhüter, die gezüchteten Kampfvögel Ailanorars.""

"Wolkenhüter, wie die vom Drachenturm?" Fragte sie Temmie. Doch die konnte es wohl nicht wissen. Denn zu dem Zeitpunkt war ihr Körper noch nicht geboren und ihr Geist wohl noch in Darxandrias Kettenhaube verborgen. Temmie konnte auch keine besondere Antwort darauf geben, denn in dem Moment blähten sich die vier blauen Kugeln zu hausgroßen Leuchtsphären auf, die mit einem hohen Singen von oben herabstürzten, zu dem sich nun auch ein dumpfes Grollen fügte.

"Wau!" Rief Julius Latierre, als die vier blauen Bolliden nahe genug waren, daß er sehen konnte, daß in jedem von ihm ein riesiger Vogel steckte, der mit kolibrischnellen Flügelschlägen den Sturzflug vorantrieb. Dann, auf dem Punkt, blieben die vier herabbeschworenen Riesenvögel in der Luft stehen. Julius sah nun auf dreien der Vögel vier schattenhafte Gestalten, die sich gerade vollständig zeigten. Das waren die Vogelmenschen, die Julius in Kantorans Zeitrückschau gesehen hatte. Er erkannte einen als Adlerschnabelmensch und die beiden anderen als Rabenmenschen mit den langen, spitzen Schnäbeln. Professeur Faucon hielt ihren Zauberstab kampfbereit. Wer wußte schon, ob diese Wesen es wirklich wohlwollend hinnahmen, daß jemand sie gerufen hatte? Jetzt klafften die blauen Lichthüllen auf, und die großen Vögel landeten wie Senkrechtstarter. einer der Rabenmänner hob einen Stab wie eine Neonröhre, der nun taghell erglühte. Mit krächzender Stimme schnarrte er etwas, das keiner von den Flügellosen verstand. Temmie erkannte die Sprache als Geheimsprache der Windmagier, die ihr Ailanorar einmal beigebracht hatte, als sie ihm die Ehre erwies, die Mutter eines seiner Kinder werden zu wollen. Sie übersetzte sofort:

"Der Silberfedernträger Arkarar fordert euch auf, eure Zauberstäbe wegzutun, weil die Wolkenhüter sonst ihren Blitzatem einsetzen würden.

"Warum versteht die weiße Niedergeflügelte meinen Flügelmann?" Quoll blechern und kreischend eine Frage aus einem tellerförmigen Ding, daß der Adlermann um den Hals trug. Seine echten Worte waren als kurze und schrille Schreie erklungen.

"Woran wird das wohl liegen", erwiderte Julius verwegen. "Das ist nämlich ..."

"Julius, nicht vor einem Diener", pflanzte Professeur Faucon ihm eine eindringliche Ermahnung ins Gehirn. So schwenkte Julius um deutete auf das Cogison und sagte: "Das ist das, was Ihr mit eurem Halsschmuck machen könnt. Nur, daß wir sie als Übersetzung brauchen, weil ihr Kopf und damit Gehirn größer ist und mehr aufnehmen kann."

"Du hast die Stimme des Schöpfers. Wie konntest du sie erlangen, und warum hast du es gewagt, ihr Schweigen zu brechen?"

"Weil wir Hilfe brauchen, gegen die Skyllianri", sagte Julius, der hoffte, daß ein direkter Vorstoß besser war als umständliches Geplenkel.

"Die Skyllianri gibt es nicht mehr", schnarrte der Adlermann. Dann machte er eine Geste zu den Wolkenhütern, während der zweite Rabenmann, der Temmie nach Rarakar hieß wieder mit den Blitzwaffen drohte. Professeur Faucon fügte sich und steckte den Zauberstab fort. Dann passierte alles ganz schnell. Die beiden Rabenmänner stürzten sich auf Julius, der gerade noch die Flöte Ailanorars in seinem Umhang verschwinden lassen konnte, packten ihn, hoben ihn mit eigenen Flügelschlägen vom Boden und trugen ihn zum unberittenen Riesenvogel. Sie drückten ihn in einen sesselartigen Sattel mit hoher Rückenlehne und schlangen vier breite Riemen um seinen Körper und seine Beine. Klickend verschwanden die Enden der Gurte im Sattel. Professeur Faucon wollte den Zauberstab wieder ergreifen, als einer der großen Vögel, der von Arkarar geritten worden war, mit lautem Knall einen bläulich-weißen Blitz aus dem glitzernden Schnabel entfahren ließ. Die Entladung krachte mit dumpfem Knall gegen einen der Megalithen und brannte ihm ein rotglühendes Zackenmuster auf, von dem helloranges Material wie zerstäubte Lava davonspritzte. Die Lehrerin und die Latierre-Kuh wagten nicht, sich zu bewegen. Dann flammten die blauen Leuchtsphären wieder auf. Es wirkte, als ergösse sich das blaue Leuchten aus dem Gefieder der Riesenvögel, die auf einen schrillen Schrei des Adlermannes abhoben, sich wie Raketen aufrichteten und dann wild sirrend in den Himmel emporschossen, bis Professeur Faucon vier dumpfe Doppelknälle hörte, wie die von Überschallflugzeugen.

"Großartig! Wunderbar! Besser hätte es nicht laufen können, nicht wahr!" Schimpfte Professeur Faucon die Latierre-Kuh aus, die sich sofort auf ihre Beine stellte und die Lehrerin damit noch höher überragte.

"Ey, nicht rumschreien, Blanche. Die bringen ihn nur zur Burg und zum Königspaar. Ailanorar hat mich da auch mal mit hingenommen. Die können ihm nichts tun, solange er Ailanorars Stimme hat. Wegnehmen können sie sie ihm nicht, weil ihr Zauber die Diener Ailanorars sofort bestraft, wenn sie sich daran vergreifen. Außerdem dürfte Ailanorars Wächterseele das sehr gemein finden, wenn jemand anderes die Flöte anfaßt. Schließlich will er ja nicht, daß jeder die anfassen kann."

"Na und, die haben ihn ergriffen und verschleppt. Wenn er denen mißfällt sehen wir ihn nicht mehr wieder", zeterte Professeur Faucon. Sie hatte es selten erlebt, daß sie einer Lage ohnmächtig gegenüberstand. Und wenn das passierte, dann war dies immer mit schweren Rückschlägen verbunden gewesen. Die gerade erlebte Situation hatte beste Chancen, in diese Liste aufgenommen zu werden. Sie hatte gedacht, die Wolkenhüter kämen herunter, Julius könne sie mit der Flöte unter seinen Befehl stellen und nach den Skyllianri suchen lassen. Es war kein Wort davon gefallen, daß diese Riesenvögel noch von geflügelten Menschen gehalten wurden, die sich nicht darum scherten, daß jemand die Stimme ihres Meisters geweckt hatte.

"Er darf nicht verletzt oder getötet werden, solange er Ailanorars Stimme bei sich hat. Sie schützt ihn wie mein Siegel auch. Sie werden ihn zum Herrscherpaar bringen. Wenn sich in den Jahrtausenden nichts geändert hat, werden die beiden sich anhören, was er zu berichten hat. Dieser Anführer ist nur sehr fanatisch. Seine Gedanken sind von Ablehnung und Widerwillen geprägt. Die beiden Langschnäbel sind nur Befehlsausführer, sonst hätten sie die Scheiben der Verständigung getragen."

"Soll ich dir mal was sagen, du wollhaariges Riesenkalb? Es ist mir gleich, wer da in der Hierarchie wo steht. Denn Julius wird das noch weniger wissen als ich, was ihm da jetzt bevorsteht."

"Natürlich weiß er, worauf er sich einläßt. Sonst hätte ich ihn niemals mit Ailanorars Stimme zusammenkommen lassen", quäkte das Cogison. "Und du hast auch gesagt, daß du mir vertraust, als Julius in Ailanorars Höhle war. Ich weiß, daß er wiederkommt. Wovor ich wirklich Angst habe ist, daß die uns nicht helfen wollen, weil die schon so lange in ihrer Burg, die sonst keiner finden soll, für sich sind. Wenn du dich wieder etwas beruhigt hast erzähle ich dir gerne das, was ich noch von denen und ihrer Himmelsburg weiß."

"Was bringt mir das?" Fragte Blanche Faucon jetzt eher wie ein aufsässiges Schulmädchen als eine respektable Lehrerin.

"Was sagst du denen, die dir die Frage stellen, wenn du denen was zeigen oder erzählen willst?" Konterte Temmie völlig unbeeindruckt. Professeur Faucon konnte sich sogar vorstellen, daß die zum jungen Mädchen zurückverjüngte Darxandria sich königlich amüsierte, weil sie, eine sonst selbstbeherrschte Hexe, sich gerade wie eine Henne bei einem Gewitter aufführte. So atmete sie einmal ein und wieder aus und wieder ein und noch mal aus. Dann sagte sie: "Ich sage denen, daß es sehr wichtig für sie ist und drohe ihnen Strafen an, wenn sie sich dem, was ich für richtig halte, verweigern."

"Gut, dann wirst du mir jetzt zuhören, weil es wichtig für dich ist. Ansonsten lasse ich mein durchgelaufenes abendessen auf dich drauffallen." Temmie drehte sich so, daß Professeur Faucon fast hinter ihrem linken Hinterbein zum stehen kam. Die Hexe wich aus, hoffte, daß dieses weiße Ungetüm sie nicht aus Versehen niedertrampelte oder doch einen dieser zentnerschweren Fladen über ihr ausschied. Abgesehen davon, daß dies das ekelhafteste war, was sie sich vorstellen konnte, mochte der Mist einer Latierre-Kuh jeden zu Boden werfen und ersticken, der das Pech hatte, darunterzugeraten. So schnaufte sie noch einmal und sagte dann. "In Ordnung, ich werde Ihnen zuhören, Mademoiselle Artemis vom grünen Rain."

 

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Er dachte, in einem Raumgleiter oder sowas zu sitzen. Mit einem spürbaren Andruck wurde er in seinen Sattel gedrückt. Die Gurte blähten sich auf, wohl wie die G-Anzüge von Kampfpiloten, wie er sie im Fernsehen gesehen hatte. Um sich hörte er das wilde Schwirren der riesigen Flügel des Vogels, auf dessen Rücken er festgeschnallt worden war. Er hatte keine Zeit zum Angstkriegen gehabt. Ehe er es sich versah hatten diese Rabenmänner ihn auf diesen Supervogel gepackt. Die Nacht war echt Abwechslungsreich. Erst Temmie, dann Ailanorar, dann Naaneavargia und jetzt dieser Megapiepmatz. Er sah die blaue Leuchtsphäre, die in Flugrichtung nur wie zartblauer Dunst aussah. Würden sie ihn wirklich zu dieser Burg hinaufbringen? Temie/Darxandria hatte doch erzählt, daß sie über dem Steinkreis aufgetaucht war. Die Frage war nur, wie hoch das war. Er war kein Everest-Kletterer, und selbst die mußten ab achttausend Meter Höhe Sauerstoffgeräte benutzen.

Er dachte schon daran, die Kopfblase zu zaubern, als ihm auffiel, daß sich Luftdruck und Temperatur gar nicht änderten. Er fühlte ja nicht einmal Fahrtwind. Also konnten diese Kampfkolibris mit ihrer blauen Sphäre einen Luftvorrat mitnehmen, um in großer Höhe zu überleben. Was würde Professeur Faucon jetzt wohl tun? Er konzentrierte sich auf Temmies Bild und ging die Stufen des Mentiloquismus durch. Dann schickte er an sie: "Beruhige bitte Professeur Faucon!"

"Sie hat Riesenkalb zu mir gesagt", kam Temmies erheiterte Gedankenstimme zurück. "Warte bis du bei den Herrschern bist und erzähle denen, daß ich dich vorbereitet und aufgefordert habe, sie zu rufen! Dann werden sie dir zuhören."

"Mach ich", erwiderte Julius und konzentrierte sich wieder auf den rasanten Aufstieg. Er zählte in Gedanken eine halbe Minute, bis er vor sich etwas grünlich schillerndes auftauchen sah. Es sah aus wie ein riesiges Ei aus phosphoreszierendem Gas. Nein, das war eine Art Energieschirm. Das faszinierte ihn. Doch als sein Reitvogel Anstalten machte, genau in die grünliche Leuchterscheinung hineinzustoßen war die Faszination auch schon vorbei. Denn nirgendwo sah er eine Öffnung oder soetwas. Dann blähte sich die grünliche Erscheinung so weit vor ihm auf, daß er außer grünlichem Licht nichts anderes mehr sah. Dann passierte es. Mit einem leisen Wimmern, wie ein kurzer und lauter Ton auf einer singenden Säge, durchstieß die Vogelstaffel die grünliche Blase. Sofort erloschen auch die blauen Leuchtblasen um die Vögel. Julius fühlte den Flugwind, warmen, seinen Lungen vertrauten Flugwind. Dann staunte er erneut. Denn mitten im Zentrum der bestimmt zwei Kilometer durchmessenden Blase, hing eine bestimmt neun Fußballfelder lange und sechs breite, ovale Konstruktion. "Gullivers fliegende Insel Laputa", dachte Julius zuerst. Dann grinste er, weil er daran dachte, wie seine Mutter ihm erklärt hatte, das Laputa die Zusammensetzung des spanischen Begriffs für Hure war. Soviel zu den Iren und ihrer feinen Ausdrucksweise.

"Auch wenn das dir nichts nützen wird, Ungeflügelter. Du bist der erste, der unsere Burg, die keiner finden kann betritt, seit der Schöpfer die drei Welten verlassen hat", kreischte der Adlermann. Julius verstand ihn auf einmal ohne seinen Übersetzungsschmuck. Aber auch das war ihm schon einmal untergekommen. Damit hatte er es amtlich, daß er in einer weiteren vergessenen Einrichtung des alten Reiches angekommen war. Hoffentlich kam er hier auch wieder raus.

Der Riesenvogel bog nach links ab, flog mit nun für Vögel normalschnellen Flügelschlägen um die im grünlichen Licht der Schutzblase moosgrün glimmende Fluginsel herum, die ohne zu schwanken oder zu schwingen schwebte. Julius sah die Konstruktion, die eher einer fliegenden stadt ähnelte, und zwar einer, die auf beiden Seiten bebaut war. Erst dachte er, die spiralförmig sich nach oben verjüngenden Türme seien die abgehauenen Hörner gigantischer Erumpenten. Doch sie bestanden aus einem glitzernden Material, daß wohl nicht den gefährlichen Sprengrammern entstammte. Hinter den Spiraltürmen duckten sich verhältnismäßig kleine Vieleckbauten, die Julius an die zwanzigseitigen Spielwürfel seiner lange verstrichenen Rollenspielertage erinnerten. Im geometrischen Zentrum des wie eine dicke Scheibe Brot aussehenden Flugkörpers erhob sich ein zehneckiger Turm, um den mehrere Balkone verliefen. Dieses Gebäude war das einzige, daß eigenes Licht ausstrahlte. Es hüllte sich in einen sattgrünen, flimmerfreien Strahlenkegel ein, der einige Meter über der Spitze in einen dünnen Strahl auslief, der in jenem grünlichen Leuchten endete. Da, wo für Julius im Moment noch unten war wölbten sich Kuppeln wie Pickel auf einer ansonsten porenlosen Haut. Dann waren da noch pilzförmige Bauwerke, deren Fuß nach oben wies und deren breite, runde Hüte in die unter ihnen verlaufende Leuchtsphäre wiesen. Beim Näherkommen erkannte der Beauxbatons-Schüler, daß die "Brotscheibe" mindestens fünfzig Meter dick sein mochte. Da steckten bestimmt noch weitere magicotechnische Überraschungen aus grauer Vorzeit drin, dachte Julius. Die Seitenwände der eliptischen Scheibe waren glatt und warfen das auf sie treffende Licht der Schutzblase nur um ein weniges abgedunkelt zurück. Alles in allem dachte Julius hier nicht an eine Burg, sondern eine außerirdische Stadt oder ein durch unsichtbare Antriebsfelder in der Atmosphäre schwebendes Raumschiff. Die Faszination für dieses in jedem Falle überirdische Baudenkmal des alten Reiches überwog sein Unbehagen, daß er nicht als triumphaler Herrscher über die Riesenvögel, sondern als Gefangener ihrer halbmenschlichen Gebieter hier einzog. Auf jeden Fall fragte er sich, ob Madame Maxime Professeur Faucon heute noch entlassen würde und damit Madame Rossignol zuvorkam, wenn er nicht um sieben Uhr im Speisesaal saß und die Lehrerin erklären mußte ... Hmm, die Lehrerin war ohne ihn von Beauxbatons abgeschnitten. Auf normalem Weg kam sie da nicht mehr hin, selbst wenn sie mit Temmie zusammen aus Nordspanien bis vor die Begrenzung Beauxbatons' fliegen oder apparieren mochte. Denn nur er hatte in seinem Brustbeutel das Intrakulum ... und den Lotsenstein. Im Grunde hatte er seine wertvollsten Besitztümer bei sich. Dann war da noch die silberne Flöte dazugekommen, die ihm wunderbar in den Händen gelegen und sehr weich und raumfüllend geklungen hatte. Er fragte sich nicht, ob er sie besser nicht gespielt hätte. Wenn er gar nichts getan hätte, wären die Skyllianri ungehindert über ganz Europa hergefallen. Denn damals konnte ja echt keiner vorausahnen, daß Antehlia ihre Monsterbienen zur Jagd auf die Schlangenbestien ansetzte und die von der Elfenbeininsel ihre Drachen losschicken würden. Tja, und gerade überflog sein Reitvogel den Rand einer anderen Insel, die Burg, die keiner finden kann. Nun, den Namen hatte sie jetzt eindeutig verzockt, dachte Julius. Selbst wenn er diesen Ausflug nicht überleben würde, hatte er dieses luftige Nest der Riesenvögel und ihrer Wärter gefunden. Nicht nur das, er hatte sie förmlich zu sich hingeflötet, wie jemand, der seinen Hund mit einer Hundepfeife zurückruft.

"Der Viergoldschwingenträger verlangt dich zu sehen", schnarrte der Adlermann, während er seinen Vogel an den Rand des sattgrünen Strahlenkegels dirigierte. Julius dachte daran, daß er ihn auch sehen wollte. Dann setzte sein Reitvogel waagerecht auf.

"Arakar, hol ihn von Donnerschreck herunter!" befahl der Adlermann. Um sie herum flogen nun warmes, gelbes Licht aussendende Lichtkugeln. Julius hatte sowas doch erst vor wenigen Stunden gesehen. Da kam der zweite Rabenmann des Begrüßungs- und Greifkommandos zu ihm und machte die Gurte los. Julius glitt freiwillig vom Rücken des Riesenvogels herunter und hob die Hände. Was sollte es jetzt noch?

"Mitkommen", krächzte der erste Rabenmann. Aus den Zwanzigflächlern links und rechts kamen weitere Vogelmenschen, Rabenleute mit dunklem Kopfgefider und langen, scharfen Schnäbeln, Adlerleute mit hellen und mittelhellen Federn und entsprechenden Flügeln über den Armen und kleinwüchsige Vogelmenschen mit kurzen Schnäbeln und flauschigem Kopfgefider. Doch irgendwas sagte Julius, daß es keine Kinder waren, sondern Erwachsene einer anderen Sorte. Außer den vier Riesenvögeln, die hier gelandet waren, trieb sich von denen keiner hier herum. Sie alle blickten neugierig auf den flügel- und schnabellosen Ankömmling, der gerade scheinbar schicksalergeben zwischen den beiden Rabenmännern mitging. Jetzt, im Licht der Leuchtkugeln, konnte er sehen, daß der Adlermann einen Überwurf trug, der die Ansetze seiner Flügel umschloß und mit je zwei glitzernden Silberschwingen auf jeder Schulter verziert war. Die Rabenleute trugen nur Lendenschurze mit zwei silbernen Federsymbolen. Sie waren offenbar einfache Soldaten, billiges Kanonenfutter. Vielleicht waren sie aber auch Spezialisten, wie die Spezialeinsatztruppe der britischen Armee.

Julius dachte schon, daß das grüne Kegelfeld ihn genauso durchlassen würde wie der äußere Schutz. Der Rabenmann verbeugte sich vor dem grünen Leuchten und berührte es mit seinem Kopf. Da umfing es ihn und zog ihn hinein. Danach war es wieder wie sonst. Die Rabenleute stießen Julius vorwärts. Dieser ahmte die Verbeugung nach und hoffte, daß ihm nicht gleich der Schädel zerbröselt würde. Doch als er das grüne Leuchten berührte, fühlte er nur einen leichten Druck auf den Rücken. Um ihn schimmerte ein goldener Lichtglanz. Sein Armband wurde warm und glomm einige Sekunden. Und Ailanorars Flöte hüpfte in seiner Umhangtasche, als wolle sie vor Freude herausspringen, daß sie endlich wieder zu Hause war. - Was dachte er denn da für einen Unfug? Dann stand er ohne groß nach vorne gelaufen zu sein auf der Innenseite des dichteren Strahlenkegels.

Von unten gesehen mochte der Turm mit der grünlichen Energieblase zusammenstoßen. Dabei war er wohl nur achtzig Meter hoch und ein Viertel so breit. Hier wohnte also die Königsfamilie der Himmelsburg, dachte Julius. Zu seiner totalen Verwunderung über die fremdartigen Bauwerke, Lichter und Bewohner war der Eingang in den Turm eine hundsordinäre, wenn auch drei Meter Hohe Metalltür, die genauso glitzerte wie die Flöte, die ihn hierhergebracht hatte. Der Adlermann stieß einen durchdringenden Schrei aus, den Julius als "Eeiinlaß!!" verstand. Tolles Losungswort für ein so wichtiges Gebäude, fand der Zauberschüler. Da rasselten mehrere Riegel von innen, und die Tür schwang nach außen. Ein weiterer Adlermann mit rotem Überwurf erschien in der weiß erleuchteten Türöffnung. Julius zählte auf dessen Schultern je einen goldenen Adlerflügel als Abzeichen. Es gab also tatsächlich Ränge wie beim Militär hier.

"Wer kommt da?" Fragte der Türsteher. "Weltenwächter Vailadorat bringt den Träger der Stimme des Schöpfers", sagte der Adlermann, der Julius "eingeladen" hatte.

"Übergib den Träger der Stimme des Schöpfers, Weltenwächter Vailadorat", entgegnete der Türsteher gebieterisch. Vailadorat, so hieß der Adlermann also, stieß Julius unsanft nach vorne. Kaum überschritt der Jungzauberer die niedrige Türschwelle, klappte das Metallportal hinter ihm wieder zu.

"Folge mir bitte, Träger der Stimme! der Träger der vier goldenen Schwingen des Himmels, Höchster Diener des Schöpfers, Vater der geflügelten Völker, Garuschat der fünfzehnte, erwartet dein Erscheinen."

"Das ehrt mich", sagte Julius ruhig. Er meinte, Französisch zu sprechen. Doch der Vogelmensch, vielleicht der Hofmarschall, Herold oder Kammerdiener, verstand ihn offenbar. "Und damit ich ihn nicht gleich beleidige, wie muß ich ihn ansprechen?" Schickte er sofort hinterher. Wenn er vor einen echten König geführt wurde, und sei es im Beauxbatons-Arbeitsumhang, wollte er zumindest die hier gültige Respektsbezeugung anbringen.

"Du sprichst ihn erst an, wenn er dich anngesprochen hat. Für dich, der du von der Oberseite der festen Welt kommst, genügt die Anrede Herr Garuschat. Ihn mit einem seiner Titel anzusprechen wäre aus deinem Mund ein Verstoß gegen unsere Sitten."

"Und wie darf ich Sie oder Euch ansprechen?" Fragte Julius.

"Haushüter Iikarat", antwortete der Adlermann. Dann führte er Julius durch eine weitere Tür in einen säulenartig nach oben ragenden Raum, in den im Abstand von drei bis vier Metern schmale Türen eingelassen waren. Julius erkannte, daß geflügelte Mennschen keine Treppen nötig hatten. Sollte er jetzt seinen Flugzauber bringen? Doch bevor er sich dazu entschloß wurde er von Iikarat umfaßt und angehoben. Der Adlermann war sehr gut in Form, erkannte Julius. Der Schacht war breit genug, daß ein fliegender Vogelmensch mit ausgebreiteten Flügeln locker in einer sich nach oben windenden Schraube aufwärtssteigen konnte. Sie passierten zehn Etagen. Bei der elften verharrte Iikarat und drehte einen Türknauf. Die Tür schwang nach innen. Ein Glockenspiel erklang, als die beiden in den dahinterliegenden Gang traten, der zur ganzen Länge mit einer Daunendecke ausgelegt zu sein schien. Julius fragte sich, ob er nicht besser die Schuhe hätte ausziehen sollen. Doch nun ging er bereits durch den Korridor. Irgendwie fühlte er, daß ihn irgendwas abtastete. Erst am Kopf, dann an der Brust, worauf sein Zuneigungsherz, das immer noch warm pulsierte, einen kleinen Hüpfer machte, dann den Bauchraum, wobei die Silberflöte kurz erzitterte und das Pflegehelferarmband einmal ruckelte. Ob der unsichtbare Abtaster auch seine Füße untersuchte fühlte er nicht. Das lag wohl daran, daß dort nichts magisch aktives außerhalb seines Körpers zu finden war. Dann gelangten sie vor eine Tür aus purem Orichalk, ddie mit allen vier sichtbaren Mondphasen und vier Sonnen mit unterschiedlich langen Strahlen verziert war. Iikarat trat vor und klopfte mit seinem gebogenen Adlerschnabel an, zweimal lang, viermal kurz. Keine Antwort. Die Tür blieb verschlossen. Der Vogelmann klopfte noch einmal: Zweimal lang, dreimal kurz. Wieder keine Antwort. zehn Sekunden später klopfte er erneut mit zwei langen und diesmal zwei kurzen Klopfern. Julius meinte, das Spiel durchschaut zu haben. Tatsächlich war es bei der nächsten Wiederholung nur ein Klopfer nach den beiden langen. Und diesmal erfolgte eine Antwort: "haushüter, wir sind bereit, dich und den Träger der Stimme des Schöpfers zu sehen." Die Stimme schrillte genauso wie die der anderen Adlermenschen. Iikarat drückte gegen die Tür, die nun schwerfällig nach innen aufschwang.

Was hatte Julius sich für den Thronsaal vorgestellt. Goldene Möbel, Kronleuchter und jede Menge edle Stoffe, in der Mitte ein gewaltiger Thron mit einer Fußbank davor? Das alles gab es hier nicht. Das einzige, das zeigte, daß dieser Raum der wichtigste war waren die großen, ovalen Fenster, die Julius an sechsmal vergrößerte Passagierflugzeugfenster erinnerte. Außerdem war der Raum so zehneckig wie der Turm selbst und etwa vier Meter hoch. Auf halber Höhe war eine Art Schaukel aufgehängt, die eine Querstange besaß und etwas wie eine gewölbte Lehne. Auf diesem wackeligen Möbel hockte ein weiterer Adlermensch, dessen Flügel hinter den rosigen Ketten lehnten. Es war ein besonders großes Exemplar in einem smaragdgrünem, wallendem Gewand, dessen Schulterbereich mit einer silbernen Spange verziert war. Auf dem Kopf des Vogelmenschen saß eine Art Diadem oder Tiara aus gläsernen und silbernen Einzelteilen. Weißes Gefieder sproß im Gesicht des majestätischen Vogelmenschen. Der Schnabel glänzte golden. Womöglich war das eine Art Verschönerungsmittel. Das Wesen strahlte königliche würde aus. Doch irgendwie vermißte Julius an dem Wesen die erwähnten vier Goldschwingen des Himmels. Oder trug der König die nur, wenn er sich vor dem Volk zeigte? Das Wesen sah ihn an. Sofort verbeugte er sich und schlug die Augen nieder. Er hatte schon von Königen gehört, die es als tödliche Beleidigung ansahen, wenn jemand ihnen in die Augen sah. Bei dieser Verbeugung ffiel Julius ein kleinerer Vogelmensch auf, der ebenfalls einen Adlerschnabel und goldenbraunes, fast blondes Kopfgefieder trug, das von einer rosigen Metallschleife umspannt war. Der kleinere Adlermensch saß auf einem Stapel ausgezogener Federn, nicht nur von Seinesgleichen, sondern auch Daunenfedern der grauen Riesenvögel. Er trug einen himmelblauen Umhang mit kleinen goldenen Verzierungen darauf, die wie ausgebreitete Flügel aussahen. Julius stutzte. Dieses kleine, schmächtige Vogelwesen auf dem Federberg hatte die erwähnten Insignien. Dann war das ...

"Haushüter Iikarat, wen bringt er uns?" Hörte Julius die Stimme von vorhin. Sie kam wahrlich von dem kleineren Adlermenschen.

"O Träger der vier goldenen Schwingen des Himmels, Vater der geflügelten Völker, Höchster Diener des Schöpfers, dies ist der von Weltenwächter Vailadorat zu uns gebrachte Träger der Stimme des Schöpfers", antwortete Iikarat, wobei er sich fast bis zu den Krallenfüßen verbeugte. Julius tat es ihm gleich. Doch der auf dem Federhaufen thronende König deutete auf ihn und machte eine Geste mit nach oben gestreckten Fingern. "Du mußt nicht vor uns den Boden küssen, Träger der Stimme, Julius Erdengrund, Gewinner der heiligen Stimme des Schöpfers. Ich grüße dich im Saal des Wortes und des Lebens!"

"Danke, Herr Garuschat", erwiderte Julius, der fand, er sei schließlich angesprochen worden. Er richtete sich wieder auf und sah das andere erhabene Geschöpf, daß er vorher für den König gehalten hatte. "meine Gefährtin, Bewahrerin meines Blutes, Pteranda die Weiße", sagte der König und deutete auf die in Grün gekleidete Erscheinung auf der Schaukel. Sie öffnete zweimal ihren Schnabel und klappte ihn wieder zu. Dabei breitete sie einladend ihre weiß gefiederten Menschenarme aus. Dann hörte Julius ihre natürliche Stimme, die wie das Quäken eines schottischen Dudelsacks klang und gleichzeitig eine Gedankenstimme, die wie eine sanft angeblasene Altflöte klang: "Ich freue mich, dich zu erblicken, Träger der Stimme des Schöpfers. Es hat viele Geschlechter gedauert, bis die Stimme wieder klang. Doch du bist nicht aus der Gefährtin des Schöpfers geschlüpft. Sein Blut fließt nicht in dir. Doch um dich liegt der Hauch einer seiner Gefährtinnen, der Herrin vom hellen Berge. Sie schickte dich wohl auch zu uns, nicht wahr?"

"Ja, Herrin, dies stimmt", erwiderte Julius. Er hatte nicht bemerkt, daß die Königin ihn legilimentiert hatte. Vielleicht reichte auch nur die Siegelaura, die bis auf wenige Gelegenheiten unsichtbar um seinen Körper floß. Aber woher wußte der König seinen Namen? Dann fiel ihm das Abtasten im Korridor wieder ein. Außerdem hatte er diesen grünen Lichtkegel um den Turm mit dem Kopf berührt. Da konnte schon ein Abtastprogramm abgespult worden sein, um ihn als Zutrittsberechtigt einzustufen.

"Iikarat, hole unserem Gast einen Sitz, damit er nicht die ganze Zeit auf seinen Füßen stehen muß", sagte der König nun und deutete zur Decke hoch. Iikarat senkte kurz den Schnabel. Dann Stieß er sich vom Boden ab und flog nach oben, um zwei Flügelschläge später eine lehnenlose Schaukel an schmalen Eisenketten herunterzuziehen. Julius unterdrückte ein grinsen. Er war ja nicht auf dem Spielplatz. Aber er konnte sich nicht wie die Vogelmenschen festkrallen. Er setzte sich auf den breiten Balkenund hielt sich an den Ketten fest, um im nächsten Moment um mehr als einen Meter angehoben zu werden. "Super, jetzt hänge ich hier oben rum, genau vor dem goldenen Schnabel der Königin. Sofort verschloß er seinen Geist. Doch die Königin machte mit der rechten Hand eine auf ihn deutende Geste und zog die Hand mit nach vorne geöffneter Handfläche und gespreitzten Fingern zurück. "Dein inneres darf uns nicht schweigend begegnen", maßregelte sie ihn sanft aber unmißverständlich, und das nur in Gedanken. "Du bist sehr stark und empfänglich für die Worte des Inneren."

"Nun, wo meine Gefährtin dich in all deiner Erscheinung sehen und erkennen kann, berichte uns, was dich auf den Weg zur Stimme des Schöpfers führte und was dich dazu bewegte, sie nach den hundert mal hundert Sonnen wieder erklingen zu lassen!" Forderte der König, der nun weit unter Julius auf seinem Federtrhon hockte, sich in dieser Stellung jedoch wohl gut repräsentiert und seiner Würde gemäß aufgehoben fühlte. "Sprich offen und sei auch mit sprechendem Inneren bei uns!" Fügte der Herr der Vogelmenschen, der Himmelsburg und der grauen Riesenvögel noch hinzu.

Julius berichtete, wobei er von der Bildergalerie anfing, wo er zuerst was von Darxandria gehört hatte. Ohne sich zu besinnen, was er verraten wollte oder nicht sprach er dann weiter von dem Lotsenstein, von seinem Auftrag, die Wolkenhüter gegen die Skyllianri antreten zu lassen und Darxandrias Traumunterricht. Daß Darxandria in der Flügelkuh Artemis weiterlebte ließ er zwar aus, doch ihm war klar, daß das Königspaar ihn heimlich ausforschte. Jedesmal, wenn er versuchte, sich zu verschließen, deutete die Königin auf ihn und verlangte in Gedanken, weiterhin hörbar zu bleiben. Ihm fiel erst auf, daß er weder von Temmie noch von Ammayamiria gesprochen hatte, als der König sagte: "Offenbar hast du dich mit jemanden verbunden, der deine größten Geheimnisse in seiner Ahnenwelt verbirgt, weil vieles von dir nicht zu uns durchdringen wollte. Nur was du uns freiwillig erzählt hast konnten wir hören. Doch dies reicht uns aus. Also haben unsere Weltenwächter sich nicht vertan, als sie uns erzählten, daß die Brut des Sohnes dunkler Erde sich erneut über die feste Weltenkugel ergießt, getriben von einem, der Skyllians Stab benutzen kann. Eigentlich hätten wir die Wolkenhüter schon längst hinunterschicken müssen. Doch der Befehl unseres Schöpfers und die Gesetze unserer Heimstatt verbieten unser Eingreifen ohne die Anweisung des Schöpfers selbst. Und nun, wo wir nur noch drei dieser Unholde auf deiner festen Welt erspüren können, weil andere Träger der Kraft Geschöpfe der Luft und des Feuers, der Jagd und der Eroberung gegen diese Brut der bösen Erde schicken, werden unsere Wolkenhüter weiterhin hier oben bleiben. denn sie werden nicht mehr gebraucht." Das zupfte mehrere Gefühlssaiten in Julius an. Da war die frohe Botschaft, daß nur noch drei Schlangenmenschen unterwegs sein sollten, nachdem die Entomanthropen und Kampfdrachen offenbar gründlich unter ihnen aufgeräumt hatten. Doch da war auch die Enttäuschung, daß die Vogelmenschen ihm nicht helfen wollten. Um diese zu überspielen fragte er:

"Sind wir Erdbewohner denn stark genug, die Schlangenmenschen zu töten? Ich dachte, nur in der Luft können sie vernichtet werden."

"Wie gesagt haben Träger der Kraft, die wohl längst nicht alle nur gutes im Sinn haben, mit ihren Züchtungen dafür gesorgt, daß nur noch drei auf der Insel mit dem Bann gegen Abkömmlinge fremder Heimatböden sind. Mehr erkennen unsere Weltenwachen nicht mehr. Daher könnt ihr diese Geschöpfe selbst finden und vom Angesicht der hellen Seite der festen Weltenkugel tilgen. Daher war es nicht nötig, die Stimme des Schöpfers zu benutzen, um uns zu rufen." Irgendwie hörte Julius aus den Worten des Königs eine gewisse Verärgerung heraus, auch wenn er die gefühlsmäßige Betonung nicht aus dem Krächzen und Schnarren der Vogelstimme heraushören konnte, so sagten es ihm die Worte ganz deutlich: "Warum hast du uns gestört?" "Du hättest deine Finger von Ailanorars Stimme lassen sollen."

"Ich bin nur ein Mensch, der Angst hat, daß böse Wesen ihm oder seinen Freunden und Vertrauten was tun wollen", seufzte Julius. "Niemand hat mir gesagt, daß die Gefahr schon so klein ist, daß wir Menschen sie alleine bändigen können."

"Ihr seid nicht alleine. Die aus ungestilltem Machthunger geschlüpften Wesen, die wie die Blütenbestäuber und Menschen gemacht sind, jagen auf der von dir bewohnten Festlandmasse nach der Brut Skyllians. Außerdem haben sich aus einem fernen Land in Richtung der schlüpfenden Sonne alte Geschöpfe der Kraft aufgemacht, den Diebstahl des Herrscherstabes, den sie bewachen sollten, zu rächen. Auch sie jagen nun die Brut Skyllians. Auch wenn sie wie diese das Gift ihres Seins in arglose Ungeflügelte hineintreiben, so vermögen sie doch klar zu denken und nur ihrem ranghöchsten Artgenossen hörig zu sein", erläuterte die Königin mit körperlicher und Gedankenstimme zugleich. Offenbar hatte die telepathisch begabte Vogelfrau - zumindest mußte Julius sie so bezeichnen - erfaßt, daß ihre körperliche Stimme ihm nicht so sympathisch war wie die ihres Geistes.

"Ja, eben, die Wesen, die ihren Keim in andere treiben. Katzenwesen, die sehr groß und gefährlich werden können?" Fragte Julius. Zur Antwort bekam er ein Bild in sein Bewußtsein übermittelt, das zwei stattliche Tiger zeigte, die sich in normale Menschen verwandelten. Vor allem ein ziemlich fülliges Tigerweibchen, das sich in eine vollschlanke Inderin verwandelte, prägte sich in seinem Gedächtnis ein. Dann sagte König Garuschat:

"Auch wenn diese Katzenmenschen böser Herkunft sind, so kämpfen Sie für euch die Brut Skyllians nieder. Wir brauchen also nicht einzugreifen. Die Wolkenhüter bleiben hier. Endlich werden wir den wahren Frieden ohne Eure Welt genießen dürfen, ohne Zwang und Pflichten, ohne uns um euer Wohl sorgen zu müssen. Wir haben deine Geschichte gehört, Julius Erdengrund. Wir verstehen deine Angst, die dich trieb, an etwas zu rühren, das dir nicht gestattet ist und es fehlerlos zu benutzen, aber nur, weil die frühere Herrin der schöpferischen, behütenden Kräfte dir den Weg verriet." Julius erkannte, daß der "Höchste Diener des Schöpfers" sich gerade von jeder weiteren Verantwortung lossagen wollte. Ja, er deutete sogar an, daß er sich ab nun nicht mehr irgendwelchen Menschen von der Erde fügen würde. Es mußte wohl für ihn ein Schock gewesen sein, daß es doch keine Legende war, daß die Stimme Ailanorars existierte. Und ihm schwante, was jetzt bestimmt kommen würde. Da kam es auch schon. König Garuschat XV. sprach es sehr laut und unmißverständlich aus:

"So bleibt mir nur, dir zu danken, die Stimme des Schöpfers zu uns getragen zu haben. Doch willst du auf die feste Weltenkugel zurückkehren, mußt du sie von dir aus hier zurücklassen. Willst du sie weiter tragen, so wirst du den Weg auf deine Welt nicht mehr finden. Du wirst als Ungeflügelter in unserem Hause bleiben und nur die Arbeiten eines Nestpflegers und Schlüpflingswäschers erfüllen. Trachtest du danach, die Stimme des Schöpfers erneut und in dir nicht vertrauter weise erklingen zu lassen, werden wir dich in das Nest der Verbannten setzen. Denn hier oben hat der Schöpfer uns gegen alle Arten seiner Kraft geschützt, solange nicht Blut von seinem Blut die Hände füllt, die seine Stimme tragen und zum Klingen treiben."

"Das Nest der Verbannten?" Fragte Julius.

"Es ist die zweithöchste Form der Strafe, die unsere Gesetze kennt", erwiderte der König darauf. "Wer sich an den Speisen und den Arbeitsgeräten seiner Mitbewohner vergreift, seine Arbeit vernachlässigt oder gar eine andere Gefährtin sucht als die, die der Gesundheitswächter für ihn erwählt, wird mit zusammengeschmiedeten Flügeln in das Nest der Verbannten geworfen, wo er oder sie vom Wohlwollen der frei fliegenden zehren muß aber auch von deren Mißgunst und Verachtung getroffen werden kann. Die Strafe ist ein ganzes Leben lang gültig. Und das dauert meistens keine zwei Sonnenkreise mehr. Denn es kommt auch vor, daß die Bewohner sich gegenseitig töten, um vom Fleisch der getöteten zu essen. Du bist hiermit gewarnt, Julius Erdengrund, die Stimme des Schöpfers nicht mehr zu wecken. Und du wirst nur in deine Welt auf der festen Kugel zurückgelassen, wenn du von dir aus die Stimme des Schöpfers ablegst, so daß sie bei uns im Raum der sicheren Unterbringung verbleibe. Denn wir dürfen sie nicht anrühren. Aber ich, der Träger der vier goldenen Flügel des Himmels, Vater aller geflügelten Völker, befehle dir, sie hier nicht wieder erklingen zu lassen."

"So schnell könnt ihr mich nicht festnehmen lassen, wie ich die magische Stimme anblase", erwiderte Julius und machte Anstalten, in seinen Umhang zu greifen, wo die silberne Flöte ungeduldig zitterte. Offenbar merkte ihr Erbauer und Seelenuntermieter, daß der König sich gerade von ihm losgesagt hatte. Denn was andres war das doch nicht. Die Flöte kontrollierte die Vogelmenschen und die Wolkenhüter. Wenn die sie sicher versteckten, kontrollierte sie keiner mehr. Ihre Burg, die keiner fand würde dann wirklich keiner mehr erreichen, wenn sie ihn oder sie nicht dorthin verschleppten, was ja ganz schnell gehen konnte, wie er selbst gemerkt hatte. Julius sah die Königin an, die jedoch ihr Gesicht abwandte. Dann sah er noch einmal den König an und sagte:

"Ich bin nicht lebensmüde. Ich habe gemerkt, daß in der Flöte eine Menge Zauberkraft steckt. Ich habe gelernt, daß man mit mächtigen Zaubersachen nicht albern herumspielen darf, weil die sonst leicht außer Kontrolle geraten. Doch wenn ich euch die Stimme Ailanorars jetzt gebe ..."Alle Anwesenden schraken heftig zusammen und rupften sich an den Kopffedern. Julius erkannte jetzt erst, daß er wohl einen unverzeihlichen Fehltritt begangen hatte. Er hatte den Namen des Windmagiers und Erschaffers dieser Vogelmenschen ausgesprochen. War das jetzt die absolute Todsünde? Würden sie ihn dafür auf der Stelle umbringen, um die Schande zu tilgen?

"Du wagst es, den geheiligten Namen vor unseren Ohren aus deiner weichhäutigen Ess- und Sprechöffnung erklingen zu lassen? Dafür müßte ich dich entflügeln und ins tiefste Meer der Weltenkugel stoßen lassen", schrillte der König. Julius erkannte, daß er sich gerade mit einem Wort in tödliche Gefahr gebracht hatte. Er hatte immer darüber gelacht, wenn bestimmte Namen nicht genannt werden sollten oder wie die Katholiken und die afrikanischen Stammesleute einen Riesenterz um Heilige oder Talismane machten. Doch das hier war wohl sowas wie ein Schwerverbrechen, kam vielleicht sogar noch vor Mord.

"Keiner wies mich darauf hin, den Schöpfer nicht zu beleidigen, nur weil ich seinen Namen kenne", erwiderte Julius verlegen. Die Königin sah ihn mit flackernden Vogelaugen an. Doch irgendwie meinte er, daß sie ihm einen Hauch Anerkennung entgegenbrachte. Doch sie sagte und dachte kein Wort.

"Du bist ein Ungeflügelter, ein der festen Erde verhafteter. Daher bist du natürlich unwissend. Und nur deshalb darf ich dich erst töten lassen, wenn du es wagen solltest, seinen Namen noch einmal zu sagen", schnarrte der König. "So entscheide, als was du leben willst! In den Schlupfräumen haben Legerinnen der Cuarviri und Augiliari neue Eier gelegt, deren Bewohner bald schlüpfen werden. Da sind arbeitssame Hände immer willkommen, um der Pflegerin die Arbeiten des nestsäuberns und Schlüpflingwaschens abzunehmen oder dir von bildenden Cuantiri zeigen zu lassen, wie unsere Burg, die keiner Finden kann erhalten und verschönert wird. Oder du folgst Haushüter Iikarat zum Raum der sicheren Unterbringung und legst die Stimme des Schöpfers dort hinein, auf daß sie die Macht, die der Schöpfer in sie einhauchte, nicht zur Zerstörung unserer Welten rufen kann und darfst mit meinem und Pterandas Wohlwollen auf die Oberfläche deiner Welt zurückkehren. Es liegt bei dir, Julius Erdengrund."

"Temmie!" Versuchte Julius Artemis anzumentiloquieren. Doch der Versuch scheiterte. Die Königin machte eine merkwürdige Bewegung mit dem rechten Flügel. Julius straffte sich:

"Ach ja, und wenn die drei Skyllianri, die ihr auf meinem Planeten noch ausgemacht habt, wieder mehr werden und wir Menschen nicht von der Gutmütigkeit der Herrin der Entomanthropen oder der Herren der Elfenbeininsel abhängig sein wollen? Ihr verweigert euch Eurem Schöpfer. Der wollte haben, daß ihr und die Wolkenhüter gegen Skyllians Krieger kämpft. Ich habe das genau gesehen, als mir ein überdauernder Herr über den Lauf der Zeit die Geschichte des Landes gezeigt hat, aus dem ihr stammt. Ihr begeht Verrat an Eurem Schöpfer. Da ich nicht weiß, ob er das je vorausgesehen hat weiß ich nicht, ob er irgendwelche Sicherungen dagegen eingebaut hat. Ich weiß nur, daß wir auf der Erde von den Skyllianri bedroht werden. Und selbst wenn die gejagt werden, das sind dann meistens Wesen, die nach denen uns angreifen werden, wenn ihre Herren das für richtig halten. Und sie könnten uns erpressen, also dazu zwingen, etwas für sie zu machen, nur weil sie uns gegen die Skyllianri geholfen haben, wo wir die einzige Gelegenheit hatten, mit euch zusammen gegen sie zu kämpfen, damit der Wille eures Schöpfers geschehe und seine Feinde unwiederbringlich vernichtet sind. Ich verstehe aber, daß ihr nach all den Jahren der Ruhe und des Friedens nichts mehr von euren Aufgaben wissen wollt." Julius wußte, daß er sich womöglich um Kopf und Kragen redete. Doch ein winziger Hinweis veranlaßte ihn, sich so dem König gegenüber zu betragen. Die Königin hatte ihm mit Zuversicht und Anerkennung bedacht. Sie konnte also Gefühle übermitteln. Ob der König davon Wind bekam.

"Ihr habt die Möglichkeiten gefunden, die Brut Skyllians zu erledigen. Du und Darxandria wolltet nur, daß wir bereitstehen, Euch die Arbeit abzunehmen. Doch wir dienen nicht mehr den Menschen. Die alte Schuld der Sternenbrüder ist getilgt, und die Stimme des Schöpfers ist sicher zu uns gekommen, um zu bleiben, egal ob an dir oder im Raum der sicheren Unterbringung. Ich werde das Erbe des Schöpfers wahren, indem dieser Ort und die geflügelten Völker ihren Frieden haben."

"Klar, ein Einsiedler lebt in absolutem Frieden, weil er niemanden braucht und keinem was geben will und weit genug weg wohnt. Eure Burg ist sehr erhaben und mit diesem grünlichen Kraftfeld darum herum bestimmt nicht so einfach anzugreifen. Doch was macht ihr, wenn die Herrin der Entomanthropen rausbekommt, wo die Burg ist und sie mit irgendwas angreift, und sei es eine gekaperte F-16 oder ein anderes Kampfflugzeug? Dann wäret ihr froh, wenn euch jemand helfen würde. Aber wer nicht will der hat schon, heißt es auf unserer Welt, die es wert ist, gegen Skyllian, die Entomanthropen und die Wertiger verteidigt zu werden. Gut, jetzt, wo wir wissen, daß ihr uns nicht dabei helfen wollt oder könnt, brauchen wir euch echt nicht mehr. Da ich weiß, daß manche Zaubergegenstände und Edelsteine wie Flüche sind, solange man sie mit sich herumträgt und ich wie gesagt noch nicht vorhabe, mich durch irgendwas ungeplantes umzubringen, werde ich der Gewalt, die Ihr hier oben ausüben könnt, weichen, Herr Garuschat und die Stimme eures Schöpfers bei euch lassen, wenn ich die Garantie bekomme, unversehrt zu meinen Begleiterinnen zurückgebracht zu werden. Dann könnt Ihr Eure Burg wieder unauffindbar machen."

"Bei euch nennt man das wohl Mut der Verzweiflung. Ein Geflügelter hätte Garuschat gewiß nicht derartig offen getrotzt", mengte sich nun doch ein Gedanke der Königin in seinen Geist. Julius wußte, wie hoch er pokerte. Mit oder ohne die Flöte war er hier ausgeliefert. Ihm kam sogar die Idee, dem Heuchler und Feigling da das Instrument an den Kopf zu werfen. Wenn sie es nicht berühren durften könnte das auf den Adlermann eine ähnliche Wirkung haben wie das Kreuz auf einen Kinovampir. Doch das Töten war nicht sein Ding. Und er wäre dafür wohl sofort selbst getötet worden. Davon hatten weder er noch seine Freunde, Verwandte und Kameraden was.

"Ich erkenne deine Unbändigkeit und deinen Wagemut, aber schätze eher deine Klugheit, daß du dich nicht auf ein aussichtsloses Treiben einlassen willst. So folge Haushüter Iikarat! Wenn du die Stimme des Schöpfers von dir aus abgelegt hast, so wirst du von Vailadorat auf einen Wolkenhüter gesetzt, der dich zu den Deinen hinunterbringen wird. Wir werden dann Frieden haben. Denn von Eurer Welt wollen wir nichts, und ihr könnt unsere Welt nicht erstürmen, egal wer, egal wie. So folge dem Haushüter und lege die Stimme des Schöpfers in den Raum der sicheren Unterbringung!" sprach der König. Julius sah ein, daß er sein ohnehin weniges Pulver an Redekunst verschossen hatte. Der Diener und Träger zweier Goldflügel ließ ihn mit der Schaukel herunter, daß er wieder auf seine Füße kam. Dann folgte der Jungzauberer dem obersten Diener des Vogelmenschenkönigs. der Trug ihn wieder durch den Etagenschacht, doch diesmal nicht zum Eingang, sondern weiter hinunter, in das innere der fliegenden Plattform. Von da aus führte er den Beauxbatons-Schüler durch weitere Korridore, vorbei an vergitterten Türen. Einmal hörte Julius laute Schreie. Doch er verstand nicht, was geschrien wurde. Es klang jedoch unheimlich. Die beiden unterschiedlichen Wesen tauschten kein einziges Wort aus, bis sie vor einer massiven Wand aus rosigem Metall standen. Orichalk, das Metall von Altaxarroi, erkannte Julius. Hunderte Verzierungen durchzogen die Oberfläche der Tür. Der Adlermann legte seine Hände an verschiedene Verzierungen. Julius erkannte, daß er eine Art Kombinationsschloß öffnete. Dann sank die Tür unter lautem Rasseln in den Boden. Dahinter wallte blauer Nebel auf. Julius fühlte, daß irgendwas in diesem Raum lauerte, etwas, daß argwöhnisch darauf ausging, jeden anzugreifen, der es wagte, ohne Erlaubnis hineinzugehen. Er wußte nicht, wieso er das dachte. Doch er wußte, wenn er die magische Flöte Ailanorars dort hineintrug und niederlegte, daß er sie danach nie wieder in die Hand bekommen würde. Das magische Musikinstrument vibrierte. Offenbar fühlte die ihm eingelagerte Seele Ailanorars, daß sie hier auf Nimmerwiedersehen verbuddelt werden sollte. Julius fürchtete sogar, daß er gleich wieder in die Welt Ailanorars hinübergezogen würde, wenn er die Flöte hervorholte. Doch welche Wahl hatte er noch?

"Julius Erdengrund, tritt ohne Zaudern in den Raum der sicheren Unterbringung ein und lege die Stimme des Schöpfers ab!" Sagte Iikarat die ersten Worte, seitdem sie den Thronsaal verlassen hatten. Julius atmete tief ein und wieder aus, holte dann ganz tief luft und trat in den Raum hinein. Sofort umwaberte ihn der blaue Nebel. Was immer darin hauste, es war ganz in seiner Nähe. Vorsichtig griff er in die Innentasche seines Umhangs und holte das Instrument heraus, das ihn hierhergebracht und ihm überhaupt nichts gebracht hatte. Er zog die Flöte hervor. Sie fühlte sich immer noch warm an. Er brauchte sie nur noch von sich zu schleudern oder einfach hinzulegen, und er war sie los und damit die Macht, die darin steckte.

"Was für ein Mann bist du, Julius Latierre, dich von einem Verräter derartig leicht einschüchtern zu lassen", durchpulste ihn Ailanorars Gedankenstimme. "Du kannst wohl nur stark sein, wenn ein Weib deine Hand hält und dir die Gunst ihrer Liebe verheißt, wie?"

"Es gibt wichtigeres als Stolz und Sturheit", erwiderte Julius in Gedanken. Er fürchtete schon, daß er gleich wieder mit dem Windmagier auf dessen Daseinsebene kämpfen mußte.

"Warum hast du mich dann durch Betrug niedergerungen? Warum hast du dich meiner Schwester nicht gleich als Zeitvertreib angeboten oder ihr zumindest ein paar schöne Minuten der Sattheit gegönnt, wenn du alles so leicht hinwirfst, nur um nicht weiter behelligt zu werden?"

"Ich werfe nichts hin. Im Gegenteil, ich verzichte nur auf etwas, daß mich daran hindert, mein Leben weiterzuführen. Das ist auch Mut", erwiderte Julius.

"Was für ein Leben soll das sein, wenn du dich dazu überreden läßt, Macht zu verschmähen, nur weil andere dann vor dir Angst haben? Was für ein eintöniges Leben ist das, sich vom Wohlwollen anderer abhängig zu machen, immer um des lieben Friedens Willen zurückzustecken? Was hast du davon, wenn du zu diesem unausgegorenen Weib zurückkehrst, um ihr die sieben oder wie vielen Kinder in den Schoß zu stoßen? Davon hast du nicht viel. Du lebst dann nur für die Erhaltung deiner körperlichen Merkmale. Wenn du in Jahrtausenden rechnen würdest, wüßtest du, daß nur Taten und Ideen überdauern, nicht Erbanlagen. Außerdem weißt du gar nicht, ob das überhaupt stimmt, was dieser Verräter dir gesagt hat. Überlege doch: Skyllian ist mächtig gewesen. Seine Geschöpfe waren fast unbesiegbar, als ich noch körperlich war. Was glaubst du denn, wie gerissen sie heute noch sind, wenn sie bis heute überlebt haben. Nur drei sollen noch leben? Lächerlich! Drei sind immer noch drei zu viel. Und wie du ihm sagtest, wollt ihr euch von Leuten, die der dunklen Seite zuneigen sagen lassen, was ihr zu tun habt? Wenn du nicht willst, daß ich deine Kümmerliche Seele in mich aufsauge und dich in dieser Burg der Verräter verrecken lasse, steck mich wieder dorthin, wo du mich aufbewahrt hast. Ohne mich wirst du meiner Schwester nicht früh genug ausweichen können. Denn sie lebt noch, und sie ist frei. Sie ist dir unendlich dankbar, daß du sie aus meiner Sicherheitsverwahrung befreit hast, du Dummkopf! Nur ich kann sie rechtzeitig genug spüren. Aber vielleicht freust du dich schon darauf, ihr wiederzubegegnen. Vielleicht hast du dir überlegt, wie du mit ihr vereinigt werden willst. Vielleicht findest du es anregend, mit einem Weib zu schlafen, daß deine Gefährtin verschlungen hat. Vielleicht findest du es aber auch in Ordnung, wenn du in ihr langsam zersetzt wirst und sie alles von dir lernt, was du weißt. Dann wirst du immer ein Teil von ihr sein, bei allem, was sie tut, jede Wonne mit ihr teilen, jedes Opfer genießen, alle Macht auskosten, die sie besitzt."

"Sie ist frei?" Fragte Julius. Ailanorar lachte: "Sie ist Unsterblich. Wahrscheinlich bringt dich das in Wallung, dir vorzustellen, deinen Leib und deine Seele in ihr aufgehen zu lassen und so die Jahrtausende zu überdauern. Aber das können wir beide sinnvoller. Trage mich aus diesem Raum hinaus und töte den Verräter in meinem Namen. Danach wird dir keiner mehr zu widersprechen wagen."

"War nett mit dir zu plaudern", knurrte Julius und warf die Flöte weit von sich, mitten in den Nebel. Er hörte noch Ailanorars wütenden Aufschrei, der unvermittelt abbrach. Statt dessen bemerkte er, wie etwas aus dem Dunst hervorschnellte und sich genauso schnell wieder zurückzog.

"Ich habe sie in den Raum gelegt", sagte Julius und trat zurück aus dem Nebel. Der Adlermann schloß die Tür.

"Er hat dich noch einmal versucht, nicht wahr?" Hörte der Jungzauberer Pterandas Stimme in seinem Kopf. Julius nickte. "Ja, es stimmt, daß wir nicht sicher sagen können, ob es nur drei von Skyllians Kriegern gibt. Aber er hat dich in Gefahr gebracht, als er dir vorschlug, meinen Gefährten zu töten. Denn damit hättest du unweigerlich jeden zum Racheschlag gegen dich aufgebracht. Aber ich werde dir etwas mitgeben, daß dich für die Preisgabe der Stimme entschädigt. Nutze es aber nur, wenn du und die auf dich vertrauenden in direkter Gefahr seid, von den Dienern Skyllians besiegt zu werden! Wir treffen uns vor dem Portal. Halte deinen Geist nun verschlossen, bis du auf einem der Wolkenhüter sitzt!"

Julius schickte ihr ohne die üblichen Melo-Stufen zu, daß er verstanden hatte und verbarg dann seine Gedanken vor dem Zugriff fremder Geister.

Iikarat führte ihn nun wieder schweigend durch die Korridore und kurvigen Verbindungsgänge, trug ihn im Schacht hinauf zum Gang vor dem Thronsaal, wo er noch einmal abgetastet wurde. Er mußte sich von dem König verabschieden. Denn ohne dessen Wohlwollen konnte er schlecht einen Riesenvogel entern und zurück auf die Erde brausen.

"Meine Gefährtin prüft die Arbeit ihrer Schlüpflingspflegerin. Sie genießt das Vorrecht, das Schlüpfen ihrer eigenen Brut, die Träger meines Fleisches und Blutes, von der Eiablage bis zur Schnabelhärtung mitzuverfolgen. Du hast die Stimme des Schöpfers niedergelegt und damit gezeigt, daß du dich nicht an diese, dir nicht zustehende Macht klammerst. So löse ich mein Wort ein, dich unversehrt an Leib und Seele zu deinen Gefährten zurückzusenden. Diese schwarzhaarige Frau, sie ist deine Gefährtin oder deine Pflegerin?"

"Sie unterrichtet mich in wichtigen Dingen der Zauberkraft", sagte Julius, der aufpaßte, seine Gedanken vor dem König zu verbergen. Seltsamerweise schien der das nicht zu merken. Konnte es sein, daß nur seine Frau mentalmagische Kräfte besaß? Doch sein Wort war Gesetz. Sie hatte zumindest nicht versucht, ihn umzustimmen.

"Und wer ist die niedere Geflügelte, die wie eines jener Tiere beschaffen ist, die euch mit ihrem Fleisch und überschüssiger Milch versorgen."

"Sie hat diese Gestalt gewählt, um mir das Leben zu erhalten, weil sie findet, daß es wichtig genug ist", antwortete Julius ausweichend. Woher wußten die Vogelmenschen, die Eier legten, was Milch war? Doch jetzt war es ihm wichtig, aus dieser Burg herauszukommen, bevor Ailanorar doch noch irgendein Trick gelang, um den an ihm begangenen Verrat zu rächen. So verabschiedete er sich und ließ sich vor den zehneckigen Turm führen. Er fragte sich, ob Pteranda das Portal gemeint hatte. Oder meinte sie, daß er erst auf einem der Wolkenhüter sitzen sollte, also das Portal die Abflugzone war? Er wollte gerade Iikarat fragen, ob Vailadorat ihn wieder zu einem der Wolkenhüter bringen würde, als ihn jemand von links die Hand auf die Schulter legte. Er wollte schon was sagen. Da bemerkte er, daß jemand ihm eine lange, weiche Deckfeder in die linke Hand drückte. Wie ein Automat oder Profi-Taschendieb ließ er die Gabe in einer Tasche versinken, während eine kleine, pummelige Gestalt mit goldgelbem Gefider vor dem grünen Strahlenkegel auf Iikarat einsprach:

"Königin Pteranda hat gesagt, daß wenn eine Legende mit dem zugeteilten Nesthaus unzufrieden ist, könne sie zu ihr kommen. Ich bin in vier Tageszwölfteln so weit. Wenn ich es bis dahin nicht in ein gescheites Nest legen kann, stirbt der Schlüpfling." Julius vermeinte, ein zartes, dumpfes Quieken von der Vogelfrau her zu hören, als trüge sie eine Kiste mit einem Meerschweinchen herum.

"Herrin Pteranda hat gerade selbst wieder einen Schlüpfling zu versorgen. Das ist nicht einfach für die Bewahrerin des herrschaftlichen Blutes, die eigenen Schlüpflinge großzufüttern. Ich bin nicht für die Legenden und die Nesthäuser zuständig. Such die Legezuteilerin auf, Guigira!"

"Das ist typisch. Ihr genießt die Lust dabei, und wir müssen uns über Monde mit den wachsenden Eiern rumschleppen und fürchten, daß sie, wenn sie hart sind und die Schlüpflinge frische Luft zum weiterwachsen brauchen, nicht rechtzeitig aus dem Körper kriegen. Ich möchte mit Herin Pteranda sprechen, Haushüter Iikarat."

"Im Moment geht das nicht. Außerdem könnte da jeder kommen. Rakrark!" Ein Rabenmensch, womöglich ein Mann, eilte aus einer Seitentür des Turmes. "Bring die da zur Legezuteilerin im Morgensonnenabschnitt! Ich muß diesen hier zum Abflug bringen."

"Klaaar!" Krächzte der Rabenmensch. Die pummelige Vogelfrau quiekte nur ungehalten und ließ sich von Rarkrark davonführen. Julius machte um diese Szene kein Aufheben. Er folgte dem Adlermann aufrecht durch die grüne Barriere, hin zum Landeplatz. Dort parkte Vailadorat einen Wolkenhüter.

"Haushüter Iikarat, was befiehlt der Herr, der Träger der vier goldenen Schwingen des Himmels, unser Vater und höchster Diener des Schöpfers?"

"So spricht Herr Garuschat, dein und mein Herr: Setze den Ungeflügelten auf einen Wolkenhüter und schicke diesen auf den festen Boden der Weltkugel zurück! Er hat getan und gesprochen, was er tun und sprechen wollte und sollte. Jetzt verläßt er uns."

 

"So erfülle ich des Herren Befehl", sagte Vailadorat. Julius schwieg. Wie vorhin auch wurde Julius auf einen Wolkenhüter gesetzt. Dieser schrie laut auf, bevor er die Anweisung erhielt: "Schnell runter!" Dann stieß sich der graue Riesenvogel ab und trug Julius bis zur grünlichen Außenbegrenzung. Dort quoll das blaue Zauberlicht aus dem geflügelten Reittier. Wieder gab es ein kurzes Wimmern, als der Vogel durch die Sicherung flog und dann unvermittelt in die Tiefe stürzte. Dabei wirbelten die Flügel wie wild. Julius hing in den breiten Riemen, die jetzt wieder wie dicke Schläuche um ihn lagen und sicherstellten, daß sein Blut nicht in die Beine sackte. Der Jungzauberer öffnete seinen Geist wieder und horchte, ob jemand ihn rief.

"Bevor du zu weit fort bist, mutiger Jüngling, höre: "Meine Brustfeder soll dir helfen, falls ihr von Skyllians Brut angegriffen werdet. bring Sie mit einem dir bekannten Zauber der Verständigung zusammen und rufe nur "Sie greifen uns an!" Dann werde ich meine Wolkenhüter schicken, die nur ich befehlige. Doch ich hoffe, dieses wird nicht nötig sein. Lebe also Woh....." Der Rest versickerte im aufmerksamen Schweigen in Julius' Kopf. Pterandas Gedankenstimme hatte ihm klare Anweisungen erteilt. Sie hatte einen Weg gefunden, doch noch unterstützend einzugreifen. Ob ihr Mann das so in Ordnung fand? Das sollte ihm jetzt erst einmal egal sein. Denn er hoffte selbst, daß er diese Hilfe nicht brauchte. Er prüfte, daß er die Tasche auch richtig verschlossen hatte. Womöglich würde er die Feder gleich in seinen Brustbeutel stecken und ... Krach! Ohne jede Vorwarnung peitschten die Gurte zur Seite weg und trafen die Flügel des Vogels, die aus dem Takt gerieten. Der Wolkenhüter bekam unmittelbar Schlagseite, und Julius flog aus dem Sattel. Die Gurte schnellten wie blitzartig zusammenrollende Schlangen um den Sattel. Das alles hatte keine Sekunde gedauert. Er fürchtete schon, in der blauen Leuchtsphäre zu verbrennen oder wie auch immer zersetzt zu werden. Doch er prallte darauf auf wie auf ein gespanntes Gummituch. Der Wolkenhüter schrie vor Schreck oder Wut laut auf, als Julius zurückfederte und zur gegenüberliegenden Seite der Leuchtblase flog. Der Riesenvogel flatterte verstört mit den breiten Flügeln. Die Ausläufer der Schwungfedern peitschten Julius in die blaue Blase hinein und beulten diese aus. Dann bekam das magische Kraftfeld Risse, durch die laut pfeifend Luft hereinschoß. Julius erwischte beim Zurückfedern vom unteren Scheitelpunkt eine beindicke Schwanzfeder des mindestens fünf Meter langen Vogels. Dieser wirbelte wild mit den Flügeln und bremste so hart ab, daß Julius davongeschleudert und in den vorderen Sektor der Leuchtsphäre gerammt wurde. Laut prasselnd riß sie auf. es knackte in Julius' Ohren, als der Luftdruck schlagartig sank. Mit einem wütenden Schrillen drehte der Vogel sich um, da fiel Julius aus der Sphäre, die nun ganz erlosch und die mitgeführte Luft zischend im Unterdruck der großen Höhe verflog. Julius stürzte in die Tiefe. Der Vogel blieb über ihm. Eiskalte und verdammt dünne Luft umtoste ihn immer schneidender. Er konnte von Glück reden, daß er nicht durch die Leuchtspähre hindurchgefallen war. Falls der Vogel da gerade mehr als Schallgeschwindigkeit drauf gehabt hätte, wäre er an der gestauten Luft wie mit hoher Fahrt gegen eine Betonwand geprallt. Offenbar wußte der Vogel nicht, was gerade passiert war. Denn er flatterte wild mit den Flügeln. Konnte er eine neue Leuchtsphäre aufbauen, um sich zu schützen? Julius war sich jedoch ganz sicher, was ihm da passiert war. Irgendwer, der König, Iikaratoder einer der anderen Adlermenschen hatte ihn in eine tödliche Falle gelockt. Sie hatten die Gurte präpariert, womöglich mit einem verzögerten Loslösezauber. Und jetzt stürzte Julius in die Tiefe. Knall! Ein greller Blitz fegte an ihm vorbei und heizte die eiskalte Luft für einen Moment auf wie Feuer. Julius konnte gerade so noch hinaufsehen. Der Vogel stürzte laut schreiend hinter ihm her. Der hatte einen seiner Blitze auf ihn abgefeuert. Der Piepmatz wollte ihn umbringen, aus Wut, weil sein Reiter seine schöne Schutzblase zerrissen hatte oder in Befolgung eines Befehls, den abgeworfenen Reiter ganz zu erledigen, war Julius egal. Wieder krachte ein Blitz an ihm vorbei, hätte fast sein linkes Bein getroffen. Er bekam den Zauberstab frei und hielt ihn dem Vogel entgegen, der wohl gerade nachladen mußte: "Katashari!" Rief er und merkte, wie das ihm in den Lungen schmerzte. Er hatte genug Angst und brauchte sich nur noch vorzustellen, wie ein Feind zurückgestoßen wurde. Der Wolkenhüter öffnete den Schnabel, bekam aber nur den silbernen Lichtstrahl hinein. Da breitete er die Flügel aus und flatterte nur, um seinen Absturz zu vermeiden. Julius fiel immer weiter nach unten. Mit allerletzter Anstrengung umklammerte er seinen Zauberstab. Der Flugwind war so heftig, daß er keinen Arm rühren konnte. Auch sein Kopf gehorchte ihm nicht. Es war kalt, und die ihn umtobende Luft war dünn wie in mehr als fünftausend Metern Höhe. Die Erde, der Himmel und die Erde. Die Welt kreiselte um ihn herum. Langsam wurde die Luft knapp, und sein Gleichgewichtssinn war ohnehin schon überfordert. Sollte es das jetzt wirklich gewesen sein? "Schnell runter!" Hätte er doch wissen müssen, wie der Befehl zu verstehen war.

 

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"Eine höchst interessante Geschichte ist das, Mademoiselle Artemis", bemerkte Professeur Faucon, als Temmie ihr die Lebensweise der Vogelmenschen beschrieben hatte. Demnach lebten diese zwar in einem Patriarchiat, wo die Männer entschieden, was zu tun war. Doch die Frauen besaßen größere Körper und mentale Zauberkräfte. Die stärkste von ihnen wurde die Königin, die Bewahrerin des königlichen Blutes. Alle anderen Frauen waren gehalten, die Eier, die erst wie Menschenkinder in ihnen anwuchsen und nach fünf Monden hart wurden, in Nesthäuser zu tragen und erst dort zu legen, wo die Kinder, die Schlüpflinge genannt wurden, nach weiteren vier Wochen ausschlüpften. Die jungen Vogelmenschen hatten nur Stummelflügel und keinen Schnabel, sondern zahnlose Münder. So konnten sie von Pflegerinnen wie bei den Menschen von Ammen gesäugt werden. Es gab drei Gruppen. Die Adlermenschen oder Augiliari waren die starken, die Führer und Leiter. Die Rabenleute, die Cuarviri waren die Kämpfer, aber auch Heiler, Bautruppler und Informationsbeschaffer. Die Cuantiri, die ähnlich den Singvögeln aussahen und die kleinste Volksgruppe darstellten, waren die Künstler, Denker, Archivare und Architekten. Es herrschte strickte Gruppentrennung. Zumindest hatte Darxandria das damals von Ailanorar so gelernt. So unterhielten sie sich weiter. Professeur Faucon fragte die Wiederverkörperte, was mit Julius geschah, falls sie fanden, daß er zu viel wußte.

"Fliegen kann er nur, wenn er den Zauber anwendet. Wenn er klug genug ist verbirgt er das vor den Vogelmenschen. Dann blieben ihm wohl nur die Arbeiten, die ohne Flügel zu schaffen sind. Ich fürchte nur, daß sie ihn vor die Wahl stellen, Ailanorars Stimme aus der Hand zu legen oder damit bei ihnen festzusitzen."

"Soso, fürchten Sie, Mademoiselle", schnarrte Professeur Faucon. "Er wird sich doch nicht von der Flöte trennen. Sie ist das einzige, was diese Wesen beherrschbar hält."

"Was nützt es, sich König der unendlichen Weiten zu nennen, wenn man in einer Nußschale eingeschlossen ist?" Fragte Temmie. "Er kennt die Melodien nicht, die diese Wesen führen. Ich kannte sie nicht und konnte sie ihm deshalb nicht beibringen. Ich ging davon aus, daß die Anrufung der Wolkenhüter reichen würde, um sie gegen die Schlangenwesen zu führen. Ich mag zwar sehr lange gelebt haben und jetzt wieder einen sehr guten Körper haben, aber auch ich kann mich irren", cogisonierte Temmie und schnaubte vernehmlich. Professeur Faucon nickte. Dann teilte Temmie über den Gedankenvertoner mit: "Wenn er vor die Entscheidung gestellt wird, Ailanorars Stimme aus der Hand zu legen oder dort nicht mehr fortzukommen, hoffe ich sehr, daß sein Leben hier bei uns wichtiger ist als die Mondglanzflöte, deren Macht er ja gar nicht kennt."

"Sie haben recht", schnaubte Professeur Faucon. "Was nützt mir ein unüberwindliches Machtinstrument, wenn ich es nicht bedienen kann. Aber diese Vogelmenschen? Können die darauf spielen?"

"Soweit ich weiß hat Ailanorar mehrere Schutzsprüche gewirkt, daß nur ein Reinrassiger Mensch darauf spielen kann und seine eigenen Diener es übel bereuen, sich an diesem Instrument zu vergreifen. Deshalb kann er es im Zweifelsfall nur freiwillig aus der Hand legen. Und selbst dann würde es jeden Vogelmenschen bestrafen, der es nur berührt. Ich habe ja mitbekommen, was deiner Schwester mit der Mutter deiner Tochter Gefährten passiert ist. Julius hat damals gescherzt, daß ein Glaubenszeichen auf angeblich dunkle Wesen vernichtend reagieren solle. Womöglich gilt das zumindest für die Stimme Ailanorars." Professeur Faucon nickte. Sie erinnerte sich auch noch gut an den Fall Rumpelstilzchen. Wo Temmie das Cogison umhatte konnte die Lehrerin die Kuh noch mehr über den Alltag einer Latierre-Kuh und die früheren Erlebnisse Darxandrias ausfragen. So verging die Zeit, bis Temmie unvermittelt zusammenschrak. "Sie wollen ihn umbringen. Jemand hat die Sicherungsriemen um den Sattel seines Wolkenhüters zu früh aufspringen lassen. Ich erfasse ihn, der ist zu schnell unterwegs. Ihm geht die Luft aus. Ich hole ihn da runter!"

"Was, diese Bande!" Brüllte Professeur Faucon. Temmie wartete noch einige Sekunden. "Jetzt hole ich ihn", cogisonierte sie.

"Aber bedenken Sie, daß sie Schw..." Setzte Professeur Faucon an, als Artemis mit einem lauten Knall, der ihr eine kurze Zeit Ohrenklingeln bereitete, disapparierte.

"Wenn dieses übergroße Mädchen das Kalb verliert möchte ich nicht in Barbara Latierres Nähe sein", dachte die Lehrerin. Doch was konnte sie tun. Sie konnte Julius doch nicht orten und dann noch aus großer Höhe abfangen.

 

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Sterne tanzten vor seinen Augen. Gleich würden sie zu einer Galaxis aus flimmernden Lichtern, dann rot werden und danach in einem total schwarzen Nichts erlöschen, mit ihm zusammen. Er fühlte schon, wie ihm die Sinne schwanden, als ihm Temmies Gedankenstimme durch den Kopf jagte: "Mach den Flugzauber und dann die Frischluftblase!" Julius erkannte, daß Temmie seine Gedanken erfaßt hatte und wußte, was passierte. Sie wollte ihm helfen. Er konzentrierte sich und dachte die fünf Wörter. Da merkte er, wie der Fall gebremst wurde. Die überhöht um ihn strömende Luft bremste ihn ab. Ja, er konnte gegensteuern. Gut so! Er öffnete die Augen. Wo war oben, wo unten? Er sah die Sterne und Wolken - über sich. Er hatte tatsächlich in die richtige Richtung abgebremst. Dann wirkte er noch den Kopfblasenzauber. Saubere, sauerstoffreiche Luft! Er konnte wieder atmen. Gut, daß er den auch ungesagt wirken konnte! "Feige Ärsche!" Rief er in die seinen Kopf umschließende Blase. Dann ließ er die Schwerkraft wieder etwas wirken. Wie hoch war er denn hier? Er blickte nach unten. Noch war es dunkel über der Erde. Und auch wenn er gerade die Schwerkraft umgepolt hatte war er nicht der Geist Gottes, der darüber schwebte. Dann rumste es neben ihm, und ein metergroßes Maul packte ihn, während zwei große Flügel schlugen, um den Punkt über dem Boden zu stabilisieren. Dann fühlte er jenes unangenehme und doch gerade höchstwillkommene Quetschen, als würde er durch einen viel zu engen Gummischlauch gedrückt. Als das Gefühl so schnell abebbte wie es gekommen war, rutschte er mit Temmies Speichel vollgesabbert aus dem Maul der Latierre-Kuh. Weil sein Flugzauber noch nicht aufgehoben war, fing er den Absturz ab und landete weich.

"Ich kriege bestimmt den Ärger mit deiner Betreuerin, Artemis, wenn du das Kalb verlierst", hörte er Professeur Faucons Stimme von der Kopfblase gefiltert. Diese ließ er erst einmal verschwinden. Da schlug ihm der saure Geruch des an ihm klebenden Speichels entgegen.

"Uää, öhm, Danke schön Temmie! Du hattest völlig recht, mitzukommen. Diese Aasgeier wollten mich hier als Fleck in die Landschaft klatschen."

"Zum einen, Blanche, hättest du mit einem Kind im Bauch auch geholfen, wenn jemand dich gebraucht hätte. Zum anderen ist das mein Kind, daß ich trage. Zum dritten weiß ich schon, wie hoch ich fliegen kann und wie lange ich ohne Luft aushalten kann, ohne das Kind in mir drin krank oder tot werden zu lassen. Zum vierten habe ich Julius ja in diese ganze Sache reingeredet. Ich hoffe aber, daß es zumindest geklappt hat."

"Das war ein Satz mit x, Professeur Faucon und Temmie. Aber ich möchte erst diesen Glibber loswerden. Ich meine, anders ging's nicht, Temmie. Deshalb noch mal vielen vielen Dank für's auffangen."

""Monju, was machst du für Sachen", tönte nun auch noch Millies Gedankenstimme in seinem Kopf. "Habe gerade gedacht, ich würde in ein tiefes Loch stürzen und ersticken. Erzähl jetzt bloß nicht, daß dir genau das passiert ist!"

"Gut, erzähle ich dir nicht", schickte Julius zurück. "Ich glaube, ich zitter mal Madame Rossignol an und frage die, wo du gerade bist", gedankenknurrte Millie. Julius schickte nur zurück: "Nordspanien Señora Latierra."

"Nordspanien? Ich dachte diese Flöte ist in Australien", wunderte sich Millie. "Legen Sie mal bitte alles ab, Monsieur Latierre", drang nun Professeur Faucons hörbare Stimme zu ihm durch.

"professeur Faucon will, daß ich mich ganz ausziehe. Das liegt daran, daß Temmie mich im Maul hatte."

"Die Kiste kriege ich von dir nachher noch ganz und wahr erzählt, Julius Latierre", hörte er Millies Gedankenstimme noch einmal, bevor er sich auszog, was bei der kühlen Nachtluft nicht besonders prickelnd war, schon gar nicht, weil Professeur Faucon seine ganzen Sachen mit dem Ratzeputzzauber beharkte, um Temmies Spucke wieder abzukriegen. Während dessen trank er gierig den Trank gegen Unterkühlung. Madame Rossignol hatte offenbar sehr weise vorausgesehen, daß er auch in eisige Kälte geraten konnte. Er lehnte sich an Temmie, um ein wenig Wärme zu kriegen. Nach zwei Minuten war die Lehrerin zufrieden und ließ ihn wieder in seine vollständig gereinigten und getrockneten Sachen schlüpfen.

"Du hast eben erwähnt, die ganze Mission sei ein Fiasko geworden, Julius. Ich erfuhr von deiner geflügelten Lebensgestalterin und -retterin einiges über die Gesellschaftsordnung dieser Wesen. Was ist dir da jetzt konkret passiert?"

"Am besten sehen wir zu, daß wir wieder wegkommen, bevor die uns noch einmal was überbraten", erwiderte Julius.

"Dann hätte ich euch beide mal eben hochgenommen und anderswo hingetragen", cogisonierte Temmie. "Aber die Burg ist schon längst fort. Ich habe es gefühlt, wie sie sich in einen Schnellbewegungszauber einhüllte, ähnlich wie die Wolkenhüter ihn um sich legen können."

"Sicher, sie hätten uns noch anngreifen können. Aber dann hätte ich ohne Skrupel den Todesfluch gegen diese Vögel benutzt", knurrte Professeur Faucon. Dann wiederholte sie ihre Forderung, Julius solle ihr erzählen, was passiert sei. Doch dieser bestand darauf, daß in einem sicheren Gebiet zu tun. So wechselten sie mit dem Lotsenstein zum Ausgang in den Pyrenäen und apparierten von da aus nach Château Tournesol, wobei Temmie alleine sprang, und Professeur Faucon Julius Seit an Seit mitnahm. Der Blick auf die Weltzeituhr verriet ihnen, daß es noch zwei Stunden bis sechs Uhr waren. Die waren auch nötig. Denn Babs Latierre saß wie die Katze vor dem Mauseloch auf der Landewiese und kam sofort auf sie zugestürzt.

"Temmie wird gleich gründlich untersucht, ob noch alles liegt, wo es liegen soll", schnarrte sie. "Und die beiden anderen können zu meiner Mutter in die Wickelstube. Im Moment sind da keine Kinder." Wortlos begaben sich die beiden Besucher in den betreffenden Raum. Hier hing noch ein wenig Urin- und Kotgeruch in der Luft. Aber da sie das Parfüm Temmies trugen störte es die beiden Nachtausflügler nicht weiter. Julius war froh, hier hereingekommen zu sein. Falls stimmte, was Ailanorar kurz vor seinem Abschied erwähnt hatte, konnte da draußen diese nimmersatte Spinnenfrau herumlaufen und ihre wie auch immer aussehenden Antennen in den Wind halten, um ihn zu orten. Hier war er wohl sicher vor ihr, und hoffentlich auch in Millemerveilles und Beauxbatons. Schon komisch, wie schnell jemand doch einen gewissen Verfolgungswahn entwickeln konnte.

Als sich Ursuline Latierre und ihre Töchter Hippolyte und Barbara zu den beiden Ausflüglern gesellt hatten berichteten Professeur Faucon und Julius. Professeur Faucon übernahm die Verantwortung dafür, die Aktion diese Nacht und ohne weitere Bekanntmachungen eingeleitet zu haben. Julius berichtete so ruhig er konnte von der Auseinandersetzung mit Ailanorars Seele und der eindeutig körperlichen Naaneavargia. Er erwähnte dabei auch, daß Millie die unersättliche Spinnenfrau gesehen hatte, obwohl das Zuneigungsherz ja eigentlich nur Gefühlsregungen vermitteln sollte. Erst als er seinen Ausflug in die Himmelsburg nacherzählt hatte meinte Ursuline:

"Temmie wollte unbedingt bei dir sein. Ich vermute sehr stark, daß sie zwischen euren Zuneigungsherzen als Verbindungshilfe und Verstärker vermittelt hat. Jackie Corbeau erwähnte mal, daß die goldenen Versionen des Zuneigungsherzens wirklich die intensivsten Situationen an den Partner weitervermittelten, insbesondere, wenn dieser gerade träumte. Mit anderen Worten, Temmie hat sichergestellt, daß ihr beiden den Kontakt nicht verlieren konntet. Umgekehrt konnte Temmie über die beiden Herzen auch mehr auf dich aufpassen, indem sie die Verbindung zwischen Millies und ihrem Körper und zwischen euch dreien verstärkt hat."

"Ja, Maman, aber das geht doch nicht, daß Temmie mit einem Kalb im Bauch solche Sachen macht", knurrte Barbara.

"Ich rufe Trice gerne mal zu uns, damit die uns erzählt, was du so alles angestellt hast oder frage Martine, wie sich das angefühlt hat, in einer Quidditch spielenden Mutter herumgeschlingert zu werden. Und was mich angeht könnte da mancher Heiler einschließlich der Heilerin, die ich selbst in die Welt gesetzt habe, Vorhaltungen machen. Geh davon aus, Babs, daß Temmie jetzt, wo sie mehr als zwei Monate schwanger ist, das Kalb nicht verlieren möchte, aber auch wegen ihrer Beziehung zu Julius nicht zulassen will, daß er verlorengeht. Und das mit den Vogelmenschen war der Totalreinfall, Julius?" Dieser nickte halbherzig. Ursuline meinte dazu:

"Die haben sich über Jahre nicht für uns interessiert und wollen wohl von uns nichts wissen. Hätte man vorher überlegen können. In gewisser Weise haben die ja auch recht, wenn sie meinen, daß im Moment genug Jäger hinter den Schlangenkriegern her sind. Ich glaube diesem hinterhältigen König aber auch kein Wort, daß es jetzt ausgerechnet noch drei von denen geben soll. Wenn die auf der Insel des Unnennbaren sind, wären die zumindest für die Wertiger leicht zu finden. Denn die sind wohl gegen Magie immun."

"Und der Totalreinfall war's nicht", erwiderte Julius und zog die zugesteckte weiße Feder aus der Umhangtasche. "Sie meinte, daß ich einen Verständigungstrank damit ansetzen kann, wenn wir direkt von diesen Monstern angegriffen werden. Da fällt mir nur Hexenkelchsamen ein. Damit könnte es gehen."

"Die können auch sicher nicht durch Unauffindbarkeitszauber sehen. Immerhin unterhält Didier noch zwei Friedenslager und könnte jederzeit neue bauen", erwiderte Professeur Faucon.

"Ob Monsieur Didier Weihnachten noch Minister ist. Die Gegenregierung plant jetzt schon eine Anklage gegen Didier und Pétain wegen der Friedenslager, der unterworfenen Hexen und Zauberer und noch einiges mehr", bemerkte Ursuline Latierre.

"Der wird nicht ohne Kampf gehen, Ursuline", grummelte professeur Faucon. "Wir müßten ihn aus dem Ministerium herauslocken, zusammen mit Pétain. Genug Zeugen der Anklage gibt es."

"Womit ginge das? Didiers Frau ist aus der Schweiz herübergekommen. Das geht also nicht."

"Didier weiß, daß Gegenminister Delamontagne nach Minister Grandchapeau sucht. Das wäre doch kein Thema, wenn der unverhofft irgendwo auftaucht und offiziell sein Amt wieder einfordert. Das darf dann natürlich nicht in Millemerveilles oder hier sein", erwiderte Julius. Die anderen sahen ihn verblüfft an. Professeur Faucon lächelte, dann auch Ursuline Latierre.

"Ich gebe das weiter. mal sehen, was der gute Phoebus dazu sagt", sagte die Herrin im Sonnenblumenschloß.

"Ich glaube, Julius, du mußt bald wieder in Beauxbatons sein", sagte Hippolyte Latierre. "Wie auch immer ihr da rausgekommen seid. Seht zu, daß ihr ungesehen wieder reinkommt." Sie lächelte jedoch wissend. professeur Faucon nickte. Julius praktizierte Pterandas Brustfeder in seinen Practicus-Brustbeutel und folgte Professeur Faucon. Von der Grundstücksgrenze aus wechselten sie an die Ortsgrenze Millemerveilles. Julius folgte seiner Lehrerin durch die Absperrung, bevor sie noch mal apparierten, um in der Nähe des Hauses anzukommen, daß die Lehrerin hier besaß. Der Rückweg verlief dann wieder über Viviane Eauvive und Professeur Faucons Sprechzimmer.

"Ich lass besser erst einmal die Finger vom Wandschlüpfsystem, bevor ich die ganze Kiste noch wem erzählen muß", sagte Julius der Lehrerin, als diese sich wieder zurückverwandelt hatte.

"Das ist meine Angelegenheit", erwiderte sie verknirscht. Dann schickte sie Julius in seinen Schlafsaal. Der Schlafdunst war wohl schon verbraucht.

 

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Hatte dieser Primitivling sie fast umgebracht. Doch jetzt war er fort, und sie konnte sich aus ihrem schützenden Kokon befreien. Dieser Bursche gefiel ihr immer besser. Sicher, er hatte sie ausgetrickst, sich ihr entzogen und war nun ganz weit von hier fort. Aber sie hatte Zeit. Und vor allem, sie war jetzt wieder frei. Der verdammte Zauber, mit dem ihr eigener Bruder sie in seiner Schatzhöhle festgehalten hatte, wirkte hier nicht mehr auf sie.

"Das Angebot gilt noch, mein Honigstängchen. Eines Tages werde ich wissen, wo du bist und fordere dann deine Entscheidung ein", dachte sie, als sie sich in ihre menschliche Erscheinung zurückverwandelt hatte. Sie konnte sich gerade noch unsichtbar machen, ohne einen Zauberkraftausrichter zu benötigen. Das Problem mußte sie zuerst lösen, bevor sie auf die herrliche, bestimmt sehr abwechslungsreiche Jagd nach dem jungen Mann gehen würde, den sie den Überwinder Ailanoras genannt hatte.

 

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Madame Maxime zitierte Professeur Faucon und Julius Latierre am folgenden Abend zu sich in ihren Konferenzraum. Zu Julius leichtem Unbehagen waren auch die natürliche Madame Rossignol und die in einem der Schulleiterbilder sitzende Zauberbild-Ausgabe Aurora Dawns anwesend.

"So, werte Kollegin und Monsieur Latierre. Diese Mademoiselle dort", wobei die Direktrice auf Auroras Bild-Ich deutete, "Ließ über einen meiner Vorgänger die Frage an mich ergehen, ob mir etwas darüber bekannt sei, daß Sie, Monsieur Latierre", wobei sie Julius mit ihren schwarzen Halbriesenaugen festnagelte, "die Nacht nicht wie eigentlich vorgeschrieben im Schlafsaal für ZAG-Kandidaten des grünen Saales verbrachten, und ob es mal wieder eine geheime Kommandosache sei, die Sie zur Abwesenheit von ihrem Bett gedrängt hat. Und jetzt wagen Sie bitte nicht, mir zu antworten, Sie hätten körperliche Angelegenheiten erledigen müssen. Mademoiselle Dawns portraitiertes Selbst hat berichtet, Sie seien mehr als eine Stunde fort gewesen. Ich hielt es daher für geboten, Madame Rossignol über Ihren Standort zu befragen und erfuhr dabei auch, daß Sie mal wieder mit Professeur Faucon unterwegs sein mochten. Sie, Professeur Faucon, möchte ich bitten, mir Grund und Ablauf dieses Nächtlichen Ausflugs aus Ihrer Sicht zu schildern. Sie, Monsieur Latierre, werden dann die Ereignisse schildern, die nur Sie erlebt haben."

"Entschuldigung, muß Aurora, ähm Mademoiselle Dawn dabei sein?" Fragte Julius.

"Julius, beim Ayers Rock gab es einen schlagartig entfesselten Sturm. Die Wetterstation, die dort ist hat Satellitenbilder vom Felsen, wo ganz klein aber eindeutig zu sehen eine Latierre-Kuh aufgenommen wurde", schnarrte Auroras Stimme sehr unerfreut. Julius erbleichte. Ein entfesselter Sturm. Das hieß eindeutig, durch Magie ausgelöst. Am Ayers Rock war das gefährlich für die, die auf dem großen Felsen herumkrackselten. Doch er wagte nicht, die daraus folgende Frage zu stellen.

"Oha, da hätten wir dran denken sollen", knurrte Julius. Natürlich wurden so markante und bekannte Orte von Wettersatelliten überwacht, und Temmie war groß genug, um mindestens einen kleinen, weißen Punkt auf einer Nahaufnahme zu bilden. Professeur Faucon räusperte sich und sagte: "Es war eine geheime Kommandosache, die im Rahmen der Skyllianri-Bekämpfung erforderlich war. Wir gingen davon aus, die australische Zauberergemeinschaft, sowie die natürliche Tier- und Pflanzenwelt dort nicht zu beeinträchtigen. Es war auch nicht beabsichtigt, eine Latierre-Kuh mitzunehmen. Es hat sich jedoch im Nachhinein als höchst hilfreich, um nicht zu sagen lebenserhaltend herausgestellt." Dann atmete sie tief durch und berichtete unter dem Schutz der vom Kronleuchter baumelnden Rose und des dauerhaften Klangkerkers von dem so gut wie erfolglosen Ausflug. Julius mußte dann die von ihm allein erlebten Ereignisse erläutern, wobei er sich etwas schwer tat, über die Schwester Ailanorars zu sprechen, wie sie ihn mit ihrem Menschenkörper zu verführen versucht hatte. Die Beschreibung der Himmelsburg und der Vogelmenschen ging ihm dafür besser über die Lippen. Er beendete seine Erlebnisschilderung mit der klaren Aussage: "Um dort wieder fortzukommen habe ich diese Silberflöte Ailanorars, dessen Namen die Vogelmenschen aus totaler Ehrfurcht nicht sagen oder hören wollen, in einem magischen Raum der Burg zurückgelassen. Ob das wirklich gut war weiß ich nicht so richtig. So wie das aussah wollte mich dieser Adleroffizier Vailadorat sowieso aus dem Weg schaffen.""

Was dich fast getötet hätte, Bursche", schnarrte die Schulheilerin. "Du hattest mehr Glück als Verstand oder zwanzig Schutzengel auf einmal." Julius verbarg die kurze Belustigung. Die Vorstellung, daß Ammayamiria ihn bei seinem Sturz und dem kurzen Kampf mit dem Wolkenhüter, der Rettung durch Temmie und die erfolgreiche Flucht vor den ihm nachsetzenden Vögeln beschützt hatte war schon sehr interessant.

"Und diese Pteranda überließ Ihnen eine ihrer Deckfedern, um damit eine magische Verbindung mit ihr herzustellen, falls wir wider die Aussagen dieses Garuschats von diesen Schlangenwesen angegriffen werden?" Fragte Madame Maxime. Julius präsentierte die weiße Feder und steckte sie wieder fort.

"Was nach dem versuchten Mordanschlag wohl dort oben los gewesen ist?" Fragte Madame Rossignol in die Runde.

"Womöglich wird dieser Vailadorat es im Auftrag des Königs getan haben", vermutete Professeur Faucon. "Wenn ich Monsieur Latierres Beschreibung nach der Rückkehr und jetzt bedenke halte ich es für sehr wahrscheinlich, daß die Ornitanthropen, also die Bewohner dieses hoch am Himmel in eine Lufterhaltungs- und Schwerkraftschwächungsblase geborgenen Habitats zunächst schockiert waren, wieder von ihrem Herrn und Schöpfer zu hören und dann die Gunst der Stunde nutzten, das Machtmittel dieses Schöpfers in ihren Besitz zu nehmen und den, der es benutzte zu beseitigen. Es hätte keiner darauf kommen können, daß Monsieur Latierre in dieser Burg war, und die Wesen dort hätten die absolute Sicherheit gehabt, nie wieder von Leuten wie uns behelligt zu werden."

"Pteranda scheint nicht wie ihr Mann oder dieser Weltenwächter Vailadorat zu denken", vermutete Julius. "Oder sie hat mich beschwindelt, und die Feder hier kann keinen Kontakt zu ihr herstellen."

"Darf ich einen Zauber versuchen, Julius?" Fragte die Heilerin. Julius nickte. "Dann gib mir bitte noch mal die Feder!" Er kam dieser Bitte ohne wenn und aber nach. Madame Rossignol ließ die Feder einen Moment frei in der Luft kreisen und rief dann "Imaginem corporis revelio!" Aus dem zauberstab der Heilerin und der Feder sprühten silberne, grüne und blaue Funken, die zu einer dichten, wirbelnden Wolke wurden, die die Feder umschloß, sich ausdehnte und dann, nach nur fünf Sekunden, die hochgewachsene, völlig unbekleidete Gestalt der weißen Adlerfrau ohne Schnabelschminke und Schmuck zeigten. Madame Rossignol hielt den Zauberstab fest in ihrer hand. Er vibrierte am Ende. "Entspricht diese Erscheinung dem Aussehen des Wesens, daß du als Vogelkönigin gesehen hast, Julius?"

"Abgesehen davon, daß ich nicht wußte, daß die Vogelfrauen ähnlich gebaut sind wie reinrassige Menschen und der ganze Schmuck und Kosmetikkram fehlt ist sie das", erwiderte Julius, der in jungenhafter Faszination die mit weichen Federn bedeckten Rundungen bestaunt hatte, die in länglichen Brustwarzen gipfelten.

"Sie säugen die frisch geschlüpften Abkömmlinge, bis deren Münder zu Schnäbel verwachsen", erklärte Professeur Faucon. "Dies hörte ich von unserer Begleiterin, über deren Natur nur die unmittelbar in diesem Raum befindlichen und die bereits Eingeweihten wissen dürfen."

"Ja, aber sie geben ihre Kinder ab, solange die noch in den Eiern sind", sagte Julius. "Nur die Königin darf ihre Kinder selbst großziehen."

"Das ist ihr Privileg", bestätigte Professeur Faucon.

"Nun, was darf ich meinem Original und damit der Zaubereiministerin erzählen?" Fragte Auroras Bild-Ich, als Madame Rossignol den Zauberstab wieder senkte. Die Projektion Pterandas erlosch, und ihre Feder segelte zu Boden. Julius holte sie mit ungesagtem Aufrufezauber in seine Freie Hand.

"Nun, da die meisten Einzelheiten dazu führen könnten, daß um Monsieur Latierre ein größerer öffentlicher Aufruhr betrieben würde als um Professeur Dumblydor und Monsieur Potter, bekunden Sie, daß Sie nicht haben klären können, ob es wirklich eine Latierre-Kuh war oder nicht doch ein Scherz von magischen Touristen, die sich wohl nach ihrem Scherz heimlich zurückgezogen haben."

"Oha, Julius. Da hast du dir aber eine Menge aufladen lassen", seufzte Aurora Dawn. Dann nickte sie Madame Maxime zu und bestätigte ihr, das so weiterzugeben. Sie ließ sich von einer der früheren Schulleiterinnen aus der Galerie führen, um wohl von ihrem Portrait in Julius' Schlafsaal aus nach Sydney überzuwechseln. Madame Maxime wandte sich dann noch mal an die beiden einbestellten.

"Wie bereits schon erwähnt, Blanche, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Aktionen, in die Sie und/oder Schüler der Akademie verwickelt werden sollen, vorher mit mir abklären möchten. Die gegenwärtige Situation und die Möglichkeit, eine große Gefahr zu beseitigen lassen mich noch einmal von Strafmaßnahmen absehen. Ich möchte Sie jedoch darauf hinweisen, Professeur Blanche Faucon, daß ein weiteres eigenmächtiges Vorgehen dieser oder ähnlicher Art Ihre unmittelbare Freistellung von Ihren vertraglichen Verpflichtungen dieser Akademie gegenüber zur Folge haben wird. Da Monsieur Latierre auf Ihre Anweisung hin gehandelt hat, kann ich ihm dafür keine Strafpunkte zuerkennen. Ich bedanke mich jedoch dafür, mir alles berichtet zu haben. Sie dürfen nun gehen!"

"Ich möchte mich nicht über Ihre Kompetenz hinwegsetzen, Madame Maxime. Aber ich möchte hier und jetzt noch einmal ganz klar sagen, daß es von Professeur Faucon her unverantwortlich ist, einen Schüler in derartige Gefahrensituationen zu treiben und ihn zu dem nachhaltig seelischen Ballast aufzuladen, was eine gesunde und ungestörte Entwicklung gefährden mag", nutzte Madame Rossignol die Gunst, unabhörbar zu sprechen. "Sollten Sie den Jungen hier noch einmal in eine derartig unvorhersehbare und deshalb auch unbeherrschbare Lage treiben, und er überlebt dies nicht, so werde ich Sie vor einem Zauberergamot wegen Verletzung der Aufsichtspflicht, Mißbrauch des von den Eltern erwiesenen Vertrauens und Anstiftung zur Selbsttötung anklagen. Überlebt er das, und ich erfahre, daß er dadurch keine Möglichkeit mehr hat, sich wie die meisten übrigen Schüler gesund an Leib und Seele zu entwickeln, werde ich ihn Ihnen und jedem anderen, der oder die befindet, ihn wegen seines Zauberkraftpotentials mit solchen Aufgaben behelligen zu können entziehen. Diese Ankündigung gilt auch für Sie, Madame Maxime. Ich bin in erster Linie Heilerin und für die Gesundheit der magischen Menschen in meiner Niederlassung Beauxbatons zuständig und im Zweifelsfall nur der Heilerzunft verpflichtet. Nur, damit Sie dies nicht vergessen."

"Ich könnte jemanden anderen anfordern", warf Madame Maxime ein, die zeigen wollte, daß sie am längeren Hebel saß.

"Ob Sie dann noch irgendwelche Entscheidungen treffen dürfen würden die Schulräte auf Grund meiner Aussagen entscheiden", hielt Madame Rossignol dagegen. Julius fühlte, daß diese Hexe in der weißen Schwesterntracht sich nicht nur nicht einschüchtern ließ, sondern es verdammt ernst meinte. So schwieg er besser, obwohl er schon gerne gefragt hätte, wie sie ihn denn vor allen hier fernhalten wollte. Er hatte genug Phantasie, sich genug Möglichkeiten auszumalen.

"Nun, vorerst steht nichts aber auch wirklich nichts an, was mich dazu bewegen würde, Monsieur Latierre in eine Gefahrensituation zu schicken", stellte Professeur Faucon verdrossen klar. Dann verabschiedeten sich die drei Besucher Madame Maximes und gingen ihrer Wege.

 

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Irgendwie war er doch eingekehrt, der Geist der gegenwärtigen Weihnacht, fand Julius, als sie am vierundzwanzigsten Dezember mit allen Leuten der Akademie erst im Speisesaal aßen, wo sechs mächtige Tannenbäume aufgestellt waren und um kurz vor Mitternacht in der Aula zusammenkamen, wo künstlicher, nicht schmelzender Schnee ausgebreitet worden war. Bizarre Bildnisse aus Dauereis zierten die künstliche Winterwunderwelt. Julius freute sich, auch wenn er gerade in den letzten Tagen einiges durchgemacht hatte. Madame Rossignol hatte ihm den unangemeldeten Ausflug verziehen, weil es ja doch irgendwann hätte passieren müssen. Die Entomanthropen fegten immer noch über das Land, aber nun nicht mehr nur über Frankreich. Voldemorts Marionetten hatten wie die Muggel im zweiten Weltkrieg Frühwarnposten eingerichtet und schossen anfliegende Insektenmonster ab. Mochte es wirklich sein, daß nur noch drei Schlangenmonster lebten? Schön wäre es!

"O kleiner Weihnachtsmann,
kuck mich nicht so böse an", sang Carmen Deleste, die neben Julius und Millie stand, die heute abend als Paar auftreten durften. Zierliche, felsgraue, eisblaue und mattgrüne Bergnymphen sangen wie angestrichene Weihngläser alte Weihnachsweisen aus Anno Mittelalter. Trotzdem daß die im Gebirge des Mittelmeerraums beheimateten Zauberwesen überaus menschenscheu waren, vollführten sie eine sehr disziplinierte und stimmungsvolle Tanzeinlage und ließen es sich gefallen, daß die Zuschauer mitsangen, wenn sie die Texte kannten. Genau um Mitternacht schneite es erneut, und an der Auladecke tauchte ein strahlender Komet auf, dessen regenbogenfarbiger Schweif fast durch den ganzen Festsaal wehte.

"Ui, so nah wie der ist, könnte der auf uns drauffallen", feixte Julius. Millie lachte. "Das gefällt dir doch irgendwie?" Fragte sie. Julius nickte. Dann durften die Holzbläser der Grünen und die Chorsänger der Roten zusammen auftreten und "Besenreigen Schneegestöber" zum besten geben, daß Julius in der Grundschule noch als "Gloria in excelsis deo" gelernt hatte. Da aber in der Zaubererwelt nicht auf einen einzigen Gott wertgelegt wurde, ließen sie ihn bei solchen Anlässen besser ganz aus und feierten lediglich die Geburt eines außergewöhnlich begabten Kindes. Konservative Zauberer behaupteten, Jesus sei ein echter Zauberer gewesen, der bereits im Mutterleib magische Sachen angestellt habe, wie einen Kirschbaum dazu zu bewegen, seiner Mutter einen Ast voll Kirschen pflückreif herunterzureichen. Andere behaupteten, daß Maria, die eigentlich Mirjam geheißen habe, tatsächlich jungfräulich schwanger geworden sei, und zwar, weil sie sich die Saat eines Wunschliebhabers wie einen Apportationszauber in den Leib gezaubert hatte. Laurentine meinte dazu:

"Gut, interpretieren kann man ja doch viel. Aber hängt euch nicht an dieser Jungfrauengeburtssache auf. Das ist nur, weil die Weihnachtsgeschichte auch in Griechenland und Ägypten verkauft werden sollte. Da brauchten die göttliche Entstehungssachen, die den Griechen schon bekannt waren. Und da Zeus sich jedes junge Mädchen gekrallt hat, das nicht bei drei auf dem nächsten Baum war, kam die Geschichte von der Jungfrauengeburt eben besonders gut an."

"Vor allem wo dieser Zeus besser in Verwandlung war als Maya Unittamo. Wenn der dann besagter Baum war hat es dem Mädel auch nichts gebracht", ergänzte Julius. Im Moment waren alle bösen Wesen, an die er in den letzten Tagen so hatte denken müssen, schön weit von ihm fort. Und wenn es nach ihm ging, dann durfte das ab jetzt so bleiben.

"So schlafen Sie nun alle wohl und genießen Sie den Frieden der Weihnachtstage, auf das diesem der Frieden in der Welt wieder folgen mag!" Schickte Madame Maxime die Lehrer und Schüler kurz vor ein Uhr in die Betten.

 

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Er hatte das schon einmal erlebt, damals in Hogwarts. So wunderte es Julius nicht, als er am nächsten Morgen erwachte - ohne von Darxandria, den Vogelmenschen oder anderen Wesen aus dem alten Reich geträumt zu haben - und am Fußende seines Himmelbettes einen kleinen Stapel Pakete vorfand. Auch die drei anderen Mitbewohner waren gerade dabei, das Wunder der unbemerkt zugestellten Weihnachtsgeschenke zu bestaunen. Dafür daß doch keine Postsendung aus Beauxbatons hinaus und hereinkam war es wirklich ein Wunder, daß sie überhaupt Geschenke erhalten hatten.

"Genial, sie hat mir einen Schal gestrickt, obwohl ich ja keinn Gelber bin", freute sich Gérard, der einen zitronengelben Wollschal hochhielt. Der war offenbar von seiner Freundin Sandrine in der Handarbeitsgruppe zusammengestrickt worden. Robert enthüllte gerade eine wuchtige Tontasse und einen dazu passenden Löffel wie aus Porzellan. "Oha, ob das lange hält?" Fragte er.

Julius betrachtete den Stapel. drei Päckchen und genauso viele Pakete. Wie die wohl alle durch die Absperrung gekommen waren? Oder gab es die Absperrung und die Postblockade nicht mehr? Das wäre für alle das größte Weihnachtsgeschenk, endlich wieder Briefe von den Lieben daheim zu kriegen. Er nahm das kleinste Päckchen, Würfelförmig und hart wie Pappe. Während André sich fragte, wie ein Geschenk seiner Eltern durch die Belagerer gekommen war, wickelte Julius das Packpapier ab und öffnete die kleine Schachtel. Darin steckte eine goldene Kugel, die mit an den Enden abgerundeten Stacheln gespickt war. Ein Begleitzettel verhieß, daß es eine Sonnenleuchte war, die eine kreisförmige Fläche von zweihundert Armlängen Durchmesser für doppelt so viele Stunden ausleuchtete, wie die Kugel mit natürlichem Sonnenlicht in Kontakt kam oder pro Minute in mitten eines Feuers eine Stunde dieses Licht spendete. Das war ein Geschenk von - Arcadia Priestley? Wie kam denn ein Päckchen von der zu ihm? Er sah das Bild Aurora Dawns über seinem Bett an und zeigte der lebensgetreuen Kopie die Kugel.

"Arcadia hat jetzt in der Sonnenstrahlstraße aufgemacht. Da sie internationale Patente hat, konnte sie ihre Erfindungen auch hier weiterverkaufen", sagte Aurora Dawns Bild-Ich lächelnd. Julius nahm das kleine Heft, in dem die Handhabung der Sonnenleuchte beschrieben wurde. Weil die anderen mitbekommen hatten, daß er mit Aurora Dawns Bild gesprochen hatte blickten sie ihn an. Julius führte deshalb das Geschenk gleich vor und holte quasi ein Stück australische Sommersonne in den Schlafsaal, als die goldene Kugel nach dem Ausruf "Lass die Sonne raus!" in die Luft schwebte und unter der Decke zu einer quaffelgroßen, gleißenden Lichtkugel wurde.

"Ey, mach wieder aus, ist viel zu hell", wimmerte Gérard, der aus Versehen in die gleißende Sphäre schaute, die außer Licht auch Wärme abgab. "Pakc die Sonne ein!" Rief Julius. Die Lichtkugel wurde wieder zur goldenen Kugel und landete klingend in ihrer Schachtel.

"Hmm, so ganz neu ist der Zauber ja nicht. Den kriegen wir bei Walpurgis doch immer wieder", erwiderte Robert, bevor ihm klar wurde, daß er da vielleicht wen beleidigte. Doch Julius sagte nur: "Immerhin brauche ich jetzt keine vier weiteren zauberer, um die Sonnenkugel-Lichtsphäre zu zaubern. Abgesehen davon kann das wohl auch gut gegen Vampire helfen.

"Stimmt, wenn Madame Maxime wieder die Sangazons einläd", stellte Gérard fest. "Das wäre voll lustig, ob die davon zerbröselt werden."

"Für uns oder für die?" Fragte Julius verhalten lächelnd.

"Wohl nur für uns", erwiderte Gérard. Robert grummelte nur, daß das nur wer sagte, der noch nie wen qualvoll verrecken gesehen habe und er sich das von seiner Mutter mal hatte beschreiben lassen, wie ihre Großtante an einem heftigen Gift, das jemanden innerlich verbrannte, gestorben sei. Julius nutzte die Ablenkung und packte die Sonnenleuchte wieder fort. Dann packte er ein weiteres Päckchen aus und schrak fast zurück, als eine Miniaturausgabe von Brittany Forester auf ihrem Bronco Millennium durch den Schlafsaal flitzte und einen Quod vor sich hertrieb. Auch da fragte er sich, wie er da herangekommen war. Doch auch Gérard hatte was bekommen, über dessen Weg zu ihm er laut staunte.

"Sagt mal, ist Didiers Postblockade wegen Weihnachten aufgehoben, oder wie kommt der Flitzeflummi von meinem Onkel Bernaud hier hin?" Er warf einen bläulich leuchtenden Ball so groß wie ein Tischtennisball durch den Raum, der mit einem vernehmlichen Pong von einer Wand abprallte, zurückflog und von der anderen Wand abprallte, weiterflog und wieder abprallte. Julius grinste. Das ding würde jeden Physiker zur Weißglut reizen. Denn es hielt sich weder an das Gesetz der Schwerkraft noch an den Impuls- und Energieerhaltungssatz, weil es nicht langsamer wurde. Robert fing den Ball mit links auf und warf ihn auf Julius ab, der ihn locker mit rechts aufnahm und locker zur nächsten Wand warf, wo der Ball abprallte und genauso schnell wie geworfen zu ihm zurückkam. Er fing ihn mit links und warf auf Gérard ab, der ihn mit der Stirn abprellte und mit lautem Ping vom Fenster zurückfederte.

"Ey, lass den bloß nicht nach draußen fliegen", meinte Robert. "Nachher segelt der ungebremst in eine Muggelsiedlung rein."

"Dann müßten alle Schulbücher für Physik neu geschrieben werden, wenn den da einer sieht oder rumwirft", lachte Julius, während der Ball bei der gerade herumbrausenden Minibrittany landete, die ihn statt des Quods aufnahm und vor sich hertrieb, während ihr Quod gegen die Wand schlug und wie eine Knallerbse mit lautem Peng in einem weißen Funkenregen explodierte.

"Haua, laut!" Protestierte André, während die Miniversion der Quodpotspielerin den Flitzeflummi weiterspielte, ihm nachpreschte, als er von der Wand abtropfte und ihn kurz vor der gegenüberliegenden Wand erwischte, mit ihm doppelachserte und dann weiterflog.

"Eh, die kann ja deinen Doppelachser", staunte Robert mit Blick auf Julius. Dieser ndeutete auf Aurora Dawns Bild, dessen Bewohnerin gerade dem Schauspiel zuschaute.

"Accio Ball!" Rief Julius mit gezücktem Zauberstab. Der Flummi stoppte im Flug und fiel runter, tippte unten auf, schnellte zur Decke, prallte davon ab, sauste noch schneller zum boden und tippte wieder auf. "So geht's wohl nicht", erkannte Julius und hechtete dem Ball hinterher, gerade als die animierte Nachbildung Brittanys unter seiner Hand durchtauchte und den von oben niedersausenden Ball mit beiden Fäustchen aufnahm. Julius rief sie auf Englisch zurück. Sie landete. Er nahm ihr den Flummi ab und gab ihn seinem Besitzer zurück.

"tolles Jungsspielzeug", grummelte André Deckers. "Weiß dein Onkel, daß du schon im ZAG-Jahr bist?"

"Was soll'n das jetzt, André. Das hat doch Spaß gemacht", widersprach Robert. Julius nickte. Spaß war etwas, von dem sie in den letzten Wochen wirklich zu wenig hatten.

"Kindergartenkram", knurrte André. "Aber dieses Püppchen sieht ja echt scharf aus, Julius. Kennst du die auch in echt?"

"Jawoll", erwiderte Julius. Robert und Gérard grinsten. André war der einzige, der an Julius denkwürdigem Geburtstag nicht da war, als auch die Vorlage der weizenblonden Quodpot-Hexe anwesend war. "Die könnte ja sonst wohl kaum dieses Doppelachsending fliegen, was Julius von Aurora Dawn gelernt hat", warf Gérard dazu ein.

"Und hier sind noch zehn Reservequods im Päckchen", stellte Julius noch fest, als er die nun unbelebt wirkende Nachbildung wieder fortpackte. Sie hatte ihm sogar einen Brief dabeigelegt, den er jedoch nicht hier und jetzt lesen wollte. Die Frage, wie das Püppchen nach Beauxbatons gekommen war, würde er wohl ein anderes Mal klären.

Das dritte Päckchen gab beim Öffnen ein Buch von Oleande Champverd frei, das die Kreuzung artunterschiedlicher Normalpflanzen behandelte. Dabei lag ein Zettel in Camille Dusoleils Handschrift: "Madame Champverd bat mich, von ihren zehn Freiexemplaren, die sie noch nicht sicher verteilen konnte an die Leute weiterzugeben, die dafür empfänglich sind."

"Lecker, Apfelblütenhonig", freute sich Gérard. "Also mag mich Sandrines Mutter noch."

"Vielleicht findet sie, daß du noch süßer sein sollst", feixte Robert erwartungsgemäß. Gérard grinste darüber nur jungenhaft.

Begleitet von den Weihnachtsliedenglen auf Claires Kalenderbild packte Julius das größte Paket aus. Es enthielt einen Holzkasten, der wie ein altes Radio aussah. Robert sah das wohl und sagte: "Hups! Wußte nicht, daß wir die Dinger hier jetzt auch haben dürfen. Dann hätte ich meins auch mitgebracht."

"Ein Zauberradio?" Fragte Julius und dachte über die Regeln für Musikinstrumente und Abspielvorrichtungen nach. Da hieß es, daß derartige Sachen nur dort abgespielt werden durften, wo sie keinen Mitschüler bei der Verrichtung der Schularbeiten stören konnten. Die Regel zitierte er nun auch laut.

"Deshalb hat meine Mutter gesagt, ich sollte es besser zu Hause lassen", grummelte Robert. "Aber jetzt hast du auch eins. Probier mal aus, ob wir in Beaux was reinkriegen!" Die anderen Jungen nickten wild. Julius hatte aber erst den an der Rückwand befestigten Zettel im Blick. Er nahm ihn ab und las:

Hallo Julius, deine Mutter erzählte mir, daß du zwar eine Elektronik-Musikmaschine in Paris hast, mit der du das Muggelradio, Tonbandschachteln und Musikscheiben abspielen kannst. Aber ich finde, daß du jetzt, wo Information sehr wichtig geworden ist, auch einen magischen Rundhörkasten haben solltest, das du sehr gerne auch mit deinen Saalkameraden hören kannst, solange nicht einer von ihnen wegen Hausaufgaben Ruhe haben will. Blanche hat erlaubt, daß du als stellvertretender Saalsprecher ein solches Gerät haben darfst, damit du nicht denkst, du würdest gegen die Schulregeln verstoßen.

Wir wünschen dir noch schöne Weihnachtstage, so friedlich es im Moment geht.

 

Camille, Florymont, Jeanne und Bruno Dusoleil

 

P.S. Versuch es mal mit "Armand"!

"Wie ging das noch mal an?" Fragte Julius. Robert holte seinen zauberstab und tippte den Runden Knopf an der Front an: "Radio Fröhlich!" Sagte er. Sofort erschien auf dem runden Knopf die Leuchtschrift: RADIO FRÖHLICH: MUSIK FÜR JUNGE LEUTE UND JUNGGEBLIEBENE spiralförmig gewunden. Mit einem satten Klang wie aus seiner Stereoanlage schmetterte eine Band mit Schlagzeug, Baß und verschiedenen Blas- und Tasteninstrumenten ein fröhliches Weihnachtslied durch den Raum. Die gemalten Engel flatterten wild mit den Flügeln. Dann setzten sie ihre Instrumente wieder an und spielten das Lied mit, das ja nur eine flottere Version eines alten Weihnachtsschlagers aus Frankreich war.

"Joh, geht!" Rief Gérard. "Kriegst du auch Madame Dumas' Stricktanten-Sender rein?"

"Ganz bestimmt", seufzte Robert. "Hört meine Oma auch. Der Sender heißt Radio Heim und Herd, Julius, der totale Haushexen und Altzauberer-Sender." Julius probierte es mit dem Zauberstabstupsen und bekam ein jazzmäßiges Lied zu hören, das jedoch englisch gesungen wurde. Er mußte unvermittelt loslachen, als er den Text verstand. "Wa-has si-hi-hingt die da?" Amüsierte er sich und übersetzte seinen Kameraden:

"Komm, und rühr meinen Kessel,
bist du einer der's richtig macht,
koch ich dir heiße, starke Liebe,
die dich warmhält, heute nacht."

"Kann deine Fast-Schwiegermutter Englisch?" Feixte Robert an Gérards Adresse. Gérard lachte noch, während André meinte, daß der Text wohl zu einer Zeit gemacht wurde, als die Sängerin wohl noch für sowas zu haben war.

"ich hörte das mal, daß Celestina Warbeck solche Lieder gesungen hat", sagte Julius, nachdem er sich ganz beruhigt hatte. Tatsächlich wurde sie auch vom Moderator auf Französisch korrekt abgesagt.

"Wenn Madame Dumas das mal übersetzt hört die den Sender wohl nicht mehr", amüsierte sich Robert. Julius holte in der Zeit Radio Fröhlich wieder rein und packte das nächste Paket aus, das eine lange, grasgrüne Strickjacke mit Kapuze und dazu passenden, armlangen Handschuhen enthielt. Dem Weihnachtsgruß nach hatte Madame Rossignol die Wollsachen gestrickt und wasserabweisend sowie auf ständig 20 ° warm bleibend und Feuerfest gezaubert.

Während die Musiker im magischen Jugendfunk ein "Sprechreim-Stück aus Avignon" ankündigten packte er das kleinste der großen Pakete aus, wobei er eine Leinwand und mehrere silberne Rahmenstücke fand. Auf der Leinwand war ein bunter Schmetterling mit goldenem, gerade ganz eingerolltem Rüssel auf einer fünfmal so groß wie üblich dargestellten Rosenblüte abgebildet. Als er die kleine, rechteckige Leinwand auseinanderzog, fühlte er ein leichtes Vibrieren, und der Schmetterling entrollte seinen langen Rüssel und gab ein fanfarenartiges Signal von sich, worauf Buchstaben aus dem Rüssel flogen und sich zu himmelblauen Textzeilen zusammenfanden:

TITEL: Fröhliche Weihnachten, Julius

Das ist dein persönlicher Pappostillon.
Du kannst ihm bis zu 20 in Worten zwanzig Sätze zu zwanzig Wörtern vorsprechen. 
Wie du siehst gibt jeder Satz eine Zeile.
Nur auf dich wird er hören.
Du stellst ihn durch deine Berührung einmal und für immer auf dich ein.
Du kannst ihn nur zu Familienmitgliedern mit Namen Latierre schicken, die selbst einen Pappostillion haben.
Einmal aufgehängt ist er nur von dir berührbar.
Nachrichten schickst du mit "Nachricht mit Titel an Empfänger" ab.
Gleiches mit "Antwort für ..."
Wenn Nachrichten da sind, gibt er ein Signal, sobald du ihn berührst.
Bei mehreren Nachrichten zeigt er dir Absender und Titel.
Mit "Zeige Nachricht mit Titel" erhältst du den Text.
Mit "Entferne Nachricht mit Titel ..." verschwindet die Nachricht.
Dein Name als Absender kommt immer ganz unten hin.
Schöne Grüße von uns allen!

 

hippolyte latierre

 

"Ach, du hast jetzt auch so'n Ding gekriegt?" Fragte Gérard etwas verdrossen, als er den auseinandergefalteten Schmetterling sah. "Hätte wohl nicht viel gefehlt, und ich hätte so'n Flatterboten auch haben können. Der sollte wohl damals der für mich sein. Bin aber auch ohne den gut bedient."

"Dann hättest du das nicht rauslassen müssen", grummelte Robert. Julius sah Gérard an und sagte: "Wir sind ja miteinander klar, daß die alten Zeiten nicht mehr zurückgeholt werden können. Weil dann hättest du dieses Ding wohl gekriegt, und ich würde mit Claire und ihren Eltern jetzt in Millemerveilles feiern." Boing! Das wirkte, obwohl Julius nicht verärgert oder traurig geklungen hatte. Er spannte den Pappostillon in den Rahmen ein und hängte ihn an einem langen Nagel, den er mit Zauberkraft in die Wand trieb auf. Dann gab er auf:

"Antwort auf "Fröhliche Weihnachten, Julius"
Danke für das sehr nützliche Weihnachtsgeschenk.
Ich freue mich richtig, daß ich jetzt auch mit euch so Nachrichten verschicken kann.
Auch euch fröhliche Weihnachten und friedliche Tage!
Nachricht abschicken!"

Der Schmetterling trompetete zur Bestätigung und flog davon. Die von ihm ausgespuckte Nachricht blieb auf der Leinwand stehen, bis das Insektenwesen aus dem Bild verschwunden war. Dann verschwanden die Buchstaben als sich aufwickelnde Rolle im Rosenkelch.

"Apropos Nachrichten", griff André das Stichwort auf. "Hat dein angeheirateter Großcousin oder Onkel oder wie immer du zu dem sagst nicht angekündigt, daß die in Millemerveilles einen eigenen Nachrichtensender aufmachen wollen?"

"Mal sehen", sagte Julius und tippte mit dem Zauberstab den Sendersuchknopf an: "Armand", wisperte er. Unvermittelt leuchtete die Rundschrift: "RADIO FREIE ZAUBERERWELT" auf

Ein Klavierstück klang als Pausenzeichen. Julius sah auf seine Uhr und zählte die letzten zwanzig Sekunden herunter. "Lustig, die haben "Hurra wir sind sie los" als Erkennungsmelodie genommen, was aus der ersten Feier nach Sardonias Tod stammen soll", erkannte André.

"Hallo und schönen guten Morgen! Es ist jetzt sechs Uhr am fünfundzwanzigsten Dezember neunzehnhundertsiebenundneunzig. Fröhliche Weihnachten zusammen! Sie hören Nachrichten", meldete sich Madame Roseanne Lumière. "Wie gestern bereits erwähnt geht das Exilministerium in Millemerveilles davon aus, daß die Bedrohung durch die unbekannten Wesen, die wie Kreuzungen zwischen Schlangen und Menschen aussehen nahezu beseitigt ist. Wie Sicherheitsleiterin Tourrecandide unserem Sender Mitteilte, haben jene Abkömmlinge der uns aus dunkler Vergangenheit bekannten Insektenwesen offenbar erfolgreich die meisten dieser Kreaturen vertrieben oder getötet. Dies, so Madame Tourrecandide, sei jedoch kein Grund für Freudenfeste, sondern eher ein Grund für bange Nachfragen. Waren diese Wesen wirklich Gehilfen dessen, der nicht mit Namen genannt werden darf? Waren es wirklich alle? Müssen wir uns auf eine Machtübernahme durch die Herrin der Insektenwesen gefaßt machen? Diese Fragen wird sich auch der in Paris sitzende Amtsanmaßer Janus Didier stellen müssen. Das Exilministerium jedenfalls bekundet, daß es nicht warten wird, bis es von ihm Antworten erhält.

Unter dessen erreichten uns gestern abend höchst erfreuliche Nachrichten. Der regulär amtierende Zaubereiminister, Monsieur Armand Grandchapeau, hat es geschafft, den Entführern zu entkommen, die ihn seit Ende Oktober gefangenhielten. Wo er sich genau befindet, möchten wir aus Gründen der ungenauen Sicherheitslage nicht preisgeben. Er hat sich jedoch sehr erfreut geäußert, daß sein legitimer Stellvertreter Delamontagne die hohen Werte der freien zaubererwelt verteidigt und sich nicht der Angst vor dem Feind aus Großbritannien unterworfen hat. Er ist traurig, daß in seiner Abwesenheit mehrere schreckliche Verbrechen an der magischen Bevölkerung verübt wurden, wo Franzosen gegen Franzosen vorgingen. Er hofft jedoch, wenn es seiner Frau bessergeht, wieder nach Paris zurückkehren und sein geraubtes Amt wieder antreten zu können."

"Jau! Jetzt kriegt Didier was auf die Glocke!" Freute sich Robert. Gérard meinte nur: "Sofern dieser Sender nicht auch lügt wie Didiers Klopapier."

 

"Das wäre ja fies", sagte Julius, wenngleich er sich seinen Teil dachte. Die würden wohl einen Doppelgänger Grandchapeaus aufgetrieben haben, der Didier und Pétain aus dem Schneckenhaus locken sollte, in dem sie sich eingeschlossen hatten. Es kamen dann noch Nachrichten, daß Suzanne Didier einen Entschädigungsfond für die Friedenslagerinsassen forderte und ein Mitarbeiter Delamontagnes die Frage nach der Fortpflanzungstoleranz für Werwölfe neu zur Diskussion stellte, nachdem selbst Didier die Garoutfamilie komplett hatte töten lassen, weil sie ihm außer Kontrolle geraten war. Nach den Nachrichten wurden Weihnachtslieder gespielt, und Monsieur Dusoleil sprach mit Professeur Tourrecandide über die Lage im Land. Sie hatten es nicht einmal nötig, sich Decknamen zuzulegen, dachte Julius. Wenn der Sender in Millemerveilles stand war das echt nicht nötig. Es ging auch um die Patrouillen über den Schlössern Florissant, Tournesol und der Beauxbatons-Akademie. Dabei erfuhren die Schüler, daß sie ihre Weihnachtsgeschenke dergleichen Quelle verdankten, die auch die Zeitungen durch die Belagerungsflieger schleuste. Julius konnte was damit anfangen. Die anderen nicht. Dann wurde auf eine Nachrichtensendung um Zwölf Uhr verwiesen, der ein Interview mit Martha Andrews, der Mutter des Beauxbatons-Schülers Julius Latierre folgen sollte, wo es darum ging, wie sie die Zeit im Exil in Millemerveilles bisher verbracht hatte. Dann sagte Florymont noch: "Dasselbe Kennwort, mit dem Sie unsere Sendung empfangen konnten, gilt auch für die Mittagssendung. Bis dahin, auf Wiederhören!"

"So, mach mal den Sender "Tagesecho" rein, Julius, damit wir hören, was der Sender aus Paris bringt", sagte Robert. Julius nickte und wählte mit dem Namen den Sender. Tatsächlich redeten sie zwar von den Entomanthropen, aber nicht von den Schlangenmenschen. Delamontagnes Rücktrittsaufforderung wurde als Kriegserklärung sardonianischer Rebellen aus Millemerveilles verkauft und alle treuen Hexen und Zauberer wurden zur Verteidigung des Ministeriums aufgefordert. Von Grandchapeaus Rückkehr fiel kein Wort.

Um halb Sieben machte sich Julius davon, um sich auf den Weihnachtsweckdienst vorzubereiten. Hierfür beschwor er aus dem Nichts eine kleine Bronzeglocke herauf, als er mit seinen Morgenverrichtungen fertig war. Dann zog er herum. Mit "Hohoho, fröhlichen Weihnachtsmorgen!" stürmte er die Schlafsäle und läutete alle wach.

Da der Weihnachtstag wie ein Sonntag angesehen wurde kamen alle in Sonntagsumhängen zum Frühstück. Anschließend konnten die, die Hausaufgaben machen wollten Hausaufgaben machen, während in der Aula weitere Weihnachtskonzerte gegeben wurden, bei denen auch Julius und Millie wieder mitmachten. Mittags hörten alle im grünen Saal, auch Professeur Faucon, die Sendung des unabhängigen Radiosenders und Martha Andrews' Beschreibung ihrer zeit in Millemerveilles. Am Abend war die Aufführung der Theatergruppe, die ein besinnliches Drama über Nächstenliebe und Hilfe im Winter aufführte. Laurentine, die in der Gruppe mitspielte, gab eine hochschwangere Mutter, die mit ihrem Mann auf der Suche nach einer Herberge war, soweit wie in der Originalweihnachtsgeschichte. Allerdings ging es hier so weiter, daß sie nicht in einem Stall landete, sondern in einem Hexenhaus im Wald, wo die Zauberer der Umgebung ihr für die Geburt des Kindes alles zurechtmachten. Anschließend tanzte die Ballettgruppe, in der auch die Muggelstämmige Nadine Albert auftrat. Die Ballerinen trugen statt rosa Ballettröckchen Engelskostüme. Drei Tänzerinnen liefen unter einer Weihnachtsbaumkonstruktion mit echten Kerzen herum. Julius meinte zu seiner Frau: "Oha, ist ja Brandgefährlich." Das Fest dauerte bis Mitternacht. Dann mußten alle wieder ins Bett.

Das Radio, daß Julius bekommen hatte, blieb im Aufenthaltsraum des grünen Saales, auch wenn sich "Radio Freie Zaubererwelt nur für je eine halbe Stunde Morgens, Mittags und abends meldete. Professeur Faucon stellte noch einmal klar, daß wenn einer bei einem der Saalsprecher Anspruch auf Ruhe anmeldete, das Radio nicht zu laufen habe. Um dies zu gewährleisten sollte mindestens einer der Saalsprecher- oder -sprecherinnen ansprechbar im grünen Saal sein, sofern es keine schulweiten Essens- und Schlafenszeiten betraf. So verging das alte Jahr, und Julius fragte sich, was das neue bringen würde. Er hatte versucht, die Welt ein wenig besser zu machen. Ob ihm das gelungen war würde erst die Zukunft zeigen.

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