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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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"Intercorpores permuto!" Erklang ein Ruf durch einen der vielen Gänge von Beauxbatons. Julius Andrews, der hellblonde Junge, der aus England nach Frankreich umgezogen war, versuchte, den Ursprung des Rufes zu erfassen. Kalter Angstschweiß stand ihm auf der Stirn,weil er genau wußte, was dieser Ruf bedeutete. Doch er konnte sich schon nicht mehr bewegen.

Gleißendes Licht umflutete ihn, ein mörderisches Zerren, Reißen und Rumoren brandete durch alle Fasern seines Körpers. Er hörte für einen winzigen Augenblick noch Adrians Stimme "Belle, nein!" Rufen, bevor ein ohrenbetäubender Donnerschlag erklang und ihm fast die Besinnung raubte, während er glaubte, von den Kräften dieses Lichtes zerkocht zu werden. Doch als der Schlag wie mit einer Stahlkeule auf ihn niedergesaust war, verflog diese Folter aller Sinne. Julius atmete stoßweise ein und aus, spürte sein Herz wie wild schlagen, fühlte von seiner Armbanduhr, seinem Pflegehelferschlüssel und einem Brustbeutel um seinen Hals einen starken Druck ausgehen, als machten sie sich extra schwer. Dann durchfuhr ihn ein stechender Schmerz durch den ganzen Körper, und er schrie laut auf, mit einer ihm fremden hohen Stimme, die gleichzeitig von ihm und von einem Ort wenige Schritt entfernt erklang. Der Schmerz hielt zwei volle Sekunden vor. Dann ebbte er langsam wieder ab. Der Druck der drei Gegenstände, von denen Julius wußte, daß sie Diebstahlsicher gezaubert waren, also nicht ohne sein Dazutun von ihm fortgenommen werden konnten, ließ nach. Sie fühlten sich nun wieder normal an. - Oder doch nicht? Das silberne Armband, der Pflegehelferschlüssel, saß etwas zu eng an seinem rechten Arm und die magische Armbanduhr, die er von den Eltern seiner ehemaligen Schulkameradinnen Betty und Jenna bekommen hatte, saß auch etwas enger. Ganz merkwürdig war, der Practicus-Brustbeutel, den ihm Aurora Dawn geschenkt hatte, drückte von unten her wie mit zwei Händen nach oben gegen seinen Brustkorb. Er öffnete die Augen, die er wegen des gleißenden Lichtes geschlossen hatte ... und fand seine Befürchtung bewahrheitet.

An der Wand, durch die er soeben noch hindurchschlüpfen wollte, stand Sandrine und starrte ihn an. Vor ihr, etwa drei Meter entfernt, stand Adrian Colbert, der Sohn des französischen Finanzexperten im Zaubereiministerium. Rechts auf einer Linie mit ihm stand Belle Grandchapeau, jedoch nicht mehr in ihrem adretten Beauxbatons-Schülerinnenkostüm, sondern in einem blaßblauen Sonntagsumhang, wie ihn die Jungen trugen, allerdings viel zu klein für sie und nahe am zerreißen.

"Stupor! Schweinehund!" Rief Adrian und zielte mit seinem Zauberstab auf etwas links von Julius. Er wandte sich um und sah einen Jungen, der wohl in der vierten Klasse war und schwarzes Haar und schwarzen Flaumbart besaß. Er kannte ihn, der da nun von einem roten Blitz getroffen niederstürzte und liegen blieb.

"Das kann doch nicht wahr sein!" Schrie Belle Grandchapeau mit heiserer Stimme. Julius spürte, wie dieser Schrei ihm durch die Ohren bis in den Hals drang und ihn austrocknete. Dann sah er an sich herunter und kniff sich in den rechten Arm. Es schmerzte. Er träumte nicht. Er? Als Julius sich von oben bis unten besah, sah er eine junge Frau mit vollentwickelten Brüsten, schlanken Armen und Beinen, die in einem genau sitzenden Kostüm aus blaßblauer Bluse und knielangem blaßblauem Rock auf schmalen Absätzen dastand. Julius griff sich ins Haar, das ihm bis zu den Schultern herunterfiel und zog eine Sträne davon vor die Augen. Das Haar war seidenweich und dunkelblond. Da hatte er die Bestätigung. Er benötigte keinen Spiegel, um auch noch das Gesicht zu sehen. Er brauchte sich nur nach rechts zu wenden, um das Original zu sehen, von dem er im Moment eine Kopie war: Belle Grandchapeau.

"Mist! Verdammter Mist!" Fluchte Adrian und vergoss Tränen von Wut und Verzweiflung. Sandrine stand erst einmal da und betrachtete Julius / Belle und Belle immer wieder.

"Intercorpores Permuto, der Körpertausch-Fluch", murmelte Julius mit Belle Grandchapeaus Stimme. Diese sah ihn an und schlug die Augen nieder. Sie fing zu weinen an, und Julius fühlte, wie seine Augen brannten. Doch er wollte nicht weinen. Er war nicht traurig. Er hatte jetzt auch keine Angst mehr. Er war schlicht wütend. Wer hatte ihm das angetan? Warum hatte dieser Jemand das getan?

"Der ist dann aber wohl auf halbem Weg verhungert", meinte Sandrine irgendwie so, als sei sie total entrückt und würde einfach ihre Gedanken ausplaudern, ohne sich von irgendwelchen Gefühlen beeindrucken zu lassen.

"Kann man so sagen", sagte Julius und fröstelte, als er sich selbst mit einer fremden Stimme sprechen hörte.

"Ich wollte dich warnen, daß Jasper vorhatte, dir einen Halloweenstreich zu spielen, der dir mal neue Welten erschließen sollte. Ich riet ihm davon ab, aber er lachte nur und meinte, ich könnte ja zu Professeur Pallas gehen. Er würde sich ja wohl nicht erwischen lassen", sprudelte es aus Adrian heraus.

"Mach doch einer was?!" Flehte Belle. Julius sah sie unvermittelt sehr ruhig an.

"Kriegen wir wieder hin, Mademoiselle Grandchapeau. Ich möchte noch ins Bett und schlafen, und zwar in meinem Schlafsaal."

"Ich weiß nicht, ob sie dich da noch reinlassen, Belle, ähm, Julius", sagte Sandrine nur. Immer noch schien es so zu sein, als erlebe sie die Situation wie in einem Traum oder in einem Kino, außerhalb des laufenden Films.

"Schweinepriester! Sohn einer gottverdammten ..."

"Julius!" Zischte Belle sehr ernst. "Wenn du schon fluchst, dann nicht mit meiner Stimme."

"Recht hat ... er ... aber doch, Cherie", schnaubte Adrian Colbert.

"War der das alleine?" Fragte Julius, dem es im Moment egal war, eine Mädchenstimme zu haben.

"Ja, der war alleine. Er wollte zwar noch wen anspitzen, dich mit Claire oder Barbara zusammenzubringen, aber da hat Jacques Lumière nicht mitspielen wollen, weil er Bammel vor seiner Schwester hat. Aber ich kam zu spät, Julius."

"Ich hatte doch den Goldblütenhonig mit. Warum ist dieser Fluch dann nicht komplett abgewürgt worden?" Fragte er auf Englisch. Belle und Adrian räusperten sich.

"Du kennst die Schulregeln, Julius", sagte Belle zu ihrem unfreiwilligen Spiegelbild aus Fleisch und Blut. "Die Schulsprache ist Französisch. Fünf Strafpunkte."

"Supergut", erwiderte der verhexte Beauxbatons-Drittklässler. Dann sah er Sandrine an, die immer noch wie eine Betrachterin von außen die Situation beobachtete. Offenbar stand das Mädchen aus dem gelben Saal unter einer Art Schock. Also mußte er was machen. Er hob den Pflegehelferschlüssel, der frei unter dem Ärmelsaum der blaßblauen Bluse lag, tippte den weißen Zauberstein an, der ihn zierte und sprach: "Schwester Florence, ich rufe Sie!"

Belle, die offenbar einen neuen Angstanfall hatte, warf sich herum und rannte los. Doch sie kam keinen Meter weit. Heftige Schmerzen explodierten in allen Fasern ihres Körpers und nicht nur in ihrem, sondern auch in dem von Julius, der sich sicher war, nicht nur von der äußeren Erscheinungsform, sondern auch mit allen inneren Organen verwandelt worden zu sein. Belle blieb keuchend stehen. Im selben Moment tauchte das räumliche Abbild von Schwester Florence auf. Sie sah den verzauberten Zauberschüler, dann die Schülerin, deren Kopie er jetzt darstellte und schließlich Adrian, Sandrine und den betäubten Viertklässler.

"o das wird nicht leicht sein. Was war es, Julius?" Fragte die Heilerin von Beauxbatons.

"Ein auf halben Wege verhungerter Körpertausch-Fluch, Intercorpores Permuto. Jemand aus dem blauen Saal hielt es wohl für den Scherz des ausgehenden Jahrtausends, meinen Körper mit dem irgendeines Mädchens zu vertauschen, was irgendwo nicht ganz funktioniert hat."

"Komm mit Belle zu mir! Was ist mit Sandrine?"

"Weiß nicht, Schwester Florence. Kann ein Schock sein. Wenn dieser Angriff sie und mich treffen sollte, ist das durchaus möglich."

"Sandrine, Mädchen! Reiß dich zusammen! Komm mit deinem Schlüssel zu mir!" Rief Schwester Florence. Ihre Stimme kam wie Wellen aus dem silbernen Armband von Julius. Sandrine zitterte leicht. Dann hob sie roboterhaft den linken Arm mit ihrem Pflegehelferschlüssel, legte ihren rechten Zeigefinger auf den weißen Stein. Julius sah, wie die Wand, vor der sie stand, rosa flimmerte. Mechanisch wie eine Marionette an ihren Fäden ging Sandrine Dumas auf die Wand zu, berührte sie mit dem Armband und wurde darin eingesogen.

"Wieso war das eben der Schmerz?" Fragte Belle und versuchte noch mal, von Julius fortzukommen. Wieder explodierte ein mörderischer Schmerz in ihr und Julius. Beide schrien mit denselben Stimmen aus zwei räumlich voneinander getrennten Kehlen. Dann war der Schmerz wieder vorbei, als Belle einen Meter zurückgelaufen war. Julius schätzte die Entfernung auf wohl zehn Meter, die sie maximal zwischen sich bringen konnten. Hatte das was zu bedeuten?

"Belle und Julius, kommt nun beide mit dem Schlüssel zu mir. Adrian soll auf Professeur Pallas warten und mit ihr und Jasper van Minglern nachkommen!" Wies die Schulkrankenschwester die beiden Opfer des halben Körpertausch-Fluches an. Julius nickte und trennte mit einem kurzen Abschiedswort die magische Bild-Sprech-Verbindung. Dann winkte er Belle zu sich heran. Sie zögerte, hatte wohl Angst, beim näherkommen etwas weiteres auszulösen. als Julius sie aber anlächelte, kam sie näher, berührte seinen linken Arm. Kein Schmerz ging durch ihren oder Julius Körper. Julius löste die Wandschlüpfmagie des Pflegehelferschlüssels aus, ergriff Belles Hand, ging mit ihr auf das rosa flimmernde Wandstück zu, berührte mit dem Armband die Wand und fühlte, wie Belle und er hineingesogen und sofort wieder herausgeworfen wurden, allerdings nicht aus derselben Wand, sondern aus einer Wand im Sprechzimmer von Florence Rossignol, der Schulkrankenschwester von Beauxbatons.

"Ich habe eure Saalvorsteher bereits informiert, als ich Sandrine einen Beruhigungstrank verabreichte. Sie wird in zehn Minuten wohl wieder in Ordnung sein. Sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch, in einer apathischen Haltung gefangen. Erst einmal möchte ich euch beide untersuchen. Belle, lege dich mal auf das Bett da!"

Belle legte sich folgsam hin und ließ es über sich ergehen, wie Schwester Florence mit ihrem Zauberstab und dann noch mit einem runden Spiegel über sie hinwegtastete, nickte und sich was notierte. Nach fünf Minuten war sie damit durch. Adrian Colbert kam mit einer sichtlich niedergeschlagen wirkenden Professeur Pallas, einem genauso niedergeschlagen wirkenden Professeur Paralax und einer sichtlich unter Dampf stehenden Professeur Faucon herein. Sie brachten den noch betäubten Jasper van Minglern, den Übeltäter herein.

"Oho, das war tatsächlich heftig", bemerkte Professeur Pallas. Ihre Kollegin aus dem grünen Saal sah sehr zornig auf sie, dann mit besorgtem Blick auf die beiden jungen Frauen, von denen eine eigentlich ein Junge war.

"Fühlen Sie beide sich so weit in Ordnung?" Fragte sie. Julius nickte. Belle bestätigte, daß es ihr gut ging.

"Julius, du bist jetzt dran!" Sagte die Heilerin und wartete, bis Julius sich auf die Untersuchungsliege hingestreckt hatte. Er wurde von Kopf bis Fuß untersucht. nach fünf Minuten sagte die Schulkrankenschwester:

"Identischer Körperaufbau. Die Gehirne enthalten zwar unterschiedliche Energiemuster, sind aber wie der Rest gleichförmig gebaut. Hier hat eine Verdopplung stattgefunden, was bei einem - wie nanntest du es, Julius? - halb verhungerten Fluch nicht möglich ist. Hast du sehen können, von wo nach wo der Zauberstab geführt wurde, Adrian?"

"Er zeigte erst auf Monsieur Andrews und dann auf Mademoiselle Grandchapeau. Eigentlich stand Mademoiselle Dumas direkt neben Monsieur Andrews, aber diese zuckte irgendwie nach vorne, als der Zauberstab über sie hinwegstrich. Dabei muß der Kontakt zwischen ihm und ihr, Mademoiselle Grandchapeau, entstanden sein."

"Ich habe mit Monsieur Colbert beschlossen, den jungen Monsieur Andrews zu warnen, da ein Mitglied des blauen Saales irgendwas mit ihm anstellen wollte", berichtete Belle Grandchapeau, was passiert war. Jeder erzählte nun die Geschichte, was genau passiert war, was jeder oder jede mitbekommen hatte. Sandrine konnte nun auch wieder vernünftig und bei der Sache mitreden.

"Beschreibt jeder für sich alle Gefühle, die während der Umwandlung aufgetreten sind. Hier sind Schreibzeug und Pergament", sagte Schwester Florence. Julius schrieb jedes Gefühl auf, daß nach dem Zauberspruch durch seinen Körper gegangen war, auch den heftigen Druck der drei Gegenstände, die diebstahlsicher an seinem Körper anlagen. Die Lehrer hörten zu, während Professeur Faucon verächtlich auf den betäubten Untäter blickte und die beiden anderen Saalvorsteher ihre Schützlinge ansahen.

Schwester Florence las alle Beschreibungen durch, ließ jedoch die persönlichen Wertungen aus. Dann sagte sie:

"Das war der Störfaktor. Julius trägt drei diebstahlsichere Gegenstände am Körper, die nicht einmal ein Aufrufezauber von ihm wegholen kann. Diese erzwangen nach der Wandlung des Körpers den Abbruch des Zaubers. Bekanntlich wirkt der Körpertausch-Fluch ja so, das das erste erst in das zweite Lebewesen verwandelt wird, bevor das zweite Lebewesen in das erste verwandelt wird. Da die diebstahlsicheren Objekte jedoch nach der ersten Phase ihre Verbleibsmagie voll entfalteten, geschah die zweite Verwandlung nicht. Allerdings, so lese ich das hier unabhängig voneinander, muß es zu einer magischen Kopplung der beiden Körper gekommen sein, einem Phänomen, daß Ihnen, Blanche und mir als physiosympathetische Kopplung bekannt ist und sich bei zwei Opfern eines von einem dritten aufgerufenen Fluches einstellen kann, wenn der Fluch nur einen Teilerfolg erzielt. Das ist also bekannt. Wie es zu der Kopie allein von Belle Grandchapeau kam, ist auch bekannt."

"Und wieso hat der Goldblütenhonig das nicht verhindert?" Fragte Julius. Professeur Faucon fragte zurück, wo er den denn aufbewahrt hatte.

"Den hatte ich in meinem Brustbeutel."

"Oh, dann spielt der für diesen Effekt keine Rolle. Zum einen wurde die Phiole verkleinert und damit vorübergehend neutralisiert, bis sie wieder herausgeholt wird. Zweitens ist diese Practicus-Tasche wohl gegen Fremdzauber von außen ziemlich gut abgesichert, gerade um Verwandlungen oder dergleichen abzufedern. Das heißt, der Fluch konnte noch nicht einmal in Kontakt mit dem Goldblütenhonig kommen, um zu wirken."

"Dann bringt es das doch nicht", wandte der verhexte Jungzauberer ein.

"Nicht da, wo Sie ihn tragen, Monsieur Andrews", pflichtete die Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste bei.

"Wenn der Stab erst bei Belle und dann bei Julius gelandet wäre?" Fragte Sandrine. Julius erbat sich das Wort. Magische Theorie hatte doch was mit Logik zu tun, hatte er irgendwann herausfinden können.

"Dann wäre der gleiche Salat angerichtet worden, Sandrine. Die Sachen, alle Sachen, müssen im Verlauf des Fluches die Besitzer wechseln. Belle bekam meinen Umhang und wohl auch meine Untersachen angezogen, hat sich aber schon nicht in mich verwandelt, weil die Sachen, die nicht fremdbewegt werden können, das abgeblockt haben."

"Ich wußte nicht, daß meine Stimme so klingen kann", seufzte Belle. Sie nickte jedoch.

"Dann wäre es jedoch so, daß Mademoiselle Grandchapeau in Ihrer Körperform aus dem Fluch hervorgegangen wäre, Monsieur Andrews", berichtigte Professeur Faucon ihren Schüler, der innerhalb weniger Sekunden um vier Jahre gealtert war und ohne ausdrücklichen Wunsch das Geschlecht gewechselt hatte.

"Diese Kopplung, Schwester Florence, wie weit reicht sie?" Fragte Adrian Colbert immer noch erschüttert.

"So weit, wie die beiden im Augenblick der Magiefreisetzung entfernt waren, also die zehn Schritte", sagte die Heilerin.

"Was? Die beiden dürfen nicht weiter als zehn Schritte auseinandergehen?" Fragte Adrian.

"Das haben Sie doch gehört, Monsieur Colbert", fauchte Professeur Faucon.

"Dann lege ich vielleicht mal meine ganzen Sachen hier hin und versuche mal, diese Entfernung zu überwinden. Vielleicht endet der Fluch dann korrekt, und wir hätten die Möglichkeit, ihn umzukehren", schlug Julius vor.

"Da muß ich euch beide enttäuschen", setzte Schwester Florence an, während Professeur Faucon nachdenklich dreinschaute. "Der Fluch an sich ist in diesem Stadium vollendet und besteht nun vier volle Tage."

"Vier volle Tage?" Fragten Belle und Julius zusammen.

"Sie lernen doch Arithmantik, Monsieur Andrews", setzte Professeur Faucon an. "Das Prinzip der quadratischen zeitlichen Inversion beruht auf den Grundkräften der Natur und der oberen Ebene, auf der die Gesetze von Raum- und Zeit angesiedelt sind. Kommt es zu einer gleichstarken aber nur halbeffektiven Erscheinungsform auf der natürlichen Ebene, also Verwandlung, Elementarkraft oder Materiebeeinflussung, klingt dieser Prozeß erst nach Ablauf der vierfachen Zeitspanne ab. Der Körpertausch-Fluch hält unter gewöhnlichen Umständen einen vollen Erddrehungszyklus, einen 24-Stunden-Tag, vor. Da er aber nur halbvollendet gewirkt hat, hält diese Auswirkung nun vier volle Erdumdrehungen vor. Danach kehrt sich die Halbeffektive Wirkung wieder um, also auch die Verwandlung. Bis dahin müssen Sie mit dieser Lage leben. Die Frage ist jetzt, wie?"

"Wir bleiben die vier Tage hier und warten ab! Wir können ja die Hausaufgaben machen, die anfallen", schlug Julius vor. Belle meinte dazu:

"Dies geht nicht, da meine UTZ-Klassen Zauberkunst, Verwandlung und Pflege magischer Geschöpfe praktische Prüfungen verlangen, und ich möchte meine UTZ-Noten sehr gerne auf hohem Niveau präsentieren."

"Ja, und in meinen Klassen sind gerade jetzt in Zaubertränken und Arithmantik Sachen dran, von denen Professeur Laplace und Professeur Fixus gesagt haben, daß sie für das nächste Halbjahr wichtig werden. Aber da denke ich, könnte ich auch vom Krankenbett aus mit arbeiten."

"Du hast es nicht verstanden, Julius. Ich muß unbedingt, sofern mir Schwester Florence keine weiteren Unpäßlichkeiten atestiert, am Unterricht teilnehmen. ich habe es mir nicht ausgesucht, von diesem Dummkopf dort verhext zu werden. Aber wenn ich meine Sachen weiter lernen kann, werde ich das tun. Ich kann mir eine Wiederholung des Jahres oder UTZ-Noten unter 8 nicht erlauben. Du kennst meine Eltern, Julius."

"Seit wann sprechen Sie jemanden mit "Du" an, Mademoiselle Grandchapeau?" Fragte Sandrine.

"Da es ja offenkundig ist, daß er mit mir einige Tage meines Lebens teilen muß, werde ich nicht die Distanz erzwingen können, die höflich ist." Belle sah Julius an, eine Mischung aus Wut und Erniedrigung. Julius kam eine Idee:

"Wie wäre es, wenn ich meine Diebstahlsicheren Sachen Mademoiselle Grandchapeau an den Körper lege und Sie, Professeur Faucon, den Fluch noch mal wirken?"

Professeur Faucon schüttelte entschieden den Kopf.

"Ich weiß, ich habe Sie immer in Ihrem Bestreben unterstützt, Experimente zu machen und Sie dafür gelobt, wie Sie sich mit Mademoiselle Delamontagne aus dieser unbeabsichtigten Einschrumpfung befreit haben. Aber dies geht hier nicht und zwar aus zwei Gründen:

Erstens sind alle diese Gegenstände, die Armbanduhr, der Brustbeutel und der Pflegehelferschlüssel, auf Sie als psychisch-mentales Wesen abgestimmt, selbst wenn zur Initierung des Zaubers etwas von Ihrem Blut benötigt wurde oder das Anlegen an Sich und die Vereinbarung eines Schlüsselwortes den Zauber errichtet. Die Sachen würden im stofflichen Fluß des Fluches zu Ihnen zurückkehren.

Zweitens sind Sie beide körperlich nun vollkommen identisch. Intercorpores Permuto wirkt jedoch nur dann, wenn es einen natürlichen Unterschied gibt, unabhängig von Verletzungen oder Inhalt der Verdauungsorgane."

"Will sagen, dieser Schweine..." Professeur Faucon räusperte sich und schoss einen warnenden Blick auf Julius in Belles Körperform ab. "... Dieser Zeitgenosse mit dem Milchbart, welchen ich irgendwann hoffentlich auch mal kriegen werde, hat mich zum Klon von Mademoiselle Grandchapeau gemacht."

"Im Sinne, wie die Muggel dieses Wort benutzen, allerdings", bestätigte Professeur Faucon.

"Klon? Was ist das?" Fragte Belle nun neugierig.

"Wenn jemand ein Lebewesen künstlich herstellt, wobei er ein winziges aber wichtiges Bausteinchen eines anderen Lebewesens nimmt und damit einen perfekten, in allen Dingen identischen Zwilling oder Mehrling dieses Ausgangswesens hinbekommt", sagte Julius mit Belles Stimme sprechend. Professeur Faucon nickte, und Schwester Florence notierte sich was.

"Wie dem auch sei, Mademoiselle und Monsieur, wir müssen nun klären, wie mit Ihnen zu verfahren ist. Es steht fest, daß der Fluch nun um zehn Uhr Abends am vierten November seine Wirkung verlieren wird und Sie von da an wieder getrennte Wege gehen können. Was ist also zu tun?"

"Wie gesagt", sagte die echte Belle Grandchapeau, "habe ich wichtige praktische Übungen im Unterricht zu erledigen. Was die Freizeit angeht, so haben wir zumindest Montags dieselben Kurse, Malen und Schach."

"Moment, das besprechen wir, wenn wir unter uns sind", sagte Professeur Faucon und winkte Adrian und Sandrine, ihr zu folgen. Nach fünf Minuten kamen sie wieder.

"Um Ihr Privatleben nicht zu öffentlich zu machen, Mademoiselle Grandchapeau, habe ich Monsieur Colbert gebeten, Sie vor Abklingen des Fluches nicht in persönlichen Angelegenheiten aufzusuchen. Ich hoffe, Ihnen damit entgegenzukommen."

"Besser ist das vielleicht", sagte Belle mit niedergeschlagenem Gesicht, funkelte erst Julius an und dann noch wütender den betäubten Blauen, der immer noch so dalag, wie er abgelegt worden war. Professeur Pallas begleitete Adrian zum blauen Saal, um sicherzustellen, daß er nicht noch wegen Überschreiten der Saalschlußzeiten belangt wurde. Ein viertägiges Verbot, mit Belle näher als auf Rufweite zusammenzutreffen, würde wohl schon als Strafe ausreichen, demnächst härter durchzugreifen oder früher Meldung zu machen. Sandrine schlüpfte nach einer Tasse Träumgut-Tee durch die Wand zum Gelben Saal.

"Ich werde Ihre Eltern verständigen müssen, Mademoiselle Grandchapeau. Wahrscheinlich werden sie morgen nachmittag kurz vorbeikommen. Das soll mir recht sein, da es noch angelegenheiten zu bereden gilt, bei denen Sie beide auch dabei sein sollen", sagte Professeur Faucon. Belle 1 und 2 nickten fast gleichförmig.

"Monsieur Andrews, ich kann Ihnen selbstverständlich die Aufgaben zukommen lassen, die im Verlauf der nächsten vier Tage anfallen. Wären Sie unter diesen Umständen bereit, Mademoiselle Grandchapeau zum Unterricht zu begleiten, damit sie Ihre Aufgaben erfüllt?"

"Bleibt mir ja nichts anderes übrig", sagte Julius und nickte. Belle sah ihn erst vorwurfsvoll an, bedankte sich jedoch dann ehrlich.

"Ich muß dann aber wohl still in einer Ecke sitzen und ruhig bleiben", sagte Julius weiter.

"Das ist die Frage, ob es für Sie das beste ist. Sicherlich würden Sie sich nur langweilen, wenn Sie nur dekorativ herumsitzen dürften. Ich werde sehen, was ohne Störung des vorgesehenen Unterrichts für sie zu tun sein kann. Sagen Sie ihm bitte, welche Kurse Sie haben!" Forderte Professeur Faucon Belle 1 auf.

"Morgen sind das Muggelkunde, Verwandlung, Zaubertränke und Alte Runen. Am Dienstag beginnt es mit Zauberkunst, dann Verteidigung gegen die dunklen Künste, dann wieder Muggelkunde und nachmittags Magizoologie.

Am Mittwoch steht in meinem Plan Zaubertränke, Verwandlung, alte runen. Der Nachmittag ist unterrichtsfrei, aber da trainiere ich meine Englischkenntnisse, wäre also insofern etwas, wobei du mir helfen könntest.

Am Donnerstag habe ich eine Doppelstunde Zaubertränke und Magizoologie. Nachmittags Verteidigung gegen die dunklen Künste. Dann wirst du mich wohl nicht mehr begleiten müssen."

"Außer zu den Freizeitkursen", sagte Belle 2. "Montags Malen und Schach, geht zusammen. Dienstag hätte ich ja Quidditch-Training ..."

"Gut, dasSie es erwähnen. Quidditch fällt für Sie dann dienstags aus, Monsieur Andrews. Ich werde einstweilen Ihren Besen einziehen und Ihn Ihnen wiedergeben, wenn Sie wieder Sie selbst sind", sagte Professeur Faucon. Julius wußte, wieso. In diesem Körper konnte er den neuen Besen nicht so fliegen, wie er es gelernt hatte. Dann könnte es auffallen, daß er einen Ganymed 10 besaß und keinen Ganymed 9, wie es auf dem Besenstiel stand.

"Dann steht deiner Begleitung zum Ballettkurs nichts im Weg", sagte Belle. Julius schluckte. Das war für ihn dann wohl eine Strafe, für die er nichts angestellt hatte, um sie zu kriegen.

"Du mußt ja nicht mittanzen", sagte Schwester Florence zu Julius alias Belle 2. Das rang dem verwandelten ein Lächeln ab.

"Am Mittwoch bin ich in der Gruppe zur Pflege magischer Geschöpfe und am Donnerstag bin ich in der Gruppe Verwandlung für Fortgeschrittene."

"Ach, da kann ich dann ruhig rumsitzen und ..."

"Das werde ich Ihnen auch durchgehen lassen, Monsieur Andrews, wo Sie daselbst eingetragener Teilnehmer dieses Kurses sind", würgte Professeur Faucon Julius' Scherz sehr energisch ab.

"Dann bleibt nur zu klären, wo wir übernachten. Im Grünen Saal bei den Jungs geht nicht, und im violetten Saal bei Ihren Klassenkameradinnen geht wohl auch nicht, obwohl ich körperlich im Moment dahinpassen würde."

"O daran habe ich im Moment nicht gedacht", seufzte Belle 1 und sah wieder auf jenen Halbwüchsigen, der sie in diese schwierige, ja peinliche Situation gebracht hatte.

"Sie werden beide die Nächte hier zubringen. Das ist die einfachste Lösung", sagte Professeur Faucon. Professeur Paralax nickte beipflichtend.

"Aber die Sittlichkeitsbestimmung", warf Julius ein, der von mehreren Leuten gehört hatte, daß es in Frankreich Sitte war, daß Hexen und Zauberer, die nicht miteinander Verwandt waren, sich nicht unbekleidet sehen durften. Geschah dies, galt dies als inoffizieller Heiratsantrag. Somit sollte verhindert werden, daß Jungen und Mädchen vor Erreichen eines bestimmten Alters ihre körperlichen Wonnen miteinander auslebten oder Erwwachsene nicht munter eine Liebschaft nach der anderen betrieben. Julius fand diese Bestimmung zwar etwas altbacken, engstirnig. Aber es mochte auch sein gutes haben, wenn sich Leute überlegten, für wen sie sich auszogen und warum. Doch nun war er in einer Situation, wo er nicht darum herumkam, zumindest einmal Belles Körper nackt zu betrachten.

"Sie werden nicht umhin können, sich zur Nacht oder zur Körperpflege zu entkleiden, Monsieur Andrews. Aber ich darf Sie trösten, daß sie Mademoiselle Grandchapeau gegenüber keine Verpflichtung eingehen, nur weil Sie weder von ihr noch von Ihnen erwünscht ihren Körper besitzen. Falls Sie dies möchten, Mademoiselle Grandchapeau, können Sie ja eine Verzichtserklärung unterzeichnen, daß Monsieur Andrews der Regelung enthebt."

"Hoffentlich sehen es die Grandchapeaus genauso. Wird sowieso ein gefundenes Fressen für die Presse", grummelte Julius.

"Wird es nicht, weil wir alle Schüler per Eidesstein verpflichten werden, darüber Stillschweigen zu bewahren. Der Missetäter hier hat sowieso die längste Zeit unter diesem Dach geweilt."

"O, Nummer Elf?" Fragte Belle 2. Schwester Florence grinste wissentlich. Professeur Faucon fragte, was Julius damit meinte.

"Ich erinnerte mich an den Strafkatalog für undankbare Pflegehelfer", sagte der verhexte Junge und errötete leicht.

"Nein, das kriegt der nicht. Das ist wie gesagt für die Pflegehelfer Reserviert", sagte Schwester Florence gehässig.

"Ich spiele echt mit dem Gedanken, ihn zu der Verbannung noch ein andres Aussehen zu geben. Aber dann hätten wir mit den Eltern ein Problem", sagte Professeur Faucon. Aber das ist nicht unmittelbar meine Entscheidung."

"Wie machen wir das mit der Garderobe?" Fragte Belle 1. "Ich werde bestimmt nicht in diesem Schulumhang herumlaufen."

"Dann zieh ich den an. Bin den ja doch eher gewohnt", sagte Belle 2. Das Original warf ein:

"Also wenn du schon wie ich gestaltet bist, wirst du auch wie ich gekleidet herumlaufen. Wir werden dein Haar etwas anders frisieren, um uns zu unterscheiden. Aber du wirst nicht in diesem Körper in einem Jungen-Umhang herumlaufen, der an den falschen Stellen zu eng oder zu weit ist."

"Muß das wirklich sein?" Fragte Julius, an Professeur Faucon gewandt. Diese nickte.

"Da Mademoiselle Grandchapeau die natürliche Eigentümerin, also die Urheberin dieses Körpers ist, darf sie schon verfügen, wie er gekleidet ist. Bei ähnlichen Fällen konnte das Opfer eines Intercorpores-Fluches einen Schadenersatz einklagen, weil sein Leidensgenosse Schindluder mit der äußeren Erscheinung getrieben hat. Ich würde Ihnen also empfehlen, auf alle Gestaltungswünsche einzugehen."

"I, dann muß ich mir vielleicht auch Schminke ins Gesicht kleistern?" Fragte Julius höchst erschüttert.

"Kleistern nicht. Aber wo du es ansprichst, werde ich mir das wohl überlegen müssen", sagte Belle 1 und lächelte nun sehr amüsiert. Julius, Belle 2, sank auf seinem Platz zusammen. Diesen Halloweenscherz würde er diesem Kerl da nicht vergessen. Das war ja noch schlimmer als der Angriff von Brutus Pane in seinem ersten Jahr in Hogwarts.

"Ich gehe davon aus, daß Sie beide über Intelligenz und Vernunft verfügen, sich zu arrangieren", sagte Professeur Faucon. Dann fragte sie, ob Julius noch seinen Zauberstab hätte. Er prüfte es nach, er hatte nicht seinen Zauberstab. Belle hatte ihn. Sie tauschten sie zurück. Dann verließ Professeur Faucon zusammen mit Professeur Paralax den Krankenflügel. Schwester Florence brachte zwei saubere Nachthemden in der passenden Größe.

"Rosa, wie passend", maulte Julius und sah auf den Wandschirm. "Sollten wir nicht den da zwischen uns aufbauen. Dann sind wir trotzdem in der möglichen Nähe, müssen uns aber nicht beim Ausziehen beobachten."

"Unfug, Julius. Wenn du dich ausziehst, kannst du mir auch zusehen. Und ich kenne meinen Körper ja auswendig. Diese Scham ist sehr überflüssig."

"Dann noch 'ne Frage, die vielleicht zu persönlich ist. Aber ich möchte keine unangenehmen Überraschungen erleben und ..."

"Zurzeit nicht, Julius. Dieser Vollidiot hat sich zumindest eine Zeit ausgesucht, wo ich in der ruhigeren Phase bin, wenn du das meinst."

"Ja ... genau!" Bestätigte Julius, dem es immer noch unheimlich war, in einem fremden Körper zu stecken.

"Gut, daß wir nicht auch gedanklich gekoppelt wurden", dachte Julius. "Das hätte ein heilloses Chaos gegeben.

Die beiden Patienten, das echte und das unechte Mädchen, zogen sich um. Julius sah Belle für eine volle Minute splitternackt. Sie wurde zwar rot und verzog das Gesicht zu einer total verkrampften Grimasse, lächelte dann jedoch.

"Das mußt du dir die nächsten Tage wohl auch ansehen, wenn du dich wäschst und umkleidest. Und ich verlange von dir, daß du dich gut pflegst, wenn wir auch die Körper nicht richtig ausgetauscht haben. Aber du hast es gehört, daß ich die Bestimmungsrechte über diesen Körper habe und auch schon volljährig bin."

"Ich weiß nicht, ob ich auch in dieser Form viel Schlaf brauche oder mit Ihnen auch lange aufbleiben kann. Aber hier läuft ja im Moment auch nichts anderes."

"Da das Schlafbedürfnis nicht nur vom Körper kommt, kann ich dir das nicht sagen. Außerdem darfst du mich ab heute auch beim Vornamen nennen. Wie gesagt wird jede korrekte Distanz in unserer Ausnahmesituation ad Absurdum geführt, also unnötig, lächerlich."

"In Ordnung, Belle, dann werde ich mich vielleicht doch besser ..."

Durch die Wände schlüpften Jeanne und Felicité in den Krankenflügel. Jeanne mußte erst genau hinsehen, um Julius am silbernen Pflegehelferschlüssel und seiner Weltzeituhr zu erkennen. Dann ging sie auf ihn zu und sagte:

"Du machst aber auch die tollsten Sachen, Julius. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Edmond deine Klassenkameraden ins Bett schicken konnte. Er hat Professeur Faucon deinen Besen gegeben, damit du nicht auf die Idee kommst, in Belles Luxuskörper am Training teilzunehmen. Gut, daß Claire schon im Bett war. Das wird morgen was geben auf dem Pausenhof. Nachher glaubt die noch, du hättest dich freiwillig verwandeln lassen. Wäre ja nicht das erste Mal."

"Wenn die das in den nächsten vier Tagen immer noch glaubt", seufzte Julius, "dann kann ich sie auch nicht daran hindern."

"Ich habe Ihre Kosmetiktasche und mehrere Kleidungsstücke zum Wechseln mitgebracht, wie Professeur Paralax dies verlangt hat, Mademoiselle Grandchapeau", sagte Felicité und stellte eine kleine Reisetasche und einen weißen Kosmetikkoffer neben das Bett ab, auf dem die echte Belle saß. Diese deutete auf Julius.

"Besorgen Sie mir bitte auch für meinen derzeitigen Doppelgänger angemessene Bekleidung. Ich habe ihn darauf hingewiesen, sich wie ich zu kleiden."

"Wie Sie wollen", antwortete Felicité Deckers leicht irritiert dreinschauend, schlüpfte kurz durch die Wand zum violetten Saal, kehrte nach zwei minuten wieder zurück und stellte eine weitere Reisetasche vor Julius Bett. Sie flüsterte ihm zu:

"Hoffentlich macht dir das nichts aus. Ich würde mich in der Lage bestimmt total mies fühlen."

""Da muß ich jetzt wohl durch!" Dachte das Baby und kam zur Welt", erwiderte Julius. Jeanne zwickte ihn kräftig in den Arm, was Belle zwei Betten weiter aufschreien ließ.

"Oh, was war das denn?" Fragte Jeanne erstaunt.

"Machen Sie das bloß nicht noch mal, solange dieser diabolische Fluch uns beide zusammenkettet, Mademoiselle Dusoleil!"

"Was soll ich nicht machen?" Fragte Jeanne. Belle 1 kniff sich selbst in den Arm, was Julius jedoch konzentriert verdrängte. Jeanne zwickte ihn noch mal und entlockte Belle einen neuerlichen Aufschrei und einen Wutanfall.

"Haben Sie bei Ihrer Unterweisung und Tätigkeit im Pflegehelferdienst nicht gelernt, auf das Wohlbefinden anderer zu achten?"

"Doch, habe ich. Ich wußte nur nicht, daß dieser Fluch so vertrackt gewirkt hat. Tut mir leid, Mademoiselle Grandchapeau", sagte Jeanne mit unterwürfiger Stimme. Julius erkannte jedoch, daß sie wohl heuchelte. Dann flüsterte sie ihm zu:

"Wenn die dir mit Schminkzeug kommt, probier das ruhig aus. Wenn du das einmal vermasselt hast, läßt sie dich damit in Ruhe. Wenn du es hinbekommst, kannst du deiner Schulfreundin Gloria ja ein paar Tips an ihre Mutter schicken, wie Anfängerinnen damit am besten klarkommen."

"So wie du redest, fängt die Sache langsam an, mich zu faszinieren", sagte Julius und lächelte ein sehr verschmitztes Lächeln, daß man von Belle wohl so nie sehen würde.

"Ja, ich hörte auch, daß du morgen mit Mademoiselle Grandchapeau zum Unterricht gehst. Die haben Zaubertränke mit den Weißen. Wenn du in dieser Toleranzentfernung bleibst, kannst du dich ja zu Seraphine setzen. Die meinte nämlich, daß du dich wohl besser mit den tierischen Giften und Gegengiften auskennst als sie."

"Ich dachte schon, die machen die Körperveränderungstränke durch", erwiderte Julius. Jeanne mußte grinsen, während Felicité verdutzt dreinschaute.

"So wirst du dieses ministerielle Kunstwerk nicht los, das du für ... Wieviele Tage noch mal?"

"Bis Donnerstag abend um zehn. Dann macht's Peng, der Prunkwagen wird wieder zum Kürbis und die Prinzessin zu Cinderella", flachste Julius. Das Jeanne hier war, gab ihm nicht nur Mut, sondern auch Übermut ein.

"Soll ich dich noch mal kneifen, in den verlängerten Rücken vielleicht?" Fragte Jeanne laut genug, daß Belle dies auf jeden Fall hören mußte.

"Unterstehen Sie sich, mich auf diese Weise peinlich zu berühren, indem Sie dies an ihm tun!"

"Ihm! Also als meine Mutter mir gezeigt hat, wie ihr Körper aussieht und ich auch mal so aussehen würde, hat sie "Frau, die Frau" zu mir gesagt. Ist zwar schon sechzehn Jahre her, gilt aber wohl heute noch", scherzte Jeanne und Julius mußte unfreiwillig darüber lachen. Offenbar kostete seine große Feriengastschwester das richtig aus, die vornehme Ministertochter auf die Schippe zu nehmen. Schwester Florence kam herein, begutachtete Belles herbeigeschafftes Notfallgepäck, flüsterte mit Jeanne, die nickte und dann Julius kurz in die Arme schloß und nach hiesiger Sitte einen flüchtigen Kuß auf jede Wange gab.

"Schlaf schön, Prinzesschen. Soll ich wen grüßen, da du ja die nächsten Tage nicht bei uns sein wirst?"

"Alle, denen was daran liegt, daß ich wieder zu euch zurückkomme."

"Gut, daß du nicht mit einer der Montis gespiegelt wurdest. Die könnten dann austesten, ob du nicht doch eher bei denen hinpaßt", sagte Jeanne, winkte Belle zum Abschied und schlüpfte nach Felicité aus dem Krankenflügel.

"Das war wohl die Vergeltung für manchen Zwist, den ich mit ihr in Hogwarts ausgetragen habe", stellte Belle 1 fest, als Schwester Florence noch zwei Nachttöpfe hingestellt hatte.

"Ich wollte zwar Bettpfannen aufstellen, aber das könnte Julius Andrews zu quälendem Verhalten menschlicher Bedürfnisse treiben", sagte sie leicht verschmitzt grinsend und verabschiedete sich dann zur Nacht.

"Mademoiselle Dusoleil meinte, daß deine Kameradin in Hogwarts eine Mutter in der Kosmetikbranche habe? Dann hat sie wohl die Linie "Hexentraum aus Samt und Seide" mitgestaltet, weil auf den Packungen ein oder eine D. Porter erwähnt wird", erkundigte sich Julius' derzeitige Bettnachbarin nach Glorias Mutter. Er sagte:

"Ja, das wird dann wohl so sein. Sie heißt Dione Porter. Ich hoffe, das Zeug hat dich nicht enttäuscht."

"Es ist seinen guten Preis wert, Julius. Gut, daß es für Hexen jeden Alters ab dreizehn geeignet ist, da macht sie gute Umsätze."

"Ich habe mich eher für das interessiert, was Glorias Vater so macht. Der arbeitet für ein großes unternehmen, das mit Wertschöpfung zu tun hat."

"Wenn du Gringotts meinst, so hat mir Glorias Tanzpartner das durch die Blume erzählt, als ich mit ihm kurz auf dem Parkett war", erwiderte die Saalsprecherin der Violetten.

"Na ja, aber ich denke nicht, daß Jeanne das eben so ernst gemeint hat. Das würde ich in den vier Tagen nicht hinbekommen, alles richtig aufzulegen."

"Werden wir morgen sehen", verwies Belle dieses Problem an den nächsten Tag. Julius grummelte nur:

"Bestimmt nur einmal.

"Mademoiselle Dusoleil sagte etwas davon, daß dies nicht die erste Verwandlung sei, der du dich hast unterziehen lassen. Wie darf ich das verstehen?" Wünschte Belle von ihrem unfreiwilligen Spiegelbild zu wissen. Julius erzählte ihr kurz, daß er im Ferienunterricht mit Professeur Faucon den Infanticorpore-Fluch ausprobiert habe. Belle meinte:

"Der ist ja nicht ganz ungefährlich. Hätte Professeur Faucon ihn nicht korrigieren können, wärst du wohl in Millemerveilles geblieben, oder Professeur Faucon hätte dich mit hierherbringen müssen. Aber das war ja dann doch freiwillig, oder?"

"Klar", erwiderte Julius. "Ich wollte ihr helfen, starke Körperveränderungsflüche zu demonstrieren. Außerdem kannte ich ja mein genaues Geburtsdatum."

"Das hätte aber nicht stimmen müssen, Julius. Na ja, jetzt bist du halt hier in Beauxbatons, und in vier Tagen werden wir hoffentlich wieder unser normales Leben führen können", sagte Belle 1.

"Haben die Betten hier auch diese Schallschluckvorhänge?" Fragte Belle. Julius erwiderte:

"Neh, die Betten hier haben unbehexte Vorhänge, damit Leute, die nachts Schmerzen haben, nicht erst den Vorhang wegziehen müssen. Wenn ich schnarche, kannst du mich ja aufwecken", sagte Julius und wälzte sich mehrmals herum, weil das breitere Becken und die voll ausgeprägte Oberweite ihn um seine Lieblingseinschlafstellung prällten. Er fand jedoch irgendwann in einen tiefen traumlosen Schlaf.

 

__________

 

Am nächsten Morgen weckte Julius' alter Bekannter, der Trompetenzwerg Belle und ihn aus einem Bild mit im Wind wogender Weizenähren heraus.

"Huch, was ist denn das?" Fragte Belle aufgeschreckt und mußte sich erst sortieren. Ihr unfreiwilliges Spiegelbild aus Fleisch und Blut fuhr aus dem Bett hoch und hätte fast losgeschrien, weil es sich unerwartet in diesem Körper vorfand. Doch der Schreck in der Morgenstunde verflog schnell. Julius fand wieder zu sich und wußte, daß er diese Situation nicht gewollt hatte.

"Der Zwerg da kommt aus einem Bild, welches Claire für mich gemalt hat. Wieso ist der denn jetzt hier?" Erwiderte Julius. Er stand auf und wankte etwas unbeholfen, weil der Gang einer Frau für sein gerade erst wieder auf Touren kommendes Gehirn nicht im Arbeitsablauf für Halbschläfer vorgesehen war. Doch der umgewandelte Körper renkte sich wohl schnell wieder ein.

"'tschuldigung, aber wieso bist du denn hier?"

"Die neue Mademoiselle, welche nun neben uns eingezogen ist, kam zu mir und erzählte, sie hätten unseren Besitzer mit einem Körperwandelfluch belegt. Ich wurde losgeschickt, ihn zu wecken, wie das nun mal meine Aufgabe ist."

"Klar. Kannst wieder in dein Bild zurück und die Mademoiselle schön grüßen, daß ich erst in ein paar Tagen wieder mit ihr sprechen kann."

"Gut, Mademoiselle", sagte der Zwerg und verschwand aus dem Bild, bevor Julius ihn berichtigen konnte. Vielleicht konnte dieser Zwerg nur Botschaften weitergeben und nicht so gründlich zwischen Männchen und Weibchen unterscheiden. Wenn der Spuk vorbei war, wollte er Claire noch mal zu diesen Musikzwergen befragen.

"Ach, schon wach? Bei dieser Krachmusik auch kein Wunder. Wo kam denn die überhaupt her?" Fragte Schwester Florence, die bereits ihre weiße Tracht trug.

"Ein Musiker aus einem Gemälde wurde losgeschickt, um uns zu wecken, weil ja keine Saalsprecher das übernehmen können", sagte Julius, bevor er erfaßte, daß Belle ja Saalsprecherin war.

"Das hätte ich schon erledigt, weil die Morgentoilette doch etwas zeitaufwendig ist, wenn jemand mit der Kosmetik nicht vertraut ist", sagte Belle. Schwester Florence schaute auf die Arme und unterschied so Julius von der jungen Frau, deren Körper er zeitweilig kopierte.

"Dann lasse ich euch mal alleine, sagte die Heilerin und deutete auf ein Badezimmer mit Dusche und Waschbecken. Was an menschlichen Bedürfnissen erledigt werden mußte, wanderte in die aufgestellten Nachttöpfe. Dann half Belle Julius beim Waschen, anziehen und der Frisur. Sie flocht ihm einen Zopf, der fast so wirkte, wie der von Virginie Delamontagne. Julius ließ das über sich ergehen. Dann sah er, wie sich Belle mit Schminkzeug unwesentliche Unterdurchschnittlichkeiten ihres von natur aus rosigen Gesichtes bearbeitete. Er verließ leise das Badezimmer und setzte sich auf das Bett, in dem er die Nacht geschlafen hatte.

"Heh, Julius, du mußt auch noch", sagte Belle. "Ich helfe dir dabei, damit du nicht wie ein abstraktes Kunstwerk rumläufst."

"Neh, Belle, das lassen wir lieber weg", erwiderte Julius, dem es im Moment wieder unheimlich war, mit der Stimme der Ministertochter zu sprechen.

"Wirst du wohl herkommen! Wenn wir zum Frühstück gehen, wird jeder hinsehen, um zu gucken, worin wir uns unterscheiden. Ich will nicht, daß jemand, der dazu nicht berechtigt ist, mich im ungeschminkten Zustand in Erinnerung behalten kann. Also antreten!"

Julius konnte ja nicht weglaufen, weil die körperliche Kopplung ihn auf zehn Schritt mit Belle verband. Also seufzte er nur und ging ins Badezimmer, wo er eine halbe Stunde lang über die verschiedenen Verschönerungsmittel informiert wurde und letztendlich das Make-Up von Belle aufgetragen bekam.

"Wenn dir das lästig ist, das ist gewohnheitssache", sagte die echte Belle und führte ihr nun vom Zopf abgesehen äußerlich genau entsprechendes Spiegelbild aus Fleisch und Blut zur Tür hinaus.

Im Speisesaal drehten sich alle Schüler nach den beiden spiegelgleichen Mädchen um. Nur wenige wußten genau, was passiert war. Ein Getuschel hob an, als Belle ihren derzeitigen Zwilling an den violetten Tisch führte und zwischen sich und ihre Klassenkameradin Suzanne Didier plazierte. Julius sah Edith Messier, die in seinem Arithmantikkurs mitmachte, die zehn Stühle weiter rechts von Belle 1 saß.

"Auf dem Platz hat vor einem Jahr noch Fleur Delacour gesessen, ähm, Julius", sagte Suzanne, als sie den Pflegehelferschlüssel erkannte und sah, daß am grünen Tisch wer fehlte. Gerade von da sahen alle herüber, um zu unterscheiden, wer nun Original oder Kopie war. Claire zwinkerte ihm zu, als sie Julius ansah und er unwillkürlich lächelte. Hercules Moulin und Robert Deloire tuschelten miteinander und sahen sehr besorgt aus.

Am weißen Tisch blickten die Cousinen und Schwestern Lagrange herüber, sowie Gustav van Heldern. Am blauen Tisch hatte sich Adrian Colbert so gesetzt, daß er nicht ständig zu den ungewollten Zwillingen auf Zeit hinübersehen mußte. Ein Stuhl war unbesetzt. Jasper van Minglern würde Beauxbatons wohl nie wieder beehren, wußte Julius. Flüche auf Mitschüler zu legen, ohne im Unterricht oder einem damit befaßten Kurs dazu angehalten zu werden, war die Freiflugkarte in die Verbannung, in das Leben als Muggel. Bei schweren Fällen konnte sogar eine Erinnerungsveränderung vorangehen, hatte Julius gelesen. Vielleicht schickte man diesen Burschen auch als Säugling zu seinen Eltern zurück oder gab ihn zur Adoption frei als Findelkind.

"Was macht Fleur jetzt eigentlich, wenn ich das wissen darf?" Fragte Julius Andrews. Suzanne, die sich wohl schnell damit abfinden konnte, daß neben ihr kein echtes Mädchen saß, sagte:

"Die ist bei Gringotts London untergekommen, soweit ich orientiert bin." Julius nickte, und der lange Zopf, den er nun trug, wedelte ein wenig. Irgendwie dachte er an Pina Watermelon, die nun in Hogwarts einen ganz normalen Schultag verleben würde. Er hoffte nur, daß jene achso nette Professor Umbridge sie nicht doch drangsalieren würde.

Kurz nach sieben betrat Madame Maxime den Speisesaal und stellte sich in ihrer ganzen alles überragenden Größe neben den Lehrertisch auf und klatschte dreimal in die Hände, was wie Gewehrfeuer klang. Stille trat ein. Dann sprach sie:

"Werte Kolleginnen, Kollegen, Schülerinnen und Schüler. Ich bin bestürzt, wütend und maßlos enttäuscht über etwas, daß sich gestern abend in unseren ehrwürdigen Mauern zutrug. In der ganzen Geschichte von Beauxbatons, die doch schon sehr lange währt, ist ein solches Vergehen gegen unsere wohlgemeinte Ordnung nicht einmal passiert.

Ich ging wie Sie anderen hier davon aus, daß jeder, der hier herkommt, um zu lernen, seine oder ihre Zauberfähigkeiten zu ergründen und rechtschaffend zu nutzen, von allen akzeptiert wird, wenn er oder sie sich durch Leistung, vorbildliches Benehmen und Willen zum Lernen auszeichnet. - Offenbar erlag ich da, wie die meisten von Ihnen, einer äußerst trügerischen Selbsttäuschung. So müßte ich bei der Frage nach dem Grund für meine Wut doch fragen, ob ich nicht hätte abschätzen können, daß neue Schüler jedes Jahr auch neue Spannungen, neue Konflikte und neue Gruppierungen fördern, selbst ein so gut geführtes Lehrinstitut wie wir es hier haben, nicht alle Unwägbarkeiten ausschließt oder zumindest berücksichtigt. Doch ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß die Tat eines Einzelnen nie zur Schuld der allgemeinheit verklärt werden darf, weil es sonst für jeden Missetäter eine einfache Ausrede gibt, um seine Taten zu begehen: Die Gesellschaft hat mich falsch behandelt, mich nicht früh genug als das erkannt, was ich bin.

Gestern abend kurz vor dem Saalschluß lauerte der Schüler Jasper van Minglern, Sohn der belgischen Zaubererfamilie van Minglern, dem erst in diesem Jahr zu uns gestoßenen Schüler Julius Andrews auf, mit der perfiden Idee, ihm durch einen mächtigen Fluch einen nachhaltigen Streich zu spielen, angeblich in der Tradition des englischen Halloween-Festes, dessen Datum ja gestern verzeichnet wurde. Er setzte mit einem Körpertausch-Fluch dazu an, Julius Andrews körperlich mit seiner Mitschülerin Sandrine Dumas zu vertauschen, erwischte jedoch aus Versehen Mademoiselle Grandchapeau. Der Fluch verfehlte seine volle Wirkung, richtete jedoch genug Schaden an, an Monsieur Andrews, der für mehrere Tage gezwungen sein wird, im Körper von Mademoiselle Grandchapeau zu leben, was für einen zum Jungen erzogenen Menschen sicherlich eine seelische Belastung ist. Der Fluch vollzog nicht den kompletten Körpertausch, sondern koppelte die beiden Opfer körperlich aneinander. Sie sind zwar Einzelwesen geblieben, aber müssen sich in unmittelbarer Nähe zueinander aufhalten. Das wiederum ist für Mademoiselle Grandchapeau eine sehr große Demütigung. Dies dürfen und dies werden wir nicht ungestraft zulassen.

Der Missetäter konnte, weil er sich über das Ergebnis seines Angriffs zu sehr wunderte, am Tatort außer Gefecht gesetzt werden. Hier kommt er!"

Bei diesen Worten führten vier stark aussehende Zauberer in blutroten Umhängen den Angreifer Jasper van Minglern in goldenen Ketten aus dem Warteraum für die neuen Schüler in den Speisesaal. Der Junge sah kreidebleich aus. Er starrte mit angstgeweiteten Augen auf die Tische, suchte seine Freunde am blauen Tisch. Sie wandten sich ab. Mit einem erwischten Straftäter wollte man sich offenbar auch dort nicht weiter abgeben, erkannte Julius voller Genugtuung. Lediglich ein Mädchen, wohl zwei Jahre älter als der Untäter, sah sehr betrübt drein, total verstört und am Boden. Belle flüsterte Julius zu, daß es Jaspers Schwester Danielle sei, die er da gerade ansah. Zwar wirkte der Einmarsch des überführten Missetäters auch mitleiderregend, doch dieses Mitleid hielt sich in Grenzen. Alle schwiegen. Keiner sagte auch nur ein Wort. Die Ketten klirrten. Jasper sah hektisch zu allen Tischen hinüber. Dabei fing er sich vom grünen Tisch einen vernichtenden Blick der Dusoleil-Schwestern ein, vor allem von Claire. Die Montferres am roten Tisch schüttelten nur die Köpfe, und die Gelben wandten ihre Gesichter ab, wenn er versuchte, sie anzusehen. Die Lehrer blickten ihn mit steinerner Miene an. Professeur Faucon fixierte ihn regelrecht. Professeur Fixus schien ihn mit ihrem Blick röntgen zu wollen, und Julius war sich nicht so sicher, ob sie dies nicht auch tat, wenngleich nicht seinen Körper, sondern seinen Geist. Nur Professeur Pallas schien noch ein wenig für den Gefangenen zu empfinden. Sie sah ihn mit Bedauern an.

"Jasper van Minglern, Sie wurden auf frischer Tat ertappt, wie Sie Ihre Mitschüler Belle Grandchapeau und Monsieur Julius Andrews mit einem verderblichen Fluch angriffen. Sie haben jetzt noch die Gelegenheit, sich dazu zu äußern, wieso Sie das taten. Zeugen gibt es genug, die alle einhellig ausgesagt haben, daß Sie diese Tat begangen haben", sagte Madame Maxime.

"Es war doch nur ein Scherz, verdammt!" Heulte der Junge los. "Ich wollte dem Engländer doch nur einen echten Halloweenstreich spielen und ihm mal zeigen, wie Mädels so leben. Daß das nicht so hingehauen hat ist mir egal. Sollte doch nur ein Streich werden."

"Ein Streich?!" Rief Madame Maxime, und alle Tassen und Löffelchen erzitterten unter dieser Stimme. "Flüche, das hat Ihnen meine Kollegin Professeur Faucon mit absoluter Sicherheit beigebracht, sind niemals erlaubte Scherze. Was Sie da getan haben verstößt nicht nur gegen die Schulregeln von Beauxbatons, von denen sie zehn auf einen Schlag verletzt haben, sondern auch gegen die Zaubereigesetze zur Eindemmung körperschädigender Flüche als Offensivmittel. So bleibt mir nur, Ihre fristlose Entlassung aus unserer Akademie zu verfügen und Sie den Herren von der magischen Strafverfolgungsbehörde zu überlassen. Es war zwar davon die Rede, Sie lediglich Ihrer Zauberausrüstung zu entledigen und in die Verbannung in die Welt der Nichtmagier zu verbringen. Aber nach diesem Stand der Dinge hegt die oberste Führungsebene der französischen Zaubererwelt ein ernstes Interesse an einer abschreckenden Strafe. Ich muß Ihnen sagen, daß Sie sich nicht nur den falschen Ort, sondern auch das falsche Ziel für Ihren heimtückischen Angriff ausgesucht haben. Diese Herren, die Sie hereinführten, werden Sie nun zum tiefergehenden Verhör in die Zentrale der magischen Strafverfolgung verbringen. Ich kann für Sie nun nichts mehr tun, junger Mann, noch nicht einmal Ihnen eine gute Zukunft wünschen, da dieses wohl ein aussichtsloses Wunschdenken wäre. Leben Sie wohl!"

"Nein, die werden mich in irgendwas verwandeln oder nach Askaban schicken oder ..." Rief Jasper. Doch ein Schweigezauber ließ ihn verstummen. Dann führten die vier Zauberer ihn ab.

"Hui, das war ja richtig düster", sagte Suzanne, als der Gefangene fort war. Madame Maxime deutete auf den violetten Tisch. Ein Raunen und Tuscheln hob wieder an, weil alle zu dem Tisch herübersahen. Noch mal gebot die Schulleiterin mit einem Händeklatschen Schweigen.

"Wie ich anführte wird Monsieur Andrews die nächsten vier Schultage in der körperlichen Daseinsform von Mademoiselle Grandchapeau in ihrer unmittelbaren Nähe zubringen, was ihn neben den erwähnten seelischen Belastungen auch von seiner Teilnahme am für ihn bestimmten Unterricht hindert. Er wird mit den übrigen Schülerinnen und Schülern der Klasse 7 des violetten Saales in den Unterrichtsräumen verweilen und erhält dort die Gelegenheit, sich ohne Störung des Unterrichts zu beschäftigen. Ihnen Allen jedoch muß ich auftragen, sich vor Beginn der ersten Stunde feierlich und unter Benutzung von Eidessteinen, die heute morgen noch geliefert wurden, zu verpflichten, niemandem außenstehenden in Wort, schrift und Bild darüber etwas mitzuteilen, was hier gestern abend geschah und in den nächsten Tagen noch geschehen wird. Die Ehre und das Ansehen von Beauxbatons, damit verbunden Ihrer aller Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft, darf nicht zum Spielzeug sensationslüsterner Berichterstattung werden. Deshalb werden Sie Alle sich diesem Prozeß unterziehen. Und nun frühstücken Sie hinreichend, um für den Unterricht gestärkt zu sein!"

Madame Maxime setzte sich hin und griff zum Frühstücksbesteck. Das Raunen hob wieder an, wurde zu einem lauten den Speisesaal ausfüllenden Wortwirrwar. Doch Julius war sich sicher, daß nun alle und jeder über ihn und die verunglückte Körpertausch-Aktion sprach.

"Ich hoffe, ich gehe euch nicht doch auf den Geist", wandte Julius ein. Zu seiner Erleichterung sah er weder Mitleid noch Unbehagen in den Gesichtern der Leute am violetten Tisch.

"Wie haben Sie das gestern ausgedrückt, Monsieur Andrews", begann Bele, "Da müssen wir jetzt durch."

Nach dem Frühstück verteilten sich alle Lehrer vom langen Tischauf die Saaltische. Sie trugen große Kisten, in denen die Julius' bekannten schwarzen Steinblöcke enthalten waren, deren Magie einen geschworenen Eid größtenteils unbrechbar machte. Professeur Paralax verteilte mit Professeur Milet und einer kleinen Lehrerin, die Julius nicht mit namen kannte, die Steine und stellte sich zusammen mit ihnen so auf, daß sie alle Leute am Tisch beobachten konnten. Am grünen Tisch, so konnte Julius sehen, verteilte Professeur Faucon zusammen mit Professeur Bellart und Professeur Laplace die Steine. Professeur Fixus trat mit Professeur Dedalus und einem hagerem Zauberer an, der Julius ebenfalls noch nicht vorgestellt worden war.

"Saalsprecherinnen und -sprecher bitte Aufstellung nehmen, um Vereidigung mit zu überwachen!" Befahl die Schulleiterin. Belle stand auf und trat mit ihrem Eidesstein fünf Schritte zurück. Julius wollte auch aufstehen, doch die Tochter des französischen Zaubereiministers schüttelte sacht den Kopf. So blieb er sitzen und legte seine Hände auf den Stein vor sich. Madame Maxime sprach vor, was zu schwören war:

"Ich schwöre bei meiner Unversehrtheit", alle Schüler sprachen es im Chor nach, wobei sie alle die Hände auf den Steinen liegen hatten, "daß ich über den Körpertauschfluch gegen Belle Grandchapeau und Julius Andrews", was wieder von den Schülerinnen und Schülern wiederholt wurde, "keinem in Wort und Schrift berichten werde", sie wartete auf die vollständige Wiederholung, "welcher außerhalb dieser Mauern lebt und nicht für mich persönlich verantwortlich ist." Auch dieser Teil kam als Echo von allen Schülern im Chor. "Dies schwöre ich bei meiner Unversehrtheit."

"Dies schwöre ich bei meiner Unversehrtheit!" Schlossen die Beauxbatons-Schüler den Eid ab. Unvermittelt erhitzten sich die Steine in und unter ihren Händen fast bis zum Versengen der Haut. Doch irgendwie war es noch auszuhalten. Die Schüler konnten jedoch die Steine nicht loslassen. Irgendwie waren diese mit ihren Händen verwachsen. Erst als die entstandene Hitze nachließ, konnten sie die Steine wieder loslassen. Die magische Vereidigung war nun vollzogen. Julius fragte sich, was diese Eidesformel bedeutete. "und welche nicht für mich verantwortlich ist."

Die Lehrerinnen und Lehrer meldeten mit den Saalsprechern, daß alle beaufsichtigten Schüler auch wirklich die Eidessteine richtig gebraucht und auch gesprochen hatten. Danach wurden die Steine wieder eingesammelt.

"Fertigmachen zum Unterricht, Mesdemoiselles et Messieurs!" Befahl Madame Maxime in ihrer gewohnt gebieterischen Tonlage.

Julius sträubte sich zwar ein wenig, vor dem Unterricht in eines der Toilettenräume für Mädchen zu gehen, doch da er mit Belle körperlich verkoppelt war, blieb ihm keine Wahl, zumal sie noch mal prüfen wollte, ob die aufgetragene Schminke nicht nachbesserungsbedürftig war. Zusammen mit Suzanne Didier, Belle und Yvette Lorens stand er vor den Waschbecken. Belle betrachtete ihn kurz, nickte und winkte ihm zu, ihr zu folgen. Die beiden anderen Mädchen kicherten, weil Julius schamrot angelaufen war.

"Da du hier reinkonntest, ohne das die Spiegel loskrakehlt haben, gehörst du im Moment zu uns", lachte Suzanne Julius an. Dieser lief noch röter an. Der ehemalige Hogwarts-Schüler schwieg dazu nur.

"Sollen die sich doch totlachen, die albernen Hühner", dachte er nur für sich.

"Hast du nicht auch Muggelkunde gewählt, Julius?" Fragte Belle den mit ihr zurzeit verbundenen Mitschüler. Dieser schüttelte vorsichtig den Kopf, was den langen Zopf zum schwingen brachte.

"Neh, habe ich mir nicht ausgewählt", sagte er mit Belles klarer Stimme. Diese sah ihn ungläubig an, weil sie offenbar nicht verstand, warum jemand etwas nicht machte, wo er oder sie bestimmt alle überragte. Doch Julius antwortete:

"Ich habe das nicht genommen, weil es mir zu langweilig geworden wäre."

Nachdem Belle sich und ihre unfreiwillige Zwillingsschwester auf Zeit begutachtet hatte, gingen sie zum Unterricht.

"Joh, Mädel, toller Gang", lachten die Rossignol-Brüder, die gerade um eine Ecke bogen. Julius lief erst knallrot an, mußte dann aber lachen. Die beiden waren dafür bekannt, immer lockere Sprüche zu bringen. Belle errötete jedoch auch.

"Offenbar sollte ich dir für die nächsten Tage beibringen, wie eine Dame geht, ohne mit ihrem Hinterteil zu sehr zu wackeln. Das bringt gewisse Herren dazu, ihre anerzogenen Sitten zu vergessen oder sich zu wünschen, sie vergessen zu können", flüsterte Belle, schob Julius vor sich und folgte ihm. Er mußte sich arg konzentrieren, um nicht den Eindruck zu vermitteln, gezielt irgendwelche Jungen zu ermuntern. Die Rossignols lachten, als er von seiner derzeitigen Spiegelbildpartnerin angeleitet vorüberging.

"Gut, daß Jasper das nicht mit einem von uns gemacht hat. Ich wollte nicht Sans Gesichtskleister auftragen müssen", sagte Marc. Sein Zwillingsbruder Serge lachte darüber nur. Belle wandte sich kurz um, nicht gerade erfreut dreinschauend und sagte: "Nenne mir einer von Ihnen bitte einmal eine Zahl zwischen fünfzig und einhundert!"

"Höh, wozu denn sowas?" Fragte Marc oder Serge Rossignol. Julius hatte die beiden noch nicht auseinanderzuhalten gelernt. "Dann sage ich mal zweiundsiebzig. So alt ist Oma Flo gerade."

"Nun, ob Ihre Oma sich geehrt fühlt, daß Sie beide ihr Lebensalter in Strafpunkten bekommen, weil Sie sich erstens chauvinistisch und zweitens respektlos gegen eine Saalsprecherin geäußert haben, wage ich zu bezweifeln. Aber diese zweiundsiebzig Punkte bekommt Jeder von Ihnen", stellte Belle eindeutig und unumstößlich klar. Die Rossignol-Brüder verzogen ihre Gesichter, sahen Belle an, dann Julius.

"Wir haben den Jungen doch nur etwas aufmuntern wollen", sagte der linke der beiden. Warum ziehst du dir diesen Schuh an?"

"Erstens bin ich es hier gewohnt, höflich mit "Sie" angesprochen zu werden, Monsieur Rossignol. Zweitens ziehe ich mir diesen Schuh an, weil alles, was gegen oder über die derzeitige Erscheinungsform von Monsieur Andrews geäußert wird, auch mich persönlich betrifft. Ich gehe davon aus, daß Sie sich dies merken werden", sagte Belle in ihrer gewohnten, überragend damenhaften Ausdrucksweise. Die Rossignols verstanden und wollten weitergehen, als die Montferre-Zwillinge um die Ecke kamen.

"Ihr seid ja wohl selten dämlich, einer Saalsprecherin eine so hohe Zahl zu nennen, wenn ihr genau wißt, daß damit nur Strafpunkte gemeint sein können", sagte Sandra. Dann sah sie Julius an und flüsterte ihm zu:

"Genieße es, Julius. Andere Jungen würden sich darum reißen, nur für einen Tag ein Mädchen zu sein, weil sie sich einbilden, dann alles über uns zu wissen."

"Was ich stark bezweifel, Sandra. Frag doch deinen Freund, ob der nicht sofort mit mir tauschen will!"

"Ach, so schlimm ist das nicht, Julius. Mademoiselle Grandchapeau ist keine schlechte Wahl gewesen, wenngleich dieser Idiot aus dem Saal Blau genau gewußt haben muß, daß es ihn direkt von der Schule wirft."

"Joh, Mädels. Wir schwirren dann ab zu Königin Blanche! Hoffentlich kommen wir nach deren Stunde nicht als Insekten raus", sagte Sabines Freund. Belle räusperte sich sehr warnend, sodaß Julius das leichte Kratzen der überreizten Stimme körperlich spüren konnte. Schnell liefen die beiden Brüder fort.

"Ich ging davon aus, daß Sie die beiden doch zu gewissen Anstandsregeln erziehen würden, Mademoiselle Montferre, allein des Guten Namens Ihrer Familie wegen. Aber offenkundig haben Sie sich da zu viel aufgebürdet", sagte Belle 1 herablassend. Belle 2, Julius Andrews, sah schnell in eine andere Richtung, um seinem erzwungenen Spiegelbild nicht zu verraten, wie amüsiert er war, daß die beiden Brüder doch noch Jungen geblieben waren. Gegen lockere Sprüche hatte er nichts. Aber vielleicht, so schlich sich doch ein kleiner düsterer Gedanke ein, würde er das verabschäuen, wenn sich herausstellte, daß er für den Rest seines Lebens Belles durch Fluch entstandene Zwillingsschwester bleiben und als Frau weiterleben müßte. Dieser Gedanke jagte ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken.

Die Montferres verabschiedeten sich von Belle und Julius und gingen ihres Weges. Belle lotste ihre unfreiwillige Zwillingsschwester auf Zeit zu einer Tür an der ein Schild hing. Auf dem Schild war ein Bild angebracht, auf dem eine Dampfmaschine, eine Glühlampe und ein uralter Doppeldecker abgebildet waren. Julius begriff, daß mit diesen drei Symbolen wohl der wesentliche Unterschied zwischen Zauberern und Muggeln verdeutlicht werden sollte. Vor der Tür warteten Seraphine Lagrange, Gustav van Heldern und drei weitere Klassenkameradinnen aus dem weißen Saal. Dann kamen noch Barbara, Jeanne und Yves aus dem grünen Saal. Sie sahen Julius erst erstaunt dann verständnisvoll an. Aus dem blauen Saal kam noch ein sichtlich niedergeschlagener Adrian Colbert zusammen mit einem Jungen, der die silberne Brosche des stellvertretenden Saalsprechers trug. Adrian begrüßte Belle flüchtig, warf einen irritierten Blick auf Julius, der nichts mehr von einem gewöhnlichen Jungen an sich hatte und wandte sich dann seinem Klassenkameraden zu.

"Hallo, Julius!" Begrüßte Barbara den verwandelten Mitschüler. Dieser lächelte. "Gut geschlafen?"

"Ging so. Ist doch nicht so einfach, bequem zu liegen, wenn der Körper plötzlich völlig anders ist", sagte er mit Belles Stimme leise. Barbara nickte. Jeanne trat heran und sprach gerade leise genug, um nicht unhöflich flüstern zu müssen: "Das gab heute morgen einen Aufruhr, weil du nicht zurückgekommen bist. Barbara und Edmond mußten das allen bei uns erklären. Claire war total empört. Die hat wirklich geglaubt, du hättest dich freiwillig verwandeln lassen, um einen Halloweenscherz zu spielen und dann einen Tag an Belles Stelle in Beauxbatons rumzulaufen. Die hat sich schon Gedanken gemacht, du müßtest deswegen von der Schule runter. Ich konnte es ihr dann doch erklären, wie das eigentlich abgelaufen war. Barbara hat ja von Professeur Faucon noch eine Erklärung überreicht bekommen, die sie dann laut verlesen hat. Aber immerhin kriegst du mal mit, was wir in Muggelkunde so machen."

"Offiziell bin ich ja nicht hier. Ich werde mich wie ein Schatten an der Wand verhalten. Im Moment habe ich zwar keine Hausaufgaben zu machen, aber das kriege ich ja dann wohl morgen früh", sagte Julius. Barbara sah ihn noch mal an, begutachtete sein Make-Up und wandte sich Belle zu.

"War das Ihre Idee, Julius zu schminken, oder wollte er dies ausprobieren?"

"Es war mein dringendes Verlangen, daß er, wo er im Moment meine Doppelgängerin darstellt, auch anständig geschminkt herumläuft, falls Sie dann besser schlafen können, Mademoiselle Lumière", fauchte Belle, beließ es aber dabei. Alle Mädchen in der Gruppe kicherten, die Jungen sahen bedauernd auf Julius, dann wieder beeindruckt. Offenbar, so konnte Julius sich gut vorstellen, sahen sie in ihm im Moment das junge Fräulein, dessen unfreiwillige Zwillingsschwester er geworden war und hoffentlich nur vier Tage bleiben mußte.

Der bärtige Professeur Paximus schritt würdevoll heran, erbat sich freien Zugang zur Tür, schloß sie auf, ließ alle an sich vorbei eintreten, schloß die Tür, nahm die in jedem Klassenraum vorhandene Sanduhr und stellte sie mit dem leeren Kolben nach unten, um sie durchlaufen zu lassen. Dann begrüßte er die Klasse, die wie gehabt im Chor antwortete. Dann wandte er sich noch mal an die Klasse:

"Wir werden heute und morgen einen Gast in unserer Klasse beherbergen, der gezwungenermaßen unserem Unterricht beiwohnen wird. Wie Sie ja heute morgen im Speisesaal erfuhren, ist Monsieur Andrews durch einen schändlichen Fluch dazu gezwungen, in Gestalt und Nähe von Mademoiselle Grandchapeau die nächsten vier Tage zuzubringen. Ich möchte Sie alle nur darauf hinweisen, daß er immer noch ein junger Mann ist, als den ich ihn auch behandeln werde. Das versteht sich von selbst, daß sich jede Anzüglichkeiten über sein derzeitiges Aussehen verbitten. Das Problem ist nur, wo Sie sich hinsetzen können, Monsieur Andrews."

"Die Entfernungsbeschränkung läßt mir da nicht viel Spielraum, Professeur Paximus", sagte Julius. Adrian zuckte zusammen, weil er Belles Stimme hörte, die nicht ihre Stimme war.

"Mademoiselle Grandchapeau sitzt doch bei ihren Klassenkameradinnen. An unserem Tisch ist ja noch ein freier Platz", sagte Seraphine, nachdem ihr das Wort erteilt war. Julius wartete, was Belle dazu sagen würde. Diese nickte und winkte Julius zu, er könne zu Seraphine hinübergehen, die wie Belle in den vordersten Reihen saß, sodaß die zehn Schritte Entfernungstoleranz weit unterschritten wurden.

Still setzte sich Julius neben Seraphine, die ihm aufmunternd zulächelte, jedoch nichts sagte. Im Unterricht sprach nur, wem der Lehrer oder die Lehrerin dazu die Erlaubnis oder die Anweisung gab.

Auf der Tafel erschienen drei Wörter in mehreren Zoll großen Buchstaben: "GESELLSCHAFT; TECHNIK, UMWELT"

"Wir fahren fort mit der Erörterung der Wechselwirkung der nichtmagischen Gesellschaft und Technik und der Natur. Für Monsieur Andrews, von dem ich weiß, daß er Mademoiselle Lagrange und Lumière diesen Sommer sehr umfassende Informationen über die schlimmsten Zerstörungsvorrichtungen der nichtmagischen Welt zukommen ließ: Wir haben das Thema Kriege und gefährliche Maschinen der Muggel abgeschlossen und beschäftigen uns mit der Struktur und Kultur der Muggelgesellschaft, wofür wir die französische nichtmagische Welt als Beispiel heranziehen. Mesdemoiselles et Messieurs, bitte übergeben Sie mir die zu verfertigenden Hausaufgaben von letzter Woche!"

Der Lehrer sammelte die Hausaufgaben ein und erläuterte dann, wie die französischen Muggel ihren Staat führten. Julius hielt sich an seine Ankündigung und sagte nichts. Zwar sah der Lehrer zwischenzeitlich zu ihm herüber, als meine er, von ihm noch etwas hören zu können, fragte ihn jedoch nicht. Irgendwann jedoch schrieb eine unsichtbare Zauberhand an die Tafel:

"Informationsverarbeitung und Fernverständigung als Grundlagen des heutigen Lebens."

"Die nichtmagische Welt hat in den letzten fünfzig Jahren durch die Erfindung einer mit elektrischem Strom betriebenen Rechenmaschine ein Verarbeitungsgerät für Informationen aller Art erhalten, das sich immer stärker zum beherrschenden Apparat in der technischen Welt entwickelt hat, sodaß darüber nicht nur die Archive ganzer Bibliotheken verwaltet und gelesen werden, sondern auch schwierige Vorherberechnungen laufen aber auch ein großes Netz von Wissensweitergabe und Unterhaltung mittels der Telefonleitungen entstanden ist. Wer kann mir erklären, wie diese Rechenmaschine arbeitet?"

Julius hätte beinahe aufgezeigt. Doch er war nur Dekoration hier. Er hatte hier ja nichts zu suchen und bestimmt auch nichts zu melden. Seraphine stupste ihn mit ihrem Fuß unter dem Tisch an. Doch er zeigte nicht auf. Belle und Suzanne zeigten auf. Belle sollte erzählen, was sie wußte.

"Rechenmaschinen, aus dem Englischen auch als Computer bekannt, bestehen aus zusammengesetzten Dingen, einem Kasten, einem elektrischen Bildgerät und einem Brett mit versenkbaren Bausteinen, die durch Fingerdruck Zahlen und Buchstaben in den großen Kasten schicken, der dann über eingeprägte Abläufe, die Programme genannt werden, mit den eingedrückten Buchstaben und Zahlen arbeiten kann. Bilder oder Schrift kommen dann über das Bildgerät, auch Monitor genannt, wie durch ein in flirrendheiße Luft hinausschauendes Fenster beim Benutzer an. Dies ist mir bisher geläufig, Professeur Paximus."

Alle, die aufgezeigt hatten, senkten ihre Arme wieder und sahen Belle an. Offenbar hatte sie mehr gesagt als die anderen hätten sagen können. Julius jedoch grinste für einen Sekundenbruchteil. Er hoffte, daß dies keiner gesehen hatte, weil er starr die Tafel ansah. Doch Professeur Paximus fragte in die Runde:

"Nun, weiß jemand etwas mehr über die Funktionsweise eines Computers? Ich meine, dies war schon sehr gut, was Sie gesagt haben, Mademoiselle Grandchapeau. Zehn Bonuspunkte dafür. Aber für die so wichtige Rolle, die dieses Gerät für die Muggel spielt, möchte ich doch gerne noch einige Details wissen. Wer kann mir da behilflich sein?"

Niemand zeigte auf. Alle machten betretene Mienen. Dann richteten sich alle Blicke auf Julius Andrews. Der setzte schon an, verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Doch als Barbara und Jeanne ihn sehr eindringlich ansahen, hob er schwerfällig den Arm. Professeur Paximus sah ihn vorwurfsvoll an und meinte:

"Sie sind hier im Unterricht, Monsieur Andrews. Wenn Sie etwas wissen, dürfen Sie dies nicht einfach verbergen. Bitte versuchen Sie, uns mehr zu erklären! Wenn jemand etwas nicht begreift, möge er oder sie Zwischenfragen stellen!"

"Ich weiß nicht, wieviel hier wichtig ist. Ich möchte mich hier auch nicht als Experte aufspielen und Sie alle hier mit unzureichendem Kram behelligen", sagte Julius. Professeur Paximus sah ihn warnend an.

"Ich hörte von Professeur Faucon, sowie Ihren früheren Lehrern zu Hogwarts, daß Sie sich gerne unter Wert zu präsentieren pflegen. Fünf Strafpunkte für die Verschleppung des Unterrichts, Monsieur. Werden Sie uns jetzt nicht erzählen, was Sie bestimmt wissen, verhänge ich fünfzig Strafpunkte, so bedauerlich dies auch sein mag."

"Dann möchte ich bitte an die Tafel, um Stichwörter hinzuschreiben, weil es vielleicht zu viel wird, um es sich so zu merken", sagte Julius. Der Lehrer nickte, maß mit seinem Blick die Entfernung zwischen Belle und der Tafel ab und nickte erneut. Julius stand auf und ging an die breite schwarze Tafel. Er nahm ein weißes Stück Zauberkreide. Professeur Paximus richtete seinen Zauberstab auf die Tafel und sagte "Creato Tabulam Rasam!" Die Schrift auf der Tafel verschwand übergangslos, und Julius konnte anfangen.

Er schrieb Stichwörter wie Hardware, Software, Prozessoren, Arbeitsspeicher, Festspeicher, binärsystem, Bit und Byte an die Tafel, ließ mit "Luteilumos" ein gelbes Licht an seinem Zauberstab aufleuchten und erzählte dann den aufmerksam zuhörenden Schülern, was er über Computer gelernt hatte. Er begann mit der Einteilung in Hard- und Software, wobei er die entsprechenden Stichwörter mit dem gelben Licht anleuchtete. Dann erzählte er, was die Hardware im einzelnen darstellte, alle greifbaren Bestandteile eines Computers, führte aus, was alles zur Software gehörte und beschrieb die eigentliche Arbeitsweise eines Prozessors. Er malte sogar noch ein Bild von einigen Schaltvorgängen, die die "Ja"- und "Nein"-Möglichkeiten einer Speicherzelle bezeichneten. Er hoffte, daß er niemandem damit zu viel auflud. Zwischendurch kamen Zwischenfragen von Seraphine, Belle Grandchapeau und Barbara Lumière. Er beantwortete sieso kurz wie möglich. Alle schrieben mit, was er erzählte. Zum Schluß sagte er mit Belles Mädchenstimme einen sachlichen Tonfall durchhaltend:

"Wie gesagt weiß ich längst nicht alles, wie ein Computer genau arbeitet. Ich habe nur die Grundeigenschaften erklärt. Wer mehr wissen möchte, kann in einem Buch "Die Technik der nichtmagischen Welt" von einem Professor Woodbridge aus Amerika nachlesen, was letztendlich für die Zaubererwelt wichtig zu wissen ist. Ich hoffe, Sie nicht alle über Gebühr übertextet zu haben und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit." Dann verbeugte er sich kurz, sodaß sein Zopf an seiner linken Schulter vorbeirutschte.

Die Schüler und der Lehrer klopften für zehn Sekunden mit den Fingerknöcheln auf die Tische. Julius richtete den Zopf wieder.

"Nun, da ich dieses Wissen voraussetzen mußte, kann ich Ihnen leider nur zwanzig Bonuspunkte dafür geben, daß Sie uns verständlich erläutert haben, wie diese von manchen Nichtmagiern als "Zauberkasten" bezeichnete Apparatur arbeitet und vor allem, wo ihre Grenzen liegen. Auf dieser immensen Grundlage aufbauend können wir nun darüber diskutieren, wie es möglich war, daß dieses Instrument die nichtmagische Welt derartig beherrschen kann. Kehren Sie nun wieder auf Ihren Platz zurück, Monsieur Andrews!"

Julius ging zu Seraphine zurück und ließ sich so vorsichtig wie möglich nieder, weil Belle ihn sehr aufmerksam ansah.

Die restliche Stunde sprachen sie über alles, was durch Computer möglich wurde oder von ihnen übernommen wurde. Als Julius unvorsichtigerweise herausließ, daß durch das Internet ein zunehmender Vorrat an neuen Handels- und Verständigungsmöglichkeiten entstanden sei, bekam er von Professeur Paximus als Hausaufgabe, für Zauberer verständlich über dieses neue weltweite Verständigungsverfahren zu schreiben. Als die Stunde schließlich zu Ende war, bedankte sich der Lehrer noch mal für die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Schüler und entließ sie mit Hausaufgaben für die nächste Stunde, sich über Besonderheiten und Alltag der Computernutzung Gedanken zu machen. Julius dachte schon, diese Aufgabe sei dann für ihn nicht verbindlich, als Professeur Paximus sagte: "Diese Aufgabe werden Sie wohl zusätzlich noch zu der Arbeit bewältigen können, die Sie bereits von mir aufbekommen haben, Monsieur Andrews."

"Hast du dir eingebildet, Paximus läßt dich seelenruhig in seinem Klassenraum sitzen, wo er weiß, was deine Mutter macht?" Fragte Jeanne, als Julius zusammen mit Belle und Seraphine die Klasse verlassen hatte.

"Ich hatte mir vorgenommen, daß ich nicht stören will, Jeanne. Dazu gehört für mich auch, daß ich nichts tue, was den üblichen Ablauf blockiert", sagte Julius verärgert klingend. Belle sah ihn an und sagte:

"Wenn ich dies richtig mitbekam, hat Professeur Faucon gesagt, daß Sie eben nicht stumm und belanglos im Unterricht herumsitzen sollen, Monsieur Andrews. Da wir die nächste Stunde bei ihr haben, sollten Sie sich schleunigst von dem Gedanken verabschieden, die vier Schultage teilnahms- und vor allem nutzlos zu verbringen, nur weil Ihr Gewissen Sie veranlaßt, nichts zu sagen oder zu tun. Wir hatten heute dieses Thema, und wenn ich Mademoiselle Dusoleil eben korrekt verstanden habe, ist Ihre Mutter in diesem Bereich tätig und hat Ihnen daher wohl genug Grundwissen mitgeben können. Insofern war das keine Störung, sondern eine notwendige Mitgestaltung des Unterrichtes. Ich darf nicht verhehlen, daß ich durch den Vortrag wesentlich mehr Wissen erworben habe als durch unsere Schulbücher. Ob dieses Wissen für mich oder jeden anderen aus dieser Klasse anwendbar ist, kann ich nicht sagen. Aber es zu haben ist besser als es erst zu erwerben, wenn es sehr dringend benötigt wird."

"Dann wünsche ich dir noch viel Spaß bei Verwandlung. Ihr macht wahrscheinlich bei den Zustandsänderungen von Lebewesen weiter, wo wir in Hogwarts mit aufgehört haben."

"Zustandsänderungen. Also Körperverwandlungen am Menschen?" Fragte Julius.

"Da sind wir schon drüber hinweg", lachte Barbara. Aber keine Sorge, Professeur Faucon wird dich nicht dazu anhalten, dich zu verflüssigen oder in eine Nebelwolke zu verwandeln. Manche Verwandlungskünstler können sich genial in bereits vorhandene feste Materie einfügen, mit Felsen verschmelzen oder gar zu Feuerwesen werden. Aber das ist ziemlich schwierig."

"Moment, Madame Unittamo hat uns doch erzählt, daß sie fünfzehn Jahre gebraucht hat, um sich selber zu verwandeln", fiel es Julius ein. Jeanne meinte dazu nur:

"Du hast sie gefragt, wielange sie dafür gebraucht hat, sich ohne Zauberstab so perfekt und schnell verwandeln zu können. So hat sie das gemeint. Viel Spaß noch dabei.!"

Die Schülerinnen und Schüler aus den anderen Sälen gingen getrennte Wege. Adrian winkte Belle nur flüchtig zu, bevor er schnell um eine Ecke verschwand. Seraphine verabschiedete sich bis zur Zaubertrankstunde von Julius und ging mit Gustav und ihren Klassenkameradinnen davon.

Professeur Faucon begrüßte die fünf Leute aus dem violetten Saal, die bei Ihr Verwandlung hatten. Julius wunderte sich, daß nicht die ganze Klasse dieses Fach lernte. Er nahm sich vor, Belle bei Gelegenheit danach zu fragen.

"Da Madame Maxime Sie schon über die Anwesenheit von Monsieur Andrews orientiert hat, stelle ich lediglich klar, daß er sich hier in diesem Unterricht nicht als unbeteiligter zu verhalten hat. Sie werden an dem Punkt weitermachen, an dem Sie in meinem Fortgeschrittenenkurs am Donnerstag aufgehört haben, Monsieur Andrews. Mademoiselle Grandchapeau, die Konsistenztransformationen werde ich Ihnen heute nicht zumuten, da selbst ich nicht weiß, wie sich dieser teilweise fehlgeschlagene Verwandlungsfluch darauf auswirken mag. Nachher haben wir Sie und Monsieur Andrews als miteinander verschmolzene Nebelwolke, die ireversibel ist. Das Risiko möchte ich nicht eingehen. Sie werden sich stattdessen mit der Materialisation lebender Wesen befassen, die wir am Anfang des Schuljahres aufgefrischt haben."

Belle sah die Lehrerin sehr ungehalten an, sagte jedoch nichts dazu. Recht hatte sie ja, wenn sie verbot, Körperverwandlungen an sich durchzuführen, solange dieser Fluch auf ihr und Julius lastete.

Julius bekam mherere verschiedene Tiere vorgesetzt, die er in Pflanzen verwandeln mußte. Er fragte einmal vorsichtig, ob er überhaupt noch dieses hohe Zaubertalent besaß, solange er in einem fremden Körper steckte. Professeur Faucon sagte dazu nur:

"Selbst wenn es nicht so wäre, daß ihre Zauberkraft unabhängig von Verwandlungen aller art wäre, hätten Sie körperlich denselben Zustand wie Mademoiselle Grandchapeau, die wie die anderen schon mit Selbstverwandlungen arbeitet. Also strengen Sie sich an! Ausreden dieser Art für vermeidbare Fehlschläge oder unzureichender Ergebnisse werde ich nicht hinnehmen, Monsieur Andrews." Die Letzten Worte sprach sie zwar leise aber dafür überdeutlich aus und sah den verwandelten Drittklässler sehr warnend an. Julius schrumpfte förmlich auf seinem Stuhl zusammen.

So arbeitete er während der Verwandlungsstunde daran, Tiere in Pflanzen zu verwandeln, was er nach einigen Fehlschlägen doch hinbekam. Einmal konnte er sehen, wie Suzanne Didier sich mit einer komplizierten Zauberstabbewegungsabfolge in eine Art Wassersäule verwandelte, wie eine große Pfütze auseinanderlief, sich wieder aufrichtete und wieder verfestigte. Sie sah dabei so aus, als habe sie gerade einen todesmutigen Sprung über einen großen Abgrund hinter sich gebracht.

Am Ende der Stunde verteilte die Lehrerin Bonus- und Strafpunkte. Julius bekam 50 Bonuspunkte dafür, daß er das angestrebte Ziel erreicht hatte.

"So, hinaus in die Pause, Mesdemoiselles et Messieurs!" Gebot Professeur Faucon. Sie winkte Belle und Julius noch mal zu sich.

"Für morgen benötigt Monsieur Andrews eine Genehmigung, Sie zum Magizoologieunterricht zu begleiten. Ich habe diese Genehmigung als für ihn zuständige Saalvorsteherin ausgefertigt und mit seiner Fürsorgerin in magischen Angelegenheiten abgeklärt. Ich werde sie ihm morgen nach dem Unterricht bei mir geben." Belle nickte.

Auf dem Pausenhof hatten Professeur Fixus und Jeanne Dusoleil Aufsicht. Julius hielt sich in Belles nähe, die bei ihren Klassenkameradinnen bleiben wollte. Gerne wäre er mal eben zu Claire und den Jungs aus der dritten Klasse vom Grünen Saal hinübergelaufen, doch der Schmerz, der aufkam, wenn er oder Belle mehr als die zehn Schritte überschritten hatte, war zu deutlich gewesen und hatte sich nicht zur Wiederholung empfohlen. Belle bemerkte das wohl, entschuldigte sich kurz bei ihren Klassenkameradinnen und wandte sich an Julius.

"Ich gehe mit dir mal für fünf Minuten zu deinen Klassenkameraden. Ich denke, die haben doch ein Recht, dich noch mal aus der Nähe zu sehen."

"Danke", sagte Julius nur und folgte Belle, die schnurstracks zu Claire und Laurentine hinüberging. Bébé sah Julius mit übergroßen Augen an. Sicher, sie hatte ja wie alle anderen am Frühstückstisch mitbekommen können, was passiert war. Aber Ein Mädchen zu sehen, das eigentlich ein Junge war, jagte ihr doch gehörig Furcht ein.

"Hallo, Claire und Bébé. Wie waren die ersten Stunden?" Fragte Julius, bevor Claire das mit ihm tun konnte.

"Wir hatten's noch mal von Halloween, weil dieser Blaue sich eingebildet hat, daß eine Körpervertauschung wohl ein erlaubter Scherz sei", schnaubte Claire.

"Edith hat die Hausaufgaben von Professeur Laplace notiert. Vielleicht kannst du die ja machen, wenn dieser Zustand dies zuläßt", sagte Bébé. Belle fragte sie:

"Was meinen Sie mit "Zustand", Mademoiselle Hellersdorf? Sicher kann er alle Hausaufgaben machen, die anfallen, wenn ich meine Hausaufgaben mache. Oder berufen Sie sich auch auf Ihren Körper, wenn Sie Hausaufgaben nicht machen wollen?"

"N-nein, d-das t-tue ich nicht", stammelte Laurentine und lief knallrot an. "Ich wollte nur sagen, daß Julius ja im Moment nicht selber entscheiden kann, wann er was macht oder nicht. Das ging aber nicht gegen Sie."

"Möchte ich mir auch ausgebeten haben", gab Belle herablassend klingend zurück. Claire, die nie näher als zwei Meter an Julius herantrat, sagte nur: "Sie müssen das verstehen, Mademoiselle, daß es gerade für meine Klassenkameradin schwer ist, sowas mitzukriegen. Es hätte ja auch sie oder mich treffen können. Meine Schwester sagte sowas, daß dieser Blaue wohl gezielt nach einem Mädchen gesucht hatte, mit dem er das mit Julius machen wollte."

"nun, er kann froh sein, daß es ihn und Sandrine Dumas nicht betroffen hat", wandte Belle ein und errötete an den Ohren, weil sie offenbar was sagte, was ihr unangenehm war. "Dann wäre es möglicherweise zu einer androgynomorphen Fusion gekommen."

"Boing!" Sagte Julius dazu nur. Gerade sowas wäre die Steigerung gewesen, nicht den Körper einer Frau zu haben, sondern regelrecht mit ihr zu einer Einheit verschmolzen zu werden. Claire und Laurentine, die mit dem Begriff offenbar nichts anfangen konnten, nickten nur, weil sie sich dachten, daß es wohl etwas schlimmeres sein mochte als vier Tage lang das Spiegelbild der Ministertochter zu sein. Obwohl Spiegelbild stimmte ja nicht ganz. Immerhin konnte Julius sich noch eigenständig bewegen.

"wir sehen uns dann am Donnerstag abend wieder, Mädels", sagte Julius zu Claire und Bébé. Claire fragte, wieso sie sich in den großen Pausen nicht treffen konnten. Julius verwies darauf, daß er der jungen Hexe, an die er im Moment gebunden war, nicht wie ein Klotz am Bein hängen wolle. Belle schüttelte zwar den Kopf, mußte jedoch dann anerkennend lächeln. Claire schnaubte kurz. Doch dann meinte sie:

"Ich seh's ein, Julius. Vielleicht bringt es dir ja sogar was, mal für einige Tage als Mädchen rumzulaufen."

"Als junge Dame höchstens, Mademoiselle Dusoleil", berichtigte Belle die Drittklässlerin, die darauf ungehalten zu ihr aufsah, aber nichts sagte. Julius grinste nur:

"Ich werde lernen, mich zumindest für diese vier Tage damit zu arrangieren, auch wenn mir diese Schönmalerei am Morgen nicht gefällt."

"Oh, dafür hat Mademoiselle Grandchapeau dich aber gut hinbekommen", erwiderte Claire mit verschmitztem Lächeln. Dann verabschiedete sich Julius und folgte Belle zurück zu ihren Klassenkameradinnen. Er hielt sich gerade so in der möglichen Entfernung, um nicht als Lauscher von wichtigen Gesprächen junger Frauen zu erscheinen. Zwar sahen Mädchen wie Suzanne ihn zwischendurch merkwürdig an, weil sie offenbar was sagen wollten, was für einen Jungen nicht geeignet war, sagten es aber dann doch, wenn auch sehr leise.

"So, die Damen und der Herr", sagte Professeur Fixus, nachdem sie die letzten zwei Minuten der Pause ausgerufen hatte. "Begeben Sie sich schon einmal zum Zaubertrankunterrichtsraum. Monsieur Andrews, Sie werden heute keine Langeweile haben, aber auch nicht überfordert werden."

"Ich kann ja Sachen anreichen und umrühren, Professeur Fixus", bot Julius an. Diese sah ihn nur kurz an und ging dann zu Jeanne zurück, um mit ihr die Pause ordentlich abzuschließen.

Tatsächlich hatte Julius keine Probleme mit dem Unterricht. Es ging um den Schutz vor schnellwirksamen Zaubergiften, die nicht durch reine Heilkräutergaben behoben werden konnten. Julius saß zwischen Seraphine und Martine Latierre. Er wunderte sich, daß die Saalsprecherin der Roten und andere Bewohner des roten Saales in diesem Unterricht dabei waren, wo hauptsächlich die Violetten und die Weißen anwesend waren. Doch von den Violetten waren wieder nicht alle da. Einige, die vorhin in Verwandlung gefehlt hatten, saßen nun in diesem Unterricht. Dafür fehlten einige aus der Verwandlungsklasse.

"Zwei Tropfen Runespoorspeichel einfüllen und siebzehnmal gegen den Uhrzeigersinn umrühren", erinnerte sich Julius an das Rezept für ein mächtiges Halluzinogen, das den Geist eines Menschen total verwirrte und am Ende dessen Eigenschaften ins Gegenteil verkehrte. Psychopolaris-Trank hieß dieses teuflische Gebräu.

"Woher kennt der Herr im Kleid diesen heftigen Trank?" Fragte Martine Leise, als Professeur Fixus sich mit einem Schüler aus dem Weißen Saal unterhielt.

"Steht in "Pernitiöse Tränke: Prävention und Wirkungsumkehr" von Purplecloud und Botulinus. Das habe ich mir im letzten Jahr besorgt, weil ich mir dachte, daß Professor Snape uns bestimmt mal mit sowas kommen würde, bevor wir ins ZAG-Jahr kommen", flüsterte Julius. Seraphine sah ihn staunend an. Dann rührte sie den Trank weiter um.

Julius half mit den Zutaten aus, maß die Dosen ab, rührte auch einmal um, während Martine und Seraphine sich was notierten.

"Das ist zu stumpfsinnig, nur als Handlanger zu arbeiten, Monsieur Andrews", sagte Professeur Fixus einmal ganz leise, als sie hinter den zwei wirklichen und dem scheinbaren Mädchen stand. Sie gab Julius einen kleineren Kessel, da er seine eigene Ausrüstung ja nicht hatte mitnehmen können und trug ihm auf: "Rühren Sie in der verbleibenden halben Stunde den Rauschumkehrungstrank an, der sowohl von Mademoiselle Dawn als auch von Arsenius Bunsen detailiert beschrieben wurde. Ich setze voraus, daß Sie den bereits mal näher studiert haben. - Ich habe Sie richtig eingeschätzt. Ran an die Arbeit, Monsieur."

Julius mußte sich zwar etwas beeilen, den Trank hinzubekommen, bevor Professeur Fixus das Ende der Stunde verkünden würde, aber erstens mußte er zwischendurch nachdenken, ob er alles richtig einrührte, zweitens mußten manche Schritte der Zubereitung über Minuten durchgeführt werden. Als Martine und Seraphine ihre Kostproben abgegeben hatten, sagte Martine mit schelmischem Grinsen:

"Wenn der funktioniert, kannst du ja was davon trinken. Dann fühlst du dich bestimmt wohl als Prachtmädel und willst gar nicht mehr so einen unzureichend ausgebildeten Körper haben."

"Was soll'n das jetzt, Martine?" Fauchte Seraphine. Julius meinte nur:

"Bewahr was davon auf, falls Professeur Faucon und Schwester Florence nicht recht haben und ich nach vier Tagen immer noch mit diesem Balkon vor'm Brustkasten herumlaufen muß. Dann steh ich den ganzen Krempel besser durch, den ihr von der Natur aufgeladen bekommen habt."

"Julius, was soll das denn jetzt?" Fauchte die Saalsprecherin des weißen Saales und stupste Julius in die Seite. Belle merkte das einige Sitzreihen weiter hinten, räusperte sich und sah Seraphine warnend an.

"Maman merkt das, wenn mir was passiert", flüsterte Julius Seraphine zu.

"Sie haben hier sehr gut gearbeitet, Monsieur Andrews. Den Trank kann ich ohne Bedenken an Schwester Florence weiterreichen", sagte die Zaubertranklehrerin und füllte demonstrativ eine große Flasche aus dem Kessel des unfreiwilligen Teilnehmers der siebten Klasse ab. "Fünfzig Bonuspunkte wegen hervorragender Arbeit ohne geschriebene Stichpunkte."

"Man sieht sich dann wieder beim Schach", sagte Martine. Seraphine wünschte Julius noch einen schönen Tag und ging mit ihren Klassenkameradinnen davon.

Julius besuchte mit Belle das Mädchenklo im zweiten Stock. Für den ehemaligen Hogwarts-Schüler war es zwar nicht mehr das erste Mal, aber dennoch war es ihm immer noch unangenehm, die natürlichen Bedürfnisse zu erleichtern. Belle prüfte beim Händewaschen noch mal, ob ihr und Julius' Make-Up hielt und zog etwas Wimperntusche bei ihm nach.

"Wenn ich gleich das Heulen kriege, hast du aber auch was davon, Belle", sagte Julius.

"Dann beschwer dich bei dieser Madame Porter. Das war nämlich von ihr", erwiderte Belle kühl.

Beim Mittagessen saß Julius natürlich wieder am Tisch des Violetten Saales. Dabei kam Professeur Faucon zu ihm und Belle herüber und überreichte beiden einen Zettel, der so bezaubert war, daß man ihn nur aus wenigen Zentimetern vor den Augen klar lesen konnte.

"Stellen Sie beide sich heute Nachmittag nach Unterrichtsende im Besucherraum der Direktrice ein! Weiteres erfahren Sie dort."

Julius las sich diese knappe Mitteilung mehrmals durch. Dann legte er den Zettel auf den Tisch. Kaum hatte er seine Hand davon weggezogen, verschwand die Schrift völlig. Offenbar war die Tinte mit einem Selbstlöschzauber behandelt worden, der sofort wirkte, wenn der Zettel nicht mehr festgehalten wurde, erkannte Julius. Also mußte es etwas verdammt wichtiges sein.

"Geht das klar, Belle?" Flüsterte er seiner körpergleichen Sitznachbarin zu.

"Selbstverständlich. Dies ist eine streng vertrauliche Anweisung", flüsterte Belle, deren Zettel sich ebenfalls wieder gelöscht hatte.

Julius mußte genug essen, bis Belle sich wirklich satt fühlte. Sicher, sie aß auch nicht wenig, aber sie meinte, daß ihr Magen bestimmt knurren würde, wenn Julius nicht genug gegessen hatte.

"Was ich fragen wollte, wenn ich darf", setzte Julius an, weil er nicht wußte, ob er das überhaupt wissen durfte. "Wieso sind bei den Stunden heute nicht alle Leute aus der siebten Klasse dabei gewesen?"

"Ach, das ist wahrlich nichts geheimes", erwiderte Belle und ordnete ihre Bluse. "Ab dem Zag-Jahr muß niemand mehr alle Stunden machen, die er oder sie ab der ersten Klasse hatte oder in der dritten dazugenommen hat. Wer sich auf den Gesamtabschluß UTZ, also den ultimativen Test Zauberfertigkeiten bewirbt, kann sich vorher beraten lassen, für welchen Beruf er oder sie welche Fächer belegen und wie gut man diese abschließen sollte. Da ich in die Abteilung zum Schutz vor magischer Beeinträchtigung der nichtmagischen Welt eintreten möchte, brauche ich die Fächer, die du mit mir zusammen besuchst. Alles, was ich dafür benötige, lerne ich in diesen Fächern. Den Rest brauche ich nicht mehr."

"Ist ja auch schon genug, Mademoiselle Grandchapeau", sagte Suzanne Didier. Julius nickte. Also konnte man sich nach der fünften Klasse aussuchen, was genau man machen wollte. Das war dann aber nicht sehr einfach, weil man ja dann nur noch in dem Bereich arbeiten konnte, für den man sich spezialisierte. Julius dachte kurz darüber nach, wofür man alte Runen brauchte und mußte fast lachen, weil ja er selbst schon mit diesen Zauberzeichen gearbeitet hatte, um Claires Laterna Magica zu bauen.

"In England gibt es die Abteilung gegen den Mißbrauch von Muggelartefakten. Ist das was die Abteilung hier macht dasselbe?"

"Ja, wobei es nicht nur darum geht, behexte Muggelsachen zu finden und zu enthexen, sondern auch stationäre Flüche zu brechen oder von Magiern böswillig ausgeführte Verwandlungen zu korrigieren, ohne daß die betroffenen was davon in Erinnerung behalten. Deshalb müssen wir dafür auch Zaubertränke anrühren können", informierte ihn die Saalsprecherin der Violetten. Julius verstand, daß dieser Berufszweig sehr anstrengend und wohl auch verantwortungsvoll sein mußte.

Edith Messier kam kurz herüber, als sie Belle per Blickkontakt um die Erlaubnis gebeten hatte, herüberzukommen. Sie gab Julius die Arithmantik-Notizen und sagte noch: "Professeur Laplace bedauert, daß du nicht dabei sein konntest. Aber sie hofft, daß dir diese Zeit hier bei uns dennoch nicht als verlorene Zeit erscheint. Eure muggelstämmige Klassenkameradin hat 30 Bonuspunkte erworben. Offenbar kommt sie nun doch wieder gut bei euch zurecht."

"Notgedrungen, Edith", sagte Julius nur. Dann nahm er die Notizen an sich. Wenn er durfte, würde er sie in der nächsten Stunde durchsehen und vielleicht was dazu schreiben. Alte Runen waren immer ein schreibintensives Fach für ihn gewesen. Er ging davon aus, daß sich das bis zur siebten Klasse nicht ändern würde.

Nach einem noch maligen Besuch auf dem Mädchenklo, wo Belle und er Janine Dupont und Brunhilde Heidenreich traf, welche ihm sagte, daß er so nicht als Junge auffallen würde, ging es zu Professeur Paximus zu den alten Runen. Der Lehrer bedauerte, daß Julius in dieser Stunde nicht viel würde machen können und erteilte die Erlaubnis, daß Julius seine Arithmantik-Sachen durchging. So verstrich die Nachmittagsdoppelstunde ereignislos für den zur Doppelgängerin Belle Grandchapeaus verfluchten Drittklässler.

Nach dem Unterricht gingen Belle und er zu einem Wandgemälde im achten Stockwerk, auf dem ein in purpurrot gekleideter König und eine in weiße, mit goldenen Verzierungen bestickte Gewänder gekleidete Königin abgemalt waren. Die beiden gemalten Figuren stritten sich wohl gerade über etwas, von dem Julius nicht mitbekommen hatte. Jedenfalls sahen sie wütend auf die beiden.

"Jungfern, sehet Ihr nicht, daß wir uns itzo in hitzigem Dispute ergehen und keinerlei störende Interruption erwünschen?" Fragte der König und sah Belle und Julius an.

"Häh?" Sagte Julius nur. Belle legte ihre Finger auf die Lippen. Julius schwieg. Nach zehn Sekunden fragte die Königin:

"Jungfern saget nun an, was ist euer begehr?"

"Geb frei den Weg zu unserer Direktrice Heim- und Hof!" Sagte Belle auf diese Frage. Die Königin sah Belle an, runzelte ihre Stirn und fragte:

"Deucht mich, daß Ihr stets geschwisterlos oder brachte solch heftig' Wortgefecht mit meinem Gemahl mir Doppelsichtigkeit?"

"Gebt frei den Weg!" Sagte Belle erneut.

"Nun denn, so gebt mir kund das rechte Wort aus eurem Mund!" Sagte die Königin. Der König wiederholte dies auch, wenngleich sehr verbittert. Belle wandte sich an Julius und deutete auf seine Ohren. Er verstand. Er sollte ein Passwort nicht mithören. Um sich gänzlich von jedem Geräusch von Außen abzuschließen, zog er den Zauberstab, um den Echodomuszauber zu wirken, der Schall vom Kopf dessen abhielt, der damit bezaubert wurde. Belle drückte den Stab jedoch runter.

"Es genügt, wenn du sie dir zuhältst, Schwester."

Julius schluckte hörbar. Bis jetzt hatte er sich mit dem Mädchenkörper abfinden können, solange er immer noch als Junge oder Monsieur angesprochen wurde. Daß Belle ihn nun als ihre Schwester ansprach, verwirrte ihn ein wenig. Doch er legte die Hände auf die Ohren und summte leise was, um den in seinem Kopf entstehenden Schall durch die aufgelegten Hände verstärkt zurückzubekommen und so bestimmt nichts zu hören. So bekam er das Passwort nicht mit. Er sah nur, wie Belle eine Geste zu seinen Ohren machte, nickte und sich dann wieder dem Bild zuwandte.

"Gib dem König deine Hand, ich gebe meine der Königin", sagte Belle. Julius begriff zwar nicht genau, was damit bezweckt wurde, tat es aber. Er legte seine Hand auf die rechte Hand des gemalten Königs, die unvermittelt greifbar wurde und ihn mal soeben ins Bild hineinzog, daß er glaubte, durch ein breites hohes Fenster zu stürzen. Er fiel einige Meter, dann schwebte er in einem Gewirr von Farben. Es war ein anderes Gefühl als durch die Wände zu schlüpfen. Dieses Erlebnis mochte Stunden oder Sekunden gedauert haben, bis Julius kurz eine große, von der Nachmittagssonne beschienene Wiese vor sich auftauchen sah, darüber hinwegflog und unsanft aus einem Meter Höhe auf einen großen weißen Teppich plumpste. Er rappelte sich auf und sah sich um.

Belle Grandchapeau stand neben ihm und sah ihn erwartungsvoll an. Beide standen sie mit dem Rücken zu einer Wand, die ein wohl zwei mal drei Meter großes Gemälde zierte ... mit einer üppigen Herbstwiese, über der die Sonne gerade erstrahlte. Über die Wiese liefen Einhörner, Greife und geflügelte Pferde mit dem goldenen Fell der Palominos. Der Raum, in dem sie angekommen waren, war sechseckig, wie die Bienenwaben, die ihm Madame L'ordoux gezeigt hatte. Er schimmerte auch in einem honiggoldenen Ton und bot an jeder Wand etwas anderes.

An der ersten Wand hing besagtes Wiesengemälde. Die zweite Wand wurde von einem sehr breiten und hohen Schrank aus Eichenholz beherrscht, der mit magischen Verzierungen versehen war. Die dritte Wand enthielt eine bronzene Flügeltür, auf der alte Schriftzeichen zu lesen standen, die Julius vermeinte, entziffern zu können. Doch er wollte sich nicht damit aufhalten und sah die nächsten Wände an. Die Vierte Wand wurde von einem imposanten Kamin aus schwarzem Marmor beherrscht, in dem zurzeit kein Feuer brannte. An der fünften Wand stand ein großes Regal mit allerlei silbernen, goldenen und hölzernen Instrumenten, die surrten, tickten, schnurrten und klickten, kleine Qualmwolken ausstießen oder in merkwürdigem Licht glommen. An der sechsten Wand erhoben sich drei große Standuhren, die auf unterschiedliche Weise die Zeit oder irgendwas ähnliches anzeigten, sowie ein frei über einem Metallsockel schwebender Globus, der genauso aussah, wie die wirkliche Erde von einem in hoher Umlaufbahn fliegenden Betrachter aus zu sehen war. Julius lächelte, als er sich daran erinnerte, daß im Zimmer von Gloria Porter ein gleichartiger Globus war. Gloria hatte ihm vor zwei Jahren zu Weihnachten gezeigt, daß diese magische Weltkugel durch bestimmte Symbole Städte, Landschaften, Zeitzonen oder Bodenschätze anzeigen konnte. Julius trat etwas näher an den etwa zwei Meter durchmessenden Erdball heran und fand tatsächlich alle Symbole vor, die auch auf Glorias Globus zu finden waren. Eine der Standuhren zeigte die Uhrzeit auf gewohnte Weise. Die zweite besaß sechs Zeiger und ein Zifferblatt, das sich als Spirale verschiedener Symbole von außen nach innen ablesen ließ. Die dritte Standuhr besaß weder Zeiger noch Zifferblatt, sondern eine tiefschwarze Leere hinter vorgewölbtem Glas, in der Julius neun kleine Körper sah, die von einem großen hellen Körper im gemeinsamen Mittelpunkt ihrer Kreisbahnen angestrahlt wurden.

"Ein Planetochronometer, Julius", sagte Belle, die Julius' umherschweifenden Blick verfolgt hatte. "Diese Art von Zeitmesser zeigt die für bestimmte Zauber notwendigen Planetenstellungen an. Der Zauberglobus ist dir wohl sehr vertraut, habe ich registrieren dürfen."

"Ich kenne sowas", sagte Julius.

Er warf einen Blick nach oben und sah, daß auf halber Höhe des wohl vier meter hohen Raumes ein breiter Marmorsims verlief. Auf jedem der sechs großen Abschnitte stand eine lebensgroße Statue. Julius erkannte sie alle. Er hatte sie alle in den Bulletins de Beauxbatons gefunden. Denn es waren die sechs Gründer von Beauxbatons selbst.

Über dem Wiesengemälde trhonte Viviane Eauvive, die ja auch in kleinerer Form den grünen Saal zierte. Sie trug hier eine grüne Schürze mit Blumenmuster und hielt in der rechten Hand einen zerbrechlich wirkenden Zauberstab und auf der flachen linken Hand einen Blumentopf mit einer fremdartigen aber auch schönen Kakteenpflanze. Auf ihrer rechten Schulter saß eine große Katze mit Flecken im Fell und besonders großen Ohren. Der eingerollte Schweif des Tieres endete in einer haarigen Quaste, wie die eines Löwen. Über dem Kamin stand ein Mann wie ein Bär mit wildem Bart und Haar, der aus großen Augen nach unten blickte. Es war Orion der Wilde, Gründer des roten Saales. Er hielt einen großen Amboss unter dem linken Arm und einen Zauberstab, stark wie ein Knüppel in der Rechten. Dort, wo die Bronzetüren waren stand ein erhaben wirkender Zauberer mit violettem Spitzhut und einem purpurfarbenen Umhang, auf dessen Brustteil ein rundes Wappen geprägt war, das ein violettes Pferd mit Flügeln im Sprung unter einer orangeroten Sonnenscheibe zeigte. Dies war Donatus vom weißen Turm, der den violetten Saal begründet hatte, in dem damals nur Zauberer gewohnt hatten. Über dem Schrank stand die Statue einer Hexe in weißer Tracht, die eine große Flasche mit dem Heilmagiersymbol in der linken und einen leicht geschlängelten Zauberstab in der Rechten hielt. Ihr Haar war dunkel und zu einem strengen Knoten gewunden, ähnlich dem von Professeur Faucon. Ihr Gesicht jedoch sah milde auf die zwei Besucher herab. Es war wohl Serena Delourdes, die Gründerin des gelben Saales, der damals wie der grüne Saal ein reiner Wohnbereich für Hexen war. Über dem Regal mit den vielstimmig klickenden Instrumenten stand ein drahtiger Zauberer als Statue, der verschmitzt grinsend auf die Besucher herabsah und in den Händen ein silbernes, eiförmiges Ding hielt, in das viele Schlitze eingearbeitet waren. Unvermittelt sprühte es Funken, und Julius wurde das Gefühl nicht los, daß sich der nachgebildete Zauberer köstlich darüber amüsierte. Das konnte nur Petronellus von den blauen Hügeln sein, der den Blauen Saal gegründet hatte, in dem auch nur Zauberer wohnten. Blieb noch ein kleinwüchsiger, struwelhaariger Zauberer ohne Bart, der ein großes Buch vor sich aufgeschlagen hielt und eine angestrengte Miene zur Schau trug, als müsse er ein Geheimnis in diesem Buch enträtseln. In dieser Haltung stand er über dem Globus und den drei Standuhren. Das war Logophil vom hohen Tal, ein nur für die Forschung alter Schriften lebender Zauberer, der von den übrigen fünf Gründern regelrecht gedrängt wurde, mit ihnen Beauxbatons zu errichten. Er sammelte die Anhänger der hohen Geistigkeit um sich, brachte die Spezialisten in seinem Saal, dem weißen Saal, zusammen, wußte Julius. Dann blickte er wieder auf die Standuhren und den Globus nach unten.

"Mesdemoiselles, verharren Sie nicht im Ankunftsraum. Treten Sie bitte zu mir hin!" Durchbrach die herrische Stimme der halbriesischen Schuldirektrice die fremdartige, ja erhabene Atmosphäre, die dieser Raum mit seinen Instrumenten und Bildern erzeugte.

"Dann komm, Mademoiselle", sagte Belle, mal ihre aufgesetzte Haltung vergessend und winkte Julius hinter sich her.

"War das mit dem Bild eben ein echter Dimensionssprung? Diese Art von Ortswechsel ist wieder was völlig anderes als das Teleportal oder die Reisesphäre", wollte Julius noch immer sehr angetan von diesem Raum wissen.

"Das war ein Transpictoralportal, eine Verbindung zweier Bilder. Ein sehr mächtiger Schritt in der Zauberkunst und eine sehr selten zugelassene Magie, weil sie sehr leicht zu schädlichen Zwecken mißbraucht werden kann. Im wesentlichen dringst du in ein Bild ein. Ist dieses mit einem anderen Bild verbunden, wirst du zwischen den künstlichen Welten aller gemalten Zauberbilder hindurchgetragen und am anderen Ende wieder in die natürliche Welt zurückgeworfen. Kann man also als eine Art Dimensionssprung bezeichnen", sagte Belle leise. Dann öffnete sie die Bronzetür in einer der sechs Wände und geleitete Julius hindurch. Dieser fragte sich, ob Professor Dumbledore ein ähnlich gut ausgestattetes Zimmer besaß.

Durch einen hufeisenförmigen Korridor, vorbei an diversen Türen aus Holz oder Metall, ging es zu einem großen Salon, in dem ein großer Tisch und viele bequem gepolsterte hochlehnige Stühle standen. Eine gewöhnliche Standuhr tickte und tackte vor sich hin. An den Wänden hingen dutzende Zaubererbilder, die wohl frühere Schulleiter und -leiterinnen zeigten. Auf einem breiten und sehr hohen Stuhl, einem Königstrhon gleich saß Madame Maxime in ihrem schwarzen Satinkleid, das Julius an ihr bei der Ankunft in Hogwarts hatte sehen dürfen. Er sah nach oben, um der Halbriesin in das olivenfarbene Gesicht zu blicken und gewahrte dabei einen Kronleuchter mit vierundzwanzig Armen, in denen je vier große Kerzen steckten. Unter dem Kronleuchter, genau im Zentrum, baumelte an einem ein Meter langen Stiel, den offenen Blütenkelch nach unten, eine einzelne weiße Rose. Dieser Deckenschmuck brachte in Julius allerlei zum klingen.

"Ach du meine Güte! Sub Rosa", seufzte er. Belle sah ihn fragend an. Doch die Schulleiterin räusperte sich laut und vernehmlich.

"Mademoiselle oder Monsieur, Sie vergessen Ihre Manieren", sagte sie und sah Julius an. Sie nickte, weil sie ihn nun erkannte, sah ihn aber herausfordernd an. Julius errötete, was für seinen jetzigen Körper irgendwie reizend aussah. Er räusperte sich auch und sagte:

"Entschuldigung! Guten Tag, Madame Maxime."

Belle grüßte die Schulleiterin auch.

"Nehmen Sie bitte so platz, daß sie nicht gleich nebeneinandersitzen! Ich erwarte noch weitere Gäste, von denen einige vielleicht etwas irritiert über Ihr gemeinschaftliches Aussehen sein mögen."

Belle nickte und setzte sich so, daß Julius vier Stühle neben ihr einen Platz fand, wie Madame Maxime ihn dirigierte.

"Offenbar sind Sie in der Geschichte der Muggel doch besser bewandert gewesen als in unserer Geschichte, Monsieur Andrews", sagte die Direktrice kühl sprechend. "Ich möchte Sie jedoch bitten, Ihr Wissen für sich zu behalten, da ich vorhabe, alle anderen, sofern sie nicht damit vertraut sind, zu informieren. Respektieren Sie dies als Vorrecht der Schulleiterin und Gastgeberin!"

"Natürlich", erwiderte Julius eingeschüchtert.

Offenbar erfüllte dieses Transpictoralportal noch häufig seinen Zweck, denn man konnte Körper in dem Empfangsraum auf den Teppich plumpsen hören. Stimmen von Schülern drangen durch den Korridor. Julius erkannte sie alle. Als die Schüler eintraten, rotierte sein Verstand wie ein wildes Jahrmarktskarussell. Alle, die innerhalb von nur zwei Minuten hier eintrafen, waren mit einer Ausnahme Mitglieder der trimagischen Abordnung aus Beauxbatons!

Julius zählte durch. Ja, es waren wirklich alle da, die mit ihm, Gloria, Pina, Kevin und den übrigen Ravenclaws fast ein Jahr lang am selben Tisch gesessen hatten. Nur eine fehlte: Fleur Delacour. Dafür kam Virginie Delamontagne in den Salon, zusammen mit Jeanne und Barbara. Jeanne Dusoleil und Barbara Lumière kamen zu Julius herüber und ließen sich mit Virginie zusammen zwischen ihm und Belle nieder. Ein Stuhl blieb jedoch frei.

"Na, wie war der Sprung durch die Bilder?" Fragte Jeanne Julius, als sie alle Madame Maxime begrüßt hatten. Julius nickte nur und meinte:

"Das war interessant. Von sowas habe ich zwar gelesen, aber das selbst zu erleben ist immer noch einiges besser."

"Wir kriegen noch mehr Besuch", sagte Jeanne leise.

Tatsächlich traf über den Weg durch die Bilder noch jemand ein, der oder die etwas schwerer war als die versammelten Schüler. Als der Besucher um die Ecke kam, erkannte Julius Professeur Faucon. Diese begrüßte die Schulleiterin und setzte sich bereits zu ihrer linken hin.

Es rauschte einmal kräftig. Julius kannte dieses Geräusch sehr gut. Jemand kam mit Flohpulver durch den Kamin angereist. Dann hörte er eine ihm ebenfalls sehr bekannte Stimme fragen:

"Madame Maxime, sind Sie in ihrem Besprechungsraum?"

"Sehr richtig, Mademoiselle Delacour", antwortete Madame Maxime.

Grazil wie eh und je, das lange silberblonde Haar bis zu den Hüften herabwehend, eingehüllt in ein stahlblaues Kleid, das perfekt zu ihren Augen paßte, betrat Fleur Delacour den Besuchersalon. Julius meinte schon, sich gegen ihre Veela-Ausstrahlung wappnen zu müssen, die jeden Jungen über zwölf bis zum älteren Mann betören und in eine merkwürdig wohlige Trance versetzen konnte. Doch er fühlte nicht diese bezaubernde Ausstrahlung. Eher regte sich eine gewisse Abneigung gegen Gang,Haar und Aussehen dieser jungen Hexe, deren Großmutter eine Veela, eine magische Kreatur in der Stammform einer besonders betörenden Menschenfrau war. Ja, irgendwie hatte er das Gefühl, dieses graziöse Wesen da verabscheuen zu müssen, wenngleich er dieses Gefühl nicht so intensiv verspürte, wie ihre Bezauberung, die ihn schon mehrmals erwischt hatte.

"Guten Tag, Madame Maxime! Guten Tag, Professeur Faucon. Nett, euch alle mal wieder zu sehen", sagte Fleur Delacour. Dann stutzte sie. Sie sah von Belle zu Julius, von Julius zu Belle. Dann blickte sie fragend die Schulleiterin an. Diese nickte ihr zu und machte eine zur Geduld auffordernde Geste. Fleur setzte sich zwischen Barbara und Belle.

Wieder rauschte es wie vorbeirasende Expresszüge. Zweimal hintereinander. Julius hörte schwere Schritte und leichte Schritte näherkommen und sah einen würdigen Zauberer im schwarzen Samtumhang, der eine goldene Brille mit ovalen Gläsern auf der Nase und einen schwarzen Zylinder auf seinem graubraunen Haarschopf trug. Hinter ihm schritt eine zierliche Hexe in einem seegrünen Kleid, das gut zu ihren dunkelgrünen Augen paßte. Ihre dunkelblonde Dauerwelle war mit Hochglanzlösung verfeinert worden. Alle standen sofort auf, als die beiden eintrafen. Belle errötete, als sie sich den beiden letzten Gästen zuwandte. Auch Julius fühlte, wie ihm die Verlegenheitsröte ins Gesicht stieg. Peinlicher ging's jetzt nicht mehr. Denn wer da hereingekommen war, waren Zaubereiminister Grandchapeau und seine Frau Nathalie, Belles leibliche Eltern.

"Ich wünsche allerseits einen recht angenehmen Tag!" Begrüßte der französische Zaubereiminister alle Anwesenden, bevor er Madame Maxime und dann Professeur Faucon die Hand küßte. Seine Frau ging zu Belle, sah ihr wohl tief in die Augen und umarmte sie innig. Dann kam sie zu Julius herüber, der meinte, in einen tiefen Schacht hinunterzustürzen.

"Für Sie besteht kein Grund, sich für diesen Körper zu schämen, nur weil er meiner Tochter gehört, Julius. ich bin zwar erst sehr erschrocken, als ich gestern abend noch davon hörte, stellte jedoch fest, daß die Sache nur halb so schlimm sein kann. Belle ist ein vernünftiges Mädchen und du ein sehr vernünftiger Junge, der mit solcherlei Situationen bestimmt sehr gut zurechtkommt. Außerdem war es ja nicht deine Idee, ihren Körper anzunehmen, zumal sie ja ihren angeborenen Körper selbst noch besitzt." Das sollte wohl aufmunternd sein, ging aber irgendwie nicht auf. Denn Julius starrte tomatenrot die Ministergattin an, die ihn mütterlich anlächelte. Mütterlich? Heftiger ging es nicht, fand Julius. Offenbar fand sie sich wesentlich schneller damit ab, daß ihre Tochter eine Doppelgängerin wider Willen hatte, als er es erst gedacht hatte. Er hatte sich vorgestellt, daß sie ihn total befremdet anstarren würde, ja kein Wort mit ihm wechseln wolle, nur um nicht die Stimme ihrer Tochter aus seinem Mund zu hören.

"D-d-das w-w-woll-t-t-te ich wirklich nicht", stotterte Julius vor totaler Verlegenheit. Madame Grandchapeau strich ihm über die rechte Wange. Dann sagte sie ruhig:

"Das ist mir Klar, Julius. Niemand macht dir noch einen Vorwurf daraus. Vertrag dich gut mit Belle und mach ihr diese Lage nicht schwer, dann wird auch sie dir nie einen Vorwurf machen. Aber wenn sie dir schon von ihrer Kosmetik was abgibt, muß ich mir ja keine Sorgen machen."

Minister Grandchapeau sprach kurz mit seiner Tochter, die erst verlegen dreinschaute, dann nickte. Dann kam er zu Julius herüber.

"Ich weiß nicht, ob meine Tochter sich nicht zwischenzeitlich eine Schwester gewünscht hat. Ich hoffe nur, daß Sie mit dieser extraordinären Situation vernünftig umgehen. So wie ich Sie kennenlernen durfte und über hohe Personen wie Madame Delamontagne oder Ihre Saalvorsteherin erfuhr, hat meine Belle zumindest einen Leidensgenossen, der daraus kein großes Gerede machen wird und sich nichts darauf einbildet, in diese Lage geraten zu sein. Die nächsten drei Tage bestehen Sie noch", sagte er und flüsterte mit verschmitztem Grinsen "und dann können Sie wieder im stehen Wasser lassen, Monsieur."

Julius schluckte, mußte dann aber grinsen. Dieser Politiker war vielleicht doch nicht nur eben ein Politiker.

Zur Rechten der Direktrice von Beauxbatons nahm Minister Grandchapeau platz, während seine Gattin links von Julius platznahm, was diesen leicht beunruhigte. Doch das verflog, als die Schulleiterin von Beauxbatons das Wort ergriff:

"Sehr geehrter Monsieur Leministre, sehr geehrte Madame Grandchapeau, geschätzte Kollegin Professeur Faucon, Mesdemoiselles et Messieurs!

Vielen Dank, daß Sie alle hierher gekommen sind. Insbesondere möchte ich mich bei Mademoiselle Delacour bedanken, die den weiten Weg aus London unternommen hat, um herzukommen, zumal Sie das Floh-Netz in England nicht benutzen durfte.

Zunächst möchte ich Sie alle auf diese Rose an unserem Kronleuchter hier aufmerksam machen. " Alle sahen nach oben. "In den Zeiten des altrömischen Weltreiches wurde ein Treffen, bei dem eine solche Rose, meistens eine schwarze, von der Decke hing, zur streng geheimen Angelegenheit erklärt. Wo man sich unter der Rose, also sub Rosa traf, durfte nichts von dem, was gesagt und besprochen wurde, aus dem Raum hinaus, in dem diese Rose hing. Die Teilnehmer der Sub-Rosa-Gespräche mußten absolutes Stillschweigen bewahren, daß sie die Zusammenkunft hatten und wozu diese gedient hatte. Aus diesem Grunde habe ich hier und heute diese langstielige Rose anbringen lassen. Nichts, was hier besprochen wird, darf außerhalb dieses Raumes besprochen oder an andere weitergegeben werden, an niemanden. Sicher könnte ich Sie alle nun mit einem Eidesstein unter Eid nehmen. Doch die Erfahrung lehrt, daß zu viele Eide das Gedächtnis verwirren können und daher sparsam und nur dann, wenn sie wirklich wichtig sind, mit einem solchen Artefakt unterstützt werden. Wie gesagt erwarte ich von Ihnen, die Sie hier Schüler sind, daß Sie außerhalb dieses Raumes, der ein permanenter Klangkerker ist, kein Wort über diese Zusammenkunft und ihre Ergebnisse verlieren.

Zum Grund unserer Zusammenkunft. Wie allen bekannt wurde, hat sich im englischen Zaubereiministerium der fast schon krankhafte Gedanke ausgebreitet, es habe die Rückkehr des Magiers, dessen Name nicht genannt werden darf, nicht gegeben, und alle, die darüber berichten, seien entweder Panikmacher oder geistesgestört. Diese Haltung führte in den letzten Monaten zu ernstzunehmenden Ereignissen, die wir hier in Frankreich an und für sich ignorieren können, weil sie uns direkt nicht betreffen, die wir dennoch sehr wohl zur Kenntnis nehmen, weil wir eben wissen, daß erstens die Wiederkehr jenes unnennbaren Zauberers stattfand und zweitens Wert auf gute Kontakte in die britische Zaubererwelt pflegen möchten, eben weil dieser inhumane Zauberer wiedergekehrt ist. Auch können und dürfen wir nicht zulassen, daß von Ängsten getriebene Zauberer in Amt und Würden, die alles unterdrücken wollen, was die Wahrheit betrifft, jede Chance verderben, uns dieser Bedrohung zu erwehren. Da meine Kollegin Professeur Faucon mich um diese Unterredung gebeten hat, erteile ich ihr nun das Wort."

"Vielen Dank, Madame Ladirectrice", begann nun Professeur Faucon zu sprechen und blickte alle nacheinander prüfend an. "Zunächst einmal möchte ich als Fachlehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste an das hochehrenwerte Paar Grandchapeau meine aufrichtige Bitte um Vergebung richten, daß ich nicht früh genug erkannte, welch verdorbenen Charakter der heute morgen der Schule verwiesene und den Strafverfolgungskräften überantwortete Jasper van Minglern besaß, daß ich ihm die Handhabung des Körpertausch-Fluches beibrachte, mit dem er gestern abend Ihre Tochter und unseren neuen Schüler der Dritten Klasse, Julius Andrews, belegte. Ich bin mir einer gewissen Mitschuld bewußt, wenngleich ich hoffe, die Angelegenheit auf der Vernunft der beiden Betroffenen basierend in den nächsten drei Tagen zu einem glücklichen Ende kommen zu sehen. Dies nur, um Ihnen, den leiblichen Eltern von Mademoiselle Grandchapeau, den Respekt und die Demut zu erweisen, die Sie verdient haben."

Der Minister und seine Frau sagten nun, daß sie sehr zuversichtlich seien, daß die beiden Betroffenen des teilweise fehlgeschlagenen Intercorpores-Fluches die wenigen Tage gut überstehen würden und erklärten, Julius Andrews nicht zu belangen, weil er gezwungenermaßen über die intimsten Körperbereiche ihrer Tochter erfahren habe. Dermaßen freigesprochen von der Mitschuld sah Professeur Faucon sehr entspannt drein und sprach weiter:

"Sie alle hier, die Sie Schüler von Beauxbatons sind, unterhielten oder unterhalten über mindestens ein Jahr Kontakte mit Schülern der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei im englischsprachigen Europa. Ich weiß auch, daß Sie alle noch Kontakte mit einigen Schülern unterhalten. Ebenso ist mir bekannt, daß diese Brieffreunde Ihnen in vagen Umrissen über die Ereignisse in Hogwarts berichtet haben. Deshalb fasse ich das bekannte und das nicht Bekannte kurz in einem sachlichen Bericht zusammen, um Sie alle auf den gleichen Wissensstand zu bringen.

Auf Grund der Berichte des jungen Hogwarts-Schülers Harry Potter, der durch eine gezielte Manipulation des Feuerkelches zur Teilnahme am trimagischen Turniers verpflichtet wurde, in dessen dritter Runde er durch das Einwirken eines Verräters in Hogwarts entführt und beinahe ums Leben gekommen wäre, ging das Zaubereiministerium von den Wahnvorstellungen eines Kranken aus, ja beschloß, die Öffentlichkeit gezielt in Unkenntnis zu halten, daß dieses Erlebnis stattfand. Über mehrere Phasen erstreckt sich dieser Plan des britischen Zaubereiministers Fudge, seine Mitbürger darüber im Unklaren zu halten, was sich tatsächlich zutrug. Er verhängte eine totale Nachrichtensperre. Dann ließ er im Tagespropheten, der britischen Zaubererzeitung, verbreiten, Harry Potter sei nicht ernstzunehmen, ja schürte sogar eine Intrige, die ihn in den Augen der Öffentlichkeit lächerlich machte.

Der zweite Schritt bestand darin, Harry Potter einer unerlaubten Zauberei zu überführen. Dieser Schritt mißlang, da ein Augenzeuge, mit dem er nicht hatte rechnen können, zu Potters gunsten aussagte und einen Notwehrfall bestätigte. Wie diese Information zu mir gelangte, ist Ihnen, Minister Grandchapeau hinlänglich bekannt. Für Sie anderen ist sie nun unerheblich.

Schritt drei der Campagne zur gezielten Unterdrückung der Wahrheit war die Einberufung einer Lehrperson in Hogwarts, die aus den Reihen des Ministeriums selbst kommt und den offenkundigen Auftrag hat, die Wünsche des Ministers in Hogwarts durchzusetzen, daß niemand dort an die Rückkehr des dunklen Magiers glauben darf, den viele Zauberer und Hexen nicht beim Namen nennen wollen. Offenbar hegt Minister Fudge sogar die Befürchtung, Professor Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts, könne danach streben, durch geschürte Ängste den Posten von Minister Fudge zu übernehmen und zu diesem Zweck eine schlagkräftige Truppe in Hogwarts rekrutieren. Aus diesem paranoiden Grunde pflegt jene Lehrperson, ihren Unterricht verantwortungslos zu gestalten, nur die weltfremden Idealvorstellungen von Slinkhart zu lehren, demnach es keine defensiven Zauber gibt und man lieber ausweichen und sich auf Unterhandlungen allein verlassen soll. Allein dieser Umstand öffnet den wiedergekehrten Gefolgsleuten des dunklen Magiers Voldemort ..." Außer Madame Maxime, der Sprecherin und Julius erschraken alle bei Nennung des Namens "... Tür und Tor. Minister Fudge verkennt, daß die größte Gefahr nicht von jenen kommt, die ihn warnen, sondern von jenen, die seine Zuneigung gewinnen wollen und ihm folgen oder ihm zu irgendwelchen Dingen raten, die er für vernünftig hält.

Um dies jetzt hier klarzustellen: Es geht und ging mir nicht darum, Minister Cornelius Fudge von außen zu entmachten, nur um ihn von seinem Irrweg abzubringen. Ich möchte, und sowohl Sie, Minister Grandchapeau, als auch Sie, Madame Maxime, haben mir bereits Zustimmung signalisiert, daß wir von hier aus, außerhalb seiner Einflußsphäre darum ringen, daß alle, die empfänglich für die Wahrheit sind, sie auch erfahren und weitergeben, sofern sie sich dadurch nicht selbst in Gefahr bringen.

Der letzte Schritt in der bisherigen Campagne war die Einberufung von Dolores Jane Umbridge, besagter Lehrerin, in das neue Amt des Großinquisitors, dessen Aufgabe es sein soll, Lehrer zu überprüfen, ob sie noch die vom Ministerium erwarteten Standards einhalten, sowie deren Gesinnung zu prüfen und die Schülerschaft auf die Linie des Ministers einzuschwören, wohl auch durch psychische Gewalt, das Schüren von Mißtrauen, Beredung von leicht zu überzeugenden Charakteren und womöglich die Einrichtung eines Spitzeldienstes, um dem Ministerium unangenehme Tatsachen und Ansichten zu unterdrücken.

An Sie alle ergeht nun meine Bitte, daß Sie solange mit Ihren Kontakten in Hogwarts in Verbindung bleiben, solange dies zugelassen wird und Argumente für die Rückkehr des dunklen Lords Voldemort", wieder erschraken die meisten, "mit eigenen Worten weiterzugeben. Als Mitglied in der Liga zur Abwehr der dunklen Künste halte ich es für meine Verpflichtung, Sie um diesen Gefallen zu bitten, solange ich weiß, daß Sie sich dadurch nicht in Gefahr bringen können. Auch möchte ich alles, was den Rahmen des privaten, unter Freunden allein zu erwähnendem übersteigt, bei weiteren Einzelgesprächen mit mir oder Madame Maxime erfahren. Ansonsten verlieren Sie wie eingangs erwähnt kein Wort darüber, was Sie hier erfahren haben oder nun noch besprechen!

Um jenen, die diese neue Lehrerin noch nicht getroffen oder gesprochen haben vorzustellen, wie sie aussieht und sich anhört, habe ich durch eine Schriftprobe von ihr, die mir Monsieur Andrews vor einigen Tagen überließ, die Möglichkeit, sie Ihnen allen zu präsentieren."

Professeur Faucon holte aus ihrem Umhang einen Briefumschlag mit dem Wappen von Hogwarts. Julius erkannte sofort, daß es jener Brief war, den er am Donnerstag vor Halloween bekommen hatte. Die Lehrerin zog ihren Zauberstab hervor, hielt ihn an den Mittelpunkt des Briefes und rief: "Scriptorvista!" Darauf erschien erst eine blaue Kugel aus dem Brief, da, wo der Zauberstab ihn berührte, aus dieser entwickelte sich, frei in der Luft schwebend, ein räumliches Abbild einer Hexe mit einem blassen Gesicht, das an eine übergroße Kröte erinnerte, mit leicht hervorspringenden Augen über einem breiten Mund. Alle starrten dieses Abbild an. Julius Andrews sah fasziniert und auch leicht befremdet diese Hexe an, deren Abbild gerade wohl aus dem Brief gezaubert worden war.

"Scriptum audietur!" Sprach Professeur Faucon einen weiteren Zauber. Das Abbild von Dolores Umbridge bewegte die breiten Lippen und sprach mit einer hohen, an ein kleines Mädchen erinnernden Stimme in einem süßen, wohlwollend scheinenden Tonfall und sagte genau das, was in dem Brief stand, den Julius von ihr bekommen hatte. Sie sprach natürlich Englisch. Aber alle in diesem Raum verstanden sie problemlos. César Rocher starrte die im Raum schwebende Hexe an, bis sie den Brief mit ihrem Namen beendete.

"Reversovista Resilenciat Audibilis!" Sprach Professeur Faucon mit kalter Stimme zwei Zauber hintereinander. Sofort verschwand das nichtstoffliche Bild der neuen Großinquisitorin. Barbara Lumière hob die Hand und bekam Sprecherlaubnis. Sie sagte:

"Was ist, wenn diese Professor Umbridge einen Meldezauber in diesen Brief eingewirkt hat, der ihr verrät, wenn jemand ihr Abbild daraus heraufbeschwört?"

"Sie hat in die Tinte diesen Meldezauber einfließen lassen, Mademoiselle Lumière. Tatsächlich bekäme sie ein genaues Bild der Person zu sehen, die den Abbildungszauber wirkt. Da ich diesen Beruf schon lange genug ausübe, um dies zu bemerken, habe ich diesen Meldezauber durch einen ihn überlagernden Zauber dermaßen verwirrt, daß sie alles sehen wird, was zu ihrer gerade empfundenen Gefühlslage paßt, nur nicht mein Bild."

Alle grinsten. Dann sagte Professeur Faucon noch:

"Und selbst wenn ich diesen Zauber nicht gefunden hätte, wäre es mir auch egal gewesen, ob sie sehen könnte, wer da ihr Bild zu sehen wünscht. Sie ist sowieso, wie Sie hoffentlich alle vernehmen konnten, ohnehin darüber in Kenntnis gesetzt, bei Wem Monsieur Andrews nun seine Unterweisungen erhält und daß ich gewiß alles andere als Konform mit den Plänen ihres Vorgesetzten bin. Diese unzweideutig als Warnung zu verstehende Mitteilung sagt dies eindeutig aus, daß sie Monsieur Andrews", sie sah auf Julius, der zurzeit wie Belle Grandchapeau aussah, "für eine potentielle Gefahr hält, nicht weil er sie im Zaubererduell besiegen könnte, sondern weil er meine Argumente weitervermitteln kann und ihm womöglich doch geglaubt wird. Wider diese eindeutige Warnung bitte ich Sie darum, weiterhin mit Ihren ehemaligen Mitschülern in Kontakt zu bleiben, Monsieur Andrews. Für Sie anderen gilt, daß Sie weiterhin Briefe nach Hogwarts schicken, in denen Sie belanglos aber gezielt fragen, ob an den in den französischen Zeitungen erwähnten Sichtungen des Dunkelmagiers, den Sie nicht gerne beim Namen genannt hören, etwas dran ist. Erhalten Sie Antworten zurück, die erklären, daß von dieser Wiederkehr keine Rede sein kann, treffen wir uns einzeln oder in diesem Verbund zu weiteren Beratungen. Aber nur hier oder in meinem Büro, Mesdemoiselles et Messieurs!"

"Und wie machen wir klar, daß was entsprechendes gelaufen ist?"

"Sie erwähnen zwei Worte, die mit S und R für "sub Rosa" beginnen, beispielsweise "Schwester Rossignol" oder "Schnelle Reaktion", wenn Sie sicher sind, daß diese Geheimbotschaft zum Kontext dessen paßt, was Sie sonst noch erzählen möchten. Ich werde Sie dann wie heute Mittag zu Einzelgesprächen bitten oder einen Gesamttermin bekanntgeben. Allerdings wird dies dann über Eulenpost im allgemeinen Morgenpostverkehr stattfinden. Wie Madame Maxime sagte: Außer uns hier darf niemand etwas davon wissen. Gesetzt den Fall, jemand erfährt es und gibt es an die Presse weiter, könnte dies für die französische Zaubererwelt zu einem Skandal werden. International würden Minister Grandchapeau und seine Beamten geächtet, weil sie sich in die inneren Angelegenheiten Großbritanniens eingemischt hätten, und Sie hier könnten als fehlgeleitete Subjekte zusammen mit Madame Maxime und mir der Schule verwiesen werden. Dieses Geheimnis ist vielleicht sehr schwer zu verstehen, aber doch gut zu hüten, wenn wir alle uns dieser schweren Verantwortung bewußt sind, die wir nicht nur für uns, sondern auch für die rechtschaffenden Hexen und Zauberer in aller Welt tragen. Außer Monsieur Andrews sind hier alle volljährig und damit niemandem mehr Rechenschaft schuldig, wenn es um Dinge geht, die nicht unmittelbar das eigene Leben gefährden, was in unserem Fall hoffentlich sehr unwahrscheinlich bleiben wird. Ich kann mir zumindest nicht vorstellen, daß Minister Fudge uns ausspionieren läßt."

"Ich schon", warf Minister Grandchapeau ein. "Gerade weil ich meinem britischen Kollegen deutlich gesagt habe, daß ich Harry Potters Bericht ernstnehme und sogar aus eigenen Kreisen Hinweise habe, wird er mich und das französische Zaubereiministerium als potentielle Gefahr ansehen. Ich bin Politiker. Ich kenne die Versuchung, die erlangte Macht darbietet. Je größer die Macht ist, desto stärker wird der Trieb, sie zu erhalten. Ich will keineswegs behaupten, frei von derartigen Schwächen zu sein. Doch die Gefahr, durch dunkle Magier wie den Unnennbaren nicht nur ums Amt, sondern auch ums Leben gebracht zu werden, bestärkt mich in meiner Grundhaltung, das Meinige zu tun, ihn von Frankreich fernzuhalten. Die nächsten Schritte sind bereits eingeleitet worden. - Noch etwas: Sowas kann wahrlich nur einem Zauberer einfallen, dessen Volk nicht unter der Inquisition Italiens, Spaniens und Frankreichs gelitten hat, eine Hexe als Großinquisitorin einzusetzen."

Nun sprachen noch alle darüber, mit wem sie in Hogwarts Kontakt hatten. Virginie erzählte von Prudence Whitesand, Julius von Gloria, Kevin, Pina und den Hollingsworths. An seinen mit dezentem Lippenstift bestrichenen Lippen hingen sie alle. Irgendwann wandte sich der Minister ihm zu und sah ihn aufmerksam durch seine Brille an als er fragte:

"Auch wenn ich von einem dreizehnjährigen Jungen sowas nicht unmittelbar erwarten kann, frage ich Sie doch, Monsieur Andrews, was Sie von Ihren früheren Lehrern im Bezug zu Ihrem früheren Schulleiter halten."

Professeur Faucon nickte Julius zu. Er sprach mit der kühlen sachlichen Stimme Belle Grandchapeaus:

"Als Kind eines guten Wissenschaftlers habe ich gelernt, nie alles wissen zu können. Ich weiß nicht, ob das alles stimmt, was ich hier sage. Professor McGonagall wird wohl voll und ganz zu Dumbledore halten, ebenso wohl Hagrid, nachdem, was ich über ihn mitgekriegt habe. Bei den anderen Lehrern weiß ich nicht, ob sie Dumbledore oder dem Minister Fudge treu sein wollen. Bei Professor Snape bin ich da nicht so sicher, ob der nicht einen Grund hat, sich mit Dumbledore gut zu vertragen, kann aber nicht mit Sicherheit sagen, wie ich darauf komme. Wenn diese Großinquisitorin sich richtig breitmacht, könnte sie alle Lehrer auf ihre Seite holen."

"Nun, wie gesagt war nicht zu erwarten, daß Sie genug darüber mitbekommen konnten, um sich definitiv zu äußern, Monsieur Andrews", sagte der Minister.

"Prudence Whitesand, meine Brieffreundin, hat mir in den letzten Sommerferien viel aus Hogwarts erzählt, Minister Grandchapeau", wandte sich Virginie an den Zaubereiminister. Sie berichtete weiter, was Prudence über die einzelnen Lehrer erfahren hatte und schloß damit, daß wohl auch Professor Flitwick zu Dumbledore stehen würde, allerdings nicht in einer offenen Auseinandersetzung, sondern still und heimlich.

Eine halbe Stunde besprachen sie alle die Erfahrungen in Hogwarts und legten fest, wie die Briefaktion genau ablaufen sollte. Julius sollte weiter an seine Schulfreunde schreiben, da seine Meinung ja schon bekannt war und eine belanglose Frage nach einem Zeitungsartikel wohl nicht viel neues bringen würde. Dann beendete Madame Maxime die erste Sub-Rosa-Zusammenkunft. Fleur verabschiedete sich von ihren ehemaligen Schulkameraden, was mehr als zehn Minuten dauerte, weil sie sich zu jedem kurz hinsetzte und mit ihm oder ihr sprach. Irgendwann kam sie auch zu Julius herüber. Dieser fühlte wieder dieses leichte Gefühl von Feindseligkeit, wenngleich es eben nicht stark genug war, um in ihm offen auszubrechen. Fleur lächelte das Lächeln, daß ihn beim Sommerball noch total entrückt gemacht hatte. Diesmal wirkte es nicht.

"Es tut mir leid, was da zwischen dir und Belle passiert ist. Ich habe diesem Jasper van Minglern nicht zugetraut, so schlimm zu sein. Aber ich denke, du wirst die nächsten Tage noch angenehme Momente erleben, bevor du wieder deinen richtigen Körper bekommst."

"Hmm, ob das alles angenehm wird, ist egal. Ich muß es durchstehen und hoffen, mich mit Ihrer Schulkameradin nicht für alle Zeiten zu verkrachen. Ich war und bin mit meinem eigentlichen Körper zufrieden."

"Nun, dies ist ja wohl Auffassungssache. Soll ich jemandem in London einen Gruß ausrichten? Ich treffe Monsieur Porter zwischendurch in der Zentrale von Gringotts."

"Gringotts? Arbeiten Sie da jetzt?" Fragte Julius.

"Ja, als Assistentin im Büro für Auslandsangelegenheiten, Geldüberweisungen und Wertpapierankauf aus anderen Ländern. Ist interessant, wenngleich ich mit dem Englischen noch Probleme habe und nicht den Wechselzungentrank einnehmen möchte."

"A ja. Wenn Sie Mr. Porter dort treffen, bestellen Sie ihm bitte, es ginge mir gut und ich würde mich noch mal persönlich bei ihm bedanken für alles, was er für mich getan hat und daß der neue Besen sehr gut sei und ich damit demnächst schon spielen würde."

"Oh, was für ein Besen?" Fragte Fleur natürlich neugierig. Julius erzählte ihr, daß er den Ganymed 9 bekommen habe. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

"Ein praktischer Besen. Maman hat ihn auch schon. Damit kommen Sie und Gabrielle zwischendurch herüber."

"Eben hieß es, Sie dürften das Floh-Netz nicht benutzen. Ist das auch wegen dieser Sache hier?"

"Wird wohl so sein. Madame Maxime schickte mir vor zwei Tagen eine Eule, ich möchte herkommen, weil etwas im Zusammenhang mit dem trimagischen Turnier geklärt werden müsse. Da bin ich hier in Paris appariert und von dort erst mit Flohpulver in den Empfangsraum gereist, nachdem Madame Maxime die Flohpulver-Sperre aufgehoben hat."

"Achso, ich dachte schon, Sie hätten eine längere Reise machen müssen", sagte Julius.

"Für mich ist apparieren ein großes Stück Arbeit. Ich wechsle lieber zwischen zwanzig Orten, die ich kenne, bis ich den einen Standort erreiche, wo ich hin will. Ich bin noch nicht so gut, um in einem Anlauf zu apparieren."

"Dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimkehr nach London. Falls wir uns dort mal wieder sehen, werde ich hoffentlich wieder ein strammer Junge sein."

"Und dann nicht so abwehrend dreinschauend, wie jetzt", erwiderte Fleur lächelnd. Julius errötete total. Wie hatte diese Viertelvila das mitbekommen können? Sie nickte noch mal und vollendete die Runde. Madame Grandchapeau, die noch neben Julius saß, legte ihm die Hand auf den linken Arm und sagte:

"Ich denke nicht, daß du diesen Körper verachtest. Es ist für dich halt fremd, wie ein Mädchen zu fühlen, angeguckt zu werden und die körperlichen Sachen zu erledigen. Belle hat ein ganzes Leben lernen müssen, damit umzugehen. Du mußt das nicht in drei Tagen schaffen, wozu sie solange gebraucht hat. Falls dieser Fluch nicht wie erhofft abklingt, muß eine andere Lösung gefunden werden, weil ich befürchte, das Martha ein achtzehnjähriges Mädchen nicht als eigenes Kind anerkennen wird. Ich fürchte, da wird ihre Toleranz überschritten."

"martha? Sie Duzen meine Mutter?" Fragte Julius vorsichtig aber neugierig.

"Nein, ich sieze sie natürlich, benutze aber ihren Vornamen, wie sie den meinen benutzt. Madame Abteilungsleiterin klingt für offene Gespräche zwischen zwei Müttern auch etwas störend. Hat sie dir geschrieben, daß ich ihr einen Beruf, ihr sagt wohl Job, verschafft habe?"

"Ja, hat sie. Hoffentlich sieht sie dadurch noch was von der Welt. Sie war früher viel unterwegs, um das zu machen, was sie getan hat, müssen Sie wissen."

"Ich denke schon, daß wir ihr Urlaub geben können und auch die Möglichkeit, mal eine Reise zu machen. Wie es im Moment aussieht, konzentriert sich der Unnennbare auf England. Das verschafft uns allen Zeit, die eigenen Sicherheitsvorkehrungen zu erweitern und zu prüfen", sagte die Ministergattin, die die Abteilung für Kontakte zwischen Magiern und Muggeln leitete. Dann nahm sie Julius' Hand und sagte aufmunternd:

"Ich freue mich, daß du hier gut untergekommen bist. Mit Belle wirst du keine Probleme bekommen. Wenn du ihr hilfst, wirst du viel von ihr lernen."

"Ja, wieviel Grundierungscreme und Lippenstift zu wenig oder zu viel sind und wie diese engen Mieder richtig zugemacht werden müssen."

"Das auch", lachte Madame Grandchapeau. Julius flüsterte ihr zu:

"Da Mrs. Porter nichts wissen darf, was hier passiert ist lassen Sie bitte über meine Mutter einen Gruß ausrichten, eine Freundin von mir hätte gerne was besonders gutes aus ihrer Kollektion und schicken das dann an Ihre Tochter!"

"Geht in Ordnung", erwiderte die Ministergattin, drückte Julius wie ihre eigene Tochter an sich und verließ mit ihrem Mann den Salon.

"So, Mesdemoiselles et Messieurs, Die Sitzung ist beendet", erklärte Madame Maxime nun endgültig. Sie schickte alle verbliebenen Schülerinnen und Schüler aus dem Raum mit der Rose. Draußen im Gang fragte Julius Jeanne, ob er irgendwie so ausgesehen hatte, als wenn er Fleur abwehrend ansähe. Jeanne und Barbara grinsten nur. Barbara sagte:

"Du bist eben ein Mädchen. Bei uns wirkt der Veelazauber etwas anders. Dieses Zeug, was Hormone heißt, wird bei uns anders zusammengemischt. Der Veela-Zauber löst eine winzige Ablehnung aus, sowas wie Konkurrenzneid ohne direkten Grund. Aber da kommst du drüber weg, spätestens wenn du dich mal richtig verliebt hast."

"Danke, so genau wollte ich das doch nicht wissen", brachte Julius schnell heraus. Jeanne sagte nur:

"Ja, aber mit dieser Abwehrreaktion hat Barbara recht, Julius. Das ist eben so."

Mit Belle zusammen ging es durch das transpictoralportal zurück in den achten Stock, wo Julius meinte, die Königin anzurempeln, aus deren Bild er herausfiel.

"Jungfer, nicht so ungestüm, wenn Ihr unsere Hilfe kostet", sagte die gemalte Königin noch, als Julius schon hinter Belle herging. Sie strebte wohl zum violetten Saal, als ihr einfiel, daß Julius ja das Passwort nicht wissen durfte. Professeur Paralax hatte ihr das gestern noch heimlich zugeflüstert.

"An und für sich muß ich meinen Verpflichtungen nachkommen. Aber ich darf dir nicht unser Passwort verraten oder zulassen, daß du es mitbekommst. Wie kommen wir in den violetten Saal?" Fragte Belle.

"Hmm, ich muß Schwester Florence fragen, ob ich mit dir den Pflegehelferschlüssel benutzen darf. Sonst ende ich nachher noch als Bettpfanne, weil ich in einen mir nicht zustehenden Saal reingeschlüpft bin."

"Als Bettpfanne? Grauenhafte Vorstellung", sagte Belle sichtlich angewidert. Julius mußte heimlich grinsen. Für sie war das nur eine Vorstellung. Er mußte damit rechnen, derartig bestraft zu werden, wenn er den Schlüssel der Pflegehelfer mißbrauchte. Er rief Schwester Florence und erklärte ihr, was anlag. Sie nickte sofort.

"Ach, hast du die Sondergenehmigung dreihundertneunzehn, die ich gestern abend noch den Saalvorstehern und der Schulleitung zuschickte nicht bekommen? Selbstverständlich mußt du mit Belle den Pflegehelferschlüssel benutzen. Du kannst ja nach Ablauf des Fluches immer noch damit operieren, sie nicht. Aber wenn du das Passwort zum violetten Saal bekommst, könntest du dort ohne Überwachung eintreten. Also mach!"

"Danke, Schwester Florence.

"Noch mal zur Abstimmung! Du warst mit mir in der Bibliothek, aber nicht in der öffentlichen, sondern verbotenen Sektion, weil ich dort etwas über permanente Behexungen der Seele nachlesen mußte", sagte Belle zu Julius. Dieser nickte. Man durfte ja die Sub-Rosa-Zusammenkunft nicht erwähnen.

Belle am linken Arm schlüpfte Julius durch die Wand direkt in den violetten Saal, wo ein stämmiger Junge sie böse ansah. Belle beruhigte ihn jedoch durch ein Lächeln. Er nickte und schob ab.

"Monsieur Marat, der Sprecher der jungen Herren unseres Saales", stellte Belle den Julius noch sehr unbekannten Burschen vor.

Der violette Saal unterschied sich deutlich vom grünen. Regale mit Büchern standen gut verteilt herum, ein Kamin aus Marmor nahm die südliche Wand ein. Julius sah die kleine Statue von Donatus vom weißen Turm. Bilder früherer Bewohner dieses Saales, die zu amt und Würden gekommen waren, blickten aufmerksam auf die Schülerinnen und Schüler herab.

"Hast du noch irgendwas, was du erledigen kannst, während ich die Hausaufgabe von heute Nachmittag verfertige?" Fragte Belle. Julius nickte. Er konnte sich aussuchen, ob er Arithmantik oder Zaubertränke büffeln wollte. Morgen würden sicher noch alte Runen dazu kommen, vielleicht sogar noch Verteidigung gegen die dunklen Künste und Verwandlung.

Julius hatte sich früher nie groß Gedanken gemacht, wie oft er ein Klo besuchte. Nur in dieser Lage zählte er jeden Ausflug in das Badezimmer für Mädchen im Kopf mit. Nach dem Abendessen mußte er unter Belles Anleitung sein Make-Up auffrischen, sich ein eleganteres Schulmädchenkostüm anziehen und sich etwas Seidenglanzgel ins Haar reiben. Danach ging es zum Schachclub, wo beide eingetragen waren. Julius spielte gegen Barbara, die ihn immer wieder angrinste, wenn er einen Zug machte, der nicht so lief, wie er es früher getan hatte. Ihm spukte ihr Spruch noch im Kopf herum, daß er sich als Belle 2 auch wie ein Mädchen verlieben konnte. Hinzukam noch Madame Grandchapeaus Bemerkung, daß man etwas neues planen müsse, wenn Julius für den Rest des Lebens Belles Zwillingsschwester bleiben, ja auch immer mit ihr auf zehn Schritt Maximalentfernung zusammenbleiben mußte. Nachher mußte er noch zu ihr nach Hause und in einem Zimmer schlafen. Adrian müßte irgendwie geklont werden, weil er sich wohl auf kurz oder lang auch in ihn verlieben mochte und so weiter. Er mochte sich das gar nicht ausdenken.

Mit Ach und Krach konnte er Barbara besiegen. Sie sagte dazu nur:

"Der geistige Umwandlungsprozess läuft schon, wie? Aber ich denke, du kommst wieder zu uns zurück. Nachher will Claire noch durch den Contrarigenus-Fluch zum Jungen werden, nur um mit dir zusammen zu sein."

"Mademoiselle, ich weiß nicht, ob ich jetzt lachen oder wütend sein soll", grummelte Julius. Barbara sah ihn mit einem schalkhaften Grinsen an.

"Entschuldigung, ich wollte dich bestimmt nicht verletzen. Ich mußte nur daran denken, daß Jacques das einmal probiert hat, Vielsaft-Trank anzurühren, um sich in die Freundin seines Klassenkameraden zu verwandeln. Der Trank gelang zwar, aber das Mädchen, dessen Körper er sich ausleihen wollte, trug eine Perücke aus gefärbtem Einhornschweif. Das war ein höchst kurzes Gastspiel, als Jacques merkte, wie ihm der Trank um die Ohren flog, weil Einhörner sich nicht so einfach kopieren lassen. Gute Nacht, Julius."

"Schlaft gut", sagte Julius. Barbara und Jeanne gingen davon, während Belle noch mal zum violetten Saal wollte, um die Bettkontrolle zu machen. Das war's noch! Dachte der verwandelte Drittklässler. Hinter Belle herlaufen und kleine Mädchen in Nachthemden anglotzen. Dennoch brachte er sie mit dem Pflegehelferschlüssel in den violetten Saal und folgte ihr in den Mädchentrakt.

"Normalerweise müßten jetzt alle Treppen rutschig werden und ein lauter Meldezauber losdröhnen, daß ein Junge in diesen Trakt eingedrungen ist. Aber die Magie hier erkennt eben nur den Körper", stellte Belle kühl fest und führte Julius zu den Schlafsälen. Er konnte draußen warten, während sie die Runde machte. Die Erstklässlerinnen giggelten zwar, weil sie hofften, den körpervertauschten noch mal zu sehen, doch Belle schob dem einen Riegel vor.

"Mesdemoiselles, wenn ich derlei Gehässigkeiten noch mal mitbekommen muß, erhält jede von Ihnen zwei Wochen Putz- und Gartendienst, wenn ich Sie nicht alle für eine Woche in Hühner verwandeln soll. Und jetzt schlafen Sie!"

Schlagartig kehrte Ruhe ein.

Auf dem Weg zurück trafen sie Belles Stellvertreterin. Diese sah Julius an und erkundigte sich mit leichtem Grinsen:

"Und wie war der erste Tag als Mademoiselle?"

"Aufregender als die letzten dreizehn Jahre als Monsieur", versetzte Julius nun auf derlei Spitzfindigkeiten vorbereitet. Die Mädchen lachten alle. Dann führte Belle Julius in den Saal, wo die älteren Klassenkameraden um eine große Pfütze herumstanden.

"Wer hat das denn hier angerichtet?" Fragte Belle.

"Das ist Suzanne. Vorsicht, nicht reintreten!" Rief Felicité Deckers, die Pflegehelferin. "Die hat sich liquifiziert, oder wie die Selbstverflüssigung heißt und kriegt die Resolidierung nicht mehr hin."

"Wenn ich die nicht in einen großen Eimer hineinwischen muß, erhält sie hundert Strafpunkte wegen mutwilliger Selbstgefährdung. Professeur Faucon hat uns deutlich gesagt, daß dieser Zauber nur dann ausprobiert werden soll, wenn man wach genug ist.

"Man, ich war noch wach genug", drang Suzannes Stimme merkwürdig schwingend und plätschernd aus der großen klaren Wasserpfütze. Julius erstaunte das, daß Verwandlung sowas ermöglichte.

"Offenbar nicht! Dann muß ich wohl ran", sagte die Saalsprecherin und zauberte drauf los, bis mit einem lauten Schwapp die große Pfütze zur Wassersäule aufschoß und sich in der Gestalt Suzannes verfestigte.

"Danke, Mademoiselle Grandchapeau", wimmerte die Siebtklässlerin. Belle hängte ihr die angedrohten Strafpunkte an und stellte klar, daß sie sie bei Professeur Paralax melden müsse. Dann suchte sie sich noch einen freien Platz, wo sie die letzten Hausaufgaben machen konnte. Julius saß ruhig dabei und sah zu, wie Jungen und Mädchen sich in die Schlaftrakte zurückzogen. Irgendwann war Ruhe im Saal. Belle atmete auf, legte die Hausaufgaben fort und sagte:

"Dann wollen wir mal in den Krankenflügel."

Mit dem Pflegehelferschlüssel ging es direkt ins Büro von Schwester Florence.

Nachdem sich die beiden körperlich gleichen Beauxbatons-Schüler zur Nacht umgezogen hatten und in ihren Betten lagen, fragte Julius noch was, was nichts mit Sub Rosa zu tun hatte.

"Was wäre genau passiert, wenn es Sandrine und mich erwischt hätte?"

"Auch auf die Gefahr, danach schlecht oder merkwürdig zu träumen, Julius: Eine Androgynomorphe Fusion bewirkt, daß ein weibliches und ein Männliches Wesen dieselbe Menge Körpermaterie beanspruchen. Dir ist das Wetterhäuschen bekannt?"

"Ja, ist es", sagte Julius.

"Die beiden verschmolzenen sind gedanklich miteinander verbunden, allerdings alleine handlungsfähig. Wenn etwas passiert, was den männlichen Teil anspricht, ändert sich der Körper und nimmt männliche Erscheinungsform an. Andersherum passiert es dem Androgynomorphen, daß ihn der weibliche Teil überkommt, wenn etwas entsprechendes passiert. Langjährige Androgynomorphen bekommen es jedoch hin, jeweils dem körperliche Gestalt zu geben, der oder die gerade die Lage regeln kann. Allerdings wurde der letzte Androgynomorph vor zweihundert Jahren registriert. Es war ein Geschwisterpaar, daß durch einen falschen Zauber verschmolz und danach noch fünfzig Jahre lebte, ja sogar zwei Kinder zur Welt brachte."

"Oha, vielleicht wußte Sandrine das", dachte Julius. Laut sagte er: "Dann ist es ja gut, daß ich nicht mit Sandrine zusammen getroffen wurde. Ich meine, das tut mir leid, daß wir nun zusammenhängen, wo du gewiß wichtigeres zu tun hast. Aber ..."

"Ich hätte auch mit jemandem wie Jacques erwischt worden sein können. Du bist da zumindest noch tolerant. Und das mit der Kosmetik bekommen wir morgen schon besser hin. Und jetzt schlaf dich aus. Heute war für dich ein sehr aufregender Tag."

"Jawohl, Belle", sagte Julius und versuchte, eine Lage zu erreichen, in der er gut einschlafen konnte.

 

__________

 

Der nächste Morgen verlief schon wesentlich routinierter. Julius probierte nun freiwillig mit dem Schminkzeug Belles herum, bis sie ihm das genehme Aussehen verschaffte.

"Zumindest verstehe ich ein wenig, warum Gloria so stolz auf ihre Mutter ist", sagte Julius als er mit etwas erweiterten Pupillen, längeren Wimpern und dezent roten Lippen in den Spiegel blickte.

Nach dem Frühstück ging es zum Zauberkunstraum, wo sie auf Professeur Bellart warteten. Als diese sie einließ setzte sich Julius neben Belle.

Während die Siebtklässler mit Unsichtbarkeitszaubern herumwerkelten, produzierte der zu Belles zeitweiliger Zwillingsschwester verfluchte Drittklässler alle möglichen Zaubereien, wie unzerbrechliche Gläser, wasserdichte Feuer, Wärmespeichernde Brotpapierstücke und rauminhaltsvergrößerte Tintenfässer, in die mehrere hundert Liter einer beliebigen Flüssigkeit eingefüllt werden konnten. Dafür bekam er am Ende 30 Bonuspunkte.

"Sie sehen, Monsieur Andrews, daß Sie auch in dieser vorzeitigen Körperform noch gut zaubern können", sagte Professeur Bellart lächelnd und gab ihm einen Stoß Pergamente mit den Notizen seiner Klassenkameraden vom Vortag.

"Mademoiselle Dusoleil hat mich gebeten, Ihnen die Unterlagen zu multiplizieren. Ich denke, Sie werden noch Gelegenheit finden, sich damit vertraut zu machen."

Julius meinte schon, die Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste hätte er nicht viel zu tun als in einer stillen Ecke zu sitzen und Hausaufgaben zu machen. Doch weil ja der Körpertausch-Fluch passiert war, nutzte die Lehrerin, noch mal die Körperverändernden Flüche durchzusprechen und an einigen Freiwilligen auszuprobieren. Dann ging es um die dunklen Kreaturen, von denen Julius in den Ferien einige kennenlernen durfte. Irgendwann kam Professeur Faucon auf die Idee, daß alle, die ihn gelernt hatten, den Patronus-Zauber anwenden sollten.

"Diese Klasse ist eine UTZ-Klasse und ich erwarte von den Absolventen, daß sie zumindest einen Faden Silberlicht hervorbringen können", sagte die Lehrerin und sah Julius an. Dieser lief vor Verlegenheit rot an.

"Kein Grund zur Scham, Monsieur Andrews. Ich habe Ihnen diesen Zauber beigebracht, und Sie können ihn. Führen Sie ihn uns bitte vor!"

Julius suchte nach einem glücklichen Erlebnis. Er stellte sich wieder den Tanzabend in Millemerveilles vor, wo das Endergebnis bekanntgegeben wurde. Er fühlte, wie die Freude in ihm aufkam, heftiger als zu vor, daß er den goldenen Tanzschuh wieder gewonnen hatte. Dieses Gefühl steigerte sich bis zu einer Ekstase. Er fühlte sie wie berauscht davon und rief: "Expecto Patronum!"

Aus seinem Zauberstab schoß ein gleißender silberner Strahl heraus, der sich von einer Sekunde zur anderen zu einer großen Gestalt in einem wallenden Kleid und langen, mondstrahldünnen Haaren auswuchs. Er kannte diese Gestalt, aber es war nicht Megerythros, der Sternenritter, sondern Auriata, die Königin der Amazonen von Wega IX. Julius sah, wie die Frauengestalt ihre massigen Arme mit einem Blasrohr hob und auf die Wand zuschritt, würdevoll aber kräftig. Alle Jungen staunten über diese Vereinigung von Weiblichkeit und Kraft, während die Mädchen merkwürdig dreinschauten und kicherten.

"Nun, das war ja wohl eine Patrona, Monsieur Andrews. Ihr letzter vollständiger Patronus war ja ein Schwertkämpfer, aber eindeutig männlich", stellte Professeur Faucon fest. Dann sagte sie:

"Sie sehen, das es keinen Grund gab, verlegen zu sein."

Nach der Stunde behielt die Lehrerin Belle und ihren derzeitigen Anhang noch zurück, um zwei Dinge zu klären.

"Sie müssen heute nachmittag eine Fernreise machen, um die Tiere zu sehen, mit denen Sie sich in den nächsten Wochen beschäftigen, Mademoiselle Grandchapeau. Sie sind volljährig und dürfen demnach überall in der Welt hin, ohne Ihre Eltern um Erlaubnis zu fragen. Für Monsieur Andrews mußte ich jedoch eine Sonderverfügung erlassen, damit er mitreisen darf. Außerdem wird Monsieur Fomalhaut wohl sehr irritiert sein, wenn er eine junge Frau als Monsieur ansprechen muß. Deshalb möchte ich Sie beide bitten, sich als Zwillings-Schwestern auszugeben, Belle Grandchapeau und Laetitia Grandchapeau. Ich weiß, das dürfte Sie um Ihr Selbstwertgefühl bringen, Monsieur Andrews. Aber Sie haben zugesagt, Mademoiselle Grandchapeau bei ihrer Unterrichtsbewältigung zu unterstützen."

"Die halten mich hier schon sowieso alle für'n Mädchen", sagte Julius leicht ungehalten. "Dann kommt es für die beiden Nachmittage nicht darauf an, ob ich auch einen Mädchennamen habe."

"Das wird dir nicht sonderlich weh tun", warf Belle ein.

"Ja, diese Identitätsverlagerung - ich bin froh, daß sie nur noch zweieinhalb Tage vorhalten wird, sonst könnten Sie tatsächlich Ihre früheren Empfindungen verlieren, wie unter dem Contrarigenus-Fluch, eben nur wesentlich langsamer. Die Patrona, die Sie da erzeugt haben, ist für mich ein Anzeichen dafür, daß Ihr Körper langsam seinen Tribut vom Geist, ja auch von der Seele fordert. Woran haben Sie gedacht, als Sie den Zauber gewirkt haben?"

"Öhm, an den Sommerballabschluß, wie ich die Trophäe bekommen habe. Irgendwie hat das bisher immer gewirkt", sagte Julius.

"Das kann es nicht gewesen sein. Irgendwie mußt du was in deine Erinnerung gerufen haben, das erotisiert, also die Liebeslust anregt", warf Belle ein. Julius erschrak. Dann fragte er:

"Hast du das etwa so empfunden?"

"Ich fürchte, mein Körper hat darauf angesprochen und den Vorgang verstärkt."

"Oh, dann wird es wohl zu einer Wechselwirkung gekommen sein, die die Patrona geschaffen hat. Sie Beide waren Energiequellen, während Julius der Fokus war. Deshalb ist dieser Zauber auch so exorbitant intensiv ausgefallen."

"Ach, dann liegt es nicht daran, daß mein jetziger Körper Frau sein will?"

"Der Körper an sich ist es, Monsieur Andrews. Jetzt versucht er noch, den Verstand und die inneren Empfindungen davon zu überzeugen. Aber dieser Prozess dauert mehr als drei Tage. Normalerweise müßte Ihnen die Monatsregel noch widerfahren, um diese Empfindungen endgültig in die weibliche Wahrnehmungswelt zu versetzen", sprach die Lehrerin so sachlich über Dinge, die für fühlende Menschen ein ganz privates Ding waren. Belle errötete leicht, ebenso Julius.

"Als Sohn eines Wissenschaftlers dürften Sie davon nicht peinlich berührt sein, Monsieur Andrews. Bei Ihnen möchte ich mich für diese direkte Offenheit entschuldigen, Mademoiselle Grandchapeau", sagte Professeur Faucon abgeklärt, ja streng klingend, als sei es albern, sich verlegen zu fühlen.

"Im fraglichen Zeitraum wird ihm dies nicht passieren, Professeur Faucon. Die Frage haben wir sehr rasch geklärt."

"Ja, aber wenn mein Körper, ich meine, der Körper, den ich gerade habe, diesen Umformungsprozess doch schneller schafft, könnte es da nicht passieren, daß ich immer so bleiben muß oder wie der Hulk aus bestimmten Stresssituationen heraus Belles Körperform annehme?"

"Nein, das kann ich mit absoluter Sicherheit ausschließen. Nur wenn Sie permanent in dieser Form blieben, würden Sie derartige Umformungserlebnisse haben. Wenn die Verwandlung sich wieder umkehrt, werden Sie sich ganz so fühlen wie früher auch. Aber das können Sie ja noch mal mit Schwester Florence besprechen."

"Ich denke, daß ich Ihnen das glauben kann", sagte Julius. Dann nahm er die schriftliche Anweisung an sich, wie er sich als Belles Zwillingsschwester aufführen mußte.

Nach der großen Pause sprachen sie in Muggelkunde weiter über den Computer. Julius erzählte, wie das mit dem Internet ging und was dadurch alles möglich war.

Nach dem Mittagessen fragte Julius, wo es eigentlich hinginge.

"In die algerische Wüste. Ein Ausgangskreis, der von Paris aus anzusteuern ist, liegt direkt in einem Wüstenzoo für magische Kreaturen. Wir wollen heute Volapetriferus orientalis besuchen. Im Gehege der algerischen Zaubererwelt halten die fünf Brutpaare. Aber das wird uns Professeur Armadillus erklären."

"Ich hoffe, wir müssen uns nicht verschleiern, wie es bei Frauen in muslimischen Ländern zum guten Ton gehört", sagte Julius.

"Nein, das nicht. Wir sind die einzige Klasse aus einer Zaubererschule. Allerdings sollten wir uns Sonnenkrauttinktur auftragen. Schwester Florence wird uns sicher welche mitgeben", sagte Belle. Julius dachte daran, daß in seinem Reisekoffer noch eine große Flasche davon lag. Doch in den grünen Saal konnte er deshalb nicht rein und in den Trakt für Jungen auch nicht. Also holten sie sich bei Schwester Florence genug davon, um sich einzureiben. Julius bot der Heilerin an, bei Aurora Dawn nachzufragen, ob sie ihr nicht was zum Aufstocken des Vorrates schickte. Sie schüttelte den Kopf.

"Das ist absolut unnötig, Julius. In Algerien wird jeden Tag genug produziert, daß ich euch alle ein ganzes Jahr damit einreiben könnte. Und jetzt wünsche ich euch eine interessante Stunde."

Zunächst traf sich die Klasse für Magizoologie im Klassenraum von Professeur Armadillus, wo er die Schüler auf die Stunde vorbereitete und ihnen allen sagte, daß sie Julius für die Dauer der zwei Stunden mit Laetitia ansprechen sollten, weil der Arabische Tierführer nicht wissen mußte, daß ein als Mädchen rumlaufender Junge unter den Teilnehmern war. Dann holte er eine etwa zwei meter lange, wie eine heftige Vergrößerung einer Spatzenfeder wirkende Feder hervor.

"Das ist eine bei den letzten Mausern ausgefallene Brustfeder einer Henne von Volapetriferus orientalis, dem arabischen Felsenvogel oder Roch, wie er in verschiedenen, ja auch den Muggeln bekannten Erzählungen erwähnt wird."

Julius nickte total aufgeregt. Von diesem Vogel wurde in den Märchen aus tausendundeiner Nacht erzählt. Ein Ei dieses Vogels sollte so groß sein, daß man fünfzig Schritte gehen mußte, um es zu umrunden.

"Allerdings haben die Muggel die Größenangabe etwas übertrieben. Die größte gemessene Spannweite beträgt nur zwanzig Meter, und die Eier dieser Vögel durchmessen nur zwei Meter. Ansonsten ist dieser Vogel sehr selten geworden. Aus welchem Grund auch immer werden sie in den letzten Jahren immer wieder von Flugmaschinen der Muggel angegriffen und getötet. Es gibt zurzeit nur noch zweihundert Brutpaare im nahen Osten. Aber wir können uns heute mindestens ein Paar ansehen, das mit dem Brutgeschäft schon fertig ist, sodaß wir keine Verteidigungsaktionen zu erwarten haben. Also folgen Sie mir nun bitte! Wir reisen zunächst in die Rue de Camouflage und dann in die algerische Sahara."

Mit Martine Latierre und Janine Dupont, zusammen mit Belle und Suzanne aus dem violetten Saal und Seraphine und Gustav aus dem weißen Saal ging Julius alias LaetitiaGrandchapeau zum roten Vollkreis für die magische Reisesphäre.

"Haben Sie sich auch alle mit Sonnenkrauttinktur eingerieben?" Fragte der Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe. Die Schüler nickten alle. Dann rief Professeur Armadillus die rote Lichtsphäre auf, in der sie alle schwerelos schwebten, bis sie in einem grünen Vollkreis ankamen, der von einer hufeisenförmigen, etwa vier Meter hohen Mauer umfaßt wurde. Geschäftiges Treiben war zu hören. Julius vermeinte, den Dunst einer Großstadt zu riechen und weit entfernten Verkehrslärm zu hören. Doch er hatte nur fünf Sekunden, bis eine neue rote Lichtsphäre aus Professeur Armadillus' Zauberstab erblühte, sich über die Schüler und ihren Lehrer stülpte, sie alle einschloß und forttrug.

Die Endstation der Reisesphäre war ein violetter Vollkreis. Als die magische Lichtsphäre um sie herum im Boden versunken war schlug ihnen der heiße trockene Atem der Wüste entgegen. Rötlicher, brauner und goldgelber Sand flog in kleinen Wolken über dem Grund. Ein großer Mann mit dichtem schwarzem Vollbart, in weißen Gewändern, einen roten Turban auf dem Kopf, eilte heran und begrüßte den Lehrer auf Arabisch. Dann sprach er auf Französisch mit starkem Akzent:

"Heute wir sehen große' Vogel, Felsenvogel, Kinder! Ich sein Abdulla Iben Fomalhaut und ich euch zeigen Platz von großen Vogel Roch. Ihr mir folgt jetzt!"

Sie liefen dem arabischen Führer nach zu einer anderen hohen Mauer, die etwa zwanzig Meter hoch war. In der Mauer waren Tore aus goldenem Metall. Durch eines dieser Tore gingen die Beauxbatons-Schüler hinein in ein riesiges Gehege, das wohl fünf Kilometer durchmessen mochte, vermutete Julius.

Hinter dem Tor lag ein etwa zehn mal zehn meter großer handgeknüpfter Teppich mit roten, gelben und weißen Verzierungen. Julius schwante was. Suzanne sagte:

"mann, für diesen riesenkessel brauchen wir Besen, oder kann man hier apparieren."

"Da müßte mich aber eine von euch mitnehmen, Suzanne. Ich bin da ja nicht so gut drin, wie ihr wißt", sagte Julius mit einer absichtlich mädchenhaft klingenden Betonung. Dann meinte er: "Aber kuckt euch den Teppich an. Da passen wir alle drauf."

"Und dann?" Fragte Suzanne Didier.

"Kluges Mädchen deine Schwester, Mademoiselle Saalsprecherin. Wir gehen auf Teppich, dann wir fliegen los!" Sagte der einheimische Zauberer. Julius grinste breit. Wie gut kannte er sich doch aus?

"Was? Wir fliegen auf einem alten Teppich. Das geht doch nicht. Da fallen wir alle runter", maulte Suzanne Didier. Belle rief sie zur Ordnung.

"In Persien, Indien und den arabischen Ländern fliegen die alle auf Teppichen. Die machen das so selbstverständlich, wie wir auf Besenstielen fliegen. Die würden das nicht machen, wenn's zu gefährlich wäre."

"Kluges Mädchen du bist, Mademoiselle Saalsprecherin. Dann los! Geh'n wir auf Teppich! Fliegen wir los!"

"Dann alle Mann aufsitzen!" Befahl Professeur Armadillus, dem das wohl auch nicht so geheuer war.

Julius ging mit Todesverachtung auf den Teppich. An und für sich war er sich auch nicht so sicher, ob das was gutes sein würde. Aber wenn in sämtlichen Geschichten der schönen Sheherasade so viel von fliegenden Teppichen geredet wurde, wie in den Märchen des Abendlandes von Hexen auf fliegenden Besen, dann mußte das einfach gehen. Diese Behelfslogik war zwar weit unter dem Niveau, daß seine Mutter von ihm verlangte, aber die würde ihn hier jetzt sowieso nicht erkennen, zumal sie wohl nicht wußte, daß er gerade mal eben in eines der gefährlichsten Länder Nordafrikas hinübergereist war, ohne Pass, ohne Reiseapotheke und ohne kugelsichere Weste. Er setzte sich neben Belle, die unvermittelt ihren rechten Arm um ihn legte. Reflexartig legte er seinen linken Arm um sie. Die beiden Schwestern kuschelten sich wohl aus der Furcht vor dem Unbekannten zusammen, so empfand es der arabische Führer und lief um den Teppich herum, um zu garantieren, daß niemand mit herabbaumelnden Beinen aufsaß. Suzanne brachte sich hinter den zeitweiligen Zwillingsschwestern Grandchapeau in Position. Zum Schluß sprang der Einheimische auf, stapfte zur Mitte hin und bellte mit gezogenem Zauberstab ein paar fremdländisch klingende Worte. Übergangslos hob der Teppich ab, als würde er auf einer waagerechten Platte ruhen und rasend schnell aufsteigen. Ein weiteres Kommando trieb das handgeknüpfte Fluggerät voran. Fahrtwind kam auf, heiß und mit Sandstaub durchsetzt.

"Wir hätten den Hitzewiderstandstrank brauen sollen, Mädels", sagte Suzanne, die Julius alias Laetitia von hinten mit ihren Beinen umfaßt hielt.

"Sind ja nur zwei Stunden. Dann müssen wir eh wieder nach Beauxbatons", sagte der zum Vier-Tage-Mädchen verfluchte Drittklässler beruhigend. Er sah auf seine Armbanduhr und zählte die Sekunden. Als sie in der Mitte des großen Geheges angekommen waren, waren genau zwei Minuten verstrichen. Der Teppich bremste ab, blieb aber auf seiner Höhe, wie ein Hubschrauber.

"Jetzt ich rufen Rochfrau. Die Im Moment keine Eier da. Wird uns nicht angreifen, ich schwör'!" Sagte Abdulla Iben Fomalhaut. Er holte eine Art Trompete mit schneckenartigen Windungen aus seinem Burnus, oder wie dieses Wüstengewand sonst genannt wurde, setzte es an die Lippen und blies hinein. Julius vermeinte, einen Dreiklang von rauh angeblasenen Tenorsaxophonen zu hören. Dieser Ton schwang auf und ab, stieß kurz einmal bis zum ohrenbetäubenden Lärmpegel vor und ebbte krächzend ab. Dann blies der algerische Zauberer noch mal in dieses Lärminstrument, offenbar eine Lockpfeife, wie sie Entenjäger verwendeten, erkannte Julius.

Tatsächlich klang keine zehn Sekunden danach ein ähnlicher schräger schriller Ruf durch das Gehege. Weithin hallte alles wider. Nun senkte sich der Teppich langsam auf den Boden und blieb ruhig liegen, während über einer wohl künstlichen Felsschlucht ein mächtiges paar rotbrauner Flügel auftauchte, zwischen dem ein mächtiger Vogel hing, dessen elfenbeinfarbener Schnabel alleine schon drei Meter lang sein mochte. Vom Schnabel bis zur Schwanzfederspitze mochte das gigantische Vogelwesen an die dreißig Meter messen. Julius sah auf die mächtigen Fänge des Tieres, die wohl Locker einen Kleinbus aufgreifen und wegtragen konnten. Majestätisch flog der Vogel Roch über das kesselförmige Riesengehege. Ruhig und in Ehrfurcht erstarrt saßen die Mädchen und Jungen der siebten Klasse und ihr körperveränderter Gastschüler aus der dritten Klasse auf dem Teppich und beobachteten das Tier. Fomalhaut trötete nicht noch mal mit seinem Lärmgerät. Den Vogel fliegen zu sehen war schon aufregend genug.

"Das ist nur Henne, Fatima. Hahn Harun sitzt in Nest", sagte Fomalhaut. Dann fragte er den Lehrer: "Lehrer sag, wieviele Eier legt Henne von Felsenvogel?"

"Das möchte ich gerne von jemandem anderen wissen", sagte Professeur Armadillus und guckte sich Martine Latierre aus. Diese nickte und sagte:

"Die Henne von Volapetriferus orientalis hat pro Gelege vier bis fünf etwa zwei Meter durchmessende Eier von ockergelber Farbe. Die Schale dieser Eier kann bis zu fünf Zentimeter dick werden und wird oft als Zusatz für Stärkungstränke oder Knochenerneuerungstränke benutzt. Doch seit Skelewachs kann auf die Eierschalen verzichtet werden, da das Horn von schwedischen Kurzschnäuzlern doch leichter zu bekommen ist als ein Ei des Felsenvogels."

"Darauf kannst du einen lassen, wenn das Weibchen da schon doppelt so lang ist, wie der ungarische Hornschwanz", dachte Julius leise. Dann röhrte ein weiterer Ruf eines mächtigen Vogels durch das Riesengehege.

"Oh, Hahn Harun ist unterwegs. Will sehen was hat gerufen Fatima", bemerkte der algerische Zauberer etwas beunruhigt.

Tatsächlich schwirrte ein weiteres gefiedertes Ungetüm heran, das unter dem Bauch in allen Farben des Regenbogens glänzte und über den wild schwingenden Flügeln sandfarben die Sonne widerspiegelte. Sein Schnabel war einen halben Meter länger als der der Henne und purpurfarben. Um seine großen rubinroten Augen lag noch ein flaumartiger Kranz aus roten, beigen und braunen Federn. Julius peilte, wie hoch der Vogel wohl flog, kam auf gut einhundert Meter und schätzte daran die Geschwindigkeit ab. Ob's stimmte wußte er nicht, aber wenn er sich nicht verrechnet hatte, raste der Roch-Hahn mit satten einhundertfünfzig Stundenkilometern durch die Luft. Laut hörten sie das Rauschen seiner Schwungfedern, sahen, wie er über sie hinwegflog und dann in einem weiten Bogen dorthin zurückkehrte, wo er wohl hergekommen war.

"Beeindruckend", mußte Martine anerkennen. "Dieser Hahn war ja anderthalb mal so groß wie die Henne."

"Das glaubst du gut", sagte Fomalhaut. "Harun sein vierzig große Schritt lang. Habe gemessen mit Zaubermaßband, als Schlief in Nest."

"Tja, schade das wir im Moment kein Gelege besichtigen können", meinte Seraphine. Suzanne erschrak nur und fragte:

"Bist du noch zu retten. Die Eier werden doch bestimmt von einem von denen bewacht."

"Ja, das tun die", bestätigte der algerische Zauberer mit breitem Grinsen. Dann ließ er den Teppich wieder aufsteigen und mehrmals über das Gehege herumfliegen, um ihnen nicht nur die fußballfeld großen und über zehn Meter tiefen Nester zu zeigen, welche mit ausgerupften Flaumfedern der Hähne und Hennen ausgepolstert waren, sondern auch einen riesigen Turm, der sich einen halben Kilometer vor der nördlichen Begrenzung erhob. Julius erschrak, als er große, sechsbeinige Wesen in Scharen aus dem unteren Turmabschnitt wuseln sah. Dann begriff er, daß es keine Wespen, sondern Ameisen waren. Ja, das waren die berühmten Goldpanzerameisen, die er ja selbst in seinem Sonnenlichtvortrag mal erwähnt hatte.

"Wer hat diese Tiere da unten erkannt?" Fragte Professeur Armadillus, ganz der Lehrer. Julius löste seinen rechten Arm von Seraphine und zeigte auf. Er bekam die Sprecherlaubnis:

"Das sind Goldpanzerameisen, die größten magischen Insekten der Erde. Wie die wissenschaftlich heißen weiß ich im Moment leider nicht."

"Fortiformica cuticaurea, Laetitia. Richtig erkannt. Sie leben in diesen turmartigen Kolonien zu etwa zweihunderttausend Individuen. Wie gewöhnliche Ameisen haben sie ihren Staat in Kasten unterteilt, von den Ammen, über die Arbeiterinnen, die Futtersucherinnen bis zu den Soldatinnen, von denen eine bis zu anderthalb meter groß sein kann. Da diese Ameisen nur dort leben können, wo die Sonnenstrahlung ganzjährig in einem Winkel von über 80 Grad auf die Erde trifft, und nur Mittagsaktiv sind, vermehren sie sich nur alle zwanzig Jahre. Sie fallen oft den kalten Wüstennächten zum Opfer und dienen dann dem Felsenvogel wie auch den Wüstendrachen als willkommene Beute. Einmal ist es vorgekommen, daß eine Königin auf Hochzeitsflug in eine Muggelsiedlung eindrang und beobachtet wurde. Das war ein hartes Stück Arbeit, dieses Ereignis zu verschleiern. Alles in allem sind sie durch ihre geringe Vermehrungsrate im Gegensatz zu kleinen Insekten keine Gefahr für die Tierwelt, zumal man sie schnell finden und noch schneller ausräuchern kann, wenn eine Kolonie nicht erwünscht ist. Zauberer vom Tierwesenbüro in Algerien, Ägypten, sowie des Sudans haben Reservate für diese Tiere geschaffen."

"Sind die gefährlich für Menschen?" Fragte Suzanne. Julius sprach diese Frage aus der Seele. Mit Insekten hatte er es noch nie gehabt, seitdem er im alten Sanderson-Haus von einem wütenden Wespenschwarm angegriffen worden war. Zwar hatte Madame L'ordoux im Sommer seine Ängste vor Bienen und anderen Fluginsekten lindern können, doch diesen Riesenameisen wollte er nach möglichkeit besser weit aus dem Weg bleiben.

"Für Menschen sind sie nur dann gefährlich, wenn sie in ihre Bauten eindringen wollen. Auf Futtersuche nehmen sie wesentlich kleinere Säugetiere als Beute, tragen aber auch Kadaver großer Tiere fort."

"Wollt ihr sehen Ameisen ganz nahe?" Fragte Abdulla Iben Fomalhaut. Ein einstimmiges "Nein, danke!" war die Antwort. Professeur Armadillus schüttelte zwar den Kopf, mußte jedoch anerkennen, daß Angst vor großen und unbekannten Tieren nicht gerade neugierig auf sie machte. so flogen sie mit dem Teppich noch mal die Roch-Nester ab, konnten sogar eine Henne sehen, die das Nest auspolsterte und kehrten dann zum Tor in der Mauer zurück. Julius alias Laetitia Grandchapeau fragte:

"Liegt über dem ganzen Gehege ein Flugbann, der die Vögel hier zurückhält?"

"Ja, gibt es Zauber, der alles drin hält, was nicht mit anderem Zauber gegenhält", erwiderte der algerische Führer und landete den fliegenden Teppich.

"Danke für diese kurze, aber leider nicht besser zu machende Vorführung, Abdulla", sagte Professeur Armadillus. Alle bedankten sich artig und gingen zurück zum violetten Kreis. Dort rief Professeur Armadillus die Reisesphäre auf, die sie zunächst nach Paris brachte, von wo eine weitere Reisesphäre sie zurück nach Beauxbatons trug.

Im Klassenraum gab der Zaubertierlehrer seinen Schülern auf, eine Landkarte mit den Hauptverbreitungsgebieten, Habitaten, des Volapetriferus orientalis zu zeichnen. Dann entließ er die vom Staub der Sahara bedeckten Schülerinnen und Schüler.

Nach der Unterrichtsstunde gingen die Magizoologie-Schüler in ihre Säle. Belle zog Julius mit sich in einen Badesaal für Saalsprecher, wo sie sich gründlich abduschten, die Kleidung entstaubten und dann neues Make-Up auftrugen, bevor Belle ihr Tanzkleid anzog und Julius mit zum Ballettraum nahm, wo Mademoiselle Giselle Nurieve schon auf die zehn Mädchen wartete, die ihren Sonderkurs mitmachten. Julius bekräftigte, daß er nicht hier war, um zu tanzen. Mademoiselle Giselle machte zwar ein bedauerndes Gesicht, sah es aber dann ein. So konnte Julius in Ruhe seine Zauberkunst-Hausaufgaben machen, während Belle sich in grazilen Verränkungen zur Musik austobte.

Julius war froh, als nach dem Abendessen nichts anderes mehr anstand, als Hausaufgaben und die Pflichten einer Saalsprecherin. Er unterhielt sich mit den Drittklässlern des violetten Saales über Hogwarts, über die Muggelwelt und über den Unterschied zwischen englischen und französischen Hexen und Zauberern. Er war froh, daß er nicht mehr als Laetitia angesprochen wurde. Schließlich kannten sie ihn alle nun als die unfreiwillige Doppelgängerin Belles.

Nachdem Nachtkontrollgang kehrte Julius mit der Ministertochter zurück in den Krankenflügel, wo sie die Magizoologie-Hausaufgaben erledigten, was mit Hilfe von Julius Atlas, den er von den Porters bekommen hatte und in seiner Centinimus-Bibliothek im Brustbeutel mitführte, kein Problem war. Als er von Belle gesagt bekam, daß der große Felsenvogel hauptsächlich in Palästina, Mesopotamien, welches er als Irak kannte und Persien, was Julius als Iran kannte, sowie Algerien, Ägypten, dem Sudan und der arabischen Halbinsel beheimatet war, grinste er nur überlegen. Belle fragte ihn, was ihn so grinsen machte, und er erzählte ihr, daß gerade in diesen Gebieten der Erde in den letzten Jahrzehnten erbitterte Kriege geführt worden waren, teilweise noch schwehlten. Belle schrieb sich das sofort als Zusatznotiz auf und nickte. Dann spielten sie noch eine Partie Schach. Julius mußte nach einem Patt aufgeben. Gegen dieses Mädchen konnte er durchaus oft verlieren, wußte er. Doch er kam schon besser damit zurecht, noch zwei Nächte und zwei volle Tage mit ihr herumzulaufen.

 

__________

 

"Komisch, daß mir dieses Kosmetikzeug von Tag zu tag weniger ausmacht", sagte Julius zu Belle, als die allmorgentliche Schminkübung beendet war. Sie meinte dazu nur:

"Wie gesagt, Jacques wäre da nicht so tolerant und würde sich nicht in diese ungewöhnliche Lage so gut fügen. Aber mit seiner Schwester stehst du auch nicht schlecht, wie?"

"Sagen wir's so, daß wir uns in Millemerveilles und bis jetzt auch hier gut verstanden haben", räumte Julius ein. Er zupfte sich den Rock zurecht, prüfte, ob seine schmalen Schuhe richtig geschnürt waren und folgte Belle dann in den Speisesaal zum Frühstück.

Julius dachte, daß er als Belles zeitweilige Zwillingsschwester wohl keine Post bekommen würde, weil die Eulen ihn in Belles Gestalt nicht erkannten. Doch er irrte sich. Ein Expresskauz von irgendwo her schwirrte zu Julius hin und landete. Der zum Mädchen auf Zeit verurteilte Drittklässler nahm den Umschlag ab, öffnete ihn und las die ihm wohl bekannte Handschrift Aurora Dawns:

Hallo, Julius!

Ich bekam auf schnellen Kanälen Wind davon, daß du wohl bis zum vierten November die Vorzüge des weiblichen Geschlechts erleben darfst. Ich hoffe, die auf guten Ruf bedachte Mademoiselle nimmt es dir nicht all zu übel, daß du in ihrem Leben mitmischst. Falls sie, wovon ich stark ausgehe, dir ein paar Kosmetiktricks beigebracht hat, können wir uns mal darüber unterhalten. Ich beabsichtige nämlich über weihnachten, meine Verwandten in England zu besuchen. Da werde ich wohl auch einen kurzen Abstecher nach Millemerveilles machen. Falls möglich, kannst du ja hinkommen. Ich gehe mal davon aus, Catherine Brickston läßt dich ihren Kamin benutzen.

Falls dieser Fluch, der dich zu einer von uns gemacht hat, nicht abklingt und du lernen mußt, Frau zu sein, wofür die Wahrscheinlichkeit jedoch unter einem Promill liegt, sei dir sicher, daß ich auch dann da bin, um dir zu helfen, wie ich dir bis jetzt immer geholfen habe.

Mit freundlichen Grüßen und eine gute Hoffnung für eine schmerzfreie Rückverwandlung!

                    Aurora Dawn

"Wie ist dieses Hexenweib darüber informiert worden?" Fragte sich Julius und steckte den Brief schnell fort. "Wie konnte die das rauskriegen? Hat Catherine ihr das vielleicht gesteckt oder Madame Dusoleil? Eltern und Fürsorgern dürfen wir's doch verraten."

"War was gravierendes?" Fragte Belle, die nicht mitgelesen hatte, was Julius bekommen hatte. Er schüttelte nur den Kopf. Ihr jetzt zu sagen, daß die Nummer mit den Eidessteinen für die Katz gewesen war, weil es doch irgendwie bis nach Australien durchgedrungen war, traute er sich nun doch nicht.

Ein weiterer Express-Brief kam mit einem Uhu an. Julius nahm den Umschlag und las die Anschrift:

 

Jane Porter
Weißrosenweg 49
New Orleans
Lousiana
Vereinigte Staaten von Amerika

 

Ach die hat mir auch geschrieben", dachte sich Julius. Er wunderte sich, daß der Uhu ihn gefunden hatte. Dann las er die Adresse:

 

Julius Andrews
zurzeit die Zwillingsschwester von Belle Grandchapeau
Speisesaal
Beauxbatons
Frankreich

 

"Ich glaube es nicht", dröhnte ein lauter Gedanke durch Julius' Gehirn. "Woher weiß die alte Hexenmeisterin das denn auch schon?"

Er öffnete den Brief, nachdem er sich vergewissert hatte, daß Belle sich mit ihrer Sitznachbarin zur rechten unterhielt und las, was Glorias Großmutter schrieb

Hallo, Honey! Oder sollte ich besser Bonjour ma petite sagen?

Zwar haben das alte Mädchen und ihre Chefin wohl alles versucht, um deinen Ausflug in die Welt von Schminke und Stöckelschuhen nicht rauskommen zu lassen, aber, das tut mir leid, das sagen zu müssen, in eurem feudalen Domizil gibt es einige Schandmäuler, die nicht auf den Eidesstein haben schwören können. Nur gut, daß die keinen Zugang zu den Presseleuten bei euch oder uns haben. Ich bekam es selbst durch einen Zufall mit, als eine dieser Petzliesen in unser Institut kam und mit einer anderen bekannten Tratschtante darüber schwatzte, wie sich "der Engländer" nun fühle, wenn er für vier Tage eine junge Frau im heiratsfähigen Alter sein muß und dem Original noch hinterherlaufen müsse, weil der Fluch sie wohl aneinandergekettet habe.

Ich kann dich beruhigen, daß Glos Momma dich nicht als neue Kundin gewinnen wird, falls du es nicht darauf anlegst, dein feminines Dasein zu verlängern. Es sind hier schon Fälle vorgekommen, wo eine derartige verpatzte Vertauschung dieses Ergebnis hatte und der Mann, beziehungsweise die Frau, pünktlich zum Glockenschlag nach dem vierten Erddrehungszyklus sein oder ihr wahres Geschlecht wiedererlangt hat. Problematisch wäre es nur für dich gewesen, wenn du auf einer Linie mit zwei Geschwistern gestanden hättest. Dann hätte dich die Schwester bei einer Bruder-Schwester-Kombination neu im Mutterleib empfangen und zur Welt bringen müssen, und bei einer Zwillings-Kombination wärst du als Sofortdrilling auf Lebenszeit dazwischen geraten. Dagegen gibt es noch keinen Gegenfluch, weil es eben nur alle hunderttausend Flüche dieser Art einmal vorgekommen ist und nicht jeden Tag dder Intercorpores-Fluch eingesetzt wird.

Insofern nimm das beruhigende Wort einer alterfahrenen Hexenmeisterin an, daß dieser Zustand schnell vorbeigehen wird. Wie gesagt, falls du es nicht darauf anlegst und dich durch den Contrarigenus-Fluch zu deiner eigenen Schwester machen läßt.

Hier in den Staaten hatten wir ein herrliches Halloween-Fest. Schade, daß die bei euch in Beauxbatons das nicht kennen. Aber Walpurgis soll ja eine schöne Besenflugnummer sein, hat mir das alte Mädchen schon oft erzählt. Falls du eine nette Freundin in Beauxbatons gefunden hast - Glo ließ sowas anklingen -, freu dich drauf, wenn sie mit dir im Tandem diesen Ausritt mitmacht! Aber dann möchte ich das von dir persönlich wissen, wie es gelaufen ist und nicht erst diese Tratschtanten miterleben, die es weitertragen.

Am besten gibst du diesen Brief ohne weiteres Aufheben an meine gute Bekannte weiter, damit sie die Löcher stopft, bevor noch wer was von dieser Blumenschau mitkriegt, die sie veranstaltet, wenn du weißt, was ich meine, wovon ich stark ausgehe.

Wenn deine Mädchentage vorbei sind, schreibe mir und Di bitte, was du alles gelernt hast. Di weiß es auch schon. Dieser schwarze Klotz verhindert ja nur, daß du es von dir aus erzählst. Aber wenn dir jemand genau schreibt, daß er oder sie weiß, was du nicht verraten darfst, wirkt seine Magie nicht mehr. Das wissen nicht gerade viele. Aber dir schreibe ich das, damit du gut darauf aufpaßt, was du wem erzählst. Magie schützt nicht alle Geheimnisse.

Grüße das alte Mädchen wie geschrieben von mir und auch deine temperamentvolle Freundin, bei der du ja im gleichen Schulhaus wohnst.

                    Jane Porter

Julius erbleichte. Das dezente rote Make-Up auf seinen Wangen konnte diese Blässe nicht völlig ausgleichen. Sein Magen verkrampfte sich. Das mußte wohl auch dem Original seines Gastspielkörpers aufgefallen sein. Belle drehte sich um und sah Julius an. Sie Fragte:

"Geht es ddir nicht gut, Julius?" Julius entsann sich, wie er wichtige Informationen für die Sub-Rosa-Gruppe an deren Mitglieder weiterleiten mußte und war froh, eine ideale Möglichkeit dazu zu haben.

"Schwester Rossignol", sagte Julius mit belegter Stimme. Belle zuckte zusammen. Sie fragte:

"Du meinst Schwester Florence?"

"Schwester Rossignol, ja", wisperte Julius. Suzanne, die neben Julius saß, fragte besorgt:

"Hast du was, Julius? Ist das vielleicht eine Nebenwirkung des Fluches?"

"Weiß ich nicht. Deshalb muß ich ja los", erwiderte Julius. Belle begleitete ihn bis zur Tür, sie winkte Madame Maxime, die schon erzürnt dreinschaute, weil Belle und Julius einfach aufgestanden waren. Das gehörte sich in Beauxbatons nicht. Die Schulleiterin schickte Professeur Faucon aus. Diese kam herüber und besah sich Julius. Dann fragte sie:

"Wo wollten Sie hin?"

"Schwester Rossignol", erwiderte Julius, jetzt mit klarer Stimme sprechend. Professeur Faucon verzog keine Miene. Sie sah die beiden Zwillingsschwestern auf Zeit an und nickte.

"In zehn Minuten bei mir, Mademoiselle Grandchapeau!"

Mit Belle im Schlepptau schlüpfte Julius durch die Wand zu Schwester Florences Büro. Dort ließ er sich gründlich untersuchen, um den Anschein einer plötzlichen Übelkeit zu wahren. Madame Rossignol stellte fest, daß wohl ein starker Stress die Verdauung durcheinandergebracht hatte, aber keine auf den Fluch zurückzuführende Nebenwirkung eingetreten sein mußte. Dann entließ sie die beiden. Über das Wandschlüpfsystem landeten die beiden magisch miteinander gekoppelten Beauxbatons-Schüler vor dem Büro von Professeur Faucon. Diese ließ keine Minute mehr auf sich warten.

"Rein mit Ihnen!" zischte sie nur, trieb das echte und das nur als solches erkennbare Mädchen in ihr Büro. Sie legte einen zeitweiligen Klangkerker an und fragte dann:

"Was ist passiert, Monsieur Andrews?"

"Schöner Reinfall! Verrat aus irgendeiner unkontrollierten Quelle, Professeur Faucon. Den Brief hier habe ich gerade bekommen. Sie kennen die Absenderin persönlich. Bitte lesen Sie das und sagen sie mir nur, was sie gemeint hat!"

"Falls ich das darf", raunzte Professeur Faucon Julius an und nahm Jane Porters Brief. Sie las ihn, wurde bleich, dann wutrot. Dann nickte sie heftig und sagte:

"Gut, daß die nur an zwei Stellen rauskommen können und da keiner aus England sitzt. Aber dieses Loch müssen wir wirklich stopfen. Ja, die nette Großmutter, die mich gerne als ihr "altes Mädchen" bezeichnet, hat manchmal eine skurile Art, wichtige Dinge in lockere Phrasen zu gießen. Anstatt sie mir direkt eine Express-Eule schickt, die mich warnt, muß ich von Ihnen diese Zeilen lesen."

"Vielleicht ging sie davon aus, daß der Brief an Sie mehr Verdacht erregt hätte als der Brief an mich", Stellte Julius fest.

"Wie dem auch sei, ich danke Ihnen, daß Sie keinen Moment gezögert haben, mir dieses wichtige Schreiben auszuhändigen, ohne daß es auffiel. Dafür dürfen Sie auch wissen, was die undichte Stelle ist, Monsieur Andrews." ...

 

Julius hörte und staunte zusammen mit Belle. Das kannten sie nicht, daß sowas ging. Nun verstand er auch, woher Aurora Dawn von seinen "Mädchentagen" wissen konnte. Professeur Faucon versprach, die Sicherheitslücke schnell zu stopfen, denn über "die Blumenschau", womit Mrs. Porter fraglos auf die Sub-Rosa-Zusammenkunft angespielt hatte, durfte niemand außer denen etwas wissen, die es betraf. Daß es nun auch Jane Porter im fernen New Orleans wußte, war schon alarmierend genug. Aber Jane Porter hatte recht. Diese Quelle war nicht für Presseleute zugänglich.

"Erstaunlich, warum niemand vorher darauf kam, das als Informationsweg einzusetzen. Das ginge schneller als Eulenpost oder Kontaktfeuer", stellte Belle fest. Professeur Faucon schüttelte den Kopf.

"Man verwendet dieses Prinzip schon seit Jahrhunderten, Mademoiselle Grandchapeau. Auch ihr Vater kennt und nutzt es. Das ist ja gerade eine dieser undichten Stellen, von denen Monsieur Andrews' altgediente Briefbekanntschaft berichtet. Ich werde sofort eine Express-Eule per Flohpulver versenden, um die Gefahrenquelle zu beseitigen. Nochmals vielen Dank, Monsieur Andrews. - Aber Sie legen es doch nicht ernsthaft darauf an, weiterhin in Frauengestalt zu leben?"

"Die Dame hat teilweise einen sehr schwarzen Humor. Kommt wohl daher, daß sie in der Stadt der schwarzen Musik wohnt."

"Mag sein", erwiderte Professeur Faucon mit dem Hauch eines Lächelns und entließ Belle und Julius.

"Du kennst wahrlich interessante Leute, muß ich eingestehen. Deine englische Schulfreundin Gloria hat wohl eine menge wichtiger Kontakte: Gringotts, die internationale vereinigung behexender Schönheit und das Laveau-Institut. Ich würde mir diese wichtigen Kontakte sehr warm halten."

"Allemal! Gerade der erste und der letzte haben mir schon heftig gut geholfen", sagte Julius.

Der Morgenunterricht verlief gegen den enthüllenden Brief Jane Porters harmlos. Julius durfte wieder mehrere Heiltränke brauen und Seraphine und Martine mit seiner Giftkunde imponieren. Professeur Fixus, die zwischenzeitlich herumging, sah Julius genau an. Er versuchte, einen ablenkenden Gedanken zu formulieren, wie er zum Beispiel mit Belles roter Schminke, Puder und Augenlidmake-Up hantieren mußte. Professeur Fixus sammelte seine Zaubertrankproben ein, sah ihn nur kurz an und ging an ihren Tisch zurück. Er wußte, daß die Verbaltelepathin nicht weitererzählen durfte, was sie aufschnappte. Wenn es auch noch ein Geheimnis war, hinter dem die Schulleitung stand, riskierte sie alles, wenn sie es verriet.

In der Verwandlungsstunde löste sich Suzanne einmal in Nebel auf und umwehte Julius, der unvermittelt Parfüm und nackte Haut zu riechen vermeinte und pustete. Wie umgekehrter Widerhall klang Suzannes Stimme:

"Eh, Julius! Du hast mir gerade durch den Bauch gepustet. Ich mag das nicht."

"Dann rematerialisiere dich gefälligst, Nebelbraut!" Zischte Julius. Der weiße Dunst verdichtete sich, und Suzanne stand wieder in ihrer festen Form da.

"Und sowas will ein braves Mädchen sein", grinste sie Julius an. Professeur Faucon, die gerade einen anderen Violetten helfen mußte, sich aus dem flüssigen in den festen Zustand zurückzuverwandeln, bekam davon nichts mit.

"In anderthalb Tagen seid ihr mich wieder los", flüsterte Julius und ließ die Wanderratte im Käfig vor sich zu einer Zwergpalme werden.

"Ach, dann gefällt es dir nicht bei uns?" Fragte Suzanne lauernd. Belle schritt ein.

"Mademoiselle Didier, Monsieur Andrews möchte wohl sehr gerne alles lernen, was Sie so leichtfertig vorführen. Aber er möchte es in Ruhe lernen und in einem ihm angeborenen Körper. Ich muß zugeben, eine Zwillingsschwester zu haben, der ich alles beibringen kann, was mir wichtig und schön ist, hat seinen Reiz. Der dürfte jedoch nach einiger Zeit verfliegen, wenn wir uns stets in unmittelbarer Nähe aufhalten müssen. Daher schätze ich seine Ehrlichkeit hoch ein, daß er nicht heuchelt, es bei uns am schönsten oder am spannendsten zu haben."

"Mademoiselle Didier, führen Sie bitte noch mal Ihre Autonebulation vor!" Sprach Professeur Faucon von hinten. Suzanne lief genauso rot an, wie Julius und Belle. Doch dann nahm Suzanne ihren Zauberstab, vollführte einige Bewegungen, sprach dazu was und verschwamm zu weißem Dunst.

"Hui, ist das anstrengend", sagte ihre geisterhaft wie umgekehrter widerhall klingende Stimme.

"Und vor allem kein Spiel, sondern die vorstufe zur stablosen Selbstverwandlung, Mademoiselle. Resolidisieren Sie sich jetzt wieder!" Ordnete Professeur Faucon an. Suzanne schien sich zu konzentrieren, denn der Nebel flimmerte merkwürdig. Dann zog er sich wieder zusammen und verdichtete sich zu der achtzehnjährigen Junghexe, die wohl sehr verspielt mit ihren Begabungen umging.

"Gut, zwanzig Bonuspunkte für Sie, Mademoiselle Didier. Zwanzig Bonuspunkte für Sie, Monsieur Andrews und dreißig Bonuspunkte für Sie, Mademoiselle Grandchapeau, dafür das sie die Reversovanitum- Zauber immer besser beherrschen."

"Danke, Professeur Faucon", sagte Belle. Sie sah Julius an, weil sie durch ihn ja nicht dazu kam, ihre Zustandsänderungen zu üben. Sie hatte Objekte und niedere Tiere verschwinden und dann wieder auftauchen lassen. Julius hatte halt mit der Pflanze- in-Tier-Verwandlung alles getan, was ihm möglich war.

"Im Fortgeschrittenenkurs morgen werden Sie dem zurzeit Ihre leibliche Hülle kopierenden jungen Mann die Objektdematerialisation zeigen, Mademoiselle Grandchapeau. Könnte sein, daß er das schon lernt und anwenden kann."

"Ist es nicht dafür zu früh. Immerhin gehört doch dazu nicht nur Zauberertalent, sondern auch eine gewisse Verantwortung", flüsterte Belle. Die Lehrerin nickte. Dann sagte sie:

"Er folgt Ihnen überall hin, wo Sie hinmüssen. Er könnte ja auch darauf bestehen, im Krankenbett zu liegen, bis Sie beide wieder allein sein können. Aber das tut er nicht. Das ist doch ein wichtiger Schritt zur Verantwortung."

"Wie Sie meinen. Aber ich habe Sie darauf hingewisen", erwiderte Belle leise. Suzanne verflüssigte ihren Körper. Julius sagte Laut:

"Wenn jetzt jemand was von dir abtrinkt. Bleibt dann dein Körper zusammen oder gibt es dann kein zurück mehr?"

"Wag dich, Mademoiselle. Es könnte dann sein, daß du als ich weiterleben mußt, solange etwas von mir durch deinenn Körper fließt. Aber ich komm besser wieder zurück."

"Möchtest du partout Strafpunkte kassieren, weil du dich mit meinen Schulkameradinnen anlegst, Julius?" Fragte Belle leise. Julius schüttelte den Kopf.

"Dann geh nicht auf sie ein! Sie legt es darauf an, dich zu provozieren."

"In Ordnung, Belle."

Nach der Stunde alte Runen, in der Julius seine anderen Hausaufgaben erledigen konnte, ging es zum Essen. Danach übten Belle, Francine Delourdes, Agnes Collier und die Montferres die englische Sprache unter Aufsicht einer jungen Hexe, die hier als Lehrerin für Zauberkunst in den ersten drei Klassen aushalf. Julius sprach mit den Schülerinnen über London, über die Winkelgasse, Hogwarts und die englischen Feiertage. Am Ende der Übungsstunde sagte die Lehrerin:

"Wenn Sie ... ähm, ... wenn dieser Fluch wieder von Ihnen gewichen ist, hätten Sie nicht Lust, die interessierten Schüler als Konversationspartner zu betreuen, sofern dies in angemeldeten Stunden passiert?"

"Ich fürchte, bis zu den ZAGs geht das nicht, weil ich ja jeden Nachmittag Unterricht habe."

Nach dem Abendessen ging Belle mit ihrem derzeitigen Doppelgänger hinaus zu den Ställen mit den Knuddelmuffs und anderen Kleintieren. Julius konnte Knarls sehen, Wesen, die wie gewöhnliche Igel aussahen, aber doch völlig unterschiedlich lebten, als er an einen Erdhügel klopfte, schnellte ein Wesen wie ein Frettchen heraus und zeterte los:

"Mann, du Miststück!! Was soll'n das, an meine Bude zu klopfen wo meine alte wieder aufgefüllt ist und jederzeit abwerfen kann, Mann? Zisch ab, oder ich beiß dir den Riechkolben ab!"

"Schwatzfratze", bemerkte Belle nur verächtlich. "Sind nur gut gegen Gnome. Sonst nicht zu gebrauchen, wie du hören konntest."

Julius lernte die Zweiglinge, die in den englischen Büchern Bowtruckel hießen kennen, astförmige Baumbewohner, die höllisch darauf achteten, daß ihrem Baum nichts geschah. Alle diese Wesen mußten gefüttert oder deren Ställe gesäubert werdn. Dann sah Julius noch das Tier, daß er als Steinfigur auf der lebensgroßen Statue von Viviane Eauvive in Madame Maximes Empfangsraum und auf der Tür zum Vorbereitungsraum für praktische Magizoologie schon einmal gesehen hatte.

Eine etwas größere Katze mit silbergrauem Fell und fuchsroten Flecken, ähnlich wie die eines Leoparden, saß hinter einem Gitter und sah erwartungsvoll in den Herbstabend. Die Ohren waren wohl doppelt so groß wie bei einer gewöhnlichen Katze, und das Tier besaß einen langen Schwanz, an dessen Ende eine silbergraue Quaste saß. Es schien sehr zufrieden zu sein, weil hinter dem Gitter wohl noch zweihundert Quadratmeter Gehege lagen.

"Was ist denn das für ein Tier?" Fragte Julius.

"Das ist ein Kniesel, Julius", informierte ihn Belle. "Diese katzenartigen Wesen sind schwer zu zähmen, wenn überhaupt. Sie suchen sich ihren Menschen aus, wenn überhaupt. Wenn du Freundschaft mit einem Kniesel oder einer Knieselin schließen kannst, hast du einen lebendigen Wächter und Wegfinder. Sie reagieren äußerst mißtrauisch auf Leute, die nichts gutes im Schilde führen. Wenn du dich verläufst, dann kann dich ein Kniesel wieder nach Hause führen. Das heißt natürlich auch, daß er dich findet, wenn du verlorengegangen bist. Alles in allem ist es schon ein interessantes Tier."

Der Kniesel hinter dem Gitter maunzte bestätigend und rollte sich zusammen.

"Und warum heißt dieses Tier Kniesel?" Forschte Julius weiter.

"Weil er vom angelsächsischen Zauberer Aloisius Kniesel 759 in einer unbeabsichtigten Kreuzung aus Löwe, Hauskatze und Marder zusammengefügt wurde. Er kann sich auch mit gewöhnlichen Katzen paaren und fruchtbare Nachkommen hervorbringen. Ursprünglich nur auf den britischen Inseln beheimatet, konnte Viviane Eauvive, die Gründerin eures Saales, eine französische Linie züchten, die bis heute aus Urknieseln und besonders starken Katzen veredelt wurde", informierte Belle den Drittklässler. Offenbar, so empfand Julius es, interessierte sich seine unfreiwillige Zwillingsschwester sehr für magische Geschöpfe und schätzte wohl jeden, der das auch tat.

Nach dem Prüfgang um zehn Uhr verließen Belle und Julius den violetten Saal. Julius dachte daran, hier nun nicht mehr herkommen zu müssen und verabschiedete sich von den älteren Jungen und Mädchen. Golbasto Collis, Virginies Freund Aron und Jeannes und Claires Cousin Argon Odin klopften Julius auf die Schultern. Belle sah ihnen sehr mißtrauisch dabei zu. Nicht das sie sich was herausnahmen, weil er nun wie sie aussah.

"Dann sehen wir uns in der dritten Runde wohl auf dem Quidditchfeld wieder", sagte Argon. Julius nickte, daß sein geflochtener Zopf pendelte. Dann kehrten Belle und er in den Krankenflügel zurück, wo sie erschöpft von einem langen Tag ins Bett fielen.

 

__________

 

Julius hätte sich vor dieser Zeit an Belles Seite nie eingestanden, daß er das mal genießen würde, sich morgens von Kopf bis Fuß mit Körperlotion für Mädchen einzureiben, dann die etwas längere Prozedur des Schminkens zu vollziehen und sich dann tatsächlich im Spiegel zu betrachten und noch einige Korrekturen an seinem Gesicht durchzuführen.

"Dieses Erlebnis kommt nie wieder", dachte er leise.

Beim Frühstück schwatzten er und die Mädchen am violetten Tisch über den Morgenunterricht. Belle fragte Julius einige Zaubertrankzutaten ab, die er ordentlich hersagte. Felicité Deckers meinte dazu:

"Was meinen Sie, weshalb Julius Andrews bei den Pflegehelfern ist? Schwester Florence wird ihn wohl gut in Form halten, und wenn er wirklich Aurora Dawn persönlich kennt, dann hat die wohl ein großes Interesse daran, ihr Wissen nicht an einen Ignoranten zu verschwenden."

"Hallo, wer hat dir erzählt, daß ich Aurora Dawn persönlich kenne?" Fragte Julius.

"Das wissen wir mittlerweile doch alle, Julius. Sie hat dir das Besenfliegen beigebracht, dir den Erste-Hilfe-Kurs in Millemerveilles empfohlen und dir den Sauberwisch-Besen und zusammen mit anderen den Neuner geschenkt. Durch die saalübergreifenden Fächer kriegt hier jeder was von den anderen mit. Das müßtest du doch schon gelernt haben", sagte das rundliche Mädchen aus der Pflegehelfertruppe. Julius mußte eingestehen, daß er das natürlich schon wußte, daß Beauxbatons ein Dorf war.

Im Zaubertrankunterricht setzte Professeur Fixus ihn mal abseits von Martine und Seraphine an einen einzelkessel.

"Sie werden hoffentlich morgen wieder in Ihrer gewohnten Klasse sitzen, um Zaubertränke zu brauen, Monsieur Andrews. Aber ich möchte Sie heute noch mal auf hohem Niveau prüfen, sofern Sie sich dafür in Form halten", sagte die Lehrerin und trug Julius auf, ein Gegengift zum Rauschnebelgas zu brauen. Er kannte dieses Gas aus der grünen Gasse von Millemerveilles und hatte auch schon diesen Trank eingenommen, um gegen den Rauschnebel gewappnet zu sein. Doch der Trank an sich war kompliziert und benötigte seine drei Stunden. Er konzentrierte sich und schaffte kurz vor Unterrichtsschluß das gewünschte Ergebnis.

"Also, wenn Schwester Florence sie nicht bereits eingestellt hätte, würde ich Sie als Assistent für kleinere Angelegenheiten einstellen, Monsieur Andrews."

Der ehemalige Hogwarts-Schüler nickte nur und sah leicht verlegen auf die Lehrerin.

In der großen Pause führte ihn Belle noch mal zu Claire, Céline und Laurentine. Céline fragte Belle, wie lange sie gebraucht hatte, Julius so toll aussehen zu lassen. Claire fragte Julius, ob er dann abends um zehn wirklich wieder er selbst würde. Dabei sah sie sehr verlegen von Belle zu Julius.

"Ich hoffe es, Claire. Ich hoffe es, weil die vier Tage sollten schon was einmaliges, interessantes aber auch einzigartiges sein. Zumindest habe ich vor euch Frauen jetzt doch ein wenig mehr Respekt, was ihr euch alles antut, nur um besser auszusehen."

"Das kannst du doch auch haben. Du kannst deine Haare ändern, deine Haut besser glänzen lassen und so weiter. Gloria hat doch da bestimmt noch was für Jungen übrig."

"Nöh, ich denke, wenn das hier vorbei ist, bin ich froh, wenn ich am Morgen wieder trainieren kann", sagte Julius.

"Das kannst du auch, wenn du ein Mädchen bleibst, Julius. Dann kannst du dich mit Barbara und den Montferres darüber unterhalten, wo welches Fettpolster wegtrainiert werden muß. Aber wenn du heute nacht nicht im grünen Saal schläfst, und zwar bei Hercules, Robert und Gérard, glaube ich nicht, daß du noch mal zu uns zurückkommst. Dann behalten sie dich im violetten Saal und Madame Grandchapeau adoptiert dich."

"Dazu kommt es nicht. Eine Expertin hat mir zuversichtlich versichert, daß das alles wieder rückgängig geht", sagte Julius. Claire wunderte sich, wen er damit wohl meinte. Dann grinste sie:

"Die Hexe mit dem Strohhut hat das rausgekriegt, trotz Eidesstein? Dann stimmt es doch, daß der kauzige Monsieur Fidonius aus Madame Maximes Vorzimmer ein Portrait in New Orleans hängen hat. Anders kann ich mir das nicht vorstellen."

"Häh, woher weißt du ...?"

"Soll ich jetzt Mädel oder Jungchen sagen. Jedenfalls habe ich meine Malhausaufgaben gemacht und in einem erweiterten Werk über Bildöffnungen gelesen, was alles möglich ist."

"Na ja, das mit dem Fluch ist schon blöd gelaufen, für Belle und mich allemal. Ich denke nicht, daß sie alles erzählt, was sie ihren Freundinnen sonst so erzählt. Und ich denke auch, diese Hinterherlauferei wird ihr irgendwann zu viel."

"Wie meinst du das?" Fragte Claire Julius und sah ihn lauernd an.

"So, daß es jemandem auf Dauer vielleicht zu viel werden könnte, wenn jemand ihm dauernd hinterherlaufen muß. Ich sagte "muß", nicht "will"."

"Werd erst einmal wieder ein Junge, sonst muß ich mich fragen, ob wir noch weiter befreundet bleiben können."

"Ach, daß kann sie doch auch bleiben, wenn sie bleibt, wie sie ist", sagte Céline schnippisch. Dann grinste sie Julius an.

"Aber besser ist es, du wirst wieder du, damit wir gegen die Gelben gewinnen können. Überragende Besen müssen immer im Spiel bleiben."

"Ja, das ist wohl so", sagte Julius und hoffte, daß Céline nicht mehr wußte als ihm lieb war.

Nach der großen Pause unterhielt sich Belles Klasse in Magizoologie noch mal über den Ausflug nach Algerien und faßte alles wichtige zusammen. Die Erklärung, weshalb es zu dieser Massentötung des Rochs durch Muggelflugzeuge kam, notierte sich Professeur Armadillus sofort. Dann berichtete er noch, daß Inseln unter einer tarnenden Zauberkuppel als Reservate für diese nun bedrohte Vogelart eingerichtet worden seien, auch für Tiere, die für Menschen zu gefährlich waren, um sie in Tierparks oder Schulmenagerien zu halten. Tiere wurden in dieser Stunde keine mehr gezeigt.

Nach dem Essen, dem letzten Mittagessen auf Fleurs Stuhl am Tisch der Violetten, wie Julius zuversichtlich hoffte, war noch mal eine Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste angesetzt.

Der für bald vier volle Tage als fast erwachsene Frau herumgelaufene Zauberschüler fragte sich, was nach dem Patronus, der außer von ihm und Belle von niemandem als vollgestaltete Erscheinung beschworen werden konnte, noch kommen würde. Als er neben Belle vor der Klassentür stand, meinte sie zu ihm:

"Professeur Faucon hat uns was erzählt, daß wir ab heute was machen, was sehr anstrengend und umfangreich ist. Hoffentlich wirst du nicht überfordert."

"Dann mache ich eben Hausaufgaben, solange du dich nicht verausgabst", flüsterte Julius seiner hoffentlich nur noch für Stunden als Zwillingsschwester zu bezeichnenden Leidensgenossin zu.

Als Professeur Faucon mit strammem Schritt anmarschierte, wichen die wartenden Schüler brav zurück und gaben eine Gasse zur Tür frei. Nachdem die Lehrerin alle eingelassen, begrüßt und zum hinsetzen aufgefordert hatte, deutete sie auf einen Wandschirm, der den Bereich vor der Tafel von den Schulbänken trennte.

"Heute, Mesdemoiselles et Messieurs, beginnen wir eine Unterrichtseinheit, die viel Einfühlungsvermögen, Selbstbeherrschung und Disziplin verlangt. Sie alle sind, bis auf unseren derzeitigen Gast, Monsieur Andrews, erwachsen und hoffentlich durch unser strenges aber förderliches Schulsystem gereift genug, um die Anforderungen mehr als zu erfüllen. Für Monsieur Andrews", alle sahen Julius an und grinsten lautlos, weil ein Mädchen als Junge angesprochen wurde, "Sie müssen das, was wir heute beginnen, nicht jetzt schon lernen. Ich weiß, Sie interessiert die Thematik, die wir heute beginnen, nicht zuletzt, weil die Muggel sich seit Jahrhunderten darüber in Fiktionen, Theorien und teilweise wissenschaftlichen Versuchen auslassen. Wie gesagt, für Sie ist es nicht wichtig, dies alles jetzt schon zu verstehen. Sollten Sie in vier Jahren in einer UTZ-Klasse Verteidigung gegen die dunklen Künste sitzen, was ich ohne Überoptimismus zu pflegen von Ihnen erwarten kann, werden Sie mit diesem Thema richtig umzugehen lernen. Aber hören Sie ruhig zu, weil ich weiß, daß es Sie interessiert, womöglich sogar fasziniert. Für die regulären Schülerinnen und Schüler gilt: Von Ihnen erwarte ich, daß Sie mir nicht nur zuhören, sondern die Anforderungen, die ich an Sie stelle, gefälligst erfüllen, ja nach Möglichkeit übertreffen. Es ist nämlich nicht einfach so, daß wir hier und heute eine exotische magische Nettigkeit kennenlernen, die man vernachlässigen kann, sondern eine ernste Unterabteilung der Zauberei, die von fehlgeleiteten Charakteren sehr gut zu einer verheerenden Waffe gegen Sie verwendet werden kann. Selbstverständlich werden Sie in meiner Klasse nur die Abwehr lernen. Angriffszauber dieser Art bleiben jenen vorbehalten, die sich dazu entschlossen haben, ihren beruflichen Weg als Mitglied der magischen Strafverfolgung zu gehen. Kommen wir also zum Thema!"

Professeur Faucon winkte mit dem Zauberstab, und mit einem scharfen Knall verschwand der Sichtschutz zwischen Tafel und Schülern. Julius sah mit seinen derzeit grünen Augen auf die Tafel, dann auf eine Art Steinbecken, das mit Runen und Symbolen übersät war und aus dessen Inneren es silbrigweiß schimmerte, als schwämmen viele viele Mondstrahlen in einer kristallklaren, luftgleichen Substanz. Daneben stand ein mindestens zwei Meter hoher Glaskolben, der oben an seiner Öffnung eng und nach unten hin immer weiter wurde. Julius erinnerte sich an die Erlenmeierkolben im Labor seines Vaters, in denen Chemikalien gemischt und zur Reaktion gebracht werden konnten. In diesem Kolben war wohl reines Wasser, in dem eine Menge bunter Kügelchen schwammen. Ihm fiel auf, das die Kügelchen in unterschiedlicher Höhe im Wasser trieben. Ganz unten, knapp über dem Grund des Gefäßes, trieben goldene Kügelchen. Ganz oben, an der Oberfläche der Flüssigkeit, trieben himmelblaue Kügelchen. Dann sah er auf die Tafel und las in großen weißen Buchstaben:

"Die Grundlagen der Mentalmagie"

"Ich habe den Wandschirm errichtet, um Sie nicht vorzeitig sehen zu lassen, was ich vorbereitet habe, sodaß nun alle zugleich mit den Gegenständen konfrontiert sind", sagte die Lehrerin. Dann winkte sie der Tafel zu. Unter der Überschrift erschienen die Schlagwörter: Memorextraktion, Legilimentie, Occlumentie, Mentiloquismus, Divitiae Mentis.

"Wie Ihnen sicherlich auffällt, steckt in vier der fünf Unterbegriffe der Begriff Mentis, was sich aus dem lateinischen "Mens" für den Geist an sich ableitet. Gehen wir sie also Punkt für Punkt durch", sprach Professeur Faucon.

"Die Memorextraktion ist jene Kunst, eigene Gedanken oder Erinnerungen aus dem Gedächtnis abzusaugen und in einem extra dafür vorbereiteten Behälter zu speichern, um sie bei Bedarf zu projizieren und in einer sich vielleicht später erst ergebenden logischen Gesamtstruktur zu erforschen. Dieser Behälter hier", wobei sie auf das Steingefäß mit dem merkwürdigen silbrigweißen Inhalt deutete, "wird oft als Denkarium oder Gedankenhalter bezeichnet. Es dient dazu, Erinnerungen oder gerade aufkommende Gedanken zu erhalten und zu bewahren. Ich führe Ihnen das kurz vor." Mit ihrem Zauberstab tippte sich Professeur Faucon an die linke Schläfe und zog ihn dann zurück. Dabei sah es so aus, als ziehe sie einen dünnen Faden aus silbernem Licht aus ihrem Kopf heraus, der fast einen halben Meter lang wurde, bevor er den Halt am Kopf verlor und vom Zauberstab herunterbaumelte, bis Professeur Faucon ihn in das Denkarium eintunkte. Sie machte eine Rührbewegung mit dem Stab, zog ihn wieder heraus, nun frei von irgendwelchen Silberfäden. Im Denkarium drehte sich die fremdartig schimmernde Substanz, bis aus dem großen Gefäß die Gestalt eines jungen Mädchens mit schwarzen Haaren und saphirblauen Augen in einem Beauxbatons-Schulmädchenkostüm aufstieg. Wie aus einem tiefen Brunnenschacht erklang die Stimme:

"Maman, ich hoffe, ich kann das alles machen, was die von mir wollen." Julius erstaunte. Das war Catherines Stimme, jung, ja sehr jung klingend, aber doch Catherine Brickstons Stimme. Dann sank die Erscheinung zurück in das Denkarium und vermischte sich mit der silbrigen Substanz.

"Ich habe den Vortag der UTZ-Prüfung meiner Tochter in dieses Gefäß übertragen. Ich werde dieses Fragment wieder herausziehen und in mein Gedächtnis zurückführen, denn das Denkarium dient hier in Beauxbatons anderen Zwecken, als nur zum Unterricht, und ich möchte meine Erinnerung an den Vortag der UTZ-Prüfung meiner Tochter schon gerne in mein Bewußtsein zurückrufen."

Professeur Faucon tunkte den zauberstab wieder in das Denkarium ein, rührte, bis die Erinnerung an ihre Tochter als räumliche Abbildung wieder darüberhing, sprach sehr leise mehrere Worte und sog die Erscheinung mit dem Zauberstab auf, wie Flüssigkeit durch einen Strohhalm. Als die Erscheinung restlos verschwunden war, führte die Lehrerin den Stab wieder zu ihrem Kopf, tippte an ihre Schläfe und zog ihn wenige Zoll zurück. Daraufhin schoß ein silberfaden aus dessen Spitze, berührte die Schläfe der Professorin und verschwand darin, als sei der Schädel der Lehrerin durchlässig wie Luft. Ein halber Meter Silberfaden glitt flink aus dem Zauberstab, bis er mit einer leichten Zitterbewegung davon freikam und keine Zehntelsekunde später vollkommen im Kopf Professeur Faucons verschwunden war. Die Lehrerin sah etwas Entrückt aus, als träume sie oder müsse an etwas weit entferntes denken. Dann klärte sich ihr Blick wieder. Sie atmete durch und sagte:

"Ich habe die vorhin extrahierte Erinnerung ordentlich zurückgeholt, wo sie herkam und hingehört. Damit bin ich auch schon beim wesentlichen Punkt dieser Vorführung, den Sie sich auf jeden Fall notieren sollten: Die Memorextraktion vermag, unerwünschte Gedanken und Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu entfernen, um sie für distanzierte Betrachtungen zu konservieren. Man kann aber auch frühere Erinnerungen, die von anderen oder einem selbst in diesem Behältnis aufbewahrt wurden, in das eigene Gedächtnis übertragen. Viele Schulleiter von Beauxbatons nutzen diese Methode, um vergangene Erfahrungen anderer Schulleiter in das eigene Gedächtnis zu übernehmen. Allerdings sind sie verpflichtet, bei Beendigung ihrer Amtszeit diese übernommenen Erinnerungen in dieses Gefäß zurückzugeben und die wichtigsten eigenen Erfahrungen hinzuzufügen, sobald sie den Trank der doppelten Erinnerungen getrunken haben, der jene Erfahrungen und Gedanken im eigenen Gedächtnis erhält, obwohl sie für das Denkarium extrahiert wurden. In diesem Behälter befindet sich die Essenz der Gründer von Beauxbatons und ihrer Nachfolger. Am Ende der Stunde werde ich es unbeobachtbar wieder dorthin bringen, wo es hingehört.

Kommen wir zum zweiten Unterbegriff, der Legilimentie. Diese Zauberkunst ist sehr ungern gesehen, beinhaltet sie nicht mehr und nicht weniger, als die Fähigkeit, gezielt in einen fremden Geist hineinzuwirken, um Gefühle und Erinnerungen daraus zu schöpfen und zu deuten. - Ich sehe es Ihnen an, Monsieur Andrews, daß Sie das Thema wahrhaft fasziniert", flocht Professeur Faucon ein, als Julius ihr förmlich an den Lippen hing. "Deshalb für Sie und alle anderen hier auch: Diese Zauberkunst ist ein Gewaltakt wider den Geist, das höchste Gut vernunftbegabter Lebewesen. Wer diese Kunst erlernt, ist ständig versucht, davon zu profitieren, und es gibt wahrlich genug mächtige Zauberer und Hexen, die sie mißbräuchlich benutzen. So wird es Sie nicht verwundern, daß der dunkle Magier, der von den meisten Zauberern nicht laut beim Namen genannt wird, diese Kunst natürlich erlernt hat und wider Freund und Feind verwendet. Denn zu wissen, was im Inneren eines anderen vorgeht, ist eine überlegene Waffe. - Ja, ich weiß, was Sie alle jetzt wissen wollen und habe hierzu den zweiten Behälter präpariert. Professeur Fixus, die Sie alle gut kennengelernt haben, wenngleich einige von Ihnen sie möglicherweise nicht schätzen, vermag, Gedanken zu hören, die als unausgesprochene Worte entstehen. Dies ist eine angeborene Gabe, die Oberfläche eines fremden Geistes zu erspüren. Der Geist an sich ist keine engbegrenzte, von allen Seiten zu betrachtende Struktur, weswegen wir in der Magie auch nicht oft von Gedankenlesen sprechen. Der Geist intelligenter Wesen, von magischen Tieren bis zum Menschen, ist wie ein tiefer, uferloser See, den man nicht einfach so erkunden kann, wenn man nicht fähig ist, unter die Oberfläche zu dringen. Sehen Sie bitte her!"

Professeur Faucon stieß mit der freien Hand in den übergroßen Glaskolben und drückte die oben schwimmenden Kügelchen hinunter. Sofort tanzten alle Kugeln, wirbelten durcheinander. Doch die Lehrerin wies auf die Oberfläche und erläuterte:

"Nur was an der Oberfläche schwingt, sich merklich bewegt, kann von geborenen Gedankenhörern aufgespürt werden, als wenn Sie sich einen geschlossenen Behälter mit Wasser ans Ohr halten und ihn leicht schütteln und nur das Plätschern und Schwappen des bewegten Wassers hören. Wie das Wasser eines Sees ist der Geist. In sich massig, doch in viele Schichten unterteilbar, ja bis zu Wassertropfengröße unterteilbar. Dabei ist jeder Wassertropfen eines Sees mit jedem anderen Wassertropfen in ihm verbunden. Regt man einen an, gibt es Folgeregungen. Ein Legiliment kann dabei Wissen und Gefühle am Grunde der Erinnerung erkunden oder die an der oberfläche treibenden bewußten Gedanken auflesen und deuten. In jedem Fall kann er die vielfachen Verbindungen einzelner Geistesinhalte erfassen und sich daran entlangtasten, bis er oder sie alles weiß, was er oder sie wissen will. Deshalb ist die Legilimentie eine Gewaltform und Waffe, denn jeder, der sie anwenden kann, vermag, Ängste, Gelüste, Geheimnisse und Lügen aus jemandem herauszuholen. Experten in dieser Kunst, leider auch der dunkle Lord, können durch einfachen Blickkontakt ergründen, ob jemand lügt oder die Wahrheit spricht, Angst oder Freude empfindet, egal, wie gut man sein Gesicht und den Körper beherrscht. Hier kommt jedem potentiellen Opfer eines zu Gute: Legilimentie ist den Dimensionen von Raum und Zeit unterworfen. Mit zunehmender Entfernung schrumpft das Vermögen, aus dem Geist eines Anderen nützliches Wissen zu schöpfen. Wie gesagt ist der direkte Blickkontakt ausschlaggebend. Deshalb kann Professeur Fixus auch nur die verbalen Gedanken jener hören, die sie direkt ansieht. Ob jemand lügt, ihr vielleicht was verheimlicht oder vorenthält, kann sie dadurch jedoch problemlos ergründen. Ja, und weil die Legilimentie eben eine solch bedrohliche Kunst ist, wurde die Occlumentie entwickelt, womit wir beim dritten Begriff auf der Tafel sind.

Occlumentie, das heißt, seinen eigenen Geist gegen fremde Eindringlinge zu verschließen, ja ihn ungreifbar zu machen. Wer unter Aufbietung von Konzentration und Geduld dieses Zauberstück erlernt und vervollkommnet, kann die Zugriffe eines Legilimenten vereiteln, ja sogar einen Gegenstoß vollführen, der die Bemühungen des Angreifers - ja, es ist nun einmal ein Angriff - auf diesen selbst zurückwirft. Diese Kunst werden Sie ab heute bei mir lernen. Im wesentlichen ist es eine Technik, seine Gedanken zu ordnen und zu verbergen, um sich auf jeden Zugriffsversuch sofort einzustellen und ihn zu vereiteln. Neben den übrigen Dingen, die Sie in diesem Jahr noch erlernen müssen, werden wir regelmäßig Occlumentie-Übungen machen. In Ihrem Interesse sollten Sie in Ihrer Freizeit eigene Übungen betreiben, um auf die Prüfungen vorbereitet zu sein, die ich bei den Übungseinheiten durchführe. Ich habe fünf von zehn Schülerinnen und Schülern in den UTZ-Klassen zu guten Occlumenten ausbilden können. Aber mein Ehrgeiz verlangt danach, diese Zahl zu steigern, sodaß ich einmal sechs von zehn Schülern pro Abschlußklasse in dieser Kunst unterwiesen haben werde.

Der vierte Punkt ist der Mentiloquismus. Er beinhaltet, über die Distanzen von wenigen Metern bis zu einem Erdumfang, Botschaften des eigenen Geistes jemandem anderen zu übermitteln. Das was allgemein als Telepathie bezeichnet wird, also die Übertragung von Gedanken, wird in der Magie im speziellen mit diesem Begriff umschrieben. Wer sich in den Occlumentie-Übungen gut bis sehr gut erweist, wird von mir die Techniken des Mentiloquismus erlernen. Allerdings wird Beauxbatons, wie andere Zauberschulen Europas, von mächtigen Bannen umschlossen, die geistige Botschaften von außen und innen blockieren, aber dann auch die Legilimentie vereiteln, sofern jemand nahe genug kommt, um einen Versuch zu wagen. Außerdem funktioniert Mentiloquismus nur zwischen Wesen, die sich persönlich schon begegnet sind. Sie können also nicht wie im Stile des Radios eine für irgendwen gedachte Botschaft mentiloquieren. Zwillinge sind von Natur aus instinktive Mentiloquisten, wenngleich eher unbewußt. Erlernen sie diese Gabe korrekt, können sie ihre beiden individuellen Bewußtseine verschmelzen und zu einem verbinden. Es gibt auch den mentiloquismus des Blutes. So können Mütter wesentlich leichter mit ihren Kindern Botschaften austauschen, als Väter, weil Mütter, zumindest die lebend gebärender Arten, eine gewisse Zeit lang einen vereinten Blutkreislauf mit ihren Kindern besaßen. Für alle anderen Gegebenheiten gilt das gesagte: Wer geistige Botschaften übermitteln oder empfangen möchte, muß den Empfänger oder den Sender persönlich gesehen haben, ihn im Anfangsstadium ständig vor Augen haben. Später genügt dann ein Abbild oder ein gut nachgemaltes Bild der Zielperson. Aber denken Sie jetzt bloß nicht, das wäre dann einfach, ohne Eulen und Kontaktfeuer mit guten Freunden in Australien oder Amerika zu kommunizieren! Mentiloquismus zehrt ziemlich gut aus. Studien haben gezeigt, daß zwei Mentiloquisten pro Minute einer zu übermittelnden Nachricht zehn Minuten körperlicher Anstrengung entsprechend Ausdauer und Körperkraft verbrauchen. Ich empfehle Ihnen also daher, lieber bei den altbewährten Verbindungswegen zu bleiben und diese Kunst, wenn Sie sie erlernen, nur in dringenden Fällen oder bei gebotener Geheimhaltung zu benutzen, denn diese Art von Übermittlung ist eben wegen ihrer Spezifität nicht zu belauschen, wie die Muggel es meinen, wenn sie von telepathischen Botschaften und telepathischen Medien sprechen. Ein Legiliment kann jedoch einen der beiden Endpunkte aufsuchen und natürlich die Botschaft aus dem Geist des Betroffenen schöpfen, falls dieser nicht die Occlumentie beherrscht.

Wer ganz sichergehen will, daß gewisse Dinge nicht aus seinem Gedächtnis geschöpft werden, kann bei hoher Konzentration und durch vorbereitende Zaubertränke die Divitiae Mentis, den Schatz des Geistes, erringen. Fünf, nur fünf wesentliche Dinge können damit einem Legilimenten unzugreifbar gesichert werden. Im allgemeinen verbergen Zauberer und Hexen, die Divitiae Mentis erlernen ihre schlimmste Angst, die größte Liebe und den Namen der geliebtesten Person mit Aussehen und Kenntnissen von ihr auf diese Weise, weil eben ein Legiliment - ich kann dies nicht oft genug wiederholen - dieses Wissen als Waffe gegen jene anwenden kann, deren Geist er auskundschaftet. Aber dieser nützliche Zauber ist sehr gefährlich. Er kann bei falscher Vorbereitung und durchführung zum Wahnsinn führen, ja sogar eine in den Tod treibende Folge von Halluzinationen oder Alpträumen hervorrufen. Deshalb werden Sie hier diesen Zauber nicht lernen, solange Sie nicht die Prüfungen bestanden haben. Denn ihn zu erlernen und zu beherrschen, verlangt seine eigene, ganz eigene Zeit. Wer die fünf wichtigsten Dinge seines Geistes verschließen will, kann bis zu einer vollen Woche, in der er sich auf nichts anderes einläßt, damit zubringen. Da Sie aber hier alle noch andere Verpflichtungen haben, ist dieser Zauber hier nicht im Unterricht vorgesehen und auch in der Freizeit nicht erlaubt!!"

Ein stummer Austausch von Blicken und Gesten folgte diesem Vortrag. Professeur Faucon ließ ihre Worte wirken. Julius, der bereits die Stunden zählte, wann er nicht mehr Belles Zwillingsschwester sein mußte, hob die Hand zur Wortmeldung.

"Ja, bitte, Monsieur Andrews?" Erteilte Professeur Faucon ihm das Wort.

"Ich habe bei Professeur Fixus versucht, meine Gedanken durch andere Gedanken zu überlagern, wie ich es aus Geschichten mit Gedankenlesern kenne. Ist das schon Occlumentie?"

"Ich entsinne mich, daß meine begabte Kollegin Sie in ihr Büro mitnahm und mit Ihnen darüber sprach, daß Sie auf diese Weise nur oberflächlich Schutz vor Gedankenhörern oder -lesern erringen können, eben nur vor jenen, die die schwingende, ja Wellen schlagende Oberfläche Ihres Geistes wahrnehmen können. Wenn Sie Occlumentie erlernen, was Sie in diesem Jahr noch nicht erlernen müssen, werden Sie erfahren, daß künstlich erzeugte Gedanken alleine keinen wirksamen Schutz bieten. Sie müssen erlernen, Ihre Gedanken zu ordnen, zu sortieren, regelrecht einzufangen, wie schnell fliegende Schmetterlinge und so unterbringen, daß sie damit einem Legilimenten ausweichen können, der Ihnen innere Geheimnisse zu entreißen versucht. Sie haben, dies ist ja wohl kein Geheimnis, eine Disziplin fordernde Sportart erlernt, bevor Sie in Hogwarts Ihre Zaubereiausbildung begannen. Dabei erlernten Sie auch eine geistige Technik, sich zu beherrschen, störende oder schwächende Eindrücke auszuschalten. Damit haben Sie bereits ein gutes Werkzeug, um irgendwann ein guter Occlument zu werden. Dies aber nur, weil Sie heute in dieser Stunde sitzen müssen und nicht von mir ausgeschlossen werden können. Falls Sie das Unterrichtsfach Verteidigung gegen die dunklen Künste bis zum UTZ-Abschluß beibehalten, werden Sie diese Fertigkeit bei mir lernen. Ich hoffe für Sie, daß Sie bis dahin niemandem Begegnen, der ein guter Legiliment ist, welcher Ihnen mit dem, was er Ihrem Geist entringen kann, Schaden zufügt. Dies gilt übrigens auch für Sie alle hier, Mesdemoiselles et messieurs", antwortete Professeur Faucon. Dann blickte sie Julius an, der sich straffte. Wurde er jetzt von ihr legilimentisch ausgehorcht? >

"Ich werde Ihnen und den übrigen nun vorführen, wie es sich anfühlt, von einem Legilimenten ausgeforscht zu werden. Da Sie von der geistigen Entwicklung her noch als Minderjähriger gelten, obwohl sie gerade einen fast vollendeten Erwachsenenkörper bewohnen, Monsieur Andrews, darf ich ohne Genehmigung einer für Zauberische Angelegenheiten zuständigen Person nicht mit Ihnen experimentieren. Sie verstehen hoffentlich, daß ich da an meine Vorschriften gebunden bin."

"Mist! Jetzt kann ich das vergessen, das heute mal auszuprobieren", dachte Julius und mied dabei den Blick der Lehrerin. Jetzt, wo er wußte, daß sie wohl die Legilimentie beherrschte, würde er in Zukunft darauf achten, sie nicht zu gut anzusehen. Immerhin konnte sie ja wohl nicht wie Professeur Fixus hören, was er dachte, sondern mußte was entsprechendes aufrufen, aktivieren. So sah er zu, wie sie erst Belle, dann die übrigen Klassenkameraden auf Zeit mit ihrem Zauberstab und konzentriert in ihre Augen blickend mit dem Wort "Legilimens" beharkte. Nachdem sie die Runde gemacht hatte, wobei einige verlegen rot geworden waren, andere fasziniert und erstaunt dreinschauten, fragte sie Suzanne:

"Und, erkennen Sie nun, wieso Ihre Mutter Sie heute noch wie ein kleines Mädchen behandelt, Mademoiselle Didier?"

"nach dem heftigen Akt verstehe ich sie besser, Professeur Faucon", sagte Suzanne Didier.

"Fühlen Sie sich jetzt immer noch so überragend, weil Sie unsere Schulordnung umgangen und mit ihrer Freundin verbotene Aktivitäten begangen haben?" Fragte die Lehrerin einen Jungen, der ganz verlegen aussah. Dieser nickte und lief noch röter an. Dann erklärte sie die Grundzüge der Occlumentie, wie man sie ohne Zauberstab vorbereiten konnte. Am Ende der Doppelstunde waren viele Pergamente vollgeschrieben. Auch Julius hatte sich Notizen gemacht. Doch er konnte sich nicht darüber freuen. Denn Professeur Faucon nahm sie ihm einfach wieder fort, als die Glocke zum Stundenende läutete.

"Wie gesagt ist dieser Stoff für Sie jetzt noch nicht zu bewältigen, Monsieur Andrews", flüsterte sie ihm zu und warf ihm einen tadelnden Blick zu, weil er wütend dreinschaute.

Dann verließen die Schülerinnen und Schüler den Unterricht. Suzanne flüsterte Belle und Julius auf dem Weg über den Flur zu:

"Ich habe meine eigene Geburt durchlebt. Ich habe geglaubt, mich nicht daran erinnern zu können. Zwanzig Stunden muß Maman das mit mir durchgestanden haben. Das tat mir selbst noch weh, wie ich aus ihrem Leib gepreßt wurde. Jetzt verstehe ich sie besser."

"O damit kann man auch wen foltern, ihn ständig die eigene Geburt durchleben zu lassen", erwiderte Julius schnell und leise. Belle und Suzanne nickten.

Belle suchte mit Julius noch mal ein Klo für Mädchen auf, wo sie sich mit Barbara, Jeanne und den Montferres trafen, die sich auch für den fortgeschrittenenkurs Verwandlung bereitmachten.

"Na, Schwester! In sechs Stunden darfst du hier nicht mehr rein", sagte Sandra Montferre und zog ihre Lippen nach. Julius sah die Zwillinge an. Ihm fiel ein, was Mrs. Porter geschrieben hatte und er fragte:

"Was wäre gewesen, wenn ich genau zwischen euch beiden gestanden hätte, wißt ihr das?"

"Sandra hätte dich entweder neu zur Welt bringen müssen oder wir hätten 'ne Drillingsschwester bekommen. Dann hättest du wohl Soraya geheißen, weil unsere Mutter bei einer Dritten Tochter gerne noch einen Namen mit S ausgesucht hätte. Dann hätten wir noch mehr Spaß bekommen. "

"Wie, Sandra hätte ihn neu zur Welt bringen müssen?" Fragte Jeanne interessiert.

"Wenn zwei Geschwister auf der Linie stehen, auf der der Verwandlungsfluch sich auswirkt, wird der, der oder die dazwischengerät, zu einem Kind der Schwester oder zum Drilling, sofern es Zwillingsgeschwister waren. Das haben wir vorgestern alles in "Katastrophale Fluchverirrungen" nachlesen können. Schließlich hat uns das schon interessiert, was passiert wäre, wenn er nicht an Belle, sondern an eine von uns geraten wäre."

"Ach dann wäre es aber mit eurer Quidditchkarriere ausgewesen, wenn ausgerechnet eine von euch mich noch mal ... Neh, daß ist zu abwegig."

"Stimmt. Deshalb ist es ja nicht passiert", stellte Sandra fest und begutachtete ihr Augen-Make-Up. Dann sah Sie Julius an und sagte: "Wenn ich das richtig mitbekommen habe, hat 'ne ehemalige Schulkameradin von dir ihre Mutter in der Schönheitsbranche. Kriegt man da nicht Prozente, wenn man neue Kunden wirbt?"

"Nicht, das ich wüßte", sagte Julius. Irgendwie fand er das nur noch zu komisch, auf einem Mädchenklo mit älteren Mädchen über Kosmetikkrempel zu quatschen.

"Ich glaube, wir müssen, die Damen!" sagte Belle Grandchapeau und führte Julius hinaus und zum Verwandlungskursraum.

"Wie gesagt, Mademoiselle Grandchapeau, zeigen Sie Monsieur Andrews heute die ersten Dematerialisationsübungen!" Sagte Professeur Faucon.

Julius bemühte sich, schaffte es aber erst am Ende der Kursstunden, erst zwei Knöpfe und dann eine leere Zigarrenkiste verschwinden zu lassen. Unheimlich war das schon, daß er diese Zauberei nun anwenden konnte. Doch würde er das in vier Stunden auch noch können? Mußte er das schon können?

Er sah zu Jeanne und Barbara hinüber, die mit Zustandsänderungen herumexperimentierten. Unheimlich war es für ihn, wie leicht sich Barbara in Nebel auflöste, während Jeanne wie Suzanne Didier zu einer großen Pfütze wurde, um sich dann wieder zurückzuverwandeln. Brauchte man diese Kunst wirklich? Professeur Faucon hatte was gesagt, daß diese Selbstauflösung die Vorstufe zur freien Verwandlung ohne Zauberstab war. Er hatte Maya Unittamo in Aktion erlebt und sie bewundert, daß sie das alles konnte. Wenn der Weg dazu über diese Kunstfertigkeit ging, war er doch noch beschwerlich genug für ihn, Julius Andrews.

"Na, das war doch schon mal ganz gut für den Anfang, Monsieur Andrews. Nächsten Donnerstag werden Sie in Ihrer alten Arbeitsgruppe noch Wiederholungen mit der Tier-Pflanze-Verwandlung machen. Übung ist oft wichtiger als ständiges Neulernen", sagte Professeur Faucon. Julius nickte. Er wollte noch nicht alles können. Die Tage mit Belle hatten ihm gezeigt, wieviel er noch lernen mußte, wenn er einmal das alles können wollte. Sicher, er hatte einiges mitmachen können, was im Unterricht gelaufen war. Doch irgendwie stellte er fest, daß er diese vier Tage wohl nicht des Unterrichts wegen für so einzigartig hielt, sondern wegen der anderen Lebenswelt. Er hatte sich immer als Junge im falschen Körper gefühlt, es nicht einmal ausgekostet, als Mädchen zu fühlen. Dennoch mußte durch die Körperveränderung was in ihm umgestellt worden sein. Er empfand manche Sprüche, die er von Jungen gehört hatte, weil er so gut aussah, als albern, nicht mehr cool. Manche mußte er mit gutem Zureden davon überzeugen, daß er sich das nicht ausgesucht hatte. Er würde jedoch beim nächsten Mal, wenn er wußte, das sowas geplant war, wie am Halloweentag, das Weite suchen. Seine Eigenständigkeit ging doch weiter als die Unterwerfung unter ein unabwendbares Schicksal, erkannte der ehemalige Hogwarts-Schüler.

Nach dem Essen im Speisesaal unterhielt er sich noch lange mit Belle über die verstrichenen vier Tage, die hier und heute zu Ende gehen würden. Er erzählte ihr noch mal von dem Gefühl, das er bei Fleur Delacours Auftreten empfunden hatte und hörte von ihr, daß dies wirklich so sei. Nur die gute Selbstbeherrschung hielt manches Mädchen davon ab, eine Veela anzugreifen. Dann fragte sie ihn noch, was er gerne noch ausprobieren wollte, bevor er seine eigentliche Gestalt wiederbekam. Er überlegte und sagte:

"Einmal sollte ich doch noch mal die Damenschritte beim Tanzen ausprobieren. Aber ich fürchte, dazu ist es jetzt zu spät."

"Das ist wohl so", stellte Belle fest.

Um halb zehn versammelten sich sämtliche Pflegehelfer im Krankenflügel. Sie waren alle gekommen, um zu sehen, ob es funktionierte. Sixtus Darodi fragte Julius, was für ihn das einprägsamste an seiner kurzen Mädchenzeit gewesen sei. Julius überlegte kurz und sagte:

"Das man auf Stöckelschuhen wirklich laufen kann, wenn man es lange genug geübt hat."

"Ja, und hast du nun den Eindruck, über uns mehr zu wissen?" Fragte Martine Latierre. Darauf konnte Julius nur mit einem klaren "Nein" antworten.

"Ich denke, ihr seid zu kompliziert, als das ein Junge das in vier Tagen rauskriegt. Aber interessant war es doch mal, andere Sachen anzuziehen, sich irgendwie auch anders zu fühlen, wenn man durch die Korridore geht und von manchen anderen Mädels neidisch angeguckt zu werden, weil irgendwie das Haar richtig gut sitzt oder die Schminke gerade so dezent wie möglich aber trotzdem auffällig ist. Ich verstehe zumindest jetzt meine Freundin Gloria", sagte Julius.

"Apropos Schminke", sagte Jeanne. "Bevor der Rückverwandlungsprozeß losgeht, solltest du dir das alles wieder runtermachen, oder möchtest du damit zu deinen Schlafsaalgenossen gehen?" Julius schüttelte den Kopf mit dem Zopf. Sie nickte und führte ihn ins Badezimmer, wo Belle und sie bedächtig aber gründlich das aufgetragene Make-Up beseitigten. Als er wieder ungeschminkt war, löste Belle ihm die Haare und ließ sie frei herunterbaumeln.

"Gleich werden wir es wissen, ob dieser Fluch tatsächlich ..."

Julius hörte nicht, was Belle noch sagen wollte. Denn ein Brodeln und Schwirren, das seinen ganzen Körper durchflutete, betäubte alles um ihn herum. Er fühlte, wie immer stärkere Kräfte in ihm herumzerrten und walgten. Und dann explodierte ein mörderischer Schmerz in ihm, der ihn völlig überraschte. Er glaubte, von einer gewaltigen Sprengladung zerrissen zu werden, als würde ihn jemand mit hundert Stromstößen pro Sekunde traktieren. Dann flutete vor ihm grelles Licht auf. Der Schmerz ließ nach. Doch er fühlte, wie ihm die Luft wegblieb. Er riß den Mund auf und stieß einen langen Schrei aus. Es war wie eine zweite Geburt. Licht um ihn herum, frische Luft. Er fühlte, wie seine drei diebstahlsicheren Gegenstände nun wieder locker an Armen und Körper saßen. Er griff sich an den Brustkorb ... flach wie ein Bügelbrett. Er sah sich an und stellte fest, daß er wieder ein dreizehnjähriger Junge mit hellblondem Haar war. Aus dem Spiegel im Badezimmer lachten ihm zwei blaue Augen entgegen, die Augen eines Jungen, der sich herrlich freute, wieder da zu sein.

"Willkommen zurück im eigenen Leben", sagte Jeanne Dusoleil und tätschelte Julius' Rücken. Belle Grandchapeau saß noch leicht benommen auf dem Bett, aber sie war noch sie selbst.

"Halten wir fest für das Protokoll, das die Rückverwandlung um genau 21.54 Uhr stattfand. Es gab einige Lichteffekte und die kurzzeitige Auflösung in einen stofflichen Fluß. Aber nun bist du wieder Julius Andrews, mit dem Körper, mit dem du vor dreizehn Jahren zur Welt kamst", sagte Schwester Florence und umarmte Julius. Dann schickte sie alle Pflegehelfer bis auf Jeanne und Felicité fort.

"Ich möchte die beiden gerne noch mal untersuchen, um sicherzustellen, daß die Rückverwandlung auch funktioniert hat. Dann muß Julius mehr als zehn Schritte von Belle entfernt sein, um zu sehen, ob die körperliche Kopplung noch hält. Jeanne meinte:

"Das kriege ich sofort raus" und kniff Julius kräftig in den verlängerten Rücken. Der nun wieder als echter Junge erkennbare Drittklässler zuckte kurz zusammen, mußte dann jedoch grinsen. Belle spürte nichts von ihm. Also mußte es wirklich geklappt haben, ihn wieder eigenständig zu machen.

Schwester Florence untersuchte beide noch mal genau mit Zauberstab und Einblickspigel, fand keine Abweichungen von dem, was sein sollte und schickte Julius aus dem Raum. Er ging vorsichtig Schritt für Schritt, bis er bei dreißig angekommen war. Es hatte tatsächlich geklappt. Er war nun wieder frei, genau wie Belle!

"Nun, dann beglückwünsche ich euch zu dieser glücklichen Rückverwandlung", sagte Schwester Florence. Sie wollte Jeanne schon sagen, Julius mit in den grünen Saal zu nehmen, doch Belle winkte Julius noch mal zu sich.

"Ich möchte nun, da wir wieder glücklich die eigenen Körper haben, meinen Dank aussprechen, daß du dein Leben vorübergehend meinen Interessen untergeordnet hast. Ich möchte dir danken, daß du es mir nicht so schwer gemacht hast, dich überall mit hinzunehmen. Und ich möchte dir danken, daß du bereit warst, etwas von mir zu lernen, von dem du wußtest, daß du es wohl nicht wieder anwenden müßtest. Dafür gebe ich dir gerne in meiner Eigenschaft als Saalsprecherin einhundertfünfzig Bonuspunkte und hoffe, daß du diese vier Tage nicht als Zeitvergeudung angesehen hast. Du hast Disziplin gezeigt, Mitverantwortung, aber auch Einsatzbereitschaft, um dich dieser Herausforderung zu stellen. Danke noch mal! Ich weiß nicht, ob ich das umgekehrt so gemacht hätte."

"Ui, das ist diese Woche ein DQ, da könntest du anderen von abgeben, Julius", sagte Jeanne. Julius sprach noch mal zu Belle:

"Als das passiert war, habe ich nur gedacht: "Mist, das will ich nicht, ein Mädchen sein. Jetzt war ich es zumindest körperlich und kann denen, die sich wünschen, das mal zu erleben, nur entgegenlachen: Ihr habt doch alle keine Ahnung."

"Na dann, Bursche! Wollen wir wieder dahin, wo du auch hingehörst", sagte Jeanne und aktivierte das Wandschlüpfsystem. Schwester Florence wünschte allen noch eine gute Nacht. Dann zog Jeanne Julius mit sich durch die Wand.

Tosender Abpplaus empfing den Rückverwandelten, als er in seinem Umhang mit Jeanne durch die Wand kam. Alle Bewohner des grünen Saales hatten gewartet. Edmond hatte es unmöglich durchdrücken können, die unteren Klassen um zehn Uhr in die Betten zu schicken. Barbara, Virginie und sein Stellvertreter Yves hatten ihn davon überzeugt, daß alle nicht schlafen würden, wenn nicht geklärt würde, was mit Julius passiert war. Claire rannte auf Julius zu und nahm ihn sofort in eine innige Umarmung. Julius freute sich, diese mal erwidern zu können. Denn Barbara umschlang einfach Edmond und flüsterte ihm zu, daß dieser keine Strafpunkte verhängen sollte, nicht heute abend. Ungefähr eine Minute hielt Claire Julius an sich gedrückt. Sie weinte Freudentränen auf seinen Umhang, schluchzte eine geraume Weile. Dann schniefte sie nur:

"Schön, daß du wieder da bist, Julius."

"Heh, hier kommt der große Held!" Rief Hercules, der mit Robert und den übrigen Jungen der dritten Klasse zusammenstand. Julius ging auf sie zu, strahlte sie an und sagte:

"Mädels, ich bin froh, wieder bei euch zu sein."

"Häh?" Fragte Gérard Laplace. Dann mußte er laut lachen. Dieses Lachen pflanzte sich fort und erreichte jeden im grünen Saal. Auch Laurentine, die etwas abseits gestanden hatte, lachte über diesen überrumpelnden Gag von Julius.

Julius wünschte allen noch eine gute Nacht und zog sich mit seinen Schlafsaalkameraden in den Jungentrakt zurück, wusch sich, erleichterte noch mal seine Blase und freute sich, daß er vom Jungenklo nun wieder akzeptiert wurde. Kein Alarmzauber sprach an. War das nicht herrlich, wieder man selbst zu sein?

Als er mit den Klassenkameraden im Schlafsaal angekommen war, zwinkerte ihm die große Aurora Dawn zu.

"Na, wieder zu den einfacheren Vertretern der Menschheit zurückgefunden?" Fragte sie Julius. Dieser nickte ihr nur zu, grinste sie dann an und kramte in seinen Sachen nach den Unterlagen für den Astronomieunterricht, an dem er nun wieder teilnehmen konnte. Denn es war ja Donnerstag.

Professeur Paralax, der Vorsteher der Violetten, freute sich sichtlich, Julius wieder in den Reihen der Drittklässler zu sehen. Er fragte:

"Wie fühlen Sie sich nun, Monsieur Andrews?"

"Anders aber wesentlich vertrauter, Professeur", erwiderte Julius darauf. Die anderen grinsten. Dann ging der Astronomieunterricht wie gewohnt weiter.

Um zwölf Uhr nachts verabschiedeten sich Claire und Céline von ihren Freunden. Edmond Danton wollte zwar was sagen, fing sich aber einen zur Ruhe gemahnenden Blick Barbaras ein, als Claire Julius noch mal innig umarmte. Dann konnte sich der wieder zum Jungen zurückverwandelte Drittklässler im Schlafsaal hinlegen, endlich wieder da, wo er hingehörte!

 

__________

 

Offenbar hatten die "Mädchentage" von Julius ihn nicht gänzlich verlassen. Denn in der Nacht wachte er häufiger von intensiven Träumen auf, in denen er als Belle Grandchapeau mit Adrian geschmust hatte, als Sabine und Sandras Drillingsschwester mit ihnen über neues Schminkzeug fachsimpelte oder in Claires Körper mit ihm, Julius, den Sommerball bestritten hatte. Er war froh, als er um halb sechs auf seine Uhr blickte und leise aufstehen konnte, um sich für das Morgentraining fertig zu machen. Er sah nach oben, wo seine Bilder hingen. Das Bild mit den vier Musikzwergen hing außerhalb des Schallschluckervorhanges. Die Zwerge saßen auf dem Boden, noch im Dunkeln. Das kalenderbild, welches Claire ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, war auch noch in tiefe Dunkelheit gehüllt. Auch das Bild Aurora Dawns war eine dunkle Fläche. Julius sah genau hin. So dunkel war es nicht. Aber es zeigte nicht den Hauch der großen Abbildung. Es hing genau so, daß er mit der Abbildung Aurora Dawns sprechen konnte, wenn der Vorhang geschlossen war. So zog er den Schallschluckervorhang noch mal zu, beugte sich so weit vor, das er fast mit der Nase das Bild berührte und stellte fest, daß es im Moment völlig leer war. Offenbar hatte Aurora Dawn kurz nach der Schlafsaalkontrolle ihr Gemälde verlassen. Wo mochte sie nun sein?

"Wenn das stimmt, daß gemalte Personen in jedes Bild springen können, in dem sie das Hauptmotiv bilden, könnte sie in Australien oder England sein", erinnerte sich Julius an das, was Professeur Faucon Belle und ihm am letzten Morgen der unfreiwilligen Zwillingsschwesternzeit erzählt hatte. Eigentlich eine geniale Möglichkeit, mit anderen Leuten Kontakt zu halten, dachte Julius. Dann grinste er. Deshalb, nur deshalb hatte Mrs. Dawn ihm ein Bild ihrer Tochter geschickt, von dem es mehrere Klone gab. So konnte er schneller als über die Eulen mit Aurora Dawn Kontakt halten, falls die Reise von Bild zu bild nicht Tage dauerte und nicht doch von einer gewissen Entfernungsgrenze abhängig war.

Der nun wieder ganz ein Junge aus der dritten Klasse verließ den Schlafsaal mit seinem Schwermacherkristall. Er hoffte, daß die vier Tage ihn nicht unter Form gebracht hatten. Im Saal saß Barbara bereits zusammen mit Yves und unterhielt sich.

"Moin!" Sagte Julius locker.

"Hallo, Julius!" Rief Yves. "Schön, daß du doch wieder den praktischeren Körper hast. Ich habe mich schon gefragt, wie kompliziert das wohl wäre, wenn ich diesem Fluch zum Opfer gefallen wäre."

"Du bist ja kein Pflegehelfer. Du hättest mit Mademoiselle Grandchapeau den Körper komplett getauscht und hättest ihre Schulnoten vermasselt", sagte Barbara. Yves rümpfte die Nase. Doch er sagte nichts dazu.

"Du hast also wieder Zeit zum trainieren, wo du meinst, keine Schminke mehr auflegen zu müssen", wandte sich Barbara dann noch an Julius.

"Du brauchst das ja auch nicht", sagte Julius zu Barbara. Sie lächelte ihn an.

"Das nehme ich jetzt mal als Kompliment. Aber ich mache das immer zwischen viertel vor acht und Unterrichtsbeginn. Fällt nur nicht auf, weil ich eben sehr sparsam damit umgehe."

"Ich dachte, aus diesem Mädchenkrempel bist du zum Glück raus", sagte Yves.

"Dieser Mädchenkrempel, werter Yves, ist doch das, weshalb ihr uns immer nachguckt", versetzte die Saalsprecherin. Dann besprach sie mit Julius, was in den letzten Tagen im grünen Saal gelaufen war.

"Wurde Zeit, daß du wiederkamst, Julius. Claire hat sich oft mit Céline oder ihrer Schwester gezankt und Laurentine hatte Bammel, sie könnte ebenfalls aus dem Hinterhalt verflucht werden. Ich mußte ihr erklären, daß dies bisher nur zweimal in über achthundert Jahren passiert sei. Sie meinte, daß man dich wohl wegen der Muggelstämmigkeit verhext hat."

"Na klar und dann ausgerechnet mit der Tochter des Zaubereiministers. Dümmer gings nicht mehr, wie?" Warf Julius ein. Dann sagte er noch: "Dann sollte sie nicht nach Hogwarts gehen. Da sind die Slytherins besonders gut auf Muggelstämmige zu sprechen."

"Ja, und gerade jetzt, wo im Miroir stand, daß die in Hogwarts offenbar alle Schüler und Lehrer auf ihre Zuverlässigkeit testen wollen", wandte Yves ein. Julius wußte, daß er sich wegen der Sub-Rosa-Vereinbarung nicht dazu auslassen durfte, was er über Hogwarts wußte. So fragte er, was da genau stand und bekam von Yves eine Ausgabe von vor zwei Tagen, wo drinstand, daß in Hogwarts eine Überarbeitung des Schulbetriebes angesetzt sei. Das stand aber als kleine Randnotiz im Teil "Aus dem Ausland".

Um sechs uhr verließen die Frühsportler den grünen Saal und begaben sich zum Quidditchstadion. Unterwegs trafen sie die Montferres, Martine Latierre und die Rossignol-Zwillinge. Marc oder Serge meinte:

"Heh, Süße, wo hast du denn deinen tollen Zopf gelassen?"

"Den habe ich mit meinem Vorbau in eine magische Transitsphäre geschickt. Wenn zufällig wer gerade dann an dem Ort vorbeikommt, wo ich alles reingeschickt habe, kriegt er das ab."

"Bloß nicht", sagte Serge. Sabine meinte zu Julius:

"Wäre noch schöner, der mit Büste und Zopf. Der käme ja gar nicht mehr vom Spiegel weg, weil er sich selbst bewundern müßte."

"Mag sein, Sabine", lachte Julius, während die Rossignols grummelten. Dann wurde trainiert. Der Drittklässler aus England stellte beruhigt fest, daß er immer noch zwanzig und mehr Minuten mit dem Schwermacher aushielt. Dann ging es im lockeren Trab mehrmals um das Stadion und danach zurück in den Palast, wo Julius richtig duschte. Als er wieder im Schlafsaal war, wo die übrigen Jungen schon warteten, fragte ihn Gérard:

"Wie sieht Belle denn ohne Schulmädchenkostüm aus?"

"Ich weiß, ich hätte das wohl selbst wissen wollen, Gérard. Aber ich habe Belle Grandchapeau versprochen, nichts über ihr Privatleben oder ihren Körper zu verraten. War ja schon schlimm genug, daß es ausgerechnet sie und mich erwischt hat."

"Ach komm, Julius! Claire und Céline haben davon gesprochen, daß du mit Gesichtskleister rumgefuhrwerkt hast. Dann war das für dich ja vielleicht nicht nur 'ne unangenehme Sache", warf Robert ein.

"Ja, aber seinen Namen mit eigenem Wasser in den Schnee schreiben können ist dann doch besser, als Mieder, Puder und Lidschatten", sagte der ehemalige Hogwarts-Schüler. Die Jungen lachten darüber.

"ich hörte, die Grandchapeaus hätten noch mal mit dir gesprochen, wo du mit ihrem Fleisch und blut verkoppelt warst. Wie hat die große Dame denn geguckt, als sie dich sah?" Fragte Hercules Moulin. Julius fragte ihn, woher er wissen wollte, daß die Grandchapeaus ihn gesehen hatten.

"Weil Königin Blanche uns nach der Verwandlungsstunde erzählt hat, sie müßte mit Madame Maxime, Belle und dir über diesen Mumpitz reden, weil Belles Eltern ja noch kämen."

"Ja, die habe ich getroffen. Madame Grandchapeau hat zwar komisch gekuckt, aber gesagt, ich könnte froh sein, ihre Tochter als Vorlage für den Ausflug in die Femininität abbekommen zu haben. Mehr darf ich darüber nicht sagen, weil es eben wieder private Dinge berührt."

"Na ja, wenn du mit Bébé verhext worden wärest, hätten ihre Eltern wohl endgültig die Krise gekriegt, wie?" Fragte Gaston Perignon. Robert meinte dazu nur:

"Neh, war schon die glücklichere Wahl. Ich habe mich mal durch die Bib hier gelesen, um zu kucken, was über Fluchpannen drinsteht. Wenn die dich mit den Montis zusammen erwischt hätten, hättest du den Rest deines Lebens als deren Schwester rumlaufen müssen", sagte Hercules.

"Komm, die Monti-Mädels sind doch gut gebaut", wandte Robert ein.

"Lass das deine Süße nicht hören, daß du für Sabine oder Sandra Montferre schwärmst", griff André Deckers auf. Hercules meinte nur:

"Auf jeden Fall hat sich Adrian von den Blauen ziemlich bedröppelt im Hintergrund gehalten, weil der Typ ja aus seinem Saal kam. Das war doch dieser Drecksack, der uns mal vor dem Speisesaal dumm angequatscht hat. Hoffentlich haben sie den selbst in 'ne Frau verwandelt, am besten in die häßlichste Schachtel der Zaubererwelt."

"Neh, das wäre ja keine Strafe, Jungs. Das müßte dann schon eine wie Brigitte Bardot oder Catherine Deneuve sein", warf Julius ein. Offenbar kannte hier keine die hervorragenden französischen Schauspielerinnen. Darum fügte er noch hinzu: "Dieses Kleidermodell, welches für Madame Esmeralda arbeitet, wäre für den doch die perfekte Vorlage gewesen. Das wäre die totale Identitätskrise geworden."

"Leute, ich denke, über sowas sollten wir uns nicht lustig machen. Julius darf uns nix erzählen, deshalb sollten wir auch nicht drüber herziehen. Ich möchte jedenfalls nicht den Körper von Céline mit mir rumschleppen. Angucken und anfassen reicht schon", sagte Robert und erntete ein albernes "Uiuiuuh, Robbie" von André und Gérard.

Zusammen gings runter zum Frühstück im Speisesaal, wo Madame Maxime offiziell verkündete, daß Julius' erzwungene Mädchenzeit nun glücklich beendet sei und er wieder am zugewiesenen Unterricht teilnehmen würde. Die Blauen sahen ihn zwar merkwürdig an, sagten aber nichts.

Nach dem Siebtklässlerunterricht war Zaubertränke für Julius nun erst einmal ein Pappenstiel. In der Pause unterhielt er sich mit den Mädchen seiner Klasse über das, was die Siebtklässler schon machen mußten. Millie Latierre kam hinzu und sagte zu Julius, daß er sich für einen Jungen in Rock und Bluse nicht so dumm angestellt habe. Julius zog den Schluß:

"Alles in allem muß ich sagen, daß ich euch doch nun mehr respektiere. Sicher, die wirklich heftigen Sachen, die Mädchen oder Frauen so mitmachen, sind mir doch erspart geblieben. Aber ohne jetzt blöd rüberzukommen finde ich meinen Körper doch für mich besser geeignet."

"Nicht nur für dich", warf Mildrid Latierre ein. Claire sah sie mißtrauisch an. "Immerhin muß ja irgendwann ja damit angefangen werden, diese neue Quidditchmannschaft in die Welt zu setzen, nicht wahr, Julius?"

Julius errötete und bekam kein Wort heraus. Wieso hatte dieses rotblonde Gör nicht vergessen, was absolut nur Blödsinn gewesen war? Claire fragte, was los sei, Julius erzählte ihr, was er im Spaß gemeint hatte. Claire sah erst ihn wütend an, dann noch wütender Millie.

"Wenn du ihn einmal kriegen solltest, dann wird er feststellen, daß du alleine schon kompliziert genug bist, noch dazu sieben Kinder von ihm haben wollen. Du glaubst wohl noch an Weihnachtsengel, wie?"

"Clairette, wußte gar nicht, wie wichtig das schon für dich ist", flötete Mildrid und zog sich lachend zurück.

"Da hat dich diese rotblonde Krawallhexe doch reingelegt", sagte Céline zu Claire. Julius wußte nicht, ob er sich entschuldigen sollte oder nicht.

Belle Grandchapeau kam zu ihnen herüber und fragte, wie gut Julius geschlafen habe. Er erwiderte, daß er zwar einige merkwürdige Träume gehabt habe, aber nichts schlimmes. Belle nickte.

"Ich wollte mich noch mal bedanken, daß du es mit mir ausgehalten hast und ich dadurch keinen Tag verloren habe."

"Du?" Fragte Claire erstaunt. Belle sah sie an und wies sie zurecht:

"Monsieur Andrews und ich haben vier volle Tage unseres Lebens geteilt, Mademoiselle Dusoleil. Da ließ sich die korrekte Umgangsform nicht durchhalten. Aber von Ihnen erwarte ich weiterhin den höflichen Umgangston, den Sie wohl auch von anderen Leuten erwarten. Schönen Tag noch, Mesdemoiselles, Messieurs!"

"Hast du dir denn eingebildet, die siezt ihre Zwillingsschwester, selbst wenn die nur vier Tage um sie rumläuft?" Fragte Jasmine Jolis Claire, die ziemlich ungehalten aussah. Diese atmete kurz durch und sagte dann:

"Ja, ist schon richtig. Ich sieze Jeanne ja auch nicht, und würde das auch mit keinem anderen tun, mit dem ich die ganze Zeit zusammen bin. Hat mich nur gewundert, daß sie Julius immer noch duzt."

"Vielleicht muß ich sie aber wieder siezen. Rang hat seine Privilegien", wandte Belles ehemalige Zwillingsschwester wider Willen ein.

"Sah nicht so aus", sagte Céline. "Aber du kennst sie ja im wahrsten Sinne nun auswendig."

"Nur körperlich, Céline. Geistig waren wir zum Glück ja ungebunden. Wenn Sandrine und ich von diesem Mistkerl erwischt worden wären, sähe das anders aus."

"Hat uns Professeur Faucon erklärt, als wir am Dienstag bei ihr hatten. Deshalb war Sandrine wohl auch so niedergeschlagen. Die kennt sich nämlich gut mit Flüchen und Verwandlungen aus, mußt du wissen", sagte Claire. Julius nickte. Wer über alle Nebenwirkungen wußte, ließ die Finger von der Sache. Ein Onkel von ihm, der Arzt war, erzählte gerne davon, wie schwierig andere Ärzte als Patienten waren.

"Mesdemoiselles et Messieurs, die Pause ist in zwei Minuten zu Ende", trällerte Professeur Milet, die heute Pausenhofaufsicht hatte. So ging es zurück in den Palast, wo die dritte Klasse des grünen Saales bei Professeur Faucon Verteidigung gegen die dunklen Künste hatte.

Am Nachmittag bei der Arithmantikstunde sprachen die Mädchen aus den anderen Sälen nicht gleich über Julius' Ausflug in ihre Lebenswelt. Erst nach dem Unterricht horchten ihn Belisama, Mildrid und Estelle aus. Edith, Céline und Laurentine schwiegen. Julius wiegelte alle Fragen ab, die sich direkt auf Belle bezogen und erzählte nur, wie er mit dem komplizierten Make-Up umzugehen gelernt hatte.

Der Zauberkunstkurs freute Julius richtig. Er lernte den Kofferpackzauber, der durch Denken an die Sachen, die mitgenommen werden sollten und einer einfachen Zauberstabbewegung gewirkt wurde.

Abends im Duellierclub mußte Julius gegen Suzanne Didier aus dem violetten Saal ran, die er mit zwei schnellen Flüchen auf die Bretter schickte. Die nächste Runde überstanden beide ohne Treffer auf der einen oder anderen Seite. Professeur Faucon sagte zum Abschluß:

"Monsieur Andrews hat seine Reflexe verbessert. Ich bin zuversichtlich, daß er nun wieder gut gegen fremde Flüche gewappnet ist."

Nach der Schlafsaalkontrolle durch Edmond Danton schrieb Julius noch heimlich einen Brief an Mrs. Jane Porter, den er morgen noch vor dem Frühsport losschicken wollte. Er beschrieb ausführlich, was er als Belles vorübergehende Zwillingsschwester erlebt hatte und auch, wie er die Rückverwandlung empfunden hatte. Er berichtete auch von den Träumen, die ihn in der Nacht danach noch heimgesucht hatten und endete mit den Sätzen:

"Professeur Faucon hat das Loch übrigens gestopft, von dem Sie geschrieben haben. Ich hoffe nicht, daß da noch mehr rüberkommt."

Julius wunderte sich zwar, daß er diesen Brief ohne Schmerzen oder sonstige Beschwernisse hatte schreiben können. Doch wenn es stimmte, daß ein mit Eidesstein verbundener Schwur umgangen wurde, sobald jemand außenstehendes das Geheimnis kannte, das zu schützen geschworen wurde, hatte Julius wohl nichts zu befürchten. Er faltete den Brief zusammen und legte ihn unter sein Kopfkissen, als die Tinte trocken war. Dann schlief er ein.

 

__________

 

Das Wochenende war wieder reiner Alltagstrott, abgesehen davon, daß Claire sich noch mehr in Julius' Nähe aufhielt als sonst. Doch als Jeanne ihr am Sonntag abend etwas zuflüsterte, nickte sie nur, wandte sich an Julius und meinte:

"Es ist wohl nichts mehr zu befürchten von diesem Fluch." Der nun wieder als Junge herumlaufende Drittklässler nickte und schenkte Claire ein Lächeln.

Die kurze Zeit, die der Zauberschüler aus England die Doppelgängerin Belles gewesen war, schien wegen der anstrengenden Schularbeiten und Freizeitkurse bald wie ein merkwürdiger und sehr eindrucksvoller Traum in seiner Erinnerung zu verbleiben. Die einzigen Dinge, die ihn daran erinnerten, daß diese Zeit im Körper einer jungen Frau kein Traum gewesen war, war der Umgang, den Belle mit ihm pflegte. Er gehörte zu den wenigen, die von ihr nicht mit höflichem Sie angesprochen wurden und hatte noch die Aufzeichnungen über seine Unterrichtsstunden in der siebten Klasse dabei.

Einen Tag, bevor das Spiel der Mannschaft Blau gegen Rot angesetzt war, kam ein Brief aus Amerika zurück von Mrs. Jane Porter. Sie schrieb:

Hallo, Honey!

Ich habe deine Abenteuer an Mademoiselle Grandchapeaus Seite wohlwollend und mit Interesse gelesen. Präge sie dir gut ein als bisher außergewöhnlichstes Erlebnis! Nicht jeder, der unter diesen Fluch geriet, konnte soviel daraus machen, wie ihr beiden.

Blanche hat tatsächlich die Schwachstellen in eurer Geheimhaltung beheben können. Ich schrieb ihr selbst einen Express-Brief, um sie wissen zu lassen, daß wir hier in den Staaten abwarten, was sich im guten alten Europa tut. Wir haben hier im Moment genug eigene Sorgen, die im Vergleich zur Wiederkehr Voldemorts geringfügig sind, aber nicht vernachlässigt werden sollten, um nicht doch auf gleiche Rangstufe anzusteigen. Soviel nur:

Ich werde über Weihnachten nach England reisen, nicht mit Flohpulver. Jemand aus Fudges Gefolge hat Kontrollen darüber angesetzt, wer das britische Floh-Netz wann von wo nach wo benutzt. Ich möchte dem Gent mit dem Bowler nicht das Weihnachtsfest vermiesen, weil ich ihn auf abwegige Gedanken bringe. Ich hoffe, man kann mich für die Feiertage entbehren. Wenn du möchtest, können wir ja miteinander Telefonieren. Glo meinte, daß diese Geräte doch nicht so unpraktisch wären. Ich gehe doch davon aus, daß du bei deiner Mom sein wirst?

Ich hoffe, dein Unterricht wird dir nicht zu anstrengend. Halte dich gut ran, dann freut sich das alte Mädchen.

Schöne Grüße aus dem zurzeit dunstigen New Orleans!

                    Jane Porter

Julius steckte den Brief ein und begab sich zum Zaubertrankunterricht, wo er sich nur auf die Zubereitung des Schrumpftranks konzentrierte, was nicht schwer fiel, weil er sehr kompliziert in der Herstellung war. Danach besprachen sie in Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie die Kappas, die Julius schon im ersten Jahr erlebt hatte. Nachmittags tüftelte er mit seiner Arithmantikklasse an einer zahlenmäßig darstellbaren Wettervorhersage herum, was sehr viel Pergament verbrauchte. Milli Latierre fragte ihn nach der Stunde:

"Und, wie sieht es mit deinem Tip für morgen aus, Julius?"

"Wenn die Blauen wieder nur foulen gewinnt ihr sowieso. Wird also 'ne langweilige Sache werden.

"Soso, langweilig. Sabine und San werden denen morgen die Klatscher um die Ohren hauen. Da können selbst deren Süßen nichts gegen machen", erwiderte Mildrid sehr überzeugt klingend und blickte Siegessicher Julius an. Dieser grinste nur und erwiderte:

"Hoffentlich reicht das aus."

Im Zauberkunstfreizeitkurs probierte Julius mit Trocknungs- und Wiederbewässerungszaubern herum. Er hatte sich sagen lassen, daß damit sogar weniger komplexe Elixiere pulverisiert und in kleinen Beuteln befördert werden konnten, um sie im Bedarfsfall in einem Krug oder Trinkglas in ihre alte Form zurückzuführen.

Beim Duelltraining sortierte Professeur Faucon wieder so, daß sich Leute gleicher Stärke begegneten. Julius mußte gegen Virginie antreten, die er in der ersten und dritten Runde durch schnelle Bewegungsbannzauber außer Gefecht setzte. Danach war er rechtschaffen Müde.

 

__________

 

Wie er befürchtet hatte, wurde das Spiel der Blauen gegen die Roten eine einzige Schlägerei, von den Klatscherangriffen ganz zu schweigen. Sabine und Sandra hieben wie Dampfhämmer die Klatscher in die Reihen der Gegner, die mit Remplern und Stößen versuchten, Brunhilde, Hannibal und Bruno von den Besen zu holen. Dabei warfen sich die Gebrüder Mistral, die neben dem neuen Jäger Adrian Colbert den Angriff flogen todesmutig, ja höchst rücksichtslos gegen alles, was in kirschrot gekleidet war. Die Rossignols hielten sehr gut mit dem Klatscherspiel ihrer Freundinnen aus dem roten Saal mit.

"... Wieder Heidenreich am Quaffel. - Wieder hat einer der Mistrals sie geblockt, böse böse!" Sprach Ferdinand Brassu einen eher lustlosen als aufregenden Kommentar. Er schien es satt zu haben, daß nach jedem kleinen Foul ein Freiwurf folgte. Der Hüter der Blauen parierte zwar viele davon, aber es war abzusehen, daß die Blauen sich davon nicht beeindrucken ließen. Wie die Holzhacker im Nutzwald schlugen die Jäger und Treiber drein, während der Sucher der blauen, ein hagerer Junge, namens Egon Revolis, immer wieder Janine wüste Gesten zeigte und sie offenbar beleidigte. Ab und an fegte die Sucherin der Roten nämlich einfach hinter ihm her, ohne einem Schnatz nachzujagen. Julius, der mit der Quidditchmannschaft der Grünen wieder in der Mannschaftsloge saß, fragte sich, wann Professeur Dedalus alle Blauen vom Platz stellen würde. Selbst der Saalsprecher der Blauen holzte unbändig drauf los, um den Quaffel zu kriegen oder diesen an César vorbei ins Tor zu dreschen. Dabei rief er dem korpulenten Jungen wohl Schimpfwörter zu oder beleidigte ihn auf andere Weise, sodaß César öfter vor Wut schäumend aus dem Torraum schoss, um Adrian zu kriegen.

"Und Professeur Dedalus verwarnt Colbert wegen Verbaler Attacken gegen Rocher, erkennt auf Freiwurf für Rot. Ja, Brunhilde Heidenreich ist total wütend. Sie geht in Stellung, um den Freiwurf auszuführen. Der Hüter der blauen Mannschaft wartet ... Aus!!! Janine Dupont hat den Schnatz!!! Die Roten gewinnen mit einem satten Vorsprung von fünfzig Punkten mit zweihundertvierzig zu einhundertneunzig!!" Rief Brassu. Keiner, wirklich niemand hatte auf die Sucherin geachtet, die die Aufmerksamkeit aller ausnutzte, um sich an Revolis vorbeizuschleichen und ihm den goldenen Schnatz quasi unter den Füßen fortzuschnappen. Die Blauen buhten und pfiffen, alle anderen johlten und klatschten Beifall. Janine strahlte über das ganze Gesicht, als sie die rechte Faust siegesgewiß hochreckte und den darin zappelnden Ball mit den vier silbernen Flügeln festhielt.

Als alle Spieler wieder auf dem Boden waren, stürzten sich bis auf die Montferres und Janine alle Roten auf die Spiler in Blau. Es entspann sich eine offene Schlägerei, bei der Brunhilde Heidenreich keine Rücksicht auf Anstand oder Geschlecht nahm. Professeur Dedalus landete, um die Streitenden zu trennen und lief dabei voll in einen rechten Haken Brunhildes, der ihn ohne langen Umweg ins Reich der Träume beförderte. Bewußtlos sackte der Quidditchschiedsrichter mit blutenden Lippen und einer leicht angebrochenen Nase zu Boden.

Hannibal Platini drosch auf die Spieler in Blau ein wie ein Dampfhammer. Die kochende Wut ließ ihn wie die übrigen Roten zu Berserkern werden. Professeur Fixus und Professeur Pallas sprangen mit gezückten Zauberstäben hinunter. Hannibal hatte soeben einen der Rossignol-Brüder zu fassen bekommen und ihm den Schläger entwunden. Da traf ihn ein Lähmfluch seiner Saalvorsteherin. Bruno versuchte, den Kampf zu beenden, fing sich aber von einem der Mistral-Zwillinge einen heftigen Schwinger ein, daß auch er vorübergehend außer Gefecht war.

"Messieursdames und Mesdemoiselles, das gehört nicht mehr zum Spiel. Offenbar suchen die Spieler des roten Saales, ihre ganze Wut an den Gegnern auszulassen. Ah, endlich haben Professeur Fixus und Professeur Pallas die Situation unter Kontrolle", sagte Ferdinand Brassu. Tatsächlich gelang es den beiden Saalvorsteherinnen, die Kämpfer durch Blend- und laute Schrillzauber zu verwirren und so auseinanderzutreiben. Madame Maxime nahm ihren Zauberstab, wirkte den Sonorus-Zauber und rief mit magisch verstärkter Stimme:

"An alle, welche sichtbar an dieser unschönen, ja unentschuldbaren Tätlichkeit beteiligt waren ergeht die Weisung, bis zu den Weihnachtsferien im Putzdienst zu arbeiten. Zudem erhält jeder und jede von denen, die an der Schlägerei mitwirkten zweihundert Strafpunkte. Da ich die Spieler der Mannschaft Blau als Urheber dieser unschönen Auseinandersetzung erkannt habe, reduziere ich deren im Spiel errungene Punkte auf die Hälfte. Wenn Sie es wahrlich nicht lernen wollen, dann werden Sie eben nicht um den Quidditchpokal mitspielen können. Beim nächsten Akt ungebührlichen und unsportlichen Betragens von Ihrer Seite, Messieurs von der Mannschaft des blauen Saales, werden alle bisher erspielten Punkte anulliert, sowie sämtliche Besen eingezogen. Wo glauben Sie, daß Sie hier sind?! Ihre dummen Kindereien werden wir Ihnen noch austreiben, Mesdemoiselles und Messieurs. Die Saalsprecher des blauen und des roten Saales erwarte ich in einer Viertelstunde, einer Vier-tel-stun-de, zusammen mit ihren Saalvorsteherinnen in meinem Sprechzimmer!"

Madame Maxime hob die Stimmverstärkung wieder auf, schoss förmlich von ihrem extrabreiten Sitz hoch und eilte mit wehendem Satinumhang davon, wütend und sichtlich enttäuscht dreinschauend.

"Das mußte ja wirklich nicht sein", wandte Virginie ein, die links neben Julius gesessen hatte. Dieser nickte.

"Ich verstehe die Roten nicht, daß die noch diese blöde Klopperei angefangen haben. Die haben doch gewonnen."

"Ja, das ist eben das Problem der Roten, Julius. Wenn sie wütend sind oder total verliebt oder total traurig, hat die Vernunft Pause."

"Ich verstehe nicht, wie Bruno nicht sofort dazwischengehen konnte", wunderte sich Jeanne, die rechts neben Julius saß. "Und Adrian hat auch mitgeprügelt und vorher mitgefoult."

"Das wiederum verstehe ich, Jeanne, so blöd das auch ist. Der muß bei seinen Leuten schönes Wetter machen, ihnen zeigen, daß er noch zu ihnen gehört, obwohl er Jasper van Minglern ausgeliefert hat. Jungs halt."

"Na, wenn ich Brunhilde so ansah, möchte ich besser nicht behaupten, daß Mädchen immer vernünftiger sind. Außerdem hätte Adrian dann eher für seine Leute die Schlägerei beenden, besser abbrechen sollen, um sich diese Strafarbeiten und die Punkte zu ersparen, die seinen Leuten nun aufgebrummt werden. Gerade weil er Belle und dich nicht rechtzeitig gewarnt hat, Julius, müßte er doch jetzt erst recht darum kämpfen, in Beauxbatons wieder gut angeschrieben zu sein."

"Heute nachmittag ist Saalsprecherkonferenz. Das wird bestimmt sehr turbulent", seufzte Barbara, die rechts neben Jeanne saß.

"Hoffentlich spielt ihr Quidditch in zwei Wochen", sagte Aron Rochfort, der links neben Virginie saß und seine Mannschaftskameraden neben sich hatte.

"Wenn die Gelben sich auch prügeln wollen nicht", sagte Julius barsch. Alle lachten. Daß die Gelben eine Schlägerei lostreten würden, würde wohl nur am dreißigsten Februar passieren.

 

__________

 

Professeur Bellart hatte es sich angewöhnt, die Staffeleien im Malraum, sowie im Zauberkunstkursraum die einzelnen Tische mit Wandschirmen zu umgeben, denn die meisten, die in ihren Kursen arbeiteten, wollten schon für Weihnachtsgeschenke vorarbeiten, von denen nicht jeder was mitbekommen sollte. Schon gar nicht die, für die sie gedacht waren.

Julius malte viele kleinere Bilder für Madame Lumière, wie Barbara es vorgeschlagen hatte. Für Claire bastelte er aus Ton eine Gruppe Musiker und Ballettänzer, die er heimlich nach dem Quidditchtraining bezauberte. Er wollte sie ihr zu Weihnachten schenken. Die Musiker sollten alles spielen können, was sie einmal gehört hatten, während die Tänzer und Tänzerinnen dazu springen, tanzen und Pirouetten drehen sollten. Seine anderen Kurse und der Unterricht kamen dabei fast zu kurz. Einmal warnte ihn Professeur Faucon, zu nachlässig zu sein.

 

__________

 

"Kapitäne vortreten zur Begrüßung!" Befahl Professeur Dedalus. Horatio Lombardi und Jeanne Dusoleil traten vor, um sich die Hände zu reichen. Dann ging es auch schon mit dem Spiel zwischen Grün und Gelb los.

"Andrews übernimmt den Quaffel von Lachaise, gibt weiter an Dusoleil. Lombardi stört, kann aber umgangen werden. Dusoleil wirft zum Tor! Parade!! Hüter Midi hat glänzend den Quaffel abgewehrt und schlägt ab auf Lombardi, der jedoch bedrängt wird von Andrews und Lachaise, behält den Quaffel ... Uuuuh! Klatscher von Moulin, hervorragend gespielt auf den Kapitän des gelben Saales", kommentierte Ferdinand Brassu.

Dieses Quidditchspiel war vielleicht nicht das spannendste, dafür aber eleganteste, was in diesem bisherigen Turnier ablief, dachten wohl alle. Julius, der neben Monique Lachaise und Jeanne das Jägertrio machte, konnte innerhalb der Grenzen, die er mit dem neuen Besen einhalten mußte, problemlos Quaffelpässe der Gelben abfangen oder eigene Direktangriffe auf Mathieu Midi, den baumlangen Hüter ausführen, der sich anders als César und Barbara nicht vom Fleck rührte, bis er den Quaffel fast nicht mehr fangen konnte. Julius mußte anerkennen, daß der Hüter der Gelben sich den idealen Wartepunkt vor den drei Ringen ausgetüftelt hatte, um anfliegende Quaffel noch fangen zu können, ohne sich durch Antäuschungen irreführen zu lassen. Dennoch konnte der Drittklässler auf seinem unter eigentlichem Niveau fliegenden Ganymed 10 fünf Tore erzielen, wenngleich das auch innerhalb einer ganzen Stunde stattfinden mußte. Jeanne schaffte im selben Zeitraum gerade vier. Der Satte Vorsprung für die Grünen von 120 Punkten zu 30 kam nur daher, daß die Jäger der Gelben leicht zu irritieren waren. Ließ man sie ihre Taktik nicht wirken, war eine direkte Gegenwehr von ihnen sinnlos. Nach einer Stunde und zehn Minuten - Julius pflückte gerade einen vom Tor abgeschlagenen Quaffel herunter, um ihn gleich wieder dort hinein zu befördern, fing Agnes den Schnatz in einem haarsträubenden Wettflug mit Maurice Dujardin. Grün gewann 310 Punkte insgesamt und baute den Tabellenvorsprung aus.

"Wieder gewinnen die Grünen durch überragenden und engagierten Einsatz wichtige Punkte dazu. Es zeigt sich, daß ein Spieler auf gutem Besen doch viel ausrichten kann, wenn man ihn nicht nur auf einer Stelle herumfliegen läßt", erwähnte Ferdinand Brassu.

Der grüne Saal feierte den zweiten Gewinn der Saison und beglückwünschte Julius zu seinem guten Spiel auf dem neuen Besen.

Sandrine fragte ihn am nächsten Tag, wo sie den Pflegehelferauffrischungskurs hatten: "Wie fandest du Mathieu, Julius?"

"An und für sich sehr gut, Sandrine. Aber wenn die Jäger nicht schneller und durchsetzungsfreudiger spielen wollen, nützt es nichts, nur einen guten Hüter zu haben. Die Abwehr fängt im Sturm an, habe ich mal gelernt."

"Ja, dafür haben wir die besseren Formationskünstler", erwiderte Sandrine darauf nur.

"Das bringt euch nichts, wenn wir gegen euch ranmüssen", warf Martine Latierre überlegen grinsend ein. "Janine ist eine bessere Sucherin als Miro. Das ist auch in Millemerveilles so, wenn ihr nicht ständig wer 'nen Quaffel in den Weg werfen würde, wenn sie gerade den Schnatz jagt." Sie sah Julius lauernd an. Schwester Florence räusperte sich und erklärte diese Unterhaltung für beendet, bis die vier Mädchen und der Junge ihre Aufgaben erledigt hätten.

Julius dachte in den nächsten Wochen, bevor das Spiel der Violetten gegen die Weißen stattfinden sollte, was er in den Weihnachtsferien erleben würde. Seine Mutter hatte ihm in den vergangenen wochen oft geschrieben und ihm mitgeteilt, daß sie bereits vorbereitungen für Weihnachten getroffen habe. In Paris habe es schwere Stürme und sintflutartigen Regen gegeben. Sie schrieb auch, daß Julius' Vater sich seit vier Wochen nicht mehr gemeldet habe. Immer wenn sie zu Hause anrief, meldete sich der Anrufbeantworter. Das machte Julius zwar stutzig, paßte aber zu seines Vaters Haltung, nichts mehr von ihm wissen zu wollen.

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