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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Ist das nicht ein herrliches Wetter? Wenig Wind ist da draußen, und das leckere Gras duftet warm und feucht. Irgendwie ist das doch nicht so übel, so eine Latierre-Kuh zu sein. Ich kann fliegen, bin ziemlich groß und werde wohl auch für ein niederes Lebewesen ziemlich lange leben können. Demie, meine Mutter, hat sich auch daran gewöhnt, daß ich jetzt mehr weiß und denken kann als meine Tanten und älteren Schwestern. Barbara, die Baumkönigin, hat mir nach Sonnenaufgang erzählt, daß nachher Julius mit ihrer Familie zu uns herüberkommt. Soll ich ihm wirklich erzählen, daß die schrecklichen Skyllianri aufgeweckt worden sind? Hmm, muß ich wohl machen. Denn ich habe mich ja in Temmie verwandelt, damit er diese Ungeheuer zurücktreiben kann. Sonst hätte ich ja gleich in seinem Schlafleben bleiben können. Irgendwie merkwürdig ist das schon, daß ich bei den Gedanken daran, wie ich mal als Menschenfrau ausgesehen habe, so ein Gefühl von Mitleid verspüre. Sicher, ich konnte da Werkzeuge benutzen und immer neue Kleidung ... Oha, das Essen von gestern Abend drängt raus. Ich muß mal eben auf den Boden! ... Warum war mir das früher so peinlich, einfach so das nicht mehr essbare rausfallen zu lassen? Das stinkt zwar unangenehm, aber ich fühle mich gleich leichter. Nuagette, meine Cousine, ist etwas müde. Das kommt davon, weil sie gerade ein Kind trägt. Ich werde wohl dann, wenn mich diese Stimmung wieder erwischt, wen zu mir lassen, um das auch hinzukriegen. Aber so allein rumzufliegen ist sehr schön. Ich bin eins mit der Luft und der Sonne, ohne die Kraft rufen zu müssen. Doch irgendwie kitzelt es mir in diesen toten Kopfanhängen, daß ich meine geistigen Künste, die Kraft ohne Ausrichterkristall zu wirken auch in diesem mit der Kraft durchsetzten Leib wecken kann. Aber wie das geht muß ich wohl noch genauer rauskriegen. Außerdem habe ich es raus, die Richtungen und Entfernungen zu fühlen. Ich bin sehr froh, daß ich diesen Rückhalte-Halsring nicht mehr tragen muß. Ich habe Barbara versprochen, nicht weiter als meine Geschwister und Verwandten zu fliegen. Aber ich finde es sehr angenehm, wie ich es wieder hinkriege, die Himmelsrichtungen und Wege zu fühlen. Jetzt bin ich schon neun Tage Temmie. Am Anfang habe ich mich damit nicht so gut zurechtgefunden. Aber jetzt finde ich es schön, Temmie zu sein, so kräftig, so groß, so schnell und so herrlich jung. Ich weiß, ich bin kein Kind mehr. Ich weiß auch, daß ich keine Werkzeuge mehr benutzen kann. Aber ich kann immer noch sprechen, ohne die Kraft durch die herrliche Luft und die kühlenden Wolken fliegen und bestimmt ziemlich schwere Sachen auf dem Rücken tragen, wenn die Leute hier mir nicht die Flügel zusammenbinden. Ja, und Barbara hat mir erzählt, das meine Milch, von der ich wohl irgendwann mehr als genug haben werde, junge Mädchen und vielleicht auch kleine Jungen stärker macht als sonst. Meine Mutter Demie hat mir das auch in dieser einfachen Sprache erzählt, daß die Menschen von uns stark werden können. Wann mag Julius ankommen? Ich merke, daß ich auch die genaue Tageszeit erkennen kann. Ich sehe die Sonne und fühle die Richtung, in der sie steht. Demie sagte, sie habe es gelernt, die Tageszeit zu erkennen, was vor allem sehr günstig ist, wenn sie ihre Milch abgeben möchte. Und Hui!! Das waren mal eben hundert Körperlängen mit eingeklappten Flügeln nach unten. O ist das ein herrliches Gefühl im Bauch!

 

__________

 

Barbara Hippolyte Latierre hatte die Zeit genau eingeteilt. Für zehn Minuten hatte sie ihren bevorzugten Körper aufgegeben und sich in die alte Matriarchin zurückverwandelt, als die sie in der ganzen Zaubererwelt bewundert und geachtet wurde. Ihre Enkeltochter hatte ihr eine wetterfeste Kiste mit Kleidung hingestellt, weil sie außer ihrer Mensch-zu-Baum-Verwandlung keine Zauberei ohne Zauberstab ausführen konnte. Sie stand nun da, dirigierte eine Abteilung Elstern so, daß sie den weitläufigen Hof überwachten und lauschte in sich hinein. Als Königin der Kirschbäume konnte sie nicht mehr so mentiloquieren wie früher. Aber an sie gehende Gedankenbotschaften erreichten sie noch ungedämpft. Ihre Tochter Ursuline würde sie damit anrufen, wenn sie aus Millemerveilles losgeflogen wären. Sollte sie ihren neuen Schwiegerurenkel in ihrer früheren Erscheinungsform begrüßen oder auf ihrem Posten und in der Daseinsform des majestätischen Kirschbaums verbleiben? Es wäre vielleicht nett, die Mutter des jungen Zauberers persönlich zu begrüßen. Sie wußte, daß Line mit ihren Kindern so rasch wie möglich zum Stammsitz der Latierres weiterreisen würde. Ein paar Worte wollte sie dann doch mit Julius' Mutter wechseln, damit diese erfuhr, daß sie auch in dieser großen Familie willkommen war.

"Nicht so ruppig!" Dachte sie einem gierigen Star zu, der an ihren noch behangenen Zweigen zerrte, um sich die letzten reifen Kirschen zu sichern. Der Vogel fiel fast herunter, weil Barbaras Ermahnung ihn richtig erschreckt hatte. Doch dann pflückte er behutsam weitere Kirschen ab, bis er wohl genug im bauch hatte und flog davon. Barbara verfolgte seinen Flug bis zu einem Nest in der Begrenzungshecke. Dann konzentrierte sie sich wieder auf ihre schwarz-weißen Kundschafter. Es würde nicht mehr lange dauern, bis keine Kirschen mehr an ihr hingen. Dann würde sie diese überragende Verbindung mit den Vögeln der Umgebung bis zur nächsten Reife einbüßen.

"Maman, wir sind gerade losgeflogen! Julius sitzt mit Babs und mir auf dem Bock. Lonnie ist wirklich ein braves Mädchen", erscholl Lines Gedankenstimme in ihrem Bewußtsein.

"Ich begrüße euch nach der Landung", schickte Barbara Hippolyte Latierre mit aller Konzentration zurück. Ihre Äste hingen dabei kraftlos herab, weil sie diese Botschaft so schwer absetzen konnte. Dann wartete sie mit der Geduld eines uralten Baumes, der schon so viele Winter überstanden und Sommer begrüßt hatte.

 

__________

 

Die Mini-Temmie muhte fordernd um sieben Uhr. Julius mußte zweimal auf seine Uhr sehen, um es hinzunehmen, daß die lebendig wirkende Nachbildung wirklich eine Stunde später als sonst ihren Weckruf losließ.

"Sie hat mich also doch verstanden", grinste Martha Andrews, nachdem sie sich laut ächzend gerekelt und dann ihre vom Schlafsand verkrusteten Augen aufgestemmt hatte.

"Ich stell den Wecker ab", sagte Julius, der sich bereits wach und voller Energie fühlte. Lag es daran, daß er eine Hexe aus dem Latierre-Clan innig besucht hatte oder weil er jetzt selbst Latierre hieß, daß Lines Geschenk ihn in den letzten Tagen noch besser auf Touren brachte? Er hüpfte förmlich aus dem Bett und war mit zwei federnden Schritten bei der Mini-Temmie. Mit schnellen, doch sachten Griffen brachte er die geflügelte Miniatur dazu, ihn erleichtert und dankbar anzusehen.

"Ich muß dich gleich in deinen tragbaren Stall reinsetzen", sagte Julius.

"Du redest mit der wie mit einem Kaninchen oder anderen Haustier", grinste seine Mutter.

"Das sagt die richtige", konterte Julius. "Oder wieso hat die uns heute eine stunde später wachgemuht?"

"Geschenkt", erwiderte Martha Andrews amüsiert. Dann gingen Mutter und Sohn daran, sich tagesfertig zu machen und die dann nicht mehr benötigten Utensilien in die Koffer zu packen. Julius prüfte noch einmal, ob er alle geschenkten Bücher gut verstaut hatte, prüfte Aurora Dawns Geschenke an ihn und überlegte, ob sein magischer Brustbeutel diese noch problemlos aufnehmen und aufbewahren würde. Dann befand er, das silberne Armband mit den Runen für Rufen, Gefahr und Erkenntnis am linken Handgelenk anzubringen. Er stellte fest, daß es sich mit dem ähnlich aussehenden Armband am rechten Handgelenk gut machte und er davon nicht behindert wurde. Den wie abgebrochen wirkenden Zauberschlüssel, der in höchster Not Durchlässe in feste Wände schaffen konnte packte er zu der Phiole mit Goldblütenhonig in seinen Reiseumhang. Dann setzte er den Sockel mit der Temmie-Nachbildung in die kleine Kiste. Dabei meinte er förmlich sehen zu können, wie die Nachbildung erstarrte und wie eine X-beliebige Tiernachbildung in der Kiste verschwand. Das hätte er eigentlich schon wissen können, daß die Mini-Temmie in der Kiste unbelebt blieb. Seine Frau fragte über die Melo-Verbindung an, ob er gut aus dem Bett gekommen sei. Er bestätigte es.

"Gut, um neun Uhr bei uns auf der Wiese, Monju!" Wies sie ihn an. Julius bestätigte es.

Beim Frühstück fand die im Haus der Dusoleils übliche Vorleserunde statt. Julius erfuhr aus der Zeitung, daß Anfragen nach angeblichen Polarlichtern in England mit dem Satz abgeschmettert worden seien, daß das Zaubereiministerium eine Übung über Muggelgebiet abgehalten habe, um im Falle eines Angriffs gewappnet zu sein und die Desinformations-Truppen in Form zu halten.

"Flucht nach vorn heißt das", bemerkte Martha dazu. "Es ist ja wohl keinem Zauberer in England entgangen, daß da jemand massiv gegen die Geheimhaltungsgesetze verstoßen hat. Außerdem wollen sie wohl demonstrieren, daß sie immer noch und auf lange Sicht ungefährdet die Kontrolle ausüben. Die Wahrheit wäre auch etwas zu schrecklich."

"Ich weiß, Blanche und ihr beiden glaubt, daß diese Polarlichter in Wirklichkeit Zauberflüche waren, die zwischen fliegenden Hexen und Zauberern ausgeteilt worden sind", meinte Camille. "Aber eine Bestätigung dafür, daß hier eine echte Luftschlacht stattgefunden hat habt ihr nicht. Also könnte die Behauptung des englischen Zaubereiministeriums genauso stimmen."

"Wenn es anderswo als über Surrey passiert wäre, Camille. Außerdem hätten die bei einer Übung bestimmt besser auf zusehende Muggel geachtet und nicht einmal die Sichtung von Polarlichtern durchdringen lassen", warf Julius ein. Seine Mutter nickte.

"Sie mußten das mit den Desinformations-Truppen einstreuen, um die Unlogik eines über sogenanntem Muggelgebiet stattfindenden Manövers zu rechtfertigen. Ein echtes Manöver hätte tatsächlich weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Abgesehen davon beunruhigt es die Leser in England doch noch mehr, wenn groß angelegte Luftschlacht-Szenarien ohne Rücksicht auf die Geheimhaltung durchgespielt würden. Deshalb sagte ich ja, es sei eine Flucht nach vorne, weil bereits zu viele Leute Wind davon bekommen haben, daß da über Surrey jemand wild gezaubert haben muß."

"Was ist an Surrey denn so brisant?" Fragte Uranie Dusoleil. Aurora Dawn sah sie an, während Julius antwortete:

"Madame Faucon hat durchblicken lassen, daß Harry Potters nichtmagische Verwandtschaft da wohnt. Sie vermutet, er sei vor seinem siebzehnten Geburtstag von Ministeriumsleuten oder Dumbledores Freunden da weggeholt worden, weil an seinem Geburtstag vielleicht dieser Lord Unnennbar aufkreuzen und ihn locker umbringen könnte."

"Dann hat man den Jungen nicht unter den Sanctuafugium-Zauber gestellt?" Fragte Florymont verwundert. Seine Frau sagte dazu nur:

"Wäre wohl zu auffällig gewesen, weil Ministeriumsleute davon Wind bekommen hätten. maman hat einmal was von einem noch mächtigeren Zauber zum Schutz von Kindern erwähnt. Sie wollte ihn mir eigentlich noch beibringen. Aber weil sie zu häufig unterwegs war und ich nicht von meinen Gärten hier loskommen konnte ist dieses Versprechen nicht mehr eingelöst worden."

"Jedenfalls geht dieser Scrimgeour wohl davon aus, daß die britischen Hexen und Zauberer ihm das mit dem Manöver abkaufen", knurrte Martha Andrews.

"Zum Glück müßt ihr ja nicht mehr da hin", sagte Camille dazu noch. "Hier hat Grandchapeau noch alles unter Kontrolle, ohne in wilde Verhaftungsorgien verfallen zu müssen."

"Das liegt aber nur daran, daß hier in Frankreich nicht mehr genug mächtige Anhänger dieses gemeingefährlichen zauberers leben", stellte ihre Schwägerin fest. "Aber zu sicher sollten wir uns auch nicht fühlen. Das Sternenhaus-Massaker ist noch zu vielen Leuten hier im Gedächtnis."

"Uranie, rufe den Drachen nicht!" Stöhnte Florymont leicht beklommen. Doch seine Schwester schüttelte mißbilligend den Kopf und erwiderte, daß sie sich nicht in trügerischer Ruhe sonnen durften. Millemerveilles sei zwar sicherer als jeder andere Ort auf der Welt, doch der Dementorenüberfall im letzten Sommer und der Großangriff dieser Monster vor Ostern hatte gezeigt, daß auch die Festung Millemerveilles Schlupflöcher besessen hatte. Julius dachte dabei auch an Anthelia, die Wiederkehrerin. Würde sie eines Tages vor Millemerveilles auftauchen und das Erbe ihrer Tante einfordern? Andererseits würde sie sich wohl erst mit den anderen heimlichen Hexenschwestern genauso gegen Voldemort und seine Mörderbande stellen müssen wie die Zauberer aller Magieministerien. Camille erkannte, daß die Unterhaltung eine düstere Stimmung heraufbeschwor und sagte beruhigend:

"Er hat es trotz dieser Sternenhaus-Grausamkeit nicht geschafft, hier an Boden zu gewinnen. Grandchapeau ist ein sehr umsichtiger und besonnener Minister. Er hat alle Möglichkeiten bedacht und bestimmt schon Alarmpläne ausarbeiten lassen, um einen Übergriff des Unnennbaren auf Frankreich abzuwehren. Also sollten wir uns hier doch einigermaßen wohlfühlen und unser Leben fortsetzen."

"Wie du meinst, Camille", knurrte Uranie. Aurora Dawn wandte dazu noch ein:

"Wir im Land unten drunter leben schon seit mehreren Jahrzehnten mit der Möglichkeit, daß Leute wie die Shadelakes Ihr-wißt-schon-wem nachfolgen. Aber seitdem die Shadelakes von irgendwem nicht minder brutalem ausgelöscht wurden, ist die Möglichkeit doch wesentlich unwahrscheinlicher geworden. Ich werde auf jeden Fall nicht vor ihm in ein Versteck flüchten und meinen Beruf aufgeben."

"Das verlangt ja auch keiner von dir", sagte Camille etwas ungehalten klingend. Doch weiteres wurde zu diesem Thema nicht erwähnt.

Nach dem Frühstück prüften Martha und ihr Sohn noch einmal das Gepäck. Dann verabschiedeten sie sich von den Dusoleils und Aurora Dawn. Julius merkte an, daß er die übliche Abschiedsrunde nicht mehr machen konnte. Camille meinte dazu, daß Madame Delamontagne, Madame Faucon und die anderen, denen seine Mutter und er in den letzten Tagen begegnet waren, bestimmt zur Landewiese kommen würden.

Tatsächlich trafen Martha Andrews und Julius Latierre am Rande der großen Wiese, auf der die geflügelte Riesenkuh Bellona bereits mit dem Transportaufsatz gesattelt bereitstand auf die Dumas', Renards, Delamontagnes und Lagranges. Seraphine sagte Julius Zugewandt:

"Ich hoffe, das mit Millie ist für dich wirklich eine gute Sache. Meine Cousine findet ja, du hättest ihr wohl ziemlich gemein zugesetzt. Aber ob die die richtige für dich gewesen wäre weiß ich auch nicht."

"Die kann mit Hercules glücklich werden", erwiderte Julius trocken. Seraphine nickte ihm wortlos zu und drückte ihn noch einmal kurz an sich.

"Ich habe mit deiner neuen Großmutter gesprochen", hauchte Madame Faucon Julius zu. "Morgen früh werde ich das letzte alte Prinzip überwinden und mich bei ihr einfinden. Ich hoffe, es gibt einen Weg, daß wir das, worüber wir gesprochen haben, umsetzen können." Julius nickte ihr nur zu, weil ihm keine aussprechbare Antwort einfiel.

"Wir sehen uns dann entweder um Weihnachten herum oder dann im nächsten Sommer", verabschiedete sich Eleonore Delamontagne von Julius. "Halt dich weiterhin so diszipliniert und anständig und tu nichts, womit du nicht zu leben bereit bist!"

"Da passen wir schon auf", erwiderte Hippolyte Latierre ungefragt. "Immerhin gehört er jetzt zu uns."

"Ich sprach mit ihm, Madame Latierre", fauchte Madame Delamontagne. "Mir ist natürlich bewußt, daß meine gutgemeinten Ratschläge einige Monate zu spät kommen. Aber sie kommen noch früh genug, um ihn nicht in unüberlegte Situationen hineinstolpern zu lassen."

"Wie gesagt, Madame Delamontagne, wir passen auch auf ihn auf", erwiderte Hippolyte. Dann deutete sie auf Bellona, die bereits mit den risigen Hufen scharrte und die meterbreiten Flügel raschelnd ausspannte und wieder zusammenfaltete. Vom Bock der radlosen Transportkabine aus winkten ihm seine Schwigertante Barbara und Line Latierre zu. Millie stand am oberen Ende der breiten Treppe vor der Tür in die Kabine. Hippolyte meinte dann noch:

"Babs möchte, daß du den Umgang mit fliegenden Latierre-Kühen erlernst, die diszipliniert genug sind." Dann wandte sie sich an Martha und winkte ihr zu. "Wir beide gehen in die Kabine. Trice bleibt ja hier, um mit Aurora morgen nach Marokko zu reisen. Der Portschlüssel von Abdel Alburak wird morgen bei den Renards deponiert."

"Das mit diesen Portschlüsseln ist wohl sicherer als das Apparieren", meinte Julius' Mutter.

"Jedenfalls für mehrere Personen zugleich und größere Entfernungen", sagte Martine, die neben ihrer Mutter stand. Julius nickte. Er erinnerte sich noch an Zachary Marchands verschlissen wirkendes Sofa.

"Auf dann, Messieursdames Latierre!" Rief Line vom hohen Kutschbock herunter. "Julius, du kommst zu uns rauf!" Dieser gehorchte wortlos, als seine Mutter mit Hippolyte und Tine die breite Treppe hinaufkletterte. Béatrice Latierre stellte sich zu Aurora Dawn und sah zu, wie Julius über die Treppe den Rücken Bellonas erstieg und zwischen ihrer Schwester und ihrer Mutter platznahm.

"Und los, Lonnie!" Kommandierte Barbara Latierre, als die Zugangstreppen klappernd unter dem Kasten verschwunden waren. Erst trabte Bellona behäbig an, dann verfiel sie in einen ruckeligen Galopp, bevor sie mit einem lauten Schnaufer lossprang und mit den gigantischen Schwingen die Luft um sich nach unten zerteilte. Julius meinte, sein Magen würde ihm durch das Rückgrat aus dem Leib getrieben, als die geflügelte Riesenkuh in der ersten Sekunde an die zwanzig Meter Höhe gewann und dann mit schnellen Flügelschlägen Fahrt und Höhe zulegte.

"Demie hat einen besseren Anzug", meinte er, als Barbara dem großen Reittier den Heimweg befohlen hatte.

"Lonnie ist da etwas behäbiger. Aber auch sie kann noch gut nach oben stoßen, wenn sie sich frisch genug fühlt", meinte Line amüsiert. "Aber Temmie wird Millie und dich bestimmt auch sehr gut herumtragen, solange sie nichts Kleines ausbrütet."

"Wann wäre das denn möglich?" Wollte Julius wissen.

"So nach meinem Geburtstag herum kommen die Mädels wieder in die entsprechende Stimmung. Ich denke, diesmal wird Temmie wen abkriegen, der sie zur Mutter macht", erwiderte Babs. Julius hörte eine gewisse Belustigung aus dieser Antwort heraus und mentiloquierte ihr:

"Du denkst, daß Darxandria dann erst merkt, wie ernst das ist, Temmie zu sein?"

"Sie hat behauptet, sie habe schon ein paar Kinder bekommen. Insofern dürfte es für sie nicht wirklich was neues sein, von dem Akt der Empfängnis mal abgesehen, und daß eine Latierre-Kuh anders gebiert als eine Hexe", erhielt er zur Antwort. Dann sprachen sie locker darüber, daß Julius Temmie wohl ohne Führketten steuern konnte, wenn sie wirklich so auf ihn bezogen sei. Seine Schwiegeroma bemerkte dazu, daß er mit Temmie wohl keine Probleme haben würde. Dann mentiloquierte sie ihm zu: "Maman wird die letzten fünfzehn Minuten, die sie diesen Monat frei hat nutzen, um uns zu begrüßen."

"Sie kann nur eine Stunde pro Monat ihre angeborene Gestalt haben", gedankensprach Julius zur Antwort.

"Richtig", bestätigte Line.

Julius durfte zwischendurch Bellonas Führketten nehmen und sie in sachten Kursabänderungen über das Land dahingleiten lassen. Sie sprachen während des Fluges über die schnelle Hochzeit, das Schachturnier, Blanche Faucons Sinneswandel und wie Babs das Hochzeitsgeschenk weiterversorgen würde. Seine Schwiegergroßmutter Line meinte vergnügt:

"Dir ist natürlich klar, daß du nach Beaux nirgendwo wohnen kannst, wo du keine erwachsene Latierre-Kuh unterstellen kannst. Hast du schon mal vorgefühlt, ob du in Millemerveilles wohnen könntest, oder wollt ihr beiden dann auf Babs' Hof oder zu mir ins Château umziehen?"

"Das kläre ich mit Millie, wenn das ansteht", erwiderte Julius. Das jetzt schon festzulegen war echt zu früh. Doch wenn er bedachte, daß er vor Schulende ein Kind mit Millie haben könnte ... Andererseits stand Artemis / Darxandria auf Babs' Hof doch gut. Da hatte sie ihre Artgenossen, freien Auslauf und Pflege. Andererseits verstand er, daß Line ihn wohl gerne bei sich im Sonnenblumenschloß haben würde, um ihre Urenkel um sich zu haben. Aber wie er schon befunden hatte, war das noch nicht so wichtig, wo er nach der Schule wohnte. Außerdem mochte seine Mutter mitkriegen, daß sie schon darüber redeten, wie es nach Beauxbatons weiterging. Sie mochte darüber nicht gerade erfreut sein. Genau diesen Standpunkt mentiloquierte er Line.

"Ich hätte keine Probleme damit, deine Mutter auch noch bei uns wohnen zu lassen, Julius. Den Familienstandsgesetzen nach dürfte sie als deine Mutter auch bei der Familie deiner Ehefrau wohnen, wenn ihr alle das möchtet."

"Wie erwähnt fließt bis dahin noch viel Wasser die Loire, Seine und Themse runter", hakte Julius dieses Thema nun endgültig ab. Line lächelte ihn warm an. Offenbar fand sie, daß er sehr gerne bei ihr wohnen würde. Andererseits könnte es Millie nicht passen, bei ihren jüngeren Tanten im Haus zu wohnen, wo ihre Eltern ja dieser Großfamilie entschlüpft waren. Außerdem konnte er sich seine Mutter nicht ohne ihren Computer und ohne andere technische Geräte vorstellen. Was für Brittanys Vater galt, mochte auch ihr irgendwann passieren, sich wie eine behinderte Frau unter kerngesunden Leuten zwischen Mitleid, Bewunderung und übermäßiger Hilfsbereitschaft einsortieren zu müssen.

"Noch einmal zu Temmie und den anderen drallen Jungs und Mädels", kam Julius noch einmal auf die besonderen Eigenschaften der Latierre-Kühe zu sprechen. "Die können einen einmal geflogenen Weg so gut ins Gedächtnis aufnehmen, daß sie den fehlerfrei hin- und zurückfliegen können?"

"Das wirst du mit Temmie erleben", sagte Babs. "Ich habe nämlich vor, dich mit ihr hinter uns herfliegen zu lassen."

"Na, jetzt hast du dem Jungen die ganze Überraschung versaut, Babs", tadelte ihre Mutter sie nicht ganz so ernst gemeint.

"Alleine oder mit Millie?" Fragte Julius.

"Du hast gemeint, du könntest sie wohl ohne Hilfe fliegen", sagte Barbara entschlossen. "Wenn du es schaffst, sie hinter uns herzusteuern kannst du es beweisen." Julius nickte. Vielleicht ging es nicht nur darum, daß er sie problemlos steuern konnte, dachte Julius. Immerhin hatte die in Temmie wiederverkörperte Königin von Altaxarroi ihr ja einiges erzählt. Er nickte nur.

Zwischendurch kletterte Julius durch die Luke ins innere der Kabine und sah seiner Mutter zu, wie sie gegen Patricia Schach spielte. Er unterhielt sich mit Hippolyte und Millie über die französische Quidditchliga und tauschte Fachbegriffe aus Quidditch und Fußball aus. Er erwähnte auch, daß im kommenden Jahr nicht nur die Quidditch-Weltmeisterschaft in Frankreich stattfinden würde, sondern auch die Fußball-Weltmeisterschaft.

"Das habe ich von meinen Kollegen aus dem MVB auch erst erfahren, als die IOMSS mir die Bestätigung zugeeult hat. Aber das trifft sich nicht schlecht, wenn wir auch die Muggelverkehrsmittel in die Reiseplanung einbeziehen müssen. Dann fallen einige ausländische Leute mehr oder weniger nicht auf, wenn diese Balltreter-Weltmeisterschaft in Frankreich ausgetragen wird. Wollen nur hoffen, daß wir bis dahin keine Schwierigkeiten aus deiner alten Heimat kriegen."

"Das hoffe ich mal für dich mit", knurrte Julius.

"Das war es gleich, junge Mademoiselle", meinte Martha Andrews zu Patricia Latierre. Doch diese grinste mädchenhaft und sagte ihren Schachmenschen einen neuen Zug an. Martha blickte auf das Brett und wiegte den Kopf. Dann machte sie den nächsten Zug, wohl nicht mehr ganz so sicher, die Partie zu gewinnen.

"Auf jeden Fall ist deine Mutter von ihrer Platzangst kuriert", mentiloquierte Hippolyte Julius zu. dieser schickte zurück, daß ihn das freute. Er beobachtete die Partie weiter, die in einem Remis endete. Pattie grinste überlegen, als habe sie gewonnen. Martha sah sie anerkennend an und deutete dann auf Julius:

"Ich war nicht drauf gefaßt, daß sie nur auf Konter spielt. Offenbar hat ihre Mutter ihr alles verraten, was sie in den Spielen mit mir mitbekommen hat", sprach Martha zu ihrem Sohn. Pattie nickte bestätigend. Dann fragte sie Julius, ob er auch noch einmal gegen sie antreten wolle. Doch dieser berief sich darauf, daß er gleich wieder zu ihrer Schwester Barbara auf den Bock wechseln wolle. Ferdinand Latierre grinste.

"Wenn die Lonnie so landet wie sie damals Demie runtergebracht hat fliegt dir gleich das Frühstück aus dem Mund", grinste er. Doch Julius grinste nur zurück und wandte sich dann an seine Mutter, um ihr zu erzählen, daß er gleich mit Artemis hinter ihnen herfliegen sollte. Millie fragte ihn, ob sie dabei sein durfte. Julius meinte, daß von ihm aus keine Bedenken bestünden.

Einige Zeit später saß Julius wieder auf dem Bock und beobachtete, wie Babs Bellona erst zu einem schnelleren Tempo antrieb und sie dann fast im Sturzflug über die hohe Begrenzungshecke des Latierre-Hofes hinweg auf die mehrere Hektar große Westweide hinüberfliegen ließ. Julius hatte dieses herrlich flaue Gefühl im Magen, daß er bei mancher Achterbahnfahrt verspürt hatte. Dann warf sich Bellona in einen Steigungswinkel von einem Grad, brauste mit ausgespannten aber starr gehaltenen Flügeln über die Wiese und kam mit den Hinterbeinen zuerst auf. Es warf ihn in die Sicherheitsketten, als die Riesenkuh den restlichen Schwung mit kräftigen Schritten in zwei Sekunden auf null verringerte. Mit einem erleichterten Schnaufer blieb Bellona stehen.

"Das ging doch noch!" Rief Julius in Richtung Transportkasten. Bellona raschelte leicht verstört mit den Flügeln. Babs sah ihn sehr tadelnd an und zischte ihm zu, nicht so rumzubrüllen, solange sie auf einem ihrer Transporttiere hockten. Dann sah Julius die leicht untersetzte, jedoch auch sehr stämmig wirkende Hexe mit den hüftlangen, rotblonden Haaren, in denen im Sonnenlicht bereits ein leichter Graustich schimmerte. Sie trug einen waldmeistergrünen Umhang aus feinem, aber reißfestem Stoff, der auf Taillenhöhe von einem Gürtel aus der Haut eines walisischen Grünlings zusammengehalten wurde. An den Füßen trug die Begrüßerin ländlich wirkende Holzschuhe. Ohne weiteres Wort ließ Ursuline die beiden Treppen herab und stieg die sieben Meter zwischen Bellonas Schultern und dem Boden hinunter. Dann folgte Julius. Gleichzeitig ging die Tür auf, und Hippolyte trat mit seiner Mutter zusammen heraus.

"Ich freue mich, euch alle wohlbehalten zu treffen", begrüßte die Hexe, die älter als Ursuline wirkte, die Ankömmlinge, umarmte ihre Tochter und ihre Enkel. Dann trat sie auf Martha Andrews zu und bot auch ihr eine Umarmung an.

"Meine Tochter hat Ihnen sicher erzählt, daß ich zwischendurch auf den Hof komme und nach dem rechten sehe. Deshalb finde ich es sehr angenehm, dich heute auch hier begrüßen zu dürfen, Martha."

"Ich hörte, Sie seien ständig unterwegs, Madame Latierre", sagte Martha.

"Das stimmt, Martha. Und du darfst auch Barbara zu mir sagen. Immerhin seid du und Julius ja jetzt ganz ordentlich mit mir verwandt."

"Na ja, war mir ehrlich gesagt ein wenig zu schnell gegangen, Madame Barbara. Aber ich habe der Sache zugestimmt."

"Das habe ich von dir auch nicht anders erwartet, nachdem Line meinte, du seist vernünftiger als sie selbst gewesen ist", erwiderte Barbara Hippolyte Latierre. Julius suchte derweil die Wiese und den Himmel ab. Tatsächlich. Da kam etwas strahlendweißes aus der Ferne angeflogen.

"Hallo, Temmie!" Rief er. Bellona warf ihren Kopf zurück und blickte die wesentlich jüngere Latierre-Kuh leicht ungehalten an.

 

__________

 

Ich kann hören, wie Bellona zurückkommt. Ich weiß nicht, ob die das mag, wenn ich gleich zu Julius hinüberfliege. Nachher meint die noch, sich für diesen Rempler von vor zwei Mondwechseln rächen zu müssen, weil die mir das Fressen wegschnappen wollte. Auch wenn ich da noch nicht so war wie jetzt kann ich mich sehr gut erinnern, wie sie versuchte, mir ihre Hörner in den Bauch zu rammen. Aber sie ist schon zu langsam für mich und macht nicht mehr alles, was ich kann. Ah, sie sind unten. Die ältere Barbara begrüßt sie. Die wird wohl nicht lange als Frau rumlaufen, weil sie nur eine Stunde im Monat eine sein kann und wohl nur noch ein Viertel davon hat. Da würde Julius' Mutter bestimmt einen ziemlichen Schrecken Kriegen, wenn Barbara sich vor der in den großen Baum verwandeln müßte. Irgendwie kommt bei dem Gedanken so'n komisches Grummeln und Grunzen aus meinem Maul. Ist schon blöd, daß ich nicht richtig lachen kann. Oh, Julius ruft mich schon. Schön. Dann fliege ich eben rüber und begrüße ihn, ohne ihn zu zertrampeln oder sonst wie umzubringen.

Ja, glotz mich nur so verbiestert an, alte! Julius hat mich gerufen, und ich begrüße ihn. Oh, seine Stimme ist in mir. Ich kann das ja auch machen, daß er mich versteht. Ich denke die dafür nötigen Bilder und Geräusche und sage dann ohne zu sprechen:

"Schön, daß du jetzt hier bist, Julius. Hast du Zeit?"

"Ja, habe ich", kriege ich seine Antwort. "Ich soll mit dir gleich hinter Bellona herfliegen", spricht seine Stimme noch in meinem Kopf. Das habe ich von der älteren Barbara auch so gehört.

 

__________

 

Julius probierte es aus, mit Temmie zu mentiloquieren, indem er Darxandrias Stimme in seinem Geist wachrief. Tatsächlich klappte es auf Anhieb. Bellona schnaubte verstimmt, als Artemis neben ihr landete und Julius zur Begrüßung den Kopf zuwandte.

"Wir wollten nur Temmie abholen, Oma Barbara", sagte Babs Latierre. "Wolltest du mit zum Château?"

"Nein nein, ich hüte den Hof", sagte Barbara Hippolyte Latierre. "Hinten in der Hecke haben sich einige Gnome eingenistet. Die muß ich gleich noch verjagen."

"Ach, schon wieder? Wir sollten uns Schwatzfratze halten", knurrte die jüngere Barbara. Martha sah Lines Mutter erwartungsvoll an. Diese machte einen bedauernden Gesichtsausdruck und verwies darauf, daß sie ab und an den Hof entgnomen müsse und bereits sehr spät dran sei, weil sie um zwölf Uhr zu einer Verabredung müsse. Martha Andrews nickte bedauernd. Barbara nickte ihrer Tochter und ihren Enkeltöchtern Barbara und Hippolyte zu und ging keineswegs gebrechlich wirkend davon.

"So geht's auch", melote Julius an die ältere Barbara.

"Ich glaube nicht, daß es deiner Mutter behagen würde, wenn ich gleich wieder meine eigentliche Daseinsform annehme", erhielt er zur Antwort. Dann kam Darxandrias Stimme wieder in seinem Kopf an:

"Fliegen wir zwei alleine oder mit Millie?"

"Darf Millie denn mit?" Fragte Julius zurück.

"Ja, darf sie."

"Willst du ihr das Cogison umhängen, damit ich testen kann, wie intelligent sie ist?" Fragte Julius Babs. Diese nickte und holte die magische Sprechhilfe per Aufrufezauber herbei. Auf dieselbe Weise schaffte sie auch den Zweieraufsatz herbei, mit dem Millie und Julius schon einmal auf Temmie geritten waren. Allerdings verzichtete sie auf die Trense und die Steuerketten.

"Ich hänge ihr gleich den Sprechsack um, Julius. Wenn du es ohne Führketten hinkriegst, daß sie hinter Lonnie herfliegt, dann weiß ich, daß ich euch beiden das richtige Geschenk gemacht habe", sagte Babs noch. Julius sah Temmie an und sagte ruhig: "Temmie, hinlegen!"Tatsächlich streckte die junge Latierre-Kuh ihre Beine aus und legte sich flach auf den Bauch. Babs lächelte anerkennend. Martha sah zu, wie Julius nur mit der Stimme die kolossale Kreatur beherrschte wie einen dressierten Hund. Daß er bereits mit ihr in Gedankenverbindung getreten war mußte er ihr jetzt nicht erzählen. Babs brachte mit Julius' Hilfe das Cogison an. Dann erklommen Millie und er mit seiner diebstahlsicheren Reisetasche ihr gemeinsames Hochzeitsgeschenk und warteten.

"Temmie, einfach hinter Lonnie herfliegen!" Kommandierte Julius mit sanfter Stimme. Temmie gab ein behagliches Muhen von sich, als sie sich wieder erhob.

"Glaubst du, die redet mit uns, während wir fliegen?" Fragte Millie.

"Ganz sicher glaube ich das", sagte Julius seiner Frau. Dann sah er, wie Babs wieder auf dem Kutschbock saß. Wartete, bis die Treppen eingeholt waren und die ältere Kuh antrabte, um zum nächsten Ziel zu fliegen.

"Und los, Temmie, feines Mädchen! Hinter Lonnie her!" Befahl Julius nun etwas energischer. Temmie trabte an und folgte Bellona in einem Abstand von zwanzig ihrer Körperlängen. Als diese durchstartete, schnellte Artemis mit mehr Wucht nach oben und überflog die Cousine ihrer leiblichen Mutter.

"Sie ist etwas langsam", blökte das Cogison. Millie verzog ihr Gesicht. Dabei sollte sie gleich noch eine große Überraschung erleben.

"Hinter ihr bleiben, Temmie!" Befahl Julius. Tatsächlich ließ sich seine geflügelte Trägerin zurückfallen und Bellona unter sich passieren, wobei die ältere Kuh Anstalten machte, Temmie ihre Hörner in den Bauch zu bohren, was von Babs jedoch mit einem verärgerten Kommando und Zerren an den Führketten unterbunden wurde.

"Mag die dich nicht?" Fragte Julius.

"Die wollte mir was wegfressen und hat sich mit mir gehabt", blökte das Cogison erneut. Millie sah Julius an und fragte, ob das magische Gerät auf flüssige Aussprache bei Tieren eingestellt werden konnte oder Temmie wirklich ganze Sätze denken konnte. "Ich bleibe fünfzig Längen hinter der. Ich kann gut sehen und die noch besser riechen", cogisonierte Temmie.

"Millie weiß noch nicht, was mit dir ist", mentiloquierte Julius. Das Cogison reagierte mit leisem Blubbern und Fauchen darauf. Temmie ließ sich so weit zurückfallen, bis sie die gigantische Artgenossin von ihr nur noch wie eine geflügelte weiße Maus zu sehen meinten. Babs melote, ob Julius Schwierigkeiten habe.

"Ich bleibe euch im großen Abstand auf den Flügeln", schickte er zurück. "Temmie und Lonnie können sich nicht ab."

"Soso", erklang Babs' Gedankenstimme in seinem Kopf. Dann sprach Temmie durch das Cogison:

"Julius, sag Millie bitte, was mit mir ist!"

 

"Öhm, Julius, was soll mit ihr sein?" Fragte Millie.

"Millie, du erinnerst dich doch noch an den Traum, wo Temmie uns beide runtergeschluckt hat und wie sie dann zu Darxandria wurde."

"Ja, weiß ich noch sehr genau", fauchte Millie. Dann flog ein Ausdruck der Erkenntnis über ihr Gesicht. doch sie sagte nichts. Julius erklärte ihr nun, daß durch die geistige Übernahme von Temmie etwas von Darxandria in dieser hängengeblieben war und das jetzt richtig in ihr drin sei, weil er mit Béatrice ein Experiment gemacht hatte, wie stark die geistige Beziehung zu der geflügelten Kuh nun sei.

"Will sagen, wir reiten jetzt nicht auf Artemis, sondern auf der in ihr steckenden Darxandria?" Fragte Millie argwöhnisch.

"Ja, ich bin es, Millie. Aber irgendwie bin ich jetzt auch Artemis, so wie sie früher schon war. Ich weiß und fühle alles wie sie und finde das irgendwie sehr schön", blökte das Cogison. "Ich mußte Temmie werden, weil Julius sonst in ihr dringeblieben wäre. Du weißt ja, daß der diese Sache mit den Skyllianri erledigen soll. Als Temmie könnte er das nicht. Deshalb bin ich in Temmie rein und bin jetzt sie."

"Absolut krass!" Konnte Millie dazu nur noch sagen. "Und Tante Trice, Tante Babs und Catherine wissen das?"

"Ich hab' denen alles erzählt, was ich denke, daß die das wissen dürfen", erwiderte Artemis über das Cogison. "Ich habe gesagt, daß ich machen werde, was wir Latierre-Kühe so machen sollen, wenn ich dafür Julius und dir gehöre und ihr mir nicht dieses fiese Führeisen ins Maul schiebt. Ihr kriegt ja mit, daß ich auch ohne dieses Ding gut hinter wem herfliegen kann."

"Öhm, Julius, wir reden hier mit einer supermächtigen Hexe, deren Seele jetzt in einer supermächtigen Flügelkuh festhängt", zischte Millie. "Ist schon 'ne abgedrehte Vorstellung, daß Temmie jetzt von dieser Darxandria besetzt ist. Aber in unsere Wohnhäuser müssen wir die nicht reinbringen, oder?"

"Nein, dafür ist die zu groß", erwiderte Julius.

"Du brauchst dich nicht zu schämen oder zu denken, daß dir das leid tut, daß ich jetzt eure Artemis bleiben und wohl irgendwie auch einige neue Kälber kriegen werde", erwiderte das Cogison. "Ich habe den beiden Barbaras gesagt, ich mache alles, wozu mein Körper da ist, Leute tragen, Kälber kriegen, Milch geben. Ich hätte was schlimmeres werden können, wie eine Rotsandlaus oder eine Nacktschnecke oder ein essbares Tier wie ein Kaninchen oder Huhn. Temmie zu sein macht mir jetzt richtig Spaß." Und wie zur bestätigung setzte die geflügelte Kuh zu einem Looping an, flog danach zwei S-Kurven aus und jagte erst hinter Lonnie her, um sich dann im beinahe Senkrechtsteigflug fast in eine kleine, weiße Wolke hineinzuwerfen, bevor sie wieder auf einen ordentlichen Verfolgungskurs einschwänkte.

"Öhm, also ich möchte ehrlich gesagt keine Latierre-Kuh sein. Ständig Grünnzeug fressen, stinkende Fladen abwerfen und andauernd saufen, um das ganze wieder hochkommende Zeug noch mal durchzukauen. Abgesehen davon mag ich die Liebe wie wir sie machen lieber als das Gerangel zwischen einem Bullen und einer Kuh."

"Ach, das krieg ich bestimmt hin, Millie. Ich habe auch erst gedacht, ich will das nicht. Ich denke, mein Körper wird sich freuen, wenn ich eines von den Männchen aufspringen lasse. Und das mit dem Wiederkäuen ist nicht so unangenehm. Ich mach das jetzt seit neun Tagen und hab' mich dran gewöhnt."

"Ja, und schön stark ist sie obendrein", raunte Julius an Millies Adresse.

"Trotzdem bleibe ich lieber eine Hexe mit Händen und tollen Anziehsachen. Britt könnte sich mit so'nem Körper bestimmt gut vertragen, wo die ja selbst auch nur Grünzeug in sich reinschiebt."

"Dann könnte die aber nicht mehr Quodpot spielen oder apparieren", wandte Julius ein. Sich Brittany Forester als Latierre-Kuh vorzustellen hatte irgendwas amüsantes an sich. Allerdings hätte die wohl was dagegen, nur um ihre Milchproduktion anzukurbeln von barbarischen Bullen geschwängert zu werden. So sagte er es auch Millie.

"Ja, stimmt, da hätte sie was gegen", bestätigte Mildrid.

"Wer immer diese Brittany ist: Ich finde, die hätte sich das wohl nicht ausgesucht, als Kuh mit Flügeln zu leben", blökte Temmies Cogison. "Ich hab' das nur gemacht, weil Julius so wie er ist besser das machen kann, was hilft, die alten Bestien zu besiegen."

"Ich denke auch, daß Britt sich sehr bei dir bedankt hätte, wenn du sie mal eben in eine Latierre-Kuh verwandelt hättest", meinte Millie zu Julius. Dann fragte sie Artemis, was sie von ihrem früheren Leben als Darxandria noch wisse, ob mit dem Einzug in die geräumige Temmie die Träume aufhören würden und wie sie Julius noch helfen könne, außer ihn herumzutragen.

"Ich kann noch mit ihm im Schlafleben sprechen, wenn was ist, das er wissen oder machen muß, Millie. Genauso kann ich mit dir in deinem Schlafleben reden, weil du über den Anhänger und das Lebenskraftverstärkungsritual mit ihm und mir verbunden bist. Dann kann ich euch von meiner Wolle was geben und dann, wenn ich eigene Kinder habe und die nicht mehr bei mir trinken auch was von der Milch lassen, wenn ihr lernt, wie die ohne wehzutun aus mir rausgezogen werden kann. Im Wachleben bin ich Artemis oder Temmie. Im Schlafleben kann ich als Darxandria was sagen oder machen", erwiderte das Cogison, während Temmie wie an einer unsichtbaren Leine hinter Lonnie herflog. Julius fragte sie, ob sie den Weg und die Richtungen spüren könne. Temmie bestätigte das. Millie nahm ihren Herzanhänger und hielt ihn sich an die Stirn:

"Die redet wie ein etwas größeres Kind, fast so wie Callie oder Mayette, Julius. Dabei hat die sonst echt erhaben geredet, als ich die kennenlernte."

"Wird die Geistesverschmelzung sein, Millie. Ist wie bei Ammayamiria. Darxandria hat sich in Temmie zu einem jungen Mädchen zurückentwickelt. Aber ich denke, die weiß und kann doch noch alles, was sie früher konnte."

"Wollen's hoffen, Monju. Wenn das mit diesen Schlangenmonstern stimmt, dann hängen wir ziemlich in der Luft, wenn die nur noch wie ein Kind denkt und redet."

"Vielleicht bricht Darxandrias Anteil stärker durch, wenn Temmie ein Kalb trägt", vermutete Julius.

"Na klar, wie Connie Dornier von einem Moment zum anderen von einer Meckerhexe zur vernünftigen Mutter geworden ist", gedankengrummelte Millie zurück. Dann sagte sie laut: "Du findest das also jetzt in Ordnung, Temmie zu bleiben. Zumindest ist das für uns praktisch."

"Wenn ich nicht in Temmie geblieben wäre, hätte dein Mann sie werden und bleiben müssen. Ich war früher mal Frau und Mutter. Ich komm damit klar, einen weiblichen Körper zu haben", versicherte Temmie Millie und Julius.

So tauschten sie die weiteren Erlebnisse der letzten Tage aus. Millie und Julius befragten Artemis über Darxandrias früheres Leben. Julius fragte, ob sie sich dabei den Weg merken könne.

"Irgendwie ist mir so, als würde ich mich an diesen Weg erinnern, obwohl ich den bisher nicht geflogen bin", sagte Temmie. "Die Kraftlinien der Erde machen, daß ich das merken kann, wie weit und in welche Richtung ich fliege. Wenn ich das oft mache, kann ich überall hinfliegen, wenn mir wer sagt, wo das genau ist. Demie, meine Mutter, kann das ganz gut. Und ich finde, weil ich in Temmie neu lebe, kann ich das auch richtig lernen." Julius testete nun Darxandrias Wissen im Bezug auf die alten Zauber, die er gelernt hatte. Er erwähnte auch den Friedensraum-Zauber und bedauerte, daß der nur eine volle Stunde vorhalten würde.

"Hat meine Base das so gesagt?" Fragte Temmie. Julius bejahte es. "Das stimmt für Leute, die so jung sind wie du, Julius. Sie wollte dir keine falsche Hoffnung machen, daß du damit jemanden länger schützen kannst. Außerdem hast du noch kein Kind. Wenn etwas lebendes von dir in die Welt gebracht wird, verlängert sich die Wirkung des Zaubers, sobald das Kind in dem damit geschützten Raum sitzt auf soviele Viertelstunden, wie du Jahre erlebt hast. Wenn du kein Kind von dir in diesen Raum setzt oder noch keine Kinder hast ist das eben nur eine Stunde. Aber du kannst das ja vorher länger wirken lassen, wenn du die letzten drei Worte innerhalb des Raumes sprichst, bevor die Zeit ganz um ist. Dann hält das noch mal eine Stunde. Aber das ist ziemlich übel, weil du dabei viel Kraft von dir abgibst. Blutsverwandte halten den Friedensraum von sich aus ganz, ohne schwächer zu werden, eben weil sie aus ein Teil von deinem Fleisch und Blut sind, das du mit Liebe gemacht hast."

"Na, Monju, sollen wir beiden nicht dann doch schon mal bei Aurore anfragen, ob sie zu uns kommen möchte?" Mentiloquierte Millie mit dem Herzanhänger.

"Du hast ja mitgekriegt, wie Cythera Connies Leben umgekrempelt hat. Wenn du im ZAG-Jahr sowas haben möchtest ..."

"Dann hoff mal besser, daß du diesen Zauber nicht vorher machen mußt, Monju", schickte Millie zurück. Zumindest verstanden beide, wie wirkungsvoll Venus Partridge geschützt worden war, nachdem sie den Zusammenstoß mit dem blutroten Phantom gehabt hatte. Millie fragte Artemis, woher ein Zauberer, der nicht aus dem alten Reich stammte, diesen Zauber haben konnte.

"Es gibt einige, die ihn über die ganze Zeit behalten und weitergegeben haben. Kann sein, daß der Vater dieser jungen Frau den von einem Überlebenden hat. Aber von denen gibt's nicht viele. Ich selbst habe nur fünf in der Welt gefunden, verteilt über alle Erdteile, wo meine Leute damals Siedlungen hatten."

"Aufgeschrieben wurden diese Zauber nicht?" Fragte Julius interessiert.

"Weiß ich nicht", erwiderte Artemis. "Aber die Todeswehr ist bestimmt nicht überliefert worden. Zumindest hätte ich das gespürt, als ich wieder mit lebenden Menschen zu tun kriegte.

"Du kannst also echt machen, daß dich keiner umbringen kann?" Fragte Millie.

"Es ist wie ein Anti-Todesfluch, Millie. Ich kann damit nur einen Gegner zur Zeit davon abbringen, mich gleich umzubringen. Wie lange das vorhält liegt daran, wie grausam der Gegner ist. Ich denke mal, gegen Voldemort könnte ich gerade fünf Sekunden Aufschub rausholen, so mordlustig der ist."

"Aber die fünf Sekunden reichen aus", sagte Millie. "Mit diesem Feindeverjagezauber könntest du den in der Zeit verschwinden lassen."

"Ja, aber auch nur eine Stunde."

"In der du locker verduften kannst, Julius", blieb Millie optimistisch. "Warum will Oma Lines neue Freundin Blanche Faucon dann nicht, daß ich den auch lerne?"

"Erstens wollen wir mal nicht übertreiben, Millie, was Oma Line und Madame Faucon angeht", schränkte Julius Millies Einwand ein. "Zweitens hast du gehört, daß hinter diesen Zaubern viel Kraft stehen muß. Den rest hat deine Mutter dir ja erklärt."

"Wenn du ein Kind im Bauch hast kannst du einige dieser Zauber mit kleinerem Aufwand, weil du für zwei Leben zugleich eintrittst", blökte das Cogison. Millie sah Julius herausfordernd an. Dieser tat so, als habe er Temmies Kommentar nicht gehört und meinte nur:

"Jedenfalls fand diese Ianshira, daß ich diese vier Sachen zaubern lernen und wohl auch bringen kann, wenn's drauf ankommt."

"Hast du dir schon einen Jungennamen ausgesucht, Monju?" Fragte Millie mit säuselndem Tonfall.

"Wie wär's mit Gérard?" Fragte Julius herausfordernd.

"So blöd war die Frage echt nicht, Monju. Oder meinst du, Gérard fände das witzig, wenn ich erzähle, daß Gérard gerade in meinem Bauch herumturnt?"

"Du hast mich gefragt", erwiderte Julius.

"Ihr wollt schon ein Kind haben?" Fragte Artemis. "Dann nehmt doch für einen Jungen den Namen eines eurer Großväter. Ich bekam damals einen Sohn, den ich Iaxlanmirir nannte, was Stimme des Lebens heißt und der Name meines Großvaters väterlicherseits war, der damals im Zehnerrat dem Orden von Licht und Leben angehörte."

"Oha, der Name würde in Beaux ganz bestimmt nur einmal vorkommen", stellte Millie fest. "Außerdem muß Julius das bestimmen, wie unsere Jungs heißen sollen. Ich sag an, wie die Mädels heißen, wenngleich wir da ja schon zwei Namen ziemlich sicher haben."

"Wie wär's dann mit Hercules?" Fragte Julius "Oder die korrekte französische Form Hercule?"

"Vergiss es. Der liegt mir schon als Bernies Ex und Belisamas Schoßhund schwer genug im Magen, Monju. Weiter unten muß der wirklich nicht auch noch rumhängen."

"Dann Orion", grinste Julius und merkte sofort, daß er da ein Eigentor fabrizierte.

"Jau, Orion Albericus, Monju. Merk dir den Namen gut!"

"Öhm, kann ich den noch umändern?"

"Wieso? Orion ist doch ein starker Name und hat Tradition in der Latierre-Familie. Oder mußt du dabei an meine Tante denken und wie ihr ihm die Tour vermasselt habt?"

"Kein Kommentar", erwiderte Julius darauf.

"Die alte Bellona will runter. Soll ich da auch runter?" Fragte Temmie mit Hilfe des Cogisons. Julius sah nach vorne, wo Bellona gerade in einem sanften Neigungswinkel mit abnehmender Geschwindigkeit sank. Er sagte Temmie, sie solle ihr so genau folgen wie bisher auch. Dann sah er die fünf Turmspitzen des Sonnenblumenschlosses. Er wußte nicht, daß sie so lange geflogen waren. Doch als er seine Uhr befragte, stellte er fest, daß sie anderthalb Stunden unterwegs gewesen waren. Dann sah er auch die baumhohen Riesensonnenblumen. Sie erreichten Château Tournesol also von der anderen Seite her als bei seinem ersten Besuch.

"Ging es gut?" Fragte Babs mentiloquistisch.

"Optimal", schickte Julius zurück. Dann landete Bellona, was für Temmie hieß, noch einige Dutzend Meter weit zu fliegen und dann die letzten zwanzig Meter im beinahe Sturzflug durchzusacken, bevor sie mit kräftig ausschlagenden Flügeln bremste und fast ohne restlichen Vorwärtsschwung aufsetzte.

"Danke für's mitnehmen", sagte Julius Temmie zugewandt.

"War richtig nett, euch oben drauf mitzunehmen. Ihr seid ja schön leicht", blökte Temmies Cogison.

"Das macht mich jetzt echt eifersüchtig", mentiloquierte Barbara Latierre. "Ohne Trense und lautes Kommando so eine Landung hinzukriegen."

"Beziehungen sind alles", schickte Julius zurück. Dann bat er Temmie respektvoll, sich hinzulegen, so daß er und Millie ohne die Treppe zu benutzen von ihrem wolligen Rücken herunterrutschten und federnd auf der Landewiese aufkamen.

"Runter geht leichter als rauf", bemerkte Tine, als sie Millies und Julius' Kleidung inspizierte und mit energischen Zauberstabbewegungen die weißen Wollfasern und grünen Grasflecken wegputzte.

"Mit der Treppe hätte länger gedauert", erwiderte Millie frech. "Julius hat das freche Mädel echt voll im Griff."

"Besser als dich, wie mir scheint, freches Mädel", knurrte Martine etwas ungehalten. Dann trat Barbara Latierre auf Julius zu.

"Temmie und Lonnie können sich nicht sonderlich gut riechen, weil Temmie ihr zu ungestüm war. Wenn du das hinkriegst, sie auf die andere Seite der Wiese zu schicken und da zu lassen kann sie hierbleiben. Wenn nicht möchte ich sie wieder zum Hof zurückbringen, wenn sie sich erholt hat."

"Ich probier's aus", sagte Julius und dachte ihr zu: "Du weißt ja, daß sie nicht angekettet werden möchte."

"Wer will das schon", gedankenknurrte Babs zurück. "Andererseits haben sie und ich uns ja geeinigt, sie als vernünftiges Wesen zu sehen." Julius sprach zu Temmie, sie möge sich auf der anderen Seite der Landewiese einrichten, während Bellona an ihrem Stahlpfahl angepflöckt wurde. Immer wieder warf sie mißtrauische Blicke zu der jüngeren Kuh hinüber, die seelenruhig auf die ihr zugewiesene Parkposition trottete und sich dort genüßlich niederlegte.

"Die gehorcht dir auf's Wort", bemerkte Albericus Latierre fasziniert. "Da können Line und Babs ja glatt neidisch werden."

"Wenn du wüßtest, was das bewirkt hat, daß die macht, was ich ihr sage", grummelte Julius leise. Doch er konnte sich denken, daß sein Schwiegervater das wußte, was ihn mit Temmie verband, zumindest bevor dieses Experiment vor Julius' fünfzehnten Geburtstag durchgeführt wurde.

"So, meine lieben, dann rein in unser aller Haus!" Flötete Line Latierre und winkte ihren Familienangehörigen.

Über die Zugbrücke ging es durch das hufeisenförmige, drei Meter hohe Torhaus in die imposante Empfangshalle, die mit bunten Wandteppichen, vier großen Gemälden wichtiger Familiengründer und kirschroten Vorhängen ausgeschmückt war. Vier Kronleuchter an der Decke und acht mannshohe Kerzenleuchter konnten für Licht sorgen, wenn die Sonne nicht mehr durch die nach Süden, Südosten und Osten weisenden Rundbogenfenster hereinscheinen konnte. Wie im letzten Sommer fühlte Julius eine angenehm kühle Brise. Doch da war noch was, als er in die weitläufige Empfangshalle trat: Es war ein Gefühl, als käme er gerade von einer sehr langen Reise nach Hause. Er stutzte. Als er darüber nachdachte, was er da empfand, war dieser Eindruck auch schon wieder aus seinem Bewußtsein verschwunden. Dennoch wurde er den Gedanken nicht los, daß er gerade etwas neues empfunden hatte, daß er in diesem Schloß bisher noch nicht gespürt hatte. Vielleicht lag das an dem Herzanhänger. Den hatte er bei seinem letzten Besuch hier noch nicht getragen.

"Hast du was, Julius?" Fragte Millie verdutzt.

"Schon um die Ecke, Millie. Nur so'n komisches Gefühl, ich wäre gerade lange unterwegs gewesen und endlich wieder zu Hause", sagte er seiner Frau. Hippolyte, die gerade noch mit Martha zusammengestanden hatte, hörte es wohl und sah ihn wohlwollend lächelnd an und deutete auf ihre Mutter.

"Vielleicht bist du jetzt zu Hause, Monju. Immerhin heißt du jetzt wie die meisten hier", erwiderte Millie erheitert. Julius empfand diese Möglichkeit als nicht so abwegig, wenn er auch nicht wußte, was ein derartiger Zauber bewirken sollte. Ursuline sah ihre Familienangehörigen und Gäste an. Die Montferres, die noch einmal mitgekommen waren, ihre Söhne, Töchter und Enkel. Dann rief sie raumfüllend:

"Ich freue mich, daß ihr alle, die ihr mir lieb und wertvoll seid, hier und heute in den Mauern von Château Tournesol zusammenkommen konntet, um zwei neue Familienmitglieder feierlich willkommen zu heißen. Ich begrüße dich, Martha! Sei hiermit bedankt, daß du uns Julius geboren hast, der Mut und Liebe fand, um mit meiner Enkeltochter Mildrid den erhabenen Bund der Ehe einzugehen. Sei mir nun richtig willkommen, Julius Latierre, mein angetrauter Enkelsohn!"

Wieder überkam Julius dieses erfreuliche Gefühl, nach langer Reise in das geliebte Zuhause zurückzukehren. Offenbar bargen die Mauern dieses alten Schlosses noch viel mehr magische Überraschungen, als er bisher mitbekommen konnte. Hatte ihn das Schloß jetzt als legitimen Familienangehörigen registriert und ihm das mit diesem herrlichen Gefühl bestätigt? Millie lächelte, ebenso ihre Mutter und ihre Schwester.

"Bei den Eauvives habe ich das nicht gefühlt. Und die haben mich auch willkommen geheißen", flüsterte Julius Millie zu.

"Da sage ich mal nicht mehr zu. Ich denke, Oma Line wird dir das in Ruhe erklären."

"Ich denke, wir sollten nun, wo wir alle hier sind, die eigentliche Hochzeitsfeier nachholen, die Hipp und Albericus durch ihre Entschlossenheit ohne große Vorankündigung haben stattfinden lassen", sagte Ursuline Latierre dann noch und bat die Gäste, sich in zwanzig Minuten im Speisesaal zu versammeln. Julius fragte Ursuline, wo seine Mutter und er denn schlafen würden, da sie ja bis morgen Früh hierbleiben sollten.

"Du wirst doch nicht mit deiner Mutter in einem Zimmer schlafen wollen, wo du offiziell verheiratet bist und eine nette, junge Frau an deiner Seite hast", grinste Ursuline. Martha Andrews verzog ihr Gesicht. Julius sah Millie an, die überlegen lächelte. "Ihr seid jetzt nicht mehr in Millemerveilles, wo gewisse Herrschaften meinen, euch beide schön weit voneinander getrennt halten zu müssen. Natürlich schlafen Millie und du im Kuhturm, wo Ferdinand und ich unsere Gemächer haben. Deine Mutter wird wie im letzten Sommer im Greifenturm nächtigen, zusammen mit Hippolyte, Albericus, Martine und Miriam, sowie Raphaelle und Michel Montferre und ihren vier Kindern."

"Findest du nicht, daß es nicht ein wenig früh ist, die beiden zusammenzulegen?" Fragte Babs argwöhnisch.

"Meine Tochter, die beiden sind ordentliche Eheleute, genau wie Jean und du, und du weißt genau, daß jedes neue Ehepaar der Latierre-Familie die erste Nacht unter dem Dach von Château Tournesol bereits das Bett teilt. Was die beiden dort tun soll dich nicht kümmern", zischte Ursuline ihrer Tochter zu. Julius war sich sicher, daß das eher an seine Mutter und ihn gerichtet war. Diese sah ihn an und winkte ihn zu sich:

"Na ja, wenn ihr ab morgen bei uns im Haus in Paris zusammenwohnt und das kleine Zimmer teilt solltet ihr mal ausprobieren, ob ihr beiden auch nebeneinander einschlafen und aufwachen könnt, Julius. Schon lustig, daß ich schön weit von euch beiden weg ein Zimmer habe." Julius nickte. Der Greifenturm stand an einer der beiden Ecken, die am weitesten von jener fortlagen, die der Turm mit der weißen Statue einer Latierre-Kuh markierte. Allerdings fragte sich Julius, woher seine Mutter wußte, wie weit das im Schloß selbst war. Als ihm die Antwort hell wie eine Supernova aufging schrak er beinahe zusammen. Immerhin hatte seine Mutter eine ganze Nacht mit Line Latierre im selben Bett zugebracht, zwar nicht mit ihrem eigenen Körper aber doch so, als sei sie bei seiner angetrauten Großmutter gewesen.

"Ich finde, für eine Braut siehst du etwas zu gewöhnlich gekleidet aus, Schwesterchen", sagte Martine. "Und Julius sollte seinen tollen Festumhang anziehen, wenn wir eure Verbindung hier nachfeiern."

"Ich habe kein Brautkleid", flötete Millie.

"Unschuldsweiß wäre ja auch verkehrt", zischte Julius ihr zu. "Kannst ja den Festumhang von gestern abend anziehen."

"Nix gibt's", ging Martine dazwischen. "Meine Schwester zieht was schön helles an, das nicht wie ein Beauxbatons-Kostüm aussieht oder nur für eine Fete herhält. Ich suche mit ihr das passende aus."

"Tine, muß das echt sein?" Fragte Millie. Martine nickte wild entschlossen und legte ihrer jüngeren Schwester den Arm um die Schulter.

"Dein weinroter Festumhang ist in der Tasche drin?" Wollte Hippolyte von Julius wissen. Julius nickte. Er trug seine Reisetasche hinter Ursuline und Ferdinand her zum Kuhturm, wo sie in der zweiten Etage das für Millie und ihn bestimmte Zimmer erreichten. Das Zimmer war groß und gemütlich eingerichtet. Alles war in Himmelblau und Sonnengelb gehalten. Zwei gelbe Schränke mit goldenen Schlössern standen an der geraden Wand. Da wo die Wände eine Ecke des Fünfecks bildeten, stand ein dreieckiger Tisch auf drei schlanken Beinen, auf dem bereits eine große, bronzene Blumenvase mit einem Strauß Sommerblumen stand. Zwei große Rundbogenfenster in goldenen Rahmen blickten über den Sonnenblumenwald hinweg. Sonnengelbe Vorhänge hingen links und rechts davon herab. Julius dachte bei dieser Farbe an die Wächter im Turm der Macht von Khalakatan, sowie die sich ihm offenbarenden Altmeister und -meisterinnen, die in sonnengelben Gewändern gekleidet waren. Ein unter himmelblauem Baldachin liegendes Himmelbett für zwei Personen stand an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand. Außerdem besaß der Raum neben der himmelblauen Tür zum Flur auch eine blütenweiße Tür, die in ein Badezimmer führte, in dem bereits zwei flauschige, wasserblaue Badetücher über den seegrünen Stangen hingen. Eine halbmondförmige Badewanne aus weißem und blauem Marmor beherrschte eine der drei Wände. Ein Toilettensitz und ein gleichfalls weiß-blaues Marmorwaschbecken. Schneeweiße, flauschigweiche Vorlegeteppiche bedeckten den wasserblau gefliesten Boden. Julius kam sich vor wie im Himmel selbst. Dieser Eindruck wurde noch durch die drei sonnenförmigen Oberlichter knapp unter der Decke verstärkt, durch die gerade das helle Mittagslicht hereinflutete.

"Das ist die Hochzeits-Suite im Château Tournesol", stellte Martine, die hinter Millie und Julius hergeschritten war das Zimmer vor. "Da haben unsere Eltern auch schon drin geschlafen."

"Ja, aber du wurdest anderswo ins Leben getanzt", stellte Millie fest. "Immerhin sind anderthalb Jahre vergangen, bis es dich gab", stellte Millie klar.

"Dann lass dir das ein Vorbild sein, Mildrid Ursuline", konterte Martine. Doch dann mußte sie grinsen. "Was ja nur heißt, daß unsere Eltern fleißig geübt haben, bevor sie mich in ihr Leben ließen. - So, Julius, du holst jetzt deinen Umhang raus und ziehst den an, bevor ich mit meiner Schwester die passende Kleidung und den Schmuck aussuche!" Julius verstand, daß er hier nicht erwünscht war, solange Millie nicht umgekleidet war, fischte aus seiner Reisetasche den weinroten Umhang heraus und tauschte ihn mit dem nach Temmie riechenden tannengrünen Gebrauchsumhang. Martine betrachtete seine beiden Armbänder und die Weltzeituhr.

"Das ist der Frühwarner von Aurora Dawn. Den brauchst du hier ganz bestimmt nicht. Das Château Tournesol liegt seit vierhundert Jahren unter einem von fünfzig Latierres aufgebauten Sanctuafugium-Zauber, der mächtiger wirkt, je mehr Familienangehörige in seinem Wirkungsbereich verweilen. Paßt aber doch irgendwie zum Pflegehelferschlüssel. Nur die Uhr stört, Julius. Ich weiß, die ist für dich wichtig. Aber für eine Feier, wo die Abstimmung zählt etwas unpraktisch. Lass die besser hier! Im Schloß gibt es genug Uhren zum ablesen, wenn du meinst, immer wissen zu müssen, wie spät es genau ist. Und jede Viertelstunde läutet die Uhr im Pferdeturm."

Julius legte die Weltzeituhr und seinen Brustbeutel in einen der Schränke. Der nach Latierre-Kuh duftende Gebrauchsumhang wanderte, nachdem Julius alles aus den Taschen entfernt hatte, in einem kleinen runden Fach in der Wand im Badezimmer. Er würde nachher noch frisch gewaschen werden, erklärte Martine. Dann scheuchte sie Julius im roten Festumhang aus dem Zimmer. Er stieg die breite Wendeltreppe hinauf, vorbei an einer weiteren Zimmerflucht, vor der Ferdinand Latierre auf einem Stuhl hockte und leicht geknickt umherstarrte.

"Huch, haben sie dich auch aus dem Zimmer gejagt?" Fragte Julius.

"Du meinst eher, daß sie mich aus unserem Zimmer gejagt hat, Julius. Ja, meine werte Gattin möchte sich umkleiden und dabei nicht von den Banausenblicken ihres Gatten beäugt werden."

"Öhm, so hat die das wohl nicht gesagt", meinte Julius darauf grinsend.

"Stimmt, die hat gesagt: "Ferdi, mach dich raus, bis ich meine Klamotten gewechselt habe!" Beide lachten.

"Lästert mein Mann über mich?" Erhielt Julius eine mentiloquierte Anfrage Ursulines.

"Er hat nur gemeint, daß er dir nicht beim Umziehen zusehen darf", schickte er zurück.

"Ihr Männer macht euch das zu einfach, und dann setzt ihr uns Frauen unter Druck, daß wir fertig werden sollen", erwiderte Line nur für Julius vernehmbar. "Geh mit meinem Mann schon mal runter in den Speisesaal!" Rief sie dann mit hörbarer Stimme.

"Komm, die mag nicht, wenn wir vor der Tür rumhängen", sagte Ferdinand und geleitete Julius hinunter.

"Also, wenn ich mir euch beide so ansehe, habe ich große Hoffnung, daß das mit Millie und mir auch bis ins hohe Alter vorhält", sagte Julius.

"Ich bin ja im Grunde der zweite Mann in Lines Leben. Doch ich bereue es nicht, daß sie mich dazu gebracht hat, sie zu heiraten. Mit ihr wird es garantiert nicht langweilig. Abgesehen von den Kleinen, die wir beide noch in diese Welt gesetzt haben."

"Und du meinst, die reichen deiner Frau?" Fragte Julius herausfordernd.

"Ohne jetzt in Lines und mein Intimleben reinzugucken, Julius: Ich fühle mich etwas zu alt, um als junger Vater durchzugehen. Andererseits könnte der Regenbogenvogel finden, wir riefen noch laut genug und uns noch so'n Bündel Leben liefert ... Schicksal."

"Dann sollten Millie und ich schön leise sein, damit der nicht meint, wir wären das gewesen", wandte Julius ein. Hippolyte, die gerade um die Ecke kam hatte wohl verstanden, was er gesagt hatte und griff ihn sacht bei der Schulter.

"Ich hätte zwar kein Problem damit, einen Enkelsohn oder eine Enkeltochter von dir präsentiert zu kriegen, Julius. Aber ich denke schon, daß ihr beiden damit noch warten wollt."

"Ja, aber üben darf man ja, wenn das Zubehör vorhanden ist", meinte Ferdinand Latierre.

"Habe ich was nicht mitbekommen?" Fragte Hippolyte. "Ich meine, Schwestern, die schon meine Enkeltöchter sein könnten ... könnte noch ein kleiner Bruder zu passen, oder, Papa."

"Das solltest du deine Mutter fragen, Hipp."

"Zieht meine Mutter sich auch um?" Fragte Julius Hipp.

"Wird sie wohl, wo wir dich ihr ja entzogen haben", grinste Ferdinand.

"Er hat wohl mich gefragt. Und die Antwort ist wohl ein Ja", sagte Hippolyte. Dann winkte sie ihrem Schwiegersohn und ihrem Stiefvater, ihr zu folgen.

Als sie zwanzig Minuten später im Speisesaal zusammensaßen und Julius die Festgarderobe der Hexen und Zauberer bewundert hatte, trat Millie in einem Kleid aus fließendem, wie gesponnenes Gold wirkenden Stoff herein. Ihr rotblondes Haar wurde von silbernen Fäden wie Lametta durchzogen. Sie trug wie er ein zum Pflegehelferschlüssel passendes Silberarmband. Julius fragte sich, welchen Stoff sie für dieses Kleid verwoben hatten. Doch da trat Albericus an seine zweitgeborene Tochter heran, ließ sie sich bei ihm unterhaken und führte sie zu Julius, der von seiner Mutter im hellblauen Kleid flankiert wurde. Als die beiden frisch verheirateten nebeneinanderstanden, begrüßte Ursuline die beiden noch einmal. In ihrem knöchellangen Kleid aus grasgrüner Seide wirkte sie würdevoll.

"Setzt euch nebeneinander hin!" Gebot die Matriarchin der Latierres. Millie und Julius nahmen nebeneinander Platz. Dann wurde das Essen aufgetragen.

Die nächsten drei Stunden verbrachten die jungen Eheleute mit Gesprächen mit den übrigen Familienangehörigen, zu denen sich nach und nach auch Ursulines Schwestern und deren Kinder und Kindeskinder gesellten. Julius sprach mit Artemis Orchaud, die eigentlich die fliegende Temmie übernehmen wolte. Ihre Tochter Lyre hatte inzwischen auch geheiratet und beglückwünschte Millie und Julius, wenngleich sie schon fragte, ob das nicht ein wenig früh war. Julius verwies auf Millies Eltern.

Abends wurde noch einmal getanzt. Dabei erhielt Julius bereits die Einladung, am sechzehnten August auf den Latierre-Hof zu kommen, um mit Callie und Pennie den dreizehnten Geburtstag zu feiern. Um kurz vor Mitternacht verabschideten sich alle zur Nacht. Millies Großtanten waren alle im Drachen- und Hippogreifenturm untergebracht worden und würden diese Nacht hier zubringen. Eigentlich fehlte Ursulines Mutter, fand Julius. Doch diese hatte sich ja durch ihren Zauber von solchen Zusammenkünften abgebracht. Als Millie und Julius ihr Zimmer betraten, fühlte er sich unvermittelt sehr geborgen, wie ein Kind in den Armen der Mutter oder noch früher im Leben. Millie merkte das wohl und wisperte ihm zu:

"Wie ist dir, Monju?"

"Als wäre ich nun wirklich in absoluter Sicherheit. Niemand könnte mir was tun. Ich bekäme alles, was ich brauche ohne rufen zu müssen", erklärte Julius dieses Gefühl, das er hatte. Millie fragte ihn, was er brauche, und er wisperte ihr zu, daß er sie gerade brauche. Sie schloß die Tür und präsentierte sich ihm in ihrem Goldkleid.

"Tine hat mir noch so'n paar blaue Flaschen gegeben. Oder möchtest du nicht doch schon jemanden mit mir ins Leben schaukeln?"

"Öhm, besser noch nicht, Mamille. Dann lassen wir das besser heute."

"Nix gibt's, Monju. Die haben uns die Hochzeitssuite gegeben. Hier wohnt die Liebe mit allem was dazugehört."

"Wenn du das sagst", erwiderte Julius, der fühlte, wie ihn diese Geborgenheit und auflodernde Begierde richtig erwärmten und neben dem süßen Wein und Met noch mehr anheiterten. Behutsam halfen sie sich gegenseitig aus den Festgewändern, gingen hinüber in das Badezimmer, wo sie einander mit warmem Wasser und Badeöl abwuschen, bis sie beide befanden, sauber genug füreinander zu sein. Danach kehrten sie in ihr Schlafzimmer zurück und verbrachten mindestens eine Stunde damit, das breite Himmelbett durchschwingen zu lassen. Dann waren beide glücklich und erschöpft und bliben unbekleidet nebeneinander liegen. Millie vollführte das notwendige Ritual mit dem blauen Sündentilger, wobei sie mehr als die übliche Dosis verwendete. Dann lagen sie beide nebeneinander, hielten sich an den Händen und glitten hinüber in den wohligen Schlaf leidenschaftlicher Liebenden.

 

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Blanche Faucon legte das dicke Buch über die mächtigsten Flüche der bekannten Zaubererwelt zur Seite. Sie hätte vielleicht doch besser leichtere Literatur vor dem Einschlafen auswählen sollen, fand sie. Sie dachte daran, daß Julius Latierre nun sicher im Château Tournesol war. Sie erinnerte sich daran, wie Ursuline und ihre Tochter Hippolyte mit ihr gesprochen hatten. Vor nun zehn Tagen hatte sie das für eine reine Unverschämtheit gehalten. Doch je länger sie darüber nachgedacht hatte, desto sicherer war sie sich, daß Julius nichts besseres passieren konnte, um sein Leben und sein Wissen zu schützen.

"Sie kennen sicher die Vorkehrungen, die die mächtigsten zaubererfamilien bereits vor Sardonias Herrschaft getroffen haben, Blanche? Auch im Château Tournesol hüten wir etwas, daß anerkannten und offiziell willkommengeheißenen Familienangehörigen hilft, ihre Geheimnisse zu bewahren, auf das sie dadurch nicht in Gefahr geraten können. Auch wir haben sowas bei uns, und es wird Julius, den Sie ja so unermüdlich beschützen und lehren wollen helfen, mit dem, was er gelernt und erlebt hat, sicherer zu leben. Das kann er aber nur, wenn er von dem dafür eingerichteten Zauber als vollwertiges Familienmitglied akzeptiert wird."

"Ich hörte von derartigen Vorkehrungen, Madame Latierre", hatte Blanche an jenem Morgen gesagt. "Wollen Sie mir jetzt etwa einreden, Julius sei nur seines Lebens sicher, wenn er sich auf Ihre Enkeltochter als Ehefrau einließe? Sicher ist mir bewußt, daß diese schwerwiegende Entscheidung irgendwann angestanden hätte, nachdem ich von der Konsultation der Töchter der Himmelsschwester erfuhr. Allerdings wage ich nach wie vor den berechtigten Einwand, daß eine vorzeitige Verheiratung seine Eigenständigkeit raubt und ihn Ihnen restlos ausliefert."

"Sie finden also, daß der zukünftige Ehemann meiner Tochter weiterhin von Ihnen mit umwälzenden Geheimnissen betraut werden könne, die jeder halbausgegohrene Legiliment aus ihm herauskitzeln kann", hatte Hippolyte Latierre darauf geantwortet. "Ich finde, daß meine Tochter Mildrid das Anrecht hat, mit dem Zauberer, den sie liebt, ein langes und größtenteils friedliches Leben führen zu dürfen. Das geht aber nur, wenn er diese ganzen Geheimnisse, die Julius von Ihnen und sonst wem aufgeladen bekommen hat, auch wirklich schützen kann."

"Er hat gelernt, seinen Geist zu verschließen", hatte Blanche darauf geantwortet.

"Wissen wir", warf Hippolyte ihr wie einen eisigen Schneeball entgegen. "Ich pflege ein für eine Mutter untypisch gutes Vertrauensverhältnis mit meiner jüngeren Tochter. Sie hat mir erzählt, daß sie in den Osterferien davon erfuhr, daß Julius die Occlumentie bei jemandem gelernt hat. Da Sie das auch wissen, können ja nur Sie diejenige sein, die es ihm beibrachte."

"Völlig logisch, Schwesterchen", grinste Charles. Madame Faucon wandte ein, daß sie nicht die einzige sei, die Occlumentie unterrichten könne und Julius die Ferienzeit wohl auch bei Catherine verbringe.

"Wie dem auch sei, Madame Faucon, meine Mutter, meine Schwester und ich möchten Sie darum ersuchen, keine Einwände gegen die vorzeitige Eheanerkenntnis einzulegen, damit Julius Andrews den Schutz unseres Stammsitzes beanspruchen und die ihm aufgebürdeten Vertraulichkeiten und Geheimnisse bewahren kann", hatte Charles Latierre im Stil eines Beamten geantwortet. Dann hatte Ursuline ihm zugenickt und dann erklärt, warum es für Julius besser sei, als Monsieur Latierre weiterzuleben und auf absehbare Zeit mit ihrer Enkeltochter Kinder zu haben. Als sie alle Vorkehrungen erwähnt hatte, hatte Blanche Faucon herausfordernd gefragt, ob das nicht riskant sei, jemandem, der kein Familienmitglied war, diese Informationen zu geben.

"Dieser Zauber schützt mich auch, Madame Faucon. Wenn Sie wem ein Familiengeheimnis der Latierres verraten wollen, ohne daß ich das möchte, werden Sie dafür einen Teil Ihrer Lebenskraft verlieren. Und ich erlaube es Ihnen nicht, jemandem andrem als einem anerkannten Mitglied der Latierres davon zu berichten, weder in Worten, noch Schriften noch Gedanken", hatte Ursuline dann geantwortet. Schlagartig hatte Blanche Faucon einen erhöhten Druck im Kopf empfunden, der wie ein Schwall kalten Wassers aus dem Kopf durch ihren ganzen Körper strömte und durch ihre Zehen entwich. Sie hatte das Gefühl, von einem unsichtbaren Gespenst mit der Faust am Kopf getroffen worden zu sein und den Schlag durch den ganzen Leib gehen zu fühlen. Ursuline Latierre hatte sie wohl beobachtet und lächelte überlegen. "Sie sehen, Madame Faucon, daß unsere Zauber wirken, wie auch die der Eauvives."

"Wer sagt Ihnen, daß Madame Eauvive nicht ähnliche Vorkehrungen getroffen hat?" Hatte Madame Faucon dann gefragt.

"Wird sie wohl. Doch was immer sie tun kann wirkt nur dort, wo der Stammsitz liegt und auf Träger ihres Familiennamens. Das vermute ich zumindest mal", war Ursuline Latierres Antwort gewesen. Dann fragte ihr Sohn:

"Werden Sie nun, nachdem Sie wissen, welche Vorkehrungen wir anbieten, um Julius zu schützen, immer noch gegen die vorzeitige Eheanerkenntnis vorgehen, sofern seine Mutter und er dieser zustimmen?"

"Als Expertin für höhere Schutzzauber kann ich mich Ihrer Argumentation und Erläuterung leider nicht verschließen", hatte Blanche Faucon darauf seufzend erwidert.

Jetzt war das fast zehn Tage her. Julius würde nun wohl auf den vom Sanctuafugium-Zauber umkleideten Ländereien von Château Tournesol schlafen und in den Genuß uralter Schutzzauber kommen. Dann könnte sie ihm am nächsten Tag wohl doch einen Besuch abstatten, um ihn und Millie wegen Großbritannien zu fragen. Sie prüfte noch einmal, ob das, was sie im Fall einer Zustimmung vorbereitet hatte sicher verpackt war. Dann las sie noch einen Abschnitt in ihrem Buch.

 

__________

 

Ursuline Latierre lauschte auf das unter ihrem Gemach stattfindende Treiben. Ihr Mann meinte:

"Regt dich das auch an, Liline?"

"Es freut mich, daß unsere Millie einen wohl ausdauernden und vielleicht auch sehr willigen Mann abbekommen hat."

"Wenn du diese Nummer bringen willst, die deine Mutter mit mir gebracht hat müssen aber beide mal schlafen", knurrte Ferdinand.

"Sie werden schon schlafen, Ferdie", erwiderte Ursuline Latierre. in dem Moment schrie Millie ihre höchste Lust in den Kuhturm.

"Am besten läßt du die beiden hier wohnen, bevor die Blanches Muggelschwiegersohn noch die Ohren vom Kopf brüllt", lachte Ferdinand, während seine Frau sehr zufrieden gluckste.

"Dafür ist schon gesorgt. Albericus und Otto bauen gerade das Nest für Millie und Julius. Morgen bringen wir es in Catherines trautes Heim. Dann kann Millie jede Nacht so herrlich laut schreien."

"Das kann der Regenbogenvogel aber hören", feixte Ferdinand. "Willst du echt, daß Millie unseren ersten Urenkel noch vor den ZAGs kriegt? Dann könnte die gute Blanche aber wieder böse auf dich werden."

"Sie sind verheiratet, Ferdie. Wenn sie ein Kind noch vor dem Schulende kriegen können sie dafür nicht bestraft werden."

"Ja, nur die ZAGs vermasseln", erwiderte Ferdinand. Dann lauschte er. Ruhe kehrte ein.

"Wir können länger", grinste Ursuline amüsiert.

"Du meinst, du hältst länger durch, Liline", knurrte Ferdinand.

"Ach, komm, jetzt erzähl mir bloß nicht, du hättest die Empfängnis deiner jüngsten Töchter verschlafen, Ferdie. Dann sollten wir bald noch einmal nach dem kleinen, bunten Vogel rufen, wenn der nicht meint, ich hätte ihn jetzt gerade gerufen."

"Nicht alles geht ewig, Liline", erwiderte Ferdinand. "Die kleinen könnten wach geworden sein."

"Jetzt nicht. Ich habe denen einen leichten Schlaftrank in den Brei gerührt, damit sie bestimmt nicht vor morgen früh aufwachen", erwiderte Ursuline. Dann sagte sie noch: "Ich denke, in einer halben Stunde kann ich tun, wofür ich die beiden da unten einquartiert habe. Die ersten Stufen sind ja schon erfolgreich aufgebaut worden."

"Kannst nur du diesen Zauber vollenden?" Fragte Ferdinand.

"Nur der oder die älteste geborene Latierre kann diesen Zauber vollenden, Ferdie. Es wird wohl keine zehn Minuten dauern. Das Vita-Mea-Vita-Tua-Ritual, die Verbindung zwischen Julius und unseren ganz kleinen, sowie der Segen der Himmelsschwester und das halbierte Zuneigungsherz werden die Vollendung erheblich vereinfachen, Ferdie. Schlaf gut. Es sei denn, du fühlst dich von den jungen Hüpfern da unten herausgefordert."

"Öhm, heute besser nicht, Liline. Sonst schlafen die beiden da unten die Nacht nicht", wehrte Ferdinand das Angebot seiner Frau ab. Diese lachte und knuddelte ihn innig. Dann wartete sie, bis sie in sich ein sachtes Vibrieren fühlte, daß nicht mit aufkommender Liebeslust oder anderen körperlichen Vorgängen zu tun hatte. Sie wußte, daß Julius und Millie nun schliefen. Sie stand auf und machte sich auf den Weg, um den Zweck der Einladung an Julius und Millie zu erfüllen.

 

__________

 

Julius erschrak, als er sich in die Tiefe sinken fühlte und dabei durch das Bett hindurchglitt, den Boden durchdrang und immer tiefer in einen dunklen Schacht hinuntertrieb. Er versuchte, seine Glider zu rühren. Doch irgendwie fühlte er diese überhaupt nicht mehr. Er sank in die Tiefe und hatte keinen Körper mehr. Nicht einmal wo er von Marie Laveau zeitweilig aus seinem lebenden Körper herausgezogen worden war, hatte er dieses Gefühl völliger Körperlosigkeit verspürt. Nur der nach unten weisende Sog war vernehmbar. Ansonsten herrschten Dunkelheit und Stille um ihn her. Stille? Da war doch ein Gesang, ein verlockendes Lied, daß aus der unergründlichen Tiefe empordrang. Es wurde immer lauter. Julius erkannte, daß es Line Latierre war, die da sang und ihn Ton für ton näher zu sich hinzuziehen schien. Er versuchte, sie zu rufen. Doch er besaß ja auch keinen Mund mehr. Dann umflutete ihn das Licht von hundert Kerzen. Er sank aus der Decke einer großen Halle heraus und fühlte schlagartig etwas festes um ihn herum, als stecke er in einem völlig unsichtbaren Eisblock. Mit den nicht vorhandenen Augen konnte er eine riesenhafte Erscheinung vor sich ausmachen, die aus einer Ecke der erleuchteten Halle trat. Es war die doppelt so groß wie Madame Maxime angewachsene Gestalt von Ursuline Latierre. Sie war völlig nackt. Julius empfand eine Mischung aus Bewunderung und leichtes Unwohlsein, als die sehr füllige, doch dafür noch sehr anmutig einherschreitende Hexe, die mal eben auf acht Meter angewachsen zu sein schien, auf ihn zuschritt.

"Ich träume das doch", dachte er. Und zu seiner Verwunderung erklang seine Stimme wie vom Klang eines Weinglases unterlegt.

"Nein, du träumst nicht, Julius", sprach die überlebensgroß geratene Ursuline mit einer sanften Stimme, die nicht zu ihrem Riesenwuchs passen mochte. "Ich habe dein inneres Selbst, deinen Geistleib zu mir gerufen und ihn in den Kristall der Geborgenheit gebettet. Du mußt dich nicht fürchten. Dir passiert nichts böses. Das ist nur der endgültige Willkommensakt in der großen Familie der Latierres, der nur gelingt, weil du Millie als deine Frau angenommen hast."

"Wieso bist du so groß?" Fragte Julius ohne Argwohn. Ihm kam es nicht so beängstigend vor, irgendwie in einem toten Gegenstand eingekerkert zu sein.

"Weil der Kristall der Geborgenheit nur ein Viertel so groß wie ein menschlicher Körper ist", sagte Ursuline und trat auf ihn zu. "Er wird alles, was du erlebt hast, und in zukunft erleben wirst, für dich aufbewahren, nur von dir in Erinnerung zu rufen. Außerdem macht er, daß du sehr schnelle Hilfe von uns bekommst, wenn dir was zustoßen sollte. Alle deine Geheimnisse, die du hütest, können dort, wo du gerade bist, sicher verschlossen werden. Du vergißt sie nicht und kannst sie sogar verraten, jedoch nur aus freien Stücken und bei vollem Bewußtsein. Wenn du willst, daß sie geheim bleiben, kann sie niemand ohne deinen Wunsch weitergeben. Dies gilt für alles, was du erlebt hast und wenn du es willst auch für alles, was du in Zukunft erlebst."

"Bleibe ich jetzt für immer in diesem Kristall oder was?" Fragte Julius.

"Natürlich nicht", lachte Ursuline. "Er sollte nur dein ganzes inneres Selbst aufnehmen, um auf dich eingestimmt zu werden. Danach lege ich ihn in die Kammer des vertrauten Blutes und gebe deinen Geist an deinen Körper zurück, wo er hingehört", entgegnete Ursuline. "Ich muß nur das Lied der Geborgenheit singen, dich als einen der unseren weihen. Dann werde ich dich aus dem Kristall herauslösen."

"Wußte deine Tochter Hippolyte das?" Fragte Julius mit seiner Weinglasstimme.

"Natürlich weiß sie das. Darum hat sie ja überhaupt darauf bestanden, daß die Ehe zwischen Millie und dir auch vom Ministerium anerkannt wird. Verheiratet seid ihr ja schon seit dem Besuch der Mondburg. Ich freue mich, daß du nicht so ein rein kopflastiger Bursche bist, der ein heißes Mädel nicht zurückweißt, wenn es ihn ganz richtig ranlassen möchte", grinste sie amüsiert.

"Oh, waren wir zu laut?" Fragte Julius leicht verlegen klingend.

"Süßer, wer in dem Zimmer untergebracht wird, verschwendet die Nacht, wenn er dort nur pennt", sprach Ursuline amüsiert. "Ihr seid verheiratet, Julius. Ihr könnt euch austoben oder mit Genuß nehmen, solange ihr nicht wo seid, wo irgendwelche Regeln das verbieten. Tja, und damit ich in einigen Jahren doch meinen ersten Urenkel in die Arme nehmen darf möchte ich jetzt das Lied singen, mit dem du und der Kristall deine wichtigsten Geheimnisse teilt, die danach nur von dir und keinem anderen ergriffen werden können."

"Dann mal los", spornte Julius seine Schwiegergroßmutter an. Diese trat noch näher auf ihn zu, daß er ihr ungewollt von unten entgegenblickte. Er konnte nicht einmal seine Augen schließen, weil er ja keine Hatte. Sollte ihn das trösten, daß er auch nicht rot anlaufen konnte?

"Na, nicht so verlegen, Julius. Oder stellst du dir auch mit mir was vor?" Fragte Line. Julius fragte dann, woher sie wissen wollte, daß er sich verlegen fühlte.

"Weil der Kristall sich leicht rot eingetrübt hat. Aber das macht nichts", lachte Ursuline. Dann hockte sie sich wie beim Vita-Mea-Ritual hin. Julius verwischte alle Gedanken an Scham, ob gerechtfertigt oder nicht aus seinem Bewußtsein, als Line ein Lied in einer Sprache anstimmte, die urtümliches Französisch oder Spanisch sein mochte. Er fühlte, wie die Töne ihn sacht erzittern ließen, wie irgendwas ihn erwärmte. Dann verschwamm Lines über ihm hockende Gestalt und er sah und hörte Dinge, die er als die größten Geheimnisse seines Lebens ansah. Er war für eine kurze Weile Belles Zwillingsschwester. Dann raste er auf Aurora Dawns Besen durch die Bilderwelt von Hogwarts, stand dem blutrot gewandeten Salazar Slytherin gegenüber, sah diesen vom eigenen, unvollendet ausgestoßenen Todesfluch in einer grünen Flamme vergehen und sah im nächsten Augenblick Marie Laveaus Geist, wie dieser ihn in die Höhle unter ihrem Grab hinunterführte. Er hörte ihre Prophezeiungen. Ohne Vorwarnung sah er Hallittis makellosen Körper auf ihn zuschreiten. Er hörte sich die Zeitpaktformel rufen und sah seinen Zauberstab weißgolden aufleuchten. Dann hielt er im nächsten Moment einen Neugeborenen in den Armen, der mit seines Vaters Stimme plärte: "Hilfe, ich bin ein Baby geworden!" Er sah die Hexen in Weiß, die lachten. Die Anführerin sagte mit ihrer warmen Altstimme: "Du weißt genug von mir, daß du mich wiedererkennen würdest." Er dachte ihren Namen. Dann durchlebte er für eine volle, höchst anregende Minute, wie er und Béatrice mit vertauschten Körpern miteinander schliefen, bevor er Darxandria vor sich sah, die vor seinen Augen zu Temmie wurde und sich dann wieder zurückverwandelte. Er erlebte seine Reise in die Festung der Morgensternbrüder und wie er von Ashtaria wiedergeboren wurde. Flüchtig erhaschte er einen Blick auf Ammayamiria. Er sah Larissa Swann in ihrem Kinderbett vor sich und hörte sie mit ihm mit der Stimme einer älteren Hexe sprechen und ihm ihre wahre Natur verraten. Dann erlebte er noch mit, wie Millie und er in jenem magischen Zelt zusammenlagen. Zum Schluß sah er die junge Blanche Rocher immer leidenschaftlicher mit Roland Didier kuscheln. Dann fühlte er eine große Hand, die sich auf ihn legte. Er vernahm noch die letzten Töne des Liedes. Dann sah er Lines riesige Hand auf ihm ruhen.

"Was du verborgen in der Hülle, bleibe verborgen in aller Fülle!" Beschwor Ursuline. "Was du verborgen in der Hülle, bleibe verborgen in aller Fülle!" Diese Worte wiederholte sie wohl sechsmal. Dann änderte sie die Beschwörungsformel: "Julius Latierre, nimm meine Hand! Entschlüpfe dem, was dich gebannt!" Julius fühlte, wie diese Worte ihm Arme, Beine und Körper wiedergaben, Er fühlte das, was ihn bis jetzt fest umschlossen hatte weich werden. Nur Lines Hand, die ihn überdeckte, war noch fest. Er streckte wie in Trance seinen rechten Arm aus und durchdrang die nun zähflüssig wirkende Barriere, bis er Lines Hand berührte und wie aus einer mit warmem Sirup angefüllten Badewanne von der schlagartig zusammenschrumpfenden Matriarchin aus dem durchsichtigen Etwas herausgehoben wurde, bis er ihr in normaler Größe gegenüberstand. Ihre Hand wurde nun weich wie warmes Wachs. Er griff fester zu und sah seine merkwürdig rötlich schimmernden Finger durch Lines Fleisch und Knochen dringen. Ihr schien das jedoch nichts auszumachen.

"Oh, nur zwei Anrufungen, Julius. Das macht die Verbindung zwischen uns. Du bist über meinen Körper noch mit deinem Körper verbunden. Deshalb konnte ich deinen feinstofflichen Körper leicht herauslösen", stellte Line fest. Julius sah an sich hinunter. Er war kein Geist, wie damals auf dem Friedhof von New Orleans. Aber er war noch kein Mensch aus Fleisch und Blut. Es wirkte so, als bestünde er aus einer rötlichen, pulsierenden Substanz, die wie geformter Rauch schien. Er öffnete seinen Mund und sagte mit einer leicht verschwommen klingenden Stimme:

"Ich dachte, ich würde sofort in meinem Körper landen. Öhm, hast du beim Singen sehen können, was ich in Visionen gesehen habe?"

"Nein, habe ich nicht. Unten habe ich keine Augen. Aber ich habe gefühlt, daß du wirklich tiefgehende Geheimnisse hast, die der Kristall aufnahm. Einmal mußte ich an Trice denken. Dann hast du wohl die eine flotte Stunde mit ihr im Kristall eingelagert", erwiderte Line grinsend. Julius nickte. Dann fragte er, wieso er jetzt in dieser halben Daseinsform stecke.

"Weil ich deinen Kristall noch in die Kammer des vertrauten Blutes legen muß, bevor du deinen Körper wiederkriegen darfst, Julius. Aber deine Erscheinung ist deutlicher zu sehen und zu verstehen als damals Albericus und meine anderen Schwiegerkinder. Hängt wohl daran, daß was von mir in deinem Körper und damit deinem Leben mitschwingt. Dann komm mal mit, damit du siehst, wo ich deine ausgelagerten Geheimnisse hintue!" Julius griff nach Ursulines Arm und griff durch diesen hindurch. Er versuchte ihren Körper zu berühren und fühlte, wie seine Hand in ihn eindrang wie in eine angenehm warme Flüssigkeit. Er fühlte es pulsieren und ...

"Na, nicht so zudringlich, Julius. Millie könnte Eifersüchtig werden", lachte Line, als Julius gerade so noch seine Hand aus ihrem Körper zurückzog, bevor er seiner Schwiegergroßmutter an ganz private Stellen rührte.

"Hups, hat dich das jetzt angewidert?" Fragte Julius.

"Angeregt höchstens. Ich denke, ich kriege raus, wie jemand auch nach der Kristallzeremonie in halbstofflichem Zustand verharren kann", entgegnete Line. "Deine Hand fühlte sich richtig herrlich warm an, keine Gespensterhand, kein wärmeschluckendes Ektoplasma. Könnte eine neckische Spielart sein." Sie berührte seinen unbekleideten Oberkörper und versenkte ihre Hand in diesem. Er fühlte es angenehm warm und irgendwie kitzeln, als sie einige Zentimeter nach unten streichelte. "Tatsächlich deutlicher in allen wahrnehmungen", stellte Line fest. Dann zog sie ihre Hand zurück und griff nach einer durchsichtigen Halbkugel, in der Julius eine weiß leuchtende, zähflüssige Substanz erkennen konnte. War das die Essenz seiner geheimsten Erinnerungen? Sie hob den Kristall an. Julius fragte sie, ob er zerbrechen könne.

"Solange du lebst kann nichts ihn zerbrechen", sagte Line. "Das ist einer der ältesten Schutzzauber meiner Ahnen, der bereits vor über vierhundert Jahren gewirkt wurde und stärker wird, je weiter und länger die Familienbande reichen."

"Muß dieses Ritual mit allen gemacht werden?" Fragte Julius, der sich in seiner Daseinsform halb Mensch halb Geist nicht so fürchtete wie er früher wohl gedacht hatte.

"Wenn ein Latierre geboren wird, teilt sich der Kristall des Vaters oder der Mutter in zwei gleichgroße und nimmt ohne weiteres die als Familiengeheimnisse erklärten Erlebnisse und Kenntnisse auf. Nur die angetrauten, die unseren Familiennamen annehmen, müssen vom ältesten geborenen Latierre auf die Weise eingeführt werden wie ich das mit dir gerade mache. Dafür lagern hier immer eine Zahl von Rohkristallen. Wird ein angetrauter mit dem Namen Latierre in diesen Mauern begrüßt, berührt ihn die uralte Magie und bereitet seinen Geist auf die Verankerung vor. Doch jemand wie ich oder meine Mutter muß dann die Vermittlung übernehmen. Deshalb sollten deine Mutter und du diese Nacht bei uns verbringen."

"Ist sie auch geschützt?" Fragte Julius.

"Ihre Geheimnisse nicht. Aber wenn sie auch deine Geheinnisse sind kann sie sie nicht unfreiwillig ausplaudern. Wie gesagt, solange das ursprünglich auch deine Geheimnisse sind." Während Line das sagte trug sie den Kristall mit der weißen Essenz darin durch die Halle. Julius konnte nun erkennen, daß sie wie eine große Bienenwabe geformt war. An einer Stelle in der glatten, weißen Wand sah er eine handförmige Vertiefung. Ursuline piekste sich mit den Fingernägeln ihrer linken Hand in die rechte Handfläche und kratzte mit verzerrtem Gesicht die Haut auf. Blut sickerte heraus. Im nächsten Moment legte die Matriarchin die verwundete Hand in die Vertiefung. Offenbar löste sie damit einen magischen Kontakt aus. Denn Sie zuckte einmal und dann noch einmal. Dann leuchtete der berührte Teil auf zwei mal zwei Metern hellrot auf und schien wie Wasser zu zerfließen. Julius konnte einen schmalen Schacht sehen. Ursuline bückte sich und legte den Kristall mit der flachen Seite nach oben in den leicht schrägen Schacht. Julius konnte in der flachen Oberfläche sein Gesicht sehen, als spiegele es sich im Kristall. Dann rutschte der gläserne Körper in den Schacht hinunter und verschwand im Dunkeln. Ein leises klingen klang nach einer Viertelminute aus der Tiefe herauf. Dann knirschte es in der Öffnung, und die Wand verschloß sich wieder.

"Nun ist dein Kristall der Geborgenheit bis an dein Lebensende im Schoß unserer Ahnen verborgen und kann dort nicht mehr herausgeholt werden, bis du stirbst. Deine und Millies Kinder werden durch eure beiden Kristalle Nachkommen erlangen, die wie dein Kristall die Familieninternen Dinge aufnehmen und nur für die Mitglieder und Vertrauten bereitstellen. Und jetzt husch zurück mit dir an Millies Seite!"

Julius wollte noch was erwidern, als eine Empfindung wie ein elektrischer Schlag ihn durchzuckte und er ohne Übergang neben Millie im Bett lag. Diese war wach und sprach mit Madame Rossignol.

"Ah, er ist wieder wach", sagte die Schulheilerin von Beauxbatons. "Julius, kannst du mir erzählen, was dir passiert ist?"

"Ein Willkommensritual, Madame Rossignol. Mehr kann ich nicht erzählen", sagte Julius, der fühlte, wie die Frage einen gewissen Druck in seinem Kopf erzeugte. Doch als er sie beantwortet hatte, verschwand der Druck. Das war wohl die Kehrseite der Medaille. Er durfte die ihm anvertrauten Geheimnisse nicht selbst weitererzählen.

"Ich hörte davon, daß in deiner neuen Verwandtschaft bestimmte Zauber gebraucht würden, die angeblich mehr Schutz vermitteln sollen. Aber daß du dabei in eine beinahe totenähnliche Starre verfällst wußte ich nicht. Aber ich erkenne, daß diese Magie dich davon abhält, mir alles darüber zu erzählen. Ich hoffe, du findest noch genug Erholung in der Nacht. So ein Bett dient ursprünglich der Regeneration und nicht ausschließlich der Reproduktion. Gute Nacht!"

"Danke gleichfalls, Madame Rossignol!" Wünschte Julius. Dann verschwand das räumliche Abbild der Schulheilerin.

"Ich dachte, die könnte hier nicht mitbekommen, was wir so machen", sagte Julius zu Millie.

"Das Armband ist gegen Bergezauber wie in Beauxbatons abgesichert. Da Oma Line ja nicht den Fidelius-Zauber benutzt, kann unsere Überwacherin uns hier auch überwachen. Gefällt mir zwar auch nicht so, Monju. Aber andererseits hat sie dich damit ja zu mir zurückholen können. Also sollte ich nicht meckern. Wir sind verheiratet und haben ferien. Da gelten die Beaux-Beschränkungen nicht", erwiderte Millie. Dann fragte sie Julius, was er erlebt hatte. Diesmal fühlte er keinen Druck in seinem Kopf. Er schilderte ihr, was seine Schwiegeroma mit ihm gemacht hatte, verriet jedoch auch Millie nicht, was er außer Darxandria und Ammayamiria noch so alles aufbewahrt hatte. Er wunderte sich nur, daß auch die mit Bergesteinen gesicherten Sachen wie die Audienz um Mitternacht und das kleine Mädchen, daß als eigene Enkeltochter wiedergeboren worden war in diesen Halbkugelkristall eingeflossen waren. Erinnern konnte er sich an alles. Würde das heißen, daß er nur noch eine begrenzte Entfernung vom Château zurücklegen konnte? Das hätte er Line noch fragen sollen. Er mentiloquierte sie an und meinte, in eine große Halle hineinzurufen.

"Eh, nicht so doll, sonst hört dich Ferdinand noch in meinem Kopf brüllen", kam Lines Gedankenstimme ziemlich laut zurück. "Was die Entfernung angeht, Julius, so kannst du um die halbe Erde reisen, ohne Probleme zu kriegen. Nur wenn du es wagen solltest, unseren erhabenen Namen wieder abzulegen, wirst du alles vergessen, was du in den Kristall hineingetan hast. Also denk nicht daran, Millie wieder abzulegen!"

"Mist, jetzt hänge ich endgültig an deiner Verwandtschaft fest", grummelte Julius Millie zugewandt.

"Hat Oma Line dich gewarnt, bloß nichts zu machen, was mich auf dich wütend macht, weil du sonst bestraft würdest?" Fragte Millie.

"Mich mit dir zanken darf ich noch, Mamille. Ich darf mich nur nicht von dir scheiden lassen und dann meinen Mädchen-, ähm, Jungennamen wieder annehmen oder wen anderen heiraten und deren Namen annehmen."

"Gut zu wissen, daß du dann nicht mehr von Königin Blanche in ihr Witwenhaus geholt werden kannst. Aber das erzählen wir auch keinem, sonst kriegt die süße Belisama die Totalkrise", erwiderte Millie und tätschelte Julius Brust und Bauch. Dann befand sie, daß sie wirklich noch ein paar Stunden schlafen sollten. Julius überlegte, wie er Millie erzählen sollte, daß Madame Faucon sie wohl noch am nächsten Tag wegen der Reise nach England besuchen würde. Wollte oder sollte er die wirklich machen? Würde seine Mutter mitkommen? Würde Millie ihm das erlauben?

"Genieß das große Bett, Mamille! In meinem Jungesellenzimmerchen in Paris kann nur ein kleines Bett reingestellt werden", frotzelte Julius seine Frau.

"Wenn wir da kein gescheites Bett reinkriegen baue ich eben Bines Zelt wieder auf. Das ist ja auch schallschluckend", säuselte Millie und küßte Julius rechte Wange. "Gut' Nacht, mein Angetrauter!"

"Gute Nacht, Sinn meines Lebens", erwiderte Julius. Hatte er jetzt wirklich "Sinn meines Lebens" gesagt? Offenbar. Denn sie knuddelte ihn noch einmal kräftig, bevor sie sich in ihre bevorzugte Schlafstellung drehte.

 

__________

 

"Habt ihr gut geschlafen, fragte Martha Andrews Millie und Julius am Morgen, als sie beim melodischen Glockenspiel der Schloßuhr im Speisesaal saßen.

"Das auch", gab Julius eine vieldeutige Antwort. Seine Mutter sah ihn etwas verdrossen an, atmete durch und nickte dann. Offenbar mußte sie sich damit abfinden, daß ihr Sohn jetzt endgültig aus den Kinderschuhen herausgewachsen war. Innerlich hatte sie sich ja auch damit abgefunden, daß die beiden ab heute jede Feriennacht zusammen im Zimmer nebenan liegen würden. Was sie dort taten würde sie nicht einmal mitbekommen, weil Albericus und Otto Latierre ein besonderes Ehebett zusammengezimmert und mit Zaubern belegt hatten. Das würden sie heute noch mit Albericus' kleinem Bus in die Rue de Liberation 13 fahren.

"Daß die das gestern noch so schnell hingekriegt haben", knurrte Martha einmal, als die beiden Männer Millie und Julius darüber informierten. Albericus sagte, daß sie ja nur ein extrabreites Bett nehmen und mit den Schnarchfängervorhängen behängen mußten.

Um neun Uhr erscholl eine Fanfare. Line sagte, daß sei der Meldezauber, wenn jemand freundliches Einlaß begehrte. Sie verließ den Speisesaal und begab sich zum Portal. Wenige Minuten später kehrte sie mit Madame Faucon zurück, die ein bonbonrosa Seidenkleid trug.

"Das müßten wir eigentlich feiern, daß Madame Blanche Faucon sich bereiterklärt hat, die früher so gemiedenen Hallen der Latierres zu beehren", meinte Ferdinand Latierre und löste allgemeines Lachen aus. Line antwortete darauf sehr laut und ernst:

"Geben wir ihr besser keinen Anlaß, ihren Besuch zu bedauern, Ferdinand."

"Monju, was will die hier?" Zischte Millie ihm zu. Julius fand es wohl an der Zeit, seiner Frau etwas zu offenbaren.

"Meine Mutter und ich wurden für übermorgen zu Pinas Onkel, einem Muggel, eingeladen, den mein Vater aus seiner Schule kennt. Der wird befördert, und Madame Faucon hat mich gefragt, ob ich da hingehen möchte."

"Soso, nach England, wo dieser Schlangenkopf und seine Mörderbande ihr Unwesen treiben?" Fragte Millie. "Dann hättest du Aurore, Rose oder Orion besser doch schon losschicken sollen", knurrte sie dann noch und warf Julius und Madame Faucon verärgerte Blicke zu. Julius überlegte, ob er ihr das nicht vor einer Woche schon hätte sagen sollen. Aber da war er sich ja noch sicher, nicht zu Dr. Sterling zu reisen. er ahnte, was Madame Faucon beabsichtigte. Sie mochte mit Lady Genevra Kontakt aufnehmen wollen, und er, Julius, wäre der geniale Geheimkurier, um diesen Kontakt anzukurbeln. Doch wenn seine Frau das nicht wollte, sollte er sich das doch vielleicht überlegen. Immerhin hing er jetzt noch enger am Latierre-Clan.

"Ich fahre da nicht hin, wenn meine Mutter oder du das nicht wollen, Millie", versuchte er schnell, die Wogen zu glätten, bevor der Sturm über ihn hereinbrechen konnte.

"Oh, das ist aber nett, daß ich dich davon abhalten soll, Monju", knurrte Millie. "Worum geht's 'n da genau?" Fragte sie noch leicht verärgert, während Madame Faucon ihr aus gebührendem Abstand zusah. Julius erzählte es. Seine Mutter meinte dann:

"Ich muß Millie rechtgeben, daß das sehr gefährlich ist, wenn dort dieser Massenmörder rumläuft. Andererseits will der erst einmal ja nur gegen Zauberer vorgehen, so grausam das jetzt klingt. Aber was für Millie gilt gilt auch für mich. Sie hat noch kein Kind von dir bekommen, und ich habe zu viel Angst, Sorgen und Kraft aufgebracht, um dich zu kriegen, um dich so einfach dahinzulassen."

"Abgesehen davon, daß es eigentlich überall gefährlich ist, auch in Beauxbatons, Mum ..." setzte Julius an, als Line Latierre Blanche Faucon an den Tisch bat und zwischen sich und Millie platznehmen ließ.

Zunächst schwiegen sich die ältere und die halbwüchsige Hexe an. Dann fragte Madame Faucon: "Hat Julius dir erzählt, das wir darüber gesprochen haben, daß er und seine Mutter eine Einladung nach England bekommen haben? Er könnte dort, so gut wir ihn absichern können, jemandem was von mir übergeben. Ich habe nämlich erfahren, daß das Ministerium die Flohnetz-Grenzstation geschlossen hat und jedes Apparieren überwacht wird."

"Und da kommt Ihnen das ziemlich gut, daß mein Mann zu so einer Feier bei Muggelfreunden seines Vaters eingeladen wurde?" Fragte Millie argwöhnisch.

"Ich gehe davon aus, daß die Gefahr, die in England droht, im Moment sehr gering ist, weil die Leute dieses Psychopathen mit den Ministeriumsbeamten und den Anhängern Dumbledores zu kämpfen haben. Ich gebe dem Ministerium zwar nur noch einen Monat. Aber das sollte ausreichen, die nötigen Kontakte dort zu festigen, bevor das Unglück nicht mehr aufzuhalten sein mag."

"Ich werde dort nicht hinfahren, Blanche", sagte Martha kategorisch. "Wie Sie wissen soll da auch dieser Verbrecher hinkommen, der mich damals in den Wahnsinn zu treiben versucht hat." Millie horchte auf. Julius erklärte ihr rasch, daß sie damit Rodney Underhill, den besten Freund seines Vaters meinte. Martha nickte bestätigend.

"Der Typ, der hinbiegen wollte, du wärest von unseren Leuten verhext worden, deinen Mann umzubringen, Martha?" Fragte Millie.

"Genau den, Millie. Im Moment würde ich nicht mal auf einen Kilometer an diesen Drecks...", Blanche Faucon räusperte sich energisch. "Diesen elenden Verbrecher herangehen. Aber wenn Julius da alleine oder mit Millie hingeht würde das doch auffallen", wandte Martha ein.

"Meine Tochter wird nicht in dieses Land reisen, solange er, dessen Name nicht genannt werden darf, dort wütet", mischte sich Albericus Latierre ein. Hippolyte sah Julius an und dann Madame Faucon:

"Daher weht also der Wind, warum Sie auf Einmal die Nähe zu meiner Mutter wiedergefunden haben, Madame Faucon. Sie wollen Julius wieder irgendwo hinschicken, wo nicht einmal Sie wissen, was ihm da passieren kann. Wie deckt sich das mit Ihren Predigten über Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit? Da Julius jetzt mein Schwiegersohn und der designierte Vater meiner Enkelkinder ist und im Rahmen der Frühehe auch auf meine Meinung angewiesen ist, denke ich schon, daß er besser bei uns in Frankreich bleibt."

"Zum einen, Madame Latierre, habe ich das mit Ihrer Frau Mutter bereits thematisiert, daß wir in England gerade wegen der immer ausgeprägteren Gefahrenlage alle dort vorhandenen oder wertvollen Kontakte erhalten müssen. Zum zweiten habe ich gerade erwähnt, daß ich davon ausgehe, daß sich jene, vor denen wir alle zu recht auf der Hut sein müssen, momentan in einem noch nicht entschiedenen Kampf um Macht oder Sturz befinden und daher nicht überall welche von denen lauern oder zuschlagen. Ich muß Ihre Einspruchsberechtigung im Bezug auf die Aktivitäten von Monsieur Julius Latierre respektieren. Doch gestatten Sie mir bitte den Versuch, Ihnen zu erklären, was mich dazu drängt, Ihren Schwiegersohn und Ihren Ehemann um diesen kleinen Gefallen zu bitten! Falls Sie dann immer noch dagegen sind und Julius sich Ihrem Wunsch beugen möchte, muß und werde ich diesen akzeptieren und andere, womöglich längere Wege beschreiten müssen. Und noch etwas, Die Damen und der Herr Latierre: Ich hege keine Absicht, Julius unnötig in tödliche Gefahren zu treiben."

"Madame Faucon, genau um diese Art von Sondereinsätzen zu vermeiden haben wir das mit der Frühehe überhaupt beantragt", warf Albericus Latierre ein. "Nach der Sache, die Sie dem jungen Mann hier zuletzt aufgeladen haben sollte er endlich wieder ein normales Leben führen."

"Dann hätten Sie ihn nicht vor die so fundamentale Entscheidung stellen dürfen, sich jetzt bereits ehelich zu binden", warf Madame Faucon ungehalten ein. Ursuline Latierre klatschte in ihre Hände und sagte:

"Hipp, Beri, Millie und Martha. Ich sehe das nicht so, daß Blanche mir Honig um den Mund geschmiert hat, nur um Julius für irgendwelche Nacht- und Nebelsachen freizuhalten. Wieso auch? Oder wißt ihr was, was man der alten Line Latierre besser nicht erzählen durfte?"

"Maman, Kaka!" Schrillte ein winziges Stimmchen. Die kleine Felicité Latierre Tapste sich an Stühlen und Tischkante entlanghangelnd zu ihrer Mutter hinüber.

"Ach, dringende Geschäfte", lachte Line und hob die Kleine an. "Ich versorge erst meine Jüngsten. In zehn Minuten treffen die, die unmittelbar was zu der Sache zu sagen haben im Hippogreifenturm im obersten Zimmer. Hipp, du, Beri, Millie und Martha geht mit Madame Faucon und Julius dahin. Ich komme nach, wenn ich die Kleinen wieder sauber habe. Espé!" Rief Line noch. Esperance Latierre hing gerade bei ihrem ziemlich großen Bruder Otto auf dem Schoß und zog ihm an der Nase. Er trug sein Schwesterchen mal eben zu Line hinüber, die die beiden Kleinen locker unter ihre Arme klemmte und davontrug.

"Die können schon mit Hilfsmitteln laufen", stellte Madame Faucon fest. "Die sind doch gerade erst zehn Monate alt."

"Das macht Lines Milch, Madame Faucon. Die macht die kleinen schneller groß", warf Ferdinand Latierre ganz der stolze Vater ein. Julius dachte daran, wie er die kleinen Windelfüller vor einem Jahr noch hinter Lines Bauchdecke erahnen mußte.

"Okay, ihr habt's gehört, daß nur die zum Hippogreifenturm sollen, die direkt was mit Julius zu schaffen haben", sagte Hippolyte laut und energisch.

"So gesehen haben wir alle das, Hipp", warf Charles Latierre ein. "Nachdem, was du hast anklingen lassen, wolltest du ja, daß er bei uns einheiratet, damit wir besser auf den aufpassen als Madame Faucon das tut."

"Moment, Monsieur Latierre, Charles, das verbitte ich mir aber jetzt doch. Bei allem Respekt für die Beweggründe Ihrer Schwester Hippolyte", schrillte Madame Faucon. "Gerade weil Julius Sie jetzt mit der Bezeichnung Onkel ansprechen kann, ist es im höchsten Grade unverschämt, mir zu unterstellen, nicht richtig auf ihn aufgepaßt zu haben. Hinzu entbehrt diese Unterstellung jeder Logik, weil er nun einmal hier sitzt und Sie Onkel nennen darf. Derartiges ist doch unter Ihrer Würde. Es sei denn, Sie meinen damit, daß ich es hätte verhüten müssen, daß Julius in Ihre Familie einheiratet." Alle lachten, weil Charles sie verdutzt ansah. Hippolyte ergriff wieder das Wort:

"Charles, ich weiß, deine Fürsprache hat mir geholfen, sicherzustellen, daß Mildrid mit dem Zauberer, den sie liebt, friedlich zusammenleben kann. Aber wir haben vorgestern alle erfahren, daß wir uns nicht gegenseitig zerfleischen sollten. Dafür laufen anderswo genug Totschläger rum, die das viel zu gerne tun würden. Ich bin im Rahmen der Frühehevereinbarungen für Julius zuständig, wie seine Mutter und Albericus. Deshalb klären wir das, was Madame Faucon zu klären wünscht mit ihr."

"Ich wollte dir nur rechtliche Rückendeckung geben, Hipp", entgegnete Charles.

"Sollten wir Catherine nicht dazuholen?" Fragte Julius.

"Gemäß der Vereinbarung mit deinen Schwiegereltern und deiner Mutter ist meine Tochter ja von ihrer magischen Fürsorgepflicht entbunden, da Hippolyte und Albericus Latierre ja ordentlich ausgebildete Mitglieder der magischen Gemeinschaft sind", schnarrte Madame Faucon. Hippolyte nickte. Julius nickte auch. War auch eine dumme Frage. Offenbar gediehen logische Gedankengänge nicht in diesem Schloß, stellte er fest. Dann sollten sie vielleicht besser einen neutralen Ort aufsuchen, wo es sich gründlicher nachdenken und vernünftig argumentieren ließ. Doch Madame Faucon sagte da gerade:

"Ich bin jetzt erst hergekommen, Madame Mildrid Latierre, weil Ihre Mutter und Ihre Großmutter mir verbindlich versichert haben, daß sie Maßnahmen ergreifen würden, die die Sicherheit Ihres Gatten erhöhen. Davon ausgehend habe ich mich überhaupt dazu durchgerungen, Ihren Gatten zu bitten, die ihm und seiner Mutter zugegangene Einladung anzunehmen."

"Nur wenn Sie es hinkriegen, daß er beim kleinsten Furz in der falschen Tonart wieder zu uns zurückgezaubert wird, Madame Faucon", knurrte Millie.

"Öhm, Sie meinen bei einem einzigen mißtönenden Leibwind in seiner unmittelbaren Umgebung, Madame Latierre", korrigierte die Lehrerin Julius' Frau.

"Für so lange Sätze habe ich keine Zeit", erwiderte Millie darauf trotzig. "Außerdem habe ich noch Ferien. Erst in Beauxbatons muß ich wieder auf richtige Aussprache achten."

"Was Ihnen nur gelingt, wenn Sie sie bei sich bietenden Gelegenheiten pflegen", tadelte Madame Faucon Millie. Hippolyte sagte dann:

"Auch wenn Ihnen die Wortwahl meiner Tochter nicht gefällt, Madame, so bin ich doch Mildrids Meinung. Wie wollen Sie das denn arrangieren, daß Julius bei sich anbahnenden Schwierigkeiten rechtzeitig davonkommt?"

"Abgesehen davon, daß ich nicht einfach wegrenne, nur weil wer in der falschen Tonart pupst", fühlte sich Julius zu einer Bemerkung berufen. "Könnte ja nur an nicht ganz durchgekochten Bohnen oder Zwiebelringen liegen."

"Na, von dir erwarte ich aber immer eine korrekte Wortwahl", zischte Madame Faucon ihm zu.

"Leute, anstatt uns hier über menschliche Abgase zu unterhalten möchte ich gerne wissen, wieso mein Sohn nach London soll und woher Sie die Sicherheit nehmen, daß ihm dort nichts passieren wird, Blanche", schaltete sich nun Martha Andrews ein.

"Das klären wir gleich, wenn wir unter uns sind", vertagte Madame Faucon die Begründung für ihren Wunsch.

So trafen sich Ursuline, Hippolyte, Albericus, Millie und Julius Latierre mit Martha Andrews und Blanche Faucon in einem gemütlichen Turmzimmer, daß durchaus einem auf Bequemlichkeit bedachten Zaubermeister behagt hätte. Weiche Sessel, schallschluckende Perserteppiche und Wandbehänge, sowie ein rechteckiger Tisch mit Leinendecke und acht Stühlen und mehrere Bücherregale möblierten das runde Zimmer unter der von einem silbernen Hippogreifen verzierten Spitze. Dort sprachen die sieben über die Einladung. Martha erzählte, was auf ihrem Anrufbeantworter gewesen war. Julius wiederholte, was Pina und Olivia ihm erzählt hatten. Millie fragte noch einmal, warum Martha und Julius ihr das nicht gleich erzählt hatten. Martha wiederholte, daß sie da nicht hingehen würde und es auch Julius eigentlich nicht erlauben wolle. Darauf nickten Hipp und Albericus. Madame Faucon fragte Line, ob das hier alles sicher und unaufspürbar sei. Line zeigte auf die Wandbehänge.

"Das Zimmer wurde von meinem Urgroßvater mütterlicherseits als geheimes Studierzimmer benutzt. Der hat alle erdenklichen Lausch- und Beobachtungsabwehrzauber hier eingewirkt, Blanche. Außerdem kann ich, was Immer Sie uns gleich als Begründung auftischen wollen, zum Familiengeheimnis der Latierres erklären, womit es keiner außerhalb der Schloßmauern unbedacht ausplaudern oder anderweitig enthüllen kann."

"Dies habe ich gehofft", Ursuline", atmete Blanche Faucon auf. Dann ließ sie die Katze aus dem Sack.

"Julius, du hattest ja bereits die Ahnung, daß die auf ihre aristokratische Abstammung bedachte Hexe Genevra von Hidewoods jener geheimen Hexensororität angehören mag, die unabhängig von jedem Zaubereiministerium und international agiert. Andere indizien, die ich erhalten konnte, geben mir Anlaß zu vermuten, daß jener, der sich in seiner Überheblichkeit Lord Voldemort nennt", Hippolyte, Albericus und Millie schraken zusammen, während die anderen unbekümmert zuhörten, "genau aus diesem Grund danach trachten wird, die Mitglieder jener Sororität zu eliminieren, also gnadenlos umzubringen. Sicher werden diese Hexen sich nicht öffentlich dazu bekennen, dieser Gemeinschaft anzugehören, zumal es auch unter ihnen schwarze Schafe gibt. Doch sollten wir jeden inoffiziellen Kontakt zu Gruppen, die einen erfolgversprechenden Widerstand führen könnten, anstreben und halten. Eben weil ich nur ein Mitglied dieser Gruppe erahnen kann, empfinde ich es als glücklichen Umstand, daß diese Hexe Patin einer muggelstämmigen Hexe und ihres magielos gebliebenen Bruders geworden ist, und daß ausgerechnet jener Bruder Kontakt zu Ihnen, Martha und dir, Julius halten möchte. Eine feierliche Zusammenkunft dürfte auch Lady Genevra auf den Plan rufen. Hierbei ergibt sich die Möglichkeit, ihr eine Botschaft von mir als Person oder als Repräsentantin der Liga wider die destruktiven Kräfte der Magie zukommen zu lassen, da ich nicht weiß, ob ausländische Eulenpost nicht bereits an den Grenzen abgefangen und durchsucht wird. Wenn sich daraus auch die Möglichkeit ergibt, eine weiterführende Verständigung mit dieser Geheimgesellschaft einzurichten, sollten wir diese Gelegenheit nutzen. Hierzu möchte ich Julius, eben weil er ganz offiziell eingeladen wurde und sich dort bis auf wenige Ausnahmen nur unter Mitgliedern der magielosen Gemeinschaft bewegen wird, darum bitten, der Edeldame etwas von mir zu übergeben, mit dem diese die Verbindung zwischen ihren Genossinnen und mir errichten kann, ohne konventionelle Verständigungsmittel zu bemühen."

"Sie meinen, ich möchte Lady Genevra einen Zweiwegespiegel oder einen Zwilling oder Drilling eines Zaubererbildes unterjubeln", meinte Julius. Seine Mutter sah ihn verblüfft an, während Millie ihn erst fragend und dann anerkennend anblickte.

"Ich würde die Bezeichnung zuspielen oder überlassen bevorzugen, weil das mit Jubel wohl wenig zu tun hat", erwiderte Madame Faucon leicht gereizt. Dann nickte sie jedoch. "Es ist auf jeden Fall sehr beruhigend, daß du weiterhin gut mitdenken kannst, Julius."

"Ich hatte ja auch ein bißchen Zeit", grummelte Julius.

"Moment, also schon wieder so eine Nacht- und Nebelgeschichte", knurrte Albericus. "Wo wir hier ja alle sind können wir meine Schwiegermutter ja auch mal so ganz nebenbei aufklären, was Sie und diverse andere wichtige Leute dem Jungen, nur weil er für sein Alter supergut zaubern kann, schon alles zu tun angewiesen oder ihn dafür angeworben haben."

"Das wäre vielleicht nicht so ganz verkehrt", stimmte Ursuline zu, die Blanche etwas argwöhnisch anblickte.

"Dies beinhaltet auch ministerielle Geheimnisse, Monsieur Latierre. Da Ihre Frau und ihre Erstgeborene dort tätig sind sollten Sie das bitte berücksichtigen."

"Blanche, wir hatten es doch schon davon, daß Sie Julius wohl oder übel zu bestimmten Sachen rangeholt haben. Dann dürfen Sie mir hier in diesem Zimmer auch die achso strengen Ministeriumsgeheimnisse erzählen. Abgesehen davon macht mich das schon neugierig, was mein angetrauter Enkelsohn für Minister Grandchapeau ausgeführt oder rausbekommen hat, das so geheim ist."

"Tröste dich, Line, mir hat bis zu einem bestimmten Punkt auch keiner was erzählt, weil ich ja nur Julius' Mutter bin", grummelte Martha verärgert.

"Er mußte was in Hogwarts finden und mal so nebenbei neutralisieren, was diesem Wahnsinnigen, dessen Namen hier keiner gerne ausspricht, zur unumstößlichen Machtergreifung gedient hätte", sagte Martha Andrews. "Das mußte schnell gehen und brauchte wen, der sich in Hogwarts auskannte. Von Frankreich aus war das nur meinem Sohn möglich, weil sie ihm eine geheime Reisemöglichkeit boten."

"Die Kammer des Schreckens?" Fragte Line Latierre. "Ich dachte, dies sei ein von Slytherin verbreiteter Mythos, um Unruhe und Furcht unter den Schülern und Lehrern zu schüren."

"Etwas wesentlich gefährlicheres und vor allem, weltweit wirksames", rückte Madame Faucon mit einem kleinen Happen heraus.

"Line, die meinen Slytherins ganz gemeine Geheimgalerie aus Bildern mit Rieseninsekten und Versklavungswürmern", tönte eine erheiterte Stimme aus einem kleinen Gemälde, das Orion den Wilden zeigte. "Wollte ich dir an für sich schon länger erzählt haben, aber deine nette Tochter meinte ja, mit dem Bürschchen da mein Erbe hier kaputtmachen zu müssen."

"Wozu ich ja allen Grund hatte", grummelte Julius.

"Könnte es sein, daß Sie dem Codex zur Wahrung geheimer Informationen unterworfen sind, Monsieur Lesauvage?" Fragte Madame Faucon.

"Nicht als Gründer, da nur denen gegenüber, die von mir abstammen oder meinen Saal bewohnen", knurrte Orion und verschwand schnell aus seinem Bild.

"Soso, Julius sollte eine Sammlung alter Bilder voller schwarzmagischer Kreaturen einsammeln und vernichten", knurrte Line. "Versklavungswürmer? Oh, damit hätten die in der Tat eine Menge Unheil angerichtet, wenn sowas in andere Portraits geschmuggelt worden wäre. Ich werde mir die Geschichte von Orion mal in Ruhe erzählen lassen."

"Ich fürchte, daß werde ich zu verhüten haben, Ursuline. Es kann nicht angehen, daß in verschiedenen Institutionen vorhandene Zaubergemälde geheime Informationen weiterreichen dürfen wie sie selbst befinden", erwiderte Madame Faucon. Dann wandte sie sich wieder an die anderen Latierres und Martha Andrews, um mit ihnen weiter über den kleinen Gefallen zu sprechen.

Nach mehreren gefühls- und vernunftmäßigen Argumenten und Gegenargumenten wurden sie sich einig, daß Julius die Einladung annehmen wollte. Er konnte zwar nicht zu Lady Genevra hingehen und ihr sagen, daß er sicher war, daß sie zu den schweigsamen Schwestern gehörte. Aber er konnte ihr Grüße von Professeur Faucon ausrichten und sie bitten, über das, was er ihr übergeben würde, mit ihr in Kontakt zu treten. Dann ging es um die Anreise.

"Flohpulver steht nicht zur Debatte, da die Grenzstation verschlossen wurde", wandte Madame Faucon ein.

"Apparieren geht auch nicht?" Fragte Hippolyte.

"Wir wissen nicht, ob dort eine Apparatorenüberwachung etabliert ist, die von der einen oder anderen Seite genutzt wird. Dasselbe gilt für Besen", sagte Madame Faucon.

"Dann kann er doch ganz normal mit dem Flugzeug hinüber", sagte Martha Andrews. "Dann bekommt es die englische Zaubereiverwaltung eben nicht mit."

"Das könnte kitzlig werden, Mum, weil ich den Pflegehelferschlüssel nicht losmachen kann und die beim Zoll komisch kucken könnten, weil ich ein unabnehmbares Silberarmband habe. Außerdem weiß ich nicht, ob dessen Magie die ganzen elektronischen Geräte da nicht ausflippen läßt. Nachher falle ich noch mit dem Geschäftsleutebomber vom Himmel, weil der Autopilot davon was in den falschen Schaltkreis kriegt", sagte Julius.

"Die Idee mit dem Flugzeug ist nicht verkehrt", sagte Ursuline. "Eigentlich könntest du mit Temmie ..."

"Das vergessen Sie besser noch schneller als Sie es denken, Ursuline. Wenn Julius unauffällig einreisen soll, wäre eine große Latierre-Kuh sehr kontraproduktiv", wandte Blanche Faucon ein. "Abgesehen davon müßte diese ja irgendwo außerhalb der Muggelwelt untergebracht werden."

"Dann verraten Sie mir bitte eine andere Möglichkeit!" Erwiderte Line Madame Faucon zugewannt. Da schoss Albericus von seinem Stuhl wie von einem Schleudersitz und flog vom übergroßen Schwung fast an die Decke.

"Ich bin doch ein Troll!" Rief er, als er federnd auf seinen kleinen Füßen landete. "Ich habe doch den Kleinbus. Damit fahre ich dich locker auf deine Insel rüber, Julius. Hätte auch den Vorteil, daß ich dich da überall hinbringen und an jedem Punkt auch wieder abholen kann."

"Könnten Tines Vorgesetzte was gegenhaben", meinte seine Frau dazu. Doch Madame Faucon schien mit der Eröffnung sehr zufrieden zu sein. Julius dachte auch drüber nach. Dann mentiloquierte er Line, ob man das als Familiengeheimnis verbergen könnte, daß Albericus den magischen VW-Bus hatte. Sie grinste und schickte zurück: "Er hat ihn zwar offiziell bekommen. Aber für die Reise geht das alle mal, wenn ich das sage, daß das keiner außerhalb der Familie wissen darf und das dann widerrufe, wenn es erledigt ist."

"Mach das so, daß das nur in England keiner wissen darf", schlug Julius vor. Madame Faucon sah ihn sehr genau an. Dann sagte Line:

"Hiermit sage ich, daß niemand, der sich zu diesem Zeitpunkt auf den britischen Inseln aufhält wissen und ergründen soll, daß Albericus Latierre ein Fahrzeug der Muggel mit zugelassener Ortswechselbezauberung besitzt, im Namen der Familie Latierre!" Unvermittelt meinte Julius, die Luft um ihn würde beben. Fünf Sekunden lang blieb dieses Gefühl. Dann war es vorbei. Madame Faucon nickte sehr erfreut.

"Dann ist die Sache klar, mein Junge. Ich bringe dich rüber, wohin du fahren willst, bleibe da irgendwo gut versteckt und hol dich wieder ab, wenn du mir das Signal gibst."

"Du lieferst ihn an einem Muggelbahnhof an der Küste ab und kommst dann sofort zu uns zurück!" Bestimmte Hippolyte mit sehr ernster Stimme. Offenbar mochte sie das jungenhafte Vergnügen nicht, daß sich im Gesicht ihres Mannes zeigte.

"Ihr bleibt am besten bei Belle-Maman und Beau-papa im Schloß, Tine, Millie, Miriam und du", erwiderte Albericus leicht verdrossen, weil seine Frau ihn mal eben wie einen kleinen Jungen angehalten hatte. Millie wandte zwar ein, daß sie dann ja mitfahren könne, wenn ihr Vater ihren Mann nach England brachte, doch die Blicke ihrer Eltern waren unerbittlich ablehnend.

"Es ist ein gewisses Risiko, hinüberzuwechseln", sagte Madame Faucon. "Aber es ist vertretbar, wenn die Möglichkeit besteht, neue Verständigungsmittel zu etablieren", sagte die Lehrerin. Millie funkelte sie rehbraun an, fing sich dafür aber einen überstrengen, saphirblauen blick ein, der sie zusammenschrecken ließ.

"Dann ist es beschlossen, daß mein Sohn auch mit eurem Einverständnis, Hippolyte und Albericus, zu den Sterlings fährt. Ich rufe Ryan an und sage ihm, ich schicke Julius mit der Eisenbahn, und er soll ihn bei Dover abholen."

"Nichts für ungut, Martha. Aber wenn mir Julius zeigt, wo man ungesehen ankommen kann und gleich in der Nähe von dem Haus ist, wo dieser Muggel seine Fete feiern will, kann ich da genau landen. Ich muß nicht am Strand landen", wandte Albericus ein. Hippolyte nickte. Ob er jetzt an einem Bahnhof in Küstennähe oder irgendwo im Inneren der Hauptinsel landete war unerheblich. Das Entdeckungsrisiko war dasselbe, und mit der Ankündigung ihrer Mutter war es gerade eben sehr stark verringert worden.

"Julius, du hast einiges an magischen Hilfsmitteln, wie ich wohl weiß. Am besten wählst du dir eine sowohl dem Anlaß entsprechende Garderobe aus, die zugleich aber Platz für deine wichtigsten Utensilien bietet, ohne daß sie unnötig auffallen", empfahl ihm Madame Faucon. Julius nickte zustimmend. Er hatte zwar im Moment keine wirklich muggelmäßigen Anzüge die ihm paßten. Aber zwischen dem ersten August und heute lag ja noch ein ganzer Tag zum Einkaufen.

"Gut, dann hoffen wir, daß Sie erreichen, was Sie erreichen möchten, Blanche, und daß Julius einen schönen Abend erlebt und uns nach seiner Rückkehr was interessantes erzählen kann", sagte Line Latierre. Hippolyte nickte. Millie sah ihre Eltern an, als hätten die ihr den Spaß verdorben. Dann sah sie ihren Mann an und sagte:

"Eigentlich paßt mir das nicht, daß du ausgerechnet in das Land sollst, wo Du-weißt-schon-wer gerade Muggelstämmige so heftig beharkt. Aber wenn wir das alle richtig vorbereiten hast du vielleicht auch nur einen interessanten Abend.Lass dich da aber nicht von den jungen Mädchen dummquatschen, nur weil du für den Abend nicht erzählen darfst, daß wir beide verheiratet sind!"

"Außer Pina und Olivia, die da wohl hinkommen, wird das keiner von mir mitkriegen", sagte Julius. "Wir hatten es ja davon, daß die in meiner alten Heimat das besser noch nicht wissen sollen, und Dr. Sterling und seine Freunde und Verwandten sowieso nicht. Der kuckt eh ganz blöd, wenn der sieht, was ich seit der Letzten Begegnung mit dem für'n Schuß nach oben gemacht habe", erwiderte Julius lässig. Madame Faucon räusperte sich zwar, sagte jedoch nichts dazu.

Nach dem Gespräch kehrten alle in den Speisesaal zurück, wo Madame Faucon noch am Mittagessen teilnahm und sich sehr lobend über die Kochkünste der hier angestellten Hauselfen äußerte. Danach verließ sie das Château Tournesol wieder. Millie sagte zu Julius:

"Gleich fliegen wir zu Tante Babs' Hof. Von da aus fährt Papa uns nach Paris. Wir müssen bei uns noch das Bett abholen, das er und Onkel Otto für uns gebaut haben, und meine Sachen, die ich unbedingt mit rüberholen will. Es sei denn, du ziehst zu uns um. Durch den Kamin wärest du ja genauso schnell bei deiner Mutter als wärest du im gleichen Haus. Noch kannst du dir das überlegen."

"Ich weiß nicht, ob deinem Vater die Vorstellung gefallen würde, daß du und ich in seinem Haus aufregende Stunden erleben", wisperte Julius.

"Er wollte das haben, daß wir beide heiraten, Julius. Stimmt schon, daß Väter da eigentlich ziemlich pingelig sind. Aber er hat ja gesagt wie deine Mutter auch."

"Aber ich denke, meine Mutter fühlt sich wohler, wenn wir in ihrer Wohnung wohnen. Sie kann ja nicht kontaktfeuern, um mich zu sich zu rufen."

"Drachenmist, habe ich nicht überlegt", grummelte Millie. "Dann bleibt das so. Hoffentlich ist dein Kleiderschrank groß genug."

"Öhm, für wieviele Klamotten?" Fragte Julius.

"Für einige", grinste Millie. Daran hatte nun er nicht gedacht, daß eine junge Frau, Hexe oder Muggel, wesentlich mehr Anziehsachen unterbringen wollte als ein Mann. Doch er ging davon aus, daß seine Schwiegermutter das Problem schon bedacht hatte.

"Warum willst du dich von Beri mit diesem mechanischen Fahrding bringen lassen, Julius?" Fragte Temmie, die auf dem Rückflug wieder das Cogison trug.

"Du würdest zu heftig auffallen, Temmie. Außerdem müßtest du ja dann irgendwo warten und ich noch weit laufen, weil die Nichtmagier nicht sehen dürfen, daß es dich gibt."

"Ich muß wohl bald rauskriegen, ob ich noch den kurzen Weg kann", blökte das Cogison, während Temmie im gebührenden Abstand hinter Bellona blieb.

"Den kurzen Weg?" Fragte Millie. "Du meinst apparieren, also im Nnichts verschwinden und anderswo dda wieder rauskommen?"

"Das ist der kurze Weg", bestätigte Artemis. Julius wandte ein, daß ihr Tierkörper wohl nicht für diese Reisemöglichkeit geeignet war und die meisten menschlichen Zauberer Zauberstäbe brauchten.

"Die mächtigen Diener, die in diesem Palast arbeiten können das auch ohne Kraftausrichter", warf Temmie ein. "Ich habe es gefühlt, wie sie damit von hier nach da übersprangen."

"Du kannst Magie, die Kraft fühlen?" Fragte Julius aufgeregt.

"Mittlerweile geht das wieder gut. Hat einen Tag gedauert, bis ich in diesem Körper wieder alles so mitkriegte wie vorher und sogar noch stärker."

"Scharf, wie Goldschweif, Julius", wandte Millie ein. Julius nickte. Goldschweif konnte Magie förmlich hören, ja sogar unterscheiden, ob sie gut- oder bösartig war. Das fragte er jetzt auch Temmie.

"Ja, das kann ich auch so fühlen. Du weißt ja, daß ich, wo ich darxandria war, die Kraft aus Sonne und Licht benutzt habe." Julius verzog wieder das Gesicht, weil Temmie in so einfachen, ja eher kindlichen Worten erwähnte, daß sie mal eine mächtige Magierin war. Dann fragte er noch einmal, ob Temmie sich vorstellen konnte, zu apparieren, ohne das ihr was geschah.

"Ich muß rauskriegen, wie ich mich da reinfühlen kann. Dann probiere ich das aus. In dem Körper von mir steckt wirklich viel von der Kraft drin. Die muß ich mit dem zusammentun, was ich gelernt habe. Dann kann ich die Sachen machen, für die ich keinen Kraftausrichter brauche, wie ja das Verschicken von Gedanken."

"Wäre echt stark. Eine apparierfähige Latierre-Kuh", bemerkte Millie dazu. "Wenn du das schon gekonnt hättest, als wir dich bei Tante Babs abgeholt haben, müßte papa nicht mit dem Knatterwagen rüber."

"Ja, aber ein VW-Bus fällt in England nicht so auf wie eine geflügelte Kuh, die jedem afrikanischen Elefanten auf den Kopf spucken kann", stellte Julius noch einmal klar.

"Ich denke, irgendwann bist du bestimmt ganz froh, daß ich jetzt für dich da bin, Julius. Nur weil ich jetzt einen anderen Körper habe weiß ich doch noch alles, was ich mal gekonnt und gewußt habe."

"Warum sprichst du dann eher wie ein junges Mädchen als wie eine erhabene Königin?" Wollte es Julius jetzt wissen.

"Weil ich ein junges Mädchen bin, Julius", war die einfache und doch so vieles verratende Antwort. "Aber bald werde ich wohl Mutter. Dann kann ich vielleicht so reden, wie ich mal geredet habe. Irgendwie finde ich die Art, wie ich das mal gemacht habe zu schwierig. Warum reden wir nicht alle so einfach wie es geht?"

"Frage ich dich schon immer, Julius", grinste Millie. "Da muß erst eine tonnenschwere Braut mit Flügeln kommen um dir das zu erklären."

"Öhm, Menschen benutzen ihre Sprache als Sache, um anderen zu zeigen, was sie wissen und können. Je mehr das ist, desto umständlicher sprechen sie", fiel Julius eine passende Erklärung ein.

"ja, aber für einfache Sachen reichen echt einfache Wörter, Julius", befand Millie. "Aber jetzt, wo wir beide anständig verheiratet sind, lernst du das ganz sicher von meinen Leuten und mir. Nimm dir Oma Line im Vergleich zu Madame Faucon! Wenn die mit Leuten spricht, die nicht gerade superwichtige Aufgaben zu erledigen haben, redet die ganz locker und frei von der Leber weg, wo sich Königin Blanche immer wieder die Zunge verränkt, egal, mit wem die redet."

"Dann hättest du die mal hören sollen, als Claudine gerade geboren war. Die hat die gleich mit Baby-Blubber zugetextet, daß ich an ihrer Stelle wohl gedacht hätte, daß meine Mutter mich gleich wieder zurücknehmen soll, wenn meine Oma so'n Quatsch daherredet."

"Ach, echt?!" Fragte Millie. "Hätte Catherine aber wohl was gegengehabt."

"Hat deine Oma Miriam denn so angedududut und -dadadat?" Fragte Julius.

"Welche, Monju? Oma Teti hat Miriam gesagt, daß die sich gefälligst hätte leichter rausziehen lassen sollen, und Oma Line hat die Kleine auf den Arm genommen und ihr gesagt, daß sie ein ganz feines kleines Mädchen sei."

"Kinder sind was belebendes, auch wenn es sehr schwer ist, sie zu kriegen und dann richtig groß zu bekommen", bemerkte Temmie dazu. "Deshalb hat mein Körper wohl noch keines rausgebracht. Aber ich werde schon welche kriegen, wie ich es der jungen Barbara versprochen habe."

"Bei dir müssen die ja zwei Jahre auswachsen, bis sie an die Luft können", meinte Millie dazu.

"Das haben sie mir schon gesagt", erwiderte Temmie darauf.

So sprachen die beiden Menschen und die durch Darxandrias Opfer menschengleich intelligente Riesenkuh über die Unterschiede zwischen ihren Lebensarten. Zwischendurch flog Temmie ungestüm durch niedrige Wolken hindurch und freute sich, weil das darin getragene Wasser sie so richtig abkühlte. Millie und Julius fanden das nicht so toll, klatschnaß aus den weißgrauen Dunstgebilden herauszufallen. Außerdem stank Temmies Wolle danach noch mehr als ohnehin schon.

Als sie dann auf dem Latierre-Hof gelandet waren, trocknete Babs die beiden Kuhreiter mit gekonnten Zaubern wieder ab. Danach holten sie ihr Gepäck aus der Transportkiste. Julius verabschiedete sich von Temmie, die jetzt das Cogison nicht mehr trug und sagte allen außer Millies Eltern und Martine auf Wiedersehen. Dann ging es mit dem veilchenblauen Zauberbus vom Hof herunter, den Weg entlang und dann mit zwei Sprüngen nach Paris.

"So, dann holen wir eure Möbel mal ab", sagte Albericus, als sie vor dem Haus der Latierres standen. Davor wartete Lutetia Arno, Millies väterliche Großmutter, eine reinrassige Zwergin und als solche nicht größer als ein achtjähriges Mädchen, aber doch eindeutig als erwachsene Frau zu erkennen. Wie üblich lief sie barfuß. Ihre Zwergenfüße besaßen eine dicke Hornhaut unter den Sohlen und waren ohnedies kälte- und hitzeunempfindlich.

"Ihr hättet mich ruhig zu eurer Hochzeit einladen können, Mildrid", sagte Lutetia Arno. "Immerhin bist du genauso alt wie ich damals war. Aber zumindest wurdest du nicht im Brautsack durch die Stadt geführt. Hallo Julius. Wie fühlt sich das an, mit so einer starken Frau zusammen zu sein?"

"Frage zu vage. Keine eindeutige Antwort möglich", erwiderte Julius darauf. Lutetia lachte und zeigte ihre zwei Reihen nadelspitzer, gleichmäßiger weißer Zähne. Ihre erdbraunen Augen zwinkerten ihm verschlagen von unten zu.

"Ich habe Tante Trice schon gesagt, daß sie das erste Ergebnis unseres Zusammenseins rausholen darf", sagte Millie. Lutetia Arno ballte ihre kleinen Fäuste und schnarrte:

"Die würde meinen Urenkel auf halbem Weg verhungern lassen, Millie. Ich helfe dir natürlich, wenn ihr beiden was kleines kriegt. Ich habe da immer noch die meiste Erfahrung mit."

"Vielleicht will ich aber haben, daß eine andere Heilerin meinen ersten Sohn auf die Welt holt", warf Julius ein.

"Jungchen, du hast das gesehen, daß man mit mir besser nicht rumzankt. Das mußte ja die übergroße Madame Maxime lernen und hat das wohl für ihr restliches Leben in ihrem großen Schädel drin."

"Ma, willst du gleich mit zu Julius Haus?" Fragte Albericus Latierre.

"Wenn seine Mutter nix dagegen hat", erwiderte Lutetia mit ihrer leicht angerauhten Kleinmädchenstimme. Martah hatte nichts dagegen.

"Ups, was ist denn das für'n Monsterschrank?" Stöhnte Julius, als er vor Millies früherem Kinderzimmer einen mindestens drei Meter breiten Kleiderschrank mit vier Türen sah. An den beiden Außentüren waren mannshohe Spiegel angebracht. Julius streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, was dem Spiegel ein entrüstetes: "Was soll denn das", entlockte. Julius erschrak. Er kannte sprechende Spiegel. Aber das dieser hier wie er klang fuhr ihm doch ziemlich heftig in die Knochen.

"Das ist euer gemeinsamer Kleiderschrank", sagte Albericus. "Den haben Otto, Josianne und Béatrice gestiftet. Ma hat ihn in meinem Namen bei Epeios Bacinet & Söhne abgeholt. Das Bett haben wir, mein Schwager Otto und ich, für euch zusammengebaut", sagte Albericus Latierre.

"Mein, öhm, Millies und mein Zimmer ist nicht groß genug für so einen breiten Schrank", wandte Julius ein.

"Wird sich finden", sagte Albericus.

"Oma Tetie hat dieses Riesenteil von den Bacinets rübergeholt?" Fragte Millie.

"Ging ganz einfach, Kleine", erwiderte die Zwergin. "Wenn du den Schrank mitnehmen willst, sagst du einfach "Mach dich klein!" Dann kann selbst ich den rumtragen. Außerdem hatte ich meinen Flugsessel bei."

"Okay, dann packen wir mal zusammen, was wir mitnehmen wollen", sagte Millie und winkte Martine und Julius zu, ihr zu helfen. Julius sah aber immer noch das übergroße Möbelstück an und fragte sich, ob Catherine ihnen das auch noch gestatten würde. Dann beobachtete er, wie Millie und Martine alle möglichen Kleidungsstücke zusammenpackten und mit Martines Zauberkraft innerhalb von einer Viertelstunde auf drei Kisten und den Schulkoffer Mildrids verteilten. Danach wurde er Zeuge, wie sein Schwiegervater gegen den Schrank klopfte und "Mach dich klein!" Rief. Wie eine Centinimus-Bibliothek schrumpfte der Schrank, blieb jedoch mindestens zwanzig Zentimeter groß. Dann holten sie noch ein breites Himmelbett wie das in der Hochzeits-Suiete im Château Tournesol aus dem hinteren Flur des Honigwabenhauses. Julius fragte sich, wie das Bett und der Schrank in das winzige Zimmer reinpassen sollten, in dem er bisher gerade so noch klargekommen war. Doch er sagte besser nichts. Die Latierres hatten ja sehen können, wo er bisher alleine geschlafen hatte. Wenn die meinten, daß derartig protzige Möbel bei ihm hineingestellt werden konnten ...

Das Bett wurde magisch verkleinert und zusammen mit dem Schrank in den Bus geladen. Danach ging es erst per Raumsprung aus Paris hinaus auf eine leere Seitenstraße, um dann ganz normal in den dichten Autoverkehr einzutauchen und sich dort hindurch bis in die Rue de Liberation 13 zu wühlen. Dort empfingen die Brickstons die Latierres und Martha Andrews.

"Ich habe was anderes überlegt, Martha. Wenn wir noch magische Möbel in das Zimmer stellen könnten die dort stehenden Elektrogeräte gestört werden. Ich habe das von Mademoiselle Renard mal durchmessen lassen, wie umfangreich die Magie in eurer Wohnung noch sein darf", sagte Catherine, nachdem sie alle begrüßt hatte. "Wenn es zu einer noch größeren Anreicherung auf einem Raum von fünf Kubikmetern kommt, würden alle dort arbeitenden Gerätschaften versagen. Dann hätte Julius genausogut bei Hipp und Albericus oder Line und Ferdinand wohnen können. Deshalb habe ich überschüssiges Zeug vom Dachboden geholt, diesen von Florymont mit einem Zauberkraftbalancezauber belegen lassen und eine rein mechanisch ausziehbare Leiter einbauen lassen. Die kann zwar auch mit entsprechenden Zaubern heruntergelassen werden, erhöht dann aber nicht die Menge an Magie auf dem Dachboden."

"Da wo der Eulenbriefkasten ist?" Fragte Julius.

"Genau da", sagte Catherine und geleitete die Hausbewohner zusammen mit Millies Eltern und ihrer Großmutter hinauf auf den Dachboden, wo keine Spur von Staub oder Spinnweben zu sehen war. Statt dessen hatte Catherine Teppiche in drei verschiedenen Farben ausgelegt und einen großen Bettvorleger bereitliegen.

"Das ist jetzt euer Reich, Mildrid und Julius. Wenn ihr die Möbel hier aufstellt kann Julius in seinem Arbeitszimmer weiter am Computer sitzen oder die CDs hören", sagte Catherine und deutete auf die Stellen, wo sie den Schrank und das Bett hinstellen konnten. So ging es also, dachte Julius. Millie holte mit ihm zusammen noch alle ihre und seine Sachen herauf. Sie benutzten die breite Teleskopleiter, die Florymont Dusoleil eingebaut hatte, um direkt im Wohnzimmer zu landen. Millie ließ sich den von Hand bedienbaren Mechanismus erklären, mit dem die Leiter von unten herabgelassen und wieder nach oben in die Decke hinaufgehoben werden konnte. Sie bewunderte es, wie mit einfachen Hebeln und einer abnehmbaren Stange eine Leiter hergeholt und wieder verstaut werden konnte. Julius besah sich sein früheres Schlafzimmer. Sein Bett war bereits herausgeholt worden. Catherine hatte "als Hochzeitsgeschenk" ein von ihren Schwiegereltern bekommenes Sofa dort untergestellt und den Schreibtischstuhl verdreifacht. Der Kleiderschrank, der bisher für ihn allein völlig ausgereicht hatte, wurde leergeräumt und dessen Inhalt in den majestätischen Schrank auf dem Dachboden umgepackt, wobei Millie sofort die Regie übernahm, was wo zu hängen hatte. Ihre Eltern brachten dann noch zwei zum Bett passende Nachtschränke mit altmodisch wirkenden Öllampen und hellen Deckchen herauf. Julius fühlte, wie es hier oben ziemlich warm war. Er öffnete eines der beiden Dachfenster aus unzerbrechlichem Glas und wollte hinausgreifen, traf dabei aber auf ein straff gespanntes, beinahe unsichtbares Netz.

"Damit ihr nachts bei offenem Fenster schlafen könnt, ohne von den Mücken und Abgasen belästigt zu werden", erklärte Catherine. "Florymont hat die Fliegengitter unzerreißbar gezaubert und mit einem Luftreinigungszauber aufgewertet. Camille hat für euch die Pflanzen da hingestellt", sagte sie noch und deutete auf den Gummibaum und die Blumentöpfe, die im von oben einfallenden Licht standen. "Die waren vor zwei Stunden noch mit Denise hier um euer Reich zu vervollständigen. Aber jetzt ist hier oben so viel Magie konzentriert, daß ihr kein elektrisches Licht mehr betreiben könnt. Die anderen Geräte werden durch die Zauberkraftbalance vor Störungen bewahrt. Joe hat deinen Rechner und den CD-Spieler ausprobiert, Julius. Das klappt alles noch." Julius nickte. Er war sprachlos und konnte nur zusehen, wie seine Frau die Kisten leerräumte und ihre Sachen, unter denen tatsächlich ein paar Jeanshosen und T-shirts waren, im Schrank mit den großen Hängeräumen und den links und rechts befindlichen sechs Ablagen verstaute, den unten eingebauten Schuhschrank mit mindestens zwanzig Paaren befüllte und ihre Unterwäsche im rechten Nachtschrank versammelte. Julius wollte schon sagen, daß er seine Socken und Unterhemden selbst einräumen konnte, war aber wohl nicht schnell genug. Denn Millie nahm ihm einfach die ganzen Untersachen aus dem großen Korb, in dem er sie hochgetragen hatte und sortierte sie ohne großes Federlesen im linken Nachtschrank ein.

"Damit hast du mich gerade auf eine Bettseite festgelegt", sagte Julius seiner Frau.

"Wenn ich hier auch wohnen darf, Julius, ist das wohl kein Problem für dich, oder?" Fragte Millie und schenkte ihm einen rehbraunen Hundeblick, der die gefühlte Zimmertemperatur schlagartig nach oben trieb. Er nickte. Abgesehen davon war das Bett wohl breit genug.

"Jetzt liegen zwischen euch und uns zwei dicke Betondecken", stellte Joe Fest, der den Einzug der neuen Mitbewohnerin ebenso mit halboffenem Mund beobachtete wie Julius. Wo Martine und ihre Eltern mit Zauberstabbewegungen hantierten, schaffte Millie wieselflink und zielsicher die Ordnung, die sie sich vorstellte. Nach einer Stunde waren alle mitgebrachten und umzuräumenden Dinge verstaut. Der Schrank war zu zwei Dritteln voll. Die beiden Schulkoffer standen einträchtig unter einer der Dachschrägen, ein kleiner Tisch mit drei Stühlen stand in der Mitte. Zwei kleine Laternen mit schmalen Kerzen hingen an fest in die Wände getriebenen Haken. Die waren dafür, um abends nicht im Dunkeln in das große Dachgeschosszimmer hineinstolpern zu müssen. Danach zog auch Millies Kosmetik in ihrem mitgenommenen Schminkkoffer in das Haus der Brickstons ein. Immerhin reichte das Badezimmer aus. Martha beäugte zwar argwöhnisch die magischen Schmink- und Frisuraufbesserungsartikel, nickte aber eher hilflos als einverstanden.

"Wenn wir beide aus Beaux raus sind kriegen wir eine eigene Wohnung", sagte Mildrid. Julius' Mutter sah sie mit einem leicht betrübten Ausdruck an. Ihr wurde wohl jetzt klar, daß ihr Sohn gerade auf dem besten Weg war, ihr endgültig zu entwachsen. Das hier war eine Zwischenstufe, der Übergang, die sicht- und greifbare Erkenntnis, daß sie ihren Sohn nur deshalb noch im Haus hatte, weil sie erlaubte, daß seine junge Frau, eine wirkliche Hexe, mit ihr zusammen Wohn- und Badezimmer teilte, über ihr schlief und am selben Tisch essen würde. Sie hoffte, keine biestige Schwiegermutter zu werden. Denn ihr war klar, daß Julius sofort mit Millie das Haus verlassen würde, wenn sie ihn zu sehr bedrängte oder sie auch nur im Ansatz spüren ließ, daß sie nur die Schwiegertochter war. Sie mußte das akzeptieren, so aufwühlend es war. Sie mußte akzeptieren, daß Julius bereits jetzt kein kleiner Junge mehr war, der seine Liebe nur ihr allein widmete. Sie atmete tief ein und aus, als Millie ihre in New Orleans gekauften Verschönerungssachen einsortiert hatte. Julius sagte dann:

"Ich hoffe, Mum, Millies Energie schafft dich nicht so schnell. Ich muß mich auch erst dran gewöhnen."

"Ja, mein Sohn, jetzt ist es ernst. Du hast dich auf eines der größten Abenteuer des Lebens eingelassen und dafür noch nicht mal wirklich gute Vorbilder gefunden."

"Ach, komm, Mum, du willst doch nicht sagen, daß du kein gutes Vorbild für mich bist. Und Paps war auch irgendwie eins, auch wenn er sich am Ende ziemlich blöd verhalten hat."

"Ich hoffe, ihr beiden werdet wirklich richtig alt miteinander", sagte Martha Andrews. Catherine betrachtete derweil Millies Kosmetika, während Joe nur leicht verstimmt dreinschauend in der Tür stand. Babette kontaktfeuerte gerade im Wohnzimmer mit Mayette und erzählte ihr wohl, was Millie alles angeschleppt hatte.

"So, alles da wo es hingehört", befand Millie. Dann versammelten sich die Latierres, die Brickstons und Martha Andrews noch einmal im Wohnzimmer und stießen mit Rotwein auf den gelungenen Einzug und den damit begonnenen neuen Lebensabschnitt an. Zwei Stunden später reisten Millies Eltern und ihre Geschwister zusammen mit Lutetia Arno wieder ab. Millies Zwergenoma hatte versprochen, statt der feuergefährlichen Laternen und Lampen vier immer leuchtende Steine zu machen, wie sie es für ihren Mann schon einige Male gemacht hatte.

Als die Gäste und Verwandten alle aus der Wohnung heraus waren, saßen Martha Andrews, ihre Schwiegertochter und ihr Sohn eine Weile einander schweigend anblickend da. Dann sprach Julius' Mutter:

"Ich hoffe, wir beide kommen weiterhin irgendwie miteinander klar, Millie. Ich möchte nicht sagen, daß ich immer deiner Meinung sein werde und verlange das auch nicht von dir, nur um des lieben Friedens Willen. Sowas rächt sich meistens. Ich hoffe nur, du siehst mir das eine oder andere nach, was ich aus meiner Lebenswelt anders gelernt habe als du. Ich werde meinerseits sehen, dich nicht anders zu behandeln als Julius."

"Martha, ich finde, du hast das bis jetzt gut weggesteckt, daß ich mit Julius zusammengekommen bin. Das bewundere ich sehr. Ich weiß nicht, wie eine andere Frau, ob Hexe oder nicht, das hingenommen hätte, wenn ihr Sohn schon mit fünfzehn verheiratet ist und dann mit seiner Frau noch im selben Haus lebt."

"Gut, so gesehen seid ihr ja über den größten Teil des Jahres nicht hier, und ich werde die Zeit haben, mich von deinem Temperament zu erholen", versuchte Martha sich in Lockerheit. "Aber genauso wie deine Eltern Julius darum gebeten haben, so gut wie möglich mit dir klarzukommen, bitte ich dich jetzt, wo wir unter uns sind, nicht nur mit ihm klarzukommen, sondern auch mit mir ohne unnötigen Zank auszukommen. Wo es nötig ist, kann und werde ich mit dir wohl manche Meinungsverschiedenheit austragen. Aber das sollte dann im gegenseitigen Respekt und zum Ziel einer beiden passenden Lösung ablaufen. Ich hoffe, du siehst das genauso." Millie nickte sehr entschlossen. "Ich habe mich, seitdem Julius mit Hogwarts angefangen hat, immer gefragt, ob er von da irgendwann eine Freundin mitbringt, die eine Hexe ist. Es gab ja auch einige, die da hätten in Frage kommen können, wie du weißt. Dann war das mit Claire, wo ich es endgültig überlegen mußte, was es für mich bedeutet, eine Hexe als Schwiegertochter zu kriegen. Daß es so schnell passiert, habe ich ehrlich nicht erwartet. Deshalb denke ich, daß ich da genauso reinwachsen muß wie ihr beide in diese von deinen Eltern und mir erlaubte Frühehe. Ihr beide seid noch Schüler, habt eigentlich das ganze Leben vor euch und habt euch trotzdem schon festgelegt, auf unabsehbare Zeit zusammen zu bleiben, ja wohl auch ein Kind oder mehrere zusammen zu haben. Für mich fängt mit dem heutigen Tag auch was neues an, und ich weiß nicht, ob ich damit immer zurechtkommen werde. Aber ich freue mich für euch beide, daß ihr jetzt hier seid. mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen."

"Martha, ich hoffe, wir beide kommen so gut miteinander klar, wie meine Mutter mit Oma Teti oder Tante Josianne mit Oma Line. Da knirscht es zwar immer mal wieder. Aber genau das, hat Maman mir gesagt, zeigt ja, wenn sich zwei nicht gleichgültig sind, ob Verheiratete oder Schwiegereltern und Schwiegerkinder. Ich habe dir ja schon Danke gesagt, weil du Julius für mich geboren hast. Es ist schade, daß ich deine Eltern nicht kennenlernen kann, wie ihr meine Großeltern kennengelernt habt. Da ich nicht so toll im reden bin sage ich besser auch nicht mehr, um nicht doch noch was dummes rauszulassen."

"So, dann möchte ich zumindest noch zwei Sätze loswerden", ergriff Julius das Wort. "Damit nicht nur über mich geredet wird, als sei ich nicht hier und weil ich den beiden tollsten Frauen der Welt danken will, daß sie es meinetwegen miteinander versuchen wollen und ich hoffe, daß es nicht an mir hängen wird, wenn das nicht klappt. Cheers und Santé!" Er hob sein halbvolles Weinglas und stieß mit seiner Mutter und Mildrid an.

Der rest des ersten gemeinsamen Abends gehörte einem Krimi im Fernsehen. Millie meinte anschließend, daß es zwar spannend gewesen sei, aber diese Flimmerbilder sie doch etwas schwindelig gemacht hatten. Dann sagten sie einander gute Nacht. Julius wollte in das Zimmer, in dem er vor einigen Wochen noch geschlafen hatte. Millie rief ihm nach: "Wo willst du hin, Monju?!" Da erkannte er, daß er jetzt wirklich ein anderes Leben führte.

Als Millie und er oben in ihrem geräumigen Bett lagen und die Vorhänge zugezogen hatten, sprachen sie noch leise über den Ausflug nach Millemerveilles und die letzte Nacht im Château Tournesol. Dann probierten sie aus, was ihre Schlafstätte aushielt und hofften, daß seine Geräuschabschirmung wirklich vollkommen war. Millie sorgte dann noch dafür, daß sie beide nicht zu früh für einen weiteren Mitbewohner vorplanen mußten. Dann sagte sie:

"Dafür, daß die nur einen Kopfmenschen aus dir machen wollten macht es dir wohl richtig Spaß."

"Ich merke, daß sich das ganze Training und die Tanzstunden echt für was gelohnt haben", schnaufte Julius herrlich erschöpft.

"Schade, daß wir so nicht auf dem Sommerball in Millemerveilles tanzen dürfen. Da könnten Camille und Florymont aber einpacken."

"Jeanne könnte uns da noch Konkurrenz machen. Und ich denke, Barbara van Heldern ist auch noch in Superform."

"Der müßte ich eigentlich noch einen ganz großen Blumenstrauß schicken, daß die dich so super in Form gehalten hat, wo du das erste Jahr in Beaux warst. Vielleicht nenne ich das dritte Mädchen nach ihr."

"Wo deine Tante und deine Uroma schon so heißen", grinste Julius. "Aber wenn wir nur Jungs kriegen?"

"Wäre das interessant, ob die dann klein blieben wie mein Vater oder doch die normale Menschengröße hätten. Oma Tetie behauptet das immer wieder. Wahrscheinlich wollte Maman deshalb keine Jungs kriegen. Dann wünsch dir bitte nicht nur jungs, wenn du dich nicht langweilen willst, Monju!" Konterte Millie und küßte ihn noch einmal, bevor sie sich in eine für beide bereits erprobte Einschlafstellung drehten.

 

__________

 

Ich habe es ihm nicht erzählt. Ich habe Julius seine neue Liebe ausleben lassen, ohne daran denken zu müssen, daß diese Krieger wachgeworden sind. Der hat mich gefragt, warum ich nicht mehr so rede wie früher, wo ich nur in seinem Schlafleben bei ihm sein konnte. Stimmt schon, daß ich jetzt, wo ich Temmies herrlich jungen Körper habe, nicht groß denke, wie ich was sagen soll, wenn's einfach geht. Wer kriegt schon so'ne Möglichkeit, noch mal ganz jung anzufangen?

Er will in das Land, wo der Dunkle meister ist, der die alten Krieger aufgeweckt hat. Da hätte ich es ihm sagen sollen. Doch irgendwie merke ich, daß ich ihm nur helfen kann, wenn ich ihm und Millie alle schöne Zeit zum Zusammenfinden lasse. Er weiß jetzt, für was er lebt und für wen er lebt. Das wird ihm helfen, weiterzuleben. Wenn er gegen die Diener des dunklen Meisters kämpfen muß, wird seine Liebe ihm Kraft genug geben, mit denen fertig zu werden. Warum hat er die Goldleute nicht bei sich bleiben lassen? Die können ihm helfen, wenn er angegriffen wird. Warum sind Männer und Jungs immer so drauf aus, keine Hilfe zu brauchen? Er wäre in diesem Körper sicher verrückt geworden. - Eh, blödes Summvieh! Weg von meinem Hinterteil!" Die kleinen Biester sind echt lästig.

 

__________

 

Der nächste Morgen begann gemütlich. Erst frühstückten sie ausgiebig, wobei Millie ihrer Schwiegermutter zusah, wie Kaffee, Tee und Eier ohne Feuer und Magie gekocht wurden. Dann rief Martha bei Dr. Sterling an und schützte einen unaufschiebbaren Termin vor, der sie daran hinderte, Julius zu seinem Fest zu begleiten. Ihr Sohn sprach dann mit Pinas Onkel ab, daß er am nächsten Abend gegen sieben Uhr am Londoner Bahnhof für Reisende aus Frankreich abgeholt werden wollte. Martha hatte einen echten Fahrplan im Internet gesucht und ihrem Sohn glaubhafte Reisedaten mitgeteilt. Doch dann kam der Akt, der Julius fast bereuen ließ, daß er jetzt mit zwei Frauen in einer Wohnung lebte. Denn es ging in die bekanntesten Einkaufsstraßen von Paris, um für Julius einen schicken, aber auch mit genügend Taschen versehenen Festanzug auszusuchen. Julius kam sich dabei vor wie eine lebende Anziehpuppe. Immer wieder mußte er verschiedene Kombinationen aus Hemden und Hosen anprobieren, dazu mehr oder weniger passende Krawatten umbinden und den einen oder anderen Muggelhut aufsetzen. Und als ob das noch nicht genug war, mit gleich drei Anzügen unter dem Arm aus einem der Läden zu kommen, bestand seine Frau noch darauf, daß er die passenden Schuhe dazu bekam. Einige andere Kunden, die sich von ihren Frauen oder Müttern einkleiden ließen, blickten das Trio immer wieder komisch an. Offenbar fanden sie, daß das hochaufgeschossene Mädchen mit den rotblonden Haaren nicht zu der blonden Frau und dem jungen Mann, der ihr ähnelte passen mochte. Doch Millie störte das nicht. Julius erkannte nun, was andere Mädchen wie Belisama und Laurentine, aber auch Jungen wie Gérard und Robert ihm gesagt hatten. Wer sich auf eine der Latierres einließ mußte Energie und Ruhe zugleich besitzen, um sich nicht zu ärgern oder vom ganzen Temperament erstickt zu werden. Als Julius endlich zwei Paare tanzfähiger Schuhe zu mindestens zwei der drei Anzüge genehmigt bekommen hatte, fragte er Mildrid, ob sie einen Kurs im AnKleiden von Ehemännern genommen hatte.

"Wenn du mich so fragst sage ich doch glatt ja, Monju. Ich habe mir immer wieder angeguckt, wie Maman Papa mit passender Kleidung versorgt hat. Der ist auch so einer, der meint, wenn es paßt ist es auch schon richtig. Ihr kapiert es echt nicht, das Aussehen ziemlich wichtig ist. Außerdem solltest du froh sein, daß Gloria dich nicht auf den Besen gehoben hat. Die ist in der Hinsicht noch strenger als Maman oder ich."

"Weil die schon Schminkstift und Lockenkamm gesagt hat, als die gerade die ersten Zähne bekommen hat", knurrte Julius. Millie fragte, ob Gloria ihm das so erzählt hatte. Er erwiderte darauf, daß sie ihm das zwar nicht erzählt hatte, aber er sich das wirklich hatte vorstellen können.

Nachdem sie Julius' Anzüge ordentlich in den Schrank gehänt und von den dreien einen mittelblauen Zweireiher mit dazu passendem Schlips aus mitternachtsblauer Seide für den morgigen Ausflug ausgewählt hatten, kehrten die drei in einem der guten, aber preisgünstigen Restaurants ein, die Catherine Martha und Julius empfohlen hatte. Millie gestand ein, daß sie Paris noch nie von dieser Seite aus kennengelernt hatte. Allerdings waren ihr die Straßen zu voll und die Autoabgase machten ihr wie Julius zu schaffen.

Nach dem langen Tag im Einkaufsgetümmel zeigte Martha Mildrid, wie man ohne Zauberkraft einen leckeren Salat und dazu passende Baguettes zubereitete. Sie sahen die Fernsehnachrichten und wählten dann eine Komödie mit dem aufbrausend und hektisch wirkenden Schauspieler Louis de Funès, in der dieser in die Wirren einer politischen Verschwörung geriet und auf der Flucht vor richtig bösen Schergen in die Rolle eines jüdischen Geistlichen schlüpfte. Millie verstand zwar nicht alle Redewendungen und Anspielungen, mußte aber über die Verwechslungen und Verwicklungen lachen. Am Ende meinte sie:

"Ihr sagt, daß sei nur ein lustiger Film. Aber wenn die Muggelwelt echt so durcheinander und gefährlich wäre ... Uiuiui!"

"Ja, stimmt schon, daß vieles von dem, was da veralbert wurde Angst machen könnte", gestand Martha ein. "Aber irgendwer hat mal gesagt, worüber man nicht lachen kann, darüber kann man auch nicht weinen."

"Das wird wohl wer gewesen sein, der im blauen oder violetten Saal zugleich hätte wohnen können", stellte Millie fest. Julius nickte.

"Dann gehen deine Mutter und ich morgen abend zu Oma Line ins Schloß, wie das vereinbart wurde, während Papa dich in England absetzt", faßte Millie noch einmal zusammen. Julius bestätigte es. "Dann schlaf dich gut aus. Heute war das wohl ziemlich nervig für dich."

"Klamottenkaufen war und wird wohl nichts wirklich tolles für mich."

"Müssen wir auch nicht immer haben. Erst wieder in drei Wochen, wenn wir für Beaux neue Klamotten brauchen. Dein Sonntagsumhang wird langsam zu kurz, und einen neuen Hut könnte ich mir auch vorstellen."

"Bis dahin möchte ich noch Ferien haben", grummelte Julius. Millie kicherte nur, ergriff seine Hand und hielt sie gerade fest genug, daß er nicht einfach so den Arm wegziehen konnte. Diesmal kamen beide ohne Absprache ohne körperliche Liebe durch die Nacht.

"Pass gut auf dich auf. Blanche hat uns das gestanden, daß sie dich wieder wohinschickt und sogar Hippolyte und Albericus breitschlagen konnte", sprach Camille Dusoleils Kopf am nächsten Morgen aus dem Kamin der Andrews. Julius versprach ihr, aufzupassen. "Ich werde an dich denken, wenn du unterwegs bist. Ursuline Latierre hat mich eingeladen, mir die Ziergärten ihres Schlosses anzusehen. Sie findet, ich könnte ihr da wohl was empfehlen."

"Huch, wie kommt sie darauf? Ich meine, es ist nett, daß sie sich von dir beraten lassen möchte", erwiderte Julius.

"Weil ich da ja letztes Jahr war", erwiderte Camille. Dann fragte sie grinsend, ob Millie sich in der neuen Wohnung gut eingewöhnt habe. Diese erwiderte, daß sie im Moment viel neues lernte. Camilles Kopf nickte dazu nur.

Nachdem Julius eine kleine Reisetasche mit dem notwendigsten gepakct hatte, um die Nacht bei den Sterlings zu verbringen, teilte er seine magischen Hilfsmittel in die weiten Taschen der Jacke, der Hose und einige in die Hemdtasche. Er packte das Vielzeug ein, das als magisches Taschenmesser und etliches mehr zu gebrauchen war, die Goldblütenhonigphiole, sowie den abgebrochenen Nottüröffner. Den Frühwarner band er sich um den linken Arm, so daß nicht jeder das silberne Armband sehen konnte, wo der Pflegehelferschlüssel schon auffällig war. Seinen Zauberstab steckte er in das diebstahlsichere Futteral, das er im rechten Hosenbein verborgen trug. Als er sicher war, die nützlichsten Sachen eingepackt zu haben, ging es zu Fuß zu Millies Eltern hinüber. Martine fragte ihre zweitjüngste Schwester, ob sie nicht schon genug von Julius habe. Diese antwortete darauf:

"Selbst wenn jemand Tante Tine zu dir sagt wird das wohl nicht passieren. Der ist zwar noch etwas störrisch, was Klamottenfragen angeht, aber sieht zumindest ein, daß ein Mann nicht wie'n kleiner Junge rumlaufen muß." Martine lachte darauf nur.

Im Schloß der Latierres bekam Julius von Madame Faucon ein fllauschig ausgepolstertes Päckchen überreicht, das er in seinem Brustbeutel versenken konnte. Darauf stand: "Für die Person Ihres größten Vertrauens von einer, die sie respektiert".

Als Albericus seine Frau, Martine, Mildrid, Miriam und Martha Andrews im Château Tournesol abgeliefert hatte, fuhr er mit Julius im VW-Bus eine kurze Strecke und betätigte den Transitionsturbo. Mit lautem Knall übersprang der Bus eine Entfernung von mehreren hundert Kilometern. Dann mußte er schnell die Fahrspur wechseln, weil eine Flotte von "Geisterfahrern" auf ihn zuhielt.

"Ui, da hätte es fast geknallt", erschrak Albericus. Dann blickte er durch das Lenkrad und nickte. "Also wenn du mir die richtigen Gradzahlen genannt hast sind wir jetzt eine halbe Winkelsekunde südlich und eine Viertelwinkelsekunde westlich von der Stelle, wo du von diesem Muggel abgeholt werden sollst."

"Näher dran wäre wohl zu auffällig gewesen", meinte Julius. Millies Vater nickte und fädelte sich ordentlich in den Linksverkehr ein.

"Wieso könnt ihr eigentlich nicht auf der rechten Straßenseite fahren wie in den meisten Ländern auch?" Fragte Albericus.

"Das habe ich noch nicht rausgefunden", antwortete Julius. Jedenfalls fiel der Bus keinem der anderen Autofahrer auf.

Als Julius mit seiner Reisetasche an der Hand den VW-Bus verlies und den Geräuschen der ein- und auslaufenden Züge lauschte, dachte er wehmütig an den Hogwarts-Express. Jetzt verstand er, warum Gloria dort wieder hinfahren wollte.

"In fünf Minuten ist Dr. Sterling wohl hier, Albericus. Danke für's herbringen. Ich schicke deiner Frau eine Melo-Botschaft, wo und wann ich wieder abgeholt werden möchte."

"Mit uns beiden fluppt das nicht so wie zwischen Millie und dir oder meiner Holden und ihrer Mutter. Liegt wohl daran, daß Line sich unten ohne auf deine Füße gehockt hat."

"Das hat die Verbindung wohl so stark gemacht", bestätigte Julius. Dann drückte er seinem Schwiegervater noch einmal die Hand und überstand es, daß dieser einen ziemlich eisernen Händedruck besaß. Ein anerkennendes Grinsen war die Belohnung dafür, daß Julius nicht gejammert oder die Hand wegzuziehen versucht hatte. Dann fuhr Albericus los, wobei er sich ziemlich knapp zwischen zwei Autos durchmogelte, deren Spur er kreuzte. Die Fahrer bemerkten ihn nicht. Julius wußte, daß die Anti-Aufmerksamkeitslackierung das bewirkte. Muggelaugen nahmen den Bus nicht zur Kenntnis.

Julius wußte, daß er mit seinem schnieken Anzug die in Bahnhofsnähe lungernden Stadtstreicher und Drogensüchtigen einlud, ihn anzuschnorren oder gar zu überfallen. Deshalb blickte er sich sehr genau um und ging so aufrecht er konnte weiter, bloß keine Angst oder Unsicherheit ausstrahlend. Doch hier schien im Moment keiner vom Zug zum Fortschritt und allgemeinem Wohlstand heruntergefallener Stadtbewohner zu sein. Erst als er knapp vor dem Eingang zum Bahnhof stand fielen ihm vier junge Männer auf, die leicht zitternd wie vor Kälte herumlungerten. Julius' innere Alarmsirene schrillte los, als einer von denen auf ihn deutete. Doch er zwang sich, ganz ruhig zu bleiben. Als der, der ihn ausgemacht hatte seine Leidensgenossen auf den jungen Typen im piekfeinen Anzug aufmerksam machte, tauchten fünf blau uniformierte Männer auf, und die vier suchten leicht wankend das weite. Drei der fünf Bobbies setzten ihnen nach, während einer Julius ansah, der unschuldsvoll dreinschaute. Hoffentlich hielt der wackere Stadtpolizist ihn nicht für einen Drogenhändler. Vom Alter und der Kleidung her könnte das ja passen. Doch weil er ganz ruhig stehenblieb und dem netten Polizisten sogar freundlich zuwinkte, blieb der Ordnungshüter wohl auch gelassen. Er kam langsam auf Julius zu und fragte ihn, ob er belästigt worden sei.

"Die vier sahen nicht so aus, als hätten die mir was tun können, Officer. Aber Sie haben schon recht, daß ich in dem Anzug hier wie ein Hinweisschild für schnelle Kohle rumlaufe. Deshalb gehe ich besser schnell zum Bahnhof rein, wo genug Leute sind."

"Unterschätzen Sie bitte nicht die Gewaltbereitschaft von Drogenabhängigen, die unter schweren Entzugserscheinungen leiden, junger Mann", sagte der Polizist. "Selbst wenn Sie denen körperlich noch überlegen gewesen wären hätten die Ihnen eine verdreckte Spritze irgendwo reinstechen können. Nachher hätten die Ihnen was übles angehängt." Julius nickte betroffen. Offenbar war er wirklich schon länger aus der Muggelwelt raus. Aber mit Brittany Forester war er durch San Rafael gelaufen, wo es bestimmt gefährlicher war, von den überstandenen Gefahren in der Zaubererwelt ganz abgesehen.

"Was passiert mit den Typen, wenn Ihre Kollegen die kriegen?" Fragte Julius.

"Das übliche, Personalien, Drogentest, möglicherweise Verhandlung wegen Beschaffungskriminalität, junger Mann. So wie Sie aussehen wohl nichts, mit dem Sie sich groß beschäftigen möchten."

"Das Sie sich da mal nicht täuschen, Officer. Gerade die, die zu viel Geld haben, können leicht an so Teufelszeug geraten, weil die meinen, das sei supercool und so", erwiderte Julius und dachte an seine ehemaligen Schulfreunde Lester und Malcolm, die wegen Drogenhandels an ihrer Schule abgeurteilt worden waren. Liefen die eigentlich schon wieder frei herum oder brummten die noch ihre Strafe ab?

"Nun gut, junger Sir. Sehen Sie zu, daß sie schnell von hier wegkommen, bevor wirklich üble Zeitgenossen Sie angehen", ermahnte ihn der Bobby und setzte mit seinem Kollegen den Streifengang fort.

"Hui, da wäre ich ja fast in einen billigen Straßenkrimi reingerasselt", dachte Julius und beeilte sich doch, ins Bahnhofsgebäude zu kommen. Denn jeden Moment konnte Dr. Sterling auftauchen, und sollte ihn dann am Niedergang vom angegebenen Bahnsteig finden.

Tatsächlich tauchte vier Minuten später ein elegant gekleideter Mann mit hellblondem Scheitel auf. Er blickte mit stahlblauen Augen durch eine rundgeränderte Brille. Julius konnte sehen, daß die Haare des Mannes Auf Stirnhöhe schon auf dem Rückzug waren. War das denn wirklich schon mehr als zwei Jahre her, daß er ihm begegnet war. Wie mochte Ryan Sterling dann Julius' Erscheinung empfinden.

"Hallo, Julius", grüßte Ryan Sterling jedoch ganz ungehemmt, als er dem Sohn seines scheinbar verstorbenen Schulfreundes gegenüberstand. "Macht das französische Essen, daß du so heftig schnell gewachsen bist. Mannomann, siehst echt schon aus wie dein Daddy, als wir mit Eton durch waren. Hätte dich sonst wohl auch nicht erkannt."

"Ja, ich habe wohl ziemlich heftig an Länge zugelegt, Mr. Sterling. Mag am guten Training liegen", erwiderte Julius. Dann meinte er, es wäre wohl günstiger, wenn sie beide aus dem Bahnhof rauskämen, weil er hier schon so zwielichtige Gestalten ausgemacht hatte.

"Stimmt, wir sollten die Tippelbrüder und Junkies nicht noch einladen", sagte Mr. Sterling und führte den Gast hinaus zu einem blauen Fiat Uno.

"Deshalb, weil die hier häufig wen abziehen habe ich mir Claudias Wagen ausgeborgt", sagte Mr. Sterling und öffnete die linke Hintertür. Julius schlüpfte auf die Rückbank, nachdem er die strohblonde Frau begrüßt hatte, die eindeutig Pinas und Olivias Mutter Hortensia war.

"Ah, pünktlich wie Big Ben", sagte Mrs. Watermelon. Ryan hat mir gesagt, er müsse dich von diesem Bahnhof abholen. Ich dachte, man würde dich mit einem magischen Auto herbringen, nachdem deine Mutter sagte, sie könne nicht kommen."

"Die wollten mich sogar apparieren, Mrs. Watermelon", sagte Julius. "Aber irgendwie sind Scrimgeours Leute gerade ziemlich mies drauf."

"Du hast das schon mal gemacht? Dieses Teleportationsmanöver meine ich?" erkundigte sich Mr. Sterling.

"Selbst kann ich das nicht. Aber einige Leute haben mich schon mal mitgenommen. ist schon gewöhnungsbedürftig", antwortete Julius.

"Ja, stimmt, Tante Genevra hat mich mal so mitgenommen. War wie ein Fall durch einen Wirbel aus Farben."

"Das kriegt aber auch nur ihr so mit", sagte Hortensia Watermelon. "Für mich ist das immer so, als würde ich in einer Sekunde neu geboren, als würde ich durch einen viel zu engen Kanal gedrückt." Julius bestätigte das.

"Wahrscheinlich weil ich so'n Muggel bin, der die Magie nicht abgekriegt hat, die du abbekommen hast, Tenny."

"Weshalb du bestimmt keine Minderwertigkeitskomplexe haben mußt", erwiderte seine Schwester leicht angenervt. "Immerhin führen Claudia und du ein sehr schönes und abwechslungsreiches Leben."

"Sind Pina und Olivia schon da?" Fragte Julius die beiden Geschwister.

"Wir sind zusammen heute morgen mit einem Portschlüssel direkt im Haus angekommen, Tiberius, Pina, Olivia, die Fieldings, Adrian Moonriver, Lady Genevra, eine gute Bekannte von ihr und ich. Im Moment sind keine Ministeriumsautos zu kriegen, und der fahrende Ritter ist ein Sicherheitsalptraum. Abgesehen davon, daß Leute von Ihr-wißt-schon-wem vorgestern versucht haben, den fahrenden Ritter zu kapern ... Sei froh, daß ihr bei euch in Frankreich Ruhe vor dem habt!"

"Nichts für ungut, Mrs. Watermelon, aber auf uns Muggelstämmige gehen die doch besonders heftig los. Ich hab's gloria schon gesagt, daß es da vielleicht besser ist, wenn Sie früh genug das Weite suchen."

"Uns verjagen lassen, weil dieser Verbrecher uns mit bösen Schimpfwörtern belegt und meint, wir seien weniger wert als andere Hexen und Zauberer, Julius? Warum bist du dann hier?"

 

"Weil ich auch finde, daß wir diesem kaputten Typen nicht alles durchgehen lassen dürfen", antwortete Julius. Dann fragte er, wer Lady Genevras Freundin sei und ob die auch eine Hexe sei.

"Ich denke, außer meiner Familie kennt die gute Genevra keine anderen sogenannten Muggel", sagte Ryan Sterling und fädelte sich in den Straßenverkehr ein. "Aber die Dame, die sie mitgebracht hat scheint nicht nur befreundet zu sein, sondern auch ziemlich wichtig. Jedenfalls strahlt sie was sehr würdevolles und eine nicht greifbare Kraft aus. Sie ist aber sehr freundlich und offenbar auch sehr bewandert in der magielosen Welt."

"Du hast sie sicher gesehen, Julius. Sie war bei Dumbledores Beerdigung", erwähnte Pinas Mutter.

"Da waren einige, die sehr wichtig wirkten", erwiderte Julius.

"Ich will nicht zu viel verraten, damit du nicht voreingenommen bist", sagte Mrs. Watermelon noch. Julius dachte an Peggy Swann und ihre Tochter Larissa, sah auch Hexen aus dem Ministerium, die Gräfin Greifennest, Madame Maxime ... die es ganz sicher nicht sein konnte ... und jene hochgewachsene Hexe mit dem fast blonden Haar, durch das schon viele graue Strähnen gingen und jenen blauen Augen und der goldenen Halbmondbrille, die sie wie eine Schwester des verstorbenen Albus Dumbledore wirken ließ. Sie hatte neben dem grauhaarigen Zauberer gesessen, den sie ihm als Wirt vom Eberkopf vorgestellt hatten. War der vielleicht mit der verwandt?

"Pina und Olivia freuen sich jedenfalls, daß du kommst", sagte Mrs. Watermelon. Dann flüsterte sie ihm ins Ohr: "Ryan muß es nicht wissen. Aber Pina hat mir kochendheiß erzählt, du hättest dieses Latierre-Mädchen schon geheiratet."

"Sie haben recht, daß muß ihr Bruder und sonst auch keiner wissen", flüsterte Julius zurück.

"Na, junger Mann, bandelst du jetzt mit meiner Schwester an?" Fragte Ryan Sterling argwöhnisch. "Könnte meinem Schwager nicht gefallen."

"Dann wäre er auch schön blöd, wenn ihm das gefallen würde", erwiderte Julius. "Sie wollte nur was klären, was Pina ihr von mir erzählt hat und nicht überall rumgehen soll", setzte er noch ziemlich wahrheitsgemäß hinzu.

"Und deine Mutter ist jetzt irgendwo unterwegs?" Fragte Ryan Sterling. "wäre echt nett gewesen sie wiederzusehen. Claudia hat sich schon drauf gefreut, und Tante Genevra hat erwähnt, daß sie im letzten Sommer sogar gegen sie Schach gespielt hat."

"Meine Mutter ist jetzt in einer Abteilung, die zwischen den beiden Welten vermittelt, Mr. Sterling", bemerkte Julius und unterließ es, die Frage zu beantworten, wo seine Mutter war.

"Vielleicht könnt ihr dann ja irgendwann doch aus diesem dunklen Loch kommen, in das euch die alten Hexenjäger hreingescheucht haben. Ich meine, ich mußte das auch erst einmal verdauen, als Tenny diesen Brief bekam und Tante Genevra uns dann erzählte, daß sie eine Hexe sei und in Hogwarts lernen solle."

"Alles alte Hüte, Ryan. Erzähl dem Jungen lieber, wen du außer uns Hexen und Zauberern noch eingeladen hast!" Wechselte Hortensia das Thema.

"Bill Huxley, der mit seiner Verlobten gestern vom Allerwertesten der Welt zu uns hochgeflogen kam, meinen Schwager und seine Familie natürlich. Melanie wird sich vielleicht in dich verlieben, so gut du gerade aussiehst. tja, dann kommt noch mein Studienfreund Gerry Powder, der sich in Laserphysik einen Namen gemacht hat mit seiner Frau Janine und seinem Sohn Chester und der geheimnisvolle Rodney Underhill."

"Ach, der Mikro-007 ist auch da. Das durftest du mir aber jetzt doch gar nicht erzählen", erwiderte Julius darauf schnippisch.

"Trotz seines Jobs wollte ich nicht auf den verzichten", knurrte Dr. Sterling. Offenbar gefiel es ihm nicht, wie Julius von Rodney Underhill sprach. Hortensia Watermelon erwiderte darauf:

"Julius, das war jetzt nicht nett. Die alten Etonier halten immer zusammen."

"Wie Hundescheiße und Schuhsohle", grummelte Julius. Ryan Sterling knurrte zurück, daß er das gehört habe. "Ich habe gelernt, daß Gäste ihre Mitgäste irgendwie respektieren sollten, Mr. Sterling. Aber erwarten Sie bitte nicht von mir, daß ich Ihrem Freund vor Freude um den Hals falle. Immerhin hat der meine Mutter und meinen Vater auseinandergetrieben, weil der sich in Sachen eingemischt hat, die anders hätten geklärt werden können. Aber das hat er Ihnen bestimmt nicht erzählt, weil er ja nicht wissen konnte, daß Sie auch mit der Zaubererwelt verwandt sind", feixte Julius. Dr. Sterling schien darüber nachdenken zu müssen. Dabei hätte er fast einen von links kommenden Bentley gerammt.

"Soll ich fahren, Ryan", knurrte Mrs. Watermelon, als ihr Bruder dem silbergrauen Gefährt soeben noch auswich.

"Neh, war nur in Gedanken", sagte Ryan Sterling. Julius fragte sich, was für ein blöder Abgang das fast geworden wäre, bei einem popeligen Verkehrsunfall zu sterben. "Oh, hätte ich fast Gerry die Tür eingebeult. Ob der mir das verzeiht?"

"Er wird dich mit seinen Lichtstrahlbündlern in hauchdünne Scheiben schneiden", versetzte seine Schwester biestig. "Am besten appariere ich mit dem Jungen, und du kannst dich ganz auf's Fahren konzentrieren."

"Öhm, Bill würde dich ganz blöd anglotzen, wenn du mit ihm hier wie hingebeamt auftauchst", wandte Mr. Sterling ein. Julius grinste sich eins. Wie konnte Ryan Sterling wissen, daß Bill Huxley beinahe selbst eine Hexe geheiratet hätte. Nur wußte der das jetzt auch nicht mehr.

"Dann fahr bitte vorsichtiger. Ich bin auf einem Flugbesen nicht so in Schwierigkeiten wie in euren Autos", knurrte Mrs. Watermelon. Danach herrschte erst einmal Schweigen, bis sie hinter dem Bentley das kleine weiße Haus mit großem Garten erreichten, das den Sterlings gehörte. Dort begrüßte ein behäbig wirkender Mann mit schwarzem Scheitel den Fahrer des Fiats.

"Was sollte denn die Nummer eben? Wolltest du uns beide schon vor dem dritten Glas in die ewigen Jagdgründe schicken?" Fragte der Julius' bisher unbekannte Herr im dunklen Anzug. "Janine hätte fast unser Baby verloren, und Chester hat sich fast in die Hosen gemacht."

"'tschuldigung, Gerry, habe dich nicht früh genug gesehen, um besser ausweichen zu können", sagte Dr. Sterling, während eine zierliche Frau mit schwarzbraunem Haar aus dem Haus trat und dem Geplänkel lauschte. Dann sah sie Julius neben Mrs. Watermelon und winkte ihnen zu. Die beiden Männer redeten noch etwas erhitzt von dem beinahezusammenstoß. Aus dem Bentley hatte sich gerade eine mittelschwangere Frau mit kastanienbraunem Haar erhoben. Aus dem Fond kletterte ein etwa fünfzehnjähriger Junge mit schwarzem Igelhaarschnitt und ziemlich dünnen Armen und Beinen.

"Dann kommt mal alle rein", sagte Claudia Sterling und beendete damit den kleinen Zank zwischen ihrem Mann und Gerry Powder. Als Julius die Grundstücksgrenze überschritt fühlte er ein sachtes Erwärmen seines Pflegehelferschlüssels. Er kannte das mittlerweile als Anzeichen für wirkende Schutzzauber, die mit dem Curattentius-Zauber des Vielzweckarmbandes zusammenwirkten.

Im Haus der Sterlings war es wieder so, wie Julius es von dem Fest damals kannte. Auch waren diverse Leihkellner anwesend, die die letzten Handgriffe an einem Buffet ausführten. Leise, langsame Partymusik riselte aus den Lautsprechern der Stereoanlage. Julius sah Pina und Olivia. Pina wirkte wie eine lebende Puppe in ihrem strahlendblauen Rüschenkleid und dem straffen Zopf, den sie wohl nicht mehr besonders mochte, wo er sie auch schon mit offenen Haaren gut gelaunt gesehen hatte. Er winkte den beiden zu. und begrüßte sie dann richtig. Dann sah er den dunkelblonden Jungen mit den grasgrünen Augen und erinnerte sich, daß er ihn auch bei Dumbledores Beerdigung gesehen hatte. Als er sich ihm näherte, fühlte er einen wohligen Schauer, der durch seinen Körper ging, als flösse ihm von außen ein Schwung guter Zuversicht und Lebensfreude zu.

"Ah, Julius Andrews", grüßte ihn der Junge, der in einem zauberertypischen Festumhang aus dunkelgrünem Stoff mit Stehkragen hergekommen war. Julius wußte natürlich, wer der andere war und grüßte zurück:

"Ah, und du bist Adrian Moonriver, Olivias Klassenkamerad." Er dachte immer noch über dieses merkwürdige Gefühl nach, das ihn in der Nähe des ihm doch so unbekannten Jungen ergriffen hatte. Er dachte an Millie. Sein Herzanhänger, den er unbemerkbar unter dem Unterhemd trug, würde ihr verraten, daß er sich gerade ziemlich sicher und aufgemuntert fühlte. Doch Adrians leicht ruppige Art, mit der dieser sprach, paßte nicht zu diesem Gefühl. Pina trat neben Julius.

"Ihr habt euch schon begrüßt?" Fragte sie. Adrian und Julius nickten einander zu. Dann ging Julius weiter herum und begrüßte ein Ehepaar, das er auch bei Dumbledores Beerdigung gesehen hatte. Neben diesem stand ein wohl auch bald dreizehn Jahre alter Junge, der das rotbraune Haar des Mannes und die dunkelblauen Augen der Frau besaß. Er begrüßte sie alle drei und erfuhr, daß es Dina, Roy und Tom Fielding waren. Julius sah Tom an. Aurora Dawn hatte ihm erzählt, daß Dina und Roy ihre Klassenkameraden in Hogwarts gewesen waren und Dina im letzten Schuljahr mit einem Sohn schwanger war, diesem Jungen wohl. Stand da vor ihm vielleicht seine und Millies mögliche Zukunft? Außerdem hatte er erfahren, daß Roys Muggeleltern von Voldemorts Leuten ermordet worden waren, als dieser in die fünfte Klasse kam. Doch hier konnten sie natürlich nicht darüber reden. Er sah Bill Huxley mit einer wasserstoffblonden Frau, dünn aber kurvenreich wie ein Topmodell. Mit der war der jetzt verlobt? Er ging hinüber und grüßte den Schulkameraden seines Vaters.

"Howdy, Julius. Ryan meinte schon, deine Mum und du hättet keine Zeit oder kein Geld, auf die gute, alte Insel zu kommen. Bist ja richtig groß und stramm geworden, Burschie!"

"Das macht die französische Küche, Mr. Huxley. Aber wie ich sehen darf sind Sie in Begleitung."

"O ich war unartig. Lynn Borrows, meine Verlobte, Julius Andrews, der Erbe meines leider auf grausame Weise verstorbenen Eton-Kameraden Richard", stellte er die beiden einander vor. Lynn grüßte freundlich und mit einer tief in den Körper eindringenden Stimme. Julius fühlte sich für einen Moment herrlich angeregt. Er fragte dann, wie lange die beiden schon hier seien und noch bleiben würden.

"Wir sind vorgestern Abend in den flieger rein, haben sechsundzwanzig Stunden die Wolken von oben betrachtet und sind mit nur fünf Minuten Verspätung in Heatrhrow gelandet. Ich möchte Lynn die Hauptstadt des Empire zeigen und dann in einer Woche wieder zurück nach unten drunter. Im Oktober werden wir heiraten. Ich habe schon Lynns Eltern angemolken, daß alle, die können dann runterkommen können, von den Topreichen wie Ryan Sterling und Laser-Gerry abgesehen. Wenn die kommen wollen sollen die selber blechen."

"Sie kommen auch aus Australien, Fragte Julius.

"Nope, Mr. Andrews. Ich bin ein echtes kalifornisches Mädchen", sagte sie und ließ dabei ihren westküstenakzent so richtig heraushören. "Ich bin nur wegen meiner Zeitung für ein Jahr runter zu den Aussis. Da habe ich diesen netten Sir hier getroffen. Schon lustig. Der ist Engländer, ich von LA, und unten drunter treffen wir uns."

"Sie sehen nicht aus wie'ne Reporterin", sagte Julius. "Ich hätte Sie jetzt für ein Modell oder eine Schauspielerin gehalten."

"Ich bin Reisejournalistin für die Los Angeles Times und damit beauftragt, den Tourismus in Australien zu beschreiben und in Fotos festzuhalten. Die Wunderwelt des Internets gibt mir die Möglichkeit, die Fotos und Berichte tagesfrisch in mein Hauptquartier zu schicken."

"Häh, Sie sind doch Ingenieur", meinte Julius zu Bill Huxley

"Ja, als solcher war ich auch mal im Urlaub", grinste Bill. Dann blickte er an Julius vorbei, als sähe er da jemanden, den er begrüßen oder besser meiden sollte. Julius wandte sich um und erblickte die rotblonde Lady Genevra von Hidewoods. Er begrüßte diese sehr höflich. Bill fragte ihn, woher er die Dame denn kenne. Julius erwiderte wahrheitsgemäß, daß er sie schon einmal bei Dr. Sterling getroffen hatte. Dann sah er noch eine Dame, die ein indigofarbenes Festkleid trug. Ja, das war genau die Frau, die er von Dumbledores Beerdigung her kannte. Aus der Nähe war sie sogar einige Zentimeter größer als Julius, für das fortgeschrittene Alter sehr schlank, aber gutgenährt. Er verstand, was Mrs. Watermelon meinte. Sie strahlte wirklich eine besondere Würde aus, wie eine Königin oder eine weise Hohepriesterin aus einer vergessenen Religion. Bestimmt war sie eine ziemlich erfahrene Hexe. Sie betrachtete ihn über die Gläser der goldgeränderten Halbmondglasbrille hinweg, genauso wie Dumbledore es so oft getan hatte.

"Sieh mal an, meine Bekannte Genevra hat mich also nicht falsch informiert", sagte sie mit einer samtweichen Stimme. "Sie sind Julius, der Sohn von Martha und Richard Andrews, nicht wahr?" Julius wunderte sich, daß sie nicht fragte, ob er Julius Andrews sei. Doch um keine verräterische Pause zu machen antwortete er ruhig:

"Der bin ich, Madam. Hat Lady Genevra mich Ihnen empfohlen? Das ehrt mich."

"Achso, ich sollte mich natürlich auch vorstellen. Sophia Whitesand. Ihre Frau Mutter ist heute nicht hier?"

"Nein, sie hat beruflich zu tun", erwiderte Julius ruhig.

"Oh, dann war es wohl für Sie eine aufregende Anreise, so allein herzukommen", erwiderte die erhabene Hexe. Julius nickte und erwiderte, daß die Anreise nicht so anstrengend verlaufen sei. Dann verabschiedeten sie sich für's erste voneinander. Doch Julius hatte den Eindruck, daß Sophia Whitesand nicht von ungefähr auf ihn zugekommen war. Er sprach mit Lady Genevra, die heute ohne ihre Tochter Alexa und deren Sohn Gilbert hergekommen war.

"Gilbert probt für seinen Einstieg in die Oberschule", sagte die rotblonde Lady. Julius konnte es sich denken, daß der überhebliche kleine Gilbert, wo er wohl dieses Jahr nach Hogwarts kam, schon ausprobieren wollte, was er mit seinem neuen Zauberstab machen konnte. Dann traf er noch die restliche Familie der Sterlings. Melanie bewunderte, wie er sich gemausert hatte. Er gab das Kompliment gerne zurück.

Als Julius Rodney Underhill sah, der ihn anblickte, machte er eine eindeutig von sich fortweisende Geste und schüttelte so heftig den Kopf, daß der ehemalige Schulfreund seines Vaters eindeutig kapierte, daß Julius mit ihm weder reden noch sonst was anfangen wollte. Offenbar fühlte sich Underhill zu schuldig, um sich über die Ablehnung eines halbwüchsigen Jungen hinwegzusetzen. Es mochte auch sein, daß dem Geheimagenten das rasche Wachstum des Jungen sehr zu denken gab.

Ryan Sterling ging kurz aus dem Festsaal hinaus, schickte wohl noch zwei Bedienstete hinein und kehrte nach einer Minute zurück. Er nickte seiner Frau und seiner Patentante zu, die beide zurücknickten. Dann schloß er die Tür. Für einen moment vermeinte Julius, sein Pflegehelferarmband würde sich stark erhitzen. Doch dann kehrte es auf die beim Eintritt entstandene Wärme zurück. "Willkommensbann?" Mentiloquierte er an Lady Genevra, die er nur mit voller Konzentration erreichen konnte.

"Woran merkst du dies?" Gedankenfragte sie zurück.

"Pflegehelferarmband, Curattentius-Zauber", gab Julius ohne Argwohn Auskunft.

"Natürlich", erklang ihre Stimme in seinem Kopf. "Wer lehrte dich diese Kunst?" Fragte sie noch auf die unhörbare Art.

"Hexen, die es gut mit mir meinten", gab er eine nicht ganz so offene Auskunft.

"Ist praktisch", bekam er zur Antwort. "Bestelle diesen Damen einen schönen Gruß!" Bat Ryan Sterlings Patin ihn, über mehrere Meter entfernung, ohne daß die anderen davon was mitbekamen.

"Werde ich tun", schickte Julius zurück. Er fühlte, wie sein Kopf sichtlich wärmer geworden war. Die Lockerheit, mit der er Camille oder seine angeheirateten Verwandten anmentiloquieren konnte hatte ihn vergessen lassen, wie anstrengend diese Verständigungsform doch war. Jedenfalls wußte Julius jetzt, daß die beiden älteren Hexen wohl nichts dem Zufall überlassen hatten. Sicher hing außer dem Willkommensbann, der nur befugte Personen in einem davon umgebenen Bereich duldete, ein Geflecht aus weiteren Schutzzaubern über dem Haus wie eine nichtstoffliche Käseglocke.

Während mehr oder weniger belangloser Plaudereien sprach er mit Chester Powder, dem Sohn des Laserphysikers, dem er erzählte, daß er auch gerade erst fünfzehn Jahre alt geworden sei. Er erkannte, daß er gut daran getan hatte, sich über die Muggelwelt und -Popmusik auf dem laufenden zu halten. Chester verehrte die Spice Girls und die Band Oasis und war Fan von Manchester United. Anders als seinem Vater lag ihm die Physik nicht sonderlich. Seine Lieblingsfächer in der Schule waren Politik und Geschichte. Da kannte sich Julius nicht sonderlich gut aus, abgesehen davon, daß er natürlich gehört hatte, daß Großbritannien einen neuen Premierminister hatte und das sie in den USA dem Präsidenten mit echten oder erfundenen Liebschaften das Amt madig machen wollten.

"Die spinnen eh, wie die da drüben sind. Die predigen Freiheit und Fortschritt, und dann beschwören sie die Hölle herauf, weil die Menschen so ungezügelt sind, fressen aber alles, was irgendwie nach Sex und Skandal schmeckt. Ich war mit meinem alten Herren mal in diesem sogenannten Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die paar gebildeten Leute, die es da gibt, sind solche altbackenen Spießbürger, daß wir Briten dagegen echte Partytiger sind. Der Rest ist Sensationssüchtig und untergebildet", beschwerte sich Chester. Julius wollte dem nicht so ganz zustimmen, es aber auch nicht rundweg ablehnen. So sprachen sie noch von ihren USA-Erfahrungen, wobei Julius seine Ausflüge nach Viento del Sol natürlich nicht erwähnte.

Dr. Sterling klopfte mit einem Löffelchen an ein Weinglas und stellte damit absolute Ruhe her. Dann hielt er eine Rede anläßlich seiner Beförderung. Als diese vorüber war erklärte er das Buffet für eröffnet, wies aber darauf hin, daß niemand sich darauf stürzen müsse, weil es genug Dienstpersonal gab, das mit Speisen und Getränken aushelfen konnte. Alle lachten. Natürlich gab es doch genug hungrige Gäste, die davon überzeugt waren, nur wenn sie sich tummelten bekämen sie was von den aufgebauten Köstlichkeiten ab. Fisch in verschiedenen Zubereitungen, verschiedene Fleischsorten, Käse- und Hackfleischbällchen, Salate und gekochte Beilagen verführten zum üppigen Essen. Wer geduldig an einem Tisch saß bekam sogar eine würzige Champignon-Cremesuppe als Vorspeise. Julius war nicht danach, in der Meute hungriger Wölfe mitzuhetzen, um sich möglichst viel auf die viel zu kleinen Teller zu häufen.

Nachdem alle ihren gröbsten Hunger gestillt und viele sich an irischem Bier und italienischem Wein gütlich getan hatten, während Julius sich mit Cola oder Traubensaft die Kehle feuchthielt, stellte die Dame des Hauses die Stereoanlage ein wenig lauter und ließ eine CD mit instrumentalen Dauerbrennern zum Tanzen abspielen.

"Für'n echtes Orchester hatten die wohl keine Kohle", grinste Chester Powder. "Mein alter Herr hat bei seiner Berufung an das Progress-Institut für innovative Technologien einen Ball mit allem Schnick und Schnack aus der Brieftasche gezaubert. Da war ich gerade bei Eton angemeldet und durfte in den Klamotten von da mittanzen. Jenny tun wohl heute noch die Füße weh, wenn sie meinen Namen hört."

"Jenny, ist das deine Freundin?" Wollte Julius wissen.

"Nöh, meine Cousine", lachte Chester.

"Tante Claudia hat aufgefordert, also ist Damenwahl. Darf ich bitten, Mr. Andrews?" Fragte Melanie. Julius willigte ein, während Pina ihre Cousine biestig anglubschte, weil die ihr zuvorgekommen war. So hielt sie sich an Tom Fielding, der versuchte, ihr aus dem Weg zu gehen, aber dann doch mit ihr auf die Tanzfläche trat, während Adrian Moonriver etwas gelangweilt dreinschauend mit Olivia Watermelon das Parkett betrat.

"Wie lange ist das jetzt her, daß Onkel Ryan deinen Vater und dich hier hatte?" Fragte Melanie.

"Das war in den Osterferien vor zwei Jahren", erwiderte Julius darauf. Melanie nickte. Da sie vorher schon erkundet hatte, wie Julius über den Tod seines Vaters hinweggekommen war, beließ sie es nun dabei.

Den nächsten Tanz schenkte Julius Pina, die leise mit ihm darüber sprach, ob er jetzt mit Millie wie ein Ehepaar auch in einem Bett schlief und ob sie dann auch - sie errötete dabei - das taten, was Ehepaare tun durften. Julius verwies darauf, daß er sich mit Millie geeinigt hatte, keinem von ihrem Privatleben mehr zu erzählen als die Sachen, die jeder mitbekommen konnte und erwähnte die Schulregeln von Beauxbatons und daß eine ältere Mitschülerin aus einem anderen Schulhaus ja vor der Volljährigkeit Mutter geworden sei und Millie das als gewisse Warnung sah, nicht alles auf einmal haben zu müssen.

"Wenn du mit ihr gut klarkommst, Julius, dann gönne ich dir das gerne", erwiderte Pina darauf. Julius hörte jedoch das berühmt-berüchtigte "Aber" in ihrer Antwort mitschwingen und hakte nach. "Ein wenig Schnell war das ja schon, nachdem Claire gestorben ist und wo du ja sonst eher der Lerntyp warst. Mildrid ist ja doch eher für tolle Erlebnisse zu haben. Zumindest hatte ich nicht den Eindruck, daß sie sich gerne hinter Bücher klemmt."

"Den Eindruck habe ich zwar auch, weiß aber ganz sicher, daß sie nicht dumm oder lernunwillig ist. Die teilt sich das halt anders ein und sieht das so, daß nur was zu wissen nicht viel Sinn macht. Mittlerweile verstehe ich sie sogar. Ich werde zwar zusehen, möglichst gut durch die nächsten Schuljahre zu kommen, wo der Lehrkörper von Beaux mir jetzt noch diese stellvertretende Saalsprechersache aufgeladen hat ... Wo wir schon dabei sind, wer aus Ravenclaw wird denn neuer Vertrauensschüler und Vertrauensschülerin?"

"Hat dir Gloria das noch nicht erzählt? Gestern kamen die Eulen von Hogwarts mit den Bücherlisten. McGonagall hat Gloria zur Vertrauensschülerin gewählt. War ja auch irgendwie zu erwarten, wo sie in den letzten drei Jahren die Bestnoten in unserem Jahrgang hat. Offenbar hat das Jahr in eurer Schule das noch aufgewertet", sagte Pina, ohne Neid anklingen zu lassen. Dann meinte sie noch: "Vielleicht haben sie dir diese Saalsprecherstellvertretersache deshalb gegeben, damit du von Millie nicht echt noch verdorben werden kannst. Wie ich diese Professeur Faucon mitbekommen habe ist die vom Typ 'ne strenge Großmutter, die will, daß du oder sonst wer bei ihr gefälligst lernen soll, was reingeht. So eine Sonderaufgabe treibt das natürlich noch mehr an."

"Habe ich ihr und Catherine auch schon gesagt", grummelte Julius. "Und meine Mutter, die trotz allem noch eher für logisches Denken ist, hat das sofort so gesehen, daß die sichern wollen, daß ich denen nicht von der Schiene springe." Pina grinste amüsiert.

"Reserviere mir einen Tanz", hallte Lady Genevras Stimme in Julius' Kopf. Das brachte ihn dazu, sich bei der Schrittfolge zu verzählen und fast mit Pina frontal zusammenzustoßen.

"Heh, was sollte das denn werden?" Fragte Pina eher vergnügt als erschrocken. Julius entschuldigte sich. Er flüsterte ihr zu, daß er gerade siedendheiß daran denken mußte, daß sie hier nicht zu viel über die Schule redeten. Lauter sagte er: "Habe nur auf einmal dran denken müssen, was ich noch alles vor dem nächsten Jahr fertighaben muß. Hat mich wohl echt aus dem Tritt gebracht."

"Dann sollten wir besser über andere Sachen reden oder nix sagen", wandte Pina ein. So beendeten sie den gemeinsamen Tanz ohne weitere plauderei.

Um nicht gleich auf die ältere Hexe loszustürmen, deren zumentiloquierte Aufforderung wohl eher einer Unterredung als einem Tanz gelten sollte, tanzte er einmal mit der Hausherrin Cha-cha-cha, legte mit Bills Verlobten einen Rock'n Roll hin, was den alten Schulkameraden seines Vaters ziemlich verlegen machte und wandte sich dann Lady Genevra zu.

"Mir ist natürlich zugekommen, daß du bereits sehr früh in den Bund der Ehe eingetreten bist", sprach Genevra von Hidewoods, als die Musik laut genug war und das raumfüllende Raunen der anderen Gäste vor Belauschung schützte. "Ich wunderte mich zwar ein wenig, daß es ausgerechnet die teilweise hedonistischen Latierres waren, die dich für sich gewinnen konnten, beziehungsweise eine Enkeltochter der für ihre unverhohlenen Mutterfreuden bekannten Madame Latierre ist. Ich hoffe nur, daß du bereits die nötige Reife erlangt hast, mit der Verantwortung zu leben, die eine solche Entscheidung mit sich bringt. Insbesondere hat es mich erstaunt, daß deine Mutter und du diesen Schritt gewagt habt, nachdem das vergangene Jahr doch sehr starke Umwälzungen für dich gebracht hat."

"Ich weiß von meiner verstorbenen Freundin Claire, daß sie eins ganz sicher wollte, nämlich, daß ich mich so rasch wie möglich wieder auf die Freude am Leben einlasse", sagte Julius. Er machte der rotblonden Hexe keine Vorhaltungen, was sie das eigentlich anging und warum sie meinte, dazu was sagen zu dürfen und so weiter. Er war nicht wegen der reinen Festlichkeit hergekommen. Die Hexe, mit der er tanzte, sollte am Ende des Abends noch einen Gruß von Professeur Faucon entgegennehmen. Es sich mit ihr grob zu verscherzen hätte das bestimmt vereitelt.

"Ich wundere mich ein wenig, daß deine Familie dich alleine hat herkommen lassen, nachdem es offenkundig ist, daß die Schergen des Größenwahnsinnigen immer mehr Macht gewinnen. Soweit ich Madame Ursuline Latierre von Berichten und Hörensagen zu kennen behaupten darf, ist sie sehr darauf bedacht, niemanden sehenden Auges in gefährliche Situationen hineinlaufen zu lassen. Und ich unterstelle ihr, daß sie sehr bald den ersten Urenkel begrüßen möchte, und solange ihre anderen Enkel nicht verheiratet oder in freudiger Erwartung sind ist es eher wwahrscheinlich, daß du ihr dazu verhelfen darfst. Also was hat dazu geführt, daß du die Einladung alleine annimmst?"

"Eine Bitte, der ich gerne entsprechen möchte, um die von Ihnen erwähnte Gefahrensituation hier in England besser einschätzen und bewältigen zu können. Meine Mutter hat sich gegen die Teilnahme entschieden, um hier nicht mit den Geistern ihrer Vergangenheit aneinanderzugeraten, Mylady."

"Mit einfachen Worten, du wurdest gebeten, jemanden ganz bestimmten hier anzutreffen", erwiderte Genevra ganz ruhig klingend. Julius deutete ein Nicken an, um nicht zu sehr zu bestätigen, daß die Lady vollkommen richtig lag.

"Soso, erwartet jemand also von dir, daß du für ihn oder sie etwas ausrichtest oder aushandelst. Ich hoffe, diese Person verfolgt nicht die Absicht, gewisse Leute mit unangenehmen Fragen zu behelligen."

"Es geht eher um Kontaktaufnahme und Verständigung", rückte Julius mit einem Stück dessen raus, was ihn hergeführt hatte.

"Höchst interessant zu klären, wer da mit wem warum und wie in Verbindung treten möchte", erwiderte die Lady. "Ich frage mich allerdings, wieso sich die Person oder Personen, deren Bitte du nachkommst, so sicher ist, ausgerechnet bei dieser Festlichkeit die geeigneten Kontakte zu knüpfen und warum das über einen halbwüchsigen Schüler laufen muß, wo es unter Umständen doch um ganz brisante Dinge geht, von denen die meisten nichts erfahren dürfen."

"Ich wurde hierher eingeladen, wie auch die betreffende Person. Ein Zusammentreffen verläuft dann unaffällig, wenn sich keiner was dabei denkt", erwiderte Julius. Damit hatte er der Lady bestätigt, daß er ihretwegen hier war. Diese sagte dann nur:

"Dann werde ich dich wissen lassen, wo und wann ich das von dir mitgeführte Angebot entgegennehmen werde." Danach tanzten sie wortlos weiter.

Vier Tänze später forderte ihn Sophia Whitesand auf. Julius fragte sich, wie Lady Genevra diese Hexe zu einem Muggelfest hatte beknien können. Seine Logikzahnräder rotierten wild und klickten verheißungsvoll, rasteten aber noch nicht alle an den richtigen Stellen ein. Er fragte sie, ob sie mit seiner früheren Mitschülerin Prudence Whitesand verwandt sei.

"Das ist meine Urenkelin", erwiderte Sophia Whitesand. "Die ist jetzt bei den Holyhead Harpies. Ich hoffe mal, sie spielen in der nächsten Saison um den Titel mit."

"O wie schön", erwiderte Julius. Da sie nicht hier über Quidditch im Detail sprechen durften sprachen sie über das Fest und daß Sophia Whitesand einige Tage bei ihrer jüngeren Bekannten Genevra zubrachte, bevor sie eine längere Reise antreten wolle. Julius fragte leise, ob sie mit Professor Dumbledore verwandt sei, weil einiges an ihrem Aussehen ihn an diesen erinnere.

"Er war mein Vetter", war die Antwort, die Julius zumindest für möglich gehalten hatte. "Die Schwester seines Vaters war meine Mutter. Sie ging vor dreißig Jahren von uns." Julius preschte vor und fragte:

"Dann ist der Herr, mit dem sie bei der Beerdigung zusammensaßen auch ein Bruder von ihm?"

"Dies trifft zu. Aber bitte mach darum kein Aufheben!" Julius versprach es. Er überlegte sich, ob Sophia Whitesand nicht nur eine gute Freundin Lady Genevras war, sondern auch eine der schweigsamen Schwestern, vielleicht sogar ... Aber das konnte er jetzt ganz bestimmt nicht fragen.

 

Wer nicht tanzen oder am Buffet stehen wollte durfte in zwei Pausenzimmer gehen, wo man sich in kleineren Gruppen unterhalten oder einfach nur eine Auszeit vom Trubel nehmen konnte. Julius war nicht entgangen, daß gerade die anwesenden Hexen und Zauberer gerne diese Möglichkeit nutzten. Als er fünf Tänze später ein gewisses Drängen fühlte, kehrte er nicht gleich in den Festsaal zurück, sondern betrat einen der Pausenräume, weil er hoffte, Lady Genevra hier zu finden. Doch hier saßen im Moment nur Pina, Olivia, Tom und Adrian an einem kleinen Tisch.

"Meine Eltern wollen mit mir nach Australien zu Tante Erica und ihrer Familie", sagte Tom Fielding gerade. "Die trauen dem Braten nicht."

"Kann das verstehen", knurrte Adrian. "Immerhin hat dein Vater ja seine Eltern an diesen Drecksack verloren. Tja, und Scrimgeour bringt auch nichts gescheites zu Stande, als Leute verhaften zu lassen, die mal "Todesser" gesagt haben. "Die Bagage vom Ministerium ist vorgestern auch bei uns aufgelaufen und hat gemeint, wir hätten wohl was mit dem Wahnsinnigen zu tun, der sich so überheblich Lord Voldemort nennt." Pina und Olivia zuckten zusammen, während Tom nur verächtlich dreinschaute und Julius ganz ruhig blieb. Tom wollte wohl gerade was darauf erwidern, als ein mittelschwerer Erdstoß den Raum erschütterte und die Beleuchtung flackerte. Julius hatte das Gefühl, die Luft um ihn herum würde von unsichtbaren elektrischen Entladungen durchdrungen. Aus dem Festsaal drang ein protestierender Brummton. Dann schwieg die Stereoanlage.

"Huch, ein Erdbeben?" Fragte Tom Fielding. "Dachte, hier gäb's sowas nicht."

"Neh, du Unschuldsengel, das war was magisches", blaffte Adrian Moonriver. Julius wollte gerade fragen, was genau, als sein Frühwarner zu zittern begann. Aber die Schutzzauber sollten doch alle bösartigen Wesen draußenhalten. Er sah die vier mit ihm im Raum sitzenden an und stieß aus: "Jemand böses ist in der Nähe. Wir werden angegriffen!"

"Ach neh!" Knurrte Adrian. "Woher weißt du denn das?"

"Deshalb", knurrte Julius verdrossen zurück und entblöste den Frühwarner und das Pflegehelferarmband, das nun auch merklich vibrierte. Adrian nickte wild.

"Das kann doch nicht gehen. Lady Genevra hat gesagt, die Schutzzauber sind stark und halten alle Feinde sicher ab!" Schrillte Olivia ängstlich. Da hörten sie einen Chor aus beschwörenden Stimmen.

"Diese Drecksbande zieht eine Arrestaura hoch!" Knurrte Adrian und griff unter seinen Umhang. Julius hielt das auch für eine gute Idee, den Zauberstab zu ziehen. Da fiel das Licht aus.

"Verdammt, der Strom ist weg!" Rief Melanies Mutter aus dem Festsaal.

"Mann, ist die Muggelfrau schlau", blaffte Adrian und hielt einen zehn Zoll langen Zauberstab in der Hand. "Wir bleiben alle hier drin!" Rief der Schüler mit dem Kommandoton eines Armeeunteroffiziers. "Ach, neh, du hast deinen Zauberstab auch mit, Julius?" Fragte er dann noch verknirscht klingend.

"Du siehst ja, man braucht sowas", konterte Julius verdrossen. Da krachte es an der Haustür.

"Diese Bande hat schon welche auf dem Grundstück", knurrte Adrian. Pina zeterte, daß die Schutzzauber doch hätten halten müssen.

"Tun sie aber nicht mehr, Mädchen. Wir müssen neue machen", bellte Adrian wie ein angreifender Kampfhund. Julius überlegte, ob er in diesem Raum den Friedensraumzauber anwenden sollte. Doch dann fiel ihm ein, daß dazu erst alle anderen hier hereingeholt werden sollten. "Murus solis!" Hörten sie eine befehlsgewohnte Frauenstimme rufen, als ein lautes Splittern und Quietschen verriet, daß die massive Haustür soeben in Stücke ging.

"Ei, die alte Sophia hat's noch drauf", feixte Adrian. "Ich geh raus und seh zu, daß eure Eltern und die Muggel sich in Sicherheit bringen, bevor die Bande anderswo reinkommt."

"Und wenn die hier reinapparieren?" Fragte Pina.

"Dann hätten die Idioten das besser gleich so machen sollen und nicht erst den Arrestdom hinbauen sollen", blaffte Adrian. Julius hörte aus diesen Äußerungen mehr als nur die aus Angst geborene Wut eines Dreizehnjährigen. Irgendwas paßte da nicht so ganz.

"Arrestdom?" Fragte Tom Fielding. "Was heißt das?"

"Daß hier keiner mehr wegkommt, Tom", knurrte Adrian, als anderswo lautes Klirren zu hören war.

"Protego Maxima!" Hörten sie zwei Hexenstimmen rufen.

"Declino Defensum!" Riefen drei Zauberer sehr unerbittlich. Ein lautes Knistern und zischen erklang.

"Mindestens drei Banditen innerhalb der Aura. Denen leuchte ich heim. Ihr bleibt hier!" Bellte Adrian und sprang auf. Julius wollte ihm schon nach, als seine Füße wie angeklebt am Boden hafteten. Adrian ließ auf seiner linken Hand breite Flammen aufleuchten, erreichte die Tür und sprang hindurch. Julius sah noch eine Zauberstabbewegung, als die Tür zufiel und knirschend mit dem Rahmen verschmolz.

"Was soll das denn!" Schrie Pina. Julius winkte ihr mit dem Zauberstab zu und dachte "Taceto!" Dann fühlte er, wie seine Füße freikamen. Dieser Bursche da hatte einen zauber benutzt, der ihn festhielt? Ein Dreizehnjähriger, der ungesagt zauberte? War der etwa auch ein Ruster-Simonowsky?

"Ich lass dich gleich alle Angst der Welt rausbrüllen, Pina. Aber ich brauche fünf Sekunden Ruhe, um den Raum hier abzusichern", sagte Julius hektisch, weil Pina Anstalten machte, ihn mit bloßen Händen anzugreifen. Inzwischen hörten sie die ersten Schreckensschreie und das Gepolter von schweren Schritten im Haus. Die Angreifer waren durch mindestens ein Fenster eingedrungen. Julius blickte durch das Fenster hinaus und sah gerade noch den darauf zufliegenden Besen. "Contrarupto amplifico!" Rief er. Mit lautem Schlag krachte der Besen gegen das Fenster und zersplitterte. Sein vermummter Reiter wurde abgeworfen. Julius atmete durch und wischte mit einem konzentrierten Gedanken die aufkommende Angst aus seinem Bewußtsein. Dann sagte er mit entschlossener Betonung, dabei an einen von goldenem Licht umfluteten Menschen denkend: "Shargan aaldaram kandardinam iakshala harakia ashdarkasawan!" Er dachte an seine Freunde hier in dem Raum, und daran, sie vor allen Gefahren schützen zu wollen, als er diese Worte ein zweites Mal sprach. Da erstrahlte ein goldenes Licht aus seinem Zauberstab, wurde zu einer lautlosen Fontäne, die gegen die Wand sprühte, daran zerfloß und den ganzen Raum mit einem goldenen Dunst erfüllte, der sich wie eine leuchtende Tapete an den Wänden ausbreitete, Boden und Decke überzog und dann als hauchdünner Schimmer so blieb.

"So, ihr Mordbuben, da macht jetzt mal was gegen!" Knurrte Julius, der fühlte, wie dieser uralte Zauber ihm sichtlich Kraft entzogen hatte. In diesem Moment ertönte Millies Gedankenstimme in seinem Kopf:

"Julius, was ist?!"

"Wir werden angegriffen", dachte er zurück. Doch er fühlte nicht den gewohnten Nachhall. So griff er schnell hinter seinen Hemdkragen, fingerte die Kette an seinem Hals hervor und zog das rote Herz heraus, während Pina, Olivia und Tom den goldenen Schimmer betrachteten, der den Raum auskleidete. Wieder versuchte ein Besenreiter durch das immer noch unzerbrechliche Fenster zu brechen, prallte aber gar nicht erst darauf, sondern wurde wie von einem Prallkissen zurückgeworfen. "Declino Defensum!" Riefen zwei von draußen. Doch der goldene Schimmer blieb.

"Millie, wir werden angegriffen. Todesser. Arrestaura um uns aufgebaut. Schutzzauber von Genevra und anderen zusammengebrochen!" Schickte Julius durch den Herzanhänger an seine Frau weiter. "Habe mich mit Pina, Olivia und ihrem Schulkameraden Tom in dem alten Friedensraum-Zauber eingeschlossen."

"also doch", kam Millies Antwort wie geschnaubt zurück. "Die Alte hätte dich da nicht hinlassen sollen."

"Der Kessel ist umgefallen, Millie. Jetzt guck ich zu, wie ich hier lebend rauskomme", schickte Julius zurück, während Kampfgeräusche und unheilvolles Zischen, Sirren und Krachen im Haus ertönte. Die Feinde waren eingedrungen. Er wußte, daß Pina und die zwei anderen hier auch dann noch in Sicherheit waren, wenn er den Raum verließ. Denn er wollte die anderen auch schützen.

"Avada Kedavra!" Hörte er eine sehr entschlossene Männerstimme rufen und gleich darauf ein unverkennbar endgültiges Sirren.

"Nein, sie bringen alle um!" Brüllte Tom Fielding. Julius hob schnell den Schweigezauber von Pina auf und rief: "Ich geh da raus. Ich kann zaubern, daß die nicht drauflosmorden können. Bitte bleibt hier. Der Raum schützt euch. Die können nichts dagegen machen."

"Julius, wie kann das sein?" Fragte Pina, während ihre Schwester ungehemmt weinte und Tom an die Tür sprang und laut nach seinen Eltern rief.

"Deine Mum und deinen Dad siehst du gleich, Bubi!" Rief eine gehässige Stimme von der anderen Seite der Tür. "Reducto!" Doch außer einem hohen Plopp passierte nichts. "Häh?!" Hörten sie den Angreifer rufen. "Reducto Amplifico!" Plopp! Wieder war nur dieses Geräusch zu hören. Die Tür blieb fest und unversehrt.

"Da is' wer drin, der den Reducto blockieren kann, ey!" Rief der Todesser.

""Ey, die alte die der dunkle Lord sucht ist ... Arrg!" Hörten sie einen anderen Angreifer rufen. Dann vernahm Julius schnell davoneilende Schritte.

"Tom, ich guck nach, was mit deinen Eltern ist", sagte Julius, weil Tom nach den zwei gescheiterten Reducto-Flüchen wieder an die Tür gesprungen war.

"Was ist das für'n Zauber, Julius?" Fragte Pina.

"Was ganz altes. Friedensraum heißt der", erwiderte Julius nur. "Aber jetzt kann ich nicht hierbleiben."

"Julius, bleib besser hier!" Rief Pina und machte Anstalten, ihn festzuhalten. Doch mit einer energischen Zauberstabbewegung schüttelte er sie ab. Tom Fielding rüttelte an der Tür, die wie einzementiert war. Julius wußte, daß es mit dem Reducto-Fluch wohl nicht ging, die Tür zu öffnen. Also blieb nur das Fenster. Er schwang den Zauberstab und dachte "Alohomora!" Laut klappte das Fenster auf. Da flog ein blauer Blitz heran und zerplatzte mit lautem Prasseln an diesem geheimnisvollen hauchzarten Goldschimmer.

"Wau!" Rief Tom, als er sah, wie der Fluch unschädlich verpufft war.

"Keine schwarzmagische Kraft kann jetzt in diesen Raum eindringen", flüsterte Julius. Er hoffte, daß das auch für den Todesfluch galt und riet den dreien, bloß nicht ans Fenster zu treten. Er selbst trat vor und sah einen maskierten Mann im schwarzen Kapuzenumhang. Als dieser ihn sah hob er den Zauberstab an. Julius dachte konzentriert daran, wie ein ihn bestürmender Angreifer herumgerissen und davongestoßen wurde, ließ die unmittelbare Angst mit einfließen und rief: "Katashari!" Lautlos schnellte ein silberner Lichtblitz aus Julius' Stab und traf den Gegner, der für einen winzigen Moment in eine silberne Aura eingehüllt zusammenschrak. Julius wartete eine Sekunde. Der Feind stand da wie betäubt, schwankte sogar ein wenig. Diesen Moment nutzte Julius, um durch das Fenster hinauszuklettern, wobei er fünf geheime Worte dachte, die jedes für sich seinen ganzen Leib durchbrausten. Wie eine Feder sank Julius die eine Etage hinunter, die zwischen Fenster und ebener Erde lag. Als er landete, hob er mit einem Gedanken die Flugwirkung auf. Er brauchte seine Kraft für wichtigeres.

Ihm stockte der Atem, als er die haushohe Kuppel aus dunkelviolettem Licht sah, in der sich ab und an feurige Schlieren wie brennende Schlangen zeigten. Das war also eine Arrestaura. Gleichzeitig fühlte er, wie seine Aufregung und Angst um die anderen zu einer immer wilder lodernden Wut anschwollen. Von drinnen hörte er Kampflärm. Dann war es auf einmal still. Sein Frühwarner zitterte nun etwas weniger. Der von ihm mit dem Todeswehrzauber belegte Gegner stand immer noch unschlüssig da. Doch was passierte im Haus. Waren die Feinde geschlagen oder nur verschwunden? Er wandte sich um und blickte durch das noch unversehrte Fenster unter dem, aus dem er gerade herausgesprungen war. "Alohomora", dachte er. Folgsam flog das Fenster auf. Julius steckte seinen Zauberstab in den Hemdkragen und wuchtete sich entschlossen über den Sims hinein in den Raum, der von der Ausstattung her ein Gästezimmer war. Womöglich hätte er hier die Nacht verbringen sollen, dachte er verdrossen. Er lauschte. Im Moment wurde nicht gekämpft. Er nahm seinen Zauberstab wieder zur Hand und dachte "Lumos!" Dann flüsterte er: "Alohomora!" Die Tür sprang klickend auf. Julius wartete und lauschte. Da waren Schritte zu hören, keine Sturmschritte, sondern nur eilige Schritte, dem Klang nach die eines Erwachsenen.

"Verdammt! Das Aggregat will nicht!" Hörte er Ryan Sterling schimpfen. Das kam vom Hall und der Richtung her aus dem Keller. Julius eilte mit erleuchtetem Zauberstab zur Treppe ... und stolperte über einen leblosen Körper. Er erschrak heftig. Gerade so konnte er einen Aufschrei unterdrücken. Er hielt den Zauberstab so, daß er das Gesicht des leblosen Menschen erkennen konnte. Es war Ryans Schwager, Melanies Vater. Julius sah die Mischung aus Staunen und Entsetzen in den Gesichtszügen des Mannes eingefroren. Er war tot!

"Schweinehunde!" Dachte Julius und lief weiter, immer auf der Hut vor einem Überraschungsangriff. Doch sein Frühwarner zitterte sehr sachte, und der Pflegehelferschlüssel rührte sich nicht. Er fand die Kellertreppe und eilte sie hinunter. Peng! Ein lauter Knall und ein Gefühl, als sause etwas ganz knapp an seinem linken Ohr vorbei warfen Julius fast auf sein Hinterteil.

"Hallo, ich bin's, Mr. Sterling. Sie hätten mich fast abgeknallt!" Rief er sichtlich erschrocken.

"Verflucht!" Rief Mr. Sterling von unten und tauchte als dunkler Schemen in einer geöffneten Tür auf. "Ich dachte, da wäre noch einer von denen. Die haben Bert einfach so ... einfach so totgehext." Julius hörte die Wut und die Verzweiflung in Mr. Sterlings Stimme schwingen.

"Tut mir leid", sagte Julius aufrichtig. "Aber wo sind die hin?"

"Die beiden Ladies haben die ziemlich gut beharkt. Bißchen zu spät für Bert. Aber ich hab's gesehen, wie diese Sophia Whitesand vier von denen ohne ein hörbares Wort ... Dann kam noch dieser Pimpf aus Olivias Klasse und hat drei von denen, die noch standen mit einem Silberlicht umgehauen."

"Wer is' hier'n Pimpf", blaffte Adrian von weiter oben und kam mit den auf der linken Hand tanzenden Flammen wieder herunter. Dann sah er Julius und knurrte ihn an, wie er aus dem Raum gekommen sei.

"Du hast das Fenster nicht zugeflucht, Adrian", erwiderte Julius trotzig.

"Das war im ersten Stock. Bis du da runtergesprungen?" Fragte Adrian erstaunt.

"Hab'n Schwebezauber auf mich angewendet", erwiderte Julius ruhig.

"Ich werde alt", knurrte Adrian. Julius mußte grinsen. Ein dreizehnjähriger, auch wenn der gut zaubern konnte, redete davon, schon altersvergeßlich zu sein?

"Was ist mit Tom und den Mädchen, du lebensmüder Narr?"

"Sind gut beschützt", erwiderte Julius ruhig. "Was ist mit den anderen?"

"Drei von den Gästen tot, darunter Pinas Vater, der seine Frau vor drei von denen zu schützen versucht hat", knurrte Adrian Moonriver. Diese Nachricht traf Julius wie ein Dampfhammer in die Magengrube. Auch Ryan Sterling, der immer noch eine Pistole in der rechten Hand hielt erschrak sichtlich. Doch er fragte verbissen:

"Wer noch, Adrian?"

"Ihr Schwager und einer von den Kellnern. Mehr weiß ich nicht", knurrte Adrian Moonriver. "Außerdem ist das jetzt unwichtig. Wir sind noch nicht raus aus der gequirlten Drachenscheiße!"

"Nicht wichtig. Meine Schwäger tot und unwichtig?!" Schrillte Ryan Sterling. Julius sah den blanken Haß im Gesicht des Hausherren auflodern. Mord und Totschlag glommen in seinen stahlblauen Augen, die im magischen Flammenspiel auf Adrians Hand etwas urdämonisches ausstrahlten. Er rannte los, fegte an Julius vorbei und eilte nach oben zum Festsaal.

"War jetzt nicht gerade taktvoll", tadelte Julius den jungen Zauberer.

"Takt bringt uns jetzt keine Zauberstablänge weiter, Bürschchen. Hast du den Dom gesehen?"

"Damit wir das klar haben, Mr. Moonriver, wer jünger aussieht als ich bin nennt mich nicht so, wenn er Wert drauf legt, daß ich ihn respektiere. Und ja, ich habe diesen Dom gesehen. Hatte dabei das Gefühl, gleich wen erwürgen zu müssen. "

 

"Echt?! Verdammt! Habe ich das doch gewußt. Die haben keine popelige Arrestaura hochgezogen. Aber ist jetzt auch nicht wichtig. Ich will mir einen von denen zur Brust nehmen, die Mrs. Whitesand betäubt hat."

"Das macht die wohl schon selbst", erwiderte Julius trotzig. Ihm schmeckte es nicht, wie bestimmend dieser Junge da auftrat. Der tat doch glatt so, als sei er hier der Abwehrchef. Doch bevor sich Julius noch länger über Adrian aufregen konnte brachte dieser einen Trick, den er nicht erwartet hatte. Unvermittelt sprühte ein silbernes Licht von seinem Brustkorb her, bildete einen Wirbel um ihn herum, in dem der Klassenkamerad Olivias mit leisem Plopp verschwand. Auf diese Weise hatte Julius noch niemanden disapparieren gesehen. Vor allem irritierte es ihn, daß dieses Licht nicht aus Adrians Zauberstab gekommen war. Überhaupt konnte Julius jetzt einordnen, daß der Zauberstab des dunkelblonden Wunderknaben ziemlich alt wirkte, nicht wie erst vor zwei Jahren bei Ollivander gekauft. Mochte es sein, daß Adrian eigentlich keine dreizehn Jahre alt war?

"Monju, was ist?" Vernahm er Millies Gedankenstimme ganz schwach. Er lief schnell die Kellertreppe ganz hinunter, betrat den geöffneten Raum und holte seinen Herzanhänger heraus.

"Mamille, wir wurden angegriffen. Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Offenbar war das nur eine Vorhut. Drei Leute tot, davon zwei Verwandte von Mr. Sterling."

"Arrestdom? Hast du den gesehen?"

"Ja, habe ich. Sieht gruselig aus, dunkelviolett mit orangeroten Schlieren drin", erwiderte Julius mit an die Stirn gepreßtem Herzanhänger. "Melo geht nur, weil ich mir unseren Anhänger an die Stirn drücke."

"Moment, die nette Madame Faucon fragt ob du echt einen Dom aus dunkelviolettem Licht gesehen hast?"

"Bestätige, dunkelviolett mit orangeroten Schlieren, die wie brennende Schlangen darin herumtanzen", erwiderte Julius.

"Die Alte ist echt zuckersüß, Monju. Sieh zu, daß du mit allen die noch laufen können einen Raum suchst und mach da diesen atlantischen Raumschutzzauber. Das ist keine übliche Arrestaura."

"So, wie soll denn eine übliche Arrestaura aussehen?" Fragte Julius.

"Blau und weiß strahlend mit goldenen Schlierenmustern", erhielt er nach fünf Sekunden die Antwort. Julius verstand, daß Madame Faucon sich gegen ihre Beteuerung, es würde schon nichts passieren, auf diese Situation eingestellt hatte.

"Julius Latierre sofort zum Festsaal!" Durchpulste ihn eine unerbittlich klingende Gedankenstimme. Es war die von Sophia Whitesand. Hatte Lady Genevra ihr etwa erzählt -? Das war jetzt echt unwichtig, befand Julius.

"Ich soll in den Festsaal, eine gewisse Sophia Whitesand hat mich gerade dorthin zitiert", schickte Julius noch an seine Frau ab. Er wollte gerade losgehen, als ein markerschütternder Aufschrei durch das Haus hallte:

"Claudia! Nein!! Ihr verfluchten, gottverdammten Bastarde!!!"

Julius Latiere stand einige Sekunden wie vom Donner gerührt da. Das war Ryan Sterling.

"Julius Latierre so schnell du kannst zu uns in den Festsaal!" Dröhnte nun Sophia Whitesands Gedankenstimme in seinem Schädel und löste die Starre, die Mr. Sterlings Aufschrei heraufbeschworen hatte. Julius versuchte, die Gedanken zu verdrängen, die wie ein Schwarm angriffslustiger Wespen durch seinen Kopf schwirrten. Claudia Sterling war tot. Dr. Ryan Sterling hatte mit einem Schlag drei Verwandte verloren. Was war mit Mike und Melanie? Er mußte das klären. Er verstaute seinen Herzanhänger wieder sicher unter dem Unterhemd und preschte die Kellertreppe hinauf. Da begann sein Frühwarner wieder stärker zu reagieren. Es war noch nicht ausgestanden.

 

__________

 

"Sie haben meinen Mann in diesen Drachenmist reingeschickt und tun jetzt so, als wäre das halb so schlimm", schnarrte Millie Madame Faucon an, nachdem sie dieser, Ihren Eltern und ihrer Großmutter Ursuline mitgeteilt hatte, daß Julius in Gefahr war, nachdem ihr Herzanhänger ihr Wellen von Angst und Bedrängnis übermittelt hatte. Auch Camille Dusoleil war da. Martha Andrews blickte Madame Faucon sehr anklagend an, während Millie sie wütend anfunkelte.

"Es gibt Situationen, wo ich es selbst verabscheue, recht zu behalten", schnaubte Madame Faucon. "Ich habe befürchtet, daß der Festabend bei den Sterlings für den Psychopathen eine willkommene Gelegenheit sein könnte, ein Exempel an Lady Genevras Verbündeten zu statuieren. Allerdings ging ich von starken Schutzzaubern aus, weil ich Lady Genevra für erfahren genug hielt, genau damit zu rechnen. Ich verstehe nicht, wie ihre Schutzzauber zusammengebrochen sein können."

"Echt nicht?" Fragte Hippolyte Latierre. Martha sah Madame Faucon an und sagte:

"Was ein Mensch erfinden kann, das kann ein anderer herausfinden und ausschalten, Blanche. Sie erzählten mir, daß außer den von mehreren gleichzeitig gewirkten Bannzaubern jeder Schutzzauber gebrochen werden könne, wenn genug Gegner diesen bekämpfen."

"Es gibt Zauber, die nicht so leicht zu zerstreuen sind, Martha", schnarrte Madame Faucon. "Viel mehr Sorgen macht mir der Umstand, daß der Arrestdom nicht wie üblich aussieht. Er dürfte zwar wie üblich wirken, also keinen aus seiner Wirkungszone herauslassen, das Apparieren unterbinden und magische Verständigungsmittel stören. Aber ansonsten könnte da noch mehr Ungemach mit verbunden sein. Ich erfuhr, daß Grindelwald einen Zauber erfunden hat, der einen üblichen Arrestdom in eine furchtbare Waffe verwandelt, den Dom des Hasses."

"Was soll das sein?" Fragte Millie sehr verärgert klingend.

"Er beeinflußt die Bewußtseine derer, die in der Wirkungszone sind, Millie", sagte Ursuline Latierre betrübt. "Sie werden langsam wütend, bis sie anfangen, erst die, die sie eingeschlossen haben und dann jeden, den sie sehen zu hassen. Die Folge ist ein unkontrollierter Gewaltausbruch gegen alles, was sich bewegt."

"War das jetzt gut, Madame Latierre?" Fragte Blanche Faucon erbost, als Millie ihre Oma mit blankem Entsetzen anblickte.

"Sie sollte schon wissen, wie sie Julius helfen kann. Nur aufrichtige Zuversicht und Liebe können den auflodernden Haß und die Zerstörungswut fernhalten, Blanche. Deshalb haben Sie ja dem Jungen auch mitteilen lassen, diesen alten Friedensraumzauber anzuwenden. Ich weiß nicht, ob der alle dunklen Kräfte aussperrt. Falls nicht, muß Millie wissen, wie sie Julius davor bewahren kann, blindwütig um sich zu schlagen oder in einen tödlichen Schlag hineinzustolpern", erwiederte Ursuline Latierre. "Wir werden dir helfen, Millie. Wir holen Julius da raus."

"Ziemlich zuversichtlich", meinte Madame Faucon. Doch als sie sah, wie Ursuline ihre Tochter Hippolyte, und ihre Enkelin Martine anblickte, bat sie um Verzeihung. Camille sah die drei Hexen, die sich gerade um Millie gruppierten mit großer Zuversicht an.

 

__________

 

Fast hätte Julius den weißen Nebel übersehen, der durch die zertrümmerte Haustür hereinstrich. Nebel?! Das war kein Nebl!

"Ardaragan shabahar dallaban!!" Rief Julius, als sich der Nebel vor ihm verdichtete. Aus seinem Zauberstab schlug ein goldener Lichtstrahl, der in die Nebelwolke hineinfuhr, aus der ein geisterhaft heranschwebender Klagelaut kam, bevor die nun ganz in goldenes Licht gebadete Erscheinung davongeschleudert wurde. Julius fühlte, wie ihn dieser Zauber Kraft gekostet hatte. Den sollte er besser nicht zu häufig bringen, wenn er keinen Wachhaltetrank eingenommen hatte. Er lief los, zurück zum Festsaal. Das Zittern des Frühwarners und auch des Pflegehelferschlüssels nahm wieder zu. Die zweite Angriffswelle näherte sich. Wieso konnten diese Leute durch einen aufgebauten zauberdom durchlaufen? Offenbar hatten sie diesen so manipuliert, daß er sie und alle gleichgesinnten hineinließ. Sie saßen in der Falle.

"Mel, runter!" Hörte er Mike rufen, als er gerade mit leuchtendem Zauberstab vor der Treppe anlangte, um in den Festsaal zu gelangen. Da stürzte Mike auf Julius zu. "Du bist auch einer von denen", hörte er ihn schnauben. Dann schlug er blitzschnell zu und prellte Julius den Zauberstab aus der Hand. Dieser reagierte mit einem Karateschlag an Mikes Stirn. In dem Moment lachte jemand hinter ihm.

"Ach, hat der Bubi dir den Zauberstab weggehauen?" Hörte er eine hämische Stimme feixen. "Jetzt stehst du ganz mit leeren Händen da, Bengel! Dreh dich ganz langsam um, damit ich dein Gesicht sehen kann, wenn du stirbst!" Julius fühlte die ohnmächtige Wut der Verzweiflung. Doch dann fühlte er, wie etwas in ihn einströmte, daß aus der Wut Besonnenheit machte. Außerdem löste die Bemerkung des Todessers in ihn jungenhaften Trotz aus. Er drehte sich langsam um, wie befohlen und sah den breit gebauten Mann mit der Maske, der in absoluter Siegesgewißheit den Zauberstab anhob, nur mit einer Hand und ihn mit theatralischer Langsamkeit auf den unbewaffneten Zauberschüler richtete.

""Du bist ja der Schlammblutbastard, der angeblich die Höllenschickse Hallitti ausgetrickst hat", kicherte der Todesser bösartig. "Dann bestell deinem Muggelvater schöne Grüße vom dunklen Lord."

"Das bist du nicht", stieß Julius schnell aus. "Grüße vom dunklen Lord bestelle ich nur, wenn der mich persönlich darum bittet und nicht so'ne maskierte Knallschote."

"Frech werden, was? Mut der Verzweiflung, was Ich hab'n Zauberstab in der Hand, du Schlammblut. Avada ..." Das zweite Wort des tödlichen Fluches konnte der Todesser nicht mehr aussprechen. Aus einer einzigen schnellen Bewegung heraus schnellte Julius' linker Fuß vor und traf die Zauberstabspitze des Angreifers so wuchtig, daß der Stab im hohen Bogen davonflog. Der Maskierte fand keine Zeit, sich darüber zu wundern oder zu ärgern. Mit einem lauten "Ha!" feuerte Julius seine rechte Handkante zielsicher zwischen die Augen des Gegners und brach laut knackend dessen Nasenbein. Der Todesser taumelte rückwärts und schlug dann hin wie ein gefällter Baum.

"Das mit der leeren Hand hättest du nicht sagen sollen, du genetischer Irrläufer", schnaubte Julius, dem das Adrenalin wie eine berauschende Droge durch die Venen strömte. Er blickte sich schnell um, ob noch irgendwo wer mit Zauberstab stand. Melanie stand zitternd über ihrem bewußtlosen Bruder und hielt Julius' Zauberstab in der Hand.

"Du bist auch so einer", stammelte sie mit flatternden Augen.

"Mel, ich bin keiner von diesen Typen. Du hast ja gehört, wie der über mich hergezogen hat. Gib mir bitte den Stab wieder!"

"Das kann es doch nicht geben", stammelte Melanie. "Magie ist doch total unmöglich."

"Du bist gleich nicht mehr möglich", lachte jemand hinter Julius. Sie zielte mit dem für sie wertlosen Stab auf irgendjemanden, der darüber erst einmal albern lachen mußte. Das war sein Fehler. Julius Latierre pflückte Melanie den Zauberstab aus der Hand, wirbelte herum und erwischte den maskierten Lacher mit einem ungesagten Bewegungsbann. Er fühlte, wie Melanie auf ihn zusprang, tauchte zur Seite und schockte sie.

"Hui, das war aber knapp am Abgrund", dachte er und besah sich den Ausgang dieses kurzen aber gefärhlichen Geplänkels. Der von ihm mit einem Karateschlag ausgeschaltete Todesser lag mit blutgetränkter Maske am Boden. Ebenso lag Mike mit pulsierend anschwellender Stirnbeule da, neben seiner Schwester. Da stürzten sich zwei weitere Maskenträger aus dem dunklen Flur auf ihn. "Malleus Lunae", dachte Julius noch, bevor ihn der erste erreichen konnte. Ein silbern gleißender Lichtfächer warf beide Angreifer zurück und ließ sie stürzen. "Murattractus!" Dachte Julius einmal und wiederholte mit "Repititio" den Zauber dreimal. Jedesmal wurde einer der Angreifer an eine Wand gedrückt und mit Rumpf und Gliedern angeheftet. Julius atmete tief durch. Was hatte ertun müssen? Andererseits hatte er Melanie und Mike bestimmt das Leben gerettet. Aber wie jetzt weiter. Da kam ihm die Idee, Mike auch zu schocken und dann beide auf ein Zehntel Körpergröße einzuschrumpfen. So betäubte er Mike auch noch und schrumpfte die Geschwister mit "Decinimus!" auf Handlänge zusammen. Er nahm sie vorsichtig auf und ließ sie sachte in den Außentaschen seines Jacketts verschwinden. Da hörte er wildes Gepolter von unten. Er warf sich herum und sah einen Trupp Todesser die Treppe hinaufstürmen. "Glisseo", dachte er wild entschlossen. Die Treppenstufen verschmolzen zu einer spiegelglatten Rampe. Die Angreifer glitten aus und rutschten erbost schimpfend hinunter. Als der erste am Fuß der Treppe aufsprang, fing er sich einen ungesagten Schockzauber ein. Der zweite Todesser bekam seinen Zauberstab noch in Anschlag. Da erwischte ihn ein ungesagter Verlangsamungszauber. Julius hatte befunden, die Todesser zu verwirren, in dem er keine üblichen Flüche gegen sie anbrachte. So erwischte er die drei anderen ebenfalls mit dem Lentavita-Zauber und ließ sie damit wie in zehnfacher Zeitlupe handeln. Er warf sich herum und lief los. Für die verlangsamten Todesser sah das bestimmt so aus, als rase er schneller als ein Flugbesen davon. Ein heller Widerschein irritierte ihn, als er um die letzte Ecke biegen wollte. Doch dann trat er vor.

Eine Mauer aus gleißendem Licht versperrte ihm den Weg in den Festsaal. Es wirkte so, als habe hier jemand eine Barriere aus Sonnenlicht errichtet.

"Tritt hindurch und komm herein! Sollst bei uns willkommen sein!" Klang Mrs. Whitesands körperliche Stimme durch die wohl hinter der Barriere liegenden Festsaaltür. Julius sah, wie die Mauer durchscheinend wurde. Er schloß die Augen und ging unangefochten hindurch. Nur sein Pflegehelferschlüssel erwärmte sich fast zur Unerträglichkeit. Dann zogen ihn zwei weiche Hände in den Raum hinein.

"Ich habe gehofft, daß du vernünftig genug bist", knurrte Mrs. Whitesand. "Ich kann diese Mauer nicht lange aufrechterhalten. Diese Arrestaura saugt ihr Kraft ab."

"Ich kann was machen, um den Raum für eine Stunde unangreifbar zu machen", keuchte Julius.

"Das habe ich schon probiert. Alle zeitgenössischen Defensivzauber halten nur wenige Sekunden. Diese Bande hat etwas heraufbeschworen, daß alle guten Kräfte schwächt", seufzte Sophia Whitesand. "Nur die Sonnenmauer hält sie ab, solange sie nicht durch die Fenster brechen."

"Contraruptus-Zauber", erwiderte Julius.

"Möchtest du mir etwa Nachhilfestunden geben, mein Junge?" Fragte Sophia Whitesand leicht ungehalten. Doch sie lächelte anerkennend. "Habe ich schon auf die Fenster gelegt, zusammen mit einem Fluchzerstreuer."

"Ich kann einen alten Zauber. Den packen die nicht. Ich habe den in dem kleinen Raum gemacht, wo Pina und Olivia noch mit Tom Fielding sind, wenn die nicht durch das offene Fenster geklettert sind."

"Ich sehe nach", sagte Sophia Whitesand und trat einige Schritte zurück. Wollte sie disapparieren? Julius fragte sich, ob das wirklich so gut gewesen war, aus dem eigenen Friedensraumzauber abzuhauen. Da sah er, wie sich Sophia Whitesands Miene entspannte. Sie atmete ruhig und langsam. Womöglich wirkte sie einen Exosenso-Zauber oder soetwas. Denn als sie eine halbe Minute später wie von einem Stromschlag getroffen zusammenzuckte und hellwach aussah sagte sie: "Ich konnte keine von den dreien in dem Raum erreichen, weil mich eine sanfte aber unnachgiebige Kraft zurückgedrängt hat. Ich habe gezielt nach den dreien gesucht und sie nicht im Haus gefunden. Dafür habe ich weiße Nebel aufgespürt, die zielgerichtet durch das Haus schweben. Und irgendwer hat die große Haupttreppe in eine Rutschbahn verwandelt, und mehrere Todesser mit dem Bewegungsdrang eines Faultieres versuchen, diese Rampe hochzukommen. Und dieser sture Kerl hat seinen Dickschädel durchgesetzt und sich einen der geschockten Verbrecher geholt. Er bildet sich was auf gewisse Sachen ein, die er bei sich hat und kann."

"Sie meinen Adrian Moonriver?" Fragte Julius.

"Genau den", schnaubte Dumbledores Cousine. Da ging Julius ein Licht wie eine Supernova auf. Doch er ließ es sich nicht anmerken, was er gerade erkannt hatte.

Julius blickte sich in der Festhalle um. Kerzen spendeten gedämpftes, warmes Licht. Hier waren die Fieldings, die sehr besorgt an einem Tisch saßen. Hortensia Watermelon lag auf mehreren Kissen da und schien zu schlafen. Lady Genevra hockte neben Mrs. Powder und hantierte mit ihrem Zauberstab. Ihr Mann stand apathisch dreinschauend daneben. Chester glotzte immer wieder ungläubig hin und her. Wo war Melanies und Mikes Mutter?

"Entschuldigung, Lady Genevra. Haben Sie gesehen, wo die anderen sind?"

"Ich habe sie mir zugesteckt", mentiloquierte Lady Genevra und streichelte sacht über ihren Umhang. Julius erinnerte sich wieder, daß er auch wen mitgebracht hatte und holte die eingeschrumpften Geschwister aus den Jackettaschen. Lady Genevra sah ihn erst verblüfft, dann anerkennend an und bat ihn, die beiden auf den Boden zu legen. Er tat es. Erst entschrumpfte die rotblonde Hexe die beiden Bewußtlosen. Dann knallte es zweimal, und zwei weiße Seidentüchlein lagen für zwei Sekunden da, bis ein Aufrufezauber sie zu Genevra von Hidewoods hinfliegen ließ.

"Öhm, wieso in dieser Form?" Wollte Julius wissen.

"Weil ihnen da am wenigsten zustoßen und ich sie bei mir haben kann", erwiderte Genevra. Julius mußte einsehen, daß das die sicherste Lösung war, wenn sie vielleicht schnell den Standort wechseln mußten. Chester sah ihn an und deutete auf ihn. Er steckte den Zauberstab sicher fort und trat mit erhobenen Händen vor.

"Läuft das unter Magie, was hier abgeht oder seid ihr alle Außerirdische?" Fragte Chester Powder.

"Das läuft unter Magie", beantwortete Julius die Frage des Jungen. Er war sich sicher, daß, sollten sie alle diesen immer noch andauernden Angriff überstehen, die überlebenden Muggel von Vergissmichs bearbeitet werden würden. Er fragte sich, wieso noch keine Ministeriumstruppen eingriffen und diese Arrestaura niederrissen. Die Antwort auf diese Frage erschreckte ihn mehr als die Kampfhandlungen der letzten Minuten, mehr als die Gewißheit, daß Pinas Vater ermordet worden war und Melanies und Mikes Vater auch nicht mehr mit ihnen lachen und feiern würde. Doch er wollte es noch nicht wahrhaben, obwohl es die einzige logische Erklärung war, weshalb sich die Todesser so ungeniert in einer Muggelsiedlung austobten. Er sah, wie Lady Genevra die wohl im fünften oder sechsten Monat schwangere Mrs. Powder noch einmal mit Zaubern behandelte.

"Ist was mit dem Baby?" Fragte Julius in den Raum.

"Sie hätte das Kind fast verloren, weil mehrere Todesser angegriffen haben. Ich habe sie und das Kind beruhigt und die Lage für das ungeborene Kind stabilisiert", erwiderte Lady Genevra.

"Sophia Whitesand!" Rief ein Todesser durch die Barriere. "Denkst du echt, dieses Lichtmäuerchen hält uns auf! Ergibt dich, und der dunkle Lord wird dir die Gnade eines schnellen Todes gönnen und deine Familie verschonen!"

"Er weiß manchmal selbst nicht, was für ihn richtig ist. Woher willst du das dann wissen, du niederer Sklave!" Rief Mrs. Whitesand zurück. Da flog etwas dunkles in die helle Lichtmauer hinein und zerstreute diese mit lautem Prasseln. Jetzt war die Barriere weg. Julius fischte sofort nach seinem zauberstab. Da sah er, wie die Türöffnung unter leisem Knirschen zusammenschrumpfte. Einer der Todesser versuchte noch, hindurchzutauchen, bekam aber von Lady Genevra und Roy Fielding zugleich einen Schockzauber ab. Dann schloß sich das vom Maurer absichtlich gelassene Loch in der Wand.

"Duro maxima!" Rief Sophia Whitesand. Ein blaues Leuchten überzog die Wand, kleidete den Raum komplett aus und verschwand. Julius befand, daß er jetzt seinen Joker ausspielen sollte und hob den Zauberstab an. "aaldaram kandardinam iakshala harakia ashdarkasawan!" Rief er, wobei er sich erneut erst einen von goldenem Licht umflossenen Menschen und dann Schutz und Geborgenheit vorstellte. Doch der goldene Dunst zerstreute sich an der Wand, konnte den Raum nicht völlig auskleiden. Julius fühlte, wie ihm schwindelig wurde. Er taumelte, während sein Zauber unvollendet erlosch. Sofort fing ihn Genevra von Hidewoods auf und setzte ihn auf einen Stuhl.

"Welcher Irrwitzige hat befunden, dir einen atlantischen Zauber beizubringen, der so auszehrt", knurrte sie. Dann horchte sie. "O nein, Ryan!"

"Wo ist er?" Fragte Sophia.

"Er ist nach draußen gelaufen und ..." Es krachte mehrmals. Das waren Schüsse. Sophia hielt sich den Zauberstab an die Stirn und dann an den Kehlkopf. Sie bewegte die Lippen. Wie durch aufgesetzte Kopfhörer vernahm Julius Latierre ihre Stimme:

"Ryan Sterling, versteck dich und warte auf Adrian!"

"Ich nehm die alle mit!" Brüllte Ryan Sterling zur Antwort und feuerte offenbar seine Waffe ab.

"Verheb dich nicht, Muggel!" lachte eine Männerstimme bösartig zurück.

"Selbes für dich, Sikes", blaffte Adrians Stimme magisch verstärkt zurück. Dann hörte Julius Worte, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren.

"Alaishadui Siri,
Alaishaduan a sogaharan Iri.
U Alaishaduim Godiri,
san Arwoxaran Laishandan miri!"

Es war wie ein Sprung in warmes Wasser, dachte Julius. Hoffnung, zuversicht, Lebensmut und das Gefühl, von einem geliebten Menschen beschützt zu werden, verdrängten die Angst, die Ausweglosigkeit und die Erschöpfung. Gleichzeitig fühlte er, wie sein Herzanhänger langsam aber stark pulsierte. Dann meinte er, einen wahren Energiestoß durch den Anhänger in seinen Körper zu bekommen. ER glaubte, abzuheben und zu schweben. Er vermeinte, freundlich klingende Stimmen singen zu hören, Stimmen die er kannte. Er verstand nicht was genau sie sangen. Doch das sie ihm alles gute schenken wollten, das hörte er. Dann sah er für einen winzigen Sekundenbruchteil die Gesichter Line Latierres, sowie ihrer Tochter Hippolyte und deren Töchter Martine und Mildrid. Sie waren bei ihm. Sie halfen ihm! Sie gaben ihm von ihrer Liebe und ihrer Kraft. Er gab sich dieser unerwarteten Empfindung hin, fühlte, wie sein Geist über seinen Körper hinauswuchs, der wie eine Batterie von einem Hochleistungsladegerät mit neuer Ausdauer aufgeladen wurde. Er hob seinen Zauberstab und sprach noch einmal die Worte, die er eben gewählt hatte, ließ den Schutzwillen und die Zuversicht, die ihn von weit her erreichten und durch den Herzanhänger in ihn strömten in seinen zauber überwechseln. Gleißend sprühte eine breite, goldene Fontäne aus magischem Licht aus seinem Zauberstab, traf die nun undurchlässigen Wände und bedeckte alle Innenflächen des großen Saales mit jenem goldenen Schimmer, mit dem er vorhin den kleinen Pausenraum ausgefüllt hatte. Diesmal war ihm nicht, als ginge ihm Kraft ab. Diesmal blieb er frisch und zuversichtlich. Er hörte immer noch dieses Lied in seinem Kopf, dieses von Hexen aus drei Generationen gesungene Lied. Er fühlte ihre Wärme und Zuneigung in ihn hineinfließen. Er konnte jedoch wieder sehen, was in seiner unmittelbaren Umgebung geschah. Sophia Whitesand blickte Genevra von Hidewoods an, die verblüfft und im höchsten Maße erstaunt zurückblickte. Dann erschien aus dem Nichts heraus ein heller, silberner Lichtwirbel, der in einem Sekundenbruchteil zwei Menschen freigab, Adrian Moonriver und Ryan Sterling. Ja, und da sah Julius ihn. Er hing hell leuchtend auf der Brust des scheinbar so jungen Zauberers. Es war ein fünfzackiger Stern an einer silbernen Kette, der in hellem, warmem Licht erstrahlte. als das Licht des magischen Schmuckstückes auf Julius' Körper traf, umstrahlte diesen ein durchsichtiger, goldener Glanz. Adrian Moonriver blickte mit großen, grasgrünen Augen auf den Jungen, der aufrecht sitzend, mit Hoffnung und Zuversicht im Gesicht dasaß. Sophia Whitesand stand dabei und nickte sachte dem einen und dem anderen zu.

"Was war das. Diese Verbrecher. Die haben Claudia ermordet. Ich bringe die alle um!" Rief Ryan Sterling. Da berührte Adrian ihn mit dem magischen Stern am Kopf, und der Wissenschaftler verlor schlagartig die Mordlust aus dem Blick und entspannte sich.

"Dieser verdammte Haßdom. Wieviele von den Leuten sind hier?" Schnaubte Adrian in Richtung Sophia Whitesand.

"Bis auf Pina, Olivia und Tom sind alle überlebenden hier", sagte Mrs. Whitesand.

"Sie können ja auch den Friedensraum, Mrs. Whitesand", staunte Adrian. "Aber was ist mit dem Burschen hier. Der hat ja eine Lichtaura. Wie kommt das?"

"Das sind Fragen, auf die ich sehr gerne auch eine Antwort hätte", erwiderte Sophia Whitesand. Dann forderte sie, daß Adrian die beiden Mädchen und Tom Fielding holte. Adrian nickte, ergriff den leuchtenden Stern an seiner Brust. Silbernes Licht explodierte förmlich aus dem Artefakt. Es wurde zu einem Lichtwirbel, der Adrian vollständig einhüllte. Mit einem leisen Plopp verschwand der Wunderknabe.

"Da waren die nicht drauf gefaßt", meinte Roy Fielding. "Wie hast du das gemacht, Julius?"

"Das darf ich leider nicht verraten, Roy. Außerdem war ich das nicht alleine. Adrians nettes Schmuckstück hat mir irgendwie geholfen."

 

"Ich glaube nicht, daß es das alleine war", raunte Sophia Whitesand und zwinkerte Julius über die Gläser ihrer Halbmondbrille zu, wie es ihr Cousin so häufig getan hatte, wenn er etwas erstaunliches zu sehen bekam und sich daran erfreute.

Adrian erschien erneut aus einem silbernen Lichtwirbel heraus und legte drei verkleinerte Menschen auf den Boden. Mit einer fließenden Zauberstabbewegung entschrumpfte er Pina, Olivia und Tom, die betäubt waren. Julius sah, daß der fünfzackige Stern auf Adrians Brust nun nicht mehr strahlte, sondern nur noch silbern glänzte. Mit kurzen Stupsern des Zauberstabs erweckte er die drei auf einen Streich apparierten aus der Betäubung.

 

"Wau!" Sagte Tom, bevor seine Mutter auf ihn zustürzte und ihn in ihre Arme schloß. Dasselbe widerfuhr Pina, die Tränen der Erleichterung vergoß.

"Wer hat den Friedensraum in dem kleinen Zimmer gezaubert?" Fragte Adrian Olivia. Sie deutete auf Julius Latierre.

"Wer hat dir den beigebracht?" Blaffte Adrian den äußerlich älter aussehenden Jungen an.

"Nicht in dem Ton, Bürschchen", schnarrte Julius zurück. "Abgesehen davon ist das ein Geheimnis, daß zu hüten ich habe schwören müssen. Ich darf den auch nur wirken, wenn eine unmittelbare Gefahr droht."

Von draußen ploppte und pfiff es eher komisch als bedrohlich. Offenbar versuchten die Angreifer, die verfestigten Mauern zu sprengen. Doch der hinter ihnen verlaufende Friedensraumzauber neutralisierte die Flüche und Zauber.

"Junge, ich habe dich nicht gefragt, weil ich neugierig bin, verdammt noch mal", grollte Adrian.

"Dann sagen Sie uns allen erst einmal, wieso Sie Zauber können, die ein dreizehnjähriger noch nicht gelernt haben kann und was der nette Silberstern auf Ihrer Brust bedeutet und vor allem was der so kann!" preschte Julius vor und traf genau den wunden Punkt des grünäugigen Wunderknaben.

"Verdammter Bengel", schnaubte Adrian Moonriver.

"Addy, ist gut!" Stieß Sophia Whitesand mit einer von ihr bisher nicht gehörten Strenge in der Stimme aus. "Ihr beiden habt eure kleinen Geheimnisse. Findet euch damit ab. Wir haben wichtigeres zu tun."

"Richtig, wir müssen hier raus, weil der schnuckelige Schutzzauber normalerweise nur ein Stündchen hält", brummelte Adrian Moonriver. Julius hörte nicht darauf. Denn in diesem Moment erreichte ihn Mildrids Gedankenstimme:

"Wir haben das Drei-Hexen-Lied gesungen, Monju. Es hat dir wohl sehr geholfen. Aber du mußt da weg und in Sicherheit. Gegen den Haßdom hilft nur Sanctuafugium, sagt deine nette Reiseberaterin."

"Haßdom?" Dachte Julius zurück. Doch er hörte keinen Widerhall in seinen Gedanken. Ohne das an die Stirn gedrückte Herz konnte er wohl nur empfangen, aber nicht senden.

"Julius, auch wenn du einen dieser alten Superzauber von Darxandrias Cousine machst, könnte diese dunkelviolette Kuppel euch in wild um euch hauende Biester verwandeln. Ihr müßt da weg!" Schickte Millie noch nach.

"Wie lange hält dieser Arrestdom noch?" Fragte Julius in die Runde.

"Solange es Todesser gibt, die ungehindert von außen durchlaufen können, Mr. Frühgescheit. Du hast ja gar keinen Schimmer, was das wirklich ist", blaffte Adrian.

"Das is'n Haßdom, eine schwarzmagische Abwandlung der üblichen, normalerweise blau-weißen Aura, die von goldenen Fäden durchzogen wird. Außer daß sie belagerte Feinde drinnen hält macht sie diese zu wilden Bestien, je länger sie in ihr eingeschlossen bleiben", konterte Julius. "Also noch mal, wie lange hält dieses verfluchte Ding ohne Todesser?"

"Sag mal, wie redest du denn mit mir?" Schnarrte Adrian.

"Ich passe mich der Wortwahl meiner Gesprächspartner an. Hat mir schon häufig gut geholfen", erwiderte Julius.

"Lass es bitte!" Hallte Lady Genevras Gedankenstimme in Julius' Kopf.

"Woher weißt du das mit dem Haßdom, Julius? Ich gehe davon aus, daß du in deinem bisherigen Leben nicht in die Bredullie gekommen bist, einen in Praxi zu sehen", sprach Sophia Whitesand ruhig.

"Ich habe es mentiloquistisch weitergegeben, wie die Arrestaura aussieht und darauf erfahren, daß es keine übliche Arrestaura ist, sondern ein Haßdom und wie er wirkt, Madam", erwiderte Julius. Mrs. Whitesand nickte.

"Unsinn, man kann weder durch den üblichen noch durch den schwarzmagischen Dom mentiloquieren", erwiderte Adrian. "Du erzählst das, weil du jetzt eine Ausrede brauchst, um dein Überwissen zu rechtfertigen."

"Für einen, der ein Schmuckstück trägt, das offenbar ein Meisterwerk der weißen Magie ist, bist du ziemlich ungenießbar, Addy", entgegnete Julius darauf. "Knurrst rum wie ein Dobermann an der Kette, wenn der Briefträger kommt." Tom grinste belustigt, während seine Eltern sich einen merkwürdigen Blick zuwarfen. Pina strahlte Julius sehr erfreut an. Olivia funkelte Julius verbittert an. Die beiden älteren Hexen tauschten stille Blicke und vielleicht Gedankenbotschaften aus. Adrian Moonriver starrte Julius verdutzt an, als habe er ihm im Laufen die Schuhe ausgezogen.

Wieder ploppte und pfiff es außerhalb der verfestigten Mauer.

"Mal eine andere Frage, liebe Leute. Wie viel Luft meint ihr, haben wir noch?" wechselte Adrian das Thema.

"Soviel wir wollen", meinte Sophia Whitesand dazu. "Allerdings sollten wir zusehen, aus unserer Zwangslage herauszukommen, bevor die magische Stunde um ist. Wir haben nur eine Atempause." Dann winkte sie mit dem Zauberstab und rief "Airenovata!" Julius glaubte, von einem Moment zum nächsten auf einer Waldwiese im Frühling zu stehen, so frisch war die Luft im Raum auf einmal.

"Wieso kommt eigentlich keiner vom Ministerium?" Fragte dina Fielding. "Die können doch nicht zusehen, wie hier in einer Muggelsiedlung Todesser randalieren.

"Na, Julius, hast du da vielleicht auch eine Antwort drauf?" Fragte Adrian. Pina erhob sich jedoch und sah ihn sehr entschlossen an.

"Das kann sich jeder erklären, der ein bißchen Verstand hat, Addy. Du-weißt-schon-wer hat das Ministerium in seine Gewalt gebracht. Deshalb können diese Kerle hier so unbekümmert herumzaubern. Deshalb konnten die meinen Vater ... umbringen." Bei den letzten Worten wich alle Entschlossenheit und machte tiefer Trauer und Verzweiflung Platz. Tränen strömten ihr aus den wasserblauen Augen. Ihre Mutter nahm sie in die Arme und versuchte sie zu trösten, was ihr nicht recht gelingen wollte.

"Wir kommen da nicht rein! Ruft den dunklen Lord her!" Hörten sie eine Stimme draußen.

"Sikes ist ja wieder da", knurrte Adrian.

"Bist du seltendämlich, Sikes? Der dunkle Lord hat uns gesagt, ihn nur zu rufen, wenn wir Potter finden, und sonst nicht."

"Wir haben die Whitesand-Sabberhexe. Die will er auch erledigen, weil er meint, die gehört zu den verschwiegenen Schwestern."

"Nur wenn Potter gefunden wurde, und sonst nicht, hat der dunkle Lord gesagt, Sikes. Wir können warten. Grindelwalds Dom wird die schon zu uns raustreiben, wenn wir den richtig nah ranholen."

"Dann sollten wir aber draußen sein", knurrte der andere Todesser.

"Sind die blöd", schnarrte Julius. "Sowas mentiloquiert man sich doch."

"Sikes' Birne ist zu hohl dafür", knurrte Adrian Moonriver. "Und Sharky hat nicht mal die ZAGs machen können."

"Samiel Sharkey?" Fragte Roy Fielding. "Der Typ ist bei den Kerlen von Voldemort?" Julius fühlte bei Erwähnung des Namens, wie ihm schlagartig schwindelig wurde. Rote Kreise tanzten vor seinen Augen, während das goldene Licht des Friedensraums für alle sichtbar erzitterte und beinahe erlosch. Dann war es vorbei. Julius hockte keuchend auf dem Stuhl und sah den wiederhergestellten Dunst. Adrians Stern hatte einen Augenblick lang bläulich aufgeblitzt.

"Mistkerl. Der hat seinen Namen mit einem Tabu belegt. Möchte nicht wissen, wie viele Leben der dafür geopfert hat."

"Das muß aber ziemlich schnell gegangen sein", sagte Julius. "Ich habe den Namen kurz nach Beginn der Feier einmal gegenüber Pina erwähnt, und Roy hat ihn auch einmal erwähnt, ohne daß was passiert ist."

"Damit läßt sich der Zeitpunkt des Umsturzes ziemlich sicher ermitteln", wandte Genevra von Hidewoods ein. Dann deutete sie auf die Wand. Ein senkrechter, feiner, aber unverkennbarer Riß zog sich von der Decke bis zum Boden.

"Hey, ich glaub, deren Schutz hält nicht mehr. Voll drauf!" brüllte der, der Sikes gerufen wurde. Es ploppte andauernd. Dann meinte einer: "Eh, Schutzzauber brechen doch ein, wenn wir seinen Namen rufen. Machen wir das doch."

"Bist du lebensmüde. Nachher bringt er uns noch um, wenn wir seinen Namen nur so aussprechen", blaffte Sharkey. Roy nickte.

"Ja, das ist dieser Drecksack, der mir in den ersten vier Jahren andauernd dumm kam und im fünften Jahr im Hui von der Schule flog, weil der Idiot meinte, die Gryffindor-Mannschaft überfallen und niederfluchen zu müssen."

"Ich riskier es. Immerhin will der dunkle Lord doch, daß sein Name Eindruck macht. Warum soll ich ihn dann nicht aussprechen, wenn damit dieser komische Schutzzauber zerbröselt."

"Julius, bau den Zauber ab, bevor die dich seinetwegen bis zum Tod auszehren!" Mentiloquierte Lady Genevra.

"Das sehen wir aber gleich", knurrte Adrian und trat an die Wand. Er drückte sein Schmuckstück dagegen und rief noch einmal jene Formel, die Julius seit dem Besuch in der Festung des alten Wissens so gut kannte.

"Alaishadui Siri,
Alaishaduan a sogaharan Iri.
U Alaishaduim Godiri,
san Arwoxaran Laishandan miri!" Julius zögerte nicht lange, hob den Zauberstab und sprach die Formel mit voller Überzeugung, daß dort draußen jemand war, der ihn liebte und schützen wollte. Als Adrians Beschwörung beendet war, glühte der magische Stern weiß auf. Seine fünf Strahlen verlängerten sich und überzogen die Wand. Da war auch Julius mit seiner Formel durch. Nun verband sich sein Zauber endgültig mit dem des Heilssterns. Die Wand begann weiß zu glühen. Dann passierte etwas, daß weder Adrian noch Julius eigentlich beabsichtigt hatten. Leise Singend zerflossen Mauerwerk, Decke und Boden und wurden wie Gluthauch davongeblasen, als die verschmolzene Zauberkraft in Form einer riesenhaften Blase aus weißem Licht anwuchs wie ein Ballon, in den unter hohem Druck Gas eingefüllt wird. Innerhalb der Blase hingen alle Menschen schwerelos wie Astronauten in einer Raumstation. Alle toten Dinge jedoch stürzten laut polternd in die Tiefe und durchdrangen die weiße Blase wie Luft. Aufschreie und erschreckte Rufe erschollen. Einige klangen so, als würde jemand von herabfallenden Teilen getroffen. Andere klangen so, als würde jemand mit Urgewalt davongeschleudert. Dann erreichte die blase die größte Ausdehnung, erzitterte und bekam Risse. Die irdische Schwerkraft galt auch wieder für die lebenden Wesen innerhalb der Wirkungszone. Doch sie packte nicht mit ihrer ganzen Macht zu, sondern kehrte sachte aber unaufhaltsam zurück. Die bisher so gut beschützten sackten durch, berührten die weiße Lichtblase wie eine hauchzarte Gummihülle und rutschten dann durch. Leise prasselnd zerfiel das magische Energiegebilde. Julius fühlte, wie diese Aktion ihm wieder Kraft aus dem Körper sog. Außerdem sah er, wie die Blase mit orangeroten und dunkelvioletten Blitzen wechselwirkte, bevor sie restlos zersprang und verflog. Sie landeten eine Etage tiefer. Ringsum sahen sie ohnmächtige oder merkwürdig entrückt dreinschauende Todesser. Darunter konnte Julius einen sehr langen, hageren Zauberer erkennen, dessen schwarzer Kapuzenumhang viel zu weit für ihn war.

"Das war ja wohl der absolute Schlag ins Wasser, verdammt noch eins!" Brüllte Adrian Moonriver und sah Julius an. "Es hätte vollkommen gereicht, wenn ich den Zauber gewirkt hätte. Hat dir noch keiner beigebracht, daß man zauberformeln nicht einfach so nachplappern kann wie Baby-Wörter?!"

"Konnte ich wissen, daß die Verstärkung uns aus dem Saal raussprengt?" Fragte Julius zurück, der sich nicht anmerken lassen wollte, wie verlegen er war, daß ihre Ausgangslage jetzt schlechter war als vorher. Denn jetzt standen sie frei im Haus. Über ihnen klaffte ein kreisrundes Loch, wo einmal der Boden des Saales gewesen war. Um sie herum lagen zertrümmerte Möbel, Blumenrabatten und Geschirr. Und was das schlimmste war, die Kerzen hatten beim herabstürzen die brennbaren Teile in Brand gesetzt. Erst sachte, dann immer gieriger züngelten rote, gelbe und goldene Flammen über das zersplitterte Holz und den zarten Stoff der Servietten und Platzdeckchen. Doch Sophia Whitesand schien eine Großmeisterin in Elementarzaubern zu sein. Sie hob den Zauberstab an und rief: "Advoco Pluvium amplifico!" Von einem Moment zum nächsten stürzten wahre Wasserfälle Regen durch das Loch in der Decke herunter, durchtränkten alles und jeden und erstickten laut zischend das immer gefräßiger ausgreifende Feuer. Dann rief sie mit immer noch erhobenem Zauberstab: "meteolohex recanto!" Mit einem lauten Knall hörte der herbeigerufene Wolkenbruch so schlagartig auf, wie er eingesetzt hatte. Danach trocknete sie jeden mit Zauberkraft ab. Jetzt war es wohl sonnenklar, daß Sophia Whitesand sehr mächtig war.

"Hey, was ist denn mit dem Saal passiert?!" Rief jemand von oben. "Die haben den weggesprengt. Ey, da unten sind die! Macht sie Fertig!"

"Dann eben so", dachte Julius und hob den Zauberstab, als zwei maskierte Gestalten über den Rand des glatt ausgestanzten Loches lugten. Die erwachsenen Hexen und Roy Fielding rissen ebenfalls ihre Zauberstäbe hoch und warfen Schildzauber in die Luft. Sofort griffen die Todesser, die nicht von der magischen Leuchtblase erwischt worden waren mit Flüchen an. Als einer mit entschlossener Genauigkeit auf Julius zielte, rief dieser "Katashari!" Der Todesser wurde in silbernes Licht gebadet und wankte vom Loch zurück. Seine Kumpanen versuchten, auf die anderen zu zielen. Doch Lady Genevra und Sophia Whitesand teilten ziemlich kräftige Gegenschläge aus. Einmal rief Dumbledores Cousine: "Essentia Stellarum!" Daraufhin sprühte mit wildem Schwirrgeräusch ein Schwarm aus blauen, weißen und roten Funken heraus, flog hinauf und bildete ein leuchtendes Spektakel, das sich über das Loch hinweg ausbreitete. Laute Schreckensschreie und Mist-weg-hiers verrieten, daß die losgelassene Funkenflut offenbar Opfer fand. Was mit diesen passierte konnte keiner sehen. Doch offenbar laugte dieser Zauber Mrs. Whitesand sehr stark aus. Julius brachte bei einem Gegner den von Madame Faucon erlernten Feindeswirrzauber an, den er einmal gegen Slytherins Kreaturen benutzt hatte. Doch der zog ihm Ausdauer ab, auch wenn die Todesser jetzt gegen scheinbare Gegner kämpfen mußten und deshalb nicht mehr zielen konnten.

"Wir müssen ... irgendwie ... diesen Haßdom ... aufheben", keuchte Mrs. Whitesand.

""Der wurde von zehn oder zwanzig Leuten beschworen", grummelte Adrian. "Den knacken nur zwanzig ausgebildete Zauberer, die zugleich die richtige Formel und Mentalkomponente benutzen."

"Kannst du dich da nicht mit deinem Stern rausversetzen?" Fragte Olivia Adrian.

"Hab's schon probiert. Geht nicht!" Schnaubte Adrian. "Da drinnen kann ich apparieren. Aber raus geht nicht, weil dieser Dom den Raum zerteilt."

""Ihr habt keine Chance, da unten. Wir können warten, bis euch der Dom einander umbringen läßt!" Rief Sikes.

"Vorher fährst du schon mal zur Hölle!" Hörten sie Ryan Sterlings Stimme. Keinr hatte im Eifer des magischen Gefechts bemerkt, wie er sich davongeschlichen hatte. Da peitschten auch schon zwei Schüsse auf. Etwas schweres fiel um. Dann erklang mehrstimmig der Ruf: "Avada Kedavra!" Mehrere Fallgeräusche erklangen. Dann krachten wieder Schüsse.

"Dieser lebensmüde Narr!" Rief Lady Genevra. Doch offenbar schickte Ryan Sterling tatsächlich mehrere Todesser in den Tod. Julius zählte mit. Eigentlich hätte der offenbar im Rausch der Rache gefangene Wissenschaftler nach dreizehn Schüssen spätestens eine Pause machen müssen.

"Wie viele Knarren hat der denn im Haus gehabt?" Fragte Julius. Dann krachte es dumpf, und er glaubte wie die anderen auch, es habe den Hausherren erwischt. Die Decke erzitterte und bekam tiefe Risse. Putz und Betonbrocken regneten herab. Dann hörten sie alle immer wieder "Avada Kedavra!"

"Der Dom frißt alle, die in ihm drinstecken, sobald genug Todesangst entstanden ist", schnarrte Adrian. "Wir müssen einander die Hand geben und uns gegenseitigg sagen, daß wir uns nichts tun werden!"

"wird nicht reichen", erwiderte Sophia Whitesand. "Wenn der Haßdom durch Mord und Rache genährt wird, zieht er sich zusammen, bis er alle in den Tod getrieben hat, die in ihm sind."

"Warum werden wir dann noch nicht von Haß und Mordgier übermannt?" Fragte Mrs. Watermelon. Julius nickte ihr zu. Im Moment empfand er auch keine Wut oder den Wunsch, jemanden zu erwürgen.

"Weil wir wohl noch im Zentrum der Kuppel sind, gerade ebenso. Wir müssen uns in der Achse aufhalten", erklärte Sophia Whitesand. Adrian nickte ihr zu und nahm seinen Silberstern und den Zauberstab. Er sprach einige leise Worte, die außer ihm und womöglich Mrs. Whitesand nur noch Julius als Wörter aus der magischen Sprache Altaxarrois erkennen mochte. Ein blauer Lichtstrahl entfuhr Adrians Zauberstab und schlug bis zur Decke empor. Adrian ließ den Stab herumkreisen, bis der Strahl in einem Winkel von dreißig Grad schwächer wurde. Er deutete auf die Zone, wo der Strahl noch stark genug war und rief allen zu, sich dort zu versammeln. Währenddessen tobte oben der Amoklauf der Todesser. Die magische Kuppel mit ihrer verheerenden Ausstrahlung unterschied nicht mehr zwischen Schöpfer und Gegner.

"Damit haben wir es mal wieder amtlich, Ladies and Gentlemen, daß die dunklen Kräfte am Ende auch den zerstören, der sie sich nutzbar macht", dozierte Adrian im Stil eines Lehrers.

"Das haben Sie schon damals gesagt, Professor Silverbolt", sagte Roy Fielding unvermittelt. "Wer die dunklen Kräfte benutzt, geht am Ende selbst dabei drauf. So haben Sie sich einmal geäußert, nicht wahr?"

"Wie bitte, das ist der Dobermann, Roy?" Fragte Dina Fielding ziemlich überrascht. "Aber der ist doch als Baby gestorben, haben sie alle gesagt, weil er zu schnell jünger wurde und ..."

"Du warst und bist es immer noch, ein vorlauter Bengel, Roy Fielding", schnaubte Adrian Moonriver. Julius fühlte es beinahe körperlich, wie jetzt alle Steinchen an den richtigen Stellen zusammenfanden. Das Puzzle war vollständig. Aurora Dawn hatte ihm bei Dumbledores Beerdigung von ihrem letzten Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste erzählt. Sie hatte ihn als ständig knurrigen, ruppig auftretenden Lehrer beschrieben, der am Jahresende von einem progressiven Fluch getroffen worden war und sein Amt nicht länger ausüben konnte. Immerhin hatte er Aurora und ihre Klassenkameraden, zu denen auch die Fieldings gehörten, durch die UTZ-Prüfungen bringen können.

"Dina, ich habe dir das erzählt, weil das damals nicht jeder wissen sollte und du gerade mit Tommy schwanger warst. Silverbolt wurde wohl durch den Infanticorpore-Fluch ..."

"Schnauze", knurrte Adrian Moonriver. "Silencio!" Schickte er dann mit auf Roy deutendem Zauberstab nach. Julius grinste unpassend. Doch genau diese Aussage pappte das Puzzle unzerlegbar zusammen. Deshalb hatte dieser wie dreizehn aussehende Bursche so gut gezaubert, daß selbst Julius, der schon früh mit starker Magie experimentiert hatte, heftig staunte. Deshalb gebärdete der sich so wie ein altgedienter Veteran, der schon zu viel gesehen hatte, um sich noch richtig zu freuen. Was immer das für ein Fluch gewesen war, der Heilsstern Ashtarias hatte ihn offenbar in sein Gegenteil verdreht und Adrian immer jünger werden lassen. Irgendein Schlaumeier - Julius vermutete Dumbledore - war wohl darauf gekommen, an dem Punkt, wo Moonriver alias Silverbolt am jüngsten war, den Infanticorpore-Fluch über ihn zu sprechen. Geringster Widerstand war hier wohl das Zauber- und Schlüsselwort.

"Adrian, nimm den Schweigezauber wieder von ihm!" Befahl Sophia Whitesand. "Oder du darfst neu zu zählen anfangen!"

"Ich habe den Stern um, und den lege ich diesmal nicht freiwillig wieder ab, Tante Sophia", Fauchte Adrian. "zweitausendneunhundertvierzigmal sind mehr als genug."

"Nicht für einen, der mit erlebten einhundertfünfzig Jahren immer noch ein störrischer Bengel geblieben ist", zischte Sophia Whitesand. Julius fragte sich, ob das echte Verärgerung oder die ersten Auswirkungen des Haßdoms waren. Doch er fühlte nichts dergleichen, keinen Zorn, keine Wut oder Mordlust. Pina horchte besorgt auf die Geräusche von oben. Da stürzte ein Teil der Decke herunter. Sie mußten ausweichen. Julius erkannte in den Trümmern Küchengeräte, zwischen denen ein lebloser Frauenkörper im bereits stark mitgenommenen Festkleid herabregnete. Julius sah Claudia Sterlings schwarzbraunes Haar für einige Sekunden. Der Anblick brannte sich in seine Erinnerung ein, wie die des in einer Grünen Flamme vergehenden Slytherin, die erst als verführerisch schöne Rothaarige auf ihn zuschreitende Hallitti und Claires leblosen Körper auf dem Tisch in der Aula von Beauxbatons. Diese Frau hatte immer sehr schön gelächelt. Er hatte sie keine zwei Stunden vorher noch zum Tanz geführt. Und jetzt war sie tot, ein Opfer von Voldemorts Todessern, die es auf Lady Genevra abgesehen hatten. Aber nein, eigentlich hatten sie es auf Sophia Whitesand abgesehen. Diese lauten und geschwätzigen Todesser Sikes und Sharkey hatten es doch förmlich hinausposaunt, daß Voldemort glaubte, sie sei eine wichtige Angehörige der schweigsamen Schwestern. Was hieß das für ihn? Das, wenn sie das irgendwie überlebten, er noch zwei weitere Hexen kannte, die dieser heimlichen Vereinigung angehörten. Aber nein! Er konnte auch den Wahnvorstellungen Voldemorts aufgesessen sein, der eine Hexe, nur weil sie mit Dumbledore in Beziehung stand und wohl auch ziemlich mächtig war, in eine passende Rolle reininterpretierte, um eine Rechtfertigung zu haben, sie einfach so umzubringen. Das sollte er besser im Hinterkopf behalten. Da sah er etwas, was seine Gedankengänge abrupt in eine andere Richtung lenkte.

Ryan Sterling tauchte am Rand des erweiterten Loches auf. Der Boden unter seinen Füßen knirschte sehr bedrohlich. Gleich würde er herunterstürzen. Ryan hielt in einer Hand eine Pistole und unter dem Arm eine große Flasche mit Druckventilverschluß. Julius erstarrte fast vor Angst. Das war eine Wasserstoffflasche. Ryan blickte voller Haß hinunter auf die Hexen und Zauberer.

"Ihr seid das alle in Schuld. Du, Tante Genevra, weil du meintest, mich in deine Hexenwelt reinzerren zu müssen. Du, Hortensia, weil du unbedingt in diese Mißgeburtenanstalt gehen mußtest. und ihr Andren habt Schuld, daß diese verdammte Zaubererwelt immer noch existiert. Ich werde euch alle in die Hölle schicken und zu meiner Frau in den Himmel fliegen, ihr verfluchte Saubande!!"

"Imperio!" Rief Genevra. Doch ihr Zauber, an und für sich verboten, griff nicht. Die Macht des Haßdoms hatte Ryan Sterling total übernommen.

Julius zielte mit dem Zauberstab auf Dr. Sterlings Pistolenhand und dachte konzentriert: "Expelliarmus!" Ohne Vorwarnung sirrte ein scharlachroter Blitz aus dem Zauberstab und erwischte die Pistole am Lauf. Sie flog davon, wobei sich noch ein Schuß löste, der in die Decke der obersten Etage hinaufschwirrte und dort im Dachstuhl landete.

"Das bringt euch allen nichts. Ich habe mehrere von den Dingern aufgedreht und mit einem Phosphorzünder verbunden. Der braucht nur zu trocknen und bumm!!" Spie Ryan den Gästen seiner sprichwörtlich in Trümmern gegangenen Party entgegen. "Wir haben wohl gerade noch vier Minuten Zeit. Dann fliegt hier alles in die Luft!"

"Du würdest mit uns zusammen sterben, Ryan?!" Rief Genevra von Hidewoods nach oben.

"Ich weiß, daß ich euch sonst nicht beikommen kann und eh draufgehen muß", erwiderte Ryan voller Abscheu und Bosheit. Julius sah in seinen Augen orangerote Lichter widerscheinen und blickte nach oben. Da sah er etwas dunkelviolettes glimmen und einen orangeroten Blitz hindurchzucken. In dem Moment fühlte er, wie die Wut ihn ergriff, die Wut auf Madame Faucon, die ihn auf dieses Himmelfahrtskommando geschickt hatte, die Wut auf die Latierres, die das auch noch abgesegnet hatten und vor allem die Wut auf den Bastard da oben mit der Wasserstoffflasche. Julius hob den Zauberstab. Er stieß aus: "Du fährst noch vor uns zur Hölle, Ryan Sterling!" Er wollte gerade die zwei Worte rufen, die Ryans Mordgier ein für allemal ausradieren würden, als er wieder das schöne, ferne Lied hörte. Das waren diese Latierres, die ihn erst bezirzt hatten, damit er Millie heiratete und jetzt meinten, ihn davon abbringen zu können, seinen Mörder noch vor ihm selbst ins Jenseits zu fluchen, weil er es konnte. Nur zwei Worte. Doch was brachte das. Er konnte ihn umbringen. Konnte er ihn umbringen? Dieses wiederliche Herzding an seinem Hals pulsierte. Es schickte unerträglich warme Ströme in seinen Körper. Dieses verdammte Lied! Es hielt ihn davon ab, die mächtigsten zwei Worte des Universums zu rufen. Nein, das waren nicht die mächtigsten zwei Worte des Universums. Das war eine Lüge. Der Tod war nicht das mächtigste. Zu morden war keine Stärke, sondern Schwäche. Warum sollte er den Mann mit der Wasserstoffflasche töten. Das war doch nicht logisch. Denn nur der Mann da oben wußte, wo die von ihm präparierten Gasvorräte darauf warteten, das ein Phosphorzünder trocken genug war, um von selbst zu brennen.

"Monju, ich liebe dich. Hörst du mich! Ich liebe dich!" Erklang eine warme Stimme in seinem Kopf,die Stimme einer Hexe, Mädchen und doch schon Frau. Dann wußte er, wie er den Mann dort oben von seiner Mordgier abbringen konnte. "Katashari!" Rief Er, wobei er sich vorstellte, wie Ryan Sterling sich von ihm abwandte und davonrannte. Silbernes Licht entfuhr dem Zauberstab und badete den Wissenschaftler in seiner ganzen Kraft. Ryan Sterling verkrampfte sich, stolperte und stürzte mit schuldbewußt aufgerissenen Augen in die Tiefe.

"Cadelento!" Rief Genevra von Hidewoods. Federleicht schwebte Ryan Sterling zu Boden. Julius fühlte, wie ihm leichter wurde. Er hatte es geschafft, der Wut zu widerstehen. Da war jemand, die ihn liebte, zusammen mit anderen, die ihn auch liebten, seine Mutter, seine Schwiegeroma, ja, und auch Camille.

"Den kenne ich noch nicht", knurrte Adrian. "Das kriege ich raus, wo der den her hat."

"Wir müssen hier weg. Dieses Haßgebilde rückt uns näher", sagte Sophia Whitesand.

"Wir können die Kuppel nicht knacken. Das ist ein Fluch von mehreren zugleich", erwiderte Adrian. Da zuckten weitere orangerote Schlieren über den Himmel. Adrians Silberstern sprühte blaue Funken, die seinen Träger umspielten. "Mein Heilsstern schützt mich wohl noch. Aber ihr anderen", blaffte Adrian. Pina machte Anstalten, ihrem Onkel einen Tritt vor den Kopf zu versetzen. Julius warf sich herum und belegte auch sie mit dem Zauber der Todeswehr. Sie erstarrte. Er hörte Millies besänftigende Stimme in seinem Kopf und das Lied ihrer weiblichen Blutsverwandten, das über sie zu ihm kam und ihn schützend umschloß. Julius erkannte, daß er von der ihm zufließenden Liebe was weitergeben konnte. Er belegte alle umstehenden mit dem Todeswehrzauber, weil er fürchtete, sie könnten sich oder ihn angreifen. Die Angst vor der nahen Explosion und vor der ebenso grausamen Wirkung des Haßdomes flackerte immer wieder auf. Dann erinnerte er sich. Adrian hatte gesagt, daß der Dom ein Fluch sei. Es war ein Fluch, der nicht zu knacken war. Er konnte ihn nicht zerstreuen. Aber er konnte ihn umkehren!

"Ich hoffe, die Wirkung meines Zaubers hält noch zwei Minuten vor. Das reicht nicht, um die Gastanks zu finden. Aber ich möchte versuchen, die Kraft des Doms umzukehren. Vielleicht können wir dann hinaus."

"Wie denn bitte. Kannst du etwa auch einen Fluchumkehrer?" Wollte Pina wissen.

"Wie den Friedensraum und den Mordgierabwehrzauber", erwiderte Julius und trat vor.

"Junge, in dem Dom steckt die Kraft von mindestens sieben Zauberern drin, genau wie in meinem Stern hier. Den kann einer alleine nicht kontern."

"Ich will den ja nur umkehren", erwiderte Julius und lief einfach los. Die Hexenund zauberer sahen ihm perplex nach, wie er sich unter die nun frei zu sehende Kuppel stellte. Millies Worte drangen immer noch in ihn ein, verdrängten die Anwandlung, sich umzudrehen und diesen wiederverjüngten Rechthaber da mit bloßen Händen zu erwürgen. Er bekam nicht mit, wie Lady Genevra Ryan wie vorhin seine Nichte und den Neffen in ein weißes Seidentaschentuch verwandelte und in ihren Umhang steckte. Ebenso wurden Chester und Gerry Powder, die die ganze Zeit apathisch dagestanden hatten in was tragbares verwandelt. Janine Powder wurde nicht verwandelt, um ihr ungeborenes Kind zu schützen. Dina und Roy zauberten sie auf eine Trage. Sie fühlten, wie der von Julius gewirkte Zauber gegen die Macht ankämpfte, die sie aufeinanderhetzen wollte. Julius holte das rote Herz unter dem Unterhemd hervor und drückte es sich an die Stirn:

"Millie, ich liebe dich auch. Bitte hilf mir! Ich muß den Haßdom mit dem Fluchumkehrzauber angreifen, damit er sich verändert. Das kann ich nicht alleine. Singt für mich, helft mir, nicht zum Berserker zu werden! Sage Camille, sie möchte ihr Schmuckstück nehmen und seine mächtige Formel sprechen. Das könnte helfen."

Verdammt, Junge, das packst du nicht alleine", Brüllte Adrian wie ein angepiekster Kampfstier. Um ihn herum flimmerten blaue Lichtentladungen. Sein Heilsstern bekämpfte die böse Magie des Domes. Er sah, wie Julius mit einem pulsierenden roten Herzen an der Stirn dastand und sich voll konzentrierte, den Zauberstab erhob und ihn auf die gierig züngelnden Flammenschlangen richtete, die immer dichter wurden. Der Haßdom mochte jetzt schon kleiner sein als das Haus. Irgendwo sirrte noch der Todesfluch. Doch wer ihn geschleudert hatte war weit genug weg.

"Angarte Kasanballan Iandasu Janasar!" Rief Julius. Ein weißer Lichtstrahl schnellte aus dem Zauberstab, traf die magische Glocke, wurde zu einem Fleck aus weißem Licht, der sich ausbreitete und dann zerfloß. Noch einmal rief Julius die fremdartigen Worte. Diesmal wurde der weiße Fleck so breit, daß er das ganze Gesichtsfeld ausfüllte, waberte einmal, zweimal. Dann zerfaserte er. Der Haßdom schwang in sanften Wellen. Offenbar wirkte die ihm entgegengeschleuderte Magie, erkannte Adrian Moonriver. Dann fiel ihm ein, daß die Zauber des Lichtes sich potenzieren konnten, wenn sie über ein Medium ausgeübt wurden. Er trat hinter Julius und drückte ihm den Heilsstern auf den Rücken. ER sah, wie der Herzanhänger an seiner Stirn kräftig pulsierte, während Julius erneut die magischen Worte rief, die böses Werk in sein Gegenteil verkehrten. Doch der Arrestdom über ihnen war zu groß, als das sich der Zauber ganz darüber erstrecken konnte.

"Alaishadui Siri,
Alaishaduan a sogaharan Iri.
U Alaishaduim Godiri,
san Arwoxaran Laishandan miri!" Rief Adrian, den blau pulsierenden Heilsstern fest in Julius Rücken gedrückt. Genau zu diesem Zeitpunkt rief Julius erneut die Worte der Umkehr böser Werke. Und genau zum selben Zeitpunkt glühte auch der Herzanhänger in einem goldenen Schein, der sich über Julius ganzen Körper ausdehnte und zu einer Aura von sonnenheller Leuchtkraft verstärkte.

 

__________

 

"Wir müssen weitermachen", beschwor Millie ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Großmutter. "Dieser Haßdom macht ihn langsam böse."

"Wir können nicht mehr lange, Millie", keuchte Line, die mit einem Finger den Herzanhänger an Millies Stirn berührte. "Das Lied zieht uns Kraft ab."

"Moment, er will was machen, was Flüche umkehrt. Er bittet dich, Camille, ein Schmuckstück zu nehmen und eine dazu gehörende Zauberformel zu rufen. Vielleicht hilft ihm das." Camille Dusoleil verstand sofort. Sie hockte sich zwischen die drei Hexen aus drei Generationen, die über die eine, ihre Schwester, Tochter und Enkeltochter, gutartige Magie in weite Ferne schickten, durch eine Barriere des Hasses hindurch. Madame Faucon saß dabei und schwankte zwischen Selbstvorwürfen und Hoffnung, daß die vier Hexen Julius beschützen und aus der Gefahr herausholen konnten. Camille zog unter ihrem Blattgrünen Gartenumhang ein Amulett in der Form eines fünfstrahligen Sterns mit abgerundeten Spitzen hervor, wog das Kleinod in einer Hand und drückte es, während die drei Hexen über Millies auf Kissen ruhendem Körper sangen, auf den Bauch der Junghexe, die vor kurzem Claires Platz an Julius' Seite angenommen hatte. Claire, Aurélie, Ammayamiria. Sie dachte daran, daß die Zweiseelentochter ihrer Mutter und ihrer Tochter ihr beistehen konnte, um den Menschen zu retten, den sie bis über den körperlichen Tod hinaus liebte. Dann sprach sie die Formel, die ihr Julius beigebracht hatte und die ihr Ammayamiria in ihrer erhabenen Ursprache genauestens erklärt hatte.

"Alaishadui Siri,
Alaishaduan a sogaharan Iri.
U Alaishaduim Godiri,
san Arwoxaran Laishandan miri!"

Der Stern strahlte golden auf. Im gleichen Moment glühte auch der pulsierende Herzanhänger in diesem goldenen Licht. Millies Körper straffte sich, nahm die ungeheuren Energien in sich auf, die von dem Heilsstern übersprangen und gab sie durch das halbe Herz auf ihrer Stirn dort hin weiter, wo sie so dringend benötigt wurden. Und was war das? Das Licht des Heilssterns wurde noch heller. Millie schien in warmem, goldenem Licht förmlich zu zerschmelzen. Doch es war keine Zerstörung, sondern eine unerwartete Vervielfachung der Macht, die Camille gerade angerufen hatte.

 

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Julius fühlte die unbändige Freude, die Hoffnung, die Liebe und die Lebenslust. Sie wallte in ihm auf, durchbrauste alle Adern und Nerven seines Körpers, vibrierte in seinen Knochen und brodelte in seinen Eingeweiden wie ein Kessel voller Wasser. Durch seinen Kopf raste die mächtige Kraft in seinen Arm. Auch von seinem Rücken her drang diese Kraft in ihn. Er wurde von den beiden Kräften durchdrungen. ER sah Gestalten vor sich. Da waren Ursuline, Hippolyte und Martine über ihm. Er sah Camilles lächelndes Gesicht im goldenen Widerschein. Dann trat noch jemand hinter ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter. Noch stärker wurde die ihn durchflutende Kraft, als er Ammayamirias warm lächelndes Gesicht sah. Und ob es ein Trugbild war oder nicht, von rechts flog ein goldener Schatten heran, größer als ein Elefant, durchstieß die Kuppel des Hasses und berührte ihn und den hinter ihm stehenden mit ihrem mächtigen Maul. Er vollendete gerade die Worte der Umkehr. DA schoß die ganze in ihm lodernde Kraft durch seinen Arm hinaus als weißer, beindicker Lichtstrahl, krachte mit einem lauten Donnerschlag in die Kuppel, beulte sie nach außen, breitete sich darin wie ein Fleck aus blendendem weißen Licht aus, mehr und Mehr, überdekcte die gesamte Kuppel, die innehielt und zurückfederte. Immer noch breitete sich das weiße Licht daran aus. Überdecte die Kuppelinnenfläche ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Immer weiter wurde die verhängnisvolle Kuppel in Schwingungen versetzt, immer weiter schaukelte sie sich auf. Dann erklang ein Geräusch, dasß wie ein dumpfes, dann hoch aufschießendes Fauchen war und in ein weithallendes Schwirren überging, als die violette Kuppel vom weißen Licht förmlich aufgesaugt wurde und dann plötzlich als goldener, von blauen Schlieren durchsetzter Strahlendom wiedergeboren wurde, der gefüllt vom weißen Licht nach außen drängte und die vorherige Ausdehnung überschritt, wobei er fünf dort ausharrende Todesser einfach mit sich riß. Die Diener Voldemorts schrien, nicht vor körperlichen Schmerzen. Sie erkannten, welche Grausamkeiten sie begangen hatten. Trauer um die verschmähte Liebe, Verzweiflung, weil sie den falschen Weg gewählt hatten, und unerträglich tiefe Reue vor allen verübten Verbrechen. Sie sahen die Gesichter derer, die sie getötet hatten. Doch diese waren nicht anklagend, sondern verzeihend. Sie lächelten ihre Mörder mitfühlend an. Die Todesser wurdn von der körperlichen Wirkung des ins Gegenteil verwandelten Haßdoms fast bis zur Straße getragen. Erst dort erreichte die in ihr Gegenteil gewandelte Magie ihre Stabilitätsgrenze. Knisternd, prasselnd und knackend riß der goldene Dom auf, schleuderte blaue und goldene Entladungen hinaus und zerbarst mit einem scharfen Knall. Die in ihm gebundene Zauberkraft entlud sich in buntem Licht, in einen Windstoß und vor allem in einem in den Raum hinausgetragenem Gefühl von bedingungsloser Lebensfreude und Liebe, das über die Grundstücksgrenzen der Sterlings hinauseilte und in der Nachbarschaft Streitende Paare mit einem Schlag zur Besinnung brachte, einem kleinen Mädchen die Angst vor der Dunkelheit vertrieb und einer jungen Frau, die aus unstillbarem Liebeskummer vom Dach eines sechsstöckigen Hauses springen wollte, eine ungeahnte Zuversicht bescherte, daß sie doch noch schöne Zeiten erleben würde. Dann war die angerufene Kraft verpufft.

 

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Julius zitterte, als der umgeformte Dom in mehr als hundert Metern höhe und Ferne zerplatzte. Ein Teil der entladenen Zauberkraft kam zwar noch zu ihm zurück. Doch die überwiegende Mehrheit zerstreute sich in der Ferne. Er fühlte, wie seine Kräfte schwanden, sah die Welt um sich herum immer wilder rotieren und hörte ein immer lauter werdendes Rauschen und Pochen in den Ohren. Auch Adrian, der hinter ihm stand, wankte bedrohlich. Seine Finger klebten an einem eiskalten Klumpen.

"Mann o mann, ich hab schon einiges erlebt", sagte Adrian, als er von Lady Genevra und Sophia Whitesand aufgefangen wurde. "Aber das war eben das verdrehteste, was ich miterleben durfte. Dafür haben sich die zweitausendneunhundertvierzig vollgemachten Windeln doch noch gelohnt."

"Ja, und die Tirade von der rechthaberischen und überbehütsamen Amme, deren Nachnamen du tragen darfst, solltest du dann auch auf ihre Berechtigung prüfen, Adrian Moonriver, Pflegesohn meiner Enkeltochter Patience", erwiderte Sophia Whitesand."

"Ich denke, wenn sie an mich denkt wird sie es noch an den betreffenden Stellen spüren", knurrte Adrian, der auf wackeligen Beinen dastand.

"Wir müssen weg, falls Ryan nicht geblufft hat", trieb Genevra die Gefärhten zur Eile an.

"Alle an mir festhalten", sagte Sophia Whitesand. "Ich übernehme die Führung." Julius' beinahe ohnmächtiger Körper wurde an Sophias Körper gelehnt. Sie umklammerte ihn mit dem linken arm. Alle anderen legten ihre Hände fest auf ihre Schultern und Taille. Dann warf sie sich in die Apparition, während die anderen daran dachten, dort sein zu wollen, wo sie sein wollte und mit ihrer eigenen Magie den Übergang schafften. Mit einem lauten Knall verschwand das Gespann zusammen mit den geretteten Muggeln. Doch gegen den Knall, der knapp eine Minute später das Wohnviertel erschütterte, war das wenig. Fünf in Selbstmitleid und Reue getränkte Todesser erfuhren die endgültige Erlösung von ihrem abwegigen Dasein, als ein mehrere dutzend Meter großer Feuerball sie in sich aufnahm. Was von dem weißen Haus mit Garten noch gestanden hatte, verging in einem gefräßigen Flammenmeer. Folgeexplosionen nicht freigesetzter Gase rüttelten an den nicht beim ersten Knall zerschlagenen Fenstern. Fünf Minuten später preschten mehrere Feuerwehrlöschzüge mit blinkenden Warnlichtern und heulenden Sirenen heran. Den wackeren Brandbekämpfern war jedoch rasch klar, daß das schmucke Haus von Dr. Sterling restlos zerstört war. Es ging nur darum, die ungewöhnlich starken Flammen daran zu hindern, auf die Nachbarhäuser überzuspringen. Doch mehrere Dutzend Fensterscheiben hatten dran glauben müssen. Womöglich würden die Glasereien in dieser Gegend ein Umsatzplus erzielen. Die nach der Feuerwehr angerückten Brandermittler fanden zwanzig verkohlte Leichen auf dem Grundstück. Darunter war eine einzige eindeutig weibliche tote, an deren verrußtem Schädel noch ein paar Strähnen schwarzbraunen Hares zu finden waren.

 

 

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Pius Thicknesse, der neuernannte Zaubereiminister, erfuhr von der Explosion in einem weit außerhalb gelegenen Nobelvorort von London. Er hatte erfahren, daß sein Verbündeter, der dunkle Lord, dort jemanden ergreifen wollte. Womöglich hatte er das Haus der Einfachheit halber niedergebrannt. Einen auferlegten Zwang folgend schickte er seine Vergissmichs aus, die Zeichen magischer Aktivitäten aus den Aufzeichnungen der Muggel zu vertilgen. Diese Narren waren doch so einfach zu manipulieren. Er ließ es so hinstellen, daß der Muggelhausbesitzer gestorben war, weil er, der sich mit nichtmagischer Alchemie befaßt hatte, ein tödliches Experiment mit einem heftigen Donnerschlag gewagt hatte. Als er dann von ihm, seinem Meister, erfuhr, daß zwanzig treue Todesser bei dem Angriff umgekommen waren, sprach er ihm pflichtgemäß sein tiefstes Bedauern aus.

 

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Julius, werd bitte wieder wach!" Hörte Julius eine liebevoll fordernde Mädchenstimme, die ihn aus der tiefen Dunkelheit herauslockte, in die er nach dem großen Zauber gestürzt war. Sein Kopf brummte, und sein Körper fühlte sich an wie ein Sack voll feuchtes Stroh, steif und klamm.

"Danke, Mamille, daß du mir geholfen hast", brumselte er zwischen Ohnmacht und Bewußtsein. Eine zierliche, warme Hand legte sich auf seine Stirn. Sie duftete nicht nach dem Parfüm, dasß seine Frau Millie benutzte. Das war ein leicht blumiges Duftwasser, wie er es bisher nur an einem weiblichen Wesen gerochen hatte. Er wollte gerade die Augen öffnen, um zu sehen, ob er richtig roch, als ein warmes, weiches Gesicht sich auf seines legte und seine Lippen auf seine Lippen drückte. Er genoß den Kuß. Doch als er seine Augen endlich aufstemmte erkannte er, daß es nicht Millie war, sondern Pina, die ihm diesen erfrischenden, langen Kuß geschenkt hatte.

"Ich denke, das wird mir Millie verzeihen, daß ich das tun mußte, Julius", hauchte Pina ihm zu und setzte sich wieder auf. Julius sah, daß sie einen wasserblauen Morgenrock anhatte und ihr strohblondes Haar nun offen trug. Er erkannte, daß sie so ein wirklich schönes junges Mädchen war. Ein wenig Verlegenheit kroch in ihn. Er hatte sich von Pina küssen lassen. Doch dann wich diese Verlegenheit wieder. Er hatte sich ja nicht dagegen wehren können, wie damals, wo Millie ihn nach einem Quidditchspiel so innig geküßt hatte.

"Ich hoffe, das Millie dir das durchgehen läßt. Ansonsten könnte sie finden, daß du ein böses Mädchen wärest, das sich an halbtoten Männern vergreift."

"Komm hör auf! Halbtot!" Schnaubte Pina. "Wir haben dich gerade so mit hierherbringen können und hier in dieses Bett gebracht. Mrs. Whitesand hat dich noch ausgezogen und in eines ihrer Rüschennachthemden gesteckt, weil sie keinen Männerschlafanzug im Haus hat. wir alle sind hier, auch meine Muggelverwandtschaft. Lady Genevra hat sie alle zurückverwandelt und in Zauberschlaf versenkt. wir müssen abwarten, wie das in der Muggelwelt rübergekommen ist."

"Verdammt, das Zaubereiministerium. Vol..mmmmm", Julius wollte gerade den Namen des dunklen Lords aussprechen, als Pina ihm fest die Hand auf den Mund preßte.

"Mrs. Whitesand hat gesagt, auch wenn hier der Sanctuafugium-Zauber und ein Fidelius-Zauber wirken, sollten wir seinen Namen jetzt echt nicht mehr aussprechen. Irgendwie hat der ihn verflucht oder behext oder wie auch immer", sagte Pina. Da klopfte es an der Tür.

"Pina, ist nett, daß du auf ihn aufgepaßt hast. Aber ich möchte jetzt gerne mit ihm sprechen", klang Sophia Whitesands Stimme durch die verschlossene Tür. Julius blickte sich um. Er lag in einem plüschig rosaroten Schlafzimmer. Alles war rosarot, wie im Land der Barbie-Puppen. Er sah Pina an, schätzte ihre Beinlänge und anderen Körpermaße ab und sagte:

"Gut, daß du keine Barbie-Puppe bist. von der Körpergröße her sehe das irgendwie komisch aus mit so langen Beinen."

"Ich weiß, Melanie hat diese komischen Puppen zum immer nur anziehen und umfrisieren. Olivia hat sich ein paar davon schenken lassen, als Melanie aus dem Alter für tote Puppen raus war. Die sucht sich wohl demnächst einen lebenden Ken."

"Hallo, Julius", begrüßte Lady Genevra den gerade erst wiedererwachten. Sophia Whitesand stand neben ihr.

"Hallo Mylady. War eine berauschende Party. Jetzt müßte ich fragen, wo ich bin. Aber das ist zu abgedroschen. Also frage ich, welchen Tag wir heute schreiben?"

"Den ersten Tag nach der Machtergreifung dessen, den wir besser nicht beim Namen nennen. Pina, gehst du bitte zu deiner Mutter und deiner Schwestr. Sie brauchen dich jetzt mehr als Julius."

"Natürlich, Mrs. Whitesand", sagte Pina folgsam und verließ das Zimmer.

"Ich erkenne, daß sie dir wohl sehr verbunden ist, Julius", sagte Dumbledores Cousine, nachdem sie einen Klangkerker errichtet hatte.

"Ja, ich habe es gemerkt. Es wäre vielleicht auch mal was geworden, wenn meine Mutter nicht von meinem Vater vergrault worden wäre", gab Julius zu.

"Sie wollte unbedingt bei dir sitzen und warten, bis du aufwachst. Oh, hat sie dich wachgeküßt?" Fragte die ältere Hexe und zwinkerte Julius dumbledorisch zu. Er mußte wohl errötet sein, weil sie ihn verschmitzt anlächelte. Er meinte, um die Verlegenheit zu überspielen:

"Im Märchen gehört es sich, daß die Prinzessin den Prinzen wachküßt oder der Prinz die Prinzessin. Von der Königin steht da nichts."

"Oh, aber im Bett der Königin schlafen darf der Prinz, auch wenn er nicht ihr rechtmäßig geborener Sohn ist?" Fragte Mrs. Whitesand, während Lady Genevra mit ihrem Zauberstab über ihn strich.

"Wußte gar nicht, daß sie Heilerin sind, Mylady", sagte Julius.

"Keine aprobierte. Meine Mutter war eine. Sie hat mir inoffiziell die einfacheren und für menschen unschädlichen Sachen beigebracht", sagte Lady Genevra. "Ist immer gut, ein paar Zauber zu beherrschen. So kann Mrs. Powders ungeborenes Kind noch die nötige Zeit heranwachsen und muß nicht in einem dieser riskanten Inkubatoren liegen."

"Du hast meine Frage von eben nicht beantwortet, Julius", sagte Mrs. Whitesand mädchenhaft grinsend. "Darf ein Prinz im Bett einer Königin schlafen, die nicht seine Mutter ist?"

"Da möchten Sie bitte Prinz Philipp fragen. Der kennt sich da aus", erwiderte Julius verschmitzt grinsend.

"Gut, bevor wir uns in Majestätsbeleidigungen oder dergleichen ergehen könten kommen wir lieber zu wesentlichen Sachen. Im Augenblick bist du mein Gast in Whitesand Valley, einem durch Unortbarkeit, Fidelius und Sanctuafugium von fünfzig erfahrenen Zauberkundigen geschütztem Landgut irgendwo in Großbritannien. Du liegst im Zimmer meiner erstgeborenen Tochter Sincerity. Ich habe dich zusammen mit dem ruppigen Jungspund Adrian Moonriver, den Fieldings und Watermelons und den ganzen noch lebenden Muggelgästen von Ryan Sterling hierhergebracht, weil du hier im Moment am sichersten auf diesen sonst so schönen Inseln bist. Wir müssen noch klären, was der Herr der Todesser vom Ausgang seiner Aktion erfahren hat und ob nach dir gesucht wird, weil du gezaubert hast."

"O Mist, können die mich hier noch anpeilen, seitdem ich in Frankreich wohne?" Erschrak Julius. Daran hatte er nicht gedacht. Nachher bekam der Irre noch eine Auflistung der ganzen tollen Zauber, die er, Julius ... Latierre ...

"Wie läuft denn das Rauskriegen. Spürsteine?"

"Die sind nur dafür da, Zauberei in Muggelgebieten zu erfassen und das auch noch ziemlich grobkörnig. Falls du im Büro für den vernunftgemäßen Gebrauch der Zauberei noch mit deiner Spur registriert bist, könnten sie dir sehr rasch jeden Zauber zuordnen, der von dir oder in deiner unmittelbaren Umgebung ausgeführt wird. Eben das lasse ich gerade prüfen", sagte Mrs. Whitesand. Bei Julius rotierten wieder die Zahnräder. Und diesmal rasteten sie sofort ein. Doch zunächst fragte er:

"Wovon hängt diese Spur ab, vom Körper, von der geistigen Ausstrahlung, von einer wie auch immer meßbaren Beschaffenheit der Magie oder vom Namen?"

"Nun, da es ein Verfahren gibt, magisch begabte Kinder bereits bei der Geburt zu erfassen, könnte man meinen, es sei der Körper. Aber diese Spur wird erst auf jemanden gelegt, wenn er auf dem Auswahlstuhl von Hogwarts sitzt und vom sprechenden Hut zugeteilt wird. Ebenso verhält es sich wohl auch in Beauxbatons, das ich meinerzeit mal für ein Jahr besuchen durfte", erwähnte Sophia Whitesand. Julius blickte sie mit einer Mischung aus gespannter Erwartung und großer Hoffnung an. "Ich hörte, deine Mutter bevorzuge logisches Denken und hätte dich in dieser Herangehensweise soweit sie konnte unterwiesen. Auch mir ist dieses Vorgehen nicht so fremd. Deshalb mache ich deine nächste Frage überflüssig. Natürlich ist mir über gewisse Verbindungswege zugegangen, daß du auf Grund verschiedener Entschlüsse und Erwägungen vor dreizehn Tagen die junge Mademoiselle Mildrid Ursuline Latierre geehelicht hast, weil deine Mutter und ihre Eltern befanden, daß dies euch sehr viel nützen würde. Daher ist es durchaus möglich, daß du auf britischem Boden nicht mehr aufgespürt wirst, wenn du zauberst. Womöglich haben Sie dich jedoch in Frankreich mit einer neuen Spur belegt, damit du dort nicht gegen die Disziplin verstößt." Julius atmete durch. Wenn das stimmte, dann konnte ihm Vol... , also der Chef der Todesser, hier nicht hinterherschnüffeln, auch wenn ihm das ganze Zaubereiministerium gehörte. Ihm fiel ein, daß er die Meldung über den Umsturz eigentlich schon längst hätte weitergeben müssen. Doch dafür mußte er das rote Herz benutzen.

"Spätestens in einer Stunde werde ich wissen, ob nach einem Julius Andrews oder Julius Latierre gefahndet wird. Falls weder der eine noch der Andre gesucht wird ..."

"Einer von diesen Knilchen hat mich erkannt", fiel es Julius siedendheiß ein. Er schilderte das Zusammentreffen.

"Wenn das der ist, den du mit der japanischen Kampfkunst der leeren Hand überrumpelt hast, ist er definitiv tot. Ich bezweifle, daß er seinem Herrn und Meister noch eine entsprechende meldung hat zukommen lassen. Ohne Hilfsmittel wie dein Zuneigungsherz oder das Pflegehelferarmband ist eine Verbindung nach außen unmöglich, für Freund und Feind. Und für gewöhnlich pflegen Leute, die einen Arrestdom errichten, nicht in ihm selbst eingeschlossen zu werden. Daran zeigt sich leider die menschenverachtende Haltung des wahrlich vom Weg abgekommenen Magiers mit dem unter Tabu stehenden Namen."

"Das Tabu-Dings zerstreut alle Schutzzauber und meldet, wo es gebrochen wurde?" Fragte Julius.

"Klar erkannt", seufzte Lady Genevra. "Außerdem haben wir Hinweise erhalten, daß er mit grausamen Ritualen die britischen Inseln für nicht hier geborene Hexen und Zauberer unerreichbar gemacht hat. Es ist etwas ähnliches wie die magische Ummantelung von Millemerveilles, nur auf größerem Raum und allein für nicht hier geborene.""

"Es heißt, Wahnsinn und Genie sind die zwei Seiten derselben Münze", seufzte Julius. "Der wird wohl auch wissen warum er so eine Sperre errichtet hat. Immerhin gibt es da ja einige, die ihm sehr gerne das Licht ausblasen wollen. Könnte nur pech haben, weil mindestens zwei hier geborene Körper haben.""

"So, wen meinst du?" Wollte Lady Genevra wissen.

"Harry Potter möchte ihn wohl genauso ausknipsen wie Vol.., öhm, der Chef der Mörderbande Harry Potter. Dann ist da noch eine, die sich einen hier geborenen Körper zugelegt hat, soweit ich weiß."

"Dann sollten wir die Prüfung auch auf seelische Aspekte legen, Genevra", sagte Sophia Whitesand. "Ich denke nämlich schon, daß die beiden voneinander wissen."

"Du bist ihr zweimal begegnet, Julius. Hoffen wir mal, daß es kein drittes Mal gibt", sagte Lady Genevra. Dann wandte sie noch ein:

"Unabhängig davon ist er wohl auch und vor allem darauf gefaßt, daß seine Machtübernahme vom Ausland mißbilligt werden wird und andere Zaubereiministerien Entsatztruppen herschicken. Die Gefahr dürfte größer sein als der direkte Angriff dieser Wiederverkörperten."

"Unterschätzen wir sie lieber nicht, Genevra. Immerhin hat sie ja schon Verbündete in Großbritannien", mahnte Sophia Whitesand. "Gesetzt den Fall, es erweist sich als ausgesprochen geschickter Umstand, daß deine vorzeitige Verheiratung die hiesige Spur von dir genommen hat, dann besteht meinerseits kein Einwand, dich so unauffällig wie du eingereist bist wieder ausreisen zu lassen, und sei es, daß Genevra oder ich dich persönlich nach Frankreich zurückbringen. Apropos, du erwähntest Genevra gegenüber eine Bitte, deretwegen du überhaupt zu Mr. Sterling gekommen bist und so in letzter Konsequenz mein Leben gerettet hast. Ich werde dich mit ihr für ein paar Minuten alleine lassen, damit du die Möglichkeit hast, dieser Bitte nachzukommen", sagte Sophia und stand auf. Sie öffnete die Tür, worauf der Klangkerker erlosch. Sie schloß sie hinter sich. Genevra errichtete den Klangkerker neu.

"So, Julius, jetzt sind wir unter uns. Was hältst du von Mrs. Whitesand?"

"Ich liege gerade in einem ihrer Betten. Da sollte ich sehr respektvoll über sie reden", erwiderte Julius. Dann sagte er: "Sie ist dafür, daß sie sehr mächtig ist sehr umgänglich. Was macht sie hauptberuflich?"

"Hausfrau, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Früher hat sie einmal im Ministerium in der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit gearbeitet. Im Moment betätigt sie sich als Musikerin und Astronomin. Ich gehe davon aus, daß wir alle noch einen Tag bei ihr zu Gast sein werden, bis gesichert ist, ob uns von dem Emporkömmling größeres Ungemach droht."

"Ich fürchte, Sie, Pina, Olivia und Tom Fielding dürfen sich in nächster Zeit nirgendwo mehr blicken lassen", seufzte Julius. "Wenn das mit der Spur stimmt, daß auch Magie in der Nähe eines damit erfaßten registriert wird, hätten sie die drei sofort am Kanthaken, wenn die nach Hause oder gar nach Hogwarts zurückfahren. Ich müßte eigentlich noch mal mit Pinas Kameradin Gloria reden, ob das mit Hogwarts so eine gute Idee ist. Ich fürchte, wenn der Typ mit dem häßlichen Schlangenkopf jetzt echt im Sattel sitzt, wird er in Hogwarts bald Leute seines Schlages reinbringen. Mist, dann geht's sämtlichen Muggelstämmigen da an den Kragen, und das wortwörtlich."

"Das wird sich zeigen, ob sein Einfluß wirklich derartig wachsen kann, daß er Hogwarts nach seinem Bild neu erschaffen kann", erwiderte Lady Genevra. "Immerhin soll mein Enkelsohn Gilbert in diesem Jahr dort eingeschult werden."

"Oha, Ihre Familie", erkannte Julius mit Schrecken.

"Ist an einem geheimen Ort und bleibt dort", sagte Lady Genevra. "Aber kommen wir zu dem, was dich zu uns geführt und in dieses rosarote Schlafzimmer gebettet hat!"

Julius nickte und tastete nach seinem Brustbeutel und dem Herzanhänger. Dabei fiel ihm ein, daß seine anderen Zaubergegenstände noch in dem Anzug waren. Doch das würde er gleich klären. Erst einmal zog er den Brustbeutel hervor und entnahm ihm das flauschige Päckchen von Madame Faucon. Dieses übergab er Lady Genevra. Sie las laut: "Für die Person Ihres größten Vertrauens von einer, die sie respektiert."

"Du hast eine Vorstellung, was in diesem extragepolsterten Päckchen ist?" Fragte Lady Genevra.

"Eine Vermutung schon. Aber Vermutungen bringen nicht viel ein", erwiderte Julius.

"Sofern es keine verfluchten Gegenstände sind, gehe ich davon aus, daß die Person, in deren Auftrag du dich in Gefahr gebracht hast, das Vertrauen wert ist. "Dann werde ich dieser Bitte mal entsprechen. Du bleibst im Bett. Die Magie, die du fokussiert hast, ist mir völlig unbekannt. Daher weiß ich nicht, welche Nachwirkungen sie auf deinen Körper oder Geist haben könnte."

"Ich bleibe hier, bevor Sie meinen, mich auch in so ein schnuckeliges weißes Taschentuch verwandeln zu müssen", erwiderte Julius.

"Ich weiß, Verwandlungen imponieren dir. Das hat Eleonore mir auch einmal erzählt."

"Wenn Sie wüßten, was ich mit dem Fach schon erlebt habe."

"Zumindest mußtest du nicht aus lauter Frustration eingenäßte Windeln zählen, wie dein Zaubergehilfe Adrian Moonriver", sagte Genevra von Hidewoods und verließ das Zimmer. Die Tür ging zu. Julius dachte daran, heimlich aufzustehen und dieses gastliche Haus zu erforschen. Aber wie er die Ladies einschätzte hatten die bestimmt einen Meldezauber an der Tür angebracht. Abgesehen davon, daß sie sich auf die magische Ausstrahlung des Herzens oder des Pflegehelferschlüssels aufschalten konnten, wie es in der Technik so schön hieß. Er fand neben dem breiten Bett, in dem er lag, einen Nachttisch mit zwei Schubladen. In einer lagen sein Zauberstab, sein Vielzeug und die Phiole. In der zweiten lag ein Buch über Astralzauberkunst. Hatte Sophia Whitesand es ihm extra hingelegt, um ihm die langen Stunden zu vertreiben? Zunächst einmal benutzte er das Herz.

"Na, Monju, jetzt Zeit, mit mir zu reden?" Fragte Millie nach seinem Gruß. "Ich habe es wohl verschlafen, daß du wohlbehalten irgendwo anders gelandet bist. Schwester Rossignol kann zwar nicht sagen, wo, aber sie läßt schön grüßen, und solltest du einem Heiler zugeführt worden sein, soll der dich erst entlassen, wenn du vollkommen klar bist."

"Ich wollte mich zuerst bei dir und deiner Familie bedanken, daß ihr mir geholfen habt. Ich hätte das ohne euch nicht überlebt."

"Wir hätten dich da gar nicht erst hinfahren lassen sollen. Im Miroir stand drin, daß Rufus Scrimgeour wegen eines groben Fehlers von seinen Ämtern zurückgetreten ist und der Leiter der Strafabteilung sein Amt übernommen hat. Wer's glaubt."

"Daß der das Amt übernommen hat weiß ich. Aber der ist nur eine Marionette, Millie. Was mit Scrimgeour passiert ist weiß ich nicht. Ich bin hier in einem rosaroten Schlafzimmer an einem Ort, den ich dir nicht verraten kann, weil Fidelius. Bis auf Pinas Vater, ihren Onkel Bert, ihre Tante Claudia und einen der Leihkellner haben wir alle überlebt, weil du mir geholfen hast."

"Viel haben Maman, Oma Line und Tine getan. Oma Line ist danach fast in Ohnmacht gefallen. Jemand hat ihr ihre restliche Tagesausdauer übertragen lassen und sich freiwillig in einem unserer Gästebetten ausgeruht. Rate mal wer!"

"Also da der Kraftübertragungszauber nur zwischen Zauberkundigen ausgeführt werden darf und du das Wort "Freiwillig" so betonst kann es nur Madame Faucon sein.

"Wunderbar, dein Gehirn geht noch. Ich dachte schon, es wäre durch diesen Superzauber weggebrannt worden."

"Dann könntest du dich von mir jetzt nicht mit Melo volltexten lassen, ma Chere", erwiderte Julius.

"Mist, Überlogik. Das müssen wir wieder auf das Maß von vorgestern zurückdrehen", erwiderte Millie schlagfertig. "Aber du hast recht. Blanche Faucon, die Oma Line bis vor einigen Tagen nur aus dreißig Metern Entfernung angeguckt hat, hat ihre Tagesausdauer auf Oma Line übertragen lassen. Ist Oma aber gut bekommen. Sie war danach wieder ganz munter. die beiden haben sogar am nächsten Morgen gescherzt, daß Oma Line jetzt ein wenig von Madame Faucons Lebenskraft in sich hat und die wohl, sollte sie noch ein Kind haben wollen, in das mit reinfließen lassen würde. Oma Line fragte sie dann, ob sie es dann Blanche nennen könne, wenn's 'n Mädchen würde. Madame Faucon sagte dann, daß der Name in der Liste der Latierres wohl noch nicht vergeben sei und es vielleicht ein schöner Neuanfang wäre. Natürlich ist Oma Line jetzt wohl wieder auf ein Kind aus. Also sieh bloß zu, daß du immer schön in meiner Nähe bleibst, Süßer!"

"Ich denke, deine Oma ist mit dem Zauberer, den sie hat, gut genug bedient", erwiderte Julius darauf.

"Wie ist das mit diesem Auftrag, für den Madame Faucon uns breitgeschlagen hat, dich da hinzulassen?" Fragte Millie.

"Bestell ihr bitte, Auftrag ausgeführt", schickte Julius zurück.

"Dieses magische Dingelchen von Camille. Woher wußtest du, was das kann?"

"Das ist sozusagen die Keimzelle von Ammayamiria, Millie."

"Verstehe", schickte Millie zurück.

"Die müssen hier noch klären, ob ich ohne Gefahr wieder zu euch zurückkommen darf. Ähm, außerdem befürchten sie, daß kein im Ausland geborener magischer Mensch noch nach England reinkommt, weil der, der jetzt echt nicht mehr beim Namen genannt werden darf, ein Ritual gemacht haben könnte, daß alle ausländischen zauberer abhält oder grausam quält oder umbringt."

"Papa ist zwar ein Halbzwerg. Aber ich sage es ihm besser. Öhm, das gilt für Menschen?"

"Ich denke, Artemis wäre zu auffällig", Millie. Die bleibt besser wo sie ist", schickte Julius zurück.

"War nur 'ne Idee, wo sie sich freuen würde, dich da abzuholen."

"Wir kriegen das schon, Mamille. Noch mal vielen Dank an euch alle, die mir geholfen haben!"

"Nur soviel, Monju: Wenn du außerhalb der Schulzeiten von Beauxbatons noch mal so eine Reise unternehmen willst, wirst du mir vorher was zurücklassen, das dich überleben kann, Süßer."

"Ich liebe dich auch", erwiderte Julius. Dann legte er den Herzanhänger wieder unter sein Rüschennachthemd.

Zwei stunden später durfte er aufstehen und sich seinen Anzug wieder anziehen, der überhaupt keine Spuren des turbulenten Abends mehr aufwies. Er lernte die wichtigsten Räume des großen Landhauses kennen und durchstreifte ein idyllisches Tal mit grünen Wiesen, Blumen und Obstgärten. Die Vögel sangen hier, als sei dieser Ort wie ein unberührtes Fleckchen Natur. als die zauberkundigen Gäste alle im geräumigen, mit hellen Vorhängen und Teppichen ausgeschmückten Wohnraum saßen, sagte Sophia Whitesand:

"Ich habe vier Nachrichten, zwei gute und zwei Schlechte. Was wollt ihr zuerst hören?"

"Die schlechten", warf Julius ein. "Dann haben wir die hinter uns." Alle anderen nickten.

"Die Schlechte Nachricht Nummer eins ist, daß sie Pina, Olivia und Tom wohl als Zeugen des Geschehens ausgemacht haben, weil die Spur auf ihnen liegt, die Magie in ihrer Umgebung anzeigt", sagte Sophia Whitesand. "Die zweite schlechte Nachricht ist, daß die Muggel die sogeenannte elektronische Post von Dr. Sterling zurückverfolgt haben, um zu ergründen, ob es ein Brandanschlag oder ein Unfall war. Dabei ist auch die Gästeliste der nichtmagischen Personen. Die Ermittler waren schnell. Sie haben diese Telefonsprechgeräte benutzt und nachgeprüft, ob jemand von der Gästeliste bei der Feier war. Julius, du standest nicht darauf. Offenbar wußte Dr. Sterling nicht, ob deine Mutter eine elektronische Postadresse besitzt. Und du könntest ja die Einladung mit deiner Mutter zusammen abgelehnt haben. Aber das war noch nicht die eigentliche gute Nachricht Nummer eins. Ich habe alte Freunde und gute Kontakte ins Ministerium und anderswohin bemüht, um herauszufinden, ob Minderjährige Zauberer am Tatort waren. Außer Pina, Olivia und Tom sind keine minderjährigen Zauberer aufgefallen."

 

"Häh, und was ist mit Adrian?" Fragte Pina. Dieser grinste.

"Ich habe das gut verhindern können, daß ich die Spur auf mir liegen habe", sagte dieser. Julius ließ die Neuigkeit auf sich wirken. Ihn suchten sie nicht. Er hatte hier in England keine Spur mehr auf sich ruhen. Die Hochzeit hatte die einfach gelöscht oder wegen seines Namens verwischt.

"Die zweite gute Neuigkeit ist die, daß keiner der Todesser weitergemeldet hat, wer wie was getan hat. Damit sind wir etwas sicherer."

"bis auf den klitzekleinen Umstand, daß wir, also Olivia, Tom und ich nicht mehr in unsere Häuser zurückkehren dürfen", grummelte Pina. Olivia nickte. Genevra bat um das Wort:

"Das ist kein Problem, ihr werddet bei mir wohnen, ihr Beide, eure Mutter und Ryan", erwiderte Genevra.

"Ja, aber da suchen diese Mörder sie doch auch", warf Roy Fielding ein.

"Sie suchen mich auch schon lange", sagte Sophia Whitesand. "Sie denken, ich hätte nach Albus Dumbledores Tod die Leitung seines Phönixordens übernommen oder dergleichen. Genevras Haus ist mit Fidelius-Zauber geschützt. Wo es ist, weiß nur sie."

"Dann kommen wir doch jetzt zu einer tollen Frage", wandte Pina ein: "Was wird mit Melanie und Mike und ihrer Mutter?" Hierauf antwortete Sophia Whitesand:

"Das mache ich davon abhängig, wie gut sie den Schock des Angriffs und die Enthüllung unserer Natur bewältigen können. Ich werde ihnen drei nicht tödliche Alternativen anbieten: Die werden bei mir wohnen, von jetzt bis zu einem Zeitpunkt, wo sich in Muggel- und Zaubererwelt keiner mehr an sie erinnern mag. Dabei können sie sich innerhalb des Tales frei bewegen oder im Zauberschlaf überdauern. Die Dritte Möglichkeit wäre der radikale Neubeginn ihres Lebens, wobei ich sie dann weit weg voneinander unterbringen werde. Diese Maßnahme erscheint mir zwar ähnlich einer Zeugenbeseitigung durch Mord, bringt ihnen vielleicht jedoch ein angenehmeres Leben wieder." Pina fragte sie, was sie damit meine, einen radikalen Neuanfang. Julius war sich sicher, die Antwort zu kennen, und Adrian Moonriver verzog das Gesicht, als sei diese Möglichkeit schlimmer als Mord. "Das hieße, ich verwandele alle drei in Neugeborene zurück und lösche alle Erinnerungen an ihr bisheriges Leben aus, bringe sie zu Orten, wo ausgesetzte Kinder Obdach erhalten und aufwachsen, antwortete Mrs. Whitesand. "Ebenso werden die Powders, Bill Huxley und seine Verlobte auf unbestimmte Zeit bei mir wohnen, sowie Mr. Rodney Underhill."

"Die werden sich hier wie in einem Gefängnis vorkommen", warf Julius ein. "Das Tal ist zwar schön. Aber auf Dauer würde ich hier nicht festhängen wollen."

"Ich überlege mir auch, ihnen Muggelidentitäten unter anderem Namen zu ermöglichen. Aber dann müßten sie weit außerhalb der Einflußspähre des zaubereiministeriums bleiben, und wir wissen nicht, wie weit diese reicht."

"Ihr könnt die doch im Zauberschlaf halten", warf Roy Fielding ein. "Sehen doch friedlich aus, wenn sie schlafen."

"Ja, nur das Dr. Powders Frau ein Baby erwartet. Stell dir mal vor, du gehst schwanger schlafen, und morgens hast du einen zehnjährigen Sohn", wandte Adrian ein. Sophia Whitesand räusperte sich.

"Ich bin keine Hüterin von Schlafplätzen. Falls es sich nicht muggelmäßig regeln läßt, bleiben die erwähnten hier oder beginnen ihr Leben wirklich ganz von vorne." Julius mußte sich anstrengen, sich von dem Gedanken nicht überwältigen zu lassen, daß Pinas Verwandte ebenso völlig zurückgeschrumpft wurden wie sein Vater, den hier alle für tot und begraben hielten.

"Das hätte der alte Zausel mit mir auch richtig machen sollen", knurrte Adrian. "Wenn er sich schon von so'nem Muggelstämmigen und einer vorwitzigen Heilzauberinteressentin beschwatzen ließ ..."

"Dann könnten Sie heute nicht immer noch so rumknurren, Mr. Moonriver geborener Silverbolt", erwiderte Roy. Offenbar paßte diesem der von Adrian in den Raum geworfene Schuh.

"Das wäre das allerletzte, nicht tödlich wirkende oder permanent umwandelnde Mittel", stellte Mrs. Whitesand noch einmal klar."Ich möchte erst alle relevanten Fakten kennen, bevor ich mich für eine der Auswahlmöglichkeiten entscheide."

"Dann müßtet ihr Ryan auch diese Möglichkeiten anbieten", warf Pinas Mutter ein. "Dann hättet ihr ihn auch gleich in seinem Haus verrecken lassen können."

"Hortensia, wir bringen niemanden um, wenn es sich vermeiden läßt, egal wen, egal warum", warf ihre Patin ein. Das schien Mrs. Watermelon sichtlich anzurühren.

"Neh, ihr seid der menschenfreundlichste Verein der ganzen Zaubererwelt", feixte Adrian. Sophia hatte ihren Zauberstab so schnell zur Hand, als habe sie ihn mit Gedankenkraft in der rechten Faust materialisiert. Sie zielte auf Adrian. Dieser grinste überlegen und klopfte sich auf seine Brust.

"Selbst du kommst nicht da dran vorbei, Oma Sophia", blaffte er überlegen. "Wenn du mich nicht umbringen willst kriegt mich kein Fluch oder Zauber."

"Überheblichkeit und Hochmut schwächen die Magie deiner Ahnen, Adrian. Ich wäre da nicht so sicher, ob du wirklich so unangreifbar bist, wenn du die Macht deines Schutzartefaktes mißbrauchst, um gegen bestehende Anstandsregeln aufzubegehren", erwiderte Mrs. Whitesand sehr entschlossen. "Möchtest du wirklich die Macht deines Pentagramms versuchen und die Konsequenz hinnehmen, wenn sie sich dir verweigert?" Adrian stutzte, verzog das Gesicht und schüttelte sehr verdrossen den Kopf. "Dann zwinge mich nicht dazu, dich zu züchtigen!" Julius mußte hinter vorgehaltenen Händen grinsen. Dieser ruppige Rüpel, der die Chance hatte, ein zweites Leben zu führen, könnte Ashtarias Gabe verlieren, weil er meinte, sich immer dahinter verstecken zu können, wenn er jemandem ganz bewußt und ohne Not auf die Füße trat. Offenbar wußte diese Hexe mehr über die mächtige Ashtaria als diesem Knurrer lieb war. Ihm selbst kam wieder die Drohung ins Bewußtsein, daß Ashtaria ihn nur widerwillig ins Leben zurückgelassen hatte und jederzeit zu ihm zurückkehren könne, wenn sie befand, daß er dieses Geschenk nicht richtig würdigte.

"Ich rede mit Ryan, ob er mit mir, Pina, Gerty, Mel und Mike auf Genevras Anwesen wohnen möchte", wandte Pinas Mutter ein. "Womöglich ist es die bessere Lösung, als sie hierzubehalten oder in hilflose Säuglinge zurückzuverwandeln. Sie wissen ja auch nicht, wer sie dann neu aufzieht und ob das wirklich ein besseres Leben sein wird."

"Das hoffe ich, daß Sie mir da helfen können, Mrs. Watermelon", erwiderte Sophia Whitesand sehr erfreut. Julius fragte sich, ob sie sie nicht gleich hätte duzen und Schwester nennen können. Aber was hatte er sich nach dem zweiten Treffen mit der Wiederkehrerin geschworen? Nicht bei jeder Hexe in Verfolgungswahn zu geraten.

"Gut, dann überlassen Sie es bitte mir, meinen Bruder, meine Schwippschwägerin und ihre beiden Kinder so behutsam das geht mit unserer Lage vertraut zu machen und ihnen die Möglichkeiten zur Auswahl zu stellen."

"Na klar, vielleicht fühlt sich der kleine Mikey ja besser, wenn er sich in einen schreienden Hosenscheißer zurückverwandeln läßt", feixte Adrian. Doch der auf ihn deutende Zauberstab Sophia Whitesands ließ ihn allen weiteren Spott hinunterschlucken.

"Für wen, der eigentlich schon über hundertmal um die Sonne mitgereist ist haben Sie aber eine sehr rüde Ausdrucksweise am Leib", feixte Roy nun. Julius grinste ihn zustimmend an. Offenbar genoß Roy es, dem Jungen, den er für seinen früheren UTZ-Lehrer hielt, lange aufbewahrte Nettigkeiten zurückzugeben.

"Roy, lass ihn bitte", wandte sich Dina an ihren Mann. "Die Lage ist zu ernst, um uns wie dumme Jungen rumzuzanken. Denk an Tom!"

"Hast recht, Dina", erwiderte Roy abbittend. "Aber die überhebliche Tour von dem Herren da ist auch total unangebracht. Gut, daß der bei den Gryffindors reingekommen ist und nicht zu den Ravenclaws wie unser Tommy."

"Nur weil die alte Zuckertüte meinte, ich wolle sie veralbern, daß ich mich noch mal druntersetze", knurrte Adrian. "Dieser zerfranste Deckel wollte mich doch gar nicht zuteilen und mich am besten wieder nach Hause fahren lassen. Das war das erste und einzige Mal, daß ich mich mit einem verzauberten Gegenstand rumgestritten habe.""

"Hallo die Herrschaften, wir haben noch nicht alles erörtert und nicht alle Zeit des Universums", gemahnte Mrs. Whitesand die versammelten Hexen und Zauberer.

"Stimmt, Mrs. Whitesand", setzte Pina an. "Wie sieht das mit der Schule aus? Wir hätten nächstes Jahr die ZAGs."

"Darf ich?" Fragte Julius. Er durfte. "Also, Pina. Deine Mutter ist eine Muggelstämmige. Das heißt, du bist wie Olivia ein Halbblut. Das kann reichen, unter den Augen von Lord Mein-name-ist-tabu in Hogwarts weiterzulernen, bei seinen Leuten versteht sich. Oder ddeine muggelstämmige Mutter reicht diesem Veterinärtheologen schon aus, um dich mit ihr zusammen in eine Art Konzentrationslager zu sperren. Mit sowas rechne ich leider jetzt, wo rum ist, daß Thicknesse eigentlich nur eine Marionette ist. Außerdem werden deine Eltern, Olivia und du für tot erklärt. Ihr seid bei dieser Superexplosion mit draufgegangen. Bumm!"

"Das findest du echt lustig, was Julius?" Fragte Pina.

"Soll ich dir was sagen, Pina, ich bin erleichtert, wenn ich weiß, daß schon einmal eine gute Freundin von mir nicht nach Hogwarts zurückgeht, wenn da Lord Sag-meinen-Namen-und-stirb seinen Klüngel reinsetzt. Nachher machen die Snape noch zum Schulleiter. Wie gefiele dir das?"

"Ui, du rufst da gerade einen ziemlich gemeinen Drachen", stöhnte Roy Fielding. "Der Knallkopp und Mörder hat Tom in seinem ersten Jahr immer blöd angepampt. "Vorlaut wie der Vater, besserwisserisch wie die Mutter und vielleicht auch so tolpatschig wie die.""

"Roy, muß das sein?" Zischte Dina.

"Also ich für meinen Teil sehe zu, daß Tom nach Redrock geht, bevor die wirklich noch Snape ... grauenhafte Vorstellung."

"Okay, Julius, du hast gewonnen. Wenn die es wirklich drehen, daß der Mörder Dumbledores Hogwarts leiten darf, dann bleibe ich lieber bei Tante Genevra. Beibringen kann die uns ja auch was. Ich hoffe nur, wir können später was damit anfangen."

"Mädchen, wenn ich erst einmal mit dir anfange, wirst du mich darum bitten, dir weniger aufzuhalsen", knurrte Genevra. "Außerdem werde ich meine Tochter und ihren Mann davon überzeugen, Gilbert dieses Jahr nicht nach Hogwarts zu lassen."

"Ui, da wird der sich aber freuen", feixte Julius.

"Möchtest du auch bei mir wohnen bleiben?" Mentiloquierte Genevra ihm ziemlich genervt.

"Da muß ich erst meine Frau fragen", schickte er zurück.

"Die würde glatt mitkommen wollen", erwiderte Genevra nur für Julius vernehmbar. "Also lassen wir es!"

"Da bin ich ja mal gespannt, wie Sie den ganzen Muggeln hier verkaufen wollen, daß die jetzt im Himmel sind und ihr weltlicher Besitz zwischen diesem Massenmörder und den Vampiren vom britischen Finanzamt aufgeteilt wird", grinste Roy. "Ich für meinen Teil mach das mit meiner Schwester klar, daß wir nach Aussiland rüberziehen."

"Unter eurem Namen würde ich das lassen, wenn dir das Leben deiner Schwester und deiner Nichten lieb ist", wandte Adrian ein. "Der kann zwar nicht überall was machen. Aber wir haben bei den Leuten die hierbleiben einen Geheimagenten vom MI6. Wer sagt uns, daß der Boss der Todesser nicht auch sowas hat und da speziell nach flüchtigen Briten sucht, die wegen ihm die große Sause gemacht haben."

"Jetzt rufst du aber auch für mich einen großen Drachen", grummelte Julius. Er konnte sich vorstellen, daß in nicht all zu ferner Zeit irgendwer nachbohren könnte, was mit den Andrews' und vor allem dem vielen bei Gringotts deponiertem Geld passiert war. Da Martha und Julius Andrews damals keine Angst vor Zaubereiministerien hatten, war der Umzug ganz sicher irgendwo aufgeschrieben. Das sollte er seiner Mutter besser auch gleich mitteilen.

"Julius, wenn die mich echt für tot erklären, das könnte gloria ziemlich runterziehen", sagte Pina. Sie fragte ihre zukünftige Obdachgeberin, ob gloria es erfahren dürfe, daß Pina noch lebe.

"Ich werde sie zu uns einladen, wenn ich weiß, daß sie nicht beobachtet wird. Immerhin ist ihr Vater bei Gringotts", sagte Lady Genevra. Pina nickte.

"Dann bleibt nur noch, Julius sicher zurückzubringen. Das werde ich übernehmen", sagte Sophia Whitesand. Julius nickte. "Morgen früh, Julius", fügte sie dann noch hinzu.

Am Nachmittag trafen noch Prudence und ihre Familie ein. Sophia Whitesand hatte befunden, daß sie schnellstmöglich aus dem Gesichtsfeld des Minnisteriums verschwinden sollten. Julius ging mit der ehemaligen Quidditchkameradin durch Whitesand Valley. An einer munter sprudelnden Quelle zauberte Prudence eine grüne Bank aus dem Nichts.

"Wir sind gerade noch weg, Julius. Ich wollte zu dem Vorfliegen bei den Harpies hin, da kamen welche vom Ministerium. Ein gewisser Yaxley und so ein paar andere Mördergesichter. Sie sagten, daß sie Uroma Sophia suchten, weil sie an der Ermordung des früheren Zaubereiministers beteiligt gewesen sein soll. Da kam Uroma Sophia mit einer Riesenteekanne in der freien Hand aus blauem Licht raus und hat gleich diesen Essentia Stellarum gezaubert. Das ist ein ziemlich kraftzehrender Zauber, der alle Bösartigen Wesen in Rufweite daran hindert, anzugreifen, ob mit Magie oder mit Körperkraft. Meine Eltern, meine Geschwister und ich mußten uns dann an der alten Teekanne festhalten. Damit sind wir dann herübergeholt worden. Ui, war das knapp!" Erzählte Prudence.

"Thicknesse und sein Herr und Meister sind stinksauer, weil sie deine Uroma nicht erwischen konnten und die jetzt allen, die sie gut kennt erzählen kann, daß jemand ganz gemeines und irres im Ministerium die Strippen zieht", erwiderte Julius.

"Ich habe Pina und ihre Schwester gesehen. Warum seid ihr alle hier?" Fragte Prudence. Julius gab ihr einen kurzen Bericht und erwähnte auch, daß sie nur mit vereinter Kraft aus dem Arrestdom entkommen waren.

"O, dann könnten sie auch nach dir suchen", unkte Prudence.

"Das hat deine Uroma schon geklärt. Die haben nicht mitbekommen, daß ich dabei war, weil sich in Frankreich einiges für mich geändert hat."

"Ach, und deshalb liegt die Spur nicht mehr auf dir, zumindest hier in Großbritannien?" Fragte Prudence.

"Vermutet deine Urgroßmutter", sagte Julius darauf. Sollte er Prudence jetzt eröffnen, daß er nicht mehr Julius Andrews hieß? Im Moment wollte er das nicht, weil er nicht wußte, ob Prudence nicht doch bald wieder an die Weltöffentlichkeit zurückkehren würde. Um sie von möglichen Gedanken abzulenken sagte er ihr, was am Morgen beredet worden war.

"Falls wir erst einmal alle hierbleiben müssen biete ich an, Uroma Sophia beim Unterricht für Tom Fielding zu helfen. Ich gehe davon aus, daß seine Eltern ihn nicht so einfach nach Australien rüberschaffen können."

"Mit Muggelflugzeugen ginge das", sagte Julius. "Die können nicht alles einfach so überwachen, ohne an wichtigen Stellen Leute abzuziehen. Dieser Mistkerl hat sich das zu einfach vorgestellt, mal eben die ganzen britischen Inseln umzukrempeln. Im Grunde könnten wir alle uns hier sogar wie Feiglinge sehen, weil wir uns sehr schnell verdünnisiert haben, wenn anderswo ahnungslose Leute in Gefahr sind."

"Flucht vor einer übermächtigen Gefahr ist keine Feigheit, Julius", widersprach ihm Prudence. "Wir mußten fliehen oder wären grausam ermordet worden. Wir haben alle, die uns wichtig sind mitgenommen. Dann ist das ganz sicher keine Feigheit", legte sie noch nach. Julius sah dies ein. Er wollte gerade von was anderem anfangen, als die Watermelons zusammen mit Ryan Sterling, seiner Schwippschwägerin und ihren beiden halbwüchsigen Kindern herankamen. Prudence klopfte völlig unbekümmert mit dem Zauberstab auf die Bank, die leise knarrend breiter wurde. Doch Hortensia bewegte ihren Zauberstab und zeichnete mehrere Gartenstühle. Prudence nahm den Verbreiterungszauber von der Bank zurück und rückte so wieder näher an Julius heran.

"Es ist nicht einfach", stellte Mrs. Leeland, Melanies und Mikes Mutter, in einem traurigen Ton fest. "Gestern war unser Leben noch so geordnet, so überschaubar und vor allem, so eindeutig sachlich erklärbar. Konnte ich wissen, daß Hortensia deshalb so eine exzentrische Ausstrahlung hatte, weil sie ... eine ... magisch begabte Person ist? Für uns gab's doch Magie nur in Märchenbüchern. Und auf einmal geraten wir in eine Schlacht zwischen weißen und schwarzen Magiern hinein. Ich hoffe immer noch, gleich aufzuwachen und meinen Mann neben mir ruhig atmen zu hören."

"Schon die total abgedrehte Kiste", warf Mike ein. "Das Tante Tenny so merkwürdige Typen kennt habe ich ja noch irgendwie gepeilt. Aber daß du, Julius, auch in diesem Verein mit drinhängst ist schon eine megakrasse Nummer."

"Ich hoffe mal, daß ich dir eine zimmern mußte kannst du mir irgendwie verzeihen", sagte Julius. Er sah auf die Stirn des ungefähr gleichalten Jungen, der aber wirklich noch wie fünfzehn aussah. Keine Spur von dem Schlag, den er ihm versetzt hatte.

"Die haben uns wohl alle mit so Heilzaubern oder was immer das sein soll behandelt. Onkel Ryans Patentante, die auch 'ne echte Hexe is' hat sogar erzählt, sie hätte uns irgendwie klein und tragbar gehext, damit sie uns schnell anderswo hinbringen kann. Davon habe ich aber nix mitgekriegt."

"Das ist bestimmt auch gut so, Mike. Mir graut noch davor, wie diese sogenannte Lady das mit mir gemacht hat", erwiderte Mikes Mutter.

"Sie wollten euch auf jeden Fall retten, Gerty", verteidigte Hortensia Watermelon das Vorgehen. Melanie sah Julius an, schien ihn irgendwie genauer zu betrachten.

"Woran kann man einen Zauberer erkennen, bevor der seinen Zauberstab rausholt und damit was anstellt?" Fragte sie ihn.

"Überhaupt nicht, wenn er sich in gewöhnlicher Kleidung rumtreibt", antwortete Julius und strich über seinen schnieken Anzug.

"Ja, aber du hast doch vor drei Jahren bei Onkel Ryans Fest diesen Bengel Gilbert damit aufgezogen, daß Alchemie und dergleichen nur Betrug sind", erinnerte sich Melanie.

"Weil die unmagischen Alchemisten eben betrogen haben, Melanie", erwiderte Julius. "Die hörten vielleicht mal davon, daß es auch echte Zaubertrankbrauer und Substanzmagier gibt, konnten das aber selber nicht machen und taten so als ob. Genauso wie die sogenannten Zauberkünstler ja auch ohne Magie Sachen verschwinden oder schweben lassen oder die Leute glauben lassen, etwas wäre weg oder schwebe. Die bringen ja sogar Teleportationsnummern, wo ein Doppelgänger in dem Moment aus einer weit entfernten Kiste rausspringt, wo das Original in seiner Kiste verschwindet. Es soll sogar echte Zauberer geben, die das erforschen, wie man ohne Magie Sachen und Menschen verschwinden lassen kann", legte er noch nach. Pinas Mutter nickte.

"Diese andere, wohl ziemlich wichtige Hexenlady hat Tante Tenny zu uns geschickt, um uns zu fragen, wie wir weiterleben wollen", sagte Melanie. Ihre Mutter und Ryan Sterling nickten. "Wir können jetzt die ganze Zeit hierbleiben. Wir können hoffen, daß diese Dame was findet, um unsere Identität zu ändern oder sie läßt uns wieder zu Babys werden und hofft, daß jemand uns wieder großzieht. Eine einerseits faszinierende, aber auch bedrückende Möglichkeit. Meine Psychologielehrerin, Dr. McKoy, nutzte ihre Zeit vor dem Mutterschaftsurlaub im letzten Jahr, um uns mit der pränatalen und postnatalen Wahrnehmung von Kindern zu traktieren und meinte, daß wir trotz aller medizinischen und psychologischen Analytik, Phantasie und Technik noch lange nicht ergründen würden, was ein Kind vor und nach der Geburt empfindet oder gar denkt. Insofern wäre das ein interessantes Experiment. Andererseits hat Tante Tenny erwähnt, daß sie uns das komplette Gedächtnis löschen müßten, weil wir sonst Probleme mit dem Neuanfang hätten. Insofern möchte ich doch gerne die Mittel ausreizen, ich selbst zu bleiben oder zumindest mein bisheriges Leben in Erinnerung behalten zu können."

"Es ist die Frage, wie ihr weiterleben könnt, ohne doch noch Probleme zu kriegen."

"Wo wir es von einer Art Wiedergeburt haben", wandte Mrs. Leeland ein. "Genau so kommt es mir doch vor, was uns passiert ist. Vorher haben mein Mann, meine Kinder und ich in einer geordneten, rhythmischen Welt gelebt, in der wir wußten, wo wir waren und was wir waren. Dann kommt dieser Schock, dieser Überfall dieser Maskenleute, und im nächsten Augenblick sind wir in einer ganz anderen, weiter ausgedehnten Welt gelandet. Neugeborene haben damit manchmal gewisse Probleme, die neue Welt zu akzeptieren. Welche art von Nachgeburtsversorgung wird uns denn hier angeboten, Hortensia?"

"Die Möglichkeit, mit dem, was ihr bisher gemacht habt, was neues machen zu können", antwortete Pinas und Olivias Mutter. "Bert und Tiberius sind nicht mehr da, Gerty. An diesem Schock müssen wir beide wohl noch lange knabbern. Sie sind tot, weil jemand befunden hat, meine Patentante angreifen zu müssen und dabei jeden einfach so umgebracht hat."

"Es ist normalerweise so, daß Leute, die keine Hexe oder keinen Zauberer in der eigenen unmittelbaren Familie wohnen haben, überhaupt nichts von der magischen Welt mitbekommen, Mrs. Leeland", übte sich Julius einmal mehr in der Vermittlerrolle zwischen den beiden Welten. "Wäre das nicht der Nebenkriegsschauplatz eines echten Staatsstreiches gewesen, sondern ein willkürlicher Angriff, hätten die vom Ministerium Sie mit jenen Erinnerungszaubern vergessen lassen, was Sie erlebt haben, mit denen Mrs. Whitesand Sie belegen würde, falls Sie sich für den totalen Neustart entscheiden würden.".

"Wer sagt unsdenn, daß die Hexenladies nicht alle der meinung sind, uns in quänglende Wickelkinder zurückzuverwandeln?" Fragte Mike, der sich wohl noch nicht so ganz mit der neuen Lage anfreunden konnte.

"Der kleine aber feine Umstand, daß genau jetzt, wo anderswo alle Gesetze der Menschlichkeit in Stücke gehauen werden, noch genug Leute übrigbleiben sollen, die sich an die Regeln halten", sagte seine Tante Hortensia. Mike sah sie leicht verdutzt an. Dann umspielte ein merkwürdig jungenhaftes Grinsen sein Gesicht. Da ploppte es, und eine hochgewachsene, dunkelbraunhaarige Hexe in veilchenblauem Umhang stand da. Sie war gertenschlank, was ihre ausgeprägten weiblichen Formen um so deutlicher hervortreten ließ. Mike sah sie an und sagte nur: "Wau!"

"Oh, ich wollte an und für sich am anderen Zugang ankommen", sagte die Hexe mit freundlicher Stimme und blickte alle Anwesenden abbittend an, blieb dann aber mit dem Blick der türkisfarbenen Augen an Mike Leeland hängen. Dieser betrachtete sie wertend und errötete dann.

"Na, woran haben wir gerade gedacht, als ich hier ankam", lachte sie. Prudence zog Julius kurz zu sich und flüsterte:

"Das ist Patience, eine Cousine meines Vaters und eine berufsmäßige Amme. Sie versorgt die Kinder von stationär aufgenommenen oder berufstätigen Hexen."

"Prue, man flüstert nicht", schalt die gerade apparierte Hexe.

"Öhm, wie heiße ich, Tante Patience?" Knurrte Prudence.

"Geht immer noch", lachte die Hexe. Mike blickte sich derweil hilfesuchend um. Julius stand auf und ging hinüber. Doch Patience, deren Nachnamen er nicht kannte, zupfte ihm am Ärmel und fragte:

"Wolltest du nur für mich aufstehen oder dich mit dem verlegenen Jüngling da über die nette Tante unterhalten, die da mal eben aus dem Nichts rausgetreten ist?"

"Wenn Sie das so vorschlagen, Mrs. oder Ms. ...", setzte Julius ganz lässig an.

"Moonriver", sagte die gerade erst aufgetauchte. Dann kgab sie Julius einen zärtlichen Stupser.

"Wer ist denn die Braut, Julius", zischte Mike, als Patience Moonriver, wohl die Adoptivmutter von Adrian, sich neben ihre Nichte Prudence setzte. "Ich denke so dran, wie das sein würde, so als kleiner Nuckelmann bei irgend'ner Ersatzmami im Arm zu liegen und so, und da taucht diese braunhaarige Ausgabe von Pamela Anderson aus dem Nichts auf. Das haut rein."

"Ja, das mußte ich als Zauberer lernen, gut aufzupassen, was man sich wünscht, weil es dann so oder mißverständlich wahr wird."

"Stell dir mal vor, ich hätte mir jetzt wen zum Liebe machen gewünscht", zischte Mike.

"Stellt sich die Frage, wer da erschienen wäre", grinste Julius. Mike schwieg.

Mit Patience Moonrivers Auftauchen bekam die Unterhaltung neuen Schwung. Patience war eigentlich nur gekommen, um ihren Zögling Adrian abzuholen. Aber wo sie schon mal da war, sprachen sie auch über die Sache von gestern. Patiences herzensgute Art trübte sich etwas ein. Doch dann sagte sie:

"Ist ja gut, daß wir schon wegen der Angelegenheit um Adrian den Sanctuafugium-Zauber um das Haus gelegt haben. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn Addy was passiert, nachdem ich ihn wieder soweit habe, daß er unter gebildete Zauberer und Hexen gehen darf. War schon eine ziemlich aufreibende Sache. Aber ich habe mich immer durchgesetzt", sagte sie mit einem überlegenen Lächeln.

"Hallo an alle, die gerade im Tal herumlaufen! Kommt bitte zu uns ins Haupthaus!" Klang Sophia Whitesands Stimme in Julius' Ohren, als habe er unsichtbare Kopfhörer auf. Die Leelands blickten sich verdutzt an und suchten dann die Quelle der Durchsage. Patience Moonriver sagte nur:

"Ach, das kennen Sie nicht. Vocamicus, der nur von Geliebten oder Verbündeten vernehmbare Ruf. Oma Sophia ist da unerreicht."

"Öhm, was möchte sie denn?" Fragte Melanie Leeland.

"Das kriegen wir raus, wenn wir hingehen", sagte Ryan Sterling. Das war das Zeichen zum Aufbruch. Hortensia Watermelon machte die Nachhut und ließ alle herbeigezauberten Möbel verschwinden.

"Ah, Patience", grüßte Mrs. Whitesand die wohl um die vierzig Jahre alte Hexe. "Bist du doch schon hier. Ich möchte Addy noch bis heute Abend hierbehalten, weil noch einige Sachen mit ihm zu besprechen sind."

"Dann ist das war, was mir erzählt wurde, daß du Muggel in Whitesand Valley zu Gast hast", sagte Patience mit einer gewissen Erheiterung.

"Du hast sie ja gesehen", erwiderte Mrs. Whitesand. "Es geht darum, wie sie in ihre Welt zurückkehren oder ob sie hier bei Genevra und mir bleiben sollen. Einen könnte ich dir sofort zur Pflege mitgeben, weil er gerade versucht hat, mich anzugreifen. Ich dachte erst, er stünde unter dem Imperius-Fluch oder sowas, aber er wollte schlicht weg aus dem Tal raus und mich zwingen, ihm den Ausgang zu öffnen. Das konnte ich natürlich nicht machen. Jetzt liegt er im Zauberschlaf und bleibt da auch, falls ich nicht befinde, ihn ohne Gedächtniskorrektur mit dem Infanticorpore-Fluch zu belegen, wie Adrian das als Strafe vorgeschlagen hat."

"Ich weiß, er sieht das immer noch als Strafe. Dabei wollte er das, neu aufwachsen", erwiderte Patience. Dann deutete sie auf Julius. "Suchen die nach ihm hier, Oma Sophia, oder hat seine Namensänderung ihn geschützt?"

"Sie hat ihn geschützt, Patience", sagte Mrs. Whitesand. Julius fragte die freundlich und ruhig wirkende Hexe, woher sie das mit dem Namenswechsel wisse, wo das vielleicht nicht im ganzen Land rumgehen sollte, und bestimmt nicht jetzt.

"Julius, ich bin Heilerin und kenne auch einige französische Heilerinnen. Du stehst auf der Pflegehelferliste von Beauxbatons. Da geht sowas natürlich rum, wenn einer da einen neuen Nachnamen annimmt. Außerdem kenne ich deine Schwiegertante Béatrice. Die hat sich mal mit mir unterhalten, ob das was für sie sei, als Hexenamme zu arbeiten. Nach dem Gespräch war sie davon überzeugt, lieber nur eigene Kinder zu betreuen, wenn sie irgendwann wen findet. Fremde Kinder mit allen Schikanen durch das erste und zweite Jahr zu bringen ist kein Kinderspiel."

"Kann ich mir auch nicht vorstellen", antwortete Julius. Dann fragte er, wer Sophia Whitesand angegriffen habe und erfuhr, daß es Rodney Underhill gewesen sei.

"Hat gemeint, solange ich nicht an meinen Zauberstab komme wäre ich ein altes, gebrechliches Mütterchen. Pech nur für ihn, daß ich auch Zauberlieder singen kann. Jetzt schläft er und wird nur aufwachen, wenn ich ihm einen bestimmten Satz sage. Die anderen sind wesentlich vernünftiger mit der Situation umgegangen. Ich habe mich mit Mr. Huxley unterhalten und mit seiner Verlobten. Sie warten ab, ob sie irgendwie wieder nach Australien zurückkehren können. Ich versuche es zu regeln, bevor das Ministerium auch die Kontakte in die Muggelwelt überwacht."

"Sie sagen, das Ministerium, Madam. Denken Sie, daß es noch lange eins bleiben wird oder bald schon nur noch seine Handlanger Macht ausüben?"

"Ich fürchte, wir haben es hier mit einem Stufenplan zu tun. Erst werden die Muggel und Muggelstämmigen zu minderwertigen Personen erklärt, dann die mit Gryffindor, Ravenclaw und Hufflepuff assoziierten Familien, bis er und seine Bande die einzig wahre Daseinsberechtigung für sich ausrufen. Daß du in deine neue Heimat zurückkehren kannst könnte uns sehr helfen, seinen Einfluß einzudämmen."

"Ich fürchte, er hat einiges angeleiert, was ihm noch mehr Macht gibt, wenn es hart auf hart kommt", warf Julius eine Bemerkung wie eine dumpfe Furcht ein.

"Das mit den Riesen", erwiderte Mrs. Whitesand. "Darauf müssen wir uns wohl einrichten." Julius verzichtete darauf, eine andere Möglichkeit zu erwähnen. Hier und jetzt wollte er besser nicht zu viel sagen.

Mit den nichtmagischen Gästen von Whitesand Valley sprachen sie über die nächsten Tage und Wochen. Dann kam die Abendessenszeit.

Am Abend unterhielten sich die Hexen und Zauberer über das überstandene Abenteuer. Adrian ließ die Katze aus dem Sack, daß er wirklich der durch Infanticorpore-Fluch wiederverjüngte Adamas Silverbolt war. Er meinte sogar, daß er noch glück gehabt habe, daß Madam Pomfrey ihn nicht mit dem Iterapartio-Zauber wie ein richtiges Baby neu geboren hatte. Er erzählte von seiner zweiten Kindheit, von Patience Moonriver. Diese erwähnte kurz, daß er einfach nur Spaß am Kindsein hätte findn müssen, um ihre ganze Fürsorge so richtig genießen zu können. er schilderte das Jahr mit Dolores Umbridge und daß die ihn auch einmal versucht hatte, mit dieser verhexten Schreibfeder zu disziplinieren, was sein Heilsstern jedoch vereitelt habe. Julius erzählte dann noch von den Tagen in Viento del Sol. Adrian wollte dann noch allein mit ihm reden.

"Du willst oder darfst mir nicht erzählen, von wem du diese mächtigen Zauber aus dem alten Reich gelernt hast. Aber über mich weißt du offenbar gut bescheid, Julius", knurrte er in seiner wohl typischen Art. "Ich habe die verschiedenen Gestalten gesehen, die uns aus der Ferne geholfen haben. Ich habe zwei Dusoleil-Frauen erkannt, wenngleich ich nicht weiß, ob ich da nicht eine jüngere Ausgabe von Aurélie Odin gesehen habe. hat sie dich Ashtaria geweiht, Julius?"

"Geweiht in dem Sinne nicht. Aber ich bin mit deiner Urmutter in Kontakt gekommen", deckte Julius seine Karten auf.

"Ich hätte nie gedacht, diese mächtige Kraft einmal miterleben zu dürfen: Focus amoris, gebündelte Liebeskraft mit mindestens zwei Kindern Ashtarias. Du mußt sehr innig mit Ashtaria in Berührung gekommen sein. Das wird wohl zu deinen Geheimnissen gehören, und ich habe es selbst gemerkt, wie fies es ist, wenn jemand einem die Geheimnisse aus der Nase zieht. Doch eines will ich doch noch wissen: Was für eine Entität ist diese geflügelte Riesenkuh? Ich weiß, daß die Latierres solche Biester züchten. Aber daß du so'n Monstrum bei dem Zauber als Unterstützerin kriegst."

"Ich hatte in den letzten Osterferien eine Art Zauberunfall", setzte Julius an und beschrieb das Erlebnis mit Artemis und das sie im Sommer ihr großes Herz für ihn entdeckt habe. Deshalb habe er das Tier zur Hochzeit bekommen, als fleischlicher Beweis für bedingungslose Liebe und als Wolllieferantin, Transporttier und womöglich auch Milchlieferantin

"Bei der strengen Blanche Faucon hast du mit deinem Zaubertalent bestimmt schon den Patronus erlernt. Könnte es sein, daß diese Kuh dein Patronus ist?"

"Ich habe ihn in letzter Zeit nicht mehr gerufen. Kann sein, daß er jetzt Mildrids Patronus-Ausgabe ist", sagte Julius. Er wollte nicht rauslassen, daß sein Patronus Ammayamiria war. Doch vielleicht sollte er den Patronus-Zauber demnächst wieder ausprobieren. Wer wußte schon, ob die Verbindung mit Temmie und Darxandria nicht schon wieder eine Änderung bewirkt hatte, besonders wo er jetzt mit Millie zusammen war.

"ich habe in meinem langen Leben auch schon viele alte Zauber erlernt. Aber den Todesbann und diesen Fluchumkehrer, den würde ich gerne lernen. Die Zeiten dürften reif dafür sein."

"Da müßte ich wahrscheinlich länger hierbleiben", sagte Julius. Adrian verstand. Er knurrte nur:

"Irgendwann kommt der Tag, wo wir beide unsere Geheimnisse teilen müssen, Julius. Das muß nicht heute sein. Ich habe durch diesen verfluchten zauber in Hogwarts neu anfangen müssen. Wenn ich jetzt noch einmal so alt werde, wie ich damals war, habe ich noch eine Menge Zeit." Julius nickte.

Abends im großen Bett war Julius froh, daß die Dunkelheit Barbies Reich in angenehmes Dunkelrot verwandelte. Er mentiloquierte mit Millie und gestand ihr sogar, daß Pina ihn am Morgen wachgeküßt hatte.

"Soso, die schlanke Blondine wollte es wissen. Dann küß sie morgen von mir, damit sie weiß, was sie versäumt hat und du neben Claire und mir noch einen Vergleich hast!"

"Aber sonst nichts?" Fragte Julius perplex.

"Wenn sie mehr will, kriege ich die Babys, die von dir aus ihr rauskommen. Und jetzt schlaf schön und träume von mir, Aurore, Rose, Blanche ... Pina wäre auch lustig."

"Wie wäre es noch mit Sophia oder Genevra?"

"zu vergeistigt, Julius. Nichts rein natürliches", erwiderte Millie. Dann endete die Melo-Verbindung.

 

__________

 

Am nächsten Morgen erfuhr Julius noch einige Neuigkeiten. Da die nichtmagischen Gäste Ryan Sterlings zu viele Spuren und Hinweise darauf hinterlassen hatten, daß sie doch zu der Party gefahren waren, zum Beispiel bei Bekannten der Powders, so wie die Aufenthaltsangaben von Bill Huxley und Lynn Borrows, wäre es sehr verdächtig für die magische und die Muggelwelt gewesen, wenn diese einfach so wieder aufgetaucht wären. Den totalen Neustart, wie Julius die Rückverwandlung zum Baby mit einhergehender Gedächtnislöschung nannte, wollte keiner. Die Powders, Leelands, Bill und Lynn bekamen das leerstehende Verwaltungshaus für das Tal zur Verfügung gestellt. Sophia Whitesand versprach, für die noch minderjährigen Mike, Melanie und Chester Schulbücher zu beschaffen und ihnen einen gewissen Unterricht zu ermöglichen, um dann, wenn sie nach einer gewissen Zeit wieder frei in die Welt hinausgehen könnten, dem allgemeinen Bildungsstand nicht hinterherzuhinken. Auf diese Weise vermochte sie auch, den Erwachsenen eine Beschäftigung zu geben, da mit Bill und Gerald ausgebildete Naturwissenschaftler, mit Lynn eine Expertin für Medien, Englisch und andere Sprachen und mit Janine, die hier ihr Baby bekommen sollte, eine Lehrerin für Mathematik und Biologie verfügbar waren. Pina, ihre Schwester und ihre Mutter wollten mit Ryan Sterling am Nachmittag zu Lady Genevra wechseln. Nach dem Frühstück wollte Sophia Julius nach Frankreich zurückbringen, ohne daß die hiesigen Verkehrsüberwacher davon Wind bekamen. Rodney Underhill blieb im Zauberschlaf. Von irgendwoher hatte die Besitzerin von Whitesand Valley, daß er bereits im Zaubereiministerium aktenkundig war. Julius sprach noch einige Minuten mit Pina und sagte ihr, daß er es keinem außer denen, die ihm direkt geholfen hatten erzählen würde, daß sie und ihre direkten Verwandten noch lebten. Am Schluß machte er Millies Vorschlag wahr und gab Pina einen langen Kuß auf den Mund. Sie meinte dann:

"Deine Frau ist ein echt komisches Mädchen. Aber irgendwie bin ich froh, daß sie dich haben wollte. Nachher hättest du noch angefangen, Olivia nachzulaufen oder dich für ältere Mädchen zu begeistern. Komm gut nach Hause, Julius!"

"Komm du gut zurecht, Pina. Ich bin froh, daß du hier erst einmal in Sicherheit bist. Ich sehe ziemlich schwarz für die Muggelstämmigen und ihre Angehörigen."

"Das hat meine Mutter auch eingesehen", sagte Pina und knuddelte Julius noch einmal. Dann ging er zu Sophia Whitesand, die einen langstieligen Kamm vor sich auf dem Tisch liegen hatte.

"Das ist ein Portschlüssel, Julius. Wir wechseln damit nach Frankreich über. Am Ziel angekommen bring ich dich per Seit-an-Seit-Apparition in die Rue de Camouflage. Von dort aus kannst du wohl flohpulvern." Julius bestätigte das. Eine Minute später hielten sich beide am Kamm fest und brausten durch eine Flut von Farben hindurch, bis sie unsanft im Keller eines Hauses landeten.

"Von hier aus geht's auf die bedrückende Weise", sagte Sophia und legte den Portschlüssel in eine Ecke des kleinen Kellerraums. Julius wagte nicht zu fragen, wo sie genau waren. Als sie dann nach dem üblichen Sprung durch das Nichts auf Höhe von Gringotts Paris ankamen, wünschte Dumbledores Cousine Julius noch schöne Restferien und einen hoffentlich glücklichen Einstieg in das offizielle ZAG-Jahr. Sie küßte ihn auf französische Landesart zum Abschied auf jede Wange. Dann zog sie kurz ein flauschiges Päckchen aus ihrem mittelblauen Umhang. Julius starrte für einen Moment auf das Päckchen. Dann verstand er. Mrs. Whitesand nickte ihm zu und disapparierte mit kaum merklichem Plopp.

"Madame Faucon. Bin wieder in Paris. Auftrag ausgeführt. Bin gleich bei uns oben."

"Danke, Julius. Es war sehr mutig von dir und hat einigen Leuten sicherlich geholfen", schickte sie ihm zurück.

zwanzig Minuten Später saßen außer seiner Mutter, Millie und ihm noch Line Latierre, Madame Faucon, Millies Eltern, ihre Schwester Martine und Catherine Brickston im großen Wohnzimmer der Wohnung von Martha Andrews. Im Schutze eines Klangkerkers berichtete Julius von seiner doch nicht ganz so harmlosen Reise und schilderte auch, wie im Falle der überlebenden Muggel entschieden wurde. Als er Madame Faucon mentiloquierte, wo das Päckchen letztendlich gelandet war, schickte sie zurück:

"Ich hatte das immer schon geahnt, daß sie mehr ist als eine einfache Mutter und Großmutter."

"Also mit dem Mädchennamen sollte ich mir noch mal überlegen. Ich habe gestern doch glatt geträumt, ich wäre mit Ihnen Schwanger, Blanche, und Sie würden mir andauernd sagen, was ich zu essen hätte, daß ich keine engen Sachen mehr anziehen dürfe und daß ihnen beim Besenfliegen schwindelig würde, solange sie nicht sähen, wo es hinginge", sagte Line Latierre. "Aber es ist schon ein herrliches Gefühl, daß wir nach den ganzen Jahren der gewissen Reibereien jetzt was gemeinsam haben."

"Ich möchte mir lieber nicht ausmalen, wie es wäre, mit Ihnen unter dem Herzen herumzulaufen. Sie würden wohl darauf bestehen, daß ich mir von ihnen Schachzüge ansagen lassen sollte", grummelte Madame Faucon. Immerhin hatte sie gewisse Erfahrung mit werdendem Leben in der Latierre-Familie. Als Julius das mit der Spur erwähnte, sah ihn Madame Faucon sehr genau an, während Line Latierre mädchenhaft grinste.

"Dadurch, daß Madame Delamontagne deinen Nachnamen magisch vermerkt hat und Monsieur Laroche euch beide mit den goldenen Funken bestreut hat wurde die für Frankreich geltende Spur natürlich umgeändert. Deshalb hat Madame Rossignol sogleich erfahren, daß du jetzt Julius Latierre heißt."

"Ja, aber für diesen armseligen Schlagetot und seine Marionetten bist du unaufspürbar", stellte Line Latierre fest. "Deshalb hat die Gute Blanche ja auch zugestimmt, daß du mein Schwiegerenkel wirst."

"Dafür müßte ich dir danken, Oma Line. Aber ich fürchte, was du als Beweis haben möchtest lassen die Millie und mir in Beauxbatons nicht durchgehen."

"Ja, aber dann sieh bitte zu, daß du nur noch wohin fährst, wo keiner wen bestimmten erledigen will!" Erwiderte Millie. Line grinste.

"Ich würde mich auch über ein paar Schachpartien für den Anfang freuen. Julius."

"das ist echt fies, daß wir beide jetzt nicht mehr so richtig Ferien haben können, wo dieser Dreckskerl auf deiner Heimatinsel tatsächlich jetzt das Ministerium im Griff hat", sagte Millie. Alle stimmten ihr zu. Madame Faucon wandte dann ein:

"Mildrid, ich habe durch diesen Tyrannen meinen geliebten Ehemann verloren. Aber ich habe irgendwie gelernt, daß nur trauern oder nur Angst haben mir nicht hilft. Die größte Stärke, die wir haben ist, daß wir Spaß haben und einen Sinn im Leben sehen können, ohne dafür Menschen zu quälen und zu töten. Und ich habe bisher alles mögliche von deiner Familie mitbekommen, nur nicht, daß sie die Freude am Leben vergißt", sagte Madame Faucon.

Abends machten sie dann noch Musik. Dazu kamen auch Babette und Lines Töchter Patricia und Mayette hoch. Es wurde spät, als Millie und Julius in ihrem Bett auf dem Dachboden lagen. Millie prüfte nach, ob von Pinas Kuß noch was auf Julius Lippen zurückgeblieben war.

"die hat gesagt, ich wäre ein komisches Mädchen? Was bin ich Monju?"

"Auf jeden Fall ein richtig schön wildes aber auch kuscheliges - warmes - Frauenzimmer", sagte Julius von Millies Küssen unterbrochen, bevor sie sich wie oft zuvor richtig müde machten. Im Moment wollte Julius nicht an das denken, was er quasi an forderster Front hatte miterleben müssen. Im Moment gab es nur ihn und Mildrid Ursuline Latierre, deren Familiennamen er trug, der ihm bereits das Leben gerettet hatte.

Im Traum fand er sich mit Millie neben Artemis auf der Wiese des Latierre-Hofes.

"Ich bin froh, daß ich dir helfen konnte, Julius. Die gemeinsame Kraft, durch Liebe und Zuversicht böse Sachen zu bekämpfen, ist die eigentliche Stärke der großen Zauber, die meine Base dir beigebracht hat", sprach Temmie mit Darxandrias Stimme. "Doch jetzt genießt die gemeinsamen Ferientage. Denn die dunklen zeiten werden kommen."

"Wann?" Fragte Julius.

"Früher als euch allen lieb ist", erwiderte die geflügelte Kuh.

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