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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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"Ich frage mich gerade, wieso Joe und du so einfach mit uns mitfliegen dürft, Mum. Nichts für ungut, aber außer der Sphäre und den Autos dürfen Nichtmagier doch keine Zauberfahrzeuge benutzen", wunderte sich Julius, als er mit seiner Mutter die Reisetaschen für den Ausflug ins Château Tournesol packte. In zwei Stunden sollten sie zusammen mit den Brickstons in Millemerveilles eintreffen und dort wohl zu der Wiese hin, wo Demie, die geflügelte Riesenkuh der Latierres, schon einmal gelandet war.

"Hmm, da habe ich jetzt auch nicht drüber nachgedacht. Kann sein, daß Joe und ich doch noch mit einem der Teleportationsautos abgeholt werden", erwiderte Martha Andrews. Sie wirkte wieder gelassen, wie Julius sie kannte. Doch war es, daß er von sich auf sie schloß oder weil sie selbst etwas schlimmes erlebt hatte, daß sie längst nicht mehr so alles überblickend wirkte. Er mußte an diese Fernsehserie "Knight Rider" denken, wo ein computergesteuertes Wunderauto mitspielte, das so gut wie unzerstörbar war. Dessen künstliche Intelligenz hatte nach dem Bad in einer Säuregrube einen erheblichen Knick in der Selbstsicherheit bekommen. So fühlte er sich selbst, und er vermutete, seine Mutter könnte sich auch so fühlen. sie trugen nun beide was mit sich herum, mit dem sie klarkommen mußten, das ihnen keiner abnehmen konnte.

"Wenn ich das richtig verstanden habe reiten wir alle zusammen auf Demie zu diesem Schloß. Wird bestimmt mal was ganz anderes als die Sphäre oder die Autos mit dem Transitionsturbo."

"Ja, aber deine Frage ist schon berechtigt. Ich erkenne da auch eine Unstimmigkeit in den sonstigen Gesetzen. Fragen wir Catherine, ob Joe und ich vielleicht doch besser auf legalem Weg dahinkommen sollen!" Sagte Martha Andrews entschlossen.

"Da kann ich wohl den Laptop mitnehmen", hörten sie Joe mit seiner Frau diskutieren, als sie freizeitmäßig gekleidet die Treppe hinunterstiegen.

"Hast du dir so viel aufladen lassen, daß du selbst in den paar Urlaubstagen was aufhalsen mußt?" Fragte Catherine.

"Stimmt. Ich soll eine Animation der Wetterentwicklung der letzten fünf Jahre schreiben und wollte zumindest die mathematischen Grundformeln durchtesten, die ich in das Steuerprogramm einarbeiten wollte", sagte Joe.

"Ich fürchte, dazu wirst du keine ruhige Minute haben, Joe, weil im Château Tournesol bestimmt viel zu viel los ist. Also lass den Laptop besser hier. Außerdem weiß ich nicht, wie diese Latierre-Kuh auf die Ausstrahlung elektronischer Geräte reagiert", sagte Catherine.

"Ist mir egal, Catherine. So wie ich das verstanden habe ist es mir tumben Muggel eh nicht gestattet, was anderes als die Raumspringerautos oder diese Energieblasenfähre zu benutzen, mit der Martha und du den Jungen in der Boxbeton-Akademie besucht habt."

"Oho, lass das bloß nicht deine Schwiegermutter hören, daß du immer noch nicht lernen willst, wie der Name der Schule richtig ausgesprochen wird", lachte Catherine.

"Maman, Martha und Julius sind da", trällerte Babette, die wohl an der Haustür lauerte, was im Haus so abging.

"Dann mach auf, meine Kleine!" Forderte ihre Mutter sie auf. Die Tür tat sich auf, und Babette stand in einem schmetterlingsbunten Umhang für junge Hexen im Rahmen.

"Danke, Babette", sagte Martha und bewunderte die insgesamt neun Farbtöne des Hexenkleides. Julius begrüßte Babette und dann ihre Eltern. Joe sah ihn etwas merkwürdig an, dann etwas mitleidsvoll martha, die jedoch den Kopf schüttelte und ihm eine Abwehrende Geste machte. Sie wollte nicht bedauert oder gar bemitleidet werden.

"Nimmst du dein Handy mit, Martha?" Fragte Joe.

"Nein, das lasse ich diesmal hier", erwiderte Martha sehr entschieden. "Die, mit denen ich arbeite, schicken Eulenpost, meine Familie ist in Rufweite und mit meinen anderen Verwandten will ich vorerst nichts zu schaffen haben. Die würden mir auch nur vorhalten, wie arm ich doch dran sei und in welcher schlimmen Lage oder daß ich ja jetzt wohl ruhe hätte, wo Richard .... nicht mehr da ist", sagte sie noch mit verbissener Stimme. Joe schien davor zurückzuschrecken. Er ruckte etwas nach hinten und sah dann seine Frau an.

"Hmm, wie gut können die Bälger von dieser vollschlanken Massenmutter schon zaubern?"

"Die die schon in Beauxbatons sind, Joe, können deinen Laptop bestimmt schon einschrumpfen oder durch die Gegend fliegen lassen, und die, die da noch nicht sind sind womöglich so gut wie Babette", sagte Catherine trocken und kämpfte darum, nicht lächeln zu müssen.

"Ou, dann lass ich den doch besser hier. Ob mir die Daten da verlorengehen oder ich sie hier erst alle zusammenbringe kommt dann auf's gleiche raus. Tja, aber dann kann Babette auch ihren Cd-Spieler und den Gameboy nicht mitnehmen."

"Aber sicher nehme ich den mit. Oder ist das Turnsoll-Schloß auch so heftig verzaubert, daß Sachen die mit Strom laufen nicht gehen?" Fragte Babette.

"Ich war da nur ein paarmal", sagte Catherine. "Meine Eltern haben mich nur mitgenommen, wenn sie da mal waren. Wenn du lieber mit elektronischen Sachen rumspielen willst als mit den Kindern, die auf dich warten, ma Chere, dann nimm mit, was du mitnehmen willst."

"Vielleicht bist du dann für die da das beste, was die in den Ferien erleben", meinte Julius. Babette grinste und rannte in ihr Zimmer.

"Wir hatten es auch eben davon, ob Joe und ich im Ernst auf einem echten Zaubertier fliegen sollen, wo du mir das doch erklärt hast, daß nur Autos und die rote Reisesphäre für unsereins erlaubt sind", wandte sich Martha an Catherine.

"Das ist zwar richtig, Martha, aber Hippolyte hat in den Transportgesetzen einen sogenannten Gummiparagraphen gefunden. Es geht um die Formulierung, daß Nichtmagier nicht von Hexen und Zauberern transportiert werden dürfen. Da in dem Fall ein Tierwesen den Transport übernimmt, mit dem ihr beide, Joe und du während der Reise keinen direkten körperlichen Kontakt habt, und obendrein im Rahmen der Familienstandsgesetze gemeinsam mit euren Familienangehörigen unterwegs seit, gibt es hier die dritte der drei Ausnahmen, nach dem Auto und der Reisesphäre", sagte Catherine.

"Nachdem was Babette erzählt hat ist dieses Vieh größer als ein Elefant. Da würde ich doch besser in einem sich beamenden Auto sitzen", wandte Joe ein.

"Ich denke mal, wenn wir in dieser Transportkabine sitzen, kriegen wir nichts mehr davon mit, daß wir auf einigen Tonnen Megarindfleisch sitzen", warf Julius ein. "Die Kabine ist bestimmt innerttralisiert."

"Inner-was?" Fragte Joe.

"Joe, das ist das, was in Weltraumserien mit Andruckabsorbern oder Trägheitsdämpfern gemeint ist", warf Martha ein. "Will sagen, wir spüren keine Bewegung da drinnen. Mir ist das zwar auch nicht so geheuer, aber mein Großvater hat in Indien auf einem Elefanten gesessen, in Fairmaid habe ich ein Jahr Lang einen Reitkurs mitgemacht. Warum also nicht mal eine Reitkuh?"

"Babette hat sich ja förmlich in dieses Monstrum verliebt", knurrte Joe.

"Oh, ich denke mal, Monstrum, Monster oder Biest solltest du im Zusammenhang mit einer Latierre-Kuh besser nicht mal denken, Joe", feixte Julius. "Die Latierres sind heftig stolz auf diese Tiere."

"Ist mir doch egal", blaffte Joe, als Babette gerade mit ihrer knallbunten Spieltasche aus dem Zimmer kam.

"Also, Leute, wie kommen wir jetzt zu diesem ominösen Ausgangskreis?" Fragte Joe und deutete auf das Gepäck, das im Flur zusammengestellt war.

"Mit dem Auto", sagte Catherine. Wir fahren zum Eingang des Geschichtsmuseums hin und gehen da einfach rein, so sehen uns keine nichtmagischen Leute, wenn wir beispielsweise deinen Besen im Futteral mitnehmen."

 

"Catherine, du willst wieder die Hosentaschenauto-Nummer bringen", grummelte Joe.

"Ich kann Babette und den Jungen auch zu Maman vorausschicken. Dann kann das Auto schön in der Garage bleiben", erwiderte Catherine. Julius wollte gerade ansetzen, was dazu zu sagen, da sah Catherine ihn an und meinte: "Durch den Kamin dürfen nur Babette, du und ich. Da ich aber die Sphäre aufrufen muß, wäre es nötig, daß ich Joe und deine Mutter zu Fuß hinbringe, wenn Joe nicht möchte, daß ich das Auto mitnehme."

"Catherine, eure Gesetze sagen, daß sogenanntes Muggelzeug nicht verzaubert werden darf. Dreimal haben wir das mit dem Auto gemacht, weil du unbedingt wolltest, daß ich mit dir und der Kleinen zu deiner Mutter in den Urlaub fahre. Eines Tages kriegen Sie dich dran wegen dieser Nummer, und dann?" Warf Joe ein.

"Die Gesetze betreffen dauerhafte Be- oder Verzauberung und die schuldhafte weitergabe solcher Gegenstände an Nichtmagier. Dein Auto bleibt bei mir, bis wir es wieder brauchen", sagte Catherine ruhig.

"Wozu Gesetze, wenn es so viele Ausnahmen gibt", bemerkte Joe zynisch.

"Das gibt noch was", grummelte Julius verbittert. Allerdings, wenn er sich vorstellte, daß er bei den Latierres damit Bedauern, schlimmstenfalls Gelächter auslösen würde, war es schon irgendwie interessant, was demnächst noch so abging.

"Das Auto centinimierst du und legst es gut weg?" Fragte Julius.

"Genau", bestätigte Catherine kühl.

So fuhren sie mit dem Wagen der Brickstons zum Zaubereigeschichtsmuseum, das von außen einer heruntergekommenen Lagerhalle glich, für die sich keiner mehr so recht interessierte. Vor dem Gebäude verteilte Catherine das Gepäck auf alle Erwachsenen. Julius trug die große Reisetasche seiner Mutter und seine eigene Tasche, die er wegen des Diebstahlschutzes persönlich ins Auto gelegt hatte und nun wieder herausnahm. Als sie alles aus dem Wagen genommen hatten, ließ Catherine schnell ihren Zauberstab vor der Motorhaube des Autos von oben nach unten peitschen, worauf der Wagen innerhalb einer Sekunde auf ein Hundertstel seiner Größe einschrumpfte, noch kleiner als eines der Spielzeugautos, die Julius noch irgendwo in der alten Spielzeugkiste hatte, die seine Mutter wohl aus ihr sonst so fremden sentimentalen Gründen nach Paris mitgenommen hatte. Das nun winzigkleine Wägelchen packte sie in eine kleine Metallschachtel, die mit Watte ausgepolstert war, um das gute Stück nicht zu beschädigen. Julius mußte grinsen wenn er sich vorstellte, wie ein Versicherungsangestellter glotzen mochte, wenn er einen Brief bekam wo drinstand:

"Ich habe aus Versehen unser gerade eingeschrumpftes Auto runterfallen lassen, wobei es total kaputtging."

"Was gibt es zu grinsen?" Erklang eine Frage in Julius Kopf, die ihn an Catherines Stimme denken machte. Er konzentrierte sich und schickte, sich Catherine das sagen vorstellend zurück:

"Das eingeschrumpfte Autos wohl nicht mehr versichert sind, wenn sie beim wegpacken runterfallen oder im Gully landen."

"Mag was dran sein", kam Catherines mentiloquistische Antwort zurück. Martha tippte ihren Sohn an und fragte:

"Tauschst du mit Catherine gerade wieder telepathische Botschaften aus?"

"Jetzt nicht mehr", wisperte ihr Sohn.

"Na, hallo, wen haben wir denn da?" Rief eine Frauenstimme aus dem Museumsvoyer mit den Kaminen für Flohpulver-Reisende. Julius blickte sich um und erkannte Hippolyte Latierre und ihren im Verhältnis zu ihr winzigen Ehemann. Sie lächelte. Joe wich etwas zurück, als die knapp zwei Meter hohe Hexe auf sie zukam, während Albericus Latierre seinen hohen Hut lüftete.

"Oh, ich dachte, du wärest bei deinen Eltern, Hippolyte", grüßte Catherine zurück. Madame Latierre schmunzelte und sagte:

"Mußte noch mal zurückkommen, weil die Ganymed-Leute mit den Pelikanen ausgehandelt haben, siebzig Prozent von deren Finanzen zu tragen, wenn sie dafür nur ihre Besen fliegen. Aber wenn ihr jetzt auf dem Weg nach Millemerveilles seid, hängen wir uns gerne bei euch dran."

"Entschuldigung, ist das Ihr Mann?" Fragte Joe und deutete auf Monsieur Latierre. Dieser zwinkerte ihm zu und antwortete mit seiner hohen Stimme:

"Nö, ich bin der jüngste Sohn. Maman sagt nur, daß das niemand mitkriegen darf, damit meine Oma nicht um ihre besondere Stellung gebracht wird." Dabei mußte er grinsen und zupfte sich verspielt am Kinnbart.

"Entschuldigung, die Frage war durchaus nicht so dumm, wie Sie sie jetzt behandelt haben, Monsieur", schnappte Joe ein. Catherine sagte schlichtend:

"Hippolyte und Albericus hören die Frage so oft, daß Albericus gerne diesen Witz reißt, Joe. Ja, er ist Monsieur Latierre."

"Wie wollt ihr nach Millemerveilles? Kamin, Apparieren oder Fährensphäre?" Fragte Madame Latierre, während ihr Mann Joe wie ein Schuljunge angrinste, dem ein Streich gelungen war.

"Martha und Joe dürfen nur die Sphäre, von dem Paradetier aus der Herde deiner Schwester abgesehen", sagte Catherine und wandte sich an Joe:

"Tu deiner Tochter bitte den Gefallen und nimm nicht alles so persönlich oder ärgere dich über das, was dir nicht gleich vertraut ist!"

"Ich hätte nicht übel Lust, gleich hier wieder umzudrehen ... Aber du hast recht, Catherine", grummelte Joe.

Als sie vor dem grünen kreisförmigen Feld standen, in dem eine Reisesphäre beschworen werden konnte, fiel Martha noch etwas auf.

"Catherine, ich fürchte, wir haben was vergessen, Joe und ich."

"Du meinst das hier?" Fragte Catherine und zog eine Flasche und zwei Pappbecher aus ihrer Handtasche. "Hat Maman in weiser Voraussicht gestern abend noch bei mir abgeliefert, als Joe sich noch was im Fernsehen angesehen hat", sagte sie und schenkte die beiden Becher mit dem Zeug aus der Flasche voll. Martha nickte und nahm einen vollen Becher an. Joe starrte kurz auf den ihm hingehaltenen Becher und fragte:

"Haben die das nicht abgeschaltet, weil wir kommen?" Fragte er wieder in seiner leicht gehässigen Art, die Julius immer mehr nervte.

"Sie finden den Schalter nicht", konterte Catherine keck. "Also komm, du stirbst nicht dran, und Martha ist damit zwölf Tage lang zurechtgekommen", fügte sie noch im Ton einer Mutter zu, die einem Kind eine bittere Medizin schmackhaft machen will. Joe nahm den Becher und kippte den Inhalt auf ex in sich hinein, schüttelte sich kurz, sagte aber nichts weiteres. Catherine legte die Becher auf den Boden und ließ sie einfach verschwinden, ohne ein Wort zu sagen. Dann sammelte sie die Reisegesellschaft um sich und hob den Zauberstab. Julius hielt seine Reisetasche sicher vom Boden entfernt, damit ihr Diebstahlschutzzauber die Sphäre nicht abwürgte, bevor sie richtig entstand. Dann beschwor Catherine die Reisesphäre, die alle in sich einschloss und schwerelos dahintrug, bis sie von der Schwerkraft der Erde wieder eingefangen wurden und im blauen Kreis von Millemerveilles landeten. Die drei Meter hohen Schirmblatthecken boten einen gewachsenen Sichtschutz und Schattenspender für die, die in diesem magischen Rund standen.

"Ui, das ist heftiger als diese Autos", sagte Joe.

"Och, das ist doch harmlos", bemerkte Hippolyte Latierre dazu. "Flohpulvern ist heftiger."

"Ja, stimmt", meinte Babette dazu.

"So und jetzt zur Landewise?" Fragte Julius.

"Genau. Von da soll's in anderthalb Stunden losgehen", sagte Catherine.

"Wahrscheinlich kommt Babs gleich an", sagte Madame Latierre. Julius sah sie an und fragte:

"Sind Martine und Mildrid bei Ihrer Mutter?"

"Martine ist heute Morgen hinappariert, weil sie das jetzt ständig üben will, um größere Entfernungen zu überwinden, und Trice nimmt Millie heute noch die Ersthelferprüfung ab, zusammen mit Madame Eauvive und Monsieur Barnard. Angeblich ist Madame Rossignol auch dabei."

"Wenn Millie das hinter sich hat kriegt sie im nächsten Schuljahr auch so'n Armband wie du, Julius", sagte Monsieur Latierre erheitert. "Mal sehen, wie sie damit klarkommt."

"Hmm, wenn sie die Prüfung schafft", warf Julius ein. Madame Latierre trat zu ihm und legte ihm die große Hand auf die Schulter.

"Trice wird ihr sowas gar nicht erst durchgehen lassen, die Prüfung zu versemmeln, wo Martine sie im ersten Ansatz geschafft hat und Trice von deiner Ersthelferlehrerin immer so komisch angeguckt wurde, als sei sie nicht kompetent genug."

"Ich wollte nix gesagt haben", beteuerte Julius. Die ihm zu groß geratene Frau mit den rotblonden Haaren war ihm etwas unheimlich. Vielleicht dachte er, machten das die Haare. Nein, er wollte sich bloß nicht einreden, mit rothaarigen Frauen Probleme zu kriegen, insbesondere wenn er bald die Montferres zu sehen kriegen würde. Aber irgendwie beschlich ihn doch ein gewisses Unbehagen, wenn er Martines und Millies Mutter ansah und ein Schatten Hallittis in seinem Bewußtsein herumspukte. Um sich abzulenken fragte er, ob sie jetzt gleich zur Landewiese gehen sollten oder erst einmal ins Gasthaus, noch einen Tee trinken.

"Soweit ich Babs verstanden habe wollte sie mit uns zusammen frühstücken, wenn sie ankommt", antwortete Madame Latierre. Dann wandte sie sich an Catherine und fragte sie was im Flüsterton. Catherine schüttelte den Kopf. Madame Latierre zuckte mit den Schultern und nickte.

"Was wollte sie wissen?" Schickte Julius eine neugierige Gedankenfrage an Catherine.

"Ob das hier auch über die Dorfgrenzen hinweg geht", kam Catherines Botschaft zurück. Julius setzte schon an, zu nicken, da fiel ihm ein, daß er bei dieser Art von Verständigung keine Körpersprache benutzen durfte. So mentiloquierte er, daß er verstanden habe.

"Könnte es sein, daß du einiges gelernt hast, von dem Jungs in deinem Alter sonst nichts wissen?" Fragte Madame Latierre Julius im Flüsterton. Er erwiderte:

"Kann ich jetzt nichts zu sagen, Madame."

"Das sehe ich mal als Ja an", erwiderte Hippolyte Latierre lächelnd.

"Wollen wir noch zu Denise und sehen, ob sie schon auf ist?" Fragte Babette aufgeregt.

"Hmm, ich könnte mal eben mit dir hinfliegen", sagte Julius, der die Gelegenheit auch gerne nutzen würde.

"nein, wir gehen jetzt alle zusammen zu der Wiese, Babette und Julius", machte Catherine ihrer Tochter und ihrem Schutzbefohlenen unumstößlich klar. " Die Dusoleils kommen auch dahin."

"Ach, Maman, vielleicht wollen die haben, daß wir zuerst zu ihnen hingehen", versuchte Babette einen Widerspruch. Doch ihre Mutter sah sie nur kurz an, und ihr Widerstand war dahin. Mit gesenktem Kopf trottete sie neben ihrer Mutter her, während Julius neben seine Mutter trat und wartete, bis Catherine und Madame Latierre zum Aufbruch riefen.

Zu Fuß ging es durch Millemerveilles, dessen weitläufige Höfe und Anwesen den Eindruck einer spärlich besiedelten Stadt machten. Als sie zu der Wiese kamen, die im Moment keine meterhohen Begrenzungshecken besaß, trafen sie Emil Odin und seine Tochter Melanie. Babette und Claires Cousine begrüßten sich ansatzlos, während Monsieur Odin Madame Latierre, ihren Mann und die Brickstons begrüßte, bevor er Martha Andrews und Julius die Hand schüttelte.

"Camille und ihre Familie werden wohl gleich noch kommen. Cassiopeia hat Melanie und mich hier zurückgelassen. Sie hat ... kein sonderliches Verlangen, mit zu den Latierres ... Na ja, sie ist nicht dabei", sagte Jeannes, Claires und Denises Onkel. Julius dachte sich seinen Teil. Er kam mit Madame Cassiopeia Odin nicht zurecht, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Außerdem hatte die auch Probleme mit den Dusoleils und bestimmt auch mit deren nun angeheirateter Verwandtschaft.

"Ist ihr Sohn auch zu Hause geblieben?" Fragte Julius Monsieur Odin, während Melanie Madame Latierre fragte, wann Demie käme.

"Argon ist bei Klassenkameraden in der Bretagne. Ich habe ihm erzählt, daß wir uns im Kaninchenstall treffen", erwiderte Monsieur Odin. Offenbar ging er davon aus, Madame Latierre hätte das nicht mitgekriegt. Doch als sie sich umwandte und sagte, daß der kaninchenstall stolz darauf sei, ein Kaninchenstall zu sein, lief er rot an.

"Ey, da kommt Demie!" Rief Babette und deutete auf einen Punkt in nördlicher Richtung, der weiß in der Morgensonne glänzte.

"Oh, dann hat Babs die gute aber gut vorangetrieben", bemerkte Madame Latierre. Dann hörte Julius ein leises schwirren aus südöstlicher Richtung. Da kamen zwei Besen, ein langer Familienbesen und ein Ganymed 8, an dem noch einige Taschen hingen und jemand in einem rosenroten Umhang darauf saß.

"ach, die Dusoleils trudeln auch ein", meinte Julius zu seiner Mutter und Monsieur Odin. "Claire fliegt solo."

"Ist ja auch schon ein großes Mädchen", meinte Monsieur Odin belustigt und winkte seiner Verwandtschaft einladend zu. Knapp vor den bereits wartenden landeten die Dusoleils. Außer Mademoiselle Uranie Dusoleil und Jeanne waren alle gekommen.

"Ach, unsere Hauptstädter sind auch schon da!" Rief Madame Dusoleil und glitt von dem Besen herunter, den sie sich mit ihrem Mann und der zwischen ihnen sitzenden Denise geteilt hatte.

"Und unser Muhkuh-Taxi soll auch schon anfliegen", gab Joe einen Kommentar zur Lage ab.

"Haben wir gesehen", sagte Madame Dusoleil unbeeindruckt, bevor sie daranging, alle persönlich zu begrüßen. Claire eilte auf Julius zu und umarmte ihn.

"Schön, daß ihr beide wieder da seid", sagte sie, nachdem sie Julius die beiden landesüblichen Wangenküsse gegeben hatte. "Ich habe schon befürchtet, die Muggel hätten deine Mutter nicht gesund gekriegt. Guten Morgen, Madame Andrews!" Sie wandte sich Julius' Mutter zu, die gerade von Claires Vater landesüblich umarmt wurde. Sie erwiderte den Gruß. Julius ließ es sich gefallen, das Claire ihn bei der Hand nahm und mit ihm zusammen zu seiner Mutter hinüberging. Denise hatte nur "Hallo, zusammen!" gerufen und war dann zu ihren Brautjungferkolleginnen hinübergelaufen, um mit denen zusammen Demies Landung zu bewundern.

"Ich hoffe, Ihnen geht es jetzt wieder ganz gut, Madame Andrews", sprach Claire Julius' Mutter an. Diese nickte schwerfällig.

"Hmm, körperlich geht es mir gut, und offenbar ist mit meinem Gedächtnis auch noch alles in Ordnung, Claire. Aber ich habe Sachen erlebt, die kann ich nicht so einfach ablegen. Aber im Moment möchte ich nicht, daß darüber so viel geredet wird. ich möchte nicht, daß alle Welt mit mir Mitleid hat. Ich hoffe, du verstehst das."

"Wie Sie meinen", erwiderte Claire etwas betroffen und wandte sich an Julius. Dieser schüttelte den Kopf und deutete auf seine Mutter.

"Wenn sie das nicht möchte, Claire, möchte ich auch nicht drüber reden was ihr passiert ist."

"Über das, was dir passiert ist hast du aber mit mir geredet", zischte Claire. Doch dann nickte sie. Es mochte Leute geben, die nicht über die schlimmsten Sachen reden wollten, die ihnen so passierten.

Das rhythmische Rauschen der großen Flügel wurde lauter, und Julius bewunderte wieder einmal, wie grazil die riesige Flügelkuh ihre Beine auf den Boden brachte und die Flügel zusammenlegte. Wie zu Jeannes Hochzeit trug die Latierre-Kuh ein stählernes Zaumzeug und jenen Kasten auf dem Rücken, der aussah wie eine Kutsche ohne Deichsel und Räder. Auf dem Bock saß eine Frau in derber Bluse und Lederrock, die Madame Latierre ähnelte. Sie war alleine.

"Ach, schon alle da!" Rief sie von oben herunter. "Ich mache meine Demie gleich fest, dann können wir erst einmal in Ruhe frühstücken. Steht hier irgendwo ein Wassertrog?"

"So ungefähr fünfzig Meter weiter nach vorne links, Barbara", beantwortete Camille Dusoleil die Frage und deutete in die bezeichnete Richtung. Barbara Latierre nickte und schnalzte mit der Zunge.

"Hoh, Demie, geh zum Wasser!" Trieb sie ihr übermächtig wirkendes Lasttier an. Julius wich unnötigerweise noch zwei Schritte zurück, als Demie laut Muhte, daß es ihnen allen im Bauch vibrierte und dann mit laut stapfenden Schritten in Richtung Trog davontrottete.

"Es gibt dieses Vieh also doch", sagte Joe, der beim Anblick der riesigen Zauberkuh sichtlich erbleicht war. "Und auf dieses Vieh sollen wir alle draufsteigen?"

"Na, nicht so böse Wörter", mahnte Madame Latierre. "Ich habe zwar auch immer gewisse Bedenken, da mitzufliegen, aber dennoch lasse ich nichts auf unsere Latierre-Kühe kommen, Monsieur Brickston."

"Ich habe vergessen, ihm das Wort mit auf die Liste zu setzen", dachte Julius bei sich und mußte grinsen.

Sie gingen im respektvollen Abstand zu den gespalten halbrunden Fußabdrücken im Gras dorthin, wo der omnibusgroße Wassertrog stand. Als sie dort ankamen, ließ Barbara Latierre bereits beide Treppen herab, die vom Bock aus und die vor dem Einstieg in die Transportkabine. Julius stellte fest, daß diesmal keine Seitentaschen und auch keine Zelte angebracht waren und nur eine Truhe auf dem Dach befestigt war.

Sie erreichten die gigantische Kuh, als Madame Ursuline Latierre in ihrer ganzen Leibesfülle die Treppe herabstieg. Joe rümpfte die Nase, vielleicht wegen des intensiven Kuhstallgeruchs, den Demie verbreitete, dachte Julius. Madame Latierre trug das Kostüm aus weißer Bluse und gelbem Rock, das sie bei ihrer Ankunft vor Jeannes Hochzeit getragen hatte. Hinter ihr verließen ihre Tochter Béatrice, die Eheleute Montferre, deren Zwillingstöchter Sabine und Sandra und die beiden Töchter Barbara Latierres Calypso und Penthesilea die Kabine. Dann stiegen noch Martine und ihre Schwester Mildrid aus. Millie sah Julius und winkte ihm zu. Claire sah sie warnend an.

"Ist ja schön, daß ihr alle schon da seid", begrüßte Madame Ursuline Latierre ihr Empfangskommitee. "Oh, Martha, schön, daß es Ihnen wieder gut geht und sie auch mit uns zusammen feiern können", fügte sie Julius' Mutter zugewandt hinzu. Martha Andrews nickte nur, sagte aber kein Wort. Julius fiel auf, daß sie der werdenden Mutter etwas merkwürdig auf den vorgetriebenen Bauch gestarrt hatte, als sei ihr das nicht recht, daß eine Frau in Madame Latierres Alter noch einmal schwanger war.

"Ich glaube, ich lasse euch besser alleine", zischte Joe Catherine zu. Julius, der in der Nähe stand, hörte das. Catherine nahm ihren Mann bei Seite und sprach leise mit ihm, während die Insassen der Transportkabine die hier bereits versammelten Mitreisenden begrüßten. Julius ertappte sich dabei, wie er den Anblick der Montferres mied. Die roten Haare waren wie loderndes Feuer, und die üppige Oberweite von Madame Montferre kitzelte Erinnerungen an die nackte Hallitti wach, wie sie in aller sichtbaren und magischen Verführung vor ihm stand und ihn einlud, sich mit ihr zur tödlichen Liebe zu vereinen. Nein, Madame Montferre war nicht dieses Monster. Auch wenn sie gerade mit offenen Armen auf Julius zueilte und ihn anstrahlte ... Er riss aus einem ungerichteten Reflex die Arme hoch und hielt sie so, als wolle er sie gleich zurückstoßen. Da stoppte sie und senkte ihre Arme. Sie standen sich gegenüber, die Hexe, die fast so groß wie ihre Cousine zweiten Grades Hippolyte Latierre war und sah Julius aus ihren grünen Augen etwas befremdet an. Dann sagte sie:

"Oh, war ich dir zu ungestüm, Julius? Hätte ich vielleicht bedenken sollen, daß du möglicherweise ... Aber trotzdem, guten Morgen!"

Julius errötete vor Verlegenheit. Er hatte dieser Hexe den Eindruck vermittelt, sie nicht begrüßen zu wollen. So trat er vor und umarmte sie, wobei er sich nicht genierte sein Gesicht an ihren Oberkörper zu drücken, obwohl er bereits ihre Schultern erreichen konnte.

"'tschuldigung, Madame. Ich habe wohl einen kurzen Aussetzer gehabt", sprach er, wobei seine Worte von ihrem Brustkorb mehr oder weniger verschluckt wurden. Sie tätschelte seinen Rücken und meinte:

"Ich las von dieser Kreatur. Ich hätte daran denken sollen, daß du vielleicht leicht irritiert wirst, wenn dich Frauen, die du nicht so gut kennst stürmisch begrüßen", sagte sie.

"Sie können nichts dafür. Das waren nur ihre roten Haare, Madame."

"Oh, das war's", seufzte sie. Doch dann sagte sie ruhig: "Aber die meisten rothaarigen Frauen und Hexen sind nicht drauf aus, dich umzubringen, wenn sie dich begrüßen wollen. Aber trotzdem werde ich besser meinen Enthusiasmus zurücknehmen."

"Ich möchte keine Extrabehandlung, Madame", sagte Julius, als er sich aus der Begrüßungsumarmung gelöst hatte. "Ich muß das klarkriegen, Madame. Immerhin haben Sie ja noch zwei Töchter in Beauxbatons ..."

"Wo wir dabei sind", sagte Sabine und trat behutsam an Julius heran und wartete, ob dieser sie nun zurückscheuchen oder umarmen wollte. Er begrüßte erst sie und dann noch Sandra. Diese fragte ihn, ob die Monsterfrau, gegen die er hatte kämpfen müssen eine Rothaarige war, weil er ihre Mutter so wie eine Angreiferin abzuwehren angesetzt habe. Er nickte.

"Bine, wir sollten uns vor dem Spiel gegen die Grünen dann besser die Haare färben, damit er nicht meint, uns wie Todfeinde anzugreifen und die Grünen deshalb noch einen Bonus kriegen, weil wir die Situation ausnutzen."

Julius sah sie perplex an und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Dann mußte er lachen. Sie bedauerten ihn nicht oder hatten irgendwie Hemmungen vor ihm, sondern machten noch Scherze darüber, daß er sie vielleicht beim Quidditch für diese Kreatur halten und vom Besen runterhauen könnte. Diese unüberbietbare Dreistigkeit hatte was an sich, das einfach nur befreiend war.

"Solange du nicht nackt vor mir herumfliegst und dabei goldene Augen kriegst kriege ich wohl keine Probleme mit dir", versuchte er sich in einer passenden Antwort.

"Soso", sagte Sandra und knuddelte Julius. Dann legte sich eine große weiche Hand auf ihre Schulter und zog sie bestimmt zurück.

"Mädchen, mach den mir nicht kaputt, gegen den möchte ich nächstes Jahr wieder im Turnier spielen", scherzte Madame Ursuline Latierre und umarmte Julius, der von sich aus versuchte, nicht gegen den vorgetriebenen Bauch und gegen die recht prallen Brüste der werdenden Mutter zu drücken. Diese begrüßte ihn auch mit den üblichen Wangenküssen und hielt ihn einige Sekunden. Dann sagte sie:

"Siehst jetzt richtig kräftig aus, Julius. Pass auf, das Béatrice dich nicht noch auf ihren Besen holt, bevor dieser Sommer um ist!"

"Da bekäme sie wohl Krach mit Catherine", erwiderte Julius, der erst einmal die derbe Bemerkung wegstecken mußte, bevor er antwortete.

"Weil du vom gesetzlichen her immer noch vierzehn bist? Das hieße nur, daß du sie erst in drei Jahren heiraten dürftest", bemerkte Madame Latierre noch und bugsierte Julius so, daß sie sich bei ihm unterhaken konnte, was etwas merkwürdig wirkte, weil sie trotz des Wachstumsschubes von Julius immer noch etwas größer als er war. Er führte sie dann aber gekonnt zum Fuß der Treppe zurück, wo sich Joe immer noch mit Catherine hatte. Offenbar war ihm nicht so wohl, in irgendeiner Weise auf diesem großen Zaubertier zu fliegen.

"... und es wäre vielleicht doch besser, wenn ich euren Taxidienst rufe, der mich da hinfährt, Catherine. Mit dem Reiten hatte ich es nicht so und Tiere, die größer als Katzen sind sind mir immer schon nicht so geheuer gewesen", sagte Joe gerade. Catherine blickte die Latierre-Matriarchin an und dann wieder ihren Mann:

"Zaubertiere als Transportmittel sind für mich auch etwas gewöhnungsbedürftig, Joe. Aber wir haben es abgesprochen, daß wir noch ein paar schöne Tage mit Babette zusammensind und du mitbekommst, wie sie mit anderen Zaubererkindern klarkommt. Bis ein Wagen dich hier abholt würden noch vier Stunden vergehen. Außerdem sähe das sehr lächerlich aus, wenn du einzeln hingebracht werden müßtest, während die anderen alle sich dieser Demie anvertrauen."

"Komischer Name für so'n dickes Ungetüm", knurrte Joe in die Enge getrieben.

"Ungetüm?" Lachte Madame Latierre. "Unsere Demie ist ein dralles Mädel, gut genährt, so gut, daß sie anderen was davon abgeben kann, stark, klug und sehr friedlich. Übrigens der Name kommt von Demeter, einer Tante von mir, die mit diesen erhabenen Tierwesen auch nicht so gut auskam, Monsieur Brickston."

"Dieses Tier ist nach einer Tante von Ihnen benannt?" Mußte Joe nun grinsend einwerfen. "Hat bestimmt einige Mißverständnisse ausgelöst, wenn jemand die als Kuh bezeichnet hat oder meinte, er müsse Demies Mist wegschaufeln oder kucken, wieviel Milch sie am Tag gibt."

"Das stimmt", sagte Madame Latierre und mußte grinsen. "Deshalb habe ich meine Tante auch nur zu seltenen Anlässen gesehen, zu meiner Geburt, meiner Einschulung in Beauxbatons, zu meiner ersten Hochzeit und den Geburten meiner Kinder. Ansonsten konnte man meine Mutter und sie nie alleine in einem Raum lassen. Aber das sind zu lange Geschichten, die für Sie vielleicht nicht so interessant sind. Aber um Sie zu beruhigen, Monsieur Brickston, ich reise schon seit mehr als einem halben Dutzend Jahrzehnten auf den Latierre-Kühen. Beim ersten mal war von mir gerade soviel zu sehen, wie von denen, die ich gerade in mir herumtrage", sagte sie und streichelte sich über ihren geschwollenen Unterleib. "In der Kabine können Sie sich ganz entspannt zurücklehnen und die Reise genießen, ja sogar schlafen. Wenn Demie einmal ihre Flughöhe und Reisegeschwindigkeit erreicht hat fühlen Sie keine unangenehmen Bewegungen. Nur ein ganz sachtes Schaukeln, wie auf einem Ihrer Ausflugsschiffe."

"Wie, ist diese Kabine nicht mit einem Bewegungsabsorberzauber belegt?" Fragte Joe erschrocken.

"Zum Teil, aber nur zu zehn Prozent", sagte Madame Latierre. "Außerdem mußten wir die Kabine mit dem Centigravitus-zauber auffüllen, damit sie Demie nicht zu schwer auf den Rücken drückt. Es gibt Magien, die stören sich, wenn sie eine bestimmte Menge Materie durchdringen sollen."

"Die Pinkenbach-Aversion, Joe, wenn die Eigenschaften der Materie verändernde Zauber im Verhältnis zu der mit ihnen zu belegenden Materie gegeneinander wirken", sagte Julius spontan.

"Ich weiß, daß Blanche dich nächstes Jahr schon durch die ZAGs treiben will, aber jetzt bin ich doch beeindruckt", meinte die Hexe, die Julius und Laurentine mal als Mutter der Nation bezeichnet hatten. Apropos Laurentine. Julius nahm noch Catherines anerkennenden Blick zur Kenntnis und entschuldigte sich, weil er nachsehen wollte, was die anderen machten. Er ging zu Claire hinüber, während Madame Latierre sich mit den Brickstons weiterunterhielt und Barbara Latierre Babette und Denise unter Demie wegholen mußte, weil sie wohl ausprobieren wollten, wie hoch über ihnen der Bauch der gewichtigen Flügelkuh anfing. Als er bei Claire stand, die Millie Latierre im Blick behielt, die wohl wegen ihrer Oma erst einmal das Interesse an Julius zurückgestellt hatte, fragte er sie:

"Wie geht's Bébé? Ist die wieder bei den Delamontagnes?"

"Klar, Juju. Maman hat zwar angeregt, daß sie ja auch mitkommen könne. Aber Madame Delamontagne meinte, Bébé solle bei anständig erzogenen Leuten bleiben. wie geht es dir jetzt?"

"Mein Onkel hat den von den Leuten des Zaubereiministers untergeschobenen Leichnam beerdigt, der angeblich mein Vater war", sagte Julius und erzählte ihr kurz die Geschichte. Claire, die wußte, daß Julius' Vater beim Kampf mit Hallitti gestorben war aber nicht gefunden wurde, fragte ihn, ob seine Mutter und er nicht doch mal dahinfahren würden, weil sie dann zumindest einen Ort hatten, wo sie an ihn denken konnten. Dann meinte sie noch, es sei ja unverschämt, einen Mann zu begraben, ohne dessen Familie dabeizuhaben, auch wenn Julius' Mutter von ihm verlassen worden wäre oder gerade dann. Dann kamen die Zwillinge Callie und Pennie herüber. Claire, die gerade Julius' Antwort hören wollte, sah die beiden vorwurfsvoll an:

"Hallo, wollten dich auch mal begrüßen, Julius. Siehst echt richtig stark aus", sagte Callie. "War das echt'n Fluch?"

"Ja, ein Fluch, der bei Widerstand älter macht", erzählte Julius das, was er über seine Alterung erzählen sollte, wenn er gefragt wurde. "Aber das steht ja in der Zeitung."

"Ihr habt echt keinen Blick dafür, wenn sich Leute über wichtige Sachen unterhalten", knurrte Claire und wurde wutrot, als Millie die Gunst der Stunde nutzte und ebenfalls herüberkam.

"Eh, wir dachten nur, wir könnten deinen Freund auch mal begrüßen. Spiel dich nicht auf, als gehörte der nur dir!" Begehrte Pennie auf. Millie mußte grinsen, sagte aber nichts dazu.

"Gleich kriegst du meine Hand ins Gesicht, du freches Huhn", schnaubte Claire. "Julius hat was schlimmes hinter sich, seine Maman auch. Er wollte mit mir und nur mir drüber reden. Aber Anstand ist bei euch ja ein Fremdwort. Ja, Millie, auch für dich. Brauchst nicht so komisch zu grinsen."

"Heh, Claire, tut dir gerade was weh oder stimmt mit deinem Monatstakt was nicht, daß du jetzt so biestig draufbist?" Versetzte Millie gehässig. Julius fühlte sich berufen, den Streit zu schlichten und setzte gerade an, was zu sagen, doch Millie und Claire funkelten ihn beide warnend an. Da beschloß er, die Gelegenheit zum schnellen Rückzug zu nutzen. Das konnte ja heiter werden, wenn die Mädchen sich nun für die nächsten Tage so angiften würden. Dabei hatten die als Brautjungfern so gut zusammengearbeitet. Er lief zu Barbara Latierre, die gerade mit ihrem Zauberstab vier schläuche dirigierte, die mit der großen Melkvorrichtung verbunden waren. Mit einer wohl hundertfach geübten Schnelligkeit und Gründlichkeit bugsierte sie die Schlauchenden so, daß sie Demies Zitzen umschlossen und sich richtig daran festhefteten. Dann gab sie der Melkmaschine einen Klaps und trat bei Seite, während schlürfend und platschend das Euter der Latierre-Kuh leergepumpt wurde.

"Was ist an dem Muggel so interessant, daß Maman sich immer noch über ihn amüsiert?" Fragte sie Julius, der ihr beim Anschließen der Schläuche gut zugesehen hatte.

"Das er jetzt lieber im Auto fahren will als auf Demies Rücken geschaukelt zu werden und daß Demie nach einer Großtante von Ihnen benannt wurde", sagte Julius schnell um nicht verlegen zu wirken.

"Ja, die Großtante kenne ich noch. Die lebt schön weit von meinem Hof weg", erwiderte Barbara Latierre amüsiert. "Aber Demie hat keine Probleme damit, Leute zu tragen, die nicht gut mit ihr können, solange sie nicht zu laut schreien, wenn sie abhebt oder landet. Und, haben dich meine Kleinen verjagt?"

"Öhm, eher dieses blöde Gefühl, daß Claire und Millie mal wieder was zu Zanken gefunden haben und ich keine Lust drauf habe, denen dabei zuzuhören", sagte Julius der Hexe im ländlichen Arbeitskostüm.

"Ich hörte was davon, daß Muggelverbrecher deine Mutter gefangengehalten haben und sie deshalb bewußtlos war. Hast du darüber mit Claire geredet?"

"Öhm, genau", sagte Julius. "Aber mehr möchte ich nicht dazu sagen, weil meine Mutter nicht möchte, daß sich alle drüber das Maul ... ähm, daß alle sich damit beschäftigen und sie deshalb keine Ruhe kriegen könnte. Sie wollte mitkommen, um sich davon zu erholen. Bitte verstehen Sie das!"

"Kein Problem damit, wenn sie nicht möchte, daß alle sich das Maul drüber zerreißen. Mit mir kannst du ruhig reden, wie dir gerade zu reden ist, Julius. Ich bin nicht so'ne Anstandshörige. Liegt bei uns wohl im Blut oder kommt bei uns über die Muttermilch in uns rein. Ist nur wichtig, mit den Leuten gut klarzukommen, mit denen man öfter zu tun hat, aber nicht um jeden Preis, sondern soweit jeder kapiert, wo für den anderen gerade die Erträglichkeit aufhört."

"Hallo, Tante Babs, zeigst du Julius wie man Demie leerpumpt?" Fragte Martine, die sich vorsichtig angenähert hatte. Ihre Tante nickte.

"Er kam her, weil deine Schwester und meine Töchter sich mit seiner Freundin in der Wolle haben, Martine. Neh, bleib hier. Millie soll gefälligst alleine klarkommen und meine Landjungfern müssen auch selbst rauskriegen, wo bei Claire und anderen Schluß mit lustig ist. In Beaux wird zu viel von oben reingefuhrwerkt. Aber das hast du jetzt nicht von mir."

"Als wenn ich das nicht wüßte", erwiderte Martine grinsend. Dann wandte sie sich an Julius und begutachtete ihn. Ihm lief ein heißkalter Schauer durch den Körper, als sie so vor ihm stand. Er merkte erst, daß er sie wohl auch sehr interessiert musterte, als sein Blick an ihrem unter dem meergrünen Rockschoß leicht kaschierten Rundungen ihres Beckens hängen blieb.

"'tschuldigung, Martine, ich wollte dir nichts abgucken", sagte Julius rasch.

"Ich habe noch alles", erwiderte Martine belustigt. "Ich wollte dir auch nichts abgucken. Aber ich hatte jetzt dieses komische Verlangen, dich aus der Nähe zu sehen, wie du jetzt schon aussiehst, wo du wohl erst in zwei Jahren so weit gewesen wärest. Wenn dich das irgendwie irritiert hat muß ich mich entschuldigen, weil ich die ältere von uns beiden bin. Dir geht es jetzt wieder besser als vor zehn Tagen?"

"Ich habe ein paar fiese Träume gehabt und Angst gehabt, meine Mutter käme auch nicht mehr zu mir zurück, Martine. Aber da hinten steht sie und unterhält sich mit deiner Mutter", sagte Julius und deutete auf seine Mutter. Dann warf er noch einen Blick zu den vier immer noch miteinander streitenden Mädchen hinüber. Millie wirkte überlegen, Callie und Pennie trotzig und Claire schlicht weg wütend. "War vielleicht doch nicht die beste Idee, die Brautjungfern noch einmal zusammenzubringen, jetzt, wo die Übungsstunden vorbei sind und sie nicht miteinander auskommen müssen."

"Was war denn der Grund dafür?" Fragte Martine nun wieder große Schwester und Saalsprecherin.

"Der Grund steht vor dir", sagte Julius. "Claire wollte von mir wissen, wie meine Mutter damit klarkommt, daß mein Vater nicht mehr lebt und ob wir wohingehen können, um an ihn zu denken, da kamen deine kleinen Cousinen. Übrigens, wo sind denn deine Tanten Patricia und Mayette?"

"Tante Pat hört Oma Ursuline und den beiden Eheleuten zu, Catherine Brickston und ihrem Muggel-Ehemann wohl, und Mayette hat sich gerade zu Denise, Melanie und Babette gesellt und tanzt mit ihr so'n Tanz, bei dem sie sich aneinander festhalten und im Kreis tanzen und immer wieder in die Knie gehen. Lustig sieht das aus." Julius blickte sich um und sah, was Martine meinte. Die Dusoleils sahen dem interessiert zu.

"Ach, Laurentia liebe Laurentia mein, wann werden wir wieder zusammen sein?" Sang julius. Er kannte zwar nur die englische Version, die wiederum wohl aus dem Deutschen entstanden war, wußte aber, daß Martine etwas englisch verstehen konnte, obwohl sie nicht mit in Hogwarts dabeigewesen war.

"Auf jeden Fall ist das was, wo man gut Gymnastik üben kann", antwortete Martine.

"Kannst du glauben, weil ich mit Babette und einigen anderen diesen Tanz mal ausprobiert habe, bevor ihr hier angekommen seid."

"So, gleich ist Demie erleichtert. Dann gibt es Frühstück. Demie kann sich dann ein wenig ausruhen, bevor sie uns alle mitnimmt", sagte Madame Barbara Latierre und wandte sich ganz der magischen Melkmaschine zu.

"Claire, was ist los?" Fragte Monsieur Dusoleil über die ganze Wiese hinweg. Dann lief er hinüber zu ihr und versuchte, in die immer hitziger werdende Streiterei einzugreifen. Auch Hippolyte Latierre eilte zu den Mädchen.

"Okay, ich gehe dann mal wieder zu meiner Mutter. Die hat im Moment keinen zum unterhalten", sagte Julius und ging hinüber zu seiner Mutter, gerade als auch die Brickstons herüberkamen.

"Dieses Weib ist zu herrlich, hat mir angeboten, ich könne mich in dieser Kabine da langmachen und die Zeit bis zur Landung verpennen. Wir sollen zwei Stunden auf diesem Riesenkalb fliegen. Aber ich mach den Zirkus mit, weil ich denen zeigen will, daß ich mich von denen nicht einmachen lasse", verkündete Joe.

"Was war wieder mit Claire und Millie?" Fragte Martha ihren Sohn. "Hat Claire von dir wissen wollen, was genau mit mir passiert ist und die drei haben dazwischengefunkt?"

"Kurz und genau", sagte Julius.

"Och, und du hast dich vom Acker gemacht, ohne dem Mädel beizustehen, wo sie doch angeblich deine Feste Freundin ist?" Warrf Joe gehässig ein. Julius steppte einen Schritt zurück, um Joe außer Reichweite zu haben, weil es ihm im rechten Arm zuckte, dem hier und jetzt eine reinzuhauen. Doch er wußte, daß ein Wort manchmal heftiger reinhauen konnte als zehn Kinnhaken. Deshalb sagte er:

"Claire hat mich nicht dazu kommen lassen, ihr beizustehen, weil sie findet, daß sie sich mit Millie zu zanken hat, wenn ihr danach ist, und was mich angeht, du Sesselpupser, solltest du dich ganz ganz still verhalten, bevor wieder jemand drauf kommt, du wärest ja doch nur ein blöde plärrendes Baby."

joe schrak zusammen, während Julius seine Überlegenheit genoss und ihm mit den Händen vorführte, wie klein er dann wohl wäre, wenn das jemand befinden würde. Dann sah er Catherine an, die Julius tadelnd anblickte.

"Ruf diesen Burschen zur Ordnung, oder ich muß es tun, Zauberer oder nicht!"

"Du hast ihn provoziert, Joe. Er ist genauso ein Mann wie du, eben nur mit dem Unterschied, daß er noch damit umzugehen lernen darf, während du es längst können solltest." Dann sah sie Julius wieder an und mentiloquierte ihm die Frage, wer ihm das mit Joe erzählt habe. Er versuchte, ihrem Blick auszuweichen und bemühte sich, seinen Geist zu verschließen. Es gelang ihm zwar am Anfang, aber nicht für lange. Als er daran dachte, von wem er das gehört hatte errötete er.

"Wir müssen noch etwas miteinander üben", mentiloquierte Catherine zum Schluß. "Maman wird mir das nicht durchgehen lassen, wenn du nur halb ausgebildet zu ihr zurückkommst. Dann sagte sie zu Joe: "Er hat übrigens recht, wenn er sagt, daß du dich besser beherrschen und deine ewigen sarkastischen Kommentare runterschlucken solltest. Das macht dich nicht selbstbewußter, sondern bringt dir nur Ärger mit anderen ein. Also komm, sei friedlich zu Julius! Du Julius", sagte sie dem Jungen zugewandt "Nimmst bitte den Sesselpupser zurück. Joe muß viel arbeiten, um Babette und mir ein schönes Leben zu bieten. Er hat schon einigen Respekt verdient, auch wenn er meint, mit den Leuten unserer Welt im Boxring zu stehen."

"Boxring ist eine gute Idee. Das solte ich vielleicht auch mal lernen", konterte Julius. Doch Catherine sah ihn unerbittlich an. Wieder meinte er, der Geist ihrer Mutter wäre in sie gefahren und tadele ihn nun für seine Unbeherrschtheit. Er streckte Joe die Hand hin und sagte:

"Okay, weil ich weiß, wie heftig dich manche rumschupsen und nicht will, daß wir andauernd Krach haben nehme ich den Sesselpupser zurück und entschuldige mich." In Gedanken fügte er hinzu: "Nur des lieben Friedens willen."

Monsieur Dusoleil und Madame Hippolyte beendeten den Streit und trieben die streitlustigen Junghexen zu einem Tisch, der von Monsieur Ferdinand Latierre aufgebaut worden war. Inzwischen hatten die jüngeren Hexenmädchen die ganze Wochentage des Laurentia-Tanzes durch und kamen auf leicht wackeligen Beinen an den Tisch. Julius setzte sich zu Claire, um sie zu beschwichtigen. Sie frühstückten, wobei Julius wieder die für Stadtleute verträgliche Verdünnung der frischen Latierre-Kuhmilch genoss. Joe probierte auch davon und fand, daß er sie wohl gut trinken konnte. Es gab frisches Brot mit Butter, Marmelade, Käse oder Honig, sowie verschiedene Croissants. Da Madame Ursuline Latierre für drei essen mußte, wunderte sich keiner, daß sie zwei ganze Baguettes mit Kräuterkäse oder rohem Gemüse verdrücken konnte. Man unterhielt sich über die anstehende Reise und das Schloß. Julius erfuhr, daß sie dort alle Einzelzimmer haben würden. Das machte Julius bereits neugierig, wie groß das Château Tournesol war. Dann ging es zu seinem Leidwesen noch einmal um das, was seiner Mutter und ihm passiert war. Doch Madame Latierre, die dieses Thema anschnitt, legte in einer für sie unerwarteten Weise fest:

"Es mag sein, daß viele von euch sich darum rangeln, was mit unseren Gästen aus Paris in den Staaten passiert ist. ich gehe auch davon aus, daß wenn wir uns alle etwas besser beschnuppert haben, die eine oder andere Gelegenheit kommt, in kleineren Gruppen mit ihnen beiden, nicht über sie, zu besprechen, was sie erlebt haben. Was Julius Angeht so hat er ja einen sehr umfassenden Bericht in unserer Zeitung abdrucken lassen. Nehmen wir den erst einmal als das hin, was wir jetzt schon wissen dürfen und müssen! Alles andere findet sich dann."

Nach dem Frühstück bauten die erwachsenen Zauberer den langen Tisch ab, während die Hexen die Wiese von Hinterlassenschaften Demies reinigten. Dann wurde die Transportkabine wieder auf Demies Rücken gesetzt und die Treppen heruntergelassen.

"nein, Maman, du bleibst bitte in der Kabine", hörte Julius Mademoiselle Béatrice Latierre mit ihrer Mutter sprechen. Ursuline Latierre sah ihre Tochter mißmutig an, gab dann aber klein bei.

Als Julius zusammen mit seiner Mutter die lange Treppe zur Transportkabine hinaufstieg, fühlte er sich wie vor der Ersten Reise in einem Flugzeug. Er war neugierig, wie die kabine von Innen aussah und wie sich das anfühlen würde, wenn die mehrere Dutzend Zentner Latierre-Rindfleisch, die sich von weißer Wolle bedeckt unter der Treppe wölbten vom Boden abhoben. Wie zum Aufruf, daß nun alle die mitfliegen wollten einzusteigen hatten muhte Demie, als Julius mit eingezogenem Kopf durch den Einstieg kletterte.

Er hatte damit gerechnet, daß die Kabine rauminhaltsvergrößert war. Doch als er in die für ihn wie ein Großraumbus große Kabine hineintrat, mußte er doch staunen. Dicke, flauschige Teppiche lagen überall auf dem Boden, helle, weiche Teppiche. Statt schlichter Sitzbänke wie in einer Kutsche oder einfacher Polstersitze wie in einem Reisebus oder Flugzeug standen hier Runde Tische und mehrere Sessel und Sofas in hellbraunem Farbton. Dann gab es mehrere Schränke, in denen wohl das Frühstücksgeschirr verstaut wurde und wo auch Platz für das Gepäck war. Julius legte seine Tasche und seinen Besen in eine freie Ecke, wo auch die Dusoleils ihre Besen und die Reisetaschen hinlegten.

"Komm, Mum, ich lege deine Tasche auch noch dahin", bot Julius an, während die Brickstons sich am anderen Ende der Kabine Platz für ihre Sachen suchten. Als dann Hippolyte Latierre als letzte in die Kabine hineinkletterte und die Treppe zusammenfalten ließ, rief Barbara Latierre wohl vom Bock aus:

"Okay, Hipp, wenn du die Tür zumachst geht's los!"

"Treppe ist oben, Babs. Ich mach jetzt zu!" Rief Hippolyte ihrer Schwester zu und zog die schwere Tür zu. Mit einem Stupser des Zauberstabs verriegelte sie die Tür sorgfältig und eilte zu einem der noch freien Sessel. Julius saß zwischen seiner Mutter und Catherine, gegenüber den Dusoleils. Die langen Sofas standen seitwärts, und er blickte durch eines der viereckigen Fenster, die im Bedarfsfall mit dunkelbraunen Brokatvorhängen verhüllt werden konnten.

"Auf, Demie, zu Mamans Haus! Los!" Kommandierte Barbara Latierre. Ihre Stimme klang wie hinter einer dicken Wand und war doch sehr deutlich zu verstehen.

"Müssen wir uns nicht anschnallen?" Fragte Joe.

"Nur festhalten", antwortete Madame Ursuline Latierre, als es unter ihren Füßen und Pobacken bereits zu ruckeln begann. Demie lief zum Start an.

"jetzt kriegen wir das alle mal mit, wie sich das mit Demie fliegt", meinte Babette. Denise sagte:

"Wollte ich schon damals."

"Und ho-ho-hoooch!!" Rief Barbara Latierre. Unvermittelt legte sich die Kabine Schräg, während von draußen lautes Rauschen abwecselnd links und rechts erklang. Alle meinten, ihnen würde der Magen in die Beine hinabgezogen, als sich ihr Transporttier in die Luft schwang. Julius sah durch das Fenster und erkannte, wie die Landewiese unter ihnen davonsackte, wie sie bereits eine Kurve beschrieben, während immer wieder die mächtigen weißen Flügel der Latierre-Kuh durch sein Blickfeld schwangen, immer schneller, dabei aber sehr weit auslenkend.

"Das war schon das schlimmste", beruhigte Madame Latierre ihre Mitreisenden und sah vor allem Joe Brickston an, der wohl mit einem aufkommenden Brechreiz rang.

"So heftig habe ich das in keinem Flugzeug mitgekriegt", rang er sich eine Bemerkung ab, während die Kabine immer noch leicht schräg nach hinten unten hing und dabei im Rhythmus der Flügelschläge schaukelte.

"Es ist echt faszinierend, daß ein Wesen mit der Größe und dem Gewicht so einen Start hinlegen kann", sagte Julius. "Ich glaubte, die springt richtig hoch."

"Das tut sie auch, wenn sie den nötigen Anlauf hat", erklärte Ursuline Latierre. "Sie kann dann dreißig Meter in einer Sekunde nach oben steigen, bevor sie den Steigwinkel einnimmt, um etwas gemächlicher zu steigen, was bei der zunehmenden Fluggeschwindigkeit bald in zwanzig Meter pro Sekunde ausgeht. Demie steigt aber nie über neunhundertMeter hinaus. Dann fliegt sie nur noch schnell."

"Wie schnell?" Wollte Julius wissen, während Joe sich wieder beruhigte.

"Bei letztem Mal waren wir bei einhundertundfünfzig Stundenkilometern auf der Strecke zwischen dem Château und Barbaras Hof.

"Gutes Mädchen, schön zu Mamans Haus weiter!" Hörten sie Barbara Latierre auf Demie einsprechen.

"Julius sah nun, daß der von seinm Platz aus sichtbare Flügel nicht mehr wild ausschwang aber dafür schnell und gleichmäßig.

"Wenn wir unsere Flughöhe erreicht haben, was können wir dann machen?" Fragte Joe Brickston.

"Am besten alles, wobei man nicht wild herumlaufen oder laut rufen muß", sagte Ferdinand Latierre. "Demie mag das nicht, wenn auf ihrem Rücken herumgetanzt wird."

"Ich muß mich wohl noch daran gewöhnen, daß ich mich gerade von einer für die Naturwissenschaft unmöglich gehaltenen Riesenkuh durch die Luft tragen lasse", sagte Joe. Dann atmete er ein. "Aber merkwürdig, daß es hier drinnen nicht so nach Kuhstall riecht.

"Ach, das ist der Geruchsvertilger, der immer von selbst versprüht wird, wenn die Kabine abgesetzt oder aufgesetzt wird", sagte Ursuline Latierre leise.

"Wir haben wohl die Flughöhe erreicht", stellte Martha fest, als das Gefühl der Schräglage nachließ und das schnelle Ruckeln einem sachten Schaukeln wich.

"Dann haben wir gleich auch unsere Endgeschwindigkeit erreicht", sagte Hippolyte Latierre. "Egal was du sagst, Maman, ein Besen ist mir doch lieber, weil ich da sehen kann, wo ich bin und der besser abgestimmt ist."

"So, Demie, weiter bis zu Mamans Haus! Feines Mädchen! Schön weiter!" Sprach Barbara Latierre auf ihr Tier ein. Dann hörten sie in der Kabine ein Klicken von einhakendem Metall und dann ein Schaben von Holz auf Holz. Da Sah julius, wie sich ein viereckiges Stück vom Dach nach hinten schob und den Blick auf den rechten Teil des Bocks freigab. Dann turnte Barbara Latierre durch diese rechteckige Öffnung und winkte dem Dach mit ihrem Zauberstab zu. Es schloß sich wieder.

"Öhm, das Vieh fliegt jetzt ganz alleine?" Fragte Joe erschrocken.

"Demie, so heißt das brave Mädchen, kennt den Weg nun gut genug, um alleine zu fliegen, wo sie ihn jetzt das dritte Mal geflogen ist", sagte Barbara und begutachtete ihre Passagiere.

"Deshalb wolltest du nicht, daß ich auf dem Bock sitze", knurrte Ursuline ihre Tochter Béatrice an.

"Nicht deshalb, weil du nicht durch die Dachluke gekommen wärest, sondern wegen der draußen nicht möglichen Innerttralisatus-Bezauberung, Maman. Hier drinnen kann ich sofort eingreifen, wenn dir oder meinen ungeborenen Schwestern was passiert. Draußen nicht. Das habe ich dir schon auf dem Flug zu Brunos Hochzeit gesagt. Aber du meintest ja, den Weg unbedingt mal beobachten zu müssen. Aber jetzt mußte ich durchgreifen, Maman, versteh das bitte!"

"Schon schwierig, wenn die Hebamme gleichzeitig auch die eigene Tochter der Mutter und Schwester der zu holenden Kinder ist", raunte Joe. Béatrice Latierre hatte das wohl gehört und erwiderte ruhig:

"Bisher hat es funktioniert, Monsieur Brickston. Es spricht auch nichts dagegen, daß es weiterhin funktioniert. Aber zur Sicherheit kontrolliere ich besser noch einmal nach." Sie stand auf und ging zu ihrer Mutter hinüber und holte aus einer kleinen Umhängetasche einen Einblickspiegel heraus, den sie ihrer Mutter auf den gewölbten Bauch legte. Alle blickten interessiert auf die werdende Mutter. Als sich dann wie durch ein Fenster im Leib ein Kopf und ein in einer trüben Flüssigkeit rudernder Arm zeigten, wandte Joe seinen Blick ab, während alle anderen genauer hinsahen. Julius bemerkte vor lauter Faszination für diesen Einblick, den er doch schon so oft ausprobiert hatte, wo Cythera unterwegs gewesen war nicht, wie seine eigene Mutter immer starrer auf dieses in der Geborgenheit des Mutterschoßes schwimmende kleine Menschenwesen starrte, das sich sachte bewegte. Dann tauchte sogar der Kopf der zweiten ungeborenen Tochter Ursulines im Blickfeld des Einblickspiegels auf. Da begann Martha unvermittelt zu keuchen, sprang von ihrem Platz, die Tränen in den angstgeweiteten Augen und stürmte zur verschlossenen Tür. Julius erschrak so sehr, daß er eine volle Sekunde nichts unternehmen konnte. Er hörte seine Mutter rufen:

"Nein, ich will raus hier! Raus hier! nicht darein!"

"O Verdammt, das war irgendwas, das sie total erschreckt hat", schoss es Julius durch den Sinn, während der Flug der Kuh merklich unruhig wurde, weil Martha laut rief und gegen die Tür bollerte. Da traf sie ein Schockzauber, Julius konnte nicht sofort sehen von woher. Doch als er sah, wie Catherine ihren zauberstab fortsteckte, wußte er es.

"Was war das?" Fragte Béatrice Latierre.

"Ich fürchte, was immer meine Mutter durch den Spiegel gesehen hat, hat in ihr was ausgelöst, das ihr totale Angst gemacht hat. So kenne ich sie ja gar nicht", sagte Julius. Barbara Latierre war inzwischen wieder an der Dachluke.

"Babs, bleib hier. Demie ist im Moment zu unruhig. Wenn du vom Dach fällst hat keiner was davon!" Hielt Ursuline ihre Tochter davon ab, schnell wieder zurück auf den Bock zu klettern, um die beunruhigte Kuh zu besänftigen. Zwar holperte und schlingerte Demie jetzt ziemlich beängstigend, doch Barbara Latierre beruhigte sich. Dann hörte Julius sie wie aus tiefstem Bauch heraus summen:

"Demie, ruhig, alles wieder gut! Fliege ganz ruhig weiter!Feines Mädchen!" Tatsächlich beruhigte sich die aufgebrachte Latierre-Kuh wieder und setzte den Flug gleichmäßig fort. "Schön weiter zu Mamans Haus, Demie! Feines dickes Mädchen! Braves Mädchen!" Gab Barbara in dieser Julius' unheimlichen dunklen Sprechweise ohne dabei laut zu werden ihre Kommandos. Dann war die tierische Unruhe vorüber.

"Hups, wie ging denn das jetzt?" Fragte Julius in seiner schier unerschütterlichen Neugier für alles, was ihn faszinierte.

"Ein Familiengeheimnis der Latierres, das weitergegeben wird, wer die Obhut über die Tierwesen übernimmt", sagte Ursuline Latierre, bevor Barbara was sagen konnte. Diese nickte nur und öffnete das Dach, um noch einmal auf den Bock zurückzuklettern, um den weiteren Flug Demies zu überwachen. Als die Dachluke sich wieder geschlossen hatte, winkte Béatrice Julius zu, er solle zu ihr herüberkommen. Er gehorchte der unausgesprochenen Anweisung. Gleichzeitig hörte er Catherines mentale Stimme im Kopf:

"Wenn sie wissen will, was deine Mutter so in Panik versetzt hat erzähl es ihr! Ich fürchte, deine Mutter benötigt doch eine eingehendere Behandlung als sie sich und uns eingeredet hat."

"Julius, setz dich mal bitte zu mir!" Flüsterte Béatrice. Alle anderen sahen ihn an. "Und ihr anderen bleibt bitte außer Hörweite, weil ich mich mit dem Jungen über Dinge unterhalten muß, die vielleicht nicht jeder mitbekommen darf." Claire und Mildrid verzogen zwar die Gesichter und die beiden Töchter Barbaras sahen Julius an wie jemanden, der ihnen was interessantes vorenthält. Doch Béatrices Stimme, wenngleich nicht laut, hatte eine unerschütterliche Befehlskraft, daß alle kuschten, ob Kinder oder Erwachsene. Joe, der über den Panikanfall der ihm auch nur als beherrschte Frau bekannten und womöglich immer noch innig verehrten Martha Andrews genauso erschüttert war wie Julius, fand diesmal weder gehässiges noch kritisches zu sagen.

"Also, was ist mit deiner Mutter passiert, bevor sie in dieses Muggelkrankenhaus kam?" Flüsterte Béatrice. Julius beschloss sie auf dem Weg des Gedankensprechens zu informieren, immer nur im Telegrammstil:

"Meine Mutter durch Verbrecher in kugelförmigen Apparat gelegt. Apparat wurde von denen als sogenannter Uterussimulator bezeichnet. Sie mußte eine Flüssigkeit einatmen, die Sauerstoff enthielt und bekam künstliche Nabelschnur. Bekam wohl mit, wie sie in dieses Ding gelegt wurde. Mehr weiß ich nicht."

"Oh, du bist echt gut in dieser Technik", mentiloquierte Béatrice. "Verstehe. Ich werde deine Mutter jetzt wecken, untersuchen und befragen. Meiner Mutter geht's soweit gut. Aber Martine und du paßt bitte auf sie auf!" Laut sagte sie:

"Ich habe erfahren, was ich mußte. Ich werde Martha nun betreuen, bis wir landen. Cubiculum!" Sie richtete den Zauberstab auf das einzige noch ganz unbesetzte Sofa, das schlagartig zu einer abgeschlossenen Schlafkabine mit Glastür und Vorhang wurde. Julius erstaunte es, wie schnell man Einrichtungen umbauen konnte, wenn man die entsprechenden Zauber vorbereitete. Martha wurde in diese Schlafkabine getragen und auf das dort stehende Bett gelegt. Dann betrat Béatrice Latierre die Kabine, schloß die Glastür und zog die Vorhänge vor. Licht würde sie durch ein Stück des Fensters bekommen, das von der isolierten Kabine noch umfaßt wurde. Offenbar wirkte sie drinnen noch einen Klangkerker, weil unter dem Saum des Vorhangs ockergelbes Licht durchschimmerte.

"So, du möchtest uns nicht erzählen, was mit deiner Mutter los ist, obwohl sie uns fast alle umgebracht hätte", sagte Emil Odin, der seine weinende Tochter im Arm hielt.

"meine Mutter ist eine empfindungsfähige Person, die das Recht hat, nur die über ihre Probleme was wissen zu lassen, die sie dafür für richtig hält", erwiderte Julius.

"Ja, aber sie ist doch offenbar von den Muggeln verrückt gemacht worden oder ..."

"Sie sind keine Frau, Monsieur Odin. Passen Sie also auf, was Sie da sagen!" Knurrte Julius und baute sich kampfbereit vor ihm auf. Da klang Madame Ursulines Stimme durch den Raum.

"Wir haben die Lage im Griff, und meine Tochter ist eine aprobierte Heilerin. Sie hat von dem Jungen das erfahren, was er davon mitbekommen hat, was Martha so in Panik versetzt hat. Allerdings kann ich mir auch denken, was es war. Aber wie ich euch allen vorhin gesagt habe: Was mit Julius und seiner Mutter geschehen ist und wie es nachwirkt, geht nur die was an, die unmittelbar damit leben müssen, will sagen, sie und einen Heiler oder eine Heilerin, die direkten Verwandten und engsten Vertrauten. Wen Martha von uns dazu zählt wird sich zeigen, wenn Béatrice herausgefunden hat, wie ihr zu helfen ist. Da Mildrid heute wohl noch ihre Ersthelferprüfung ablegen wird, wird sich wohl Madame Eauvive bei uns einstellen. Ich gehe stark davon aus, daß sich an den Eauvive-Traditionen, so antiquiert sie auch aussehen, nichts geändert hat."

"Maman, ich hoffe, Martha wird sich ganz erholen", sagte Hippolyte Latierre und sprach damit die Hoffnung aller aus, nicht weil Julius' Mutter sie alle in gefahr gebracht hatte, sondern weil sie alle hier sie während der Hochzeitsfeierlichkeiten gut leiden gelernt hatten. Julius atmete auf. Dann mentiloquierte Ursuline ihm unvermittelt, er möge zu ihr hingehen. Er sah Catherine an, mentiloquierte ihr das weiter und bekam ein "Geh zu ihr hin" zurückgedacht.

"Ich ahne, daß der Einblick in meinen warmen Schoß deine Mutter auf irgendwas gebracht hat, das wohl so ähnlich aussah. Ist es so?" Fragte Ursuline, während Joe Julius skeptisch ansah und die älteren Mädchen unter den Mitreisenden ihn interessiert musterten. Julius nickte und flüsterte:

"Offenbar hat sie Leute in einer ähnlichen Lage gesehen, bevor man ihr sagte, daß sie da auch reingelegt würde. Genaueres weiß ich nicht."

"Eine Apparatur, die wie der Mutterschoß Menschen aufnehmen und bergen kann? Ziemlich phantastisch", sagte Ursuline Latierre und legte nach: "Im Sinne von wahnwitzig anmutend. Aber wie Martha auf die reine Untersuchung meiner bald ankommenden Zwillinge in Panik geraten ist zeigt, daß es wohl gestimmt hat. Hat deine Mutter vielleicht Platzangst gehabt, die durch dieses Unding verstärkt wurde?"

"Öhm, ich weiß, daß sie als Kind bei einem Erdbeben verschüttet wurde. Das habe ich ja auch erwähnt, als wir in Millemerveilles von den Dementoren angegriffen wurden und Sie fast Ihre Kinder verloren hätten."

"Mann, wie vernagelt muß ich gewesen sein, ihr vorzuschlagen, in einer geschlossenen Kabine auf einem für sie ungewohnten Transporttier zu verreisen", knurrte Ursuline leise. Als Babette näher herankam, machte die werdende Mutter eine fortscheuchende Handbewegung. "Es gibt Sachen, die müssen Kinderohren wirklich nicht hören, Babette", sagte sie. Catherine stand auf und holte Babette zu sich, sprach kurz auf sie ein und schickte sie zu Joe zurück. Dann trat sie zu Ursuline und wisperte:

"Das konnten Sie nicht wissen, was Martha passiert ist. Sie trifft keine Schuld. Aber bitte geben Sie Martha auch keine Schuld an ihrer Reaktion!"

"Das hatte ich auch nicht vor, Catherine. Ich hoffe nur, meine Tochter kann Martha beruhigen und vielleicht was finden, um sie endgültig zu heilen. Muggel sind ja da etwas zu langwierig und ungenau."

"Inwiefern?" Fragte Julius.

"Dahingehend, daß es Heilmethoden gibt, die Wunden in der Seele zu finden und gezielt zu behandeln", sagte Martine, die sich nun hinzugesellte und vorsichtig den Bauch ihrer Großmutter abtastete.

"Hat deine Tante dir mitgeteilt, auf deine noch verpackten Tanten aufzupassen?" Fragte Ursuline in ihrer unverkennbar direkten Art.

"Neh, ich soll sie auspacken und per Apparieren vorausbringen, damit du sie nicht beim Landen fallen läßt", konterte Martine. Ihre Großmutter lachte und meinte:

"Die hat mir dein Pflegehelferkamerad so gründlich am Rausfallen gehindert, daß ich die nur mit aller Kraft hergeben kann, Mademoiselle Latierre. Aber setz dich ruhig zu uns. Offenbar hat Béatrice den jungen Mann hier auch für mich abgestellt. Immerhin habt ihr ja schon wen neues auf die Welt geholt."

"Dir geht's im Moment gut, Julius?" Fragte Martine.

"Vorhin hatte ich nur Probleme mit den Montferres, weil die ganz rote Haare haben, wie dieses Monster, daß meinen Vater vernascht hat und mich statt seiner haben wollte", verfiel Julius in eine derbe Redeweise. Catherine blickte ihn vorwurfsvoll an, sagte aber nichts. Die Montferres hörten, das ihr Name gefallen war und wandten sich um. Doch Hippolyte gebot ihnen leise, sitzen zu bleiben, um Demie nicht wieder zu irritieren.

"Dann müssen wir wohl auch was für dich finden", sagte Martine. "Du kannst ja nicht aus einer solchen Stimmung wie deine Mutter eben eine Frau angreifen, nur weil sie rote Haare hat."

"Nein, ich habe keinen Bock drauf, zu so'nem irren Killer zu werden, der rothaarige Frauen umbringt", flüsterte Julius. "Aber ich denke, ich habe das auch gut im Griff, weil ich ja weiß, wodurch das kommt. Mum war ja da nicht drauf vorbereitet. Vielleicht hätte sie sich beherrscht, wenn ihr das vorher klargeworden wäre. Ich habe eben gar nichts machen können, weil ich sie so nicht kenne", flüsterte er noch. Dann fiel ihm etwas ein, was er jetzt klären konte:

"Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, Madame Latierre. Wußten sie an dem Tag, wo Sie mir sagten, daß sie traurig wären, daß mein Vater nicht bei den Festen dabei sein konnte, was wirklich mit ihm passiert ist?"

"Nein, Julius, das wußte ich nicht. Ich hörte zwar davon, daß in der Muggelwelt ein Aufruhr wegen eines angeblichen Massenmörders betrieben wurde, aber wer dahintersteckte und warum wußte ich nicht. Erst als ich im Miroir las, was dir passiert ist und als meine Cousine in Detroit mir einen detailierten Bericht aus der Muggelwelt zugeschickt hat, war mir klar, daß ich ohne zu wollen etwas angerührt habe, von dem ich nicht wußte, wie schlimm es wirklich war. Aber als ich dir das sagte, was ich dir sagte, meinte ich das nur so und nicht anders, Julius. Ich hätte dir bestimmt gesagt, dich nach bestimmten Dingen umzuhören oder dir irgendwie die Geschichte erzählt, wenn ich sie gewußt hätte. Ich halte dich nicht für zu klein, das nicht vorher wissen zu dürfen." Sie sah Julius aufrichtig an. Er befand, daß er ihr das abkaufen mußte, weil er sonst keinen Frieden mit ihr und mit sich haben würde.

Béatrice kam aus der Schlafkabine. Sie schloß den Vorhang und dann die Tür.

"Ich habe deiner Mutter einen Schlaftrunk gegeben, damit sie sich erholt. Nach der Landung werde ich mit Madame Eauvive zusammen beraten, was wir für sie tun können. Sie hatte Glück, daß eine Heilerin in der Nähe war."

"Dann schläft sie jetzt?" Fragte Joe.

"Ja, das tut sie", sagte Béatrice.

"Wäre nicht so schlecht, dann bekäme ich nicht mehr von dieser merkwürdigen Reise mit", grummelte Joe.

Der restliche Flug verlief nun friedlich. Joe sah Julius und Ursuline Latierre zu wie sie mehrere Partien Blitzschach hintereinander spielten. Einmal hätte Julius seine Gegnerin fast besiegt. Diese meinte darauf:

"Bei dem Tempo merke ich, daß ich schon einige Jahre länger auf der guten Mutter Erde herumlaufe. Aber du machst dich wirklich gut. Wie ist es mit Ihnen, Monsieur Brickston? Sie spielen auch, hörte ich."

"Vergessen Sie's. Ich verliere ja schon gegen Julius, und den schaffen Sie ja noch", sagte Joe. Doch das wollte Madame Latierre nicht so stehen lassen. Joe trat gegen sie an und verlor nach sieben Zügen.

"na, das machen wir aber noch mal", sagte sie darauf nur. Wieder verlor er. Dann meinte er:

"Ich kann nicht mit Figuren spielen, die von alleine rumlaufen. Also lassen wir's."

"Im Château steht noch ein altes Spiel mit unbelebten Figuren. Betrachten Sie sich für übermorgen zu einer richtigen Partie herausgefordert!" Verfügte Ursuline.

"Und was ist, wenn ich nicht will", begehrte Joe auf. Die schwangere Großmutter lächelte sehr überlegen:

"Dann müssen Sie jeden Morgen einem Feigling und mit sich selbst hadernden Mann beim rasieren im Spiegel zusehen. Ich habe gemerkt, Sie können das Spiel. Sie möchten nur nicht damit drangsaliert werden. Die eine Partie spielen wir beide, damit wir wissen, ob Sie mir wirklich unterlegen sind oder das nur vorschützen, um nicht immer gefragt zu werden."

"Wenn Martha sich wieder berappelt kann sie mit Ihnen spielen, bis ihre Bälger schwarz und weiß aus Ihnen rausrutschen", knurrte Joe und eilte schnell zu seinem Platz zurück.

"Das war jetzt nicht nett", sagte sie leise, wo Julius dabeistand. "Bälger ist ein gemeines Wort. Mag er keine Kinder?"

"Er hat eine Tochter", erwiderte Julius trocken.

"fünf zu wenig", konterte Madame Latierre ebenso trocken.

 

__________

 

"Und Aaaabwärts!" Rief Barbara Latierre, die zwischenzeitlich wieder in der Kabine gewesen war und sich nach Martha Andrews erkundigt hatte. Nun saß sie wieder auf dem Bock, zusammen mit Julius, der sie gefragt hatte, ob er die Landung mitmachen durfte. Sie hatte es ihm erlaubt und damit unter ihren Töchtern und Nichten einen gewissen Neid geschürt. Nun konnte er zusehen, wie sie auf einen weitläufigen Park zuglitten, ihn im Segelflug überquerten und dann auf ein weißes Schloß mit fünf Ecktürmen zuhielten. Das Schloß wurde von einem breiten Wassergraben umschlossen, über den eine Zugbrücke führte, die gerade hochgezogen vor einem hufeisenförmigen Torhaus aufragte. Hinter dem Schloß erstreckte sich ein weitläufiges Feld mit riesenhaften gelben Blumen, die eher Bäumen mit dünnen aber festen Stämmen glichen. Julius erkannte an den unten weit ausladenden Blättern sowie der Sonnengesichtförmigen Form der Kelche, sowie der spiralförmig gedrehten Form der holzigen Stiele, daß es gigantische Sonnenblumen waren, die größte davon vielleicht zehn Meter hoch. Diese großen Pflanzen hatten dem Schloß und seinen Ländereien wohl den Namen gegeben, vermutete er. Demie blieb nun im Gleitflug, richtete sich nur einmal anders aus, um nicht quer zur Landewiese runterzugehen. In der Ferne blinkte die Wasseroberfläche der Loire im Licht der Sonne. Dann verschwand der breite Strom hinter einem dichten Wall aus hohen Tannen. Julius blickte nun das Schloß an, das weiß und Glatt wie polierter Marmor aussah. Auf jedem der fünf Türme thronte ein geflügeltes Zaubertier, ein Greif, ein Hippogreif, ein Drache, ein Abraxariet und natürlich eine Latierre-Kuh. Das Pferd war aus vergoldetem Material, der Drache schien aus rotbraunem, leicht glitzernden Vulkangestein zu bestehen, der Greif leuchtete ebenfalls golden, der Hippogreif silbern und die Latierre-Kuh glänzte weiß wie die Wände. Unterhalb der Türme wölbten sich kupferne Dächer, die insgesamt drei Flügel des Schlosses unterteilten, die einen dreieckigen Innenhof umgaben. In diesem Innenhof plätscherte eine vierstrahlige Fontäne, deren niederregnendes Wasser in einem großen blauen Auffangbecken landete. Dann Sah Julius hinter einem der Türme noch ein Oval, an dessen Schmalenden drei goldene Säulen mit Ringen an den Enden aufragten.

"Wau, Sie haben ein eigenes Quidditchfeld?"

"Ich nicht, meine Eltern und alle, die es mit ihnen aushalten können", lachte Barbara. Dann prüfte sie den Sitz der beiden dünnen Ketten, die um Julius Hüfte und Brustkorb lagen und stellte fest, daß sie sicher saßen.

"Runter will Demie am liebsten immer ganz schnell. Kann sein, daß sie sich gleich nach vorne wirft. Dann wären wir runtergeflogen, wenn wir uns nicht angekettet hätten. Achtung! Demiiiiiie, sachte! Nicht zu steil! Hooooooooo! Ruuuunter, Demie! Saaaaachte!" Die geflügelte Kuh schlug mit ihren weiten Schwingen so aus, daß sie nicht wie ein Stein hinabstürzte. Doch sie glitt schon beachtlich schnell hinunter, bis sie über einer üppigen Wiese dahinstrich und dann mit einem Schlag die Flügel zusammenlegte und mit lautem Stampfen die Beine auf den Boden brachte. Julius fühlte, wie er von dem weichen Polster des Kutschbocks hochgeschleudert wurde, aber die dünnen, von unten nicht sichtbaren Ketten, hielten ihn sicher auf dem Platz. Demie trabte noch einige Meter weit, bevor sie stehenblieb und schnaufte.

"Da sind wir!" Rief Barbara dem Kabineninneren zugewannt.

"Ui, das war mal was anderes als ein Besen. Ich bin ja schon auf einem Flugteppich geflogen, aber der hat nicht so eine spannende Landetechnik benutzt", sagte Julius.

"Irgendwann reitest du vielleicht mal auf einem Thestral oder Abraxarieten. Das ist noch wilder als Demie. Oh, man will schon raus", sagte Barbara und wandte sich um, wo bereits die breite Treppe wie eine Ziehharmonika ausgelegt wurde. So ließ sie auch die Treppe vom Bock hinabschwingen und sich am Boden festkrallen.

"Dann betreten wir wieder sichere Erde. Könnte sein, daß du gleich etwas schwankst. Renkt sich aber gleich wieder ein."

Julius folgte der Latierre-Kuh-Expertin hinunter, wo er seine Mitreisenden wiedertraf. Er begrüßte seine Mutter, die neben Béatrice Latierre stand und eine sehr beherrschte, bloß keinen Anflug irgendeines Gefühls verratenden Miene das Schloß betrachtete. Julius blickte sich um und sah, wie erhaben das Schloß von unten aus wirkte. Hier würde er also nun mindestens vier Tage und Nächte verbringen.

"Wie geht es dir, Mum?" Fragte Marthas Sohn. Sie sah ihn an, schien gegen eine gewisse Verlegenheit anzukämpfen und antwortete:

"Ich muß meine alte Form wiederfinden, Julius. Was ich mir in der Kabine geleistet habe war unentschuldbar."

"Unentschuldbar war das, was dieser Gangster dir angetan hat", sagte Julius verächtlich. "Ich hoffe nur, du kannst dich hier doch auch irgendwie erholen."

"Mademoiselle Béatrice hat sowas angedeutet, daß diese Antoinette Eauvive hier sein soll, die schon mit dir gesprochen hat."

"Ja, wegen Millie", sagte Julius. Seine Mutter nickte.

"Maman winkt, wir möchten bitte alle ins Schloß gehen", sagte Béatrice und wandte sich dem Schloß zu.

Madame Ursuline Latierre stellte sich einen Meter vor dem äußeren Rand des Schloßgrabens auf, breitete die Arme aus und blickte nach oben, wo die ebenholzschwarze unterseite der Zugbrücke wie eine lange, fingerlose Schwurhand bis zur unterkante der Torzinnen stand. Offenbar mußte sie wortlos eine Losung weitergegeben haben, denn mit lautem Klackern ruckelte die Brücke an und senkte sich leise knarrend herab, wobei es Julius schien, daß sie noch etwas länger wurde. Etwa zehn Sekunden später kam sie keinen halben Meter vor Madame Latierre auf dem Boden zum liegen. Julius, der das Herunterlassen genau beobachtete, konnte jedoch weder Seile noch Ketten erkennen, die die lange, breite Brücke bewegten. Insofern, dachte er, war es wohl eher eine Klappbrücke. Das Tor, das nun frei zugänglich vor ihnen lag, war aus massiven Rotbuchenbalken gezimmert und mit versilberten Beschlägen verziert, die ein Wappen trugen, einen Baum mit breiten Ästen, an denen große Blüten sprossen. Die beiden Flügel des Tores schwangen geräuschlos auf und legten sich wie geöffnete Fensterläden an die Mauer.

"Hmm, ein Tor das nach außen aufgeht? Interessant", raunte Julius seiner Mutter zu, die zwischen ihm und Béatrice auf die Brücke zuging. Hinter ihnen waren die Brickstons.

Die Matriarchin der Latierres führte ihre Familienangehörigen und Gäste über die breite Brücke durch das mindestens drei Meter hohe Tor direkt in einen imposanten Empfangssaal, wo bereits weitere Mitglieder ihrer großen Familie warteten. Julius zählte vier große Kronleuchter und acht an den Wänden stehende Kerzenleuchter, die mindestens so hoch waren wie er lang war. Große Wandteppiche schmückten die Hallenwände. Sie zeigten verschiedene Naturansichten und Landschaften aus der Vogelperspektive, die Julius als Stadtansichten und Gebirgszüge zu erkennen meinte. Auf halber Höhe der Wände waren große Rundbogenfenster ins Mauerwerk eingepaßt worden, neben denen kirschrote Brokatvorhänge an langen Holzstangen befestigt waren. Dem Eingangsportal genau gegenüber hingen die Gemälde von vier Personen, von denen Julius eine sofort erkannte, Orion den Wilden, einen der Gründerväter von Beauxbatons, neben dem eine Frau mit knallroten Haren und Braunen Augen in einem wasserblauen Kleid abgebildet war. Julius schrak beim Anblick der Rothaarigen etwas zurück, gab sich dann aber wieder einen Ruck und trat in die Mitte der Empfangshalle.

Das Portal schloss sich leise knarrend hinter ihnen, und durch die nach süden, südosten und Osten weisenden Rundbogenfenster fiel helles Sonnenlicht herein. Ein sanfter Wind schien in dieser gewaltigen Halle zu wehen, kühl aber nicht unangenehm zugig. Immerhin hielt er die Temperatur in der Halle auf angenehmem Wert, erkannte Julius.

"Liebe Gäste, seid mir und uns allen hier willkommen im Château Tournesol", begrüßte Madame Ursuline Latierre die Brickstons, Dusoleils, Odins und Andrews'. Ihre ohnehin schon raumfüllende Stimme klang in dieser Halle wie in einem Konzertsaal. "Ich freue mich, daß ich euch alle für die nächsten fünf Tage zusammen mit meiner Familie beherbergen darf, nachdem es sich doch hat einrichten lassen, daß alle Familien der Mädchen, die zusammen mit meinen Töchtern und Enkeltöchtern bei Jeanne Dusoleils Hochzeit dabei waren, sowie die Familie Andrews Zeit gefunden haben, hierherzukommen. Das Gepäck wird gleich hereingebracht, und wir werden Ihnen und euch die Gemächer zeigen, in denen schon alles bereitsteht. Es gibt die Möglichkeit, daß jeder von Euch und Ihnen einzelne Räume haben kann, oder daß Familien zusammen in einem großen Zimmer übernachten. Das können Sie, könnt ihr euch jetzt noch aussuchen. Vielleicht möchten ja von den Kindern welche zusammen in einem Zimmer schlafen."

"Au ja", jauchzte Babette und blickte sich zu Denise um, die zusammen mit ihrer Cousine Melanie bereits tuschelte. Joe wollte schon was sagen, als Madame Hippolyte Latierre sagte:

"Das können wir ja klären, wenn die Gepäckstücke ausgeladen sind, Maman. Ich gehe davon aus, daß du den Greifen-, den Drachen- und den Kuhturm reserviert hast."

"Natürlich, ma Chere", bestätigte ihre Mutter. Julius überlegte schon, ob er mit seiner Mutter ein Zimmer teilen oder besser doch ein Einzelzimmer beanspruchen wollte. Immerhin war seine Mutter ja auch an das Alleineübernachten gewöhnt. Doch nach dem was vorhin passiert war wußte er nicht, ob sie in einer ihr ganz fremden Umgebung gerne alleine schlafen wollte. Er hingegen würde gerne für sich alleine sein.

"In Ordnung. Das Gepäck wird gleich hier hingestellt und meine Frau und ich erklären euch, welche Räume es gibt", sagte Monsieur Ferdinand Latierre. Julius dachte wieder daran, daß seine Reisetasche von keinem bewegt werden konnte und fragte, ob er seine Tasche holen dürfe. Barbara Latierre erbot sich, mit ihm noch einmal zu der Reisekabine zurückzugehen, zumal die ja ohnehin von Demie heruntergewuchtet werden mußte.

"Bis gleich, Mum", sagte Julius seiner Mutter zugewandt. Dann verließ er mit der stämmigen Lenkerin der Latierre-Kuh das Schloß.

"Wahrscheinlich werden Mamans Hauselfen schon Probleme gekriegt haben, deine Tasche zu holen", sagte sie, während sie zu der Stelle zurückkehrten, wo Demie gerade hohe Grashalme ausrupfte. Sie ließ die Treppe herunter, über die sie beide in die Kabine hochstiegen und Julius' Gepäck holten. Dabei sahen sie zwei Hauselfen in groben Tüchern, auf denen das Wappen des Baumes mit den weitausladenden Ästen zu sehen war, einen männlichen und einen weiblichen, wie sie gerade die Gepäckstücke aufklaubten und dann mit lautem Knall verschwanden. Beide wirkten etwas verlegen, als Julius sie ansah.

"Huch, wieso haben die so peinlich berührt geguckt?" Fragte Julius, als die beiden magischen Diener verschwanden.

"Weil sie es gewohnt sind, unbemerkt zu arbeiten, Julius. Du wirst von den fünfen, die es im Schloß gibt höchstens Cloto zu sehen bekommen, der direkte Befehle von meinen Eltern und Geschwistern entgegennimmt. Die anderen arbeiten unbemerkt. Daß du und ich zwei von ihnen hier erwischt haben war denen jetzt wohl peinlich. Deine Tasche steht ja als einzige noch hier."

Julius nahm seine Reisetasche und den daran hängenden Besen und verließ mit Barbara Latierre die Kabine. Die Treppe faltete sich wieder zusammen, und Demie gab ein leises Schnauben von sich.

"Wer holt ihr die Kabine gleich vom Rücken?" Fragte Julius.

"maman und ich, Julius. Dann kann Demie auf die umgrenzte Weide, wo die Tränke liegt. Die Kabine wird dann im Gerätetrakt des Schlosses verstaut."

"achso", sagte Julius dazu nur.

Im Schloß waren die Gäste wohl schon mit ihrem Gepäck unterwegs zu den Zimmern. Martha Andrews stand noch bei Béatrice Latierre und wartete auf ihren Sohn.

"Barbara, kannst du Martha Andrews gleich zu den eauvives rüberfliegen? Die werte Chefin der Delourdes-Klinik hat mir gerade mentiloquiert, ich möge sie ihr am besten gleich überstellen, damit sie schon einmal eine Seelenlotung vornehmen kann. Dann wird sie befinden, ob sie Martha länger behandeln muß oder sie heute Nachmittag wieder mitbringt, wenn sie Millie prüfen will."

"Kein Problem, Demie ist noch reiseklar, Béatrice."

"Oh, dann kannst du dir nicht die Zimmer ansehen?" Fragte Julius seine Mutter, die so emotionslos aussah wie eine Androidin.

"Du kannst dir ein Einzelzimmer nehmen, Julius. Ich weiß nicht, was die erhabene Madame Eauvive noch mit mir anstellen darf, was vielleicht noch einen Tag oder mehr dauert. Sollte ich wieder zurückkommen, kann ich ja ein Zimmer in deiner Nähe nehmen."

"Hast du das mit den Gastgebern schon geklärt?" Fragte Julius seine Mutter. Béatrice und sie nickten.

"Okay, dann bringe ich Sie gleich nach Château Florissant hinüber", sagte Barbara und winkte Martha Andrews.

"Ach, Babs, ich komme besser mit. Dann klären wir das dann gleich ab, was ansteht", sagte Béatrice und folgte ihrer Schwester zusammen mit Martha Andrews. Das große Eingangsportal schloß sich hinter ihnen. Da fiel Julius ein, daß er sich in diesem Schloß gar nicht auskannte. Er wollte schon rufen, daß er nicht wisse, wo er jetzt entlanggehen sollte, als Catherine Brickston zusammen mit Mildrid Latierre durch eine von drei hohen Türen in die Empfangshalle hereintrat.

"Wir haben noch zwei freie Zimmer im Greifenturm, Julius. Joe und Ich schlafen eine Etage über Babette, die mit den jüngeren Brautjungfern Denise, Mayette und Melanie ein großes Zimmer haben wollte. Mildrid hat sich erboten, uns den Weg zu zeigen, weil ich mich hier doch noch nicht so allein zurechtfinde. Ist Martha schon fort? Ich hörte davon, daß Madame Eauvive sie stante pede einbestellt hat."

"Gerade mit Madame Barbara und Mademoiselle Béatrice durchs Tor", gab Julius Auskunft und deutete aufs geschlossene Portal.

"Antoinette kann ziemlich drängend sein, wenn es um ihre nähere und fernere Verwandtschaft geht", mentiloquierte Catherine Julius. Dieser beherrschte sich gut genug, nicht zu nicken oder "Ja" zu sagen.

"Greifenturmzimmer sind schön. Meine Eltern, Martine und ich sind da auch untergebracht", sagte Millie. "Die Dusoleils haben sich auf den Drachenturm eingelassen. Ich denke, Claire kriegt das Einzelgemach da. Im Kuhturm sind die Montferres eingezogen."

Ein Glockenspiel erscholl. Julius blickte auf seine Uhr und stellte fest, daß jetzt genau zwölf Uhr mittags war.

"Das ist unsere Uhr im Pferdeturm, wo auch die ganzen Hauselfen ihre Quartiere haben", sagte Mildrid Latierre, als sie die beiden Gäste durch eine Flucht von Gängen und Treppenhäusern führte, bis sie in einer kleineren Ausgabe der Empfangshalle ankamen, über deren Eingangstür ein kleiner Greif aus Marmor prangte. Dort warteten bereits Callie und Pennie Latierre.

"Hallo, Julius. Wo ist denn deine Mutter?"

"Die wurde gebeten, gleich zum Château Florissant rüberzukommen", sagte Julius, während Catherine ihm winkte, die schmale Marmorwendeltreppe hinaufzusteigen.

Julius wunderte sich nicht über die Breite des Turmes. In Hogwarts hatte er ja selbst in einem Wohnturm gelebt, der in zwei Trakte aufgeteilt war. Insofern nahm er lediglich die Wände mit den Portraits verschiedener Latierres früherer Zeiten und die unterschiedlich gefärbten Türen zur Kenntnis.

"Da wohnen Babette und die drei anderen jüngeren Brautjungfern", sagte Catherine und deutete auf eine Grasgrüne Tür. Eine Etage höher führte eine kastanienbraune Tür zu Catherines und Joes Zimmer, wie auch zu einem Einzelzimmer.

"Möchtest du hier rein?" Fragte Catherine. Julius besah sich das an die zwanzig Quadratmeter große Zimmer mit den zwei Eckfenstern und nickte. Er stellte seine Reisetasche unnter das breite Himmelbett, öffnete den die halbe Wand zum Treppenhaus einnehmenden Eichenschrank und begutachtete die Kleiderbügel und Staufächer darin. Millie nickte ihm zu und sagte:

"Da habe ich vor fünf Jahren drin geschlafen, als Oma Line ihren sechzigsten gefeiert hat. Da wo Madame und Monsieur Brickston schlafen haben meine Eltern geschlafen. Martine schläft eine Etage hier drüber, wie ich. Nur hat sie das größere Zimmer mit drei Fenstern."

"Wir wohnen ganz oben", sagte Callie, die hinter Julius ins Zimmer getreten war.

"Wo soll meine Mutter schlafen?" Fragte er. Catherine zeigte ihm die Turmkammer, die ein Stückchen weiter die Treppe hoch lag und wo sie bereits das Gepäck von Martha Andrews abgestellt hatte. Dann half sie ihm, seine Sachen zu verstauen. Millie fragte ihn, ob er sich nach dem Mittagessen das Quidditchfeld ansehen mochte. Er erwiderte:

"Ich weiß nicht, ob mir danach ist, Millie. Ich hoffe, Mum kommt schnell wieder zurück."

"Wenn sie kommt dann zusammen mit Madame Eauvive", grummelte Millie.

"Ach, heute bist du ja fällig", feixte Julius.

"Ganz genau", schnaubte Mildrid. "Aber wenn ich das schaffe, und Tante Trice würde mich wohl in einen alten Latschen verwandeln wenn ich das vermassel, dann sind wir beide Kollegen bis zum Schulabschluß. Es sei denn, du wagst es, dich wieder nach Hogwarts umschulen zu lassen."

"Millie", sagte Catherine Tadelnd. Julius mußte jedoch lachen.

"Was würde mir denn passieren, wenn ich da wieder hingehe?"

"Das du da nicht mehr so gut klarkommst wie bei uns. Du würdest dich total langweilen", konterte Mildrid.

"Mit Voldemort, der andauernd vor der Tür steht?" Grummelte Julius. Millie verzog das Gesicht, Catherine sah ihn tadelnd an und die Zwillinge Barbara Latierres machten sehr beklommene Gesichter. Catherine sagte:

"Wenn wir uns eingerichtet und zu Mittag gegessen haben machen wir beide unsere Übungen weiter."

"Okay", erwiderte Julius. Occlumentie-Übungen waren ihm nicht sonderlich recht, wenn es galt, ein ganzes Schloß und das Drumherum zu erkunden. Andererseits hatte er Catherine zugestimmt, daß er diese Kunst lernen wollte und mußte.

"Was'n für Übungen?" Wollte Millie wissen.

"Betrifft Sie nicht, Mademoiselle", erwiderte Catherine sehr entschieden.

"Wann sollst du denn zur Prüfung?" Fragte Callie ihre Cousine.

"Wenn sich nix ändert um drei, Callie", sagte Millie leicht verdrossen. "Es sei denn, wegen Julius' Maman kommt die Eauvive heute nicht mehr zu uns."

"Madame Eauvive, Mildrid", fühlte sich Catherine berufen, Martines Schwester zurechtzuweisen. Diese sah Julius' Fürsorgerin verstimmt an und meinte:

"Spielen Sie sich bitte nicht auf, nur weil Ihre Maman in Beaux 'ne Saalvorsteherin is'!"

"Vorsicht, Mademoiselle, sie wandeln auf sehr dünnem Eis", warnte Catherine das Mädchen, das darauf diesmal nichts erwiederte.

"Also, mit Quidditch ist heute wohl nichts, Millie. Vielleicht morgen oder übermorgen."

"Wir feiern in unseren zwölften Geburtstag rein", sagte Callie. Könnte also spät werden."

"Na, ob wir alle mitfeiern müssen weiß ich noch nicht", sagte Catherine. Julius sah Callie und ihre Zwillingsschwester an und meinte:

"Mal sehen, wie mir heute abend zu Mute ist."

"Noch hast du Ferien", mentiloquierte Catherine ihm.

Als sich die ganzen Bewohner und Gäste des Schlosses eingerichtet hatten, trafen sie sich in einem kreisrunden Saal, der mit hellen Teppichen ausgelegt und mit vergoldeten Leuchtern geschmückt war. Aus tortenstückförmigen Deckenfenstern ergoss sich das Mittagslicht in den Saal. In der Mitte stand ein hoher, kreisrunder Tisch, der mit einem weißen Leinentuch gedeckt war und in seiner Mitte eine große Bronzevase mit einem Strauß aus Sommerblumen trug. Hoe, halbrunde Stühle mit mit Federkissen gepolsterten Sitzflächen und Rückenlehnen umstanden den Tisch. Sie waren so ausgerichtet, daß jeder, der auf ihnen sitzen wollte, seitlich daraufschlüpfen und sich dann einfach mit dem Stuhl zum Tisch umwenden konnte.

"Wau, wie bei Arthus' Tafelrunde", bemerkte Julius und staunte über die gute Schalldämmung der Teppiche, Wandbehänge und Kissen. Claire Dusoleil stand bereits vor einem der weißen Stühle und winkte Julius zu. Catherine tippte ihn an und sagte:

"Setz dich zu ihr. Joe und ich setzen uns zu den Erwachsenen." Julius ging zu seiner Freundin und nahm links von ihr Aufstellung an einem Stuhl. Millie schlüpfte keck an ihm vorbei und stellte sich links von ihm auf. Doch da kam Martine und schob sich zwischen sie und Julius.

"Deine Kolleginnen setzen sich dann rechts von dir hin, Claire", sagte Martine und deutete auf die Plätze rechts von Claire. Diese nickte.

"Sollen wir uns schon hinsetzen?" Fragte Julius Martine, die hier irgendwie wie eine Tischsprecherin auftrat, wohl die Macht der Gewohnheit.

"Wenn alle im Saal sind. Ah, da kommt Oma Ursuline."

Madame Ursuline Latierre trug nun ein weites, himmelblaues Seidenkostüm und betrat in Begleitung ihres Mannes und ihrer erwachsenen Kinder den Speisesaal. Sie deutete auf den Tisch und sagte laut: "Setzt euch doch hin. Diese Rumsteherei ist mir peinlich. Ich bin doch nicht Madame Maxime. Babs und Trice kommen ein wenig Später.""

Alle setzten sich hin. Rechts von Claire saß Melanie, neben der Babette, Mayette und die beiden anderen Latierre-Brautjungfern saßen, die Millie gehässige Blicke zuwarfen, weil ihre Große Schwester sich zwischen sie und Julius geschoben hatte.

Joe fühlte sich zwischen seiner Frau und Madame Montferre wohl nicht sonderlich wohl, vermeinte Julius. Rechts von Catherine saßen die Dusoleils. Madame Ursuline Latierre setzte sich Julius genau gegenüber an den runden Tisch hin, wobei er meinte, ihr Stuhl würde leicht ächzend in die Breite gehen, um die füllige Hexe aufzunehmen. Kaum saßen ihr Mann und sie, erschinen weiße Porzellanteller, goldene Kelche und silbernes Besteck auf dem Tisch, so verteilt, wie die Bewohner und Gäste saßen.

"Wer was zu Essen hat fängt an!" Rief die Matriarchin der Latierres. Als habe sie ein Zauberwort ausgerufen erschienen Suppenterinen auf dem Tisch und Suppentassen mit Goldrand. Zur Vorspeise gaab es eine Lauchcremesuppe, zum Hauptgang verschiedene Fleischsorten, Kartoffeln in unterschiedlichen Zubereitungsarten, von Püree, gekochten Kartoffeln, über in der Pfanne gebratene Kartoffeln über Pommes Frites bis zu Kroketten. Jeder konnte sich aus fünf verschiedenen Soßenschüsseln bedienen, Honigsoße, Pfeffersoße, Sahne-, Speck- oder Senfsoße. Dazu gab es noch langes, golden aussehendes Stangenbrot, von dem sich jeder mit dem beigelegten Messer, das vielleicht aus purem Gold sein mochte was abschneiden konnte.

"Wie bei Königs", dachte Julius. Er langte gut zu, aber nicht so wie Madame Latierre, die von der Honig- und der Specksoße gleichzeitig nahm und Würstchen und Schnitzel auf ihrem Teller stapelte.

Nach dem üppigen Mittagessen waren alle ausnahmslos satt. Julius verspürte ein gewisses Rühren und fragte sich, wo denn dafür die entsprechenden Räume waren. Als er das innere Drängen nicht mehr allzulange einhalten konnte, fragte er Martine leise. Sie nickte ihm zu und führte ihn zu einem Trakt unter dem Dach des Südflügels, wo mehrere Badezimmer angelegt waren. Julius verschwand durch eine Tür und kehrte sichtlich erleichtert wieder zurück.

"Also, daß deine Großeltern viel Geld haben müssen ist unverkennbar", sagte er. "Marmorkloschüsseln mit Eichenbrillen und Wolldeckeln, wohl von Latierre-Kühen. Da hätte ich eigentlich noch goldene Wasserhähne erwartet."

"Die gab es mal hier drin", Julius. "Als meine Urgroßeltern hier aufgewachsen sind, muß es wohl noch goldene Wasserhähne gegeben haben. Aber Oma Ursuline hat die gegen die roten und blauen Wasserspender austauschen lassen."

"Bringst du mich dann gleich bitte wieder zum Greifenturm zurück. Ich wollte mich da mit Catherine treffen.

"Millie hat mir was von Übungen zugeraunt. Was für welche macht ihr. Occlumentie oder Mentiloquismus?" Julius sah sie etwas verwundert an. Dann fragte er, wie sie darauf käme.

"Erstens, weil du in den Staaten wohl von einigen zwielichtigen Zeitgenossen geistig durchsucht wurdest. Zweitens hast du Tante Trice mit keinem lauten Wort informiert, was mit deiner Mutter ist, was heißt, du hast den Mentiloquismus gelernt. Drittens sind Geisteszauber die einzigen, die sie dir in den Ferien nicht nachweisen können. Viertens ist Madame Brickston deine Fürsorgerin und auch die Tochter von Professeur Faucon und denkt wohl, sie könne dir was wichtiges außerhalb der Schule beibringen."

"Kein Kommentar", sagte Julius.

"Werte ich mal als sowohl als auch", sagte Martine. Dann brachte sie Julius in den Greifenturm zurück, wo Millie sie schon erwartete.

"In anderthalb Stunden bin ich also dran. Worauf muß ich bei dieser Madame Eauvive aufpassen?" Fragte sie Julius frei heraus.

"Das du alles richtig machst", sagte Julius belustigt. "Ich weiß ja nicht, was genau die dir alles abverlangt.

"Was hast du denn machen müssen?" Fragte Millie. Martine sah sie an und meinte:

"Warum fragst du ihn aus und nicht mich?"

"Weil du mir damit gekommen bist, daß ich das gefälligst für mich alleine vorbereiten soll", knurrte Mildrid Latierre.

"Genau, Schwesterchen. Also löcher nicht noch kurz vor dem Termin andere Leute, die dich ungewollt durcheinanderbringen könnten!" Wies Martine sie zurecht. Julius nickte nur und schlüpfte an Millie vorbei die Treppe hinauf zur kastanienbraunen Tür.

"Na, Julius. Scheißen die in goldene Schüsseln?" Empfing Joe ihn mit einer derben Frage.

"Neh, Marmor", erwiderte Julius spontan. Catherine sah ihren Mann an und sagte:

"Du kannst echt froh sein, daß diesen Leuten hier sehr wenig peinlich ist und die es eher lustig finden, wenn du so abfällig über sie herziehst. Nur mit Raphaelle Montferre hättest du dich etwas respektvoller unterhalten sollen."

"Oh, was hast du ihr denn gesagt, Joe?" Fragte Julius verschmitzt grinsend.

"Ich habe der nix gesagt. Ich habe Catherine auf Englisch gefragt, ob die Auslage von der echt oder aufgeblasen ist. Vielleicht stehen in der Hexenwelt ja auch welche auf Selikonbrüste."

"Ja, und das hat sie wohl verstanden", sagte Catherine mißmutig. "Daraufhin verwickelte sie ihn in ein Gespräch, ob er sich von ihrer Oberweite eher angezogen oder abgestoßen fühle, ob es stimme, daß Muggelfrauen aus irgendeinem dummen Schönheitstick heraus ihre Körper künstlich aufbessern ließen und ob die Frage von ihm ein Kompliment oder eine Verachtung ihr gegenüber sei. War schon etwas peinlich für mich."

"Wer mit solchen Melonen durch die Gegend schaukelt muß sich das gefallen lassen, Catherine."

"Nein, muß sie nicht", sagte sie darauf unwirsch. "Du benimmst dich wie ein halbausgegorener Junge. Julius, bitte übernimm das ja nicht von ihm!"

"Die Gefahr besteht bei dem nicht mehr, seitdem deine Mutter den in ihre Fänge gekriegt hat und ..."

"Hallo, so nicht, Joe!" Stieß Catherine aus. "Bring mich nicht dazu, dich für den Rest der Zeit hier in Zauberschlaf zu versenken, bevor noch wer meint, dich aus Wut heraus verwandeln zu wollen."

"Vielleicht in einen Jumbobüstenhalter von Madame Montferre", feixte Julius leise, aber für Catherine viel zu laut. Sie sah ihn so durchdringend drohend an, daß er meinte, sie wolle ihn mit ihrem Blick in Brand setzen. Dann Durchraste ihn ihre Gedankenstimme:

"Ich habe dir gesagt, ihm nicht nachzueifern, nur weil du noch halbwüchsig bist. Leg dich bloß nicht noch mit mir an, sonst kommst du wirklich noch zu Madame Delamontagne."

"Angekommen", mentiloquierte Julius nach zwei Schrecksekunden. Joe sah ihn verächtlich an.

"Mit dir kann sie ja noch heftiger umspringen als mit mir", feixte er. Zwar hatte er nicht hören können, was Catherine Julius übermittelt hatte, konnte sich aber denken, daß sie ihn telepathisch gemaßregelt hatte. Dann atmete sie durch und sagte:

"Ich geh gleich mit dir in dein Zimmer. Joe, du kannst schlafen oder wonach dir gerade ist machen. Wenn du mußt, Wo die Toiletten sind hat Albericus dir ja erklärt."

"Genau, das Marmorklo", versetzte Joe. Catherine nahm Julius bei der Hand und verließ mit ihm das Zimmer. Bei ihm drüben setzte sie sich auf einen der beiden bequemen Stühle und verriegelte mit ihrem Zauberstab die Tür.

"Ich habe eine Heidenangst, daß Joe es sich mit den Leuten hier verscherzt. Die Dusoleils und Monsieur Odin sind nicht so hart im Nehmen wie die Latierres. Und ob Madame Montferre sich dadurch beleidigt fühlt, was er ihr gesagt hat, noch dazu in einer anderen Sprache, damit sie es nicht verstehen sollte, könnte Probleme mit ihr oder Michel nach sich ziehen. Aber wir beide werden uns jetzt die nächsten zwei Stunden mit der Occlumentie befassen. Du bist schon gut vorangekommen. Aber erst wenn ich länger brauche, an deine inneren Geheimnisse ranzukommen als diese Sanduhr hier durchläuft bin ich zufrieden." Sie platzierte eine große Sanduhr auf den Beistelltisch des Zimmers. Sie lief genau fünfzehn Minuten durch. Julius konnte sich jedoch noch nicht einmal fünf Minuten gegen Catherines legilimentische Angriffe verteidigen. Sie meinte es so ernst, wie ihre Mutter es gemeint haben würde, hätte sie ihm diese Lehrstunden angeboten.

Sichtlich erschöpft, weil er zehn Runden hintereinander hatte überstehen müssen, in denen er alle seine Ängste und geheimen Freuden hatte niederringen müssen, um Catherine nicht zu viel von sich zu verraten und dabei nicht nur die Wespen im Sanderson-Haus und Slytherins Bild-Ich immer wieder vor sich gesehen hatte, sondern auch die nackte Hallitti und die ihn leidenschaftlich küssende Millie Latierre erlebt hatte. Catherine meinte dazu einmal:

"Es stimmt wohl, daß dieses Mädchen dich sehr gerne hätte. Aber ich wage mal zu behaupten, daß du ihr nicht so abgeneigt bist, wie du offen zeigst. Das sage ich dir nicht, weil ich deine Fürsorgerin bin, die sowas auch was angeht, sondern weil ich will, daß du dir über deine ganz eigenen Gefühle klarwerden mußt, um dich so wirkungsvoll wie möglich gegen böswilliges Legilimentieren zu schützen. Ich konnte sie mühelos aus deinem Erinnerungsvermögen herausholen. Claire dagegen taucht zwar auch immer wieder auf, wird aber von dir gut verborgengehalten."

"Ich wüßte nicht, was ich von diesem Mädchen will, Catherine. Die kann mir nichts geben, was Claire mir gibt", sagte Julius leise.

"Wie gesagt, Julius, damit mußt du fertigwerden, nicht ich. Ich habe nur festgestellt, daß Mildrid in deinen erotischen Erinnerungen eine sehr große Rolle einnimmt."

"Sage ihr das bloß nicht!" Knurrte Julius. Catherine schüttelte den Kopf.

"Ich mache diese Übungen mit dir, weil ich mich selbst dazu verpflichtet habe, niemandem zu erzählen, was ich dabei an Gefühlen und Erinnerungen aus dir herausschöpfe. Weder deine Mutter noch sonst wer wird von mir erfahren, was da alles zugehört. So, und jetzt gehst du am besten raus und bewegst dich an der frischen Luft, um den benötigten Ausgleich zu kriegen."

"Joh, mach ich", sagte Julius. Er wollte nach seinem Besen greifen. Doch Catherine schüttelte den Kopf.

"Den läßt du besser hier. Für Quidditch bist du noch nicht ausgeruht genug", sagte sie. Julius nickte und verließ mit Catherine das Zimmer.

Joe Brickston war nicht im Zimmer, als Catherine nachsehen wollte. "Wo ist der denn jetzt hin?" Fragte sie leicht besorgt.

"Für kleine Jungs", vermutete Julius.

"Kann sein. Wir haben ja doch ziemlich lange geübt."

"Ich bleib dann mal hier und warte, ob er wiederkommt. Um Vier Uhr ist Kaffeetrinken draußen im Schloßgarten", sagte sie noch.

Julius suchte sich seinen Weg durch das erhabene Schloß. Als er einmal ein lebendiges Bild von Orion dem Wilden sah fragte er ihn höflich, wo man denn etwas spazierengehen konnte.

"Im Park ist es sehr schattig und so gemütlich", sagte der gemalte Gründungsvater von Beauxbatons mit einer leicht verrucht klingenden Stimme. "Da gibt es auch verschwiegene Pavillons, falls dir mal nach ungestörter Zweisamkeit ist."

"Soso", erwiderte Julius amüsiert. "Fragt sich nur, wie verschwiegen die sind."

"Für gewisse Spiele allemal", erwiderte Orion.

"Na, ist mir hier zu unsicher. Da lese ich lieber das Kama Sutra", konterte Julius. Orion gähnte daraufhin so inbrünstig, daß der Zauberschüler lachen mußte.

"Du wirst schon rauskriegen, was richtig gut tut", sagte der gemalte Gründungsvater des roten Saales und führte Julius durch die Galerie von Tournesol bis zu einem Seitenausgang, wo gerade Albericus Latierre und Florymond Dusoleil hereinkamen und offenbar sehr angeregt diskutierten.

"Ah, Julius. Claire hat schon gefragt, was Catherine mit dir anstellt, daß sie dich nicht zu sehen kriegt. Sie ist mit den anderen Brautjungfern auf der Spielwiese und macht Musik zusammen mit Camille und einigen Damen aus dem Latierre-Clan."

"Ist Joe Brickston vielleicht auch bei denen?" Fragte Julius.

"Hmm, wenn meine Schwiegermutter den noch nicht satt hat, hat die ihn wohl immer noch im Mittagspavillon."

 

"Bitte was?" Wunderte sich Julius.

"Sie hat ihn draußen im Park erwischt, wie er sich irgendwas aufgeschrieben hat. Das hat sie neugierig gemacht. Er hat ihr gesagt, er wolle im Moment nicht mit den ganzen Kindern zusammensein. Tja, und jetzt hat er Belle-Maman am Hals. Trice ist ja im Moment mit unserer Kleinsten beschäftigt und kann ihr das nicht austreiben", erwiderte der kleinwüchsige Zauberer vergnügt.

"Oh, Madame Eauvive ist da? Dann ist meine Mutter wohl auch da", sagte Julius sehr aufgeregt. "Wo ist die Prüfung?"

"Im grünen Salon. Aber ich würde da jetzt nicht reinplatzen", sagte Monsieur Latierre zur Vorsicht gemahnend. "Antoinette ist nicht begeistert, wenn ihr jemand bei wichtigen Sachen dazwischenkommt. Nachher infanticorporisiert sie dich noch, um Millie ein Übungsbaby für Säuglingspflegeprüfungen zu bieten."

"Oh, dann könnte die mir gleich die passende Amme dazu suchen, weil ich nicht weiß, ob ich nach diesem Fluch von Hallitti vom Infanticorpore-Fluch befreit werden kann", seufzte Julius, dem schlagartig die Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Florymont Dusoleil sah ihn an und meinte:

"Das wäre ja dann wohl Madame Ursuline Latierre. Und der wird sie dich nicht überlassen wollen. Aber Albericus hat recht, wenn er sagt, daß du sie besser erst fragst, wenn sie von sich aus nach dir sucht."

Geht klar. Vielleicht ist Madame Barbara Latierre ja zu finden. Die kann mir bestimmt was erzählen."

"Babs ist auch auf der Wiese", sagte Monsieur Latierre. So befand Julius, daß er auf die Spielwiese wollte und sich mit ihr unterhalten mußte, was jetzt Sache war. Vielleicht war seine Mutter ja auch da. Er ließ sich den kürzesten Weg sagen, ging durch den Seitenausgang und spurtete los, um eine der fünf Ecken des Schlosses herum und dann der fröhlichen Musik nach, die aus Flöten, Mädchenstimmen und verschiedenen Saiteninstrumenten entstand.

Auf der Wiese tummelten sich die acht Brautjungfern Jeannes, sowie viele Frauen des Latierre-Clans. Seine Mutter war nicht da.

"Hallo, Julius! Komm zu uns und tanz ein wenig mit uns!" Lud Claire ihn ein.

"Ich habe gehört, Madame Eauvive ist mit Madame Barbara Latierre wieder hergekommen. Ist meine Mutter auch mit?" Fragte er und sah dabei die Hüterin Demies an.

"Hmm, das klärt Madame Eauvive mit dir und den Brickstons", sagte sie sehr ernst.

"Ey, Julius, mach noch mal mit uns die Laurentia!" Rief Babette, und die Latierres im Brautjungferntrupp spornten ihn an, das zu machen.

"Auf das meine Knie morgen nachgeölt werden müssen, Babette", knurrte Julius, mußte aber dabei lächeln. Camille Dusoleil lachte und meinte:

"Wir machen da alle mit. Das soll gute Gymnastik sein."

Julius ging hinüber und stellte sich zwischen Claire und Patricia Latierre hin. Dann kamen noch die kompletten Montferres und reihten sich in den Kreis ein. Julius sang vor: "Laurentia, liebe Laurentia mein,
wann werden wir wieder zusammen sein? Am Montag." Wie eine weit verbreitete Regel dieses Spiels es vorsah gingen alle bei dem Namen Laurentia und den besungenen Wochentagen in die Knie.

"Wo hast du das eigentlich her?" Fragte Madame Montferre Julius, als sie alle Wochentage durchhatten.

"Habe ich im Kindergarten gelernt. Die Erzieherin hatte deutsche Eltern und das Spiel von denen übernommen. Das man das auch im französischen bringen kann habe ich erst in diesem Sommer ausprobiert, wo Babette und ich zusammen bei Madame Faucon waren", erklärte Julius.

"Dann haben wir ja jetzt alle nachher den richtigen Durst auf Kaffee oder Kakao", sagte Madame Dusoleil.

"Aber vorher machen wir noch etwas Musik", sagte Mayette Latierre und holte eine kleine Flöte aus ihrem blattgrünen Kleidchen. Claire nickte.

Julius ging darauf ein und versuchte sich im Singen, weil er gerade kein Instrument dabeihatte. Claire zwinkerte ihm aufmunternd zu, weil er durch die zwei übersprungenen Jahreeine voll entwickelte Tenorstimme bekommen hatte.

Als das Glockenspiel vom Pferdeturm her vier Uhr läutete sammelten die Latierres ihre Familienmitglieder und Gäste ein und gingen mit ihnen in den Park, wo sie den Kaffeetisch ansteuerten. Dabei kamen sie auch am Mittagspavillon vorbei, der so hieß, weil sein Eingang genau nach Süden wies. Ursuline Latierre und Joe Brickston kamen heraus. Die Mutter von Patricia und Mayette strahlte Julius an und schlenderte zu ihm hinüber.

"Joe ist nicht schlecht, wenn man ihm die Zeit läßt und er kein störendes Publikum um sich herumhat."

"Jetzt haben Sie endlich Ihren Willen gehabt", sagte Joe sichtlich erschöpft. Dann sah er Julius an und fragte ihn:

"Hat Catherine dich mit ihren Sonderübungen auch gut fertiggemacht?"

"Kann man sagen. Vor allem will die das ja jeden Tag mit mir durchziehen, wie du weißt."

"Sag ihr, du würdest bei ihrer Mutter genug lernen!" Schlug Joe vor. Da kam Catherine mit Madame Eauvive und Mildrid, die ebenfalls gut erschöpft aussah um die Ecke.

"Heh, Millie, wie lief's?" fragte Ursuline Latierre fröhlich.

"Uff, geschafft", sagte Millie und strahlte Julius an. Dieser fragte:

 

"Du oder die Prüfung?"

"Wir uns gegenseitig", konterte Millie. Claire, die neben Julius herlief grummelte, ob das jetzt hätte sein müssen. Julius sah sie an und meinte:

"Jetzt hat sie keinen Grund, mir hinterherzulaufen, nur um mir das zu erzählen."

"Haha, Julius Andrews. Millie findet schon was neues, und falls nicht, dann erfindet sie was, vielleicht 'ne Schachspielmaschine."

"Och, Claire, sowas gibt's schon", sagte Julius ruhig. "Millies Oma."

"Bursche, nicht frech werden", wandte Ursuline Latierre darauf ein und zog Julius leicht am Ohr.

Madame Eauvive setzte sich demonstrativ weit weg von Julius. Catherine setzte sich zusammen mit Joe und Claires und Denises Eltern an einen der aufgestellten Tische. Claire bekam einen Tisch für die acht Brautjungfern zugewisen, während die anderen Eltern und Kinder sich auf die zwei übrigen Tische verteilten. So kam es, daß Mildrid sich wieder neben Julius hinsetzte, weil Martine mal nicht aufpasste und sich mit Sabine und Sandra unterhielt.

"Ui, das war's mit der Prüfung", sprach Millie leise zu Julius. Dieser nickte ihr zu und meinte:

"Und, wolltest du wirklich Pflegehelferin werden?"

"Ist schon klar, daß der Krempel heftig ist, Julius. Aber ist schon gut, wenn man was machen kann, um anderen zu helfen. Außerdem sehe ich nicht ein, Wieso Gerlinde die einzige Rote sein soll, die in der Truppe dabei ist, wo in unserem Saal doch häufiger jemand gebraucht wird."

"Gut, daß ich da nicht reingekommen bin", sagte Julius trocken. "Wenn ihr euch immer gleich die Nasen platthaut."

"Wer sagt denn sowas?" Entgegnete Millie. "Die einzige, die mir die Nase plattgehauen hat war eine von euch, wie du weißt."

"Ach, wo ihr Roten doch sofort alles rauslaßt, was euch umtreibt", feixte Julius.

"Das klingt aber jetzt sehr verdorben, was du da sagst. Rauslassen, was umtreibt", erwiderte Millie verschmitzt.

"Leute, der Kuchen ist da", flötete Ursuline Latierre, als vier große Bleche mit Kuchen von vier Hauselfen herangetragen wurden.

Julius nutzte die gelegenheit, um eines der ersten Stücke zu kriegen. Als er dann aß brauchte er nichts zu sagen.

"Ich hoffe, deiner Maman geht's bald wieder besser. Ich habe Madame Eauvive gefragt, was sie jetzt für sie machen will. Aber sie hat gemeint, daß mich das nix anginge und ich mich voll auf die Prüfung konzentrieren soll. Vielleicht hat die mir deshalb diese Kiste mit dem Magen-Darm-Entlleerungszauber eingebrockt."

"Och, den hat sie mir auch in der Prüfung gegeben. Aber dafür hast du wohl keine Babys zum Vorführen gekriegt, oder?"

"Öhm, fertige Babys, die ich hätte wickeln sollen oder sowas? Waren in der Gegend wohl keine zu finden. Aber ich habe mit leicht glibberig angefeuchteten Puppen ungefähr so groß rumhantieren müssen. Immerhin ist Tante Trice ja auch Hebamme. Insofern noch gut, daß Oma Line die beiden Neuen noch drin hat."

"Ich habe damals mit Barbara Lumières Schwesterchen üben dürfen."

"Weiß ich von Martine", erwiderte Millie. Dann trank sie von dem Kakao, in dem Demies frische Milch enthalten war.

"Also eine Latierre-Kuh ist schon sehr praktisch. Schade daß ihr keine bei euch hinstellen dürft."

"Neh, danke, den Mist wegzuschaufeln wäre mir zu stressig", sagte Julius leicht angewidert.

"Das ist doch das einfachste bei denen. Achso, den bringt uns Bellart ja nicht bei, den Ausmistezauber. Aber ich denke, Armadillus wird den uns zeigen, wenn wir in der nächsten Klasse mit den größeren Tieren zu tun kriegen wie deinem Kniesel. Wie Geht's Goldschweif eigentlich?"

"Sie kann mir leider nicht schreiben", erwiderte Julius belustigt.

"Aber was sie sonst kann ist schon sehr praktisch, nicht wahr?" Schnurrte Mildrid. Da erst merkte Julius, daß das Mädchen ihn nicht ganz ungeschickt auf ein bestimmtes Thema eingestimmt hatte.

"Sagen wir's so, was da nicht gestimmt hat stimmt jetzt", sagte er.

"Sag bloß nicht, daß es dir nicht gefallen hat, daß sie mich mal zu dir hingebracht hat!"

"Millie, Ich hatte in den letzten Tagen genug Stress. Ich muß mir nicht noch mit dir oder Claire was einhandeln."

"Claire ist im Moment nicht hier", säuselte Millie.

"Aber ich bin hier", sagte Catherine, die unvermittelt von hinten herankam.

"Julius, wenn du fertig bist kommst du bitte zu Madame Eauvive."

"Okay, ich komme", sagte Julius, erleichtert, von Millie wegzukommen. Diese wurde nicht einmal rot, weil Catherine sie dabei erwischt hatte, wie sie Julius umgurrt hatte.

"Hallo, Julius", sagte Madame Eauvive. "Ich soll dir schöne Grüße von deiner Mutter ausrichten. So wie ich das sehe behalte ich sie besser einen Tag bei mir", begrüßte Madame Eauvive den Jungen. Julius erbleichte.

"Was ist ihr passiert, was sie so heftig getroffen hat?"

"Daß durch diese Kurpfuscherei von diesem Kerl, der sich noch dazu in Frauenkleidung herumgetrieben hat alte Ängste richtig durchgebrochen sind, die sie wohl angestrengt unterdrückt hat. Ich fürchte, die Dementoren, die euch am achtundzwanzigsten Juli heimgesucht haben, haben ihren seelischen Schutzmechanismus erheblich geschwächt, und daß dieser Salu - wie kann man sich nur so nennen - den Schaden vollendet hat, allerdings erst, als deine Mutter aus dieser halben Bewußtlosigkeit, in die sie versetzt wurde erwachte und sie in den natürlichen Schlafperioden von Angstträumen heimgesucht wurde. Wenn ihr einige Tage in Paris geblieben wäret, hätte ich sie wohl auch zu mir holen müssen."

"Ich habe nicht mitbekommen, daß Mum Alpträume hat. Ich meine, ich hatte ja selbst einen oder zwei, aber nichts, wo ich jetzt nicht mit fertig werden könnte", sagte Julius.

"Was du nicht mit Sicherheit sagen kannst, Junge. Aber ich finde, hier ist es zu belebt für diese wichtige Unterhaltung", sagte Madame Eauvive, weil mehrere Kinder und auch einige Erwachsene neugierig herüberblickten. Sie griff Julius bei der Hand und machte eine rasche Drehbewegung.

Julius hatte sich doch langsam daran gewöhnt, wie dieser viel zu eng erscheinende schwarze Gummischlauch ihn zusammendrückte und dann am Rande der Atemlosigkeit wieder ausspuckte. Sie standen jetzt vor einem Tor, auf dem das Wappen einer großen flachen grünen Schüssel prangte, aus der ein munterer Wasserstrahl emporstieg.

"Du hast dich schon häufig beim Apparieren mitnehmen lassen, weiß ich. wie geht's dir?" Fragte Madame Eauvive.

"Langsam fühle ich dabei nichts mehr", sagte Julius.

"Gut, dann gehen wir jetzt rein."

"Julius, hat sie dich zu sich ins Château Florissant mitgenommen?" Mentiloquierte Catherine. Julius sagte Madame Eauvive, daß Catherine ihn aus der Ferne gefragt hatte.

"Hast du auf eine Entfernung von zwanzig Kilometern schon mentiloquiert?"" Fragte Madame Eauvive. Er schüttelte den Kopf. "Dann lasse ich dir noch die Zeit, um ihr zu antworten", sagte sie. Julius brauchte vier ansätze, bis sein gedachtes "Ja, Catherine" stark genug in seinem Kopf widerhallte. Da wußte er, daß er sie erreicht hatte.

"Diese Madame Porter und Blanche haben dich richtig eingeschätzt", sagte Madame Eauvive anerkennend. Julius fragte, woher sie denn wisse, daß er Catherine erreichte. Sie erklärte ihm, daß sie sehen könne, wenn jemand sich vergeblich oder erfolgreich angestrengt habe. Immerhin würde ja jemand selbst durch sein Mienenspiel verraten, ob eine Sache erfolgreich oder erfolglos verlaufe. Dann führte sie ihn in das Stammschloß der Eauvives, wo ihn eine gemalte Ausgabe von Viviane sofort begrüßte und sie beide zu einem kleinen Besprechungszimmer geleitete. Hier hingen auch einige Portraits. Viviane schob sich neben einen vollschlanken Zauberer mit weißem Vollbart, der Julius an den Weihnachtsmann denken machte.

"Von hier aus halte ich Verbindung zu allen Verwandten und meinem Büro im Delourdes-Krankenhaus, dem St.-Mungo-Krankenhaus und einigen anderen magischen Heilzentren. Aber weshalb ich dich sprichwörtlich aus dem Trubel der Latierres herausgerissen habe: Du hast wohl deshalb nichts mitbekommen, weil sie wohl nie in ihren Träumen geschrien hat. Wer nicht schreit schreit auch nicht dann, wenn er oder sie aufwacht. Sie hat davon geträumt, in einem dunklen Raum zu schweben, eingesperrt, immer wieder ein dumpfes Wummern zu hören und der Raum sich immer mehr verengt hat. Deine Mutter leidet an unterdrückter Platzangst, Julius."

"Von dem Erdbeben her?" Fragte Julius erschüttert.

"Das ist meine starke Vermutung. Sie war da wohl gerade fünf Jahre, richtig?"

"Ein Jahr älter als ich, als mir ... Oha", sagte Julius.

"Als du deine Insektenangst erworben hast", schlußfolgerte Madame Eauvive.

"Woher wissen Sie das?" Fragte er nun noch unsicherer.

"Es gehört zu meinen Obliegenheiten, latente Probleme bei meinen Verwandten zu kennen. Deshalb habe ich mich im Mai, als das mit Goldschweif so extrem wurde erkundigt, was ich über dich und deine Mutter wissen muß. Deine Mutter konnte ich leider nicht so gründlich studieren wie dich. Deshalb betrübt es mich jetzt um so mehr, zu wissen, was sie umtreibt. Hast du dich nie gefragt, wieso sie so hartnäckig versucht, nur logisch und rational zu denken?"

"Weil sie es so gelernt hat", vermutete Julius. Dann fiel ihm auf, daß er ja nicht anders war. Immerhin hatte er in den ersten Schuljahren ja doch einiges abbekommen, gegen das er sich erst nicht hatte wehren können. Dann war der Karatekurs gewesen, wo er von Mr. Tanaka gelernt hatte, sich selbst besser zu beherrschen. Das er dennoch anfällig für Angst war hatte ihm die Galerie des Grauens gezeigt, das Erbe Slytherins, als er allein und hilflos in den gemalten Welten von Hogwarts herumgelaufen war und Goldschweif ihn hatte anfauchen müssen, daß er sich wieder berappelte. So sagte er:

"Und das hat sie gelernt, weil sie diese alte Angst nicht loswerden konnte?"

"Ja, genau, Julius. Wer nicht will, daß einen seine Ängste auffressen und lähmen, lernt, sich gegen alle denkbaren Gefühlswallungen mehr und mehr zu stemmen. Was meinst du, warum ich dir geraten habe, deine Gefühle nicht mit Gewalt zu unterdrücken? Genau deshalb, damit nicht das Gefühl einer falschen Sicherheit entsteht, das sofort zerstört wird, wenn eine die alten Ängste hervorrufende Situation eintritt oder man aus anderen Gründen nicht in der Lage ist, diese eingeübte Selbstbeherrschung aufrechtzuhalten?"

"Ja, aber wie wollen Sie Mum helfen? Können Sie nicht diese Urangst oder wie man das nennt aus ihrem Gedächtnis holen, also das, was ihr die Angst macht. - Schon fies, über meine Mutter zu reden, wo sie nicht dabei ist", erwiderte Julius.

"Besser als wenn wir in ihrer Anwesenheit über sie sprechen", sagte Madame Eauvive. "Ich werde dich gleich noch zu ihr bringen, damit sie dich noch einmal sehen und sprechen kann, bevor ich die von mir für notwendig erachtete Behandlung beginne."

"Was wollen Sie mit ihr machen? Gedächtniszauber, Gemütsbeeinflussungstränke, Psychopolaris oder den Drachentrotztrank, der einem mehr Mut geben soll."

"Nein, etwas, von dem ich denke, daß du das auch schon ausprobiert hast, und zwar so weit ich es beurteilen kann, erfolgreich für einen Laien."

"Sie meinen das, was ich gemacht habe, als ich diese Insektenangst bekämpfen wollte?" Fragte Julius, der was ahnte.

"Ja, genau. Du hast dich mit voller Absicht dieser Angst ausgeliefert und sie durch die ständige Konfrontation niedergerungen, bis du eher gelangweilt zwischen tausenden von Insekten, das waren ja wohl Begonie L'ordouxes Bienen, gestanden hast. Es ist an und für sich eine sehr grausame Art, mit der Seele eines Menschen umzuspringen, aber dafür sehr effektiv. In der Psychomorphologie der magischen Heilkunst kennt man das als adaptive Konfrontationstherapie. Sie funktioniert nicht jedesmal, zumal man dazu einen extremen Auslöser der erworbenen Ängste oder Zwangsvorstellungen braucht, den man dann aber dosieren, beziehungsweise erzeugen und abklingen lassen kann. Nicht alle Ängste lassen sich so behandeln. Platzangst oder ihr Gegenstück, die Angst vor weiten, unübersehbaren Räumen und der Außenwelt können nicht so einfach durch dosierte Konfrontation bekämpft und vermindert werden. Dennoch kann ich diese Therapie bei deiner Mutter anwenden."

"Heißt das, Sie wollen sie einsperren, in eine enge Kiste oder sowas?" Fragte Julius leicht entsetzt, weil er sich vorstellen konnte, daß seine Mutter das nicht sonderlich gut hinnehmen würde.

"Nein, nicht so. Aber ich kann ihre gesamten Sinne mit etwas konfrontieren, das an sich jedem Mit Platzangst die Hölle auf Erden bereiten würde, obgleich es an und für sich die stärkste Form von Geborgenheit ist, die wir alle mal erlebt haben. Insofern ist es doch nicht schlecht, daß ihr beide zu den Latierres mitgereist seid. Du selbst hast diese Technik bereits verwendet, im Ersthelferkurs und bei der Betreuung der leichtsinnigen Mademoiselle Constance Dornier."

Bei Julius machte es laut Klick im Gehirn. Er starrte Madame Eauvive an und fragte:

"Sie wollen Mum in die Wahrnehmung von einer von Madame Latierres ungeborenen Kindern einschleusen, mit einer Exosensohaube und dem entsprechenden Tuch?"

"Exakt", bestätigte Madame eauvive nickend. Dann sagte sie noch: "Aber das darf außer deiner Mutter, Béatrice Latierre, womöglich ihrer Mutter und uns beiden keiner erfahren. Solche Behandlungsmethoden, noch dazu wenn sie auf die Mithilfe von dritten zurückgreift, deren Intimleben davon betroffen ist, sind nichts für die breite Öffentlichkeit. Die Methode an sich ist der magischen Heilkunst bekannt, nicht immer unumstritten muß ich einräumen, aber dennoch durch ihre hohe Erfolgsquote gerechtfertigt. Du bist ja ein Beispiel dafür. - Aber wo wir dabei sind. Béatrice hat mir berichtet, du hättest eine Aversion gegen rothaarige Frauen geäußert, wenngleich du diese gleich niedergerungen hättest."

"Ja, aber ich denke, da können Sie nichts mit mir gegen machen. Weil dann müßten Sie ja veranlassen, daß ich mit einer rothaarigen Frau oder einem Mädchen Sex habe oder sowas, weil die Rothaarige, die mir den Schaden eingebrockt hat das ja fast geschafft hätte." Julius hatte jetzt erwartet, daß Madame Eauvive entrüstet sein oder ihn tadelnd ansehen würde. Doch sie nickte und sagte ruhig und völlig frei von Vorwurf in der Stimme:

"Nun, wenn du derartig panisch und / oder aggressiv auf zärtliche Annäherungen von rothaarigen Frauen und Mädchen reagieren würdest, könnte ich dich auch behandeln. Im Zweifelsfall müßte ich dir eine rothaarige Kollegin suchen, die dir bei der Überwindung dieser Aversion hilft und ja, im Zuge dessen auch mit dir intim wird. Früher haben Hexen auch in solchen Dingen Unterricht erteilt, wie Hera Matine dir mal erzählt haben dürfte, als Hebammen-Hexe ist sie ja auch darauf angewiesen, den eine Schwangerschaft bewirkenden Vorgang zu vermitteln. Aber ich setze wie Hera Matine auf die natürliche Entwicklung, die besser ungestört verlaufen soll. In jedem von uns steckt das instinktive Grundwissen, die richtigen Schritte zu vollziehen, und lediglich durch dabei gemachte Erfahrungen zu verbessern."

"Ich dachte schon, Sie würden jetzt von mir verlangen, mit Madame Montferre oder einer ihrer Töchter - Wie sagten Sie? - intim zu werden."

"Nein, das würde ich mich nicht erdreisten. Auch Béatrice würde das nicht tun, wenngleich sie im Bezug auf die Geschlechtsunterweisung weniger Hemmungen hat. Womöglich geht sie davon aus ... Aber lassen wir das. Das wäre höchst unkollegial, ihr soetwas zu unterstellen, und als Kollegin muß ich sie ja auf jeden Fall respektieren." Viviane Eauvive und der dicke Zauberer mit dem Weihnachtsmannbart zwinkerten ihr leicht gehässig zu.

"Wann wollen Sie das mit meiner Mutter durchziehen", kam Julius auf das eigentliche Thema zurück.

"Erst einmal innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden. Wie lang und wie oft pro Durchgang kann und möchte ich im Moment nicht sagen. Nur so viel, ich bringe dich nach der Unterhaltung mit deiner Mutter zurück zum Château Tournesol. Wie gebeten möchtest du außer deiner Fürsorgerin niemandem darüber etwas sagen, was ich dir gerade erörtert habe, und vor allem, das wird das schwierigste sein, benimm dich völlig so, als wüßtest du davon auch nichts, weil das sonst den Therapieerfolg gefährden kann!"

"Okay, ich werde so tun, als hätten Sie mir nichts erzählt. Am Besten sage ich dann auch Catherine nichts. Aber sie wird es wohl aus mir rausholen, wenn wir die nächste Occlumentie-Übung machen."

"Nun, dann sage es ihr besser frei heraus, beziehungsweise teile es ihr mit, wenn euch niemand belauschen kann!"

"In Ordnung", willigte Julius ein.

Madame Eauvive brachte ihn in ein großes Schlafzimmer, wo seine mutter vor einem Schachbrett saß und alleine gegen die gegnerischen Figuren spielte. Der weiße König dirigierte sein Gefolge durch Handzeichen und Feldzurufe.

"Ein magischr Schachcomputer", grinste Julius, als er seine Mutter sah. "Das wäre eine gute Übung."

"Hallo, Julius. Madame Eauvive meint, ich hätte wohl durch diesen Laroche und seinen Handlanger die alte Claustrophobie zurückbekommen, die ich nach dem Erdbeben hatte. Nachdem ich mir das verdeutlicht habe, was mir in der Flugkabine passiert ist muß ich ihr wohl glauben. Wie geht es dir?"

"Mir geht es jetzt etwas besser, wo ich weiß, daß man dir helfen möchte. Hat Madame Eauvive dir auch erzählt, wie?"

"Auf die Weise, von der du mir erzählt hast, wo es um Célines Schwester ging. Eine gewisse Angst habe ich echt. Hinzu kommt noch, daß ich in Ursulines Privatleben hineinwirke und sie mir das vielleicht übel nachsieht."

"Sie hat es sprichwörtlich in der Hand, ob sie Sie in ihr Privatleben einbezieht, beziehungsweise in die Sinneswelt ihrer ungeborenen Kinder einläßt oder nicht, Madame Andrews", sagte Madame Eauvive sehr ruhig. "Ihre Tochter wird ihr das wohl schon erläutert und ihr entsprechendes Handwerkszeug gegeben haben. Falls sie das nicht will, werden wir es bald wissen. Aber wie ich Ursuline kenne war und ist sie in Fragen des Intimlebens immer ein sehr experimentierfreudiges Mädchen."

"Mädchen ist gut mit zehn Kindern auf der Welt und zwei auf dem Weg", warf Julius ein. Doch er verstand, was Madame Eauvive meinte.

"Wie habt ihr den Nachmittag verbracht?" Fragte Martha Andrews. Julius berichtete ihr alles, von Catherines Vermutungen abgesehen, er könne doch was für Millie übrighaben, es aber vor sich und anderen nicht zugeben wollen. Er erzählte vom Mittagessen, der Musik im Garten und dem Kaffeetrinken. Dann sagte er noch: "Ich weiß auf jeden Fall, daß die Dusoleils und Madame Ursuline Latierre dich wohl vermissen. Bei Joe denke ich, er könnte sich einsam vorkommen, weil er im Moment der einzige Muggel da ist."

"Catherine wird ihn schon gut behüten", erwiderte Martha Andrews. "Babette schläft also mit den anderen Brautjungfern im gleichen Zimmer?" Julius nickte. "Dann geh besser wieder zurück und sage denen bitte, ich wäre gerne zum Geburtstag der vier Mädchen gekommen, weil mich schon interessiere, wie andere Hexen und Zauberer sowas feiern. Die Montferre-Zwillinge werden achtzehn?"

"Korrekt, und die beiden Mädchen von Barbara Latierre zwölf. Eigentlich heftig, daß die jetzt erst nach Beauxbatons kommen. Aber die Voraugustregel von 1991 ist daran schuld."

"Ich habe mich schon vor unserer Abreise nach New Orleans gefragt, was die beiden getan haben, jetzt erst nach Beauxbatons zu kommen."

"Ihre Mutter hat was getan, sie nämlich sechzehn Tage Später als noch im Aufnahmezeitplan zur Welt zu bringen", sagte Julius. "Die Voraugustregel wurde eingeführt, weil die übliche Verfahrensweise auch Kinder betroffen hätte, die einen Tag vor dem Beginn des laufenden Schuljahres nach Beauxbatons hätte bringen müssen. Da aber gerade wegen der Rücksichtnahme auf die nichtmagische Welt und auf mögliche Entwicklungsfortschritte Kinder mit elf ganz völlig unterschiedlich drauf sein können, insbesondere wenn sie nicht jeden Tag mit ihren Eltern reden können, wurde die Voraugustregel eingeführt. Sie sagt, daß jemand dann in Beauxbatons aufgenommen werden darf, wenn er oder sie bis zum einunddreißigsten Juli vor Beginn des nächsten Schuljahres das elfte Lebensjahr vollendet hat. Wer am ersten August geboren wurde muß dann ein Jahr warten. So steht es in der Regelerläuterung in den Bulletins de Beauxbatons. Könnte ich dir sogar hier und jetzt vorlesen", sagte Julius und tätschelte seinen unter der Wäsche versteckten Practicus-Brustbeutel.

"Ich glaube dir das so. Ich wollte den Mädchen auch nicht Faulheit oder Entwicklungsrückstand unterstellen", sagte martha Andrews. Dann flüsterte sie, obwohl hier niemand war, der es nicht mitkriegen durfte: "Vielleicht, wenn das wirklich geht, kriege ich ja morgen was davon mit. Aber sage das bitte keinem! Sprich auch nicht mit Madame Ursuline über das Thema. Es muß keiner wissen, auf welches haarsträubende Experiment ich mich einlasse."

"Ist das überhaupt erlaubt, was Sie machen wollen?" Stellte Julius die Frage, die ihm schon seit einiger zeit durch den Kopf ging. Madame Eauvive nickte.

"Nur wenn ich als Heilerin das privat mache und ausschließlich Familienangehörige oder fernere Verwandte davon betroffen sind."

"Also, Julius. Geh am besten jetzt wieder zurück. Dieser vorwitzige König da hat mich gerade sehr heftig herausgefordert. Ich muß sehen, daß ich ihn in seine Schranken verweise."

"Auch eine Form von Therapie", erwiderte Julius und nahm keck den weißen König vom Feld. Dieser strampelte und rief: "Hallo, loslassen! Das gilt nicht!" Julius setzte den Schachmenschen wieder auf das Feld zurück und ging mit Madame Eauvive nach draußen.

Als er von ihr vor dem Schloßtor abgesetzt wurde, wartete Catherine bereits.

"Hallo, Madame Eauvive. Wielange müssen Sie Martha noch beherbergen?"

"Ich möchte sie gerne noch einen Tag beobachten, Catherine. Womöglich kann ich ihr Trauma ausräumen oder zumindest auf ein bewußt kontrollierbares Maß reduzieren. mach es noch gut, Julius", sagte sie und disapparierte alleine.

"Wie kommst du mit dem Apparieren zurecht, Julius?" Fragte Catherine.

"Ich merke zwar noch was von dem Transit, aber es haut bei mir nicht mehr so heftig rein. Wenn ich denke, daß ich in den Ferien schon so um die zehnmal mitgenommen wurde geht es gut."

"Joe hat sich mit Barbara Latierres Mann zusammengesetzt und unterhält sich gerade mit ihm, sowie Albericus Latierre und Florymont Dusoleil über das Für und Wieder von Computern und Flugmaschinen. Ich bin froh, daß er doch noch etwas gefunden hat, was er hier tun kann, ohne rumzugrummeln", sagte Catherine.

"Monsieur Dusoleil hat von mir einen ganzen Packen Informationen aus der Muggelwelt gekriegt. Was macht Monsieur Latierre noch mal?"

"Der arbeitet im Büro für muggeltaugliche Entschuldigungen, also was Zauberer anstellen müssen, daß Muggel magische Vorkommnisse nicht als solche vermuten können."

"Das was die in den Staaten gemacht haben, als Hallittis vermaledeiter Lebenskrug mit großem Knall in seine subatomaren Bestandteile zerbröselt wurde", knurrte Julius. Catherine nickte. Dann mentiloquierte er ihr: "Ich möchte dir was wichtiges über Mum mitteilen. Besser wo uns keiner zuhört."

In Julius' Zimmer Inperturbierte Catherine die Tür und errichtete einen Klangkerker. Jetzt konnte niemand sie womit auch immer belauschen. Julius berichtete ihr, was Madame Eauvive vorhatte. Catherine ließ sich darauf seine Erfahrung in der Sinneswelt ungeborener Kinder beschreiben und sagte:

"Wenn es wirklich eine tief verwurzelte Platzangst ist, könnte es sein, daß Madame Eauvive diese Therapie entweder rasch abbrechen oder bis zur Niederkunft von Madame Latierre fortführen muß. ich frage mich allerdings, ob Madame Latierre so glücklich damit ist, wenn jemand quasi in sie hineinlauscht, ja teilweise jeden Schritt von ihr mitbekommt. Wenn ich bei der Schwangerschaft mit Babette solch einen heimlichen Zuhörer gehabt hätte, ich denke, ich müßte mich heute noch für manche Sache schämen, die ich mit dem Mund oder anderweitig von mir gegeben habe. Andererseits ist die Geborgenheit des Ungeborenen die Phase in unserem Leben, wo wir trotz engstem Raum am wenigsten Angst verspüren. Wie war das, du hast bei dem Dementorenangriff auf Millemerveilles deine verbliebene Tagesausdauer auf Madame Latierre übertragen. Dann steckt in den beiden Kindern ein winziger Funke deiner eigenen Lebenskraft. Somit haben wir hier ein philosophisches Kuriosum, wenn deine Mutter in die Empfindungswelt eines dieser beiden Kinder eingebettet wird. Ich hoffe nur, daß Madame Ursuline sie nicht adoptiert, weil sie nolens oder volens in ihrem Leib geruht hat, wenn auch nicht körperlich."

"Oha, das könnte der glatt einfallen. Sie hat mir ja schon angedroht, ich solle Pate der ersten von denen werden, die da demnächst ankommen sollen. Aber da ich noch keine siebzehn bin geht das nicht", erwiderte Julius ungeachtet der ernsten Situation grinsend. Doch Catherine grinste auch wie ein Schulmädchen. Sie sagte:

"Kläre es bitte mit Béatrice ab, was ihre Mutter weiß und rede nicht mit Madame Ursuline darüber, sofern sie nicht auf dich zukommt und es irgendwie mit dir erörtert. Jetzt wo sie weiß, daß du eine profunde Unterweisung in Mentiloquismus erhalten hast könntet ihr euch sogar unhörbar verständigen."

Es klopfte an die Tür. Catherine entriegelte sie und öffnete sie. Vor der Tür stand Ursuline Latierre.

"Ihr habt gerade über mich gesprochen, stimmt's", sagte sie ruhig, als Catherine sie etwas verunsichert und Julius überrascht ansah. "Ich habe es gelernt, Leuten an der Nasenspitze anzusehen, wenn sie was über mich zu bereden hatten. Darf ich reinkommen?" Fragte sie. Julius fragte sich, ob seine Mutter bereits behandelt wurde und jetzt vom Pochen eines großen Herzens, Rauschen von Blut in den Adern und Atmen umgeben zuhören konnte. Catherine sagte:

"Wenn Sie nichts unanständiges mit ihm treiben, Madame, dürfen Sie gerne mit ihm alleine sprechen. Ich sehe dann mal nach, was mein Gatte so macht. Julius, falls was ist, sende mir eine Botschaft!"

Catherine verließ das Zimmer, und Madame Latierre setzte sich leicht ächzend auf den Stuhl, auf dem Catherine eben noch gesessen hatte.

"Trice erzählte mir gerade auf diesem Weg, daß deine Mutter meine kleinen in ihrer warmen Behausung besuchen käme. Stimmt das? Nur Mentiloquieren oder nicken!" Julius mußte sich konzentrieren, die Stimme dieser Hexe in seinem Bewußtsein ja sagen zu hören, bevor er die fünf Stufen des Mentiloquismus in weniger als einer Sekunde durchführte und sie erreichte. Sie nickte ihm zu und schickte ihm zurück:

"Und wie fühlst du dich dabei?"

"Wieso fragen Sie mich das?" Schickte Julius zurück. Wenn er bedachte, wie schwer er sich am Anfang mit dieser Art von Nachrichtenübermittlung getan hatte und wie es ihm jetzt so gut gelang.

"Weil etwas von dir schon in mir drinsteckt und in meinen Kindern mitwächst. Das habe ich so gemeint, wie ich es dir nach dem Dementorenangriff gesagt habe", sendete die hoffnungsvolle Hexenmutter. Sie atmete ruhig und tief, als bereite ihr die fortschreitende Schwangerschaft keine körperlichen Probleme.

"Dann kriegen Sie garantiert keine Mädchen", mentiloquierte Julius. Darüber mußte die rotblonde Familienchefin lachen. Julius fragte sich, ob seine Mutter das vielleicht mitbekam. Doch als sie ein kleines Tuch aus ihrem wasserblauen Kleid fischte, wußte er, der Zauber war noch nicht aktiv, weil das Tuch zu weit von einem lebendigen Kopf entfernt getragen wurde. Aber wieso mentiloquierte sie dann? Diese Frage sandte er ihr zu.

"Weil ich testen wollte, wie gut wir beide miteinander können", war die Antwort, auf die Julius auch hätte kommen können. Dann sagte sie mit körperlicher Stimme: "Also dich könnte ich glatt aus hundert Kilometern anrufen, um dich zu fragen, wie gut es meiner Pattie geht, wenn sie bei euch ist. Aber die in Beaux haben ja was dagegen gemacht. Okay, wie ihr in England und Amerika sagt, ich mache das mit, weil ich deiner Mutter was schuldig bin und froh bin, ihr helfen zu können, selbst wenn es nicht so klappt, wie Trice und Antoinette sich das vorgestellt haben. Das möchte ich dir nur sagen, damit du dich nicht schuldig fühlst, weil Martha womöglich ab nachher mal bei mir reinhört, im wahrsten Sinne des Wortes." Julius fragte sich, ob diese Hexe da wirklich so locker damit fertig wurde wie sie ihm gegenüber tat. Immerhin ging es ja um Vorgänge in ihrem Körper. So fragte er:

"Und das macht Ihnen nichts aus, wenn jemand mitbekommt, wie sie essen, verdauen, mit wem sie über was reden, ob sie schnarchen, wenn sie schlafen oder im Schlaf reden, ob sie sich beim Schlafen rumwerfen oder ob Sie jemanden in die Arme schließen?"

"Ihr habt da so ein Sprichwort: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Außerdem kann ich das hier jederzeit weglegen, wenn ich finde, daß das keiner mitbekommen muß, ob Zwiebeln in meinem Bauch Musik machen oder ob mir danach sein könnte, Ferdinand was gutes zu tun, obwohl ich das jetzt doch ausschließe."

"Sie sind echt 'ne merkwürdige ... seltene Frau", sagte Julius.

"Selten? Ich hoffe mal, das ich einmalig bin", erwiderte sie. "Immerhin hat meine Schwester Diane gerade mal nur vier Kinder bekommen und sieht mir etwas ähnlicher und hält nichts vom Schach oder Quidditch. Aber ich nehme das mal als Kompliement hin. Ich werde gleich, wenn wir beide unten sind, dieses Tuch hier so bei mir unterbringen, das ab da jeder Besuch erfolgen kann, so oft und so lange es auszuhalten ist. Wie gesagt, es ist schon ein interessantes Zusammentreffen, und ich denke, Esperance und Félicité werden auch nichts davon merken. Oder hat Cythera sich beklagt, daß du sie mal besucht hast!"

"Klar, sie hat sofort geplärrt als sie da war", sagte Julius, der sich jetzt auf die Lockerheit dieser Hexe einlassen konnte.

"Die hat eher gerufen: "Ey, zu kalt und zu laut, und zu hell hier. Das hat Mayette jedenfalls gerufen."

"Das ist jetzt ein Witz", sagte Julius.

"Stimmt. In wirklichkeit hat sie gerufen: "Muß ich wirklich die Sachen meiner Großen Schwestern auftragen, Maman?" Darüber mußten beide lachen. Julius konnte sich auch nicht vorstellen, daß Mayette oder andere Töchter dieser großen, rundlichen Hexe alte Kleidung hatten anziehen müssen. Wer mit Tafelsilber und goldenen Kelchen protzte kaufte neue Sachen.

Wieder klopfte es an der Tür. Julius rief herein.

Claire Dusoleil stand nun in der Tür und sah Ursuline Latierre an. Julius fühlte sich auf Grund der gelockerten Atmosphäre zu einem Scherz aufgelegt und sagte:

"Claire, die Kinder da sind nicht von mir. Die hat die Dame schon zu mir ins Zimmer reingetragen."

"Julius, das ist jetzt nicht komisch", knurrte Claire, während Madame Latierre lachen mußte. "Callie und Pennie reden nur noch davon, ob du jetzt, wo du älter aussiehst, nicht besser mit ihrer Cousine Martine zusammenkommen solltest oder darauf warten möchtest, daß ihre blöde Tante Béatrice dich auf den Besen holt."

"Na, Claire, nicht so böse", sagte Madame Latierre und fixierte Claire mit sehr tadelndem Blick, dem Claire nicht lange standhalten konnte. "Wenn du dich von Babs' Kleinen so leicht dummquatschen läßt mußt du meine Trice noch lange nicht für blöd halten. Die hat viel machen müssen, um das zu werden, was sie heute ist und muß sich von Kollegen, die sich für erfahrener halten noch manche Herablässigkeit gefallen lassen. Ich verstehe viel Spaß, aber von einem grummeligen Mädchen muß sich meine Trice nicht beleidigen lassen, ob direkt oder über umwege." Julius staunte. Diese Frau da konnte auch anders, ja bald so gut wie Madame Delamontagne oder gar Madame Faucon. Claire sagte kleinlaut:

"'tschuldigung, Madame. Aber die Mädels lassen mich damit nicht in Ruhe. Dann waren Sie noch hier. Da kam bei mir der ganze Ärger hoch. Und wenn Julius dann noch so'n Spruch bringt, er hätte Ihnen die Kinder da nicht unters Herz gelegt, wo ich das doch weiß, wielange sie mit denen schon rumlaufen, habe ich mich halt bescheuert gefühlt."

"Es sei dir verziehen", sagte Madame Latierre nun wieder lächelnd. Sie hatte der Halbwüchsigen gezeigt, daß sie nicht nur die lebenslustige, alles abkönnende Oma war und damit war's gut.

"Was haben die Küken dir auch so'n Krempel einzureden, Claire? Die haben noch lange nicht soviel erlebt wie du. Du kommst in die vierte Klasse, die fangen jetzt erst mit der eigentlichen Schule an. die wollten Jacques haben, du hast mich gefragt, ob ich mit dir zusammensein will. Also?"

"Hast recht. Aber nervig ist es schon", knurrte Claire. Julius fühlte sich veranlaßt, sie in die Arme zu schließen, und sie kuschelte sich an ihn, bließ ihm ihren Atem warm gegen den Brustkorb. Madame Latierre nickte nur und verließ wortlos das Zimmer und schloß es von außen.

"Eh, die ist rausgegangen", flüsterte Julius Claire zu und strich ihr durch das schwarze Haar. "Die läßt uns beide hier unbeaufsichtigt rumschmusen."

"Was meinst du, wie die an zehn Kinder und zwei verpackte drangekommen ist", sprach Claire und ihre Worte versickerten warm in Julius Oberkörper. Dann erhob sie sich und zog Julius sacht an sich. Offenbar war ihr danach, die Nähe so weit zu bringen, wie es ohne Risiko ging. Doch Julius war nicht so recht in der Stimmung für einen Kuß. Irgendwie irritierte es ihn, daß Madame Latierre sie ohne Wort allein in diesem Zimmer gelassen hatte. Dann vermeinte er Schritte zu hören und drückte Claire sacht von sich.

"Was soll das, Juju?" Fragte Claire etwas enttäuscht. Da klopfte es an der Tür.

"Der nächste bitte!" Rief Julius. Claire ließ nun ganz von ihm ab und zog sich auf sittsamen Abstand zurück. Joe Brickston stand vor der Tür.

"Julius, dieser Herr möchte von dir gerne wissen, was für Sachen passiert sind, als diese Monsterfrau getötet wurde", sagte er und deutete auf den hinter ihm stehenden Monsieur Albericus Latierre. Hinter diesem, ihren Vater bereits um mehr als einen Kopf überragend, stand Millie Latierre. Claires wohlige Stimmung kühlte ab wie in flüssigen Stickstoff getunkt. Sie funkelte sie an und erhob die rechte Hand mit vorgestreckten Fingernägeln wie eine kampfbereite Katze.

"Ich habe längere Krallen als du", sagte Millie und präsentierte ihre langen, wenngleich wohlgeschnittenen, rosarot lackierten Fingernägel. Albericus, der Julius fragend angesehen hatte wandte sich um und zischte:

"Mildrid Ursuline Latierre, benimm dich!" Millie kuschte vor ihm und trat einige Schritte zurück, bis fast an Catherines und Joes Zimmer.

"Okay, ich erzähle es ihnen gerne. Aber ich möchte am besten Mit ihnen alleine drüber sprechen", sagte er und deutete auf Joe. Dieser sah ihn zwar etwas mißmutig an, respektierte diesen Wunsch jedoch. Auch Claire, durch Millies Auftauchen um ihr Bedürfnis nach Zärtlichkeit gebracht folgte ihm.

Julius berichtete eine halbe Stunde, was er in der Wüste erlebt hatte und beschrieb die Erdstöße und den Lichtblitz, sowie den Feuerball. Monsieur Latierre schrieb es sich auf. Dann fragte er, wie die Leute vom Ministerium das erklärt hätten und nickte. Julius, der durch die unterbrochene Schmusestunde mit Claire sichtlich aufgedreht geworden war, nahm seinen Besen und folgte Monsieur Latierre aus dem Schloß hinaus. Er saß auf seinem Ganymed auf und preschte zum Quidditchfeld, wo alle Montferres, sowie Millies Mutter, deren Geschwister Barbara und Otto übten. Julius wollte zuerst umkehren, als Sabine Montferre ihm zuwinkte und sagte:

"Das will ich jetzt sehen, wie du mit dem neuen Ganni manövrierst. Immerhin müssen wir nächstes Schuljahr wieder gegeneinander antreten."

"Keine Sorge, Sabine. Mit dem Besen fege ich dich nicht mehr. Mit dem kann ich dir noch gut ausweichen."

"Das will ich aber auch sehen, wie du auf einem Zehner fliegst, Julius", sagte Madame Hippolyte Latierre und winkte auch. Julius nahm die Herausforderung an und spielte einige Schnelle Manöver durch. Dann übten sie sogar mit einem Ball, einem blauen Übungsball. Nach einer halben Stunde waren alle gut erschöpft und versammelten sich auf dem Feld.

"Also ich stelle bei Brunos Nachfolger den Antrag, Jeannes Nachfolger soll dich als Hüter einsetzen. Lieber schießen wir gegen euch keine Tore als andauernd von dir ausmanövriert zu werden", sagte Sabine, grinste aber dabei. "Es sei denn, du stellst einen Antrag, noch mal über den Teppich zu laufen und kommst richtig zu uns rüber."

"Madame Maxime hat was dagegen", sagte Julius.

"Das wir roten einen guten Spieler kriegen?" Fragte Sandra. "Wäre mir neu."

"Das ich zu euch rauflustiger Bande in den Saal komme", sagte Julius.

"Wer behauptet sowas?" Fragte Madame Montferre.

"Also Millie hat mir heute erzählt, daß sie deshalb die Prüfung gemacht hat, weil sie nicht will, daß nur eine aus dem roten Saal in der Pflegehelfertruppe ist. Bei ihnen passiere ja mehr als bei uns grünen."

"Ich denke da eher, die will was machen, wo die Strebsame Bernadette sich nicht drauf einläßt, weil sie das ja zu sehr von der Schule ablenken würde", vermutete Sabine. "Außerdem kommt sie nächstes Schuljahr garantiert in unsere Stammausswahl rein, wo Bruno und César jetzt raussind und unser früherer Jäger Platini Hüter wird."

"Echt, ist das schon durch?" Fragte Julius.

"Ja, ist schon", sagte Sandra. Michel Montferre fragte Julius, ob er schon einen Antrag auf vorzeitige Apparierprüfungen gestellt habe. Julius fragte ob das ginge. Das brachte den rothaarigen Zauberer, der in der Personenverkehrsabteilung arbeitete zum lachen.

"Also würdest du, wenn es ginge", sagte Monsieur Montferre, als er sich wieder einbekam. "Leider geht das aber nicht." Julius sah ihn etwas enttäuscht an. Die großen Raumsprünge mit Brittany Forester hatten ihn noch mehr darauf gebracht, die schnelle Ortsversetzung zu lernen und so bald wie möglich zu benutzen. Dann fragte er: "Und wenn meine Mutter oder Madame Brickston so einen Antrag stellen?"

"Dann auch nicht, Julius. Soviel ich gehört habe, darf man in der Muggelwelt ja auch erst ein Auto fahren, wenn man volljährig ist."

"In Amerika nicht. Da können siebzehnjährige schon Auto fahren, und die sind da erst mit achtzehn volljährig

"Trotzdem geht das nicht", sagte Monsieur Montferre.

Zusammen flogen sie noch Formationen, wobei Madame Hippolyte Latierre, die selber einen Ganymed 10 hatte, mit Julius gute Zweierformationen flog.

Bevor es Abendessen gab nahmen alle, die sich mit den Besen ausgetobt hatten noch eine kurze Dusche in ihren jeweiligen Türmen, wo die Badezimmer unterhalb der ersten Schlafgemächer lagen. Dann, um sieben Uhr, als das Glockenspiel im Pferdeturm wieder ein anderes Lied spielte, das Julius als altes Abendgrußlied erkannte, gab es Abendessen im runden Saal. Wieder saß er zwischen Claire und Martine. Millie hatte es zwar versucht, war aber von ihrer großen Schwester ohne Worte auf den ihr zustehenden Platz verwiesen worden. Nach dem Abendessen lud Ursuline Latierre die Gäste zum gemeinsamen Hauskonzert ein. Julius holte seine Instrumente und folgte Millie, die es sichtlich genoß, ihn zum großen Musiksaal zu führen, der von einem majestätischen weißen Konzertflügel beherrscht wurde. Julius erkannte dieses Instrument. Es war das, was die Latierres auch nach Millemerveilles mitgenommen hatten. Ursuline Latierre spielte zusammen mit Hippolyte einen vierhändigen Satz, zu dem die anderen Latierres Begleitstimmen auf verschiedenen Blas- und Saiteninstrumenten spielten. Als dann alle Stücke spielten, die sie kannten wurde Julius den Gedanken nicht los, daß seine Mutter ihnen nun durch Schichten aus Körpergewebe und einer hauchdünnen, mit warmem Wasser gefüllten Fruchtblase hindurch zuhörte. Damals als er das ausprobiert hatte, war es ihm sehr laut vorgekommen, nicht so ruhig und friedlich, wie es sonst gerne bezeichnet wurde. Doch er mußte sich von diesem Gedanken freimachen, weil Claire, die neben ihm saß, ihm einmal irritiert zusah, weil er sich glatt um fünf Töne verspielte, obwohl er die Noten des Stückes gerade vor sich hatte.

Um zehn Uhr wurden Claire und die jüngeren Kinder so müde, daß sie ins Bett gehen wollten. Catherine fragte Julius, ob er nicht auch müde sei. Er war jedoch gerade wieder richtig munter, und weil die Montferre- und Latierre-Zwillinge angekündigt hatten, in ihren gemeinsamen Geburtstag reinzufeiern, sagte er, er wolle noch etwas aufbleiben.

"Ich sage mal, spätestens um halb eins liegst du im Bett", legte Catherine fest. "Du hast ferien. Das ist richtig. Aber vergiss nicht, daß du auch genug Schlaf brauchst, gerade in deinem neuen körperlichen Zustand, wo du noch mit vielen Umstellungen klarkommen mußt. Dann zog sie sich mit Joe, der die Gelegenheit nutzte, um aus dem Haufen von Hexen und zauberern wegzukommen, Denise, Melanie, Mayette und Babette zurück. Die anderen Dusoleils verabschiedeten sich auch. So saß Julius jetzt alleine mit den Latierres und Montferres zusammen. Ursuline forderte ihn zu einer Schachpartie heraus, während die anderen Hexen und Zauberer sich über die Ereignisse der letzten Tage unterhielten. Julius fiel erst auf, daß Martine sich neben ihn gesetzt hatte, als er nach einer guten Stunde Schach anderswo hingucken mußte, um nicht nur schwarze und weiße Quadrate vor den Augen zu haben. Er suchte Millie, weil er vermutete, Martine könne ihretwegen wieder Hütehündin spielen. Doch Millie saß bei ihren Eltern und kämpfte wohl sichtlich mit der Müdigkeit.

"Hallo, Martine, langweilst du dich?" Fragte Julius. Sie nickte.

"Irgendwie sind mir die einen zu berufsfixiert und die anderen noch zu kindisch", sagte sie. "Da habe ich euch mal lieber zugesehen. Ich komme zwar nicht dahinter, was an dem Spiel so faszinierend sein soll, aber wenn sich zwei Leute da ganz reinversenken muß da wohl was dran sein."

"Wenn du die Regeln kennst können wir ja auch mal spielen", sagte Ursuline zu ihrer Enkelin. Dabei umspielte ihren Mund ein tiefgründiges Lächeln.

"Nein, Oma Line, ich werde jetzt nicht damit anfangen, dieses Spiel zu spielen", sagte Martine. Da kamen die Montferre-Zwillinge herüber.

"Schön, Julius, daß du hiergeblieben bist. Wir wollten fragen, ob du mit uns und den beiden anderen Geburtstagskindern reintanzt. Die anderen Zauberer wollen mitmachen. Ich habe sogar schon dran gedacht, Monsieur Brickston zu fragen."

"Neh, der will wohl jetzt gut schlafen und ist froh, sich für ein paar Stunden von der Zaubererwelt zu erholen", sagte Julius. Martine Latierre sagte:

"Wieviele Zauberer sind denn da, oder sollen die erst einmal nur mit euch tanzen?"

"Ja, so haben wir uns das vorgestellt."

"Kurz vor zwölf gibt es Sommerwein zum anstoßen. Nur ich werde keinen trinken, bevor Trice mich noch ans Bett flucht und solange da liegen läßt, bis die beiden Kleinen aus mir raus sind", sagte Ursuline Latierre. Julius setzte schon an, auch keinen Alkohol trinken zu wollen. Doch Madame Latierre sagte:

"Zum Anstoßen gehört sich das. Sommerwein oder Vino tinto de Verano ist ja kein purer Wein, sondern Zitronenlimonade gemischt mit süßem Rotwein. Den trinken zum Geburtstagsständchen alle über elf bei uns, nur die kleinen kriegen nur die Zitronenlimonade. Wenn du schon unsere Traditionen kennenlernen möchtest, Julius, dann mußt du sie auch mit allen Sinnen kennenlernen, auch wenn du einer anderen traditionsbewußten Familie entstammst."

"War nur ein Vorschlag, damit Sie sich nicht so ausgeschlossen fühlen", versuchte sich Julius in Spontandiplomatie.

"Ich fühle mich nicht ausgeschlossen. Solange ich euch alle um mich herum und noch wen unter meinem Umhang habe bin ich so sehr in der Mitte wie es nur gehen kann."

Die verbliebene Schloßbesatzung versammelte sich in der Mitte des Musiksaales und stimmte noch einige Lieder an. Einige davon waren wohl spanisch, weil Julius diese Sprache nicht verstand, aber einige Brocken herauszuhören meinte. Er wunderte sich darüber, das Martine sich so in seiner Nähe aufhielt. Millie, die das jetzt erst mitbekommen zu haben schien blickte ihre große Schwester merkwürdig an. Martine suchte und fand genügend Gesprächsthemen, um mit Julius eine mehr oder weniger tiefgehende Konversation zu machen. Er erzählte von Viento del Sol, dem Weißrosenweg und da vor allem von den Leuten aus dem Betrunkenen Drachen. Martine meinte:

"Und diese Sabberhexe ist im September wieder läufig oder wie das bei denen heißt?"

"Bis dahin bin ich in Beauxbatons, weit genug weg von ihr", sagte Julius. Er fragte Martine erst kurz vor Zwölf: "Hast du noch einmal was von Edmond gehört?"

"Wundere mich, daß du die Frage jetzt erst stellst, Julius", sagte Martine. "Nein, nachdem ich und meine Eltern ihm jeweils einen Heuler geschickt haben kam keine Antwort mehr von ihm. Der hat sich einfach davongemacht." Julius wußte zwar, daß ihr diese Frage weh tun würde, aber er hätte eher mit Wut oder Traurigkeit gerechnet. Martine sagte dies aber mit einem Ausdruck von Endgültigkeit in Stimme und Gesicht, daß er sich fragte, ob er sich jetzt entschuldigen oder einfach nur "Achso" sagen sollte.

"So, deine Geburtstagseintänzerinnen warten auf dich", beendete Martine diese ungewöhnlich lange Gesprächsrunde, die Julius merkwürdig anrührte. Irgendwie meinte er, daß Martine einen Grund gesucht hatte, bei ihm zu sein, aber warum? Da fiel ihm wieder ein, was Claire erzählt hatte, daß die Zwillinge behauptet hätten, Martine, Millie oder Béatrice könnten sich für ihn interessieren, weil er jetzt älter aussah. Ja, aber wirkte er dadurch denn schon älter? Das wollte und konnte er nicht beantworten.

Kurz vor zwölf tanzte er mit Callie, deren Vater mit Pennie tanzte. Dann, eine Minute vor Mitternacht führte er Sabine Montferre, die sichtlich genoß, daß er ihr größenmäßig nun sprichwörtlich gewachsen war. dann läutete das Glockenspiel, jedoch nur zwölf leise Töne. Durch die Tür kam ein selbstfahrender Servierwagen mit vollen Weingläsern. Ursuline Latierre nahm die pure Limonade, während die anderen die Weinmischung bekamen. Dann stießen sie mit den Geburtstagskindern und ihren Eltern an. Julius beglückwünschte erst die Montferres. Seine Aversion gegenüber Rothaarigen schien wohl verflogen zu sein. War es Sättigung, die Langeweile erzeugte oder auch Instinktermüdung? Dann gratulierte er Callie, die sagte, daß sie an und für sich einen Tag früher rausgewollt hatte, ihre Mutter aber keine Lust drauf gehabt hätte, sie rauszulassen. Weil Barbara Latierre in der Nähe war blickte Julius sie verdutzt an.

"Du warst einfach noch nicht durch, Callie. Ich hätte dich ganz bestimmt schon zwei Tage vorher hergegeben. Aber du mußtest noch richtig fertig werden."

"Ja, Babs, sonst hättest du sie beide noch mal zurücknehmen müssen", flachste Madame Montferre und kam mit ihrem Glas zu Julius, der vorsichtig an diesem nicht ganz so sauren oder süßen Getränk nippte.

"Herzlichen Glückwunsch zu den beiden quirligen Frauenzimmern", sagte Julius, sich hier auf den lockeren Umgangston einlassend.

"Hat mich auch einiges gekostet, die so gut hinzustellen", sagte sie, umarmte ihn vorsichtig, das ihre Gläser nicht ausliefen oder zerbrachen und gab ihm einen Kuß auf die Wange. "Auf das du auch nicht mehr böse auf andere rothaarige Frauen bist."

"Im Moment geht's", sagte Julius verlegen.

Er gratulierte noch den Montferre-Zwillingen, bevor er sein Glas leertrank. Noch wirkte der Alkohol darin nicht auf ihn. Er führte es eher auf die Stimmung zurück, daß er so wohlig und willkommen war. Das hatte er gebraucht, eine friedliche, aber nicht zu ruhige Umgebung. Man bedauerte ihn nicht und hielt ihn auch nicht für einen Sonderling. Vielleicht, so dachte Julius, hatten seine Mutter und Joe ihm diese Position abgenommen. Seine Mutter. Schlief sie jetzt oder steckte sie gerade mit ihren fünf Sinnen unter Ursulines Umhang? Wie kam er darauf, diese Hexe beim Vornamen zu nennen? Ganz einfach, weil der Nachname hier zu häufig war, um jemanden bestimmten zu meinen.

"Bevor Catherine hinter mir herjachert möchte ich besser jetzt ins Bett. Nachher macht di noch Bettkontrolle", sagte Julius zu Martine, die sich nach dem Geburtstagsgrußlied wieder in seine Nähe geschlichen hatte. Diesmal sah ihr Millie genau zu. Doch weil ihre Eltern in der Nähe waren, wollte sie wohl nicht zu ihm herüberkommen.

"Dann sage hier allen noch einmal gute Nacht. Ich bringe dich dann zu deinem Zimmer", erbot sich Martine. Julius dachte sich nichts dabei und nahm das Angebot an. Er machte eine Abschiedsrunde, wobei er Millie ebenfalls eine gute Nacht wünschte. Sie sah ihn und dann ihre Schwester an und flüsterte ihm zu:

"Pass ja auf, daß du auch in deinem Bett landest und Schlaf findest! Morgen gibt's den richtigen Geburtstag mit Tanz und Spielen."

"Nacht, Mildrid", knurrte Julius und verabschiedete sich von Ursuline Latierre. Diese mentiloquierte ihm:

"Ich hoffe, deine Mutter kann übermorgen auch wieder körperlich bei uns sein. Jedenfalls schlägt mein Herz jetzt auch für sie mit, und daß du mir ja geholfen hast, verbindet euch beide."

"Aus deiner Oma werde ich nicht schlau, Martine", gestand Julius, als er mit seiner früheren Pflegehelferkameradin durch das Schloß wandelte. Martine hatte nur ihr Zauberstablicht angezündet.

"Wieso?" Fragte sie.

"Weil sie einmal so drauf ist wie du oder ich, so unbekümmert, als sei ihr alles nur halb so ernst, was sie bisher erlebt habe. Dann kommt von ihr noch ein Spruch wie aus einem Gedichtband. Sie hat mir zumentiloquiert, daß dadurch, daß ich ihr ja geholfen habe, als die Dementoren gekommen waren, jetzt eine Verbindung zwischen ihr, meiner Mutter und mir bestehe."

"Oma Line ist einzigartig, manchmal nur einzig. Aber wir alle lieben sie, und trotzdem sie immer wieder neue Kinder kriegt, kommt sich keiner vernachlässigt vor. Deshalb können uns die meisten anderen Familien nicht so recht leiden, weil wir ganz einfach zusammenhalten", sagte sie und hakte sich bei Julius unter, der das jetzt doch etwas merkwürdig fand. Immerhin war Martine knapp zwei Meter groß wie ihre Mutter und ihre großmutter mütterlicherseits.

"Irgendwie hat sie sich das zu Herzen genommen, das Mum wegen der Untersuchung diesen Panikanfall gekriegt hat und jetzt einen ganzen Tag ausfällt", raunte Julius.

"Wahrscheinlich macht sie sich Gedanken, deine Mutter könne einen Haß auf schwangere Frauen entwickeln oder so. Aber das möchte ich nicht als gesichert stehenlassen", sagte Martine und schob sich neben Julius die Treppe hinauf, ganz leise. Sie schlichen an Babettes Zimmer vorbei. Es war still und friedlich. Als sie auf der Höhe zu Julius' Zimmer ankamen, umarmte Martine ihn und wünschte ihm leise eine gute Nacht. Er erwiderte die Umarmung, weil er dachte, das gehöre jetzt noch zum guten Ton. Dann lösten sie sich voneinander und gingen ihrer Wege. Julius schlüpfte so leise es ging in sein Zimmer, zog sich um und legte sich hin. Seine Gedanken fuhren Karussell. Was machte seine Mutter jetzt mit? Wieso hatte sich Martine so auffällig lange bei ihm aufgehalten, und was sollte Millies gehässige Bemerkung, er solle aufpassen, ja in sein eigenes Bett zu kommen und auch zu schlafen? Aber Martine hatte sich wirklich sehr nahe bei ihm gehalten. Wußte er denn, wielange sie schon neben ihm gesessen hatte?

Die Tür wurde leise geöffnet, und Catherines Stimme flüsterte: "Alles klar, du bist da, Julius. War's noch schön?" Fragte sie. Julius erwiderte leise:

 

"Ich weiß nicht ob's an mir lag oder woran. Aber irgendwie haben sich alle unverheirateten Frauen und Mädchen ziemlich nahe bei mir rumgedrückt, besonders Martine."

"Oh, dann schließe ich besser die Tür mit einem zauber zu, bevor dich noch eine dieser Jungfrauen nicht nur im Traum heimsucht", mentiloquierte sie ihm und sagte körperlich: "Das klären wir beide morgen nach dem Frühstück. Aber vielleicht kommst du bis morgen selber drauf."

"Wenn du den Jungfrauenalarm machst, wie kann ich dann raus, wenn ich muß", fragte Julius. Zur Antwort beschwor Catherine einen Nachttopf herauf und bugsierte ihn mit Fernlenkzauber unter sein Bett. Dann flüsterte sie noch gute Nacht und verschloß die Tür.

 

__________

 

"Aurore, komm, wir kommen noch zu spät zum Ausgangskreis!" Rief Eine Frauenstimme. Julius blickte sich um. Er stand im dunklen Flur eines Hauses und hörte Schritte kleinerer Füße. Ein Mädchen wohl um die elf Jahre in einer blaßblauen Beauxbatons-Schuluniform öffnete eine Tür. Es fiel etwas Licht in den Flur, und Julius sah das Schlanke Kind, bei dem ein Hauch von Brustansatz zu erkennen war herauskommen. Sie hatte blondes Haar mit einem winzigen Ton Rot und blickte ihn aus blauen Augen an, die wie seine Augen aussahen. Dann ging die Haustür auf, Herein trat Martine Latierre in einem grasgrünen Kleid.

"Kommt ihr beiden, Professeur Brickston wartet nicht gerne."

"Klar, Maman", sagte das Mädchen. Julius sah an sich herunter. Er war so, wie er immer ausgesehen hatte, nur daß er jetzt einen grasgrünen Umhang trug wie Martine.

"Wir wollen Catherine, ähm, Professeur Brickston keinen Grund geben, dich noch auszuschimpfen, Aurore."

"Ich bin schon aufgeregt", sagte das Mädchen mit nervöser Stimme. "ob ich auch in den roten Saal reinkomme wie du, Maman, oder in den grünen, wie du, Papa?"

"Vielleicht auch in den blauen", scherzte Julius.

"Du bist eine Latierre. Als solche kommst du ganz bestimmt in den roten Saal. Das wäre das erste Mal, daß eine Latierre nicht dahinkommt", sagte Martine. Julius grinste und meinte:

"Aber von den Eauvives kamen die meisten zu den Grünen."

"Sofern sie von Eauvive-Hexen geboren wurden", wandte Martine entschlossen ein. Dann bugsierte sie das schlachsige Mädchen in einen gemütlichen Wohnraum, wo sie in einer grünen Feuerwand verschwand, Ziel: Rue de Camouflage. Aurore folgte ihrer Mutter, und Julius dem Mädchen, seiner Tochter. Sie lieferten das Kind am ausgangskreis ab, wo ein dunkelhaariges Mädchen mit den Dorniers zusammenstand und Julius zuwinkte. "Hallo, Julius. Schön das sie es auch schafft."

"Hi, Cythera!" Rief Julius dem Mädchen zu. Dann tauchten noch zwei rotblonde Mädchen auf, die vom Aussehen her Martines Schwestern sein mochten. Es waren aber ihre jüngsten Tanten, die dieses Jahr ihr ZAG-Jahr hatten.

"Na, Aurore, schon bereit für den roten Saal?" Fragte Esperance, die die silberne Brosche der stellvertretenden Saalsprecherin trug.

"Ob die zu euch reinkommt, Tante Esperance, ist fraglich", feixte Julius. Dann tauchte noch eine schwarzhaarige Frau auf, die wie Madame Dusoleil in jungen Jahren aussah. Sie trug ein kleines Kind auf dem Arm.

"Hallo, Julius. Ich wollte sehen, wie deine Kleine abreist. Meine Schwester wollte erst kommen, hat dann aber angeblich irgendwas gehabt. Sie kann es wohl immer noch nicht verwinden, daß du dich auf Martine eingelassen hast."

"Ich wollte es nicht, Denise. Aber irgendwie hat's zwischen uns nicht mehr gepaßt", beteuerte Julius.

"Ja, weil du vorher ausprobiert hast, ob Martine und du zusammenpassen und es zu gut geklappt hat. Maman läßt dir ausrichten, sie wird nachher noch mal zu euch kommen und den Garten begutachten."

"Okay, Denise. Wie geht's deinem Sohn?"

"Ich bin froh, wenn er keine Windeln mehr braucht", sagte Denise.

"Meine Herrschaften, alle die nicht mit nach Beauxbatons müssen mögen zurücktreten", kam Catherine Brickstons herrisch klingende Stimme. Es war zumindest Catherine, die nun in den Ausgangskreis trat. Doch sie trug das mauvefarbene Kleid ihrer Mutter. Sie hatte nur ihr Haar offener, von einer silbernen Spange abgesehen. Aurore folgte ihren Großtanten in den Kreis. Cythera Dornier flachste noch mit ihr, wohl, daß sie zu ihr in den grünen Saal kommen würde, dessen Saalsprecherin sie war.

Professeur Catherine Brickston, die neue Lehrerin für Zaubereigeschichte und Verteidigung gegen die dunklen Künste, sah Martine und Julius etwas kritisch an. Dann sammelte sie alle Schüler um sich und rief die Reisesphäre auf. Als Aurore mit ihren Schulkameraden verschwunden war, disapparierte Denise auch.

 

"Kannst du mal sehen. Sie hat es nicht vergessen", grinste Martine. "Ich hör's noch: Wenn Sie sich schon an ihn ranmachen und vor der Zeit intim mit ihm werden, dann sehen Sie zu, daß Sie ihn auch anständig ins Leben begleiten."

"Ja, das war damals nach der Supergeburtstagsfeier", lachte Julius. "Als Catherine mich gesucht hat und mit dir zusammen fand, wo du gerade kamst."

"oja, hat die da böse geguckt. Als wenn es ihre Mutter wäre, die den Vielsaft-Trank geschluckt hätte. Du konntest dich nicht so schnell von mir lösen, da hatte die auch schon den Antrag für die Fürsorgeabgabe raus. Oma und Papa haben ja echt nur gegrinst."

"Nur Schade, daß deine Schwester sich mit Claire zusammen dann so gezofft hat, daß sie beide von Beaux runterflogen."

"Jetzt gib bloß keinem von uns die Schuld dran, daß die sich wie blöde Kindergartenhexen benommen haben. Du wolltest das damals wissen wie's ist und mir war danach, mit einem Jungen endlich richtig Liebe zu machen, nachdem Eddie mich so weggestoßen hat."

"Ich hoffe nur, daß Aurore nicht im grünen Saal landet, wo Catherine die Vorsteherin ist."

"Schulleiterin Faucon wird wohl schon aufpassen, daß ihre Tochter nicht anfängt, Schüler gezielt zu schikanieren."

"Ich frage mich manchmal immer noch, ob wir beide damals nicht total besoffen waren."

"Ich nicht, Julius. Du unterschätzt dich immer wieder. Sabine und Sandra, Millie und Claire wollten was von dir, aber du wolltest doch lieber wen größeres. Aber hier sollten wir das nicht bereden. Komm, wir apparieren nach hause!" Säuselte sie und umarmte ihn. Sie drückten sich aneinander, als wollten sie gleich in körperlicher Liebe zusammenfinden. Martine drehte sich um und verschwand mit Julius. Doch er landete nicht in einem gemütlichen Haus sechzehn Kilometer von Paris entfernt, sondern in einem Bett und fühlte wie etwas schweres schmerzhaft von innen gegen seine Schlafanzughose drückte. Sein Herz schlug schnell und kräftig. Er schlug die Decke zurück und atmete auf. Ihm war nichts passiert, was ihm hätte peinlich sein müssen. Er sah auf seine Uhr, es war nun fünf uhr Morgens. Es war so schön ruhig hier. Nur die Vögel sangen.

"Das war ja wohl der hammerhärteste Traum, den ich jeh hatte", dachte Julius. Er dachte darüber nach, was er da geträumt hatte. Irgendwie hatte ihm sein Unterbewußtsein vorgegaukelt, fünfzehn Jahre in der Zukunft zu sein. Martine hatte ihn wohl doch so angemacht, daß er mit ihr nach Sabines und Sandras Geburtstag in ihrem Bett gelandet war, wo Catherine sie beide auf dem Höhepunkt des Liebesspiels erwischt hatte. Von da an war er ihr als Schutzbefohlener zugeteilt worden, bis er siebzehn war und sie ihn auf ihren Besen gezogen und zwei monate später geheiratet hatte. Ein Jahr später war dann die kleine Aurore zur Welt gekommen, deren Einschulung in Beauxbatons er zum Schluß miterlebt hatte.

"Ich darf das keinem erzählen, vor allem nicht Claire", dachte Julius. "Die Mädels wollten mich alle haben, und Martine hat mich erwischt. Kann auch an dem Bett hier liegen. Vielleicht ist es mit einem Fluch belegt", grummelte er leise. Das würde den Latierres ähnlich sehen, ihre Betten mit einem Fluch zu belegen, der dem darin schlafenden solche Träume bescherte, insbesondere wenn er technisch gesehen noch Jungfrau war. Dann erkannte er, daß ein Teil des Traumes wohl stimmen mochte, nämlich daß er der einzige frei verfügbare Junge in der ganzen Gesellschaft hier war. Sowas nannte man häufig den Han im Korb. Also war dieses Geplänkel wohl eher Langeweile der Mädchen, die versuchten, ihn irgendwie zu umgarnen. Aber warum Martine und nicht Claire oder Millie oder gar Béatrice Latierre? Vielleicht weil sein Unterbewußtsein sie immer noch als die erste Traumfrau gespeichert hatte.

"Schon abgedreht, was so'n Körper einem vorgaukelt."

Er drehte sich noch einmal um und schlief wieder ein. Diesmal fand er sich in jener merkwürdigen Stadt wieder, von der er schon einmal geträumt hatte, die unter einem abenddämmerungsblauen, wolken- und gestirnlosen Himmel lag und aus Bauten wie Termitenbauten aus weißem Zuckerguß bestand. Wieder traf er diese goldhäutige Frau, die ihn zum Fuß eines kilometerhohen Turmes führte. Sie wollte gerade was sagen, als ein lautes Glockenläuten über sie hereinbrach und die ganze Stadt wie eine Kombination aus Erdbeben und Wirbelsturm in Trümmer legte, die sich in bunte Funken auflösten und Julius in seinem Gästebett landen ließen. Draußen bimmelte das fröhliche Glockenspiel der schloßeigenen Uhr. Julius erkannte, daß auch hier die Glocken wohl so abgestimmt waren, daß sie anders als Muggelglocken unter- und Obertöne einer Durtonleiter mitklingen ließen. Er kannte das Lied aus einem Liederbuch von Madame Faucon: "Hallo, liebe Sonne fein, leuchte in mein Fensterlein", ein Morgenlied, das sowohl für Kinder als auch für der Musik zugetane Erwachsene gut geeignet war. Er schaute auf seine Weltzeituhr und stellte fest, daß es sieben Uhr war.

"Scheiß Gebimmel", hörte er aus mehreren Metern Entfernung durch zwei Türen gefiltert. Das war Joe Brickston.

"Catherine, guten Morgen. Ich bin wach", mentiloquierte Julius, nachdem er auch sie sprechen hörte. Sie erwiderte:

"In Ordnung, ich nehme eben meinen Schutzzauber von deiner Tür weg. Am besten benutzt du das Geschirr, das ich dir hingestellt habe. Ich lasse es dann mit Inhalt verschwinden." Antwortete Catherines Stimme in seinem Kopf. Julius stemmte sich aus dem Bett und befolgte ihren Rat. Als er dann soweit angezogen war, daß er sich unter die Leute trauen und das Badezimmer zur Morgenwäsche benutzen konnte, sah er ein leichtes grünes Flimmern über der Tür und hörte ein merkwürdiges Geräusch, das seine Phantasie ihm wie das rückwärts abgespielte Knallen eines Sektkorkens erscheinen ließ. Dann öffnete Catherine die Tür und winkte ihm zu. Sie trug ihren hellen Morgenrock, den er bei seiner ersten Reise nach Paris schon an ihr bewundern durfte.

"Und, gut geschlafen?"

"Abgesehen von zwei Träumen, die ich nicht ganz klarkriege gut", sagte Julius. Catherine sah ihn an und fragte ganz leise:

"Was schlimmes oder was leidenschaftliches?"

"Der erste wohl fast bei Kategorie zwei, der zweite eher merkwürdig."

"Und ist dir dabei zumindest was eingefallen, weshalb du gestern so umgarnt wurdest?" Mentiloquierte Catherine. Julius schickte zurück: "Kikereki, Han im Korb."

"So wird es gewesen sein. Am besten bringe ich dich die nächsten drei Nächte zu Bett, wenn deine Mutter das nicht übernehmen will."

"Ich denke, das geht auch so", schickte Julius zurück. Catherine ließ mit einer raschen Zauberstabbewegung den Nachttopf verschwinden und sagte: "Im Bedarfsfall stelle ich dir jede Nacht einen anderen hin. Ist 'ne gute Materialisationsübung für mich."

"Könnte sein, daß deine Mutter mir das nächstes Schuljahr schon aufdrückt", sagte Julius. Catherine lächelte. Das war nicht das Lächeln einer strengen Beauxbatons-Lehrerin, stellte er belustigt fest.

"Hallo, meine Kinder und liebe Gäste! Ich hoffe, ihr seid alle wach. Um acht uhr gibt's Frühstück", trällerte Monsieur Ferdinand Latierres magisch verstärkte Stimme durch das ganze Schloß.

"Dann zieh dich mal an!" Sagte Catherine und geleitete Julius zum Badezimmer, wo Mildrid gerade eingehüllt in eine erfrischend duftende Wolke herauskam. Sie hatte bereits ihr ärmelloses apfelgrünes Kleid an.

"Ich habe dir die Wanne vorgewärmt, Julius", flötete sie. Catherine, die hinter ihm stand meinte:

"Aber das Wasser hast du doch rausgelassen, oder?"

"Sollte ich?" Konterte Millie keck. Catherine grinste nur und meinte:

"Solange er es nicht trinkt und deine Ungezogenheiten damit in sich aufnimmt."

"Würde ihm nicht so schlecht bekommen", sagte Millie. "Aber ich wußte ja nicht, wer nach mir reinwill. Deshalb habe ich das Wasser wieder rausgelassen. Und Julius, hat meine Schwester dich gut ins Bett gebracht?"

"Öhm, vor die Tür, Millie, nicht ins Bett", erwiderte Julius etwas irritiert. Millie nickte ihm zu und sagte wo Catherine dabeistand: "Fehlte noch, daß die meint, dich jetzt haben zu wollen, weil dein Körper jetzt besser zu ihr paßt. Wir sehen uns im runden Saal." Sie blies keck einen Kuß in die Luft. Catherine sah ihr nach, nicht tadelnd sondern merkwürdig amüsiert.

"Am besten verwandel ich dich in ein hübsches Ballkleid, damit die beiden Schwestern sich anständig um dich zanken können."

"Haha, Catherine", erwiderte Julius. Er verstand nicht, was Catherine so locker über Millies andauernde Versuche, ihn zu umgarnen reden ließ. Schnell ging er ins Badezimmer, nutzte die vorgewärmte Badewanne zum Duschen und zog sich tagesfertig an. Danach war Catherine dran.

"Hi, Julius. Hast du wirklich bis halb eins mit denen gefeiert?" Fragte Joe, der auch sichtlich gelöster wirkte als gestern morgen noch. Julius nickte.

"Ist Babette schon wach?" Fragte Julius.

"Die habe ich gerade aufgeweckt", sagte Ursuline Latierre, die gerade vor dem Badezimmer ankam.

"Sie sind da hochgegangen, mit dem Bauch?" Fragte Joe und deutete auf Madame Latierres runden Leib. Sie lächelte und sagte:

"Ich steige mit dem Zusatzgepäck keine Treppe. Ich zeige ihnen mal, was mein erster Mann für mich eingebaut hat", lud sie Julius und Joe ein. Dann führte sie ihnen vor, wie sie sich auf die unterste Stufe der Treppe Stellte und "Aufwärts" sagte. Dann glitt sie mit der Stufe die Treppe nach oben. Die vor ihr liegenden Stufen wichen unter ihr zurück, damit sie auf der magischen Wanderstufe wie auf einer glatten Rampe hinauffuhr.

"Haben die hier auch einen Treppenlift", grinste Joe. "Kann den jeder benutzen?" Rief er hinter der werdenden Mutter her, die wohl der Wanderstufe befahl, anzuhalten und dann wieder runterzugleiten, ohne daß sie dabei ins Wanken kam.

"Dann müßten sie gerade wen kleines in sich ausbrüten", sagte sie und verließ am Fuß der Treppe die besondere Stufe.

"Danke, kein Bedarf, sowas auszuprobieren", sagte Joe.

"Ist schon was schönes, mitzukriegen, wie da wer lebendiges in einem herumturnt. Nur wenn das dann genug vom Herumgetragenwerden hat und rauskommen will ist es etwas unangenehm. Aber dafür kann man dann wem neues alles beibringen, was einem selbst schön oder wichtig ist."

"Wem sagen Sie das", sagte Joe. "Allerdings hatte meine Frau mehr mit diesem Vorspiel zu tun, das Sie gerade durchleben."

"Hey, Joe, was ist denn mit dir passiert, daß du jetzt so locker drauf bist?" Fragte Julius. Joe sah ihn etwas verlegen an und meinte:

"Ich habe einfach gut drüber schlafen können. Neuer Morgen, neuer Tag."

"Bist du schon fertig, Julius?" Fragte Madame Latierre. Er nickte. "Dann gehen wir zusammen zum runden Saal. Sagen Sie Ihrer Frau bitte, die Gäste sitzen heute zwischen mir und meiner Familie. Die Brautjungfern können sich danach austoben."

"Okay, verlieren Sie den Jungen nicht unterwegs, sonst kriege ich Ärger mit Catherine", sagte Joe.

"Keine Sorge", sagte Madame Latierre und hakte sich bei Julius unter.

Unterwegs mentiloquierte sie mit ihm, daß sie das Tuch in der Nacht auch um ihren Unterleib getragen hatte. Julius fragte sie ebenso unhörbar, ob sie vielleicht doch spüren könne, wenn da was anders wäre. Sie erwiderte auf Gedankenweg, daß sie das eben nicht spüren könne und es sie deshalb auch so anregen würde.

Im runden Sall bugsierte sie ihn rechts von sich auf einen der hochlehnigen Stühle. Daneben nahm Monsieur Albericus Latierre platz, neben dem seine Frau sich niederließ, flankiert von den Dusoleils. Claire saß dann neben den Zwillingen Barbaras und Patricia Latierre.

"Catherine nahm links von Ursulines Mann platz, flankiert von Joe, der von Béatrice Latierre flankiert wurde.

Nach dem Frühstück übernahm Barbara Latierre die Aufsicht über die Kinder unter vierzehn Jahren, während die Quidditchspieler sich zu einer Partie versammelten. Es gelang tatsächlich, zwei vollständige Mannschaften zusammenzukriegen. Julius spielte bei den Montferres mit, die Treiber spielten. Im Tor war Otto Latierre, während seine Schwester Hippolyte in der gegnerischen Mannschaft spielte.

Sichtlich erschöpft aber siegreich verließ Julius' Mannschaft nach vier Stunden das Feld. Sabine Montferre meinte:

"Jetzt bist du richtig gut mit dem Besen. Dann wird's nächstes Schuljahr richtig spannend."

"Deshalb gewinnt der auch wieder gegen euch", sagte Claire und pflückte Julius aus Sabines lockerer Umarmung. er sagte ihr:

"Auf jeden Fall geht der Ganymed gut ab."

"Nimmst du mich noch einmal mit?" Fragte Claire. Julius nickte und ließ sie hinter sich aufsitzen. Dann startete er durch und jagte mit mehr als dreihundert Stundenkilometern über das Schloßgelände hinweg einige Kilometer die Loire entlang und wieder zurück. Vor der Begrenzung des Schloßgeländes landete er und suchte sich mit Claire einen unbeobachtbaren Ort, wo sie sich niederlassen und unterhalten konnten.

"Komisch, da sind wir jetzt beide in diesem Schloß und sehen uns nur beim Essen", sagte Claire. Er nickte und sagte:

"Das ist anders als in Beauxbatons. Hier laufen deine Eltern rum und ich mache mir immer noch einen Kopf um meine Mutter. Wenn ich also irgendwie nicht so gut drauf bin tut es mir leid."

"Ich wäre gerne noch wwachgeblieben, um mit dir zusammen in Callies und Pennies Geburtstag reinzufeiern. War's lustig oder irgendwie?"

"Hmm, die Mädels wollten alle mit mir tanzen. Offenbar wollen die wissen, ob sich bei mir nur der Körper verändert hat."

"Das will ich auch wissen, Juju", erwiderte Claire. "Allerdings konnte ich die Nacht vorher nicht schlafen, weil Denise immer wieder rumgetobt hat, die es nicht erwarten konnte, auf Demie zu reiten."

"Na, da wird sie wohl etwas enttäuscht gewesen sein", erwiderte Julius. Er mußte wieder an den Traum denken, wo er Denise als junge Mutter gesehen hatte und er mit Martine irgendwie zusammengekommen war. Das versetzte ihn in eine merkwürdig ertappte aber auch anregende Stimmung. Claire merkte das und fragte:

"Woran denkst du?"

"Ob von den elteren Mädels nicht welche meinen, wegen meines Körpers jetzt hinter mir herlaufen zu müssen. Gloria hat sowas erwähnt, daß das passieren könne, und Melanie und Brittany haben auch so ähnlich reagiert", gestand Julius einen Teil von dem, was ihn gerade umtrieb.

"Ich denke nicht, daß du jetzt gezielt nach älteren Mädchen suchst, wenngleich Martine gestern so anhänglich war."

"Die hat nur ihre Schwester von mir ferngehalten", erwiderte Julius. Doch das allein war es wohl nicht, fiel ihm ein.

"Nein, die hat dich lange angesehen wie was im Schaufenster, worauf sie gerade richtig Lust hat aber nicht sorecht sicher ist, ob sie sich das jetzt auch besorgen soll. Pass auf, die hat seit mehr als zwei Monaten keinen Freund mehr. Die sucht wen neues."

"Ja, Claire, und die Zaubererwelt hat bestimmt viele junge Zauberer zu bieten. Ich habe das mit Catherine beredet. Die hat gemeint, ich wäre im Moment der Hahn im Korb, weil sonst alle Männer hier verheiratet seien."

"Das ist doch Mist, Juju. Jede hier weiß, daß wir zusammensind", knurrte Claire. "Das Millie meint, einen Jungen zu krallen, der sie zur Frau macht weiß ich ja. Aber wenn Martine jetzt auch damit anfängt, dich anzuschmachten, obwohl sie weiß, was wir beide zusammen haben, dann ist in der Familie wirklich was komisch."

"War Jeanne nicht mal auf was eifersüchtig, was du hattest oder Denise?" Fragte Julius und legte nach: "Ich weiß nicht wie Schwestern ticken. Vielleicht liegt's auch an der Umgebung hier. Joe Brickston kam mir heute morgen total locker vor, als habe er den ganzen Frust in der Nacht ... Ups."

"Von sich gestoßen, abgestrampelt?" Fragte Claire und sah ihren Freund etwas verwegen an. Julius fühlte seine Ohren heiß werden. Das mochte tatsächlich stimmen. Er war ja immerhin zweieinhalb Stunden später ins Bett gekommen als Catherine und Joe. Da hatten die alle Zeit der Welt ...

"Falls ja, dann geht's mich nix an", sagte Julius. "Er hat ja wen, um seine ganzen Sorgen loszuwerden. Auf die eine oder andere Weise."

"Julius, ich frage dich mal was und hoffe, es kommt nicht zu dreist bei dir an oder ist dir peinlich", setzte Claire an. "Hast du schon mal was geträumt, was dir dieses Gefühl wie ein besonders schöner aber heftiger Anfall macht und du irgendwie zerfließt, von jemanden, der mit deinem Körper ganz innig herumspielt?"

"Öhm, bei Jungs passiert dabei noch was nicht so angenehmes, wenn die von sowas träumen. Aber die Frage ist ja. Aber wann und wo möchte ich dir nicht erzählen. Falls du mal sowas geträumt hast ..." Claire nickte ihm zu und sagte:

"Ich habe letzte nacht sowas geträumt. Allerdings habe ich dabei gedacht, ich sei Jeanne und würde mit Bruno ... na du weißt ja was tun. Dann wurde ich so rund wie Madame Ursuline und du kamst aus mir raus und hast gefragt, warum das nicht schneller gegangen sei."

"Ups. Warum erzählst du mir sowas? Das gehört doch dir alleine, was du träumst."

"Weil ich finde, daß du wissen sollst, daß du in diesem Traum vorgekommen bist. Vielleicht ist mir dieses Infanticorpore-Ding mit dir noch so in den Knochen gewesen oder ich habe das verarbeitet, was dir in Amerika fast passiert wäre und wollte einfach, daß du so nah wie möglich bei mir warst."

Julius fühlte sich etwas in die Enge getrieben. Claire hatte ihm einen intimen Traum erzählt. Vielleicht wartete sie darauf, daß er ihr einen seiner Träume erzählte und schämte sich, weil sie in keinem davon vorkam. Er lief rot an. Sie deutete es so, daß er diese Nacht auch einen dieser Träume gehabt hatte. Er fragte sie:

"Und kam ich als Baby oder so wie jetzt zur Welt?"

"Erst warst du babyklein. Aber als du dann da warst bist du sofort auf deine jetzige Größe gewachsen."

"Ja, aber du hast geträumt, du wärest Jeanne und mit Bruno zusammen", sagte Julius. Dann befand er, daß er ihr zumindest erzählen konnte, was er in der Nacht geträumt hatte. Er hatte sogar eine Erklärung dafür parat. Als er Claire leicht verlegen erzählt hatte, was er geträumt hatte und sie bat, nicht wütend zu werden sagte sie:

"Dann hast du das auch so empfunden, daß Martine dich haben wollte. Dein Verstand hat in deiner dir eigenen Art rumgespielt, wie das weitergegangen wäre, wenn sie dich wirklich in ihr Bett geholt hätte. Aurore ist übrigens ein schöner Name. Solltest du mit mir eine Tochter haben, können wir sie ja so nennen, wie deine ältere Freundin Aurora."

Julius atmete einerseits auf, wunderte sich aber andererseits, daß Claire ihm jetzt keine Szene machte, weil er nicht sie als Traumgeliebte hatte. Na ja, daß er schon mal von Martine geträumt hatte brauchte er ja nicht zu erzählen. Die Erklärung paßte ja als Begründung für das letzte Nacht.

"Du bist nicht eifersüchtig, weil ich von Martine geträumt habe?" Fragte er.

"Nöh, solange sie nicht davon träumt, von dir wirklich ein Kind oder zwei zu kriegen und das allen rumerzählt nicht. Denn dann müßte ich mich fragen, ob dieser Fluch Hallittis dich nicht mit was von ihr aufgeladen hat, was sie so angestellt hat." Boing. Das traf heftiger als Eifersucht. Julius verzog das Gesicht. Claire bemerkte es und schloß ihn in ihre Arme. "Hallo, ich wollte dir nicht wehtun, Juju", flüsterte sie ihm besänftigend zu. Er fühlte ihr Herz schlagen, schmeckte den Duft ihrer Haut und gab sich dieser zärtlichen Nähe hin. Er hielt sie einige Sekunden bevor er zurückflüsterte:

"Ich hoffe, ich bin diese Höllenbraut wirklich losgeworden. Ich möchte lieber mit jemanden zusammen essen als gefressen zu werden." Claire lachte und brachte seinen Körper damit zum Schwingen.

"Hast du dir gemerkt, Juju. Ich weiß auch nicht, wie ich auf den Spruch kam. Aber stimmen tut er doch."

"Merkwürdig, das wir beide ausgerechnet hier so komische Träume haben", flüsterte Julius und sog eines von Claires langen, schwarzen Haaren in die Nase. Der darauf folgende Niesreiz zwang ihn, sich ruckartig von Claire wegzudrehen und seine Nase zu erleichtern.

"Hast du wieder eins von meinen Haaren eingeatmet, Juju", amüsierte sich Claire. Julius nickte und kuschelte sich wieder richtig an. Sie blieben mindestens zwei Minuten in einer innigen Umarmung, nur durch ihre Kleidung voneinander getrennt. Julius fühlte jene Regung, die ihm zeigte, daß er wirklich kein kleiner Junge mehr war. Claire schien ähnlich zu empfinden. Sie drückte sich enger an ihn und begann, ihren Unterkörper sachte und dann immer fester an ihm zu reiben.

"In Ordnung, ihr beiden. Bis hierher und nicht weiter", ertönte Béatrice Latierres Stimme, nicht tadelnd, nur bestimmt. Claire und Julius schraken so heftig aus ihrer immer leidenschaftlicher werdenden Zweisamkeit, daß sie förmlich voneinander fortsprangen. Béatrice landete mit ihrem Besen neben ihnen.

"Es stimmt also doch, daß dieses vermaledeite Buch aufgewacht ist. Ich habe schon gehofft, es sei inzwischen gefunden und in Mamans Verlies für magische Unanständigkeiten verbannt worden."

"'tschuldigung, wir sind miteinander befreundet", sagte Julius perplex.

"Ja, und beinahe hättest du dich mit Claire Dusoleil vereinigt. Dann hätte deine Fürsorgerin was am Hals, nämlich eine Aufforderung zur frühzeitigen Verlobung und eventuell Unterhaltsverpflichtungen, falls Claire dadurch schwanger geworden wäre. Aber ich habe euch ja noch rechtzeitig gefunden." Julius fühlte immer noch was unter seinem Umhang. Claire meinte:

"Dann ist das ein Fluch, der uns beide getroffen hat?"

"Ich merke es selber, wie es mich danach verlangt, einen Mann zu mir zu nehmen, nicht zum Essen. Das kommt von Orions verfluchtem Buch "De Amore calidissimo", das er zu seiner Zeit geschrieben und in zehn Ausgaben verbreitet hat. Eines davon soll hier im Schloß sein. In ihm sind Zauber, die vor allem bei Anwesenheit von Ungeborenen, unberührten Jungfern und dito Jünglingen erwachen und versuchen, die Jungfern und Knaben dazu zu bringen, sich gegenseitig die sogenannte Unschuld zu nehmen, sofern es nicht leibliche Geschwister sind. Eheleute wollen es auch miteinander tun oder träumen zumindest sehr intensiv davon, es wieder miteinander zu tun. Ich gehe davon aus, jeder von euch beiden hat in der letzten Nacht anregende Träume gehabt."

"Das muß dich nicht interessieren", knurrte Claire, die wohl nicht wahrhaben wollte, daß ihre ganze Innigkeit nur wegen eines Fluches oder dergleichen so schön aufgekommen war.

"Als Heilerin und Geburtshelferin geht mich das eine Menge an, Claire. Oder hast du es wirklich jetzt darauf angelegt, dich hier und jetzt hinzugeben?"

"Und wenn es so wäre?" Fauchte Claire.

"Dann hättet ihr mindestens eine volle Stunde miteinander zubringen müssen. Außerdem hätte es dann dich, Claire auf hier herumlaufende Männer und Julius auf andere Frauen sowas von Rattendoll gemacht, daß ihr beide nicht mehr zur Ruhe gekommen wäret."

"Ach ja", erwiderte Julius verstimmt. "Und was ist mit den Eheleuten."

"Sie haben zwar aufeinanderLust, aber wollen dann nur sich und können sich besser beherrschen", sagte Béatrice. "Ich weiß, daß es vor zweihundert Jahren mal eine solche Lustorgie hier gegeben hat, als die schwangere Freundin einer Latierre zu Besuch kam und gerade dreißig halbwüchsige Gäste zur Sonnenwendfeier im Schloß waren. Resultat, Jeder hat es mit jeder getrieben, ohne Ansehen. Oder möchtest du im Ernst mit meiner Schwester Hippolyte oder Madame Montferre .. na gut, die spricht dich wohl von den Reizen her besser an", sagte Béatrice. Dabei sah sie Julius merkwürdig an, als verströme er einen appetitanregenden Duft. Claire sah es und nickte.

"Offenbar erwischt es dich auch, wie? Aber was kann man dagegen machen, wenn man sich zwar liebt aber nicht gleich wie die Kaninchen miteinander rummachen will?"

"Ihr dürft euch nicht länger als fünf Sekunden in den Armen liegen. Zum Glück ist dieser Stimulanzzauber kein sofortwirkender Zauber, der euch aufeinanderhetzt, sonst hätte meine Nichte Martine dich gestern auf der Treppe vernascht, Julius, im stehen und ohne daran zu denken, daß euch dabei jemand sieht. Es gibt nämlich noch eine zweite Tücke. Sobald ein Paar sich in williger Vereinigung befindet, kann es keine körperliche Kraft voneinander lösen."

"Was ist mit Frauen und Männern, die gleichgeschlechtlich gepolt sind?" Forschte Julius nach und bemühte sich dabei, weder Claire noch Béatrice genauer anzusehen, weil ihm jedesmal heiß und kalt wurde.

"Die verfallen in eine tiefe Depression. Orion war ein äußerst homophober Zeitgenosse. Sein Buch schreckt alle Männer und Frauen ab, die gleichgeschlechtlich lieben. Für ihn ist Liebe nur zwischen Männern und Frauen echte Liebe."

"Bißchen hinterm Mond, der wilde Orion", sagte Julius gehässig. "Und jetzt? Darf ich kein Mädchen mehr in die Arme nehmen? Dann wird das aber nix mehr mit Tanzen heute."

"Wie gesagt dürft ihr euch nicht mehr als fünf Sekunden so innig berühren wie du und meine angeheiratete Nichte Claire, oder ihr sucht euch bereits einmal körperlich geliebte Partner. Aber dann bekämen wir echten Ärger. Das Ministerium ... wollte Tournesol schon abreißen lassen, um dieses vermaledeite Buch zu vernichten. Es könnte nämlich sein, daß es im Fundament oder dem Mauerwerk des Schlosses verborgen ist."

"Ansonsten wohl Keuschheitsgürtel", knurrte Julius.

"Gute Idee, Julius", sagte Béatrice. "Oder der einzige unberührte Knabe in diesem Schloß wird mindestens neuneinhalb Meilen von hier fortgebracht und muß mindestens solange fernbleiben, bis die ungeborenen Kinder geboren sind. Dann schläft das Buch wohl wieder ein."

"Dann liefern Sie mich besser im Schloß Florissant bei Madame Eauvive ab, bis Madame Latierre mich wieder nach Millemerveilles und Paris zurückbringen kann", grummelte Julius.

"Es sei denn, dieses Buch wird gefunden und weit von uns fortgelegt", sagte Béatrice. "Allerdings hat das eine dritte Tücke, die maman mir mal außerhalb des Schlosses erzählt hat, als sie mich in diverse Familiensachen eingeweiht hat. Wer innerhalb des Schloßgeländes das Buch oder den Fluch eines Buches oder den Namen des Buches erwähnt, weckt es vollends auf und jedes Orion genehme Paar ist gezwungen, mit abwechselnden Partnern alle erotischen Phantasien auszuleben, die es bereithält. Bei besagter Lustorgie vor zweihundert Jahren ist genau das passiert und hat auch nicht vor der schwangeren Frau haltgemacht, die den Fluch angeregt hat."

"Ja, dann hast du jetzt gerade uns alle zu notsüchtigen Tieren gemacht", sagte Claire. Béatrice grinste verhalten.

"Sofern jemand unberührtes es jemandem sagt, der oder die bereits die Wonnen der Liebe erfahren hat. Du könntest es also Catherine nicht sagen, Julius oder du nicht deinen Eltern, Claire."

"Und mentiloquieren?" Fragte Julius. Béatrice verzog das Gesicht. Dann wurde sie sichtlich ernst:

"Dieses Buch besteht aus leidenschaftlichen Träumen, Julius, zumindest die Urversion, die Orion selbst mit seinem Blut und dem seiner Frau versehen haben soll. Träume wandern durch die Gedanken. Also wenn wir drei uns unterhalten, passiert nichts. Aber wenn einer von uns einem anderen diese Nachrichten ins Bewußtsein bringt, ob laut ausgesprochen, aufgeschrieben oder gedacht, sind wir alle wie im Banne des Auraveneris-Fluches", sagte die Heilerin. Claire verzog das Gesicht. Julius wurde sehr nachdenklich. Dann konzentrierte er sich und mentiloquierte Béatrice:

"Catherine übt mit mir Occlumentie. Die kann es also aus mir rausholen, und dann?"

"Wirst du es vom Fleck weg mit ihr treiben", kam Béatrices Antwort in Julius' Kopf an.

"Ich bin diesem Mistweib Hallitti nicht von der Schippe gesprungen um von einem alten Buch eines Hurenbocks in was reingeritten zu werden", schickte er zurück.

"Und das im wahrsten Sinne des Wortes", mentiloquierte Béatrice.

"Kann ich mir nicht die Erinnerungen daran fortnehmen lassen, solange wir hier sind?" Sandte Julius eine Gedankenbotschaft.

"Das schon, aber diese würde Catherine bestimmt merken und dann herumfragen, welche Erinnerung es war. Irgendwer könnte dann das Buch erwähnen ... mit dem selben Ergebnis", mentiloquierte Béatrice.

"Also möglichst weit von euch Mädels wegbleiben", mentiloquierte er. "Aber Catherine will mit mir üben."

"Hmm", machte Béatrice laut. "Wir essenin einer Stunde. Danach wären wir wohl alle fällig."

"Hast du ihr was zugedacht?" Fragte Claire. Julius nickte. Dann überlegte er. Er hatte ja einiges über Fluchbrechen gelernt. Catherine wäre zwar ideal geeignet, mußte aber aus dem Schloß raus, wenn er ihr das erzählen sollte. Da fiel ihm etwas ein, das so abgedreht war, daß er es zuerst weit von sich weisen wollte. Er fragte:

"Kann man dieses Buch finden?"

"Nein, seine Magie widersteht dem Zauberfinder und es ist auch ein weitflächiger Gegenstand, kann also nicht durch zunehmende Stärke oder sowas gefunden werden. Dieser Kerl, der auch mein Vorfahre ist hat genau geplant, wie er seine Nachkommenschaft über viele Generationen sichert und seine unzüchtigen ideen unausrottbar hält."

"Ich habe da einen sehr abgedrehten Gedanken, aber den möchte ich nicht rauslassen, wo Claire dabei ist, weil die mich sonst für total bescheuert hält."

"Claire, du und Julius kehrt bitte zum Schloß zurück. Sagt aber niemandem ein Wort. Julius, du hältst dich bitte von Catherine fern!" Sagte sie und fügte nur für ihn vernehmbar hinzu: "Kontaktier mich auf diesem Wege, wenn du sie bei ihren Eltern abgeliefert hast!"

"Komm bitte, Claire!" Sagte Julius. Claire murrte zwar ein wenig, sah aber ein, daß sie Julius hier und jetzt nicht dazu bringen konnte, was anderes zu machen. So brachte er sie zum Schloß zurück, wo er ihr sagte, sie möchte zu ihren Eltern oder den anderen Brautjungfern gehen.

"Juju, was hast du vor?" Fragte sie. Er dachte nur daran, mal wieder was abgedrehtes zu machen, um einen gemeinen Zauber auszutricksen.

"Ich will nur klären, ob wir heute noch ganz ungezwungen feiern können, Claire. Vertrau mir bitte!"

"Wehe, du läßt dich auf irgendwas ein, was nicht mehr umzudrehen ist wie mit dem Infanticorpore-Fluch."

"Der war umzudrehen", knurrte Julius und sah zu, wie Claire schmollend abzog. Julius teilte Béatrice mentiloquistisch mit, daß er nun alleine sei. Béatrice lotste ihn durch das Schloß, wobei er Orion, dem Wilden begegnete, der ihn feist angrinste und fragte:

"Na, Knabe, hast du dir schon eine von den drallen Mägden ausgesucht?"

"Grins nicht so blöd, du verdammter Kuppler. Noch halt ich das aus."

"Es bringt nichts, Junge. Wenn es dich anrührt, mußt du es hinter dich bringen. Such dir eine aus, bring sie in Stimmung und dann besorg es ihr so richtig." Darauf erwiderte Julius mit einer sehr rüden Bezeichnung für Orion und drohte ihm, er könne ja selbst hand anlegen. Orion lachte darüber nur und meinte:

"Ich darf es ja keinem sagen, weil der schöne Zauber dann nicht mehr wirkt. Aber wenn du für dich allein bist wird es nur noch schlimmer, weil meine Werke dich dann heimsuchen und dazu treiben, dir eine auszusuchen und sie zu nehmen, so oder so."

"Danke für den Tipp, du Karnickel", erwiderte Julius verdrossen dreinschauend und lief schnell weiter. Orion folgte ihm zwar, doch als er in einen Gang abbog, in dem kein Bild hing, war er ihn los.

"Okay, jetzt noch durch die Tür links, dann bist du in meinem Schlafzimmer", mentiloquierte Béatrice. Julius schlüpfte schnell durch die angezeigte Tür. Er hoffte nur, daß die Heilerin eine gute Selbstbeherrschung hatte und nicht hier über ihn herfiel. Ja, im Moment würde er sie auch ganz gerne haben, obwohl er doch vor einem Tag noch gedacht hatte, keinen Sex haben zu können, weil Hallitti ...

Béatrice baute einen Klangkerker auf. Dann fragte sie ihn, wobei sie ihn nicht direkt ansah:

"Was ist dir eingefallen. ich weiß, daß du bei Professeur Faucon im Zuge dieser Bildersache einiges mehr gelernt hast als andere. - Jetzt sieh mich ja nicht so an, als hätte ich dir was geklaut. Orion hat es Maman erzählt, die es nur uns erwachsenen Nachkommen erzählt hat. Du konntest durch ein Intrakulum in die gemalte Welt eindringen und sicher daraus zurückkehren. Also, was meinst du, könnten wir tun, was Claire nicht mitbekommen sollte?"

"Hmm, Haben Sie Vielsaft-Trank hier oder etwas anderes Verwandelndes, was nicht einen ganzen Tag vorhält?"

"Wozu?" Fragte Béatrice.

"Weil Sie eben erzählt haben, daß dieser Typ es abartig findet, wenn Männer mit Männern und Frauen mit Frauen Sex haben, also Liebe machen oder geschlechtlich verkehren oder wie Sie das gerne ausdrücken möchten."

"Ja, das sagte ich. Es ist belegt, das eine seiner Schwestern den Lehren der Dichterin Sapphos zugetan war, der nachgesagt wird, die geschlechtliche Beziehung unter Frauen begründet zu haben, wobei das natürlich nicht stimmt."

"Okay, dann immer noch die Frage, ob Sie was hierhaben, was uns beide körperlich vertauscht, so pervers das jetzt auch klingt."

"Vielsaft-Trank habe ich im Zuge von Gegenmittelforschungen, um eventuelle Todesser aus deinem Geburtsland zu enttarnen. Ich hörte, eine Hexe in Amerika habe ein Gegenmittel herstellen können. die Heiler in Frankreich arbeiten noch daran, am besten etwas gasförmiges, das mit der Atemluft verabreicht wird. Du schlägst also vor, wir beide sollten unsere Körper tauschen. Und dann?"

"Öhm, ja, machen, wozu dieses Mistbuch uns antreibt. Ich weiß, es klingt eklig und daß ausgerechnet ich sowas überhaupt denke kommt mir auch sehr komisch vor."

"Nun, der Trank hält eine Stunde vor. Du meinst, wenn du als Frau und ich als Mann miteinander schlafen würde der Fluch so gestört, das er erlischt."

"Zumindest wären wir beide dann nicht mehr so rattig, wenn andere diesem Kerl genehme Leute um uns rum sind, wenn der Trank zu wirken aufhört."

"Rammelig meinst du", erwiderte Béatrice, die jedoch sehr nachdenklich dreinschaute und dann meinte: "Das ist die einzige Phantasie, von der ich mit sicherheit weiß, daß sie nicht in diesem Buch vorkommt, Julius. Ich weiß aber auch, daß du vielleicht eine Aversion gegen den Beischlaf hast."

"Als Junge", erwiderte Julius.

"Das ist ja das, was deinen Gedanken ja so interessant macht. Der Vielsaft-Trank verändert nur den Körper, nicht die Persönlichkeit, wie beispielsweise Contrarigenus oder der verunglückte Intercorpores-Fluch." Julius verzog das Gesicht. "Ja, auch von dem weiß ich von Hippolyte, die mich gefragt hat, ob du davon irgendwelche seelischen Schäden zurückbehalten würdest."

"Okay, dann wissen Sie, daß ich mich nicht davor ekel, selbst ein Mädchen zu sein, solange das wieder umgekehrt werden kann. Aber ob Sie ..."

"Habe ich schon probiert, als ich mit der Ausbildung durch war. Ich verstehe. Wir durchbrechen diesen Fluch vielleicht. Ich hole den Trank her."

"Ich würde Catherine ja fragen, ob sie dem zustimmt ... aber", sagte Julius.

"Wenn sie uns beide nicht gleich in zueinanderpassende Gegenstände verwandelt wird sie es wohl nachträglich billigen, wenngleich dein Verhältnis zu ihr nicht das gleiche ist."

"Apropos, soviel ich weiß wird bei der Rückverwandlung genau der Körperzustand wiederhergestellt, der vor dem Trank vorgeherrscht hat", sagte Julius.

"An und für sich gehörst du ins ZAG-Jahr rein. Vielleicht sollte Catherine mit ihrer Mutter reden, ob sie dich nicht in den letzten zwei Wochen die Viertklässlerprüfungen durchlaufen läßt. Dein Wissen ist für die vierte Klasse zu heftig", sagte Béatrice und sah Julius anerkennend an. "Abgesehen davon, daß mir körperliche Merkmale nur im Bezug auf Krankheit und Heilung wichtig sind würde ich mich so zurückverwandeln wie ich vor dem Trank war. Bei euch Jungs ändert sich ja eh nichts außer halt im Kopf."

"Es soll Männer geben, die auf sowas wertlegen", sagte Julius.

"Bei einer Latierre? Du hast recht, wäre schon ein wahres Goldstück. Außerdem würde es ja mich nicht berühren sondern dich. Insofern würde ich die erste ordentliche Liebe auch anders erleben als bei diesem Experiment. Du ja dann auch."

"Gut, das wollte ich noch wissen. Dann machen wir es? Öhm, dann führen wir dieses Experiment durch?"

"Ja", sagte Béatrice. Dann holte sie ihren Zauberstab hervor und schwang ihn. Es ploppte, und eine große Flasche mit einer dicken, schlammartigen Flüssigkeit materialisierte sich vor Béatrice auf dem kleinen Tisch, der mit einer bunten Wolldecke gedeckt war. Ein weiterer Schwung des Zauberstabs ließ zwei kleine Trinkgläser erscheinen. Julius riss sich ein Haarbüschel vom Kopf, Béatrice tat es ihm gleich. Dann warfen sie die Haare in je ein Glas. Julius Glas verfärbte sich dunkelbraun, so ähnlich wie Viviane Eauvives Haarfarbe. Béatrices Gebräu verfärbte sich rubinrot.

"Julius, wo bist du gerade?" Kam Catherines Gedankenstimme in seinem Kopf an. Er sagte es Béatrice. Diese erwiderte:

"Sage ihr, du wärest in meinem Zimmer, weil wir über etwas wichtiges diskutieren müßten. Wir kämen später zum Mittagessen."

Julius führte diese Anweisung aus und erhielt zur Antwort, daß sie ihn bei den Tischgästen entschuldigen würde."

"Hoffentlich erzählt Ihre Mutter ihr nicht, was Sie gerade herausgefunden haben", sagte Julius.

"Das würde für uns jetzt nichts ändern, Julius. Außerdem, sobald du meinen Trank getrunken hast, nennen wir uns beim Vornamen, wobei du mich weiterhin Béatrice nennen möchtest und ich dich Julius. Ich weiß nicht, ob es was bringt, aber vielleicht wirkt unser Versuch dann noch besser."

"Moment, Mademoiselle Grandchapeau hat nachher keine Ansprüche auf mich gestellt. Was ist, wenn ich deinen Körper gleich habe und du meinen. Wir müssen uns ja vielleicht ansehen, oder geht es auch im dunkeln?"

"Warum nicht? Nein, aber du mußt mich dann nicht heiraten. Obwohl, vielleicht ist dir ja dann danach, mich in drei Jahren aufzusuchen und dich von mir auf den Besen holen zu lassen ... Nein nein, ich bin heilerin. Wenn ich jeden unverheirateten Zauberer gleich ehelichen müßte, den ich sehe wäre ich schon längst vergeben. Umgekehrt gilt, du bist Pflegehelfer und damit nicht an diese Sittlichkeitsregel gebunden, solange es um einen heilkundlichen Vorgang geht. Oder hat Mademoiselle Dornier bereits angemeldet, wann und wo sie dich auf ihren Besen holen wird?"

"Bloß nicht, dann müßte ich mir Cytheras Geplärre ja auch noch anhören", sagte Julius und dachte wieder an die halbwüchsige Cythera, die er in seinem Traum, wohl einem Produkt dieses Fluches, gesehen hatte. Dann nahm er Béatrices Glas und trank die rubinrote Flüssigkeit. Er unterdrückte ein Würgen. Sie nahm das Glas mit dem von ihm angereicherten Trank und schluckte ihn mit zugehaltener Nase hinunter.

"Das tut jetzt bestimmt höllisch weh, weil ein Geschlechtswechsel heftiger ist als der übliche Umwandlungsvorgahauu.." setzte Béatrice an, als bereits heftige Krämpfe ihren Körper schüttelten. Im gleichen Moment meinte Julius, ein Feuerball würde in ihm explodieren und ihn glutheiß zerreißen. Er schrie auf, während die Hitze ihn zu zerkochen schien und es vor allem in seinem Unterleib und seinem Brustkorb heftig schmerzte. Auch Béatrice stöhnte vor heftigen Schmerzen. Ihr Gesicht veränderte sich, es bekam immer männlichere Züge, ihre braunen Augen wurden blauer und ihr rotblondeshaar verlor immer mehr den roten Farbanteil. Julius fühlte, wie es unter seinem Umhang spannte, als zwei pralle Rundungen aus seinem Brustkasten wuchsen und meinte, etwas ziehe mit brutaler Gewalt seinen Beckenknochen auseinander und knete seine Eingeweide durch. Er fühlte, daß er in den Umhang nicht mehr richtig hineinpaßte. In seinem Kopf schien ein großer Hammer zu klopfen, und er fühlte, wie seine Kurzen Haare länger wurden und ihm auf die Schulter hinabreichten, wie die von Béatrice. Dann, mit einem Mal, war die Tortur vorbei. Julius sah sich an. Er steckte tatsächlich im Körper von Béatrice Latierre. Ihm gegenüber stand sein genaues Ebenbild, als habe er es vorhin aus einem Spiegel herausgelöst.

"Hui, dabei heißt es, frauen halten mehr Schmerzen aus als Männer", stöhnte Julius und erschrak, weil aus seinem Mund Béatrices Stimme ertönte.

"Ich könnte mal wieder was mit meiner Frisur machen", sagte Béatrice nun mit Julius' Stimme und begann, die an bestimmten Stellen unpassende Kleidung abzulegen.

"Kein großes Vorspiel, Julius", sagte sie. "Wir haben eine Stunde und müssen die voll ausreizen."

"Hoffentlich halte ich das durch", sagte Julius. Er fingerte an seinen Sachen herum, bis er völlig nackt vor Béatrice stand. Er legte seinen Brustbeutel und die Uhr ab, wie auch den Zauberstab. Nur das Pflegehelferarmband konnte er nicht loswerden. Da sein Leihkörper etwas größer war als sein angestammter Körper drückte es ein wenig.

"Ja", wisperte etwas in seinem Kopf, als er sich mit Béatrice zusammenstellte und sie sich kurz mit den Händen berührten, jeder dort, wo er oder sie sich sicher war, sofort die gewünschte Erregung hervorzurufen. Julius warf alle Anflüge von Angewidertheit von sich. Er hatte vier Tage das Geschlecht einer Frau besessen. Jetzt mußte er nur noch das tun, wozu die Natur den kleinen Unterschied geschaffen hatte. Etwas komisch kam es ihm schon vor, das anzufassen, was ursprünglich ihm gehörte und dessen Erregung zu fühlen.

"Ja, schön", tönte eine weitere Stimme in Julius Kopf, eine Männerstimme. Béatrice zog Julius auf ihr Bett und vollführte immer wildere Bewegungen, bis es Julius kurz schmerzte und sie sich endgültig trafen, so daß aus zwei Körpern ein zusammengefügter wurde. In immer wilderer Erregung bewegten sich die beiden Körpervertauschten und gaben wohlige, teilweise angestrengte Laute von sich. Julius ließ sich ganz in diese ihm bis dahin total unbekannte Empfindung hineinfallen, wohl auch auf Grund des Fluches, der nun bei ihnen den Fokus fand.

"Nein, was macht ihr. I, das ist ja ... Uäää, nein, nicht so! Nein, laßt es bleiben, bitte. Nein, nicht sorum. Nein, nicht sorum. Ich will nicht", quängelte eine sehr angewiderte Männerstimme in Julius Kopf. Béatrice und er hörten jedoch nicht darauf. Sie waren nun in einem immer wilderen Rausch, der sie antrieb, sich übereinander herzumachen. Julius probierte sogar Sachen aus, die er mal gelesen oder von denen er gehört hatte. Béatrice war offenbar in der Theorie auch sehr bewandert, zumindest aber kannte sie den Körper, mit dem sie gerade sehr eng verbunden war.

"Nein, nicht. Ich will nicht", quängelte die angewiderte und jetzt immer mehr erschrockene Männerstimme in Julius Kopf, die sich wie unter Qualen immer höher anhörte, als würde der Er eine Sie, wie Julius es gerade war und den wohl stärksten Trieb der menschlichen Natur auslebte, ohne den es keine Menschheit mehr geben würde. Das Gefühl, dieser Rhythmus, alles war für Julius wie ein Feuerwerk der Sinne. Kein Ekel überkam ihn, sondern nur die reine, unbändige Lust, hier und jetzt mit Béatrice zusammen zu sein.

"Nein, nicht. Ich will das nicht spüren, ich will kein Weib werden", tönte die gequält klingende Stimme in Julius' Kopf. Doch weil es nicht seine Gedanken waren, scherte er sich nicht darum.

War es der Rausch der steigenden Lust oder eine andere Sinnestäuschung? Jedenfalls meinten beide, die Erde unter ihnen würde beben und die Wände würden erzittern. Julius fühlte sich immer heißer und wie vor einer Explosion, mit jeder weiteren Bewegung von sich und Béatrice. Dann fühlte er etwas von Béatrice und wußte, sie war gerade dort angekommen, wo er noch hinmußte. Doch er fühlte, wie es in ihm brodelte, während Béatrice keuchend weitermachte. Dann wußte auch er, daß er das Ziel erreicht hatte. Im selben Moment schrie die Stimme in seinem Kopf wie vor Schmerzen, und die Wände wankten bedrohlich. Um Julius schien alles herum zu kreisen. Der Boden erzitterte wie bei einem schweren Erdbeben. Dann hörte Julius die fremde Gedankenstimme heulen: "Ich wolltte doch kein Weib werden. Mann, du verdorbener Haufen Drachenmist hast mich in einen Weiberkörper hineingetrieben!" Julius keuchte vor Anstrengung und konnte sich aus der gerade eingenommenen Stellung nicht herausdrehen. Noch waren Béatrice und er eine körperliche Einheit. Doch Béatrice ließ wohl schon nach. Da krachte es in der Wand, und ein rot glühender Gegenstand schoss aus der Mauer, die sich sofort wieder schloss. Julius hörte nun auch mit den Ohren die jammernde Stimme, die Stimme einer Frau. "Du hast mich zu meiner eigenen Schwester gemacht. Ihr habt mich ...."

"Das Buch", ächzte Béatrice und löste sich von Julius, wobei dieser fühlte, wie es ihn im Unterleib schmerzte. Er sah sich um und erkannte ein riesiges Buch, das in Drachenhaut gebunden war. Auf dem Einband hockte eine nackte Frau, von den Abmessungen her eine wahre Matrone mit struweligem, schwarzem Haar und verweinten Augen. Julius konnte trotz der eindeutig weiblichen Züge die Ähnlichkeit mit Orion dem Wilden erkennen.

"Weiter, Julius! Wir müssen sie weiter schwächen", sagte Béatrice und warf sich über ihn und schaffte es, sich wieder mit ihm zu vereinigen. Als Julius erneut die absolute Wonne durchlebt hatte, während in seinen Ohren und seinem Kopf die Stimme des offenbar verwandelten Gründungsvaters widerhallte, fiel sein von der wilden Anstrengung verschwommener Blick auf die zierliche Wanduhr. Sie hatten noch eine halbe Stunde Zeit, bevor der Trank aufhörte. Diesmal war er es, der nach einer kurzen Atempause den nächsten Beischlaf einleitete. Doch dann waren beide körpervertauschten Partner erschöpft.

"Ich muß schon sagen, Julius, das dein Körper eine tolle Kondition hat. Aber meiner auch", hächelte Béatrice. Das Buch lag derweil auf dem Tisch, Dampf stieg aus ihm empor, während Orion, der nun eine Frau war, immer zierlicher aussah. Offenbar hatten sie die Umwandlung mit jeder Runde vorangetrieben. Jetzt lag das Buch mit gebleichtem Einband auf dem Tisch. Als sie sich voneinander lösten klappte es auf und ein starker Sog ging von ihm aus.

"Dafür werdet ihr den Rest dieses Daseins alle und jeden beseelen, bis zum tode in den Wonnen der Liebe gefangenzubleiben", flennte Orion. "Ihr habt mein Erbe verhöhnt, mich grausam verunstaltet und meine Gabe gegen mich selbst gewendet." Béatrice und Julius hatten im Moment keinen Zauberstab in Griffweite. Julius klammerte sich an dem Bett fest, während Béatrice sich an ihm festklammerte.

"Das ist wie bei Winnies wilder Welt!" Rief er und klang wie eine Frau am Rande der Panik. "Dieses Buch soll uns in seine magische Welt reinziehen."

"Kommt zu mir, ihr verdorbenes Pack. Gleich könnt ihr es in allen Körpern dieser Umgebung treiben, bis sie tot umfallen und ihr wandern müßt, der Mann zum nächsten Weibe und das Weib zum nächsten Mann, bis ich wieder bin, wer ich bin", krakehlte die Frau auf dem Einband.

"Du warst ein Hurenbock und bist jetzt eine dreckige Dirne, die nicht mal mehr ein Straßenköter bespringt", schoss Julius eine Beschimpfung auf das Buch ab. Dann sah er Béatrices Zauberstab auf dem Tisch. "Accio Zauberstab!" Rief er und streckte die Hand aus. Der Zauberstab auf dem Tisch ruckelte. "Accio Zauberstab!" Rief er erneut. Da schnellte der Zauberstab vom Tisch und flog auf ihn zu wie ein Wurfspeer. Er packte ihn.

"Resomnius Bellona!" Das Buch erzitterte und klappte zu. Der Sog verflog schlagartig. Dann hob es ab und bewegte sich schwerfällig auf die Wand zu, durch die es vorher hereingekommen war. Julius ahnte, daß es sich an seinen Ruheort begeben würde, bis Orion oder Bellona, seine eigene Schwester, die er nun war, wieder erwachte, weil irgendwann wieder ein unberührter Knabe und ungeborene Kinder in der Nähe waren. Er gab Béatrice den zauber stab und hechtete dem Buch nach, das schon fast durch die immer noch wirkende ockergelbe Klangkerkermagie drang.

"Ich brauche wohl meinen Zauberstab. Halte das Buch in der Luft fest!" Béatrice richtete den Stab auf das Buch und rief "Impedimenta!" Julius fühlte, wie ihm das Buch wild bebend aus den Händen glitt und zitternd in der Luft stehen blieb von seiner und Béatrices Zauberkraft in der Luft gehalten. Es kämpfte dagegen an, frei in einem Raum zu schweben. Julius tauchte nach seinem Zauberstabgürtel, pflückte den Stab von Ollivander heraus und richtete ihn auf das Buch. Dabei dachte er:

"Jetzt gebe ich dir die heißeste Liebe aller Zeiten, du Drecksack. - diffindo addo incendio!" Die letzten drei Worte rief er laut und mit voller Konzentration auf das Buch. Zuerst schlug es auf, zerriss dabei mit einem lauten Schmerzenslaut, um im nächsten Moment in hellen Flammen aufzugehen. Aus dem Feuer heraus schrillten Schreie und Knälle. Blitze aus rotem, blauem, gelbem, grünem, violettem und orangem Licht schossen aus den lodernden Buchseiten, die sich von gelb über braun nach kohlschwarz verfärbten und dabei zusammenschrumpelten. Aus den Blitzen, Flammen und Rauchschwaden formte sich eine in schrecklichen Krämpfen zuckende Frauengestalt, die Gestalt vom Einband. Als das Buch vollständig zerfiel, verschwand sie mit einem lauten Knall in einem weißen Lichtblitz. Eine wuchtige Druckwelle breitete sich vom Zentrum der Lichtexplosion aus und warf alle Möbel um und drückte die beiden Körpervertauschten gegen die Wand. Dann war es vorbei. Julius hörte ein leises Piepen in seinen Ohren und vermeinte, mehrere schwarze Punkte in der Luft zu sehen.

"Mist, das Ding hat mir ein Knalltrauma und Netzhautschäden verpaßt", jammerte er. Doch Béatrice umfaßte ihn und meinte:

"Keine Sorge, das geht sofort weg, wenn wir uns zurückverwandeln. Du weißt doch, der Körper nimmt den genau vorhergehenden Zustand wieder an. Heul also nicht los wie ein Mädchen, du bist keins mehr!"

Julius mußte trotz der Ohrenschmerzen und den fest an einer Stelle in seinem Blickfeld hängenden schwarzen Punkten lachen. Natürlich, wie konnte er das vergessen.

"Wielange noch?" Fragte Julius.

"Fünf Minuten. Aber ich denke, wir müssen nicht noch mal übereinander her", sagte Béatrice.

"Wie soll ich unser Kind nennen, Béatrice?" Fragte Julius nun wieder ganz frech.

"Wenn's ein Junge wird Orion und bei einem Mädchen Bellona. Aber ich fürchte, so schnell ist selbst deine Saat nicht, daß du in dem Körper noch schwanger wirst. Eigentlich auch interessant, ob der Vielsaft-Trank dann noch wirkt wenn er von einer Schwangeren getrunken wird. Aber da bekäme ich wohl sehr bösen Krach mit der Heilerzunft. Ist ja schon fraglich, ob sie mir diesen Wahnsinnsritt durchgehen lassen. Aber immerhin hat deine abgedrehte Idee funktioniert, Hut ab!" Sie nahm ihn in die Arme, und küßte ihn inbrünstig auf den Mund. Er fühlte die Bartstoppeln an seinen zarten Lippen kratzen.

"Ui, ich glaube, ich muß mich rasieren, bevor ich nachmittags wieder tanzen gehe. Soll ich jetzt mal die Frage stellen wie ich war?" Sagte Julius.

"Das ist eine Männerfrage und schickt sich nicht für junge Frauen", erwiderte Béatrice gleichermaßen humorvoll.

Jemand klopfte an die Tür. Béatrice horchte in sich hinein. Dann sagte sie:

"Oh, Catherine steht vor der Tür. Maman hat sie zu uns geschickt, weil das Schloss leicht gewackelt hat und der laute Knall einige Weingläser zerschlagen hat. Ich mach uns mal eben sauber, damit wir gleich in unsere anständigen Klamotten schlüpfen können", sagte Béatrice und vollführte den Ratzeputz-Zauber an sich und an Julius. Splitternackt stand er in ihrem Körper auf, während sie in seinem Körper die Tür öffnete und damit den Klangkerker aufhob. Catherine Brickston trat ein, sah sie an und stürmte dann auf Julius zu:

"Was sollte das, Béatrice Latierre. Ich hörte mal davon, daß sowas zum guten Ton der Latierres gehört, halbwüchsige Knaben in ihr Mannesdasein hinüberzuführen, aber daß Sie sich das mit meinem Zögling herausnehmen."

"Catherine, hallo, ich bin es, Julius", sagte der gerade als junge Frau dastehende Beauxbatons-Schüler und sah sie an. Er fühlte, wie ihm etwas die Beine hinabrann, vermutete Blut und dachte daran, das er gleich wieder der war, der er sein sollte.

"Wie lange hält das noch vor?" Fragte sie und zog die Tür zu.

"Drei Minuten. Vorher sollten wir uns nicht anziehen", sagte Béatrice.

 

"Gut, die Zeit nehme ich mir, um mit diesem unanständigen Mädchen eine kurze Sitzung in Geistschöpfen zu halten. Entspann dich, Julius und versuche diesmal nicht, dich dagegen zu wehren!" Sagte sie. Er sah sie sehr genau an, so daß der Blick seiner gerade braunen Augen mit dem von ihr verbunden blieb. Zwar störten ihn die schwarzen, immer an derselben Stelle schwebenden Punkte. Doch als Catherine die letzten zwei Stunden Erinnerung aus ihm herausschöpfte, versank er in einer Flut von Bildern und Gefühlen. Als sie wohl genug gesehen hatte war es noch eine halbe Minute, die er in Béatrices Körper stecken mußte.

"Wenn ich selbst nicht wüßte, wie wichtig es ist, Flüche zu brechen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt, würde ich euch beide jetzt in rosa Stoffwindeln verwandeln und euch Madame Ursuline zur Geburt ihrer Kinder schenken oder euch in Kaninchen verwandeln, die ich meiner Tochter ins Zimmer stelle. Da hättet ihr dann da weitermachen können, wo ihr aufgehört habt. Aber ich erkenne an, daß ihr diesen Fluch brechen wolltet und tatsächlich auch brechen konntet. Sehr schön, Julius. Wie fühlt man sich denn als unanständiges Mädchen?"

"Im Moment nackt und irgendwie als wenn mir jemand was unten reingerammt hätte", erwiderte Julius.

"Dann wird's Zeit, daß du wieder ein anständiger Junge wirst", sagte Catherine lächelnd. Als hätte sie das als Zauberspruch formuliert setzte bei Julius die schmerzhafte Rückverwandlung ein, die ihn wieder wie von kochendheißen Knetwerkzeugen durchgewalgt fühlen ließ. Dann stand er wieder so da, wie er nach dem Zeitpaktzauber weitergelebt hatte. Ja, und das Ohrenklingeln und die schwarzen Punkte vor den Augen waren auch weg.

"Ich zieh dich mal eben an, damit du nicht meinst, ich müßte dich heiraten", sagte Catherine und hob ihren Zauberstab. Julius fühlte sich in einer Sekunde hochgehoben und herumgewirbelt. Dann stand er in seinen Sachen fix und fertig und vor allem züchtig verhüllt da. Béatrice hatte sich wohl ebenfalls blitzschnell anziehen können.

"Ich hoffe, Sie stellen keine sittlich reglementierten Ansprüche an den Jungen", sagte Catherine.

"Nein, auf keinen Fall", sagte Béatrice. Julius sah sie an und mentiloquierte, ob sie wirklich wieder so aussah wie vor der Verwandlung. Sie nickte zur Antwort.

"Glaub nicht, daß du heute nachmittag frei hast", mentiloquierte Catherine. "Gerade jetzt, wo du diese Erinnerungen in dir trägst mußt du lernen, sie zu verbergen." Julius sah sie an und schickte zurück:

"Das will ich auch haben. Nachher kriege ich noch Ärger mit Professeur Fixus oder deiner Mutter."

"Eben, und das muß ja nicht sein", kam Catherines Antwort.

So gingen sie zum verspäteten Mittagessen, während dem Béatrice wohl mit ihrer Mutter mentiloquierte, die gerne noch etwas aß, um die zwei Ungeborenen und sich zu sättigen. Einmal sah sie ihn an und mentiloquierte:

"Davon erzählst du deiner Mutter bitte nichts. Sonst meint sie noch, ich wolle dich als meine Tochter behalten. Aber Danke, daß du diesen lästigen Fluch ausgetrieben hast. Wir Latierres können uns auch ohne Orions nettes Erbe heiß genug lieben." Julius lächelte. Catherine räusperte sich und mentiloquierte:

"Na, nicht die Mentiloquismus-Regeln vergessen, was immer sie dir da mitgeteilt hat."

"Wo ist denn Joe?" Fragte Julius.

"Er spielt Fußball mit den Männern, und die Frauen gucken ihm dabei zu. Er ist wie ausgewechselt", sagte sie. Dann fügte sie nur für Julius wahrnehmbar hinzu: "Wahrscheinlich lag das auch an diesem Fluch."

"Hoffentlich bist du jetzt nicht enttäuscht. Ich will euch ganz bestimmt nicht in eure Ehe reinpfuschen", schickte Julius zurück, während er von der Mousse au Chocolat aß.

"Ich denke mal, er ist nach vielen Jahren wieder aufgetaut. Er mußte nur darauf gebracht werden, wie schön unser Leben doch ist. Du hast ihn mir nicht weggenommen. Falls doch, und er sollte wagen, mir davonzulaufen, hole ich dich an deinem natürlichen Siebzehnten auf meinen Besen und zwinge dich dazu, Babette und mich weiterzuertragen." Offenbar mußte sie sich arg anstrengen, nicht zu lächeln. So sagte sie noch, um einen Grund dafür zu haben: "Ich hörte von Hippolyte, sie wolle dich in die Juniormannschaft für die nächste Weltmeisterschaft holen. So gut muß ihr dein Spiel gefallen haben."

Am Nachmittag mußte er sich zwei hammerharte Stunden Occlumentie-Übungen gefallen lassen. Doch er schaffte es zumindest, jetzt eine viertelstunde durchzuhalten, bevor Catherine wirklich brisante Dinge aus seinem Geist fischen konnte.

"Dieser Traum heute Nacht", sagte sie dann, als sie eine Viertelstunde Pause machten, "Das wird auch dieser Fluch gewesen sein. Aber offenbar hat es dich nicht gestört, daß du Martine geheiratet hast. Aber daß ich mal als Lehrerin nach Beauxbatons gehe, noch dazu wenn meine Mutter Schulleiterin ist, darüber wäre ich erschrocken aufgewacht."

"Ich denke, das mit Martine kam eben wegen dieser Zeit gestern abend. Kann sein, daß da auch schon dieser wandelnde Piephan Orion Lesauvage reingefuhrwerkt hat. Das ist ja gerade der Mist, daß ich nicht weiß, was an den Gefühlen von gestern und heute echt ist."

"Du kommst damit klar. Außerdem hast du durch diesen Fluch und dessen sprichwörtliche Austreibung deine Hemmungen vor geschlechtlicher Zweisamkeit hoffentlich gleich mit ausgetrieben, wenngleich die körperlichen Erlebnisse einer Frau doch anders sind als die eines Mannes."

"Ich hoffe, du hältst mich nicht für gefahrensüchtig", sagte Julius.

"Du meinst, daß die Möglichkeit bestanden hat, daß Béatrice und du entweder als Füllmaterial in diesem Buch verschwunden wäret oder ob sie dich in andere Umstände hätte versetzen können?" fragte Catherine.

"Die Gefahr bestand wohl nach Halloween eher", sagte Julius. "Ich dachte eher daran, daß manche Flüche sich nicht so einfach brechen lassen."

"Wenn es denn nur ein Fluch war, Julius. Nachdem, was ich jetzt über dieses Buch weiß, könnte es auch ... Aber nein, das wäre sicherlich aufgeflogen, wenn Orion so skrupellos gewesen wäre."

"Inwiefern, oder müßtest du mich töten, wenn du es mir erzählst?"

"Ich kann einiges mehr ab als Maman. Aber hüte dich vor meinen Grenzen, auch wenn sie weiter gesteckt sind!" Erwiderte Catherine drohend. Dann sagte sie: "Claire muß nicht wissen, was du heute mittag statt anständig zum Essen zu kommen getrieben hast, am besten auch nicht deine Mutter, Joe schon gar nicht, weil er dann doch an unserer Liebe zweifelt. Genauso gibt es Dinge, die du nicht wissen mußt und die nicht zu kennen dich besser schlafen lassen als das Wissen darum. Du hast in deinen jedenfalls abwechslungsreichen Ferien schon genug schlimme Sachen erlebt. Also überlasse es bitte mir, was ich von dem Buch halte. Immerhin habt ihr es zerstören können. Maman könnte sich freuen, daß du die Schulchronik so gut liest, daß du wußtest, das Orions zweieiige Zwilllingsschwester Bellona genannt wurde. Das hat seinem ... Wesen in dem Buch, seinem Fragment den Rest gegeben, wenngleich bei sowas oft der wahre Name besser wirkt."

"Offenbar hat sich diser Abdruck von ihm, vielleicht aus seinem Blut, in seine Schwester Verwandelt. Deshalb hat er und später sie ja so gequängelt", vermutete Julius.

"Jedenfalls steht fest, daß längst nicht alle Gründungseltern von Beauxbatons durchweg ehrbare Zeitgenossen waren. Bedauerlich aber nicht zu leugnen. Was mir im Moment mehr Kopfzerbrechen bereitet als das verfluchte Liebesbuch von Orion oder deine Erlebnisse mit Hallitti und deine noch immer nicht klaren Gefühle für Claire oder eine der Latierre-Schwestern ist diese Stadt, von der du geträumt hast. Ich kann nämlich nicht erkennen, aus welchen Verästelungen deines Geistes sie aufsteigen konnte. Das ist jetzt das zweite Mal, daß du davon geträumt hast?"

"Ja, ich weiß auch nicht, woher ich die habe. Als ich mal von Anthelia und Sardonia geträumt habe, habe ich die unterirdische Stadt aus einer Weltraumserie eingebaut."

"Entspann dich noch mal!" Sagte Catherine übergangslos sehr ernst. Julius sah sie an und ließ es sich gefallen, daß sie ihn legilimentierte, ohne sich zu wehren. Zwar gefiel ihm nicht, wie die Bilder von den Hexen in Weiß, die ihn aus Hallittis Höhle befreit hatten immer wieder auftauchten, abwechselnd mit Traumbildern, bis er genau die Szene noch einmal erlebte, wie die Hexe in Rosa ihm ihr Gesicht zeigte und ihn ihrerseits Legilimentierte.

"Verdammt, daß wir da noch nicht dran gedacht haben", knurrte sie, bevor sie merkte, daß Julius' Sinne wieder klar waren. Er fragte, was sie herausgefunden habe, er stellte sogar die Frage: "Kennst du diese Hexen vielleicht doch von irgendwo her?"

"Ich fürchte, Julius, mit dir die Übungen zu machen war nicht nur notwendig, sondern für dich überlebenswichtig. Ich habe was gesehen, das würde ich gerne in ein Denkarium übertragen, um es mir genau anzusehen. Falls stimmt, was ich befürchte, kommt noch einiges mehr auf uns zu, vor dem sich auch und gerade dieser bösartige Mörder von meinem Vater in Acht nehmen muß."

"Konkurrenz für Voldemort?" Entschlüpfte es Julius, bevor ihm klar wurde, das dieser Name Catherine wehtun und wütend machen würde.

"Du hast es erfaßt, Julius", sagte seine Fürsorgerin sehr beklommen. Julius erschrak über ihre Stimmung und über die Erkenntnis, was er da gerade ausgesprochen hatte. Er trug eine Erinnerung in sich, die von jemanden, vielleicht dem sogenannten dunklen Lord selbst, aus seinem Geist geschöpft und genauso erkannt wurde, wie Catherine es verstanden hatte. Ja, er wußte etwas, weswegen man ihn töten mochte. Na gut, daß die weißen Hexenschwestern ihn wohl nicht getötet hatten, obwohl sie allen Grund dazu hatten oder diese eine Hexe, die seinen Vater infanticorporisiert hatte ihn nicht neben ihn gelegt hatte, als Zwillingspaar sozusagen, verstand er bis heute nicht. Die einzige logische Erklärung die ihm einfiel: Sie wollten, daß er das weitergab, so oder so. Ja, und sie wollten, daß man erkannte, wer sie waren, wenngleich sie wohl nicht sofort erkannt werden wollten.

"Du hast von mir genug gehört, Jüngling, daß ich feststellen kann, du würdest mich erkennen, wenn du mich das nächste Mal siehst", hörte er die warme Altstimme der Hexe, die Hallittis Lebenskrug zerstört hatte.

"Die wollten, daß du oder deine Mutter oder wer immer rauskriegt, wer die sind", erwiderte Julius.

"Eben, und dich deshalb am leben gelassen haben", sagte Catherine. "Um dich für spätere Vorkommnisse besser vorzubereiten muß ich dir diese Erinnerung lassen, obwohl mein Mutterinstinkt verlangt, sie dir wegzunehmen, damit dich niemand deshalb quälen und töten mag. Aber zum einen würde das den Mörder und seine Handlanger eh nicht davon abhalten, dich umzubringen, weil du nicht in ihr Bild von lebenswerten Zauberern paßt. Zum anderen könntest du diese Hexe, die dich und deinen Vater befreit hat ja wiedertreffen und solltest dann zumindest wissen, wo du sie bereits angetroffen hast. Das einzige, was dich schützen kann, ist deine eigene Disziplin und die Übungen, die wir machen. Ja, Julius, und die werden wir jeden Tag in diesem Umfang machen, bis du zumindest mich vollständig aus deinem Geist ausschließen kannst. Als Fürsorgerin für dich steht es mir zu, meiner Mutter als Lehrerin die Anweisung zu geben, dich weiterhin zu unterweisen. Sie ist in der Legilimentie noch besser ausgebildet als ich. Wenn du ihre Kriterien erfüllst, bist du sehr gut gewappnet."

So vollendeten sie die Übungseinheit, wobei Julius es wieder schaffte, eine Viertelstunde durchzuhalten, ohne selbst zu merken, ob er Erinnerungen und Gefühle preisgab.

Die Geburtstagstafel für Calypso, Penthesilea, Sabine und Sandra stand im Sonnenblumenwald. Die feier verlief so, wie Julius es von Claire, Barbara und Jeanne schon erlebt hatte. Anschließend zeigten er und Joe den Zauberern weitere Fußballkunststücke, bei denen die Ehefrauen, Geschwister und Kinder zusahen.

"Hui, auf dem Boden mit dem einen Ball rumzulaufen ist schon anstrengend", keuchte Albericus Latierre, über den sie immer wieder hinweggepaßt hatten. Zaubern durfte ja keiner, zumal Florymont Dusoleil, um selbst genug Spaß am Spiel zu haben, den Ball mit einigen Antibewegungszaubern unfernlenkbar gemacht hatte.

Am Abend gab es ein großzügiges Essen, das wieder im runden Saal eingenommen wurde. Danach verlagerte sich das Fest in einen großen, bunt geschmückten Tanzsaal. Julius kam nie zum langen Sitzen. Denn ständig forderten die Geburtstagskinder, sowie Béatrice Latierre, ihre Schwester Barbara oder ihre Schwester Hippolyte ihn auf, von Claire, Martine und Millie ganz zu schweigen. Als er schließlich noch einmal mit Madame Dusoleil tanzte, fragte sie ihn:

"Und, habt ihr klären können, was mit deiner Mutter nun ist, Julius. Ich finde es schade, das Martha nicht dabei ist und mittanzen kann."

"Ich hoffe, sie hat die Therapie, die Madame Eauvive mit ihr durchgezogen hat gut überstanden und kann morgen wiederkommen."

"Das hoffe ich auch. An und für sich wollte sie ja gerade deswegen hier sein, weil sie einen anderen Hexen- und Zauberergeburtstag als meinen mitfeiern wollte."

"Sie hätte auch schon zu Claires Geburtstag kommen können", grummelte Madame Dusoleil. Aber Claire meinte, wegen der anderen Verwandtschaft und weil Martha ja lieber Schach gespielt hat ... Wenn du morgen gefragt wirst, ob du sie abholen gehen möchtest, sage mir bitte bescheid oder versuche, mich auch mal anzumentiloquieren. Ist ja unheimlich, wie still Catherine, Ursuline und du euch unterhalten könnt. Aber ich bin im Antworten nicht so gut wie meine Mutter."

"Was macht sie eigentlich gerade?" Fragte Julius.

"Sie ist in Persien bei ihrem bekannten Mehdi Isfahani, wegen alter Schriftrollen, die in der Nähe des an Kurdistan angrenzenden Gebirges gefunden wurden."

"Trägt die dort auch einen Schleier, wie die Muggelfrauen ihn da tragen müssen?"

"Einen Tschador? Ja, tut sie. Aber eher um nicht aufzufallen als um sich anzupassen."

"Was laut meinem netten Freund Kevin ja auf's selbe rauskommt", erwiderte Julius.

"Wenn du von dem mal wider was hören solltest, also wenn er wagt, sich wegen der Sache im Musikpark und dem Feuerwerk noch mal zu äußern, bestelle ihm bitte einen schönen Gruß von der aufgebrachten Französin in Grün, das von meiner Seite aus die Sache erledigt ist. Allerdings sollte er sich überlegen, ob er übernächstes Jahr zur Quidditch-Weltmeisterschaft kommen will. Eleonore vergißt nichts und könnte ihn ordentlich rannehmen, wie er die Ringe losgeworden ist."

"Wenn ich ihm nur schreibe, sie wolle ihn rannehmen, bleibt der schon freiwillig zu Hause", versetzte Julius frech.

"na, sage ihr das bloß nicht, wenn sie in der Nähe ist", erwiderte Madame Dusoleil verschmitzt lächelnd und legte nach: "Sonst nimmt sie statt ihn dich ran, und ich denke, das ist dann nichts, worauf du dich dann freuen könntest."

Ganz zum Schluß, es war kurz vor Mitternacht, winkte ihn Ursuline Latierre noch einmal zu sich. Doch sie sprach nicht mit ihm, sondern mentiloquierte mit ihm:

"Deine Mutter gefällt die Therapie. Antoinette hat mir mitgeteilt, daß sie sie füttern und wie ein Baby wickeln mußte, weil sie die Verbindungsmütze nicht abgenommen hat."

"Oha, nicht daß sie jetzt meint, in Ihnen drinzubleiben, bis Ihre Kinder kommen", schickte Julius zurück.

"Im Moment wohl der beste Platz, um zumindest alles hören zu können, was ihr so erzählt", gedankensprach sie zurück. Vorsichtig tätschelte sie sich den runden Bauch und sagte dann leise:

"Ich werde morgen mit Joe Schach spielen. Wenn deine Mutter wieder gesund ist, wird Barbara sie holen fliegen. Am besten fliegst du dann mit. Und sage ihr bitte, es gebe noch was von der Geburtstagstorte."

"Wenn sie hört, daß Sie gegen sie im Schach verlieren wollen kommt sie sicher wieder gut auf die Beine", scherzte Julius. Madame Latierre lachte. Wie mochte sich das im inneren von ihr anhören, fragte sich Julius in diesem Moment.

"Wir können ja noch einmal spielen, wenn ich herausgefunden habe, wie gut Catherines Mann spielt. Vielleicht gewinnst du ja gegen mich."

"Sie müssen mir keinen Sieg schenken, Madame. Ich respektiere das, wenn jemand besser spielt als ich."

"Dabei kommt es auch auf die Tagesform an. Im Moment fühle ich mich mit meiner Extrazulage wohl genug, um zu spielen. Aber wir sind jetzt in der Endphase. Nachdem Esperance und Félicité gehört haben, welche netten Geschwister, Cousins und Neffen sie haben, könnten die es sehr eilig haben. Béatrice meinte sogar, sie könnten innerhalb von weniger als einer Stunde geboren werden, weil ich damit ja schon so oft zu tun hatte."

"Dann hoffe ich mal, daß Sie dieses Erlebnis, noch mal Kinder tragen zu können richtig auskosten. Nicht daß Martine und ich wieder Extraschicht leisten müssen, obwohl Ihre Tochter Béatrice ja dafür gesondert ausgebildet ist."

"Sie hat mir übrigens auf diesem Wege zukommen lassen, du möchtest sie auch weiterhin duzen", mentiloquierte die hoffnungsvolle Hexenmutter. Julius sah sie leicht verlegen an. "Du hast meiner Tochter nichts weggenommen, sondern gegeben und unserem Haus einen lästigen Ballast abgenommen. Ich habe Orions Bild bis auf weiteres in meinen tiefsten Keller verbannt. Strafe muß sein, auch für einen Gründungsvater meiner Familie."

"Das Ding mit dem Buch ging doch schon Jahrhunderte", mentiloquierte Julius zurück. "Warum jetzt?"

"Gemäß dem Grundsatz, was sich beweisen läßt kann auch bestraft werden", gedankensprach sie. Dann führte sie Julius zu ihrem Konzertflügel, den sie mit einigen Liedern regelrecht aufgeladen hatte, um tanzen zu können. Sie bat Julius, sich neben sie hinzusetzen und sagte:

"So, für Callie und Pennie spiele ich heute noch einmal das Schlaflied wie für meine jüngeren Kinder und Enkel und alle die jetzt rechtschaffen müde sind. Ich hörte, Julius habe nun eine wunderschöne Tenorstimme. Ich gehe davon aus, daß er das Lied schon einmal gehört hat. Aber zur Sicherheit kann er es ja mitlesen. Also!"

Julius kannte das Lied wirklich, er hatte es zum ersten Mal gehört, wo er keine Ohren, keinen Kopf und keine Beine gehabt hatte, sondern ein geräumiger Weidenkorb gewesen war: "Kleines Kind, was bist du müd'", sang er erst verhalten und dann immer klarer mit. Beim Kehrreim stimmten dann alle Gäste mit ein. Sie kannten dieses Schlaflied alle. Danach wünschte Madame Latierre ihren Verwandten und Gästen eine gute Nacht. Dann brachte Martine ihn wieder zu seinem Zimmer, weil Catherine und Joe Babette, die bei dem Wiegenlied eingeschlafen war, in ihr Zimmer tragen mußten, wie auch Denise und Mayette. Melanie war die einzige, die noch alleine gehen konnte.

"Gut, das das mit diesem Buch jetzt vorbei ist. Ich habe gestern, nachdem ich dich hier abgeliefert habe geträumt, ich hätte eine ganze Quidditchmannschaft Kinder von dir bekommen, und die sahen alle aus wie Leute von deiner Klasse, Laurentine, Céline, Robert, Hercules, dann noch Bernadette, Mildrid und schließlich Claire. Die beiden letzten haben kaum das sie da waren gefragt, warum ich sie nicht zuerst hergegeben hätte und sie solange warten mußten. Das erzähle ich dir, weil du mir damals deinen Traum erzählt hast, was ja nicht gerade deine Idee war."

"Komisch, und ich habe letzte Nacht geträumt, wir hätten nur eine Tochter, die aber ähnlich wie du und ich aussah."

"Immerhin. Wie hieß sie denn?"

"Öhm, Aurore Latierre. Aurore von Aurora."

"Der Name ist schön. Sollte ich mal doch von irgendwem eine Tochter kriegen, könnte ich sie so nennen. Aber ich denke, da du von ihr geträumt hast, sollte der Name deinen Kindern vorbehalten bleiben.

"Sehe ich auch so, Schwester", sagte Millie unvermittelt hinter Julius. "Denk dir noch ein paar aus, solange keine Martine oder Cassiopeia dabei ist! Du weißt ja, sieben Stück, Julius."

"Hast du gelauscht, Mildrid?" Knurrte Martine.

"Nöh, nur das, was Julius zum Schluß gesagt hat", sagte Mildrid. "Das mit den Sieben Kindern ist was, das er mir mal vor dem Arithmantikunterricht gesagt hat."

"Was schon längst im Abfall der Geschichte gelandet ist", versetzte Julius und schlüpfte mit einem "Nacht, Mädels" in sein Zimmer. Dann kam noch Catherine und trieb die beiden leise käbbelnden Schwestern nach oben weiter.

 

__________

 

In dieser Nacht träumte Julius nichts, was ihm in Erinnerung bleiben konnte, obwohl der Tag zuvor ja schon sehr aufwühlend gewesen war. Er merkte nur, daß er offenbar sehr viel Schlaf nötig gehabt hatte, weil er erst um halb acht aufwachte. Rasch stand er auf und eilte ins Badezimmer hinunter. Dann ging er zum Frühstück, wo er neben Claire saß und sich mit ihr unterhielt. Sie wollte wissen, ob Martine ihn wieder zum Zimmer begleitet hatte. Er nickte.

Nach dem Frühstück trat Joe zur Schachpartie an und wart für fünf Stunden nicht mehr gesehen. In der zwischenzeit hielt sich Julius mit den Zauberkunstexperten und interessierten Zuhörern an einer Diskussion über Funkgeräte der Muggel und was sie der nichtmagischen Welt heute bedeuteten. Claire, die ja bei ihm Fernseher sowie Funktelefone kennengelernt hatte wollte noch einmal wissen, ob er das alles vermißte. Er sagte, daß er durch die Zaubererwelt soviel neues an Fernverbindungstechniken kennengelernt hatte, daß er das nicht mehr vermißte.

"Julius, Béatrice und ich holen gleich deine Mutter ab. Möchtest du mitkommen?" Fragte Barbara Latierre.

"Wie geht es denn Ihrer Mutter?" Fragte Julius.

"Die hat gerade die Partie Schach beendet. Joe Brickston ist nicht schlecht, sagt sie, aber ihm fehlt schlicht die Übung. Als sie Catherine gefragt hat, ob sie ihn nicht zwischendurch vorbeibringen könne, weil sie ja bald wegen der Kinder eher hier sein würde, ist der glatt weggelaufen."

"Ich werde wohl auch noch einmal gegen sie spielen", sagte Julius.

"Okay, dann wollen wir deine Mutter abholen", sagte Barbara. Ursuline Latierre begleitete sie und Béatrice. Julius sah zu, wie Demie, die die beiden letzten Nächte auf der großen Koppel hinter dem Sonnenblumenwald zugebracht hatte mit der Transportkabine versehen wurde. Dann stiegen sie über die Treppe hinauf und in die Kabine hinein. Barbara saß auf dem Bock und trieb Demie an, zum Eauvive-Schloß zu fliegen. In der Kabine hörte Julius Ursuline Latierre mit seiner Mutter flüstern.

"Martha, wir kommen jetzt zu Ihnen. Ich lasse das Tuch noch da, bis wir bei Ihnen sind. Aber dann möchte ich, daß Sie mein warmes Nest verlassen und wieder zu uns zurückkommen. Julius hat uns gestern viel Freude bereitet und bei einigen ganz wichtigen Sachen geholfen."

"Glaubst du echt, meine Mutter hat ihre Sinne noch in deiner Mutter?" Fragte Julius mentiloquistisch.

"Offenbar muß sie die Angst vor engen Räumen gegen ein Gefühl absoluter Erholung und Geborgenheit getauscht haben. Jedenfalls möchte Madame Eauvive sie erst von der Verbindung lösen, wenn Maman auch bei ihr im Raum ist, als sensorische Rückkehrhilfe. Ich hoffe, sie muß sie nicht mit dem Infanticorpore-Fluch behexen, um sie völlig neu heranwachsen zu lassen", sendete sie zurück. "Bei einigen Fällen von dieser Art von Langzeiterfahrung wollten die Probanden sich nicht umstellen und mußten tatsächlich körperlich neu aufwachsen und sich geistig wieder entfalten lernen."

"Dann hätten wir den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben", mentiloquierte Julius Béatrice.

"Tja, dann wird Maman wohl drei Kinder großziehen müssen", schickte Béatrice zurück. "Aber ich denke, wenn du da bist und sie dich wieder ansehen kann wird sie wissen, daß sie selber eine Mutter ist und kein Ungeborenes."

"Und aaabwärts, Demie!" Befahl Barbara Latierre. Die geflügelte Kuh sackte einige Meter durch und glitt dann zügig auf die Landewiese hinunter.

Antoinette Eauvive erwaartete sie schon.

"Schön, daß du gleich mitgekommen bist. Ich denke, deine Mutter kann jetzt wieder in ihre eigene Welt zurückkehren."

War es sehr heftig?" Fragte Julius.

"Am Anfang wollte sie nach zehn Sekunden schon die Mütze weglegen. Dann waren es zwei Minuten, dann eine ganze Stunde, und danach neunzehn Stunden bis jetzt. Offenbar sah sie es als außergewöhnliche Erfahrung an."

"Ist sie jetzt noch eine erwachsene Frau oder wieder ein Baby?" Fragte Julius.

"also nachdem sie heute Morgen mehrere Schachzüge ausgesprochen hat schätze ich, sie hat sich in irgendeiner Weise an Ursulines Lieblingsspiel beteiligt. Gegen wen ging es?"

"Joe Brickston", erwiderte Julius.

"Dann will ich mal hoffen, daß deine Mutter Ursuline nicht doch auf irgendeine Weise brauchbare Züge zugeflüstert hat. Du kennst ja das Gerücht, daß sie schwanger die besten Partien spielt."

"Ja, das Gerücht hat mittlerweile einen goldenen Zaubererhut gewonnen und Madame Delamontagne arg an sich zweifeln lassen."

"Weil Eleonore auch guter Hoffnung ist", sagte Madame Eauvive. "Hera Matine hat mir das berichtet und mich doch dreisterweise gefragt, ob ich dann nicht auch noch wen neues heranreifen lassen wolle."

"Sie lebt davon, neue Kinder in die Welt zu holen", erwiderte Julius.

"Ja, aber nur in Millemerveilles. Hier bin ich für Heilung und neues Leben zuständig", knurrte die Direktrice des Delourdes-Krankenhauses. Dann führte sie die Besucher in ein abgedunkeltes Zimmer. Dort lag Martha Andrews in einem breiten Bett. Julius sah, das sie noch in vergrößerten Windeln steckte. Ursuline sprach auf sie ein.

"So, Martha, jetzt möchte ich, daß sie zu uns anderen zurückkommen. Von außen sehe ich auch viel interessanter aus und bin bestimmt auch wesentlich ruhiger."

Madame Eauvive nahm Martha vorsichtig die Exosensohaube ab. Sie zuckte zusammen, sttreckte die Arme reflexartig nach oben, wie auch die Beine. Sie keuchte, als habe sie lange nicht mehr geatmet. Dann schlug sie die Augen auf.

"Was. Wielange war ich denn jetzt unter dieser Haube?"

"Neunzehn Stunden, Martha. Wie geht es Ihnen jetzt?" Fragte Madame Eauvive.

"Ungewohnt, so plötzlich so schwer zu werden und in leere Luft zu greifen. Julius ist auch da habe ich gehört?"

"Ja, Mum, ich bin da. Schön, daß du zu uns zurückgekommen bist."

"Ich hätte nie gedacht, das ein Foetus ein solch turbulentes Leben hat. Ich konnte mich zwar nicht selbst bewegen, habe aber mitbekommen, wie eng das schon war. Aber irgendwie war es irgendwann einfach nur gemütlich, von dem Gluckern und Rumpeln abgesehen oder den Bewegungen, wenn Ursuline herumgegangen ist. Wieso ist es hier eigentlich noch dunkel?"

"Weil ich Sie nicht so abrupt in Ihre Sinneswelt zurückstürzen lassen wollte", sagte Madame Eauvive. Dann öffnete sie vorsichtig die geschlossenen Vorhänge. Julius' Mutter blinzelte ein wenig, bevor sie mit offenen Augen alle anblickte. Madame Eauvive bat alle noch einmal, das Zimmer zu verlassen, damit sie ihr beim Umziehen helfen konnte. Als Julius' Mutter dann straßentauglich gewaschen und angekleidet war sagte sie zu Julius:

"Ich habe das gestern wohl mitgehört, wenngleich es in einem Mutterleib laut wie in einem Maschinenraum sein kann. Offenbar hast du mit Mademoiselle Béatrice was angestellt, um einen alten Fluch, der aufgekommen ist zu löschen. Leider wollte meine öhm, Leihmutter, ja nichts drüber sagen, was es war. Ich denke mal, sie hat mit dir und anderen immer telepathisch kommuniziert."

"Ja, das ist zeitweilig ziemlich anstrengend. Apropos, ich muß Madame Dusoleil mitteilen, daß es dir wieder gut geht", sagte Julius und konzentrierte sich, bis er sich Madame Dusoleil gut vorstellen konnte und sich mit ihrer Stimme sprechen hörte:

"Madame Dusoleil, meiner Mutter geht es wirklich wieder besser. Wir kommen mit ihr zurück."

Tatsächlich erklang wie aus weiter Ferne Madame Dusoleils Gedankenstimme, daß sie verstanden habe.

"Zumindest bin ich froh, nicht wirklich ein Säugling geworden zu sein", sagte Julius' Mutter, als sie nach einer abschließenden Seelenlotung und einer Einblickspiegeluntersuchung der beiden Ungeborenen keine Angst mehr zeigte.

"Tja, dann hätte ich Sie wohl auch nehmen können", sagte Ursuline. "Wäre mal was neues gewesen, eine Ziehtochter, die nach dem Stillen noch eine Partie Schach mit mir spielt."

"Ich hoffe, Sie haben auch genug von dem Nutrilactus-Trank vorrätig", meinte Madame Eauvive. Ursuline Latierre sah sie vorwurfsvoll an.

"Was immer Sie und andere Heiler in Umlauf bringen. Ich hatte es nicht nötig, den Fortunamatris-Trank zu trinken, um noch einmal schwanger zu werden und habe auch keinen Nutrilactus-Trank nötig, um meine beiden Kinder ausreichend zu ernähren. Wenn Sie anstatt nur in Ihrer Chronik auch mal in unsere reinsehen würden, wo wir doch wwieder lebende Verwandte in beiden Familien haben, dann werden Sie feststellen, das Rheia Latierre, meine Urururururgroßmutter noch mit achtzig Jahren einen gesunden Sohn bekommen hat, ohne Fortunamatris-Trank. Der ist für Hexen, die selbst nach wochenlanger Liebe nichts und niemanden in sich anwachsen lassen. Julius, du hast den Unfug wohl auch gehört, ich würde diesen Trank nötig haben", wandte sie sich an Julius. Dieser nickte. "Blanche ist nur eifersüchtig, weil ich zum zweiten Mal geheiratet habe und von meinem Mann noch einige Kinder bekommen habe. Manchmal können selbst anerkannte Hexen noch wie kleine Mädchen zanken und hintertragen."

"Sagen wir es so, in der Muggelwelt wäre ohne technische Hilfe und einen Schwarm von Ärzten keine frau über fünfzig im Stande, zwei Kinder auszutragen und hoffentlich gesund zur Welt zu bringen."

"Nur ist der Unterschied, daß Hexen und Zauberer mit sechzig Jahren erst so richtig im leben stehen. Aber ich kann Leute wie Blanche verstehen, wenn sie meinen, es ginge nicht mit rechten Dingen zu. Aber Eleonore Delamontagne wird es nun selbst erleben, daß es noch gut geht." Sie strahlte Julius an. Dieser nickte nur.

Als Demie wieder gelandet war führte Julius seine Mutter in das Zimmer, in dem sie schlafen konnte, das neben seinem eigenen Zimmer lag. Als sie für einige Augenblicke allein waren fragte sie ihn:

"Was war denn das für ein Fluch?"

"Ein Aphrodisiakum-Fluch, Mum. Irgendwo in dem Haus, ich darf dir leider nicht sagen wo, gab es einen Zaubergegenstand, der besonders die Unverheirateten hier hibbelig gemacht hat. Bea... öhm Mademoiselle Latierre und ich konnten ihn aufheben. Wie, darf ich dir auch nicht sagen, weil ich habe schwören müssen, dieses Familiengeheimnis der Latierres für mich zu behalten. Falls ich es zu verraten versuche, wollen die haben, daß ich hierbleibe und nicht mehr nach Paris zurückkomme." Das wirkte offenbar. Seine Mutter fragte nicht mehr weiter.

Nach dem Mittagessen machte er mit Catherine wieder Occlumentie-Übungen. Weil er danach keine rechte Konzentration für Schach aufbringen konnte, war es an Martha, gegen ihre vorübergehende Leihmutter zu spielen, was sich bis zum Abendessen hinzog. Julius musizierte derweil mit den anderen im Sonnenblumenwald. Nach dem Abendessen unterhielt sich Martha lange mit Béatrice Latierre. Julius verbrachte den Abend mit Claire. Doch die wohlige Stimmung, die wegen des Buches von Orion dem Wilden aufgekommen war, wollte sich nicht mehr so recht einstellen. Claire fragte ihn, ob es an ihr liege. Er sagte natürlich "nein" und schob seine etwas abgekühlte Stimmung auf die Übungen mit Catherine, weil er Angst hatte, daß sie zu viel mitbekam.

"Du meinst, wenn wir uns küssen oder anfassen weiß sie das am nächsten Tag, ohne daß du ihr das sagst?"

"Öhm, ja", sagte Julius schnell. "Mehr möchte ich aber auch dazu nicht sagen."

"Julius, nichts für ungut, aber wenn du jetzt andauernd irgendwelche Geheimnisse aufgeladen kriegst, die du mir nicht erzählen darfst, wird es schwierig, mit dir noch was zusammen zu bereden. Ja, und wenn wir nicht einmal zusammen kuscheln können, ohne daß da wer was von mitbekommt, was bitte schön tun wir hier eigentlich? Ich meine, ich mag dich doch immer noch so gern, daß ich dir helfen möchte, wenn was ist."

"Das weiß ich. Und deshalb kann ich dich in solche Sachen ja auch nicht mit reinziehen", erwiderte Julius leicht genervt. "Nur gibt es halt ein paar Sachen, die ich erzählt oder gezeigt kriege und die ich nicht weitererzählen darf. Das ist doch bei dir nicht anders. Oder hast du mir wirklich alles erzählt, was du seit der Zeit, wo wir uns kennengelernt haben erlebt hast?"

"Juju, das ist jetzt nicht gerade fair, mir so zu kommen", stieß Claire aus. "Ich habe dir immer mehr erzählt als du mir. Du hast mir zum Beispiel nie gesagt, was genau dir Professeur Faucon so beigebracht hat, warum du und Jeanne an manchen Nachmittagen einfach verschwunden wart und was Catherine dir jetzt genau beibringt, außer daß sie dabei rausfinden kann, wie gern wir uns haben können. Du kriegst von mir also mehr als ich von dir. Ändert sich das vielleicht irgendwann?"

"Wahrscheinlich, wenn wir wieder in Beauxbatons sind."

"Jaja, wo dir Professeur Faucon im Zeugnis schon angedroht hat, dich möglichst mit ZAG-Kram vollzuladen. Ich hoffe, die meint es nicht zu ernst. Es sei denn du willst in den nächsten Wochen die Prüfungen für die vierte Klasse vorziehen, damit du gleich ins ZAG-Jahr reinkommst. Die Möglichkeit ist ja da."

"Da lege ich es nicht drauf an, Claire", beteuerte Julius. Doch Claire schien es nicht so recht zu glauben. "Wie gesagt, Juju, ich fände es wesentlich netter, wenn du mir etwas mehr von dir anvertrauen könntest. Jeanne sagt, ich soll dich nicht hetzen. Maman sagt, wenn wir zusammengehören würden wir alles durchstehen und Papa kam mir damit, daß du dich schon zusammennehmen würdest, um es dir nicht mit mir zu verscherzen. Für das alles kann ich mir nix kaufen", grummelte Claire noch.

"Das ist wohl auch keine Frage von Geld", erwiderte Julius. Claire wollte ihn schon anfauchen, als Babette zusammen mit Denise angelaufen kam.

"Dein Papa sagt, du könntest uns bei diesem Stück über den Mond helfen, Claire."

"Muß das jetzt sein?" Schnarrte sie.

"Eh, Claire, was ist denn mit dir los? Haste Krach mit Julius?" FragteDenise kichernd. Claire fauchte sie an, daß sie das nichts anginge und sie eh noch zu klein für sowas sei. Darüber mußten die beiden Neunjährigen laut lachen. Denise sagte:

"Wir zu klein. Babette hat sich schon Sachen übers Liebemachen angesehen in diesem Flimmerbildkasten und kennt sogar eine ganze Reihe von Geschichten, wo es um dieses Zeug geht."

"Da geht's schon los", schnarrte Claire. "Für euch ist das nur Zeug. Aber für andere, für Maman und Papa, für Babettes Eltern, für Jeanne und Bruno und für Julius und für mich ist das ziemlich wichtig, wie wir damit richtig leben. Ja, Babette, dieser Krempel über das, was die Muggel einfach Sex nennen ist doch so viel, daß du ganz bestimmt nix davon verstanden hast, außer, warum Männer nicht wie Frauen aussehen. Wenn bei dir mal die Brüste anfangen zu wachsen, wirst du vielleicht mitkriegen ..."

"Was ist denn jetzt, Claire", unterbrach Denise ihre Schwester.

"Vergiss es, Denise", erwiderte sie barsch. Darauf schoben die beiden Mädchen beleidigt ab. Doch wenn Claire glaubte, sie habe Zeit, mit Julius weiter über seine achso geheimen Sachen zu reden täuschte sie sich. Denn da kam Madame Hippolyte Latierre und bat Julius, sie auf eine abendliche Besenpartie zu begleiten. Claire fragte sie darauf hin barsch:

"Hast du es jetzt auch schon nötig, ihn zu umschwirren, Tante Hippolyte. Schon schlimm genug, daß deine beiden Töchter hinter ihm herlaufen."

"Claire, ich halte dir mal zu gute, daß du vielleicht gerade in der unangenehmen Phase deines Zyklus bist oder vor lauter jungen Hexen hier übersteigerte Konkurrenzangst entwickelst. Aber obwohl ich jetzt mit dir verwandt bin muß ich mir von dir nicht so kommen lassen, klar!" Claire gönnte ihr nur einen gehässigen Blick. "Hallo, ich möchte wissen, ob Ihnen das klar ist, Mademoiselle?"

"Nehmen Sie ihn mit, damit Martine und Millie den nicht dauernd umlagern!" Knurrte Claire.

"Wo umlagern die ihn denn, Mädchen? Ich sehe hier weder Martine noch Mildrid. Die sind bei den Montferre-Mädchen und tauschen mit denen den neusten Klatsch aus der Monde Des Sorciéres aus. Vielleicht solltest du dich ruhig dazusetzen und etwas mittratschen, damit du wieder etwas umgänglicher wirst."

"Eh, so nicht", entgegnete Claire. "Ich bin alt genug, um mir auszusuchen, ob ich mir blödes Gequatsche antue oder was wichtiges bespreche."

"Dann mach was du willst, Mademoiselle. Aber ich möchte jetzt gerne mit deinem Freund über die Eigenschaften des Ganymed 10 diskutieren und ihn in Einzelflugfiguren begutachten."

"Ausgerechnet abends?" Wunderte sich Claire.

"Natürlich, weil ich wissen will, ob er am Abend auch gut Quidditch spielen kann."

"Dann willst du ihn in echt für die Weltmeisterschaft vorplanen?" Fragte Claire.

"Es geht mir darum, ob er als junger Flieger genug eigene Fähigkeiten hat, um einzuschätzen, wie der Ganymed 10 oder spätere Modelle für die nationalen und internationalen Turniere eingesetzt werden können", erwiderte Madame Latierre. Claire funkelte sie an und meinte, dann solle sie ihn auch noch mit Beschlag belegen, er wäre das ja so gewohnt und sie auch.

"Mädchen, wie gesagt, ich muß dir wohl zu Gute halten, daß du im Moment wohl eine schlechte Tagesform hast, sonst würde ich dich mal eben übers Knie legen und den Hintern versohlen."

"Dann kriegtest du Ärger mit meinen Eltern. Die hauen mich nicht", versetzte Claire.

"Daran wird's wohl auch liegen, daß du meinst, Erwachsene so respektlos anraunzen zu dürfen. Julius, komm, deine Freundin ist wohl im Moment nicht gerade genießbar!" Julius wollte sich schon bei Claire entschuldigen und womöglich zur Nacht verabschieden, doch Hippolyte Latierre zog ihn einfach hinter sich her zum Schloß, wo sie ihn erst loslies, als er vor seinem Zimmer stand, wo er seinen Besen hatte.

"Ich hole meinen Besen noch, dann fliegen wir beide einige Kilometer weit übers Land."

"Entschuldigung, aber war das mit Claire jetzt eben nötig?" Fragte er.

"Ein gewisser rebellischer Geist ist bei Halbwüchsigen sehr gesund, Julius. Aber Claire muß sich langsam damit befassen, daß ihr nicht mehr alles nachgesehen wird", erwiderte sie und stieg die Treppe hinauf. Julius fühlte, daß er mit der hünenhaften Mutter Martines und Mildrids keinen Krach anfangen sollte. Ihn störte es, um nicht zu sagen, ihn kotzte es an, daß Claire gerade so zickig war und nicht einsehen wollte, daß er eben Sachen mitbekam, die nicht wie üblicher Dorftratsch weitergereicht werden durften. Er holte seinen Besen. Vielleicht würde die Hexe aus der Spiele- und Sportabteilung nur sehen wollen, ob er einen Ganymed 10 überhaupt verdient habe, wenn er damit nicht gerade Schulquidditch spielen wollte. Als sie dann beide mit ihren Besen auf den Schloßhof hinaustraten sagte sie zu Catherine, die sich mit Madame Dusoleil unterhielt:

"Keine Sorge, Catherine, ich passe auf, daß er nicht runterfällt."

"Hast du seine Mutter gefragt, ob du mit ihm durch die Nacht fliegen darfst. Deine Töchter haben ihn an den letzten beiden Abenden häufig umschwirrt."

"Jetzt fängst du auch noch damit an", entgegnete Hippolyte Latierre. "Camilles Tochter wollte mir schon unterstellen, den Jungen hier für mich zu beanspruchen."

"Echt?" Fragte Camille Dusoleil. Julius nickte bestätigend.

"Tja, wegen so vieler Latierres, die keine Probleme haben, mit ihm, wo er jetzt etwas größer geworden ist gerne zusammenzusein kein Wunder."

"Catherine, wenn Maman seine Maman im Schach besiegt hat oder umgekehrt sage ihr bitte, ich prüfe die Manövrierfähigkeiten des Jungen, um zu befinden, worauf ich bei der Vorbereitung der Weltmeisterschaft gezielt eingehen muß."

"Wieso ausgerechnet ihn, Hippolyte?" Fragte Camille Dusoleil.

"Weil er von den ganz jungen Fliegern der beste ist, den ich hier gerade befragen und begutachten kann", sagte Hippolyte Latierre. Catherine nickte. So saßen Julius und die Hexe aus der Spiele- und Sportabteilung auf und flogen los, erst einmal über den Schloßpark hinweg und dann ins Hinterland der Loire. Tatsächlich mußte Julius bei der zunehmenden Dunkelheit schwierige Manöver fliegen und auch zwischen Felsvorsprüngen durchwedeln, um den langsamen Flug zu zeigen.

 

"Wunderbar, du bist gut auf den Besen eingestimmt, obwohl du vor dreizehn Tagen noch etwas kürzer warst", stellte Madame Latierre fest und wies ihn an, ihr zu einer für Menschen ohne Fluggerät unzugänglichen Bergspitze zu folgen, wo sie auf einem Plateau landeten.

"Du bist wirklich ein guter Flieger geworden, seitdem du in Hogwarts damit angefangen hast", sagte sie und zündete eine kleine Laterne an, denn die Dunkelheit kroch bereits wie eine große Decke über das Land und fraß nach und nach die Silhouetten der umgebenden Hügel und Bergkämme. Julius fragte sich, was jetzt noch kommen würde. Er war sich sicher, daß Madame Latierre zu ernst um ihn gestritten hatte. Als sie ihn dann musterte, und ihm dabei ein merkwürdiger Schauer den Rücken hinablief, dachte er schon, Claire habe vielleicht doch recht gehabt und ...

"Ich hörte das von meiner Schwester Béatrice und dir, wie du mit ihr gestern diesen Fluch ausgeräumt hast. Wer kam denn auf die Idee, eure Körper zu vertauschen und es dann hemmungslos zu treiben, um diesem Orion eins auszuwischen?"

"Öhm, bitte was?" Fragte Julius. Doch der von der Dunkelheit umrahmte, im Laternenschein gespenstisch leuchtende Gesichtsausdruck Madame Latierres war unerbittlich.

"Ich war das, Madame. Aber nicht um Ihre Schwester zu entehren oder wie man das nennt, sondern um mich und uns alle davor zu schützen, daß wir nur noch wie die Kaninchen oder Bonobo-Affen kreuz und quer übereinander hergefallen wären. Mir ging's nicht darum, mal ein tolles Abenteuer zu erleben, wie das sich anfühlt, als Mädchen ... defloriert ist wohl das korrekte wort, also zum erstenmal körperlich geliebt zu werden, sondern darum, daß dieses Liebesbuch uns alle schon verhext hat. Vielleicht ist dadurch, daß Béatrice, Öhm, Mademoiselle Latierre und ich diese abgedrehte Sache durchgezogen haben bei einigen was verlorengegangen. Falls das so ist ..."

"Du hast dich also darauf eingelassen, deinen Körper zu verändern, um Orion Lesauvage vorzugaukeln, du würdest es vorziehen, als Frau mit einem Mann zu schlafen? Außerdem, wenn Béatrice dir den Vornamen angeboten hat, heißt sie auch weiterhin für dich so. Immerhin hast du ja das erfahren, was sie wohl vor lauter Berufskram nicht so schnell erfahren kann. Ich persönlich habe keine Probleme damit gehabt, weil ich mit meinem Mann immer noch ein sehr abwechslungsreiches Intimleben habe. Was mich bei der Sache betrifft ist Béatrice, weil sie eine jüngere Schwester von mir ist und ich wissen wollte, ob sie so weit ging, einen Jungen zu sowas zu verführen. Aber du hast mich angesehen und gesagt, du hättest die Idee gehabt. Wie kamst du darauf?"

"Weil sie erzählte, daß Orion der Wilde eine Abneigung gegen gleichgeschlechtliche Paare habe und es ihm ganz bestimmt nicht paßt, wenn ein Mann mit einer Frau den Körper aber nicht die Seelen austauscht und dann tut, was sein Fluch anregt."

"War es für dich unangenehm oder gleich sehr prickelnd, als meine Schwester zu lieben?"

"Öhm, daa sage ich besser nichts zu, weil ich damit Béatrices und meine ganz privaten Gefühle verraten müßte", sagte Julius, dem was brauchbares einfiel.

"Schön, das wollte ich auch hören. Ich habe da von einem Fall gehört, eine weit entfernte Cousine wollte mit ihrem Freund genau dieses Spiel spielen, und der hatte nichts besseres zu tun, als über seine Erfahrungen allen Jungen zu berichten, als wenn es ein Abenteuerspiel gewesen wäre. Dieses Mädchen hingegen fühlte sich enttäuscht und herumgeschupst. Mag sein, daß ich die große Schwester rauskehre und nicht möchte, daß Béatrice derartig bloßgestellt wird. Vielleicht wollte ich auch nur wissen, ob du es genossen hast, mal sie zu sein."

"Hmm, Was haben Ihre Töchter Ihnen über den Oktober und November in Beauxbatons erzählt?" Fragte Julius. Natürlich wußte er, daß sie es wußte.

"Natürlich, die vier Tage. Da hast du sehr viel Disziplin und Einfühlungsvermögen bewiesen. Mag sein, daß dir das gestern auch geholfen hat, wenngleich ihr ganz sicher nicht diszipliniert gedacht habt."

"Das war nur ein Experiment. Sie wußte das, ich wußte das. Mehr als das was wir erreichen wollten ist nicht passiert. Aber warum fragen Sie mich dazu aus und nicht Ihre Mutter?"

"Weil Maman wie du sehr experimentierfreudig ist. Sonst hätte sie wohl ungern gestattet, daß deine Maman ihre aufgekommene Platzangst dadurch besiegt, daß sie zeitweilig die Wahrnehmungen meiner noch ungeborenen Schwestern geteilt hat. Ich würde mich immer erst fragen, was jemand außenstehendes dann von mir mitbekommt und ob ich das will, wenn ich nicht weiß, wann es passiert."

"Das Thema ist wohl durch", sagte Julius verlegen.

"Deshalb wollte ich das wegen Trice mit dir klären. Also, sie ist rein körperlich und gesellschaftlich immer noch eine Mademoiselle, weil ihr wohl mit Vielsaft-Trank gearbeitet habt. Was du erfahren hast steht ihr also noch bevor und umgekehrt. Aber jetzt müssen wir noch einmal auf meine Töchter zurückkommen. Hat Martine dich in irgendeiner Weise umworben, als könne Sie sich dich als Nachfolger dieses Feiglings Danton vorstellen?"

"Nicht, daß ich das hätte mitkriegen können. Sie sagten es ja, ich hab's noch vor mir, trotz der Sache gestern."

"Ja, aber du wirst zugeben müssen, daß du durch deine unfreiwillige Alterung ungewollt signalisieren könntest, dich auf wen auch immer einzulassen. Ist dir noch nicht der Gedanke gekommen, daß Martine eine brauchbare Partnerin für dich wäre, obwohl sie fünf Jahre älter ist als du bist?"

"Öhm, kein Kommentar", sagte Julius, dem sofort einfiel, von ihr geträumt zu haben. Hippolyte Latierre nickte und meinte:

"Hätte mich auch gewundert, wenn du dafür noch nicht empfänglich wärest. Ich bin froh, daß sie so gut gediehen ist und hätte sie auch jedem mann gegeben, der ihrer würdig ist. Also du möchtest dich nicht auf Martine einlassen. Mildrid macht dir aber sehr deutliche Angebote. Wie findest du diese, lästig oder anregend?"

"Ich bin noch mit Claire zusammen", erwiderte Julius. Hatte er da gerade "noch" gesagt? Aber jetzt war's heraus. "Millie möchte wohl ausprobieren, ob sie mich Claire ausspannnen kann. Wahrscheinlich wäre sie an mir überhaupt nicht interessiert, wenn ich nicht schon wen in Beauxbatons gut gekannt hätte."

"Wo du der einzige Junge im Arithmantikkurs bist, sehr gut fliegen kannst, wie ich gerade selbst feststellen durfte, Millies unliebsame Klassenkameradin Bernadette Lavalette in Zaubertränken überflügelt hast, dich sehr für Zaubertiere interessierst und überhaupt sehr universell bist. Wir Latierres suchen uns die Partner und Partnerinnen nie nach einer einzigen Stärke aus, solltest du besser wissen. Insofern kann ich mir vorstellen, daß Mildrid dich mag."

"Ich möchte nicht über was reden, was Millie nicht paßt", sagte er. Welche Tochter erzählte ihrer Mutter wirklich alles?

"Also ist sie dir nicht so egal, daß du jetzt die Gelegenheit nutzen würdest, sie zu kritisieren", schlußfolgerte Madame Latierre. Julius verzog das Gesicht. Diese Logik kwar nicht zu widerlegen. Er hätte ja jetzt über sie herziehen, sie schlechtmachen oder schlichtweg als blöde Gans oder Kuh bezeichnen können. Das hatte er nicht getan und damit ihrer Mutter - und nebenbei auch sich selbst - gezeigt, daß ihm Millie nicht so egal oder unliebsam war. Doch da fiel ihm eine gute Erklärung ein.

"Wir sind Klassenkameraden in vielen Fächern, Madame. Ich möchte sie nicht irgendwie mies darstellen, weil ich ja selbst nicht so behandelt werden will."

"Sie hat mir das mit dem Streit mit Céline erzählt und daß du sehr energisch dazwischengegangen bist", sagte Madame Latierre. Julius fragte sich jetzt, über wen hier jetzt geredet wurde, über sich oder Millie?

"Ich habe nicht viel gemacht. Ich habe nur gedroht, Martine anzurufen, daß Mildrid mit Céline einen Krach angefangen hat. Mehr habe ich nicht getan."

"Ja, aber du hast dich eingemischt und gezeigt, daß es dir nicht egal ist, was sie tut, mag sein auch wegen Céline, die ja die Freundin deiner Freundin Claire ist."

"Hoffentlich kommt die nicht noch auf Goldschweif", dachte Julius. Das tat sie auch nicht.

"Du warst einer von zweien, die sie zur Walpurgisnacht eingeladen hat. Sie ging wohl nicht davon aus, daß du ihre Einladung annehmen würdest, hat sich aber über deinen korrekten Brief gefreut, hat sie mir gesagt. Mehr wüßte ich jetzt nicht dazu zu sagen. Alles erzählt sie mir ja wirklich nicht. Nur daß du in ihren Augen sieben Kinder von euch gesehen hast hat sie erzählt."

"Ja, was ein blöder Witz war, den ich mir ziemlich am Anfang des Schuljahres geleistet habe und ihr auch immer erklärt habe ..."

"Da hatten wir uns wohl schon einmal drüber unterhalten. Wenn du das jetzt bei mir machen würdest und mir auf den Kopf zusagst, Madame, in Ihren Augen sehe ich mehrere Kinder, so könnte ich das als direkten Vorstoß werten, mit mir bald intim zu werden, als Kompliment, daß du möchtest, das deine Kinder meine Augen haben oder als Ansporn, daß ich etwas tue, was mich für dich noch interessanter macht, damit wir das ausprobieren können. Du sagtest du hast das am Anfang des Schuljahres erzählt wo du noch nicht alle gut genug kanntest. Gut, ich verstehe das. Nur bei meiner Mildrid ist jetzt die Annahme drei von denen verwurzelt, daß sie irgendwas macht, um dich noch mehr zu interessieren. Außerdem ist sie genauso intelligent wie stark, also kommt bestimmt gut mit deinen Eigenschaften mit. Das sage ich jetzt nicht, weil ich dir meine jüngste Tochter andienen möchte, sondern weil ich möchte, daß du weißt, meine Töchter, also auch Martine, nicht die verspielten dummen Mädchen sind, als die sie von anderen gerne angesehen werden. Claire wird es wohl mittlerweile wissen."

"In einem Punkt gebe ich Mildrid total recht", sagte Julius. Er wartete einige Sekunden. Als seine Gesprächspartnerin nichts sagte fuhr er fort: "Sie meinte, die Schlange der Leute, die mich auf bestimmte Sachen bringen und richtig anleiten wollten wäre schon so lang, daß sie keine Lust hätte, sich da anzustellen."

"Aha, was mir beweist, daß du ihr auch nicht egal bist. Das nur, weil du mit meinen Töchtern wohl noch zwei volle Tage in nächster Nähe zusammen sein wirst und deine Mutter, Catherine oder mein Mann und ich euch nicht andauernd überwachen. Deshalb sagte ich dir das, damit du das einschätzen kannst, ohne dich mit jemanden auf was einzulassen, was du nicht willst oder so nicht gemeint hast."

"War das alles?" Fragte Julius.

"Ja, war es. Ich habe meine Pflichten als große Schwester und als Mutter genug erfüllt, für den Augenblick. Wir können wieder zurück zum Schloß", sagte sie und löschte die Laterne. Im dunkeln führte sie Julius sicher zum Schloß zurück, wo sie ihn noch bis vor seine Zimmertür begleitete.

"Fast jeden abend wer anderes", sagte Catherine, die wohl auf ihn gewartet hatte. "Eure beiden Mütter spielen immer noch. Offenbar hat Martha erkannt, daß sie eine würdige Gegnerin gefunden hat."

"Also, Catherine, ich denke, ich kann mit den Informationen des Jungen eine ganze Menge machen. Womöglich freuen sich am Ende einige Spieler, wenn sie mit den Ergebnissen zu tun kriegen. Gute Nacht, Julius!"

Catherine wartete, bis Hippolyte nach oben gestiegen war und zog Julius dann in sein Zimmer hinüber.

"Was wollte sie sonst noch? Hat Sie dich gemaßregelt, du solltest ihre Töchter nicht so motivieren oder was?"

"Eher so, als wolle sie wissen, mit welcher von den beiden ich am ehesten klarkäme", sagte Julius. "Dann hatte sie's noch von Béatrice und was ich mit ihr gestern angestellt habe."

"Seitdem Jeanne mit Bruno verheiratet ist tritt sie wohl in Konkurrenz zu Camille Dusoleil, was den richtigen Umgang für ihre Töchter ist. Am besten mache ich mich schon mal darauf gefaßt, dir auch noch was für den Umgang mit Babette beizubringen." Dabei mußte sie jedoch grinsen. Dann wünschte sie Julius eine gute Nacht und zog sich in ihr Zimmer zurück.

 

__________

 

Die folgenden beiden Tage waren geprägt von einer Schnitzeljagd, Quidditch, Schach und Musik. Offenbar hatten Julius und Béatrice Catherine und Joe nicht die neue Laune aneinander verdorben. Das merkte er nicht nur daran, daß Joe nun umgänglicher war und sich nicht angenervt fühlte, wenn er zu Sachen aus der Muggelwelt befragt wurde, sondern auch daran, daß Babette ihn einmal fragte, ob er hören könne, ob ihre Eltern es miteinander täten. Julius sagte lächelnd:

"Babette, selbst wenn ich es mitkriegen würde, ginge mich das nix an und ich dürfte es keinem weitererzählen. Wirst du ja sehen, wenn deine Maman im nächsten Jahr ein Geschwisterchen für dich hat." Offenbar wußte Babette erst nicht, was sie dabei finden sollte. Sie war als einziges Kind neun Jahre lang aufgewachsen und fand es wohl in Ordnung so. Andererseits hatte sie bei Denise, den Latierres und Melanie gesehen, daß es auch Spaß machen konnte, kleinere und größere Geschwister zu haben. Er fragte sich, ob er das einfach wegstecken würde, wenn seine Mutter selbst noch einmal ein Kind kriegen würde.

Am neunzehnten August feierten die Bewohner und Gäste des Sonnenblumenschlosses noch einmal ein Fest. Julius versuchte dabei immer wieder, mit Claire zu reden. Doch diese interessierte sich im Moment wohl nicht für längere Gespräche, sondern entweder für den gerade laufenden Tanz oder wo mögliche Konkurrentinnen von ihr gerade herumwuselten. Julius sagte darauf zum Schluß:

"Ich hoffe, wir kriegen das in Beauxbatons wieder hin." Sie erwiderte darauf:

"Wenn du endlich aufhörst, mir andauernd zu mißtrauen und dir endlich sicher bist, daß es mit uns so weitergehen kann." Irgendwie, so empfand Julius es, legte Claire es im Moment darauf an, ihn entweder zu vergraulen oder zu verbiegen, daß er ihretwegen bestimmte Sachen machte oder sein ließ. Genau das störte ihn im Moment. Natürlich konnte es sein, daß Claire wider ihre ersten Reaktionen nicht mit seinem neuen Ausssehen klarkam. Vielleicht trug er wirklich zu viele Geheimnisse mit sich herum, die er besser weitergeben solte. Aber einige von denen waren amtliche Geheimnisse. Dann war da der Umstand, daß er wußte, daß sein Vater nicht im eigentlichen Sinne gestorben war, von dem auch keiner was wissen durfte, ja überhaupt wie er aus Hallittis Höhle entwischen konnte. Dann kam jetzt noch diese manchen als Pervers anmutende Geschichte mit Orions Buch "De amore calidissimo" hinzu sowie die Therapie, die seiner Mutter geholfen hatte, ihre gefühlsmäßige Balance zurückzugewinnen. Einmal hatte er es ausprobiert und sich eine Stunde lang rein wahrnehmungsmäßig von Madame Ursuline Latierre herumtragen lassen. Als er wieder bei eigenen Sinnen war sagte er nur:

"Nichts für ungut, Madame. Aber daß wir alle das neun Monate durchhalten, bei dem Krach um einen herum, wundert mich wirklich." Sie hatte darüber nur gelacht und geantwortet:

"Deine Mutter hat mir sogar gesagt, daß ich schnarche und sie deshalb selbst nicht schlafen konnte, bis ich wach war. Soviel zu den ganz privaten Dingen, die ein magisch hineingelassener Lauscher mitkriegt."

Am zwanzigsten August brachte Barbara Latierre die Gäste nach Millemerveilles. Martha Andrews und Joe Brickston mußten einen Schluck von dem Muggelabwehrbannhemmmungstrank einnehmen, bevor sie zum Landeanflug übergingen. Madame Ursuline nahm Martha in die Arme und flüsterte ihr zu:

"Ich hoffe, einen Tag eine Tochter von mir zu sein hat Ihnen wirklich geholfen. In den nächsten Wochen werde ich wohl nicht mehr herumreisen. Wenn die kleinen da sind, lade ich Sie gerne zur Willkommensfeier ein." Dann sah sie Julius an und mentiloquierte ihm:

"Ich hoffe, die eine Stunde als meine Tochter Béatrice hat dich nicht doch noch verdorben." Laut sagte sie: "Julius, ich sagte dir, daß durch deine Hilfe am Ballabend ein winziger Funke von dir in mir und meinen Töchtern weiterlebt. Deshalb, wenn Weihnachtsferien sind, möchte ich gerne haben, daß du sie dir ansehen kommst. Du mußt ja nicht Pate werden." Sie umarmte auch ihn und verabschiedete sich.

Als Demie nur noch ein winziger weißer Punkt am Horizont war, sagten auch die Dusoleils auf Wiedersehen. Claire sagte zu Julius:

"Wir schreiben uns bestimmt noch einmal, bevor Beaux wieder losgeht."

"Auf jeden Fall, Claire", sagte er und umarmte sie kurz aber innig. Dann kehrten er, seine Mutter und die Brickstons nach Paris zurück, wo Catherine vor dem Geschichtsmuseum das eingeschrumpfte Auto herausholte und wieder auf Normalgröße anwachsen ließ.

Nachdem sie in die Rue de Liberation 13 zurückgekehrt waren, hörte Martha den Anrufbeantworter ab. Eine Nachricht von Zachary Marchand war darauf, daß er sich freue, wenn sie ihn anriefe und zwei Nachrichten, eine von Bill Huxley, der ihr sein Beileid für den Tod von Richard aussprach. Das gleiche wünschte Ryan Sterling, Pinas Onkel. Julius indessen ging in sein Zimmer und nahm über seinen Zweiwegspiegel Kontakt mit Gloria auf.

"Na, wie war's bei den Latierres. Nachdem was ich über sie gehört habe sind die lockerer drauf als die Leute in Millemerveilles."

"Ja, das stimmt. Allerdings ist dieses Sonnenblumenschloß auch ein ziemlich weitläufiger Ort, so wie in Hogwarts. Da war für alle was da, Spielgeräte, Musik, sogar ein Quidditchfeld."

"Jau, da konntest du ja endlich den Besen im richtigen Spiel einsetzen", erwiderte Gloria.

"Ja, konnte ich", sagte Julius. "Madame Hippolyte Latierre hat sogar gemeint, ich könne vielleicht in die Juniorauswahl von der Weltmeisterschaft. Aber ich denke, das wird mir zu stressig."

"Ich bin immer noch bei Oma Jane. In England sind die jetzt absolut verängstigt. Mum sagt, es wird nicht mehr so sein wie vor einem Jahr noch. Wie geht es Claire?"

"Merkwürdig, Gloria. Ich fürchte, die kommt nicht damit zurecht, daß andere Mädchen auch mit mir reden wollten, sogar große Mädchen wie Mademoiselle Béatrice Latierre."

"Ich hab's dir gesagt, daß sie es jetzt schwer haben wird, dich zu halten. Ich hoffe, ihr kommt beide damit klar."

"Das hoffe ich auch, weil das nächste Schuljahr wirklich Stressig wird", sagte er. "Die wollen mir da schon Sachen auf ZAG-Niveau reinwürgen."

"Hui, das wird ja richtig interessant", erwiderte Gloria.

"Für Claire wohl eher nicht", erwiderte Julius.

"Sie wird damit wohl klarkommen", beteuerte Gloria.

"Wie gesagt, ich möchte wegen ihr keinen Stress in Beauxbatons haben", wiederholte Julius. Glorias Gesicht im Spiegel nickte. Dann sagte sie noch:

"Dann wünsche ich dir noch schöne Restferien."

"Ich dir auch, und komme gut nach Hogwarts zurück!" Gloria nickte dazu nur.

 

__________

 

Zwei Tage nach der Rückkehr vom Sonnenblumenschloß kam Belle Grandchapeau mit ihrem Ehemann Adrian zu Besuch. Sie erkundigte sich bei Julius, ob es ihm nun wieder gut gehe und hörte sich von ihm und seiner Mutter an, was in den Staaten passiert war. Um die unbequemen Erinnerungen nicht all zu schwer auf der Stimmung lasten zu lassen erzählten die Grandchapeaus, was sie auf ihrer Hochzeitsreise erlebt hatten. Sie waren auf den Inseln von Hawaii gewesen, hatten dort einen amerikanischen Zauberer getroffen, der die Besonderheiten der dort lebenden Schamanen studierte und waren in einem feuerfesten Boot und im Schutz eines Hitzeverträglichkeitstrankes auf einem Lavastrom entlanggefahren.

"Es ist schon faszinierend, welche Natur dieses Archipel bietet", schwelgte Belle in diesen schönen Erlebnissen. Adrian fragte Julius einmal zum Weißrosenweg aus. Man habe ihm auf Hawaii ja vieles über den betrunkenen Drachen erzählt. Julius erzählte, was er dort erlebt hatte.

Nach zwei Stunden verabschiedeten sich Belle und ihr Mann. Die Tochter des Zaubereiministers mentiloquierte Julius:

"Ich hoffe, mit diesem Körper, den du jetzt hast, wirst du mehr Freude als Ärger haben. Paß auf, das dich nicht welche von den UTZ-Mädchen aus dem roten oder blauen Saal auf ihren Besen holen." Trotz Mentiloquismus-Regeln mußte er lächeln. Adrian meinte darauf:

"Hat Belle dir gemelot, daß sie was Kleines kriegt oder was?" Julius schüttelte den Kopf. Belle sah ihren gerade einen Monat angetrauten Ehemann an und meinte:

"Du wolltest damit nicht etwa sagen, daß du eine Pause einlegen möchtest, weil du hoffst, ich sei bereits in guter Hoffnung. Vergiß es! Wir haben noch genug Zeit."

"Öhm, ich ziehe meine Frage zurück", sagte Adrian und mußte sein errötendes Gesicht hinter den Händen verstecken. Belle sagte dann noch zu Martha Andrews:

"Ich bin froh, daß es Ihnen wieder gut geht. Hätten Sie ab September Zeit und Lust, mich in der Handhabung moderner Computer zu unterweisen?"

"Das habe ich Ihnen doch zugesagt, Madem..., 'tschuldigung, Madame Grandchapeau", erwiderte martha Andrews."

"Sehr nett von Ihnen. Ich werde mich dann per Eulenpost bei Ihnen melden", erwiderte Belle mit dankbarem Blick. Dann verabschiedeten sich die jungen Eheleute und verließen das Haus, um zum verlassenen Metroschacht zu gehen, von wo aus sie disapparieren wollten.

Die folgenden Tage waren für Julius von den Occlumentie-Übungen abgesehen die wahre Erholung. Einmal lud ihn Hercules Moulin ein, ihn bei sich in der Rue de Camouflage zu besuchen. Robert und Céline kamen auch dort hin. So verbanden sie die Schuleinkäufe mit einer gemütlichen Plauderei bei Hercules Moulin, dessen Vater in der Tierwesenabteilung arbeitete.

"Dann hast du jetzt den halben Latierre-Clan kennengelernt", meinte Hercules. "sind die alle so locker drauf?"

"Wenn es nicht zu ernst wird ja, Hercules."

"Millie wird also wohl Pflegehelferin", sagte Céline. "Dann hoffe ich sehr, daß das zwischen ihr, Claire und dir nicht noch heftig wird. Nachdem was Claire mir geschrieben hat ist Millie wohl nicht mehr die einzige, die von denen was mit dir anfangen könnte."

"Céline, ich weiß nicht, was mit Claire ist. Kann die Hormonachterbahn sein, die wir wohl alle gerade fahren. Ich hoffe nur, daß sie nicht meint, mich in ein Glashaus reinzusetzen. Mädchen sprechen mich halt irgendwie an, kann an diesem Körper liegen, daß das bei mir jetzt richtig losgeht oder an ich-weiß nicht was. Ich will da jetzt nicht mehr zu sagen", erwiderte Julius.

"Falls die Montis nicht auf die Idee kommen, die beiden Radaubrüder Rossignol abzulegen und sich wen anderen suchen", warf Hercules ein. Céline sah ihn dafür strafend an, während die beiden anderen Jungen lachten. Julius sagte:

"Die werden sich wenn dann Zwillinge suchen, weil sonst müßten die sich einen teilen. Ich glaube nicht, daß die sich das antun."

"Aber diese Latierre-Kühe sind schon genial", sagte Hercules. "Du hast ein Transporttier, kriegst von dem Wolle und Milch und hast was besonderes, womit du bei größeren Veranstaltungen sicher auffällst."

"Babette hat gesagt, sie will auch so'n Tier haben und ob Callie und Pennie ihre Mutter nicht bequatschen könnten, in der Nähe von Paris eine hinzustellen", sagte Julius.

"Und?" Wollte Hercules wissen.

"Madame Barbara Latierre hat mit Catherine ausgehandelt, daß die Mädchen sich zwischendurch besuchen können, durch den Kamin. Aber für Babette geht ja jetzt die Einstiegsschule los."

"Ach, stimmt ja", sagte Céline.

So plauderten sie noch über dies und das, bis der Abend hereinbrach.

Als der vorletzte Ferientag zu Ende ging, traf noch ein Brief von Claire ein. Sie schrieb:

 

Hallo, Juju, ich weiß, was da im Schloß der Latierres gelaufen ist war vielleicht nicht so ganz das, was wir beide uns für diese Zeit gewünscht haben. Aber du verstehst bestimmt, daß nach allem, was ich von den Latierres mitbekommen habe, bei mir doch eine gewisse Angst losgegangen ist, weil dich nicht mur Millie so oft umschlichen hat, sondern auch Martine. Irgendwie muß das bei mir erst einmal ankommen, daß du nur vom Körper her anders bist und ich das ja toll finden sollte, wie du jetzt aussiehst.

Ich wollte dich nur bitten, habe doch auch mal Vertrauen zu mir, wenn du irgendwas hast, was du mit dir herumschleppst und jemanden brauchst, dem du's erzählen kannst! Ich bin auf Jeden Fall da, wenn du die Zeit für gekommen hältst.

Ich küsse dieses Pergament, und damit dich selbst, Juju.

              bis Morgen!

                               Claire

 

Julius drückte dem Pergament einen flüchtigen Kuß auf und schrieb Claire zurück, daß er sie dann Mmorgen bei der Ankunft in Beauxbatons treffen würde. Als er dann abends im Bett lag dachte er noch einmal über alles nach, was ihm in den Ferien passiert war. Er hatte sehr schöne aber auch sehr schlimme Sachen erlebt. Sein Vater war nicht mehr da, seine Mutter mußte einen vollen Tag lang eine Radikalbehandlung über sich ergehen lassen, und dann gab es noch diese Ungewißheit, wer diese Hexen waren, die ihn gerettet hatten. Ja, und von Hallittis Schwestern gab es ja auch noch welche. Doch die meisten davon schliefen. Doch all das machte ihm nicht so zu schaffen, wie diese dumpfe Frage, ob das mit Claire wirklich noch das war, was sie beide im letzten Jahr miteinander hatten. Er fühlte einen überschweren Ballast auf sich niederdrücken. Was, wenn sich herausstellte, daß Goldschweif am Ende doch recht hatte und Claire und er nicht zusammensein sollten? Diese Frage kreiste in seinem Kopf, bis er einschlief.

Er fand sich unvermittelt auf dem Schulhof von Beauxbatons, hörte seinen Namen rufen, nicht nur von einer Hexe. Dann sah er, wie Madame Faucon auf ihn zuflog, ihn von hinten anflog und ihn auf ihren Besen holte.

"Ich habe mich entschieden, Julius, daß du bei mir besser aufgehoben bist als bei diesen Unreifen undisziplinierten Mädchen, die deine Fähigkeiten nicht würdigen wollen", hörte er sie sagen. "Deshalb werde ich dich gemäß Familienstandssonderregel wegen besonders guter Harmonie zwischen uns beiden beanspruchen. Wag es nicht, dich auf deine Minderjährigkeit herauszureden! Alle befragten Heiler und Ministerialbeamten haben mir bescheinigt, daß du geistig auch schon siebzehn bist. Also wirst du in Zukunft bei mir wohnen und Privatunterricht bekommen, und mit mir noch einige gesunde nachkommen zeugen."

Nein, das kann nicht Ihr ernst sein!" Hörte sich Julius noch rufen und wachte auf. Er hatte nur geträumt.

"Hoffentlich gibt es nicht so'ne Regel", dachte er. Denn mit Blanche Faucon zusammen Tisch und Bett zu teilen und ihr womöglich noch ein paar Kinder in den Bauch zu legen, das war schon sehr abgedreht. Er blickte auf seine Uhr und atmete auf. Es war schon sieben Uhr. Heute würde er nach Beauxbatons zurückkehren und dort hoffentlich ein friedlicheres Jahr erleben als diese Sommerferien es waren.

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