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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Violett ging hoffnungslos baden. So sah es nicht nur die Stadionsprecherin Constance Dornier, als sie bereits das zwölfte Tor für Saal Rot verkündete. Die Mannschaft der Violetten konnte dagegen gerade zwei Tore verbuchen. Millies Mannschaft war optimal eingestellt. Céline, die mit Julius in der Reihe der heute nicht spielenden Mannschaften saß stupste ihren Mannschaftskameraden an und meinte: "Hatten wir ein Glück, daß wir die im ersten Spiel hatten. Kuck dir an, wie schnell die umgruppieren können."

"Wenn die den Schnatz noch fangen hält Violett die rote Laterne", meinte Julius. Louis Vignier, der heute zum ersten Mal in der Reihe der pausierenden Mannschaften saß, meinte:

"Und das wird ein Tor mit Ansage!" Da rief Constance es auch schon aus. Der Ball war so schnell und verwirrend von allen drei Jägern geführt worden, daß die Hüterin der Violetten nicht mehr erfassen konnte, welchen Ring sie zu decken hatte.

"Also wir müssen Connies Saalkameraden im nächsten Spiel niederbügeln", meinte Céline mit einer gewissen Verdrossenheit. "Ich will den Pokal grün bleiben sehen."

"Ja, wäre noch mal schön, den hochzuheben", pflichtete Julius bei, als die Violetten gerade mal eine Lücke fanden, um den Quaffel vor Apollos drei Torringe zu befördern. Doch dieser zeigte die fünftte Glanzparade dieser Partie und trieb den Ball so weit vom eigenen Torraum fort, daß Julius' Schwiegertante Patricia ihn nur noch Richtung Mittelring zu verlängern brauchte, um Tor Nummer vierzehn auf dem Pluskonto der Roten zu verbuchen.

"Wenn die Violetten den Schnatz erwischen können die das noch glimpflich über die Bühne bringen", meinte Julius zu Céline.

"Lass das bloß deine Verwandtschaft nicht hören, Julius. Abgesehen davon ...", erwiderte Céline und deutete auf einen glitzernden Punkt knapp unter Millie. Die durfte den Schnatz nicht fangen. Aber Horus bekam von ihr ein rasches Handzeichen, bekam den Quaffel, drosch diesen so, daß der Sucher der Violetten nicht auf direktem Weg zum Schnatz vorstoßen konnte und rollte sich nach links aus Horus' Sturzbahn, der im Vorbeifallen den Schnatz mit links auflas und knapp über dem Spielfeld den rasenden Abwärtsflug abfing, um dann mit dem erbeuteten Ball ins Publikum zu winken. "Rot! Diesmal wird der Becher Rot!" Riefen die Anhänger der Roten. "Hurra! Hurra, Horus! Hurra! Huurra!" Sangen sie dann noch. Julius wand schnell seinen Kopf zur Sitzreihe der Lehrer und sah Professeur Dirkson strahlen und ihrem siegreichen Sohn zuwinken. Dieser flog mit den anderen Roten eine wilde Ehrenrunde über die Tribüne hinweg und nahm den lautstarken Applaus der Roten entgegen.

"Schön, der ist jetzt auch in Beauxbatons angekommen", bemerkte Julius. Céline fragte ihn, wie er darauf komme. Julius erläuterte: "Der ist wie ich aus einem anderen Land in eine bestehende Klasse reingekommen. Mit dem Schnatzfang heute ist der hoffentlich alle dummen Sprüche los, die er sich in den ersten Monaten hat anhören müssen." Céline nickte. Sie hatten es bei den Saalsprecherkonferenzen mehrfach zum Thema, daß Horus wegen des verpatzten Turnierauftaktes von den älteren Jungen dumm angequatscht worden war und es nur seinen guten Reflexen und Apollos stahlharten Fäusten zu verdanken gehabt hatte, daß er nicht zu Madame Rossignol mußte. Jetzt hatte er gezeigt, daß er Apollos Vertrauen in seine Spielkunst verdient hatte.

Nachdem Julius seiner Frau und seiner Schwiegertante zum Spielgewinn gratuliert hatte ging es in den Grünen Saal. Monique Lachaise sammelte die Mitglieder der Mannschaft um sich und sagte: "Wir haben gesehen, daß die Roten dieses Jahr supergut drauf sind. Die Weißen sind auch ziemlich gut. Da müssen wir ranklotzen, um mit den Roten mitzuhalten. Euch ist klar, daß wir am Dienstag ziemlich heftig trainieren müssen. Also stellt bloß nichts an, was euch vom Training ausschließt!"

"Was wenn doch?" Fragte Louis Vignier.

"Kriegst du mit deiner inoffiziellen Chefin und mir tierischen Ärger", erwiderte die kleine Monique. Alle anderen lachten. Da zog sie den Zauberstab und hielt auf den lautesten Lacher und rief: "Tarantallegra!" Das ließ den Spötter springen und tanzen. Julius stoppte die magische Tanzwut mit einem ungesagten "Finis Incantato!" Als Monique dann mit dem Zauberstab auf ihn zeigte meinte er nur: "Bin ich echt so viele Strafpunkte wert, Monique?" Sie senkte den Zauberstab. Einen Saalsprecher und Pflegehelfer zugleich anzugreifen würde ihr sechshundert Strafpunkte einbrocken. So blieb ihr nur, allen zu sagen, daß sie sich am Dienstag auf dem Spielfeld einzufinden hatten.

Der Samstag Nachmittag war zur freien Verfügung, was für die Schüler der oberen Klassen hieß, daß sie ihre Hausaufgaben in Ruhe machen konnten. Julius saß mit Céline, Laurentine, Sandrine, Belisama, Millie, Robert und Gérard in der Bibliothek, um gemeinsam einige Sachen zusammenzufassen, vor allem für den Unterricht von Professeur Delamontagne. Vielleicht sollte Julius sich mit dem noch mal über den Ausflug in die Himmelsburg unterhalten, dachte der Ruster-Simonowsky-Zauberer. Denn ihm war trotz des wieder eingekehrten Alltags nicht so ganz wohl, wenn er daran dachte, daß Anthelia und Naaneavargia zu einer vereinten Person verschmolzen waren. Im Grunde mußte er sich wundern, daß nichts von ihrem neuen Dasein oder Wirken in den Zeitungen gestanden hatte. Doch wenn sie die Durchtriebenheit zweier Hexen in sich bündelte, würde sie ihre Aktionen aus sicherer Deckung heraus durchführen und dabei nicht selbst in Erscheinung treten. Es mochte sogar sein, daß er erst in einigen Jahren wieder direkt von ihr hörte. Doch so recht daran glauben wollte er nicht. Auch wenn die neue Entität quasi unsterblich war und eigentlich alle Zeit des Universums hatte, würde sie sich nicht lange mit Versteckspielen und Totstellen aufhalten. Vielleicht lief bereits irgendwo auf der Welt eine Aktion von ihr, und er konnte hoffen, diesmal nicht mit hineingezogen zu werden wie gegen Hallitti und Bokanowski.

Abends hörten alle, die vor zehn Uhr noch durch den Palast wandelten die lautstarke Siegesfeier der Roten. Womöglich würde Professeur Fixus den feiernden Schutzbefohlenen um spätestens elf Uhr den Zapfenstreich blasen. Das konnte für Millie und Leonie heftig werden, wenn sie ihre Mädchen in die Betten schicken mußten.

 

_________

 

Julius dachte, unter einer immer vor- und zurückrollenden Dampfwalze zu liegen, als es ihm in der nächsten Verwandlungsstunde gelang, den Selbstverflüssigungszauber anzuwenden. Trotz des ihm fremden Zustandes hörte er Professeur Dirkson fordern, er möge sich aufrichten. Doch wie sehr er auch versuchte, sich gegen die mörderische Kraft aufzubäumen, die ihn plattzudrücken drohte, schaffte er es nicht. Er konnte nur die schnelle Wiederverfestigung denken, bevor ihn die vereinte Gewalt aus Luftdruck und Schwerkraft restlos zerfließen ließ. "Ui, das mache ich aber bestimmt nicht mehr freiwillig", stöhnte Julius. Die Lehrerin sah ihn sehr eindringlich an. "Aber sicher machst du das, Julius. Zum einen ist es gemäß der Vereinbarung zwischen der Ausbildungsabteilung und Beauxbatons dein Jahresendprüfungsziel, das zu können. Andererseits will ich sicher sein, daß du nicht heimlich meinst, ihn üben zu müssen, wenn ich nicht sicher bin, daß du den auch beherrschst. Aber mach erst mal zehn Minuten Pause!"

"Die hat recht, der ist härter als der Nebelzauber", wisperte Julius Millie zu. Diese grummelte, daß sie wohl noch ein gutes Stück üben müsse, um die Autonebulation gut genug hinzukriegen.

"Du weißt ja, warum die uns die beiden Zauber in dem Jahr schon aufgeben", erwiderte Julius. Millie grummelte und deutete zwischen ihm und sich und wisperte: "Klar, weil unsere Schulkönigin mich dann nicht um ein Jahr zurückwerfen muß, wenn wir nächstes Jahr das Ehegattenzimmer kriegen." Julius nickte nur.

"In Statum Fluidum Transcedo!" dachte Julius konzentriert, als er zum zweiten Mal die drei Stufen des Autoliquifikationszaubers durchführte. Wieder meinte er, von einer Tonnenlast zu Boden und breitgedrückt zu werden. Doch er schaffte es für einige Sekunden, sich dagegen zu stemmen, Löcher in die Dampfwalze zu treiben. Doch dann mußte er schnell in seine Feste Form zurückkehren. "Es wird nur dann richtig leicht, wenn du dich gegen Schwerkraft und Luftdruck aufrichten kannst", belehrte Professeur Dirkson ihn. Julius nahm sich vor, beim nächsten Durchgang den altaxarroischen Flugzauber als Schwerkraftaufhebung zu benutzen. Den konnte er auch ungesagt und ohne Zauberstabführung. Doch das hätte er besser nicht einmal denken sollen. Denn als er nach der befohlenen Pause von zehn Minuten ein drittes Mal den Selbstverflüssigungszauber auf sich anwendete und dann die fünf auslösenden Wörter des alten Flugzaubers dachte, fühlte er, wie ihn nicht nur von oben, sondern auch von unten etwas zusammendrückte. Auch wenn seine Arme und Beine gerade vollkommen flüssig waren fühlte er, wie ihm die Beine bis zur Stirn hochgeschleudert wurden, sein Kopf in die Knie eintauchte und seine Arme genau dazwischen in den Leib gedrückt wurden. Er hörte Professeur Dirksons erschütterten Aufschrei und fühlte, wie ihn etwas wie ein elektrischer Schlag durchraste und er unvermittelt wie ein menschliches Paket zusammengefaltet an der Zimmerdecke hing. Er hatte wieder feste Form. Doch er hatte sich in einer schmerzhaft zusammengekrümmten Haltung wiederverfestigt und fühlte den Schmerz durch die Wirbelsäule rasen. Mit einem lauten Aufschrei schaffte er es, seine bis zur Stirn angezogenen Beine von sich zu strecken, die gegen die Bauchdecke drückenden Arme freizuschwingen und den Kopf zu heben. Doch der Schmerz zerstörte die magische Balance, die seinen Körper aus dem Bann der Schwerkraft gelöst hatte. Er fiel von der Decke herunter und konnte von Glück sprechen, daß die Lehrerin geistesgegenwärtig ein metergroßes Daunenkissen unter ihm hingezaubert hatte.

"Öfter was neues", knurrte die Lehrerin und blickte auf den Wandschirm. Dahinter saßen die Mitschüler ganz ruhig und übten ungesagte Tier-zu-Ding-Verwandlungen, während Millie und Laurentine bereits Tier-zu-Tier-Verwandlungen ohne hörbare Zauberformeln ausführten. Julius fühlte jeden wichtigen Knochen im Körper schmerzen. "Liegenbleiben", zischte Professeur Dirkson ihm zu und fixierte seinen Nacken mit "Spinastato." Dann ging sie mit einem Prüfzauber über seinen Körper. "Dein Training hat dir gute Knochen beschert. Kein Bruch. Aber heftige Dehnungen aller wichtigen Muskeln, vermute ich mal. Ich bringe dich zu Madame Rossignol. Die soll dich komplett untersuchen und gegebenenfalls behandeln. Und Heute Nachmittag kommst du vor dem Freizeitkurs zu mir in mein Sprechzimmer. Ich will dann genau von dir wissen, was du da angestellt hast."

"Mann, das wollte ich so nicht", grummelte Julius, der froh war, zumindest noch alle Zähne im Mund und keinen gebrochenen Schädel zu haben.

"Kann ich mir vorstellen, daß du dich nicht zu einem großen Wassertropfen zusammenkugeln wolltest. Aber du hast es hinbekommen. Autolevitation?"

"So kann man das wohl nennen", erwiderte Julius. "Oder eher Ganzkörperantigravitationszauber."

"Ähm, hätte ich vielleicht erwähnen sollen, daß du während einer Zustandsänderung keinen anderen Körperveränderungszauber auf dich anwenden solltest? Aber normalerweise kann das auch keiner, der einmal gasförmig oder flüssig wurde. Genau deshalb wirst du mir das haarklein erläutern, was du da mit dir angestellt hast und woher du so einen zauber gelernt hast. Ich kann mich nicht entsinnen, sowas in Hogwarts gelernt zu haben. Ich weiß jedoch, daß Du-weißt-schon-wer dergleichen beherrschte. Ich hoffe ganz inständig für dich, daß du nicht aus derselben Wissensquelle getrunken hast wie er."

"Was, der konnte das auch?" fragte Julius. Doch dann erinnerte er sich, daß Harry Potter es ihm gegenüber erwähnt hatte, daß der vernichtete Schwarzmagier ebenfalls ohne Flügel, Besen oder Flugtier fliegen konnte und es sogar Snape beigebracht hatte. "Dann müßte ich wissen, welche Quelle das war, um es zu bejahen oder zu verneinen", erwiderte er verdrossen. Denn ihm fiel nach Professeur Dirksons Erwähnung und seinen eigenen Eindrücken ein, welchen Denkfehler er gemacht hatte. "Hätte ich eigentlich wissen müssen, daß beim Aufheben meiner Eigenschwerkraft die Oberflächenspannung überwiegt, verdammt noch mal!" Schnaubte er.

"Na, nicht fluchen. Fünf Strafpunkte wegen Unbeherrschtheit, Monsieur Latierre", zischte die Lehrerin. "So, hättest du daran denken müssen. Sicher, wo du einen Alchemisten zum Vater hattest und dich in der magielosen Naturkunde offenbar gut genug auskennst um zu wissen, wieso Wasser Tropfen bildet und Quecksilber im freien Fall Kugelform annimmt. Aber jetzt erst mal zu Madame Rossignol." Sie baute den Wandschirm ab und verkündete, daß sie Julius wegen einer unbedachten Aktion zur Schulheilerin bringen müsse. Sie erlegte ihm den Bewegungsbann auf und brachte das große Kissen mit ihm zum schweben. "Millie und Laurentine, ihr führt die Aufsicht, bis ich wieder hier bin! Seht zu, daß ich euch nicht zusammenkehren muß, wenn ich wiederkomme!" Sagte sie noch und bugsierte Julius mit sehr geübten Zauberstabbewegungen zur Tür, die ohne Berührung aufsprang und sie und ihn durchließ. Julius konnte unter dem Bewegungsbann auch kein Wort sprechen, weil außer der Atmung und den unbewußten Bewegungen innerhalb seines Körpers keine willentliche Regung möglich war. So mußte er sich gefallen lassen, daß er durch den halben Palast zum Krankenflügel geflogen und punktgenau vor Madame Rossignol abgesetzt wurde. Die Lehrerin erstattete Bericht.

"Soso, meinte mein werter Pflegehelfer, seinen Körper durch geistig initiierten Schwerkraftentwindungszauber dem Sog der Erdanziehung zu widerstreben", sagte die Heilerin und führte genauere Untersuchungszauber aus, um Julius' Knochen, Muskeln und Sehnen zu prüfen. "Okay, du bleibst bis auf weiteres bei mir", knurrte die Heilerin und löste den Genickfixierzauber und dann den Bewegungsbann. "Liegenbleiben!" Befahl die Heilerin und führte einen Umbettungszauber aus, der ihn auf eines der Krankenbetten umlagerte, ohne seine Körperhaltung zu verändern.

"Ich weiß nicht, ob ich dir dafür Straf-oder Bonuspunkte geben soll, Julius. Womöglich werden es Strafpunkte, wenn ich von dir nicht erfahre, was du angestellt hast. Ich komme dann nach dem Mittagessen zu dir."

"Eunice, das klären Sie besser vorher mit Madame Faucon ab, ob Julius Ihnen darüber bericht erstatten darf. Es könnte sich um etwas handeln, daß sie ihm beigebracht hat und nicht möchte, daß jeder das weiß", schritt die Heilerin ein. Die schwarzhaarige Lehrerin sah Madame Rossignol ziemlich verdrossen an und wandte ein, daß sie wohl ein Recht habe, über die Unfallursachen in ihrem Unterricht aufgeklärt zu werden, um zukünftig solche Zwischenfälle zu vermeiden.

"Nun, wenn unsere Vorgesetzte Ihrer Meinung ist wird sie Ihnen wohl erlauben, meinen Patienten danach zu befragen und von ihm wahrheitsgemäße Antworten ohne Auslassung von wichtigen Einzelheiten einzufordern. Ich komme jetzt alleine mit ihm klar, Eunice. Ich danke Ihnen, daß Sie ihn unverzüglich zu mir brachten."

"Sie sind hier die Chefin, Florence", seufzte Eunice Dirkson und sah Julius tadelnd an. Doch er hätte schwören können, daß sie ihn verwegen anlächelte. "Okay, wenn ich wissen darf, was für eine Zauberei du da angebracht hast bin ich nach dem Mittagessen bei dir. Erhol dich gut!" Sie nickte der Heilerin zu und verließ den Krankentrakt. "Maneto!" Hörte Julius die Heilerin sagen und fühlte, daß er sich wieder nicht bewegen konnte. "Nudato!" Klang wieder ein Zauberwort. Unsichtbare Kräfte zogen ihm innerhalb zweier Sekunden alle Kleidungsstücke vom Leib und warfen sie auf den Boden. Dann hörte er kein Zauberwort. Er sah, wie aus einem Schrank eine große Schachtel herausflog. Die Heilerin prüfte den für Julius in dieser Haltung unsichtbaren Inhalt. Dann zog sie etwas weißes hervor, tippte es mit dem Zauberstab an und deutete auf Julius bloßem Unterleib. Unvermittelt meinte er, daß sich etwas weiches um ihn schloß und sicher befestigte, bevor die Heilerin aus ihrem Zauberstab einen weißen Sprühnebel über seine Beine, den Körper, die seitlich anliegenden Arme bis zum Hals verteilte, der schlagartig zu einer festen Substanz wie Gips aushärtete und ihn sogar am Rücken umfangen hielt, wo der Sprühnebel ihn nicht hatte treffen können. Dann hob sie den bewegungsbann auf. Julius steckte nun vom Hals bis zu den Fußsohlen in einer Art Gipsverband und fühlte das, was er für eine große Windel hielt zwischen den Beinen anliegen. Er versuchte, seinen Kopf zu heben. Doch die ihn umschließende Verpackung hielt seinen Nacken sicher fixiert. So fragte er, ob er sich getäuscht habe oder sie ihn mit einem Windelzauber gewickelt habe. Sie antwortete, daß er sich nicht getäuscht habe. "Ähm, dann müssen sie die aber wohl wegzaubern, wenn ich unter mir lasse."

"Das ist eine für inkontinente und/oder bettlägerige Variante der Reisewindeln, die du sicher schon im Einsatz gesehen hast. Ab einem gewissen Verfall können auch wir Heiler keinen kontrollierten Harndrang oder Stuhlgang mehr gewährleisten, so bedauerlich das ist."

"Und eine Bettpfanne können Sie mir in dieser Zwangsjacke nicht unterschieben?" Fragte Julius frech.

"Wenn ich dich wie einen Tobsüchtigen hätte fixieren wollen hätte der Bewegungsbann gereicht, Jungchen", erwiderte die Heilerin ungehalten. Julius fragte jedoch unerschüttert:

"Aber feste Nahrung kann ich doch zu mir nehmen, oder?"

"Du meinst, weil ich dich wie einen Säugling gewickelt habe. Bring mich nicht auf interessante Ideen. Kommt davon, wenn du meinst, dich in perfekter Fötushaltung an der Klassenzimmerdecke zu halten. Aber da du die Geburt übersprungen hast können wir zwei auf die Stillzeit verzichten. Aber füttern werde ich dich wohl müssen, da deine ganze Muskulatur und deine Sehnen knapp vor dem Zerreißen waren. Deine Knochen haben aber gehalten. Da muß ich nichts behandeln. Ich habe dich nur in die Ganzkörperbandage gewickelt, damit sich deine malträtierten Gelenke und Sehnenstränge wieder erholen können. Ich mach gleich noch einen Prüfzauber und lasse mir dann noch einmal schildern, wie du das genau gemacht hast. War es dieser Flugzauber, den du in dieser alten Stadt gelernt hast?"

"Stimmt. Damit wollte ich die Schwerkraft überlisten und habe vergessen, daß Wasser auch durch Oberflächenspannung verformt wird."

"Obwohl du schon den Magnacohesius-Zauber erlernt hast?" Fragte die Heilerin. "Dann sollten wir vielleicht neben der körperlichen Rekonvaleszenz auch über eine Gedächtnisstärkungsmixtur sprechen." Doch dabei grinste sie schalkhaft. "Jetzt weißt du zumindest, daß man nicht alles machen kann, was einem einfällt. Das gibt mir die Gelegenheit, die Zauber zur Ganzkörperheilung zu üben."

"Ich dachte, es gäbe keinen Wickelzauber", fiel Julius ein.

"Der ist auch nicht mit Zauberstab allein ausführbar. Das ist ein Patent für Dauerwindeln, die in der stationären Therapie verwendet werden. eine hochrangige Expertin in der Mutter-Kind-Betreuung namens Eileithyia Greensporn hat diese Windeln vor vierzig Jahren patentieren lassen und durfte das Patent an ausgewiesene Heilstätten wie die Delourdesklinik oder das St.-Mungo-Hospital weitergeben, trotz der unverständlichen Ausfuhrbeschränkung."

"Und ich dachte schon, wir hätten uns damals die Hantiererei mit Cytheras vollen Windeln sparen können."

"Kann ich mir denken, daß vor allem Constance diesen wichtigen Vorgang der Säuglingspflege gerne durch Zauberei abgekürzt oder umgangen hätte. Aber zum einen werden diese Hygieneartikel, wie du gerade eines zu tragen die Ehre hast, eben nur an Heilzentren ausgeteilt und zum anderen wollte ich, daß Constance die Bindung zu ihrem Kind auf diese Weise festigt, indem sie mit eigenen Händen badet und wickelt. Und der Kommunikation zwischen ihr, Cythera und euch hat es auch gedient, daß ihr ihr dabei ohne Zauberkraft helfen durftet. Vor allem war es für Gloria eine sehr wichtige Hilfe, nach dem Verschwinden ihrer Großmutter noch einen Sinn in ihrem Hiersein zu haben. Aber jetzt genieße die Pause. Du brauchst dich nicht zu genieren, unter dir zu lassen, weil die Patentwindel das restlos aufsaugt und mindestens eine Woche vorhält."

"Und wie wollen Sie mich füttern, mit dem Löffel oder mit der Flasche?"

"Ich denke, eine Schnabeltasse reicht völlig aus. Wenn du schlafen möchtest kann ich dir die Augen verbinden. Aber erst muß ich noch einmal den Zustand deiner Muskel-, Nerven- und Sehnenstränge prüfen, um die Kombination aus Wiederherstellungstränken genau abzustimmen." Mit diesen Worten ließ sie den Zauberstab noch einmal über Julius' Körper streichen. Er fühlte es Kribbeln und vibrieren. Dann sagte die Heilerin: "Also bis übermorgen kannst du wieder Bewegungsübungen machen. Eigentlich schon morgen, aber da morgen Dienstag ist wäre ich sehr einfältig, dich da schon wieder rauszulassen, damit du dich beim Quidditchtraining überfordern kannst."

"Dann kriegen Sie vielleicht Ärger mit meiner Mannschaftskapitänin", scherzte Julius, dem wieder einfiel, was eben diese angedroht hatte, wenn jemand nicht fit genug antreten konnte.

"Ich kann die auch in so eine Ganzkörperbandage und Dr. Greensporns Patentwindeln stecken, damit ihr das ausdiskutieren könnt, warum du bei mir liegst und nicht auf deinem Besen herumwirbelst. Neh neh, Burschi! Ich kenne euch Quidditcher gut genug und auch alle, die meinen, sich so frü es geht wieder in waghalsige Sachen reinzustürzen."

"Gut, daß mir das jetzt erst passiert ist und nicht vor zwei Wochen, wo mich dieser Assgeier aus der Himmelsburg einbestellt hat", zischte Julius leise.

"Das wäre interessant gewesen, ob ich den auch so hätte fixieren können wie dich jetzt. So, und jetzt lass mich deine Heilungssuppe kochen, damit du heute Mittag zumindest die nötige Menge Fett, Eiweiß und Mehrfachzucker zu dir nehmen kannst! Wenn du bis dahin schlafen möchtest kann ich dir die Augen verbinden." Julius fühlte sich jedoch viel zu wach, um zu schlafen. So ließ er die Heilerin in ihr Sprechzimmer gehen, um die Abmischung der Heiltränke auszurechnen, die sie aus ihrem Vorrat zusammenstellen oder nachbrauen mußte. Er vertrieb sich die Wartezeit mit einer in seinem Kopf ablaufenden Schachpartie und mit Gedanken an Naaneavargia und die Diener des Schöpfers. Hatten die Umstürzler Garuschats Rache überlebt oder wünschten sie sich vielleicht, lieber tot zu sein? Dann dachte er an jene Hexe Eileithyia Greensporn, deren Superwindel er gerade umhatte. Bei dem Gedanken fühlte er seine Blase und gab dem Drang nach. Er hörte und roch nichts. Er fühlte auch keine Nässe zwischen den beinen. Als er sich erleichtert hatte kehrten seine Gedanken zu dieser altgedienten Heilerin zurück. Das war doch die Großmutter dieser Leda Greensporn, die so spät im Leben von einem anonymen Samenspender eine Tochter bekommen hatte. Komischerweise dachte er daran, ob das nicht irgendwie mit der Wiederkehrerin zusammenhing. Tourrecandide hatte was angestellt, um Anthelia aus einer Zwangslage oder Gefangenschaft zu befreien, wobei sie wohl den Fluchumkehrer benutzt hatte. Hatte sie dadurch vielleicht Rollen getauscht, daß aus einer werdenden Mutter eine Ungeborene wurde und umgekehrt? Dann wäre die Wiederkehrerin womöglich durch etwas bei einer Konkurrentin oder Feindin in den Leib geraten und hatte diese dann nach dem Fluchumkehrer unter dem Umhang gehabt. Dann wunderte es ihn nicht, daß sie Leda diese überrumpelte Konkurrentin - ihre eigene Cousine Daianira wahrscheinlich - zum Fertigtragen und wiedergebären überlassen hatte. Aber wie paßte das dann mit Professeur Tourrecandides Verschwinden zusammen? "Was einem so durch den Kopf geht, wenn man außer Gefecht ist", dachte Julius. Denn ihm war ein ziemlich abwegiger Gedanke gekommen, was mit Professeur Tourrecandide passiert war. Sie war im goldenen licht verschwunden und hatte dabei ihre Kleidung zurückgelassen. Was, wenn etwas von dem, was ihr passiert war von irgendwem angepeilt und umgekehrt worden wäre? Er erkannte wieder einmal, daß Zauber, die Zeit oder Leben betrafen, mit sehr großer Vorsicht zu genießen waren. Denn wenn das kein so abwegiger Gedanke war, sondern die Wahrheit, dann würden sie Professeur Tourrecandide so schnell nicht wiedersehen, sofern sie nicht geistig erloschen war, wie sein Vater und damit ganz aus der Welt verschwunden war. Sein Vater. Der war jetzt bald zweieinhalb Jahre ein anderer, ein kleiner Junge, der seine Umgebung ganz neu kennenlernte und hoffentlich bei Leuten aufwuchs, die anständig zu ihm waren. Wo er war und wie er jetzt hieß wollte er nicht wissen. Aber sich vorzustellen, als kleiner Junge wieder anfangen zu müssen bereitete ihm Unbehagen. Andererseits wußte sein Vater ja nicht, daß er schon einmal groß gewesen war. Denn eine schon göttlich zu nennende Gnade hatte sein komplettes Gedächtnis ausgelöscht, als Halliti vernichtet wurde. Dann dachte er an Peggy Swann und ihre Tochter Larissa. Die hatte ihr Gedächtnis behalten, wohl schon vor ihrer Wiedergeburt mitbekommen, was um sie herum passierte. Sich vorzustellen, wie das wäre, Wochen oder gar Monate lang in einer dunklen engen Höhle unter Wasser zu sein und sich so gut wie gar nicht bewegen zu können mochte für einige eine Art Rückkehr zum Paradies sein. Für andere aber das schlimmste Gefängnis des Universums, wenn der Verstand bereits weit genug gewachsen war. Wie heftig konnte es jemanden treffen, daß er oder sie diese Eingeschränktheit in Kauf nahm und davon ausgehen mußte, irgendwann wie durch einen festen Gummischlauch in eine kalte, helle und laute Umgebung gequetscht zu werden. Er hatte es mitbekommen, wie Cythera sich zwischen Mutterschoß und Welt gefühlt hatte. Unangenehm beengt und doch irgendwie berauschend, was an Mutter Naturs Hormoncocktail lag, den Mutter und Kind unter der Geburt im Körper hatten. Jetzt hing er hier auf diesem Bett, konnte sich nicht bewegen, fühlte jedoch die dumpfen Nachwirkungen seines wahrhaftig leichtsinnigen Versuches. Sicher hatte sich Professeur Dirkson heftig erschreckt, als er als megagroßer Wassertropfen zur Decke geschwebt war. Er konnte es sich jetzt bildhaft vorstellen. Und ihm schwante, daß er sich fast selbst alle Knochen und Adern zerbröselt hätte, wenn er weitere Sekunden in dieser Einkugelung geblieben wäre. Also, den Flugzauber sollte er bei der Selbstverflüssigung vergessen. Auch würde er in einem Nullogravitus-zauber, der einen abgeschlossenen Ort in eine Zone völliger Schwerelosigkeit verwandelte, keine Selbstverflüssigung ausprobieren. Denn das Ergebnis wäre jedesmal dasselbe. Die Frage war jetzt, ob Madame Faucon der neuen Kollegin erlaubte, von ihm, Julius, über den Flugzauber aufgeklärt zu werden oder es persönlich übernahm, ihr darüber zu berichten. Obwohl, nein. Da es ein Latierre-Geheimnis war konnte nur er ihr davon erzählen, erkannte er. Die mächtigen Bannzauber der Latierre-Familie vereitelten jeden unfreiwilligen Verrat und verhinderten das Weitergeben an Dritte oder Vierte.

Er hörte ein leises Tuscheln aus dem Sprechzimmer und erkannte, daß es die Stimmen der gemalten Heilerinnen Serena Delourdes und Aurora Dawn waren. Die saßen also wieder in jenem Bild mit dem Sofa über Madame Rossignols Schreibtisch. Er lauschte, ob er verstehen konnte, was die Bild-Ichs austauschten. Doch sie sprachen zu leise. Offenbar hatte Serena Aurora erzählt, daß er gerade hier auf Eis lag, dachte Julius verdrossen. Tja, und mit Quidditch würde er morgen auch nicht weitermachen können.

Vor dem Mittagessen kam die Heilerin mit einer hölzernen Schnabeltasse, aus der Julius ein ziemlich bitter und brockig schmeckendes Zeug in sich hineinschlucken mußte. Erst als die Heilerin das Gefäß bis zur Neige in ihn hineingeleert hatte fragte er, ob das schon mal wer gegessen oder getrunken hatte.

"Jungs bleiben Lümmel, egal wie alt", knurrte die Heilerin. Doch dann meinte sie: "Keine Sorge, das waren frisch angesetzte Tränke. Die lasse ich jetzt zehn Minuten einwirken, bevor du dein Mittagessen kriegst. Ich habe die Zusammenstellung schon bei den Hauselfen geordert. Die kennen das, daß ich manchmal halbfeste Speisen verabreichen muß."

"Bitter wie Drachengalle", prustete Julius.

"Dann würdest du dich gleich auflösen und wohl in deiner untergeschobenen Einmann-Toilette versickern, weil sie alles flüssige oder halbflüssige in weniger als zwei Zentimetern Umgebung sofort absorbiert, du Frechdachs. Aber ich kann dir gerne die Rezeptur für einen der Tränke in Augenhöhe hinhängen, damit du dich nicht komplett nutzlos abgelegt fühlst."

"Am besten erst zwei Stunden nach dem Mittagessen", bemerkte Julius darauf. Das brachte die Heilerin zum lachen. Dann ging sie wieder in ihr Sprechzimmer und tat dort was lautloses, bevor er eine piepsige Stimme hörte. "Corrie bringt das Essen für Meisterin Florences Patienten", hörte er. Komisch, wie oft und in welchen schon unangenehmen Situationen ihm diese Hauselfe über den Weg lief, dachte Julius.

"Ist gut, Danke!" Sagte Madame Rossignol leise. Julius glaubte, sich verhört zu haben. Eine Hexe bedankte sich bei einer Hauselfe? Doch vielleicht gehörte die Heilerin zu jenen, die in diesen kleinen Zauberwesen keine nideren Diener, sondern zu respektierende Helfer sahen. Doch zunächst galt es, das auf drei weitere Schnabeltassen verteilte Mittagessen irgendwie zu genießen. Doch als er den pürierten Hühner-Gemüseeintopf, den Reisbrei mit Tomatenmark und die aus mehreren Früchten gemischte Kaltschale ruhig und bedächtig zu sich genommen hatte, stellte er fest, daß es so auch ging. Als dann aber Madame Rossignol eine mit Zahncreme bestrichene Zahnbürste in seinen Mund hineinfuhrwerken ließ und das Putzwerkzeug telekinetisch oder durch Selbsttätigkeitszauber keinen Zahn von ihm ausließ und schrubbte, bis er den Schaum übers Kinn rinnen fühlte, hoffte er darauf, schnell wieder aus diesem Streckverband rauszukommen.

Am Nachmittag stellte sich dann Madame Faucon zusammen mit Millie und Professeur Dirkson bei ihm ein. Millie meinte: "Professeur Dirkson war ziemlich blaß, als sie dich aus der Klasse befördert hat. Stimmt das, daß du zu diesem Flüssigwerdezauber auch einen zum Aufheben der Schwerkraft gebracht hast?" Julius hätte gerne genickt. Doch er konnte es nicht. so bejahte er es. Madame Faucon sah Julius an und sagte: "Ich habe der Kollegin Professeur Dirkson lediglich beteuert, daß Sie nicht bei dem Psychopathen Tom Riddle in die Lehre gingen. Aber wagen Sie es nie wieder, sie oder mich derartig zu erschrecken! Ich habe der Kollegin zugesichert, daß Sie ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit berichten mögen, wie und woher Sie die leichtsinnige Eingebung hatten, Ihren Körper schwerelos zu machen. Bitte berichten Sie, damit meine Kollegin nicht unter Selbstvorwürfen und übermäßiger Neugier ihre Pflichten vernachlässigt!" Julius gab sich einen Ruck. Professeur Dirkson würde es nicht weitererzählen können. So erwähnte Julius in wenigen Sätzen, daß er durch besondere Umstände Zugang zu einem Ort erhalten habe, an dem konservierte Seelen von Zauberern aus dem vergessenen Reich überdauerten und einer von ihnen ihm diesen Flugzauber beigebracht habe, um für den Fall, daß er mit Hinterlassenschaften aus dem alten Reich zu tun bekäme beweglicher zu sein. Das war zwar nicht ganz die Wahrheit, die Professeur Dirkson hören wollte, weil er die Skyllianri, Temmie und seine Reisen zu der Himmelsburg unter den Tisch fallen ließ. Madame Faucon genügte diese Auskunft zumindest. Professeur Dirkson bohrte jedoch nach, wann und von wem und warum er diesen Zugang erhalten habe und wo dieser Ort genau sei. Julius atmete erst durch. Dann erwähnte er, daß er eine Aufgabe hatte erledigen müssen, bei der er mit einem Artefakt des Alten Reiches in Berührung gekommen sei und dadurch auch Zugang zu einem anderen Artefakt bekommen habe, mit dem er einen schnellen Weg in die Stadt finden konnte, die offenbar als Aufbewahrungsort des Wissens und Kriegsgerät gegründet worden sei und daß dort Magier aller Gesinnungen und Ausrichtungen in menschengroßen Zylindern überdauert hätten und miteinander in Verbindung ständen, so daß sie sich nicht langweilen konnten. Als Professeur Dirkson fragte, was für eine Aufgabe das gewesen sei rief Auroras Bild-Ich aus dem Sprechzimmer: "Eunice, sei nicht so neugierig! Der Junge darf dir nicht alles erzählen. Lass ihn bitte!"

"Hämm-ämm, Mademoiselle Dawn", setzte Madame Faucon an. Doch dann nickte sie und vollendete ihren Satz: "freut mich zu hören, daß Sie und meine neue Kollegin sich noch so gut verstehen. Danke für Ihren berechtigten Einwand."

"Na toll, dann bin ich jetzt ein wenig schlauer, Madame Faucon", knurrte Professeur Dirkson. "Gut, Monsieur Latierre wird hoffentlich erkannt haben, daß dieser Flugzauber bei der Autoliquifikation sehr hinderlich um nicht zu sagen tödlich verlaufen kann. Ich muß jetzt auch wieder weg, zum Unterricht. Erholen Sie sich gut. Ihre Klassenkameraden haben die Hausaufgaben bis nächsten Montag. Ich hoffe, Sie können sie noch erledigen. Bis dann!" Sie winkte ihm zu und verließ mit der Schulleiterin und Millie den Krankenflügel.

Julius hatte zunächst versucht, das große Geschäft zu vertagen. Doch als es ihn arg zwickte ließ er auch die unverdaulichen Reste unter sich und fühlte keinen Druck und kein unangenehmes Gefühl, etwas zwischen den Beinen zu haben, was dort nicht angewachsen war. Er fühlte nur, wie die Zauberwindel sacht pulsierte, bis er alles losgeworden war, was sein Körper nicht mehr weiterverwerten konnte. Schon eine praktische Vorrichtung und nicht so erniedrigend, daß er meinte, zum Säugling zurückgestuft worden zu sein. Dabei dachte er wieder an das große Kinderbett, in dem er in Madame Maximes Schlafraum drei Monate lang die Nächte verbracht hatte. Vielleicht sollte er seine Schwiegertante Béatrice oder Hera Matine fragen, ob er nicht doch zu den Heilern gehen konnte, Schwerpunkt Säuglings- und Kleinkindpflege. Doch das verwarf er schnell wieder, weil er erst einmal zusehen wollte, das laufende und das kommende Schuljahr zu überstehen. Wenn er so weitermachte wie heute morgen konnte er glatt in arge Probleme geraten. Und wenn ihm das alte Erbe Altaxarrois noch weiter alles mögliche abforderte war fraglich, ob er überhaupt einen geregelten Beruf ergreifen konnte.

Um ihm und sich die Zeit zu vertreiben sprachen Madame Rossignol und er über die ihm verabreichten Zaubertränke und die Reise zur Himmelsburg. Julius hatte ihr von Vailadorats Tod in silbernen Flammen und von den Gefechten erzählt und ihr beschrieben, was er über echte oder erfundene Energiestrahlwaffen wußte. Irgendwie schaffte es die Heilerin, ihm ganz ohne direkte Anweisung einen Stehgreifvortrag über Laser und wozu diese alles eingesetzt werden konnten aus Hirn und Mund zu locken. Sie notierte sich für sie wichtig erscheinende Punkte, vor allem, als er über die medizinischen Anwendungen sprach.

"Womöglich haben die damals schon Verfahren benutzt, freies Sonnenlicht in bestimmten Kristallen zu verdichten und durch entsprechende Mechanismen wieder freizusetzen. Du kennst doch die Feuerperlen. Diese sammeln ja auch Sonnenlicht und geben es im Dunkeln in dosierter Menge wieder ab. Und die relativ neumodischen Sonnenlichtlampen wirken nicht anders, wobei hier eine größere Menge reinen Goldes verwendet wird, was die Artefakte auch materiell sehr kostspielig macht. Und du hast wirklich einen Behälter gesehen, in dem der Stoff für das Tausendsonnenfeuer enthalten sein sollte?"

"Ja, habe ich. Das hat meine Befürchtung bestätigt, daß die Altaxarroin das herstellen konnten, was Muggelwissenschaftler Antimaterie nennen, eine Zustandsform der Materie, bei der die elektrischen Ladungen der Grundbausteine umgekehrt angeordnet sind, so daß sie bei Berührung mit gewöhnlicher Materie zu reiner Energie zerstrahlen und dabei eine heftige Zerstörungskraft freisetzen", sagte Julius. "Ich weiß nur nicht, wie man so einen gefährlichen Stoff lange lagern kann. Die Wissenschaftler der Muggel meinen, sowas könne nur in einem starken Magnetfeld bei größtmöglicher Leere im Behälter gehen."

"Das kann dir Monsieur Dusoleil sicher auch sagen. Aber es gibt einen Zauber, um tote Körper auf Abstand zu halten, den Inhibitactus-Zauber. Damit wird normalerweise verhindert, daß Säuren oder glühende Körper oder Gase eine Wand oder einen Behälter zerstören. Aber ich kann mir vorstellen, daß ein damit behandelter, luftleerer Behälter, mit diesem Zauber belegt werden und eine geringe Menge dieses brandgefährlichen Stoffes aufnehmen kann, ohne daß eine Bewegung des Behälters eine ungewollte Berührung bewirkt. Weißt du zufällig, wie das Verhältnis zwischen Stoffmenge und freiwerdender Zerstörungskraft ist?"

"Ziemlich heftig", erwiderte Julius und erzählte ihr was von Einsteins Massen-Energie-Gleichung und das ein Gramm Antimaterie bei Berührung mit genausoviel Normalmaterie die Vernichtungskraft zweier Atombomben erzeugen könne, wie eine alleine die japanische Stadt Hiroshima zerstört habe. Er schloß mit der Feststellung: "Also ich möchte es nicht erleben, daß jemand auf der Erde, Muggel oder Magier rausfindet, wie das Zeug ohne großen Energieaufwand hergestellt werden kann. Denn dann können wir unseren Planeten gleich über die ganze Galaxis verteilen. Muggel müßten jedenfalls genauso viel Energie in die Herstellung davon stecken, wie in einer Menge Antimaterie enthalten ist. Das lohnt sich also nicht, zum Glück, will ich meinen."

"Leider wissen wir zwei, daß die nichtmagische Energieerzeugung eingeschränkt ist und es in der Magie Mittel gibt, unerschöpfliche mechanische Arbeit, stetige Hitze- oder Lichtquellen zu erschaffen. Insofern gebe ich dir recht, daß dieses Tausendsonnenfeuer besser unerforscht bleibt." Julius pflichtete ihr bei.

Weil er nach dem trinkbaren Abendessen keine weiteren Sachen machen konnte bat er darum, etwas früher schlafen zu können. So erhielt er eine mit den anderen Tränken zusammenpassende Dosis eines traumtoleranten Schlaftrankes, der bis morgen um sieben vorhalten würde.

 

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Um Julius' Geist in Bewegung zu halten gab Madame Rossignol ihn durch frei in der Luft hängenden Büchern auf, sich wichtige Rezepturen für Zaubertränke zu merken und ihr auf Anfrage wiederzugeben. Außerdem las sie ihm aus den beiden Zaubererzeitungen und der französischen Ausgabe des Heilerherolds vor. Dabei war auch ein Artikel, der Julius schlagartig voll konzentriert zuhören ließ. Es ging um Leda Greensporns Baby. Es wurde erwähnt, daß es zu einem Angriff auf die junge Mutter gekommen sei. Es stehe zu vermuten, daß die Erbin Sardonias versucht habe, Ledas Kind umzubringen, weil sie vermute, es handele sich um eine Ausgeburt eines mächtigen Zauberers, die nur deshalb erzeugt worden sei, um eine potentielle Gegnerin zu züchten. Ein Heiler namens Vespasian Röhrling aus Braunlage in Deutschland streute ein, daß Leda womöglich mit der Keimflüssigkeit eines Ruster-Simonowsky-Zauberers experimentiert habe. Zwar kenne er nur zwei, die derartig begabt seien, was aber nicht heiße, daß es nicht noch mehrrere unveröffentlichte Träger großer Zauberkraft gebe. Dies wurde jedoch in derselben Ausgabe von Eileithyia Greensporn, Ledas Großmutter, abgestritten. "Ich kann mit absoluter Sicherheit ausschließen, daß meine Urenkelin das Produkt eines der Heilzunft verbotenen Experimentes ist. Ich verbitte mir auch im Namen meiner Enkeltochter und Urenkelin jede weitere Spekulation über Lysitheas Erzeugung. Nur so viel: Sie wird nach dem versuchten Anschlag bis zur Oberschulreife an einem durch Geheimhaltungs- und Feindeswehrzaubern geschützten Ort aufwachsen. Nur für alle, die meinen, meine Enkeltochter als eine Art öffentliches Eigentum und Abart der Zaubererwelt zu sehen, weil sie jenseits der sechzig Jahre ein Kind geboren hat. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit", verlas Madame Rossignol die Stellungnahme ihrer altehrwürdigen Kollegin. Julius wollte schon fragen, was genau mit der achso diskutierten Tochter Ledas passiert sei. Doch dann fiel ihm ein, daß bestimmt etwas ganz anderes passiert war, aber die werte Eileithyia davon entweder nichts wußte oder es nicht in die Öffentlichkeit hinausposaunen wollte oder durfte. Konnte es sein, daß der Angriff auf Lysithea eine Verbindung zwischen ihr und Tourrecandide hergestellt hatte? Dann war die Frage, wie sich diese Verbindung ausgewirkt hatte. Jedenfalls konnte man die Kleine wohl deshalb nicht weiter in der Öffentlichkeit herzeigen, ihr Aufwachsen begleiten und andauernd nachhaken, wessen Kind sie jetzt eigentlich war. Er fragte die Schulheilerin noch einmal zu Zaubern wie Iterapartio und Transgestatio. Sie erkannte wohl, wohin seine Gedanken wanderten und erwiderte:

"Sagen wir es so: Wenn eine Hexe öffentlich nachprüfbar ein Kind gebiert, ist sie dessen Mutter. Transgestatio wird nur in Notfällen erlaubt, wenn das Wohl von Mutter und Kind aufs Höchste gefährdet wird, und der Iterapartio-Zauber setzt gegenseitiges Vertrauen und den gegenseitigen Wunsch nach der damit erzielten Verbindung voraus, kann also nicht von dunklen Hexen oder Zauberern auf ihnen feindlich gesinnte Leute angewendet werden. Vielleicht hätten wir diese Maßnahme bei dir ergreifen müssen, als dieses tückische Gift dich fast zu einem dieser Schlangenungeheuer gemacht hätte. Dann hätte aber wohl Madame Maxime die Empfängerin deiner Lebensessenz sein müssen, und ob du ihr auch ohne die dich betreffende Veränderung derartig vertraut hättest weiß ich nicht. Ich bin froh, daß wir dich auch so aus dem Bann des Giftes lösen konnten." Dann erwähnte sie noch einmal, daß ein durch magische Vereinbarung wiedergeborener alle Rechte und Besitztümer aus dem früheren Leben verlor und unter neuem Namen aufwachsen mußte. Dann sagte sie noch: "Du denkst, dieser Überfall auf Kollegin Greensporns Tochter stehe im Zusammenhang mit Professeur Tourrecandides Verschwinden. Da bist du wohl nicht alleine, Julius. Aber da du von dieser Sache nicht betroffen bist solltest du dir auch keine Gedanken darüber machen."

"Wenn das was mit den alten vier Zaubern zu tun hat bin ich aber daran beteiligt, wenn auch nicht ganz direkt", widersprach Julius der Heilerin. Diese nickte schwerfällig. Dann antwortete sie:

"Ja, aber das müssen die, die über Ledas Kind und Professeur Tourrecandides Verschwinden spekulieren nicht wissen. Also behalte diese Ansichten besser für dich!" Julius kapierte es. Dann las sie ihm noch einen Artikel von Aurora Dawn vor, der sich mit den Auswirkungen der Radiointoxikation befaßte und allen in der Nähe von Uranbergwerken lebenden Zauberern und Hexen riet, regelmäßig den von Tim Preston entwickelten Radiopurifikationstrank einzunehmen. Den hatte Anthelia jetzt nicht mehr nötig, dachte Julius. Denn wenn sie körperlich mit Naaneavargia verschmolzen war, schützten sie nun die Tränen der Ewigkeit vor dem Verfall. Das sagte er auch der Heilerin von Beauxbatons.

"Bisher hat sie sich nicht gezeigt, und ich glaube auch nicht, daß sie sich öffentlich zeigt und zugibt, jetzt in einem anderen Körper zu leben." Julius stimmte ihr da zu. Mehr gab es dazu erst einmal nicht zu sagen.

So verflog der Tag. Da Julius an und für sich schon wieder hergestellt war und nur noch eine Stunde Bewegungsübungen machen müsse, aber wegen des Quidditchtrainings Gefahr lief, sich zu überfordern, hielt ihn die Heilerin mit Erzählungen aus ihrer Schulmädchenzeit bei Laune und beantwortete auch seine Fragen, wie sie zur Heilerausbildung gekommen sei. Dann war auch schon wieder Abend. Millie besuchte Julius nach dem Abendessen, bevor sie ins Zauberwesenseminar ging, wo sie heute über Veelas sprechen würden. Léto sollte wieder als Gast auftreten. "Fleur Weasley kommt auch, hat Professeur Delamontagne mir erzählt. Gut, daß du gerade hübsch verpackt und gesichert bist. Bin mal gespannt, wie die anderen Jungs, die sie letztes Jahr nicht gesehen haben, auf zwei Velastämmige fliegen. Zumindest bin ich beruhigt, daß du hier bist", erwähnte Millie mit gewisser Verachtung in der Stimme. Julius erwiderte, daß es letztes Schuljahr doch wunderbar geklappt hatte, ihn nicht hinter Fleurs Großmutter herlaufen zu lassen. Sie tätschelte ihm die rechte Wange und meinte: "Die ist auch zu alt für dich. Die würde dich nur langweilen. Bis morgen, Süßer!"

"Träum von mir, Süße", grüßte Julius zurück.

"Wirst du mitkriegen, wenn ich dich in meinem Traum habe, Julius", säuselte sie und ließ dann von ihm ab. Madame Rossignol sah ihr nach und meinte: "Das wird dir im Moment sehr viel Spaß machen. Aber bei der wirst du immer gut in Form bleiben müssen, wenn sie ihrer Großmutter mütterlicherseits nachschlägt, Jungchen. Morgen darfst du wieder aufstehen. Dann machst du eine Runde Gymnastik, um wieder ein Gefühl für deine Glieder und Knochen zu kriegen. Dann kann ich dich morgen Nachmittag wieder entlassen. Schlaf gut!"

"Sie auch!" Wünschte Julius zurück.

 

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In der Nacht träumte er, er stehe wieder vor Temmie. Er konnte nun sehen, daß sie wesentlich fülliger aussah als sonst. Die nun etwas mehr als ein Jahr andauernde Trächtigkeit hatte ihren Unterbauch sichtbar gerundet, und ihre Beine wirkten etwas säulenartiger als sonst. Doch sie schien mit ihrem körperlichen Zustand so keine Probleme zu haben. Er hörte ihre wie ein angestrichenes Cello klingende Stimme in seinem Kopf, während sie laut aber ruhig atmete. "Ich wußte, daß du noch einmal zu Ailanorars Himmelsfestung geholt würdest. ich habe den Flug der Wolkenhüter wahrgenommen, als sie über dem Land suchten. Aber ich konnte dir leider nicht so helfen wie damals", klangen ihre Worte.

"Du hast aber Millie das Zauberwort zugerufen, mit dem ich mir die ganzen erschreckenden Täuschungen aus dem Kopf jagen konnte", erwiderte Julius. Temmie sah ihn an und erwiderte in seinem Geist:

"Das war das einzige, was mir mit dem Kind in mir noch möglich war. Hast du Ailanorars Stimme aus der Festung geholt?" Julius bejahte es, schickte aber gleich hinterher, daß er sie nicht bei sich trug und lieber sicher versteckt hatte. Dann erwähnte er, was Ailanorar ihm verraten hatte. Temmie schnaufte. Dann meinte sie: "Dann wird Naaneavargia nun, wo sie mit einer in dieser Zeit geborenen inneres und äußeres Selbst teilt nach den Dingen suchen, die aus meiner früheren Heimat stammen. Meine Krone, welche du in diesem Land von Slytherin trugst, ist noch gut verwahrt und kann nicht von unterworfenen Menschen ergriffen und aus dem Versteck gezogen werden. Und meines ärgsten Gegners Hinterlassenschaft, das Auge der völligen Finsternis, wird sie sicher nicht zu suchen wagen. Denn es wird nicht unterworfen, sondern unterwirft den oder die, welcher oder welche es erblickt. Aber es mag noch genug von den Sachen geben, die die großen Hüter und Träger der Kraft auf der Erdkugel versteckt haben. Ich weiß nicht, von welchen Dingen Naaneavargia erfuhr, bevor ihr Bruder sie in seiner roten Festung einschloß. Jedoch ist allen gemeinsam, daß sie vom inneren Selbst dessen bewohnt werden, der oder die den Träger der Macht erschuf, wie der Stein der Madrash Ghedon, Yanxothars Feuerklinge, Ailanorars Stimme oder der unlleerbare Krug der Aiondara." Julius hörte genau hin, was Temmie ihm offenbarte. Es gab also noch mehr alte Gegenstände. Wie viele es genau waren wußte auch Darxandrias neues Ich nicht mehr. Auch konnte sie nicht ausschließen, daß die meisten davon doch mit Altaxarroi untergegangen sein mochten. Doch wenn er Iaxathans Hinterlassenschaft, ihre Kettenhaube, die sie als ihre Krone bezeichnete und die mit Namen erwähnten Sachen zusammenzählte kam er schon auf sechs uralte und bestimmt übermächtige Artefakte, die alle von den Seelen ihrer Schöpfer bewohnt wurden. Ailanorars Stimme hatte er nun sichergestellt. Das Flammenschwert des Feuermeisters Yanxothar hatte Voldemort einige Zeit lang gehabt, bevor ihm jemand es abgejagt hatte und da versteckt hatte, wo nur er drankommen konnte. Was diesen Stein der Madrash Ghedon und diesen unleerbaren Krug anging, so könnte die Verschmelzung aus Anthelia und Naaneavargia davon wissen und danach suchen. Das sollte er Madame Faucon besser mitteilen. Dann fragte er, ob Temmie wisse, was mit Professeur Tourrecandide geschehen sei. Sie entgegnete darauf, daß sie nur vermuten könne, daß sie den Platz einnehmen mußte, von dem sie jemanden verdrängt habe. Das wiederum faßte Julius als Bestätigung für seine heimliche Vermutung auf. Doch er konnte und durfte das nicht laut mit anderen diskutieren. Madame Rossignol hatte recht, daß er sich damit zur Zielscheibe für alle möglichen Interessengruppen machte, vom Zaubereiministerium bis zu Anthelias Hexenschwestern und möglicherweise noch frei herumlaufenden Todessern. Temmie riet ihm, seinen Vertrauten zu erzählen, daß es noch mehr Gegenstände des alten Reiches gebe und die mit Naaneavargia vereinte danach suchen mochte. Dann entließ sie Julius zurück in seine eigenen Träume.

 

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Es war eine echte Befreiung, als Madame Rossignol ihm am nächsten Morgen die Ganzkörperbandage abnahm. Er fühlte zwar keine Schmerzen mehr, weil die dosierten Heiltränke seine geschundenen Nerven- und Muskelstränge vollständig geheilt hatten. Doch ihm war schwindelig, weil er mehr als einen Tag gelegen hatte. Druckstellen fand er aber nicht. Das lag an dem Krankenbett, das sich den Konturen seines Benutzers anpassen konnte, wenn dieser sich nicht selbst drehen konnte, wußte Julius. Er staunte eher über die fast noch blütenweiße Windel, die ihm Madame Rossignol abnahm. Sie zeigte ein paar gelbe und braune Stellen, verströmte aber keinen unangenehmen Geruch. Dennoch entsorgte die Heilerin sie mit einem speziellen Auflösungszauber in einem Eimer und ließ den so entstandenen Rest vollständig verschwinden. "Hoffentlich weißt du noch, wie man eine Toilette benutzt", scherzte sie, während sie Julius mit einem Körperreinigungszauber bearbeitete, der ihn wie mit unsichtbaren Schwämmen und einer Wolke aus warmem Wasser umwirkte. Dann durfte er sich wieder anziehen. Eine Stunde lang machte er unter Anleitung der Heilerin Bewegungsübungen, bei denen er erst behutsam und dann auf volle Leistung seine Beweglichkeit und Ausdauer auslotete. Als er dann keinen Schwindel mehr fühlte und ziemlich gut erhitzt vor der Heilerin stand meinte diese: "Gut, dann können wir festhalten, daß du dich vollständig erholt hast und wieder unterrichstauglich bist, Julius Latierre. Und falls du noch mal meinst, irgendwelche Zauber miteinander kombinieren zu können, die deinen Körper betreffen, könnte ich anfragen, ob deine vorzeitige Volljährigkeit nicht doch verfrüht zuerkannt wurde, Jungchen. Also paß gut auf dich auf!" Julius versprach es. Zwar hätte er jetzt noch frech einwenden können, daß sie ihn dann ja komplett für unzurechnungsfähig erklären müsse, wie das bei Volljährigen in der magischen und nichtmagischen Welt möglich war. Doch er wollte sie nicht auf solche Ideen bringen. Denn er war froh, wieder auf eigenen Beinen stehen und die Arme frei bewegen zu können.

Millie freute sich sehr, ihren Mann wiederzusehen, als er mit den anderen, die bereits Unterricht gehabt hatten zum Mittagessen ging. "Wenn sie dir alle Aufgaben bis nächste Woche auf den Tisch knallen wünschst du dir wohl, daß die werte Madame Rossignol dich noch etwas länger behalten hätte", meinte sie schnippisch, als Julius fragte, ob er viel verpaßt habe. So meinte er, daß er sich ja darauf berufen könne, sie nicht alle rechtzeitig machen zu können, wenn er welche auslassen mußte. Doch er war froh, daß er wieder voll einsatzfähig war.

 

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Am Donnerstag nachmittag versammelte Professeur Fourmier ihre Sechstklässler am roten Ausgangskreis für die magische Reisesphäre. "Wie am Montag verkündet werden wir heute in das magische Reservat für Tierwesen der Gefahrenklasse XXXX und höher in den Pyrenäen reisen, wo wir drei Mantikore betrachten werden. Zwar befinden sich die Exemplare in magischen Umzäunungen und können nicht ohne Hilfe von Hexen oder Zauberern heraus. Dennoch weise ich Sie alle noch einmal darauf hin, daß diese Wesen äußerst gefährlich sind und Sie tunlichst zwei Schritt Abstand von den markierten Umfriedungen einzuhalten haben. Wer meint, über einen der Zäune klettern zu müssen verwirkt sein Leben. Auch ist es verboten, daß andere als die dort tätigen Wildhüter die dort gehaltenen Exemplare füttern. Mantikore sind äußerst gefährliche Kreaturen, nicht nur wegen ihrer körperlichen Eigenschaften, sondern vor allem, weil sie menschengleiche Intelligenz besitzen. Es kam schon oft genug vor, daß Zauberer sich von der beredsamkeit eines Mantikors haben einlullen lassen, um im nächsten Moment in dessen Magen zu landen. Also bleiben Sie auf der Hut und halten Sie immer gebührenden Abstand zur Einfriedung!" Dann sah sie Julius Latierre an: "Für Sie, Monsieur Latierre, wir hatten am Montag alle in der Zaubereigeschichte erwähnten Vorkommnisse mit den Mantikoren und wo die Gefahr besteht, solchen Wesen in freier Wildbahn begegnen zu können. Ihre Klassenkameraden werden Ihnen sicherlich behilflich sein, die daraus resultierende Hausarbeit bis nächsten Montag ordentlich verfassen zu können." Julius nickte. "So", wandte sie sich dann wieder der ganzen Klasse zu: "Da ich Sie nun erneut und eindringlich genug auf die unbedingt zu befolgenden Sicherheitsregeln hingewiesen habe, werden wir nun über Paris in das Reservat überwechseln." Sie rief eine Reisesphäre auf, die sie alle erst in die Hauptstadt trug. Danach beschwor sie eine zweite magische Lichtblase, in der sie in die südlichen Pyrenäen im französischen Teil des Baskenlandes überwechselten. Dort trafen sie einen stämmigen Zauberer mit verstruweltem schwarzen Haar und graublauen Augen, der einen weiten, grasgrünen Umhang mit einem Abzeichen trug, das eine goldene Kralle auf blutrotem Grund zeigte. Er stellte sich der Klasse als Georges Lerouge vor und erwähnte, daß er der Chef aller zwanzig hier arbeitenden Pfleger sei. Dann wiederholte er mit seiner leicht angerauhten Baritonstimme noch einmal die von Professeur Fourmier erläuterten Verhaltensregeln und fragte in die Runde: "Welche Tierwesen der höchsten Gefahrenstufe kennen Sie außer den Mantikoren?" Professeur Fourmier nickte und blickte in die Runde. Millie, Belisama, Sandrine, Gérard und Julius hoben die Hand. Sandrine sollte antworten und zählte neben dem Mantikor Drachen, Acromantulas, Letifolden und Basilisken auf. Millie ergänzte die Liste noch um die Chimäre. Der Wildhüter erwiderte, daß sie hier in diesem Reservat keine Drachenhätten, weil diese doch einen großen Lebensraum bräuchten. Oben in der Bretagne gäbe es ein sicheres Reservat für die in Frankreich heimischen Drachenarten. Hier hätten sie jedoch einige Acromantulas und sogar in einem unzerbrechlichen Terrarium drei Letifolden, die jedoch eine ständige Temperatur von mindestens fünfundzwanzig Grad Celsius brauchten, um aktiv zu bleiben. Aber heute gehe es ja um den Manntikor, von denen sie es in den letzten zwölf Jahren geschafft hätten, vier Stück zu halten. Dann fragte er die Lehrerin, ob sie ihre Schüler dahingehend unterrichtet habe, wie Mantikore lebten, sich Fortpflanzten und wovon außer Menschenfleisch sie sonst noch leben konnten. Julius durfte dann erwähnen, daß Mantikore zwar faustgroße, dunkelbraune Eier mit lederartiger Schale legten wie Reptilien, die daraus schlüpfenden Jungen jedoch säugten. Allerdings würden die zehn bis zwanzig Jungmantikore sich nach und nach gegenseitig umbringen, ob mit den früh genug Gift ausbildenden Stachelschwänzen oder ihren Reißzähnen. Hier galt, wer schneller wuchs und die anderen früh genug umbrachte überlebte. Dadurch prägten sich die Mantikore als äußerst Brutale Wesen, die jedoch mit dem Wachstum auch eine große Geduld entwickelten. Am Ende blieb nur ein Junges am Leben. Es lernte von der Mutter, bei der es bis zur Geschlechtsreife in sieben Jahren blieb, zu sprechen und wie man arglose Menschen durch vertrauenserweckende Wortwahl in Sicherheit wiegen konnte, wenn der Hunger noch nicht so groß war, daß sie einen Menschen aus dem Hinterhalt heraus ansprangen und töteten. Da es ausschließliche Einzelgänger waren mußte ein junger Mantikor bei Erreichen der Geschlechtsreife zusehen, möglichst weit von der Mutter fortzukommen, wenn sie ihn nicht umbringen und fressen wollte.

"Auf dem Balkan, vor allem im südslawischen und griechischem Raum, wo sie ursprünglich herkommen, stehen Mantikore in ständiger Rivalität mit Sphinxen, Hydren und Chimären, weshalb sie manchmal auch Menschen helfen, die anderen Ungeheuer zu bekämpfen, um ihr Revier für sich zu haben", erwähnte Wildhüter Lerouge. "Durch ihr einzelgängerisches Leben kommt es zu unserem Glück nur alle fünf bis zehn Jahre vor, daß sich zwei gerade in Paarungsstimmung befindliche Exemplare treffen. Das Männchen muß dann aber sehr rasch nach erfolgreicher Begattung das Weite suchen, ähnlich wie bei den meisten Spinnentieren. Denn sonst könnte seine Partnerin befinden, mit seinem Fleisch das Eiweiß für ihr Gelege anzureichern. Da Mantikore alle Nutztiere fressen, die der Mensch in seiner Entwicklung gezüchtet hat, können wir sie aber gut mit Schweinen, Rindern und Schafen satthalten, wenngleich sie natürlich gerne mal einen von uns erwischen würden."

"Wie können Sie einen angreifenden Mantikor zurückschlagen?" Wollte Leonie Poissonier wissen.

"Wenn er uns eine Sekunde Zeit läßt mit dem Sensofugatus-Zauber, der eine kurzfristig betäubende Lärm- und Blendwirkung ausübt. Dauerhafte Schockzauber wirken nur für wenige Sekunden bis wenige Minuten. Es kam schon einmal vor, daß ein Mantikor sich wehrlos gestellt hat, um einen Zauberer in Sicherheit zu wiegen und ihn in dem Moment mit seiner Pranke niederstreckte, als der versuchte, dem Mantikor Fesseln anzulegen. Magische Seile reißen nämlich, weil in den Mantikoren etwas ist, was jede rein magische Fesselung zerstört. Das gilt auch für magische Eisenketten. Um einen Mantikor dauerhaft zu betäuben muß man ihm mit Tiefschlafelixier angereichertes Frischfleisch anbieten. Da wir die drei Mantikore, die wir haben, quasi in unserem Reservat gezüchtet haben, mußten wir bisher nicht solche Versuche unternehmen. Die Kollegen auf dem Balkan haben es jedoch hinbekommen, Schweinen kleine Phiolen mit Tiefschlafelixier in die Mägen zu praktizieren und diese dorthin zu treiben, wo ein Mantikor gesichtet wurde. Allerdings lernen diese Geschöpfe und scheuen nicht davor zurück, abgelegene Dörfer heimzusuchen und Kinder daraus zu entführen, mit denen sie dann freiwillige Menschenopfer von den bewohnern erpressen. Die müssen dann am Ende doch getötet werden, sofern man Zeit hat, ihnen einen Pfeil oder den tödlichen Fluch entgegenzuschicken. Es kam in England einmal zu einer Anklage gegen einen Mantikor, der ein Dorf entvölkert hat. Er war aus einem Ei geschlüpft, das ein magischer Tierwesenexperte zu Studienzwecken aus Istrien mitbrachte. Man konnte den Mantikor zwar einfangen. Doch als er vor den Ausschuß zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe gebracht wurde, drohte er, daß er jeden umbringen würde, der ihm zu nahe käme. Weil er den Transportkäfig immer mehr beschädigte, ließ man ihn frei. Er floh nach Cornwall, wo die Zauberer einen Muggelabschreckzauber bewirkten, damit dort niemand mehr hinginge. Um den Mantikor zu hindern, wieder zu Menschen hinzulaufen postierten sie Wachen auf Bäumen in seinem Revier. Doch er schaffte es, diese nach und nach zu überwältigen und floh, weil ihn der Paarungstrieb übermannte, in seine Heimat. Vielleicht haben Sie ja schon von diesem Vorkommnis gehört." Außer Julius nickten alle. Julius war das ein wenig peinlich, weil das ja in seinem Ursprungsland passiert sein sollte. Doch er war ja nicht da, als die Lehrerin das wohl erwähnt hatte. "Sie sehen also", beendete Monsieur Lerouge seinen Vortrag, "daß diese Geschöpfe unbezähmbar und gerissen sind. Deshalb gelten ja die Sicherheitsregeln. So, und nun wollen wir uns die hier gerade so haltbaren Mantikore ansehen."

Julius mußte zugeben, daß diese Mischwesen schon sehr gruselig aussahen, wie sie da mit ihren sandfarbenen Löwenkörpern hinter den zehn Meter hohen Metallzäunen standen. Die langen Schwänze endeten in degenartigen Stacheln wie bei einem übergroßen Skorpion. Damit konnten sie wie mit einer wuchtigen Peitsche zuschlagen oder wie mit Lanzen zustechen. Die Köpfe waren die von Menschen mit langen, rotbraunen Zottelhaaren. Allerdings hatten sie geteilte Oberkiefer, so daß sie insgesamt drei bewegliche Zahnreihen besaßen. Julius erkannte, daß das eine Männchen, das sie hier hielten dunklere und dichtere Haare besaß, während die beiden weiblichen Exemplare seidenweiches, wenn auch ungekämmtes Haar trugen. Alle hatten goldbraune Augen, die die Besucher scheinbar freundlich anblickten. Als sie auf fünf Meter an den meterhohen Sicherheitszaun herangekommen waren, rollte das ihnen nächste weibliche Exemplar den tödlichen Stachelschwanz zusammen und legte ihn auf ihre Hinterhand. Dann trottete das Mantikorweibchen näher an den Zaun heran und sah die Schüler an. als sich Menschen und Mantikorin eine Minute lang begutachtet hatten schlug Monsieur Lerouge vor, daß einzelne Schüler nun ausprobieren sollten, mit dem Mischwesen zu sprechen, da es seine Sprachfertigkeiten nur dann zeigte, wenn es mit einzelnen Menschen in normaler Sprechweite alleine war. Deshalb also die Sicherheitsregeln, dachte Julius. Denn so ein Mantikor hatte es bestimmt schon raus, jemanden neugierig zu machen und dann immer leiser zu sprechen, so daß jemand näher an ihn herantreten mußte, um ihn noch zu verstehen. Da mußte er also drauf gefaßt sein. Er fragte sich zwar, warum ausgerechnet zwei Schritte Abstand nötig waren, erkannte jedoch, daß diese Bestie da mit ihrem Stachelschwanz locker anderthalb Meter oder mehr auslangen konnte. Da an den Stacheln Widerhaken waren, die der Mantikor durch Muskelkraft ausklappen oder im Stachel verborgen halten konnte, konnte das Ungeheuer ein damit getroffenes Opfer wie einen harpunierten Fisch an sich reißen oder einfach nur abwarten, bis es am Gift starb. Daß sie eingesperrt war wußte die Mantikorin. Also würde sie es eher darauf anlegen, einen zu nahe bei ihr stehenden durch die Zaungatter aufzuspießen und mit den Widerhaken zu sich hinzuziehen.

"Ich möchte zuerst!" Bot Julius an. Die anderen grinsten spöttisch, weil er sich vordrängte. Die anderen wollten offenbar nicht unbedingt wissen, ob ein Mantikor reden konnte. Da teilte Professeur Fourmier drei Gruppen ein. jede sollte, von ihr, Monsieur Lerouge und einem seiner Kollegen, der in der Nähe der Gehege stand beobachtet an die Ungeheuer herantreten. Julius bildete eine Gruppe mit Gérard und Apollo, während Millie mit Céline und Belisama eine Gruppe bildete. Offenbar, so befand die Lehrerin, würde die Andersgeschlechtlichkeit zwischen Mantikor und Mensch die Kommunikation fördern. Julius trat nun vor, die rechte Hand am Zauberstab, um im Zweifelsfall schnell damit handeln zu können. Als er auf vier Schritte heran war fühlte er ein sachtes Zittern in seinem Pflegehelferarmband. Von dieser Kreatur ging also eine gefahrvolle Ausstrahlung aus. Dann sah er dem Mantikorweibchen in die Augen. Er wußte, daß sie keine hypnotischen Kräfte hatten. Denn dann wären sie unbesiegbar. Sie lächelte ihn an, wobei die beiden unabhängig beweglichen Zahnreihen eine gerade weiße Reihe bildeten. Julius sagte nur: "Hallo!"

"Ich grüße dich, junger Mensch. Ist schon lange her, daß mich mal wer sehen wollte, der jünger war als dieser grüne da und seine Helfer", erwiderte die Mantikorin mit einer tiefen, dem Schnurren einer Katze ähnelnden Stimme. "Warum kommst du nicht näher, dann muß ich nicht so laut sprechen."

"Ich verstehe dich gut genug", erwiderte Julius ruhig. Er wollte keine Angst zeigen, diesem Wesen da klarmachen, daß er es einschätzen konnte und sich nicht von ihm einlullen lassen würde.

"Ich kann aber nicht so laut reden", erwiderte die Mantikorin ein wenig leiser als gerade noch. Julius grinste innerlich. Genau mit der Antwort hatte er ja gerechnet. So schätzte er schnell die Gesamtlänge des Stachelschwanzes ab und ging noch genau einen Schritt nach vorne. Dann fragte er laut: "Du weißt, wo du hier bist?"

"In einem Käfig", erhielt er die Antwort. "Die haben alle Angst vor mir und den beiden da in den anderen Käfigen, wo deine Freunde gerade sind. Warum eigentlich?"

"Weil ihr zu stark seid, als daß wir schnell genug vor euch weglaufen könnten", erwiderte Julius ruhig und behielt das gefährliche Fabelwesen genau im Blick.

"Verstehe, ihr sperrt uns ein, damit ihr uns nach Lust und Laune angucken könnt, weil wir ja sonst weglaufen könnten, nicht wahr?"

"Ganz genau", erwiderte Julius. Als wenn dieses Biest da nicht wüßte, daß er wußte, daß sie ihn mal eben zum Abendessen verputzen würde, wenn er in ihre Reichweite geriet. Schnell fragte er: "Hast du einen Namen?"

"Die in Grün sagen Muttertier zu mir. Aber das klingt ziemlich unfreundlich", schnurrte die Mantikorin nun so leise, daß Julius genauer hinhören mußte. Fast wäre er noch einen Schritt weiter nach vorne gegangen. Ja, das Biest wußte genau, wie es die anderen bequatschen konnte, ohne viel zu reden. Vorsichtshalber trat er einen Schritt zurück, worauf "Muttertier" näher an den Zaun trat und ihm belustigt entgegenblickte. "Magst du mich nicht ansehen? Du bist doch mit den anderen hier, um was von mir zu wissen, oder?" Fragte sie mit einer tief in seinen Geist eindringenden Betonung. Er erwiderte:

"Ich wollte nur wissen, ob du reden kannst. Die anderen sagen nämlich, daß du nur ans Essen denkst und kein Wort sprechen kannst, wenn du Hunger hast." Damit brachte er die Mantikorin doch glatt zum lachen. Sie schüttelte sich und ließ dabei ihren aufgerollten Schwanz lang werden.

"So, für so dumm halten die anderen Menschen mich also?" Fragte sie belustigt. "Wie soll ich denen denn sagen, wenn ich Hunger habe? Ihr seid echt merkwürdig."

"Die anderen, die nicht reden können brüllen oder heulen, um was zu essen zu kriegen", sagte die Mantikorin. Dann dämpfte sie wieder ihre Stimme fast auf Flüsterlautstärke und raunte: "Du möchtest sicher wissen, wie ich hierhergekommen bin, wo es hier nur drei von uns gibt." Julius unterdrückte den Drang, näher heranzugehen. Er fragte, ob sie das noch einmal etwas lauter sagen könne. Die magische Kreatur sah ihn bedauernd an und flüsterte die Antwort: "Ich kann nicht so laut reden, weil die beiden anderen sonst böse werden, weil die nicht wollen, daß ich das erzähle. Das ist nämlich ziemlich unangenehm, was uns passiert ist, verstehst du?" Julius verstand es gerade soeben noch. Er fühlte, daß er näher an die Umzäunung herantreten mußte, um die Mantikorin besser zu verstehen. Um das sprachfähige Ungeheuer aus dem Konzept zu bringen sagte er ruhig:

"Du bist aus einem Ei gekommen, das jemand hier in diesen Käfig reingelegt hat. Das weiß ich doch alles schon. Also warum solte mich das interessieren."

"Weil das eben nicht stimmt", schnurrte die Mantikorin. Julius grinste. "So, dann bist du aus dem Himmel heruntergefallen?" "Uuuneinnnn!" Knurrte die Mantikorin, bevor ihr klar wurde, daß sie besser wieder freundlich sprechen solte. "Ich bin da, wo meine Mutter mich hatte von so fiesen Menschen mit einem bitter schmeckenden Zeug hereingelegt worden. Das hat mich müde gemacht. Als ich wieder wach wurde war ich schon in diesem Käfig hier drin, nur weil die uns alle anglotzen wollen. Aber ich habe denen das verziehen, weil die mir alle paar Jahre die Möglichkeit geben, mich mit einem von den beiden anderen da zusammenzutun. Kennst du die Liebe, Junger Mensch?" Die Frage hatte sie so leise geschnurrt, daß Julius sich fragte, ob er das wirklich verstanden hatte. Doch er ging davon aus, es so und nicht anders verstanden zu haben und sagte "Ja, kenne ich. Macht viel Spaß, kann aber auch ziemlich weh tun, weil sie einen andauernd piesackt."

"Jaa!" Schnurrte die Mantikorin. "Und immer wieder muß ich mal mit einem von denen da zusammensein, um das richtig schön auszuleben. Die klauen mir aber danach immer die Eier, die ich danach legen muß. Weißt du, warum ich die legen muß?"

"Klar, weil da eure Kinder rauskommen. Aber es ist hier zu eng für so viele von euch. Deshalb dürft ihr die hier nicht behalten", erwiderte Julius, der krampfhaft daran denken mußte, es mit einer mörderischen Bestie und nicht mit einem interessanten Wesen zu tun zu haben.

"Aber ich habe doch Kinder", flüsterte die Mantikorin und deutete auf eine hügelartige Erhebung in ihrem Gehege und trottete dort hin. Julius fühlte, wie sein rechter Fuß sich anhob und fast den einen Schritt nach vorne tat. Gerade rechtzeitig zog er das Bein zurück und hüpfte einen weiteren Schritt nach hinten, während die Mantikorin sich schnell umsah. Für einen Moment stand ihr die Enttäuschung im Gesicht. Dann drehte sie sich ruhig um und kam zurück an den magischen Zaun.

"Willst du meine Kinder nicht sehen. Ich hole sie für dich heraus, damit du siehst, daß ich hier welche habe."

"Ich glaube es dir", erwiderte Julius. "Aber jetzt muß ich wieder zurück. Die anderen gucken schon so verärgert, weil ich mit dir so lange rede", sagte Julius und ging behutsam rückwärts. Dann winkte er der Mantikorin zum Abschied, drehte sich ruhig um und ging zu seinen Klassenkameraden zurück.

"Was war denn das?" Fragte Gérard. Julius sah den Wildhüter, der den Finger auf die Lippen legte. Dann deutete er auf Gérard, der sich nicht sicher war, ob er da wirklich hingehen sollte. Julius meinte nur: "Bleib bloß auf dem empfohlenen Abstand! Der Schwanz von der ist verdammt lang!" Gérard nickte und ging ruhig zur Mantikorin hin. Julius sah, wie Millie gerade straff vor dem Männchen stand, das ihr wohl nette Worte zuraunte. Doch sie blieb wie angewurzelt auf dem Mindestabstand und gab ihre Antworten. Dann schüttelte sie den Kopf, sagte was und zeigte dem Mantikor ihre Kehrseite. Mit lässigem Schritt entfernte sie sich vom Gehege.

"Die schon fertig sind bitte zwanzig Schritt Abstand nehmen und leise sein!" Befahl Professeur Fourmier, die Millie aus der Gruppe der anderen wegwinkte. Julius nickte der Lehrerin zu und eilte zu seiner Frau.

"Der hat mir einen zu erzählen versucht, daß er große, starke Mädchen liebt. Ich habe ihn gefragt, ob roh und ungewürzt, mit Senf oder gebraten. Da hat dieses Ungetüm gemeint, daß er in seiner Heimat nur kleine zerbrechliche Mädchen kenne, die immer laut schrien, wenn sie ihn sähen. Da habe ich den zumindest gefragt, ob er noch wisse, wie er hergekommen sei. Der hat mir was von einem Kampf erzählt und daß er einem Menschen seinen Goldschatz versprochen habe, wenn er ihn heilte und weit wegbrächte", faßte Millie ihr Interview zusammen. Julius nickte und erwähnte im Flüsterton, was die Mantikorin ihm erzählt und wie sie ihn zu ködern versucht hatte.

"Die hat gespürt, daß sie dich bei deiner Neugier packen könnte", grummelte Millie. "Das Männchen wollte mir imponieren. Aber das zog bei mir nicht. gehen die echt davon aus, daß wir nix über die erzählt bekommen?"

"Die denken, daß jeder, der sich zu ihnen hintraut irgendwann vergißt, wie gefährlich die sind. Wäre ich darauf eingegangen, an den Zaun ranzugehen, um zu sehen, ob die echt Junge hat, hätte die im nächsten Moment einen Satz nach hinten gemacht und mir ihren Giftstachel in den Leib gejagt. Ob ihr das was gebracht hätte weiß ich nicht, weil die Gatter doch eng genug beieinanderstehen."

"Ich denke auch, daß das Männchen wollte, daß ich es genauer ansehen wollte. Aber das ist ein Mantikor und keine Latierre-Kuh. Und selbst bei denen sollte man nicht zu nahe dabeistehen, wenn man die nicht richtig kennt." Julius nickte. Dann sah er die anderen. Gérard wandte sich bereits ab, weil ihn der Anblick der Mantikorin zu sehr verängstigte und hörte noch ihr erheitertes Lachen. Apollo trat vor und stemmte seine Hände in die Seite. Er wechselte mit der Mantikorin ein paar Worte. Dann zog diese sich zurück. Apollo schien jedoch arglos zu sein. Er sah ihr einige Sekunden zu, wie sie in ihr Gehege zurücktrottete und sich sogar auf den Bauch legte. Er unterschritt den Mindestabstand. Da schnellte der Leib der Mantikorin nach hinten. Ihr Stachelschwanz flog wie ein abgefeuerter Pfeil auf Apollo zu. Der hatte sich aber genau in dem Moment nach hinten überfallen lassen, als er auf Armlänge am Käfig heran war und landete auf dem Rücken. Sofort warf er sich auf die Seite und riß die Knie fast auf Brusthöhe heran. Da klatschte der Stachel genau da auf den Boden, wo er gerade noch gestanden hatte. Apollo schnellte aus dem Liegen heraus außer Reichweite des Schwanzes, der sich innerhalb einer Zehntelsekunde wieder aufrollte, während die Mantikorin geschmeidig gegen den Zaun sprang. Noch einmal schnellte sie ihren biegsamen Schweif durch eines der Gatter. Doch Apollo stand schon zu weit fort, um vom Stachel getroffen werden zu können. Da wurde er auch schon von Monsieur Lerouge am Kragen gepackt und weiter fortgerissen. Leonie bekam es wohl mit, was mit Apollo passierte. Sie hatte noch gesehen, wie Caro Renard auf das zweite Mantikormännchen zuging und peinlich genau auf den Abstand achtete. Doch jetzt sah sie Apollo, der sich eine Standpauke vom Wildhüter anhören mußte und spurtete zu ihm hinüber. Ansatzlos klatschte sie ihm auf jede Wange eine deftige Backpfeife. Das wiederum rief Professeur Fourmier auf den Plan. Die Lehrerin tat nur zwei Schritte. Diese gaben ihr jedoch so viel Schwung, daß sie förmlich zu den beiden Saalkameraden Mildrids hinüberflog.

"Toll, wem wollte der jetzt mit der Nummer imponieren?" Fragte Julius seine Frau. Diese sah Leonies wutrotes Gesicht, während Caro fast zu nahe an den zweiten Mantikor heranging und gerade noch rechtzeitig stoppen konnte. Sie wandte sich jedoch um, weil sie die nun folgende Mischung aus Leonies wütendem Gekeif, Lerouges dröhnendem Anpfiff und Professeur Fourmiers harscher Zurechtweisung hörte und schnell aus der Nähe des Mantikors lief, der ihr verächtlich hinterherbrüllte, daß sie ihn nicht hätte stören sollen, wenn sie so feige sei.

"Das war nicht nur leichtsinnig, sondern auch im höchsten Grade unvorbildlich, Monsieur Arbrenoir", hörte Julius die Stimme der Lehrerin. "Ich denke, dafür muß ich Ihnen eine gehörige Anzahl Strafpunkte zuteilen. Dasselbe gilt für Sie, Mademoiselle Poissonier. Handgreiflichkeiten gegen einen Mitschüler dulde ich in meinem Unterricht nicht. Wir kehren zurück nach Beauxbatons!"

"Der Bengel hat sich dem Mutterbiest ja förmlich zum Abendessen angeboten", bellte Lerouge zornig. "Wozu haben wir die Sicherheitsregeln, Bursche? Damit so'n imponiersüchtiger Typ weiß, wie er sie mißachten kann? Am besten laßt ihr euch von der Kollegin Fourmier noch mal beschreiben, wie Mantikormädels ihre frisch geschlüpften Kinder füttern, damit du es kapierst, was dir fast passiert wäre."

"Ich wollte nur wissen, wie schnell die aus dem Liegen hochkommt. Die hätte mich nicht erwischt", blaffte Apollo. Leonie riß wieder ihre Hände hoch um ihrem Freund zwei weitere rote Handabdrücke von sich ins Gesicht zu dreschen. Doch Professeur Fourmier bekam ihre Handgelenke zu fassen und hielt sie scheinbar locker fest. Doch Julius konnte sich ausmalen, daß sie mit der Kraft von Schraubstöcken festhielt, wenn sie das wollte.

"Neh, die hätte dich nicht erwischt, Burschi!" Stieß der Wildhüter verächtlich aus. "Das hättest du wohl auch gedacht, wenn sie dich fein durchgekaut in ihrem Bauch gehabt hätte, wie? Am besten ist das hier Schluß, Agrippine."

"Stimme ich vollkommen zu, Georges. Alle antreten zur Heimkehr. Bedanken Sie sich bei den Herrschaften Arbrenoir und Poissonier, wenn Sie keine praktischen Erfahrungen mit den hier gehaltenen Mantikoren machen konnten! Abmarsch!"

Die meisten waren nicht ganz so enttäuscht, jetzt schon wieder von diesen gefährlichen Wesen wegzukommen. Céline, die nach Caro dran gewesen wäre, meinte zu Julius und Millie: "So toll sind diese Biester nicht, daß man mit denen unbedingt reden muß. Und Euer Saalkamerad ist ein Idiot, Millie!"

"Weißt du, was die dem erzählt hat, daß er diesen Blödsinn abgezogen hat, Céline?" Schnarrte Millie, die Céline zwar rechtgeben mußte, dies ihr aber nicht in den Kram paßte.

"Jetzt keinen Krach, die Damen", schritt Julius ein. "Wir können froh sein, daß Apollo nicht von der netten Mantikorin aufgespießt worden ist."

"Nur, daß wir dafür in der Gesamtwertung wohl gut runtergezogen werden", knurrte Millie. Céline grinste feist. Millie zuckte es im rechten Arm, ihr eine runterzuhauen. Doch gerade noch rechtzeitig erkannte sie, daß sie nicht auch noch Strafpunkte einsammeln mußte, zumal Julius die gleiche Menge mitbekommen würde. Im Moment hielt sich das junge Ehepaar nämlich sehr vorbildlich.

"Und die hätte mich nicht erwischt", knurrte Apollo. "Die mußte mich erst angucken, um zielen zu können. Da war ich schon auf dem Rückzug."

"Ich fürchte, Madame Faucon sollte über Ihren Saalsprecherstatus neu nachdenken, Monsieur Arbrenoir", schnarrte Professeur Fourmier. Das verscheuchte Apollos Trotz augenblicklich.

Der Abschied von Monsieur Lerouge war kurz. Dann ging es zurück zur Schule.

Wieder im Klassenraum vergab Professeur Fourmier satte dreihundert Strafpunkte an Apollo wegen Mißachtung gegebener Anweisungen, Leichtsinn und Uneinsichtigkeit, wobei sie das unvorbildliche Verhalten eines Saalsprechers als erschwerenden Tatbestand hinzufügte. Leonie erhielt vierhundert Strafpunkte, zum einen wegen des tätlichen Angriffs auf einen Mitschüler und zum anderen, weil sie einen amtierenden Saalsprecher vor den Mitschülern geohrfeigt hatte, was den vor einem Jahr eingeführten Regeln nach mit dreihundert Strafpunkten geahndet werden mußte. "Sie alle hier stehen kurz davor, die Volljährigkeit zu erreichen oder haben sie bereits erreicht. Es ist unglaublich, daß in einer solchen Gruppe derartig unverantwortliches Verhalten geäußert wird", beendete die Lehrerin ihre Strafpredigt. Dann gab sie den beiden Roten auf, sich morgen Nachmittag bei ihr zu melden, um mit ihr zusammen sämtliche Stallungen der größeren Zaubertiere zu säubern und winterfest zu machen. "Eigentlich wollte ich dies mit der Freizeitgruppe magische Tierwesen mit Hilfe der nützlichen Zauber erledigen. Aber offenbar muß ich ein Exempel statuieren. Des weiteren werde ich natürlich Madame Faucon über diesen Vorfall Meldung machen. Es kann Ihnen also noch widerfahren, daß die Schulleiterin weitere Strafarbeiten oder gar den Verbleib in niederer Gestalt für eine bestimmte Zeit anordnet. So, und jetzt zurück zu unserem Ausflug. Die die sich im Rahmen der angewiesenen Verhaltensregeln mit den Mantikoren befassen konnten dürfen nun der Reihe nach zusammenfassen, was sie von den Geschöpfen gehört haben und wie es sich für sie anhörte."

Am Ende der Stunde gab es keine Hausaufgaben. Denn die Hausarbeit über die Begegnungen zwischen Zauberern und Mantikoren in der Zaubereigeschichte war ja schon seit Montag angesetzt.

Die Tierwesen-AG beschäftigte sich am Nachmittag mit den Jackalopen, jenen zum Farbwechsel fähigen Hasenwesen mit Hörnern, die in den unterirrrdischen Käfigen und Terrarien zu finden waren. Nach dem heftigen Ding gegen Apollo und Leonie verhielten sich die Schüler überdiszipliniert, redeten nur, wenn sie von der Kursleiterin angesprochen wurden und taten nichts ohne direkte Anweisung. Anschließend winkte Professeur Fourmier Julius zu sich. "Ich möchte mit Ihnen vor dem Abendessen noch einmal zu den Knieseln. Womöglich könnte Goldschweif heute noch ihre Jungen werfen. Sollte das so sein wäre es für mich eine Gelegenheit, den Wurf von Freilandknieseln beobachten zu können."

"Sie hat Ihr Nest schon gebaut, soweit ich weiß", erwiderte Julius. "Könnte heute oder in der nächsten Woche also passieren. Sie trägt drei Junge."

"Meine Vorgängerin, Madame Maxime, teilte mir mit, daß die Knieselin Vertrauen zu Ihnen hat, so daß Sie ihren letzten Wurf weit vor dem Ende der Laktation begutachten durften." Julius nickte und ging mit der Lehrerin zum Knieselgehege. Dort trafen sie erst einmal Fliegenpilz, den rotfelligen Kater mit weißen Tupfern. Der war Goldschweifs zeitweiliger Schwiegersohn, eröffnete Julius der Lehrerin.

"Das dürfte ein interessanter Wurf werden, wenn Mademoiselle Goldschweif XXVII. die Jungen bringt", erwiderte Professeur Fourmier. Vor Goldschweifs Bau blieben sie stehen. Julius rief nach Goldschweif. Diese kam aus dem Bau und teilte nur für ihn hörbar mit:

"Die kleinen in mir werden immer schwerer. Hat schon einmal weh getan. Ich kriege die bald."

"Kannst du das irgendwie fühlen, wann ungefähr?" Fragte Julius, der die schon sehr rundliche Knieselin genau betrachtete. "Nein, geht nicht. Kann in der Dunkelheit sein oder eine Sonne danach. Die kommen dann aber wohl ganz schnell raus."

"Professeur Fourmier möchte das sehen, wenn du deine Jungen bekommst. Darf sie das?"

"Nein, darf sie nicht. Das Singen an der ist mir viel zu laut. Tut schon genug weh, wenn die Jungen aus mir rausdrücken."

"Tut mir Leid, sie mag die magische Ausstrahlung ihrer Prothesen nicht", sagte Julius der Lehrerin mit ehrlichem Bedauern. "Deshalb will sie Sie nicht in der Nähe haben."

"Dann fragen Sie sie bitte, wann Sie die Kleinen ansehen dürfen", erwiderte die Lehrerin verdrossen. Julius kam der Aufforderung nach.

"Du kannst nicht hören, wenn ich dich rufe. Aber wenn du bei der nächsten Sonne herkommst und die dann aus mir raus sind darfst du sie ansehen. Aber die da muß weit wegbleiben."

"Hmm, ich fürchte, Sie dürfen nicht näher als Sprungweite an Goldschweif heran, wenn sie gejungt hat", übersetzte Julius. "Aber sie hat mir erlaubt, mir die kleinen anzusehen, wenn sie geboren sind", sagte Julius.

"Nun, wenn es nicht anders geht", schnarrte Professeur Fourmier. "Dann bitte ich Sie darum, mir alles zu berichten, was Sie über die Jungen von Goldschweif erfahren dürfen. Ich bitte mir jedoch aus, daß Sie mit Handschuhen und Kopfschutz an sie herangehen!" Julius versicherte es ihr. Dann sagte er zu Goldschweif:.

"Lass die kleine Prinzessin zusehen, damit die weiß, was ihr bald passiert."

"Die hat fünf Klopfer mehr im Bauch. Fliegenpilz hat ihr viele Jungen da reingelegt", erwähnte Goldschweif. Julius gab das weiter.

"Maximal acht Stück können die werfen. Aber beim ersten Wurf gleich fünf. Das wird für die junge Kätzin sicher sehr anstrengend", erkannte die Lehrerin an. Dann gingen sie, weil Goldschweif ihre rechte Pfote hob und Professeur Fourmier halb ausgefahrene Krallen zeigte.

"Ich habe mit den Knieseln in Millemerveilles keine solchen Probleme wegen meiner besonderen Anatomie", bemerkte Professeur Fourmier auf dem Rückweg zum Palast. "Haben Sie eine Vermutung, was Goldschweif daran anwidert?"

"Sie hat mir nach Einnahme des Interfidelis-Trankes vermittelt, daß sie Magie wie Geräusche hört und sowas wie ein Singen daraus erkennt. Ich weiß, daß sie mal in die Nähe von magisch belebten Nachbildungen von Menschen geraten ist, deren "Singen" ihr wohl nicht gepaßt hat. Womöglich klingen ihre Arme und Beine so ähnlich für sie."

"Der Heiler, der mir die Gliedmaßen angemessen und eingestimmt hat meinte auch, daß die darin wirksame Magie ähnlich wie die von magicomechanischen Puppen sei, nur noch etwas komplexer strukturiert wäre und an die Eigenschwingungen meines restlichen Organismusses angepaßt werden mußte, um sie einwandfrei und uneingeschränkt bewegen zu können. Aber ich bitte Sie darum, dies nicht mit Ihren Mitschülern zu thematisieren. Meine künstlichen Gliedmaßen erregen schon genug unnötiges Gerede."

"Kein Problem. Ich rede mit keinem darüber", erwiderte Julius darauf. Natürlich war auch er immer noch neugierig, was die magischen Gliedmaßen der Zaubertierlehrerin konnten und wie sie funktionierten. Zumindest hatte er jetzt eine Auskunft, daß sie an die Eigenschwingungen der mit ihnen zusammenwirkenden Nervenstränge angepaßt werden mußten. Das entsprach also doch ungefähr dem, was in den Muggelgeschichten mit Neuronalen Kupplungen bezeichnet wurde, die zwischen Maschinen und lebenden Organismen vermittelten.

nach dem Essen erzählte Julius Millie, daß Goldschweif bald wieder Maman würde und demnächst fünf Enkelkinder dazubekäme.

"Und, darf Fourmier denen beim Schlüpfen zusehen?" Fragte Millie. Julius verneinte und begründete es. "Wegen der Goldmädchen?" Zischte sie ihm die Frage ins Ohr. Er nickte nur zur Antwort. Das reichte Millie völlig aus.

Am nächsten Morgen beim Frühsport lief Julius kurz zum Knieselgehege hinüber. Doch Goldschweif war immer noch hochtragend und keuchte, weil sie langsam genug von den in ihr herumwuselnden Jungen habe. Offenbar ließen die sich mit ihrer Ankunft zeit.

Doch am Nachmittag, kurz vor der Zauberkunst-AG, lief er am Knieselgehege vorbei und hörte Schmerzensrufe wie von einer gebärenden Frau. Da wußte er, daß Goldschweif ihre drei neuen Kinder gerade in diese kälter werdende Welt hineinschickte. So ging er abends in erforderlicher Schutzausrüstung mit Gesichtsmaske, Kopfhaube und Drachenhauthandschuhen zum Knieselgehege und näherte sich Goldschweifs Rundbau. Davor blieb er stehen und wartete. Als Goldschweif sichtlich erschöpft herauswankte sagte er: "Die sind jetzt da, nicht wahr?"

"Wolten nicht rauskommen. Tat mehr weh als früher", knurrte Goldschweif. Julius konnte da nicht anders drauf antworten als: "Jetzt verstehst du auch, warum die Menschenfrauen sich das auch ganz genau überlegen, von wem oder wie viele Kinder sie haben wollen."

"Das ist doch so wie Essen. Ist nötig, auch wenn das weh tut", rummelte Goldschweif. Dann holte sie die drei Jungen behutsam aus ihrem Rundbau. Julius merkte sich, zwei Jungen und ein Mädchen als neue Knieselkinder begutachten zu dürfen. Dann war auch schon Duelltraining.

 

__________

 

Das Spiel Grün gegen Weiß startete als wilde Schlacht, weil die Weißen auf frühe Tore drängten. Doch als Julius' Mannschaft durch gekonnte Staffetten und Umstellungen nach zehn Minuten schon acht Tore erzielt hatte, verlegte sich Saal Weiß auf Abriegelung und hoffte auf Kontermöglichkeiten, die sie jedoch nicht bekamen. So war das am Ende auf der Anzeigetafel stehende Ergebnis 400:0 durch Moniques Schnatzfang eine klare Aussage zu Ungunsten der Weißen, die sich nun alle Hähme der Blauen und Roten gefallen lassen mußten.

"Und der Pott bleibt grün, verdammt noch mal", schnaubte Céline, weil Patricia Latierre feixte, daß das alles nichts nützte, wenn der Pokal dieses Jahr auf jeden Fall rot würde. Julius meinte dazu nur:

"Mädels, ein Punkt kann das entscheiden. Mal sehen, wer den am Ende des Jahres mehr hat. vielleicht wird der Pokal ja gelb."

"Nicht nachdem wir die genauso geputzt haben werden wie die Violetten. Die Weißen wollten nur voll aufs Tor und haben nicht gesehen, wo die Klatscher sind. Das passiert uns bestimmt nicht."

"Und der bleibt grün, auch wenn deine Nichte und du alle Tore schießt. Horus kriegt nicht jeden Schnatz, und die Blauen sind von Corinne supergut eingestellt worden", widersprach Céline.

"Habt ihr's von uns", grummelte Connie Dornier, die ihrer Schwester noch gratulieren mußte, weil sie als Stadionsprecherin bis zum Abmarsch der Spiler hatte warten müssen.

"Julius meint, daß die Gelben den Pokal kriegen, Connie. Woher der das auch nimmt."

"Ihr seid alle gut", sagte Constance. "Genau das macht mich ja traurig, daß ich da nicht mitspielen kann. Aber die wollen haben, daß ich als mahnendes Beispiel für alle Mädchen hier rausgehe, daß die bloß nicht vor den UTZs ans Kinderkriegen gehen."

"Ja, Maman Constance", feixte Patricia. "Aber sag das mal meiner Nichte. Die hätte doch von dem hier schon längst zwei oder drei Babys ausgeliefert, nicht war, Julius?"

"Ja, Großtante Patricia. Millie würde am liebsten schon welche haben, damit deine ganz kleinen Schwestern schon Großnichten haben, bevor sie das ABC können."

"Wenn die meint", knurrte Patricia.

"Immer schnell den Mund ausspülen, wenn Marc dich küßt, weil du sonst noch vor Millie ein Baby im Bauch hast", fauchte Céline.

"jetzt weiß ich, warum deine große Schwester schon Maman ist", kicherte Patricia und lief davon, bevor die beiden Dornier-Schwestern ihr noch was nachrufen oder ihr an den Ohren ziehen konnten.

"Alberne Gans. Keine Ahnung aber dumm rumlabern", knurrte Constance verdrossen. Dann grinste sie jedoch. "Wenn ich das richtig mitkriege macht dieser Marc Armand die auch vor den UtZs kugelrund. Dann bin ich nur leider nicht mehr da, um ihr die nötigen Antworten zu geben."

"Da stehst du auch drüber, Connie. Als Millie dich und mich wegen Cythie dumm angequatscht hat war das doch purer Neid, weil die keinen in Aussicht hatte. Ob der das so Spaß machen würde, mit immer dickerem Bauch durch Beaux zu laufen denke ich nicht."

"Ob du dich da mal nicht irrst", dachte Julius für sich. Denn zwischen ihm und Millie würde es ja was anderes sein als zwischen Constance und Malthus Lépin. Außerdem war sie verheiratet und auch schon volljährig. Da hieben die Schulregeln nicht mehr so rein wie bei Constance. Was aber auf jeden Fall passieren würde war ein Quidditchverbot und ein Verbot jeder Art von Selbstverwandlungsübungen. Auch Verteidigung gegen dunkle Künste würde auf reine Theoriesachen beschränkt sein. Warum dachte er das jetzt? Weil er wußte, daß sie beide wohl im nächsten Schuljahr bereits ein Kind auf den Weg bringen mußten. Denn das war das magische Abkommen zwischen ihnen und den Mondtöchtern, weil sie ihnen eine gemeinsame Zukunft vorausgesagt hatten.

Am Nachmittag fand eine Saalsprecherkonferenz statt, bei der Apollo und Leonie eine gehörige Gardinenpredigt von Madame Faucon erdulden mußten. Sie sollten die nächsten zwei Wochen Putzdienst verrichten. Solange würden ihre Saalsprecherprivilegien außer Kraft gesetzt. Es wurde jedoch kein Stellvertreter für diese Zeit eingesetzt. Danach ging Julius mit Millie zu Goldschweif. Auch Millie trug nun Schutzhandschuhe und eine Kopfbedeckung aus Acromantulafäden. Julius durfte die kleinen Kniesel noch einmal genauer betrachten und sich notizen machen. Danach brachte er Professeur Fourmier die Unterlagen.

"Jetzt wo Apollo erst einmal in der Putzkolonne abhängen muß wird's nicht mehr lange dauern, bis Gaston und Cyril sich wieder in die Wolle kriegen", seufzte Millie, als sie und Julius in Richtung Bibliothek abgezogen waren. Julius fragte sie, was Gaston gegen Cyril hatte, wo die beiden in den letzten Wochen doch so schön ruhig geblieben waren.

"Der Yankee hat's immer noch nicht aufgegeben, ältere Mädchen anzuschmachten. Bei uns Roten und bei euch Grünen hat er ja keine Schnitte gemacht. Aber er denkt, daß er eine von den Blauen oder Gelben für sich begeistern kann. Gaston hält ihn für einen Maulhelden und meint, daß der lieber zusehen soll, mit dem Unterricht klarzukommen, weil ihm keiner mehr die Fremdsprachenbarriere als Entschuldigung durchgehen läßt, schon gar nicht Fixie."

"Verstehe, und die beiden zanken jetzt um Cyrils Fähigkeiten als Casanova Junior oder was?" Amüsierte sich Julius.

"Na ja, viel läuft wohl bei denen im Schlafsaal ab, und ich bin die letzte, der Gaston was erzählen würde. Aber Marc hat es Pattie erzählt, die Mayette und die mir."

"Och joh, und Callie und Pennie?" Fragte Julius ahnungslos tuend.

"Die reden wohl erst wieder Weihnachten mit mir, wenn Tante Babs denen das befiehlt", grummelte Millie. "Soll mir bis dahin auch egal sein."

"Aber mit mir reden die, obwohl ich mit Gérard im selben Schlafsaal wohne", erwiderte Julius.

"Weil du die nicht aus der Mannschaft rausgedrängt hast und die meinen, ich würde Gérard zustimmen", schnaubte Millie. Julius fragte, warum sie das nicht von ihm dachten.

"Kann sein, daß die mir sofort den Platz wegnehmen möchten, wenn ich länger nicht draufsitze", erwiderte Millie. Julius verstand, was sie meinte. Doch er erwiderte, daß sie da beruhigt sein könne und er ihr den Platz freihalten würde, allein schon, weil er sich für zu schade hielt, als Zankapfel zwischen zwei gerade von ihren Hormonen überfluteten Hexen herzuhalten.

"Das ist auch der Grund, warum mir das egal ist, wie die mit mir gerade umgehen", sagte Millie. "Du hast denen imponiert, du hast nicht so wehleidig reagiert wie Gérard und durch die Zeit in der Nähe von Madame Maxime bist du denen auch körperlich besser gewachsen als die meisten anderen Jungs hier. Nur damit du weißt, warum die mit dir noch reden und mit mir erst mal nicht."

"Jetzt, wo kein Strand mehr offen ist kann ich denen wunderbar aus dem Weg gehen", meinte Julius.

"Weil ich meistens bei dir bin. Aber trau dich bloß nicht zu oft alleine raus. Dann könnten die finden, daß du Zeit für die eine oder andere hättest", entgegnete Millie darauf nur. Dann ging es in die Bibliothek.

"Hi, Julius, kannst du Pattie und mir das noch mal mit den Pinkenbach-Regeln erklären. Bernie ist im kleinen Leseraum untergetaucht und von den anderen hier will mir das keiner richtig sagen", maulte Marc Armand. Julius nickte und beschrieb seiner Schwiegertante und Marc die Pinkenbach'schen Gesetze zum Verhältnis von Materie und Stärke der darauf einwirkbaren und vorhaltenden Zauber und machte eine knappe Tabelle, bei der er Rauminhalt, Material und Einteilung der Zauber nach Größen sortierte, während Millie sich über die Zaubertränke schlau las, die Julius während seines letzten Aufenthaltes im Krankenflügel geschluckt hatte. Zwar hatte er jetzt die Selbstverflüssigung soweit im Griff, daß er sich gegen Schwerkraft und Luftdruck aufrichten konnte. Doch der Schock über seinen Trick mit dem Flugzauber saß bei Millie wohl noch tief. Als er dann wieder für seine Frau Zeit hatte ging es um die Sinnesveränderungszauber. Einen davon, den Lupaures-Zauber, hätte er gerne bei seinem Interview mit der Mantikorin gebracht. Denn er verstärkte das Gehör vom doppelten bis auf das zehnfache. Allerdings mußten die Ohren pro Minute unter dem Zauber zwei Minuten lang ausruhen, was hieß, daß kein lautes Wort und keine lauten Umweltgeräusche darauf einwirken durften. Wer ihn länger als eine Stunde ununterbrochen mit höchster Stärke verwendete konnte bereits beim leisesten Wispern starke Ohrenschmerzen bekommen, wenn er den Zauber widerrief. Außerdem konnte der Zauber nach Ausruf oder Denken der Auslöseformel die Hörempfindlichkeit nicht auf ein verträgliches Maß reduzieren. Das mußte man bei Ausruf, Minima, Minor, Maior oder Maxima vorbestimmen. Wieder einmal dachte Julius an Linda Knowles, die Sensationsreporterin mit den magischen Ohren. Die konnten sich entsprechend einränken, wie laut etwas für ihre Trägerin zu hören war, damit sie nicht beim kleinsten Flüstern einen direkt an ihr vorbei sausenden Düsenjäger zu hören meinte. Hatte Florymont nicht solche Lauthörgeräte namens Wolfsohren gebaut? Mit dem wollte er sich sowieso in den Ferien ausführlich über die Transfrequenzaurikulare unterhalten, weil er zu gerne in Temmies Infraschallwelt hineinhorchen wollte. Vielleicht war das möglich, mit den dazu passenden Assimivox-Halsbändern für unbewaffnete Ohren unhörbar mit Temmie zu reden. Er bekam mit, wie Cyril Southerland mit mißmutiger Miene in die Bibliothek kam und sich umsah, wer alles da war. Außer den Latierres, Marc und zwei ZAG-Schülern aus dem gelben Saal war keiner da. So entspannte sich Cyril und schlüpfte zwischen die Bücherregale, um sich was zum Lesen auszusuchen.

"Zwölf Narrensichere Methoden, eine Hexe zu bezaubern", grinste Millie Julius an. Julius nickte. Dann fragte er im Flüsterton: "Ob die das überhaupt in Beauxbatons haben und wenn ja, ob es dann nicht eher in der verbotenen Abteilung liegt?" Beide schmunzelten. Doch als Cyril mit fünf dicken Wälzern aus der freien Zaubertranksektion zurückkam und das junge Ehepaar ansteuerte stellten die beiden das Grinsen ein und sahen ihm erwartungsvoll entgegen.

"Julius, ich hörte von diesem Volltroll Gaston, du hättest die Dinger sicher schon mal gelesen, weil du so an Herbo interessiert bist. Welches von den Dingern brauche ich für diesen Fachidioten Trifolio wirklich?"

"Ähm, für Professeur Trifolio brauchst du wenn es nach dem ginge alle fünf", meinte Julius. "Aber wenn du von dem den Vortrag über die Neuweltnutzpflanzen der gemäßigten Breiten aufgeladen bekommen hast brauchst du im wesentlichen das Buch eurer Lehrerin Verdant "Grüner Okzident - kultivierte Formen amerikanischer Wildkräuter" und "Auswirkungen geographischer Gegebenheiten" von Oleande Champverd. Über die Pflanzen bei euch steht auch was im Buch "Der Kleine Hexengarten" von Aurora Dawn.

"Den gibt's aber nur auf Englisch, oder?" Fragte Cyril. Julius schüttelte den Kopf und eilte so leise er konnte in die betreffende Sektion. Es dauerte nicht lange, da kam er mit dem gesuchten Buch zurück. "Natürlich gibt es das hier. War wohl nur vergriffen."

"Ey, dann kann ich ja vergleichslesen", freute sich Cyril. "Ist schon ein geniales Teil. Und die anderen Wälzer brauche ich dann nicht?" Wollte er noch wissen. Julius prüfte die anderen drei Bücher. "Das hier über das Vermächtnis der amerikanischen Medizinleute kannst du gleich wieder ins Regal tun, Cyril. Ich kenne einige Kräuterhexen, und die haben mir geraten, nur ein Viertel von dem zu glauben, was Blueberry da zusammengeschrieben hat, weil die Indianer dem längst nicht alles erzählt haben. Als Buch über die Auflistung der Zauberpflanzen brauchst du es nur fünf Minuten zu lesen, wo die Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt sind", tat Julius das eine Buch gleich als unnötig ab. "Aber das hier ist bestimmt sehr interessant, wenngleich ich nicht weiß, wie gut verständlich das ist: "Herbologische Finessen in der Erstellung hochwirksamer Zaubertränke, Band Nordamerika, von Daianira Hemlock." Millie horchte auf, und auch Julius mußte schlucken, als er den Namen las.

"Die war mal 'ne Lehrerin bei uns in Thorny, ist zusammen mit Momma Wright und Lady Nirvana als Lehrerin eingestiegen. Soll ziemlich gut erklärt haben aber verdammt streng gewesen sein, hat mein Pa mir erzählt, der die noch zwei Jahre aushalten mußte. Aber ich probier das mal aus. Wenn mir die französische Ausgabe zu heftig schwerfällt tu ich es wieder weg. Aber das mit dem Hexengarten ist bestimmt gut."

"Dann lass dir die Ausleihbestätigung von Madame D'argent geben", wisperte Millie noch. Der Junge aus der vierten Klasse stierte sie an und meinte, ob sie jetzt auch die Jungs rumkommandieren dürfe, wo Apollo wegen dieser Mantikorsache auf Eis gelegt worden wäre. "Grundsätzlich darf ich jedem Schüler einen Rat geben, von dem ich denke, daß er den nötig hat, ob mit oder ohne Piephahn", konterte Millie. "Aber ich werde mich nicht in eure Angelegenheiten reinhängen, wenn ihr die nicht zu öffentlichen Sachen aufblast, Monsieur Southerland."

"Okay, kapier's, Mildrid", schnaubte Cyril und suchte die spindeldürre Bibliothekarin.

"Möchtest nicht, daß der sich wegen Gaston bei dir ausweint?" Fragte Julius seine Frau leise.

"Dazu wird der sich ganz sicher nicht herablassen", schnarrte seine Frau.

Während des Abendessens entzündete sich eine kurze Debatte zwischen Robert und André über die Macken der Mädchen zwischen zwölf und siebzehn, weil André wohl an dem Nachmittag mit Edith und Charlotte aus dem violetten Saal Krach bekommen hatte, weil die meinten, er solle sich mal besser rasieren, wenn er je von einer auf den Besen gehoben werden wollte. Robert meinte, daß Céline ihn wirklich nur näher als zwanzig Zentimeter an sich ranließe, wenn er sich am Morgen gründlich genug rasiert habe. André hatte denen wohl noch mitgegeben, daß sie keine Probleme damit hätten, wenn die sich nicht so viel Schminke ins Gesicht schmieren würden. Da meinte Robert: "Stimmt, die Schminke würde in jedem Bart hängen bleiben. Willst du denn von einer auf den Besen gehoben werden, André?"

"Das braucht dich jetzt nicht zu interessieren, Robert. Deine Süße hat dich doch schon klar, daß du der nicht mehr vom Besen hüpfst, wenn sie damit aufkreuzt, und Julius hat doch schon 'ne Wiege bestellt, weil seine Angeklebte bald was von ihm drinhaben will."

"Ei ei! Wie eifersüchtig klingt das", feixte Robert. Auch julius mußte darüber grinsen.

"Jedenfalls behalte ich meinen Schnauzer, Basta!" Stellte André klar. Wenn das 'ne Garantie ist, daß keine von den überempfindlichen Gänsen was von mir will, dann eben so."

"Sandrines Cousine hat wen mit Schnauzer geheiratet, André", mengte sich nun Gérard in die Debatte ein. "Die hat noch 'ne Schwester, die auch auf Schnauzer abfährt."

"Wie alt ist die?" Fragte André und blickte sich um.

"Die war mit den UTZs durch, als wir in Beaux anfingen. Rechne dir das selbst aus", erwiderte Gérard. Doch da meinte André:

"Neh, schon ein wenig zu alt. Abgesehen davon würdest du ja dann mein Vetter, wenn ich echt von der auf den Besen gehoben würde."

"Ja, das ist der Grund schlechthin", erwiderte Gérard vergrätzt. dann sagte Robert noch:

"Wenn du den Mädels nicht eindeutig klarmachst, daß du nicht auf Frauen stehst gabelt dich früher oder später eine auf."

"Ey, willst du damit sagen, ich sei verkehrtrum?" Blaffte André. "Das nimmst du aber sofort wieder zurück!"

"Ey, ich wohn mit dir im selben Schlafsaal. Wenn ich das echt denken würde hätte ich schon längst so'n Gitterbett beantragt wie das, wo Julius drinlag, als der an Madam Maximes Walpurgisnachtring dranhing, damit die den nicht vernascht und sich von dem was kleines untern Umhang stopfen läßt."

"Wollte ich dir auch geraten haben, Robert", knurrte André. Gérard meinte dazu nur:

"Kann ja auch nichtt, wer so verbiestert ist, wenn dem ein Mädchen sagt, er soll sich rasieren. Wenn dir das egal wäre würdest du da ja kein so großes Getöse draus machen."

"Kannst froh sein, daß ich mit Sandrine keinen Krach kriegen will, weil ich was kaputtmache, das der gehört", schnarrte André. Julius fand, jetzt doch mal ganz ruhig dazwischenzugehen und sagte:

"Ich denke, Jungs, das Thema ist durch. André behält seinen Schnauzer und muß aufpassen, daß Sandrine ihrer älteren Cousine nicht schreibt, daß sie hier wen abholen und auf den Besen laden kann. Ansonsten gibt's dazu wohl nichts neues zu sagen, oder?"

"Es sprach der Saalsprecher", tat André diesen ruhigen Einwand mit einer Verächtlichkeit ab.

"Eine Zahl zwischen fünf und zwanzig, André, sonst suche ich mir eine aus", konterte Julius.

"Ähm, sechs", erwiderte André. Julius erwiderte dann, daß André dann eben sechs Strafpunkte für verhaltene Aufsässigkeit bekam. Das reichte dann auch.

"Die große Siegerfete, hat unser Saalhäuptling das jetzt genehmigt?" Fragte Robert noch. Julius nickte. "Bis halb zwölf wie wir wollen und bis zwölf leise, daß die kleineren nicht aufwachen, die wir dann ins Bett schicken sollen", sagte er noch.

So fand am Abend noch die große Vierhundert-zu-Null-Superfete statt, bei der die jüngeren Schüler die Bettgehzeit bis halb Zwölf vergessen durften. Julius' Zauberradio spielte flotte Musik, und der ausgewiesene Tanzbodenkönig und Saalsprecher konnte mal wieder keinen Tanz auslassen, weil es zu viele tanzwillige Mädchen im Verhältnis zu den zu vielen tanzmuffeligen Jungen gab. So kam es auch, daß Julius manchmal nicht mitbekam, wenn Louis oder jüngere Jungen heimlich Met oder Wein zu trinken bekamen. Das erfuhr er erst, als er diverse Dritt- und Viertklässler vor dem angesetzten Zapfenstreich zu Bett schicken mußte, weil sie sichtlichen Seegang hatten. Er verwies die älteren, die den jüngeren den Alkohol aufgeschwatzt hatten darauf, daß er beim nächsten solchen Vorfall wohl Strafpunkte rauslassen müsse. Auf die dumme Antwort, daß man ohne Alkohol nicht richtig feiern könne gab er zurück, daß er als Pflegehelfer aufzupassen habe, daß die Schüler nicht verkatert in den Unterricht kämen und er nicht wisse, wie viel die jüngeren vertragen könnten und es auch kein Vorbild für die ganz jungen wie Patrice und Charles sei, sich beinahe hemmungslos zu besaufen. Gérard, der mit André ein Wetttrinken veranstaltet hatte, lallte seine Zustimmung. "Oh mann, wenn ich morgen 'ne Ritterburg zwischen den Schultern habe guckt meine Schandriniine mich nich' mehr an."

"Macht nix, wo du dann tschwei siehscht. Hicks!" Mußte André dazu noch einwerfen, der den Trinkkampf für sich entschieden hatte.

"Stimmt also doch, daß Sport gesund ist", meinte er zu Robert, als er diesen auf der Tanzfläche traf. Céline tanzte darauf mit Julius, während ihr Freund mit Jacqueline Richelieu tanzte. Den letzten Tanz vor der Bettgehzeit gönnte Julius Babette Brickston.

"Vielleicht ist das ja doch nicht so öde, wenn ich im nächsten Sommer bei euch in Millemerveilles mittanze", meinte Babette, als Julius sie kurz über die Schulter kugelte.

"Dann sieh zu, daß du hier mit einem guten Zeugnis das Jahr beendest, weil deine Oma sonst meint, du hättest nicht richtig gelernt."

"Mann, Julius, willst mir den Abend echt noch versauen", maulte Babette und hing im nächsten Moment wieder in der Luft. "Ist ja heftig!" Rief sie, als Julius sie aus einer Laune heraus hochwarf und in eine halbe Drehung versetzte, bevor er sie wieder auffing. Armgard Munster lachte und meinte, daß Julius wohl deshalb nichts von dem süßen Honigwein genascht hätte, um kleine Mädchen jonglieren zu können.

"Als wenn du größer wär'st als ich, Armgard", blaffte Babette. Gabrielle Delacour nutzte den Zank der Erstklässlerinnen, die sonst eine eingeschworene Bande bildeten, um Julius abzuklatschen. Er erwies ihr die Höflichkeit, sie zu den letzten Takten des Tanzstückes aus dem Radio gesittet und geschmeidig zu führen. "Pierre hätte nicht zu viel von dem grünen Zeug trinken müssen", schnaubte Fleurs kleine Schwester. "Mal sehen, wie der morgen aus dem Bett kommt."

"Der konnte aber noch sein Zimmer finden", sagte Julius. "Pierre wollte nur vor den großen Jungs besser aussehen und hat's vielleicht ein wenig übertrieben. Aber das lernt der dann, wenn die kleinen Zwerge in seinem Schädel zu hämmern anfangen und Hi-Ho singen."

"iscard hätte das wohl nicht so locker genommen wie du", meinte Gabrielle. Da zwickte ihr jemand in den verlängerten Rücken. Es war Babette. "Ey, Gabie, den Tanz wollte ich eigentlich zu Ende getanzt haben. Das mit Armgard hätte ich auch im Schhlafsaal klargekriegt."

"Wie redest du mit einer, die eine Klasse über dir ist, ey?" Fauchte Gabrielle Babette an.

"Ey, jetzt blas dich nicht so groß auf, wegen dem einen Jahr mehr", fauchte Babette zurück. Julius sah Céline bei Robert und befand, das mit den Mädchen selbst klären zu können.

"Ey, wenn ihr zankt hänge ich euch beide zum abkühlen nach draußen. Also Friden, die Damen!"

"Die ist zu frech", Blaffte Gabrielle und deutete auf Babette. Diese deutete auf sie zurück und meinte, daß sie sich schon für was besseres hielt, weil sie eine Veela als Großmutter hätte.

"Ich kann deine Oma gerne fragen, woher du deine Frechheiten nimmst", konterte Gabrielle. Julius stellte sich zwischen beide und meinte: "Worum ging's! Du, Babette wolltest das ganze Lied mit mir tanzen und wurdest von deiner Freundin als kleines Mädchen bezeichnet. Gabrielle hat mich dann abgeklatscht. Das passiert eben, wenn man sich mit Leuten auf unsinnigen Zank einläßt. Also Ruhe jetzt! Es ist eh gerade halb zwölf." Er klatschte in die Hände und deutete auf die große Standuhr. "So, Leute, alles was noch keine ZAGs hat ab in die Betten und bitte kein Gemecker!" Rief er. Céline trieb die Mädchen aus den Klassen eins bis fünf in den Trakt für Junghexen hinein. Danach kehrte sie zurück und fragte Julius, was das eben mit Gabrielle und Babette war. Er erwähnte nur, daß Babette sich verladen gefühlt habe, weil Gabrielle ihn abgeklatscht hätte.

"Achso, das übliche also. Die beiden sind nicht mehr so gut zusammen wie am Anfang noch, weil Babette Gabrielle neidet, daß ihr alle nachgucken, während die Jungs in der eine Unberührbare sehen, weil sie Königin Blanches Enkeltochter ist. Mädchenprobleme."

"Können Jungs auch, Céline. "André hatte seinen Schnauzer heute abend zur Religion erklärt, weil ihm Charlotte gesagt haben soll, daß der ohne Besen über der Oberlippe eher eine finden würde, die ihn auf ihrem Flugbesen vorne drauf sitzen haben wollte."

"Dann soll die mal aufhören, sich einen halben Kosmetikladen ins Gesicht zu kleistern. Kann mir vorstellen, daß Glorias Mutter an der und den anderen Schnepfen viele Galleonen verdient. Aber das mit Gabrielle und Babette bist du nicht in Schuld."

"Babette würde mich wohl auch eher als größeren Bruder oder eine Art Cousin sehen, weil ich mit meiner Mutter drei ganze Jahre über der gewohnt habe."

"Bist du dir da sicher, daß die nicht austestet, wie viel Kind und wie viel Frau in der steckt und ob sie dich vielleicht für was ganz banales um den Finger wickeln kann?" Wollte Céline wissen.

"Die kann gut mit Mayette und weiß, wie stark Latierre-Mädchen sind und daß ihre Oma Blanche nicht immer auf sie aufpassen will", erwiderte Julius. "Abgesehen davon kenne ich Babettes Macken zu gut, um mich von der um den Finger wickeln zu lassen. Also die Gefahr besteht schon mal nicht."

"Ja, aber Gabrielle braucht dich nur anzusehen, und du wirst weich wie Bienenwachs. Wenn die wollte könnte die dich voll mit ihrem verflixten Veela-Zauber einnebeln."

"Ähm, wohl noch nicht richtig. Abgesehen davon hat mich ihre große Schwester schon heftig genug erwischt, um mich dagegen besser abzusichern als andere Jungs, und das weiß Gabrielle auch."

"Dann hast du echt keine Schuld, weil die beiden Küken sich zanken. Du hast nur gerade einen guten Anlaß dafür geboten", erwiderte Céline. Da erklang gerade wieder ein langsames Stück. Robert trat an Céline heran, während Julius das Radio leiser stellte, um die Lautstärkebeschränkung einzuhalten. Da klopfte ihm Laurentine auf den Rücken, weil sie nicht zu seiner Schulter hochreichte. "Darf ich bitten, Monsieur Latierre?"

"Sie dürfen, Mademoiselle Hellersdorf", ging Julius auf die Aufforderung ein. Auch Laurentine wollte wissen, was das zwischen Babette und Gabrielle war und grinste. "Hat Céline dir bestimmt gesteckt, daß die zwei jetzt Konkurrentinnen sind und Gabrielle sich drin sonnt, daß sie als Viertel-Veela leichteres Spiel hat als die Enkelin der Schulleiterin. Lass die zwei das unter sich regeln, falls du nicht meinst, noch mal Mädchensachen anziehen zu wollen!"

"Zumindest haben sie mir damals gepaßt. Aber noch mal muß ich das nicht haben", erwiderte Julius. "Abgesehen davon müßte ich Gabrielle dann wohl abscheulich finden."

"Häh, wie kommst du denn darauf?" Fragte Laurentine. Julius erkannte, daß er da fast was ausgeplaudert hätte, was er nicht durfte. So sagte er schnell, daß Barbara und Belle ihm damals erzählt hätten, daß Veelas Mädchen anwiderten, wo sie Jungen total kirre machten. Laurentine überlegte und nickte. "Stimmt, ich muß auch immer aufpassen, mich von Gabrielles Bewegungen und kokettem Gehabe nicht wütend machen zu lassen. Und das liegt am Körper und nicht an der Empfindung?"

"Soweit ich als Belles Zwillingsschwester das mitbekommen habe paßt sich das zweite dem ersten an. Wenn das mehr als die vier Tage gelaufen wäre hätte ich mir wohl überlegen müssen, ob ich eine Gesinnungslesbierin werde, die Männer haßt und deshalb nichts von denen will oder mir einen Typen suchen müssen, weil das bei mir ins Getriebe eingestanzt worden wäre."

"Echt, so heftig wirkte die Verwandlung?"

"Zumindest haben Madame Rossignol und diedamals noch als Professeur Faucon bekannte Saalvorsteherin von uns das nicht grundweg ausgeschlossen."

"Na ja, ob Claire das gemocht hätte, mit einem Mädchen irgendwann mal Sex zu haben weiß ich nicht. Neh, war und ist schon besser so, daß du wieder du selbst wurdest. Nachher hättest du noch Belles überzogenes Gebahren übernommen oder ihren Verlobten ausgespannt. Aber was Gabrielle angeht, so weiß ich nicht, ob das zwischen der und Pierre Marceau wirklich ins Ehebett führt oder ob die nicht vorher wen anderen bezirzt."

"Bezirzen heißt das doch, wenn eine raffinierte Frau aus Männern arme Schweine macht, oder?" Fragte Julius. Laurentine grinste und antwortete:

"So singt Homer. Zeus hab' ihn selig."

"Dabei gab's die nette Dame echt. Die habe ich auf den Schokofrosch-Sammelkarten mal gesehen. Aber ich habe keine Sammlung aufgemacht, weil mich andere Sachen viel mehr fasziniert haben", erwähnte Julius.

"Céline hat mir die ganzen großen Hexen überlassen. Aber meine Eltern haben nur blöd geguckt, wenn ich die vorgezeigt habe und mir geraten, die wegzuwerfen. Da habe ich sie lieber Claire und Céline zurückgegeben. War im ersten Jahr, wo ich fand, daß meine Eltern recht hätten und die doch hier alle weltfremd seien."

"Und jetzt bist du im sechsten Jahr hier und freust dich, weil du gute ZAGs gemacht hast", ging Julius auf Laurentines Bemerkung ein.

"Ja, und im April habe ich die Apparierlizenz. Danke noch mal für den Kurs!"

"erst wenn du den gepackt hast, Laurentine", erwiderte Julius darauf. Dann gaben sich beide noch dem Tanz hin.

Um zwölf Uhr stand Professeur Delamontagne im grünen Saal und blickte sich um. "In Ordnung die Herrschaften, ich bedanke mich für Ihr Entgegenkommen. Aber auch wenn morgen Sonntag ist möchte ich doch jetzt darum bitten, die Feier zu beenden."

"Wollen Sie noch was von den Fruchtschaumschnecken. Es ist sogar noch ein Schluck Butterbier da", meinte Robert und deutete auf den Tisch mit dem Naschwerk. Der Lehrer sah sich um und mußte grinsen. "Habt ihr strammen Burschen den ganzen Met unter euch aufgeteilt? Das waren vierzig Liter. Da freuen sich morgen die kleinen Bergwerksgesellen, in genügend Köpfe einzurücken. Gute Nacht zusammen!"

"Oha, hätte nicht viel gefehlt, und irgendwer hätte ausgeplaudert, daß Louis und Boris zwei Liter Met alleine weggesoffen haben", meinte Robert, als er mit Julius im Bad für Sechst- und Siebtklässler stand.

"Wenn die alle morgen Karussell fahren könnte ich noch was von Madame Rossignol zu hören kriegen, vor allem, ähm, weil Louis morgen zur Pflegehelferkonferenz anzutreten hat."

"An dir hingen zu viele Hexen dran, als daß du dem hättest vorzählen können, was er schon drinhat", meinte Robert. "Das kannst du dann Gérard unters Unterhemd leiern, daß der die Jungs besser hätte bremsen können."

"Mal sehen, wie das morgen wird", seufzte Julius.

 

__________

 

Da für Eulenpost keine Sonntagsruhe galt bekam Julius einen Brief, den ein stattlicher Uhu überbrachte. Der Brief war mit dem Wappen der Familie Eauvive gesiegelt, einer hoch aufschießenden Wasserfontäne aus einer Schale.

Hallo Julius,

wie du weißt konnte unser traditionelles Familienfest im letzten Jahr nicht stattfinden, obwohl wir, mein Mann Albert und ich, deine junge Gattin gerne offiziell in unserer Familie willkommengeheißen hätten, auch wenn sie da selbst ja schon Mitglied einer altehrwürdigen Sippe ist und du auch in dieser Familie als Mitglied willkommengeheißen wurdest. Aber es hat schon früher Verknüpfungen zwischen den Latierres und uns Eauvives gegeben, die in jeder Hinsicht befruchtend verlaufen sind. Zudem freue ich mich sehr, daß deine Mutter, die eine gesonderte Einladung erhält, durch unsere Familie ihren Platz in unserer Gemeinschaft gefunden und uns im letzten Jahr sehr würdig vertreten und aus der bedrohlichen Dunkelheit herausgeführt hat, indem sie die Machenschaften Didiers und Pétains früh genug aufdeckte und den nötigen Widerstand dagegen stärken half. Abgesehen davon bist du nicht der einzige, der innerhalb der beiden bald verstrichenen Jahre geheiratet hat. Doch näheres dazu erfahrt ihr dann, wenn ihr es einrichtet, unserer großen Feier beizuwohnen, die am 26. Dezember 1998 stattfinden wird. Albert und ich würden uns über die Maßen freuen, wenn Mildrid und du zu uns kämt. Falls ihr von eurem neuen Wohnort Millemerveilles aus anzureisen wünscht könnt ihr euch mit Camille, Florymont, Jeanne und Bruno verabreden. Falls ihr mit deiner Mutter aus Paris anzureisen wünscht, könnt ihr entweder über das Flohnetz direkt zu uns kommen oder eine Anreise von außen durchführen. Womöglich können wir dann auch über die Einrichtung eines Portschlüssels reden, wie die Geschwister Almadora und Vergilio Fuentes Celestes ihn bereits bei mir erbeten haben. Ihr habt ja noch ein paar Wochen bis zu den Weihnachtsferien vor euch. Bis dahin werdet ihr sicherlich einen Weg finden, dieser Einladung folgen zu können.

Wir freuen uns schon

 

Antoinette und Albert Eauvive

 

"Na, wie viele ATÜ sind's?" Fragte Julius Louis, dem scheinbar ein gemeiner Zeitgenosse die Gehirnmasse gegen eine Bleikugel ausgetauscht hatte. Louis' Blick war etwas unscharf, und er griff sich immer wieder an die Schläfe.

"O mann, das Zeug sauf ich nich' noch mal", stöhnte er. "O Mann, wenn Omchen Florence das rauskriegt kann ich wohl die ganzen Bettpfannen und Nachttöpfe schrubben, die sie hat. Gut zu wissen, daß das doch keine Ehemaligen sind. Hau!"

"Mein werter Großvater mütterlicherseits, der ein gestandener Seebär war meinte: Wer Rum trinkt kann auch Decks schrubben", erwiderte Julius schadenfroh grinsend.

"Oder auch: Wer saufen kann kann auch schaffen", knurrte der sichtlich angeschlagene Louis Vignier."

"Dabei hätte ich gedacht, daß wer Weinberg mit Namen heißt was ab kann", grinste Antoine Lasalle aus der siebten, der gerade in Hörweite kam.

"Sei mal lieber froh, wenn Madame Rossignol das nicht aus Louis rauskitzelt, wer ihn abgefüllt hat", trat Julius sofort auf die Spaßbremse. Mutwillige Beeinträchtigungen von Pflegehelfern mag sie nämlich nicht."

"Ich habe dem nicht gesagt, 'nen Liter Met einzusaugen, ey!"

"Du bist volljährig, Antoine. Wenn du was anstellst können sie dir deshalb ans Zeug flicken. Aber ich werde nur sagen, daß ich mitbekam, daß irgendwer Louis etwas Met zum Probieren gegeben hat, aber nicht gesehen habe, wer", entgegnete Julius. Er hoffte, daß ihm selbst nicht was blühte, wenn Madame Rossignol Louis' Zustand überprüfte, sofern das Pflegehelferarmband nicht schon gepetzt hatte, daß er am Ende des Abends nicht mehr ganz nüchtern war und jetzt sichtlich mit den Folgen des süßen Honigweins ringen mußte.

"Wenn du das der alten so erzählst, daß wir dichh abgefüllt hätten gibt's Ärger", zischte Antoine Louis zu. Doch Julius bekam es mit und sagte ganz laut: "Stimmt, wenn die das erfährt kriegst du mächtigen Ärger, Antoine. Einen Pflegehelfer zu bedrohen kann ich als Vorstufe eines Angriffes sehen, weil er eingeschüchtert und zu ihm unangenehmen Handlungen getrieben werden soll. Hundert Strafpunkte deswegen, Antoine Lasalle." Der Abgemahnte starrte Julius an und wollte gerade was sagen. Doch Julius war nicht nur Pflegehelfer, sondern auch Saalsprecher. Er könnte es in beiden Fällen als Drohung werten und dann noch mal je hundert Strafpunkte und einen Batzen wegen Uneinsichtigkeit oben drauf packen. Louis sagte zu dem allem nichts.

Als sie durch das Wandschlüpfsystem im Krankenflügel ankamen waren Millie und Patricia bereits da. Julius wünschte den beiden Verwandten einen guten Morgen. Patricia sah Louis an, der sichtlich darum kämpfte, seinen schweren Kopf einigermaßen aufrecht zu halten. Die Heilerin von Beauxbatons saß etwas von ihrem Schreibtisch abgerückt und strickte mal wieder an etwas. Bei mehreren Enkeln, Neffen und Großnichten gab es gerade in der Winterzeit genug Abnehmer für ihre Handarbeitserzeugnisse. Sie sah jedoch auf, weil Patricia kicherte und auf Louis deutete. Als sie Louis genauer ansah fragte sie sehr bedrohlich klingend:

"Was und wie viel hast du gestern abend getrunken, Louis?"

"Öhm, so'n honigfarbenes Zeug, Met heißt das glaube ich", tat Louis unwissend.

"So, du weißt also nicht einmal, was du da getrunken hast? Dann muß ich wohl davon ausgehen, daß du auch nicht weißt, wie viele Gläser zu welcher Größe du davon deinem Körper zugemutet hast, oder?"

"Die haben gesagt, das Zeug haut einen nicht sofort um", setzte Louis zu einer hilflosen Verteidigung an.

"Okay, das klären wir nachher, Jungchen. Wo ist Carmen Deleste?" Wollte die Heilerin von den beiden Pflegehelfern aus dem grünen Saal wissen.

"Die war wohl noch für kleine Mädchen oder muß ihre Außenbemahlung nachziehen", grummelte Louis. Julius sagte etwas ernsthafter, daß Carmen tatsächlich noch einmal im Mädchentrakt verschwunden sei. "

"Gut, die anderen müssen ja auch noch kommen", sagte die Heilerin. "In Ordnung, dann klären wir das eben jetzt, wie genau du dir die bestimmt ziemlich guten Kopfschmerzen angetrunken hast, Louis. Geh mal rüber zum Behandlungsbett!"

"Öhm, soll ich mich etwa vor den beiden da ausziehen?" Fragte der vom Met gebeutelte Drittklässler.

"Wenn überhaupt höchstens vor mir, und ich weiß wie nackte Jungen aussehen", sagte die Schulheilerin. "Aber das ist wohl nicht nötig. Also rüber aufs Bett!"

"Wir können ja nach nebenan", schlug Millie vor, die das schadenfrohe Grinsen nicht aus ihrem Gesicht bekam. Sie winkte Pattie und deutete auf die Tür zum gerade nicht benötigten Schlafsaal. Madame Rossignol nickte zustimmend. Danach untersuchte sie Louis erst mit Diagnosezaubern. Dann fragte sie ihn aus, wann und von wem er zu diesem Trinkgelage angestiftet worden war. Danach wandte sie sich an Julius und fragte diesen sehr verärgert, ob er das nicht unterbinden wollte, daß Drittklässler mit den älteren tranken. Julius straffte sich und erzählte wahrheitsgemäß, daß er keinen Tanz auslassen konnte, da er gelernt hatte, ohne triftigen Grund keine höfliche Aufforderung zum Tanz abzulehnen. "Soso, dann hattet ihr den ganzen Abend Damenwahl?" Fragte die Heilerin schnippisch. Julius betonte, daß die Mädchen alle tanzen wollten und ständig eine oder zwei um ihn rumgelaufen seien. "Dir ist doch klar, daß du sowohl als Saalsprecher wie als Pflegehelfer aufzupassen hast, daß die jüngeren Schüler sich von den älteren nicht zu solchen Sachen anstiften lassen", raunzte die Heilerin. "Aber ich muß es zumindest als mildernden Umstand ansehen, daß du nicht auf alle zugleich achten konntest. Aber fünfzig Strafpunkte muß ich dir leider dafür geben, weil du ganz genau weißt, daß du auf das Wohlbefinden deiner Mitschüler zu achten hast. Wenn ich nicht genau wüßte, daß Beauxbatons im allgemeinen und der grüne Saal im besondren so viele tanzfreudige junge Damen beherbergt müßte ich dir sogar das doppelte auferlegen. Sieh das auch als deutliche Verwarnung an. Beim nächsten solchen Vorfall werde ich nicht mehr so gnädig sein."

"Gnädig, bei fünfzig Strafpunkten", entschlüpfte es Millie. Denn wenn Julius Strafpunkte bekam bekam sie automatisch die gleiche Menge ab.

"Wohl auch, weil ich weiß, daß ihr in Straf- und Bonuspunktegütergemeinschaft lebt, Mildrid. Also hüte dich ja davor, dich zu beschweren!" Stieß Madame Rossignol aus. Dann sagte sie zu Louis: "Du wirst dich nachher nicht an den heutigen Übungen beteiligen und statt dessen in deinem Saal hundert mal aufschreiben: "Ich darf mich als Pflegehelfer nicht betrinken, solange ich gebraucht werden könnte." Zusätzlich bekommst du ebenfalls fünfzig Strafpunkte, Louis Vignier, damit du wie dein älterer Kamerad weißt, daß ihr euch gefälligst einsatzfähig zu halten habt. Wer viel trinkt wird dadurch kein stärkerer Mann. Im Gegenteil. Der Alkoholpegel geht nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf die Manneskraft. Auch wenn dir andere Leute was anderes erzählen."

"So, ihr könnt wieder reinkommen!" Rief Madame Rossignol den beiden Latierres zu. Da ging die Tür zum Krankenflügel auf, und Carmen führte Babette Brickston herein, die zwar ziemlich trotzig dreinschaute aber auch sichtlich benommen wirkte.

"Jetzt sag mir ja nicht, daß auch schon Mädchen aus der ersten bei eurer großen Siegesfeier zu tief ins Metglas geschaut haben", knurrte Madame Rossignol erst. Doch dann sah sie die unverkennbaren Flecken auf Babettes eigentlich blaßblauem Rock. "Oh, verstehe. Jungs, jetzt geht ihr bitte mal in den Schlafraum rüber!" Sie scheuchte Julius und Louis in den Schlafsaal. Julius schloß die Tür ganz.

"Hat die kleine sich ins Höschen gepullert?" Fragte Louis verächtlich. Julius zog ihn bei Seite und zischte ihm ins Ohr: "Ganz sicher nicht. Es gibt Sachen, die gehen uns Jungs nichts an, und das ist Babette wohl passiert."

"Ach neh, das Zeug?" Fragte Louis leise, während Madame Rossignol leise auf Babette einsprach. Millie kam rüber, deckte mit ihrem nun über eins neunzig großen Körper die Tür und drückte sie wieder zu. Louis glubschte sie an und fragte schadenfroh: "Läuft Blanches kleine Enkelin aus?"

"Du würdest das keine Minute aushalten, Kleiner", grinste Millie. "Kannst ja nicht mal einen Kater ohne Murren aushalten." Das traf und wirkte. Der Spötterich glubschte Millie verschämt an und hielt den Mund. Millie wandte sich an Julius und meinte: "Ist Martine auch passiert, als die Roten die Gelben so heftig versenkt haben. Weil sie da gerade stellvertretende Saalsprecherin und einzige Pflegehelferin war hat die auch einen Sack Strafpunkte abgekriegt. Ich hab's mitgekriegt und mich tierisch gefreut, daß meine Schwester übergenau da mal nicht so toll ausgesehen hat." Sie lächelte Julius an. Dieser wandte sich ihr zu und sagte:

"Ich denke, das wird sie amüsieren, daß ich in dieselbe Falle reingetappt bin und du dafür auch Strafpunkte abgekriegt hast."

"Wehe dir, du reibst ihr das unter die Nase", knurrte Millie. Julius fragte herausfordernd: "Oder sonst?"

"Beantrage ich, daß du 'ne Exosensohaube aufkriegst, wenn ich fällig bin", zischte sie. Julius wagte nicht, etwas darauf zu entgegnen. Millie sah Louis an und meinte dann noch:

"Ist wohl was dran, daß wir Mädels mehr vertragen als ihr Jungs."

"Jau, hau mir das auch noch gegen die Birne. Vorbeihauen geht ja bei der Größe im Moment nicht", grummelte der verkaterte Drittklässler. Julius mußte grinsen. Millie lachte frei heraus. Dann zog Julius den Brief der Eauvives aus seinem Umhang und gab ihn seiner Frau ohne weiteres Wort in die Hand. Diese las ihn, sah Julius an und nickte. "Klären wir zwei nach der Übungsstunde am üblichen Platz", sagte sie nur und gab ihm den Brief zurück.

"Ups! Ähm, öhm!" Hörten sie Sixtus erschrocken und erstaunt. "Rüber in den Schlafsaal!" Bellte Madame Rossignol ihn an. Keine Sekunde später war Sixtus durch die Tür. "Ich wollte die nicht ansehen", stieß er verdutzt aus. "Hoffentlich pflanzt mich Königin Blanche nicht vorne auf deren Besen, wenn die siebzehn wird."

"Das geht auch mit fünfzehn", wußte Julius eine passende Antwort. Louis fragte den Jungen aus dem weißen Saal, was für ein Problem er habe.

"Die kleine Brickston liegt im Behandlungszimmer unten nackig auf dem Tisch. Konnte nicht wissen, daß die noch behandelt wird. Habe aber nicht genau hingeguckt."

"Damit ist die Frage schon geklärt, ob Babette hier als unvergeben aus Beauxbatons rausgeht", feixte Millie. Doch dann grinste sie mädchenhaft. "Wenn das bei Pflegehelfern so durchgezogen würde wie sonst hätte Julius Connie Dornier heiraten müssen, weil er die mehr als einmal nackig gesehen hat."

"Häh?!" Machte Louis. Julius erklärte ihm diese für ihn auch nicht so ganz zu verstehende Regelung, dernach Hexen und Zauberer über fünf Jahren sich nicht vor anderen ausziehen durften, weil jemand, der sie so sah und noch nicht verheiratet war dann den betreffenden heiraten müsse.

"O Mist, dann sollte ich aufpassen, daß sich die bekloppte Montbleu aus dem Violetten saal nicht vor mir nackig macht. Die denkt, ich wäre was interessantes, obwohl ich im Moment keine Lust auf Mädels habe", knurrte Louis.

"Vielleicht haben die Mädels aber Lust auf dich", erwiderte Sixtus. Louis gab darauf keine Antwort. Sixtus grinste, wohl auch und vor allem, weil er Louis angeschlagenen Zustand bemerkte. ""Hast du ein Weinfass leergekriegt, Louis Vignier?"

"Nicht ganz", knurrte Louis verärgert zurück.

Madame Rossignol steckte den Kopf durch die Tür und kommandierte sie alle zurück in den Besprechungsraum. Carmen lieferte Babette gerade noch im grünen Saal ab, würde dann aber gleich wieder zurückkommen. Über ihre Behandlung wurde kein Wort verloren.

Die Konferenz verlief ohne weitere nennenswerte Ereignisse. Nur zum Schluß maßregelte Madame Rossignol noch mal Louis und Julius, weil sie sich nicht an die von ihr ausgegebene Generalanweisung erinnert hatten, als Pflegehelfer die eigene Gesundheit zu bewahren und die der Mitschüler zu überwachen. "Ich kann nicht überall im Palast herumlaufen, und Überwachungszauber sind nicht zulässig. Also liegt es bei euch, wie gut ihr und eure Mitschüler körperlich beschaffen seid. So, die Übungsgruppe für heute kann dann gleich rüber, weil wir heute Umbettungszauber auffrischen wollen. Die freigestellten Pflegehelfer können gehen."

Nach der Übungseinheit trafen sich Millie und Julius am Pavillon des Ostparks.

"Also, wie machen wir das?" Fragte Millie. "Erst zu uns ins Apfelhaus und dann zu Martha nach Paris und wieder zurück zu Camille oder gleich von hier nach Paris und mit Martha zusammen nach Millemerveilles oder Florissant? Oder Wir nur nach Millemerveilles und Martha zu uns?" Zählte Millie die möglichen Alternativen auf.

"Das war vor zwei Jahren richtig schön, daß wir aus Millemerveilles alle durch die Luft geflogen sind. Mum saß auf einem Thestral wie eine Amazone auf dem Weg in die Schlacht. Aber jetzt könnte sie auch auf Jeannes Flugteppich oder einem eigenen Besen fliegen."

"Wo Ma der einen besorgt hat, zusammen mit Oma Line und Madeleine? Das wäre doch voll genial. Dann kriegen es auch eure Anverwandten aus Yankeehausen mit, daß deine Mutter jetzt auch 'ne vollständige Hexe ist."

"Mum hat es nicht mit dem Flugbesen, obwohl oder gerade weil Madame Faucons große Schwester sie ständig anhält, damit zu fliegen. Flohpulver oder Besen heißt es dann immer."

"Die kann auch von Tine apparieren lernen", meinte Millie.

"Weiß ich das, ob die das nicht schon die ganze Zeit macht? Ich habe seit der Kiste mit dem Atomvampir nur noch Standardmeldungen von meiner Mutter gekriegt. Mir geht's gut! Ich lerne fleißig mit dem Zauberstab! Wie geht's dir? Ich hab dich lieb! So die Zusammenfassungen. Offenbar wird sie vom Ministerium jetzt mit ziemlich geheimen Sachen betraut. Und bevor du es sagst: Ich wäre der hinterletzte, der ihr deshalb was vorwerfen dürfte."

"Seitdem sie sich auch so heftig in der Abwehr von Didiers Gemeinheiten hervorgetan hat und wohl auch die Sache mit diesem Volakin mitgedreht hat kein Wunder", erwiderte Millie. "Aber die muß doch mindestens die ZAGs nachholen, wenn ich das an unserem letzten Hochzeitstag mitbekommen habe." Julius nickte.

"Wie sieht es dann aus? Da wir eh in Millemerveilles wohnen könnten wir Martha doch zu uns rüberkommen lassen und dann zusammen mit den Dusoleils rüber zum Château Florissant. Oder wir nehmen deine Mutter mit rüber zum Château Tournesol und reiten die zwanzig Kilometer von da auf Bellona oder einer anderen von Tante Babs' Kühen, wenn nicht sogar auf Temmie."

"Temmie trägt jetzt wohl erst mal genug mit sich herum, sonst wäre die ja auch bei meinem letzten Ausflug mitgekommen", wisperte Julius. Millie nickte verstehend. Sie bat Julius dann, sich bei den Dusoleils zu erkundigen, ob sie noch Platz auf dem Teppich hätten, weil Millie sehr gerne wieder auf diesem orientalischen Fluggerät reisen wolle. Julius wollte dann seine Mutter fragen, ob sie mit Flohpulver rüberkommen oder von Catherine wieder per Reisesphäre in Millemerveilles abgeliefert werden wolle wie vor zwei Jahren.

"Wieso soll Catherine dafür 'ne Reisesphäre aufrufen, wenn Martha einen schönen Flohpulverkamin zum Durchwirbeln hat?" Fragte Millie verwundert. Julius räumte ein, daß das dann wohl nicht nötig wäre.

So kehrte er in den Palast zurück, während Millie noch in die Bibliothek wollte, um mit Mayette Erstklässlerzauber zu pauken. Bei der hakte es vor allem in Verwandlung, hatte sie erfahren, etwas, worin Mayettes Mutter sehr bewandert war.

"Deine Mutter hat bereits auf die Einladung reagiert und mit Jeanne und Bruno gesprochen, ob sie noch Platz auf dem Teppich hätten", informierte ihn die gemalte Gründungsmutter Viviane Eauvive, die Julius zu sich in den Schlafsaal der Sechstklässler gebeten hatte. "Da ja sowohl Camille als auch Uranie ihre Kinder mitnehmen müßten, weil ja alle eingeladen worden seien, würde der Teppich wohl ziemlich voll. Denise bleibt bei den Pierres, weil ja nur solche Familienangehörigen hinkommen dürften, die nach dem Laufenlernen das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben."

"Oh, dann wird's wirklich eng, sollten Millie, meine Mutter und ich noch mit auf den Teppich. Aber wir haben einen schönen familienbesen, auf dem wir fliegen können", sagte Julius. "Mal sehen, wie es geht."

"Antoinette wird das noch mal mit deiner Mutter besprechen", sagte die gemalte Viviane Eauvive. "Ihr werdet also direkt nach Millemerveilles reisen?" Julius nickte dem Bild-Ich zu. "Gut, das gebe ich dann an deine Mutter und die Dusoleils weiter."

"Was macht meine Mutter eigentlich noch außer Zauberübungen?" Wollte Julius wissen.

"Sie wird von den Mesdames Grandchapeau gut eingespannt. Jetzt, wo sie diesem Elektrorechnerkasten so viel gutes abgewinnen konnten darf sie Kurse für interessierte geben, erläutern, warum die Kenntnisse darüber für den Bestand der Geheimhaltung der Zaubererwelt sind und Berechnungen anstellen. Natürlich gibt es im Ministerium auch welche, die ihr das mißgönnen, weil sie der Muggeltechnologie nichts abgewinnen, weil dabei viel Qualm in die Luft geblasen wird, um den Strom zu machen, und die Alternativen, riesige Wassermühlen zu bauen oder diese Atomöfen zu betreiben auch nicht jedem gefallen. Immerhin kann Florymont seit der Erfindung der Sonnenlichtwandler gute Umsätze machen, weil er mit den Erfindern der Feuerperlen ein Lizenzabkommen hat, daß er von seinen Gewinnen an den Sonnenlichtwandlern einen gewissen Anteil an diese abführt. So besteht zumindest die Möglichkeit, kleine, tragbare Elektrorechner in magiearmen Zonen mit Sonnenlicht zu betreiben. Bei der Gelegenheit darf ich dir Grüße aus Viento del Sol bestellen, daß Peggy und Larissa Swann wohlauf sind und fragen, ob du auch zu der Hochzeit von Ms. Brittany Forester eingeladen wurdest. Da sie keine Familienangehörigen sind muß ich deine Erlaubnis erfragen, ob ich Mrs. Swann darüber Auskunft erteilen darf.""

"Klar, wo die kleine Larissa so häufig bei den Foresters ist", grummelte Julius. Ihn wurmte es ein wenig, daß es diese Hexe, die ihre eigene Mutter als Tochter ausgetragen und wiedergeboren hatte noch nicht aufgab. Womöglich wuchs das auch auf dem Mist der jetzt körperlich so um die zwei Jahre alten Larissa, die sich ihm damals offenbart hatte. Sollte er denen stecken, daß Anthelia mit einer gefährlichen und unverwüstlichen Hexe aus dem alten Reich verschmolzen war? Das würde deren nette Schwesternschaft sichtlich rotieren lassen. Allerdings würde er dann genau das tun, was Larissa damals schon von ihm gewollt hatte. Abgesehen davon, daß er dann ja auch gefragt würde, woher er das wüßte. Und genau das wollte er unter allen Umständen vermeiden. So sagte er nur:

"Bestell Ms. Swann bitte schöne Grüße, daß meine Frau und ich auch eingeladen wurden und gerne rüberkommen. Brittany wird ihr das vielleicht schon erzählt haben." Viviane nickte. Dann fragte sie, wie es Goldschweifs Kindern gehe. Er tat so, als wisse er nicht, von welcher Goldschweif sie sprach, da die kleine Prinzessin, Goldschweif XXVII., ja gerade auch Junge trüge. Sie erwiderte, daß sie die bereits geborenen Jungen meine. So gab Julius einen kurzen Bericht über die drei neuen Kniesel. "nun", entgegnete Magistra Eauvive darauf mit seligem Gesicht: "Wenn sich herausstellt, daß ihre ihr nun ähnelnde Tochter Goldschweif siebenundzwanzig auch gesunde Jungen werfen kann wirst du sie wohl in den Sommerferien endgültig zugesprochen bekommen. Und da du ja nun eindeutig in einer Zauberersiedlung wohnst könntest du sie problemlos als Freigängerin weiterhalten."

"Falls es ihr da nicht zu langweilig wird, wo sie die Königin der Kniesel von Beauxbatons ist", entgegnete Julius darauf.

"Die will doch schon immer mit dir mit, spätestens seitdem ihr zwei mich besucht habt", wisperte Viviane die passende Antwort. Julius bejahte das leise. "Nun, sie wird jetzt erst einmal ihre drei Neuen großziehen. Aber spätestens dann wird sie dich wohl begleiten wollen."

"Nur Pech, daß in Millemerveilles kein männlicher Kniesel außerhalb des Tierparks herumläuft, der mit ihr die Stimmung ausleben kann, wie sie das nennt", feixte Julius.

"Die intensivste Phase dürfte sie nun auch hinter sich haben. Sechs Würfe, insgesamt siebenundzwanzig Junge, alle schön verteilt auf die europäische Zaubererwelt. Vielleicht hat sie mit den dreien jetzt auch genug, die sie gerade geworfen hat. Meine hier hatte ihren letzten Wurf mit sechzehn Lebensjahren. Danach habe ich sie nicht mehr mit anderen Katern zusammengelassen, weil ich fürchten mußte, daß ihr die Gebärmutter zu sehr schwach wird und bei einem weiteren Wurf unrettbar geschädigt wird. Damals wäre sie mir dann wohl an unstillbaren Blutungen eingegangen. So konnte ich sie noch weitere vierzehn Jahre um mich haben. Die Rolligkeiten nehmen mit zunehmendem Alter auch an Intensität ab, so daß es keine Todesqualen für sie wurden, nicht mit dem nächstbesten Kater zu kopulieren." Julius grinste. Als er Goldschweif zum ersten Mal getroffen hatte, war sie gerade zwölf Jahre ald. Da Kniesel im Vergleich zu Hauskatzen steinalt werden konnten war sie da gerade in der Blüte ihrer Jahre. Und jetzt hatte sie eben den sechsten Wurf hinter sich. Vielleicht hatte sie jetzt wirklich genug vom Kinderkriegen. Aber wenn sie so gelagert war wie Ursuline Latierre konnte sie mit fünfundzwanzig noch darauf bestehen, neue Junge zu haben.

"Auf jeden Fall sind wir über Weihnachten bei Antoinette und dann drüben in den Staaten", beschloß Julius die Unterhaltung mit der gemalten Viviane.

"Der Sixtus Darodi hat mich angeglotzt, als hätte der keine kleine Schwester, die nächstes Jahr nach Beaux käme", meinte Babette, als Julius sie eine halbe Stunde vor dem Mittagessen im Aufenthaltsraum traf. Ihr übliches Gespann Armgard und Jacqueline trieb Sport am Stadion. Da Babette im Moment nicht gerade in bester Verfassung dazu war wollte sie lieber noch ein paar Sachen für Bellart fertigschreiben. Julius sagte, daß Sixtus sich erschrocken habe, weil er Angst hätte, er müßte Babettes Oma bald Oma Blanche nennen.

"Denkst du, ich hätte mir das ausgesucht. Ich wußte zwar, daß mir das in dem Jahr zum ersten mal passiert. Aber ausgerechnet nach dem Frühstück. Und fies ist das", grummelte Babette. "Darf jetzt ein paar leichte Schmerzstilltränke nehmen, um das besser zu überstehen. Aber Madame Rossignol hat gesagt, daß ich ab jetzt damit leben müsse."

"Die muß das ja wissen. Die ist Heilerin", erwiderte Julius.

"Und auch 'ne Hexe, du Clown", grummelte Babette. Julius überlegte, ob er ihr dafür Strafpunkte geben sollte. Doch da kam Céline und bedeutete Julius, sich dezent zu entfernen. Die Saalsprecherin hatte wohl von Carmen, daß Babette nun kein kleines Mädchen mehr war und wollte ihr bestimmt gewisse Sachen erzählen, die nicht für Männerohren bestimmt waren. Höchstwahrscheinlich würde sie ihr auch raten, bloß nicht aus purer Neugier mit einem Jungen zwei werden eins zu spielen, weil genau das sie, Céline, ziemlich jung zur Tante gemacht hatte. Da würde die Saalsprecherkollegin sich nett umgucken, dachte Julius mit innerer Belustigung. Denn Babette hatte mit neun schon genausoviel Ahnung davon gehabt wie Céline mit zwölf oder dreizehn. Doch er nutzte den Freiraum vor dem Mittagessen, um im Freien noch einmal einen gelenkten Wind zu beschwören und wieder abklingen zu lassen. Das saß jetzt also. Er dachte daran, ob er mit jener speziellen Silberflöte im Apfelhaus von Millemerveilles nicht jeden Windzauber aus dem linken Handgelenk aufrufen konnte. Doch er hatte beschlossen, daß Ailanorars Windflöte etwas war, von dem er tunlichst die Finger lassen sollte, solange er nicht eine längere Sitzung mit einem Windmagier von Altaxarroi hatte oder irgendwo ein Notenbuch des großen Windmachers auftauchte, in dem alle nötigen Melodien standen. Eigentlich wäre sie oben bei den Vogelmenschen auch besser aufgehoben gewesen. Doch der große Meister hatte es ja anders haben wollen. Der wollte ihn glatt losschicken, um seine Schwester von Anthelia loszueisen. Abgesehen davon daß er keinen Funken Ahnung hatte, ob das überhaupt gegangen wäre wußte er, daß er dann zwei ziemlich verärgerte Hexen gegen sich gehabt hätte. Denn Anthelia war bestimmt überglücklich, nicht nur einen unverwüstlichen Körper, sondern vor allem das Wissen aus Altaxarroi in sich aufgenommen zu haben. Und Naaneavargia konnte nun ihre von innen nach außen übergroß hervorgekehrte Tiernatur besser kontrollieren und kannte nun alles, was die Hexen von heute kannten. Dadurch wurde sie zwar unvorhersehbar gefährlich. Aber er war nicht dazu ausersehen, sie zu vernichten. Er hieß nicht Harry Potter. Doch irgendwie fühlte er doch die gewisse Schuld, weil es überhaupt möglich wurde, daß Anthelia sich mit Naaneavargia verbinden konnte, auch wenn die sicher nicht darauf ausgegangen war. Sie wollte nur wissen, was die Spinnenfrau wußte und war nun ein Teil von ihr und umgekehrt. Es war eine dunkle, fleischliche Entsprechung von Ammayamiria. Doch diese war wesentlich mächtiger geworden. Stand also zu befürchten, daß Anthelia-Naaneavargia nun auch viermal oder achtmal so gut zaubern konnte wie Anthelia alleine. Dann durften sich alle warm anziehen, auch Hallittis nette Schwestern.

"Häh, träum nicht", rief ihn Corinne in die Gegenwart zurück und kniff ihn in den Bauch. "Du hast mich gar nicht kommen gesehen", sagte sie. Julius erkannte, daß sie bestimmt mitbekommen hatte, daß er trübsinnige Gedanken und eine gewisse Schuld empfunden hatte. Was sollte er ihr sagen, wenn sie ihn darauf ansprach, wo er seinen Geist nicht sorgfältig verschlossen hatte?

"Ich war mit meinen Gedanken bei verschiedenen Sachen, unter anderem auch, was letztes Jahr um die Zeit alles anlag", fand er eine brauchbare Erklärung, die zu seiner Gefühlsausstrahlung passen mochte.

"Verstehe", erwiderte Corinne. "Aber ich denke, du hast jetzt bestimmt Hunger", sagte sie. Julius wollte gerade erwidern, daß er im Moment eigentlich noch satt war, als er tatsächlich meinte, unbedingt was essen zu müssen. War das normal. Dann fiel ihm etwas ein, das ihm nicht gefiel und er schirmte seinen Geist ab. Sofort verschwand der unbändige Hunger.

"Ähm, das könnte wie Imperius gewichtet werden, Corinne", sagte er, als ihm klar war, was da passiert war.

"Ich mach das auch normalerweise nicht mit Menschen, seitdem ich weiß, daß ich das kann", sagte Corinne. "Aber ich wollte jetzt nur wissen, ob die Occlumentie dagegen schützt. Hast du immer noch großen Hunger?"

"Jetzt geht's wieder, nachdem ich deinen Suggestivstrahl ausgesperrt habe", erwiderte Julius.

"So nennst du das? Ich nenne das Gefühlsrufen, so ähnlich wie Mentiloquismus. Aber wie erwähnt mache ich das nur bei Tieren, seitdem ich das raushabe."

"Bin ich der einzige, der das weiß?"

"Du und womöglich deine Frau. Denn ihr seid ja durch die Herzanhänger miteinander gefühlsverbunden."

"Gut, dann behalte ich das für mich, wenn du niemandem einsuggerierst, jetzt unbedingt mit dir Liebe machen zu müssen oder dir sonst was gutes zu tun."

"So nötig habe ich das nicht, sonst wäre mir das vielleicht schon passiert", grinste Corinne leise. Dann winkte sie Julius. Er winkte zurück und ging noch einige Minuten am Rande des nun laublosen Forstes entlang. Dabei dachte er, was er irgendwann mal so ohne Zauberstab anstellen könnte und vorher nicht wüßte, ob das verboten war oder nicht. Zumindest konnte er bestimmte Situationen mitträumen oder in wilder Panik ein Zaubertier geistig übernehmen und steuern, weshalb er überhaupt Temmie geschenkt bekommen hatte und die jetzt mit Darxandrias Geist und einem Kalb in sich herumlief. Corinne konnte Gefühle anderer erfassen, die sich nicht durch Occlumentie dagegen abschotteten und wußte jetzt auch, daß sie in anderen wortlose Empfindungen auslösen konnte. Wie würde dieses kleine, kugelrunde Hexenmädchen damit umgehen? Mit großer Macht kam große Verantwortung. In der Zaubererwelt galt dieser mmoralische Leitsatz aus den Spiderman-Comics am stärksten.

Nach dem Mittagessen spielten die Muggelstämmigen Fußball. Professeur Beaufort, der frühere Starsucher der Dijuon Drachen, sah dem Treiben zu. Jungs spielten gegen Mädchen, oder in gemischten Mannschaften. Millie und Patricia waren die einzigen, die reinblütige Zaubererwelttöchter waren.

"Zwar ein gutes Spiel zur Erprobung mannschaftlichen Zusammenspiels und Kondition, aber doch zu berechenbar", meinte der Flug- und Quidditchlehrer dazu. Pierre Marceau fragte ihn deshalb, warum er es sich dann so lange angesehen hatte. "Nun, ich muß schließlich bewerten, wer demnächst in der Mannschaft seines oder ihres Saales gute Chancen hat und die Kapitäne gegebenenfalls beraten", begründete Beaufort sein Zuschauen.

"Wenn Louis wieder seinen normalen Kopf auf den Schultern hat zeigen wir noch mal, wie genial das Spiel ist", meinte Boris. Pierre Marceau stimmte dem unumwunden zu.

Am Abend erhielt er von Viviane Eauvive die Meldung, daß seine Mutter am sechsundzwanzigsten Dezember per Flohpulver direkt zu Jeanne und Bruno reisen würde. Damit war das auch geklärt.

 

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Als Julius im Verlauf der kommenden Woche einen Brief aus den Staaten bekam, der die offizielle Einladung zur Hochzeit von Brittany Forester mit Linus Brocklehurst am 29. Dezember 1998 enthielt, war dem Brief nicht nur ein Foto des Brautpaares beigefügt, sondern auch ein Artikel aus der Stimme des Westwinds, der Zaubererzeitung, für die Linda Knowles schrieb. Diese hatte auch den ihm zugeschickten Artikel verfaßt.

 

INVASIONSVERSUCH DER LEBENDEN TOTEN

 

 

GEFAHR FÜR MAGISCHE UND NICHTMAGISCHE WELT GLÜCKLICH ÜBERSTANDEN

 

 

ENTSCHEIDUNGSSCHLACHT IN NEW ORLEANS DURCH UNGEWÖHNLICHE ZAUBER ENTSCHIEDEN

 

In den späten Vormittagsstunden des zwanzigsten Novembers kam es auf dem von Muggeln und Magiern gleichermaßen benutzten Friedhof St. Louis Nr. 1 zu einer dramatischen Zauberschlacht, die den Endpunkt einer mehrwöchigen Bedrohung kennzeichnete. Wie der Westwind erfuhr griffen bereits am dritten November durch dunklen Voodoozauber animierte Tote, sogenannte Zombies, die vereinigten Staaten an. Die unheimlichen Eindringlinge wurden in Luftstrahlausstoßflugapparaten der Muggelwelt aus Südamerika herübergeflogen und auf kleinen Flughäfen ausgesetzt. Dort übernahmen die gegen fast alle nichtmagischen Gewaltformen immunen Erfüllungsgeschöpfe sofort die Kontrolle über die Verständigungseinrichtungen und errichteten Ausgangsbasen für einen gezielten Einmarsch auf das Gebiet der vereinigten Staaten. Das Ministerium unter Milton Cartridge erhielt bereits frühzeitig Kunde von diesem bevorstehenden Überfall, war aber nicht in der Lage, Zeitpunkt und Ort des Ansturms vorherzusehen, so daß unseren wagemutigen Inobskuratoren nichts anderes übrig blieb, als zu reagieren, als die Eindringlinge bereits auf US-amerikanischem Boden waren. Da diese zum einen Muggel-Fluggeräte benutzten und zum anderen zunächst auf Muggeleinrichtungen losgingen stand bereits früh fest, daß diese Wesen Anführer oder Helfer in der Muggelwelt besitzen mußten. Das erklärt auch, woher die Zombies genau wußten, wie sie die Verständigungsvorrichtungen der Landeplätze der Flugmaschinen, die Luft- oder Flughäfen, im Handstreich übernehmen konnten. Art und Ausführung des Angriffes weisen auf einen Strategen hin, der die Vorzüge der Muggelwelt mit den Machtmitteln des Voodoo zu kombinieren wußte. Auf Anfrage bei Vertretern des Zaubereiministeriums und des Marie-Laveau-Institutes erfuhr der Westwind, daß der arglose, wenn auch in Muggelfinanzmitteln fachkundige Nachfahre eines dunklen Voodoomeisters, auch Bokor oder schwarzer Zauberpriester genannt, vom Geist seines Vorfahren übernommen worden sei und daher in dessen Sinne handele. Ein für Kontakte zu den Sicherheitsbehörden der Muggelwelt tätiger Laveau-Mitarbeiter, dessen Namen wir nicht nennen dürfen, teilte mit, daß vor allem Versorgungseinrichtungen der Muggelwelt bedroht wurden, da der erwähnte dunkle Voodoomeister danach trachte, die Weißen für die Gräueltaten während der Sklaverei in den Südstaaten zu bestrafen. Vor allem sogenannte Atomkraftwerke, jene zur Herstellung von Elektrostrom errichteten Brennöfen, in denen jene unsichtbare Todesstrahlung erzeugt wird, der wir Volakin zu verdanken hatten, seien Ziel dieser Invasion, da deren Zerstörung eine großflächige Verseuchung mit Radioaktivitätsstrahlung herbeigeführt hätte. Auch sogenannte Chemiefabriken, in denen auf künstlichem, nichtmagischem Wege Farb-, bau- und Arzneistoffe hergestellt werden, sollten von den Zombies des dunklen Voodoomeisters zerstört werden. Über den Namen des Feindes wolte sich erwähnter Mitarbeiter nicht auslassen, da jeder gefährdet sei, der den Namen des Verbrechers kenne, falls dieser einen Fernfluch wirke, der jeden, der ihn kenne quäle oder töte. Er wies auf das Namenstabu in Großbritannien und den Fremdgeborenenmordfluch zur Zeit des mittlerweile über seine eigene Machtgier zu Tode gekommenen Dunkelmagiers mit dem Ihnen allen so vertrauten Namen hin. Das LI präsentierte dem Zaubereiministerium wirksame Waffen, mit denen Zombies vernichtet werden konnten, auch wenn sie sich in hochgefährdeten Bereichen aufhielten, wo Zauber- und Schußwaffengebrauch absolut unangeraten waren. So gelang es, den Großteil der schwarzmagisch belebten Leichenarmee auf ein kontrollierbares Maß zu verkleinern. Als dann herauskam, daß jener Dunkelmagier das Machtzentrum der verstorbenen Voodoomeisterin Marie Laveau in New Orleans erobern oder zerstören wollte, konzentrierte sich alle Gegenwehr auf die weltberühmte Stadt im Mississippi-Mündungsgebiet. Nachdem es gelang, die von den belebten Leichen eroberten Muggellandeplätze zurückzuerobern, rückte die Sondertruppe Samedi, wie sie sich nannte gegen New Orleans vor. Sie konnte jedoch nicht verhindern, daß der Feind bereits mit einer Gruppe seiner lebenden Toten dort eingesickert war, womöglich über sogenannte Containerschiffe, die gewaltige Mengen Frachtgut in der Muggelwelt befördern können. Gestern Morgen kam es zu einem Duell des dunklen Voodoomeisters mit einer dieser Magieform kundigen Gewesenen. Dadurch konnten auch die seit Jahrzehnten sorgfältig kleingehaltenen Vermutungen bestätigt werden, daß die Namensgeberin des Laveau-Institutes ihren körperlichen Tod überstanden hat. "Als wir da ankamen, meinten wir, die ganze Welt flöge aus den Fugen", kommentierte Logan Pancroft, ein Inobskurator des Zaubereiministeriums. "Ich habe geglaubt, gleich geht der Boden auf und es kommen noch diese Höllendämonen raus, von denen es die Muggelpfarrer immer haben", so die weitere Zeugenaussage. Ob ein Geist vernichtet werden kann gilt nach wie vor als Internum der zuständigen Ministerialbehörden und des LIs. Möglicherweise war jedoch die Gefangennahme und Versklavung der Marie Laveau geplant. Das Duell ging über eine halbe Stunde und vereitelte jeden Versuch der herbeigeeilten Abwehrzauberer, in die Kampfzone einzudringen. Zwar sei es durchaus möglich gewesen, eine Aufhebungsbeschwörung auszuführen, so LI-Direktor Elysius Davidson, doch dies hätte womöglich eine ungerichtete Magiefreisetzung ungeahnten Ausmaßes und ungeahnter Auswirkungen nach sich gezogen. Dann passierte etwas, was weder Ministeriumszauberer noch LI-Magier vorhersehen konnten. Eine in Rosarotem Gewand gehüllte Person apparierte zusammen mit vermummten Begleitern in weißen Umhängen. Sie trugen einen beachtlichen Kugelkörper aus gediegenem Silber auf einem großen Tragegestell und legten diesen ab. Von unserer Reporterin Linda Knowles erfahrenen Beschreibungen wiesen den Durchmesser der Silberkugel mit drei Metern aus, was eine beachtliche Menge Silber bedeutet, sofern es kein Hohlkörper war. Dann vollführte die Anführerin, deren Stimme Llaut unserer Reporterin Linda Knowles eine tiefe, aber schwingungsfreie Stimme besaß, eine Beschwörung in einer ihr bis dahin unbekannten Sprache. Dadurch begann der silberne Globus aus sich heraus zu leuchten, als bestehe er aus geformtem Vollmondlicht und erstrahlte alsbald in einem sehr hellen Silberweiß. Dies wiederum bewirkte, daß der körperlich vorhandene Zombieführer aus der von magischen Wechselwirkungen betroffenen Kampfzone herausgezogen und auf die Kugel hingetrieben wurde, an der er wie ein Eisennagel an einem Magneten anhaftete und unter unappetitlichen Geräuschen darin eingesogen wurde. Er endete qualvoll. Doch Linda Knowles konnte genau sehen, wie sich seine sichtbare Geistform aus der sterbenden Leibeshülle herauslöste und auf die bereits geistförmige Marie Laveau zutrieb, die dem entkörperten Feind entgegenflog, dabei nebelhaft und riesengroß aufquoll und ihn einfach in sich einverleibte. Sie schrumpfte darauf auf ihre bisherige Größe zusammen, wobei deutlich durch den transparenten Leib der zu einer weißen Verkleinerung verdichtete Geist des Feindes zu erkennen war. Diesen trug marie Laveau zu einem Tonkrug innerhalb der Kampfzone und stieß den in sich aufgesogenen wie einen dichten Dampfstrahl in den Krug aus, wobei er um Gnade und Vergebung flehte, bevor seine Stimme schwächer wurde, bis sie wie aus einem tiefen Brunnenschacht erklang und dann ganz erstarb. Während dieses Prozesses gelang es den Fremden, die die Silberkugel herbeigeschafft hatten, ebenso unvermittelt zu disapparieren wie sie erschinen waren. Wer genau sie waren weiß niemand. Es darf jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß es sich um Angehörige jener Hexenvereinigung handelt, die der Erbin Sardonias nachfolgte, welche immer noch wegen Mordes an Minister Wishbone gesucht wird. Der Tonkrug mit der eingekerkerten Geistform des Feindes, den LI-Direktor Davidson nach dem glücklichen Ende dieser Auseinandersetzung als Ruben Coal bekannt gab, versank nach Schließen des Deckels auf geisterhafte Weise im Sumpfigen Boden. Nur Marie Laveau wird wissen, wo sie ihn hinbefördert hat. Die noch verbliebenen Zombies zerfielen in dem Moment, wo ihr Herr und Meister entmachtet wurde, so daß sie von Suchkommandos des Ministeriums nicht mehr zerstört werden mußten. Im Nachhinein können wir alle der guten und wohlorganisierten Zusammenarbeit zwischen dem Zaubereiministerium unter Milton Cartridge und dem Marie-Laveau-Institut dankbar sein, daß die Invasion der Zombies keine bleibenden Schäden angerichtet hat. Sicher, es sind fünfzig Todesopfer aus der magielosen Welt zu beklagen. Doch an den angegriffenen Flughäfen, Chemiefabriken und Atomöfen entstanden keine für die Umwelt verheerenden Beschädigungen. Elysius Davidson erklärte sich nach Ausgang der heiklen Auseinandersetzung bereit, eine ausführliche Beschreibung des Vorfalls zu geben, da nun davon auszugehen sei, daß die Gefahr restlos ausgeräumt sei und somit niemand mehr durch Kenntnisnahme aller wichtigen Einzelheiten um das geistige oder körperliche Wohlergehen fürchten müsse. Das ausführliche Interview mit LI-Direktor Davidson lesen Sie bitte auf den Seiten 4 ff. Eine zusammenfassende Erläuterung zu den Begriffen Zombie und Voodoo lesen Sie bitte auf den seiten 8 ff.

 

Linda Knowles

 

"Hui, da hat's aber in den Staaten wohl ganz schön gerappelt", dachte Julius, als er den Artikel durchgelesen hatte. Fotos gab es nicht dazu. Er beschloß, diesen Zeitungsartikel an Professeur Delamontagne weiterzugeben. Denn Mrs. Forester hatte ihm den Artikel wohl deshalb zugeschickt, um ihn mit der Nase auf etwas zu stoßen, nämlich auf die spektakuläre Aktivität der Wiederkehrerin. "in einer unbekannten Sprache", dachte Julius. Linda Knowles' magische Ohren konnten außer besonders gut und über einen großen Frequenzbereich ausgedehnt hören auch alles in einer Lautsprache mitgeteilte übersetzen. Hatte sie wohl verstanden, was die Wiederkehrerin gesagt hatte? War das, was sie gesagt hatte in der Sprache Altaxarrois erklungen? Wieso wurde dieser Ruben Coal auf diese Silberkugel zugezogen und darin oder daran angesaugt? Das waren Fragen, die er gerne beantwortet bekommen wollte. Sollte er Ms. Knowles anschreiben und sie fragen? Sollte er Madame Faucon oder Professeur Delamontagne dazu befragen, ob es einen Zauber gab, der Silber zu einem Ansaugelement für besonders finstere Zauberer und Hexen machte. Das Edelmetalle einerseits sehr träge Magieempfänger waren aber dann, wenn Sie Magie in sich aufnahmen die mächtigsten Zauber speichern und wirksam werden lassen konnten wußte Julius. Laut Pinkenbach machte die Menge und der Rauminhalt das Fassungsvermögen. Dann hatte die neue Entität, zu der Anthelia mit Naaneavargia verschmolzen war, einen uralten zauber verwendet, der eigentlich längst mit dem Wissen Altaxarrois untergegangen war. Ja, sie war tatsächlich noch da, stärker als vorher, wie ein junger Phönix, der aus der eigenen Asche erstanden war.

"Nun, ich habe diesen Artikel bereits erhalten, wie auch meine geschätzte Vorgesetzte Madame Faucon", erwähnte Professeur Delamontagne, als Julius ihm den Auszug aus dem Westwind vom 21. November zu lesen gab. "Damit haben wir es jetzt quasi amtlich, daß die Wiederkehrerin oder was sie nun immer darstellt durchaus noch Ambitionen hegt, den Ablauf innerhalb der Zaubererwelt und womöglich auch der der Muggel zu beeinflussen. Denn sonst hätte sie diesen Ruben Coal, der sich selbst als Sohn des Totengottes Baron Samedi bezeichnete, nicht derartig erfolgreich bekämpfen wollen."

"Hmm, ich kenne keinen Zauber, der aus einer Silberkugel einen Magneten für böse Magier macht. Aber warum ist sie dann nicht gleich dran hängengeblieben und zerbröselt worden? Ms. Knowles hat es nicht genau erwähnt. Aber ich vermute, daß er vom Ansaugdruck zerquetscht wurde, was kein schöner Tod ist."

"Nun, die einzigen beiden schönen Todesarten sind das Entschlafen oder der sofortige Hirn- und Herzstillstand während des geschlechtlichen Höhepunktes", erwiderte der Vorsteher der Grünen mit väterlichem Lächeln. "Aber was das mit der Silberkugel angeht, so hat das nichts mit der magischen Grundhaltung zu tun, sondern mit dem Material. Offensichtlich gelangte diese neue Hexenmeisterin zu denselben Erkenntnissen, die bereits das Laveau-Institut und die Liga gegen dunkle Künste erhielt. Bei der Übernahme des Nachfahren drang nicht einfach der Geist des dunklen Voodoomeisters in den lebenden Körper ein wie es Voldemort alias Tom Riddle vermochte und es in Mythen und Gruselmärchen körperlosen Dämonen zugestanden wird, sondern tauschte das durch Versilberung konservierte und seinen Geist bannende Knochengerüst mit dem des ahnungslosen Wirtskörpers aus. Womöglich haben wir es hier mit einem Astral- oder Erdelementarzauber zu tun, bei dem bestimmte Substanzen dazu gebracht werden, sich zu einer festen Masse zusammenzufügen. In dem Fall war es das Edelmetall Silber."

"Moment, also ein Zauber, der wie der Accumulus-Zauber wirkt, bei dem ein vorbestimmtes chemisches Element als Magnet für seinesgleichen benutzt wird?" Fragte Julius höchstinteressiert.

"Ja, sowas. Durch eine bereits vorher zusammengetragene Menge des reinen Ausgangsstoffes, namentlich der Kugel, wurde diese Kraft aktiviert, die das immer noch bestehende silberhaltige Gerippe des Feindes an sich zog und dazu zwang, mit der bezauberten Grundsubstanz zu verschmelzen. Ich hoffe, Ihnen nicht den Tag zu verderben, wenn ich Ihnen sage, daß dieses Skelett mit Sicherheit aus dem lebenden Körper herausgepreßt wurde."

"Kein Wunder, daß Lino, ähm, Miss Knowles das nicht genau ausschmücken wollte", stöhnte Julius. Dann fragte er, um sich die dazu passenden Schreckensbilder aus dem Bewußtsein zu vertreiben, warum Professeur Delamontagne auch von einem Astralzauber ausgehen mochte, also einem Zauber, der die Kraft und überlieferten Verknüpfungen der Gestirne einbezog.

"Nun, das haben wir aber schon erwähnt, daß es bestimmte Stoffe gibt, die den Planeten und anderenHimmelskörpern unseres Sonnensystems verbunden sind. Sowohl in Zauberkunst als auch in meinem Unterricht ist das ja wichtig. Abgesehen davon erfuhr ich, daß sie nach einer höchstgefährlichen Reise am Tage der machtübernahme Riddles ein Buch über Astralzauber zum Geschenk erhielten." Julius lief rot an. Das hätte er doch echt wissen müssen. Silber wurde wie das Mineral Mondstein mit dem natürlichen Begleiter der Erde, Luna, der großen Himmelsschwester, verbunden. Gold galt als Material der Sonne, als verstofflichte Tränen der Sonne, wie sie im Zauberspruch zur Erkennung echten Goldes auch als solche erwähnt wurden. Dann galt Silber natürlich als verstofflichtes Mondlicht, als Tränen der Himmelsschwester, in deren Licht Millie und er Mann und Frau wurden. Dann hatten die Erzmagier des alten Reiches natürlich alles dem Mond und seinen Kräften mögliche mit dem chemischen Element Argentum, Silber, ausgerichtet und gebündelt. Er konnte nur hoffen, daß es keinen solchen Zerbröselzauber für lebende Materie gab. Falls man Wasser auf diese Weise zum Magneten machen konnte, konnte jemand an einer Eiswand zerdrückt werden wie eine Fliege an der Windschutzscheibe eines dahinbrausenden Autos.

"Jedenfalls wissen wir jetzt, daß sie wirklich noch da ist beziehungsweise jemand da ist, die besonders mächtig ist und sich der Kontrolle des Zaubereiministeriums entzieht. Jedenfalls hat sie wieder einmal die Rolle der Dea ex Machina, also der in Dramen hilfreich aussichtsloses wendenden Göttin gespielt. Das scheint ihr zu behagen und zu liegen. Womöglich kann man sie daran packen", sagte der Verteidigungslehrer. Julius wandte jedoch sofort ein, daß er keine Lust mehr habe, sich zum Angelköder machen zu lassen.

"Der Succubus hat Sie nicht gefragt, ob sie dieser Wiederkehrerin helfen wollen, seiner Habhaft zu werden. Gleiches gilt für Bokanowski, der wohl auch nicht darauf ausging, seine Gegnerin in seine Festung zu locken. Wenn Sie das von der Warte aus betrachten, Monsieur Latierre, müssen Sie wohl hoffen, daß niemand mehr sich für Sie oder Ihre Fähigkeiten interessiert. Und leider besteht durch Ihre Erlebnisse keine Hoffnung, davon auszugehen, daß dem so ist. Will sagen, Sie und Ihre Familie müssen ständig darauf gefaßt sein, daß Sie von irgendeiner Seite her dazu gezwungen oder durch Überredung instrumentalisiert werden könnten, in die Geschicke der Zaubererwelt einzugreifen, wie es Ihnen ja auch mit den Schlangenkriegern und Wolkenhütern widerfuhr, was ja in letzter, leider nicht abzustreitenden Konsequenz zur Vereinigung Anthelias mit jener Wächterin aus dem Uluru führte." Julius sah sich noch einmal um. Doch der ockergelbe Schimmer, der alle inneren Oberflächen des Büros auskleidete, war lückenlos. So sagte er nur:

"Was Hallitti angeht hat die noch ein paar Schwestern, die vielleicht meinen, ich sei Schuld an der Vernichtung, obwohl ich nur als Köder oder Lockvogel hergehalten habe. Und was diese Vereinigte angeht könnte die finden, daß ich zu viel von ihr weiß. Wundere mich dann nur, daß sie mich nicht längst aus Beauxbatons herausgelockt hat."

"Das mag daran liegen, daß Sie ihr ohne es zu wollen die Freiheit verschafft haben, die sie nicht mehr zu erhoffen wagte. Dankbarkeit ist eine große Verpflichtung in der magischen Welt, insbesondere, wenn Sie mit einer Lebensrettung verknüpft ist. Insofern haben Sie es - auch ohne es zu wollen - jener Wiederkehrerin für die Rettung vor Hallitti und Bokanowski gedankt. Ob hier eine ausgeglichene Bilanz erzielt wurde kann ich nicht sagen, weil sie sich nicht in Additionen und Subtraktionen erfassen läßt." Julius nickte. Womöglich hatte er wirklich am wenigsten von der neuen Hexenlady zu befürchten, solange er nicht fand, sie offen anzugreifen, um seine unbeabsichtigte Tat zu sühnen. So blieb ihm nur die Hoffnung, daß nach dem zweiten Ausflug in die Himmelsburg nun doch erst einmal Ruhe war. allerdings mochte es Temmie einfallen, ihn doch gegen die Wiederkehrerin einzuspannen, weil diese mit dem alten Wissen nur Unheil anrichtete. Nur eine Sache beruhigte ihn dabei, daß Darxandria in Temmies Körper jede körperliche Gewalt verabscheute und damit nur Schutz- und Heilmaßnahmen erbitten würde. Er würde also von ihr aus nicht zum direkten Kampf gegen die neue Hexenlady eingesetzt. Nicht von ihr aus.

 

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Nachdem auch in den beiden Zaubererzeitungen Frankreichs und laut Gloria Porter auch im Tagespropheten über den Einmarsch der Zombies berichtet worden war, sprachen sie im Unterricht Delamontagnes über belebte Leichen, Inferi, animierte Skelette und Zombies. Julius erinnerte sich an jene Szene aus Madame Maximes Gedächtnis, wo sie dieses Thema im Unterricht behandelt hatten. Deshalb hütete er sich davor, den Mortuus-Mortuorum-Zauber zu erwähnen. Tatsächlich konnte man lebende Leichen mit Feuer bekämpfen oder wie in Amerika durchschlagend ausgeführt, durch Enthauptung der wandelnden Toten. Ansonsten waren sie schmerzunempfindlich und gegen Gifte und Geschosse, Ertrinken und Stürzen aus großer Höhe gefeit. Man konnte jedoch Bannsprüche anwenden, die einen Ort vor dem Zutritt lebender Leichen schützte oder sie zwang den Bereich zu verlassen, in dem die sie belebende magie wirkte. Im Zauberwesenseminar lieferte sich Delamontagne eine illustere Debatte mit Louis und anderen Muggelstämmigen, die meinten, durch für ihr Alter eigentlich nicht freigegebene Videofilme schon alles über Zombies zu wissen. Er meinte einmal, daß er ihnen dann ja nichts mehr beibringen könne und er hoffte, daß die Inferi oder Zombies aus lauter Angst vor ihren überlegenen Gegnern die Flucht ergreifen würden. Natürlich lachten darüber alle, auch die Muggelstämmigen. "Aber leider, muß ich ihnen sagen, respektieren belebte Leichen kein Wissen oder wie auch immer geartete Erfahrungswerte. Denn sie funktionieren nur wie Automata, Golems oder magisch angetriebene Gerätschaften, ohne Sinn, ohne Verstand, ohne Seele. Deshalb sollten sie besser darauf hoffen, daß diese Kreaturen Ihnen niemals gefährlich werden, bis Sie von mir oder einem Nachfolger von mir gelernt haben, wie Sie, ohne selbst schon einmal getötet zu haben, mit derartigen Geschöpfen fertigwerden. Die Damen und Herren, die bereits in der siebten Klasse sind haben hoffentlich bei meiner respektablen Vorgängerin die nötigen Grundlagen erlernt. Die Damen und Herren aus der sechsten Klasse erwerben dieses überlebenswichtige Grundwissen in diesem Abschnitt des Schuljahres. Allen Anderen kann und muß ich nur raten, sich ranzuhalten, was die Entwicklung der eigenen Zauberkraft angeht, da die meisten wirksamen Bann- und Abwehrzauber gegen belebte Leichname und durch dunkle Infektionen entstandene Zombies teilweise erst wirken, wenn sie alle anderen Zauber ungesagt ausführen können. So viel dazu."

 

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Sehr geehrte Ms. Forester,

meine Mutter, sowie meine Ehefrau Mildrid und ich freuen uns sehr über die von Ihnen und Ihrem Bräutigam, Mr. Linus Brocklehurst, ausgesprochene Einladung und möchten Ihnen mitteilen, daß wir sie sehr gerne annehmen werden, sofern wir zwei Fragen vor Antritt unserer Anreise klären können.

Erstens geht es um die An- und Abreise als solches. Da es zwischen Ihrer Heimatgemeinde und der von meiner Frau und mir eine regelmäßige Luftschiffverbindung gibt ist lediglich noch zu klären, wann unsere Anreise erbeten wird.

Zweitens möchten wir gerne von Ihnen erfahren, ob wir lediglich für die Zeit der Feierlichkeit oder mindestens eine Übernachtung in Viento del Sol verbleiben mögen. Sollte es nur um die Teilnahme an der Hochzeitsfeier gehen, so müssen wir vor Antritt der Reise klären, wann wir wieder abreisen können, ohne den Eindruck von Überhast zu vermitteln. Für den Fall, daß wir mindestens einmal bei Ihnen in Viento del Sol übernachten mögen, gilt es zu klären, ob wir in einem Gasthaus oder einem von Ihnen oder ihren Nachbarn bereitgestellten Zimmer Untergebracht werden mögen oder vielleicht auch im uns zu Ihnen befördernden Luftschiff nächtigen mögen.

In der allergrößten Hoffnung, die beiden Fragen zu klären verbleibe ich

Mit freundlichen Grüßen

 

Julius Latierre

 

Julius las den umständlich höflich formulierten Brief noch einmal durch, änderte ein paar Schreibfehler mit dem Corrigo-Zauber um und schickte ihn als Eilexpresszustellung mit Überseezuschlag nach Viento del Sol. Einen Tag danach würden sie in die Weihnachtsferien gehen, und Julius fragte sich, wie er die Hausaufgaben schaffen sollte, die ihm Fixus, Bellart, Delamontagne und Dirkson aufgegeben hatten. Fourmier und Trifolio hatten sich wohl eher auf die jüngeren Schüler eingeschossen, und Professeur Milet, die alte Runen gab, hatte lediglich aufgegeben, die Machtrunen auswendig zu können, um sie nach den Weihnachtsferien noch herleiten und erläutern zu können.

Dann kam der Abreisetag. Laurentine Hellersdorf hatte sich zusammen mit Céline und Belisama dazu entschlossen, in Beauxbatons zu bleiben. Louis Vignier wollte wieder das Weihnachtsfest bei seinen Eltern verbringen, nachdem er letztes Jahr schmerzvoll hatte lernen müssen, wie wertvoll dieses Familienfest für die Familie war. Da Mildrid und Julius offizielle Einladungen von der Eauvive-Familie erhalten hatten und diese Madame Rossignol darum gebeten hatte, die beiden Pflegehelfer nicht zum Weihnachtsstalldienst einzuteilen, reichte es aus, daß Belisama, Sixtus Darodi und Patrice Duisenberg in der Schule blieben. So waren es gerade einmal zwölf Schülerinnen und Schüler, die nicht in eine der Reisesphären eintraten, die in alle wichtigen Regionen Frankreichs abgingen. Als letztes rief Professeur Fourmier die Reisesphäre nach Millemerveilles auf.

"Na, fliegt ihr auf euren Besen oder wollt ihr gucken, ob ihr euch beim Apparieren nicht zerlegt?" Feixte Jacques Lumière, bevor seine Schwester Barbara hinter den Schirmblattbüschen um die blaue Kreisfläche hervortrat. Das sie das zweite Kind erwartete konnte nun jeder sehen, obwohl sie einen schicken, lindgrünen Umhang trug, der ihren Körper weit umfloß. "Höh, was machst'n du wieder hier, Barbara?" Hörten sie Jacques noch sagen, bevor seine Schwester ihn umarmte.

"Dich abholen, Brüderchen. Maman und Papa sind mit Ratssprecherin Delamontagne gerade in Paris, um wegen der Quidditch-Weltmeisterschaftsvorbereitungen einen Lagebericht abzugeben. Deshalb soll ich dich nach Hause mitnehmen."

"Dann hätte ich gleich nach Brüssel gekonnt. Da quängelt nur ein Balg herum", knurrte Jacques.

"Pass du bloß auf, Kleiner, daß ich dich nicht in einen Knuddelmuff verwandele. Cahrles will nämlich einen zu Weihnachten."

"Man kann Menschen nicht in Zaubertiere verwandeln", knurrte Jacques.

"Sag das der Dame, die die Entomanthropen gezüchtet hat, wie gut die das kann! Und jetzt komm. Das rumstehen drückt mir die Füße breit."

"Ich hab dir den Quaffel nicht unter den Umhang geschupst. Mecker mich nicht deshalb an, ey!" Hörte Julius Jacques noch, bevor Barbara van Heldern ihn bei der Hand nahm und mit lautem Knall disapparierte.

"So dick sah die aber nicht aus, daß die gleich platzt", mußte Bauduin Pierre dazu einwerfen.

"Okay, Leute. Wir sehen uns dann demnächst irgendwann hier", meinte Julius zu den Schulkameraden. Da kam Camille Dusoleil, die einen grasgrünen Umhang trug, der jedoch nicht so weit war wie der Barbaras.

"Na, ihr zwei wolltet doch nicht einfach so disapparieren, ohne Hallo zu sagen", grüßte Camille Mildrid und Julius.

"Ich muß eh einige Übungssprünge im Haus machen", meinte Millie dazu. "Nicht, daß ich hier was verlege. Deshalb fliegen wir besser mit den Besen, Tante Camille."

"Wunderbar, dann fliege ich euch nach und zeige euch bei der Gelegenheit, was ich im Garten so alles gemacht habe."

"Wo ist die Kleine denn, Tante Camille?" Wollte Millie wissen.

"Die ist bei Jeanne. Uranie ist mit ihrem Kleinen noch in Hogsmeade bei einer Astronomietagung."

"Was, in Hogsmeade? Hat mir keiner erzählt", erwiderte Julius. Doch Millie grinste und sagte: "Wir haben ja auch genug andere Einladungen."

"Genau so ist es", sagte Camille. Julius winkte derweil Sandrine und ihren Eltern zu, die aus dem Zielkreis herausgingen und in Richtung Gasthaus marschierten, um von da aus zu flohpulvern.

Auf den eigenen Besen flogen die Latierres und Camille Dusoleil in Richtung See der Farben. Da hier in Südfrankreich so gut wie kein Frost eintrat lag das Gewässer eisfrei und silbern im Licht des Mondes da. Hellgrau wölbte sich das runde Haus der Latierres, das wie ein übergroßer, auf die Wiese gelegter Apfel aussah. Julius ließ sich von Camille zeigen, wo sie einige Apfelbaumkerne eingesäht hatte, so, daß sie mit den bald aufwachsenden Kirschbäumen nicht ins Gehege kamen. Julius holte den goldenen, bartlosen Schlüssel heraus, von dem Millie den Zwilling besaß und winkte der Stelle in der glatten Wand zu, wo die getarnte Tür lag. Diese tat sich auf und ließ warme Luft nach außen strömen. Die in das Haus eingewirkten Klimazauber hielten es ohne Feuerung auf einer angenehmen Temperatur, die im Sommer wie im Winter vorherrschte.

"Riecht echt noch wie neu", stellte Julius fest. Camille Dusoleil nickte.

"Dieser Luftaustauschzauber ist auch genial. Florymont hat mehrere Gewächshäuser in der grünen Gasse damit ausgestattet, nachdem er von den Varancas die Erlaubnis bekam, ihn gegen eine geringe Lizenzgebühr an öffentlichen Gebäuden in Millemerveilles ausführen zu dürfen. Vor allem für das Alraunen- und Rauschnebelhaus ist der sehr praktisch."

"Das verstehe ich", sagte Julius.

"Falls ihr nachher noch Lust habt, könnt ihr ja rüberkommen. Florymont hat in seinen Mußestunden was gebaut, daß er dir unbedingt vorführen muß. Allerdings frage ich mich, was er damit will. Aber ich will euch, beziehungsweise dir, Julius, nicht die Überraschung verderben."

"Ist ja gerade halb zehn und morgen können wir ja ausschlafen. Wir müssen ja keinen wecken", sagte Julius. Millie sah ihren Mann leicht verdrossen an, nickte dann aber. "Okay, wir kommen dann rüber, wenn Millie und ich wissen, ob wir noch apparieren können."

"Dann bis gleich noch", sagte Camille und schwirrte auf ihrem Besen davon.

"Eigentlich wollte ich den Abend für uns alleine haben, Monju", meinte Millie, als sie alleine in der großen Eingangs- und Versammlungshalle des Hauses waren. Julius grinste verhalten. Natürlich hätte er auch gerne einen schönen bis vielleicht sehr schönen Abend mit seiner Frau gehabt. Aber warum sollten sie nicht zumindest für eine Stunde zu den Dusoleils rüber. Da konnten sie gleich die Abreise am sechsundzwanzigsten Dezember klären.

"Ich weiß, daß Florymont dich für den Sohn ansieht, den er bisher nicht hingekriegt hat und dir zeigen will, was er so spannendes gebaut hat. Und du hast recht, wenn wir uns jetzt einschließen gibt's eh blödes Gerede, vor allem von Onkel Jacques Lumière. Aber ich möchte doch mindestens zehn Apparierübungen machen, um zu sehen, ob ich das auch noch kann." Julius war einverstanden und baute für Millie Zielmarkierungen auf. Als Millie nach dem zweiten Anlauf vollständig den Standort wechselte und danach an jedem Punkt im Haus erschien, wobei Julius erst wartete, bis sie appariert war und ihr auf die gleiche Weise folgte, stand für die beiden fest, daß sie im Februar nicht noch mal ganz von vorne anfangen mußten. So verstauten sie ihre hier zu brauchenden Sachen in den Schränken, warfen ihre Schulsachen in den Wasch-Trocken-Schrank, den sie aber erst am nächsten Tag in Betrieb setzen wollten und entsperrten den oberen Kamin, daß man Kontaktfeuern und flohpulvern konnte. So schickte erst Julius seinen Kopf zum Kamin "Pont des Mondes" in Paris, um seiner Mutter zu sagen, daß er wohlbehalten angekommen war. Ihn wunderte es nicht, daß seine Mutter gerade Besuch von Madeleine L'eauvite und Ursuline Latierre hatte und platzte gerade in eine Debatte hinein, daß Martha doch natürlich auf dem eigenen Besen zur Feier bei den Eauvives reiten möge.

"Hallo, die Damen! Wollte nur sagen, daß Mildrid und ich wohlbehalten in Millemerveilles angekommen sind. - Wer hat denn Pattie und Mayette abgeholt, wenn du hier bist, Oma Line."

"Béatrice und Ferdinand", sagte Ursuline Latierre. Madeleine L'eauvite sah Julius an und fragte, ob er nicht mehr apparieren könne, weil er so spät durchrufe.

"Gerade deshalb bin ich ja so spät dran, Madeleine. Wir mußten gucken, ob wir das noch konnten."

"Soso, das habt ihr ausprobiert. Und ich dachte schon, ihr probiert aus, ob ihr noch was anderes könnt", erwiderte Madeleine L'eauvite grinsend. Auch Line Latierre mußte darüber feist grinsen.

"Madame Ursuline Latierre wird das noch früh genug erfahren, ob wir das andere auch können", erwiderte Julius darauf und brachte seine Schwiegergroßmutter zum lachen.

"Dann zieh mal deine Rübe wieder ein und laaß Millie mit Hipp und Beri reden, bevor die von sich aus noch meinen, Blanche hätte euch doch über Weihnachten einbehalten, damit ihr keinen Unfug anstellen könnt", sagte sie.

"Dannhätte die ihren Namen nicht unter ein bestimmtes Dokument setzen dürfen", konterte Julius und brachte damit Madeleine zum lachen.

"Die beiden Oma-Hexen wollen, daß ich den Dusoleils sage, daß ich auf diesem Besen zum Schloß der Eauvives fliegen soll, Julius", sagte Martha Andrews. "Da reite ich lieber wieder auf diesem Thestral von letztem Mal."

"Heul dich doch nicht bei deinem Sohn aus, das ist doch peinlich, Martha!" Stichelte Madeleine L'eauvite. Julius überhörte es und fragte keck:

"Wie, du kannst noch nicht apparieren? Aber du könntest mit Flohpulver zu Madame Eauvive rüber."

"Auch wenn deine Mutter volljährig ist und eigentlich selbst entscheiden kann, wie sie wohinreist bestehe ich darauf, daß sie ihre sehr gut eingeübten Flugfähigkeiten ausnutzt und denen im Eauvive-Schloß zeigt, daß sie nun ganz und gar dazugehört und nicht nur als Gebärerin eines vollwertigen Zauberers mitgelassen wird."

"Madeleine, nichts für ungut, aber das steht dir echt nicht zu, sowas zu behaupten", versetzte Julius' Mutter. Julius befand, daß er zu diesem Streit nichts beitragen könne und verabschiedete sich.

Nachdem Millie auch mit ihren Ältern und ihrer großen Schwester Martine gesprochen hatte apparierten beide aus dem Haus heraus auf der Landewiese der Dusoleils. Julius hatte die Zielführung übernommen und Millie Seit an Seit mitgenommen.

"Ups, wir haben uns heftig versprungen und dabei wohl noch eingeschrumpft", stieß Julius aus, als er den im Mondschein schimmernden Koloß erkannte, der vor Florymonts Werkstatthaus stand. Millie fragte, wieso und erkannte dann das Ungetüm als großen, metallischen Körper in Form eines Elefanten, wie er in kleinerer Form als mobiler Gartensprenger um das Haus der Swanns in Viento del Sol stapfen konnte. Da glommen die Augen der metallenen Ellefantennachbildung in warmem, weißen Licht auf, und der Rüssel hob sich von unten nach oben und entließ ein lautstarkes Trompeten wie vom natürlichen Vorbild. Im Widerschein der magischen Scheinwerfer erkannte Julius die kleineren Ohren am Kopf des Elefanten und meinte: "Neh, wir sind doch woanders. Peggy Swanns Gartenspritze ist ein Afrikaner. Der hier ist Inder."

"Will ich wohl meinen, daß ich den genau nach Vorgabe und Handlungsort gebaut habe", grüßte Florymont Dusoleil, der vom Trompetensignal aus dem Werkstatthaus gelockt worden war.

"Häh?!" Gab Millie von sich, während Julius lachte.

"Ach, dann ist das Jules Vernes Stahlelefant aus dem Roman "Das Dampfhaus"?"

"Ganz genau, zumindest von außen. Da wir ja mittlerweile wissen, daß Dampfmaschinen in Millemerveilles nicht gut gelitten sind und ich da genug andere Tricks auf Lager habe, wird der komplizierte Bewegungsapparat von einem Permo-Schwungrad in Gang gehalten. Aber Camille mag ihn nicht. Sie meint, der paßt nicht in einen Garten und würde beim Laufen unschöne Löcher in die Erde drücken. Muß ich noch in den Schwanz einbauen, daß der die Spuren verwischen kann, die er macht."

"Haha, Florymont", blaffte Camille, die mit Denise an der Hand und der kleinen Chloé im Tragetuch aus dem Haus kam. Millie vergaß den Stahlelefanten und wurde wieder zum Muttertier. "Jau, ist die aber groß geworden. Geht das mit dem Tragetuch noch?" Fragte sie.

"Aber wunderbar geht das noch, Millie", strahlte Camille und kam herüber. Julius sah sich auch die kleine Chloé an, damit er sich nicht noch anhören mußte, daß ihn so ein magisch betriebener Stahlelefant mehr beeindruckte als ein gerade sieben Monate altes Menschenkind. Vor allem, wo Chloé Dusoleil die fleischgewordene neue Zeitrechnung war, die genau in dem Moment begann, als der Massenmörder Riddle alias Voldemort seinen eigenen Todesfluch eingefangenund sich damit endgültig aus der Welt verabschiedet hatte. So betrachtete er das kleine Mädchen, das bereits die ersten Zähnchen hatte, aber laut Camilles frei und ohne gezielte Anfrage erteilter Auskunft nach zwischendurch noch an ihre Mutterbrust gelegt wurde.

"Deshalb habe ich den hier ja bauen können, weil Camille die Kleine noch nicht entwöhnen will", feixte Florymont, mußte aber grinsen und strahlte seine Frau und seine jüngste Tochter an. Denise sah ihn an und dann Julius.

"Mit Viviane war das schöner. Die kann man auch wieder weggeben", sagte sie.

"Ich wollte auch kein kleines Schwesterchen. Aber irgendwie ist das auch schön, daß immer noch wer neues ankommt", sagte Millie darauf.

"Du willst ja auch schon ein eigenes haben", maulte Denise. "Hat zumindest Mayette gesagt."

"Du nicht?" Fragte Millie unbeeindruckt zurück. Denise schüttelte den Kopf und wollte ins Haus. Da meinte Florymont, daß sie Julius zumindest noch Guten Tag sagen könnte, bevor sie in ihr Schmollzimmer ginge und da besser gleich ins Bett." Denise begrüßte Julius, der ihr sagte, daß sie schon richtig groß sei und man meinen könne, sie wäre auch schon in Beauxbatons wie Babette.

"Die schreibt mir von da immer, wie anstrengend das ist und ich froh sein soll, nur 'ne quängelige kleine Schwester zu haben."

"Und daß sie da zwei Freundinnen gefunden hat schreibt sie dir natürlich nicht. Sieht ihr ähnlich", erwiderte Julius. Denise glubschte ihn an und entgegnete, daß sie ihr das doch geschrieben habe, aber das Muggelkinder seien und sie sie deshalb wohl nicht in den Ferien besuchen könne, weil die so weit weg wohnten."

"Hmm, Jacqueline hat aber eine Hexe als Tante. Die könnte da locker zu Babette rüberflohpulvern. Na ja, soll jetzt nicht meine Kiste sein. Und sonst geht es euch gut, Denise?"

"Madame Dumas will deine Mutter wieder hier in Millemerveilles haben, weil die meint, wir könnten bei der besser dieses Rechenzeug lernen als von ihr oder den anderen Lehrern hier. Aber die Frau Vom Zaubereiminister will die jetzt nicht mehr hergeben, hat Sandrines kleine Schwester gesagt."

"Klingt so, als gehöre meine Mutter den Grandchapeaus. Ich habe die aber eben durch den Kamin begrüßt. Die hat kein Halsband und keine Marke um, wo das draufsteht", erwiderte Julius. Er wußte natürlich, daß seine Mutter ihre eigentliche Ausbildung nicht vergessen wollte und durch die Arbeit mit dem Computer mehr machen konnte, als mehr oder weniger aufmerksamen und gehorsamen Kindern einfache Mathematik beizubringen. Aber das mußte er Denise nicht sagen und durfte er Sandrines Mutter auch nicht aufs Brot schmieren.

"In Ordnung, kleine Nachtfee. zeit für das Land der Träume!" Befahl Florymont Dusoleil seiner zzweitjüngsten Tochter.

"Nur wenn die kleine Strullerhexe da mal nicht so viel rumschreit, ey!"

"na, nicht unverschämt werden, Kleine Mademoiselle", versetzte Camille. "Wo du deine ersten Zähne bekommen hast hast du auch das Haus zusammengeschrien. Und bei Vivie hast du es auch mitbekommen, wie weh der das tut. Und jetzt gute Nacht, meine halbgroße!"

"Nacht, Millie und Julius!" Rief Denise, bevor sie noch dazu angehalten werden mußte.

"Nacht, Denise. Träum vom Weihnachtsmann", erwiderte Julius.

"Solange ich nicht träume, daß der Regenbogenvogel in meinen Bauch reinkrabbelt und mir auch so'n Plärrbalg da reinlegt", knurrte Denise und eilte ins Haus. Millie rief ihr aber noch nach:

"Bist ja nur neidisch, weil den wer rufen kann. Naacht!"

"Okay, wir können schon mal reingehen, damit Florymont deinem Angetrauten in Ruhe sein Monstrum vorführen kann, bevor die beiden noch meinen, wir hätten es nur von Babys", lud Camille Millie ein. Diese grinste und nickte Camille zu.

"Kleine Jungs, kleines Spielzeug! Große Jungs ...", feixte Julius, als er den Elefanten noch einmal ansah.

"Aber ganz sicher, Julius. Das ist schon genial, wie dieser Verne sich das ausgedacht hat. Zwar habe ich gelesen, daß die Geschichte etwas zu einseitig die englischen Verluste dieses Aufstandes von 1857 darstellt und außer Acht läßt, daß die mit ihren Schießgewehrpatronen den ganzen Aufstand überhaupt angefacht haben ... na ja, aber die Idee ist interessant."

"Nur, ich las da auch, daß die Inder sich schon gefragt haben, wozu das gut sein soll. Und gegen eine Flügelkuh wie Temmie oder einen der geflügelten Elefanten im Tierpark kommt dein Tröterich wohl auch nicht an, oder."

"Dafür macht der keine großen Haufen auf die Straßen oder pullert einen festen Weg zum stinkenden Sumpf um", sagte Florymont. "Und er bläst keinen Qualm aus wie das Vorbild oder diese Autos der Muggelwelt."

"Hast du denn auch die zwei Wohnwagen für den gebaut?" Fragte Julius.

"Ich mach das, wenn ich das mit den Varancas oder anderen Transporthäuser-Lieferanten hingekriegt habe, wozu das gut sein kann. Aber höchstwahrscheinlich gebe ich den an den Tierpark als Rasensprenger oder Rundwegtransporter für die, die nicht auf einem Besen fliegen wollen, um die Tiere zu sehen", erwiederte der Zauberschmied von Millemerveilles und führte Julius die Möglichkeiten des stählernen Ungetüms vor. Dazu gehörte außer dem auf Personen prägbaren Meldezauber, den Julius schon gehört hatte, daß der Stahlkoloß bis zu vierzig Stundenkilometer schnell marschieren konnte, mit dem Rüssel eine Tonne mit zweitausend Litern Wasser anheben und ausbalancieren und sich sogar für fünf Minuten auf die Hinterbeine stellen konnte. Sie machten eine Runde rund um das Dusoleil-Anwesen. Julius hörte außer den durch dicke Korksohlen gedämpften Trittgeräusche keinen Laut. Die magische Mechanik arbeitete ohne Rasseln, Rattern, Klackern oder gar Quietschen.

"Hast du das auch gehört, was da in den Staaten los war?" Fragte Florymont, als er sein selbstgebautes Riesenspielzeug wieder neben der Werkstatt geparkt hatte. Julius erwähnte die Zeitungsartikel. "Schon beachtlich, wie die das mit dem Silber gemacht hat. Hera meinte, sie hätte wohl einen höheren Astralzauber benutzt, um die Anziehungskraft des Mondes zu bündeln oder sowas. Aber von der ganzen Zombisache abgesehen schon fies für einen, so zu enden und dann noch als Geist in einem Krug eingesperrt zu werden."

"Professeur Delamontagne hat mir nur verraten, daß die wohl Silber zum Magneten für anderes Silber gemacht hat, weil dieser Zombiemeister ein silbernes Knochengerüst gehabt haben soll."

"Ach uuää! Das laß Camille bloß nicht hören", zischte Florymont. "Sonst kriegst du Ärger mit mir und mit Hera."

"Wieso Hera? Ist Camille schon wieder schwanger?" Fragte Julius. Florymont funkelte ihn erst sehr ungehalten an. Dann sagte er ruhig: "Für Hera sind alle Hexen so lange schwanger, wie sie ihren Kindern noch die Brust geben. Und solange Camille meint, die Kleine immer wieder anzulegen hängt Hera an ihr dran um ihr zu sagen, was sie alles tun, essen oder trinken darf. Bei Jeanne, Claire und Denise hat sie nach dem sechsten Lebensmonat nur noch Kuh- und Ziegenmilch gefüttert. Weiß nicht, warum sie die Kleine nicht voll entwöhnen will."

"Vielleicht, weil Chloé genau da ankam, als der Irre mit den roten Augen seinen letzten großen Zauber vor den eigenen Kopf gekriegt hat", vermutete Julius.

"Ja, oder sie glaubt, an Chloé das nachholen zu müssen, was sie bei den anderen dreien nicht gemacht hat, seit Claire nicht mehr da ist", zischte Florymont und legte sofort die Finger an die Lippen. "Sag ihr das aber bitte nicht!"

"Das ist nicht mein Auftrag, Florymont", erwiderte Julius ruhig. Vielleicht würde Ammayamiria ihr im Traum raten, die kleine nicht zu verhätscheln. Vielleicht war Denise deshalb so mißmutig im Bezug auf ihre kleine Schwester, weil die alles bekam, was ihr jetzt nicht mehr gegeben wurde. Aber wie er es erwähnt hatte war es nicht sein Job, Camille deshalb zu maßregeln. Er würde früh genug damit zu tun haben, die achso gut gemeinten Ratschläge aus seiner eigenen Familie anzuhören, wenn Millie und er das erste Kind haben würden. So beließen sie beide es bei diesem kurzen Meinungsaustausch und gingen ins Wohnhaus.

Sie blieben noch zwei Stunden, während derer sie über Beauxbatons und die Nachrichten der letzten Monate sprachen. Julius wollte sich morgen aus dem Computer im Geräteschuppen eine Auffrischung der Muggelweltnachrichten holen, wenn die Geräte noch funktionierten. Camille amüsierte sich, daß Madeleine L'eauvite an Julius' Mutter herumerzihen wollte. "Ich denke, wenn Jeanne genug Platz auf dem Regenbogenprinzen hat muß sie nicht unbedingt auf einem Besen neben Emils Frau herfliegen und sich von der wohl noch dumme Bemerkungen anhören, daß wegen ihr vielleicht deshalb in England geglaubt wurde, Muggel könnten Zauberkraft stehlen oder sowas."

"Genial, sag das Madeleine", erwiderte Julius darauf.

"Die hat den gleichen Sturschädel wie ihre kleine Schwester, nur daß sie immer wieder mal den einen oder anderen Wichtel frühstückt", grummelte Camille. "Wenn du nicht meinst, der das ins Gesicht sagen zu können bin ich erst recht nicht für sowas zuständig. Weil Jeanne den Großteil von uns auf dem Teppich mitnimmt wird sie deine Mutter fragen."

"Gute Idee, dann kann Jeanne ihr erzählen, daß Cassiopeia Odin auch auf dem Besen fliegt und die beiden dann wie reisende Cowboys nebeneinander herreiten können. Jippi-jai-jeeeh!"

"Stimmt, das kannst du ihr so unters Unterzeug jubeln, daß diese überdrehte Madame ja dann dumme Sachen über deine Mutter sagt", erwiderte Millie. "Dann kommt diese Tante zumindest nicht drauf, sich auch noch auf den Teppich zu pflanzen."

"Also, ihr könnt über Cassiopeia ablästern oder herziehen oder schimpfen, Millie, Julius und vor allem Camille", setzte Florymont an. "ja, und sie hat sich auch ungehörig benommen, als es um Aurélies Erbe ging. Stimmt alles. Aber wir wissen längst nicht alles, was die erlebt hat. Und ich darf dich dran erinnern, Camille und euch zweien zum Nachdenken aufgeben, Millie und Julius, daß ihre Eltern bei der Hochzeit von ihr und Emil nicht dabei waren, obwohl sie da beide im Land waren. Wenn die es nicht anders kennt, wie sie es selbst lebt, dann sollte sie einem leid tun. Aber soweit gehe auch ich nicht. Dafür hat die sich mir gegenüber auch schon einige Unverschämtheiten zu viel rausgenommen. Ich wollte lediglich einwerfen, daß die werte Madame Odin zwei bisher anständige Kinder geboren hat, von denen das zweite nächstes Jahr zu euch nach Beauxbatons kommt, Millie und Julius. Denise kommt mit Melanie wunderbar aus, obwohl oder gerade weil Melanies Mutter so dreinredet. Nur, damit wir bei Antoinettes und Alberts Feier nicht aus irgendeinem Grund Krach kriegen."

"Waffenruhe, Frieden", meinte Julius. Er erinnerte sich noch gut, daß Argon Odin ihm gesagt hatte, er müsse seine Mutter nach der Willkommenszeremonie duzen, und wie besagte Dame, deren Ohren womöglich gerade laut klingelten, ihn kalt wie ein Eiswürfel abgefertigt hatte, daß er sie nun duzen solle. Und daß sie keine Muggelstämmigen mochte hatte er auch nicht vergessen wollen, vor allem nach dem dunklen Jahr in seiner Heimat.

"Ich denke, es ist auch jetzt Zeit", warf Julius ein, als er auf die Uhr sah, wo die Zeiger sich fast an der Zwölf trafen. Millie und er bedankten sich für den guten Ausklang aus dem Tag und verschwanden außerhalb der Grundstücksumfriedung der Dusoleils, wobei Millie diesmal eigenständig apparierte. Zu beider Erleichterung kamen sie vollständig und nicht mehr als zwei Meter voneinander entfernt in der runden Eingangshalle ihres Hauses an.

"Wann stehen wir morgen auf?" Fragte Julius.

"Kommt darauf an, wie schnell wir einschlafen", meinte Millie verrucht klingend, wobei sie noch hinzufügte, daß er bloß nicht vor ihr einschlafen sollte, solange sie zu wach war. "Okay, dann lasse ich unsere Mini-Temmie in der Kiste."

"Und die gemalte Viviane besser noch im Koffer. Die muß nicht alles mitkriegen. Am besten rufe ich morgen noch bei Tante Trice durch, daß ich die als meine persönliche Heilerin nehme, sofern du nicht darauf bestehst, daß mich diese Glucke Hera Matine betreuen muß, um auch dein Baby sicher auf die Welt zu holen."

"Ich werde dir da ganz sicher keine Vorschriften machen, Mamille. Das Verhältnis zwischen Mutter und Hebamme soll ein Vertrauensverhältnis sein und keine Zwangsmaßnahme. Außerdem komme ich mit Tante Trice auch besser aus als mit Hera, auch wenn sie mir die Pflegehelfersachen beigebracht hat."

"Weshalb du immerhin Cythera und Claudine beim Ankommen zusehen durftest", erwiderte Millie. Doch sie wirkte sichtlich erleichtert, daß ihr Mann nicht auf die Betreuung durch eine altgediente Hebamme bestand. Allerdings würden sie der werten Hera das irgendwie klarmachen müssen, daß sie trotz ihrer Vorrangstellung hier nicht unbedingt Millies Geburtshelferin werden sollte.

Was hatte Madeleine L'eauvite zu Julius gesagt? Sie hatte vermutet, sie hätten was anderes ausprobiert als Apparieren? Als die beiden kurz vor zwei müde genug waren fanden sie, daß das immerhin eine gute Anregung gewesen sei.

 

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"Ihr zwei kommt doch am siebenundzwanzigsten zum Quidditch", grüßte Jeanne, als Julius ihr am Morgen einen Besuch abstattete, während Millie sich bei Madame Arachne ein hübsches Festkleid anmessen lassen wollte, mit dem sie zum Familienfest der Eauvives und zu Brittanys Hochzeit gehen wollte.

"Darfst du denn schon wieder Quidditch spielen?" Fragte Julius.

"Das weiß ich gerade selbst nicht so recht", erwiderte Jeanne verhalten. "Aber Bruno und ich wollen uns wohl noch ein Brüderchen für Viviane zulegen oder ein Schwesterchen, hauptsache gesund. Da ich im Moment nicht weiß, ob da nicht schon eins unterwegs ist halte ich mich mit Quidditch besser gleich zurück."

"Du kennst meine Frau und deine verschwägerte Verwandte Ursuline. Wenn es nach Millie ginge würden wir schon im Sommer wen neues vorstellen."

"Na ja, da hängen doch noch ein paar Hindernisse im Weg herum, wie die Selbstverwandlungen", sagte Jeanne. "Könnte sein, daß ihr vor den UTZs besser nichts kleines habt, beziehungsweise Millie was unterm Umhang trägt." Julius erwiderte dann, daß sie wohl deshalb schon beide auf Selbstverwandlungen hingeführt wurden. Jeanne fragte ihn, ob er sich auch schon in Nebelform zeigen konnte. Er erwiderte, daß er das ein oder zweimal unter Aufsicht von Professeur Dirkson hinbekommen habe, es aber nicht unbedingt aus eigenem Antrieb machen wolle.

"Willst mal wieder untertreiben, Jungchen", grummelte Jeanne. "Babette hat Denise geschrieben, daß du wegen eines falsch angebrachten Zaubers während der Selbstverflüssigungsübung zwei Tage von Madame Rossignol in eine Ganzkörperbandage gelegt worden seist. Laurentine hat der wohl erzählt, daß du dich im Unterricht in einen großen Wassertropfen verwandelt hättest und bei der Rückverwandlung eben überdehnte Muskeln und sowas hättest. "Jetzt wissen wir beide ganz gut, daß Selbstverflüssigung erst nach der Autonebulation angesetzt wird und die Lehrer schon ein bestimmtes Pensum davon gesehen haben wollen, bevor sie Selbstverflüssigungszauber aufgeben. Aber ich sollte da ruhig sein, weil ich bei den beiden Zaubern auch nicht so doll ausgesehen habe im Vergleich zu Martine oder deiner Zwillingsschwester."

"Kann ich nicht beurteilen, weil ich die nicht habe vernebeln sehen. Höchstens Suzanne", entgegnete Julius dazu nur.

"Die ist übrigens jetzt in Luxemburg, hat da einen kennengelernt, den sie im Oktober geheiratet hat. Jetzt heißt sie Reichenbach." Julius zuckte kurz zusammen, fing sich aber dann. Um seine Verdutztheit zu erklären erwähnte er, daß so ein Wasserfall in der Schweiz hieße, wo der Held einer erfundenen Kriminalgeschichte scheinbar zu Tode gestürzt war. Jeanne grinste.

"Natürlich, hat mir Suzanne auch erzählt, weil ihr neuer Muggelstämmig ist und diese Geschichte auch kennt. Die Luxemburger müssen ja unbedingt ihre eigene Zauberschule haben, auch wenn da einige von denen französisch sprechen. Aber du kommst am siebenundzwanzigsten definitiv zum Quidditch?"

"Klar, und Millie auch. Wir müssen schließlich sehen, ob wir die Doppelachse noch draufhaben, weil die ja in Beauxbatons verboten wurde."

"ja, und Dedalus wurde auch verboten, habe ich brühwarm von Virginie, die das von Arons kleinem Neffen aus dem violetten Saal hat", amüsierte sich Jeanne. Julius nickte. Er wollte ihr aber nicht erzählen, warum Dedalus hatte gehen müssen. Denn das hatte unmittelbar mit ihm zu tun.

"Ihr schreibt euch noch, Virginie und du?" Fragte Julius.

"Neh, wir treffen uns auch immer wieder, Virginie, Seraphine, Francine, Martine und ich. Francine kriegt demnächst auch wen kleines, so im April. Martine ist immer noch sauer wegen Mogel-Eddie, hat aber im Moment keine Lust, sich wen neues zu suchen."

"Da kriege ich ja immer die neusten Nachrichten", grinste Julius. Jeanne grinste zurück.

"Klar, wenn du Onkel wirst sollte es dich schon interessieren", erwiderte Jeanne. Dann schlug sie vor, daß sie beide noch ein wenig über dem Dorf herumflögen oder Zielapparitionen machten. Julius war einverstanden, seine Apparierfähigkeit zu üben. Denn immerhin war er froh, es zu können und zu dürfen.

Mittags präsentierte ihm Millie einen Traum aus jadegrünem Stoff, der ihre Figur gerade so verhüllte, daß es noch anständig war und gerade so nachzeichnete, daß man erkannte, wie fraulich sie war.

"Das sitzt wie eine zweite Haut. Und Madame Arachne hat gesagt, daß es durch bestimmte Imprägnierlösungen als Umstandskleid taugt. Die hat das Unbeschmutzbarkeitspatent in Lizenz. Da brauche ich nicht nach Paris für."

Julius strich ihr behutsam über das Kleid und dachte an Seide. Doch Millie schüttelte den Kopf. "Das ist keine Seide. Das ist aus den Fäden der Weißwollstaude aus Brasilien. Die Pflanzenfasern werden in einem bestimmten Gebräu haardünn ausgestreckt und dann in die Form gesponnen und gewoben, die sie haben wollen. Ich habe extra gesagt, daß ich zur Hochzeit einer alle Tierprodukte ablehnenden Braut will. Die wird da wohl Gobsteine staunen, wenn ich in einem seidenähnlichen Kleid aus Pflanzenfasern anrücke."

"Da bleibt mir ja auch nur der Festumhang, den ich sonst habe. "

"Ich habe für dich auch was passendes ausgewählt. Die brauchen nur noch deine Maße", knallte Millie ihrem Mann ansatzlos auf den Tisch. Julius fragte sie, ob sie das nicht mit ihm hätte besprechen können.

"Du weißt, du kannst gerne für alles mögliche bei uns zuständig sein. Aber die Bekleidungsfragen unterstehen mir. Da bist du bisher gut mit ausgekommen, und ich wüßte nicht, warum das jetzt anders laufen sollte." Julius grummelte was von wegen, daß ein Mann sich wohl keine eigenen Sachen kaufen dürfe, weil erst die Mutter und dann die Frau ihm alles aussuche. "Weil wir das können, Monju", erwiderte Millie. "Ihr meint ja nur, wenn's paßt ist es auch genug. Gut, bei Madame Esmeralda hast du einen genialen Festumhang gefunden. Aber den mußtest du auch ausprobieren und konntest den nicht einfach von einer Stange pflücken, oder?"

"Mein Vater und mein Onkel Claude standen auf Maßanzüge. Beziehungsweise denke ich, daß mein Onkel Claude immer noch darauf steht. Daß ich sowas nicht anziehen mußte lag einfach daran, daß ich da zu schnell rausgewachsen wäre und der Schneider meines Vaters ihm abgeraten hatte, auch wenn ihm dadurch eine sichere Stange Geld entgangen sei."

"ja, aber größer als jetzt wirst du wohl nicht mehr, falls du nicht noch mal Halbriesenblut in die Adern gepumpt bekommst, Monju. Ich werde wohl auch nur noch einen halben Zentimeter nach oben zulegen und dann höchstens in der Oberweite und am Becken größer werden wenn Aurore oder Taurus einziehen", stellte Millie in Aussicht. Aber so gefällt dir mein Kleid auf jeden Fall, nicht wahr?" Julius erkante, daß er es immer noch unter den Fingern hatte, wohl weil er Millie an einer privatenStelle berührt hatte. "Jau, tut es, Mamille, vor allem was drin ist", brachte er einen eigentlich nicht zu ihm passenden Macho-Spruch an. Doch Millie strahlte ihn an.

"Mach und sag das aber nicht, wenn du Brittanys Brautkleid begutachtest. Ich weiß nicht, wie dieser Linus Brocklehurst dann reagiert, wenn Brittany findet, ihn deshalb sausen lassen zu wollen."

"Du meinst immer noch, die würde nur heiraten, weil ich vergeben sei und sie nicht alleine bleiben wolle?" Fragte Julius.

"So ganz ausschließen möchte ich das immer noch nicht. Aber du gehst heute nachmittag dann bitte auch zu Madame Arachne und guckst dir deinen Festumhang an."

"Damit du Ruhe gibst", grummelte Julius. Millie kniff ihm dafür in die Nase.

"Wir kriegen das wunderbar hin, wir zwei. Glaub mir, die Eauvive-Sippschaft wird neidisch dreinschauen, vor allem diese überdrehte Cassiopeia Odin. Daß ich schon jetzt Tante zu der sagen soll ist schon fies genug."

"Mist, das müßte ich ja außerhalb vom Château Florissant auch", stellte Julius fest. "Hmm, ob das wirklich so eine gute Idee war, die mitzuheiiihaauuua!" Millies linker Absatz drückte sehr schmerzhaft auf Julius rechten großen Zeh.

"Das verbitte ich mir, nach meinen dämlichen verschwägerten Tanten bewertet zu werden. Hat mir bei Jeannes Hochzeit schon nicht gepaßt, die alte Sabberhexe mit in die Familie zu kriegen. Und jetzt habe ich die auch von deiner Seite her mit drin. Also friedlich!"

"Hast recht, die hing schon bei mir in der Familie mit drin und wäre von mir leider auch mitgeheiratet worden, wenn das mit Claire nicht so fies zu Ende gegangen wäre. Ist wohl Schicksal, diese Dame in meiner Verwandtschaft haben zu müssen."

"Dann hättest du Brittany heiraten müssen, dann hättest du hauptsächlich Muggelverwandtschaft gehabt."

"Das ist überhaupt noch nicht geklärt worden, wie die den Verwandten ihres Vaters das auftischt. Entweder sind die bei der Hochzeit nicht dabei oder müssen irgendwie gesagt bekommen, daß Brittany eine Hexe ist und ihre Mutter und ihre Großeltern mütterlicherseits, auf die ich auch sehr gespannt bin. Das wird bestimmt ganz interessant."

"Ja, und Lino interviewt die Muggel dann und fragt die, wie bei denen Hochzeiten ablaufen", legte Millie noch nach. Julius meinte dann, daß seine Mutter dann wieder als Vermittlerin herhalten dürfe, weil Brittanys Vater zu befangen sei.

"Da ist die absolut genial drin, wenn ich das von unserer Tante Pattie so mitgekriegt habe, wie die das mit den Armands geschaukelt hat", sagte Millie dazu. Dann fand sie, daß sie jetzt besser essen sollten. Julius scherzte, daß er dann ganz sicher die optimalen Maße für den neuen Umhang haben würde.

Gegen drei Uhr nachmittags apparierte er in der Nähe von Madame Arachnes magischer Weberei und Schneiderei. Er dachte daran, wie er damals, als er zum ersten Mal bei den Dusoleils die Sommerferien verbracht hatte, Schlafanzüge und Badehosen dort bekommen hatte. Jetzt sollte es also ein zu Millies Kleid passender Festumhang sein. Vielleicht war es auch ein weinroter, wie der, den er bei Madame Esmeralda in Paris bekommen hatte.

"Hallo Julius!" rief eine Frauenstimme. Er sah sich um und entdeckte Barbara van Heldern, die gerade durch die Tür aus dem Bekleidungsladen kam. Sie hatte vier große Leinentüten an den Armen.

"Ui, hast du dich für die nächsten Jahre eingedeckt?" Fragte Julius, nachdem er die frühere Saalsprecherin der Grünen begrüßt hatte.

"Ich wohne gerne in Belgien. Aber von Kleidung und wie sie perfektioniert wird haben die da leider keine wirkliche Ahnung", sagte Barbara. "Außer, daß ich jeden Monat passende Sachen bis zur Geburt kaufen müßte finde ich die Kinderkleidung für ins Lauf- und Tobealter kommende Jungen nicht besonders prickelnd. Da habe ich die Gunst der Stunde genutzt, um mich gleich mit allem passenden eingedeckt. Und warum bist du hier?" Fragte sie noch.

"Meine Frau befindet, ich möge mich für die nach Weihnachten anstehenden Feiern neu einkleiden. Und weil sie sich ihr Kleid hat anmessen lassen würde mein Festumhang, der mit mir mitgewachsen ist wohl überholt aussehen."

"Die ist ja jetzt auch so groß wie Martine", grinste Barbara. "Da kann die sich den Luxus von maßgeschneiderten Sachen erlauben. Ich muß auch immer hinter Gustav her sein, daß der nicht in den ältesten Umhängen rumläuft, auch und vor allem, wenn er öffentliche Aufträge ausführt. Wir wohnen im Moment bei Maman und Papa. Jacques ist da nicht so von begeistert, daß sein kleiner Neffe jetzt mit seinen kleinen Schwestern durch die Gegend laufen kann und demnächst noch wer dazukommt."

"Ich wüßte das auch nicht so recht", mußte Julius einräumen. Damals mit der zweijährigen Babette war das auch nicht so lustig gewesen.

"Der mault doch nur, weil seine Freundin in den Staaten ist und er von seinen Klassenkameraden immer wieder zu hören kriegt, daß er dieses oder jenes nicht auf die Reihe kriegt. Ob das stimmt kann ich nicht beurteilen."

"Ich kriege das bei Verteidigung gegen dunkle Künste und Zauberkunst immer wieder mit, daß er meint, an allem rummeckern zu müssen. Aber bei Professeur Delamontagne hat der sich das ziemlich gut abgewöhnt, seitdem der ihn mal heftig mit schnell abfolgenden Duellzaubern vorgeführt hat, um ihn drauf zu trimmen, ungesagt zu zaubern."

"Ich glaube, wir zwei müssen uns nicht über meinen Bruder unterhalten. Bist du weihnachten hier oder bei deiner Mutter in Paris?"

"Gute Frage. Ich kenne das von meinen Eltern immer, daß wo meine Großeltern noch lebten am Weihnachtstag die einen und am Tag darauf die anderen besucht werden mußten, wenn mein hoffentlich in frieden ruhender Vater nicht befand, beide Elternpaare einzuladen, wobei er dann einen sogenannten Partyservice beauftragt hat. Könnte Millie und mir auch blühen, daß meine Mutter und ihre Eltern darauf wertlegen, daß wir sie besuchen. Aber am sechsundzwanzigsten sind wir eh schon verplant."

"Ich weiß, bei den Eauvives. Hat Jeanne mir schon erzählt", wußte Barbara. Dann hob sie erst das linke und dann das rechte Bein und schüttelte es aus. "Ich stehe schon wieder zu lange. Irgendwie ist das fies, daß einem die Beine so schwer werden, obwohl das Baby noch keine vier Pfund wiegt."

"Es ist aber nur eins, oder?" Wollte Julius wissen.

"Du meinst, ich müßte auch mal zwei ausbrüten wie meine Mutter? Vielleicht in drei oder vier Jahren. Aber Gustav und ich freuen uns auf das eine Baby, das da noch kommt."

"Wenn es ein Mädchen wird habt ihr die perfekte Familie zusammen", meinte Julius.

"Hat Jacques auch schon getönt. Aber ich erzähle es keinem, was Gustavs Tante mir erzählt hat. Die besteht darauf, daß ich diesmal in ihrem Revier niederkomme. So ende Februar bin ich wohl auch in der Gegend zu finden. Aber jetzt sollte ich noch ein bißchen laufen, um den Kreislauf in Schwung zu halten. Bis bald irgendwann!" Julius erwiderte den Gruß und sah, wie Barbara vorsichtig losging und dann immer entschlossener einherschritt, keineswegs ausladend, wie es bei Schwangeren in den letzten zwölf Wochen vorkommen konnte. Julius blickte ihr nach. Als sie um die nächste Kurve verschwand betrat er den Laden Madame Arachnes. Außer ihm war im Moment kein Kunde im Geschäft.

"Ah, Monsieur Latierre. Ihre Gattin hat Sie ja schon angekündigt", begrüßte ihn die Inhaberin. Julius kannte es zwar, daß sich alle erwachsenen Bewohner Millemerveilles beim Vornamen nannten, aber wohl nur im Privatleben und nicht bei geschäftlichen Angelegenheiten. So grüßte er höflich zurück und fügte mit einem aufgesetzten Lächeln hinzu: "Meine werte Frau kennt das von ihrer Familie, daß bei größeren Feiern hochwertige Kleidung getragen wird. Eigentlich kenne ich das auch von meinen Eltern. Aber durch die Umhänge ist man da ja doch ein wenig lockerer als bei den Muggeln. Sie meinte, sie habe mir schon einen Schnitt ausgesucht, und ich müßte nur maßnehmen lassen. Bei der Gelegenheit frage ich gleich an, ob meine Frau was wegen der Bezahlung ihres Kleides mit Ihnen vereinbart hat oder ob ich dafür bezahlen darf."

"So weit ich es verstanden habe soll die Festgarderobe, die Ihre Gattin Ihnen ausgewählt hat ein Weihnachtsgeschenk für Sie sein. Unabhängig von den Maßen hat sie die Kosten bereits erstattet, über die ich Ihnen auf die dringende Bitte Ihrer Gattin keine Auskunft erteilen darf." Julius schluckte die gewisse Verdrossenheit hinunter, daß Millie derartig vorging. Andererseits gehörte er nicht zu den Machos, die meinten, nur wenn sie alles zahlten auch ihren Wert zu bestätigen, auch und gerade ihren Frauen oder Freundinnen gegenüber. Wenn Millie meinte, daß er den Umhang zu Weihnachten kriegen sollte, wo er in Gringotts eine Menge Gold hatte und durch Florymonts fleißige Verbreitung der Laterna Magica immer noch mehr dazubekam, warum nicht? So ging er mit der Ladeninhaberin in einen Raum, wo mehrere Stoffe ausgelegt waren und sieben Kleiderpuppen in verschiedenen Kleidern und Umhängen standen. Sie deutete auf eine männliche Puppe in einem fließenden, blattgrünen Umhang mit Goldfäden im breiten Stehkragen und Säumen. Auf dem Kopf trug die Puppe einen lindgrünen Zaubererhut mit schmaler Krempe und an der knapp achtzig Zentimeter hoch aufragenden Spitze einen fünfstrahligen silbernen Stern. Julius fragte, ob der Hut dazugehöre oder er sich einen anderen dazu auswählen könne, weil ihm klar wurde, daß der grün-goldene Umhang der für ihn bestimmte war.

"Hat Ihre Frau auch gesagt, daß das mit dem Silberstern ein wenig zu verschwendungssüchtig rüberkommen könnte. Wir stellen den Deko-Mann auch nur damit aus, weil es durchaus Leute gibt, die bei sehr würdigenAnlässen entsprechend ausstaffiert werden möchten. Sie können sich gerne einen Ihnen genehmen Hut dazu aussuchen, der zu den Farben paßt." Julius nickte und deutete auf die goldenen Partien des Umhangs. "Das ist doch nicht etwa echtes Gold, oder?"

"Hat Ihre Gattin mich auch gefragt. Doch, es ist das Gold, das das Gewicht von einer Galleone erreicht. Ein besonderes Webverfahren kann es in einen geschmeidigen Stoff einbetten und so ziehen, daß wenig Material gebraucht wird. Die Schließen sind aus vergoldetem Kupfer, auch wenn wir massivgoldene Umhangschließen anfordern könnten, wenn Sie darauf bestehen."

"Okay, dann kostet der auf jeden Fall schon mal eine Galleone", murmelte Julius. Die Inhaberin räusperte sich. Dann fragte sie, ob Julius diesen Umhang nehmen wolle oder sich einen anderen aussuchen wolle. Der Kunde sah sich noch einmal die männlichen Kleiderpuppen an und überlegte, was zu Millies jadegrünem Festkleid passen konnte. Claire hatte immer Rottöne bevorzugt. Millie trug meistens helle Blau- oder Grüntöne. Sollte er sich doch was rotes aussuchen, daß mit ihren rotblonden Haaren harmonierte? Doch dann dachte er an den Sommerball. Partnerschaftliches Erscheinungsbild war da eines der Kriterien, nach denen die Preisrichter die besten Tanzpaare auswählten. Also nickte er dem Kleidermännchen mit dem grün-goldenen Umhang zu, bekräftigte, daß er keine goldenen Schließen haben wollte und wählte sich statt des grünen Spitzhutes mit Silberstern einen dunkelgrünen Zaubererhut ohne Verzierung. Danach kam die Prozedur des Anmessens, die zehn Minuten dauerte, weil die Maßbänder von selbst alle wichtigen Partien umspannten. Nach einer halben Stunde hatten die von Madame Arachnes Gehilfen bedienten Nähmaschinen den samtartigen, aber fließenden Stoff gemäß der Vorlage vernäht und den Umhang fertig. Julius probierte ihn an und machte die üblichen Bewegungen vor einem Spiegel, um Sitz und Beweglichkeit zu prüfen. Als er den fast bis zu seinen Füßen herabreichenden Umhang ausgiebig genug getestet hatte war er zufrieden. Er ließ sich Hut und Umhang einpacken und nahm Madame Arachnes Dank entgegen. Er bedankte sich höflich für die Geduld mit ihm und beschloß, einige hundert Meter zu Fuß zurückzulegen, bevor er disapparierte.

Zurück im Apfelhaus mußte er den Umhang noch einmal anziehen und sich begutachten lassen. Dann fragte er, ob Millie auch seiner Mutter ein Festkleid ausgesucht habe. Sie meinte, daß sie dafür wohl nicht zuständig sei, wo Martha Andrews wohl andauernd mit Madeleine L'eauvite und Madame Eauvive zusammen sei.

Da das Wetter so schön klar war genossen die Latierres um vier Uhr Kaffee und Kuchen vor dem orangeroten Apfelhaus. Sie schwiegen offt, aber nicht aus Verärgerung, sondern um die Stille zu genießen, die sie umgab. Sicher wirkten die kahlen Laubbäume im umliegenden Wald etwas trostlos. Doch die dazwischen stehenden Tannen, Fichten und Lärchen verliehen der Umgebung das nötige Hoffnungsgrün.

"Hattet ihr bei euch in Paris eigentlich einen Weihnachtsbaum oder eine dieser Jesus-Krippen?" Fragte Millie.

"Camille hat uns im vorletzten Jahr einen Riesenapparat von Weihnachtsbaum durch den Kamin geschoben, den Mum geschmückt hat. Wundere mich, daß sie uns noch keinen hingesetzt hat", antwortete Julius.

"Wir haben immer eine Tanne aus der Umgebung vom Château Tournesol bei uns stehengehabt", erwiderte Millie. "Ich finde, ein bißchen grün im Haus wäre genial." Julius stimmte dem voll zu. Er bot an, Camille zu fragen, ob sie einen Baum für die große Eingangshalle besorgen könne. Millie wollte sich um frisches Tannengrün kümmern und von ihren Eltern ein wenig Weihnachtschmuck erbitten. Julius überlegte, ob sie echte Kerzen in den Baum setzen sollten oder nur von innen erleuchtete Kugeln. Dann fiel ihm ein, daß der Feuerschutzzauber im Apfelhaus einen mit kerzen vollen Weihnachtsbaum vielleicht als unerwünschten Brandherd bekämpfen würde und spielte schon mit dem Gedanken, in die Muggelwelt zu reisen und da eine Kabeltrommel mit mindestens hundert Metern Schnur zu besorgen und elektrische Kerzen zu kaufen, wenn Millie schon meinte, ihm die Festgarderobe bezahlen zu müssen. Doch dann erkannte er, daß das mit den elektrischen Kerzen in einem Zaubererhaus ein Stilbruch sein mußte und nahm sich vor, mit Florymont über den Brandschutzzauber und wie man einen leuchtenden Weihnachtsbaum haben konnte zu sprechen.

Julius wollte gerade sagen, daß er sich um Baum und Baumschmuck kümmern würde, als ein gedämpftes Stampfen in der Ferne erklang. Er wandte sich um und sah die im Licht der Wintersonne silbriggrau schimmernde Erscheinung des von Florymont gebauten Stahlelefanten.

"Neh, der kommt auf diesem Brocken da angeritten. Dann hätten wir uns von Tante Babs gleich Temmie rüberschicken lassen können", grummelte Millie. Sie mochte das metallerne Monstrum nicht so recht, hörte Julius daraus heraus. Er stand auf und legte eine Kurzstreckenaparition von hundert Metern hin, um Florymont noch vor der kreisrunden Grundstücksgrenze anzuhalten. Das stählerne Reittier verhielt ohne Zischen, Schnaufen oder Quietschen knapp zehn Meter vor Julius. Im Nacken des magicomechanischen Geschöpfes trhonte Florymont und grinste jungenhaft. "Der marschiert wie eine Eins. Und der Spurenwischer klappt jetzt auch. Oder hat mein Untersatz Löcher in die Landschaft gebuddelt?" Julius lief kurz unter dem naturgetreu großen Tier durch, das sogar männliche Geschlechtsmerkmale aufwies und peilte in Richtung des waagerecht ausgerichteten Schweifes mit dem bürstenartigen Ende. Er sah keine Fußspuren. Er lief einige Dutzend Meter und konnte nicht eine Vertiefung im Boden sehen, außer den eigenen Spuren, die er bis hierhin hinterlassen hatte. Diese putzte er mit dem im Zauberkunstunterricht erlernten Tilgezauber auch wieder weg und apparierte zur reinen Übung auf den Rücken des Elefanten.

"Du hast es schnell wieder reingekriegt", lobte Florymont. "Man merkt, daß du das immer schon machen wolltest. Aber warum ich außer dem Spurentilger zu euch geritten kam. Camille hat angekündigt, euch morgen, also am dreiundzwanzigsten, einen Weihnachtsbaum anzuliefern und möchte wissen, ob sie den durch den Kamin oder zwischen zwei Transportbesen hängend anliefern möchte."

"Da wollte ich echt mit euch zweien drüber reden, da Millie den restlichen Raumschmuck besorgen und ich einen Baum anbringen möchte", entgegnete Julius, der feststellte, daß Florymonts magicomechanischer Elefant nur im Nacken einen Polsterungszauber besaß, um sich nicht das Hinterteil plattzusitzen. "Wenn ich in den Baum echte Kerzen also welche mit offenen Flammen reinsetze, springt dann der Brandlöschzauber an, wenn davon mehr als vier Stück angezündet werden?"

"Hmm, könnte ein Problem werden. In Italien kennen sie ja keine Weihnachtsbäume. Außerdem wirken die Zauber nicht kalendarisch anders wie die Zeitversetztgänge in Beauxbatons. Hmm, Feuereis ginge vielleicht, ist aber wegen der Sonnenlichtempfindlichkeit nicht angeraten." Julius nickte. Das Feuereis hatte er im Zauberkunstunterricht ausprobieren dürfen. Damit konnte man Flammen zu formbaren, keine Wärme aber volles Licht abgebenden Gebilden verändern. Er erwähnte auch, daß es in der Muggelwelt elektrische Kerzen gab, Glühlampen, deren Birnen wie Kerzenflammen geformt waren.

"Wie gesagt geht Feuereis nur unter Sonnenlichtabschluß. Begonie macht im Moment wieder einen großen Umsatz mit ihren selbstgedrehten Wachskerzen."

"Ich könnte mir auch eine Kabeltrommel holen und in Paris einen Satz E-Kerzen besorgen, die ich aus dem Pilz heraus mit Strom versorge. Aber das wäre vielleicht ein Stilbruch. Selbstleuchtende Weihnachtsbaumkugeln wären wohl noch eine Möglichkeit", meinte Julius. Florymont wiegte den Kopf.

"Hmm, wollt ihr frei brennende Kerzen? Dann ginge das beim Brandschutzzauber vielleicht nur, wenn sie nicht all zu dicht beieinander angeordnet sind.""

"Das machen wir dann, wenn ich weiß, wie groß der Baum wird. Ansonsten bauen wir den vor dem Haus auf und können den mit frei brennbaren Kerzen bestücken", meinte Julius.

"In Ordnung, sehen wir erst mal, welchen Baum die gute Camille euch aussucht. Begonie will aber zwölf Knuts pro Kerze haben. Die weiß, wie gefragt die sind."

"Runterhandeln läßt die sich nicht?" Fragte Julius.

"Nur, wenn du der anbietest, im Frühling oder sommer auf ihre Bienen aufzupassen vielleicht", erwiderte Florymont belustigt. Julius verzog das Gesicht. Dann meinte er:

"Mal sehen, was in unserem Verlies drin ist. Weil zehn oder zwanzig Kerzen müssen es wohl mindestens sein."

""Camille spart immer das Jahr für Weihnachtskerzen", sagte Florymont. "Ich hab ihr zwar auch schon angeboten, daß wir kleine Leuchtkristalle in den Weihnachtsbaum hängen. Aber sie meint, sie wolle die Wärme und den Duft der Kerzen genießen. Und wenn man ganz ruhig ist hört man das ganz leise Zischen der vielen brennenden Kerzen, sagt Denise. Wenn du das mit dem Baum machen möchtest kannst du ja morgen mit ihr alles besorgen. Sie weiß ja auch wo der Weihnachtsschmuckladen ist."

"Lametta kann ich mir von meiner Mutter welches rüberholen. Wir haben eine ganze Menge davon geerbt", erwähnte Julius. Florymont Dusoleil erwiderte darauf, daß es noch vieles gebe, was Hexen und Zauberer in ihre Weihnachtsbäume hängen könnten. Julius nickte. Dann bat er Florymont darum, Camille zu fragen, wann sie morgen vorbeikommen wolle. Dieser lehnte die Bitte jedoch ab, da Julius mit Camille wunderbar kontaktfeuern oder mentiloquieren könne oder besser egleich ganz zu ihr rüberfliegen oder -apparieren möge.

"Sie würde dich und mich seltsam ansehen, wenn du es nötig hättest, andere in deinem Namen anfragen zu lassen", sagte Camilles Ehemann. Das mochte stimmen, erkannte Julius und erwähnte, daß er in einer halben Stunde zu ihr hinkommen würde, um mit ihr das mit dem Baum zu klären. Florymont bestätigte es und fragte, ob Julius noch Zeit habe, mit ihm bis zum Tierpark zu reiten. Doch dieser hatte noch ein Stück selbstgebackenen Kuchen auf dem Teller und wollte Millie nicht so schroff mit dem Geschirr alleine lassen.

"Dann gut, ich prüfe noch einmal die manövrierfähigkeit des Elefanten und reite den dann zum Tierpark. Camille wird sich freuen, wenn ich "ihren Garten" nicht weiter mit ihm "verschandele"."

"Gut, vielleicht sehen wir uns nachher noch mal. Bis dann! Erwiderte Julius und kletterte über die an der linken Vorderflanke ausrollbaren Strickleiter vom Stahlelefanten. Danach apparierte er vor seinem Haus, während das silbergraue Ungetüm auf dem Punkt wendete und dann mit steigender Marschgeschwindigkeit davonstampfte.

"So, ich kläre das mit Camille, was für'n Baum und wie der geschmückt wird", verkündete Julius.

"Ich weiß von Caroline, wo der Schmuckladen ist. Wenn du Camille drum bittest, mir loses Tannengrün zu liefern mache ich unser Haus dann morgen schon mal weihnachtstauglich." Julius bestätigte das.

Eine halbe Stunde später stand er neben Camille Dusoleil, die die kleine Chloé in der Wiege liegen hatte. Julius erkannte, daß das Babyschlafmöbel mit einem fünfstrahligen Stern verziert war. Ganz sicher hatte die junge Mutter die Wiege mit dem starken Schutzzauber des silbernen Sterns aufgeladen, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte. So würden keine dunklen Kräfte oder bösartigen Wesen der kleinen was anhaben können, solange sie in dieser Wiege ruhte.

"Millie wird dann mit Caro zum Weihnachtsschmuckladen ziehen. Ich lasse morgen einen Zentner Tannengrün bei euch anliefern. Hmm, stimmt, mit dem Feuerschutzzauber im Haus könnte es ein Problem sein, einen richtigen Baum mit richtig brennenden Kerzen zu haben. Aber vielleicht reicht es aus, nicht zu viele Kerzen zu nehmen und diese nicht all zu dicht beieinander an die Zweige zu stecken. Probieren wir morgen aus."

"Hat Jeanne auch einen Weihnachtsbaum?" Fragte Julius.

"Den holt die sich selbst. Ich habe ihr gezeigt, wo die Weihnachtstannen und -fichten dieses Jahr stehen", erwiderte Camille. Julius erwähnte, daß er Barbara van Heldern am Nachmittag getroffen habe. Er erfuhr, daß sie bis zum Jahreswechsel bleibe und die Eltern von Gustav über die Feiertage herüberkamen. Dann meinte Camille, daß Jeanne jetzt unbedingt auch das zweite Kind auf dem Weg haben wolle, weil Francine auch gerade in guter Hoffnung sei und Seraphine Andeutungen gemacht habe, sie könnte auch bald was kleines begrüßen. Julius hielt sich mit Bemerkungen dazu zurück, ob Jeanne sich unbedingt auf so eine Konkurrenz einlassen mußte. Immerhin hatten Bruno und sie schon eine Tochter.

"Hat Millie groß was für heute Abend vorbereitet?" Fragte Camille. Julius bejahte es. "In Ordnung, dann frage ich sie morgen, ob ihr zum Abendessen zu uns rüberkommen wollt. Jeanne kommt mit Bruno und Viviane, und Uranie wird dann auch wieder da sein." Julius bekundete, das seiner Frau auszurichten. Dann verließ er den Jardin Du Soleil durch den Kamin.

"Jau, geht auch noch", meinte Julius, als er aus dem Kamin des obersten Stockwerks herausgeklettert war. Millie hantierte bereits mit Zauberstab und Kochgeschirr. Sie ließ sich kurz erzählen, was Julius mit Camille ausgemacht hatte und schickte ihn dann aus der Küche. "Bis zum Abendessen gehört die Küche nur mir, Monju. Kannst ja nachher beim Abwasch helfen", sagte sie sehr unumstößlich. Julius beschloß, im Geräteschuppen noch ein wenig an seinem Computer zu arbeiten und ein paar E-Mails auszutauschen. Zwar wußte Aurora von ihm über die Bildverbindung, was in Australien wirklich mit Naaneavargia passiert war. Doch vielleicht hatte sie noch nicht die Meldungen aus Amerika gelesen. Die wollte er zusammenfassend abtippen und auf den fünften Kontinent hinunterschicken. Wenn Millie ihn beim Kochuspokussen nicht dabeihaben wollte hatte er eben die Zeit dazu.

Nach dem Abendessen flogen beide auf ihren Besen zum See der Farben, der wie ein gewaltiger Spiegel das Mondlicht verdoppelte.

"Muß man eine Genehmigung einholen, um die in dem See wohnenden Wasserleute zu besuchen?" Fragte Millie. Julius wußte das nicht. Er prüfte kurz, wie warm oder kalt das Wasser war und meinte, daß man da besser nur mit Dianthuskraut drin tauchen sollte. Da knallte es in einiger Entfernung, und ein Lichtpunkt schwebte in der Dunkelheit. Millie und Julius starrten auf den auf sie zutanzenden Lichtpunkt, bis sie erkannten, das es ein Zauberstablicht war. Der dazugehörige Stab wurde von einer klobig wirkenden Gestalt gehalten, die im Schein des Mondes und Widerschein des Zauberstablichtes dunkelgrau wirkte und einen spiegelnden Kopf besaß. Dann watete die Gestalt ins Wasser und verschwand darin. Nur die letzten, sich im Wasser brechenden Lichtreflexe des Zauberstablichtes glommen für einige Sekunden noch an der Oberfläche.

"Was war denn das?" Fragte Millie.

"Es sollte wohl er heißen: Wer war denn das?" Entgegnete Julius. "Ich vermute, jemand hat einen Taucheranzug mit Helm aus der Muggelwelt geholt oder selbst gebaut und taucht bei Nacht, damit ihn oder sie keiner dabei sieht."

"Florymont?" Fragte Millie. Julius nickte verhalten. Offenbar hatte der Zauberschmied regelrecht Gefallen an den technischen Phantasien der Muggelwelt gefunden. Fehlte nur noch, daß er die Nautilus von Kapitän Nemo nachbaute und damit im See herumkreuzte. Aber das könnte ihm doch Ärger mit den dort lebenden Wassermenschen einbrocken, der wiederum dazu führen mochte, daß seine Frau keine Sommerausflüge mehr dorthin machen durfte, was ihm dann Ärger mit seiner Frau einbrocken mochte, den er wohl nicht haben wollte.

"Hast du nicht auch Kältewiderstandstrank in deinem Pflegehelferkistchen, daß Aurora Dawn dir verehrt hat?" Fragte Millie.

"Möchtest du Tauchen?" Fragte Julius.

"Wenn der das echt ist, will ich das wissen, warum der nicht am hellen Tag baden geht", erwiderte Millie.

"Hmm, der Trank geht mit Scotopsin zusammen. Die kleine Flasche habe ich noch. Okay, tauchen wir eine Runde. Aber nicht zu nahe an die Wassersiedlung! Ich weiß nicht, ob die das nicht als unbefugtes Eindringen verstehen."

"Du kennst dich in dem See aus. Holst du dann bitte die Sachen?" Julius nickte und apparierte schnell im Haus, wo er die benötigten Tränke in kleine Dosierphiolen umfüllte und bei der Gelegenheit noch in seine Badekleidung schlüpfte. Er wollte gerade noch Millies Badesachen nehmen, da verschwanden diese mit leisem Piff. Statt dessen landete millies hellgrüne Bluse und der smaragdgrüne Rock mit ihrem Unterzeug im Schrank. Also hatte sie den Schnellumkleidezauber ausgeführt. So zog er auch schnell die Badesachen an und apparierte aus dem Haus heraus bei ihr. Er gab ihr erst den Kältewiderstandstrank. Erst wenn dreißig Sekunden vergangen waren, konnten sie die kleine Menge Scotopsin schlucken, die wie der Strigoculus-Zauber wirkte, aber wesentlich unbeschwerlicher verlief. als sie den Trank eingenommen hatten mußten sie erst die Augen schließen, weil das Mondlicht unvermittelt sonnenhell wurde und der Himmel zu brennen schien, weil alle sichtbaren Sterne nun wie stecknadelkopfgroße Sonnenlichtbruchstücke erschienen. Sie gewöhnten sich aber schnell daran, nicht nach oben zu sehen. Eine Stunde würde die Nachtsichtmixtur nun vorhalten. Julius schlug vor, die beiden Herzanhänger an ihren Stirnen festzubinden. Als sie das hinbekommen hatten und die Geistsprechverbindung tadellos klappte, zauberten sie die magischen Luftblasen um ihre Köpfe, in denen sie in giftigen Gasen und unter Wasser frei atmen konnten. Dann wateten sie ins Wasser hinein. Es fühlte sich fast so heiß an wie Badewasser. Das machte der Trank gegen Kälte. Womöglich war der See noch um die zehn Grad warm. Als sie so tief im Wasser waren, daß sie nicht mehr waten konnten, tauchten sie unter. Das Nachtsichtigkeitselixier erlaubte ihnen nun, ohne entzündeten Zauberstab alles zu erkennen, als wenn es oben hellichter Tag wäre. So glitten sie hinein in das tiefe Wasser. Kein Gluckern, kein Zischen verriet, daß sie Luft einatmeten. Die Kopfblasen erzeugten frische Luft und wandelten die ausgeatmete Luft wieder in Frischluft um.

"Kann verstehen, daß Camille hier gerne herkommt", hörte er Millies Gedankenstimme. Er spähte derweil nach Grindelohs. Denn die gab es hier auch. Tatsächlich sah er die grünen Wasserdämonen mit den langen Händen und dachte es seiner Frau zu. Schnell schickten sie mit "Relaschio" heiße Dampfstrahlen gegen die auftauchenden Unholde. Einem besonders aufdringlichem jagte er sogar mit einem ungesagten "Iovis!" einen elektrischen Schlag auf den grünen Leib, daß die Kreatur mit einem schrillen, im Wasser verzerrten Schrei zusammenzuckte und in die Tiefe stürzte. Daraufhin zogen sich die anderen Grindelohs zurück.

"Der Blitzstrahl, Monju. Ist unter Wasser aber nicht so ganz ungefährlich", gedankensprach Millie, die vermeinte, einen spürbaren Stromstoß gefühlt zu haben.

"Eben genau deshalb haut der auf direkter Strahlbahn auch so heftig rein", dachte Julius seiner Frau zu. Dann suchte er das Licht des Tauchers, das er nun, wo seine Augen durch das Scotopsin empfindlicher geworden waren, bestimmt schnell orten konnte. Tatsächlich konnte er eine Wolke aus zerstreutem Licht sehen, die in einiger Entfernung aus der Tiefe heraufschimmerte. Irgendwie war ihm so, als hinge die Wolke an einer Stelle. Dann kniff er sein linkes Auge zu, weil er genau in den magischen Lichtstrahl hineinsah. Obwohl der bestimmt einige hundert Meter entfernt war tat ihm das doch gut im Auge weh. Dennoch konnte er erkennen, daß der Zauberlichtstrahl wild hin und herzuckte, als schlüge der Zauberstabträger damit um sich. Womöglich mußte er gegen die Grindelohs kämpfen. Julius dachte seiner Frau zu, daß der einsame Taucher wohl gerade in großer Bedrängnis war. Er warf sich in die Richtung, wo er den Lichtschimmer sah und spurtete im Schmetterlingsstil nach vorne. Millie blieb hinter ihm. Sie konnte locker mithalten, obwohl Julius durch das Schwermachertraining und das seine Muskeln verstärkende Halbriesenblut Madame Maximes ihm mehr Kraft und Ausdauer verliehen hatten. Doch da sie als kleines Mädchen jeden Tag Latierre-Kuhmilch getrunken hatte, waren ihre Muskeln und ihre Kondition auch überragend. Beide achteten auf Grindelohs. Tatsächlich versuchten wieder ein paar grüne Spinnenbeinfinger nach ihnen zu schnappen. Doch Julius war in der Hinsicht brutal und brach die Finger kurzerhand, was deren Besitzer wimmernd das Weite suchen ließ. Dann sah er ihn, den einsamen Taucher.

Es war ein Mensch von der größe eines erwachsenen Mannes, der in einem dunkelblauen Anzug aus einem dehnbaren Stoff steckte, der die Hände, Arme, Rumpf und Beine bis zu den Füßen nahtlos verhüllte. Julius konnte von den Zehen ausgehend sogar Schwimmhautartige Fortsätze erkennen, wie dem Anzug eigene Schwimmflossen. Sein Kopf ruhte in einer glasartigen Kugel, die durch einen Metallring am Hals direkt mit dem Anzug verbunden war, sich aber offenbar frei drehen ließ, so daß der tauchende Zauberer seinen Kopf beliebig verlagern konnte. Der Taucher wurde von zwanzig Grindelohs gleichzeitig attackiert, die sogar mit einem Netz aus Schlingpflanzen versuchten, ihn einzuschnüren. Die Wasserdämonen zogen, zerrten und drückten den Mann immer tiefer. Julius wußte ungefähr, daß der See an die dreißig Meter Tief war. Die Kopfblase half ihm und Millie, dem wachsenden Druck standzuhalten. Allerdings konnten sie damit nicht wesentlich tiefer als hundert Meter nach unten, weil auch für Kopfblasen-Taucher die Stickstoffgrenze galt und die magische Luftblase keinHelium-Sauerstoff-Gemisch erzeugte, wie es echte Tiefseetaucher atmeten, die bis fünfhundert Meter hinunterkonnten. Die mußten aber Tage vorher in speziellen Druckkammern auf diesen Druck dort unten eingestimmt werden und beim Auftauchen ebenfalls mehrere Tage langsam wieder auf den üblichen Luftdruck zurückgeführt werden. Daran dachte Julius in den Momenten, wo sie weiter nach unten glitten. Als er nahe genug heran war richtete er seinen Zauberstab auf das Schlingpflanzennetz und rief "Diffindo Maxima!" Die glibberige, zähe Pflanzenmasse zerfetzte in der Ausrichtung des Zauberstabes zu grünem Schleim. Der Taucher kam frei, weil die Grindelohs durch das Zerreißen des Netzes denHalt verloren. Millie fegte mit einem Heißwasserstrahl fünf der Wasserdämonen aus der Bahn.

"Und gegen die kam die eingebildete Pute Fleur nicht an?" Hörte Julius Millies gedachte Frage im Kopf. Er verpaßte einem vorwitzigen Grindeloh einen weiteren Heißwasserstrahl, daß blubbernde Dampfblasen zur Oberfläche stiegen. Da fühlte er eine dünne aber kräftige Hand in seinem Genick. Doch im nächsten Moment hatte jemand diese Hand auch schon wieder fortgerissen. Julius zielte auf ein Pulk ihn anschwimmender Grindelohs und rief durch die Kopfblase "Sierennitus!" In der Ausrichtung des Zauberstabes klang ein schriller Pfeifton, der dadurch, daß Wasser den Schall besser leitete, auch für Julius schon unangenehm laut war. Die Grindelohs allerdings schrien, wenn sie in den magischen Schallstrahl hineingerieten und flüchteten. So schaffte Julius innerhalb einer Viertelminute sämtliche Grindelohs aus dem Weg. Der Taucher schüttelte sich, wohl weil der schrille Schallstrahl ihn kurz überstrich, ging aber dann mit der gleichen Taktik vor. Keine Minute verging, da waren in diesem Bereich des Sees keine Grindelohs mehr zu sehen. Julius glitt mit halbgeöffneten Augen zu dem geretteten Taucher hinunter und erkannte nun durch die gläserne Kugel Florymont Dusoleil. Genau den hatte er wahrlich erwartet. Der Taucher wollte sein Zauberstablicht auf Julius richten, der Schnell beide Hände vor die Kopfblase auf Augenhöhe legte und wartete, bis kein Licht mehr in seiner Nähe war. Da änderte Florymont die Lichtquelle. Offenbar wirkte er den Nigerilumos-Zauber, der einen scheinbar schwarzen Lichtstrahl aussandte, der aber auf davon getroffene Oberflächen so wirkte, daß sie in der ihrer üblichen Farberscheinung entgegengesetzten Weise aufleuchteten. Wer jedoch in den Strahl sah meinte, vollkommen erblindet zu sein. Dann hantierte Florymont mit dem Zauberstab am Halsring und sprach dann, als würde er aus einem Metalltank sprechen:

"Habt ihr mich gesehen? Hätte ich eigentlich wissen müssen, daß diese Biester nachts so aktiv sind." Julius wußte, daß die Kopfblase seine Worte zu dumpf klingen ließ und nickte nur. Vielleicht konnte er den Sonorus-Zauber ... Besser nicht, viel ihm gerade noch ein. Denn der würde im Wasser bestimmt alle Trommelfelle in zwanzig Metern Umkreis zerfetzen. Aber die Zauberfadenschrift funktionierte wohl. Julius schaffte es, "Toller Anzug!" vor Florymont ins Wasserzuschreiben und mit "Litteralux" in einen neonartigen Grünton aufleuchten zu lassen. Er mußte schnell wieder wegschauen, weil für die Scotopsinbewehrten Augen das schon zu hell war, um länger als eine Sekunde hineinzusehen.

"Scotopsin?" Fragte Florymont über diesen Sprechzauber. Julius nickte ihm zu. Dann deutete er nach oben und machte ganz ruhige, nach oben weisende Armbewegungen. Florymont nickte und streckte sich so, daß er dabei in einem leichten Steigungswinkel aufwärtsschwamm.

Ohne ein nweiteres Zusammentreffen mit Grindelohs erreichten sie die Oberfläche des Farbensees und schwammen an Land. Für Millie und Julius war es hier oben so hell wie an einem klaren Sommermittag. Millie und Julius fühlten sich auch so, als wäre es Sommer, weil der Kältewiderstandstrank die sie umfließende Luft wie aus den Tropen wirken ließ. Sie hoben den Kopfblasenzauber auf und hängten sich die Herzanhänger wieder richtig um. Florymont tippte sich mit dem Zauberstab an Nacken und Kehlkopf, worauf die Glaskugel mit leisem Plopp absprang, einige Zentimeter über den Kopf stieg, dann zu einer Art Silberfolie wurde und sich eigenständig zusammenfaltete, bevor Florymont sie ergriff. Der Ganzkörperanzug rutschte derweil von seinen Armen und Beinen ab. Darunter trug er nur eine knappe Badehose. Haut und Haare waren knochentrocken.

"Wie bist du denn darauf gekommen, in der Dunkelheit zu tauchen?" Fragte Julius Florymont.

"Weil ich den Duotectus-Anzug mit dauerhaftem Kopfblasenzauber erst im See ausprobieren mußte, bevor ich damit ins Meer tauche, um den Tiefendruckschutz auszureizen. Den Anzug kann man auf zwei lebensbedrohliche Umwelteinflüsse abstimmen, Also Kälte und Hitze, starker oder niedriger Druck. Ich habe ihn als Kälte- und Druckschutzanzug ausprobiert. Damit könnte ich auch die Kälte des Weltraums aushalten. Ich wollte nur die Beweglichkeit unter Wasser testen. Denn eine Finesse ist der Medialanpassungszauber in den Fußteilen."

"Bitte was?" Fragte Millie. Julius nickte Florymont zu, der dann in einfacheren Worten erläuterte, daß sich der Anzug an den Füßen einstellte, ob man gerade auf festem, hartem Boden lief oder schwamm, also aus der Luft ins Wasser überwechselte."

"Das wird also auch in der magischen Wissenschaft Medium genannt, ob man in einer Flüssigkeit oder einem Gasgemisch unterwegs ist", stellte Julius fest. Florymont nickte. Dann fiel ihm wohl auf, daß er sich noch nicht bei den Latierres bedankt hatte, was er natürlich sofort nachholte.

"Weiß Camille, daß du nachts Grindelohs suchst?" Fragte Julius.

"Nein, das nicht. Sie weiß nur, daß ich diesen Anzug noch nicht für den freien Verkauf freigegeben habe, weil ich ihn nach dem Elementarschutzumhang gerne noch in offenem Feuer und eben in größerer Meerestiefe ausprobieren möchte, vielleicht sogar noch einen Besenflug bis weit nach oben ausprobiere, um den Unterdruckschutz auszureizen."

"Das Ding gibt's doch schon", meinte Julius. "Die Amerikaner haben den für ihren Superbesen Parsec im Lieferumfang mitentwickelt."

"Genau, und in zwanzig Jahren dürfen europäische Zauberer den auch kaufen", knurrte Florymont. Dann zischte er eindringlich: "Falls ihr das könnt zu Camille bitte bitte kein Wort davon, daß ich nachts im Farbensee getaucht habe."

"Du bist Süß, Onkel Florymont", schnarrte Millie. "Die Grindelohs hätten dich fast gefressen. Willst du Chloé nicht nach Beauxbatons gehen sehen?"

"Hämm-ämm, kein Kommentar", grummelte Florymont, der zwischen Wut und Beschämtheit festhing. Julius sah ihn nun sehr genau an und sagte ruhig aber unnachgiebig:

"Ich bin zwar kein Tauchexperte und habe nur einmal im Schwimmbecken aus Luftflaschen geatmet, als mein Onkel Charles mir mit sieben das Tauchen vorgeführt hat. Aber der hat mir auch gesagt, daß Taucher ein oberstes Gebot haben, das heißt, daß einer niemals allein tauchen soll. Nimm das bitte nicht als Tadel oder Maßregelung auf. Dazu habe ich kein Recht. Aber wenn du möchtest, daß wir Camille nicht erzählen, was du nachts so treibst, bitte ich dich, daß du bei solchen Versuchen immer wen mitnimmst, der dir helfen kann."

"Im See ging das noch. Aber wenn ich ins Meer tauche wird es schwierig. Obwohl, ich habe drei Anzüge. Muß ich Jeanne oder Bruno fragen, ob die dabei sind. Weil vorher möchte ich das keinem außerhalb der Familie erzählen, daß ich diesen Anzug fertig habe", sagte Florymont. Millie sah ihn vorwurfsvoll an, was er mit einem mißbilligenden Blick beantwortete. Julius sagte nur ganz ruhig, daß sie es keinem erzählen würden, solange er sicherstellte, daß er sich damit nicht umbrachte oder jemandem zu nahe kam, der das vorhatte. Florymont versprach es mürrisch dreinschauend. Dann sah er die beiden, die trotz nasser Körper so standen, als blies ihnen ein heißer Wüstenwind um die Leiber. "Habt ihr was gegen Kälte geschluckt, daß ihr nicht friert?" Fragte er. Millie und Julius nickten. "Oha, dann wird's euch aber im Apfelhaus sicher zu warm, bis das Zeug abklingt", grinste er. "Aber ich mach jetzt besser den Sprung nach Hause, bevor Camille mich suchen geht."

"Dann gute Nacht!" Wünschte Julius. Florymont nickte ihm und Millie zu, nahm den sich beim Abgleiten selbst zu einem kleinen Paket zusammengefalteten Tauchanzug unter den linken Arm und disapparierte.

"Ich weiß, daß du sowas früher auch gemacht hast, einfach in irgendwelche gefährlichen Sachen reingegangen bist, Monju. Deshalb bin ich auch heilfroh, daß wir zwei die Armbänder und die Anhänger tragen, damit ich dich nicht suchen muß, wenn ich dich finden will", knurrte sie. Dann deutete sie auf die beiden Flugbesen. "Wenn wir so fliegen ist es uns nicht mehr zu heiß", vermutete sie. Julius stimmte ihr zu.

Da der Trank gegen Kälte noch eine halbe Stunde vorhalten würde beschlossen beide sich bis zum Abklingen in je eine Badewanne voll kaltem Wasser zu legen. Doch für sie fühlte es sich immer noch wie heißes Wasser an. Julius tauchte im Schutze des Kopfblasenzaubers ganz unter und lauschte seinem Herzschlag. Er dachte an Florymont Dusoleil. Ja, Millie hatte recht, daß Julius früher auch sehr gefährliche Stunts hingelegt hatte. Der letzte dieser Art war ja gerade einen Monat her. Er dachte an die Erlebnisse der letzten Monate, wie die Einschulung Babettes, Hanno Dorfmann, was ihn für einen Moment glauben machte, per Exosenso-Zauber bei ihm zu sein, dann an die Denkariumsreise in Serena Delourdes Erinnerungen, die Quidditchspiele, die Ausflüge zu den Zaubertieren und natürlich die zweite Reise zur Himmelsburg. Deshalb lag Ailanorars Flöte nun keine zehn Meter von ihm entfernt im Schrank und in einer Conservatempus-Schachtel. Er dachte an alle die, die jetzt nach Anthelia-Naaneavargia suchten. War er wirklich vor ihr sicher? Er dachte an Professeur Tourrecandides Verschwinden. Wo war sie nun? Lebte sie noch? Einer der alten Zauber, ganz sicher der Fluchumkehrer, hatte irgendwas mit ihr angestellt, was sie erst um einige Jahrzehnte jünger werden ließ und jetzt ... Zurück auf Anfang? Aber wo dann und vor allem bei wem? Julius lauschte seinem Herzschlag und dachte einen winzigen Moment an Barbara van Helderns Baby. Das hatte jetzt eine ähnliche Umgebung wie er. Warmes Wasser und den Rhythmus des Lebens um sich herum.

"Monju, schlaf nicht ein!" brach Millies geistige Stimme in seine Gedanken ein. Er dachte zurück: "Habe den Kopfblasenzauber gemacht, kann nicht ertrinken.".

"Gute Idee. Das Wasser wird uns dann wohl früh genug wieder wach machen", dachte ihm Millie zurück. Dann plauderten sie eine Weile auf unhörbarem Weg über die Erlebnisse der letzten Wochen. Julius teilte Millie seine vagen Vermutungen über Professeur Tourrecandide mit. Millie erwiderte darauf, daß das schon ein starkes Stück sei. Doch dann, so ergänzte sie seine Vermutung, könnte sie mit Anthelia verbunden sein. Das würde auch mit dem Tag passen.

"Anthelias Riesenvogel soll am zehnten Oktober gesehen worden sein. Professeur Tourrecandide verschwand am zwölften. Ich vermute er, daß da wer ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel mit ihr getrieben hat. Neh neh, daß hat wohl eher was mit der späten Tochter dieser Leda Greensporn zu tun."

"Die so aussieht wie diese Daianira Hemlock", erwiderte Millie auf unhörbarem Weg.

"Kein Wunder, daß uns das keiner auf die Nase binden will", erwiderte Julius dazu. "Aber beweisen können wir das auch nicht."

"Schon eine fiese Vorstellung, daß Professeur Tourrecandide jetzt wieder ein Baby sein soll oder mal wird", schickte ihm Millie zu.

"Ich wüßte nicht, ob mir das gefallen würde. Vor allem weiß ich nicht, wie überhaupt sowas möglich wäre. Mir fehlt da der letzte Erklärungsansatz."

"Deshalb sollten wir das besser auch keinem laut sagen, schon gar nicht Oma Line. Für die wäre das eine Todsünde, wenn jemand jemanden auf so eine abgedrehte Art als eigenes Kind kriegen würde."

"Vor allem will ich auch nicht, daß wir deshalb mit irgendwem Ärger kriegen", erwiderte Julius. Mit "irgendwem" meinte er die Wiederkehrerin, und Millie wußte das auch.

"Hoffentlich kommt die nicht auch zu Brittanys Hochzeit", unkte Julius' Frau.

"Den großen Drachen rufst du bitte nicht zu laut", schickte Julius zurück. Er hoffte, daß die Wiederkehrerin oder wie sie sich nun auch immer nennen würde, schön weit von Viento del Sol, Paris und Millemerveilles weg war.

So verging die Zeit. Als Julius schlagartig meinte, in eiskaltes Wasser geraten zu sein wußte er, daß die Wirkung des Kältewiderstandstrankes vorbei war. Das Scotopsin würde im Verlauf der Nacht ebenfalls abklingen, so daß sie nicht wie Vampire vor dem Sonnenlicht in Deckung gehen mußten. Das hätte Camille sicher verwundert und zu neugierigen Fragen getrieben.

Nach dem Ausflug in den nächtlichen Farbensee schliefen Millie und Julius sehr bald ein. Diesmal sollte die Mini-Ausgabe von temmie sie am Morgen wecken.

 

__________

 

Um sechs Uhr brüllte die kleine Flügelkuh sie mit der Lautstärke und Tiefe einer großen aus dem Schlaf. Julius stellte den Wecker auf die übliche Weise ab und lag noch mit Millie eine halbe Stunde so auf dem Bett. Dann frühstückten sie. Um neun Uhr klang das magisch erzeugte Glockenspiel "Wie leuchtet mir der Apfelbaum". Das war der Türklingel-Meldezauber.

"Dann mal los zum Baumaussuchen!" Trieb Millie Julius an. Dieser lächelte. Er war dabei, eine Tradition zu übernehmen, die schon sein Urgroßvater väterlicherseits gepflegt hatte. Der Weihnachtsbaum war Sache des Familienvaters. Millie hatte das ohne irgendeine Diskussion anerkannt, zumindest in diesem Jahr.

"Hallo, das ist aber viel Grünzeug", staunte Millie, als sie die Schubkarre sah, die Camille vor der Haustürhalbkugel abgestellt hatte. Julius hatte sich seinen Beauxbatons-Arbeitsumhang angezogen. Camille trug einen tannengrünen Arbeitsumhang und lächelte Millie zu. "Du kannst erst in den Dekorationsladen und Schmuck aussuchen, Millie. Julius, Chloé und ich holen den Baum und die Kerzen", legte sie die Marschoute fest. Millie stimmte zu und disapparierte.

Auf dem Familienbesen der Dusoleils, auf dem ein Tragekorb für Säuglinge und Kleinkinder befestigt war, ging es auf die andere Seite des Dorfes, wo ein bereits lichter Nadelwald angelegt war. Julius besah sich die Fichten und Tannen, bis er eine drei Meter hohe Tanne entdeckte, die eine Spitze wie ein Zaubererhut besaß und in einem gleichmäßigen Maß nach unten breiter wurde. Julius besah sich den Baum von allen Seiten und schätzte ab, was man an welchen Zweig hängen konnte. Dann deutete er mit nach oben gerecktem Daumen auf den Baum. "Der ist ideal und paßt genau zwischen Boden und Decke in die Eingangshalle."

"Es gibt Zauberer, die setzen kleine Feen in die Zweige rein. Aber ich denke, das wollt ihr nicht, oder?" Fragte Camille. Julius verneinte es. Er hatte es zwar in Hogwarts gesehen, aber hielt nichts von lebendem Baumschmuck, auch wenn die aus sich leuchtenden Feen sehr gerne bereit waren, sich in ihrer ganzen Herrlichkeit zu zeigen. "Gut, dann markiere ich den Baum und lasse ihn in einer Stunde anliefern. Bis dahin haben wir die Kerzen und den Schmuck", sagte Camille und hängte in die Zweige ein silbernes Schild: "FÜR DIE EHELEUTE LATIERRE, APFEL DES LEBENS"

Danach flogen sie los zu den Bienenställen von Begonie L'ordoux.

Im Winter flogen keine Bienen herum, stellte Julius erleichtert fest, als sie in die Nähe der hohen Bienenstöcke gelangten. Er hörte jedoch ein ihm unheimliches Summen aus jedem Bienenhaus, leiser zwar als im Sommer, aber doch unverkennbar. Die Insekten waren noch am Leben. Sie hatten ihre Arbeit nur bis zum Frühling eingestellt und ernährten sich von dem Honig, den ihre Halterin ihnen für den Winter gelassen hatte.

Begonie L'ordoux freute sich, daß Julius bei ihr Weihnachtsbaumkerzen kaufen wollte. Sie führte ihm die weißen bis gelben Stäbe vor, die von außen noch die sechseckigen Lochmuster ehemaliger Bienenwaben aufwiesen. Julius bat um dreißig Kerzen. Als er gefragt wurde, ob Camille ihm keinen größeren Baum reserviert habe sagte er nur, daß er nicht sicher sei, ob der Feuerschutzzauber seines Hauses die Kerzen nicht alle wieder auslöschen würde, wenn er mehr als die erbetene Menge auf einmal anzündete. Die alteingesessene Bienenzüchterin lachte darüber und erwiderte:

"Hörte davon, daß die Varanca-Häuser diesen Löschzauber haben. Ein Kollege in Deutschland hat auch schon erfahren, daß Kunden von ihm, die über die Weihnachtstage in die Alpen wollten und da in einem solchen Dommobil gewohnt haben gerade fünf Kerzen auf einem Quadratmeter hätten brennen lassen können. Wie hoch ist der Baum und wie breit ungefähr?" Julius gab das geschätzte Höhenmaß an. Camille hatte aber die genauen Breitenmaße. "Dann kannst du, wenn du ihn rundherum mit Kerzen bestücken möchtest, vierzig Kerzen anbringen. Ich lasse sie Mildrid und dir zum Preis von dreißig." Camille meinte, wie großzügig das von Begonie sei.

"Na hör mal, hältst du mich für eine Raffhexe, Camille."

"Ich kann mich nur gut dran erinnern, daß du Florymont jede Kerze vorgezählt hast, die er für zwei Galleonen kriegen konnte."

"Ja, weil dein Mann meinte, meine Kerzen schlechtreden zu müssen, Camille. Der wollte mir nur acht Knut pro Kerze geben. Aber ich muß drauf bestehen, für einzelne Kerzen zwölf Knut zu nehmen. Ich lasse Julius vierzig zum Preis von dreißig, weil ich in diesem Jahr eine Menge voller Waben ausnehmen konnte und mit dem Honig daraus ganz gut im Geschäft bin."

"Ich fang jetzt auch keinen Zank mit dir an, Begonie", lenkte Camille ein. Julius rechnete derweil durch, was er bezahlen mußte. Er kam auf genau zwölf Sickel und zwölf Knuts. Da er wegen des Schmuckkaufs hauptsächlich Galleonen und Sickel eingesteckt hatte fragte er die Imkerin, ob sie ihm für den Rest zu einer ganzen Galleone noch zum backen geeigneten Honig abfüllen konnte. Begonie L'ordoux lächelte sehr warmherzig und apportierte ein beachtliches Glas aus ihrem Bestand und führte die beiden Nachbarn und Kunden zu ihrem Honiglager, wo sie mit einem genau ausgemessenen Löffel Honig ins Glas umfüllte. "Der Sickel-Löffel, Julius. Damit kriege ich genau für eine Sickel Honig abgemessen", sagte sie ihm. So füllte sie ihm fünf große Löffel Honig ins Glas um und verschraubte es sorgfältig. Dann etikettierte sie es noch ordentlich und wünschte Julius und Camille und deren Familien fröhliche Feiertage. Camille versenkte die große Schachtel mit den Kerzen und das Honigglas in ihrer rauminhaltsvergrößerten Einkaufstasche. Da meldete sich Chloé, die Hunger hatte. Camille holte aus einer Seitentasche des Tragekorbes eine Babyflasche mit Sauger und schob sie der Kleinen in den plärrenden Mund. Sofort war Ruhe.

"Dann müssen wir noch ein bißchen warten, damit Chloé sich nicht verschluckt", stellte sie klar. Julius sagte dazu nichts. Er wartete, bis das Baby sich sattgetrunken hatte und den Sauger ausspuckte. Camille reinigte das Fläschchen und legte es zurück in die Seitentasche. Dann klopfte sie sanft über Chloés Rücken, bis diese vernehmlich aufstieß, was von Camille mit einem zufriedenen Lachen quittiert wurde. Dann wiegte sie ihre kleine Tochter noch ein wenig in den Armen, bevor sie sie in den Korb zurückbettete. Jetzt konnte es weitergehen.

Es klingelte, trötete, flötete und schuhute, als Camille und Julius den kleinen Laden betraten, den auch Florymont Dusoleil mit Spielzeug belieferte, und der in den Weihnachtstagen magischen Baumschmuck führte. Julius meinte, kleine Kirchenglocken zu hören, wenn er die silbernen und goldenen Glöckchen schwang. Engel mit winzigen Trompeten schmetterten Loblieder auf das frohe Fest in den Raum. Andere Weihnachtsengel schwirrten mit goldenen Flügeln um mannshohe Kerzen herum und sangen mit winzigen Stimmchen einige Weihnachtsweisen im Chor. Dann gab es Tannenzapfen, blökende Rentiere und aus sich selbst blau, golden oder orangerot erstrahlende Weihnachtsbaumkugeln, Lametta, das sachte Funken sprühte und künstlichen Schnee, der aus einer gläsernen Wolke herausrieseln konnte und für einige Zeit auf dem Boden lag, bevor er durch Rückversetzungszauber wieder in der hauchzarten Wolke verdichtet wurde. Julius bestaunte die silbernen und goldenen Eulen, die naturgetreu riefen. Dann sah er noch kleine und große Sterne, die durch Zauberstabstupser für eine Woche silbernes oder goldenes Licht spendeten. Eine vergoldete Weihnachtsbaumspitze mit leuchtendem Stern oder schuhuhender Eule gehörte ebenso zur Auswahl wie kleine Weihnachtsmänner mit weißen Rauschebärten und dicken Bäuchen.

"Huch, wie in den Staaten", meinte Julius dazu. Der Verkäufer hinter der Kasse hörte es und meinte: "Noch nicht ganz. Die haben da richtig große Schlitten mit ausgestopften Rentieren, die andauernd um die Häuser fliegen und goldene Truthähne, die über deren Küchentüren hängen und ihre komischen Gluckerlaute von sich geben. Und am heftigsten sind diese überlebensgroßen Schneemänner, die auf den Dächern hocken und jedem fröhliche Weihnachten zurufen oder an den Türen stehen und die eiskalte Hand schütteln."

"Das mit den Schlitten und aufgeblasenen Schneemännern kenne ich auch", erwiderte Julius. "Frosty heißt so'n Schneemann bei denen, nach einem Weihnachtslied. Und dann haben die natürlich Rudolph, das rotnasige Rentier."

"Gibtt's da auch ein Lied drüber?" Wollte der Kassierer wissen. Julius ließ sich nicht lumpen und sang es leise vor, froh darüber, den Stimmbruch schon weit hinter sich gelassen zu haben. Offenbar gefiel sein Gesang der kleinen Chloé. Denn sie erwachte und sah ihn strahlend an.

"Ist eigentlich auch ein bekanntes Lied in England, wo ich ursprünglich herkomme", sagte Julius. "Und in Australien haben die weiße Känguruhs statt Rentieren vor dem Schlitten."

"Ja, und diese Sonnenwendeulen", ergänzte der Verkaufszauberer. Camille nickte und sagte: "Ich wurde schon ein paarmal eingeladen, mir Weihnachten im Hochsommer anzusehen. Aber mein Fall ist das nicht so."

"Diese Sonnenwendeulen kenne ich nicht, und ich war da schon mal zwischen den Jahren", erinnerte sich Julius.

"Ja, weil die eben nur zwischen dem ersten Dezember und genau Weihnachten draußen sind", meinte Camille dazu. "Unsere gemeinsame Bekannte hat es mir so erzählt, daß sie noch vor dem Jahreswechsel wieder fortgepackt werden müssen, weil sie sonst das Glück des kommenden Jahres noch in dieses Jahr herüberrufen würden, womit dann im kommenden Jahr nur noch Unheil drohen soll."

""Glaube an was auch immer, aber glaube!" Stieß Julius darauf nur verächtlich aus. Dann fragte er, ob seine Frau schon hiergewesen sei. Natürlich wußte der Verkäufer, wen er meinte. Dann wollte Julius wissen, in welcher Farbe sie sich den Schmuck für das Tannengrün ausgesucht habe und bunkerte goldene Kugeln, Eulen und zwanzig Silbersterne, wofür Camille ihn seltsam ansah. Auch als er noch ein paar der Flötenspielengel erbat sah sie ihn mit großen Augen an. Doch er hatte keine Probleme damit, die zehn Galleonen für das alles und einige Meter Lametta auszugeben. "Der Schmuck ist doch für mehr als nur dieses Jahr. Dann haben wir schon mal welchen", sagte er ruhig. Camille mußte ihm zustimmen.

"Die Sterne leuchten aber maximal nur vier Wochen, wenn sie nicht zwischendurch lichtlos gezaubert werden", wies der Verkäufer ihn noch darauf hin.

"Ich weiß, daß Florymont das länger hinbekäme aber von euch die Auflage hat, die Sternchen nicht zu lange leuchtbar zu machen", grummelte Camille. Doch dann lächelte sie Julius wieder an. "Kannst deiner angeheirateten Familie zumindest zeigen, daß Millie und eure irgendwann mal kommenden Kinder nicht auf Weihnachten verzichten müssen, nur um zu essen."

"Wenn ich jeden Monat eine Galleone weglege komme ich im kommenden Jahr locker wieder ins Plus", meinte Julius dazu und erntete ein strahlendes Lächeln der Kräuterkundlerin. Dann flogen sie wieder zum Apfelhaus, wo auch schon der ausgewählte Baum angeliefert wurde. Millie hielt sich gerade in den oberen Etagen auf, so daß Julius den Baum in der Eingangshalle in einen im Preis mitgelieferten Ständer zwengen konnte. Als er Camille fragte, was sie für den Baum haben wolle knurrte sie ihn an, daß er diese Frage nie wieder stellen solle, wenn er keinen echten Ärger mit ihr haben wolle. "Die Weihnachtsschmuckbanditen und Florymont halten dich schon gut am Strampeln, wenn du alle zwei Jahre neuen Schmuck haben möchtest. Meine Familienangehörigen kriegen die Bäume von mir umsonst. Und den Ständer kannst du mindestens dreißig Jahre oder mehr verwenden."

"Okay, Leute, dann geht's ab", sagte Julius und lief um den Baum herum, wobei er mit den Fernlenkzaubern erst die Kerzen anbrachte, dann das Silberzeug und dann die Anhängsel, wobei die Flötenspielengel sofort mit ihrem Weihnachtsgeträller loslegten, dicht gefolgt von den kleinen Eulen, die zwischen den Kugeln hingen und schuhuten.

"Neh is' Klar!" Rief Millie von oben herunter, als sie den magischen Weihnachtslärm hörte. Julius rief ihr zu, bloß oben zu bleiben, bis der Baum fertig sei. Es dauerte trotz der hilfreichen Zauber zwanzig Minuten, bis er alles so hängen hatte, wie er es sich vorgestellt hatte. Dann kam die Stunde der Wahrheit. Er hatte die Kerzen schon ziemlich dünn angesiedelt. Würde der Feuerlöschzauber sie auspusten, wenn er sie alle auf einmal entzündete?

Er umschritt den Baum, wobei er jede Kerze mit der Zauberstabspitze anzielte. Als er sicher war, alle einmal anvisiert zu haben rief er "Omnilumos Candelas!" Es zischte leise, als aus allen vierzig Kerzen Flammen schlugen. Die Luft vibrierte merklich. Doch dann beruhigte sie sich wieder. "Hat die gute Begonie dich richtig beraten", meinte Camille.

"Millie, es geht! Kannst runterkommen!" Rief er seiner Frau zu, während Camille die brennenden Kerzen betrachtete, die mit gleichmäßigen Flammen die Eingangshalle erhellten und den Duft von Bienenwachs verbreiteten. Millie erschien auf der von der hauchdünnen Glaswand umschalten Wendeltreppe und blickte auf den Baum. Dann grinste sie. "Kleiner wolltest du den nicht haben, oder hat Camille nur noch die großen dagehabt?"

"Der gefällt dir nicht?" tat Julius entrüstet. "Dann packen wir den wieder ein und schenken den deiner großen Schwester."

"Nix gibt's! Passt genau dahin. Habe mich nur gewundert, daß du keine Angst vor großen Weihnachtsbäumen hast, wo du sonst immer gerne zurückhaltend bist", entgegnete Mildrid Latierre. Ihr Mann erwiderte darauf, daß er mit Weihnachtsbäumen keine Probleme habe. Camille bemerkte dazu noch, daß er den Baum ruhig bis Neujahr stehen lassen könne. Nur müsse er ihn nackt vor die Tür legen, wenn Millie und er nach Beauxbatons zurückreisten, damit die Helfer der Gartenhexe ihn für den Kompost abholen konnten.

"Ich soll nackt da rausgehen und den Baum hinlegen?" Fragte Julius. Camille räusperte sich, mußte dann aber lachen und erwiderte:

"Es genügt auch, wenn der Baum dich nackt draußen hinlegt, Lümmel!" Millie grinste. Dann betrachtete sie die Kerzen, die zwar wenig aussahen, aber wohl gerade so noch vom Brandschutzzauber hingenommen wurden. Camille meinte dazu, daß sie an ihrem Baum zwanzig Kerzen mehr hätte, aber ja ebenkeinen im Haus verankerten Brandschutzzauber hätte. Das würden sie dann mit einem rauminhaltsvergrößerten Eimer voller Wasser und dem Brandlöschzauber oder Wasserstrahlen erledigen, was bisher jedoch nicht nötig war und gerne auch nie nötig werden mußte. Dann verabschiedete sie sich von Julius und Millie und flog mit Chloé zu ihrem eigenen Haus zurück.

"Wie ging dieser Zündezauber, mit dem du alle Kerzen zugleich ansteckst?" Fragte Millie. Julius führte ihn ihr vor. "Hat mir Madame Maxime letztes Jahr während der Einzelstunden alles beigebracht. meine Mutter hat ihn wohl als einen der ersten gelernt, um meine Geburtstagskerzen anzuzünden", erwähnte er noch. Millie nickte verstehend. Dann löschten sie die Kerzen mit "Omnextingio Candelas!"

Den restlichen Tag begutachtete Julius den restlichen Weihnachtsschmuck und half Millie beim Plätzchenbacken, wo er schon den passenden Honig dafür eingehandelt hatte. Dazu spielten die gemalten Weihnachtsengel, die auf Claires Kalenderbild auf einer Wolke thronten.

"Martha kommt doch am Morgen des sechsundzwanzigsten um acht zuerst zu euch rüber", verkündete die gemalte Viviane Eauvive. "Jeanne holt euch dann alle zusammen auf ihrem Flugteppich ab." Julius bestätigte den Erhalt der Mitteilung.

Abends saßen sie dann mit den Dusoleils beim Abendessen und verteilten die selbstgebackenen Plätzchen. Barbara van Heldern war mit ihrem Mann und ihrem Söhnchen Charles auch da. Julius und Millie wurden eingeladen, beim großen Heiligabendkonzert am morgigen Abend zuzuhören oder mitzuspielen und zu singen. Das war in Millemerveilles üblich, daß die Bewohner in den Weihnachtstag hineinfeierten, ähnlich wie es die Muggel christlichen Glaubens machten, wenn sie um elf Uhr abends in die Kirchen gingen, die selten so voll waren wie an Heiligabend.

"Gibt es dann auch so eine Art Predigt?" Wollte Julius von Barbara wissen, die die Latierre-Honigplätzchen fast im Alleingang verputzte, weil wohl jemand anderes Hunger darauf bekommen haben mochte.

"Üblicherweise der amtierende Ratssprecher und das Ratsmitglied, daß für kulturelle Ereignisse zuständig ist. Also dieses Jahr Madame Eleonore und meine Mutter", erwiderte Barbara und stieß auf. Das veranlaßte Gustav zur Bemerkung: "Jetzt kannst du aufhören, Leóncita, das Baby ist satt."

"Deine Mutter hat mir erzählt, daß du ihr immer eine halbe Schweinehachse weggefuttert hast, bevor sie sich sattfühlte", erwiderte Barbara van Heldern. "Sei lieber froh, daß da noch genug zu essen reinpaßt, wo dein Kind sich so breit macht."

"Dann gibst du also zu, daß es mein Kind ist?" Fragte Gustav.

"Nicht schon wieder, Gustav. Nur weil du von deinem Kameraden aus der Muggelwelt diese Verkaufsmaschine gezeigt bekommen hast."

"Häh?!" Fragte Jeanne. Julius grinste. Er ahnte, was für ein platter aber immer wieder gerne zitierter Gag gemeint war.

"Schon praktisch die Dinger. Du steckst was rein, dann fällt nach kurzer Zeit was unten raus, und das gehört dann dir", meinte Gustav. Florymont sah Gustav dafür kritisch an, während Camille leicht errötete, Denise Gustav verständnislos anglubschte und Jeanne Bruno in die Seite knuffte, weil der zu lachen ansetzte. Millie grinste, weil sie das offenbar kapiert hatte. Denn Julius hatte ihr ja auch schon was von Getränkeautomaten erzählt. Florymont meinte dazu nur:

"Das gilt aber nur bei toten Dingern, Maschinen, Gustav. mehr möchte ich dazu jetzt nicht hören oder sagen."

"Den Spruch kriege ich schon seit Charles unterwegs war", grummelte Barbara darüber und mußte noch einmal aufstoßen, wobei sie diesmal jedoch den Mund fest geschlossen hielt. Julius konnte dann nur noch einwerfen, daß der Witz schon so alt sei, daß der einen kilometerlangen Bart habe. Camille mentiloquierte ihm, da nicht noch weiter drüber zu reden, wo Denise dabeisaß. Doch diese wurde eine halbe Stunde später eh zu Bett geschickt, und so konnte Julius Gustav ausfragen, was er von der Muggelwelt so mitbekommen habe. So ging es bis Mitternacht noch, wobei es auch um die zwei Weihnachtsbäume der Dusoleils ging, den einen im Garten und den anderen im Wohnzimmer. Dann war es auch schon wieder spät genug zum Schlafengehen.

 

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Julius und Millie führten ihre neuen Festgewänder am folgenden Abend der Nachbarschaft vor. Viele hatten sich gutsitzende oder gar maßgeschneiderte Kleidung anfertigen lassen, auch Madame Eleonore Delamontagne, die im weißen Kleid mit goldenen Halbmond- und Sternensymbolen erschien und ihr strohblondes Haar so frisiert hatte, daß es wie ein langschweifiger Komet aussah. Ähnlich traten auch die Rochforts auf. Es war das erste mal, daß Julius Virginie wiedersah. Sie wirkte nun etwas untersetzt und glich ihrer Mutter im Gesicht. Das mochte noch von der Reise des kleinen Roger herrühren, der in einem Tragekorb lag und schlief, genauso wie die kleine Chloé. Die Kinder, die shon laufen konnten spielten in einer Ecke unter wechselnder Aufsicht der dazugehörigen Elternteile, bis sie müde waren und auf kleinen Matratzen gebettet wurden, während die musikalischen Dorfbewohner Weihnachtslieder auf allen möglichen Instrumenten spielten. Julius beteiligte sich an einem Holzbläsersatz aus dem 16. Jahrhundert. Er war froh, die Notenschrift lesen zu können und so zum Takt des freiwilligen Dirigenten Monsieur Charpentier spielte. Vor Mitternacht hielt Eleonore Delamontagne eine Ansprache und bedankte sich bei allen, die in diesem Jahr mitgeholfen hatten, daß sie dieses Mal ein friedliches Weihnachtsfest mit einer guten Hoffnung auf ein friedliches Jahr feiern durften. Sie sah ihre Tochter und Camille an und bekundete ihre Freude darüber, daß bereits neue Kinder in diese Neue Welt geboren worden waren. "Weihnachten ist eine Feier, die die Lichterfeier der Kelten und den Geburtstag des Gründers des Christentums zusammengeführt hat. Wir feiern das Licht der Liebe und des Friedens, wie die Hoffnung auf das Neue, daß durch die Geburt eines Kindes bezeichnet wird. So möge diese Weihnachtszeit uns allen das Licht des Friedens geben, und mögen wir im Wunder der Geburt und der Liebe der Angehörigen genug Wärme und Kraft empfangen, um die dunklen Monate zu überstehen und in das kommende Jahr hinüberzugehen!" Dann entzündete sie eine lange Kerze. Nach ihr sprach Roseanne Lumière und bekundete ihre Freude, daß die Hoffnung auf Frieden und Liebe, die sie im letzten Jahr für unerfüllbar halten mochten, ihre Berechtigung gefunden habe. Denn durch die Hoffnung und die Liebe sei es gelungen, die Gefahr aus Großbritannien zu überstehen und die Unterdrückung im eigenen Land abzuschütteln. So seien weitere neue Bewohner Millemerveilles' hinzugekommen, die diesen Ort und seine Geschichte bewahren und weiterführen würden. Dann entzündete auch sie eine Kerze. Sie nahm sie in die Hand und ging damit zu einem Regal voller kleiner Kerzen. Sie nahm eine davon heraus und hielt den kalten Docht an die brennende Flamme, worauf die zweite Kerze ebenfalls aufflammte. Sie setzte die erste Kerze ab und winkte Mildrid zu sich. "Ich gebe dir das Licht und die Wärme der Welt. Trage beides hinaus in die Dunkelheit und Kälte, auf daß die Welt wieder erstrahle und voll Wärme ist! Millie nickte und ging behutsam mit der ihr überreichten Kerze davon. Nun entzündete Roseanne eine neue Kerze an der neben ihr stehenden und winkte Julius zu sich. "Trage auch du das Licht und die Wärme der Hoffnung in die dunkle Welt und erfülle sie damit!" Offenbar sollten sich alle mit einer solchen Kerze ausstatten lassen. Die Eltern neugeborener Kinder kamen nach den neuen Bürgern, also die Dusoleils und Rochforts. Barbara mußte jedoch wohl bis zum Schluß warten. Dann kam sie aber mit zwei Kerzen heraus, von der die eine bereits merklich niedergebrannt war. Ihre Mutter folgte ihr ohne Kerze in der Hand.

"Das ist so üblich, daß eine gerade schwangere Hexe als letzte das erste entzündete Licht erhält", wisperte Camille Julius zu. "So geht nun alle zu euren heimischen Herden und entzündet in ihnen das Licht der Hoffnung, auf daß die Wärme der Geborgenheit und Liebe in der Welt verweile, heute und alle Tage!" Rief Roseanne Lumière der Gemeinde noch zu. Dann schritt Eleonore Delamontagne mit ihrer Kerze voran und führte damit eine Prozession, die ohne Kreuz, Glockenklang und Herrgott auskam, und dennoch eine alle überragende und miteinander verbindende Kraft beschwor, die über jedes Leben wachte und über jeden Tod erhaben war.

Zu Fuß trugen Mildrid und Julius ihre Hoffnungskerzen zum Apfelhaus. Dort entzündeten sie wie erbeten Feuer in den Herden, nicht in den Kaminen. Sie verweilten noch eine Zeit in der Wohnküche und unterhielten sich über das letzte Jahr. Dann erlosch das Herdfeuer auch wieder.

 

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Am nächsten Morgen erklang zuerst das Glockenspiel des Türklingelzaubers. Julius schlüpfte aus dem Bett, warf sich seinen Umhang um und apparierte einfach in der Eingangshalle, wobei er sich peinlich genau danach richtete, wie er möglichst leise verschwand und wieder auftauchte. Vor der Tür stand ... ein Schlitten, vor den eine Abraxaritenstute gespannt war und mit vielen Glöckchen behangen war. Darauf saß Roseanne Lumière in einem roten Mantel mit goldenen Sternchen und schneeweißer Watte an den Säumen.

"Diese Gaben stammen von denen, die euch wohlgesonnen sind, ihr beiden. Fröhliche Weihnachten!" Rief sie Julius zu und ließ einen großen Paketestapel durch die offene Tür in die Eingangshalle und zielgenau unter den gerade nicht erstrahlenden Weihnachtsbaum fliegen. Julius bedankte sich artig und wünschte ebenfalls Frohes Fest. Dann sah er, wie der Schlitten wie auf Luftkissen abhob, keinen halben Meter über dem Boden dahinglitt und dann mit lautem Glöckchenspiel zum Himmel emporstieg. Julius schloß die Tür wieder. Millie kam gerade die Treppe herunter. "So machen die das hier also, wenn sie nicht irgendwelche Apportationszauber oder so bemühen können", sagte sie. "Wie früh ist es?" Julius deutete auf die Standuhr, die wie auf Stichwort gerade sechs Uhr schlug. Da hörten sie auch schon die Mini-Temmie brüllen und sahen die kleine Flügelkuh herunterschwirren und mit dem Euter wackeln. Julius strich ihr kurz darüber, damit sie Ruhe gab. Ohne zu landen schwirrte die Mini-Temmie zurück zu ihrer grünen Unterlage. Millie stupste derweil das große Zauberradio an, daß Julius im letzten Jahr geschenkt bekommen hatte. Der Kreis schloß sich. Radio freie Zaubererwelt wünschte allen einen fröhlichen Weihnachtstag. Im Moment sprach Florymont Dusoleil, der die neuesten Nachrichten aus der Zaubererwelt verlas. Darin hieß es auch, daß Minister Grandchapeau die Suche nach Professeur Tourrecandide für beendet erklärt habe. Sollte sie noch leben, so der Zaubereiminister, so befände sie sich wohl nicht mehr auf europäischem Boden.

Nach dem Frühstück packten Millie und Julius ihre Geschenke aus, wobei auch die Sachen auftauchten, die sie sich gegenseitig schenken wollten und wie erbeten zum Eulenpostamt von Millemerveilles geschickt hatten. Julius war begeistert von einigen neuen Zauberbüchern, aber auch praktischen Gerätschaften zur Bestimmung von Zaubertrankzutaten und einem Bild, daß Babette Brickston gemalt und wohl unter Anleitung bezaubert hatte. Es zeigte vier Drachen über einem See, in dem Meermenschen schwammen. Die Drachen spien Feuer, während die Meermenschen wie verspielte Delphine durch die Luft sprangen und hörbar in die Fluten zurückklatschten. Millie hatte ihm zum einen eine große Teekanne getöpfert, die sie mit dem Gleichwärmezauber belegt hatte. Auf der Kanne konnte er alles in Symbolen sehen, wofür er sich interessierte. Da waren die Sonne, ein Halbmond und drei Sterne, die wohl für die Astronomie standen, ein Strauß bunter Kräuter und eine phantasievoll gemalte grüne Staudenpflanze, die wohl sein Kräuterkundeinteresse bekunden sollten, ein blauenDampf ausströmender Kessel und eine Waage, die für seine Begeisterung für Zaubertränke standen, Ein Kniesel, der auf einer im verhältnis dazu winzigen Latierre-Kuh thronte, womit seine Beziehung zu magischen Tieren unterstrichen wurde. Ein stilisiertes Männchen auf einem funken sprühenden Besen sollte wohl für seine Quidditchbegeisterung stehen. Die Darstellung einer Flöte oder Pfeife zeigte, daß er wohl auch was mit Musik zu schaffen hatte. Doch was die Darstellung eines roten Fasses mit mehreren herauslugenden Köpfen zu bedeuten hatte erschloß sich ihm erst, als er die Kanne näher an sein Gesicht heranzog und auf dem Faß die winzige Schrift "Das Faß voller Leben" las und erkannte, daß die Köpfe alle fröhliche Gesichter hatten, seltsamerweise pausbäckig, stupsnasig und blauäugig, wie bei den meisten Babys. Er bedankte sich bei seiner Frau und hoffte, daß die Kanne auch unzerbrechlich sei. Sie bestätigte es, wobei sie auf die eingeritzten Runen deutete. "Das habe ich mir von Sandrine machen lassen", sagte Millie. "Wärme, Haltbarkeit, Dauer und Fülle", erkannte Julius aus den Runen. Noch einmal bedankte er sich für das Geschenk seiner Frau. Sie bekam von ihm eine goldene Haarspange, die es im Dunkeln leicht erglühen ließ, einige Utensilien aus Dione Porters Kosmetikvertrieb und einen zusammengefalteten Stuhl aus weißem Material, das wie Papier aussah. Das war etwas, was Madame Rossignol ihm empfohlen hatte. "So was ähnliches hat Céline auch bei sich im Zimmer, aber nicht so umfangreich wie das", sagte Julius zu Millie, die das Etwas auseinanderfaltete und einen hochlehnigen Stuhl freilegte. Sie stellte ihn hin und wollte schon sagen, daß da wohl keiner drauf sitzen könne, als dieser seine Beschaffenheit veränderte und zu einem bequemen, weißen Sitzmöbel mit zwei Kissen wurde, die die Rückenlehne und Sitzfläche bedeckten. Millie klopfte an den Stuhl und fühlte festes Holz und handwarmes Daunenmaterial.

"Wo hast du sowas denn aufgetrieben?" Fragte Millie ihren Mann und setzte sich behutsam, worauf der Stuhl sich ihren Körperformen anschmiegte, daß sie meinte, auf einer Wolke zu schweben.

"Ich habe Madame Rossignol gefragt, ob es etwas gibt, daß du in den nächsten Jahren während der ersten Schwangerschaft sicher gebrauchen könntest und ich dir jetzt schon besorgen könnte. Da meinte sie, daß du sicher mit dem Sessel der glücklichen Mutter zufrieden wärest. Übrigens von derselben Dame erfunden wie diese Jumbowindel, die mir unsere gute Heilerin unter die Bandage geschoben hat, damit ich auch bloß still liegen konnte. Der erleichtert das Gewicht der darauf sitzenden und hält sie warm genug, entspannt Beine und Bauchmuskulatur und kann vor allem klein genug gefaltet werden, um in jede Handtasche zu passen. Damit hast du dann, wenn du länger irgendwo zu stehen drohst einen bequemen Stuhl dabei."

"Ist ja herrlich", freute sich Millie. "Und ich kann selbst mit Zwillingen im Bauch bequem darauf sitzen?" Fragte sie. Dann fiel ihr der Zettel auf, der wohl beim Auseinanderfalten entgangen war. Sie hob ihn auf und las was darauf stand. Dann stand sie auf, berührte mit der linken Hand die Lehne und mit der rechten die Sitzfläche, worauf sich der Stuhl wieder in das papierartige Material zurückverwandelte und von selbst auf Briefumschlaggröße zusammenfaltete.

"Den tu ich aber eerst mal gut weg, Monju, bevor Barbara van Heldern oder sonst wer darauf neidisch werden", entgegnete Millie und umschlang Julius so fest, daß er meinte, daß sie ihm und sich den Brustkorb zu einem einzigen zusammendrücken wollte. "Das nehme ich sehr gerne als Zugeständnis, daß du mir im nächsten Jahr das dazu passende Bündel Leben in meine warme Stube legen möchtest", hauchte sie ihm zu und küßte ihn leidenschaftlich.

"Juhu, wer ... Guten Morgen!" Rief Catherines Stimme aus dem Kamin. Ihr Kopf hockte auf dem gerade nicht mit Feuer bedecktem Rost. "Das hat also geklappt, was Roseanne mir versichert hat", sagte sie noch, als sie die Geschenkpakete sah. "Da ihr gestern ja bestimmt bei der feierlichen Zusammenkunft wart wollten Joe, Babette, Claudine und ich euch zwei auch fragen, ob ihr zum Mittag zu uns rüberkommt, bevor mir Camille zuvorkommen kann."

"Wieso auch?" Fragte Julius scheinheilig. Dann erfuhr er, daß auch seine Mutter und Millies Eltern, Martine und die kleine Miriam kommen würden. Julius atmete auf, dann mußten sie keine Weihnachtstournee durch die Familien machen, wie sein Vater das manchmal nannte, als seine beiden Großelternpaare noch gelebt hatten. Natürlich wußten die Brickstons und Latierres, daß Millie und Julius mit Martha Andrews morgen schon ausgebucht waren. Womöglich stand dann noch eine Feier im Sonnenblumenschloß an, zu dem die drei ja eben so mal rüberfliegen konnten. Und dann gings auch schon rüber in die Staaten.

"Wir sind dann mittags bei euch", sagte Julius zu. Millie segnete es durch Kopfnicken ab.

"Mal sehen, ob mir wer eine E-Mail geschrieben hat", sagte Julius und ging in den pilzförmigen Geräteschuppen, wo er seine elektronische Ausrüstung hatte, seinen heißen Draht zur Muggelwelt. Tatsächlich hatten ihm Aurora Dawn, die Familie Tim Abrahams und Brittany Forester E-Mails geschickt. Aurora erwähnte in ihrer Nachricht, daß ein Ehepaar namens William und Kate Halligan mit ihrer Tochter Sandra Sophia bei ihr zu Besuch gewesen seien und sich noch mal nach ihm, Julius, erkundigt hätten. Tim Abrahams bestellte Grüße von seiner Frau und seinen Schwiegereltern und bedauerte, daß sein Vater mal wieder im Namen der Königin die Freie Welt am persischen Golf vertreten müsse und wohl nicht so schnell von seinem Enkelkind was mitbekäme, weil der Einsatz bis Ostern gehen würde. Brittany hatte Martha Andrews ins Feld CC eingesetzt, womit sie eine Kopie der Nachricht erhalten hatte.

 

Hallo Millie, Martha und Julius!

Sollte meine handgeschriebene Nachricht nicht vor dem siebenundzwanzigsten bei euch eintrudeln nutze ich diesen schnellen Weg der Muggel um euch mitzuteilen, daß wir, also der Gemeinderat von VDS, der von Millemerveilles und wir, die glücklichen Brautleute, es so eingerichtet haben, daß ihr schon am 28. Dezember über den Salzwassergraben und das halbe Land zu uns rüberfegt. Da Linus damit einverstanden war, daß er bei mir ins Bucheckernhaus einzieht und sich nicht von seiner Mutter eine Bude zu weit von den Windriders weg anschaffen läßt, wird das unser Hochzeitshaus sein, also daß wir da nach der Feier einziehen. Feiern werden wir im Haus meiner Eltern. Ihr drei seid eingeladen, dort drei Nächte zu verbringen, da wir davon ausgehen, daß ihr bestimmt gerne den Jahreswechsel in Millemerveilles feiern möchtet. Bei der Gelegenheit werdet ihr auch meine Großeltern väterlicherseits, deren zweiten Sohn Maurice und dessen Frau Vanessa kennenlernen. Wenn ihr euch jetzt fragt, wie wir das meinen Großeltern und den beiden anderen erwähnten beibringen, daß ich keine übliche Muggelhochzeit kriegen werde, seid ihr auf den 28. Dezember vertröstet.

Was die Festgarderobe angeht, so zieht an, was ihr möchtet. Ginger, die ihr drei wohl zwei Tage vor der geplanten Anreise schon treffen werdet, wies mich darauf hin, euch zu sagen, daß es keine Hochzeit im betazoidischen Stil würde. Ich fürchte, es wird auch so schon sehr schwierig für meine Großeltern väterlicherseits werden. Aber Mom und ich haben darauf bestanden, daß sie auch dabei sind. Wie genau das dann abläuft erfahrt ihr wie erwähnt an Ort und Stelle.

Wie erwähnt habe ich euch auch eine handgeschriebene Nachricht zugeschickt. Sollte die vor dieser Nachricht eintrudeln habt ihr es eben schon so erfahren. Falls nicht, kommt sie noch zu euch.

Bringt viel gute Laune und Ausdauer mit. Es gibt auf jeden Fall Musik und Essen für jeden Geschmack.

Bis dahin

 

Brittany Dorothy (noch) Forester

 

Julius sah an Brittanys Nachricht, daß sie von einem Internetcafé aus gemailt hatte und beantwortete Auroras Nachricht, in der gestanden hatte, daß er nun auch wieder einmal zu ihr kommen könne und Millie sehr herzlich eingeladen sei, das "Land unten drunter" auch einmal kennenzulernen. Er bestätigte den Erhalt der Nachricht, wünschte der australischen Heilerin ebenfalls fröhliche Weihnachten und stimmte ihr zu, daß es jetzt egal sei, an welchem Ort der Welt er sich aufhalte, da er davon ausgehen müsse, daß der Grund, der bisher gegen eine neuerliche Reise auf den fünften Kontinent gesprochen habe, nun an jedem anderen Ort der Welt und nirgendwo zugleich auftauchen könne und er im Moment davon ausgehen dürfe, daß man ihn mit der Angelegenheit von damals erst einmal nicht mehr behelligen würde. Dann bat er noch um William Halligans Adresse, um ihm und seiner Frau Kate zur Geburt ihrer Tochter Sandra Sophia zu gratulieren. Tim informierte er, daß die Bücher von seiner Schwiegermutter von der Weihnachtsfrau gebracht worden seien und er sich sehr freue, "Mixturen des Mondes" und "Die Worte der Druiden" von Ceridwen Barley erhalten zu haben. Als er alle E-Mails losgeschickt hatte druckte er die empfangenen und gesendeten Nachrichten für seine Frau aus und kehrte zu ihr zurück.

"Wer bitte schön ist William Halligan?" Fragte Millie, als sie Auroras Nachricht nachlas. Julius erwähnte, daß dies der neue Name von Bill Huxley sei, der mit seinem Vater in Eton und Oxford gelernt habe und dessen wegen er überhaupt Aurora Dawn kennengelernt und seine Zaubersachen für Hogwarts noch rechtzeitig hatte kaufen können.

"Gegen Sandra habe ich ja nichts. Aber warum Sandra Sophia?"

"Ich denke, William Halligan - wir sollten uns besser gleich an diesen Namen gewöhnen - wollte sie wohl ursprünglich Aurora nennen. Andererseits kann ich mir vorstellen, daß seine Frau da nicht so mit einverstanden gewesen wäre."

"Wie ist das denn mit deiner Quidditchkameradin Prudence. Sollte die nicht in diesem Monat auch was kleines kriegen?"

"Hat Virginie noch nichts von gesagt oder Gloria. Aber das ist eine gute Idee. Ich versuche mal mit Gloria zu reden. Die ist ja bei ihren Eltern zu Hause." Julius holte den entsprechenden Zweiwegespiegel hervor und bekam sofort Kontakt. Gloria bedankte sich für die Weihnachtsgrüße und das französischsprachige Buch über die Magier der Renaissance. Dann sagte sie:

"Prudence ist seit gestern bei uns, weil sie davon ausgeht, daß wir immer noch Kontakt haben. Eigentlich sollte das Kleine schon gestern kommen. Aber offenbar will es doch nach Weihnachten Geburtstag haben, damit es nicht nur einmal im Jahr Geschenke bekommt."

"Oder auch nicht", hörten sie eine leicht gequält klingende Mädchenstimme im Hintergrund. "Ihr könnt Madam Newport bescheid sagen, daß sie gebraucht wi-hird", klang die Stimme noch schmerzgeplagter.

"Okay, wünsche ihr bitte eine glückliche Niederkunft von Millie und mir. Du kannst mich bis morgen Früh ja noch mal mit dem Spiegel anrufen, wenn Prudence möchte, daß wir wissen, ob das Kleine da ist."

"Geht klar Julius. Da wird die gute Immaculata jetzt rotieren, weil Prudence sich gerade auf das Sofa geworfen hat", grinste Gloria. Dann nickte sie dem ehemaligen Schulkameraden zu und beendete die Spiegelverbindung.

"Als hätte ich das gewußt", frohlockte Mildrid. "Die ist heute um einige Pfund leichter, hat dann aber ein Kind mehr."

"Das hat Bruno über Barbara gesagt", erinnerte sich Julius. Millie nickte.

Mittags flohpulverten sie in ihren sonstigen Festgewändern zu den Brickstons, wo sie ffürstlich bewiertet wurden. Martha Andrews meinte, sie würde morgen in kein Kleid mehr passen, schon gar nicht das, was Madeleine L'eauvite ihr genäht habe. Catherines Tante war ebenfalls zugegen, genauso wie die Eltern Joes, die sich etwas verlegen und wohl auch verunsichert im Hintergrund hielten, obwohl Julius gleich mit James Brickston wieder guten Kontakt bekam.

Am Nachmittag erschien auch Madame Faucon in einer saphirblauen Robe und wünschte denen, die ihr am Herzen lagen fröhliche Weihnachten. Sie wechselte ein paar ruhige Worte mit Jennifer Brickston und versicherte ihr, daß man sie und ihren Mann immer als Großeltern von Babette und Claudine achten und einbeziehen würde, jetzt, wo es kein Problem mehr war, daß sie beide über deren wahre Natur unterrichtet seien. Julius bedankte sich bei Babette für das Bild, während diese sich bei Millie und ihm für die Geschichte von der Besenprinzessin und dden kleinen Hexengarten bedankte.

"Es bleibt dann dabei, daß ich morgen zu euch rüberkomme, wenn mir das auch mulmig ist", raunte Martha Andrews ihrem Sohn zu. Dieser erwiderte, daß es schon klappen würde.

Gegen zehn kehrten die Latierres in ihre Häuser zurück. Morgen würde es ein langer Tag werden.

 

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Um ein Uhr nachts vibrierte der Zweiwegespiegel, den Julius auf den Nachttisch an seiner Seite des Bettes abgelegt hatte. Millie und er erwachten vom leisen Gebrumm und Glorias Stimme: "'tschuldigung, will nicht lange stören!" Julius nahm den Spiegel und sah Glorias ebenfalls etwas verschlafenes Gesicht. "Perseus ist angekommen. Acht Pfund schwer, zweiundfünfzig Zentimeter lang. Ich glaube, ich lasse das besser mit dem Kinderkriegen. Ich hab's mir angesehen, weil Prudence wollte, daß ich dabei bin. Wie hat meine Mutter das ausgehalten, oder Oma Grace oder Oma Jane?"

"Dann sage Prudence bitte unseren herzlichsten Glückwunsch und alles gute für sie, Mike und den kleinen Perseus", erwiderte Julius. Millie schob ihr Gesicht so, daß Gloria sie sehen konnte.

"Auch von mir alles Gute für die drei. Wenn Prudence sich erholt hat wird sie dich auch wieder anstrahlen, Gloria."

"Klar, daß du das jetzt sagst, Millie. Bei euch liegt das Kinderkriegen ja im Erbgut. Aber mir tat es aus Sympathie mit weh, und dann noch diese kommandiersüchtige Hebamme Newport. Ich sollte ja gut hinsehen, weil das eben zum Leben einer erwachsenen Hexe gehöre. Da habe ich der gesagt, daß es bestimmt auch andere Sachen gäbe, die zu einem erfüllten Hexenleben gehörten und sie mich nicht zu belehren hätte, wie ich das empfinde. Aber du hast recht, Millie. Prudence hat das trotz der Schreierei am Ende echt toll gefunden, diesen kleinen roten Schreihals in den Armen zu haben."

"Weil das ihrer ist, Gloria. Wenn du einen eigenen kleinen Untermieter mitfüttern darfst freust du dich bestimmt auch drauf, dem in die Augen sehen und ihn plärren zu hören", mußte Millie dazu loswerden. Gloria schnaubte nur: "Den Mumpitz hat die Newport auch von sich gegeben. Erst mal kein Bedarf. Gute Nacht ihr zwei. Ich werde wohl erst träumgut-Tee schlucken, um nicht zu träumen, ich sei Prudence."

"jetzt ist Ruhe", schnarrte eine herrische, ältere Frauenstimme. Julius legte den Spiegel bei Seite.

"Was auch immer die da gerade erzält hat, Julius. Die will selbst sowas kleines haben, weiß nur nicht, mit wem. Sonst hätte die sich nicht so rührend um Connies Kleine gekümmert."

"Ja, aber sie hat Cythera nicht zur Welt kommen sehen - dürfen", erwiderte Julius. "Und ob sie nicht doch meint, was sie sagt will ich erst einmal nicht diskutieren. Dafür bin ich viel zu müde", beendete Julius die Debatte und rollte sich in seine Einschlafstellung.

Am Morgen fauchte Julius' Mutter um acht Uhr aus dem Kamin der Latierres. Sie trug noch ihre gewöhnliche Hauskleidung. Die beiden Bewohner des Apfelhauses luden sie noch zu einer Tasse Tee ein. Doch Julius' Mutter lehnte dankbar ab. In einem der freien Zimmer zog sich Martha Andrews um und kehrte in einem regenbogenfarbigem Kleid mit goldenen Schulterstücken wieder. Millie staunte. "Das hat Catherines Tante eigenhändig genäht. Sie meinte, das sollte mich aber nicht dazu animieren, einen gewissen Regenbogenvogel zu rufen, bevor ich das Kleid nicht ordentlich ausgeführt hätte. Damit ist wohl das magieweltliche Äquivalent zum Klapperstorch gemeint, richtig."

"Neh, zum Osterhasen", entgegnete Julius schnippisch und mußte grinsen.

"Madeleine ist auch eine für sich. Wundere mich wahrhaftig, daß sie Blanche Faucons ältere Schwester ist."

"Die hat der guten Blanche alle Wichtel weggefrühstückt, Martha. Deshalb ist Madeleine L'eauvite so und Madame Blanche Faucon so", bemerkte Millie dazu.

"So, wer in fünf Minuten nicht vor der Tür ist bleibt zu Hause", erklang Camilles Gedankenstimme in Julius' Kopf. Er schickte schnell zurück, daß die Türglocke noch ginge.

"Haben wir doch nicht nötig", schickte Camille zurück. Julius gab die Ankunftszeit des Teppichs weiter. Millie sperrte den Kamin, da sie ja auch mit Jeanne wieder zurückfliegen würden.

So versammelten sich die Latierres und Martha Andrews vor dem Apfelhaus, als ein Flugobjekt in den Farben des Regenbogens vom Dorfzentrum her anflog. Das Flugobjekt entpuppte sich beim Näherkommen als großer Teppich mit wehenden Fransen. Auf dem Teppich saßen Camille, Jeanne, Uranie, Florymont und Bruno Dusoleil, ebenso wie Argon und Tiberius Odin. Daneben konte Julius noch zwei Tragekörbe erkennen, in denen Philemon und Chloé Dusoleil schliefen. Jeanne führte das Kommando über den Teppich. der auf dem Punkt stehenblieb und sanft niedersank.

"Schönen guten morgen und Salemaleikum!" Grüßte Julius.

"Der Teppich versteht nur Farsi, Julius", lachte Jeanne. Dann winkte sie allen zu. Die Latierres und Martha Andrews betraten das bunte Flugartefakt aus Persien, daß Jeanne von ihrer Großmutter Aurélie geerbt hatte.

"Ach, bleibt deine Mutter jetzt bei deiner Schwester zu Hause?" Fragte Julius Argon, der ihn anstrahlte.

"Hat sie echt versucht. Aber Antoinette hat das geklärt, daß Melanie und Denise solange bei den Dumas' bleiben, damit Ma auch rüberkommen kann. Die wollte aber nicht auf dem Teppich mitfliegen, weil sie dafür zu Tante Camille und Onkel Florymont hätte hinkommen müssen", erwiderte Argon.

"Das lass mal Madeleine nicht hören", grummelte Martha Andrews. Argon fragte, welche Madeleine. Julius meinte nur, daß seine Mutter eine Wette mit der Schwester von Blanche Faucon laufen habe, ob Cassiopeia Odin auf dem Besen oder per Flohpulver zum Château Florissant reise.

"Achso, und was hat deine Mutter gewettet?" Fragte Argon.

"Das sie auf dem Besen fliegt", erwiderte Martha Andrews.

"Und was kriegt die Schwester von Königin Blanche, wenn die mitkriegt, daß meine Mutter nicht auf dem Besen fliegt?"

"Keinen Ärger, im Gegensatz zu Ihnen, junger Mann", knurrte Martha. Julius tauschte noch einen Blick mit seiner Mutter aus. Einerseits war sie froh, daß er das mit dem eigenen Besen nicht erwähnt hatte. Andererseits behagte es ihr auch nicht, daß Argon so neugierig war und sie nicht leise genug gedacht hatte.

"Alle da, die mitdürfen? Dann los!" Rief Jeanne und gab dem Teppich ein in seiner heimatsprache vklingendes Kommando. Der Regenbogenprinz hob ab und nahm Fahrt auf. Kein Fahrt- oder Flugwind war zu spüren. Argon fragte auch nicht, warum Martha Andrews jetzt auf dem Teppich und nicht auf einem Thestral sitzen durfte. Womöglich wußte er es über Camille und/oder Jeanne auch schon längst, daß Julius' Mutter einen eigenen Zauberstab benutzen konnte.

Die Flugreise verlief ohne Turbulenzen. Der Himmel erstrahlte in einem satten Blau, bis sie in das Einzugsgebiet der Loire kamen, an deren Ufer viele Schlösser lagen, darunter auch das Château Tournesol der Latierres und das Château Florissant der Eauvives. Man sprach über die letzten zwei Jahre und wer wohl noch alles dazugekommen sein mochte außer Chloé und Philemon. Argon versuchte Millie herauszufordern, ob sie nicht auch schon längst was Kleines ausbrüte. Diese meinte nur, daß auch der ihn aufgabelnde Besen schon gedrechselt wurde und nur noch seinen Weg zu ihm finden würde.

"Das Mädel, das dem seine Mutter mitheiratet müßtest du erst mal kriegen, Millie", mischte sich nun Bruno ein. Millie erwiderte darauf, daß Argon schon längst vorher wen finden würde."

"Ihr wollt als erwachsen gelten", schnarrte Emil Odin. "Wenn ihr euch über meine Frau lustigmachen wollt dann seid zumindest mutig genug, der das ins Gesicht zu sagen!"

"Nichts für ungut, Bruder, aber deine Frau legt es ja immer darauf an, daß irgendwer sich über sie lustig macht", mußte nun auch Camille einwerfen. Doch weil Jeanne dazu einwandte, daß sie gerne landen und alle, die jetzt Streit suchten abladen würde, kehrte Ruhe ein. Julius mentiloquierte ihr nur: "Sallsprecherin" zu. Jeanne entgegnete ebenso unhörbar:

"Neh, Mutter von zwei Kindern." Julius meinte, was nicht richtig mitbekommen zu haben und fragte "Zwei?"

"Oder drei, Julius. In zwei Wochen wissen wir's genau. Aber nichts zu Bruno und meinen Eltern, bitte!" Julius verstand mal wieder, wie wichtig die Manieren des Mentiloquismus waren.

Als sie auf der großen Landewiese vor dem Schloß Florissant landeten sahen sie schon mehrere kleine Reisekutschen, zu denen die geflügelten Pferde gehörten, die auf einer Koppel grasten. In einem Gerätehaus, das im Vergleich zu dem majestätischen Schloß winzig wirkte, wurden die Flugbesen verwahrt. Auch Jeannes regenbogenfarbiger Zauberteppich würde dort wohl auf seinen Rückflugeinsatz warten dürfen. Auch sah Julius wieder einen zigarrenförmigen, schwebenden Flugkörper, der in der Nähe des Eingangsportals verankert war, und aus dem gerade mehrere Dutzend Personen in feiner Garderobe die Leitern herabstiegen. Alle trafen sich vor dem Portal und begrüßten einander, wobei mal wieder die Muggelstämmigen danach trachteten, eine Gruppe für sich zu bilden. Julius erkannte die fünfköpfige Familie Cotton an der dunkelbraunen Hautfarbe und sah auch die Geschwister Fuentes Celestes, die aus Südspanien herübergekommen waren. Dann erschienen die Hausherren, Albert und Antoinette Eauvive. Antoinette trug heute ein wasserblaues Kleid. Sie winkte allen Gästen in die hohe Empfangshalle. Dort gesellte sich nun auch der Rest der Gäste zu den Ankömmlingen, darunter Cassiopeia Odin, die ein dunkelblaues, hochgeschlossenes Kleid trug und ihr Haar sehr hochgesteckt trug. Sie eilte auf ihren Mann und ihren Sohn zu. Dabei streifte ihr Blick über Julius, blieb einen Moment zitternd an Millie Latierre hängen und verfing sich dann im Kleid von Martha Andrews. Argons Mutter verzog unübersehbar das Gesicht und bedeutete ihren direkten Familienangehörigen, sich von den Dusoleils abzusetzen. Argon winkte Millie und Julius kurz zu und zog mit seinem Vater und seiner Mutter in Richtung großen Festsaal davon. Antoinette sah den dreien zwar verstört nach, widmete ihre Aufmerksamkeit aber sogleich ihren übrigen Gästen. "Es freut mich", sprach sie den ganzen großen Raum ausfüllend, "daß ihr alle gekommen seid. Also möchten wir euch bitten, uns in den Festsaal zu geleiten."

Es war wie vor zwei Jahren, erkannte Julius sofort. Die Halle, in der die große Halle in Hogwarts mindestens viermal hineinpassen mochte, war wieder so herausgeputzt wie bei seinem letzten Besuch hier. Dutzende großer Tische reihten sich an den Wänden entlang. Über den Tischen, auf halber Höhe des gut und gern zwölf Meter hohen Saales, schwebten tausende von armlangen Kerzen und ließen die Decke in einem Meer goldener Flammen erstrahlen, daß nicht der kleinste Schatten auf Tische oder Boden geworfen wurde. Wuchtige Bilderrahmen hielten an die drei mal vier Meter große Gemälde umfaßt. Julius sah eine gigantische Version Viviane Eauvives, die hier in einem vergoldeten, himmelblauen Kleid abgebildet war und eine goldene Tiara auf dem Kopf trug. In der Saalmitte, in der Nähe des Podestes, reckte sich ein majestätischer Weihnachtsbaum zur Decke empor. Dagegen war der Baum der Latierres ein Winzling, auch was den Schmuck anging, mußte Millie anerkennen, als sie in Julius Nähe die Einrichtung bestaunte. Antoinette Eauvive trieb die Besucher an, sich an die aufgestellten Tische zu setzen. Die Latierres und Martha Andrews setzten sich zu den Dusoleils, deren Babys in einem Nebenraum in aufgestellte Wiegen gebettet worden waren und hoffentlich gut schliefen, ohne mit Zaubern oder Tränken in Schlaf gehalten werden zu müssen. Allerdings würden die beiden jungen Mütter Camille und Uranie jederzeit frei bekommen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Antoinette Eauvive wartete, bis alle saßen und gebot Ruhe. Dann begrüßte sie mit einer lange im Saal nachhallenden Stimme die Gäste und bedankte sich, daß alle die Zeit und Reisestrecke auf sich genommen hatten, um heute vier neuen Familienmitgliedern und zweien, die bereits als solche vorgemerkt waren, die Ehre des Willkommens zu erweisen.

"Es ist für alle die, die unsere große, alte und erhabene Sippe noch nicht gut genug kennen eine gewisse Umstellung, wenn ihnen unvermittelt angetragen wird, sich mit einer Menge ihnen bis dahin unbekannter Leute an einem bisher fremden Ort zu treffen. Doch wie sooft zuvor und wie ich hoffe auch danach trennten sich Menschen, die sich als Fremde trafen, als Freunde, Brüder oder Schwestern voneinander. Diese Gewißheit und Hoffnung in einem beflügelt uns immer dann, wenn ein Mitglied unserer großen Sippe das vierzehnte Lebensjahr vollendet hat oder durch die Heirat mit einem bereits willkommengeheißenen Mitglied in diesen Kreis eintreten darf. Da es die uralte Tradition der Gründer unserer Familie gebietet, die Ehepartner gleich als willkommen anzusehen, begrüße ich heute auch eine weitere Vertreterin einer anderen, großen Familie, die durch das Band der Ehe in diese große Sippe einzug fand. Willkommen, Mildrid Ursuline Latierre!" Julius hatte damit gerechnet, daß Millie zu ihr auf das Podest gewunken würde wie seine Mutter und er damals. Doch dann fiel ihm ein, daß Bruno Dusoleil ja auch nicht gesondert willkommengeheißen wurde. Aber wer waren dann die vier Familienmitglieder, die heute begrüßt wurden? Die Frage wurde ihm und den anderen schnell beantwortet, als Carlos Montealto aus Mexiko, ein stämmiger, halbindianischer Vierzehnjähriger und Irma und Ireen Springfield aus den Vereinigten Staaten auf das Podest gebeten wurden. Julius fragte sich, wer dann das vierte Mitglied war, daß neu begrüßt werden durfte, als Antoinette Eauvive in den Saal rief: "Und schließlich bitte ich dich, Martha Andrews, zu Albert und mir auf das Podest zu kommen." Julius' Mutter sah erst ihren Sohn und dann die Sprecherin an. Alle Blicke hefteten sich auf sie. Sie war doch vor zwei Jahren schon in der Familie willkommen geheißen worden. Wurde dieser Vorgang jetzt wiederholt, weil seine Mutter jetzt eine vollwertige Hexe war? Zumindest mußte sich Julius diese Frage stellen. Währenddessen erhob sich seine Mutter und ging unsicher wirkend auf das Podest zu. Ihr Regenbogenkleid schillerte im goldenen Licht der tausen Kerzen. Einige der besser gekleideten Gäste rümpften über dieses Farbenspiel die Nase. Die beiden Zwillinge Irma und Ireen blickten sich um. Für sie war das alles total neu. Ihre Eltern saßen einige Tische weiter von Julius entfernt in der Nähe der Cottons, bei denen Julius nun auch einen jungen Zauberer mit weißer Hautfarbe sah, der links von Ginger Cotton, der Erstgeborenen, saß. War das ihr Ehemann? Steve, Gingers Bruder, der mittlerweile mit Thorntails fertig war, blickte Martha Andrews auf dem Podest an, die zwischen den halbwüchsigen Neuzugängen irgendwie seltsam auffiel, und das nicht nur wegen ihres Kleides.

Das Podest erhob sich und glitt auf die Höhe der schwebenden Kerzen, die knapp sechs Meter über dem Saalboden stillstanden. Dann vollzog Antoinette das Begrüßungsritual. Sie umarmte jeden Neuzugan und küßte ihn auf die Wangen, zuerst die beiden Mädchen, dann den Jungen. Als sie somit willkommengeheißen worden waren legte sie Julius' Mutter die Hand auf die Schulter und sprach für alle hörbar:

"Die, welche vor zwei Jahren bereits die Ehre hatten, Martha Andrews in unserer Mitte begrüßen zu dürfen, wundern sich natürlich, warum ich sie hier und heute wieder zu mir gebeten habe. Doch es sind Dinge eingetreten, die mir eine große Ehre gestatten, die in den letzten Jahrhunderten nur wenigen aus unserer großen Sippschaft erlaubt wurde. Wie jene, die in Europa wohnen ja leider mitbekommen durften, litten wir alle im vergangenen Jahr unter der zunehmenden Bedrohung durch einen übermächtigen, größenwahnsinnigen Dunkelmagier, der sich selbst den Kampfnamen Lord Voldemort zulegte." Julius hörte es fast wie einen Knall, wie die meisten Gäste zusammenfuhren. Antoinette blieb jedoch gelassen. "Dieser Name war, wie ich erwähnte, nur sein Kampfname und somit nur dazu da, um eben jenen Schrecken zu verbreiten, den ihr leider wohl noch empfindet, wenn ihr diesen selbstherrlich erwählten Namen hören müßt. Aber er ist nicht mehr. Er stürzte in das von ihm selbst geschaufelte Loch aus Haß und Verderben und fand ein schmachvolles Ende, als er es wagte, eine Macht herauszufordern, die selbst ihm haushoch überlegen war. Eine uralte Macht der Verbindung und die unerschöpfliche Kraft der Liebe und Freundschaft, die seinem Tun stets widerstand und ihn am Ende auch fällte. Doch vorher vermochte es allein die Angst und das Mißtrauen, welche er durch seine Dunkelheit und Verzweiflung verbreitenden Diener sähte, unser friedliches Leben zu stören. Ein Eiferer, der meinte, nur entschlossener Widerstand und lückenlose Abriegelung unseres Landes würden die Schergen dieses nunmehr aus der Welt gestoßenen fernhalten, zwang uns allen Mißtrauen und Widerwillen auf, indem er die, die nicht seinen Ansichten folgten einsperren ließ und die, die ihm zu entwischen vermochten dazu verurteilte, im Schutze aber auch der Abgeschlossenheit des Dorfes Millemerveilles zu verharren. Auch sie hier, unsere Tochter und Schwester Martha, wurde gezwungen, in diese sichere Zuflucht zu entweichen. Doch damals wurde sie von den Kräften des Ortes, die Menschen ohne Magie fernhalten, bedroht, da sie keine erweckbaren Zauberkräfte in sich barg. Zumindest gllaubten wir alle, daß sie nicht erweckbar seien, bis ich, angeregt durch alte Texte und neuerliche Erfahrungen aus anderer Quelle, Martha einen bescheidenen Teil der in mir fließenden Lebenskraft übertrug und dies mit der Unterstützung meiner Töchter Chloé und Clementine tat. Was ich nicht erahnte war, daß dadurch die in Martha Andrews ruhenden Zauberkräfte dauerhaft wirksam erwachten. Nun, das alleine reicht nicht aus, um dich, Martha, noch einmal auf diese Plattform der Begrüßung zu bitten. Doch deine Tätigkeit für das Ministerium und die Menschen, unter deren Schutz du dich begeben hast, nachdem du da selbst wirksame Zauberkräfte entfalten konntest, hat dich ausgezeichnet, das von mir empfangene Geschenk würdig und konstruktiv zu nutzen und die große Gefahr, der wir uns im Februar ausgeliefert sahen, sowie einer anderen Gefahr, die uns im August aus dem Osten Europas drohte, mit deinem Wissen abwehren zu helfen. Du hast mit deinem Wissen die Zeit der Unterdrückung beendet und vielen Menschen Freiheit und wirklichen Frieden zurückgegeben, dich deiner neuen Fähigkeiten angenommen und sie bis heute soweit erlernt, daß du im Sommer die allgemeinen Zauberergrad-Prüfungen nachholen kannst. Da du natürlich mit all dem neuen Wissen und Können beinahe hilflos warst und immer noch nicht genau weißt, wo du in unserer Welt genau stehst, habe ich mich entschlossen, dir nach der Spende eines Teils meiner Lebenskraft auch die große Ehre anzutragen, dich als Alberts und meine Adoptivtochter begrüßen zu lassen und frage bitte dich somit um die Erlaubnis, dir unseren großen Familiennamen als den deinen verleihen zu dürfen, so daß du fortan einen festen Platz in unserer Magischen Gemeinschaft haben wirst, und dein Sohn, dem du durch deine Taten ebenfalls zu einem friedvolleren Leben verhelfen konntest, ohne Sorgen um deine gesellschaftliche Anerkennung sein junges Leben mit der Hexe an seiner Seite beginnen kann." Martha Andrews sah Antoinette sehr verdutzt an. Offenbar hatte sie nicht mit dieser Wendung gerechnet. All ihre Logik, ihre Vorausschauende Übersicht hatten sie nicht auf diesen Moment vorbereitet, ihr nicht rechtzeitig zu erkennen gegeben, daß dieser Moment kommen würde. Nun sprach Antoinette weiter: "So frage ich dich jetzt, Martha Andrews geborene Holder, möchtest du dich vor mir, meinem Gatten und allen Gästen dazu bekennen, den Nachnamen Eauvive anzunehmen, ihn zu tragen und in Ehren zu führen, wo und wann du nach ihm gefragt wirst?"

"Ich weiß nicht, was sich für mich damit verändert", sagte Julius' Mutter laut genug, daß alle es verstehen konnten, die Französisch sprachen.

"Für dich würde sich dadurch ändern, daß du nicht nur ein geduldetes, sondern voll und ganz anerkanntes Mitglied der magischen Gesellschaft würdest und dir zu deinen Fähigkeiten und deinem Wissen auch die Tür langjähriger Beziehungen innerhalb der Familie Eauvive aufgetan wird. So frage ich dich noch einmal: Martha Andrews geborene Holder, bist du bereit, den Nachnamen Eauvive als deinen Namen anzunehmen, ihn zu tragen und ehrenvoll zu führen, wo und wann auch immer du danach gefragt wirst?"

"Ja, ich will", sagte Martha Andrews nach einigen Sekunden Bedenkzeit. Das war wie bei einer Hochzeit, dachten nicht nur Millie und Julius. "So lautet dein Voller Name nun Martha Eauvive, geborene Holder, verwitwete Andrews. Sei nun willkommen in unserer großen Familie, meine Tochter und unser aller Schwester!" Leises Tuscheln klang auf, daß zu einem erregten Raunen anschwoll. Julius sah seine Mutter, die zwar immer noch leicht verunsichert dastand, aber schnell wieder ihre gewohnte Haltung zurückgewann. Falls sie wirklich nicht gewußt hatte, was Antoinette Eauvive mit ihr vorhatte, so steckte sie diese Entwicklung gut weg. Julius dachte jedoch daran, was dies nun hieß. Seine Mutter hieß nun nicht mehr Andrews. Er hieß auch nicht mehr Andrews. Womöglich hatte seine Mutter ihren früheren Ehenamen deshalb abgelegt, weil er nun ein eigenständiges Leben führen konnte und nicht auf diesen Nachnamen angewiesen war. Er sah, wie goldene Funken aus Antoinettes und Alberts Zauberstäben über seiner Mutter niederregneten, in ihrem Haar hängenblieben und an ihren Wangen herunterglitten. Dann nahm Madame Eauvive Martha Eauvive, ihre soeben adoptierte Tochter, in die Arme und küßte sie auf jede Wange dreimal. Nun senkte sich das Podest. Julius sah noch einmal Bilder aus seinem früheren Leben, seine Eltern und ihn. Shakespeare hatte behauptet, namen seien Schall und Rauch. Er, Julius, der als Andrews geboren worden war, hatte im Laufe der letzten fast sechs Jahre gelernt, daß die Kenntnis von Namen und das Tragen eines mächtigen Namens einiges oder vieles bewirken konnten. Er hatte es doch eben wieder mitbekommen dürfen, wie sehr sich Leute noch erschreckten, wenn der Name Voldemort fiel. Wie lange und tief würde der Stachel der Angst vor diesem mittlerweile eingeäscherten und über das Land verstreuten Verbrecher noch in den Seelen der Zauberergeborenen sitzen? Sardonias Namen sprach man nach allen Jahrhunderten wieder ohne Schrecken, wenn auch mit Unbehagen aus. Und deren Erbe lebte weiter, hatte im Körper eines ehemaligen Todessers neuen Halt gefunden und jetzt sogar durch eine Verbindung mit einer aus dem alten Reich eine Stufe erreicht, von der es schwer bis gar nicht wieder zurückgestoßen werden konnte. Wieder fiel Julius ein, was der Name Andrews für ihn und seine Eltern bedeutet hatte. Nun war der Name restlos aus seiner unmittelbaren Familie verschwunden. Und keiner, weder Julius noch seine Mutter, weinte ihm wirklich eine Träne nach. War das wirklich das Erbe von Richard Andrews? Dann fragte sich Julius, wie sich der neue Name auf Leute wie Ursuline Latierre oder Madeleine L'eauvite auswirken würde. Ja, wenn es wie bei Adoptionsurkunden der magielosen Welt schriftliche Bestätigungen gab, würde eine Martha Eauvive dann noch nach Viento del Sol eingelassen, wo eine Martha Andrews eingeladen worden war? Merkwürdig, worauf man so alles kam, nur weil sich der Name der Mutter änderte, wo Julius selbst keine Probleme damit gehabt hatte, Mildrids Familiennamen anzunehmen. So konnte es durchaus sein, daß seine Mutter ihren Namen auch aus dem Grund abgestreift hatte wie ein ausgeleiertes Kleidungsstück, weil sie mit dem, was in der Muggelwelt von Richard Andrews geblieben war, nichts mehr zu tun haben wollte. Sie hatte gerade die letzte, strohhalmdünne Brücke zu Richard Andrews Verwandten abgebrochen. Martha Andrews war für die Muggelwelt nun erledigt, gestorben, vergangen, genau wie Julius Andrews. Er dachte an seinen Onkel Claude und seine Tante Alison, deren Schwester Monica und deren Mann Charles, mit dem er eigentlich gerne noch ein wenig Kontakt gehabt hätte. Das alles war jetzt einfach erledigt, wie die Sache mit seinem früheren Namen. Doch er hatte seinen Platz in der Zaubererwelt gesucht. Seine Mutter hatte nicht gewußt, wie sie in der magielosenWelt weiterleben konnte und obendrein fliehen müssen. Jetzt hatte sie die ihr entgegengestreckte Hand Antoinettes ergriffen.

"Das hat sie sich gefallen lassen, um Königin Blanches Schwester auf Abstand zu kriegen", vermutete Millie, nachdem sie wie Julius einige Sekunden lang in Gedanken vertieft dagesessen hatte, während die anderen Gäste sich über diese Wendung unterhielten. Offenbar war dieser Namenswechsel wirklich etwas besonderes und wichtiges, dachte Julius, bevor er seiner Frau antwortete:

"Das auch, Millie. Ich denke auch, daß sie das Kapitel mit meinem Vater jetzt endgültig zugemacht hat, nachdem ich deinen Nachnamen angenommen habe und vorzeitig für volljährig erklärt worden bin. Jetzt kann und muß sie sehen, wie es in ihrem Leben weitergeht. Antoinette hat ihr nichts derartiges angekündigt. Denn wenn Mum irritiert dreinschaut, dann passierte auch was, das sie nicht vorherberechnen konnte."

"Vielleicht wollte Antoinette auch nur verhindern, daß deine Mutter den von Millies propperer Oma annimmt", feixte Bruno, der ja selbst den Geburtsnamen für die Verbundenheit mit seiner Frau Jeanne aufgegeben hatte.

"Was Oma Line nicht davon abhalten wird, mit meiner Schwiegermutter weiter wie mit einer angenommenen Tochter umzugehen." Julius hätte beinahe gesagt, daß Ursuline Latierre seine Mutter sogar einen Tag lang in sich getragen hatte, wenn auch nur von der Sinneswelt her. Doch das war und blieb eine Sache zwischen Antoinette Eauvive, Ursuline Latierre, seiner Mutter Martha - Eauvive - und ihm selbst. Außerdem behauptete Ursuline Latierre immer noch, daß etwas von ihm, Julius, in ihr und ihren jüngsten Töchtern weiterlebe, seitdem er den Ausdauertransfusionszauber von sich auf sie vollzogen hatte, nachdem sie fast wegen der Dementoren in Millemerveilles zusammengebrochen war und dabei höchstwahrscheinlich die beiden Ungeborenen verloren hätte. So sagte er Millie: "So abwegig ist es nicht, daß Oma Line ihr das auch angeboten hätte, wo sie denkt, was von mir sei in ihr und den beiden ganz kleinen von ihr, was ja dann auch hieße, daß was von meiner Mutter in ihr und den ganz kleinen weiterlebe."

"Tja, so schnell kann die Familie größer werden, Bruno", sagte Jeanne, als Martha Eauvive nun mit den drei anderen vom Podest stieg und Camille und Uranie geehrt wurden, weil sie zwei weitere Mitglieder der Familie in diese Welt geboren hatten. Millie grummelte in einer kurzen Pause, daß sie sich mit Philemon nun den Geburtstag teilte. Aber dafür hatte sie es wie alle in Madame Maximes Wohn- und Arbeitsräumen mitbekommen, daß die kleine Chloé Dusoleil genau eine Minute nach dem Ende von Lord Massenmord erstmalig erwähnt wurde. Würde sie dadurch so berühmt wie Harry Potter oder einer aus dem Latierre-Clan? Das würden sie wohl erst wissen, wenn Chloé in Beauxbatons eingeschult würde. Sollten beide hoffen, daß die Zeiten bis dahin friedlicher wurden als jetzt.

Nach der Begrüßung der neuen Familienangehörigen machten die neuen die Runde durch den Saal und begrüßten alle. Julius brannte darauf, sich mit den Cottons zu unterhalten. Brittany hatte ihm geschrieben, daß sie mit Ginger gesprochen habe. Kamen die Cottons also auch zu ihrer Hochzeit? Doch zunächst mußten sie brav auf ihren Plätzen bleiben, bis die neuen Mitglieder der Familie sich allen einzeln vorgestellt hatten, wobei Martha Eauvive - würde es Julius schwerfallen, diesen Namen zu nennen? - mit den Springfield-Zwillingen von Albert Eauvive geführt wurde, während Antoinette den halbindianischen Jungen Carlos Montealto begleitete, dessen Eltern bei der amerikanischenFraktion der Eauvive-Sippe saßen, sie eine echte amerikanische Ureinwohnerin und ausgebildete Medizinfrau und er ein Mitarbeiter des mexikanischen Zaubereiministeriums.

Kleine Appetithappen und Getränke mit und ohne Alkohol erschienen aus dem Nichts heraus auf dem Tisch. Womöglich wirkten und werkelten unter diesem Saal fleißige, tennisballäugige Hausgeister, die sicherstellten, daß niemand zu kurz kam. Jeanne langte unverdrossen zu. Julius hielt sich auch ran, bevor Bruno irgendwas denken konnte. Er hatte Jeanne versprochen, Bruno nichts wissen zu lassen. Millie würde er es wohl am Abend noch erzählen. Oder sollte er besser die offizielle Bestätigung abwarten? Für Jeanne wäre es wohl fairer, dachte er schließlich.

Über eine Stunde verging, bis die vier Neuzugänge auch an den Tisch der Dusoleils und Latierres traten. Julius begrüßte Carlos auf Englisch, Millie brachte ihr Spanisch an, was den jungen Mexikaner sichtlich erfreute. Seine dunkelbraunen Augen glühten vor Begeisterung. Allerdings war es ihm unheimlich, daß Millie ganze zwei Köpfe größer war als er selbst. Auch mit Julius' Größe mußte sich Carlos irgendwie abfinden. Dann trafen die Zwilllinge ein. Aus der Nähe stellte Julius fest, daß sie schon ziemlich pummelig waren.

"Wir haben das gehört, du hast den Windriders ein ganz tolles Flugmanöver beigebracht", sprudelte es im quäkigsten US-Englisch aus Ireens Mund. Julius wollte wissen, in welchem Thorntails-Haus die beiden wohnten. Ireen deutete auf ihre Schwester und sagte: "Die ist eine Redhawk, und ich bin eine Greenskale." Julius erwähnte, daß er in Hogwarts zu den Ravenclaws gehört hatte und in Beauxbatons im grünen Saal, dem von Viviane Eauvive, wohnte. Millie ergänzte, daß er da eigentlich nur reingerutscht sei, weil sie ihm früher alles mögliche verboten und unterdrückt hatten, sonst wäre er sicher auch wie sie in den roten Saal von Orion Lesauvage gekommen. Julius grummelte, während Irma kicherte und meinte, daß dieser Orion ja die Southerland-Sippe gegründet habe, zu der auch Cyril gehörte. Dann fragte Irma, ob der auch in Beauxbatons ältere Hexen anschmachtete und einzuladen versuche. Millie bestätigte das. "Aber da hat er bei uns Pech. Die älteren haben fast alle schon Freunde oder wollen nix von jüngeren Typen wissen, und alles unter vierzehn ist dem schon zu jung."

"Der ist bestimmt noch zu haben, wenn ihr den wiederbekommt", setzte Julius einen drauf. Die beiden Mädchen kicherten darüber. Dann begrüßten sie die Dusoleils, während Julius' Mutter auf Millie und ihn zuging und sich vorstellte. Julius fragte sie, ob sie wirklich nicht damit gerechnet haben konnte.

"Ich habe befürchtet, daß es zwischen Madeleine und Antoinette irgendwann kracht, weil beide meinen, mich wegen dieser ZAG-Sachen herumschupsen zu müssen. Aber ich denke, daß Antoinette da am Ende doch den längeren Arm des Hebels in der Hand gehabt hätte. Und jetzt hat sie sich quasi als meine familiäre Fürsprecherin etabliert. Das wird mir einige Punkte bei Auseinandersetzungen mit Madeleine oder ihrer Schwester einbringen. Antoinette hat mir gleich angeboten, ich könne für die Dauer der nötigen Ausbildung auch ins Château Florissant ziehen. Aber da funktionieren leider keine Computer und Mobiltelefone. Aber wenn das so ähnlich läuft wie bei dir, Julius, dann muß ich mir zumindest keine Gedanken um wertvolle Verbindungen machen. Wer gut klüngeln kann kommt an."

"Hatten wir schon, Mum, nicht wahr?"

"Immer mal wieder, auch schon lange vor Hogwarts, im Grunde auch schon, als du noch nicht auf der Welt warst. Wie war das mit Charles und ... Claude." Sie sprach den Namen ihres direkten Schwagers mit einer Mischung aus Unbehagen und Trübsal aus, das Julius nicht wußte, was er davon halten sollte. So fragte er: "Hat der noch mal was gewollt, daß du von ihm so verängstigt oder bedröppelt sprichst, Mum?"

"Nein, von mir wollte der nichts."

"Mum, wenn zwischen ihm und dir wieder was ist, geht mich das immer noch was an, auch wenn ich in der Zaubererwelt volljährig bin", erwiderte Julius.

"Sagen wir es so, Julius: Onkel Charles hat Kontakt zu mir aufgenommen und mich wissen lassen, daß dein Onkel Claude in Sachen verstrickt wurde, die zu groß für ihn sind. Mittlerweile ist er nicht mehr in England. Offenbar mußte er ganz schnell unsichtbar werden."

"Moment mal! Warum hat dich Onkel Charlie angetextet oder angerufen?" Wollte Julius jetzt wissen, bei dem ganz leise Alarmglocken klangen.

"War eigentlich was beiläufiges. Er wollte wissen, ob ich noch Kontakt zu Tante Alison und Onkel Claude hätte, weil seiner Frau etwas an ihrer Schwester, also Tante Alison, auffiel, daß es ihr nicht gut gehe oder sowas. Dann wurde nachgeforscht und es kam heraus, daß Onkel Claude vor einigen Monaten wohl an wen geraten ist, dem er besser nicht über den Weg laufen sollte. Der Stand der Dinge ist jetzt, daß er und Tante Alison wohl das weite suchen mußten."

"Mum, ich kann den Typen nicht ab, weißt du. Aber wenn da was gelaufen ist, das uns betreffen könnte, sollte ich das besser früher wissen als damals, als ich meinem zum uralten Schreckgespenst gealterten Vater gegenüberstand und mich von dessen neuer Herrin und Meisterin fast hätte vernaschen lassen müssen", stieß Julius gerade noch laut genug aus, um nicht dumm aufzufallen. Seine Mutter erbleichte. "Die hat den damals gefunden und wegen der unweckbaren Zauberkräfte für einen genialen Untergebenen gehalten. Ich hoffe mal nicht, daß seinem Bruder, der womöglich auch unweckbare Zauberkräfte hat, sowas ähnliches passiert. Das gönne ich keinem Feind, auch nicht diesem arroganten Sack von Anwalt."

"Julius, es gibt Leute, die sich um deinen Onkel kümmern. Wir wurden da ausdrücklich drum gebeten, diesen Leuten das Feld zu überlassen."

"Die arbeiten nicht zufälligerweise für Interpol, FBI, CIA oder die Liga gegen dunkle Künste?" Fragte Julius. Seine Mutter seufzte nur und antwortete:

"Julius, lebe dein Leben, für dich und für Mildrid. Mehr will und mehr darf ich nicht von dir verlangen. Verlang du nicht mehr als dir sowieso schon aufgeladen wurde!"

"Stimmt, vielleicht hast du recht, Mum", sagte Julius scheinbar einlenkend. Doch innerlich war er jetzt alles andere als beruhigt. Daß Rodney Underhill aus dem Verkehr gezogen war wußte er von Sophia Whitesand. Aber wem konnte Claude Andrews dann begegnet sein? Da er selbst Telefon hatte nahm er sich vor, seinen Onkel Charles anzurufen. Der würde ihn nicht mehr an der Stimme erkennen. So konnte er sich unter anderem Namen vorstellen. Er hoffte nur, daß ihm kein düsteres Déja-Vu bevorstand. Seine Mutter wollte ihm nichts sagen, wieder einmal. Womöglich hatte das dann wirklich nur was mit der Muggelwelt zu tun. Claude Andrews konnte an die Mafia oder eine andere gefährliche Organisation geraten sein, vielleicht durch seine Anwaltstätigkeit. Er mußte nicht gleich hinter jeder Häuserecke mordgierige Monster aus der Zaubererwelt vermuten. Denn diese war klein im Vergleich zur großen weiten Muggelwelt. Sicher spukten da Gestalten wie diese Nyx, die neue Hexenlady und mindestens noch ein paar wache Abgrundsschwestern herum. Doch die Wahrscheinlichkeit, daß ausgerechnet sein Onkel Claude mit einer dieser Wesen aneinandergeriet, war eigentlich zu klein, um wirklich beachtet zu werden .

Um sich von diesen trübseligen Minuten abzulenken ging Julius nun herum und unterhielt sich mit den Cottons. Dabei erfuhr er, daß Ginger nun nicht mehr Cotton sondern McDeer hieß. Ihr Mann Ira arbeitete in der Geisterbehörde der Staaten. Mit ihm unterhielt er sich über die Thorntails-Gespenster und erfuhr, daß diese Geister damals bei der Kolonialisierung Nordamerikas mit über den großen Teich geschwommen waren. Er sprach mit ihm über die Möglichkeiten, das Menschen zu Geistern wurden und lernte so auch, daß es bei besonderen magischen Voraussetzungen wie Flüchen oder Artefakten passieren konnte, daß auch Muggel zu Geistern wurden.

"Könnte der Massenmörder Voldemort als Geist wiederkommen?" Fragte Julius. Ira schüttelte den Kopf.

"Wenn er nicht gleich nach seinem Ende wiederkam kommt der auch nicht mehr wieder. Es heißt, der habe seine Seele durch dunkle Rituale dermaßen zersplittert, daß sie bei seinem Tod bestimmt in tausend Funken auseinandergeflogen ist. Aber was Wishbones Mörderin angeht, wissen wir bis heute nicht, wie sie das angestellt hat, ihren eigenen Tod zu überdauern. Somit vermuten wir, daß es sich um eine kundige Nachahmungstäterin handelt. Wer die Morde von Jack The Ripper studiert hat kann sie eins zu eins nachvollziehen und erneut verüben."

"Na ja, mir ist die Dame nur zweimal begegnet, und ich muß es nicht ein drittes Mal haben", erwiderte Julius darauf. Ira grinste und meinte dazu:

"Die ist jetzt ganz sicher mausetot. Die hat sich bei einem Kampf mit einem entarteten Vampir mit einer tödlichen Seuche angesteckt, die sie sicher schon längst umgebracht hat. Die hat nämlich noch probiert, Heilmittel oder Heiler zu entführen, um sich zu heilen. Doch das haben wir ihr verleidet. Na ja, ihre Erbinnen scheinen noch am Werk zu sein."

"Du meinst die Sache mit diesem Voodoomeister?" Fragte Julius. Ira nickte. Ginger bat dann aber darum, ein anderes Thema anzuschneiden, weil sie diese Sache zu unheimlich fand. Sharon kam auf die Quodpotliga und erwähnte, daß Brittany wohl nach ihrer Hochzeit solange keine Kinder haben durfte, solange sie spielte, auch wenn Kore Blackberry auf Rückkehr in eine Profi-Mannschaft klagte. Millie wandte dazu nur ein, daß Brittany wohl wisse, worauf sie sich einlasse oder nicht. Aber das würden sie ja übermorgen erfahren. Julius wollte dann noch wissen, ob die Cottons auch eingeladen worden seien.

"Sie hat ihre ganze alte Clique wieder eingeladen, die Redliefs, deren Verwandtschaft und uns auch", sagte Sharon. Dann sehen wir uns da ja dann auch wieder."

"Wundert mich jetzt eh, daß Gloria mir das noch nicht erzählt hat", bemerkte Julius dazu. Ginger wandte ein, daß Gloria wohl mit ihren Eltern per Flohpulver nach Viento del Sol reisen würde. Wäre zwar teuer, aber doch relativ schnell. Julius stimmte dem zu.

Nachdem sie einige Minuten mit den Cottons und McDeers verplaudert hatten und Sharon leicht verdrossen hinter Millie herstarrte, sprach Julius noch mit anderen Eauvive-Angehörigen. Außerdem bot sich die Gelegenheit zum Tanz als kurze Kontaktaufnahme mit den weiblichen Festgästen an, darunter auch Almadora Fuentes, die braunhaarige Spanierin, die der Urmutter Viviane Eauvive so ähnlich sah, als wäre es eine genaue Wiedergeburt. .

"Dir geht es in Beauxbatons sehr gut, und diese temperamentvolle Hexe aus dem Latierre-Clan scheint dir auch gut zu tun, nicht wahr?" Fragte sie, während er sie auf der Tanzfläche herumwirbelte, ohne daß beiden die Luft wegblieb. Er bejahte es voll und ganz und erwähnte auch, daß sie ihm schon aus schwierigen Sachen herausgeholfen habe, vor allem in diesem Jahr, wo sie von diesen Schlangenwesen angegriffen worden waren.

"Ja,ich hörte davon, daß du in sehr großer Gefahr geschwebt bist und danach eine Zeit lang mit fremdem Blut im Körper sehr starken Gefühlen ausgeliefert warst", entgegnete Almadora. "Ich hoffe sehr, daß nach allem, was dir passiert ist, endlich auch für dich die Zeit kommt, wo du nur dein Leben führen mußt und dich nicht mit den schlimmsten Kreaturen der Welt herumschlagen mußt."

"Apropos, du hast doch erwähnt, daß bei euch in der Gegend eine von Hallittis Schwestern hausen soll", setzte Julius an. Da gerit Almadora für eine Winzigkeit aus dem Tritt. Das reichte Julius, um sich vorzustellen, daß ihr dieses Thema ganz und gar nicht behagte. So setzte er schnell nach: "Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß die einen findet, der ahnungslos mit unweckbarer Magie im Körper herumläuft?"

"Dann müßte dieser bedauernswerte Mensch genau dort hin, wo sie gerade umherstrolcht. Da sie wach war, war und ist sie wohl meistens in Bewegung. Außerdem dürfte sie sich mehrere Willfährige unterworfen haben, die wir leider nicht kennen. Also etwas ähnliches wie mit Hallitti wird sich wohl so leicht nicht wiederholen", sagte sie etwas verunsichert, als wisse sie nicht, wie sie Julius etwas erklären sollte, ohne Angst zu bekommen, er würde danach durchdrehen oder sowas. Doch jetzt wollte er es wissen.

"Mein Vater hatte einen Bruder. Wenn der ebenfalls unweckbare Zauberkräfte hat, wo dürfte er dann besser nicht hinfahren?" Fragte Julius.

"Das wissen wir nicht so genau. Sie treibt sich in Spanien herum. Aber wo da genau wissen wir seit dem letzten Auftreten nicht. Sie könnte auch ins Ausland gegangen sein."

"Ich dachte schon, daß mein Onkel Charles vielleicht mit diesem Höllenweib aneinandergeraten könnte und sich die Sache von damals wiederholt."

"Das wollen wir nicht hoffen", entgegnete Almadora, in deren Gesicht es einen winzigen Moment gearbeitet hatte, als müsse sie eine Information verarbeiten und dann überdenken, ob sie darüber reden sollte. Dann war der Tanz zu Ende. Sie sagte nur: "Du hast so viel erlebt und noch viel vor dir. Lass die, die mächtiger sind nach dieser Kreatur suchen, Chico! Es war schon schlimm genug, daß diese angebliche Erbin Sardonias dich zweimal als Lockvogel benutzt hat. Biete dich nicht von dir aus an!" Damit ließ sie ihn auf der Tanzfläche stehen.

"Mist, der alte Trick hat nicht geklappt", dachte Julius. Doch dann fiel ihm ein, daß er zumindest einige Saiten bei Almadora angezupft hatte. Doch wenn sie ihm nichts sagen wollte blieben ihm eben nur zwei Möglichkeiten, selbst suchen oder es anderen überlassen. Was hatte sie ihm gesagt? Er solle es denen überlassen, die mächtiger waren. Gut, er war stärker als seine Altersgenossen. Aber war er dadurch schon mächtiger? Im Grunde war er es nur durch sein Wissen über das alte Reich und die neue Existenz von Anthelia, vielleicht sogar, weil er ahnte, was mit Professeur Tourrecandide passiert war. Doch was hatte ihm Almadora geraten? Er möge sich nicht von selbst anbieten. Hoffentlich tat er nicht genau das, wenn er in zweit Tagen in die Staaten reiste. Doch deshalb jetzt abzusagen lag ihm auch nicht.

Der Tag bei den Eauvives klang mit einer langen Verabschiedungsrunde aus. Sharon hauchte ihm zu, ihn in zwei Tagen wohl wiederzutreffen, wo Millie dabeistand. Cassiopeia hielt sich wohlweißlich fern. Das machte Julius auch nichts aus. kurz vor Neun brachen die Dusoleils und Latierres auf. Julius' Mutter hatte noch etwas zu schreiben, weil Madame Grandchapeau morgen einen Bericht über die neue Generation von Mobiltelefonen verfaßt hatte. Es gab schon die ersten mit eingebauten Kameras. Sollten solche Geräte eines Tages magische Vorfälle aufnehmen konnten sie diese in Sekunden um die Welt verschicken. Dem galt es gewappnet zu sein. Julius ahnte es zwar, daß seine Mutter keine Lust mehr hatte, länger mit ihm zu sprechen. Doch er mußte es respektieren, daß sie nicht mehr nach Hause fliegen wollte, wo sie über Flohpulver gleich in die Rue de Liberation 13 zurückkehren konnte. So saßen die Latierres mit den Dusoleils zusammen auf dem Flugteppich. Die Odins hatten ebenfalls das Angebot wahrgenommen, mit Flohpulver zu verreisen. Tiberius Odin wollte noch eine Nacht im Château Florissant bleiben. So waren es nicht mehr so viele wie am Morgen.

Als Julius neben Millie im Bett lag sprachen sie noch einmal vom Familienzuwachs, den die Eauvive-Familie erfahren hatte. Dann gestand er seiner Frau ein, daß er sich gewisse Sorgen machte, ob sein Onkel Claude wirklich nur an die falschen Leute oder in eine magische Falle geraten sei. Doch Millie, die wußte, wie sehr er sich in Vorstellungen hineinsteigern konnte riet ihm:

"Du bist nicht Claude Andrews' Sohn. Die wollen dann nichts von dir, zumal er ja mit euch keinen Kontakt mehr gehabt hat. Also laß den doch wo er ist! Ist schon schlimm genug, was dieses alte Erbe noch alles mit dir oder uns anstellen kann, falls die Wiederkehrerin nicht doch noch befindet, dich in irgendwas mit hineinzuziehen."

"Der möchte ich jetzt so leicht auch nicht mehr begegnen", sagte Julius leise. Dann wünshte er seiner Frau noch eine gute Nacht.

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