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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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"Die ist gut", rief Hercules Moulin über den tosenden Applaus der Zuschauer hinweg, die grasgrüne Fahnen schwenkten und "Grün ist der Pokal!" riefen. Er deutete auf eine gut erschöpft aussehende Spielerin im zitronengelben Umhang, die sich von ihren Leuten feiern ließ, als hätten die das Spiel gewonnen und nicht die Mannschaft in grasgrün. Arnica Dulac, die Starjägerin der Gelben, hatte im gerade eben beendeten Spiel alle dreizehn Tore ihrer Mannschaft erzielt. Und wenn Julius und Hercules nicht ein gutes Treiber-Jäger-Spiel abgezogen hätten, wäre es fraglich gewesen, ob die grüne Mannschaft nicht noch mehr Tore kassiert hätte. Monique war an diesem Tag sehr eindeutig ausgepunktet worden. Sie hatte immer wieder Julius angeherrscht, er sollte vor ihrem Tor bleiben und seine Abfangjägeraufgaben erfüllen. Doch Virginie, die Mannschaftskapitänin, hatte ihr bei einer Auszeit klar zu verstehen gegeben, daß sie Julius gerade bei dem Spiel als Torjäger haben wollte. Immerhin hatten die Grünen fünfundzwanzig Tore erzielt, von denen Julius alleine zehn untergebracht hatte. Als Agnes dann haarscharf vor Maurice Dujardin den so wichtigen goldenen Schnatz erwischte und damit den Endstand auf 400 Punkte ausbaute, waren alle froh, daß dieses Spiel vorbei war. Zumindest würde so schnell keiner mehr behaupten wollen, daß die Mannschaft des gelben Saals die Torwurfbude von Beauxbatons war.

"Die hatte den Zehner. Da hätte Julius ausschließlich auf die aufpassen und die blocken sollen, wo's ging!" Beschwerte sich Monique bei Virginie, als die mannschaft zusammenstand. Hercules nickte zustimmend. Giscard Moureau meinte dazu noch:

"Wir hätten das Spiel anders aufziehen sollen. Wenn die eine Jägerin mit einem Zehner haben, muß die ständig abgewehrt werden. So kriegen wir gegen die Roten die Hucke voll, wenn wir noch mal so spielen wie gegen die Gelben, Virginie."

"Leute, heute war das Spiel, wo wir am besten Tore machen konnten. Da lasse ich euch bestimmt nicht vor unsrem Tor mauern, nur um einer einzigen von denen keine Gelegenheit zu geben, uns einen Quaffel durch die Ringe zu werfen", erwiderte Virginie Delamontagne verschnupft. Dann kamen die Gratulanten, allen voran Professeur Faucon.

"Erklär das unserer Saalvorsteherin, wieso wir dreizehn Tore von einer einzigen Spielerin kassiert haben!" Knurrte Hercules.

"Vielen Dank für dieses schöne, spannende, aber vor allem faire Spiel", begrüßte Professeur Blanche Faucon die Mannschaft des von ihr betreuten Saales und wandte sich dann Monique Lachaise zu. "Sie haben sich trotz der Tore sehr gut behauptet, Mademoiselle Lachaise. Sie müssen sich also keine Vorwürfe machen oder sich von anderen Vorwürfe machen lassen."

"Wir hätten besser gespielt, wenn Julius vor den Torringen geblieben wäre und Dulac vom Torewerfen abgehalten hätte", Wagte Hercules einen Einwurf. Professeur Faucon sah ihn an und sagte dann:

"Nun, derlei taktische Erkenntnisse besprechen Sie dann bitte mit Ihrer Mannschaftskapitänin", wies die Lehrerin den Einwand zurück. Virginie sah Hercules leicht verstimmt an, nickte der Saalvorsteherin zu und sah dann Julius an, als wolle der was sagen. Doch der hielt den Mund. Als Professeur Faucon ihn flüchtig umarmte und ihn lobte, daß er trotz der ständigen Durchbrüche Dulacs nie die Selbstbeherrschung verloren habe erwiderte er:

"Ich kann mit offenen Schlagabtauschen leben, Professeur. Wenn die ein Tor gemacht hat, habe ich eben das nächste gemacht oder denen geholfen, die da besser dran waren als ich."

"Immerhin haben Sie alle ja fast doppelt so viele Tore erzielt wie die Mannschaft aus dem gelben Saal", stellte Professeur Faucon fest. "Dann hatten Sie ja noch den Schnatzfang. Ich denke, Sie haben alle Möglichkeiten, den Pokal erneut zu gewinnen."

"Da können Sie von ausgehen", knurrte Hercules. Er dachte wohl daran, daß der nächste und zugleich letzte Gegner der Grünen die Mannschaft aus dem roten Saal war, die traditionell die größten Pokalrivalen waren. Nur in dieser Spielzeit hatten sich die Gelben auf einen guten Ausgangsplatz gespielt. Den Pokal würden sie vielleicht nicht erreichen, aber daß die Mannschaft, die früher immer gerne als Punktelieferant für die anderen verspottet wurde so gut aufgestellt war hatte keiner außerhalb des gelben Saales vorhergeahnt.

Professeur Faucon zog sich zurück und überließ den übrigen Gratulanten das Feld. Robert kam heran und meinte zu Julius:

"Ich hab echt gedacht, die würde dich fertigmachen, als die andauernd ihre komischen Manöver geflogen ist. Aber du hast das ja voll locker weggesteckt. Die Ruhe möchte ich mal haben."

"Hätte nix gebracht, sich aufzuregen. Die wollte mir zeigen, wie gut die den Zehner fliegen kann, und ich habe einfach mein Spiel durchgezogen", erwiderte Julius gelassen. Céline meinte:

"Wäre ja auch totaler Unsinn gewesen, wenn Virginie dich vor den Ringen gelassen hätte, um die Dulac abzufangen. Ein Zehner ist was für's ganze Feld und nicht zum Mauern gebaut."

"Na, war doch nicht so einfach wie letztes Jahr, oder?" Meinte Sandrine Dumas grinsend. Julius nickte und sagte:

"Einfach wäre ja auch langweilig, Sandrine."

Als Millie und Belisama wie gegeneinander um die Wette laufend heranpreschten verzog Sandrine das Gesicht. Als Millie auf den letzten Metern einen Schritt zulegte und die Kameradin aus dem weißen Saal chancenlos abhängte konnte Julius die Zornesröte ins Gesicht Belisamas fliegen sehen. Dann war Millie heran und drängelte Sandrine einfach zur Seite.

"Ey", knurrte Sandrine. Millie umfing Julius mit ihren Armen. Er stellte sich darauf ein, daß sie ihn wieder küssen könnte, wie vor einem Jahr schon mal nach einem Spiel. Doch offenbar war ihr nicht danach. Sie lächelte ihn nur an und meinte:

"Jetzt wird das nur noch zwischen uns ausgemacht, wer den Pokal kriegt. Ich hoffe, du bist im nächsten Spiel auch so nett zu mir wie zu Arnica."

"Nummerier schon mal deine Knochen, Luder!" Rief Hercules, der gerade von einigen jüngeren Mädchen aus dem grünen Saal beglückwünscht wurde. "Im nächsten Spiel haue ich dich astrein vom Besen."

"Na klar", erwiderte Millie locker. "Pass nur auf, daß Bine und San dich nicht vorher vom Besen hauen, weil du vor lauter Wut nicht mehr zielen kannst. In den Ferien trainiere ich mit meinem neuen Besen. Dann zieh dich warm an, Kleiner!"

"Dir zimmer ich gleich eine, Latierre-Luder!" Schnaubte Hercules, als Belisama herankam und ihm zunickte.

"Hast du ihm gratuliert? Dann geh da weg, Mildrid!"

"Hey, Süße, nicht in dem Ton!" Rief Millie ihr über die Schulter blickend zu. Dann schmatzte Sie Julius noch einen Kuß auf jede Wange, hauchte ihm zu: "Bis bald, Julius" und zog sich zurück.

"Findest du nicht, daß ihr albern seid, Millie und du?" Fragte Julius leicht angenervt, weil Belisama sehr verärgert dreinschaute.

"Dann mach endlich ein Ende und sage ihr, daß du nix mit ihr zu schaffen haben willst!" Knurrte Belisama. Dann lächelte sie und sagte: "Auf jeden Fall kriegt ihr dieses Jahr den Pokal wieder. Auch wenn die Dulac euch gut beharkt hat, Brochet kriegt im letzten Spiel auch keinen Schnatzfang hin." Dann wischte sie mit dem Ärmel ihrer blaßblauen Bluse über seine Wangen und hauchte ihm auch je einen Kuß auf die Wangen. Dann knuddelte sie ihn kurz und zog sich zurück, um den Montferres Platz zu machen, die Julius einfach hochhoben und einmal in die Luft warfen.

"Ich hab's eurer entfernten Verwandten schon gesagt, weil ich ja fair bin, Mädels. Im nächsten Spiel gibt's Kleinholz bei euch!" Tönte Hercules. Sandra Montferre grinste und eilte zu dem ein paar Jahre jüngeren Treiber aus dem grünen Saal. Sabine umarmte Julius und hielt ihn fest an sich gedrückt, während sie schnurrte:

"Oh, ist der Kleine sauer, weil er gegen die Dulac nichts bestellen konnte?" Julius wollte gerade was sagen, als er sah, wie Sandra Hercules lässig vom Boden pflückte und so hoch hob, daß sein Gesicht über ihrem feuerroten Schopf hing.

"Iss gut dein Frühstück, bevor du dich mit mir und meiner Schwester kloppen willst. Du mußt noch was zulegen."

"Ich fürchte, nach dem Abschied von Bernie faßt der euch Roten nur noch mit dem Klatscherschläger an", meinte Julius, während Hercules zappelte und versuchte, Sandra zu treten, wweil sie ihn wie einen halbverhungerten Knirps hochhielt.

"San sollte ihn nicht ärgern. Sonst darf er das Letzte Spiel von euch nur zuschauen", raunte Julius Sabine zu. Diese hob ihn auch in die Luft und knuddelte ihn.

"Hauptsache wir spielen noch mal gegeneinander. pass in den Ferien gut auf dich auf, daß dir nix passiert."

"Ey, jetzt reicht's, rotes Biest!" Fauchte Hercules, machte einen Arm frei und hieb nach Sandras Kopf aus. Diese ließ ihn reflexartig fallen, so daß er vom Schwung seines Schlages nach vorne gezogen an ihr vorbeistürzte. Virginie sprang mit hochrotem Gesicht hinzu, half ihm auf und fauchte ihm was zu, was Julius zwar nicht verstand, weil der Lärm der Zuschauer immer noch groß war. Aber er konnte sich vorstellen, daß die Kapitänin dem Treiber gerade die gelbe Karte gezeigt hatte.

"Du haust keine Frauen, Julius", grinste Sabine. "Klug von dir."

"Hätte ich nix von", sagte Julius dazu nur. Professeur Fixus kam heran und meinte zu Sabine:

"Beanspruchen Sie den jungen Mann für sich, oder hat es eine andere Bedeutung, daß Sie ihn so innig an sich drücken, Mademoiselle Sabine Montferre?"

"Ich wollte nur sicherstellen, daß er nicht von der jubelnden Menge erdrückt wird, Professeur Fixus", sagte Sabine dazu ruhig. Dann ließ sie von Julius ab, der sie amüsiert angrinste und dann die kleine Hexe mit der goldenen Brille ansah und dachte, ob sie ihm auch gratulieren wolle.

"Für Gratulationen ist meine Kollegin Faucon zuständig, Monsieur. Ich wollte nur einschreiten, weil ich den nicht ganz von der Hand zu weisenden Eindruck hatte, die Mesdemoiselles Montferre könnten es mit ihrer Gratulation übertreiben. Aber wenn Sie mich schon so fragen, möchte ich Ihnen zu Ihrer guten Disziplin gratulieren, nicht so leicht in Wut zu geraten, wenn Sie in eine schwierige Situation geraten."

"Quidditch ist nur ein Spiel, Professeur", antwortete Julius darauf.

"Ja, und deshalb werden wir den Pokal auch behalten", mischte sich Hercules ein, der es geschafft hatte, Virginie abzuhängen, die gerade mit ihrem Freund Aron sprach. Sandra stand dabei und grinste.

"Ich fürchte, daß werden Sie erst mit Sicherheit sagen, wenn Sie das nächste Spiel überstanden haben werden", erwiderte Professeur Fixus und zog sich dann zurück.

Laurentine kam dann noch heran und meinte zu Julius:

"Ich weiß echt nicht, was du an dir hast, daß die Roten meinen, sie müßten dich besonders an sich reißen. Aber auf jeden Fall schön gespielt."

"Ich habe vielleicht was abgekriegt, was die jetzt besonders auf mich fliegen läßt", erwiderte Julius dazu nur und erkannte jetzt erst, was er da gesagt hatte. Denn immerhin hatte er den Mädchen aus dem Roten Saal gegenüber wohl ohne es ernsthaft sagen zu wollen signalisiert, daß er für sie empfänglich war. Das erklärte auch diese zickige Art von Belisama. Vielleicht lag das an dem Ritual, welches Madame Latierre zu Weihnachten mit ihm durchgeführt hatte. Ja, und er fühlte auch innerlich, daß da was war, daß sich immer mehr zu Wort meldete, das sagte, er solle doch langsam diese aufgezwungene Zurückhaltung aufgeben und von sich aus auf Suche nach neuem Anschluß gehen. Dann würden ihn auch Belisama und Millie vielleicht nicht mehr so umschleichen. Aber er war nie der Frauenjägertyp gewesen, kein Casanova und auch kein Macho, für den das Leben nur einen Sinn hatte, wenn er anderen zeigte, wie gut er Frauen rumkriegen konnte, wozu auch immer. Aber Belisamas Worte hatten dieses in ihm aufgewachte Etwas gekitzelt. Sollte er Millie sagen, daß er nichts mit ihr zu schaffen haben wollte? Hmm, stimmte das überhaupt? Wenn er das selbst nicht wußte, dann sollte er mit einer solchen klaren Ansage besser warten.

Im Palast wurde ausgerechnet, wie viele Punkte die Grünen im letzten Saisonspiel machen mußten, um den Pokal zu verteidigen. Virginie sprach noch einmal mit Hercules und sagte ihm unmißverständlich:

"Kriege ich mit, daß du beim Spiel gegen die Roten nur auf Körperschaden ausgehst spielt Antoine Lasalle für dich. Dein Getue mit den Mädels aus dem roten Saal wird mir langsam lästig."

"Die verstehen's aber nicht anders als mit brutaler Gewalt, Virginie", begehrte Hercules auf. Julius wollte dem Geplänkel nicht weiter zuhören und zog sich an einen freien Tisch zurück. Waltraud Eschenwurz kam hinzu und blickte ihn fragend an. Er nickte und deutete auf einen freien Stuhl. Sie setzte sich hin und meinte:

"Die haben uns heute gut beschäftigt, nur mit einer Spielerin. Die Roten haben drei gute Jäger. Da müssen wir anders spielen."

"Das ist richtig", meinte Julius. "Aber ich denke, Virginie wird uns beide schon richtig einteilen."

"Hercules hat wohl immer noch Probleme mit den Roten, wie?"

"Lass es, Waltraud! Ich bin da gerade weg, weil ich dem Gedöns nicht weiter zuhören will", erwiderte Julius leicht angenervt. Dann fragte er, um ein ihm genehmeres Thema anzuschneiden: "Kommen deine Eltern nächste Woche auch zum Elternsprechtag?"

"Sicher. Mein Vater kann zwar kein Wort französisch. Aber Professeur Faucon kann ja Deutsch, wie ich ja mitkriegen konnte."

"Wie kommen die dann her, Flohpulver?" Wollte Julius wissen.

"Ziemlich wahrscheinlich. Die werden wohl zur Grenze und dann von da aus zur Rue de Camouflage und von da aus mit der Reisesphäre von Paris aus. Ich las was, daß die sich mit den Eltern deiner Hogwarts-Freundin Gloria absprechen wollen. Die kennen sich mit dieser Reisesphäre ja wohl gut aus."

"Ach, die kommen von Paris hierher? Dann werden die wohl mit meiner Mutter zusammen herkommen. Die darf ja auch die Reisesphäre, obwohl sie keine Hexe ist."

"Oh, dann treffen die sich bestimmt da, wo die aufgerufen wird. Deine Mutter kennt die Porters?"

"Aber sicher", erwiderte Julius. "Die war mit denen zusammen mal in Hogwarts. Wir haben da ja keinen geregelten Elternsprechtag. Aber meine Eltern kamen mit den Porters zusammen rüber, damit sie mal direkt mit allen Lehrern reden konnten. Mein Vater hat das allerdings nicht richtig gewürdigt."

"Dann treffen die sich bestimmt schnell. Wie kommt denn deine Mutter in die Rue de Camouflage rein?" Fragte Waltraud.

"Entweder durch den üblichen Eingang im Museum oder zusammen mit Catherine. Letztes Jahr war sie mit Madame Brickston hier, die ja offiziell meine Zauberschulsachen überwacht, auch wenn ich mir denke, daß das jetzt überflüssig ist, daß sie sich da reinhängt, wo die Sache zwischen meinen Eltern ja komplett auf den Abfallhaufen der Vergangenheit geworfen werden kann", seufzte Julius. Waltraud nickte. Dann meinte sie:

"Ich denke aber, daß diese Madame Brickston die ja bei Claires Beerdigung mit war schon mehr dabei findet als nur auf deine Ausbildung hier aufzupassen, oder stimmt das nicht, daß sie sich dafür eingesetzt hat, daß du hier nach Beauxbatons wechseln konntest?"

"Doch, das stimmt schon. Sie hat meiner Mutter den Vorschlag gemacht, mich hier unterzubringen, weil mein Vater damals nix mehr von meiner Zaubereiausbildung wissen wollte. Aber ich möchte da jetzt nicht zu sehr reingehen."

"Das wesentliche hast du ja schon erzählt", sagte Waltraud. Dann fragte sie: "Wie sieht denn das jetzt aus mit Goldschweif? Darfst du die jetzt behalten oder bleibt die hier?"

"Wer, Mutter oder Tochter?" Tat Julius unwissend.

"Die Mutter wohl. Die Tochter ist ja wohl zum Weiterzüchten hier gedacht."

"Das muß die große Chefin entscheiden, wo die sich ja jetzt so richtig behaglich auf dem Stuhl der Lehrerin für magische Geschöpfe zurechtgesetzt hat. Armadillus hat mir damals gesagt, falls Goldschweif XXVI eine Tochter kriegt und sie dann immer noch meint, mir nicht von der Seite weichen zu wollen, dann könnte ich sie nach Beauxbatons behalten. Hieße also wohl, daß ich die erst mitnehmen kann, wenn sie zum einen nicht wen anderen ausguckt, dem sie nachlaufen will und zweitens die Schule für mich hier vorbei ist und die wissen, wo ich unterkommen kann. In Muggelsiedlungen dürfen ja keine Kniesel wohnen."

"Na klar, dann wollen die wissen, ob du nach Millemerveilles umziehst oder in eine andere reine Zauberersiedlung, Hogsmeade vielleicht. Es zwingt dich ja keiner, in Frankreich zu bleiben."

"Im Moment nicht", knurrte Julius. Waltraud hatte so eine Art, Sachen zu sagen, die anderen leicht weh tun konnten. Wäre Claire nämlich noch da, so wäre es für ihn keine Frage gewesen, daß er mit ihr hier in Frankreich und womöglich auch in Millemerveilles wohnen und arbeiten würde. Andererseits hatte Waltraud ja doch auch irgendwie recht. Wenn er bis zum Abschluß keine feste Freundin hatte, die ihn auf den Besen holte und für sich sicherte und er das auch wollte, dann konnte er in die ganze Welt hinaus und irgendwo sein eigenes Leben anfangen. Deshalb sagte er:

"Ich habe im Sommer mitgekriegt, daß ich mein Leben nicht über Jahre im Voraus planen kann, weil doch immer was passieren kann. Meine Mutter wäre beinahe gestorben, mein Vater ist gestorben, und mich hätte es auch fast erwischt. Dann ist da immer noch dieser Schweinehund in England, der sich Lord Voldemort nennt ...", Waltraud verzog das Gesicht, sagte aber nichts. "Bei dem stehe ich wegen meiner Muggeleltern auch auf der Abschußliste. Dann ist Claire im Oktober von Leuten ganz Feige umgebracht worden, denen sie nichts getan hat, was mich auch fast mit erledigt hätte. Deshalb plane ich da nichts mehr so weit im Voraus. Ich denke, die Roten haben recht, weil die jeden Tag auskosten, die guten und die schlechten Sachen richtig erleben."

"Nun, von einem zum anderen Tag zu leben ist aber auch blöd, wenn du dann merkst, daß du irgendwas machen mußt, was eben längere Zeit braucht. Du bist ja genau wie ich oder wie diese Zicke Bernadette. Du willst ja auch so viel lernen wie geht. Dann hast du ja wohl irgendwas vor mit dem ganzen Wissen, oder?"

"Ich lerne, weil ich das hier soll und weil ich mich für so viel interessiere, daß ich das gut finde, daß ich hier alles mitnehmen kann, was mich interessiert. Ob die mich jetzt dafür als Streber anmachen oder nicht ist mir da egal."

"Mir ja auch, Julius. Ich wollte jetzt auch nicht überheblich oder voll spießig rüberkommen, von wegen: lern schön, damit du später mal ein nützliches Mitglied der Gesellschaft wirst oder was auch immer", erwiderte Waltraud. Dann fragte sie Julius noch etwas über Hogwarts aus, was er ihr davon erzählen konnte, wo seine Eltern da waren und ob "dieser Snape" wirklich so ein Ekelpaket war. Julius berichtete ihr, was er über Hogwarts erzählen durfte. So verging die Zeit bis zum Mittagessen.

Nachmittags verbrachten viele Schüler im Freien. Dabei traf er einmal Céline und Laurentine, die sich wohl heftig in der Wolle hatten. Robert war dem wohl entflohen, weil er nirgends zu sehen war. Julius wollte es ihm gleichtun, als Céline ihm wild zuwinkte. Er fragte sich, ob sie ihn jetzt in irgendwas reinziehen wollte. Dann gab er sich einen Ruck und ging hin.

"Bébé hat sich entschlossen, die Walpurgisnacht nicht mitzumachen. Ich finde das nicht in Ordnung, wo sie den Sociusflug jetzt auch darf, Julius. Was sagst du dazu?" Sprach Céline auf ihn ein.

"Ich sage nur eins dazu, Céline: Wenn Bébé keine Lust drauf hat, dann lass sie! Ich habe dazu nichts zu sagen. Vielleicht bleibe ich ja dieses Jahr auch davon weg."

"Glaubst du aber auch nur, wenn Belisama oder diese nervige Latierre dich einladen", grummelte Céline. Julius hatte aber eine Antwort parat:

"ich sage dann einfach, ich hätte nichts gescheites anzuziehen. Die können ja nicht von mir verlangen, daß ich mit dem Umhang hingehe, mit dem ich mit Claire zusammen gefeiert habe."

"Das glaubst du aber, daß eine von denen dann aber ganz schnell wen aneult, der oder die dir mal eben den passenden Umhang zuschickt", erwiderte Céline.

"Wieso ist dir das so wichtig, Céline. Hat deine große Schwester was gesagt, sie wolle mich einladen oder was?"

"Sollte ich sie fragen, damit Millie nicht meint, dich schon sicher zu haben", meinte Céline. Laurentine nickte. "Es sei denn, du sagst Bébé hier und jetzt, daß du mit ihr zusammen fliegst, damit sie das endlich mitbekommt, wie schön diese Feier für Hexen ist."

"Damit sie auch noch in diesen Zickenstreit reingezogen wird, den Belisama und Millie da angefangen haben? Das meinst du nicht echt, Céline", erwiderte Julius. Laurentine nickte ihm zustimmend zu. Céline verzog das Gesicht und meinte:

"Dann wäre es vielleicht doch besser, du läßt dich von Constance einladen. Sie darf zwar kein quidditch spielen, aber für den Walpurgisnacht-Flug ist sie doch freigegeben, wenn ich das richtig mitgekriegt habe."

"Ich denke, die würde sich schön bedanken, wenn ausgerechnet ich Jungspund mit der zur Walpurgisnacht gehen soll, weil sie sonst keinen abkriegt", warf Julius ein. Dann meinte Laurentine:

"Stimmt aber schon, daß ich keinen Bock habe, mir von Millie oder Belisama dumm kommen zu lassen. Die können beide besser fliegen, und mit Belisama will ich keinen Krach haben, auch wenn das angeblich so unverbindlich sein soll."

"Ich meine, Belisama würde dir das gönnen, wenn du ihn mitnimmst", meinte Céline. Julius setzte schon an, wortlos weiterzugehen, weil ihm das hier jetzt auch zu albern vorkam, wenn sie eh nur noch über ihn in der dritten Person redeten. Dann sagte Céline betrübt:

"Ich denke, die Montferres könnten auf den Gedanken kommen, dich einzuladen. Wenn ich das richtig mitgekriegt habe, gilt das Flugverbot für die Rossignols ja auch für Walpurgis."

"Mädels, ist gut jetzt! Wenn Bébé nicht mitfeiern will, ich kann's verstehen. Das muß ja nicht heißen, daß sie und ich dann gezwungenermaßen zusammen feiern müssen." Laurentine nickte beipflichtend.

"Du kommst da nicht drum rum, Julius. Wenn dich mindestens drei Hexen einladen, solltest du eine Einladung annehmen", sagte Céline. "Mit einem haben Belisama und Mildrid leider recht: Im Moment bist du nicht fest verbandelt, so fies es auch klingt."

"Du hast doch keine Probleme mit Walpurgis", knurrte Laurentine. "Oder hat Robert dir gesagt, daß er nicht mit dir fliegen will?"

"Okay, Mädels, ich werde hier nicht mehr gebraucht", grummelte Julius und verfiel in einen leichten Trab, um möglichst rasch von den beiden wegzukommen. Warum machten die alle so einen Bohei um ihn? Er kam sich manchmal vor wie der Kronprinz, der auf einem Ball von allen heiratsfähigen Töchtern aus gutem Haus umschwärmt wurde. Sicher war er ein Kronprinz im Sinne, daß er der einzige Nachkomme seines Vaters war, der ja doch eine gewisse Karriere hingelegt hatte. Aber hier galt diese Karriere nichts. Also konnten es nur seine Zauberfähigkeiten oder andre Fähigkeiten sein, die irgendwen auf ihn einschwänken ließen. Dann dachte er, daß es vielleicht nicht so daneben wäre, wenn er mit einer der Montferre-Schwestern fliegen würde. Die Rossignols würden ihm dafür vielleicht eine reinhauen wollen. Aber gegen Prügelknaben konnte er sich besser wehren als gegen vergrätzte Mädchen.

Er lief ein wenig im Park, um seinen Körper vom Spiel heute morgen zu lockern und bei der Gelegenheit auch seine Seele auszuschütteln. Dabei traf er auf patrice und Corinne Duisenberg, die einen Dauerlauf machten. Corinne winkte ihm zu und fragte ihn, ob er sich gut von dem Spiel erholt hatte. Er lächelte und antwortete:

"So heftig war das nicht. Wenn ich gemerkt habe, daß Arnica Dulac näer am Quaffel war habe ich sie ziehen lassen, um mir den Ball dann zu holen, wenn sie abspielte oder Monique den ins Feld zurückgeworfen hat."

"Macht ihr nächste Woche auch wieder was zum Elternsprechtag?" Fragte Patrice. Julius nickte. Eine schön einfache Frage.

"Ich bin ja noch in der Holzbläsergruppe drin. Mein Klassenkamerad Hercules ist bei den Blechbläsern. Wir werden wohl wieder auf dem Podest stehen, wie im letzten Jahr." Dabei fiel ihm ein, daß diesmal jemand wichtiges fehlen würde. Letztes Jahr stand er neben Jeanne und Claire. Beide waren nicht mehr da. Er dachte wieder daran, ob die Dusoleils sehr traurig waren, weil sie nun niemanden mehr in Beauxbatons besuchen konnten, ja daß Claire ... Aber Ammayamiria hatte ja auch zu ihnen gesprochen, und Camille hatte in den Weihnachtsferien und beim Jubiläum in Millemerveilles einen sehr unbekümmerten Eindruck gemacht. Doch wenn ihm jetzt, wo der Elternsprechtag nur noch wenige Tage entfernt war auffiel, daß er ganz anders sein würde als sonst, dann konnte es für die Dusoleils noch stärker auf der Seele liegen.

"Dann sehen wir uns ja auch wieder. Ich bin ja bei der Streichertruppe." Julius nickte. Corinne fragte ihn dann noch, warum er den eindruck machte, vor irgendwem auf der Flucht zu sein. Er hatte nicht daran gedacht, sich durch Occlumentie gegen geistige Belauschung abzuschirmen, und Corinne konnte ja Gefühle anderer Wesen wahrnehmen, ähnlich wie Deeana Troi vom neuen Raumschiff Enterprise. Er erzählte so belanglos wie möglich klingend, daß Céline und Laurentine sich wegen Walpurgis in der Wolle hatten, weil Céline wollte, daß Laurentine flog und sie meinten, ihn festnageln zu müssen, daß er mit Laurentine fflöge, damit Bébé auch flöge. Corinne meinte dazu schelmisch grinsend:

"Sähe bestimmt nicht schlecht aus, wir beide auf einem Besen. Meine nette Tante meint ja, meinen Besenpartner vom letzten Jahr ausspannen zu müssen."

"Eh, Corinne, das muß jetzt echt nicht sein", knurrte Patrice. Dann grinste sie auch und sagte:

"Falls du keine Lust hast, dich zwischen Millie und Belisama entscheiden zu müssen kann ich dir auch eine offizielle Einladung zuschicken. Kannst es dir ja überlegen."

Julius fragte sich jetzt, ob die beiden Mädchen aus dem Blauen Saal ihn veralbern wollten. Falls ja konnte er sich nicht einmal darüber ärgern. Er grinste und meinte:

"Dann wäre vielleicht Ruhe zwischen den beiden. Die würden es dann endlich kapieren, daß ich keine Lust auf dieses Gezänk habe, was die im Moment veranstalten."

"Ich habe Patrice mal gefragt, ob die beiden deshalb bei den Pflegehelfern rein wollten. Aber das mit Claire konnte ja damals keiner vorhersehen. Außerdem hat Mildrid ja die Pflegehelfersachen von ihrer Tante Béatrice gelernt, die ja wohl nicht will, daß ihre Nichte die Truppe wegen eines von ihr umgarnten Burschen beehren wollte."

"Abgesehen von der hammerharten Prüfung", fügte Julius hinzu. "Ich hätte das vielleicht auch gelassen, wenn ich gewußt hätte, wie ernst die Kiste wird."

"Du hast es aber nicht gelassen", sagte Patrice dazu. Sie durfte sich ja dazu äußern, fand Julius. Er nickte. "Ich bin da ja auch nicht rein, nur um wem zu imponieren, sondern weil ich mich für die damit zusammenhängenden Fächer interessiere und wollte, daß zumindest eine von uns Blauen in der Truppe ist. Kommt ja doch ziemlich selten vor." Corinne und Julius nickten. Dann sagte er:

"Ich denke auch, die beiden wollten in die Truppe rein, um da was zu bringen, Millie wohl auch, weil sie da Bernadette Lavalette ausstechen konnte und Belisama wohl auch, weil sie anderen Leuten helfen können will."

"Tja, und jetzt sind ausgerechnet die beiden gleichzeitig hinter dir her", grinste Patrice frech. "Eigentlich müßte ich die richtig schön ärgern und so tun, als wenn du mit mir zusammen wärest. Aber ich fürchte, dann würden die beiden versuchen, mich aus der Truppe rauszuekeln. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich."

"Hört hört", sagte Julius. "Da sind ja in eurem Saal genug Fallbeispiele zu finden."

"Stimmt wohl", grummelte Corinne, während Patrice nur nickte. Dann liefen sie beide weiter. Julius folgte ihnen einige Dutzend Meter, dann bog er in einen anderen Weg des Parks ein und lief noch einige Minuten.

 

_________

 

Irgendwie war Professeur Faucon noch strenger als sonst. Zumindest hatten die Schüler den Eindruck, als könne sie beim ersten falschen Wort explodieren. Das merkten auch ihre sonst so gelobten Musterschüler wie Julius Andrews oder die Montferres, als sie im Verwandlungskurs für fortgeschrittene in einer Gruppe zusammenstanden. Sabine konnte sich mittlerweile tadellos in einen roten Ledersessel verwandeln, der so gefärbt war wie ihre Haare. Sandra gab den dazu passenden Couchtisch dazu. Julius fragte sich zwar immer nach dem Sinn, sich in einen scheinbar toten Gegenstand zu verwandeln, weil das ja auch gefährlich war. Doch seit er bei Maya Unittamo gesehen hatte, wie viel Spaß es machen konnte, wenn man diese Kunst richtig beherrschte, bewunderte er es, wie früh die Zwillinge diese hohe Stufe erreicht hatten. Um zu testen, wie perfekt die Verwandlung war trommelte er einige Takte auf dem kleinen, dreibeinigen Tisch herum und probierte aus, wie sich der Sessel anfühlte. Dabei erwischte ihn Professeur Faucon, die einigen Leuten aus der Gruppe, die noch mit Tier-zu-Tier-Verwandlungen arbeiten mußten gerade einige harsche Annweisungen erteilt hatte.

"haben Ihnen die beiden Damen gestattet, sie derartig zu malträtieren, Monsieur Andrews?" Fragte die Lehrerin sehr erzürnt wirkend. Julius stemmte sich aus dem Sabine-Sessel hoch und lief rot an. "Dachte ich es mir doch", knurrte sie. "Auch wenn die beiden Ihnen den Eindruck vermittelten, es ginge hier auch mit Humor zu, bestehe ich als Kursleiterin und Ihre zuständige Saalvorsteherin darauf, daß Sie alle hier mit dem gebotenen Ernst und mit Ehrfurcht arbeiten." Dann klopfte sie energisch auf den Tisch, der vor einigen Minuten noch Sandra Montferre gewesen war und befahl, daß sie sich wieder zurückverwandeln solle. Dann warf sie sich ungestüm in den Sessel. Julius hörte ein merkwürdig gedämpftes Aufstöhnen. Als die Lehrerin wieder aufstand zerfloss der Sessel und formte sich aus einem träge wabernden Nebel zurück in Sabine Montferres Gestalt.

"Zehn Bonuspunkte für Sie beide für eine ausreichende gegenständliche Selbstverwandlung und fünf Strafpunkte für Monsieur Andrews wegen ungebürhlichen Verhaltens Kameraden gegenüber!" Schnarrte sie dann noch und rauschte mit wehendem bonbonfarbenem Umhang weiter, um drei Schüler aus der fünften Klasse anzublaffen, die sich ein Verwandlungsduell lieferten und aus den Versuchsobjekten vor sich gegenseitig was anderes machten, blaue Frösche, rote Wühlmäuse oder grüne Kaninchen.

"Mann, die Alte könnte mal etwas abnehmen", knurrte Sabine leise genug, daß niemand außer ihrer Schwester und Julius das mitbekam.

"'tschuldigung, daß ich den Schabernack mit dir getrieben habe, Bine. Aber ich wollte nur wissen, ob das echt echt ist, was du gemacht hast."

"Du warst mir nicht zu schwer", sagte Sabine. Ich hätte dich glatt stundenlang ausgehalten. Aber eure nette Saalvorsteherin mußte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich werfen."

"Sei froh, daß es nicht Ursuline Latierre war", feixte Julius.

"Die wiegt jetzt zwanzig Kilo weniger als mit den beiden Brötchen im Ofen", erwiderte Sandra. Dann fragte sie Julius, ob sie an ihrem Klang noch was ändern müsse, um als perfekter Couchtisch durchzugehen.

"'ne rosarote Tischdecke würde das ganze abrunden", sagte er grinsend.

"Bedauerlich, daß unsere gut genährte Verwandte dich für einen von uns unverwandelbar gemacht hat. Sonst könnte ich dir mal helfen, meine Schwester entsprechend zu schmücken", meinte Sabine. "Aber nachher bildet sich Königin Blanche noch ein, wir wollten dich zu unzüchtigen Sachen verleiten. Dann muß ich wohl. San, machst du noch mal?"

Sandra nickte und konzentrierte sich. Dann verwandelte sie sich, ohne zu Nebel zu zerfließen noch einmal in den Couchtisch. Sabine legte sich quer darüber und vollführte an sich Verwandlungszauber, bis sie immer flacher wurde und zu einer schweinchenrosa Tischdecke mit Spitzenbesatz wurde.

"Hoffentlich kriegt ihr euch beide wieder hin", meinte Julius, als er vorsichtig über die Tischdecke streichelte. professeur Faucon kam wieder zurück, sah ihn an und fragte, ob er nicht auch was zu tun habe. Da er trotz seiner Fortschritte im Kurs noch keine Erlaubnis zu eingeschränkten Selbstverwandlungen hatte beschwor er im Moment lebende und tote Sachen herauf.

"Stellen Sie eine volle Blumenvase auf den Tisch!" Befahl die Lehrerin. Der Couchtisch ruckte einmal mit einem Bein. Doch Professeur Faucon hielt den Zauberstab darauf gerichtet und sagte leise "Inhibito Remutatus!" Julius sah den Tisch an, auf dem eine rosa Decke lag. Dann konzentrierte er sich und zeichnete eine Vase in leere Luft, die sich unter leisem Gemurmel in eine bauchige Kupfervase mit einem Strauß Frühlingsblumen verwandelte, die mit leisem Pong auf dem Tisch aufsetzte.

"Wie Sie erkennen können, Monsieur Andrews, kann ich wie jeder gute Verwandlungslehrer die bei einer Selbstverwandlung angesammelte Magie für eine mentalinitiierte Rückverwandlung hemmen, so daß jemand bis auf meinen Abruf in der angenommenen Gestalt verbleiben muß. Sollten Sie irgendwann mal befinden, sich vor jemandem verstecken zu müssen und auf Selbstverwandlung zurückgreifen, lernen Sie auf jeden Fall einen Zauber, um den Hemmzauber abzuwehren. Die beiden jungen Damen müßten jetzt bis auf weiteres als Tisch und Tischdecke verbleiben. Entfernen Sie bitte die Vase mit Inhalt!" Julius gehorchte. Etwas verschwinden zu lassen war einfacher als etwas aus dem Nichts zu beschwören. Das konnte er sogar schon ungesagt. Als die Vase mit lautem Knall verschwand tippte Professeur Faucon Tisch und Tischdecke an. Unter einem violetten Blitz erschienen die Zwillingsschwestern in ihrer natürlichen Erscheinungsform.

"Wann bringen Sie uns diesen Rückverwandlungshemmungsabwehrzauber bei?" Fragte Sabine.

"Kurz vor den UTZ-Prüfungen natürlich", schnarrte die Lehrerin. Dann meinte sie noch: "Am Besten machen Sie alle jetzt mit den von mir verteilten Aufgaben weiter."

"natürlich, Professeur Faucon", sagte Sabine leise. Sandra nickte.

"Irgendwas hat die heute", knurrte Sandra. "Als wenn irgendwas los ist, was sie umtreibt."

"Den Eindruck habe ich auch", sagte Julius leise. "Vielleicht ist was passiert, was ihr zu schaffen macht, was mit den Leuten von ihm, den man ja nicht beim Namen nennen soll."

"Hmm, könnte sein", meinte Sandra. "Oder die gestrenge Königin Blanche hat die Herausforderung von Tante Ursuline angenommen und will's jetzt auch noch einmal wissen, ob sie noch was kleines ins Leben tragen kann."

"San, bist du denn verrückt", zischte Sabine. "Abbgesehen davon, daß Königin Blanche alles tun würde um zu zeigen, daß sie nicht so drauf ist wie unsere entferntere Verwandte. Zweitens müßte sie ja für sowas wen eingefangen haben, und das halte ich für abgedreht."

"Ich denke, wenn's wirklich was mit dem Unnennbaren ist kriegen wir das früher mit als uns lieb ist", sagte Sandra. Julius nickte. Was er dachte wollte er nicht zu laut aussprechen. Doch wenn ihm durch den Kopf ging, daß neben Voldemort eine Hexe in der Welt unterwegs war, die keineswegs angenehmer als der Irre aus England sein mußte, wenn sie erst so richtig loslegte. Vielleicht, so dachte er, war der Machtkampf zwischen der Wiederkehrerin und dem Wahnsinnigen auch schon im vollen Gange, und Professeur Faucon wußte das. Doch solange er nicht schon wieder in geheime Sachen reingezogen wurde sollte er sich nicht Professeur Faucons Kopf zerbrechen. Er hatte genug eigene Sachen zu regeln, und die beiden Montferres erinnerten ihn an Goldschweif, die ihn bereits einmal mit einer der beiden zusammentreiben wollte, wie ein Bauer einen Eber zu empfängnisbereiten Sauen und zum anderen daran, daß die beiden wohl die letzte Walpurgisnacht in Beauxbatons ohne Besenpartner auskommen mußten und die Vorstellung nicht so abwegig war, daß er von beiden eingeladen würde und mit einer von ihnen den beliebten Tandemflug mitmachen würde. Um sich wieder auf den Kurs zu konzentrieren vollführte er noch einige Materialisationsübungen, während die beiden Schwestern sich in verschiedengroße Gegenstände verwandelten. Julius mußte einmal daran denken, daß Jeanne Dusoleil ihm erzählt hatte, die magisch belebte Kommode in ihrem Elternhaus sei eine Urgroßtante von ihr, die es irgendwann satt hatte, als Hexe immer älter zu werden und sich freiwillig in die Kommode verwandelt habe. Vorstellbar war es zumindest, wenngleich er auch wußte, daß ein solches Dasein die Hölle auf Erden sein mochte und er sowas bestimmt nicht auf sich nehmen würde.

Der Konkurrenzkampf zwischen Millie und Belisama war merkwürdigerweise abgeflaut. Mochte es sein, weil Madame Rossignol den beiden Mädchen etwas gesagt hatte oder weil sie endlich erkannten, daß der, den sie wollten davon nicht nur nicht beeindruckt war, sondern regelrecht genervt. Zumindest schienen die beiden in den Stunden, in denen Julius sie zusammensah gewöhnliche Klassenkameradinnen zu sein. Um selbst kein Öl in das gerade schön kleingehaltene Feuer zu schütten sagte er zu der einen und der anderen nicht mehr als nötig war. Er konzentrierte sich auf die Schulaufgaben, und da vor allem auf Verteidigung gegen die dunklen Künste. Denn Professeur Faucon hatte angedroht, in der letzten Stunde vor den Ferien noch die fortgeschrittenenen Direktflüche zu proben, vor allem mit Julius und Waltraud. Das Zauberwesenseminar war interessant, wenn auch bedrückend. Sie sprachen über Werwölfe, wie sie von der Zauberergesellschaft gesehen und behandelt wurden und welche gesetzlichen Regelungen es für sie gab. Julius fragte einmal:

"Was ist eigentlich, wenn ein Muggel von einem Werwolf gebissen und mit der Werwut infiziert wird?"

"Interessante Frage, Monsieur Andrews. Kennt jemand von Ihnen eine Regelung oder gar ein Fallbeispiel, wie in einer solchen Lage verfahren wird?" Gab Madame Maxime die Frage weiter. Gloria hob die Hand.

"In den vereinigten Staaten gibt es eine Regel, daß die in den Polizeibehörden tätigen Zauberer und Hexen bei Anzeichen, daß ein echter Werwolf in der Muggelwelt lebt gehalten sind, diesen aufzusuchen und in Gewahrsam zu nehmen. - Meine Großmutter ... Öhm, sie hat mir erzählt, daß im letzten Sommer die Regel verschärft wurde, daß Werwölfe, die vorher Muggel waren in Quarantänelager verbracht werden sollen, bis sie in kontrollierten Siedlungen ein eingeschrenktes Leben führen können, um die Ausbreitung der Werwut zu verhindern. Wenn so ein internierter Werwolf ausbricht hätten die Bewacher des Lagers das Recht, ihn zu töten. Meine Großmutter fand diese Regelung nicht gut, weil sie ihr zu unmenschlich erschien."

"Klingt wie die Muggel-Diktaturen der letzten Jahrzehnte", warf Waltraud ein. "Quarantänelager klingt zwar gut gemeint, ist dann aber doch sowas wie ein Konzentrationslager für von der Staatsführung unerwünschter Personengruppen."

"Das hat meine Großmutter wohl auch so gemeint", bestätigte Gloria. Julius nickte. Für ihn klang das so, daß die amerikanischen Zaubereibehörden die dort sonst so hoch gepriesenen Menschenrechte schlicht vergaßen, wenn der Mensch zum Werwolf wurde. So fragte er über Madame Maxime Waltraud, ob es in Deutschland auch Regelungen für Werwölfe gab, die keine Zauberer waren.

"Das ist ganz einfach", sagte Waltraud. "Wer ein registrierter Werwolf ist, ob Zauberer oder Muggel, bekommt eine Registrierkarte, die ihm erlaubt, entweder in einem für Werwölfe freigehaltenen Waldstück die Vollmondnächte zu verbringen oder den Wolfsbanntrank, der vor einigen Jahren entwickelt wurde. Außerdem werden sie mit einem Ortungszauber versehen, ähnlich der Pflegehelferarmbänder oder der Auffindungsschmuckstücke, der aber nicht für alle sichtbar ist. Wenn ein Werwolf dann bei Vollmond irgendwo marodiert, weil er das Angebot mit dem Wald oder dem Trank nicht angenommen hat, wird er von Werwolf-Fangkommandos gejagt und im Höchstfall getötet. Dadurch werden den Werwölfen doch gewisse Lebensstandards erhalten."

"Zumal es in der Muggelwelt auch genug Menschen gibt, die sich nur einbilden, Werwölfe zu sein", wandte Julius ein. Madame Maxime erläuterte dann noch, daß sie nach den Osterferien mit Zauberern und Hexen sprechen würden, die Werwölfe seien oder mit Werwölfen in der Familie lebten.

Am Mittwoch, den 21. März, teilte Waltraud Eschenwurz in der Pause zwischen Mittagessen und Nachmittagsunterricht einen von zu Hause geschickten Geburtstagskuchen mit ihren Klassenkameraden, Gloria Porter und auch Edgar Camus. Die deutsche Gastschülerin, die heute ihren fünfzehnten Geburtstag feierte, bedankte sich noch einmal bei allen für die freundliche Aufnahme und bisher so gute Zeit in Beauxbatons. Gloria schloss sich dem gerne an. Edgar Camus, der sich in dem Moment nicht so recht wohl fühlte, weil er der älteste Gast hier war, schwieg die ganze Zeit. Vielleicht, so vermutete Julius, dachte er auch daran, daß es noch nicht all zu lange her war, daß Callisto Montpelier und Waltraud sich seinetwegen ein Zaubererduell geliefert hatten.

"Bestell deiner Mutter schöne Grüße, der Kuchen war lecker!" Sagte Céline nach der kurzen aber lustigen Feier, bevor es wieder zum Ernst des Beauxbatons-Alltags zurückging. Waltraud lächelte dazu nur.

Die Restliche Woche war geprägt vom geordneter Unruhe. Der Elternsprechtag wurde vorbereitet. Dazu kamen Meldungen in der Zeitung, daß in verschiedenen Zaubererhäusern eingebrochen worden sei, trotz guter Einbruchssicherungen. Eines der Opfer, ein Monsieur Villefort, hatte ein Interview gegeben, in dem er alle Gerüchte zurückwies, seine Familie stehe in irgendeiner Beziehung mit dunklen Hexen oder Zauberern. Dies war von Ossa Chermot behauptet worden, die herausgefunden haben wollte, daß die betroffenen Familien Ahnenlinien entstammten, deren im 17. Jahrhundert lebende weibliche Mitglieder Sardonianerinnen gewesen sein sollten.

"Klar erzählt der jetzt, daß seine Familie nichts damit zu schaffen hat", meinte Julius zu Robert, der die Zeitung vom 22. März herumgab. "Will ja keiner auf sich sitzen lassen, daß in der Familie mal irgendwelche Gauner dabei waren."

"Die schreibt auch hier, daß in diesem Licht das, was im letzten Sommer in Amerika passiert sei eine andere Bedeutung bekäme. Hat das was mit dir zu tun?" Fragte Robert.

"Ich hoffe nicht", erwiderte Julius und schluckte einen großen Bissen Weißbrot mit Marmelade hinunter, um kein Wort zu viel sagen zu müssen. Für ihn hatte diese Behauptung schon etwas bedrückend zutreffendes. Wenn jemand in Häuser einbrach war das an sich schon schlimm. Wenn aber bevorzugt Familien betroffen waren, die in ihrer Geschichte eine unschöne Gemeinsamkeit hatten, war das im Zusammenhang mit einer wiedergeborenen Hexe, die aus der fraglichen Zeit stammte alarmierend. Hatten diese Familien vielleicht was, das dieser dunklen Hexe, die von Jane Porter als schwarze Spinne bezeichnet wurde wichtig war, oder hatte jemand anderes, Voldemort vielleicht, ein Interesse an der Vergangenheit dieser Familien? Er dachte wieder daran, sich nicht darum zu kümmern, solange er nicht in die Angelegenheit reingezogen wurde. Tun konnte er eh nichts.

Mit der Eulenpost kam ein Brief Catherines, die schrieb, daß Sie, Claudine und seine Mutter zum Elternsprechtag kommen würden.

Im tierwesenkurs am Donnerstag Nachmittag lernten sie den goldenen Schnatzer kennen, einen winzigen, vierflügeligen Vogel, der zur Pionierzeit des Quidditch an Stelle des heute verwendeten goldenen Schnatzes benutzt wurde und dabei fast ausgerottet worden wäre. Diesmal war es Monsieur Moulin, der die Vorführung vornahm und auch über französische Schutzgebiete für diesen quirligen Vogel berichtete. Waltraud durfte ausführen, wo in Deutschland die letzten Schnatzerreservate waren, daß ihr Großvater Friedebold mit ihr schon eines besucht hatte und welche Strafe auf mutwillige Tötung eines Schnatzers stand: 20.000 Galleonen.

"Ziemlich rigoros, Fräulein Eschenwurz", warf Monsieur Moulin ein. "Bei uns müßte jemand nur 1000 Galleonen Strafe zahlen."

"Mein Großvater erzählte mir, daß es vor zweihundert Jahren nur noch vier Brutpaare gegeben habe und dekadente Geldprotze Umhänge mit Schnatzerbesatz haben wollten. Seitdem wären die Strafgebühren so hoch."

"Wie will denn wer mitkriegen, daß jemand einen dieser Winzlinge gewildert hat?" Fragte Hercules.

"Hmm, das weiß ich nicht", gestand Waltraud ein. "Könnte ein Betriebsgeheimnis der Parkwächter sein, damit man das was auch immer es ist nicht umgehen kann."

"So kann man das auch sagen", grinste Julius überlegen. Madame Maxime räusperte sich vernehmlich. Dann meinte sie noch:

"Sie sehen alle an den Tieren, wie fragil die Flügel sind. Kaum vorstellbar, daß sie bis zu 150 Stundenkilometer erreichen und dabei punktgenaue Wenden machen können. Eine magicomechanische Entsprechung zu entwickeln war eine große Herausforderung für die damalige Zaubererwelt. Wer weiß, wie schnell ein Schnatz heute sein kann? Ich sehe hier mindestens sieben Quidditchspieler."

"Ein Schnatz nach internationalem Standard kann zwischen 250 und 300 Stundenkilometer erreichen, wobei er jedoch nur 100 Meter im Spurt zurücklegen kann", erläuterte Mildrid Latierre. Julius nickte. Er hatte sich über die Quidditchausrüstungen auch schon einmal schlaugelesen. Millie lächelte ihm zu.

"Stimmt genau", sagte Madame Maxime.

Nachdem Monsieur Moulin die vier mitgebrachten Schnatzer wieder transportfertig verstaut hatte bedankte er sich bei den Schülern für die Aufmerksamkeit und verabschiedete sich.

 

__________

 

"Weißt du, wo Professeur Faucon steckt, Julius?" Fragte Céline Dornier. "Connie wollte zu ihr. Sie war aber nicht aufzufinden. Über ihrem Büro steht "Im Moment nicht zu sprechen."

"Wird wohl irgendwas mit der Liga gegen die dunklen Künste zu tun haben, Céline. Sie ist da ja Mitglied", sagte Julius am Samstag vor dem Elternsprechtag.

"Könnte das was mit den Einbrüchen zu tun haben?" Wollte Céline wissen.

"Da weiß ich nichts zu", sagte Julius, wenngleich er sich das vorstellen konnte. Heute morgen hatte er einen Brief von Catherine bekommen, daß Ossa Chermot ihn interviewen wollte und sie in seinem Namen abgesagt habe.

"Die will die Geschichte um die Hexen in Weiß noch mal aufwärmen", dachte er und hoffte, daß er ruhige Ferien haben würde. Sollte er seine Mutter und Catherine fragen, ob er mit Glorias Eltern nach England -? Dann doch eher nach Australien zu Aurora Dawn. Da würden sie ihn so schnell nicht suchen, um mit ihm ein Interview zu machen. Oder sollte er nach Amerika? Nein, besser nicht. Weil da kamen die Hexen in Weiß ja her, und da wohnte Lino, die Reporterhexe mit den magischen Ohren. Andererseits wäre es bestimmt noch einmal interessant, Quodpot zu spielen, jetzt, wo er körperlich wesentlich weiter entwickelt war als damals im Sommer. Dabei meldete sich sein schlechtes Gewissen, daß er Leuten wie Brittany Forester und den Ross' keinen Brief geschickt hatte. Gut, die hatte er ja bei Jane Porters Beerdigungsfeier getroffen. Aber wenn er daran dachte, daß er Brittany dazu gebracht hatte, mit ihm nachzuforschen, was mit seinem Vater passiert war und die Junghexe dabei ja doch haarscharf an Gesetzesübertretungen entlangbalanciert war, sollte er ihr zumindest in den Ferien schreiben. Außerdem wollte er Kevin Malone noch einmal schreiben, wie die Lage in Hogwarts war. Auroras Bild-Ich hatte ihm erzählt, daß es da wohl irgendwelche Merkwürdigkeiten gäbe, die Lady Medea hatte anklingen lassen, aber nichts genaues wisse.

"Ich hoffe mal, Königin Blanche kommt heute noch einmal zurück. Unsere Eltern sind morgen nämlich die ersten bei ihr verabredeten", sagte Céline. Sie blickte Julius herausfordernd an, der jedoch nur nickte.

"Catherine hat es wohl versucht, den allerersten Termin zu kriegen, aber professeur Faucon hat abgelehnt und uns für zwei Stunden später eingeplant. Sie will erst mit den Eltern von Waltraud und Gloria und Bébé sprechen, hat Catherine mir geschrieben. Wahrscheinlich zieht sie deine Eltern noch vor, weil sie dann zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann und Connie ja im ZAG-Jahr ist und da schon mal vorfühlen kann, was sie nach Beauxbatons machen könnte, wo sie ja jetzt Mutter ist und da was passendes finden müßte, wo Kind und Beruf zusammengehen."

"Bei wem seid ihr denn morgen zuerst dran?" Fragte Céline, jetzt wo sie den Ball angestoßen hatte.

"Hmm, Madame Maxime", erwiderte Julius.

"Häh? Die unterrichtet doch kein Hauptfach", sagte Céline.

"Catherine hat geschrieben, daß sie mit ihr den ersten Termin gemacht hätten. Ich weiß auch nicht weshalb", sagte Julius.

"Die wird schon wissen, warum die mit deiner Mutter und Madame Brickston reden will. Wird morgen eh lustig, wenn so viele werdenden Mütter auf einen Haufen hier ankommen", grinste Céline.

"Auf jeden Fall nicht so heftig wie letztes Jahr, wo das mit meiner Mutter und mir hier noch so neu war", meinte Julius dazu.

"So, Freiwillige vor zum Reinigen der Räumlichkeiten!" Rief Virginie. "Zehn Leute brauchen wir." Alle warteten, ob sie jemandem einfach so zum Freiwilligen erklären mußte. Als eine Minute verging meinte sie: "Leute, ich bin nicht Barbara, die freiwillige auswürfeln muß. Also wer hilft mir?" Julius meldete sich, ebenso Céline, Robert, Marie van Bergen und Carmen Deleste und einige ihrer Klassenkameradinnen. Aus der sechsten Klasse meldeten sich noch zwei Jungen, die hofften, ihr Bonuspunktekonto damit aufstocken zu können. Mit den Reinigungszaubern war die Arbeit in einer halben Stunde erledigt. Julius ratzeputzte dann noch gründlich durch den Schlafsaal der Viertklässler, weil doch wieder einige silbergraue Knieselhaare aufgetreten waren. Damit war die erste traditionelle Aktion vor dem Elternsprechtag vollbracht.

 

__________

 

Der Sonntag begann mit einem herrlichen Sonnenaufgang. Julius blieb nach dem üblichen Frühsport noch eine ganze Stunde draußen, um sich das lautlose Schauspiel der Natur anzusehen, wie der orangerote Feuerball langsam über den Horizont kletterte und den ihn umgebenden Himmel erst tiefrot und dann über Violett ins dunkle Blau übergehen zu lassen, das immer heller wurde, während das Tagesgestirn immer goldener erstrahlte. Bald würde es weißgelb und gleißend hell am Himmel stehen. Julius wußte, daß er nie länger als ein paar Sekunden am Stück in die glühende Scheibe am Himmel blicken durfte. Er freute sich über den neuen Tag, der den Übergang zwischen Schule und Osterferien bezeichnete. Mildrid Latierre hatte es wohl mitbekommen, daß Julius einem schlichten und astronomisch völlig durchanalysiertem Naturschauspiel seine ganze Aufmerksamkeit widmete. Sie stand etwa zwanzig Meter von ihm entfernt und überließ ihn sich und dem ewigem Feuerball, der die ganze Erde mit Licht und Wärme segnete. Erst als Julius sich daran sattgesehen hatte, kam sie näher. Ihr rotblondes Haar spiegelte das gerade bewunderte Himmelsereignis wider.

"Ich hoffe, du kriegst keinen Ärger mit eurem Saalsprecher, weil du dir lieber dem Vater Himmelsfeuer beim Aufstehen zugesehen hast als dich mit deinen Leuten brav wecken zu lassen", meinte sie keineswegs biestig oder abwertend klingend.

"So nennt ihr die Sonne?" Fragte Julius. Er wußte natürlich, daß das Tagesgestirn im französisch männlichen Geschlechts war, wie der Mond eine himmlische Verkörperung des Weiblichen war. "Wie sagt ihr denn dann zum Mond?" Wollte er ohne Anflug von Ironie oder Spitzfindigkeit wissen.

"Die große Himmelsschwester", sagte Millie. Julius wunderte sich. Wenn die Sonne der Vater war, warum war der Mond dann eine Schwester? Die Frage stellte er unbefangen neugierig.

"Ist doch klar. Wir sind alle Kinder aus dem Schoß der Erde, von ihr ernährt und vom Vater Himmelsfeuer mit Licht und Wärme versorgt. Der Mond kommt wie wir aus der Erde, wurde aber gleich nach ihrer Geburt in den Himmel erhoben, weil die Erde ihn nicht mochte, weil er zu schön war. Aber loslassen wollte sie ihn auch nicht. So sieht uns die große Himmelsschwester von oben her zu und wacht über die, die nachts unterwegs sind oder schlafen."

"Hmm, nach dem Werwolfseminar ist eure große Himmelsschwester aber auch gefahrvoll, wenn sie voll zu sehen ist", warf Julius ein.

"Unsere große Himmelsschwester, Julius beschützt auch die Tiere. Werwölfe sind ja im wesentlichen vom Schicksal betroffene, die zwischen Mensch- und Tiersein wechseln müssen. Aber ich fürchte, das findest du albern", erwiderte Millie, während sie und Julius wie auf Autopilot geschaltet unbewußt zum Palast zurückschritten. Im ersten Moment war Julius danach, das zu bejahen. Doch dann dachte er darüber nach, was Millie da gerade gesagt hatte. War das jetzt eine religiöse Überzeugung, die die Pflegehelferkameradin da vertrat oder eine Geschichte, die ihre Verwandten ihr vielleicht schon als kleines Mädchen erzählt hatten? Er dachte kurz daran, daß erst die modernen Naturwissenschaften ermittelt hatten, daß der Mond früher ein Stück aus der Erde war, das durch einen mächtigen Einschlag herausgesprengt worden war und erst in geringer Entfernung um die Erde gekreist war. Damals, so hatte er aus seinen Astronomiebüchern und Fernsehsendungen gelernt, hatte der Erdtag, also eine Eigendrehung nur wenige Stunden gedauert. Erst der Mond bremste die Eigendrehung immer mehr ab, bekam dabei aber zusätzlichen Abstand von der Erde und zeigte der dann irgendwann nur eine Seite, weil Eigendrehung und Umlaufzeit des Mondes gleichlang wurden. Nüchterne Astronomie und Romantik, ja märchenhaftes? Das fand er nicht albern. So sagte er nach etwa zwanzig Sekunden totalen Nachdenkens:

"Nun, es ist eine Erklärungsmöglichkeit. Albern wäre es, wenn jemand sich ohne Grund über sowas lustig machen würde, und das hast du nicht."

"Da hast du jetzt solange drüber nachdenken müssen?" Fragte Millie verdutzt. Julius erklärte ihr darauf, was ihm wegen ihrer Beschreibungen im Kopf herumging und daß er das erst einmal gut sortieren mußte, bevor er eine Antwort geben konnte. Millie nickte. Dann meinte sie, sie wollte in ihren Saal, um sich mit Caroline und Leonie zu treffen. Bernadette sei wohl schon in der Bibliothek, um für die Hausaufgaben Material zusammenzufassen, um in den Ferien möglichst gut dazustehen. Julius verabschiedete sich von ihr. Es war das erste Mal nach der langen Unterhaltung im Park, daß er sich nicht nur nicht unwohl in ihrer Nähe fühlte, sondern es regelrecht schön gefunden hatte, mit ihr über irgendwas zu reden, das nichts mit dem Unterricht oder der Pflegehelfertruppe zu tun hatte und ihm auch nicht den Eindruck gab, sie wolle ihn jetzt gezielt anbaggern.

Nach dem Frühstück trafen sich alle Musiker und Sänger draußen, wo ein Podest in den sechs Saalfarben errichtet worden war. Julius fühlte den leichten Stich ins Herz, als er bei den Holzbläsern stand und sich irgendwie verlassen vorkam. Claire fehlte. Das merkte er jetzt wieder, wo eine weitere Sache bevorstand, wo sie im letzten Jahr bei ihm gestanden hatte. Er schluckte und sah sich um, um sich von dem in ihm wieder aufsteigenden Gefühl der Trübsal freizumachen. Er sah Hercules, der mit seinen Blechblaskollegen einen Block bildete und ließ seinen Blick über die Jungen und Mädchen aus dem Schulchor schweifen, die wie er adrett in sauberen, gebügelten Beauxbatons-Sonntagskleidern dastanden. Belisama und Millie standen fast beieinander. Da verflog seine Trübsal und machte einer leichten Erheiterung Platz. So friedlich wie die beiden Mädchen nebeneinanderstanden würde ihm niemand glauben, daß sie sich in den letzten Wochen häufig angezickt hatten und er das ausgewählte Zielobjekt für ihren Zank war. Im Moment herrschte wohl sowas wie Burgfrieden oder Feuerpause. Doch er dachte schon, daß nach den Ferien die Munitionsvorräte wieder aufgestockt waren und es an der Front wieder krachen würde, vor allem, weil ja dann bald die Walpurgisnacht anstand. Er dachte an Goldschweif. Diesmal würde sie nicht den ganzen Tag verschlafen müssen. Denn durch ihre Jungen war sie noch gebunden, nicht hinter Julius herzulaufen wie im letzten Jahr. Allerdings dachte er auch daran, daß in den Sommerferien vielleicht die Frage anstand, ob er sie schon mitnehmen sollte oder nicht. Doch bis dahin mochte noch eine Menge passieren, hoffentlich kein Todesfall mehr, dachte er bei sich.

"Messieurs et Mesdemoiselles", setzte Mademoiselle Bernstein, die Musikgruppenleiterin an, "wir beginnen wie üblich mit unserer Schulhymne, wenn die Eltern oder Verwandten vollzählig angereist sind! Danach spielen wir das Lied des warmen Frühlings, das Calliope Dujardin vor fünfzig Jahren hier geschrieben hat. Das Programm kennen Sie ja alle."

Julius verfolgte die Anreise der Elternpaare. Wie aus dem Nichts materialisierten sich große Reisebusse in unterschiedlichen Farben, die die Eltern aus der Muggelwelt herbrachten. Vor einem Jahr hatte er noch gedacht, seine Mutter würde aus einem der grünen Busse aussteigen, die die Besucher aus Paris herbeibrachten. Ihn erstaunte es immer noch, daß die ganzen Reisebusse, die sich nun in Vier Reihen aufstellten, zeitgleich materialisiert waren, obwohl sie aus unterschiedlichen Gegenden Frankreichs kamen. Er sah die Hellersdorfs, die aus einem der violetten Busse stiegen, die den äälsässischen Raum bedienten, wo Laurentines Eltern wohnten. Er sah die grünen Busse aus Paris an, um die Eltern seiner muggelstämmigen Saalkameraden aus der ersten Klasse zu erkennen. Das fiel ihm absolut leicht, weil er nur auf die Elternpaare gucken brauchte, die leicht verunsichert ausstiegen und sich überwältigt und etwas irritiert zugleich umsahen. So sah er zunächst nicht auf die gleichzeitig im 30-Sekunden-Takt eintreffenden Reisesphären. Erst als er die Busse lang genug beobachtet hatte fiel ihm ein, zu sehen, wer schon eingetrudelt war. Ja, da sah er schon einige Damen aus dem Club der guten Hoffnung, wie die mit Zwillingen schwangeren Madame Montferre und Barbara Latierre und konnte sogar Madame Ursuline Latierre sehen, die tatsächlich ein wenig schlanker aussah als zu Weihnachten. Sie trug ihre jüngsten Töchter in großen Tragetaschen über den Schultern und suchte mit ihrem Blick die Umgebung ab. Ihr Mann stand daneben. Dann sah Julius auch Madame Hippolyte Latierre, Millies Mutter, zusammen mit ihrem ihr viel zu kurz geraten wirkenden Mann Albericus. Die Latierrs aus Paris waren also schon da ... Ja, da sah er noch eine hoffnungsvolle Mutter, die er kannte, neben der Frau, die ihn auch einmal lange Zeit mit sich herumgetragen hatte. Tja, und bei den beiden Frauen standen die blondgelockte Dione Porter und ihr ebenfalls blondhaariger Mann Plinius. Eine leicht untersetzte Frau mit dunkelblondem Haar stand neben einem athletisch wirkenden Hünen mit weizenblondem Schopf. Beide trugen sie Umhänge aus lindgrünem Samt. Das mußten Waltrauds Eltern sein. Sie hatten es also tatsächlich geschafft, mit den Porters und seiner Mutter zusammen mit der Reisesphäre aus Paris anzukommen.

"Ach du meine Güte, das ist ja echt unheimlich, wieviele Babybauchläden jetzt hier versammelt sind", gab Hercules einen etwas unfeinen Kommentar zur Versammlung werdender Mütter ab. Julius erwiderte, obwohl er es eigentlich nicht mußte:

"Ist doch schon erhaben, daß die Kinder da, alle heute schon mal nach Beaux kommen, und dann erst in elf Jahren wieder."

"Na klar, mußtest du ja jetzt sagen, Julius", lachte Hercules und prüfte, ob seine Finger gelenkig genug waren, die Ventile seiner Trompete zu betätigen.

Dann krachte die nächste rote Sphäre in den Ausgangskreis und gab die Gäste von einem anderen Sammelpunkt frei. Er erkannte Belisamas Eltern wieder. Das war also die Reisesphäre aus Calais. Zum Schluß tauchte noch die Reisesphäre aus Millemerveilles auf. Julius sah genau hin, wie die Dumas', Lumières und Renards aus dem Kreis traten. Dann erkannte er auch die Delamontagnes. Eleonore Delamontagne trug ihren gerade etwas mehr als anderthalb Wochen zuvor geborenen Sohn Baudouin in einer ähnlichen Tragetasche wie Ursuline Latierre und wirkte immer noch sehr füllig. Dann sah er eine Frau im grasgrünen Umhang mit nachtschwarzem, leicht gewellten Haarschopf, die er eigentlich nicht mehr hier erwartet hatte und dennoch froh war, sie zu sehen. Neben ihr stand ihr ehemann, Florymont Dusoleil.

"Huch, die sind auch da?" Entschlüpfte es Hercules erstaunt. Julius presste die Lippen so fest es ging aufeinander, um nicht noch einen Kommentar dazu loszulassen. Entweder waren Camille und Florymont wegen ihm hier, obwohl das nicht den Schulregeln entsprach, daß Leute, die hier keine Kinder oder zu betreuende Verwandten hatten herkommen durften, oder sie waren noch einmal hergekommen, um einen Schlußpunkt unter den viel zu frühen Fortgang Claires zu setzen. Was genau stimmte würde er gleich erfahren.

"Kuck mal, die ganzen aufgefüllten Damen begrüßen sich!" Sagte Hercules. "Und die Montferre kann echt schon Zelte kaufen, um ihren Vorbau einzupacken."

"Den braucht die bald, Hercules", bemerkte Julius lässig. "Die hat Zwillinge unterm Kleid."

"Einzeln geht bei denen wohl nicht, wie? Die Mutter von den Kraftküken Latierre hat sich doch auch zwei auf einmal zustecken lassen, wenn ich das ... nicht übersehen kann."

"Tja, wenn schon dann richtig", gestattete sich Julius nun auch einen unfeineren Kommentar.

Sie spielten einen Tusch, als alle Lehrer sich in zwei Reihen aufgestellt hatten und Madame Maxime Aufstellung vor ihnen genommen hatte. Dann erklang wie im letzten Jahr der Marsch "Bienvenu dans Beauxbatons, gefolgt von einem kurzen Lied über den Frühling. Dann begrüßte die Schulleiterin alle Besucher und vor allem die, die heute zum ersten Mal hergekommen waren, da besonders die nichtmagischen Eltern, die wohl immer noch damit klarkommen lernen mußten, daß ihre Kinder Hexen oder Zauberer waren. Sie gab den geplanten Tagesablauf bekannt und gestattete danach, daß sich Eltern und Kinder einander begrüßten. Die Musiker verließen das Podest und schwärmten aus, um ihre Eltern zu finden. Julius suchte zunächst seine Mutter, die zusammen mit Catherine bei den Porters stand, die ihre Tochter Gloria bereits zu sich gewinkt hatten. Waltraud sprach gerade mit ihrem Vater, der ja des Französischen nicht mächtig war und erklärte ihm wohl was jetzt passierte und was bisher so gelaufen war.

"Die haben alle blöd gekuckt, weil so viele werdenden Mütter auf einmal hier ankamen", meinte Julius, als er Catherine vorsichtig umarmte, um ihre ungeborene Tochter nicht zu erdrücken. Seine Mutter sah ihn ohne jede Gefühlsregung an. Julius kannte das von früher, daß sie so vermeiden wollte, durchschaut zu werden. Sie sagte nur:

"Das ist bei euch hier doch schon zwanzigmal rumgegangen, was im Sommer passiert ist." Julius nickte dazu nur. Zumindest war nicht rumgegangen, was er im Sommer mit der Angelegenheit zu tun hatte, beziehungsweise, wie das, was die in guter Hoffnung befindlichen Hexen in ihre Lage versetzt hatte nicht zu einer hemmungslosen Fortpflanzungsorgie ausgeufert war. Er sah sich um und bemerkte die Dusoleils, die einige Meter entfernt standen und offenbar auf etwas oder jemanden warteten. Julius sah Catherine an und deutete auf die beiden Eheleute, die eigentlich heute mit den Lehrern über ihre Tochter sprechen wollten.

"Madame Maxime und Professeur Faucon haben Camille und Florymont eingeladen, dieses Jahr noch einmal herzukommen, Julius", sagte Catherine und deutete auf die beiden Erwähnten. "Sie werden sich wohl mit Professeur Faucon und Madame Maxime unterhalten und dann wohl den Rest des Tages so zubringen, bis es wieder für alle nach Hause geht."

"Apropos, Catherine", warf Julius ein. "Wieso wolltest du mit Madame Maxime sprechen? Ich meine, ich bin nicht sonderlich schlecht oder zu gut in ihrem Fach ..."

"Weil sie mich darum gebeten hat. Da Professeur Faucon ja zunächst mit den Porters und Eschenwurzes sprechen möchte, haben deine Mutter und ich zugestimmt", erwiderte Catherine. Julius fragte sich, was die halbriesische Schulleiterin wollte. Sicher, sie arbeitete seit Armadillus' Rauswurf als aktive Fachlehrerin und war daher genauso eine Gesprächspartnerin für interessierte Eltern. Aber irgendwie wurde er den Gedanken nicht los, daß sie aus einem bestimmten Grund mit Catherine und seiner Mutter sprechen wolle. Er erkundigte sich, ob der von Catherine zugeschickte Terminplan so beibehalten würde. Sie nickte. Seine Mutter meinte noch:

"Ich denke, deine Fachllehrerin für magische Tierwesen will uns wegen deiner Beziehung zu Claire und wegen des Knieselweibchens sprechen."

"Kann hinkommen, Mum", sagte Julius. Dann begrüßte er noch die Porters, die sich freuten, die Beauxbatons-Akademie mal aus nächster Nähe sehen zu dürfen und ging zu den Dusoleils. Er begrüßte sie zunächst wie üblich. Doch dann schwieg er nur, weil er fürchtete, die Frage warum sie hergekommen waren nicht stellen zu dürfen. Camille merkte das wohl und sagte lächelnd:

"Professeur Faucon und Madame Maxime haben uns gefragt, ob wir noch einmal herkommen möchten, um uns mit den Eltern von Claires Freunden und Freundinnen noch einmal zu unterhalten, die ja nicht alle bei ihrer Abschiedsfeier dabei waren. Aber natürlich interessiert es uns beide weiterhin, wie du hier zurechtkommst. Ich denke sogar, daß Eleonore es durchsetzt, daß sie nächstes Jahr auch wieder herkommen darf, wenn Virginie schon längst fertig ist." Julius mußte grinsen. Camille hatte ihre fröhliche, ja scherzhafte Art nicht verloren, obwohl dieser Tag für sie bestimmt schwer sein mochte. Florymont Dusoleil meinte:

"Ich finde es zumindest hochanständig, daß Professeur Faucon uns die Möglichkeit gibt, langsam damit vertraut zu werden, daß wir hier im Moment kein eigenes Kind besuchen können. Aber es wird ja nicht mehr zu lange dauern, bis Denise herkommt, wenn die hier nicht befinden, daß sie hier nichts zu suchen hat, wovon ich nicht ausgehe."

"Und daß wir mit dir in Verbindung bleiben möchten weißt du ja", fügte Madame Dusoleil noch hinzu.

Madame Ursuline Latierre kam heran. Hinter ihr, von Julius bisher nicht bemerkt, schritt Béatrice Latierre heran. Er sah sie fragend an. Doch sie nickte ihm zu.

"Hallo, Julius! Lange nicht mehr hiergewesen", begrüßte Ursuline den Jungen, dem sie an Weihnachten durch ein magisches Ritual zusätzliche Lebenskraft eingeflößt hatte. "Aber hier hat sich echt nichts verändert. Unheimlich aber auch sehr schön, zu wissen, daß es auch beständige Sachen gibt."

"Hallo, Madame Latierre", grüßte Julius, der sich irgendwo zwischen geborgen und unwohl in der Umarmung Ursulines fühlte. Zwar hattte sie sichtbar an Gewicht verloren, wirkte aber immer noch sehr gut genährt.

"Ist Mademoiselle Béatrice wegen der werdenden Mütter oder wegen Ihnen hier?" Fragte Julius. Statt einer direkten Antwort verwies Ursuline ihn an ihre Tochter. "Trice, er möchte wissen, wessen Mutter du bist, weil du hier auch herumläufst."

"Soso, Julius", grinste Béatrice. Julius wunderte sich. Die Heilerin aus dem kinderreichen Latierre-Stall hatte früher immer etwas reserviert gewirkt, nicht so locker und herzlich wie ihre anderen Verwandten. Doch daß sie lächeln konnte machte sie ihm zehnmal sympathischer. Und wenn er daran dachte, was sie beide verband ... "Nun, vielleicht werde ich mal jemanden hier besuchen, der oder die aus meinem Schoß krabbelt. Aber heute bin ich wegen meiner sturen Schwestern hier, die partout herkommen wollten, vor allem Babs, die es nicht einsehen will, daß Zwillinge etwas anstrengender zu tragen sind als einzelne Kinder."

"Naja, Babs hat es wohl nicht hingekriegt, so auszubalancieren wie Raphaelle", bemerkte Ursuline mädchenhaft grinsend und deutete auf Sabines und Sandras Mutter. Béatrice mußte unwillkürlich lachen und sagte dazu:

"Wenn die genauso von ihren Neuen gebraucht wird wie du hat sie das auch nötig, Maman."

"Der Wonneproppen von Eleonore sieht aber auch nicht gerade schmächtig aus. Hat die korrekte Madame Delamontagne bestimmt gut auf Trab gehalten", meinte Ursuline und deutete auf Eleonore Delamontagne, die gerade einige Hexen und Zauberer begrüßte, die wohl wichtig genug waren, sie vor dem anstehenden Sprechtag zu begrüßen. Julius wollte sich dezent empfehlen, weil er zu seiner Mutter und Catherine zurückwollte, als Waltraud ihm zuwinkte. Er verabschiedete sich von Ursuline und Béatrice Latierre und ging hinüber zu Waltraud, die ihm ihre Eltern vorstellte. Ihre Mutter, Wilhelma Eschenwurz, konnte Französisch, wenn auch mit Akzent. Ihr Mann Ignatius sprach dagegen gutes Oxfordenglisch, wie Julius es auch von seinem Vater gehört hatte. Er erkundigte sich höflich interessiert, wie die beiden ausländischen Gäste nach Frankreich gekommen waren. Sie waren mit Flohpulver angereist und hatten sich in der Rue de Camouflage mit den Porters getroffen, die sich etwas besser mit der Sache auskannten. Dann kam noch Hippolyte Latierre herbei. Sie umarmte Julius, der versuchte, ihr nicht zu sehr auf den prallen Bauch zu drücken.

"Ich hörte von Mildrid, daß du mit ihr heute Morgen über unsere Anschauung von Sonne, Mond und Erde gesprochen hast. Wie geht es dir?"

"Auf jeden Fall wieder besser als vor fünf Monaten noch", sagte Julius dazu nur. "Ihre Mutter hat mich ja sehr reich beschenkt."

"Deine Mutter, Julius", verbesserte Hippolyte Latierre. "Du vergisst es wohl, daß du jetzt auch zu uns gehörst, wenn auch nicht leiblich. Was hat dir meine Schwester Béatrice erzählt, als du mit ihr gesprochen hast?"

"Öhm, daß sie hier kein Kind in der Schule hat, aber hofft, daß das irgendwann mal der Fall ist", sagte Julius. Hippolyte verzog etwas das Gesicht. Dann meinte sie: "Sie meint jetzt, wir dürften nicht mehr unbeaufsichtigt rumlaufen und hält uns für stur. Dabei ist die im selben Ofen gebacken worden wie Babs und ich. Aber meine Schwiegermutter durfte ich ja nicht mitbringen. Eure große Direktrice hat ja Krach mit ihr."

"Öhm, ja, so heißt das wohl", meinte Julius. Dann begrüßte er noch Albericus Latierre, der ihm knapp zum Bauch reichte. Danach kehrte er zu seiner Mutter zurück, die sich derweil mit einigen muggelmäßig gekleideten Eltern unterhielt, mal wieder als Kontakterin zwischen der Normalo- und der Zaubererwelt. Catherine zog ihn sanft bei Seite und meinte:

"Irgendwie haben die im Ministerium ein komisches Gefühl für die rechte Zeit, Julius. Deine Mutter muß morgen nach Washington zum dortigen Kontaktbüro für Muggelangelegenheiten, zusammen mit Belle Grandchapeau. Allerdings fliegen sie mit einem handelsüblichen Flugzeug, weil es keine Reisesphärenverbindung gibt."

"Oh, daß war's also, warum Mum so steinern gekuckt hat", grummelte Julius. "Wie heißt das noch mal, wenn jemand meint, was schon mal erlebt zu haben?" Fragte er noch ironisch.

"Déja vu, schon (mal) gesehen, Julius. Ich weiß, was du meinst. Deine Mutter war ja vor zwei Jahren auch mal weg, als dein Vater sich mit der halben Zaubererwelt angelegt hat. Aber diesmal wird wohl nichts unerwartetes passieren."

"Es sei denn, Claudine will vorher raus", meinte Julius.

"Hmm, bis jetzt beschwert sie sich nicht über ihre Unterbringung", nahm Catherine den Scherz gelassen an. "Ich denke, Hera hat recht, und der ganze Club kommt zur gleichen Zeit nieder."

"Soll ich jetzt so tun, als hättest du mir nicht gesagt, daß Mum wieder auf Dienstreise geht?" Fragte Julius.

"Neh, mußt du nicht. Martha wollte es dir wohl erst bei der Heimreise erzählen. Aber ich sehe nicht ein, warum das dir vorenthalten bleiben soll."

"... Wer soll die Mutter dieser Patricia sein, Marc?" Hörte Julius einen Mann laut fragen und sah sich um. Marc Armand deutete gerade auf Patricia Latierre, die bei ihrer Mutter stand und ihre beiden jüngsten Schwestern tätschelte. "Neh, die ist doch mindestens ... Die hat in dem Alter noch Zwillinge gekriegt? Uiii!" Entfuhr es dem Vater von Marc. Ursuline hörte es wohl, auch weil Patricia sie anstupste und auf Marcs Eltern deutete. Sie kam herüber, während Béatrice versuchte, ihre schwangeren Schwestern zusammenzuholen, was nicht so recht gelang.

"Ich denke, wir müssen jetzt, Martha!" Rief Catherine und zuckte zusammen. "Das ist das einzige, was die Kleine nicht vertragen kann", knurrte sie noch. Julius dachte bei sich, daß es ja auch ziemlich fies war, in einem Wassertank zu liegen, der plötzlich lauten Krach machte. Doch laut sagte er das natürlich nicht. Er hakte sich bei Catherine ein, wohl um seiner Mutter zu zeigen, daß sie sich doch bitte auch wieder mit ihm befassen solle. Sie beendete die kurze Unterhaltung mit einem Elternpaar, den Vigniers und eilte herbei. Zusammen gingen sie zum Sprechzimmer Madame Maximes, demselben wie beim letzten Elternsprechtag.

Die Schuldirektorin und Fachlehrerin für den Umgang mit magischen Tierwesen begrüßte Catherine und Julius' Mutter, bot ihnen Sitzplätze an, erkundigte sich nach Catherines Befinden und erfuhr, daß es Madame Brickston den anderen Umständen entsprechend sehr gut ging. Dann berichtete sie, wie sie Julius als Schüler in ihrer Zaubertierklasse, Kursteilnehmer im Freizeitkurs magischer Tierwesen und intelligenter Zauberwesen erlebt hatte und sprach die Vermutung aus, daß Julius wohl in diesem Zweig der angewandten magischen Wissenschaften genauso gut unterkommen würde wie in anderen Fächern, zu denen die anderen Fachlehrer wohl noch was sagen würden. Dann sagte sie:

"Sie wissen ja, daß mein Vorgänger im Fach angewandte Magizoologie die Empfehlung aussprach, Monsieur Andrews möge die derzeit bei uns gehaltene Knieselin Goldschweif XXVI nach seinem hoffentlich ehrenvollen Ausstand aus Beauxbatons in seine Verwahrung übernehmen. Auch wenn ich, wie Sie wohl wissen, gewisse Zweifel an der Fachkompetenz meines Vorgängers erkennen mußte stimme ich ihm in diesem Punkt zu, da besagtes Knieselweibchen dieses Jahr Nachwuchs bekam, bei dem eine phänotypisch identische Tochter dabei war, die als ihre würdige Nachfolgerin bei uns verbleiben kann. Vielleicht sollten sie es einrichten, daß Monsieur Andrews das besagte Tierwesen in den nächsten Sommerferien auf Probe zu sich nimmt, um zu sehen, ob eine Übergabe an ihn tatsächlich zu empfehlen bleibt."

"Öhm, in Paris ist das wohl nicht möglich, Madame", erwiderte Catherine. Madame Maxime nickte. Dann sagte sie, daß Julius ja wohl mindestens wieder eine volle Woche in Millemerveilles zubringen würde, da er ja wohl wieder am Schachturnier teilnehmen würde. Julius wagte den Einwurf, daß er ja nur den bronzenen Zaubererhut gewonnen habe.

"Soweit mir bekannt ist werden alle Trophäengewinner angeschrieben, ob sie erneut teilnehmen möchten, wenngleich es für die Finalisten tatsächlich eine gewisse Verpflichtung geben soll. Aber Sie werden das schon klären. Jetzt noch zu einem Punkt, den meine Kollegin Faucon sicherlich auch erwähnen wird: Natürlich bin ich sehr froh und erleichtert, daß Sie, Monsieur Andrews, nach dem tragischen Verlust Ihrer Verlobten, Mademoiselle Claire Dusoleil, so beharrlich dem Unterricht folgen und sich einsatzfreudig in den von Ihnen belegten Freizeitkursen einbringen. Allerdings ist mir, obwohl ich als Leiterin dieser Akademie wesentlich wichtigere Dinge zu beachten habe, nicht entgangen, daß Sie unter einigen Mitschülerinnen eine gewisse Atmosphäre des Streits bewirkt haben. Ich möchte jetzt von Ihnen wissen, ob Sie jemandem einen Anlaß dazu gegeben haben, sich Ihretwegen zu streiten. Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit einer Bemerkung derart, daß mich das nicht zu betreffen habe, solange keiner irgendwem was antut. Als Schulleiterin geht es mich schonetwas an, welche Atmosphäre zwischen einzelnen Schülern oder Schülergruppen herrscht." Sie sah Julius so an, als wolle sie ihn legilimentisch ausforschen. Reflexartig verschloss er seinen Geist gegen Belauschung von außen. Dann sagte er ruhig:

"Wenn Sie wissen wollen, ob ich irgendwelchen Mitschülerinnen gesagt hätte, ich sei jetzt freiwild und sie könnten sich um mich käbbeln, dann ist dies nicht richtig. Im Gegenteil, ich habe immer versucht, meine eigene Ruhe zu finden und mich aus allem rauszuhalten, was irgendwer meint, mit und wegen mir anzustellen. Ich gehe mal davon aus, daß Ihnen ein Paar Saalvorsteher was erzählt haben, ich würde von irgendwelchen Mitschülerinnen umlagert und die wüßten nicht, ob das schon gegen die Schulregeln oder noch normal ist. Ich denke mal, das ist noch normal, wenn ich das für mich selbst auch ziemlich nervig finde, weil ich eben keiner was gesagt habe, daß ich jetzt mit der einen oder der anderen was anfangen möchte. Claire ist ja noch kein halbes Jahr ... ich meine, ich renne doch nicht durch die gegend und suche Ersatz für sie."

"Abgesehen davon habe ich es zu meiner Zeit hier auch erlebt, daß sich Jungen um ein Mädchen und Mädchen um einen Jungen gezankt haben, Madame Maxime", wandte Catherine ein. "Ich empfinde es auch als normal, wenn das immer noch so ist. Julius, ich denke eher, du solltest dich geschmeichelt fühlen, wenn jemand es für richtig hält, deinetwegen zu kämpfen, natürlich ohne körperliche Schäden zu verursachen."

"Nun, ich wollte lediglich ausschließen, daß Ihr Schutzbefohlener, Madame Brickston, und Ihr Sohn, Madame Andrews unsere hochgeschätzte Schulmoral untergräbt. Damit wäre von meiner Seite dem Anlaß für die Unterredung entsprochen. Falls Sie noch Fragen haben ..."

"Gesetzt den Fall, Julius möchte dieses Knieselweibchen nicht behalten, Madame Maxime, kann er es dann wieder hierher zurückbringen oder was geschieht dann?" Fragte Martha Andrews. Julius verzog das Gesicht. Warum sollte er Goldschweif abgeben. Sie beanspruchte ihn ja nicht sonderlich, abgesehen davon, daß sie meinte, ihm ein fortpflanzungsfähiges Weibchen auszusuchen. Aber sie hatte ihm das Leben gerettet und auch geklärt, was ihn mit Claire verband, ja auch seine Eltern mit den Dusoleils. Ohne das wäre seine Mutter wohl doch nicht so gut in die Zaubererwelt eingegliedert worden.

"Nun, da die Queue-Dorée-Linie von den Eauvives begründet wurde, mit denen Sie ja, wie ich weiß in direkter Abfolge Verwandt sind, Madame Andrews, sehe ich da keine Schwierigkeiten, das Tierwesen im meiner Meinung nach unwahrscheinlichen Fall, daß Ihr Sohn es nicht mehr behalten möchte dort unterzubringen."

"Das war die einzige Frage, die ich hatte", sagte Martha Andrews. Catherine sah Madame Maxime an und fragte sie:

"Bevor ich die Meinung von Professeur Faucon dazu einhole möchte ich die Gelegenheit nutzen und frage, ob Sie es so gut finden, daß Julius seit erwähntem tragischen Verlust nur noch dem Lernen verpflichtet ist. Immerhin erzählten Sie uns im letzten Jahr daß in der Akademie ja auch die Selbstentfaltung erlernt und geübt werden soll, also nicht nur zu lernen, sondern auch aktiv zu leben." Julius blickte Catherine etwas ungehalten an und sah dann Madame Maxime an.

"Nun, als Lehrerin bin ich natürlich sehr daafür, wenn ein Schüler ohne äußeren Druck lernt, was er lernen kann. Als Schulleiterin bin ich natürlich allen Schülern zugleich verpflichtet und halte es schon aufrecht, was ich Ihnen im letzten Jahr mit auf den Weg gab. Dinge wie partnerschaftliche Harmonie und Kameradschaft sind genauso wichtig wie reines Fachwissen. Doch ich werde eben wegen meiner übergeordneten Stellung nicht darauf eingehen, eine Meinung zu seinem Verhalten zu äußern, solange dieses Verhalten nicht die hier geltenden Verhaltensregeln verletzt. Eben das kann ich bisher nicht feststellen und bekam auch keine darauf hinweisenden Rückmeldungen von den Kollegen. Haben Sie noch eine Frage, Monsieur Andrews?"

"Eine, von der ich hoffe, daß Sie sie nicht zu persönlich nehmen, Madame", setzte Julius an, wartete eine Sekunde und fuhr fort: "Werden Sie jetzt dauerhaft praktische Magizoologie unterrichten, oder werden wir irgendwann einen anderen Lehrer für das Fach kriegen?"

"Nun, Sie spielen darauf an, daß meine sonstigen Verpflichtungen darunter leiden könnten. Doch im Moment kann ich den aktiven Unterricht und meine Pflichten als Leiterin der Beauxbatons-Akademie wunderbar in Einklang bringen. Aber ich gedenke schon, die pro tempore von mir ausgefüllte Lehramtsstelle in Zukunft mit einem kompetenten Lehrmeister oder einer Lehrmeisterin zu besetzen, allein auch um der Stundenpläne wegen, die sich ja im zweiten Halbjahr doch sehr strickt nach meinen sonstigen Verpflichtungen ausrichten mußten. Und ich nehme es nicht persönlich, daß Sie die Gelegenheit nutzten und mir diese Frage stellten", antwortete Madame Maxime. Dann war die Unterredung zu Ende.

Der nächste Termin war mit Professeur Trifolio, der wie im letzten Jahr anführte, daß Julius sich in seinem Unterricht sehr beispielhaft hervortat. Danach folgte Professeur Pallas. Dort trafen sie die Armands, die gerade mit ihrem Besuch fertig waren. Madame Armand grüßte Martha Andrews flüchtig und ging dann mit ihrem Mann und ihrem Sohn weiter. Die Geschichtslehrerin hatte auch nichts zu berichten, was Julius ein schlechtes Gewissen bereitet hätte. Sie hob nur hervor, daß er es trotz des großen Verlustes in diesem Jahr geschafft habe, sich in ihrem Unterricht sogar noch zu steigern. Catherine meinte dazu noch:

"Nun, im Zweifelsfall weiß er ja, an wen er sich wenden kann, wenn es wider erwarten Schwierigkeiten gibt."

Anschließend war das Gespräch mit Professeur Faucon, die gerade eine amüsiert grinsende Ursuline Latierre verabschiedete und selber so wirkte, als könne jedes Wort zu viel sie zur Explosion bringen wie eine Ladung Nitroglyzerin. Catherine schien zu ahnen, was mit ihrer Mutter, die sie hier ebenfalls als Professeur Faucon anzusprechen hatte los war und sagte ruhig:

"Nun, ich hoffe, unser Besuch bei Ihnen kommt Ihnen nicht ungelegen."

"Wir haben ja einen Termin, Madame Brickston", raunzte Professeur Faucon und lud die drei in ihr Büro ein. Dann erzählte sie so ruhig sprechend wie es ging von Julius bisherigem Schuljahr, erwähnte auch noch einmal sein höheres Lernpensum nach dem Tod von Claire Dusoleil und daß er sich in den Freizeitkursen sehr kameradschaftlich betrage und keine Kontaktängste im Umgang mit älteren oder jüngeren Mitschülern besitze. Dann sagte sie:

"Natürlich ist mir als für ihn zuständige Saalvorsteherin nicht entgangen, daß Sie, Monsieur Andrews, Ihren Lerneifer als Hilfsmaßnahme zur Trauerbewältigung entwickelt haben, aber unbeabsichtigt den Eindruck erweckt haben, man müsse Sie davon abbringen, dauernd zu lernen, ja habe die Legitimation, um ihre Gunst zu werben. Ich weiß natürlich, daß Sie nicht von sich aus irgendeiner der Mitschülerinnen Anlaß für beinahe ungehöriges Verhalten gegeben haben. Ich möchte Sie jetzt aber frei heraus fragen, ob es nicht langsam an der Zeit ist, daß Sie bei allem Lob für Ihren Lerneifer wieder mehr für ihre seelische Entwicklung tun sollten."

"Wie meinen Sie das bitte, Professeur?" Fragte Julius schüchtern.

"Nun, hervorragende UTZs sind natürlich ein großes Kompliment für jeden Lehrer, dessen Unterricht Sie besuchen. Allerdings befinden Sie sich gerade in einer Ausnahmesituation. ich frage Sie das deshalb, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, Ihr Gefühlsleben auch wieder zuzulassen, was nicht heißt, daß Sie gleich allen Arbeitseifer ablegen und sich Hals über Kopf in irgendwelche unbedachten Abenteuer stürzen."

"Öhm, Madame Rossignol hat mich das auch schon gefragt, ob ich irgendwann wieder ein Leben außerhalb der Arbeit finden könnte", meinte Julius. "Ich merke jetzt auch langsam, daß ich das irgendwie hinkriegen kann, zu lernen und auch an andere Sachen zu denken." Er dachte bei sich, daß er sie ja fragen könne, ob sie das gerade nötig habe, wenn sie ihm so viele Zusatzaufgaben aufhalste. Doch die Frage stellte seine Mutter an seiner Stelle:

"Nun, da Sie ihm ja verbindlich nahegelegt haben, seinen überragenden Talenten gemäß mehr zu leisten als seine weniger talentierten Mitschüler, um dieselben Noten zu bekommen fühle ich mich bei dieser Frage etwas befremdlich, Professeur Faucon. Wie soll er denn als normaler Junge leben lernen, wenn Sie und Ihre Kollegen ihn gerne mit zusätzlicher Arbeit betrauen, die ja Zeit kostet?"

"Ah, Sie möchten mir jetzt unterstellen, ich würde Ihren Sohn daran hindern, ein normales Leben mit allen Höhen und Tiefen eines üblichen Reifungsprozesses zu erfahren, Madame Andrews. Sicher müssen Sie diesen Gedanken hegen, weil wir ja im letzten Jahr sehr strickt darauf hingearbeitet haben, daß Ihr Sohn seinen Anlagen nach und vor allem, weil er das entsprechende Vorwissen schon besaß, zu fordern und zu fördern. Davon rücke ich auch nicht ab. Ich stelle lediglich fest, daß viele hier ebenfalls gute Leistungen erbringen und trotzdem eine gute seelische Entwicklung erfahren." Martha Andrews stand vorsichtig auf, straffte sich und sagte:

"Nichts für ungut, Professeur, aber ich habe es bei meinem verstorbenen Mann sowie meinem Schwager und meiner Schwippschwägerin erlebt, daß eine Internatsausbildung immer eine andersartige seelische Entwicklung bedingt als ein Heranwachsen im Familienverband. Insofern, mit Verlaub, kann ich Ihrer Sorge um seine seelische Entwicklung nicht viel abgewinnen, weil Sie es mir direkt und sowohl ihre Tochter ... öhm, Madame Brickston und Julius unabhängig voneinander bestätigt haben, daß Sie und ihre Kollegen eher Wert auf ausgezeichnete Leistungen in Schule und Freizeitkursen legen als auf eine freie, ungehemmte Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Ich möchte jetzt nicht behaupten, daß in einem Internat keine Disziplin gepflegt werden dürfe. Im Gegenteil, es muß ja eine strickte Regelung geben, die bestimmt, wie Lehrer und Schüler miteinander umgehen, keine Frage. Aber ich denke doch, daß Julius im Moment wohl eher in Ihrem Sinne arbeitet und sich um bestmögliche Bewertungen bemüht als daß Sie ihn einfach mal frei von irgendeiner Nutzanwendung seine Zeit verleben lassen. Um der bisher so gedeihlichen Zusammenarbeit wegen möchte ich Sie bitten, daß Sie meinem Sohn die Freiheit lassen, zu ergründen, was er wann für wen und mit wem erleben kann, wenn Sie ihm schon aufgeben, sich mehr als die anderen anzustrengen, was ihm ja im negativen Fall auch üble Nachstellungen eintragen könnte." professeur Faucon verzog das Gesicht und mußte mehrmals tief durchatmen, offenbar um nicht doch noch die Beherrschung zu verlieren. Catherine sah besorgt von Martha zu Julius und dann wieder zu ihrer Mutter.

"gut, ich erkenne an, daß meine bisherigen Ausführungen Ihnen den Eindruck vermitteln müssen, ich züchte mir hier Lerngolems heran, die nur noch tun, was ihnen andere sagen", begann Professeur Faucon sichtlich gepresst zu sprechen. "Natürlich macht die ganze Akademie den Eindruck, hier gelte nur, was nach bestimmten Regeln funktioniert. Aber weil wir beide ja nicht nur hier an den Elternsprechtagen miteinander reden wissen Sie sehr wohl, daß ich durchaus sowohl ein Interesse daran habe, daß Ihr Sohn nicht zum reinen Funktionsausführer erzogen werden solll, sondern auch erlernen möchte, mit seinen Gefühlen umzugehen und daraus das richtige für sein Leben und die ihm wichtigen Mitmenschen zu schöpfen. Deshalb geht es mich schon etwas an, was außerhalb von Unterricht und Kursstunden aus ihm wird. Jemand der nur nach Instruktionen lebt ist wesentlich beeinflußbarer als jemand, der auch einmal sagt: "Bis hierhin und nicht weiter!" Jetzt gibt es wie in vielen Fällen Extreme, wo die einen sich über alle Regeln erhaben fühlen, seien es Schulregeln oder Anstandsregeln und andere zwanghaft darauf bedacht sind, bloß nichts falsches zu tun und lieber zwanzigmal nachfragen, was gerade von ihnen erwartet wird und ob das wirklich auch so richtig ist. Dann sage ich es mal so", sie blickte Julius, dann Catherine und dann wieder Martha an. "Da ich Ihren Sohn in einer Kunst unterweise, die das Verbergen geistiger Inhalte umfaßt, damit kein Außenstehender daran rühren und es für sich nutzen kann weiß ich natürlich was in ihm vorgegangen ist, bis ich ihn soweit geschult habe, daß er sich meinen Zugriffsversuchen widersetzen konnte. Und ich fürchte", wobei sie Julius wieder ansah, "daß Sie gerade genau zum einen Extrem tendieren, nur noch zu tun, was instruiert wird. Natürlich sollen Sie hier alles lernen, was Sie lernen können, Monsieur Andrews. Aber das heißt auch, daß Sie erlernen möchten, und zwar ohne Instruktionen von uns Lehrern, was für Sie wichtig und interessant genug ist. Die Sonderaufgaben, die ich Ihnen gab, die sind dafür da, bereit zu sein, um in Situationen, in denen eigene Entscheidungen von Ihnen erwartet werden nicht auf Grund falscher Instruktionen mißbraucht zu werden. Jetzt gerade, wo die Freiheit der Zaubererwelt in Gefahr zu geraten droht ist es mir wichtig, daß die mir anvertrauten Schüler nicht nur Bestleistungen bringen, sondern auch eigene Lebensfreude und ein gesundes Maß an Selbstsicherheit entwickeln. Deshalb habe ich diese kurze Diskussion eröffnet, um zu prüfen, woran Sie selbst sind, Monsieur Andrews. Immerhin haben Sie in diesem Schuljahr zwei schwere Tragödien miterleben müssen, von dem schlimmen Vorfall mit Ihrem Vater ganz zu schweigen. Deshalb möchte ich, daß Sie auch wieder lernen, Ihren Gefühlen zu vertrauen, sich auf sie einzulassen, Sie als Ihr persönliches Lebensvermögen anzunehmen, bevor sie von Ihren Gefühlen überwältigt werden."

"Sie meinen, da ich kein Roboter, Android oder Golem bin muß ich mit den Gefühlen leben lernen, Professeur Faucon", sagte Julius nickend. "Gerade das kriege ich ja jetzt so langsam wieder auf die Reihe. Also denke ich mal, daß das mit dem Leben und Lernen zugleich irgendwie geht.

"Akzeptiert", erwiderte Professeur Faucon. Dann beendete sie die Unterredung, weil der untere Kolben der kleinen Sanduhr gerade randvoll wurde.

"Ich glaube, die hat sich mal wieder mit Ursuline Latierre gehabt", sagte Catherine, als sie weit genug weg vom Sprechzimmer ihrer Mutter waren. "Ich versteh dich zu gut, Martha, daß du da einen Knick in der Logik siehst, wenn jemand erst "Schaffe, Schaffe" sagt und dann plötzlich meint, jemand könne dabei das eigene Leben vergessen. Aber zu deiner Beruhigung, Martha: Ich denke, Julius wird bald schon wissen, wofür es sich zu leben lohnt, nicht nur zu lernen."

"Bist du dir da so sicher?" Fragte Martha Andrews. "Ich habe ja selbst viele Jahre damit zugebracht, rein logisch und emotionslos zu leben. Die Sache im Sommer hat mir zu deutlich gezeigt, wie gefährlich sowas ist", wobei sie Julius ansah, "wenn man nicht, wie du gesagt hast, Julius, Androide oder Roboter ist."

Julius erinnerte sich an die eine Folge der neuen Raumschiff-Enterprise-Serie, wo ein verstörter Junge aus einem knapp vor der Explosion stehenden Raumschiffswrack gerettet wurde und seinen Schock damit bekämpfte, daß er die völlige Gefühllosigkeit seines Retters Data immitierte. So wollte er ja dann doch nicht durchs Leben gehen, und seine Mutter hatte es wohl auch bemerkt, daß nur Logik allein nicht alle Probleme löste.

"Jetzt wollt ihr noch zu Professeur Bellart und Fixus?" Fragte Julius. Seine Mutter und Catherine nickten. Catherine vervollständigte noch, daß sie erst am Nachmittag die Termine bekommen hatten. Julius dachte schon, daß Madame Rossignol seine Mutter und Catherine wohl noch einmal sprechen wollen könnte. Aber er behielt diese Vermutung für sich. Immerhin hatte sie bis jetzt nichts gesagt.

"Reden die Dusoleils auch mit den Lehrern hier?" Fragte Julius Catherine, weil er davon ausging, daß sie das wissen mochte. Sie sah seine Mutter an, die ihn ansah und sagte:

"Soweit ich von Camille weiß werden sie mit Professeur Faucon, Madame Maxime und Professeur Bellart reden, weil Claire ja doch sehr viel für Kunst übrig hatte."

Unterwegs nach draußen trafen sie die Eschenwurzes, die gerade auf dem Weg zu Professeur Fixus waren. Waltrauds Mutter sah Julius an und fragte ihn auf Französisch, ob es wahr sei, daß die Zaubertranklehrerin ihm ungefragt Zusatzsachen aufgehalst habe. Martha straffte sich wie vor einem Angriff. Julius sah jedoch ganz beruhigt auf die Mutter der deutschen Gastschülerin und erwiderte:

"Das war schon im letzten Jahr so, Madame, öhm, Frau Eschenwurz. Die hat gehört, daß ich in dem Fach wohl ziemlich heftig vorgearbeitet habe. Mußte ich ja, weil wir in Hogwarts, wo ich zuerst gewesen bin, einen ziemlich ätzenden Lehrer in dem Fach hatten, der bestimmten Leuten keine guten Noten geben wollte."

"Slughorn? Der ist doch nicht parteiisch oder so. Höchstens darauf aus, sich die Rosinen aus dem Kuchen der Schülerschaft rauszupicken", erwiderte Wilhelma Eschenwurz. Dann übersetzte sie kurz für ihren Mann, der ihr dann wohl eine Antwort gab, aus der Julius den Namen Snape mit einem ziemlich ungehaltenen Tonfall heraushören konnte. Waltrauds Mutter nickte nur. Offenbar kannte sie Snape nicht. Hatte die ein Glück, fand Julius. Ignatius Eschenwurz sah Martha Andrews und Catherine an, schien von Catherines Schwangerschaft etwas irritiert zu sein und sah dann Julius an.

"Nichts für ungut, Junge, aber sind die beiden Frauen zusammen oder sowas?" Fragte er auf Englisch. Catherine stutzte erst, während Martha leicht verlegen dreinschaute und Julius nur grinsen mußte. Waltraud verstand wohl kein Wort englisch, denn sie blickte nur in die Runde, um zu sehen, was da gefragt wurde. Offenbar war es etwas ziemlich unangenehmes oder unanständiges.

"Neh, die sind nicht zusammen", sagte Julius. Er deutete auf Catherine und sagte: "Madame Brickston hilft meiner Mutter nur bei den ganzen Sachen, die mit meiner Ausbildung zu tun haben." Seine Mutter nickte schwerfällig und lächelte gekünstelt.

"Moment, dann ist deine Mutter keine Hexe?" Fragte Waltrauds Vater. Martha Andrews atmete tief durch und nickte bestätigend. "Oh, hat mir Traudel nicht erzählt", sagte er nur.

Waltraud fragte ihn darauf etwas, woraus Julius nur das Wort "Papa" heraushören konnte, das ja bis auf Englisch in vielen Sprachen die verbreitetste Anrede für den eigenen Vater war. Herr Eschenwurz erklärte es ihr im Flüsterton. Sie grummelte was und sagte dann was zu ihrer Mutter. Dann meinte sie:

"Mein Vater ist manchmal zu direkt heraus und hat wohl gedacht, weil Sie beide so harmonisch zusammen sind und hier sonst nur Elternpaare oder einzelne Elternteile herkommen wären sie irgendwie ... Naja, vergessen wir's besser."

"Das hat mir bisher noch niemand zugetraut", erwiderte Martha Andrews. Catherine schwieg dazu nur. Um nicht noch etwas peinliches zu verursachen bestand Waltraud wohl darauf, daß ihre Eltern mit ihr nun zu Professeur Fixus gingen. Die beiden verabschiedeten sich von Julius und seinen Begleiterinnen und gingen weiter.

"Ich glaube, ein lesbisches Hexenpaar hätte er eher hingenommen als eine Begleiterin für eine Muggelfrau", bemerkte Julius frech. Seine Mutter sah ihn für einige Sekunden verärgert an, mußte dann aber laut loslachen, was auch Catherine veranlaßte, zu lachen. Wie mochte das für Claudine jetzt sein? Fragte sich Julius.

"Wenn ich das Joe erzähle wird der noch eifersüchtig", meinte Catherine, als sie endlich befunden hatte, die indiskrete Frage des Deutschen als gelungenen Scherz zu sehen. Julius grinste und legte nach:

"Fragt sich dann nur auf wen."

"Lümmel", knurrte Catherine zwischen zwei Lachern und kniff ihm ansatzlos in die Nase. Martah verzog das Gesicht. Doch die Erheiterung von eben überkam sie erneut. Dann meinte sie:

"Will nicht wissen, was dem verwerflicher erscheint, oder ob ihm das jetzt peinlich war. Na ja, gibt ja keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten, habe ich mal gelernt und dir ja auch beigebracht, Julius."

Draußen vor dem Palast genehmigten sich die Andrews' und Catherine einen kleinen Imbiß. Die Porters waren auch da und unterhielten sich mit den Bekannten aus England und Frankreich über die bisherigen Gespräche. Gloria warf ein, daß Professeur Faucon ihr gesagt habe, sie könne nach den UTZs wohl gut in ein Fach rein, wo Verwandlung und Fluchabwehr gut gebraucht würden. Trifolio habe ihr nahegelegt, für die ZAGs noch etwas mehr in Kräuterkunde zu tun, und professeur Laplace stellte ihr in Aussicht, wohl mit Arithmantik gut durchs Leben zu kommen.

"War das Gespräch mit der großen Dame von euch oder von ihr verlangt?" Fragte Plinius Porter Martha Andrews.

"Sie wollte es haben, wegen der Knieselin, die sich Julius als Kameraden ausgeguckt hatte und wegen Claire." Julius nickte.

Ein Elternpaar kam etwas lauter als gebührlich war diskutierend aus dem Palast. Julius sah sich um. Es waren die Armands. Nun verstand er auch, warum Marc im roten Saal gelandet war. Denn seine Eltern schienen sehr emotional veranlagt zu sein. Sie sahen das Buffet und den Hauselfen, der dahinter stand. Schlagartig verstummte die wilde Debatte, aus der Julius zumindest noch herausgehört hatte, daß sie ihrem Sohn wohl abraten wollten, sich mit "dieser Pattie" einzulassen, bevor er mit der Schule durch war. Marc schien das jedoch nicht zu kümmern. Denn er sagte keinen Ton.

"Öhm, was ist das für ein Wesen?" Fragte Madame Armand leicht verdattert. Das kleine Wesen mit den tennisballgroßen Augen, rot wie Rubine und der karottenartigen Nase verbeugte sich tief, sagte aber nichts, weil es ja nicht direkt angesprochen worden war. Julius erkannte jetzt erst richtig, welches Mitglied der sonst so unauffälligen Dienerschaft er da vor sich hatte. So sagte er mit einem Anflug von etwas weiter zurückreichenden Erinnerungen:

"Madame, das ist Corie, eine Hauselfe, ein intelligentes, gerne für andere arbeitendes Zauberwesen." Corie nickte bestätigend.

"Woher kennst du denn diese Hauselfe so gut?" Fragte Catherine. "Ich habe in meiner zeit hier keine einzige von denen beim Namen kennengelernt."

"Wir sind uns mal begegnet. Da hat sie mir ihren Namen verraten", sagte Julius, der sich gut beherrschen mußte, weder peinlich berührt noch von anregenden Erinnerungen aufgewühlt dreinzuschauen. Denn wo und warum er Corie kennengelernt hatte wollte er dann doch nicht genauer rauslassen.

"Marc hat mir erzählt, Sie wären mit dieser korpulenten Dame und ihrer Familie bekannt", ergriff Monsieur Armand das Wort, um zu zeigen, daß er nicht die Sprache verloren hatte, nur weil eine Hauselfe da vor ihm stand und wohl wartete, ob er was essen oder trinken wollte. Martha Andrews und Catherine Brickston stellten sich so, daß sie vor Julius aufgebaut waren, wohl um zu verdeutlichen, daß sie dazu was sagen wollten und er sich gepflegt zurückhalten möge. Zumindest empfand es Julius so, als Catherine sagte:

"Wir sind mit der Familie bekannt, Monsieur ... , wie war der Name bitte?"

Marc grinste spitzbübisch. Sein Vater hatte die Unhöflichkeit begangen, einfach wen anzuquatschen, ohne sich vorzustellen. Sein Vater glotzte ihn verärgert an, wandte sich dann an Catherine und stellte sich und seine Frau anständig vor. Catherine nickte, stellte sich und Martha Andrews vor und sagte dann:

"Ich weiß nicht, was Sie im Moment so aufbringt, aber ich kann Ihnen zumindest versichern, daß die korpulente Dame und ihre Familie keine bösartigen Leute sind."

"Wo ist denn der Vater von dem Jungen abgeblieben?" Wollte Monsieur Armand wissen. Julius straffte sich. Sollte er dem Muggel jetzt einen erzählen, daß sein Vater wohl gerade irgendwo am Fläschchen nuckelte und zwischendurch frische Windeln brauchte? Er entschied sich jedoch dazu, seiner Mutter und Catherine das Gespräch zu überlassen.

"Mein Mann ist von Verbrechern getötet worden, Monsieur. Vielleicht haben Sie es im Fernsehen verfolgt, daß man ihn in Amerika gegen einen Doppelgänger austauschte, der grausame Morde beging, die meinem Mann dann angelastet werden sollten. Als er ihnen nichts mehr wert war, haben sie ihn getötet."

"Ou, das konnte ich nicht wissen", sagte Monsieur Armand. Sein Sohn grinste feist, weil sein Vater jetzt sehr kleinlaut war.

"Du kennst diese Hexenquacksalberin, die unserem Sohn was eingetrichtert hat, was ihn unterernährt aussehen macht?" Fragte Madame Armand Julius. Die Porters blickten die beiden Muggel sehr befremdet an. Julius trat nun vor, zog den rechten Ärmel seiner Sonntagskleidung zurück und zeigte das silberne Armband vor.

"Wenn Sie unsere Heilerin hier meinen, ich bin in ihrem Ersthelfertrupp drin, Madame Armand. Und ich denke nicht, daß Ihr Sohn unterernährt aussieht. Sie wollte nur haben, daß er sich nicht körperlich überanstrengen muß, wo wir hier alle viel mehr ackern müssen als in anderen Schulen." Marc sah ihn verstimmt an. Doch Julius blieb ruhig. Dann hörten sie vom Palast her ein lauthalses "Juhu, Marc!" Das war Patricia Latierre, die im Moment alleine herumlief. Wo waren ihre Eltern? Marc lief leicht rot an, als seine etwas besser bekannte Klassenkameradin heranrauschte und ihn ganz unbekümmert umarmte, wo seine Eltern dabeistanden.

"Hallo, Pattie", gab Marc nur von sich. Dann sah die viertjüngste Tochter Ursuline Latierres Julius und seine Begleiterinnen, betrachtete Catherines vorgewölbten Bauch und meinte: "sieht schon ziemlich gut aus, was Sie da rumtragen, Madame Brickston. Tut das weh?"

"Nur wenn ich lache und sie mir dafür in den Bauch tritt", erwiderte Catherine amüsiert. Offenbar konnte sie mit der kindlichen Direktheit einer echten Latierre besser als mit der Art von Monsieur Armand.

"Also lass dich besser nicht auch noch schwängern", knurrte Monsieur Armand dem Mädchen zugewandt und wandte sich seinem Sohn zu, der jedoch ruhig stehenblieb, ohne das Gesicht zu verziehen.

"Wo hast du denn deine Eltern verlegt, Pattie?" Fragte Julius, um die Situation etwas aufzulockern.

"Maman diskutiert mit Hipp, und Trice hat sich an Babs drangehangen, weil die bei Bellart fast hingeknallt wäre. zwei im Bauch müssen wohl ziemlich schwer sein."

"Und dein Vater?" Fragte Julius.

"Der quatscht mit Schwager Albericus und ist wohl irgendwo im Palast, wo's zu unserem Saal geht. Vielleicht wollen die kucken, wie der aussieht, wo Papa ja schon seit ganz vielen Jahren nicht mehr darin wohnt."

"Deine Schwester Béatrice ist wohl ziemlich im Stress, wie?" Fragte Julius, während Martha und Catherine sich wieder den Porters zuwandten, um den Armands keinen weiteren Anlass zu ungehaltenem Gerede zu bieten.

"Schon, aber ich denke, die ist nur eifersüchtig, weil unsere anderen großen Schwestern alle schon die zweite oder dritte Ladung im Bauch haben und sie noch nicht mal einen, der mit ihr durchgeht, wie sowas gemacht wird."

"Könnte es sein, junge Dame, daß jemand bei Ihrer Erziehung ein paar wichtige Anstandsregeln vergessen hat?" Fragte Madame Armand. marc grummelte nur was, das jedoch keiner verstand.

"Sie meinen, daß ich über sowas nicht reden dürfen sollte, wo meine Ma im letzten September selbst noch eimal Kinder gekriegt hat und im Moment die halbe Verwandtschaft auf neue Babys wartet? Das ist doch nichts schmutziges oder böses, wenn Männer und Frauen Babys machen, oder hat Sie jemand von einem Baum gepflückt?"

Marc und Julius mußten lachen, während Catherine sich räusperte, Martha Andrews etwas unsicher dreinschaute, weil sie an und für sich nichts mit der Unterhaltung zu tun hatte und die Armands perplex dreinsahen. Marc meinte dann:

"Meine Mutter wollte nur nicht, daß wir Kinder schon über Sachen reden, die wir selbst noch nicht machen dürfen, Pattie."

"Das hat ja auch noch keiner von dir oder mir verlangt", erwiderte Patricia mit einem tiefgründigen Lächeln.

"Ich fürchte, Mademoiselle, daß Sie gerade die Chance verspielen, unseren Sohn in den Osterferien sehen zu dürfen", sagte Monsieur Armand. "Ich bin zumindest nicht gerade überzeugt, daß Sie ein guter Umgang für ihn sind."

"Das können Sie mit meinen Eltern besprechen", sagte Patricia unbeeindruckt. Dann meinte sie noch zu Julius: "Habt ihr Fixie noch vor euch oder schon hinter euch?"

"Noch vor uns", erwiderte Julius.

"Na dann viel Spaß! Maman scheint hier mit einigen Lehrerinnen leicht aneinanderzugeraten, obwohl die ganz ruhig bleibt."

"Danke für die Warnung", meinte Julius frech grinsend. Patricia verabschiedete sich von Marc und ging davon. Marc setzte sich ab, bevor seine Eltern ihm noch irgendwas sagen konnten.

"Von Diplomatie halten die also alle nichts", stellte Dione Porter amüsiert fest. "Habe schon gehört, daß die Latierre-Familie immer das Herz auf der Zunge trägt. Ist also erblich."

Weil sie vorerst jetzt wieder alleine waren sprachen sie über die Ereignisse in Hogwarts, über die Pina und andere Julius und Gloria auf dem Laufenden hielten. Auch sprachen sie über die Nachlassangelegenheiten nach Jane Porters tragischem Tod im Dienst. Julius mußte sich sehr beherrschen, nicht zu verraten, daß diese Sachen alle unnötig waren, weil Jane Porter nicht gestorben war. So verging die Zeit bis zum Mittagessen.

Die Dusoleils saßen mit den Andrews, Catherine und Hippolyte und Albericus Latierre zusammen. Béatrice hatte wohl festgestellt, daß Barbara und ihre beiden ungeborenen Kinder nicht mehr in Gefahr waren und kam auch noch herüber. Sie setzte sich einfach zwischen Julius und Mildrid, die ohne Murren etwas zur Seite rückte.

"Wie geht es dir, Julius?" Fragte Béatrice den Viertklässler ruhig und keineswegs überbesorgt klingend.

"Besser auf jeden Fall. Liegt wohl an dem, was deine Mutter mit mir angestellt hat."

"Wird sie freuen, das zu hören", sagte sie ruhig. Camille sah Julius kurz an, nickte dann und wandte sich wieder Martha Andrews zu, die mit ihr gerade über Jeanne und Bruno sprach. "Fährst du über die Ferien wieder nach Millemerveilles?" Fragte Béatrice ihn. Er sah seine Mutter, Catherine und Camille an, als müsse er von denen die passende Antwort einholen. Doch Catherine sprach dem Essen zu, wie Hippolyte Latierre. Seine Mutter hörte sich gerade an, was Leute aus dem Eauvive-Clan über sie erfahren wollten.

"Ich denke mal, ich werde hauptsächlich zu Hause bleiben", antwortete er. Seine Mutter hatte es ihm vorhin noch gesagt, daß sie mit Belle zusammen nach Amerika fliegen würde und bis Karfreitag dort zu tun hatte, weil die dort eine eigene Computeranlage haben wollten und Minister Grandchapeau sie als Expertin empfohlen habe. Er konnte ihr noch nicht mal böse sein, weil sie arbeitete. Er freute sich ja, daß sie zu tun hatte und sich nicht überflüssig oder abgelegt vorkam. Er raunte Béatrice zu, daß seine Mutter in den ersten Ferientagen im Ausland geschäftlich zu tun hatte und er wohl in Paris bleiben würde, wenn sie ihm den Kamin nicht offenließ.

"Das sollte sie aber machen, wenn ihr schon einen habt", äußerte Béatrice einfach, obwohl sie vielleicht nichts dazu zu befinden hatte. Millie meinte dazu:

"Dann komm doch mal zu uns rüber in die Ruecam! Es sei denn, deine Aufpasserin verbietet dir den Umgang mit deinen Klassenkameraden."

"Céline und Hercules haben mich auch schon gefragt, ob ich mal bei ihnen vorbeirauschen soll. Muß ich mit meiner Mutter klären, ob ich den Kamin nehmen und mal zu Leuten aus meiner Klasse rüberkommen kann."

"Er kann seine Mutter nicht dazu zwingen, den Kamin offen zu lassen", warf Béatrice ein. Mildrid verzog das Gesicht etwas, schwieg jedoch. Offenbar hatte sie einen gewissen Respekt vor ihrer Tante, fand Julius. Immerhin hatte sie ihm ja mal erzählt, daß er sich besser nicht mit ihr einlassen sollte, wenn er nicht dirigiert und dressiert werden wollte. Julius' Mutter hörte wohl, daß es um etwas ging, wo sie was zu sagen konnte. Sie sah Béatrice und Mildrid an und fragte, was sei. Millie preschte vor und meinte:

"Julius meinte nur, daß er vielleicht nirgendwo hingehen kann, solange Sie mit Minister Grandchapeaus Kronprinzessin unterwegs sind. Sonst könnte er ja mal in die Rue de Camouflage rüber und uns mal besuchen."

"Och, ich dachte, der Junge kommt über die Tage noch mal zu uns nach Millemerveilles", meinte Camille. Catherine Brickston sagte nur:

"Das muß Martha entscheiden. Falls sie das nicht möchte, daß der Junge durch die Gegend verreist, wohnt er eben die Zeit bei uns. Mayette kommt ja eh jeden zweiten Tag nach der Schule zu uns rüber."

"Ja, aber bei euch ist er im Moment sicherer als sonstwoo", sagte Martha Andrews. Millie sah sie vorwurfsvoll an, als meine sie sie damit. Dann sagte Florymont Dusoleil:

"Das ist er in Millemerveilles auch, wenn er gerne rüberkommen möchte. Jeannes Zimmer ist ja frei, genauso wie die anderen Gästezimmer."

Julius überlegte schon, ob er jetzt klarstellen sollte, wie und wo er die Tage ohne seine Mutter zubringen wollte. vielleicht sollte er sich von Catherine in einen Zauberschlaf versenken lassen oder Professeur Faucon fragen, ob er nicht hierbleiben könne, um sich bloß nicht zu langweilen. Doch seine Mutter sagte ruhig:

"Ich denke, es tut dir nicht gut, wenn du nur im Haus bleibst, Julius. Ich überlege mir das noch, ob ich den Kamin offenlassen soll. Joe ist ja etwas pickiert, wenn andere Hexen und Zauberer durch euren Kamin gehen, Catherine."

"Außerdem, Florymont, kennt er Millemerveilles doch langsam in- und auswendig. Wird mal Zeit, daß er sich mit den Leuten aus seiner unmittelbaren Umgebung außerhalb der Schule trifft", mischte sich nun Hippolyte Latierre ein. Camille grinste sie an und meinte:

"Du möchtest ihn doch nur zu dem angeblichen Triumph der Pelikane gegen unsere Mannschaft mitnehmen, Hippolyte. Immerhin habt ihr ja die Karten dafür so schnell verkauft, daß wir aus Millemerveilles gerade noch hundert Stück bekommen haben. Oder was schwebt dir vor?"

"Du weißt ja von Martha und Catherine, daß meine Mutter den Jungen auch in unsere Familie reingeholt hat. Wäre also durchaus nicht schlecht, wenn wir ihm auch was zu bieten haben."

"'tschuldigung, könnte es sein, daß mir gleich die Ohren vor lauter Klingeln runterfallen?" Fragte Julius genervt klingend. "Wenn jemand was zu mir zu befinden hat, ich sitze hier und beantworte gerne alle anstehenden Fragen." Millie lächelte anerkennend über sein aufbegehren. Béatrice strich ihm flüchtig über den Rücken, und Hippolyte Latierre nickte ihm zu. Albericus grinste breit, während die Dusoleils leicht verdutzt waren, Catherine wohl gerade mit dem Geist ihrer Mutter rangelte, der es vielleicht für nötig hielt, mal eben in sie einzufahren um ihn zu maßregeln, und seine eigene Mutter sah ihn leicht hilflos an. Dann nickte sie. Laut sagte sie:

"Also gut, Julius, ich lasse den Kamin offen, damit du zu deinen Klassenkameraden oder Freunden kannst. Melde dich aber dann bitte vorher bei Catherine ab und beim Nachhausekommen wieder an! Du bist ja wirklich jetzt in dem Alter, wo jeder andere Junge einen eigenen Haustürschlüssel bekommen würde. Aber den hast du ja eh schon." Sie mußte lächeln. Catherine sah Martha erst fragend an, nickte dann aber. Damit war die Angelegenheit geklärt. Millie versuchte sich an ihrer Tante vorbei zu Julius zu beugen, doch diese drückte sie unmißverständlich wieder in die richtige Sitzhaltung zurück. Merkwürdigerweise empfand Julius es nicht mehr als lästig, mit Millie außerhalb der Schule zusammen zu sein. Allerdings sollte er Belisama nichts davon sagen, daß die Latierres ihn quasi verplant hatten. Vielleicht konnte er ja auch mal zu ihr rüber. - Neh, das sähe dann aus, als stiege er nun doch auf dieses Spiel ein, daß sie und Millie in den letzten Wochen um ihn abgezogen hatten. Wenn er zu Millies Eltern ging waren da ja noch Martine, vielleicht die quirlige, frei heraus redende Zwergin Lutetia Arno und möglicherweise eine Quidditchpartie, die er gerne ansehen würde. Sicher wußte er auch, daß er die Dusoleils nicht im Regen stehen lassen sollte. Aber der Gedanke, daß sie ihn heimlich adoptieren wollten machte ihn etwas unsicher. Vielleicht dachten sie jetzt, die Rolle seiner Mutter übernehmen zu können, wenn sie andauernd unterwegs war. Dann fiel ihm noch was ein.

"Haben die Mercurios nicht kurz nach Neujahr gegen die Pelikane gespielt?" Fragte er.

"Das ist schon richtig, Julius. Aber wie ja in den Zeitungen stand hatten die Pelikane einen kaputten Schnatz, der nur im Kreis flog, sobald er eine Minute Unterwegs war. Deshalb habe ich das Spiel noch mal angesetzt", sagte Hippolyte. Julius entsann sich, von einem kuriosen Schnatzfang der Mercurios im Pelikanstadion gelesen zu haben. Weil er aber mit anderen Sachen beschäftigt gewesen war, war ihm das wieder entfallen.

""Wann soll denn das Spiel zwischen den Pelikanen und den Mercurios laufen?" Fragte Julius, der dachte, daß seine Mutter da bestimmt schon wieder zu Hause war.

"Am nächsten Mittwoch", sagte Hippolyte, die die Frage als Zustimmung zu einer unausgesprochenen Einladung verstand und sofort sagte: "Ich habe noch drei Karten übrig, falls Trice Raphaelle nicht doch ans Bett kettet und solange da liegen läßt, bis ihre Jungs den richtigen Ausgang gefunden haben. Das heißt, du kannst auf jeden Fall noch mit Tine, Millie und mir hin."

"Und Sie, Albericus?" Fragte Julius.

"Meine Mutter will auch dabei sein, damit sie sofort eingreifen kann, wenn unsere Miriam bei dem ganzen Krach findet, sie müßte mitschreien und weit vor der Zeit kommen will."

"Das wäre doch Unsinn, wenn Lutetia auch noch mitkommt, wo ich das mit dir und Raphaelle schon geklärt habe, daß ich dabei bin", sagte Béatrice leicht pickiert. Offenbar lief zwischen ihr und der Schwiegermutter ihrer älteren Schwester ein ähnlicher Konkurrenzkampf wie zwischen Millie und Belisama, dachte Julius.

"Du kennst sie doch", sagte Hippolyte nur. "Die will ihr Enkelkind persönlich begrüßen, wenn es zur Welt kommt, wenngleich ich wirklich noch hoffe, daß Miriam sich die nötige Zeit läßt." Dann sah sie Julius an und teilte ihm mit: "Aber dann steht das fest, Julius, daß du am Mittwoch zu uns rüberkommst. Das Spiel geht um neun Uhr morgens los."

"Wie viel kostet die Karte denn?" Fragte Martha Andrews, die fand, Julius dürfe vielleicht nicht einfach so Unkosten verursachen. Doch sofort wurde die Stimmung frostig. Die Dusoleils sahen sie strafend an, Hippolyte Latierre schien zu überlegen, ob sie ihr dafür einen Fluch aufhalsen sollte und Millie funkelte sie böse an, als wolle sie ihr was ganz tolles wegnehmen. Catherine stupste Martha an und flüsterte ihr was zu. Dann sagte sie:

"Ihr kennt das doch, daß es in der Muggelwelt immer darum geht, was wer wem bezahlt. Sie möchte nur nicht, daß ihr euch für Julius in Unkosten stürzt, weil ich ihr erzählt habe, wie teuer ein Profi-Quidditchspiel ist."

"Wenn ich sage, ich habe die karten sowieso schon, Martha, und ich biete deinem Jungen an, eine davon zu nehmen und mitzukommen, dann hänge ich bestimmt kein Preisschild dran, außer, daß du meine Mutter in den nächsten Wochen häufiger im Schach schlagen kannst oder einen Weg findest, uns meine Schwester Béatrice vom Hals zu halten."

"Sehr witzig, Hipp", knurrte Béatrice. Doch dann lächelte sie und legte nach: "Nur, wenn wir uns gegen die Mutterschaftsgesetze vergehen und Martha dein Kind zu Ende trägt ..." Julius Mutter blieben die Gesichtszüge stehen, während Béatrice zu ende sprach: "Was sie sicherlich nicht tut, nur damit du mit ihrem Jungen zuguckst, wie die Pelikane die Mercurios in ihrem Feld einstampfen." Camille und Florymont sahen sie etwas verärgert an. Doch sie nahm es locker hin. Dann sagte sie leise zu Julius:

"Du bist jetzt verplant, das ist dir klar, Julius. Schadet dir auf keinen Fall, rauszukommen." Julius nickte.

Die ausstehenden Gespräche mit den Lehrern verliefen ruhig und ohne nennenswerte Sachen. Die Andrews' und Catherine wollten schon zur Aula gehen, wo die Aufführung der Schüler für die Eltern stattfinden würde, als Madame Rossignol sie über das Pflegehelferarmband doch noch zu sich zitierte. Sie sagte Julius in Anwesenheit seiner Mutter und Catherines:

"Da du das ja mitgekriegt hast, daß deine Kameradinnen Belisama und Mildrid offenbar darum wetteifern, wer von den beiden näher mit dir zusammenkommen könne, Julius, wollte ich dich lediglich darauf hinweisen, daß es nicht sonderlich verkehrt wäre, für klare Verhältnisse zu sorgen, solange die Ferien dauern. Ich weiß zwar, daß die beiden nicht in die Pflegehelfertruppe gekommen sind, weil sie dir oder sonst wem imponieren wollten. Aber wie sich die Lage für mich jetzt darstellt bist du unbeabsichtigt zu einem Konfliktherd geworden, den ich innerhalb der Truppe nicht dulde. Ich sage dir das jetzt, wo deine Mutter dabei ist, weil ich ihr gegenüber bekräftigen möchte, daß mir schon daran gelegen ist, daß wir alle diszipliniert und kameradschaftlich zusammenarbeiten. Insofern gebe ich dir die Heileranweisung, für dich selber klarzustellen, mit welcher der jungen Damen du dir am ehesten eine zumindest während der Beauxbatons-Zeit dauernde Partnerschaft vorstellen kannst und die betreffende Mademoiselle darüber zu informieren, damit dieser Zank endlich vorbeigeht. Wenn es nicht gerade zwei Pflegehelferinnen wären, die sich um einen Pflegehelferkameraden zanken würde ich den Dingen den Natürlichen Lauf lassen. Aber so muß ich eindeutig feststellen, daß das nicht so weitergehen darf. Oder möchtest du etwa haben, daß ich beide Mitschüler hart bestrafen muß, sollten sie sich weit über alle Grenzen hinwegsetzen?"

"Öhm, die zanken doch nur mädchenhaft rum, Madame. Das kennen Sie doch bestimmt auch noch von früher."

"Wie gesagt, junger Mann, ich bin mittlerweile an dem Punkt, wo meine Geduld ihre Belastungsgrenze zu erreichen droht, und ich habe sehr viel Geduld, wie du weißt. Aber ich bin auch sehr unerbittlich, wie du auch weißt. Nach den Ferien will ich Klarheit haben, ob du dich partnerschaftlich neu orientiert hast oder ich die beiden bei weiteren Verstößen gegen die Pflegehelferstatuten bestrafen muß."

"Öhm, weitere Verstöße?" Fragte Julius. Normalerweise wurden Regelübertretungen in den Sonntagstreffen zur Sprache gebracht. Deshalb wunderte es ihn.

"Natürlich bekommst du davon nichts mit, Julius. Ich mußte die beiden schon häufiger zur Nachtschlafenden Zeit ermahnen, weil sie sich über die Pflegehelferschlüssel kontaktiert hatten und wohl stundenlang miteinander reden wollten. Ich kann ja mithören, wie du weißt und wie sie eigentlich auch wissen sollten", knurrte die Heilerin. Sie stritten sich häufig wegen dir und warfen sich gegenseitig derbe Sachen an den Kopf. Da die Pflegehelferregeln besagen, daß ein einmal angenommener Pflegehelfer nicht ohne weiteres entlassen werden kann, kann ich ihnen die Schlüssel nicht einfach wegnehmen und ihnen sagen, daß sie nichts mehr bei mir zu suchen haben. Aber das geht nicht. Ich habe ihnen ein Ultimatum gesetzt, bis zur Walpurgisnacht diesen tatsächlich kleinmädchenhaften Streit zu beenden, wenn ich ihren Eltern nicht eine bedauerliche Mitteilung machen muß. Sie meinten unabhängig voneinander, daß du dann endlich klarstellen solltest, ob du bald mit wem anderem zusammengehen möchtest oder weiterhin so tun möchtest, als seien dir Gefühle egal, deine eigenen eingeschlossen. Denn die eine meint, daß du langsam wieder zu dir finden solltest, und die andere meint, du solltest dir wen suchen, der zu dir passt und dich nicht länger selbst unterdrücken. Da ich dich für den vernünftigeren von euch halte lege ich dir deshalb nahe, die Ferien zu nutzen, um klarzustellen, mit wem dir eine partnerschaftliche Zukunft genehm ist."

"Entschuldigung, Madame, aber was Sie dem Jungen da antragen ist Nötigung und obendrein wohl gegen die Schulordnung, weil sie ihn verkuppeln wollen", warf Martha Andrews ein, während Julius noch an Madame Rossignols letzten Worten kauen mußte.

"Verkuppeln will ich ihn ja nicht, sonst würde ich ihm jemanden aussuchen und per Heileranweisung verfügen, daß die Mademoiselle mit ihm die restliche Schulzeit verbringt, natürlich ohne hier in der Akademie geschlechtlich zu verkehren. Was den Vorwurf der Nötigung angeht, so bin ich als Heilerin und Leiterin der Pflegehelfertruppe verpflichtet, Unstimmigkeiten in der Truppe zu beseitigen und auch um die seelische Gesundheit der mir direkt unterstellten Schülerinnen und Schüler willen alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Wenn wir hier nicht diese strickten Verhaltensregeln für den Umgang zwischen Jungen und Mädchen hätten wäre ich sogar berechtigt, ihm eine temporäre oder permanente Beischlafpartnerin zuzuweisen." Martha und Catherine sahen sie perplex an. Julius hingegen saß nur da und schien mit den Sachen, die um ihn herum vorgingen nichts mehr zu tun zu haben. In seinem Kopf spukten Belisama und Millie herum, die ihn nun offen umwarben, wie sie es beim letzten Sommerball, obwohl Claire noch da war, getan hatten und wie es vor kurzem auch beim Jubiläum in Millemerveilles passiert war. Er hörte über die in seinem Geist geführte Unterhaltung der beiden hinweg seine Mutter sagen:

"Ich denke, dazu haben Sie dann doch keine Kompetenz, Madame. Catherine hätte es mir bestimmt erzählt, wenn ein Heiler jemandem Sex, also geschlechtliches Beisammensein verschreiben dürfe."

"Weil Madame Brickston nie in die Situation kam, derartige Therapie zu benötigen", sagte Madame Rossignol. "Tatsächlich gibt es eine Ausnahmeregel für Heiler und magische Geburtshelfer, daß sie zwecks erkennbarer seelischer Probleme durchaus nicht nur Tränke und Heilzauber verschreiben können, sondern auch eine Heranführung an geschlechtliche Vorgänge betreiben dürfen. Doch wie Sie richtig erkannt haben sind mir in der Akademie diesbezüglich Grenzen gesetzt. Daher kann ich Ihrem Sohn ja nur nahelegen, sich über seine eigenen Vorstellungen und Vorlieben klar zu werden und mit dieser Sicherheit zu klären, was er von anderen erwartet und ob sie dann bereit sind, sich mit ihm im Rahmen der Schulregeln auf eine Beziehung einzulassen oder nicht."

"Sag ihr doch, daß du mich willst, Julius. Das tut doch echt nicht weh", hörte er Millies Stimme wie in sein rechtes Ohr flüstern. Von links zeterte Belisama:

"Julius, die will dich doch nur im Bett haben und dann damit angeben, daß sie dich gehabt hat und dann nur noch blöd über dich herziehen. Komm besser zu mir. Ich bin nicht so eine."

"Lügnerin. Das einzige, was du von dem willst ist doch drei tolle Babys, die alle Superzauberer oder Hexen werden. Von wegen Anstand und Dame", hörte er Millie im Geiste dagegen anstänkern. "Bei mir weißt du zumindest was gerade abgeht und mußt nicht dauernd nachfragen, ob das jetzt nur wegen deines Körpers oder sonst was sei."

"Ja, eben, du willst ja nur seinen Körper, du läufige Hündin!" Knurrte Belisamas imaginäre Stimme hinter seinem linken Ohr. Dann riss er sich von dieser Vorstellung los und sagte trotzig:

"Woher wollen Sie dann wissen, ob ich mich wirklich festgelegt habe oder nicht einer von denen sage, daß es was mit uns wird. Oder möchten sie ein V. I. Negativ als Bestätigung?" Catherine sah ihn leicht verdrossen an, während seine Mutter wohl mit dem Begriff zu tun hatte.

"Wie gesagt, du kennst die Schulregeln, Julius. Abgesehen davon habe ich eben nicht erwähnt, daß du jetzt auf Gedeih und Verderb auf intime Abenteuer ausgehen mußt. Aber ich finde schon, daß du im Matura-Corporis-Alter wissen solltest, für wen du dich auf was einlassen möchtest, bevor irgendwer dich zu seinen oder ihren Gunsten herumschupst. Mehr ist nicht und wird auch nicht sein."

"Matura Corporis?" Fragte Julius, der den Begriff noch nicht kannte. Catherine atmete tief durch und sagte:

"Das war mal vor etlichen Jahrhunderten eingeführt worden, um Jungen und Mädchen mit vierzehn Jahren schon zu verheiraten, sobald ein Mädchen Anzeichen einer Schwangerschaft zeigte. Das heißt nichts anderes, daß du ab diesem alter für die Bedürfnisse deines Körpers Verantwortung trägst, bevor du mit Erreichen der Matura Mentis, der allgemeinen Volljährigkeit auch Verantwortung für alle gesellschaftlichen Belange übernehmen kannst. Das wird dir jetzt weh tun, aber ich sage es dir so, daß du begreifst, was gemeint ist. Camille und Florymont hätten Claire und dich sofort verheiraten können, wenn ihr euch innerhalb oder außerhalb der Schule körperlich geliebt hättet. Da ihr zu dem Zeitpunkt ja verlobt wart, hätte die Enthaltsamkeitsregel nicht mehr gegriffen, wenn ihr beiden innerhalb eines Tages nach Enthüllung des an sich verbotenen Zusammenseins angetraut worden wäret, allerdings mit der Auflage, daß die Brauteltern ein gleichwertiges Mitspracherecht bei deiner Ausbildung gehabt hätten und du dich daran hättest halten müssen. Allerdings ist in der Zaubererwelt die Matura Corporis seit eben vielen Hundert Jahren nicht mehr bemüht worden, um irgendwelche Fragen zu klären."

"Moment, dann verstehe ich das so, daß Hexen und Zauberer über vierzehn Jahren miteinander Zwei-werden-eins spielen können, wie es diese Spice Girls besingen, und wenn die vorher schon verlobt waren sofort danach hätten heiraten müssen, wenngleich sie rein biologisch ja schon geheiratet haben. Warum ist dann Malthus Lépin letztes Jahr so drastisch bestraft worden?"

"Ganz einfach", setzte Madame Rossignol an, "weil er und Constance ihr Zusammensein verheimlicht haben und erst bei Feststellung der Schwangerschaft enthüllt wurde, was sie getan haben. Da griff dann eben die Schulregel, und eben auch auf Grund der Matura Corporis. Wären beide jünger gewesen als vierzehn hätte Malthus die Schule nur verlassen müssen, ohne weitere Bestrafung, und die Eltern hätten die Lehrer und mich wegen mangelnder Aufsichtspflicht auf Rückzahlung aller bereits bezahlten Ausbildungskosten verklagen können."

"Wundere mich, daß die das nicht wußten", sagte Julius und sah Catherine an. Diese verzog zwar das Gesicht, sagte aber ruhig:

"Eben weil dieser Passus in den Gesetzen schlicht so lange nicht mehr bemüht wurde, daß Zauberereltern das in vielen Fällen auch nicht lernen, daß es ihn gibt. Oder möchtest du etwa behaupten, sämtliche Gesetze zu kennen?"

"Natürlich nicht", gab Julius zu. Catherine nickte. Martha Andrews sagte dann:

"Sogesehen müßte ich dann zulassen, daß mein Sohn mit einem anderen Mädchen schläft, ohne da einschreiten zu können?"

"Nichts für ungut, Martha, aber in der nichtmagischen Welt kommt das doch sehr häufig vor, das gesetzlich minderjährige Paare bereits die ersten körperlichen Erfahrungen haben, ohne das die Eltern wirklich etwas dagegen tun konnten", sagte Catherine.

"Muß ich wohl zugestehen", grummelte Martha. Dann sagte sie ihrem Sohn zugewandt:

"Du weißt, ich lasse dir viel Freiraum, Julius, und werde wohl die meisten Entscheidungen von dir billigen, wenn du bereit und fähig bist, die Folgen zu tragen. Lass dich aber bitte nicht von Madame Rossignol zu unüberlegten Sachen treiben."

"Madame Andrews, bei allem Respekt vor ihren Rechten als Mutter", hob die Heilerin an, "ich lasse mir nicht unterstellen, jemanden zu unüberlegten Handlungen zu treiben. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe Ihrem Sohn nahegelegt, daß er sich seiner Situation klar wird und daraus die richtige Entscheidung trifft, die den unerwünschten Konflikt in meiner Truppe friedlich beilegen kann." Damit beendete Madame Rossignol die Unterredung und schickte die leicht verdutzten Gäste mit besten Wünschen für die Ferien hinaus.

"meine Mutter bekäme Zustände, wenn sie das eben mitbekommen hätte", knurte Catherine. "Allerdings hat deine Pflegehelfertruppenführerin recht, Julius. Wenn etwas ansteht, was eure Gesundheit oder den Zusammenhalt in der Truppe beeinträchtigt, darf sie gewisse Maßnahmen ergreifen. Am besten machen wir morgenund übermorgen noch ein paar Occlumentie-Übungen, damit meine Mutter nicht mitbekommen kann, was gerade in dem Raum da besprochen wurde."

"Damit habe ich jetzt echt nicht gerechnet, daß Madame Rossignol so ein Geschütz auffährt", seufzte Julius. "Am besten gibst du mir einen Würfelbecher, schreibst für mich unsichtbar die Namen von sechs Mädels hin, läßt mich würfeln und zeigst mir dann, mit welcher ich mich festlegen soll."

"Als wenn du das nicht alleine rauskriegen könntest, Julius. Zwischen dir und Claire ging es, also ist in der Hinsicht kein Mangel zu erkennen. Finde das mal schön raus, mit welcher der beiden du wahrhaftig besser klarkommen kannst als eben nur aus purem Zeitvertreib und voreiliger Spielchen!" Julius' Mutter sah Catherine leicht verstimmt an. "Ja, ich weiß, Martha, daß ich dem Jungen nicht in seine außermagischen Sachen reinreden darf. Aber wenn er mich schon so anredet, muß ich ihm die passende Antwort geben." Martha Andrews nickte.

Durch die Aufführung konnte sich Julius gut von der Diskussion in Madame Rossignols Sprechzimmer ablenken. Wie im letzten Jahr bot die Illusionsaula von Beauxbatons zu den eingeübten Stücken die passenden Hintergrundbilder und Empfindungen. Beim Abendessen saß Julius demonstrativ zwischen seiner Mutter und Catherine, die nun Ursuline Latierre gegenübersaß. Die Dusoleils saßen ebenfalls in seiner Nähe. Millie Latierre saß zwischen ihren Tanten Béatrice und Patricia. Diese sagte Julius, daß ihre Mutter mit Marcs Eltern gesprochen habe. Die wollten zwar nicht mit am selben Tisch sitzen, weil sie mit anderen Leuten aus dem Bus noch über dieses und jenes reden wollten, aber ihre Mutter hätte es ruhig und problemlos hingekriegt, daß Marc zumindest einen Tag lang zu ihr ins Sonnenblumenschloß kommen dürfe.

"Babs' Angebot steht ja auch noch zur Debatte, daß Leute, die es interesssiert, zu ihr auf den Hof können", sagte Ursuline. Ihre ebenfalls gerade schwangere Tochter Barbara sah Julius an und nickte bestätigend. Er überlegte ernsthaft, ob er das Angebot wahrnehmen sollte. Aber dann dachte er daran, daß er als Stadtmensch auf einem Bauernhof, wo die Kühe größer als Elefanten waren sicherlich schnell total am Boden sein würde.

Nach dem Essen wünschte Madame Maxime allen Schülern, die mit ihren Eltern heimreisen wollten zwei angenehme Wochen und verabschiedete sich im Namen der Lehrerschaft. Danach gruppierten sich die Hexen und Zauberer, die mit der Reisesphäre abreisen wollten, während die Nichtmagier alle in die noch wartenden Busse stiegen. Als die erste Sphäre nach Paris heraufbeschworen werden sollte, wobei Millies Mutter den Aufruf durchführen sollte, drängelten sich alle um sie. Julius stand mit seiner Mutter, die als einzige Muggelfrau die Sphäre mitbenutzen durfte und Catherine fast in der Mitte. Dann erschien die sonnenuntergangsrote Sphäre, fing sie ein und trug sie alle zwischen den Dimensionen von Raum und Zeit davon.

Joe Brickston wartete mit Babette und Mayette Latierre am Ausgangskreis.

"Hui, da seid ihr ja!" Rief Babette Brickston. "Mayette kam rüber, weil ihre Eltern ja bei euch waren. Die geht gleich wieder nach Hause."

"Hoffentlich vermißt ihre Mutter sie nicht", meinte Hippolyte Latierre, die ihre jüngere Schwester, die durchaus ihre eigene Tochter hätte sein können an den typischen rotblonden Haren der Latierres erkannte. "Ich schicke dich gleich wieder zurück, Mayette. Deine Mutter will bestimmt, daß du vor dem Schlafengehen noch erzählst, was du heute so gemacht hast."

"Ich dachte, ich könnte mal 'ne Nacht bei Babette schlafen", grummelte Mayette. Babette sah ihre Mutter an, die energisch den Kopf schüttelte.

"Junge Mademoiselle, ich habe nichts gegen Mayette. Aber ich lasse mich nicht von euch beiden überrumpeln, damit das klar ist."

"Och, Männo!" Fluchte Babette. Doch der unerbittliche Blick ihrer Mutter trieb ihr für's erste weitere Aufsässigkeiten aus. Joe sah sie dankbar an. Zwei ganz junge Hexen im Haus zu haben war ihm wohl zu unheimlich.

Zu Hause zogen seine Mutter und er sich schnell in die eigene Wohnung zurück. Den letzten Abend, bevor Martha allein verreisen würde wollten sie noch für sich selbst sein, während unten vernehmlich gesprochen wurde, was am Tag gelaufen war.

"Ich habe dir die wichtigsten Nachrichten der letzten zwei Monate auf Video aufgenommen und ausgedruckt, damit du auch in der sogenannten Muggelwelt nicht hinterm Mond bleibst", sagte Julius' Mutter. "Die haben in Schottland ein geklontes Schaf vorgestellt, daß sie Dolly genannt haben. Jetzt überschlagen sich alle Hoffnungs- und Horrormeldungen, daß demnächst auch Menschen geklont werden können und damit viele Probleme gelöst oder erst recht geschaffen werden. Das Diana und Charles geschieden sind hast du ja noch mitbekommen können. An den beiden kannst du dich auch orientieren, daß es nicht so toll ist, sich in zu schnelle Entscheidungen reintreiben zu lassen."

"haben die Zauberer für euch in Washington wo reserviert?" Fragte Julius seine Mutter.

"Ja, in einem 5-Sterne-Hotel. Die haben's da drüben in den Staaten."

"Triffst du dich auch mit Minister Davenport?" Wollte Julius wissen.

"Den Zaubereiminister. Nein, den treffe ich nicht. Da sind ein paar Leute von dem Kontaktbüro, die Madame Grandchapeau schon kennengelernt hat. die treffen wir. Zachary Marchand, der Herr, bei dem wir im Sommer gewohnt haben, hat gefragt, ob wir beide nicht zu ihm hinfahren. Aber ich habe ihm erzählt, daß das hiesige Ministerium mich dienstlich eingespannt hat. Irgendwie haben die ein merkwürdiges Zeitgefühl gehabt. Die wissen doch, daß wir uns nur in den Ferien sehen können. Aber die in Amerika wollten unbedingt jetzt die Computeranlage in Betrieb nehmen und haben keinen eigenen Experten. In Amerika, stell dir das mal vor!"

"Brittany Forester kann doch computern", sagte Julius. "Aber die ist ja noch nicht mit der Schule durch."

"Von der und Glorias Cousinen soll ich dich schön grüßen", gab Martha an ihren Sohn weiter. "Aber ansonsten wollen die einen haben, der sich mit Hard- und Software auskennt. Du weißt doch noch, was Weihnachten los war."

"Schreib ans Rechnergehäuse, daß Alohomora nicht benutzt werden darf, Mum", erwiderte Julius darauf grinsend. Dann sprachen sie noch über Sachen aus der nichtmagischen Welt, die seine Mutter für wichtig hielt und hörte sich näheres zu dem albernen Gezänk zwischen Millie und Belisama an, soweit er das mitbekommen hatte.

"Nachher stellt Madame Rossignol die beiden noch ins Bettpfannenregal", sagte Julius leicht beklommen. Seine Mutter hatte es von ihm gehört, welch heftige Strafe ein Pflegehelfer zu befürchten hatte, der die ihm gegebenen Vorrechte sehr stark mißbrauchte. Sie war darüber nicht sonderlich glücklich und hatte ihm einmal geraten, sich bloß nicht in Versuchung führen zu lassen.

"Irgendwas mußt du diesen beiden Mädchen signalisiert haben, Julius. Das habe ich ja bei der Jubiläumsfeier schon gemeint", sagte Martha Andrews. Julius erzählte ihr dann noch mal von dem Scherz, den er sich ziemlich zu Anfang der Beauxbatons-Zeit mit Millie geleistet hatte und vermutete, daß Belisama, so nett sie auch wahr, immer schon neidisch auf Claire gewesen war. Er sagte ihr auch, daß sie sehr heftig reagiert hatte, als er beim Vorjahresspiel gegen die Blauen fast vom Besen gestoßen worden wäre. Seine Mutter nickte und sagte:

"Klarer Fall, Julius. Beide sind auf ihre eigenen Arten in dich verliebt und halten es für legitim, sich gegenseitig aus dem Feld zu werfen. Insofern würde dieser Streit nicht aufhören, wenn du jetzt auf eine zeigst und sagen würdest, die nehme ich. Allerdings habe ich so wie du jetzt mit mir darüber sprichst den Eindruck, du kämst mit Mildrids Wesen besser klar, obwohl sie ganz anders gestrickt ist als du oder ich oder Claire."

"Hmm, echt, Mum?"

"Nimm das jetzt nicht als Entscheidungsmotiv, Julius! Es ist eher so, daß du mit ihr im Sonnenblumenschloß wohl gut ausgekommen bist. Belisama könnte darauf so eifersüchtig sein, daß sie sie jetzt schlecht zu machen versucht, und Millie sich das nicht bieten läßt. Ich habe damals, als ich mehr als einen Tag alles mitbekommen durfte, was um Ursuline herum vorging mithören können, wenngleich die Körpergeräusche schon ziemlich laut waren, daß Millie nur anerkennt, daß Claire deine Freundin ist, weil ihr beide für sie so gut miteinander auskamt und sie nicht wollte, daß du sie deshalb zu hassen anfängst, wenn sie versucht hätte, dazwischenzufunken. Sie konnte ja nicht wissen, daß ich mitgehört habe, und das sage ihr bitte auch nicht! War ja schon sehr privat, was Ursuline und ich gemacht haben."

"Ich habe versprochen, das keinem zu erzählen, Mum. Daran halte ich mich natürlich. Millie ist auch eine kluge junge Hexe. Nur ich hatte damals den Eindruck, die will nur Fummeln und Sex oder dergleichen, besonders nach dem blöden Spruch mit den sieben Kindern von mir."

"Nun, vielleicht wäre es etwas, wo du dich neu ausrichten lernen könntest, wenn da jemand ist, der oder die nicht nur deine Leistungen oder deine Herkunft würdigt, sondern einfach auch mal Spaß haben will. Das muß ja bei Leibe nicht sofort im Bett enden. Claire hat dir viel gegeben. Ich denke, da draußen warten viele Mädchen, die bereit sind, dir was zu bieten, wenn du weißt, was du möchtest. Deshalb sagte ich ja zu Blanche Faucon, daß sie es gerade nötig habe, dir vorzuhalten, du solltest nicht nur ans Lernen denken, aber dabei bitte schön bloß nicht in den Leistungen nachlassen. Ich habe diese Hexe für logischer gehalten. Du kannst nicht den Lerneifer zurückstellen und dabei immer noch Bestleistungen in der Schule bringen, um dich auch für andere Sachen zu begeistern, wie einen Sonnenaufgang oder einen Strandspaziergang zum Beispiel." Julius stutzte. Woher wußte seine Mutter das mit dem Sonnenaufgang, den er an diesem Morgen lange angeschaut hatte? Weil sie nun wissen wollte, warum er so ertappt dreinschaute erzählte er es ihr und ließ auch nicht aus, daß er sich mit Millie darüber unterhalten hatte. Seine Mutter nickte, zeigte aber sonst keine Regung, wie das auf sie wirkte. Sie sagte nur:

"Wenn du das kannst, mal einfach was anzusehen oder zu tun, ohne das jemand dich dazu anleitet oder dir vorbetet, warum du es tun sollst, dann freue ich mich, daß du wohl aus dem Trauerloch herausgekommen bist, in das der Tod von Claire nicht nur dich geworfen hat."

"Vielleicht war es einfach die Zeit, die ich plötzlich hatte, Mum. Das war nicht nur die Trauer, obwohl ich heute doch ein paar mal an sie gedacht habe, während der Begrüßung, beim Mittagessen und abends in der Aula. Wenn sie noch da wäre hätte ich sofort gesagt, ich gehe morgen nach Millemerveilles, und du kannst den Kamin hinter mir zumachen, weil ich dann bis Ostern da geblieben wäre. Aber jetzt ist das mit Millemerveilles nicht mehr so wichtig. Es ist schön da, und die Leute da kommen ja immer noch gut mit mir aus, soweit ich das mitkriegen kann. Aber irgendwie konnte ich jetzt nicht zu Camille und Florymont sagen, daß ich mehrere Tage bei ihnen wohnen wollte. Wenn Jeanne mich gefragt hätte, ob ich bei ihr und Bruno gewohnt hätte ..."

"Wart ab, könnte noch kommen", wandte seine Mutter nun leicht amüsiert schmunzelnd ein. "Camille wird die beiden bestimmt jetzt bearbeiten, daß sie dich morgen einladen, zu ihnen zu kommen. Ich kann das sogar verstehen, Julius. Als dein Opa William gestorben ist wollte ich auch nicht mehr im Haus bleiben, wo er gelebt hat, obwohl er ganz woanders war, als es passierte."

"Ja, und eben das könnte es auch bei mir sein. Und dann fangen die beiden Mädels an, sich drum zu zoffen, mit welcher von denen ich besser klarkäme oder besser nicht. Vielleicht sollte ich millie sagen, sie soll sich das abschminken, mir nachzulaufen und Belisama sagen, ich hätte schon wen anderen, vielleicht eine aus der Pflegehelfertruppe oder Laurentine, gegen die sie sich nichts rausnehmen kann. Dann wäre Ruhe, und ich könnte ganz normal weitermachen."

"Nur mit dem Unterschied, daß du dir nicht sicher bist, ob du nicht für die eine oder andere was empfindest", warf seine Mutter gerechtfertigt ein. Julius nickte. Dann sagte sie noch: "Vielleicht solltest du es darauf ankommen lassen, dich mit der, die dir im Moment besser zu liegen scheint näher zu befreunden und sehen, ob es was wird und dann, falls nicht, zumindest im Frieden auseinandergehen."

"Haha, Mum. Wenn ich mit Belisama zusammenkäme wäre das dieselbe Kiste wie damals mit Claire, wo Millie auch weiter hinter mir hergelaufen ist, und wenn ich mit Millie was anfinge, und ich würde sie irgendwann wieder abservieren, kriegte ich ärger mit dem ganzen Clan Latierre, und das sind nicht gerade wenige."

"Gut, ein wenig Ärger bekämst du auf jeden Fall, egal mit wem du dich einließest. Aber du bist noch jung, Julius. Du hast noch das Recht, auszuprobieren, was du tun und sein willst. Als ich mit dieser Art Testlauf angefangen habe war ich kein allzu junges Mädchen mehr. Sicher bin ich mit deinem Vater sehr glücklich geworden, bis er anfing, die Tatsachen zu verdrängen, daß du eben zaubern lernst. Aber sogesehen weiß ich auch nicht, wer ich eigentlich sein wollte. Was ich gelernt habe und heute arbeite habe ich gelernt, weil ich keine Gefühle über meinen Verstand herrschen lassen wollte. Das haben mir Béatrice Latierre und Antoinette Eauvive schmerzhaft klargemacht, von diesem Verbrecher Laroche und seinem Transvestiten ganz zu schweigen. Wahrscheinlich will ich auch deswegen nach Amerika, um das Trauma endgültig aufzuarbeiten. Damals war ich ja gerade ein paar Tage aus dem Krankenhaus raus, als wir uns dieses Quodpotspiel angesehen haben. Ich muß da einfach noch mal hinfahren, in die sogenannte Muggelwelt rein, um zu erkennen, daß alles vorbei ist was damals passiert ist. Vielleicht fahre ich sogar nach Detroit, um nachzusehen, wie das mit deinem Vater damals angefangen hat."

"Nichts für ungut, Mum. Aber es soll Geister geben, die wenn sie schlafen besser nicht wieder aufgeweckt werden sollen, hat mir eine Cousine von Antoinette Eauvive bei unserem Familientreffen erzählt, als ich mit ihr ein paar Minuten über Claire und mich sprach, so mehr oder weniger von Fremden zur Fremden."

"Hmm, stimmt. Julius. Sogesehen müßte ich ja dann auch zu diesem Haus, wo mich dieser Verbrecher gefangengehalten hat. Aber das ist ja gesprengt worden, hat Mr. Marchand mir erzählt."

"Wird wohl besser so sein", erwiderte Julius.

Der Abend dauerte noch bis zwölf Uhr. Erst dann waren beide müde genug, sich hinzulegen. Martha Andrews würde morgen gegen zehn Uhr zum Flughafen Orly aufbrechen. Die Tasche hatte sie schon gepackt. Belle würde sie in ihrem kultigen Dienstkäfer abholen. Sie entfernte die Kaminsperre und wiederholte noch einmal, daß Julius sich bitte bei Catherine abmelden möge, wenn er den Kamin benutzte.

"Und wenn ich Besuch kriege?" Fragte Julius.

"Meldest du ihn an, bevor er eintrifft", sagte Martha Andrews kategorisch. Dann verabschiedeten sie sich zur Nacht.

 

__________

 

Julius träumte in der Nacht wieder von der Blumenwiese, auf die Claires Geist ihn gebracht hatte, als sie beide im energetischen Leib Ashtarias waren. Er sah mehrere Latierres, Martine, Béatrice und Millie, sowie die Montferres, Sandrine und Belisama. Dabei meinten die Blumen, die wie Belisama und Millie aussahen: "Wehe wenn die Rossignol uns beide in Bettpfannen verwandelt, Julius. Dann machen wir aber klar, daß du zu uns gestellt wirst." Sabine und Sandra stupsten sich gegenseitig an und sagten:

"Julius, das mit den Rossignol-Brüdern ist jetzt endgültig aus. Da wir dich nicht in der Mitte teilen können kannst du uns beide haben. Das hat auch was."

"Das sähe euch ähnlich", knurrte darauf Sandrine. "Der käme doch gar nicht mehr zur Ruhe. Julius, wenn Gérard echt nichts mehr von mir wissen will oder mir zu blöd wird, ich bin da."

"Die sind dir zu albern, Julius. Wenn du wirklich eine Partnerin haben möchtest, die dir gibt, was du brauchst und wirklich willst, dann komm zu mir", hörte er Béatrice. "Eine von uns wirst du nehmen müssen. Du bist schon zu weit auf dem Weg. Also komm her und mach dem Spuk ein Ende!"

"Klar, weil du es nicht ab kannst, daß deine großen Schwestern schon alle das zweite oder dritte Kind kriegen", feixte Martine. "Die einzige, die dir was bieten kann und nicht nur an Arbeit oder Karriere denkt bin wohl ich. Wenn du nämlich Millie nimmst und wirfst sie irgendwann weg, dann kriegst du Ärger."

"So, und wenn du blöde Gans ihn kriegst und er kriegt raus, daß du ihn nicht für voll nimmst kann er sehen wo er bleibt, wie?" Beschwerte sich die Blume, die wie Millie aussah. "Aber was Tante Trice angeht gebe ich dir recht."

"Komm her und nimm mich!" Krakehlten dann alle Mädchen-Blumen erst durcheinander und dann im Chor, lauter und immer schriller werdend, daß Julius meinte, seine Trommelfelle würden gleich in tausend Fetzen gehen. Dann verstand er das Gekreische der Blumen nicht mehr, sondern hörte nur noch ein rhythmisches Piep-piep-piep. Die Wiese mit den Kreuzungen zwischen Blumen und Mädchen verschwand übergangslos im dunkeln. Das Gepiepe wurde etwas leiser, blieb jedoch. Auch als Julius erkannte, daß er in seinem Bett in der Rue de Liberation 13 lag blieb dieses nervtötende Gepiepe. Er öffnete die Augen und erkannte, daß es der Wecker seiner Mutter war, den sie wohl in weiser Voraussicht gestellt hatte. Der war echt nur laut, erkannte Julius. Er blickte auf seine eigene Uhr und erschrak. Es war schon acht Uhr Morgens. Gestern war er um halb sechs auf den Beinen gewesen. Was um alles in der Welt hatte er angestellt, daß er so lange durchgeschlafen hatte? Das einzige, was ihm einfiel war der lange Abend, an dem er mit seiner Mutter über dieses und jenes gesprochen hatte. Dann tauchte wieder diese Blumenwiese in seinem Geist auf. Dieses blöde Ultimatum! Jetzt sollte er in zwei Wochen festlegen, ob er mit Belisama oder Millie gehen sollte. Aber wenn er sich überlegte, daß er ja dann auch die anderen von der Wiese aussuchen könnte. Für einen winzigen Moment dachte er daran, sich auf Sabine und Sandra zugleich einzulassen. Doch wenn er daran dachte, wie weit das dann gehen mochte, fand er, daß ihm das bestimmt zu anstrengend würde. Dann befand er, daß er besser auch aufstehen sollte.

Nach dem Frühstück warteten seine Mutter und er auf Belle Grandchapeau. Als dann kurz vor zehn Uhr ein kirschroter VW Käfer vor dem Haus anhieltsagte Martha Andrews:

"Also bis Freitag abend. Ich hoffe, die Leute da kommen mit Computern schneller klar als die hier, zumindest was die Anwendungen angeht. Ärger Catherine und Joe nicht zu sehr und vertrag dich wenn sie dich läßt mit Babette! Wenn du irgendwo hinwillst, der Kamin ist ja offen." Sie küßte Julius noch einmal auf die Wangen, dann griff sie nach der Tasche. Julius nahm ihr das Gepäckstück sofort aus der Hand und sagte:

"In England und Frankreich tragen Frauen ihr Gepäck nur, wenn kein hilfsbereiter Mann in der Nähe ist." Sie lachte. Als er dann mit leicht wehmütigem Blick hinter dem Wagen von Belle Grandchapeau herblickte, wobei er sich fragte, wo sie den parken würde oder ob der wie sein amerikanischer FilmBruder Herby oder das schwarze Wunderauto K.I.T.T. alleine nach Hause zurückfahren würde. Dann trat er zurück ins Haus, wo ihn Catherine im Flur abfing.

"Diese Nacht gab's einen massiven Dementorenüberfall auf ganz Frankreich", seufzte sie. Ich habe die Zeitung da. Da steht's drin. Ich werde wohl gleich noch mit Maman sprechen, was genau los war."

"Dementoren?! Schon wieder die?!" Erschrak Julius. Ihm war der Sommerball im letzten Jahr noch zu gut in Erinnerung. Da hatte eine Hundertschaft Dementoren den Festplatz gestürmt und konnte nur mit allen fähigen Patroni zurückgeschlagen werden. Zumindest konnte er sich rühmen, seinen Patronus beschworen zu haben. Er folgte Catherine in ihr schalldichtes Arbeitszimmer und nahm die Zeitung, die sie auf den Tisch gelegt hatte. Er sah ein nachtschwarzes Bild, das mit seltsamen Mustern durchzogen war, wie Eisblumen auf einer Fensterscheibe in einer Winternacht. Er mußte unwillkührlich grinsen.

"Hat da wer probiert, Dementoren zu photographieren?" Fragte er.

"So albern das klingt, irgendwer hat es wohl probiert", sagte Catherine. "Aber die Dunkelheit und die Kälte haben der Kamera wohl gut zugesetzt."

Julius las den Artikel und wurde bleich. Da stand, daß mindestens fünfhundert Dementoren über ganz Frankreich hergefallen waren, sowohl in Zaubererstraßen wie auch in Muggelsiedlungen hineingestürmt waren wie Dämonen der Vernichtung. Vor allem aber hatten sie es auf Millemerveilles abgesehen. Dort waren alleine dreihundert dieser Ausgeburten des Grauens eingefallen. Beinahe hätten die Dorfbewohner die Abwehrschlacht gegen sie verloren. Doch dann seien sie von innen her aufblitzend und Funken sprühend davongestoben, und in der Ferne, da wo die unsichtbare Schutzkuppel über dem Dorf gespannt war, habe es hundertfach gewetterleuchtet. Anschließend seien alle Dementoren so rasch verschwunden wie sie gekommen seien. Der zaubereiminister gab in dem Artikel bekannt, daß die Ministeriumszauberer es geschafft hätten, siebzig dieser Ungetüme zu vernichten. Auch in Millemerveilles seien zwanzig Dementoren mit der Balder-Methode vernichtet worden. Dann las er eine vollmundige Stellungnahme des Zaubereiministers, dessen Ganzkörperportrait unter dem verunglückten Dementorenschnappschuß prangte und seinen Betrachtern entschlossen in die Augen blickte.

"Ich werde bei der nächsten Versammlung des Schulrates von Beauxbatons anregen, daß die Schülerinnen und Schüler der gegenwärtigen und künftigen UTZ-Klassen auch in der Handhabung jenes Vernichtungszaubers unterwiesen werden, sofern die zuständige Fachlehrerin die Schüler charakterlich und zauberkraftbezogen für geeignet befindet. Dieser Anschlag auf unseren Friedenund unsere Freiheit zeigt uns all zu deutlich, daß der in Großbritannien tobende Terror dessen, der nicht beim Namen genannt werden soll und seiner Helfer und Erfüllungskreaturen kein rein britisches Problem ist. Ich nutze die Gelegenheit, mich auch bei meinen Ministerkollegen Pataleon aus Spanien, Güldenberg aus Deutschland und Pontecello aus Italien für die geleistete Hilfe bei der Abwehr der Dementoren zu bedanken. Wenn er, dessen Name nicht genannt werden darf, davon ausging, Festlandeuropa sei eine reife Frucht, die er nach Belieben pflücken könne, so sieht er sich nun getäuscht. Seine Ungeheuer konnten uns zwar für einen Moment in Angst versetzen und mit ihrer zahlenmäßigen Macht eine gewisse Zeit den Eindruck erwecken, sie seien unbesiegbar. Doch diese wissen es jetzt besser, und der Zauberer, dessen Name nicht genannt werden darf muß auch im größten Größenwahn erkennen, daß die europäische Zauberergemeinschaft durch ihre gute Nachbarschaft ein uneinnehmbares Bollwerk gegen seinen Machthunger darstellt. Zu meiner größten Freude kam es weder unter den Mitgliedern der Zauberergemeinschaft noch unter den Muggeln zu Opfern mit bleibenden Schädigungen. Unsere Warn -und Abwehrplanung hat schnell genug gegriffen, und wir haben den heimtückischen Angriff abschlagen können."

"Und ich habe friedlich geschlafen, während anderswo die Hölle los war", stöhnte Julius. Catherine fühlte sich veranlaßt, ihn in die Arme zu nehmen und sagte ihm mit ruhiger Stimme, als tröste sie ein Kind vor dem Gewitterdonner:

"Es ist keinem was passiert. Ich habe mit Chevallier von der Strafverfolgung kontaktgefeuert. Es ist keiner von diesen Monstern geküßt worden, Julius. Das einzige, was los war war die Dunkelheit und Kälte. Die Desinformationsabteilung geht schon daran, das alles als Kälteeinbruch zu vertuschen, damit die Muggel nicht meinen, sie würden von Außerirdischen angegriffen oder sowas."

"Der Sanctuafugium hat die von uns abgehalten", meinte Julius.

"Genau deshalb habe ich ihn mit Maman damals errichtet um solches Geschmeiß abzuwehren. Aber ich fürchte, dieser Überfall hatte einen anderen Zweck als die Abwehr zu überrennen. Irgendwas sagt mir, daß dieser wahnsinnige Zauberer die Dementoren nicht zum Angsteinjagen hergeschickt hat, selbst wenn ihm das gelungen ist."

"Vor allem in Millemerveilles", stöhnte Julius. "Sandrine, Denise, Camille und Florymont", sagte Julius. "Wahrscheinlich ist Voldemort auf dem Trip, er müsse jetzt, wo diese andere Hexenlady unterwegs ist ... Öhm, ich halt besser den Mund." Catherine hatte ihn sehr genau angesehen, beinahe kritisch. Dann meinte sie ernst:

"Das du zu denen gehörst, die wissen, daß da eine andere Hexe unterwegs ist, die wohl mehr Macht hat als die anderen dunklen Hexenführerinnen macht dich für Leute wie diesen Voldemort angreifbar, wie du weißt. Am besten erzählst du keinem mehr davon, was ich dir damals angedeutet habe."

Julius nickte. Er hätte ja fast verraten, daß er sogar noch etwas mehr wußte, nämlich daß diese mächtige Hexe, die ihn als Lockvogel für Hallitti und seinen von ihr versklavten Vater benutzt hatte entweder Sardonias oder Anthelias Wiedergeburt in Barty Crouches Körper war. Wenn er es von der offiziell toten Jane Porter richtig mitbekommen hatte, dann konnte diese Hexe auf Crhouches Gedächtnis zurückgreifen. Das hieß, sie wußte alles, was dieser Verbrecher während seiner Zeit in Hogwarts in der Tarnung von Moody über Julius herausgefunden hatte. Dabei fragte er sich wieder einmal, warum sie ihn unversehrt hatte laufen lassen. Er konnte sich nicht vorstellen, daß sie wissentlich einen Zeugen zurücklassen würde. Die einzige logische Erklärung dafür war, daß sie das wollte, daß jemand von ihr berichtete. Vielleicht brauchte sie unabhängige Zeugen, die bestätigten, daß sie die war, als die sie sich ausgab. Wegen ihr hatte er die Occlumentie erlernt. Durch ihre Mitschwestern war sein Vater zwar aus dem zerstörerischen Bann Hallittis befreit worden, wußte aber von sich und ihm nichts mehr und war der Gnade überlassen, ganz von neuem aufzuwachsen, hoffentlich weit genug weg von dieser Hexe oder den noch existierenden Abgrundstöchtern, die ihn in zwanzig Jahren vielleicht wieder heimsuchen könnten, weil die ja alt wie Urwaldbäume und Drachen werden konnten und zwanzig Jahre für die wie ein paar Wochen für einen Menschen sein konnten. Catherine sah ihn an, als wolle sie seine Gedanken lesen. Reflexartig versuchte er, seinen Geist zu entleeren, daß sie keinen Gedanken von ihm erfassen und alle anderen Gedanken daran herausziehen konnte.

"Ich gehe davon aus, daß es zwischen dieser Hexe und Voldemort nun zu einem offenen Machtkampf kommen wird. Aus Gründen, die ich dir nicht nennen darf fürchte ich, daß der Angriff auf Millemerveilles eine Vergeltungsmaßnahme nach sich zieht."

"Wenn du diese Hexe meinst, daß sie vielleicht Sardonia nacheifern will und deren altes Hauptquartier haben will, dann könnte es auch sein, daß die sich gestern schon beharkt haben. Denn Voldemort und diese Hexe kommen wohl nicht nach Millemerveilles rein und ..."

"In ihrem Geheimzimmer sitzt deine Tochter, Blanche. Sie hat den Jungen drin", sagte Joe.

"Eine merkwürdige Wortwahl pflegst du manchmal, Joseph. Aber ich führe es mal auf deinen Unwillen zurück, unsere erhabene Sprache richtig zu pflegen", hörten sie Professeur Faucons Stimme von draußen. Julius mußte wieder unpassend grinsen. Das Catherine in drin hatte war ja auch echt zweideutig.

 

"Am besten gehst du wieder hoch, damit ich mit meiner Mutter über die Sachen sprechen kann, die ich dir nicht erzählen darf", sagte Catherine und öffnete die Tür des dauerhaft mit Klangkerker bezauberten Raumes. Professeur oder auch Madame Blanche Faucon stand im himmelblauen Umhang vor der Tür, sah Catherine an und dann Julius. Dieser wendete Occlumentie an, um der Lehrerin keinen Gedanken von sich zu überlassen. Sie sah ihn an und meinte dann:

"Was hast du ihm erzählt, Catherine?"

"Ich habe ihm den Zeitungsartikel gegeben und mit ihm kurz besprochen, was bei euch los war", sagte Catherine. "Mehr war nicht."

"Gut, meine Tochter. Julius kann nach oben gehen und mit denen kontaktfeuern, die er erreichen möchte. Aber mittlerweile kannst du sogar nach Millemerveilles mentiloquieren", sagte sie. "Irgendwas, wovon wir nicht wissen, was es war, hat die Dementoren aus dem Dorf hinausgetrieben, nach meinen eigenen Beobachtungen regelrecht hinausgezogen. Danach konnte ich mit einigen Leuten, die ich gut kannte mentiloquieren. Der Abwehrdom ist also nun für konzentrierte Geistesbotschaften durchlässig geworden, was er vorher nicht war."

"Du meinst, nachdem Sardonia vernichtet wurde, Maman", sagte Catherine leicht erregt. Ihre Mutter nickte. Julius meinte zu verstehen und mentiloquierte Madame Faucon:

"Die andere Hexe, diese Wiederkehrerin hat die Dementoren ausgetrieben."

"Durchaus wahrscheinlich", erwiderte Professeur Faucon auf gedanklichem Weg. Dann wies sie ihm den Flur zur wohnungstür. Julius nickte und verließ die Wohnung, ohne Joe mit einem Wort zu würdigen, der gerade mit zwei CD-ROMs in der Hand auf dem Weg nach draußen war.

Oben in der Wohnung, die seine Mutter und er bewohnten, setzte er sich ruhig hin, sammelte seine Gedanken ein, blendete sie dann ganz aus und stellte über die fünf von Jane Porter unterrichteten Stufen Kontakt mit Camille Dusoleil her. Wie schon häufiger erlebt war die gegenseitige Gedankenverbindung so stark, daß er meinte, sie stecke direkt in seinem Kopf und seine an sie gehenden Botschaften wären Chorgesang in einer Kathedrale wie St. Paul in London oder der römische Petersdom.

"Uns geht es gut, Julius. Wir haben alle im Haus gesessen, Florymont, Jeanne, Bruno, Denise und ich. Nur einmal mußte ich raus, um ein Pulk Dementoren zurückzudrängen. Mamans Artefakt, daß ich von dir bekommen habe, hat einen eingelagerten Patronus. Außerdem habe ich die Zauberformel benutzt, die seine ganze Kraft aktiviert. Damit habe ich wohl viele Dementoren zugleich verscheucht. Ich höre auch, daß viele von uns den Dementoren irgendwie entkommen sind, obwohl die in der Überzahl waren. Kann auch an der Kraft des Artefaktes gelegen haben, muß aber nicht", berichtete Camille als spräche sie direkt zu ihm. Offenbar empfand sie das Mentiloquieren über diese große Entfernung als genauso einfach wie einen Telefonhörer an Mund und Ohr zu halten. Julius teilte ihr nur mit, daß Catherine gerade mit ihrer Mutter spräche.

"Ich habe da so'n Verdacht, daß die Dementoren von irgendwas oder irgendwem endgültig aus Millemerveilles hinausgetrieben wurden und nicht mehr zu uns kommen können. Blanche denkt das auch. Vielleicht kommst du besser doch zu uns, wenn dir in eurer Pariser Prachtwohnung die Decke auf den Kopf zu fallen droht."

"Wenn dieser Dementorenangriff nicht alles Leben in der Zaubererwelt lahmgelegt hat will mich Hippolyte Latierre am Mittwoch zum Quidditch mitnehmen", erwiderte Julius, der sich nun in eine Lage versetzt hatte, wo er so entspannt es ging denken konnte.

"Ja, und dann wirst du wohl im Sonnenblumenschloß herumgereicht, wenn ihre Mutter den halben Hoffnungsclub da wieder zusammenholt. Könnte sein, das die auch in dieser Nacht bei ihr untergekrochen sind. Es gibt da ein Hexenritual, daß Vox-Matrium heißt, wo Hexen, die über drei Generationen direkt miteinander verwandt sind ein gemeinsames Lied singen, während sie in einem vorher auf sie abgestimmten Kreis sitzen. Wenn Jeannes Tochter groß genug ist werden wir dieses Lied und das damit zusammenhängende Ritual einüben", mentiloquierte Camille. Dann wünschte sie Julius ruhige Tage und wiederholte ihr Angebot, ihn bei sich unterzubringen, falls er doch zu viel Angst hatte, in der freien Welt herumzulaufen.

Heiß und leicht brummend fühlte sich sein Kopf an. Eine derartig lange Sitzung hatte er noch nie durchgehalten. Aber offenbar waren er und Camille Dusoleil besonders gut aufeinander abgestimmt wie zwei hochempfindliche und nebenbei sendestarke Funkgeräte, die eine ideale Frequenz besaßen. Er traute sich nicht so recht, nun auch Madame Ursuline Latierre anzumentiloquieren, weil er nicht wußte, ob aus dem dumpfen Brummen in seinem Kopf nicht ein sehr schmerzhaftes Pochen werden würde, wenn er sein Gehirn derartig hochjubelte. so zündete er ein Feuer im Kamin an, warf etwas von dem Zauberpulver hinein, steckte seinen Kopf in die smaragdgrünen Flammen und rief: "Château Tournesol!" Er wußte zwar nicht, wo genau sein Kopf dann in dem weitläufigen Schloß ankommen würde, aber wenn dort keine Kaminsperre war ... Er fühlte seinen Kopf herumwirbeln. ließ die Augen geschlossen und wartete auf etwas, das ihm zeigte, daß er angekommen war. Es dauerte ein wenig. Dann hockte sein Kopf irgendwo. Er öffnete seine Augen und sah sich um. Das Feuer, in dem sein Kopf steckte prasselte in einem der prunkvollen Marmorkamine, die wohl im großen Festsaal angebracht waren. Eine leise Glocke ertönte. Womöglich war der Kamin mit einem Meldezauber gekoppelt, der einen Anrufer anzeigte. Da kam auch schon jemand in den Raum herein. Es war aber nicht die rundliche Matriarchin Ursuline, sondern ihre Tochter Béatrice. Sie sah Julius' Kopf und trat näher.

"Ah, guten Morgen Julius. Wolltest du dich nach unserem Befinden erkundigen? Das ist aber nett. Maman schläft noch. Die haben in der Nacht einen Abwehrzauber gegen dunkle Kreaturen gesungen, als unsere Alarmzauber losgingen und meine landflüchtige Schwester Hippolyte mit ihrer ganzen Familie ankam, um sich in übertragenen Sinne in den Mutterschoß zurückzuflüchten. Ich habe das heute morgen gelesen mit den Dementoren. Ist viel passiert?"

"Die hatten es wohl vor allem auf Millemerveilles abgesehen. Weiß der, der die dahingeschickt hat, was die da zu suchen hatten. Vielleicht wollten die nur zeigen, daß sie da immer und immer reingehen und Terror machen können", sagte Julius.

"Das ist alles, was die rausgelassen haben, Julius. Das kaufe ich dir, beziehungsweise denen, die dir das so erzählt haben nicht ab. Redet die Patientin der gestrengen Hera gerade mit ihrer Mutter und deiner Saalvorsteherin?"

"Öhm, ja tut sie. Aber ich darf davon nix wissen, was die so bereden."

"Und das ärgert dich?" Fragte Béatrice mädchenhaft grinsend. Julius fragte sich, ob er da wirklich die im Moment sehr auf Durchsetzung machende Béatrice oder wohl doch eine ihrer erwachsenen Schwestern vor sich hatte. Doch die erwachsenen Schwestern waren gerade mit Nachwuchs unterwegs.

"Sagen wir's so, ich bin es gewöhnt, Sachen nicht zu hören zu kriegen, bis sie für mich echt wichtig werden. Im Moment sieht ja alles so aus, als wäre es nicht wichtig genug für mich, daß zu wissen oder zu gefährlich."

"Gut, dann komm rüber! Ich sehe zu, Maman zu wecken, damit sie von dir hört, was du angeblich nicht weißt", sagte Béatrice. Julius war sich sicher, daß die Hexe da nicht legilimentiert hatte, was ihn so umtrieb. Er sagte zu ihr:

"Ich darf nur kontaktfeuern oder nach Abmeldung floh-pulvern. Außerdem will ich deine Mutter nicht unnötig aufregen."

"Im Moment ist sie nicht schwanger, Julius. Ich sehe es dir an, daß du versuchst, mit etwas hinterm Berg zu halten, weil deine Fürsorgerin und ihre gestrenge Mutter dir das verboten haben. Gut, ich darf dir keine Anweisungen erteilen. Aber ein Hun das gackert und kein Ei legt ist schon was merkwürdiges."

"Erstens bin ich ein Hahn und zweitens habe ich schon laut genug gekräht", sagte Julius. Er konnte sich nicht helfen, aber diese Béatrice kam ihm im Moment so vor wie Martine, nicht übereifrig, sondern eine gute Mischung aus Disziplin, Stärke und Gefühlen. Er fragte keck, ob die noch alle da seien. Béatrice nickte und trat etwas näher, daß sie fast von den Flammen berührt wurde.

"Dann grüße sie bitte alle und sage ihnen, uns ginge es auch gut, und die in Millemerveilles hätten auch alle überlebt!"

"Ja, mach ich. Hipp wird dich dann wohl noch einmal ansprechen, wo du hinkommen kannst. Vielleicht floh-pulverst du dann gleich in die Rue de Camouflage."

"Wenn da im Moment keine Dementoren mehr rumlaufen", meinte Julius. Béatrice verzog etwas das Gesicht. Dann sagte sie noch:

"Ich denke, Maman würde sehr traurig sein, wenn du nicht mit ihr selber sprichst. Am besten meldest du dich heute nachmittag noch einmal!"

"Kann ich machen. Habe ja gerade sturmfreie Bude."

"Mit wem bandelst du an, Trice?" Hörte er Ursulines Stimme aus einiger Entfernung. Es klang aber nicht verärgert, sondern belustigt. Dann trat Ursuline Latierre in einem weiten Morgenrock mit Sonnenblumenmustern in Julius' Blickfeld.

"Guten Morgen, Ursuline. Ich wollte nur fragen, ob bei euch alles in Ordnung ist. Catherine hat mir nämlich die Zeitung von heute gegeben. War ein Horror-Heft."

"Ja, böse Dementoren. Ich hab's von Celestine Chevallier", sagte Ursuline und sah Julius' Kopf etwas vorwurfsvoll an. "Ich mag's nicht so gerne, wenn jemand mir nur den Kopf vorbeischickt. Kann ich zwar gut mit leben, wenn es offiziell oder als Anmeldung gedacht ist, aber nicht für Plauderstündchen."

"Öhm, ich bin gleich wieder weg, Ursuline. Ich wollte nur hören, daß es euch gut geht", sagte Julius.

"Ist deine Maman schon unterwegs, oder haben sie das wegen der Dementoren abgesagt?" Fragte Ursuline. Julius antwortete, daß seine Mutter bereits vor zwanzig Minuten abgereist war. Belle habe kein Wort über Dementoren verloren.

"Wird schon wissen warum sie das nicht sagt, die Madame Grandchapeau", warf Béatrice ein. Julius nickte, zumindest bewegte sein Kopf sich einmal vor und zurück. Dann sagte er:

"Ich wünsche noch einen ruhigen Tag, die Damen."

"Moment, junger Mann! Ist die gute Blanche gerade bei euch?" Fragte Ursuline. Julius überlegte, ob er das jetzt bestätigen sollte. Offenbar dauerte das zu lange für Ursuline. Sie nickte entschlossen.

"Dann mach mal Platz, ich komme sofort nach!"

"Öhm, ich muß jeden Besucher anmelden", sagte Julius schnell.

"Das mache ich schon. Besser, ich komme durch den anderen Kamin. Aber trotzdem muß ich den jetzt nehmen, wo du gerade sitzt. Trice, wenn Hipp und Babs nach mir fragen sage ihnen, ich sei bei Catherine, um der guten Blanche Faucon geborene Rocher auf die Zehen zu treten."

"Ich fürchte, daß könnte Sie dir übelnehmen", sagte Julius voreilig. Ursuline lachte.

"Die nimt mir so vieles übel", lachte sie und breitete die Arme weit aus, als wolle sie die ganze Welt umfangen, "daß es darauf auch nicht mehr ankommt. Und jetzt, wo es nicht um Pattie geht muß ich auch nicht die vorbildliche und auf guten Umgang bedachte Mutter spielen."

"Nachdem, wie ich das gestern mitbekam hattest du dabei aber keinen großen Erfolg, wie", feixte Julius, der testen wollte, wieviel Frechheit Ursuline, die selbst kein Blatt vor den Mund nahm vertragen konnte. Das Ergebniss machte ihn wortwörtlich schwindelig. Denn die rundliche Matriarchin mit den langen, rotblonden haaren, die noch kein bißchen Grau enthielten, eilte ohne Vorwarnung an den Kamin, bückte sich mit vorstoßendem Zauberstab und berührte den für Julius nicht sichtbaren Sockel. "Hic sit totus!" Rief sie. Als wenn Julius von einem Katapult in eine wild rotierende Wäscheschleuder geschossen worden wäre fühlte er seinen Körper herumwirbeln, kniff die Augen zu ... und fiel weich in die ausgebreiteten Arme der Latierre-Matriarchin, die kindlich vergnügt lachte, weil ihr dieser Streich gelungen war. Julius wollte gerade ansetzen, zu fragen, ob das bei allen Kaminen ging, als die für ihre Fülle sehr bewegliche Hexe in den Kamin kletterte, in dem gerade noch grünes Feuer glomm und "Rue de Liberation!" Rief. Wusch! Verschwand sie. Wuff! Erlosch das Feuer. Krach! Fiel ein Fallgitter von oben auf den Kamin herab und machte ihn damit unbetretbar. Julius stand nun, mehrere hundert Kilometer von der Rue de Liberation entfernt, mitten im Sonnenblumenschloß der Latierres.

"Oh, Drachenmist! Die hat mich doch glatt überrumpelt. Ich werde alt", knurrte Julius. Béatrice lachte erheitert. Ja, die konnte auch lachen, erkannte Julius merkwürdig erleichtert.

"Wenn du auf ihre Fragen keine Antworten gibst, setzt sie immer ein Ja voraus. Wer schweigt stimmt zu, Julius. Da du zu lange gedacht hast hat sie erkannt, daß Professeur Faucon bei ihrer Tochter ist. Die beiden waren fast im gleichen Jahrgang in Beauxbatons."

"Aber deine Mutter nimmt sich vielleicht jetzt zu viel raus und ..."

"Ich denke, Maman weiß genau, mit wem sie wie umgehen kann. Das denken die meisten von ihr nur deshalb nicht, weil sie sonst zugeben müßten, daß sie sich selbst zu hoch oder zu niedrig einschätzen. Deine Frechheiten beantwortete sie sofort, indem sie dich einfach in einem Stück aus dem Kamin pflückt, und ich denke, die wird sich gleich mit der Mutter deiner Fürsorgerin in die Wolle kriegen, warum die Dementoren nach Millemerveilles wollten und warum man nun auch von außerhalb der Abwehrglocke jetzt wieder hineinmentiloquieren kann. Maman gilt zwar nicht als die Sardonia-Expertin, hat aber aus unserer Familienchronik einige Aufzeichnungen über, die beschreiben, wie das mit dem Mentiloquieren vorher ging und danach bis heute nicht mehr ging. Du hast ihr die Paradegelegenheit geboten, sich jetzt mit wem aus der Riege der eingetragenen Experten auszutauschen."

"Vielleicht sollten wir da noch einmal drüber Sprechen, wenn Professeur Faucon mich in einen Putzlumpen oder dergleichen verwandelt hat und mit mir die halbe Akademie durchfeudelt", sagte Julius.

"Besser als als Bettpfanne im Schrank zu stehen", erwiderte Béatrice schalkhaft grinsend. Julius fragte sie nun frei heraus:

"dir geht es heute aber sehr gut, oder?"

"Meine Schwestern liegen im Bett und schlafen. Am liebsten würde ich sie anketten und nicht mehr losmachen, bis meine Nichten und Neffen selbständig atmen können. Da sie wohl noch etwas schlafen habe ich gerade frei."

"Oh, Mist, dann habe ich dich gestört?" Fragte Julius.

"Wobei? Ich habe gerade überlegt, was für ein Buch ich mir aus der Bibliothek holen soll, um die zwei Stunden auszufüllen oder ob ich im Sonnenblumenwald herumlaufen soll."

"Sind deine ganz kleinen Schwestern denn auch noch im Bett?" Fragte Julius.

"Oh, die werden wohl gleich losschreien. Danke für den Hinweis. Die müssen gleich gewickelt werden. Warte hier am Besten, bis ich wiederkomme!"

"Ich komme hier eh nicht weg. Wie will deine Mutter eigentlich wieder zurückkommen, wenn dieses Fallgitter da ist?" Fragte Julius. Doch die Antwort fiel ihm so schmerzhaft ein, als habe ihm wer mit einem Gummihammer an die Stirn geklopft. "Natürlich, von drinnen her geht's. Wer ankommt läßt das Ding automatisch hochfahren. Aber wieso hat die mich hier stranden lassen?"

"Weil "Die" wollte, daß du ihr nicht im Weg rumläufst", sagte Béatrice kühl wie ein Bergsee. Julius mußte erkennen, daß Millie ihn verladen hatte, was die achso strenge Tante anging. Sicher, wsie hatte im Moment viel um die Ohren mit den ganz kleinen Schwestern, sowie mit den bald ankommenden Nichten und Neffen. Aber wenn sie mal Zeit hatte, war sie doch noch wie ein großes Mädchen, fand er. Sicher, daß sie nicht prüde war und für aberwitzige Sachen zu haben war, wenn sie fand, daß das was brachte, wußte niemand besser als er selbst. Aber zwischen dieser Hexe und der, die Weihnachten noch mit ihm über sein Gefühlsleben gesprochen hatte lag doch ein gewisser Unterschied. Weil er im Moment nichts besseres zu tun hatte bot er an, Béatrice bei der Säuglingspflege zur Hand zu gehen, weil er es im Moment sehr schön fand, daß sie nicht ungehalten oder streng herüberkam. Sie sah ihn kurz an, nickte dann und nahm das Angebot an.

"Bist immer noch gut in Übung mit Constances Kind", meinte sie. "Klar, Millie und du dürft ja andauernd mit der kleinen arbeiten, hat sie mir geschrieben."

Als sie in ein geräumiges Schlafzimmer kamen, wo ein großes Bett und zwei seitlich davon aufgestellte Wiegen mit einem großen Kleiderschrank und einem mit unbeschmutzbaren Tüchern bezogenen Wickeltisch standen fragte Julius, ob ihre Mutter hier alleine schlief, weil sie die Kinder hatte.

"Solange sie noch stillt möchte sie bei den Kindern sein. Papa ist nicht sonderlich böse deswegen. Er fürchtet vielleicht, Daß Maman bald das nächste Kind von ihm kriegen will", sagte Béatrice. Das war wirklich eine andere als die die er vorher kennengelernt hatte. Eine andere Tür ging auf, und Millie, Patricia und Mayette kamen herein. Millie sah Julius verwundert und dann hocherfreut an. Sofort wechselte Béatrice in den Strenge-Tante-Modus zurück.

"Was wollt ihr denn jetzt hier!" Zischte sie ungehalten.

"Pattie meint, die kleinen müßten wohl wieder trockengelegt werden, Tante Trice", versetzte Millie. "Wir wollten Oma Ursuline fragen, ob wir ihr helfen dürfen."

"Mädels, die freiwillig Babys wickeln?" Entschlüpfte es Julius unbedacht.

"Ja, genau wie Jungs", erwiderte Millie. "Oder wolltest du meiner Tante nur zugucken, ob sie's besser kann als es uns Schwester Florence andauernd hat durchziehen lassen?"

"Der Gedanke kam mir glatt", log Julius. Béatrice mentiloquierte ihm:

"Latierres mögen Kinder, und Mädchen aus dem Stall legen auch Hand an, damit sie nicht im eigenen Dreck ersticken müssen." Julius sah Mayette an. Diese schien das so zu deuten, daß er nicht alleine gekommen war und fragte nach Babette. Julius sagte aber nur, daß Babette bei ihrer Mutter sei.

"Babette meinte gestern, ich könnte bei ihr schlafen, weil ihre Maman nichts dagegen sagen würde. Ihr Papa hat zwar blöd gekuckt, aber sich nicht getraut, was zu sagen."

"Hatte wohl Angst, daß Oma Line ihn wieder zum Schach rausfordern würde, wenn er nein sagt", feixte Millie. Béatrice sah die drei Mädchen an, dann Julius.

"Also, Pattie und Mayette. Ihr könnt die beiden wickeln, wenn ihr das gerne machen wollt. Zu trinken brauchen sie hoffentlich nicht. Andernfalls kriegt dann meine vorwitzige Nichte Mildrid den Nutrilactus-Trank und kann das mal ausprobieren, ob sie zwei auf einmal satt kriegt."

"Den schluckst du selber, Tante Trice", knurrte Millie und winkte Julius, weil sie fand, daß sie ja hier nicht mehr gebraucht würde. Doch Julius ging nicht darauf ein. Ihn interessierte es jetzt er, was die gestrenge Tante noch für Betriebsarten besaß. Millie starrte ihn einige Sekunden an und verzog sich dann.

"Wo is'n Maman, Trice?" Fragte Pattie.

"durch den Kamin raus", erwiderte Béatrice, nun wider etwas lockerer. Sie sah zu, wie die beiden jüngeren Schwestern die ganz jungen Schwestern vorsichtig aus den Wiegen hoben, leicht naserümpfend schnupperten und dann von einem inneren Anstoß beflügelt die nötigen Vorbereitungen trafen. Julius holte einen Badebottich unter dem Tisch hervor. Béatrice ließ aus dem Zauberstab Wasser einlaufen und erwärmte dieses vorsichtig. Dann stellte sie sich mit Julius abseits und verfolgte die Prozedur, die damit endete, daß die beiden leicht quängeligen Babys sauber und Trocken zurück in die Betten gelegt wurden. Pattie und Mayette sangen ihnen noch ein Schlaflied, dann zogen sie sich leise aus dem Mutter-Kind-Schlafzimmer zurück. Béatrice nahm Julius bei der Hand und führte ihn leise durch die andere Tür zurück.

"Ich habe meiner Mutter mentiloquiert, daß wir die Kleinen umgepackt haben. Professeur Faucon war zwar nicht sonderlich begeistert, daß Maman in eine offenbar ganz geheime Geheimsitzung reinplatzen wollte, aber offenbar hat sie wirklich was auf der Hand, was sie ausspielen konnte."

"Auf der Hand? Öhm, Kartenspiel? Deine Mutter spielt doch Schach, soweit ich mitbekommen habe."

 

"Ja, und Bridge und Skat und wenn es ihr ganz gut geht sogar Poker. Aber Schach ist für sie die Leidenschaft."

"'tschuldigung, Béatrice. Ich wollte nicht indiskret sein."

"Oh, das würde bei meiner Mutter schwierig", sagte Béatrice wieder vergnügt. Jetzt war sie wieder im Großes-Mädchen-Modus, stellte Julius fest. Komischerweise dachte er im Moment nicht mehr daran, daß er von Ursuline ausgetrickst und hier zurückgelassen worden war. Er fragte, was denn indiskret sei.

"Wenn ich dir das sagen würde wäre das durchaus indiskret, Julius", lachte Béatrice, die sich nicht so leicht überrumpeln ließ. Julius nickte. Schön wär's gewesen.

unbewußt folgte er Béatrice in den Schloßgarten, den großen Park, wo hunderte von baumgleichen Riesensonnenblumenstanden, die dem Stammsitz des Latierre-Clans seinen Namen gaben. Julius rechnete damit, daß es im Moment keine großen Blumen gab, weil ja von viel Sonne noch keine Rede sein konnte. Doch die Zierde des Parks war bereits in voller, gelb-weißer Blütenpracht. Der Kräuterkunde-Interessierte in ihm meldete sich sofort zu Wort:

"Also doch Hybriden. Ich dachte beim ersten Mal, daß hier nur magische vergrößerte Standardsonnenblumen stünden. Aber die sind ja wie Bäume."

"Ja, Camille Dusoleil war auch schon mal hier und hat sich das angesehen und das beneidet. Arboriflorifikation hat sie das genannt, also Blumen mit Baumeigenschaften zu versehen. In den Niederlanden soll es - was wohl sonst - zwanzig Meter hohe Tulpen geben, die vor dem Landsitz eines Zauberers namens Rud van Drakens stehen", sagte Béatrice, und ihre Stimme strich als feines aber durchaus hörbares Echo im Gewirr der hohen, leicht holzigen Stengel umher. Julius hatte diesen Park im Sommer besucht und sich hier gleich wohlgefühlt. Hier in der Gegend wäre es zwischen ihm und Claire fast zu einem wilden, spontanen Liebesakt gekommen, wenn Béatrice sie beide nicht davon abgebracht und ihnen die Geschichte mit Orions verfluchtem Buch erzählt hätte. Was danach passierte, gehörte für Julius seitdem zu den einprägsamsten und herrlichsten Erinnerungen seines Lebens. Béatrice schien zu spüren, daß er nicht nur auf die Sonnenblumen sah und meinte:

"Millie hat gestern rausgelassen, daß sie wohl Krach mit Schwester Florence wegen irgendeiner Zankerei mit Belisama hat. Hast du davon was mitgekriegt?" Die Frage klang nicht vorwurfsvoll sondern leicht besorgt, fand Julius. Er konnte nicht anders als zustimmend nicken. Als er dann aber erzählen mußte, worum es denn ginge, sagte er nur:

"Die beiden käbbeln sich wohl um wen, von dem beide denken, er wolle eine von ihnen als Freundin oder mehr. Ich kenne mich mit Mädchenträumen nicht aus."

"Hmm, solange du nicht das bist, von dem sie träumen, Julius. ... Hmm, dann müßtest du das auch nicht mitkriegen. Aber ich gehe doch jetzt stark davon aus, daß Millie immer noch darauf hofft, du könntest mit ihr gut auskommen und dann noch besser mit ihr zusammenfinden. Ist doch so, oder?"

"Hmm, sie hat mal was in der Richtung angedeutet", druckste Julius herum. Einerseits wollte er Béatrice nicht alles auf die Nase binden, um Millie nicht dumm reinzureiten. Andererseits wollte er ihre Meinung hören, was ja nur ging, wenn sie genug wußte, um sich eine zu bilden. Unvermittelt beschwor Béatrice zwei bequeme Stühle aus dem Nichts, so schnell, daß Julius erkannte, daß er in dieser Übung noch einiges aufzuholen hatte. Sie setzten sich hin. Béatrice mußte ihm noch nicht mal was befehlen. Sie sah ihn ruhig an und sagte:

"Du kommst mit beiden gut klar, ich meine jetzt mit Mildrid und Belisama?"

"Ich sehe sie als Kameradinnen und nette Gesprächspartnerinnen. Ich weiß eben nur von der Sache, wo ich Millie im Scherz was von einer ganzen Quidditch-Mannschaft Kinder erzählt habe, die ich in ihren Augen sähe. Seitdem zieht sie mich und andere damit auf, daß wir beide wohl ideal zueinander passen könnten. Als Claire noch da war habe ich das als Auswirkungen meiner eigenen Blödheit abgetan. Aber im Moment scheint Belisama Millie angestachelt zu haben, irgendwas zu drehen, um zu sehen, ob ich das wert bin oder nicht. Für mich ist das albern. Aber ich weiß von meinem früheren Schulkameraden Kevin, daß ich in der Hinsicht vielleicht schon zu übergescheit bin. Andere würden das vielleicht supertoll finden, daß sich zwei gut aussehende Mädels um einen zanken."

"Ist ja nett, Millie als gut aussehend zu bezeichnen", sagte Béatrice ruhig. Dann wartete sie, ob Julius noch was sagte. Doch er schwieg. Er hörte dem Gesang der Vögel zu. So sagte sie, wobei sie seine Hand nahm, was ihn schlagartig voll konzentriert machte:

"Hat Madame Rossignol irgendwas zu dir gesagt, ob du mit der Situation irgendwie umgehen sollst?"

"Sie meinte nur, wenn ich das angeleiert hätte sollte ich zusehen, es bald möglichst wieder abzustellen, wie ein Löwinnenbändiger im Zirkus oder sowas."

"Will sagen, sie will, daß du dich endlich festlegst und klar ansagst, mit der geht was und mit der anderen wird nichts laufen. Stimmt's? Natürlich stimmt's!"

"Ich habe wohl ein Problem", sagte Julius.

"Einerseits möchtest du endlich wieder auftauen. Andererseits verbieten deine Erziehung und die Schulregeln von Beauxbatons, daß du dich einfach mal auslebst und dann weißt, was du willst. Weil das ist wohl das Problem, daß du hast. Um zu wissen, was du bist und willst, müßtest du was tun, was du aber nicht tun darfst."

"Ich muß nicht gleich mit einer von denen zur Sache kommen, Béatrice", wandte Julius ein.

"Natürlich nicht", erwiderte Béatrice immer noch ganz ruhig, als sei sie weder eine Heilerin noch die Tante einer gerade ihre eigenen Vorlieben austestenden Junghexe. "Andererseits kannst du auch nicht einfach sagen, ich probier es jetzt mal mit der einen, ob was beziehungsmäßiges möglich ist und wenn nicht, dann die andere."

 

"Öhm, in die Richtung geht das", bestätigte Julius halbherzig.

"Du sollst das bald abstellen? Dann müßtest du eine der beiden dazu bringen, mit dir den Corpores-Dedicata-Zauber zu wiederholen. Klappt er, dann habt ihr Glück. Klappt er nicht, sollen sich die Eltern drum zanken, ob jemand Ansprüche stellt oder nicht. Die leben ja nicht in Beauxbatons."

"Vielleicht sollte ich es einfach nur darauf ankommen lassen. Bei einer Feier oder sowas bei sein und sehen, wohin es mich zum Schluß treibt", sagte Julius. Béatrice grinste.

"Der erste Punkt ist nicht schlecht, es einfach laufen zu lassen und sehen, wo es hinfürht. Aber das solltest du nicht auf einem Fest tun, wo du nachher alles auf die Stimmung rundum schieben kannst!"

Julius befand, daß er eine Frage stellen solte, die eine Latierre ihm sicherlich frei beantwortete. Martine hatte ihm darauf ja schon eine Antwort gegeben. So fragte er:"Was ist an mir dran, was Mädchen wie deine Nichte Mildrid so an mir interessiert macht? Wenn ich so'n Frauenheld wäre, könnte ich ja die Antwort selbst geben. Aber sowas war und bin ich nicht."

"Im Grunde bist du durch den Alterungsfluch körperlich so gut wie erwachsen. Dann hast du allen gezeigt, daß du was weißt und kannst. Dann hältst du dich auch sportlich und hast durch dein blondes Haar eine gewisse Attraktivität. Ich hoffe mal, du fühlst dich jetzt nicht zu sehr gebauchpinselt."

"Ähnliches haben mir schon andere gesagt", sagte Julius leicht bekümmert. Béatrice sah ihn verwundert an. Dann fragte sie ihn:

"Quid pro quo, Julius. Was gefällt dir an den Töchtern der Latierre-Sippe? Vom Aussehen bis zu den Eigenschaften bitte."

Julius sah Béatrice an, eine hochgewachsene Frau mitte zwanzig, mit schulterlangem, rotblondem Haar, welches im Licht der Vormittagssonne warm und hell glänzte, die rehbraunen Augen, die ihn genauso konzentriert begutachteten wie er sie, die an den entscheidenden Stellen gut ausgeprägt und mit kräftigen Armen und Beinen versehen war, ein breites, geschwungenes Becken besaß und, wie bisher nur er wußte, kräftige Bauch- und Unterleibsmuskeln ihr eigen nannte. Dann sagte er so ruhig, um die in ihm unmittelbar erwachende Erregung zu überspielen:

"Da du eine der bereits ausgereiften bist hätte ich, wenn ich mit dir zusammen wäre eine sehr sportliche, aber auch weich ausgeprägte Gefährtin, nur mal angenommen. Das spricht mich schon an, wie ihr ausseht, obwohl ich erst dachte, daß schwarzhaarige Mädchen mein Typ sind. Hat also wohl nicht nur mit dem Aussehen zu tun. Ich persönlich mag starke Frauen, die sowohl intelligent aber auch fröhlich sind und es irgendwie raushaben, die anderen damit anzustecken, aber gleichzeitig auch ruhig sein können, und trotzdem irgendeine große Energie in sich haben, die sie dann umsetzen wollen, wenn es passt oder wirklich wichtig ist. Ich hoffe, daß war jetzt nicht zuviel Bla-bla!"

"Sehe ich nicht so. Du hast mir gerade verraten, daß du durchaus Spaß am Leben haben möchtest, aber dich nicht traust, rauszukriegen, was dir Spaß macht. Am besten gehst du bei meiner Mutter in die Lehre, sofern Catherine und Madame Faucon sie nicht zur Unperson für dich erklären. Ich sehe das nämlich so, daß du seit dem Einstieg in die Zaubererwelt immer nur herumgereicht wurdest, um zu lernen oder die neuen Sachen als gegeben hinzunehmen. Das ist so, und warum sollte ich das jetzt gut oder schlecht finden und dergleichen. Ich hatte in Millemerveilles schon den Eindruck, daß du gerne ein paar Tage unangeleitet herumforschen möchtest, aber dann doch Angst vor dem eigenen Mut hast. Das ist nichts schlimmes, das habe ich zum Teil auch. Ich stelle sogar fest, daß wir beide trotz des kleinen Altersunterschiedes, der in der Zaubererwelt absolut nichts besagt, viele Gemeinsamkeiten haben. Na, kommst du drauf?" Sie sah ihn herausfordernd an.

"Öhm, die Sachen gut hinkriegen, die wir zu tun haben, neues lernen, experimentieren ..."

"Gut", lobte ihn Béatrice mit warmem Lächeln. "Mit den eigenen Einschätzungen kannst du schon was anfangen."

"Julius, bleib erst einmal bei den Latierres!" Durchpulste ihn Catherines Gedankenstimme. Er antwortete unhörbar:

"Ja, mach ich!" Dann dachte er noch für sich: "Was bleibt mir auch anderes übrig?" Béatrice merkte es wohl, daß er sich auf etwas anderes konzentriert hatte und wartete, ob er was sagen würde oder nicht. Als er ihr nur mitteilte, daß Catherine ihm zugeschickt hatte, daß er zunächst im Sonnenblumenschloß bleiben solle, grinste Béatrice überlegen.

"Im Klartext heißt das, daß meine Mutter ein längeres Gespräch mit Catherines Mutter angefangen hat und stimmt was ich gesagt habe, daß du ihr dabei nicht im Weg sein sollst. Aber machen wir das beste draus." Julius fragte sie, was sie damit meine, und sie antwortete, daß sie mit dem Rest ihrer Familie den Tag verbringen würde. Denn offenbar würde Catherine ihm genau mitteilen, wenn er wieder im Haus in der Rue de Liberation 13 erwünscht sei. Vielleicht, so vermutete Julius, konnte er erst wieder zurück, wenn Professeur Faucon selbst nicht mehr da war. Wahrscheinlich war es dann besser, ihr bis zum Ferienende nicht unter die Augen zu kommen. Danach ... Ihm grauste ein wenig bei der Vorstellung, daß sie ihm in Beauxbatons eine sehr heftige Standpauke halten würde, weil er weitergereicht hatte, daß sie gerade bei ihrer Tochter war, wenn das wirklich was ganz geheimes war, was keiner hätte mitkriegen dürfen, schon gar nicht die Latierres, mit denen Professeur Faucon wohl ihre persönlichen Schwierigkeiten hatte, die jetzt bestimmt nicht beendet wurden.

Sie sprachen noch ein wenig über ihre Hobbies. Julius erfuhr dabei, daß Béatrice neben ihrem Beruf gerne tanzen ging, töpferte und, was Julius merkwürdig vertraut stimmte, Bilder malte und schneiderte.

"Irgendwas muß ich ja machen, um nicht nur über Zaubertränke, Heilzauber, Schwangerschaften und Geburtshilfe nachdenken zu müssen", sagte sie. Julius wußte, daß Malen auch zu Claires hobbies gehört hatte. Millie hingegen war voll für Quidditch, Singen, Tanzen und Zaubertränke, Zauberwesen und magische Tierwesen zu haben. Er nickte Béatrice zu und sagte:

"Ja, das habe ich auch erst rausgekriegt, als ich die Gelegenheit hatte, was ich sonst gerne mache. Mit der Malerei habe ich erst einmal aufgehört, weil das mit Claire im Sommer merkwürdig war und Professeur Faucon mich unbedingt in ihrem Verwandlungskurs für Fortgeschrittene behalten wollte", sagte Julius.

"Ist ja auch nicht einfach, sich zu entscheiden. In Beaux hatte ich auch immer die Qual der Wahl, was ich jetzt in der Freizeit so machen sollte. Einfach für sich selber sein und was machen war da ja auch schon untersagt, wenn es nicht gerade um die Schularbeiten ging", erwiderte Béatrice. So plauderten sie noch eine lange Zeit, während sie durch den Sonnenblumenwald gingen. Offenbar war für die junge Heilerin dieser Spaziergang mit einem Jugendlichen Zauberschüler, der von Aussehen und Ausdrucksweise auf jeden Fall für sechzehn durchgehen konnte eine angenehme Erholung. Julius empfand es irgendwie als Aufatmen seiner Seele, mal nicht über Schule und von ihm verlangten Sachen reden zu müssen. Er erzählte ihr, was er früher so gemacht hatte. Zwar waren sie im Sommer ja mehrere Tage im Schloß gewesen, aber da waren sie sich bis auf jenes eine Mal, recht häufig aus dem Weg geblieben, zumal Millie und Claire da noch versucht hatten, sich gegenseitig von ihm fernzuhalten. einmal bekam Béatrice eine Gedankenbotschaft ihrer Mutter, sie möge die kleinen Schwestern füttern.

"Ich denke, die werden schon rechtschaffend hungrig sein", sagte Béatrice. Julius fragte:

"Mußt du den Nutrilactus-Trank nehmen, oder sind die schon entwöhnt?"

"Zu beiden Fragen nein, Julius. Das mit dem Trank habe ich Millie nur gesagt, weil sie mir zu frech werden wollte. Meine Mutter hat uns alle erst abgestillt, wenn die ersten Zähne kamen. Ihre Mutter, also meine Großmutter, hat sie selbst noch bis zum zweiten Lebensjahr miternährt. Aber die hatte nicht so viele Kinder", erwiderte Béatrice. "Sie hat mich gebeten, für den Fall, daß sie mal wo hingehen müsse, wo sie die Kleinen nicht mitnehmen könne, Milch von ihr auszulagern. Aber, ich sehe, das Thema interessiert dich offenbar mehr als einen Jungen sonst."

"Weil ich mit Cythera jede Woche irgendwie zu tun habe und ich dabei doch einiges mitkriege. Ist ja schon faszinierend, wie neue Menschen auf die Welt kommen. Madame Matine meinte ja, normalerweise seien Männer bei Geburtsangelegenheiten außen vor. Ich bin ja Einzelkind. Da habe ich ja von derlei nur was mitgekriegt, als ich selber betroffen war, und das weiß ich heute nicht mehr."

"Natürlich weißt du das noch. Aber du kannst dich nicht daran erinnern, weil das vor der Zeit war, wo du anfingst, alle Bilder mit Worten zu verknüpfen. Es gibt eine Methode, dich bewußt an ganz weit zurückliegende Sachen zu erinnern, sogar an die Zeit im Mutterleib, als die Sinnesorgane und entsprechenden Anlagen fertig entwickelt waren. Eine Clique von Zauberern hat sogar mal nachgeprüft, ob nicht bewiesen werden kann, wenn ein Mensch schon einmal gelebt hat oder daß eines Menschen Seele wandert. Die indischen Magier sind ja von ihrer Religion her dafür ausgelegt, an sowas zu glauben."

"Glaubst du an Wiedergeburt?"

"Sagen wir es so, nicht an die natürliche, wo du mit deiner Seele in einen anderen Körper umsiedelst. Auf magische Weise gibt es schon verschiedene Ansätze, wie du ja Weihnachten mitbekommen hast. Da können schwerkranke Leute von Hexen, die sie bedingungslos lieben in einem Ritual neu empfangen und wiedergeboren werden. Das kam aber bisher nur zehnmal in der Geschichte der magischen Heilkunst vor und wird zudem von den Gesetzen sehr streng reglementiert, wann wer wieso und mit wem dieses Ritual und die Folgen durchführt. Deshalb dachte deine Fürsorgerin, meine Mutter habe beschlossen, es mit dir durchzuführen, das Iterapartio-Ritual. Aber wozu wäre es gut gewesen, nur um das, was du bisher erreicht und erlebt hast wertlos zu machen? So weit geht meine Mutter ja dann doch nicht in ihrer Dankbarkeit."

"Das was sie mir gegeben hat ist auch schon sehr stark. Ich komme normalerweise morgens immer sehr munter aus dem Bett und bin ziemlich gut in Form, wenn ich laufe oder in der Schule was mache."

"Das war Maman die Sache wert", erwiderte Béatrice.

Aus dem Schloß hörten sie bereits das hungrige Quängeln der Zwillingsbabies. Hippolyte Latierre trat gerade in das Zimmer ein, wo die beiden lagen.

"Maman ist ohne die weg? Seltene Sache", knurrte sie. Dann sah sie Julius bei Béatrice. "Hat sie was von ihren Vorräten hiergelassen oder müssen wir auslosen, wer sie nimmt. Ich meine, in meinem Zustand wäre das wohl etwas schwierig. nachher bleibe ich so gebaut wie Raphaelle, und dann würden die im Ministerium nicht mehr zuhören, was ich sage, vor allem die jüngeren Angestellten."

"Es ist was da, Hipp. Sei beruhigt. Julius, geh mit meiner ganz großen Schwester bitte in den Salon, damit sie vor lauter Babygeschrei nicht selbst niederkommen muß, weil Miriam meint, mitschreien zu müssen", sagte Béatrice etwas kühn. Ihre Schwester sah sie zwar vorwurfsvoll an, nickte aber, hakte sich einfach bei Julius unter und ging mit ihm in den Salon zurück, wo Barbara Latierre gerade tagesfertig angekleidet mit ihren Töchtern, Millie und Patricia am Tisch platznahm. Julius wurde gebeten, sich dazuzusetzen und so ausführlich wie er durfte zu berichten, wo die Mutter des Clans war. Er nahm mit ihnen noch ein Frühstück ein und erzählte, wie er am Morgen seine Mutter verabschiedet hatte. Millie fragte ihn, was er und ihre Tante bis zum Hungerschreien der Kleinen getan hatten. Julius erzählte nur, daß sie im Sonnenblumenwald herumgelaufen seien und sich über alles unterhalten hätten, was nichts mit ihrem Beruf oder der Beauxbatons-Akademie zu tun hätte. Patricia meinte dazu keck:

"Dann haben die auch nicht über dich geredet, Millie, weil du ja zu den Schulsachen gehörst."

"Pass auf, Mademoiselle", knurrte Millie dazu nur. Julius fragte, wann Patricias Neuerwerbung Marc Armand denn zu Besuch kommen dürfe.

"Erst nach Ostersonntag", antwortete Patricia und fing sich von Millie ein verschmitztes Grinsen ein. "Muggeleltern sind ja doch irgendwie anders gebaut als Zauberereltern."

"Wem sagst du das?" Grinste Millie und deutete auf Julius. Patricia lief rot an. Doch Julius sah sie beruhigend an und erwiderte:

"Ich denke nicht, daß das leichter gewesen wäre, wenn meine Eltern sich nicht von vorne herein darum in der Wolle gehabt hätten, ob ich zaubern lernen soll oder nicht. Mein Vater hätte sich eine Hexe als Schwiegertochter wohl nicht vorstellen wollen. Zumindest hat er das immer so rüberkommen lassen."

"Die Eltern von eurer Ex-Verweigerin wollen ja auch keinen Zauberer als Schwiegersohn. Die erzählt doch jedem, auch die es nicht wissen wollen, daß sie nach Beauxbatons eh noch eine Muggelschule besuchen muß, um in der Muggelwelt was zu haben, womit sie da leben und schaffen kann", erwiderte Millie. Ihre Mutter sah sie tadelnd an und wandte ein:

"Das Mädchen wird das schon früh genug rauskriegen, in welche Welt es gehört, Mildrid. Julius hat es ja auch gelernt. Sonst wäre er jetzt bestimmt nicht hier."

"Natürlich", knurrte Millie nur. Ihr Vater fragte Julius, ob er mit ihm mal wieder Fußball spielen würde. Im Sommer wäre das sehr unterhaltsam gewesen. Julius sagte zu, wenn er mal wieder hergelassen würde - was vielleicht sehr fraglich war -, könnten sie beide ja noch einmal spielen, obwohl das mit mehreren mehr Spaß machen würde.

Béatrice kam in den Salon zurück und setzte sich zwischen ihre älteste Schwester und Julius.

"Maman ist in Millemerveilles mit der ehrenwerten Professeur Faucon. Könnte sein, daß sie erst nachmittags wiederkommt. Solange ist für die Kleinen gesorgt", verkündete sie. Dann mentiloquierte sie Julius: "Madame Brickston will dich zum Mittagessen wieder in ihrem Haus sehen. du gehst gleich mit Hipp und den anderen nach Paris."

"Hoffentlich kriegen wir nicht wieder Besuch von Dementoren", unkte Callie Latierre.

"Ich denke, wenn die wissen, daß sie jederzeit zurückgeschlagen werden können werden die für's erste Ruhe geben", sagte ihr Vater beruhigend. Julius überlegte, ob das so stimmte oder der jungen Mitschülerin nicht was vorgemacht wurde, um sie in Sicherheit zu wiegen. Doch er wagte nicht, irgendwas zu sagen.

Nach dem Spätstücken verabschiedete sich Julius von denen, die hierblieben und ließ sich von Hippolyte, ihrem Mann und den beiden Töchtern Martine und Millie vor einen Raum führen. Hippolyte überlegte wohl was, dann meinte sie nickend:

"Auch wenn Maman dich wohl gerne hier im Schloß gelassen hätte, bis sie wiederkommt und du kein geborenes oder angeheiratetes Mitglied der Familie bist wird sie wohl nichts dagegenhaben, wenn wir dich in unser kleines Familiengeheimnis einweihen. Oder was meint ihr, Albericus und Martine?"

"Ich denke, das würde deiner Mutter zwar den Spaß verderben, den Jungen noch etwas hier zu haben, wo sie ihn so gerne hat. Aber ich denke, die hat auch nichts dagegen, wenn wir ihn mitnehmen."

"Ich kann ja mal fragen", meinte Julius. Doch Hippolyte hielt ihm den Mund zu und zischte, daß sie das dann wohl erledigen würde. Tatsächlich stand sie für einige Sekunden ruhig da, wechselte wohl mit ihrer Mutter ein paar Gedankenbotschaften und sagte dann für alle Hörbar:

"Ich zitiere wörtlich: "Wenn Catherine ihn wirklich wiederhaben will bring ihn nach Hause! Da in ihm wie in dir was von meiner Lebenskraft steckt kannst du ihn ohne Augenbinde durchbringen." Ende des Zitats."

"Oh, dann wird das doch wohl ein sehr langes Gespräch mit der guten Professeur Faucon", grinste Monsieur Latierre. "Könnte sein, daß sie dann auch nicht mehr nach Beauxbatons darf, wie Maman."

Sie betraten den Raum, der auf Julius eher wie ein kleiner Lagerraum aussah, nachdem Madame Latierre die Klinkenlose Tür mit der Hand berührt hatte. Denn in dem Raum standen nur fünf große, verzierte Schränke, einer schwarz, dann ein blütenweißer, ein zitronengelber, ein mitternachtsblauer und ein bordeauxroter. Der Raum war fünfeckig gebaut, so daß jeder Shrank in einer Ecke stand. Julius hatte beim Anblick des schwarzen, verzierten schrankks das Gefühl, so was schon mal gesehen zu haben.

"In der Muggelliteratur wird oft von Ortsversetzungsmaschinen geredet, die in ferner Zukunft oder auf fernen Planeten vorkommen können", sagte Madame Latierre. "Hier haben wir sowas, natürlich schon seit Jahrhunderten im Gebrauch. Jeder dieser Schränke verbindet das Château mit einem Gegenstück in einem unserer Häuser, damit wir schnell hierher überwechseln können, was sich gestern ja schon als sehr wichtig erwiesen hat. Ich möchte dich nur bitten, daß du das keinem weitersagst, daß wir Latierres diese magischen Verschwindeschränke haben." Julius verstand und fühlte sich sowohl freudig erregt als auch merkwürdig unbehaglich, Sachen, die nicht zusammenpassen mochten. Er kapierte, wie die Latierres beim Angriff der Dementoren so schnell hier zusammengekommen waren und wußte nun vor allem auch, wie Aurélie Odin es damals angestellt hatte, mit ihm und Mehdi Isfahani aus der Festung der Morgensternbrüder zu entwischen. Wenn diese Schränke durch Magie miteinander verbunden waren, ähnlich wie die Prazap-Verschickungskoffer, dann waren sie in der Tat Teleportationskabinen, zweistationäre Materietransmitter. Wie es sich anfühlte, zwischen zwei Stationen überzuwechseln kannte er ja schon. Er sagte ruhig:

"Ich schwöre ihnen bei meiner Unversehrtheit, daß ich keinem Menschen verraten werde, daß die Familie Latierre diese magischen Verschwindeschränke besitzt." Unvermittelt fühlte er etwas vom Boden durch ihn hindurchströmen wie kaltes Wasser, durch seinen Kopf nach oben steigen und dann einfach nicht mehr da zu sein. Also hatte er sich nicht geirrt, und wer in diesen Raum kam und zu einem Schwur veranlaßt wurde wurde magisch vereidigt.

"Dich hat das nicht so heftig mitgenommen wie mich", wunderte sich Albericus Latierre. "Dabei bist du doch kein geborener Latierre."

"Ja, aber wie du ja weißt mit etwas von Mamans Lebensessenz angefüllt", wandte Madame Latierre ein und deutete auf den zitronengelben Schrank. Millie sah ihn an und beobachtete, wie er sich fühlte. Doch er blieb ganz lässig. Mittlerweile hatte er ein gewisses Vertrauen zu magischen Verkehrsmitteln und war ja auch schon häufiger appariert. So ging er ganz gelassen vor Madame Latierre her in den gelben Schrank, drückte sich mit Martine und Millie an die Wand wie in einer Fahrstuhlkabine, wartete, bis Madame Latierre die Schranktür von innen zuzog und einschnappen ließ und fühlte ein Gleiten durch totale, geräuschlose Dunkelheit. Nach wenigen Sekunden gab es einen Ruck, und er meinte, im selben Schrank zu stehen. Doch er wußte es ja bereits von der Flucht aus der Festung, die letzthin zu Claires körperlichem Ende geführt hatte, daß sie in einem anderen Schrank angekommen waren. Madame Latierre stupste die Tür an, die klickend aufsprang.

"So, jetzt bist du endlich mal bei uns", sagte Millie, als sie Julius hinaushalf. Er nickte und sah sich um. Sie befanden sich in einem anderen Abstellraum, wo ausrangierte Besen, zerfranste Teppiche, wurmstichige Regale und rostiges Kochgeschirr gestapelt war. Der Ankunftsschrank, der genauso zitronengelb war wie der im Schloß, wirkte ebenfalls schon arg mitgenommen. Keiner wwürde durch reines Hinsehen vermuten, daß er eine besondere Funktion hatte. Wieder mußte Madame Latierre die Hand auf eine klinkenlose Tür legen, die leicht knarrend aufsprang. Dann ging es eine enge, steile Kellertreppe hinauf, durch eine massive Eichenholztür, die auch nur durch Handauflegen Madame Latierres geöffnet werden konnte und in einen Flur hinaus. Julius sah die samtbraunen Teppiche, die hellen Wände, an denen verschiedene Zaubererbilder hingen und große Hängelampen an silbernen Ketten von der Decke baumelten. Sie liefen über den weichen Teppich zu einer von sieben Türen hinüber, die in ein gemütliches Wohnzimmer führte. Julius hörte aus der Ferne leises Rauschen viel befahrener Straßen. Es roch nach sauber verbranntem Kaminholz, frischen Blumen und kaltem Bratenduft. Der ovale Tisch in der Mitte des Zimmers war noch mit Geschirr vom Vorabend gedeckt. Offenbar hatten die Hausbewohner sich sehr eilig absetzen müssen. Doch niemand hatte das Haus betreten und verwüstet.

"Sie waren nicht hier drin", sprach Martine beruhigt den Gedanken aus, den Julius gerade gehabt hatte. "Diese Ungeheuer suchen nur bewohnte Häuser heim, wenn sie keinen Befehl kriegen, das zu tun."

"Außer ihren abscheulichen Kräften haben Dementoren keine Möglichkeit, eine magisch verriegelte Tür aufzumachen", sagte Madame Latierre.

"Tja, und meine Mutter hat die Türen und Fenster unaufbrechbar gemacht. die kann nicht einmal ein Zauberer knacken."

"Dann seid ihr wegen der Dunkelheit und Kälte ins Schloß hinüber?" Fragte Julius.

"Das auch, und weil ich mit Miriam im Bauch für die vielleicht zu lohnend gewesen wäre", schnaubte Hippolyte Latierre.

"Muß Julius jetzt sofort zurück, Maman?" Fragte Mildrid.

"Besser ist das, Kind. Ich denke, wenn er am Mittwoch wieder mit uns zusammen ist können wir ihm das Haus richtig vorstellen", sagte ihre Mutter. Julius sah der Jahrgangskameradin an, daß sie etwas enttäuscht war. Doch sie wagte keinen Widerspruch. So durfte Julius durch den Kamin im Wohnzimmer in die Rue de Liberation zurückkehren.

"Und, kriege ich Ärger mit deiner Mutter?" Fragte Julius, als er aus dem Kamin im Partyraum der Brickstons geklettert war. Catherine sah ihn erst verdattert an, mußte dann aber lächeln.

"Wenn dem so wäre hätte Maman dich anmentiloquiert, du möchtest dich darauf einrichten, von jetzt bis auf weiteres als nützliches Haushaltsutensil bei ihr in Millemerveilles zu bleiben. Sie war erst leicht überrumpelt, als Ursuline noch zu uns kam. Aber zumindest haben wir da schon die wesentlichen Sachen besprochen, von denen kein Außenstehender mitkriegen soll. Was maman und Ursuline dann erst in meinem Arbeitszimmer und dann bei ihr zu besprechen haben habe selbst ich nicht mitbekommen, weil Maman mich wegen Claudine vor die Tür geschickt hat und dann nur mit deiner Lebenskraftauffüllerin für Ohren schweigend in den Kaminraum gegangen ist und mit ihr nach Millemerveilles überwechselte. Aber die haben dich da wohl gut aufgenommen im Château Tournesol."

"ich habe mich schön lange mit Béatrice Latierre unterhalten. Bei mir kam das so an, als hätte die sich gefreut, mal mit wem außerhalb der Familie zu quatschen, ohne an neue Kinder denken zu müssen."

"Vielleicht hätte ich das mit der Kaminbenutzung noch um Kontaktfeuern erweitern sollen. Aber Ursuline hat mir verbindlich versichert, daß nur wenige Kamine in Frankreich mit dem ruhenden Teil des Körper-Kopf-Vereinigungszaubers am Ort des Kopfes versehen sind. Aber das war bestimmt eine wichtige Lektion für dich, daß jemand mal eben gegen seinen Willen aus einem fremden Kamin herausgezaubert werden kann, wenn er den Kopf schon durchgesteckt hat."

"Deine Mutter mag Ursuline Latierre nicht", meinte Julius vorsichtig.

"Sie haben unterschiedliche Lebensauffassungen und scheuen sich nicht, das öffentlich zu zeigen", erwiderte Catherine. "Das sie das Ritual mit dir gemacht hat gehört für meine Mutter zu Ursulines Auffassung, wenn es gutes bringt darf es immer gemacht werden. Hat dich Hippolytes Familie beim Apparieren mitgenommen?" Fragte sie noch.

"Ja, haben sie", log Julius schnell. Denn wie er einen benutzbaren Kamin gefunden hatte durfte er nicht verraten. Hoffentlich kam das beim Legilimentieren nicht auch heraus.

"An und für sich ist der Kamin oben ja für jeden betretbar", meinte Julius. "Hätte ich dran denken sollen, als mich die runde Omama mal eben aus ihrem Kamin gehext hat."

"Den habe ich mit einer provisorischen Sperre gegen unbefugtes Betreten versehen, als Maman mit deiner Gastgeberin allein war", sagte Catherine. "Ich hebe die Sperre gleich wieder auf. Aber wie gesagt, wenn du deinen Kopf irgendwo hinschickst zieh ihn schnell zurück, wenn jemand mit Zauberstab in die Hocke geht!"

"Das ist voll angekommen", grummelte Julius, mußte aber dann genauso lächeln wie Catherine.

"Soll ich bei euch Mittagessen, fragte Julius überflüssigerweise. Catherine nickte energisch.

"Mittagessen, abendessen und frühstücken. Oder meinst du, ich laufe jedesmal die Treppe zu dir rauf?"

"Bestimmt nicht", erwiderte Julius und machte sich fertig, um mit den Brickstons zu essen. Babette schmollte. Offenbar hatte sie versucht, Madame Latierre dazu zu kriegen, sie mitzunehmen oder ihr Mayette rüberzuschicken. Doch die war ganz auf ihre strenge Oma Blanche eingeklinkt gewesen.

Am Nachmittag führte Catherine mit Julius noch ein paar Occlumentie-Übungen durch. Er schaffte es, ihr eine Dreiviertelstunde zu widerstehen. Das hielt sie für ausreichend.

"Maman nimmt dir nach den Osterferien noch eine Endprüfung ab, wie nach UTZ-Standard. Wenn du die schaffst, wobei du mehrere Legilimenten abwehren mußt, dann können wir dich auf die restliche Menschheit loslassen", sagte Catherine anerkennend. Julius nickte. Trotz der langen geistigen Anstrengung fühlte er sich noch sehr frisch. Das machte wohl die Essenz von Ursuline Latierres Belebungsritual.

Später kam Joe von seiner Arbeit zurück und sagte, er habe morgen früh einen Termin mit einem Meteorologen in Marseille.

"Dann mußt du fliegen", meinte Julius.

"Die warten da am Inlandsgebäude auf mich, sonst könnte Catherine mich ja mal eben dahinbringen, wo die in der Stadt ja auch so'n Reisesphärenlandeplatz haben."

"Das würde dir so passen, Joe, sonst immer über die Zaubererwelt meckern, so wenig mit ihr zu schaffen haben wollen wie möglich und dann erwarten, daß ich für dich mal eben eine Reisesphäre nach Marseille aufrufe, wobei ich die entsprechenden Losungswörter nicht einmal kenne", wandte Catherine verhalten grinsend ein. Joe nickte und sagte, das die Firma ihm ja schon einen Flug gebucht habe.

"Morgen um acht Uhr da sein, Besprechung bis hoffentlich um fünf und dann um acht Uhr abends wieder in Paris. Die technische Welt macht große Entfernungen schön klein", sagte Joe.

"Wie, schickst du dem die Sachen nicht per E-Mail?" Fragte Babette ihren Vater.

"Weil das darum geht, daß ich denen vor Ort bei der endgültigen Vernetzung und Kalibrierung ihrer Anlage helfe, womit auch Hardware gemeint ist. Wird Zeit, daß ein anständiges Betriebssystem mit Netzwerkfunktionen und Sofortbereitschaft bei neuen Komponenten auf den Markt kommt. Die Flickschusterei bei den Programmen ist schon nervig."

"Das bringt dir die Kohle", fühlte sich Julius berufen, eine Bemerkung zu machen.

"Weiß ich selbst, Bursche!" Knurrte Joe. Julius blieb aber ungerührt. Als Joe ihn dann fragte, was er so den ganzen Tag getrieben hatte sagte er, daß er sich mit den Latierres unterhalten und mit Catherine noch wichtige Sachen für die Schule durchgenommen hatte.

"Im Gegensatz zu mir hast du Urlaub. Oder ist deine überragende Klassenlehrerin der Meinung, du hättest ihn dir nicht verdient?"

"Dann hätte die mich nicht weggelassen", erwiderte Julius schlagfertig. "Dann hätte die mich gleich mit zu sich nach Millemerveilles mitgenommen."

"Den Eindruck hatte ich heute morgen, als sie durch den verhexten Kamin kam, daß sie sich das überlegt hat", konterte Joe. Doch Julius nahm es mit einem Lächeln hin und erwiderte:

"Das war wegen einer Sache, die in der Zaubererwelt gelaufen ist."

"Ja, daß sie dich doch wieder unter ihren Rock klemmt und mitnimmt", beharrte Joe auf seiner Vermutung. Catherine sah ihren Mann wütend an, sagte jedoch nichts. Babette grinste Julius an, der ruhig antwortete:

"Also wenn die mal jemanden nötig hat, der bei ihr untern Rock ..." Catherine funkelte ihn sehr, sehr bedrohlich an. Er schwieg. Joe erkannte jetzt erst, was er da losgelassen hatte und knurrte nur:

"Du weißt doch genau, wie ich das meine, Julius."

"Dann sage das auch so, wie es sich gehört!" Tadelte Catherine ihren Mann. "Beispielsweise, daß sie ihn dann bei der Hand genommen und zu sich mitgenommen hätte." Babette sah zwischen ihren Eltern und Julius hin und her. Joe meinte dann nur noch:

"Jedenfalls hat sie den Jungen hiergelassen. Wird sich schön langweilen, wenn er nirgendwo hin kann."

"'tschuldigung, ich habe vorhin erzählt, daß ich mich mit den Latierres unterhalten habe - im Château Tournesol", versetzte Julius. Joe verstand nun und nickte. Mehr sagte er dann nicht.

"Kann ja lustig werden", mentiloquierte Julius an Catherines Adresse.

"Lass dich nicht von ihm ärgern und ärgere ihn nicht wieder!" Kam ihre knappe Anweisung auf dem unhörbaren Weg zu ihm zurück.

Den restlichen Abend ließ Julius mit Fernsehen und Internet ausklingen. Er genoss die für ihn zusammengestellten Nachrichten, wenngleich es nicht viel gab, was einen fröhlich stimmen konnte. Über das geklonte Schaf Dolly las er noch einiges im Internet nach, wo auch Berichte über das erste außerhalb des Mutterleibs gezeugte Kind Louise Brown zu finden waren. Er stellte fest, daß dieses Mädchen im letzten Jahr volljährig geworden war und wohl hoffte, daß der Rummel um seine Entstehung ihr nicht ein Leben lang anhängen würde. Immerhin gab es ja seit diesem Erfolg für die Medizin viele tausend weitere künstliche Befruchtungen. Jetzt wurde also mit Säugetieren herumgeklont. Er hoffte nur, daß nicht irgendwann auch Menschen nur noch genmanipulierte Fließbandkopien wurden und hunderte von Doppelgängern in der Welt hatten. Er hörte die Worte der verschiedenen Heilhexen, denen er schon begegnet war, daß in der Zaubererwelt schon längst Menschen ohne Eltern gemacht werden könnten, wenn es nicht sehr strickte Verbote dafür gebe, die das Leben und seine Entstehung unantastbar machten. Gegen zwölf Uhr war er müde genug, sich hinzulegen. Er horchte einige Minuten in die Stille des Hauses. Er hatte Viviane Eauvive nicht einmal gute Nacht gewünscht, fiel ihm ein. Doch er wollte jetzt nicht noch durch das Haus brüllen, wo unten auch schon alles schlief. Er hoffte, daß diese Nacht keine Dementoren die Gegend unsicher machen würden. Doch hier war er ja geschützt wie im Mutterschoß. Merkwürdiger Vergleich, wo er gestern und heute wieder viele werdende Mütter gesehen hatte. Die meisten davon hatten sich in gesicherten Häusern aufgehalten, als das mit den Dementoren passierte. Er dachte an Beauxbatons, ob die, die die Ferien dort zubrachten, darunter auch Gloria Porter, etwas davon mitbekommen hatten. Denn eigentlich könnten diese Monster ja auch dort einfallen, wie sie es in Hogwarts getan hatten. Dann erschrak er so heftig, daß er wieder völlig munter wurde. Hogwarts war kein absolut sicherer Ort. Dementoren könnten dahin, wenn jemand das Tor aufließ. Dann war da noch was, das ihm jetzt mit aller Deutlichkeit klar wurde: Wenn es diese Verschwindeschränke gab, konnte man so einen doch auch in Hogwarts unterstellen, der mit einem anderen Schrank gekoppelt war. Hippolyte hatte die Muggelgeschichten von solchen Ortsversetzungsgeräten erwähnt - woher die sie immer kannte, weil er ihr nichts davon erzählt hatte. In solchen Geschichten stand nicht nur, daß diese Geräte zur schnellen und zuverlässigen Beförderung von Sachen und Leuten über mehrere Lichtjahre geeignet waren, sondern auch als Waffe eingesetzt werden konnten, als heimliche Landebasis für unbesiegbare Armeen, wenn ein winziges Raumschiff so einen Transmitter unortbar zur Erde brachte und durch den dann die ganze Armee herübergesendet wurde, was ja die direkte Übersetzung für Transmittieren oder Transmission war. Wenn so ein beweglicher Materieempfänger heimlich irgendwo hingebracht wurde, hatte jede Festung ein großes Loch. Das trojanische Pferd ließ grüßen. Julius erhob sich aus dem Bett. Das mußte er jetzt noch irgendwem sagen, um etwas beruhigter zu sein. Er verließ sein Zimmer. Vivianes Bild-Ich - auch ein Klon in gewisser Weise - lag leise atmend knapp über dem Bilderrahmen auf dem gemalten Boden. Er tippte an das Bild und flüsterte ihren Namen. Es dauerte einige Sekunden, bis sie die Augen aufschlug und hinter vorgehaltener Hand gähnte. Dann richtete sie sich auf, sah ihn mit vom Schlaf verkrusteten Augen an und murrte:

"Bist du nicht eben zu Bett gegangen? Was ist denn los?" Sie schimpfte ihn zumindest nicht aus.

"Mir ist wegen der Dementoren letzte Nacht eingefallen, daß die ja auch nach Beauxbatons und Hogwarts reinkönnen. Aber ich habe damals mit Aurélie Odin auch was miterlebt, daß könnte noch gefährlicher werden."

"Was sollte das sein?" Fragte Viviane etwas quängelig. Doch als Julius sie sehr verstört ansah, nickte sie ihm zu und wartete geduldig, was er zu sagen hatte. Er erzählte von dem Schrank den Aurélie Odin, Mehdi Isfahani und er benutzt hatten, um aus der Festung der Morgensternbruderschaft zu entkommen und sagte, daß solche Schränke vielleicht häufiger gebaut würden und die in Beauxbatons und Hogwarts aufpassen sollten, sowas besser nicht zu haben oder genau zu klären, mit welchen Gegenstücken die verbunden seien. Viviane nickte. Dann sah sie Julius beruhigend an:

"Es gab vor zwanzig Jahren mal einen in Beauxbatons. Aber mit dem haben sich ein paar Schüler einen derben Scherz gemacht und den damaligen Schuldiener da reingestoßen. Der kam irgendwo in einem Magazin für ausrangierte Zaubergegenstände raus, daß nur einmal in zehn Jahren besucht wird. Der Schrank wurde danach aus Beauxbatons in besagtes Magazin überstellt. Ich müßte Aurora fragen, ob in Hogwarts sowas existiert. Lege du dich wieder hin und schlaf. Auch wenn Ursuline Latierre dich mit mehr Lebenskraft angereichert hat brauchst du genügend Schlaf."

"Gute Nacht, Viviane", sagte Julius dazu nur und legte sich wieder hin. Er fühlte sich erleichtert, aber nicht unbedingt zufrieden.

 

__________

 

Er schlief, von einigen wilden, aber nicht recht fassbaren Träumen geschüttelt bis fünf Uhr morgens. Hellwach, als habe er nicht mehrere Stunden geschlafen, sprang er fast aus dem Bett und suchte das Badezimmer auf. Er hörte von unten leise Geräusche. Offenbar waren Babettes Eltern schon auf. Klar, Joe mußte ja nach Marseille. Wenn der Flug ungefähr eine Stunde oder so dauerte, und er eine Stunde vorher am Flughafen sein mußte, mußte er früh raus. Er kannte Joe als jemanden, der morgens nicht zu früh aus dem Bett geholt werden durfte. Außerdem konnte Catherine durch ihre Schwangerschaft auch ein echter Morgenmuffel geworden sein. So vermied er es, mal anzumentiloquieren. Dafür mentiloquierte Catherine ihn an.

"Bist du auch schon wach, Julius? Ich habe gerade die Wasserspülung gehört. Bist du nicht mehr müde?"

"Als hätte mich jemand mit einer Superbatterie verkoppelt", gab er zurück.

"Willst du dich nur waschen oder möchtest du baden?" Fragte sie in seinem Kopf.

"Ich gehe in die Wanne. Wann muß dein Mann weg?" Schickte er zurück.

"Ich bringe ihn gleich zum Flughafen. Babette ist noch im Bett. Ich sehe zu, daß ich um kurz nach sieben wieder bei euch bin."

"Ist Babette nicht traurig, wenn ihr Vater einfach wegfährt, ohne daß er ihr was gesagt hat?"

"Die kennt das. Ist nicht das erste Mal", erwiderte Catherines Gedankenstimme. Julius antwortete ihr nur, das es ja dann gut sei. Dann ließ er sich die Badewanne mit schön warmem Wasser volllaufen.

Als er mit allem fertig war hörte er noch ein wenig Musik. Das Telefon klingelte. War das seine Mutter? Da fiel ihm ein, daß er ganz vergessen hatte, den Anrufbeantworter einzuschalten. Er sah auf seine Weltzeituhr und rechnete sechs Stunden zurück. In den Ostküstenstaaten, wo auch Washington lag, war es jetzt ein Uhr Nachts. Dann konnte das nicht seine Mutter sein. Er ging an den Apparat in ihrem Arbeitszimmer und meldete sich. War schon komisch, ein elektronisches Gerät zu bedienen, wo er jetzt mit Zauberfeuern oder Telepathie herumwerkelte, als wenn es nichts alltäglicheres gab, aber ein Telefon was besonderes war.

"Plinius Porter hier, Julius. Deine Mutter ist in den Staaten, hörte ich?"

"Ja, ist sie", erwiderte Julius.

"Weißt du, wie das in Beauxbatons mit den Dementoren war. Ich hörte es von Gloria, daß sie dort wohl alles zugemacht haben, was immer das heißt."

"Wohl einen Schutzbann über die Schule gelegt", erwiderte Julius. "Aber sonst ist da nichts passiert. Ich halte Verbindung mit den Leuten da", sagte er dann noch.

"Ich hörte, in Millemerveilles wären die meisten gewesen."

"Ja, aber jetzt können die da nicht mehr rein. Irgendwie hat sich diese Schutzglocke wohl gegen die eingependelt und die alle rausgetrieben", sagte Julius. Dann hörte er nur noch, daß die Porters mit den Watermelons zusammentreffen würden. Julius bestätigte das und wünschte Glorias Eltern noch schöne Ostertage.

Danach rief er den Anrufbeantworter ab. Tatsächlich hatte seine Mutter ihn zweimal anzurufen versucht, um sechs uhr abends, den Geräuschen nach vom Flughafen aus und dann noch einmal um acht Uhr. Da war er jedoch noch bei den Brickstons gewesen und hatte zu Abend gegessen. Warum hatte seine Mutter nicht unten nachgefragt, ob er bei denen war? Immerhin hatte sie ihr Handy mitgenommen, das auch im Ausland benutzt werden konnte. Er überlegte, ob er sie jetzt anrufen sollte. - Nein, besser später!

Catherine war noch nicht da, und so vertrieb er sich mit Babette die Zeit bis zur Rückkehr ihrer Mutter mit Musikhören. Babette hatte nun Poster diverser Popstars in ihrem Zimmer. Das kleine wurde also langsam ein junges Mädchen. Doch neben Berühmtheiten wie den Spice Girls, Kylie Minogue und einigen französischen Musikern wirkte der aufblasbare Drache, der an dünnen Nylonfäden von der Decke hing doch noch eher wie der Schmuck eines Kinderzimmers. Er fragte sich, ob er sein Raumschiff-Enterprise-Modell auch noch einmal im Zimmer aufhängen sollte. Wo er gerade neun war hatte er es stolz seinen Freunden vorgeführt und bis Hogwarts wohl hängen lassen. Sie plauderten ein wenig über Mayette und die anderen Brautjungfern Jeannes. Julius fühlte, daß er wesentlich freier über Claire sprechen konnte als vor einigen Wochen noch. Vielleicht lag es daran, daß er gestern mit Béatrice Latierre diesen auflockernden Morgen verbracht und mit ihr problemlos auch über seine viel zu früh fortgegangene Verlobte gesprochen hatte. Babette wußte auch von Denise, daß Claire eine Art Engel war, wenn sie auch nicht wußte, wie sie diese Erscheinungsform angenommen hatte. Julius wurde gefragt, ob er nun mit einer der Latierre-Mädchen zusammen war oder ob er lieber keine Freundin mehr haben wollte.

"Für'ne bald erst zehnjährige willst du aber Sachen wissen", grinste Julius. Dann überlegte er sich, ob er diese Frage sich selbst geschweige denn Babette beantworten konnte. Er sagte nur, daß er sich nicht abhetzen wolle und wohl irgendwann wieder mit irgendeiner schöne Zeiten erleben würde, aber noch nicht wisse, mit wem.

Als Catherine wieder zu Hause war frühstückten sie. Danach ging Julius wieder nach oben, Hausaufgaben machen. Auf Kamingespräche mit anderen hatte er im Moment keine Lust, und morgen würde er eh zum Quidditch mit genug Hexen und Zauberern zusammentreffen. Ein merkwürdig anregendes Gefühl beschlich ihn, daß er da wieder mit Martine, Millie und Béatrice Latierre zusammentreffen würde. Konnte es sein, daß er innerlich doch eher zu Millie tendierte, oder vielleicht zu Martine? An Belisama dachte er merkwürdigerweise nicht einen Moment lang, erst als ihm genau das klar wurde. Sollte er sie vielleicht per Kontaktfeuer anrufen, um zu hören, wie es ihr ging? Sie war ja auch zu Hause. Von den Pflegehelfern waren Patrice, Sandrine und Gerlinde in Beauxbatons geblieben. Vielleicht hätte er sich auch zur Stallwache melden sollen, wenn er vorher gewußt hätte, daß seine Mutter bis Karfreitag verreisen würde. Aber er kannte den kamin nicht, über den Belisamas Eltern zu erreichen waren. Zwischen zehn und elf holte er die Post aus dem Korb für Posteulen. Darunter war auch ein Brief von Barbara van Heldern. Sie schrieb ihm daß sie sich auf ihr bald zur Welt kommendes Baby freue, daß Gustav bei einer belgischen Profi-Mannschaft untergekommen sei und daß sie noch viel mit Jeanne in Kontakt stehe. Er schrieb eine Antwort zurück, daß er nun langsam wieder schöne Tage empfinde und sich für sie freue, wenn sie bald eine eigene Familie hätte, wo sie ja schon gewisse Übung mit ihren kleinen Schwesterchen habe. Dann schickte er den Brief mit Francis los, der tagsüber in seinem Zimmer döste. Kurz vor zwölf Uhr wählte er die Nummer des Mobiltelefons seiner Mutter und wünschte ihr einen schönen guten Morgen. Sie erzählte ihm dann von der Flugreise, daß das Hotel wahrlich erstklassig sei und sie meinte, in einer Präsidentensuite zu wohnen. Er erzählte ihr dann, daß er mit den Latierres zusammen einen halben Tag verbracht hatte, vermied jedoch alle Wörter, die auf Magie, Zauberer und Hexen hindeuteten. Wer wußte schon, ob nicht irgendwelche Elektronikspione lange Ohren machten und ausländische Mobilfunkverbindungen abhörten. Sie wünschte ihm dann noch friedliche Tage, und er möge sich ja gut mit den Leuten vertragen, mit denen er sich treffen würde. Dann legte sie auf. Er ging zum Mittagessen hinunter, wo er von Catherine erfuhr, daß die Unterredung zwischen ihrer Mutter und Ursuline Latierre in einem langen Schachspiel geendet habe, daß die junge Mutter nur unterbrechen mußte, um ihre Kinder zu holen, weil die ihr vielleicht sonst verhungert wären.

"Das gehört für Ursuline wohl zu den Sachen, die sich nicht gehören", meinte Catherine grinsend, als sie mit Julius das Geschirr abräumte, während Babette sich vor den Fernseher klemmte und einen Videofilm auf Englisch sah. "Sie würde es nie zulassen, daß ihre Erwachsenen Kinder ihre ganz jungen Kinder säugen müßten. Die ist eben mit allem was dazu gehört Mutter."

"An und für sich ein sehr gutes Vorbild", meinte Julius zu Catherine.

"Was die Geduld und Beharrlichkeit angeht ganz bestimmt", erwiderte Catherine. Dann fragte sie ihn noch, ob er den Nachmittag auch alleine in der leeren Wohnung verbringen wolle. Er meinte, daß er alle Hausaufgaben geschafft habe, auch die Zusatzaufgabe, die Professeur Fixus ihm und den beiden lernübereifrigen Mädchen aus seiner Klasse gestellt habe.

"Tja, Walpurgis steht bald an, und aus den Sachen, die du im letzten Jahr anhattest bist du jedenfalls rausgewachsen. Findest du nicht, daß wir dich neu einkleiden sollten?"

"Für wen, Catherine?" Fragte Julius leicht pickiert. "Letztes Mal wußte ich genau, für wen ich mir Sachen holen wollte. Im Grunde bin ich froh, daß ich aus dem letzten Umhang rausgewachsen bin. Den würde ich jetzt bestimmt nicht noch mal anziehen. Abgesehen davon spiele ich mit dem Gedanken, der Veranstaltung vom Boden aus beizuwohnen."

"Du schon. Problem nur, daß zum einen einige junge Hexen dich sicherlich gerne auf ihrem Besen mitnehmen würden und es nicht gerade gesellschaftstauglich für dich ist, alle Einladungen abzulehnen. Zum anderen hat dir Schwester Florence Rossignol ja ein Ultimatum gestellt, was deine partnerschaftlichen Aktivitäten angeht. Da solltest du schon dem Anlaß entsprechend gekleidet sein. Da ich für deine magischen Belange verantwortlich bin lege ich jetzt fest, daß wir drei heute Nachmittag einkaufen gehen. Babette kann zu Mayette. Das habe ich heute morgen mit Ursuline abgestimmt."

"Öhm, dann sind wir nur zu zweit und ...", wunderte sich Julius, sah dann aber, wie Catherine ihren prallen Unterleib in Pose schob und nickte. "Okay, wir drei", bestätigte er dann noch.

"Kennst du denn so die Farbvorlieben der Mädchen, die nach deinem Dafürhalten Einladungen verschicken könnten?"

"Belisama war eher für blau, Millie hat's mit Grüntönen gehabt, könnte aber auch andere Farben nehmen, und Laurentine wird wohl nicht fliegen wollen, selbst wenn Céline ihr das einbläuen will."

"Dann müßten wir also was grün-blaues für dich finden", erwiderte Catherine. Doch dann fiel ihr noch was besseres ein: "Wenn du weißt, daß du mit einer der beiden zum Fest gehen wirst, nehmen wir Helios' Hochzeitsgewand, den rotgoldenen Umhang, der paßt bei beiden zur Haarfarbe."

"Der ist aber schweineteuer, Catherine."

"Ich denke, bei den Einkünften aus der Sache mit der Zauberlaterne dürfte der bei dir locker drin sein und eine lohnende Investition", erwiderte Catherine so unerbittlich, als dürfe er nicht einen Ton dagegen sagen. "Du kannst bei Esmeralda auch mit einer Auszahlungsanweisung bezahlen, wie ein Scheck, nur daß du den mit einer bestimmten Tinte vor Ort ausfüllen mußt."

"Stimmt, hat mir Gloria vor kurzem erzählt, daß die bei den Kobolden jetzt auch bargeldlose Wahrenkäufe machen können. Im Versand war das ja schon länger möglich. Bald haben wir auch in der Zaubererwelt eine Kreditkarte."

"Das dann hoffentlich nicht, Julius. Wenn du keine rechte Übersicht mehr über dein Guthaben hast kannst du dich damit schnell überschulden. Ich höre es doch immer wieder in den Nachrichten, wie übermäßiges Einkaufen mit Kreditkarte in Schulden treiben kann. Deshalb kannst du eine Auszahlungsanweisung auch nur bis fünfhundert Galleonen ausfüllen. Rutschst du dann unter null, zwacken die Kobolde jeden Knut ab, den du dann einzahlen willst, bis der Minusbetrag abbezahlt ist. Aber bei dir dürfte das kein Problem sein."

So zogen Catherine, die gut verstaute Claudine und Julius am Nachmittag los und suchten das Bekleidungsgeschäft von Madame Esmeralda auf.

Die kugelrunde Inhaberin bediente persönlich. Sie empfahl Catherine noch ein paar schicke Umstandsgewänder und fragte, wann denn das freudige Ereignis stattfinden würde.

"Wohl zwischen dem sechzehnten und zweiundzwanzigsten Mai wird das Kind wohl kommen. Aber ich wurde von meinen Verwandten schon reichlich mit Erstlingskleidung bedacht."

"Inklusive Wärmeerhaltungsstrampelanzügen, Regen abweisende Mützen und gefütterte Mutter-Kind-Tragetücher?"

"Die hat mir meine Mutter vor einem Monat schon in der passenden Farbe besorgt", erwiderte Catherine. Madame Esmeralda verzog etwas das Gesicht, weil sie sich denken konnte, daß ihre Konkurrentin in Millemerveilles wohl das Geschäft gemacht hatte. Um der netten modekundigen Hexe eine gewisse Freude zu machen nahm Catherine noch einige flauschige Anziehsachen für Mädchen ab sechzig Zentimeter Körperlänge mit. Madame Esmeralda lächelte verstehend. Natürlich war es in der Zaubererwelt möglich, schon weit vor der Geburt das Geschlecht des Nachwuchses festzustellen.

Madame Montferre, noch praller als Catherine bepackt, kam herein und lächelte über ihr leicht rundlich gewordenes Gesicht.

"Aha, der junge Herr wird neu eingekleidet", flötete sie und stupste Julius an. "Das heißt, du möchtest doch wieder mitfeiern. Ist auf jeden Fall besser als sich traurig zurückzuziehen."

"Ich habe ihm gesagt, er möchte sich bereithalten, weil ja wohl doch wieder einige junge Damen anfragen könnten, Raphaelle", sprang Catherine ein. "So traurig ist Julius auch nicht mehr, hoffe ich."

"Wenn du das sagst, du kennst das ja, Catherine."

"Wo sind denn die beiden Mädchen?" Fragte Julius.

"Die sind zu alt um mit Maman einkaufen zu gehen", erwiderte Raphaelle Montferre. "Da frage ich auch nicht nach. Ich wollte mir für die letzten Wochen noch was schön dekoratives zulegen. Die wachsen ja doch ziemlich flott und nehmen mich dabei gut mit."

"Tja, wenn du auch unbedingt noch mal Zwillinge haben wolltest, Raphaelle", feixte Catherine.

"Du könntest auch noch welche kriegen, Catherine. Ist was schönes, wenn es auch anstrengend ist", sagte Madame Montferre. Madame Esmeralda kam bereits mit dem Heliosgewand, einem weiten, sonnenuntergangsrotem Umhang mit vergoldetem Kragen und Saum. Raphaelle Montferre staunte. "Oha, mit dem mußt du unbedingt auch fliegen, Julius", sagte sie, während Catherine ihre Sachen in eine große Tüte packen ließ.

"Wie viel kostet das noch mal?" Fragte Julius, der sich noch an über dreißig Galleonen erinnern konnte.

"Wie letztes Jahr, die Hälfte des ausgewiesenen Preises", flüsterte Madame Esmeralda und sagte dann laut: "Achtzehn Galleonen für Sie, Monsieur Andrews." Raphaelle Montferre besah sich den sehr fein verarbeiteten Umhang mit den Schließen, blickte dann auf das winzige Preisschild, blickte noch einmal zu Esmeralda und nickte dann. Offenbar sah sie es ein, daß jemand, der einen sehr guten Festumhang so wirksam vorgeführt hatte einen Walpurgisnachtumhang billiger bekommen konnte, weil der ja auf jeden Fall vorgeführt würde. Sie wünschte Catherine und Julius noch einen schönen Tag. Morgen würde sie ja auch in Paris sein, um sich das Spiel anzusehen.

"Wetten die erzählt denen heute abend, was für einen Umhang ich gekauft habe?" Wandte sich Julius an Catherine, als sie endlich die Boutique verließen. Julius trug die Einkäufe. Die Kobolde würden wohl morgen schon die Auszahlungsanweisungen bekommen, wenn Madame Esmeralda ihre Bankboten losschickt."

Abends blieb Julius bis um zehn Uhr, bis Joe endlich wieder zu Hause war. Er legte sich etwas früher hin als gestern noch. Immerhin hatte er einen langen Tag hinter sich gebracht.

 

__________

 

Am Mittwoch morgen begrüßte ihn Viviane Eauvives Bild-Ich mit den Worten: "Aurora hat wegen deiner Besorgnis in Hogwarts nachgeforscht. Den Schrank haben sie wohl ausrangiert, weil dieser Poltergeist, den sie dort immer noch haben, ihn vor vier Jahren beschädigt hat und erst im letzten Schuljahr jemand damit Schindluder getrieben hat. Allerdings ist sie sich nicht so sicher, ob der noch in der Schule ist oder anderswo. Wenn du wirklich Bedenken hast, schreibe dem Hogwarts-Schulleiter einen Brief! Vielleicht prüft er das dann ja nach."

"Meine Eule ist gerade unterwegs nach Brüssel", sagte Julius. Weil ich um antwort gebeten habe kommt die vor morgen nicht mehr wieder."

"Du denkst, es könnte auf jeden Tag ankommen?" Fragte Viviane Eauvive.

"Sagen wir's so, wenn Aurora sagt, daß die keinen Schrank mehr haben, bin ich beruhigt. Ich hoffe nur, daß die so schnell keinen neuen reinkriegen, wenn der Mistkerl nicht erledigt ist, der gerade die halbe Zaubererwelt beharkt", antwortete Julius. Ich sehe zu, daß ich Francis gleich wieder losschicke, wenn er aus Belgien zurück ist."< Viviane nickte.

"Ich habe Aurora Dawn zwar auch schon darauf angesetzt, die entsprechenden Fäden zu ziehen, weil sie ja mit einigen ehemaligen Schulleitern Kontakt kriegen kann. Aber ein Brief ist doch irgendwie besser, wenn es nicht wirklich um jede Minute geht."

"Verstehe ich auch", antwortete Julius ruhig. Dann zog er einen himmelblauen Umhang an und ging zum Frühstück hinunter. Um halb neun holte er sein Superomniglas, das ihm die Dusoleils zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatten. Er benutzte den Kamin der Brickstons zur Reise in die Rue de Camouflage, wo er fast in Hippolyte Latierre hineinpurzelte. Dann sah er noch die Dusoleils, die ebenfalls ausgehfertig herumliefen und eine große Fahne mit dem Wappen der Millemerveilles Mercurios trugen.

"Die Lagranges sind auch von der Partie", sagte Camille, als Julius sie umarmte und froh war, sie richtig innig drücken zu können, ohne ein ungeborenes Kind einzuquetschen. "Aber ich fürchte, wir werden uns wenn dann erst wieder nach dem Spiel sehen, weil ich wohl davon ausgehen darf, daß Hippolyte euch die Ministeriumsloge beschafft hat und wir nur beim Spieleranhang sitzen dürfen."

"Was nur eine Reihe unter der Ehrenbox ist, Camille", sagte Hippolyte Latierre, die Béatrice, die ein meergrünes Kleid trug, und die Zwergin Lutetia, die ein Kleid aus roten und blauen Querstreifen trug, beäugte, ob die sich nicht gleich beharkten. Dann krachte es laut, weil jemand appariert war, was ja hier auch ging. Julius sah sich um und entdeckte Professeur Faucon.

"Blanche kommt auch mit", bemerkte Florymont Dusoleil. Er winkte ihr zu. Sie kam heran, sah, wer so alles zusammenstand und trat an Julius heran:

"Die frei heraus agierende Hexe, die dir zu Weihnachten was außergewöhnliches geschenkt hat hat mir versichert, daß du nicht von dir aus verraten hast, wo ich war. Näheres muß ich nicht ausführen. Amüsier dich schön bei dem Spiel!"

Es ging zunächst wieder durch die Kamine zu einem Ort, der im Flohnetz-Adressbuch "Stade de Paris" hieß. Dort gab Hippolyte Latierre Raphaelle Montferre, die gerade angekommen war und Julius die Karten. Julius fragte, ob Ursuline auch kommen würde. Doch diese, so Hippolyte, sei bei Barbara auf dem Hof und verbringe die Zeit mit den Feriengästen dort. Dann sah er noch die Lagranges, die aus Millemerveilles und die aus Calais. Als er Belisama in einem sonnengelben Kleid sah, fragte er sich, ob er sich mit den Blauvorlieben nicht vertan hatte. Dann sah er noch die Moulins und Dorniers. Constance hatte ihre kleine Tochter Cythera über der Schulter hängen. Belisama und Céline lösten sich von ihren Familien und kamen herüber, als sie Julius mit den Latierres und Dusoleils sahen. Hercules winkte ihm lässig aus der Ferne zu.

"Mit wem von den beiden Familien bist du offiziell hier?" Fragte Belisama.

"Meine Maman hat ihn eingeladen", mengte sich Mildrid ein. Julius fand, daß er hier nicht wieder diesen blöden Streit mitkriegen wollte und sagte schnell:

"Madame Latierre hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, zuzusehen. Daß die Dusoleils noch kommen wußte ich nicht. Die haben nichts dergleichen erzählt."

"Hättest mich ruhig fragen können oder Seraphine anschreiben. Wir hätten im Spileranhang noch einen Platz freischaufeln können", knurrte Belisama. Dann drückte sie Julius an sich und fragte ihn, für wen er denn sei. Julius fand, daß er hier neutral sein mußte. Schließlich wohnte er halb in Paris und halb in Millemerveilles.

"Ich bin für die Mercurios, weil Polonius für die spielt und ich mit Seraphine und Elisa danach noch in Millemerveilles feiern möchte, wenn die Mercurios gewinnen." Dann flüsterte sie ihm ins Ohr. "Versuche, dich von dem roten Gesocks abzusetzen und komm zu uns rüber! Allemal besser als dich von dem Kaninchen-Clan andauernd vereinnahmen zu lassen."

"Erst mal das Spiel sehen", meinte Julius. Er hatte wirklich keine Lust, sich wieder zwischen diesen beiden Mädchen hin- und herschlagen zu lassen wie ein Tischtennisball. Seraphine kam noch herüber und begrüßte Julius kurz. Dann meinte sie:

"Meine Cousine ist tottraurig, weil du dich nicht einmal von ihr verabschiedet hast, als ihr abgerückt seid."

"Wußte nicht, daß sie bei euch in Millemerveilles ist, sonst hätte ich mal eben rüberkommen können. Aber in Calais kenne ich doch keinen Kamin."

"Wußtte ich's doch", grinste Seraphine. "Das schlechte Gewissen, weil ihr keine Flohnetz-Adressen ausgetauscht habt. Hier, Mademoiselle Belisama! Sage deinem Angebeteten mal deine Eulen- und Kaminanschrift!" Rief sie dann noch. Belisama fuhr herum, weil sie bis dahin Mildrid mit stummen Blicken bedachte und knurrte ihre Cousine an, ob das jetzt wirklich sein mußte, so laut zu brüllen. Millie kam heran und meinte:

"Tja, wo wir wohnen weiß er ja sehr gut, Süße."

"Ich glaube, da wo du stehst fällt gleich jemand tot um", knurrte Belisama sehr angriffslustig. Dann schupste sie Millie einfach weg, die sich das erst einmal gefallen ließ und flüsterte Julius zu:

"Also die Eulen finden mich unter Belisama Lagrange, Rue Du Port siebzehn. Rue du Port heißt auch der Kaminanschluß. Aber wir haben ja noch das Armband."

"Das wir in den Weihnachtsferien benutzen dürfen, aber nicht in den Osterferien", meinte Julius. Belisama sah ihn fragend an, mußte dann schwerfällig nicken. Weil sie offenbar nichts weiteres tun konnte, um Julius von den Latierres loszueisen wünschte sie ihm noch viel Spaß bei dem Spiel und zog mit Céline und ihren Verwandten ab richtung Haupttribüne. Dabei sah Julius, wie Belisama ihrer Cousine etwas zuflüsterte und dann aus einem Julius nicht ersichtlichen Grund zu den Moulins hinüberging, wo Hercules ihr zuwinkte, auf Millie deutete und Belisama dann zunickte, zu ihm hinüberzugehen. Julius winkte Hercules noch einmal zu, er könne kurz herüberkommen. Doch der sah, mit wem er zusammenstand, schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Keine fünf Sekunden später war er mit Belisamas Familie und seinen Eltern im Zuschauergewühl verschwunden.

"Hat die dir gedroht, Millie?" Fragte Martine feist grinsend. "Oder warum hast du dich so einfach wegschupsen lassen?"

"Weil sie mich jetzt unterschätzt, Tine. Aber pssst!" Erwiderte Millie geheimnisvoll.

Wie er es in Millemerveilles schon einmal erlebt hatte ging es zu einer hohen Ehrenloge hinauf, die nur für Besitzer der goldenen Eintrittskarten betretbar war. Hier saßen bereits der Zaubereiminister Grandchapeau mit seiner Frau und dem Schwiegersohn, der froh war, die einsamen Tage mit Leben füllen zu können, sowie Monsieur Castello und ein kleiner, schwarzhaariger Zauberer mit einem pinselartigen Oberlippenbärtchen aus Millemerveilles, den Julius mal als Monsieur Charpentier, den amtierenden Ratssprecher, kennengelernt hatte. Höflich begrüßten sich die Besucher der Ehrenloge, und Julius durfte sich einen der freien Plätze aussuchen. Erst sah es so aus, als wolle sich Béatrice neben Julius niederlassen. Doch dann erkannte dieser, daß sie ihre Nichte Mildrid wohl etwas ärgern wollte. Denn sie deutete ein Hinsetzen an, glitt dann aber nach rechts auf den Platz neben ihrer Mutter werdenden Schwester Hippolyte. Millie verzog für einen Moment ihr Gesicht, blickte sie noch einmal lauernd an und nahm dann neben Julius Platz. Martine pflanzte sich ganz direkt auf Julius' anderer Seite hin und warf ihrer Schwester einen kurzen Seitenblick zu, den diese unbeeindruckt wegsteckte.

Julius beugte sich kurz hinter Millie vorbei und meinte zu Béatrice: "Du hast wirklich deine Heilertasche mit." Lutetia Arno setzte sich zu ihrer Schwiegertochter. Sie trug Ohrenstöpsel. Offenbar war ihr zwergisches Gehör bei diesem Radau in großer Gefahr.

"Ich bin jedenfalls vorbereitet", grinste Béatrice. Mildrid räusperte sich, weil Julius immer noch hinter ihrem Rücken vorbeilugte und lehnte sich dezent zurück, so daß er sich schnell wieder ordentlich hinsetzte. Dann ging die Partie los.

Julius war heilfroh, sein Wunderglas mitgenommen zu haben. Denn die beiden Mannschaften schenkten sich wahrlich nichts. Jetzt konnte er erleben, wie rasant eine Partie lief, wenn alle Spieler den Ganymed 10 flogen. César Rocher, der die Torringe der Mercurios behütete, mußte innerhalb einer Minute vier haarsträubende Paraden vollführen. Doch dann fegte ihn fast ein Klatscher vom Besen, als der Quaffel gerade im Torraum herumgefeuert wurde. Die Pelikane schafften das erste Tor, und die Arena bebte unter dem Jubel der Fans. Es ging hin und her. Polonius Lagrange und Bruno Dusoleil hatten sich offenbar zu einem doch guten Jägerduo zusammengerauft und brachten in den ersten zehn Minuten vier Quaffel im gegnerischen Tor unter. Die Pelikane schafften dagegen nur ein weiteres Tor.

"Der Hüter der Mercurios ist flink und rund wie ein Kugelblitz und macht im Moment jeden direkten Angriff wirkungslos!" Rief der Stadionsprecher. Wieder parierte César einen Quaffel, der nicht direkt aufs Tor geworfen, sondern von oben her hineingelupft werden sollte. Julius entsann sich, ihn mit dieser Taktik auch schon einmal ausgetrickst zu haben.

"Ui, sind die schnell!" Brüllte Julius, als alle sechs Jäger auf dem Feld in einer selbstmörderischen Hetzjagd hinter dem Quaffel herzischten. Es war doch schon was anderes, wenn alle Spieler den Ganymed 10 flogen, fand er. Allerdings hatte er bei den beiden Quodpotspielen in Amerika schon gewagtere Manöver gesehen. So verfolgte er eher die Spielzüge und ließ sich die für ihn interessantesten in Zeitlupenwiederholung vorführen. Dabei verpaßte er fast, daß die Pelikane César durch ein schnelles Dreiecksmanöver überwanden. Dummerweise schien er dagegen keine gescheite Taktik zu besitzen. Denn es klingelte noch fünfmal in seinem Torraum. Erst dann boten die Treiber eine wirksame Abwehrmauer auf und brachten ihren Jägern die Offensive zurück. Das Problem war nur, daß die Mercurios aus den Chancen keine Tore machten, weil die gegnerischen Jäger jeden Ring blockierten, so daß der Hüter nur als letzte Deckung bereitstehen mußte.

"Vorne ist das Tor!" Brüllte Millie Latierre. "Lasst euch nicht hinten reindrücken!"

Das Spiel ging hin und her, mal holten sich die Mercurios, mal die Pelikane einen Vorsprung heraus. Julius begann, sich langsam zu langweilen, weil die ganze Sache auf ein Blocken und Schocken hinauslief. Wenn eine Mannschaft einen Überraschungswurf hingelegt hatte, blockierte die Gegenmannschaft, bis ihr eine geniale Kontermöglichkeit zufiel. Die Sucherinnen zogen derweil ihre Kreise wie lauernde Greifvögel. Die erhoffte Beute, der goldene Schnatz, war für normale Augen fast unsichtbar schnell über dem Feld unterwegs, hielt höchstens eine Sekunde lang in der Luft an und schwirrte dann ganz woanders entlang. Julius testete die Zeitlupe seines Omniglases und versuchte, den Schnatz subjektiv anzuhalten, ohne die Standbildfunktion zu benutzen. Er wollte mal sehen, bei welchem Verlangsamungsfaktor er einzelne Flügelschläge des winzigen Balles unterscheiden konnte. Erst bei dreißigfacher Verlangsamung konnte er die silbernen Flügel auf- und abschlagen sehen, wo sie vorher nur glitzernde Schemen an den Seiten des Balles waren. Er benutzte die Ranholfunktion und fühlte sich wie der bionische Superheld Steve Austin, der das mit einem Auge auchkonnte. Dabei bekam er vor lauter Zeitlupenexperimente nicht mit, wie das Tosen in der Menge aufgeregt anschwoll, in Tonhöhe und Lautstärke anstieg und dann in einem einzigen "Jaaaaaaaaaa!" explodierte. Sofort drückte er auf Echtansicht und sah, daß die spindeldürre, schwarzhaarige Sucherin der Pelikane den Schnatz in der linken Hand hielt. Béatrice sprang auf und schien in den Jubel einstimmen zu wollen. Doch ihr eigentliches Interesse galt ihrer Schwester und Raphaelle Montferre.

"Oha, bei dem Krach könnte jede Fruchtblase platzen", hörte er Martines Stimme direkt in sein Ohr dringen, nahm sie aber eher wie ein Flüstern wahr.

"Michelle Dornier holt für die Pelikane nach fünfundvierzig Minuten Spielzeit die einhundertfünfzig entscheidenden Punkte. Endstand fünfhundert zu zweihundertzehn!!" Rief der Stadionsprecher.

"Au, da werden gleich welche losweinen", feixte Martine und blickte in die Ränge der Spielerfamilien. Julius folgte mit dem Omniglas dem Blick und sah die Lagranges, die leicht betreten aussahen, sowie die Rochers, die wohl damit gerechnet hatten, daß ihr Spieler die Tore gut freihielt. Er sah Belisama, die kleine Tränen in den Augen hatte, wie Julius mit der Superranholfunktion des Glases erkannte. Er fühlte seine Ohren erwärmen, weil er sich doch etwas wie ein Spanner vorkam, der Leuten bei ihren persönlichsten Dingen zuschaute. Jeanne heulte wirklich los. Julius wies Martine darauf hin, daß das ihrer Freundin und angeheirateten Anverwandten in ihrem Zustand nicht besonders gut bekommen konnte. Martine sah hinunter, entdeckte Jeanne und räusperte sich. Julius wußte jetzt nicht, ob er wirklich neutral war. Denn einerseits kannte er die Spieler von Millemerveilles doch wesentlich besser als die von Paris. Andererseits wohnte er doch irgendwie in dieser Stadt und sollte zumindest ein gewisses Maß an Freude aufbringen.

"Du gehst da jetzt nicht runter, Hipp! Ich muß erst sehen, ob Miriam wirklich nicht in Gefahr ist", knurrte Béatrice.

"Tante Trice ist aber sehr böse zu Maman", flüsterte Mildrid mit schadenfrohem Grinsen. Dann fragte sie, wie Julius das Spiel gefallen hatte.

"Lief 'ne Zeit lang ziemlich langweilig hin und her, Schocken und Blocken, Millie. So viele supertolle Manöver habe ich nicht gesehen. Dabei wollen die Mercurios die Tabellenspitze bis zum Ende behalten."

"Das haben die heute verbockt", erwiderte Millie schadenfroh. "jetzt haben die Pelikane mit zwanzig Punkten Vorsprung die Führung."

"Dann geht es halt im Fernduell", sagte Julius. "Zwanzig Punkte sind echt kein Abstand."

"Ah, haben wir uns doch auf Brunos Truppe festgelegt", schnurrte Mildrid.

"Michelle hat den Schnatz zu früh gefangen, Millie und Julius. Aber Janine war da zu nah dran, um ihn sausen zu lassen", meinte Martine. "Die ist immer noch gut."

"Öhm, die sieht so aus und heißt ähnlich wie die Dorniers bei uns. Wie ist die mit denen verwandt?" Fragte Julius.

"Das ist die Tante von Tante Céline. Zureiterin und Aushängeschild bei den Ganymed-Werken", versorgte ihn Millie mit den gewünschten Daten. "Die hat einen Vertrag, daß sie jedes zweite Heimspiel spielen darf. Die Pelikane haben den Ganymedwerken eine Riesensumme hingelegt, falls der beim Spiel was passiert. Willst du ein Autogramm von der haben?"

"Da frage ich Céline. Die sitzt an der Quelle", erwiderte Julius schalkhaft grinsend.

"Ja, aber von Albert Reinier, dem Kapitän, kriegst du über den Weg kein Autogramm. Der hat keine Verwandten in eurem Saal", erwiderte Mildrid.

"Trice und Lutetia, bevor ihr beide noch in mich reinkriecht, nur um zu sehen, daß es mir und Miriam gut genug geht geh ich gleich runter in die Kabine um den Pelikanen zu gratulieren. Kommst du mit, Raphaelle?"

"Neh, lass mal. Meine Jungs balgen sich gerade drum, wer näher an meinem Magen liegen darf", keuchte Madame Montferre.

"Gut, dann nimm deine Schwiegermutter mit!" Schnaubte Béatrice, als ihre ältere Schwester mit der Zwergin auf den Fersen zum Ausgang lief.

"Also ich sollte mich nicht schwängern lassen, wenn Tante Trice in Reichweite ist", feixte Millie. "Die ist ja richtig grantig."

"Gut zu wissen, daß ich nur in der Nähe deiner Tante bleiben muß, damit du nicht aus Versehen von mir schwanger wirst", nahm Julius Millie hoch. Diese verzog das Gesicht. Dann knurrte sie schnippisch:

"Dann suche ich mir 'ne andere Hebamme. Oma Teti ist ja auch noch da. Und bis ich wen neues in der Backstube habe hat Maman Miriam schon rausgeworfen."

"Du willst ihn also loswerden, noch kleine Schwester", mischte sich nun Martine ein. "Denk doch dran, wie Lépin von der Akademie geflogen ist, als das mit Connie Dornier rauskam."

"Willst du ihn haben, dann nimm ihn besser gleich mit, Tine. Sonst kriegt ihn am ende noch die kleine, runde Duisenberg", erwiderte Millie. Julius, der keine Lust hatte, sich zum unnötigen Auslöser für einen Schwesternzank machen zu lassen versuchte sich in Schlagfertigkeit und sagte:

"Wenn die eine Mutter wird, wird die andere Tante. Der Job ist doch einfacher? Nicht wahr Béatrice?!"

"Wenn du mit den beiden Streitschwestern nicht klarkommst, Julius, sag es so, daß sie es kapieren und versteck dich nicht hinter mir!" Erwiderte Béatrice. Doch dann lachte sie: "Da ihr beiden ja meint, weil eure Mutter und viele eurer Tanten gerade wen neues austragen gehe ich mit eurem Auserwählten gerne in eine Stille Kammer, nehme ihm etwas von seiner Saat, conservatempisiere die und warte, bis ihr in der gleichen Monatsphase seit. Dann pflanze ich die euch gerne ein, damit ihr beide von ihm rund werdet."

"Öhm, da habe ich aber was gegen", stöhnte Julius. "Eine Frau und zwei Kinder, geht vielleicht noch. Aber zwei Frauen und zwei Kinder, nicht so gut."

"Von der Statur her passt du besser zu Martine, Julius", sagte Raphaelle Montferre grinsend. Sie strich sich über den Bauch, wo das wilde Leben den Aufstand probte.

"Also, Julius, wenn du auf große Mädchen stehst, frage die nette Madame Montferre doch, ob du nicht eine von ihren großen roten Rassestuten haben möchtest?" Flüsterte Millie ihm zu. Julius mußte kurz nachdenken. Dann sagte er:

"Da frage ich nicht. Die besuche ich in Wechselschichten."

"Könnte denen echt Spaß machen. Aber dann hast du vielleicht wieder das Problem mit den Schwestern, die Mütter und Tanten zugleich werden. Ich würde mir das schwer überlegen, selbst wenn Sandra dich schon schön knuddeln kann."

"Den Preis für meine Töchter kannst du nicht zahlen, Mildrid", lachte Raphaelle, und die vorgeburtliche Balgerei ging in die nächste Runde.

"Also, Raphaelle, so geht das echt nicht", zischte Béatrice. "Die kommen gar nicht mehr zur Ruhe. Ich bring dich mal eben nach Haus und versenke dich in einen Zaubertiefschlaf, damit ich die beiden ruhig kriege."

"Das könnte Ihnen so passen, Mademoiselle, mich einfach schlafen machen und mich bis zum Geburtstermin im Bett lassen", knurrte Raphaelle. Julius grinste. Dann sagte Martine:

"Also, Schwesterchen, was fangen wir an?"

"Kommt drauf an, ob Julius mitkommt. Ich würde gerne noch ins Café von Artemis", sagte Millie. "Maman wollte zumindest dahin. Papa ist ja bis heute abend noch weg."

"Kommst du mit, Julius? Oder hast du Angst vor so vielen entschlossenen Mädchen?"Fragte Martine herausfordernd.

"Wenn ich als einziger Bursche unter euch Frauenzimmern mitkomme kucken alle Mädels da nur auf mich, weil sonst kein junger Bursche reinkommt", versetzte Julius schlagfertig. Beide Schwestern lachten. Martine meinte dazu:

"Da wirst du dich aber schön abstrampeln, wenn du siehst, wer da alles so ist." Millie setzte dem noch einen drauf und sagte:

"Die Mädels da sind mindestens dreißig. Wenn dich da eine von den unverheirateten anstrahlt hast du Glück."

Außerhalb des Stadions trafen sie Hippolyte Latierre, die mit ihrer Schwiegermutter im Schlepptau bereits zum Ausgang schritt. Martine sagte, Julius wolle mit ins Café von Artemis. Hippolyte nickte.

"Albericus will dann auch hinkommen. Wo ist Trice hin?"

"Raphaelle hatte hunger und hat die gefressen. Dann hat's geknallt, und die ist geplatzt", warf Millie ein. Martine räusperte sich ungehalten und berichtigte ihre Schwester.

"Das Mädchen ist wohl sehr übereifrig", kicherte Lutetia Arno. Dann sah sie Julius von unten her an und zwinkerte ihm zu. "Fühlst du dich nicht verloren unter so vielen drallen Mädels?"

"die haben mich in der Arithmantikklasse nur mit drallen Mädels zusammengesteckt. Das ging soweit, daß ich jeden Tag meine Temperatur gemessen habe, um die fruchtbaren Tage rauszufinden." Lutetia grinste und mußte dann lachen. "Mit sowas kriegen die Frauen und Mädchen nur Probleme.

"Was ist eigentlich mit der kleinen Kratzbürste los, die sich mit dir vor den Ferien so gezankt haben soll?" Fragte Hippolyte ihre im Moment noch jüngste Tochter. Millie verzog erst das Gesicht und lächelte dann überlegen.

"Die wollte unbedingt mit Hercules Moulin, den Bernadette so abserviert hat zusammensitzen. Ich denke, die kriegen nicht mit, wo wir sind." Sie sah Julius an, ob der noch was dazu sagte. Dieser fühlte sich merkwürdig wohl bei dem Gedanken, daß er im Moment nicht zwischen die Zickenfronten geraten würde und sagte:

"Ich denke schon, daß die beiden merken, daß wir schon weg sind. Aber das ist mir im Moment sowas von egal."

"Trice ist also bei Raphaelle. Dann können wir apparieren", sagte Hippolyte Latierre spitzbübisch grinsend. Julius fragte, ob das denn soweit weg wäre.

"Wass steht in den Quidditchausrichtungstatuten?" Fragte Millie ihn. Ihre Mutter sah ihn ebenfalls fragend an.

"Suchanfrage läuft, Verzeichnis Zaubererwelt, unterverzeichnis Zauberersport, Endverzeichnis Quidditch, Eintrag: "Quidditchliga und Profi-Quidditch. Bei professionellen Quidditchspielen müssen die dafür vorgesehenen Wettkampfstätten, auch Stadien genannt, dahingehend abgesichert sein, daß Personen aus der nichtmagischen Welt, im zauberrerweltlichen Volksmund auch Muggel genannt, zu keiner Zeit Ort und Aussehen eines Stadions herausfinden können, weswegen das Stadion möglichst außerhalb und weit genug von stark von Personen der nichtmagischen Welt bewohnten Ortschaften entfernt errichtet und mit speziellen Abwehrzaubern versehen wird. Ende des Eintrags!" Ratterte Julius im Stil eines sprechenden Computers die ihm geläufigen Angaben runter.

"Setzen! Sehr gut!" Bedachte Madame Latierre dieses Zitat. "Das Stadion, in dem wir sind, liegt knapp fünfzig Kilometer außerhalb von Paris zwischen zwei eng beieinanderstehenden Bergen."

"Maman, nur du und ich können apparieren. Wer soll wen mitnehmen?"

"Ich nehme Belle-Maman mit und du bringst Millie und Julius hin, nacheinander!" Legte Hippolyte Fest. Martine nickte. So passierten sie das kleine Gebäude mit den Kaminen und stellten sich bereit. Madame Latierre klaubte ihre Schwiegermutter auf und verschwand mit lautem Knall. Martine nahm erst Julius bei der hand. Er schlug vor, sie könne bis drei zählen, damit er abspringen könne. Sie ging darauf ein. "Eins! Zwei! Drei!" Julius stieß sich ab, und Martine wirbelte mit ihm in die Apparition. Keine drei Sekunden später stand sie alleine bei ihrer Schwester und nahm auch sie mit.

Es war eine kleine verschlafen wirkende Seitengasse der Rue de Camouflage. Sie standen vor einem wweißen Haus mit rotem Ziegeldach, aus dessen kleinem Schornstein weißer Rauch wie eine Friedensfahne in den immer klarer werdenden Frühlingsmorgenhimmel wehte. Aus dem Haus drangen Stimmen fröhlicher Menschen, das Scheppern und Klappern von Geschirr, das Klingen von Gläsernund leise Musik. Ein Duftgemisch aus Pfeifentabak, gebratenem Fleisch, Kaffee und frischem Brot waberte durch die angelehnte braune Tür, über der ein silbernes Schild mit einem Halbmondsymbol und dem Schriftzug CHEZ ARTEMIS prangte.

"Das Café und Restaurant haben dir deine derzeitigen Fürsorgehexen wohl noch nicht vorgestellt", meinte Hippolyte. Julius nickte bestätigend. "Hätte mich auch gewundert. Alle Besucher von Artemis haben in Beauxbatons im roten Saal gewohnt."

"Dann wird mich wohl gleich der Blitz treffen oder ein grunzender Rauswerfertroll beim Kragen packen und mich wieder an die Frische Luft feuern", erwiderte Julius.

"Oder die letzten Spuren dieser grünen Unentschlossenheiten und Hemmungen werden aus dir rausgespült", grinste Millie. Ihre Mutter meinte:

"Meine Mädchen sagten mir, daß du fast bei ihnen im Saal gelandet wärest. Abgesehen davon hat sie keine speziellen Abschreckzauber oder grunzende Sicherheitstrolle."

"Wenn wir dich an die Hand nehmen läßt sie dich ganz sicher rein", meinte Martine und griff nach Julius Hand. Doch dieser wehrte lächelnd ab und sagte, er möchte alleine hineingehen. Hippolyte öffnete die Tür und trat ein. Drinnen verstummte für einen Moment das lustige Geplapper der Gäste. Sie winkte ihrer Schwiegermutter. Diese folgte ihr. Dann trat Julius von Martine und Mildrid flankiert ein.

"Hei, die holde Weiblichkeit aus dem Stadtzweig der Latierres", begrüßte eine schon leicht angeheitert klingende Männerstimme.

Julius wunderte sich ein wenig über die Einrichtung. Obwohl es hier ein fröhlicher Ort zu sein schien, war alles in schwarz und silbern gehalten. Der Raum war kreisrund. In der Mitte stand eine halbmondförmige Theke. Sie umstanden in konzentrischen Ringen kleine, kreisrunde Tische, an denen zwischen vier und sechs Leute Platz finden mochten. Auf jedem Tisch schimmerte eine mattweiße Lampe. Die Decke bildete den nördlichen Sternenhimmel auf mitternachtsblauem Grund nach. Die sterne leuchteten wie in freier Natur, und ein immer voller werdender Mond beherrschte silberweiß leuchtend dieses künstliche Himmelszelt. Julius blickte auf die Gäste an den Tischen, die altersmäßig zwischen zehn und hundertzehn und vom Körperbau von klein und zerbrechlich bis baumlang und breit, klapperdürr bis kugelrund waren. Sie wurden alle im mattweißen Kerzenlicht und dem künstlichen Mond an der Decke in silbrigen Schein gehüllt. So war es Julius nicht möglich, die Farben von Haaren und Kleidung zu erkennen. Alles wirkte dunkel- bis hellgrau, wie Katzen in der Nacht. Drei Hexen und zwei Zauberer in silbrig mit Sternen- und Mondmustern verzierten Schürzen liefen zwischen den Tischen umher, wohl dirigiert von einer hochgewachsenen Frau in wallendem Umhang, die immerwieder nach unten zu schauen schien, wo wohl die bestellten Sachen herkamen. Sie blickte auf und lächelte, im allgegenwärtigen Silberschein wie ein Gespenst aussehend. Dann verließ sie ihren Posten und kam herüber.

"Hipp, du stramme Matrone. Wie geht's dir und dem Kind?" Begrüßte sie Hippolyte. Diese nickte ihr zu und strich sich kurz über den prallen Bauch. Dann wandte sie sich ihren Begleitern zu.

"Meine Schwiegermutter kennst du ja noch von Millies Geburt her, Temmie. Dann haben wir noch einen Klassenkameraden von Millie, der das Pech hatte, knapp am roten Saal vorbei in den grünen reinzurutschen. Julius Andrews, Madame Artemis Orchaud", stellte sie die beiden vor. Doch Artemis Orchaud strahlte Julius bereits an. Auch an den anderen Tischen blickten Besucher auf den einzigen männlichen Neuankömmling der letzten Minute. Viele schienen ihn zu erkennen. Julius hatte das Gefühl, er sei ein Prominenter, der mal in einen Supermarkt gegangen sei, um zu kucken, wie teuer einfache Lebensmittel waren. Eine untersetztzte Frau, die wohl gut mit Ursuline mithalten konnte lächelte ihn im silberweißen schein an. Sie erhob sich, als sie sah, das er sie genau anblickte und kam herüber. Sie trug einen wadenlangen Rock und eine Bluse in hellen Tönen. Sie lächelte ihn an.

"Ah, die ist auch schon da. Bist du auch schnell rüberappariert, Laura?" Fragte Hippolyte. Die untersetzte Dame sah sie an und nickte. Dann steuerte sie weiter auf Julius zu, der sich erst straffte und dann entspannt die arme für eine landesübliche Begrüßung öffnete.

"Freut mich, dich mal richtig zu sehen und nicht nur auf Fotos", hauchte die gut genährte Hexe mit einer mittelhohen, leicht angerauhten Stimme, die einer Soul-Sängerin Ehre gemacht hätte, fand Julius. "Laura Rocher, Césars liebe Omama."

"Julius Andrews", stellte sich Julius ordentlich vor.

"Der dreimalige Gewinner des goldenen Tanzschuhs von Millemerveilles, der im vorletzten Sommer auch die gute Eleonore Delamontagne im Schach geschlagen hat."

"Dein Enkel hat nicht schlecht gespielt, Laura", sagte Hippolyte. "Aber unsere Jungs und Mädels haben eben mehr Tore schießen können."

"Weil die Idioten bei den Mercurios den auch halb verhungern lassen, Hippolyte", erwiderte Laura Rocher, die Julius immer noch in den Armen hielt, als sei er ihr Enkel und nicht César Rocher. Naja, die Vornamen Julius und César verbanden ja doch irgendwie. Doch die freundliche Hexenoma hatte einen anderen Grund, warum sie Julius so frei heraus begrüßte. Sie erzählte ihm, daß sie vor fünfzig Jahren, als sie noch ein schlankes Mädchen war, zweimal in Folge den goldenen Tanzschuh gewonnen hatte. Julius gratulierte ihr nachträglich. Dann meinte Hippolyte:

"Die Pelikane haben doch die besseren Jäger, Laura. Mach dir nichts draus!"

"Ich habe schon Beschwerde bei den Mercurios eingelegt, daß sie meinen Enkel um seine Form bringen."

"Ja, das wohl wortwörtlich", warf Martine ein. Sie war Césars Klassenkameradin gewesen.

"Freches Mädchen, wo du das wohl herhast", knurrte Laura Rocher. Dann wünschte sie den Latierres und dem Jungen noch einen schönen Tag und kehrte an ihren Tisch, wo noch andere Hexen mittleren Alters saßen zurück.

"Habt ihr großen Hunger oder kleinen?" Fragte Artemis Orchaud die Neuankömmlinge. Hippolyte meinte, daß sie ja eh für jemanden mitessen müsse, Martine und Mildrid sagten was von kleinem Hunger, und Julius schloss sich den Mädchen an, weil Catherine ihn ja nur mit gut gefülltem Bauch aus dem Haus gelassen hatte. Als Artemis dann an ihren Platz an der Halbmondtheke zurückkehrte erzählte Hippolyte Julius, daß die Chefin ihre Cousine mütterlicherseits sei. Als Julius hörte, daß Artemis die einzige Tochter von Hippolytes Tante Diane war mußte er grinsen.

"Was findest du daran lustig?" Fragte Millie. Julius erklärte dann, daß Diane ja von Diana, der römischen Jagdgöttin hergeleitet sein mochte und Artemis die griechische Jagdgöttin war. Offenbar hatte Artemis Orchaud das gehört. Denn sie kam lächelnd mit drei magisch in der Schwebe gehaltenen Tabletts herüber und sagte Julius zugewandt:

"Das war ja der Streich, den meine Mutter meinem Vater gespielt hat, weil er ihren Namen immer verulkt hat. Da du ja offenbar von meiner Cousine mit ihrer Familie gut bekannt gemacht wurdest darfst du das ruhig wissen. Guten Appetit zusammen!" Sie ließ die Tabletts niedersinken. Dann dirigierte sie eine Hexe aus dem Gefolge der Kellner hinter die Theke und setzte sich zu ihrer Cousine, die schon dabei war, ein Schinkenbaguette zu verputzen. Sie unterhielten sich über das gerade gelaufene Spiel, über die letzten Monate in Beauxbatons. Artemis, die sich hier wohl nicht nur von Verwandten Temmie nennen ließ, wußte auch von den beiden Todesfällen, die Julius bedrückten. Doch weil er im Moment wohl ehrlich fröhlich aussah sagte sie, daß seine Verlobte und die Oma seiner englischen Schulfreundin bestimmt nicht wollten, daß er nur noch traurig war. Julius nickte. Was Claire anging hatte ihr Teil von Ammayamiria ihm einen klaren Auftrag erteilt, den er wohl bald zum Abschluß bringen sollte. Was Jane Porter anging, mußte er höllisch aufpassen, nicht zu belustigt zu sein, wenn er daran dachte, daß sie die ganze Welt verschaukelt hatte, wenngleich das nicht war, um sich über jemanden lustig zu machen. Julius lauschte, wie die Latierres über die eigene Familie tratschten, bis Temmie ihn ansah und fragte, wo seine Mutter denn nun sei, wenn sie nicht zum Stadion kommen durfte.

"Die ist gerade im Ausland unterwegs. Sie arbeitet als Fachkundige für Probleme zwischen Muggeln und Zauberern, zusammen mit Madame Belle Grandchapeau."

"Ja, es gibt ja Leute, die das nicht für nötig halten, ein Muggelkontaktbüro zu unterhalten", sagte Temmie. "Ich finde aber, daß es uns schon betrifft, was Muggel so anstellen können und wir auch wissen müssen, wenn jemand von uns bei denen was anstellt. Wäre das nicht auch was für dich, Julius?"

"Ich weiß nicht. Ich wurde schon gefragt, ob ich in die magische Heilkunde einsteige. Aber vielleicht gehe ich auch in die Tierwesenabteilung oder sowas. Im Moment noch viel drin."

"Nun", erwiderte Temmie und zwinkerte ihren Verwandten zu, "Wenn du dich mit den Mädels hier gutstellst kannst du an jeder Ecke eine offene Tür finden."

"Nur daß seine Saalvorsteherin da was gegenhätte", meinte Hippolyte amüsiert. "die will ihn möglichst nur geistig kultivieren."

"Liegt ihr wohl immer noch schwer im Magen, die Schulzeit mit Tante Line, was?" Grinste Temmie.

"Ich denke, die sind noch genauso freche Mädchen geblieben wie wir, Temmie", erwiderte Hippolyte. Julius genoss es regelrecht, wie locker die als Ministerialbeamtin doch eigentlich sehr korrekt und förmlich auftretende Mutter Martines und Mildrids war. Dann kam noch Béatrice Latierre zusammen mit den Montferre-Zwillingen. Julius machte sich einen Spaß und fragte Béatrice, ob sie sich nicht doch geirrt hatte und die beiden Kinder Raphaelles Mädchen waren, die sie im Schnellverfahren auf die Welt holen und großziehen mußte. Sabine kniff ihm dafür in die Nase. Béatrice lachte. Ja, sie lachte! Erst als sie wieder zu Atem kam sagte sie:

"Julius, ich weiß, daß du weißt, wie eine anständige Hebamme Kinder im Mutterleib untersuchen kann und Jungs von Mädels unterscheidet. Oder willst du jetzt behaupten, du kennst die beiden hier nicht?" Sandra warf sich Julius mal eben an den Hals und knuddelte ihn, wohl auch um Millie zu ärgern, die die entfernte Verwandte mißtrauisch anstarrte. Julius ließ es sich gefallen, daß Sandra ihn zwanzig Sekunden lang hielt und sich an ihn schmiegte. Er fühlte dabei jenen heißen und kalten Schauer, und ein leichtes Prickeln wie von Ameisen, die über seinen Körper liefen. Als diese Erregung sich in seinem Unterleib bündelte und dort eine Reaktion auslöste, meinte Sandra:

"Wenn ich dich jetzt so weiterhalte denkt Millie, ich wollte dich durch die Klamotten nehmen." Julius grinste, weil er die Andeutung verstand und den Scherz weitertrieb:

"Dann käm unser Kind zumindest schon fertig gewickelt zur Welt."

"Hat Temmie dir Scherzkekse serviert? Aber ich lasse dich besser wieder frei atmen, bevor Bine noch eifersüchtig wird." Julius fühlte sich für einen winzigen Moment wieder auf der Blumenwiese und sah die beiden Montferre-Schwestern zusammen mit Béatrice, Millie, Martine, Sandrine und Belisama. Dann wandte er sich wieder an Millie, die gerade leise mit Temmie sprach. Weil Sandra durch die eigentlich undamenhafte Begrüßung den Anschein erweckte, sie wären an diesem Tisch willkommen und Hippolyte und Martine nichts einwandten setzten sich Béatrice und die Montferres dazu, wobei Julius irgendwie zwischen die beiden eineiigen Schwestern geriet. So kam von Temmie eine für ihn an und für sich ungehörige, aber hier wohl zulässige Frage auf:

"Das du durchaus auf Mädchen abfährst weiß ich ja, Julius. Welche von denen, die sich noch keinen Gefährten und Vater ihrer Kinder gesichert haben würdest du einlassen, wenn sie an deine Tür klopft?"

"Das ist wohl die falsche Frage, Madame, öhm, Temmie. Die richtige Frage wäre ja, welche von denen hier mich reinlassen würde", sagte Julius sehr selbstsicher. Alle lachten. Er wunderte sich, daß er diesen an sich zweideutigen Spruch gebracht hatte. Doch hier saßen wohl keine Damen, wie sie Catherine, ihre Mutter oder Madame Delamontagne verstanden. Auch Lutetia Arno lachte über diese Zweideutigkeit. Dann meinte Sabine:

"Es wurde Zeit, daß du herfindest, Julius. Hier wird jeder von den lästigen Anteilen außer Rot freigemacht. Außer Madame Maxime natürlich, die würde dich für diesen Spruch glatt bestrafen."

"Indem sie als amtierendes Alpha-Weibchen von Beauxbatons ihr Vorrecht auf gewisse Aktivitäten nutzt?" Fragte Julius, der im Moment Spaß daran hatte, sich wie irgendwelche Gassenjungen unter leichten Mädchen auszudrücken. Sandra grinste dazu und nickte.

"Ja, das wäre in der Tat die Höchststrafe für einen Schüler", giggelte sie dann. Millie erwiderte darauf:

"Die Madame Maxime spielt doch nur die Korrektheit, weil sie sonst alles und jeden vernaschen würde, der ihr gefällt, Julius. Das würde mich zwar glatt von der Akademie kegeln, Julius, aber hier kann ich dir das so sagen wie es ist."

"Na, Kinder, jetzt nicht zu weit ins Kraut", erwiderte Hippolyte, die doch irgendwie fand, leicht an der Bremse zu ziehen, um die Jugendlichen nicht ganz aus der Spur ausbrechen zu lassen. Martine sah ihre Schwester etwas verhalten an und raunte dann:

"Ich denke mal, daß sie ein hartes Leben hat, Mildrid. Wenn sie in der Lage noch so'n wichtigen Posten wie den der Schulleiterin von Beauxbatons kriegt, hat sie echt schon Respekt verdient." Julius mußte dem beipflichten. Er sah Madame Maxime wie den Klingonen Worf, der immer wieder mit sich selbst ringen mußte, damit die wilde Natur seiner Rasse ihm keinen Ärger einbrachte. Wenn jemand durch die Herkunft zu Wutausbrüchen oder anderen plötzlichen Gefühlsentladungen neigte, brauchte er oder sie schon eine Menge Disziplin. Er dachte an Hagrid, der in einer ähnlichen Lage war. Jetzt war es auch noch so, daß er andauernd in Schwierigkeiten geriet. Arcadia Priestley hatte ihm erzählt, daß vor über fünfzig Jahren, wo die Kammer des Schreckens zum ersten Mal geöffnet worden wäre, Hagrid als Übeltäter verdächtigt und von der Schule geworfen worden war. Mittlerweile war wohl allen klar, daß das ein Irrtum war. Dann die Sache mit dem Hippogreif, der Malfoy fast den Arm abgebissen haben sollte, wobei Julius sich fragte, wielange das arme Tierwesen danach noch hatte brechen müssen, Rita Kimmkorns Hetzartikel gegen Riesen und Halbriesen und im letzten Jahr die Sache mit Dolores Umbridge, die ihn als Lehrer entlassen und mit einem Stoßtrupp Auroren vom Gelände gejagt hatte. Madame Maxime hatte bestimmt sprichwörtliche Riesenangst, daß sie selbst in eine ähnliche Lage geriet. Das sagte er auch und erzählte, was ihm über Hagrid bekannt war und in Hogwarts eh alle mitgekriegt hatten. Temmie meinte:

"Deshalb erzählen die Betroffenen das ja auch nicht jedem, wenn überhaupt. Das hat ja bei mir auch lange gedauert, bis ich es kapiert habe, warum eure Schulleiterin so groß rausgekommen ist."

"Raphaelle hat uns erzählt, daß du dir das Heliosgewand geholt hast", flüsterte Sandra. "Das heißt, du wirst auf jeden Fall mit einer von uns Hexen zur Walpurgisnacht gehen?"

"Ja, Catherine Brickston. Die hat mir das ausgesucht", flüsterte Julius, mußte dabei aber so sehr grinsen, daß Sandra ihm das für kein Vermögen der Welt abnehmen konnte.

"Wohl dem Mädchen, daß mit dir auf dem Besen sitzen darf", schnurrte Sandra.

"Ja, ihr seid doch gut verplant oder nicht?" Fragte Julius. An und für sich wußte er, daß die Rossignol-Brüder, die bisher die festen Freunde der Montferres waren, wegen ihrer Unsportlichkeiten im letzten Jahr nicht auf Besen fliegen durften, egal zu welchem Anlass. Sabine holte tief Luft. Dann flüsterte sie:

"Die dürfen nicht fliegen, Julius, zum ersten. Zweitens sind die es offenbar leid, mit uns zwei Zwillingspärchen zu bilden. Ich denke sogar, die suchen schon nach wem anderen. Also, Julius, wenn du uns weiterärgerst laden San und ich dich glatt ein. Dann wirst du hinter einer von uns sitzen müssen."

"Ui, die Drohung sitzt", tat Julius erschrocken und zu tiefst getroffen. Millie fragte laut, welche Drohung. Sabine wiederholte es laut. Millie sah sie an und meinte:

"Klar, weil er jetzt an euch ranreicht könnte der glatt bei einer von euch hinten aufsitzen. Aber ihr seid bestimmt nicht die einzigen, die ihn einladen."

"Ja, stimmt, du hast ja mit Belisama ausgehandelt, daß sie ihn einladen darf", stichelte Sandra. Mildrid lief wohl rot an. Zumindest nahm ihr Gesicht einen etwas dunkleren Farbton an. Sie erhob sich vom Stuhl und straffte sich, daß sie so groß wie ihre große Schwester aussah.

"Hat die dir diesen Drachenmist erzählt? Dann sage ihr, wenn du sie beim nächsten Mal siehst, daß sie aufpassen soll, daß ich ihr nicht Mund und sonstiges zunähe, wenn die nicht ..."

"Mildrid", knurrte ihre Mutter drohend. Millie setzte sich wieder hin. Julius wußte schon, daß sie es ernst meinte. Im Moment konnte er sie verstehen. Er saß hier mit ihr und den anderen zusammen und konnte sich locker mit ihnen unterhalten, worüber er sich selbst wunderte. Der zurückhaltende Junge, der sonst immer auf korrektes Benehmen Wert legte, war wohl heute morgen von ihm zu Hause gelassen worden. Oder es stimmte, daß in diesem Mondlichtcafé die üblichen Anstandsregeln Hausverbot hatten. Deshalb kamen wohl auch nur Leute aus dem roten Saal her, wenngleich die Blauen noch weniger von Anstandsregeln hielten, sich dafür aber nicht von ihren Gefühlen umtreiben ließen. Aber er fühlte sich hier nicht so, als täte er was unanständiges, sondern erkannte langsam aber sicher, daß ihm das bisher vorenthalten worden war, einfach mal draufloszureden und zu sehen, wann und wo er aneckte. Waltraud hatte es ihm mal gesagt, als sie sich in einer Zaubertrankstunde mit Caroline Renard angelegt hatte, daß es leichter sei, frei zu reden. Wenn sich wirklich wer verletzt fühlte konnte sie sich ja immer noch entschuldigen. Da fiel ihm wieder der Witz ein, den Lester, sein alter Vor-Hogwarts-Schulfreund erzählt hatte, wo ein Religionslehrer fragte, was zu tun sei, um göttliche Vergebung zu bekommen und ein Schüler antwortete, daß man Vergebung bekäme, wenn man vorher gesündigt hätte. Jetzt verstand er diesen kurzen Witz als eine Art Lebensweisheit. Sich gut oder anderen genehm zu benehmen war zwar möglich, aber sehr schwierig. Er hielt viel von Disziplin, weil er gelernt hatte, daß damit vieles leichter ging. Doch hier erkannte er nun, daß das Leben nicht allein aus Disziplin und Pflichterfüllung bestand. Die, die sich aus dem Rahmen von Zeitplan und Leistungsnachweisen lösen konnten hatten die ganze Welt vor sich ausgebreitet. Die Kunst bestand wohl darin, daß diese Art von Freiheit und Verpflichtungen richtig ausgewogen wurden. Als Engländer kannte er den Grundsatz, der Arbeit alles zu unterstellen. In Beauxbatons galt diese Richtlinie ja auch, und wahrscheinlich hatte er deshalb dort hineinfinden können, wie es ihm von Camille Dusoleil vorhergesagt worden war. Doch eben die Dusoleils, allen voran Claire, hatten ihm gezeigt, daß er nicht nur wegen guter Leistungen in Beauxbatons so gut zurechtkam. Claire war nicht mehr in der Nähe, teilte sich mit ihrer lebenserfahrenen Großmutter eine neue Daseinsform jenseits von Leben und Tod. Er fühlte sich so, als bröckele Eis von seiner Seele ab, das bisher den Eindruck von Festigkeit und Unverwüstlichkeit vorgegaukelt hatte. Doch gerade er wußte es auch, daß ein einziger Schlag ausreichte, um seine Ruhe und Disziplin zu erschüttern und es schwer war, den Schaden zu reparieren. Hier fühlte er etwas wie Tauwetter. So sagte er nach wenigen Sekunden Schweigen:

"Mädels, die, die mir zeigen kann, warum ich es wert bin, daß sie mich zu Walpurgis und vielleicht noch länger um sich haben will wird mich auf dem Besen mitnehmen."

"Das ist doch ein Wort", warf Temmie ein. Auch Béatrice sah Julius lächelnd an und nickte dann in die Runde der Schülerinnen Millie, Sabine und Sandra. "Wenn schon eine Menge um dich rumlaufen, dann solltest du auch wissen dürfen warum."

"Nun, da meine jüngere Tochter der Ansicht ist, sie könne sogar eine hohe Strafe riskieren, weil sie meint, sich mit einer anderen zanken zu müssen, hast du mit der Frage schon recht", sagte Hippolyte. "Das sollten wir rausfinden."

"Dann müßten wir alle, die um dich rumlaufen zusammenholen", sagte Sandra zu Julius. "Wer ist das noch außer Millie und Belisama?"

"Die kleine, runde Duisenberg", warf Millie ungefragt dazwischen. Julius lachte.

"Hat dir wohl heftig zugesetzt. Dabei ist die mir auf die Schultern gesprungen."

"Duisenberg? Corinne Duisenberg?" Wunderte sich Temmie Orchaud. Julius berichtete kurz und sachlich, wie das passiert war, was Millie so erschüttert haben mochte. Artemis und Hippolyte lachten. Dann meinte Hippolyte zu ihrer jüngeren Tochter:

"Wenn er die auf den Schultern tragen kann, hält er dich allemal aus."

"Ist zwar schon wichtig, aber ja wohl nicht das einzige, was ich mit und von dem will, Maman", sagte Millie und sagte damit ehrlich, was ihre Mutter eh schon wußte. Sabine wandte ein:

"Wo dich viele eh als leichtes Mädchen ansehen, Millie."

"Eh, so nicht, die Mademoiselle", tadelte Hippolyte Sabine. Mildrid meinte, daß Sabine aufpassen solle, bloß nicht die Schuhe an den Füßen zu verlieren, weil sie dann ja wie ein Ballon abheben würde, so leicht wie sie sei. Sabine funkelte Millie zwar an, sah es dann aber als billige Retourkutsche und grinste überlegen. Martine meinte dann zu Millie:

"Sei froh, daß Bine so viel Humor hat. Die kann besser hexen als du."

"Das hat Callisto Montpelier auch gedacht, als die sich mit dem blonden Fräulein angelegt hat", erwiderte Millie. Doch dann sah sie Julius an und fragte ihn:

"Die Frage ist ja noch nicht beantwortet: Kleine oder große Mädchen?"

"Häh?" Fragten Sabine und Sandra im Chor. Millie genoss es, die beiden für einige sekunden verblüfft zu sehen. Dann sagte sie:

"Ich habe mich mit Julius unterhalten, ob er sich eher für Frauen oder sowas wie euch und mich begeistere. Er weiß es wohl noch nicht."

"Vielleicht wirst du es auch nicht mitkriegen", erwiderte Sabine. "Wenn er deine Schwester Miriam anhimmelt könte man ja denken, er will was von deiner Mutter und ..."

"Hui, jetzt wandelst du aber auf sehr dünnem Eis, Sabine", fuhr Hippolyte dazwischen. "Julius, ich sehe dir an, daß du offenbar kurz davorstehst, dich selbst zu finden und zu wissen, für wen du sonst noch da sein möchtest. Du wirst keine Ruhe mehr haben, wenn du das nicht rauskriegst." Ihre Schwiegermutter meinte dazu grinsend:

"Im Zweifelsfall mußt du mit jeder mal für eine gewisse Zeit zusammensein, bis du sagst, die ist die, die meine Kinder kriegen soll."

"Nichts für ungut, Lutetia, aber deine Rasse hat in der Hinsicht komische Sitten", meinte Temmie. Lutetia Arno nickte.

"Vielleicht sollte ich mir eine suchen, die nicht in Beauxbatons rumläuft", warf Julius ein und blickte sich um. Zum Schluß sah er Béatrice Latierre an. Die erwiderte seinen Blick, lächelte kurz und sagte:

"Das würde meiner Mutter sehr passen, wenn wir beide uns zusammentäten. Ich denke aber, wenn du schon eine aus dem Latierre-Clan an deiner Seite haben möchtest, sollte das jemand sein, die sich nicht mit sturen Schwestern rumschlagen muß und vor lauter Unverständnis jede Wand hochgehen könnte."

"In Ordnung, Trice, das können wir gerne bei uns zu Hause klären", knurrte Hippolyte, während Lutetia Arno der Schwester ihrer Schwiegertochter spöttische Blicke zuwarf. Julius bedauerte die Heilerin, die zu sehr in das Leben ihrer Patientinnen eingebunden war. Vielleicht sollte es ein Gesetz geben, daß Heiler niemals Fälle in der eigenen Verwandtschaft übernehmen dürften. Dann wäre zumindest eine sachliche Betrachtungsweise möglich. Die Montferres schinen sich zeitgleich an etwas wichtiges zu erinnern. Sandra sagte zu Hippolyte:

"Wir wollten noch für Michel in den Zauberbuchladen, um ihm da was über neuerliche Apparitionsforschungen zu holen. Wir haben uns hier wohl zu gut festgequatscht. Julius, vielleicht sehen wir uns am Wochenende noch einmal, wenn du hier in die Rue de Camouflage darfst. Sonst werden wir uns wohl auf dem Quidditchfeld wiedersehen."

"Schade, daß ihr schon wieder weg müßt", meinte Temmie. "Aber ich weiß, daß euer Vater sofort alles neue haben will."

"Er kommt in zwei Stunden nach Hause", sagte Sabine. "Und weil Mademoiselle Béatrice Raphaelle in Zauberschlaf versetzt hat, und unsere Brüder gleich mit, muß jemand da sein, der mit ihm reden kann. Bis dahin, Leute!"

Nachdem die Montferre-Schwestern gegangen waren, blieben die Latierres noch eine ganze Stunde im Café. Julius erfuhr von Artemis Orchaud, daß sie auch schon einmal in der Winkelgasse in London gewesen sei, allerdings vor sieben Jahren, wo es noch ruhiger in England zuging. Millie fragte ihn einmal, ob er sich nicht erkundigen könne, was aus dem Treffen zwischen Belisama und Hercules geworden sei. Er erwiderte:

"Meinst du, sie hat ihn nur als Begleiter für die Partie genommen, um dich zu ärgern oder mich eifersüchtig zu machen?"

"Volltreffer", bestätigte Mildrid. Julius dachte, daß er schon wissen wolle, ob Belisama vorerst diese albernen Zankereien aufgegeben hatte. Er mentiloquierte mit Camille Dusoleil. Es war schon schön, jetzt auch nach Millemerveilles hineinzumentiloquieren.

"Seid ihr noch mit den Lagranges zusammen?" Fragte er, als er sie begrüßt und sich nach der Familie erkundigt hatte.

"Außer Belisama sind alle bei uns. Belisama ist noch irgendwo in der Rue de Camouflage. Könnte sein, daß sie dich sucht. Zumindest ist sie mit Hercules Moulin vom Stadion aus abgereist."

"Joh, dann noch einen schönen Nachmittag, Camille."

"Bist du jetzt enttäuscht?" Kam über die weite Entfernung eine Frage zurück.

"Ich unterhalte mich hier gut mit den Leuten. Die Latierres haben mich mitgenommen, um eine Cousine von Madame Hippolyte kennenzulernen. Dabei habe ich auch Césars Großmutter getroffen."

"Oh, nein, die haben dich in dieses Mondscheincafé mitgenommen. Sieht denen ähnlich!" Kam eine verbittert schwingende Gedankenbotschaft. Julius bejahte es. "Da konntest du rein? Da kehren nur Leute aus dem roten Saal ein", erwiderte sie über Raum und Zeit hinweg. Dann riet sie ihm, sich nicht zu sehr mit den roten Sitten dort einzulassen.

Als er die Sitzung beendet hatte sagte er zu Mildrid:

"Offenbar ist Belisama mit Hercules in der Rue de Camouflage unterwegs. Kann sein, daß die mich sucht."

"Ihre Eltern lassen die frei in der Ruecam rumlaufen?" Fragte Millie argwöhnisch. Dann fragte sie Julius sehr entschlossen: "Willst du dich von ihr finden lassen?"

"Eigentlich nicht. Mir ist nicht nach dem Zank, den ihr euch beide liefert."

"Dann bleiben wir doch noch ein wenig", sagte Millie. Béatrice entschuldigte sich jedoch, weil sie zu Barbara Latierre wolle, die ja diese Woche Feriengäste beherberge. "Soviel zu meinen verständnisvollen Schwestern", zischte sie nur und verschwand aus dem Café. Jetzt waren nur noch Hippolyte und ihre Töchter bei ihm. Julius überlegte schon, ob er nicht auch besser in die Rue de Liberation zurückkehren sollte. Aber der Tag hatte im grunde erst richtig angefangen. Gegessen hatte er auch etwas, daß er die Mittagsstunden gut überstehen konnte. Vielleicht sollte er nach Millemerveilles, sich mit Jeanne und Bruno über das Spiel unterhalten. Doch irgendwie fühlte er sich gerade zu wohl hier. Sie redeten noch eine weile über die letzten Monate in Beauxbatons. Julius merkte, daß er jetzt wesentlich freier über die Wochen und Monate nach Claires Beerdigung sprechen konnte. Martine wollte noch einmal die Geschichte mit Lutetia Arno und Madame Maxime hören, und die Zwergin erzählte es mit kindlicher Begeisterung. Dann wurde Julius gefragt, was er von der Freundschaft zwischen Mayette, Denise und Babette mitbekomme.

"Ich denke, Jeannes Hochzeit war das beste, daß Babette bisher passiert ist", sagte er. "Jetzt kann sie häufiger in der Zaubererwelt herumreisen als wenn sie nur mit Schulfreunden zu tun hätte."

"Was ist das, was deine Mutter gerade im Ausland macht?" Forschte Temmie nach. Julius überlegte, was er hier über die Arbeit seiner Mutter rauslassen sollte. Gut, daß er muggelstämmig war wußten die meisten hier eh dank Ossa Chermot. Ebenso wußten die meisten hier wohl, daß er der erste magisch begabte Nachkomme aus einer langen Linie von den Eauvives abstammenden Nichtmagiern war. Er dachte jedoch, daß er nicht unbedingt hier über seine Mutter plaudern sollte. Die Latierres wußten ja schon einiges. Weil Millie wohl merkte, was Julius umtrieb flüsterte sie mit ihrer Mutter, weil sie noch nicht mentiloquieren konnte. Diese nickte ihr zu und sagte:

"Temmie, der Junge hat von seinen Eltern immer zu hören bekommen, daß sie nicht gerne haben, wenn andere wissen, was sie so machen. Sein Vater hat ja, wie Ossa es breitgewalzt hat, in einer Firma für Kunststoffe gearbeitet. In der Muggelwelt bringt das hohe Gewinne, die vielseitigsten, beständigsten und dabei in der Herstellung billigsten Kunststoffe zu machen. Ähnlich ist das ja mit Rennbesen. Wer den besten Flugzauber mit dem dafür geeigneten Material verbindet kann damit ganze Verliese füllen. Da seine Mutter für's Ministerium arbeitet, und ich sie da ab und an auch zu sehen kriege, ist dir klar, daß nicht alles weitererzählt werden kann, was da läuft."

"Ja, wie die Sache mit den Drachen, die in Russland eingefallen sind und von Du-weißt-schon-wem gelenkt worden sind?" Fragte Temmie. Doch dann nickte sie Julius zu und sagte ruhig: "Du hast recht, junger Mann. Offenheit ist was schönes, wenn dabei keiner Schaden nehmen muß. Die im Ministerium sind sehr nicklig, wenn jemand zu viel ans Licht kommen läßt, solange es nicht sowieso schon jeder weiß."

"Julius, Joe hat gerade Angerufen. Sein Chef hat alle Mitarbeiter plus Ehepartner für heute Abend zu einer spontanen Betriebsfeier eingeladen. Babette ist bei Mayette im Château. Wo bist du?" Hörte er Catherines Stimme in seinem Kopf. Er konzentrierte sich und schickte zurück:

"Mit den Latierres in der Rue de Camouflage, Catherine."

"Ist Hippolyte auch dabei?" Kam eine Frage zurück.

"Ja, und ihre Schwiegermutter", schickte Julius die Antwort an Catherines Adresse.

"Gut. Ich weiß nicht, wann wir dann zurück sind. Ich mache den Kamin bei uns zu. Babette kann bei Mayette übernachten."

"Wie kommt der auf die Idee, eine Spontanfete zu machen?" Wollte Julius von Catherine wissen.

"Weiß ich nicht. Will wohl die Flexibilität seiner Angestellten testen."

"In Ordnung, Catherine. Habe ja noch den .. Autsch!" Das letzte Wort rief er laut aus, weil ihn irgendwas ziemlich schmerzhaft in den rechten Arm gekniffen hatte. Als er sah, daß es Millies linke Hand war, die sich gerade wieder zurückzog, sah er sie vorwurfsvoll an. Sie sah ihn genauso vorwurfsvoll an.

"Ich muß Catherine noch was mitteilen. Dann höre ich wieder zu, was immer du gesagt hast", raunte er. Er rückte einige Zentimeter nach links und mentiloquierte nur, daß er noch den Haustürschlüssel hatte. Catherine bat ihn darum, möglichst bei Anbruch der Dunkelheit an einem sicheren Ort zu sein, bestenfalls wieder in der Rue de Liberation und wünschte ihm noch einen guten Nachmittag.

"Maman, das was der kann will ich auch lernen", hörte er Millie noch knurren, bevor er sein Gehirn wieder für die Außenwelt zugänglich machte.

"Der hat es gelernt, weil jemand wollte, daß er erreichbar ist und andere erreichen kann, Millie. Normalerweise darf man das erst ab siebzehn können", sagte Hippolyte unerbittlich. Julius dachte daran, daß er genau an dem Nachmittag, wo für ihn eine Welt zusammenbrach anfangen wollte, Claire diese Kunst beizubringen. Doch das sagte er nicht. Statt dessen erklärte er:

"Das ist wie mit Mobiltelefonen, Millie. Hört sich zwar toll an, von jedem Ort aus jeden annrufen. Aber weil ja dann auch alle dich anrufen können ist es so, als wenn dich wer überwachen und fernsteuern würde. Catherine hat mir nämlich die klassische Handy-Frage gestellt: "Wo bist du gerade?" Kann schon peinlich werden, wenn du gerade an einem stillen Ort bist oder mit einem geliebten zusammensein willst. 'tschuldigung, daß ich euch einfach nicht beachten konnte!""

"Will heißen, meine Tochter, daß wenn du raushast, wie das geht, deine besorgte Mutter oder deine argwöhnische Schwester dich ständig fragen können, wo du bist und was du machst", legte Hippolyte nach, die die Erläuterung sichtlich willkommenhieß, um ihrer Tochter den Wunsch auszureden.

"Du mußt ja die Fragen nicht beantworten und einfach so tun, als hättest du die Nachricht nicht gekriegt", sagte Millie. Julius schüttelte den Kopf.

"Der Sender merkt das, ob die Nachricht richtig angekommen ist oder nicht, Millie."

"Was?" Knurrte Millie. Ihre Mutter nickte, legte aber einen Finger auf ihre Lippen. Julius sollte nicht zu viel verraten. Sie mentiloquierte ihm:

"Ich will nicht, daß Millie ärger mit Faucon und Fixus kriegt." Julius beherrschte sich, keine äußere Regung zu zeigen. Hippolytes Stimme war so deutlich in seinem Kopf erklungen, daß er schon dachte, jeder hätte sie hören können. Offenbar war Ursulines Geschenk ein Mentiloquismus-Verstärker, als wenn er mit den Latierres blutsverwandt wäre. Ähnlich erging es ihm mit Camille Dusoleil. Wahrscheinlich hatte seine magische Verbindung mit Claire diese Wirkung ausgelöst.

"Richtig lustig ist das, wenn jemand unter der Exosenso-Haube prüft, wie sich ein Ungeborenes Fühlt. Wenn du dann die Kindsmutter anmentiloquierst hört sich das für sie so an, als wärest du nicht in ihrem Kopf, sondern in ihrem Bauch", mentiloquierte Martine.

"Das ist hundsgemein", knurrte Millie. "Ihr könnt euch alles mitteilen, und ich krieg nichts mit. Redet gefälligst wieder richtig!" Julius verstand, was Millie umtrieb. Ihre erwachsenen Verwandten konnten schweigend beieinanderstehen und sich die längsten Geschichten zudenken. Wußte er, was die Gäste hier nicht alles über ihn mentiloquierten. Außerdem sollten sie es nicht unbedingt wissen, daß er das konnte. Dann war seine innere Handy-Nummer noch mehreren Bekannt. Obwohl: Sie mußten seine Stimme gut genug kennen, um sich vorstellen zu können, was sie sagte, was als Botschaft an den ging, dem die körperliche Stimme gehörte. Martine sagte laut:

"Dann sollten wir den Ort wechseln. Nichts für ungut, Temmie, aber ich denke, Maman will von Julius doch noch einiges hören, was seine Mutter gerade macht."

"Ich verstehe, Tine. Ich hoffe, deine Mutter fühlt sich jetzt wirklich gut in unserer Welt", sagte die Wirtin vom Chez Artemis. Dann wandte sie sich Julius zu und deutete auf Millie und dann einmal durch den Saal, als weise sie auf gerade nicht sichtbare Gäste hin: "Wenn du Zweifel hast, welches kleine oder große Mädchen die Frau deines Lebens werden und neues Leben von dir in sich aufnehmen soll, dann frage die große Himmelsschwester!"

"Die Himmelsschwester? Du meinst den Mond, Temmie", prüfte Julius nach. Temmie lächelte und nickte ihm zu.

"Ich weiß aus unserer Familie, daß viele junge Burschen genau wie du von interessierten Junghexen umschwärmt wurden. Als sie nicht weiterwußten, suchten sie die friedliche Festung der großen Himmelsschwester auf, wo der Orden ihrer Töchter in stiller Abgeschiedenheit lebt und nur solche Gäste einläßt, die sich miteinander sehr gut verstehen können. Wenn du Glück hast, mußt du nur einmal mit einer dich anbetenden über die Brücke der vereinenden Leichtigkeit."

"Temmie, ich weiß daß Béatrice gerne diese Methode verwendet hat, wenn sie nachprüfen wollte, wer zu ihr passt. Bisher ist sie aber noch solo", warf Hippolyte Latierre ein. Martine sagte dazu:

"Ich finde das nicht einmal so schlecht, Maman. Wenn Julius sich von Bine, San, Belisama, Millie oder Béatrice über die Brücke tragen lassen kann, ohne mit ihr zusammen ganz runtergedrückt zu werden ..."

"Ist das sowas wie der Corpores-Zauber?" Mentiloquierte Julius an Hippolytes Adresse.

"Nur in der Hinsicht, daß ihr dann nicht durch Körperfragmente miteinander verbunden werdet", antwortete Martines und Mildrids Mutter nur für ihn verständlich. Laut sagte sie: "Die Mondtöchter würden sich schön bedanken, wenn ein Jungzauberer mit einem Schwarm Hexen anrückt und mit ihnen den Segen der großen Himmelsschwester erbittet. Abgesehen davon, Temmie, ist dir doch klar, was dann von den beiden verlangt wird, die hinübergelassen werden."

"Natürlich, verstehe, Hipp", lachte Temmie. "Du möchtest nicht, daß eine deiner Töchter sich zu früh ins Leben hinüberschwingt." Hippolyte schien über diese Antwort ihrer Cousine scharf nachdenken zu müssen. Dann meinte sie:

"Ich werde es mir überlegen, Temmie. Mehr möchte ich nicht dazu sagen."

"Wie du meinst, Hipp", erwiderte Temmie. Dann lächelte sie Julius, Martine und Millie zu und sagte zum Abschied: "Ich hoffe, ihr findet mit oder ohne die große Himmelsschwester eine passende Antwort."

Die Latierres verließen das Café, nachdem sie sich von den Gästen, die gerne mit ihnen gesprochen hatten verabschiedet hatten. Julius fragte, wie weit von hier das Haus der Latierres lag, als Martine ihn bei der Hand nahm und mit ihm disapparierte. Als sie ankamen fragte er, warum sie nicht zu Fuß gegangen waren.

"Maman meinte, daß nicht jeder sehen müsse, daß du mit uns bei Artemis warst. Ich kann ja auch Melo." Peng! Hippolyte erschien mit ihrer Schwiegermutter auf dem Arm.

"Das ist eine widerliche Art von Standortwechseln. Ich denke immer, ich falle in ein tiefes Loch", quängelte die Zwergin. Julius nickte. So empfanden es also die Zwerge, wenn sie beim Apparieren mitgenommen wurden. Martine verschwand noch einmal und holte Mildrid.

"Zu faul zum laufen, seitdem du apparieren kannst, Tine", frotzelte Millie ihre Schwester.

"Ich wollte nicht, daß jeder sieht, daß nicht nur Rote bei Artemis ins Café können", sagte Hippolyte. Julius empfand es als Ehre, daß er dann dort sein durfte.

Das Haus der Latierres war ein zweistöckiges, sechseckiges, mattweißes Haus. Eine große, rote Tür mit Eisenbeschlägen gewährte oder verwehrte den Zutritt von der Straße her. Hippolyte Latierre schloß die Tür mit einem wuchtigen Schlüssel auf und führte ihre Verwandten und den Gast hinein. Sie fanden eine Notiz von Monsieur Latierre, der einen dringenden Termin in Cannes zu erledigen hatte und wohl vor Mitternacht nicht mehr heimkommen würde. Daneben war noch ein Brief angekommen, daß Hippolyte im Ministerium gebraucht werde, weil sich zwei Mannschaften, die sie nicht erwähnte, wegen irgendwelcher Vertragssachen in der Wolle hatten. Lutetia Arno fragte sie, ob sie sie noch benötigte, weil sie noch bei einer anderen Patientin vorbeischauen wollte. Hippolyte bedankte sich bei ihr für die Betreuung und half ihr mit ihrem fliegenden Sessel, der im Bedarfsfall sich und seine Lenkerin unsichtbar machte. Dann sagte sie ihren Töchtern:

"Ich hoffe, ich kann in einer halben Stunde wieder da sein. Ich hoffe, ihr vertragt euch."

"Öhm, du läßt mich mit deinen Töchtern alleine?" Fragte Julius leise.

"Ja, warum nicht. Hast du Angst vor denen?" Wollte sie schmunzelnd wissen. Julius schüttelte den Kopf. Allerdings fürchtete er, wieder in Schwwesterngezänk reinzugeraten, wie Weihnachten schon. Deshalb fragte er, ob er nicht doch besser zu sich gehen solle. Doch Hippolyte sah ihn an und mentiloquierte:

"Ich fand es schön, wie du auftaust. Ich möchte, daß du noch etwas hierbleibst. Ich überlege mir nämlich, ob ich Temmies Vorschlag nicht doch annehmen soll. bin bald wieder da." Dann sagte sie noch:

"Wenn ihr Hunger kriegt, im Conservatempus-Schrank ist noch was von gestern." Dann verließ sie das Haus.

"Jetzt bist du mit uns alleine", stellte Millie grinsend fest. Julius nickte.

"Umgekehrt. Ihr seid mit mir alleine. Habt ihr keine Angst?"

"Nöh", erwiderte Millie kichernd. Martine sah ihn belustigt an und meinte:

"Ich denke, Maman will dich mit uns nachher zur friedlichen Festung der Töchter der Himmelsschwester bringen, um zu sehen, ob nicht eine von uns beiden diejenige ist, mit der du besser klarkommst."

"Es sei denn, du kriegst es von dir aus raus, ob du nun mit mittelgroßen oder großen Mädchen richtig gut klarkommst", ergänzte Mildrid noch.

"Was wißt ihr denn von dieser Mondfestung?" Forschte Julius nach, der nun richtig neugierig war. Daß es einen richtigen Mondkult innerhalb der Zaubererwelt geben mochte faszinierte ihn.

"Nicht viel, nur daß die Burg in einem Gebirge liegt und nur nach Sonnenuntergang auftaucht und bei Sonnenaufgang mit ihren Insassen für Außenstehende unauffindbar wird. Wer in der Burg ist, sobald die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen, muß bis zur nächsten Nacht dort bleiben", sagte Martine. Millie lauschte wie Julius.

"Und was meinte eure Mutter mit dem, was von denen verlangt würde, die da hineingehen könnten?" Wollte Julius wissen.

"Das weiß ich nicht so genau. Oma Line hat es Maman und unseren Tanten nur erzählt, als diese älter als einundzwanzig waren. Irgendwie scheint diese Mondburg zu unseren Familiengeheimnissen zu gehören."

"Ja, Weil Orions zweite Tochter zu den Töchtern der großen Himmelsschwester gegangen ist. Angeblich sind die relativ unsterblich, können also nicht an Krankheiten oder Alterung sterben", warf Millie ein. Martine nickte und fügte dem hinzu:

"Deshalb kennen die Latierres wohl als eine der wenigen Familien der südwesteuropäischen Zaubererwelt den genauen Standort der Burg, den aber nur die kraft der Wunschversetzung, die wir als Apparieren kennen, erreichen kann, eben wenn's Abend ist."

"Aber wie gesagt, Julius. Du kannst auch Mamans Ungeduld beenden und gleich sagen, ob du dir mit Martine, einer der Montferres, dieser Lagrange-Kratzbürste oder mir was vorstellen kannst. So weh tut das ja echt nicht", warf Millie ein. Doch Julius dachte nicht daran, das jetzt einfach so zu beschließen. Ihn interessierte es jetzt, was diese Mondtöchter für eine Prüfung verlangen würden. Sollte es dabei herauskommen, daß er mit keiner der Latierres zusammenpaßte, war der Zickenstreit zwischen Millie und Belisama vom Tisch, ohne daß er sich festlegen mußte. Andererseits, wenn er sich von wem oder was auch immer vorgeben ließ, für wen er besser geeignet war spräche es nicht gerade für seine Selbständigkeit und Entscheidungsfähigkeit. Doch Martine und Mildrid, die da nun vor ihm saßen, gefielen ihm beide sehr gut. Er hatte im Verlauf des Vormittags in Artemis' Café erkannt, daß es wirklich eine aus der direkten oder näheren Verwandtschaft der Latierres sein würde. Innerlich mußte er grinsen, wenn er sich vorstellte, daß er am Ende doch mit einer der Montferre-Schwestern zusammenkam. Aber da hieß es dann, aufzupassen, daß die Zwillinge nicht ihren Schabernack mit ihm trieben und sich bei Treffen mit ihm abwechselten. Also dann doch besser wurfungleiche Schwestern zur Auswahl! Er dachte an Goldschweif, die ihm ohne zu zögern immer eine der Latierre-Sippe vorgeschlagen hatte. Immerhin hatte das intelligente Tierwesen die Beziehung zwischen ihm und Claire erkannt. Martine mentiloquierte ihm:

"Maman hat sich gerade entschieden, Julius. Wir möchten mit dir noch den Nachmittag zusammen verbringen. Dann will sie uns zum geheimen Ort der friedlichen Burg bringen." Laut sagte sie dann noch: "Ich finde, Millie, eine eindeutige Entscheidung kannst du von Julius nicht erzwingen, nachdem die Konkurrenz so groß ist. maman wird uns zur Burg der Mondtöchter bringen, damit wir rausfinden, was am Ende rauskommt."

"Ja, daß wir die Lagrange hätten mitnehmen sollen", knurrte Millie. Doch Julius fand, daß er sie beruhigen sollte und antwortete:

"Die hat sich heute so gut mit Hercules verstanden, daß die mich heute nicht mehr sucht, Mildrid." Als habe er damit einen großen Felsen von Millies Herzen genommen atmete sie sehr befreit durch und nickte ihm warm lächelnd zu.

Die Zeit bis zur Rückkehr von Hippolyte Latierre verbrachten die Töchter des Hauses und ihr junger Gast mit einer Hausbesichtigung, in deren Verlauf Julius alle wichtigen Zimmer kennenlernen durfte. Dabei stellte er fest, daß nicht nur das große Wohnzimmer so sechseckig gebaut war wie das Haus selbst, sondern auch die anderen Zimmer waren wie aneinandergeklebte Bienenwaben geformt. Jetzt verstand er, warum das Haus der Latierres Honigwabenhaus genannt wurde. Auf seine Frage, wer dieses Haus entworfen hatte sagte Martine ihm lächelnd, daß ein italienischer Bauzauberer namens Carlo Fresco es vor siebzig Jahren geplant hatte und ihr Großvater väterlicherseits es ihren Eltern zur Hochzeit hier hatte nachbauen lassen. Dann besichtigten sie die privaten Räume der Bewohner.

Millies Zimmer lag unter dem Dach und hatte mit seiner abgeschrägten Decke etwas sowohl beengendes wie uneckiges. Wie bei den Porters und Dusoleils hingen in den meisten Zimmern Zaubererbilder, die von lebendigen Motiven bewohnt wurden. Julius grinste vor allem über einen bunten Schmetterling mit goldenem Rüssel, der in Martines Zimmer in einem silbernen Rahmen über einer entsprechend vergrößerten Blume schwebte.

"Das ist unser Pappostillon, Julius", stellte Martine Julius den Schmetterling vor. "Tante Trice hat den für uns und andere aus der Familie gemalt."

"Pappostillon?" Fragte Julius amüsiert, der die Wortverschmelzung zwischen Papillon, dem französischen Wort für Schmetterling und Postillon, dem Wort für Briefboten lustig fand.

"Ja, den können wir wie einen fliegenden Boten herumschicken", sagte Millie. "Das der gerade bei Tine hängt ist zwar merkwürdig aber nichts schlimmes."

"Benimm dich, Mildrid!" Knurrte Martine, mußte dabei jedoch grinsen.

Bis Madame Latierre wiederkam vertrieben sie sich noch die Zeit im Musikzimmer, wo ein Klavier, diverse Saiteninstrumente und Trommeln zum Musizieren einluden. Als Hippolyte wieder zurückgekehrt war schickte sie ihre beiden Töchter auf ihre Zimmer und führte Julius in das geräumige Arbeitszimmer, das mit Quidditchbildern geschmückt war. Sie schloß die Tür und gebot Julius, sich ihr gegenüber an den Schreibtisch zu setzen.

"Ich habe eine wichtige Entscheidung getroffen, Julius. Ich werde Temmies Vorschlag wahrnehmen und dich mit meinen beiden selbständig laufenden Prinzessinnen zusammen zur friedlichen Festung der großen Himmelsschwester bringen. Ich werde mit einer Münze auslosen, wer der beiden dich zuerst hineinbringen soll. Schafft es keine von beiden, wird Mildrid wohl endlich Ruhe geben, und dich selbst rausfinden lassen, wen du für dein weiteres Leben an deiner Seite haben möchtest."

"Das klingt so, als solle ich heute rausfinden, ob ich Martine oder Mildrid demnächst heiraten soll oder nicht", warf Julius etwas verunsichert ein, weil ihm Hippolytes Entschlossenheit etwas irritierte. Die Mutter Martines und Millies nickte verhalten und sagte dann:

"Nun, heiraten wie Jeanne und Barbara wohl erst bei Erreichen der Volljährigkeit. Allerdings wird, falls der Segen der großen Himmelsschwester dir und einer meiner Töchter gewährt wird kein Weg um die Besenwerbung herumführen. Du weißt, daß Martine mit Edmond großes Pech gehabt hat, weil der zu feige war, sich an seine Beteuerungen zu halten. Deshalb frage ich dich hier und jetzt, Julius: Fühlst du dich im Stande und entschlossen, die Folgen jeder Entscheidung zu tragen, die du innerhalb der nächsten Stunde erfahren wirst?"

"Sie meinen, ob ich dann nicht auch wie Edmond die Fliege mache, wenn ich durch diese Prüfung Martine zugeteilt werde? Das hinge wohl auch davon ab ..."

"So nicht, Julius. Nicht irgendwelche Bedingungen anführen, denen nach etwas gehen oder nicht gehen kann, sondern ein klares Ja oder Nein."

"Nun, wenn diese Mondtöchter von mir verlangen, ich müßte die Auserwählte gleich schwängern, öhm, zur Mutter machen, weiß ich nicht so recht, ob ich das echt will. Ich meine, jetzt schon ein Kind mit wem haben, bevor ich aus Beauxbatons raus bin."

"Ja oder nein, Julius", beharrte Madame Latierre auf der Antwort auf ihre eindeutige Frage. Julius holte hörbar Luft, straffte sich und entspannte sich wieder. Dann nickte er langsam aber eindeutig.

"Ich denke mal, Sie wollen ja auch keine Enkel von einem minderjährigen Vater haben. Also sage ich jetzt ja, ich werde zu der Entscheidung stehen, die ich auf welche Weise auch immer finde."

"Mehr wollte ich nicht", knurrte Hippolyte. Dann lächelte sie. "Falls es wirklich so kommt, daß du mit Martine oder Mildrid zusammenfindest, werde ich die letzte sein, die sich darüber beschwert. Wichtig ist mir nur, daß Millie endlich weiß, woran sie bei dir ist. Da du offenbar viel Zeit damit verbracht hast, dich um deine eigenen Gefühle herumzumogeln will ich heute Klarheit haben. Mehr sage ich im Moment nicht. Denn wenn die Prüfung der Himmelsschwester weder Martine noch Mildrid für dich empfiehlt, wäre jedes Wort dazu vorher zu viel."

"Ich will's jetzt wissen", erwiderte Julius, in dem nun Neugier und Experimentierfreude erwacht waren. Hippolyte nickte anerkennend. Dann sagte sie noch:

"Sprich aber über das zu keinem außenstehenden ein Wort, bis ich sicher bin, daß dir deshalb nichts blödes passieren kann wie albernes Geschwätz oder wirklich üble Nachstellungen von denen, die meinen, dich in bestimmten Bahnen halten zu müssen, damit du bloß nicht rausfindest, wie du selbst fühlst und leben willst."

"Ich wußte nicht, daß ich Ihnen so wichtig bin", warf Julius ein. Hippolyte sah ihn sehr entschlossen an und sagte:

"Du bist für Maman wichtig genug gewesen, daß sie dich dem Ritual unterzogen hat. Meine ganz kleinen Schwestern waren es dir wert, dich für sie ohnmächtig zu zaubern, und meine Töchter halten es für wichtig genug, sich darum zu käbbeln, ob du mit einer von ihnen Tisch und Bett teilst. Also bist du allemal wichtig genug für mich. Albericus würde es zwar wie du sehen und denken, du seist die Sache nicht wert. Aber er ist nicht hier und wird vor Mitternacht nicht mehr zurückkommen."

"Für den Fall, daß irgendwas passiert, was für ihn auch wichtig sein könnte", wandte Julius ein.

"Werde ich und nur ich ihm das erklären, Julius. Was immer nachher entschieden wird, dein Ding ist es dann, mit der Lage entschlossen und in vvollem Umfang zu leben."

"Ich verstehe", erwiderte Julius.

Bis zum Abend verbrachten die Latierres mit ihrem Gast noch interessante Stunden, in denen sie über Julius' Mutter, die nächsten Wochen in Beauxbatons und die voranschreitende Schwangerschaft bei Hippolyte und ihrer Schwester Barbara plauderten. Dann, die Sonne versank gerade in einem Meer aus von innen her wie mit Feuer erleuchtetem Rotwein, sagte Hippolyte:

"Ich werde nun durch einen Münzwurf entscheiden, wen von euch ich zuerst hinüberbringen soll. Julius werde ich bereits an die Stelle bringen, wo die friedliche Festung erscheinen wird." Sie nahm Julius und disapparierte mit ihm einfach aus dem Salon. Er hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, was zu erwidern.

Er fand sich in einer imposanten Bergwelt wieder. Majestätisch umstanden mehrere tausend Meter hohe Gipfel ein Hochtal, in dem es nur Felsen und Schnee zu geben schien. Ihm fröstelte ein wenig, weil nun keine Sonnenstrahlen mehr in dieses abgelegene Tal eindrangen. Hinter sich sah er bereits den Mond silberweiß über dem Horizont. Mochte es wirklich sein, daß dieses Nachtgestirn über sein weiteres Schicksal befinden sollte? Mit lautem Knall verschwand Hippolyte. Gleich würde sie diejenige ihrer beiden Töchter anbringen, die sie zuerst ausgelost hatte. Er wußte, daß ihm schon wieder eine Entscheidung abgenommen werden sollte. Doch irgendwie empfand er es nun so, als stehe er auf der Blumenwiese in der Vision, und nicht er sollte pflücken, sondern gepflückt werden. Claire, besser Ammayamiria hatte recht behalten. Wenn er sich keine aussuchte, würde eine sich ihn aussuchen. Ob das jetzt mit einer magischen Prüfung zu tun hatte oder nicht.

Hippolyte erschien mit Martine, die Julius aufmunternd ansah.

"Ich soll dich huckepack über eine Brücke tragen, die dann erscheint, wenn wir beide an den Rand dieser Schlucht da getreten sind", sagte Martine. Ihre Mutter nickte ihr noch einmal zu und schien ihr was zu mentiloquieren. Dann zog sie sich etliche Meter weit zurück. Julius überlegte, ob ihm das nicht all zu peinlich war. Doch als sich vor ihm, jenseits einer tiefen, halbmondförmigen Schlucht wie aus silbernen Funken etwas aus der Dunkelheit verdichtete, blieben ihm alle Worte weg.

Von einem zum anderen Moment erschien aus dem Nichts eine wuchtige, halbmondförmig geformte Mauer, hinter der er drei schlanke, im Licht des Erdbegleiters silbern widerscheinende Türme erkennen konnte, deren Spitzen glitzernde Kugeln aus blütenweißem Marmor waren und aus der Entfernung so groß wie Kleinwagen wirken mochten. Er tastete mit seinem Blick die absolut fugenlose, glatte Mauer ab, die wie aus Metall und Marmor gebaut zu sein schien, vielleicht etwas ähnliches wie eine Plastik-Metall-Verbindung aus einem erdichteten Raumschiff. Dann erkannte er das runde Tor, das sich wie ein sich öffnendes Auge langsam auseinanderzog. Er meinte zuerst, zwei einfache, parallel verlaufende Drahtseile würden ihnen entgegengleiten. Dann erkannte er, daß es vielmehr eine Brücke aus einem wie Glas durchsichtigem Material war, die zwischen zwei silbernen Seilen aufgehängt war und nicht wie eine Zugbrücke herunterklappte, sondern sich wie ein Kranausleger voranschob, bis ihr vorderes Ende glatt auf der scharfen Kante des schluchtgleichen, etwa sechzig Meter breiten und ebenso tiefen Grabens auflag.

"Maman sagt, daß die Brücke nur von Zauberern passiert werden kann, die sich von einer Hexe hinübertragen lassen können. Also komm! Steig auf meine Schultern, Julius. Ich möchte es jetzt wissen", sagte Martine. Sie hockte sich hin. Julius zögerte erst. Sollte er dieses Spielchen jetzt mitmachen? Dann erkannte er, daß es wohl kein Spiel war und er hier und jetzt herausfinden mußte, was auf ihn wartete. Er ging zu Martine, schwang sich vorsichtig auf ihren Rücken, setzte sich auf ihre Schultern und hielt sich ruhig, als sie sich aufrichtete und ihn ausbalancierte. Er sah sich vor, keine Haarsträhne von ihr einzuklemmen. Dann ging sie los, ihn schwerfällig auf den Schultern balancierend.

Als Martine die gläserne Brücke, die bestimmt diese Brücke der vereinenden Leichtigkeit war betrat, fühlte Julius, wie das fremdartige Bauwerk leicht schwankte. Als Martine weiter voranschritt, erkannte er, wie die beiden Verbindungsseile sich sacht nach unten durchbogen. Er fühlte, wie er selbst immer schwerer wurde. Martine, die ihn eben noch so sicher auf ihren Rücken gepackt hatte, schien von einem Schritt zum anderen in einen tiefen Morast einzusinken. Sie fing an zu keuchen. Gleichzeitig dachte Julius daran, daß er diese Hexe zwar anbetete und mit ihr gerne manche wilde Liebe erlebt hätte, aber dann doch nicht so drauf war, mit ihr eine Familie zu begründen. Das lag nicht daran, daß sie älter als er war, sondern daran, daß er sie nicht verletzen wollte, wie Edmond es getan hatte. Mit derlei beschwerten Gedanken fühlte er, wie er selbst eine immer größere Last auf den Schultern liegen hatte. Martine begann nun, mit zitternden Beinen und laut keuchend auf die Brückenmitte zuzugehen. Doch die Brücke bog sich bei jedem Schritt weiter ein, bis Martine sich auf alle Viere sinken ließ und Julius aufpaßte, daß er nicht nach vorne oder hinten herunterfiel. Doch sein Gewicht zog an ihr und ihm so stark, daß er knapp vor der Mitte der Brücke, die nun wenige Dutzend Meter über der Sohle des Grabens lag, wie ein Sack voller Blei von Martines Schultern rutschte. Diese stieß einen kurzen Schreckensschrei aus. Dann sah sie, wie Julius auf der Brücke landete und von dieser wie von einer Bogensehne geschnellt zum Ausgangspunkt zurückgeschleudert wurde. Martine schaffte es noch, die nun wild schwingende Brücke in Richtung Startpunkt zu überqueren. Als beide wieder dort waren, wo sie losgezogen waren sah Martine Julius an und sagte:

"Die wollten uns beide nicht drüben haben. Ich alleine wäre wohl noch rübergekommen. Aber Maman sagte, daß die mich dann eh wieder fortgeschickt hätten, sobald sie Millie hier angebracht hat."

"Komisch, als wir auf der Brücke waren hatte ich den Eindruck, dir heftig weh zu tun, wenn ich darauf bestehe, mit dir zusammenzusein", sagte Julius leise. Martine nickte.

"Ich habe uns beide auch gesehen, wie die anderen dich dumm anquatschen, vor allem die Jungs aus dem roten und grünen Saal und dich nicht mehr zu Atem kommen ließen, weil du angeblich ja mit einer so tollen Hexe zusammen seist. Das hat mich traurig und wohl auch schwer gemacht." Dann horchte Martine in sich hinein und sah Julius an. "Maman holt Millie. Wenn sie mit ihr herkommt soll ich ohne was zu sagen disapparieren. Jetzt kann ich ja einfach nach Hause. Am besten verschwinde ich gleich. Ich hoffe Julius, wir bleiben aber weiterhin gut miteinander bekannt."

"Ich denke, wir sehen uns gleich eh wieder", sagte Julius. Er konnte sich nicht vorstellen, daß es mit Mildrid anders laufen würde. Martine nickte ihm zu und verschwand. Keine zehn Sekunden später brachte Hippolyte Millie herbei, die Julius sehr amüsiert angrinste.

"Hat es mit Martine nicht geklappt? Stehst wohl doch auf kleinere Mädchen, wie?" feixte sie. Ihre Mutter räusperte sich und flüsterte ihr was zu. Dann zog sie sich einige Dutzend Meter zurück.

"Ich soll zusehen, dich huckepack über eine gläserne Brücke ... Hui, sieht das stark aus!" Sie deutete auf die Mauer mit dem halbmondförmigen Grundriss und die immer noch ausgefahrene Brücke. Julius nickte bestätigend. Millie ging tief in die Hocke, so daß Julius sich problemlos auf ihre Schultern schwingen konnte.

"Ob du mich besser aushältst als deine Schwester", unkte er.

"Ich kriege dich da schon rüber, Julius, glaub's mir", knurrte Millie und stemmte sich leicht keuchend hoch. Dann trat sie mit vor Überbelastung zitterndem rechten Bein auf die gläserne Brücke. Dann zog sie das linke Bein nach. Irgendwie meinte Julius jetzt, etwas leichter zu sein. Millie setzte den rechten Fuß wieder vor. Wieder fühlte er sich um einige Gramm leichter werden. Ja, und Millie bekam offenbar mehr Kraft von der Brücke und richtete sich nun zu ihrer vollen Größe auf, die nun wohl schon bei einem Meter und siebzig liegen Mochte, beinahe schon etwas größer als Julius selbst. Immer leichter fühlte er sich. Als er dann noch daran dachte, wie oft er Millie schon getroffen hatte und sich in einer Schar von sieben Kindern sah, die alle blondes Haar mit leichtem Rotstich hatten und an seinen eigenen Scherz mit den Sieben Kindern denken mußte, fühlte er sich noch leichter. Als er dann noch erkannte, wie toll er es innerlich gefunden hatte, wenn Millie ihn umarmte, wie sie ihm den ersten nichtelterlichen Kuß gegeben hatte und daß sie ihm immer gezeigt hatte, daß sie für ihn da sein wollte, durchflutete seinen Körper eine wohlige Wärme. Er meinte, er sei ein Heißluftballon, der durch die innere Wärme immer leichter würde. Doch auch Millie wurde offenbar leichter. Sie schritt nun wie mit Flügeln an den Füßen aus. Ja, und nach fünfzehn Metern Brücke lösten sich ihre Füße scheinbar vom festen Boden. Millie ging weiter, wobei sie wie auf einer bogenförmigen, unsichtbaren Rampe immer weiter nach oben stieg, bis sie etwa zwanzig Meter über der Mitte der Brücke den Scheitelpunkt des unsichtbaren und doch so sicheren Pfades erreichte und dann langsam wieder abstieg. Dabei fühlte Julius langsam sein Gewicht wiederkommen. Doch während dies geschah überkamen ihn weitere Visionen von sich und Mildrid, in denen er auch mit ihr ganz unverhüllt zusammen war, hörte ihn und sich in wilder Liebe ächtzen und wohlig stöhnen und erkannte, daß es nicht nur das körperliche Vergnügen sein würde, daß diese Frau, kein Mädchen mehr, ihm und sich bereiten würde. Er erkannte sie als ihm mindestens ebenbürtiges, intelligentes Wesen, daß im Gegensatz zu ihm immer schon gewußt hatte, daß sie beide wahrlich füreinander gemacht waren, sie und Goldschweif, sie und Claire, die es auch immer schon gewußt hatte, daß sie ihn, Julius gegen diese sehr große Anziehungskraft Millies an sich zu ziehen versucht hatte.

Am anderen Ende der Brücke fühlten beide wieder ihr volles Gewicht. Für einen winzigen Augenblick meinte Julius, Mildrid völlig Nackt zu sehen und erkannte, daß er alles an und in ihr hier und jetzt annehmen wollte. Mit Worten wie Liebe wollte er nach Claires tragischem Fortgang nicht so schnell wieder jonglieren. Doch ihm war klar, daß Mildrid Ursuline Latierre mit diesem Wort keine Probleme haben würde, was ihm selbst ebenfalls kein Problem bereitete.

"Willkommen, ihr, die ihr von der großen Himmelsschwester gesegnet wurdet!" Rief eine hoch erfreute, warme, tiefe Frauenstimme durch das runde Tor. Millie ging mit Julius auf den Schultern weiter. Er wollte schon von ihr heruntergleiten. Doch sie hielt seine Beine fest und sagte:

"Ich habe dich über die Brücke getragen und bringe dich jetzt auch rein, Julius." Welche Energie mochte in dieses entschlossene, biegsame und auch anziehend wirkende Mädchen geströmt sein? Fragte sich Julius. Dann verriet ihm sein Gehirn, was seine Ohren gerade entgegengenommen hatten: Sie waren beide von der großen Himmelsschwester gesegnet worden.

Kaum war Millie mit ihrem Partner durch das Tor getreten, schnurrte die gläserne Brücke innerhalb von nur zwei Sekunden zurück durch das Tor, rollte sich regelrecht ein. Dann knirschte es, als das Tor sich wieder schloß. Julius erkannte, daß sie nicht einfach über diese Brücke getreten waren, sondern nun in der Obhut dieser Festung bleiben würden, bis sie irgendwas getan hatten, daß sie beide zur Rückkehr nach Hause berechtigte.

Genau sechsundreißig Frauen standen im großen Hof der Burg, die Julius nun genauer betrachten konnte. Die Frauen, wohl Hexen, trugen alle beinahe Weiße, wallende Gewänder mit Mondsymbolen aus allen vier Phasen. Eine hoch gewachsene, Würde und Macht ausstrahlende Frau mit dunklem Haar, das ihr fast bis zu den Hüften hinabreichte und eine schwere Silberkette mit einer faustgroßen Silberkugel trug, die Julius sofort an die sichtbare Seite des Mondes erinnerte trat vor und deutete auf Mildrid.

"Gewähre deinem Auserwählten nun, daß er auf eigenen Füßen steht, Jungfer Mildrid, Tochter der Hippolyte, Tochter der Ursuline!" Sagte die Frau mit der Mondkugelkette. Millie schien von diesem Befehl jeder zusätzlichen Energie beraubt zu werden. Denn sie sackte fast in sich zusammen, wäre Julius nicht von ihr heruntergeglitten. Er stand nun hinter ihr. "Tritt neben deine Auserwählte, Jüngling Julius, Sohn der Martha, Tochter der Linda! Ihr beide seid von der großen Himmelsschwester, unserer Mutter im Himmel, gesegnet worden.

"Woher kennen die mich?" Fragte sich Julius und versuchte, Hippolyte anzumentiloquieren. Doch seine Gedanken klangen wie ein leises Echo aus allen Richtungen zurück und blieben dann ohne Nachhall in seinem Kopf.

"Die unhörbaren Rufe dringen nicht aus dieser Festung hinaus oder von draußen hinein", sagte die Frau, die wohl die Anführerin war. Julius verstand. Es war hier wie in Hallittis Höhle. Doch dort hatte er gewußt, daß er in einer Falle saß. Hier jedoch fühlte er sich absolut geborgen, wie ein Kind im Leib seiner Mutter. Er trat neben Millie, die wortlos seine Hand ergriff und sich an ihn lehnte.

"Wenn eine Jungfrau einen Jüngling über die Brücke der erleichternden Einheit trägt, verrät uns die große Himmelsschwester, unsere Mutter, wer es ist", beantwortete die Sprecherin der drei Dutzend Mondnonnen, wie Julius sie gerade heimlich getauft hatte und deutete auf ihr Schmuckstück. "Durch mich atmet die Kraft der großen Hüterin der Nacht, die alles sieht und alles kennt. So weiß ich von euch, daß ihr endlich einander enthüllt habt, wie sehr ihr einander wollt, mit dem Leibe wie auch mit der Seele."

"Ist es respektlos zu fragen, wer Sie sind?" Fragte Julius.

"Ich bin die erste Tochter der großen Himmelsschwester, ihre Stimme und ihr Wort auf der Oberfläche der großen Mutter Erde, aus deren Schoß aus Feuer und Gestein wir alle stammen, gezeugt vom Samen des Himmels, der getragen wurde durch die ewige Nacht und vom großen Vater Himmelsfeuer bebrütet keimen und gedeihen konnte."

"Sind Sie Magierinnen?" Fragte Julius fast unhörbar.

"Ja, wir sind durchströmt von der übernatürlichen Kraft, die ihr in eurer Schule zu spüren und zu nutzen erlernt. Doch unsere Magie strömt durch die Kraft der großen Himmelsschwester", hörte er die Stimme der ersten Mondtochter mit sphärischem Klang sagen. Dann sagte sie zu Mildrid und ihm: "Doch ihr werdet alles über uns erfahren, wenn ihr uns beim Abendmahl Gesellschaft leistet und dann den Segen der Himmelsschwester feierlich besiegelt."

"Wie denn?" Fragte Julius. Doch da war ihm, als sähe er sich und Mildrid in pures Mondlicht gebadet in einem hohen, aus reinen Glaswänden bestehenden Zimmer miteinander in körperlicher Liebe verschmelzend. Die Oberin der Mondtöchter lächelte ihn wohlwollend an und nickte, als habe sie seine innere Vision als die Antwort gesehen, die sie ihm geben wollte. Julius erkannte, was nun noch von ihm verlangt wurde.

 

__________

 

Hippolyte wartete in einiger Entfernung. Als sie durch ihr Omniglas, das auch bei Dunkelheit klare Fernsicht ermöglichte, sah, wie Millie mit Julius auf den Schultern wie auf einer unsichtbaren Bogenbrücke nach oben stieg und auf der anderen Seite hinunterkletterte nickte sie. Ihre tochter und der Junge, den sie selbst heimlich als guten Schwiegersohn angesehen hatte, würden nun in die Mondburg hinübertreten. Sie wußte auch, daß jeder, der hinter den Mauern war, auf ein Viertel seiner Eigengeschwindigkeit abgebremst wurde und das ein von der großen Himmelsschwester gesegnetes Paar, sofern es geschlechtlich noch unberührt war, nicht unberührt aus den Mauern entlassen wurde. Sie hoffte, daß Julius nun, wo er sicher wissen mußte, daß er nur mit ihrer noch kleinen Tochter zusammensein wollte keine Hemmungen mehr haben würde, sich mit ihr zusammenzutun. Sie fühlte Miriam, ihre ungeborene Tochter, die sich genüßlich in ihrer kleinen Welt reckte und dann wieder zurückzog. Sie dachte an das, was sie am Mittag von Temmie zumentiloquiert bekommen hatte, als sie ihr zwischen den für alle Ohren hörbaren Sachen zugedacht hatte:

"Wenn ich nicht bald was mache, wird meine Millie von der Schulheilerin noch in eine Bettpfanne verwandelt, und Miriams Kinder könnten sie benutzen, ohne zu wissen, wer sie war." Temmie hatte dann zurückmentiloquiert:

"Tja, das kriegst du wohl nur hin, wenn du die beiden dazu bringst, sich für- oder gegeneinander zu entscheiden." Nun dachte sie: "Besser noch eine vor der Hochzeit entjungferte Tochter als eine Bettpfanne in Beauxbatons." Sie würde es ihrem Mann nur erklären, wenn es wirklich nötig war. Was Martine ihr nach dem sechzehnten Geburtstag gebeichtet hatte hatte sie ihm bis heute auch nicht erzählt. Manchmal, so wußte sie, dachte er doch sehr altbacken, ja überbehütsam. So war es ihre Aufgabe, alle ihn störenden Nachrichten von ihm fernzuhalten und erst damit herauszurücken, wenn sie Zeit und Tempo bestimmen konnte oder es sich androhte, daß er es von anderen erführe. Sie beschwor ein Zwei-Personen-Zelt herauf, blies mit dem Zauberstab warme Luft hinein und bezauberte es so, daß es gleichwarm blieb. Dann zog sie sich in das Zelt zurück und legte sich auf den gepolsterten Boden. Sie mentiloquierte an Martine:

"Millie hat ihn rübergebracht. Sei nett zu deinem späteren Schwager, wenn er und sie wieder zurückkommen."

"Wann kommen die denn zurück?" Fragte Martine auf gedanklichem Weg.

"Wenn er sich ihr hingegeben hat und von ihr richtig zu sich genommen worden ist, Martine."

"Oh, das wußte ich nicht", erwiderte Martine überrascht. "Dann hätte ich auch mit ihm Liebe machen müssen, Maman?"

"Offenbar hat die Brücke das bei euch beiden geprüft, ob ihr das miteinander tun würdet und dich deshalb nicht mit ihm hinübergelassen", mentiloquierte Hippolyte und fügte hinzu: "Ich habe eine Notiz für euren Vater geschrieben, daß ich mit Millie und Julius unterwegs durch die Zaubererwelt sei. Mit Catherine werde ich morgen sprechen, wenn diese Muggelfeier vorbei ist, zu der sie mit ihrem Mann sollte."

"In Ordnung, Maman. Bleibst du in der Nähe der Burg?" Wollte Martine wissen.

"Ja, meine Tochter", bestätigte es Hippolyte. Dann wandte sie sich noch an ihre Mutter und Béatrice. Ihre Schwester kam nach einigen Minuten zu ihr und setzte sich mit ihr zusammen ins Zelt.

"Mußte das echt sein, Hipp? Julius könnte an dieser Sache kaputt gehen."

"Du meinst, wenn er deine Nichte beschlafen muß, Trice? Ganz bestimmt nicht. Sonst hätte er sich nicht mit dir eingelassen oder von Tine geträumt. Er wollte Millie schon immer. Aber Leute wie Blanche und die doppelmoralische Eleonore Delamontagne, die anderen predigt, keine Kinder mehr zu kriegen und dann selbst mit einem in der Öffentlichkeit hofiert wird haben den Jungen gehemmt. Es wurde zeit, daß er davon frei kommt."

"Sie meinten es nur gut", knurrte Béatrice, und Hippolyte wurde den Verdacht nicht los, daß ihre Schwester eifersüchtig sein könnte, weil Millie der Segen der Himmelsschwester erteilt worden war und ihr nicht.

"Sie wollen nur nicht, daß er zu frei denkt und lebt, Trice. Sie meinen, weil Du-weißt-schon-wer wohl keine gute Kindheit und Führung hatte und zu diesem Wahnsinnigen wurde, dürfte Julius bloß nicht eigenständig genug denken. Camille und ich sind bisher die einzigen gewesen, die ihm da einen anderen, ebenfalls friedlichen Weg zeigen wollten. Unsere Mutter hat es ihm auch schon gezeigt, daß nur handeln, weil andere es gutheißen nicht das wirkliche Leben sein darf. Millie bringt es ihm jetzt bei."

"Du kennst die Zeitverzögerung der Burg, Hipp. Willst du bis zum Morgen hier warten?"

"Deshalb habe ich dich hergebeten, damit wir beide zusammen auf die beiden warten können", sagte Hippolyte.

"Nett von dir", knurrte Béatrice. Doch dann lächelte sie. "Wenn die beiden wirklich zusammenfinden stelle ich das sofort fest und kläre es mit den beiden und Madame Rossignol ab. Vielleicht können wir damit die Damen und Herren umgehen, die du gerade erwähnt hast."

 

__________

 

Brittany hätte an dem Abendessen ihre helle Freude gehabt, fand Julius. Denn es gab nur Obst, Brot und Gemüse, dazu frisches Wasser oder Fruchtsäfte. Er erfuhr von den Mondtöchtern, daß in der Festung, genauer den drei Türmen, Muggel wie Magier einquartiert waren, die an der Lykanthropie, der Werwut litten. Wenn sie dort bei karger Kost und völlig von der Außenwelt abgeschottet zwei ganze Mondzyklen durchhielten, so wich "Der Zorn der Himmelsschwester" von ihnen. Allerdings durften sie zuvor niemandem etwas böses angetan haben, um diese seltene, dabei kostenlose Ehre zu verdienen. Während des Essens unterhielten er und Millie sich darüber, daß sie tatsächlich wohl schon immer was füreinander übrig hatten. Julius gestand ihr auf einen stummen, vorwurfsvollen Blick, daß er sich wirklich wie ein stockverklemmter Blödmann verhalten habe, aber an dem Mädchengezänk zwischen Millie und Belisama nichts echt intelligentes gefunden hatte. Mildrid sagte dazu, daß sie es ja immer schon wußte, daß sie ihm mehr zu bieten hätte, und sie führte deutlich an, daß sie nicht nur körperliche Liebe von ihm verlangte, aber nicht darauf verzichten würde, nur weil er bisher nur mit dem Kopf gelebt hatte.

"Keiner verlangt von uns, daß wir jeden Abend übereinander herfallen, Julius. Aber ich werde nicht behaupten, daß ich nicht wilde Träume hatte, wo du mich so richtig durchgewalkt hast oder ich dich so richtig gut vernascht habe. Und wenn ich die Damen hier richtig verstanden habe, kommen wir nur hier raus, wenn du heute noch richtig zu mir kommst und mit mir das Geheimnis deiner Mutter teilst", sagte Millie und strich sich das im Schein der hundert Kerzen feurig schimmernde Haar glatt. Julius erwiderte darauf:

"Ich möchte nur nicht, daß du gleich beim ersten Mal enttäuscht von mir bist oder gar ohne daß wir es schon ordentlich hinkriegen ein Kind kriegst."

"Es gibt genug Sachen, um das danach noch zu verhindern, Monju", säuselte Millie. Die erste Mondtochter, die als einzige der versammelten Ordensschwestern sprach sagte dazu:

"Wenn ihr hier bei uns unter dem Schutz der großen Himmelsschwester eure Körper einander hingebt wird nur neues Leben entstehen, wenn es beide ohne Angst und Vorwurf annehmen wollen. Die Mittel eurer Welt, um ungewolltes Leben vor seiner Offenbarung zu vertilgen sind hier nicht von Nöten. Allerdings ist es auch Gesetz, daß eine von der Himmelsschwester gesegnete Trägerin der übergeordneten Kräfte innerhalb von sechsundreißig Bahnen unserer himmlischen Mutter bewußt mit dem, der wie sie gesegnet wurde neues Leben erbittet und mit ihm erschafft."

"Bis dahin kann ich nicht schwanger werden?" Fragte Millie verschmitzt grinsend. Eine der Mondtöchter deutete auf ihren Unterleib, der von dem langen Gewand sehr gut verhüllt wurde. Julius verstand.

"Auch wir gehen aus, um neues Leben in uns zu empfangen und es hier zu nähren. Hier in diesen Mauern wirst du, Mildrid, nur dann neues Leben empfangen, wenn du und dein Auserwählter es wirklich wollt und annehmt. Doch außerhalb der Mauern hilft euch die große Himmelsschwester nicht dabei, neues Leben zu verweigern. Sucht ihr draußen die wonnige Vereinigung, und dein Körper ist fruchtbar, so vermagst du zu empfangen, wie es deine Natur vorsiht", erwiderte die erste Mondtochter. Millie stutzte ein wenig. Sie wollte ganz bestimmt nicht, daß sie vor dem sechzehnten Geburtstag ein Kind hatte, auch wenn es von Julius sein würde und er ihr damit unwiderruflich verbunden war. Julius dachte daran, daß er von der Schule fliegen könnte, wenn er ... Aber er war im Moment nicht in der Schule, und Martine und Edmond waren auch nicht rausgeflogen.

"Wir bringen euch in das Zimmer der Verbundenheit. Dort habt ihr die Zeit, die unsere Mutter, die große Himmelsschwester auf uns herabblickt, einander zu finden und eure Leiber einander anzuvertrauen", sagte die Oberste dieser abgeschieden lebenden Frauen. Julius nickte. In ihm war bei den Gedanken daran, dieses junge, athletische wie willenstarke Hexenmädchen gleich ganz Nackt und für ihn bereit vor sich zu haben heiß und kalt geworden, und seine Männlichkeit hatte mehr als einmal angezeigt, daß sie einmal zum Zuge kommen wollte.

Als sie beide dann, von den Mondtöchtern alleine gelassen, in einem kreisrunden Saal mit gläserner Kuppel, wo mehrere mit weißen Leinen bezogene Federkernmatratzen lagen, unter der fast vollen Mondscheibe zusammenstanden meinte Millie:

"Wir haben Zeit, Monju. Mit Tante Trice mußtest du in einer Stunde durch sein. Aber ich möchte, daß wir uns richtig schön langsam nehmen. Kriegst du das hin?"

"Auch ich will das so, Millie. Die schnelle Nummer ist für mich nichts." Dann umarmte er Millie und suchte mit seinem Mund ihren. Sie schloß langsam die Augen und ließ ihn an sich heran. Mehrere Minuten, so schien es, blieben die beiden zusammenstehen, küßten sich abwechselnd. Dann halfen sie sich langsam aus ihren Sachen heraus, berührten dabei immer wieder ihre Körper, bis sie einander unverhüllt ansahen und Julius erkannte, daß zwischen dem Traum von Martine und Millies wirklichem Aussehen kein Unterschied lag. Mit vorsichtigen, vielleicht übervorsichtigen Liebkosungen versuchte er, sie in die richtige Stimmung zu bringen. Sie war schon etwas forscher, was er daran merkte, daß er beinahe zu früh in Wallung geriet. Doch schließlich und endlich sanken sie auf eine der Matratzen und suchten die absolute Nähe, die das schönste Erlebnis zwischen einem Mann und einer Frau sein konnte, und doch leider auch zu viel Verdruss und Ärger führen konnte, wenn es nicht die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt sein mochten. Er schrak kurz zurück, weil Millie kurz aufschrie. Doch sie klammerte sich an ihn, forderte mit aller Körperkraft die Vereinigung und überstand die Momente des Schmerzes, die sie vom Mädchen zur Frau hinüberwechseln ließen und ihn nun dorthin brachten, wo sie ihn schon seit dem Moment haben wollte, als er einmal ehrlich wütend vor ihr und Céline gestanden hatte. Jetzt gehörte er ihr, und er wollte da sein, wo er jetzt war, nicht weil ihm das jemand befohlen hatte. Sie beide hatten sich einer Prüfung gestellt, und nun war es Zeit für die Belohnung.

Das wirklich erste Zusammensein war zwar nicht sonderlich gleichförmig. Doch Millie brauchte Julius nicht dazu zu überreden, noch zwei weitere Male mit ihr zusammenzufinden. Sie hielt ihn gut und hielt ihn geborgen im leidenschaftlichen Wogen. Erst als beide nach dem dritten Mal so sehr erschöpft waren, daß sie nur noch nach Luft ringend nebeneinander liegen konnten und in halber Umarmung die erhitzten, schweißnassen Körper aneinandergedrückt in den Mond blickten, fand Julius die ersten klaren Worte wieder.

"Auf die Weise ist das auch sehr schön, wenn es richtig klappt."

"Das werden wir demnächst öfter tun, Monju", keuchte Millie. "du hast mir sehr gut getan. Jetzt weiß ich, warum meine Schwester nicht warten konnte. Dir ist aber klar, daß du mir jetzt gehörst, auch wenn wir beide nicht gerade zusammengestöpselt sind."

"Umgekehrt wird ein Schuh draus, Mamille", erwiderte Julius, der seinem neuen Kosenamen eine entsprechende Erwiderung bieten wollte. Millie grinste und kniff ihn in den nackten Bauch.

"Du bist in Frankreich. Da besitzen nicht die Männer die Frauen, sondern umgekehrt. Ich kann mir schon vorstellen, wie deine Mutter kuckt, wenn ich ihr irgendwann erzähle, daß sie nicht die einzige Frau war, die dich für eine gewisse Zeit da hatte", wobei sie auf die gewisse Stelle an ihrem Körper deutete. Julius grummelte nur was, daß er bestimmt keinen Streit mit ihr darüber haben wolte, wer wem gehörte. Millie meinte dazu nur kess:

"Du weißt, daß ich recht habe, Monju. Also finde dich damit ab. Wer den Garten einer Latierre bestellt, ist der Besitzerin verbunden, so oder so. Das hätte dieser Mogeleddie auch schon längst lernen sollen. Ich fürchte, wenn der sich noch mal in Frankreich blicken läßt, zieht der daurerhaft bei Martine ein, aber dann nicht mehr als Zauberer, sondern nützliches Utensil für gewisse Stunden, wie Tine es mal rausgelassen hat."

"Dann hoffe ich mal, daß deine Schwester keinen Krach mit den Gesetzen kriegt."

"Der hätte auf ihren Besen gehoben werden müssen, Monju. Du weißt das, weil du sonst nicht mit mir hier liegen würdest. Du hättest ja sonst mit Tine hier landen können. Aber Tine war von eurem Mogeleddie wohl noch zu geschädigt, um sich auf wen neues einzulassen."

"och, im Sommer dachtest du aber ...", setzte Julius an. Millie zog seinen Kopf zu sich und drückte ihre Lippen auf seine. Zehn Sekunden hielt sie ihn in dieser angenehmen Sprachlosigkeit. Dann hauchte sie ihm zu:

"Weil ich meinte, die würde nur deinen Körper wollen und dann nichts mehr. Aber ich will alles von dir, nicht nur den Körper. Ich weiß, daß du genauso denkst. Das freche Mädchen, das du in mir siehst, das wolltest du schon immer, weil es die einzige ist, die dir wirklich beim Leben helfen kann. Weil du das einsiehst, haben wir beide jetzt schon was miteinander gemacht. Aber ich finde, wir sollten langsam wieder hierr raus. Der Mond ist mir bei der ganzen Sache zu schnell über den Himmel gewandert." Julius suchte seine Uhr, die er vor dem Liebesspiel abgelegt hatte und sah nach der Zeit.

"Wir sind gerade anderthalb Stunden hier, von denen wir wohl die Hälfte zwei werden eins gespielt haben." Doch als er den Mond ansah stutzte er. "Aber irgendwie ist der Mond wirklich schnell unterwegs. Ich denke, wir haben den großen Töchtern genug heiße Minuten vorgeführt. Sollen wir raus und kucken, daß wir deine Mutter erreichen, wenn die uns beide dann nicht gleich in zusammenpassende Gebrauchsgegenstände verwandelt?"

"Wird die nicht, weil sie uns ja dann nicht hier abgesetzt hätte, Monju. Irgendwas da drinnen", wobei sie auf ihren Kopf und ihren Bauch deutete, "sagt mir, daß die es sich genau überlegt hat, noch 'ne vor der Hochzeit angebrochene Tochter haben zu wollen sei besser als alles andere. Ich denke mal, hier kommt uns keine Magieüberwachungsbehörde drauf, wenn wir uns gegenseitig straßentauglich machen." Ohne Vorwarnung spritzte sie Julius mit lauwarmem Wasser aus dem Zauberstab ab. Julius behandelte sie auf ähnliche Weise und fragte sie, woher sie den Wasserstrahl konnte.

"Tine und Tante Trice haben solange mit mir geübt, bis er ging, Monju", sagte Millie. Dann halfen sie sich sachte in die Kleidung und traten aus dem Zimmer. Davor stand die erste Mondtochter und sagte:

"Ihr beide werdet innerhalb der nächsten sechsunddreißig Bahnen unserer himmlischen Mutter ein neues Leben zeugen und bis dahin und darüber hinaus trotz einiger Widrigkeiten einander beistehen und helfen, auch ohne daß die Menschenwesen eurer Welt euch vor großem Volke um das Wort zum Lebensbund fragen müssen", prophezeite sie und berührte die beiden einander ausgewählten mit der Mondkugel, die sachte vibrierte. Dann geleitete sie die beiden zum Tor, das sich wieder auftat. Dann schob sich die Brücke hinaus. Ohne weitere Vorkommnisse verließen Millie und Julius die friedliche Festung der Himmelsschwester. Am anderen Ende der Brücke erwartete sie bereits ein kleines Empfangskommitee aus Millies Mutter und Béatrice Latierre. Mit leisem Klicken sprang Julius Uhr um. Er blickte auf das Zifferblatt und verzog das Gesicht. Die Uhr zeiggte nun eine Stunde nach Mitternacht an.

"Ui, das wußte ich nicht, daß wir in dieser Burg in einem anderen Zeitablauf waren", sagte er. Es war nicht das erste Mal, daß seine Uhr zunächst normal weitergegangen war und erst im allgemeinen Fluß der Zeit einen Sprung getan hatte, um sich auf die aktuelle Zeit einzustellen.

"Wer in der Festung ist wird auf ein Viertel seiner eigenen Geschwindigkeit abgebremst", sagte Béatrice. "Ich war schon häufiger da drin, leider ohne Auserwählten. Und, habt ihr euch richtig kennengelernt?"

"Melde gehorsamst, V. I. negativ, Frau Sanitätsratshexe", erwiderte Julius keck, wobei er Hippolyte ansah, ob die ihm gleich eine runterhauen würde. Doch diese lachte wie Millie, während Béatrice ihre Nichte ansah und dann von ihr verlangte, sich für sie freizumachen.

"Lieber dein Vorderende als irgendwelcher Unrat in meiner Millie", mentiloquierte Hippolyte ihm zu und zog ihn an sich, soweit ihre ungeborene Tochter es zuließ. "Dir ist klar, daß du nun auch leiblich zu uns gehörst und meine Millie nicht so schnöde hinwerfen kannst wie dieser scheinheilige Edmond Danton. Ich hätte meiner Tine gleich sagen sollen, daß solche Kerle nur Wölfe im Schafspelz sind."

"Ich wollte Millie bestimmt nicht entehren", sagte Julius leise, während Millie leicht quängelig die Untersuchung ihrer Tante über sich ergehen lassen mußte.

"Das würde ich dir auch nicht raten, Julius. Liebe, auch und gerade die körperliche, ist nichts schmutziges. Jemanden aber danach wegzuwerfen wie eine leere Orangenschale ist widerwärtig. Am besten meldest du eure Mondhochzeit gleich bei Madame Rossignol an."

"Wieso, fällt bei mir doch nicht auf", wagte Julius einen Protest.

"Glaube es mir, daß sie nicht mehr lange wartet, bis sie dich von sich aus anruft", erwiderte Hippolyte. Julius nickte und stellte eine Sprechverbindung mit Madame Rossignol her. Diese war tatsächlich darüber im Bilde, was geschehen war, auch wenn sie keine Rückmeldung über das Armband bekommen hatte, solange die beiden in der Festung waren. Aber gerade das hatte sie stutzig gemacht.

"Ich kenne diese nette Einsiedelei. Als ihr beiden erst abrupt langsamer wurdet und dann von mir nicht mehr zu orten wart wußte ich, daß Mildrid dich über die gläserne Brücke gebracht hat. Da ich ihre Mutter bei dir sehe mit ihrer Billigung. Damit hast du dich wohl endgültig festgelegt."

"Das habe ich bei Claire auch gedacht, daß es endgültig ist", grummelte Julius. Madame Rossignol lächelte behutsam.

"Ich hoffe, du hast damals die Lehre daraus gezogen, dich nicht mehr so schnell in waghalsige Sachen zu stürzen. Denke daran, diese Sache in der Festung war in gewisser Weise eure Hochzeit. Und was ich dir über die Matura Corporis erzählt habe stimmt."

"Meine Nichte wird bestimmt nicht so schnell schwanger", knurrte Béatrice, die jetzt voll im Strenge-Tante-Modus war und mit einer merkwürdigen Phiole an Millies Körper hantierte, was dieser wohl nicht sonderlich angenehm war.

"Ich schreibe es nun nieder, daß ihr im gegenseitigen Einverständnis miteinander geschlafen habt, Julius. Dann kann und werde ich das für mich behalten. Allerdings soltest du deiner Mutter erzählen, daß du dich mit Mildrid Latierre regelrecht eingelassen hast."

"Die wird sich freuen", erwiderte Julius, der sich schon vorstellte, wie komisch seine Mutter kuckte, wenn er ihr das beichtete.

Als Schwester Florences räumliche Abbildung verschwunden war und Béatrice Millie genug gepiesackt hatte meinte Hippolyte:

"Auch wenn ihr beiden jetzt mehr voneinander wißt als nach gängiger Beauxbatons-Meinung schicklich ist werde ich euch vorerst kein gemeinsames Zimmer geben. Julius, ich bringe dich zu uns. Von da aus kannst du durch den Kamin in euer Haus. Es steht dir dann frei, Catherine was zu sagen, wenn die nicht gleich zu ihrer Mutter rennt und die "Skandal" brüllend Millie und dich von der Schule werfen läßt."

Julius verabschiedete sich von Mildrid, die ihn noch einmal anstrahlte. Er erlaubte sich noch eine Derbheit und sagte:

"Zieh dich jetzt immer warm an, wo die Tür zur kleinen Stube offen ist."

"Da warst du heute nicht das letzte Mal zu Besuch", erwiderte Millie ohne rot zu werden. Hippolyte lachte merkwürdigerweise. Julius verstand es immer noch nicht, daß eine Mutter es einfach hinnahm, ja darauf anlegte, daß ihre Tochter vor der Ehe schon ... Aber den Latierres wurde so viel merkwürdiges nachgesagt.

Erst apparierten Hippolyte und Julius im Haus der Pariser Latierres. Monsieur Latierre kam gerade zurück. Julius schaffte es noch, durch den Kamin in die Rue de Liberation zu gelangen, den eigenen Kamin. Er mentiloquierte Catherine, er sei nun nach einem langen Abend mit den Latierres wieder im Haus. Catherine mentiloquierte zurück, daß sie Joe den Autoschlüssel abnehmen und mit ihm zurückfahren müsse, weil die Feier etwas feuchtfröhlich wurde. Julius, der unter dem Begriff nun nicht nur Alkoholgenuß verstand grinste in sich hinein. Das konnte zu den Dingen gehören, die die erste Tochter des Mondes ihm und seiner Auserwählten vorhergesagt hatte. Er mentiloquierte noch mit Martine und gab nur weiter, daß er und Millie sich nun geeinigt hätten.

"Vereinigt willst du wohl sagen, Lümmel", kam Martines Antwort. "Aber sei's drum. Millie hat dich jetzt sicher, und wehe du läßt dich nicht von ihr auf den Besen holen, dann füllst du ein paar grüne Waldfrauen auf, Bürschchen."

"Ist angekommen", gab Julius zurück.

 

__________

 

In der Nacht sah er sich noch einmal auf der Blumenwiese. Dort stand jedoch keine Blume mehr, sondern ein hoher, schlanker Baum, der die Form seiner nun eindeutigen Auserwählten angenommen hatte. Sie sprach ihm von oben zulächelnd Mut zu und sagte:

"Bei mir bist du allemal besser aufgehoben als bei Sandrine oder einer der Duisenbergs, Monju. Claire ist mir nicht böse, daß ich das immer gewußt habe." Wie auf Stichwort trat Ammayamiria auf die Wiese und umarmte Julius warm und innig.

"Ich bin froh, daß du endlich die Blume deines Lebens gefunden hast, auch wenn sie dich gepflückt hat, Juju."

"Darf ich den Baum auf dem Hügel wieder besuchen?" Fragte Julius.

"Wenn er die ersten Früchte trägt, nimm eine davon und lege sie dorthin, wo sie wohnt!" Sagte Ammayamiria und deutete auf die Mischung zwischen Baum und Frau. Julius nickte. Dann wachte er auf.

 

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Als er am nächsten Morgen bei Catherine und Joe am Frühstückstisch saß, ließ er gar nicht heraus, was er vor allem abends erlebt hatte. Er berichtete von seinem Ausflug zum Café von Artemis Orchaud und daß er nachmittags mit den Latierre-Schwestern musiziert hatte. Erst als Joe zur Arbeit unterwegs war und noch eine halbe Stunde vergehen würde, bis Babette wiederkommen sollte, schenkte Julius seiner magischen Fürsorgerin reinen Wein ein und bat darum, ihrer Mutter nichts zu erzählen.

"Soso, sie haben es also auf diese Prüfung durch die Himmelsschwester angelegt. Dann kannst du vielleicht froh sein, daß sie dich nicht mit einer Witwe wie meine Mutter verbandelt haben. Aber dir ist klar, daß du mir damit eine Riesenlast auflädst, weil ich jetzt abwägen muß, ob ich das meiner Mutter melden soll oder nicht?"

"Ich sage dir das nur aus Gründen der Fairness und nicht weil mich jemand dazu verpflichtet hätte", erwiderte Julius. Catherine nickte schwerfällig und sah ihn dann leicht ungehalten an:

"Ich weiß nicht, wie meine Mutter sowas hinnimmt. An eurer Stelle würde ich mich in den nächsten Wochen sehr gut bedeckt halten. Andererseits wird sie euch beide nicht belangen können, wegen der Matura Corporis. Die einzige, die da vielleicht noch Einspruch gegen einlegen könnte ist deine Mutter. Wann möchtest du es ihr erzählen?"

"Erst wenn sie wieder da ist", sagte Julius kategorisch. Catherine nickte bestätigend. Dann holte sie die neue Ausgabe der Zaubererzeitung vom Dachboden. Julius erschrak wie sie, als er das Foto der geflügelten Abscheulichkeit auf dem Titelblatt sehen konnte, die mit unhörbaren Flügelschlägen wild herumschwirrend versuchte, aus dem Foto zu entkommen. Das Ungeheuer besaß einen unerhört großen Insektenkörper, jedoch einen menschlichen Kopf, aus dem nur lange Fühler und Facettenaugen hervorstachen, sowie menschenähnliche Arme vorne und in der Mitte. Darunter stand die übergroße Schlagzeile:

 

SARDONIAS ALPTRAUMARMEE WIEDER AUFGETAUCHT!!

 

"Oh, nein, Claudine", stöhnte Catherine und hielt sich den Bauch. Julius ließ die Zeitung fallen und kümmerte sich um die werdende Mutter. Er mentiloquierte nach Madame Matine, die sofort durch den Kamin kam und der werdenden Mutter half, eine Frühgeburt zu vermeiden. Als Julius die Zeitung wieder aufhob und las, daß am frühesten Morgen ein Bauer in der Bretagne mehrere insektenartige Wesen beobachtet habe, sei dem Ministerium wohl sofort klargeworden, daß diese Wesen aus der Erblast von Sardonia stammen mußten. Minister Grandchapeau erwähnte in einer Stellungnahme, daß es seit Sardonias Ende immer wieder Suchen nach den letzten Entomanthropen gegeben habe und bis heute keine gefunden worden seien. Doch nun müsse befürchtet werden, daß es nicht nur hundert seien, sondern vielleicht bald tausende die Welt unsicher machen würden.

"Unsere Desumbratoren werden zusammen mit dem Ausschuß zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe einen Aktionsplan aufstellen, wie der neuerlichen Bedrohung noch begegnet werden kann. Die einzige Beruhigung, die ich dabei habe ist, daß diese Ungeheuer nicht dem britischen Massenmörder zugeführt werden werden. Doch auch diese Beruhigung wird mich nicht ruhig schlafen lassen", las Julius den Originalkommentar des Zaubereiministers.

"Du kennst diese Wesen, Julius?" Fragte Madame Matine, als Catherine sich soweit wieder erholt hatte. Julius sagte, daß er schon einmal von ihnen gehört habe und er wegen seiner Insektenangst gehofft hatte, ihnen nie wirklich zu begegnen. Doch nun war er sich sicher, daß er irgendwann genau diesen Scheusalen wiederbegegnen würde.

"Ich fürchte, ich werde Catherine verbieten müssen, Zeitung zu lesen, wenn ihre Tochter nicht weit vor der Zeit zur Welt kommen soll", sagte die Hebamme von Millemerveilles. Julius nickte, schüttelte dann aber den Kopf.

"Ich fürchte, in den Zeitungen steht weniger drin als Catherine über andere Wege mitkriegt, Madame."

"Da mag was dran sein", grummelte die Hebammen-Hexe. Dann empfahl sie Catherine eine Stunde Ausruhen und dann sich selbst.

"Fast wäre mir Claudine auf den Fußboden gefallen", grummelte Catherine, als Madame Matine wieder fort war. Julius nickte beipflichtend. "Es ist also tatsächlich passiert, daß diese Monster über uns herfallen können."

"Ich verstehe aber dabei nicht, wie das Foto zu Stande kommt", wandte Julius ein. "Damals, wo die zum ersten Mal geflogen sind, gab's auch in der Zaubererwelt keine Fotoapparate."

"Entweder haben sie ein Foto von heute Morgen, wo die Truppe gegen gefährliche Geschöpfe und Desinformation ausrückte", vermutete Catherine, "oder das da ist nur eine täuschend echte Zeichnung, die jemand nach Beschreibungen angefertigt hat." Julius nickte. Egal was es war, es hatte ihm genauso einen Schrecken eingejagt wie Catherine, die dabei beinahe ihr Kind verloren hätte.Doch wenn schon das Bild dieser Wesen so angsteinflößend für jemanden war, der die Zeit nicht selbst miterlebt hatte, wie mochte es erst werden, wenn diese Monster wirklich schreckliche dinge anrichteten? Auf diese Frage konnte er vorerst keine Antwort finden. Und ob er dem nachgehen durfte ...? Ganz bestimmt nicht! Er hoffte jetzt darauf, daß seine Mutter ohne weitere Verzögerung aus Washington zurückkehrte.

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