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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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"Ah, die Rückmeldung", frohlockte Julius, als er am Morgen des neunten Augustes einen dicken Briefumschlag aus dem Briefkasten zog. Auf dem Umschlag war das Wappen von Greifennest zu sehen. Der Umschlag enthielt eine Teilnahmebestätigung für seine Frau Mildrid und ihn, sowie die Hausgäste Pina Watermelon und Gloria Porter, am elften August um halb zehn morgens mit der Abordnung der Schule Greifennest per Portschlüssel aus Millemerveilles abzureisen. Der Aufenthalt sollte bis zwei Uhr nachmittags mitteleuropäische Sommerzeit dauern. Uranie Dusoleil würde ebenfalls mit der Greifennestgruppe mitreisen, da sie als Sprecherin der französischen Sektion der zaubererweltlichen Astronomievereinigung Amici Stellarum dieses Naturschauspiel miterleben wolle. Womöglich blieb ihr Sohn Philemon dann bei Camille und Florymont. Außerdem durften die Eheleute Prudence und Mike Whitesand mit Melissa Whitesand und dem kleinen Perseus mitreisen. Die Mitnahme- und Teilnahmegebühr wurde auf drei Galleonen pro Person angesetzt. Verpflegung sollte selbst beschafft werden.

"War noch was im Briefkasten?" Fragte Brittany Brocklehurst. Julius schüttelte den Kopf. "Dann dauert das wohl noch, bis diese lächerliche Kiste mit der überquellenden Sabberhexe Gildfork verhandelt wird", schnaubte sie noch.

"Glo, mußt du doch für wen mitessen?" Fragte Pina höchst verwundert, als Gloria sich bereits das dritte Baguetteviertel nahm und mit dem goldgelben Honig aus Madame L'ordoux' Imkerei bestrich.

"Das hat Millies aufdringliche Heilerinnentante eindeutig ausgeschlossen, Pina. Weiß auch nicht, warum ich so'n Hunger habe. Mag daran liegen, daß diese französischen Brote nicht so gut sättigen wie englisches Frühstück. Mademoiselle Béatrice Latierre meinte auch sowas, ich wäre jetzt in einem letzten Wachstumsschub. Da könnte es vorkommen, daß ich mehr Nahrung nötig hätte als sonst."

"Na ja, nur daß du dann womöglich ein paar Pfund mehr auf die Hüften kriegst", meinte Pina. Gloria sah ihre Schulkameradin und Freundin verdrossen an.

"Ich habe gute Gründe, mich nicht so rund zu essen wie diese gold- und Prunksüchtige Kreatur Gildfork", grummelte Gloria. "Notfalls kann ich dann, wenn ich doch unnötig ansetze den Abspecktrank Nummer eins oder zwei einnehmen. An den kommt Mum auch dran, wenn sie das will."

"Meine ja nur", murrte Pina. Millie hörte dem Geplänkel zu. Sie hatte noch keinen übergroßen Appetit. Doch Julius wußte, daß sie auf jede ihr bis dahin unbekannte Regung ihres Körpers lauschte. Er fühlte von ihr eine gewisse Verunsicherung, ob sie nicht wie Gloria in einem letzten starken Wachstumsschub stecken mochte. Da er sie nicht vor den Gästen darauf ansprechen wollte vertagte er seine über die Herzanhänger bestehende Empfindung auf später.

"Wann müßt ihr zwei am Stadion sein?" Fragte Linus.

"Eine halbe Stunde vor Spielbeginn", sagte Julius und blickte auf seine magische Armbanduhr. "Also in genau zwanzig Minuten und dreiundzwanzig Sekunden", vervollständigte er seine Antwort.

"Ui, und wenn du statt der dreiundzwanzig fünfundzwanzig Sekunden brauchst, Julius?" Fragte Pina scherzhaft.

"Kriege ich einen Knut weniger ausbezahlt, wenn wir Besucherbetreuer unser Honorar erhalten", erwiderte Julius mit unübersehbarem Grinsen.

"Ich geh am Besten schon in zehn Minuten raus, um die Peruaner zum Stadion zu begleiten", sagte Millie. "Nachher kommen die ganzen Che-Sejs-Anhängerinnen darauf, was ähnliches zu machen wie nach dem Spiel gegen Bulgarien."

"Hmm, sollte wohl vorher auch noch mal zu den Iren rüber, um die Grundstimmung auszuloten", grummelte Julius. Doch dann verwarf er das wieder. "Die sollen froh sein, daß es überhaupt ein Spiel um den dritten Platz gibt. Bei der letzten Weltmeisterschaft galt das K.O.-System ohne jede Gnade bis zum Finale." Gloria nickte.

"Okay, Britt, dann suchen wir uns mal eine von den Leinwandplätzen aus, um das zu sehen", legte Linus Brocklehurst die Marschroute fest. Brittany nickte.

"Hast du es gemerkt, wie verdrossen Gloria geguckt hat, als Pina sie wegen der Baguettes angequatscht hat?" Flüsterte Millie ihrem Mann zu, als sich beide in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer umzogen.

"Hat Tante Trice echt nichts besonderes bei Gloria festgestellt?" Fragte Julius.

"Da wir nicht mit Gloria verwandt sind muß sie uns das nicht sagen. Aber wenn Gloria für wen mitessen müßte hätte Tante Trice mir das sicher mitgeteilt, damit wir auch drauf aufpassen, daß Gloria nicht umkippt." Julius nickte.

Die Stimmung an den Zugängen zum großen Hauptstadion war groß. Julius vermeinte jedoch auch eine gewisse Anspannung der eintreffenden Zuschauer zu verspüren. Auch wenn es eigentlich um nichts wirklich überragendes mehr ging wollten beide Fan-Gruppen ihre Helden siegen sehen. Irland wollte zumindest mit einem greifbaren Erfolg nach Hause, wenn es schon nicht der Weltmeisterpokal sein durfte, und Peru wollte zeigen, daß es bei der nächsten Weltmeisterschaft mitreden wollte. Julius sah einige der jungen Mädchen, die in den Farben der Peruaner gekleidet waren und sogar aufgenähte Bilder ihres großen Helden auf dem Vorderteil ihrer Umhänge trugen. Dann sah er auch seine Frau, die die quirligen jungen Hexen um bald zwei Köpfe überragte und mit ihrem rotblonden Haar aus dem Meer schwarzer Schöpfe hervorstach. Millie wirkte wie eine Schäferin, die aufpassen mußte, daß die ihr anvertraute Herde nicht zu weit auseinanderlief. Julius mußte sich dann aber auf eine Gruppe Hogwarts-Schüler konzentrieren, die die grünen Flaggen der Iren schwenkte. Er lächelte aufmunternd und bat um die Eintrittskarten.

"Die hat McGonagall", tönte ein wohl gerade in die vierte Klasse gekommener Schüler mit ziegelrotem Haar. Er deutete auf seine zehn Kameraden, die verwegen grinsten.

"Tja, dann müssen Sie wohl einige Minuten an der Seite warten, bis Ihre Schulleiterin mit den Karten kommt", sagte Julius so ruhig er konnte. Die Jungen blickten ihn verdrossen an, weil er so förmlich sprach. Dann sagte der Rotschopf:

"Ey, du weißt doch, daß wir in der Hogwarts-Truppe sind. Glaubst du, daß die McGonagall keine Karten für uns hat?"

"Erstens möchte ich um mehr Höflichkeit bitten, wenn Sie mit einem Offiziellen reden, so überheblich Sie das auch finden mögen, junger Sir", setzte Julius an und straffte sich zu seiner vollen, durch Madame Maximes Blut hinzugewonnenen Größe. "zweitens habe ich mir abgewöhnt, etwas zu glauben oder nicht zu glauben, seitdem ich selbst im Hogwarts-Express gesessen habe. Drittens möchte ich mit Ihrer Schulleiterin keinen Ärger haben, weil diese sicher möchte, daß Sie in ihrer Nähe bleiben und sich nicht wahllos im Stadion verteilen. Viertens muß ich wissen, welche Plätze für Sie reserviert sind, um kein unnötiges Durcheinander bei der Besetzung der Plätze zu haben. Ich denke, Sie verstehen das sicher."

"Der ist voll im Beamtentrott. Die reden in der Bobotong-Schule wohl auch untereinander so", feixte ein Freund des Rothaarigen. Da apparierte Professor McGonagall mit vernehmlichem Plopp. Sie trug jenen smaragdgrünen Umhang, in dem Julius sie bei ihrem Besuch bei seinen Eltern schon gesehen hatte.

"Hatte ich Ihnen nicht eindeutige Anweisungen erteilt, auf mich zu warten, Mr. O'daye und Mr. Sharidan?" Bellte sie wie eine verärgerte Wachhündin. "Die Anweisung gilt bis zum Finale, daß bei Spielen mit britischer Beteiligung die unter der Obhut von Hogwarts angereisten Interessenten mit mir und/oder Madam Pomfrey zusammen ein Stadion betreten. Bedauerlicherweise kann ich Ihren Häusern wegen der Ferienzeit keine Punkte aberkennen. Aber falls Sie nicht endlich lernen, erteilte Anweisungen zu befolgen, sollten Sie sich schon auf Punktabzüge im nächsten Schuljahr einrichten, die Gentlemen. Die anderen werden in fünf Minuten hier sein. Bis dahin warten Sie gütigst an der Seite, um den Strom der Eintretenden nicht zu unterbrechen!" Sie scheuchte ihre Schützlinge mit wilden Armbewegungen vom Eingangstor fort. Der Rotschopf verzog das Gesicht. Doch er wagte nicht, gegen die ehemalige Verwandlungslehrerin aufzubegehren. Julius verhielt sich ganz ruhig. Er hatte bereits neue Zuschauer im Blick, die ins Stadion wollten. Es waren Professeur Eunice Dirkson und ihre DrillingeEsther, Horus und Larry. Sie trugen grüne Hüte mit den Kleeblättern, Zeichen für ihre Unterstützung für Irland. Als die zum Warten verdonnerten Hogwarts-Schüler die Drillinge erkannten machten sie abfällige Gesten. Eunice Dirkson erkannte es und lächelte die Wartenden überlegen an. Dann tauschte sie mit Professor McGonagall noch eine kurze Begrüßung aus und hielt Julius vier Eintrittskarten entgegen.

"Wir sind bei den O'Gradys in der dritthöchsten Reihe", sagte die neue Verwandlungslehrerin von Beauxbatons, während die wartenden Jungen und Mädchen aus Hogwarts versuchten, die Drillinge zu provozieren. Einer sagte sogar das Wort "Froschfresser" zu Larry Dirkson. Julius witterte den aufkommenden Ärger und wollte schon einschreiten. Doch Professor McGonagall kam ihm zuvor.

"Diese Beleidigung nehmen Sie unverzüglich zurück, Carrigan!" Zischte sie.

"Der frißt doch Frösche, seitdem der wie Latierres neuer Deckhengst in der Franzenschule lernen muß", wagte der betreffende Schüler eine unzulässige Verteidigung.

"Meine Frau hat noch ein paar junge Cousinen und eine kleine Schwester, die in siebzehn Jahren sicher wen sucht, Mr. Carrigan", sagte Julius spontan. "Also bloß keine Eifersucht, die macht impotent." Professor McGonagall errötete sichtlich an den Ohren, während Eunice Dirkson laut lachen mußte und zu Julius sagte:

"Monsieur Latierre, überfordern Sie Mr. Carrigan nicht mit Begriffen, deren Bedeutung er noch nicht kennt." Dann wandte sie sich an Carrigan, weil Larry gerade auf dem Sprung war, dem ehemaligen Mitschüler eine reinzuhauen. "Larry, der Bursche quillt doch selbst über vor verschluckten Fröschen", meinte sie und ließ so schnell ihren Zauberstab durch die Luft pfeifen, daß die Stabspitze wie ein Schemen erschien. Ein grünblauer Blitz krachte heraus und traf Carrigan am Hals, ehe McGonagall etwas unternehmen konnte. Carrigan fuhr so heftig zusammen, als habe er einen Tritt in den Magen bekommen. Er keuchte und wand sich. Dann würgte er, und laut quakend sprang ein dicker Laubfrosch aus seinem Mund und klatschte auf den Boden, von dem er wie ein auftippender Gummiball zurückfederte und dann laut quakend weiterhüpfte. Julius' Blick huschte von Professeur Dirkson zu Professeur McGonagall und zurück. Beide Lehrerinnen blickten einander an, während Carrigan verstört den Mund auftat und was sagen wollte: "Quooaak!" kam jedoch nur aus seinem Mund, dicht gefolgt von einem weiteren grünen Frosch, der wie ein Tennisball vom Boden abprallte und dann seinem Vorgänger hinterdreinsprang.

"Damit Sie es lernen, Mr. Carrigan, daß ich es nicht zulasse, daß wer auch immer meine Kinder beleidigt", sagte Eunice Dirkson. Julius stand wie eine Salzsäule erstarrt da und bangte um den Fortgang der Ereignisse. Professor McGonagall starrte die junge Kollegin an und fragte verbittert:

"Mußte das sein? Eine Rüge meinerseits hätte es auch getan."

"Wenn Ihr Schüler die dreißig in ihn hineingefluchten Frösche ausgespuckt hat wird er wissen, daß er derartige Wortausrutscher nicht mehr passieren lassen soll", zischte Professeur Dirkson. Carrigan erbleichte und wollte laut protestieren. Doch statt Worten hüpften gleich zwei Frösche aus seinem Mund heraus und folgten denen, die schon draußen waren.

"Und wenn ich Sie jetzt vor diesem Offiziellen hier darum ersuche, den von Ihnen ausgeübten Fluch zurückzunehmen, werte Kollegin?" Fauchte McGonagall bedrohlich.

"Würden Sie zwar im Recht sein, aber die einmalige Chance verpassen, Ihren Schüler etwas lernen zu lassen", entgegnete Eunice Dirkson kalt. Julius fragte sich, ob er diese noch junge Hexe, die mit Aurora Dawn im selben Jahrgang gewesen war, so wenig kennengelernt hatte. Dann fiel ihm wieder ein, was er selbst beim Duell zwischen Molly Weasley und Bellatrix Lestrange erwähnt hatte. Wenn eine Mutter Leben oder Ehre ihres Kindes Verteidigte, mochte sie zum unberechenbaren und gefährlichsten Wesen des Universums werden. Das hatte Carrigan jetzt wortwörtlich zu schlucken bekommen.

"Carrigan, Sie suchen Madam Pomfrey auf und warten ab, bis der Ihnen auferlegte Fluch abklingt! Ich sehe von einer offiziellen Beschwerde gegen meine Kollegin ab, da ich den erzieherischen Wert dieser Maßnahme innerhalb des französischen Hoheitsgebietes anerkennen muß. Merken Sie und Sie anderen sich also bitte, daß wir hier nur Gäste sind und uns höflich verhalten müssen!" Sie ergriff den gerade Frosch Nummer sieben ausspeienden Schüler am Arm und disapparierte mit ihm.

"Drachenmist!" Fluchte O'Daye und sah Professeur Dirkson an. "Der wußte doch, daß Ihr Mann von der Umbridge-Bande umgelegt wurde. Ähm, aber den so eins überzubraten war doch echt nich' nötig."

"Stimmt, ich hätte ihn gemäß der Schulregeln von Beauxbatons auch selbst in einen Frosch verwandeln können. Denn diese gelten in diesem Land, Mr. O'Daye", sagte Eunice Dirkson. Dann wandte sie sich an Julius. "Welche Plätze?" Fragte sie nun auf Französisch. Julius erwachte aus seiner Starre und antwortete wie ein Automat. Professeur Dirkson winkte ihren Drillingen zu und ließ sie hinter sich hertrotten. Larry warf O'Daye dabei noch einen verächtlichen Blick zu.

"Eklig, dieser Fluch", wagte ein Mädchen im Tross von O'Daye eine Bemerkung. Julius vergaß kurz seinen förmlichen Auftritt und erwiderte:

"Leute, der Fluch war mir bisher auch nicht bekannt. Ich kenne Professeur Dirkson jedoch als superstarke und -schnelle Verwandlungskünstlerin. Kann sein, daß die den Schneckenspucker zum Froschausspucker umgestrickt hat. Paßt besser auf, wen ihr hier noch dumm anquatscht. Ich weiß nicht, ob sie den nicht Leuten aus der siebten beigebracht hat!" Professor McGonagall apparierte unvermittelt nach Julius Bemerkung und sah ihn an. Er machte ein unschuldsvolles Gesicht.

"Ich denke, Sie schätzen sich sehr glücklich, diese hochtalentierte Hexe als kompetente Fachlehrerin zu erleben, nicht wahr?" Fragte sie ihn. Er nickte. "Ich empfinde zwar eine begründete Abneigung gegen magische Züchtigung, auch und vor allem nach meinen Erfahrungen im vorletzten Schuljahr. Doch ich werde diese Aktion als leicht übertriebene mütterliche Beistandshandlung werten. Nur, damit Sie alle erkennen, daß man keine Beleidigungen gebrauchen darf." Julius und die anderen nickten.

Als die Thorntails-Gruppe geschlossen anrückte, bevor die restlichen Hogwarts-Schüler eintrafen, mußte Julius Prinzipalin Wright und ihre Schützlinge schnell durchwinken. Dann war McGonagalls Truppe bis auf den Frösche spuckenden Carrigan vollständig am Stadion eingetroffen. Julius atmete auf, als er alle durch das Eingangstor gelassen hatte. "Notieren wir uns für später: Nicht die Dirkson-Kinder beleidigen", dachte er, während er fünf weitere irische Zuschauer anlächelte, die das Stadion betreten wollten.

Als zwei Minuten vor dem offiziellen Spielbeginn keine weiteren Zuschauer mehr durch das von Julius behütete Tor hereinwollten eilte er zur Ehrenloge hinauf. Seine Schwiegermutter hatte ihm und Millie wieder Plätze zwischen den besonders wichtigen Persönlichkeiten freigehalten.

"Vencerémos!" Rief der peruanische Zaubereiminister, ein kleiner, untersetzter Zauberer mit schwarzem, auf Schläfenhöhe schon gelichtetem Schopf. Sein britischer Amtskollege Shacklebolt blickte ihn verdutzt an. Millie übersetzte ihm, daß der Minister aus Peru nur bekräftigte, daß seine Mannschaft siegen werde.

"Abgesehen davon, daß dies möglich ist, gehe ich doch stark davon aus, das die irische Auswahl ihren Unterstützern eine gewisse Entschädigung für die entgangene Titelverteidigung liefern möchte", sagte der dunkelhäutige Zauberer mit der Soulsängerstimme.

"Denken Sie, unsere Mannschaft möchte das nicht", erwiderte der Peruaner im US-amerikanischen Englisch. "Wir werden gewinnen. Basta!"

"Nur wenn Sie bei Ihren Leuten mitspielen, Kollege Morenazo", lachte Shacklebolt. Julius verstand den Witz, den der ehemalige Auror und Mitstreiter bei der Schlacht von Hogwarts gemacht hatte. Dieser sah Shacklebolt jedoch verdutzt an und fragte ihn, wie er das meine.

"Sie sagten doch "Wir werden siegen, Señor Morenazo. Dann meinen Sie doch, daß Sie bei der Auswahl Ihres Landes mitspielen", erläuterte Shacklebolt. Julius mußte grinsen. Minister Morenazo warf dem britischen Kollegen einen verstörten Blick zu. Doch dann mußte er lachen.

"Wir werden natürlich den dritten Platz erspielen, werter Señor", schaltete sich nun auch Mrs. Finnigan von der irischen Abteilung der Quidditchliga ein. "Vor allem, wo meine Nichte Moira heute für Mullet spielen darf."

"Wenn Bocafuego die ganzen Mädels sieht, die da sitzen will der eh nicht gewinnen, weil das anstrengender würde als das Spiel selbst", raunte Millie ihrem Mann zu und deutete mit ihrem Omniglas auf ein Pulk wild auf der Stelle tanzender Mädchen. Julius richtete sein Omniglas auf die improvisierte Anfeuerungstanztruppe die im Stil US-amerikanischer Cheerleader jubelte und auf- und niedersprang, nur ohne Pompoms. Dafür strafften sie sich und schwangen Haare und Hüften, atmeten so ein, daß ihre Brustkörbe weiter ausgedehnt erschienen. Er konnte unter den auf den Umhängen prangenden Bildern Bocafuegos noch einen Schriftzug ausmachen, den er bei ausgewählter Zeitlupenansicht lesen konnte: "Quiero hijos de tí!" Las er im Flüsterton. Millie hörte es jedoch und strahlte ihn an. "Schön hast du das gesagt. Danke für dieses Zugeständnis, zumal du es korrekt betont hast."

"Ähm, Halt mal. Was heißt denn das. Ich weiß nur, daß "Te Qquiero" spanisch für "Ich liebe dich ist und wie sich Hijo ausspricht weiß ich von einem Schlager aus den Achtzigern, "Hijo de la Luna". Ziemlich traurig klingendes Lied."

"Kenne ich auch. Aber dann hast du es ja auch schon fast", raunte ihm Millie ins Ohr, während Morenazo angestrengt lauschte, was die beiden blutjungen Eheleute tuschelten. Monsieur Castello, der heute wieder den Kommentator machte, pflanzte sich gerade so auf, daß er alles über dem Feld im Blick hatte. Dann deutete Millie noch einmal auf die wild und knapp am Rande der Zulässigkeit auftretenden Mädchen.

"Die zeigen dem nur, daß sie gerne Kinder von Ihm hätten. Aber so, wie du das gelesen hast nehme ich das auch mal als Aufforderung an mich", säuselte Millie verwegen klingend.

"Oh, dann sollte der doch auf Platz vier spielen", seufzte Julius, den die Vorstellung, über zwanzig Frauen hintereinander zu Kindersegen zu verhelfen schon nicht mehr wirklich anregte.

"Und es geht los!" Rief Castello mit magisch verstärkter Stimme. Die Iren jubelten und schwenkten Fahnen, Schals und Hüte. Dann kamen die irischen Maskottchen. Offenbar war den Leprechans das Scheingold noch nicht ausgegangen. Julius wußte, daß sie es irgendwie mit der Kraft der Sonne herstellten und es auch nur solange stabilblieb, wie die Sonne am Himmel stand.

Als beide Mannschaften aus ihren Luken geflogen waren und der Schiedsrichter Hassan Mostafa, der das Weltmeisterschaftsfinale vor fünf Jahren geleitet hatte, die große Kiste mit den Vier Spielbällen öffnete, toste noch einmal lauter Jubel und hohes Kreischen durch das Stadion. Dann ging es los.

Kevins Vorhersage, daß Irland nun wußte, wie Bocafuego aus dem Spiel genommen werden konnte, erfüllte sich nur eine Minute lang. Die Treiber Irlands blockierten den wieselflinken Jäger der Peruaner zunächst gut genug, daß Irland zwei Tore erzielen konnte. Doch dann bekamen die peruanischen Treiber die Klatscher vor die Schläger und hielten sie geschickt von den irischen Treibern fern. So kam Bocafuego ins Spiel und trieb seine Jägerkameraden zu einer bisher nicht gezeigten Form. Die irischen Jäger kamen in den nächsten fünf Minuten nur zweimal in Quaffelbesitz. Doch sie konnten kein Tor machen. Zwar hielt Irlands Hüter von den fünfzig auf sein Tor geschleuderten Quaffeln vierzig Stück. Doch zehn Tore in nur fünf Minuten waren schon zwölf zu viel, fanden die Iren. Nun war es an den Jägern, Bocafuego am Weiterspielen zu hindern. Sie deckten ihn immer mit zwei Mann ab. Der dritte wollte dann die Angriffe vollenden. So kam es dann zu einem wilden Mittelfeldgerangel zwischen den peruanischen und irischen Jägern ohne Raumgewinn für die eine oder andere Seite. Erst als die irischen Treiber endlich mal wieder die Klatscher spielen konnten und Bocafuego fast beide schwarzen Bälle zugleich an den Körper bekam, schafften es Irlands Jäger, das dritte Tor zu machen. Von da an fand ein offener Schlagabtausch statt. Allerdings ließen beide Mannschaften nach wenigen Minuten den Sportsgeist vermissen. Fouls hüben wie drüben führten zu Strafwürfen. Dadurch kamen die Iren zu sechs weiteren Toren, während Peru von sieben Strafwürfen nur drei verwandeln konnte. Aus dem Spiel heraus zeichnete sich Irlands langjährige Wettkampferfahrung aus. Irland knabberte mehr und mehr vom Vorsprung der Peruaner ab. Doch nach einer halben Stunde schlug die bessere Kondition der jungen peruanischen Mannschaft zu Buche, und die Südamerikaner bauten ihren Vorsprung soweit aus, daß Irland nur noch der Schnatzfang zum Sieg verhelfen konnte. Doch Lynch und sein peruanischer Gegenspieler hatten den kleinen, goldenen Ball noch nicht gesichtet. Auch Julius, der mit dem Omniglas immer wieder das Spielfeld absuchte, konnte den Ball nicht sehen. Wenn der flog war er zu schnell. Nur wenn er irgendwo für einige Sekunden blieb, war er wirklich zu sehen.

Eine Stunde nach Anpfiff verwandelte Bocafuego seinen vierten Strafwurf. Damit würde Peru auch dann noch den dritten Platz erreichen, wenn Irland den Schnatz fing. Lynch wußte das wohl. Daher verlegte er sich darauf, den gegnerischen Sucher zu beschatten, um ihn nicht an den Schnatz kommen zu lassen. Offenkundig wollte er haben, daß seine Kameraden den unglücklichen Rückstand doch noch auswetzten und dieses eigentlich bedeutungslose Spiel gewannen.

Das spiel dauerte nun schon zwei Stunden. Irland war einmal auf Reichweite an die Punktzahl der Peruaner herangekommen. Doch die wilden Jäger Bocafuegos zogen genau dann immer davon, wenn Irlands Rückstand nur noch fünfzehn Tore betrug. Julius wurde das Gefühl nicht los, daß die Peruaner die Iren nun vorführten, mit ihnen Katz und Maus spielten oder sie gemütlich am langen Arm verhungern lassen wollten. Die irische Nationalmannschaft konnte nur noch auf die Ausdauer der Rennbesen setzen. Julius, der selbst als Jäger spielte, erkannte, daß die Fang- und Abspielbewegungen der Iren immer schwerfälliger wurden. Kapitän Lynch forderte eine Auszeit und meldete einen Wechsel an. Er brachte gleich drei frische Jägerinnen, alles Spielerinnen der Holyhead Harpies. Diese zeigten, daß Hexen keineswegs schwächlich und sanftmütig spielten, wenn es um was ging. Perus Jägertrio bekam Probleme, die drei jungen Hexen, zwei Schwestern und deren gemeinsame Cousine, auf Abstand zu halten. Der Torerückstand Irlands schmolz erneut. Bocafuego, der sonst keine Probleme mit wilden Junghexen hatte, wurde von Jägern und Treibern der Iren so gründlich an der Ballannahme und am Abspiel gehindert, daß die peruanische Übermacht mehr und mehr bröckelte. Dann bekam Bocafuego auch einen der Klatscher voll in die Magengrube und flog vom Besen. Mostafa pfiff sofort eine Verletzungsunterbrechung. Die weiblichen Fans Bocafuegos brüllten wütend, während die Leprechans, die immer wieder Anfeuerungssätze an den Himmel getanzt hatten, zu einem wilden, senkrechten Kreiseltanz aufflogen.

"Bocafuego ist wieder spieltauglich", vermeldete Castello, als die peruanischen Medimagier eine aufmunternde Geste auf Bocafuego machten. Eine Minute später lief die Partie weiter.

"Mit drei Mann so schnell eine Verletzung kuriert", sagte Millie anerkennend. Dann mußte sie wie Julius ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Spiel richten. Jetzt wollten die Peruaner es wissen.

Das Spiel ging bereits in die dritte Stunde, als die Peruaner wechselten. Sie tauschten zwei Jäger und ihre Treiber aus. Das war gerade noch so zulässig, innerhalb von drei Stunden vier Spieler neu einzuwechseln, wußte Julius. Doch der Wechsel brachte nicht viel ein. Die neuen Jäger waren offenbar nicht gut genug auf Gabriel Bocafuego abgestimmt. So ging dieser mit nun doch erkennbarer Erschöpfung daran, die schnelleren Angriffe selbst auszuführen. Das wiederum erkannten die Iren und deckten ihn nun wieder gründlich ab. Irland kam dadurch zu zehn schnellen Toren in Serie und konnte nun durch den Schnatzfang die Partie gewinnen. Lynch löste sich aus dem direkten Schatten seines Gegenspielers und wollte nun wieder nach dem Schnatz suchen. Doch Alejandro Molinar, der peruanische Sucher, ließ Lynch nicht mehr aus seiner Reichweite verschwinden. Eine blitzartige Geste zu seinem Kapitän brachte die peruanischen Treiber darauf, den irischen Sucher gezielt mit den Klatschern zu bestürmen. Doch Lynch wich aus und setzte sich ab. Molinar bekam einen Klatscher ab, weil er zu nahe an Lynch geflogen war. Wieder wurde eine Verletzungsunterbrechung gepfiffen.

"Jedenfalls kriegen die Zuschauer was für ihr Geld", stellte Julius fest, als er noch einmal die Punkteanzeige überblickte. Beide Mannschaften hatten bereits mehr als 1000 Punkte erspielt.

"Wie macht dieser kleine das, daß der so eine Ausdauer hat?" Fragte Millie Julius.

"Stimmt, der ackert am meisten von allen und sieht aus, als wäre er gerade auf den Besen gestiegen. Er hat sich auch nicht selbst ausgewechselt", stellte Julius fest.

"Na ja, es gibt Leute, die können vier oder fünf Stunden am Stück spielen. Aber so wie der spielt spielt der so gut wie zwei oder drei."

"Wenn sie ihn nicht richtig decken, Millie", sagte Julius. Dann saß Molinar wieder auf dem Besen auf. Es ging weiter.

Als der Rückstand für Irland wieder sechzehn Tore betrug, ging Lynch wieder dazu über, den gegnerischen Sucher am freien Fliegen zu hindern, ohne ihn zu berühren. Irland mußte fünf schnelle Angriffe abschlagen und schaffte dann mit Brachialgewalt das Tor, das den Rückstand wieder auf fünfzehn verringerte, so daß Lynch bei einem Schnatzfang den Iren den Sieg bringen konnte. Denn bei Punktegleichstand wurde der Sieg der Mannschaft zuerkannt, die den Schnatz gefangen hatte. Julius hätte es zwar lieber gehabt, daß bei Punktegleichheit die Mannschaft mit den meisten Toren gewann, doch so waren im Moment die internationalen Turnierregeln.

Irland konnte durch einen Strafwurf den Abstand zu Peru auf nur noch vierzehn Tore verringern. Die Fans von der grünen Insel jubelten schon, als sei dies hier das Finale. Julius konnte es ihnen nicht verdenken. So wie die beiden spielten und alles gaben hätte es durchaus auch im Finale laufen können. Da würden Frankreich und Australien wohl nicht mithalten können. Dann konnte Julius den Schnatz sehen. Er wischte gerade auf Höhe der irischen Torringe über das Spielfeld. Lynch sah ihn wohl auch. Die Peruaner, jetzt wieder darauf aus, Lynch abzufangen, legten mit beiden Klatschern auf ihn an. Doch der irische Nationalsucher schoß im Rosselini-Raketenaufstieg senkrecht nach oben, ließ die beiden schwarzen Bälle unter sich durchzischen und warf sich dann nach vorne. Molinar setzte ihm nach. Auch er hatte den Schnatz gesehen. Molinars Bronco Millennium hatte eine bessere Beschleunigung als Lynches Feuerblitz. Doch genau deshalb knallte Molinars Besen voll in einen gerade von rechts die Flugbahn querenden Klatscher hinein. Funkensprühend platzte Molinars Besenspitze auseinander. Er selbst wurde von seinem Fluggerät geschleudert. Lynch indes jagte bereits auf den Schnatz zu, wand sich, um ihn mit den Händen zu erwischen und wurde dabei vom zweiten Klatscher an der rechten Hand getroffen. Lynch packte mit links die Besenspitze. Der Schmerz zeichnete seine Gesichtszüge. Doch Julius konnte auch die bedingungslose Entschlossenheit in den Augen sehen. Als er den Schnatz vor sich hatte warf Lynch sich nach vorne. Alle Zuschauer erstarrten für einen Sekundenbruchteil. Dann konnten sie es alle sehen. Lynch riß seinen Oberkörper zurück, machte mit dem Besen eine volle Drehung. Dabei glitzerte es golden aus seinem Mund. Er nahm die unverletzte Hand vom Besen und fuhr sich damit an den Mund. Keine Sekunde später hielt er den goldenen Ball mit den silbernen Flügeln in der unversehrten Faust. Irlands Anhang brach in ohrenbetäubendes Siegesgeschrei aus. Trommeln, Fideln, Tröten und Flöten stimmten eine rasante, wilde Melodie an. Julius mußte sich die Ohren zuhalten. Denn die Fans der peruanischen Mannschaft brüllten gegen den Sturm der grenzenlosen Freude an. Ob Mostafa abgepfiffen hatte bekam keiner mit. Erst als der ägyptische Schiedsrichter im Dienste der IOMSS die Spieler wild Fuchtelnd auf sich aufmerksam machte und in seine Trillerpfeife blies, wußten sie alle, daß er wohl das Spiel schon beendet hatte. Die vierzehn Spieler landeten. Eine Ehrenrunde fand erst einmal nicht statt. Castello rief mit magisch verstärkter Stimme: "Irland schafft im Spiel um den dritten Platz mit 1340 zu 1330 den Sieg durch Schnatzfang!" Damit war es jetzt offiziell. Irland konnte mit einem kleinen Erfolg nach Hause fahren. Julius dachte daran, was er über Gewinner von Bronzemedaillen gehört hatte. Die konnten sich noch mehr über ihren Gewinn freuen als die Gewinner der Silbermedallien, weil sie mit dem Gefühl, es noch geschafft zu haben, besser dastanden als die Silbergewinner, die darüber verärgert waren, es nicht ganz geschafft zu haben.

"Dann kriegen wir heute noch mal viel zu tun, wenn die Iren feiern", sagte Julius, als die große Siegeseuphorie allmählich abebbte. Millie sagte ihm gerade laut genug, daß nur er es hören konnte:

"Na, ob die ganzen Mädes aus Peru immer noch Kinder von Bocafuego haben wollen?"

"Der hat doch alles gegeben was drin war", meinte Julius und deutete auf Gabriel Sesto Bocafuego. Tatsächlich klangen nun Sprechchöre auf Spanisch aus dem Publikum, die nicht verärgert wirkten, sondern aufmunternd.

"Da hörst du es, Julius. Die halten weiter zu ihm. Immerhin hat er von den hundertdreiunddreißig Toren achtzig selbst geschossen und die anderen alle vorgelegt. Für einen Jäger ist das ein Traumergebnis." Julius mußte dem uneingeschrenkt zustimmen. Er und Millie spielten ja beide als Jäger in ihren Hausmannschaften. Dieses geniale Torverhältnis konnte sich echt sehen lassen. Und wenn ähnlich wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft die Spieler mit den meisten geschossenen Toren geehrt wurden konnte Bocafuego auf einen Platz auf dem Siegertreppchen hoffen, vielleicht sogar auf die höchste Stufe.

Das Spielfeld mußte abgesperrt werden, um den Ansturm der Fans zurückzuhalten. Lynches angeschlagene Hand mußte heilmagisch versorgt und bandagiert werden. Der irische Nationalsucher hatte eine spektakuläre Abschiedsvorstellung gegeben, wenngleich er den Weltmeisterpokal nicht küssen durfte. Aber ein Held war und blieb er trotzdem.

Hippolyte Latierre betrat das Spielfeld. Sie wurde von einem Mitarbeiter ihrer Abteilung begleitet, der einen kleinen Kasten unter dem Arm trug. Die siegreichen Iren würden nun ihre Trophäen für den immerhin erspielten Platz drei erhalten. Julius hörte Fanfarenklänge und sah Musiker, die von den restlichen Zuschauern so gut wie unbemerkt aus einer der Ausflugluken gekommen waren. Sie flogen auf nicht ganz so hochgezüchteten Besen über dem Spielfeld dahin und bliesen und fidelten zu Ehren der beiden Mannschaften. Als die in Weiß und Gold gewandeten Musiker ihre Fanfare beendet hatten flogen sie an den immer noch hinter einer durchsichtigen, nichtstofflichen Schutzwand liegenden Spielfeldrand und landeten. Hippolyte Latierre winkte den beiden Mannschaften. Peruanische Schlachtenbummlerinnen schrien, als der kleine, indianischstämmige Bocafuego sich trotzig triumphierend straffte und seine Mannschaftskameraden antrieb, bloß nicht trübselig dreinzuschauen. Irlands Mannschaft wirkte trotz des gewonnenen Spiels leicht betrübt. Das war wohl eine Folge der übergroßen Anstrengung, konnte aber auch die Enttäuschung sein, nicht den wirklich großen Triumph erleben zu dürfen.

"Messieursdames et Mesdemoiselles", setzte Hippolyte mit magisch verstärkter Stimme an, nachdem Monsieur Castello sie korrekt begrüßt und ihr das Wort erteilt hatte. "Heute haben wir alle, die wir in diesem Stadion oder an den dafür ausgestatteten Zuschauerstätten zugesehen haben, ein spannendes, ausdauerndes und alle Facetten bietendes Quidditchspiel gesehen." Im Publikum klang undeutbares Gemurmel auf. Julius dachte daran, daß seine Schwiegermutter mit den vielen Facetten auch die ganzen Fouls gemeint hatte, die sich beide Mannschaften geleistet hatten. Er mußte Grinsen. "Wir alle sind uns einig, daß wir hier zwei Mannschaften zusehen durften, die jede für sich das Zeug hat, Weltmeister zu werden." Einige Peruaner und Iren ließen Unmutslaute hören. Doch Hippolyte blieb gelassen und sprach weiter. "Nun lebt und überdauert ein Sport wie Quidditch nur dadurch, daß sich die ihn ausübenden immer wieder einem friedlichen Wettstreit stellen, um ihre eigenen Stärken zu zeigen und ihre besten Leistungen zu bringen. Im Sport wie in vielen anderen Dingen des Lebens kommt es vor, daß eine gerade mögliche Leistung nicht ausreichen mag, um den bestmöglichen Erfolg zu erringen." Wieder stießen einige Dutzend Zuschauer Unmutslaute aus. "Aber das soll und darf nicht die gezeigten Leistungen derer herabwürdigen. Das klare Beispiel für die Richtigkeit dieser Anschauung haben wir gerade miterleben dürfen. Was wir hier mitverfolgen durften war ein Spiel, wie es dem Finale einer Weltmeisterschaft würdig wäre. In früheren Turnieren war es üblich, wegen der begrenzten Spielstätten nur wenige Mannschaften antreten zu lassen und nach dem Ausschlußverfahren bis zum Endspiel haben spielen lassen, wobei die Unterlegenen der Halbfinale keine weitere Möglichkeit erhielten, ihre hohe Form und Spielbegeisterung unter Beweis zu stellen. Daher bin ich mir sicher, daß die Anhänger der irischen wie der peruanischen Quidditchnationalmannschaft in ihren Herzen hocherfreut waren, daß ihre geehrten Mannschaften noch einmal ihre Stärke, ihre Schnelligkeit und ihre hervorragende Technik vorführen durften. Auch wenn ich in den Gesichtern der gerade vom langen Spiel erschöpften Spielerinnen und Spieler eine gewisse Trübsal erkenne, nicht zu den beiden Finalteilnehmern zu gehören, sehen wir es doch als wichtig und richtig an, daß auch die, die den Einzug in das Endspiel nicht geschafft haben gewürdigt werden müssen. Daher habe ich die große Ehre, im Namen des französischen Zaubereiministeriums und im gern übernommenen Auftrag des internationalen Quidditchverbandes die Auszeichnungen für das Erreichen des dritten Platzes bei der Quidditchweltmeisterschaft 1999 zu überreichen." Mit diesen Worten winkte sie dem Kastenträger, der seine Last vor Hippolyte auf einen kleinen Tisch stellte, den sie mit einem Zauberstabwink heraufbeschwor. Der Deckel klappte auf. Julius konnte nur sehen, daß in dem Kasten Medaillen enthalten waren. Unter Nennung jedes einzelnen Namens, die Reservespieler mit einbeziehend, rief Madame Latierre nun die Mitglieder der irischen Mannschaft zu sich und hängte jeder Spielerin und jedem Spieler eine im Licht der magischen Feldbeleuchtung bronzefarbenen glänzende Medaille um. Lynch streckte sich zu seiner vollen Größe. Dennoch blieb er zwei Köpfe kleiner als Hippolyte Latierre, was den Sucher der Iren sichtbares Unbehagen bereitete. Die Peruanische Mannschaft gratulierte den Iren, weil Bocafuego dies verlangte. Viele Peruaner buhten, weil sich Bocafuego mit strahlendem Lächeln vor Aidan Lynch verbeugte. Meinten die denn, der habe sein Land verraten? Madame Latierre bedankte sich dann auch noch einmal bei Bocafuegos Mannschaft und wiederholte, daß sie diese Mannschaft durchaus für einen Finalkandidaten gehalten hatte. Julius hatte sich nicht erkundigt, ob es offizielle Wetten gegeben hatte. Heimliche Wetten hatte es wohl gegeben. Aber wie die Quoten für Peru oder Irland gestanden hatten wußte er nicht.

Nach der Siegerehrung flogen beide Mannschaften noch einmal eine Ehrenrunde über dem Stadion. Die Absperrung um das Feld blieb solange erhalten, bis beide Mannschaften durch die ihrem Abschnitt zugehörigen Luken verschwunden waren.

"Der Schnatzfang war regelwidrig", protestierte Morenazo. "Der Schnatz muß mit den Händen gefangen werden, allein um klarzustellen, wer ihn gefangen hat."

"Das steht so nicht in den Regeln, Kollege Morenazo. Der Schnatz gilt als regelgerecht gefangen, wenn ein Sucher ihn berührt und festhalten kann. Bekommt ein Jäger oder Treiber den Schnatz an oder gar in den Körper, so gilt dieser als Schnatz und darf von einem der Sucher ergriffen und festgehalten werden, solange der Schnatz nicht frei fliegen kann. Lesen Sie sich auf dem Weg in die Anden noch mal die Regeln und die Ausnahmeergebnisse durch!"

"Wir prüfen das nach", zischte Morenazo und sprang auf. Er winkte seinem Landsmann aus der Spiele- und Sportabbteilung.

"Soll er machen", knurrte Shacklebolt grinsend. Dann verabschiedete er sich von den anderen Gästen aus der Ehrenloge. Er winkte Julius noch einmal zu: "Sind Sie gleich wieder bei den Iren, junger Sir?"

"Muß ich wohl, allein um die Alkoholbeschränkung für Minderjährige durchzusetzen", seufzte Julius. Millie nickte ihm zu.

"Ich guck zu, daß die Señoritas aus Südamerika den Paradejäger Peru nicht restlos zerfleischen, um genug von ihm abzubekommen." Julius wandte sich an seine Frau und bat sie eindringlich, sich nicht auf magische oder unmagische Raufereien einzulassen. Sie wandte sich ihm zu und sagte:

"Es ist sehr nett, wie besorgt du um mich und das Kleine bist, Julius. Aber dann paß du auch auf, daß dich keiner von diesen irischen kampftrinkern zerflucht, damit unsere Kinder nicht ohne Vater aufwachsen müssen." Sie wandte sich zum gehen. Julius nickte ihr zu. Wenn er jetzt schon mit einer überbehütsamen Tour anfing, wo noch gar nicht mal feststand, ob Millie wirklich sein Kind trug, dann würde das mit ihr sicher noch manche heftige Auseinandersetzung geben.

In Befolgung seines durch Annahme des Arbeitsverhältnisses im Dienste der zaubereiministeriellen Abteilung für magische Spiele und Sportarten erteilten Auftrages, die englischsprachigen Besucher der Quidditch-Weltmeisterschaft 1999 zu betreuen und dafür sorge zu tragen, daß diese weder sich noch anderen bewußt oder unbewußt körperlichen oder Sachschaden zufügten begab sich der Aushilfsmitarbeiter Julius Latierre per zeitloser Ortsversetzung unverzüglich nach Abfertigung aller das Hauptstadion von Millemerveilles verlassenden Personen, die dem Quidditchspiel um den dritten Platz beiwohnten auf das Gelände, auf dem hauptsächlich Bürgerinnen und Bürger Irlands für die Dauer der Weltmeisterschaft und/oder den Verbleib ihrer Nationalmannschaft wohnhaft waren. Es galt, dem seitens des französischen Zaubereiministeriums in Übereinstimmung mit den internationalen Gesetzen zum Schutz Minderjähriger Hexen und Zauberer ausgesprochenem Alkoholausschankverbot an minderjährige Hexen und Zauberer Geltung und Durchsetzung zu verschaffen.

Als Julius durch die große Menge feiernder und trinkender Iren schritt und peinlich genau darauf achtete, daß Jugendliche unter siebzehn Jahren keinen Feuerwhisky oder andere berauschende Getränke aus ihrer Heimat bekamen, traf er auch auf Kevin Malone, der bereits eine große Whiskyflasche angesetzt hatte. Seamus Finnigan rief gerade: "Lang lebe Aidan Lynch, der größte Sucher Irlands! möge er bereits vierzig Jahre im Himmelreich weilen, bevor der Teufel seinen Tod bemerkt!"

"Hi, Jungs. Cheers und was ihr euch auf der grünen Insel beim Trinken wünscht. War echt ein spannendes Spiel."

"Jau, und dieser Bocolocofoco hat die achtzig Tore für nixsch und wieder n-nix gemacht", lallte Kevin. Julius roch überdeutlich die Whiskyfahne, die aus dem Mund des ehemaligen Klassenkameraden wehte.

"Ups, hast du die Flasche schon alleine halb leer getrunken, Kevin?" Fragte Julius herausfordernd.

"Nöh, drei Viertel auf Ex. Ich habe mit Seamus gewettet, daß ich schneller eine Pulle leerkriege als der. Hicks! H-at aber schneller gebechert, dieses Riesenloch", quälte sich Kevin weitere einigermaßen holperfreie Sätze ab. Seamus grinste und sah Julius mit glasigen Augen an.

"Tja, wer ein Finnigan ist verträgt eine Menge", sagte er. Auch ihm wehte die Fahne aus Maltwhiskydunst voran. Julius mußte grinsen.

"Das s-sacht der nich' m-mehr, wenn i-ich d-den unterM T-tisch h-habe", lallte Kevin, dessen Organismus wohl gerade mit der zugeführten Menge Alkohol zu kämpfen hatte.

"Ob Gwyneth sich drüber freut, einen so trinkfesten Cousin zu haben?" Fragte Julius.

"D-die is' mit M-m-um un' D-dad wech, N-Nachschub hol'n."

"Der fällt gleich um, Julius. Am Besten bringen wir den in sein Zelt, bevor der noch ... Kevin erbleichte. Julius ging schnell aus der erwarteten Flugbahn. Da überkam es Kevin auch schon, und die so heldenhaft in sich hineingeschüttete Menge Whisky verließ ihn mit den Resten seines Mittagessens. Mit leisem Plopp tauchte Madam Newport neben Julius auf.

"Hat Ihr ehemaliger Schulkamerad seine Grenze zu weit überschritten?" Fragte sie verächtlich, bevor Kevin ins Wanken geriet. Seamus feixte, daß Kevin gleich am Boden läge. "Was war es?" Fragte die Heilerin aus Großbritannien und pflückte die noch zu einem Viertel volle Flasche aus Kevins immer mehr zitternden Händen. Julius machte schon anstalten, nach seinem Brustbeutel zu fischen, um die Flasche mit dem Breitbandgegengift hervorzuholen. Da überkam Kevin ein weiterer Brechreiz, und er spie den noch nicht verdauten Rest seiner Schnelltrinkerwette auf den Boden.

"Kriegen Sie das fort, Monsieur Latierre?" Fragte Benefica Newport. Julius nickte. Zwar fühlte er, wie er bei dem Anblick und Gestank des Ausgewürgten Gemisches von Whisky und anderem aus Sympathie hätte mitspeien können. Doch er schaffte es, sich zu beherrschen. Wenn Aurore oder Taurus wirklich schon in Millies warmem Wartehäuschen eingezogen waren, so würde er sie wohl auch das ein oder andere mal ihr Abendessen oder Frühstück ausspeien erleben. Da mußte er durch, dachte er und vollführte die bei Madame Rossignol perfektionierten Reinigungszauber, die gegen organischen Unrat halfen. Währenddessen versorgte Madam Newport Kevin, der knapp an der bewußtlosigkeit entlangschrammte, mit einem Trank gegen übermäßigen Alkoholgenuß. Auch Seamus, der die leergetrunkene Flasche Whisky nun auch immer deutlicher spürte, erhielt eine Dosis des Trankes.

"Ich kann euch nicht dran hindern, euch die Hucke vollzutrinken, ihr zwei. Aber wer sich in nur zwei Minuten an ein Koma herantrinkt gehört ausgeschimpft, egal wie alt er ist", sagte die Heilerin, während Julius den Rest des Erbrochenen verschwinden ließ.

"Der kriegt im Moment wohl nix mit", lallte nun Seamus, bevor das ihm eingeflößte Gebräu gegen Alkoholvergiftung ihn schlagartig wieder nüchtern machte. "Scheiße, die Newport", grummelte Kevin.

"Also ehrlich", knurrte Madam Newport. "Sei lieber froh, daß ich da war. Der Whisky hier ist nicht ohne. Das ist kein üblicher Malt, sondern Old Mahonys Drachentöter. Der wird selbst von Zwergen getrunken."

"Ey, dann ist das Schiebung", schnarrte Kevin. "Das der rotblonde Sausack mir den heftigsten Stoff unter Irlands Sonne angedreht hat hat der mir nicht gesagt", protestierte Kevin. Seamus grinste verwegen. Julius erkannte dabei noch gezackte Narben in seinem Gesicht, Grüße von den Carrow-Geschwistern.

"Du hast getönt, jeden Whisky auf Ex zu saufen, den dir wer in die Hand drückt", sagte Finnigan. "Das wollte ich sehen."

"Du hast den normalen Maltwhisky getrunken. Abgesehen davon ist der leicht verdünnt", erwiderte die Heilerin, die Finnigans leere Flasche beroch.

"Wie woll'n se denn das rauskriegen, wo die Pulle alle is'", ereiferte sich Seamus überlegen grinsend.

"Jungchen, als Heilerin kenne ich alle Gifte, mit denen sich Menschen freiwillig die Gesundheit ruinieren und kann erkennen, ob eine leere Whiskyflasche vorher nur Whisky oder verlängerten Whisky enthalten hat."

"Ey, dann hat der geschummelt, mich voll verarscht", protestierte Kevin. "Sieh zu, daß du Land gewinnst! Am besten ziehst du auf den Mars um", schnarrte Kevin. "Mir Mahonys Drachentöter unterjubeln und selbst gestreckten Malt saufen, um bloß nicht umzufallen."

"Ich habe nicht geschummelt, du Hirnie. Die Wette war, wer es schafft, eine volle Whiskyflasche leerzusaufen, ohne umzufallen."

"Echt! Gibt's Zeugen für die Wette?" Fragte Julius. Seamus erwähnte Dean Tomas, der gerade mit zwei anderen Leuten anstieß.

"Tja, Kevin, besser du hörst mit dem Wetten auf. Ich bin auch schon ein paar mal auf die Nase gefallen, weil ich nicht geblickt habe, daß jemand schon genau wußte, wie die Kiste ausgehen würde", sagte er. Kevin grummelte ihn dafür an. Doch Madam Newport ergriff ihn und zog ihn mit sich. Julius hörte noch, wie sie ihm energisch sagte: "Über diese Kinderei kriege ich sofort einen ausführlichen Bericht von dir, Bürschchen."

"Mr. Finnigan, am besten entschuldigen Sie sich bei Mr. Malone, bevor der auf die Idee kommt, Sie wegen versuchter Vergiftung zu belangen", sagte Julius Seamus. Dieser starrte Julius an und meinte:

"Ich habe dem nicht gesagt, die Pulle anzusetzen, die ich ihm in die Hand gedrückt habe."

"In Beauxbatons hätten Sie tierischen Ärger zu erwarten, weil es da verboten ist, gesundheitsgefährdende Wetten abzuschließen", raunte Julius. "Je nachdem, ob Kevin es sportlich nimmt oder meint, das als Mordanschlag zu werten könnten Sie auch in Ihrer Heimat großen Ärger kriegen."

"Der gibt doch immer so an, seitdem der wieder in Hogwarts war. Klar, weil die anderen Gryffindors und Ravenclaws den und die Porter-Prinzessin dumm anmachen, weil die wen an der Hand hatten, um sich rechtzeitig abzusetzen", knurrte Seamus. Julius hörte die Worte und ihren Klang sehr wohl. Sein Verstand stufte sie als Bösartigkeit ein. So sagte Julius schnell:

"Wenn das rumgeht könnten Ihre UTZs ins Klo geworfen werden und Ihnen die Chance auf einen gescheiten Posten in der Zaubererwelt komplett verbaut werden. Ich weiß nicht, ob Ihnen da der Status eines Mitkämpfers bei der Schlacht von Hogwarts hilft. War Kevin Malone das Ihnen wirklich wert?"

"Klar, du bist mit dem befreundet und hast ja von Frankreich aus mitgeholfen, daß der in die Staaten rauskonnte. Ich wäre nicht getürmt."

"Klar, weil kein Dementor auf Ihre Seele scharf war oder zu dem Zeitpunkt noch nicht. Wenn die Carrows rausgekriegt hätten, daß Sie bei der DA mitgemacht haben hätte das aber sehr schnell passieren können. Genau das ist das, was Sie so verbittert macht", hielt Julius Seamus entgegen.

"Ey, nich' auf die abgehobene Beamtentour. Du darfst doch auch nur hier so auftreten, weil diese Latierre wen tolles für ihre kleine Tochter haben wollte. Weiß doch jeder."

 

"Oh, jetzt werden wir persönlich. Hmm, in fünf Sekunden bist du aus meiner Hör- und Rufweite, Seamus, oder du darst dir die Frage von eben gerne selbst noch einmal stellen, ob das Ding mit Kevin das wert war, was du dann kriegst. Also: Fünf, vier drei, zwei ..." Seamus fischte nach seinem Zauberstab. Doch Julius hatte seinen noch in der Hand. Da drehte sich Seamus schnell um und disapparierte. Doch er kam nicht weit. Laut schreiend reapparierte er genau vor Madam Newport.

"Ups, der Fluchtvereitelungstrank", dachte Julius. Er hatte von Madame Rossignol gehört, daß bei unklaren Abläufen von Unfällen die Beteiligten neben einem angezeigten Heiltrank auch eine kleine Dosis eines Trankes bekamen, die verhinderte, daß der Geheilte sich der weiteren Befragung durch Disapparition entzog. Bethesda Herbregis hatte dieses Gebräu im Jahre 1995 im Heilerherold beschrieben. Julius befand, daß er erst einmal nichts weiteres machen konnte. Er kümmerte sich um weitere Trinker, die jedoch im Rahmen ihrer Grenzen feierten und unterhielt sich kurz mit Gwyneth Malone, die fünf Aidan-Lynch-Autogramme ergattert hatte. Dann ging er weiter herum. Er fand Kevins Eltern in einem Trupp irischer Schlachtenbummler, die gerade ein Faß Feuerwhisky in Arbeit hatten. Er beglückwünschte sie zum Sieg der Iren. Dann tauchte Madam Newport mit Kevin Malone auf. "Ah, da bist du ja auch, Julius", sagte sie. Dann verfiel sie in eine förmliche Ausdrucksweise:

"Mr. malone verzichtet zwar auf eine Anzeige wegen Körperverletzung gegen Mr. Finnigan, zumal die von ihm mit diesem eingegangene Wette im Wortlaut wirklich so ausgehandelt wurde, wie Mr. Finnigan es sagte. Ich behalte mir jedoch vor, Mr. Finnigan anzuzeigen, wegen schwerer Körperverletzung unter Ausnutzung der Arglosigkeit des Opfers. Mahonys Drachentöter ist ein zu hochprozentiges Gebräu, um davon eine halbe Flasche zu trinken. Das kann zu einer tödlichen Alkoholvergiftung führen, vergleichbar mit dem Genuß von vier Flaschen Singlemaltwhisky."

"Häh, Whisky hat doch schon mehr als fünfzig Volumenprozent Ethanol. Viermal mehr wären ja zweihundert", staunte Julius.

"Nicht wenn der Alkohol auf ein Viertel seines normalen Volumens verdichtet wird, indem er in von Magensäure aufspaltbaren Kristallen eingeschlossen wird, junger Mann", sagte Benefica Newport. Mr. und Mrs. Malone sahen sie und dann Kevin an. Kevin mußte dann erzählen, auf was für eine haarsträubende Wette er sich eingelassen hatte. Julius überlegte, ob es chemisch oder alchemistisch machbar war, die vierfache Alkoholdosis in eine Standardmenge zu packen. Er kannte Partygetränke, die im Magen selbst Prozesse erzeugten, bei denen mehr Alkohol entstand. Seine Mutter hatte einmal einen solchen Höllencocktail erwischt und hatte danach von Madam Merryweather behandelt werden müssen.

"Kevin, du bist jahreszahlenmäßig volljährig. Aber daß du noch so ein Kindskopf bist", schnaubte Mr. Malone. Kevin stieß sofort aus:

"Ach neh, steht an einem Faß Feuerwhisky und will mir sagen, was klug oder gesund für mich sein soll, ey. Ich habe gedacht, daß sei Singlemalt, wie den die Beaux-Pferde gesoffen haben, die beim trimagischen dabei waren. Konnte ja nicht wissen, daß Finnigan an Mahonys Drachentöter drankommt."

"Neh, ahnen nicht, aber wissen", knurrte Kevins Vater. "Die Finnigans sind mit den Mahonys aus Green Waters verbandelt. Da kommen die an das Zeug dran. Du hast mit uns den Unnennbaren überlebt und kannst im nächsten Jahr die UTZs machen. Da mußt du dich echt nicht mit diesem Zeug totsaufen. Und was das Faß angeht, ich weiß, was drin ist und auch, wie viel ich trinken darf, um noch zu wissen, wo mein Bett steht, junger Mann. So wie ich das hier höre hättest du nur noch ein Bett in der Nachwelt finden können. Hätten wir am Ende noch 'ne Todesfee hier im Lager gehabt, die deinen Tod beklagt. Hat mir bei Tante Siobhan schon voll und ganz gereicht." Julius hütete sich gerade so noch, zu erwähnen, daß irische Todesfeen nicht durch Sardonias magische Glocke kommen mochten. Ihn interessierte nur, ob das Manöver mit der überdrehten Whiskymischung noch ein rechtliches Nachspiel hatte.

"Können Sie als Heilerin keine Strafanzeige gegen diesen scheinheiligen Kerl stellen?" Fragte Mrs. Malone Madam Newport.

"Wie erwähnt, da ich die behandelnde Heilerin war steht mir das frei. Daher werde ich gleich mit den Finnigans sprechen."

"Von denen ist außer diesem Lumpenhund nur noch seine Mutter da. Sein Vater ist ja Muggel. Der konnte ja nicht hier hin", grummelte Kevin. Die Malones beschlossen, mit Seamus und seiner Mutter zu sprechen. Julius fragte, ob er noch benötigt würde.

"Das spielt dann eh bei uns zu Hause, wenn die alte Kinderpflückerin echt meint, den Funken zum Drachenfeuer aufzublasen", grummelte Kevin. Ihm war offenbar nicht wohl dabei, gegen Seamus Finnigan auszusagen, einen Helden der Schlacht von Hogwarts.

"Erstens bin ich noch jung genug, um deine Kinder auszutragen, junger Mann, und zweitens gäbe es deinen Vater nicht, wenn ich dem nicht aus dem warmen Schoß deiner Großmutter herausgeholfen hätte. Merke dir das mal, falls du keine Lust auf eine Anzeige wegen Beleidigung einer Heilerin in Erfüllung ihrer Aufgaben abbekommen möchtest!"

"Okay, die Herrschaften. Wenn Sie keinen Wert auf eine Zeugenaussage von mir legen und die Angelegenheit nicht in die Zuständigkeit des französischen Zaubereiministeriums fällt, obwohl hier auch ein möglicher Mordanschlag nicht auszuschließen gewesen wäre, empfehle ich mich jetzt", sagte Julius.

"Ich trinke nie wieder was von dieser verlogenen Ratte", knurrte Kevin nur. Julius entfernte sich.

Spät in der Nacht kehrte Julius in das Apfelhaus zurück. Die Peruaner hatten offenbar sehr schnell das Dorf und das Land verlassen. Millie wartete jedoch noch in der Wohnküche. Sie fragte ihn, ob er zumindest was gegessen hatte.

"Ich habe mich mit irischem Eintopf und Grillwürstchen auf den Beinen gehalten und Fruchtsaft getrunken, wo rings um mich Feuerwhisky und anderes Zeug gekippt wurde", flüsterte Julius. Dann erzählte er seiner Frau, was mit Kevin und Seamus gelaufen war.

"Oh, das läßt du Ma besser nicht wissen. Die könnte befinden, daß du die Kiste hättest anzeigen müssen. Aber so wie ich das sehe sind die ersten Irlandportschlüssel schon für morgen früh fällig."

"Genau, da darf ich dann alle voll verkaterten Helden der großen Schlachten mit den Händen an die Portschlüssel legen, ohne selbst dabei mitgenommen zu werden", grummelte Julius.

"Dann Marsch ins Bett, damit du morgen nicht zu müde da auftauchst!" Bestimmte Millie.

"Ey, ich bin schon groß", zischte Julius. Doch er mußte dabei grinsen.

"Eindeutig, Süßer. Aber das heißt nicht, daß du schon weißt, wie lange du ohne Wachhaltetrank durchhalten kannst."

"Ich kapiere es, du möchtest üben", erwiderte Julius. Seine Frau kniff ihm dafür in die Nase. Doch dann meinte sie:

"Das auch, Monju. Aber ich will vor allem, daß du morgen nicht halbtot durch den Tag torkelst und dann beim großen Sieg Frankreichs tief und fest schläfst."

"Stimmt, das ist ein Grund, schnell ins Bett zu gehen", erwiderte Julius darauf. Millie grinste darauf nur.

 

__________

 

Am Morgen des zehnten Augustes erhielt Brittany Brocklehurst eine Eule aus den Staaten. Die Post sah nicht nur sehr amtlich aus, sondern war es auch. Brittany verzog das Gesicht, als sie leise las, worum es ging.

"Genau das habe ich befürchtet, Leute. Greenwood schreibt, daß die Anhörung morgen in Washington stattfinden soll. Offenbar hat die Gildfork durchgeboxt, daß die bekanntesten Kritiker ihrer Mannschaft zuerst vor den Richter gezerrt gehören, wohl als abschreckendes Vorbild für die anderen, um die noch besser einzuschüchtern. Mr. Greenwood möchte mich um zwei Uhr Nachmittags Ostküstenzeit in seinem New Yorker Büro sehen, um mit mir die Vorgehensweise zu klären. Wenn ich den Zeitunterschied richtig mitbekommen habe wäre das hier um acht Uhr abends, richtig?" Julius nickte sofort. "Genau das habe ich befürchtet. Dann muß ich zusehen, entweder mit dem Flohpulver nach New York rüberzuspringen oder das Luftschiff nehmen, daß hier um halb sechs abgeht. Dann bin ich um ein Uhr Nachmittags Ostküstenzeit, was in VDS zehn Uhr morgens ist bei mir zu Hause. Von da aus kann ich mit dem eigenen Flohpulver rüber zu Greenwoods Büro."

"Was heißt, daß du das Finale nicht mitbekommen kannst", seufzte Julius.

"Ich komme natürlich mit, Britt", sagte Linus. "Was soll ich denn hier, wenn du nicht dabei bist?"

"Mir sagen, wer wie gespielt und wer gewonnen hat womöglich", wandte Brittany ein. "Aber wenn du gerne mit mir zurück nach VDS fliegen möchtest sage ich garantiert nicht nein."

"Venus ist ja noch da. Die wollte auf jeden Fall das Finale sehen und dann wohl mit dem Luftschiff zurück, das am zwölften um zwölf Uhr von hier losfliegen soll", sagte Julius noch. Brittany und Linus nickten.

"Tja, dann muß einer von uns hier sein, um euch mit dem Gepäck zu helfen, damit ihr nicht vor einer verschlossenen Haustür steht", sagte Millie, die das vor ihren Gästen benutzte Englisch sprach.

"Kommt da Euer Einsatzplan nicht durcheinander?" Fragte Brittany. Julius überlegte. Das Finale fand traditionsgemäß am Abend statt. Heute Morgen würden noch einmal eine Menge Portschlüssel aus Frankreich und Übersee eintrudeln. Als klar war, daß Australien mindestens im Spiel um Platz drei antreten würde, waren die freigehaltenen Portschlüsselanreisezeiten entsprechend besetzt worden, um eine Flotte Portschlüssel aus Sydney, Darwin, Alice Springs, Adelaide, Melbourne, Perth, Brisbane und Canberra herüberzuholen. Julius würde als englischsprachiger Besucherbetreuer noch eine Menge zu tun haben. Außerdem würden die ersten Portschlüssel richtung Irland abgehen. Sicher gab es genug Leute, die Finalkarten hatten und jetzt sehen wollten, wer gewann. Es konnte aber auch sein, daß die um den ganz großen Triumph gebrachten Fans frustriert ihre Karten an den offiziellen Umtauschstellen einwechselten, wo sie sicher noch genug Abnehmer finden konnten. Das schrie nach einer Menge Arbeit für den gerade erst siebzehn Jahre alt gewordenen Ferienarbeiter. Millie hatte Nachmittagsdienst. Sicher gab es unter den Anhängern Perus auch etliche, die das Finale sehen wollten. Doch von denen, die jetzt schon nach Hause wollten waren noch nicht alle abgereist, weil sie die entsprechenden Portschlüssel versäumt hatten oder ihre Finalspielkarten umtauschen mußten, für die mancher sicher ein ganzes Jahresgehalt bezahlt haben dürfte. Da war Fingerspitzengefühl und unmißverständliches Übersetzen gefragt. Für Millie sicher ebenso eine Heidenarbeit wie für Julius.

"Wir packen schon alles ein und bringen es dahin, wo die Pendelschiffe ablegen", sagte Linus. "Ihr habt da ja Aufbewahrungsschränke für schweres Gepäck hingestellt." Julius bestätigte das. Millie würde den beiden zu früh abreisenden Gästen aus den Staaten beim Transport der Sachen und der Gepäckaufbewahrung helfen, bevor sie sich ihren blau-weiß-roten Betreuerinnenumhang überziehen mußte.

"Wer kriegt eigentlich die Mitnahmegebühr für morgen?" Fragte Gloria Julius. Dieser erwähnte, daß die drei Galleonen pro Teilnehmer an der Reise nach Greifennest an Gudrun Rauhfels zu zahlen waren, die im Auftrag ihrer Vorgesetzten die Organisationsleitung innehatte. "Okay, die kann auch Englisch. Dann kann ich das für Pina und mich erledigen, während du die halbtoten Iren an die richtigen Portschlüssel bindest, Julius."

"Und die halbtoten Australier auffange, die mit den Schlüsseln vom Land untendrunter eintrudeln", erwiderte Julius. Er bemühte sich, seine leichte Verdrossenheit über diese Zusatzarbeit zu verbergen. Doch Millie fühlte es natürlich über die bestehende Verbindung der beiden Herzanhänger. So wunderte sich Julius überhaupt nicht, daß sie sagte:

"Wenn du die alle richtig sortierst kriegst du von Ma sicher eine besondere Erwähnung im Abschlußbericht. Damit kannst du dann nach den UTZs an jede Tür in der Zaubererwelt klopfen."

"Ich mach das, weil ich mithelfen möchte, daß wir alle diese Weltmeisterschaft als geniale, friedliche und gelungene Veranstaltung in Erinnerung behalten können, Millie", erwiderte Julius. "Du weißt ja, daß ich nicht nach Auszeichnungen gucke."

"Genau deshalb kriegst du meistens welche, weil du nicht danach gierst", feixte Millie. Julius hielt es für klug, da besser nicht drauf zu antworten. Die bisher größte Auszeichnung für seine Arbeit und Einsatzbereitschaft war schließlich die vorzeitige Volljährigkeit und das Apfelhaus, indem er nun schon ein Jahr wohnte.

"Soll ich Mel sagen, daß die ärgerliche Verhandlung schon morgen stattfindet, Brittany?" Fragte Gloria die weizenblonde Quodpotspielerin.

"Du meinst, weil sie mit mir noch durch das gute alte Europa touren wollte, Gloria? Sage ihr, daß das dann eben eine Woche später steigt, wenn wir wissen, ob dieses dekadente Weibsbild mit seiner blöden Anklage durchkommt oder nicht", erwiderte Brittany.

"Am zwanzigsten will Mum sie wieder in New Orleans haben, um das Geschäft wiederzueröffnen", sagte Gloria. Julius erinnerte sich, daß mal davon die Rede war, eine Hausparty zu feiern, um Porters Kosmetikartikel an interessierte Privatleute zu bringen. Doch das hatte sich bisher offenbar nicht ergeben, weil ja beide Latierres zu unterschiedlichen Zeiten zu tun hatten. Millie schien über die pulsierende Herzanhängerverbindung auch Gedanken von ihm aufzufangen. Sie fragte Gloria:

"Wollte deine Mum nicht hier in Millemerveilles eine Party feiern, um ihre neuesten Produkte anzubringen?"

"Davon ist sie wieder runtergekommen, weil irgendwer im französischen Zaubereiministerium die Hände zu weit aufgehalten hat, um hier während der Weltmeisterschaft eine Hausparty zu feiern. Zwar könnte man das immer noch als private Feier ausgeben. Aber wenn Mum echt was verkaufen möchtte, müßte sie es ins Land bringen lassen. Spätestens an der Grenze würde dann eine hohe Handelsgebühr fällig. Aber sie meinte, daß wir zu Hause wen finden, der oder die eine Party feiern möchte. Wann ist bei Euch wieder Schulanfang?"

"Normalerweise am letzten Augustsonntag", wußte Julius. "Aber wir haben noch keine offizielle Ausrüstungsliste von Beauxbatons."

"Stimmt, die wäre eigentlich schon längst fällig", sagte Millie.

"Müssen wir eben noch warten", sagte Julius darauf.

"Dann frohes Schaffen", meinte Pina dazu nur noch.

Julius' Befürchtung, er müsse die total verkaterten Leute an die Portschlüssel herantragen bewahrheitete sich zum Teil. Vor allem männliche Schlachtenbummler hatten arge Probleme, das gefühlte Übergewicht ihrer Köpfe auszuhalten. Tatsächlich mußten die englischsprachigen Heiler einigen Besuchern kleine Dosen Erholungstrank verabreichen, damit sie ihre Termine nicht versäumten. Andere wurden von ihren Angehörigen zu den Plätzen geführt, an denen die Portschlüssel für Dublin, Killarney, Shanon und für Julius unaussprechliche Zaubererdörfer im irischen Hinterland auslagen. Der in Großbritannien aufgewachsene Besucherbetreuer traf jene Mrs. Finnigan, die als Vertreterin der irischen Sektion der Quidditchliga angereist war. Verständlicherweise war sie etwas verdrossen. Julius fragte sie, ob sie auch schon heute abreisen würde. Sie sagte ihm, daß sie nicht eher nach Hause reisen wolle, bis sie wisse, wer den Weltmeisterpokal gewonnen habe. "Wenn wir den Pokal schon nicht selbst mitnehmen dürfen, dann möchte ich wenigstens sehen, wer ihn kriegt, junger Mann", sagte sie. Julius überlegte, inwieweit sie mit Seamus Finnigan verwandt war. Doch Finnigans gab es in Irland genug. So unterließ er es, sie nach möglichen Folgen der Sache mit dem übertourten Whisky zu fragen. Wenn Kevin keine Anzeige erstatten wollte, würde die Sache als Dummer-Jungen-Streich abgehandelt. Falls Heilerin Newport, die Julius im Tross der Abreisewilligen erkannte, auf einer Anzeige bestand, würde er das früh genug mitbekommen, wenn Kevin vor einer Anhörungskommission oder gar dem Zaubergamot auszusagen hatte.

Vor dem Endspiel prüfte Julius die Stimmung im australischen Lager. Die anhänger der Mannschaft vom fünften Kontinent stimmten sich bereits mit Musik, Tanz und hochprozentigen Getränken auf das große Ereignis ein. Julius pendelte zwischen einer Sammelstelle eintreffender Portschlüssel und den freigehaltenen Zeltplätzen, um die australischen Besucher unterzubringen. Die Stunden verflogen förmlich. Julius fand nur wenige Ruhephasen. Einmal suchte Linda Knowles ihn an der Portschlüsselempfangsstelle außerhalb der magischen Kuppel auf. Die Reporterin des Westwindes hatte mit ihren feinen Ohren erlauscht, daß Brittany wohl morgen schon gegen Phoebe Gildfork vor Gericht anzutreten hatte. Doch das war für sie jetzt nicht von Bedeutung, zumal sie die Quodpotspielerin persönlich interviewen konnte.

"Wie beurteilen Sie Ihre persönlichen Erfahrungen als Besucherbetreuer dieser nun fast beendeten Quidditchweltmeisterschaft, Mr. Latierre?" Fragte sie ihn, während er auf einen weiteren Portschlüssel aus Australien warten mußte.

"Ich persönlich bin sehr zufrieden, daß alles, was ich dazu beitragen konnte geklappt hat, Ms. Knowles", erwiderte er. "Natürlich ist es eine große Anstrengung, so viele Besucher aus verschiedenen Ländern zu betreuen, zumal es ja sehr wichtig war, mögliche Mißverständnisse frühzeitig zu erkennen und auszuräumen und Streitigkeiten zu beenden, ohne gewalttätig werden zu müssen."

"Finden Sie, daß Sie von der Organisationsleitung gut genug unterstützt wurden?" Stellte Linda Knowles eine brisante Frage. Julius überlegte jedoch nicht lange und antwortete:

"Das kann ich zu einhundert Prozent mit Ja beantworten. Da das Komitee für die Weltmeisterschaft ja auf faktisch nicht für solche Aufgaben vorgebildete Hexen und Zauberer zurückgriff, wurde wohl schon im Vorfeld viel geklärt, welche Unterstützung wir Besucherbetreuer erhalten müssen, wenn doch etwas passiert, wo unsere wenige Erfahrung nicht ausreicht."

"Das sagen Sie jetzt nicht, weil Sie mit der Hauptverantwortlichen für die Vorbereitung und Ausrichtung dieser Weltmeisterschaft verwandt sind?" Fragte Linda Knowles mit ihrem waffenscheinpflichtigen Augenkullern.

"Ich bin nur einer von mehreren Dutzend Betreuern, und die meisten von denen sind nicht mit Madame Hippolyte Latierre verwandt, Ms. Knowles. Falls sie finden, ich würde die Organisation in zu hellen Farben malen, steht es Ihnen frei, sich an die anderen Besucherbetreuer zu wenden und von diesen für die Öffentlichkeit zulässige Aussagen zu erbitten", erwiderte Julius ruhig.

"Können oder dürfen Sie mir sagen, ob Ihr Ferienjob mit der Siegerehrung des neuen Weltmeisters endet?" Fragte Linda Knowles, die Julius' geschliffene Antwort auf ihre letzte Frage gut weggesteckt hatte.

"Natürlich darf ich Ihnen das sagen. Meine Tätigkeit endet mit verlassen des letzten englischsprachigen Besuchers der Weltmeisterschaft. Die letzten Portschlüssel sollen, so die Planung, im Zeitraum zwischen dem zwölften und siebzehnten August abgeschickt werden. Natürlich ist dabei auch zu bedenken, daß das Finalspiel mehrere Tage dauern kann. Sicher hat es hier bisher kein Spiel länger als zwölf Stunden gegeben. Doch in den Quidditchregeln steht eindeutig, daß ein Spiel solange dauert, bis der Schnatz gefangen wird. Das kann nach wenigen Minuten sein aber eben auch Tage dauern."

"Ja, und wenn das Spiel länger als bis zum siebzehnten August dauert? Soweit ich weiß müssen Sie ja am letzten Augustsonntag wieder nach Beauxbatons zurückkehren."

"Das haben Madame Latierre und die Mitglieder des Komitees schon einkalkuliert", erwiderte Julius darauf knapp und gefühlsfrei. Dann sah er auf die Uhr und stellte fest, daß er nur noch zwanzig Sekunden bis zum Portschlüssel aus Darwin hatte.

"Falls das Finale vor morgen früh ausgespielt sein sollte, werden Sie dann nach nordostfrankreich reisen, um die Sonnenfinsternis zu beobachten?" Fragte Linda Knowles noch. Julius überlegte, ob sie ihn jetzt verulken wollte. Sicher hatte die mitbekommen, daß er mit der Greifennest-Abordnung nach Deutschland reisen würde. Vielleicht wollte sie ihm aber auch die Gelegenheit geben, das von sich aus zu erwähnen oder wegzulassen. Er antwortete deshalb:

"Nun, falls das Finale nicht länger dauert und ich deshalb auf dieses Naturschauspiel verzichten muß, bin ich eingeladen, es an einem anderen Ort mitzuerleben. Doch zunächst interessiert mich das Finale." Da flimmerte die Luft. Eine blaue Leuchtspirale erschien wild rotierend und gab eine alte Zinnbadewanne frei, an der mehrere Dutzend Menschen hingen, viele davon mit sonnengelben Schals und Hüten ausgerüstet. Julius verfiel sogleich in seine erarbeitete Begrüßungsroutine, um die Besucher aus Australien willkommenzuheißen. Linda Knowles hielt sich im Hintergrund. Sie wagte erst wieder etwas zu fragen, als Julius die eingetroffenen Besucher an ihrem vorgebuchten Zeltplatz abgesetzt hatte.

"Ich hörte davon, daß die deutschsprachige Zauberschule Greifennest rund um die totale Sonnenfinsternis eine große Veranstaltung bieten würde. Ist dies der Ort, wo Sie morgen hinreisen werden?"

"Das betrifft nun wohl nicht mehr die offiziellen Obliegenheiten. Wenn Sie wissen möchten, wo ich den morgigen Tag genau verbringe und wie genau, dann wenden Sie sich bitte an Monsieur Gilbert Latierre, ob dieser Ihnen darüber Auskunft erteilen möchte, wenn er die Erstverwertung ausgenutzt hat!" Erwiderte Julius darauf. Ms. Knowles erwähnte nur, daß dort wohl auch einige Besucher aus den Staaten eintreffen würden. Julius ging nicht weiter darauf ein. Er mußte wieder an den Portschlüsseleinsammelpunkt, um die nächste Besuchergruppe zu erwarten.

"Wir werden erst am ersten September in Beaux zurückerwartet, Monju", begrüßte Millie ihn, als er zur Mittagspause ins Apfelhaus zurückkehrte. "Madame Faucon hat die Ausrüstungsliste geschickt und geschrieben, daß wir am ersten September um sechs Uhr abends im Ausgangskreis bereitstehen sollen. Auf der Ausrüstungsliste steht auch ein Festumhang, falls noch nicht vorhanden. Schwant dir was, Monju?" Julius nickte heftig. Allerdings wollte er da eine offizielle Bestätigung seiner Schwiegermutter haben. Und die würde er wohl nicht kriegen, bevor Linos empfindliche Ohren nicht mindestens eintausend Kilometer weit von Millemerveilles oder Paris weg waren. Aber die Synchronisierung des Schuljahresanfangs mit Hogwarts deutete schon sehr stark in eine bestimmte Richtung. So fragte er über die Herzanhängerverbindung unabhörbar: "War das beim letzten Mal auch so?"

"Ganz genau", bekam er die erwartete Antwort seiner Frau. Dann verfielen beide in eine Plauderei über den Vormittag.

"Britt und Linus essen hier noch mal", sagte Millie. "Sie haben sich genug gemacht, um am Abend noch was zu haben." Julius nickte.

Nach dem Mittagessen las er die Ausrüstungsliste für Beauxbatons, die eigentlich nur aus den Schulbüchern bestand. Er wunderte sich nicht schlecht, das Buch "Was willst du sein" von Maya Unittamo auf der Liste zu finden, das wohl im Verwandlungsunterricht benutzt werden sollte. Außerdem hatte Professeur Delamontagne das Buch "Unsichtbares Unheil - Kreaturen, Flüche und Fallenzauber außerhalb der optischen Wahrnehmung" auf die Liste für die Abschlußklässler gesetzt. Julius grinste, weil beide erwänten Bücher schon seit einem Jahr bei ihm in der Bibliothek waren. Sophia Whitesand hatte sie in die große Vielraumtruhe gepackt.

"Fixie hat keine Sonderwünsche geäußert", sagte Millie.

"Dieses Buch über unsichtbare Gefahren ist schon gruselig. Wer das liest könnte echt paranoid werden", sagte Julius. "Das enthält auch Beschreibungen über Dschinnen und Dibbuks, diese dämonischen Geisterwesen, die Menschen versklaven können."

"Ja, und die Situationsflüche", sagte Millie. "Die werden zwar auch in dem Buch über höhere Flüche erwähnt, daß dir Königin Blanche geschenkt hat. Aber ich denke, Eleonores Vater möchte uns mit diesem Buch noch einiges mehr beibringen", erwiderte Millie.

"Wenn wir das reinkriegen kein Thema", erwiderte Julius. Er dachte gerade nur an das nächste Jahr und daß es wohl doch ein trimagisches Turnier geben würde. Er dachte daran, daß Madame Maxime, die nun wieder als Mademoiselle adressiert wurde, ihm während seiner Zeit in ihrer unmittelbaren Nähe einen Bericht über das letzte Trimagische abverlangt hatte und daß er darin auch erwähnt hatte, jederzeit gerne ein neues Turnier zu sehen zu bekommen, da das letzte ja nicht auf Grund fehlender Aufmerksamkeit bei der Einrichtung der Aufgaben so katastrophal geendet hatte. Allerdings fragte er sich nun, ob Durmstrang dabei mitmachen würde, wo es gerade nach den Ereignissen des letzten Turnieres zu einem großen Zwist zwischen Durmstrang und der restlichen Zaubererwelt gekommen war.

"Kommen noch welche aus Australien rüber?" Fragte Millie.

"Ja, aus Canberra noch zwei im Abstand von zwanzig Minuten und dann noch mal einer aus Sydney. Bin froh, daß Aurora die Erlaubnis bekommen hat, mir bei der Begrüßung zu helfen."

"Ich darf gleich noch ein paar Besucher aus Südamerika begrüßen, die sich auf jeden Fall das Finale ansehen wollen. Wir sehen uns dann beim Spiel in der Ehrenloge", erwiderte Millie. Julius nickte.

Der Abschied von Brittany und Linus fiel lang und herzlich aus. Brittany bedankte sich für die Zeit hier in Millemerveilles und die vielen Gelegenheiten, um was von der Kultur des Gastgeberlandes mitzubekommen. "Die Kiste mit der Kimmkorn und diesen Muggelstämmigen, die immer noch meinen, du hättest die alle verraten ist zwar mies, aber soll dich nicht für das ganze Leben runterziehen. Falls ihr nach der Weltmeisterschaft noch ein paar freie Tage habt könnt ihr ja noch mal zu uns nach VDS rüberkommen. Mom würde sich sicher freuen, was über die ganzen hier aufgelaufenen Zauberwesen zu hören", sagte Brittany. Linus meinte dann noch:

"Danke noch mal dafür, daß wir hier so gut untergekommen sind und die überteuerten Herbergspreise gespart haben. Wenn wir die Sache mit der Gildfork überstanden haben feiern wir, falls Britt nicht doch ihr halbes Verlies leerräumen muß."

"Das hofffe ich mal nicht", erwiderte Julius darauf. "Ich wünsche euch viel Erfolg bei dieser lächerlichen Anhörung. Hoffentlich könnt ihr dieser übergewichtigen Dame richtig eins auswischen!" Sprach Julius aus ehrlicher Überzeugung. Dann sah er Brittany und Linus nach, wie sie zum Abflugort für die magischen Luftschiffe apparierten. Dann hieß es auch für ihn, wieder zur Arbeit zu gehen.

Bis zum Abend fertigte Julius so freundlich er bei aller Hektik und Routine konnte die angereisten Besucher aus Australien ab, während andere Besucherbetreuer Portschlüssel aus Frankreich, Deutschland und südamerikanischen Ländern entgegennahmen.

Julius fühlte sofort diese herrliche Erregung, als er vor den Toren des großen Stadions apparierte. Zumindest mußte er heute nicht den Kartenkontrolleur machen. Das war dem guten Monsieur Pierre und professionellen Kartenprüfern aus der französischen Quidditchliga vorbehalten.

"Nutz die Privilegien, solange sie dafür nicht deine Seele haben wollen", sagte Monsieur Pierre zu Julius, als er seine goldgerahmte Ehrenlogenkarte vorzeigte. Er erwiderte darauf nur:

"Ich denke schon, daß ich mich irgendwie erkenntlich zeigen muß. Aber jetzt will ich erst einmal sehen, ob wir den Pokal im Land behalten dürfen oder der um die halbe Welt verreist."

Die sechzig Personen fassende Ehrenloge war bis auf den letzten Platz ausgebucht. Außer den Familien der Mannschaften, der australischen Zaubereiministerin und ihrem Mann waren auch noch die zwei Söhne und die Tochter der australischen Zaubereiministerin herübergekommen, die bereits kleine Kinder hatten. Frankreichs Zaubereiminister Grandchapeau war in Begleitung seiner Frau, seiner Tochter Belle, deren Mann und ihrer gerade anderthalb Jahre alten Tochter Laetitia. Im November, so pfiffen es nun alle Spatzen von den Dächern, würde die kleine Laetitia ein Geschwisterchen bekommen. Entsprechend behütsam gingen Belles Verwandte mit ihr um. Sogar Hera Matine, die Belle auch beim zweiten Kind als Hebamme betreuen würde, war in der Ehrenloge erschienen. Ebenso hatte Hippolyte ihre Mutter, ihren Stiefvater und deren vier jüngsten Kinder in die Ehrenloge geholt. Julius nahm zwischen seiner Frau und Aurora Dawn Platz, die auf der anderen Seite von Camille Dusoleil flankiert wurde, die als Bruno Dusoleils Schwiegermutter mal wieder in den Genuß eines Ehrenlogenplatzes kommen durfte. Chloé spielte mit den Zwillingen von Ursuline, Laetitia und den Enkelsöhnen von Ministerin Rockridge, bis Hippolyte Latierre ihre Stimme magisch verstärkte und um Aufmerksamkeit bat:

"Messieursdames, Ladies and Gentlemen! Ich begrüße Sie alle recht herzlich zum großen Finale der 423. Quidditchweltmeisterschaft. In meiner Eigenschaft als Leiterin der Abteilung für magische Spiele und Sportarten des französischen Zaubereiministeriums freue ich mich sehr, daß wir alle bis zu diesem Tag eine größtenteils faire, spannende und sportliche Weltmeisterschaft erleben durften und bin auch sehr erfreut über die außerhalb der Stadien ablaufenden Veranstaltungen, die uns allen die Gelegenheit gaben, Hexen und Zauberer aus anderen Ländern kennenzulernen und viele neue Eindrücke der großen, Magischen Gemeinschaft zu gewinnen, in der wir alle leben dürfen. An diesem geschichtsträchtigen Ort, der sowohl helle wie dunkle Zeiten überstanden hat, freue ich mich sehr, heute abend mit Ihnen zusammen ein weiteres, hell strahlendes Ereignis miterleben zu dürfen. In diesem Spiel wird sich entscheiden, wer der neue Quidditchweltmeister wird. Australiens Mannschaft, die in den vergangenen Spielen so überragend auftrat, möchte den Titel zum ersten Mal in der Geschichte ihres Landes erringen." Lautstarkes Buhen und Pfeifen aus den mehrheitlich mit Frankreich-Anhängern besetzten Blöcken war die Antwort. Hippolyte ließ ihre Landsleute einige Sekunden gewähren. Dann sprach sie weiter: "Allerdings möchte die französische Nationalmannschaft, die von der Begeisterung ihrer Anhänger getragen bis zu diesem Spiel durchgehalten hat, ebenfalls einen großen Triumph erleben und den Quidditchweltpokal im eigenen Land gewinnen und bis zur nächsten Weltmeisterschaft aufbewahren." Jubel brandete nun durch das Stadion. Nur vereinzelte Australien-Fans mußten mit Buhrufen und Pfiffen dazwischenfuhrwerken. "Im Namen des sportlichen Wettkampfes hoffe ich für beide Mannschaften, daß ihre Spieler nicht nur hochmotiviert sind, sondern auch den hohen Anforderungen dieser Partie gewachsen sind und körperlich wie geistig ihr bestes geben können, um sich und uns ein würdiges, bejubelnswertes, in aller Erinnerung verbleibendes Finale zu bieten, in dem die bessere Mannschaft den Sieg erringen möge." Wieder buhten die Franzosen, weil Hippolyte nicht patriotisch genug auftrat. Doch gute Gastgeber mußten eben neutral sein, wußte nicht nur die rotblonde Chefin der Ministeriumsabteilung für magische Spiele und Sportarten. Sie überging deshalb das typische Getue der Fans und begrüßte die ranghöchsten Vertreter der französischen und australischen Zaubererwelt. Dann rief sie die australischen Maskottchen auf das Feld.

Wie beim ersten Spiel traten die geflügelten Wüstenaffen Australiens als Sandwirbelspezialisten auf. Die Wollawangas wuselten und wirbelten durch die Luft und rissen mit ihren auf Sand- und Erdreich beschränkten telekinetischen Kräften Sandwolken empor, die zu über hundert meter hohen Säulen aus rotierendem Sand wuchsen. Julius sah wieder, daß die Wollawangas den Sand zum Glühen brachten. Dann ließen die geflügelten Zauberwesen den aufgewirbelten Sand über Feld und Tribüne herabregnen. Viele Zuschauer schlugen sich mit den Händen den Sand von Gesicht und Kleidung oder beseitigten den Sandregen mit Säuberungszaubern. Einige, die bereits die Sandmanipulationen der Wollawangas kannten, hatten aus dem Nichts große Regenschirme beschworen, so auch Aurora Dawn, die ihren Schirm über sich, Julius und Camille hielt. Millie steckte ihren Kopf auch noch unter den Schirm, um den niedergehenden Sand nicht in ihr bis auf den Oberkörper wallendes Haar zu kriegen.

"Wir holen den Pokal! Wir kriegen den Pokal!" Riefen die Frankreich-Fans, als sie alle sandfrei genug waren. Da rief Madame Latierre die französischen Maskottchen auf das Feld.

Laut krächzend flog der Schwarm der Feuerraben über das Feld herein und krakehlte im Chor, daß Frankreich heute den Pokal gewinnen würde.

"Der Druck ist ziemlich hoch", raunte Julius seiner Frau zu.

"Wenn ich mir das überlege, daß ich da unten stehen könnte, wenn ich zwei Jahre früher zur Welt gekommen wäre", meinte Millie dazu. Ihr sah man die große Freude und Anspannung an, die die Mehrheit der Zuschauer ergriffen hatte.

"Begrüßen wir nun die wackeren Spielerinnen und Spieler der australischen Quidditchnationalmannschaft!" Rief Hippolyte Latierre. "Redstone, Freeley, Dunston, Blackwood, Moore, Groover uuuuund Llllllighthouse!!" Die Australien-Fans brüllten los, als ihre Helden aus der von Julius aus linken Ausflugluke hervorschossen und wie sonnengelbe Schemen über dem Feld herumwirbelten. Er sah Rhoda Redstone, die Kapitänin, die den Schlachtenbummlern ihrer Heimat entschlossen zuwinkte, während die Wollawangas ohne Sandaufwirbelung eine mächtige Pyramide bildeten, die sich wippend und schwingend bewegte. Die kleine Sucherin Pamela Lighthouse fiel eben dadurch auf, daß sie von allen die kleinste war und ihren Besen schon an Hexenballett grenzender Kunst herumwirbelte. Die beiden Treiber Blackwood und Moore wirkten wie wandelnde Kleiderschränke. Groover, der Hüter, machte sich dagegen zaunlattendünn aus. Doch Julius hatte schon erlebt, wie gut dieser Zauberer Quaffel parieren konnte, wenn die Gegner nicht zu unerwartet und zu nahe vor den Torringen auftauchten.

Und hier kommen die Hoffnungsträger des Gastgeberlandes, die Spielerinnen und Spieler der französischen Quidditchnationalmannschaft! Verkündete Hippolyte Latierre und rief dann mit ehrlicher Begeisterung: "Lagrange, Dornier, Dusoleil, Montferre, Montferre, Rocher uuuuuund Duuuuuuupont!!!" Alle aus Frankreich stammenden Zuschauer jubelten und klatschten. Dabei ging selbst Hippolytes magisch verstärkte Stimme fast im Jubel unter. "Für die Spieler Dusoleil, Rocher und Dupont ist dieser Tag in vieler Hinsicht ein großer Tag. Zum einen ist es die erste Weltmeisterschaft, an der sie teilnehmen dürfen. Zum zweiten ist es das erste Weltmeisterschaftsfinale, in dem sie mitspielen dürfen. Darüber hinaus ist es nicht nur ihr Heimatland, in dem sie spielen, sondern hier in Millemerveilles auch der Heimatort, in dem sie aufwuchsen und in ddessen Ligamannschaft sie feste Größen bilden. Ebenso dürfen die Spielerinnen Sabine und Sandra Montferre heute als krönenden Abschluß ihrer hier gezeigten Leistungen das erste Weltmeisterschaftsfinale bestreiten und das im eigenen Heimatland. Die Spieler Polonius Lagrange und Michelle Dornier durften bereits bei der Weltmeisterschaft vor fünf Jahren in England zeigen, daß sie durchaus den Titel erkämpfen mochten."

"Wenn die nicht im zweiten Spiel gegen die Schweden rausgeflogen wären", raunte Millie verbittert und sprach damit aus, was wohl den meisten Zuschauern bitter aufstieß. "Pech, daß die Lose eine anständige Vergeltung vereitelt haben."

"Holt uns den Pokal! Holt uns den Pokal!" Forderten die in Überzahl anwesenden Frankreich-Fans.

"Hoffentlich halten die das aus", unkte Julius. Er wußte, daß der seelische Druck oft schlimmer sein konnte als körperliche Erschöpfung. Nicht jeder Sportler, der in den ersten Runden überragend gut abschnitt, hielt den Erfolgsdruck aus, der im Finale auf ihm lastete. Ein Endspiel vor heimischem Publikum konnte Segen und Fluch zugleich sein. Das galt im Fußball, warum also nicht auch im Quidditch? Häufig jedoch überwog der Heimvorteil, die Masse der Fans, die nicht so weit reisen mußten, um ihre Mannschaft anzufeuern. Würde das auch heute der Fall sein?

Julius sah sich noch einmal um, wen er alles kannte. Er konnte die Beauxbatons-Abordnung mit Madame Faucon sehen. Daneben erkannte er die Gruppe aus Greifennest, die trotz des Ausscheidens aller deutschsprachigen Mannschaften bis zum Finale durchgehalten hatte. Er sah eine Gruppe Halbwüchsiger, die aus der Redrock-Akademie herübergekommen war und erkannte auch die Gruppe aus Thorntails, die trotz des frühen Ausscheidens der US-Nationalmannschaft hiergeblieben war, um das Finale mitzubekommen. Mit seinem Omniglas konnte er auch verschiedene Hexen und Zauberer erkennen, denen er in Frankreich oder Australien über den Weg gelaufen war. Da war die Familie Springs, die er am Nachmittag noch begrüßt hatte. Auroras Brieffreundin Heather, deren Eltern und deren Onkel Vitus, der nach einer langen Karriere in der Sana-Novodies-Klinik im Vermittlungsbüro der australischen Heilzunft beim Ankauf und Vertrieb heilmagisch wichtiger Zutaten und Tränke arbeitete. Er sah die Hexe Madam Helianthus, die zu den Betreuern des magischen Tier- und Pflanzenreservates Hidden Groves gehörte. War das echt schon bald sieben Jahre her, daß er diesen Park besucht hatte? Wo war die Zeit geblieben?

"Der Schiedsrichter des heutigen Finalspiels ist der zwischen 1956 und 1969 ruhmreich als Hüter für die Lüneburg Lightnings spielende Reinhold Westersteg!" Rief Madame Latierre den Unparteiischen dieser so wichtigen Begegnung auf das Spielfeld. Ein zwei Meter großer, bald auch so breit gebauter Zauberer im schwarzen Schiedsrichterumhang flog auf einem Feuerblitz ins Stadion ein. unter seinem linken Arm trug er die Kiste mit den vier Bällen. Er landete genau im Mittelkreis, während die einen Zuschauer klatschten und die anderen verhalten pfiffen. Hippolyte verzog das Gesicht. Sie mochte es nicht, daß sich die Zuschauer so unsportlich verhielten. Doch laut sagte sie nur: "So wollen wir nun beginnen, auf das diese Weltmeisterschaft ihren großen, krönenden Abschluß finden möge!"

Westersteg winkte die Kapitäne der beiden Mannschaften zu sich heran. Rhoda Redstone gab Polonius Lagrange die Hand. Dieser wolte wohl wissen, wie stark seine australische Gegenspielerin war und drückte fest zu. Doch sie hielt locker mit. Er merkte wohl, daß sie ihm in dieser Hinsicht gewachsen war und ließ von ihr ab.

"Schiedsrichter Westersteg läßt soeben den goldenen Schnatz auf. Sein Fang wird entscheiden, wann die Partie zu Ende ist. Doch haben wir alle in dieser Weltmeisterschaft erlebt, daß der glückliche Sucher nicht unbedingt den Sieg seiner Mannschaft erreichen muß." Als die Klatscher freigelassen wurden bemerkte Madame Latierre: "Auch auf die Treiber kommt es an, wie die Partie Frankreich gegen Peru und andere Spiele gezeigt haben." Dann blickte Westersteg nach oben, wo der Zaubereiminister Frankreichs gerade aufgestanden war. Dieser winkte mit erleuchtetem Zauberstab und nickte. Der Schiedsrichter verbeugte sich und rief den Spielern etwas zu. Dann zählte er wohl. Als er den Quaffel weit nach oben warf katapultierten sich alle vierzehn Spieler auf ihren hochgezüchteten Rennbesen in die Luft.

"Das Finale läuft, und da ist auch schon Dusoleil am Quaffel, knapp vor Redstone!" Rief Hippolyte. Doch dann begnügte sie sich nur mit Kommentaren, welche Mannschaft gerade den Quaffel führte. Bruno paßte zu Polonius Lagrange, während die australischen Treiber Moore und Blackwood versuchten, den Cousin Seraphine Lagranges am Durchkommen zu hindern. Seraphine, die mit ihrer Familie auch in der Ehrenloge saß, schrie bald, weil Polonius scheinbar völlig selbstmörderisch in den ihm entgegengedroschenen Klatscher hineinflog und gerade eine Hundertstelsekunde vor dem schmerzhaften Zusammenprall den Kopf zur Seite riß. Doch er hatte beide Hände an den Besenstiel nehmen müssen und somit den von Bruno gespielten Paß verpuffen lassen. Der Quaffel landete bei Rhodas Jägerkollegen Rudy Freeley, der den Ball jedoch nur einen Lidschlag lang behielt, bevor er ihn mit Wucht auf den Kameraden Cole Dunston abspielte. Doch dieser wurde bereits von Michelle Dornier beschattet, die ihr schwarzes Haar mit einem blauschwarzen Band um den Kopf befestigt hatte. Dunston bekam den roten Ball zwar noch zu fassen, wurde jedoch knapp an der Regelwidrigkeit von Michelle abgebremst. Er kam nicht dazu, nach links oder rechts vorbeizufliegen, weil da bereits Bruno und Polonius in Stellung gegangen waren. Dunston doppelachserte so, daß er knapp unter Michelle hindurchstieß. Doch als er aus der Aufwärtsbewegung heraus den Quaffel durch den rechten Ring schleudern wollte wischte Cesar wie ein blau-weiß-roter Kugelblitz durch die Flugbahn und klemmte den Quaffel mit seinen behandschuhten Händen fest. Ein von Moore geschlagener Klatscher zischte ihm entgegen. Doch César tauchte unter dem schwarzen Ball weg und paßte Bruno den Quaffel zu, der sofort zum Angriff auf australiens Torraum ansetzte. Die gegnerischen Jäger wollten ihm den Weg verlegen. Doch die Montferre-Schwestern räumten ihm das frei bewegliche Hindernis aus dem Weg. Bruno spurtete auf dem Besen vor und täuschte einen Fernwurf an. Groover stieß aus dem Torraum hervor, um Bruno den Weg zu verlegen. Da bog Jeannes Mann nach rechts ab und steuerte so, daß er locker an Groover vorbeikommen würde. Dieser ging sofort auf Abfangkurs, als Bruno den Quaffel warf und noch weiter nach rechts schwenkte, um entweder einen Sichelwurf auf den mittleren oder einen Schmetterwurf auf den vor ihm liegenden rechten Torring anzubringen. Zumindest ging Groover davon aus und wollte ihm den passenden Weg verstellen. Da segelte der Quaffel mit einem merklichen Linksdrall auf den von Bruno aus gesehen linken Ring zu. Als Groover erkannte, daß Bruno ihn doch verladen hatte fegte Bruno gerade rechts an dem Hüter der Australier vorbei, der unwillkürlich nach oben auswich und so den entscheidenden Sekundenbruchteil verpaßte, um den Quaffel am Durchfliegen des linken Torringes zu hindern. Die Franzosen jubelten überlaut über die ersten zehn Punkte dieser Begegnung. Laut krakehlend flog der Schwarm der Feuerraben steil in die Luft und vollführte zehn Sekunden lang ein wildes Flatterballett.

"Wenn Dunston die Doppelachse kann warum nicht auch Groover?" Fragte Julius Aurora.

"Tja, weil die australische Abteilung für magische Spiele und Sportarten meinte, den Hüter der Thunderers als Stammhüter aufzustellen und nicht den der Sparks, der die Doppelachse kann", rief Aurora. Latona Rockridge hörte es wohl und meinte:

"Offenbar war die gemeinsame Trainingszeit doch noch zu kurz, um auch Groover dieses Manöver beizubringen. Dunston und Lighthouse spielen für die Sparks."

Australiens Quidditchmannschaft wollte den in knapp dreißig Sekunden aufgeladenen Rückstand nicht auf sich sitzen lassen und stürmte nun mit allen drei Jägern vor. Doch die Montferres bekamen die Klatscher unter Kontrolle und sprengten damit den geballten Vorstoß. Redstone, Dunston und Freeley mußten schnell ausweichen. Der Quaffel landete bei Michelle Dornier, die schon auf dem Weg zum zweiten Tor für Frankreich war, als Dunston sich mit der Dawn'schen Doppelachse in ihren Weg manövrierte. Michelle konterte jedoch so schnell, daß Julius der Atem wegblieb. Sie doppelachserte so, daß sie nach links oben auswich, während Dunston immer noch einen Schwung nach rechts unten besaß. Sie kehrte eine Zehntelsekunde später wieder in ihre anvisierte Flugbahn zurück und erlaubte sich die Frechheit, Groover den Ball an den Kopf zu werfen. Der Quaffel prallte ab und flog Michelle in die Hände Zurück. Da sie in dieser kurzen Zeit die entscheidenden Meter näher an das Ringtrio herangerückt war konnte sie nun einen wuchtigen Wurf anbringen, den Groover nicht mehr parieren konnte. Die Feuerraben schrien den weiteren Punktgewinn heraus und wirbelten noch einmal durch die Luft. Die Wollawangas hingegen sprangen wütend in die Luft und stießen für Menschen unhörbare Rufe aus.

"Toller Auftakt", sagte Julius, als Frankreich das zweite Tor feierte, als sei damit schon alles gewonnen. Doch nun drehten die Australier auf. Sie wirbelten scheinbar unkontrolliert auf den Besen herum, hielten den Quaffel zwischen sich und konnten selbst mit beiden Klatschern zugleich nicht davon getrennt werden. Redstone griff César Rocher an. Doch dieser war wieder in überragender Form und bolzte den roten Ball mit dem Bauch aus dem Torraum. Ehe Rhoda den Quaffel zurückerkämpfen konnte streifte sie ein Klatscher, den Sandra Montferre auf sie angesetzt hatte. So landete der scharlachrote Ball bei Lagrange, der kurz nach oben durchstartete um dann mit einem wuchtigen Wurf Bruno Dusoleil bediente, der bereits in Reichweite des gegnerischen Tores flog. Doch Freeley rammte ihn mit den Ellenbogen, als er gerade den Quaffel durch einen der Ringe jagen wollte. Bruno rollte nach links über. Westersteg pfiff. "Strafwurf für Frankreich!" Rief Hippolyte. Bruno gab den Quaffel an Michelle Dornier ab. Julius erkannte genau, daß Polonius Lagrange das nicht so spaßig fand. Offenbar wollte er das so sichere Tor machen. Michelle lieferte sich mit Groover einen kurzen Hexentanz vor den Ringen. Dann drosch sie den scharlachroten Ball nach links vorne und durch den von ihr aus linken Ring hindurch, bevor Groover mit seinen Fingern an das Runde Spielgerät kam. Diesmal bedachten die Feuerraben das Tor mit einem steil aufwärts führenden Höhenflug, der die dreifache Höhe der Torringe erreichte. Dort flogen die roten Zaubervögel drei wilde Runden, bevor sie im Gleitflug, schön außerhalb des Feldes, wieder landeten. Die Australischen Maskottchen verkrampften sich, als habe ihnen jemand heftige Schmerzen zugefügt.

César Rocher war die sichere Bank der Franzosen. Das erkannten alle Zuschauer, als der Hüter in Blau-Weiß-Rot fünf wilde Angriffe der Australier parierte und sogar einen Strafstoß Dunstons vereitelte, weil Redstone bei einem sicheren Angriff von Lagrange am Besenende getroffen worden war. Allerdings brauchten die Franzosen zwei Minuten, um die nächsten zehn Punkte zu sichern. Dann gelang Rhoda ein schneller Vorstoß und eine Verlade von César, um die Null auf Seiten der Australier mit einer vorangestellten Eins zu ergänzen. Die Feuerraben klapperten verdrossen mit den Flügeln, während die Wollawangas wie lebende Raketen in den Himmel schossen und weit weit über dem Stadion einen rasanten Dreiertanz aufführten, bevor sie mit atemberaubender Geschwindigkeit auf den Boden zurückstürzten. Julius dachte erst, die kleinen Wesen würden aufschlagen und sich alles brechen. Doch einen Sekundenbruchteil vor Bodenberührung bremsten sie so stark, daß sie wie aus zehn Zentimetern Höhe fallende Federn aufkamen.

"Jetzt wissen sie, wo unser Tor ist, Julius", feixte Millie. Julius grinste und sagte laut genug, daß über den Lärm von weiter unten alles verstanden wurde:

"Gut, César hat einen reinlassen müssen. Aber jetzt kennt er den Trick."

"Es war vielleicht doch verkehrt, Ihr Flugmanöver so bereitwillig weiterzugeben, Ms. Dawn", knurrte Laurin Lighthouse, der eigentlich nur sah, wo seine Frau war. Ein Duell der Sucherinnen würde dieses Spiel entscheiden. Janine hatte dabei die größere Motivation.

"Nachdem ich es in Hogwarts immer wieder angewendet habe ist es kein Geheimnis, Laurin", sagte Aurora dem kleinwüchsigen, goldblonden Zauberer.

"Ui, das wird eins mit Ansage", zischte Julius, als eine blitzartige Staffette aus allen drei Jägern Frankreichs den Quaffel so vor das Tor von Groover brachte, daß dieser gezwungen war, sich von seinen drei Ringen zu entfernen. Doch genau darauf hatten Bruno und Michelle gesetzt. Bruno wandelte den vermuteten Torschuß in einen schnellen Paß auf Michelle um, die dann nur noch den Ball zum Flug durch den rechten Ring umlenken mußte, während Groover sich auf einen Direktschuß Brunos eingestellt hatte. Diesmal waren es die Feuerraben, die raketengleich in den Himmel stießen. Julius sah, wie aus dem Gefieder und den elfenbeinfarbenen Schnäbeln der Zaubervögel orangerote Funken stoben. Sie freuten sich offenbar wieder, ein Tor ihrer Mannschaft zu feiern.

Eine Minute später mußte César den Quaffel hinter sich aus dem mittleren Ring pflücken, weil Redstone, Dunston und Freeley in einer dichten Pyramidenformation vor ihm aufgetaucht waren und sich den Quaffel so schnell zugepaßt hatten, daß César nicht mehr erkannte, wer den entscheidenden Angriff ausführen würde. Als die Australier meinten, damit den so flinken, kugelbäuchigen Hüter Frankreichs endlich aushebeln zu können droschen die Montferres die Klatscher so, daß die Jäger vom fünften Kontinent ihre Pyramidenformation nicht beibehalten konnten. Zwar konnten Blackwood und Moore die Klatscher auf Lagrange und eine der Montferres umleiten. Doch der Quaffel landete bei Bruno, der tollkühn vorpreschte und den Ball ohne große Vorankündigung schleuderte. Groover boxte den Ball jedoch mit der linken Faust aus der Gefahrenzone. Freeley war eine halbe Besenlänge vor Bruno am so umkämpften roten Ball. Sandra Montferre, die beinahe von einem Klatscher getroffen wurde, spielte den schwarzen Ball gut dosiert zu ihrer wenige Minuten älteren Schwester Sabine weiter, die dann Redstone die Paßannahme vereitelte. Julius bewunderte es, daß es bis auf das eine Foul bisher zu keinen wirklich bedenklichen Zusammenstößen gekommen war. Die beiden Mannschaften flogen schnell und besensicher. Er fragte sich, ob er auch diese Gewandtheit besaß. Dann fiel ihm ein, daß die Profis mehrmals in der Woche trainierten und mehr Spiele pro Jahr durchstehen mußten als jede Schulmannschaft.

"Jawoll!!!" Rief Laurin Lighthouse und sprang dabei fast über den vorderen Sitz hinweg, auf dem Camille Dusoleil saß. Australien hatte das dritte Tor erzielt. Das Spiel war gerade zehn Minuten im Gang. Diesmal schrieben die Wollawangas mit ihren Körpern die Worte "Australien wird Champion" in die Luft hinter Groovers Torringen.

Jetzt machten die französischen Jäger die Pyramidenformation und erzielten damit sieben Tore in Folge, weil die Montferres als Flankenschutz jeden Klatscherangriff abfingen. Australien konnte jetzt eigentlich noch durch Schnatzfang gewinnen. Doch die Spieler aus dem Land unten drunter wolten erst einmal Tore machen. Doch die Montferres und César waren eine unüberwindliche Mauer. César jonglierte einigemale den Quaffel vor dem erfolglosen Schützen, bevor er ihn ins Feld zurückfeuerte. Die Französischen Jäger griffen wieder an. Jetzt zeigte sich der Nachteil, daß Groover nicht zu denen gehörte, die die Doppelachse Aurora Dawns konnten. Zwar wendeten Polonius, Michelle und Bruno dieses Manöver nicht an. Doch ihre Torwürfe kamen so schnell und unvorhersagbar, daß Groover immer den entscheidenden Tick zu langsam reagierte. Rhoda bedeutete dem Schiedsrichter, eine Auszeit zu pfeifen, nachdem Frankreich bereits 130 Punkte erspielt hatte. Noch vier von diesen Wirbeltoren, und Australien konnte das Finale abschreiben.

"Rhoda wird jetzt wohl Wilson in den Torraum setzen. Der kann ebenso schnell parieren wie euer César", sagte Aurora.

"Das war der, der gegen Spanien gespielt hat", meinte Julius. Aurora nickte.

"Den hätte sie danach immer schon bringen sollen", grummelte Mr. Optimus Lighthouse. "Weiß der Geier, was die dazu gezwungen hat, diesen abgehalfterten Kerl von den Thunderers zu bevorzugen."

"Das kann ich Ihnen Sagen, Optimus", erwiderte Aurora. "Die Macht der Geldgeber. Groover ist ein bekannter Werbeträger, der für die Sponsoren eine Menge Gold einbringen kann. Wilson ist noch zu neu."

"Neh, und dann riskieren die, derartig heftig eingemacht zu werden?" Fragte Julius. "Das bringt keinen müden Knut mehr, wenn ein Hüter derartig heftig vorgeführt wird." Optimus Lighthouse mußte ihm zustimmen.

"Ich muß wohl nach dem Spiel hier mal mit einigen Leuten reden, daß Leistung besser ist als Ruhm", sagte der Chef der Firma für besondere Illusionszauber. Das er die Sparks unterstützte war ja klar. Aber daß er sich im Reigen der Sponsoren nicht durchgesetzt hatte, Wilson als Stammhüter zu behalten war merkwürdig.

Die Spieler kehren auf das Feld zurück, und bei den Australiern wurde gewechselt. Für Henry Groover kommt nun Lyndon Wilson als Hüter", kommentierte Madame Latierre den durch klare Gesten und Deutungen vollzogenen Wechsel. Tatsächlich war Wilson quirliger als sein Vorgänger und konnte von acht Angriffen sieben parieren. Damit war er César fast ebenbürtig. Doch dieser fing alle Angriffe ab. Auch zwei Strafwürfe, die Australien zugesprochen bekam, konnten nicht verwandelt werden. Nun setzten die für Sydney spielenden Spieler in der australischen Nationalmannschaft die Doppelachse als Angriffsmanöver ein. Doch Polonius, Michelle und Bruno hielten dagegen. Polonius bekam seine Chance, einen Strafwurf zu verwandeln, als Dunston Michelle Dornier an den Schultern nach unten drückte, um ihr den Paß auf Bruno Dusoleil zu verderben. Polonius freute sich, als er den Ball nach kurzem Geplänkel vor dem Torraum durch den rechten Ring pfefferte. Wilson blieb jedoch gelassen. Er setzte darauf, daß seine Mannschaft ihrerseits Tore erzielte.

Tatsächlich mußte César dreimal hinter sich greifen, weil die drei anderen Jäger ihn so heftig einschnürten, daß er in jede Richtung ausweichen konnte, aber dann doch immer zwei zu viele gegen sich hatte. So holten sich die Australier die für einen Sieg durch Schnatzfang nötigen Punkte. Frankreich konnte jedoch mit zwei Toren wieder mehr als die 150 Punkte Vorsprung herausspielen. So ging das Spiel in die zweite Stunde.

Césars wilde Manöver hatten diesen wohl gut ausgezehrt. Australien konnte endlich mehrere Tore in Folge erzielen. Jetzt würde Pamela Lighthouse durch den Schnatzfang die Weltmeisterschaft entscheiden. Dann bekamen die Montferres die Angriffe der Gegner wieder in den Griff. Sie schossen sich wortwörtlich auf Dunston ein, der sich als der eigentliche Spielmacher der Australier offenbart hatte. Als sie es schafften, ihn von allen Spielzügen abzuhalten, machte Frankreich wieder fünf Tore im Minutentakt. Julius suchte nun mit den Augen nach dem Schnatz. Im Moment würde Frankreich selbst dann noch gewinnen, wenn Pamela Lighthouse den kleinen goldenen Ball zu fassen bekam. Sie versuchte immer wieder, Janine Dupont zu waghalsigen Flugmanövern zu verleiten. Doch Janine ging nach dem zweiten Wronsky-Bluff nicht mehr auf Pamelas Getue ein. Pamela verlegte sich nun darauf, Janine die Sicht zu verlegen, ohne dabei zu nahe an ihr zu bleiben. Janine Dupont ließ es sich zehn Minuten lang gefallen. Als sie dann dachte, daß sie so zu spät den Schnatz sehen würde lockte sie Pamela ihrerseits mit einem angetäuschten Sturzflug in die Flugbahn der Klatscher, die gerade von Moore und Blackwood auf Bruno Dusoleil und Michelle Dornier abgeschlagen worden waren. Pamela konnte sich nur durch die Doppelachse vor einem Zusammenstoß mit einem der beiden schwarzen Bälle retten. Janine hingegen jagte im 90-Grad-Winkel nach oben. Julius suchte mit seinem Fernrohr den Schnatz. Als er ihn knapp unter dem linken Torring der Australier sah hoffte er, daß Janine ihn auch sehen würde. Doch Pamela erblickte den goldenen Ball, weil ihr Hüterkamerad ihr eine kurze hinweisende Geste machte. Janine war zu hoch, um an den Schnatz zu kommen, bevor Pamela Lighthouse ihn erreichen konnte. Die australische Sucherin und Starspielerin der Sydney Sparks jagte los, tauchte unter beiden Klatschern hindurch, die gerade wieder von den Montferres geschlagen worden waren. Im Moment würde Australien durch den Schnatzfang noch siegen können. Nur ein Tor mehr für Frankreich, und es wäre wieder umsonst. Sie mußte ihn jetzt fangen. Die französischen Jäger wußten das auch. Sie hörten die aufkommende Aufregung im Stadion. Polonius sah, daß Pamela den Schnatz ansteuerte. Nur ein Foul würde sie davon abhalten, ihn zu fangen. Doch dann setzte es sicher einen Strafwurf. Da warf Bruno den Quaffel, den er gerade von Michelle Dornier zugepaßt bekommen hatte auf den Kapitän der Franzosen ab. Dieser ging in Stellung, den Ball sofort ins Tor der Australier zu schleudern. Er warf ab. Der Quaffel bekam einen Rechtsdrall und zischte knapp an Pamela Lighthouse vorbei. Der Fahrtwind ließ sie einen Tick nach links rollen. Da warf sich Wilson genau zwischen sie und den Schnatz, um den Quaffel aufzufangen. Sie mußte doppelachsern, um die Kollision zu verhindern. Dabei geriet sie jedoch aus der Idealflugbahn. Janine stürzte wie ein zum Beutefang niederstoßender Greifvogel herab. Der Schnatz war durch Wilsons Abwehr aus seiner bisherigen Flugbahn geraten und sauste nun mit wild flatternden Flügeln davon. Doch Janine korrigierte ihre Flugbahn und setzte ihm nach. Moore sah das und wollte ihr mit einem Klatscher den Vorstoß verderben. Er hieb den schwarzen Ball in Janines Richtung. Sandra Montferre erkannte, daß Ihre frühere Haus- und Saalmannschaftskameradin den gefährlichen Ball abbekommen mußte, wenn niemand diesen noch vor ihr abstoppte. Sie jagte los und schaffte es gerade einen Meter vor Janine, den Klatscher abzustoppen. Diese fegte unter Sandras Schlagarm hindurch. Pamela Lighthouse dicht auf dem Besenschweif. Sandra wich aus. Da jubelten die Franzosen, weil Bruno in dieser aufgewühlten Stimmung noch ein Tor gemacht hatte. Jetzt würde Australien der Schnatzfang nichts bringen. Janine jedoch wollte ihren Triumph, den Schnatzfang im eigenen Heimatstadion. Sie warf sich über das Besenende nach vorne und hieb wie eine zuschlagende Katze nach dem kleinen Etwas aus, das nun vor ihr flog. Pamela Lighthouse schaffte es gerade noch, auf Höhe von Janines Besenschweif zu gelangen, als die Sucherin der Franzosen die rechte Faust zurückriß und dann mit unübersehbarem Triumph in die Höhe reckte. Jeder im Stadion konnte die wild schwirrenden Silberflügel zwischen ihren Fingern sehen. Pamela Lighthouse sackte auf ihrem Besen ab. Doch sie raste noch mit mehr als einhundertfünfzig Stundenkilometern dahin, während Janine bereits steil nach oben stieß.

Die letzten Sekunden vor diesem Ereignis waren von angespannter Stille erfüllt worden. Beide Fan-Gruppen wußten, daß jetzt die Entscheidung anstand. Als Janine den Schnatz sicher in der rechten Hand hielt entlud sich die Anspannung in einer Lärmexplosion. Die Franzosen brüllten in unbeschreiblicher Freude, stampften und Klatschten. Die Australier stießen einen Entsetzensschrei aus, der in ein höchstbetrübtes Wehklagen überging. Julius sah noch, wie Pamela Lighthouse beinahe mit dem Besen in das Spielfeld einschlug. Nur einem unbewußten Reflex verdankte sie, daß sie zu allem Ungemach nicht auch noch verletzt wurde. Sie riß den Besen nach oben. Der Schweif schrammte über das Spielfeld. Pamelas Besen bockte und ruckelte. Doch sie schaffte es, ihn sicher zu landen. Janine freute sich derweil über ihren Erfolg, der sicher der Fang ihres Lebens war. Ihre Euphorie entlud sich in einem regelrechten Wasserfall aus Freudentränen, dessen Anblick viele Zuschauer ansteckte.

Die Feuerraben wurden zu orangeroten Feuerbällen, die auf und niederhüpften und dann mit rotgoldenen Funken "Wir sind Weltmeister!!" an den Himmel zu schreiben. Die Wollawangas wirbelten eine Sandwolke auf, die sie mehr und mehr einhüllte und zudeckte. Es sah so aus, als wollten die geflügelten Affenwesen sich selbst lebendig begraben, weil sie das Elend der Niederlage nicht verkraften konnten. Doch als der Sandhaufen wirklich schon drohte, alle Wollawangas einzuschließen, platzte dieser in einer heftigen Explosion ohne Knall und Lichtblitz auseinander und prasselte auf die Spieler und die Träger der Tribüne nieder.

"Goldmädel, Goldmädel!" Riefen die Fans der Franzosen und schickten la Ola, die mexikanische Welle, auf die Reise durch das Oval des großen Stadions. Julius suchte mit dem Omniglas Kevin Malone. Hatte der nicht gesagt, Frankreich oder Peru könnten ruhig Weltmeister werden? Er sah Kevin bei den Hollingsworths, Gloria und Pina. Die alte Bande aus Hogwarts war wieder zusammen und jubelte den Franzosen zu. Julius ertappte sich dabei, daß er einen Moment lang betrübt war, nicht mit ihnen zusammen dort in der Zuschauermenge zu sitzen. Irgendwie fühlte er sich einen winzigen Moment lang ausgegrenzt. Da unten saßen seine Schulfreunde aus Hogwarts-Zeiten. Doch dann überflutete ihn die unbeschreibliche Glücksstimmung: Frankreich hatte die Weltmeisterschaft gewonnen. Seine neue Heimat hatte den Titel geholt. Nach dem Erfolg im Fußball vor einem Jahr hatte dieses Land nun noch einen Weltmeister. Er hatte mitgeholfen, daß diese Mannschaft überhaupt so weit gekommen war. Denn ohne Aurora Dawns Doppelachse hätten Bruno und die anderen gegen Australien schlecht ausgesehen. Dann fühlte er, wie ihn zwei starke, warme Arme umschlangen und ihn an einen großen, weichen, warmen Körper zogen. Er sah rotblondes Haar, das ein überglücklich strahlendes Gesicht umrahmte. Er sah die rehbraunen Augen, die nun von Freudentränen glitzerten. Dann fühlte er die warmen, weichen Lippen seiner Frau auf seinem Mund und gab sich dieser Verbundenheit hin. Er fühlte Millies Freude und fühlte ihren Körper. Beides zeigte ihm, daß er nicht ausgegrenzt war. Er gehörte dazu, war Teil dieses aus Jubelgeschrei, Freudentränen und Festtagsstimmung gebildeten Energiestroms. Er hörte und sah, daß die La Ola gerade auf der Höhe der Ehrenloge unter ihnen entlangrollte. Sofort löste er sich aus Millies Umarmung und riß seine Arme hoch, um die Welle auch hier oben durchlaufen zu lassen. Aurora lachte und gab sie nach links weiter, wo Camille sie allzugerne übernahm und weitergab. Die Stadionwelle lief ungebremst und unverebbt weiter und erreichte den Block der Australier. Erst dort war Schluß. Doch die Franzosen ließen sich von den tiefbetrübten Australiern nicht beirren und starteten eine zweite und eine dritte Stadionwelle. Hippolyte wartete, bis der erste Jubelorkan weit genug abgeflaut war. Dann rief sie mit unverhohlener Begeisterung:

"Messieursdames, Ladies and Gentlemen, gewinner der 423. Quidditchweltmeisterschaft ist ... Frankreich!!" Diese Worte entfachten den zweiten lautstarken Begeisterungssturm. Klatschen, Brüllen, Jauchzen, Stampfen. Julius meinte, seine Trommelfelle müßten gleich in tausend Fetzen zerreißen. Er hörte ein Klirren im Lärm der Zuschauer. "Mit insgesamt 460 zu genau 150 Punkten gewinnt die französische Quidditchnationalmannschaft das Turnier von Millemerveilles!" Julius sah auf das Spielfeld. Die siegreiche Mannschaft war ein einziges Knäuel, dessen Zentrum die erfolgreiche Sucherin war. Die Australier standen nur wie Denkmäler da und schienen nicht zu wissen, wie sie sich jetzt verhalten sollten. Sie waren so weit gekommen. Beinahe hätten sie die Weltmeisterschaft gewonnen. Die Wollawangas hockten mit schlaff herabhängenden Flügeln auf ihrer Seite des Spielfeldes, während die Feuerraben die Torringe auf ihrer Seite des Feldes besetzt hatten und wild krächzten.

"Ich wußte schon, warum ich Belenus und Juno unter den Schallschluckerumhang gepackt habe", meinte Jeanne zu ihrer Mutter, als der Lärm ein wenig abgeklungen war.

"Ach, ist es jetzt sicher, wie rum sie ankommen werden?" Fragte Camille, die ihre kleine Tochter Chloé in den Armen hielt. Julius sah jetzt erst, daß Camilles und Florymonts jüngstes Kind kleine Ohrenschützer aufhatte, die wohl gerade so viel Lärm durchließen, daß das gerade etwas mehr als ein Jahr alte Hexenmädchen keinen Gehörschaden abbekommen würde. Julius war sich bei seinen Ohren nicht so sicher, ob er je wieder eine Stecknadel würde fallen hören können.

Die siegreiche Mannschaft entknäuelte sich erst nach fünf Minuten. Dann flogen sie auf ihren Besen auf, um mindestens drei Ehrenrunden über dem Stadion zu fliegen. mehr als fünfzigtausend Stimmen riefen die Namen der sieben Quidditchhelden. Endlich lösten sich auch die knapp am Erfolg vorbeigeschrammten Australier aus der Starre. Pamela saß als erste wieder auf ihrem Besen auf. Allerdings wollte der nicht mehr so recht nach oben. Der Schweif hatte beim Fegen über das Feld doch mehr abbekommen. So verzichteten die anderen auch auf eine trotzig ausgeflogene Ehrenrunde. Sie sahen den Franzosen zu, wie sie immer wieder über das Stadion dahinbrausten, fast wie auf einem Karussell. Sie schlenkerten, hüpften, rollten nach links oder rechts über, wippten und wedelten bei jeder Runde. Insgesamt wurden es zwölf Ehrenrunden, von denen die letzten fünf laut vom Publikum mitgezählt wurden. Hippolyte Latierre winkte dem französischen Zaubereiminister, der sich von seiner Familie verabschiedete und über die Treppe der Ehrenloge hinabstieg, um sich auf die Siegerehrung vorzubereiten. Julius sah die australische Zaubereiministerin an und fragte sie verhältnismäßig leise:

"Sie sind jetzt sehr enttäuscht?" Mrs. Rockridge sah ihn verhalten freundlich an und erwiderte:

"Sagen wir es so, ich hätte mir schon ein anderes Ergebnis gewünscht. Aber ich habe schon geahnt, daß der Heimvorteil und der Erfolgsdruck die Heimmannschaft zu überragenden Leistungen antreiben wird. Ich habe Monsieur Grandchapeau schon gratuliert. Wie viele von den Herrschaften konntest du in Beauxbatons noch miterleben?"

"Bis auf Mademoiselle Dornier und Monsieur Lagrange alle, die gespielt haben", sagte Julius. Beinahe hätte er verraten, daß er César schon oft ein paar Tore aufgeladen hatte. Doch zwischen damals und heute lagen Zeiten und Welten. Womöglich würde er heute keinen Punkt mehr gegen César Rocher machen.

"Ich denke, das Mädchen wird doch wollen, daß es Janine heißt, Jeanne", tönte Millie an Jeannes Adresse.

"Ich kläre das mit Bruno noch mal ab", lachte Jeanne.

Ganze zehn Minuten dauerte es, bis der Lärmpegel weit genug unten war, daß die Musiker gehört wurden, die nun eine lange, mitreißende Fanfare schmetterten, als Hippolyte Latierre und der Zaubereiminister Frankreichs auf dem Spielfeld standen. Im Schein des Amplumina-Zaubers, der das Zaubererweltgegenstück zum elektrischen Flutlicht war, hoben sich die Gestalten der Funktionäre und Spiler deutlich ab. Auch Monsieur Castello, der Ehrenspielführer und Veteran der Millemerveilles Mercurios, hatte sich zur Siegerehrung eingefunden. Da wurde auch schon das Objekt der Begierde herbeigetragen. Unter einem blütenweißen Tuch stand er, der Weltmeisterschaftspokal. Der Vertreter von der IOMSS und der des Weltquidditchverbandes flankierten Hippolyte Latierre. Julius kannte ähnliche Szenen von olympischen Spielen und von internationalen Fußballturnieren. Die Fanfare klang in vier ausgiebig und kräftig geblasenen Akkorden aus. Gedämpfter Jubel überlagerte für einige Sekunden alle Geräusche. Dann sprach Hippolyte erneut mit magischer Stimme:

"Viele Hexen und Zauberer träumen das, was Sie heute erlebt haben, ein Quidditchfinale im eigenen Land zu spielen. Doch nur sehr wenige wagen es, davon zu träumen, dieses Finale auch zu gewinnen. Jahre der Planung, Prüfung und der bangen Ungewißheit, ob es überhaupt noch einmal eine Quidditchweltmeisterschaft geben darf, wo ein macht- und mordlüsterner Zauberer ein ganzes Land und viele anständige Hexen und Zauberer mit Terror und Tod bedrohte, sind heute zu ende gegangen. Die Vorbereitungen, die Ausführung, und nicht zuletzt die spannenden Partien liegen nun hinter uns. Wir haben eben ein bis zum Ende spannendes Spiel gesehen, das die Bezeichnung Weltmeisterfinale verdient hat. Wir sahen zwei Mannschaften, die den Mut, den Willen und die Mittel besaßen, diese Weltmeisterschaft zu gewinnen. Nun steht der Sieger fest. Doch ohne den Wettkampf kann kein Sieg gewürdigt werden. Darum möchte ich zunächst die eifrigen und hochtalentierten Spielerinnen und Spieler der australischen Nationalmannschaft darum bitten, vor uns alle hinzutreten, und den Lohn für die großartige Leistung in Empfang zu nehmen." Es gab doch tatsächlich Leute, die nun lauthals loslachten. Julius wußte nicht, was daran so komisch sein sollte, daß erst die Zweitplatzierten gewürdigt wurden. Australien hatte ja auch überragend gut gespielt. Hätte Janine nicht den Schnatz gefangen wäre womöglich Australien Weltmeister geworden. So hörte er nicht auf das spöttische Gelächter, sondern auf die rhythmischen Klänge der Didgeridoos und Klanghölzer, als Rhoda Redstones Mannschaft mit erhobenen Köpfen auf das Podest stieg, daß für die Siegerehrung errichtet worden war. Unter den Klängen einer weiteren Fanfare hängte Hippolyte Latierre den Viceweltmeistern silberne Medaillen um und gratulierte jeder und jedem einzelnen. Dann wurde der Pokal enthüllt. Jener beinahe mannsgroße Behälter mit den wuchtigen Henkeln stand auf einem Sockel auf der obersten Stufe des Podestes. Jetzt flutete weiteres Zauberlicht durch das Stadion. Es war wie ein goldener Lichtbalken, der den Pokal noch intensiver glänzen ließ. Wieder stimmten die Musiker eine Fanfare an, während die neuen Weltmeister nun gemessenen Schrittes auf das Podest hinaufstiegen und sich um den Pokal herum aufstellten. "Ich übergebe das Wort an Minister Grandchapeau", sagte Madame Latierre noch. Lauter Beifall donnerte durch das Stadion. Monsieur Grandchapeau nahm Aufstellung und bezauberte seine Stimme mit dem Sonorus-Zauber.

"Liebe Freunde des schnellen Besensportes. Selten habe ich ein Endspiel gesehen, dessen Ausgang so ungewiß war. Doch immer dann, wenn ich ein solches Spiel miterleben durfte, habe ich mich sehr für die Mannschaft gefreut, die mit Einsatzbereitschaft, Können und wohl auch einem nötigen Quantum Glück das Spiel für sich entscheiden konnte. So ging es mir auch heute. Dennoch kann ich auch in der Rolle des alle und jeden willkommenheißenden Gastgebers nicht verhehlen, wie stolz ich bin, die französische Quidditchnationalmannschaft auf einem solch hohen Leistungsstand erleben zu dürfen. Doch wie meine Vorrednerin und Mitarbeiterin zurecht sagt: Wir müssen alle die ehren, die uns in den letzten Wochen so kurzweilig unterhalten haben. Darum möchte ich, daß die australische Quidditchmannschaft weiß, daß sie sich heute einen ungeheuren Respekt von meiner Seite verdient hat. Sicher wäre Ihnen der Weltmeisterpokal lieber als derartige Bekenntnisse. Doch sollen Sie wissen, daß Sie den weiten Weg nicht gemacht haben, ohne für ihren Erfolg gewürdigt zu werden. Ich bin sicher, daß wir in den nächsten Weltturnieren wieder mit Ihnen zu rechnen haben werden und daß die großartige Arbeit, die sie geleistet haben, irgendwann belohnt wird.

Nun, wo die Entscheidung feststeht und damit die Weltmeisterschaft 1999 entschieden ist, darf ich mich an der Ehre erfreuen, die siegreiche Mannschaft dieses Turnieres auszuzeichnen. So überreiche ich im Namen der französischen Zauberergemeinschaft diesen Pokal an Sie, Mannschaftskapitän Lagrange. Des weiteren darf ich meine hochgeschätzte Mitarbeiterin, die Leiterin des Organisationskomitees Millemerveilles 1999, Madame Hippolyte Latierre, darum bitten, die Mitglieder der Mannschaft auszuzeichnen!" Damit ergriff er mit beiden Händen den Pokal und stemmte ihn. Julius sah, wie die Armmuskeln des Ministers anschwollen. Das Ehrengefäß hatte offenbar ein beachtliches Gewicht. Heimlich hoffte er darauf, den begehrten Riesentrinkbecher einmal anheben zu dürfen, wenn er hier oder in Paris seine vorläufige Ruhestätte finden würde. Polonius Lagrange griff behutsam zu und übernahm den schweren Pokal vom Zaubereiminister. Er stemmte ihn noch höher. Wieder erscholl vieltausendstimmiger Jubel. Fotoblitze flammten auf und kämpften gegen das vorherrschende Licht an. Lagrange setzte den Pokal an die Lippen und ließ einen winzigen Schluck von dem was darin war in seinen Mund laufen. Sicher war es wieder edelster Schaumwein, Champagner der Extraklasse, dachte Julius. Polonius reichte den Pokal an die neben ihm stehende Michelle Dornier weiter. Als auch diese einen winzigen Schluck des sicher teuren Inhaltes zu sich genommen hatte, wanderte der Weltmeisterpokal weiter durch die Mannschaft. Bruno bekam ihn, dann Sabine und dann Sandra Montferre. Die glückliche SucherinJanine Dupont streckte ihn so gut sie konnte über die Höhe ihres Kopfes. Dann nippte auch sie an dem gewaltigen Gefäß und reichte es weiter an die Reservemannschaft, angefangen bei Maurice Dujardin, ohne dessen Schnatzfänge Frankreich nicht ins Finale gekommen wäre. Minutenlang wanderte der Pokal, bis er einmal bei jedem der Siegermannschaft angekommen war. Hippolyte hatte in dieser Zeit jedem Mannschaftsmitglied eine Goldmedaille umgehängt. Weitere Fotos wurden gemacht. Dann sagte der Minister:

"Möge dieser Pokal das leuchtende Beispiel dafür sein, daß das Streben nach Erfolg und Ruhm im Einklang mit allen vertrauten Regeln und im Rahmen des friedlichen Miteinanders erfolgen möge!" Dann durfte Kapitän Lagrange etwas sagen. Er bedankte sich bei allen, die ihm diesen großartigen Augenblick ermöglicht hatten. Als er in Beauxbatons Quidditch gespielt hatte war er nicht darauf gekommen, einmal als Weltmeister im eigenen Land auf dem Podest zu stehen. Er freute sich und bedankte sich auch bei den beiden Treiberinnen Sabine und Sandra Montferre, sowie den beiden Suchern Janine Dupont und Maurice Dujardin, der nun, wo Janines Schnatzfang seine Leistungen weit überstrahlt hatte, eine Winzigkeit enttäuscht dreinschaute. Doch das verging innerhalb von Sekunden. Er hatte den Weltmeisterpokal gewonnen. Er hatte ihn in den Händen gehalten, auch wenn er den entscheidenden Schnatzfang nicht ausgeführt hatte.

Unter rhythmischem Klatschen und den schmetternden Klängen der auf ihren Besen fliegenden Musiker verließen die siegreichen Spieler und die nicht ganz so glücklichen Gegner das Stadion. Dann erst durften die Zuschauer hinaus. Julius pflanzte sich ans Eingangstor. Die Australier waren stimmungsmäßig zwischen apathisch und sportlich begeistert.

Julius Schicht dauerte bis Mitternacht. Als er ins Apfelhaus zurückkehrte waren Pina und Gloria schon in den Betten. "Kevins Eltern wollten sie und ihre Verwandten zu einer Feier einladen. Doch die beiden haben gesagt, daß morgen ein langer Tag ist", wisperte Millie, bevor Julius ins Badezimmer ging, um sich für die Nacht umzuziehen. Als sie beide nebeneinander in ihrem breiten Ehebett lagen meinte Millie noch: "Ich denke, wir kriegen demnächst eine Janine und einen Belenus vorgestellt. Bruno und Jeanne werden wohl von der bisherigen Namenswahl abgehen."

"Wann wolltest du noch mal zu Tante Trice hin?" Fragte Julius.

"Übermorgen habe ich den Termin bei ihr. Aber das wird ein Hausbesuch, weil ich nicht weiß, was der Organisationsleiterin des Komitees Millemerveilles 1999 noch alles einfällt."

"Morgen erst mal die Sonnenfinsternis. Das kriegt man auch nur alle hundert Jahre zu sehen."

"Hmm, hat Florymont die Sonnenschutzbrillen fertig?" Fragte Millie.

"Alle, Mamille. Wir brauchen uns also nicht die Augen zu verderben, wo wir heute unsere Ohren ramponiert haben."

"Tante Trice hat uns Ohrentrosttropfen für die Hausapotheke überlassen. Am besten, wir nehmen die morgen Früh ein." Julius bejahte das. Dann legten sich beide so, daß sie problemlos nebeneinander einschlafen konnten. Die Weltmeisterschaft war zu Ende. Frankreich hatte den Titel im eigenen Land geholt, und sie beide kannten die großartigen Spielerinnen und Spieler, hatten selbst mit ihnen oder gegen sie spielen dürfen. Das war ein erhabenes Gefühl.

 

__________

 

Millie kam am nächsten Morgen etwas schwerfälliger aus dem Bett als üblich. Offenbar brauchte ihr Kreislauf einige Sekunden mehr, um sich vom Schlaf- auf den Wachzustand umzustellen. Doch sie und Julius wollten jetzt nicht weiter darüber reden, ob dies schon die körperliche Umstellung einer Schwangerschaft war oder vielleicht doch nur Wunschdenken, das Millies Gehirn unbewußt in körperliche Begleiterscheinungen umsetzte.

"Brauchen wir Festgarderobe für die Reise?" Fragte Gloria Julius, der die Bedingungen für die Mitnahme nach Greifennest gelesen hatte. "Wenn wir durch Zaubergärten oder an Tiergehegen vorbeilaufen, Gloria? Von Festgarderobe steht da nichts, zumal Greifennest keine offizielle Feier aus der Sonnenfinsternis machen will", erwiderte der Herr des Apfelhauses. "Was wir aber wohl brauchen sind Schutzbrillen. Florymont bringt uns gleich genug mit, damit wir nicht mit bloßen Augen in die Sonne kucken müssen", fügte er noch hinzu.

"Gut, dann kann ich den Festumhang hierlassen", sagte Gloria.

florymont Dusoleil landete zehn Minuten vor der Zeit, zu der die Bewohner des Apfelhauses aufbrechen wollten auf einem Transportbesen und übergab Julius und Mildrid eine Kiste mit zwanzig leichten Brillen mit Seitenschutz aus verdunkelter Pappe. Die Gläser waren so bezaubert, daß sie gerade soviel Strahlung durchließen, wie für die Augen unschädlich war. "Das habe ich zum Patent angemeldet. Deshalb könnt ihr die ruhig in Deutschland vorstellen. Wenn ein Patentverfahren läuft kann kein Anderer für dieselbe Erfindung Ansprüche anmelden. Nur verkaufen darf ich die Brillen noch nicht", sagte der Zauberkunsthandwerker von Millemerveilles.

"Im Internet stand was, daß sie in Deutschland und Frankreich Pappbrillen mit silbernen Folien verkaufen, die superstark getönt sind. Ich nehme noch weißes Pergament mit, daß ich gleichwarm bezaubert habe. Dann kann es nicht durchbrennen, wenn ich mit dem Fernrohr die Sonnenscheibe drauf projiziere", sagte Julius und legte drei dicke Pergamentrollen in die Kiste mit den Brillen.

"Uranie hat schon eine Brille von mir, Julius. Ihr trefft sie ja bei den Greifennestlingen", erwiderte Florymont Dusoleil noch. Julius nickte und bedankte sich bei seinem entfernten Verwandten für die Schutzbrillen.

Gloria und Pina hatten keine Festumhänge angezogen. Dennoch wirkten sie in ihren Kleidern irgendwie feierlich. Gloria trug ein smaragdgrünes Rüschenkleid mit silbernen Verzierungen, während Pina ein himmelblaues Sommerkleid trug. Dieses paßte gut zu Julius himmelblauem Gebrauchsumhang. Millie hatte sich ihr Beauxbatons-Sonntagskostüm aus blaßblauem Rock und weißer Bluse angezogen. Julius trug die von Florymont übergebene Kiste unter einem Arm. Millie schloß das Haus von außen ab, als alle auf der weitläufigen, kreisrunden Wiese standen. Julius fragte sich, ob er seine Mutter nicht mit auf die Anfrageliste hätte setzen sollen. Als Portschlüssel würde wohl wieder das lange Tau herhalten, mit dem die Schülergruppe und ihre Betreuer angereist waren. Doch ob das ausreichte, die bereits feststehenden Passagiere mitzunehmen wußte er nicht.

Da nun alle apparieren konnten brauchten Millie und Julius keine Besen, um Pina und Gloria zu transportieren. Sie apparierten zum Rand des Dorfes hin und durchschritten die magische Barriere, die jedes weiterführende Apparieren abblockte. Einige hundert Meter von der unsichtbaren Umgrenzungsglocke stand Madame Pierre, die Frau des für Sicherheitsfragen zuständigen Dorfrates, gegen die Julius auch schon häufiger Schach gespielt hatte. Sie dirigierte die sich schon versammelnde Truppe aus Greifennest. Julius erkannte, daß auch schon die Whitesands und Uranie Dusoleil eingetroffen waren. Magistra Rauhfels winkte den vieren zu. Julius schritt voran und meldete leise aber fast schon militärisch das Antreten der Apfelhausgruppe.

"Schön", sagte die Zaubertierkundelehrerin. Julius griff in eine Seitentasche seines umhanges und holte einen kleinen Beutel heraus, in dem es vernehmlich klimperte. Er zählte der Hexe zwölf große Goldmünzen in die Hand. Sie nickte und versenkte die Galleonen durch einen Schlitz in einen Kasten, der wie eine Spardose aussah. Sie berührte den kleinen Kasten mit dem Zauberstab und sagte: "Latierre, Julius, Latierre, Mildrid Ursuline, Porter, Gloria Grace und Watermelon, Pina." Darauf spie der Kasten aus einem nicht sichtbaren Auswurfschlitz einen breiten Pergamentstreifen aus. Dieser wurde bei zwanzig Zentimetern Länge abgetrennt. Magistra Rauhfels überprüfte ihn, faltete ihn so, daß er nur noch halb so lang war und stupste den Knick mit dem Zauberstab an, worauf sie zwei gleichkurze Streifen Pergament in der Hand hielt. Einen davon gab sie Julius, der darauf ablas, daß er und die drei ihn begleitenden Hexen ordentlich zugestiegene Begleiter der Gruppe waren.

"In Ordnung, die Damen und Herren", sagte Madame Pierre auf Französisch, bevor sie etwas auf Deutsch sagte. Dann trafen noch Laurentine Hellersdorf und Belisama Lagrange ein. Belisama wirkte jedoch so, als sei sie gerade vor einer Minute aus dem Bett gefallen und habe nur durch Schnellankleidezauber ihre Tageskleidung anbekommen, um rechtzeitig anzukommen. Laurentine ging zu Magistra Rauhfels und übergab ihr das Gold, das für die Mitnahme von schulfremden Begleitern festgelegt worden war. Auch sie bekam einen von zwei halben Bestätigungsstreifen und zeigte ihn Belisama, die ihr honigfarbenes Haar gerade mit einem Kämmzauber ordnete. Ihre bergquellklaren Augen wirkten übermüdet, als habe sie die ganze Nacht durchgefeiert. Das konnte durchaus hinkommen, wenn die Familien der Siegermannschaft die gewonnene Weltmeisterschaft derartig heftig feierten. Die eigentliche Siegesfeier im Rahmen der offiziellen Abschlußveranstaltung würde es heute abend geben. Gloria bedachte Belisama mit einem mitleidsvollen Blick. Sicher hatte sie sie schon oft ungekämmt und ungeschminkt, womöglich sogar nackt gesehen, als sie als Gastschülerin im weißen Saal von Beauxbatons gewohnt hatte. Aber zum Frühstück waren alle Schülerinnen immer adrett und gestriegelt in den Speisesaal gekommen.

"So, das sind die letzten, die ich noch auf der Liste hatte", sagte Magistra Rauhfels auf Französisch zu Madame Pierre. Diese nickte und formierte zusammen mit der grauhaarigen Gräfin Greifennest und ihren drei Mitarbeitern Rauhfels, Windspiel und Maiglock die Schülertruppe. Julius ging noch von einem Zählappell aus, um sicherzustellen, daß keiner vergessen wurde. Doch offenbar wurde durch die Aufstellung in Zweierreihen schon sichergestellt, daß alle angereisten und die registrierten Gäste vollzählig waren.

Gräfin Greifennest ließ sich das lange Tau übergeben, das sie bei der Anreise mitgebracht hatte. Julius erkannte, daß es tatsächlich mehr Leute berühren konnten, als bei der Anreise darangehangen hatten. Die Gräfin ging ganz nach vorne, während Rauhfels, Windspiel und Maiglock das Tau in insgesamt drei Abschnitte teilten. Die Heilerin von Greifennest ergriff das hintere Tauende. vor ihr und zwischen den anderen Schullehrern faßten die Schülerinnen und Schüler und die Passagiere das dicke Tau an. Julius stand zwischen seiner Frau und Gloria, während Pina zwischen Gloria und Prudence stand, die den kleinen Perseus mit einem Tragetuch auf der Schulter trug. Dann hatte jeder der hier eingetroffenen Kontakt mit dem Tau.

Julius warf einen Blick auf die große Uhr, die den Zeitpunkt der Abreise anzeigen würde. Als der große Zeiger genau auf der Sechs stand und der kleine Zeiger kurz vor der Zehn, riß es ihn förmlich von den Beinen. Er meinte, jemand zerre ihn mit einem in seinen Bauchnabel gerammten Haken in einen Strudel aus Farben und Geräuschen hinein. Er fühlte, wie es ihn herumwirbelte. Oben und unten waren im Moment nicht mehr zu erfassen. Julius fürchtete erst, den Halt am Tau zu verlieren. Doch dann spürte er, daß seine Hand an dem berührten Taustück klebte wie ein Eisennagel an einem Hochleistungsmagneten. Der wilde Flug durch die bunte Zwischendimension, in der sich Portschlüssel bewegten, dauerte lange. Julius konnte nicht sagen, wie lange genau. Erst als er den Fall fühlte und bäuchlings auf hartem Pflasterstein landete wußte er, daß er am Ziel war. Er fühlte einen Körper auf ihn fallen und merkte, daß Gloria wohl voll auf ihn draufgefallen war. Seine Körpergröße und Kraft sorgte dafür, daß er davon nicht zu heftig beeindruckt wurde. Er ließ das Tau los und stemmte sich hoch, wobei er Gloria mit auf die eigenen Füße stellte. Seine frühere Hauskameradin war heftig errötet. Schnell glättete sie ihr Kleid und kämmte sich mit Zauberkraft das blonde Lockenhaar wieder glatt. "Ich hätte Frisurfixierlösung benutzen sollen", fauchte sie verärgert. "Gut, dann für die Rückreise", fügte sie noch hinzu. Auch die anderen Hexen schienen sich eher um ihre Kleidung und Frisuren zu sorgen, erkannte Julius. Millie striegelte schnell ihre Haare, bevor sie ihren zerzausten Rock ordnete. "Wir sind da", vermeldete Magistra Rauhfels.

Julius Blickte sich um. Sie standen mitten auf einem Hof, der von einer mehr als fünfzehn Meter hohen Granitwand umfaßt wurde. In der Wand erkannte er mannshohe Spitzbogenfenster, die wie dreieckige Riesenaugen auf ihn und die anderen herabzublicken schienen. Die Mauerführung und damit der Hof bildete ein gleichseitiges Achteck. Im Zentrum dieses geometrischen Gebildes stand ein kreisrunder Backsteinbrunnen mit einer echt mittelalterlich anmutenden Schöpfvorrichtung, an der ein bestimmt dreißig Liter fassender Eimer hing, der über eine Holzkurbel in den Schacht abgelassen werden konnte. Der Hof war mit schwarzen, roten und weißen Platten gepflastert, die jeweils gleichseitige Dreiecke bildeten, die sich an den Spitzen berührten. Nur dort, wo die mit Fenstern bestückte Mauer verlief, waren sie zurechtgeschnitten, um mit dem Verlauf gerade abzuschließen. Er blickte an den Wänden hinauf und erkannte jetzt, daß sie in einem Innenhof standen. Um sie herum war ein großes Gebäude. Millie blickte die Wände hinauf und deutete dann auf drei Dachfenster, die gerade von ziegelroten Fensterläden verschlossen wurden. Sie hoben sich gerade so von der schuppenartig verarbeiteten Anordnung der Dachziegel ab. Jetzt konnte Julius die Spitze eines Turmes erkennen, die noch einige Meter über das Dach hinausragte.

Auf der blütenweißen Turmspitze ragte eine schlanke Marmorsäule in den Himmel. Auf dieser saß eine überlebensgroße Nachbildung einer weißen Taube mit ausgebreiteten Flügeln. Die Sommermorgensonne hüllte den Turmschmuck in eine goldene Aura ein. Da lag also Haus Taubenflug, dachte Julius. Er drehte sich und suchte weitere Turmspitzen. In südlicher Ausrichtung konnte er einen vergoldeten Turmhelm sehen, auf dessen Mittelpunkt drei lange Goldbalken ruhten, die bei genauer Betrachtung drei von insgesamt zwanzig langen Strahlen einer mindestens einen Meter durchmessenden Sonnenscheibe waren. Da lag also Haus Sonnengold. Im Westen erkannte er das obere Ende eines Turmes, das wie eine aufgesetzte Bronzeglocke aussah, auf der ein Amboss wie für einen riesigen Schmied ritt. Auf dem Amboss lag ein entsprechend großer Hammer, dessen eiserner Kopf nach Osten und damit genau auf das Haus und seinen Innenhof gerichtet war. Das war also das Haus Erzenklang. Genau in Nordrichtung erhob sich ein Turm mit silberner Spitze. Darauf ritt ein silberner Halbmond, der so groß wie die goldene Sonnennachbildung im Süden war. Dort wohnten die Schüler, die dem Haus Mondenquell zugeteilt worden waren. Dessen Hauslehrerin war, soweit er es von Waltraud und Bärbel berichtet bekommen hatte, Magistra Rauhfels. Diese gewährte den Passagieren die nötige Zeit, ihre Umgebung zu betrachten. Dann drehte sie sich um und sprach auf Französisch zu den Passagieren:

"Wir sind hier im Atrium des Hauptgebäudes von Burg Greifennest. Hier finden jedes Jahr zu Schuljahresbeginn die Versammlungen der neuen Schüler statt, bevor sie sich unserem Zuteilungsvorgang stellen müssen, um zu klären, in welchem der vier in den Türmen befindlichen Schulhäuser sie während ihrer Schulzeit unterkommen. Ein Verbindungsgang führt von hier zum großen Burghof. Dorthin werden wir nun gehen, um freie Sicht auf die Sonne zu erhalten." Sie wandte sich an ihre Schüler und sprach auf Deutsch zu ihnen. Derweil übersetzte Prudence für ihren Mann und seine Schwester, was Magistra Rauhfels gesagt hatte.

Durch eine Zweiflügelige Eichenholztür betraten sie den langen Gang quer durch den Ostteil des Hauptgebäudes. Julius war neugierig, wie die Schüler in das Hauptgebäude selbst hineingelangten. doch das würde er sich von Bärbel oder Waltraud erzählen lassen, die weiter hinten am Tau gestanden hatten und sich nun wie ihre Mitschüler durch den Durchgang bewegten.

Der Burghof war wesentlich größer als der Innenhof. Julius sah in knapp hundert Metern Entfernung die hoch aufragende Mauer, die sicher einige Meter dick war. Er erkannte den für alte Burgen typischen Wehrgang und die mannshohen Zinnen, zwischen denen gerade einmal ein erwachsener Mensch hindurchpassen mochte. Jetzt konnte er sehen, daß die Mauer ein Dreieck mit einer abgeflachten Spitze bildete, die für sich schon eine knapp zehn Meter lange Seite für sich war. Dort war auch der Turm mit der goldenen Sonnenscheibe, die jetzt, aus weniger großer Entfernung, klarer abzumessen war. Julius erkannte, daß sie wohl an die zwei Meter Durchmaß und die von ihr ausgehenden Strahlen noch einmal so lang waren, so daß das gesamte Kunstwerk sechs Meter Durchmesser besaß. Der Boden des Hofes war mit weißen, grauen und schwarzen Kopfsteinen gepflastert. Julius sah große Obstwiesen und Gemüsebeete, die einen breiten, grünen Gürtel um das Hauptgebäude formten. Hier stand kein Brunnen. Stattdessen gab es hier mehrere runde Steintische, die von ringartig verbauten Holzbänken umschlossen wurden. Julius vermutete, daß sich die Schüler hier treffen konnten, wenn das Wetter es zuließ.

"Sie haben bis zehn Uhr Zeit, sich die Burganlage von außen anzusehen", sagte die Lehrerin für Kräuter- und Zaubertierkunde. Sie blickte auf ihre kleine Armbanduhr, überlegte kurz und sagte dann. "Sie können es nicht überhören. Heute um zehn Uhr ist Erzenklang mit der Bezeichnung der vollen Stunde dran. Das ist der Turm, auf dessen Spitze der Amboss und der Hammer aufgesetzt sind. Wenn es zehn Uhr ist schlägt der Hammer alle fünf Sekunden einmal auf den Amboss, bis eine Minute verstrichen ist. Um Zehn Uhr treffen sich dort alle, die meine Vorführung heliosensitiver Zauberpflanzen und -tiere mitmachen möchten, die ich für etwas mehr als eine Stunde angesetzt habe. Die anderen Teilnehmer unserer Anreise dürfen sich hier auf dem Hof oder der zehn Ellen breiten Mauer schon einmal einen Platz erwählen, von dem aus sie die Sonne beobachten möchten."

"Ich dachte, die Vorführung und das alles läuft auf Englisch ab", grummelte Mike Whitesand, als Prudence ihm die Ansage übersetzt hatte. Prudence erwiderte darauf auf Englisch, daß das ja für die gerade mitgekommenen Gäste bestimmt war, die ja eben aus Frankreich angereist waren. Die Erklärungen selbst würde sie dann wohl auf Englisch machen.

"Gloria, Pina, ihr seid nicht bei der Erkundung dabei?" Fragte Julius noch einmal. Pina schüttelte den Kopf. Sie wollte lieber zusehen, wo sie sich hinstellen konnte, um die Sonne zu sehen. Uranie Dusoleil hatte ähnliches vor. Gloria wollte bei der Pflanzen- und Tiervorführung dabei sein, ebenso wie die Whitesands, Millie und Julius.

"Wo geht ihr rein, wenn ihr schon zugeteilt seid?" Fragte Julius Waltraud, als er ihr beim Gang über den Burghof begegnete.

"Wenn du das Hauptgebäude meinst, dann durch das Portal im Süden oder Norden. Das führt in einen Empfangsraum, von dem aus es zu den Schulräumen geht. Wenn du unseren Turm Mondquell meinst, dann durch eine kleine Tür mit magischer Zutrittskontrolle", sagte Waltraud.

"Habe ich das richtig mitbekommen, daß jede Stunde ein anderer Turm die volle Stunde anzeigt. Hört man dabei auch immer was wie bei dem Hammer und dem Amboss?" Wollte Julius wissen.

"Gut, das ist noch keines der Schulgeheimnisse, weil Hexen und Zauberer das von außen eh mitkriegen können, wenn sie herkommen. Also, jede Stunde gibt einer der Türme ein Zeichen, daß die nächste Stunde anfängt. Die Erzenklangler kriegen eben alle Vier Stunden außer bei Dunkelheit den Hammer auf den Amboss geklopft. Dann kommen wir Mondqueller dran. Der silberne Halbmond da", wobei sie auf den entsprechenden Turmschmuck deutete, "spritzt eine Minute lang eine dreißig Ellen hoch aufschießende Wasserfontäne in den Himmel. Ist für viele spaßig, weil die sich dann auf der Nordseite auf den Hof stellen, um sich naßregnen zu lassen. Allerdings verschwindet alles verspritzte Wasser, sobald die Fontäne zusammenfällt, womit alle, die sich pitschnaß regnen lassen wieder knochentrocken werden. Wie das geht wissen nur die eingeschworenen Lehrer und Bauzauberer, die Greifennest im Sommer warten. Die Stunde darauf schwingt dann die Taubenflug-Taube ihre Flügel eine Minute lang, wobei sie dreißig Flügelschläge hinkriegt, also alle zwei Sekunden einen. tja, und wenn die Sonnengoldler ihre Stunde voll haben fauchen aus den drei obersten Sonnenstrahlen rauchlos brennende Feuersäulen heraus, die eine Minute brennen. Das ist nachts auch sehr schön anzusehen. Du hörst davon nur was, wenn du nahe genug dranstehst, vom Wasserrauschen der Fontäne, dem Schwingen der Taubenflügel und dem Puffen, wenn die drei Feuersäulen aus der Sonnenscheibe rausschießen und ein leises Fauchen, weil die davon angeheizte Luft aufgewühlt wird. Nur der Hammer auf dem Amboss ist so laut, daß der bis runter nach Greifenberg gehört werden kann. Deshalb wurde der so bezaubert, daß der nur klopft, solange mindestens ein Sonnenstrahl über den Horizont kommt."

"Oh, das wird lustig, wenn der Hammer gerade dann draufhaut, wenn die Sonne gerade den letzten Strahl über den Boden bekommt", sagte Julius.

"Wenn er einmal klopft klopft der seine zwölf lauten Schläge durch, Julius. Aber dann ist Ruhe bis zum nächsten Sonnenaufgang. Wenn er dran wäre bleibt er dann eben ruhig. Die Anderen Stundenzeichen finden aber statt."

"Hmm, wir sind genau im Zentrum eurer Schule rausgekommen. Ich dachte, wir kämen in Greifenberg heraus und müßten hochlaufen."

"Das gilt für die anderen, die apparieren oder mit Portschlüsseln ankommen", erwähnte Waltraud und sah dann, wie zwei ältere Jungen einem jüngeren Mädchen nachliefen, weil gerade die vier erwachsenen Aufsichtspersonen anderswo auf dem Hof waren. Sie sagte nur: "Moment, das muß ich mal eben klären" und wetzte los. Denn apparieren ging wohl in Greifennest genausowenig wie in anderen Zauberschulen. Julius kümmerte sich nicht um das, was Waltraud gerade zu regeln hatte. Er lief zur Mauer hin und erkannte, daß sie nicht nur über die Türme zu besteigen war, sondern auch über breite Eisenleitern zu erklettern war, die in die Wehrgänge hinaufführten. Julius turnte behände eine dieser Leitern hinauf, die zwischen den Türmen Sonnengold und Erzenklang hochführten und stellte fest, daß die Mauer mindestens fünf Meter dick war. Er lief an den Zinnen entlang und blickte hinunter.

Die Burg lag auf einem von dichten Tannenwäldern bewachsenen Berg. In Westrichtung machte Julius den silbern glänzenden Streifen eines Flußlaufes aus, der sich in sanften Kurven durch den Wald wand. Im Osten konnte Julius weitere bewaldete Hänge erkennen. Im Süden erkannte er in großer Ferne einen hohen Gipfel ohne Bewuchs. Er wußte, daß Greifennest und das ihm vorgelagerte Dorf Greifenberg inmitten des Schwarzwaldes lag. Doch von den einstmals wilden und undurchdringlichen Urwäldern war nicht mehr viel übrig. Die fortschreitende Besiedlung und der Technische Fortschritt hatten dieses Gebiet erobert. Dennoch gab es noch zusammenhängende Waldstücke, auch um den hier lebenden Zauberwesen eine gewisse Rückzugsmöglichkeit zu geben, den Waldwichteln, Waldgnomen, Feen und Schraten. Allerdings galt es hier, den Muggeln begreiflich zu machen, daß sie die Wälder aus Rücksicht auf den Waldbestand bewahren sollten und nicht, weil da irgendwelche Wesen wohnten, die Muggel nur aus Sagen und Märchen kannten. Aus dem Zaubereigeschichtsunterricht und dem Zauberwesenseminar wußte Julius, daß auch im Schwarzwald vor mehreren hundert Jahren Riesen gewohnt hatten. Auch gab es neben den den Zwergen verwandten Waldwichteln auch echte Zwerge, die wohl den Hügelzwergen aus den Kerker-und-Drachen-Welten entsprachen. Diese waren nicht so sehr auf Erzabbau bezogen, sondern Steinmetze, Schreiner und Glasmacher, wobei das Glas der Schwarzwaldzwerge so fein und durchsichtig war, als wäre es kristallisierte Luft. Dazu war es noch für magielose Gewalt unveränderbar. Ähnlich verhielt es sich mit den Holzgegenständen, die weder Feuer noch Wurm schädigen konnten. Die kleinwüchsigen Zauberwesen hatten damals mitgeholfen, die hier ansässigen Riesen zu vertreiben, die die Zwergwesen wie niedere Sklaven und wie Menschen auch als Futter angesehen hatten. Hier, in diesen Tannenwäldern, mochten diese Zaubergeschöpfe ihren Frieden vor der Muggelwelt haben.

"Wau, ist die dick Mann", hörte Julius Mike Whitesand, als dieser die Mauer erstiegen hatte. "Schon wie im Tower. Na ja, mit heutigen Bomben knackst du sowas auch weg."

"Jungs!" Knurrte Prudence. "Denken nur daran, wie man was kaputtmachen kann, wie?"

"Hör mal, die Mauern waren damals dafür gebaut, um Angriffe abzuwehren. Da darf ich doch wohl drüber nachdenken, womit die plattgemacht werden können", verteidigte sich Mike, bevor er Julius bemerkte.

"Hallo ihr drei. Stimmt schon, was Mike sagt", erwiderte Julius. "Burgmauern waren eher dazu da, Feinde abzuwehren. Für heutige Waffen aus der Muggelwelt sind die nicht mehr so standfest, wenngleich es sicher nicht so einfach ist, fünf Meter Granitmauer zu durchbrechen. Außerdem denke ich, daß die in die Mauern ähnliche Zauber eingewirkt haben, wie sie in den französischen Gefangenenlagern Didiers waren, Härtungszauber, Unübersteigbarkeitszauber und Brandschutzzauber. Näheres kann euch aber wohl nur Gräfin Greifennest erzählen, wenn sie das darf."

"Ich denke eher daran, daß diese Architektur einen besonderen Sinn hat", sagte Prudence. "Der ganze Grundriß erinnert mich an zwei mit der Grundseite zueinander ausgerichteten Dreiecken mit abgeflachten Ecken oder ein Windvogel, bei den Muggeln auch Drachen genannt. Die Gewächshäuser und die für die kleineren Tierwesen angelegten Ställe sind zylindrisch." Sie deutete auf den Burghof und zeigte auf eine Gruppe von glitzernden Glashäusern, die in der Tat wie Zylinderhüte aussahen und mehrstöckig waren. Auch konnte Julius einige Steinbauten mit kleinen Fenstern erkennen, sowie durch die Wand des Hauptgebäudes halb verdeckte Gehege.

"Schon stark", meinte Mike. "Habe mir ein Zauberschloß eigentlich nicht so vorgestellt wie diese Burg hier. Hier soll es auch einen Wassergraben geben, hat dieses lange, blonde Mädchen Gemeint, das Englisch kann." Er blickte direkt von der Mauer nach unten. Julius folgte dem Blick und erkannte jetzt erst den breiten Graben, der im Moment kein Wasser führte. Dieser mochte fünf Meter tief und zwanzig Meter breit sein.

"Schade, kein Wasser drin. Sonst hätte ich mal vermutet, daß da ganz gefährliche Zaubertiere oder ein Schwarm Piranhas drin gehalten werden, um jeden, der hier nicht reingelassen wird zu fressen", raunte Mike.

"Und so einen habe ich geheiratet", grinste Prudence. "Einen, der seinem eigenen Sohn Angst machen möchte."

"Ey, Moment, Pru-dence, ich denke eben nur daran, wie echte Zauberer solche Burgen zumachen können. Vielleicht schütten die auch ein Giftgebräu da rein, das jeden betäubt, der drüberzukommen versucht oder gar wie Schwefelsäure wirkt."

"Drachengalle wie, Mike?" Fragte Julius. Prudence räusperte sich verärgert und meinte, daß man dergleichen sicher nicht bei einer Zauberschule benutzen würde, wo Schüler ja doch in Gefahr sein mochten, in den Graben zu fallen. "Das gilt dann auch für deine Piranhas, Mike", setzte sie noch hinzu. Julius mußte nicken. Nur böse Zauberer wie Grindelwald, Voldemort oder Bokanowski hatten es nötig, ihre Festungen mit tödlichen Abwehrvorrichtungen zu umgeben.

"Ich war schon mal in der Burg eines echt fiesen Zauberers, Mike. Der hatte sich eine Armee aus Monstern zusammengeklont und dazu noch mehrere Ableger von sich selbst als Handlanger und Leibwache", erwähnte Julius. Mike hatte das von Prudence gehört, als Julius Whitesand Valley verlassen hatte.

"Dieser Monstermacher, der mehrere Zaubereiminister geklont hat, um die für sich die Welt beherrschen zu lassen? Stimmt, hat Prudence mir erzählt, daß der hinter dir her war, weil du für den zu gut zaubern konntest. Schon fies, was in der Welt so rumläuft, ohne daß wir Normalos was davon mitkriegen", sagte Mike. Dann sah er seinen Sohn an, der in jenem Jahr entstanden war, als Prudence und er notgedrungen Zeit hatten, sich einander anzunähern. Perseus bewegte sich und rräkelte sich. Offenbar wollte er nicht weiter getragen werden.

"Könnte sein, daß der Kleine naß ist, Prudence. Oder will der nur krabbeln?"

"Wohl eher letztes, Mike. Ich habe dem eine Reisewindel umgelegt, die noch zwei Tage lang hält", erwiderte Prudence. "Aber hier werde ich den nicht rumkrabbeln lassen. Zu schwer ist der mir nicht und .. Autsch!" Das gerade acht Monate alte Baby hatte mit seiner kleinen rechten Hand kräftig an Prudences Haaren gezogen.

"Vergiß es, Persy", knurrte Prudence und griff in ihre Handtasche. Sie zog eine Sprühdose hervor und hielt sie über ihren Kopf, während Perseus wieder versuchte, seiner Mutter Haare auszureißen. Prudence sprühte mit verzogenem Gesicht was in ihre Haare und entspannte sich, obwohl der Kleine noch immer an ihrem braunen Schopf herumzerrte, weil er auf den Boden wollte. "Kopfhautfestiger, Julius. Der macht, daß die Kopfhaut unempfindlich gegen Feuer und Verletzungen wird und hat die schöne Nebenwirkung, daß man einen vollen Tag nichts davon spürt, wenn einer wie mein Kleiner an den Haaren zieht", sagte Prudence, weil sie Julius' neugierigen Blick bemerkte.

"Dann brüllt der dir gleich die Ohren vom Kopf", meinte Julius.

"Hätte er zuerst versucht. Aber das Tragetuch läßt nur Angst- und Hungerlaute oder Schreie wegen voller Windeln nach außen. Eine Greensporn-Erfindung für quirlige Traglinge, die irgendwann meinen, ihrer Mutter vom Rücken springen zu wollen. Das hat Perseus schon gelernt, daß Brüllen nichts bringt. Deshalb macht er das ja mit meinen Haaren, bis er weiß, daß das auch nichts mehr bringt."

"Du hast ihn ja auch noch nicht lange genug mit dir herumgetragen", feixte Mike seiner Frau zu.

"Immerhin kann ich den noch mit mir herumtragen, Süßer", entgegnete Prudence. Dann fragte sie, ob Julius sich die frei sichtbaren Gehege ansehen wollte. Er wollte jedoch sehen, wo er sich bei Eintritt der Sonnenfinsternis hinstellen konnte. Millie selbst war gerade mit Pina und Bärbel Weizengold zusammen.

So schritt Julius die Mauer rundherum ab. Dafür brauchte er schon bald eine Viertelstunde. Wo die Türme standen gab es in den Hof hineinragende Vorsprünge, auf denen er bequem um die Turmwände herumgehen konnte. Allerdings erkannte er auch Zugangstüren aus mit Silber beschlagenem Holz. Die waren sicher genauso durch Passwort oder andere Voraussetzungen zu öffnen wie die Türen an den Füßen des Turmes. Wer also in den Häusern wohnte konnte auch auf Höhe des Wehrganges auf die Mauer hinausgehen. Auf Höhe des Erzenklangturmes konnte Julius erkennen, daß eine lange, eiserne Zugbrücke über den breiten Graben herabgelassen worden war, über die gerade mehrere Männer und Frauen in Umhängen oder Kleidern durch ein von hier aus nicht genau sichtbares Tor den Burghof betraten. Julius erkannte sogar einige von den Ankömmlingen. Da war die kugelrunde Professor Sprout aus Hogwarts, sowie Professor Silvana Verdant aus Thorntails und Brittanys Mutter, Lorena Forester, die in Thorntails magische Tierkunde unterrichtete. Julius fragte sich, wie die beiden nordamerikanischen Hexen angereist waren. Dann sah er noch zwei mit rotblonden Haaren, Mutter und Tochter. auch die erkannte Julius mit gewissem Unbehagen. Denn das waren Peggy und Larissa Swann, die wegen eines progressiven Fluches die Rollen von Mutter und Tochter getauscht hatten. Klar, wo Peggy und Larissa sich auch für Astronomie und Sonnenbeobachtung interessierten. Allerdings fragte sich Julius, warum die dann nicht bei ihren Verwandten in England waren, wo man in Cornwall ja auch was von der totalen Sonnenfinsternis sehen Konnte.

Kurz vor zehn Uhr trafen sich die an der Vorführung interessierten Gäste und Schüler vor dem Turm mit dem Amboss. Julius erkannte, daß mittlerweile über tausend Leute auf den Hof gekommen waren. Er stellte fest, daß Mutter und Tochter Swann auch an der Vorführung interessiert waren. Um nicht deren Aufmerksamkeit zu erregen blicte er nach oben. Dann war es genau zehn Uhr. Da flog der Hammer in die Höhe. Es war keiner zu sehen, der ihn führte. Klong!! Mit lautem Dröhnen traf der Hammerkopf den Amboss. es dröhnte laut und hallte nach. Vier Sekunden nach dem Schlag wurde der Hammer wieder von unsichtbarer Kraft hochgerissen. Klong!!! Wieder prallte sein Kopf auf den Amboss. Julius merkte, wie es in seinen Ohren nachklirrte. Diese Schläge waren sicher kilometer weit zu hören. "Das ist ja der Hammer!" Rief Mike Whitesand, als der Riesenhammer zum dritten Mal den Riesenamboss zum Dröhnen gebracht hatte. Die Leute, die kein Englisch konnten sahen ihn nur an. Prudence wirkte leicht beschämt und wußte wohl nicht, wie sie reagieren sollte. Magistra Rauhfels lachte jedoch und bestätigte erheitert, daß das unverkennbar sei. Julius merkte einmal mehr, wie sich eine Stimme ändern konnte, wenn sie eine andere Sprache als gewohnt benutzte. Als der Erzenklanghammer den zwölften und letzten Schlag auf den Amboss getan hatte wandte sich die Lehrerin an die, die ihren Vortrag und ihre Vorführung mitbekommen wollten.

"Guten Morgen, die Damen und Herren! Da wohl alle da sind, die sich im Vorfeld für meine kleine Exkursion zu den Tieren und Pflanzen interessiert haben, möchte ich Sie alle offiziell in Burg Greifennest begrüßen. Um die Reaktion von magischen Tieren und Pflanzen bei abnehmenden Sonnenlicht zu zeigen habe ich die betreffenden Unterbringungsstätten mit Zaubern versehen, die den Verlauf einer Sonnenfinsternis simulieren. Daran können Sie dann erkennen, wie beim Eintritt der natürlichen Sonnenfinsternis ablaufende Prozesse stattfinden. Ich sehe, daß wir ziemlich viele sind. Daher habe ich die Sonnenfinsternissimulation auf nur eine Minute festgelegt, um Gruppen von jeweils hundert Personen in zehn Minuten alles sehen zu lassen. Wenn wir die betreffenden Pflanzen betrachtet haben werden wir durch das magische Verbindungstor in den greifenberger Zaubertierpark überwechseln. Dort werden wir die kleine Population Goldpanzerameisen und die Dunkelsteinwanderer besichtigen, die gegenteilig auf fehlendes Sonnenlicht reagieren. Darüber hinaus bieten wir von der deutschen Vereinigung zur Hege und Pflege magischer Tierwesen umfangreiches Textmaterial zur näheren Erläuterung weiterer heliosensitiver Wesen, zu denen natürlich auch jene gehören, die den Zauberwesen und mit den dunklen Formen der Magie verbunden gehören. Wer daran Interesse hat kann für vier Sickel die entsprechende Broschüre in einer von fünfzig Sprachen erwerben, die mein Kollege Magister Gleißenblitz und ich so allgemeinverständlich wie es geht verfaßt und illustriert haben. Sind wirklich alle die an dieser Erkundung teilnehmen möchten anwesend?" alle erhoben die Hände. "Gut, dann beginnen wir an Gewächshaus Nummer eins, wo die Zauberpflanzen der untersten Sicherheitsstufe gezogen werden", gab Magistra Rauhfels die Marschroute vor. Sie klatschte in ihre Hände und ging los. Die Teilnehmer ihrer Erkundung folgten ihr diszipliniert und leise miteinander flüsternd.

"Hast du die zwei auch gesehen?" Wisperte Millie ihrem Mann zu. "Ich meine die Swanns", verdeutlichte sie, wen sie meinte. Julius bejahte es. "Hätten wir mit rechnen müssen, weil Peggy sich für Sonnenzauber interessiert. Wundere mich aber, daß Trifolio nicht auch da ist", flüsterte Julius. Da hörten sie ein aufgeregtes: "Moment, bitte noch warten!" auf Französisch. Alle wandten sich um und erkannten den Spätankömmling, einen hageren, hochgewachsenen Zauberer mit braunem Stopelhaarschnitt.

"Ich habe mich schon gewundert, Ranunculus, daß Sie wahrhaftig vergessen haben, daß ich Sie eingeladen habe", erwiderte Magistra Rauhfels auf Französisch, um dann zu Englisch zurückzuwechseln. "Professeur Trifolio von der Beauxbatons-Akademie, Ladies and Gentlemen."

"Der ist echt einer, zwei Minuten nach der Zeit", feixte Millie über das verhaltene Gemurmel der anderen hinweg. "In Beaux hätte er dafür schon Verspätungsstrafpunkte rausgelassen."

"Der war nicht in Millemerveilles, sonst hätten wir ihn sicher auch mitgenommen", sagte Julius. "Kann sein, daß der wichtigeres zu tun hatte und den Zug verpaßt hat, der nach Greifennest fuhr."

"Können wir ihn mit aufziehen, wenn wir wieder in Beaux sind", murmelte Millie. Julius überhörte es mal. Millie traute sich einiges. Aber das würde sie sich sicher nicht trauen.

Das zylindrische Gewächshaus, das als eines von vieren bereitstand, besaß drei Stockwerke. Magistra Rauhfels erklärte, daß die Behälter mit den Pflanzen so versetzt zueinander aufgestellt waren, daß durch die durchsichtigen Einlegeböden genug Sonnenlicht drang, um die darunter kultivierten Pflanzen mit genügend Licht zu versorgen. Dann erwähnte sie die Pflanzen, die sie vorführen sollte. "Ich gehe davon aus, daß Sie alle diese Pflanzen aus dem Schulunterricht kennen. Die hier anwesenden Schüler von Greifennest kennen sie auf jeden Fall. Ich habe ihnen auch erklärt, daß diese Pflanzen über eine ausgeprägte Photo- oder Heliosensitivität verfügen. Ich unterscheide zwischen rein lichtempfindlichen Pflanzen und solchen, die auf die an- oder Abwesenheit von natürlichem Sonnenlicht reagieren, weil die Reaktionen unterschiedlich sind. Photosensitive Pflanzen zeigen bereits bei Kerzenlicht gewisse Bewegungen, die hin zur Lichtquelle weisen. Andere Pflanzen reagieren nur, wenn bestimmtes Licht von bestimmter Helligkeit und Beschaffenheit ihre Sinnesorgane erreicht, eben Sonnenlicht mit seinen Anteilen unsichtbarer Strahlung, sowie des nur für die Sonne typischen Gefüges einzelner Lichtanteile, wie sie durch Prismen und Brenngläser aufgeteilt werden können. Da die Sonne nun scheint sind Pflanzen wie das Wetterröschen gerade auf einen sonnigen Tag eingestellt. der Sommertagstrauch reckt seine Dornenranken auch nur bei reinem Sonnenlicht nach außen, und das afrikanische Sonnenkraut ist danach benant worden, daß es auf Sonnenstrahlen reagiert. Ich bedauere es, keinen Experten für Sonnenkraut in dieser Gruppe zu sehen. Meine Kollegin Aurora Dawn wies eine entsprechende Anfrage mit Hinweis auf ihre Heilmagischen Verpflichtungen für die australischen Besucher der Weltmeisterschaft zurück. Aber sie hat ja umfangreich darüber veröffentlicht." Dann sah sie Julius an. "Aber zumindest sind hier einige, die sich intensiv genug mit dem Sonnenkraut beschäftigt haben, um gegebenenfalls vertiefende Erläuterungen machen zu können." Julius schwieg bescheiden.

Die Latierres gingen zusammen mit den Whitesands, Laurentine und Belisama in einer Hundertschaft Besucher mit, als Magistra Rauhfels die Pflanzen auf die es ankam bezeichnet hatte. Sie selbst betrat hinter Professor Verdant das Gewächshaus und schloß die Tür von innen.

Die doppelt so schnell wie natürlich verlaufende Verdunkelung wie bei einer Sonnenfinsternis setzte ein. Julius blickte auf den Sommertagstrauch, eine an sich harmlose Pflanze, die auch in der Grünen Gasse zu sehen war. Camille hatte ihm auch schon erklärt, daß die Pflanze sich bei Dunkelheit zusammenrollte und einem viermal so großen grünen Igel glich. Die magische Nutzanwendung lag darin, daß die Pflanzensamen zerrieben in Zaubertränken gegen Überhitzung zum Einsatz kamen. So konnte er nun sehen, wie schnell sich die Pflanze bei hereinbrechender Dämmerung bewegte. Sie zitterte, als habe sie vor etwas Angst oder sei eine Zitterginster. Die Wände und die Decke wurden von einem ähnlichen Verdunkelungszauber erfüllt, den Professeur Bellart und Professeur Faucon bei ihren Unterrichtsstunden benutzt hatten, um Klassenräume abzudunkeln. Als der letzte Rest Tageslicht ausgeschlossen war, raschelte es laut. Alle zwanzig Sommertagsträucher rollten ihre Ranken zusammen und wurden zu dicken Stachelkugeln. Dann sah Julius sich die anderen Pflanzen an, die merkwürdig reagierten. Sie wedelten mit den Blättern oder schwangen wie im Wind. Millie deutete auf eine solche Pflanze, den Hexenkelch. "Die haben eine Art eingebaute Sonnenuhr. Wenn die läuft machen die die wichtigen Nährstoffe für die Samenkörner. Jetzt, wo die Sonnenuhr unterbrochen ist kriegen die Probleme."

"Stimmt, die Richtungsempfindung des einstrahlenden Lichtes", erinnerte sich Julius, daß er sowas über den Hexenkelch gelesen hatte. Dann fragte er nach dem Sonnenkraut.

"Hinter der Tür dort. Es ist eine Gleichwarmtür, die in eine Zone besonderer Belüftung und Beheizung führt, Monsieur Latierre", sagte die Erkundungsgangleiterin leise. Julius schlüpfte zusammen mit Millie, Prudence und Mike durch die Tür und sah, wie die dort in großen Steinbecken voller Sand gehaltenen Kräuter immer länger wurden. Offenbar gierten sie nach dem Sonnenlicht. Julius bedauerte es, daß Aurora Dawn nicht dabei war. "Offenbar kriegen die über die Wellenlängen des auftreffenden Sonnenlichtes die Tageszeit mit und suchen jetzt nach der Sonne, weil nun alle von ihr ausgeschickten Wellenlängen auf die Erde treffen", vermutete Julius. Mike nickte. Seine Schwester Melanie wisperte:

"Stimmt, das ist sicher der Grund, daß die sich gleich überstrecken. Wozu ist das Zeug da noch mal gut?"

"Das ist natürliches Sonnenschutzmittel und Heilung gegen bereits abbekommene Sonnenbrände", wisperte Julius. "Haben Prudence und ich dir doch erzählt, als wir von diesem Buch über Hexengärten geredet haben, daß diese Aurora Dawn geschrieben hat, hinter der Bill mal hergewesen ist", flüsterte Mike. Julius verzog fast das Gesicht. Redeten die da von Bill Huxley? Ganz sicher taten sie das. Er tat so, als habe er das jetzt nicht gehört und beobachtete die Sonnenkrautstauden weiter. Wenn die sich wirklich gleich bis zum Durchreißen überstreckten ... Doch bei mehr als drei Metern Höhe verhielten die Pflanzen und begannen zu pulsieren. Dann war die Minute totaler Finsternis auch schon vorbei. Julius meinte, jemand habe ein Ventil an den Stauden aufgedreht. Denn sie fielen in sich zusammen, als die ersten Sonnenstrahlen sie trafen, bis sie wieder ihre natürliche Größe besaßen. Schnell ging er hinaus aus dem kleinen Extraraum und sah noch, wie die Sommertagsträucher laut raschelnd ihre Ranken nach außen schnellen ließen und noch einmal zitterten.

"Diese Vorgänge laufen bei der natürlichen Sonnenfinsternis natürlich nur halb so schnell ab", sagte Magistra Rauhfels. "Wer die Sonnenkrautstauden beobachtet hat konnte die Pseudonyx-Expansion erkennen. Sie verläuft durch Flüssigkeitsdruck im Inneren der Pflanzen. Dabei können die Stauden das drei- bis vierfache ihrer üblichen Endgröße überschreiten, nur um einen Rest von Sonnenlicht einzufangen. Die Reaktion setzt aber nur bei Sonnenfinsternis ein, nicht bei gewöhnlichem Nachtdunkel. Womöglich kann die Pflanze unterscheiden, ob es eine abrupte Abwesenheit von Sonnenlicht ist oder ein durch den Tageslauf der Sonne bedingtes Ausbleiben der Sonnenstrahlen. Wie genau das geht wird noch erforscht, was sich schwierig und zeitaufwändig gestaltet, da Sonnenfinsternisse nicht so häufig an Orten auftreten, an denen Sonnenkraut wächst."

"Vielleicht unterscheiden die Pflanzen zwischen Sonnenaufgang, Tagessonne und Sonnenuntergang", warf Melissa Whitesand, die früher Melanie Leeland geheißen hatte ein. Magistra Rauhfels und die anderen Schullehrer blickten sie verdutzt wie auch anerkennend an. Offenbar war das noch keinem von ihnen eingefallen.

"Hmm, das wäre natürlich eine Erklärung, da die Farbanteile des Sonnenlichtes ja bekanntlich über den Tag variieren", räumte Magistra Rauhfels ein. "Einfallsrichtung und Farbanteile des Sonnenlichtes könnten in der Tat eine Art Zustandsabstimmung bewirken, die bei abrupter Abwesenheit des Sonnenlichtes nicht einsetzt. Vielen Dank für diesen interessanten Anstoß!" Professor sprout sah die junge Neuhexe an, die bis vor zwei Jahren noch keine nach außen wirkbaren Zauberkräfte hatte äußern können. Schüler von Greifennest, die den auf Englisch ablaufenden Dialog nicht verstanden hatten erkannten nur, daß ihre Lehrerin wohl mit der Nase auf etwas gestoßen worden war, daß sie vorher nicht gesehen hatte.

Um den Wechsel der Gruppen so reibungslos wie möglich zu gestalten schlängelte sich die bereits mit der Vorführung fertige Gruppe rechts an Magistra Rauhfels vorbei nach draußen, während die nächsten hundert links an ihr vorbei in das Gewächshaus eintraten. Als alle von Gruppe eins draußen waren und alle von Gruppe zwei drinnen schloß sie die Tür von innen.

"Diese Hypothese bedarf einer Prüfung, wenngleich ich sie für durchaus plausibel halte, wenn ich auch nicht zu erkennen vermag, wie eine Pflanze derartige Feinabstimmungen vornehmen soll, wenn sie nur verzögerte Reflexe besitzt", wandte sich Trifolio an Melissa Whitesand. "Mit wem habe ich das Vergnügen?" Fragte er noch.

"Whitesand, Melissa Whitesand", erwiderte die Gefragte. "Und das mit der Feinabstimmung geht sicher über für bestimmte Wellenlängen empfindliche Zellen, die je nach Bedarf Botenstoffe ausschütten, die bei bestimmten Wellenlängen stärker oder weniger stärker in die Pflanze eindringen. Das ist dann so wie bei Muskeln. Der eine streckt sich aus, der andere zieht sich zusammen, um eine bestimmte Bewegung zu ermöglichen. Ähn, hoffe ich zumindest mal, weil das wohl schon längst erforscht wurde, ob Zauberpflanzen das haben, was Muggelbotaniker Phytohormone nennen."

"Muggelbotaniker?" Fragte Trifolio verdutzt. Mike Whitesand hatte jedoch sofort die passende Antwort: "Meine Schwester und ich wurden für Squibs gehalten und deshalb erst in Muggelschulen unterrichtet, Professeur Trifolio. Wir mußten die ZAGs nachholen, als wegen dieses unnennbaren Typen in England bei uns doch echte Zauberkräfte durchkamen, weil wir vor diesem Schweinepriester und seinen Killerknechten flüchten mußten." Melissa nickte heftig.

"Nun, der Begriff ist auch in der akademischen Herbologie geläufig, Ms. Whitesand", sagteProfesseur Trifolio. "Allerdings ist mir, der ich Sonnenkraut weitgehend erforscht habe, kein solcher Zellulärer Assimilationsmechanismus bekannt. Doch ich kann und darf nicht grundweg behaupten, daß es ihn nicht gibt, bis diese Theorie ausgiebig auf ihre Richtigkeit hin überprüft wurde. Kamen sie jetzt aus Großbritannien?"

"Nein, aus Millemerveilles, wo mein Bruder, meine Schwägerin und ich uns diese Quidditchweltmeisterschaft angesehen haben", erwiderte Melissa. Julius hörte gespannt zu, weil er jetzt wissen wollte, wie Trifolio reagierte.

"Oh, das ist aber schade, daß Sie nicht vorher eine derartig interessante Hypothese offenbart haben. Dann hätten Sie sicher mit meiner Kollegin Camille Dusoleil oder der gerade bei ihr weilenden Heilerin, die auch ein gewisses Maß an herbologischer Kompetenz offenbart hat darüber diskutieren können, ob sich Ihre Hypothese experimentell verifizieren läßt."

"Kann ich noch machen. Ich wollte mit meinem Bruder und meiner Schwägerin noch zwei Tage in Millemerveilles bleiben. Ich reise nachher mit den Leuten die da wohnen wieder dahin zurück. Sie meinen wohl Ms. Aurora Dawn, die Heilerin aus Australien."

"Genau diese. Sie hätte sich sehr gut in der reinen Herbologie ausgemacht, wenn sie nicht dem Gedanken verfallen wäre, eine Heilerausbildung zu erbitten und jetzt nicht die Zeit hat, sich eingehender mit den noch zu klärenden Eigenschaften magischer Pflanzen und Pilzgewächse zu befassen", seufzte Trifolio. Dann entschuldigte er sich, weil er seine Kollegin Verdant begrüßen wollte.

"Mann, was für'n Fachidiot", knurrte Mel Whitesand, als der hagere Kräuterkundelehrer weit genug von ihr fort war. Julius konnte es nur durch Nicken bestätigen. Millie wisperte ihr zu:

"Der lebt nur für magische Pflanzen. Was anderes ist dem zu unwichtig. Sei froh, den nicht im Unterricht zu erleben."

"Textet der da auch rein Hochschulmäßig rum?" Fragte Mike Whitesand.

"Bei denen über der ZAG-Klasse auf jeden Fall", stellte Julius fest. "Zieht manchmal eine Minute mehr, weil er erklären muß, was bestimmte Begriffe bedeuten. Aber er findet, daß wer sich rein wissenschaftlich mit Zauberpflanzen befassen will, früh genug die international gebräuchlichen Fachbegriffe benutzen soll."

"Dann hätte ich den knüppelhart zutexten können mit osmotischem Druck bei antagonisierenden Phytohormonen zur Adaptation an tageszeitlich bedingt reduzierten Sonnenlichteinfall", erwiderte Mel Whitesand.

"Nein, nicht du auch noch", jammerte Mike. "Ich überlege mir das echt, ob ich in so einen akademischen Klugschwätzerverein rein soll, wenn die da alle so reden, daß nur die das kapieren, die lange genug gelernt haben, das zu verstehen."

"Du weißt, was Mum und Dad dazu gesagt haben, Mike. Wenn wir Perseus ohne Sorgen großkriegen wollen solltest du was finden, was dich von anderen unabhängig macht."

"Okay, sehe ich ein. Aber da gibt's genug andere Sachen, die was einbringen. Aber du kannst ja machen, was der Spargeltarzan dir gerade vorgeschlagen hat, mit Julius' großen Freundinnen Aurora Dawn und Madame Dusoleil reden", sagte Mike und ergänzte dann: "Aber bis dahin tu uns den Gefallen, deine neuartigen Ideen zu bestimmten Vorgängen erst einmal nur aufzuschreiben und nicht laut auszuplaudern. Dieser Typ hat dich schon so komisch angeguckt, weil du was von Muggelbotanikern erzählt hast", sagte Mike. Prudence räusperte sich vernehmlich und sagte:

"Wie redest du mit deiner älteren Schwester. Das hast du aber bei uns nicht gelernt." Julius mußte hinter vorgehaltener Hand grinsen. Millie sagte dann noch:

"Prudence, wenn der mitbekäme, wie ich mit meiner großen Schwester rede oder wie meine Tante Patricia mit ihren großen Schwestern redet siehst du es ein, daß Mike ganz harmlos ist. Prudence schnaubte nur, sagte aber nichts weiteres. Mel versprach ihrem Bruder, sich bei neuen Geistesblitzen aus der Muggelwelt zurückzuhalten und diese erst einmal nur aufzuschreiben. Vielleicht kam sie später ja dazu, mit interessierten Leuten darüber zu sprechen, wenn er nicht dabei war. "Mir macht das Akademikergesülze nicht so zu schaffen wie dir, Mike. Ich finde es nur engstirnig, jemanden anderen in Abwesenheit für verkehrt ausgebildet zu erklären. Deshalb habe ich mich über den so geärgert." Das konnten Millie und Julius nur bestätigen. Millie erwähnte dann noch, daß Trifolio an Julius dran war, er solle nach den UTZs in die Kräuterkundeforschung gehen. Da stieß noch Belisama zu der kleinen Gruppe hinzu. Sie fragte auf Französisch, ob sie es von Trifolio hatten. Mel konnte genug Französisch um ihr zu erklären was passiert war.

"Oh, hat Trifolio nicht gewußt, daß du unsere Sprache kannst", grinste Belisama. "Der hat ja nur Englisch gelernt, damit er sich mit anderen Herbo-Leuten unterhalten kann, die kein Französisch lernen wollen oder können. Mel grinste.

Nachdem die Vorführung der Pflanzen im Gewächshaus eins von allen gesehen worden war ging es zu den weniger pflegeleichten, aber noch ungefährlicheren Zauberpflanzen, zu denen auch der rote Moorgeist gehörte, der auf dem untersten Stockwerk des Gewächshauses Nummer zwei gehalten wurde. Die wie rotes Unkraut vom Planeten Mars aussehende Pflanze, die in Morast lebte und nur bei Dämmerung aktiv wurde peitschte förmlich mit ihren verzweigten Tentakeln und fegte dabei fast die sie betrachtenden Leute um, wenn die nicht in einem von Magistra Rauhfels angewiesenen Sicherheitsabstand geblieben wären. Allerdings bekamen die Besucher schlammiges Wasser ab und riefen "I!" Oder "Buäh!" Dann sahen sie alle, wie die rote schleimige Pflanze ihren knollenartigen Hauptkörper aus dem morastigen Gemisch aus Erde und Wasser hob und auf den nun straff gespannten Tentakeln auf und niederwippte.

"Also wenn H. G. Wells noch leben würde fühlte der sich jetzt voll bestätigt", stieß Mike Whitesand aus. "Ist ja voll wie das Marsgestrüpp, und wie die Pflanze da herumstakst erinnert an die Marswesen, die die Erde unterwerfen wollten."

"Deshalb mußte nach Erscheinen jenes fiktiven Weltuntergangsberichtes über eine vermeintliche Invasion von unserem äußeren Nachbarplaneten auch geprüft werden, ob der Autor vielleicht Kontakt mit unserer Welt hatte und Beschreibungen über diese Pflanze erfahren oder die Pflanze gar selbst gesehen hat", sagte Magistra Rauhfels, die hinter Mike stand. "Es kam dabei heraus, daß er nur davon ausging, daß das rote Licht des Mars von einer entsprechend gefärbten Vegetation herrühren müsse, deren Sporen mit den krakenartigen Invasoren zur Erde gelangten. Mitttlerweile ist auch den Muggeln hinlänglich bekannt, daß es auf dem Mars kein gegenwärtiges Leben gibt und der rote Farbton von großen Eisenoxydanteilen an der Oberfläche herrührt. Aber das haben magische Astronomen schon vor zweihundert Jahren ausgeschlossen, daß dort Leben anzutreffen sei, weil unsere Teleskope die angeblichen Kanäle als natürlich entstandene Einschnitte in der Oberfläche zeigen konnten."

"Die daher kommen können, daß es da oben mal flüssiges Wasser und damit verbunden eine dichtere Atmosphäre gegeben haben kann", wußte Mike einzuwerfen. Mel grummelte. Doch erst als sie alle die hier gehaltenen, auf Sonnenlicht ansprechenden Pflanzen angesehen hatten und wieder draußen vor der Tür standen wandte sie sich an ihren Bruder:

"Wo wir's vom Mars hatten können wir auch von Jupiter reden. Quod licet Iovi non licet bovi, werter Bruder. Oder wie war das eben, daß ich keine neuen Ideen äußern soll, ey? Gilt das nur für Hexenmädchen ohne eigene Kinder?"

"Klar, Mel, da habe ich wohl voll überzogen", knurrte Mike. "Aber als ich das rote Zeug da gesehen habe dachte ich echt, der H. G. Wells hätte genau dieses Gemüse gemeint."

"Verderben Sie nicht den Enthusiasmus Ihrer Schwester, junger Mann und benutzen Sie bitte respektvollere und einer höheren Bildung angemessene Begriffe für interessante Pflanzen!" Mischte sich nun Trifolio ein, der wohl wieder was gehört hatte, was ihn faszinierte. Prudence wandte sich an ihn und bat ihn mit gebührender Höflichkeit darum, zu bedenken, daß gerade Ferien seien und Mr. und Ms. Whitesand daher keine Belehrungen hören mochten. Mike bestätigte das und sagte dann: "Stimmt, Gemüse wäre ja was zu essen. Und das Zeug da drinnen kann man wohl nicht essen."

"Das ist nicht wahr!" Entfuhr es Trifolio entrüstet. Mike fragte sofort, ob er sich irre und man die rote Zauberpflanze also doch essen könne. "Nein, Ihre Unverfrorenheit ist nicht zu fassen", schnarrte er Mike zugewandt und verzog sich.

"Jetzt läßt der Typ dich und mich in Ruhe", stellte Mike fest und ertrug Prudences tadelnden Blick ohne einzuknicken.

"Auch nur ein zu schnell älter gewordener kleiner Junge", stellte Prudence mit einer sachten Geste in Trifolios Richtung fest. "Und nein, Mike, den roten Moorgeist kann man nicht essen. Aber er ist für Zaubertränke gut. Aber das laß dir von Julius erklären, der kann dir das verständlich erklären."

"Was hast du gesagt, Prudence? Bitte beachten Sie, daß Sie und wir gerade unsere Ferien verbringen und daher Ihre Zeit nicht damit verschwenden möchten, uns von Ihnen wichtige Ratschläge anzuhören. Das war gut. Aber meine Frechheit hat dem endgültig klargemacht, daß der uns erstmal nix mehr vorsülzt." In dem Moment drang lautes Quängeln von Perseus her, der schon lange aufgehört hatte, seiner Mutter an den Haaren zu ziehen. "Och, jetzt hat er Hunger", sagte sie und band das Tragetuch ab. Sie gab Mike den kleinen Jungen zum Tragen, um sich in einer Sekunde einen hellblauen, weiten Umhang überzuwerfen. Dann nahm sie ihren Sohn wieder an sich und ließ ihn unter ihrem Umhang verschwinden.

"Ui, ich dachte, du gibst dem schon feste Nahrung", bemerkte Millie.

"Das auch. Aber im Moment habe ich nichts anderes mit", sagte Prudence unbeeindruckt, daß sie hier über etwas privates sprach.

Weil Prudence mit Perseus' Fütterung zu tun hatte blieb sie vor der Gewächshaustür von Nummer drei, wo die wirklich gefährlichen Zauberpflanzen gehalten wurden.

"Alraunen zeigen ein überhöhtes Angstverhalten, wenn sie bei Dunkelheit aus ihren Töpfen gezogen werden. Aber da wir nicht über genügend Ohrenschützer verfügen, um den Schrei der Alraune unbeschadet zu überstehen, belassen wir sie in ihren Töpfen. Aber wir können die Teufelsschlinge beobachten, eine heimtückische Schlingpflanzenart, die bei Tageslicht unter der Erdoberfläche ausharrt oder nur in dämmerigen oder dunklen Verliesen ihre ganze Größe zeigt. Wer in die Reichweite ihrer Fangranken gerät wird solange eingeschnürt, bis er oder sie qualvoll erstickt. Läßt der Pulsschlag nach oder versiegt, bohrt die Pflanze ihre Saugdornen tief in den Körper des erstickten und verflüssigt mit pflanzlichen Verdauungssekreten das Fleisch, um es dann einzusaugen", sagte Magistra Rauhfels und deutete auf ein scheinbar leeres Beet. Als dann die Verdunkelung einsetzte konnten sie sehen, wie erst behutsam und dann immer schneller dunkle Ranken aus dem Boden krochen und sich zu einem Geflecht aus leicht zitternden Fäden verknäuelten. Dann schnellten die wild zitternden Fangranken umher und bildeten Schlingen, die sich zusammenzogen, während die Pflanze sich wieder zusammenrollte. "Wer sie jetzt berührt löst den nächsten Fangreflex aus", sagte die Lehrerin etwas, was hier eh die meisten wußten. Dann deutete sie noch auf die Venomosa tentacula, die ihre Fangarme wie wild herumkreisen ließ, weil der abrupte Übergang von Tag zur Nacht sie in ihrem gewohnten Rhythmus gestört hatte. Alle sahen die zahngleichen langen dornen, mit denen die Pflanze wie ein Tier zubeißen konnte, je nachdem, wie viel Hunger sie hatte. Die Tierzähnen ähnelnden Dornen klappten laut hörbar aufeinander und wieder auseinander. "Die Sonnenlichtabwesenheit ohne den üblichen Sonnenlauf erzeugt das, was bei Tierwesen Übersprungsverhalten genannt wird. Die Pflanze kann sich nicht festlegen, ob sie Abwehr- oder Angriffshandlungen ausführen soll, weil die plötzliche Verdunkelung ihre übliche Aktivität verwirrt. Deshalb schlägt sie so unkontrolliert mit ihren Fangapparaten und vollführt ungerichtete Beißbewegungen." Dann wies sie noch auf einen hinter einer Bannlinie stehenden Baum mit scheinbar starren Ästen, die jedoch gerade ein gruseliges Eigenleben entwickelten. Sie streckten sich und wurden zu schlangenartigen Auswüchsen, die suchend umhertasteten, wohl auf der Suche nach Beute. "Dinodendron Vampyroidis ist, wie die meisten von Ihnen wissen, eine nachtaktive, fleischfressende Pflanze. Tagsüber gewöhnliche Laubbäume nachahmend lauert er auf arglose tiere oder Menschen, die sich in seiner Nähe ausruhen. Er reagiert auf Sonnenlichtabwesenheit mit beschleunigten Such- und Tötungshandlungen."

"Vampirbaum?" Fragte Mike. Julius erklärte ihm, das diese zu den Schreckensbäumen gehörende Pflanze Wirbeltiere und damit auch Menschen mit den Ästen einschnürte wie ein Rudel Würgeschlangen, um ihnen dann durch lange, daraus ausfahrende Hohlnadeln Verdauungssaft zu spritzen und den in Pumpbewegungen mit dem verflüssigten Fleisch aus dem Körper zu saugen, bis am nächsten Morgen nur noch ein Skelett an einem harmlos aussehenden Baum hing. Mel schüttelte sich. Diese Pflanze kannte sie offenbar noch nicht und würde offenbar in den nächsten Nächten davon träumen. "Jetzt weiß ich, warum Prue unbedingt draußen bleiben mußte. Tolles Alibi, so'n kleiner Hosenscheißer", schnarrte sie sichtlich von Grauen geschüttelt.

"Ihr Begleiter hat Ihnen nichts erzählt, was nicht stimmt, junge Dame. Aber man kann diesen Pflanzen sehr gut beikommen, in denen man die mit scheinbar unerklärlich daran angehängten Skeletten deutlich erkennbaren Pflanzen jeden Tag die dünnsten Zweige abtrennt, wenn sie sich nicht frei bewegen können. Das lähmt ihre Nachtaktivität, hält sie sozusagen in der Rolle als gewöhnlicher Baum. Die abgetrennten Äste werden von Heilern in Pulverform in Zaubertränke eingerührt, die maßvoll dosiert gegen Übergewicht helfen", erklärte Magistra Rauhfels leise und behutsam. Julius bejahte es und erwähnte, daß der als Abspecktrank Nummer zwei bekannte Fettleibigkeitsreduktionstrank mit den am Tag abgetrennten Zweigen dieses Monsterbaumes angesetzt wurde.

"Öhm, Monster klingt aber nicht gerade akademisch korrekt, junger Mann", grummelte Magistra Rauhfels. "Nennen wir sie räuberischer Baum. Das bezeichnet dieses Gewächs auch hinreichend als für Menschen lebensgefährlich."

"Jetzt hast du dein Fett auch weg, Julius", feixte Mike. "Dabei hieß es doch immer, die ganzen Lehrer hofierten dich."

"Deshalb meinte sie ja, mich berichtigen zu müssen, damit das auch so bleibt", konterte Julius so leise es nötig war. "Und Fett weg paßt zu einer Pflanze, die Übergewichtigen bei der Diät hilft." Darauf mußten Mel und Mike leise lachen.

Außer dem vampirartigen Baum gab es noch andere Pflanzen, die in den verbleibenden Sekunden anders aussahen als bei dem langsam wieder in das Haus gelassenen Tageslicht. Zwar waren alle irgendwie gefährlich. Doch sie wirkten nicht so heimtückisch wie der am Tag scheinbar so harmlose Schreckensbaum.

Als alle zehn Besuchergruppen die beschleunigte Sonnenfinsternissimulation miterlebt hatten sagte Magistra Rauhfels noch einmal: "Im Grunde reagieren alle Pflanzen empfindlich auf die Einstrahlung der Sonne oder das Fehlen derselben. Allerdings zeigen diese wenigen Exemplare, die ich in dieser Zeit vorstellen konnte, daß gerade Zauberpflanzen sichtbar und von ihren üblichen Erscheinungs- und Verhaltensweisen abweichend reagieren, wenn sie mitten am Tag von der bereitgestellten Sonnenstrahlung abgeschirmt werden. Für die Pflanzen, die eng mit den Mondphasen verknüpft sind stellt eine Sonnenfinsternis noch größere Beeinträchtigungen dar. Doch diese konnte ich nicht vorführen, weil diese Pflanzen eben nur auf die natürliche Sonne-Mond-Stellung ansprechen. Kommen wir nun zu den Tieren." Sie winkte der in zehn Gruppen eingeteilten Besucherschar und führte sie in disziplinierter weise zu einem Stall, in dem jene Wandelkaninchen gehalten wurden, die irgendwann mal von experimentierfreudigen Zauberern gezüchtet worden waren, bevor die Kreuzungs- und Tierveränderungsbeschränkungen von Scamander in Kraft getreten waren. Diese wie harmlose weiße Kaninchen aussehenden Geschöpfe konnten sich in bis zu fünf Kleidungsstücke oder Alltagsgegenstände verwandeln und nach Belieben wieder zurückverwandeln. Meistens wurden sie zu schwarzen Zylindern oder karierten Tüchern. So sah es dann aus, als wenn jemand ein solches Kaninchen unter dem betreffenden Gegenstand hatte verschwinden lassen.

"Der Typ hatte wohl eine Wut auf die Taschenspieler, die sich Zauberer schimpfen dürfen", meinte Mike leise genug, um Trifolio, der diesmal eher Abstand hielt, nicht anzusprechen. Julius bestätigte es. Im Buch "Erstaunliche Tiere" wurden diese als kuriose Haustiere gehaltenen Kaninchen auch erwähnt. Zweihundert Jahre sollte die Erwähnung des ersten hersein und tatsächlich auf einen gegen sogenannte Zauberkünstler ohne Magie aufgebrachten Zauberer namens Elric Boyle zurückgeführt worden sein, der diese Tiere diesen Zirkus- und Varieté-Künstlern untergeschoben hatte, um ihre Auftritte zu sabotieren, weil ein Kaninchen auf einmal zum Hut oder sonst was wurde, obwohl der Zirkus-Zauberer das gar nicht wollte. Weil diese Tiere aber immer noch Kaninchen waren und einige davon entkommen waren vermehrten sie sich und konnten nicht mehr so einfach ausgerottet werden. Füchse, die diese Tiere fraßen, konnten unangenehm überrascht werden, wenn sie die Verwandlungskraft der Tiere einverleibt bekamen und einmal und für immer zu einem Hut, einer Kiste, einen Tuch oder etwas anderem wurden. Daher eigneten sie sich auch nicht zum Verzehr für den Menschen.

"Ich zeige Ihnen diese bei uns gehaltenen Tiere, weil diese einen ausgeprägten zirkadianen Rhythmus haben, der vom Lauf von Sonne und Mond abhängig ist. Wenn der Mond die Sonne verdeckt durchlaufen sie alle vier Sekunden eine Verwandlung in einen toten Gegenstand, bis die Bedeckung aufhört. Bei mitten am Tag stattfindender Sonnenlichtabschirmung verwandeln sie sich in weiße Kissen oder Nachttöpfe und verbleiben in dieser Form, bis das Sonnenlicht wiederkehrt." Sie führte es den Gruppen nun einzeln vor. Tatsächlich blickten sich die weißen Kaninchen bei zunehmender Dunkelheit verstört um, um genau dann, als die totale Sonnenlichtabschirmung vollendet war, mit lautem Knall zu weißen Kissen, Nachttöpfen oder plüschigen, rosaroten Hausschuhen zu werden. "Das ist ihre Schlafform", sagte die Lehrerin. "Wer diese Tiere gezüchtet hat hat es ihnen irgendwie eingepflanzt, Nachts in dieser Form zu überstehen. Offenbar wollte dieser mit dem Leben von Tieren und Menschen nicht gerade rücksichtsvoll umspringende Zeitgenosse seine Züchtungen als praktische Gegenstände für die Nacht haben. Die Farbe der Hausschuhe ist geschlechtsabhängig. Rosarot oder Geblümt bezeichnet Weibliche Einzelwesen, Himmelblau oder dunkelbraun bezeichnet männliche Einzelwesen."

"Schon fies, so mit Tieren rumzuexperimentieren", meinte Melissa, als sie mit ihren direkten Verwandten und den Latierres wieder vor dem Stall stand. "Da frage ich mich echt, in was für einer Welt ich da leben soll."

"mel, das Wort Versuchskaninchen sagt es doch überdeutlich, daß auch in der magielosen Welt keiner echt Rücksicht auf Tiere und Menschen nimmt", sagte Mike. "Das soll nicht heißen, daß ich sowas lustig oder richtig finde. Ich frage mich jetzt, wer sich diese armen Tiere zulegt, wenn keiner sie ausrotten möchte?"

"Slytherins", knurrte Julius. Prudence mußte nicken. Für Slytherins war Zauberei über alles andre erhaben. Und wen störte es schon, empfindungsfähige Wesen zu bezaubern, um damit Geld zu machen oder anderen Schaden zuzufügen. Millie meinte dazu:

"Na ja, der Mensch an sich hat ja immer schon Tiere so umgezüchtet, daß sie ihm was einbringen. Aber diese Wandelkaninchen waren echt nicht nötig. Deshalb haben wier die wohl auch nicht in Beaux."

"In Hogwarts gibt es die auch nicht. Aber die Menagerie in der Winkelgasse verkauft die", wußte Prudence.

Als sie alle wieder vor dem Kaninchenstall standen trat Professeur Trifolio noch einmal zu Magistra Rauhfels und wechselte mit ihr ein paar Worte auf Französisch. Er bat darum, sich jetzt wieder entfernen zu dürfen, da er ja nur wegen der Zauberpflanzenvorführung angereist sei. Sie nickte und entließ ihn. Er kam jedoch noch einmal zu den Whitesands herüber und sagte zu Melissa, sie möge ihn unbedingt anschreiben, falls sie näheres über die Sonnenkraut-Hypothese erfahren habe. Dann wünschte er Millie und Julius noch eine erholsame Ferienzeit und ging davon.

"Gut, der ist weg", knurrte Mike. Seine Schwester konnte das nur bestätigen.

Mit einem bronzenen Schlüssel konnte die Lehrerin das wuchtige Turmportal im Westen aufsperren. Sie hielt ihren Zauberstab in die breite Öffnung des Eingangs und rief "Erleuchtet ihr Stiegen!" Es ploppte leise. Dann sagte sie für alle verständlich: "Bitte in zweierreihen mir nachfolgen. Pomona, bitte machen Sie den Abschluß!" Ihre Kollegin Sprout bestätigte diese Bitte und entfernte sich weit genug, um den Überblick über die nun zu einer langen Doppelschlange werdenden Besuchergruppe zu behalten. Millie und Julius folgten gleich hinter Mike und Prudence Whitesand. Melissa hatte das Glück oder Pech, neben Peggy Swann zu laufen, die Larissa auf ihre Schultern gehoben hatte. Hinter Julius folgten Laurentine und Belisama. Sie betraten ein Treppenhaus, von dem aus eine Wendeltreppe nach oben und unten führte. Die nach unten führenden Treppen erstrahlten aus sich heraus in warmem, weißen Licht.

"Auch 'ne Idee, die Treppen leuchten zu lassen statt Fackeln aufzuhängen", stellte Prudence fest. Julius bestätigte das zu gerne. Mike meinte wieder, er befände sich in einem Zukunftsroman und betrete gerade einen Stützpunkt von Außerirdischen.

"Dann hätten die hier einen Antigravitationsschacht einbauen müssen, Mike", sagte Julius.

"Dann müßte Ihr Bekannter nach Thorntails kommen. Da gibt es sowas", sagte Peggy Swann ungefragt. Julius wußte das auch schon längst. Mike konnte da nur mit einem "Jau, klasse!" drauf antworten. Doch er kam auch so auf seine Kosten. Denn als sie den Fuß der langen, leuchtenden Wendeltreppe erreichten und eine große Tropfsteinhöhle mit sich zu Säulen vereinenden Gebilden betraten, deutete Magistra Rauhfels auf eine scheinbar natürliche Erhebung wie ein Sockel und winkte mit ihrem Zauberstab, zog damit einen Bogen von links unten nach oben und rechts unten und deutete auf den Sockel. Julius kannte das. Damit machte man ein eingerichtetes Teleportal auf, wenn man die entsprechenden Aktivierungs- und Kennwörter dachte. Unvermittelt flammten zwei blaue Lichter auf dem Podest auf und wurden zu schlanken Säulen wie aus leuchtendem Glas, die sich drei Meter über dem Sockel zu einem Torbogen vereinten. Mike fielen fast die Augen aus dem Kopf. "Jau, 'n Transmitter", stieß er unbeherrscht aus.

 

"Mann merkt wohl, daß Sie lange mit der fantastischen Literatur der Muggel verbracht haben, junger Mr. Whitesand", erwiderte Magistra Rauhfels darauf. "Aber dieses Portal ist kein Sender, der zu reinen Kräftefeldern umgewandelte Materie an einen ausgewählten Punkt strahlt, sondern eine komplexe, Zeit- und Kraftaufwendige Verknüpfung zweier räumlich getrennter Punkte zu einem einzigen Übergangspunkt, wobei die anderen mit diesen zwei Punkten verknüpften Punkte mit diesem Übergangspunkt verbunden werden. Daher heißen diese Vorrichtungen Teleportale, also Ferntore." Dann winkte sie ihren Begleitern, durch das nun offene Portal zu treten.

"Hoffentlich tut das nicht weh", grummelte Mike.

"Deshalb kriegen wir Frauen die Kinder", knurrte Prudence nun etwas verbittert. Julius stupste ihn an und sagte: "Wir haben sowas auch in Beaux. Ich bin schon mehr als hundertmal durch so ein Tor gegangen. Aber wie sich das anfühlt sage ich dir nicht." Prudence zog ihren Mann mit sich, als sie auf den Sockel stiegen und in einem kurzen Flimmern zu weit entfernt wirkenden Abbildern ihrer Selbst zu werden schienen. Tatsächlich hatten sie eben eine unbekannte Strecke ohne Zeitverlust überwunden. Julius folgte mit Millie. Mel hatte offenbar weniger Probleme mit der Passage als ihr kleiner Bruder. Denn sie war neben Peggy Swann hergelaufen, nachdem Magistra Rauhfels sich diesem Tor anvertraut hatte. Sie kamen in einer lichtdurchfluteten Halle heraus, die wohl für mehrere hundert Personen ausgelegt war und mehrere lange Tische mit dito langen Bänken enthielt.

"Fast wie in einem Münchener Bierzelt", bemerkte Laurentine dazu. "Fehlen nur die Tischdecken mit weiß-blauem Rautenmuster."

"Bitte durch dieses Portal hinaus und draußen warten!" hielt Magistra Rauhfels ihre Besucher an. Julius verließ zusammen mit seinen Begleitern die Halle und das Haus, daß er nun als Versammlungs- oder Rathaus ansah. Er hörte noch, wie die Führerin die nachfolgenden Besucher bat, das Haus zu verlassen. Peggy Swann lud Larissa von ihrer Shulter und nahm sie bei der Hand.

"Wie alt ist die Kleine?" Fragte Melissa nun neugierig. "Wie alt bist du, Larissa?" Fragte Peggy das kleine Mädchen an ihrer Seite. Dieses zeigte zwei Finger und sagte: "Zwei." Julius mußte es gegen seinen Willen bewundern, wie Larissa die Rolle des Kleinkindes verinnerlicht hatte. Sicher, sie war ja schon mal Mutter gewesen und hatte es sich da von ihrer Tochter abgeguckt. Millie fühlte Julius' Unbehagen und teilte es. Gerne hätte sie ihm was zumentiloquiert. Doch ohne die Zuneigungsherzen konnte sie es noch nicht. Und wegen der Gäste und dem Trubel um die jetzt schon Geschichte seiende Weltmeisterschaft hatte sie auch keine Ruhe gefunden, es von Julius oder einem anderen zu lernen. So sahen sich nur beide an, während Melissa noch ein paar freundliche Worte mit der jungen Mutter wechselte. Mike meinte zu Julius: "Kannst du mal sehen, die ist doch eifersüchtig auf Prudence und mich."

"Seh ich nicht so, Mike. Sie wollte nur wissen, wie alt die kleine ist", sagte Julius. Er hätte ihm zu gerne gesagt, daß der Schein trog und das kleine Mädchen in Wirklichkeit die Mutter war. Doch das wollte er hier und jetzt nicht anbringen.

Als alle aus dem Gebäude heraus waren erläuterte die Lehrerin von Greifennest, daß es sich hierbei um das Gemeindehaus von Greifenberg handelte, in dem die vollständige Dorfgemeinschaft zu vierzehntäglichen Beratungen zusammenkam. Der Tierpark, in dem auch die für den Unterricht gehaltenen Tiere über dreißig Zentimeter Körperhöhe zu finden waren, lag nur dreihundert Meter von diesem Haus entfernt. Sie klatschte wieder in die Hände und trieb ihre Besucher an, ihr zu folgen. Es ging vorbei an kleinen Holzhäusern, die Laurentine als "Typische Schwarzwaldhäuser" bezeichnete. Sie erwähnte, mit ihren Ältern schon mal in einem solchen Haus Urlaub gemacht zu haben. Da war sie gerade erst sechs Jahre alt. "Da ist mir so 'ne alte Blumenvase runtergefallen. Ich habe da so einen Schreck gekriegt, weil ich dachte, die geht kaputt. Aber die ist kurz vor dem Boden in der Luft stehengeblieben und ohne kaputtzugehen auf dem Boden gelandet. Damals habe ich das nicht kapiert warum."

"Telekinetischer Reflex", meinte Julius dazu. Laurentine nickte. "Ich hab's keinem verraten, weil die Vase ja ganzgeblieben ist."

"Da vorne ist der Tierpark. Da, wo die beiden steinernen Greife auf der Mauer sitzen", erwähnte Magistra Rauhfels. Sie klopfte mit dem Zauberstab gegen ein ziemlich robustes Gattertor, das bereitwillig aufschwang und alle einließ.

Im Tierpark wanderten sie an Dutzenden von Käfigen vorbei, in denen die vielen bekannten Zaubertiere ausgestellt waren. Es krakehlte, brüllte und piepte, quakte und schnatterte aus allen Richtungen. Dann kamen sie an ein von einem hohen Zaun umfaßtes Gehege, in dem nur sieben dunkle Felsbrocken lagen.

"Da sind wir sehr stolz drauf, die einzige vermehrungstüchtige Dunkelsteinwanderergruppe Westeuropas zeigen zu können", sagte die zaubertierlehrerin die englische Sprache benutzend. "Diese sieben großen unförmigen Brocken im Gehege sind in Wirklichkeit nachtaktive Tiere, die alles fressen was Panzer und Schalen hat. Allerdings sind sie für Menschen dadurch gefährlich, daß sie bei einer Begegnung ein graues Sekret auswürgen, das jedes Stück Fleisch, auf das es trift, zu Stein werden läßt. Das passiert jedoch nur dann, wenn der Dunkelsteinwanderer sich unmittelbar bedroht fühlt. Bedroht fühlt er sich im Angesicht von schnellen Bewegungen auf ihn zu oder blankem Metall vor ihren Augen. Auch können sie Magie erspüren und reagieren auf ihnen entgegenwirkende Zauber. Sie erstarren bei Tageslicht zu Felsgestein und bleiben so aktionsunfähig liegen, bis die Sonnenstrahlung verschwindet. Mancher, der sich so ein Wesen aus Versehen als großen Felsen mitnahm mußte dann feststellen, daß er sich einen Dunkelsteinwanderer, magizoologisch Nyctolithos migratorius ins Haus geholt hat. Sie verabscheuen es, von Metall oder Holz eingeschlossen zu sein. Dann können diese eigentlich behäbigen Wesen zehnmal so schnell werden wie üblich und mit Brachialgewalt aus ihrem Gefängnis oder Käfig ausbrechen. Daher können sie in einem tierpark wie dem von Greifenberg nur in einem steinernen Gehege ohne Baumbestand und Metalltore gehalten werden. Neuere Forschungen ergaben, daß sie dort, wo der Kernschatten des Mondes bei einer totalen Sonnenfinsternis entlangwandert, aus der Versteinerung erwachen und dann wild vibrieren und suchend herumlaufen, wobei sie auch hier die zehnfache Normalbewegungsgeschwindigkeit erreichen können. Sie vermehren sich parthenogenetisch, also durch ungeschlechtliche Zeugung, wobei sie alle zehn Jahre drei Junge bekommen, die bei Tag leicht mit Flußkiseln verwechselt werden können, zumal sie ja genau dort abgelegt werden, um Wasserflöhe und andere gepanzerte Kleinlebewesen wie Schwimmkäfer zu fangen. Sind sie größer als der Fluß tief ist steigen sie bei Nacht an land und wandern langsam, wobei sie Insekten, Spinnentiere oder Schnecken mit ihren Saugrüsseln fangen. Wann und wie sie entstanden ist noch völlig unerforscht. Paläomagizoologen behaupten, sie könnten mit Felsenwühlern verwandt sein. Andere behaupten, es seien besonders alte Bergtrolle, die bei Tageslicht zu Stein werden, aber soviel Magie in sich haben, daß sie bei Nacht von diesem Bann befreit sind, aber dafür nicht mehr ohne Not sehr schnell laufen können. Was genau stimmt hüten die Dunkelsteinwanderer als ihr Geheimnis. Denn wenn sie leben, kann man sie nicht festhalten und auf einen Holztisch legen, und wenn sie sterben zerfallen sie zu Staub. Es konnte nur ermittelt werden, daß nach der fünften Nachkommenschaft das Exemplar am nächsten Tag erstarrte und dann wie von einer Riesenfaust zerquetscht zerfiel. Folgen Sie mir nun alle zum überdachten Gehege. Glas ist für sie keine Bedrohung und deshalb kein Problem." Sie führte die Besucher zu einem kleineren Gehege, das mit einer Glaskuppel überdacht war. Ein gläserner Tunnel führte in das Gehege hinein. "Hier können angemeldete Besucher bei Nacht fünf der zwölf Exemplare bei ihrer Wanderschaft und ihrer Nahrungsaufnahme beobachten. Ich selbst habe schon mehrere Schulklassen der ZAG-Stufe hierhergeführt, um ihnen diese seltenen Tierwesen vorzustellen. Die Leitung des Tierparks hat mir geholfen, eine auftretende Sonnenfinsternis zu simulieren, indem ich die Glaskuppel magisch abdunkeln lasse. In den Tunnel können fünfzig Personen hinein. Bitte Gruppen bilden!"

Als Julius mit seiner Frau, Laurentine, Belisama, den Whitesands, Swanns und anderen durch eine Steinluke in den gläsernen Tunnel eingestiegen war fühlte er sich ein wenig eingeengt. Alle Geräusche wurden durch die im Tunnel erzeugte Luftsäule um ein vielfaches verstärkt. Als die Luke von selbst zufiel setzte auch schon die Verdunkelung ein. "Hoffentlich leidet hier keiner unter Platzangst", dachte Julius, der an seine Mutter dachte, wie sie früher Probleme mit engen, verschlossenen Räumen gehabt hatte und wie heftig sie die Vorrichtung des Verbrechers Laroche traumatisiert hatte. Doch hier in dieser Gruppe litt niemand unter Platzangst. Luft war auch genug vorhanden. Es wurde immer dunkler. Dann sahen sie, wie die fünf großen dunklen Felsbrocken pulsierten, sich streckten, bis große, walzenförmige Geschöpfe zu sehen waren, die auf zehn Beinpaaren liefen wie Asseln oder Tausendfüßler. Sie begannen immer schneller umherzulaufen. Julius schätzte ihre Geschwindigkeit auf wohl zwanzig Stundenkilometer. Dabei fühlte er etwas wie dumpfe Vibrationen, etwas, daß ihm sowohl Unbehagen einflößte als auch lähmte. Was ging hier vor? Das Unbehagen steigerte sich. Die Lähmung wurde stärker. Er hörte das Wimmern von Perseus. Der Kleine hatte wohl auch Angst. Larissa hockte neben ihrer Mutter und rang wohl mit sich, was sie machen sollte. Dann endete der Zauber in der Glaskuppel auch schon wieder. Die zwanzigbeinigen Walzenwesen erzitterten heftig und wurden innerhalb einer Sekunde zu fünf dunklen Felsblöcken. Gruselig, aber auch faszinierend, empfand es Julius. Durch eine Steinluke auf der anderen Seite des Tunnels verließen sie das unheimliche Gehege mit den noch unheimlicheren Bewohnern wieder.

"Ui, ich hätte doch Zaubertierkunde nehmen sollen. Schon faszinierend, was es alles so gibt", meinte Laurentine zu Belisama.

"Haben Claire und ich dir immer schon gesagt. Aber du kannst mit dem, was du noch machst auch eine Menge interessantes erleben", erwiderte Belisama.

Prudence beruhigte ihren Sohn. Mike meinte, daß sie wohl unter Infraschall gesetzt worden waren, weil er meinte, die Luft beben zu fühlen und diese Anzeichen von Lähmung aber auch Unbehagen zu fühlen.

"Extrem tiefer Schall, sehr richtig. Mein Kollege vom Tierpark hat dieses Phänomen untersucht und auch unhörbar tiefe Töne nachmessen können." Julius wies auf die beiden Kinder hin. "Das hätten Sie dann aber bitte berücksichtigen müssen, daß diese Töne Angstgefühle erzeugen oder einen lähmen können, Magistra Rauhfels", sagte er. Millie nickte. Larissa verdrückte gerade ein paar Tränen, während Prudence ihren Sohn beruhigte. Sie wandte sich an die Erkundungsleiterin:

"Wenn Sie wußten, daß derartige Einflüsse in diesem Tunnel wirken hätten wir, Mrs. Swann und ich, das auch gerne vorher gewußt. Sie können von Glück reden, daß mein Sohn keinen Panikanfall erlitten hat." Peggy stimmte ihr durch Nicken zu. Magistra Rauhfels entschuldigte sich. Um von diesem Versäumnis abzulenken und das Heft wieder fest in die Hand zu bekommen sagte sie rasch: "Damit haben wir auch schon die Verständigungsform dieser Wesen erfahren. Unhörbar tiefe Schallwellen reichen weit und dienen als Sammelrufe. Aber ich werde Ihre gerechtfertigten Einwände beherzigen und die folgenden Gruppen vorwarnen", sagte die Lehrerin. "Bitte kehren Sie zu dem großen Freigehege zurück und warten Sie dort, bis ich mit der letzten Gruppe zu Ihnen stoße!"

"Sag mal, daß man als Experte oder Expertin nichts neues lernen kann", meinte Julius zu Millie. "Das mit dem Infraschall hätte die doch wissen müssen, wenn die dieses Experiment schon gemacht haben. Aber die hat uns nicht vorgewarnt."

"Wollte wohl, daß wir das selbst rauskriegen, was da passiert ist. Aber in so einem Glasrohr zu stecken und von diesen unhörbaren Tönen durchgeknetet zu werden macht auch keinen Spaß", erwiderte Millie darauf. Julius konnte ihr da nur beipflichten.

Während sie auf die übrigen Teilnehmer warteten blickte Perseus nach oben zur gerade klar erkennbaren Sonne. Mike hielt ihm schnell die Hände vor die Augen. "Die große Lampe da oben ist viel zu hell, Persy", sagte er ruhig. Julius nahm die Kiste mit den Schutzbrillen hoch, die durch Federleichtzauber fast kein Gewicht hatte. Er kramte eine der weich verpackten Sehhilfen hervor und holte sie heraus. "Leider gehen die nur bei Erwachsenen, denke ich. sonst lassen diese Gläser gerade soviel Licht durch, wie die Augen ohne zu schmerzen vertragen können, sagt Florymont Dusoleil." Mike nahm die Brille und setzte sie auf. Dabei war Julius, als rückten die Gläser ein kleinwenig mehr auseinander und die Bügel verlängerten sich um einen oder zwei Zentimeter. "Hups, die sitzt gerade fest genug, daß sie mir nicht runterfällt", sagte Mike. "Toll, wie Fensterglas", fügte er noch hinzu, bevor er in die Sonne blickte. "Bor, sofortabdunkelung. Ich habe überhaupt nichts von der Blendwirkung gefühlt und sehe die Sonne jetzt so wie eine leuchtende Orange." Julius fischte schnell eine Brille für sich aus der Kiste und setzte sie auf. Erst meinte er, das Gestell sei zu schmal und die Bügel zu kurz. Doch dann saß sie breit genug mit nicht an den Ohren schmerzenden Bügeln auf seiner Nase. Er blickte hoch in die Sonne und sah nur eine orangerote Kugel in Mitten von dunkelblauem Himmel. Er konnte sogar einzelne dunkle Stellen erkennen, als habe die am Himmel hängende Orange bereits Fäulnis angesetzt.

"Die Brille paßt sich an, Julius", stellte Millie fest. "Erst war sie dir zu klein und ist dann in einer Sekunde so groß geworden, daß sie wie für dich gemacht saß."

"Cool", erwiderte Mike. "Ich sehe die Sonnenflecken wie Augen bei einer Kartoffel." Prudence wandte sich an Julius. "Das mit der Anpassung interessiert mich. Darf ich auch eine haben, oder hast du nur für fünf Leute eine Mit?"

"Zwanzig Stück hat Florymont mir gegeben", sagte Julius und holte eine weitere Schutzbrille hervor. "Gleitlichtgläser nennt Florymont das", sagte Julius. Er sah nun wieder auf den Boden und meinte, nur durch zwei Fensterglasstücke zu blicken. "Allerdings hat er das Glas wohl noch gegen UV und Infrarot abgeschirmt." Prudence setzte gerade Perseus die Brille auf die viel zu kleine Nase. Jetzt konnten sie alle sehen, daß das nützliche Hilfsmittel unverzüglich schrumpfte, bis es gerade groß genug war, um beide Augen des Säuglings zu schützen und sicher auf den Ohren zu liegen.

"Oh, Camille, paß bloß auf, den Typen nicht zu verlieren", dachte Julius. "Florymont, du bist einfach genial. Da komme ich noch nicht ran." Er ahnte, daß nun alle hier versammelten gerne so eine Schutzbrille haben wollten. Doch die meisten hatten das nicht mitbekommen. Als Prudence die Brille wieder von Perseus' Nase gepflückt hatte, wuchs sie auf ihre Ausgangsgröße zurück. "Größenanpassung. Damit macht der bald eine Menge Gold", sagte sie. "Da werden manche Schneider aber gegen Protestieren. Na ja, was ähnliches gibt's ja schon in der Bekleidung."

"Halte bitte eine für meine Mutter und mich zurück!" Hörte Julius unvermittelt eine eigentlich längst schon erwartete Frauenstimme in seinem Kopf. Larissa wollte offenbar so eine praktische Sonnenbrille, mit der man sogar konzentriert in die Sonne hineinblicken konnte. Er überlegte, ob er sie anmentiloquieren sollte. Doch dann fiel ihm was besseres ein. Er ergriff die Initiative. Er ging nach vorne zu Melissa und den Swanns und fragte Peggy, ob sie sich auch eine neuartige Sonnenbrille ausleihen wollte. Denn Florymont hatte nichts von verschenken gesagt. "Die können auch kleine Kinder aufsetzen", sagte er überflüssigerweise.

"Habe ich gesehen. Muß ich meiner kleinen nur begreiflich machen, daß sie nur damit ohne geblendet zu werden in die Sonne gucken darf", sagte Peggy Swann noch. Dann bat sie für sich und ihre Tochter um eine Brille. Julius gab sie ihr mit einem sehr arg abgerungenen Lächeln. Larissa bekam ihre jedoch noch nicht. Offenbar hatte Peggy Angst, "die Kleine" könnte sie schon vor dem großen Ereignis kaputtmachen.

"Na, wolltest du Klein-Larissas junge Äuglein nicht der Gefahr zu hellen Sonnenlichtes aussetzen", zischte Millie ihm auf Französisch zu. Er nickte nur. Die gewisse Verachtung war trotz des Flüstertons unüberhörbar gewesen.

Als alle durch den Tunnel gekommen waren, wobei es tatsächlich zwei Fälle von Platzangst gegeben hatte, führte Magistra Rauhfels sie alle zu einem kegelförmigen Gebäude, das durch eine Art Schleuse betreten wurde. Das Gebäude war aus Glas, wohl unzerbrechlich gezaubert oder aus einer der sagenhaften Glashütten der schwarzwälder Waldzwerge. Julius schauerte es, als er die großen, goldglänzenden Körper darin wuseln sah. Das waren die Goldpanzerameisen.

"Hier haben wir die einzige in einem zaubertierpark der gemäßigten Breiten lebenden goldpanzerameisen, Fortiformica cuticaurea", setzte Magistra Rauhfels mit einer Erläuterung an, während bereits einige Gäste zurückwichen. Julius dachte mit gewisser Gehässigkeit, daß er nicht der einzige war, der Angst vor großen Insekten haben mochte. "Die Kolonie besteht aus hundert Einzelexemplaren, wobei wir, die wir den Tierpark beaufsichtigen, die bei Goldpanzerameisen übliche Kastenbildung dahingehend beeinflußt haben, daß nur Arbeiterinnen für die Aufrechterhaltung innerhalb der Kolonie heranwachsen konnten. Von außen lassen sich die Reparaturarbeiterinnen beobachten, die das aus Erdreich und Gestein bestehende Netz von Gängen und Schächten instandhalten. Die Tierwesen gelten als für den Menschen dann gefährlich, wenn dieser in ihre Jagd- und Erntereviere eindringt und sich somit als Beute anbietet. Einzelne Exemplare können so groß wie ausgewachsene Menschen werden und erreichen die fünfzigfache Stärke eines solchen."

"Monsterameisen", unkte Mike. Ihm war auch nicht so geheuer, mit diesen wuselnden Tieren nun größenmäßig gleichzustehen, wo er sie sonst nur als lästige, höchstens interessante Winzlinge kannte.

"Na ja, der Begriff Monster ist, wie ich Ihrem Begleiter Julius Latierre schon sagte etwas zu wertend für eine akademische Vorführung und stellt nur die negativen Eigenschaften eines Lebewesens heraus, ohne die neutralen bis positiven Eigenschaften zu würdigen. Wenn Sie sagen möchten, daß diese Ameisen gewöhnliche Wald- und Wiesenameisen um ein hundert bis tausendfaches übertreffen, so dürfen Sie beruhigt sein, daß diese Tiere nicht so vermehrungsfreudig sind wie ihre winzigen Artverwandten ohne Magie. Wer unbezwingbare Angst oder Abscheu im Angesicht von Insekten jeder Größe empfindet darf auf die kommende Vorführung gerne verzichten", sagte die Lehrerin noch. Prudence hatte zwar keine Angst vor Ameisen, egal wie groß sie waren. Doch wegen Perseus wollte sie nicht riskieren, daß dieser beim Anblick dieser Tierwesen eine bleibende Angst vor Ameisen bekam. Julius überwand sich. Vor Millie und den Swanns wollte er nicht einknicken. So war er wieder einer der ersten, die durch die gläserne Schleuse in den großen begehbaren Ameisenhaufen hineingingen. Er hörte und sah die Tiere, wie sie gegen die mehrere Zentimeter dicken, unzerbrechlich gemachten Glaswände der sich durch ihren Bau schlängelnden Röhre warfen, mit ihren Beinen dagegenstießen und auch mit den gefährlich aussehenden Beißwerkzeugen versuchten, die Glasröhren zu beschädigen. außerdem war es hier drinnen tropisch heiß, ja schon Wüstenklima, so wie die Tiere es brauchten, die nur in Wüsten wie der Sahara existieren konnten.

Millie ergriff Julius bei der Hand. Nicht weil sie bei ihm Trost oder Schutz suchte, sondern um ihm zu helfen, mit dieser beängstigenden Tour zurechtzukommen. Doch er empfand keine Angst. Er dachte an die Säulen der Gründer und seine erste Aufgabe darin, wo er selbst zu einer Waldameise geworden war um die von der als Ameisenkönigin herrschenden Viviane Eauvive geführte Kolonie zu retten. Offenbar half ihm das ungemein, mit dieser Lage zurechtzukommen, merkte er. Und Millie fühlte über die Herzanhängerverbindung, daß er keine Angst empfand. Larissa hatte offenbar keine Angst vor Monsterameisen. Sie war anders als Mike und Prudence zusammen mit Melissa in den großen Ameisenhaufen eingestiegen.

Im Zentrum des Kegels konnten sie aus einer gläsernen Kanzel heraus die Königin sehen. Sie maß mindestens fünf Meter und ließ sich von ihren Töchtern füttern. Dabei legte sie im Moment keine Eier. Ameisenkönigin Viviane Eauvive hatte während der Audienz mit Ameiserich Julius Latierre mehrere Eier legen müssen. Er erinnerte sich, wie er unter dem zeitweiligen Namen Laetitia Grandchapeau mit seiner unfreiwilligen Vier-Tage-Zwillingsschwester in den algerischen Zaubertierpark gereist war. Dort hatte er erfahren, daß diese Rieseninsekten sich nur alle zwanzig Jahre vermehrten.

"Üblicherweise leben diese Tiere nur dort, wo die Sonnenstrahlung ganzjährig in einem Winkel von mindestens achtzig Grad auf die Erdoberfläche trifft. Wir hier können deshalb auch nur diese Zahl von Ameisen kultivieren, weil wir entsprechend getrocknetes Futter anbieten können. Darin ist jedoch auch ein Stoff, der die Zuordnung zu bestimmten Ameisenkasten beschränkt", dozierte Magistra Rauhfels. "Die Königin legt im Todesfalle eines Individuums ein Ei. Ansonsten lebt sie zwanzig Jahre lang, ohne ein Ei mehr zu legen, als zur Zahlenerhaltung der Kolonie nötig ist. Steht sie kurz vor ihrem natürlichen Tod. legt sie zwanzig eier, die zu fruchtbaren Weibchen werden. Die über die Zeit kultivierten Männchen bekommen dann Flügel und warten darauf, daß die Königinnen ausschwärmen. So entstehen dann zwanzig Ableger der Mutterkolonie, die ohne die Königin selbst nach und nach ausstirbt. Diese Kolonie besteht wohl noch sieben Jahre lang. Ob wir dann eine neue Kolonie hier entstehen lassen muß noch geklärt werden, da es zur Haltung dieser Tiere doch sehr viel Zeit und Gold kostet und die Zaubereiministerien der Wüstenstaaten, die diese Tierwesenart als Wildform beherbergen bereits dagegen protestiert haben, daß wir hier diese Vorführkolonie unterhalten."

"Und was machen die, wenn die Sonne verschwindet?" Fragte Melissa Whitesand forsch. Zur Antwort hob die Exkursionsleiterin den Zauberstab und tippte damit gegen eine winzige Erhebung in der Glaswand. Es knisterte kurz. Dann begann das von draußen einfallende Tageslicht zu verlöschen. Besser, es wurde immer mehr abgedämpft. Sofort setzte eine Reaktion ein. Die eben noch herumlaufenden Ameisen fielen umm wo sie standen und blieben liegen. Julius sah auf die träge in ihrem Trhonsaal hockende Königin. Diese erzitterte einen Moment. Dann erstarrte sie. Es sah so aus, als bestehe sie aus purem Gold. Ihre Anhängsel blieben genau in der Stellung, in der sie vor dem Abdimmen des Sonnenlichtes gewesen waren.

"Es heißt, diese Tiere seien reine Mittagstiere, die genau dann am aktivsten sind, wenn andere Wüstentiere Schutz vor der Sonne suchen", erklärte Magistra Rauhfels. "Tatsächlich können sie zwischen elf und vierzehn Uhr aktiv sein. Fehlt danach aber ein Zehntel des bis dahin einstrahlenden Sonnenlichtes, verfallen sie nach und nach in einen todesähnlichen Zustand. Bei der Abschwächung des Lichteinlasses hier tritt diese Umstellung schlagartig ein. Die Ameisen sind nun scheintot und könnten für hervorragende Goldschmiedearbeiten angesehen werden. Fällt das Sonnenlicht wieder ein .. Na ja, das sehen Sie gleich ja selbst."

Tatsächlich sprangen die Ameisen wieder auf, als die simulierte Finsternis vorüber war und genug Sonnenlicht einfiel. Julius dachte glatt, jemand habe die Tiere regelrecht eingeschaltet. Auch die Königin bewegte sich wieder.

"Die Magizoologen forschen noch nach dem Grund, warum die Ameisen derartig rasch auf die Sonnenlichteinstrahlung reagieren. Sicher ist nur, daß es vom Einfallswinkel abhängt, wie schnell sie erstarren oder wiedererwachen. Wie bei anderen Wildtieren wie Einhörnern und Drachen weiß niemand, wann und wie sie entstanden sind. Feststeht nur, daß ihr Goldpanzer gerne als besonderer Raumschmuck oder als Bestandteil von Metallabweisenden Kleidungsstücken gehandelt wird. Ägyptische Ministeriumszauberer, die in der Muggelwelt eingesetzt werden, tragen unter ihren Kleidungsstücken die abgelösten Goldpanzer der Fortiformica cuticaurea als Geschoß- und splitterabweisende Rüstung. Da diese Rüstung nicht bezaubert werden muß wie Drachenhautpanzer kann sie auch kein Aufhebungszauber auf Edelmetallgeschossen durchdringen. Wen erstaunt es da, daß die Ägypter und andere arabische Zaubereiministerien argwöhnisch auf unsere kleine Kolonie schauen?" Mit diesen Worten führte Magistra Rauhfels die erste von zehn Gruppen durch das Labyrinth von Glastunneln zu einem anderen Ausgang, um die nächste Hundertschaft durch den Ameisenhaufen zu lotsen.

"Deshalb mußte ich herkommen, um das zu sehen", sagte Lorena Forester, die draußen vor dem Ausgang mit Julius zusammentraf. "Ich mußte es sehen, ob die hier wirklich Goldpanzerameisen halten. Ich ging von einem großangelegten Betrugsmanöver aus, um Touristen anzulocken. Doch die Tiere verhielten sich genuin, also echt, naturgetreu, sowohl vor als auch nach der simulierten Finsternis. Ich habe in Algerien zwei Jahre damit zugebracht, diese Wesen zu erforschen, bevor ich andere Dinge des Lebens erforscht habe."

"Ja, aber so wie sie es sagt könnten die Araber sehr verärgert sein, daß hier diese Wüsteninsekten herumwuseln", sagte Julius.

"Deshalb vermute ich, daß hier wirksame Fernfluchabweiser und Sprengschutzvorrichtungen verbaut wurden. Außerdem wird sich die internationale Magizoologische Vereinigung IMAZOV im nächsten Jahr auch damit befassen, ob Tierwesen außerhalb ihrer natürlichen Klimazonen gehalten werden dürfen. Da könnten sich alle Nordeuropäer mit den Wüstenstaaten zusammentun und ein Nachzuchtverbot für fremdklimatische Tierwesen durchdrücken. Wer dann diese Tiere sehen will muß dann eben hinreisen, wo sie auch natürlich vorkommen."

"Ich stelle mir gerade Muggelzoos ohne Elefanten, Krokodile und Schlangen vor", sagte Julius darauf. "Die dürften dann auch schnell pleitegehen."

"Reine Goldmacherei, Julius. Die wollen nur haben, daß die Magizoologen nach Ägypten, Algerien oder Island reisen müssen. Bringt den Flohnetzbetreibern was ein, sowie den entsprechenden Handelsvertretungen", sagte Millie. "Tante Babs wird da natürlich auch hinreisen und für Frankreich und Beauxbatons auftreten."

"Ich gehe lieber selbst für Thorntails hin, weil ich im Moment keinem so recht traue, der im US-Zaubereiministerium sitzt", sagte Lorena Forester. "Aber davon bitte kein Wort, wenn Lino in der Nähe ist!"

"Haben Sie schon was von Brittany gehört?" Fragte Julius.

"Ich bin erst heute Morgen eurer Zeit nach VDS zurückgekommen und dann gleich mit dem Flohnetz weiter nach Greifenberg", sagte Lorena Forester. Dann sah sie die Swanns und ging zu ihnen hinüber.

"Die werden sich darauf einigen, daß wertvolle Tiere nur dort gezüchtet werden dürfen, wo sie ursprünglich herkommen, Julius. Alle anderen Tiere werden wohl weiter in den Tierparks und Schulmenagerien bleiben dürfen."

"Manche Tiere würden sich wohl wünschen, nicht eingesperrt werden zu dürfen", erwiderte Julius. Er dachte daran, daß es mal sogenante Völkerschauen gab, wo Eingeborene aus Afrika, Asien und Amerika vor Publikum ihre Musik, ihre Arbeit und ihren Alltag nachzuspielen hatten. Andererseits wußte er auch, daß Menschen nur dann was für wilde Tiere empfinden konnten, wenn sie lebende Exemplare in den Zoos zu sehen bekamen. Im Fernsehen wirkte ein Krokodil nicht so imposant und gefährlich wie in einem Terrarium. Und Löwen im Fernsehen verströmten nicht diesen typischen Raubtierkäfiggeruch.

Alle Gruppen waren durch den Ameisenhaufen durch. Nun ging es zurück nach Greifennest. Wieder benutzten sie das Teleportal in den tiefen Keller des Erzenklang-Turmes.

Der Burghof war nun voller Leute. Die Mauer war mit Menschen besetzt, die mit Fernrohren mit aufgesetzten Filtern, Zaubererweltkameras mit Teleobjektiven und anderen Vorrichtungen bewaffnet waren. Julius suchte Pina. Diese hatte sich bereits auf Höhe des Sonnengoldturmes einen Platz auf der Mauer gesucht. Julius winkte ihr zu. Er wollte gerade zu der Leiter hinlaufen, die auf die Mauer hinaufführte, als ihm einfiel, daß er noch einige der Brillen verteilen wollte. Waltraud winkte ihm zu.

"Ich habe Magister Hertzsprung, unseren Astronomielehrer getroffen. Er hat sich auf der Spitze von Taubenflug postiert", sagte sie. "Ich erzählte ihm von diesen Gleitlichtglasbrillen. Hast du noch welche?"

"Zwei drittel des Angebotes", sagte Julius und holte für Waltraud und Millie eine hervor. Dann folgte er Waltraud mit der Kiste. "Wie komme ich auf den Turm rauf, wo die Tür nur für Taubenflugler aufgeht?"

"Ich winke ihn mal runter", sagte Waltraud und vollführte mit dem Zauberstab eine kurze Winkbewegung. Eine Minute später tat sich die weiße Turmtüre auf, und ein kleiner, gedrungener Zauberer mit nachtschwarzem Haar und bleicher Haut verließ den Turm. Julius dachte zuerst an einen Vampir. Doch als der Zauberer im weißen, mit goldenen Sonnensymbolen verzierten Umhang den Mund zum Lächeln öffnete sah er keine überlangen Eckzähne. Außerdem stand der Zauberer gerade voll im Sonnenlicht. "Magister Vetius Hertzsprung, Monsieur Julius Latierre", stellte Waltraud die beiden Zauberer einander vor.

"Äußerst erfreut, Sie einmal zu sehen zu bekommen, junger Mann", sprach der Lehrer mit einer leisen, fast piepsigen Stimme, die fast so klang wie die von Professor Flitwick. "Ich erfuhr natürlich von Ihrem Vortrag über die Magie des Sonnenlichtes, bei dem Sie auch die Erkenntnisse der magielosen Astronomie einfließen ließen. Leider konnte ich bis heute keine lückenlose Zusammenfassung dieses Referates erhalten. Haben Sie zufällig noch eine?"

"Leider nur die Stichpunktsammlung, was ich erzählen wollte, Magister Hertzsprung", erwiderte Julius, der kein Wort darüber verlor, wie gut der Astronomielehrer Französisch sprach. "Aber diese Zusammenfassung kann ich Ihnen gerne zukommen lassen", sagte er noch. Dann kam er auf das wesentliche. Er bot dem Astronomielehrer eine der Sonnenbrillen an. Er setzte sie sich auf. Julius konnte keinen Unterschied sehen. Die blaßblauen augen des Lehrers wurden nicht getönt. Als Hertzsprung in die Sonne blickte freute er sich sehr. "Unglaublich, die Sonnenflecken bereits ohne präpariertes Teleskop zu sehen", sagte er. "Damit kann ich also gefahrlos die voranschreitende Eclipsis verfolgen?" Julius nickte. Wie lange die Brillen hielten wußte er nicht. Aber den einen Tag bestimmt. Außerdem waren sie ja nur geliehen.

Dann wollen wir es angehen", sagte der Astronomielehrer."

Julius ging zu Pina und Gloria auf die Südmauer. Unterwegs traf er noch einmal die Swanns.

"Larissa und ich stellen uns westlich vom Sonnengold-Turm hin", sagte sie. "Danke für die Schutzbrillen. Dürfen wir die behalten, oder müssen wir die zurückgeben?"

"ich denke eher, daß ich sie wieder mit zurücknehmen soll", sagte Julius. Peggy Swann nickte. So recht war ihr das nicht. Vielleicht wollte ihre Tochter auch nicht mehr davon lassen. Doch das würde sie hier vor so vielen leuten nicht erzählen. Julius konnte das nur recht sein. Er stieg die Leiter zur Südmauer hinauf und traf dort Pina und Gloria. Bald gesellte sich auch Millie mit Laurentine und Belisama dazu. Die Whitesands standen irgendwo im Gewühl der Menschen, die nun die besten Standplätze suchten.

"Also erst die Perlenschnur, dann der Diamantring und dann die Corona?" Fragte Belisama Laurentine. Laurentine bestätigte das. "Ist so, als würde ein Schmuckhändler nacheinander ein immer teureres Stück vorlegen. Wird sicher genial. Das ist die erste Sofi, die ich nicht im Fernsehen sehe. Mein Vater steht bestimmt auch jetzt irgendwo und sieht zu. Schon traurig, daß der Abstand zwischen dem und mir jetzt größer ist als zwischen Sonne und Mond. Aber wenn er es nicht kapieren kann. Ich habe mich entschieden. Dann sehen wir eben beide einmal dasselbe, wenn vielleicht auch ein bißchen zeitversetzt. Vorbach ist ja nicht so weit von hier weg." Julius nickte ihr zu. Er dachte daran, daß Ammayamiria jetzt vielleicht auch zusah, wie die von Claire gemochten und geliebten zusammenstanden, um ein seltenes, größtenteils harmloses Himmelsspektakel zu bewundern. Nicht absolut harmlos, weil ja doch die Gefahr bestand, daß Leute ohne Schutzbrille in die Sonne starrten und danach Probleme mit den Augen hatten.

Die Sonne wirkte durch die Gleitlichtbrille betrachtet wie eine angebissene Orange. Und wer da an ihr knabberte hatte noch nicht genug. Langsam und lautlos schob sich der das Licht fressende Mondschatten mehr und mehr über die gleißende Scheibe der Sonne, die nur wegen der Schutzbrille gerade erträglich dunkel genug erschien. Julius machte das Experiment mit der Lichtprojektion durch sein Teleskop. Auf der weißen Pergamentunterlage war es noch deutlicher zu sehen, wie der zunehmende Mondschatten das grelle Sonnenlicht aufzehrte. Doch immer wieder blickte Julius durch die sich schneller als augenblicklich anpassende Brille zur feurigen Kugel hinauf, deren Licht und Wärme das irdische Leben erschaffen hatte und in Gang hielt. Jetzt würde es für wenige Minuten von einem anderen ausgelöscht, der mit seiner Schwerkraft die Erde in einer stabilen Ausrichtung hielt, damit das Leben sich nicht jedes Jahr neu anpassen mußte. Er dachte an die Mondtöchter in ihrer Burg. Wie reagierten sie bei einer Sonnenfinsternis? Schliefen sie vielleicht am Tag und erwachten für wenige Minuten, wenn der Mond die Sonne überdeckte? Julius wußte es nicht. Falls Millie jetzt kein Kind von ihm in ihrem Schoß trug würde sie es wohl unfreiwillig erfahren, weil sie dann gezwungen war, zu diesen Mondschwestern zu gehen und bei ihnen zu bleiben. So war der Handel. Sichere Partnerschaft gegen ein neues Leben. Ähnliches hatte Leas Mutter über sich ergehen lassen. Ähnliches verband die beiden Swann-Hexen und vielleicht auch Anthelia, Daianira und Professeur Tourrecandide.

Der Mond kroch als dunkler Schatten immer weiter in die Bahn der Sonnenstrahlen. Julius bewunderte dieses lautlose Manöver am Himmel. Jahrmilliarden lief das schon so. Jedes Jahr durchquerte der Mond einmal die Linie zwischen Erde und Sonne, und zwar dann, wenn er selbst kein Sonnenlicht zur Erde zurückwerfen konnte. Er durfte ein Schauspiel genießen, daß er wohl nur einmal in seinem Leben zu sehen bekommen würde. Er dachte an alle die, die es jetzt mit ihm erleben durften. Aber er dachte auch an die, die es leider nicht mehr miterleben konnten, Die Opfer der Todesser, die Opfer der Schlangenmenschen, aber auch Claire Dusoleil, die jetzt mit ihrer Großmutter Aurélie als Ammayamiria weiterexistierte, mehr als ein Geist, mehr als ein Mensch aus Fleisch und Blut, und deshalb so weit weg von ihm, wie der wirkliche Abstand zwischen Sonne und Mond, die nur von der Erde aus gleich weit entfernt schienen. Er dachte an Temmie, die geflügelte Kuh, in der das auf ihn übergegangene Bewußtsein Darxandrias eingezogen und richtig aufgekeimt war. Da, wo sie stand, konnte sie keine Sonnenfinsternis sehen. Er mußte sie unbedingt noch einmal besuchen, bevor er nach Beauxbatons ging, wo sicher ein neues trimagisches Turnier anstand.

Dämmerung kam auf. Es war nicht wie am Abend, wo die Dämmerung über dem Horizont lag und weit darüber schon die Dunkelheit herrschte. Hier stieg die Dunkelheit vom Horizont her auf, dort, wo die Sonne gerade stand. Weiter oben am Himmel war es noch hell, dort, wo noch genug Licht von der Sonne in die Atmosphäre gelangte. Julius sah sich um. Um ihn herum standen Leute, die froh waren, daß es ihn gab, Pina, Gloria, Belisama, Laurentine und vor allem seine Frau Mildrid, die die Macht des Mondes mit ihm zusammengeführt hatte, weil er sie immer schon heimlich begehrt hatte, nachdem Claire nicht mehr mit ihm zusammensein konnte. Jetzt wußte er, daß sie immer schon gewußt hatte, daß wenn nicht sie, dann Mildrid oder ihre ältere Schwester die Frau an Julius' Seite werden würde. Claire Dusoleil, Clair du soleil, die Helligkeit der Sonne, der Sonnenschein, schwand nun auch am Himmel. Doch die Sonne würde nur zwei Minuten und einige Sekunden ausbleiben. Der dunkle Schatten würde verschwinden. Hier vollzog sich etwas in der Natur, was Julius erlebt hatte. Zwar war ihm eine große Liebe genommen worden, weil er zu neugierig gewesen war. Doch der dunkle Schatten war weitergewandert, hatte ihm neue Liebe gebracht und noch mehr Bestätigung, daß er nicht wertlos war. Er hatte geholfen, einen anderen dunklen Schatten zu verjagen, der nicht von sich aus wegziehen wollte. Wegen seiner Mutter und ihm lebten hunderte von Muggelstämmigen, die sonst entrechtet oder getötet worden wären. Voldemorts dunkler Kernschatten, dessen Halbschatten Didier und Pétain gewesen waren, mußte weichen. Mit seinem Ende erwachte Chloé Dusoleil zu ihrem Leben, weil Julius die Schlangenkrieger aufgehalten hatte und beinahe selbst einer von ihnen geworden wäre. Die Sonne des Lebens schien wieder für ihn. Und ebenso würde die Sonne am Himmel auch wieder scheinen, nachdem sie ihren Kindern ihre strahlende Krone gezeigt hatte. Für die Anhänger des Sonnen- und Mondkultes war die Sonne männlich wie in vielen Religionen der früheren Zeiten. Und jetzt wurde sie von ihrer kleineren Tochter, der Himmelsschwester, der Mondin, für wenige Minuten überdeckt. Chinesen glaubten einmal, ein riesiger Drache würde die Sonne verschlingen und dann wieder ausspeien. Wie viele Sagen und Märchen gab es um dieses uralte Naturschauspiel? Langsam stieg die Dunkelheit vom Horizont in den Himmel hinauf. Langsam verglühte das Sonnenlicht. Julius war froh, daß gerade jetzt keine Wolken den Blick störten.

"Das ist echt was erhabenes", sprach Millie etwas aus, was ihm, Julius, gerade durch den Kopf ging. Gloria bestätigte das. Auch Laurentine empfand dieses Naturschauspiel als einen Beweis für etwas, das größer war als die Menschen. Gott wollte sie nicht dazu sagen. Zu häufig wurde mit dieser Vorstellung Mißbrauch getrieben, um Macht und Reichtum zu ernten. Aber das Universum als solches überragte alles menschenmachbare und damit auch alle Sorgen der Menschen. Julius erkannte wieder, daß er etwas mitverfolgte, daß es schon gab, als die Dinosaurier die Erde bevölkert hatten und das es wohl noch in Jahrmillionen geben würde, wenn die Spezies Mensch schon längst nicht mehr existierte und ihre Hinterlassenschaften zu Staub zerfallen waren. Die Erde würde sich weiter verändern. Doch immer wieder würde die Sonne aufgehen, und ja, einmal alle hundert Jahre in einem bestimmten Bereich über der Erde hinter dem Mond verschwinden. Hieß es nicht, die Erde würde sich immer langsamer drehen? Vielleicht gab es in einigen Milliarden Jahren nur auf einer Seite Tag und auf der anderen Nacht, und zwischendurch würde der Tag von dem durchwandernden Mondschatten verdunkelt. Wesen, die es da vielleicht geben würde, die keine Dunkelheit kannten, könnten dann Angst bekommen. Das erwähnte er Laurentine gegenüber.

"Früher hatten die Leute ja auch Angst vor der Sonnenfinsternis oder der Mondfinsternis, vor allem, wenn der Mond dann wie aus Blut aussah. Was du über eine Welt im Tageslicht erzählst hat der Schriftsteller Asimov echt mal geschrieben. "Einbruch der Nacht" heißt die Geschichte. Da geht es darum, was eine Zivilisation tut, die nur alle fünftausend Jahre oder so von einer Sonnenfinsternis heimgesucht wird. Totale Panik und Zerstörung", erwiderte Laurentine, die früher einmal Bébé gerufen worden war. Doch sie hatte sich im Laufe der Jahre verändert. Sie hatte kein Babygesicht mehr. Er stellte fest, daß sie durchaus jemanden auf ihren Hexenbesen rufen konnte. Doch das betraf ihn jetzt nicht mehr.

"Da ist die Perlenschnur", sagte Pina auf die Sonne deutend. Die aus dem Mondschatten herausragenden Schatten der Mondberge unterteilten nun die Sichel des Sonnenlichtes in viele kleine funkelnde Perlen. Julius fragte sich, warum er das nicht fotografieren konnte. Sicher gab es Kameras, die das aufnahmen. Aber er konnte nicht einfach losgehen und wen fragen. Er blickte sich um. Der Wald der Kameras rekcte sich mit gierigen Objektiven gegen die Sonne. Rauchwolken quollen auf. Er sah, daß auch Peggy Swann eine Kamera mit Stativ aus ihrer geräumigen Tragetasche gefischt und aufgebaut hatte. Ihre Tochter ritt auf den Schultern von Mike Whitesand. Julius dachte, wie viel Glück Mike gehabt hatte, daß er erst in Prudences Bett und dann an ihrem Tisch gelandet war. Nachher kam Peggy noch auf abgedrehte Ideen, den neuaktivierten Zauberer als Frischfleisch für Larissas Geschwister zu umgarnen. "Danke für die Brille, Julius. Dein in unsere Welt hineingesegneter hält mich gut aus", hörte er wie auf ein Stichwort Larissas Gedankenstimme. Warum klang diese immer noch so wie von einer älteren Frau.

"Puller dem bloß nicht ins Hemd!" Schickte er ihr zurück, während die Perlenschnur immer dünner wurde.

"Ich puller nicht. Ich mache entweder Pipi oder uriniere oder lasse Wasser. Abgesehen davon hat meine werte Mutter mir noch mal eine Reisewindel umgebunden, damit ich nicht auf ein von einer ganzen Herde gedrängter Damen besuchtes Örtchen gehen muß."

"Wie hast du den dazu gekriegt, dich auf die Schultern zu laden?" Schickte Julius die Frage los, die er noch beantwortet haben wollte.

"Seine Schwester ist das schuld, weil sie meinte, er überließe seiner Frau das süße kleine Bübchen zum tragen. Da meinte er, was sie könne könne er auch", schickte Larissa ihm zurück.

"Wenn du ihm zu schwer wirst wirft der dich runter."

"Dann wäre er aber sicher todunglücklich", kam es von Larissa zurück. Julius mußte zugeben, daß das wohl zutraf. Dann sah er wieder zur Sonne hoch. Jetzt glomm nur noch ein winziges Licht. Gleich würde der Mondschatten sie ganz überdecken. Dann konnten sie die weit in den Raum hinausreichende Corona und die Sterne sehen. Julius wartete noch. Dann war es soweit. Sofort stellte sich die Brille auf die Dunkelheit um.

Er sah den bläulich flackernden Ring am Himmel. Er konnte die Sterne sehen. Er fühlte, daß es merklich kühler geworden war und meinte auch, daß der Wind stärker geworden war. Er lauschte in die Mittagsnacht hinaus. Keiner in der Umgebung sagte ein Wort. Kein Vogel sang. Kein anderes Tier gab einen Laut von sich. Er hörte nur das Rauschen des Windes in den Tannen, die rund um die Burg standen. Er genoß den freien Blick auf die Krone der Sonne, sah und erkannte die nun leuchtenden Sterne. Er dachte daran, daß Millionen von Menschen sich gerade vor Ort oder im Fernsehen dieses Spektakel ansahen, vereint in diesem einen Augenblick, wie damals bei der Mondlandung von Neil Armstrong, wie bei der Hochzeit und ja auch beim Tod von Lady Diana. Gut, die Sonnenfinsternis würde nicht von hunderten von Millionen Menschen gesehen. Doch darüber berichten würde man. Das passierte immer, wenn irgendwo auf der Welt eine totale Sonnenfinsternis zu sehen war. Er fühlte Millies Hand in seine gleiten und sie sanft und warm drücken. Keiner von beiden wagte etwas zu sagen. Doch Julius erkannte auch so, daß sie diesen Augenblick mit ihm teilen wollte, nicht nur neben ihm stehen, sondern ihn halten und von ihm gehalten werden. Vorsichtig umfaßtte er Millies Hand, sie gerade fest genug haltend, daß es nicht grob, sondern zärtlich war. Das hatte er von Claire gelernt und mit Millie vervollkommnet, wie er sie anfassen mußte, um wild oder zart mit ihr umzuspringen. Sie gehörte ihm, wie er ihr gehörte. In diesem Moment, wo Sonne und Mond einander berührten, berührte er seine Frau. Welch einen Klang diese Bezeichnung doch trug. Er verstand, warum es Leute gab, die trotz einer auch so funktionierenden Partnerschaft eine amtliche und auch eine kirchliche Bestätigung dafür haben wollten. Hatte er wirklich zu jung geheiratet. Wurde er wohl auch zu jung Vater. Falls ja, dann war das alles besser als zu alt dafür zu sein. Wenn Aurore oder Taurus nun die gleiche Wärme verspürten, die er gerade von seiner Frau verspürte, dann konnte er ihn oder sie durch das ganze lange Leben begleiten. Er fühlte die Wärme seiner Frau durch die Hand von ihr in seinen Arm gleiten, darin aufsteigen und ihn Herzschlag für Herzschlag ausfüllen. Er fühlte, daß sein Herz und das seiner Frau nun im selben Takt schlugen. Denn die Verbindung zwischen ihnen war fest. Er meinte, von ihr in einen warmen Hauch gehüllt zu werden, obwohl die Nacht der Mittagsstunde doch so kühl war. Da war er sich auf einmal sicher. In ihr ruhte etwas von ihm, Leben von ihm in ihrer Obhut, geliebt und erwartet. Doch war das nicht vielleicht nur ein Wunschtraum, eine von ihr auf ihn überfließende Hoffnung? Nein! Er fühlte, daß es eine Gewißheit war. So wie er sein Leben fühlte und ihre Nähe spürte, so war es für ihn nun sicher, daß dieses herrliche Geschöpf da neben ihm sein Kind trug, winzig klein noch, nur eine Kugel aus wenigen Zellen. Aber aus dem Kirschkern wurde ein Baum, wenn er eingepflanzt und regelmäßig gewässert und mit dem Licht der Sonne beschienen wurde. Die Sonne. Sie war im Moment nicht zu sehen. Doch sie schien für Julius gerade wärmer als mit ihrem Licht.

Die Brille reagierte schneller als Julius' Pupille. Nur einen winzigen Moment hatte er es gleißen sehen, als das erste Bruchstück aus Sonnenlicht wie der erwähnte Diamantring zur Erde zurückkehrte. Langsam glomm die Sichel der Sonne wieder heller und breiter, Von Minute zu Minute würde sich das Tagesgestirn seinen gebührenden Platz am Himmel zurückerobern. Julius hörte Applaus. Da klatschten welche Beifall!

"Das wird die große Himmelsschwester nicht beeindrucken", sagte Millie dazu. "Der Mond zieht weiter. Und die Sonne scheint wieder", fügte sie hinzu. Dann löste sie ihre Hand aus Julius' Hand. Einen winzigen Moment fühlte er Angst, aus dieser engen Verbundenheit herauszufallen, nicht mehr geborgen zu sein ... wie ein gerade zur Welt kommendes Kind. Die Sonne war wiedergeboren. Die Tochter hatte den großen Vater zurück in die Welt entlassen. Was für eine abgedrehte Vorstellung! Oder war es so, daß die Schwester dem Bruder gestattete, weiter zu wirken, nachdem sie ihn liebkost und vereinnahmt hatte.

"Das war herrlich", schwärmte Pina. "Mum wird sich ärgern, daß sie das nicht mitgucken wollte. Aber die mußte ja unbedingt mit Lady Genevra zusammen einen Ausflug machen."

"Weißt du, ob sie da nicht irgendwo hingeflohpulvert sind, wo sie in aller Ruhe in die Sonne kucken konnten?" Fragte Julius. Gloria nickte. Pina wußte es ehrlich nicht.

Die Kameras knipsten weiter. Immer noch standen Hexen und Zauberer auf den Mauern, im Burghof und im Atrium und blickten der langsam wieder wachsenden Sonnenscheibe entgegen.

"Irgendwie habe ich jetzt hunger", sagte Laurentine. Alle lachten. Es war ja auch Mittagszeit.

"Müssen wir echt bis zwei hierbleiben?" Fragte Belisama, die hoffte, noch rechtzeitig bei ihrer Tante Adele einzutrudeln, um noch was zu Essen zu kriegen.

"wir können im Greifenkrug was essen und uns das Dorf noch einmal ansehen", schlug Laurentine vor. Damit waren alle einverstanden.

Julius meldete sich und seine Begleiterinnen bei Magistra Rauhfels ab. "Das Tau wird für Sie um kurz vor zwei bereitliegen. Bitte finden Sie sich dann wieder im Atrium ein!" Sagte sie ihm nur. "Und bedenken Sie, daß sie im Umkreis von zwei Kilometern um die Burgmauer nicht apparieren oder disapparieren können. Hmm, am besten leihen Sie sich vom Kollegen Windspiel Schulbesen aus, um nach Greifenberg zu fliegen. Der Weg hinunter dauert eine halbe Stunde zu Fuß." Julius nahm das Angebot an und fragte, ob er für jede und jede einen Besen nehmen sollte. Gloria und Pina wollten Sozius fliegen. Da standen Belisama und Laurentine nicht nach. So war es klar, daß auch Millie mit Julius ein Gespann bilden wollte. Julius war es etwas mulmig. Wenn Millie wirklich jetzt schwanger war ... konnte er sich dran erinnern, worauf sich ihre Verwandten noch alles eingelassen hatten. Er ging also zu windspiel und lieh sich drei Donnerkeil 5 von ihm aus, mittelalte Flugbesen, die gut reagierten aber nicht zu überempfindlich ansprachen. Nach einer Minute flogen Millie und er zwischen Laurentine und Belisama und Pina und Gloria. Millie wollte unbedingt den Hinflug steuern. Er sollte dann den Rückflug steuern.

Es ging im Grunde nur nach unten, über die Tannen hinweg den Berg hinunter. Sie überflogen die sich in Haarnadelkurven nach unten windende Serpentine hinweg. Auch andere Besen waren in der Luft. Dieser Wald gehörte nur Hexen und Zauberern und womöglich einigen Waldwichteln.

Sie flogen über die Dorfgrenze von Greifenberg hinweg und landeten auf dem zentralen Platz, wo sich bei schönem Wetter die Dorfgemeinschaft versammelte. Vierhundert Hexen und Zauberer lebten hier, hatte Waltraud ihm erzählt. Beschaulich klein. Da kannte auch jeder jeden.

Als Julius mit seiner Frau und den vier anderen jungen Hexen in die Dorfschenke Greifenkrug einrückte wurde er von vielen dort schon zechenden Zauberern bewundernd angeblickt. Der Wirt stand hinter seinem Tresen. Es war ein mittelalter, knorriger Zauberer mit schwarzem Haar und Schnauzbart, der aus kleinen grünen Augen auf die sechs Ankömmlinge blickte. Millie zog wegen ihrer für Frauen untypischen Körpergröße die Blicke auf sich. Julius erkannte aber auch, daß viele sie und wohl auch ihn erkannten. Er hörte Wortfetzen und verstand den Namen Latierre. Laurentine trat vor und begrüßte alle auf Deutsch. Dann kam eine Hexe in weißer, leicht fettfleckiger Schürze angelaufen und deutete auf einen Tisch in der Ecke, an dem bis zu acht Leute sitzen konnten. Die Kellnerin sprach die sechs auf Französisch an. Julius wunderte sich nicht schlecht.

"Ich habe das in Greifennest gelernt, genau wie das Fräulein Eschenwurz, das mal bei Ihnen war", sagte die Bedienung. Dann ließ sie wie aus dem Ärmel geschüttelt sechs Speisekarten auf den Tisch fallen. "Die Sachen stehen da leider nur auf Deutsch. Soll ich das übersetzen?" fragte sie. Laurentine erwähnte, daß sie einen deutschen Vater habe und in der Schule auch weitergelernt habe. So konnte die Bedienung einem gröhlenden Zecher zu Hilfe eilen, den der Verdurstungstod bereits mit seinen knochentrockenen Klauen umklammert zu haben schien. Denn er stürzte sich auf seinen Bierkrug wie ein Wüstenwanderer auf eine Regenpfütze.

"Habt ihr das mitbekommen, die klang ziemlich genervt, als sie Waltraud erwähnte. Offenbar hatte sie es bei Beaux versucht und war nicht genommen worden", flüsterte Laurentine.

"Oder Greifennest hat ihren Antrag auf das Austauschjahr abgelehnt", warf Julius eine andere Vermutung in den Raum. "Na ja", auch schon wieder drei Jahre her", fügte er noch hinzu.

Laurentine übersetzte die Gerichte. Hier gab es viele Wurstspezialitäten, Bratkartoffeln oder Kartoffelpüree, ein aus dem angeblichen Ausland Schwaben stammendes Gericht namens Spätzle und dazu eben verschiedene Fleischspezialitäten. Julius wollte endlich mal deutsches Sauerkraut mit Kartoffelbrei und Eisbein ausprobieren, das angeblich so heftig voll machte. Millie schloß sich dem an, während die anderen vier sich lieber leichtere Sachen bestellen wollten.

Das Essen war innerhalb von zehn Minuten da. Julius langte zu, Millie ebenfalls. Pina meinte schon, Millie müsse noch nicht für zwei essen.

"Solange mir meine Tante das nicht sagt oder Madame Matine mache ich das lieber doch. Außerdem paßt in meinen Körper auch ohne Kind noch was rein", mampfte sie. Julius hielt sich auch ran. Gloria sah ihn spöttisch an. Er sagte, daß er wissen wolle, ob er das Gericht schaffen würde oder das Gericht ihn. Darauf wollte Gloria nichts sagen. Sie meinte nur, daß Brittany ihn sicher komisch angeguckt hätte.

"Die hat gesehen, wie ich Steaks gegessen habe und fast jeden Tag irgendwas mit Fleisch, Käse oder Honig gegessen habe. Die ist das jetzt gewöhnt. Außerdem hat die im Moment andere Sorgen."

"Ob das Ding schon gelaufen ist?" Fragte Gloria. Laurentine wollte wissen, was genau, weil sie Brittany ja kennengelernt hatte. Julius erzählte es ihr zwischen jedem Happen, den er aß. Die Mischung war eigentlich genial, wenn auch erst einmal gewöhnungsbedürftig. Er wußte, daß er danach wohl schwerfälliger laufen und fliegen würde. Doch jetzt galt es.

"Dann will diese überreiche Matrone Britt echt Geld wegen einer simplen Abwertung dieser Gurkentruppe aus dem Rock jubeln?" Fragte Laurentine.

"Wollen will sie wohl. Aber ich denke, können kann sie das nicht", sagte Millie dazu, die fast mit ihrem Essen fertig war. Die Zauberer an den anderen Tischen starrten sie verstört an und machten Bemerkungen, die sie nicht verstand. Laurentine hörte offenbar angestrengt weg. Sie klammerte sich an die Geschichte über Brittanys möglichen Gerichtstermin. Belisama sagte dazu:

"Dann kann diese wandelnde Schmuckschatulle auch gleich Polonius vor den Gamot zerren. Der hat nach dem ersten Spiel gesagt, daß die Yankees mehr Dusel als Erfahrung hatten, daß sie ausgerechnet auf den Quidditchzwerg Kenia getroffen seien und sie spätestens gegen Belgien eiskalt versenkt würden. Ist ja dann auch passiert." Julius nickte. So ging es nun um die Spiele der Weltmeisterschaft. Laurentine hatte dabei gelernt, dem Quidditch doch was abzugewinnen, wenngleich sie es wohl nie im Leben selbst spielen würde.

"Das sage ich Celine, und du sitzt morgen auf einem Besen und spielst eins gegen eins mit ihr", sagte Belisama.

"Wenn ich das will kann ich ihr das auch selbst sagen", maulte Laurentine. Dann hörte sie genauer hin, was die anderen Zecher so von sich gaben. "Die meinen, du wolltest ein ganzes Schwein in dich reinstopfen, Millie", sagte sie. "Einige blöken schon rum, daß dir wer ein Kind gemacht hätte."

"Wenn das alles ist sollen die doch, Laurentine", erwiderte Millie. Julius beherrschte sich nur schwer. Doch dann erkannte er, daß sie doch so tun konnten, als verstünde hier am Tisch keiner was. Damit konnten sie wunderbar fahren. Das sagte er auch Laurentine.

Als sie um viertel vor zwei mit dem Essen fertig waren und die Schenke verließen pfiffen die standhaften Zecher Julius und seinem Tross nach. Laurentine erhaschte noch eine anzügliche Bemerkung, die sie erröten ließ.

"Die meinen, du seist zwar groß und sicher auch stark. Aber mit "diesem Harem" wärest du überfordert, und du könntest ja eine abgeben", knurrte sie Julius draußen zu.

"Siehst du, die blanke Eifersucht, weil die nur ihre Bierkrüge und Weinkelche haben und ich mit vier Freundinnen und einer Ehefrau zusammen ausgehe, ohne daß es Zickenterror gibt. Das ist nämlich das, was die nicht blicken wollen, daß fünf attraktive Frauen sich nicht um einen einzigen Mann zanken wollen." In Gedanken ergänzte er, daß das aber nicht so weit weggelegen hatte. Pina hätte sicher um ihn gezankt. Mit Claire hatte sie es ja schon, und als sie hörte, daß Millie und Er verheiratet waren hatte sie das sicher auch nicht mit der Unterwäsche ausgezogen. Sonst hätte sie ihm wohl keinen solch innigen Kuß gegeben, als er nach der Flucht vor den Todessern im barbierosaroten Schlafzimmer in Whitesand Valley aufgewacht war. Belisama und Millie hatten den Zickenstreit doch schon hinter sich. Die einzigen, die da nichts dergleichen angefangen hatten waren Laurentine und Gloria. Und das konnte gerne so bleiben.

Er steuerte das aus ihm und Millie bestehende Besentandem, während nun Gloria den Besen mit Pina hinter sich steuerte und Laurentine den Besen mit sich und Belisama steuerte.

"Nächstes Jahr fliegst du wieder zur Walpurgisnacht, Laurentine", sagte Belisama zu ihrer Klassenkameradin.

"Nur wenn ich einen finde, der es wert ist, einen ganzen Abend mit mir zusammengekettet zu sein, Belisama."

"Wenn ich die Liste richtig gelesen habe könnten wir nächstes Jahr das Trimagische ausrichten", sagte Millie. "Vielleicht findest du wen aus Hogwarts oder Durmstrang, der mit dir fliegen möchte."

"Kevin?" Fragte Pina. "Der will doch unbedingt deshalb Französisch können, um da mitzumachen, falls McGonagall ihn überhaupt dafür aussucht."

"Von den Durmstrangs sicher keinen, wo die ja Angst haben, sie könnten ihre tolle Inzucht versauen, wenn sie einem sogenannten Muggelstämmigen Mädchen nur hinterhergucken", sagte Laurentine dazu nur. Das reichte für dieses Thema.

Als sie die Besen zurückgegeben hatten sammelte Julius alle ausgeliehenen Sonnenbrillen wieder ein. Dabei kam er auch an den Swanns vorbei, die sich bereitmachten, um drei Uhr mit einem Portschlüssel an die amerikanische Pazifikküste zu reisen. Er wechselte einige Worte mit Peggy, die sich bedankte, dieses Naturschauspiel so ungefährdet genießen zu können. Larissa quengelte. Sie spielte ihre Rolle unheimlich gut. Doch am Ende rückte sie die geliehene Brille wieder heraus, die sich sofort wieder zur normalen Größe auswuchs.

"Ich komme mal bei Monsieur Dusoleil vorbei, um mir eigene Brillen zu kaufen, wenn er das Verkaufsrecht hat", sagte Peggy. Julius wollte schon laut loslachen. Peggy kam doch sicher nicht nach Millemerveilles rein, wo sie diesen Schwestern um die angeblich verstorbene Daianira angehörte. Er lächelte. Sie faßte es als Zugeständnis auf. "So im September kommen Larissa und ich mal zu ihm hin. Millie lauschte auch. Doch sie sagte nichts. Nur Julius empfing Larissas Gedankenbotschaft:

"Meine Mutter will das nachprüfen, ob stimmt, was so erzählt wird." Julius tat so, als habe er diese Nachricht nicht erhalten. Doch Larissa blieb hartnäckig. "Das eine durch Wiedergeburt zu neuem Leben erwachte Hexe und die sie wiedergebärende Mutter von Sardonias Kuppel durchgelassen werden." Julius erstarrte. Das konnte unmöglich sein. wenn sie etwas schwarzmagisches angestellt hatten würde die Kuppel sie abweisen. Doch er beherrschte sich. Die Manieren des Mentiloquismus besagten, mit keiner Regung auf erhaltene Gedankenbotschaften zu reagieren. Er verstand nun klar und deutlich, warum diese Regel aufgestellt worden war. So sagte er ruhig:

"Die Eule findet Monsieur Dusoleil sicher. Eine gute Heimreise."

"Ja, und die frechen Gnome mit diesem Wasserschlauch wegjagen", erwiderte Larissa nur für Julius erfaßbar. Dann winkten Mutter und Tochter Swann. Julius stand einen Moment lang mit den beiden zurückerhaltenen Brillen in der Hand da. Sollte das wirklich gehen, daß eine dunkle Hexe nur ein Kind oder zwei bekommen mußte, um sich von ihren Schandtaten reinzuwaschen. Das sähe Sardonia ähnlich, eine derartige Komponente in ihre dunkle Glocke eingewirkt zu haben. Doch das konnte auch nur Wunschdenken der beiden Swanns sein, die jetzt endlich wissen wollten, wofür sich dieser Rollentausch überhaupt lohnte. Peggy mußte die liebende Mutter sein und Larissa wurde als zweieinhalbjähriges Mädchen nicht für voll genommen. Da rannten sie wohl gerne jeder schwachen Hoffnung nach.

"Was ist denn passiert?" Fragte Millie, die Julius' Bestürzung natürlich mitbekommen hatte. "Erzähle ich dir zu Hause im Bett", flüsterte er ihr zu. Dann stellte er sich mit ihr, Pina, Gloria, Laurentine, Belisama und Uranie Dusoleil an ein kürzeres Tau und bedankte sich bei Gräfin Greifennest und Magistra Rauhfels. Dann, als der mächtige Hammer Erzenklangs erneut auf seinen Amboss einzuschlagen begann, packte die Portschlüsselmagie zu und riß die französischen Gäste von Greifennest in den Strudel zwischen Raum und Zeit.

Julius verdrängte seine Verstörtheit, als sie alle über die unsichtbare Grenze traten und schon von weitem fröhliches Trompeten und Fideln hörte. "In einer halben Stunde in Dienstkleidung zum Hauptstadion", empfing Julius Hippolytes Gedankenstimme. Er war wieder im Dienst.

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